Autor Thema: Gebete einer großen Frau  (Gelesen 12652 mal)

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Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #10 am: 07. Februar 2011, 11:52:48 »
Gottes Wirken


Großer Gott, du offenbarst deine Macht, indem du einer Ameise wie mir eine solche Kühnheit vereihst. Nicht an dir liegt es, mein Herr, wenn jene, die dich lieben, nichts Großes zustande bringen.
Es liegt an unserer Verzagtheit und an unserem Kleinmut. Da wir uns nie ernsthaft entschließen, sondern voller Angst und menschlicher Berechnung sind, wirkst du, mein Gott, keine Wunderwerke und vollbringst nicht deine großen Taten.
Wer hat mehr Freude am Geben als du, wenn du nur jemand findest, der deine Gaben annimmt? Wer wird einen Dienst großzügiger vergelten als du? Ich hoffe, dir wenigstens ein bisschen gedient zu haben, und bitte dich, ziehe mich nicht zur Verantwortung für das viele Gute, das ich empfangen habe!

(Klostergründungen 2,7)


Gott will, dass das Leben sich entfaltet und wächst, doch wir Menschen setzten dem Wirken Gottes durch unsere Verzagtheit und Angst Grenzen. Wir entscheiden uns nicht, lassen uns auf Ihn nicht ganz ein und trauen Ihm vieles nicht zu. Solch eine Haltung unsererseits wird zu einer einengenden Grenze für Gottes Taten.

Wo der Geist des Herrn am Werk ist, dort sieht sich der schwache Mensch von Gott beschenkt: Er bekommt Mut und Kraft, kühne Schritte zu wagen.
Die Liebe zu Gott engt uns weder ein, noch lähmt sie unsere Pläne, sie gibt uns vielmehr Kraft, etwas aus Liebe zu Ihm zu tun.

Ein Hindernis für Gottes Impulse und Seine Kraft sind unsere Verzagtheit und unser Kleinmut. Sie sind in uns verborgen, weil wir auf unsere Kräfte und Fähigkeiten und nicht auf Gott schauen, weil wir auf die Meinung der Menschen und nicht auf Ihn hören.

Gott will uns beschenken. Er zeigt sich großzügig, belohnt unsere Schritte und unsere Dienste. Für Ihn ist es eine große Freude zu geben, doch wir wagen nicht, uns für Seine Gaben ganz zu öffnen… vielleicht aus der Überlegung, diese Geschenke könnten von uns manche Anstrengung, Bemühung oder so manchen Einsatz verlangen.
Angst und menschliche Berechnung sind Grenzen, die wir den Werken Gottes setzen, dadurch kommt Sein Wirken nicht zum Vorschein.

Nein, wir stellen uns dem Herrn nicht zur Verfügung, Er darf an uns nicht nach Seinem Gutdünken handeln, denn wir fürchten um unsere Bequemlichkeit.

Wer sich von Gott beschenkt weiß, möchte großzügig antworten, dabei muss der Mensch gegen die eigene Bequemlichkeit ankämpfen.
Gott sieht es - darum erwartet Er von uns Mut, Zuversicht, Kühnheit aus dem Vertrauen zu Ihm.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #11 am: 08. Februar 2011, 13:55:13 »
Gott ist großzügig


Mein Schöpfer, gieße doch nicht eine so kostbare Flüssigkeit in ein solch zerbrechliches Gefäß. Schon oft hast du gesehen, dass ich sie verschütte.
Lege nicht einen solchen Schatz in das Herz eines Menschen, der für die Freuden dieser Welt noch nicht tot ist, er würde ihn nur vergeuden.
Man vertraut doch die Verteidigung einer Stadt und die Schlüssel ihrer Festung auch nicht einem feigen Befehlshaber an. Schon beim ersten Ansturm lässt er den Feind herein.

(Leben 18,4)


Dieses kurze Gebet verrät Ehrlichkeit und Staunen, Bejahung der eigenen Unzulänglichkeit auf der einen Seite, Hochschätzung Gottes auf der anderen.
Der Mensch - oder wenigstens Teresa - geht mit sich selbst strenger um als Gott. Wir wissen, dass Gott unser Versagen sofot vergisst und uns die Hand reicht, dafür sind wir Ihm dankbar; doch Seine Liebe darf Ihn nicht blind machen. Gott darf nicht schnell vergessen, wer wir sind, und uns nicht Werte anvertrauen, die wir veruntreuen können.

