Autor Thema: Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt  (Gelesen 21340 mal)

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Anemone

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Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #24 am: 08. Juni 2011, 09:43:33 »
VI  DAS LEBEN JESU



1) DER HISTORISCHE JESUS

Der Ausgangspunkt für die Begegnung mit der Gestalt Jesu Christi ist sein irdisches Leben. Die Theologen sprechen vom sogenannten "historischen Jesus" und meinen damit die verschiedenen Daten und Kenntnisse, die wir vom geschichtlichen Jesus besitzen. Diese geschichtlichen Kenntnisse über die Gestalt Jesu beginnen mit der Frage nach den geschichtlichen Quellen, die uns eine verlässliche Auskunft über Jesus als historische Gestalt geben.

2) DIE QUELLEN

Wir verfügen über zwei großen Gruppen von Quellen, die uns über Jesus als historische Gestalt berichten:

a) Die biblischen Quellen

Die erste Gruppe bilden die biblischen Quellen. Es handelt sich dabei um die vier Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sowie um einige weitere Schriften aus dem Neuen Testament. Es ist im Rahmen dieser Ausführungen nicht möglich, auf die Entstehung dieser Schriften einzugehen. Wir werden aber bei den einzelnen Etappen der Lebensgeschichte Jesu auf die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit dieser Texte eingehen.

b) Die außerbiblischen Quellen

Die zweite Gruppe bilden die sogenannten außerbiblischen Quellen. Es gibt jüdische und römische Quellen, die uns von Jesus Christus bzw. von den Christen berichten. Diese Quellen sind für uns von besonderem Interesse. Sie erbringen den Nachweis, dass es auch außerhalb der Heiligen Schrift Berichte über Jesus Christus gibt. Sie haben aber auch den Vorteil, dass bei ihnen keine Absicht einer Glaubensverkündigung oder einer Glaubensverteidigung vorhanden ist. Auf diese Weise ist bei diesen Quellen die Gefahr einer "religiösen Erfindung" von vornherein ausgeschlossen.



3) DIE JÜDISCHEN QUELLEN

Es gibt zwei berühmte jüdische Schriften, die auf Jesus hinweisen: Die "Jüdischen Altertümer" von Flavius Josephus und den Talmud.

a) Die "Jüdischen Altertümer" von Flavius Josephus (37-97 n. Chr.)

Flavius Josephus war ein jüdischer Geschichtsschreiber. Er lebte von 37 bis 97 n. Chr. Er wurde während des jüdischen Aufstands gegen die Römer in den Jahren 66-70 n. Chr. gefangengenommen, später aber begnadigt und in die kaiserliche Familie der Flavier aufgenommen. Er war also ein Jude, der mit den höchsten römischen Kreisen Umgang pflegte. Er war mit den religiösen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen des jüdischen Volkes bestens vertraut. Im Jahr 93 n. Chr. verfasste er in Rom das bedeutende Werk "Jüdische Altertümer". In diesem Werk findet sich eine Stelle, an der er von Jesus berichtet:

"Zu dieser Zeit lebte Jesus, ein weiser Mann. Er tat wunderbare Werke. Viele Juden und Heiden zog er an sich. Und als ihn auf Anklage unserer vornehmen Männer Pilatus mit dem Kreuzestod bestraft hatte, ließen die nicht ab, die ihn früher geliebt hatten. Noch bis heute hat das Geschlecht derer nicht aufgehört, die nach ihm Christen genannt sind." ("Jüdische Altertümer", XVIII, 3,3)

b) Der Talmud

Eine weitere jüdische Quelle ist der Talmud. Bei dieser Schrift handelt es sich um eine Sammlung der Gesetze und religiösen Überlieferungen des nachbiblischen Judentums. Der Talmud entstand in der Zeit zwischen dem ersten und dem sechsten Jahrhundert n. Chr. In ihm gibt es auch Stellen über Jesus, in denen die Meinung der jüdischen Gegner Jesu zum Ausdruck kommt. So wird berichtet, dass Jesus das Volk durch seine "Zauberstücke" verführt habe und dass er vor dem Paschafest auf den (Kreuzes-) Pfahl gehängt wurde (vgl. "Babylonischer Talmud", 43, 67). Der Talmud berichtet also in negativer Weise über Jesus, liefert aber damit trotzdem einen Beweis für die historische Existenz Jesu.

Anemone

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Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #25 am: 09. Juni 2011, 12:09:22 »
4) DIE RÖMISCHEN QUELLEN


Neben den jüdischen Quellen gibt es auch drei bedeutende römische Quellen. Es handelt sich dabei um Stellen in den Schriften von Plinius dem Jüngeren, von Tacitus und Sueton..

a) Der Brief von Plinius dem Jüngeren (62-114 n. Chr.) an Kaiser Trajan

Plinius der Jüngere (62-114 n. Chr.) war unter Kaiser Trajan (98-117 n. Chr.) Statthalter von Bithynien in Kleinasien. Da er des öfteren mit Christen in Berührung kam, schrieb er im Jahr 112 n. Chr. einen Brief an Kaiser Trajan, in dem er den Kaiser fragte, wie er sich den Christen gegenüber verhalten solle:

"Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, mein Herr, alles, worüber ich im Zweifel bin, dir zu berichten. Denn wer könnte mich bei meiner Unentschlossenheit besser leiten und bei meiner Unerfahrenheit besser belehren? An Gerichtsverfahren gegen die Christen habe ich nie teilgenommen, daher weiß ich nicht, was und wie sie bestraft und untersucht zu werden pflegt... Andere, von einem Ankläger mit Namen genannt, gaben unumwunden zu, dass sie Christen seien, stellten es aber dann gleich wieder in Abrede; sie seien zwar Christen gewesen, seien es aber jetzt nicht mehr... Sie versicherten aber, ihr ganzes Vergehen oder ihr Irrtum habe darin bestanden, dass sie gewohnt seien, an einem bestimmten Tage vor Sonnenaufgang zusammenzukommen und Christus als einem Gott im Wechselgesang Lieder zu singen. ... Die Angelegenheit schien mir einer Anfrage wert, besonders wegen der Zahl derjenigen, die in einen Prozess verwickelt sein könnten. Denn viele, jeden Alters, Standes und Geschlechts, kommen und werden noch in Gefahr kommen. Nicht nur die Städte, sondern auch die Dörfer und das flache Land hat dieser ansteckende Glaube erfasst, dem wohl noch Einhalt geboten oder abgeholfen werden kann...." ("Epistolae", X, 96)

Aus diesem Schreiben von Plinius dem Jüngeren geht hervor, dass die Christen bereits am Anfang des 2. Jahrhunderts in Kleinasien verbreitet waren. Diese Christen gingen wahrscheinlich aus jenen Gemeinden hervor, die der Apostel Paulus in Kleinasien gegründet hatte. (vgl. Apostelgeschichte Kap. 13, 14 und 16; Briefe an die Galater und Epheser).

b) Die "Jahrbücher" von Tacitus (55-120 n. Chr.)

