Autor Thema: Kirchenjahr  (Gelesen 36051 mal)

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velvet

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Antw:Kirchenjahr
« Antwort #20 am: 04. August 2012, 13:45:41 »
18. Sonntag im Jahreskreis
Ich bin das Brot des Lebens, wer mich annimmt, wird nicht hungern!

Erste Lesung
Ex 16,2-4.12-15

    In jenen Tagen murrte die ganze Gemeinde der Israeliten in der Wüste gegen Mose und Aaron. Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch in Ägypten durch die Hand des Herrn gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.
    Da sprach der Herr zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht. Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen: Am Abend werdet ihr Fleisch zu essen haben, am Morgen werdet ihr satt sein von Brot, und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr, euer Gott, bin.
    Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager. Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde. Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der Herr euch zu essen gibt.

Zweite Lesung
Eph 4,17.20-24

    Ich sage es euch und beschwöre euch im Herrn: Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken! Das aber entspricht nicht dem, was ihr von Christus gelernt habt. Ihr habt doch von ihm gehört und seid unterrichtet worden in der Wahrheit, die Jesus ist.
    Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben, und erneuert euren Geist und Sinn! Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Evangelium
Joh 6, 24-35

    In jener Zeit als die Leute sahen, dass weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus. Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierher gekommen?
    Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid. Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird. Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt.
    Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?
    Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.
    Sie entgegneten ihm: Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und dir glauben? Was tust du? Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
    Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
    Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
    Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.


    Das Manna
    Wie die Rede von den "Fleischtöpfen Ägyptens" zu einem geflügelten Wort dafür geworden ist, dass Menschen lieber beim gewohnten Wohlstand - und sei er noch so gering - bleiben, als Entbehrungen für etwas Neues auf sich zu nehmen, so ist das Manna zu einem Bild für Gottes wunderbare Fürsorge geworden für alle, die bereit sind, auf Gottes Wort hin einen neuen Aufbruch zu wagen.
    Die Israeliten mussten in Ägypten keinen Hunger leiden, aber sie waren Sklaven, die für ihre Herren arbeiten mussten. Was ist der Mensch bereit, für seine Freiheit auf sich zu nehmen? Mir geht's doch gut, ich hab doch alles, was ich brauche - wirklich?
    Ein Beispiel dafür ist die Wende in Osteuropa. Rein materiell waren die Menschen im Kommunismus gut versorgt. Jeder hatte Arbeit, das Essen war billig, die Mieten niedrig - ein Traum, wenn man auf heutige Verhältnisse blickt. Aber doch gab es Menschen, denen etwas gefehlt hat - die Freiheit, sagen zu dürfen, was sie denken, die Freiheit, nicht nach dem einförmigen Menschenbild des Kommunismus leben zu müssen.
    Viele konnten nicht verstehen, warum Menschen dafür auf die Straße gingen. Viele sagen heute wieder: wie schön war es doch damals im Osten. Sicher, die westliche Gesellschaft hat mittlerweile auch ihre inneren Werte an den Kapitalismus verkauft. Doch wer ist heute bereit, anders zu leben, und sich nicht allein vom Geld beherrschen zu lassen?
    Jeder kennt die ihm vertrauten "Fleischtöpfe Ägyptens" an denen er sitzt und die es ihm schwer machen, sich für etwas Neues zu entscheiden, das zudem noch mit vielen Fragen und Ungewissheiten verbunden ist.
    Die Israeliten haben den Weg aus Ägypten gewagt. Oft standen sie vor unlösbaren Problemen. Als das Heer des Pharao sie fast eingeholt hatte, als sie in der Wüste Hunger und Durst litten. Doch Gott hat sich allezeit als Retter erwiesen. Gott ließ sein Volk nicht im Stich. Die lebensfeindliche Wüste spendete Lebensbrot. Manna - Was ist das? So haben sie gefragt, als sie es zum ersten Mal sahen. Jeden Tag lag es da, von Gott geschenkt. Aber auch Fleisch gab es, das vom Himmel fiel, Wachtel- schwärme, die auf ihrem Weg über die Wüste vor Erschöpfung direkt über dem Lager der Israeliten niederfielen.
    Es gibt für das Manna zwei natürliche Erklärungen: In einigen Gegenden der Halbinsel Sinai leben Schildlausarten, die aus der Manna-Tamariske Pflanzensaft zur Versorgung ihrer Larven saugen. Den Überschuss an Saft, den die Larven nicht benötigen, sondern sie als Tropfen ab, die als kleine, weißlich-gelbliche Kugeln auf den Boden fallen. Die Kügelchen müssen am Morgen aufgesammelt werden, da sie während des Tages schmelzen. Manna gibt es auch von dem Wüstenstrauch der Weißen Hammada. Das Manna ist süß und wird heute als Honigersatz, aber nicht an Stelle von Brot verwendet.
    Im Laufe der Zeit ist aus der Naturerscheinung des Manna immer mehr ein Wunder geworden. Es wurde zum Sinnbild dafür, wie Gott für sein Volk sorgt. Wie alle Wunder des Alten Testaments, so ist auch das Manna zu einem Vorausbild dessen geworden, was sich im Neuen Testament erfüllt hat. "Brot vom Himmel gab er ihnen zu Essen." Das Himmelsbrot des Neuen Bundes ist die Eucharistie, in der Jesus Christus sein Fleisch und sein Blut hingibt zum Leben der Welt.
    Das Manna des Neuen Bundes ist nun nicht mehr eine Nahrung, die den irdischen Hunger stillt, sondern die Eucharistie wird zum Brot des Lebens, das den geistigen Hunger des Menschen stillt und Nahrung ist für das ewige Leben bei Gott. Sie ist nicht mehr nur eine Speise, die Gott schenkt, sondern in der Eucharistie schenkt Gott sich selbst. Jesus Christus gibt uns sein Fleisch und Blut zu Essen und zu Trinken, damit wir so eins werden mit ihm und Anteil haben am Reich Gottes.
    Haben wir den Mut, unsere "Fleisch- töpfe Ägyptens" zu verlassen und uns, gestärkt vom wahren Manna Jesus Christus, aufzumachen zu einem neuen Leben, das Gott uns schenken will?

"Ich bin das Brot des Lebens"

Am Tag zuvor haben die Menschen die Erfahrung gemacht, dass Jesus sie auf wunderbare Weise satt gemacht hat. Sie wollten Jesus zum "König" machen, doch dann war er weg. Die Menschen blieben allein zurück, einige werden nach Hause gegangen sein, aber viele suchen am anderen Morgen nach Jesus. Er ist nicht zu finden. Was die Menge nicht weiß: Jesus hat vor den Augen seiner Jünger ein weiteres Wunder vollbracht. Er ist über das Wasser gelaufen und hat die Jünger, die schon mit dem Boot über den See voraus gefahren sind, eingeholt.
Schließlich spricht sich herum, dass Jesus am anderen Ufer des Sees in Kafarnaum ist und die Menge setzt sich über den See dorthin in Bewegung. Sie wundern sich, wie Jesus dorthin kommen konnte. Ihre Frage danach, wann und wie er dorthin gekommen ist, lässt Jesus aber unbeantwortet. Und doch sind seine Worte eine Antwort auf ihre Frage. Die Worte Jesu können etwa folgende Bedeutung haben: Schaut nicht nur auf das, was euch vor Augen steht, blickt tiefer, erkennt das Wesen der Dinge, damit ihr verstehen könnt. Wie mein Weg nach Kafarnaum im Verborgenen geschehen ist, so ist auch die Bedeutung des Speisungswunders eine Verborgene, die nur der erkennt, der bereit ist, seinen Blick zu schärfen für das, was Gott wirkt.
Jesus erkennt, dass die Menschen nicht tiefer blicken wollen. Sie sind satt geworden, das genügt ihnen.

    "Sie suchen im Messias und so in dem Gott, der ihn sendet, letztlich den Versorger. Sie brauchen Gott - für die eigenen Bedürfnisse. Den, der Brot spendet, nehmen sie an. Den, der selber Brot ist, lehnen sie ab. Der Mensch macht sich ein geschnitztes Bild vom Heil, statt sich unmittelbar dem auszusetzen, von dem er allein sein und leben kann: Versorgung statt Beziehung, damit aber Entgöttlichung Gottes." (Klaus Hemmerle)

    Manna

Sie fragen nach den Werken. Was müssen wir tun? Die Gesetzeslehrer kennen hunderte Vorschriften, die das Tun des Menschen genau regeln, damit er durch sein Tun heilig lebt. Das Volk Israel hat die Tora als Weisung Gottes. Die Tora ist der Schatz Israels. Doch es genügt nicht, sie nur dem Wortlaut nach zu befolgen. Glaube, das geht tiefer. Glaube, das bedeutet, nicht nur fromme Dinge tun, sondern in seinem Herzen zu erfassen, dass Gott ist, dass Gott da ist, dass Gott mit den Menschen ist, dass er mitten unter den Menschen ist, dass Gott da ist im hier und jetzt in diesem Menschen Jesus Christus.
Die Menschen wollen ein Zeichen sehen, das ihnen die Gewissheit gibt, dass Jesus wirklich das Recht hat, diesen Glauben zu fordern. Beim Auszug aus Ägypten hat Mose dem Volk Israel das Manna geschenkt, Brot vom Himmel, das dem Volk auf seinem Weg durch die Wüste Nahrung bot. Gott selbst hat das wandernde Israel mit himmlischem Brot genährt. Wenn der Messias kommt, der Prophet, den Mose selbst vorhergesagt hat, dann wird er noch Größeres tun als Mose, so glaubten die Menschen damals. Heißt das nun, dass der Messias mehr Menschen speisen wird als Mose, dass er für ein Volk, in dem viele an Hunger und unter der Mühsal des täglichen Broterwerbs leiden, eine Gabe anbietet, die für alle und für immer den Hunger stillt?

Die Menschen damals und auch wir heute tun uns schwer damit zu verstehen, dass Jesus, in dem sich die Verheißungen des Alten Bundes erfüllen, nicht nur ein quantitatives, sondern ein qualitatives Mehr auszeichnet. Nicht allein dass Jesus durch die wunderbare Brotvermehrung so viele Menschen satt gemacht hat ist von Bedeutung. Entscheidend ist, dass Jesus nicht nur Brot gibt, sondern dass er selbst das Brot des Lebens ist.
Der Glaube an Jesus bietet nicht ein irdisches Paradies, in dem Menschen keine Not und keinen Hunger mehr zu leiden haben. Freilich, Jesus sorgt sich auch darum und heilt die Menschen, die zu ihm kommen und macht sie satt. Doch er will noch viel mehr geben: Die Speise, die nicht verdirbt und nach deren Genuß der Mensch nicht wieder Hunger bekommt, die Speise, die allein die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben stillt.
Die Sehnsucht des Herzens können keine Gaben aus zweiter Hand stillen. Die Sehnsucht des Herzens kann nur der stillen, der die Herzen geschaffen hat: Gott. Und so gibt sich Jesus selbst als Brot, das unseren Lebenshunger stillt. Wir finden die Erfüllung unseres Lebens, wenn wir es leben mit Jesus Christus.

    Bild Gottes

Zieht den neuen Menschen an,
der nach dem Bild Gottes
geschaffen ist. (Eph 4,24)

Kleider machen Leute, so sagt man und das war zu allen Zeiten so. Wer etwas sein will, der kleidet sich vornehm. Die Menschen sehen zuerst auf das Äußere, das kann man selbst leicht ausprobieren, wenn man ein Geschäft oder Restaurant entweder im feinen Anzug oder in einer abgetragenen Jeans betritt.
Viele Heilige haben am Beginn ihres Weges ein bewusstes Zeichen auch in Bezug auf ihre Kleidung gesetzt. Bekannt ist Franziskus, der sich in aller Öffentlichkeit ausgezogen und seinem Vater seine vornehmen Kleider zurückgegeben hat. Auch Ignatius von Loyola hat auf dem Montserrat seine Kleider einem Bettler geschenkt und selbst ein einfaches Gewand angezogen. Heute noch steht am Anfang des Weges zum Klosterleben die Einkleidung. In einer öffentlichen Zeremonie wird das neue Mitglied der Ordensgemeinschaft feierlich mit dem Ordensgewand bekleidet und erhält in manchen Orden zudem auch einen neuen Ordensnamen.

Jeder Christ ist in der Taufe zu diesem neuen Menschen geworden, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Früher stiegen die Täuflinge nackt in das Taufbecken und erhielten nach der Taufe ein weißes Gewand, um dies äußerlich sichtbar zu machen. Heute kennen wir das weiße Taufkleid, das die Kinder bei der Taufe tragen.
All dies ist Zeichen dafür, dass das Leben als Christ mit einer bewussten Entscheidung verbunden ist. Der Mensch bleibt zwar von seinem Körper her der gleich, doch in seinem Inneren wird er neu. Dieses neue Leben als Christ muss sich aber auch nach Außen hin zeigen. Dazu ruft Paulus in der heutigen Lesung auf. Das Denken und Tun der Christen muss sich von dem anderer Menschen unterscheiden. Es muss sich zeigen in einem Leben nach dem Willen Gottes. Nicht Begierde und Selbstsucht sollen den Menschen bestimmen, sondern das Streben nach Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Sicher ist das oft nicht leicht. Es erscheint so attraktiv, zu sein wie die anderen. Nicht jeder kann wie Franziskus oder Ignatius ein ganz neues Leben beginnen. Aber doch müssen wir uns immer wieder fragen: Wo zeige ich in meinem Leben, dass ich Christ bin? Wo können Menschen an meinem Leben erkennen, dass ich ein Mensch bin, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist?

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #21 am: 12. August 2012, 08:01:59 »
19. Sonntag im Jahreskreis


Erste Lesung
1 Kön 19, 4-8

    In jenen Tagen ging Elija eine Tagereise weit in die Wüste hinein. Dort setzte er sich unter einen Ginsterstrauch und wünschte sich den Tod. Er sagte: Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter.
    Dann legte er sich unter den Ginsterstrauch und schlief ein. Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss!
    Als er um sich blickte, sah er neben seinem Kopf Brot, das in glühender Asche gebacken war, und einen Krug mit Wasser. Er aß und trank und legte sich wieder hin.
    Doch der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich.
    Da stand er auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb.

Zweite Lesung
Eph 4,30 - 5,2

    Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung.
    Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte! Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.
    Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder, und liebt einander, weil auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und als Opfer, das Gott gefällt.

Evangelium
Joh 6, 41-51

    In jener Zeit murrten die Juden gegen Jesus, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?
    Jesus sagte zu ihnen: Murrt nicht! Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt; und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag.
    Bei den Propheten heißt es: Und alle werden Schüler Gottes sein. Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen. Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen.
    Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens.
    Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.

