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Theologische
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Barbara Weigand im Urteil von Bischöfen und Priestern
Verfasser: Büttner, Holzamer, Günther, Lippert, Weihmann, Kleiser
Im Selbstverlag als Ur-Manuskript gedruckt Gemäß den Dekreten von Papst Urban VIII. und der Heiligen Ritenkongregation wird erklärt, daß diesen veröffentlichten Darlegungen keine andere als die zuverlässig bezeugte menschliche Glaubwürdigkeit beizumessen ist und nicht beabsichtigt ist, in irgendeiner Weise dem Urteil der heiligen katholischen und apostolischen Kirche vorzugreifen.
Das Dekret der Glaubenskongregation (A.A.S.N. 58-18 vom 29. Dezember 1966), das die Canones 1399 und 2318 aufhebt, wurde von Papst Paul VI. am 14. Oktober 1966 gebilligt und auf seine Anordnung veröffentlicht. Auf Grund dieses Dekretes ist es nicht verboten, ohne Imprimatur Schriften über Erscheinungen, Offenbarungen, Visionen, Prophezeiungen oder Wunder zu verbreiten.
1. Auflage 2003
Die Manuskripte sind im Ur-Text belassen.
Copyright © und Herausgeber: Schriftenapostolat Barbara Weigand Wolfgang E. Bastian, Postfach 11 26, D-61362 Friedrichsdorf Schriftleitung: Sekretariat Wolfgang E. Bastian, Postfach 11 26, D-61362 Friedrichsdorf
Dieses Buch und seine Verbreitung wird aus Spendenmitteln finanziert. Spendenkonto der Barbara-Weigand-Gesellschaft e.V.: Nassauische Sparkasse (BLZ 510 500 15) Konto 245 098 979 Wolfgang E. Bastian (Hrsg.)
Barbara Weigand im Urteil von Bischöfen und Priestern
Verfasser: Msgr. DDr. Wilhelm Büttner Pfarrer Hugo Holzamer P. BonifatiusGünther,OCD P. Peter Lippert, S. J. Pfarrer P. M. Weihmann Pfarrer Engelbert Kleiser
Herausgegeben im Selbstverlag Schriftenapostolat Barbara Weigand Wolfgang E. Bastian Postfach 11 26 in 61362 Friedrichsdorf

Barbara Weigand 1845 - 1943
Inhaltsverzeichnis
Begleitworte............................................................9
Büttner THEOLOGISCHE PRÜFUNG UND WÜRDIGUNG I. DIE SCHIPPACHER SCHRIFTEN .............................11 1. Entstehung der Schriften von Barbaras Hand, von Luise Hannappel und von Hausgenossen..................13 Die Aufzeichnungen von Barbaras Hand........................13 Die Aufzeichnungen von Luise Hannappel......................15 Die Aufzeichnungen der Hausgenossen ........................17 2. Abschriften und Verbote .........................................17 3. Authentizität der Schriften ...................................19
II. DIE SCHIPPACHER OFFENBARUNGEN................23 1. Die Rechtslage ........................................................23 2. Allgemeines über den Charakter der Aufzeichnungen .........27 3. Grundsätzliches zur Beurteilung der Schriften ...................29 a) Die Grenzen der wissenschaftlichen Zuständigkeit ...............29 b) Verständnis für die mystische Sprache.............................31 c) Fühlen mit dem Mystiker..............................................34 d) Zurückhaltung im Urteil...........................................35 e) Die kirchlichen Vorschriften ........................................36 4. Kriterien für die Echtheit...............................................37 5. Die guten Wirkungen der Schippacher Mystik...................45 6. Bewährung in Zeit und Kritik .........................................51
III. DIE KIRCHENBEHÖRDLICHEN PRÜFUNGEN.............53 1. Bischof Haffner Jahre 1896 ...................................53 2. Ordinariat Köln im Jahre 1909......................................55 3. Ordinariat Freiburg im Jahre 1914 .................................56 4. Ordinariat Würzburg im Jahre 1916 ..................................62 a) Das Verhör der Barbara Weigand am 5. Januar 1916..............64 b) Die Prüfung der Weigand'schen Offenbarungen und Werke ........69 IV. DIE TRÄGERIN DER OFFENBARUNGEN .............................73 1. Nachträge zu ihrem Sittenbild .............................................73 2. Die gesunde Jungfrau.........................................................77 a) Grenzen der ärztlichen Prüfungsmethode .................................78 b) Das physiologische Bild der Ekstasen....................................82 c) Ursachen und Kennzeichen der Hysterie
.......85 d) Unter der Brille des Arztes..........................93
V. EINWÄNDE UND WIDERLEGUNGEN
..........98 1. Angebliche dogmatische Verstöße.........................................98 a) Die Mission der Barbara Weigand
.................106 b) Barbara Weigand betreibe Sektiererei..................................111 c) fides divina..............................112 d) Sühnegedanke...........................................................113 e) Eucharistisches Herz Jesu
...........................120 f) Fegefeuer
................................124 2. Angebliche Irrtümer gegen die Mariologie
............127 a) Maria in der Urkirche ...............................................128 b) Stellung im Erlösungswerk ...........................................129 c) Braut der Priester..........................................................130 3. Angeblich falsche Engellehre
................132 4. Angeblich falsche Prophezeiungen...................................134 a) Revolutionen ..............................................135 b) Heilige ............................................136 c) Ausbreitung.............................................................139 d) Einweihung der Kirche ............................................139 e) Todesjahr...........................................................140 5. Einwände gegen den Liebesbund...............................140 a) Erschleichung der Approbation .........................143 b) Verstöße gegen den Index ................................146 c) Gefährlich ...............................................150 d) Überflüssig .............................................153 6. Einwände gegen den Kirchenbau ..........................154 a) War die Sakramentskirche von Schippach in sich gut und den Anschauungen der Kirche entsprechend?
..............163 b) Ist das Werk nützlich und rechtfertigt der Nutzen ein so außergewöhnliches
Mittel? ................163 c) Ob das Werk zeitgemäß und einem wirklichen Bedürfnis entsprechend ist? .163 d) Schadet der Bau einem ähnlichen Werke? Ganz gewiss nicht......................................164 7. Einwände gegen die Person der Barbara Weigand
....167 a) Ungehorsam ................................................167 b) Tadel der Priester .................................................176 c) Sei satanisch ..................................................183 8. Sonstige Beanstandungen ...............................186 a) Dauer und Regelmäßigkeit der
Ekstasen................186 b) Heiland sei ungehorsam Gehorsam
..............187 c) Hannappel ,,Mache die Sache"
.................................188 d) Übertreibungen und Unziemlichkeiten
................190
VI. SCHIPPACH IM URTEIL VON BISCHÖFEN UND
PRIESTERN..196 1. Urteile über Barbara Weigand ...............196 a) Über ihr Leben von 1845 -
1885.................197 b) Über ihr Leben von 1885 bis zu ihrem Tode
1943........198 2. Urteile über den Liebesbund ....................204 3. Urteile über den Kirchenbau
..................207
Holzamer THEOLOGISCHES GUTACHTEN......................................211
Das Problem von Schippach und seine Behandlung in der gegnerischen Presse I. Die Presse
.....................................................211 II. Grundregeln für die Prüfung von Privatoffenbarungen .............214 III. Pietät gegenüber Privatoffenbarungen
..........217 IV. Regeln bei der Prüfung von Privatoffenbarungen
.......220 V. Authentizität von Privatoffenbarungen................223 VI. Die Trägerin von
Privatoffenbarungen.............227 VII. Liegt eine krankhafte Phantasie vor ?.............................233 VIII. Trägerin von
Privatoffenbarungen...............240 IX. Liegt Täuschung vor ?
.....................245 X. Ist das große Ganze der Schriften katholisch ?
.......248 XI. Welche Merkmale sind bei den Schippacher Schriften erkennbar ? .....251 XII. Ist der Zweck ein
guter?.....................261 Günther THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG ÜBER
BARBARA WEIGAND...274 1. Enthalten die Aufzeichnungen Verstöße gegen die kirchliche Lehre?..274 2. Schwierigkeiten für die Schriften der Barbara
Weigand...278 3. Die Tatsache ihres heroischen Lebens .........................285 4. Das Bild Gottes. .......................................................290 5. Wie ist die Echtheit zu beurteilen? ................................297 6. Was soll man zu der Untersuchung im Elisabethenstift sagen?....302 7. Wie sind ,,die Gesichte und Ansprachen" zu erklären?
..303
Lippert SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND RICHTIGSTELLUNG
......305
Weihmann BRIEF AN S. H. PAPST PIUS XII.
................314 1.
Einleitung...............................................314 2.
Brief.................................................317
Kleiser BRIEF DES ERBLINDETEN PFARRERS ENGELBERT KLEISER von Bickesheim in Baden
.....332
BEGLEITWORTE Was jahrzehntelang als unmöglich erschien, hat sich in den letzten zwei Jahren voll erfüllt: Die als ,,Schippacher Schriften" bekannten Gesichte und Ansprachen der Gottesdienerin Barbara Weigand wurden als Manuskripte allesamt zusammengetragen, aufgearbeitet und als ,,Offenbarungen an Barbara Weigand" in sieben wertvollen Bänden gedruckt und kostenlos abgegeben. Inzwischen sind mehrere Bände vergriffen, so daß eine zweite Auflage erforderlich wurde.
Der rote Faden, der die ganzen Schippacher Offenbarungen durchzieht und ihr Herzstück bildet, die Sendung der Barbara Weigand darstellt, ist die Einführung der öfteren Kommunion. Dafür betet und opfert Barbara Weigand schon in den 70er Jahren heroisch, indem sie mehrmals in der Woche
je 5 Stunden hin und zurück zu Fuß von Schippach nach
Aschaffenburg ging, und zwar des nachts, um im dortigen
Kapuzinerkloster kommunizieren zu können, weil daheim an Werktagen
der Tabernakel geschlossen blieb. Was hat Barbara Weigand für ihre Überzeugung und Liebe zur heiligen Kirche nicht alles an Leiden und Schmähungen auf sich nehmen müssen, lange Zeit ihres Lebens hindurch bis zu ihrem Tode. Wie sehr hat sie doch in Stille und Zurückgezogenheit darunter gelitten, daß die Kirche ihre Sendung so sehr mißachtet
und verketzert hat. Fast ein dreiviertel Jahrhundert hat sie in einzigartiger Hingabe dem lieben Heiland und der Gottesmutter Maria als Werkzeug der heiligen Eucharistie gedient und sich danach verzehrt, in Gehorsam und Verdemütigung eine getreue Magd des Herrn zu sein.
Wie heißt es so treffend in der Oration auf das Fest der Wundmale des heiligen Franziskus: ,,Als die Welt zu erkalten begann, hast du, um unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am Leibe des heiligen Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneuert."
Wie treffend betont gerade zu diesem Gegenstand Papst Pius XII. in seiner
Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, daß ,,solche mit Wundergaben ausgestatteten Menschen niemals in der Kirche fehlen werden." ,,Bald - und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das Wachstum Seines geheimnisvollen Leibes." ,,Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den himmlischen Gaben
und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt."
9 Am 1. Juni 1946 sprach vor dem Kardinalskollegium Papst Pius XII. die folgenden Worte: ,,Wir fühlen uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die Warnung in Erinnerung zu rufen, die der göttliche Heiland im Laufe der Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit durch einen Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!" Wir sehen: Barbara Weigands Glaube, vom Herrn mit einer besonderen Mission für unsere Zeit betraut worden zu sein, widersprach in keiner Weise dem katholischen Glauben. Wohl aber zeugt die Ablehnung des Charisma von Barbara Weigand durch deutsche Priester und Kirchenobere von jener rationalistischen Denkweise, gegen welche sich gerade um jene Zeit Papst Pius X. so energisch wenden mußte. Priester und die katholische Presse haben sich mit der Jungfrau Barbara Weigand und ihren Werken jahrelang und ausgiebig befaßt. In ungezählten Presseartikeln, in Fachzeitschriften und in dickleibigen Bänden ist von ihrer Person und ihren Werken geschrieben und der Öffentlichkeit ein Bild vorgeführt worden, das alles andere, nur keine geschichtliche Wahrheit ist. Das konnte aber gar nicht anders sein: das dort vorgetragene Bild mußte ein Zerrbild werden, da, wie authentisch feststeht, die aktivsten Gegner weder jemals eine Originalurkunde von Schippach in Händen noch auch die Schippacher Jungfrau jemals zu Gesicht bekommen hatten. Es gab aber auch Priester, und dazu zählen vor allem auch die Autoren der in diesem Buch enthaltenen Manuskripte, welche aus genauer Kenntnis dieser Person, die sie als Seelsorger, Beichtväter, Gewissensberater oder durch gründliches Aktenstudium gewonnen hatten, den Schippacher Vorgängen gegenübertraten und darum in der Lage waren, nicht nur das äußere Gehabe der Jungfrau mit scharfem Blick zu verfolgen, sondern auch in ihr Inneres zu schauen und die tiefsten Wurzeln ihres Wollens und selbst- losen Handelns zu erkennen: diese Priester aber haben der Jungfrau Barbara Weigand und ihren Werken hohes Lob widerfahren lassen. Sie haben umfassende Studien als theologische Prüfungen und Gutachten erstellt und ihre Ergebnisse der aufgestachelten katholischen Presse und den damit befaßten Kirchenoberen mutig entgegengestellt. Diese zu veröffentlichen ist jetzt an der Zeit! Als theologische Prüfungen und Würdigungen stellen sie das Leben und
Wirken von Barbara Weigand ins Licht katholischer Lehre und Grundüberzeugungen und geben somit der einen Wahrheit Zeugnis und die Ehre. Es sind Stimmen, die aus allen Perioden ihres langen Lebens genommen sind und sich somit zu einer lückenlosen Kette von Zeugnissen für das Voll- kommenheitsstreben und den lauteren Charakter der Schippacher Jungfrau zusammenschließen; es sind Dokumente von Augen- und Ohrenzeugen.
10 P. Joseph Bergmiller S.D.S., ein ausgezeichneter Kenner der Schippacher Bewegung schrieb wenige Wochen vor seinem Tode (26. September 1942): ,,Ich Unterzeichneter erkläre vor Gott und meinem Gewissen und im Angesichte des Todes, den ich in kurzer Zeit erwarte, daß ich in den ca. 30 Jahren seit 1913, in denen ich mit Barbara Weigand von Schippach bekannt bin, dieselbe immer sowohl im Umgang wie im schriftlichen Verkehr als höchst ehrenwerte, fromme, wahrheitsliebende und in jeder Hinsicht tugendhafte Jungfrau kennengelernt habe. Nie, auch nicht in den Jahren ihrer schwer- sten Verfolgungen und öffentlichen Verleumdungen, in denen ihre Gegner kaum weiter mehr hätten gehen können, bin ich an der Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit ihrer Person irre geworden. Oft äußerte ich in jenen traurigen Jahren den Zweiflern gegenüber, daß ich für die Wahrheitsliebe der Barbara Weigand die Hand in das Feuer legen würde."
Dieses Buch ist an alle gerichtet, die sich mit den Offenbarungen an Barbara
Weigand auch theologisch auseinandersetzen wollen. Für alle an Privatpersonen gegebenen Offenbarungen gilt ja das Pauluswort: ,,Prüfet alles, und was gut ist, behaltet!" Mit einem gewissen Bedauern sehen wir, daß die offiziellen Stellen der Kirche, vor allem die regional zuständigen Diözesenm Würzburg und Mainz, sich in Sachen Barbara Weigand bedeckt halten. Wir hegen den innigsten Wunsch und beten dafür, daß es dort zu einer größeren Aufgeschlossenheit gegenüber diesem Offenbarungswerk kommen möge.
Pfarrer Hugo Holzamer bringt es auf den Punkt, wenn er seine theologische Würdigung mit der Schlußbemerkung ziert: Möge die Zeit wiederkehren, wo dem Glanze der Heiligkeit und dem Wehen des Heiligen Geistes auch in unserem Vaterlande wieder freie Bahn geschaffen ist. Dazu ist notwendig, daß sich vor allem unsere Priester und Theologen erinnern, daß sie sich befähigen müssen, nicht etwa die Verfolger, sondern die geistlichen Führer frommer und begnadigter Seelen zu sein. Diese Befähigung erlangen sie aber nicht an den Pfützen des Rationalismus und bei den Trebern des Modernismus, sondern nur bei der gesunden und reichen Kost des
Vaterhauses, wie sie auch in der Mystik nur die Tradition der katholischen Kirche bietet. Anstatt mit dem Abhub einer fälschlich sogenannten Wissenschaft des Irr- und Unglaubens mögen unsere Priester mit den großen Meistern der mystischen Theologie der Vorzeit sich mehr und mehr beschäftigen. Dann werden uns Irrwege und Ärgernisse, wie sie in der Bekämpfung der Sache von Schippach wieder offenbar wurden, erspart bleiben.
Friedrichsdorf, im Oktober 2003
Schriftleitung und Herausgeber
11
THEOLOGISCHE PRÜFUNG UND WÜRDIGUNG Päpstlicher Geheimkämmerer und Geistlicher Rat Msgr. DDr. Wilhelm Büttner
I. DIE SCHIPPACHER SCHRIFTEN
1. Entstehung der Schriften von Barbaras Hand, von Luise Hannappel und von Hausgenossen ,,Nachdem ich arme und unwürdige Magd des Herrn vom Jahre 1886 bis 1894 in der Stadt Mainz unaussprechlich viele Gnaden vom Herrn empfangen habe, will ich aus Dankbarkeit gegen Ihn wenigstens dieses Jahr 1894 anfangen, einiges aufzuschreiben, daß ich die Danksagung nicht vergesse". Mit diesen demütigen Worten beginnt Barbara Weigand die Aufzeichnungen ihrer inneren Erlebnisse seit dem Jahre 1894. Von da an schrieb sie über ihr Leben und ihre seelischen Zustände bis herauf in ihr Greisenalter Notizen, von denen allerdings die meisten aus den unten anzugebenden Gründen nur mehr abschriftlich vorhanden sind. Außerdem hatte sich seit dem Jahre 1895 der Schippacher Jungfrau eine sehr gebildete Mainzer Dame angeschlossen, Fräulein Luise Hannappel, welche nun ihrerseits Aufzeichnungen machte, die dann zusammen mit jenen von Barbara und einiger anderer Personen unter dem Namen ,,Schippacher Schriften" bekannt geworden sind.
Die Aufzeichnungen von Barbaras Hand Leider stehen, wie schon erwähnt, die meisten ihrer handgeschriebenen Zettel nurmehr in Abschriften zur Verfügung, da die Urschriften anlässlich der behördlichen Untersuchungen an die kirchlichen Vorgesetzten
eingeschickt oder von diesen einverlangt wurden und sich demzufolge unter den Ordinariatsakten von Mainz und Köln und beim Heiligen Offizium in Rom befinden. Die Akten des Ordinariats Würzburg wurden am 16. März 1945 ein Raub der Flammen. Die Abschriften fertigten zumeist Luise Hannappel, also eine Augen- und Ohrenzeugin, Frau Zulauf, Frl. Stahl und ein Herr Schweratt; sie tragen die eigenhändige Unterschrift Barbaras, die sie damit zum Werte von Urschriften erhebt. Über ihre Erlebnisse bis zum Jahr 1896 gibt einen guten Überblick das ,,Leben", ein Heftchen von 84 Seiten in Oktavformat, das sie im Jahre 1896
13 auf Veranlassung ihres damaligen Seelenführers P. Ludwig O.Cap. schrieb. Die Aufzeichnungen in diesem Büchlein sind in einfacher, schlichter Form verfasst, laufen ohne Einteilung in Lebensabschnitte ununterbrochen fort und erschweren wegen der nicht immer streng eingehaltenen zeitlichen Aufeinanderfolge nicht wenig die Lektüre und den Überblick. Inhaltlich bringen sie in Offenheit und Aufrichtigkeit Gutes und weniger Gutes über die Schreiberin und zeugen schon deshalb von der Ehrlichkeit, von der sie bei der Abfassung erfüllt war. Ruhig und reserviert, ohne Anmaßung und Überheblichkeit, einfach und bescheiden schließt die Schreiberin ihr ,,Leben" mit dem Bekenntnis: ,,Dieses ist mein Leben und einige der Gnaden, die ich glaube, daß der liebe Gott sie in mir gewirkt hat." Als Barbara dieses ihr ,,Leben" verfasste, zählte sie fünfzig Lebensjahre und stand bereits im Brennpunkt des Meinungsstreites mit ihren Mainzer Beichtvätern, über deren Haltung sie ein anschauliches Bild enthüllt, wobei sie ihren Schmerz über gewisse Vorkommnisse nicht zu unterdrücken vermag. Über die Gnadenerweise seit dem Jahre 1887 führte sie Buch auf Befehl ihres Beichtvaters P. Alphons O.Cap.,
dem sie diese Aufzeichnungen regelmäßig zu bringen hatte. ,,Als ich", schreibt sie, ,,diesem von meinen übernatürlichen Dingen gesagt hatte, wies er mich anfangs barsch ab. Später aber befahl er mir, alles aufzuschreiben, und ihm zu bringen. Dies tat ich auch mehrere Jahre hindurch, bis kurz vor dem Tode meines Bruders" (gest. 5. April 1892). Anderwärts bemerkt sie, daß sie drei Jahre lang dem Pater ihre Auf- zeichnungen gebracht habe.
Wiederum schreibt sie vom Jahre 1893: ,,Sechs Jahre vorher hatte mir derselbe Beichtvater befohlen unter Gehorsam, nichts zu verschweigen von meinen übernatürlichen Gnaden, ihm stets alles aufrichtig zu sagen, und weil ich im Beichtstuhle nicht alles sagen konnte, befahl er mir, es
aufzuschreiben und ihm zu bringen, und wenn es noch so schlecht geschrieben war, weil ich meistens bei der Nacht und im kalten Zimmer schreiben mußte und mich deswegen entschuldigte, sagte er jedesmal beruhigend: ,,Kümmere dich nicht, ich kann es lesen". Diese Aufzeichnungen sind im Kapuzinerkloster zu Mainz nicht mehr vorhanden. Auch später, als bereits Teilnehmerinnen an den Ekstasen den regelmäßigen Schreibdienst besorgten, kam es öfters vor, daß Barbara, in den
natürlichen Zustand zurückgekehrt, mit eigener Hand aus der
Erinnerung niederschrieb, so z. B. die Nummern 29, 30, 31, 43, 59, 101,
156, außerdem die Auditionen außerhalb der Ekstasen.
14 Ferner stammen von Barbaras Hand die meisten Aufzeichnungen nach dem Jahre 1900 oder aus jenen Zeiten, in welchen der Freundin das
Aufschreiben von der geistlichen Behörde untersagt war. Endlich finden sich nach dem Jahre 1910 nur noch gelegentliche und vereinzelte Einträge, eben- falls von ihr aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Über die Zeit von 1907 bis 1909 finde ich eine aufschlussreiche Bemerkung in einem Briefe Barbaras an den Generalvikar von Mainz vom 5. März 1909, worin sie schreibt:
,,Nach dem Tode des P. Ludwig (gest. 12. Juni 1907) richtete ich mich nach dem Willen meines Beichtvaters, den ich aus wichtigen Gründen nicht
angebe, so daß ich lange Zeit nicht einmal Briefe beantwortete, bis er mir sagte: Ich erlaube Ihnen, nun einen anderen Seelenführer zu wählen; denn die
Freiheit des Geistes ist jedem Christen gestattet. Darauf sah ich mich um nach jemand und erhielt die Erlaubnis, die Gnaden aufzuschreiben; aber nur
einmal dürften sie aufgeschrieben und ihm zugeschickt werden. So wird es auch gehalten in letzter Zeit."
Noch in ihrem höchsten Greisenalter schrieb sie innere Erleuchtungen auf und brachte sie ihrem Beichtvater.
Zur Niederschrift ihrer Erleuchtungen glaubte sich Barbara durch die innere Stimme gedrängt, wie sie z. B. im Jahre 1904 ihrem Beichtvater meldet: ,,Am Anfang der Woche sagte der Herr: Diese Woche schreibe auf, was Ich dir sage, und richte dich, es bis Samstag deinem Beichtvater einzuhändigen".
Schon im Jahre 1901 hatte sie in einem Briefe an das Ordinariat Mainz die Versicherung abgegeben: ,,Alles, was ich schreibe, tue ich, weil ich innerlich dazu aufgefordert werde".
Die Aufzeichnungen von Luise Hannappel Weitaus der größte Teil der Aufzeichnungen stammt jedoch von Luise Hannappel, die bis zu ihrem Tode, am 15. Dezember 1923, in unverbrüchlicher Freundschaft an der Seite der Schippacher Jungfrau stand und Freud und Leid mit ihr teilte.
Wie Luise Hannappel mit Barbara bekannt wurde, mag sie uns mit ihren
eigenen Worten erzählen, die sie in ihrem Bericht an den Bischof von Würzburg niedergelegt hat: ,,Da noch nicht lange meine Mutter gestorben war,
ließ ich nicht nur viele heilige Messen lesen, sondern bat auch meine Haushälterin, die mit vielen frommen Personen bekannt war, mir einige ihrer Bekannten zuzuführen, um ihnen ein Melcherskreuz zu geben mit der Bitte, für meine liebe Verstorbene einmal den Kreuzweg zu beten."
15 Auf diese Weise lernte ich Barbara Weigand kennen. Denn eines Tages kam meine Haushälterin und sagte: ,,Ich weiß aber noch eine gute Beterin, die ist die frömmste in der ganzen Stadt!" Sie führte mir dann gleich darauf, meinem Wunsche entsprechend, Barbara zu. Doch blieb das bei einer kurzen Gebetsempfehlung, die aber dann sooft wiederholt wurde, als ich Barbara bei einem Kirchgang traf. Da es nun vorkam, daß ich sie lange nicht mehr sah und ich, nach dem Grunde fragend, hörte, daß sie krank sei, erkundigte ich mich nach ihrer Adresse, ging hin und fand sie an einem
Freitagmorgen, acht Uhr, zwischen vier Wänden in Ekstase mit himmlischen Wesen laut redend. Meine Seele war davon derart erschüttert, daß ich, noch ehe die Ekstatische zu sich kam, zu meinem und zugleich zu ihrem Beicht- vater (P. Alphons O.Cap.) lief, ihm davon Kenntnis zu geben. ,,Wenn so etwas sein kann", sagte er, ,,so kann das hier echt sein; denn ich beobachte die Person schon seit acht Jahren und ich habe noch niemals jemand so andächtig den Kreuzweg beten sehen wie diese." Nachdem sie dann auf den Rat des Paters hin noch die Meinung ihres Bruders, P. Ludwig O. Cap., eingeholt und über Barbara sorgfältige
Erkundigungen eingezogen hatte, worüber abermals ,,einige Monate" vergingen, nahm sie der Wichtigkeit der Sache halber nunmehr zu Barbara eine
positive Haltung ein. Auch glaubte sie, sich damals schon durch die innere Stimme der Jungfrau Barbara zum Aufschreiben der Worte ermuntert: ,,Meine Tochter! Willst du bei Tag und Nacht bereit sein, wann immer Ich dich rufen werde, Meine Stimme zu hören und sie der Menschheit zu über- mitteln? Die Kraft dazu werde Ich dir geben". Das war im Frühjahr 1895. Denn P. Alphons redet von ,,acht Jahren", seit er Barbara kenne; sie ist aber seit 1887, wie wir wissen, sein Beichtkind. Auch anderweitige Zeugnisse bestätigen dieses Datum. So liegt vor mir ein Blatt, geschrieben von Luise Hannappel im Jahre 1907 zur Abwehr des Vorwurfs, sie ,,mache" die Sache. Darin redet sie von einem ,,Bekannt- werden Barbaras mit mir 1895", und wiederum: ,,Als Lieschen (gemeint ist die andere Freundin) 1894 vom Herrn herbeigeführt wurde, um Babett im Leiden beizustehen, da blieb sie von da an Zeuge, also ein Jahr vor mir." An anderer Stelle spricht Barbara davon, daß P. Ludwig zwölf Jahre lang ihre Vorgänge überwachte. Nun kam P. Ludwig gleichzeitig mit seiner Schwester Luise zu näherer Bekanntschaft mit Barbara; da er im Jahre 1907 starb, muß also der Beginn seiner und seiner Schwester Bekanntschaft mit Barbara in das Jahr 1895 gesetzt werden. Dieses Datum entspricht auch ganz dem Beginn der Aufzeichnungen durch Luise Hannappel, die mit der Vigil des Herz-Jesu-Festes 1895 ihren Anfang nahmen, da sich in einem Nachtrag zu diesem Tag die Bemerkung findet: ,,Einiges nur, was man äußerlich hörte".
16 Hannappel besaß nach ihrem eigenen Geständnis eine besondere Gewandtheit im Schnellschreiben und fing nun an, mit dem Redestrom der Ekstatischen gleichen Schritt zu halten, was ihr aber, wie sie später selbst gesteht, nicht gelang. So bemerkt sie in einem Anhang zum ,,Leben", sie habe anfangs nicht alles zu Papier bringen können, sondern ,,fast die Hälfte ausgelassen", bis sie sich nach und nach hineingeschult habe. Am Schlusse ihrer kleinen Selbstbiographie nennt sie als Zeitpunkt des Beginnes des regelmäßigen Mitschreibens ,,1895 Ende"; sonach sind alle Aufzeichnungen des Jahres 1895, wie auch der Jahre 1896 und 1897 auf diese
unvollkommene Art entstanden. Seit dem Anfang des Jahres 1897 begann sie, die Steno- graphie zu erlernen, wozu ihr Bischof Haffner selbst ein Lehrbuch zur Verfügung stellte, so daß sie seit ,,Ende 1897 Wort für Wort, wie es aus dem Munde von Barbara fließt, aufzeichnen kann, ohne etwas zu verändern oder auszulassen, indem sie mit dem Diktat gleichen Schritt hält".
Die Aufzeichnungen der Hausgenossen Einige Einträge in den Schriften stammen von der Schwägerin Barbaras und ihren Dienstmädchen, wie eine Bemerkung vor Nr. 101 vom 31. März 1897 besagt: ,,Das Leiden begann in der Nacht auf den Sonntag, Schlag Mitternacht. Es war niemand dabei wie ihre Schwägerin, die nur wenig aufschreiben konnte, weil sie dem schnellen Redefluß nicht folgen konnte, darum nur Bruchstücke"; ebenso vor Nr. 103 vom 11. April 1897: ,,Diesesmal machten sich Frau Weigand und die beiden Dienstmädchen daran und schrieben um die Wette auf, und dieses stellte dann die Schreiberin
zusammen und Babett fügte dann noch, soviel sie behalten hatte, aus ihrem Gedächtnis dazu, doch ist es bei weitem nicht vollständig." Auch in Nr. 101, S. 153 ist bemerkt, daß ,,die Schwägerin dem schnellen Redefluß nicht folgen und deshalb nur weniges aufschreiben kann." Von einem authentischen Text kann hier natürlich keine Rede sein. ,,Eructavit cor meum verbum bonum, lingua mea calamus scribae velociter scribentis".
2. Abschriften und Verbote Im Jahre 1896, ,,gleich nachdem einige Bücher der Mitteilungen voll waren", brachte Hannappel diese Schriften ihrem Beichtvater P. Bonifaz O.Cap. mit der Bitte, sie dem Bischof vorzulegen, was der Pater jedoch ablehnte. Infolgedessen glaubte Hannappel, ,,wegen der seitherigen freund- schaftlichen Beziehungen", diesen Schritt selber tun zu dürfen. Aber der Bischof untersagte ihr das weitere Aufschreiben, was auch befolgt wurde,
17 wie aus den Schriften leicht festzustellen ist, wo vom 6. Juli 1896 bis zum 13. September 1896 die Einträge fehlen, wie auch anderwärts bestätigt wird, so am 2. August 1896 und am 6. August 1896. Als Hannappel später den Bischof um Aufhebung des Verbotes bat, sagte er nach ihrem Berichte: ,,Tun Sie von jetzt an, was Ihr Beichtvater sagt", und sie fügt hinzu: ,,Dieser erlaubte mir, wieder aufzuschreiben." Unterdessen teilte ich immer dem Bischof das Neueste mit und er empfing mich stets mit Wohlwollen. Wir hielten dann eine Novene zur Unbefleckten Empfängnis, damit die liebe Muttergottes bewirke, daß der Bischof sich klar ausspreche. Und siehe da, als ich in dieser Novene wieder zu ihm kam, sagte der Bischof in ganz feierlichem Ton: ,,Von heute an
erlaube ich Ihnen aufzuschreiben und Frau Zulauf darf Ihnen helfen abschreiben. An P. Ludwig können Sie es senden, nur hier in der Stadt lassen Sie mir alles ruhig". Das scheint Ende August oder Anfang September gewesen zu sein, nach einem Eintrag vom 3. September 1896: ,,Von hier an wurde wieder auf- geschrieben." Hannappel ergänzt diese Bemerkung durch eine Notiz in ihrem ,,Lebens- lauf": ,,Seit der Zeit brachte ich dem Bischof bis zu seinem Tod alle acht bis vierzehn Tage das Neueste und nahm das Alte mit zurück, um es ihm dann später gebunden von neuem zu überreichen." Als Luise Hannappel am 27. Oktober 1899 wegen der Bußwallfahrten nach Gonsenheim vor eine bischöfliche Kommission gerufen wurde und sich auf die obige mündliche Erlaubnis des Bischofs berief, konnte sich der Bischof dieses Vorganges nicht mehr erinnern; schon fünf Tage später starb er. An der wirklich erteilten Genehmigung zweifelte aber auch der Kommissionsvorsitzende Domkapitular Dr. Brück nicht, wie seine Äuße- rung ersehen lässt: ,,Der Bischof will nichts mehr von der Erlaubnis wissen; es muß aber wohl so sein, sonst hätte er Ihnen die Bücher nicht abnehmen dürfen, die er mir zur Prüfung übergab". Dagegen wurde ein abermaliges Verbot von dem neuen Beichtvater im Jahre 1898 ausgesprochen, das jedoch schon bald mit der Versetzung des Paters erlosch. Die Zahl der Abschriften der so entstandenen Schippacher Schriften konnte wohl niemand feststellen; aber angesichts des umfangreichen Stoffes - ich zähle 58 Oktavhefte von je etwa 200 Seiten und eine Anzahl loser Blätter - und der primitiven Art des Kopierens mit Tinte und Feder, konnte
18 diese Zahl nicht groß gewesen sein. Das Schicksal der Hefte war ein sehr bewegtes. Im Jahre 1900 mußten alle erreichbaren Exemplare an Bischof Brück ausgeliefert werden. Im Jahre 1909 ging eine Garnitur an das Ordinariat in Köln, im Dezember 1915 wurden sie vom Ordinariat Würzburg zur Berichterstattung an die Päpstliche Nuntiatur eingefordert und am 5. Januar 1916 dem Ordinariat zu diesem Zweck übergeben. Schon damals scheinen so gut wie keine mehr im Umlauf gewesen zu sein; denn als der dem Kirchenbau sehr abgeneigte Vorstand des Bezirks- amtes Obernburg durch die Polizei nach den Schriften fahnden ließ, konnte diese trotz eifriger Nachforschungen kein Exemplar mehr auftreiben. Nur Barbara blieb im Besitz einer Garnitur. Da diese Schriften nicht nur ihre inneren Erlebnisse enthalten, sondern zugleich ihren äußeren Lebenslauf und den ihrer weitverzweigten Verwandtschaft schildern, bilden sie auch eine kostbare Fundgrube für die Familien- und Sippenkunde und sind darum auch von hohem familiengeschichtlichen Werte.
