Autor Thema: An die Freunde des Kreuzes - Ludwig Maria Grignion von Montfort  (Gelesen 817 mal)

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Ludwig Maria Grignion von Montfort, Goldendes Buch: Rundschreiben an die Freunde des Kreuzes

Einleitung
Heute, am letzten Tage meiner geistlichen Übungen , drängt es mich aus meiner Einsamkeit herauszutreten und einige leichte Kreuzespfeile auf dieses Papier zu zeichnen, um damit eure guten Herzen zu durchbohren. Möchte es Gott gefallen, dass ich, um sie zu schärfen, des Blutes meiner Adern, statt der Tinte meiner Feder bedürfte. Aber ach! Wenn es notwendig wäre, so ist mein Blut doch zu sündhaft dazu. Möge daher der Geist des lebendigen Gottes gleichsam das Leben, die Kraft und der Inhalt dieses Briefes sein; seine Salbung sei die Tinte meiner Schrift, das göttliche Kreuz sei meine Feder und euer Herz mein Papier.

1. Ermunterung der Kreuzesfreunde
Freunde des Kreuzes, ihr seid versammelt als mutige Soldaten des Gekreuzigten, um die Welt zu bekämpfen, nicht indem ihr sie flieht, wie die Ordensleute, aus Furcht, besiegt zu werden, sondern wie starke und tapfere Krieger auf dem Schlachtfeld, ohne einen Fußtritt zu weichen oder den Rücken zu kehren. Mut! Kämpfet tapfer! Vereinigt euch zu einem starken Bunde der Geister und Herzen, und dieser Bund ist unendlich stärker und furchtbarer für Welt und Hölle, als die inneren Streitkräfte eines fest geeinigten Reiches gegenüber den äußeren Feinden des Staates. Die Teufel vereinigen sich, um euch zu verderben: vereiniget ihr euch, um sie niederzuschmettern. Die Geizigen scharen sich zusammen, um Gold und Silber zu erhaschen und zu erwerben: vervielfältiget auch ihr eure Arbeit, um die Schätze der Ewigkeit zu erwerben, die im Kreuze eingeschlossen sind. Die ausgelassenen Weltkinder kommen zusammen, um sich zu belustigen: vereiniget ihr euch, um zu leiden. Ihr nennt euch Freunde des Kreuzes. Wie erhaben ist dieser Name! Ich gestehe, ich bin darüber entzückt und beglückt. Dieser Name ist glänzender als die Sonne, erhabener als die Himmel, glorreicher und prächtiger als die herrlichsten Titel der Kaiser und Könige; es ist der große Name Jesu Christi, des wahren Gottes und wahren Menschen zugleich; es ist der einzig richtige und unzweideutige Name eines Christen.

2. Bedeutung dieses Namens
Wenn ich aber von seinem Glanze entzückt bin, fühle ich mich nicht weniger von seinem Inhalt erschreckt. Welch unabweisbare und schwere Pflichten sind in diesen Namen eingeschlossen und in den Worten des Heiligen Geistes ausgesprochen: Genus electum, regale sacerdotium, gens sancta, populus acquisitionis, „ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, eine heilige Schar, ein erworbenes Volk.“ Ja, ein Freund des Kreuzes ist ein begnadeter Mensch, auserwählt unter Zehntausenden, die sich von ihren Sinnen und der bloßen Vernunft leiten lassen. Als ein übernatürlicher Mensch soll er leben im Lichte des reinen Glaubens und in brennender Liebe zum Kreuze. Ein Freund des Kreuzes ist ein allmächtiger König und ein Held, der über den Satan, die Welt und das Fleisch mit ihren Begierlichkeiten triumphiert. Durch seine Liebe zu den Verdemütigungen wirft er den Stolz Satans nieder, durch seine Liebe zur Armut besiegt er den Geiz der Welt und durch seine Liebe zum Leiden ertötet er die Sinnlichkeit des Fleisches. Ein Freund des Kreuzes ist ein heiliger Mensch, losgeschält von allem Sichtbaren, dessen Herz über alles Vergängliche und Hinfällige erhaben und dessen Wandeln im Himmel ist, der hienieden, wie ein Fremder und Pilger wandelt und die Erde, ohne ihr sein Herz zu schenken, nur mit dem linken Auge gleichgültig anblickt und sie in Verachtung mit Füßen tritt. Ein Freund des Kreuzes ist ein kostbare Eroberung des Erlösers, der auf dem Kalvarienberge in Vereinigung mit seiner Mutter gekreuzigt wurde; er ist ein Benjamin, ein Sohn des Schmerzes, geboren in seinem schmerzerfüllten Herzen, hervorgegangen aus seiner durchbohrten Seite und gerötet von seinem Blute. Infolge seines blutigen Ursprungs atmet er nur Kreuz, nur Blut, nur Tod für die Welt, das Fleisch und die Sünde, um hienieden ganz mit Jesus Christus in Gott verborgen zu sein. Ein vollkommener Freund des Kreuzes ist endlich ein wahrer Christusträger und ein zweiter Christus, so dass er in Wahrheit mit dem Apostel sagen kann: Vivo, iam non ego, vivit vero in me Christus (Gal 2,20), „ich lebe, nein, nicht mehr ich, es lebt Christus in mir.“

3. Die Verpflichtungen eines Kreuzesfreundes

Seid ihr, teure Freunde des Kreuzes, wirklich das, was euer großer Name besagt, oder habt ihr wenigstens wahre Sehnsucht und aufrichtigen Willen, mit Hilfe der Gnade Gottes im Schatten des Kreuzes auf Kalvaria und in Vereinigung mit der schmerzhaften Mutter es zu werden? Wendet ihr auch die dazu notwendigen Mittel an? Habt ihr den wahren Weg des Lebens, den schmalen und dornigen Weg nach Kalvaria betreten? Oder seid ihr vielleicht, ohne es zu merken, auf dem breiten Weg der Welt, der zum Verderben führt? Wisst ihr auch dass es Wege gibt, die dem Menschen gerade und sicher zu sein scheinen, aber doch zum Tode führen? Unterscheidet ihr auch die Stimme Gottes und seiner Gnade von den Lockrufen der Welt und der Natur? Höret ihr auf die Stimme Gottes, unseres guten Vaters, welcher nach seinem dreifachen Wehe über alle, die der Welt und dem Fleische dienen, – væ, væ, væ, habitantibus in terra – euch in Liebe und mit ausgebreiteten Armen zuruft: Separamini, popule meus, „trenne dich von ihnen, mein auserwähltes Volk, teure Freunde des Kreuzes meines Sohnes, trennet euch von den Weltkindern, die von meiner Majestät verflucht, von meinem Sohne ausgeschlossen und vom Heiligen Geiste verurteilt sind. Hütet euch, ihren verpesteten Lehrstuhl zu besteigen; wandelt nicht nach ihrem Rate, haltet euch auch nicht auf ihren Wegen auf. Fliehet hinweg aus dem großen schändlichen Babylon, höret nur auf die Stimme meines geliebten Sohnes und folget seinen Spuren; denn ihn habe ich euch gegeben, damit er euer Weg, eure Wahrheit, euer Leben und euer Vorbild sei: ipsum audite. Höret auf ihn, diesen liebenswürdigsten Jesus, welcher mit dem Kreuze beladen euch zuruft: Venite post me, „folget mir nach! Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in der Finsternis“; confidite, ego vici mundum, „vertrauet, ich habe die Welt überwunden.“

4. Die beiden Parteien

Erwäget, meine teuren Mitbrüder, diese beiden Parteien, welche Tag für Tag an euch herantreten, die Anhänger Jesu Christi und die Anhänger der Welt. Die Partei unseres liebenswürdigen Erlösers steht auf der rechten Seite und steigt auf schmalem und engem Wege um Himmel empor. Ihr guter Meister geht an der Spitze barfuß einher mit blutbesprengtem, mit Dornen gekröntem Haupte, mit zermartertem Leibe und mit einem schweren Kreuz. Nur ein Häuflein Getreuer hat er in einem Gefolge; es sind aber die tapfersten. Denn inmitten des Getümmels der Welt hören seine sanfte Stimme nur wenige. Andere haben nicht den Mut, ihm in seiner Armut, seinen Schmerzen, seinen Verdemütigungen und übrigen Kreuzen nachzufolgen, da man dies alles in seinem Dienste ausnahmslos alle Tage seines Lebens tragen müsste. – Auf der linken Seite wandelt die Partei der Welt oder des Teufels, welche zahlreicher, prächtiger und glänzender ist, wenigstens dem Anscheine nach. Die ganze schöne Welt läuft dort mit. Obgleich die Wege breit und geräumig sind, drängen sich die Massen und wälzen sich gleich Strömen dahin. Die Wege sind mit Blumen bestreut, mit Gold und Silber bedeckt und überall locken Stätten für Vergnügen, Tanz und Spiel.

I Die Jünger Christi
Auf der rechten Seite, bei der kleinen Herde, welche Jesu nachfolgt, spricht man von Tränen, Bußübungen, Gebet und Weltverachtung und hört Worte, die durch Schluchzen oft unterbrochen sind: „Lasst uns leiden, weinen fasten und beten. Lasst uns verborgen, demütig, arm und abgetötet sein. Wer nicht den Geist Christi hat, der da ist ein Geist des Kreuzes, kann unserem Meister nicht angehören. Wer sich Christus anschließt, muss sein Fleisch mit seinen Lüsten kreuzigen. Entweder dem Bilde Christi ähnlich sein oder verdammt werden! Mut! Rufen sie einander zu, Mut! Wenn Gott für uns, mit uns und vor uns ist, wer kann dann gegen uns sein? Gott, der in uns wohnt, ist stärker, als der Fürst dieser Welt. Der Diener ist nicht mehr als der Herr. Ein Augenblick leichter Trübsal bringt uns die Freuden ewiger Glorie. Es gibt weniger Auserwählte als man glaubt; nur die Mutigen und die sich Gewalt antun, reißen das Himmelreich an sich. Niemand wird gekrönt, der nicht gekämpft hat, wie das Evangelium, nicht etwa die Mode, es vorschreibt. Kämpfen wir also tapfer und laufen wir schnell, damit wir das Ziel erreichen und die Krone gewinnen!“ Das ist ein Teil der erleuchteten Aussprüche, mit denen sich die Freunde des Kreuzes gegenseitig ermuntern.

II Die Weltmenschen
Die Weltkinder dagegen suchen sich ihrerseits zur sorglosen Beharrlichkeit in ihrer Bosheit anzuspornen und rufen einander täglich zu: „Leben! Friede! Freude! Lasst uns essen, trinken, singen, tanzen und spielen: Gott ist gut; Gott hat uns nicht erschaffen, um uns zu verdammen; Gott verbietet nicht, uns zu belustigen; wir werden deshalb nicht verdammt werden, machen wir uns keine Skrupel; non moriemini etc., ihr werdet nicht sterben…“

5. Der Aufruf Jesu Christi
Erinnert euch, teure Mitbrüder, dass unser guter Jesus euch anblickt und jedem einzelnen sagt: Siehe, wie fast die ganze Welt mich auf dem königlichen Wege des Kreuzes verlässt! Die blinden Götzendiener spotten über mein Kreuz, als sei es eine Torheit; die verstockten Juden ärgern sich darüber, als über ein Zeichen des Anstoßes. Die Häretiker zerbrechen und zerschlagen es, als sei es der Verachtung preiszugeben. Was ich aber nur mit Tränen im Auge und mit schmerzerfülltem Herzen sagen kann, ist das, dass meine Kinder, die ich an meinem Herzen erzogen und in meiner Schule unterrichtet habe, dass meine Glieder, die ich mit meinem Geiste belebte, mich soweit verlassen und verachtet haben, dass sie Feinde meines Kreuzes werden. Numquid et vos vultis abire? Wollet auch ihr übrigen noch gehen und mich verlassen, indem ihr mein Kreuz fliehet, wie die Weltmenschen, welche in dieser Beziehung wahre Antichristen sind, antichristi multi? Wollet ihr euch dieser jetzigen Welt gleichförmig machen und die Armut meines Kreuzes verachten, um Reichtümern nachzueilen? Wollet auch ihr die Leiden meines Kreuzes meiden, um Vergnügungen aufzusuchen, und die Verdemütigungen meines Kreuzes hassen, um nach Ehren zu streben? Ich habe viele Freunde dem Scheine nach, die zwar laut bezeugen, dass sie mich lieben, in Wirklichkeit aber mich hassen, weil sie mein Kreuz nicht lieben; viele Freunde, die an meinem Tische sitzen wollen, aber wenige, die mein Kreuz nachtragen.