 Wir sind immer noch im Evangelium mitten in der Rede über das Himmelsbrot, die Jesus am Tag nach der wunderbaren Speisung des Volkes in der Synagoge von Kafarnaum gehalten hat. Die Leute murren gegen Jesus und wollen Zeichen sehen, die es rechtfertigen, dass er mit dem Anspruch auftritt, der Sohn Gottes zu sein.
Es ist typisch für Johannes, dass in den langen Reden Jesu, die er in seinem Evangelium überliefert, ein Thema immer wieder von unterschiedlichen Seiten beleuchtet wird. Wenn wir das heutige Evangelium hören, so werden wir thematisch nicht viel Neues gegenüber dem vom letzten Sonntag finden. Jesus wiederholt nur noch einmal eindrücklich das, was er bereits gesagt hat. Die Reden Jesu bei Johannes sind eine große Meditation, die uns wie über eine Spirale immer tiefer zum Kern der Worte Jesu hinführen.
Das Zeichen Jesu war für die Juden noch kein ausreichender Beleg dafür, dass er der Messias ist. Wer 5000 Männer satt macht, tut noch kein größeres Zeichen als Mose, der das ganze Volk Israel in der Wüste gesättigt hat. Die Menschen messen irdisch nach Zahl und Größe und sind nicht in der Lage, den substantiellen Sprung von der quantitativen zur qualitativen Verschiedenheit Jesu zu leisten. Sie sehen in ihm nur einen mehr oder weniger großen Menschen und nicht den Sohn Gottes, der er in Wahrheit ist.
Der Messias wird auch einer sein, dessen Herkunft unbekannt ist, so weiß es die jüdische Tradition. Doch von Jesus weiß die Menge, dass er der Sohn Josefs ist. Wie kann der Sohn Josefs und Mariens, der Bekannte von nebenan, von sich behaupten, dass er vom Himmel herabgekommen ist? Auch darin erkennen wir ein Argument gegen das Christentum, mit dem sich alle Christen, von den ersten Jüngern bis zu uns heute, auseinanderzusetzen haben. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes im Schoße einer Jungfrau bleibt nach allein menschlichen Maßstäben unergründlich.
Irgendwie können wir die Zuhörer Jesu schon verstehen - und sind wir nicht manchmal selbst wie sie? Wenn einer mit großen Zeichen und spektakulären Wundern auftritt, ja dann staunen die Menschen. Aber die Unscheinbarkeit, mit der Jesus auftritt, ist das die Weise, wie das Reich Gottes einbricht in diese Welt? Trauen wir Gott überhaupt noch zu, dass er in dieser Welt seine Wunder wirkt, auch noch heute? Wunder, die nicht unseren eigenen Wünschen entgegenkommen und so sind, wie wir es gerne hätten, sondern die Gottes Herrlichkeit offenbaren, so wie er es will? Jesus sagt:

    "Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir führt." (Joh 6,44)

Wörtlich übersetzt heißt es: "Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht." Was bedeutet das? Ist Gezogen-Werden nicht etwas Unfreiwilliges? Wer gezogen wird, der kann nicht aus, der wird "abgeschleppt". Aber Gott will doch, dass wir ihm freiwillig folgen.
Wenn wir das Gezogen-Werden im Sinn von "Hingezogen-Werden" verstehen, wird diese Stelle schon anschaulicher. Wir fühlen uns zu jemand oder etwas hingezogen, das bedeutet, dass uns ein Mensch oder eine Sache sehr wichtig ist. Wir fühlen uns hingezogen zu einem schönen Kunstwerk, können uns daran nicht satt sehen. Wir lieben einen Menschen und wollen daher viel Zeit mit ihm verbringen. So zieht uns Gott zu sich, wir sind einfach fasziniert von ihm und können nicht anderes, als ihn anschauen wollen und mit ihm im Gebet zusammen sein. Augustinus schreibt:
"Wenn du vernimmst: ,Niemand kommt zu mir, außer wen der Vater zieht', sollst du nicht meinen, dass du wider Willen gezogen wirst. Es wird der Geist auch durch Liebe gezogen. So geschieht das Gezogen-werden nicht nur freiwillig, sondern mehr noch als das: du wirst sogar mit Lust gezogen, denn so heißt es in den Psalmen: ,Habe Lust im Herrn, und er wird dir die Wünsche deines Herzens erfüllen.' (Ps 37,4)
Nicht nur die körperlichen Sinne haben ihre Freuden, auch der Geist hat seine Freuden. In den Psalmen beten wir: ,Die Menschenkinder bergen sich im Schutz deiner Flügel, sie werden trunken vom Überfluss deines Hauses, und du tränkst sie mit dem Strom deiner Wonnen. Denn bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Licht schauen wir das Licht.' (Ps 36,8-10) Denk dir einen Liebenden, er versteht, was ich sage."
Bereits im Alten Testament haben wir den Gedanken, dass Gott sein Volk wie ein störrisches Tier "zieht". So heißt es bei Jeremia: ,Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, deshalb zog in dich in mein Erbarmen.' (Jer 38,3) und Hosea schreibt: ,Ich habe sie gezogen mit den Fesseln meiner Liebe.' (Hos 11,4).
Aus Liebe hat Gott seinen Sohn gesandt, um in ihm die Menschheit, die sich von Gott entfernt hat, heimzuholen in die Gemeinschaft mit Gott. Gott sehnt sich nach dem Menschen. Er will die Liebe des Menschen wecken, damit er ihn dann mit der unaussprechlichen Fülle seiner Liebe beschenken kann. Der Vater sendet den Sohn, er schickt ihn weg von sich in unsere Welt. Diese Sendung geschieht um unseretwillen. Durch den Sohn zieht der Vater uns wieder an sich. Unser Ziel ist es, zu Christus kommen und mit ihm zum Vater. Dazu ist Christus Mensch geworden, dass wir durch ihn zum Vater kommen und so ewiges Leben haben.

    Schüler Gottes

    "Und alle werden Schüler Gottes sein." (Joh 6,45)

Es ist Gott selbst, der uns lehrt, ihn zu erkennen. Wir müssen es nur zulassen, dann kann er uns den Glauben schenken, der unserem Leben eine neue Perspektive eröffnet. Gott klopft immer wieder an unsere Herzen. Vielleicht gelingt es ihm, uns von unserer Engstirnigkeit, in die wir so oft gefangen sind ohne es zu merken, herauszuführen und unsere Herzen weit zu machen, damit wir seine Größe fassen können.
Versuchen wir, alles aus dem Weg zu räumen, was uns den Blick auf Jesus verstellt, alle rein irdischen Argumente, die uns nicht erkennen lassen, dass Gott mehr vermag, als wir es uns mit unserem irdischen Verstand vorstellen können, alle Argumente, die das Wirken Gottes auf ein rein menschliches Maß reduzieren wollen. All das führt zum Murren gegen Gott. Geben wir Gott Raum in unserem Leben und lassen wir uns von ihm zum ewigen Leben führen.

Elija - Aufbruch

In der ersten Lesung hören wir heute vom Propheten Elija. Der Hintergrund zum Text der Lesung ist folgender: In seinem Eifer für Gott hat Elija etwas Schreckliches getan, er hat das Volk dazu aufgewiegelt, 450 Propheten des heidnischen Gottes Baal zu ermorden. Dafür soll er jetzt bestraft werden. Voller Angst und um sein eigenes Leben zu retten, flieht er in die Wüste.
An einem Ort völliger Einsamkeit setzt sich Elija unter einen Ginsterstrauch, ein armseliges Gestrüpp, das ihn nur notdürftig vor der prallen Sonne schützt. Er weiß nicht weiter. Wie steht Gott zu dem, was er getan hat? In seinem Kummer möchte er am liebsten sterben. "Nun ist es genug, Herr. Nimm mein Leben; denn ich bin nicht besser als meine Väter." Dann legt er sich unter den Ginsterstrauch und schläft ein.
Wir kennen solche Momente der Erschöpfung und der Resignation. Ein falsches Wort, eine unüberlegte Handlung und plötzlich ist alles anders, eine Freundschaft zerstört, eine Beziehung kaputt, der Arbeitsplatz verloren, der Aufstieg verpasst. Und wir fragen uns: Warum? Warum musste es so kommen und nicht anders? Wie kann es jetzt noch weiter gehen?
In solchen Situationen sind wir machtlos, können uns selbst nicht helfen. Auch Elija kann sich nicht selbst aus dieser Not befreien. Doch Gott lässt ihn nicht im Stich. Ein Engel kommt und weckt ihn, hat Brot und Wasser gebracht, Stärkung für den Erschöpften in der Wüste. Doch es reicht noch nicht. Elija kann noch nicht weiter, legt sich wieder hin. Ein zweites Mal weckt ihn der Engel: "Steh auf und iss!"
Vielleicht ist es wirklich so, dass es niemals einen Augenblick gibt, an dem uns Gott ganz allein lassen würde, egal wie viel wir gesündigt haben und an allem "selber schuld" sind. Wir müssen aber offen sein für das, was uns der Engel Gottes zur Stärkung bringt, es sehen und annehmen. Es kann dauern, bis wir wieder aufstehen können, doch irgendwann dürfen auch wir dann wieder die Erfahrung machen, die auch Elija gemacht hat:
Er stand auf, aß und trank und wanderte, durch diese Speise gestärkt, vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Gottesberg Horeb.
Und die Wüste fängt an zu blühen.

In der Lesung aus dem Epheserbrief hören wir heute Mahnungen zu einem christlichen Leben. Güte, Barmherzigkeit und Liebe sollen im Leben der Gläubigen zum Ausdruck kommen. Damit sollen wir das weitergeben, was wir selbst an uns erfahren haben. Gott hat zuerst an uns seine Güte Barmherzigkeit und Liebe erwiesen.

Mache ich im Glauben die Erfahrung, von Gott beschenkt zu sein? Ein Ort, wo mir dies besonders bewusst werden kann, ist die Beichte. Auch wenn viele heute die Beichte anders sehen, sie ist ein Geschenk, das Gott uns immer wieder anbietet.

"Das Sakrament der Versöhnung ist der Moment, in welchem dem einzelnen Gläubigen die größte Würde zuerkannt wird. In jedem anderen Moment des kirchlichen Lebens ist der Gläubige nur einer in der Vielzahl der anderen: einer von denen, die das Wort Gottes hören, einer von denen, die den Leib Christi empfangen - hier ist er der Einzige, in diesem Moment existiert die Kirche ganz und gar allein für ihn." (Raniero Cantalamessa)

Ein Konvertit gab einmal dieses Zeugnis:


"Wenn die Leute mich fragen: ,Warum hast du dich der Kirche von Rom angeschlossen?', lautet die erste Antwort: ,Um mich von meinen Sünden zu befreien.' Denn es gibt keine andere religiöse Gemeinschaft, die wirklich erklärt, die Leute von ihren Sünden zu befreien. Nur eine einzige Religion habe ich gefunden, die es wagt, mit mir in die Tiefe meines Selbst hinabzusteigen." (Gilbert. K. Chesterton)

Nehmen wir dieses Geschenk Gottes an und geben wir es weiter. Wie Gott uns die Vergebung allein aus seiner Liebe schenkt, so erwartet er auch von uns, dass wir unseren Mitmenschen vergeben, auch wenn es uns oft schwer fällt und Bitterkeit und Wut über uns Macht zu gewinnen versuchen. Wir können es, weil Gott es schon zuvor für uns getan hat.
Vergebung

 

Wege aus dem Seelentief
Depression in der Bibel: Wie der Prophet Elia aus der Wüste zu neuem Leben kommt


Von Barbara Hauck

Die Bibel ist ein zutiefst menschliches Buch: Sie kennt Niedergeschlagenheit, tiefe Erschöpfung und Depression und schildert sie in eindrucksvollen Worten. Barbara Hauck zeigt anhand der Geschichte des Propheten Elia, wie einer aus der Seelenwüste wieder herausfindet - zu einem neuen Leben.
»Die Speisung des Elias durch den Engel«, nach 1. Könige 19,7-8, Francesco Maggiotto, um 1790, Venedig, S. Giovanni in Bragora.



 »Die Speisung des Elias durch den Engel«, nach 1. Könige 19,7-8, Francesco Maggiotto, um 1790, Venedig, S. Giovanni in Bragora.
   
Er kann nicht mehr. Er will nicht mehr. Klar: Dass man mal durchhängt nach anstrengenden Arbeitswochen, das kennt er. Diesmal aber ist es anders. Diesmal, so spürt er, wird er nicht mehr aufstehen. Der Körper ist Blei. Der Kopf ist Blei. Die Gedanken sind Blei. Was soll das alles noch: sich abrackern, Erfolg haben, der dann doch nicht anerkannt wird.

Noch vor einem halben Jahr hätte er weitergekämpft. Hätte es allen gezeigt. Nun triumphieren die anderen. Sie haben ihn geschafft. Er ist fertig. Er spürt es selbst. Es hat ja doch keinen Sinn mehr…

VOM PROPHETEN ELIA ist die Rede. Man kann seine Geschichte, die im 1. Buch der Könige erzählt wird (1. Könige 19, 17-19), lesen als Ringen um die Aufgabe eines Propheten oder als Teil der uralten Geschichte Israels mit seinem Gott. Man kann sie aber auch lesen als die Geschichte eines depressiven Menschen. Elia wünschte sich zu sterben und sprach: »Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter.«

»Depression hat zu tun mit Überforderung, und Überforderung führt zu Erschöpfung«, schreibt der Schweizer Psychotherapeut Josef Giger-Bühler. In seinem Buch »Endlich frei. Wege aus der Depression« betont er, wie häufig solche Überforderung daher rührt, dass man es besser machen will oder machen soll als die Eltern oder Großeltern. Die Bibel ist ein zutiefst menschliches Buch, sie kennt Niedergeschlagenheit, tiefe Erschöpfung, Depression, und sie schildert das in eindrucksvollen Worten.

Nicht nur das Schicksal des Elia, nicht nur die Geschichte des Königs Saul, der sich wünscht, dass der Hirtenjunge David sein verdüstertes Gemüt durch Musik aufhellt, lassen etwas ahnen von den vielen Gesichtern der Depression, die die Bibel bereithält. Die Psalmen, das Gebetbuch der jüdischen Frommen, lesen sich, als hätte einer die Klagen depressiver Menschen wörtlich mitgeschrieben:

Ich bin ein Wurm und kein Mensch ( Ps 22, 7)

Ich bin hingeschüttet wie Wasser ( Ps 22, 15)

Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist, ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser, meine Augen sind trübe geworden ( Ps 69, 3-4)

Ich bin fremd geworden meinen Kindern und unbekannt den Kindern meiner Mutter ( Ps 69, 9)

Mancher, der heute in seiner Depression mit dunklen Gedanken zu kämpfen hat, staunt, dass all das bereits in den Psalmen ausgesprochen ist. Und es wird nicht einfach ausgesprochen und aufgezählt. Da werden die Gedanken hin- und hergewälzt, wird nach Gründen gesucht, warum sich die Seele so verdunkelt hat. Bin ich selbst schuld daran, dass es mir so schlecht geht, sind es Feinde, die mir Böses wollen, oder hat sich Gott selbst abgewendet?
Wer drinsteckt, kann nicht glauben, dass es einmal enden wird
»So nimm nun, Herr, meine Seele«: Der Prophet Elias, Daniele da Volterra, um 1560, Rom, Sammlung Pannocchieschi d'Elci.



  »So nimm nun, Herr, meine Seele«: Der Prophet Elias, Daniele da Volterra, um 1560, Rom, Sammlung Pannocchieschi d'Elci.