3. Authentizität der Schriften Bilden die Schriften die zuverlässige Wiedergabe dessen, was Barbara Weigand in ihren Ekstasen gesprochen oder in ihren Visionen geschaut hat? Haben die Schreiber die Aussprüche der Visionärin wiedergegeben? Oder haben sie daran Änderungen vorgenommen? Haben sie vielleicht Teile dieser Reden unterschlagen? Haben sie aus Eigenem hinzugefügt? Soweit die Visionärin selber als Schreiberin in Betracht kommt, ist die Beantwortung der Frage nicht schwierig: Sie hat ja ihre Aufzeichnungen erst geraume Zeit nach den Ekstasen aus dem Gedächtnis gemacht, kann also, zumal angesichts des oft recht umfangreichen Stoffes, auch trotz ihres sehr guten Gedächtnisses unmöglich alles wortwörtlich wiedergegeben haben, was sie vorher gesehen, gehört oder gesprochen hatte. Anders aber liegen die Dinge bei Hannappel und den Hausgenossen, vorab bei ersterer, welche für die meisten Aufzeichnungen in Betracht kommt. Da ist nun von vornherein die Vermutung abzuweisen, als ob Hannappel absichtlich das Gehörte anders aufgeschrieben habe als es an ihre Ohren drang, oder daß sie absichtlich die rasch hingeworfenen Aufzeichnungen bei der Reinschrift entsprechend zurechtfrisiert hätte. Schon gegenüber der geistlichen Behörde in Mainz wie auch im Jahre 1921 gegenüber dem Ordinariat Würzburg erklärte sich Hannappel bereit, einen Eid abzulegen: 1. daß sie die schöne Form nicht hinzugetan, 2. über- haupt keine Form und nichts Wesentliches, sondern, daß die
formvollendeten
19 Vorträge ganz das Werk der Barbara Weigand sind, 3. daß sie nichts nach eigenem Ermessen abgeändert, erweitert, verschärft habe, 4. daß sie mit größter Gewissenhaftigkeit alles so aufgeschrieben habe, wie das Diktat an ihr Ohr gedrungen sei." Wohl sei es möglich, daß bei dem schnellen Diktat und wegen oftmaligen Straßenlärms hie und da ein Wort, ja halbe und ganze Sätze ausblieben, was jede Zweideutigkeit ausgeschaltet hätte. ,,Durch einen Tadel des Herrn veranlasst, habe ich hie und da ein einziges Wort, das einen offenkundigen Fehler enthielt, oder ein Bindewort wie ,,und", wo es fehlte, beigefügt oder ein unrichtig placiertes Zeitwort an seine Stelle gesetzt." Wenn die Ekstase vorbei war, habe sie mit den Hausgenossen, mit Frau Weigand und den drei Mädchen, mit größter Ehrfurcht die Sache noch einmal durchgegangen, um zu prüfen, ob alles genau mit dem
Gesprochenen übereinstimme und ein oder das andere Wort, das sie zusammen noch wussten, beigefügt. Seitdem sie geläufig habe stenographieren können, habe sie ohnehin alles wörtlich aufnehmen können. Die Gewissenhaftigkeit der Luise Hannappel beim Aufzeichnen des Gehörten wird ,,an Eidesstatt" in einer feierlichen Erklärung auch von Maria Weigand bezeugt, die den Ekstasen ihrer Tante regelmäßig beiwohnte, und auch von P. Felix Lieber OFM bestätigt, der seit 1909 die Seelenleitung der Visionärin hatte. Dieser Pater schrieb mir hierüber wörtlich: ,,Gleich zu Anfang, als meine Wenigkeit 1909 die Seelenleitung der Barbara Weigand übernahm, forderte ich von der Schreiberin, Fräulein Hannappel, Rechenschaft über die Art und Weise, wie sie niederschrieb. Ich muß hiermit offiziell bezeugen, daß sie das mit der größten Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit tat, ohne von dem ihrigen ein Wort beizufügen oder etwas eigenmächtig auszulegen oder zu erklären. In zweifelhaften Fällen fragte sie (selbst in meiner Gegenwart) die Barbara Weigand, wie sich der Herr oder die Muttergottes ausgedrückt hatte; und was nicht mehr zu ermitteln war bei späteren Mitteilungen, ließ sie es eben dabei, so daß ich sagen muß: Sie war beim Niederschreiben der Mitteilungen durchaus gewissenhaft, ich möchte fast sagen: Skrupulös, wie ich das bei verschiedenen Gelegenheiten in der Zeit meiner Seelenleitung feststellen konnte". Es liegt sonach kein Grund vor, die Ehrlichkeit der Schreiberin in Zweifel zu ziehen. Daß Luise Hannappel gewissenhaft zu Werke ging, mag man auch daraus sehen, daß sie Aussprüche, die offenbar nicht übernatürlichen Ursprungs waren, nicht unterschlagen hat, was ihr doch ein Leichtes
20 gewesen wäre. Wo Hannappel stenographisch mitschrieb, dürfte somit der Text Anspruch auf größtmögliche Authentizität erheben. Aber man darf auch nicht übersehen, daß sie in vielen Ekstasen nicht stenographisch, sondern kurrent oder nur bruchstückweise oder überhaupt nicht schrieb, oder daß nur die Schwägerin und die Dienstmädchen in ihrer unbeholfenen Art schrieben. In allen diesen Fällen kann von wortgetreuer Wiedergabe natürlich keine Rede sein. Selbst Hannappel gibt wiederholt ausdrücklich zu, wegen des starken Redestroms der Visionärin nicht mitgekommen zu sein, z.B. in Nr. 50, S. 152: ,,Am Feste Christi Himmelfahrt war der Redefluß so gewaltig, daß nicht mitzukommen war und vieles verlorenging", oder in Nr. 104, S. 30: ,,Der Redefluß war heute so stark, daß Schreiberin mehrmals einen Satz auslassen mußte, um gleichen Schritt halten zu können." Auch von Auslassungen redet sie ausdrücklich, z. B. in Nr. 85, S. 4, daß sie ,,oft nicht zu schreiben imstande war" ob der großen Zärtlichkeit des höchsten Herrn, oder in Nr. 57, S. 96: ,,Heute hat Schreiberin sehr vieles ausgelassen, so daß sogar der Zusammenhang fehlt." In Nr. 62, S. 34 heißt es: ,,Darauf sagte Jesus ungefähr so", in Nr. 167, S. 29 ist bemerkt: ,,Als der Herr anfing zu sprechen, machten sich die zwei Nichten und die zwei Dienstmädchen dran aufzuschreiben, doch konnten sie es nicht alles fassen. Hier folgen nur die Bruchstücke von ihren Aufzeichnungen." Vieles verdankt seine Wiedergabe überhaupt aus dem Gedächtnis von Luise Hannappel. So ist vor Nr. 222, S. 108 bemerkt: ,,Unmöglich ist es, aus dem Gedächtnis die liebevollen Worte des Herrn in richtiger Reihenfolge und wortgetreu und vollständig wiederzugeben, hier folgen nur Bruchstücke"; oder zu Nr. 61 S. 4: ,,Während der Ekstase wurde nichts aufgeschrieben, hier nur einiges aus dem Gedächtnis von Hannappel"; oder zu Nr. 62, S. 8: ,,Nur einiges aus dem Gedächtnis von Hannappel"; oder zu Nr. 62, S. 13: ,,Nach dem Gedächtnis aufgeschrieben"; oder zu Nr. 63, S. 45: ,, Heute hat Schreiberin wenig im Gedächtnis behalten, noch weniger die Reihenfolge"; oder zu Nr. 64, S. 50: ,,Heute hat Schreiberin noch weniger behalten"; ,,Hannappel konnte es nicht behalten"; oder zu Nr. 102, S. 157: ,,Nach dem Gedächtnis von Babett"; oder zu Nr. 229, S. 51: ,, Hier folgt nur einiges aus dem Gedächtnis von Babett"; oder zu Nr. 65, S. 89: ,,Jesus spricht noch viel darüber, Hannappel konnte es nicht behalten." Wenn so auch manche Stellen in den Schippacher Schriften der Authen- tizität entbehren, so muß doch das allermeiste als Ausspruch der Jungfrau anerkannt werden; Barbara hat sich auch zeitlebens zu ihren Schriften
21 bekannt. Wenn man aber Sätze aus diesen Schriften verketzern wollte, wie es ehedem von ihren Gegnern geschah, so müsste man zuerst die Origina- lität und Authentizität dieser Texte prüfen und, wo die Urheberschaft der Visionärin nicht eindeutig feststand, sich an den alten Moral- und Rechts- grundsatz halten: In dubio pro reo, anstatt die Jungfrau Barbara aufgrund zweifelhafter Sätze zum Tode zu verurteilen. Das Schicksal, dem die von Barbara in der Ekstase gesprochenen Worte verfielen, teilen sie übrigens mit jenen anderer Mystiker: ,,Die Schreiber", sagt Poulain, ,,können leicht, ohne es zu wollen, den Text verändern. Sie geben bei der Wahl der Ausdrücke ja doch immer etwas von dem ihrigen hinzu". Von den Offenbarungen der heiligen Gertrud sind das erste Buch und der Schlussteil des fünften Buches gar nicht von Gertrud, sondern von einer ihrer Mitschwestern verfasst; dem Schreiber der heiligen Brigitta wird vom Heiland ausdrücklich gestattet, ,,um der Schwachen willen beizufügen, was notwendig und nützlich sei". Der heiligen Hildegard wurde in einem Gesichte aufgetragen, ihre Offenbarungen aufzuschreiben, aber die Form von einem anderen feilen zu lassen.
22 II. DIE SCHIPPACHER OFFENBARUNGEN Diese Schriften also, über deren Entstehung und Schicksal uns das vor- ausgehende Kapitel unterrichtet hat, enthalten jene inneren Erleuchtungen, die Barbara Weigand in heiliger Verzückung empfangen haben will. Wegen dieses Anspruches mußten sich denn auch die kirchlichen Oberen mit ihnen befassen und auch die theologische Wissenschaft hatte das Recht, den Inhalt dieser Schriften auf seine Übereinstimmung mit dem kath. Glauben zu prü- fen. Dieses Recht darf auch der Verfasser dieses Buches für sich in Anspruch nehmen. Dazu fühlt er sich um so mehr verpflichtet, als die Erforschung der Wahrheit über Schippach eine hoch sittliche Aufgabe ist, an der nicht bloß die Wissenschaft, sondern ebenso das kirchliche Lehramt ein Interesse hat. Hat doch der Heilige Vater Papst Pius XII. den Klerus zu wiederholten Malen aufgefordert, der Wahrheit zu dienen, wie es ja auch der Wunsch der Kirche ist, in Dingen der christlichen Freiheit auch die andere Seite zu Worte kommen zu lassen: ,,In jenen Fragen, in welchen man, da eine Entscheidung des Aposto- lischen Stuhles nicht vorliegt, ohne Gefahr für Glauben und Sitte dafür oder dagegen Stellung nehmen kann, ist es niemand verwehrt, frei seine Meinung zu äußern und aufrechtzuerhalten ... Mit Freimut, aber mit Bescheidenheit möge ein jeder seine Ansicht vorbringen und verteidigen, und keiner halte sich für berechtigt, den Glauben und die kirchliche Gesinnung anderer deswegen zu verdächtigen, weil sie anderer Meinung sind" (Enzyklika vom 1. Nov. 1914). Eine Entscheidung Roms in Sachen Schippach ist niemals ergangen. Treten wir also in die Prüfung der Schippacher Privatoffenbarungen ein!
1. Die Rechtslage Die Entscheidung über den übernatürlichen Charakter von Privatoffen- barungen gehört nach dem Kirchenrecht in den Amtsbereich des Heiligen Offiziums. Die Bischöfe haben nur die Vorarbeiten zu leisten, zu unter- suchen und ihre gutachtliche Äußerung abzugeben, dann aber die Akten dem Heiligen Stuhl zu unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten ist. Gewöhnlich beschränkt sich die Antwort des Heiligen Stuhles auf Weisungen formeller Art wie: Episcopus utatur jure suo, remittitur ad jus Ordinarii, decreto Episcopi parendum est u. ä., aber eine sachliche Entschei- dung erfolgt von Rom aus gewöhnlich überhaupt nicht, so lange nicht der Seligsprechungsprozess eingeleitet ist. Auch die sogenannte Approbation bedeutet noch keine Stellungnahme zugunsten des übernatürlichen Charakters von Privatoffenbarungen.
23 ,,Wenn die Kirche", schreibt Göpfert, ,,Privatoffenbarungen zuweilen approbiert, so erklärt sie damit nur, daß in denselben üblicherweise nichts enthalten ist, was dem Glauben und der Sitte widerstreitet, sondern daß sie im Gegenteil fromm und ohne Aberglauben angenommen werden können". Das Höchste was Rom zu Lebzeiten einer begnadigten Person entschie- den hat, war: ni trompeuse ni trompée (keine Betrügerin und keine Betro- gene), aber positive Entscheidungen gibt Rom nicht. Wie unangebracht war es also, von Rom eine Entscheidung über die Offenbarungen der Barbara Weigand zu deren Lebzeiten zu erwarten, weder nach der positiven noch nach der negativen Seite! Der Heilige Stuhl hat es, getreu seiner Praxis, abgelehnt, über die Echtheit der Schippacher Offenbarungen eine Entscheidung zu treffen, wie die Akten unmissverständlich ausweisen. Wie das Ordinariat Würzburg in seinem Amtsblatt vom Jahre 1917, S. 226 mitteilt, bat es am 10. März 1916 auf Grund des Berichtes seiner Prüfungs- kommission (über deren Tätigkeit siehe unten!) das Heilige Offizium um Verwerfung der Schippacher Privatoffenbarungen (ut reprobatio fiat illarum revelationum, quae sub nomine Barbarae Weigand feruntur), da sie pseudorevalationes (falsche Offenbarungen), errores (Irrtümer) und fraudes (Betrügereien) seien. Auf diese Bitte erging von Rom am 25. Juni 1917 die folgende Antwort: ,,Suprema haec Congregatio Sancti Officii, perlectis litteris Amplitudinis Tuae, datis die 10. Martii 1916, circa assertas visiones ac revelationes cuiusdam Barbarae Weigand a vico Schippach istius dioecesis commorantis ... respondendum mandavit: Episcopi utantur jure suo. Hoc Sancti Officii responsum ad notitiam quaeso adducas ceterorum ordinariorum, quorum forte intersit in hac re mentem Sanctae Sedis cognoscere." (Die Punkte ... betreffen die Erwähnung des Eucharistischen Liebes- bundes und der Sakramentskirche.) Betrachtet man den Wortlaut dieser Antwort, so ist zu ersehen, daß die Antwort des Heiligen Offiziums auf die Lektüre des Ordinariatsschreibens hin (perlectis litteris Amplitudinis Tuae) gegeben wurde, also nicht auf Grund eigener Prüfung. Darum will das Schreiben auch keine Stellung- nahme zur Sache sein, sondern lediglich eine Antwort (respondendum mandavit, responsum). In diesem responsum liegt aber bei näherem Zusehen etwas, was dem kirchenrechtlich geschulten Leser durchaus nicht nebensächlich erscheint, nämlich die Tatsache, daß das Heilige Offizium in seiner Antwort die vom Ordinariat Würzburg gebrauchten Ausdrücke pseudorevelationes, errores,
24 fraudes vermeidet und dafür die Wendung setzt: assertae visiones ac revelationes. Damit hat die Heilige Kongregation bekundet, daß sie sich die Würzbur- ger Auffassung nicht zu eigen macht, sie vielmehr vermieden wissen will. Diese Schlussfolgerung wird noch einleuchtender, wenn man sich vor Augen hält, daß ja das Ordinariat Würzburg den Heiligen Stuhl ausdrück- lich gebeten hatte, seine Bezeichnung der Schippacher Offenbarungen als pseudorevelationes, errores und fraudes zu approbieren. Nun hat aber Rom diese Würzburger Bezeichnung nicht approbiert und nicht konfirmiert, sondern umgestoßen und dafür den neutralen Ausdruck assertae visiones ac revelationes gesetzt, der alle Möglichkeiten offen hält. Das ist die mens des Heiligen Stuhles hinsichtlich der Schippacher Offen- barungen. Diese neutrale Haltung Roms hat sich bis zum heutigen Tage nicht geändert. Unbefriedigt von der Antwort des Heiligen Offiziums drangen die Gegner Schippachs auf eine abermalige Verwerfung durch das Ordina- riat Würzburg, welches in der Tat am 11. Februar 1918 folgendes Dekret, Urteil genannt, erließ: ,,Die sogen. Offenbarungen der Barbara Weigand von Schippach sind zu verwerfen, denn sie entbehren jedes Kennzeichen eines außerordentlichen göttlichen Gnaden-Einflusses, gefährden den gesunden Glauben und enthalten Irrtümer und Verstöße gegen die kirchliche Ordnung." Gegen dieses ,,Urteil" erhob Barbara Weigand Beschwerde zum Heiligen Stuhl. Entgegen aller rechtlichen Ordnung wandte sich das Ordinariat Würzburg am 25. März 1919 an das Heilige Offizium mit der Bitte um Verwerfung der Weigandschen Appellation, worauf das Heilige Offizium am 3. November 1919 die folgende Antwort erteilte: ,,Per litteras datas die 25. Martii 1919 Tuus Vicarius Generalis instat, ut Sancta Sedes judicium ferat circa apellationem factam a Joanne Abel et Barbara Weigand contra sententiam Curiae Episcopalis Herbipolensis de die 11 Februarii 1916. Cum in hac re Suprema haec Congregatio die 13. Junii 1917, prout Tibi signatum fuit, decrevisset, ut Episcopi uterentur jure suo, nihil est, cur aliud judicium a Sancta Sede expetatur." Damit lehnte es das Heilige Offizium abermals und sehr kategorisch ab, von sich aus in die Schippacher Offenbarungen einzugreifen. Im März 1942 richtete das Heilige Offizium an den Bischof von Würz- burg die Aufforderung: ,,Der Bischof möge an die Kongregation über die
25 Notwendigkeit und den Nutzen der Sakramentskirche, über die etwa vorhandenen Mittel zu deren Vollendung sowie ihren Zusammenhang mit den Offenbarungen, welche an die Barbara Weigand ergangen sein sollen, berichten" (Diöz.-Bl. 1942, S. 123). Auch dieser Ausdruck lässt, wie ersichtlich, die Frage nach dem Echtheitscharakter der Offenbarungen völlig unentschieden. Darum konnten im Jahre 1949 römische Kreise und sehr gute Kenner
Schippachs dem Verfasser folgende bestimmte Auskünfte
aus Rom übermitteln: ,,Der Heilige Stuhl nimmt zu den Privatoffenbarungen von Schippach keine Stellung, bevor nicht der Seligsprechungsprozess der Dienerin Gottes Barbara Weigand offiziell eingeleitet ist." ,,Das Heilige Offizium hat niemals ein Urteil gegen Schippach ausgesprochen oder gegen Barbara Weigand (9. Sept. 1949 u. 1. Okt. 1949). Damit dürfte zur Genüge erwiesen sein, daß der Heilige Stuhl die Schippacher Offenbarungen keineswegs verworfen hat, und daß darum deren Echtheitscharakter noch eine offene Frage darstellt, die gemäß der
Enzyklika des Papstes Benedikt XV. vom 1. November 1914
auch publizistisch in Ruhe und Pietät erörtert werden darf. Treten wir also in die Prüfung des Echtheitscharakters der Schippacher Offenbarungen ein! Verfasser braucht dabei nicht zu versichern, daß er seine dabei zutage tre- tende Auffassung nicht für die allein und absolut richtige hält, da er ja nicht entscheiden, sondern nur prüfen will. Wenn der Heilige Stuhl einmal nach eige- ner Prüfung ganz anderer Meinung werden sollte als der Schreiber dieser Zeilen, dann wird dieser der erste sein, der sich einer solchen Entscheidung unterwirft. Meine Ausführungen beanspruchen bloß eine Glaubwürdigkeit nach den Regeln der Klugheit und der wissenschaftlichen Methode. Diese Methode aber beruht auf der Tatsache, daß ich Barbara Weigand mehr als fünfundzwanzig Jahre lang persönlich kannte (nach Poulain erstes Erfor- dernis, wenn man bei der Prüfung mystischer Personen mitreden will), auf der Tatsache, daß ich als ihr Beichtvater tiefer wie andere in ihr Innenleben hineinschauen konnte, auf der Tatsache, daß ich als ihr Pfarrer auch ihr äußeres Leben aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, und auf der Tatsache, daß ich als philosophisch, theologisch, kanonisch und histo- risch geschulter Priester den ganzen Schippacher Fragenkomplex mehr als dreißig Jahre lang eingehend studiert habe.
26
2. Allgemeines über den Charakter der Aufzeichnungen Barbara Weigand war keine Schriftstellerin und wollte keine sein. Sie hat nicht wie andere Mystikerinnen gelehrte Bücher verfassen wollen; denn sie hat niemals eine andere Bildungsstätte besucht als die einfache Volksschule des Dorfes Rück in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo sie die notwen- digsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen erhielt und die Grund- wahrheiten des katholischen Glaubens kennenlernte. Das blieb zeitlebens ihr einziger Bildungsgang. Wiederholt kommt sie in ihrem späteren Leben auf diese ihre niedrige Bildungsstufe zu sprechen und beruft sich auf die Einfachheit ihres Bildungsstandes, wenn man ihre Aussprüche und Aufzeichnungen mit dem Maßstabe einer wissenschaftlichen Kritik prüfen und jedes ihrer Worte auf die Goldwaage wissenschaftlicher Exaktheit legen wollte. Es war darum seinerzeit eine verfehlte Methode, Barbara Weigands Schriften nur nach wissenschaftlichen Prinzipien und ihr Seelenleben nur nach den Schippacher Heften beurteilen zu wollen, anstatt es wirklich als Leben zu begreifen, als organisches Gebilde in seinem Wachstum, Blühen und Reifen, mit seinen Witterungen und Stürmen, als Glied am mystischen Leibe Christi. Wieviel Unheil hätte verhütet werden können, wenn man, anstatt sich in handgeschriebenen Heftchen zu verbeißen, den Gebetsgeist, das Opferleben, die Sühnebereitschaft, die karitative Wirksamkeit, den strengen sittlichen Wandel, den hinreißenden Einfluss der Jungfrau auf ihre Umgebung zur Grundlage ihrer Beurteilung gemacht hätte! Hätte man seinerzeit gegen die Weigandschen Äußerungen etwa die zarten Grundsätze walten lassen, die Paul Keppler in seiner meisterhaften Art gegenüber den Abschiedsreden Jesu anwandte, wo er weniger strenge Abfolge der Gedanken als vielmehr pietätvolle Zeichnung des Gemüthaften verlangt, wäre sicherlich über Schippach ein anderes Bild entstanden und dem Ansehen der katholischen Wissenschaft und auch dem Episkopat viel Schaden erspart geblieben. Bekanntlich hat Barbara Weigand ihre Schriften allezeit als einen kost- baren Schatz gehütet und gegen Zugriffe verteidigt, da sie in ihnen den Niederschlag ihrer in heiliger Ekstase empfangenen Gebetsgnaden erblick- te. Diesen Glauben haben auch ungezählte fromme Seelen aus allen Ständen, Geistliche und Laien, mit ihr geteilt. Bischöfe und Priester, Männer vom Fach, hochangesehene geistliche Schriftsteller, hohe Staatsbeamte, Juristen und Kaufleute haben sich für die Glaubwürdigkeit der dort niedergelegten Gedanken ausgesprochen und ihre aszetischen Erwägungen der ,,Nachfolge Christi" an die Seite gestellt.
27 Andere aber sahen zur gleichen Zeit in diesen Schriften den Ausbund alles Schlechten. So heißt es z. B. in damals erschienenen Schriften und in zahlreichen Zeitungsartikeln, die Schippacher Offenbarungen seien ,,an sich nicht wert, auch nur einen Bogen Papier darüber zu verschreiben oder eine Minute Zeit darauf zu verwenden"; sie seien ,,förmlicher Aberglaube", ,,Unkraut", das ,,ausgerottet" werden müsse, sie seien ,,Halluzinationen", ,,Ausgeburten eines kranken Hirns", ,,Plattheiten", ,,Süßlichkeiten", ,,Ungereimtheiten", ,,Sammelsurium", ,,wirres Durcheinander", ,,Produkte hysterischer Anfälle", ,,religiöse Wahnideen", ,,Wühlereien der üppigsten Pseudomystik", ,,häretische Abgeschmacktheiten", ,,Ausgeburten einer unsinnigen Phantasie", ,,unsittliche Andächtelei", ,,innerlicher Unrat", ,,schlimmster Unsinn". Kann es noch hässlichere Ausdrücke geben? Und diese Beurteilung wurde durch die Presse in die Öffentlichkeit und in die Amtszimmer kirch- licher Behörden getragen, während den Kennern und objektiven Beurteilern Schippachs jede öffentliche Richtigstellung durch Verweigerung des Imprimatur bis auf diesen Tag unmöglich gemacht wird. Kann man da noch von Freiheit der Meinungsäußerung reden, wie sie Papst Benedikt XV. in der oben erwähnten Enzyklika vom 1. November 1914 den katholischen Christen zubilligte? Dabei muß man bedenken, daß jene hässliche Beurteilung von Priestern stammt, die Barbara Weigand niemals in ihrem Leben gesehen hatten! So sehr Barbara Weigand an ihren Schriften hing, so ist sie doch die letzte gewesen, die jedem ihrer Worte eine absolute Gültigkeit hätte beimessen wollen; sie wusste nur zu gut, daß dort Gutes und weniger Gutes nebenein- ander stehe und bat deshalb die Kritiker wiederholt, sich an das Apostelwort zu halten: ,,Prüfet alles! Was gut ist, behaltet!" Man solle sich doch nicht an Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten stoßen, sondern den Geist würdigen, der in den Schriften wehe. Am 7. April 1899 bittet sie einen priesterlichen Freund, er möge alles gut durchstudieren, ohne Anstoß an Kleinigkeiten zu nehmen. Die Hauptsache sei, daß er den Geist herausziehe, den Jesus darin niedergelegt. Dann solle er bedenken, daß sich Jesu Geist mit ihrem menschlichen Geist verbinde, und daß sich dieser menschliche Geist hie und da mit einmische; sie sei aber ein armes Dorfmädchen, da sie keine höhere Schule besucht habe. An anderer Stelle preist sie ,,glücklich diejenigen, die sich an den Geist anschließen, der hier weht!". ,,Alle, die sich anschließen an den Geist, der da bestätigt wird in den Schriften, der mein Geist ist, sollen und werden gerettet werden". Wenn auch nicht alles lauteres Gold sei, so könne es doch wertvolle sittliche Wahrheit sein. ,,Ihr, meine Kinder", hörte sie einmal,
28 ,,werdet nicht müde, die Worte aufzuschreiben, die ich zu euch rede durch meine Dienerin. Diejenigen aber, die zweifeln und sagen wollen, es sei immer dasselbe, mögen doch die Schriften und Worte gut studieren, ob sie nicht darin heilsame Lehren für ihr Leben finden ... Der Hausvater, der da sucht, findet immer etwas Neues in diesem alten Evangelium. Der Haus- vater bist du, katholischer Priester! Such nur, und du wirst zu dem Alten immer auch wieder Neues finden".
3. Grundsätzliches zur Beurteilung der Schriften
a) Die Grenzen der wissenschaftlichen Zuständigkeit Wer über mystische Erlebnisse und Schriften ein Urteil abgeben will, muß vor allem ein gründliches Studium der mystischen Theologie hinter sich haben; Gelehrsamkeit allein macht noch lange nicht zur Übernahme eines derartigen Richteramtes fähig. ,,Kritisiere jeder", sagt Grabinski, ,,soviel er kritisieren zu müssen glaubt, aber nur wenn er über die Dinge, die er beurteilen will, gründlich orientiert ist, und wenn er vor allem auch auf diesem Gebiet Erfahrungen aufzuweisen hat. Bloßes allgemeines Wissen befähigt noch lange nicht zu einem wirklich maßgebenden Urteil". Wer über mystische Erscheinungen, Ekstasen, Visionen, Personen, Schrif- ten, Anregungen urteilen will, muß die mystische Theologie wohl beherr- schen, und dies ist eine schwierige Sache; denn die mystische Theologie ist nach den Worten Denifles ,,unter allen theologischen Disziplinen die wohl schwierigste". Hat sich ein Beurteiler ,,mit dieser schwierigen Wissenschaft nicht vertraut gemacht, so wird er dem Innenleben des Mystikers zum Teil verständnislos gegenüberstehen und deshalb sein psychologisches Bild sicher verzeichnen, mag es sich um Franz von Assisi oder Ignatius, um Canisius oder Borja, um Franz von Sales oder Franziska von Chantal handeln". So ein moderner Autor, über dessen Klarheit der Darstellung ich mich herzlich gefreut habe. Dann zitiert er eine ganz zutreffende Äußerung seines Ordensgenossen Michael, daß der Historiker, wenn er nicht selbst Mystiker sei, für das Gebiet der echten Mystik nicht zuständig sei, da er sich auf einem ihm fremden Gebiet bewege. Ähnlich drückt sich Surin aus: ,,Die mystische Theologie ist eine eigene Wissenschaft, die ihre eigenen Prinzipien, ihre eigenen Schlussergebnisse und ihre eigene Sprache besitzt, unabhängig von jeder anderen Wissen- schaft. Es gibt aber manche Leute, die, ohne sich viel in den Werken über
29 mystisches Leben umgesehen zu haben, sich für berechtigt halten, darüber zu urteilen und gar abfällig zu urteilen. Auffallend ist es, daß man sich in allen Wissenschaften gerne auf Fachleute beruft, in dieser Wissenschaft hält sich aber jeder für einen Meister". ,,Selbst tüchtige Theologen und Historiker", meint Richtstätter, ,,können der mystischen Terminologie hilflos und verständnislos gegenüberstehen". ,,Auch Priester, die in Theologie und Aszese wohl bewandert sind, denen es aber nicht gegeben ist, das eigentliche Wesen der außergewöhnlichen Beschauung zu erfassen, auch wenn sie gewandt und interessant über Mystik zu reden oder zu schreiben wissen", zeigen oft für höhere mystische Ergebnisse wenig Verständnis und eine erschreckende Unfähigkeit in der Bewertung mystischer Vorkommnisse im Einzelfalle. Die letzte Beobachtung konnte man auch bei Schippach machen, wo selbst tüchtige Theologen versagten. Aber von den allermeisten der seiner- zeitigen Veröffentlichungen wird man nicht behaupten können, daß sie auch nur einen Hauch fachmännischen Wissens atmeten. Jene Presseerzeugnisse sind getragen von einer Unkenntnis der Mystik, die nur Lächeln erwecken könnte, wenn sie nicht so verheerende Folgen gezeitigt hätte. Nur Ignoran- ten und das moderne Zeitungspublikum konnten sich durch das Massive der Sprache und den geistlichen Stand der Verfasser, denen das heilige Land der Mystik terra ignota war, hinwegtäuschen lassen. Den tieferen Grund für das Versagen der Theologen, gerade in mystischen Dingen, gibt der heilige Bonaventura, gleich groß als spekula- tiver Theologe wie als Mystiker, wenn er von den mystischen Gnaden sagt: ,,Willst du wissen, wie das geschieht, so frage die Gnade, nicht die Wissen- schaft, das Verlangen und nicht das Verständnis, den Bräutigam und nicht den Lehrer". Das ist dieselbe Erkenntnis, die Karrer in die Worte kleidet: ,,Hier schweigt die Wissenschaft, wir sind auf heiligem Boden", oder wie Jeiler ausspricht: ,,Es ist katholische Lehre, daß der Heilige Geist innerlich den Leib der Kirche mit all ihren Gliedern übernatürlich belebt, erleuchtet und erwärmt. Das Maß seiner Gnaden und Gaben wird dabei keineswegs nach dem Grade ausgeteilt, den die Empfänger in der äußeren hierarchi- schen Ordnung der Kirche einnahmen, sondern nicht selten sind die in den Augen der Menschen Geringsten und Kleinsten am meisten bevorzugt. Der Geist weht, wo er will, und für alle Zeiten gilt das Wort des Herrn: ,,Ich preise dich, Vater des Himmels und der Erde, daß du dieses vor den Weisen und Klugen verborgen und den Kleinen geoffenbart hast!". Dieses Wort erklärt auch die Tatsache, daß Privatoffenbarungen und außerordentliche Charismata schlichten Personen, auch weiblichen Geschlechts, häufiger zuteil werden als Hochgestellten und Gelehrten. Als
30 einst gelehrte Theologen die heilige Katharina von Siena in Verwirrung bringen wollten, antwortete sie: ,,Welch ein Unheil ist die stolze Wissen- schaft! Euch schadet sie sehr, ohne irgend jemand zu nützen!"
b) Verständnis für die mystische Sprache Wer mystische Schriften prüfen und beurteilen will, muß der Eigenart der mystischen Sprache Rechnung tragen. ,,Wenn manche schwerverständ- liche Stellen vorkommen sollten", so leitet der englische Benediktiner Dom Louismet sein Buch über die Beschauung ein, ,,dann möchte ich meine Leser bitten, nicht mutlos zu werden und ihr Beginnen nicht aufzugeben. Solch dunkle Stellen muß man aufmerksam lesen und wieder lesen, und wenn kein Licht hineinkommt, dann soll man einfach darüber hinweggehen. Später, wenn das ganze Buch einmal gelesen ist, und besonders, wenn man angefangen hat, es mit wahrem Ernst im Leben auszuführen, dann wird die Schwierigkeit aller Wahrscheinlichkeit nach sich ganz beheben und was anfangs dunkel erschien, das wird dann klar und lichtvoll und wertvoll". Was hier ein Schriftsteller von einem fachwissenschaftlichen Werke sagt, das gilt in noch viel höherem Grade von den eigentlichen mystischen Schrif- ten, wie Zahn mit Recht betont: ,,Es bedarf nicht bloß einer Vorschulung und eines aufmerksamen Einlesens, wenn man der mystischen Literatur Geschmack und Segen abgewinnen will, sondern auch Sorgfalt und Hin- gabe, wenn man die mündlichen Äußerungen der Jünger des mystischen Lebens recht verstehen und beurteilen will". Immer mahnen darum die Autoren zur Vorsicht in der Abgabe eines Urteils, weil die Mystik eine so schwierige und geheimnisvolle Sache ist, deren Innerstes dem Außenstehenden letzten Endes überhaupt verschlossen bleibt. ,,Man will damit (mit dem Worte ,,Mystik") ausdrücken, daß sie etwas Geheimnisvolles in sich schließt, das selbst die Eingeweihten nicht durchschauen. Da gibt es Erscheinungen, die man niemals vollständig verstehen wird". Es kann nun sein, daß uns gewisse Wendungen, rhetorische Ausdrücke im Munde von begnadigten Personen nicht recht zusagen, daß sie uns unwahrscheinlich, unmöglich oder übertrieben vorkommen. Geht es nun an, sofort den Stab über solche Wendungen und damit über die ganze Sache zu brechen? Das wäre weit gefehlt. Solche Ausdrücke muß man zu erklären versuchen, darf sie aber nicht von seinem Standpunkt aus ablehnen. Vor allem, so mahnt Zahn, müsse man die Umwelt beachten, welcher die Aussagen der Mystiker entstammten und in welche sie zurückversetzt werden müssten, um recht verstanden zu werden. Was diesen Kreisen der
31 höchsten Erbauung dienen könne, das sei vielleicht geeignet, bei weniger günstigen Dispositionen zu stören und zu schaden: eine goldene Regel, die aber leider im Falle Schippach recht wenig beachtet wurde. Finden wir doch in den Presseangriffen der Jahre 1914 bis 1919, daß dort sogar Stil, Dialekt, sprachliche Unrichtigkeiten zum Gegenstand des Gespöttes gemacht wurden, daß man an Hör- und Schreibfehler, an unvoll- ständige und sprachlich nicht durchgebildete Sätze in den Schriften die höhnische Bemerkung knüpfte, der Jesus der Schippacher Offenbarungen könne nicht einmal einen sprachlich richtigen Satz sprechen. Auch darf man aus absolut klingenden Wendungen nicht allzu viel herauslesen, sondern man soll nach Preger ,,als Regel der Auslegung fest- halten, daß die Absolutheit des Ausdrucks nur aus dem Bestreben kommt, eine Seite der Betrachtung ausdrucksvoller hervorzuheben". Daß man Ausdrücke schon deshalb nicht pressen darf, weil man ja gar nicht weiß, was der Autor darunter verstanden hat, wird durch die Tatsache beleuchtet, daß ein und dasselbe Wort verschiedene Bedeutungen haben kann. Wenn nun eine allzu scharfe Kritik die Worte in mystischen Schriften in einem anderen Sinne auslegt als sie der Mystiker gemeint hat, wie man dies z. B. mit den Worten ,,Sühne", ,,Verdienst" in den Schippacher Schriften getan hat, so ,,beweist man mit einer solchen Zitationsweise nur aufs neue, daß man es fertig bringen kann, jede Stelle mit seinen eigenen Augen zu lesen und nach seinem eigenen Sinn zu verwenden". Wenn man einen Autor zitiert, so Poulain, ,,muß man sehen, was das Wort bei ihm im Zusammenhang bedeutet". Mit der letzteren Bemerkung stoßen wir auf eine wichtige Regel zum Verständnis und zur Beurteilung mystischer Schriften: Die Ausdrücke der Mystiker muß man im Zusammenhang und nach dem Geist des Ganzen erklären. Gar schön verlangt Zahn diese Behandlung auch für sein Buch: ,,Darum möchte ich bitten, weniger das Ganze nach losgerissenen Stücken als die einzelnen Teile nach dem Ganzen zu beurteilen", und anderwärts entschuldigt er gewisse Abirrungen in der Mystik mit dem Hinweis auf das Ganze, wenn er meint: ,,Man darf nicht wegen der irrigen Missbräuche das ganze Gebiet der Mystik interdizieren", oder wenn er Leser ablehnt, ,,wel- che der entsprechenden Reife entbehren", also nicht fähig seien, den Ernst der Geschehnisse oder den Geist des Ganzen richtig aufzufassen. Das gilt ganz gewiss für die große Masse des modernen Zeitungs- publikums. ,,Viele Ausdrücke", bemerkt einmal Zahn ganz richtig, ,,ver- lieren ihre Einseitigkeit durch anderweitige Zeugnisse", ,,scheinbar ent- gegenstehende Sätze erklären sich durch den Zusammenhang", ,,einzelne dunkle Worte und schwierige Stellen müssen nach der gesamten Anschau- ungs- und Ausdrucksweise des Autors beurteilt werden, nicht aber darf man umgekehrt einfache Wort und Gedanken durch Eintragung von Schwierigkeiten verdunkeln."
32 Auch dem Dogmatiker sind Grenzen gezogen. Es ist unnötig zu betonen, daß Visionen und Privatoffenbarungen keine neuen Wahrheiten vermitteln können; darum ist auch das Recht des Dogmatikers anzuerkennen, Privat- offenbarungen nach dieser Richtung hin zu prüfen. Aber wie der Dogmati- ker kein Recht besitzt, etwa über die stufen- oder artmäßige Abgrenzung der mystischen Gnaden eine lehramtliche Entscheidung ins Feld zu führen, so hat er noch weniger das Recht, die Terminologie der Mystiker nach dem strengen Maßstab der konventionell gewordenen Fachausdrücke oder der dogmatischen Theologie zu messen; vielmehr müssen die Aussagen des Mystikers ,,unter Berücksichtigung seiner selbstgebildeten Ausdrucks- weise" geprüft werden. ,,Der Dogmatiker würde seine Befugnisse überschreiten, wollte er auf Grund einer persönlichen, umstrittenen theologischen Meinung dem Heili- gen Geiste Grenzen vorschreiben, wie er in einer von ihm besonders bevor- zugten Menschenseele in außergewöhnlicher Weise seelisch nur allein wirken dürfe. Auf Grund dessen, was der Mystiker (also nicht andere, z. B. Abschreiber oder Kritiker!) als ein inneres Erlebnis darstellt ..., ist der Theologie und Psychologie die Möglichkeit geboten, das Tatsachenmaterial (also nicht Schreibfehler oder Zutaten der Schreiber oder Vermutungen der Kritiker!) wissenschaftlich auszuwerten. Ob die höheren Gebetsgnaden der eingegossenen Beschauung vom Dogmatiker in der richtigen Weise dar- gestellt werden, findet der Mystiker ... sofort heraus. Sein Urteil ist darum auch für den Dogmatiker von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn was helfen seine scharfsinnigsten Untersuchungen und Argumentationen, wenn der Mystiker achselzuckend erklärt: ,,Das ist ja gar nicht mein mystisches Erlebnis ... sondern etwas ganz anderes". So spricht mit erfrischender Klarheit ein erfahrener Geistesmann. Sein Ordensgenosse Noldin hatte schon vor ihm vor der Verabsolutierung mystischer Worte durch Theologen gewarnt: ,,Die Mitteilungen des Herrn an einzelne auserwählte Seelen haben nie jene allgemeine Fassung und Gestaltung wie die Dogmen des Christentums; sie nehmen vielmehr ein individuelles Gepräge an ... Es kann sich aber sehr oft ereignen, daß die Offen- barungen des Herrn in ihrer individuellen Gestaltung, in welcher sie zu uns gelangen, einem anders gearteten Geiste und Gemüte nicht zusagen". Das ist objektive Sprache und Wissenschaft. Auch wenn die Offenbarun- gen von Schippach, z. B. die Mahnungen an die Priester zu einem Leben der Armut und Einfachheit oder die Aufforderungen zur Sühneleistung oder die Aufrufe an die Bischöfe zur Einführung der öfteren heiligen Kommuni- on und zur Förderung der Heiligen Stunde oder die Mahnungen zum öffentlichen Bekenntnis des katholischen Glaubens, einem anders gearteten Geiste und Gemüte nicht zusagten, so durfte man deswegen solche Worte
33 nicht verketzern und ihre Urheberin nicht schmähen, wie es leider seinerzeit geschehen ist. Jedenfalls kann ich als Pfarrer und Beichtvater der Schippacher Jungfrau versichern, daß das, was man seinerzeit in Presse und Predigt als Meinung der Barbara Weigand über gewisse dogmatische und moralische Fragen hin- stellte, nicht das seelische Erlebnis jener Person gewesen ist. Das ist authen- tische Interpretation. Hier vermögen alle Superlative, aller Groß- und Fett- druck, alle Ausrufezeichen nichts, wenn Barbara Weigand sich wehrt und erklärt: ,,Das ist ja gar nicht mein mystisches Erlebnis, was ihr da heraus- gefunden haben wollt." Sie hat übrigens gegen die seinerzeit ihr gemachten Unterstellungen in ihrem Appellationsschreiben an den Heiligen Stuhl feierlich Verwahrung eingelegt.
c) Fühlen mit dem Mystiker Eine Voraussetzung für das Verständnis mystischer Schriften bildet auch das Fühlen mit dem Mystiker. Es ist dieses Gebot eigentlich nur die positive Seite jener anderen Erwägung, daß man bei einer solchen Arbeit nicht nach seinen vorgefassten Meinungen oder starren wissenschaftlichen Maximen vorgehen dürfe. Wie auf dem Gebiet des Seelenlebens überhaupt, so ist es im Reiche der erfahrungsmäßigen Mystik, dieser feinsten und zartesten Blüte des menschlichen Innenlebens, nötig, sich in das Seelenleben des Begnadigten so gut es geht einzuleben, den Standpunkt des Mystikers einmal als den gegebenen zu betrachten und seine Gedanken einmal zu den eigenen zu machen. Das nenne ich psychologisch prüfen. Was Poulain dem Seelenführer in bezug auf die Leitung der täglichen inneren Gebete anrät, das gilt auch für den, der über mystische Erlebnisse anderer urteilen will: ,,Man muß den Menschen mit sich selbst vergleichen, nicht mit einem anderen besonders begnadigten Menschen". Darum geht es den Mystikern oft so schlecht, weil sie von ihrer Umwelt oft nicht oder - vielleicht absichtlich - falsch verstanden werden; die Geschichte der Heiligen ist der Beweis. ,,Ohne eine gewisse geistige Verwandschaft", bemerkt einmal zutreffend Karrer, ,,wird es schwer, wenn nicht unmöglich sein, die Heiligen in ihrem Intimsten zu verstehen. Am allermeisten wird der Mystiker missver- standen". Auch Zahn gibt diesem Gedanken Raum, wenn er das Wort Leubas zitiert, ,,daß im großen und ganzen die kirchlichen Mystiker selber und überhaupt die Gläubigen der Kirche viel richtiger über Charakter und Tendenzen der Mystik geurteilt haben als die meisten der modernen Schrift-
34 steller". Treffend bemerkt hierzu der italienische Religionspsychologe Guido Ferrandi: ,,Da nur der Mystiker imstande ist, seine religiösen Erfahrungen zu beschreiben, so muß der Psychologe, wenn er wirklich eine wissenschaftliche Methode befolgen will, seine Aussagen als Wahrheit hinnehmen." Das wollen wir in Pietät und Liebe auch gegenüber Schippach gelten lassen.
d) Zurückhaltung im Urteil Eine weitere Regel zur Prüfung mystischer Vorgänge und Schriften mahnt eindringlichst zur Zurückhaltung im Urteil, da ja nicht leicht eine Materie so große Schwierigkeiten darbietet als gerade die Mystik. Denn da gilt es zunächst einmal die natürlichen und übernatürlichen Faktoren, so gut es geht, auseinanderzuhalten, eine Schwierigkeit, auf die auch Zahn mit den Worten hinweist, ,,wie auch auf anderen Gebieten unserem Geiste nicht beschieden ist, Gottes Walten in uns gegenüber unserem eigenen Wirken nach den Maßstäben unserer Begriffe abzu- grenzen". Diese Mischung von göttlicher und menschlicher Tätigkeit auszu- scheiden, ist freilich mitunter ein Ding der Unmöglichkeit. Wo nicht ausgesprochene Beweise Gottes vorliegen wie ein Wunder oder eine bestimmt in Erfüllung gegangene Weissagung, lässt sich eine solche Ausscheidung nur durch Abwägen der Gründe für und wider vornehmen, allein ,,praktisch gibt dieses Mittel meist nur eine geringere oder größere Wahrscheinlichkeit". Die Mystik ist eben ,,das unbekannte Land, voll von Wundern und Geheimnissen", in welchem ,,es nicht immer leicht ist, sofort zu erkennen, inwieweit natürliche Anlage oder die außergewöhnliche Wirkung einer mystischen Gnade vorliegt". Man weiß, daß auch zwischen der Pseudomystik und der echten Mystik die Grenzen oft ineinander laufen, erst recht zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Faktor in sonst anerkannten Privatoffenbarungen. Vielleicht noch größer ist die Schwierigkeit in der Deutung der mystischen Sprache, worauf wir oben schon hingewiesen haben. Poulain kommt immer wieder auf diese Schwierigkeit zu sprechen und Zahn widmet der Relativität der mystischen Sprache volle 21 Seiten seines Hand- buches. Überall erklingt die Mahnung, wie vorsichtig man mit den Aus- drücken der Mystiker umgehen müsse, damit man nicht ihr ganzes mysti- sches Leben in Misskredit bringe. So meint eine begnadigte Seele in einem besonderen Falle: ,,Ehrlich gestanden: ich bin entsetzt, wie falsch die Ausdrücke verstanden sind. Sie bezeichnen jene inneren Vorgänge treffend für diejenigen, die sie verstehen, andere aber können damit das Heiligste pro- fanieren".