Eine bedeutende Aussage über Jesus Christus findet sich in den "Jahrbüchern" von Tacitus. Tacitus war ein römischer Geschichtsschreiber, der von 55 bis 120 n. Chr. lebte. Um das Jahr 116 n. Chr. beschrieb er die wichtigsten Ereignisse, die in der Zeit von Tiberius bis Nero (14-68 n. Chr.) stattgefunden hatten. Im Zusammenhang mit dem Brand von Rom (64 n. Chr.) unter Kaiser Nero (54-68 n. Chr.) erwähnt er auch die Christen und Christus.

"Nicht durch menschliche Hilfe, nicht durch des Herrschers Spenden oder durch Sühneopfer für die Götter ließ sich der Schimpf wegwaschen, dass man glaubte, die Feuersbrunst sei von oben her befohlen worden. Um dieses Gerücht zu unterdrücken, hat Nero diejenigen als schuldig hingestellt und mit ausgesuchten Martern bestraft, die das Volk wegen ihrer Schandtaten hasste und Chrestianer nannte. Der Urheber dieses Namens, Christus, wurde unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus der Todesstrafe überantwortet. Dieser verabscheuungswürdige Aberglaube wurde für den Augenblick unterdrückt, brach dann wieder von neuem auf, nicht nur in Judäa, wo das Übel seinen Ausgang genommen hatte, sondern auch in Rom." ("Annales", XX, 44)

c) Die "Kaiserviten" von Sueton (75-150 n. Chr.)

Ein wichtiger Hinweis auf die Christen findet sich auch in den "Kaiserviten" von Sueton, der von 75-150 n. Chr. lebte. Sueton war als Sekretär unter den Kaisern Trajan (98-117 n. Chr.) und Hadrian (117-138 n. Chr.) tätig. Er hatte Zugang zu den kaiserlichen Archiven. Um 120 n. Chr. verfasste er die "Kaiserviten", d. h. die Biographien der ersten zwölf römischen Kaiser. In der Lebensbeschreibung von Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) berichtet er, dass dieser die Juden und die Judenchristen aus Rom vertreiben ließ; in diesem Zusammenhang erwähnt er auch den Namen "Chrestus".

Diese außerbiblischen Quellen vermitteln uns einige wichtige Aussagen über Jesus Christus: Sie nennen seinen Namen, die berichten von seiner Herkunft, sie beschreiben sein Wirken, sie berichten von der Kreuzigung Jesu durch Pontius Pilatus unter Kaiser Tiberius und von der Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich. Wir können also sagen, dass sich die wichtigsten Aussagen über den geschichtlichen Jesus auch in außerbiblischen Quellen finden lassen.


5) DAS LEBEN JESU

Wir wollen uns nun der Biographie von Jesu im einzelnen zuwenden. Wir müssen dabei aber vorausschicken, dass die biblischen Autoren nicht die Absicht hatten, uns eine Biographie im modernen Sinn zu liefern. Die Absicht dieser Autoren war es, die Gestalt Jesu in einem heilsgeschichtlichen Sinn darzustellen. Sie haben deshalb nur das über Jesus berichtet, was in einem heilsgeschichtlichen Sinn von Interesse war. Dennoch dürfen wir sagen, dass wir über einige Daten aus dem Leben Jesu verfügen und dass diese auch historisch fundiert sind. Die Forschungen von großen Forschern (Ricciotti, Garrigou-Lagrange, Vögtle, Benoit, Blinzler, Flusser, Laurentin, Pixner, Thiede) haben gezeigt, dass die Berichte des Neuen Testaments historisch weit fundierter sind, als von früheren und neueren Kritikern angenommen wurde.

Anemone

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Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #26 am: 11. Juni 2011, 10:44:54 »
6) PALÄSTINA ZUR ZEIT JESU


Bevor wir auf die einzelnen Ereignisse und Etappen im Lebens Jesu zu sprechen kommen, wollen wir kurz das politische Umfeld betrachten, in dem Jesus aufgewachsen ist. Das Land Palästina, in dem Jesus geboren wurde, stand seit dem Jahr 63 v. Chr. unter der Herrschaft der Römer. Im Jahr 40 v. Chr. gelang es dem Idumäer-Fürsten Herodes, von den Römern die Herrschaft über Palästina zu erlangen. Herodes behielt die Herrschaft über Palästina fast 40 Jahre lang und regierte auch noch zur Zeit der Geburt Jesu. Der König blieb aber während seiner Regierungszeit stets von den Römern abhängig. König Herodes ließ den Juden und ihren obersten Vertretern eine gewisse Autonomie, soweit sie nicht seine politische Herrschaft in Frage stellten. Obwohl er selbst kein Jude war, errichtete er in Jerusalem den gewaltigen Tempelbau, der nach ihm auch der "Herodianische Tempel" genannt wird. König Herodes war aber auch ein herrschsüchtiger und grausamer Monarch. Er lebte in ständiger Sorge um seinen Thron und ließ jeden verdächtigen Gegner seiner Macht verfolgen und hinrichten. Dabei verschonte er auch seine eigenen Verwandten nicht.
 