       

Das Grübeln kann qualvoll sein, aber in der Art und Weise, wie die Beter der Psalmen darüber nachdenken, steckt auch etwas Befreiendes. »Mein Auge ist trübe geworden vor Gram und matt, weil meiner Bedränger so viele sind. Weicht von mir, alle Übeltäter, denn der Herr hört mein Weinen; … es sollen alle meine Feinde zuschanden werden und sehr erschrecken…« (Psalm 6,8-11)

Da nimmt einer seine eigenen Gefühle ernst. Diese Gefühle sagen ihm, was er lange Zeit nicht wahrhaben wollte: dass er mit Feinden zu kämpfen hat. Die Aggressivität, mit der er die Feinde verwünscht, lässt etwas ahnen von der Kraft, die darin stecken kann, sich selber und anderen einzugestehen: Ja, da sind andere Menschen, die mir Böses wollen, und ich will nicht, dass das ungestraft einfach so durchgeht.

Es geht nicht darum, anderen bewusst Böses zuzufügen. Wohl aber geht es darum, das quälende Kreisen um sich selbst zu durchbrechen und zu erkennen: Nicht ich bin an allem schuld. Es gibt in meiner Geschichte Menschen, die meiner Seele geschadet haben, bewusst oder unbewusst, und deretwegen ich mich nun herumplagen muss mit einer Lebenslast, die schwer zu tragen ist. Der Mut, so etwas zu sagen, kann ein Schritt sein, sich mit der eigenen Depression und ihren Ursachen auseinanderzusetzen.

Die Geschichte des Propheten Elia lässt noch andere Schritte erkennen. Sie gibt Hinweise und Anregungen, wie einer den schweren Weg der Depression durchstehen kann. Vierzig Tage und vierzig Nächte, so erzählt die Bibel, ist Elia allein in der Wüste unterwegs. Vierzig - das heißt zunächst: Dieser Weg hat einen Anfang, und er wird ein Ende haben. Die Tage sind gezählt. Sie werden sich nicht ins Unendliche dehnen. Vierzig ist aber auch eine heilige Zahl. Sie weist darauf hin, dass sich etwas Besonderes ereignen kann in dieser Zeit, etwas Besonderes auch zwischen einem Menschen und seinem Gott.
»Und siehe, ein Engel rührte ihn an«: Speisung des Elias, Lorenzo Gramiccia, 1769, Venedig.

  »Und siehe, ein Engel rührte ihn an«: Speisung des Elias, Lorenzo Gramiccia, 1769, Venedig.

Freilich: Eine Depression und den langen Weg, den einer zu gehen hat, soll man nicht schönreden. Wer drinsteckt, der kann nicht mehr glauben, dass es einmal enden wird - und er spürt schon gar nicht, dass es eine besondere Zeit sein kann, die er da durchmacht. In der Rückschau merkt einer manchmal, dass es eine Reifezeit war, dass hinterher etwas anders ist als vorher, dass die Zeit nicht einfach vergeudet und verloren war. Aber erst mal geht es einfach ums Durchkommen, ums Überleben.

Eine im wahrsten Sinn des Wortes anrührende Szene wird geschildert: »Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. Und er stand auf und aß und trank…«
Elia geht weiter, Schritt für Schritt durch die Wüste

Es sind die einfachsten Dinge, die elementarsten, die einer braucht für den weiten Weg durch die Depression. Dazu kann gehören, dass er sich eingesteht: Alleine schaff ich es nicht. Ich brauche Hilfe. Ich brauche jemanden, der mich von außen anrührt und mir zeigt, was jetzt zum Weiterleben nötig ist.

Für Elia ist es ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Essen und Trinken, mehr nicht. Das ist genug. Es ist auch Arbeit genug für einen, der sonst gar nichts mehr tun kann: wenigstens einen Bissen Brot essen, wenigstens einen Schluck trinken. Vielleicht kann er nicht mal Danke sagen, aber essen und trinken, das geht gerade noch. Gut, dass Engel keinen Dank brauchen.

Er geht weiter, Schritt für Schritt durch die Wüste, allein, kaum sichtbar für Außenstehende. Für Angehörige ist das oft schwer zu ertragen, diese Langsamkeit. Wer spürt schon von außen, wie anstrengend jede Bewegung ist, wenn sich einer einsam durch die Lebenswüste schleppt.

Wer mit depressiven Menschen zu tun hat, muss aushalten, dass er nur von außen diesen Menschen berühren kann. Er kann ihn nicht verändern und verwandeln. Wer mit depressiven Menschen zu tun hat, muss sich darauf einstellen, dass er das Lebenswichtige ständig wiederholen muss. Der Engel weist zweimal hin auf Brot und Wasser. Auch Gott sagt zu Elia immer wieder das Gleiche. Mit großer Geduld lockt er ihn aus der Höhle, in die Elia sich verkrochen hat.

Doch zunächst scheint es, als wäre Gott nicht mehr da. Zumindest nicht so, wie Elia ihn erwartet - im Feuer, im Sturm, im lauten Brausen: »Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem Herrn her; der Herr aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der Herr war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der Herr war nicht im Feuer.«

So fremd einem diese archaischen Gotteserfahrungen hier scheinen mögen, so ist das etwas, was viele Menschen aus ihrer Depression erzählen und was sie erschüttert: Gott ist nicht mehr da zu finden, wo sie ihn suchen. Er redet nicht mehr so zu ihnen wie früher. Es scheint, als hätte er sein Gesicht verborgen.

Das, was einer vor der Depression einmal geglaubt hat, das ist nicht mehr zugänglich. Die Seele kann nicht mehr antworten auf Gottesbilder, die einem womöglich als Kind lieb und wichtig waren. Es ist, als wäre sie nicht mehr empfänglich für die lauten und selbstgewissen Tonarten des Glaubens. Jetzt braucht sie das Leise: »Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?« Gott redet zu Elia so, wie der es in seiner Depression gerade noch ertragen kann, mit der »Stimme eines kümmerlichen, kleinen, schwachen Schweigens«. So lässt sich das »stille, sanfte Sausen« auch übersetzen. Und leise stellt er ihm die entscheidende Frage: »Was suchst du hier, Elia?«

Die Frage beantworten zu können bedeutet: zu wissen, warum man hier ist und was man hier will. Die Frage beantworten zu können heißt: dem eigenen Leben, dort, wo es einen - auch auf einem langen Weg durch die Depression - hingeführt hat, wieder einen Sinn zu geben. Manchmal ist das, aus dem Rückblick gesehen, der tiefste Sinn einer Depression: dass einer an dem Ort, an den ihn sein Weg geführt hat, diese Frage hört und sie ernst nimmt und beantwortet, für sich und mit allen Konsequenzen.


« Letzte Änderung: 12. August 2012, 08:17:07 von velvet »

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #22 am: 18. August 2012, 14:23:33 »
20. Sonntag im Kirchenkreis




Erste Lesung
Spr 9, 1-6

    Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen. Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt und schon ihren Tisch gedeckt.
    Sie hat ihre Mägde ausgesandt und lädt ein auf der Höhe der Stadtburg: Wer unerfahren ist, kehre hier ein. Zum Unwissenden sagt sie:
    Kommt, esst von meinem Mahl, und trinkt vom Wein, den ich mischte. Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, und geht auf dem Weg der Einsicht!

Zweite Lesung
Eph 5, 15-20

    Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht töricht, sondern klug. Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist.
    Berauscht euch nicht mit Wein - das macht zügellos -, sondern lasst euch vom Geist erfüllen! Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!
    Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Christi, unseres Herrn!

Evangelium
Joh 6, 51-58

    In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, ich gebe es hin für das Leben der Welt.
    Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?
    Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, das sage ich euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.
    Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben, und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag. Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise, und mein Blut ist wirklich ein Trank.
    Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm. Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.
    Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Mit ihm ist es nicht wie mit dem Brot, das die Väter gegessen haben; sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.


    Leben in Christus

    Jesu Fleisch, das ist sein Leben, seine Menschwerdung - in Jesus ist Gottes Wort Fleisch geworden. In Jesus können wir Gott fassen, ergreifen.
    Er gibt sich uns als Speise, wir sollen sein Fleisch essen - das heißt, wir sollen ihn nicht nur nachahmen wie einen vorbildlichen Menschen, sondern an ihm teilhaben, ihn ganz in uns aufnehmen, zu seinem Bild werden - Abbild Gottes werden, wozu Gott den Menschen geschaffen hat.
    Sein Fleisch essen, ihn mit unseren Zähnen zerkauen, ihn ganz in uns aufnehmen.
    Mir kommt hier ein anderes Wort aus der Spiritualität in den Sinn:
    Ruminatio - Wiederkäuen, das bedeutet, das Wort Gottes durch ständige Wiederholung präsent zu haben und immer tiefer wirken zu lassen, so dass wir selbst durch dieses Wort verwandelt werden.
    Jesus ist das Wort Gottes - dieses Wort aufnehmen, wirksam werden lassen - mich verwandeln lassen, diesem Wort gleich werden. So wie Jesus das lebendige Wort Gottes ist, so soll auch ich zu solch einem lebendigen Wort Gottes werden.
    Jesu Fleisch essen - mich ganz von Jesu Person durchdringen lassen, dass seine Worte meine Worte, sein Tun mein Tun und mein Leben ganz zum Bild seines Lebens wird.
    Jesus bringt uns nicht nur eine Lehre, er bringt sich uns als Person, darum gilt es nicht nur eine Lehre anzunehmen, sondern ihn selbst ganz und gar.
    Das ist der Anspruch, mit dem Jesus auftritt und der auf Ablehnung und Missverständnis stößt - bis heute.

Wille Gottes

Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben.


Blut - Lebenskraft

Um die Bedeutung dieser Stelle besser verstehen zu können, müssen wir zunächst einmal darauf blicken, welche Gedanken das Wort Jesu vom Trinken seines Blutes in den Hörern geweckt haben mag.
Den Juden ist es streng verboten, Blut zu genießen. In der Gesetzessammlung des Buches Deuteronomium heißt es: "Beherrsche dich und genieße kein Blut, denn Blut ist Lebenskraft" (Dtn 12,23). Ähnlich sagt das Buch Levitikus: "Die Lebenskraft des Fleisches sitzt im Blut. ... Niemand unter euch darf Blut genießen" (Lev 17,11f).
Blut ist Leben. Es fällt uns nicht schwer, diesen Gedanken nachzuvollziehen. Wie aber der Kreislauf des Blutes den Menschen am Leben erhält, so will Christus uns sein Blut schenken, damit es uns ewiges Leben gibt.
Für die Juden, die Jesu Worte wörtlich verstanden haben, war dies eine unerhörte Aussage, eine deutliche Lästerung gegenüber Gott, der ja selbst den Genuss von Blut verboten hat. Jesu Worte sind anstößig, wenn wir in ihm einen Menschen sehen, den wir wie Kannibalen mit unseren Zähnen zerfleischen würden.
Doch Jesus ist Gott. Wie sich in der Person Jesu Christi die göttliche Natur mit der menschlichen Natur vereint hat, so will Gott in Christus Jesus allen Menschen Anteil schenken an seiner göttlichen Natur und so alle Menschen in die Gemeinschaft mit sich aufnehmen, die ewiges Leben bedeutet.

Christi Leib und Blut

Nicht den menschlichen Leib Jesu zerfleischen wir also, wenn wir sein Fleisch essen und sein Blut trinken, sondern wir haben teil an seiner Gottheit. Was wir essen und trinken sind Brot und Wein, doch sie werden durch die Worte des Priesters im Heiligen Geist gewandelt in Christi Leib und Blut.
Cyrill von Jerusalem erklärt dies den Neugetauften in seinen mystagogischen Katechesen:

    Durch die göttlichen Mysterien der Taufe und Eucharistie "seid ihr ein Leib und ein Blut mit Christus geworden. ... Christus selbst sprach über das Brot: ,Das ist mein Leib' - wer wird da noch wagen zu zweifeln? Er selbst hat es versichert und gesagt: ,Das ist mein Blut' - wer wird da noch Bedenken haben und sagen, es sei nicht sein Blut? ...
    Wir haben also mit Gewissheit teil am Leib und Blut Christi. Denn in der Gestalt des Brotes wird dir der Leib gegeben, in der Gestalt des Weines wird dir das Blut gegeben, damit du durch die Teilnahme am Leib und Blut Christi ein Leib und ein Blut mit Christus wirst. Denn so werden wir zu Christusträgern, indem sich sein Leib und sein Blut in unseren Gliedern verteilt. Wir werden - wie Petrus sagt (2 Petr 1,4) - seiner göttlichen Natur teilhaftig.
    Einmal erklärte Christus den Juden: ,Wenn ihr mein Fleisch nicht esst und mein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.' Sie aber verstanden das Gesagte nicht geistlich, fanden es skandalös und gingen weg. Sie meinten, der Heiland wolle sie zur Menschenfresserei auffordern. ...
    Das himmlische Brot und der Kelch des Heils heiligen Seele und Leib. ... Sieh das Brot und den Wein also nicht als etwas Gewöhnliches an. Denn sie sind nach Aussage des Herrn Leib und Blut. Wenn die Wahrnehmung dir auch jenes nahelegt - der Glaube gebe dir Sicherheit. Beurteile diese Sache nicht nach dem Geschmack! Sei vom Glauben her fest überzeugt, dass du des Leibes und Blutes Christi gewürdigt worden bist! ...
    Das, was wie Brot aussieht, ist nicht Brot - auch wenn es für den Geschmack so scheint -, sondern Leib Christi. Und das, was wie Wein aussieht, ist nicht Wein - auch wenn der Geschmack es will -, sondern Blut Christi. Darüber hat schon David gesungen: ,Brot stärkt das Herz des Menschen, aufzuheitern das Angesicht durch Öl' (Ps 104,15).
    Stärke also das Herz, indem du das Brot geistlich empfängst und heitere das Gesicht der Seele auf! Und wenn du es in reiner Gesinnung enthüllt hast, dann sollst du die Herrlichkeit des Herrn widerspiegeln und fortschreiten von Herrlichkeit zu Herrlichkeit in Christus Jesus, unserem Herrn. Ihm sei die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen."

Wir werden bei diesen Worten des hl. Cyrill erinnert an das "Adoro te devote" des hl. Thomas von Aquin:

    Ich bete dich voll Demut an, verborgene Gottheit,
    die du dich in diesen Gestalten (Brot und Wein) wahrhaft verbirgst. ...
    Sehen, Tasten, Schmecken täuschen sich in dir,
    aber durch das Hören allein glaube ich sicher.
    Ich glaube alles, was Gottes Sohn gesprochen hat. ...
    Oh Angedenken an des Herren Tod,
    Lebensbrot, das dem Menschen Leben gibt,
    gib dich meinem Geiste, damit er aus dir lebt!