35 Diese Schwierigkeit erscheint noch einleuchtender, wenn wir bedenken, daß nicht einmal der Mystiker selbst imstande ist, sein inneres Erlebnis in eine klare äußere Form zu kleiden. ,,Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß wir so oft bei Mystikern die Bemerkung lesen, es sei unaussprechlich, was sie erlebt haben". Auch Barbara Weigand gibt in ihren Schriften diesem Empfinden öfter Ausdruck. Die dunkle Sprache der Mystiker, deren Unvermögen, ihr inneres Erlebnis in eine klare Form zu bringen, die weite Deutungsfähigkeit ihrer Terminologie, die Schwierigkeit im Auseinanderhalten von göttlichem und menschlichem Faktor: die Erwägung aller dieser Momente sollte einen jeden ehrlichen Forscher zu äußerster Vorsicht und Zurückhaltung im Urteil gemahnen. Klassisch einfach legt darum Poulain allen die wohlgemeinte Mahnung ans Herz: ,,Die Entscheidung hinausschieben. Wir sehen, daß man Zeit und lange Untersuchung braucht, um bei Offenbarungen zu einem sicheren Urteil zu kommen". Der große Amort dehnt diese lange Zeit bis über den Tod der betreffen- den Person hinaus aus, wenn er meint, vor dem Tode der fraglichen Person könne man, Ausnahmen abgerechnet, niemals über eine Offenbarung sicher sein. Wenigstens müsse man bei Offenbarungen, die ein bestimmtes Ziel hätten, z. B. das Anregen einer Wallfahrt, erst die Ereignisse sich entwickeln lassen und abwarten, bis die Offenbarungsreihe abgeschlossen sei, ehe man sein Urteil abgebe. Wie sehr hat man sich seinerzeit von Freund und Feind gegen diese Mahnung verfehlt! Barbara Weigand starb erst im Jahre 1943; aber schon im Jahre 1900 und besonders in den Jahren 1914 bis 1919 waren die Zeitungsschreiber mit ihrem Urteil fix und fertig. Auch an diesem Maßstab gemessen erscheinen die seinerzeitigen ablehnenden Urteile über Schippach zum mindesten als voreilig und verfrüht.
e) Die kirchlichen Vorschriften Bei der Prüfung und Bewertung mystischer Schriften müssen außer den besprochenen wissenschaftlichen Grundsätzen auch die besonderen kirch- lichen Vorschriften Beachtung finden, die in den Erlassen Papst Urbans VIII. vom 13. März 1625 und 5. Juli 1634 niedergelegt sind. Danach wird der Diözesanbischof zur Prüfung von Offenbarungen den Rat der Theologen und anderer frommer und gelehrter Leute heranziehen und alsdann die Akten dem Heiligen Stuhle unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten ist.
36 Zeitungen dürfen nach der milderen Ansicht der Moralisten darüber berichten, ,,wenn sie sich enthalten, über deren übernatürlichen Charakter ein Urteil abzugeben". Nun besehe man sich das Vorgehen gegen die Offenbarungen der Barbara Weigand! Obwohl ganz allein Rom zu entscheiden hat, maßte sich ehedem die Presse dieses Recht an und erklärte die Schippacher Offen- barungen als unecht, als Quatsch und Sammelsurium. Wo blieb da die Achtung vor der höchsten kirchlichen Obrigkeit?
4. Kriterien für die Echtheit Zahn bringt als abschließendes Ergebnis seiner Studien für die ,,Kriterien für Visionen und Visionäre" die Folgerung: ,,Der Schluss auf die Existenz einer besonderen und außerordentlichen göttlichen Erleuchtung und Einwirkung ist um so begründeter, je mehr die vermöge jener Gesichte oder Ansprachen gewonnene theoretische und praktische Einsicht über das Maß der persönlichen Veranlagung und der verfügbaren Bildungsmittel, der bisherigen äußeren und inneren Schulung nachweisbar hinausgeht". Nun bedarf es wohl keines Beweises mehr, daß die von Barbara Weigand
in ihren Ekstasen und Visionen empfangenen und in ihren Schriften niedergelegten theoretischen und praktischen Einsichten in das innere religiöse Leben, in die aszetischen Forderungen der Zeit, in das Schicksal der Kirche, in die gefährlichen Zeitströmungen und in die wirksamen Mittel zu deren Bekämpfung, besonders in die Notwendigkeit des Empfanges der heiligen Kommunion sowie in die Leistungen von Opfer und Sühne, ganz sicher über das Maß der persönlichen Veranlagung und der verfügbaren Bildungsmittel sowie der äußeren und inneren Schulung des einfachen Mädchens von einem unbekannten Spessartdörfchen hinausgehen, eines Mädchens, das nachweisbar keine andere religiöse und aszetische Bildung genossen hat als jene einer primitiven fränkischen Dorfschule aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Gerade auch die Erkenntnis der vom antichristli- chen Sozialismus drohenden Gefahr, bekundet in einer Zeit, in welcher die- ser praktisch bei uns im öffentlichen und staatlichen Leben noch ohne nen- nenswerten Einfluss war, überstieg zweifellos die Bildungsstufe eines Bau- ernmädchens oder einer Wirtshausmagd. Weder in ihrer Heimatgemeinde, noch in deren Umgebung bestand irgendeine Gelegenheit, wo die Jungfrau die von ihr wiedergegebenen Gedanken über so weittragende, in das religiöse, moralische, soziale, kirch- liche und pädagogische Leben eingreifende Probleme hätte auffangen können, was auch Bischof Haffner von Mainz im Jahre 1896 anerkannte, wenn er dazu bemerkte, ,,die zum Teil auf die Zeitverhältnisse (Sozialismus,
37 Liberalismus) eingehenden Mahnungen und Klagen seien dem Gesichts- kreis der Barbara fernerliegend." Aber noch mehr als diese Einsicht in die Größe der sozialistischen Gefahr, die nach Barbara Weigand unabweislich zu einer blutigen Revolution in ganz Europa führen würde (wie es dann auch geschehen ist), übersteigt ihre Erkenntnis von der Rettung der Welt durch ein wahrhaft eucharistisches Leben ihren Bildungsstand und ihre Schulung. Hier liegt der Jungfrau Lebenswerk, an dem nicht zu deuteln und zu rütteln ist; an diesem rocher de bronce zerschellen alle Angriffe und Verkleinerungsversuche. Unsere Gottesfreundin hat schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Prophetenruf in die Welt gesandt, den drohenden Zeit- übeln werde nur durch ein wahrhaft eucharistisches Leben begegnet werden können; sie hat selber unter Widersprüchen, Kämpfen und Opfern ein solches Leben gelebt, sie hat diesem Ideal zuliebe Elternhaus und Heimat verlassen, hat mehr als ein Menschenalter hindurch für dieses Ideal gearbeitet, bis ihr Sehnen und Sehen in den Dekreten Pius X. seine Erfüllung gefunden. Schon vor ihrer Übersiedlung nach Mainz (1885) übte sie fünfzehn Jahre lang ein ganz außergewöhnliches eucharistisches Leben und als sie nach Mainz zog, tat sie dies gerade deswegen, weil ihr daheim in ihrer Schippacher Kirche der tägliche Empfang der heiligen Kommunion unmög- lich gemacht wurde. Und da sagt man dann dreißig Jahre später, sie habe diese Einsicht aus der Mainzer Wirtsstube bekommen! Glaubt wirklich ein objektiv denkender Mensch, die Gespräche der Mainzer Wirtshausgäste hätten sich mit der Notwendigkeit der Einführung der Oftkommunion befasst? Oder wenn man ihre diesbezüglichen Mahnrufe als Reminiszenzen aus Büchern und Predigten hinstellt, so nenne man klipp und klar jene Bücher und Prediger in Schippach und Mainz, welche in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündeten, Papst und Bischöfe müssten die Oftkommunion allen Gläubigen zugänglich machen, und wenn man solche Bücher und Prediger ausfindig gemacht hat, dann beweise man wissenschaftlich einwandfrei, daß sich Barbara Weigand ihre Ideen aus diesen Büchern und Predigten geholt habe; das wäre dann eine ,,quellen- mäßig-exakte und theologisch-gediegene Weise", welche das ängstliche Bestreben, bei Barbara Weigand ja keine übernatürliche Einwirkung gelten zu lassen, nur aufs beste stützen könnte. Aber ein solcher Beweis wird nie gelingen; denn in jenen Jahrzehnten haben in Deutschland weder die theologische Wissenschaft, noch die Literatur, noch die Hierarchie, noch die kirchliche Praxis die Notwendigkeit der täglichen Kommunion für alle propagiert, sie vielmehr bekämpft.
38 Daß sich Barbara Weigands Gedanken somit weit über ihren Bildungs- stand erhoben, dürfte außer allem Zweifel stehen. Diesen Eindruck gewinnt jeder vorurteilsfreie Leser ihrer Schriften. Zum Beleg hierfür erwähne ich die Stimme eines Priesters, der sich am 30. Oktober 1907 in einem 24 Seiten starken Gutachten über den Echtheitscharakter der Weigandschen Offen- barungen freimütig aussprach. In diesem dem Verfasser im Original vor- liegenden Gutachten schreibt der in mystischen Dingen erfahrene und vom Fürstbischof von Breslau zur Prüfung von Ekstatischen herangezogene Lizentiat, der Theologe Julius Micke in Neisse (Oberschlesien), über dessen Persönlichkeit mir das Fürstbischöfliche Ordinariat von Breslau auf meine Anfrage unterm 20. Oktober 1944 die näheren Auskünfte in bereitwilligster Weise erteilte, zu dem berührten Punkte wie folgt (S. 5 ff): ,,In den Auf- zeichnungen ist mit Recht hervorgehoben worden, daß der Geist, der aus diesen Mitteilungen spreche, in Betracht gezogen werden müsse, um diese Frage (sc. ob göttlichen oder menschlichen Ursprungs) zu beantworten. Sehen wir den Inhalt der Mitteilung näher an, so ergibt sich, daß er in mora- lisch-aszetischer Hinsicht übereinstimmt mit dem, was wir in den Schriften von Heiligen, welche die heilige Kirche als solche anerkannt hat, finden; ebenso mit dem, was die besten und anerkanntesten aszetischen Schrift- steller lehren . Dieselbe Erkenntnis mag sich auch dem in Gott ruhenden vormaligen Bischof von Mainz, Paul Leopold Haffner, aufgedrängt und ihn zu dem Urteil veranlasst haben: Es ist in diesen Kundgebungen nichts neues ent- halten. Dagegen aber stellte sich folgende Erwägung ein: Wenn jemand, der theologische Studien gemacht, Leben und Schriften der Heiligen und aszetische Bücher studiert hat, solche Gedanken entwickelte, so wäre aller- dings kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß sie aus unmittelbar gött- licher Quelle geflossen sind. Anders aber liegt die Sache bei einer Person, die nur den gewöhnlichen elementaren Unterricht in der Religion empfangen und nirgends Zeit oder Gelegenheit gehabt hat, durch Studien sich tiefer und weiterreichende Erkenntnisse zu verschaffen. Auch noch ein anderer Punkt sprach zugunsten der Barbara. Über den Geist des Jahrhunderts und die in demselben immer mehr zu Tage tretenden antichristlichen Strömungen tritt eine so klare und sichere Beurteilung hervor, daß diese wohl erklärlich wäre bei einem Manne, der die Bewe- gungen der Zeit im öffentlichen Leben, in Kunst, Wissenschaft usw. aufmerksam verfolgt hat und im Lichte der christlichen Wahrheit beurteilt; wer aber wie Barbara seine Tage erst in der Einsamkeit eines abgeschiede- nen Dorfes und dann in einem ,,Winkel" einer Stadt unter steten unter- geordneten Beschäftigungen verlebt hat, kann solche Anschauungen schwerlich aus dem eigenen Geiste geschöpft haben.
39 Vornehmlich bestärkte mich in der Annahme, es liege hier doch wohl ein unmittelbarer Verkehr des Erlösers mit der Seele der Barbara Weigand vor, ein Vergleich dessen, was als eine Hauptaufgabe der Barbara erscheint, nämlich: durch persönliche Opfer und Leiden den öfteren Empfang der heiligen Kommunion herbeiführen zu helfen, mit der Kundgebung, welche der heilige Vater Pius X. in gleicher Absicht erlassen hat." So urteilte ein Priester, der die Schriften der Schippacher Jungfrau im Geiste der Pietät, der Ruhe und Objektivität prüfte. Poulain nennt im Anschluss an die heilige Theresia ein weiteres Kriteri- um formaler Art zur Unterscheidung echter Offenbarungen von falschen, wenn er schreibt: ,,Bei wahren Ekstasen wächst die intellektuelle Erkenntnis in wirklich erstaunlicher Weise ... Großartige Bilder, tiefe Ideen bereiten sich ihrem Geiste, so daß es ihnen ganz unmöglich ist, das zu erkären, was sie gesehen haben". ,,Gerade das Gegenteil zeigt sich bei krankhaften, falschen Ekstasen. Es zeigt sich ein Rückgang der Verstandestätigkeit zugunsten einer kleinlichen Phantasietätigkeit." Was in der falschen Ekstase gesprochen werde, seien ,,nur banale Wahrheiten"; ,,die Nervenleidenden werden von der Phantasie stark beherrscht, in ihren Gedanken ist wenig Zusammenhang." So Poulain. Ganz ähnlich äußert sich Mager in seinem Buche ,,Mystik als Lehre und Leben" (Innsbruck 1934) S. 265 f: ,,Der Inhalt der Halluzinationen ist sittlich, kulturell, religiös sinn- und wertlos, wenn nicht geradezu schädlich ... Das seelische Niveau (des Mystikers dagegen) erfährt eine ungemeine Erhöhung. Alles tritt in den Dienst des großen Zweckes, den die Offen- barungsreligion verwirklicht, der erhabenen Ziele, denen das Reich Gottes zustrebt ... Beim Halluzinanten sinkt das geistige Bewusstseinsniveau, im Mystiker steigt es. Es ist eine entgegengesetzte Zielrichtung, in der sich beide bewegen." Nun, ich glaube nicht mehr beweisen zu müssen, daß die Schippacher Offenbarungen Ideen vortragen, die wegen ihrer Güte und Tiefe heute Gemeingut katholischer Frömmigkeit geworden sind. Oder sind der Kampf gegen den atheistischen Sozialismus, der Zusammenschluss aller Gut- gesinnten um den Zentralpunkt der heiligen Eucharistie, der tiefernste Sühnegedanke, die Feier der Heiligen Stunde, das Laienapostolat, die Förderung der Oftkommunion und der wunderschöne Gedanke zur Erbauung einer eucharistischen Friedenskirche ,,sittlich, kulturell, religiös sinn- und wertlos", ,,nur banale Wahrheiten"? In engem Zusammenhang mit dieser intellektuellen Erkenntnis steht die Vervollkommnung des Glaubens und des religiösen Wissens, die häufig bei
40 den Mystikern zutage tritt. Maumigny legt gerade auf diese Erscheinung im Leben der Begnadigten besonderen Wert und verweist wie Groeteken auf die Tatsache, daß unstudierte Leute wie der heilige Paschalis Baylon auf die schwierigsten theologischen Fragen hätten antworten können, was nur auf die durch eine höhere Einwirkung bereicherte und vervollkommnete Erkenntnis zurückzuführen sei. Auch Trochu erwähnt diese außerordent- liche Erscheinung im Leben des heiligen Pfarrers Vianney, welcher mit einer verblüffenden Leichtigkeit und erstaunlichen Genauigkeit die verwirrtesten theologischen Fälle gelöst habe, obwohl er bekanntlich im Studium der Theologie nicht zu den ersten seines Kurses gezählt hatte. Den Schlüssel zu diesem Rätsel, so bezeugt sein Biograph, habe der heilige Pfarrer selber geliefert mit seinen Worten: ,,Wer vom heiligen Geist geleitet wird, denkt richtig. Deshalb gibt es so viele Unstudierte, die viel mehr wissen als die Gelehrten." Wer muß hier nicht unwillkürlich an die Art denken, in welcher Barbara Weigand ihren gelehrten Prüfungskommissären in Mainz und Würzburg entgegentrat und deren Einwendungen zuschanden machte? Hat nicht der eine dieser Prüfungskommissäre selber gestehen müssen: ,,Es ließe sich ein ganzes Kapitel schreiben über die kluge Art, wie Barbara Weigand auf alle Anklagen und Einwendungen zu antworten weiß?" Warum konnte sie dies? Weil ihr Wissen nicht aus den Büchern floss, sondern aus höherer Eingebung, weil es keine scientia acquisita, sondern eine scientia desuper infusa gewesen ist. ,,Ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen" (Luc. 21, 15). ,,Nulla alia est vera scientia nisi ea quae a Spiritu Sancto datur, sed haec humilibus tantummodo tribuitur" (Hl. Franz v. Sales). Im 25. Kapitel ihres ,,Lebens" berichtet die heilige Theresia Näheres über die Beschaffenheit der inneren Worte. ,,Wollen wir menschliche Worte nicht hören", schreibt die Heilige, ,,so können wir uns die Ohren zuhalten ... Bei den Worten, die Gott zur Seele spricht, ist es ganz anders; sie erzwingen sich Gehör, von hören- oder nichthörenwollen ist keine Rede, und der Verstand wird genötigt, aufs allerdeutlichste das zu vernehmen, was Gott für gut findet zu sagen." Daß es auch der Schippacher Jungfrau nicht möglich war, die Stimme Gottes abzuweisen, daß vielmehr solche Worte ganz ohne ihr Zutun, ja gegen ihren Willen (scientia passiva!) sich aufdrängten, kann aus ihren Schriften unschwer festgestellt werden, z. B. dort, wo sie den Auftrag erhält, die Botschaft von der Einführung der Oftkommunion vor ihren Bischof zu bringen. ,,Ich erschrak", so berichtet sie, ,,als ich diese Stimme hörte."
41 ,,Die Worte des Herrn sind unvergesslich, haften im Gedächtnis ... Prophetische Worte wird gewiss niemand vergessen." ,,Die Heiligen erin- nern sich nach der Ekstase der Erscheinungen, während das bei Nerven- leidenden fast nie der Fall ist." ,,Ein Merkmal, an dem man die Worte Gott- es erkennen kann, ist, daß sie sehr lange der Seele wie eingegraben bleiben und daß einige nie mehr aus derselben verschwinden." Auch dieses Kennzeichen findet sich bei Barbara Weigand in geradezu auffallender Weise. Hat sie doch selbst noch nach Jahren frühere Erleuch- tungen niedergeschrieben und bis ins höchste Greisenalter mit verblüffen- der Genauigkeit innere Ansprachen wiedergegeben, deren sie vor dreißig, vierzig und fünfzig Jahren gewürdigt worden war. Diese Treue in der Wiedergabe war schon dem im Jahre 1896 sie beobachtenden Sanitätsrat Dr. Müller aufgefallen, wie er auch in seinem Gutachten eigens hervorhob. Ein gutes Kennzeichen der Echtheit ist nach den Autoren die Art des Sprechens in der Ekstase. So äußert sich die heilige Theresia: ,,Es sind ganz deutlich ausgebildete Worte ... Die Seele vernimmt sie viel klarer als wenn sie ihr durch die Sinne zukämen ... Dagegen sind die Worte, welche die Einbildungskraft vortäuscht, meist unbestimmt, unzusammenhängend, die Sätze werden nicht vollendet, die Stimme stockt. Während darum bei den Scheinvisionen und falschen Offenbarungen die Wiedergabe abgehackt wird, laufen die Lippen der echten Visionäre geradezu über, so daß es unmöglich ist, das Gesprochene zu Papier zu bringen. Bekanntlich sprach die heilige Magdalena von Pazzi in der Ekstase so rasch, daß sechs Schreiber zum Aufzeichnen nötig waren. Und Barbara Wei- gand? Bei ihr kann man wahrlich nicht von abgehackten Sätzen reden; die Sätze quollen über ihre Lippen wie aus einem unversiegbaren Reservoir, wie denn auch ihre Prüfungskommissäre zugeben mußten, daß die Schreiberin- nen ,,bei dem starken Redestrom der Seherin" im Schreiben nicht mitge- kommen seien. Wo sich also in den Schippacher Schriften unvollendete Sätze finden, stammen diese Mängel nicht von der Visionärin, sondern aus der ungenügenden Schnellschreibekunst der Aufzeichner. Also auch an die- sem Maßstab gemessen, erweisen sich die Schippacher Offenbarungen eher als echt denn als unecht. Der Form nach tragen somit die Weigandschen Offenbarungen so ernste und beachtliche Kriterien an sich, daß man sie nicht einfach abtun kann, wie ihre Gegner gemeint haben; sie stehen jeden- falls mit den Erscheinungsformen falscher Ekstasen und unechter Offenba- rungen sehr im Widerspruch. Doch genügen solche Kriterien, so günstig sie auch lauten mögen, noch nicht zu einem wissenschaftlich haltbaren Urteile über die Echtheit. Hierzu muß man auch den Inhalt der Offenbarungen ins Auge fassen.
42 Echte Privatoffenbarungen verlieren sich, wie wir gehört, nicht in klein- lichen Bemerkungen, banalen Wahrheiten oder sentimentalen Ergüssen, sondern fordern zu großen Werken auf. Poulain findet ,,bei wahren Ekstasen eine Weite des Geistes, welche große, weitausschauende, schwer durch- zuführende Pläne fasst." Auf die Schippacher Offenbarungen angewendet: da findet sich kein Ohrenschmaus, kein sentimental-romanhafter Zug, da werden Aufgaben von elementarer Kraft gestellt: Zusammenschluss aller Gutgesinnten zum Widerstand gegen die Fluten des Unglaubens und der Unsittlichkeit, mutiges und offenes Glaubensbekenntnis im Gegensatz zur Feigheit, Gleichgültigkeit und Menschenfurcht unserer Zeit, lebendige Teilnahme am kirchlichen Kulte, am Gottesdienst und an Prozessionen, Unterstützung der priesterlichen Tätigkeit durch kräftiges Laienapostolat, durch Opfer und Sühne für die Verbrechen der Welt, bewusster Verzicht auf die Genüsse der Welt, öftere heilige Kommunion, Erbauung einer schönen Kirche zu Ehren des Eucharistischen Königs: das sind wahrhaftig keine ,,banalen Dinge", sondern ,,große Werke", ,,weitausschauende, schwer durchzuführende Pläne." Von geradezu epochaler Bedeutung erweisen sich die lauten Aufrufe in jenen Offenbarungen zur Erfüllung unserer Sühnepflicht gegen das Heilig- ste Herz Jesu, wie sie Papst Pius XI. dreißig Jahre später in seinem Rund- schreiben vom 8. Mai 1928 in ergreifenden Worten ausgesprochen hat. ,,Wir sehen", so ruft dort der Statthalter Christi, ,,wie göttliche und menschliche Rechte mit Füßen getreten, Gotteshäuser niedergerissen und zerstört werden, Ordensmänner und gottgeweihte Jungfrauen aus ihren Klöstern vertrieben, verhöhnt, grausam gequält und durch Hunger und Gefangenschaft misshandelt werden. Wir sehen, wie ganze Scharen von Kindern dem Mutterschoß der Kirche entrissen und verführt werden, Christus abzuschwören und zu lästern und sich den schlimmsten Ver- brechen der Sittenlosigkeit hinzugeben ... All das ist so betrübend, daß man fast sagen möchte, es werde dadurch schon jetzt der Anfang der Leiden angekündigt und eingeleitet, den der Mensch der Sünde herbeiführen wird, der sich über alles erhebt, was Gott und Religion heißt." Angesichts solcher Verbrechen ruft der Heilige Vater alle Gutgesinnten zur Sühneleistung auf und belobt besonders jene edlen Seelen, welche sich die Sühne zum Lebensberuf gemacht haben. Wer sähe darin nicht Barbara Weigands - vor sechzig Jahren als Stimme Gottes - vorgetragene Aufforde- rung zu tatkräftiger Sühne von höchster Warte bestätigt? (Siehe auch Rund- schreiben Papst Pius XII. vom 15. Mai 1956).
43 Echte Offenbarungen stehen auch in enger Verbindung mit der kirch- lichen Liturgie; falsche Visionäre haben sich zu allen Zeiten vom kirchlichen Leben für entbunden gehalten und sind ihre eigenen Wege gegangen wie Michael de Molinos, unter dessen von Innozenz XI. am 20. November 1687 verurteilten Sätzen sich auch dieser befand: ,,Male agit anima, quae procedit per hanc vitam aeternam, si in diebus solemnibus vult aliquo conatu parti- culari excitare in se devotum aliquem sensum, quoniam animae omnes dies sunt aequales, omnes festivi." Das Gegenteil dieses verurteilten Satzes wird also richtig sein: ,,An Fest- tagen wird sich die innerlich gerichtete Seele in besonderer Weise zu Gott hingezogen fühlen." Darum schreibt auch Zahn: ,,Die echte mystische Frömmigkeit fühlt sich mit innerer Folgerichtigkeit hingezogen und empor- getragen zum kirchlichen Kultus als Letztem, Höchsten." Wenn wir die Offenbarungen der Barbara Weigand unter diesem Gesichtswinkel auf ihre Echtheit prüfen, dann finden wir, daß sie har- monisch eingeschlossen sind in den Ring des Kirchenjahres mit seinen erhebenden Festen und Feierlichkeiten. Kein bedeutenderes Fest des Herrn, der Muttergottes oder eines größeren Heiligen geht vorüber, ohne daß der Festgedanke in oft recht tiefgründiger und anschaulicher Weise heraus- gehoben und mit den Zeitaufgaben in Kontakt gesetzt wird. Da zeigen sich Mystik, Dogma und Leben in schönster Harmonie. Selbst die Gegner konnten an dieser Tatsache nicht vorübergehen, ohne ihr Achtung und Anerkennung zu zollen: ,,Man möchte ja", sagte der eine von ihnen, ,,Barbara Weigand um die Gabe beneiden, wie sie die Gedanken des Kirchenjahres oft in kühnster und überraschender Weise in die betrachtende Form von Zwiegesprächen mit Jesus, Maria und den Heiligen zu kleiden und auf alle möglichen Lebensverhältnisse anzuwenden versteht!" Ist es da nun nicht vernünftiger, Barbara Weigand zu glauben, wenn sie als Urheber dieser schönen Gedanken die Stimme von oben angibt, als diesen Ursprung in ihrem menschlichen Gehirn zu suchen, das nach dem- selben Autor ,,krank" und nur geeignet war, ,,Sammelsurium" und ,,Aus- geburten" hervorzubringen? Die Schippacher Offenbarungen stehen also in erfreulicher und enger Verbindung mit der Liturgie, so daß es wirklich zu bedauern ist, daß man diese Schriften mit ihrem tiefen Verständnis des Kirchenjahres immer noch mit dem Schutte der Verketzerung zudeckt, anstatt sie dem katholischen Volke zugänglich zu machen. Und ist nicht auch das Verlangen, eine schöne Kirche zu bauen, damit eine Pfarrgemeinde ihre Liturgie würdig feiern kann, und das Bestreben, diese Kirche der besonderen Verehrung der heiligen Eucharistie, des Mittel- punktes aller Liturgie, zu weihen, ist nicht auch dieses Verlangen in hohem Grade liturgisch?
44 Die Autoren verlangen von echten Visionen und Ansprachen eine hohe Auffassung der Sittlichkeit. Während der moralische Standpunkt bei den hysterisch Kranken sehr tief steht, sagt Zahn, ist die ,,von echten Visionären gepflegte Idee von der Sittlichkeit eine sehr erhabene, die sie ständig in allen Handlungen vor Augen haben; ihr Glück suchen sie in Selbstlosigkeit und im Dienste anderer." ,,Die Liebe der gottminnenden Seele bleibt nicht in ihr verborgen, sie kommt immer der ganzen Kirche zugute. Im Dienst der Brüder muß sich die begnadigte Seele bewähren." Alle diese Anforderungen hat Barbara Weigand geradezu buchstäblich erfüllt, wie uns die früheren Kapitel dieses Buches an vielen Stellen gezeigt haben; es sei nur an ihre Arbeit im Dienste der Verwandten, lange Jahre nur um Gotteslohn, an ihre Sorge für notleidende Kinder, an die Pflege verlassener Kranker, an ihre Bemühungen um Errichtung der Heimatpfarrei und um Erbauung einer Kirche daselbst, an ihre Unterstützung der Diözesaneinrichtungen erinnert! Und wie sich ihr Leben ,,im Dienste der Brüder verzehrte", so fordern ihre Offenbarungen zum Verzicht auf die Welt, zur Selbstverleugnung, Opferliebe, Sühneleistung, zur Mithilfe an der Ausbreitung des Reiches Gottes. Auch von der Zeitkrankheit der Ehrsucht, des Egoismus und Mammonismus blieb unsere Gottesfreundin unbefleckt. Ihre Person und ihre Schriften künden somit von einer hohen Auffassung der Sittlichkeit. Endlich, so meint Poulain, könnten einen zuverlässigen Anhaltspunkt für die Echtheit von Privatoffenbarungen auch die Werke abgeben, zu denen solche Offenbarungen die Anregung gäben, z. B. eine Ordensgründung, die Einführung einer Andacht oder die Erbauung eines Heiligtums. Seien solche Werke gut, dem Seelenheil nützlich oder förderlich, dann sei das ein Zeichen, daß sie von Gott gewollt seien. Nun ist es ja vor aller Augen liegend, ein wie notwendiges und nützliches Werk die Erbauung der Sakra- mentskirche in Schippach wäre, und wie zeitgemäß und nützlich der aus den Weigandschen Offenbarungen stammende Liebesbund ist, wird durch die Tatsache seiner Approbation und das laute Lob von Bischöfen zur Genüge erwiesen, wie denn auch die Würzburger Prüfungskommissäre und das dortige Ordinariat seinen edlen Zweck wiederholt anerkannt haben. Somit zeugen auch Inhalt und Werke für die Echtheit der Schippacher Offenbarungen.
5. Die guten Wirkungen der Schippacher Mystik Wir haben schon früher vernommen daß die echte Vision die Seele mit einem hohen Maße von Mut, Kühnheit und Ausdauer ausrüstet. Die Sicher- heit der inneren Worte ist so groß, daß nach dem Zeugnis der heiligen Theresia ,,die Seele vom Augenblick an, wo sie diese Worte hört, nicht mehr
45 schwankt; sie würde dafür sogar zu sterben bereit sein, mag auch der böse Feind sie quälen und zu entmutigen sich bemühen. Das gilt besonders dann, wenn diese Worte den Dienst Gottes und das Wohl der Seelen betreffen und das Gelingen der Aufgabe schwer zu sein scheint." In ihrem ,,Leben" äußert die große Mystikerin denselben Gedan- ken: ,,Nach der Ekstase fühlt man einen solchen Starkmut, daß man sich auf der Stelle mit Freuden in Stücke hauen ließe, wenn es die Ehre Gottes erheische. Nun keimen die heldenmütigen Entschlüsse und Versprechen auf ... Nun wird die Fahne Jesu entfaltet. Gleich dem Befehlshaber einer Festung steigt die Seele zur höchsten Zinne empor ... und pflanzt dort die Fahne ihres göttlichen Königs auf. Ruhig, weil sie in Sicherheit ist, blickt sie in die Tiefe und fordert die Kämpfe heraus anstatt sie zu fürchten." ,,Die Seele hat eine solche Gewissheit, daß diese Erscheinungen von Gott kommen, daß, wenn man ihr auch das Gegenteil sagen würde, sie nicht einmal den Gedanken fassen könnte, getäuscht zu sein." Auch an diesem Maßstab gemessen erweisen sich die Visionen und Ansprachen der Jungfrau Weigand als echt. Ihr Glaube an ihre mystischen Schauungen und Audi- tionen war unerschütterlich, wie ja auch die beständigen Vorwürfe ihrer Gegner, sie lasse sich ihre Erleuchtungen nicht ausreden, zur Genüge bewei- sen. Auch von knechtischer Furcht, diesem erbärmlichen Produkte einer charakterlosen Zeit, hat die Schippacher Jungfrau zeitlebens nichts gewusst. Natürlich können den Begnadigten auch Leiden und Prüfungen nicht fehlen. ,,Die Erfahrung lehrt", schreibt Poulain, ,,daß Gott denen, die nach Vollkommenheit streben, Prüfungen zu schicken pflegt, und zwar manch- mal während des ganzen Lebens", und Zahn meint: ,,Bei allen, welche des mystischen Lebens kundig sind, besteht völlige Übereinstimmung darüber, daß das Geheimnis des Kreuzes ... im mystischen Leben erst recht waltet und herrscht." Das Kreuz hat aber Barbara Weigand gewiss nicht gefehlt: Verkennungen, Kränkungen, Verfolgungen, öffentliche Schmähungen der niedrigsten Art bildeten die bitteren Beigaben ihres langen Lebens. Erst die spätere Geschichtsschreibung wird dieses Kapitel des Kampfes gegen Schip- pach mit schonungsloser Offenheit schreiben können. Trotz der bitteren Erfahrungen, die unsere Gottesfreundin in jenen Jahren machte, bewahrte sie eine Ruhe und Gelassenheit, die ihr ebenfalls ein günstiges Zeugnis aus- stellen, da nach den Worten Richtstätters die begnadigte Seele ,,es als eine Wohltat empfindet, wenn sie unverdiente Verachtung, bittere Kränkung, Misskennung und Demütigungen tragen muß." Daß die Jungfrau Barbara trotz des ihr zugefügten seelischen Leidens gegen ihre Widersacher keine feindselige Gesinnung hegte, kann ich als ihr Pfarrer laut bestätigen, wie dies auch von anderen Personen bezeugt wird, die damals mit ihr zusammenkamen.
46 So schreibt mir ein Priester: ,,Ich habe Barbara Weigand in ihrer Heimat im Kreise ihrer Verwandten aufgesucht (1916). Sie kennen selbst diese schlichten Leute, die nichts aus sich machen und nicht im mindesten darauf aus sind, mit der Begnadigung ihrer Tante zu prunken oder für diese oder sich selbst irgend eine Bedeutung oder Ehre in Anspruch zu nehmen. Barbara Weigand passt in diesen Kreis; sie kam ermüdet von harter Feld- arbeit zurück und hatte auch für mich nur wenig Zeit, weil sie noch manches zu besorgen hatte. Die kurze Unterhaltung verriet mir wieder ihre tiefste Frömmigkeit, ihre glühende Liebe zu Jesus und ihre echte Demut;
denn was sie sagte, war nicht herbeigezogen, nicht eine gewollte Wiedergabe von Reminiszenzen aus Erbauungsbüchern und Predigten, sondern wir besprachen die gegebenen Verhältnisse, den begonnenen Bau der Sakra- mentskirche, die Zurücknahme der Bauerlaubnis und die sich hieraus ergebende traurige Lage der Barbara Weigand. Das alles fasste sie von dem erhabenen Standpunkt einer innerlichen Vereinigung mit Gottes Willen auf. Kein Wort des Hasses oder auch nur ein abfälliges Urteil gegen diejenigen, von denen sie so viele Verfolgungen zu leiden hatte, kam über ihre Lippen. Von sich selbst sprach sie gar nichts, von der Sakramentskirche und von allem, was damit zusammenhing, sprach sie nur insofern man sie fragte, und dann merkte man ihr das Bestreben an, die eigene Person ganz in den Hintergrund zu drängen." Aus dieser heiligen Ruhe und Ergebung der so hart geprüften Greisin habe ich als Pfarrer von Rück-Schippach mehr als einmal Kraft und Zuver- sicht in meinen persönlichen und beruflichen Bedrängnissen schöpfen können. Die nachhaltig gute Wirkung der Weigandschen Mystik auf andere Personen wird durch eine ganze Wolke von Zeugnissen bestätigt, von denen im Rahmen dieser Schrift natürlich nur wenige berücksichtigt werden können; die Tatsache der schnellen (Geändert. Die Red.) Ausbreitung des Liebesbundes in Mainz, Aachen, Trier, Köln, Freiburg, wo die Zahl rasch in die Tausende anwuchs, ist hierfür allein schon ein Beweis. Priester erbauten sich besonders an ihren zeitnahen aszetischen Forderungen. ,,Ihre aszeti- schen Erwägungen", so ist in einem Priesterbrief zu lesen, ,,sind so erbau- lich, daß ich sie mit der `Nachfolge Christi´ des Thomas von Kempen vergleichen möchte. Es war mir immer eine seelische Erfrischung meines geistigen Lebens, wenn ich solche Offenbarungen der Barbara Weigand lesen konnte. Ich fand sie so frisch und unmittelbar, so genau den Bedürf- nissen unserer Zeit angepasst, daß ich großen Nutzen daraus schöpfte." Geradezu ergreifend ist auch, was der eucharistische Apostel von Schifferstadt, Pfarrer Weihmann, über die Quelle seiner außerordentlichen Erfolge in der Seelsorge berichtet.
