Barbara Weigand - Theologische Würdigung Seite 1

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Barbara Weigand im Urteil von  Bischöfen und Priestern
Verfasser:
Büttner, Holzamer, Günther, Lippert, Weihmann, Kleiser




Im Selbstverlag als Ur-Manuskript gedruckt
Gemäß den Dekreten von Papst Urban VIII. und der Heiligen
Ritenkongregation wird erklärt, daß diesen veröffentlichten
Darlegungen keine andere als die zuverlässig bezeugte menschliche
Glaubwürdigkeit beizumessen ist und nicht beabsichtigt ist,
in irgendeiner Weise dem Urteil der heiligen katholischen
und apostolischen Kirche vorzugreifen.

Das Dekret der Glaubenskongregation (A.A.S.N. 58-18 vom
29. Dezember 1966), das die Canones 1399
und 2318 aufhebt, wurde von Papst Paul VI. am 14. Oktober
1966 gebilligt und auf seine Anordnung veröffentlicht.
Auf Grund dieses Dekretes ist es nicht verboten, ohne
Imprimatur Schriften über Erscheinungen, Offenbarungen,
Visionen, Prophezeiungen oder Wunder zu verbreiten.




1. Auflage 2003

Die Manuskripte sind im Ur-Text belassen.

Copyright © und Herausgeber:
Schriftenapostolat Barbara Weigand Wolfgang E. Bastian,
Postfach 11 26, D-61362 Friedrichsdorf
Schriftleitung: Sekretariat Wolfgang E. Bastian,
Postfach 11 26, D-61362 Friedrichsdorf

Dieses Buch und seine Verbreitung wird aus Spendenmitteln finanziert.
Spendenkonto der Barbara-Weigand-Gesellschaft e.V.:
Nassauische Sparkasse (BLZ 510 500 15) Konto 245 098 979
Wolfgang E. Bastian (Hrsg.)




Barbara Weigand
im Urteil von
Bischöfen und Priestern

                  Verfasser:
          Msgr. DDr. Wilhelm Büttner
            Pfarrer Hugo Holzamer
          P. BonifatiusGünther,OCD
            P. Peter Lippert, S. J.
           Pfarrer P. M. Weihmann
           Pfarrer Engelbert Kleiser





Herausgegeben im Selbstverlag
Schriftenapostolat Barbara Weigand Wolfgang E. Bastian
Postfach 11 26 in 61362 Friedrichsdorf

 



Barbara Weigand
1845 - 1943

 Inhaltsverzeichnis


Begleitworte............................................................9

Büttner
THEOLOGISCHE PRÜFUNG UND WÜRDIGUNG
I. DIE SCHIPPACHER SCHRIFTEN .............................11
1. Entstehung der Schriften von Barbaras Hand,
von Luise Hannappel und von Hausgenossen..................13
Die Aufzeichnungen von Barbaras Hand........................13
Die Aufzeichnungen von Luise Hannappel......................15
Die Aufzeichnungen der Hausgenossen ........................17
2. Abschriften und Verbote .........................................17
3. Authentizität der Schriften ...................................19

II. DIE SCHIPPACHER OFFENBARUNGEN................23
1. Die Rechtslage ........................................................23
2. Allgemeines über den Charakter der Aufzeichnungen .........27
3. Grundsätzliches zur Beurteilung der Schriften ...................29
a) Die Grenzen der wissenschaftlichen Zuständigkeit ...............29
b) Verständnis für die mystische Sprache.............................31
c) Fühlen mit dem Mystiker..............................................34
d) Zurückhaltung im Urteil...........................................35
e) Die kirchlichen Vorschriften ........................................36
4. Kriterien für die Echtheit...............................................37
5. Die guten Wirkungen der Schippacher Mystik...................45
6. Bewährung in Zeit und Kritik .........................................51

III. DIE KIRCHENBEHÖRDLICHEN PRÜFUNGEN.............53
1. Bischof Haffner Jahre 1896 ...................................53
2. Ordinariat Köln im Jahre 1909......................................55
3. Ordinariat Freiburg im Jahre 1914 .................................56
4. Ordinariat Würzburg im Jahre 1916 ..................................62
a) Das Verhör der Barbara Weigand am 5. Januar 1916..............64
b) Die Prüfung der Weigand'schen Offenbarungen und Werke ........69
IV. DIE TRÄGERIN DER OFFENBARUNGEN .............................73
1. Nachträge zu ihrem Sittenbild .............................................73
2. Die gesunde Jungfrau.........................................................77
a) Grenzen der ärztlichen Prüfungsmethode .................................78
b) Das physiologische Bild der Ekstasen....................................82
c) Ursachen und Kennzeichen der Hysterie .......85
d) Unter der Brille des Arztes..........................93

V. EINWÄNDE UND WIDERLEGUNGEN ..........98
1. Angebliche dogmatische Verstöße.........................................98
a) Die Mission der Barbara Weigand .................106
b) Barbara Weigand betreibe Sektiererei..................................111
c) fides divina..............................112
d) Sühnegedanke...........................................................113
e) Eucharistisches Herz Jesu ...........................120
f) Fegefeuer ................................124
2. Angebliche Irrtümer gegen die Mariologie ............127
a) Maria in der Urkirche ...............................................128
b) Stellung im Erlösungswerk ...........................................129
c) Braut der Priester..........................................................130
3. Angeblich falsche Engellehre ................132
4. Angeblich falsche Prophezeiungen...................................134
a) Revolutionen ..............................................135
b) Heilige ............................................136
c) Ausbreitung.............................................................139
d) Einweihung der Kirche ............................................139
e) Todesjahr...........................................................140
5. Einwände gegen den Liebesbund...............................140
a) Erschleichung der Approbation .........................143
b) Verstöße gegen den Index ................................146
c) Gefährlich ...............................................150
d) Überflüssig .............................................153
6. Einwände gegen den Kirchenbau ..........................154
a) War die Sakramentskirche von Schippach in sich gut und den
   Anschauungen der Kirche entsprechend? ..............163
b) Ist das Werk nützlich und rechtfertigt der Nutzen ein so außergewöhnliches Mittel? ................163
c) Ob das Werk zeitgemäß und einem wirklichen Bedürfnis entsprechend ist? .163
d) Schadet der Bau einem ähnlichen Werke? Ganz gewiss nicht......................................164
7. Einwände gegen die Person der Barbara Weigand ....167
a) Ungehorsam ................................................167
b) Tadel der Priester .................................................176
c) Sei satanisch ..................................................183
8. Sonstige Beanstandungen ...............................186
a) Dauer und Regelmäßigkeit der Ekstasen................186
b) Heiland sei ungehorsam Gehorsam ..............187
c) Hannappel ,,Mache die Sache" .................................188
d) Übertreibungen und Unziemlichkeiten ................190

VI. SCHIPPACH IM URTEIL VON BISCHÖFEN UND PRIESTERN..196
1. Urteile über Barbara Weigand ...............196
a) Über ihr Leben von 1845 - 1885.................197
b) Über ihr Leben von 1885 bis zu ihrem Tode 1943........198
2. Urteile über den Liebesbund ....................204
3. Urteile über den Kirchenbau ..................207

Holzamer
THEOLOGISCHES GUTACHTEN......................................211

Das Problem von Schippach und seine Behandlung in der gegnerischen Presse
I. Die Presse .....................................................211
II. Grundregeln für die Prüfung von Privatoffenbarungen .............214
III. Pietät gegenüber Privatoffenbarungen ..........217
IV. Regeln bei der Prüfung von Privatoffenbarungen .......220
V. Authentizität von Privatoffenbarungen................223
VI. Die Trägerin von Privatoffenbarungen.............227
VII. Liegt eine krankhafte Phantasie vor ?.............................233
VIII. Trägerin von Privatoffenbarungen...............240
IX. Liegt Täuschung vor ? .....................245
X. Ist das große Ganze der Schriften katholisch ? .......248
XI. Welche Merkmale sind bei den Schippacher Schriften erkennbar ? .....251
XII. Ist der Zweck ein guter?.....................261
Günther
THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG ÜBER BARBARA WEIGAND...274
1. Enthalten die Aufzeichnungen Verstöße gegen die kirchliche Lehre?..274
2. Schwierigkeiten für die Schriften der Barbara Weigand...278
3. Die Tatsache ihres heroischen Lebens .........................285
4. Das Bild Gottes. .......................................................290
5. Wie ist die Echtheit zu beurteilen? ................................297
6. Was soll man zu der Untersuchung im Elisabethenstift sagen?....302
7. Wie sind ,,die Gesichte und Ansprachen" zu erklären? ..303

Lippert
SCHIPPACH
EINE ENTGEGNUNG UND RICHTIGSTELLUNG ......305

Weihmann
BRIEF AN S. H. PAPST PIUS XII. ................314
1. Einleitung...............................................314
2. Brief.................................................317

Kleiser
BRIEF DES ERBLINDETEN PFARRERS
ENGELBERT KLEISER von Bickesheim in Baden .....332
                         
BEGLEITWORTE
Was jahrzehntelang als unmöglich erschien, hat sich in den letzten zwei
Jahren voll erfüllt: Die als ,,Schippacher Schriften" bekannten Gesichte und
Ansprachen der Gottesdienerin Barbara Weigand wurden als Manuskripte
allesamt zusammengetragen, aufgearbeitet und als ,,Offenbarungen an
Barbara Weigand" in sieben wertvollen Bänden gedruckt und kostenlos
abgegeben. Inzwischen sind mehrere Bände vergriffen, so daß eine zweite
Auflage erforderlich wurde.

Der rote Faden, der die ganzen Schippacher Offenbarungen durchzieht und
ihr Herzstück bildet, die Sendung der Barbara Weigand darstellt, ist die
Einführung der öfteren Kommunion. Dafür betet und opfert Barbara
Weigand schon in den 70er Jahren heroisch, indem sie mehrmals in der
Woche je 5 Stunden hin und zurück zu Fuß von Schippach nach Aschaffenburg ging, und zwar des nachts, um im dortigen Kapuzinerkloster kommunizieren zu können, weil daheim an Werktagen der Tabernakel geschlossen
blieb. Was hat Barbara Weigand für ihre Überzeugung und Liebe zur
heiligen Kirche nicht alles an Leiden und Schmähungen auf sich nehmen
müssen, lange Zeit ihres Lebens hindurch bis zu ihrem Tode. Wie sehr hat
sie doch in Stille und Zurückgezogenheit darunter gelitten, daß die Kirche
ihre Sendung so sehr mißachtet und verketzert hat. Fast ein dreiviertel Jahrhundert hat sie in einzigartiger Hingabe dem lieben Heiland und der Gottesmutter Maria als Werkzeug der heiligen Eucharistie gedient und sich
danach verzehrt, in Gehorsam und Verdemütigung eine getreue Magd des
Herrn zu sein.

Wie heißt es so treffend in der Oration auf das Fest der Wundmale des
heiligen Franziskus: ,,Als die Welt zu erkalten begann, hast du, um unsere
Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am Leibe des heiligen
Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneuert."

Wie treffend betont gerade zu diesem Gegenstand Papst Pius XII. in seiner
Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, daß ,,solche mit Wundergaben ausgestatteten Menschen niemals in der Kirche fehlen werden." ,,Bald
- und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt Er im Schoße der
Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz ihrer Heiligkeit
hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum Beispiel zu dienen
für das Wachstum Seines geheimnisvollen Leibes." ,,Ohne Fehl erstrahlt
unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den himmlischen Gaben
und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Bekennern hervorbringt."

                                     9
Am 1. Juni 1946 sprach vor dem Kardinalskollegium Papst Pius XII. die
folgenden Worte: ,,Wir fühlen uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu
erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die
Warnung in Erinnerung zu rufen, die der göttliche Heiland im Laufe der
Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört
hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit durch einen
Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!"
Wir sehen: Barbara Weigands Glaube, vom Herrn mit einer besonderen
Mission für unsere Zeit betraut worden zu sein, widersprach in keiner Weise
dem katholischen Glauben. Wohl aber zeugt die Ablehnung des Charisma
von Barbara Weigand durch deutsche Priester und Kirchenobere von jener
rationalistischen Denkweise, gegen welche sich gerade um jene Zeit Papst
Pius X. so energisch wenden mußte.
Priester und die katholische Presse haben sich mit der Jungfrau Barbara
Weigand und ihren Werken jahrelang und ausgiebig befaßt. In ungezählten
Presseartikeln, in Fachzeitschriften und in dickleibigen Bänden ist von ihrer
Person und ihren Werken geschrieben und der Öffentlichkeit ein Bild
vorgeführt worden, das alles andere, nur keine geschichtliche Wahrheit ist.
Das konnte aber gar nicht anders sein: das dort vorgetragene Bild mußte ein
Zerrbild werden, da, wie authentisch feststeht, die aktivsten Gegner weder
jemals eine Originalurkunde von Schippach in Händen noch auch die
Schippacher Jungfrau jemals zu Gesicht bekommen hatten.
Es gab aber auch Priester, und dazu zählen vor allem auch die Autoren der
in diesem Buch enthaltenen Manuskripte, welche aus genauer Kenntnis
dieser Person, die sie als Seelsorger, Beichtväter, Gewissensberater oder
durch gründliches Aktenstudium gewonnen hatten, den Schippacher
Vorgängen gegenübertraten und darum in der Lage waren, nicht nur das
äußere Gehabe der Jungfrau mit scharfem Blick zu verfolgen, sondern auch
in ihr Inneres zu schauen und die tiefsten Wurzeln ihres Wollens und selbst-
losen Handelns zu erkennen: diese Priester aber haben der Jungfrau Barbara
Weigand und ihren Werken hohes Lob widerfahren lassen. Sie haben
umfassende Studien als theologische Prüfungen und Gutachten erstellt und
ihre Ergebnisse der aufgestachelten katholischen Presse und den damit
befaßten Kirchenoberen mutig entgegengestellt. Diese zu veröffentlichen ist
jetzt an der Zeit!
Als theologische Prüfungen und Würdigungen stellen sie das Leben und
Wirken von Barbara Weigand ins Licht katholischer Lehre und Grundüberzeugungen und geben somit der einen Wahrheit Zeugnis und die Ehre. Es sind Stimmen, die aus allen Perioden ihres langen Lebens genommen sind und sich somit zu einer lückenlosen Kette von Zeugnissen für das Voll-
kommenheitsstreben und den lauteren Charakter der Schippacher Jungfrau
zusammenschließen; es sind Dokumente von Augen- und Ohrenzeugen.

                                     10
P. Joseph Bergmiller S.D.S., ein ausgezeichneter Kenner der Schippacher
Bewegung schrieb wenige Wochen vor seinem Tode (26. September 1942):
,,Ich Unterzeichneter erkläre vor Gott und meinem Gewissen und im Angesichte des Todes, den ich in kurzer Zeit erwarte, daß ich in den ca. 30 Jahren seit 1913, in denen ich mit Barbara Weigand von Schippach bekannt bin,
dieselbe immer sowohl im Umgang wie im schriftlichen Verkehr als höchst
ehrenwerte, fromme, wahrheitsliebende und in jeder Hinsicht tugendhafte
Jungfrau kennengelernt habe. Nie, auch nicht in den Jahren ihrer schwer-
sten Verfolgungen und öffentlichen Verleumdungen, in denen ihre Gegner
kaum weiter mehr hätten gehen können, bin ich an der Ehrlichkeit und
Gewissenhaftigkeit ihrer Person irre geworden. Oft äußerte ich in jenen
traurigen Jahren den Zweiflern gegenüber, daß ich für die Wahrheitsliebe
der Barbara Weigand die Hand in das Feuer legen würde."

Dieses Buch ist an alle gerichtet, die sich mit den Offenbarungen an Barbara
Weigand auch theologisch auseinandersetzen wollen. Für alle an Privatpersonen gegebenen Offenbarungen gilt ja das Pauluswort: ,,Prüfet alles, und was gut ist, behaltet!" Mit einem gewissen Bedauern sehen wir, daß die offiziellen Stellen der Kirche, vor allem die regional zuständigen Diözesenm Würzburg und Mainz, sich in Sachen Barbara Weigand bedeckt halten. Wir hegen den innigsten Wunsch und beten dafür, daß es dort zu einer größeren Aufgeschlossenheit gegenüber diesem Offenbarungswerk kommen möge.

Pfarrer Hugo Holzamer bringt es auf den Punkt, wenn er seine theologische
Würdigung mit der Schlußbemerkung ziert: Möge die Zeit wiederkehren,
wo dem Glanze der Heiligkeit und dem Wehen des Heiligen Geistes auch in
unserem Vaterlande wieder freie Bahn geschaffen ist. Dazu ist notwendig,
daß sich vor allem unsere Priester und Theologen erinnern, daß sie sich
befähigen müssen, nicht etwa die Verfolger, sondern die geistlichen Führer
frommer und begnadigter Seelen zu sein. Diese Befähigung erlangen sie
aber nicht an den Pfützen des Rationalismus und bei den Trebern des
Modernismus, sondern nur bei der gesunden und reichen Kost des Vaterhauses, wie sie auch in der Mystik nur die Tradition der katholischen Kirche
bietet. Anstatt mit dem Abhub einer fälschlich sogenannten Wissenschaft
des Irr- und Unglaubens mögen unsere Priester mit den großen Meistern der
mystischen Theologie der Vorzeit sich mehr und mehr beschäftigen. Dann
werden uns Irrwege und Ärgernisse, wie sie in der Bekämpfung der Sache
von Schippach wieder offenbar wurden, erspart bleiben.

Friedrichsdorf, im Oktober 2003

Schriftleitung und Herausgeber



                                     11

THEOLOGISCHE PRÜFUNG UND WÜRDIGUNG
Päpstlicher Geheimkämmerer und Geistlicher Rat
Msgr. DDr. Wilhelm Büttner


I. DIE SCHIPPACHER SCHRIFTEN

1. Entstehung der Schriften von Barbaras Hand, von Luise Hannappel und von Hausgenossen 

 ,,Nachdem ich arme und unwürdige Magd des Herrn vom Jahre 1886 bis
1894 in der Stadt Mainz unaussprechlich viele Gnaden vom Herrn empfangen habe, will ich aus Dankbarkeit gegen Ihn wenigstens dieses Jahr 1894
anfangen, einiges aufzuschreiben, daß ich die Danksagung nicht vergesse".
Mit diesen demütigen Worten beginnt Barbara Weigand die Aufzeichnungen ihrer inneren Erlebnisse seit dem Jahre 1894. Von da an schrieb sie
über ihr Leben und ihre seelischen Zustände bis herauf in ihr Greisenalter
Notizen, von denen allerdings die meisten aus den unten anzugebenden
Gründen nur mehr abschriftlich vorhanden sind.
Außerdem hatte sich seit dem Jahre 1895 der Schippacher Jungfrau eine
sehr gebildete Mainzer Dame angeschlossen, Fräulein Luise Hannappel,
welche nun ihrerseits Aufzeichnungen machte, die dann zusammen mit
jenen von Barbara und einiger anderer Personen unter dem Namen
,,Schippacher Schriften" bekannt geworden sind.

Die Aufzeichnungen von Barbaras Hand
Leider stehen, wie schon erwähnt, die meisten ihrer handgeschriebenen
Zettel nurmehr in Abschriften zur Verfügung, da die Urschriften anlässlich
der behördlichen Untersuchungen an die kirchlichen Vorgesetzten eingeschickt oder von diesen einverlangt wurden und sich demzufolge unter den
Ordinariatsakten von Mainz und Köln und beim Heiligen Offizium in Rom
befinden. Die Akten des Ordinariats Würzburg wurden am 16. März 1945
ein Raub der Flammen. Die Abschriften fertigten zumeist Luise Hannappel,
also eine Augen- und Ohrenzeugin, Frau Zulauf, Frl. Stahl und ein Herr
Schweratt; sie tragen die eigenhändige Unterschrift Barbaras, die sie damit
zum Werte von Urschriften erhebt.
Über ihre Erlebnisse bis zum Jahr 1896 gibt einen guten Überblick das
,,Leben", ein Heftchen von 84 Seiten in Oktavformat, das sie im Jahre 1896


                                    13
auf Veranlassung ihres damaligen Seelenführers P. Ludwig O.Cap. schrieb.
Die Aufzeichnungen in diesem Büchlein sind in einfacher, schlichter Form
verfasst, laufen ohne Einteilung in Lebensabschnitte ununterbrochen fort
und erschweren wegen der nicht immer streng eingehaltenen zeitlichen
Aufeinanderfolge nicht wenig die Lektüre und den Überblick. Inhaltlich
bringen sie in Offenheit und Aufrichtigkeit Gutes und weniger Gutes über
die Schreiberin und zeugen schon deshalb von der Ehrlichkeit, von der sie
bei der Abfassung erfüllt war. Ruhig und reserviert, ohne Anmaßung und
Überheblichkeit, einfach und bescheiden schließt die Schreiberin ihr
,,Leben" mit dem Bekenntnis: ,,Dieses ist mein Leben und einige der
Gnaden, die ich glaube, daß der liebe Gott sie in mir gewirkt hat."
   Als Barbara dieses ihr ,,Leben" verfasste, zählte sie fünfzig Lebensjahre
und stand bereits im Brennpunkt des Meinungsstreites mit ihren Mainzer
Beichtvätern, über deren Haltung sie ein anschauliches Bild enthüllt, wobei
sie ihren Schmerz über gewisse Vorkommnisse nicht zu unterdrücken
vermag.
   Über die Gnadenerweise seit dem Jahre 1887 führte sie Buch auf Befehl
ihres Beichtvaters P. Alphons O.Cap., dem sie diese Aufzeichnungen regelmäßig zu bringen hatte.
   ,,Als ich", schreibt sie, ,,diesem von meinen übernatürlichen Dingen
gesagt hatte, wies er mich anfangs barsch ab. Später aber befahl er mir, alles
aufzuschreiben, und ihm zu bringen. Dies tat ich auch mehrere Jahre
hindurch, bis kurz vor dem Tode meines Bruders" (gest. 5. April 1892).
   Anderwärts bemerkt sie, daß sie drei Jahre lang dem Pater ihre Auf-
zeichnungen gebracht habe.
   Wiederum schreibt sie vom Jahre 1893: ,,Sechs Jahre vorher hatte mir derselbe Beichtvater befohlen unter Gehorsam, nichts zu verschweigen von
meinen übernatürlichen Gnaden, ihm stets alles aufrichtig zu sagen, und
weil ich im Beichtstuhle nicht alles sagen konnte, befahl er mir, es aufzuschreiben und ihm zu bringen, und wenn es noch so schlecht geschrieben war, weil ich meistens bei der Nacht und im kalten Zimmer schreiben mußte und mich deswegen entschuldigte, sagte er jedesmal beruhigend: ,,Kümmere dich nicht, ich kann es lesen".
   Diese Aufzeichnungen sind im Kapuzinerkloster zu Mainz nicht mehr
vorhanden. Auch später, als bereits Teilnehmerinnen an den Ekstasen den
regelmäßigen Schreibdienst besorgten, kam es öfters vor, daß Barbara, in
den natürlichen Zustand zurückgekehrt, mit eigener Hand aus der Erinnerung niederschrieb, so z. B. die Nummern 29, 30, 31, 43, 59, 101, 156, außerdem die Auditionen außerhalb der Ekstasen.

                                     14
Ferner stammen von Barbaras Hand die meisten Aufzeichnungen nach
dem Jahre 1900 oder aus jenen Zeiten, in welchen der Freundin das Aufschreiben von der geistlichen Behörde untersagt war. Endlich finden sich
nach dem Jahre 1910 nur noch gelegentliche und vereinzelte Einträge, eben-
falls von ihr aus dem Gedächtnis wiedergegeben. Über die Zeit von 1907 bis
1909 finde ich eine aufschlussreiche Bemerkung in einem Briefe Barbaras an
den Generalvikar von Mainz vom 5. März 1909, worin sie schreibt:

   ,,Nach dem Tode des P. Ludwig (gest. 12. Juni 1907) richtete ich mich nach
dem Willen meines Beichtvaters, den ich aus wichtigen Gründen nicht angebe, so daß ich lange Zeit nicht einmal Briefe beantwortete, bis er mir sagte:
Ich erlaube Ihnen, nun einen anderen Seelenführer zu wählen; denn die Freiheit des Geistes ist jedem Christen gestattet. Darauf sah ich mich um nach
jemand und erhielt die Erlaubnis, die Gnaden aufzuschreiben; aber nur einmal dürften sie aufgeschrieben und ihm zugeschickt werden. So wird es
auch gehalten in letzter Zeit."

   Noch in ihrem höchsten Greisenalter schrieb sie innere Erleuchtungen
auf und brachte sie ihrem Beichtvater.

   Zur Niederschrift ihrer Erleuchtungen glaubte sich Barbara durch die
innere Stimme gedrängt, wie sie z. B. im Jahre 1904 ihrem Beichtvater
meldet: ,,Am Anfang der Woche sagte der Herr: Diese Woche schreibe auf,
was Ich dir sage, und richte dich, es bis Samstag deinem Beichtvater
einzuhändigen".

   Schon im Jahre 1901 hatte sie in einem Briefe an das Ordinariat Mainz die
Versicherung abgegeben: ,,Alles, was ich schreibe, tue ich, weil ich innerlich
dazu aufgefordert werde".


Die Aufzeichnungen von Luise Hannappel
 Weitaus der größte Teil der Aufzeichnungen stammt jedoch von Luise
Hannappel, die bis zu ihrem Tode, am 15. Dezember 1923, in unverbrüchlicher Freundschaft an der Seite der Schippacher Jungfrau stand und Freud und Leid mit ihr teilte.

   Wie Luise Hannappel mit Barbara bekannt wurde, mag sie uns mit ihren
eigenen Worten erzählen, die sie in ihrem Bericht an den Bischof von Würzburg niedergelegt hat: ,,Da noch nicht lange meine Mutter gestorben war,
ließ ich nicht nur viele heilige Messen lesen, sondern bat auch meine Haushälterin, die mit vielen frommen Personen bekannt war, mir einige ihrer
Bekannten zuzuführen, um ihnen ein Melcherskreuz zu geben mit der Bitte,
für meine liebe Verstorbene einmal den Kreuzweg zu beten."

                                      15
Auf diese Weise lernte ich Barbara Weigand kennen. Denn eines Tages
kam meine Haushälterin und sagte: ,,Ich weiß aber noch eine gute Beterin,
die ist die frömmste in der ganzen Stadt!" Sie führte mir dann gleich darauf,
meinem Wunsche entsprechend, Barbara zu. Doch blieb das bei einer
kurzen Gebetsempfehlung, die aber dann sooft wiederholt wurde, als ich
Barbara bei einem Kirchgang traf. Da es nun vorkam, daß ich sie lange nicht
mehr sah und ich, nach dem Grunde fragend, hörte, daß sie krank sei,
erkundigte ich mich nach ihrer Adresse, ging hin und fand sie an einem Freitagmorgen, acht Uhr, zwischen vier Wänden in Ekstase mit himmlischen
Wesen laut redend. Meine Seele war davon derart erschüttert, daß ich, noch
ehe die Ekstatische zu sich kam, zu meinem und zugleich zu ihrem Beicht-
vater (P. Alphons O.Cap.) lief, ihm davon Kenntnis zu geben.
   ,,Wenn so etwas sein kann", sagte er, ,,so kann das hier echt sein; denn ich
beobachte die Person schon seit acht Jahren und ich habe noch niemals
jemand so andächtig den Kreuzweg beten sehen wie diese."
   Nachdem sie dann auf den Rat des Paters hin noch die Meinung ihres
Bruders, P. Ludwig O. Cap., eingeholt und über Barbara sorgfältige Erkundigungen eingezogen hatte, worüber abermals ,,einige Monate" vergingen,
nahm sie der Wichtigkeit der Sache halber nunmehr zu Barbara eine positive Haltung ein. Auch glaubte sie, sich damals schon durch die innere
Stimme der Jungfrau Barbara zum Aufschreiben der Worte ermuntert:
,,Meine Tochter! Willst du bei Tag und Nacht bereit sein, wann immer Ich
dich rufen werde, Meine Stimme zu hören und sie der Menschheit zu über-
mitteln? Die Kraft dazu werde Ich dir geben".
   Das war im Frühjahr 1895. Denn P. Alphons redet von ,,acht Jahren", seit
er Barbara kenne; sie ist aber seit 1887, wie wir wissen, sein Beichtkind.
Auch anderweitige Zeugnisse bestätigen dieses Datum. So liegt vor mir ein
Blatt, geschrieben von Luise Hannappel im Jahre 1907 zur Abwehr des
Vorwurfs, sie ,,mache" die Sache. Darin redet sie von einem ,,Bekannt-
werden Barbaras mit mir 1895", und wiederum: ,,Als Lieschen (gemeint ist
die andere Freundin) 1894 vom Herrn herbeigeführt wurde, um Babett im
Leiden beizustehen, da blieb sie von da an Zeuge, also ein Jahr vor mir."
   An anderer Stelle spricht Barbara davon, daß P. Ludwig zwölf Jahre lang
ihre Vorgänge überwachte. Nun kam P. Ludwig gleichzeitig mit seiner
Schwester Luise zu näherer Bekanntschaft mit Barbara; da er im Jahre 1907
starb, muß also der Beginn seiner und seiner Schwester Bekanntschaft mit
Barbara in das Jahr 1895 gesetzt werden.
   Dieses Datum entspricht auch ganz dem Beginn der Aufzeichnungen
durch Luise Hannappel, die mit der Vigil des Herz-Jesu-Festes 1895 ihren
Anfang nahmen, da sich in einem Nachtrag zu diesem Tag die Bemerkung
findet: ,,Einiges nur, was man äußerlich hörte".

                                      16
Hannappel besaß nach ihrem eigenen Geständnis eine besondere
Gewandtheit im Schnellschreiben und fing nun an, mit dem Redestrom der
Ekstatischen gleichen Schritt zu halten, was ihr aber, wie sie später selbst
gesteht, nicht gelang. So bemerkt sie in einem Anhang zum ,,Leben", sie
habe anfangs nicht alles zu Papier bringen können, sondern ,,fast die Hälfte
ausgelassen", bis sie sich nach und nach hineingeschult habe. Am Schlusse
ihrer kleinen Selbstbiographie nennt sie als Zeitpunkt des Beginnes des
regelmäßigen Mitschreibens ,,1895 Ende"; sonach sind alle Aufzeichnungen
des Jahres 1895, wie auch der Jahre 1896 und 1897 auf diese unvollkommene Art entstanden. Seit dem Anfang des Jahres 1897 begann sie, die Steno-
graphie zu erlernen, wozu ihr Bischof Haffner selbst ein Lehrbuch zur
Verfügung stellte, so daß sie seit ,,Ende 1897 Wort für Wort, wie es aus dem
Munde von Barbara fließt, aufzeichnen kann, ohne etwas zu verändern oder
auszulassen, indem sie mit dem Diktat gleichen Schritt hält".

Die Aufzeichnungen der Hausgenossen
   Einige Einträge in den Schriften stammen von der Schwägerin Barbaras
und ihren Dienstmädchen, wie eine Bemerkung vor Nr. 101 vom 31. März
1897 besagt: ,,Das Leiden begann in der Nacht auf den Sonntag, Schlag
Mitternacht. Es war niemand dabei wie ihre Schwägerin, die nur wenig
aufschreiben konnte, weil sie dem schnellen Redefluß nicht folgen konnte,
darum nur Bruchstücke"; ebenso vor Nr. 103 vom 11. April 1897: ,,Diesesmal
machten sich Frau Weigand und die beiden Dienstmädchen daran und
schrieben um die Wette auf, und dieses stellte dann die Schreiberin zusammen und Babett fügte dann noch, soviel sie behalten hatte, aus ihrem
Gedächtnis dazu, doch ist es bei weitem nicht vollständig."
  Auch in Nr. 101, S. 153 ist bemerkt, daß ,,die Schwägerin dem schnellen
Redefluß nicht folgen und deshalb nur weniges aufschreiben kann."
   Von einem authentischen Text kann hier natürlich keine Rede sein.
,,Eructavit cor meum verbum bonum, lingua mea calamus scribae velociter
scribentis".

2. Abschriften und Verbote
   Im Jahre 1896, ,,gleich nachdem einige Bücher der Mitteilungen voll
waren", brachte Hannappel diese Schriften ihrem Beichtvater P. Bonifaz
O.Cap. mit der Bitte, sie dem Bischof vorzulegen, was der Pater jedoch
ablehnte. Infolgedessen glaubte Hannappel, ,,wegen der seitherigen freund-
schaftlichen Beziehungen", diesen Schritt selber tun zu dürfen. Aber der
Bischof untersagte ihr das weitere Aufschreiben, was auch befolgt wurde,

                                    17
wie aus den Schriften leicht festzustellen ist, wo vom 6. Juli 1896 bis zum 13.
September 1896 die Einträge fehlen, wie auch anderwärts bestätigt wird, so
am 2. August 1896 und am 6. August 1896.
   Als Hannappel später den Bischof um Aufhebung des Verbotes bat, sagte
er nach ihrem Berichte: ,,Tun Sie von jetzt an, was Ihr Beichtvater sagt", und
sie fügt hinzu: ,,Dieser erlaubte mir, wieder aufzuschreiben."
   Unterdessen teilte ich immer dem Bischof das Neueste mit und er
empfing mich stets mit Wohlwollen. Wir hielten dann eine Novene zur
Unbefleckten Empfängnis, damit die liebe Muttergottes bewirke, daß der
Bischof sich klar ausspreche. Und siehe da, als ich in dieser Novene wieder
zu ihm kam, sagte der Bischof in ganz feierlichem Ton: ,,Von heute an erlaube ich Ihnen aufzuschreiben und Frau Zulauf darf Ihnen helfen abschreiben.
An P. Ludwig können Sie es senden, nur hier in der Stadt lassen Sie mir alles
ruhig".
   Das scheint Ende August oder Anfang September gewesen zu sein, nach
einem Eintrag vom 3. September 1896: ,,Von hier an wurde wieder auf-
geschrieben."
   Hannappel ergänzt diese Bemerkung durch eine Notiz in ihrem ,,Lebens-
lauf": ,,Seit der Zeit brachte ich dem Bischof bis zu seinem Tod alle acht bis
vierzehn Tage das Neueste und nahm das Alte mit zurück, um es ihm dann
später gebunden von neuem zu überreichen."
    Als Luise Hannappel am 27. Oktober 1899 wegen der Bußwallfahrten
nach Gonsenheim vor eine bischöfliche Kommission gerufen wurde und
sich auf die obige mündliche Erlaubnis des Bischofs berief, konnte sich der
Bischof dieses Vorganges nicht mehr erinnern; schon fünf Tage später starb
er.
   An der wirklich erteilten Genehmigung zweifelte aber auch der
Kommissionsvorsitzende Domkapitular Dr. Brück nicht, wie seine Äuße-
rung ersehen lässt: ,,Der Bischof will nichts mehr von der Erlaubnis wissen;
es muß aber wohl so sein, sonst hätte er Ihnen die Bücher nicht abnehmen
dürfen, die er mir zur Prüfung übergab".
   Dagegen wurde ein abermaliges Verbot von dem neuen Beichtvater im
Jahre 1898 ausgesprochen, das jedoch schon bald mit der Versetzung des
Paters erlosch.
   Die Zahl der Abschriften der so entstandenen Schippacher Schriften
konnte wohl niemand feststellen; aber angesichts des umfangreichen Stoffes
- ich zähle 58 Oktavhefte von je etwa 200 Seiten und eine Anzahl loser
Blätter - und der primitiven Art des Kopierens mit Tinte und Feder, konnte

                                      18
diese Zahl nicht groß gewesen sein. Das Schicksal der Hefte war ein sehr
bewegtes. Im Jahre 1900 mußten alle erreichbaren Exemplare an Bischof
Brück ausgeliefert werden.
   Im Jahre 1909 ging eine Garnitur an das Ordinariat in Köln, im Dezember
1915 wurden sie vom Ordinariat Würzburg zur Berichterstattung an die
Päpstliche Nuntiatur eingefordert und am 5. Januar 1916 dem Ordinariat zu
diesem Zweck übergeben.
   Schon damals scheinen so gut wie keine mehr im Umlauf gewesen zu
sein; denn als der dem Kirchenbau sehr abgeneigte Vorstand des Bezirks-
amtes Obernburg durch die Polizei nach den Schriften fahnden ließ, konnte
diese trotz eifriger Nachforschungen kein Exemplar mehr auftreiben. Nur
Barbara blieb im Besitz einer Garnitur. Da diese Schriften nicht nur ihre
inneren Erlebnisse enthalten, sondern zugleich ihren äußeren Lebenslauf
und den ihrer weitverzweigten Verwandtschaft schildern, bilden sie auch
eine kostbare Fundgrube für die Familien- und Sippenkunde und sind
darum auch von hohem familiengeschichtlichen Werte.

