Autor Thema: Gedichte von Cordula Wöhler  (Gelesen 6837 mal)

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #8 am: 19. November 2019, 08:43:05 »
"Das rechte Licht"



Viel Lichter gibts auf Erden von gar verschied´nem Schein,
Doch jedes mag zur Freude, zu Nutz und Trost uns sein;
Denn Licht und Menschenseele, die sind gar eng verwandt,
Es bindet sie zusammen, ein tief geheimes Band.

Wie dringt in alle Herzen, doch so ein Sonnenstrahl,
Weckt drinnen helle Wonne und hohe Lust zumal!
Wie leuchtet in die Seele des Himmels Sternenpracht,
Daß stilles, süßes Sehnen und Träumen d´rob erwacht!

Und dann der allerhellste, der allerreinste Schein -
Das Licht im Menschenauge - was mag wohl schöner sein!
Ist doch ein Himmelsabglanz - vom ew´gen Licht getränkt, -
Ein Liebesstrahl von Oben ins Menschenaug´ gesenkt!

Viel Lichter gibts auf Erden von gar verschied´ner Pracht,
Doch gegen  e i n e s  sinken sie all in Schattennacht,
Dies Eine, das da leuchtet weit über alle Welt,
Und selbst des Todes Dunkel noch hold und mild erhellt.

Dies Eine, das der Seele den besten Trost erteilt,
Das alle Schatten lichtet, und alle Schmerzen heilt;
Dies Eine, das als Leuchte auf unsern Pilgerpfad, -
Damit wir sicher gehen, - Gott selbst gegeben hat!

Dies Eine Licht der Gnaden - jedwedes Herz es kennt, -
Es ist, - die ew´ge Lampe, die vor´m Altare brennt,
Die hell bei Nacht und Tage zum Tabernakel weist,
Und still mit Flammenzungen den Gott des Lebens preist.

Ja wohl, für jede Seele, - wenn diesen Gott sie liebt, -
Wohl auf der ganzen Erde kein lieber Licht es gibt;
Nach allem Glanz des Lebens, nach Glück begehrt sie nicht,
Nur nach dem Tabernakel, nur nach dem ew´gen Licht!

Ist doch das Erdenleben oft gar so trüb und schwer, -
Wie trostlos wärs, wie einsam, wenn Er nicht bei uns wär;
Er, der im Tabernakel auf jede Seele harrt,
Um ewig sie zu segnen mit seiner Gegenwart.

Ja - ohne Tabernakel nenn´ ich die Freude - Not,
Und alles Licht nur - Schatten, und alles Leben - Tod!
Doch mit dem Tabernakel wird alles Leid zur Lust,
Zur Perle jede Träne, zum Himmel jede Brust!

Mög Alles man mir geben, - ich acht es klein und schlecht,
Mög Alles man mir nehmen, mir ist es lieb und recht; -
Ich flieh zum Tabernakel, wenn mir das Herz auch bricht,
Ich zieh voll heißer Liebe nur - nach dem ew´gen Licht!

Offline Caelum

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #9 am: 20. November 2019, 15:36:28 »
"Goldau"



Wir Menschenkinder wandern,
Sind nirgends recht zu Haus,
Von einem Ort zum andern
Ruht kurz nur man sich aus.
Ein flüchtiges Umfassen,
Ein wonnig süßes Seh´n,
Ein schmerzliches Verlassen,
Ein schnell von dannen Geh´n. -

Das nennt man Wanderleben,
Ist Erdenpilgerart;
Erst - stetes Vorwärtsstreben,
Dann - stille Grubenfahrt!
Wir seh´n zwar alle Tage
Die Welt im schönsten Licht,
Doch tönt´s wie leise Klage:
"Die Heimat ist dies nicht!"

Und weil in jedem Herzen
Die Heimatsliebe lebt,
Fühlt´s auch mit leisen Schmerzen
Vom Heimweh sich durchbebt!
Und weil bei stetem Wandern
Ein bleibend Heim gebricht,
Fragt still es nach dem andern,
Dem Heim im ew´gen Licht!

Die Schweizer Berge steigen
Bis in des Himmels Blau,
In abendlichem Schweigen
Ruh´n Fels und Tal und Au,
Und Gold-au wird das schlichte,
Das stille Dorf genannt,
Dess´ traurige Geschichte
Dem Wand´rer wohl bekannt!

Hier lebte still zufrieden -
In Berges-Schutz und Schoß,
Ein Völklein, dem beschieden
Ein gut´ und glücklich´ Los.
Gebet - mit Fleiß verbunden,
Bracht allen Brot genug,
So schwanden denn die Stunden
Der Zeit in schnellem Flug!