Der Mensch hat Grenzen im eigenen Herzen festgestellt: Trotz Bereitschaft, für Gott da zu sein, erlebt er eine Angst, die ihn hindert, manches für den Herrn zu tun; trotz Großzügigkeit in der Hingabe sieht er sich nicht frei von egoistischen Gedanken; trotz Bemühung ist er immer wieder mit Versagen konfrontiert; trotz Vorsätzen entdeckt er Mangel an Durchhaltekraft und Ausdauer.

Die Gaben Gottes an uns sind so kostbar, dass es fraglich ist, ob wir Menschen mit so wertvollen Geschenken richtig umgehen können. Wenn die Mitmenschen uns unter Druck setzen, wenn Meinungen uns in Frage stellen, wenn irdische Werte uns faszinieren ... könnte es geschehen, dass wir die uns anvertraute Gabe vernachlässigen, vergessen, beiseite schieben.

Gott ist sich dieser menschlichen Situation bewusst, doch Sein Vertrauen zu uns Menschen ist größer als unsere Mängel, unsere Schwachheit und Zerbrechlichkeit. Petrus` Schwäche war Jesus bekannt, Er wusste von seiner Verleugnungen und seiner Angst - trotzdem nimmt Er ihn als Fels für Seine Kirche.

Wir können uns fragen, warum Gott uns trotz Zerbrechlichkeit Wertvolles anvertraut ... Abgesehen vom Zeichen Seiner Hochschätzung sind die Gaben Gottes vielleicht eine Herausforderung für uns, unser Leben zu vertiefen und unser Verhalten den empfangenen Gaben anzupassen. Der Umgang mit den Gaben wird uns dazu führen, Prioritäten zu setzen.

Oft sind wir im Leben mit einer Diskrepanz konfrontiert: Vor uns stehen die Größe Gottes und zugleich unsere Unzulänglichkeit, vor uns stehen unser versteckter Egoismis, unsere Feigheit.
Gott lässt sich von dieser Tatsache nicht beeinflussen. Es ist Ihm ein Bedürfnis, Seine Gaben und sich selbst an uns Menschen zu verschenken
.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #12 am: 09. Februar 2011, 19:54:12 »
Die Geduld Gottes


O unendliche Güte meines Gottes! Jetzt sehe ich, wer du bist - und wie ich bin. O Wonne der Engel, wie sehr wünsche ich, aufzugehen in der Liebe zu dir.
Wie wahr ist das: Wer deine Nähe nicht erträgt, den erträgst du! Welch ein treuer Freund bist du, o mein Gott! Wie beschnekst du uns, wie duldest du uns, wie geduldig wartest du, dass wie deine Art annehmen, und wie geduldig erträgst du die unsere!
Du, Herr, rechnest uns die Momente, in denen wir dich lieben, zum Verdienst an, und wenn wir nur einen Augenblick bereuen, vergisst du, womit wir dich beleidigt haben.

(Leben 8,6)


Es besteht ein großer Unterschied zwischen Wissen von Gott und Erfahrungen mit Gott. Je tiefer wir Gott erfahren, desto besser erkennen wir uns selbst in Seinem Licht. Wer im Tiefsten Zeichen der Liebe Gottes erfahren hat, wünscht nichts anderes, als diesem Gott aus Dankbarkeit ganz intensiv zu lieben.

Unsere Heilige hat sich wiederholt mit der unendlichen Güte Gottes konfrontier gesehen: in Momenten der Schwachheit und Zerrissenheit des Herzens, in Situationen des Zweifelns und in Stunden der inneren Verlassenheit.

Die Feinfühligkeit Gottes, die sie in den verschiedenen Situationen des Lebens erfahren hat, treibt Teresa, es hinauszuschieben: Alle Menschen sollten die Angst vor der Allmacht Gottes verlieren und Vertrauen zu Ihm gewinnen.

