Autor Thema: Toleranz  (Gelesen 2352 mal)

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velvet

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Toleranz
« am: 05. November 2012, 14:18:13 »
Toleranz

Ohne Toleranz ist ein friedliches Zusammenleben nicht möglich. Toleranz ist nicht eine bestimmte Überzeugung, sondern eine bestimmte Art, mit Überzeugung umzugehen. Von einem Atheisten im Umgang mit Gläubigen Toleranz zu erwarten, bedeutet nicht, ihm zuzumuten, wenigstens ein wenig an Gott zu glauben, sondern die Religionsfreiheit zu achten, auch wenn er selber Religion für Unfug hält. Ein toleranter Protestant ist nicht einer, der um der Katholiken willen ans Papsttum glaubt, sondern der für sich selber nicht mehr bürgerliche Rechte beansprucht als für Katholiken und andere Gläubige. “Toleranz” bedeutet also nicht den Verzicht auf die eigene Überzeugung, sondern die Vielfalt der Überzeugungen zu respektieren.

Merkwürdigerweise scheint man dies bei der katholischen Kirche anders zu sehen. Wenn sie sich für die eine Kirche hält, die Christus gegründet hat, macht man ihr vielfach den Vorwurf, intolerant zu sein. Man macht ihr ihre Überzeugung zum Vorwurf, nicht einen bestimmten Umgang mit ihr. Das ist so unsinnig, wie wenn man einem Reformierten zum Vorwurf machte, nur die Bibel, nicht aber den Koran für inspiriertes Gotteswort zu halten. Was ich für wahr halte, ist Sache der Überzeugung, nicht der Toleranz.

Freilich setzt die Bereitschaft zur Toleranz auf einer tieferen Ebene eine bestimmte Überzeugung voraus, nämlich die von der personalen Würde jedes Menschen. Diese Überzeugung kann ein Christ, der an die Gottebenbildlichkeit des Menschen glaubt, leichter haben als ein Atheist, für den der Mensch nur eine Eintagsfliege inmitten eines blinden und stummen Universums ist. So kommt es nicht von ungefähr, dass die meisten Opfer blutiger Verfolgung im 20. Jahrhundert auf das Konto atheistischer Ideologien gehen. Allein unter Stalins Terror schätzt man die Zahl der Opfer auf 20 Millionen.

Die Ethik Jesu, wie er sie z.B. in der Bergpredigt verkündete, ist eine solche der Toleranz. Sie geht noch über sie hinaus, weil sie die Liebe in den Mittelpunkt stellt. Gewalttätige Intoleranz in der Geschichte der Christenheit war Mangel an Gläubigkeit, nicht deren Folge, und verdeckt dem Oberflächlichen das ungeheure Friedenspotenzial, das in der Botschaft Jesu liegt. Auch heute kann die Gesellschaft von etwas mehr christlichem Sauerteig nur profitieren.

Der neue Toleranzbegriff

Schon die Rede von „unseren Werten“ oder von „christlichen Werten“ usw. ist relativistisch. Sie suggeriert ja, dass Werte in Wertungen gründen statt umgekehrt Wertungen in Werten. Und wenn dann doch für europäische Werte ein Absolutheitsanspruch erhoben wird, dann gilt dieser Anspruch eigentlich nur einem Wert, der unbedingt gelten soll, dem höchsten Wert Europas nach Auskunft unserer Bundeskanzlerin, dem Wert der Toleranz. Darin steckt aber ein Denkfehler. Toleranz gilt den Überzeugungen anderer Menschen, die wir für irrig halten, aber achten, weil es Menschen sind, die sich mit ihnen identifizieren. Und solche Toleranz gründet selbst in einer höchst voraussetzungsvollen eigenen Überzeugung von der Würde jedes Menschen. Heute wird aber landauf, landab gesagt, so etwas wie unbedingte Wahrheitsüberzeugungen seien ihrer Natur nach intolerant, weil sie gegenteilige Überzeugungen für falsch halten. Und damit kippt der ganze Wertekanon um. Toleranz respektiert Überzeugungen. Der neue Begriff von Toleranz aber verbietet es, Überzeugungen zu haben, weil diese per definitionem intolerant sind.

Robert Spaemann, Wahrheit spricht mit leiser Stimme, im Kölner Stadtanzeiger vom 13. Juni 2008