7) GEBURTSDATUM UND GEBURTSORT

Nach dieser kurzen Einführung wollen wir uns nun etwas näher mit den einzelnen biographischen Daten Jesu befassen. Jede Biographie beginnt mit dem Geburtsdatum und mit dem Geburtsort. Auch im Fall von Jesus gibt es Aussagen über Zeit und Ort seiner Geburt. Jeder von uns kennt die berühmte Stelle aus dem Lukas-Evangelium, die von der Geburt Jesu berichtet: "In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war." (Lk 2,1-7) Beim Evangelisten Matthäus finden wir noch den Hinweis, dass Jesus "zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa" (Mt 2,1) geboren wurde und dass dieser Herodes den kleinen Jesus töten lassen wollte. Die Geburt Jesu fiel also in die Regierungszeit des Kaisers Augustus, der von 28 v. Chr. bis 14 n. Chr. regierte. Die Geburt Jesu fiel aber auch in die Regierungszeit des Königs Herodes und fand schließlich während einer Volkszählung unter dem Statthalter Quirinius statt. Bei der Geburt Jesu galt im römischen Reich der römische Kalender, der mit der Gründung der Stadt Rom im Jahr 753 v. Chr. begann. Als aber der römische Kalender mit dem Untergang des Weströmischen Reiches seine Bedeutung und seinen Sinn verlor, entschloss man sich zur Erstellung eines neuen Kalenders, dessen Zählung mit der Geburt Jesu Christi beginnen sollte. Im Jahr 533 versuchte der Mönch Dionysius Exiguus das Geburtsdatum Jesu zu errechnen und kam dabei auf das Jahr 1 unserer Zeitrechnung. Die spätere Forschung hat dann festgestellt, dass sich der syrische Mönch um einige Jahre verrechnet haben muss. Aufgrund von römischen Berichten wissen wir, dass König Herodes Ende März oder Anfang April des Jahres 4 vor dem Beginn unserer Zeitrechnung gestorben ist. Wenn wir dann noch eine gewisse Zeitspan ne hinzufügen, die nach der Geburt Jesu bis zu seiner Verfolgung durch König Herodes vergangen ist, so kommen wir auf das Jahr 5 oder 6 vor Beginn der Zeitrechnung. Ein weiterer Anhaltspunkt für das Geburtsdatum Jesu ist die Volkszählung unter dem Statthalter Quirinius von Syrien. Langwierige Nachforschungen haben ergeben, dass eine solche Volkszählung tatsächlich im Jahr 7 oder 6 vor Beginn der Zeitrechnung stattgefunden haben muss. Jesus dürfte also mit größter Wahrscheinlichkeit schon einige Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung, und zwar im Jahr 7 oder 6 geboren worden sein.

Als Geburtsort Jesu wird uns in den Evangelien von Matthäus und Lukas die kleine Stadt Bethlehem genannt. Bethlehem befindet sich 9 Kilometer südwestlich von Jerusalem in Judäa. Josef und Maria waren kurz vor der Geburt Jesu nach Bethlehem gezogen, um sich dort in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Die Römer hatten nämlich die Juden aufgefordert, sich im Geburtsort des Stammesvaters der eigenen Sippe eintragen zu lassen. Und da Josef ein Nachkomme von König David war, musste er in die Geburtsstadt Davids, nach Bethlehem, ziehen. Die Entfernung von Nazaret bis nach Bethlehem betrug etwa 120 Kilometer. Für Maria war die Reise von Galiläa bis nach Judäa bestimmt mit einigen Beschwerden verbunden. Die Stadt Bethlehem war aufgrund der Volkszählung überfüllt, und so konnten Josef und Maria keinen Platz finden. Wahrscheinlich wollten Josef und Maria nicht, dass das Kind in einer öffentlichen Gaststätte zur Welt käme. So suchten sie nach einem ruhigeren Platz und fanden schließlich in einer der vielen Grotten um Bethlehem ein notdürftiges, aber ruhigeres Quartier. Die Grotte diente als Stall und hatte eine Krippe, in die Maria das neugeborene Kind hineinlegte. - Manche moderne Theologen behaupten, dass Jesus nicht in Bethlehem geboren worden sei. Sie sind der Ansicht, dass die Evangelisten diesen Ort nur deswegen angeführt hätten, weil es beim Propheten Micha eine Stelle gebe, die Bethlehem als den Geburtsort des zukünftigen Herrschers von Israel nennt (vgl. Micha 5,1). Nach Meinung dieser Theologen wird die Stadt Bethlehem nur deshalb als Geburtsort genannt, weil man auf diese Weise die Erfüllung dieser Schriftstelle bei Micha beweisen wollte. Nun scheinen aber mehrere Gründe gegen eine solche konstruierte Ortsangabe zu sprechen. Wenn Jesus - wie diese Theologen annehmen - irgendwo in Galiläa geboren worden wäre, dann wären nicht nur die Volkszählung unter Quirinius und die Geburt in Bethlehem, sondern auch die folgenden Ereignisse wie die Darstellung Jesu im Tempel, die Flucht nach Ägypten und der Kindermord in Bethlehem in Frage gestellt. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass ein Verfasser eine längere Reihe von Ereignissen mit detaillierten Angaben nur erfindet, um damit die Erfüllung einer alttestamentlichen Prophezeiung zu fingieren. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, der gegen eine Erfindung der Geburtsgeschichte spricht: Es gibt seit der frühesten Zeit der Christenheit eine Überlieferung, die auf Bethlehem als Geburtsort Jesu hinweist. So hat Justin der Märtyrer, der im 2. Jahrhundert lebte und aus Palästina stammte, Bethlehem als Geburtsort Jesu genannt. Aber auch der bekannte Kirchenvater Origines hat im 3. Jahrhundert Bethlehem als Geburtsort Jesu bezeichnet. In seiner Schrift "Contra Celsum" weist er darauf hin, dass Bethlehem auch von Nichtchristen als Geburtsort Jesu genannt wurde. Und schließlich hat auch der hl. Hieronymus, der von 347 bis 420 gelebt hat und viele Jahre in Bethlehem verbrachte, diesen Ort als den Geburtsort Christi bezeichnet. Ein weiterer Beweis dafür, dass Bethlehem tatsächlich der Geburtsort Jesu ist, können wir auch in der Tatsache sehen, dass der römische Kaiser Hadrian nach der Niederschlagung des jüdischen Aufstands im Jahr 135 alle jüdischen und christlichen Stätten in heidnische Kultstätten umwandeln ließ. So wurde über der Stätte des Tempels in Jerusalem ein Zeus-Tempel errichtet und über der Stätte von Golgota ein Aphrodite-Tempel gebaut. Auch über der Geburtsstätte in Bethlehem wurde ein Hain zu Ehren von Adonis gepflanzt. Diese heidnischen Kultstätten wurden erst durch Kaiser Konstantin beseitigt, der dort christliche Kirchen errichten ließ. Diese heidnischen Kultstätten waren aber auch ein Beweis dafür, dass es sich bei diesen Stätten tatsächlich um die besagten Schauplätze aus dem Leben Jesu handelte. So dürfen wir heute mit Sicherheit annehmen, dass Jesus tatsächlich in Bethlehem geboren wurde.