Wer sich dem Herrn nähert, wird es selbst erfahren: Gott ist groß, mächtig, doch Seine Größe erdrückt uns nicht. Wer Gottes Nähe erfährt, stellt fest, dass dieser Gott ganz anders ist und anders handelt als wir Menschen: Er ist Liebe und Seine Schritte sind Ausdruck der Liebe.

Teresa hat immer wieder erlebt:
Du hältst jeden aus, der deine Gegenwart nicht aushält; du nimmst keinen Anstoß an unserer egoistischen und kurzsichtigen Haltung; du hast Geduld und kannst warten, bis wir es einsehen und bereit sind, kleine Schritte zu unternehmen, um unsere Art der deinen anzugleichen.
Du verlangst von uns keine Änderung von heute auf morgen; du kannst uns lang aushalten und dabei immer wieder ein Auge zudrücken, weil du mit unserer Antwort rechnest.

Teresa bezeugt es: In solchen Fällen handelt Gott ganz anders als wir Menschen. Er kanzelt uns nicht pausenlos ab, damit wir uns endlich bekehren, sondern erträgt uns in Geduld ... in der Hoffnung, dass Sein großzügiges Verhalten ein guter Beitrag ist, damit in uns das Gute wachsen kann.

Gott kann warten, dabei hat Er die Augen offen und registriert mit Anerkennung jeden positiven Schritt, den wir machen, mag er auch noch so klein sein. Was in unseren Augen Ausdruck unserer Schuldigkeit ist, wird von Gott als Verdienst betrachtet.
Sein Warten ist von Güte und Verständnis erfüllt.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #13 am: 10. Februar 2011, 19:40:09 »
III. LIEBE



Das Wort Gottes ermutigt uns, dem Wert der Nächstenliebe den Vorrang in unseren religiösen Bemühungen zu geben.

Am  Ende des Buches Seelenburg schreibt die hl. Teresa: Bauen wir keine Türme ohne Fundament, denn Gott schaut nicht so sehr auf die Größe der Werke, sondern auf die Liebe, mit der wir sie verrichten ...



Die Liebe Gottes



O mächtige Gottesliebe, wie verschieden sind deine Wirkungen von den Wirkungen der Weltliebe! Diese will keine Mitliebende haben, weil sie fürchtet, durch sie desssen beraubt zu werden, was sie besitzt. Die Liebe zu meinem Gott aber wächst in dem Grad, wie sie erfährt, dass die Zahl der Mitliebenden sich vermehrt; und ihre Seligkeit wird abgeschwächt, wenn sie sieht, dass nicht alle dasselbe Gut genießen. O mein höchstes Gut, aus diesem Grund trauert die Seele selbst unter den größten Erquickungen und Wonnen in dir, wenn sie der vielen gedenkt, die nach diesen Wonnen nicht verlangen, und jener sich erinnert, die sie für immer verscherzen. Da sucht sie nach Mitteln, um Genossen finden zu können; sie verzichtet gerne auf ihren Genuss, wenn sie meint, dazu beitragen zu können, dass auch andere desselben Genusses teilhaftig zu werden suchen.
(Rufe der Seele 2,2)


Auch wenn wir es nicht ganz glauben wollen, schleichen sich manchmal in unseren Herzen unedle Begleiterscheinungen der Liebe ein, die sich negativ auswirken: Sie erwecken in uns Gedanken von Neid und Eifersucht anderen gegenüber; sie lassen uns meinen, andere könnten unseren Platzt einnehmen und uns verdrängen: sie lassen uns fürchten, zu kurz zu kommen und zu wenig Liebe zu empfangen.

Ja, diese Art der Liebe zeugt uns den großen Unterschied zwischen Gottes-und Weltliebe. Motiviert von der Weltliebe suchen wir nicht selten uns selbst und fürchten die Konkurrenz ... In uns wächst die Angst, die geliebte Person, ihre Zuneigung und Aufmerksamkeit mit anderen Menschen teilen zu müssen ...

Wie anders ist doch die Gottesliebe; diese sucht den Herrn und wünscht, dass Er im Mittelpunkt steht, viele an sich zieht und viele Ihn lieben. Das Beste, das uns passieren kann, ist ja, dass viele Ihm gehören und möglichst viele Ihn genießen.