Da brach ein Tag voll Bangen
Aufs stille Dorf herein,
Da kam der Tod gegangen
Und traf mit Fels und Stein,
Und deckte Haus und Herzen
Mit eisig kalter Hand,
Und weckte Schreck und Schmerzen
Ringsum im ganzen Land!

Nur ärmlich kleine Hütten
Sind wieder aufgebaut,
Auf grüner Höh inmitten
Ein Kirchlein niederschaut;
Was Goldau einst geschehen
Und was es früher war,
Mag hier im Bilde sehen
Der Beter fromme Schar!

Und drunter steht geschrieben
Ein tiefergreifend Wort,
Das - wo wir immer blieben -
Uns klingt im Herzen fort:
"Ob noch so fest wir bauen,
Hier bleibt der Pilger nicht,
Zum künft´gen Heim wir schauen,
Zur Stadt im ew´gen Licht!"


Das hatt´ ich oft gelesen,
Das war mir wohlbekannt,
Doch nie im tiefsten Wesen
Ich´s so wie hier verstand,
Hier, wo es steht geschrieben
Im Kirchlein nicht allein, -
Nein, ringsum ist geblieben
Die Schrift in Fels und Stein!

Still hab ich nun verlassen
Das kleine Gotteshaus,
Wie Wehmut wills mich fassen,
Preßt mir die Träne aus:
"Dies Wallen und dies Weilen
In buntem Wechselspiel,
Dies rastlos stete Eilen,
Was ist sein letztes Ziel?

Was will die Welt? - Genießen!
Was wird ihr einst? - Ein Grab!
Mit jeder Stunde fließen
Wir jenen Strom hinab,
Deß´ Mündung in dem Meere
Der Stillen Ewigkeit, -
Vielleicht auf dieser Fähre
Ist´s nimmer allzuweit!

O, welch´ ein trostlos Klagen,
Wär´ damit alles aus!
Nein, rastlos will ich fragen
Nach ew´gem Heim und Haus,
Will täglich es bedenken,
Daß hier mein Bleiben nicht,
Und Herz und Auge lenken
Zur Stadt im ew´gen Licht!

So such´ ich - Gottes Gnade,
So find´ ich - ew´ges Heil,
So wall´ ich - Lebenspfade,
Ob auch zu Grab ich eil;
So seh´ ich, daß hienieden
Das Herz ruht nirgends aus,
So fleh´ ich: "Führ´ zum Frieden
Mich heim, Herr, in Dein Haus!"

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #10 am: 21. November 2019, 15:31:24 »
"Waldruh"



Als wär´ ich ein Mal wieder
Ein müd´geword´nes Kind,
Dem alte Wiegenlieder
Zur Nacht gesungen sind, -
So ruh´ im Waldesgrunde
Ich unter Baumeshut,
O, diese eine Stunde
Macht viele schwere gut!

Und all die lieben Lieder
Der Kindheit, - längst entfloh´n, -
Vernehm ich deutlich wieder
Heut´ in der Bienen Ton!
So träumerisch und leise -
Musik für Ohr und Herz! -
Lullt diese süße Weise
In Schlummer allen Schmerz.

Und lichte Traumgebilde
An mir vorüber zieh´n,
Gedanken lieb und milde,
Waldblumen gleich erblüh´n;
Die Hände still sich falten,
Das Herz - so ganz allein! -
Träumt still vom Ruhehalten
Im ew´gen Friedenshain!

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #11 am: 21. November 2019, 15:42:48 »
"Ernste Fragen"



Wo zieht es hin, das ferne Schiff,
Das westlich nun taucht nieder;
Zerschellt´s an fernem Felsenriff,
Sieht´s wohl die Heimat wieder?

Wo fliegt sie hin, die Möwe dort,
Im Flug, dem hohen schnellen?
Ist es zum sicher´n Ruheort?
Zum Grab tief in den Wellen?

Wo zieht es hin, das Menschenherz
Mit seinem heißen Sehnen,
Auf seiner Fahrt durch Lust und Schmerz,
Durch Lächeln und durch Tränen?

Der Möwe Ziel, des Schiffes Port,
Wohl kaum kann ich´s nicht dir künden,
Der Seele Fahrt - will´s Gott! - soll dort
Im ew´gen Hafen münden!