6. Die vier Kennzeichen der Jünger Jesu

Erheben und ermannen wir uns bei diesem liebeatmenden, wehmutsvollen Aufruf Jesu Christi! Lassen wir uns nicht von unserer Sinnlichkeit verführen, wie Eva! Schauen wir nur auf den Urheber und Vollender unseres Glaubens, auf Jesus Christus, den Gekreuzigten! Fliehen wir die bösen Begierlichkeiten dieser verdorbenen Welt; lieben wir Jesus Christus aufrichtig und treu, lieben wir ihn inmitten aller Arten von Kreuz! Erwägen wir immer jene wunderbaren Worte unseres liebenswürdigen Meisters, welche die ganze Vollkommenheit des christlichen Lebens enthalten: Si quis vult venire post me, abneget semetipsum et tollat crucem suam et sequatur me (Mt 16,24), „wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!“ Die ganze christliche Vollkommenheit besteht tatsächlich darin, 1. dass man ein Heiliger werden wolle: Wenn jemand mir nachfolgen will; 2. dass man sich selbst verleugne: der verleugne sich selbst; 3. dass man leide; nehme sein Kreuz auf sich; 4. dass man handle: und folge mir nach.

I. Fester Wille
Jesus sagt: Si quis, wenn jemand, d.h. wenn einer und nicht, wenn mehrere, um die kleine Zahl der Auserwählten anzudeuten, welche dem Gekreuzigten gleichförmig werden wollen, indem sie ihr Kreuz tragen. Die Zahl ist so klein, dass wir vor Schmerz erbleichen würden, wenn wir sie sähen; so gering, dass, wenn Gott die wahren Kreuzträger versammeln wollte, er ihnen zurufen müsste, wie er es einst durch den Mund des Propheten tat: Congregamini unus et unus: Versammelt euch, der eine nach dem andern, der eine aus dieser Provinz, der andere aus jenem Reich.
Si quis vult, wenn jemand will, d.h. wer einen wahren, aufrichtigen Willen hat, sich also nicht bestimmen lässt durch die Natur, die Gewohnheit, die Eigenliebe oder durch menschliche Rücksichten, sondern allein durch die wirksame Gnade des Heiligen Geistes, die nicht jedermann zu teil wird: non omnibus datum est nosse mysterium. Denn eine wahre Erkenntnis des Geheimnisses des Kreuzes ist nur wenigen gegeben. Ein Mann, der den Kalvarienberg besteigt und sich vor aller Welt mit Jesus an das Kreuz heften lassen will, muss ein heldenmütiger, ein entschlossener, für Gott begeisterter Mensch sein, der der Welt und der Hölle, seinem Körper und seinem eigenen Willen trotzt, der entschlossen ist, alles zu verlassen, alles zu unternehmen und alles zu leiden für Jesus Christus. Teure Freunde des Kreuzes, wer unter euch diese Entschlossenheit nicht besitzt, geht nur auf einem Fuße, fliegt nur mit einem Flügel und ist nicht würdig, ein Freund des Kreuzes genannt zu werden, des Kreuzes, das man mit Jesus Christus corde magno et animo volenti, „mit großem Herzen und willigem Mute“ lieben muss. Ein bloß halber Wille dieser Art könnte wie ein räudiges Schaf die ganze Herde verderben. Sollte ein solches unter euch sein, das durch die böse Pforte der Welt in euren Schafstall eingedrungen ist, so treibt es im Namen Jesu Christi, des Gekreuzigten, hinaus, wie einen Wolf, der in die Herde eingebrochen ist.

II. Selbstverleugnung
Si quis vult post me venire: wenn jemand mir nachfolgen will, mir, der ich mich so verdemütigt, so vernichtet habe, dass ich mehr einem Wurm als einem Menschen glich. Nur deshalb kam ich in die Welt, um das Kreuz zu umfangen, es „in die Mitte meines Herzens“ zu pflanzen, es „von meiner Jugend an zu lieben“. Nach ihm habe ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt, um es mit Freuden zu tragen und es allen Freuden und Vergnügungen des Himmels und der Erde vorzuziehen, und nicht eher war ich zufrieden, als bis ich in seiner Umarmung starb.

Wenn also jemand mir, dem Gekreuzigten, nachfolgen will, so rühme er sich, wie ich, nur noch seiner Armut, der Verdemütigungen und Leiden seines Kreuzes und abneget semetipsum, „verleugne sich selbst“. Ferne seien von der Gesellschaft der wahren Freunde des Kreuzes jene stolzen Kreuzträger, jene Weisen der Welt, jene großen Genies und starken Geister, die starrköpfig und aufgeblasen sind von ihrem Wissen und ihren Talenten. Ferne seien von ihnen jene großen Schwätzer, welche viel Lärm machen und keine andere Frucht hervorbringen, als Früchte der Eitelkeit. Ferne seien von ihnen jene stolzen Andächtigen, die überall das „Was mich anbelangt“ des stolzen Luzifer auf ihren Lippen führen und sich schmeicheln mit dem Gedanken: „Ich bin nicht wie die übrigen, welche nicht leiden können. Wenn man mich tadelt, entschuldige ich mich nicht, wenn man mich verdemütigt, erhebe ich mich nicht, wenn man mich angreift, verteidige ich mich nicht.“ Hütet euch wohl in eure Genossenschaft jene zartbesaiteten und empfindlichen Seelen aufzunehmen, welche jeden Nadelstich fürchten, beim geringsten Schmerz aufschreien und sich beklagen, welche nie das härene Gewand, das Cilicium und die Geißel oder andere Bußwerke gekostet haben und ihre Modeandachten mit einer übertünchten Empfindlichkeit und Weichlichkeit mischen.

III. Kreuzesliebe
Tollat Crucem suam, er trage sein Kreuz: Dieser starke, seltene Mann, der wertvoller ist als alle Schätze der Erde, nehme mit Freuden sein Kreuz auf sich, umarme es mit Liebe, trage es mit Mut auf seinen Schultern; sein Kreuz, nicht das eines andern; sein Kreuz, welches meine Weisheit ihm bereitet hat nach Zahl, Gewicht und Maß; sein Kreuz, welchem ich selbst in wohl erwogener Absicht seine vierfache Ausdehnung, seine Dicke, seine Länge, seine Breite und Tiefe gegeben habe. Er trage sein Kreuz, welches ich ihm von dem Kreuze geschnitten habe, das ich aus unendlicher Liebe zu ihm auf den Kalvarienberg getragen; sein Kreuz, als größtes Geschenk, das ich meinen Auserwählten auf Erden geben kann. Sein Kreuz nehme er auf sich, das in seiner Dicke aus dem Verlust irdischer Güter, aus Verdemütigungen, Verachtungen, Schmerzen, Krankheiten und geistigen Leiden zusammengesetzt ist, die von der Hand meiner Vorsehung ihm jeden Tag zukommen müssen; sein Kreuz, das in seiner Länge aus einer gewissen Zahl von Monaten und Tage besteht, in denen er von einer Verleumdung niedergedrückt, auf das Krankenbett ausgestreckt, an den Bettelstab gebracht, vielen Versuchungen der Trockenheit, Verlassenheit und anderen geistigen Leiden ausgesetzt sein muss; sein Kreuz, das in seiner Breite die härtesten und bittersten Erfahrungen von Seiten seiner Freunde, Dienstboten, Verwandten enthält; sein Kreuz endlich, das in seiner Tiefe die verborgensten Peinen birgt, mit denen ich ihn beladen werde, ohne dass er bei den Geschöpfen Trost findet, die ihm nach meiner Anordnung sogar den Rücken kehren und sich mit mir vereinigen, um ihm neue Leiden zu bereiten. Tollat, er möge das Kreuz tragen, nicht schleppen und nicht abschütteln, nichts davon wegschneiden und es nicht verbergen. Mit erhobenen Händen möge er es tragen, ohne Ungeduld, ohne Kummer und ohne Klage, ohne freiwilliges Murren, ohne Nachgiebigkeit und natürliche Schonung, ohne Scham und ohne menschliche Rücksicht. Tollat, er setze es auf seine Stirne, indem er mit St. Paulus spricht: Mihi absit gloriari nisi in cruce Domini nostri Jesu Christi (Gal 6,14), „ferne sei es von mir, mich zu rühmen, außer im Kreuze unseres Herrn Jesu Christi, meines Meisters.“ Er trage es auf seinen Schultern nach dem Beispiele Jesu Christi, damit das Kreuz für ihn die Waffe seiner Eroberungen und das Zepter seiner Herrschaft werde, imperium principatus eius super humerum eius. Endlich pflanze er es aus Liebe in sein Herz, um daraus einen Dornbusch zu machen, der Tag und Nacht von der reinsten Liebe Gottes brenne, ohne verzehrt zu werden.

IV. Buße
Crucem, das Kreuz möge er tragen, denn nichts ist so notwendig, so nützlich, süß und glorreich, als für Jesus Christus zu leiden. In der Tat, teure Freunde des Kreuzes, ihr seid alle Sünder: keiner ist unter euch, der nicht die Hölle verdient hätte, ich mehr als sonst jemand. Unsere Sünden müssen in dieser oder in der andern Welt gestraft werden; büßen wir sie in dieser Welt, so brauchen wir es nicht zu tun in der anderen. Straft Gott sie in dieser Welt mit unserer Zustimmung, so wird die Strafe liebevoll sein. Die Barmherzigkeit Gottes, die in dieser Welt herrscht, wird sie dann sühnen, nicht die strenge Gerechtigkeit; die Züchtigung wird leicht und vorübergehend, von Süßigkeit und Verdiensten begleitet sein und in Zeit und Ewigkeit Belohnungen im Gefolge haben. Bleibt aber die Züchtigung, die wir für unsere begangenen Sünden verdient haben, für die andere Welt aufbewahrt, so wird es die mit Blut und Feuer rächende Gerechtigkeit Gottes sein, welche dort züchtigt. Furchtbare Strafe, unaussprechliche, unbegreifliche Züchtigung! Wer kann die Macht Deines Zornes ermessen? Quis novit potestatem iræ tuæ? Eine Züchtigung ohne Barmherzigkeit, judicium sine misericordia, ohne Mitleid, ohne Trost, ohne Verdienst, ohne Grenzen und ohne Ende. Ja, ohne Ende; die Todsünde, die du in einem Augenblick begangen, dieser böse und freiwillige Gedanke, der deinem Gedächtnis entschwunden, jenes Wort, das der Wind davon getragen, diese unscheinbare Verfehlung gegen das Gesetz Gottes, die so kurze Zeit gedauert hat, wird die ganze Ewigkeit hindurch, so lange Gott Gott sein wird, mit den Teufeln in der Hölle gestraft werden, ohne dass der rächende Gott Mitleid hätte mit deinen furchtbaren Leiden, mit deinen Seufzern und deinen Tränen, welche Felsen zu spalten imstande wären. Immer leiden, ohne Verdienst, ohne Barmherzigkeit und ohne Ende! Ach, denken wir auch daran, meine teuren Brüder, wenn wir in dieser Welt ein wenig leiden müssen? Wie glücklich sind wir doch, die ewige, verdienstlose Strafe in eine vorübergehende, verdienstvolle umwandeln zu können, wenn wir unser Kreuz mit Geduld tragen! Wie viele Schulden haben wir noch nicht bezahlt! Wie viele Sünden haben wir begangen, für die wir selbst nach einer bitteren Reue und aufrichtigen Beichte im Fegfeuer ganze Jahrhunderte Sühne leisten müssten, weil wir uns in dieser Welt mit einigen sehr leichten Bußübungen begnügt haben! Ach, zahlen wir auf gütlichem Wege in dieser Welt, indem wir gern unser Kreuz tragen. In der anderen Welt wird alles nach Strenge bis auf das letzte unnötige Wort, bis zum letzten Heller bezahlt werden müssen. Wenn wir dem Teufel einmal das Buch des Todes entreißen könnten, in dem er alle unsere Sünden mit den ihnen gebührenden Strafen aufgezeichnet hat, welch große Schuld würden wir in der Rechnung finden, und wie würden wir entzückt sein, Jahre lang hienieden leiden zu dürfen, lieber als nur einen einzigen Tag in der anderen Welt!