Der Mensch, der von der wahren Liebe zu Gott ergriffen ist, macht eine innere Entwicklung durch: von einer ich-bezogenen und ängstlichen zu einer du-bezogenen und frei machenden Liebe.

An einen anderen Punkt werden wir in diesem Text erinnert: Wer Gottes Liebe erfahren hat, möchte sie nicht nur für sich behalten, sondern den Weg für andere öffnen. Es ist keine Seltenheit zu sehen, wie diese Menschen leiden, weil so viele sich auf Gott nicht einlassen, sich der Liebe Gottes verschließen oder gar keinen Wert darauf legen, von Gott geliebt zu werden.

Am Ende des Gebetes hören wir, wie selbstlos echte Liebe sein kann: Ja - , sie würden auf den Genuss der Nähe, des Ruhens in Gott verzichten, wenn sie dadurch andere Menschen für Christus gewinnen könnten. In dieser Haltung kommt zum Ausdruck, dass sie nicht den eigenen Vorteil, sondern den Herrn suchen; hier zeigt sich der wahre Liebende.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #14 am: 11. Februar 2011, 20:00:15 »
Liebe zu den Menschen



O mein Jesus, wie groß ist doch deine Liebe zu den Menschkindern! Der größte Dienst, den wir dir erweisen können, ist der, dass wir dich verlassen aus Liebe zu ihnen, um ihres Gewissens willen. Dadurch erlangen wir zugleich, dass wir dich vollkommen besitzen. Da wird zwar der Wille nicht so sehr befriedigt durch Genuss; aber die Seele freut sich, dir zu gefallen, und sieht ein, dass alle Wonnegenüsse auf Erden, obgleich sie von dir gegeben zu sein scheinen, während unseres Wandelns in diesem sterblichen Leben unsicher sind, wenn sie nicht von der Liebe zum Nächsten begleitet werden. Wer den Nächsten nicht liebt, der liebt auch dich nicht, o mein Herr! Sehen wir ja doch, welch große Liebe zu den Kindern Adams du durch Vergießung so vielen Blutes bekundet hast.
(Rufe der Seele 2,3)


Wiedersprüchlich klingende Aussagen gehören zum christlichen Gedankengut: verlieren, um zu gewinnen, oder sterben, um zu leben.
In den Worten dieses Gebetes kommen sehr paradoxe Gedanken zum Ausdruck: Wer Gott vollkommen dienen will, soll Schritte zu den Menschen im Namen Gottes wagen; wenn wir die Nähe des Herrn aus Liebe zu den Menschen verlassen, werden wir Ihn vollkommen besitzen, als wenn wir Seine Nähe weiterhin genießen, dabei aber die Augen und das Herz für die Not der Mitmenschen verschließen.

Wir hören auch eine sehr feine Unterscheidung: Unter Umständen werden wir auf den Genuss der Nähe Gottes verzichten müssen, um den Menschen zu dienen - davon überzeugt, dass die Liebe zum Nächsten Gott mehr gefällt, als wenn wir uns des Genusses Seiner Nähe erfreuen.

Die mystische Erfahrung der Heiligen hat sie von manchen zweitrangingen Schritten befreit und sie für das Wesentliche geöffnet: die Liebe zu den Nächsten. Wer den Nächste nicht liebt, der liebt auch dich nicht, o mein Herr.

Manchmal meinen wir Gott zu lieben, weil wir in Seiner Nähe bleiben, in Wirklichkeit aber suchen wir dabei eher unsere Ruhe und unseren Vorteil.
Es wird nicht immer so sein, dass wir auf die Nähe des Herrn verzichten müssen, um unseren Mitmenschen zu helfen. Teresa sagt uns bloß, dass wenn es zu dieser Situation komm, wir Gott mehr dienen, wenn wir für die Mitmenschen da sind, auch wenn dies auf Kosten unseres Wohlgefühls geschieht.

Die Liebe Gottes zu uns Menschen hat Jesus das Leben gekostet.