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #12 am: 23. November 2019, 14:55:14 »
"Schwalben-Ankunft"



O Gott, da sieht mein Aug´ sie wieder,
Die Schwalben - meine Schwalben! - heut!
Mit Tränen netzt sich meine Lider,
Und doch - wie sehr mein Herz sich freut!
Willkommen denn zu tausendmalen,
Willkommen heut im Heimats-Nest!
Gelt, bei des Frühlings Sonnenstrahlen
Hielt´s drüben euch nicht länger fest?

Ihr hattet langen Weg zu eilen,
Und doch gelang die Fahrt so gut,
Denn euren Flug - viel hundert Meilen,
Ihr tatet ihn in Gottes Hut!
So fandet ihr den Pfad, den rechten,
Nie wurden eure Schwingen lahm,
Daß sie zum alten Nest euch brächten,
Nach dem schon längst euch Heimweh kam!

Und du, o Herz?! - Was an den Schwalben
Die Gotteshand so treu getan,
Das tät´ sie nicht auch Deinethalben,
Brächt nicht auch dich auf rechte Bahn?
Sie bracht´ Gott hin nach fernen Landen
Und führt sie wieder heut zurück,
Daß hier sie - wie im Süden - fanden,
Was ihres kleinen Lebens Glück!

Und dich, o Herz?! - Dich wird er leiten
Viel treuer noch, ja Schritt für Schritt,
Wird Dir den rechten Platz bereiten
Im fremden Land, - Er selbst geht mit!
Und einst vielleicht blüht noch hienieden
Der Lenz, der wieder heim Dich trägt,
Daß in dem Nest - für Ihn gemieden -
Dein Haupt zur letzten Ruh´ sich legt!

Und käm´ der Lenz Dir nie auf Erden, -
Ein schön´rer harrt einst droben Dein,
Da soll Dir eine Heimat werden,
Die alles Glück Dir wird verleih´n!
Da wirst Du dann es ganz verstehen,
Wie gut es Gott mit Dir gemacht,
Wie jenen Pfad Du mußtest gehen,
Der Dich an´s rechte Ziel gebracht!

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #13 am: 23. November 2019, 15:25:42 »
"Auf dem Friedhof"



Ich bin durch Sturm und Regen
Geeilt an diesen Ort,
Auf ungangbaren Wegen
Trieb mich die Sehnsucht fort;
Die mir vorüber gingen,
Sah´n mich verwundert an:
"Wie mit dem Sturm nur ringen
Dies schwache Kind da kann!

Kaum konnten sie sich halten,
Die starken Männer dort;
Mich zogen die Gestalten
Der Toten mächtig fort!
Als gäb der Sturm mir Flügel,
Trieb´s mich zum Friedhof hin,
Bis hier zum ersten Hügel
Ich nun gekommen bin!

So ist der Friedenshafen
Nach rauhem Pfad erreicht!
Wie sie so still hier schlafen,
Welch´ Glück dem ihren gleicht!
Hier stört des Sturmes Wehen
Die stillen Schläfer nicht,
Hier werden froh erstehen
Sie einst beim Osterlicht!

Auf jenen Hügel nieder
Hab´ still ich mich gesetzt, -
So bin ich einmal wieder
Bei euch, Ihr Toten, jetzt!
So wohl mir eure Nähe
Im Sturm des Lebens tut,
Wie wenn in Krankheitswehe
Das Kind im Wieglein ruht!

Dürft´ immer doch ich bleiben,
Und brauchte nie zurück
In all dies leere Treiben
Von Erden-Gram und Glück!
Bin längst schon satt der schalen
Und trügerischen Welt,
Und sehn´ mich nach den Strahlen
Des Licht´s aus Sions Zelt.

Doch wär´ auch all mein Leben
Dem Gang im Sturme gleich,
Den ich bestand soeben, -
Ich weiß, auch ich erreich´
Einst diesen Friedenshafen,
Wo mich kein Sturm mehr schreckt,
Und wenn ich ausgeschlafen,
Das ew´ge Licht mich weckt!

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #14 am: 24. November 2019, 15:49:32 »
"Das Pelikansnest"
Nach einer wahren, in Amerika stattgefundenen Begebenheit im Winter 1869.



Kommt, Will und Annie, eilen wir nun zum Walde schnell,
Um Reisig dort zu sammeln so lang es heut noch hell,
Lieb´ Mütterlein muß frieren ist krank und ach so arm!
Wir hatten schon so lange kein Feuer hell und warm!

So spricht zu den Geschwistern die kleine Margaret,
Die kaum acht Sommer zählte, und mit den Kleinen geht -
An jeder Hand ein´s haltend - vom Hüttlein sie zum Wald,
Und drinnen bleibt die Armut und draußen ist´s so kalt!