47 Dieser Priester, der in seiner Pfarrei die Jahreskommunionen auf über 20000 ansteigen sah, durch dessen hinreißende Triduen beispielsweise die Jahreskommunionen in Eppelheim von 6000 auf 39000, in Mörsch von 24000 auf über 150000 stiegen, dieser Priester steht nicht an, als Quellgrund dieses offenkundigen Segens Schippach zu bezeichnen, wie er es in seinem Berich- te vom 1. Mai 1943 an den Heiligen Vater getan hat. Hören wir seine eigenen Worte! ,,Eine zweite Quelle des außerordentlichen Himmelssegens meines Eucharistischen Kreuzzuges ... sehe ich in Schippach. Ich bekenne dies ehrlich und wahrheitsgetreu und glaube nicht, daß ich mich täusche ... Seit 1922 mit Schippach bekannt, besuchte ich im Jahre 1925 nach meiner ersten Romwallfahrt zum erstenmal Barbara Weigand in Schippach, die damals bei ihren 80 Jahren noch außerordentlich rüstig und schaffensfroh war. Wir beteten auf den Knien liegend ca. vier Stunden auf den Ruinen der Sakramentskirche um den Siegeszug des Eucharistischen Heilandes, wobei Barbara mir prophetisch versicherte, daß ich zum Siege des Eucharistischen Heilandes und zum Bau der Sakramentskirche viel mithelfen dürfte. Heute bin ich überzeugt, daß das ,,Eucharistische Charisma" neben der Weihe am Grab Pius X. auch in Schippach begründet ist ... In der Folgezeit konnte ich Barbara Weigand noch öfters besuchen und tiefen Einblick in den Beginn ihrer Begnadigung und in ihr reiches Innenleben gewinnen, das noch in der Neunzigjährigen von Liebe zum eucharistischen und leidenden Heiland glühte. Bei einem Kreuzweg, den sie laut und frei aus dem Herzen vorbetete, war ich von ihrer zarten Christusmystik ganz ergriffen ... Auch der hochselige Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz, ein Fachmann in der Mystik und Seelenführer von Begnadigten, mit dem ich persönlich gut befreundet war, sprach mit größter Hochachtung von Barbara Weigand als einer zwar derben, aber durchaus ehrlichen, frommen, opferstarken, ja heilig- mäßigen Person und war von der Echtheit ihrer Begnadigung überzeugt ..." Eine unmittelbare Teilnehmerin ihrer Ekstasen, eines der Dienstmädchen im Weigandschen Hause zu Mainz, Frau Anna Fischer in Großwallstadt, schrieb dem Verfasser unterm 13. September 1942 einen Brief, der als Bericht eines Augen- und Ohrenzeugen verdient, hier wenigstens im Auszug wiedergegeben zu werden: ,,Als Dienstbote der Familie Weigand in Mainz bin ich Augen- und Ohrenzeuge der außergewöhnlichen Vorgänge im Leben der Barbara Weigand gewesen und habe das Leben und Streben, das in dieser Familie herrschte, schätzen gelernt. Am 2. November 1899 trat ich, 19 Jahre alt, als Hausmädchen in den Dienst bei Familie Weigand ein ... ich durfte bleiben bis Sommer 1904 ... Wir hatten sehr viel Arbeit bis spät in die Nacht und
48 keine Zeit für Erholung und Vergnügen. Was mich in diesem Hause festgehalten hat, war das außergewöhnliche Leben der Barbara Weigand. Ihr Gebets- und Opferleben machten auf mich einen guten Eindruck. Ich durfte manchmal ihre Bußgänge nach Marienborn und Gonsenheim mitmachen. Barbara Weigand und ihre Freundin Elisabeth Feile gingen dabei barfuß. Ihre großen Absichten der Sühne und Bitten für die ganze Welt und für die Anliegen der heiligen Kirche bei diesen Bußgängen ermutigten mich ebenfalls, barfuß mitzugehen. Wir kannten dabei keine Menschenfurcht. Wir wussten, daß Gott Sühne verlangt hat. Wir Dienstmädchen gingen täglich zur heiligen Messe und zur heiligen Kommunion. Die großen Gebetsmeinungen der Barbara Weigand lernten uns das Gebet hochschätzen. Das Größte, das ich bei Barbara Weigand erleben durfte, waren die Ekstasen. Am 8. Dezember 1899 durfte ich zum erstenmal dabei sein. Fami- lie Weigand hatte mir in den ersten Wochen meines Dortseins nichts davon gesagt. Der erste Eindruck war: ich fühlte mich dem Himmel nahe. Was Barbara Weigand in dieser Ekstase sprach, konnte ich gut glauben, daß es die Worte der Muttergottes waren ... Ich wünschte immer: O daß doch alle Menchen das Glück hätten, dabei zu sein! Möge der liebe Gott uns bald den Kirchenbau in Schippach erleben lassen zu Seiner Ehre und zum Frieden und Heil der Seelen und der Welt!" Einen nachhaltigen Einfluss übte die Gottesfreundin von Schippach auf ihre eigene Familie aus. Eine leibliche Schwester trat bei den Englischen Fräulein in Augsburg ein und verbrachte dort 28 Jahre im Ordensstande, ein Neffe wurde Priester in der Diözese Würzburg, ein zweiter fiel im ersten Weltkrieg als Alumnus des Mainzer Priesterseminars, ein dritter und ein Großneffe wurden Laienbrüder bei den Salesianern, zwei Nichten legten im Jahre 1902 das Gelübde der Jungfräulichkeit ab, eine Großnichte nahm den Ordensschleier, zwei Neffen, Landwirte in Schippach, wurden Terziaren vom heiligen Franziskus. Von ihrer Jugendzeit in Mainz, die sie ganz unter der Obhut von Tante Babette verlebte, schreibt die dort im Jahre 1884 geborene Nichte Maria: ,,Ich kann mich gut erinnern, wie wir Kinder unter der Obhut der Tante waren, wie sie uns beten lehrte und warnte vor dem Bösen und wie sie unseren Verkehr mit anderen Kindern streng und sorgsam überwachte. Der Tag meiner Schulentlassung eröffnete mir einen Lebensabschnitt von seliger Freiheit. Ich hörte nun nicht mehr meine Mitschülerinnen von Theater und Tanz reden und konnte jetzt ungestört dem unvergänglichen Glücke zueilen. Unser Haus ward immer mehr zum Paradies und die Kirche zum Himmel. Durch Tante Babette lernten wir Gott recht lieben, die Heiligen verehren, das Gebet und den Gottesdienst über alles hochschätzen und durch sie wurden wir bekannt mit anderen guten Menschen, deren Beispie- le uns neu begeisterten."
49 Die Dienstmädchen im Weigandschen Hause konnten sich dem sittigen- den Einflusse der Tante nicht entziehen und rechneten ihren Aufenthalt daselbst ,,zu den schönsten ihres Lebens", wie es in dem oben abgedruckten Briefe eines dieser Mädchen zu lesen ist. ,,Mit größtem Eifer", schreibt ihre Nichte, ,,sorgte Tante stets für brave Dienstmädchen. Von ungefähr 1890 an hatten wir stets zwei Dienstmädchen und von 1901 an stets drei. Der täg- liche Besuch der heiligen Messe war bei allen unseren Dienstmädchen bald ganz selbstverständlich. Sie betrachteten das frühe Aufstehen um fünf Uhr nicht als ein zu großes Opfer, da sie höchst selten vor zwölf Uhr zur Ruhe gingen, sondern als einen Dienst Gottes und als eine Stärkung für die Seele. Unsere Dienstmädchen und ich berieten uns heimlich in der Küche, wie wir nur dem lieben Gott besondere Freude machen könnten. Die gute N. sagte: Ich sage: Gelobt sei Jesus Christus, so oft ich an dir vorübergehe, und wenn ich es nicht sagen kann in der Wirtschaft, dann zupfe ich dich und dann denkst du immer: In Ewigkeit! Amen. Ich sagte: Ich will fleißig die Papierstückchen unter den Tischen hervor- heben aus Liebe zu Gott; und diese beiden guten Vorsätze wurden jahrelang treu ausgeführt, bis uns der Lebensweg auseinanderführte. Soviel ich mich erinnern kann, waren unsere Dienstmädchen auch alle im Dritten Orden. Auch verzichteten sie gerne auf einen freien Sonntagnachmittag. Aber mit Eifer suchte jedes Mädchen Gelegenheit, einer Nachmittagsandacht beiwohnen zu können. So wurden auch die sakramentalischen Betstunden am Werktag und die Fasten- und Adventspredigten eifrig besucht. Meine Mutter ließ während der Abwesenheit der Mädchen die Arbeit kommen wie sie nur wollte; denn das Gebet wurde über alles hochgeschätzt. In der Kirche und in der Küche haben wir uns jeden Tag gerüstet für das Leben in der Wirtschaft." Wo ein solcher Geist in der Familie der Wirtsleute wehte, konnte es nicht ausbleiben, daß ihn auch die Gäste zu spüren bekamen. ,,Wir hatten eine vielbesuchte Wirtschaft", schreibt die Tochter des Hauses, ,,und unsere Gäste kamen jahrelang Tag für Tag. Es waren meistens Arbeitsleute verschiedener Berufe. Da gab es täglich kirchenfeindliche Religions- gespräche nach sozialistischer Redensart. Für alle Personen, die zu unserem Haushalt gehörten, waren solche Gespräche eine Gelegenheit, unserem wirklich so wenig schönen Beruf eine schöne Seite abzugewinnen und sich bewusst zu werden, wozu man in der Wirtschaft lebt. Jedes Dienstmädchen sogar machte einem solchen Gespräch ein Ende, manchmal mit einem guten Wort der Belehrung oder mit einer Äußerung, daß man uns als Katholiken beleidigt, oder man hat einem recht frechen Menschen direkt den Aufenthalt gekündigt. Die Zurechtgewiesenen kamen täglich wieder, mit Ausnahme der Frechsten. Einige ältere Gäste, die in ihrer Religion nicht besser waren
50 als die meisten, sagten gewöhnlich schon, wenn einer seinen Unglauben präsentieren wollte: Das darf man hier nicht sagen, sonst wird man vor die Tür gesetzt. Unsere Gäste sagten manchmal zu unseren Dienstmädchen: Wir gäben euch ganz gern ein Trinkgeld, aber ihr tragt ja doch alles zu den Kapuzinern. In der Fastenzeit redeten wir dem einen und dem andern zu, abends in die Fastenpredigt zu gehen. Wir hatten dann manchmal die Freude, daß eine ganze Tischgesellschaft in die Predigt ging. Wir hatten ein tiefes Mitleid mit den armen Menschen, die ihr ewiges Ziel nicht kannten, und haben viel für sie gebetet." Welch herrliches Bild echt katholischer Gastwirtsleute entrollen diese wenigen Zeilen! Welcher Glaubensmut! Welche Überzeugungskraft! Welcher apostolischer Geist! Das war Geist vom Geiste der Jungfrau Barbara Weigand und ihrer Offenbarungen.
6. Bewährung in Zeit und Kritik Unser Gewährsmann Poulain verlangt zur Prüfung der Echtheit von Privatoffenbarungen auch die Beantwortung der Frage: ,,Haben die Offenbarungen die Probe der Zeit und der Kritik bestanden?" Zum ersten: Probe der Zeit! Wir haben gesehen, daß die Zeit vielen Gedanken der Jungfrau Barbara, derentwegen sie einstmals sogar von Priestern verlacht wurde, völlig recht gegeben hat, z. B. jenen vom Unheil, das der gottlose Sozialismus anrichten werde, von der blutigen Völker- revolution, vom Ansturm Satans, von der Verfolgung der Kirche, von der Verführung der Jugend, von dem großen Glaubensabfall, von den Straf- gerichten über die Völker und die Kirche, von der Schließung der Kirchen, vom Zerfall der katholischen Vereine, aber auch den Offenbarungen von der Einführung der Oftkommunion, von den zahlreichen Selig- und Heilig- sprechungen, von Heiliger Stunde und Christkönigsverehrung, von Sühne und Opfer, von der Ausbreitung des Liebesbundes. Die Zeit hat für Barbara Weigand gearbeitet. Und die Probe der Kritik? An Kritik, Kritikern und Kritikastern hat es den Schippacher Offenbarungen wahrscheinlich nicht gefehlt; selbst Leute, die niemals eine Zeile dieser Schriften gelesen und die Visionärin in keinem Augenblick ihres langen Lebens auch nur gesehen hatten, hielten sich nach dem Lesen der Zeitungsartikel für befugt, ihr Urteil abzugeben. Politische Zeitungen urteilten mit derselben Unwissenheit über die Geheimnisse mystischen Schauens ab, mit der sie noch im Oktober 1918 die Festigkeit der deutschen äußeren und inneren Front ,,bewiesen". Die Probe dieser Kritik haben die Schippacher Offenbarungen wohl bestanden. Und
51 wenn sich vor vierzig und fünfzig Jahren selbst Theologen in die Reihe der Gegner Schippachs stellten, so sind auch deren Angriffe inzwischen restlos zusammengebrochen. Die Schippacher Offenbarungen haben auf der ganzen Linie gesiegt; die von Barbara Weigand vorgetragenen Gedanken sind restlos Wirklichkeit geworden; ihre Prophezeiungen sind sämtlich in Erfüllung gegangen; ihre Kirche ragt weit in die Lande. Man kann also mit gutem Grunde die Schippacher Offenbarungen in ihrem wesentlichen Inhalte als echte Offenbarungen bezeichnen.
52 III. DIE KIRCHENBEHÖRDLICHEN PRÜFUNGEN Wir haben im Vorstehenden den Inhalt der Schippacher Schriften nach den für die Prüfung solcher Aufzeichnungen von den besten Kennern der mystischen Theologie aufgestellten Grundsätzen einer objektiven Prüfung unterzogen und sind dabei zu einem für die Schippacher Offenbarungen recht günstigen Resultat gekommen.
Eine ganz andere Beurteilung erfuhren bekanntlich diese Schriften in der Vergangenheit von den kirchlichen Behörden, die sich seinerzeit amtlich mit ihnen befassten.
Sehen wir uns nun diese amtlichen Untersuchungen einmal etwas näher an und betrachten wir besonders die Arbeitsweisen, die bei diesen wichti- gen Geschäften angewandt wurden: Das Resultat wird erschreckend sein.
1. Bischof Haffner im Jahre 1896
In der Bittwoche des Jahres 1896, ,,nachdem einige Bücher der Mitteilun- gen voll waren", brachte Luise Hannappel diese Hefte ihrem Beichtvater mit der Bitte, sie dem Mainzer Oberhirten vorzulegen. Da sich der Pater hierzu jedoch nicht entschließen wollte, nahm sich Hannappel selbst das Herz und überreichte sie persönlich dem Bischof, der sie annahm, las und am 28. Juni 1896 sein Urteil in die folgenden Sätze zusammenfasste:
,,Betr. Aufzeichnungen der kranken Jungfrau Barbara.
Nach Prüfung der mir übergebenen Hefte bemerke ich folgendes:
1. Die Lebensbeschreibung lässt erkennen, daß die Barbara eine schlichte, tugendhafte und fromme Person ist. Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht. Persönlich kenne ich sie nicht und habe darum ein bestimmtes Urteil nicht.
2. Die Krankheitserscheinungen kenne ich auch nicht, zweifle aber nicht, daß sie in die unermessliche, mannigfaltige Gruppe hysterischer Krämpfe gehören.
3. Die der bisherigen Bildung Barbaras gegenüber auffallend feine und edle Sprache, sofern sie nicht etwa von der Schreiberin herrührt (wie bei Katharina Emmerich von Brentano), lässt sich wohl natürlich erklären aus der abnormen Nervenerregung, welche an die Krämpfe sich anschließt.
4. In den Aufzeichnungen erscheinen besonders bedenklich die Aussprüche über Personen, die sich im Fegfeuer befinden. Als göttliche Eingebung sie zu betrach- ten, liegt kein Grund vor, sie haben einen Zweck nicht. Sie sind leichtfertige Annahmen und müssen unterdrückt werden.
53 5. Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht, sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtun- gen sich finden, und können darum wohl natürlich erklärt werden. 6. Die z. T. auf die Zeitverhältnisse (Sozialismus, Liberalismus) eingehenden Mahnungen und Klagen sind sehr wohl natürlich zu erklären, obgleich dem Gesichtspunkt (Gesichtskreis? d. V.) der Barbara fernerliegend. 7. Wenn die Mitteilungen als Worte des Heilandes sich darstellen und als Offen- barungen desselben vorgetragen werden, so kann das auf reiner Phantasie beru- hen. Was B. denkt und will, das kleidet sie in ihrer Phantasie in die Form von Aussprüchen und Befehlen des Herrn. Es soll das nicht als absichtlicher Betrug angesehen werden, wohl aber als Selbsttäuschung. Die Formeln kann B. aus zahllosen Schriften entnommen haben. 8. Besondere Kennzeichen übernatürlicher Erleuchtung sind keine vorhanden. 9. Es ist darum die Annahme einer solchen als unbegründet und irrig zu ver- werfen. Der Arzt soll die Kranke beobachten. Die Aufzeichnung ihrer Mitteilun- gen aber hat zu unterbleiben. gez. + Paulus Leopold." Aus dieser Äußerung des Bischofs erhellt, daß er Barbara persönlich nicht kannte. Nach Poulain aber muß man ,,zuerst die Person kennen- lernen", wenn man über sie urteilen will. Aber aus der Lebensbeschreibung gewinnt der Bischof den Eindruck, daß Barbara eine schlichte, tugendhafte und fromme Person sei, der jede absichtliche Täuschung fernliegt. Sodann bestätigt der Bischof, daß der Inhalt der Schriften gegen den Glauben nicht verstößt. Ferner anerkennt der Bischof ,,die der bisherigen Bildung Barbaras gegenüber auffallend feine und edle Sprache." Wenn der Bischof sodann meint, die frommen Ergüsse überstiegen nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche sich in Gebet- büchern, Predigten und Betrachtungen fänden, so täuschte er sich. Denn die Aufforderungen Barbaras zu Buße und Sühne oder zur allgemeinen Einführung der häufigen, ja täglichen Kommunion als Heil- mittel gegen die Schäden der Zeit, lagen im Jahre 1896 durchaus nicht in der Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen und wurden zu jener Zeit in Deutschland auch nicht in Gebetbüchern und Predigten vorgetragen, vielmehr darin heftig bekämpft. Noch im Jahre 1902 wurde auf den Mainzer Kanzeln gegen Oftkommunion und Heilige Stunde gepredigt. Der auf Anordnung des Bischofs die Barbara beobachtende Arzt, Sanitätsrat Dr. Müller, aber fällte über die ,,Krankheit" Barbaras ein ganz anderes Urteil als der Bischof, wie wir später sehen werden.
54 Die Beanstandungen des Bischofs können somit der wirklichen Sachlage nicht standhalten.
2. Ordinariat Köln im Jahre 1909 Wie uns aus der Geschichte der Approbation des Liebesbundes bekannt ist, unterbreiteten die Aachener Damen, Freifräulein von Scheibler und Fräulein Theisen, am 22. März 1909 Seiner Eminenz, dem Hochwürdigsten Herrn Kardinal Antonius von Fischer, in Köln auf desselben besonderen Wunsch die Schriften der Barbara Weigand zur geneigten Prüfung. Seine Eminenz vertrauten die Schriften dem Domkapitular und Professor Dr. Berrenrath zur theologischen Prüfung an, die nach der ganz zutreffen- den Ansicht des Kardinals längere Zeit in Anspruch nehme; noch am 28. Juni 1909 schrieben Seine Eminenz an Freifräulein von Scheibler: ,,Die Schriftstücke sind so ausgedehnt, daß längere Zeit nötig ist." Und wie prüfte Professor Dr. Berrenrath? Hören wir seine eigenen Worte in seinem Briefe an P. Felix Lieber: ,,Köln, den 2. März 1910. Unser Generalvikariat beauftragte mich mit der Prü- fung der angeblichen Offenbarungen der Barbara Weigand ... Der einzige Unter- grund (Stil?) für mein Urteil sollten sein und sind tatsächlich gewesen die Auf- zeichnungen, welche die B.W. über sich selbst und welche von anderen über sie und ihre angeblichen übernatürlichen Erlebnisse bis zum Jahre 1900 gemacht haben (Stil?). Ich widmete der Arbeit drei volle Wochen." Professor Dr. Berrenrath fand es also nicht für nötig, alle vorgelegten Weigandschen Schriften zu prüfen oder auch nur durchzulesen, sondern nur einen Teil, nämlich jene bis zum Jahre 1900; die Aufzeichnungen der folgenden Jahre von 1900 bis 1909 würdigte er einer Prüfung nicht. Und die bis zum Jahre 1900 reichenden Schriftstücke prüfte er in ganzen drei Wochen! Man bedenke: Die Prüfung der Schriften, für die auch der Kardinal eine längere Zeit für erforderlich hielt, jener Schriften, in welchen nach den Worten eines anderen Prüfungskommissärs ,,ein förmliches theologisches System" enthalten war, jener Schriften, in welchen angeblich die Hierarchie der katholischen Weltkirche gesprengt wurde, jener Schriften, in welchen angeblich eine neue Sekte gegründet wurde, zu deren Niederschlagung man die Polizeigewalt eines Königreiches benötigte, jener Schriften, über die der kirchlichen Behörde von Köln ein hochamtliches Gutachten vorgelegt werden sollte - die Prüfung dieser Schriften erledigte ein deutscher Professor in ganzen drei Wochen. Ich habe mehr als dreißig Jahre an diesen Schriften studiert, zu deren Prüfung man sich, wie wir früher hörten, nach
55 den Ratschlägen der großen Theologen aller Jahrhunderte sehr, sehr lange Zeit, oft sogar ein Lebensalter, nehmen soll. Eine solche Rekordleistung eines deutschen Professors dürfte in der Geschichte der mystischen Theolo- gie einzigartig dastehen. Selbstverständlich fand Professor Dr. Berrenrath in den Schippacher Schriften ,,keinen übernatürlichen Einschlag."
3. Ordinariat Freiburg im Jahre 1914 Im ,,Anzeigeblatt für die Erzdiözese Freiburg" Nr. 12 vom 31. Juli 1914 wurde folgender Erlass des Erzbischöflichen Ordinariates Freiburg vom 20. Juli 1914 veröffentlicht: ,,Es ist zu unserer Kenntnis gekommen, daß auf Grund von ,,Offenbarungen" einer ,,ekstatischen" Jungfrau Babetta eine Sakramentskirche in der Nähe von Aschaffenburg gebaut werden soll und zu diesem Zwecke auch in der Diözese Freiburg Beiträge gesammelt werden. Die ,,Offenbarungen" in drei Bändchen, welche zum Abschreiben weitergegeben werden, enthalten Sätze ..." Der Prüfung in Freiburg wurden also drei Bändchen zugrunde gelegt. Bei aller Achtung vor einem Ordinariatserlass, wird man jedoch eine Prüfung von nur drei Heftchen aus einem Schriftgut von nahezu 60 Heften mit dem besten Willen nicht als eine auch nur annähernd gründliche bezeichnen können; ein Doctorand, der ähnlich verführe, würde nicht einmal zur mündlichen Prüfung zugelassen. Den Namen seines Gewährsmannes gibt zwar das Ordinariat in seinem obigen Erlass nicht an; aber der Gutachter hat später seinen Namen selber der breitesten Öffentlichkeit bekannt gemacht. In seinem Buche ,,Grundfragen der kirchlichen Mystik" erwähnt nämlich Universitätsprofessor Dr. Engelbert Krebs, er habe für das Ordinariat Freiburg das theologische Gutachten über Schippach abgegeben und außer den Heftchen auch das ,,mit verwertet", was er von früher zufällig Gelese- nem ,,noch in Erinnerung behalten" habe. Ein solches Material muß man aber denn doch schon mehr als dürftig und eine solche Arbeitsweise wirklich oberflächlich nennen. Lose Erinne- rungen statt authentische Texte - nur drei Heftchen aus 58 und vielen nicht gehefteten Blättern - völlige Unkenntnis über Wohnort und Persönlichkeit der Urheberin jener Schriften: Das ist wirklich ein sehr bescheidenes Material zur Erstattung eines theologischen Gutachtens eines Professors an eine kirchliche Behörde. Kein Wunder, daß denn auch das Ergebnis jener Kreb´schen Prüfung ein geradezu klägliches genannt werden muß. Nicht einmal den Ort, wo die ,,Weltkirche" erbaut werden sollte, hat Professor Dr. Krebs richtig angeben können, wenn er Schippach hartnäckig in den Oden- wald verlegt. Was würde denn die wissenschaftliche Welt sagen, wenn ein Professor in einem Buche Freiburg in den Wasgenwald oder das Her-
56 mannsdenkmal vom Teutoburger Wald auf den Niederwald verlegen würde? Darum müssen wir schon Kardinal Mercier recht geben, als er zur gleichen Zeit schrieb, ein Geschichtsforscher, der so zu Werke gehe wie Professor Krebs, ,,könne auf einen wissenschaftlichen Namen keinen Anspruch haben". Wir werden später hören, daß Professor Mager OSB in Salzburg der Arbeitsweise von Krebs dieselbe Einschätzung zuteil werden lässt. Bekanntlich hat Professor Krebs aus seinen drei Heftchen auch heraus- gefunden, daß Barbara Weigand ,,die Luft der Krankenstube" atme. Hätte sich Krebs, bevor er sich in theologischen Gutachten und Büchern so absprechend über die Schippacher Jungfrau äußerte, die Mühe genom- men, einmal nach Schippach im Spessart zu fahren und die fragliche Person kennenzulernen (nach Poulain erstes Erfordernis!), dann hätte er Barbara Weigand nicht in der Krankenstube angetroffen, sondern bei harter Arbeit im Hause oder auf dem Felde und seine Publikationen wären dann gewiss auch von solch groben Verstößen gegen die Diagnostik, gegen die Topo- graphie und gegen die christliche Moral frei geblieben. Ja, seine Verstöße gegen die christliche Moral! Barbara Weigand, die nach dem Zeugnis aller, die sie kannten, im unbestrittenen Ruf der Frömmigkeit stehende brave, demütige, sittenreine, uneigennützige, opferstarke, ganz im Dienste Gottes und ihrer Mitmenschen aufgehende Jungfrau, die unei- gennützige Stifterin einer Pfarrei, die tatkräftige Förderin eines Pfarr- kirchenbaues, diese heiligmäßige Barbara Weigand ist nach dem Professor Dr. Krebs von Freiburg eine ,,Pseudoprophetin von Schippach", eine ,,Pariser Wahrsagerin", ein ,,antikes Orakel", eine Person, ,,die in hellem Trotz kirchliche Obern schmäht" (das spricht Professor Krebs, der wenige Jahre vorher den Kardinal Mercier in unerhörter Weise schmähte), eine Person, aus deren ,,ungesundem Treiben" und aus deren ,,Abgeschmackt- heiten" zweimal ,,ein Pferdefuß herausschaut", die ein ,,Büro für neue Andächteleien" (wohl öftere hl. Kommunion, Heilige Stunde, Ehrenwache) aufgemacht habe, in welchem der ,,Geist der unkirchlichen Auflehnung und des Trotzes" gepredigt werde (die Sabotage-Artikel der priesterlichen Schippachfeinde gegen den Bischof von Würzburg in den Zeitungen waren wohl keine unkirchliche Auflehnung?), eine Person, die ,,eine unsittliche Andächtelei" und einen ,,innerlichen Unrat" in die Liturgie einführe; jene Priester aber, die sich für die Wahrheit und Gerechtigkeit auch gegenüber Schippach einsetzten, verrieten nach Krebs dadurch nur ihren ,,theolo- gischen Bildungstiefstand" und die ,,Blößen ihrer theologischen Unbil- dung", mochten sich auch Bischöfe, Prälaten, Ordensgenerale und gefeierte Theologen wie Dr. Ignaz Klug oder P. Peter Lippert S.J. darunter befinden.
57 Also sprach und druckte in wenig vornehmer deutscher Gelehrten- sprache Universitätsprofessor Dr. Engelbert Krebs, der Dreiheftchengutach- ter des Ordinariats Freiburg, gegen Schippach. Da wir seine theologischen Unrichtigkeiten am geeigneten Orte zurückweisen werden, wollen wir hier nur noch einen Blick werfen auf seine Stellung zur katholischen Mystik, zum Supranaturalismus und zur kirchlichen Hierarchie, um noch deutlicher zu erkennen, wie wenig geeignet zur Erstattung eines theologischen Gutachtens gerade in mystischen Fragen Professor Krebs gewesen ist. Daß sich Krebs von der Auffassung des Mystischen, wie es bei den großen Mystikern der Vorzeit, den praktischen wie den theoretischen, zutage tritt, bewusst entfernt, ist ihm allein zwar nicht eigentümlich, aber doch für ihn kennzeichnend. Was die heilige Theresia mystisch im eigentlichen Sinne nennt, nämlich das, was wir durch uns selbst nicht erwerben können, welche Sorgfalt und Mühe wir uns auch geben mögen", was von den großen Theologen Rodriguez, Lessius, Scaramelli, Suarez, Alvarez, de Ponte, Sandaeus, was von Klentgen, Scheeben, Meschler, Pummerer, Böminghaus, Hock, Richt- stätter, Ries, Mager, Grabmann, Poulain, Fischer, Algermissen überein- stimmend betont wird, daß die Mystik das gewöhnliche Gnadenleben artmäßig überschreite, das wird von Krebs abgelehnt. Ihm ist Mystik Ziel und Frucht aller gesunden Frömmigkeit. Ist es da zu verwundern, wenn er noch einen Schritt weitergeht und auch bei den Mohammedanern und Heiden ,,echte" Mystik vorfindet? Behauptet er doch allen Ernstes, ,,daß Gottes Gnade in Plotin ... stark wirksam war", und daß die Rührung des Protestanten Jean Paul beim Empfange des Abendmahles eine ,,geistliche Kommunion" und ,,echte Mystik" gewesen sei. Die geist- liche Kommunion setzt aber doch den im Sakrament gegenwärtigen Jesus voraus, was im protestantischen Abendmahl, dem keine Wandlung vorher- geht, doch nicht der Fall ist. Mit Recht schreibt darum Dorsch: ,,Es gibt nur eine wahre und wirkliche Mystik und diese ist ein übernatürliches Charisma der einen, von Christus gestifteten Kirche." Solcherlei falsche Anschauungen vertritt Krebs in seinem Buche. P. Mager hat dieses Buch und seinen Verfasser noch viel strenger tadeln müssen. Hören wir sein Urteil: ,,Die Ausführungen leiden an manchen, oft beträchtlichen, selbst grundsätzlichen Schwächen. Wer sie an dem Maßstabe exakter Wissenschaft durchprüft, wird sich immer wieder stoßen an einer gewissen Einseitigkeit der Einstellung, an Unklarheiten, die zuweilen ans Widerspruchsvolle grenzen, an Wirklichkeiten, die nicht selten ins Tendenziöse übergehen. Vor allem vermissen wir gerade an entscheidenden Punkten jene Vertiefung, die
58 an den Kern der Grundfragen heranführt. Vorwort und die temperament- volle Ausschließlichkeit, mit der fast jedes Kapitel auf das Lehramtliche verweist, erwecken die Erwartung, daß der Verfasser eine klare ... Begriffs- bestimmung der Mystik ... vorlegte. Statt dessen müssen wir uns mit verschiedenen, ganz allgemein gehalte- nen, innerlich voneinander abweichenden Erklärungen ... zufrieden geben. Ja, man wird den Eindruck nicht los, als lese der Verfasser stillschweigend zuerst eine vorgefasste Anschauung in das Material hinein, um sie dann als im Material enthalten, wieder herauszulesen. So kommt es, daß häufig persönliche Meinung im Gewand und mit dem Ansehen lehramtlicher Entscheidung auftritt. Ferner unterscheidet der Verfasser nicht zwischen Mystik als Lehre und Mystik als seelischen Zustand ... So befindet er sich in einem verhängnis- vollen Irrtum ... Aus der kaum verständlichen Haltung des Verfassers zur Bedeutung der Religionswissenschaft und Psychologie für die Wesens- bestimmung der Mystik fließt eine der Hauptschwächen seines Werkes. Nur so ist die mit sämtlichen mystischen Aufzeichnungen aller Jahrhun- derte unvereinbare Behauptung möglich, daß innere Ergriffenheit z.B. eines Diakons am Vorabend oder am Tage seiner Priesterweihe sei als mystisches Erlebnis anzusprechen. So wird ferner die tendenziöse Willkür erklärlich, mit der Stellen aus den Schriften der heiligen Theresia angezogen werden. Überhaupt geht die Art und Weise im Heranziehen und Zurechtbringen von Texten für die vorgefasste Anschauung des Verfassers über die Grenzen des wissenschaftlich Zulässigen ... Voreingenommenheit ... machte den Ver- fasser blind für die Grundfragen der Mystik ... Bloße Sophistik ist es ... usw." So beurteilt Mager das Buch, in welchem Krebs auch Schippach so sehr schmäht. Willkür, Voreingenommenheit, Tendenz, vorgefasste Meinung, Einseitigkeit, Widersprüche, Animosität, Unwissenschaftlichkeit, das Aus- geben persönlicher Meinungen für Kirchenlehre, unzulässige Verwertung von Zitaten: Alle diese wissenschaftlichen Schwächen offenbart Krebs auch in seinem Kampf gegen Schippach. Auch die Haltung, welche Krebs zum Supranaturalismus überhaupt einnahm, hätte ihn als theologischen Gutachter in so eminent übernatür- lichen Dingen, wie es die mystischen sind, ausschließen müssen. Diese seine für einen Katholiken kaum begreifliche Haltung brachte er in einem schon erwähnten Hochlandartikel gegen den belgischen Kardinal Mercier zum Ausdruck. Dieser Kirchenfürst hatte auch während der Besetzung seines Landes im Ersten Weltkrieg die unerschütterliche Überzeugung von der Wiedererlan-
59 gung der nationalen Unabhängigkeit seines Landes und gelobte zu diesem Zwecke die Errichtung eines Herz-Jesu-Heiligtums und die Organisierung von Wallfahrten zu Ehren der Muttergottes, der Patronin der nationalen Unabhängigkeit. Diese Verknüpfung einer irdischen Sache mit einer religiösen, die gewiss echt katholisches Glaubensbewusstsein verrät, erschien dem deutschen Professor ,,geradezu unbegreiflich". ,,Wir Deutsche", so erwiderte Krebs, ,,würden es nicht wagen, den Patronat dieser Heiligen, die wir als Fürbitter und Vermittler himmlischer Gnaden auffassen, mit so bestimmten irdischen Ämtern zu belasten". Dann kommt noch rasch ein Seitenhieb auf die ,,Romanen", denen ,,die Vermengung nationalen und religiösen Empfindens ... eigen" sei; so etwas sei ,,uns nüchternen Deutschen geradezu unbegreiflich." Ja, wir Deutsche sind allerdings sehr nüchtern geworden, seitdem die antisupranaturalistische deutsche Reformation den katholischen Menschen bei uns fast zum Aussterben gebracht hat. Das kann man fast zahlenmäßig genau nachweisen. Während nämlich von den ersten zehn kanonisierten Heiligen acht Deutsche waren, sind es von den 205 kanonisierten Heiligen vom Jahre 1588 (Einsetzung der Ritenkongregation) bis zum Jahre 1955 nur drei Deutsche, die dieser Ehre der Altäre teilhaftig wurden (Linzer Quartal- schr. 1958, S. 178). So lassen wir vor lauter Nüchternheit den Heiligen- kalender mit Italienern, Spaniern und Franzosen füllen, lassen unwissende Hirtenkinder in Lourdes und Fatima zu göttlichen Sendboten an die ganze Welt werden, lassen die ,,Romanen" herrliche nationale und Weltheilig- tümer bauen und schlagen daheim bei uns eine in Bau begriffene Kirche zu Ehren des Eucharistischen Königs in Trümmer. Eine solche Kirche wäre in Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal mit Freuden begrüßt und gebaut worden. Ja, das Trümmerfeld von Schippach passt vorzüglich zu uns nüchternen Deutschen!" Übrigens sind es nicht bloß die ,,Romanen, denen die ,,Vermengung nationalen und religiösen Empfindens" eigen ist. Man denke nur an die Verehrung des heiligen Stanislaus Kostka in seinem Heimatland Polen. Wie aus dessen Heiligsprechungsakten zu ersehen ist, verehrten ihn Könige und Volk geradezu als Patron in der Verteidigung der nationalen Unabhängig- keit. So nennt ihn König Johann Sobiewski (1674 - 1696), bekannt als ,,Befrei- er Wiens", in seinem Bericht nach Rom ,,nunc mei ac exercitus universi contra Orientis tyrannum (den Türken) specialem patronum, und König Michael Wisnowiecki (1669 - 1673) bestätigt, Stanislaus sei in der Schlacht bei Chotin und Kamenetz der Retter Polens vor den Türken geworden.