7. Nur durch das Kreuz können wir in das Reich Gottes eingehen
Schmeichelt ihr euch nicht, liebe Freunde des Kreuzes, Freunde Gottes zu sein oder es werden zu wollen? Entschließet euch also, den Kelch zu trinken, der unbedingt getrunken werden muss, um ein Freund Gottes zu werden: Calicem Domini biberunt et amici Dei facti sunt, „sie haben den Kelch des Herrn getrunken und sind Freunde Gottes geworden.“ Der innigstgeliebte Benjamin hatte den Kelch, und seine Brüder hatten nur den Weizen; der große Liebesjünger Jesu Christi folgte dem Drange seines Herzen, stieg mit auf den Kalvarienberg und trank aus dem Kelch. Potestis bibere calicem? „Könnet ihr den Kelch trinken?“ Gut ist es, die Ehre Gottes zu wünschen; aber sie zu wünschen und zu erbeten, ohne sich zu entschließen, alles aus Liebe zu ihr zu leiden, ist ein törichter und alberner Wunsch: denn nescitis quid petatis, „ihr wisset nicht, um was ihr bittet…“ Oportet per multas tribulationes, man muss es durch viele Trübsale zu erflehen suchen. Oportet, heißt es, man muss, es ist unbedingt notwendig und unerlässlich, durch viele Trübsale und Kreuze ins Himmelreich einzugehen. Mit Recht rühmt ihr euch, Kinder Gottes zu sein; rühmet euch also auch der Geißelstreiche, welche dieser gute Vater euch gegeben hat und in Zukunft noch geben wird, denn er züchtigt alle seine Kinder. Wenn ihr nicht zur Zahl seiner vielgeliebten Kinder gehöret, so gehöret ihr – welches Unglück, welcher Blitzstrahl! – so gehöret ihr nach den Worten des hl. Augustinus – zur Zahl der Verdammten. Wer in dieser Welt nicht seufzt wie ein Pilger und Fremder, wird sich in der anderen Welt auch nicht freuen als ein Himmelsbürger, sagt derselbe hl. Augustinus. Wenn Gott der Vater euch nicht von Zeit zu Zeit einige gute Kreuze schickt, so beweist dies, dass er eurer nicht mehr gedenkt oder gegen euch erzürnt ist. Er betrachtet euch nur noch wie Fremdlinge, die außer seinem Hause und nicht unter seinem Schutze sind, wie Stiefkinder, die an der Erbschaft des Vaters keinen Anteil haben und deswegen auch seine Pflege und Zurechtweisung nicht erfahren.

8. Die Wissenschaft des Kreuzes

Freunde des Kreuzes, Schüler eines gekreuzigten Gottes, die Lehre des Kreuzes ist ein Geheimnis, das den Heiden verborgen, von den Juden verworfen, von den Häretikern und den schlechten Katholiken verachtet wird, aber trotzdem ein großes Geheimnis ist, das man nur in der Schule Jesu Christi lernen kann. Vergebens werdet ihr in allen Hochschulen des Altertums einen Philosophen suchen, der es gelehrt hätte, vergebens die Erfahrung der Sinne und das Licht der Vernunft zu Rate ziehen: Jesus Christus allein kann euch mittels seiner siegreichen Gnade dieses Geheimnis lehren und seine Süßigkeit verkosten lassen. Suchet daher Fortschritte zu machen in dieser erhabenen Wissenschaft unter der Leitung eines so großen Lehrers; bald werdet ihr alle anderen Wissenschaften erlangen, denn sie schließt alle anderen in höherer Weise in sich ein. Das ist die Frucht unserer natürlichen und übernatürlichen Philosophie, und das Ergebnis unserer göttlichen und geheimnisvollen Theologie. Das ist der Stein der Weisen, der bei geduldigem Ausharren das roheste Metall in Edelsteine, die ärgsten Schmerzen in Wonne, die Armut in Reichtum, die tiefsten Verdemütigungen in Ehre verwandelt. Wer unter euch am besten sein Kreuz zu tragen weiß, ist, selbst wenn er das ABC nicht könnte, der weiseste von allen. Höret den großen hl. Paulus, welcher bei seiner Rückkehr aus dem dritten Himmel, wo er Geheimnisse schaute, die selbst Engeln verborgen sind, beseligt ausrief, dass er nichts anderes wissen wolle, als nur Jesus Christus, den Gekreuzigten. Freue dich, du einfacher, ungelehrter Mann, du arme Frau ohne Talent und ohne Wissenschaft! Wenn du mit Freuden zu leiden weißt, weißt du mehr als der gelehrteste Doktor der Sorbonne, der nicht so gut wie du zu leiden versteht. Ihr seid wahrhaft Glieder des Leibes Christi. Welche Ehre! Wie notwendig ist es aber für euch, in dieser Eigenschaft zu leiden. Das Haupt ist mit Dornen gekrönt, und die Glieder sollten mit Rosen geschmückt sein? Das Haupt wird angespien und auf dem Kreuzweg mit Kot beworfen, und die Glieder sollen sich auf dem Throne mit wohlriechenden Spezereien umgeben? Das Haupt hat kein Kissen, um darauf auszuruhen, und die Glieder sollten weichlich auf Federn und Flaum gebettet sein? Das wäre ein unerhörter Widerspruch, eine sonderbare Missgestalt. Nein, teure Freunde des Kreuzes, täuschet euch nicht! Jene Christen, dir ihr überall sehet, nach der Mode gekleidet, fein geschmückt, gebildet und eingebildet bis zum Übermaß, sind nicht die wahren Jünger, noch die wahren Glieder Jesu Christi, des Gekreuzigten. Ihr würdet diesem mit Dornen gekrönten Haupte und der Wahrheit des Evangeliums einen Schimpf antun, wenn ihr das Gegenteil glauben würdet. O mein Gott, wie viele Scheinchristen gibt es, welche sich für Glieder des Erlösers ausgeben, in Wahrheit aber seine Verräter und Verfolger sind, weil sie zwar mit der Hand das Zeichen des Kreuzes machen, in ihrem Herzen aber seine Feinde sind. Wenn du vom gleichen Geiste geleitet wirst, wenn du ein ähnliches Leben führst wie Jesus Christus, dein ganz mit Dornen gekröntes Haupt, so mache dich auf Dornen, auf Geißelhiebe und Nägel, mit einem Worte, auf das Kreuz gefasst. Denn es ist notwendig, dass die Schüler behandelt werden wie die Lehrer, die Glieder wie das Haupt. Und wenn der Himmel dir, wie der hl. Katharina von Siena, eine Dornenkrone und eine Rosenkrone anbieten würde, so wähle wie sie, ohne Bedenken, die Dornenkrone und drücke sie auf dein Haupt, um Jesus Christus ähnlich zu sein.

9. Nur durch das Kreuz gelangen wir zur Vollkommenheit
Ihr wisset wohl, meine Freunde, dass ihr lebendige Tempel des Heiligen Geistes seid, und dass ihr einst als lebendige Steine von diesem Gott der Liebe zum Baue des himmlischen Jerusalem verwendet werden sollet. Machet euch deswegen darauf gefasst, mit dem Hammer des Kreuzes behauen und gemeißelt zu werden, sonst würdet ihr rohe Steine bleiben, die man nicht gebrauchen kann, die man bei Seite wirft und verachtet. Hütet euch, gegen den Hammer auszuschlagen, der euch zurechtschlägt; gebet acht auf den Meißel, der vielleicht, und die Hand, die euch dreht. Vielleicht will dieser gewandte und liebevolle Baumeister aus euch einen der ersten Steine an seinem ewigen Baue, eine der schönsten Figuren seines himmlischen Königreiches machen. Lasset ihn gewähren, er liebt euch, er weiß, was er tut, er hat Erfahrung; alle seine Schläge treffen sicher und sind mit Liebe gegeben; er tut keinen Fehlschlag, wenn man ihn nicht durch Ungeduld nutzlos macht. Der Heilige Geist vergleicht das Kreuz bald mit einem Siebe, in dem der gute Weizen von Stroh und Unrat gereinigt wird. Lasset euch ohne Widerstreben wie den Weizen im Siebe hin- und herwerfen; ihr seid ja im Siebe des Familienvaters, bald werdet ihr in seiner Scheune sein. Bald vergleicht er es mit einem Feuer, das durch die Glut seiner Flamme den Rost des Eisens verzehrt. Unser Gott ist ein verzehrendes Feuer, das durch Kreuz und Leid in einer Seele bleibt, um sie zu reinigen, ohne sie zu verzehren, wie einst im brennenden Dornbusch. Schließlich vergleicht der Hl. Geist das Kreuz mit einem Feuerofen, in welchem das gute Gold geläutert wird, indem es geduldig die Feuerprobe besteht, das falsche Gold sich aber gegen die Flammen zu wehren sucht und in Rauch vergeht. Im Feuerofen der Trübsal und in der Versuchung reinigen sich die wahren Freunde des Kreuzes durch ihre Geduld, während seine Feinde durch ihre Ungeduld und ihr Murren im Rauch zu Grunde gehen.

10. Alle Gerechten müssen leiden
Schauet hin, meine teuren Freunde des Kreuzes, auf die große Zahl von Zeugen, welche schweigend beweisen, was ich euch sage. Blicket hin auf den gerechten Abel, der von seinem Bruder getötet wird, auf Abraham, der als Fremdling auf Erden wandelt, oder auf den gerechten Lot, der aus seinem Lande verbannt ist. Schauet hin auf den frommen Jakob, der von seinem Bruder verfolgt, auf den tugendhaften Tobias, der mit Blindheit geschlagen, und auf den geduldigen Job, der verarmt, verdemütigt und vom Kopf bis zum Fuß mit dem Aussatz beschlagen wird. Betrachtet das Leben der Apostel und Märtyrer, die mit ihrem Blute den Erdboden gerötet haben, und den Wandel so vieler verarmter, verdemütigter, verbannter, verstoßener Jungfrauen und Bekenner, die alle mit dem hl. Paulus ausrufen: „Sehet hin auf unseren guten Jesus, den Urheber und Vollender des Glaubens, den wir ihm und seinem Kreuz entgegenbringen. Er musste leiden, um durch das Kreuz in seine Herrlichkeit einzugehen. Sehet, wie neben Jesus, dem Gekreuzigten, ein Schwert des Schmerzes auch das zarte und unschuldige Herz Mariä durchbohrt, die nicht nur von der Erbsünde, sondern auch von jeder persönlichen Sünde frei geblieben ist. Könnte ich mich doch über die Leiden des einen oder anderen Heiligen verbreiten, um zu zeigen, dass unsere Leiden im Vergleich zu den ihrigen nichts sind! Wer von uns möchte sich nach dieser Erwägung noch sträuben, sein Kreuz willig auf sich zu nehmen? Wer würde nicht gern zu dem Orte eilen, wo das Kreuz seiner wartet und mit dem hl. Märtyrer Ignatius ausrufen: „Feuer, Martern, wilde Tiere, alle Qualen des Teufels mögen über mich kommen, damit ich Jesus Christus genieße.“

11. Willig oder unwillig, wir müssen das Kreuz tragen
Wenn ihr aber trotz alledem nicht geduldig leiden, euer Kreuz nicht mit Ergebung tragen wollt, wie die Auserwählten es getan haben, so müsset ihr es gleichwohl ertragen, wenn auch mit Murren und Ungeduld, wie es bei den Verworfenen der Fall ist. Ihr werdet dann jenen beiden Tieren gleichen, welche unter Gebrüll die Bundeslade zogen; ihr werdet dem Simon von Cyrene nachahmen, der gegen seinen Willen die Hand an das Kreuz Jesu Christi legte und es mit Murren trug; es wird euch endlich ergehen, wie dem bösen Schächer, der von der Höhe des Kreuzes in den Abgrund der Hölle fiel. Nein, diese verfluchte Erde, auf der wir leben, kann keine Menschen selig machen; in diesem Lande der Finsternis kann niemand das Licht der Wahrheit klar erkennen. Auf diesem stürmischen Meere sind wir nie in voller Ruhe, auch nie ohne Kampf an dieser Stätte der Versuchung und dauernden Ringens mit den Mächten der Finsternis. Selbst vor Verletzungen können wir auf die Dauer nicht sicher sein auf dieser mit Dornen bedeckten Erde: kurz, die Auserwählten wie die Verworfenen müssen hier in gleicher Weise, ob sie wollen oder nicht, ihr Kreuz tragen. Daher wähle dir eines der Kreuze, die du auf Kalvaria siehst; wähle weise, denn du musst leiden entweder als Heiliger oder als Büßer oder als Verworfener, der niemals Ruhe findet. Wenn du nicht mit Freuden leidest, wie Jesus Christus, oder mit Geduld, wie der gute Schächer, so musst du dennoch leiden, wie der böse Schächer. Bis zur Hefe musst du dann den bittersten Kelch trinken, ohne irgend einen Trost der Gnade zu haben, die ganze Last deines Kreuzes musst du auf dich nehmen, ohne auf die mächtige Hilfe Jesu Christi zählen zu können. Sogar jene verhängnisvolle Last musst du noch tragen, welche der Teufel deinem Kreuze hinzufügt durch die Ungeduld, in die er dich verstrickt, bis du unglücklich, wie der böse Schächer, auch noch in der Ewigkeit mit ihm in den Flammen der Hölle vereinigt wirst.