Sechs kleine Füßchen eilen behend nun durch den Schnee, -
O guter Engel Gottes, mit diesen Kindern geh´!
Es ist so kalter Winter, es ist so weiter Gang,
Es sind so dunkle Wälder, der Tag ist nicht mehr lang.

Sie merken´s kaum, die Kleinen, wie bald die Nacht schon naht,
Wenn nur die kranke Mutter noch heut ein Feuer hat; -
Ein großes Bündel Reisig ist bald des Fleißes Frucht,
Nun soll es heimwärts gehen, nun ist genug gesucht!

Doch ach! wie hat so schnelle die Nacht verdrängt das Licht!
Wie düster steh´n die Bäume, wie fällt der Schnee so dicht!
Wie ist der Pfad verschwunden, der aus dem Wald sie bringt,
Wie laut der Eulen Rufen nun aus dem Dickicht dringt!

Die beiden Kleinsten weinen, - kaum schleppt ihr Fuß sich fort,
Und Gretchen sucht zu trösten mit freundlich mildem Wort,
Sie spät mit bangem Blicke nach allen Seiten aus,
Doch Schnee und Nacht verhüllen den Weg zum Vaterhaus!

Schon wimmern die Geschwister vor Hunger, Frost und Schmerz,
Fast bricht vor Leid und Liebe klein Gretchens treues Herz,
Schnell zieht sie dann vom Leibe ihr wärmendes Gewand,
Und hüllt hinein die Kleinen mit sorglich linder Hand.

Sie weiß so lieb zu reden von Still- und Ruhigsein,
Bis fast die kleinen Herzen sie lullt in Schlummer ein;
Von Moos und Laub und Reisig sodann ein Nest sie baut,
Und bettet dort die Beiden wie Vöglein warm und traut.

Die Flocken fallen dichter und dunkler wird die Nacht,
Doch bei dem Nest im Walde der Engel Gottes wacht;
Er schützt den Schlaf der kleinen so zarten Vögelein,
Küßt leis´ die Stirn der Einen, und führt sie himmelein! -

Ist das ein bitt´rer Jammer Nachts in der Witwe Haus!
Am andern Morgen gehen viel gute Leute aus,
Und suchen rings im Walde, und spähen hier und dort,
Bis endlich sie gefunden im Schnee den rechten Ort!

"Ei seht, welch´ seltsam Nestchen, wie kein´s wir je geschaut, -
Ein wundersamer Vogel hat das führwahr gebaut!"
Gesund und schlafend treffen sie dort zwei Vöglein an,
Und dicht dabei - erfroren - den treuen Pelikan! -

Weit über Land und Meere flieg hin, mein schlichtes Lied,
Wo diese reine Blume aus Zeit und Leben schied,
Wo sie im dunklen Walde der rauhe Frost geknickt,
Und wo den kleinen Hügel kein reiches Denkmal schmückt!

Da bring´ dem Kind der Armut, mein Lied, der Liebe Gruß,
Blüh´ Du als Immortelle an seines Grabes Fuß,
Und ob in unser´n Tagen kein Mund mehr von ihm spricht,
Mögst Du noch heut ihm sagen: "Ein Herz vergaß Dich nicht!"

Wie wenig wahre Liebe auf dieser Welt doch wohnt,
Doch solcher Seelen wegen Gott wohl sie schützt und schont! -
Erfleh´, verklärte Kleine, uns wahren Opfersinn,
Und Lieb´, so stark wie Deine, führ´ auch zum Herrn uns hin!

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Re: Gedichte von Cordula Wöhler
« Antwort #15 am: 25. November 2019, 08:38:58 »
"Zweierlei Weihnachten."



Was hör´ ich leise klingen zu mitternäch´ger Stund´?
O horch! die Engel singen auf weitem Erdenrund:
"Der Heiland ist geboren, - Gott in der Höh´ sei Ehr´, -
Der Welt, - die sonst verloren - sei Friede rings umher!"

Und in der Engel Lieder mischt sich der Glocken Schall,
Verkündend allen wieder - in sel´gem Freudenhall -
Daß bald Er werde kommen, der Heiland aller Welt,
Daß heut - bei allen Frommen - Er Seinen Einzug hält!

Da herrscht bei Alt und Jungen die reinste Weihnachtslust,
Die Schmerzen sind bezwungen, hoch hebt sich jede Brust.
Der Kinder Herzen pochen, ihr Auge strahlt und lacht,
Weil endlich angebrochen die liebste, schönste Nacht!

