Autor Thema: Papst-Wahl: Sind vom Papst-Nachfolger Reformen zu erwarten?  (Gelesen 3867 mal)

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05.03.2013, 10:54 Uhr
Papst-Wahl: Sind vom Papst-Nachfolger Reformen zu erwarten?

Die Erwartungen an den neuen Papst sind hoch. Der Nachfolger Benedikts XVI. soll Reformen in die Wege leiten, ohne die Traditionen seines Amtes aus den Augen zu verlieren.


Von Lisa Gatow für WEB.DE

Es geht um eine behutsame Erneuerung der katholischen Dogmen, eine vorsichtige Reaktion auf die gesellschaftlichen Erfordernisse in der Welt von heute. Wer dieses Amt antritt, hat eine fast unlösbare Aufgabe vor sich, die er vor den aufmerksamen Augen der Weltöffentlichkeit schultern muss.

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Um die katholische Kirche in einen Aufbruch zu führen, sollten die Entschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 unter Papst Johannes XXIII. konsequent zu Ende gedacht werden. Darin hieß es nämlich unter anderem, dass jedes ewige Dogma nur eine bleibende Wahrheit darstellt, wenn es sich auch den notwendigen Gegebenheiten und der Ausdrucksweise der Jetzt-Zeit öffnet.

Einige Problemfelder stehen besonders im Fokus der Öffentlichkeit. So wird mit Spannung erwartet, ob und wie sich der neue Heilige Vater zu folgenden Themen äußern wird:

1. Verhütung

Die Einstellung der katholischen Kirche zur Empfängnisverhütung ist spätestens seit der Enzyklika "Humanae vitae", die Papst Paul VI. 1968 herausgegeben hat, eindeutig: Jede Art von Verhütungsmitteln ist verboten, weil damit in natürliche, "gottgewollte" Abläufe eingegriffen wird. Ins Extrem getrieben, ist so jede Verhütung einer Schwangerschaft beim Geschlechtsverkehr Mord an dem potentiellen Kind. Sex nur zum Vergnügen ist eine Sünde und erniedrigt zudem die Frau.

Angesichts der Problematik um Aids gibt es in den letzten Jahren eine vorsichtige Öffnung. Benedikt XVI. etwa hat im November 2010 in seinem Buch "Licht der Welt" eingeräumt, dass ein Kondom im Kampf gegen die Verbreitung der Immunschwäche Aids helfen kann. Um eine Erkrankung zu vermeiden, ist es deshalb in Sonderfällen erlaubt, wobei der Papst von "homosexuellen Prostituierten" ausging. Damit ruderte er im Vergleich zu seinem ersten Besuch als Papst in Afrika kräftig zurück. Damals hatte er verkündet, Kondome würden das Aids-Problem eher verschlimmern.

Der aktuelle UN-Jahresbericht zur Aids-Bekämpfung verzeichnet einen leichten Rückgang der Neuinfektionen. Vor allem aus dem südlichen Afrika und der Karibik werden Erfolge vermeldet. Dem stehen aber vermehrt Infektionen in Nordafrika und dem Nahen Osten gegenüber. Es wäre daher unbedingt erforderlich, dass der neue Papst den sehr zaghaften Vorstoß seines Vorgängers weiterführt.

Abseits von Aids bleibt die Haltung der katholischen Kirche zu Kondomen, Pille und Co. als Mittel der Empfängnisverhütung und somit Geburtenkontrolle - ein anderes brennendes Thema in der Dritten Welt - bisher kompromisslos. Natürlich kann die katholische Kirche keine rechtsverbindlichen Verbote aussprechen. Für viele gläubige Menschen, besonders in Europa und Nordamerika, ist diese anachronistische Einstellung zum Sex daher auch kein ernstzunehmendes Thema. Wer jedoch streng gläubiger Katholik ist, befindet sich bei jedem Schritt gegen den potenziellen Kindersegen in dem Dilemma, eine Sünde zu begehen.

2. Abtreibung nach einer Vergewaltigung


In einem Punkt haben sich die deutschen Bischöfe geeinigt: Nach einer Vergewaltigung bekommen Frauen auch an katholischen Krankenhäusern die "Pille danach" verabreicht. Diese soll verhindern, dass es zu einer Befruchtung kommt und aus dem verbrecherischen Übergriff ein Kind entsteht. Streng genommen handelt es sich dabei nicht um eine Abtreibung, sondern um die Verhinderung einer Befruchtung. Dennoch ist diese Entscheidung ein großer Schritt und rüttelt an den Dogmen. Denn hierbei wird akzeptiert, dass es nicht immer zu begrüßen ist, wenn Ei- und Samenzelle verschmelzen.

Auch Fragen zu Vergewaltigung in der Ehe oder ungewollten Teenager-Schwangerschaften könnten vor diesem Hintergrund neu betrachtet werden.