Anemone

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Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #27 am: 18. Juni 2011, 09:43:49 »
8) BESCHNEIDUNG UND DARSTELLUNG

Am achten Tag nach Geburt Jesu erfolgte nach jüdischem Brauch die Beschneidung. Bei dieser Gelegenheit erhielt Jesus auch seinen Namen. Am 40. Tag nach der Geburt wurde Jesus nach jüdischer Sitte im Tempel dargestellt (vgl. Lk 2,21-40). Die "Darstellung" war eine besondere Weihe des erstgeborenen männlichen Kindes an Gott, die vom jüdischen Gesetz vorgeschrieben war. Die Eltern mussten das Kind in dem Tempel bringen, um es dort in besonderer Weise Gott zu weihen. Dann wurde das Kind durch bestimmte Opfergaben "ausgelöst". Auch Josef und Maria brachten also das Kind zur Darstellung in den Tempel. Dort kam es zur Begegnung mit einem Mann, der Simeon hieß. Dieser Simeon erkannte in Jesus den zukünftigen Retter und nannte ihn das Heil der Völker, ein Licht für die Heiden und den Ruhm Israels (vgl. Lk 2,29-32). Anschließend bezeichnete er Jesus auch noch als ein Zeichen, dem widersprochen wird (vgl. Lk 2,34). Er meinte damit, dass Jesus durch seine Botschaft und sein Auftreten Widerspruch auslösen werde. Maria kündigte er an, dass ein Schwert ihr Herz durchbohren werde (vgl. Lk 2,35). Anschließend trat auch noch eine betagte Frau hinzu: Es handelte sich um die Prophetin Hanna, die Tochter Penuels aus dem Stamm Ascher. Diese Frau war verheiratet gewesen, doch nach sieben Jahren hatte sie ihren Ehemann verloren. Nun war sie eine Witwe von 84 Jahren, die sich ständig im Tempel aufhielt und Gott diente. Sie pries Gott und sprach zu allen über dieses Kind (vgl. Lk 2,36-38). - Auch dieser Bericht weist erstaunlich präzise Züge auf: Er nennt die Namen von zwei Personen, denen Josef und Maria im Tempel begegnen. Vor allem die Angaben über die Prophetin Hanna sind unglaublich detailliert: So werden ihr Name, der Name ihres Vaters, ihre Stammeszugehörigkeit, die Anzahl ihrer Ehejahre und ihr genaues Alter angegeben. Diese exakten Angaben verleihen der ganzen Stelle einen hohen geschichtlichen Wahrheitsgehalt. Solch genaue Daten wären bei einem erfundenen Text unmöglich.

9) DIE STERNDEUTER AUS DEM OSTEN

Die Heilige Schrift berichtet dann auch von den Sterndeutern, die aus dem Osten kamen, um Jesus zu huldigen (vgl. Mt 2,1-12). Diese Sterndeuter kamen zu König Herodes und fragten ihn: "Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. Als König Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem." (Mt 2,2-3) König Herodes erkundigte sich bei den Priestern und Schriftgelehrten, wo der Messias geboren werden solle. Man antwortete ihm, dass der Messias laut dem Propheten (Micha) in Bethlehem geboren werde (vgl. Mt 2,5-6). Darauf schickte der König die Sterndeuter nach Bethlehem, um dort nach dem Kind zu forschen. Er forderte die Sterndeuter auf, ihm Nachricht zu geben, damit er auch nach Bethlehem gehen könne, um dort dem Kind zu huldigen (vgl. Mt 2,8-9). Die Männer verließen die Stadt Jerusalem und sahen plötzlich wieder den Stern vor sich herziehen. Schließlich blieb der Stern über dem Haus stehen, in dem Josef, Maria und der kleine Jesus wohnten. Die Sterndeuter gingen in das Haus und huldigten dem Kind und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. In der Nacht wurde den Männer im Traum geboten, nicht zu Herodes zurückzukehren, und so zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück (vgl. Mt 2,9-12). - Auch dieser bekannte Bericht bedarf einiger Klärungen: Zunächst wollen wir darauf hinweisen, dass die Schrift von Sterndeutern spricht und nicht von Königen. Die Heilige Schrift berichtet auch nicht, wie viele Männer es waren und nennt auch keine Namen. Die Vorstellung, dass es sich bei den Sterndeutern aus dem Osten um Könige gehandelt habe, geht auf eine spätere Tradition zurück. Die Namen Kaspar, Melchior, Balthasar werden zum ersten Mal im 6. Jahrhundert genannt. Wir werden also gut daran tun, dass wir uns an die nüchternen Angaben der Heiligen Schrift halten. Von Bedeutung ist dann auch, aus welchem Land diese Sterndeuter gekommen sind: Die moderne Forschung nimmt an, dass die Sterndeuter wahrscheinlich aus Mesopotamien und Persien kamen. Die persischen Sterndeuter waren möglicherweise Anhänger von Zarathustra. Es gab in Persien auch eine Prophetie, dass aus Israel ein großer Herrscher hervorgehen werde. Auf der Fassade der ersten christlichen Kirche über der Geburtsgrotte fand sich auch eine Abbildung der Magier aus dem Osten, wobei einer der Magier als Perser dargestellt war. Diese Abbildung mit einem persischen Magier bewahrte übrigens die Kirche vor der Zerstörung, als im Jahr 614 n. Chr. ein neupersisches Heer in Palästina einfiel. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch ein kurzer Bericht von Marco Polo in seinem Buch "Il Milione": Der berühmte venezianische Kaufmann, der bei seiner Reise nach Asien bis nach Peking kam, berichtet, dass er in Persien in eine Ortschaft gekommen sei, aus der nach alter Überlieferung einer der Sterndeuter stammte. Ein weiteres Problem bei dieser Bibelstelle über die Sterndeuter ist auch der bekannte "Stern von Bethlehem", der vor den Männern herzog und sie zum Haus von Josef und Maria führte. Es wurde mehrmals versucht, diesen Stern mit einem der bekannten Kometen in Verbindung zu bringen. Aber keiner dieser Kometen lässt sich mit den Erscheinungen und Bewegungen des Sterns von Bethlehem in Einklang bringen. Der bekannte Astronom Tycho Brahe erklärte, dass es sich um keinen gewöhnlichen Stern handelte. Der große Astronom Kepler  hingegen glaubte, dass es sich bei diesem "Stern" um ein besonderes Zusammentreffen der Planeten Jupiter und Saturn handelte, die sich im Jahr 7 v. Chr. dreimal wiederholte. Die Bewegungen des Sterns von Bethlehem waren aber so außerordentlich, dass sie sich auch mit einem Zusammentreffen von zwei Planeten unmöglich erklären lassen. Wir müssen also annehmen, dass es sich hier um eine außerordentliche Himmelserscheinung gehandelt haben muss. Zusammenfassend dürfen wir annehmen, dass auch dieses Ereignis einen historischen Kern hat und nicht nur erfunden wurde, um die Bedeutung Jesu hervorzuheben. Für die Geschichtlichkeit dieses Ereignisses spricht auch noch der Umstand, dass der christliche Autor in diesem Fall die Sterndeutung gelten ließ, obwohl sonst das Judentum und das Christentum jede Art von Astrologie strikt ablehnte. Offensichtlich war der Autor dieses Berichtes der Überzeugung, dass sich Gott in diesem Fall der Astrologie bedient habe, um auch die Heiden die Bedeutung dieses "neugeborenen Königs der Juden" erkennen zu lassen.