Blut hatte im Alten Bund auch kultische Funktion. Durch das Opfer des Blutes wurde durch die Sünde bedrohtes Leben wieder hergestellt. Menschen und Dinge wurden durch das Blut entsühnt. Das Opfer als Kraft zum neuen Leben.
Hier denken wir sofort an das Kreuzesopfer Jesu Christi. Sein Tod am Kreuz hat uns den Weg zum ewigen Leben geöffnet. Wir haben Teil an diesem neuen Leben, wenn wir das Blut Jesu in uns aufnehmen.
Dies meint zum einen die sakramentale Teilhabe an Christus in der Eucharistie. Diese aber müssen wir darüber hinaus an uns wirksam werden lassen, indem wir ein Leben führen nach dem Willen Gottes. Wie Christus ganz dem Willen des Vaters gehorsam war, so sollen auch wir leben, wie er gelebt hat und so zu einem Bild Gottes werden.
Die Eucharistie ist ja keine Speise, die allein aus individueller Frömmigkeit heraus empfangen wird, sondern sie ist zutiefst auf Gemeinschaft hin ausgerichtet, auf die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die aber auch die Gemeinschaft der Menschen untereinander einschließt.
Wir werden hier an das Liebesgebot erinnert. Wir sollen Gott lieben. Die Liebe zu Gott zeigt sich in der Liebe der Menschen untereinander. Damit ein Mensch aber überhaupt erst liebesfähig wird, muss er sich selbst annehmen und lieben. Ein immer tieferes Hineinwachsen in die Liebe führt uns immer tiefer in das Geheimnis Gottes hinein, der ja in seinem Wesen die Liebe ist, Ausgangspunkt und Ziel aller Liebe und Nahrung, welche die Liebe nährt und so das Wachstum der Liebe fördert.
Diese Nahrung nehmen wir auf, wenn wir uns im Gebet mit Gott verbinden, wenn wir in der Heiligen Schrift den Willen Gottes für unser Leben suchen, wenn wir den Menschen in Liebe begegnen. All dies läuft zusammen in der Eucharistie, die all unser Streben nach Liebe weiterführt und vollendet.

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #23 am: 26. August 2012, 08:36:28 »
21. Sonntag im Kirchenkreis



Erste Lesung
Jos 24,1f.15-18

    In jenen Tagen versammelte Josua alle Stämme Israels in Sichem; er rief die Ältesten Israels, seine Oberhäupter, Richter und Listenführer zusammen, und sie traten vor Gott hin. Josua sagte zum ganzen Volk:
    Wenn es euch aber nicht gefällt, dem Herrn zu dienen, dann entscheidet euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter jenseits des Stroms dienten, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.
    Das Volk antwortete: Das sei uns fern, dass wir den Herrn verlassen und anderen Göttern dienen. Denn der Herr, unser Gott, war es, der uns und unsere Väter aus dem Sklavenhaus Ägypten herausgeführt hat und der vor unseren Augen alle die großen Wunder getan hat. Er hat uns beschützt auf dem ganzen Weg, den wir gegangen sind, und unter allen Völkern, durch deren Gebiet wir gezogen sind. Auch wir wollen dem Herrn dienen; denn er ist unser Gott.

Zweite Lesung
Eph 5, 21-32

    Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Ehrfurcht vor Christus.
    Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie Christus, dem Herrn; denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist; er hat sie gerettet, denn sie ist sein Leib.
    Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, sollen sich die Frauen in allem den Männern unterordnen.
    Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche herrlich vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.
    Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.
    Denn wir sind Glieder seines Leibes. Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.

Evangelium
Joh 6, 60-59

    In jener Zeit sagten viele der Jünger Jesu, die ihm zuhörten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?
    Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war?
    Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben. Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
    Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist. Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
    Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
    Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes.

Entscheidung

Heute hören wir den letzten Abschnitt der langen Rede Jesu über das Himmelsbrot, die schon an den letzten vier Sonntagen Thema des Evangeliums gewesen ist. Ganz deutlich hat Jesus den Menschen darin gesagt: "Ich bin das Brot des Lebens. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit leben." Er hat die Menschen dazu aufgefordert, an ihn, den Sohn Gottes, zu glauben. Die Menschen sollen sich nicht mühen um die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt.
Die Worte Jesu sind nach menschlichen Maßstäben unbegreiflich. Viele Jünger zogen nun nicht mehr mit Jesus umher und sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Auch heute kennen wir diese Ablehnung der Worte Jesu. Der Mensch kann doch auch ohne Gott gut sein. Ist es nicht wichtiger, sich um das irdische Wohl der Menschen zu kümmern, darum, dass alle satt werden, als die Menschen mit frommen Worten vom ewigen Leben abzuspeisen? Ist Jesus nicht genau ein Mensch wie wir? Wenn er von sich sagt, er sei der Sohn Gottes, so ist das doch die reinste Anmaßung.
Jesus erkennt ihr Murren und sagt zu ihnen: "Daran nehmt ihr Anstoß? Was werdet ihr sagen, wenn ihr den Menschensohn hinaufsteigen seht, dorthin, wo er vorher war? Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts."
Freilich dürfen wir die Sorge um das Irdische nicht aufgeben - das hat auch Jesus nicht getan. Er hat Menschen körperlich geheilt und ihnen zu essen gegeben. Wir dürfen darüber aber das Entscheidende nicht vergessen. Damit ein Mensch Leben kann, braucht er mehr als nur irdische Güter. Wir können den Menschen ein noch so umfangreiches Angebot an Nahrung und Gesundheitsvorsorge bieten, irgendwann wird es ihm nicht genug sein zum Leben. Der Mensch braucht auch Nahrung für seinen Geist, braucht eine Wegweisung, die ihn hinführt zum wahren Sinn des Lebens.
Es ist die Frage, die heute aktueller ist denn je: Braucht der Mensch Gott? Es ist nicht leicht, darauf eine Antwort zu geben und allzu einfache Antworten taugen heute nicht mehr. Als viele Jünger Jesus verlassen haben, fragt er die Zwölf: "Wollt auch ihr weggehen?" Da antwortet Petrus stellvertretend für alle: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens."
Das ist die Antwort auf die Frage, ob der Mensch Gott braucht. Wo sonst soll das tiefste Sehnen des Menschen seine Erfüllung finden? Wo sonst findet der Mensch das wahre Leben, das nicht vergänglich ist wie dieses irdische - in dem es sich der Mensch noch so schön einrichten kann und sich noch so absichern kann, das er aber auf jeden Fall irgendwann aufgeben muß, ohne dass er gefragt wird, ob er das möchte.
Das irdische Leben vergeht mit absoluter Sicherheit, ob wir aber in das ewige Leben eingehen möchten, danach werden wir gefragt. Gott wartet auf unser Ja um uns hinein zu führen.
Zu wem sollen wir gehen?

Die Menge ist entsetzt über die Worte Jesu: "Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben." Auch viele unter den Jüngern Jesu nehmen Anstoß an diesen Worten. Nur wenige bleiben bei Jesus. Warum bleiben sie? Petrus gibt Jesus stellvertretend für sie die Antwort: "Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens - du bist der Heilige Gottes."
Die Jünger, die bei Jesus bleiben, haben erkannt, dass Jesus nicht gekommen ist, um sich selbst feiern zu lassen und den Menschen nach dem Mund zu reden, sondern dass er den Menschen die Worte Gottes bringt, ja mehr noch, dass er selbst das Wort Gottes ist, das unter den Menschen Wohnung genommen hat.
Sie suchen nicht die Erfüllung ihrer eigenen Wünsche, sie suchen nicht einen Führer, der ihren Vorstellungen gerecht wird, sondern sie sind bereit, sich führen zu lassen. Sie sind bereit zur Umkehr, die Abkehr von den eigenen Plänen und Hinkehr zu dem, was Gott will, bedeutet.
Bin auch ich bereit, mich von Jesus führen zu lassen? Brauche ich Gott nur dazu, dass er mir bei meinen eigenen Wünschen hilft, oder bin ich bereit, mich auf seinen Willen einzulassen - nicht mein, sondern dein Wille geschehe? Wir können das nicht von jetzt auf gleich, aber doch wird uns Gott immer tiefer in die Gemeinschaft mit sich führen, wenn wir uns ihm anvertrauen. 

Predigtgedanken



"Worte des Lebens"


Jesus hat "Worte des ewigen Lebens"
Eine spannende Szene schildert das heutige Evangelium: Dass dieser Jesus jemand ganz besonderes ist, hat sich herumgesprochen, und so versammeln sich zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer um ihn. Zunächst sind alle fasziniert und begeistert von seiner Person und dem, was er sagt. Aber plötzlich - auf ein Wort Jesu hin - schlägt die Stimmung um. Ein Großteil der Zuhörenden geht zunächst innerlich auf Distanz. Es fallen Sätze wie: "Was er sagt, ist unerträglich!" und: "Wer kann das anhören?" Jesus bemerkt diesen Stimmungsumschwung, aber er beschwichtigt ihn nicht. Mit seiner Frage "Daran nehmt ihr Anstoß?" verschärft er den Konflikt eher noch. Nun müssen die Jünger Stellung beziehen. Was folgt, ist eine "Abstimmung mit den Füßen": Viele der Jünger, die lange mit Jesus umhergezogen sind, ziehen sich zurück. Sie haben ihre guten Gründe dafür und gehen von nun an getrennte Wege. Sie ent-scheiden sich im ursprünglichen Wortsinn: sie scheiden, trennen sich von Jesus.

Übrig bleiben die Zwölf. "Gehen oder Bleiben" - Jesus stellt sie direkt vor diese Entscheidung. Petrus spricht sich spontan und voller Überzeugung fürs Bleiben aus. Und auch er hat seinen guten Grund dafür: "Worte des ewigen Lebens" hat Jesus für ihn. Und dazu gibt es für Petrus keine Alternative. Er hat erfahren, dass Jesus keine leeren Worte macht, sondern in seinem Handeln und mit seiner ganzen Person die Zuwendung Gottes zu allen Menschen lebt. Seine Worte bewirken das Heil der Menschen, sie schenken neue Lebendigkeit.

"Worte des ewigen Lebens" nennt Petrus dies, "Worte unendlichen Lebens" heißt es in einer anderen Übersetzung; Jesu selbst sagt von sich: "Meine Worte sind Geist und Leben." Das ist ein Schlüsselwort des heutigen Evangeliums.

"Worte des Lebens" für Menschen heute

"Worte des Lebens" brauchen Menschen auch heute: Worte voller Geist und Leben, aus denen sie Kraft schöpfen können im Alltag, die trösten und stärken in Krisenzeiten, die von Ängsten befreien und Mut zum Leben machen. Manchmal sind aber auch Worte nötig, die unruhig machen und aufrütteln aus dem Trott und der Bequemlichkeit, Worte, die herausfordern und etwas zumuten. Kurz gesagt: Worte, die einen Menschen lebendiger machen.

Ein Satz, ein Gedanke wird zu einem "Wort des Lebens", wenn er jemanden unmittelbar anspricht und mitten ins Herz trifft, so als sei er nur für ihn oder sie jetzt gesagt oder geschrieben. Ein solches Wort bekommt man vielleicht von einem lieben Menschen gesagt oder geschrieben, es fällt einem mit einem Buch in die Hände oder springt jemandem irgendwo ins Auge. Gemeinsam ist allen: Ein Wort des Lebens wird geschenkt, oder - wie es ein äthiopisches Sprichwort formuliert: "Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen."

Manches "Wort des Lebens" wird so wichtig und wertvoll, dass es vielleicht schriftlich festgehalten wird und vielleicht sogar einen besonderen Platz bekommt. Ein Spruch an der Wand, eine Karte als Lesezeichen erinnert auch in schweren Zeiten an kraftvolle Worte.
Persönliche "Worte des Lebens"
Welches ist ein solches Wort des Lebens für Sie ganz persönlich? Fällt Ihnen spontan ein Satz dazu ein? ... (kurze Pause)...
Vielleicht von einer Spruchkarte, die eine gute Freundin geschickt hat, als es Ihnen schlecht ging...
Oder es gibt einen Liedvers, der Ihnen immer wieder in den Sinn kommt und Mut macht...
Möglicherweise kennen Sie ein Gebet auswendig, das Ihnen wichtig ist...
Auch ein "Ich mag dich, so wie du bist." eines lieben Menschen schenkt neue Lebenskraft, von der man lange zehren kann...
"Worte des Lebens" aus der Bibel
Auch manches Bibelwort erweist sich als "Wort des Lebens", so z. B. der tröstende Aufruf "Fürchte dich nicht!", "Fürchtet euch nicht!" Dass sich dieser Zuspruch über 130 mal in der Bibel findet, zeigt, dass er Menschen aller Zeiten Mut gemacht hat.
Haben Sie selber ein Lieblings-Bibelwort, das für Sie persönlich voller Geist und Leben ist, das Sie mit einer wichtigen Erfahrung verbinden? ... (kurze Pause)...
Vielleicht eines, das Sie schon länger durch Ihr Leben begleitet und Sie im Alltag oder in Krisenzeiten immer wieder stärkt?...

Zu Worten des Lebens können beispielsweise die Psalmen werden, in denen Menschen unzensiert ihre Not und Klage, ihre Freude und ihren Dank vor Gott zum Ausdruck bringen. Mancher bekannte Vers eignet sich als vertrauensvolles Stoßgebet: "Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen... Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir." (Ps 23,1.4a). In anderen Texten des Alten und Neuen Testaments ist die Lebens- und Glaubenserfahrung vieler Menschen zu zeitloser Lebensweisheit verdichtet. Die Evangelien führen Jesu Worte und sein heilendes Handeln lebendig vor Augen.

Wachsam gehört oder gelesen sprechen viele Worte Jesu auch heute Menschen unmittelbar in dem an, was sie beschäftigt und vielleicht bedrückt: "Sorgt euch also nicht um morgen..." (Mt 6,34), sagt Jesus, und: "Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen." (Mt 11,28). Nicht nur zu Jesu Lebzeiten erhielten Menschen durch solche Worte Trost und Zuversicht. Auch nach seinem Tod erfuhren sie seine lebendige und Leben spendende Gegenwart, und so überlieferten sie als Wort des Auferstandenen: "Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage bis zum Ende der Welt." (Mt 28,20b). Aber Jesus mutet anderen auch etwas zu: Gelähmte fordert er, aufzustehen und zu gehen, den Taubstummen, sich zu öffnen. Das Gebot der Nächstenliebe treibt er auf die Spitze: "Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen." (Lk 6,27).

Bibelworte können sich also in eine ganz persönliche Botschaft verwandeln, die Zuspruch schenkt oder einen Anspruch stellt - je nach dem, wessen man gerade mehr bedarf, um erfüllt zu leben. Biblische Worte fordern auch heraus, so dass manch einer sie vielleicht als Zumutung erlebt - so wie die Jünger, die an Jesu Worten Anstoß nahmen. Wenn Gott aber etwas zumutet, dann ist es auch eine Einladung, es sich zuzutrauen, daran zu wachsen und lebendiger zu werden.

Mit Offenheit und Neugier gehört oder gelesen kann die Bibel zu einer Schatzkiste werden voller Worte des Lebens, die trösten, stärken, befreien, ermutigen; Worte, die beleben, herausfordern, unruhig und lebendiger machen.
"Worte des Lebens" sind von Gott geschenkt
In all diesen Worten - egal ob aus der Bibel, von einem Dichter oder lieben Menschen - will Gott uns ansprechen und Mut machen zum Leben, zum Lebendigsein.
Ich wünsche uns allen die Gewissheit, das Vertrauen und die Entschiedenheit des Petrus, aus tiefstem Herzen zu Gott sagen zu können "Du hast Worte des Lebens für mich".
Ich wünsche uns, dass wir auch in Zeiten des Lebens, in denen wir Gottes Nähe nicht spüren oder wir manches als unzumutbar erleben, Gott treu bleiben, der uns in solchen Worten immer wieder nahe kommen will.