12. Süßigkeit des Kreuzes
Wenn du dagegen leidest, weil und wie Gott es will, so wird das Kreuz zu einem süßen Joch, welches Jesus Christus mit dir tragen wird; es wird deiner Seele Flügel geben, mit denen du dich zum Himmel schwingst; es wird zum Mastbaum des Schiffleins, das dich glücklich und leicht in den Hafen des Heiles bringt. Trage dein Kreuz mit Geduld, so wirst du Licht finden in so mancher geistigen Finsternis; denn was weiß der, welcher durch Versuchung nicht gelitten hat? Trage dein Kreuz mit Freuden, und du wirst mit dem Feuer der göttlichen Liebe entzündet werden; denn niemand lebt ohne Leiden in der reinen Liebe des Heilandes. Man pflückt Rosen nur unter den Dornen; das Kreuz allein bietet der Liebe Gottes Nahrung, wie das Holz dem Feuer. Erinnere dich des schönen Ausspruchs der Nachfolge Christi: „Je mehr du dir Gewalt antust im geduldigen Leiden, desto mehr wirst du in der Liebe Jesu Christi Fortschritte machen.“ Erwarte nichts Großes von jenen verzärtelten und trägen Seelen, die das Kreuz von sich stoßen, wenn es ihnen naht, und nie daran denken, es freiwillig auf sich zu nehmen. Eine solche Seele gleicht einem unbebauten Acker, der nur Unkraut hervorbringt, weil er nicht von weiser Hand gepflügt und umgegraben wird. Sie ist wie ein stehendes, faulendes Wasser, welches weder zum Waschen noch zum Trinken taugt. – Trage dein Kreuz mit Freuden, du wirst eine siegreiche Macht in ihm finden, der keiner deiner Feinde widerstehen kann und du wirst dabei einen Trost verkosten, dessen Süßigkeit mit nichts verglichen werden kann. Ja, meine Brüder, wisset, dass das wahre irdische Paradies darin besteht, etwas für Jesus Christus leiden zu können. Frage alle Heiligen und sie werden dir antworten, dass sie ihrer Seele nie ein kostbareres Mahl bieten konnten, als wenn sie die größten Qualen ertragen durften. „Mögen alle Qualen des Teufels sich über mich ergießen“, sagte der hl. Märtyrer Ignatius. „Leiden oder sterben“, sagte die hl. Theresia. Und „nicht sterben, sondern leiden“, rief die hl. Magdalena von Pazzis aus. „Leiden und um Deinetwillen, o Jesus, verachtet werden“, sagte der hl. Johannes vom Kreuz; und wie viele andere sprachen sich in ähnlicher Weise aus. Ja, der Hl. Geist selbst bezeugt, dass das Kreuz, welches man mit Freuden trägt, für viele die Ursache mannigfacher Wonne ist. Die Freude, die vom Kreuze kommt, ist unvergleichlich größer als das Glück eines Armen, der unversehens mit aller Art von Reichtümern überhäuft wird, oder eines Bauern, den man auf den Thron erhebt, größer als die Freude eines Kaufmannes, der Millionen gewinnt, oder eines Generals, der glorreiche Siege davonträgt, größer als die Freude der Gefangengen, die von ihren Ketten befreit werden. Ja, man stelle sich sonst noch alle möglichen Freuden vor: die Freude einer gekreuzigten Person, die in der rechten Gesinnung leidet, schließt alle anderen Freuden in sich, überragt sie alle.

13. Das Kreuz ist das größte Geschenk Gottes
Freuet euch deshalb und frohlocket, wenn Gott euch irgend ein gutes Kreuz zu teil werden lässt, denn das größte Gut, das es im Himmel und in Gott selber gibt, ist euch damit zugefallen, ohne dass ihr es bemerktet. Welch großes Geschenk Gottes ist doch das Kreuz! Wenn ihr das fassen könntet, würdet ihr Messen lesen lassen, neuntägige Andachten auf den Gräbern der Heiligen halten und lange Wallfahrten unternehmen, wie die Heiligen es getan, um dieses göttliche Geschenk vom Himmel zu erflehen. – Die Welt nennt das Kreuz eine Torheit, eine Schmach, eine Dummheit, eine Unbesonnenheit, eine Unklugheit. Lasset sie reden, diese Blinden! Ihre Blindheit, in der sie als irdisch gesinnte Menschen des Kreuzes Freuden nicht erkennen, verschafft uns neuen Ruhm, wenn sie uns durch ihre Verachtung oder Verfolgung irgend ein neues Kreuz zu bereiten trachten; sie geben uns Edelsteine, sie setzen uns auf den Thron, sie krönen uns mit Lorbeeren. Was sage ich? Alle Reichtümer, alle Ehren, Zepter, und glänzenden Kronen der Machthaber und Kaiser sind nichts im Vergleich zur Herrlichkeit des Kreuzes; es übertrifft, wie der hl. Johannes Chrysostomus sagt, selbst die Glorie der Apostel und Evangelisten. „Gern würde ich den Himmel verlassen, wenn es mir anheim gestellt würde“, sagt vom Heiligen Geiste erleuchtet derselbe Heilige, „um für den Gott des Himmels etwas leiden zu können. Die Kerker und Gefängnisse würde ich den Thronen des Himmelreiches vorziehen; nach der Glorie der Seraphim würde ich mich nicht so sehr sehnen als nach den größten Kreuzen. Die Gabe der Wunder, womit man den Teufeln gebietet, die Elemente erschüttert, die Sonne aufhält, und den Toten das Leben gibt, halte ich für nicht so hoch, als die Ehre der Leiden. Die hhl. Apostel Petrus und Paulus sind im Kerker mit ihren Fußketten glorreicher, als wenn sie sich in den dritten Himmel erheben oder die Schlüssel des Paradieses erhalten.“ In der Tat, ist es nicht das Kreuz, das dem Erlöser einen Namen gegeben hat, der über alle Namen ist, dass „im Namen Jesu alle Knie sich beugen müssen im Himmel, auf Erden und unter der Erde“? Der Ruhm eines Menschen, der in der rechten Weise leidet, ist so groß dass der Himmel die Engel, die Heiligen und selbst der dreieinige Gott ihn mit Freuden als das herrlichste Schauspiel betrachten, und wenn die Heiligen einen Wunsch hätten, so wäre es dieser, auf die Erde zurückzukehren und das Kreuz zu tragen.

14. Lohn im Himmel
Wenn aber diese Glorie schon auf Erden so groß ist, wie herrlich wird die Glorie sein, die das Kreuz im Himmel verdient? Wer wird je die ewige Wonne und die Herrlichkeit begreifen und erklären, die in uns ein einziger Augenblick eines freudig getragenen Kreuzes bewirken wird? Welchen Lohn wird erst ein Kreuz uns bringen, das ein ganzes Jahr, manchmal ein ganzes Leben hindurch in Leiden und Schmerzen getragen wurde? Fürwahr, teure Freunde des Kreuzes, der Himmel bereitet euch auf Großes vor, weil der Heilige Geist euch mit dem Kreuz so eng vereinigt hat, das die ganze Welt mit größter Sorgfalt flieht. Gott will euch fürwahr als Freunde des Kreuzes zu Heiligen machen, wenn ihr eurem Berufe treu bleibt und wie Christus in rechter Weise das Kreuz tragt.

15. Wie man das Kreuz tragen soll
Es reicht nämlich nicht aus, zu leiden: der Teufel und die Welt haben auch ihre Märtyrer. Man muss leiden und sein Kreuz tragen, indem man den Fußstapfen Jesu Christi nachfolgt; sequatur me, er folge mir nach, d.h. er trage das Kreuz, wie Jesus es getragen hat. Ihr Freunde des Kreuzes müsst deshalb folgende Regel beobachten:

1. Man darf sich nicht aus eigener Schuld ein Kreuz zuziehen
Verschaffet euch nicht absichtlich und aus eigener Schuld Kreuz und Leid, wie ihr ja auch das Böse nicht tun sollet, um Reue darüber erwecken zu können. Ohne besondere Eingebung soll man auch seine Werke nicht deswegen schlechter verrichten, um sich dadurch die Verachtung der Menschen zuzuziehen. Man soll vielmehr Jesus Christus nachfolgen, von dem es heißt, dass er alles gut gemacht hat, nicht aus Eigenliebe oder Eitelkeit, sondern um Gott zu gefallen und den Nächsten zu gewinnen. Wenn ihr eure Pflichten so gut wie nur möglich erfüllet, so wird es sowieso an Widerspruch, Verfolgung und Verachtung nicht fehlen, welche die göttliche Vorsehung euch gegen euren Willen und ohne eure Wahl zuschicken wird.

2. Immer die Liebe bewahren
Wenn ihr ein an sich gleichgültiges Werk vollbringet, worüber sich der Nächste, wenn auch mit Unrecht, ärgert, so enthaltet euch desselben aus Liebe, um das „Ärgernis der Kleinen“ zu verhindern. Dieser heroische Akt der Liebe ist mehr wert, als das, was ihr tut oder tun wollet. Wenn jedoch das Gute, was ihr tut, euch für den Nächsten notwendig oder gar nützlich erscheint, eine pharisäische und böswillige Seele sich aber mit Unrecht darüber ärgert, so fraget einen weisen Führer um Rat, um zu erfahren, ob es wirklich zum Wohle des Nächsten notwendig oder wenigstens nützlich sei. Wenn er es bejaht, so fahret ruhig damit fort, und lasset die andern reden, was sie wollen, wenn sie euch nur gewähren lassen. Bei solchen Gelegenheiten saget euch, was unser Herr einigen seiner Jünger antwortete, als sie kamen und ihm sagten, dass die Pharisäer an seinen Worten und Handlungen Ärgernis nähmen: „Lasset sie, sie sind blind!“

3. Die Heiligen sind zu bewundern, nicht immer nachzuahmen
Wenn es mitunter Heilige gegeben hat oder andere hervorragende Personen, die um Kreuz und Leid, Verachtung und Verdemütigung gebetet und danach gesucht, bisweilen sogar durch ein absonderliches Verhalten sich derartiges selbst verschafft haben, so sollen wir die außerordentliche Wirkung des Heiligen Geistes in solchen Seelen wohl anerkennen und bewundern und uns beim Anblick so erhabener Tugend vor uns selbst verdemütigen. Zur Nachahmung ihres Beispiels sind wir indes keineswegs verpflichtet, nicht einmal befugt, da wir nicht so hoch fliegen können wie sie und im Vergleich zu diesen schnellen Adlern und diesen brüllenden Löwen nur furchtsame Hasen und lahme Hunde sind.

4. Um die Weisheit des Kreuzes beten
Ihr könnt und sollt jedoch um die Weisheit des Kreuzes bitten, zumal sie die Wahrheit durch die süßesten Erfahrungen bekräftigt, und die verborgensten Geheimnisse im Lichte des Glaubens schauen lässt. Diese geheimnisvolle Wissenschaft des Kreuzes erlangt man aber nur durch mühevolle Arbeit, tiefe Verdemütigungen und eifrige Gebete. Gewiss sehnet auch ihr euch danach, euer Kreuz mit Mut zu tragen und den Bitterkeiten des Lebens einen süßen Geschmack abzugewinnen. Gewiss verlangt auch ihr nach jenem starken Geist der Wissenschaft des Kreuzes, der bei allem Leid nur Gott sucht und seine Vaterhand auch in schwerster Heimsuchung dankbar küsst. Wollet ihr wahrhaft diesen Geist erwerben, der die Seele der Freundschaft Gotte würdig macht, so bittet beharrlich, vertrauensvoll und stark darum. Unfehlbar werdet ihr ihn erwerben und aus kurzer Erfahrung klar erkennen, wie es möglich ist, dass man das Kreuz verlangen, suchen und freudig tragen kann.

5. Aus seinen Fehlern Nutzen ziehen
Wenn ihr aus Unwissenheit oder selbst aus eigener Schuld einen Fehler begangen habt, der euch Kreuz und Leid bereitet, so verdemütigt euch sofort unter der mächtigen Hand Gottes, ohne euch zu beunruhigen, indem ihr innerlich sagt: „Das ist, o Herr, wieder einer meiner Streiche.“ Und wenn in dem Fehler, den ihr begangen habt, eine Schuld verborgen liegt, so nehmet die daraus folgende Verdemütigung gerne als Buße und Verdemütigung hin. Liegt aber keine Schuld vor, so nehmet sie als Verdemütigung eures Stolzes bereitwillig entgegen. Oft, ja sehr oft lässt Gott zu, dass seine größten Diener, welche im Gnadenleben am höchsten stehen, auch selbst törichte Fehler begehen, um sie in ihren Augen und vor den Menschen zu verdemütigen, um sie vor stolzen Gedanken zu bewahren, welche die Erinnerung an reiche Gnaden, die sie erhielten oder an das Gute, das sie getan, in ihnen allzu leicht hervorrufen könnte, damit „kein Fleisch sich rühme vor dem Herrn“.