Anemone

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Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #28 am: 20. Juni 2011, 10:20:13 »
10) DIE FLUCHT NACH ÄGYPTEN

Im Matthäus-Evangelium wird weiter berichtet, dass Josef nach dem Besuch der Sterndeuter im Traum ein Engel erschien und ihn zur sofortigen Flucht nach Ägypten aufforderte: "Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter, und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten." (Mt 2,13) Josef musste also versuchen, so schnell wie möglich das Herrschaftsgebiet von Herodes zu verlassen. Von Bethlehem war eine Flucht nach Ägypten die einzige Möglichkeit, um sich vor Herodes in Sicherheit zu bringen. Noch mitten in der Nacht brach die heilige Familie mit einem Esel nach Süden auf. Josef wählte wahrscheinlich den Weg über Hebron und Berscheeba. Von dort zog er dann mit seiner Familie zur Mittelmeerküste, um auf der alten Karawanenstraße von Palästina nach Ägypten in Richtung Nildelta weiterzuziehen. Dabei musste er zunächst ein trockenes Steppengebiet durchqueren und dann durch eine Sandwüste ziehen. Die Karawanenroute führte über Rhinocolura bis nach Pelusium. Insgesamt betrug die Strecke von Bethlehem bis nach Ägypten etwas mehr als 300 km. Josef und seine Familie waren wahrscheinlich eine gute Woche unterwegs. Der Evangelist berichtet uns nicht, wo sich die heilige Familie in Ägypten niedergelassen hat. Josef und Maria mussten aber mit dem kleinen Jesus bis zum Tod des Herodes in Ägypten bleiben.

11) DER KINDERMORD IN BETHLEHEM

In der Zwischenzeit kam es in Bethlehem zum berüchtigten Kindermord. Der Evangelist Matthäus berichtet: "Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig, und er ließ in Bethlehem und in der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten... " (Mt 2,16) Auch diese Begebenheit wird heute von vielen modernen Theologen in Frage gestellt. Sie weisen darauf hin, dass ein solches Blutbad kaum vorstellbar sei, und dass in keiner anderen historischen Schrift davon berichtet wird. Nicht einmal bei Flavius Josephus sei ein Hinweis auf dieses Massaker zu finden... Dagegen ist aber zu sagen, dass Herodes sehr wohl zu einer solchen Tat fähig war. Es ist uns eine lange Reihe von Verbrechen bekannt, die Herodes in seiner Regierungszeit begangen hat. So ließ er politische Gegner und auch Mitglieder des Hohen Rates hinrichten. Er ließ seinen erst sechzehnjährigen Schwager Aristobul in einem Schwimmbad ertränken; er ließ sogar seine eigene Frau Mariamne und seine zwei Söhne Alexander und Aristobul hinrichten. Selbst Kaiser Augustus war über die Grausamkeit von Herodes entsetzt und sagte: "Es ist leichter, ein Schwein von Herodes zu sein als ein Sohn von ihm." Während der Regierungszeit von Herodes kam es zu Hunderten von Hinrichtungen. Vor allem in der Zeit vor seinem Tod wütete Herodes entsetzlich und ließ dabei viele Menschen umbringen. Wenige Tage vor seinem Tod befahl er, seinen ältesten Sohn Antipater zu töten. Herodes war also durchaus zu einem solchen Kindermord in Bethlehem fähig. Wir müssen uns auch über die Größenordnung dieses Kindermords Gedanken machen. Neueren Schätzungen zufolge war die Stadt Bethlehem und ihre Umgebung zur damaligen Zeit von etwa 1000 Personen bewohnt. Bei dieser Einwohnerzahl dürften etwa 20 bis 30 Knaben unter zwei Jahren getötet worden sein. Die Zahl der getöteten Kinder war also viel geringer als gewöhnlich angenommen wird (was freilich nichts an der Brutalität des Verbrechens ändert!) Die Zahl von zwanzig toten Kindern, die noch dazu von einfachen Hirten stammten, war gegenüber den vielen Kapital-Verbrechen von Herodes nichts Besonderes, und so findet sich von diesem Kindermord auch keine Notiz in den historischen Quellen.

Nach dem Tod von Herodes zog Josef mit seiner Familie zurück nach Palästina. Als er dort erfuhr, dass Archelaus die Herrschaft über Judäa übernommen hatte, fürchtete er sich, in Bethlehem zu bleiben, und zog daher mit seiner Familie nach Nazaret in Galiläa (vgl. Mt 2,19-23)