(c) Claudia Simonis-Hippel, in: Bernhard Krautter/Franz-Josef Ortkemper (Hg.), Gottes Volk Lesejahr B 7/2009. Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2009. S. 13-27

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #24 am: 02. September 2012, 12:17:30 »
22. Sonntag im Jahreskreis


Evangelium
Mk 7,1-15
Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren,
hielten sich bei Jesus auf. Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen,
das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. Die Pharisäer essen nämlich wie alle
Juden nur, wenn sie vorher mit einer Hand voll Wasser die Hände gewaschen haben,
wie es die Überlieferung der Alten vorschreibt. Auch wenn sie vom Markt kommen,
essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte
Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. Die
Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger
nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch
Heuchler sagte: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, /
sein Herz aber ist weit weg von mir.
Es ist sinnlos, wie sie mich verehren; /
was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. Und
weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft und haltet euch
an eure eigene Überlieferung. Mose hat zum Beispiel gesagt: Ehre deinen Vater und
deine Mutter!, und: Wer Vater oder Mutter verflucht, soll mit dem Tod bestraft
werden. Ihr aber lehrt: Es ist erlaubt, dass einer zu seinem Vater oder seiner Mutter
sagt: Was ich dir schulde, ist Korbán, das heißt: eine Opfergabe. Damit hindert ihr ihn
daran, noch etwas für Vater oder Mutter zu tun. So setzt ihr durch eure eigene
Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen. Dann
rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage:
Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen,
sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.

Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau  Predigt am 22. Sonntag im Kirchenjahr

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Ist es für unseren Glauben gleichgültig, wie unser Leben aussieht? Kommt es nur darauf an, an Gott zu glauben, oder soll sich auch unser Leben nach diesem Glauben ausrichten? Die Antwort, liebe Gläubige, ist uns allen theoretisch klar: Natürlich soll unser Glaube im Leben Gestalt annehmen, er soll sich durch Werke des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe zeigen. Der Glaube soll in der Liebe fruchtbar werden, sonst bleibt er tot!

Praktisch fällt es uns freilich nicht so leicht, die Forderungen des Glaubens in unser Leben umzusetzen. Wir alle kennen die Anfälligkeit für das Böse, wir werden leicht müde im Guten und sind in Gefahr, mutlos zu werden und aufzugeben im täglichen Streben, nach den Geboten Gottes zu leben.

Jesus lehrt uns, daß wir nicht bei Äußerlichkeiten stehenbleiben dürfen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten viele Vorschriften eingeführt, was die äußere rituelle Reinigung von Gefäßen und Händen betraf. Die Menschen waren in Gefahr, angesichts dieser Vielzahl von menschlichen Gesetzen und Satzungen die eigentlichen Gebote Gottes zu übersehen. Darum der ernste Vorwurf Jesu: "Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen."

Und Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes, zeigt auf, worauf es im Leben ankommt: Das Herz des Menschen muß in Ordnung sein. Im Herzen nämlich, im Inneren des Menschen, hat das Gute, aber auch das Böse seinen Ursprung. Denn der Mensch ist von Gott mit der Freiheit der Entscheidung ausgestattet. Er ist aufgerufen, sich mit seinem freien Willen grundsätzlich und auch in den vielen einzelnen konkreten Handlungen des Lebens für das Gute und damit für Gott zu entscheiden. Wenn das Herz des Menschen in der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen verankert ist, dann werden auch die äußeren Taten dieses Menschen gut sein. Denn ein guter Baum bringt gute Früchte. Wenn hingegen die innere Gesinnung böse ist, so kommen aus dem Herzen des Menschen schlechte Früchte. Jesus zählt sie auf: böse Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft.

Wenn wir ehrlich sind, dann spüren wir, wie weit wir hinter den Forderungen Jesu zurückbleiben. Wieviel Unvollkommenes ist doch im Herzen eines jeden Menschen zu finden! Nur Jesus Christus, der Sohn Gottes, war auch als Mensch frei von jeder Sünde. Auch die heilige Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, wurde von Gott vor jeder Sünde bewahrt. Wenn wir uns die Gesinnungen des Heiligsten Herzens Jesu und des Unbefleckten Herzens Mariens vor Augen halten, dann wissen wir, wonach wir streben sollen. Gott möchte, daß wir unser Herz von ihm erneuern und verwandeln lassen und so zur Vollkommenheit in der Liebe gelangen.

Deshalb müssen wir die Verbundenheit mit den Quellen der göttlichen Gnade suchen. Dies geschieht, wenn wir uns durch die Fürbitte der Gottesmutter an unseren Herrn Jesus Christus wenden, den Urquell aller Gnade. Gerade bei jeder Heiligen Messe werden die Ströme des lebendigen Wassers, die uns von Gott her erquicken, in reicher Fülle über uns ausgegossen.

Noch etwas wollen wir bedenken: Wie oft und wie leicht urteilen wir nach dem Augenschein! Wir sehen das Äußere, das ein Mensch tut, doch achten wir nicht auf sein Herz. Nur Gott kennt die innersten Regungen der Herzen. Wir dürfen darum keinen Menschen verurteilen, sondern müssen für alle beten, besonders auch für jene, die Böses tun!

Nicht aus eigener Kraft vermögen wir die Gebote Gottes zu halten und die Liebe zu üben, sondern nur mit Hilfe der Gnade Gottes, der uns beisteht und uns stärkt. Lassen wir nicht nach im Gebet und im täglichen Bemühen, aus dem Glauben zu leben! Dann wird uns Gott einst teilnehmen lassen am Hochzeitsmahl des ewigen Lebens. Amen.

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #25 am: 08. September 2012, 10:49:32 »
23. Sonntag im Kirchenjahr


Jesus der Heiler
In den Heilungen manifestiert Jesus das Reich Gottes im Jetzt

Er bringt die Tauben zum Hören und die Stummen zum Sprechen    
     
"Wie gut ist alles, was er tut! Die Tauben macht er hören und die Stummen reden!" (Markus 7,37)
.

«Mitten im Gebiet der Zehn Städte brachte man Jesus einen Gehörlosen, der auch nicht richtig sprechen konnte, mit der Bitte, ihm die Hände aufzulegen. Jesus nahm ihn aus der Menge heraus auf die Seite, legte ihm seine Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel. Dann blickte er aufseufzend zum Himmel auf und sagte ihm: «Effata», das bedeutet «tu dich auf». Und sogleich taten sich seine Ohren auf, die Fessel seiner Zunge wurde gelöst und er konnte richtig sprechen…» (Mk 7,32–36).

Das Geschehnis spielt sich in der Gegend von Tyrus und Sidon ab, einem Gebiet, das für sein Heidentum bekannt war. Jesus zögert nicht, auf Menschen zuzugehen, die in den Augen frommer Juden keine Leute waren, mit denen man verkehren sollte. Da ist ein Mann, der seit seiner Geburt durch seine Gehörlosigkeit in einer unendlichen Einsamkeit gefangen ist, kein Laut dringt an sein Ohr, und seine Lippen bringen nur ein paar schlecht artikulierte Laute heraus.
Und nun führen ihn die Leute zu einem vorübergehenden Unbekannten. Glauben sie wirklich an diesen Mann, der die Leute so sehr anzieht? Im Evangelium steht nichts davon. – Hatten diese Anonymen, die ihn zu Jesus brachten, wirklich gute Absichten? ... Einige hofften wohl, ein Wunder „live“ zu erleben, vor ihren Augen. Und der Taubstumme war nur das Mittel dazu.    
     
Jesus führt den Mann ohne Stimme weg von den versammelten Leuten, in die Stille, wo sie einander allein gegenüber stehen. Er tut dies wohl aus Gründen der Diskretion, und damit sich sein Gegenüber wohl fühlt. Für Jesus ist dieser Unglückliche wirklich ein einzigartiges Geschöpf, nicht einfach einer, über den man sich lustig macht oder mit dem man Mitleid hat.    
     
Mit bedeutungsvollen Gesten geht Jesus auf die Bitte ein: Er «legt die Hand auf» – so wie es die Propheten tun; ihre Gesten können von jedermann richtig interpretiert werden. Und er öffnet ihm die Ohren und löst seine Zunge. Welch wunderbare Überraschung für den Tauben! Die ersten Laute, die er hört, sind die Worte des Gesandten Gottes, Jesus von Nazaret. Man könnte sich vorstellen, dass die ersten richtig ausgesprochenen Worte ein Dank waren an diesen mächtigen und unaufdringlichen Heiler.
Jesus kehrt zu den andern zurück und gibt allen die Anweisung, «es niemandem zu sagen». Mit diesen Worten gibt er sich zu erkennen, wie er ist, einer, der marktschreierischen Anpreisungen aus dem Wege geht und der das Unverständnis von Seiten der Zeugen seiner Wunder fürchtet. Er ist der Schweigsame, der für die Sirenen, die vergänglichen Ruhm versprechen, kein Gehör hat.
       
Zweitausend Jahre nach diesem Ereignis erleben und deuten wir ähnliche Situationen. Wie viele Männer und wie viele Frauen sind eingeschlossen in einer Art Wüste des Schweigens. Sie haben das Gefühl, dass sich nichts ändern kann, ändern wird, ändern soll!    
     
Ouvre-toi    Und plötzlich werden sie von Freunden oder Unbekannten wach gerüttelt. În dieser Wüste, wo Öde und Unbeweglichkeit herrscht, entspringt eine Que1le. Jemand sagt: „Öffne dich!" Sie fangen an zu hoffen, zu lauschen, und siehe da: Tausendfach gehörte Worte; die bisher an ihr Ohr gedrungen waren, erreichen nun ihr Innerstes und veranlasst sie zu sagen: Diesmal verstehe ich, höre ich.

Heil und Heilung, das sind die Begriffe, die wir wohl am intensivsten mit dem Wirken Jesu verbinden. Die faszinierenden Geschichten über Jesus als Heiler beflügeln die Fantasie von uns Menschen seit jeher. Dabei scheint es heute, gut 2000 Jahre später, doch angesichts des beständigen Fortschritts einer hochtechnologisierten Wissenschaftsmedizin schwer vorstellbar, dass da ein Mann lebte, der Blinde und Lahme augenblicklich heilte, der Dämonen austrieb und sogar Tote wieder zum Leben erwecken konnte. Im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin fragt man nach den Beweisen, nach den Mechanismen, nach den Erklärungsmustern.

Es sind Fragen an die Glaubwürdigkeit - an die Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferungen sowie an die Glaubwürdigkeit von uns Menschen selbst: Inwieweit können wir glauben und inwieweit nehmen wir Menschen ernst, die glauben?

Da kann ich mich an viele Kongresse erinnern, in denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eifrig darüber diskutieren, ob bestimmte beobachtbare Phänomene sich wirklich so zutragen, oder aber ob Erkenntnisse und Schlussfolgerungen nicht doch in Zweifel zu ziehen sind. Auch scheinbar gesicherte Erkenntnistheorie führt keineswegs zu eindeutigen Aussagen. Stattdessen ist auch heute die Medizin ein Sich-Annähern an einen kranken Menschen, eine Begegnung, ein stetiger Suchprozess, die Feststellung einer Diagnose, die nicht mit einer bekannten Strategie behandelt werden kann. Wenn es dennoch völlig unerwartet, spontan Verbesserungen oder Heilungen gibt, bezeichnen wir dies auch heute noch als Wunder.
Heilung mit Gebet, Salbung mit Öl und Handauflegung: Der Leitende Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, Mark S. Hanson, und Pfarrerin Susan Peterson segnen einen Mann in einem Heilungsgottesdienst in der anglikanischen Holy Trinity Church in Winnipeg Kanada.
   
Diese erfahrbaren Nachweise von der Existenz Gottes - die Anthropologie des Wunders - sollten wir viel öfter und klarer mit Christi Wirken in Verbindung bringen, mit seinem heute noch spürbaren Wirken. So wie im Neuen Testament, in dem Jesus den Menschen ihr Leib- und Seelenheil wieder zurückgibt und hilft, lebensfähig zu werden: »Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.« ( Lukas 2, 11) Was nach raschem Zauber klingt ist ein komplexes Geschehen: Der Betroffene erfährt, dass sich bei seiner Begegnung mit Jesus neue Ebenen auftun für das Vertrauen in Gott und dadurch in das Leben und in sich selbst.

Hier wird deutlich, dass wir die Kernfrage nach dem Wunder der Heilung trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte, trotz aller intellektuellen Fähigkeiten im Grunde nicht erkenntnistheoretisch erklären können. Stattdessen betrachten wir immer nur einen Ausschnitt. So dienen uns neue biologische Erkenntnisse als Mosaiksteine beim Ausfüllen der biochemischen und physiologischen Landkarte unserer Existenz, aber eine umfassende Topographie des Menschen kann daraus nicht entstehen.

Eine Einheit aus Leib, Seele und Geist

Sir John Eccles, Nobelpreisträger für Medizin und der wohl bekannteste Neurophysiologe des zurückliegenden Jahrhunderts, ist es zu danken, dass die Strukturen von Rückenmark, spinaler Ebene, Hirnstamm, Kleinhirn, Mittelhirn und Großhirnrinde heute ein funktionelles Bilder ergeben, das viele Krankheiten im neurologischen Bereich besser erklären hilft und theoretische Überlegungen zur Behandlung bei morphologischen Schäden möglich macht. Eindrucksvoll ist sein Fazit nach fast 50-jähriger wissenschaftlicher Tätigkeit, in dem er keineswegs resigniert feststellt, dass trotz aller Erkenntnisse aus Experiment und Beobachtung, die Individualität des Einzelnen, der Zusammenhang von Materie und Gemüt, der Zusammenhang zwischen Geist und Psyche oder ein Hinweis für den Sitz der Seele im Körper nicht zu finden war. Auch nach Eccles gibt es solche Hinweise nicht.

Bleibt die Arbeitshypothese, auch für die moderne Wissenschaft, dass der Mensch mehr ist als Materie, dass der Mensch eine leiblich-seelisch-geistige Einheit darstellt, in der Körper, Seele und Geist miteinander im Einklang stehen müssen, um heil zu werden. Diese Einheit ist es, der Jesus sich nähert. Zunächst im Kontext des Widerstreits zwischen finsteren Mächten, die Unheil stiften, und der göttlichen Ordnung.
Die Heilung eines geborenen Blinden, Wassilij Iwanowitsch Surikow, 1888, Moskau, Theologische Hochschule.

Die Heilung eines geborenen Blinden, Wassilij Iwanowitsch Surikow, 1888, Moskau, Theologische Hochschule.