60 Selbst zu lebende, im Rufe der Frömmigkeit stehenden Personen lenkten die Christen der Vorzeit gern ihre Schritte, um von ihnen Rat und Hilfe in irdischen Dingen zu holen. Man lese nur Fischers ungemein anregende Forschungen, von denen hier einige Erwähnung finden sollen. Der Mystiker Bernhard von Clairvaux wird gezwungen, das ganze kirch- liche und politische Leben seiner Zeit zu leiten. Dionysius der Kartäuser wird vom Papst zur Reform in Anspruch genommen, von Fürsten zur Beilegung von Streitigkeiten aufgesucht. Zur heiligen Hildegard von Bingen, Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Kreszentia von Kauf- beuren strömten die Hilfesuchenden scharenweise. Die Namen Meinrad, Vinzenz von Paul, Nikolaus von der Flüe, Vianney von Ars, Johannes Bosco lassen sich fast um so viele vermehren als das Kalendarium an Namen von Heiligen aufweist. Bekannt ist die politische Tätigkeit der heiligen Jeanne d´Arc, weniger bekannt die Tatsache, daß der Feldzug der Liga gegen den Winterkönig Friedrich V. samt der Schlachten am Weißen Berg auf die übernatürlichen Weisungen des ehrwürdigen Dominicus a Jesu Maria hin geführt und gewonnen wurden. Derselbe Mystiker entdeckte die Verschwörung gegen Maria von Medici, stiftete Frieden im lothringischen Herzogshaus, zwischen den Städten Valencia und Alicante; er rettete Philipp II. durch übernatürliche Erleuchtung vor der Ermordung. Der ehrwürdige Philipp Jeningen bewahrt durch sein Gebet das Fürstentum Ellwangen vor Verwüstung durch die Horden Ludwigs XIV. Die weltabgeschiedene Johan- na Maria vom Kreuz ist die treue Beraterin des kaiserlichen Feldherrn Gallas; sie ermuntert ihn zur Schlacht bei Nördlingen, die den Sturz der Schwedenherrschaft herbeiführte; Kurfürst Maximilian von Bayern holt sich Rat bei der Schwester. Daß übrigens die deutschen Katholiken der Vorzeit auch nicht alle so nüchtern waren, wie uns Krebs weismachen möchte, lehrt uns ein Blick in die Geschichte. Der Wallfahrtsort Altötting ist geradezu das bayerische Nationalheilig- tum, in welchem die Himmelskönigin vorzugsweise als Schutzheilige des Landes verehrt wird. Das Fest der Patrona Bavaria trägt deutlich nationalen Einschlag: ,,Rem, regem, regimen, regionem, religionem Conserva Bavaris, Virgo Patrona, tuis!" Die Dreifaltigkeitskirche in München verdankt ihre Entstehung einem Gelübde der Stadt während der Besetzung durch die Österreicher im Spanischen Erbfolgekrieg. Die Weihe des Tirolerlandes an das Heiligste Herz Jesu geschah in den Wirren der Franzosenkriege in der Hoffnung auf nationalen Schutz. Und spielt nicht in der Verehrung der Vierzehn Not- helfer, des heiligen Wendelinus, Sebastianus, Leonhard, Antonius und nicht
61 zuletzt der Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe die Hoffnung auf Hilfe in irdischen Dingen die erste Rolle? Preist nicht unser Frankenvolk Maria immer noch als ,,Herzogin von Franken"? So handelten unsere katholischen Vorfahren; sie betrachteten die Mutter- gottes, die Heiligen und die heiligmäßigen Personen nicht nur als Vermitt- ler himmlischer Gnaden, sondern ebenso als Helfer in zeitlichen Nöten. In diesem echt katholischen Glaubensbewusstsein sah auch Kardinal Mercier richtiger als Professor Krebs; denn Belgien erlangte seine nationale Unabhängigkeit wieder, während Deutschland die seinige verlor - trotz seiner größeren Kanonen und seiner stärksten Bataillone. Da die wissenschaftlichen Argumente von Professor Krebs oft auf recht schwachen Füßen standen, suchte er die Schwäche seiner Position durch den lauten Ton seiner Sprache zu tarnen, wie wir schon oben aus seinen Äußerungen über Barbara Weigand ersahen. Doch dort handelte es sich ja nur um ein altes Spessartweib, das zu jener Zeit von allen Kanzeln und in allen Zeitungen wie Freiwild gejagt, ,,zertreten und zermalmt" werden durfte. Aber Krebs scheute vor Beschimpfungen auch nicht zurück, wenn sein Gegner im Senate der Kirche saß und wissenschaftlichen Weltruhm genoß. Als ihm nämlich Kardinal Mercier vorhielt, seine Arbeitsweise sei unwissenschaftlich, da geriet Krebs in hellen Zorn und warf dem anerkannt frommen und gelehrten Kardinal ,,Ungerechtigkeit", ,,Unwahrhaftigkeit", ,,bewusste verleumderische Täuschung" vor und beschuldigte ihn eitler Schauspielerei. So ging der 36-jährige Gutachter des Ordinariates Freiburg in Sachen Schippach mit einem 66-jährigen Erzbischof und Kardinal der heiligen römischen Kirche um. Alles in allem: Professor Krebs war nach seinem dürftigen Quellen- material, nach seiner Stellung zum Supranaturalismus, nach seiner Unkenntnis der Schippacher Dinge und nach seinem ehrfurchtslosen Benehmen gegen einen Kardinal als Gutachter und Sachverständiger in Sachen Schippach völlig ungeeignet.
4. Ordinariat Würzburg im Jahre 1916 Wie uns das Kapitel über den Schippacher Kirchenbau gezeigt hat, eröffnete gleichzeitig mit dem Beginn der Bauarbeiten in Schippach auch die Katholische Presse ihren Kampf gegen das dort in Angriff genommene Heiligtum. Seit dem Sommer 1914 erschienen in Aachen, Mainz, Freiburg, Augsburg und anderswo baufeindliche Artikel, in denen die Kirche in
62 Schippach als ,,Aprilscherz", als ,,größte Torheit" bezeichnet wurde. Ihren Höhepunkt erreichten diese Presseangriffe, als der Bau im Sommer 1915 dank des persönlichen Eingreifens des Würzburger Bischofs und der Bauführung durch eine Weltfirma seiner Vollendung entgegen schritt. Gleichzeitig mit den Presseangriffen traten auch bischöfliche Behörden in Aktion und übersandten ihre gegen Schippach gesammelten Akten an die Apostolische Nuntiatur: So Freiburg am 31. Juli 1914, Mainz am 2. Dezember 1914, Köln am 3. Dezember 1914. Als im Herbst des Jahres 1915 die Zeitungsangriffe gegen den Kirchen- bau in Schippach ein immer größeres Ausmaß annahmen und der Nuntius in München von Freund und Feind mit Eingaben überschüttet wurde, konnte es zur Klärung des Tatbestandes nur die eine Lösung geben: Gründliche und vorurteilsfreie Untersuchung. In Erfüllung eines dahingehenden Auftrages der Nuntiatur bestellte das Ordinariat Würzburg eine Kommission, die sich aus den Domherren Dr. Krampf und Stahler sowie dem Theolo- gieprofessor Dr. Zahn zusammensetzte; später wurde noch der Subregens am Priesterseminar Dr. Brander in die Kommission berufen, die in ihm ihr rührigstes Mitglied gewann. Die Kommission nannte sich Prüfungskommission und hatte nominell die Aufgabe, den Kirchenbau in Schippach und die mit ihm zusammen- hängenden Fragen: Die Privatoffenbarungen der Barbara Weigand und deren mystische Zustände sowie den Eucharistischen Liebesbund wissen- schaftlich zu prüfen, um das Ordinariat in die Lage zu versetzen, dem Heiligen Stuhl einen wahrheitsgetreuen Bericht zu erstatten. Wer allerdings die Denkweise der bis dahin schon sehr aktiv gegen den Kirchenbau tätig gewesenen beiden Kapitulare kannte, war wohl keinen Augenblick im Zweifel darüber, welches das Ergebnis ihrer ,,Prüfung" sein würde. In Wirklichkeit sollte die Kommission gar keine Prüfungs- sondern eher eine Begräbniskommission sein, so eine Miniaturform nach Art des späteren Hitler´schen Volksgerichtshofes, die das unter dem Druck der Presse beim Ordinariat Würzburg bereits beschlossene Todesurteil über den Kirchenbau mit einem legalen Mantel umgeben sollte, wie auch das sehr schippachfeindliche ,,Mainzer Journal" am 13. März 1916 mit verblüffender Offenheit bestätigte. Die Kommission trat an ihre Aufgabe in doppelter Weise heran: Durch ein Verhör der Barbara Weigand und ihrer Freundin Luise Hannappel und dann durch die Lektüre der Schippacher Schriften.
63
a) Das Verhör der Barbara Weigand am 5. Januar 1916 Am 20. Dezember 1915 richtete das Ordinariat Würzburg ein Schreiben an das Pfarramt Elsenfeld, es solle sich ,,mit den beteiligten Personen ins Benehmen setzen", von ihnen die Beantwortung verschiedener Fragen fordern und die Weigandschen Schriften dem Ordinariat ,,zur Bericht- erstattung an die Päpstliche Nuntiatur" vorlegen. Pfarrer Welzbacher über- sandte den Fragebogen am 28. Dezember 1915 an Luise Hannappel nach Mainz mit der Bitte um baldige Erledigung: ,,Anbei übersende ich Ihnen einen Fragebogen vom Hochwürdigsten Bischöfli- chen Ordinariate Würzburg und bitte Sie, mir auf einem gesonderten Bogen die einzelnen Fragen beantworten zu wollen. Ferner wollen Sie mir die im letzten Absatz des Schreibens genannten Niederschriften und Bücher ebenfalls - soweit möglich - übersenden ..., da ich die Sache bis zum 30. Dezember d. Js. an die Oberhirtliche Stelle vorlegen soll." Weder im Fragebogen noch in diesem Begleitschreiben ist von einem persönlichen Erscheinen der Barbara Weigand in Würzburg die Rede, da ein mündliches Verhör der Jungfrau vor der Kommission gar nicht beabsichtigt war. Aber der Barbara kam diese Gelegenheit zu einer mündlichen Aussprache am Ordinariat über die Zeitungshetze sehr erwünscht, wie eine von ihrer Hand stammende Bleistiftnotiz auf dem Brief des Pfarrers ersehen lässt: ,,Ich glaube, es ist besser, wenn wir die Fragen mündlich beantworten können." So beschlossen also die beiden Frauen, persönlich nach Würzburg zu reisen. Am 5. Januar 1916 erschienen sie in der fränkischen Bischofsstadt und begaben sich zunächst zu ihrem Oberhirten, den sie schon in den frühe- ren Jahren wegen der saumseligen Behandlung der Pfarrei- und Kirchen- bausache durch ihren Heimatpfarrer wiederholt aufgesucht hatten. ,,Er war sehr traurig", schreibt Barbara an ihren geistlichen Neffen; ,,seine Schwester sagte uns unter Tränen: Mein Bruder wird von allen Seiten gedrängt, die Sache zu vernichten; Fräulein Hannappel und ich seien Hexen, die verbrannt werden sollten; ganze Stöße Briefe lägen da." Vom bischöflichen Palais begaben sich die beiden Frauen sodann auf das Ordinariat und übergaben die mitgebrachten Schriften treuherzig in die Hände des Generalvikars, der die Anwesenheit der beiden benutzte, sie rasch auch einmal der Kommission vorzustellen. In aller Eile wurde nun eine völlig formlose Sitzung der drei Kommissi- onsmitglieder Stahler, Krampf und Zahn anberaumt und ohne jegliche Vor- bereitung begann das Verhör. Subregens Dr. Brander fehlte bei der eigens anberaumten Sitzung. Aus diesem Fehlen hat man aus Ordinariatskreisen
64 mir gegenüber behauptet, Dr. Brander sei gar nicht Mitglied der Prüfungs- kommission gewesen. Aber meine im Krieg gottlob nicht zu Verlust gegan- genen Urkunden reden eine andere Sprache. Am 26. Februar 1916 schrieb Dr. Brander einen Brief an den geistlichen Neffen der Barbara, um ihn zur Einflussnahme auf seine Tante zu bewegen. Darin schreibt Dr. Brander wörtlich: ,,Ich war ein Glied der Prüfungs- kommission." Der Brief befindet sich in meinen Akten. Schon diese rein zufällige Veranlassung zum Zusammentritt der Kommission, noch mehr der ganz formlose Verlauf des Verhörs ist bezeich- nend für die unwissenschaftliche und unprozessuale Art, in welcher man in der Sache verfuhr. Man vergaß sogar in der Hast, einen Aktuar beizuziehen und ein Protokoll aufzunehmen, wie die Kommissionsmitglieder am 11. Februar 1918 selber bezeugten. So mangelhaft arbeitete schon in formel- ler Hinsicht die Kommission bei einem so wichtigen Akte, in welchem sie im Auftrag des Nuntius die Urheberin der ,,Weltkirche von Schippach" und die angebliche ,,Stifterin einer Sekte" amtlich prüfen wollte. Angesichts dieses Fehlens einer protokollarischen Festhaltung der Gespräche, sind wir deshalb nur auf die Berichte angewiesen, welche die beiden Frauen unab- hängig voneinander in Briefen an geistliche Freunde von jener Unterhaltung im Ordinariatsgebäude mitgeteilt haben. Ich bringe zunächst die Schilderung, die Luise Hannappel in einem Briefe vom 12. Januar 1916 an P. Felix Lieber gibt, woraus zu entnehmen ist, daß von 4 bis 5 Uhr Barbara Weigand, von 5 bis 6 Uhr Luise Hannappel, von 6 bis 7 1/4 Uhr beide zusammen verhört wurden. ,,Das Evangelium der Herren", schreibt da Luise Hannappel, ist die ,,Augsburger Postzeitung" und das ,,Aachener Piusblatt." Das alles halten sie für die reine Wahrheit. Darum sagte auch Stahler: ,,Besser, daß die 200000 Mark, die verbaut sind, zugrunde gehen und 100000 Mark daliegende Stei- ne vermodern, als daß die Liberalen über unsere heilige Kirche spotten!" Ich sagte: ,,Meine Herren, hören Sie doch nicht auf die Gegner, freuen Sie sich doch lieber über das himmlische Geschenk. Haben Sie Mitleid mit sich selbst, dem lieben Bayernlande und der heiligen katholischen Kirche, für die so viel von Ihrem Entschluss abhängt." ,,Ja", sagten sie, ,,das schöne Werk hätten wir ja gerne, aber wir werden so viel beschimpft wegen der Offenba- rungen." Im übrigen habe ich ihnen energisch zugesetzt ... Zuletzt sagte ich: ,,Wenn man eine Person, die mähen und Kartoffel hacken kann, als hysterisch darstellt, so kann man ebenso die Dinge auf den Kopf stellen und sagen: ,,Hysterie ist eine Frauenkrankheit, von der viele Männer befallen sind." Da lachten sie alle zusammen.
65 Diese Darstellung des Verlaufs findet ihre Bestätigung in einem Brief der Barbara vom 17. Januar 1916 an ihren geistlichen Neffen, wo sich jedoch noch die Bemerkung findet: ,,Herr Dr. Zahn war liebreich, freundlich, beson- ders gegen Fräulein Hannappel, aber Herr Stahler und Herr Krampf waren ganz nach dem Mainzer Schnitt. Herr Stahler verbot uns, wir dürften draußen nichts sagen, wie man mit uns umgegangen sei." Am folgenden Tag begab sich Barbara nochmals zum Vorsitzenden Stahler und überreichte ihm ein Schriftstück mit der Bitte, es zu den Akten zu nehmen. ,,Beim Abschied", so schreibt Barbara an ihren Neffen, ,,sagte ich: Man möge doch bedenken im Ordinariat, welcher Schaden es für den Kirchenbau sei, wenn nicht weiter dürfe gebaut werden, und wie alle guten, treuen Seelen erschüttert werden an ihrem heiligen Glauben, wenn diese Artikel in den Zeitungen und diese Hetze weiter getrieben werden. So schieden wir von denen, die dankbar sein sollten, daß der liebe Gott ihre Diözese so bevorzugt hat ... Der liebe Gott wird seine Sache schon durch- fechten." So berichten die einzigen vorhandenen Urkunden über das erste und einmalige Erscheinen der Barbara Weigand vor der Würzburger Prüfungs- kommission. Erst 25 Monate später, als man in Würzburg Barbara Weigand gemäß den Schmähartikeln der Presse als den Ausbund alles Schlechten hinzustellen sich anschickte, fiel es auch den Kommissionsmitgliedern ein, etwas über jene Begegnung mit Barbara zu Papiere zu bringen. Sie verfassten nämlich am 11. Februar 1918 ein Schriftstück, das die Über- schrift trägt: ,,Gutachtliche Äußerungen über die persönlichen Eindrücke in bezug auf Barbara Weigand und Luise Hannappel bei deren Erscheinen vor der bischöflichen Kommission zu Würzburg am 5. Januar 1916 " und legten es den Richtern - das waren sie selber - vor. In diesem Schriftstück nun wird Barbara als sittlich minderwertig hinge- stellt: Sie habe sich in jenem Verhör ,,in ihren Aussagen völlig unzuver- lässig" gezeigt, habe ,,der Wahrheit widersprechende Angaben" gemacht, die ,,einen befremdenden Eindruck" gemacht hätten, habe ,,Lust am Weissagen" und andere sittliche Mängel an sich geoffenbart. Wenn man dieses Schriftstück liest, gewinnt man unwillkürlich den Eindruck, daß es den Verfassern nicht recht behaglich zu Mute gewesen sei; man könnte fast meinen, sie hätten sich selber ob der Armseligkeit des Schriftstückes geschämt. Schon die Entschuldigung, daß sie erst jetzt, nach fünfundzwanzig Monaten, die Schändlichkeit ihrer damaligen Beobachtun- gen erkennten und zur Fixierung ihrer damaligen Eindrücke kämen, klingt
66 doch recht kläglich, und ihr Hinweis, es sei bei jenem Verhör kein Protokoll geführt worden, muß geradezu als Eingeständnis ihrer jetzigen Schwäche angesehen werden. Die Wahrheit über die Unterlassung einer schriftlichen Festhaltung des damaligen Verhörs ist vielmehr diese. Es lag damals eben kein Grund vor, die Äußerungen der Jungfrau schriftlich zu fixieren, weil sie damals keine unwahren Angaben machte; es lag damals keine Veranlassung vor, ein Protokoll zu führen, weil die drei Männer bei jenem Verhör keine sittlichen Mängel an der Jungfrau entdeckten oder Äußerungen von ihr zu bean- standen Grund hatten. Man stelle sich doch nur einmal die Situation von damals vor: Die Urheberin der ,,Weltkirche von Schippach", die Begründerin eines neuen ,,theologischen Systems", das der katholischen Lehre schnurstracks widerstreitet, die ,,Stifterin einer Sekte", die man nur mit Hilfe der Staats- gewalt niederschlagen kann, die Person, welche ,,die kirchliche Hierarchie sprengen", und eine ,,häretische ecclesiola" gründen will oder schon gegründet hat, die ,,feuerspeiende Hexe", die ,,den ewigen Hohepriester Jesus Christus" ganz ungeheuerlich herabgewürdigt hat, die ,,Pariser Wahr- sagerin", die ,,anmaßende Person", die ,,in hellem Trotz die kirchlichen Obern schmäht", die Person, die zwanzig Jahre lang ,,die kirchliche Obrig- keit hintergangen" hat, die Person, die ,,den Bischof Haffner in die Hölle versetzt", hat ... diese ,,höchstgefährliche Person" steht eben jetzt, 5. Januar 1916, nachmittags von 4 - 7 Uhr, im Ordinariatsgebäude zu Würzburg vor der zur Niederschlagung ihrer ,,Sekte" und zur Unschädlichmachung dieser Person eingesetzten hochamtlichen geistlichen Kommission, bestehend aus einem deutschen Universitätsprofessor und zwei deutschen Domkapitu- laren; sie wird von der im Auftrag des Päpstlichen Nuntius eingesetzten Kommission verhört, sie zeigt sich ,,in ihren Aussagen völlig unzuver- lässig", sie ,,macht der Wahrheit widersprechende Angaben" ... und keinem der drei hochamtlichen Kommissionsmitglieder fällt es ein, diese ,,der Wahrheit widersprechenden Angaben" sofort authentisch schriftlich fest- zuhalten? Mit einem solchen Protokoll, enthaltend wortwörtlich die angeblich ,,der Wahrheit widersprechenden Angaben", aufgenommen während des Verhörs, hätte die Kommission doch sofort ein vorzügliches Dokument für die sittliche Minderwertigkeit der Barbara Weigand besessen, ein Doku- ment, mit dem man sie sofort hätte ,,zertreten, nein zermalmen" können. Aber weder an jenem 5. Januar 1916, noch in den Verlautbarungen der drei Prüfungskommissäre in den folgenden zwei Jahren ist von lügenhaften Aussagen der Jungfrau bei jenem Verhör die Rede. Warum nicht? Doch nur deswegen nicht, weil sie dort keine unwahren Aussagen gemacht hatte.
67 Hätte sie sich damals solche Blößen gegeben, dann hätten sich die drei geschworenen Gegner der Jungfrau diese günstige Gelegenheit zu ihrer moralischen Vernichtung ganz gewiss nicht entgehen lassen. Im Gegenteil! Noch zwei Monate nach jenem Verhör, am 1. März 1916, bestätigte der Vorsitzende jener Prüfungskommission, Domkapitular Stahler, im Kultusministerium zu München vor dem Ministerialrat Golden- berger auf Befragen die Untadeligkeit der Jungfrau, wie denn das Ordinari- at Würzburg vorher immer seine schützende Hand über sein Diözesankind Barbara Weigand gehalten und sie noch am 2. Oktober 1914 im amtlichen ,,Diözesanblatt" eine ,,im Rufe der Frömmigkeit stehende Person" genannt hatte. Das wurde erst anders, als seit dem Herbst 1916 die Schmähschriften und Aufsätze, besonders aus der Feder Dr. Branders, erschienen. Diese Pamphlete mit ihrer Herabsetzung des sittlichen Charakters der Jungfrau brachten es fertig, auch die Domherren von Würzburg in die Reihe jener zu ziehen, die das Charakterbild der Gottesfreundin von Schippach so maßlos entstellten. So projizierten die beiden vormaligen Prüfungskommissäre das durch die späteren Presseerzeugnisse geschaffene Zerrbild von Barbara auf die zwei Jahre früher stattgehabte Begegnung mit ihr und dichteten ihr jetzt Fehler an, die sie damals in keiner Weise wahrgenommen hatten. Es darf aber erfreulicherweise schon an dieser Stelle vermerkt werden, daß jene üble Kritik an der Jungfrau am Ordinariat Würzburg wieder einer ruhigen und durchwegs günstigen Beurteilung der Jungfrau Platz gemacht hat. Heute sprechen alle Würzburger Dom- herren nur mit Hochachtung von Barbara Weigand. Nur Domkapitular Prälat Dr. Brander will unentwegt an seinem furcht- baren Urteil über Barbara Weigand, wie er es in seinen Aufsätzen und Broschüren von ehedem der Öffentlichkeit vorsetzte, festhalten; denn er schrieb erst in allerjüngster Zeit dem Verfasser : ,,Ich gehe ins 80. Lebensjahr und habe noch nie Reue gehabt über mein Vorgehen." Ich erzitterte, als ich diese Worte las. Wenn sodann in jenen ,,Gutachtlichen Äußerungen" vom 11. Februar 1918 der Jungfrau ,,Lust am Weissagen" vorgeworfen wird, weil sie auf kommende Strafgerichte hinwies, so ist auch diese ihre Schau in die Zukunft durch die folgenden Ereignisse nur zu deutlich bestätigt worden. Zwar hatte man ihr schon in Mainz einmal höhnisch entgegengehalten: ,,Wo bleiben denn die Strafgerichte? Ich sehe keine" und in Würzburg glaubten hohe Geistliche diese Schau der Jungfrau ebenfalls mit einem höhnischen Lächeln abtun zu können. Was aber der März 1945 über die schöne Bischofsstadt brachte, war noch mehr als eine Bestätigung der Schau der ,,Seherin von Schippach" in die Zukunft.
68 Alles in allem: Den ,,Gutachtlichen Äußerungen" vom 11. Februar 1918 ist kein Wert beizumessen.
b) Die Prüfung der Weigandschen Offenbarungen und Werke Nachdem die Kommission mit dem Verhör der Jungfrau am 5. Januar 1916 die Prüfung der siebzigjährigen Greisin beendet hatte, trat sie an die Untersuchung der Schriften heran, um über die Ekstasen, Visionen, Offen- barungen, den Liebesbund und die Sakramentskirche ihren Bericht dem Ordinariat vorzulegen. Als Sachbearbeiter hierfür wurden Professor Dr. Zahn, das schon genannte Kommissionsmitglied, und Subregens Dr. Brander vom Priester- seminar bestimmt, denen der Generalvikar die von Barbara Weigand erhaltenen Schriften übergab. Die beiden Würzburger Priester hatten eine ebenso schwierige wie verantwortungsvolle Aufgabe. Sollten sie ja nicht nur einen objektiven Befund über das konkrete Problem des Kirchenbaues liefern, um den sich ja alles drehte, sondern auch so delikate Fragen, wie sie nun einmal mystisch- ekstatische Vorgänge sind, untersuchen, dann ein so umfangreiches Schrif- tenmaterial von nahezu 60 Heften und einer Unmenge von Korresponden- zen wissenschaftlich einwandfrei studieren, außerdem über den damals bereits in fast allen Ländern Europas verbreiteten Eucharistischen Liebes- bund die nötige wissenschaftliche Klärung bringen. Diese Arbeit war riesengroß und - zumal in Anbetracht des zu unterrichtenden Heiligen Stuh- les - in hohem Grade verantwortungsvoll. Alle Augen waren auf die Würz- burger Prüfung gerichtet. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Arbeits- weise der Prüfungskommissäre! Während alle großen Mystiker und Theologen von dem, der mystische Schriften prüfen und beurteilen will, pietätvolles Eingehen, Fühlen mit dem Mystiker, Sichversetzen in die Seele des anderen verlangen, gesteht der eine Prüfungskommissär, daß er nur ,,mit Widerwillen" sich der Lektüre gewid- met habe. Widerwille aber und Antipathie sind bekanntlich für jeden Historiker und jeden Richter ganz ungeeignete Instrumente zur Erfor- schung der objektiven Wahrheit; sie trüben den Blick für die Wirklichkeit und lesen aus den Schriften das heraus, was der Leser vorher in sie hinein- gelegt hat. Tatsächlich berichtet denn auch dieser Prüfungskommissär, er habe seine ,,Annahmen" und ,,von vornherein gemachten Vermutungen" genau bestätigt gefunden! Gerne operiert er in seinem Prüfungsbericht, niedergelegt in einer Broschüre, mit Ausdrücken wie ,,soll" (dicitur), ,,scheint", ,,wahrscheinlich",
69 ,,höchstwahrscheinlich", Wendungen, die nicht von sonderlicher Festigkeit zeugen. Wie innerlich fremd diesem Prüfungskommissär die mystische Theologie war, mag man aus einem Brief ersehen, den er am 26. Februar 1916 an den geistlichen Neffen der Barbara richtete, um diesen gegen seine Tante mobil zu machen. In diesem Briefe schreibt der Prüfungskommissär wörtlich: ,,Was jetzt tun? Ich gebe Ihnen den dringenden Rat: Legen Sie Ihrer Tante nahe ... unbedingt jede weitere ekstatische Tätigkeit aufzugeben!" Nun ist bekanntlich die mystische Schauung ihrem Wesen nach contem- plativ passiva und darum dem eigenen persönlichen Wollen oder Nicht- wollen ganz entzogen. ,,Der Geist Gottes weht, wo er will!" Genau so verlangte das ganz im Banne dieses Prüfungskommissärs stehende Ordinariat von Barbara Weigand, sie solle ,,auf Ehre und Gewis- sen" durch Unterschrift erklären, daß sie sich nichts mehr vom Heiland sagen lassen wolle! ,,Vom König ging an Gott das Wort: Kein Wunder mehr an diesem Ort!" Dieses Vorgehen gegen Schippach ähnelt sehr jenem gegen Konners- reuth, wie mir der Metzer Psychiater Dr. Witry brieflich von seinen Beob- achtungen in Konnersreuth berichtete: ,,Mit der Medizin lässt sich ruhig reden, aber die katholischen Theologie- professoren spielen sich als Vormundschaft Gottes auf, so daß man kopfschüttelnd davongeht!" Das ist das Übel des deutschen Katholizismus. Das Unwissenschaftliche der Würzburger Prüfung kann man auch daraus ersehen, daß die Kommissäre die Texte der Schippacher Schriften unbese- hen und ohne Quellenforschung als authentisch hinnahmen, obwohl doch die Wiedergabe der von Barbara in der Ekstase gesprochenen Worte sehr oft nicht wortgetreu sein konnte und obwohl jene Schriften nur Kopien darstellten, von verschiedener Hand geschrieben, so daß der eine Prüfungskommissär selber einmal gesteht, er wisse nicht, was von Barbara Weigand oder von anderen herstammt. Trotz dieser Erkenntnis, die einen jeden Richter von der Fällung eines Todesurteiles abhalten würde, hängte er doch wieder alles der Visionärin an die Rockschöße, sogar die Schreibfehler der Abschreiber, um dann höhnisch auszurufen, der Jesus der Schippacher Offenbarungen könne nicht einmal einen sprachlich richtigen Satz aus- sprechen! Mit solchen lächerlichen Glossen speisten die geistlichen Prüfungs- kommissäre die Katholische Presse in ihrem schmutzigen Kampf gegen Schippach, das dort geplante Heiligtum und die heiligmäßige Jungfrau Barbara Weigand ab.
70 Ich würde in Sack und Asche Buße tun und Ströme von Tränen am Grabe der Schippacher Jungfrau vergießen, wenn ich mich an jenem hässlichen Kampfe gegen sie mitschuldig gemacht hätte. Staunen wird man auch, wenn man sich die Dauer der Würzburger Prüfung etwas näher betrachtet. Am 5. Januar 1916 übergab Barbara ihre Schriften dem Generalvikar, so daß die Kommissäre frühestens am 6. Januar 1916 mit ihrer Prüfung beginnen konnten; am 11. Februar 1916 aber lagen die Prüfungsergebnisse über alle Schippacher Fragen bereits in der Ordinariatssitzung vor, so daß die Prüfung höchstens vier Wochen hatte dauern können. Die beiden Kommissäre aber hatten nicht einmal diese vier Wochen ungestört dem Prüfungsgeschäfte widmen können, da sie ja auch ihren Amtspflichten im Hörsaal und im Seminar genügen mußten. Nun erforderte der zu prüfende Fragenkomplex das Studium der vom Jahre 1869 an währenden Schippacher Bewegung, die damals also schon 46 Jahre alt war und ihre Kreise bis weit über die deutschen Grenzen hinaus gezogen hatte, ein Studium, zu dem die Ausfindigmachung, Sammlung, Sichtung, Ordnung, Durcharbeitung und Verwertung einer gewaltigen Dokumentenmasse erforderlich war. Ich habe in jahrelanger mühevoller Forschungsarbeit ungezählte Urkun- den aller Art angesammelt und in die umfangreichen Aktenbestände bei den Behörden und den Freunden Schippachs Einsicht genommen, habe bis über die Reichsgrenzen hinaus korrespondiert und Forschungsreisen unternom- men und mehr als dreißig Jahre lang in den Akten studiert - und in Würzburg wollten zwei Männer in knapp vier Wochen fachmännisch über diese Bewegung urteilen, obwohl sie eingestandenermaßen außer den Schippacher Heften so gut wie keine Urkunde in Händen hatten? Im beson- deren sollten die Prüfungskommissäre eine gründliche Untersuchung über den Liebesbund anstellen, der damals schon in mehreren Sprachen approbiert und über einen großen Teil Europas verbreitet war, das damals im mörderischen Weltkrieg lag, der keine Korrespondenz mit dem Ausland zuließ. Endlich handelte es sich bei der Würzburger Prüfung um die ,,schwie- rigste aller theologischen Disziplinen" (Denifle), um jenes geheimnisvolle Gebiet, in welchem man nach Poulain oft ein Menschenalter hindurch prüfen muß, um zu einem zuverlässigen Urteil zu gelangen. Klassisch ein- fach legt darum Poulain allen, die es mit der Untersuchung mystischer Dinge zu tun haben, die wohlgemeinte Mahnung ans Herz: ,,Die Entschei- dung hinausschieben. Wir sehen, daß man Zeit und lange Untersuchung braucht, um bei Offenbarungen zu einem sicheren Urteil zu kommen."
71 Selbst Zahn hat als Theoretiker gemeint, ,,daß man in viel mehr Fällen eine Entscheidung, die auf allgemeine Zustimmung wird rechnen dürfen, nur auf mühsamem, langem Pfade einzelner Durchforschung erreichen wird.". Als Prüfungskommissär über Schippach aber vergaß er diese seine eigene Mahnung und war mit seinem ablehnenden Urteil schon in vier Wochen fix und fertig. So viel wollte über die Arbeitsweise der amtlichen Prüfungskommissäre in Köln, Freiburg und Würzburg bemerkt werden; ihre falschen sachlichen Prüfungsergebnisse hinsichtlich der Offenbarungen, des Liebesbundes und des Kirchenbaues werden später zur Erörterung kommen, soweit sie nicht schon bisher kritisch untersucht wurden. Jedenfalls dürfte der Leser schon aus dem Gesagten die Überzeugung gewonnen haben, daß die Prüfungen Schippachs durch die amtlichen Prüfungsorgane in Köln, Freiburg und Würzburg die Erfordernisse, die man an amtliche Prüfungen stellen muß, sich in keiner Weise erfüllt haben.
72 IV. DIE TRÄGERIN DER OFFENBARUNGEN
1. Nachträge zu ihrem Sittenbild Im ersten Teil dieser Schrift haben wir uns Mühe gegeben, das religiös- sittliche Leben der Schippacher Jungfrau aufgrund sorgfältigen Studiums und besonders auch aufgrund unserer persönlichen Kenntnis dieser wundersamen Frau zu zeichnen. Wir sind diesem Leben nachgegangen bis in die Tage seiner Kindheit und in die glücklichen Jahre einer rein und fromm zugebrachten Jugendzeit, wir waren Augen- und Ohrenzeugen ihres unermüdlichen Schaffens im Elternhaus, haben voll ehrfürchtiger Scheu die große Beterin belauscht, haben die innigen Rufe der in freiwilliger Jung- fräulichkeit gottgeweihten Seele vernommen, wie sie ihren himmlischen Bräutigam im heiligsten Sakramente sucht, haben sie begleitet auf ihren frommen Wanderungen an heilige Orte, haben aufrichtigen Anteil genom- men an den harten Prüfungen, die Unverstand und Herzenshärte ihr bereiteten, durften die Werke ihrer praktischen Nächstenliebe bewundern und ihre derzeit weit vorauseilenden Rufe zur eucharistischen Erneuerung der Welt vernehmen, wir sahen sie, die große Beterin, stundenlang vor dem Tabernakel knien und so andächtig wie niemand sonst den Kreuzweg beten, wir sahen sie im ärmlichen Gewand auf beschwerlichem Fußmarsch büßen und sühnen für die Sünden der Welt, wir begleiteten sie auf ihren Bettel- gängen von Haus zu Haus um milde Gaben für Errichtung einer Seelsorge- stelle und eines Gotteshauses in ihrer Heimat, wir durften einen Blick durch die Türspalte werfen in ihr zeitlebens armes Stüblein und auf ihre den Luxus unserer Zeit beschämende einfache Kleidung, dieweilen sie die ihr von reichen Freundinnen zufließenden Gelder in seltener Uneigennützig- keit restlos für die Erbauung eines Gotteshauses abgibt, wir ergriffen ihre schwieligen Hände, an denen der Rosenkranz durch die Finger glitt, und blickten in ihr treuherziges schalkhaftes Auge, wenn sie mit beredtem Munde aus ihrem langen Leben erzählte: Das war Barbara Weigand, leben- dig gewordene Frömmigkeit. Wenn wir diesem anziehenden Bilde doch noch einige Züge beifügen, so tun wir dies, um zu zeigen, daß ihr sittliches Leben im schönsten Einklang stand mit ihren inneren Erleuchtungen. Als Barbara Weigand nach der Mainzer Untersuchung im Elisabethenstift im August 1900 wieder das erstemal bei P. Bonifaz O. Cap., der jene Prüfung geleitet hatte, beichtete - nach der Haltung dieses Paters bei jener Unter- suchung gewiss ein heroischer Akt der Selbstverdemütigung! - sagte ihr der Beichtvater: ,,Bleiben Sie bei Ihrer Überzeugung! Wenn es Gott ist, der in Ihnen spricht, wird er sich schon durchsetzen. Ihr Leben muß den Ausschlag geben."
73 Damit hatte der Pater zwar nicht das Wesen der umstrittenen Frage, aber doch einen sehr wichtigen Umstand zur Beurteilung der Echtheit der Weigandschen Vorgänge berührt, die sich in einem wahrhaft frommen Leben bewähren müssten. Eine Voraussetzung wahrer mystischer Geisteshaltung liegt in der treuen Erfüllung der Standespflichten. Nach der übereinstimmenden Ansicht der Autoren wäre es eine ganz irrige Vorstellung vom Wesen der Beschauungs- gnade und ihrer Beigaben, wenn man sie als nachteilig für die gewöhnliche Berufsarbeit erachten würde. Der wahre Mystiker ist kein weltfremder und kein arbeitsscheuer Mensch! Wir besitzen vielmehr Beispiele genug aus alter und neuer Zeit, welche uns die Begnadigten als mitten im Leben stehende Menschen zeigen, die alle Hände voll zu tun hatten, um ihre Berufspflichten zu erfüllen. Es wäre darum ein verdächtiges Zeichen, wenn man sich mit Berufung auf die innere Stimme von seiner Berufsarbeit für entbunden erachtete. Schön bemerkt Poulain über solche Begnadigte, welche trotz der hohen Kontemplation ihren Beruf in der Schule, im Hause oder am Krankenbett versahen: ,,Statt mit Träumereien über alle möglichen guten Lebensstände die Zeit zu verlieren, nützen sie den aus, der ihnen zugefallen war". Barbara Weigand hat wie keine zweite ein Leben aufopfernder Berufs- arbeit hinter sich, wofür wir nur auf die ersten Kapitel dieser Schrift ver- weisen möchten. Dort lernten wir das Mädchen Barbara kennen, das als ,,Mütterchen" den Haushalt führt und von Acker zu Acker, von Wiese zu Wiese eilt! Als Stütze im Hause des Bruders in Mainz ist sie die stets geschäf- tige Martha, der monatelang die Leitung eines großen Wirtshausbetriebes obliegt! Wieder in die Heimat zurückgekehrt arbeitet sie als Greisin in erstaunlicher Rüstigkeit in den bäuerlichen Betrieben ihrer Neffen, bis der Neunzigjährigen die Sense aus der schwieligen Hand entfällt! Diese Arbeit- samkeit dürfte in der Geschichte der Mystik wohl einzigartig dastehen. Mit der treuen Erfüllung der Berufspflichten hängt bei den echten Mysti- kern eng zusammen der Sinn für die reale Wirklichkeit. Gar schön schreibt hierzu Rösler: ,,Der Wirklichkeitssinn des Mystikers bekundet auffallendes Verständnis für die Verhältnisse und Bedürfnisse des menschlichen Lebens in den verschiedensten und schwierigsten Lagen; der falsche Mystiker ist dazu unbrauchbar". Barbara Weigand hat auch diese Probe ihres inneren Lebens glänzend bestanden. Wer die opferwillige, ewig geschäftige, nie rastende, keiner Arbeit ausweichende Jungfrau kannte, wer die Werke der Nächstenliebe sah, die sie übte, wer die heroische Selbstüberwindung beobachtete, mit der sie sich der Pflege der Kranken widmete, wer weiß, wie sie alle Vorkomm-
74 nisse des häuslichen, pfarrlichen und öffentlichen Lebens mit ihrem Gebete begleitete, wie sie tatkräftig den kirchlichen Bedürfnissen ihrer Heimat- gemeinde entgegenkam, wie sie sich von der Ferne für die Errichtung einer Pfarrei mühte, wie sie für die Erstellung eines Pfarrhauses, einer Pfarrkirche, die Errichtung einer Pfarrpfründe arbeitete und die Heimatgemeinde ent- gegenkam, wie sie sich von der Ferne für die Errichtung einer Pfarrei mühte, wie sie für die Erstellung eines Pfarrhauses, einer Pfarrkirche, die Errich- tung von Pfarrpfründen arbeitete und die amtlich hierzu verpflichteten Zauderer beschämte, wie sie hier ein abgenutztes Messgewand, dort eine schadhafte Albe ausbesserte, wie sie für Kindergarten, Hauskrankenpflege, Diözesanexerzitienheim, Seminare beisteuerte; kurzum: Wer Barbara Weigand so wie sie in Wirklichkeit war, nicht nach dem Zerrbild der Presse, kannte, der wird ihr den Sinn für die reale Wirklichkeit nicht absprechen können. Die echten Ekstatischen sind keine kleinlichen Seelen, sondern Menschen mit einem überragenden Weitblick des Geistes und ausgesprochener Festig- keit des Willens. ,,Omnis sanctus pertinax." ,,Ihr Wille", sagt Poulain, ,,ist so energisch, daß sie den Kampf mit allen Schwierigkeiten aufnehmen, um ihr Beginnen durchzuführen ... Ekstatische zeichnen sich besonders durch ihre Energie aus". ,,Wer bei Widerstand (sc. seitens der Vorgesetzen) sich aufregt oder sich entmutigen lässt, zeigt, daß er wenig Vertrauen auf die Macht Gottes besitzt und wenig Gleichförmigkeit mit seinem heiligen Willen hat ... Will Gott, daß seine Absicht verwirklicht wird, so wird der Allweise den Widerstand schon niederschlagen, wenn der Augenblick gekommen ist". ,,Überragender Weitblick des Geistes!" Eine Person, welche die Zukunft so lange vorher richtig voraussah, besaß wirklich einen überragenden Weit- blick des Geistes. Und der Arzt Dr. Kemen berichtet an den Päpstlichen Nuntius: ,,Ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch." Auch die Klagen ihrer gelehrten Gegner, Doktoren der Theologie, daß Barbara ,,auf alle Einwen- dungen zu erwidern wisse", bestätigen die hohe Intelligenz der Jungfrau. Noch mehr: die Entschlossenheit und Entschiedenheit, mit der eine Bauern- jungfrau ihre Anregungen über ein halbes Jahrhundert lang vorträgt, vertei- digt, trotz aller Hindernisse vor Bischöfe und Päpste bringt, die Uner- schütterlichkeit des Glaubens an die Ausbreitung des Liebesbundes und die Verwirklichung des Kichenbaues: diese Momente sprechen doch für das Vorhandensein eines Etwas, das man mit einem flüchtigen Hinweis auf ein Handbuch der Pastoralmedizin nicht einfach abtun kann. Fast möchte man versucht sein, auch in ihrer robusten Gesundheit bis ins höchte Greisenalter einen Beweis für ihre hohe Intelligenz und ihre unbeugsame Willenskraft zu erblicken; denn, wie P. Lippert einmal sagt, sind Vernunft- und Willensmen- schen meist sehr gesund, wenn auch vielleicht ihre Gesundheit mitunter auch etwas allzu Robustes hat".