Und mit den Kindern werden die Alten wieder jung,
Denn Lieb´ eint heut auf Erden sich mit Erinnerung!
Der eig´nen Jugend Wonne bei Christbaums hellem Strahl
Verklärt gleich lichter Sonne die Herzen allzumal!

O Fest, wie kein´s so wonnig wohl auf der ganzen Welt,
Fest, das so süß und sonnig ein jedes Herz erhellt
Mit lichtem Weihnachtsschimmer, mit reinster Himmelslust,
Das Paradies noch immer bringst Du der sel´gen Brust! -

                                 II.

Was hör´ ich leise tönen aus jenem stillen Haus?
Ach! schmerzlich banges Stöhnen haucht bleicher Mund dort aus!
Die Augen, die voll Leben und Lieb´ einst froh gelacht,
Von Schatten sind umgeben, - es naht die letzte Nacht!

Da ruht die holde Blüte, - von Todes Hand geknickt,
Sie, - deren Glanz und Güte so Herz wie Aug´ erquickt,
Der Eltern Trost und Wonne, ihr Kleinod, Stolz und Ruhm,
Des Hauses Licht und Sonne - bald stille Friedhofsblum´!

Das hat der Eltern Herzen um allen Trost gebracht!
Beim Schein der Sterbekerzen - o welche heil´ge Nacht!!
Anstatt mit ihr - wie immer - beim Christbaum froh zu steh´n,
Sie heut - beim Kerzenschimmer - ihr Auge brechen seh´n!

Am Fest der höchsten Freude für sie der tiefste Schmerz!
Was stärkt in solchem Leide ihr gramzerriss´nes Herz!
Ach! nur der Blick nach oben in tränenvollem Fleh´n,
Sonst möcht´ in solchen Proben der Geist zu Grunde geh´n!

Doch nein, ihr armen Herzen, zum Himmel blickt hinauf,
Dort tut für eure Schmerzen ein Trostquell lind sich auf,
Beim Sternenglanz hernieder steigt Gott als armes Kind,
Und heilt voll Liebe wieder die wund und traurig sind!

Was soll für Seine Liebe denn unser Dank wohl sein?
Daß wir - aus freiem Triebe - Ihm fromm das Liebste weih´n,
Das Liebste, was wir haben, sobald Er es verlangt; -
Wohl sind´s oft harte Gaben, vor denen schwer uns bangt!

So sollt die größte Gabe auch ihr dem Himmel weih´n, -
Bald trägt man Euch zu Grabe das einz´ge Töchterlein,
Wer kann´s euch da verdenken, daß fast das Herz euch bricht, -
Bei solchen Christgeschenken fehlt´s wohl an Tränen nicht!

Doch sprecht - ob auch daneben das Aug´ in Tränen schwimmt:
"Gott hat sie uns gegeben, und Gott sie heut uns nimmt!
Sein Name sei gepriesen, Sein Wille, er gescheh´, -
Wir wollen nichts, als diesen, ob noch so heiß das Weh!"

So sprecht, ihr wunden Herzen in frommem Glauben heut, -
Weiht Gott heut eure Schmerzen, wo alle Welt sich freut,
Dem Gott, der uns gegeben Sein Kind in dieser Nacht,
Sei eures Kindes Leben zum Opfer jetzt gebracht!

Bald schwingt aus welker Hülle sich auf ihr sel´ger Geist,
Dort - in der Freuden Fülle - den Herrn sie lobt und preist,
Im Chor der Weihnachtsengel das Gloria sie singt,
Den weißen Lilienstengel zu Christkinds Thron sie bringt! -

Fahr´ wohl, du süße Blume, zu hold für diese Welt,
Blüh´ nun - zu Gottes Ruhme - bei Ihm im ew´gen Zelt,
Und schmück´ als Weihnachtsrose dort Christkinds Krippelein,
Das schönste aller Lose - bald ist´s für immer Dein!

Ach, hart zwar ist das Scheiden von dem, was heiß man liebt,
Doch selbst im tiefsten Leiden der Glaube Trost uns gibt;
Scheint trüb´ auch Welt und Leben sobald Dein Auge bricht,
So wollen wir erheben den Blick zum ew´gen Licht!

Schlägt einst dann uns´re Stunde - wär´s auch zur heil´gen Nacht! -
Dann komm und bring uns Kunde vom Reich der ew´gen Pracht,
Dann reich uns Deine Hände, führ uns zum Himmel ein, -
Dort dürfen ohne Ende wir dann beisammen sein!

 

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