In unserer Religiosität suchen wir oft den größten Dienst für Gott, das Beste für Ihn, dabei denken wir wiederholt an eine Anzahl von religiösen Übungen ... Wie tief ist der Gedanke der heiligen Teresa: nicht so sehr Liebe zu Gott oder Liebe zu den Mitmenschen, sondern alle Schritte als Ausdruck der Liebe zu Gott,
ob man zu den Menschen geht,
ob man sich zurückzieht,
ob man aktiv manches unternimmt
oder ob man sich eher pasiv verhält.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #15 am: 14. Februar 2011, 21:25:13 »
IV. DER MENSCH



   In der eigenen Person hat Teresa die Unbeständigkeit und Unzulänglichkeit des Menschen erfahren.
   Wiederholt hat sie Gott versprochen, Ihm ganz zu gehören und Ihm selbstlos zu dienen, doch bald wurde sie mit ihren eigenen Grenzen konfrontiert.

   Eines kann sie aber nicht vergessen: Der Herr nimmt keinen Ansoß am Versagen des Menschen, Er kennt ja unsere menschliche Natur.


Vergessen


   Betrachte ich, o mein Gott, die Herrlichkeit, die du denen bereitet hast, die ausharren in Erfüllung deines Willens; gedenke ich der vielen Mühseligkeiten und Schmerzen, durch die dein Sohn uns diese Herrlichkeit erworben hat; erwäge ich, wie wir dessen so ganz und gar nicht würdig waren und welch großen Dank dein Sohn für eine so große Liebe von uns verdient, die Er so teuer bezahlen musste, um uns zu lehren, Ihn wiederzulieben, so gerät darüber meine Seele in große Betrübnis. Wie kann man doch dies alles vergessen! Und wie schmählich vergessen dich die Menschen, wenn sie dich beleidigen! Ach, mein Erlöser, wie sehr vergessen sie in ihrer so großen Vergessenheit sich selber und die Größe deiner Güte, in der du unser auch dann noch gedenkst! Ja, sogar dann, wenn wir durch den Fall in die Sünde dir einen tödlichen Streich versetzt haben, vergisst du die dir zugefügte Beleidigung; du reichst uns wieder deine Hand und weckst uns aus einem so unheilbaren Wahnsinn auf, dass wir uns wieder um unser Heil kümmern und um dasselbe bitten. Gepriesen sei ein solcher Herr! Gepriesen sei eine so große Erbarmung und gelobt in Ewigkeit eine so mitleidvolle Liebe!
   (Rufe der Seele 3,1)


   Schon die Bibel empfiehlt uns, an die Großtaten Gottes zu denken, denn solche Erinnerungen können uns zu einer Haltung der Dankbarkeit führen. Vieles wissen wir über Jesus und Seinen Weg, doch durch die ständige Wiederholung mancher religiösen Ereignisse können wir mit der Zeit insensibel werden, sodass wir darüber lesen oder sprechen, ohne dass es in uns Spuren hinterlässt.

   Der Gedanke an den Kreuzweg, an die Leidensgeschichte erweckt in uns nicht immer die adäquate Reaktion von Hochschätzung oder Dankbarkeit, obwohl darin die totale und endgültige Hingabe ausgedrückt wird. Die raue Wirklichkeit wird uns kaum mehr bewusst.
   Teresa unterstreicht zwei Momente: Auf der einen Seite wird uns gesagt, dass wir Menschen es nicht verdient haben, auf der anderen aber festgestellt, dass Jesus Sein Leben für uns geben hat müssen.

   Der zweite Gedanke, der hier zur Sprache kommt, kann sehr hilfreich für uns sein: Es gibt einen Unterschied zwischen vergessen und vergessen; wir Menschen vergessen Gottes Taten, Gott vergisst die Untaten des Menschen.
   Wir Menschen vergessen, was Gott jenen bereitet, die Ihm dienen wollen, dadurch verlieren wir den Blick für das Endgültige. Wir vergessen Dank zu sagen für die Liebe, für die Schritte, die Jesus für uns gemacht hat. Weil uns mit der Zeit dies alles nicht mehr bewusst ist, vergessen wir darauf und fühlen wir uns nicht mehr verpflichtet, dieser Liebe zu entsprechen ...