75 Selbstverständlich bewirkt wahre Begnadigung auch den Kampf gegen die böse Natur und Freude am Gebete. Es war ja bekanntlich einer der ver- hängnisvollsten Irrtümer des Quietismus, daß er die Notwendigkeit des Bittgebetes des Betenden für sich selbst leugnete. Der wahre Mystiker wird auch im Gebetsleben in den Spuren seines göttlichen Meisters wandeln. Barbara Weigand war nun zeitlebens eine Beterin von allergrößtem Aus- maß, so daß man sich nur wundern muß, wie bei so vielverzweigten und abziehenden Beschäftigungen im Bauernhause und in einer Wirtschaft nachgehende Person noch so viel Zeit zum Beten aufbringen konnte. Dieses ans Unfassbare grenzende Gebetsleben der Jungfrau Barbara hat denn auch der amtierende Pfarrer von Schippach an ihrem Grabe besonders rühmend hervorgehoben. Alle großen Mystiker bekunden eine ergreifende Liebe zur Verehrung des leidenden Heilandes, eine Beobachtung, die wir auch an der Jungfrau von Schippach bestätigt finden, die wohl vom 24. bis zum 97. Lebensjahr täglich die Stationen des Kreuzweges betete. Daß die Mystiker einen ausgesprochenen Zug zum Allerheiligsten Sakra- ment an den Tag legen, bestätigen ihre Biographien ohne Ausnahme. Daß aber Barbara Weigand ihr langes Leben gerade der heiligen Eucharistie geweiht, und daß sie für dieses Ideal die allergrößten Opfer gebracht hat, wird man der unermüdlichen Verfechterin der Oftkommunion und der Urheberin der Sakramentskirche von Schippach nicht bestreiten wollen. Geradezu sympolisch scheint es auch zu sein, daß sie es war, die schon Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Beschaffung eines neuen Tabernakels in ihrem Heimatkirchlein wesentlich beitrug. Eine auffallende Erscheinung konstatiert Richstätter bei allen großen Mystikern: Die Neigung zum Kulte des Herzens Jesu. Nun: Wenn der ,,Eucharistische Liebesbund des göttlichen Herzens Jesu" wirklich das Werk der Barbara Weigand ist - und er ist es - dann ist damit ein weiteres Kriteri- um zugunsten der Echtheit ihrer Offenbarungen gegeben. Es dürfte in diesem Zusammenhang gewiss auch an eine Begebenheit erinnert werden, die sich schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahr- hunderts in Schippach zutrug, als die Jungfrau Barbara in ihrem frommen Eifer eine Herz-Jesu-Statue kaufte, die der Kaplan mangels eines anderen geeigneten Platzes auf dem Altar des dortigen Kirchleins aufstellte. Kaum aber gewahrte sie der zuständige Pfarrer, als er öffentlich in der Kirche gegen die Stifterin des Bildes loszog und die Entfernung der Statue anord- nete. Ob es nun die Platzfrage war, die den Pfarrer zu seiner Philippika bewog, oder die Abneigung gegen eine solche ,,Neuerung", mag dahin- gestellt bleiben, jedenfalls beweist das Vorkommnis die Tatsache, daß die
76 Jungfrau Barbara schon zu einer Zeit, als die Herz-Jesu-Verehrung bei uns noch keine Popularität genoß, diese Übung in ausnehmender Weise pflegte. Daß Barbara Weigand zeitlebens eine demütige Person gewesen ist, wird ihr von allen, die sie kannten, freudig bezeugt; sie offenbarte in ihrer ganzen Geistes- und Sittenhaltung allezeit die gewinnenden Züge ungekünstelter Einfachheit, außergewöhnlicher Anspruchslosigkeit und natürlicher Bescheidenheit, die ihr rasch die Herzen gewann und, wie wir wissen, schon ihrem Mainzer Beichtvater P. Alphons sowie Bischof Haffner angenehm aufgefallen waren. Wer immer der Jungfrau Barbara in ehrlicher Absicht gegenübertrat, konnte sich dem gewinnenden Wesen der einfachen Person nicht entziehen. Männer, Frauen, Kinder, selbst ungehobelte Burschen begegneten ihr mit einer gewissen heiligen Scheu: Niemals habe ich als Pfarrer der Gemeinde ein Wort der Geringschätzung aus dem Munde anderer Dorfbewohner vernommen. Dasselbe bestätigte mir brieflich ein früherer Kaplan von Schippach, Pfarrer Riedmann, und der Ortspfarrer rühmte an ihrem Grabe in ehrenden Worten das einfache und bescheidene Wesen der verstorbenen Gottesfreundin. Auch leistete Barbara den Anord- nungen ihrer geistlichen Obern willig Folge, wo immer diese Befehle es ver- mieden, ihr gottverpflichtetes Gewissen zu belasten. Nur dort, wo ihr Zumutungen gestellt wurden, die sie in Konflikt mit der inneren Stimme brachten, erhob sie bescheidene Gegenvorstellungen und blieb ihrem Gewissen treu. Daß man aber dieses Festhalten an der eigenen Überzeugung in Dingen der christlichen Freiheit nicht Stolz und Ungehorsam nennen darf, werden wir später eingehend beweisen. So können wir sagen: Die persönlichen Erfordernisse für mystische Vorgänge waren bei Barbara Weigand in vollem Maße gegeben.
2. Die gesunde Jungfrau Einer der lautesten Vorwürfe, die ehedem gegen die Schippacher Jung- frau erhoben wurden, war jenes billige Schlagwort, mit dem man auch sonst so schnell bei der Hand ist, um Fragen nicht alltäglicher Art zu lösen: die Hysterie. Barbara Weigand sei eine hysterische Person: so habe ein Arzt im Jahre 1900 erklärt, und das sei auch aus den Schippacher Schriften ,,photo- graphisch genau" zu erkennen. Also müsse man auch die Werke der Jung- frau: den Eucharistischen Liebesbund und die Sakramentskirche ablehnen, was dann bekanntlich auch geschah. Nun enthält eine solche Schlussfolgerung doch allerlei Mängel. Kann denn nicht auch eine kranke Person mystisch begnadigt sein, einen Bund der Frömmigkeit gründen und die Anregung zu einem Kirchenbau geben? Waren nicht viele Begnadigte zeitlebens krank oder kränklich, wobei die
77 Symptome der Hysterie manchmal recht deutlich in Erscheinung traten? ,,Nichts hindert Gott", bemerkt hierzu Poulain, ,,übernatürliche Gebets- gnaden auch krankhaften Personen zu verleihen und dann wird auch in der äußeren Erscheinung das Krankhafte hervortreten". Wenn man nun aber schon Barbara Weigand als hysterisch erklärte und deswegen den Liebesbund und den Kirchenbau verwarf, dann hätte man ganze Arbeit leisten und auch die anderen von der selben Person stammen- den Anregungen und Werke, wie die Stiftung der Pfarrei, die Schenkungen an den Bischöflichen Stuhl, die Gedanken von Buße und Sühne, die Aufru- fe zur Einführung der häufigen Kommunion, als Produkte hysterischer Anfälle zurückweisen müssen. Wir sehen: schon vom Standpunkt der Logik aus war die Ablehnung Schippachs nicht zu rechtfertigen. Aber wir sind auch in der Lage, den Vorwurf der Hysterie durch recht beachtliche andere Gründe zu entkräften.
a) Grenzen der ärztlichen Prüfungsmethode Wenn auch in der Gegenwart die ärztliche Wissenschaft in einzelnen ihrer Vertreter den Problemen des Seelenlebens wieder mehr Verständnis entgegenbringt, so bleibt doch bis in die jüngste Vergangenheit herauf ganz allgemein die Beobachtung zu Recht bestehend, daß man vom ärztlichen Standpunkt aus dem übernatürlichen Verständnis seelischer Erscheinungen sehr wenig Beachtung schenkte, es vielmehr fast kategorisch ablehnte. Auch die moderne Psychologie ist weithin rein natürlich, diesseitig, weltlich eingestellt und hat sich von der Metaphysik leider nur allzuweit entfernt. So kann es nicht verwunderlich sein, daß sie bei ihrer antisupranaturalistischen Einstellung zu den Problemen des Seelenlebens die meisten Erscheinungen des religiösen Lebens psychischen Verirrungen und damit pathologischen Ursachen zuschreibt. Wir wissen, daß diese Wissenschaft zwischen wahrer und falscher Mystik, zwischen echter und unechter Ekstase, zwischen dem Seelenflug der Heiligen und krankhaften Zuständen überhaupt keinen Unterschied mehr gelten lässt, daß ihr die einen soviel wert sind wie die anderen, weil sie alle in gleicher Weise als Krankheitserscheinungen der Seele ansieht. Das haben wir ja erst in unseren Tagen bei Konnersreuth erlebt. Der Wahn, alles Außerordentliche, besonders bei religiösen Erschei- nungen, als pathologische Phänomene zu bezeichnen, übersteigt heute alle Grenzen. Diese moderne Wissenschaft ist mit ihrem Seziermesser sogar bis zum Stifter unserer heiligen Religion selber vorgedrungen und vor der Blas- phemie nicht zurückgeschreckt, den Heiland der pathologischen Veranla- gung zu bezichtigen. Soll ich daran erinnern, daß Rasmußen ihn als Epilep- tiker und Paranoiker bezeichnet, daß Baumann ihm Nervenüberreizung vorwirft, daß Holtzmann ihn der phantastischen Schwärmerei, Loosten
78 geradezu der Geisteskrankheit beschuldigt? Ausdrücke wie ,,krankhaft star- ke Erregung", ,,Halluzinationen", ,,überspanntes Selbstgefühl", ,,Zwangs- gedanken", ,,krankhaft abnormes Geistesleben", ,,nervöse Überreiztheit", ,,fixe Idee", ,,hysterische Ekstase" begegnen uns genau wie in der Bekämp- fung Schippachs auch bei der Behandlung unseres Herrn und Heilandes. Wenn man nun schon vor dem Gottessohne nicht zurückschreckt, dann kann es erst recht nicht wundernehmen, daß man auch die Heiligen in die Niederungen einer ungläubigen Wissenschaft herabzieht und ihre seeli- schen Erlebnisse als ,,Ausgeburten ihres kranken Hirns" bezeichnet. Wer in der Hagiographie einigermaßen Bescheid weiß, dem kann es nicht ent- gehen, daß die Heiligen oft genug das Verdikt nicht nur einer ungläubigen Umgebung, sondern auch jenes einer noch ungläubigeren Wissenschaft traf. Wurden Vorwürfe der bezeichneten Art nicht schon gegen die Apostel erhoben, oder beispielsweise gegen Juliana von Lüttich, Franz von Assisi, Katharina von Siena, Heinrich Suso, Joseph von Cupertino, Theresia von Avila, Margarete Alacoque, Katharina Emmerich, Bernadette Soubirous, Gemma Galgani, Benigna Consolata Ferrero, Barbara Fister, Therese Neumann? Ist es nicht geradezu eine Manie, außerordentlich hervortretende Menschen sogleich auf ihre geistige Gesundheit zu prüfen? ,,Statt der Biographien sind die Pathographien an der Tagesordnung", schreibt Kneib und unterstreicht das Wort Luckas´, daß mit der Psychiatrie in ihrer Anwen- dung auf bedeutende Menschen geradezu Unfug getrieben werde; es werde mit einer Sicherheit über die Menschen geurteilt, als ob nichts in der Welt so zuverlässig sei als eine psychiatrische Diagnose. Nehme man aber die Kom- pendien von Krafft-Ebbing, Kräpelin oder Spezialarbeiten zur Hand, so staune man, wie tief die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen stecke; zudem sei nicht einmal der geistige Normalmensch genau definiert." Der schon erwähnte Loosten scheut sich nicht, Genialität und Abnormität überhaupt gleichzusetzen; Mohammed, Rousseau, Kant seien ebenso wie die Propheten Jeremias und Ezechiel oder der Apostel Paulus pathologisch zu nehmen. Die gleichen Anschauungen vertritt Moerchen in seiner ,,Psychologie der Heiligkeit" oder Ideler in seinem ,,Versuch einer Theorie des religiösen Wahnsinns", wo er als Vertreter des religiösen Wahnsinns aus leidenschaft- licher Liebe zu Gott den heiligen Antonius, als Beispiel für den dialektischen Wahnsinn des Fanatismus den heiligen Ignatius von Loyola, als Beleg für mystisch fromme Geschlechtsliebe die heilige Katharina von Siena und die heilige Margarete Alacoque hinstellt. Als ganz richtige Folge zieht Ras- mußen aus solchen Gedankengängen den Schluss, ,,alles, was an den Pro- phetengestalten überraschend wirke, könne täglich in unseren Irrenanstal-
79 ten beobachtet werden." Keck und kühn dringen die Pathologen in das Hei- ligtum des religiösen Innenlebens und gebärden sich, wie wenn sie dort zu Hause wären. ,,Wir sind es ja gewohnt", wird einmal zutreffend bemerkt, ,,diese heiligen und unendlich zarten Dinge mit der rauhen Hand psycho- pathischer Zergliederung angepackt und in die alltäglichen Erfahrungen des Psychiaters herabgezogen zu sehen." Und Karrer hat ganz recht, wenn er schreibt: ,,Überliefert die seelischen Erfahrungen eines Johannes vom Kreuz oder einer heiligen Theresia gewissen Religionspsychologen: sie werden daraus bestenfalls interessante Halluzinationen machen." Auch unser fränkischer Landsmann, Spiritual Hock, doch wohl unbe- stritten eine Autorität in mystischen Fragen, wendet sich scharf gegen das Hinüberzerren mystischer Erlebnisse in das Gebiet des Anormalen. ,,Wohin kommen wir", ruft er mit Entrüstung aus, ,,wenn man alle möglichen anormalen Zustände des menschlichen Erkenntnisvermögens zusammen- sucht und dann durch Vermutungen und andere Wendungen, die schwer zu packen sind, den Anschein erweckt, das, was fromme Seelen, die im inner- lichen Gebet vorangeschritten sind, in ihrem Verkehr mit Gott an religiösen Erkenntnissen erleben, sie mit diesen anormalen Geisteszuständen zu identifizieren? Das führt letzten Endes zur Behauptung, die ganze Mystik sei Selbsttäuschung und die Heiligen der katholischen Kirche seien patholo- gisch zu nehmen, sie seien alle mehr oder weniger geistesgestört gewesen". Diese Auffassung, in der die experimentelle Psychologie und Pathologie, der Kardiograph, die Waage, das Seziermesser, die Badewanne, der Eisbeu- tel und sonstige Apparate herhalten müssen, um die mystischen Phänome- ne zu lösen, wollen gewisse Theologen auch in die katholische Beurteilung der außergewöhnlichen Erscheinungen herüberführen. ,,Eine rationalistisch gerichtete Auffassung", sagt Richstätter, ,,möchte auch in katholischen Kreisen beim Mystiker wie bei der mystischen Beschauung manche Ähnlichkeit mit der natürlichen Anlage des religiösen oder künstlerischen Genies entdecken ... Mystische Visionen, Ansprachen, Ekstasen usw. versucht man Erscheinungen an die Seite zu stellen, wie sie die experimen- telle Psychologie oder Psychopathie bei entsprechender Veranlagung und abnorm gesteigerter Nervenerregung hin und wieder nachzuweisen und rein natürlich zu erklären vermag." Neu ist ja die Sache nicht, nur die Schilder sind gewechselt; anerkannte Mystiker der Vorzeit können ebenso ein Liedlein davon singen wie bekann- te Gottesfreunde in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit; es sei nur an die große heilige Theresia erinnert, deren innere Vorgänge Hahn dadurch zu erklären versuchte, daß er sie auf psychopathische Zustände zurück- führte. Ganz mit Recht wendet sich der große Historiker Pastor gegen eine solche Verzerrung des mystischen Gnadenlebens der Heiligen durch einen
80 Theologen und stellt ihm Gabriele Cunningham gegenüber, welche die spanische Mystikerin gegen solche Vorwürfe in Schutz nahm. Das Buch Hahns kam auf den Index. Gegen das Bestreben, in mystischen Dingen nicht dem Theologen, sondern dem Arzt das entscheidende Wort zu lassen, hat schon Scaramelli entschieden Stellung genommen, wenn er erklärte, ,,daß gemeinhin die Ärzte der Erfahrung ermangelten, die erforderlich sei, um mystische Zustände zu beurteilen, und geneigt seien, alles der Natur zuzuschreiben." War etwa die ärztliche Wissenschaft und Praxis um die Jahrhundert- wende übernatürlicher eingestellt? Nun ist es doch bezeichnend, daß die Gegner Schippachs den Rat Scaramellis, den Arzt in mystischen Fragen möglichst aus dem Spiele zu lassen, völlig überhörten, sich vielmehr krampfhaft an die Aussage des Arztes Dr. Ebner vom Jahre 1900 klammer- ten, welcher Barbara Weigand für hysterisch erklärt hatte. Das Tendenziöse der Verwertung dieses Zeugnisses tritt aber sofort in dem Umstand zutage, daß dieselben Gegner von den Zeugnissen zweier anderer Ärzte, welche die Hysterie der Jungfrau kategorisch abgelehnt hatten, keine Notiz nahmen. Kann man eine solche Behandlung unseres Gegenstandes noch objektiv nennen? So suchte man mit Hilfe recht problematischer weltlicher Wissen- schaften und eines Arztes, das mystische Leben der Jungfrau von Schippach abzufertigen. Aber sonderbar! Diese ,,hysterisch-ekstatische" Wirtshausmagd, deren Aufzeichnungen ,,keinen Bogen Papier und keine Minute Zeit wert sind", gründet damit ein ,,theologisches System", das man nur mit Hilfe der Groß- macht Presse und des bracchium saeculare niederwerfen kann, diese ,,einfältige Seele" ,,weiß auf alle Einwendungen" ihrer Gegner, deutscher Universitätsprofessoren, ,,zu antworten", beherrscht die Festgedanken der kirchlichen Liturgie in einer Weise, daß Doktoren der Theologie sie ,,um diese Gabe beneiden", ,,sieht" die kommenden Prüfungen der Völker und der Kirche schon ein Menschenalter vorher ,,deutlich voraus", gründet einen Bund mit anerkannt ,,trefflichen Lebensregeln", der sich trotz aller Hindernisse in den Ländern aller Kultursprachen ausbreitet. Was doch nicht ,,geisteskranke" Spessartjungfrauen alles fertig bringen! Und diese ,,bedauernswerte" Person, die angeblich nur ,,die Luft der Krankenstube" atmet und ,,nur für den Arzt von Interesse" ist, benötigt ihrer Lebtage ernstlich keinen Arzt, bleibt bis ins höchste Greisenalter körperlich und geistig kerngesund, arbeitet noch mit 90 Lebensjahren wie eine Fünfzigerin und wird in völliger Frische über 97 Jahre alt! Eine solche Person darf nicht auf Grund des Zeugnisses eines Arztes verurteilt werden!
81 b) Das physiologische Bild der Ekstasen Während der Arzt Dr. Ebner zur Begründung seiner Diagnose auf Hysterie sich auf seine zweimalige persönliche Beobachtung der Barbara Weigand am 1. und 3. August 1900 berufen konnte, wollten die späteren literarischen Gegner, welche aber die Jungfrau niemals zu Gesicht bekamen, deren Hysterie in den physiologischen Erscheinungen gegeben sehen, welche laut den Schippacher Schriften mit den Leidensstürmen und Eksta- sen der Jungfrau verbunden waren. Sie haben auf das Stocken des Atems, auf das Starre, die Empfindungslosigkeit, das Würgen, Erbrechen, Stottern, Schleudern der Arme hingewiesen, in denen sie ,,einen geradezu klassi- schen Beweis des hier vorliegenden falschen Mystizismus" erblicken; ,,jeder Arzt" werde daraus ,,die klaren Symptome der Hysterie feststellen." Barbara Weigand offenbare ,,photographisch genau" die Erscheinungen der hysterischen Ekstase: Stimmbandlähmung, Husten, Grimasseschneiden, Ticks, Krampfanfälle; alle diese Dinge zeugten klar von ihrer Hysterie und seien ,,wegen ihrer Widerlichkeit mit der Würde Gottes unvereinbar." Nun ist zunächst zu bemerken, daß diese Erscheinungen nicht bei der eigentlichen Ekstase, sondern bei den der Ekstase vorausgehenden Leidens- stürmen zutage traten, wie uns schon das frühere Kapitel dieses Buches über die Ekstasen belehrt hat. Auch bei den Vorgängen am 3. August 1900, welche der ärztlichen Beurteilung unterlagen, wird ausdrücklich zwischen den Stürmen und der nachfolgenden Ekstase unterschieden, wie dies auch das Ordinariat Mainz in seiner Zuschrift an den Provinzial der Kapuziner ganz richtig getan hat. Jenes Schleudern, Schütteln, Herumwerfen, Erbre- chen bildete also einen Teil des Passionsleidens, durch welches die Jungfrau mit dem leidenden Heiland für die Sünden der Welt sühnen sollte. Das Leiden des Heilandes aber bot auch keineswegs den Anblick des Schönen. ,,Seine Gestalt", sagt Meschler vom blutschwitzenden Heiland, ,,muß einen mitleidswürdigen Anblick geboten haben. Sein Antlitz war blass, seine Glieder zitterten, die Brust zog sich krampfhaft zusammen, der Odem stock- te, sein Auge blickte erschreckt bald zum Himmel, bald zur Erde, bald auf die Apostel." Bei der Geißelung nimmt das Bild noch unschönere Züge an: ,,Das Fleisch flammt auf und schwillt; Striemen, rot und braun, laufen auf. Die Haut springt erst in zarten Rissen, dann öffnen sich ganze Furchen, immer tiefer und länger. Das Blut dringt hervor, es rieselt bald in Bächlein und dringt weiter in Strömen, bis der ganze Leib darin gebadet ist, bis es im schmutzigen Platzraum umherspritzt und um die Säule Lachen bildet. Der Schmerz presst Tränen aus dem Auge und leises Wimmern und Seufzer aus dem Munde. Man band den Heiland los und wahrscheinlich fiel er an der
82 Geißelsäule zu Boden wie ein zertretener und zerriebener Wurm. Er hat wirklich keine Gestalt und Schönheit mehr, der letzte der Männer, der Mann der Schmerzen." Und erst die Kreuzigung selber! ,,Die Finger krümmen sich krampfhaft, die Brust hebt sich empor und die Muskeln krachen. Der ganze Leib jämmerlich zerspannt, alle Nerven spielen und zittern." Wurde nicht gerade dieses Bild des leidenden Heilandes erst in unseren Tagen auch eines Gottes für unwürdig gehalten? Und wenn man an dem Erbrechen während der Leidensstürme Anstoß nimmt, so muß gerade an den Zweck dieses Leidens erinnert werden, das ja Sühne sein sollte für die ekelhaften Sünden der Welt, die nach den Worten der Schrift Gott auch zum Erbrechen reizen und ihn den Ruf erpressen: Ich will dich ausspeien aus meinem Munde." ,,Wenn Gott", so bemerkt hierzu schon P. Ludwig in seinem Schreiben vom 4. August 1902 an das Ordinariat Mainz, ,,die Schönheiten des Himmels oder die Tugend eines Gerechten schildert, gebraucht er die schön- sten und poetischten Bilder. Ganz anders aber lautet seine Sprache, wenn er von der Abscheulichkeit der Sünde spricht." Wäre es da verwunderlich, wenn die Hässlichkeit der Sünde auch in etwa in dem Sühneleiden für diese Sünden zum Ausdruck käme? Daß aber die übrigen Erscheinungen wie Hinfallen, Erkalten, Starrwerden, Unverrückbarkeit des Blickes u.ä., welche auch bei der eigentlichen Ekstase zutagetraten, durchaus keinen unschönen Anblick boten, wird von niemand zuverlässiger bezeugt als von P. Bonifaz, der schon bei der ersten Leidensekstase in der Kapuzinerkirche zugegen war und, wie wir wissen, auch den Vorgängen am 1. und 3. August 1900 im St. Elisabethenstift als amtlicher Prüfungskommisär beiwohnte. Von P. Felix Lieber ausdrücklich über seine Eindrücke gerade in bezug auf die physiologischen Begleiterscheinungen befragt, gab genannter Pater Bonifaz, bekanntlich ein Gegner der Echtheit der Weigandschen Ekstasen, am 28. Februar 1910 die klare Antwort, sie seien ,,höchst dezent" gewesen. Und er war Augenzeuge! Durfte sie dann ein Schriftsteller, der Barbara Weigand niemals sah, weder im normalen Zustande noch in ihren Ekstasen, als widerlich und mit der Würde Gottes unvereinbar bezeichnen? Wie sagt Poulain: ,,Zuerst muß man die Person kennenlernen!" Solche Zustände finden sich zudem fast bei allen Ekstatikern. Hören wir einmal, was die heilige Theresia darüber sagt: ,,Während die Seele ihren Gott sucht, fühlt sie, wie der Atem ausgeht und sie in eine selige Ohnmacht versinkt. Sie kann ohne Anstrengung nicht einmal die Hand regen; die Augen schließen sich von selbst ... In der Ekstase fühlt man ... wie die natür- liche Wärme mehr und mehr verschwindet und der Körper allmählich kalt
83 wird ... Die Ekstase kommt meistens allen Gedanken und jeder Vorbereitung mit einem plötzlichen und stürmischen Anfall zuvor ... Einmal bemerkte ich, daß sich die Ekstase wieder einstellen werde. Sogleich warf ich mich auf den Boden. Die Schwestern sagen, daß der Puls zuweilen - kaum mehr schlug. Die Hände sind ganz steif und unbeweglich, die Gebeine gestreckt und der Schmerz ist so heftig, daß ich noch am andern Tage die Empfindung habe, als sei mir jede Ader zerrissen und jedes Glied verrenkt." So die große spa- nische Mystikerin. Nun frage ich: Sind die Vorgänge bei den Weigandschen Ekstasen: als plötzlicher Anfall, Atemstocken, Verlust der sinnlichen Empfindung, Lähmung der Glieder, Regungslosigkeit, von den oben genannten Erschei- nungen bei der heiligen Theresia wirklich so grundverschieden, daß man in den Weigandschen physiologischen Vorgängen ,,die klaren Symptome der Hysterie", in den Theresianischen dagegen die klaren Symptome der echten Ekstase erkennt? Sind nicht bei beiden Personen die Vorgänge ganz die gleichen? Plötzlicher Anfall hier wie dort, Stockung des Atems hier wie dort, Bewegungslosigkeit hier wie dort, Kälte des Körpers hier wie dort, körper- liche Erschlaffung hier wie dort. Worin soll denn also der grundstürzende physiologische Unterschied zwischen der echten und der hysterischen Ekstase liegen? Antwort: es gibt keinen. Poulain sagt darum ganz zutref- fend, daß die physiologischen Begleiterscheinungen bei echten und hysteri- schen Ekstasen ganz die gleichen sein könnten und darum als Kriterium von Echtheit und Unechtheit völlig auszuscheiden hätten. ,,Aus den physiologischen Wirkungen", sagt er, ,,lassen sich im allgemeinen keine Schlüsse ziehen. Die äußere Erscheinung kann bei echten wie bei falschen Ekstasen gleich sein." Auch an anderen Stellen warnt er vor falschen Schluß- folgerungen aus den Äußerlichkeiten. ,,In der letzten Zeit, so ist weiter bei ihm zu lesen, ,,haben die Ärzte sorgfältig gewisse Krankheitserscheinungen studiert, welche mit den Ekstasen der Heiligen große Ähnlichkeit haben. Die meisten von ihnen vermeiden es aber, darauf hinzuweisen, daß diese Ähnlichkeit ... ganz ohne Bedeutung ist." Ähnlich äußert sich Bonniot: ,,Auch die Ekstasen brauchen den Organismus und seine Disposition als unmittelbare Verbindung. Dieses Schreien, die Anzeichen der Schwäche, die krankhaften Symptome, das Zittern, das Starre der Glieder, die Unbeweg- lichkeit, das Zurückgehen der Temperatur, das Stocken des Blutes: alles das sind, streng genommen, Erscheinungen der physischen Veranlagungen Ekstatischer. Wenn einfache Leute es anders auffassen, so fällt es auf Rechnung ihrer Unwissenheit." Das ist dieselbe Erkenntnis, die Rademacher in seinem Buche ,,Das Seelenleben der Heiligen" zum Ausdruck bringt und ein Fach- mann in die Worte kleidet: Die rein körperlichen Erscheinungen können
84 vollkommen moralisch einwandfrei als ein Versagen der Nervenkraft unter der seelischen Hochspannung aufgefasst werden." Noch mehr: ,,Nichts hindert Gott, übernatürliche Gebetsgnaden auch krankhaften Personen zu verleihen, und dann wird auch in der äußeren Erscheinung das Krankhafte hervortreten." Viele Begnadigte waren auch zeitlebens krank oder kränklich, so Theresia vom Kinde Jesus, Maria Droste-Vischering, Angela von Foligno, Lidwina, Joseph von Cupertino, Katharina von Siena, Gemma Galgani, Katharia Emmerich, Maria von Mörl, Bernadette Soubirous, Margarete Alacoque, Luzie Christine, Barbara Pfister, Therese Neumann. Wir sehen also, daß aus den körperlichen und physiologischen Begleiter- scheinungen ein Schluss auf Hysterie nicht gezogen werden kann. Aber auch noch nach einer anderen Hinsicht zeigen sich die Ekstasen der Barbara Weigand als nicht hysterisch. Wie nämlich Familler mit Recht betont, ist die hysterische Ekstase ein gewolltes Schaustück", also eine Betrügerei. Über einen solchen Vorwurf aber, Barbara Weigand habe Ekstasen vorgemacht, ist die Schippacher Jungfrau nach dem überein- stimmenden Urteil aller, die sie kannten, so himmelweit erhaben, daß jedes Wort der Verteidigung überflüssig erscheint. Es sei nur erinnert an das Wort Bischof Haffners: ,,Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht", oder ihres Pfarrers und Beichtvaters Dr. Velte von St. Ignaz: ,,Für wissentlichen Betrug kann und darf ich es nicht ansehen ... Ich halte ihre Visionen nicht für wissentlich Erdichtetes; daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Auch das Ordinariat Mainz hat in seinem amtlichen Urteil vom 14. August 1900 der Jungfrau das ehrende Zeugnis ausgestellt, ,,daß genannte Barbara Weigand durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt." So ist es: Barbara hat keine Ekstasen vorgemacht, wie es die Hysterischen zu tun pflegen, woraus Hysterie gezogen werden kann. Aber auch noch nach einer anderen Hinsicht zeigen sich die Ekstasen der Barbara Weigand als nicht hysterisch. Wie nämlich Familler mit Recht betont, ist die hysterische Ekstase eine gewollte.