 
12) DER ZWÖLFJÄHRIGE JESUS IM TEMPEL

Der Evangelist Lukas berichtet uns noch von einem weiteren Ereignis aus der Kindheit Jesu, nämlich vom Gespräch des zwölfjährigen Jesus mit den Schriftgelehrten im Tempel von Jerusalem (vgl. Lk 2,41-52). In Israel war es Brauch, dass die Gläubigen anlässlich der großen Feste - wie etwa beim Paschafest oder beim Laubhüttenfest - aus ganz Palästina nach Jerusalem zogen. Ab dem zwölften Lebensjahr war jeder Israelit zur Teilnahme an diesen Festen verpflichtet. So zogen auch Josef und Maria mit dem zwölfjährigen Jesus von Nazaret zum Paschafest nach Jerusalem. Sie unternahmen diese Wallfahrt nicht allein, sondern mit ihrer ganzen Sippe. Während der Reise wurden religiöse Lieder gesungen und Gebete gesprochen. In der Nacht schliefen die Wallfahrer auf großen Rastplätzen unter freiem Himmel. Die Reise von Nazareth bis Jerusalem dauerte etwa 3 bis 4 Tage. In Jerusalem waren die Pilger bei Verwandten untergebracht. Nach dem Paschafest, bei dem Zehntausende von Pilgern zusammengeströmt waren, machten sich Josef und Maria und die ganze Sippe wieder auf den Weg in die Heimat. Maria und Josef waren offensichtlich der Überzeugung, dass Jesus sich bei einer Gruppe der weitläufigen Verwandtschaft befinde. Als sie aber am Abend beim ersten Rastplatz ankamen, mussten sie feststellen, dass Jesus nirgends zu finden war. Da kehrten sie nach Jerusalem zurück. Erst nach drei Tagen fanden sie Jesus im Tempel. Dort hörte er den Schriftgelehrten zu und stellte ihnen Fragen. Der Evangelist Lukas schreibt: "Alle, die ihn hörten, waren erstaunt über sein Verständnis und über seine Antworten. Als seine Eltern ihn sahen, waren sie sehr betroffen, und seine Mutter sagte zu ihm: Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht. Da sagte er zu ihnen. Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte. Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen." (Lk 2,47-52) Diese Stelle ist nicht nur wegen des Gesprächs zwischen Jesus und den Schriftgelehrten von Bedeutung, sondern vor allem wegen der Antwort, die Jesus seiner Mutter Maria gibt: "Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?" Der zwölfjährige Jesus gibt damit seinen Eltern zu verstehen, dass er in erster Linie seinem himmlischen Vater verpflichtet ist und dann erst seinen Eltern auf Erden. - Kritische Theologen stellen auch dieses Ereignis in Frage und behaupten, dass der Evangelist es nur erfunden habe, um das besondere Wesen von Jesus hervorzuheben. Aber auch bei dieser Stelle müssen wir uns fragen, ob man ein solches Ereignis einfach erfinden kann. Diese Stelle erweist sich in mancher Hinsicht als paradox: Zunächst geraten Josef und Maria fast in Verdacht, dass sie zuwenig auf den zwölfjährigen Jesus aufgepasst hätten. Jesus selbst erweckt den Eindruck, als habe er sich mehrere Tage lang nicht darum gekümmert, ob seine Eltern etwa seinetwegen in Sorge sein könnten. Dieses, rein menschlich gesehen, völlig unverständliche Verhalten Jesu führt auch zur bangen Frage von Maria: "Kind, wie konntest du uns das antun?" Die ganze Episode hat also fast einen peinlichen Beigeschmack und erhält erst durch die Antwort des jungen Jesus ihre Rechtfertigung. Jesus muss seine Eltern damit vertraut machen, dass er zuerst dem Ruf seines Vaters folgen muss und erst dann ihnen gehorchen kann. Dieser ganze Bericht ist also zunächst im höchsten Maß paradox und wird erst zum Schluss verständlich. Es ist fast unmöglich, dass ein so paradoxer Bericht nur eine Erfindung sein soll.

Anemone

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Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #29 am: 21. Juni 2011, 16:11:30 »
13) DAS VERBORGENE LEBEN JESU

Nach diesem Bericht über den zwölfjährigen Jesus übergehen die Evangelien die nächsten zwei Jahrzehnte im Leben Jesu. Sie berichten erst wieder über das erste öffentliche Auftreten Jesu, das wahrscheinlich im Jahr 28 n. Chr. stattfand. Im Leben Jesu gibt es also einen Zeitraum von über 20 Jahren, von dem uns die Evangelisten nichts berichten. Für eine Biographie ist das höchst merkwürdig. Für das bessere Verständnis von Jesus wäre es doch sehr wertvoll, wenn uns die Evangelisten etwas von diesen zwanzig Jahren berichtet hätten. Es würde uns interessieren zu erfahren, welche Erfahrungen Jesus in seinen jungen Jahren gesammelt hat. Es wäre auch interessant zu wissen, welchen Menschen Jesus in jungen Jahren begegnet ist und welche Orte er besucht hat. Aber von all dem berichten die Evangelisten nichts. Sie wollen uns damit in nachdrücklicher Weise auf das verborgene Leben Jesu in Nazaret hinweisen. Jesus ist für die damalige Zeit sehr lange verborgen geblieben und ist erst im Alter von etwa 35 Jahren an die Öffentlichkeit getreten.

14) DAS ÖFFENTLICHE WIRKEN JESU

Wir wollen nun auf das öffentliche Wirken Jesu zu sprechen kommen. Da wir diese Abschnitte aus dem Leben Jesu in späteren Folgen noch ausführlich behandeln werden, wollen wir hier nur einige kurze Hinweise geben.

Zum besseren Verständnis für das öffentliche Wirken Jesu wollen wir zunächst auf die politischen Verhältnisse der damaligen Zeit eingehen. Nach dem Tod von Herodes im Jahr 4 v. Chr. verteilte Kaiser Augustus das Land unter seine drei Söhne Archelaus, Herodes Antipas und Philippus. Archelaus wurde Fürst von Judäa und Samaria, Herodes Antipas herrschte über Galiläa und Philippus erhielt das nördliche Ostjordanland. Als sich Archelaus, der über Judäa und Samaria regierte, als grausamer Herrscher erwies, wurde er abgesetzt und durch einen römischen Statthalter ersetzt. So kam es, dass zur Zeit des öffentlichen Wirkens von Jesus Judäa und Samaria vom römischen Statthalter Pontius Pilatus verwaltet wurde. In Galiläa hingegen herrschte weiterhin Herodes Antipas, ein Sohn von König Herodes.

Nach dieser kurzen Einführung in die politischen Machtverhältnisse in Palästina wollen wir noch einen raschen Blick in die gesellschaftlichen Verhältnisse des jüdischen Volkes zur Zeit Jesu werfen. An der Spitze des jüdischen Volkes stand der Hohepriester Kajaphas, der zusammen mit dem Hohen Rat die Geschicke des jüdischen Volkes lenkten. Der Hohepriester und der Hohe Rat hatten gegenüber den Römern eine gewisse Autonomie, waren aber in bestimmten Bereichen von den Römern abhängig (z. B. beim Fällen von Todesurteilen.) Dann wollen wir noch darauf hinweisen, dass die jüdische Gesellschaft zur Zeit Jesu von drei Gruppierungen bestimmt war: Von den Pharisäern, die sich um eine strenge Einhaltung der Gesetze bemühten und die die Römer verachteten; die Sadduzäer, die einen pragmatischen Kurs verfolgten und sich mit den Römern arrangierten, und schließlich die Zeloten, die die Römer bekämpften und sie vertreiben wollten. Die Pharisäer erwarteten einen königlichen Messias, der das auserwählte Volk zu Ruhm und Ehre erheben würde, die Zeloten hingegen erwarteten einen Messias, der sie im Kampf gegen die Römer anführen sollte. In dieser sehr komplexen geschichtlich-politischen Situation fand nun das öffentliche Wirken Jesu statt.