   Gott vergisst auch, doch Er vergisst anders: Gott vergisst unsere Sünden und unser Verhalten, das sich gegen Ihn richtet; Er vergisst unseren Egoismus und unsere Blindheit, dafür reicht Er uns die Hand!
   Er vergisst, dass wir Ihn vergessen und nur an unseren eigenen Vorteil denken.

Oft gedachte ich mit Staunen der größen Güte Gottes und meine Seele weidete sich an der Betrachtung Seiner großen Barmherzigkeit. Er sei gepriesen für alles. Ich habe klar gesehen, wie Er mir sogar in diesem Leben schon jeden guten Wunsch belohnt hat.
So armselig und unvollkommen auch meine Werke waren: dieser Herr hat sie immer verbessert und vervollkommnet und ihnen Wert verliehen

   (Leben 14,10)

   Wer im Bewusstsein der eigenen Armseligkeit Gottes Güte erfahren hat, kann nur staunen, sprachlos vor dieser Tatsache verharren und die Selbstlosigkeit und Barmherzigkeit Gottes bewundern.

   Auch wenn der Mensch andere Prioritäten setzt, an Gott nicht mehr denkt und seine Aufmerksamkeit anderen Werten zuwendet, bleibt Gott uns trotzdem ganz nahe.
   Du entziehst dich ja, o Heil meiner Seele, jenen nicht, die dich lieben, und erhörst jeden, der dich ruft. Das beste Leben, dass ein solcher fortan führen kann, ist ein beständiges Sterben vor Schmerz über diesen Verlust. Wie kann aber die Seele, die dich zärtlich liebt, dies ertragen?

   Wie feinfühlig ist Gott: Er bleibt uns nahe, Er hat immer ein offenes Herz für uns, denn unser Verhalten - mag es auch noch so egoistisch sein - kann Seine bejahende Haltung uns gegenüber nicht ändern.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #16 am: 15. Februar 2011, 15:32:27 »
Vergebung



   Wie aber, mein Herr, wenn es noch andere meinesgleichen gäbe, die dies noch nicht einmal verstanden haben? Sollte es wirklich solche geben, so bitte ich sie in deinem Namen, daran zu denken und solche Kleinigkeiten, die man Beleidigungen nennt, kein Gewicht beizumessen. Mit dieser Ehrenpünktchen scheinen wir nämlich wie die Kinder Häuser aus Strohhalmen zu bauen.
   O Herr, Herr! Bist du nicht unser Vorbild und Meister? Gewiss, du bist es. Worin aber bestand deine Ehre, du Quelle unserer Ehre? Du hast sie gewiss nicht dadurch verloren, dass du gedemütigt wurdest bis zum Tod!

   (Weg der Vollkommenheit 36,3)



   In ihren Schriften betont Teresa immer wieder, wie wichtig es für uns Christen ist, auf Jesus zu schauen, um von Ihm zu lernen. Vieles können wir von Ihm lernen,
   etwa den Umgang mit dem Vater im Gebet,
   Seine Haltung des Gehorsams und der Hingabe,
   Seine Bescheidenheit
   und Hilfsbereitschaft ...

   Das zitierte Gebet steht im Zusammenhang mit dem Thema Vegebung durch Gott, weil wir einander vergeben. Den ersten Sätzen ist zu entnehmen, dass die gegenseitige Vergebung ein wichtiges Anliegen in der Pädagogik der hl. Teresa ist. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Menschen, die mit ihr leben, diese Lektion noch nicht gelernt haben.

   Die Mystikerin stellt fest, dass wir manchmal wegen Kleinigkeiten beleidigt sind, die wir überbetonen, obwohl es sich um Lappalien handelt: Bald glauben wir uns beleidigt oder verletzt, weil wir auf Ehrenpunkte pochen - die unsere Mitmenschen nicht beachten oder gar verachten und die an sich nicht der Rede wert sind.

   Bei diesen Überlegungen wendet sich Teresa Jesus zu und schaut sich an, was Ihm angetan wurde ... Es ist nicht zu vergleichen mit dem, was wir erleben. Wenn Er unser Meister und Vorblid ist, dann sollen wir genau meditieren,
   was Er erlebte,
   wie Er sich dabei verhielt und
   worauf Er Wert legte.