Wir können heute wohl sagen, dass Jesus die Menschen immer als Teil der göttlichen Schöpfung gesehen hat: Leiden und Schmerzen gehören dazu, aber sie können überwunden werden. Jesus begründete sein heilendes Tun nicht mit dem Hinweis auf das Wohlbefinden des Einzelnen. Zwar bezog sich sein Wirken ganz auf das Individuum und nicht bloß auf die singuläre Person. Vielmehr aber bekam Heilung bei Jesus stets eine übergeordnete Bedeutung zugemessen und ist insofern nicht von dem umfassenden Heil zu unterscheiden, das Gott dem Menschen zugesprochen hat. Jesus trieb böse Geister aus oder heilte Kranke - konkrete Hilfe für eine Person und doch gleichzeitig universelles Ereignis. Es ging und geht wohl darum, dass jede einzelne Person Teil der göttlichen Ordnung ist, in all seinen Nöten, in all seinen Freuden, in seinem Handeln, in seinem Ruhen.

Das macht schon aus menschlicher Gerechtigkeitsperspektive Sinn. Denn nicht erst meine neunjährige Tochter hat sich die Frage gestellt, warum Jesus gerade vor 2000 Jahren in Palästina auftrat und dort die Personen heilte und nicht zu einer anderen Zeit anderen Menschen half. Indem Jesus zur physischen und seelisch-geistigen Vervollkommnung eines einzelnen Menschen beitrug, demonstrierte er, dass die Gottesherrschaft angebrochen und das Reich Gottes gegenwärtig ist. Heilung ist für Jesus eine Umwandlung der Welt zum Guten, eine Manifestierung des Gottesreichs im Hier und Jetzt. Die Radikalität, mit der Jesus die Universalität und das Schon-Jetzt des Heils verkündete, macht das Besondere und Unvorhergesehene seines Heilens aus.

Bei allem Versuch kleinteiliger Erklärung, hat die Medizin lange gebraucht, um diese faszinierende natürliche Ordnung in ihrer Gesamtheit wahrzunehmen und zu pflegen. Es ist die besondere Herausforderung, bestimmte Symptome in Augenschein zu nehmen und dabei doch die ganze Person nicht aus dem Auge zu verlieren. Und auch von einem Leidenden wird erwartet, dass er sich auf die Möglichkeit der Heilung einlässt. Schließlich geht es nicht um die Reparatur eines Maschinendefektes, es geht um die göttliche Ordnung.

Was Jesus von Kranken erwartet

So erwartet Jesus von den Menschen, die er heilt, wenig und doch sehr viel zugleich: Er erwartet Glauben. Glauben verstanden als die Gewissheit, dass er als der Heiland dazu im Stande ist, den Betroffenen zu heilen - Glauben als das vorbehaltlose Vertrauen auf Gottes Zusage. Wir sprechen heute - gerade auch im Kontext der Medizin - viel über Selbstbestimmung. Jesus setzt sie voraus und geht gleichzeitig über sie hinaus: Er formuliert als Grundlage des Heilens die gläubige Offenheit des Leidenden. Wie heißt es in seinem Dialog mit den Blinden: »Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.« ( Lukas 18, 41-43)

Das bedeutet im Grunde für jeden Einzelnen von uns, wir sind aufgefordert: mutig zu sein zu dem Seltsamsten, zu dem Wunderlichsten und Unaufklärbarsten, das uns begegnen kann. Rainer Maria Rilke stellt hierzu etwas resigniert fest: »Dass die Menschen in diesem Sinne feige waren, hat dem Leben unendlichen Schaden getan; die Erlebnisse, die man 'Erscheinungen' nennt, die ganze sogenannte 'Geisterwelt', der Tod, alle diese uns so anverwandten Dinge sind durch die tägliche Abwehr aus dem Leben so sehr herausgedrängt worden, dass die Sinne, mit denen wir sie fassen könnten, verkümmert sind. Von Gott gar nicht zu reden.«

Nicht die Angst vor dem Unklaren macht uns als Mensch ärmer. Die fehlende Bereitschaft, Unerklärbares wahrzunehmen und anzuerkennen, das lähmt und blockiert uns. Aber nur wer auf alles gefasst ist, wer nichts ausschließt, kann sich berühren lassen, wie in den biblischen Geschichten die leidenden Menschen von Jesus - der Weg zum Heil setzt die Bereitschaft zum »liebenden Herzen« voraus. Das ist die Grundlage des Wirkens Jesu Christi als Heiler und Heiland: die Unfassbarkeit der göttlichen Schöpfung, offen und empfänglich zu sein für eine Anthropologie des Wunders!

Darf man dann heute noch von der Erfahrbarkeit des Wirkens Christi auch für uns und unsere Zeit ausgehen? Ich denke ja. Denn Jesus hat nicht nur selbst geheilt, er hat auch seine Jünger zum Heilen bevollmächtigt und ihnen damit aufgetragen, die Botschaft von der Gegenwärtigkeit Gottes zu verkünden: »Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.« ( Matthäus 9, 35) Als er aber sah, dass es der Leidenden und Kranken zu viele waren, rief er seine zwölf Junger zu sich, »gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen« ( Matthäus 10, 1) und sprach: »Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus.« ( Matthäus 10, 78) Schon in der Apostelgeschichte bekommt der Sendungsgedanke eine etwas andere Schwerpunktsetzung: Nicht mehr die Vergegenwärtigung Gottes steht im Vordergrund der Erzählung, sondern die 'Wundertat' wird verstärkt zur Legitimierung der Ausgesendeten und als wirksames Mittel zur Missionierung der Nicht-Christen eingesetzt.

Es geht um unsere innere Haltung


Vielleicht liegt in dieser anderen Betonung schon der Grund, warum wir die ursprüngliche Perspektive ein Stück weit aus den Augen verloren haben. Und wenn dem so ist, sollten wir auf die Suche gehen, wie wir auch heute Jesus als Heiler und Heiland nachfolgen und begegnen können. Vermutlich geht es dabei nicht um eine konkrete diagnostische oder therapeutische Strategie, sondern vor allem um unsere innere Haltung, sowohl um die Haltung derer, die Heil erfahren, als auch jener, die Heil in der Liebe Gottes übermitteln. Wir sollten uns darum bemühen, uns in ärztlicher Praxis oder therapeutischen Tätigkeit bewusst anzuschließen an das, was Jesus Christus mit seinem Heil offenbart hat: Barmherzigkeit.

Gerade in der Stunde der Not gilt es, jede Hand anzulegen - nicht nur durch chirurgische Eingriffe, sondern auch durch Handauflegen. Und es braucht die Bereitschaft, an die Wundertätigkeit Gottes zu glauben. Wenn wir das beherzigen, in unser Herz nehmen, dann werden die zentralen Handlungen unseres Bruders Jesus Christus auch für unser Leben spürbar heilend wirken.                                         
Von Eckhard Nagel   

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #26 am: 17. September 2012, 12:24:58 »
24. Sonntag im Jahreskreis B


Die erste Lesung aus dem Buch Jesaja ist überschrieben als das "dritte Lied vom Gottesknecht". Schon der erste Satz will unser Herz aufwecken und offenbaren, was die recht Haltung vor Gott ist."Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück."
Das Ohr - es wird in der Einheitsübersetzung beinahe 200 Mal erwähnt, davon jedoch nur etwa 40 Mal im Neuen Testament und dort umso eindringlicher.
Diese Worte aus der Heiligen Schrift sind uns vielleicht so sehr "im Ohr", dass wir schon gar nicht mehr richtig "hin-horchen", sondern "über-hören", was uns doch "auf-horchen" lassen wollte. Eine der wichtigsten Aussagen ist hier die Wahrheit, dass die Fähigkeit des Hörens (vor allem was die Offenbarung Gottes betrifft) zwei Aspekte besitzt. Das Wirken Gottes und dann unser Zutun. Dabei haben wir das Erste und Wichtigste meist völlig ausgeblendet: Gott ist es, der uns das Ohr öffnet!

Zuerst ist der Glaube, das Erkennen, das Hören, ... unverdiente Gabe Gottes und nicht das Ergebnis unserer Leistung oder Fähigkeiten! Wer das vergisst, verfällt in selbstgefällige, selbstzufriedene Taubheit, oder in blinden Aktionismus, der meint, das alles "machbar" ist und ohne den Herrn um Rat zu fragen völlig in leerem Tatendrang aufgeht.

Gott ist es, der das Ohr öffnet - Gott ist es, der sich zuerst offenbart und so zum Menschen spricht, dass dieser hören kann.
Wenn wir diese ersten Worte ernst nehmen, dann begreifen wir sehr schnell, wie wichtig es z.B. für die Frage der Evangelisation ist, dass wir nicht vergessen dürfen, um die Gabe Gottes zu bitten, damit das Wort Gottes und die Frohe Botschaft überhaupt GEHÖRT und dann auch angenommen werden können.
Jedes Konzept, jede Planung, jedes noch so ausgefeilte, rhetorisch perfekte, angepasste ... Verkünden bleibt letztlich fruchtloses, hohles Geschwätz, das nicht mit den Angeboten der Welt konkurieren kann, die viel attraktivere "Weisheiten" anbietet - wenn Gott es nicht ist, der "das Ohr öffnet" und wir nicht darum bitten.

"Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück."

Dann ist da der zweite Schritt: Der Gehorsam und die Hingabe des Menschen als Antwort auf Gottes Gnade. Es ist die Gabe der bedingungslosen Bereitschaft des Menschen, die nicht zurück weicht, die sich nicht gegen die Wahrheit auflehnt, sich nicht wehrt, sondern bereit ist, sich der Weisheit Gottes zu überantworten.

Dass das Wort Gottes nicht ein Wellness-Urlaub ist, wird im weitern Verlauf der Lesung mehr als deutlich. Doch durch die Gabe des "geöffneten Ohres" in einem offenen Herzen, das sich dem Wort Gottes hingibt und überantwortet, werden auch die Stärke und der Sieg geschenkt, die alles überwinden und sich ganz und gar auf Gott stützen.

"Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
Doch Gott, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.
Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate. Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer wagt es, mit mir zu streiten? Lasst uns zusammen vortreten!
Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.Seht her, Gott, der Herr, wird mir helfen."


Diese Worte deuten auf den Erlöser und das Leiden der Passion hin - und in Jesus Christus sind sie ein Urbild für unser eigenes Herz!
Jesus ist der "Knecht", der wahrhaft hört, was der Vater offenbart und selbst die würdige Antwort auf den Ruf Gottes ist.
Jesus sagt: "... ich richte, wie ich es (vom Vater) höre, und mein Gericht ist gerecht, weil es mir nicht um meinen Willen geht, sondern um den Willen dessen, der mich gesandt hat." (Joh 5,39) und "Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe." (Joh 15,15)
Jesus ist ganz der Horchende und Ge-horchende, um die Taubheit und den Ungehorsam des Geschöpfes zu heilen, das durch die Sünde nicht mehr Gott ge-hören wollte, sondern vom Bösen getäuscht sich von Gott getrennt hat.

Wie oft ruft Gott im Alten Testament dem Menschen zu: "Höre!"? Jesus ist in seinem vollkommenen Ge-horsam zur lebendigen Antwort geworden, die im Heiligen Geist auch in uns wirksam sein will!
Bei der Heiligen Taufe kann der Taufspender im kostbaren "Effata-Ritus", die Ohren und den Mund des Täuflings mit den Worten "Effata" ("Öffne dich!") berühren, um so von Gott die Gnade des Hörens und der gesegneten Verkündigung zu erbitten. Was für ein kostbares Zeichen, was für eine Bitte, was für ein Segen!


Wie wichtig das "hörende Ohr" ist, mag auch deutlich werden, wenn wir bedenken, dass das letzte, körperliche Heilungswunder Jesu das Wunder des geheilten Ohres ist, das Petrus dem Diener des Hauptmanns im Ölgarten mit dem Schwert abschlägt.


Die gewaltige Botschaft dieser Heilung wird uns erst klarer, wenn wir in die Gesamtheit der Tiefe des Evangeliums in ihrem inneren Zusammenhang blicken! Als JESUS nämlich einmal nach dem ersten Gebot gefragt wird, antwortet ER mit Worten, die wir fast nie vollständig hören, weil wir gewohnt sind, nur die eine Hälfte zu sehen und zu bewerten! Wir meinen, das erste, größte Gebot lautet, dass wir GOTT über alles lieben sollen, nicht wahr?! Aber das ist nur der „zweite Teil des ersten Teils“!!!
In der Schrift steht: „Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.“ Mk 12,29-31


„Höre! Höre! Höre!“ GOTT ist der EINZIGE HERR! Und erst darum gilt für uns das Gebot der absoluten, ersten GOTTESliebe! „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum …“ Das erste Gebot, das wichtigste Gebot hat zwei Teile und wir haben den ersten Teil nur fast immer ignoriert, überhört, überlesen, übersehen, ...!“

Mit SEINEM letzten Heilungswunder im Ölgarten, bekräftigt der HERR noch einmal das Gewicht des ersten Gebotes: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.“ (Mk 12,29-30)

Die Jünger haben dem „Ölbergevangelium“ zufolge zwar vorher gefragt, ob sie dreinschlagen sollen, aber gar nicht zugehört, was JESUS antwortet. Sie haben einfach zu kämpfen begonnen und einer von ihnen hieb dem Diener des Hohenpriesters das Ohr ab.
„Höre!!!“ „Höre!!!“ „Höre!!!“
Es braucht dann sogar den Befehl JESU, mit all dem aufzuhören, was die Jünger aus eigenem Wollen taten, (in guter und verständlicher Absicht zwar) aber ohne auf GOTT, auf IHN zu hören.

Der Antwortpsalm schenkt hier eine weitere Perspektive, wenn darin aufscheint, dass auch Gott uns "sein Ohr zuneigt" und auf unser Rufen hört. Es ist Gottes Liebe und Gnade, die uns immer vorauseilt und gleichzeitig unter unseren Schritten breitet, damit wir niemals ohne das Licht des Himmels sind.

Die zweite Lesung aus dem Jakobusbrief konkretisiert nun, was wir in der Selbstoffenbarung Gottes empfangen durften.
Was nützt es uns, wenn wir Gott hören - aber ihm nicht ge-hören?
Was würde alles horchen nutzen - wenn wir nicht ge-horchen wollen?
Was nützt alles Wissen um den Glauben, alle Klugheit und alle Kenntnis, ... wenn es nicht fruchtbar und auch lebendig in unserem Leben wird?
Was nutzt es, viel zu studieren, viel zu erforschen, alles zu diskutieren, zu "dialogisieren" und zu zerreden, ... wenn wir nicht tun, was Gott von uns will?
Was nützt es uns, Gott zu kennen - ihm aber nicht aus ganzem Herzen zu folgen und zu dienen? Auch der Satan kennt Gott, weiß vieles über Gott!
Auch die Dämonen haben eine "Theologie" und ein eigenes "Konzept", das sie aus ihrem Wissen geschmiedet haben - aber nur, um die eigenen Ziele zu verfolgen!
Auch die Hölle weiß um den Himmel, weiß um Gottes Wort und all die Herrlichkeit, die sie im Sturz in sich selbst hinein verloren hat!

Wenn wir nicht den Weg des Gehorsams und der Hingabe finden, wenn wir Jesus nicht über das Geheimnis des Kreuzes zur Auferstehung nachfolgen und unser Leben nicht bereit sind hinzugeben, ... was nützt uns dann all das Wissen und all das, was wir "Glauben" nennen?
Was wäre der Unterschied zu den Mächten, die verloren ewig in sich selbst hinab stürzen und Gottes Herrlichkeit im Dunkel des Kreisens um sich selbst verloren haben?

