Autor Thema: Kardinal Meisner: Der Mensch ist die Krone der Schöpfung…  (Gelesen 2260 mal)

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velvet

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23. Februar 2012, 11:15
… Doch „überall liegen heruntergerissene Kronen“. Predigt des Kölner Erzbischofs zum Aschermittwoch der Künstler.

Köln (kath.net/pek) „Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Aber überall liegen heruntergerissene Kronen. Das wäre doch eine Berufung unserer Künstler, ihren Mitmenschen zu helfen, ihre verloren gegangenen Kronen zu suchen und zu finden“. Dies sagte der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner in seiner Predigt zum Aschermittwoch der Künstler.

kath.net dokumentiert die Predigt von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner zum Aschermittwoch der Künstler in St. Mariä Himmelfahrt in Köln am 22. Februar 2012

Liebe Schwestern, liebe Brüder!
In der Naturgeschichte hat man lange überlegt, welches die äußeren Zeichen sind, die auf die Existenz des Menschen in der Geschichte hinweisen. Lange meinte man, es sei das Feuer. Aber Feuer kann sich auch ohne das Zutun des Menschen auf natürliche Weise durch Blitzschlag oder ähnliches entzünden. Aber man konnte bald auf zwei Kriterien hinweisen, die wirklich das Auftreten des Menschen in der Naturgeschichte bezeugen.

1. Das erste Kriterium ist die Bestattung der Toten. Man ließ die Toten nicht liegen wie die Tiere und ging weiter seinem Selbsterhaltungstrieb nach, eben wie die Tiere. Man bestattete vielmehr die Toten, und das setzt schließlich Ehrfurcht und Verantwortung gegenüber den Verstorbenen voraus. Und diese Verantwortung für die Verstorbenen ist eine Folge des Gottesglaubens. Die Toten sind nicht weggegangen, sondern sie sind nur den Lebenden vorausgegangen, und zwar zu dem, der Ursprung und Ziel allen Lebens ist. Vor ihm sind die Lebenden für die Verstorbenen verantwortlich.

Und das zweite Kriterium für das Auftreten des Menschen in der Naturgeschichte ist die Kunst. Dort, wo man künstlerische Gestaltung, ob Höhlenmalerei oder plastische Nachbildungen der Weltwirklichkeit vorfindet, dort ist der Mensch am Werk. Denn die Kunst setzt zunächst ein Reflexionsvermögen voraus, sodass sich der Mensch als einer erfährt, dem die Gestaltung der Weltwirklichkeit aufgetragen ist und der dafür in seinem Vorhandensein als Mensch viele Möglichkeiten und Talente entdeckt. Dieses Bewusstwerden seiner selbst erfährt jeder Mensch. Das Kleinkind tut zunächst seine Wünsche kund mit der Bezeichnung seines Namens: „Johannes möchte dies oder jenes. Maria hat Hunger. Maria ist müde“. Eines Tages sagt Johannes oder Maria nicht mehr: „Johannes“ und „Maria“ möchten das und jenes, sondern „Ich“: „Ich möchte spielen“ oder „Ich möchte jetzt malen“. Damit hat sich das Kind in seinem Selbststand und damit mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten, seine Umwelt zu gestalten, entdeckt.

2. Neben der Religion ist also die Kunst das früheste Kennzeichen für den Menschen in der Geschichte. Das ist nicht nur am Anfang so, sondern das wird immer so bleiben. Denn der Mensch ist nicht ein höher entwickeltes Tier, sondern der Mensch ist ein Wesen, das „Ich“ sagen kann, sodass er Person ist und damit Ebenbild Gottes. Und dieses Urbild menschlicher Existenz, nämlich Gott, zeigt sich im Schöpfungsbericht als Handwerker und Künstler, der nach dem Schöpfungsbericht die Welt in sieben Tagen geschaffen hat und dann dazu selbst sagen kann, dass ihm sein Werk gelungen ist: Es war gut, ja sehr gut. Davon hat jeder Mensch sein Erbteil von Gott, von seinem Urbild mitbekommen. Jeder Mensch ist berufen und befähigt, Künstler zu sein. Das bedeutet, seine Existenz nicht nur mit Ach und Krach zu bestehen, sondern auch ein wenig mit Glanz und Gloria zu gestalten. Es ist nicht dafür nötig, eines Tages in der Kunstgeschichte der Menschheit vermerkt zu werden, sondern es wäre gut, wenn die Menschen in unserer näheren Umgebung von unserem Charisma, von unserer Gestaltungsgabe ein wenig bereichert und ermutigt würden. Das kann die gute Hand einer Krankenschwester sein und ebenso die gesegneten Talente eines großen Bildhauers oder Malers. Es können auch die Hände oder der Kopf eines Ingenieurs im Maschinenbau sein oder die feinnervigen Hände eines Pianisten oder Komponisten.