3. Sexualmoral

In der katholischen Kirche gilt bis heute der Grundsatz, dass vor der Ehe kein Sex praktiziert werden darf und die Ehe als vor Gott geschlossen heilig und unauflöslich ist. Jede homosexuelle Beziehung verstößt gegen die natürlichen Sittengesetze, nicht zuletzt, weil beim Geschlechtsakt kein Leben weitergegeben werden kann. Homosexuelle Praktiken gelten daher als schwere Sünde gegen die Keuschheit.

Diese Einstellung zur Homosexualität erscheint kriminell lebensfremd. Absurd wird sie spätestens aufgrund der homosexuellen Missbrauchsskandale und päderastischen Übergriffe von katholischen Geistlichen auf Schutzbefohlene. Die Dunkelziffer Homosexueller gerade unter katholischen Würdenträgern ist immens. Ein entsprechendes Papier soll angeblich auch nicht unwesentlich zum Rücktritt Benedikts beigetragen haben. Ein veränderter Umgang mit dem Thema scheint zwingend notwendig.

2012 wurde die Geschichte einer lesbischen Erzieherin in einem katholischen Kindergarten in Neu-Ulm publik, die letztlich wegen ihrer Lebensweise gehen musste. Wer gegen religiöse Glaubensgrundsätze verstößt, ist untragbar. Nur weil der Frau während ihrer Elternzeit gekündigt worden war und man damit gegen die speziellen Schutzbestimmungen dieser Zeit verstoßen hatte, kam es letztlich zu einem Vergleich.

Wer an die Unauflöslichkeit der Ehe glaubt, hat entsprechend Probleme mit Geschiedenen, vor allem, wenn sie neu verheiratet sind. Da aber gescheiterte Beziehungen auch in katholischem Verständnis denkbar sind, hat sich die Deutsche Bischofskonferenz hier 2012 vorgewagt. Es gilt, die Kündigungen wiederverheirateter Geschiedener in kirchlichen Einrichtungen und die Zulassung zur Eucharistie zu überdenken - allerdings nur in Übereinstimmung mit Rom. Es wird keinen deutschen Sonderweg geben.

4. Priesteramt

Reformen rund um das Priesteramt stehen fraglos an. Untrennbar mit den sexualethischen Problemen ist die Frage des Zölibats verbunden. Wie passt es in unsere Zeit, und sollte man sich nicht wenigstens in der verpflichtenden Form davon verabschieden? Die Zulassung von Frauen und Laien auch in höheren Leitungsfunktionen steht an. Allerdings wird es wohl auch unter dem kommenden Papst kein Frauenpriestertum geben.

5. Ökumene


Wichtige Punkte sind auch die Ökumene, das Miteinander der christlichen Kirchen und der interreligiöse Dialog im Allgemeinen. Der nicht zu übersehende "römische Zentralismus" sollte zugunsten von mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung der jeweiligen Kirchen und Bischöfe vor Ort zurückgefahren werden. Nur damit kann auf die jeweils besondere regionale Situation verantwortungsvoll und "richtig" reagiert werden.

Fazit

Es wird sich in den nächsten Wochen erweisen, ob die Pessimisten Recht behalten, die vorhersagen, dass alles beim Alten bleibt. Viele Beobachter und namhafte Katholiken sind überzeugt davon, dass es einem neuen Papst nicht gelingen kann, den Reformstau aufzulösen und die unverzichtbaren Erneuerungen in Gang zu bringen. Auch weil Vatikan und Kurie, also alle Verwaltungs- und Leitungsorgane der katholischen Kirche, zu stark mit einer mittelalterlichen Hofhaltung vergleichbar sind, wo absolutistisch regiert und entschieden wird, ist ein schnelles Umdenken unwahrscheinlich.

Wir werden erleben, ob dieses konservative oder sogar reaktionäre Beharrungsvermögen, dem unzählige Kirchenaustritte anzulasten sind, Bestand haben wird, oder ob das neue Kirchenoberhaupt doch mit Selbstbewusstsein, Charisma und Stärke überraschen kann. Hans Küng - prominenter Kirchenkritiker, zudem Altersgenosse und enger Bekannter Benedikts XVI. - hat in einem Interview im Deutschlandradio bekräftigt, dass die katholische Kirche unbedingt einen "Gorbatschow" braucht, mit dem ganz neue Zeiten einziehen.

Ostern ist bekanntlich das heiligste Fest der Christenheit, bei dem das Wunder der Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird. Vielleicht bringt ja auch die Papstwahl 2013 ein kleines Wunder - und die Pessimisten werden eines Besseren belehrt.

weiter lesen: http://web.de/magazine/nachrichten/papstwahl/17171884-papst-wahl-papst-nachfolger-reformen-erwarten.html#.A1000145

 

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