Der "Glaube" will fruchtbar werden - sonst bringt er den Tod, denn was uns anvertraut ist, das muss auch verantwortet werden!
Das "Wissen" will fruchtbar werden - sonst bringt es nur "Brand im Stroh der Weisheiten dieser Welt" und versengt in der Seele alles in dunklem Rauch, denn nur im Geheimnis der Hingabe können wir selbst zur Gabe werden.
Es genügt nicht, dass wir planen und kluge Reden schwingen.
Es genügt nicht, wenn wir nur alles besser wissen, kritisieren, dialogisieren und diskutieren.
Es genügt nicht, wenn wir nur studieren, analysieren und Statistiken berechnen.
Es genügt auch nicht, wenn wir nur theoretisch ausmalen und konstruierend überlegen: "was wäre wenn ...?"

Der Glaube und alle menschlichen Fähigkeiten für sich alleine sind tot, wenn nicht das Werk Christi in uns lebendig ist!
Wenn wir heute hören: "So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. Nun könnte einer sagen: Du hast Glauben, und ich kann Werke vorweisen; zeig mir deinen Glauben ohne die Werke, und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke." dann ist damit nicht zuerst unser eigenes Werk gemeint!
Das Werk, das wir vorweisen müssen, ist zutiefst eine Frucht aus dem Werk Gottes - so wie der Glaube auch nicht zuerst unser eigenes Verdienst sondern Gabe und Geschenk ist.

Das Leuchten der himmlischen Gnade will unseren Glauben durchdringen und vorauseilend unser Herz bereiten, damit wir das Geschenk der Offenbarung Gottes empfangen können und aus IHM und durch IHN und auf IHN hin fruchtbar werden lassen.
Ebenso will die Gnade der Erlösung mit all ihrer unfassbaren Weisheit im Heiligen Kreuz das Werk Gottes, das Werk Christi aufstrahlen lassen, damit unser Werk davon durchdrungen, gereinigt, geheiligt und vollendet wird.
Alles andere bliebe letztlich unfruchtbar, unbrauchbar und ohne Wert für die Ewigkeit - also nur "totes Menschenwerk".

Wenn der Ruf vor dem Heiligen Evangelium dann heute das Heilige Kreuz preist, eröffnet sich heute mit einem kostbaren Glanz die Brücke zum Wort Gottes in der Fülle. "Halleluja. Halleluja. Ich will mich allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt. Halleluja" (Gal 6,14)

Jesus fragt seine Jünger, für wen die Menschen ihn halten und für wen die Jünger ihn halten.
Die Antworten sind erschütternd: Man hält ihn für Johannes den Täufer, Elija oder irgend einen Propheten. Wie kommt das? Warum erkennen die Menschen Jesus nicht?
Das Ohr des Menschen ist noch nicht wirklich offen und das Herz der Menschen ist noch verdunkelt und ohne Erkenntnis!

Als Jesus die Apostel persönlich fragt, für wen sie ihn halten, erfahren wir nur von der Antwort des Petrus. Was heute im Evangelium nach Markus nicht erwähnt wird, finden wir bei Matthäus: nämlich, das Messiasbekenntnis, das Jesus als Wirken des Vaters im Himmel offenbart.

Hier treten die zwei Formen der Erkenntnis ans Licht: 1. die rein menschlichen Erwägungen, die zu einem eigenartigen Ergebnis kommen und 2. die göttliche Offenbarung, die eine ganz andere Wahrheit erschließt.
Wo der Mensch sich selbst eine plausible Antwort zurecht bastelt, die irgendwie in seine Vorstellung und sein Weltbild passen könnte, ist die Weisheit Gottes eine ganz Andere!
"Du bist der Messias!" Petrus darf in diesem Moment der Gnade Gottes Angesicht erkennen, wird vom Licht der Erkenntnis im Heiligen Geist erfüllt. Für einen Augenblick steht er ganz und gar im Strom der ewigen Wahrheit Gottes.

Jesus verbietet jedoch, dass die Jünger darüber mit "jemandem sprechen". Warum?
Warum dürfen sie noch nicht Zeugnis geben?
Warum sollen sie über die Wahrheit schweigen?
Warum müssen sie zurück halten, was doch die ganze Welt erfahren sollte?
Warum schweigen?
Warum nicht die falschen Vorstellungen von Jesus bei den Leuten korrigieren und warum dürfen sie nicht richtig stellen, was wohl in großem Umfang an falschen Interpretationen im Umlauf ist?
Warum nur verbietet Jesus, dass sie darüber sprechen???
Wir kennen das doch selbst nur zu gut. Kaum meinen wir, dass wir etwas erkannt haben, wollen wir auch schon andere überzeugen, wollen wir Zustimmung, wollen wir, dass uns andere Menschen zuhören, uns bewundern, uns Recht geben, ...! Doch wie viele Scherben bringt diese voreilige Haltung oft ein weil die Wurzel, das Wachstum und die Reife fehlen?

Spätestens im zweiten Teil des Heiligen Evangeliums erschließt sich dann das "Warum" für uns sehr deutlich: Weil die Gnade der Gotteserkenntnis noch nicht Wurzeln in den Herzen der Apostel gefasst hat und sie noch nicht von der heiligen Weisheit des Gottesgeistes durchdrungen sind.
Es war ein Lichtstrahl der Gnade gewesen, der das Herz des Petrus getroffen hat, doch schon im nächsten Augenblick offenbart sich im Kreuz das Innerste des Menschen in seiner ganzen verdrehten Gebrochenheit.
Immer ist es so: im Heiligen Kreuz scheiden sich die Geister und erst im Heiligen Kreuz offenbart sich, wes Geistes Kind wir sind.
Petrus reagiert "menschlich" und wo er gerade noch den Messias bekannt hat, verliert er jede heilige Ehrfurcht, jede angemessene Haltung, ... wenn er Jesus Vorwürfe zu machen beginnt.
Hier offenbart sich, dass er der Wahrheit zwar nahe ist, sie aber in seinem Herzen noch keine Wohnung gefunden hat und nicht lebendig ist.
Hätte er bereits im Innersten den Messias als Messias erkannt - mit welchem Schmerz und welch großer Wunde hätte er die Worte Jesu dennoch in tiefster Ehrfurcht und Demut gehört und die Würde, die unantastbare Heiligkeit des Erlösers anerkannt? Niemals hätte er es dann gewagt Jesus zu sagen, was er nun sagte!

Jesus weist hier nicht Petrus ab, sondern den Satan, der die Wahrheit verdreht, beugt, ... der in aller dämonischen Respektlosigkeit wagt, sich gegen den Willen und gegen den Plan Gottes zu stellen.
Petrus - im einen Augenblick von Gottes Geist erleuchtet - ist noch wankelmütig und nicht gefestigt, so dass im nächsten Augenblick der Satan sein Herz verdunkelt und ihn zur Rebellion gegen Gott anstiften will.
Wir würden sagen: "Das war aber doch menschlich gedacht und gut gemeint von Petrus! Das versteht man doch, er war erschüttert und wollte doch nur das Beste! Er wollte Jesus doch nur beschützen und hat es einfach nicht verstanden. Das war doch nicht böse gemeint. ..."
Wir haben sofort unzählige Ausreden und Begründungen, psychologische und verständnisvolle Entschuldigungen, mit denen wir das Verhalten des Petrus rechtfertigen und beschönigen würden.

Doch das lässt Jesus nicht gelten!

In absoluter Klarheit und Kompromisslosigkeit duldet er hier keinerlei Falschheit oder falsch verstandene "Menschlichkeit". Er spricht ausdrücklich den Urheber der dreisten Urteilsverdunkelung mit Autorität an und weist ihn von sich und Petrus ab! Jesus, der voll Erbarmen mit der Schwäche und Not des Menschen ist - kennt hier kein falsches Mitleid, duldet  die Lüge und Verwirrung nicht, die mit schmeichelnden oder noch so "logischen" Gründen vom Weg Gottes abweichen wollen!
Es ist das Wort vom Kreuz, die Weisheit Gottes im Licht des Kreuzesgeheimnissen, die Entscheidung am Kreuz!
Am Kreuz scheiden sich die Geister! Hier offenbart sich, was vom Heiligen Geist erleuchtet und was vom Ungeist verdunkelt wird, denn am Kreuz gehen die Wege auseinander.
Am Kreuzesgeheimnis scheidet sich auch in unserem Leben, wes Geistes Kinder wir sind!

Was werden wir persönlich wählen?
Wählen wir das, was uns Sicherheiten, Zustimmung, Wohlsein und der Mainstream diktieren?
Wählen wir das, was der Weisheit der Welt entspricht, was uns die Welt und unser Wohlergehen vergötzend wichtiger erscheint, als das, was der Messias uns verkündet und verheißt?
Wählen wir die Auflehnung, die Rebellion, die eigene Meinung, die sich das Wort Gottes selbst "zurecht schnitzt" und sich Gottes Willen einfach "selber backt", mit reichlich "Zuckerguss" der eigenen Ideen und Auslegungen, ...

Oder wählen wir die Nachfolge, die Hingabe, den Gehorsam?
Wählen wir den Weg des freiwilligen Opfers, wo der Herr zum Opfer ruft?
Wählen wir die Treue - auch in der Unbegreiflichkeit der Liebe Gottes, die über das Kreuz führt?
Haben wir im Sinn, was Gott will - oder was die Menschen wollen?
Denken wir daran, was Gott erwartet - oder was die Menschen erwarten?
Schauen wir aus nach dem, was Gott wählt - oder was die wir selbst und die Menschen wählen würden?
Messen wir unser Urteil an Gottes Urteil und Wohlgefallen - oder an unserem eigenen Geschmack und dem Urteil der Anderen?
Suchen wir Gott - oder uns selbst?
Haben wir im Blick, was Wert hat für die Ewigkeit - oder denken wir nur an das Leben in dieser Welt und wie wir es hier am bequemsten haben könnten?

Was sagt der Herr zu unseren Urteilen, wenn wir uns anmaßen, Gottes Pläne zu kritisieren, alles selbst in die Hand zu nehmen, ohne nach seinem heiligsten Willen und seinen Geboten zu fragen?

Jesus gibt eine klare Weisung in vier Schritten, damit wir auf dem Weg der Wahrheit bleiben lernen:
1. Wer mein Jünger sein will
2. der verleugne sich selbst
3. nehme sein Kreuz auf sich
4. folge mir nach.
Diese vier Schritte wären es wert, eine eigene Betrachtung zu halten. Heute jedoch möge uns der Gedanke begleiten, dass wir achtsam sein lernen. In unseren Herzen soll die Aufmerksamkeit auf Gott hin gelenkt werden und wir dürfen täglich neu lernen und einüben, dass das Maß unserer Gedanken, Worte und Werke sich am Willen Gottes orientieren. Wenn wir im Heiligen Geist leben lernen, wenn Gottes Gebot und die Weisheit des Kreuzes in uns Wurzeln haben, ... werden wir erst fähig sein, auch von dem zu künden, was uns Jesus anvertraut hat.
Am Heiligen Kreuz und seiner geheimnisvollen Weisheit scheiden sich die Geister. Hier ist immer offenbar, welches Ziel der Mensch verfolgt und wem seine Treue gilt.
Der Umgang mit Leid, Kreuz, Not und der Unbegreiflichkeit der Liebe Gottes in Schmerz ... offenbart uns - wo wir stehen und welche Wahrheit in uns lebendig ist.
"Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten."

Bitten wir den Herrn, uns zu lehren und zu helfen, dass wir den Willen des Vaters nicht nur erkennen, sondern lieben lernen, weil Gott gut ist und wir dies in Dankbarkeit und Ehrfurcht anerkennen.

HERR und VATER!
Öffne mein Ohr und schenke mir ein offenes Herz,
das auf Deine Weisung horchen lernt - um von Herzen ge-horchen zu können.
Hilf mir, damit ich Dein Wort hören kann - damit es ich Dir immer mehr ge-hören kann.

Lass mich
durch das Wirken der Gnade
zu Werken der Gnade finden
wirke Du immer mehr in mir!

Schenke mir den Glauben,
der aus Deiner Offenbarung wächst,
damit ich Dir schenken kann,
was ich von Dir empfangen habe!

Lehre mich Deinen heiligsten Willen erkennen und zu lieben,
damit ich fähig werde
Dich zu bezeugen und von Dir zu künden,
denn ich will mein Leben allein von Dir empfangen und Dir schenken
und Du sollst mir Maß und Weg und Ziel sein.
Amen.


 

velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #27 am: 24. September 2012, 19:44:28 »
25. SONNTAG IM JAHRESKREIS

EVANGELIUM   Mk 9,30-37
   
   Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert.Wer der Erste sein will, soll der Diener aller sein
   

   Aus dem heiligen Evangelium nach Markus
   
   In jener Zeit
30    zogen Jesus und seine Jünger durch Galiläa. Er wollte aber nicht, daß jemand davon erfuhr;
31    denn er wollte seine Jünger über etwas belehren. Er sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert, und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen.
   

Nach seinen Wundern kommt der Herr auf sein Leiden zu sprechen, damit man nicht glaubt, er habe gegen seinen Willen gelitten. (Theophylactus)

Er mischt immer unter das Erfreuliche Trauriges, damit es die Apostel nicht erschreckt, wenn es plötzlich kommt, sondern damit sie es vorbereitet ertragen. (Beda)

Nachdem er aber gesagt hatte, was traurig war, da fügt er noch hinzu, was ihnen Freude machen muß, daher folgt: Und er wurde getötet, am dritten Tage aber wird er auferstehen, damit wir daraus lernen, daß auf Bedrängnisse Freuden folgen. (Theophylactus)
32    Aber sie verstanden den Sinn seiner Worte nicht, scheuten sich jedoch, ihn zu fragen.
   

Diese Unwissenheit hat ihren Grund nicht so sehr in ihrem langsamen Verstand, sondern eher in ihrer Liebe zum Erlöser; da sie noch ohne geistliches VerständnisWörtl.: fleischlich waren und das Geheimnis des Kreuzes nicht kannten, konnten sie sich den nicht als tot vorstellen, den sie als den wahren Gott erkannt hatten; und weil sie es gewohnt waren, ihn oft in Bildern sprechen zu hören, wollten sie aus Angst vor dem Eintritt seines Todes, daß ihnen das bildlich erklärt werde, was er über seine Auslieferung und sein Leiden offen aussprach. (Beda)
33    Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?
34    Sie schwiegen, denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer (von ihnen) der Größte sei.
   

Sie stritten aber unterwegs richtig über den Vorrang. Diese Diskussion paßt zu der Stelle. Denn wie ein Vorrang sich einstellt, so löst er sich auf, und während man an ihm festhält, zerfällt er, und es ist ungewiß, an welcher Stelle, d. h. an welchem Tag, er beendet wird. (Hieronymus)
35    Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.
   