3. Authentizität der Schriften
   Bilden die Schriften die zuverlässige Wiedergabe dessen, was Barbara
Weigand in ihren Ekstasen gesprochen oder in ihren Visionen geschaut hat?
Haben die Schreiber die Aussprüche der Visionärin wiedergegeben? Oder
haben sie daran Änderungen vorgenommen? Haben sie vielleicht Teile
dieser Reden unterschlagen? Haben sie aus Eigenem hinzugefügt?
   Soweit die Visionärin selber als Schreiberin in Betracht kommt, ist die
Beantwortung der Frage nicht schwierig: Sie hat ja ihre Aufzeichnungen erst
geraume Zeit nach den Ekstasen aus dem Gedächtnis gemacht, kann also,
zumal angesichts des oft recht umfangreichen Stoffes, auch trotz ihres sehr
guten Gedächtnisses unmöglich alles wortwörtlich wiedergegeben haben,
was sie vorher gesehen, gehört oder gesprochen hatte. Anders aber liegen
die Dinge bei Hannappel und den Hausgenossen, vorab bei ersterer, welche
für die meisten Aufzeichnungen in Betracht kommt. Da ist nun von
vornherein die Vermutung abzuweisen, als ob Hannappel absichtlich das
Gehörte anders aufgeschrieben habe als es an ihre Ohren drang, oder daß sie
absichtlich die rasch hingeworfenen Aufzeichnungen bei der Reinschrift
entsprechend zurechtfrisiert hätte.
   Schon gegenüber der geistlichen Behörde in Mainz wie auch im Jahre
1921 gegenüber dem Ordinariat Würzburg erklärte sich Hannappel bereit,
einen Eid abzulegen: 1. daß sie die schöne Form nicht hinzugetan, 2. über-
haupt keine Form und nichts Wesentliches, sondern, daß die formvollendeten

                                    19
Vorträge ganz das Werk der Barbara Weigand sind, 3. daß sie nichts
nach eigenem Ermessen abgeändert, erweitert, verschärft habe, 4. daß sie
mit größter Gewissenhaftigkeit alles so aufgeschrieben habe, wie das Diktat
an ihr Ohr gedrungen sei."
   Wohl sei es möglich, daß bei dem schnellen Diktat und wegen oftmaligen
Straßenlärms hie und da ein Wort, ja halbe und ganze Sätze ausblieben, was
jede Zweideutigkeit ausgeschaltet hätte.
   ,,Durch einen Tadel des Herrn veranlasst, habe ich hie und da ein
einziges Wort, das einen offenkundigen Fehler enthielt, oder ein Bindewort
wie ,,und", wo es fehlte, beigefügt oder ein unrichtig placiertes Zeitwort an
seine Stelle gesetzt."
   Wenn die Ekstase vorbei war, habe sie mit den Hausgenossen, mit Frau
Weigand und den drei Mädchen, mit größter Ehrfurcht die Sache noch
einmal durchgegangen, um zu prüfen, ob alles genau mit dem Gesprochenen übereinstimme und ein oder das andere Wort, das sie zusammen noch
wussten, beigefügt. Seitdem sie geläufig habe stenographieren können, habe
sie ohnehin alles wörtlich aufnehmen können.
   Die Gewissenhaftigkeit der Luise Hannappel beim Aufzeichnen des
Gehörten wird ,,an Eidesstatt" in einer feierlichen Erklärung auch von Maria
Weigand bezeugt, die den Ekstasen ihrer Tante regelmäßig beiwohnte, und
auch von P. Felix Lieber OFM bestätigt, der seit 1909 die Seelenleitung der
Visionärin hatte.
   Dieser Pater schrieb mir hierüber wörtlich: ,,Gleich zu Anfang, als meine
Wenigkeit 1909 die Seelenleitung der Barbara Weigand übernahm, forderte
ich von der Schreiberin, Fräulein Hannappel, Rechenschaft über die Art und
Weise, wie sie niederschrieb. Ich muß hiermit offiziell bezeugen, daß sie das
mit der größten Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit tat, ohne von dem
ihrigen ein Wort beizufügen oder etwas eigenmächtig auszulegen oder zu
erklären. In zweifelhaften Fällen fragte sie (selbst in meiner Gegenwart) die
Barbara Weigand, wie sich der Herr oder die Muttergottes ausgedrückt
hatte; und was nicht mehr zu ermitteln war bei späteren Mitteilungen, ließ
sie es eben dabei, so daß ich sagen muß: Sie war beim Niederschreiben der
Mitteilungen durchaus gewissenhaft, ich möchte fast sagen: Skrupulös, wie
ich das bei verschiedenen Gelegenheiten in der Zeit meiner Seelenleitung
feststellen konnte".
  Es liegt sonach kein Grund vor, die Ehrlichkeit der Schreiberin in Zweifel
zu ziehen. Daß Luise Hannappel gewissenhaft zu Werke ging, mag man
auch daraus sehen, daß sie Aussprüche, die offenbar nicht übernatürlichen
Ursprungs waren, nicht unterschlagen hat, was ihr doch ein Leichtes

                                     20
gewesen wäre. Wo Hannappel stenographisch mitschrieb, dürfte somit der
Text Anspruch auf größtmögliche Authentizität erheben.
   Aber man darf auch nicht übersehen, daß sie in vielen Ekstasen nicht
stenographisch, sondern kurrent oder nur bruchstückweise oder überhaupt
nicht schrieb, oder daß nur die Schwägerin und die Dienstmädchen in ihrer
unbeholfenen Art schrieben.
   In allen diesen Fällen kann von wortgetreuer Wiedergabe natürlich keine
Rede sein. Selbst Hannappel gibt wiederholt ausdrücklich zu, wegen des
starken Redestroms der Visionärin nicht mitgekommen zu sein, z.B. in
Nr. 50, S. 152: ,,Am Feste Christi Himmelfahrt war der Redefluß so gewaltig,
daß nicht mitzukommen war und vieles verlorenging", oder in Nr. 104,
S. 30: ,,Der Redefluß war heute so stark, daß Schreiberin mehrmals einen
Satz auslassen mußte, um gleichen Schritt halten zu können."
   Auch von Auslassungen redet sie ausdrücklich, z. B. in Nr. 85, S. 4, daß
sie ,,oft nicht zu schreiben imstande war" ob der großen Zärtlichkeit des
höchsten Herrn, oder in Nr. 57, S. 96: ,,Heute hat Schreiberin sehr vieles
ausgelassen, so daß sogar der Zusammenhang fehlt." In Nr. 62, S. 34 heißt
es: ,,Darauf sagte Jesus ungefähr so", in Nr. 167, S. 29 ist bemerkt: ,,Als der
Herr anfing zu sprechen, machten sich die zwei Nichten und die zwei
Dienstmädchen dran aufzuschreiben, doch konnten sie es nicht alles fassen.
Hier folgen nur die Bruchstücke von ihren Aufzeichnungen."
  Vieles verdankt seine Wiedergabe überhaupt aus dem Gedächtnis von
Luise Hannappel.
   So ist vor Nr. 222, S. 108 bemerkt: ,,Unmöglich ist es, aus dem Gedächtnis
die liebevollen Worte des Herrn in richtiger Reihenfolge und wortgetreu
und vollständig wiederzugeben, hier folgen nur Bruchstücke"; oder zu
Nr. 61 S. 4: ,,Während der Ekstase wurde nichts aufgeschrieben, hier nur
einiges aus dem Gedächtnis von Hannappel"; oder zu Nr. 62, S. 8: ,,Nur
einiges aus dem Gedächtnis von Hannappel"; oder zu Nr. 62, S. 13: ,,Nach
dem Gedächtnis aufgeschrieben"; oder zu Nr. 63, S. 45: ,, Heute hat
Schreiberin wenig im Gedächtnis behalten, noch weniger die Reihenfolge";
oder zu Nr. 64, S. 50: ,,Heute hat Schreiberin noch weniger behalten";
,,Hannappel konnte es nicht behalten"; oder zu Nr. 102, S. 157: ,,Nach dem
Gedächtnis von Babett"; oder zu Nr. 229, S. 51: ,, Hier folgt nur einiges aus
dem Gedächtnis von Babett"; oder zu Nr. 65, S. 89: ,,Jesus spricht noch viel
darüber, Hannappel konnte es nicht behalten."
    Wenn so auch manche Stellen in den Schippacher Schriften der Authen-
tizität entbehren, so muß doch das allermeiste als Ausspruch der Jungfrau
anerkannt werden; Barbara hat sich auch zeitlebens zu ihren Schriften

                                      21
bekannt. Wenn man aber Sätze aus diesen Schriften verketzern wollte, wie
es ehedem von ihren Gegnern geschah, so müsste man zuerst die Origina-
lität und Authentizität dieser Texte prüfen und, wo die Urheberschaft der
Visionärin nicht eindeutig feststand, sich an den alten Moral- und Rechts-
grundsatz halten: In dubio pro reo, anstatt die Jungfrau Barbara aufgrund
zweifelhafter Sätze zum Tode zu verurteilen.
   Das Schicksal, dem die von Barbara in der Ekstase gesprochenen Worte
verfielen, teilen sie übrigens mit jenen anderer Mystiker: ,,Die Schreiber",
sagt Poulain, ,,können leicht, ohne es zu wollen, den Text verändern. Sie
geben bei der Wahl der Ausdrücke ja doch immer etwas von dem ihrigen
hinzu".
   Von den Offenbarungen der heiligen Gertrud sind das erste Buch und der
Schlussteil des fünften Buches gar nicht von Gertrud, sondern von einer
ihrer Mitschwestern verfasst; dem Schreiber der heiligen Brigitta wird vom
Heiland ausdrücklich gestattet, ,,um der Schwachen willen beizufügen, was
notwendig und nützlich sei".
   Der heiligen Hildegard wurde in einem Gesichte aufgetragen, ihre
Offenbarungen aufzuschreiben, aber die Form von einem anderen feilen zu
lassen.




                                    22

II. DIE SCHIPPACHER OFFENBARUNGEN


   Diese Schriften also, über deren Entstehung und Schicksal uns das vor-
ausgehende Kapitel unterrichtet hat, enthalten jene inneren Erleuchtungen,
die Barbara Weigand in heiliger Verzückung empfangen haben will. Wegen
dieses Anspruches mußten sich denn auch die kirchlichen Oberen mit ihnen
befassen und auch die theologische Wissenschaft hatte das Recht, den Inhalt
dieser Schriften auf seine Übereinstimmung mit dem kath. Glauben zu prü-
fen. Dieses Recht darf auch der Verfasser dieses Buches für sich in Anspruch
nehmen. Dazu fühlt er sich um so mehr verpflichtet, als die Erforschung der
Wahrheit über Schippach eine hoch sittliche Aufgabe ist, an der nicht bloß
die Wissenschaft, sondern ebenso das kirchliche Lehramt ein Interesse hat.
Hat doch der Heilige Vater Papst Pius XII. den Klerus zu wiederholten
Malen aufgefordert, der Wahrheit zu dienen, wie es ja auch der Wunsch der
Kirche ist, in Dingen der christlichen Freiheit auch die andere Seite zu Worte
kommen zu lassen:
    ,,In jenen Fragen, in welchen man, da eine Entscheidung des Aposto-
lischen Stuhles nicht vorliegt, ohne Gefahr für Glauben und Sitte dafür oder
dagegen Stellung nehmen kann, ist es niemand verwehrt, frei seine
Meinung zu äußern und aufrechtzuerhalten ...
  Mit Freimut, aber mit Bescheidenheit möge ein jeder seine Ansicht
vorbringen und verteidigen, und keiner halte sich für berechtigt, den
Glauben und die kirchliche Gesinnung anderer deswegen zu verdächtigen,
weil sie anderer Meinung sind" (Enzyklika vom 1. Nov. 1914).
   Eine Entscheidung Roms in Sachen Schippach ist niemals ergangen.
   Treten wir also in die Prüfung der Schippacher Privatoffenbarungen ein!

1. Die Rechtslage
   Die Entscheidung über den übernatürlichen Charakter von Privatoffen-
barungen gehört nach dem Kirchenrecht in den Amtsbereich des Heiligen
Offiziums. Die Bischöfe haben nur die Vorarbeiten zu leisten, zu unter-
suchen und ihre gutachtliche Äußerung abzugeben, dann aber die Akten
dem Heiligen Stuhl zu unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten ist.
   Gewöhnlich beschränkt sich die Antwort des Heiligen Stuhles auf
Weisungen formeller Art wie: Episcopus utatur jure suo, remittitur ad jus
Ordinarii, decreto Episcopi parendum est u. ä., aber eine sachliche Entschei-
dung erfolgt von Rom aus gewöhnlich überhaupt nicht, so lange nicht der
Seligsprechungsprozess eingeleitet ist. Auch die sogenannte Approbation
bedeutet noch keine Stellungnahme zugunsten des übernatürlichen
Charakters von Privatoffenbarungen.

                                     23
   ,,Wenn die Kirche", schreibt Göpfert, ,,Privatoffenbarungen zuweilen
approbiert, so erklärt sie damit nur, daß in denselben üblicherweise nichts
enthalten ist, was dem Glauben und der Sitte widerstreitet, sondern daß sie
im Gegenteil fromm und ohne Aberglauben angenommen werden können".
   Das Höchste was Rom zu Lebzeiten einer begnadigten Person entschie-
den hat, war: ni trompeuse ni trompée (keine Betrügerin und keine Betro-
gene), aber positive Entscheidungen gibt Rom nicht. Wie unangebracht war
es also, von Rom eine Entscheidung über die Offenbarungen der Barbara
Weigand zu deren Lebzeiten zu erwarten, weder nach der positiven noch
nach der negativen Seite!
   Der Heilige Stuhl hat es, getreu seiner Praxis, abgelehnt, über die Echtheit
der Schippacher Offenbarungen eine Entscheidung zu treffen, wie die Akten
unmissverständlich ausweisen.
   Wie das Ordinariat Würzburg in seinem Amtsblatt vom Jahre 1917, S. 226
mitteilt, bat es am 10. März 1916 auf Grund des Berichtes seiner Prüfungs-
kommission (über deren Tätigkeit siehe unten!) das Heilige Offizium um
Verwerfung der Schippacher Privatoffenbarungen (ut reprobatio fiat illarum
revelationum, quae sub nomine Barbarae Weigand feruntur), da sie
pseudorevalationes (falsche Offenbarungen), errores (Irrtümer) und fraudes
(Betrügereien) seien.
    Auf diese Bitte erging von Rom am 25. Juni 1917 die folgende Antwort:
,,Suprema haec Congregatio Sancti Officii, perlectis litteris Amplitudinis
Tuae, datis die 10. Martii 1916, circa assertas visiones ac revelationes
cuiusdam Barbarae Weigand a vico Schippach istius dioecesis commorantis
... respondendum mandavit: Episcopi utantur jure suo. Hoc Sancti Officii
responsum ad notitiam quaeso adducas ceterorum ordinariorum, quorum
forte intersit in hac re mentem Sanctae Sedis cognoscere."
  (Die Punkte ... betreffen die Erwähnung des Eucharistischen Liebes-
bundes und der Sakramentskirche.)
   Betrachtet man den Wortlaut dieser Antwort, so ist zu ersehen, daß die
Antwort des Heiligen Offiziums auf die Lektüre des Ordinariatsschreibens
hin (perlectis litteris Amplitudinis Tuae) gegeben wurde, also nicht auf
Grund eigener Prüfung. Darum will das Schreiben auch keine Stellung-
nahme zur Sache sein, sondern lediglich eine Antwort (respondendum
mandavit, responsum).
   In diesem responsum liegt aber bei näherem Zusehen etwas, was dem
kirchenrechtlich geschulten Leser durchaus nicht nebensächlich erscheint,
nämlich die Tatsache, daß das Heilige Offizium in seiner Antwort die vom
Ordinariat Würzburg gebrauchten Ausdrücke pseudorevelationes, errores,

                                      24
fraudes vermeidet und dafür die Wendung setzt: assertae visiones ac
revelationes.
   Damit hat die Heilige Kongregation bekundet, daß sie sich die Würzbur-
ger Auffassung nicht zu eigen macht, sie vielmehr vermieden wissen will.
Diese Schlussfolgerung wird noch einleuchtender, wenn man sich vor
Augen hält, daß ja das Ordinariat Würzburg den Heiligen Stuhl ausdrück-
lich gebeten hatte, seine Bezeichnung der Schippacher Offenbarungen als
pseudorevelationes, errores und fraudes zu approbieren.
   Nun hat aber Rom diese Würzburger Bezeichnung nicht approbiert und
nicht konfirmiert, sondern umgestoßen und dafür den neutralen Ausdruck
assertae visiones ac revelationes gesetzt, der alle Möglichkeiten offen hält.
Das ist die mens des Heiligen Stuhles hinsichtlich der Schippacher Offen-
barungen.
   Diese neutrale Haltung Roms hat sich bis zum heutigen Tage nicht
geändert. Unbefriedigt von der Antwort des Heiligen Offiziums drangen
die Gegner Schippachs auf eine abermalige Verwerfung durch das Ordina-
riat Würzburg, welches in der Tat am 11. Februar 1918 folgendes Dekret,
Urteil genannt, erließ:
   ,,Die sogen. Offenbarungen der Barbara Weigand von Schippach sind zu
verwerfen, denn sie
    entbehren jedes Kennzeichen eines außerordentlichen göttlichen
Gnaden-Einflusses, gefährden den gesunden Glauben und enthalten
Irrtümer und Verstöße gegen die kirchliche Ordnung."
   Gegen dieses ,,Urteil" erhob Barbara Weigand Beschwerde zum Heiligen
Stuhl. Entgegen aller rechtlichen Ordnung wandte sich das Ordinariat
Würzburg am 25. März 1919 an das Heilige Offizium mit der Bitte um
Verwerfung der Weigandschen Appellation, worauf das Heilige Offizium
am 3. November 1919 die folgende Antwort erteilte:
   ,,Per litteras datas die 25. Martii 1919 Tuus Vicarius Generalis instat, ut
Sancta Sedes judicium ferat circa apellationem factam a Joanne Abel et
Barbara Weigand contra sententiam Curiae Episcopalis Herbipolensis de die
11 Februarii 1916. Cum in hac re Suprema haec Congregatio die 13. Junii
1917, prout Tibi signatum fuit, decrevisset, ut Episcopi uterentur jure suo,
nihil est, cur aliud judicium a Sancta Sede expetatur."
  Damit lehnte es das Heilige Offizium abermals und sehr kategorisch ab,
von sich aus in die Schippacher Offenbarungen einzugreifen.
  Im März 1942 richtete das Heilige Offizium an den Bischof von Würz-
burg die Aufforderung: ,,Der Bischof möge an die Kongregation über die

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Notwendigkeit und den Nutzen der Sakramentskirche, über die etwa
vorhandenen Mittel zu deren Vollendung sowie ihren Zusammenhang mit
den Offenbarungen, welche an die Barbara Weigand ergangen sein sollen,
berichten" (Diöz.-Bl. 1942, S. 123).
  Auch dieser Ausdruck lässt, wie ersichtlich, die Frage nach dem
Echtheitscharakter der Offenbarungen völlig unentschieden.
   Darum konnten im Jahre 1949 römische Kreise und sehr gute Kenner
Schippachs dem Verfasser folgende bestimmte Auskünfte aus Rom übermitteln:
    ,,Der Heilige Stuhl nimmt zu den Privatoffenbarungen von Schippach
keine Stellung, bevor nicht der Seligsprechungsprozess der Dienerin Gottes
Barbara Weigand offiziell eingeleitet ist." ,,Das Heilige Offizium hat niemals
ein Urteil gegen Schippach ausgesprochen oder gegen Barbara Weigand
(9. Sept. 1949 u. 1. Okt. 1949).
   Damit dürfte zur Genüge erwiesen sein, daß der Heilige Stuhl die
Schippacher Offenbarungen keineswegs verworfen hat, und daß darum
deren Echtheitscharakter noch eine offene Frage darstellt, die gemäß der
Enzyklika des Papstes Benedikt XV. vom 1. November 1914 auch publizistisch in Ruhe und Pietät erörtert werden darf.
   Treten wir also in die Prüfung des Echtheitscharakters der Schippacher
Offenbarungen ein!
   Verfasser braucht dabei nicht zu versichern, daß er seine dabei zutage tre-
tende Auffassung nicht für die allein und absolut richtige hält, da er ja nicht
entscheiden, sondern nur prüfen will. Wenn der Heilige Stuhl einmal nach eige-
ner Prüfung ganz anderer Meinung werden sollte als der Schreiber dieser
Zeilen, dann wird dieser der erste sein, der sich einer solchen Entscheidung
unterwirft. Meine Ausführungen beanspruchen bloß eine Glaubwürdigkeit
nach den Regeln der Klugheit und der wissenschaftlichen Methode. Diese
Methode aber beruht auf der Tatsache, daß ich Barbara Weigand mehr als
fünfundzwanzig Jahre lang persönlich kannte (nach Poulain erstes Erfor-
dernis, wenn man bei der Prüfung mystischer Personen mitreden will), auf
der Tatsache, daß ich als ihr Beichtvater tiefer wie andere in ihr Innenleben
hineinschauen konnte, auf der Tatsache, daß ich als ihr Pfarrer auch ihr
äußeres Leben aus nächster Nähe zu beobachten Gelegenheit hatte, und auf
der Tatsache, daß ich als philosophisch, theologisch, kanonisch und histo-
risch geschulter Priester den ganzen Schippacher Fragenkomplex mehr als
dreißig Jahre lang eingehend studiert habe.

                                      26

2. Allgemeines über den Charakter der Aufzeichnungen
   Barbara Weigand war keine Schriftstellerin und wollte keine sein. Sie hat
nicht wie andere Mystikerinnen gelehrte Bücher verfassen wollen; denn sie
hat niemals eine andere Bildungsstätte besucht als die einfache Volksschule
des Dorfes Rück in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo sie die notwen-
digsten Kenntnisse im Lesen, Schreiben und Rechnen erhielt und die Grund-
wahrheiten des katholischen Glaubens kennenlernte. Das blieb zeitlebens
ihr einziger Bildungsgang.
   Wiederholt kommt sie in ihrem späteren Leben auf diese ihre niedrige
Bildungsstufe zu sprechen und beruft sich auf die Einfachheit ihres
Bildungsstandes, wenn man ihre Aussprüche und Aufzeichnungen mit dem
Maßstabe einer wissenschaftlichen Kritik prüfen und jedes ihrer Worte auf
die Goldwaage wissenschaftlicher Exaktheit legen wollte.
   Es war darum seinerzeit eine verfehlte Methode, Barbara Weigands
Schriften nur nach wissenschaftlichen Prinzipien und ihr Seelenleben nur
nach den Schippacher Heften beurteilen zu wollen, anstatt es wirklich als
Leben zu begreifen, als organisches Gebilde in seinem Wachstum, Blühen
und Reifen, mit seinen Witterungen und Stürmen, als Glied am mystischen
Leibe Christi. Wieviel Unheil hätte verhütet werden können, wenn man,
anstatt sich in handgeschriebenen Heftchen zu verbeißen, den Gebetsgeist,
das Opferleben, die Sühnebereitschaft, die karitative Wirksamkeit, den
strengen sittlichen Wandel, den hinreißenden Einfluss der Jungfrau auf ihre
Umgebung zur Grundlage ihrer Beurteilung gemacht hätte!
   Hätte man seinerzeit gegen die Weigandschen Äußerungen etwa die
zarten Grundsätze walten lassen, die Paul Keppler in seiner meisterhaften
Art gegenüber den Abschiedsreden Jesu anwandte, wo er weniger strenge
Abfolge der Gedanken als vielmehr pietätvolle Zeichnung des Gemüthaften
verlangt, wäre sicherlich über Schippach ein anderes Bild entstanden und
dem Ansehen der katholischen Wissenschaft und auch dem Episkopat viel
Schaden erspart geblieben.
   Bekanntlich hat Barbara Weigand ihre Schriften allezeit als einen kost-
baren Schatz gehütet und gegen Zugriffe verteidigt, da sie in ihnen den
Niederschlag ihrer in heiliger Ekstase empfangenen Gebetsgnaden erblick-
te. Diesen Glauben haben auch ungezählte fromme Seelen aus allen
Ständen, Geistliche und Laien, mit ihr geteilt.
   Bischöfe und Priester, Männer vom Fach, hochangesehene geistliche
Schriftsteller, hohe Staatsbeamte, Juristen und Kaufleute haben sich für die
Glaubwürdigkeit der dort niedergelegten Gedanken ausgesprochen und
ihre aszetischen Erwägungen der ,,Nachfolge Christi" an die Seite gestellt.

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    Andere aber sahen zur gleichen Zeit in diesen Schriften den Ausbund
alles Schlechten. So heißt es z. B. in damals erschienenen Schriften und in
zahlreichen Zeitungsartikeln, die Schippacher Offenbarungen seien ,,an sich
nicht wert, auch nur einen Bogen Papier darüber zu verschreiben oder eine
Minute Zeit darauf zu verwenden"; sie seien ,,förmlicher Aberglaube",
,,Unkraut", das ,,ausgerottet" werden müsse, sie seien ,,Halluzinationen",
,,Ausgeburten eines kranken Hirns", ,,Plattheiten", ,,Süßlichkeiten",
,,Ungereimtheiten", ,,Sammelsurium", ,,wirres Durcheinander", ,,Produkte
hysterischer Anfälle", ,,religiöse Wahnideen", ,,Wühlereien der üppigsten
Pseudomystik", ,,häretische Abgeschmacktheiten", ,,Ausgeburten einer
unsinnigen Phantasie", ,,unsittliche Andächtelei", ,,innerlicher Unrat",
,,schlimmster Unsinn".
   Kann es noch hässlichere Ausdrücke geben? Und diese Beurteilung
wurde durch die Presse in die Öffentlichkeit und in die Amtszimmer kirch-
licher Behörden getragen, während den Kennern und objektiven Beurteilern
Schippachs jede öffentliche Richtigstellung durch Verweigerung des
Imprimatur bis auf diesen Tag unmöglich gemacht wird.
   Kann man da noch von Freiheit der Meinungsäußerung reden, wie sie
Papst Benedikt XV. in der oben erwähnten Enzyklika vom 1. November 1914
den katholischen Christen zubilligte? Dabei muß man bedenken, daß jene
hässliche Beurteilung von Priestern stammt, die Barbara Weigand niemals in
ihrem Leben gesehen hatten!
  So sehr Barbara Weigand an ihren Schriften hing, so ist sie doch die letzte
gewesen, die jedem ihrer Worte eine absolute Gültigkeit hätte beimessen
wollen; sie wusste nur zu gut, daß dort Gutes und weniger Gutes nebenein-
ander stehe und bat deshalb die Kritiker wiederholt, sich an das
Apostelwort zu halten: ,,Prüfet alles! Was gut ist, behaltet!" Man solle sich
doch nicht an Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten stoßen, sondern den Geist
würdigen, der in den Schriften wehe.
   Am 7. April 1899 bittet sie einen priesterlichen Freund, er möge alles gut
durchstudieren, ohne Anstoß an Kleinigkeiten zu nehmen. Die Hauptsache
sei, daß er den Geist herausziehe, den Jesus darin niedergelegt. Dann solle
er bedenken, daß sich Jesu Geist mit ihrem menschlichen Geist verbinde,
und daß sich dieser menschliche Geist hie und da mit einmische; sie sei aber
ein armes Dorfmädchen, da sie keine höhere Schule besucht habe.
   An anderer Stelle preist sie ,,glücklich diejenigen, die sich an den Geist
anschließen, der hier weht!". ,,Alle, die sich anschließen an den Geist, der da
bestätigt wird in den Schriften, der mein Geist ist, sollen und werden
gerettet werden". Wenn auch nicht alles lauteres Gold sei, so könne es doch
wertvolle sittliche Wahrheit sein. ,,Ihr, meine Kinder", hörte sie einmal,

                                      28
,,werdet nicht müde, die Worte aufzuschreiben, die ich zu euch rede durch
meine Dienerin. Diejenigen aber, die zweifeln und sagen wollen, es sei
immer dasselbe, mögen doch die Schriften und Worte gut studieren, ob sie
nicht darin heilsame Lehren für ihr Leben finden ... Der Hausvater, der da
sucht, findet immer etwas Neues in diesem alten Evangelium. Der Haus-
vater bist du, katholischer Priester! Such nur, und du wirst zu dem Alten
immer auch wieder Neues finden".

3. Grundsätzliches zur Beurteilung der Schriften

a) Die Grenzen der wissenschaftlichen Zuständigkeit
    Wer über mystische Erlebnisse und Schriften ein Urteil abgeben will,
muß vor allem ein gründliches Studium der mystischen Theologie hinter
sich haben; Gelehrsamkeit allein macht noch lange nicht zur Übernahme
eines derartigen Richteramtes fähig. ,,Kritisiere jeder", sagt Grabinski,
,,soviel er kritisieren zu müssen glaubt, aber nur wenn er über die Dinge, die
er beurteilen will, gründlich orientiert ist, und wenn er vor allem auch auf
diesem Gebiet Erfahrungen aufzuweisen hat. Bloßes allgemeines Wissen
befähigt noch lange nicht zu einem wirklich maßgebenden Urteil".
   Wer über mystische Erscheinungen, Ekstasen, Visionen, Personen, Schrif-
ten, Anregungen urteilen will, muß die mystische Theologie wohl beherr-
schen, und dies ist eine schwierige Sache; denn die mystische Theologie ist
nach den Worten Denifles ,,unter allen theologischen Disziplinen die wohl
schwierigste".
    Hat sich ein Beurteiler ,,mit dieser schwierigen Wissenschaft nicht
vertraut gemacht, so wird er dem Innenleben des Mystikers zum Teil
verständnislos gegenüberstehen und deshalb sein psychologisches Bild
sicher verzeichnen, mag es sich um Franz von Assisi oder Ignatius, um
Canisius oder Borja, um Franz von Sales oder Franziska von Chantal
handeln".
   So ein moderner Autor, über dessen Klarheit der Darstellung ich mich
herzlich gefreut habe. Dann zitiert er eine ganz zutreffende Äußerung seines
Ordensgenossen Michael, daß der Historiker, wenn er nicht selbst Mystiker
sei, für das Gebiet der echten Mystik nicht zuständig sei, da er sich auf
einem ihm fremden Gebiet bewege.
   Ähnlich drückt sich Surin aus: ,,Die mystische Theologie ist eine eigene
Wissenschaft, die ihre eigenen Prinzipien, ihre eigenen Schlussergebnisse
und ihre eigene Sprache besitzt, unabhängig von jeder anderen Wissen-
schaft. Es gibt aber manche Leute, die, ohne sich viel in den Werken über

                                     29
mystisches Leben umgesehen zu haben, sich für berechtigt halten, darüber
zu urteilen und gar abfällig zu urteilen. Auffallend ist es, daß man sich in
allen Wissenschaften gerne auf Fachleute beruft, in dieser Wissenschaft hält
sich aber jeder für einen Meister".
   ,,Selbst tüchtige Theologen und Historiker", meint Richtstätter, ,,können
der mystischen Terminologie hilflos und verständnislos gegenüberstehen".
,,Auch Priester, die in Theologie und Aszese wohl bewandert sind, denen es
aber nicht gegeben ist, das eigentliche Wesen der außergewöhnlichen
Beschauung zu erfassen, auch wenn sie gewandt und interessant über
Mystik zu reden oder zu schreiben wissen", zeigen oft für höhere mystische
Ergebnisse wenig Verständnis und eine erschreckende Unfähigkeit in der
Bewertung mystischer Vorkommnisse im Einzelfalle.
   Die letzte Beobachtung konnte man auch bei Schippach machen, wo
selbst tüchtige Theologen versagten. Aber von den allermeisten der seiner-
zeitigen Veröffentlichungen wird man nicht behaupten können, daß sie auch
nur einen Hauch fachmännischen Wissens atmeten. Jene Presseerzeugnisse
sind getragen von einer Unkenntnis der Mystik, die nur Lächeln erwecken
könnte, wenn sie nicht so verheerende Folgen gezeitigt hätte. Nur Ignoran-
ten und das moderne Zeitungspublikum konnten sich durch das Massive
der Sprache und den geistlichen Stand der Verfasser, denen das heilige Land
der Mystik terra ignota war, hinwegtäuschen lassen.
    Den tieferen Grund für das Versagen der Theologen, gerade in
mystischen Dingen, gibt der heilige Bonaventura, gleich groß als spekula-
tiver Theologe wie als Mystiker, wenn er von den mystischen Gnaden sagt:
,,Willst du wissen, wie das geschieht, so frage die Gnade, nicht die Wissen-
schaft, das Verlangen und nicht das Verständnis, den Bräutigam und nicht
den Lehrer". Das ist dieselbe Erkenntnis, die Karrer in die Worte kleidet:
,,Hier schweigt die Wissenschaft, wir sind auf heiligem Boden", oder wie
Jeiler ausspricht: ,,Es ist katholische Lehre, daß der Heilige Geist innerlich
den Leib der Kirche mit all ihren Gliedern übernatürlich belebt, erleuchtet
und erwärmt. Das Maß seiner Gnaden und Gaben wird dabei keineswegs
nach dem Grade ausgeteilt, den die Empfänger in der äußeren hierarchi-
schen Ordnung der Kirche einnahmen, sondern nicht selten sind die in den
Augen der Menschen Geringsten und Kleinsten am meisten bevorzugt. Der Geist
weht, wo er will, und für alle Zeiten gilt das Wort des Herrn: ,,Ich preise
dich, Vater des Himmels und der Erde, daß du dieses vor den Weisen und
Klugen verborgen und den Kleinen geoffenbart hast!".
  Dieses Wort erklärt auch die Tatsache, daß Privatoffenbarungen und
außerordentliche Charismata schlichten Personen, auch weiblichen
Geschlechts, häufiger zuteil werden als Hochgestellten und Gelehrten. Als

                                     30
einst gelehrte Theologen die heilige Katharina von Siena in Verwirrung
bringen wollten, antwortete sie: ,,Welch ein Unheil ist die stolze Wissen-
schaft! Euch schadet sie sehr, ohne irgend jemand zu nützen!"

b) Verständnis für die mystische Sprache
   Wer mystische Schriften prüfen und beurteilen will, muß der Eigenart
der mystischen Sprache Rechnung tragen. ,,Wenn manche schwerverständ-
liche Stellen vorkommen sollten", so leitet der englische Benediktiner Dom
Louismet sein Buch über die Beschauung ein, ,,dann möchte ich meine Leser
bitten, nicht mutlos zu werden und ihr Beginnen nicht aufzugeben. Solch
dunkle Stellen muß man aufmerksam lesen und wieder lesen, und wenn
kein Licht hineinkommt, dann soll man einfach darüber hinweggehen.
Später, wenn das ganze Buch einmal gelesen ist, und besonders, wenn man
angefangen hat, es mit wahrem Ernst im Leben auszuführen, dann wird die
Schwierigkeit aller Wahrscheinlichkeit nach sich ganz beheben und was
anfangs dunkel erschien, das wird dann klar und lichtvoll und wertvoll".
   Was hier ein Schriftsteller von einem fachwissenschaftlichen Werke sagt,
das gilt in noch viel höherem Grade von den eigentlichen mystischen Schrif-
ten, wie Zahn mit Recht betont: ,,Es bedarf nicht bloß einer Vorschulung und
eines aufmerksamen Einlesens, wenn man der mystischen Literatur
Geschmack und Segen abgewinnen will, sondern auch Sorgfalt und Hin-
gabe, wenn man die mündlichen Äußerungen der Jünger des mystischen
Lebens recht verstehen und beurteilen will".
   Immer mahnen darum die Autoren zur Vorsicht in der Abgabe eines
Urteils, weil die Mystik eine so schwierige und geheimnisvolle Sache ist,
deren Innerstes dem Außenstehenden letzten Endes überhaupt verschlossen
bleibt. ,,Man will damit (mit dem Worte ,,Mystik") ausdrücken, daß sie
etwas Geheimnisvolles in sich schließt, das selbst die Eingeweihten nicht
durchschauen. Da gibt es Erscheinungen, die man niemals vollständig
verstehen wird".
   Es kann nun sein, daß uns gewisse Wendungen, rhetorische Ausdrücke
im Munde von begnadigten Personen nicht recht zusagen, daß sie uns
unwahrscheinlich, unmöglich oder übertrieben vorkommen. Geht es nun
an, sofort den Stab über solche Wendungen und damit über die ganze Sache
zu brechen? Das wäre weit gefehlt. Solche Ausdrücke muß man zu erklären
versuchen, darf sie aber nicht von seinem Standpunkt aus ablehnen.
  Vor allem, so mahnt Zahn, müsse man die Umwelt beachten, welcher die
Aussagen der Mystiker entstammten und in welche sie zurückversetzt
werden müssten, um recht verstanden zu werden. Was diesen Kreisen der

                                    31
höchsten Erbauung dienen könne, das sei vielleicht geeignet, bei weniger
günstigen Dispositionen zu stören und zu schaden: eine goldene Regel, die
aber leider im Falle Schippach recht wenig beachtet wurde.
   Finden wir doch in den Presseangriffen der Jahre 1914 bis 1919, daß dort
sogar Stil, Dialekt, sprachliche Unrichtigkeiten zum Gegenstand des
Gespöttes gemacht wurden, daß man an Hör- und Schreibfehler, an unvoll-
ständige und sprachlich nicht durchgebildete Sätze in den Schriften die
höhnische Bemerkung knüpfte, der Jesus der Schippacher Offenbarungen
könne nicht einmal einen sprachlich richtigen Satz sprechen.
    Auch darf man aus absolut klingenden Wendungen nicht allzu viel
herauslesen, sondern man soll nach Preger ,,als Regel der Auslegung fest-
halten, daß die Absolutheit des Ausdrucks nur aus dem Bestreben kommt,
eine Seite der Betrachtung ausdrucksvoller hervorzuheben". Daß man
Ausdrücke schon deshalb nicht pressen darf, weil man ja gar nicht weiß,
was der Autor darunter verstanden hat, wird durch die Tatsache beleuchtet,
daß ein und dasselbe Wort verschiedene Bedeutungen haben kann. Wenn
nun eine allzu scharfe Kritik die Worte in mystischen Schriften in einem
anderen Sinne auslegt als sie der Mystiker gemeint hat, wie man dies z. B.
mit den Worten ,,Sühne", ,,Verdienst" in den Schippacher Schriften getan
hat, so ,,beweist man mit einer solchen Zitationsweise nur aufs neue, daß
man es fertig bringen kann, jede Stelle mit seinen eigenen Augen zu lesen
und nach seinem eigenen Sinn zu verwenden". Wenn man einen Autor
zitiert, so Poulain, ,,muß man sehen, was das Wort bei ihm im Zusammenhang
bedeutet". Mit der letzteren Bemerkung stoßen wir auf eine wichtige Regel
zum Verständnis und zur Beurteilung mystischer Schriften: Die Ausdrücke
der Mystiker muß man im Zusammenhang und nach dem Geist des Ganzen
erklären. Gar schön verlangt Zahn diese Behandlung auch für sein Buch:
,,Darum möchte ich bitten, weniger das Ganze nach losgerissenen Stücken
als die einzelnen Teile nach dem Ganzen zu beurteilen", und anderwärts
entschuldigt er gewisse Abirrungen in der Mystik mit dem Hinweis auf das
Ganze, wenn er meint: ,,Man darf nicht wegen der irrigen Missbräuche das
ganze Gebiet der Mystik interdizieren", oder wenn er Leser ablehnt, ,,wel-
che der entsprechenden Reife entbehren", also nicht fähig seien, den Ernst
der Geschehnisse oder den Geist des Ganzen richtig aufzufassen.
    Das gilt ganz gewiss für die große Masse des modernen Zeitungs-
publikums. ,,Viele Ausdrücke", bemerkt einmal Zahn ganz richtig, ,,ver-
lieren ihre Einseitigkeit durch anderweitige Zeugnisse", ,,scheinbar ent-
gegenstehende Sätze erklären sich durch den Zusammenhang", ,,einzelne
dunkle Worte und schwierige Stellen müssen nach der gesamten Anschau-
ungs- und Ausdrucksweise des Autors beurteilt werden, nicht aber darf
man umgekehrt einfache Wort und Gedanken durch Eintragung von
Schwierigkeiten verdunkeln."

                                    32
   Auch dem Dogmatiker sind Grenzen gezogen. Es ist unnötig zu betonen,
daß Visionen und Privatoffenbarungen keine neuen Wahrheiten vermitteln
können; darum ist auch das Recht des Dogmatikers anzuerkennen, Privat-
offenbarungen nach dieser Richtung hin zu prüfen. Aber wie der Dogmati-
ker kein Recht besitzt, etwa über die stufen- oder artmäßige Abgrenzung der
mystischen Gnaden eine lehramtliche Entscheidung ins Feld zu führen, so
hat er noch weniger das Recht, die Terminologie der Mystiker nach dem
strengen Maßstab der konventionell gewordenen Fachausdrücke oder der
dogmatischen Theologie zu messen; vielmehr müssen die Aussagen des
Mystikers ,,unter Berücksichtigung seiner selbstgebildeten Ausdrucks-
weise" geprüft werden.
   ,,Der Dogmatiker würde seine Befugnisse überschreiten, wollte er auf
Grund einer persönlichen, umstrittenen theologischen Meinung dem Heili-
gen Geiste Grenzen vorschreiben, wie er in einer von ihm besonders bevor-
zugten Menschenseele in außergewöhnlicher Weise seelisch nur allein
wirken dürfe. Auf Grund dessen, was der Mystiker (also nicht andere, z. B.
Abschreiber oder Kritiker!) als ein inneres Erlebnis darstellt ..., ist der
Theologie und Psychologie die Möglichkeit geboten, das Tatsachenmaterial
(also nicht Schreibfehler oder Zutaten der Schreiber oder Vermutungen der
Kritiker!) wissenschaftlich auszuwerten. Ob die höheren Gebetsgnaden der
eingegossenen Beschauung vom Dogmatiker in der richtigen Weise dar-
gestellt werden, findet der Mystiker ... sofort heraus. Sein Urteil ist darum
auch für den Dogmatiker von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Denn
was helfen seine scharfsinnigsten Untersuchungen und Argumentationen,
wenn der Mystiker achselzuckend erklärt: ,,Das ist ja gar nicht mein
mystisches Erlebnis ... sondern etwas ganz anderes".
   So spricht mit erfrischender Klarheit ein erfahrener Geistesmann. Sein
Ordensgenosse Noldin hatte schon vor ihm vor der Verabsolutierung
mystischer Worte durch Theologen gewarnt: ,,Die Mitteilungen des Herrn
an einzelne auserwählte Seelen haben nie jene allgemeine Fassung und
Gestaltung wie die Dogmen des Christentums; sie nehmen vielmehr ein
individuelles Gepräge an ... Es kann sich aber sehr oft ereignen, daß die Offen-
barungen des Herrn in ihrer individuellen Gestaltung, in welcher sie zu uns
gelangen, einem anders gearteten Geiste und Gemüte nicht zusagen".
   Das ist objektive Sprache und Wissenschaft. Auch wenn die Offenbarun-
gen von Schippach, z. B. die Mahnungen an die Priester zu einem Leben der
Armut und Einfachheit oder die Aufforderungen zur Sühneleistung oder
die Aufrufe an die Bischöfe zur Einführung der öfteren heiligen Kommuni-
on und zur Förderung der Heiligen Stunde oder die Mahnungen zum
öffentlichen Bekenntnis des katholischen Glaubens, einem anders gearteten
Geiste und Gemüte nicht zusagten, so durfte man deswegen solche Worte

                                      33
nicht verketzern und ihre Urheberin nicht schmähen, wie es leider seinerzeit
geschehen ist.
    Jedenfalls kann ich als Pfarrer und Beichtvater der Schippacher Jungfrau
versichern, daß das, was man seinerzeit in Presse und Predigt als Meinung
der Barbara Weigand über gewisse dogmatische und moralische Fragen hin-
stellte, nicht das seelische Erlebnis jener Person gewesen ist. Das ist authen-
tische Interpretation. Hier vermögen alle Superlative, aller Groß- und Fett-
druck, alle Ausrufezeichen nichts, wenn Barbara Weigand sich wehrt und
erklärt: ,,Das ist ja gar nicht mein mystisches Erlebnis, was ihr da heraus-
gefunden haben wollt."
   Sie hat übrigens gegen die seinerzeit ihr gemachten Unterstellungen in
ihrem Appellationsschreiben an den Heiligen Stuhl feierlich Verwahrung
eingelegt.

c) Fühlen mit dem Mystiker
    Eine Voraussetzung für das Verständnis mystischer Schriften bildet auch
das Fühlen mit dem Mystiker. Es ist dieses Gebot eigentlich nur die positive
Seite jener anderen Erwägung, daß man bei einer solchen Arbeit nicht nach
seinen vorgefassten Meinungen oder starren wissenschaftlichen Maximen
vorgehen dürfe. Wie auf dem Gebiet des Seelenlebens überhaupt, so ist es
im Reiche der erfahrungsmäßigen Mystik, dieser feinsten und zartesten
Blüte des menschlichen Innenlebens, nötig, sich in das Seelenleben des
Begnadigten so gut es geht einzuleben, den Standpunkt des Mystikers
einmal als den gegebenen zu betrachten und seine Gedanken einmal zu den
eigenen zu machen. Das nenne ich psychologisch prüfen.
   Was Poulain dem Seelenführer in bezug auf die Leitung der täglichen
inneren Gebete anrät, das gilt auch für den, der über mystische Erlebnisse
anderer urteilen will: ,,Man muß den Menschen mit sich selbst vergleichen,
nicht mit einem anderen besonders begnadigten Menschen".
   Darum geht es den Mystikern oft so schlecht, weil sie von ihrer Umwelt
oft nicht oder - vielleicht absichtlich - falsch verstanden werden; die
Geschichte der Heiligen ist der Beweis.
   ,,Ohne eine gewisse geistige Verwandschaft", bemerkt einmal zutreffend
Karrer, ,,wird es schwer, wenn nicht unmöglich sein, die Heiligen in ihrem
Intimsten zu verstehen. Am allermeisten wird der Mystiker missver-
standen". Auch Zahn gibt diesem Gedanken Raum, wenn er das Wort
Leubas zitiert, ,,daß im großen und ganzen die kirchlichen Mystiker selber
und überhaupt die Gläubigen der Kirche viel richtiger über Charakter und
Tendenzen der Mystik geurteilt haben als die meisten der modernen Schrift-

                                      34
steller". Treffend bemerkt hierzu der italienische Religionspsychologe
Guido Ferrandi: ,,Da nur der Mystiker imstande ist, seine religiösen
Erfahrungen zu beschreiben, so muß der Psychologe, wenn er wirklich eine
wissenschaftliche Methode befolgen will, seine Aussagen als Wahrheit
hinnehmen." Das wollen wir in Pietät und Liebe auch gegenüber Schippach
gelten lassen.

d) Zurückhaltung im Urteil
  Eine weitere Regel zur Prüfung mystischer Vorgänge und Schriften
mahnt eindringlichst zur Zurückhaltung im Urteil, da ja nicht leicht eine
Materie so große Schwierigkeiten darbietet als gerade die Mystik.
   Denn da gilt es zunächst einmal die natürlichen und übernatürlichen
Faktoren, so gut es geht, auseinanderzuhalten, eine Schwierigkeit, auf die
auch Zahn mit den Worten hinweist, ,,wie auch auf anderen Gebieten
unserem Geiste nicht beschieden ist, Gottes Walten in uns gegenüber
unserem eigenen Wirken nach den Maßstäben unserer Begriffe abzu-
grenzen".
   Diese Mischung von göttlicher und menschlicher Tätigkeit auszu-
scheiden, ist freilich mitunter ein Ding der Unmöglichkeit.
   Wo nicht ausgesprochene Beweise Gottes vorliegen wie ein Wunder oder
eine bestimmt in Erfüllung gegangene Weissagung, lässt sich eine solche
Ausscheidung nur durch Abwägen der Gründe für und wider vornehmen,
allein ,,praktisch gibt dieses Mittel meist nur eine geringere oder größere
Wahrscheinlichkeit". Die Mystik ist eben ,,das unbekannte Land, voll von
Wundern und Geheimnissen", in welchem ,,es nicht immer leicht ist, sofort
zu erkennen, inwieweit natürliche Anlage oder die außergewöhnliche
Wirkung einer mystischen Gnade vorliegt". Man weiß, daß auch zwischen
der Pseudomystik und der echten Mystik die Grenzen oft ineinander laufen,
erst recht zwischen dem göttlichen und dem menschlichen Faktor in sonst
anerkannten Privatoffenbarungen.
   Vielleicht noch größer ist die Schwierigkeit in der Deutung der
mystischen Sprache, worauf wir oben schon hingewiesen haben. Poulain
kommt immer wieder auf diese Schwierigkeit zu sprechen und Zahn
widmet der Relativität der mystischen Sprache volle 21 Seiten seines Hand-
buches. Überall erklingt die Mahnung, wie vorsichtig man mit den Aus-
drücken der Mystiker umgehen müsse, damit man nicht ihr ganzes mysti-
sches Leben in Misskredit bringe. So meint eine begnadigte Seele in einem
besonderen Falle: ,,Ehrlich gestanden: ich bin entsetzt, wie falsch die Ausdrücke
verstanden sind. Sie bezeichnen jene inneren Vorgänge treffend für
diejenigen, die sie verstehen, andere aber können damit das Heiligste pro-
fanieren".