c) Ursachen und Kennzeichen der Hysterie Als Ursachen der Hysterie bezeichnen die Autoren übereinstimmend schwächliche Körperkonstitution, Bleichsucht, Blutarmut, zerrüttetes Nervensystem, erbliche Belastung. Scaramelli meint, solche Zustände kämen gern bei ,,Personen des schwachen Geschlechtes und Leuten von matten Körperkräften" vor, Zahn gibt einer ,,erheblichen Unterernährung"
85 die Schuld, Richstätter schreibt sie ,,in den meisten Fällen leicht erregbarem Nervensystem" zu, nach Schüch sind die hysterischen Personen ,,meistens von zarter Konstitution und schwachen Nerven", Herders Lexikon nennt die Hysterie ,,eine auf angeborener oder erworbener nervöser Anlage beruhende Neurose ... Beim Zustandekommen spielen Ernährungsstörun- gen wie Bleichsucht, Blutarmut, bei Frauen Gebärmutterleiden, aber auch Schrecken eine Rolle." Nun besehe man sich einmal die Person der Barbara Weigand, wie sie leibt und lebt! Diese Bauernjungfrau, in biederen bäuerlichen Verhältnissen aufgewachsen, mit guter Hausmannskost ernährt im Elternhause und in der bekanntlich sehr gut gehenden Mainzer Wirtschaft zu einer Zeit, wo man von einer behördlichen Rationierung der Ernährung noch nichts wusste, dieses Mädchen mit seiner geregelten Lebensweise, großgeworden inmitten des hochragenden Spessartwaldes mit seiner kräftigen, würzigen Luft, die heute von Tausenden zur Stärkung ihrer Nerven aufgesucht wird, Barbara Weigand mit ihrem guten Gewissen, ihrer keusch verlebten Jugend, die keine nächtlichen Ausschweifungen, keine nervenaufpeitschenden Genüsse kannte, Barbara Weigand mit ihrem unbefleckten Körper und Geist, ihrem robusten, kräftigen, vierschrötigen Körper, ihrem dicken Schädel, ihren breiten Schultern, ihrem knochigen Gesicht, ihrem von Entschlossenheit zeugenden Kinn, ihren derben Fäusten, ihren schwieligen Händen, ihrem festen Tritt, ihrer staunenswerten Rüstigkeit bis ins höchste Greisenalter, dank der die Neunzigjährige noch Tag für Tag Feldarbeiten verrichtete und breite Mahden mähte: diese Barbara Weigand hat auch nicht eine Spur von den Ursachen der Hysterie an sich getragen. ,,Barbara Weigand", so schrieb mir der von 1904 bis 1907 in Schippach tätige Lokalkaplan, spätere Pfarrer Riedmann, ,,war damals kein schwäch- liches Weiblein, sondern von außergewöhnlich starker Körperkonstitution ..." Das Urteil des Arztes Dr. Kemen vom Januar 1916 lautet im gleichen Sinne. Nach ihm ist ,,Fräulein Weigand eine mittelgroße, starkknochige Frau mit groben Gesichtszügen und recht gesunder Gesichtsfarbe ... Kräftige, gutgenährte Frau von gesunder Gesichtsfarbe." Von ,,zarter Konstitution", ,,Bleichsucht, Blutarmut", ,,Unterernährung" keine Spur. Eine Person mit schwachen Nerven hätte zudem die schmachvolle und rohe Behandlung, die ihr jahrzehntelang von den Kanzeln, in den Zeitungen und im persön- lichen Verkehr widerfuhr, überhaupt nicht ausgehalten. Nur dank ihrer Nerven, stark wie Schiffstaue, und einer außergewöhnlichen Beistands- gnade konnte sie jedes Martyrium ertragen und ihre Gegner an Lebens- jahren und Rüstigkeit des Alters weit übertreffen. Der Psychologe Kardinal Mercier rechnet die Hysterie zu jenen patholo- gischen Zuständen, welche zwar längere Zeit hindurch andauern könnten,
86 jedoch nicht allzu lange währten; wörtlich schreibt er, die Hysterie sei ,,keineswegs eine andauernde Affektion". Nun lebte Barbara Weigand nachweislich seit ihrem 25. Lebensjahr, vielleicht schon früher, bis in ihr höchstes Greisenalter in jenen Zuständen, welche ihre Gegner als hysterisch bezeichnen. Kann man nun wirklich annehmen, daß sich gerade bei der offensichtlich körperlich so rüstigen Per- son Weigand die angebliche Hysterie, welche nach dem Urteile eines so bedeutenden Gelehrten ,,keineswegs eine andauernde" Erscheinung ist, ihr ganzes langes Leben, vielleicht 70 Jahre, hindurch erhalten habe? Als ein wesentliches und zugleich sehr auffallendes Symptom der Hyste- rie bezeichnen die Autoren übereinstimmend die Unbeständigkeit, den Wechsel der Stimmung. Die Psychologen Axenfeld und Huchard schreiben dazu: ,,Ein erster Zug ihres Charakters ist die Beweglichkeit. Sie gehen von einem Tag zum andern, einer Stunde, einer Minute zur andern mit unglaublicher Schnellig- keit über von der Freude zur Trauer, vom Lachen zum Weinen; wankel- mütig, phantastisch oder launenhaft reden sie zu gewissen Zeiten mit einer außerordentlichen Geschwätzigkeit, während sie in anderen finster und schweigend werden, eine völlige Stummheit bewahren oder in einen Zustand von Träumerei oder geistiger Niedergeschlagenheit versenkt erscheinen. Ihr Charakter wechselt wie die Bilder eines Kaleidoskops. Gestern waren sie heiter, liebenswürdig, anmutig; heute sind sie übellaunig, argwöhnisch, zornmütig. Sie empfinden eine sehr große Abneinung gegen eine Person, welche sie gestern liebten oder achteten, oder im Gegenteil: sie zeigen eine unbegreifliche Sympathie für eine andere; daher verfolgen sie auch gewisse Personen in gleicher Erbitterung mit ihrem Hasse, wie sie zuvor Hartnäckigkeit dareinsetzten, sie mit Zärtlichkeit zu umgeben." Capellmann drückt sich ähnlich aus: ,,Hochgradiger Wechsel der Stimmung zwischen Lustigkeit und Trübsinn bis zur Angst, Gereiztheit, Schreckhaftigkeit, die rätselhaften Neigungen und Abneigungen machen die Kranken zu einer wahren Qual"; ,,Stimmung und Affekt wechseln unvermittelt rasch"; ,,diese Kranken unterliegen fortwährend raschem Stimmungswechsel." Nun wird es auch bei Barbara Weigand im Laufe ihres langen Lebens Stimmungswechsel gegeben haben; eine Person, die so im Widerstreit der Meinungen stand, die auf so harte Probe gestellt wurde, müsste kein Mensch gewesen sein, wenn sie nicht auch dem Stimmungswechsel unter- worfen gewesen wäre. Daß aber bei ihr die Grundstimmung allezeit die- selbe blieb, daß sie in ihrem Leben, in ihren Reden, in ihren Anmutungen und in ihrer Haltung dieselbe Stimmung des Gemessenen, der Gelassenheit,
87 Festigkeit, des Gottvertrauens und des unerschütterlichen Glaubens an den Sieg ihrer Sache zur Schau trug: das konnte jeder bestätigen, der mit ihr ins Gespräch kam. Mit der Unbeständigkeit der Hysterischen hängt aufs engste zusammen die Schwäche ihres Willens. Poulain und andere Autoren sind geneigt, hier- in das wesentliche Merkmal der Hysterie überhaupt zu sehen. ,,Ihr Wille", bemerkt ein angesehener Psychologe, ,,ist immer schwankend und schwach, in einem Zustand beweglichen Gleichgewichts: er dreht sich beim gering- sten Winde wie die Wetterfahnen auf unseren Dächern; die Beweglichkeit, die Unbeständigkeit und das Wechselhafte in ihren Wünschen, ihren Ideen und Gefühlszuständen machen ihren ganzen geistigen Zustand aus." Wenn es nun je ein Kennzeichen gab, das Barbara Weigand über den Verdacht der Hysterie hinaushob, dann war es ihr Wille, ihr unbeugsamer Wille. Man brauchte nur ihren festgeschlossenen Mund und ihr hervortretendes Kinn zu betrachten, die sich auch auf den Bildern ausprägen, um darin den Zug ins Feste, Energische deutlich wahrzunehmen. Auch der untersuchende Arzt Dr. Kemen gewann ,,den Eindruck einer vollständig vernünftigen, recht energischen Frau." Bei ihr gab es keine Spur eines flatterhaften, hysterischen Wetterfahnen- willens. Auch ihre Gegner konnten an diesem ausgeprägten Charakterzug der Jungfrau nicht vorbeigehen und mußten ihr wohl oder übel das Zeugnis ausstellen, daß sie von ihren Entschlüssen nicht so leicht abzubringen war. Freilich, bei Barbara Weigand durfte diese Festigkeit, diese Stärke des Wil- lens, die man nun einmal nicht leugnen konnte, nichts Gutes sein. In die angedichtete Hysterie wollte freilich diese Willensstärke gar nicht hineinpassen; aber die Gegner wussten sich schon zu helfen: gings nicht, ihr einen physiologischen oder psychischen Defekt daraus zu machen, flugs machte man ihr einen moralischen daraus: es ist Eigensinn. Also auch die Gegner hatten den Eindruck, daß an Barbara Weigand von Schwäche des Willens, ,,dem Hauptcharakter der Hysterie", nichts zu finden war. Die Hysterischen sind natürlich, weil willensschwach, auch Sugges- tionen leicht zugänglich. Daß aber Barbara Weigand sich auch von Suggestionen freihielt, bestätigen wiederum ihre Gegner, wenn sie der Jung- frau vorwerfen, sie habe sich weder von Beichtvätern noch von Ordinaria- ten noch durch Zeitungsartikel in ihrem Glauben an die übernatürliche Stimme erschüttern lassen. Es ist ferner begreiflich, daß in den wirklich Hysterischen bei der Schwäche ihres Willens die sittlichen Grundsätze keine Festigkeit gewinnen. Zahn sieht in diesem Mangel einer gefestigten Lebensanschauung, im Fehlen des sittlichen Hochstandes mit Recht eine Eigentümlichkeit des
88 hysterischen Temperamentes und empfiehlt die Übung der christlichen Tugenden als beste Prophylaxe gegen Hysterie. Zu diesem Punkte genügt es, auf die ersten Kapitel dieses Buches zu verweisen und auf die Zeugnisse aller ihrer Vorgesetzten von der Jugend bis zum Alter, und der Vorwurf, Barbara Weigand sei eine sittlich minderwertige Person gewesen, wird sofort verstummen, wenn er überhaupt sollte ernstlich erhoben werden. Daß in dem seelischen Zustand der Hysterischen eine logisch geordnete Gedankenverbindung, eine klare und ruhige Urteilsbildung nicht möglich ist, liegt auf der Hand. Pruner-Seitz nennen die Hysterischen ,,planlos", Capellmann konstatiert ,,Bewusstseinslücken", Pastor vermisst die Fähig- keit der Urteilsbildung. Nun betrachte man sich wiederum Barbara Weigand, wie sie in Wirk- lichkeit war, nicht ihr Zerrbild in den Zeitungen! An dem, was sie über die Zeitverhältnisse, über die Mittel zur Besserung, über die Ursachen des sitt- lichen und religiösen Niedergangs schon vor sechzig und mehr Jahren gesagt hat, hat sie bis an ihr Lebensende festgehalten; was sie aber darin über Materialismus, Sozialismus, Genusssucht, Diesseitsstreben, Gottlosig- keit, was sie über Kirche, Gebet, Opfer, Sühne, über die öftere heilige Kommunion, über das Laienapostolat, über die Heiligsprechungen, über die Heimsuchungen und vieles andere verkündet hat, das sind wirklich keine Unsinnigkeiten, sondern tiefernste Erwägungen, die von überraschend klarer Urteilsbildung zeugen. Und daß es ihren Worten auch nicht an logischem Aufbau mangelte, daß es bei ihr keine ,,Bewusstseinslücken" gab, bestätigen uns die sorgsam beobachtenden Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen. Erinnern wir uns der Worte des letzteren: ,,Die Unterhaltung mit ihr verrät keine logischen Fehler; ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch, die Ausdrucksweise und ihr Gedankengang verraten eine geistige Bildungs- stufe, wie man sie bei einer Frau ihrer Art sonst wohl kaum findet ... Auf Zwischenfragen antwortet sie bereitwillig in sicherer, nicht schwankender Weise. Dabei fällt auf, daß sie trotz mehrfacher Unterbrechung nie den Faden der Erzählung verliert, sondern genau da fortfährt, wo man sie unter- brach." Zwanzig Jahre früher hatte Dr. Müller bezeugt: ,,Alles, was sie im ekstatischen Zustand spricht, hat Hand und Fuß, was bei Hypnotischen und Kranken nicht der Fall ist ... Eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor." Ja, als Kronzeugen für die klare Urteilsbildung und die logische Struktur der Weigandschen Gedankengänge könnte man gerade ihren schärfsten Opponenten anführen, welcher bekanntlich in den Äußerungen der Jung-
89 frau ,,ein förmliches theologisches System" erblickte, also ein gedanken- reiches und logisch aufgerichtetes Lehrgebäude, das zu konstruieren bekanntlich nur hochbegabten Theologen gelingt. Daß auch hysterische Bauernmädchen vom Spessart und bedauernswert kranke Wirtshausmägde von Mainz zur Ausbildung eines theologischen Systems fähig seien, dürfte bis zur Nr. 11 der ,,Allgemeinen Rundschau" vom 18. März 1916 wohl noch kein Theologe gewusst haben. Erfahrung und Wissenschaft kennen ein weiteres Merkmal der Hysterie: die Sucht aufzufallen, sich interessant zu machen. Wenn man nun bei jenen, die sich interessant zu machen suchen, unterschiedslos auf Hysterie diagnostizieren wollte, müsste man gewiss auch viele Geistliche in diese Kategorie von Menschen einreihen. Steht doch auch Sellmair nicht an, ,,Hysterie die typische Priesterkrankheit" zu nennen. Daß auch Barbara Weigand zuweilen aufgefallen ist, mag schon richtig sein; auch viele Heilige sind aufgefallen und schließlich fällt jeder Mensch auf, der nicht durch dick und dünn mit dem großen Haufen geht. Aber Barbara Weigand hat es nicht gesucht aufzufallen. Wir haben schon früher gehört, welch günstige Gelegenheit hierzu sich ihr z. B. bei Errichtung der Pfarrei Rück-Schippach, ihres ureigensten Werkes, geboten hätte. Auch zahl- reiche Besucher Schippachs, welche einmal um jeden Preis die in den Zeitungen so sehr angeprangerte ,,Visionärin" sehen wollten, waren sicht- lich enttäuscht, daß sie so gar nichts Auffälliges an der Frau fanden. Auch ich habe als ihr Pfarrer nur das eine Auffallende an ihr gefunden, daß sie sich in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten viel eifriger zeigte als die meisten ihrer Landsleute. Pruner-Seitz verzeichnen als ein anderes Kennzeichen der Hysterie die Teilnahmslosigkeit am Geschicke anderer. Der Hysteriker ist so von sich eingenommen, steht so im Banne seiner eigenen Idiosynkrasien, daß ihm Sinn und Sorge für die anderen völlig abgehen. Auch über einen solchen Verdacht war die Jungfrau von Schippach erhaben: ihr Leben der Arbeit, der Opfer für die anderen, der Selbstlosigkeit, mit der sie Gebet, Arbeit und Vermögen in den Dienst anderer, besonders ihrer Landsleute, gestellt hat, beweist jedenfalls nur das Gegenteil von Hysterie. Der Hysterische ist bekanntlich auch sehr stark von sexuellen Regungen beherrscht. Pruner-Seitz meinen hierzu: ,,Immer ist eine mehr oder minder lebhafte Beteiligung des Geschlechtslebens mit im Spiele; ihre Phantasie- gebilde und Wahnideen sind meist davon infiziert." Capellmann schreibt: ,,Nicht selten wird unter der äußeren Erscheinung der religiösen Schwär- merei eine bis zur Nymphomanie gesteigerte geschlechtliche Erregung schlau genug verdeckt." Auch Zahn erwähnt unter den Erscheinungen der
90 Hysterie die Neigung zu sexuellen Verirrungen. Zur Ehre der Gegner sei es gesagt, daß m. W. keiner es öffentlich gewagt hat, die Ehre der Jungfrau Weigand in diesem Punkte ernstlich anzuzweifeln. Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Erfahrung besteht auch darüber, daß die Hysterischen eine ausgesprochene Neigung zur Lüge an den Tag legen. So schreibt Kardinal Mercier ohne Einschränkung: ,,Die Hysterischen zeigen Neigung zur Lüge"; Capellmann wirft ihnen absichtliche Irre- führung vor: ,,Die Kranken scheuen, um ihrem Täuschungstrieb zu frönen, weder Schmerz noch Anstrengung und Entbehrung jeder Art. Alles wird versucht und ertragen, um das einmal angefangene Trugspiel durch- zuführen"; das Herdersche Lexikon spricht von dem ,,Bestreben, sich zu verstellen", vom ,,Hang zur Lüge", zur ,,Intrige und zum Stehlen." Also Übereinstimmung auf der ganzen Linie. Nun hat sich ja die gegnerische Kritik, soweit ich sie kenne, bis zum Jahre 1916 wohl gehütet, der Schippacher Jungfrau Verstellung, absichtliche Irre- führung und Lüge zum Vorwurf zu machen; vielmehr haben ihr alle Instan- zen, die mit ihr zu tun hatten, das uneingeschränkte Lob gespendet, daß sie über jeden Verdacht der Lüge erhaben sei. Es sei nur an das Urteil Bischof Haffners aus dem Jahre 1896 oder an jenes des Ordinariates Mainz vom 14. August 1900 erinnert, wo ihr ausdrücklich bestätigt wurde, daß sie ,,durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt." Ihr Mainzer Pfarrer und Beichtvater Dr. Velte sprach noch im Jahre 1912 schriftlich seine feste Überzeugung aus in den Worten: ,,Daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Eine Lügnerin wäre ganz gewiss auch vom Ordina- riat Würzburg im Oktober 1914 nicht ,,eine im Rufe der Frömmigkeit ste- hende Person" genannt und von Bischof Hugo von Mainz mit eigenhändig geschriebenen Briefen ausgezeichnet worden. Endlich zeigen sich die Hysterischen auch unfähig zu ernster Berufs- arbeit. Wer aber die Schippacher Jungfrau kannte, wird es nicht wagen, einen solchen Vorwurf gegen sie zu erheben; da würden die Mainzer Wirts- hausgäste, wenn sie noch lebten, ihre damaligen Hausgenossen und die ganze Bevölkerung von Rück und Schippach lauten Protest erheben. Sapienti sat! Wir glauben hinreichend bewiesen zu haben, daß sich bei Barbara Weigand auch nicht ein einziges jener Merkmale findet, welche die Wissenschaft und die Erfahrung als charakteristische Kennzeichen der Hysterie festellen. Da aber die physiologischen Erscheinungen ebenfalls nichts für die Hysterie beweisen, wird man gut tun, diesen Vorwurf gegen
91 die Schippacher Jungfrau so schnell wie möglich fallen zu lassen. ,,Mit der Fällung einer Laiendiagnose auf Hysterie wird (zudem) jeder kluge und gewissenhafte Priester sehr, sehr vorsichtig sein", mahnt auch Schattauer in der Linzer Quartalschrift. Sachverständige Männer, Ärzte so gut wie Theo- logen, haben diesen Vorwurf zudem in aller Form zurückgewiesen. Es sei nur an die Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen erinnert, welch letzte- rer ausdrücklich hervorhob: ,,Ebensowenig ergab die Untersuchung Anhaltspunkte resp. Beweise für eine bestehende Hysterie." Auch andere Priester als der Verfasser gewannen von Barbara Weigand denselben Eindruck einer völlig gesunden und normalen Frau. So schrieb mir ein theo- logisch und philosophisch gründlich gebildeter und erfahrener Priester, Spiritual und Beichtvater in einem Frauenkloster, der vorher Seelsorger an einer Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke war, also sicherlich auch mit Hysterikern viel zu tun hatte, folgendes: ,,Ich habe Barbara Weigand persönlich kennengelernt, an verschiedenen Tagen mit ihr gesprochen, sie beobachtet, Erkundigungen eingezogen, aber von Hysterie nichts gefunden. Ich habe schon oft das bekannte ,,hy" am Kopfende der Kranken gelesen, aber bei Barbara Weigand habe ich die hy-Symptome nicht gefunden. Nach N. N. wäre Barbara Weigand eine schwere Hysterikerin. Eine solche ist nicht imstande, die Symptome ihres Leidens auch nur drei Tage ganz zu verheimlichen." Ein anderer Priester, der Barbara Weigand im Jahr 1916 ebenfalls auf- suchte, und sie längere Zeit beobachtete, schilderte mir seine Eindrücke schriftlich in folgenden Worten: ,,Ihre seelische Verfassung, welche sich in dieser Art zu reden kundgibt, und ihre robuste Gesundheit schließen die ihr sooft angedichtete Hysterie völlig aus. Es ist traurig, daß dieser Vorwurf sooft gerade von Geistlichen gegen sie erhoben wird. Ich glaube, diese Herren wissen wegen ihrer Unwis- senheit oder ihrer Vorurteile nichts mit den mystischen Tatsachen im Leben der Barbara Weigand anzufangen, und suchen über diesen Mangel mit dem Worte Hysterie hinwegzukommen, ohne auch nur zu wissen, was Hysterie eigentlich ist. Diese ist eine krankhafte Überreizung des Nervensystems, besonders des plexus solaris, die sich vorzüglich in den Funktionen der Geschlechtsorgane bemerkbar macht und sehr oft oder sogar meistens im Missbrauch der geschlechtlichen Organe begründet ist. Es ist empörend, daß sogar Priester - wohl unbedachter Weise - einen solchen Vorwurf gegen Barbara Weigand erheben und damit die Ehre eines tieffrommen, musterhaft reinen Bauernmädchens in der niedrigsten Weise beschmutzen."
92 So ist es: Barbara Weigand war keine Hysterikerin, sondern eine geistig und körperlich kerngesunde Frau. Das bestätigen ihr auch zwei angesehene Ärzte, deren Zeugnisse wir im folgenden Abschnitt bringen werden. Doch zuvor wollen wir uns noch die Entstehung des auf Hysterie lautenden Gutachtens eines Mainzer Arztes etwas näher betrachten!
d) Unter der Brille des Arztes Als die lothringische Stigmatisierte Katharina Filljung im Herbst 1882 ihre Zuflucht zum Heiligen Stuhl nahm, gab ihr der Konsultor des Heiligen Offiziums, P. Laurencot S.J., den eindringlichen Rat, sich ja ihre persönliche Freiheit nicht nehmen zu lassen: ,,Gardez-vous de vous laisser enfermer dans un couvent. Ne faites pas comme N.; elle s´est laissé enfermer dans un couvent; elle est morte. Ne vous laissez enfermer dans un couvent". Was dieser Pater aus seiner reichen Erfahrung befürchtete, sollte sich auch an Barbara Weigand wenigstens teilweise erfüllen. Am Dienstag, den 24. Juli 1900, erhielt sie nämlich ein Schreiben des Bischofs, sie solle sich so bald als möglich ins St. Elisabethen-Stift begeben, wo drei Herren ihre Ekstasen beobachten würden. Barbara erschien bereits am folgenden Tag im Bischöflichen Palais und meldete, daß sie sich anderen Tags in das bezeich- nete Haus begeben wolle. Am genannten Tag überschritt sie ,,mutig und entschlossen" die Schwelle des St. Elisabethen-Stiftes. Die Kommission, welcher der Bischof die Untersuchung der Jungfrau übertragen hatte, bestand aus ihrem Beichtvater, P. Bonifaz O.Cap., dem Rektor Dr. Hubert vom Knabenkonvikt; zwei Priestern, die schon längst offen gegen den übernatürlichen Charakter der Weigandschen Vorgänge Stellung genommen hatten, und dem praktischen Arzt Dr. Ebner. Barbara erhielt ein Zimmer angewiesen, und die Oberin des Hauses hatte den Auftrag, sobald sich die Anzeichen außerordentlicher Zustände bemerkbar machen würden, die genannten Herren zu verständigen. Bereits am Freitag, den 27. Juli, hatte Barbara während der heiligen Messe, der sie beiwohnte, eine Vision und begann laut zu reden, so daß sie von der Oberin auf ihr Zimmer geführt werden mußte. Da sich aber außer einer gewissen Blässe und Kälte, welche die Oberin nur für eine natürliche Schwäche hielt, und den Worten, die sie sprach, nichts besonderes Körperliches ereignete, unterließ es die Oberin, die Prüfungskommission zu rufen. Darum äußerte sich P. Bonifaz am folgenden Tag spöttisch zu Luise Hannappel: ,,Der Heiland kommt nicht mehr, es ist alles aus." Auch der Arzt fand bei seinen Tagesvisiten nichts besonderes vor und unterhielt sich freundlich mit der Jungfrau. Aber am Mittwoch, dem 1. August, dem Tage
93 vor Portiuncula, stellte sich das Passionsleiden mit den drei Stürmen und der anschließenden Sprechekstase in der bekannten Weise ein, und die Herren wurden allsogleich gerufen. Sie beschränkten sich zunächst auf bloßes Beobachten. ,,Als ich zu mir kam", schreibt Barbara nach der Prüfung, ,,sahen sie alle ganz verstört aus. Der Arzt, der sonst immer bleich aussah, hatte dunkelrote Augen und Wangen ... Der Weltpriester hatte am meisten Mitleid." So der Bericht. Am 3. August, Herz-Jesu-Freitag, meldeten sich die Vorboten des Leidens abermals. Die drei Herren wurden gerufen, und der Arzt versuchte nun seine Heilkunst. Er ließ kein Mittel unversucht, um herauszubringen, ob es nicht Krankheit sei. Er ließ ihr Tropfen eingeben, dann Rizinusöl, dann ließ er ihr ab und zu Milch einschütten, obwohl der Magen nichts annahm und sie dieselbe jedesmal wieder erbrechen mußte, weshalb der Weltpriester die Bemerkung machte: Lasst das doch, ihr seht ja, daß es nicht geht. Die beiden geistlichen Herren gingen dann fort. Unterdessen ließ der Arzt ihr soviel Wasser einpumpen, bis es ihr zum Mund herauskommen wollte. Es war so schmerzlich für Barbara, daß sie daran war zu sterben. Sie wurde eiskalt und lag da wie tot, und die Schwester rief Gott und alle Heiligen an: Schwestern, Schwestern, kommt mir zu Hilfe, Jesus, Maria, Josef, steht mir bei, heiliger Antonius, komm mir zu Hilfe, ach, lieber Gott, sie stirbt! Barbara bekam fortwährend Ohnmachtsanfälle. Das dauerte einige Zeit. Als sie Barbara wieder ins Bett geschafft hatten, sagte der Arzt: So, jetzt schlafen Sie ruhig. Aber kaum gesagt, kam der erste der drei Stürme. Der Arzt wollte ihn verhindern und fasste ihren Kopf mit aller Kraft, um es ihm unmöglich zu machen, daß er sich schüttle; aber es half nichts. Die Kraft war so groß, daß er mit herumgeschleudert wurde. Bei dem zweiten Sturm griff ihr der Arzt mit aller Wucht die Arme, um sie festzuhalten, aber die Gewalt schüttelte den starken Mann mit herum. Er sprang vor sie hin und sagte: Sie sind mir vom Bischof übergeben und Sie haben mir zu folgen und zu tun, was ich sage! Dann hielt er ihr etwas Glänzendes entgegen und schrie: Wol- len Sie mir folgen! Wollen Sie augenblicklich hierher sehen! Barbara streng- te alle ihre Kräfte an, die Augen jedoch waren ihr von einer unsichtbaren Macht gehalten, sie konnte sie nicht drehen und auf den Punkt richten. Desto zorniger rief der Arzt: Heute, wenn Sie mir nicht folgen, sollen Sie sehen! Er tobte wie rasend und wollte, sie solle an einen Punkt hinsehen, konnte es aber doch nicht erreichen. Als der Arzt jedoch ein geweihtes Bild der Heiligen Familie von der Wand nahm und es Barbara vorhielt, da konnte sie sofort darauf sehen, weil die Gewalt sie verließ. Als die drei Stürme herum waren, sprach der Herr wie immer.
94 Die ganze folgende Nacht konnte sie kaum Atem schöpfen, weil sie noch mit Wasser angefüllt war und litt sehr viel ... Nach der Ekstase sagte die Generaloberin, die auch dabei gewesen, zu Barbara: Ach, lieber Gott, was machst du aber durch. Aber glaube sicher, daß du auch einen großen Lohn bekommst in der Ewigkeit! Anderen Tages kam der Arzt und sagte, er könne nichts anderes erklären, als daß alles Hysterie sei. Von mir aus, sagte er, kön- nen Sie jetzt gehen!" Das war nach den Aufzeichnungen in den Schippacher Akten - ein Protokoll wurde während dieser Untersuchung nicht geführt - der Verlauf der Untersuchung durch den Arzt Dr. Ebner am 1. und 3. August 1900 im St. Elisabethen-Stift zu Mainz, aufgrund derer der Jungfrau Barbara Weigand bis ans Ende ihres Lebens in der Presse und in kirchenbehördlichen Erlassen der Stempel der Hystrie aufgeprägt wurde. Man glaubt, in dem Verhalten und in dem Urteil Dr. Ebners fast eine getreue Kopie seines Amtsbruders, des Kantonalarztes Dr. Kuhn, zu erblicken, der ein halbes Jahrhundert vorher über Elisabeth Eppinger, die Gründerin der Kongregation der Nie- derbronner Schwestern, gemeint hatte: ,,Ihre Gesichte gehören zur Katego- rie weiblicher Grillen". Unwillkürlich denkt der Verfasser hier auch an die pfälzische Stigmati- sierte, Barbara Pfister, welche unsere Schippacher Gottesfreundin in Mainz besuchte und ihr dabei von ihrer Behandlung durch den Speyrer Gerichts- arzt erzählte, der sich gerühmt hatte, er werde ,,die Schmier (die stigmati- schen Blutungen) bald heraus haben" (siehe auch Molz a. a. O., S. 55). Ist es nach der Schilderung der besagten ,,Untersuchung" nicht schwie- rig, die Diagnose Dr. Ebners auf Hysterie als eine völlig verfehlte zu bezeich- nen, so sind wir auch noch in der glücklichen Lage, die Zeugnisse zweier anderer Ärzte zu besitzen, welche aufgrund sorgsamer Beobachtungen Barbara Weigand von jedem Verdacht der Hysterie freisprechen. Beide Zeugnisse lagen zeitlich vor den Presseangriffen des Jahres 1916, wurden aber von den Pressegegnern der Öffentlichkeit verschwiegen. Schon vier Jahre vor der Untersuchung Dr. Ebners, nämlich im Juli und August 1896, wohnte auf Weisung Bischof Haffners Sanitätsrat Dr. Müller in Mainz, Nachbar und Hausarzt der Familie Weigand, fünfmal dem Passions- leiden und den Ekstasen der Jungfrau bei und fällte aufgrund seiner Beob- achtungen das folgende Urteil: ,,Daß das Leiden, dem ich fünfmal beigewohnt, keine natürliche Krankheit ist, sondern der Theologie angehört zur Beurteilung, erhellt aus folgenden Gründen: Das Leiden kommt nur an Freitagen und Festtagen, womit keine Krankheit zusammenhängt; Die drei Stürme (Krisen) in den Leiden sind immer dieselben, ganz gleich, was bei keiner Krankheit vorkommt; Alles, was sie im ekstatischen
95 Zustand spricht, hat Hand und Fuß, was bei Hysterischen und Kranken nicht der Fall ist; In den Schriften kommt oft vor: ,,Dann und dann habe ich dir das und das gesagt", was ich nachgeschlagen und wirklich so gefunden habe. Eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor; Barbara Weigand weiß hernach den ganzen Sinn dessen, was sie gehört und gesehen hat, während Hysterische nicht wissen, was mit ihnen vorgegangen ist; Wenn es eine natürliche Krankheit wäre, könnte sie das noch kein Jahr aushalten; dann stürbe sie bald." So Sanitätsrat Dr. Müller. Dieser Arzt hat also eine ganz andere Meinung von der Jungfrau als Dr. Ebner. Sanitätsrat Dr. Müller hat aufgrund seiner fünfmaligen Teilnahme an den Ekstasen den Eindruck gewonnen, daß es ,,keine natürliche Krankheit" ist und begründet dieses sein Urteil mit klaren und bestimmten Hinweisen. Die ,,Krankheit" der Jungfrau, ihr Leiden, so sagt der Arzt, ist kein Gebiet für den Arzt, sondern ,,gehört der Theologie an zur Beurteilung". Darum zieht sich der Sanitätsrat wieder auf sein ureigenes ärztliches Gebiet zurück. Wie also das Urteil Dr. Müllers wesentlich von jenem Dr. Ebners abweicht, so erbrachte auch die Untersuchung der Jungfrau durch Ober- stabsarzt Dr. Kemen von Kreuznach am 28. September 1915 eine glänzende Rechtfertigung der geistigen und körperlichen Gesundheit der Jungfrau Barbara, wie der genannte Arzt in seinem Bericht vom 22. Januar 1916 an Nuntius Frühwirth mit wissenschaftlicher Ruhe ausführt. Lassen wir das Wesentliche seines Gutachtens im Wortlaut folgen! ,,Fräulein Weigand ist eine mittelgroße, starkknochige Frau mit groben Gesichts- zügen von recht gesunder Gesichtsfarbe. Sie hat das Aussehen einer Bauersfrau von ungefähr fünfzig Jahren, wobei ich berücksichtige, daß Bauersfrauen von solchem Aussehen meist kaum vierzig Jahre alt sind. In Wirklichkeit ist sie sieb- zig Jahre alt. Mit ruhigem, festen Schritt, absolut unbefangen tritt sie ein und begrüßt uns. Sie blickt jeden von uns frei und furchtlos an, als wenn sie uns längst kännte. Ihre Sprache ist deutlich, laut und natürlich. Sie spricht den Dia- lekt ihres Ortes, jedoch etwas verfeinert, und wenn sie zitiert, bemüht sie sich, hochdeutsch zu reden. In der Unterhaltung vermischt sie Dialekt und Hoch- deutsch. Ihre Ausdrucksweise ist durchaus natürlich und ungezwungen; sie sucht nicht nach Worten, sondern die Rede kommt in ruhigem Fluss von ihren Lippen. Sie vermeidet jegliches Pathos; auch wenn sie Worte des Heilandes zitiert, sind diese ungekünstelt und bewegen sich in der Form, wie sie in ihren Schriften verzeichnet stehen. Von der Echtheit ihrer Visionen ist sie felsenfest überzeugt, war dies jedoch, wie sie sagt, früher nicht. Was sie gehört und gese- hen haben will, ist für sie absolute Wahrheit. Sie gerät beim Erzählen all dieser auffallenden Visionen nicht in die geringste Aufregung; nur als sie davon spricht, daß man sie für hysterisch halte, wird sie erregt und ruft dabei aus: ,,43 Jahre lang soll ich mich und die Welt getäuscht haben - dann müsste man an Gott zweifeln!"
96 Die Unterhaltung mit ihr verrät keine logischen Fehler; ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch, die Ausdrucksweise und ihr Gedankengang ver- raten eine geistige Bildungsstufe, wie man sie bei einer Frau ihrer Art sonst wohl kaum findet. Die körperliche Untersuchung ergibt folgenden Befund: Kräftige, gutgenährte Frau, von gesunder Gesichtsfarbe und lebhaftem Blick. Die Herztöne sind rein, der Puls ist gleichmäßig, weich, 72 in der Minute, die Arterien sind nicht geschlängelt, nicht starr, es bestehen keine arteriosklero- tischen Erscheinungen. Die Pupillen sind gleich weit und reagieren gleich- mäßig auf Lichteinfall; der Patellarreflex ist schwach auslösbar; es besteht kein Fußklonus; Stehen und Gehen mit geschlossenen Augen ist ohne Schwanken möglich, es besteht kein Zittern der gespreizten Finger. Es existiert kein Anhaltspunkt für ein organisches Leiden des Zentral- nervensystems noch eines funktionellen Leidens. Ebensowenig ergab die Untersuchung Anhaltspunkte resp. Beweise für eine bestehende Hysterie. Fräulein Weigand macht vielmehr den Eindruck einer vollständig vernünf- tigen, recht energischen Frau mit gelegentlich humorvollen Anwandlungen in ihrer Erzählung. Auf Zwischenfragen antwortet sie bereitwillig in siche- rer, nicht schwankender Weise. Dabei fällt auf, daß sie trotz mehrfacher Unterbrechungen nie den Faden der Erzählung verliert, sondern genau da fortfährt, wo man sie unterbrach ..." (Es Folgen einige unwesentliche Schlusssätze und Höflichtskeitsformeln gegenüber dem hohen Empfänger des Gutachtens.) Die Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen reden also eine ganz andere Sprache als Dr. Ebner. Aber nur dem letzteren wurde geglaubt, weil man seine Aussage haben wollte. Daher auch das Verschweigen der beiden anderen Zeugnisse in den gegnerischen Publikationen! ,,Neque verum occultando" (can 1794 CIC)?
97 V. EINWÄNDE UND WIDERLEGUNGEN Wer die seinerzeit im Zusammenhang mit dem Schippacher Kirchenbau gegen Barbara Weigand, ihre Worte und Werke veröffentlichten Drucker- zeugnisse heute durchliest, kann es kaum für möglich halten, daß damals ein solcher Ton gerade aus geistlichen Federn gegen Schippach angeschla- gen wurde. Diese Ausdrucksweise, dieses tiefe Niveau der Sprache, diese Spottartikel, haben sich inzwischen selbst gerichtet; sie bedürfen keiner Widerlegung mehr. Auch von den vielen sachlichen Unrichtigkeiten in jenen Publikationen haben wir bereits einige am einschlägigen Orte zurückgewie- sen. Um aber diese Widerlegung möglichst vollständig zu gestalten, sollen im folgenden jene noch nicht besprochenen Anklagen gegen Schippach mit kritischem Auge geprüft werden. Diese Anklagen betrafen angebliche Ver- stöße gegen den Glauben, angebliche Irrtümer gegen die Mariologie, die angeblich falsche Schippacher Engellehre, Einwände gegen den Liebesbund, gegen den Kirchenbau, gegen die Person der Barbara Weigand und sonstige Beanstandungen.
1. Angebliche dogmatische Verstöße Es besteht nicht der geringste Zweifel, daß die Schippacher Offenbarun- gen wie alle Privatoffenbarungen mit dem Maßstab korrekter dogmatischer Theologie gemessen werden müssen, wie wir schon in den grundsätzlichen Bemerkungen über die Lektüre mystischer Schriften des näheren ausgeführt haben. Finden sich in Privatoffenbarungen offenkundige dogmatische Irrtü- mer, so können solche unmöglich von Gott stammen; denn ,,Gott kann nicht irren und nicht fehlen." Aber es gilt auch hier die wissenschaftliche Forderung, die kirchliche Lehre dogmatisch genau zu nehmen, nicht subjektive Privatmeinungen für kirchliche Lehre auszugeben und auf Grund eigener schiefer Ansichten die Aussprüche der Mystiker in Verruf zu bringen, wie es nach Ausweis der Geschichte der Mystik nicht selten schon geschehen ist. Die rabies theolo- gorum hat schon mehr als einen guten Menschen zur Strecke gebracht. Auch wird es angesichts der geschichtlichen Tatsache, daß sich der Irrtum auch in solche Privatoffenbarungen einschleichen kann, welche allgemein als echt angesehen werden, gut sein, einmal die wichtigsten Quellen zu besehen, aus welchen Irrtümer entspringen können. Wie der Mystiker selbst, so erwähnen auch die Kenner der mystischen Theologie immer wieder die große Schwierigkeit, wenn nicht geradezu Unfähigkeit, die innere Erfahrung in Worte zu kleiden. In dieser Schwierig- keit für das innere Erlebnis den adäquaten sprachlichen Ausdruck zu
98 finden, sehen die Theologen eine erste Quelle für das Entstehen von Irrtümern in Privatoffenbarungen. Gar einfach schildert die Schwester von der Geburt ihrem Beichtvater Genet diese Schwierigkeit: ,,Gott lässt mich zuweilen auch bloß die Dinge schauen, ohne mir die passenden Ausdrücke für dieselben mitzuteilen. Dies bringt mich oft in große Verlegenheit und macht mir viel zu schaffen, bis mir Gott zuweilen zu Hilfe kommt und sagt: Sieh, das mußt du so ausdrücken! In diesem Fall wird es mir leichter und ich finde daran sogar Freude. Geschieht dies aber nicht, so muß ich selbst nach einem Ausdruck suchen." Der Beichtvater erwidert der Schwester: ,,Wenn Gott Ihnen zuweilen bloß das Wesen, den Grund einer Sache zu erkennen gab, die Wahl der gehörigen Ausdrücke jedoch Ihnen selbst überließ ..., so sollen Sie oder Ihr Berichter- statter ... in die Sache mit dem Verstand tiefer eindringen, nicht bloß leiden- de Werkzeuge des Heiligen Geistes sein." Die Schwester empfand des öftern diese Schwierigkeit: ,,Ich sehe Dinge in Gott, deren Wahrheit ich wohl fühle, in die ich aber nicht näher eindrin- gen kann ... Ich habe zwar das gehörige Verständnis davon, kann aber die passenden Worte dazu nicht finden." Richstätter kommt wiederholt auf diese Schwierigkeit zu sprechen und zitiert Gerson, den heiligen Johannes vom Kreuz, Denifle und Martin, welcher bei der dritten Zentenarfeier des Todes der heiligen Theresia erwähnte, wie schwer es der Heiligen gefallen sei, verständlich zu machen, was die Seele bei der Beschauung empfinde. Er selber fügt dann bei: ,,Sobald der Mystiker das rein geistig Geschaute in materielle Wortbilder kleiden will, erhebt sich für ihn nicht bloß eine große Schwierigkeit, sondern es kann hier auch eine Fehlerquelle liegen, da er das Geschaute nicht ganz richtig wiedergibt oder da die Bilder, die er gebrauchen muß, von andern nicht richtig gedeutet werden." Manchmal kann es auch vorkommen, daß der Mystiker die ihm gewor- dene Offenbarung falsch versteht, d.h. anders deutet, als sie ihm von Gott gegeben ist. Wenn der Mystiker seine Aufgabe, seine Mission, nicht richtig erfasst, wird er auch die ihm gewordene Offenbarung nicht richtig verste- hen, wird vielleicht zu viel, vielleicht zu wenig herauslesen, kann vielleicht den Zusammenhang nicht herstellen, wenn ihm Gott die Offenbarung bloß teilweise gibt und die Ergänzung ihm selber überlässt. ,,Eine himmlische Offenbarung", sagt Poulain, ,,kann bisweilen falsch verstanden werden von dem, der sie empfängt. Der Grund hiervon liegt manchmal in der Unbe- stimmtheit der Offenbarung. Gott gibt hie und da nur halbes Erkennen. Seine Worte haben oft einen tieferen Sinn, den man nicht versteht."