Deswegen aber scheint der Streit der Jünger über den Vorrang entstanden zu sein, weil sie gesehen hatten, daß Petrus, Jakobus und Johannes getrennt von ihnen auf den Berg geführt worden waren und daß ihnen dort etwas Geheimes anvertraut worden sei; aber auch Petrus seien, nach Matthäus, die Schlüssel des Himmelreiches versprochen worden. Da der Herr aber die Gedanken seiner Jünger sieht, bemüht er sich, ihr Verlangen nach Ansehen mit der Demut zu heilen, und er ermahnt sie zunächst mit dem einfachen Gebot der Demut, daß der Vorrang nicht erstrebenswert sei. (Beda)

Dazu muß man bemerken, daß jene unterwegs um den Vorrang stritten, er selbst aber setzt sich nieder und lehrt sie die Demut. Die Mächtigen nämlich mühen sich ab, die Demütigen aber ruhen sich aus. (Hieronymus)

Die Jünger freilich wollten vom Herrn Ehre erhalten, denn in ihnen steckte das Verlangen, vom Herrn groß gemacht zu werden; denn je größer einer ist, um so mehr Ehre verdient er; deswegen behinderte er ihr Verlangen nicht, sondern brachte die Demut ins Gespräch. (Chrysostomus)

Denn der Herr will nicht, daß wir uns einen Vorrang anmaßen, sondern daß wir durch Demut Größe gewinnen. Dann aber ermahnt er sie am Beispiel kindlicher Unschuld. (Theophylactus)
36    Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen:
37    Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.
   

Allein durch den Anblick [sc. des Kindes] überzeugt er sie, demütig und schlicht zu sein; denn von Neid und nichtigem Ruhm ist ein kleines Kind rein und auch davon, nach einem Vorrang zu streben. Er sagt aber nicht nur: Wenn ihr so werdet, werdet ihr großen Lohn empfangen, sondern auch: Wenn ihr andere so ehrt um meinetwillen. (Chrysostomus)

An dieser Stelle zeigt er entweder in einfacher Weise, daß die Armen Christi von denen, die die Größten sein wollen, aufgenommen werden müssen, um ihn zu ehren, oder er überredet sie, selbst wie kleine Kinder hinsichtlich der Bosheit zu sein, damit sie Einfalt ohne Anmaßung, Liebe ohne Neid und Ergebenheit ohne Zorn bewahren. Wenn er aber eine Kind umarmt, drückt er damit aus, daß die Niedrigen seine Umarmung und Liebe verdienen. Er fügt aber noch hinzu "in meinem Namen", damit sie die Art der Tugend, die das kleine Kind, von der Natur geleitet, beachtet, selbst im Namen Christi mit dem Eifer der Vernunft erstreben. (Beda)

Sieh, wieviel die Demut vermag; sie verdient es nämlich, daß der Vater und der Sohn und der Heilige Geist darin Wohnung nimmt. (Theophylactus)

Gedanken zum Evangelium

Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. Was könnte uns deutlicher zeigen, wie weit die Jünger Jesu damals und wir heute, davon entfernt sind, den Sinn der messianischen Sendung Jesu zu begreifen.
Immer wieder hat Jesus erklärt, dass er nach Jerusalem gehen und dort den Menschen ausgeliefert werden müsse, dass er von ihnen getötet und am dritten Tag auferstehen werde.
Sehr unverständliche Worte auch für die Jünger Jesu Auch die Jünger konnten diese Worte noch nicht verstehen, denn die Messiasvorstellung des eigenen Volkes, die sie natürlich auch übernommen hatten waren zu stark in ihnen eingeprägt, dass sie Jesus jetzt noch nicht verstehen konnten.
Kaum hatte ihnen Jesus erneut sein Leiden, Sterben und Auferstehen angekündigt, da hatten seine Jünger nichts anderes zu tun, als sich über die ersten Plätze im messianischen Reich zu streiten.
Sie dachten ganz offensichtlich, dass das Reich des Messias ein ganz irdisches Reich der Macht sei und sie selbst sahen sich schon als seine Minister.
Für fromme Juden galt damals die Größe, das heißt, die bedeutende gesellschaftliche Stellung, Ruhm und Ansehen, welche jemand innehatte, war damit gleichbedeutend, wie groß jemand vor Gott dastand. Daher war das Reden über die ersten Plätze häufig Gesprächsthema Nummer eins unter religiösen jüdischen Menschen.
Jesus aber hat immer ganz andere Wertmaßstäbe. Für ihn zählt nicht Macht und Ehre, sondern einzig und allein, dienende Liebe.
Wenn die Jünger Jesu vom Messias hörten, dann dachten sie an einen Macht-Messias. Wenn Jesus von sich als dem Menschensohn spricht, dann meint er damit aber den Liebe-Messias, den Messias der sich ganz hingibt.
Das hatten die Jünger Jesu bis dahin noch nicht begreifen und annehmen können.
Jesus nimmt diese Gelegenheit zum Anlass, zu seinen Jüngern über seine Rangordnung zu sprechen und gibt ihnen ein Lehrbeispiel. Er sagt zu ihnen: Wenn einer der Erste sein will, der sei er der Letzte und der Diener von allen. Und er stellt ein Kind in ihre Mitte und umarmt es. Er stellt das Kind in die Mitte, das heißt, er stellt es damit auf den ersten Platz.
Dann sagt er zu den Jüngern: Wer ein solches Kind  in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt auch den auf, der mich gesandt hat.
Damals hatten Kinder in der Öffentlichkeit bei weitem nicht diese Hochachtung wie heute.
Kinder galten als Unmündig und wurden nicht für voll genommen, Kinder waren kaum mehr beachtet als die Geringsten und wurden den untersten gesell-schaftlichen Schichten gleichgestellt.
Mit diesem Gleichnis gibt Jesus seinen Jüngern und natürlich auch uns zu verstehen, was es wirklich bedeutet, ihm nachzufolgen. Die Stellung derer, die zu Jesus gehören, ist die des Dienens und das für andere Dasein, vor allem für die Schwächsten, die am meisten auf andere angewiesen sind.
Denn in diesen Menschen können wir Jesus und seinem himmlischen Vater begegnen.
Jesus demonstriert uns heute sehr klar, aber auch sehr liebevoll, wie das innerste Wesen von Kirche, Gemeinde, Amt und von uns Christen sein soll.
Jesus geht es um unseren liebevollen Umgang mit uns selber, mit dem Nächsten und mit Gott. Es geht um eine Liebe, die tief im Herzen entspringt, dort nämlich, wo der Mensch von Gott berührt wird und sich ihm ganz hingibt.
Wenn wir uns Gott gegenüber nicht verschließen, dann werden auch keine falsche Ideologien und Herzenshärte unser Tun beeinflussen.
Wenn wir ganz offen sind für Gott, dann werden wir auch den wahren Messias - Jesus Christus – erkennen, der uns das wahre Leben und die echte Liebe vorgelebt hat, die Liebe, die aus ganz aus Gott stammt, die Liebe die Welt verändern wird. 


velvet

  • Gast
Antw:Kirchenjahr
« Antwort #28 am: 29. September 2012, 16:36:57 »
26. Sonntag im Jahreskreis


Erste Lesung
Num 11, 25-29
    In jenen Tagen kam der Herr in der Wolke herab und redete mit Mose. Er nahm etwas von dem Geist, der auf ihm ruhte, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Sobald der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in prophetische Verzückung, die kein Ende nahm. Zwei Männer aber waren im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Auch über sie war der Geist gekommen. Sie standen in der Liste, waren aber nicht zum Offenbarungszelt hinausgegangen. Sie gerieten im Lager in prophetische Verzückung.
    Ein junger Mann lief zu Mose und berichtete ihm: Eldad und Medad sind im Lager in prophetische Verzückung geraten. Da ergriff Josua, der Sohn Nuns, der von Jugend an der Diener des Mose gewesen war, das Wort und sagte: Mose, mein Herr, hindere sie daran!
    Doch Mose sagte zu ihm: Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!

Zweite Lesung
Jak 5, 1-6

    Ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend, das euch treffen wird. Euer Reichtum verfault, und eure Kleider werden von Motten zerfressen. Euer Gold und Silber verrostet; ihr Rost wird als Zeuge gegen euch auftreten und euer Fleisch verzehren wie Feuer. Noch in den letzten Tagen sammelt ihr Schätze. Aber der Lohn der Arbeiter, die eure Felder abgemäht haben, der Lohn, den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel; die Klagerufe derer, die eure Ernte eingebracht haben, dringen zu den Ohren des Herrn der himmlischen Heere. Ihr habt auf Erden ein üppiges und ausschweifendes Leben geführt, und noch am Schlachttag habt ihr euer Herz gemästet. Ihr habt den Gerechten verurteilt und umgebracht, er aber leistete euch keinen Widerstand.

Evangelium
Mk 9, 38-48

    In jener Zeit sagte Johannes, einer der Zwölf, zu Jesus: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt. Jesus erwiderte: Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden.
    Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns. Wer euch auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - amen, ich sage euch: er wird nicht um seinen Lohn kommen.
    Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.
    Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen, in das nie erlöschende Feuer.
    Und wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Füßen in die Hölle geworfen zu werden.
    Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus; es ist besser für dich, einäugig in das Reich Gottes zu kommen, als mit zwei Augen in die Hölle geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt.

Reicher Lohn für einen Becher Wasser - das verheißt Jesus im Evangelium (Mk 9,41). Doch hier wird aller Reichtum zu Müll, weil er ungerecht erworben ist.
Der Lohn, den ihr euren Arbeitern vorenthalten habt, schreit zum Himmel! (Jak 5,4)
Himmelschreiendes Unrecht geschieht immer wieder auf der Erde. Mächtige beuten Schwache aus. Wer hat, will immer mehr.
Doch was nützt all der Reichtum? Was hat davon Bestand - bis in die Ewigkeit?
Reichen Gewinn kann der mit seinem Reichtum machen, der ihn verteilt, unter die Armen verschenkt, damit Gutes tut.
Wird jedoch der ungestraft davonkommen, der ungerecht zusammengerafften Reichtum für sich alleine hortet und sich ein schönes Leben macht?

Jesus

"Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns." (Mk 9,40; Lk 9,50) - Jesus gebraucht diesen Satz aber auch in entgegengesetzter Bedeutung: "Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich." (Lk 11,23) Das muss kein Widerspruch sein:
Beide Male geht es um die Austreibung von Dämonen - in der einen Situation treibt einer die Dämonen im Namen Jesu aus, der nicht zu den Jüngern Jesu gehört, im anderen Fall werfen einige der Juden Jesus vor, er könne nur scheinbar Dämonen austreiben, in Wirklichkeit stehe er im Bund mit den Dämonen. Hier werden die Seiten vertauscht. Jesus wird auf die Seite der gottwidrigen Mächte gestellt. Wer einen solchen Vorwurf gegen Jesus erhebt, kann nicht auf der Seite Jesu stehen. Von solchen Leuten grenzt sich Jesus daher entschieden ab.
Wie steht es aber mit dem fremden Wundertäter? Er ist zwar nicht von Jesus berufen worden und hat auch selbst nicht den Weg in die Nachfolge Jesu gesucht, aber er muss sicher großen Respekt vor Jesus gehabt haben. In seinem Kampf gegen die Dämonen steht er auf der gleichen Seite wie Jesus. Jesus duldet es, dass er in seinem Namen Dämonen austreibt, weil er damit im Sinne Jesu handelt.
So tut in den Augen Gottes jeder Mensch etwas Gutes, der Jesus und seinen Jüngern einfach nur Respekt entgegenbringt und ihnen freundlich begegnet. Wer einem der Jünger Jesu nur den kleinen Dienst erweist, dass er ihm einen Becher frisches Wasser reicht - ein selbstverständliches Zeichen der Gastfreundschaft - der wird dafür belohnt werden.
Vielleicht kann uns diese Stelle einen Impuls geben für das Miteinander der Religionen. Einander mit Respekt begegnen, auch wenn man unterschiedliche Überzeugungen hat - und gemeinsam gegen das Böse angehen.

Nach diesen in unseren Ohren sehr positiven Worten Jesu folgen einige Sätze, die uns heute sehr hart erscheinen. Es geht um die Verführung - einmal um die Verführung von außen durch andere Menschen und dann um die Verführung, mit der jeder Mensch selbst zu kämpfen hat.
Jesus vergleicht hier die Glaubenden erneut mit Kindern. Kinder bedürfen eines besonderen Schutzes. Für sie wirkt die Welt der Erwachsenen oft faszinierend und sie lassen sich daher leicht beeinflussen. Gerade auch gefährliche Dinge wie Alkohol oder Zigaretten werden ab einem gewissen Alter interessant. Es liegt daher auch in der Verantwortung der Erwachsenen, dass für Kinder gefährliche Dinge nicht in deren Hände geraten.
Wer in die Nachfolge Jesu tritt, hat freiwillig auf vieles verzichtet, was dem Glauben nicht zuträglich ist. Und doch üben diese Dinge auch auf die Glaubenden weiterhin eine große Anziehungskraft aus. Jeder muss mit den Versuchungen in seinem Inneren kämpfen, aber auch andere Menschen können einen Einfluss darauf haben, wie man den Versuchungen begegnet. Sie können einen auf dem Weg des Glaubens stärken, aber auch von diesem Weg abbringen. Scharf verurteilt Jesus die, welche die Keinen, die an ihn glauben, zum Bösen verführt.

Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab.
Wenn dich dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau ihn ab.
Wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus.
Es sind heftige Worte, die Jesus im heutigen Evangelium gebraucht. Dabei wird jeder vernünftige Mensch denken, dass es ein Unding ist, sich selbst zu verstümmeln. Genau darauf will Jesus auch hinaus. Selbstverstümmelung ist das letzte, das sich ein Mensch antun würde. Doch es gibt etwas, das schlimmer ist, als sich selbst zu verstümmeln: wenn man so lebt, dass man das ewige Leben verliert.
Die Worte Jesu heute sind sehr eindringlich. Er mahnt uns dazu, unsere Regungen und Triebe so in den Griff zu bekommen, dass wir uns nicht versündigen. Das ist für jeden Menschen harte Arbeit, mit der er ein Leben lang zu kämpfen hat.
Gerade weil das so schwer ist, gibt es immer wieder Menschen, die meinen, man bräuchte es erst gar nicht zu versuchen. Lass doch alles laufen, wie es kommt, ist doch ganz natürlich. Befreie dich von den alten Lehren der Moral, sie hindern dich doch nur daran, glücklich zu sein. Auch für diese Menschen gebraucht Jesus einen harten Vergleich. Kein vernünftiger Mensch würde sich mit einem schweren Stein ertränken, wer aber solche Lehren verbreitet, der tut sich eigentlich selber noch etwas viel Schlimmeres an.
Dennoch brauchen wir nicht zu verzweifeln, auch wenn wir im Kampf gegen die Leidenschaften immer wieder erliegen. Wir dürfen nur niemals aufgeben. Und es ist nicht wirklich schwer, ein guter Mensch zu sein, es kostet nur manchmal etwas Überwindung. Wir brauchen nicht die ganze Welt zu retten. Eine kleine Geste gegenüber dem Menschen neben mir genügt:
Wer einem auch nur einen Becher Wasser zu trinken gibt - er wird nicht um seinen Lohn kommen.

 

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