15) DAS AUFTRETEN JOHANNES DES TÄUFERS

Der Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu fällt mit dem Auftreten von Johannes dem Täufer zusammen. Lukas schreibt in seinem Evangelium, dass Johannes der Täufer im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius aufgetreten sei. Dieses Jahr würde dem Jahr 28 n. Chr. entsprechen. Es könnte aber auch sein, dass Johannes bereits im Jahr 26 n. Chr. mit seinem Wirken begonnen hat. Johannes rief die Menschen zur Umkehr auf und taufte sie im Jordan in der Nähe von Bethanien nördlich des Toten Meeres. Als er gefragt wurde, ob er der Messias sei, antwortete er, dass er nur der Vorläufer eines Größeren sei, der nach ihm komme. Eines Tages erschien auch Jesus bei Johannes und ließ sich von ihm taufen. Johannes erkannte in ihm den Messias und wies seine Jünger auf Jesus hin: "Seht das Lamm Gottes!" Bald nach der Taufe begann Jesus öffentlich aufzutreten.

16) DIE BERUFUNG DER JÜNGER

Jesus berief zwölf Männer in seine Nachfolge. Die Namen dieser Männer sind uns von drei Evangelisten überliefert worden: "... an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn später verraten hat." (Mt 10,1-4; vgl. Mk 3,16-19; Lk 6,13-15)

17) JESUS VERKÜNDET DAS REICH GOTTES

Mit diesen zwölf Männern zog Jesus mehrere Jahre lang umher. Die Zeitangaben des öffentlichen Wirkens schwanken bei den einzelnen Evangelisten zwischen eineinhalb und dreieinhalb Jahren. Das Zentrum des Wirkens Jesu war das Fischerdorf Kafarnaum am See Gennesaret (vgl. Mt 4,13). Jesus besuchte bei seinen Wanderungen die verschiedensten Orte von Galiläa, er gelangte aber auch in das Gebiet der Dekapolis östlich des Jordans (vgl. Mk 7,31) und stieß auch in das Gebiet von Tyrus und Sidon (Libanon) vor (vgl. Mt 15,21-28). In diesen Jahren kam Jesus auch mehrmals nach Jerusalem und nahm dort an den großen Festen der Juden teil. Bei seinen Wanderungen predigte Jesus den Menschen die Ankunft des Reiches Gottes (vgl. Mt 4,17). Er forderte die Menschen zur Umkehr auf (vgl. Mt 4,17). Er lehrte sie einen verinnerlichten Glauben, der sich nicht in der äußeren Erfüllung von bestimmten Gesetzen erschöpfte (vgl. Mt 6,1-18). Jesus lehrte die Menschen eine neue Moral (vgl. Mt 5-7) und zeigte ihnen, wie sie die Erlösung und das ewige Leben bei Gott erlangen konnten (vgl. Joh 3,1-13; 6,22-59). Von Jesus werden auch zahlreiche Zeichen und Wunder berichtet: Er heilte viele Kranke (vgl. Mt 9,27-31; Mk 2,1-12; 7,31-37), er verwandelte Wasser in Wein (vgl. Joh 2,1-11) und vermehrte Brot und Fische (vgl. Mt 14,13-21),  er bändigte die Naturgewalten (vgl. Mt 8,23-27) und erweckte sogar Tote zu neuem Leben (vgl. Joh 11,1-44). Diese Wunder erfüllten die Menschen mit Staunen und Hoffnung.

18) DER KONFLIKT MIT DEN PHARISÄERN UND SADDUZÄERN

Doch bald schon kam es zum Konflikt zwischen Jesus und den religiösen und politischen Mächten des Landes. Obwohl Jesus zunächst sehr behutsam auftrat und sich in neutraler Weise als den "Menschensohn" bezeichnete, führte sein Auftreten und seine Lehre immer mehr zu Spannungen mit den verschiedenen jüdischen Gruppierungen: Die Pharisäer beschuldigten Jesus, dass er das Gesetz des Moses in Frage stelle (vgl. Mt 12,1-8; 9-14) und dass er sich Gott gleich setze (vgl. Joh 5,18). Die Sadduzäer befürchteten, dass es durch Jesus als den Messias zu Unruhen und zu einem Aufstand gegen die Römer  kommen würde und dass die Römer dann das Land mit Gewalt unterwerfen würden (vgl. 11,48). Die Zeloten hingegen erwarteten sich, dass Jesus endlich als politischer und militärischer Führer gegen die Römer auftreten würde. Zu den Zeloten gehörte übrigens auch Judas Iskariot, der sich enttäuscht von Jesus abwandte, als er seine politischen Hoffnungen nicht erfüllt sah. Als Jesus immer mächtigere Zeichen und Wunder wirkte und immer mehr Leute in ihm den Messias erblickten, fürchteten die Hohenpriester, die Sadduzäer und die Pharisäer um ihre Macht und ihren Einfluss. Sie beschlossen daher, Jesus so bald wie möglich zu töten (vgl. Joh 11,45-53).

Anemone

  • Gast
Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #30 am: 22. Juni 2011, 11:28:33 »
19) DIE VERURTEILUNG UND DER TOD JESU

Als Jesus anlässlich des Paschafestes nach Jerusalem kam, wurde er auf Befehl der Hohenpriester und Ältesten mitten in der Nacht im Garten von Getsemani vor den Toren Jerusalems verhaftet (vgl. Mt 11,47). Jesus wurde zunächst in das Haus des Hohenpriesters Kajaphas geführt (vgl. Mt 26,57) und dort vom Hohen Rat verhört. Schließlich fragte der Hohepriester Jesus, ob er der Messias, der Sohn Gottes sei (vgl. Mt 26,63). Als Jesus diese Frage des Hohenpriesters bejahte, wurde er der Gotteslästerung angeklagt. Der Hohe Rat erklärte, dass Jesus schuldig sei und sterben müsse (vgl. Mt 26,65-66). Da die Juden Jesus aber nicht zum Tod verurteilen durften, brachten sie den Fall vor den römischen Statthalter Pontius Pilatus (vgl. Mt 27,2). Dieser erkannte, dass es sich bei der Anklage um eine religiöse Angelegenheit handelte, und erklärte, dass es sich dabei nach römischem Gesetz nicht um ein todeswürdiges Verbrechen handle (vgl. Joh 18,38; 19,6). Pilatus hatte die Absicht, Jesus durch eine Amnestie freizugeben: Anlässlich des Paschafestes war es nämlich üblich, dass die Römer den Juden einen Gefangenen freiließen. Das Volk stimmte aber nicht für Jesus, sondern für den Zeloten Barabbas, der bei einem Aufstand einen Mann getötet hatte (vgl. Joh 18,39-40). Darauf verhörte Pilatus Jesus ein zweites Mal und gelangte wieder zur Überzeugung, dass er nach dem römischen Gesetz nicht die Todesstrafe verdiente. Da lenkten die jüdischen Ankläger den Prozess in eine politische Richtung und erklärten, dass Jesus sich als König ausgegeben habe und sich damit gegen den römischen Kaiser stelle. Sie erklärten Pilatus unumwunden, dass er kein Freund des Kaisers mehr sei, wenn er diesen Hochverräter laufen lasse (vgl. Joh 19,12). Darauf verurteilte Pilatus Jesus zum Kreuzestod (vgl. Joh 19,16a). Die römischen Soldaten führten Jesus mit zwei Verbrechern auf den Hügel von Golgota außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem und kreuzigten ihn (vgl. Joh 19,16b-30). Das Todesdatum Jesu ist mit großer Wahrscheinlichkeit der 7. April des Jahres 30 n. Chr.