Jeder Mensch ist berufen, Künstler zu sein. Und das bedeutet im Klartext, in der Welt nicht nur die Aspekte der Nützlichkeit, sondern besonders auch der Schönheit zu entdecken und zu gestalten. Gott hat ja die Welt bekanntlich als Kosmos geschaffen. Darum gehört Kosmetik zu einer selbstverständlichen Maxime der Weltgestaltung. Und damit wird die Kunst wahrhaftig, denn dann verliert sie nicht den Bezug zur Weltwirklichkeit und zum Weltenschöpfer. Aus dem Nichts ins Dasein zu rufen, ist nur eine Möglichkeit Gottes und ebenso aus dem Dasein ins Nichts zurückzustoßen. Der Mensch, besonders der Künstler, kann und soll mit den ihm gegebenen Talenten aus der Tiefe seiner Sinnerfahrung sichtbare, hörbare oder lesbare Wirklichkeiten entstehen lassen. Jeder Mensch ist Künstler, der durch sein Dasein die Welt und die Mitmenschen ein wenig froh und dankbar werden lässt. Aber von den Künstlern im engeren Sinn – wie wir sie hier meinen – erwarten wir in der ihnen gegebenen Weise Zeugnisse, die dem Menschen helfen, seines Lebens froh zu werden und den Sinn seines Daseins zu suchen und zu finden. Ihnen ist es aufgegeben, dem Mitmenschen in der Alltäglichkeit des Lebens seine besondere Berufung als Mensch, d.h. als Abbild Gottes, nicht vergessen zu lassen und sich nicht unter Wert zu verkaufen.

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. Aber überall liegen heruntergerissene Kronen. Das wäre doch eine Berufung unserer Künstler, ihren Mitmenschen zu helfen, ihre verloren gegangenen Kronen zu suchen und zu finden, damit sie wieder der Worte eingedenk werden: „Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9). Wertbewusstsein und wirkliches Selbstbewusstsein den Menschen zu vermitteln aufgrund ihres Ursprungs aus der Schöpferhand Gottes, das ist eine Aufgabe künstlerischen Tuns.

3. Die Kirchenväter definieren den Teufel als „Affen Gottes“. Er äfft Gott nach, um dem Menschen zu schaden, um ihn hinters Licht zu führen. Der Teufel bekommt in der Heiligen Schrift den Namen „Luzifer“, d.h. „Lichtträger“. Er ist der Blendendste und der Geblendeste unter den Engeln. Seine Aufgabe besteht darin, den Menschen zu blenden, ihn hinters Licht zu führen. Wem des Nachts ein Auto mit voll aufgeblendetem Licht entgegenkommt, dem wird schwarz vor den Augen. Es gibt nichts in unserer Weltwirklichkeit, das nicht vom Teufel unterwandert wird, um dem Menschen zu schaden. Deshalb sagt man: „Er ist der Affe Gottes“. Schon im Paradies verheißt er in der Gestalt der Schlange den ersten Menschen: „Ihr werdet sein wie Gott“. Und dann kam das große Erwachen. Luzifer ist ein Fachmann für die Kunstfälschung. Ich meine das nicht nur im engeren Sinn, wo Bilder gefälscht und Menschen betrogen werden, sondern sein Wirken besteht noch viel tiefer, indem er das Wertfühlen des Künstlers verfälscht, sodass er mit seinen künstlerischen Talenten unwahrhaftige Werke schafft, die dem Menschen nicht dienen, sondern schaden.

Der Kunst zu begegnen, verdanken wir einerseits den Künstlerinnen und Künstlern, aber andererseits unserem an Glaube, Hoffnung und Liebe geschulten Aufnahmevermögen. Kunst bedeutet ja nicht das, was gefällt, sondern das, was wahrhaftig ist und was mich zu einer Stellungnahme bewegt. Und ich glaube persönlich, dass man von einem solchen Kunstwerk immer ein wenig besser weggeht, als man hingekommen ist. Die Kunst ist wie die Religion, nicht eine Verbesserungswerkstatt für geschädigte Existenzen. Das kann sie auch sein! Aber sie ist sicher eine Wirklichkeit, an der der wache Mensch nicht vorbeigehen kann, ohne Stellung bezogen zu haben. „Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich“ (Gen 1,26), steht über der Geschichte der Menschheit. Es gibt einen Menschen, in dem Abbild Mensch und Urbild Gott zusammenfallen.

Das ist Jesus Christus. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Hier fallen Form und Inhalt nicht auseinander, sondern sie bilden eine heilige Symbiose. Darum ist Jesus Christus unser Alpha und Omega, unser Anfang und unsere Vollendung.

In der Weihnachtsliturgie spricht die Kirche immer von dem heiligen Tausch: Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch Gott werde, und wir fügen hinzu: wie Gott werde. Den Menschen dazu zu verhelfen, hat der Schöpfer die Welt mit großen und kleinen Künstlern beschenkt, auch mit Lebenskünstlern, die ihr schweres Dasein tapfer meistern können. Die Begegnung mit ihnen soll uns reich werden lassen. Wenn uns die Kirche heute mit dem Aschenkreuz bezeichnet, will sie uns unserer Würde inne werden lassen: „Gedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst!“ Der selige Papst Johannes Paul II. schloss im Hinblick auf Gott seine Einführungspredigt im Jahre 1978 mit dem unvergesslichen Satz: „Mit welcher Ehrfurcht muss der Mensch das Wort „Homo“ – „Mensch“ aussprechen!“. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

 

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