                                       35
   Diese Schwierigkeit erscheint noch einleuchtender, wenn wir bedenken,
daß nicht einmal der Mystiker selbst imstande ist, sein inneres Erlebnis in
eine klare äußere Form zu kleiden. ,,Es ist deshalb nicht erstaunlich, daß wir
so oft bei Mystikern die Bemerkung lesen, es sei unaussprechlich, was sie
erlebt haben". Auch Barbara Weigand gibt in ihren Schriften diesem
Empfinden öfter Ausdruck.
   Die dunkle Sprache der Mystiker, deren Unvermögen, ihr inneres
Erlebnis in eine klare Form zu bringen, die weite Deutungsfähigkeit ihrer
Terminologie, die Schwierigkeit im Auseinanderhalten von göttlichem und
menschlichem Faktor: die Erwägung aller dieser Momente sollte einen jeden
ehrlichen Forscher zu äußerster Vorsicht und Zurückhaltung im Urteil
gemahnen. Klassisch einfach legt darum Poulain allen die wohlgemeinte
Mahnung ans Herz: ,,Die Entscheidung hinausschieben. Wir sehen, daß man
Zeit und lange Untersuchung braucht, um bei Offenbarungen zu einem
sicheren Urteil zu kommen".
   Der große Amort dehnt diese lange Zeit bis über den Tod der betreffen-
den Person hinaus aus, wenn er meint, vor dem Tode der fraglichen Person
könne man, Ausnahmen abgerechnet, niemals über eine Offenbarung sicher
sein. Wenigstens müsse man bei Offenbarungen, die ein bestimmtes Ziel
hätten, z. B. das Anregen einer Wallfahrt, erst die Ereignisse sich entwickeln
lassen und abwarten, bis die Offenbarungsreihe abgeschlossen sei, ehe man
sein Urteil abgebe.
  Wie sehr hat man sich seinerzeit von Freund und Feind gegen diese
Mahnung verfehlt!
   Barbara Weigand starb erst im Jahre 1943; aber schon im Jahre 1900 und
besonders in den Jahren 1914 bis 1919 waren die Zeitungsschreiber mit
ihrem Urteil fix und fertig. Auch an diesem Maßstab gemessen erscheinen
die seinerzeitigen ablehnenden Urteile über Schippach zum mindesten als
voreilig und verfrüht.

e) Die kirchlichen Vorschriften
     Bei der Prüfung und Bewertung mystischer Schriften müssen außer den
besprochenen wissenschaftlichen Grundsätzen auch die besonderen kirch-
lichen Vorschriften Beachtung finden, die in den Erlassen Papst Urbans VIII.
vom 13. März 1625 und 5. Juli 1634 niedergelegt sind. Danach wird der
Diözesanbischof zur Prüfung von Offenbarungen den Rat der Theologen
und anderer frommer und gelehrter Leute heranziehen und alsdann die
Akten dem Heiligen Stuhle unterbreiten, dessen Entscheidung abzuwarten
ist.

                                     36
   Zeitungen dürfen nach der milderen Ansicht der Moralisten darüber
berichten, ,,wenn sie sich enthalten, über deren übernatürlichen Charakter ein
Urteil abzugeben".
   Nun besehe man sich das Vorgehen gegen die Offenbarungen der
Barbara Weigand! Obwohl ganz allein Rom zu entscheiden hat, maßte sich
ehedem die Presse dieses Recht an und erklärte die Schippacher Offen-
barungen als unecht, als Quatsch und Sammelsurium. Wo blieb da die
Achtung vor der höchsten kirchlichen Obrigkeit?

4. Kriterien für die Echtheit
   Zahn bringt als abschließendes Ergebnis seiner Studien für die ,,Kriterien
für Visionen und Visionäre" die Folgerung: ,,Der Schluss auf die Existenz
einer besonderen und außerordentlichen göttlichen Erleuchtung und
Einwirkung ist um so begründeter, je mehr die vermöge jener Gesichte oder
Ansprachen gewonnene theoretische und praktische Einsicht über das Maß
der persönlichen Veranlagung und der verfügbaren Bildungsmittel, der
bisherigen äußeren und inneren Schulung nachweisbar hinausgeht".
Nun bedarf es wohl keines Beweises mehr, daß die von Barbara Weigand
in ihren Ekstasen und Visionen empfangenen und in ihren Schriften niedergelegten theoretischen und praktischen Einsichten in das innere religiöse
Leben, in die aszetischen Forderungen der Zeit, in das Schicksal der Kirche,
in die gefährlichen Zeitströmungen und in die wirksamen Mittel zu deren
Bekämpfung, besonders in die Notwendigkeit des Empfanges der heiligen
Kommunion sowie in die Leistungen von Opfer und Sühne, ganz sicher
über das Maß der persönlichen Veranlagung und der verfügbaren
Bildungsmittel sowie der äußeren und inneren Schulung des einfachen
Mädchens von einem unbekannten Spessartdörfchen hinausgehen, eines
Mädchens, das nachweisbar keine andere religiöse und aszetische Bildung
genossen hat als jene einer primitiven fränkischen Dorfschule aus der Mitte
des vorigen Jahrhunderts. Gerade auch die Erkenntnis der vom antichristli-
chen Sozialismus drohenden Gefahr, bekundet in einer Zeit, in welcher die-
ser praktisch bei uns im öffentlichen und staatlichen Leben noch ohne nen-
nenswerten Einfluss war, überstieg zweifellos die Bildungsstufe eines Bau-
ernmädchens oder einer Wirtshausmagd.
   Weder in ihrer Heimatgemeinde, noch in deren Umgebung bestand
irgendeine Gelegenheit, wo die Jungfrau die von ihr wiedergegebenen
Gedanken über so weittragende, in das religiöse, moralische, soziale, kirch-
liche und pädagogische Leben eingreifende Probleme hätte auffangen
können, was auch Bischof Haffner von Mainz im Jahre 1896 anerkannte,
wenn er dazu bemerkte, ,,die zum Teil auf die Zeitverhältnisse (Sozialismus,

                                     37
Liberalismus) eingehenden Mahnungen und Klagen seien dem Gesichts-
kreis der Barbara fernerliegend."
   Aber noch mehr als diese Einsicht in die Größe der sozialistischen Gefahr,
die nach Barbara Weigand unabweislich zu einer blutigen Revolution in
ganz Europa führen würde (wie es dann auch geschehen ist), übersteigt ihre
Erkenntnis von der Rettung der Welt durch ein wahrhaft eucharistisches
Leben ihren Bildungsstand und ihre Schulung. Hier liegt der Jungfrau
Lebenswerk, an dem nicht zu deuteln und zu rütteln ist; an diesem rocher
de bronce zerschellen alle Angriffe und Verkleinerungsversuche.
   Unsere Gottesfreundin hat schon in den siebziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts den Prophetenruf in die Welt gesandt, den drohenden Zeit-
übeln werde nur durch ein wahrhaft eucharistisches Leben begegnet
werden können; sie hat selber unter Widersprüchen, Kämpfen und Opfern
ein solches Leben gelebt, sie hat diesem Ideal zuliebe Elternhaus und
Heimat verlassen, hat mehr als ein Menschenalter hindurch für dieses Ideal
gearbeitet, bis ihr Sehnen und Sehen in den Dekreten Pius X. seine Erfüllung
gefunden.
   Schon vor ihrer Übersiedlung nach Mainz (1885) übte sie fünfzehn Jahre
lang ein ganz außergewöhnliches eucharistisches Leben und als sie nach
Mainz zog, tat sie dies gerade deswegen, weil ihr daheim in ihrer
Schippacher Kirche der tägliche Empfang der heiligen Kommunion unmög-
lich gemacht wurde.
   Und da sagt man dann dreißig Jahre später, sie habe diese Einsicht aus
der Mainzer Wirtsstube bekommen! Glaubt wirklich ein objektiv denkender
Mensch, die Gespräche der Mainzer Wirtshausgäste hätten sich mit der
Notwendigkeit der Einführung der Oftkommunion befasst? Oder wenn
man ihre diesbezüglichen Mahnrufe als Reminiszenzen aus Büchern und
Predigten hinstellt, so nenne man klipp und klar jene Bücher und Prediger
in Schippach und Mainz, welche in den siebziger, achtziger und neunziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts verkündeten, Papst und Bischöfe müssten
die Oftkommunion allen Gläubigen zugänglich machen, und wenn man
solche Bücher und Prediger ausfindig gemacht hat, dann beweise man
wissenschaftlich einwandfrei, daß sich Barbara Weigand ihre Ideen aus
diesen Büchern und Predigten geholt habe; das wäre dann eine ,,quellen-
mäßig-exakte und theologisch-gediegene Weise", welche das ängstliche
Bestreben, bei Barbara Weigand ja keine übernatürliche Einwirkung gelten
zu lassen, nur aufs beste stützen könnte.
   Aber ein solcher Beweis wird nie gelingen; denn in jenen Jahrzehnten
haben in Deutschland weder die theologische Wissenschaft, noch die
Literatur, noch die Hierarchie, noch die kirchliche Praxis die Notwendigkeit
der täglichen Kommunion für alle propagiert, sie vielmehr bekämpft.

                                     38
    Daß sich Barbara Weigands Gedanken somit weit über ihren Bildungs-
stand erhoben, dürfte außer allem Zweifel stehen. Diesen Eindruck gewinnt
jeder vorurteilsfreie Leser ihrer Schriften. Zum Beleg hierfür erwähne ich die
Stimme eines Priesters, der sich am 30. Oktober 1907 in einem 24 Seiten
starken Gutachten über den Echtheitscharakter der Weigandschen Offen-
barungen freimütig aussprach. In diesem dem Verfasser im Original vor-
liegenden Gutachten schreibt der in mystischen Dingen erfahrene und vom
Fürstbischof von Breslau zur Prüfung von Ekstatischen herangezogene
Lizentiat, der Theologe Julius Micke in Neisse (Oberschlesien), über dessen
Persönlichkeit mir das Fürstbischöfliche Ordinariat von Breslau auf meine
Anfrage unterm 20. Oktober 1944 die näheren Auskünfte in bereitwilligster
Weise erteilte, zu dem berührten Punkte wie folgt (S. 5 ff): ,,In den Auf-
zeichnungen ist mit Recht hervorgehoben worden, daß der Geist, der aus
diesen Mitteilungen spreche, in Betracht gezogen werden müsse, um diese
Frage (sc. ob göttlichen oder menschlichen Ursprungs) zu beantworten.
Sehen wir den Inhalt der Mitteilung näher an, so ergibt sich, daß er in mora-
lisch-aszetischer Hinsicht übereinstimmt mit dem, was wir in den Schriften
von Heiligen, welche die heilige Kirche als solche anerkannt hat, finden;
ebenso mit dem, was die besten und anerkanntesten aszetischen Schrift-
steller lehren .
   Dieselbe Erkenntnis mag sich auch dem in Gott ruhenden vormaligen
Bischof von Mainz, Paul Leopold Haffner, aufgedrängt und ihn zu dem
Urteil veranlasst haben: Es ist in diesen Kundgebungen nichts neues ent-
halten. Dagegen aber stellte sich folgende Erwägung ein: Wenn jemand, der
theologische Studien gemacht, Leben und Schriften der Heiligen und
aszetische Bücher studiert hat, solche Gedanken entwickelte, so wäre aller-
dings kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß sie aus unmittelbar gött-
licher Quelle geflossen sind. Anders aber liegt die Sache bei einer Person, die
nur den gewöhnlichen elementaren Unterricht in der Religion empfangen
und nirgends Zeit oder Gelegenheit gehabt hat, durch Studien sich tiefer
und weiterreichende Erkenntnisse zu verschaffen.
   Auch noch ein anderer Punkt sprach zugunsten der Barbara. Über den
Geist des Jahrhunderts und die in demselben immer mehr zu Tage tretenden
antichristlichen Strömungen tritt eine so klare und sichere Beurteilung
hervor, daß diese wohl erklärlich wäre bei einem Manne, der die Bewe-
gungen der Zeit im öffentlichen Leben, in Kunst, Wissenschaft usw.
aufmerksam verfolgt hat und im Lichte der christlichen Wahrheit beurteilt;
wer aber wie Barbara seine Tage erst in der Einsamkeit eines abgeschiede-
nen Dorfes und dann in einem ,,Winkel" einer Stadt unter steten unter-
geordneten Beschäftigungen verlebt hat, kann solche Anschauungen
schwerlich aus dem eigenen Geiste geschöpft haben.

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   Vornehmlich bestärkte mich in der Annahme, es liege hier doch wohl ein
unmittelbarer Verkehr des Erlösers mit der Seele der Barbara Weigand vor,
ein Vergleich dessen, was als eine Hauptaufgabe der Barbara erscheint,
nämlich: durch persönliche Opfer und Leiden den öfteren Empfang der
heiligen Kommunion herbeiführen zu helfen, mit der Kundgebung, welche
der heilige Vater Pius X. in gleicher Absicht erlassen hat."
  So urteilte ein Priester, der die Schriften der Schippacher Jungfrau im
Geiste der Pietät, der Ruhe und Objektivität prüfte.
   Poulain nennt im Anschluss an die heilige Theresia ein weiteres Kriteri-
um formaler Art zur Unterscheidung echter Offenbarungen von falschen,
wenn er schreibt: ,,Bei wahren Ekstasen wächst die intellektuelle Erkenntnis
in wirklich erstaunlicher Weise ... Großartige Bilder, tiefe Ideen bereiten sich
ihrem Geiste, so daß es ihnen ganz unmöglich ist, das zu erkären, was sie
gesehen haben".
   ,,Gerade das Gegenteil zeigt sich bei krankhaften, falschen Ekstasen. Es
zeigt sich ein Rückgang der Verstandestätigkeit zugunsten einer kleinlichen
Phantasietätigkeit." Was in der falschen Ekstase gesprochen werde, seien
,,nur banale Wahrheiten"; ,,die Nervenleidenden werden von der Phantasie
stark beherrscht, in ihren Gedanken ist wenig Zusammenhang." So Poulain.
   Ganz ähnlich äußert sich Mager in seinem Buche ,,Mystik als Lehre und
Leben" (Innsbruck 1934) S. 265 f: ,,Der Inhalt der Halluzinationen ist sittlich,
kulturell, religiös sinn- und wertlos, wenn nicht geradezu schädlich ... Das
seelische Niveau (des Mystikers dagegen) erfährt eine ungemeine
Erhöhung. Alles tritt in den Dienst des großen Zweckes, den die Offen-
barungsreligion verwirklicht, der erhabenen Ziele, denen das Reich Gottes
zustrebt ... Beim Halluzinanten sinkt das geistige Bewusstseinsniveau, im
Mystiker steigt es. Es ist eine entgegengesetzte Zielrichtung, in der sich
beide bewegen."
   Nun, ich glaube nicht mehr beweisen zu müssen, daß die Schippacher
Offenbarungen Ideen vortragen, die wegen ihrer Güte und Tiefe heute
Gemeingut katholischer Frömmigkeit geworden sind. Oder sind der Kampf
gegen den atheistischen Sozialismus, der Zusammenschluss aller Gut-
gesinnten um den Zentralpunkt der heiligen Eucharistie, der tiefernste
Sühnegedanke, die Feier der Heiligen Stunde, das Laienapostolat, die
Förderung der Oftkommunion und der wunderschöne Gedanke zur
Erbauung einer eucharistischen Friedenskirche ,,sittlich, kulturell, religiös
sinn- und wertlos", ,,nur banale Wahrheiten"?
   In engem Zusammenhang mit dieser intellektuellen Erkenntnis steht die
Vervollkommnung des Glaubens und des religiösen Wissens, die häufig bei

                                      40
den Mystikern zutage tritt. Maumigny legt gerade auf diese Erscheinung im
Leben der Begnadigten besonderen Wert und verweist wie Groeteken auf
die Tatsache, daß unstudierte Leute wie der heilige Paschalis Baylon auf die
schwierigsten theologischen Fragen hätten antworten können, was nur auf
die durch eine höhere Einwirkung bereicherte und vervollkommnete
Erkenntnis zurückzuführen sei. Auch Trochu erwähnt diese außerordent-
liche Erscheinung im Leben des heiligen Pfarrers Vianney, welcher mit einer
verblüffenden Leichtigkeit und erstaunlichen Genauigkeit die verwirrtesten
theologischen Fälle gelöst habe, obwohl er bekanntlich im Studium der
Theologie nicht zu den ersten seines Kurses gezählt hatte. Den Schlüssel zu
diesem Rätsel, so bezeugt sein Biograph, habe der heilige Pfarrer selber
geliefert mit seinen Worten: ,,Wer vom heiligen Geist geleitet wird, denkt
richtig. Deshalb gibt es so viele Unstudierte, die viel mehr wissen als die
Gelehrten."
   Wer muß hier nicht unwillkürlich an die Art denken, in welcher Barbara
Weigand ihren gelehrten Prüfungskommissären in Mainz und Würzburg
entgegentrat und deren Einwendungen zuschanden machte? Hat nicht der
eine dieser Prüfungskommissäre selber gestehen müssen: ,,Es ließe sich ein
ganzes Kapitel schreiben über die kluge Art, wie Barbara Weigand auf alle
Anklagen und Einwendungen zu antworten weiß?"
   Warum konnte sie dies? Weil ihr Wissen nicht aus den Büchern floss,
sondern aus höherer Eingebung, weil es keine scientia acquisita, sondern
eine scientia desuper infusa gewesen ist.
   ,,Ich werde euch Beredsamkeit und Weisheit verleihen, der alle eure
Gegner nicht zu widerstehen und zu widersprechen vermögen"
(Luc. 21, 15). ,,Nulla alia est vera scientia nisi ea quae a Spiritu Sancto datur,
sed haec humilibus tantummodo tribuitur" (Hl. Franz v. Sales).
   Im 25. Kapitel ihres ,,Lebens" berichtet die heilige Theresia Näheres über
die Beschaffenheit der inneren Worte. ,,Wollen wir menschliche Worte nicht
hören", schreibt die Heilige, ,,so können wir uns die Ohren zuhalten ... Bei
den Worten, die Gott zur Seele spricht, ist es ganz anders; sie erzwingen sich
Gehör, von hören- oder nichthörenwollen ist keine Rede, und der Verstand
wird genötigt, aufs allerdeutlichste das zu vernehmen, was Gott für gut
findet zu sagen."
   Daß es auch der Schippacher Jungfrau nicht möglich war, die Stimme
Gottes abzuweisen, daß vielmehr solche Worte ganz ohne ihr Zutun, ja
gegen ihren Willen (scientia passiva!) sich aufdrängten, kann aus ihren
Schriften unschwer festgestellt werden, z. B. dort, wo sie den Auftrag erhält,
die Botschaft von der Einführung der Oftkommunion vor ihren Bischof zu
bringen. ,,Ich erschrak", so berichtet sie, ,,als ich diese Stimme hörte."

                                       41
   ,,Die Worte des Herrn sind unvergesslich, haften im Gedächtnis ...
Prophetische Worte wird gewiss niemand vergessen." ,,Die Heiligen erin-
nern sich nach der Ekstase der Erscheinungen, während das bei Nerven-
leidenden fast nie der Fall ist." ,,Ein Merkmal, an dem man die Worte Gott-
es erkennen kann, ist, daß sie sehr lange der Seele wie eingegraben bleiben
und daß einige nie mehr aus derselben verschwinden."
   Auch dieses Kennzeichen findet sich bei Barbara Weigand in geradezu
auffallender Weise. Hat sie doch selbst noch nach Jahren frühere Erleuch-
tungen niedergeschrieben und bis ins höchste Greisenalter mit verblüffen-
der Genauigkeit innere Ansprachen wiedergegeben, deren sie vor dreißig,
vierzig und fünfzig Jahren gewürdigt worden war. Diese Treue in der
Wiedergabe war schon dem im Jahre 1896 sie beobachtenden Sanitätsrat
Dr. Müller aufgefallen, wie er auch in seinem Gutachten eigens hervorhob.
   Ein gutes Kennzeichen der Echtheit ist nach den Autoren die Art des
Sprechens in der Ekstase. So äußert sich die heilige Theresia: ,,Es sind ganz
deutlich ausgebildete Worte ... Die Seele vernimmt sie viel klarer als wenn
sie ihr durch die Sinne zukämen ... Dagegen sind die Worte, welche die
Einbildungskraft vortäuscht, meist unbestimmt, unzusammenhängend, die
Sätze werden nicht vollendet, die Stimme stockt. Während darum bei den
Scheinvisionen und falschen Offenbarungen die Wiedergabe abgehackt
wird, laufen die Lippen der echten Visionäre geradezu über, so daß es
unmöglich ist, das Gesprochene zu Papier zu bringen.
    Bekanntlich sprach die heilige Magdalena von Pazzi in der Ekstase so
rasch, daß sechs Schreiber zum Aufzeichnen nötig waren. Und Barbara Wei-
gand? Bei ihr kann man wahrlich nicht von abgehackten Sätzen reden; die
Sätze quollen über ihre Lippen wie aus einem unversiegbaren Reservoir, wie
denn auch ihre Prüfungskommissäre zugeben mußten, daß die Schreiberin-
nen ,,bei dem starken Redestrom der Seherin" im Schreiben nicht mitge-
kommen seien. Wo sich also in den Schippacher Schriften unvollendete
Sätze finden, stammen diese Mängel nicht von der Visionärin, sondern aus
der ungenügenden Schnellschreibekunst der Aufzeichner. Also auch an die-
sem Maßstab gemessen, erweisen sich die Schippacher Offenbarungen eher
als echt denn als unecht. Der Form nach tragen somit die Weigandschen
Offenbarungen so ernste und beachtliche Kriterien an sich, daß man sie
nicht einfach abtun kann, wie ihre Gegner gemeint haben; sie stehen jeden-
falls mit den Erscheinungsformen falscher Ekstasen und unechter Offenba-
rungen sehr im Widerspruch. Doch genügen solche Kriterien, so günstig sie
auch lauten mögen, noch nicht zu einem wissenschaftlich haltbaren Urteile
über die Echtheit. Hierzu muß man auch den Inhalt der Offenbarungen ins
Auge fassen.

                                     42
   Echte Privatoffenbarungen verlieren sich, wie wir gehört, nicht in klein-
lichen Bemerkungen, banalen Wahrheiten oder sentimentalen Ergüssen,
sondern fordern zu großen Werken auf. Poulain findet ,,bei wahren Ekstasen
eine Weite des Geistes, welche große, weitausschauende, schwer durch-
zuführende Pläne fasst."
   Auf die Schippacher Offenbarungen angewendet: da findet sich kein
Ohrenschmaus, kein sentimental-romanhafter Zug, da werden Aufgaben
von elementarer Kraft gestellt: Zusammenschluss aller Gutgesinnten zum
Widerstand gegen die Fluten des Unglaubens und der Unsittlichkeit,
mutiges und offenes Glaubensbekenntnis im Gegensatz zur Feigheit,
Gleichgültigkeit und Menschenfurcht unserer Zeit, lebendige Teilnahme am
kirchlichen Kulte, am Gottesdienst und an Prozessionen, Unterstützung der
priesterlichen Tätigkeit durch kräftiges Laienapostolat, durch Opfer und
Sühne für die Verbrechen der Welt, bewusster Verzicht auf die Genüsse der
Welt, öftere heilige Kommunion, Erbauung einer schönen Kirche zu Ehren
des Eucharistischen Königs: das sind wahrhaftig keine ,,banalen Dinge",
sondern ,,große Werke", ,,weitausschauende, schwer durchzuführende
Pläne."
   Von geradezu epochaler Bedeutung erweisen sich die lauten Aufrufe in
jenen Offenbarungen zur Erfüllung unserer Sühnepflicht gegen das Heilig-
ste Herz Jesu, wie sie Papst Pius XI. dreißig Jahre später in seinem Rund-
schreiben vom 8. Mai 1928 in ergreifenden Worten ausgesprochen hat.
   ,,Wir sehen", so ruft dort der Statthalter Christi, ,,wie göttliche und
menschliche Rechte mit Füßen getreten, Gotteshäuser niedergerissen und
zerstört werden, Ordensmänner und gottgeweihte Jungfrauen aus ihren
Klöstern vertrieben, verhöhnt, grausam gequält und durch Hunger und
Gefangenschaft misshandelt werden. Wir sehen, wie ganze Scharen von
Kindern dem Mutterschoß der Kirche entrissen und verführt werden,
Christus abzuschwören und zu lästern und sich den schlimmsten Ver-
brechen der Sittenlosigkeit hinzugeben ...
   All das ist so betrübend, daß man fast sagen möchte, es werde dadurch
schon jetzt der Anfang der Leiden angekündigt und eingeleitet, den der
Mensch der Sünde herbeiführen wird, der sich über alles erhebt, was Gott
und Religion heißt."
   Angesichts solcher Verbrechen ruft der Heilige Vater alle Gutgesinnten
zur Sühneleistung auf und belobt besonders jene edlen Seelen, welche sich
die Sühne zum Lebensberuf gemacht haben. Wer sähe darin nicht Barbara
Weigands - vor sechzig Jahren als Stimme Gottes - vorgetragene Aufforde-
rung zu tatkräftiger Sühne von höchster Warte bestätigt? (Siehe auch Rund-
schreiben Papst Pius XII. vom 15. Mai 1956).

                                    43
   Echte Offenbarungen stehen auch in enger Verbindung mit der kirch-
lichen Liturgie; falsche Visionäre haben sich zu allen Zeiten vom kirchlichen
Leben für entbunden gehalten und sind ihre eigenen Wege gegangen wie
Michael de Molinos, unter dessen von Innozenz XI. am 20. November 1687
verurteilten Sätzen sich auch dieser befand: ,,Male agit anima, quae procedit
per hanc vitam aeternam, si in diebus solemnibus vult aliquo conatu parti-
culari excitare in se devotum aliquem sensum, quoniam animae omnes dies
sunt aequales, omnes festivi."
   Das Gegenteil dieses verurteilten Satzes wird also richtig sein: ,,An Fest-
tagen wird sich die innerlich gerichtete Seele in besonderer Weise zu Gott
hingezogen fühlen." Darum schreibt auch Zahn: ,,Die echte mystische
Frömmigkeit fühlt sich mit innerer Folgerichtigkeit hingezogen und empor-
getragen zum kirchlichen Kultus als Letztem, Höchsten."
   Wenn wir die Offenbarungen der Barbara Weigand unter diesem
Gesichtswinkel auf ihre Echtheit prüfen, dann finden wir, daß sie har-
monisch eingeschlossen sind in den Ring des Kirchenjahres mit seinen
erhebenden Festen und Feierlichkeiten. Kein bedeutenderes Fest des Herrn,
der Muttergottes oder eines größeren Heiligen geht vorüber, ohne daß der
Festgedanke in oft recht tiefgründiger und anschaulicher Weise heraus-
gehoben und mit den Zeitaufgaben in Kontakt gesetzt wird.
   Da zeigen sich Mystik, Dogma und Leben in schönster Harmonie. Selbst
die Gegner konnten an dieser Tatsache nicht vorübergehen, ohne ihr
Achtung und Anerkennung zu zollen: ,,Man möchte ja", sagte der eine von
ihnen, ,,Barbara Weigand um die Gabe beneiden, wie sie die Gedanken des
Kirchenjahres oft in kühnster und überraschender Weise in die betrachtende
Form von Zwiegesprächen mit Jesus, Maria und den Heiligen zu kleiden
und auf alle möglichen Lebensverhältnisse anzuwenden versteht!"
   Ist es da nun nicht vernünftiger, Barbara Weigand zu glauben, wenn sie
als Urheber dieser schönen Gedanken die Stimme von oben angibt, als
diesen Ursprung in ihrem menschlichen Gehirn zu suchen, das nach dem-
selben Autor ,,krank" und nur geeignet war, ,,Sammelsurium" und ,,Aus-
geburten" hervorzubringen? Die Schippacher Offenbarungen stehen also in
erfreulicher und enger Verbindung mit der Liturgie, so daß es wirklich zu
bedauern ist, daß man diese Schriften mit ihrem tiefen Verständnis des
Kirchenjahres immer noch mit dem Schutte der Verketzerung zudeckt,
anstatt sie dem katholischen Volke zugänglich zu machen.
   Und ist nicht auch das Verlangen, eine schöne Kirche zu bauen, damit
eine Pfarrgemeinde ihre Liturgie würdig feiern kann, und das Bestreben,
diese Kirche der besonderen Verehrung der heiligen Eucharistie, des Mittel-
punktes aller Liturgie, zu weihen, ist nicht auch dieses Verlangen in hohem
Grade liturgisch?

                                     44
   Die Autoren verlangen von echten Visionen und Ansprachen eine hohe
Auffassung der Sittlichkeit. Während der moralische Standpunkt bei den
hysterisch Kranken sehr tief steht, sagt Zahn, ist die ,,von echten Visionären
gepflegte Idee von der Sittlichkeit eine sehr erhabene, die sie ständig in allen
Handlungen vor Augen haben; ihr Glück suchen sie in Selbstlosigkeit und
im Dienste anderer." ,,Die Liebe der gottminnenden Seele bleibt nicht in ihr
verborgen, sie kommt immer der ganzen Kirche zugute. Im Dienst der
Brüder muß sich die begnadigte Seele bewähren." Alle diese Anforderungen
hat Barbara Weigand geradezu buchstäblich erfüllt, wie uns die früheren
Kapitel dieses Buches an vielen Stellen gezeigt haben; es sei nur an ihre
Arbeit im Dienste der Verwandten, lange Jahre nur um Gotteslohn, an ihre
Sorge für notleidende Kinder, an die Pflege verlassener Kranker, an ihre
Bemühungen um Errichtung der Heimatpfarrei und um Erbauung einer
Kirche daselbst, an ihre Unterstützung der Diözesaneinrichtungen erinnert!
   Und wie sich ihr Leben ,,im Dienste der Brüder verzehrte", so fordern
ihre Offenbarungen zum Verzicht auf die Welt, zur Selbstverleugnung,
Opferliebe, Sühneleistung, zur Mithilfe an der Ausbreitung des Reiches
Gottes. Auch von der Zeitkrankheit der Ehrsucht, des Egoismus und
Mammonismus blieb unsere Gottesfreundin unbefleckt. Ihre Person und
ihre Schriften künden somit von einer hohen Auffassung der Sittlichkeit.
   Endlich, so meint Poulain, könnten einen zuverlässigen Anhaltspunkt für
die Echtheit von Privatoffenbarungen auch die Werke abgeben, zu denen
solche Offenbarungen die Anregung gäben, z. B. eine Ordensgründung, die
Einführung einer Andacht oder die Erbauung eines Heiligtums. Seien solche
Werke gut, dem Seelenheil nützlich oder förderlich, dann sei das ein
Zeichen, daß sie von Gott gewollt seien. Nun ist es ja vor aller Augen
liegend, ein wie notwendiges und nützliches Werk die Erbauung der Sakra-
mentskirche in Schippach wäre, und wie zeitgemäß und nützlich der aus
den Weigandschen Offenbarungen stammende Liebesbund ist, wird durch
die Tatsache seiner Approbation und das laute Lob von Bischöfen zur
Genüge erwiesen, wie denn auch die Würzburger Prüfungskommissäre und
das dortige Ordinariat seinen edlen Zweck wiederholt anerkannt haben.
   Somit zeugen auch Inhalt und Werke für die Echtheit der Schippacher
Offenbarungen.

5. Die guten Wirkungen der Schippacher Mystik
   Wir haben schon früher vernommen daß die echte Vision die Seele mit
einem hohen Maße von Mut, Kühnheit und Ausdauer ausrüstet. Die Sicher-
heit der inneren Worte ist so groß, daß nach dem Zeugnis der heiligen
Theresia ,,die Seele vom Augenblick an, wo sie diese Worte hört, nicht mehr

                                      45
schwankt; sie würde dafür sogar zu sterben bereit sein, mag auch der böse
Feind sie quälen und zu entmutigen sich bemühen.
    Das gilt besonders dann, wenn diese Worte den Dienst Gottes und das
Wohl der Seelen betreffen und das Gelingen der Aufgabe schwer zu sein
scheint." In ihrem ,,Leben" äußert die große Mystikerin denselben Gedan-
ken: ,,Nach der Ekstase fühlt man einen solchen Starkmut, daß man sich auf
der Stelle mit Freuden in Stücke hauen ließe, wenn es die Ehre Gottes
erheische. Nun keimen die heldenmütigen Entschlüsse und Versprechen auf
... Nun wird die Fahne Jesu entfaltet. Gleich dem Befehlshaber einer Festung
steigt die Seele zur höchsten Zinne empor ... und pflanzt dort die Fahne
ihres göttlichen Königs auf. Ruhig, weil sie in Sicherheit ist, blickt sie in die
Tiefe und fordert die Kämpfe heraus anstatt sie zu fürchten."
   ,,Die Seele hat eine solche Gewissheit, daß diese Erscheinungen von Gott
kommen, daß, wenn man ihr auch das Gegenteil sagen würde, sie nicht
einmal den Gedanken fassen könnte, getäuscht zu sein." Auch an diesem
Maßstab gemessen erweisen sich die Visionen und Ansprachen der Jungfrau
Weigand als echt. Ihr Glaube an ihre mystischen Schauungen und Audi-
tionen war unerschütterlich, wie ja auch die beständigen Vorwürfe ihrer
Gegner, sie lasse sich ihre Erleuchtungen nicht ausreden, zur Genüge bewei-
sen. Auch von knechtischer Furcht, diesem erbärmlichen Produkte einer
charakterlosen Zeit, hat die Schippacher Jungfrau zeitlebens nichts gewusst.
     Natürlich können den Begnadigten auch Leiden und Prüfungen nicht
fehlen. ,,Die Erfahrung lehrt", schreibt Poulain, ,,daß Gott denen, die nach
Vollkommenheit streben, Prüfungen zu schicken pflegt, und zwar manch-
mal während des ganzen Lebens", und Zahn meint: ,,Bei allen, welche des
mystischen Lebens kundig sind, besteht völlige Übereinstimmung darüber,
daß das Geheimnis des Kreuzes ... im mystischen Leben erst recht waltet
und herrscht." Das Kreuz hat aber Barbara Weigand gewiss nicht gefehlt:
Verkennungen, Kränkungen, Verfolgungen, öffentliche Schmähungen der
niedrigsten Art bildeten die bitteren Beigaben ihres langen Lebens. Erst die
spätere Geschichtsschreibung wird dieses Kapitel des Kampfes gegen Schip-
pach mit schonungsloser Offenheit schreiben können. Trotz der bitteren
Erfahrungen, die unsere Gottesfreundin in jenen Jahren machte, bewahrte
sie eine Ruhe und Gelassenheit, die ihr ebenfalls ein günstiges Zeugnis aus-
stellen, da nach den Worten Richtstätters die begnadigte Seele ,,es als eine
Wohltat empfindet, wenn sie unverdiente Verachtung, bittere Kränkung,
Misskennung und Demütigungen tragen muß." Daß die Jungfrau Barbara
trotz des ihr zugefügten seelischen Leidens gegen ihre Widersacher keine
feindselige Gesinnung hegte, kann ich als ihr Pfarrer laut bestätigen, wie
dies auch von anderen Personen bezeugt wird, die damals mit ihr
zusammenkamen.

                                       46
   So schreibt mir ein Priester: ,,Ich habe Barbara Weigand in ihrer Heimat
im Kreise ihrer Verwandten aufgesucht (1916). Sie kennen selbst diese
schlichten Leute, die nichts aus sich machen und nicht im mindesten darauf
aus sind, mit der Begnadigung ihrer Tante zu prunken oder für diese oder
sich selbst irgend eine Bedeutung oder Ehre in Anspruch zu nehmen.
    Barbara Weigand passt in diesen Kreis; sie kam ermüdet von harter Feld-
arbeit zurück und hatte auch für mich nur wenig Zeit, weil sie noch
manches zu besorgen hatte. Die kurze Unterhaltung verriet mir wieder ihre
tiefste Frömmigkeit, ihre glühende Liebe zu Jesus und ihre echte Demut;
denn was sie sagte, war nicht herbeigezogen, nicht eine gewollte Wiedergabe von Reminiszenzen aus Erbauungsbüchern und Predigten, sondern
wir besprachen die gegebenen Verhältnisse, den begonnenen Bau der Sakra-
mentskirche, die Zurücknahme der Bauerlaubnis und die sich hieraus
ergebende traurige Lage der Barbara Weigand.
   Das alles fasste sie von dem erhabenen Standpunkt einer innerlichen
Vereinigung mit Gottes Willen auf. Kein Wort des Hasses oder auch nur ein
abfälliges Urteil gegen diejenigen, von denen sie so viele Verfolgungen zu
leiden hatte, kam über ihre Lippen. Von sich selbst sprach sie gar nichts, von
der Sakramentskirche und von allem, was damit zusammenhing, sprach sie
nur insofern man sie fragte, und dann merkte man ihr das Bestreben an, die
eigene Person ganz in den Hintergrund zu drängen."
    Aus dieser heiligen Ruhe und Ergebung der so hart geprüften Greisin
habe ich als Pfarrer von Rück-Schippach mehr als einmal Kraft und Zuver-
sicht in meinen persönlichen und beruflichen Bedrängnissen schöpfen
können.
   Die nachhaltig gute Wirkung der Weigandschen Mystik auf andere
Personen wird durch eine ganze Wolke von Zeugnissen bestätigt, von denen
im Rahmen dieser Schrift natürlich nur wenige berücksichtigt werden
können; die Tatsache der schnellen (Geändert. Die Red.) Ausbreitung des
Liebesbundes in Mainz, Aachen, Trier, Köln, Freiburg, wo die Zahl rasch in
die Tausende anwuchs, ist hierfür allein schon ein Beweis. Priester erbauten
sich besonders an ihren zeitnahen aszetischen Forderungen. ,,Ihre aszeti-
schen Erwägungen", so ist in einem Priesterbrief zu lesen, ,,sind so erbau-
lich, daß ich sie mit der `Nachfolge Christi´ des Thomas von Kempen
vergleichen möchte. Es war mir immer eine seelische Erfrischung meines
geistigen Lebens, wenn ich solche Offenbarungen der Barbara Weigand
lesen konnte. Ich fand sie so frisch und unmittelbar, so genau den Bedürf-
nissen unserer Zeit angepasst, daß ich großen Nutzen daraus schöpfte."
   Geradezu ergreifend ist auch, was der eucharistische Apostel von
Schifferstadt, Pfarrer Weihmann, über die Quelle seiner außerordentlichen
Erfolge in der Seelsorge berichtet.