Wenn wir zum Abschluss diese geschichtlichen Überlegungen zusammenfassen, so gelangen wir dabei zu folgenden Ergebnissen: Wir besitzen verschiedene Quellen, die uns über den historischen Jesus Auskunft geben. Dabei unterscheiden wir zunächst die biblischen und die außerbiblischen Quellen. Zu den biblischen Quellen gehören die vier Evangelien und verschiedene Texte aus dem Neuen Testament. Zu den außerbiblischen Quellen zählen verschiedene jüdische und römische Texte. Aufgrund dieser Quellen wissen wir, dass Jesus ungefähr vom Jahr oder 6 vor Beginn unserer Zeitrechnung bis zum Jahr 30 n. Chr. gelebt hat. Die Evangelisten vermitteln uns einige Informationen über die Geburt und die Kindheit Jesu. Über den Zeitraum vom 12. bis zum 35. Lebensjahr geben uns die biblischen Quellen keinerlei Auskunft. Ab dem Beginn des öffentlichen Wirkens im Jahr 28 n. Chr. bis zum Tod Jesu am Kreuz finden sich in den verschiedenen Quellen ausführliche und detaillierte Angaben.

Anemone

  • Gast
Re:Was die Kirche durch ihr Lehramt wirklich sagt
« Antwort #31 am: 25. Juni 2011, 10:15:34 »
VII  DIE MENSCHWERDUNG JESU

Die biblischen und außerbiblischen Quellen haben uns gezeigt, dass Jesus von Nazareth eine geschichtliche Gestalt war. Die biblischen Quellen gehen aber schon am Anfang ihrer Berichterstattung über das Geschichtliche hinaus: Sie verkünden, dass Jesus nicht durch eine normale Zeugung, sondern durch ein besonderes Eingreifen Gottes Mensch geworden ist.

1) DIE VERKÜNDIGUNG DER GEBURT JESU

a) Der Bericht des Evangelisten Lukas

Der Evangelist Lukas berichtet, dass Gott einen Engel zu einer Jungfrau nach Nazaret in Galiläa gesandt hat und schreibt dann wörtlich: "Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen, und seine Herrschaft wird kein Ende haben. Maria sagte zu dem Engel: Wie wird das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? Der Engel antwortete ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. Auch Elisabeth, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar galt, ist sie jetzt schon im sechsten Monat. Denn für Gott ist kein Ding unmöglich. Da sagte Maria: Ich bin die Magd des Herrn; mit geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel." (Lk 1,27-38)


b) Der Bericht des Evangelisten Matthäus

Neben dem Bericht von Lukas finden wir auch bei Matthäus einige Aussagen, die auf eine übernatürliche Empfängnis Jesu hinweisen. Der Evangelist schreibt: "Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte es sich, dass sie ein Kind erwartete - durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. Während er noch darüber nachdachte, erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist." (Mt 1, 18-20).


c) Die jüdische Verlobung

Der Evangelist Lukas weist darauf hin, dass sich der Engel Gabriel an eine Jungfrau gewandt hat, die mit einem Mann namens Josef verlobt war. Auch der Evangelist Matthäus erwähnt, dass Maria mit Josef verlobt war. Nach jüdischem Brauch wurden die Frauen gewöhnlich im Alter von 13-14 Jahren verlobt, die Männer verlobten sich im Alter von 18 bis 24 Jahren. Die Verlobung beinhaltete nach damaligem jüdischen Brauch nicht nur ein Versprechen, sondern bereits einen ehelichen Vertrag. Die beiden Partner waren also durch die Verlobung bereits gesetzlich miteinander verbunden. Aber meistens verging zwischen der Verlobung und der Heirat etwa ein Jahr, in dem die verschiedenen Vorbereitungen für den zukünftigen Ehestand getroffen wurden. Erst nach Ablauf des Jahres wurde die Braut feierlich in das Haus des Bräutigams heimgeholt. In der Zeit zwischen der Verlobung und der Heirat war die Braut zur Treue gegenüber dem Bräutigam verpflichtet. Wenn sie dem Bräutigam untreu wurde, konnte sie der Bräutigam nach jüdischem Gesetz als Ehebrecherin klagen.


2) DIE ABSICHT DER BIBLISCHEN VERFASSER

Die Berichte von Lukas und Matthäus weisen drauf in, dass Jesus ohne das Mitwirken eines Mannes empfangen. Jesus ist also laut diesen Stellen der Heiligen Schrift der Sohn einer Jungfrau. Diese Aussage der Heiligen Schrift bereitet jedem kritisch denkenden Menschen nicht geringe Schwierigkeiten. Für den modernen Menschen ist es unvorstellbar, dass ein Mensch ohne das Mitwirken eines Mannes gezeugt werden kann. Dieser Glaubenssatz hat aber auch immer wieder zu massiven Angriffen von Seiten der Gegner des Christentums geführt. Er wird selbst von gewissen Theologen geleugnet oder umgedeutet. Um hier zu einer klareren Sicht der Dinge zu gelangen, wollen wir versuchen, diese Aussagen der Heiligen Schrift etwas tiefer zu betrachten.
Die moderne Exegese - also die moderne Auslegung der Heiligen Schrift - lehrt uns, dass sich der Leser der biblischen Texte in erster Linie nach der "Absicht des Verfassers" fragen muss. Er muss also versuchen herauszubekommen, welche Absicht der biblische Verfasser beim Niederschreiben des Textes verfolgt hat und welche Botschaft er an die sog. "Adressaten" - also an die Leser - vermitteln wollte. Wir wollen deshalb versuchen, diese Bibelstellen von Lukas und Matthäus, die die Empfängnis Jesu durch die Jungfrau Maria betreffen, nach der Absicht der Verfasser zu hinterfragen.

 

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