6. Gott muss sein Werk vor uns verbergen
Seid überzeugt, dass alles, was in uns ist, durch die Sünde Adams und unsere persönlichen Sünden ganz verdorben ist. Nicht nur die Sinne des Körpers, auch alle Kräfte der Seele haben durch die Sünde gelitten. Sobald daher unser verdorbener Geist eine Gabe Gottes, die ihm verliehen wurde, mit Überlegung und Selbstgefälligkeit ansieht, wird dieses Geschenk, diese Handlung oder Gnade beschmutzt und verdorben, sodass Gott seine heiligen Augen davon abwendet. Wenn die Blicke und Gedanken des menschlichen Geistes die besten Handlungen und die göttlichsten Gaben in dieser Weise verderben, was sollen wir erst von den Handlungen unseres eigenen Willens sagen, welche noch verdorbener sind, als die des Geistes? So soll es uns also nicht Wunder nehmen, wenn Gott mit Vorliebe die Seinigen als Geheimnisse seines Schauens verbirgt, damit sie weder durch die Blicke des Menschen, noch durch eitle Selbstbetrachtung beschmutzt werden. Und um sie so zu verbergen, was lässt dieser eifersüchtige Gott nicht alles zu? Wie viele Verdemütigungen verschafft er ihnen? In wie viele Fehler lässt er sie fallen? Von welchen Versuchungen lässt er sie bestürmt werden, wie einen hl. Paulus? In welcher Unsicherheit und Finsternis hält er sie gefangen? O, wie wunderbar ist doch Gott in seinen Heiligen und in den Wegen, auf denen er sie zur Demut und Heiligkeit führen will.

7. In welcher Gesinnung wir leiden sollen
Nehmet euch in acht, zu glauben, wie es stolze und hoffärtige Frömmler tun, dass euer Kreuz ein großes sei, den Beweis eurer Treue und Gewissenhaftigkeit erbringe und euch als deutliches Zeichen dafür diene, dass Gott besondere Liebe zu euch hege. Dieser Fallstrick geistigen Stolzes ist zwar sehr fein und zart, aber auch sehr gefährlich und verhängnisvoll. Seid fest davon überzeugt, dass euer Stolz und eure Eigenliebe euch nur zu leicht verleiten, einen Strohhalm für einen Balken, einen Hautritz für eine schwere Wunde, eine Maus für einen Elefanten, ein kleines, in die Luft gesprochenes Wort, ein Nichts für eine schreckliche Beschimpfung und grausame Beleidigung zu halten. Bedenket, dass die Kreuze, welche Gott euch schickt, mehr liebevolle Züchtigungen für eure Sünden sind, wie es tatsächlich der Fall ist, als Beweise besonderer Gunst von Seiten Gottes. Seid versichert, dass Gott, mag er auch noch so viel Kreuz und Verdemütigung schicken, euch doch noch unendlich mehr schont im Hinblick auf die Zahl und Größe eurer Sünden, die ihr doch im Lichte der Heiligkeit Gottes betrachten solltet, welche nichts Unreines duldet, von euch aber aufs gröbste verletzt wurde. Erwäget nur das Maß und die Schwere eurer Sünden, Fehler und Mängel angesichts eures am Kreuze sterbenden und wegen eurer Missetaten mit Schmerzen beladenen Gottes und angesichts einer ewigen Hölle, die ihr tausendmal, vielleicht zehntausendmal verdient habt. Bedenket schließlich, dass ihr mit der Geduld, womit ihr euer Kreuz traget und leidet, mehr Menschliches und Natürliches vermengt, als ihr ahnet und glauben möget. Dafür zeugen jene kleinen Schonungen, die ihr euch mit Vorbedacht zu verschaffen sucht, das Verlangen, euer Herz klagend bei euren Freunden oder eurem Seelenführer auszuschütten, jene feinen Selbstentschuldigungen, jene mit christlichen Beschwichtigungen bemäntelten Verleumdungen derer, die euch ein Unrecht zugefügt haben, jene verschiedenartigen Kunstgriffe zarter Selbstgefälligkeit bei euren Leiden, jener von teuflischen Hochmut eingegebene Glaube, dass ihr etwas Großes seid… Ich wäre noch nicht am Ende, wenn ich hier alle Winkelzüge der natürlichen Eigenliebe selbst bei Leiden beschreiben wollte.

8. Wert der kleinen Kreuze
Mache dir die kleinen Kreuze noch nutzbarer als die großen. Gott schaut ja nicht so sehr auf die Größe der Leiden, als auf die Art und Weise, wie man leidet. Viel leiden und dabei schlecht leiden, heißt leiden wie ein Verdammter. Viel und mit Mut leiden, aber für eine schlechte Sache, heißt als Märtyrer Satans leiden. Wenig oder viel, aber für Gott leiden, heißt als Heiliger leiden. Wenn man sich sein Kreuz einmal wählen kann, soll man lieber die kleinen und verborgenen als die großen und in die Augen fallenden wählen. Wer von Natur aus stolz ist, mag nach den großen und auffälligen Kreuzen verlangen, sie suchen, sogar wählen und umfassen; aber kleine und verborgene Kreuze wählen und mit Freuden tragen, das kann nur die Wirkung einer großen Gnade und Treue gegen Gott sein. Handelt demnach wie er Kaufmann mit seiner Geldkasse; benützt alles, verlieret kein Stückchen vom rechten Kreuz, wäre es auch nur ein Fliegen- oder Nadelstich oder etwas Widerwärtiges von Seiten des Nachbarn, eine kleine Beleidigung durch Verachtung, der kleine Verlust eines Pfennigs, eine kleine Seelenunruhe, ein kleines körperliches Unbehagen, ein kleiner Schmerz usw. Ziehet aus allem Gewinn, wie der Kaufmann in seinem Laden und ihr werdet bald reich sein an Verdienst vor Gott wie jener an Geld, indem er Pfennig für Pfennig in seiner Kasse hinterlegt. Bei der kleinsten Widerwärtigkeit, die euch begegnet, saget: Gott sei gelobt! Mein Gott, ich danke Dir. Dann berget im Gedächtnis Gottes gleichsam, wie in einem Goldschrank das Verdienst eures Kreuzes und denket nicht mehr daran, es sei denn, um Gott von neuem zu danken und euch seiner Barmherzigkeit zu empfehlen.

9. Mit welcher Liebe wir das Kreuz lieben müssen
Wenn ich euch sage, ihr sollt das Kreuz lieben, so meine ich selbstredend damit nicht eine sinnliche Liebe, welche ja unnatürlich wäre. Ihr müsst vielmehr wohl drei Arten von Liebe unterscheiden: die sinnliche Liebe, die vernünftige Liebe und die ideale Liebe, oder besser gesagt: die Liebe des niederen Menschen oder die Liebe des Fleisches, ferner die Liebe des höheren Menschen oder die Liebe der natürlichen Vernunft, schließlich die Liebe der höchsten Seelenkräfte, die vom übernatürlichen Glauben durchleuchtet und durch die Gnade veredelt sind. Gott verlangt von euch nicht, dass ihr das Kreuz mit den niederen Gefühlen des Fleisches liebt. Da diese in sich verdorben und leicht sündhaft sind, so ist alles, wonach sie verlangen, nur zu leicht der Seele schädlich und Gott missfällig. Als sich daher beim Heilande diese niederen Gefühle im Garten Gethsemane vor seinem bitteren Leiden und Sterben geltend machen wollten, betete er: „Mein Vater, Dein Wille geschehe und nicht der meinige.“ Wenn sich selbst bei Christus, trotz seiner unendlichen Heiligkeit diese niederen Gefühle gegen das Kreuz auflehnten, um wie viel mehr werden sie in uns das Kreuz zurückweisen! Gleichwohl kann es vorkommen, wie bei manchen Heiligen, dass wir bei unseren Leiden eine fühlbare Freude empfinden. Aber diese Freude hat nicht in niederen, fleischlichen Gefühlen ihren Ursprung, obwohl sie sinnlich fühlbar ist. Sie geht aus von höheren seelischen Regungen, die den Einwirkungen des Heiligen Geistes zuzuschreiben sind und selbst die niederen Gefühle zu erfassen vermögen. In solchen Augenblicken kann die gekreuzigte Seele mit David ausrufen: „Mein Herz und mein Fleisch frohlocken im lebendigen Gotte“ (Ps 83,3). Ganz anders geartet ist die Liebe zum Kreuz, welche die Vernunft uns eingibt und daher ganz geistig ist. Die von der Gnade geläuterte Vernunft erkennt leicht das große Glück, das ein für Gott ertragenes Leiden mit sich bringt. Es hebt und begeistert die Seele, die daher innere Freuden empfindet und sich gestärkt und getröstet fühlt. Obgleich diese fühlbare Liebe der Vernunft zu Kreuz und Leid an sich sehr gut ist und einer besonderen Gnade Gottes zugeschrieben werden muss, ist sie keineswegs notwendig, um freudig und Gott wohlgefällig zu leiden. Schließlich gibt es auch noch eine höhere Liebe, sozusagen im Gipfel oder in der Spitze der Seele, wie die Lehrer des geistlichen Lebens sagen, oder im Verstand, wie die Philosophen sich ausdrücken. Vermöge dieser Liebe umfasst man ohne irgend ein Gefühl sinnlicher Freude, auch ohne Wohlgefallen seitens der Vernunft, doch voll Liebe das Kreuz, nimmt es bereitwillig auf seine Schultern und trägt es im Aufblick zu Gott, gestützt auf felsenfesten Glauben und unerschütterliches Gottvertrauen. Mögen auch die niederen Gefühle in hellem Aufruhr sich auflehnen gegen die Pein der Leiden, die Seele sucht doch in Tränen und Seufzern Trost in den Worten des göttlichen Meisters: „Vater, dein Wille geschehe, nicht der meinige“, oder im Gebet der allerseligsten Jungfrau: „Siehe, ich bin eine Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Worte.“

10. Jedes Kreuz annehmen
Entschließet euch, teure Freunde des Kreuzes, alle Arten von Kreuz ohne Ausnahme und ohne Auswahl zu tragen: jede Armut, jede Ungerechtigkeit, jeden Verlust, jede Krankheit, jede Verdemütigung, jeden Widerspruch, jede Verleumdung, jede Trockenheit, jede Verlassenheit, jeden inneren und äußeren Schmerz, indem ihr immer denket: „Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit.“
Bereitet euch also darauf vor, von Menschen und Engeln, gewissermaßen selbst von Gott verlassen, von allen verfolgt, beneidet, verraten, verleumdet, herabgesetzt und aufgegeben zu werden, Hunger, Durst, Mangel, Entbehrung, Verbannung, Gefängnis, den Galgen und Martern aller Art zu leiden, ohne dass ihr dieses alles durch die Verbrechen verdient hättet, die man euch zur Last legt. Stellet euch endlich vor, man vertreibe euch, eurer Güter und eurer Ehre beraubt wie Job oder die hl. Elisabeth, die Königstochter von Ungarn, aus eurem Hause, trete euch wie diese Heilige in den Kot, oder schleppe euch wie Job, ganz bedeckt von Geschwüren, auf einen Misthaufen, ohne euch auch nur ein Tuch zu geben, um eure Wunden zu bedecken, oder ein Stück Brot, um euren Hunger zu stillen, was man doch selbst einem Pferde oder einem Hunde nicht verweigern würde. Außer all diesen Qualen denket euch noch, Gott überlasse euch allen Versuchungen und Anfechtungen des Teufels, ohne in eure Seele den geringsten Tropfen fühlbaren Trostes zu gießen. Bei all diesem Leid seid fest davon überzeugt, dass das die höchste Stufe göttlicher Glorie und reinen Glückes eines wahren und vollkommenen Freundes des Kreuzes ist.