Die Umkehrung des Denkens


Die heutige Umkehrung des Denkens zeigt sich mitunter in einer besonders hinterlistigen Form: Die Dinge werden auf den Kopf gestellt, indem man das moralisch Gute als sozialen Konformismus hinstellt. Als Helden des Tages gelten diejenigen, die sich gegen die überlieferten Werte stellen. Dafür spricht man denen, die diese Werte achten, die Glaubwürdigkeit ab. Auf gleiche Weise haben die Pharisäer Christus vorgeworfen, er sei des Teufels: Sie stellten das Gute als das Böse und das Böse als das Gute hin. Christus reagiert sehr heftig darauf, er gerät in heiligen Zorn. Er verurteilt diese Haltung als die Sünde, die nicht vergeben wird, die Sünde wider den Heiligen Geist. Man darf dieses Wort nicht so verstehen, als ob diese Sünde niemals verziehen werden könnte. Jede Sünde, die man bereut, wird verziehen. Diese Sünde aber ist auf besondere Weise unverzeihlich. Sie ist die Sünde der Verkehrung, die Pervertierung. Über nichts empört sich Christus so wie über diese Sünde. Über denjenigen, der die Kinder falsch beeinflußt, sagte er, "dem wäre besser, daß ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist". Gerade für diese Umkehrung der Werte, diese Art, das Böse als echt und das Gute als verdächtig hinzustellen, sind junge Menschen äußerst empfänglich.
Ich gebe dafür ein Beispiel. Man stellt oft die Gewißheit so dar, als wäre sie der Ausdruck eines verdächtigen Bedürfnisses nach Sicherheit, und man preist den Zweifel als das Kriterium der glaubwürdigen Existenz. Es stimmt aber nicht, daß die radikale In-Frage-Stellung an sich schon der Ausdruck der Glaubwürdigkeit des Verstandes ist: im Gegenteil, sie ist eine Form seiner Verkehrung. Die Wissenschaft stellt niemals alles in Frage. In Frage stellt sie frühere Hypothesen, um sie durch solche Hypothesen zu ersetzen, die den Tatsachen eher gerecht werden. Die Tatsachen selbst stellt sie nicht in Frage. Eine astronomische These wird in Frage gestellt, aber nicht die Gestirne. Die Theologie geht genau gleich vor. Sie strebt nach Annäherungswerten, die den Glaubenstatsachen immer genauer entsprechen. Und insofern bedeutet sie eine In-Frage-Stellung. Aber die Tatsache des Glaubens stellt sie nie in Frage. Damit würde sie ihre Aufgabe verleugnen. Und im Bereich des Erklärens selbst gibt es in jeder Wissenschaft erworbene Kenntnisse, hinter die man nicht mehr zurückkehrt (...).
Es gibt noch eine dritte Form der Feigheit bei den Christen: nämlich die Angst vor dem Urteil der andern. Man möchte nicht den Eindruck erwecken, man sei nicht auf der Höhe der Zeit, und man hat nicht den Mut, das auszusprechen, was man im Innersten des Herzens denkt. Weil diese Zeitung oder jene Zeitschrift einen Film rühmt, findet man nicht gleich den Mut, zu sagen, daß dieser Film, menschlich gesehen, abstoßend ist und uns kein höheres Erlebnis vermittelt. Es gibt eine Feigheit der christlichen Kritiker, die mehr oder weniger aus Rücksichtnahme besteht.

Jean Kardinal Daniélou, aus: Rebellion und Kontemplation, Verlag der Arche, Zürich 1969

Wider den Indifferentismus

Es gibt auch Menschen, die die Wahrheit zwar nicht direkt bekämpfen, ihr gegenüber aber so sorglos und gleichgültig sind, als ob Gott uns nicht die Vernunft gegeben hätte, um die Wahrheit zu suchen und zu finden. Diese verdammenswerte Haltung führt leicht zu der sinnlosen Behauptung, daß alle Religionen gleich wertvoll seien, ohne daß dabei das Wahre und das Falsche unterschieden werden. Wieder wollen wir ein Wort unseres Vorgängers Leos XIII. anführen: "Dieses Prinzip führt zur Zerstörung aller Religionen, besonders aber des katholischen Glaubens, der die einzig wahre Religion ist und gerechterweise nicht mit den anderen Religionen auf eine Stufe gestellt werden kann (Rundschreiben Humanum genus, AL, vol. IV, 1884, S. 53)." Wenn man jeden Unterschied zwischen kontradiktorischen Gegensätzen leugnet, so kommt man zu dem verhängnisvollen Ergebnis, keine Religion, weder im Denken noch im Handeln, gelten zu lassen. Wie kann Gott, der die Wahrheit ist, die Sorglosigkeit, die Nachlässigkeit und den Leichtsinn solcher Menschen billigen oder dulden, die sich um Fragen, von denen unser ewiges Heil abhängt, nicht kümmern und sich nicht bemühen, die notwendigen Wahrheiten zu suchen und zu finden oder Gott die Verehrung zu erweisen, die sie ihm allein schulden? Heute verwendet man viele Mühe und Fleiß auf das Studium und den Fortschritt der menschlichen Wissenschaften. Unsere Zeit kann sich zweifellos des Fortschritts auf allen Gebieten der wissenschaftlichen Forschung rühmen. Warum wird nicht ein noch größerer Eifer, noch unermüdlichere Tatkraft entfaltet, um das Wissen zu erwerben, das nicht diesem irdischen Leben dient, sondern dem himmlischen, das nie vergeht? Erst wenn wir die Wahrheit gefunden haben, die aus dem Evangelium kommt und ins tägliche Leben übersetzt werden muß, findet unser Geist Ruhe, Frieden und Freude. Diese Seligkeit übersteigt unendlich die Freude, die die Entdeckungen der Wissenschaft und die bewundernswerten modernen Erfindungen hervorrufen können.

Der Konzilspapst Johannes XXIII., Enzyklika Ad Petri Cathedram vom 29. Juni 1959.

 

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