99 ,,Gerade bei geschichtlichen Visionen gebe Gott die Szene oft nur in großen Umrissen ... Wer ihnen also eine klare, absolute Genauigkeit beilegt, täuscht sich." ,,Gott pflegt", sagt P. Ehrle, ,,den heiligen Stiftern die allgemeinen Umris- se der von ihnen auszuführenden Werke einzugeben; doch die genauere Detaillierung derselben überlässt er nicht selten den ,,Zweiten Ursachen", den Vorkommnissen und Erfahrungen ihres Lebensganges, womit eine gewisse allmähliche Entfaltung ihrer Stiftung gegeben ist." So könne natürlich bei Personen, denen die Gesetze höherer Eingebun- gen verborgen seien, die Gefahr eines falschen Verstehens einer Offen- barung sehr nahe liegen. Einen typischen Beleg hierzu haben wir dort, wo die Jungfrau von einer Vision berichtet, in welcher von ihrem Tode die Rede war. ,,O wie freue ich mich", schreibt sie nachträglich zu dieser Offenbarung, ,,denn das Jahr 1916 wird mein Sterbejahr sein ... Am Herz-Jesu-Fest 1894 wurde mir dieses zu wissen getan, daß ich in meinem 70. Lebensjahr anfangen soll, mich auf mei- nen Tod vorzubereiten." Man erkennt hier deutlich den Unterschied zwischen Offenbarung und Deutung. Geoffenbart wurde ihr, sie solle in ihrem 70. Lebensjahr (d. i. nach dem 10. Dezember 1915) anfangen, sich auf ihren Tod vorzubereiten; sie aber verstand diese Offenbarung in dem Sinne, daß sie unmittelbar danach, also im Jahre 1916, auch schon sterben würde. Tatsächlich liegt aber in jener Offenbarung nur die Vorhersage, daß sie 70 Jahre erreichen werde, und daß dann ihr Lebenswerk vollendet sei. Beides ist buchstäblich eingetroffen. Dagegen hat sich ihre falsche Deutung, daß sie unmittelbar nach Erreichung des 70. Lebensjahres auch schon sterben würde, nicht erfüllt. Eine weitere Quelle von Irrtümern kann in dem Umstand erblickt werden, daß bei allen Visionen und Offenbarungen die menschliche Aktivität im Spiele ist, und daß sich der Ideengehalt in der Ekstase oft an den Ideengehalt der Seele vor der Ekstase anschließt. Die Theologen sehen gerade in der Erhaltung der menschlichen Eigenart und Geisteskraft beim mystischen Erlebnis ein gesundes Zeichen echter Mystik. Da ist es doch ganz natürlich, daß der menschliche Faktor auch der Fallibilität tributpflichtig bleibt. So meint Poulain, wenn sich im mystischen Zustande Sinnenbilder und Vernunftschlüsse fänden, so rührten diese wenigstens teilweise von unserer Mitwirkung her. ,,Das gehört aber nicht zum Wesen der mystischen Vereinigung, es ist vielmehr reine Zutat." Daher erleben wir es auch, daß selbst die echten Privatoffenbarungen oft das individuelle Antlitz der betreffenden Person aufweisen. ,,Daß bei der
100 Wiedergabe von Visionen ... die Eigenart der Persönlichkeit und die eigene Gedankenwelt sich ausprägen muß, ist selbstverständlich und es wäre unbillig, sich daran zu stoßen. Unbillig wäre es aber auch, jeden Ausdruck bis zum äußersten ausdeuten zu wollen und das, woran der Mystiker gar nicht gedacht hatte, hineinlegen zu wollen." Wie sehr haben sich die Gegner von 1916 gerade auch gegen diese Aus- legungsregel verfehlt, indem sie ganz rechtgläubig klingenden Wendungen einen an den Haaren herbeigezogenen falschen Sinn unterschoben! Übrigens hat Barbara Weigand schon in ihrem Appellationschreiben vom 1. März 1918 an den Heiligen Vater gegen jene falsche Deutung ihrer Worte feierlich Verwahrung eingelegt: ,,Die Unterzeichnete erklärt, daß sie ihre Worte niemals in dem häretischen oder sonstwie glaubenswidrigen Sinne ausgesprochen hat, welchen Dr. Brander in diese Worte hineinzulegen sich bemüht." Auch den zum Beweise der Unechtheit der Weigandschen Offenbarun- gen herangezogenen Umstand, daß sie bei der Mainzer Prüfung im Jahre 1900 den Vornamen des Bischofs Ketteler mit Viktor Emmanuel statt mit Wilhelm Emmanuel wiedergegeben habe, kann aus dem Fortbestehen der vorekstatischen Gedankenwelt sehr wohl erklärt werden, wenn er nicht auf das Konto der nachträglichen Berichterstatter an das Ordinariat zu setzen ist (ein Protokoll wurde ja damals nicht geführt!). Irrtümer können auch daher rühren, daß andere die Ausdrücke der Mystiker falsch verstehen. ,,Für alle", sagt Richstätter, ,,bleibt die nicht geringe Schwierigkeit, die Ausdrücke so zu verstehen, wie sie vom Mystiker gemeint sind." ,,Es ist mir kaum jemals so klar geworden ..., wie vorsichtig man mit solchen Ausdrücken sein muß. Ehrlich gestanden: ich bin entsetzt, wie falsch sie verstanden sind. Sie bezeichnen jene inneren Gnaden treffend für diejenigen, die sie verstehen, aber andere können damit das Heiligste profanieren." Eine häufig vorkommende Fehlerquelle entspringt aus der falschen Aufzeichnung der Schreiber. ,,Die Schreiber können leicht, ohne es zu wollen, den Text verändern. Sie geben bei der Wahl der Ausdrücke ja doch immer etwas von dem ihrigen hinzu. Sie glauben oft mit gutem Gewissen ganze Sätze beifügen zu dürfen, um die Offenbarung klarer zu machen. Wir wissen, sagen sie, daß die Heilige es so meint." Man erwäge zudem, mit welcher Schnelligkeit manche Begnadigte während und nach der Ekstase gesprochen haben: Die heilige Magdalena von Pazzi z. B. sprach oft so rasch, daß sechs Schreiber zum Aufzeichnen notwendig waren. Auch Zahn gibt die Möglichkeit visionärer Irrungen infolge Schuld der Schreiber zu.
101 Den Hinweis Poulains auf Lataste ergänzt er durch das Beispiel von der heiligen Gertrud, von deren Offenbarungen das erste Buch und der Schluß- teil des fünften Buches gar nicht von Gertrud, sondern von einer ihrer Mitschwestern verfasst seien, und den Hinweis auf die heilige Brigitta, deren Sekretär vom Heiland ausdrücklich gestattet worden sei, ,,um der Schwachen willen beizufügen, was notwendig und nützlich sei." Der heiligen Hildegard wurde in einem Gesichte aufgetragen, ihre Offen- barungen zwar aufzuschreiben, aber die Form von einem anderen feilen zu lassen, ,,der nach den feststehenden Regeln der Grammatik die Casus, Gene- ra und Tempora in Ordnung brachte." Ich meine, wenn schon in approbierten Privatoffenbarungen solche Umstände nicht gegen die Echtheit zeugen, man dürfe dann auch in den Weigandschen Offenbarungen Irrungen, die offenkundig auf das Konto der Schreiberinnen und der Abschreiber zu setzen sind, nicht gegen die Echtheit jener Mitteilungen ins Feld führen, zumal ja die Aufschreiberinnen bei dem starken Redestrom der Jungfrau unmöglich mitkommen konnten und viele Offenbarungen sehr gekürzt aufgeschrieben wurden. Die Irrtümer also, welche aus solchen Quellen fließen, hindern keines- wegs, den damit behafteten Offenbarungen Vertrauen zu schenken. Was Irrtum ist, bleibt Irrtum, aber deswegen braucht noch lange nicht alles Irr- tum zu sein. Bedenklicher ist jedoch eine andere Gruppe von Irrtumsquellen, wie Gedächtnisschwäche, Verstellung, leichte Phantasie, Abhängigkeit von der Zeitanschauung, Mangel an Leitung, Mangel an Askese, Einfluss des Satans. Zum ersten meint Poulain, Täuschung des Gedächtnisses könne natür- lich bei echten wie bei falschen Mystikern vorkommen und darum an sich noch keine Instanz gegen die Echtheit solcher Mitteilungen bilden. Nun mußte aber jeder, der Barbara Weigand kannte, über die Frische des Gedächtnisses staunen, deren sich selbst noch die Greisin erfreute; Mittei- lungen, die ihr vor dreißig und vierzig Jahren gegeben worden waren, trug sie noch in hohem Alter mit lebendiger Anschaulichkeit vor. Diese Kraft ihres Gedächtnisses fiel schon dem sie im Juli und August 1896 beobachten- den Arzte, Sanitätsrat Dr. Müller, auf und bewog ihn zu der Bemerkung: ,,In den Schriften kommt oft vor: dann und dann habe ich dir das und das gesagt, was ich nachgeschlagen und wirklich so gefunden habe; eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor." Daß Barbara Weigands Ekstasen, Visionen und Offenbarungen nicht auf Verstellung, d.h. wissentlichen Betrug beruhen, ist so gewiss, daß jedes Wort hierzu überflüssig sein dürfte. Es sei nur hingewiesen auf Zff. 2 des amtli-
102 chen Urteils des Ordinariates Mainz vom 14. August 1900, wo bestätigt wird, ,,daß genannte Barbara Weigand durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt", und auf die Aussagen ihres Beichtvaters Dr. Velte vom 30. März 1911 und 24. Juni 1912, wo der Dekan von St. Ignaz die Überzeugung ausspricht: Für wissentlichen Betrug kann und darf ich es nicht ansehen ... Barbara teilte mir manchmal ihre Visionen mit, und ich halte dieselben nicht für wissentlich Erdichtetes ... daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Schon Bischof Haffner hatte 1896 denselben Eindruck gewonnen: ,,Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht." Phantasie oder Selbsttäuschung? ,,Auch eine redliche Person", meint Poulain, ,,kann durch ihre lebhafte Phantasie oder ihren zu lebhaften Geist getäuscht werden." Die Autoren schreiben nun mit Recht die üppig blühen- de Phantasie einem leicht erregbaren Nervensystem und einer schwäch- lichen Körperkonstitution zu. Nun war aber Barbara Weigand zeitlebens eine Person von kräftiger Gesundheit, robustem Körperbau und starken Nerven, um die ich noch die Achtzig- und Neunzigjährige aufrichtig benei- det habe. Daß aber im Rahmen der menschlichen Tätigkeit manchmal auch ihre Phantasie mitgespielt haben kann, daß Barbara sich auch hie und da einmal getäuscht haben kann, wird kein vernünftiger Mensch bestreiten wollen; doch wird man nicht alles als Selbsttäuschung bezeichnen dürfen. Poulain gibt zur Unterscheidung einen guten Rat: beobachten. ,,Oft muß man lange beobachten", sagt er, ,,bis man Klarheit bekommt." Merkwürdi- gerweise aber wurde der Vorwurf, Barbara Weigands Visionen und Offen- barungen beruhten auf Selbsttäuschung, gerade von solchen erhoben, die die Jungfrau nicht oder fast niemals beobachtet hatten. Die Abhängigkeit von der Zeitanschauung kann eine weitere Quelle von Irrtümern bilden, wie die Geschichte der Mystik an zahlreichen Beispielen ersehen lässt. So finden sich z. B. die schärfsten Gegensätze der theologi- schen Schulen in bezug auf noch nicht definierte Glaubenswahrheiten in echten, approbierten Offenbarungen, aber es konnte doch nur die eine Meinung richtig sein. Wenn die heilige Katharina von Siena, wie sie angibt, vom Herrn belehrt wurde, seine heiligste Mutter Maria sei mit der Erbsünde behaftet gewesen, so folgte sie einfach der damaligen Anschauung ihres Ordens. Eine solche Offenbarung gehörte aber nicht zu ihrer Mission. Denn ,,es entspricht der milden Weisheit Gottes, daß auf den Gebieten, welche außerhalb des besonderen Zweckes der Vision und der Sendung liegen, die Begnadigten auf der ihrem Milieu entsprechenden Erkenntnisstufe verblei- ben." Die heilige Theresia und die heilige Katharina von Pazzi täuschten sich über den Ursprung ihrer Ordensregeln, weil sie hierin einfach der Zeit-
103 anschauung folgten. Hinsichtlich der Örtlichkeiten und Persönlichkeiten bei den Leidensszenen des Herrn finden sich in approbierten Privatoffenbarun- gen verschiedene Angaben, wie sich denn sogar die Evangelien, gewiss ,,echte Offenbarungen", manchesmal über eine wahre Begebenheit verschie- den äußern. Sind nicht solche Beobachtungen geeignet, gewisse Entgleisun- gen Barbara Weigands außerhalb ihrer Mission zu erklären, ohne ein verwerfendes Verdikt auf alle ihre Auditionen auszudehnen? Als gefährliche Quelle von Irrtümern gilt dämonischer Einfluss; er spielt bekanntlich im Leben fast aller Visionäre eine große Rolle. Woran aber erkennt man Offenbarungen, die vom bösen Feinde stammen? Klassisch einfach antwortet hierauf Poulain: ,,Offenbarungen, die vom Teufel ausge- hen, sind immer darauf gerichtet, Gutes zu hindern oder Böses zu stiften." Glaubt nun wirklich jemand, die Schippacher Offenbarungen über den Liebesbund und seine edlen Bestrebungen, über die Einführung der öfteren heiligen Kommunion, über mutiges und offenes Bekenntnis des katho- lischen Glaubens, über den Geist der Entsagung, des Opfers, der Buße und des Gebetes, über die Erbauung einer schönen Kirche zu Ehren des Eucha- ristischen Königs, über die Hochschätzung des Priesterstandes und die Pflicht zu seiner Unterstützung: glaubt wirklich jemand, diese Offenbarun- gen stammten vom Teufel? Wenn solche Gedanken das Werk des Teufels sind, dann bin ich, wie einst Bischof Räß einmal geäußert hat, ganz gern geneigt, ihm ein Dummheits- zeugnis auszustellen. Die aller Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und christ- licher Liebe bare Pressehetze gegen Barbara Weigand, das Trümmerfeld von Schippach, dieses himmelschreiende scandalum mit seiner jahrelangen Ver- ursachung von Sünden, scheint aber viel eher in die Arbeitsweise Satans hineinzupassen, der seit dem unseligen Tage, an dem die Polizei die Bauleute von der Schippacher Sakramentskirche vertrieb, im Elsavatal viel Gutes hinderte und viel Böses stiftete. Wir sehen also, daß Irrtümer in Privatoffenbarungen mancherlei Ursachen haben können und deswegen an sich noch keine Instanz für deren generelle Ablehnung bilden. Das ist katholische Lehre, die der Moralist Göpfert in die Worte kleidet: ,,Die Offenbarungen können nicht den Anspruch auf allseitige objektive Tatsächlichkeit ihres Inhaltes erheben, was schon daraus hervorgeht, daß sie bei verschiedenen begnadigten Personen sich widersprechen; es kann eben das wirklich Geoffenbarte mit dem schon vorhandenen Vorstellungsinhalt sich mischen und in die Darstellung des Geschauten selbst kann sich der Irrtum einschleichen." Nun hat Barbara Weigand ihre Visionen und Auditionen entweder nur nachträglich, die meisten aber überhaupt nicht selber dargestellt, so daß ein
104 authentischer Text bekanntlich nicht vorliegt. Wenn also in den Schippacher Schriften Schreib- und Dialektfehler, Anakoluthe, sprachlich mangelhafte Satzbildungen vorkommen und wenn die Schreiber und Abschreiber die darin erwähnten Namen von lebenden Personen nicht ausschreiben, sondern dafür den Buchstaben N. oder Zahlen setzten, so hat dies mit dem von Barbara Weigand wirklich Geschauten nichts zu tun und durfte auch nicht als ,,sicheres Zeichen der Unechtheit" bezeichnet werden. Auch sind Privatoffenbarungen nicht dazu da, um unsere Kenntnisse in der Gramma- tik, Orthographie oder dem Satzbau zu bereichern. Wer sie an solchen Maßstäben misst, zeigt damit nur, daß er von der Wissenschaft der mysti- schen Theologie nicht einmal die Elemente sein eigen nennt. Selbst tatsäch- liche Irrtümer finden sich, wie wir gesehen, in echten und approbierten Pri- vatoffenbarungen. Zwar bleibt es zu aller Zeit wahr, was die Gegner Schip- pachs mit so großer Emphase, wenn auch ganz unnötig, gerufen haben: ,,Gott kann niemals irren oder fehlen!" Diese Binsenwahrheit bestreitet kein Freund Schippachs; aber die Menschen können irren und fehlen. Wo darum ein Irrtum in Privatoffenbarungen festgestellt ist, da ist dieser Irrtum von den Menschen gekommen aus den oben besprochenen Quellen. Solche Irr- tümer scheidet man bei der Drucklegung von Privatoffenbarungen aus oder, wenn man sie in den Druck mit aufnimmt, fügt man - diesen Rat gibt Pou- lain - die Bemerkung bei: ,,Hier hat sich die begnadigte Person getäuscht." Wenn man von einzelnen Irrtümern sogleich auf den Irrtum des Ganzen schließen wollte, wieviele Privatoffenbarungen blieben denn dann noch ,,echt"? Poulain zählt 31 Heilige und Selige auf, welche in ihren Visionen und Offenbarungen ganz oder teilweise dem Irrtum tributpflichtig gewor- den sind. Der Augustinerchorherr Amort beanstandet in seinem Werke De revelationibus regulae tutae manches bei der heiligen Gertrud, der seligen Veronica von Binasco und der ehrwürdigen Maria Agreda, bei dieser sogar über 400 Sätze. Trotz ihrer 133 Verstöße gegen den Glauben wurde die heili- ge Brigitta kanonisiert und werden jene Schriften, in denen es von Irrtümern ,,nur so wimmelt", mit Erbauung gelesen und die Oration zu ihrem Feste rühmt trotz alledem, daß Gott sie mit übernatürlicher Erleuchtung ausge- zeichnet hat (Domine Deus noster, qui beatae Birgittae per Filium tuum unigenitum secreta caelestia revelasti). Auch in den Offenbarungen der Schwester Maria vom göttlichen Herzen Jesu, Droste zu Vischering, welche die Weltweihe an das heiligste Herz Jesu anregte, ist durchaus nicht alles echt, aber Poulain bemerkt dazu sehr vernünftig: ,,Wir haben in denselben wieder ein konkretes Beispiel, wie vorsichtig übernatürliche Mitteilungen einzeln zu prüfen sind, sowie auch, daß einige nicht echte noch keinen hinreichenden Grund liefern, alle als unecht zu erklären."
105 Wenn es also selbst in approbierten Privatoffenbarungen Verstöße gegen den Glauben gibt, wenn solche Irrtümer keineswegs mit der Echtheit in Widerspruch stehen, wenn solche Verstöße fast naturnotwendig mit der menschlichen Mitwirkung bei der Verarbeitung des Geschauten gegeben
sind, wenn die Kirche solchen Verstößen kein Gewicht beilegt: dann
widerstreiten auch etwaige Irrtümer in den Schippacher Schriften nicht von
vornherein deren Echtheit. Das wird uns die folgende Untersuchung deutlich erweisen.
a) Die Mission der Barbara Weigand Der Anspruch der Schippacher Jungfrau, für unsere Zeit eine besondere Aufgabe zu haben, verfiel vor einem Menschenalter der schroffsten Ableh-
nung. ,,Barbara Weigand", so heißt es z. B. ironisch in einem weitverbreiteten Buche, ,,ist für unsere Gegenwart mit einer außerordentlichen Mission von Gott betraut; sie ist das Sprachrohr und das Werkzeug Christi, durch welches er das Volk Gottes auf den rechten Weg zurückführen will." Ein solcher Anspruch ,,widerspreche klar dem katholischen Glauben" und sei
nichts als eine Anmaßung. Es bedürfe zudem für unsere Zeit keiner
außerordentlichen Mittel zur Rettung der Welt; die Macht und die Kraft des
Evangeliums seien dieselben wie zu den Zeiten der Apostel; die Welt von heute
sei nicht schlechter als die damalige. Wir Priester seien schon allein
imstande, mit der Bekehrung der Welt fertig zu werden, auch ohne charismatisch Begabte à la Barbara Weigand. Wenn einst die Apostel, ausgerüstet mit der
Lehre und den Gnadenmitteln Christi, ausgezogen seien, um eine heidnische Welt zu bekehren, warum sollte es heute nicht mehr möglich sein? So die Anklage. Gehen wir den einzelnen Anklagen etwas nach! Also Barbara Weigands Meinung, eine besondere Aufgabe für unsere Zeit zu haben, soll ,,klar dem katholischen Glauben widersprechen!" Was hat nicht im Leben der Schippacher Jungfrau alles dem katholischen Glauben widersprechen sollen! Ob sie mit einer solchen Mission wirklich von Gott
betraut war, wissen wir zwar nicht und ihre diesbezügliche Meinung konnte objektiv irrig sein, aber dem katholischen Glauben widersprach eine
solche Meinung keineswegs. Welchem katholischen Glaubenssatz widerspricht es, wenn Barbara Weigand sich mit einer außerordentlichen Mission betraut glaubte? Wann und wo ist ein katholischer Glaubenssatz aufgestellt worden, daß man sich nicht mit einer außerordentlichen Mission von Gott betraut glauben dürfe? In welchem Buche der Heiligen Schrift, auf welchem
Konzil, in welcher Kathedralentscheidung ist der Glaubenssatz ausgesprochen, niemand, und darum auch Barbara Weigand nicht, dürfe sich als Sprachrohr und Werkzeug Gottes betrachten? Einen solchen Glaubenssatz gibt es nicht. So etwas hat die katholische Kirche nie gelehrt. Wohl aber lehrt
106 die Kirchengeschichte, daß Gott zu allen Zeiten Männer und Frauen erweckt und mit einer besonderen Mission betraut hat. Diese geschichtliche Tatsache entspricht auch ganz der Fundamen- talwahrheit der mystischen Theologie, daß die mystische Gnade den damit Beschenkten nicht nur zur eigenen Heiligung (gratia gratum faciens), sondern vielmehr zum Wohle der Mitmenschen (gratia gratis data) verlie- hen wird. Zutreffend erinnert Zahn einmal an das Wort des heiligen Paulus: ,,Ich sehne mich, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile von geistiger Gnadengabe, um euch zu stärken", und bemerkt dazu, in jedem Mystiker lebe etwas von der Gesinnung des Weltapostels, von einer Gesinnung, die zur apostolischen Arbeit und zum Apostolat des Gebets für die Kirche hinführe. Diese Aufgabe sieht Zahn als den Hauptzweck der mystischen Begnadi- gung an, wenn er meint, die Charismata, ,,dienten zunächst nicht sowohl dem Seelenheil des einzelnen charismatisch Begabten, als vielmehr der Förderung des Reiches Gottes in den Seelen, in der Welt." ,,Weil die Mystik nach den Gesetzen des Reiches Gottes sich regelt, muß sie auch mit vollem, tätigen Ernst sich beteiligen, wenn im großen Chor der Menschheit das Adveniat regnum tuum gebetet wird. Der Mystiker wird bereit sein, mit hinauszufahren auf das Meer dieser Welt, wenn es gilt, die Netze in ihre Fluten einzusenken, um Seelen zu gewinnen." Ganz so Meschler. ,,Die Gnadengaben sind übernatürliche Kräfte und Tätigkeiten, welche der Kirche verliehen sind zum geistlichen Nutzen anderer, nicht zur Heili- gung des Trägers derselben ... die Gnadengaben werden nicht zur Heiligung
und Vervollkommnung dessen verliehen, der sie empfängt, sondern vielmehr zum Nutzen anderer und der gesamten Kirche." Vom Gedanken, Träger einer Mission zu sein, waren darum auch alle echten Mystiker erfüllt. Alle, welche eine nach außen hervortretende apostolische Tätigkeit entfalteten, haben diese Tätigkeit begründet mit einer Weisung von oben, mit einem Auftrag Gottes. Man lese nach, wie Juliana
von Lüttich die Einführung des Fronleichnamsfestes, wie Maria DrosteVischering die Weltweihe an das Heiligste Herz Jesu, wie Margarete Maria Alacoque die Feier der Herz-Jesu-Freitage, wie die heilige Theresia die
Reform ihres Ordens, wie der heilige Johannes vom Kreuz seine Ordensstatuten, wie Bernadette Soubirous die Erbauung der Lourdeskapelle, wie der heilige Simon Stock die Gründung der Skapulierbruderschaft, wie Euphemia Dorer Ordensreform und Herz-Jesu-Verehrung, wie Benigna Consolata, die heilige Theresia vom Kinde Jesus, der heilige Franz von Assisi, die selige Julie Billiart, die Kinder von Fatima ihre Aufgaben begrün-
107 den: immer sind es Befehle vom Himmel her, welche die Begnadigten antrei- ben, auch unter den größten Schwierigkeiten, für ihre Ideen zu wirken. ,,Ich will dich zum Werkzeug gebrauchen, um viele Seelen zu retten", nach diesem Weckrufe des Herrn handelten ungezählte große Gestalten unserer Kirchengeschichte. Selbstverständlich konnten und durften die Begnadigten solche Aufträge
nicht verheimlichen, sondern mußten sie zur Kenntnis der zuständigen Stellen
bringen. Darum ist auch die Behauptung, die man gegen Barbara Weigand richtete: das Hintragen ihrer inneren Erleuchtungen zu den Bischöfen widerspreche dem Charakter echter Mystik, völlig abwegig. Überall, wo die Mystiker sich berufen fühlten, in einer Sache anregend zu wirken, haben sie - trotz zeitweiliger Verbote - nicht geschwiegen. Nun berichtet Barbara mehr als einmal, vom Herrn die Stimme vernommen zu haben: ,,Du mußt immer wieder die Vorgesetzten um die öftere Kommuni- on bitten, und du wirst diese Gnade erlangen, wenn du einmal deinen Willen dem meinigen ganz unterworfen hast. Du sollst das Werkzeug sein, dessen ich mich bedienen will, um auch anderen dieses Glück zu verschaf- fen." ,,Sieh, jetzt habe ich dir dieses Glück verschafft; sorge aber auch dafür, daß es anderen ebenso zuteil werde. Gehe zu deinem Bischof und sage ihm, es sei mein Wille, daß die öftere Kommunion überall eingeführt werde." Wenn wir uns nun in die Lage der Jungfrau hineinversetzen und mit ihr fühlen, wie es die mystische Theologie gebietet, was mußte dann Barbara Weigand tun, als sie diese Stimme vernahm? Nach der Lehre der katholischen Moral mußte sie der Stimme folgen. Das war kein ,,Größenwahn" und keine ,,eitle Ostentationssucht", sondern einfach Gehorsam gegen die Stimme - wenn nicht Gottes - dann wenigstens ihres Gewissens. ,,Es ist gut, das Geheimnis des Königs zu verbergen, aber ehrenvoll ist es auch, die Werke Gottes zu offenbaren und zu preisen." Auch die Ablehnung der Weigandschen Mission mit dem Ausrufe, wir Priester bräuchten keine außerordentlichen Mittel zur Rettung der Welt, wir würden schon allein mit deren Bekehrung fertig, klingt reichlich selbst- bewusst. Eine solche Sprache dürfte uns heute angesichts des allgemeinen religiösen und sittlichen Niedergangs gewiss nicht mehr anstehen. Oder haben wir die deutsche Überheblichkeit auch in religiösen Dingen noch nicht aufgegeben? Wenn wir Priester es allein in der Hand haben, eine heidnische Welt zu bekehren, warum sieht es denn dann in Stadt und Land so übel aus? Und die andere nicht weniger kühne Behauptung, die Welt von heute sei auch nicht schlechter als die heidnische zu den Zeiten der Apostel? Nun kann man ja über diese Frage verschiedener Meinung sein. Aber die Hirtenbriefe und Predigten der deutschen Bischöfe, die Weherufe aus den
108 Konzentrationslagern, die Leichenberge in den Krematorien und Gaskammern
und die Akten der Nürnberger Prozesse scheinen die ,,Schwarzseherei" der Schippacher Jungfrau doch ziemlich deutlich zu bestätigen. Sah sich nicht der Bischof von Würzburg, also von jener Stadt, in welcher die Anschuldigung der Jungfrau wegen ihrer ,,Schwarzseherei" erhoben wurde, genötigt, in seiner Silvesterpredigt vom Jahre 1949 über den Niedergang des religiösen Lebens in seiner Bischofsstadt bittere Klage zu erheben? Vernehmen wir seine Worte: ,,Noch eine zweite Sorge lässt mich unsere Silvesterbetrachtung mit der Not beginnen. Ich fürchte, es möchte neben dem knappen Brot und dem fehlenden Geld die viel ernstere seelische und sittliche Not übersehen werden, die ständig anschwillt. Der Zerfall unserer Familien schreitet erschreckend fort, die Entweihung der Ehen wird immer mehr zur Selbst- verständlichkeit. Im Vergleich zum Jahre 1938 ist im Jahre 1948 die Zahl der Ehescheidungen um ein Dreifaches gestiegen. In einem Zeitraum von vier Wochen wurde von 59 Paaren, von denen wenigstens ein Partner katholisch war, die Ehe eingegangen. 32 davon ließen sich vor dem Altar trauen, 27 gingen der Kirche verloren, davon 18 aus geschiedenen Ehen. Meine lieben Würzburger! Mir graut, wenn ich hundert Jahre weiter denke. Wo wird dann unsere Stadt stehen?" Solche Worte aus Bischofsmund sehen der ,,Schwarzseherei" der Schippacher Jungfrau doch recht ähnlich. Wenn die Würzburger Priester es in der Hand haben, solchen Niedergang zu steuern, warum tun sie es dann nicht? Zwischen der Ausrüstung der Apostel und unserer gewöhnlichen priesterlichen Ausrüstung besteht eben doch ein sehr großer Unterschied. Die Apostel waren nicht nur durch die Priesterweihe Ausspender der Geheimnisse Gottes, wie wir Priester, sondern verfügten über Charismata, die uns Priestern abgehen: die Gaben der Weissagung, der Unterscheidung der Geister, der Wunderkraft, der Sprachen, der Weisheit und Wissenschaft, der Krankenheilung, der Teufelsaustreibung, der Totenerweckung. ,,Wer an mich glaubt, wird die Wunder tun, die ich wirke, und noch
größere." ,,Wer glaubt, denen sollen Zeichen folgen: in meinem Namen werden sie ... in neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie Gift
getrunken haben, soll es ihnen nicht schaden." Gerade diesen außerordentlichen Gnadengaben aber verdankten die Apostel ihre beispiellosen Erfolge in der Missionierung, wie auch Meschler hervorhebt: ,,Die Kirche hat in den ersten Zeiten ihre rasche Verbreitung namentlich dem Gebrauche dieser Gnadengaben zu verdanken ... Der Unterschied der Kirche von heute und ehedem ist nur der, daß der Gebrauch dieser Geistesgaben, ehemals viel
109 häufiger, ja fast allgemein, war, jetzt aber nicht mehr ... In den ersten Zeiten galt es, dem Christentum gleichsam mit Gewalt Eingang zu verschaffen ... Der Heilige Geist sandte die Apostel schwach und arm an natürlichem Wissen und Vermögen in die Welt, um so mehr mußte
er sie ausrüsten mit übernatürlichen, wunderbaren Gaben." Diese Darstellung hört sich doch ganz anders an als die obige Auslassung des charismenleugnenden Schippachgegners vom Jahre 1916, der seinen Lesern weismachen wollte, die Apostel hätten keine andere Ausrüstung besessen als wir Priester von heute. Wenn es heute keine außerordentlichen Gnadengaben mehr zur Bekeh- rung der Welt bedarf, wenn unsere gewöhnliche priesterliche Ausrüstung genügt, warum erweckt denn dann Gott doch auch in unseren Tagen solche mit außerordentlichen Gaben beschenkte Menschen? Warum dann noch Lourdes und Fatima? Ist das nicht eine Verschwendung seitens Gottes? Wer so laut verkündet, unsere Zeit brauche keine Charismata, der leugnet Wesen und Aufgabe aller wahren Mystik, die ja gerade auch für die anderen da ist, wie wir oben bereits eingehend aus der mystischen Literatur erwiesen haben und wie es z. B. auch so treffend in der Oration auf das Fest der Wundmale des heiligen Franziskus heißt: Als die Welt zu erkalten begann, hast du, um unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am Leibe des heiligen Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneu- ert." Wie treffend betont gerade zu diesem Gegenstand Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, daß ,,solche mit Wundergaben ausgestattete Menschen niemals in der Kirche fehlen werden." ,,Bald - und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen für das Wachstum Seines geheimnisvollen Leibes." ,,Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den himmlischen Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Beken- nern hervorbringt." Am 1. Juni 1946 sprach vor dem Kardinalskollegium Papst Pius XII. die folgenden Worte: ,,Wir fühlen uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die Warnung in Erinnerung zu rufen, die der göttliche Heiland im Laufe der Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit durch einen Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!"
110 Darum halten wir es mit dieser päpstlichen Stimme, die Paul Bourget in die Worte gekleidet hat: ,,Nein, die Epoche der Wunder ist nicht abge- schlossen, aber es braucht Heilige - und die sind selten." Wir sehen: Barbara Weigands Glaube, vom Herrn mit einer besonderen Mission für unsere Zeit betraut worden zu sein, widersprach in keiner Weise dem katholischen Glauben. Wohl aber zeugt die Ablehnung der Charismata durch deutsche katholische Priester von jener rationalistischen Denkweise, gegen welche sich gerade um jene Zeit Papst Pius X. so energisch wenden mußte.
b) Barbara Weigand betreibe Sektiererei Wohl der schwerste Vorwurf, der gegen Barbara Weigand erhoben wurde, war jener der Sektiererei. Sie sei die Begründerin einer neuen Sekte, weil sich in ihren Offenbarungen der Satz finde: ,,Jeder meiner Diener, der sie (die Schriften) lesen wird, wird sie nicht lesen ohne geistigen Nutzen für seine Seele; denn er muß sich eingestehen, daß er ein Buch des heiligen Evangeliums liest, nicht als ob das Evangelium, das meine Kirche aufbewahrt, nicht genügte und als ob ich hier meiner Kirche ein neues in die Hand geben wolle, nein, aber jeder meiner Diener wird das Evangelium darin finden, d.h. mein Wort, meinen Geist." Ich frage: Gibt diese Stelle, zumal im Zusammenhang mit den anderen Äußerungen und dem ganzen Leben und Wirken der Jungfrau Barbara betrachtet, einem objektiven, ruhig denkenden, pietätvollen, leidenschafts- losen, unvoreingenommenen, wissenschaftlich prüfenden Leser wirklich das Recht, die Sprecherin mit dem schweren Verdikte der Sektiererei zu belasten? Sagt denn nicht Barbara in dieser Stelle ganz klar folgendes: a) Das Evangelium der Kirche genügt; b) ich will kein neues Evangelium bringen
und c) meine Schriften wollen mit dem Evangelium Christi übereinstimmen? Weist sie nicht schon im voraus den möglichen Vorwurf, sie ,,lehre" die Insuffizienz des kirchlichen Lehramts und der Heiligen Schrift, laut und feierlich mit einer dreimaligen Entrüstung zurück (,,nicht", ,,nein, nein")? In der Tat hat die Schippacher Jungfrau niemals die Insuffizienz des kirchlichen Lehramtes ,,gelehrt", wohl aber des öfteren betont, sie wolle mit ihren Worten die alten Wahrheiten ins Gedächtnis zurückrufen und bekräftigen, die Kirche und ihre Diener unterstützen; sie ruft auf zum Anschluss an Kirche und Priester, zum Gehorsam gegen die Gebote und Vorschriften der Kirche und preist in überschwänglichen Worten das Glück, dieser heiligen katholischen Kirche angehören zu dürfen. Einer Person, die solche
111 warme Worte für Kirche, Liturgie und Priester findet und in ihrem langen Leben allezeit eine treue Tochter dieser Kirche geblieben ist, darf man nicht den Vorwurf machen, sie betreibe Sektiererei.
c) fides divina Wer eine Analyse des mystischen Lebens einer Person geben will, darf nicht starre aprioristische Sätze unbesehen auf das Seelenleben der zu prüfenden Person übertragen, sondern muß versuchen, in die Seele eines solchen Menschen so tief als möglich einzudringen. Treffend bemerkt hier- zu der Religionspsychologe Guido Ferrandi: ,,Da nur der Mystiker imstande ist, seine religiösen Erfahrungen zu beschreiben, so muß der Psychologe, wenn er wirklich eine wissenschaftliche Methode befolgen will, seine Aussagen als Wahrheit hinnehmen ... Wer sie erklären will, muß sich auf den Standpunkt des Mystikers stellen". Wie in vielen anderen Erscheinungen, so hat man es auch dort nicht ver- standen, sich in die Seele der Jungfrau einzuleben, wo sie von dem Glauben an ihre übernatürlichen Mitteilungen spricht. Man machte es ihr nämlich zum Vorwurf, sie verlange für ihre Offenbarungen nicht bloß eine fides humana, sondern eine fides divina atque catholica. Nun befindet sich aber Barbara Weigand wie jeder Mystiker den ihr gewordenen Offenbarungen gegenüber in einer ganz anderen Lage als wir Außenstehende. Jene über- natürlichen Mitteilungen sind ihr unmittelbar gewiss, sie braucht dafür keine Beweise, sie hat sie ja gehört und gesehen, sie hat die innere intuitive Erkenntnis davon, oder wie Poulain sagt: ,,Was die Sicherheit der Mystiker (über ihre Visionen) betrifft, sind sie so überzeugt, wie ich sicher bin, ein Buch vor mir zu haben ... die großen Mystiker sind sicher über ihre Visio- nen". Ganz anders wir Außenstehende. Wir beurteilen solche Offenbarungen nur nach den Regeln der Glaub- würdigkeit, d.h. wir bringen ihnen bloß eine fides humana entgegen. Der eine von uns wird sie als probabiles und pie credibiles betrachten und dem- gemäß glauben, der andere dagegen nicht; denn überzeugen können uns die Mystiker niemals von sich aus mit Evidenz. Kann der Mystiker andere über- zeugen, fragt einmal Poulain und gibt darauf die Antwort: ,,Das wird ihnen nur bei solchen gelingen, die guten Willens ohne Vorurteil sind". Wir Außenstehende brauchen Gründe und Beweise, wenn wir solche Offenbarungen glauben sollen, der Empfänger dieser Stimmen jedoch nicht. Weil diesem die Offenbarungen intuitiv gewiss sind, kann er sich auch nicht in die Lage der Außenstehenden hineinversetzen und darum auch nicht begreifen, wie man diese Offenbarungen bezweifeln könne. Barbara Weigand glaubte deshalb an ihre Offenbarungen nicht bloß mit einer fides hum-
112 ana, sondern mit einer höheren fides, einer fides divina, d.h.
einem Fürwahrhalten auf die Autorität des in ihr sprechenden Gottes hin. Das ist der psychologische Prozess, der sich in der begnadigten Seele abspielt. Wenn die Begnadigte von den ihr gewordenen Offenbarungen nicht mehr hielte wie wir Außenstehenden, wäre es schlecht um sie bestellt. Wenn also Barbara Weigand an ihre Offenbarungen mit einer fides divina, d.h. einer absoluten Gewissheit glaubte, so entsprach dieser Vorgang völlig der Psychologie des Glaubens und auch der katholischen Glaubenslehre, wie z.B. Göpfert
ausdrücklich bestätigt: ,,Eine fides simpliciter divina, d.h. ein Führwahrhalten auf die Autorität Gottes hin muß
in demjenigen sein, dem besondere Offenbarungen von Gott gemacht worden sind". Dasselbe bestätigt uns Rahner S.J., wenn er es als allgemeine Lehre der Theologen bezeichnet, ,,daß
die Tatsache der Echtheit einer Privatoffenbarung so deutlich für den Visionär selbst sein kann, daß dieser berechtigt oder sogar verpflichtet ist, ihren Inhalt fide divina zu glauben". Barbara Weigands fides divina an ihre Privatoffenbarungen war sonach eine Erfüllung des christlichen Sittengesetzes, aber kein Verstoß gegen den katholischen Glauben.
d) Sühnegedanke Zu den anziehendsten, ganz zeitgemäßen Partien in den Schippacher
Offenbarungen gehören unstreitig die Äußerungen über unsere Sühnepflicht gegenüber dem beleidigten Herzen Gottes. Im Banne dieser hehren Aufgabe stand das ganze lange Leben der Jungfrau, wie uns das einschlägige Kapitel dieses Buches deutlich hat ersehen lassen. Aber auch dieses Ideal mußte sich ehedem schwere Anschuldigungen gefallen lassen. Da wurde im Jahre 1916 beanstandet, ,,daß die Schippacher Seherin das Beten, Sühnen und Leiden jungfräulicher Seelen zu conditio sine qua non für die Wirksamkeit der priesterlichen Tätigkeit macht. Das opus operatum des heiligen Messopfers wird in Frage gestellt und seine Wirksamkeit wiederum abhängig gemacht von der betenden Anteilnahme sühnender, mitopfernder Seelen. Ihr Sühnegedanke ... ist verquickt mit einer Reihe schwerer theologischer Irrtümer über die Heilsvermittlung, die Zuwendung der Erlösungsfrüchte Christi, den geistlichen Kirchenschatz usw. Insbesondere meint sie, sühnende Seelen müssten das Gnadenbrot ihren Zeitgenossen erst verdienen ... Barbara Weigand glaubt, daß auch für die Zuwendung
der Erlöserfrüchte ein neues Leiden notwendig sei. Da müssen nun büßende Seelen einspringen und an Stelle Christi die Zuleitung der Verdienste Christi ihren Zeitgenossen ermöglichen.
Das Sühneleiden dieser Personen wird so zur satisfactio vicaria,
zur stellvertretenden Genugtuung. Zu dieser stellvertretenden
Genugtuung wird man befähigt insbesondere durch die heilige
Kommunion, die uns zum zweiten Christus mache und seine Gewalt auf uns
übertrage ... Sie leugnet den dogmatischen Fundamentalsatz vom überfließenden
Genugtuungs-verdienst Christi ...
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