                                     47
   Dieser Priester, der in seiner Pfarrei die Jahreskommunionen auf über
20000 ansteigen sah, durch dessen hinreißende Triduen beispielsweise die
Jahreskommunionen in Eppelheim von 6000 auf 39000, in Mörsch von 24000
auf über 150000 stiegen, dieser Priester steht nicht an, als Quellgrund dieses
offenkundigen Segens Schippach zu bezeichnen, wie er es in seinem Berich-
te vom 1. Mai 1943 an den Heiligen Vater getan hat. Hören wir seine eigenen
Worte!
   ,,Eine zweite Quelle des außerordentlichen Himmelssegens meines
Eucharistischen Kreuzzuges ... sehe ich in Schippach. Ich bekenne dies
ehrlich und wahrheitsgetreu und glaube nicht, daß ich mich täusche ... Seit
1922 mit Schippach bekannt, besuchte ich im Jahre 1925 nach meiner ersten
Romwallfahrt zum erstenmal Barbara Weigand in Schippach, die damals bei
ihren 80 Jahren noch außerordentlich rüstig und schaffensfroh war.
  Wir beteten auf den Knien liegend ca. vier Stunden auf den Ruinen der
Sakramentskirche um den Siegeszug des Eucharistischen Heilandes, wobei
Barbara mir prophetisch versicherte, daß ich zum Siege des Eucharistischen
Heilandes und zum Bau der Sakramentskirche viel mithelfen dürfte.
   Heute bin ich überzeugt, daß das ,,Eucharistische Charisma" neben der
Weihe am Grab Pius X. auch in Schippach begründet ist ... In der Folgezeit
konnte ich Barbara Weigand noch öfters besuchen und tiefen Einblick in den
Beginn ihrer Begnadigung und in ihr reiches Innenleben gewinnen, das
noch in der Neunzigjährigen von Liebe zum eucharistischen und leidenden
Heiland glühte. Bei einem Kreuzweg, den sie laut und frei aus dem Herzen
vorbetete, war ich von ihrer zarten Christusmystik ganz ergriffen ... Auch
der hochselige Bischof Ludwig Maria Hugo von Mainz, ein Fachmann in der
Mystik und Seelenführer von Begnadigten, mit dem ich persönlich gut
befreundet war, sprach mit größter Hochachtung von Barbara Weigand als einer
zwar derben, aber durchaus ehrlichen, frommen, opferstarken, ja heilig-
mäßigen Person und war von der Echtheit ihrer Begnadigung überzeugt ..."
   Eine unmittelbare Teilnehmerin ihrer Ekstasen, eines der Dienstmädchen
im Weigandschen Hause zu Mainz, Frau Anna Fischer in Großwallstadt,
schrieb dem Verfasser unterm 13. September 1942 einen Brief, der als Bericht
eines Augen- und Ohrenzeugen verdient, hier wenigstens im Auszug
wiedergegeben zu werden:
   ,,Als Dienstbote der Familie Weigand in Mainz bin ich Augen- und
Ohrenzeuge der außergewöhnlichen Vorgänge im Leben der Barbara
Weigand gewesen und habe das Leben und Streben, das in dieser Familie
herrschte, schätzen gelernt. Am 2. November 1899 trat ich, 19 Jahre alt, als
Hausmädchen in den Dienst bei Familie Weigand ein ... ich durfte bleiben
bis Sommer 1904 ... Wir hatten sehr viel Arbeit bis spät in die Nacht und

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keine Zeit für Erholung und Vergnügen. Was mich in diesem Hause festgehalten
hat, war das außergewöhnliche Leben der Barbara Weigand. Ihr Gebets- und
Opferleben machten auf mich einen guten Eindruck. Ich durfte manchmal
ihre Bußgänge nach Marienborn und Gonsenheim mitmachen. Barbara
Weigand und ihre Freundin Elisabeth Feile gingen dabei barfuß. Ihre großen
Absichten der Sühne und Bitten für die ganze Welt und für die Anliegen der
heiligen Kirche bei diesen Bußgängen ermutigten mich ebenfalls, barfuß
mitzugehen. Wir kannten dabei keine Menschenfurcht. Wir wussten, daß
Gott Sühne verlangt hat. Wir Dienstmädchen gingen täglich zur heiligen
Messe und zur heiligen Kommunion. Die großen Gebetsmeinungen der
Barbara Weigand lernten uns das Gebet hochschätzen.
    Das Größte, das ich bei Barbara Weigand erleben durfte, waren die
Ekstasen. Am 8. Dezember 1899 durfte ich zum erstenmal dabei sein. Fami-
lie Weigand hatte mir in den ersten Wochen meines Dortseins nichts davon
gesagt. Der erste Eindruck war: ich fühlte mich dem Himmel nahe. Was
Barbara Weigand in dieser Ekstase sprach, konnte ich gut glauben, daß es
die Worte der Muttergottes waren ... Ich wünschte immer: O daß doch alle
Menchen das Glück hätten, dabei zu sein! Möge der liebe Gott uns bald den
Kirchenbau in Schippach erleben lassen zu Seiner Ehre und zum Frieden
und Heil der Seelen und der Welt!"
   Einen nachhaltigen Einfluss übte die Gottesfreundin von Schippach auf
ihre eigene Familie aus. Eine leibliche Schwester trat bei den Englischen
Fräulein in Augsburg ein und verbrachte dort 28 Jahre im Ordensstande, ein
Neffe wurde Priester in der Diözese Würzburg, ein zweiter fiel im ersten
Weltkrieg als Alumnus des Mainzer Priesterseminars, ein dritter und ein
Großneffe wurden Laienbrüder bei den Salesianern, zwei Nichten legten im
Jahre 1902 das Gelübde der Jungfräulichkeit ab, eine Großnichte nahm den
Ordensschleier, zwei Neffen, Landwirte in Schippach, wurden Terziaren
vom heiligen Franziskus.
   Von ihrer Jugendzeit in Mainz, die sie ganz unter der Obhut von Tante
Babette verlebte, schreibt die dort im Jahre 1884 geborene Nichte Maria: ,,Ich
kann mich gut erinnern, wie wir Kinder unter der Obhut der Tante waren,
wie sie uns beten lehrte und warnte vor dem Bösen und wie sie unseren
Verkehr mit anderen Kindern streng und sorgsam überwachte. Der Tag
meiner Schulentlassung eröffnete mir einen Lebensabschnitt von seliger
Freiheit. Ich hörte nun nicht mehr meine Mitschülerinnen von Theater und
Tanz reden und konnte jetzt ungestört dem unvergänglichen Glücke
zueilen. Unser Haus ward immer mehr zum Paradies und die Kirche zum
Himmel. Durch Tante Babette lernten wir Gott recht lieben, die Heiligen
verehren, das Gebet und den Gottesdienst über alles hochschätzen und
durch sie wurden wir bekannt mit anderen guten Menschen, deren Beispie-
le uns neu begeisterten."

 

                                     49
   Die Dienstmädchen im Weigandschen Hause konnten sich dem sittigen-
den Einflusse der Tante nicht entziehen und rechneten ihren Aufenthalt
daselbst ,,zu den schönsten ihres Lebens", wie es in dem oben abgedruckten
Briefe eines dieser Mädchen zu lesen ist. ,,Mit größtem Eifer", schreibt ihre
Nichte, ,,sorgte Tante stets für brave Dienstmädchen. Von ungefähr 1890 an
hatten wir stets zwei Dienstmädchen und von 1901 an stets drei. Der täg-
liche Besuch der heiligen Messe war bei allen unseren Dienstmädchen bald
ganz selbstverständlich. Sie betrachteten das frühe Aufstehen um fünf Uhr
nicht als ein zu großes Opfer, da sie höchst selten vor zwölf Uhr zur Ruhe
gingen, sondern als einen Dienst Gottes und als eine Stärkung für die Seele.
   Unsere Dienstmädchen und ich berieten uns heimlich in der Küche, wie
wir nur dem lieben Gott besondere Freude machen könnten. Die gute N.
sagte: Ich sage: Gelobt sei Jesus Christus, so oft ich an dir vorübergehe, und
wenn ich es nicht sagen kann in der Wirtschaft, dann zupfe ich dich und
dann denkst du immer: In Ewigkeit! Amen.
   Ich sagte: Ich will fleißig die Papierstückchen unter den Tischen hervor-
heben aus Liebe zu Gott; und diese beiden guten Vorsätze wurden jahrelang
treu ausgeführt, bis uns der Lebensweg auseinanderführte. Soviel ich mich
erinnern kann, waren unsere Dienstmädchen auch alle im Dritten Orden.
Auch verzichteten sie gerne auf einen freien Sonntagnachmittag. Aber mit
Eifer suchte jedes Mädchen Gelegenheit, einer Nachmittagsandacht
beiwohnen zu können. So wurden auch die sakramentalischen Betstunden
am Werktag und die Fasten- und Adventspredigten eifrig besucht. Meine
Mutter ließ während der Abwesenheit der Mädchen die Arbeit kommen wie
sie nur wollte; denn das Gebet wurde über alles hochgeschätzt. In der Kirche
und in der Küche haben wir uns jeden Tag gerüstet für das Leben in der
Wirtschaft."
   Wo ein solcher Geist in der Familie der Wirtsleute wehte, konnte es nicht
ausbleiben, daß ihn auch die Gäste zu spüren bekamen. ,,Wir hatten eine
vielbesuchte Wirtschaft", schreibt die Tochter des Hauses, ,,und unsere
Gäste kamen jahrelang Tag für Tag. Es waren meistens Arbeitsleute
verschiedener Berufe. Da gab es täglich kirchenfeindliche Religions-
gespräche nach sozialistischer Redensart. Für alle Personen, die zu unserem
Haushalt gehörten, waren solche Gespräche eine Gelegenheit, unserem
wirklich so wenig schönen Beruf eine schöne Seite abzugewinnen und sich
bewusst zu werden, wozu man in der Wirtschaft lebt. Jedes Dienstmädchen
sogar machte einem solchen Gespräch ein Ende, manchmal mit einem guten
Wort der Belehrung oder mit einer Äußerung, daß man uns als Katholiken
beleidigt, oder man hat einem recht frechen Menschen direkt den Aufenthalt
gekündigt. Die Zurechtgewiesenen kamen täglich wieder, mit Ausnahme
der Frechsten. Einige ältere Gäste, die in ihrer Religion nicht besser waren

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als die meisten, sagten gewöhnlich schon, wenn einer seinen Unglauben
präsentieren wollte: Das darf man hier nicht sagen, sonst wird man vor die
Tür gesetzt. Unsere Gäste sagten manchmal zu unseren Dienstmädchen: Wir
gäben euch ganz gern ein Trinkgeld, aber ihr tragt ja doch alles zu den
Kapuzinern. In der Fastenzeit redeten wir dem einen und dem andern zu,
abends in die Fastenpredigt zu gehen. Wir hatten dann manchmal die
Freude, daß eine ganze Tischgesellschaft in die Predigt ging. Wir hatten ein
tiefes Mitleid mit den armen Menschen, die ihr ewiges Ziel nicht kannten,
und haben viel für sie gebetet."
  Welch herrliches Bild echt katholischer Gastwirtsleute entrollen diese
wenigen Zeilen! Welcher Glaubensmut! Welche Überzeugungskraft!
Welcher apostolischer Geist! Das war Geist vom Geiste der Jungfrau Barbara
Weigand und ihrer Offenbarungen.

6. Bewährung in Zeit und Kritik
   Unser Gewährsmann Poulain verlangt zur Prüfung der Echtheit von
Privatoffenbarungen auch die Beantwortung der Frage: ,,Haben die
Offenbarungen die Probe der Zeit und der Kritik bestanden?"
   Zum ersten: Probe der Zeit! Wir haben gesehen, daß die Zeit vielen
Gedanken der Jungfrau Barbara, derentwegen sie einstmals sogar von
Priestern verlacht wurde, völlig recht gegeben hat, z. B. jenen vom Unheil,
das der gottlose Sozialismus anrichten werde, von der blutigen Völker-
revolution, vom Ansturm Satans, von der Verfolgung der Kirche, von der
Verführung der Jugend, von dem großen Glaubensabfall, von den Straf-
gerichten über die Völker und die Kirche, von der Schließung der Kirchen,
vom Zerfall der katholischen Vereine, aber auch den Offenbarungen von der
Einführung der Oftkommunion, von den zahlreichen Selig- und Heilig-
sprechungen, von Heiliger Stunde und Christkönigsverehrung, von Sühne
und Opfer, von der Ausbreitung des Liebesbundes. Die Zeit hat für Barbara
Weigand gearbeitet.
   Und die Probe der Kritik? An Kritik, Kritikern und Kritikastern hat es
den Schippacher Offenbarungen wahrscheinlich nicht gefehlt; selbst Leute,
die niemals eine Zeile dieser Schriften gelesen und die Visionärin in keinem
Augenblick ihres langen Lebens auch nur gesehen hatten, hielten sich nach
dem Lesen der Zeitungsartikel für befugt, ihr Urteil abzugeben.
   Politische Zeitungen urteilten mit derselben Unwissenheit über die
Geheimnisse mystischen Schauens ab, mit der sie noch im Oktober 1918 die
Festigkeit der deutschen äußeren und inneren Front ,,bewiesen". Die Probe
dieser Kritik haben die Schippacher Offenbarungen wohl bestanden. Und

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wenn sich vor vierzig und fünfzig Jahren selbst Theologen in die Reihe der
Gegner Schippachs stellten, so sind auch deren Angriffe inzwischen restlos
zusammengebrochen.
   Die Schippacher Offenbarungen haben auf der ganzen Linie gesiegt; die
von Barbara Weigand vorgetragenen Gedanken sind restlos Wirklichkeit
geworden; ihre Prophezeiungen sind sämtlich in Erfüllung gegangen; ihre
Kirche ragt weit in die Lande.
   Man kann also mit gutem Grunde die Schippacher Offenbarungen in
ihrem wesentlichen Inhalte als echte Offenbarungen bezeichnen.




                                   52

III. DIE KIRCHENBEHÖRDLICHEN PRÜFUNGEN


   Wir haben im Vorstehenden den Inhalt der Schippacher Schriften nach
den für die Prüfung solcher Aufzeichnungen von den besten Kennern der
mystischen Theologie aufgestellten Grundsätzen einer objektiven Prüfung
unterzogen und sind dabei zu einem für die Schippacher Offenbarungen
recht günstigen Resultat gekommen.

   Eine ganz andere Beurteilung erfuhren bekanntlich diese Schriften in der
Vergangenheit von den kirchlichen Behörden, die sich seinerzeit amtlich mit
ihnen befassten.

   Sehen wir uns nun diese amtlichen Untersuchungen einmal etwas näher
an und betrachten wir besonders die Arbeitsweisen, die bei diesen wichti-
gen Geschäften angewandt wurden: Das Resultat wird erschreckend sein.


1. Bischof Haffner im Jahre 1896

   In der Bittwoche des Jahres 1896, ,,nachdem einige Bücher der Mitteilun-
gen voll waren", brachte Luise Hannappel diese Hefte ihrem Beichtvater mit
der Bitte, sie dem Mainzer Oberhirten vorzulegen. Da sich der Pater hierzu
jedoch nicht entschließen wollte, nahm sich Hannappel selbst das Herz und
überreichte sie persönlich dem Bischof, der sie annahm, las und am 28. Juni
1896 sein Urteil in die folgenden Sätze zusammenfasste:

  ,,Betr. Aufzeichnungen der kranken Jungfrau Barbara.

  Nach Prüfung der mir übergebenen Hefte bemerke ich folgendes:

  1. Die Lebensbeschreibung lässt erkennen, daß die Barbara eine schlichte,
  tugendhafte und fromme Person ist. Sie macht den Eindruck einer Betrügerin
  nicht. Persönlich kenne ich sie nicht und habe darum ein bestimmtes Urteil nicht.

  2. Die Krankheitserscheinungen kenne ich auch nicht, zweifle aber nicht, daß sie
  in die unermessliche, mannigfaltige Gruppe hysterischer Krämpfe gehören.

  3. Die der bisherigen Bildung Barbaras gegenüber auffallend feine und edle
  Sprache, sofern sie nicht etwa von der Schreiberin herrührt (wie bei Katharina
  Emmerich von Brentano), lässt sich wohl natürlich erklären aus der abnormen
  Nervenerregung, welche an die Krämpfe sich anschließt.

  4. In den Aufzeichnungen erscheinen besonders bedenklich die Aussprüche über
  Personen, die sich im Fegfeuer befinden. Als göttliche Eingebung sie zu betrach-
  ten, liegt kein Grund vor, sie haben einen Zweck nicht. Sie sind leichtfertige
  Annahmen und müssen unterdrückt werden.

                                       53
  5. Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen
  und Ergießungen nicht, sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen
  frommen Anschauungen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtun-
  gen sich finden, und können darum wohl natürlich erklärt werden.
  6. Die z. T. auf die Zeitverhältnisse (Sozialismus, Liberalismus) eingehenden
  Mahnungen und Klagen sind sehr wohl natürlich zu erklären, obgleich dem
  Gesichtspunkt (Gesichtskreis? d. V.) der Barbara fernerliegend.
  7. Wenn die Mitteilungen als Worte des Heilandes sich darstellen und als Offen-
  barungen desselben vorgetragen werden, so kann das auf reiner Phantasie beru-
  hen. Was B. denkt und will, das kleidet sie in ihrer Phantasie in die Form von
  Aussprüchen und Befehlen des Herrn. Es soll das nicht als absichtlicher Betrug
  angesehen werden, wohl aber als Selbsttäuschung. Die Formeln kann B. aus
  zahllosen Schriften entnommen haben.
  8. Besondere Kennzeichen übernatürlicher Erleuchtung sind keine vorhanden.
  9. Es ist darum die Annahme einer solchen als unbegründet und irrig zu ver-
  werfen. Der Arzt soll die Kranke beobachten. Die Aufzeichnung ihrer Mitteilun-
  gen aber hat zu unterbleiben.
  gez. + Paulus Leopold."
   Aus dieser Äußerung des Bischofs erhellt, daß er Barbara persönlich
nicht kannte. Nach Poulain aber muß man ,,zuerst die Person kennen-
lernen", wenn man über sie urteilen will. Aber aus der Lebensbeschreibung
gewinnt der Bischof den Eindruck, daß Barbara eine schlichte, tugendhafte
und fromme Person sei, der jede absichtliche Täuschung fernliegt. Sodann
bestätigt der Bischof, daß der Inhalt der Schriften gegen den Glauben nicht
verstößt. Ferner anerkennt der Bischof ,,die der bisherigen Bildung Barbaras
gegenüber auffallend feine und edle Sprache."
   Wenn der Bischof sodann meint, die frommen Ergüsse überstiegen nicht
die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche sich in Gebet-
büchern, Predigten und Betrachtungen fänden, so täuschte er sich.
   Denn die Aufforderungen Barbaras zu Buße und Sühne oder zur
allgemeinen Einführung der häufigen, ja täglichen Kommunion als Heil-
mittel gegen die Schäden der Zeit, lagen im Jahre 1896 durchaus nicht in der
Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen und wurden zu jener Zeit
in Deutschland auch nicht in Gebetbüchern und Predigten vorgetragen,
vielmehr darin heftig bekämpft. Noch im Jahre 1902 wurde auf den Mainzer
Kanzeln gegen Oftkommunion und Heilige Stunde gepredigt.
  Der auf Anordnung des Bischofs die Barbara beobachtende Arzt,
Sanitätsrat Dr. Müller, aber fällte über die ,,Krankheit" Barbaras ein ganz
anderes Urteil als der Bischof, wie wir später sehen werden.

                                      54
   Die Beanstandungen des Bischofs können somit der wirklichen Sachlage
nicht standhalten.

2. Ordinariat Köln im Jahre 1909
    Wie uns aus der Geschichte der Approbation des Liebesbundes bekannt
ist, unterbreiteten die Aachener Damen, Freifräulein von Scheibler und
Fräulein Theisen, am 22. März 1909 Seiner Eminenz, dem Hochwürdigsten
Herrn Kardinal Antonius von Fischer, in Köln auf desselben besonderen
Wunsch die Schriften der Barbara Weigand zur geneigten Prüfung.
   Seine Eminenz vertrauten die Schriften dem Domkapitular und Professor
Dr. Berrenrath zur theologischen Prüfung an, die nach der ganz zutreffen-
den Ansicht des Kardinals längere Zeit in Anspruch nehme; noch am
28. Juni 1909 schrieben Seine Eminenz an Freifräulein von Scheibler: ,,Die
Schriftstücke sind so ausgedehnt, daß längere Zeit nötig ist."
   Und wie prüfte Professor Dr. Berrenrath? Hören wir seine eigenen Worte
in seinem Briefe an P. Felix Lieber:
  ,,Köln, den 2. März 1910. Unser Generalvikariat beauftragte mich mit der Prü-
  fung der angeblichen Offenbarungen der Barbara Weigand ... Der einzige Unter-
  grund (Stil?) für mein Urteil sollten sein und sind tatsächlich gewesen die Auf-
  zeichnungen, welche die B.W. über sich selbst und welche von anderen über sie
  und ihre angeblichen übernatürlichen Erlebnisse bis zum Jahre 1900 gemacht
  haben (Stil?). Ich widmete der Arbeit drei volle Wochen."
   Professor Dr. Berrenrath fand es also nicht für nötig, alle vorgelegten
Weigandschen Schriften zu prüfen oder auch nur durchzulesen, sondern
nur einen Teil, nämlich jene bis zum Jahre 1900; die Aufzeichnungen der
folgenden Jahre von 1900 bis 1909 würdigte er einer Prüfung nicht. Und die
bis zum Jahre 1900 reichenden Schriftstücke prüfte er in ganzen drei
Wochen!
   Man bedenke: Die Prüfung der Schriften, für die auch der Kardinal eine
längere Zeit für erforderlich hielt, jener Schriften, in welchen nach den
Worten eines anderen Prüfungskommissärs ,,ein förmliches theologisches
System" enthalten war, jener Schriften, in welchen angeblich die Hierarchie
der katholischen Weltkirche gesprengt wurde, jener Schriften, in welchen
angeblich eine neue Sekte gegründet wurde, zu deren Niederschlagung man
die Polizeigewalt eines Königreiches benötigte, jener Schriften, über die der
kirchlichen Behörde von Köln ein hochamtliches Gutachten vorgelegt
werden sollte - die Prüfung dieser Schriften erledigte ein deutscher
Professor in ganzen drei Wochen. Ich habe mehr als dreißig Jahre an diesen
Schriften studiert, zu deren Prüfung man sich, wie wir früher hörten, nach

                                       55
den Ratschlägen der großen Theologen aller Jahrhunderte sehr, sehr lange
Zeit, oft sogar ein Lebensalter, nehmen soll. Eine solche Rekordleistung
eines deutschen Professors dürfte in der Geschichte der mystischen Theolo-
gie einzigartig dastehen. Selbstverständlich fand Professor Dr. Berrenrath in
den Schippacher Schriften ,,keinen übernatürlichen Einschlag."

3. Ordinariat Freiburg im Jahre 1914
   Im ,,Anzeigeblatt für die Erzdiözese Freiburg" Nr. 12 vom 31. Juli 1914 wurde folgender Erlass des Erzbischöflichen Ordinariates Freiburg vom
20. Juli 1914 veröffentlicht:
  ,,Es ist zu unserer Kenntnis gekommen, daß auf Grund von ,,Offenbarungen"   einer ,,ekstatischen" Jungfrau Babetta eine Sakramentskirche in der Nähe von   Aschaffenburg gebaut werden soll und zu diesem Zwecke auch in der Diözese  Freiburg Beiträge gesammelt werden. Die ,,Offenbarungen" in drei Bändchen,   welche zum Abschreiben weitergegeben werden, enthalten Sätze ..."
   Der Prüfung in Freiburg wurden also drei Bändchen zugrunde gelegt. Bei
aller Achtung vor einem Ordinariatserlass, wird man jedoch eine Prüfung
von nur drei Heftchen aus einem Schriftgut von nahezu 60 Heften mit dem
besten Willen nicht als eine auch nur annähernd gründliche bezeichnen
können; ein Doctorand, der ähnlich verführe, würde nicht einmal zur
mündlichen Prüfung zugelassen. Den Namen seines Gewährsmannes gibt
zwar das Ordinariat in seinem obigen Erlass nicht an; aber der Gutachter hat
später seinen Namen selber der breitesten Öffentlichkeit bekannt gemacht.
In seinem Buche ,,Grundfragen der kirchlichen Mystik" erwähnt nämlich
Universitätsprofessor Dr. Engelbert Krebs, er habe für das Ordinariat
Freiburg das theologische Gutachten über Schippach abgegeben und außer
den Heftchen auch das ,,mit verwertet", was er von früher zufällig Gelese-
nem ,,noch in Erinnerung behalten" habe.
   Ein solches Material muß man aber denn doch schon mehr als dürftig
und eine solche Arbeitsweise wirklich oberflächlich nennen. Lose Erinne-
rungen statt authentische Texte - nur drei Heftchen aus 58 und vielen nicht
gehefteten Blättern - völlige Unkenntnis über Wohnort und Persönlichkeit
der Urheberin jener Schriften: Das ist wirklich ein sehr bescheidenes
Material zur Erstattung eines theologischen Gutachtens eines Professors an
eine kirchliche Behörde. Kein Wunder, daß denn auch das Ergebnis jener
Kreb´schen Prüfung ein geradezu klägliches genannt werden muß. Nicht
einmal den Ort, wo die ,,Weltkirche" erbaut werden sollte, hat Professor Dr.
Krebs richtig angeben können, wenn er Schippach hartnäckig in den Oden-
wald verlegt. Was würde denn die wissenschaftliche Welt sagen, wenn ein
Professor in einem Buche Freiburg in den Wasgenwald oder das Her-

                                     56
mannsdenkmal vom Teutoburger Wald auf den Niederwald verlegen
würde?
   Darum müssen wir schon Kardinal Mercier recht geben, als er zur
gleichen Zeit schrieb, ein Geschichtsforscher, der so zu Werke gehe wie
Professor Krebs, ,,könne auf einen wissenschaftlichen Namen keinen
Anspruch haben".
  Wir werden später hören, daß Professor Mager OSB in Salzburg der
Arbeitsweise von Krebs dieselbe Einschätzung zuteil werden lässt.
   Bekanntlich hat Professor Krebs aus seinen drei Heftchen auch heraus-
gefunden, daß Barbara Weigand ,,die Luft der Krankenstube" atme.
   Hätte sich Krebs, bevor er sich in theologischen Gutachten und Büchern
so absprechend über die Schippacher Jungfrau äußerte, die Mühe genom-
men, einmal nach Schippach im Spessart zu fahren und die fragliche Person
kennenzulernen (nach Poulain erstes Erfordernis!), dann hätte er Barbara
Weigand nicht in der Krankenstube angetroffen, sondern bei harter Arbeit
im Hause oder auf dem Felde und seine Publikationen wären dann gewiss
auch von solch groben Verstößen gegen die Diagnostik, gegen die Topo-
graphie und gegen die christliche Moral frei geblieben.
   Ja, seine Verstöße gegen die christliche Moral! Barbara Weigand, die nach
dem Zeugnis aller, die sie kannten, im unbestrittenen Ruf der Frömmigkeit
stehende brave, demütige, sittenreine, uneigennützige, opferstarke, ganz im
Dienste Gottes und ihrer Mitmenschen aufgehende Jungfrau, die unei-
gennützige Stifterin einer Pfarrei, die tatkräftige Förderin eines Pfarr-
kirchenbaues, diese heiligmäßige Barbara Weigand ist nach dem Professor
Dr. Krebs von Freiburg eine ,,Pseudoprophetin von Schippach", eine
,,Pariser Wahrsagerin", ein ,,antikes Orakel", eine Person, ,,die in hellem
Trotz kirchliche Obern schmäht" (das spricht Professor Krebs, der wenige
Jahre vorher den Kardinal Mercier in unerhörter Weise schmähte), eine
Person, aus deren ,,ungesundem Treiben" und aus deren ,,Abgeschmackt-
heiten" zweimal ,,ein Pferdefuß herausschaut", die ein ,,Büro für neue
Andächteleien" (wohl öftere hl. Kommunion, Heilige Stunde, Ehrenwache)
aufgemacht habe, in welchem der ,,Geist der unkirchlichen Auflehnung und
des Trotzes" gepredigt werde (die Sabotage-Artikel der priesterlichen
Schippachfeinde gegen den Bischof von Würzburg in den Zeitungen waren
wohl keine unkirchliche Auflehnung?), eine Person, die ,,eine unsittliche
Andächtelei" und einen ,,innerlichen Unrat" in die Liturgie einführe; jene
Priester aber, die sich für die Wahrheit und Gerechtigkeit auch gegenüber
Schippach einsetzten, verrieten nach Krebs dadurch nur ihren ,,theolo-
gischen Bildungstiefstand" und die ,,Blößen ihrer theologischen Unbil-
dung", mochten sich auch Bischöfe, Prälaten, Ordensgenerale und gefeierte
Theologen wie Dr. Ignaz Klug oder P. Peter Lippert S.J. darunter befinden.

                                    57
   Also sprach und druckte in wenig vornehmer deutscher Gelehrten-
sprache Universitätsprofessor Dr. Engelbert Krebs, der Dreiheftchengutach-
ter des Ordinariats Freiburg, gegen Schippach. Da wir seine theologischen
Unrichtigkeiten am geeigneten Orte zurückweisen werden, wollen wir hier
nur noch einen Blick werfen auf seine Stellung zur katholischen Mystik,
zum Supranaturalismus und zur kirchlichen Hierarchie, um noch deutlicher
zu erkennen, wie wenig geeignet zur Erstattung eines theologischen
Gutachtens gerade in mystischen Fragen Professor Krebs gewesen ist.
   Daß sich Krebs von der Auffassung des Mystischen, wie es bei den
großen Mystikern der Vorzeit, den praktischen wie den theoretischen,
zutage tritt, bewusst entfernt, ist ihm allein zwar nicht eigentümlich, aber
doch für ihn kennzeichnend.
   Was die heilige Theresia mystisch im eigentlichen Sinne nennt, nämlich
das, was wir durch uns selbst nicht erwerben können, welche Sorgfalt und
Mühe wir uns auch geben mögen", was von den großen Theologen
Rodriguez, Lessius, Scaramelli, Suarez, Alvarez, de Ponte, Sandaeus, was
von Klentgen, Scheeben, Meschler, Pummerer, Böminghaus, Hock, Richt-
stätter, Ries, Mager, Grabmann, Poulain, Fischer, Algermissen überein-
stimmend betont wird, daß die Mystik das gewöhnliche Gnadenleben
artmäßig überschreite, das wird von Krebs abgelehnt.
   Ihm ist Mystik Ziel und Frucht aller gesunden Frömmigkeit. Ist es da zu
verwundern, wenn er noch einen Schritt weitergeht und auch bei den
Mohammedanern und Heiden ,,echte" Mystik vorfindet? Behauptet er doch
allen Ernstes, ,,daß Gottes Gnade in Plotin ... stark wirksam war", und daß
die Rührung des Protestanten Jean Paul beim Empfange des Abendmahles
eine ,,geistliche Kommunion" und ,,echte Mystik" gewesen sei. Die geist-
liche Kommunion setzt aber doch den im Sakrament gegenwärtigen Jesus
voraus, was im protestantischen Abendmahl, dem keine Wandlung vorher-
geht, doch nicht der Fall ist. Mit Recht schreibt darum Dorsch: ,,Es gibt nur
eine wahre und wirkliche Mystik und diese ist ein übernatürliches Charisma
der einen, von Christus gestifteten Kirche."
   Solcherlei falsche Anschauungen vertritt Krebs in seinem Buche. P. Mager
hat dieses Buch und seinen Verfasser noch viel strenger tadeln müssen.
Hören wir sein Urteil:
   ,,Die Ausführungen leiden an manchen, oft beträchtlichen, selbst
grundsätzlichen Schwächen. Wer sie an dem Maßstabe exakter Wissenschaft
durchprüft, wird sich immer wieder stoßen an einer gewissen Einseitigkeit
der Einstellung, an Unklarheiten, die zuweilen ans Widerspruchsvolle
grenzen, an Wirklichkeiten, die nicht selten ins Tendenziöse übergehen. Vor
allem vermissen wir gerade an entscheidenden Punkten jene Vertiefung, die

                                     58
an den Kern der Grundfragen heranführt. Vorwort und die temperament-
volle Ausschließlichkeit, mit der fast jedes Kapitel auf das Lehramtliche
verweist, erwecken die Erwartung, daß der Verfasser eine klare ... Begriffs-
bestimmung der Mystik ... vorlegte.
    Statt dessen müssen wir uns mit verschiedenen, ganz allgemein gehalte-
nen, innerlich voneinander abweichenden Erklärungen ... zufrieden geben.
Ja, man wird den Eindruck nicht los, als lese der Verfasser stillschweigend
zuerst eine vorgefasste Anschauung in das Material hinein, um sie dann als
im Material enthalten, wieder herauszulesen. So kommt es, daß häufig
persönliche Meinung im Gewand und mit dem Ansehen lehramtlicher
Entscheidung auftritt.
   Ferner unterscheidet der Verfasser nicht zwischen Mystik als Lehre und
Mystik als seelischen Zustand ... So befindet er sich in einem verhängnis-
vollen Irrtum ... Aus der kaum verständlichen Haltung des Verfassers zur
Bedeutung der Religionswissenschaft und Psychologie für die Wesens-
bestimmung der Mystik fließt eine der Hauptschwächen seines Werkes.
   Nur so ist die mit sämtlichen mystischen Aufzeichnungen aller Jahrhun-
derte unvereinbare Behauptung möglich, daß innere Ergriffenheit z.B. eines
Diakons am Vorabend oder am Tage seiner Priesterweihe sei als mystisches
Erlebnis anzusprechen. So wird ferner die tendenziöse Willkür erklärlich,
mit der Stellen aus den Schriften der heiligen Theresia angezogen werden.
   Überhaupt geht die Art und Weise im Heranziehen und Zurechtbringen
von Texten für die vorgefasste Anschauung des Verfassers über die Grenzen
des wissenschaftlich Zulässigen ... Voreingenommenheit ... machte den Ver-
fasser blind für die Grundfragen der Mystik ... Bloße Sophistik ist es ... usw."
   So beurteilt Mager das Buch, in welchem Krebs auch Schippach so sehr
schmäht. Willkür, Voreingenommenheit, Tendenz, vorgefasste Meinung,
Einseitigkeit, Widersprüche, Animosität, Unwissenschaftlichkeit, das Aus-
geben persönlicher Meinungen für Kirchenlehre, unzulässige Verwertung
von Zitaten: Alle diese wissenschaftlichen Schwächen offenbart Krebs auch
in seinem Kampf gegen Schippach.
   Auch die Haltung, welche Krebs zum Supranaturalismus überhaupt
einnahm, hätte ihn als theologischen Gutachter in so eminent übernatür-
lichen Dingen, wie es die mystischen sind, ausschließen müssen. Diese seine
für einen Katholiken kaum begreifliche Haltung brachte er in einem schon
erwähnten Hochlandartikel gegen den belgischen Kardinal Mercier zum
Ausdruck.
   Dieser Kirchenfürst hatte auch während der Besetzung seines Landes im
Ersten Weltkrieg die unerschütterliche Überzeugung von der Wiedererlan-

                                      59
gung der nationalen Unabhängigkeit seines Landes und gelobte zu diesem
Zwecke die Errichtung eines Herz-Jesu-Heiligtums und die Organisierung
von Wallfahrten zu Ehren der Muttergottes, der Patronin der nationalen
Unabhängigkeit.
   Diese Verknüpfung einer irdischen Sache mit einer religiösen, die gewiss
echt katholisches Glaubensbewusstsein verrät, erschien dem deutschen
Professor ,,geradezu unbegreiflich".
   ,,Wir Deutsche", so erwiderte Krebs, ,,würden es nicht wagen, den
Patronat dieser Heiligen, die wir als Fürbitter und Vermittler himmlischer
Gnaden auffassen, mit so bestimmten irdischen Ämtern zu belasten".
   Dann kommt noch rasch ein Seitenhieb auf die ,,Romanen", denen ,,die
Vermengung nationalen und religiösen Empfindens ... eigen" sei; so etwas
sei ,,uns nüchternen Deutschen geradezu unbegreiflich."
   Ja, wir Deutsche sind allerdings sehr nüchtern geworden, seitdem die
antisupranaturalistische deutsche Reformation den katholischen Menschen
bei uns fast zum Aussterben gebracht hat. Das kann man fast zahlenmäßig
genau nachweisen. Während nämlich von den ersten zehn kanonisierten
Heiligen acht Deutsche waren, sind es von den 205 kanonisierten Heiligen
vom Jahre 1588 (Einsetzung der Ritenkongregation) bis zum Jahre 1955 nur
drei Deutsche, die dieser Ehre der Altäre teilhaftig wurden (Linzer Quartal-
schr. 1958, S. 178). So lassen wir vor lauter Nüchternheit den Heiligen-
kalender mit Italienern, Spaniern und Franzosen füllen, lassen unwissende
Hirtenkinder in Lourdes und Fatima zu göttlichen Sendboten an die ganze
Welt werden, lassen die ,,Romanen" herrliche nationale und Weltheilig-
tümer bauen und schlagen daheim bei uns eine in Bau begriffene Kirche zu
Ehren des Eucharistischen Königs in Trümmer.
   Eine solche Kirche wäre in Italien, Frankreich, Spanien oder Portugal mit
Freuden begrüßt und gebaut worden. Ja, das Trümmerfeld von Schippach
passt vorzüglich zu uns nüchternen Deutschen!"
   Übrigens sind es nicht bloß die ,,Romanen, denen die ,,Vermengung
nationalen und religiösen Empfindens" eigen ist. Man denke nur an die
Verehrung des heiligen Stanislaus Kostka in seinem Heimatland Polen. Wie
aus dessen Heiligsprechungsakten zu ersehen ist, verehrten ihn Könige und
Volk geradezu als Patron in der Verteidigung der nationalen Unabhängig-
keit. So nennt ihn König Johann Sobiewski (1674 - 1696), bekannt als ,,Befrei-
er Wiens", in seinem Bericht nach Rom ,,nunc mei ac exercitus universi
contra Orientis tyrannum (den Türken) specialem patronum, und König
Michael Wisnowiecki (1669 - 1673) bestätigt, Stanislaus sei in der Schlacht
bei Chotin und Kamenetz der Retter Polens vor den Türken geworden.