   Er hat sich von den Beleidigungen nicht ablenken lassen, sondern ist weiterhin Seinen Weg der Hingabe gegangen: offen für die Pläne des Vaters und für die Not der Mitmenschen. Wir sehen die Freiheit, die Jesus im Herzen besaß; sogar am Kreuz betete Er für jene, die Ihn verfolgten.

   Wer auf Christus schaut, wird sich unterwegs nicht ablenken lassen durch Kommentare oder Reaktionen der Mitmenschen. Für uns Christen gilt die Einladung, auf Ihn zu schauen, um von Ihm zu lernen, einander im Alltag zu verzeihen, so wie Er den Menschen verziehen hat.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #17 am: 16. Februar 2011, 09:39:52 »
Ein offenes Gespräch



   In der Autobiographie bietet uns Teresa Gebete, die wir Satz für Satz kauen sollen, um ihren vollen Inhalt zu entdecken. Folgender Text (Leben 16,9) konfrontiert uns mit einer aufrichtigen und erlichen Frau, die - trotz wiederholtem Versagen und Fallen - sich von Gott beschenkt weiß.

   
Kann es eine Seele geben, Herr, der du solche Gnaden und Tröstungen erwiesen hast, die erkannt hat, dass du dich an ihr erfreust, die dich trotzdem immer wieder beleidigt? Ja, es gibt eine solche Seele, die dich nicht nur einmal, sondern immmer wieder beleidigt hat; das bin ich!

   Gott hat uns Zeichen Seiner Liebe gegeben, wir haben sie registriert, wir haben uns darüber gefreut und trotzdem haben wir nachher versagt. Der schwache Mensch in uns wird hier sichtbar. Diese Feststellung bestätigt die innere Spannung, in der wir leben, und die tiefe Sehnsucht eines religiösen Menschen, dem Wirken Gottes entsprechen zu wollen und der Großzügigkeit Gottes mit Dank zu antworten.

   O mein Herr, wäre ich doch die Einzige, die so eine große Bosheit begangen und sich solchen Undanks schuldig gemacht hat! Schon an mir hat deine unendliche Güte etwas Gutes bewirkt, da nun dein Erbarmen umso herrlicher aufleuchtet, je größer das Übel war. Wie sehr kann ich also dein Erbarmen preisen in Ewigkeit!

   Wir sehen in der Sünde immer das moralische Versagen und übersehen sehr oft, was Gott daraus machen kann. Auch wenn es kaum zu glauben ist, wird in uns jenes Wort Wirklichkeit, das in der Osternacht zu hören ist: O glückliche Schuld des Menschen, die uns den Heiland gebracht hat.
   Die Tatsache meines Versagens und meiner Sünde hat etwas Gutes an sich: Je größer meine Sünde, desto herrlicher leuchtet Gottes Erbarmen auf! Er ist ja größer, stärker, barmherziger als ich und meine Sünde.

   Ich bitte dich, Herr: Lass mich das Lob deines Erbarmens ohne Ende singen. Es hat dir gefallen, mir in so großartiger Weise deine Güte zu zeigen, dass alle staunen, die es gesehen haben. Ich selbst bin oft so außer mir vor Staunen, dass ich dich dann umso besser loben und preisen kann.

   Teresa wendet sich direkt an den Herrn, sie ist sich dessen bewusst, was Gott in ihrem Leben getan hat. Was du an mir gewirkt hast, Herr, ist Grund, dich zu loben!
   Alle Menschen, die gesehen haben, wie du mit mir umgegangen bist, staunen über deine Werke und dein Verständnis.

   Herr, ich sehe dein Wirken, ich bewundere deine Werke, doch trotz Wissen um dein Erbarmen und deine Güte, trotz Wissen um deine Nähe bleibe ich der Mensch, der ich bin, Sünder.
   Ich brauche deine Hilfe, denn ohne dich werde ich wieder versagen. Lass nicht zu, dass ich dich verrate, lass nicht zu, dass ich deine Taten vergesse.