11. Worauf unser Blick fortwährend gerichtet sein muss
Um verdienstlich leiden zu können, machet es euch zur heiligen Gewohnheit, vier Dinge zu erwägen. Betrachtet zunächst das Auge Gottes. Wie ein großer König von der Höhe eines Turmes seine Soldaten im Schlachtgetümmel mit Wohlgefallen betrachtet und ihren Mut aneifert und belobt, schaut Gott vom Himmel herab auf die Kinder dieser Erde. Auf wen ist sein Blick gerichtet? Auf Könige und Kaiser, die da auf ihren Thronen sitzen? Gewiss, auf sie schaut er herab, aber oft nur mit Verachtung. Auch die großen Siege mächtiger Heere, die Taten großer Männer, die Schätze und Edelsteine reicher Fürsten, kurz alles, was in den Augen der Menschen groß erscheint, sieht sein scharfer Blick, aber was Mensch für wichtig und erstrebenswert halten, ist oft ein Gegenstand des Abscheus in den Augen Gottes. Auf was aber schaut denn Gott mit Wohlgefallen und Freuden? Worüber bittet er selbst die Engel und Teufel um Nachricht? Es ist ein Mensch, der für Gott kämpft gegen die verlockende Macht des Geldes, der Welt und der Hölle, ja sogar kämpft gegen sich selbst, ein Mensch, der mit Freuden sein Kreuz trägt. „Hast du auf Erden nicht das große Wunder gesehen, das der ganze Himmel mit Staunen betrachtet?“ fragt der Herr den Satan. „Hast du nicht meinen Diener Job gesehen, welcher für mich leidet?“

Betrachtet weiter die Hand dieses mächtigen Herrn, mit welcher er jedes natürliche Unglück fügt oder zulässt, das uns zustößt, vom größten bis zum kleinsten. Die gleiche Hand, die 100.000 Menschen in einer Schlacht niedergeschmettert hat, lässt auch das Blatt vom Baume und das Haar von eurem Haupte fallen. Die Hand, die Job so hart geschlagen hat, berührt euch sanft durch ein kleines Übel, das euch begegnet. Mit gleicher Hand bildet er Tag und Nacht, Sonne und Finsternis, das Angenehme und das Üble. Er lässt die Sünden zu, die andere begehen, um euch zu beleidigen; wenn er auch ihre Bosheit nicht wollte, ihre Tat hat er dennoch zugelassen. Würdet ihr also einen Semei vor euch sehen, der euch beschimpft und euch wie einem König David Steine nachwirft, so denket bei euch: „Rächen wir uns nicht, lassen wir ihn gewähren, denn der Herr hat es zugelassen, dass er so gegen uns handelt. Ich weiß, dass ich allen möglichen Schimpf verdient habe, und Gott straft mich jetzt mit Recht. Halte ein, mein Arm, und schlage nicht, beherrsche dich, Zunge, und sage nichts. Dieser Mann oder jene Frau, die mir Beleidigungen sagen oder antun, sind Gesandte Gottes, die im Namen seiner Barmherzigkeit an mich herantreten, um auf gütliche Weise Rache an mir zu nehmen. Fordern wir Gottes Gerechtigkeit nicht heraus, indem wir uns dieses Recht seiner Rache anzueignen suchen, verachten wir nicht seine Barmherzigkeit, indem wir uns seinen liebevollen Schlägen widersetzen, fürchten wir vielmehr, er möchte sonst die Rache seiner strengen Gerechtigkeit auf die Ewigkeit verschieben.“ Sehet, wie die eine Hand des allmächtigen und unendlich weisen Gottes euch hält, während seine andere euch schlägt; mit der einen tötet er, mit der andern macht er lebendig; er erniedrigt und erhöht und mit seinen Armen reicht er sanft und mächtig von einem Ende eures Lebens bis zum andern; sanft, da er nicht erlaubt, dass ihr über eure Kräfte versucht und gequält werdet; stark, da er euch mit seiner mächtigen Gnade unterstützt, welche der Kraft und Dauer eurer Versuchung und Trübsal entspricht. Sein mächtiger Arm wird nach den Worten des Hl. Geistes eure Stütze sein, wenn ihr am Rande des Abgrundes steht, euer Begleiter auf dem Wege, wenn ihr euch verirrt habt, euer Schatten in der Hitze, die euch quält, euer Schutz im Regen, der euch nässt, euer Kleid in der Kälte, die euch erstarrt, euer Wagen in der Ermüdung, die euch lähmt, eure Hilfe in der Widerwärtigkeit, die euch trifft, euer Stab auf schlüpfrigen Pfaden und euer Hafen im Sturm, der euch mit Tod und Verderben bedroht.

Betrachtet drittens die Wunden und Schmerzen Jesu Christi, des Gekreuzigten. Er sagt es euch selbst: „Ihr alle, die ihr auf dem dornenvollen Kreuzweg wandelt, auf dem ich gegangen bin, betrachtet und sehet! Betrachtet mit den Augen eures Leibes und schauet mit den Augen des Geistes in eurer Betrachtung, ob eure Armut, eure Blöße und eure Verachtung, ob euer Schmerz und eure Verlassenheit der meinigen gleiche! Betrachtet mich, der ich unschuldig bin, und ihr beklaget euch, die ihr schuldig seid?“ Der Hl. Geist befiehlt uns ebenfalls durch den Mund der Apostel, unseren Blick auf Jesus den Gekreuzigten zu heften. Er gebietet uns, uns mit dem Gedanken an den leidenden Heiland zu bewaffnen, der schärfer und für unsere Feinde schrecklicher ist, als alle anderen Waffen. Fühlet ihr euch bedrängt und gedrückt von der Armut, von Schmach, Schmerz, Versuchung und anderen Kreuzen, so bewaffnet euch mit einem Schild, einem Panzer, einem Helm, einem zweischneidigen Schwert, nämlich mit dem Gedanken an Jesus Christus, den Gekreuzigten; darin liegt die Lösung aller Schwierigkeiten und der Sieg über alle eure Feinde. Betrachtet schließlich die schöne Krone, die oben im Himmel eurer wartet, wenn ihr euer Kreuz gut traget. Dieser Lohn hat die Patriarchen und Propheten in ihrem Glauben und in ihren Verfolgungen aufrecht erhalten, hat die Apostel und Märtyrer in ihren Arbeiten und in ihren Qualen begeistert. „Wir wollen lieber“, sagten die Patriarchen mit Moses, „mit dem Volke Gottes bedrückt werden, um ewig mit ihm glücklich zu sein, als für einen Augenblick ein unerlaubtes Vergnügen genießen…“ „Wir leiden große Verfolgungen um des Lohnes willen“, sagten die Propheten mit David. „Wir sind zum Tode bestimmte Schlachtopfer, ein Schauspiel für die Welt, die Engel und Menschen, durch unsere Leiden; wir sind der Auskehricht und der Anathem der Welt wegen des unermesslichen Wertes der ewigen Glorie, welche dieser Augenblick eines leichten Leidens in uns hervorbringt“, sagten die Apostel und Märtyrer mit dem hl. Paulus. – Schauen wir zu den Engeln hinauf, die uns zurufen: „Nehmet euch in acht, dass ihr die Krone nicht verlieret, die für euer Kreuz bestimmt ist, wenn ihr es willig traget. Wollet ihr aber dieses Kreuz nicht auf euch nehmen, so wird ein anderer es tragen, wie sich’s gebührt und euch die Krone hinwegnehmen.“ „Kämpfet wacker und leidet geduldig“, sagen uns alle Heiligen, „und ihr werdet ein ewiges Reich erlangen.“ Hören wir endlich Jesus Christus, der uns sagt: „Ich werde meinen Lohn nur jenem geben, der mit Geduld leiden und siegen wird.“ Schauen wir nach unten, nach dem Ort, den wir verdient haben und der uns in der Hölle mit dem bösen Schächer und allen Verdammten erwartet, wenn wir wie sie mit Murren, Widerwillen und Rachsucht leiden. Rufen wir mit dem hl. Augustinus aus: „Brenne, Herr, haue, schneide in dieser Welt, um meine Sünden zu strafen, nur schone meiner in der Ewigkeit!“

12. Sich nicht beklagen
Klaget nie freiwillig und mit Murren über die Geschöpfe, derer Gott sich bedient, um euch zu schlagen. Unterscheidet in dieser Beziehung drei Arten von Klagen in den schweren Heimsuchungen und Leiden. Als erste ist die unfreiwillige und natürliche Klage zu nennen. Es ist jene des Körpers, welcher seufzt, klagt und weint; bleibt die Seele, wie ich sagte, dem Willen Gottes dabei ergeben, so ist keine Sünde vorhanden. Die zweite Klage ist die vernünftige, wenn man sich beklagt und sein Übel aufdeckt vor denen, welche helfen können, z.B. vor einem Oberen oder dem Arzt; diese Klage kann unvollkommen sein, wenn sie zu ungestüm ist, aber sie ist keine Sünde. Die dritte Klage ist die sündhafte, wenn man sich über den Nächsten beklagt, um sich von dem Übel zu befreien, das man von ihm zu erdulden hat, oder um sich an ihm zu rächen. Sündhaft ist es auch, wenn man unnötig, oder gar in ungeduldigen und mürrischen Worten über seine Schmerzen jammert und klagt.

13. Danken für das Kreuz
Empfanget ein Kreuz stets in demütiger und dankbarer Gesinnung. Legt euch Gott einmal ein größeres Kreuz auf, so danket ihm dafür auf besondere Weise und bittet andere, euch darin zu unterstützen. Wie schön ist das Beispiel jener armen Frau, welche nach Verlust ihres gesamten Vermögens für die ihr noch bleibenden Heller eine Messen lesen ließ, um Gott für seine Heimsuchung zu danken!

14. Sich freiwillig abtöten
Wollt ihr euch die Gnade verdienen, dass Gott euch ohne euer Zutun Kreuze auferlegt, was stets die besten sind, so suchet euch mit Erlaubnis eines guten Seelenführers im Ertragen freiwilliger kleiner Kreuze zu üben. Habt ihr z.B. einen unnötigen Gegenstand, an welchem euer Herz hängt, so gebt ihn den Armen, indem ihr euch sagt: „Solltest du Überfluss haben, wo Jesus arm ist?“ Habt ihr Ekel an einem Tugendakt, an einer Speise, an einem üblen Geruch? Überwindet euch und bringet das kleine Opfer! Liebt ihr ein wenig zu zärtlich eine Person, so haltet euch von ihr fern und gehet ihr aus dem Wege. Empfindet ihr eine gewisse Neugierde, etwas zu sehen oder zu hören, und den natürlichen Drang, eure Meinung zu äußern oder irgendwo hinzugehen, o wendet eure Augen ab, haltet euch zurück und bleibet in der Verborgenheit! Habt ihr aber einen natürlichen Widerwillen gegen eine Person oder einen Gegenstand, gehet oft hin und überwindet euch! Seid ihr wahre Freunde des Kreuzes, so wird die Liebe, die immer erfinderisch ist, euch hundert solche kleinen Kreuze finden lassen, mit denen ihr euch unbemerkt bereichern könnet, ohne durch die Eitelkeit geschädigt zu werden, welche sich so gern in die Geduld mischt, mit der man andere erkennbare Kreuze erträgt. Weil ihr im Kleinen Gott getreu gewesen seid, wird der Herr euch über Vieles setzen, wie er es versprochen hat, d.h. er wird euch viele Gnaden schenken, euch viele Kreuze senden und euch auch eine große Herrlichkeit bereiten.



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Re: An die Freunde des Kreuzes - Ludwig Maria Grignion von Montfort
« Antwort #1 am: 31. Dezember 2019, 14:37:42 »
Johannes Paul II., Angelus, 29. August 1999

1. Jünger Christi zu sein ist anspruchsvoll und herausfordernd, wie Jesus selbst an einer Stelle des Evangeliums vom heutigen Sonntag in Erinnerung ruft: »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Mt 16,24). Sich selbst zu verleugnen und das Kreuz auf sich zu nehmen bedeutet, den eigenen Hochmut zu überwinden und sich völlig Gott anzuvertrauen, indem man wie Christus in ganzer Hingabe zum Vater und zu den Brüdern lebt.

Der hl. Paulus bezieht sich auf die Lehre Jesu, als er an die Christen Roms schreibt. Er fordert sie auf, sich nicht der Mentalität der Welt anzupassen, sondern vielmehr ihre ganze Existenz als lebendiges Opfer darzubringen, das Gott heilig und willkommen ist (vgl. Röm 12,1–2). Die Nachfolge Christi schließt einen Weg ein, der oft durch Unverständnis und Leiden gekennzeichnet ist. Niemand darf sich Illusionen machen: Heute wie gestern bedeutet Christ sein, bezüglich der Mentalität dieser Welt gegen den Strom zu schwimmen und nicht seine eigenen Interessen und den Beifall der Menschen zu suchen, sondern nur den Willen Gottes und das wirkliche Wohl des Nächsten.

2. Diesen bedingungslosen Glauben an Christus sehen wir im Martyrium des hl. Johannes des Täufers aufleuchten, dessen Fest heute gefeiert wird. Der Vorläufer Christi schlug den Weg der Folgerichtigkeit ein und gab ein vollendetes Zeugnis für das Lamm Gottes, dessen Weg er bereitete. Ohne jeden Kompromiß bezahlte er seine Liebe zur Wahrheit mit dem Tod.