                                     60
   Selbst zu lebende, im Rufe der Frömmigkeit stehenden Personen lenkten
die Christen der Vorzeit gern ihre Schritte, um von ihnen Rat und Hilfe in
irdischen Dingen zu holen. Man lese nur Fischers ungemein anregende
Forschungen, von denen hier einige Erwähnung finden sollen.
    Der Mystiker Bernhard von Clairvaux wird gezwungen, das ganze kirch-
liche und politische Leben seiner Zeit zu leiten. Dionysius der Kartäuser
wird vom Papst zur Reform in Anspruch genommen, von Fürsten zur
Beilegung von Streitigkeiten aufgesucht. Zur heiligen Hildegard von
Bingen, Brigitta von Schweden, Katharina von Siena, Kreszentia von Kauf-
beuren strömten die Hilfesuchenden scharenweise. Die Namen Meinrad,
Vinzenz von Paul, Nikolaus von der Flüe, Vianney von Ars, Johannes Bosco
lassen sich fast um so viele vermehren als das Kalendarium an Namen von
Heiligen aufweist. Bekannt ist die politische Tätigkeit der heiligen Jeanne
d´Arc, weniger bekannt die Tatsache, daß der Feldzug der Liga gegen den
Winterkönig Friedrich V. samt der Schlachten am Weißen Berg auf die
übernatürlichen Weisungen des ehrwürdigen Dominicus a Jesu Maria hin
geführt und gewonnen wurden. Derselbe Mystiker entdeckte die
Verschwörung gegen Maria von Medici, stiftete Frieden im lothringischen
Herzogshaus, zwischen den Städten Valencia und Alicante; er rettete Philipp
II. durch übernatürliche Erleuchtung vor der Ermordung. Der ehrwürdige
Philipp Jeningen bewahrt durch sein Gebet das Fürstentum Ellwangen vor
Verwüstung durch die Horden Ludwigs XIV. Die weltabgeschiedene Johan-
na Maria vom Kreuz ist die treue Beraterin des kaiserlichen Feldherrn
Gallas; sie ermuntert ihn zur Schlacht bei Nördlingen, die den Sturz der
Schwedenherrschaft herbeiführte; Kurfürst Maximilian von Bayern holt sich
Rat bei der Schwester.
   Daß übrigens die deutschen Katholiken der Vorzeit auch nicht alle so
nüchtern waren, wie uns Krebs weismachen möchte, lehrt uns ein Blick in
die Geschichte.
   Der Wallfahrtsort Altötting ist geradezu das bayerische Nationalheilig-
tum, in welchem die Himmelskönigin vorzugsweise als Schutzheilige des
Landes verehrt wird. Das Fest der Patrona Bavaria trägt deutlich nationalen
Einschlag: ,,Rem, regem, regimen, regionem, religionem Conserva Bavaris,
Virgo Patrona, tuis!"
   Die Dreifaltigkeitskirche in München verdankt ihre Entstehung einem
Gelübde der Stadt während der Besetzung durch die Österreicher im
Spanischen Erbfolgekrieg. Die Weihe des Tirolerlandes an das Heiligste
Herz Jesu geschah in den Wirren der Franzosenkriege in der Hoffnung auf
nationalen Schutz. Und spielt nicht in der Verehrung der Vierzehn Not-
helfer, des heiligen Wendelinus, Sebastianus, Leonhard, Antonius und nicht

                                    61
zuletzt der Muttergottes von der Immerwährenden Hilfe die Hoffnung auf
Hilfe in irdischen Dingen die erste Rolle? Preist nicht unser Frankenvolk
Maria immer noch als ,,Herzogin von Franken"?
   So handelten unsere katholischen Vorfahren; sie betrachteten die Mutter-
gottes, die Heiligen und die heiligmäßigen Personen nicht nur als Vermitt-
ler himmlischer Gnaden, sondern ebenso als Helfer in zeitlichen Nöten.
   In diesem echt katholischen Glaubensbewusstsein sah auch Kardinal
Mercier richtiger als Professor Krebs; denn Belgien erlangte seine nationale
Unabhängigkeit wieder, während Deutschland die seinige verlor - trotz
seiner größeren Kanonen und seiner stärksten Bataillone.
   Da die wissenschaftlichen Argumente von Professor Krebs oft auf recht
schwachen Füßen standen, suchte er die Schwäche seiner Position durch
den lauten Ton seiner Sprache zu tarnen, wie wir schon oben aus seinen
Äußerungen über Barbara Weigand ersahen. Doch dort handelte es sich ja
nur um ein altes Spessartweib, das zu jener Zeit von allen Kanzeln und in
allen Zeitungen wie Freiwild gejagt, ,,zertreten und zermalmt" werden
durfte. Aber Krebs scheute vor Beschimpfungen auch nicht zurück, wenn
sein Gegner im Senate der Kirche saß und wissenschaftlichen Weltruhm
genoß. Als ihm nämlich Kardinal Mercier vorhielt, seine Arbeitsweise sei
unwissenschaftlich, da geriet Krebs in hellen Zorn und warf dem anerkannt
frommen und gelehrten Kardinal ,,Ungerechtigkeit", ,,Unwahrhaftigkeit",
,,bewusste verleumderische Täuschung" vor und beschuldigte ihn eitler
Schauspielerei.
   So ging der 36-jährige Gutachter des Ordinariates Freiburg in Sachen
Schippach mit einem 66-jährigen Erzbischof und Kardinal der heiligen
römischen Kirche um.
   Alles in allem: Professor Krebs war nach seinem dürftigen Quellen-
material, nach seiner Stellung zum Supranaturalismus, nach seiner
Unkenntnis der Schippacher Dinge und nach seinem ehrfurchtslosen
Benehmen gegen einen Kardinal als Gutachter und Sachverständiger in
Sachen Schippach völlig ungeeignet.

4. Ordinariat Würzburg im Jahre 1916
   Wie uns das Kapitel über den Schippacher Kirchenbau gezeigt hat,
eröffnete gleichzeitig mit dem Beginn der Bauarbeiten in Schippach auch die
Katholische Presse ihren Kampf gegen das dort in Angriff genommene
Heiligtum. Seit dem Sommer 1914 erschienen in Aachen, Mainz, Freiburg,
Augsburg und anderswo baufeindliche Artikel, in denen die Kirche in

                                    62
Schippach als ,,Aprilscherz", als ,,größte Torheit" bezeichnet wurde. Ihren
Höhepunkt erreichten diese Presseangriffe, als der Bau im Sommer 1915
dank des persönlichen Eingreifens des Würzburger Bischofs und der
Bauführung durch eine Weltfirma seiner Vollendung entgegen schritt.
   Gleichzeitig mit den Presseangriffen traten auch bischöfliche Behörden in
Aktion und übersandten ihre gegen Schippach gesammelten Akten an die
Apostolische Nuntiatur: So Freiburg am 31. Juli 1914, Mainz am 2. Dezember 1914, Köln am 3. Dezember 1914.
   Als im Herbst des Jahres 1915 die Zeitungsangriffe gegen den Kirchen-
bau in Schippach ein immer größeres Ausmaß annahmen und der Nuntius
in München von Freund und Feind mit Eingaben überschüttet wurde, konnte es zur Klärung des Tatbestandes nur die eine Lösung geben: Gründliche
und vorurteilsfreie Untersuchung. In Erfüllung eines dahingehenden
Auftrages der Nuntiatur bestellte das Ordinariat Würzburg eine Kommission, die sich aus den Domherren Dr. Krampf und Stahler sowie dem Theolo-
gieprofessor Dr. Zahn zusammensetzte; später wurde noch der Subregens
am Priesterseminar Dr. Brander in die Kommission berufen, die in ihm ihr
rührigstes Mitglied gewann.
   Die Kommission nannte sich Prüfungskommission und hatte nominell
die Aufgabe, den Kirchenbau in Schippach und die mit ihm zusammen-
hängenden Fragen: Die Privatoffenbarungen der Barbara Weigand und
deren mystische Zustände sowie den Eucharistischen Liebesbund wissen-
schaftlich zu prüfen, um das Ordinariat in die Lage zu versetzen, dem
Heiligen Stuhl einen wahrheitsgetreuen Bericht zu erstatten.
   Wer allerdings die Denkweise der bis dahin schon sehr aktiv gegen den
Kirchenbau tätig gewesenen beiden Kapitulare kannte, war wohl keinen
Augenblick im Zweifel darüber, welches das Ergebnis ihrer ,,Prüfung" sein
würde. In Wirklichkeit sollte die Kommission gar keine Prüfungs- sondern
eher eine Begräbniskommission sein, so eine Miniaturform nach Art des
späteren Hitler´schen Volksgerichtshofes, die das unter dem Druck der
Presse beim Ordinariat Würzburg bereits beschlossene Todesurteil über den
Kirchenbau mit einem legalen Mantel umgeben sollte, wie auch das sehr
schippachfeindliche ,,Mainzer Journal" am 13. März 1916 mit verblüffender
Offenheit bestätigte.
   Die Kommission trat an ihre Aufgabe in doppelter Weise heran: Durch
ein Verhör der Barbara Weigand und ihrer Freundin Luise Hannappel und
dann durch die Lektüre der Schippacher Schriften.

                                    63

a) Das Verhör der Barbara Weigand am 5. Januar 1916
   Am 20. Dezember 1915 richtete das Ordinariat Würzburg ein Schreiben
an das Pfarramt Elsenfeld, es solle sich ,,mit den beteiligten Personen ins
Benehmen setzen", von ihnen die Beantwortung verschiedener Fragen
fordern und die Weigandschen Schriften dem Ordinariat ,,zur Bericht-
erstattung an die Päpstliche Nuntiatur" vorlegen. Pfarrer Welzbacher über-
sandte den Fragebogen am 28. Dezember 1915 an Luise Hannappel nach
Mainz mit der Bitte um baldige Erledigung:
   ,,Anbei übersende ich Ihnen einen Fragebogen vom Hochwürdigsten Bischöfli-
   chen Ordinariate Würzburg und bitte Sie, mir auf einem gesonderten Bogen die
   einzelnen Fragen beantworten zu wollen. Ferner wollen Sie mir die im letzten
   Absatz des Schreibens genannten Niederschriften und Bücher ebenfalls - soweit
   möglich - übersenden ..., da ich die Sache bis zum 30. Dezember d. Js. an die
   Oberhirtliche Stelle vorlegen soll."
    Weder im Fragebogen noch in diesem Begleitschreiben ist von einem
persönlichen Erscheinen der Barbara Weigand in Würzburg die Rede, da ein
mündliches Verhör der Jungfrau vor der Kommission gar nicht beabsichtigt
war. Aber der Barbara kam diese Gelegenheit zu einer mündlichen
Aussprache am Ordinariat über die Zeitungshetze sehr erwünscht, wie eine
von ihrer Hand stammende Bleistiftnotiz auf dem Brief des Pfarrers ersehen
lässt: ,,Ich glaube, es ist besser, wenn wir die Fragen mündlich beantworten
können."
    So beschlossen also die beiden Frauen, persönlich nach Würzburg zu
reisen. Am 5. Januar 1916 erschienen sie in der fränkischen Bischofsstadt
und begaben sich zunächst zu ihrem Oberhirten, den sie schon in den frühe-
ren Jahren wegen der saumseligen Behandlung der Pfarrei- und Kirchen-
bausache durch ihren Heimatpfarrer wiederholt aufgesucht hatten.
   ,,Er war sehr traurig", schreibt Barbara an ihren geistlichen Neffen; ,,seine
Schwester sagte uns unter Tränen: Mein Bruder wird von allen Seiten
gedrängt, die Sache zu vernichten; Fräulein Hannappel und ich seien
Hexen, die verbrannt werden sollten; ganze Stöße Briefe lägen da."
   Vom bischöflichen Palais begaben sich die beiden Frauen sodann auf das
Ordinariat und übergaben die mitgebrachten Schriften treuherzig in die
Hände des Generalvikars, der die Anwesenheit der beiden benutzte, sie
rasch auch einmal der Kommission vorzustellen.
   In aller Eile wurde nun eine völlig formlose Sitzung der drei Kommissi-
onsmitglieder Stahler, Krampf und Zahn anberaumt und ohne jegliche Vor-
bereitung begann das Verhör. Subregens Dr. Brander fehlte bei der eigens
anberaumten Sitzung. Aus diesem Fehlen hat man aus Ordinariatskreisen

                                      64
mir gegenüber behauptet, Dr. Brander sei gar nicht Mitglied der Prüfungs-
kommission gewesen. Aber meine im Krieg gottlob nicht zu Verlust gegan-
genen Urkunden reden eine andere Sprache.
  Am 26. Februar 1916 schrieb Dr. Brander einen Brief an den geistlichen
Neffen der Barbara, um ihn zur Einflussnahme auf seine Tante zu bewegen.
Darin schreibt Dr. Brander wörtlich: ,,Ich war ein Glied der Prüfungs-
kommission." Der Brief befindet sich in meinen Akten.
    Schon diese rein zufällige Veranlassung zum Zusammentritt der
Kommission, noch mehr der ganz formlose Verlauf des Verhörs ist bezeich-
nend für die unwissenschaftliche und unprozessuale Art, in welcher man in
der Sache verfuhr. Man vergaß sogar in der Hast, einen Aktuar beizuziehen
und ein Protokoll aufzunehmen, wie die Kommissionsmitglieder am
11. Februar 1918 selber bezeugten. So mangelhaft arbeitete schon in formel-
ler Hinsicht die Kommission bei einem so wichtigen Akte, in welchem sie im
Auftrag des Nuntius die Urheberin der ,,Weltkirche von Schippach" und die
angebliche ,,Stifterin einer Sekte" amtlich prüfen wollte. Angesichts dieses
Fehlens einer protokollarischen Festhaltung der Gespräche, sind wir
deshalb nur auf die Berichte angewiesen, welche die beiden Frauen unab-
hängig voneinander in Briefen an geistliche Freunde von jener Unterhaltung
im Ordinariatsgebäude mitgeteilt haben.
   Ich bringe zunächst die Schilderung, die Luise Hannappel in einem Briefe
vom 12. Januar 1916 an P. Felix Lieber gibt, woraus zu entnehmen ist, daß
von 4 bis 5 Uhr Barbara Weigand, von 5 bis 6 Uhr Luise Hannappel, von
6 bis 7 1/4 Uhr beide zusammen verhört wurden.
   ,,Das Evangelium der Herren", schreibt da Luise Hannappel, ist die
,,Augsburger Postzeitung" und das ,,Aachener Piusblatt." Das alles halten
sie für die reine Wahrheit. Darum sagte auch Stahler: ,,Besser, daß die 200000
Mark, die verbaut sind, zugrunde gehen und 100000 Mark daliegende Stei-
ne vermodern, als daß die Liberalen über unsere heilige Kirche spotten!" Ich
sagte: ,,Meine Herren, hören Sie doch nicht auf die Gegner, freuen Sie sich
doch lieber über das himmlische Geschenk. Haben Sie Mitleid mit sich
selbst, dem lieben Bayernlande und der heiligen katholischen Kirche, für die
so viel von Ihrem Entschluss abhängt." ,,Ja", sagten sie, ,,das schöne Werk
hätten wir ja gerne, aber wir werden so viel beschimpft wegen der Offenba-
rungen."
   Im übrigen habe ich ihnen energisch zugesetzt ... Zuletzt sagte ich: ,,Wenn
man eine Person, die mähen und Kartoffel hacken kann, als hysterisch
darstellt, so kann man ebenso die Dinge auf den Kopf stellen und sagen:
,,Hysterie ist eine Frauenkrankheit, von der viele Männer befallen sind." Da
lachten sie alle zusammen.

                                     65
   Diese Darstellung des Verlaufs findet ihre Bestätigung in einem Brief der
Barbara vom 17. Januar 1916 an ihren geistlichen Neffen, wo sich jedoch
noch die Bemerkung findet: ,,Herr Dr. Zahn war liebreich, freundlich, beson-
ders gegen Fräulein Hannappel, aber Herr Stahler und Herr Krampf waren
ganz nach dem Mainzer Schnitt. Herr Stahler verbot uns, wir dürften
draußen nichts sagen, wie man mit uns umgegangen sei."
   Am folgenden Tag begab sich Barbara nochmals zum Vorsitzenden
Stahler und überreichte ihm ein Schriftstück mit der Bitte, es zu den Akten
zu nehmen. ,,Beim Abschied", so schreibt Barbara an ihren Neffen, ,,sagte
ich: Man möge doch bedenken im Ordinariat, welcher Schaden es für den
Kirchenbau sei, wenn nicht weiter dürfe gebaut werden, und wie alle guten,
treuen Seelen erschüttert werden an ihrem heiligen Glauben, wenn diese
Artikel in den Zeitungen und diese Hetze weiter getrieben werden. So
schieden wir von denen, die dankbar sein sollten, daß der liebe Gott ihre
Diözese so bevorzugt hat ... Der liebe Gott wird seine Sache schon durch-
fechten."
   So berichten die einzigen vorhandenen Urkunden über das erste und
einmalige Erscheinen der Barbara Weigand vor der Würzburger Prüfungs-
kommission.
   Erst 25 Monate später, als man in Würzburg Barbara Weigand gemäß den
Schmähartikeln der Presse als den Ausbund alles Schlechten hinzustellen
sich anschickte, fiel es auch den Kommissionsmitgliedern ein, etwas über
jene Begegnung mit Barbara zu Papiere zu bringen.
   Sie verfassten nämlich am 11. Februar 1918 ein Schriftstück, das die Über-
schrift trägt: ,,Gutachtliche Äußerungen über die persönlichen Eindrücke in
bezug auf Barbara Weigand und Luise Hannappel bei deren Erscheinen vor
der bischöflichen Kommission zu Würzburg am 5. Januar 1916 " und legten
es den Richtern - das waren sie selber - vor.
   In diesem Schriftstück nun wird Barbara als sittlich minderwertig hinge-
stellt: Sie habe sich in jenem Verhör ,,in ihren Aussagen völlig unzuver-
lässig" gezeigt, habe ,,der Wahrheit widersprechende Angaben" gemacht,
die ,,einen befremdenden Eindruck" gemacht hätten, habe ,,Lust am
Weissagen" und andere sittliche Mängel an sich geoffenbart.
   Wenn man dieses Schriftstück liest, gewinnt man unwillkürlich den
Eindruck, daß es den Verfassern nicht recht behaglich zu Mute gewesen sei;
man könnte fast meinen, sie hätten sich selber ob der Armseligkeit des
Schriftstückes geschämt. Schon die Entschuldigung, daß sie erst jetzt, nach
fünfundzwanzig Monaten, die Schändlichkeit ihrer damaligen Beobachtun-
gen erkennten und zur Fixierung ihrer damaligen Eindrücke kämen, klingt

                                     66
doch recht kläglich, und ihr Hinweis, es sei bei jenem Verhör kein Protokoll
geführt worden, muß geradezu als Eingeständnis ihrer jetzigen Schwäche
angesehen werden.
   Die Wahrheit über die Unterlassung einer schriftlichen Festhaltung des
damaligen Verhörs ist vielmehr diese. Es lag damals eben kein Grund vor,
die Äußerungen der Jungfrau schriftlich zu fixieren, weil sie damals keine
unwahren Angaben machte; es lag damals keine Veranlassung vor, ein
Protokoll zu führen, weil die drei Männer bei jenem Verhör keine sittlichen
Mängel an der Jungfrau entdeckten oder Äußerungen von ihr zu bean-
standen Grund hatten. Man stelle sich doch nur einmal die Situation von
damals vor:
   Die Urheberin der ,,Weltkirche von Schippach", die Begründerin eines
neuen ,,theologischen Systems", das der katholischen Lehre schnurstracks
widerstreitet, die ,,Stifterin einer Sekte", die man nur mit Hilfe der Staats-
gewalt niederschlagen kann, die Person, welche ,,die kirchliche Hierarchie
sprengen", und eine ,,häretische ecclesiola" gründen will oder schon
gegründet hat, die ,,feuerspeiende Hexe", die ,,den ewigen Hohepriester
Jesus Christus" ganz ungeheuerlich herabgewürdigt hat, die ,,Pariser Wahr-
sagerin", die ,,anmaßende Person", die ,,in hellem Trotz die kirchlichen
Obern schmäht", die Person, die zwanzig Jahre lang ,,die kirchliche Obrig-
keit hintergangen" hat, die Person, die ,,den Bischof Haffner in die Hölle
versetzt", hat ... diese ,,höchstgefährliche Person" steht eben jetzt, 5. Januar
1916, nachmittags von 4 - 7 Uhr, im Ordinariatsgebäude zu Würzburg vor
der zur Niederschlagung ihrer ,,Sekte" und zur Unschädlichmachung dieser
Person eingesetzten hochamtlichen geistlichen Kommission, bestehend aus
einem deutschen Universitätsprofessor und zwei deutschen Domkapitu-
laren; sie wird von der im Auftrag des Päpstlichen Nuntius eingesetzten
Kommission verhört, sie zeigt sich ,,in ihren Aussagen völlig unzuver-
lässig", sie ,,macht der Wahrheit widersprechende Angaben" ... und keinem
der drei hochamtlichen Kommissionsmitglieder fällt es ein, diese ,,der
Wahrheit widersprechenden Angaben" sofort authentisch schriftlich fest-
zuhalten?
   Mit einem solchen Protokoll, enthaltend wortwörtlich die angeblich ,,der
Wahrheit widersprechenden Angaben", aufgenommen während des
Verhörs, hätte die Kommission doch sofort ein vorzügliches Dokument für
die sittliche Minderwertigkeit der Barbara Weigand besessen, ein Doku-
ment, mit dem man sie sofort hätte ,,zertreten, nein zermalmen" können.
Aber weder an jenem 5. Januar 1916, noch in den Verlautbarungen der drei
Prüfungskommissäre in den folgenden zwei Jahren ist von lügenhaften
Aussagen der Jungfrau bei jenem Verhör die Rede. Warum nicht? Doch nur
deswegen nicht, weil sie dort keine unwahren Aussagen gemacht hatte.

                                      67
Hätte sie sich damals solche Blößen gegeben, dann hätten sich die drei
geschworenen Gegner der Jungfrau diese günstige Gelegenheit zu ihrer
moralischen Vernichtung ganz gewiss nicht entgehen lassen.
   Im Gegenteil! Noch zwei Monate nach jenem Verhör, am 1. März 1916,
bestätigte der Vorsitzende jener Prüfungskommission, Domkapitular
Stahler, im Kultusministerium zu München vor dem Ministerialrat Golden-
berger auf Befragen die Untadeligkeit der Jungfrau, wie denn das Ordinari-
at Würzburg vorher immer seine schützende Hand über sein Diözesankind
Barbara Weigand gehalten und sie noch am 2. Oktober 1914 im amtlichen
,,Diözesanblatt" eine ,,im Rufe der Frömmigkeit stehende Person" genannt
hatte.
    Das wurde erst anders, als seit dem Herbst 1916 die Schmähschriften und
Aufsätze, besonders aus der Feder Dr. Branders, erschienen. Diese
Pamphlete mit ihrer Herabsetzung des sittlichen Charakters der Jungfrau
brachten es fertig, auch die Domherren von Würzburg in die Reihe jener zu
ziehen, die das Charakterbild der Gottesfreundin von Schippach so maßlos
entstellten. So projizierten die beiden vormaligen Prüfungskommissäre das
durch die späteren Presseerzeugnisse geschaffene Zerrbild von Barbara auf
die zwei Jahre früher stattgehabte Begegnung mit ihr und dichteten ihr jetzt
Fehler an, die sie damals in keiner Weise wahrgenommen hatten. Es darf aber
erfreulicherweise schon an dieser Stelle vermerkt werden, daß jene üble Kritik an der
Jungfrau am Ordinariat Würzburg wieder einer ruhigen und durchwegs günstigen
Beurteilung der Jungfrau Platz gemacht hat. Heute sprechen alle Würzburger Dom-
herren nur mit Hochachtung von Barbara Weigand.
   Nur Domkapitular Prälat Dr. Brander will unentwegt an seinem furcht-
baren Urteil über Barbara Weigand, wie er es in seinen Aufsätzen und
Broschüren von ehedem der Öffentlichkeit vorsetzte, festhalten; denn er
schrieb erst in allerjüngster Zeit dem Verfasser : ,,Ich gehe ins 80. Lebensjahr
und habe noch nie Reue gehabt über mein Vorgehen."
   Ich erzitterte, als ich diese Worte las.
   Wenn sodann in jenen ,,Gutachtlichen Äußerungen" vom 11. Februar
1918 der Jungfrau ,,Lust am Weissagen" vorgeworfen wird, weil sie auf
kommende Strafgerichte hinwies, so ist auch diese ihre Schau in die Zukunft
durch die folgenden Ereignisse nur zu deutlich bestätigt worden. Zwar hatte
man ihr schon in Mainz einmal höhnisch entgegengehalten: ,,Wo bleiben
denn die Strafgerichte? Ich sehe keine" und in Würzburg glaubten hohe
Geistliche diese Schau der Jungfrau ebenfalls mit einem höhnischen Lächeln
abtun zu können. Was aber der März 1945 über die schöne Bischofsstadt
brachte, war noch mehr als eine Bestätigung der Schau der ,,Seherin von
Schippach" in die Zukunft.

                                         68
    Alles in allem: Den ,,Gutachtlichen Äußerungen" vom 11. Februar 1918
ist kein Wert beizumessen.

b) Die Prüfung der Weigandschen Offenbarungen und Werke
   Nachdem die Kommission mit dem Verhör der Jungfrau am 5. Januar
1916 die Prüfung der siebzigjährigen Greisin beendet hatte, trat sie an die
Untersuchung der Schriften heran, um über die Ekstasen, Visionen, Offen-
barungen, den Liebesbund und die Sakramentskirche ihren Bericht dem
Ordinariat vorzulegen.
   Als Sachbearbeiter hierfür wurden Professor Dr. Zahn, das schon
genannte Kommissionsmitglied, und Subregens Dr. Brander vom Priester-
seminar bestimmt, denen der Generalvikar die von Barbara Weigand
erhaltenen Schriften übergab.
   Die beiden Würzburger Priester hatten eine ebenso schwierige wie
verantwortungsvolle Aufgabe. Sollten sie ja nicht nur einen objektiven
Befund über das konkrete Problem des Kirchenbaues liefern, um den sich ja
alles drehte, sondern auch so delikate Fragen, wie sie nun einmal mystisch-
ekstatische Vorgänge sind, untersuchen, dann ein so umfangreiches Schrif-
tenmaterial von nahezu 60 Heften und einer Unmenge von Korresponden-
zen wissenschaftlich einwandfrei studieren, außerdem über den damals
bereits in fast allen Ländern Europas verbreiteten Eucharistischen Liebes-
bund die nötige wissenschaftliche Klärung bringen. Diese Arbeit war
riesengroß und - zumal in Anbetracht des zu unterrichtenden Heiligen Stuh-
les - in hohem Grade verantwortungsvoll. Alle Augen waren auf die Würz-
burger Prüfung gerichtet. Werfen wir zunächst einen Blick auf die Arbeits-
weise der Prüfungskommissäre!
   Während alle großen Mystiker und Theologen von dem, der mystische
Schriften prüfen und beurteilen will, pietätvolles Eingehen, Fühlen mit dem
Mystiker, Sichversetzen in die Seele des anderen verlangen, gesteht der eine
Prüfungskommissär, daß er nur ,,mit Widerwillen" sich der Lektüre gewid-
met habe. Widerwille aber und Antipathie sind bekanntlich für jeden
Historiker und jeden Richter ganz ungeeignete Instrumente zur Erfor-
schung der objektiven Wahrheit; sie trüben den Blick für die Wirklichkeit
und lesen aus den Schriften das heraus, was der Leser vorher in sie hinein-
gelegt hat. Tatsächlich berichtet denn auch dieser Prüfungskommissär, er
habe seine ,,Annahmen" und ,,von vornherein gemachten Vermutungen"
genau bestätigt gefunden!
   Gerne operiert er in seinem Prüfungsbericht, niedergelegt in einer
Broschüre, mit Ausdrücken wie ,,soll" (dicitur), ,,scheint", ,,wahrscheinlich",

                                      69
,,höchstwahrscheinlich", Wendungen, die nicht von sonderlicher Festigkeit
zeugen.
   Wie innerlich fremd diesem Prüfungskommissär die mystische Theologie
war, mag man aus einem Brief ersehen, den er am 26. Februar 1916 an den
geistlichen Neffen der Barbara richtete, um diesen gegen seine Tante mobil
zu machen. In diesem Briefe schreibt der Prüfungskommissär wörtlich:
,,Was jetzt tun? Ich gebe Ihnen den dringenden Rat: Legen Sie Ihrer Tante
nahe ... unbedingt jede weitere ekstatische Tätigkeit aufzugeben!"
   Nun ist bekanntlich die mystische Schauung ihrem Wesen nach contem-
plativ passiva und darum dem eigenen persönlichen Wollen oder Nicht-
wollen ganz entzogen. ,,Der Geist Gottes weht, wo er will!"
   Genau so verlangte das ganz im Banne dieses Prüfungskommissärs
stehende Ordinariat von Barbara Weigand, sie solle ,,auf Ehre und Gewis-
sen" durch Unterschrift erklären, daß sie sich nichts mehr vom Heiland
sagen lassen wolle! ,,Vom König ging an Gott das Wort: Kein Wunder mehr
an diesem Ort!"
   Dieses Vorgehen gegen Schippach ähnelt sehr jenem gegen Konners-
reuth, wie mir der Metzer Psychiater Dr. Witry brieflich von seinen Beob-
achtungen in Konnersreuth berichtete:
   ,,Mit der Medizin lässt sich ruhig reden, aber die katholischen Theologie-
professoren spielen sich als Vormundschaft Gottes auf, so daß man
kopfschüttelnd davongeht!" Das ist das Übel des deutschen Katholizismus.
Das Unwissenschaftliche der Würzburger Prüfung kann man auch daraus
ersehen, daß die Kommissäre die Texte der Schippacher Schriften unbese-
hen und ohne Quellenforschung als authentisch hinnahmen, obwohl doch
die Wiedergabe der von Barbara in der Ekstase gesprochenen Worte sehr oft
nicht wortgetreu sein konnte und obwohl jene Schriften nur Kopien
darstellten, von verschiedener Hand geschrieben, so daß der eine
Prüfungskommissär selber einmal gesteht, er wisse nicht, was von Barbara
Weigand oder von anderen herstammt. Trotz dieser Erkenntnis, die einen
jeden Richter von der Fällung eines Todesurteiles abhalten würde, hängte er
doch wieder alles der Visionärin an die Rockschöße, sogar die Schreibfehler
der Abschreiber, um dann höhnisch auszurufen, der Jesus der Schippacher
Offenbarungen könne nicht einmal einen sprachlich richtigen Satz aus-
sprechen!
   Mit solchen lächerlichen Glossen speisten die geistlichen Prüfungs-
kommissäre die Katholische Presse in ihrem schmutzigen Kampf gegen
Schippach, das dort geplante Heiligtum und die heiligmäßige Jungfrau
Barbara Weigand ab.

                                     70
   Ich würde in Sack und Asche Buße tun und Ströme von Tränen am Grabe
der Schippacher Jungfrau vergießen, wenn ich mich an jenem hässlichen
Kampfe gegen sie mitschuldig gemacht hätte.
  Staunen wird man auch, wenn man sich die Dauer der Würzburger
Prüfung etwas näher betrachtet.
   Am 5. Januar 1916 übergab Barbara ihre Schriften dem Generalvikar, so
daß die Kommissäre frühestens am 6. Januar 1916 mit ihrer Prüfung
beginnen konnten; am 11. Februar 1916 aber lagen die Prüfungsergebnisse
über alle Schippacher Fragen bereits in der Ordinariatssitzung vor, so daß
die Prüfung höchstens vier Wochen hatte dauern können. Die beiden
Kommissäre aber hatten nicht einmal diese vier Wochen ungestört dem
Prüfungsgeschäfte widmen können, da sie ja auch ihren Amtspflichten im
Hörsaal und im Seminar genügen mußten. Nun erforderte der zu prüfende
Fragenkomplex das Studium der vom Jahre 1869 an währenden
Schippacher Bewegung, die damals also schon 46 Jahre alt war und ihre
Kreise bis weit über die deutschen Grenzen hinaus gezogen hatte, ein
Studium, zu dem die Ausfindigmachung, Sammlung, Sichtung, Ordnung,
Durcharbeitung und Verwertung einer gewaltigen Dokumentenmasse
erforderlich war.
   Ich habe in jahrelanger mühevoller Forschungsarbeit ungezählte Urkun-
den aller Art angesammelt und in die umfangreichen Aktenbestände bei den
Behörden und den Freunden Schippachs Einsicht genommen, habe bis über
die Reichsgrenzen hinaus korrespondiert und Forschungsreisen unternom-
men und mehr als dreißig Jahre lang in den Akten studiert - und in
Würzburg wollten zwei Männer in knapp vier Wochen fachmännisch über
diese Bewegung urteilen, obwohl sie eingestandenermaßen außer den
Schippacher Heften so gut wie keine Urkunde in Händen hatten? Im beson-
deren sollten die Prüfungskommissäre eine gründliche Untersuchung über
den Liebesbund anstellen, der damals schon in mehreren Sprachen
approbiert und über einen großen Teil Europas verbreitet war, das damals
im mörderischen Weltkrieg lag, der keine Korrespondenz mit dem Ausland
zuließ.
   Endlich handelte es sich bei der Würzburger Prüfung um die ,,schwie-
rigste aller theologischen Disziplinen" (Denifle), um jenes geheimnisvolle
Gebiet, in welchem man nach Poulain oft ein Menschenalter hindurch
prüfen muß, um zu einem zuverlässigen Urteil zu gelangen. Klassisch ein-
fach legt darum Poulain allen, die es mit der Untersuchung mystischer
Dinge zu tun haben, die wohlgemeinte Mahnung ans Herz: ,,Die Entschei-
dung hinausschieben. Wir sehen, daß man Zeit und lange Untersuchung
braucht, um bei Offenbarungen zu einem sicheren Urteil zu kommen."

                                   71
   Selbst Zahn hat als Theoretiker gemeint, ,,daß man in viel mehr Fällen
eine Entscheidung, die auf allgemeine Zustimmung wird rechnen dürfen,
nur auf mühsamem, langem Pfade einzelner Durchforschung erreichen
wird.".
   Als Prüfungskommissär über Schippach aber vergaß er diese seine
eigene Mahnung und war mit seinem ablehnenden Urteil schon in vier
Wochen fix und fertig.
   So viel wollte über die Arbeitsweise der amtlichen Prüfungskommissäre
in Köln, Freiburg und Würzburg bemerkt werden; ihre falschen sachlichen
Prüfungsergebnisse hinsichtlich der Offenbarungen, des Liebesbundes und
des Kirchenbaues werden später zur Erörterung kommen, soweit sie nicht
schon bisher kritisch untersucht wurden. Jedenfalls dürfte der Leser schon
aus dem Gesagten die Überzeugung gewonnen haben, daß die Prüfungen
Schippachs durch die amtlichen Prüfungsorgane in Köln, Freiburg und
Würzburg die Erfordernisse, die man an amtliche Prüfungen stellen muß,
sich in keiner Weise erfüllt haben.




                                   72
IV. DIE TRÄGERIN DER OFFENBARUNGEN

1. Nachträge zu ihrem Sittenbild
    Im ersten Teil dieser Schrift haben wir uns Mühe gegeben, das religiös-
sittliche Leben der Schippacher Jungfrau aufgrund sorgfältigen Studiums
und besonders auch aufgrund unserer persönlichen Kenntnis dieser
wundersamen Frau zu zeichnen. Wir sind diesem Leben nachgegangen bis
in die Tage seiner Kindheit und in die glücklichen Jahre einer rein und
fromm zugebrachten Jugendzeit, wir waren Augen- und Ohrenzeugen ihres
unermüdlichen Schaffens im Elternhaus, haben voll ehrfürchtiger Scheu die
große Beterin belauscht, haben die innigen Rufe der in freiwilliger Jung-
fräulichkeit gottgeweihten Seele vernommen, wie sie ihren himmlischen
Bräutigam im heiligsten Sakramente sucht, haben sie begleitet auf ihren
frommen Wanderungen an heilige Orte, haben aufrichtigen Anteil genom-
men an den harten Prüfungen, die Unverstand und Herzenshärte ihr
bereiteten, durften die Werke ihrer praktischen Nächstenliebe bewundern
und ihre derzeit weit vorauseilenden Rufe zur eucharistischen Erneuerung
der Welt vernehmen, wir sahen sie, die große Beterin, stundenlang vor dem
Tabernakel knien und so andächtig wie niemand sonst den Kreuzweg beten,
wir sahen sie im ärmlichen Gewand auf beschwerlichem Fußmarsch büßen
und sühnen für die Sünden der Welt, wir begleiteten sie auf ihren Bettel-
gängen von Haus zu Haus um milde Gaben für Errichtung einer Seelsorge-
stelle und eines Gotteshauses in ihrer Heimat, wir durften einen Blick durch
die Türspalte werfen in ihr zeitlebens armes Stüblein und auf ihre den
Luxus unserer Zeit beschämende einfache Kleidung, dieweilen sie die ihr
von reichen Freundinnen zufließenden Gelder in seltener Uneigennützig-
keit restlos für die Erbauung eines Gotteshauses abgibt, wir ergriffen ihre
schwieligen Hände, an denen der Rosenkranz durch die Finger glitt, und
blickten in ihr treuherziges schalkhaftes Auge, wenn sie mit beredtem
Munde aus ihrem langen Leben erzählte: Das war Barbara Weigand, leben-
dig gewordene Frömmigkeit. Wenn wir diesem anziehenden Bilde doch
noch einige Züge beifügen, so tun wir dies, um zu zeigen, daß ihr sittliches
Leben im schönsten Einklang stand mit ihren inneren Erleuchtungen.
   Als Barbara Weigand nach der Mainzer Untersuchung im Elisabethenstift
im August 1900 wieder das erstemal bei P. Bonifaz O. Cap., der jene Prüfung
geleitet hatte, beichtete - nach der Haltung dieses Paters bei jener Unter-
suchung gewiss ein heroischer Akt der Selbstverdemütigung! - sagte ihr der
Beichtvater: ,,Bleiben Sie bei Ihrer Überzeugung! Wenn es Gott ist, der in
Ihnen spricht, wird er sich schon durchsetzen. Ihr Leben muß den Ausschlag
geben."

                                    73
  Damit hatte der Pater zwar nicht das Wesen der umstrittenen Frage, aber
doch einen sehr wichtigen Umstand zur Beurteilung der Echtheit der
Weigandschen Vorgänge berührt, die sich in einem wahrhaft frommen
Leben bewähren müssten.
   Eine Voraussetzung wahrer mystischer Geisteshaltung liegt in der treuen
Erfüllung der Standespflichten. Nach der übereinstimmenden Ansicht der
Autoren wäre es eine ganz irrige Vorstellung vom Wesen der Beschauungs-
gnade und ihrer Beigaben, wenn man sie als nachteilig für die gewöhnliche
Berufsarbeit erachten würde. Der wahre Mystiker ist kein weltfremder und
kein arbeitsscheuer Mensch! Wir besitzen vielmehr Beispiele genug aus alter
und neuer Zeit, welche uns die Begnadigten als mitten im Leben stehende
Menschen zeigen, die alle Hände voll zu tun hatten, um ihre Berufspflichten
zu erfüllen. Es wäre darum ein verdächtiges Zeichen, wenn man sich mit
Berufung auf die innere Stimme von seiner Berufsarbeit für entbunden
erachtete. Schön bemerkt Poulain über solche Begnadigte, welche trotz der
hohen Kontemplation ihren Beruf in der Schule, im Hause oder am
Krankenbett versahen: ,,Statt mit Träumereien über alle möglichen guten
Lebensstände die Zeit zu verlieren, nützen sie den aus, der ihnen zugefallen
war".
   Barbara Weigand hat wie keine zweite ein Leben aufopfernder Berufs-
arbeit hinter sich, wofür wir nur auf die ersten Kapitel dieser Schrift ver-
weisen möchten. Dort lernten wir das Mädchen Barbara kennen, das als
,,Mütterchen" den Haushalt führt und von Acker zu Acker, von Wiese zu
Wiese eilt! Als Stütze im Hause des Bruders in Mainz ist sie die stets geschäf-
tige Martha, der monatelang die Leitung eines großen Wirtshausbetriebes
obliegt! Wieder in die Heimat zurückgekehrt arbeitet sie als Greisin in
erstaunlicher Rüstigkeit in den bäuerlichen Betrieben ihrer Neffen, bis der
Neunzigjährigen die Sense aus der schwieligen Hand entfällt! Diese Arbeit-
samkeit dürfte in der Geschichte der Mystik wohl einzigartig dastehen.
   Mit der treuen Erfüllung der Berufspflichten hängt bei den echten Mysti-
kern eng zusammen der Sinn für die reale Wirklichkeit. Gar schön schreibt
hierzu Rösler: ,,Der Wirklichkeitssinn des Mystikers bekundet auffallendes
Verständnis für die Verhältnisse und Bedürfnisse des menschlichen Lebens
in den verschiedensten und schwierigsten Lagen; der falsche Mystiker ist
dazu unbrauchbar".
   Barbara Weigand hat auch diese Probe ihres inneren Lebens glänzend
bestanden. Wer die opferwillige, ewig geschäftige, nie rastende, keiner
Arbeit ausweichende Jungfrau kannte, wer die Werke der Nächstenliebe
sah, die sie übte, wer die heroische Selbstüberwindung beobachtete, mit der
sie sich der Pflege der Kranken widmete, wer weiß, wie sie alle Vorkomm-

                                      74
nisse des häuslichen, pfarrlichen und öffentlichen Lebens mit ihrem Gebete
begleitete, wie sie tatkräftig den kirchlichen Bedürfnissen ihrer Heimat-
gemeinde entgegenkam, wie sie sich von der Ferne für die Errichtung einer
Pfarrei mühte, wie sie für die Erstellung eines Pfarrhauses, einer Pfarrkirche,
die Errichtung einer Pfarrpfründe arbeitete und die Heimatgemeinde ent-
gegenkam, wie sie sich von der Ferne für die Errichtung einer Pfarrei mühte,
wie sie für die Erstellung eines Pfarrhauses, einer Pfarrkirche, die Errich-
tung von Pfarrpfründen arbeitete und die amtlich hierzu verpflichteten
Zauderer beschämte, wie sie hier ein abgenutztes Messgewand, dort eine
schadhafte Albe ausbesserte, wie sie für Kindergarten, Hauskrankenpflege,
Diözesanexerzitienheim, Seminare beisteuerte; kurzum: Wer Barbara
Weigand so wie sie in Wirklichkeit war, nicht nach dem Zerrbild der Presse,
kannte, der wird ihr den Sinn für die reale Wirklichkeit nicht absprechen
können.
   Die echten Ekstatischen sind keine kleinlichen Seelen, sondern Menschen
mit einem überragenden Weitblick des Geistes und ausgesprochener Festig-
keit des Willens. ,,Omnis sanctus pertinax." ,,Ihr Wille", sagt Poulain, ,,ist so
energisch, daß sie den Kampf mit allen Schwierigkeiten aufnehmen, um ihr
Beginnen durchzuführen ... Ekstatische zeichnen sich besonders durch ihre
Energie aus". ,,Wer bei Widerstand (sc. seitens der Vorgesetzen) sich aufregt
oder sich entmutigen lässt, zeigt, daß er wenig Vertrauen auf die Macht
Gottes besitzt und wenig Gleichförmigkeit mit seinem heiligen Willen hat ...
Will Gott, daß seine Absicht verwirklicht wird, so wird der Allweise den
Widerstand schon niederschlagen, wenn der Augenblick gekommen ist".
   ,,Überragender Weitblick des Geistes!" Eine Person, welche die Zukunft
so lange vorher richtig voraussah, besaß wirklich einen überragenden Weit-
blick des Geistes. Und der Arzt Dr. Kemen berichtet an den Päpstlichen
Nuntius: ,,Ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch." Auch die Klagen ihrer
gelehrten Gegner, Doktoren der Theologie, daß Barbara ,,auf alle Einwen-
dungen zu erwidern wisse", bestätigen die hohe Intelligenz der Jungfrau.
Noch mehr: die Entschlossenheit und Entschiedenheit, mit der eine Bauern-
jungfrau ihre Anregungen über ein halbes Jahrhundert lang vorträgt, vertei-
digt, trotz aller Hindernisse vor Bischöfe und Päpste bringt, die Uner-
schütterlichkeit des Glaubens an die Ausbreitung des Liebesbundes und die
Verwirklichung des Kichenbaues: diese Momente sprechen doch für das
Vorhandensein eines Etwas, das man mit einem flüchtigen Hinweis auf ein
Handbuch der Pastoralmedizin nicht einfach abtun kann. Fast möchte man
versucht sein, auch in ihrer robusten Gesundheit bis ins höchte Greisenalter
einen Beweis für ihre hohe Intelligenz und ihre unbeugsame Willenskraft zu
erblicken; denn, wie P. Lippert einmal sagt, sind Vernunft- und Willensmen-
schen meist sehr gesund, wenn auch vielleicht ihre Gesundheit mitunter
auch etwas allzu Robustes hat".