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #18 am: 17. Februar 2011, 20:46:51 »
V. LEBEN MIT GOTT



   Der Mensch weiß sich von Gott getragen, ihm wird klar, wie Gott an ihm handelt und was Er von ihm erwartet, doch alles braucht seine Zeit.
   Auf der Basis des Vertrauens braucht der Mensch Mut, sich den Händen Gottes zu überlassen, ohne manchmal das Ziel des Weges zu kennen.


Dankbarkeit


   Lass doch, mein höchstes Gut, einmal eine Zeit kommen, in der ich dir von der großen Summe, die ich dir schulde, wenigstens einen Heller zurückzahlen kann!
   Füge, Herr, wenn es dir gefällt, dass diese deine Magd dir wenigstens in irgendetwas diene.  Andere Frauen haben Heldentaten vollbracht aus Liebe zu dir; ich aber kann nur Worte machen. Darum willst du, mein Gott, auch nicht, dass ich große Werke vollbringe.
   Der Dienst, den ich dir erweisen darf, besteht nur in Wünschen und Worten; und selbst dazu habe ich keine rechte Freiheit, weil ich vielleicht in allem fehlen würde.
   O mein Jesus, stärke mich und gib mir die Gelegenheit, etwas für dich zu tun. Wie soll ich es ertragen, dass ich von dir so viel empfange, ohne dir nur ein wenig vergelten zu können?
   Lass mich nicht mit leeren Händen vor dich treten, denn du lohnst uns ja nach unseren Werken. Hier sind mein Leben, meine Ehre, mein Wille! Ich habe dir alles gegeben. Ich gehöre dir. Verfüge über mich, wie du willst.

   (Leben 21,5-6)


   Menschlich gesehen is es nicht leicht, in einer Beziehung immer der schwächere Partner zu sein und keine Möglichkeit zu sehen, den anderen einmal an Großzügigkeit zu übertreffen. Man bleibt immer der Zweite, der Schwächere.
   Vor allem in der Beziehung zu Gott kann der Mensch aufgrund dieser Tatsache resignieren oder sich schuldig fühlen. Wie können wir Gott danken für die erfahrene Vergebung nach Schritten des Versagens, für Talente und Fähgkeiten, die unsere Person bereichern, für ein offenes Ohr in tausend Notsituationen oder für Sein Wohlwollen?

   Aufgrund dieser Situation wächst in uns Menschen der Wunsch, uns auch erkenntlich zu zeigen. Niemand will den Ruf haben, die Güte eines anderen, eines Gottes auszunützen.
   Die Sehsucht treibt uns, etwas für Gott zu tun und Zeichen der Dankbarkeit zu setzen. Wer wirklich liebt will es auch zeigen, wobei wir - wie Teresa in der Seelenburg schreibt - nicht vergessen dürfen, dass Gott nicht auf die Größe der Zeichen schaut, sondern auf die Liebe, die darin enthalten ist.

   Jede Situation und jede Aufgabe sind für uns günstig, unsere Liebe zu Gott zu zeigen, auch wenn wir Menschen von großartigen Aktionen und außergewöhnlichen Taten träumen.
   Teresa sieht keine Möglichkeit, Großes im Dienst des Herrn zu tun, ihre konkrete Situation als klausierte Schwester erlaubt ihr manche Schritte nicht. Als Antwort auf ihre Sehnsucht sieht sie nur den Weg der Hingabe: sich selbst dem Herrn geben, sich ganz dem Herrn anvertrauen.

   Verfüge über mich, Herr, wie du willst.
   Die Hingabe meines Lebens ist das größte Zeichen, das ich setzen kann; da bin ich - klein, schwach, mit Fehlern, mit gutem Willen und viel Sehnsucht - aber ganz für dich.
   Du kannst über mich verfügen.
   Da bin ich - was willst du von mir?

Anemone

  • Gast
Re:Gebete einer großen Frau
« Antwort #19 am: 18. Februar 2011, 19:24:03 »
Gerne Wendelinus. Es ist mir eine große Freude über Teresia von Jesus zu schreiben und gleichzeitig zu beten. Sie ist
eine große Heilige und Kírchenlehrerin. Wie so viele große Heilige lernt auch Sie uns mittels Gebet, ein Leben aus der
Verbindung mit Gott führen zu können.

Gott segne Dich!

Anemone

 

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