Nach seinem Beispiel haben viele andere Jünger des Herrn den Glauben mit dem Opfer ihres Lebens bekannt. Denken wir vor allem an die Priester, an die Ordensbrüder, an die Ordensschwestern und an die Laien, die in totalitären und antichristlichen Regimen unseres Jahrhunderts still ihr Leben aus Liebe zu Christus geopfert haben. Auch in unserer Zeit sind viele in verschiedenen Gegenden der Welt wegen des Evangeliums unaufhörlichen Leiden ausgesetzt. Aus Anlaß des Großen Jubiläums im Jahre 2000 muß man an die Zeugen des Glaubens erinnern, die auch in unserer Zeit für ihn gelitten und ganz in der Wahrheit Christi gelebt haben. Bitten wir, ihrem Beispiel folgen zu können in dem Bewußtsein, daß der, der sein eigenes Leben für das Evangelium verliert, es gewinnen wird (vgl. Mt 16,25).

3. Möge uns Maria, Königin der Bekenner des Glaubens und der Märtyrer, helfen, tapfer gegenüber den Leiden des Lebens zu sein und sie in Vereinigung mit Christus für das Heil der Welt zu ertragen.

An sie wenden wir uns vertrauensvoll in den Augenblicken der Prüfung. Sie, die treue Jungfrau, wird unserem Geist Mut einflößen und in uns einen immer selbstloseren Einsatz der Treue zum Evangelium erwecken.


Johannes Paul II., Botschaft zum WJT, 14. Februar 2001
»Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Lk 9,23)

1. Mit Freude und Zuneigung wende ich mich an Euch anläßlich unseres traditionellen jährlichen Treffens. Dabei habe ich vor meinen Augen und in meinem Herzen noch immer das eindrucksvolle Bild der großen »Pforte« auf der Wiese von Tor Vergata in Rom. Am Abend des 19. August des vergangenen Jahres, zu Beginn der Vigil des 15. Weltjugendtages, habe ich – Hand in Hand mit fünf Jugendlichen aus den fünf Kontinenten – diese Schwelle unter dem Blick des gekreuzigten und auferstandenen Christus überschritten, um gemeinsam mit Euch allen symbolisch in das dritte Jahrtausend einzutreten.

Aus tiefstem Herzen möchte ich an dieser Stelle Gott aufrichtig danken für das Geschenk der Jugend, die durch Euch in der Kirche und in der Welt bleibt (vgl. Predigt in Tor Vergata, 20. August 2000).

Mit innerer Ergriffenheit möchte ich ihm auch dafür danken, daß er es mir gewährt hat, die Jugendlichen der Welt während der letzten beiden Jahrzehnte des gerade beschlossenen Jahrhunderts zu begleiten und ihnen den Weg zu Christus zu zeigen, der derselbe ist »gestern, heute und in Ewigkeit« (Hebr 13,8). Zugleich sage ich ihm Dank, weil die Jugendlichen den Papst bei seiner apostolischen Pilgerfahrt durch die Länder der Erde begleitet, ja gleichsam gestützt haben.

Was war der 15. Weltjugendtag, wenn nicht ein bedeutungsvoller Moment des Nachsinnens über das Geheimnis des Wortes, das zu unserem Heil Mensch geworden ist? War er etwa nicht eine außerordentliche Gelegenheit zur Feier und Verkündigung des Glaubens der Kirche und zur Vorbereitung eines neuen christlichen Einsatzes, indem wir gemeinsam den Blick auf die Welt richten, die die Verkündigung des rettenden Wortes erwartet? Die echten Früchte der Heiligjahrfeier der Jugendlichen lassen sich nicht in Statistiken berechnen, sondern allein in Werken der Liebe und Gerechtigkeit, in täglicher Treue, die oft wenig sichtbar und doch so kostbar ist. Euch, liebe Jugendliche, und insbesondere all jene, die direkt an diesem unvergeßlichen Treffen teilgenommen haben, habe ich mit der Aufgabe betraut, vor der Welt dieses konsequente Zeugnis für das Evangelium abzulegen. 

2. Bereichert durch die erlebten Erfahrungen seid Ihr in Euer Zuhause und zu Euren alltäglichen Tätigkeiten zurückgekehrt und bereitet Euch nun darauf vor, auf diözesaner Ebene und zusammen mit Euren Hirten den 16.Weltjugendtag zu feiern.

Aus diesem Anlaß möchte ich Euch einladen, über die Bedingungen nachzudenken, die Jesus für die Menschen festlegt, die seine Jünger sein wollen: »Wer mein Jünger sein will« – so sagt Er –, »der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Lk 9,23). Jesus ist nicht der Messias des Triumphs und der Macht. Denn in der Tat hat er Israel nicht von der römischen Herrschaft befreit und ihm keinen politischen Ruhm zugesichert. Als wahrer Diener des Herrn hat er seine Sendung als Messias in der Solidarität, im Dienst, in der Demütigung des Todes verwirklicht. Er ist ein Messias, der alle Schemata übersteigt, jemand, der kein Aufsehen erregt und den man mit der Logik des Erfolgs und der Macht, die die Welt oft als Kriterium zur Bewertung ihrer Pläne und Handlungen heranzieht, nicht »verstehen«  kann.

Jesus ist gekommen, um den Willen des Vaters zu tun, und er bleibt diesem Willen bis zuletzt treu; so erfüllt Er seinen Heilsauftrag für alle, die an Ihn glauben und Ihn lieben – nicht mit Worten, sondern ganz konkret. Wenn die Liebe die Voraussetzung für die Nachfolge Jesu ist, dann ist es das Opfer, das die Echtheit jener Liebe bestätigt (vgl. Apost. Schreiben Salvifici doloris, 17 –18). 

3. »Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach« (Lk 9,23). Diese Worte drücken die Radikalität einer Entscheidung aus, die kein Zögern und keine Meinungsänderungen zuläßt. Es ist eine harte Forderung, die auch zur damaligen Zeit die Jünger beeindruckte und die im Laufe der Jahrhunderte viele Männer und Frauen von der Nachfolge Christi abgehalten hat. Aber eben diese Radikalität hat auch bewundernswerte Früchte der Heiligkeit und des Martyriums hervorgebracht, die den Weg der Kirche durch die Zeit bestärken. Noch heute klingt dieses Wort empörend und erscheint als Torheit (vgl.1 Kor 1,22 –25). Und doch muß man sich mit ihm auseinandersetzen, denn der von Gott für seinen Sohn vorgezeichnete Weg ist der gleiche, den der zur Nachfolge Jesu entschlossene Jünger gehen muß. Es gibt keine zwei Wege, sondern nur einen einzigen, nämlich den, den der Meister gegangen ist. Dem Jünger ist es nicht gestattet, sich einen anderen auszudenken.

Jesus geht den Seinen voran und fordert von jedem, dasselbe zu tun, was Er selbst getan hat. Er sagt: Ich bin nicht gekommen, um mir dienen zu lassen, sondern um zu dienen; wer also wie ich sein möchte, der sei der Diener aller. Ich bin zu Euch gekommen als einer, der nichts besitzt; darum kann ich auch von Euch fordern, jeder Art von Reichtum zu entsagen, der Euch am Eintreten in das Reich Gottes hindert. Ich akzeptiere den Widerspruch und die Tatsache, von der Mehrheit meines Volkes abgelehnt zu werden; so kann ich auch von Euch fordern, Widerspruch und Ablehnung zu akzeptieren, von welcher Seite sie auch immer kommen mögen.

Mit anderen Worten: Jesus verlangt, sich mutig für den gleichen Weg wie er zu entscheiden; sich zuallererst »im Herzen« dafür zu entscheiden, denn diese oder jene äußerliche Situation vorzufinden, hängt nicht von uns ab. Von uns hängt jedoch der Wille ab, so weit wie möglich dem Vater gehorsam zu sein, so wie Er es gewesen ist, und bereit zu sein, seinen Plan für jeden von uns bis zum Letzten anzunehmen.

4. »Der verleugne sich selbst.« Sich selbst zu verleugnen bedeutet, auf die eigenen, oft beschränkten und engherzigen Projekte zu verzichten, um den Plan Gottes anzunehmen: Das ist der Weg der Bekehrung, der für das christliche Dasein unentbehrlich ist und der den Apostel Paulus zur Aussage führte: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir«  (Gal 2,20).

Jesus verlangt nicht, auf das Leben zu verzichten, sondern eine Neuheit und Fülle des Lebens anzunehmen, die nur Er geben kann. In den Tiefen des Menschenwesens wurzelt die Neigung, »an sich zu denken«, die eigene Person in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen und sich selbst zum Maß aller Dinge zu machen. Wer aber Christus folgt, der lehnt diesen Rückzug ins Ich ab und bewertet die Dinge nicht auf der Grundlage des eigenen Nutzens: Er betrachtet das gelebte Leben im Hinblick auf Schenken und Unentgeltlichkeit, nicht auf Eroberung und Besitz. Das wahre Leben äußert sich nämlich in der Selbsthingabe, die eine Frucht der Gnade Christi ist: ein freies Dasein, in Gemeinschaft mit Gott und mit den Brüdern (vgl. Gaudium et spes , 24).

Wenn die Nachfolge des Herrn zum höchsten Wert wird, dann empfangen alle anderen Werte davon ihre rechte Anordnung und Wichtigkeit. Wer nur auf irdische Güter setzt, wird letztendlich verlieren, trotz allen vermeintlichen Erfolgs: Der Tod wird ihn mit vielen angehäuften Dingen, aber in einem verfehlten Leben überraschen (vgl. Lk 12,13 –21). Die Entscheidung fällt also zwischen Sein und Haben, zwischen einem erfüllten Leben und einem leeren Dasein, zwischen Wahrheit und Lüge. 

5. »Er nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.« Wie das Kreuz auf einen rein schmückenden Gegenstand reduziert werden kann, so kann auch »das Kreuz tragen« zur Redensart verkommen. In der Lehre Jesu bedeutet dieser Ausdruck allerdings nicht in erster Linie Abtötung und Verzicht. Er bezieht sich nicht zuerst auf die Pflicht, die täglichen, großen oder kleinen Plagen geduldig zu ertragen; noch weniger soll die Verherrlichung des Schmerzes als Mittel dienen, um Gott zu gefallen. Der Christ sucht nicht das Leid um des Leidens willen, sondern die Liebe. Und das angenommene Kreuz wird zum Zeichen der Liebe und der vollkommenen Hingabe. Es mit Christus zu tragen bedeutet, sich mit ihm in der Darbringung des äußersten Liebesbeweises zu verbinden.

Man kann nicht vom Kreuz sprechen, ohne die Liebe Gottes zu uns zu berücksichtigen, also die Tatsache, daß Gott uns mit seinen Gütern überreich beschenken möchte. Mit der Einladung »folge mir nach« wiederholt Jesus seinen Jüngern nicht nur: »Nimm mich zum Vorbild« , sondern auch: »Teile mein Leben und meine Entscheidungen, lebe zusammen mit mir dein Leben aus Liebe zu Gott und zu den Brüdern.« So eröffnet Christus uns den »Weg des Lebens«, der bedauerlicherweise ständig vom »Weg des Todes« bedroht ist. Die Sünde ist jener Weg, der den Menschen von Gott und den Mitmenschen trennt, der Spaltung verursacht und die Gesellschaft von innen her untergräbt.

Der »Weg des Lebens«, der die Einstellungen Jesu wiederaufnimmt und erneuert, wird zum Weg des Glaubens und der Bekehrung, zum Weg des Kreuzes eben. Es ist der Weg, der den Menschen dazu führt, sich Ihm und seinem Heilsplan anzuvertrauen und daran zu glauben, daß Er gestorben ist, um die Liebe Gottes gegenüber jedem Menschen zu offenbaren; es ist der Weg des Heils inmitten einer oft zersplitterten, verwirrten und widersprüchlichen Gesellschaft; es ist der Weg des Glücks, das darin besteht Christus bis zuletzt, bis in die oft dramatischen Begebenheiten des alltäglichen Leben hinein, nachzufolgen; es ist der Weg, der keinen Mißerfolg, keine Schwierigkeit, Ausgrenzung oder Einsamkeit fürchtet, weil er das Menschenherz mit der Gegenwart Jesu erfüllt; es ist der Weg des Friedens, der Selbstbeherrschung, der tiefen Herzensfreude. 

6. Liebe Jugendliche! Es soll Euch nicht merkwürdig vorkommen, wenn der Papst zu Beginn des dritten Jahrtausends erneut das Kreuz als Pfad des Lebens und des wahren Glücks vorstellt. Seit jeher glaubt und bekennt die Kirche, daß nur im Kreuz Christi Heil ist.