                                       75
   Selbstverständlich bewirkt wahre Begnadigung auch den Kampf gegen
die böse Natur und Freude am Gebete. Es war ja bekanntlich einer der ver-
hängnisvollsten Irrtümer des Quietismus, daß er die Notwendigkeit des
Bittgebetes des Betenden für sich selbst leugnete. Der wahre Mystiker wird
auch im Gebetsleben in den Spuren seines göttlichen Meisters wandeln.
Barbara Weigand war nun zeitlebens eine Beterin von allergrößtem Aus-
maß, so daß man sich nur wundern muß, wie bei so vielverzweigten und
abziehenden Beschäftigungen im Bauernhause und in einer Wirtschaft
nachgehende Person noch so viel Zeit zum Beten aufbringen konnte. Dieses
ans Unfassbare grenzende Gebetsleben der Jungfrau Barbara hat denn auch
der amtierende Pfarrer von Schippach an ihrem Grabe besonders rühmend
hervorgehoben.
   Alle großen Mystiker bekunden eine ergreifende Liebe zur Verehrung
des leidenden Heilandes, eine Beobachtung, die wir auch an der Jungfrau
von Schippach bestätigt finden, die wohl vom 24. bis zum 97. Lebensjahr
täglich die Stationen des Kreuzweges betete.
  Daß die Mystiker einen ausgesprochenen Zug zum Allerheiligsten Sakra-
ment an den Tag legen, bestätigen ihre Biographien ohne Ausnahme. Daß
aber Barbara Weigand ihr langes Leben gerade der heiligen Eucharistie
geweiht, und daß sie für dieses Ideal die allergrößten Opfer gebracht hat,
wird man der unermüdlichen Verfechterin der Oftkommunion und der
Urheberin der Sakramentskirche von Schippach nicht bestreiten wollen.
  Geradezu sympolisch scheint es auch zu sein, daß sie es war, die schon
Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zur Beschaffung eines
neuen Tabernakels in ihrem Heimatkirchlein wesentlich beitrug.
   Eine auffallende Erscheinung konstatiert Richstätter bei allen großen
Mystikern: Die Neigung zum Kulte des Herzens Jesu. Nun: Wenn der
,,Eucharistische Liebesbund des göttlichen Herzens Jesu" wirklich das Werk
der Barbara Weigand ist - und er ist es - dann ist damit ein weiteres Kriteri-
um zugunsten der Echtheit ihrer Offenbarungen gegeben.
   Es dürfte in diesem Zusammenhang gewiss auch an eine Begebenheit
erinnert werden, die sich schon in den siebziger Jahren des vorigen Jahr-
hunderts in Schippach zutrug, als die Jungfrau Barbara in ihrem frommen
Eifer eine Herz-Jesu-Statue kaufte, die der Kaplan mangels eines anderen
geeigneten Platzes auf dem Altar des dortigen Kirchleins aufstellte. Kaum
aber gewahrte sie der zuständige Pfarrer, als er öffentlich in der Kirche
gegen die Stifterin des Bildes loszog und die Entfernung der Statue anord-
nete. Ob es nun die Platzfrage war, die den Pfarrer zu seiner Philippika
bewog, oder die Abneigung gegen eine solche ,,Neuerung", mag dahin-
gestellt bleiben, jedenfalls beweist das Vorkommnis die Tatsache, daß die

                                     76
Jungfrau Barbara schon zu einer Zeit, als die Herz-Jesu-Verehrung bei uns
noch keine Popularität genoß, diese Übung in ausnehmender Weise pflegte.
   Daß Barbara Weigand zeitlebens eine demütige Person gewesen ist, wird
ihr von allen, die sie kannten, freudig bezeugt; sie offenbarte in ihrer ganzen
Geistes- und Sittenhaltung allezeit die gewinnenden Züge ungekünstelter
Einfachheit, außergewöhnlicher Anspruchslosigkeit und natürlicher
Bescheidenheit, die ihr rasch die Herzen gewann und, wie wir wissen, schon
ihrem Mainzer Beichtvater P. Alphons sowie Bischof Haffner angenehm
aufgefallen waren. Wer immer der Jungfrau Barbara in ehrlicher Absicht
gegenübertrat, konnte sich dem gewinnenden Wesen der einfachen Person
nicht entziehen. Männer, Frauen, Kinder, selbst ungehobelte Burschen
begegneten ihr mit einer gewissen heiligen Scheu: Niemals habe ich als
Pfarrer der Gemeinde ein Wort der Geringschätzung aus dem Munde
anderer Dorfbewohner vernommen. Dasselbe bestätigte mir brieflich ein
früherer Kaplan von Schippach, Pfarrer Riedmann, und der Ortspfarrer
rühmte an ihrem Grabe in ehrenden Worten das einfache und bescheidene
Wesen der verstorbenen Gottesfreundin. Auch leistete Barbara den Anord-
nungen ihrer geistlichen Obern willig Folge, wo immer diese Befehle es ver-
mieden, ihr gottverpflichtetes Gewissen zu belasten. Nur dort, wo ihr
Zumutungen gestellt wurden, die sie in Konflikt mit der inneren Stimme
brachten, erhob sie bescheidene Gegenvorstellungen und blieb ihrem
Gewissen treu. Daß man aber dieses Festhalten an der eigenen Überzeugung
in Dingen der christlichen Freiheit nicht Stolz und Ungehorsam nennen
darf, werden wir später eingehend beweisen.
  So können wir sagen: Die persönlichen Erfordernisse für mystische
Vorgänge waren bei Barbara Weigand in vollem Maße gegeben.

2. Die gesunde Jungfrau
   Einer der lautesten Vorwürfe, die ehedem gegen die Schippacher Jung-
frau erhoben wurden, war jenes billige Schlagwort, mit dem man auch sonst
so schnell bei der Hand ist, um Fragen nicht alltäglicher Art zu lösen: die
Hysterie. Barbara Weigand sei eine hysterische Person: so habe ein Arzt im
Jahre 1900 erklärt, und das sei auch aus den Schippacher Schriften ,,photo-
graphisch genau" zu erkennen. Also müsse man auch die Werke der Jung-
frau: den Eucharistischen Liebesbund und die Sakramentskirche ablehnen,
was dann bekanntlich auch geschah.
   Nun enthält eine solche Schlussfolgerung doch allerlei Mängel. Kann
denn nicht auch eine kranke Person mystisch begnadigt sein, einen Bund
der Frömmigkeit gründen und die Anregung zu einem Kirchenbau geben?
Waren nicht viele Begnadigte zeitlebens krank oder kränklich, wobei die

                                      77
Symptome der Hysterie manchmal recht deutlich in Erscheinung traten?
,,Nichts hindert Gott", bemerkt hierzu Poulain, ,,übernatürliche Gebets-
gnaden auch krankhaften Personen zu verleihen und dann wird auch in der
äußeren Erscheinung das Krankhafte hervortreten".
    Wenn man nun aber schon Barbara Weigand als hysterisch erklärte und
deswegen den Liebesbund und den Kirchenbau verwarf, dann hätte man
ganze Arbeit leisten und auch die anderen von der selben Person stammen-
den Anregungen und Werke, wie die Stiftung der Pfarrei, die Schenkungen
an den Bischöflichen Stuhl, die Gedanken von Buße und Sühne, die Aufru-
fe zur Einführung der häufigen Kommunion, als Produkte hysterischer
Anfälle zurückweisen müssen. Wir sehen: schon vom Standpunkt der Logik
aus war die Ablehnung Schippachs nicht zu rechtfertigen. Aber wir sind
auch in der Lage, den Vorwurf der Hysterie durch recht beachtliche andere
Gründe zu entkräften.

a) Grenzen der ärztlichen Prüfungsmethode
   Wenn auch in der Gegenwart die ärztliche Wissenschaft in einzelnen
ihrer Vertreter den Problemen des Seelenlebens wieder mehr Verständnis
entgegenbringt, so bleibt doch bis in die jüngste Vergangenheit herauf ganz
allgemein die Beobachtung zu Recht bestehend, daß man vom ärztlichen
Standpunkt aus dem übernatürlichen Verständnis seelischer Erscheinungen
sehr wenig Beachtung schenkte, es vielmehr fast kategorisch ablehnte. Auch
die moderne Psychologie ist weithin rein natürlich, diesseitig, weltlich
eingestellt und hat sich von der Metaphysik leider nur allzuweit entfernt. So
kann es nicht verwunderlich sein, daß sie bei ihrer antisupranaturalistischen
Einstellung zu den Problemen des Seelenlebens die meisten Erscheinungen
des religiösen Lebens psychischen Verirrungen und damit pathologischen
Ursachen zuschreibt. Wir wissen, daß diese Wissenschaft zwischen wahrer
und falscher Mystik, zwischen echter und unechter Ekstase, zwischen dem
Seelenflug der Heiligen und krankhaften Zuständen überhaupt keinen
Unterschied mehr gelten lässt, daß ihr die einen soviel wert sind wie die
anderen, weil sie alle in gleicher Weise als Krankheitserscheinungen der
Seele ansieht. Das haben wir ja erst in unseren Tagen bei Konnersreuth
erlebt. Der Wahn, alles Außerordentliche, besonders bei religiösen Erschei-
nungen, als pathologische Phänomene zu bezeichnen, übersteigt heute alle
Grenzen. Diese moderne Wissenschaft ist mit ihrem Seziermesser sogar bis
zum Stifter unserer heiligen Religion selber vorgedrungen und vor der Blas-
phemie nicht zurückgeschreckt, den Heiland der pathologischen Veranla-
gung zu bezichtigen. Soll ich daran erinnern, daß Rasmußen ihn als Epilep-
tiker und Paranoiker bezeichnet, daß Baumann ihm Nervenüberreizung
vorwirft, daß Holtzmann ihn der phantastischen Schwärmerei, Loosten

                                     78
geradezu der Geisteskrankheit beschuldigt? Ausdrücke wie ,,krankhaft star-
ke Erregung", ,,Halluzinationen", ,,überspanntes Selbstgefühl", ,,Zwangs-
gedanken", ,,krankhaft abnormes Geistesleben", ,,nervöse Überreiztheit",
,,fixe Idee", ,,hysterische Ekstase" begegnen uns genau wie in der Bekämp-
fung Schippachs auch bei der Behandlung unseres Herrn und Heilandes.
   Wenn man nun schon vor dem Gottessohne nicht zurückschreckt, dann
kann es erst recht nicht wundernehmen, daß man auch die Heiligen in die
Niederungen einer ungläubigen Wissenschaft herabzieht und ihre seeli-
schen Erlebnisse als ,,Ausgeburten ihres kranken Hirns" bezeichnet. Wer in
der Hagiographie einigermaßen Bescheid weiß, dem kann es nicht ent-
gehen, daß die Heiligen oft genug das Verdikt nicht nur einer ungläubigen
Umgebung, sondern auch jenes einer noch ungläubigeren Wissenschaft traf.
   Wurden Vorwürfe der bezeichneten Art nicht schon gegen die Apostel
erhoben, oder beispielsweise gegen Juliana von Lüttich, Franz von Assisi,
Katharina von Siena, Heinrich Suso, Joseph von Cupertino, Theresia von
Avila, Margarete Alacoque, Katharina Emmerich, Bernadette Soubirous,
Gemma Galgani, Benigna Consolata Ferrero, Barbara Fister, Therese
Neumann? Ist es nicht geradezu eine Manie, außerordentlich hervortretende
Menschen sogleich auf ihre geistige Gesundheit zu prüfen? ,,Statt der
Biographien sind die Pathographien an der Tagesordnung", schreibt Kneib
und unterstreicht das Wort Luckas´, daß mit der Psychiatrie in ihrer Anwen-
dung auf bedeutende Menschen geradezu Unfug getrieben werde; es werde
mit einer Sicherheit über die Menschen geurteilt, als ob nichts in der Welt so
zuverlässig sei als eine psychiatrische Diagnose. Nehme man aber die Kom-
pendien von Krafft-Ebbing, Kräpelin oder Spezialarbeiten zur Hand, so
staune man, wie tief die Psychiatrie noch in den Kinderschuhen stecke;
zudem sei nicht einmal der geistige Normalmensch genau definiert."
   Der schon erwähnte Loosten scheut sich nicht, Genialität und Abnormität
überhaupt gleichzusetzen; Mohammed, Rousseau, Kant seien ebenso wie
die Propheten Jeremias und Ezechiel oder der Apostel Paulus pathologisch
zu nehmen.
   Die gleichen Anschauungen vertritt Moerchen in seiner ,,Psychologie der
Heiligkeit" oder Ideler in seinem ,,Versuch einer Theorie des religiösen
Wahnsinns", wo er als Vertreter des religiösen Wahnsinns aus leidenschaft-
licher Liebe zu Gott den heiligen Antonius, als Beispiel für den dialektischen
Wahnsinn des Fanatismus den heiligen Ignatius von Loyola, als Beleg für
mystisch fromme Geschlechtsliebe die heilige Katharina von Siena und die
heilige Margarete Alacoque hinstellt. Als ganz richtige Folge zieht Ras-
mußen aus solchen Gedankengängen den Schluss, ,,alles, was an den Pro-
phetengestalten überraschend wirke, könne täglich in unseren Irrenanstal-

                                     79
ten beobachtet werden." Keck und kühn dringen die Pathologen in das Hei-
ligtum des religiösen Innenlebens und gebärden sich, wie wenn sie dort zu
Hause wären. ,,Wir sind es ja gewohnt", wird einmal zutreffend bemerkt,
,,diese heiligen und unendlich zarten Dinge mit der rauhen Hand psycho-
pathischer Zergliederung angepackt und in die alltäglichen Erfahrungen
des Psychiaters herabgezogen zu sehen." Und Karrer hat ganz recht, wenn
er schreibt: ,,Überliefert die seelischen Erfahrungen eines Johannes vom
Kreuz oder einer heiligen Theresia gewissen Religionspsychologen: sie
werden daraus bestenfalls interessante Halluzinationen machen."
    Auch unser fränkischer Landsmann, Spiritual Hock, doch wohl unbe-
stritten eine Autorität in mystischen Fragen, wendet sich scharf gegen das
Hinüberzerren mystischer Erlebnisse in das Gebiet des Anormalen. ,,Wohin
kommen wir", ruft er mit Entrüstung aus, ,,wenn man alle möglichen
anormalen Zustände des menschlichen Erkenntnisvermögens zusammen-
sucht und dann durch Vermutungen und andere Wendungen, die schwer zu
packen sind, den Anschein erweckt, das, was fromme Seelen, die im inner-
lichen Gebet vorangeschritten sind, in ihrem Verkehr mit Gott an religiösen
Erkenntnissen erleben, sie mit diesen anormalen Geisteszuständen zu
identifizieren? Das führt letzten Endes zur Behauptung, die ganze Mystik
sei Selbsttäuschung und die Heiligen der katholischen Kirche seien patholo-
gisch zu nehmen, sie seien alle mehr oder weniger geistesgestört gewesen".
    Diese Auffassung, in der die experimentelle Psychologie und Pathologie,
der Kardiograph, die Waage, das Seziermesser, die Badewanne, der Eisbeu-
tel und sonstige Apparate herhalten müssen, um die mystischen Phänome-
ne zu lösen, wollen gewisse Theologen auch in die katholische Beurteilung
der außergewöhnlichen Erscheinungen herüberführen. ,,Eine rationalistisch
gerichtete Auffassung", sagt Richstätter, ,,möchte auch in katholischen
Kreisen beim Mystiker wie bei der mystischen Beschauung manche
Ähnlichkeit mit der natürlichen Anlage des religiösen oder künstlerischen
Genies entdecken ... Mystische Visionen, Ansprachen, Ekstasen usw.
versucht man Erscheinungen an die Seite zu stellen, wie sie die experimen-
telle Psychologie oder Psychopathie bei entsprechender Veranlagung und
abnorm gesteigerter Nervenerregung hin und wieder nachzuweisen und
rein natürlich zu erklären vermag."
   Neu ist ja die Sache nicht, nur die Schilder sind gewechselt; anerkannte
Mystiker der Vorzeit können ebenso ein Liedlein davon singen wie bekann-
te Gottesfreunde in der Gegenwart und jüngsten Vergangenheit; es sei nur
an die große heilige Theresia erinnert, deren innere Vorgänge Hahn dadurch
zu erklären versuchte, daß er sie auf psychopathische Zustände zurück-
führte. Ganz mit Recht wendet sich der große Historiker Pastor gegen eine
solche Verzerrung des mystischen Gnadenlebens der Heiligen durch einen

                                    80
Theologen und stellt ihm Gabriele Cunningham gegenüber, welche die
spanische Mystikerin gegen solche Vorwürfe in Schutz nahm. Das Buch
Hahns kam auf den Index.
    Gegen das Bestreben, in mystischen Dingen nicht dem Theologen,
sondern dem Arzt das entscheidende Wort zu lassen, hat schon Scaramelli
entschieden Stellung genommen, wenn er erklärte, ,,daß gemeinhin die
Ärzte der Erfahrung ermangelten, die erforderlich sei, um mystische
Zustände zu beurteilen, und geneigt seien, alles der Natur zuzuschreiben."
   War etwa die ärztliche Wissenschaft und Praxis um die Jahrhundert-
wende übernatürlicher eingestellt? Nun ist es doch bezeichnend, daß die
Gegner Schippachs den Rat Scaramellis, den Arzt in mystischen Fragen
möglichst aus dem Spiele zu lassen, völlig überhörten, sich vielmehr
krampfhaft an die Aussage des Arztes Dr. Ebner vom Jahre 1900 klammer-
ten, welcher Barbara Weigand für hysterisch erklärt hatte. Das Tendenziöse
der Verwertung dieses Zeugnisses tritt aber sofort in dem Umstand zutage,
daß dieselben Gegner von den Zeugnissen zweier anderer Ärzte, welche die
Hysterie der Jungfrau kategorisch abgelehnt hatten, keine Notiz nahmen.
Kann man eine solche Behandlung unseres Gegenstandes noch objektiv
nennen? So suchte man mit Hilfe recht problematischer weltlicher Wissen-
schaften und eines Arztes, das mystische Leben der Jungfrau von Schippach
abzufertigen.
    Aber sonderbar! Diese ,,hysterisch-ekstatische" Wirtshausmagd, deren
Aufzeichnungen ,,keinen Bogen Papier und keine Minute Zeit wert sind",
gründet damit ein ,,theologisches System", das man nur mit Hilfe der Groß-
macht Presse und des bracchium saeculare niederwerfen kann, diese
,,einfältige Seele" ,,weiß auf alle Einwendungen" ihrer Gegner, deutscher
Universitätsprofessoren, ,,zu antworten", beherrscht die Festgedanken der
kirchlichen Liturgie in einer Weise, daß Doktoren der Theologie sie ,,um
diese Gabe beneiden", ,,sieht" die kommenden Prüfungen der Völker und
der Kirche schon ein Menschenalter vorher ,,deutlich voraus", gründet
einen Bund mit anerkannt ,,trefflichen Lebensregeln", der sich trotz aller
Hindernisse in den Ländern aller Kultursprachen ausbreitet. Was doch nicht
,,geisteskranke" Spessartjungfrauen alles fertig bringen!
   Und diese ,,bedauernswerte" Person, die angeblich nur ,,die Luft der
Krankenstube" atmet und ,,nur für den Arzt von Interesse" ist, benötigt
ihrer Lebtage ernstlich keinen Arzt, bleibt bis ins höchste Greisenalter
körperlich und geistig kerngesund, arbeitet noch mit 90 Lebensjahren wie
eine Fünfzigerin und wird in völliger Frische über 97 Jahre alt! Eine solche
Person darf nicht auf Grund des Zeugnisses eines Arztes verurteilt werden!

                                    81
b) Das physiologische Bild der Ekstasen
    Während der Arzt Dr. Ebner zur Begründung seiner Diagnose auf
Hysterie sich auf seine zweimalige persönliche Beobachtung der Barbara
Weigand am 1. und 3. August 1900 berufen konnte, wollten die späteren
literarischen Gegner, welche aber die Jungfrau niemals zu Gesicht bekamen,
deren Hysterie in den physiologischen Erscheinungen gegeben sehen,
welche laut den Schippacher Schriften mit den Leidensstürmen und Eksta-
sen der Jungfrau verbunden waren. Sie haben auf das Stocken des Atems,
auf das Starre, die Empfindungslosigkeit, das Würgen, Erbrechen, Stottern,
Schleudern der Arme hingewiesen, in denen sie ,,einen geradezu klassi-
schen Beweis des hier vorliegenden falschen Mystizismus" erblicken; ,,jeder
Arzt" werde daraus ,,die klaren Symptome der Hysterie feststellen."
   Barbara Weigand offenbare ,,photographisch genau" die Erscheinungen
der hysterischen Ekstase: Stimmbandlähmung, Husten, Grimasseschneiden,
Ticks, Krampfanfälle; alle diese Dinge zeugten klar von ihrer Hysterie und
seien ,,wegen ihrer Widerlichkeit mit der Würde Gottes unvereinbar."
    Nun ist zunächst zu bemerken, daß diese Erscheinungen nicht bei der
eigentlichen Ekstase, sondern bei den der Ekstase vorausgehenden Leidens-
stürmen zutage traten, wie uns schon das frühere Kapitel dieses Buches
über die Ekstasen belehrt hat. Auch bei den Vorgängen am 3. August 1900,
welche der ärztlichen Beurteilung unterlagen, wird ausdrücklich zwischen
den Stürmen und der nachfolgenden Ekstase unterschieden, wie dies auch
das Ordinariat Mainz in seiner Zuschrift an den Provinzial der Kapuziner
ganz richtig getan hat. Jenes Schleudern, Schütteln, Herumwerfen, Erbre-
chen bildete also einen Teil des Passionsleidens, durch welches die Jungfrau
mit dem leidenden Heiland für die Sünden der Welt sühnen sollte. Das
Leiden des Heilandes aber bot auch keineswegs den Anblick des Schönen.
,,Seine Gestalt", sagt Meschler vom blutschwitzenden Heiland, ,,muß einen
mitleidswürdigen Anblick geboten haben. Sein Antlitz war blass, seine
Glieder zitterten, die Brust zog sich krampfhaft zusammen, der Odem stock-
te, sein Auge blickte erschreckt bald zum Himmel, bald zur Erde, bald auf
die Apostel."
    Bei der Geißelung nimmt das Bild noch unschönere Züge an: ,,Das
Fleisch flammt auf und schwillt; Striemen, rot und braun, laufen auf. Die
Haut springt erst in zarten Rissen, dann öffnen sich ganze Furchen, immer
tiefer und länger. Das Blut dringt hervor, es rieselt bald in Bächlein und
dringt weiter in Strömen, bis der ganze Leib darin gebadet ist, bis es im
schmutzigen Platzraum umherspritzt und um die Säule Lachen bildet. Der
Schmerz presst Tränen aus dem Auge und leises Wimmern und Seufzer aus
dem Munde. Man band den Heiland los und wahrscheinlich fiel er an der

                                    82
Geißelsäule zu Boden wie ein zertretener und zerriebener Wurm. Er hat
wirklich keine Gestalt und Schönheit mehr, der letzte der Männer, der Mann
der Schmerzen."
   Und erst die Kreuzigung selber! ,,Die Finger krümmen sich krampfhaft,
die Brust hebt sich empor und die Muskeln krachen. Der ganze Leib
jämmerlich zerspannt, alle Nerven spielen und zittern."
   Wurde nicht gerade dieses Bild des leidenden Heilandes erst in unseren
Tagen auch eines Gottes für unwürdig gehalten? Und wenn man an dem
Erbrechen während der Leidensstürme Anstoß nimmt, so muß gerade an
den Zweck dieses Leidens erinnert werden, das ja Sühne sein sollte für die
ekelhaften Sünden der Welt, die nach den Worten der Schrift Gott auch zum
Erbrechen reizen und ihn den Ruf erpressen: Ich will dich ausspeien aus
meinem Munde."
    ,,Wenn Gott", so bemerkt hierzu schon P. Ludwig in seinem Schreiben
vom 4. August 1902 an das Ordinariat Mainz, ,,die Schönheiten des
Himmels oder die Tugend eines Gerechten schildert, gebraucht er die schön-
sten und poetischten Bilder. Ganz anders aber lautet seine Sprache, wenn er
von der Abscheulichkeit der Sünde spricht." Wäre es da verwunderlich,
wenn die Hässlichkeit der Sünde auch in etwa in dem Sühneleiden für diese
Sünden zum Ausdruck käme? Daß aber die übrigen Erscheinungen wie
Hinfallen, Erkalten, Starrwerden, Unverrückbarkeit des Blickes u.ä., welche
auch bei der eigentlichen Ekstase zutagetraten, durchaus keinen unschönen
Anblick boten, wird von niemand zuverlässiger bezeugt als von P. Bonifaz,
der schon bei der ersten Leidensekstase in der Kapuzinerkirche zugegen
war und, wie wir wissen, auch den Vorgängen am 1. und 3. August 1900 im
St. Elisabethenstift als amtlicher Prüfungskommisär beiwohnte.
   Von P. Felix Lieber ausdrücklich über seine Eindrücke gerade in bezug
auf die physiologischen Begleiterscheinungen befragt, gab genannter Pater
Bonifaz, bekanntlich ein Gegner der Echtheit der Weigandschen Ekstasen,
am 28. Februar 1910 die klare Antwort, sie seien ,,höchst dezent" gewesen.
Und er war Augenzeuge! Durfte sie dann ein Schriftsteller, der Barbara
Weigand niemals sah, weder im normalen Zustande noch in ihren Ekstasen,
als widerlich und mit der Würde Gottes unvereinbar bezeichnen? Wie sagt
Poulain: ,,Zuerst muß man die Person kennenlernen!"
   Solche Zustände finden sich zudem fast bei allen Ekstatikern. Hören wir
einmal, was die heilige Theresia darüber sagt: ,,Während die Seele ihren
Gott sucht, fühlt sie, wie der Atem ausgeht und sie in eine selige Ohnmacht
versinkt. Sie kann ohne Anstrengung nicht einmal die Hand regen; die
Augen schließen sich von selbst ... In der Ekstase fühlt man ... wie die natür-
liche Wärme mehr und mehr verschwindet und der Körper allmählich kalt

                                      83
wird ... Die Ekstase kommt meistens allen Gedanken und jeder Vorbereitung
mit einem plötzlichen und stürmischen Anfall zuvor ... Einmal bemerkte ich,
daß sich die Ekstase wieder einstellen werde. Sogleich warf ich mich auf den
Boden. Die Schwestern sagen, daß der Puls zuweilen - kaum mehr schlug.
Die Hände sind ganz steif und unbeweglich, die Gebeine gestreckt und der
Schmerz ist so heftig, daß ich noch am andern Tage die Empfindung habe,
als sei mir jede Ader zerrissen und jedes Glied verrenkt." So die große spa-
nische Mystikerin.
   Nun frage ich: Sind die Vorgänge bei den Weigandschen Ekstasen: als
plötzlicher Anfall, Atemstocken, Verlust der sinnlichen Empfindung,
Lähmung der Glieder, Regungslosigkeit, von den oben genannten Erschei-
nungen bei der heiligen Theresia wirklich so grundverschieden, daß man in
den Weigandschen physiologischen Vorgängen ,,die klaren Symptome der
Hysterie", in den Theresianischen dagegen die klaren Symptome der echten
Ekstase erkennt? Sind nicht bei beiden Personen die Vorgänge ganz die
gleichen? Plötzlicher Anfall hier wie dort, Stockung des Atems hier wie dort,
Bewegungslosigkeit hier wie dort, Kälte des Körpers hier wie dort, körper-
liche Erschlaffung hier wie dort. Worin soll denn also der grundstürzende
physiologische Unterschied zwischen der echten und der hysterischen
Ekstase liegen? Antwort: es gibt keinen. Poulain sagt darum ganz zutref-
fend, daß die physiologischen Begleiterscheinungen bei echten und hysteri-
schen Ekstasen ganz die gleichen sein könnten und darum als Kriterium von
Echtheit und Unechtheit völlig auszuscheiden hätten. ,,Aus den
physiologischen Wirkungen", sagt er, ,,lassen sich im allgemeinen keine
Schlüsse ziehen. Die äußere Erscheinung kann bei echten wie bei falschen
Ekstasen gleich sein." Auch an anderen Stellen warnt er vor falschen Schluß-
folgerungen aus den Äußerlichkeiten. ,,In der letzten Zeit, so ist weiter bei
ihm zu lesen, ,,haben die Ärzte sorgfältig gewisse Krankheitserscheinungen
studiert, welche mit den Ekstasen der Heiligen große Ähnlichkeit haben. Die
meisten von ihnen vermeiden es aber, darauf hinzuweisen, daß diese
Ähnlichkeit ... ganz ohne Bedeutung ist." Ähnlich äußert sich Bonniot:
,,Auch die Ekstasen brauchen den Organismus und seine Disposition als
unmittelbare Verbindung. Dieses Schreien, die Anzeichen der Schwäche, die
krankhaften Symptome, das Zittern, das Starre der Glieder, die Unbeweg-
lichkeit, das Zurückgehen der Temperatur, das Stocken des Blutes: alles das
sind, streng genommen, Erscheinungen der physischen Veranlagungen
Ekstatischer.
  Wenn einfache Leute es anders auffassen, so fällt es auf Rechnung ihrer
Unwissenheit." Das ist dieselbe Erkenntnis, die Rademacher in seinem
Buche ,,Das Seelenleben der Heiligen" zum Ausdruck bringt und ein Fach-
mann in die Worte kleidet: Die rein körperlichen Erscheinungen können

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vollkommen moralisch einwandfrei als ein Versagen der Nervenkraft unter
der seelischen Hochspannung aufgefasst werden." Noch mehr: ,,Nichts
hindert Gott, übernatürliche Gebetsgnaden auch krankhaften Personen zu
verleihen, und dann wird auch in der äußeren Erscheinung das Krankhafte
hervortreten."
   Viele Begnadigte waren auch zeitlebens krank oder kränklich, so Theresia
vom Kinde Jesus, Maria Droste-Vischering, Angela von Foligno, Lidwina,
Joseph von Cupertino, Katharina von Siena, Gemma Galgani, Katharia
Emmerich, Maria von Mörl, Bernadette Soubirous, Margarete Alacoque,
Luzie Christine, Barbara Pfister, Therese Neumann.
   Wir sehen also, daß aus den körperlichen und physiologischen Begleiter-
scheinungen ein Schluss auf Hysterie nicht gezogen werden kann.
   Aber auch noch nach einer anderen Hinsicht zeigen sich die Ekstasen der
Barbara Weigand als nicht hysterisch. Wie nämlich Familler mit Recht
betont, ist die hysterische Ekstase ein gewolltes Schaustück", also eine
Betrügerei. Über einen solchen Vorwurf aber, Barbara Weigand habe
Ekstasen vorgemacht, ist die Schippacher Jungfrau nach dem überein-
stimmenden Urteil aller, die sie kannten, so himmelweit erhaben, daß jedes
Wort der Verteidigung überflüssig erscheint. Es sei nur erinnert an das Wort
Bischof Haffners: ,,Sie macht den Eindruck einer Betrügerin nicht", oder
ihres Pfarrers und Beichtvaters Dr. Velte von St. Ignaz: ,,Für wissentlichen
Betrug kann und darf ich es nicht ansehen ... Ich halte ihre Visionen nicht für
wissentlich Erdichtetes; daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Auch das
Ordinariat Mainz hat in seinem amtlichen Urteil vom 14. August 1900 der
Jungfrau das ehrende Zeugnis ausgestellt, ,,daß genannte Barbara Weigand
durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche
Täuschung fernliegt."
   So ist es: Barbara hat keine Ekstasen vorgemacht, wie es die Hysterischen
zu tun pflegen, woraus Hysterie gezogen werden kann.
   Aber auch noch nach einer anderen Hinsicht zeigen sich die Ekstasen der
Barbara Weigand als nicht hysterisch. Wie nämlich Familler mit Recht
betont, ist die hysterische Ekstase eine gewollte.

c) Ursachen und Kennzeichen der Hysterie
   Als Ursachen der Hysterie bezeichnen die Autoren übereinstimmend
schwächliche Körperkonstitution, Bleichsucht, Blutarmut, zerrüttetes
Nervensystem, erbliche Belastung. Scaramelli meint, solche Zustände
kämen gern bei ,,Personen des schwachen Geschlechtes und Leuten von
matten Körperkräften" vor, Zahn gibt einer ,,erheblichen Unterernährung"

                                      85
die Schuld, Richstätter schreibt sie ,,in den meisten Fällen leicht erregbarem
Nervensystem" zu, nach Schüch sind die hysterischen Personen ,,meistens
von zarter Konstitution und schwachen Nerven", Herders Lexikon nennt
die Hysterie ,,eine auf angeborener oder erworbener nervöser Anlage
beruhende Neurose ... Beim Zustandekommen spielen Ernährungsstörun-
gen wie Bleichsucht, Blutarmut, bei Frauen Gebärmutterleiden, aber auch
Schrecken eine Rolle."
   Nun besehe man sich einmal die Person der Barbara Weigand, wie sie
leibt und lebt! Diese Bauernjungfrau, in biederen bäuerlichen Verhältnissen
aufgewachsen, mit guter Hausmannskost ernährt im Elternhause und in der
bekanntlich sehr gut gehenden Mainzer Wirtschaft zu einer Zeit, wo man
von einer behördlichen Rationierung der Ernährung noch nichts wusste,
dieses Mädchen mit seiner geregelten Lebensweise, großgeworden inmitten
des hochragenden Spessartwaldes mit seiner kräftigen, würzigen Luft, die
heute von Tausenden zur Stärkung ihrer Nerven aufgesucht wird, Barbara
Weigand mit ihrem guten Gewissen, ihrer keusch verlebten Jugend, die
keine nächtlichen Ausschweifungen, keine nervenaufpeitschenden Genüsse
kannte, Barbara Weigand mit ihrem unbefleckten Körper und Geist, ihrem
robusten, kräftigen, vierschrötigen Körper, ihrem dicken Schädel, ihren
breiten Schultern, ihrem knochigen Gesicht, ihrem von Entschlossenheit
zeugenden Kinn, ihren derben Fäusten, ihren schwieligen Händen, ihrem
festen Tritt, ihrer staunenswerten Rüstigkeit bis ins höchste Greisenalter,
dank der die Neunzigjährige noch Tag für Tag Feldarbeiten verrichtete und
breite Mahden mähte: diese Barbara Weigand hat auch nicht eine Spur von
den Ursachen der Hysterie an sich getragen.
    ,,Barbara Weigand", so schrieb mir der von 1904 bis 1907 in Schippach
tätige Lokalkaplan, spätere Pfarrer Riedmann, ,,war damals kein schwäch-
liches Weiblein, sondern von außergewöhnlich starker Körperkonstitution
..." Das Urteil des Arztes Dr. Kemen vom Januar 1916 lautet im gleichen
Sinne. Nach ihm ist ,,Fräulein Weigand eine mittelgroße, starkknochige Frau
mit groben Gesichtszügen und recht gesunder Gesichtsfarbe ... Kräftige,
gutgenährte Frau von gesunder Gesichtsfarbe." Von ,,zarter Konstitution",
,,Bleichsucht, Blutarmut", ,,Unterernährung" keine Spur. Eine Person mit
schwachen Nerven hätte zudem die schmachvolle und rohe Behandlung,
die ihr jahrzehntelang von den Kanzeln, in den Zeitungen und im persön-
lichen Verkehr widerfuhr, überhaupt nicht ausgehalten. Nur dank ihrer
Nerven, stark wie Schiffstaue, und einer außergewöhnlichen Beistands-
gnade konnte sie jedes Martyrium ertragen und ihre Gegner an Lebens-
jahren und Rüstigkeit des Alters weit übertreffen.
   Der Psychologe Kardinal Mercier rechnet die Hysterie zu jenen patholo-
gischen Zuständen, welche zwar längere Zeit hindurch andauern könnten,

                                     86
jedoch nicht allzu lange währten; wörtlich schreibt er, die Hysterie sei
,,keineswegs eine andauernde Affektion".
   Nun lebte Barbara Weigand nachweislich seit ihrem 25. Lebensjahr,
vielleicht schon früher, bis in ihr höchstes Greisenalter in jenen Zuständen,
welche ihre Gegner als hysterisch bezeichnen. Kann man nun wirklich
annehmen, daß sich gerade bei der offensichtlich körperlich so rüstigen Per-
son Weigand die angebliche Hysterie, welche nach dem Urteile eines so
bedeutenden Gelehrten ,,keineswegs eine andauernde" Erscheinung ist, ihr
ganzes langes Leben, vielleicht 70 Jahre, hindurch erhalten habe?
   Als ein wesentliches und zugleich sehr auffallendes Symptom der Hyste-
rie bezeichnen die Autoren übereinstimmend die Unbeständigkeit, den
Wechsel der Stimmung.
   Die Psychologen Axenfeld und Huchard schreiben dazu: ,,Ein erster Zug
ihres Charakters ist die Beweglichkeit. Sie gehen von einem Tag zum
andern, einer Stunde, einer Minute zur andern mit unglaublicher Schnellig-
keit über von der Freude zur Trauer, vom Lachen zum Weinen; wankel-
mütig, phantastisch oder launenhaft reden sie zu gewissen Zeiten mit einer
außerordentlichen Geschwätzigkeit, während sie in anderen finster und
schweigend werden, eine völlige Stummheit bewahren oder in einen
Zustand von Träumerei oder geistiger Niedergeschlagenheit versenkt
erscheinen. Ihr Charakter wechselt wie die Bilder eines Kaleidoskops.
Gestern waren sie heiter, liebenswürdig, anmutig; heute sind sie übellaunig,
argwöhnisch, zornmütig. Sie empfinden eine sehr große Abneinung gegen
eine Person, welche sie gestern liebten oder achteten, oder im Gegenteil: sie
zeigen eine unbegreifliche Sympathie für eine andere; daher verfolgen sie
auch gewisse Personen in gleicher Erbitterung mit ihrem Hasse, wie sie
zuvor Hartnäckigkeit dareinsetzten, sie mit Zärtlichkeit zu umgeben."
   Capellmann drückt sich ähnlich aus: ,,Hochgradiger Wechsel der
Stimmung zwischen Lustigkeit und Trübsinn bis zur Angst, Gereiztheit,
Schreckhaftigkeit, die rätselhaften Neigungen und Abneigungen machen
die Kranken zu einer wahren Qual"; ,,Stimmung und Affekt wechseln
unvermittelt rasch"; ,,diese Kranken unterliegen fortwährend raschem
Stimmungswechsel."
   Nun wird es auch bei Barbara Weigand im Laufe ihres langen Lebens
Stimmungswechsel gegeben haben; eine Person, die so im Widerstreit der
Meinungen stand, die auf so harte Probe gestellt wurde, müsste kein
Mensch gewesen sein, wenn sie nicht auch dem Stimmungswechsel unter-
worfen gewesen wäre. Daß aber bei ihr die Grundstimmung allezeit die-
selbe blieb, daß sie in ihrem Leben, in ihren Reden, in ihren Anmutungen
und in ihrer Haltung dieselbe Stimmung des Gemessenen, der Gelassenheit,

                                     87
Festigkeit, des Gottvertrauens und des unerschütterlichen Glaubens an den
Sieg ihrer Sache zur Schau trug: das konnte jeder bestätigen, der mit ihr ins
Gespräch kam.
   Mit der Unbeständigkeit der Hysterischen hängt aufs engste zusammen
die Schwäche ihres Willens. Poulain und andere Autoren sind geneigt, hier-
in das wesentliche Merkmal der Hysterie überhaupt zu sehen. ,,Ihr Wille",
bemerkt ein angesehener Psychologe, ,,ist immer schwankend und schwach,
in einem Zustand beweglichen Gleichgewichts: er dreht sich beim gering-
sten Winde wie die Wetterfahnen auf unseren Dächern; die Beweglichkeit,
die Unbeständigkeit und das Wechselhafte in ihren Wünschen, ihren Ideen
und Gefühlszuständen machen ihren ganzen geistigen Zustand aus." Wenn
es nun je ein Kennzeichen gab, das Barbara Weigand über den Verdacht der
Hysterie hinaushob, dann war es ihr Wille, ihr unbeugsamer Wille. Man
brauchte nur ihren festgeschlossenen Mund und ihr hervortretendes Kinn
zu betrachten, die sich auch auf den Bildern ausprägen, um darin den Zug
ins Feste, Energische deutlich wahrzunehmen. Auch der untersuchende
Arzt Dr. Kemen gewann ,,den Eindruck einer vollständig vernünftigen,
recht energischen Frau."
   Bei ihr gab es keine Spur eines flatterhaften, hysterischen Wetterfahnen-
willens. Auch ihre Gegner konnten an diesem ausgeprägten Charakterzug
der Jungfrau nicht vorbeigehen und mußten ihr wohl oder übel das Zeugnis
ausstellen, daß sie von ihren Entschlüssen nicht so leicht abzubringen war.
Freilich, bei Barbara Weigand durfte diese Festigkeit, diese Stärke des Wil-
lens, die man nun einmal nicht leugnen konnte, nichts Gutes sein.
   In die angedichtete Hysterie wollte freilich diese Willensstärke gar nicht
hineinpassen; aber die Gegner wussten sich schon zu helfen: gings nicht, ihr
einen physiologischen oder psychischen Defekt daraus zu machen, flugs
machte man ihr einen moralischen daraus: es ist Eigensinn. Also auch die
Gegner hatten den Eindruck, daß an Barbara Weigand von Schwäche des
Willens, ,,dem Hauptcharakter der Hysterie", nichts zu finden war.
   Die Hysterischen sind natürlich, weil willensschwach, auch Sugges-
tionen leicht zugänglich. Daß aber Barbara Weigand sich auch von
Suggestionen freihielt, bestätigen wiederum ihre Gegner, wenn sie der Jung-
frau vorwerfen, sie habe sich weder von Beichtvätern noch von Ordinaria-
ten noch durch Zeitungsartikel in ihrem Glauben an die übernatürliche
Stimme erschüttern lassen.
   Es ist ferner begreiflich, daß in den wirklich Hysterischen bei der
Schwäche ihres Willens die sittlichen Grundsätze keine Festigkeit gewinnen.
Zahn sieht in diesem Mangel einer gefestigten Lebensanschauung, im
Fehlen des sittlichen Hochstandes mit Recht eine Eigentümlichkeit des

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hysterischen Temperamentes und empfiehlt die Übung der christlichen
Tugenden als beste Prophylaxe gegen Hysterie. Zu diesem Punkte genügt
es, auf die ersten Kapitel dieses Buches zu verweisen und auf die Zeugnisse
aller ihrer Vorgesetzten von der Jugend bis zum Alter, und der Vorwurf,
Barbara Weigand sei eine sittlich minderwertige Person gewesen, wird
sofort verstummen, wenn er überhaupt sollte ernstlich erhoben werden.
    Daß in dem seelischen Zustand der Hysterischen eine logisch geordnete
Gedankenverbindung, eine klare und ruhige Urteilsbildung nicht möglich
ist, liegt auf der Hand. Pruner-Seitz nennen die Hysterischen ,,planlos",
Capellmann konstatiert ,,Bewusstseinslücken", Pastor vermisst die Fähig-
keit der Urteilsbildung.
   Nun betrachte man sich wiederum Barbara Weigand, wie sie in Wirk-
lichkeit war, nicht ihr Zerrbild in den Zeitungen! An dem, was sie über die
Zeitverhältnisse, über die Mittel zur Besserung, über die Ursachen des sitt-
lichen und religiösen Niedergangs schon vor sechzig und mehr Jahren
gesagt hat, hat sie bis an ihr Lebensende festgehalten; was sie aber darin
über Materialismus, Sozialismus, Genusssucht, Diesseitsstreben, Gottlosig-
keit, was sie über Kirche, Gebet, Opfer, Sühne, über die öftere heilige
Kommunion, über das Laienapostolat, über die Heiligsprechungen, über die
Heimsuchungen und vieles andere verkündet hat, das sind wirklich keine
Unsinnigkeiten, sondern tiefernste Erwägungen, die von überraschend
klarer Urteilsbildung zeugen. Und daß es ihren Worten auch nicht an
logischem Aufbau mangelte, daß es bei ihr keine ,,Bewusstseinslücken" gab,
bestätigen uns die sorgsam beobachtenden Ärzte Dr. Müller und
Dr. Kemen.
   Erinnern wir uns der Worte des letzteren: ,,Die Unterhaltung mit ihr
verrät keine logischen Fehler; ihre Intelligenz ist außergewöhnlich hoch, die
Ausdrucksweise und ihr Gedankengang verraten eine geistige Bildungs-
stufe, wie man sie bei einer Frau ihrer Art sonst wohl kaum findet ... Auf
Zwischenfragen antwortet sie bereitwillig in sicherer, nicht schwankender
Weise. Dabei fällt auf, daß sie trotz mehrfacher Unterbrechung nie den
Faden der Erzählung verliert, sondern genau da fortfährt, wo man sie unter-
brach."
   Zwanzig Jahre früher hatte Dr. Müller bezeugt: ,,Alles, was sie im
ekstatischen Zustand spricht, hat Hand und Fuß, was bei Hypnotischen und
Kranken nicht der Fall ist ... Eine solche Bestimmtheit kommt bei keinem
Kranken vor."
   Ja, als Kronzeugen für die klare Urteilsbildung und die logische Struktur
der Weigandschen Gedankengänge könnte man gerade ihren schärfsten
Opponenten anführen, welcher bekanntlich in den Äußerungen der Jung-

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frau ,,ein förmliches theologisches System" erblickte, also ein gedanken-
reiches und logisch aufgerichtetes Lehrgebäude, das zu konstruieren
bekanntlich nur hochbegabten Theologen gelingt. Daß auch hysterische
Bauernmädchen vom Spessart und bedauernswert kranke Wirtshausmägde
von Mainz zur Ausbildung eines theologischen Systems fähig seien, dürfte
bis zur Nr. 11 der ,,Allgemeinen Rundschau" vom 18. März 1916 wohl noch
kein Theologe gewusst haben.
   Erfahrung und Wissenschaft kennen ein weiteres Merkmal der Hysterie:
die Sucht aufzufallen, sich interessant zu machen. Wenn man nun bei jenen,
die sich interessant zu machen suchen, unterschiedslos auf Hysterie
diagnostizieren wollte, müsste man gewiss auch viele Geistliche in diese
Kategorie von Menschen einreihen. Steht doch auch Sellmair nicht an,
,,Hysterie die typische Priesterkrankheit" zu nennen.
   Daß auch Barbara Weigand zuweilen aufgefallen ist, mag schon richtig
sein; auch viele Heilige sind aufgefallen und schließlich fällt jeder Mensch
auf, der nicht durch dick und dünn mit dem großen Haufen geht. Aber
Barbara Weigand hat es nicht gesucht aufzufallen. Wir haben schon früher
gehört, welch günstige Gelegenheit hierzu sich ihr z. B. bei Errichtung der
Pfarrei Rück-Schippach, ihres ureigensten Werkes, geboten hätte. Auch zahl-
reiche Besucher Schippachs, welche einmal um jeden Preis die in den
Zeitungen so sehr angeprangerte ,,Visionärin" sehen wollten, waren sicht-
lich enttäuscht, daß sie so gar nichts Auffälliges an der Frau fanden. Auch
ich habe als ihr Pfarrer nur das eine Auffallende an ihr gefunden, daß sie
sich in der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten viel eifriger zeigte als die
meisten ihrer Landsleute.
   Pruner-Seitz verzeichnen als ein anderes Kennzeichen der Hysterie die
Teilnahmslosigkeit am Geschicke anderer. Der Hysteriker ist so von sich
eingenommen, steht so im Banne seiner eigenen Idiosynkrasien, daß ihm
Sinn und Sorge für die anderen völlig abgehen. Auch über einen solchen
Verdacht war die Jungfrau von Schippach erhaben: ihr Leben der Arbeit, der
Opfer für die anderen, der Selbstlosigkeit, mit der sie Gebet, Arbeit und
Vermögen in den Dienst anderer, besonders ihrer Landsleute, gestellt hat,
beweist jedenfalls nur das Gegenteil von Hysterie.
   Der Hysterische ist bekanntlich auch sehr stark von sexuellen Regungen
beherrscht. Pruner-Seitz meinen hierzu: ,,Immer ist eine mehr oder minder
lebhafte Beteiligung des Geschlechtslebens mit im Spiele; ihre Phantasie-
gebilde und Wahnideen sind meist davon infiziert." Capellmann schreibt:
,,Nicht selten wird unter der äußeren Erscheinung der religiösen Schwär-
merei eine bis zur Nymphomanie gesteigerte geschlechtliche Erregung
schlau genug verdeckt." Auch Zahn erwähnt unter den Erscheinungen der

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Hysterie die Neigung zu sexuellen Verirrungen. Zur Ehre der Gegner sei es
gesagt, daß m. W. keiner es öffentlich gewagt hat, die Ehre der Jungfrau
Weigand in diesem Punkte ernstlich anzuzweifeln.
  Übereinstimmung zwischen Wissenschaft und Erfahrung besteht auch
darüber, daß die Hysterischen eine ausgesprochene Neigung zur Lüge an
den Tag legen.
   So schreibt Kardinal Mercier ohne Einschränkung: ,,Die Hysterischen
zeigen Neigung zur Lüge"; Capellmann wirft ihnen absichtliche Irre-
führung vor: ,,Die Kranken scheuen, um ihrem Täuschungstrieb zu frönen,
weder Schmerz noch Anstrengung und Entbehrung jeder Art. Alles wird
versucht und ertragen, um das einmal angefangene Trugspiel durch-
zuführen"; das Herdersche Lexikon spricht von dem ,,Bestreben, sich zu
verstellen", vom ,,Hang zur Lüge", zur ,,Intrige und zum Stehlen." Also
Übereinstimmung auf der ganzen Linie.
   Nun hat sich ja die gegnerische Kritik, soweit ich sie kenne, bis zum Jahre
1916 wohl gehütet, der Schippacher Jungfrau Verstellung, absichtliche Irre-
führung und Lüge zum Vorwurf zu machen; vielmehr haben ihr alle Instan-
zen, die mit ihr zu tun hatten, das uneingeschränkte Lob gespendet, daß sie
über jeden Verdacht der Lüge erhaben sei. Es sei nur an das Urteil Bischof
Haffners aus dem Jahre 1896 oder an jenes des Ordinariates Mainz vom
14. August 1900 erinnert, wo ihr ausdrücklich bestätigt wurde, daß sie
,,durchaus den Eindruck einer braven Person macht, der jede absichtliche
Täuschung fernliegt."
   Ihr Mainzer Pfarrer und Beichtvater Dr. Velte sprach noch im Jahre 1912
schriftlich seine feste Überzeugung aus in den Worten: ,,Daß sie nicht lügt,
dessen bin ich gewiss." Eine Lügnerin wäre ganz gewiss auch vom Ordina-
riat Würzburg im Oktober 1914 nicht ,,eine im Rufe der Frömmigkeit ste-
hende Person" genannt und von Bischof Hugo von Mainz mit eigenhändig
geschriebenen Briefen ausgezeichnet worden.
   Endlich zeigen sich die Hysterischen auch unfähig zu ernster Berufs-
arbeit. Wer aber die Schippacher Jungfrau kannte, wird es nicht wagen,
einen solchen Vorwurf gegen sie zu erheben; da würden die Mainzer Wirts-
hausgäste, wenn sie noch lebten, ihre damaligen Hausgenossen und die
ganze Bevölkerung von Rück und Schippach lauten Protest erheben.
   Sapienti sat! Wir glauben hinreichend bewiesen zu haben, daß sich bei
Barbara Weigand auch nicht ein einziges jener Merkmale findet, welche die
Wissenschaft und die Erfahrung als charakteristische Kennzeichen der
Hysterie festellen. Da aber die physiologischen Erscheinungen ebenfalls
nichts für die Hysterie beweisen, wird man gut tun, diesen Vorwurf gegen

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die Schippacher Jungfrau so schnell wie möglich fallen zu lassen. ,,Mit der
Fällung einer Laiendiagnose auf Hysterie wird (zudem) jeder kluge und
gewissenhafte Priester sehr, sehr vorsichtig sein", mahnt auch Schattauer in
der Linzer Quartalschrift. Sachverständige Männer, Ärzte so gut wie Theo-
logen, haben diesen Vorwurf zudem in aller Form zurückgewiesen.
   Es sei nur an die Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen erinnert, welch letzte-
rer ausdrücklich hervorhob: ,,Ebensowenig ergab die Untersuchung
Anhaltspunkte resp. Beweise für eine bestehende Hysterie." Auch andere
Priester als der Verfasser gewannen von Barbara Weigand denselben
Eindruck einer völlig gesunden und normalen Frau. So schrieb mir ein theo-
logisch und philosophisch gründlich gebildeter und erfahrener Priester,
Spiritual und Beichtvater in einem Frauenkloster, der vorher Seelsorger an
einer Heil- und Pflegeanstalt für Geisteskranke war, also sicherlich auch mit
Hysterikern viel zu tun hatte, folgendes:
  ,,Ich habe Barbara Weigand persönlich kennengelernt, an verschiedenen
Tagen mit ihr gesprochen, sie beobachtet, Erkundigungen eingezogen, aber
von Hysterie nichts gefunden.
   Ich habe schon oft das bekannte ,,hy" am Kopfende der Kranken gelesen,
aber bei Barbara Weigand habe ich die hy-Symptome nicht gefunden. Nach
N. N. wäre Barbara Weigand eine schwere Hysterikerin. Eine solche ist nicht
imstande, die Symptome ihres Leidens auch nur drei Tage ganz zu
verheimlichen."
   Ein anderer Priester, der Barbara Weigand im Jahr 1916 ebenfalls auf-
suchte, und sie längere Zeit beobachtete, schilderte mir seine Eindrücke
schriftlich in folgenden Worten:
   ,,Ihre seelische Verfassung, welche sich in dieser Art zu reden kundgibt,
und ihre robuste Gesundheit schließen die ihr sooft angedichtete Hysterie
völlig aus. Es ist traurig, daß dieser Vorwurf sooft gerade von Geistlichen
gegen sie erhoben wird. Ich glaube, diese Herren wissen wegen ihrer Unwis-
senheit oder ihrer Vorurteile nichts mit den mystischen Tatsachen im Leben
der Barbara Weigand anzufangen, und suchen über diesen Mangel mit dem
Worte Hysterie hinwegzukommen, ohne auch nur zu wissen, was Hysterie
eigentlich ist. Diese ist eine krankhafte Überreizung des Nervensystems,
besonders des plexus solaris, die sich vorzüglich in den Funktionen der
Geschlechtsorgane bemerkbar macht und sehr oft oder sogar meistens im
Missbrauch der geschlechtlichen Organe begründet ist. Es ist empörend,
daß sogar Priester - wohl unbedachter Weise - einen solchen Vorwurf gegen
Barbara Weigand erheben und damit die Ehre eines tieffrommen, musterhaft
reinen Bauernmädchens in der niedrigsten Weise beschmutzen."

                                     92
  So ist es: Barbara Weigand war keine Hysterikerin, sondern eine geistig
und körperlich kerngesunde Frau. Das bestätigen ihr auch zwei angesehene
Ärzte, deren Zeugnisse wir im folgenden Abschnitt bringen werden. Doch
zuvor wollen wir uns noch die Entstehung des auf Hysterie lautenden
Gutachtens eines Mainzer Arztes etwas näher betrachten!

d) Unter der Brille des Arztes
   Als die lothringische Stigmatisierte Katharina Filljung im Herbst 1882
ihre Zuflucht zum Heiligen Stuhl nahm, gab ihr der Konsultor des Heiligen
Offiziums, P. Laurencot S.J., den eindringlichen Rat, sich ja ihre persönliche
Freiheit nicht nehmen zu lassen: ,,Gardez-vous de vous laisser enfermer
dans un couvent. Ne faites pas comme N.; elle s´est laissé enfermer dans un
couvent; elle est morte. Ne vous laissez enfermer dans un couvent".
   Was dieser Pater aus seiner reichen Erfahrung befürchtete, sollte sich
auch an Barbara Weigand wenigstens teilweise erfüllen. Am Dienstag, den
24. Juli 1900, erhielt sie nämlich ein Schreiben des Bischofs, sie solle sich so
bald als möglich ins St. Elisabethen-Stift begeben, wo drei Herren ihre
Ekstasen beobachten würden. Barbara erschien bereits am folgenden Tag im
Bischöflichen Palais und meldete, daß sie sich anderen Tags in das bezeich-
nete Haus begeben wolle. Am genannten Tag überschritt sie ,,mutig und
entschlossen" die Schwelle des St. Elisabethen-Stiftes.
   Die Kommission, welcher der Bischof die Untersuchung der Jungfrau
übertragen hatte, bestand aus ihrem Beichtvater, P. Bonifaz O.Cap., dem
Rektor Dr. Hubert vom Knabenkonvikt; zwei Priestern, die schon längst
offen gegen den übernatürlichen Charakter der Weigandschen Vorgänge
Stellung genommen hatten, und dem praktischen Arzt Dr. Ebner.
   Barbara erhielt ein Zimmer angewiesen, und die Oberin des Hauses hatte
den Auftrag, sobald sich die Anzeichen außerordentlicher Zustände
bemerkbar machen würden, die genannten Herren zu verständigen. Bereits
am Freitag, den 27. Juli, hatte Barbara während der heiligen Messe, der sie
beiwohnte, eine Vision und begann laut zu reden, so daß sie von der Oberin
auf ihr Zimmer geführt werden mußte. Da sich aber außer einer gewissen
Blässe und Kälte, welche die Oberin nur für eine natürliche Schwäche hielt,
und den Worten, die sie sprach, nichts besonderes Körperliches ereignete,
unterließ es die Oberin, die Prüfungskommission zu rufen.
   Darum äußerte sich P. Bonifaz am folgenden Tag spöttisch zu Luise
Hannappel: ,,Der Heiland kommt nicht mehr, es ist alles aus." Auch der Arzt
fand bei seinen Tagesvisiten nichts besonderes vor und unterhielt sich
freundlich mit der Jungfrau. Aber am Mittwoch, dem 1. August, dem Tage

                                      93
vor Portiuncula, stellte sich das Passionsleiden mit den drei Stürmen und
der anschließenden Sprechekstase in der bekannten Weise ein, und die
Herren wurden allsogleich gerufen. Sie beschränkten sich zunächst auf
bloßes Beobachten. ,,Als ich zu mir kam", schreibt Barbara nach der
Prüfung, ,,sahen sie alle ganz verstört aus. Der Arzt, der sonst immer bleich
aussah, hatte dunkelrote Augen und Wangen ... Der Weltpriester hatte am
meisten Mitleid." So der Bericht.
   Am 3. August, Herz-Jesu-Freitag, meldeten sich die Vorboten des Leidens
abermals. Die drei Herren wurden gerufen, und der Arzt versuchte nun
seine Heilkunst. Er ließ kein Mittel unversucht, um herauszubringen, ob es
nicht Krankheit sei. Er ließ ihr Tropfen eingeben, dann Rizinusöl, dann ließ
er ihr ab und zu Milch einschütten, obwohl der Magen nichts annahm und
sie dieselbe jedesmal wieder erbrechen mußte, weshalb der Weltpriester die
Bemerkung machte: Lasst das doch, ihr seht ja, daß es nicht geht. Die beiden
geistlichen Herren gingen dann fort. Unterdessen ließ der Arzt ihr soviel
Wasser einpumpen, bis es ihr zum Mund herauskommen wollte. Es war so
schmerzlich für Barbara, daß sie daran war zu sterben. Sie wurde eiskalt
und lag da wie tot, und die Schwester rief Gott und alle Heiligen an:
Schwestern, Schwestern, kommt mir zu Hilfe, Jesus, Maria, Josef, steht mir
bei, heiliger Antonius, komm mir zu Hilfe, ach, lieber Gott, sie stirbt!
   Barbara bekam fortwährend Ohnmachtsanfälle. Das dauerte einige Zeit.
Als sie Barbara wieder ins Bett geschafft hatten, sagte der Arzt: So, jetzt
schlafen Sie ruhig. Aber kaum gesagt, kam der erste der drei Stürme. Der
Arzt wollte ihn verhindern und fasste ihren Kopf mit aller Kraft, um es ihm
unmöglich zu machen, daß er sich schüttle; aber es half nichts. Die Kraft war
so groß, daß er mit herumgeschleudert wurde. Bei dem zweiten Sturm griff
ihr der Arzt mit aller Wucht die Arme, um sie festzuhalten, aber die Gewalt
schüttelte den starken Mann mit herum. Er sprang vor sie hin und sagte: Sie
sind mir vom Bischof übergeben und Sie haben mir zu folgen und zu tun,
was ich sage! Dann hielt er ihr etwas Glänzendes entgegen und schrie: Wol-
len Sie mir folgen! Wollen Sie augenblicklich hierher sehen! Barbara streng-
te alle ihre Kräfte an, die Augen jedoch waren ihr von einer unsichtbaren
Macht gehalten, sie konnte sie nicht drehen und auf den Punkt richten.
Desto zorniger rief der Arzt: Heute, wenn Sie mir nicht folgen, sollen Sie
sehen! Er tobte wie rasend und wollte, sie solle an einen Punkt hinsehen,
konnte es aber doch nicht erreichen.
   Als der Arzt jedoch ein geweihtes Bild der Heiligen Familie von der
Wand nahm und es Barbara vorhielt, da konnte sie sofort darauf sehen, weil
die Gewalt sie verließ. Als die drei Stürme herum waren, sprach der Herr
wie immer.

                                     94
   Die ganze folgende Nacht konnte sie kaum Atem schöpfen, weil sie noch
mit Wasser angefüllt war und litt sehr viel ... Nach der Ekstase sagte die
Generaloberin, die auch dabei gewesen, zu Barbara: Ach, lieber Gott, was
machst du aber durch. Aber glaube sicher, daß du auch einen großen Lohn
bekommst in der Ewigkeit! Anderen Tages kam der Arzt und sagte, er könne
nichts anderes erklären, als daß alles Hysterie sei. Von mir aus, sagte er, kön-
nen Sie jetzt gehen!"
   Das war nach den Aufzeichnungen in den Schippacher Akten - ein
Protokoll wurde während dieser Untersuchung nicht geführt - der Verlauf
der Untersuchung durch den Arzt Dr. Ebner am 1. und 3. August 1900 im St.
Elisabethen-Stift zu Mainz, aufgrund derer der Jungfrau Barbara Weigand
bis ans Ende ihres Lebens in der Presse und in kirchenbehördlichen Erlassen
der Stempel der Hystrie aufgeprägt wurde. Man glaubt, in dem Verhalten
und in dem Urteil Dr. Ebners fast eine getreue Kopie seines Amtsbruders,
des Kantonalarztes Dr. Kuhn, zu erblicken, der ein halbes Jahrhundert
vorher über Elisabeth Eppinger, die Gründerin der Kongregation der Nie-
derbronner Schwestern, gemeint hatte: ,,Ihre Gesichte gehören zur Katego-
rie weiblicher Grillen".
   Unwillkürlich denkt der Verfasser hier auch an die pfälzische Stigmati-
sierte, Barbara Pfister, welche unsere Schippacher Gottesfreundin in Mainz
besuchte und ihr dabei von ihrer Behandlung durch den Speyrer Gerichts-
arzt erzählte, der sich gerühmt hatte, er werde ,,die Schmier (die stigmati-
schen Blutungen) bald heraus haben" (siehe auch Molz a. a. O., S. 55).
   Ist es nach der Schilderung der besagten ,,Untersuchung" nicht schwie-
rig, die Diagnose Dr. Ebners auf Hysterie als eine völlig verfehlte zu bezeich-
nen, so sind wir auch noch in der glücklichen Lage, die Zeugnisse zweier
anderer Ärzte zu besitzen, welche aufgrund sorgsamer Beobachtungen
Barbara Weigand von jedem Verdacht der Hysterie freisprechen. Beide
Zeugnisse lagen zeitlich vor den Presseangriffen des Jahres 1916, wurden
aber von den Pressegegnern der Öffentlichkeit verschwiegen.
   Schon vier Jahre vor der Untersuchung Dr. Ebners, nämlich im Juli und
August 1896, wohnte auf Weisung Bischof Haffners Sanitätsrat Dr. Müller in
Mainz, Nachbar und Hausarzt der Familie Weigand, fünfmal dem Passions-
leiden und den Ekstasen der Jungfrau bei und fällte aufgrund seiner Beob-
achtungen das folgende Urteil:
   ,,Daß das Leiden, dem ich fünfmal beigewohnt, keine natürliche Krankheit ist,
   sondern der Theologie angehört zur Beurteilung, erhellt aus folgenden Gründen:
   Das Leiden kommt nur an Freitagen und Festtagen, womit keine Krankheit
   zusammenhängt; Die drei Stürme (Krisen) in den Leiden sind immer dieselben,
   ganz gleich, was bei keiner Krankheit vorkommt; Alles, was sie im ekstatischen

                                       95
  Zustand spricht, hat Hand und Fuß, was bei Hysterischen und Kranken nicht
  der Fall ist;
  In den Schriften kommt oft vor: ,,Dann und dann habe ich dir das und das
  gesagt", was ich nachgeschlagen und wirklich so gefunden habe. Eine solche
  Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor; Barbara Weigand weiß hernach
  den ganzen Sinn dessen, was sie gehört und gesehen hat, während Hysterische
  nicht wissen, was mit ihnen vorgegangen ist; Wenn es eine natürliche Krankheit
  wäre, könnte sie das noch kein Jahr aushalten; dann stürbe sie bald."
   So Sanitätsrat Dr. Müller. Dieser Arzt hat also eine ganz andere Meinung
von der Jungfrau als Dr. Ebner. Sanitätsrat Dr. Müller hat aufgrund seiner
fünfmaligen Teilnahme an den Ekstasen den Eindruck gewonnen, daß es
,,keine natürliche Krankheit" ist und begründet dieses sein Urteil mit klaren
und bestimmten Hinweisen. Die ,,Krankheit" der Jungfrau, ihr Leiden, so
sagt der Arzt, ist kein Gebiet für den Arzt, sondern ,,gehört der Theologie an
zur Beurteilung". Darum zieht sich der Sanitätsrat wieder auf sein ureigenes
ärztliches Gebiet zurück.
   Wie also das Urteil Dr. Müllers wesentlich von jenem Dr. Ebners
abweicht, so erbrachte auch die Untersuchung der Jungfrau durch Ober-
stabsarzt Dr. Kemen von Kreuznach am 28. September 1915 eine glänzende
Rechtfertigung der geistigen und körperlichen Gesundheit der Jungfrau
Barbara, wie der genannte Arzt in seinem Bericht vom 22. Januar 1916 an
Nuntius Frühwirth mit wissenschaftlicher Ruhe ausführt. Lassen wir das
Wesentliche seines Gutachtens im Wortlaut folgen!
  ,,Fräulein Weigand ist eine mittelgroße, starkknochige Frau mit groben Gesichts-
  zügen von recht gesunder Gesichtsfarbe. Sie hat das Aussehen einer Bauersfrau
  von ungefähr fünfzig Jahren, wobei ich berücksichtige, daß Bauersfrauen von
  solchem Aussehen meist kaum vierzig Jahre alt sind. In Wirklichkeit ist sie sieb-
  zig Jahre alt. Mit ruhigem, festen Schritt, absolut unbefangen tritt sie ein und
  begrüßt uns. Sie blickt jeden von uns frei und furchtlos an, als wenn sie uns
  längst kännte. Ihre Sprache ist deutlich, laut und natürlich. Sie spricht den Dia-
  lekt ihres Ortes, jedoch etwas verfeinert, und wenn sie zitiert, bemüht sie sich,
  hochdeutsch zu reden. In der Unterhaltung vermischt sie Dialekt und Hoch-
  deutsch. Ihre Ausdrucksweise ist durchaus natürlich und ungezwungen; sie
  sucht nicht nach Worten, sondern die Rede kommt in ruhigem Fluss von ihren
  Lippen. Sie vermeidet jegliches Pathos; auch wenn sie Worte des Heilandes
  zitiert, sind diese ungekünstelt und bewegen sich in der Form, wie sie in ihren
  Schriften verzeichnet stehen. Von der Echtheit ihrer Visionen ist sie felsenfest
  überzeugt, war dies jedoch, wie sie sagt, früher nicht. Was sie gehört und gese-
  hen haben will, ist für sie absolute Wahrheit. Sie gerät beim Erzählen all dieser
  auffallenden Visionen nicht in die geringste Aufregung; nur als sie davon
  spricht, daß man sie für hysterisch halte, wird sie erregt und ruft dabei aus: ,,43
  Jahre lang soll ich mich und die Welt getäuscht haben - dann müsste man an Gott
  zweifeln!"

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   Die Unterhaltung mit ihr verrät keine logischen Fehler; ihre Intelligenz ist
außergewöhnlich hoch, die Ausdrucksweise und ihr Gedankengang ver-
raten eine geistige Bildungsstufe, wie man sie bei einer Frau ihrer Art sonst
wohl kaum findet.
    Die körperliche Untersuchung ergibt folgenden Befund: Kräftige,
gutgenährte Frau, von gesunder Gesichtsfarbe und lebhaftem Blick. Die
Herztöne sind rein, der Puls ist gleichmäßig, weich, 72 in der Minute, die
Arterien sind nicht geschlängelt, nicht starr, es bestehen keine arteriosklero-
tischen Erscheinungen. Die Pupillen sind gleich weit und reagieren gleich-
mäßig auf Lichteinfall; der Patellarreflex ist schwach auslösbar; es besteht
kein Fußklonus; Stehen und Gehen mit geschlossenen Augen ist ohne
Schwanken möglich, es besteht kein Zittern der gespreizten Finger.
   Es existiert kein Anhaltspunkt für ein organisches Leiden des Zentral-
nervensystems noch eines funktionellen Leidens. Ebensowenig ergab die
Untersuchung Anhaltspunkte resp. Beweise für eine bestehende Hysterie.
Fräulein Weigand macht vielmehr den Eindruck einer vollständig vernünf-
tigen, recht energischen Frau mit gelegentlich humorvollen Anwandlungen
in ihrer Erzählung. Auf Zwischenfragen antwortet sie bereitwillig in siche-
rer, nicht schwankender Weise. Dabei fällt auf, daß sie trotz mehrfacher
Unterbrechungen nie den Faden der Erzählung verliert, sondern genau da
fortfährt, wo man sie unterbrach ..."
  (Es Folgen einige unwesentliche Schlusssätze und Höflichtskeitsformeln
gegenüber dem hohen Empfänger des Gutachtens.)
   Die Ärzte Dr. Müller und Dr. Kemen reden also eine ganz andere Sprache
als Dr. Ebner. Aber nur dem letzteren wurde geglaubt, weil man seine
Aussage haben wollte. Daher auch das Verschweigen der beiden anderen
Zeugnisse in den gegnerischen Publikationen! ,,Neque verum occultando"
(can 1794 CIC)?




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V. EINWÄNDE UND WIDERLEGUNGEN
   Wer die seinerzeit im Zusammenhang mit dem Schippacher Kirchenbau
gegen Barbara Weigand, ihre Worte und Werke veröffentlichten Drucker-
zeugnisse heute durchliest, kann es kaum für möglich halten, daß damals
ein solcher Ton gerade aus geistlichen Federn gegen Schippach angeschla-
gen wurde. Diese Ausdrucksweise, dieses tiefe Niveau der Sprache, diese
Spottartikel, haben sich inzwischen selbst gerichtet; sie bedürfen keiner
Widerlegung mehr. Auch von den vielen sachlichen Unrichtigkeiten in jenen
Publikationen haben wir bereits einige am einschlägigen Orte zurückgewie-
sen. Um aber diese Widerlegung möglichst vollständig zu gestalten, sollen
im folgenden jene noch nicht besprochenen Anklagen gegen Schippach mit
kritischem Auge geprüft werden. Diese Anklagen betrafen angebliche Ver-
stöße gegen den Glauben, angebliche Irrtümer gegen die Mariologie, die
angeblich falsche Schippacher Engellehre, Einwände gegen den Liebesbund,
gegen den Kirchenbau, gegen die Person der Barbara Weigand und sonstige
Beanstandungen.

1. Angebliche dogmatische Verstöße
   Es besteht nicht der geringste Zweifel, daß die Schippacher Offenbarun-
gen wie alle Privatoffenbarungen mit dem Maßstab korrekter dogmatischer
Theologie gemessen werden müssen, wie wir schon in den grundsätzlichen
Bemerkungen über die Lektüre mystischer Schriften des näheren ausgeführt
haben. Finden sich in Privatoffenbarungen offenkundige dogmatische Irrtü-
mer, so können solche unmöglich von Gott stammen; denn ,,Gott kann nicht
irren und nicht fehlen."
   Aber es gilt auch hier die wissenschaftliche Forderung, die kirchliche
Lehre dogmatisch genau zu nehmen, nicht subjektive Privatmeinungen für
kirchliche Lehre auszugeben und auf Grund eigener schiefer Ansichten die
Aussprüche der Mystiker in Verruf zu bringen, wie es nach Ausweis der
Geschichte der Mystik nicht selten schon geschehen ist. Die rabies theolo-
gorum hat schon mehr als einen guten Menschen zur Strecke gebracht. Auch
wird es angesichts der geschichtlichen Tatsache, daß sich der Irrtum auch in
solche Privatoffenbarungen einschleichen kann, welche allgemein als echt
angesehen werden, gut sein, einmal die wichtigsten Quellen zu besehen, aus
welchen Irrtümer entspringen können.
   Wie der Mystiker selbst, so erwähnen auch die Kenner der mystischen
Theologie immer wieder die große Schwierigkeit, wenn nicht geradezu
Unfähigkeit, die innere Erfahrung in Worte zu kleiden. In dieser Schwierig-
keit für das innere Erlebnis den adäquaten sprachlichen Ausdruck zu

                                    98
finden, sehen die Theologen eine erste Quelle für das Entstehen von
Irrtümern in Privatoffenbarungen.
   Gar einfach schildert die Schwester von der Geburt ihrem Beichtvater
Genet diese Schwierigkeit: ,,Gott lässt mich zuweilen auch bloß die Dinge
schauen, ohne mir die passenden Ausdrücke für dieselben mitzuteilen. Dies
bringt mich oft in große Verlegenheit und macht mir viel zu schaffen, bis mir
Gott zuweilen zu Hilfe kommt und sagt: Sieh, das mußt du so ausdrücken!
In diesem Fall wird es mir leichter und ich finde daran sogar Freude.
Geschieht dies aber nicht, so muß ich selbst nach einem Ausdruck suchen."
   Der Beichtvater erwidert der Schwester: ,,Wenn Gott Ihnen zuweilen bloß
das Wesen, den Grund einer Sache zu erkennen gab, die Wahl der gehörigen
Ausdrücke jedoch Ihnen selbst überließ ..., so sollen Sie oder Ihr Berichter-
statter ... in die Sache mit dem Verstand tiefer eindringen, nicht bloß leiden-
de Werkzeuge des Heiligen Geistes sein."
   Die Schwester empfand des öftern diese Schwierigkeit: ,,Ich sehe Dinge
in Gott, deren Wahrheit ich wohl fühle, in die ich aber nicht näher eindrin-
gen kann ... Ich habe zwar das gehörige Verständnis davon, kann aber die
passenden Worte dazu nicht finden."
    Richstätter kommt wiederholt auf diese Schwierigkeit zu sprechen und
zitiert Gerson, den heiligen Johannes vom Kreuz, Denifle und Martin,
welcher bei der dritten Zentenarfeier des Todes der heiligen Theresia
erwähnte, wie schwer es der Heiligen gefallen sei, verständlich zu machen,
was die Seele bei der Beschauung empfinde. Er selber fügt dann bei: ,,Sobald
der Mystiker das rein geistig Geschaute in materielle Wortbilder kleiden
will, erhebt sich für ihn nicht bloß eine große Schwierigkeit, sondern es kann
hier auch eine Fehlerquelle liegen, da er das Geschaute nicht ganz richtig
wiedergibt oder da die Bilder, die er gebrauchen muß, von andern nicht
richtig gedeutet werden."
    Manchmal kann es auch vorkommen, daß der Mystiker die ihm gewor-
dene Offenbarung falsch versteht, d.h. anders deutet, als sie ihm von Gott
gegeben ist. Wenn der Mystiker seine Aufgabe, seine Mission, nicht richtig
erfasst, wird er auch die ihm gewordene Offenbarung nicht richtig verste-
hen, wird vielleicht zu viel, vielleicht zu wenig herauslesen, kann vielleicht
den Zusammenhang nicht herstellen, wenn ihm Gott die Offenbarung bloß
teilweise gibt und die Ergänzung ihm selber überlässt. ,,Eine himmlische
Offenbarung", sagt Poulain, ,,kann bisweilen falsch verstanden werden von
dem, der sie empfängt. Der Grund hiervon liegt manchmal in der Unbe-
stimmtheit der Offenbarung. Gott gibt hie und da nur halbes Erkennen.
Seine Worte haben oft einen tieferen Sinn, den man nicht versteht."