Eine weitverbreitete Kultur des Vergänglichen, die dem, was gefällt und schön erscheint, Wert zuschreibt, möchte glauben machen, daß man das Kreuz aus dem Weg räumen muß, um glücklich zu sein. Als Ideal wird daher vorgestellt: ein einfacher Erfolg, eine rasche Karriere, eine vom Verantwortungssinn losgelöste Sexualität und, zu guter Letzt, ein auf Selbstbehauptung konzentriertes Dasein, dem oft jede Achtung gegenüber den anderen abhanden kommt.

Haltet aber Eure Augen offen, liebe Jugendliche: Das ist nicht der Weg, der einen leben läßt, sondern der Pfad, der im Tod versinkt. Jesus sagt: »Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.« Jesus macht uns nichts vor: »Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?« (Lk 9,24 –25). Mit der Wahrheit seiner Worte, die hart erscheinen, aber das Herz mit Frieden füllen, enthüllt uns Jesus das Geheimnis des echten Lebens (vgl. Ansprache an die Jugendlichen Roms, 2. April 1998).

Habt also keine Angst davor, auf dem Weg zu gehen, den der Herr als erster beschritten hat. Prägt mit Eurer Jugend dem beginnenden Jahrtausend das Zeichen der Hoffnung und des für Euer Alter typischen Enthusiasmus ein. Wenn Ihr die Gnade Gottes in Euch wirken laßt, wenn Ihr in der Ernsthaftigkeit Eures täglichen Engagements nicht nachlaßt, dann werdet Ihr dieses neue Jahrhundert zu einer besseren Zeit für alle Menschen machen.

Mit Euch geht Maria, die Mutter des Herrn, die erste aller Jünger; sie blieb treu auch zu Füßen des Kreuzes, von wo aus Christus uns ihr als ihre Kinder anvertraute. Es begleite Euch auch mein Apostolischer Segen, den ich Euch von ganzem Herzen erteile. 


Benedikt XVI., Predigt, Wien, 9. September 2007

„Sine dominico non possumus!“ Ohne die Gabe des Herrn, ohne den Tag des Herrn können wir nicht leben: So antworteten im Jahr 304 Christen aus Abitene im heutigen Tunesien, die bei der verbotenen sonntäglichen Eucharistiefeier ertappt und vor den Richter geführt wurden. Sie wurden gefragt, wieso sie den christlichen Sonntagsgottesdienst hielten, obgleich sie wußten, daß darauf die Todesstrafe stand. „Sine dominico non possumus“: In dem Wort dominicum/dominico sind zwei Bedeutungen unlöslich miteinander verflochten, deren Einheit wir wieder wahrzunehmen lernen müssen. Da ist zunächst die Gabe des Herrn – diese Gabe ist er selbst: der Auferstandene, dessen Berührung und Nähe die Christen einfach brauchen, um sie selbst zu sein. Aber dies ist eben nicht nur eine seelische, inwendige, subjektive Berührung: die Begegnung mit dem Herrn schreibt sich in die Zeit ein mit einem bestimmten Tag. Und so schreibt sie sich ein in unser konkretes, leibhaftiges und gemeinschaftliches Dasein, das Zeitlichkeit ist. Sie gibt unserer Zeit und so unserem Leben als ganzem eine Mitte, eine innere Ordnung. Für diese Christen war die sonntägliche Eucharistiefeier nicht ein Gebot, sondern eine innere Notwendigkeit. Ohne den, der unser Leben trägt, ist das Leben selbst leer. Diese Mitte auszulassen oder zu verraten, würde dem Leben selbst seinen Grund nehmen, seine innere Würde und seine Schönheit.

Geht diese Haltung der Christen von damals auch uns Christen von heute an? Ja, auch für uns gilt, daß wir eine Beziehung brauchen, die uns trägt, unserem Leben Richtung und Inhalt gibt. Auch wir brauchen die Berührung mit dem Auferstandenen, die durch den Tod hindurch uns trägt. Wir brauchen diese Begegnung, die uns zusammenführt, die uns einen Raum der Freiheit schenkt, uns über das Getriebe des Alltags hinausschauen läßt auf die schöpferische Liebe Gottes, aus der wir kommen und zu der wir gehen.

Wenn wir nun freilich auf das heutige Evangelium hören, auf den Herrn, der uns da anredet, dann erschrecken wir. „Wer nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet und nicht auch alle Familienbindungen läßt, kann mein Jünger nicht sein.“ Wir möchten dagegenhalten: Was sagst du denn da, Herr? Braucht die Welt nicht gerade die Familie? Braucht sie nicht die Liebe von Vater und Mutter, die Liebe zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau? Brauchen wir nicht die Liebe zum Leben, die Freude am Leben? Und brauchen wir nicht auch Menschen, die in die Güter dieser Welt investieren und die uns gegebene Erde aufbauen, so daß alle an deren Gaben teilhaben können? Ist uns denn nicht auch die Entwicklung der Erde und ihrer Güter aufgetragen? Wenn wir dem Herrn genauer zuhören und ihm vor allem zuhören im ganzen dessen, was er sagt, dann verstehen wir, daß Jesus nicht von allen Menschen das Gleiche verlangt. Jeder hat seinen eigenen Auftrag und die ihm zugedachte Weise der Nachfolge. Im heutigen Evangelium spricht Jesus unmittelbar von dem, was nicht Auftrag der vielen ist, die sich ihm auf dem Pilgerweg nach Jerusalem angeschlossen hatten, sondern über die besondere Berufung der Zwölf. Die müssen zunächst den Skandal des Kreuzes bestehen, und sie müssen dann bereit sein, wirklich alles zu lassen, den scheinbar absurden Auftrag anzunehmen, bis an die Enden der Erde zu gehen und mit ihrer geringen Bildung einer Welt voll von Wissensdünkel und scheinbarer oder auch wirklicher Bildung – und natürlich auch besonders den Armen und Einfachen – das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen. Sie müssen bereit sein, auf ihrem Weg in die weite Welt selbst das Martyrium zu erleiden, um so das Evangelium vom Gekreuzigten und Auferstandenen zu bezeugen. Wenn Jesu Wort auf dieser Pilgerschaft nach Jerusalem, in der eine Masse mit ihm geht, zunächst die Zwölf trifft, so reicht sein Ruf natürlich über den historischen Augenblick in alle Jahrhunderte hinein. In allen Zeiten ruft er Menschen, alles auf ihn zu setzen, alles andere zu lassen, ganz für ihn und so ganz für die anderen da zu sein: Oasen der selbstlosen Liebe in einer Welt zu bauen, in der so oft nur Macht und Geld zu zählen scheinen. Danken wir dem Herrn, daß er uns in allen Jahrhunderten Männer und Frauen geschenkt hat, die seinetwegen alles andere gelassen haben und zu Leuchtzeichen seiner Liebe geworden sind. Denken wir nur an Menschen wie Benedikt und Scholastika, wie Franz und Klara von Assisi, Elisabeth von Thüringen und Hedwig von Schlesien, wie Ignatius von Loyola, Teresa von Avila bis herauf zu Mutter Teresa und Pater Pio. Diese Menschen sind mit ihrem ganzen Leben Auslegung von Jesu Wort geworden, das in ihnen uns nah und verständlich wird. Und bitten wir den Herrn, daß er auch in unserer Zeit Menschen den Mut schenkt, alles zu lassen und so für alle da zu sein.

Wenn wir uns aber nun von neuem dem Evangelium zuwenden, können wir wahrnehmen, daß der Herr darin doch nicht nur von einigen wenigen und ihrem besonderen Auftrag spricht; der Kern dessen, was er meint, gilt für alle. Worum es letztlich geht, drückt er ein anderes Mal so aus: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es retten. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selber verliert und Schaden nimmt?“ (Lk 9, 24f). Wer sein Leben nur haben, es nur für sich selber nehmen will, der verliert es. Nur wer sich gibt, empfängt sein Leben. Anders gesagt: Nur der Liebende findet das Leben. Und Liebe verlangt immer das Weggehen aus sich selbst, verlangt immer, sich selber zu lassen. Wer umschaut nach sich selbst, den anderen nur für sich haben will, der gerade verliert sich und den anderen. Ohne dieses tiefste Sich-Verlieren gibt es kein Leben. Die rastlose Gier nach Leben, die die Menschen heute umtreibt, endet in der Öde des verlorenen Lebens. „Wer sein Leben um meinetwillen verliert...“, sagt der Herr: Ein letztes Loslassen unserer Selbst ist nur möglich, wenn wir dabei am Ende nicht ins Leere fallen, sondern in die Hände der ewigen Liebe hinein. Erst die Liebe Gottes, der sich selbst für uns und an uns verloren hat, ermöglicht auch uns, frei zu werden, loszulassen und so das Leben wirklich zu finden. Das ist die Mitte dessen, was uns der Herr in dem scheinbar so harten Evangelium dieses Sonntags sagen will. Mit seinem Wort schenkt er uns die Gewißheit, daß wir auf seine Liebe, die Liebe des menschgewordenen Gottes, bauen können. Dies zu erkennen ist die Weisheit, von der die erste Lesung uns gesprochen hat. Denn wiederum gilt, daß alles Wissen der Erde uns nichts nützt, wenn wir nicht zu leben lernen, wenn wir nicht erlernen, worauf es im Leben wahrhaft ankommt.

„Sine dominico non possumus!“ Ohne den Herrn und ohne den Tag, der ihm gehört, gerät das Leben nicht. Der Sonntag hat sich in unseren westlichen Gesellschaften gewandelt zum Wochenende, zur freien Zeit. Die freie Zeit ist gerade in der Hetze der modernen Welt etwas Schönes und Notwendiges; jeder von uns weiß das. Aber wenn die freie Zeit nicht eine innere Mitte hat, von der Orientierung fürs Ganze ausgeht, dann wird sie schließlich zur leeren Zeit, die uns nicht stärkt und nicht aufhilft. Die freie Zeit braucht eine Mitte – die Begegnung mit dem, der unser Ursprung und unser Ziel ist. Mein großer Vorgänger auf dem Bischofsstuhl von München und Freising, Kardinal Faulhaber, hat das einmal so ausgedrückt: „Gib der Seele ihren Sonntag, gib dem Sonntag seine Seele.“

Gerade weil es am Sonntag zutiefst um die Begegnung mit dem auferstandenen Christus in Wort und Sakrament geht, umspannt sein Radius die ganze Wirklichkeit. Die frühen Christen haben den ersten Tag der Woche als Herrentag begangen, weil er der Tag der Auferstehung war. Aber sehr bald ist der Kirche auch bewußt geworden, daß der erste Tag der Woche der Tag des Schöpfungsmorgens ist, der Tag, an dem Gott sprach: „Es werde Licht“ (Gen 1, 3). Deshalb ist der Sonntag auch das wöchentliche Schöpfungsfest der Kirche – das Fest der Dankbarkeit für Gottes Schöpfung und der Freude über sie. In einer Zeit, in der die Schöpfung durch unser Menschenwerk vielfältig gefährdet scheint, sollten wir gerade auch diese Dimension des Sonntags bewußt aufnehmen. Für die frühe Kirche ist dann auch immer mehr in den ersten Tag das Erbe des siebten Tages, des Sabbats, eingegangen. Wir nehmen teil an der Ruhe Gottes, die alle Menschen umfaßt. So spüren wir an diesem Tag etwas von der Freiheit und Gleichheit aller Geschöpfe Gottes.

Im Tagesgebet des heutigen Sonntags erinnern wir uns zunächst daran, daß Gott uns durch seinen Sohn erlöst und als seine geliebten Kinder angenommen hat. Wir bitten ihn dann, daß er voll Güte auf die christgläubigen Menschen schaue und daß er uns die wahre Freiheit und das ewige Leben schenken wolle. Wir bitten um den Blick der Güte Gottes. Wir selber brauchen diesen Blick der Güte über den Sonntag hinaus in den Alltag hinein. Bittend wissen wir, daß dieser Blick uns schon geschenkt ist. Mehr noch, wir wissen, daß Gott uns als seine Kinder adoptiert, uns wirklich in die Gemeinschaft mit sich selber aufgenommen hat. Kindsein bedeutet – das wußte die alte Kirche – ein Freier sein, kein Knecht, sondern selbst der Familie zugehörig. Und es bedeutet Erbe sein. Wenn wir dem Gott zugehören, der die Macht über alle Mächte ist, dann sind wir furchtlos und frei, und dann sind wir Erben. Das Erbe, das er uns vermacht hat, ist er selbst, seine Liebe. Ja, Herr, gib uns, daß uns dies tief in die Seele dringt und daß wir so die Freude der Erlösten erlernen. Amen.


 

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