                                      99
   ,,Gerade bei geschichtlichen Visionen gebe Gott die Szene oft nur in
großen Umrissen ... Wer ihnen also eine klare, absolute Genauigkeit beilegt,
täuscht sich."
   ,,Gott pflegt", sagt P. Ehrle, ,,den heiligen Stiftern die allgemeinen Umris-
se der von ihnen auszuführenden Werke einzugeben; doch die genauere
Detaillierung derselben überlässt er nicht selten den ,,Zweiten Ursachen",
den Vorkommnissen und Erfahrungen ihres Lebensganges, womit eine
gewisse allmähliche Entfaltung ihrer Stiftung gegeben ist."
   So könne natürlich bei Personen, denen die Gesetze höherer Eingebun-
gen verborgen seien, die Gefahr eines falschen Verstehens einer Offen-
barung sehr nahe liegen.
   Einen typischen Beleg hierzu haben wir dort, wo die Jungfrau von einer
Vision berichtet, in welcher von ihrem Tode die Rede war. ,,O wie freue ich
mich", schreibt sie nachträglich zu dieser Offenbarung, ,,denn das Jahr 1916
wird mein Sterbejahr sein ... Am Herz-Jesu-Fest 1894 wurde mir dieses zu
wissen getan, daß ich in meinem 70. Lebensjahr anfangen soll, mich auf mei-
nen Tod vorzubereiten."
   Man erkennt hier deutlich den Unterschied zwischen Offenbarung und
Deutung. Geoffenbart wurde ihr, sie solle in ihrem 70. Lebensjahr (d. i. nach
dem 10. Dezember 1915) anfangen, sich auf ihren Tod vorzubereiten; sie
aber verstand diese Offenbarung in dem Sinne, daß sie unmittelbar danach,
also im Jahre 1916, auch schon sterben würde. Tatsächlich liegt aber in jener
Offenbarung nur die Vorhersage, daß sie 70 Jahre erreichen werde, und daß
dann ihr Lebenswerk vollendet sei. Beides ist buchstäblich eingetroffen.
Dagegen hat sich ihre falsche Deutung, daß sie unmittelbar nach Erreichung
des 70. Lebensjahres auch schon sterben würde, nicht erfüllt.
  Eine weitere Quelle von Irrtümern kann in dem Umstand erblickt
werden, daß bei allen Visionen und Offenbarungen die menschliche
Aktivität im Spiele ist, und daß sich der Ideengehalt in der Ekstase oft an
den Ideengehalt der Seele vor der Ekstase anschließt.
   Die Theologen sehen gerade in der Erhaltung der menschlichen Eigenart
und Geisteskraft beim mystischen Erlebnis ein gesundes Zeichen echter
Mystik. Da ist es doch ganz natürlich, daß der menschliche Faktor auch der
Fallibilität tributpflichtig bleibt. So meint Poulain, wenn sich im mystischen
Zustande Sinnenbilder und Vernunftschlüsse fänden, so rührten diese
wenigstens teilweise von unserer Mitwirkung her. ,,Das gehört aber nicht
zum Wesen der mystischen Vereinigung, es ist vielmehr reine Zutat." Daher
erleben wir es auch, daß selbst die echten Privatoffenbarungen oft das
individuelle Antlitz der betreffenden Person aufweisen. ,,Daß bei der

                                      100
Wiedergabe von Visionen ... die Eigenart der Persönlichkeit und die eigene
Gedankenwelt sich ausprägen muß, ist selbstverständlich und es wäre
unbillig, sich daran zu stoßen. Unbillig wäre es aber auch, jeden Ausdruck
bis zum äußersten ausdeuten zu wollen und das, woran der Mystiker gar
nicht gedacht hatte, hineinlegen zu wollen."
   Wie sehr haben sich die Gegner von 1916 gerade auch gegen diese Aus-
legungsregel verfehlt, indem sie ganz rechtgläubig klingenden Wendungen
einen an den Haaren herbeigezogenen falschen Sinn unterschoben!
   Übrigens hat Barbara Weigand schon in ihrem Appellationschreiben vom
1. März 1918 an den Heiligen Vater gegen jene falsche Deutung ihrer Worte
feierlich Verwahrung eingelegt: ,,Die Unterzeichnete erklärt, daß sie ihre
Worte niemals in dem häretischen oder sonstwie glaubenswidrigen Sinne
ausgesprochen hat, welchen Dr. Brander in diese Worte hineinzulegen sich
bemüht."
   Auch den zum Beweise der Unechtheit der Weigandschen Offenbarun-
gen herangezogenen Umstand, daß sie bei der Mainzer Prüfung im Jahre
1900 den Vornamen des Bischofs Ketteler mit Viktor Emmanuel statt mit
Wilhelm Emmanuel wiedergegeben habe, kann aus dem Fortbestehen der
vorekstatischen Gedankenwelt sehr wohl erklärt werden, wenn er nicht auf
das Konto der nachträglichen Berichterstatter an das Ordinariat zu setzen ist
(ein Protokoll wurde ja damals nicht geführt!).
   Irrtümer können auch daher rühren, daß andere die Ausdrücke der
Mystiker falsch verstehen. ,,Für alle", sagt Richstätter, ,,bleibt die nicht
geringe Schwierigkeit, die Ausdrücke so zu verstehen, wie sie vom Mystiker
gemeint sind." ,,Es ist mir kaum jemals so klar geworden ..., wie vorsichtig
man mit solchen Ausdrücken sein muß. Ehrlich gestanden: ich bin entsetzt,
wie falsch sie verstanden sind. Sie bezeichnen jene inneren Gnaden treffend
für diejenigen, die sie verstehen, aber andere können damit das Heiligste
profanieren."
   Eine häufig vorkommende Fehlerquelle entspringt aus der falschen
Aufzeichnung der Schreiber. ,,Die Schreiber können leicht, ohne es zu
wollen, den Text verändern. Sie geben bei der Wahl der Ausdrücke ja doch
immer etwas von dem ihrigen hinzu. Sie glauben oft mit gutem Gewissen
ganze Sätze beifügen zu dürfen, um die Offenbarung klarer zu machen. Wir
wissen, sagen sie, daß die Heilige es so meint." Man erwäge zudem, mit
welcher Schnelligkeit manche Begnadigte während und nach der Ekstase
gesprochen haben: Die heilige Magdalena von Pazzi z. B. sprach oft so rasch,
daß sechs Schreiber zum Aufzeichnen notwendig waren. Auch Zahn gibt die
Möglichkeit visionärer Irrungen infolge Schuld der Schreiber zu.

                                    101
    Den Hinweis Poulains auf Lataste ergänzt er durch das Beispiel von der
heiligen Gertrud, von deren Offenbarungen das erste Buch und der Schluß-
teil des fünften Buches gar nicht von Gertrud, sondern von einer ihrer
Mitschwestern verfasst seien, und den Hinweis auf die heilige Brigitta,
deren Sekretär vom Heiland ausdrücklich gestattet worden sei, ,,um der
Schwachen willen beizufügen, was notwendig und nützlich sei."
   Der heiligen Hildegard wurde in einem Gesichte aufgetragen, ihre Offen-
barungen zwar aufzuschreiben, aber die Form von einem anderen feilen zu
lassen, ,,der nach den feststehenden Regeln der Grammatik die Casus, Gene-
ra und Tempora in Ordnung brachte."
   Ich meine, wenn schon in approbierten Privatoffenbarungen solche
Umstände nicht gegen die Echtheit zeugen, man dürfe dann auch in den
Weigandschen Offenbarungen Irrungen, die offenkundig auf das Konto der
Schreiberinnen und der Abschreiber zu setzen sind, nicht gegen die Echtheit
jener Mitteilungen ins Feld führen, zumal ja die Aufschreiberinnen bei dem
starken Redestrom der Jungfrau unmöglich mitkommen konnten und viele
Offenbarungen sehr gekürzt aufgeschrieben wurden.
    Die Irrtümer also, welche aus solchen Quellen fließen, hindern keines-
wegs, den damit behafteten Offenbarungen Vertrauen zu schenken. Was
Irrtum ist, bleibt Irrtum, aber deswegen braucht noch lange nicht alles Irr-
tum zu sein.
  Bedenklicher ist jedoch eine andere Gruppe von Irrtumsquellen, wie
Gedächtnisschwäche, Verstellung, leichte Phantasie, Abhängigkeit von der
Zeitanschauung, Mangel an Leitung, Mangel an Askese, Einfluss des Satans.
   Zum ersten meint Poulain, Täuschung des Gedächtnisses könne natür-
lich bei echten wie bei falschen Mystikern vorkommen und darum an sich
noch keine Instanz gegen die Echtheit solcher Mitteilungen bilden. Nun
mußte aber jeder, der Barbara Weigand kannte, über die Frische des
Gedächtnisses staunen, deren sich selbst noch die Greisin erfreute; Mittei-
lungen, die ihr vor dreißig und vierzig Jahren gegeben worden waren, trug
sie noch in hohem Alter mit lebendiger Anschaulichkeit vor. Diese Kraft
ihres Gedächtnisses fiel schon dem sie im Juli und August 1896 beobachten-
den Arzte, Sanitätsrat Dr. Müller, auf und bewog ihn zu der Bemerkung: ,,In
den Schriften kommt oft vor: dann und dann habe ich dir das und das
gesagt, was ich nachgeschlagen und wirklich so gefunden habe; eine solche
Bestimmtheit kommt bei keinem Kranken vor."
   Daß Barbara Weigands Ekstasen, Visionen und Offenbarungen nicht auf
Verstellung, d.h. wissentlichen Betrug beruhen, ist so gewiss, daß jedes Wort
hierzu überflüssig sein dürfte. Es sei nur hingewiesen auf Zff. 2 des amtli-

                                    102
chen Urteils des Ordinariates Mainz vom 14. August 1900, wo bestätigt
wird, ,,daß genannte Barbara Weigand durchaus den Eindruck einer braven
Person macht, der jede absichtliche Täuschung fernliegt", und auf die
Aussagen ihres Beichtvaters Dr. Velte vom 30. März 1911 und 24. Juni 1912,
wo der Dekan von St. Ignaz die Überzeugung ausspricht: Für wissentlichen
Betrug kann und darf ich es nicht ansehen ... Barbara teilte mir manchmal
ihre Visionen mit, und ich halte dieselben nicht für wissentlich Erdichtetes
... daß sie nicht lügt, dessen bin ich gewiss." Schon Bischof Haffner hatte
1896 denselben Eindruck gewonnen: ,,Sie macht den Eindruck einer
Betrügerin nicht."
   Phantasie oder Selbsttäuschung? ,,Auch eine redliche Person", meint
Poulain, ,,kann durch ihre lebhafte Phantasie oder ihren zu lebhaften Geist
getäuscht werden." Die Autoren schreiben nun mit Recht die üppig blühen-
de Phantasie einem leicht erregbaren Nervensystem und einer schwäch-
lichen Körperkonstitution zu. Nun war aber Barbara Weigand zeitlebens
eine Person von kräftiger Gesundheit, robustem Körperbau und starken
Nerven, um die ich noch die Achtzig- und Neunzigjährige aufrichtig benei-
det habe. Daß aber im Rahmen der menschlichen Tätigkeit manchmal auch
ihre Phantasie mitgespielt haben kann, daß Barbara sich auch hie und da
einmal getäuscht haben kann, wird kein vernünftiger Mensch bestreiten
wollen; doch wird man nicht alles als Selbsttäuschung bezeichnen dürfen.
Poulain gibt zur Unterscheidung einen guten Rat: beobachten. ,,Oft muß
man lange beobachten", sagt er, ,,bis man Klarheit bekommt." Merkwürdi-
gerweise aber wurde der Vorwurf, Barbara Weigands Visionen und Offen-
barungen beruhten auf Selbsttäuschung, gerade von solchen erhoben, die
die Jungfrau nicht oder fast niemals beobachtet hatten.
    Die Abhängigkeit von der Zeitanschauung kann eine weitere Quelle von
Irrtümern bilden, wie die Geschichte der Mystik an zahlreichen Beispielen
ersehen lässt. So finden sich z. B. die schärfsten Gegensätze der theologi-
schen Schulen in bezug auf noch nicht definierte Glaubenswahrheiten in
echten, approbierten Offenbarungen, aber es konnte doch nur die eine
Meinung richtig sein. Wenn die heilige Katharina von Siena, wie sie angibt,
vom Herrn belehrt wurde, seine heiligste Mutter Maria sei mit der Erbsünde
behaftet gewesen, so folgte sie einfach der damaligen Anschauung ihres
Ordens. Eine solche Offenbarung gehörte aber nicht zu ihrer Mission. Denn
,,es entspricht der milden Weisheit Gottes, daß auf den Gebieten, welche
außerhalb des besonderen Zweckes der Vision und der Sendung liegen, die
Begnadigten auf der ihrem Milieu entsprechenden Erkenntnisstufe verblei-
ben."
  Die heilige Theresia und die heilige Katharina von Pazzi täuschten sich
über den Ursprung ihrer Ordensregeln, weil sie hierin einfach der Zeit-

                                    103
anschauung folgten. Hinsichtlich der Örtlichkeiten und Persönlichkeiten bei
den Leidensszenen des Herrn finden sich in approbierten Privatoffenbarun-
gen verschiedene Angaben, wie sich denn sogar die Evangelien, gewiss
,,echte Offenbarungen", manchesmal über eine wahre Begebenheit verschie-
den äußern. Sind nicht solche Beobachtungen geeignet, gewisse Entgleisun-
gen Barbara Weigands außerhalb ihrer Mission zu erklären, ohne ein
verwerfendes Verdikt auf alle ihre Auditionen auszudehnen?
   Als gefährliche Quelle von Irrtümern gilt dämonischer Einfluss; er spielt
bekanntlich im Leben fast aller Visionäre eine große Rolle. Woran aber
erkennt man Offenbarungen, die vom bösen Feinde stammen? Klassisch
einfach antwortet hierauf Poulain: ,,Offenbarungen, die vom Teufel ausge-
hen, sind immer darauf gerichtet, Gutes zu hindern oder Böses zu stiften."
    Glaubt nun wirklich jemand, die Schippacher Offenbarungen über den
Liebesbund und seine edlen Bestrebungen, über die Einführung der öfteren
heiligen Kommunion, über mutiges und offenes Bekenntnis des katho-
lischen Glaubens, über den Geist der Entsagung, des Opfers, der Buße und
des Gebetes, über die Erbauung einer schönen Kirche zu Ehren des Eucha-
ristischen Königs, über die Hochschätzung des Priesterstandes und die
Pflicht zu seiner Unterstützung: glaubt wirklich jemand, diese Offenbarun-
gen stammten vom Teufel?
   Wenn solche Gedanken das Werk des Teufels sind, dann bin ich, wie einst
Bischof Räß einmal geäußert hat, ganz gern geneigt, ihm ein Dummheits-
zeugnis auszustellen. Die aller Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und christ-
licher Liebe bare Pressehetze gegen Barbara Weigand, das Trümmerfeld von
Schippach, dieses himmelschreiende scandalum mit seiner jahrelangen Ver-
ursachung von Sünden, scheint aber viel eher in die Arbeitsweise Satans
hineinzupassen, der seit dem unseligen Tage, an dem die Polizei die
Bauleute von der Schippacher Sakramentskirche vertrieb, im Elsavatal viel
Gutes hinderte und viel Böses stiftete.
   Wir sehen also, daß Irrtümer in Privatoffenbarungen mancherlei
Ursachen haben können und deswegen an sich noch keine Instanz für deren
generelle Ablehnung bilden. Das ist katholische Lehre, die der Moralist
Göpfert in die Worte kleidet: ,,Die Offenbarungen können nicht den
Anspruch auf allseitige objektive Tatsächlichkeit ihres Inhaltes erheben, was
schon daraus hervorgeht, daß sie bei verschiedenen begnadigten Personen
sich widersprechen; es kann eben das wirklich Geoffenbarte mit dem schon
vorhandenen Vorstellungsinhalt sich mischen und in die Darstellung des
Geschauten selbst kann sich der Irrtum einschleichen."
  Nun hat Barbara Weigand ihre Visionen und Auditionen entweder nur
nachträglich, die meisten aber überhaupt nicht selber dargestellt, so daß ein

                                    104
authentischer Text bekanntlich nicht vorliegt. Wenn also in den Schippacher
Schriften Schreib- und Dialektfehler, Anakoluthe, sprachlich mangelhafte
Satzbildungen vorkommen und wenn die Schreiber und Abschreiber die
darin erwähnten Namen von lebenden Personen nicht ausschreiben,
sondern dafür den Buchstaben N. oder Zahlen setzten, so hat dies mit dem
von Barbara Weigand wirklich Geschauten nichts zu tun und durfte auch
nicht als ,,sicheres Zeichen der Unechtheit" bezeichnet werden. Auch sind
Privatoffenbarungen nicht dazu da, um unsere Kenntnisse in der Gramma-
tik, Orthographie oder dem Satzbau zu bereichern. Wer sie an solchen
Maßstäben misst, zeigt damit nur, daß er von der Wissenschaft der mysti-
schen Theologie nicht einmal die Elemente sein eigen nennt. Selbst tatsäch-
liche Irrtümer finden sich, wie wir gesehen, in echten und approbierten Pri-
vatoffenbarungen. Zwar bleibt es zu aller Zeit wahr, was die Gegner Schip-
pachs mit so großer Emphase, wenn auch ganz unnötig, gerufen haben:
,,Gott kann niemals irren oder fehlen!" Diese Binsenwahrheit bestreitet kein
Freund Schippachs; aber die Menschen können irren und fehlen. Wo darum
ein Irrtum in Privatoffenbarungen festgestellt ist, da ist dieser Irrtum von
den Menschen gekommen aus den oben besprochenen Quellen. Solche Irr-
tümer scheidet man bei der Drucklegung von Privatoffenbarungen aus oder,
wenn man sie in den Druck mit aufnimmt, fügt man - diesen Rat gibt Pou-
lain - die Bemerkung bei: ,,Hier hat sich die begnadigte Person getäuscht."
    Wenn man von einzelnen Irrtümern sogleich auf den Irrtum des Ganzen
schließen wollte, wieviele Privatoffenbarungen blieben denn dann noch
,,echt"? Poulain zählt 31 Heilige und Selige auf, welche in ihren Visionen
und Offenbarungen ganz oder teilweise dem Irrtum tributpflichtig gewor-
den sind. Der Augustinerchorherr Amort beanstandet in seinem Werke De
revelationibus regulae tutae manches bei der heiligen Gertrud, der seligen
Veronica von Binasco und der ehrwürdigen Maria Agreda, bei dieser sogar
über 400 Sätze. Trotz ihrer 133 Verstöße gegen den Glauben wurde die heili-
ge Brigitta kanonisiert und werden jene Schriften, in denen es von Irrtümern
,,nur so wimmelt", mit Erbauung gelesen und die Oration zu ihrem Feste
rühmt trotz alledem, daß Gott sie mit übernatürlicher Erleuchtung ausge-
zeichnet hat (Domine Deus noster, qui beatae Birgittae per Filium tuum
unigenitum secreta caelestia revelasti).
   Auch in den Offenbarungen der Schwester Maria vom göttlichen Herzen
Jesu, Droste zu Vischering, welche die Weltweihe an das heiligste Herz Jesu
anregte, ist durchaus nicht alles echt, aber Poulain bemerkt dazu sehr
vernünftig: ,,Wir haben in denselben wieder ein konkretes Beispiel, wie
vorsichtig übernatürliche Mitteilungen einzeln zu prüfen sind, sowie auch,
daß einige nicht echte noch keinen hinreichenden Grund liefern, alle als
unecht zu erklären."

                                    105
   Wenn es also selbst in approbierten Privatoffenbarungen Verstöße gegen
den Glauben gibt, wenn solche Irrtümer keineswegs mit der Echtheit in
Widerspruch stehen, wenn solche Verstöße fast naturnotwendig mit der
menschlichen Mitwirkung bei der Verarbeitung des Geschauten gegeben
sind, wenn die Kirche solchen Verstößen kein Gewicht beilegt: dann widerstreiten auch etwaige Irrtümer in den Schippacher Schriften nicht von vornherein deren Echtheit. Das wird uns die folgende Untersuchung deutlich
erweisen.

a) Die Mission der Barbara Weigand
   Der Anspruch der Schippacher Jungfrau, für unsere Zeit eine besondere
Aufgabe zu haben, verfiel vor einem Menschenalter der schroffsten Ableh-
nung. ,,Barbara Weigand", so heißt es z. B. ironisch in einem weitverbreiteten Buche, ,,ist für unsere Gegenwart mit einer außerordentlichen Mission von Gott betraut; sie ist das Sprachrohr und das Werkzeug Christi, durch welches er das Volk Gottes auf den rechten Weg zurückführen will." Ein solcher Anspruch ,,widerspreche klar dem katholischen Glauben" und sei nichts als eine Anmaßung. Es bedürfe zudem für unsere Zeit keiner außerordentlichen Mittel zur Rettung der Welt; die Macht und die Kraft des Evangeliums seien dieselben wie zu den Zeiten der Apostel; die Welt von heute sei nicht schlechter als die damalige. Wir Priester seien schon allein imstande, mit der Bekehrung der Welt fertig zu werden, auch ohne charismatisch Begabte à la Barbara Weigand. Wenn einst die Apostel, ausgerüstet mit der Lehre und den Gnadenmitteln Christi, ausgezogen seien, um eine heidnische Welt zu bekehren, warum sollte es heute nicht mehr möglich sein? So die Anklage. Gehen wir den einzelnen Anklagen etwas nach!
Also Barbara Weigands Meinung, eine besondere Aufgabe für unsere Zeit
zu haben, soll ,,klar dem katholischen Glauben widersprechen!" Was hat
nicht im Leben der Schippacher Jungfrau alles dem katholischen Glauben
widersprechen sollen! Ob sie mit einer solchen Mission wirklich von Gott
betraut war, wissen wir zwar nicht und ihre diesbezügliche Meinung konnte objektiv irrig sein, aber dem katholischen Glauben widersprach eine
solche Meinung keineswegs. Welchem katholischen Glaubenssatz widerspricht es, wenn Barbara Weigand sich mit einer außerordentlichen Mission betraut glaubte? Wann und wo ist ein katholischer Glaubenssatz aufgestellt worden, daß man sich nicht mit einer außerordentlichen Mission von Gott betraut glauben dürfe? In welchem Buche der Heiligen Schrift, auf welchem Konzil, in welcher Kathedralentscheidung ist der Glaubenssatz ausgesprochen, niemand, und darum auch Barbara Weigand nicht, dürfe sich als Sprachrohr und Werkzeug Gottes betrachten? Einen solchen Glaubenssatz gibt es nicht. So etwas hat die katholische Kirche nie gelehrt. Wohl aber lehrt

                                     106
die Kirchengeschichte, daß Gott zu allen Zeiten Männer und Frauen erweckt
und mit einer besonderen Mission betraut hat.
   Diese geschichtliche Tatsache entspricht auch ganz der Fundamen-
talwahrheit der mystischen Theologie, daß die mystische Gnade den damit
Beschenkten nicht nur zur eigenen Heiligung (gratia gratum faciens),
sondern vielmehr zum Wohle der Mitmenschen (gratia gratis data) verlie-
hen wird.
   Zutreffend erinnert Zahn einmal an das Wort des heiligen Paulus: ,,Ich
sehne mich, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile von geistiger
Gnadengabe, um euch zu stärken", und bemerkt dazu, in jedem Mystiker
lebe etwas von der Gesinnung des Weltapostels, von einer Gesinnung, die
zur apostolischen Arbeit und zum Apostolat des Gebets für die Kirche
hinführe.
   Diese Aufgabe sieht Zahn als den Hauptzweck der mystischen Begnadi-
gung an, wenn er meint, die Charismata, ,,dienten zunächst nicht sowohl
dem Seelenheil des einzelnen charismatisch Begabten, als vielmehr der
Förderung des Reiches Gottes in den Seelen, in der Welt." ,,Weil die Mystik
nach den Gesetzen des Reiches Gottes sich regelt, muß sie auch mit vollem,
tätigen Ernst sich beteiligen, wenn im großen Chor der Menschheit das
Adveniat regnum tuum gebetet wird. Der Mystiker wird bereit sein, mit
hinauszufahren auf das Meer dieser Welt, wenn es gilt, die Netze in ihre
Fluten einzusenken, um Seelen zu gewinnen." Ganz so Meschler.
   ,,Die Gnadengaben sind übernatürliche Kräfte und Tätigkeiten, welche
der Kirche verliehen sind zum geistlichen Nutzen anderer, nicht zur Heili-
gung des Trägers derselben ... die Gnadengaben werden nicht zur Heiligung
und Vervollkommnung dessen verliehen, der sie empfängt, sondern vielmehr zum Nutzen anderer und der gesamten Kirche."
   Vom Gedanken, Träger einer Mission zu sein, waren darum auch alle
echten Mystiker erfüllt. Alle, welche eine nach außen hervortretende
apostolische Tätigkeit entfalteten, haben diese Tätigkeit begründet mit einer
Weisung von oben, mit einem Auftrag Gottes. Man lese nach, wie Juliana
von Lüttich die Einführung des Fronleichnamsfestes, wie Maria DrosteVischering die Weltweihe an das Heiligste Herz Jesu, wie Margarete Maria Alacoque die Feier der Herz-Jesu-Freitage, wie die heilige Theresia die
Reform ihres Ordens, wie der heilige Johannes vom Kreuz seine Ordensstatuten, wie Bernadette Soubirous die Erbauung der Lourdeskapelle, wie der heilige Simon Stock die Gründung der Skapulierbruderschaft, wie
Euphemia Dorer Ordensreform und Herz-Jesu-Verehrung, wie Benigna
Consolata, die heilige Theresia vom Kinde Jesus, der heilige Franz von
Assisi, die selige Julie Billiart, die Kinder von Fatima ihre Aufgaben begrün-

                                     107
den: immer sind es Befehle vom Himmel her, welche die Begnadigten antrei-
ben, auch unter den größten Schwierigkeiten, für ihre Ideen zu wirken. ,,Ich
will dich zum Werkzeug gebrauchen, um viele Seelen zu retten", nach
diesem Weckrufe des Herrn handelten ungezählte große Gestalten unserer
Kirchengeschichte.
   Selbstverständlich konnten und durften die Begnadigten solche Aufträge
nicht verheimlichen, sondern mußten sie zur Kenntnis der zuständigen Stellen bringen. Darum ist auch die Behauptung, die man gegen Barbara Weigand richtete: das Hintragen ihrer inneren Erleuchtungen zu den Bischöfen widerspreche dem Charakter echter Mystik, völlig abwegig.
   Überall, wo die Mystiker sich berufen fühlten, in einer Sache anregend zu
wirken, haben sie - trotz zeitweiliger Verbote - nicht geschwiegen. Nun
berichtet Barbara mehr als einmal, vom Herrn die Stimme vernommen zu
haben: ,,Du mußt immer wieder die Vorgesetzten um die öftere Kommuni-
on bitten, und du wirst diese Gnade erlangen, wenn du einmal deinen
Willen dem meinigen ganz unterworfen hast. Du sollst das Werkzeug sein,
dessen ich mich bedienen will, um auch anderen dieses Glück zu verschaf-
fen." ,,Sieh, jetzt habe ich dir dieses Glück verschafft; sorge aber auch dafür, daß es anderen ebenso zuteil werde. Gehe zu deinem Bischof und sage ihm, es sei mein Wille, daß die öftere Kommunion überall eingeführt werde."
Wenn wir uns nun in die Lage der Jungfrau hineinversetzen und mit ihr
fühlen, wie es die mystische Theologie gebietet, was mußte dann Barbara
Weigand tun, als sie diese Stimme vernahm? Nach der Lehre der katholischen Moral mußte sie der Stimme folgen. Das war kein ,,Größenwahn" und keine ,,eitle Ostentationssucht", sondern einfach Gehorsam gegen die Stimme - wenn nicht Gottes - dann wenigstens ihres Gewissens. ,,Es ist gut, das Geheimnis des Königs zu verbergen, aber ehrenvoll ist es auch, die Werke Gottes zu offenbaren und zu preisen."
   Auch die Ablehnung der Weigandschen Mission mit dem Ausrufe, wir
Priester bräuchten keine außerordentlichen Mittel zur Rettung der Welt, wir
würden schon allein mit deren Bekehrung fertig, klingt reichlich selbst-
bewusst. Eine solche Sprache dürfte uns heute angesichts des allgemeinen
religiösen und sittlichen Niedergangs gewiss nicht mehr anstehen. Oder
haben wir die deutsche Überheblichkeit auch in religiösen Dingen noch
nicht aufgegeben? Wenn wir Priester es allein in der Hand haben, eine heidnische Welt zu bekehren, warum sieht es denn dann in Stadt und Land so übel aus? Und die andere nicht weniger kühne Behauptung, die Welt von
heute sei auch nicht schlechter als die heidnische zu den Zeiten der Apostel?
  Nun kann man ja über diese Frage verschiedener Meinung sein. Aber die
Hirtenbriefe und Predigten der deutschen Bischöfe, die Weherufe aus den

                                      108
Konzentrationslagern, die Leichenberge in den Krematorien und Gaskammern und die Akten der Nürnberger Prozesse scheinen die ,,Schwarzseherei" der Schippacher Jungfrau doch ziemlich deutlich zu bestätigen. Sah sich nicht der Bischof von Würzburg, also von jener Stadt, in welcher die Anschuldigung der Jungfrau wegen ihrer ,,Schwarzseherei" erhoben wurde, genötigt, in seiner Silvesterpredigt vom Jahre 1949 über den Niedergang des religiösen Lebens in seiner Bischofsstadt bittere Klage zu erheben?
  Vernehmen wir seine Worte:
   ,,Noch eine zweite Sorge lässt mich unsere Silvesterbetrachtung mit der
Not beginnen. Ich fürchte, es möchte neben dem knappen Brot und dem
fehlenden Geld die viel ernstere seelische und sittliche Not übersehen
werden, die ständig anschwillt. Der Zerfall unserer Familien schreitet
erschreckend fort, die Entweihung der Ehen wird immer mehr zur Selbst-
verständlichkeit. Im Vergleich zum Jahre 1938 ist im Jahre 1948 die Zahl der
Ehescheidungen um ein Dreifaches gestiegen. In einem Zeitraum von vier
Wochen wurde von 59 Paaren, von denen wenigstens ein Partner katholisch
war, die Ehe eingegangen. 32 davon ließen sich vor dem Altar trauen, 27
gingen der Kirche verloren, davon 18 aus geschiedenen Ehen. Meine lieben
Würzburger! Mir graut, wenn ich hundert Jahre weiter denke. Wo wird
dann unsere Stadt stehen?"
   Solche Worte aus Bischofsmund sehen der ,,Schwarzseherei" der
Schippacher Jungfrau doch recht ähnlich. Wenn die Würzburger Priester es
in der Hand haben, solchen Niedergang zu steuern, warum tun sie es dann
nicht?
   Zwischen der Ausrüstung der Apostel und unserer gewöhnlichen
priesterlichen Ausrüstung besteht eben doch ein sehr großer Unterschied.
Die Apostel waren nicht nur durch die Priesterweihe Ausspender der
Geheimnisse Gottes, wie wir Priester, sondern verfügten über Charismata,
die uns Priestern abgehen: die Gaben der Weissagung, der Unterscheidung
der Geister, der Wunderkraft, der Sprachen, der Weisheit und Wissenschaft,
der Krankenheilung, der Teufelsaustreibung, der Totenerweckung.
   ,,Wer an mich glaubt, wird die Wunder tun, die ich wirke, und noch
größere." ,,Wer glaubt, denen sollen Zeichen folgen: in meinem Namen werden sie ... in neuen Sprachen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie Gift getrunken haben, soll es ihnen nicht schaden." Gerade diesen außerordentlichen Gnadengaben aber verdankten die Apostel ihre beispiellosen Erfolge in der Missionierung, wie auch Meschler hervorhebt: ,,Die Kirche hat in den ersten Zeiten ihre rasche Verbreitung namentlich dem Gebrauche dieser Gnadengaben zu verdanken ... Der Unterschied der Kirche von heute und ehedem ist nur der, daß der Gebrauch dieser Geistesgaben, ehemals viel

                                    109
häufiger, ja fast allgemein, war, jetzt aber nicht mehr ... In den ersten Zeiten galt es, dem Christentum gleichsam mit Gewalt Eingang zu verschaffen ...
Der Heilige Geist sandte die Apostel schwach und arm an natürlichem Wissen und Vermögen in die Welt, um so mehr mußte er sie ausrüsten mit übernatürlichen, wunderbaren Gaben."
   Diese Darstellung hört sich doch ganz anders an als die obige Auslassung
des charismenleugnenden Schippachgegners vom Jahre 1916, der seinen
Lesern weismachen wollte, die Apostel hätten keine andere Ausrüstung
besessen als wir Priester von heute.
   Wenn es heute keine außerordentlichen Gnadengaben mehr zur Bekeh-
rung der Welt bedarf, wenn unsere gewöhnliche priesterliche Ausrüstung
genügt, warum erweckt denn dann Gott doch auch in unseren Tagen solche
mit außerordentlichen Gaben beschenkte Menschen? Warum dann noch
Lourdes und Fatima? Ist das nicht eine Verschwendung seitens Gottes? Wer
so laut verkündet, unsere Zeit brauche keine Charismata, der leugnet Wesen und Aufgabe aller wahren Mystik, die ja gerade auch für die anderen da ist, wie wir oben bereits eingehend aus der mystischen Literatur erwiesen
haben und wie es z. B. auch so treffend in der Oration auf das Fest der
Wundmale des heiligen Franziskus heißt: Als die Welt zu erkalten begann,
hast du, um unsere Herzen mit dem Feuer deiner Liebe zu entzünden, am
Leibe des heiligen Franziskus die heiligen Wundmale deines Leidens erneu-
ert."
   Wie treffend betont gerade zu diesem Gegenstand Papst Pius XII. in
seiner Enzyklika Mystici Corporis vom 29. Juni 1943, daß ,,solche mit
Wundergaben ausgestattete Menschen niemals in der Kirche fehlen
werden." ,,Bald - und dies zumal in schwierigen Zeitumständen - erweckt
Er im Schoße der Mutter Kirche Männer und Frauen, die durch den Glanz
ihrer Heiligkeit hervorleuchten, um den übrigen Christgläubigen zum
Beispiel zu dienen für das Wachstum Seines geheimnisvollen Leibes."
,,Ohne Fehl erstrahlt unsere verehrungswürdige Mutter ... endlich in den
himmlischen Gaben und Charismen, durch die sie in unerschöpflicher
Fruchtbarkeit unabsehbare Scharen von Märtyrern, Jungfrauen und Beken-
nern hervorbringt."
   Am 1. Juni 1946 sprach vor dem Kardinalskollegium Papst Pius XII. die
folgenden Worte: ,,Wir fühlen uns gedrängt, aufs neue Unsere Stimme zu
erheben, um Unseren Söhnen und Töchtern der katholischen Welt die
Warnung in Erinnerung zu rufen, die der göttliche Heiland im Laufe der
Jahrhunderte in Seinen Offenbarungen an bevorzugte Seelen nie aufgehört
hat einzuschärfen: Entwaffnet die strafende Gerechtigkeit durch einen
Kreuzzug der Sühne in der ganzen Welt!"

                                      110
   Darum halten wir es mit dieser päpstlichen Stimme, die Paul Bourget in
die Worte gekleidet hat: ,,Nein, die Epoche der Wunder ist nicht abge-
schlossen, aber es braucht Heilige - und die sind selten."
  Wir sehen: Barbara Weigands Glaube, vom Herrn mit einer besonderen
Mission für unsere Zeit betraut worden zu sein, widersprach in keiner Weise
dem katholischen Glauben. Wohl aber zeugt die Ablehnung der Charismata
durch deutsche katholische Priester von jener rationalistischen Denkweise,
gegen welche sich gerade um jene Zeit Papst Pius X. so energisch wenden
mußte.

b) Barbara Weigand betreibe Sektiererei
   Wohl der schwerste Vorwurf, der gegen Barbara Weigand erhoben
wurde, war jener der Sektiererei. Sie sei die Begründerin einer neuen Sekte, weil sich in ihren Offenbarungen der Satz finde: ,,Jeder meiner Diener, der sie (die Schriften) lesen wird, wird sie nicht lesen ohne geistigen Nutzen für seine Seele; denn er muß sich eingestehen, daß er ein Buch des heiligen Evangeliums liest, nicht als ob das Evangelium, das meine Kirche aufbewahrt, nicht genügte und als ob ich hier meiner Kirche ein neues in die Hand geben wolle, nein, aber jeder meiner Diener wird das Evangelium darin finden, d.h. mein Wort, meinen Geist."
   Ich frage: Gibt diese Stelle, zumal im Zusammenhang mit den anderen
Äußerungen und dem ganzen Leben und Wirken der Jungfrau Barbara
betrachtet, einem objektiven, ruhig denkenden, pietätvollen, leidenschafts-
losen, unvoreingenommenen, wissenschaftlich prüfenden Leser wirklich
das Recht, die Sprecherin mit dem schweren Verdikte der Sektiererei zu
belasten? Sagt denn nicht Barbara in dieser Stelle ganz klar folgendes: a) Das Evangelium der Kirche genügt; b) ich will kein neues Evangelium bringen und c) meine Schriften wollen mit dem Evangelium Christi übereinstimmen?
   Weist sie nicht schon im voraus den möglichen Vorwurf, sie ,,lehre" die
Insuffizienz des kirchlichen Lehramts und der Heiligen Schrift, laut und
feierlich mit einer dreimaligen Entrüstung zurück (,,nicht", ,,nein, nein")?
   In der Tat hat die Schippacher Jungfrau niemals die Insuffizienz des
kirchlichen Lehramtes ,,gelehrt", wohl aber des öfteren betont, sie wolle mit
ihren Worten die alten Wahrheiten ins Gedächtnis zurückrufen und bekräftigen, die Kirche und ihre Diener unterstützen; sie ruft auf zum Anschluss an Kirche und Priester, zum Gehorsam gegen die Gebote und Vorschriften der Kirche und preist in überschwänglichen Worten das Glück, dieser heiligen katholischen Kirche angehören zu dürfen. Einer Person, die solche

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warme Worte für Kirche, Liturgie und Priester findet und in ihrem langen
Leben allezeit eine treue Tochter dieser Kirche geblieben ist, darf man nicht
den Vorwurf machen, sie betreibe Sektiererei.

c) fides divina
   Wer eine Analyse des mystischen Lebens einer Person geben will, darf
nicht starre aprioristische Sätze unbesehen auf das Seelenleben der zu
prüfenden Person übertragen, sondern muß versuchen, in die Seele eines
solchen Menschen so tief als möglich einzudringen. Treffend bemerkt hier-
zu der Religionspsychologe Guido Ferrandi: ,,Da nur der Mystiker imstande ist, seine religiösen Erfahrungen zu beschreiben, so muß der Psychologe,
wenn er wirklich eine wissenschaftliche Methode befolgen will, seine
Aussagen als Wahrheit hinnehmen ... Wer sie erklären will, muß sich auf den
Standpunkt des Mystikers stellen".
   Wie in vielen anderen Erscheinungen, so hat man es auch dort nicht ver-
standen, sich in die Seele der Jungfrau einzuleben, wo sie von dem Glauben
an ihre übernatürlichen Mitteilungen spricht. Man machte es ihr nämlich
zum Vorwurf, sie verlange für ihre Offenbarungen nicht bloß eine fides
humana, sondern eine fides divina atque catholica. Nun befindet sich aber
Barbara Weigand wie jeder Mystiker den ihr gewordenen Offenbarungen
gegenüber in einer ganz anderen Lage als wir Außenstehende. Jene über-
natürlichen Mitteilungen sind ihr unmittelbar gewiss, sie braucht dafür
keine Beweise, sie hat sie ja gehört und gesehen, sie hat die innere intuitive
Erkenntnis davon, oder wie Poulain sagt: ,,Was die Sicherheit der Mystiker
(über ihre Visionen) betrifft, sind sie so überzeugt, wie ich sicher bin, ein
Buch vor mir zu haben ... die großen Mystiker sind sicher über ihre Visio-
nen". Ganz anders wir Außenstehende.
   Wir beurteilen solche Offenbarungen nur nach den Regeln der Glaub-
würdigkeit, d.h. wir bringen ihnen bloß eine fides humana entgegen. Der
eine von uns wird sie als probabiles und pie credibiles betrachten und dem-
gemäß glauben, der andere dagegen nicht; denn überzeugen können uns die
Mystiker niemals von sich aus mit Evidenz. Kann der Mystiker andere über-
zeugen, fragt einmal Poulain und gibt darauf die Antwort: ,,Das wird ihnen
nur bei solchen gelingen, die guten Willens ohne Vorurteil sind". Wir
Außenstehende brauchen Gründe und Beweise, wenn wir solche Offenbarungen glauben sollen, der Empfänger dieser Stimmen jedoch nicht. Weil diesem die Offenbarungen intuitiv gewiss sind, kann er sich auch nicht in die Lage der Außenstehenden hineinversetzen und darum auch nicht begreifen, wie man diese Offenbarungen bezweifeln könne. Barbara Weigand glaubte deshalb an ihre Offenbarungen nicht bloß mit einer fides hum-

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ana, sondern mit einer höheren fides, einer fides divina, d.h. einem Fürwahrhalten auf die Autorität des in ihr sprechenden Gottes hin. Das ist der psychologische Prozess, der sich in der begnadigten Seele abspielt. Wenn die
Begnadigte von den ihr gewordenen Offenbarungen nicht mehr hielte wie wir Außenstehenden, wäre es schlecht um sie bestellt. Wenn also Barbara Weigand an ihre Offenbarungen mit einer fides divina, d.h. einer absoluten Gewissheit glaubte, so entsprach dieser Vorgang völlig der Psychologie des Glaubens und auch der katholischen Glaubenslehre, wie z.B. Göpfert ausdrücklich bestätigt: ,,Eine fides simpliciter divina, d.h. ein Führwahrhalten auf die Autorität Gottes hin muß in demjenigen sein, dem besondere Offenbarungen von Gott gemacht worden sind". Dasselbe bestätigt uns Rahner S.J., wenn er es als allgemeine Lehre der Theologen bezeichnet, ,,daß die Tatsache der Echtheit einer Privatoffenbarung so deutlich für den Visionär selbst sein kann, daß dieser berechtigt oder sogar verpflichtet ist, ihren Inhalt fide divina zu glauben". Barbara Weigands fides divina an ihre Privatoffenbarungen war sonach eine Erfüllung des christlichen Sittengesetzes, aber kein Verstoß gegen den katholischen Glauben.

d) Sühnegedanke
   Zu den anziehendsten, ganz zeitgemäßen Partien in den Schippacher
Offenbarungen gehören unstreitig die Äußerungen über unsere Sühnepflicht gegenüber dem beleidigten Herzen Gottes. Im Banne dieser hehren Aufgabe stand das ganze lange Leben der Jungfrau, wie uns das einschlägige Kapitel dieses Buches deutlich hat ersehen lassen. Aber auch dieses Ideal mußte sich ehedem schwere Anschuldigungen gefallen lassen.
   Da wurde im Jahre 1916 beanstandet, ,,daß die Schippacher Seherin das
Beten, Sühnen und Leiden jungfräulicher Seelen zu conditio sine qua non
für die Wirksamkeit der priesterlichen Tätigkeit macht. Das opus operatum
des heiligen Messopfers wird in Frage gestellt und seine Wirksamkeit
wiederum abhängig gemacht von der betenden Anteilnahme sühnender,
mitopfernder Seelen. Ihr Sühnegedanke ... ist verquickt mit einer Reihe
schwerer theologischer Irrtümer über die Heilsvermittlung, die Zuwendung
der Erlösungsfrüchte Christi, den geistlichen Kirchenschatz usw. Insbesondere meint sie, sühnende Seelen müssten das Gnadenbrot ihren Zeitgenossen erst verdienen ... Barbara Weigand glaubt, daß auch für die Zuwendung der Erlöserfrüchte ein neues Leiden notwendig sei. Da müssen nun büßende Seelen einspringen und an Stelle Christi die Zuleitung der Verdienste Christi ihren Zeitgenossen ermöglichen.
  
Das Sühneleiden dieser Personen wird so zur satisfactio vicaria, zur stellvertretenden Genugtuung. Zu dieser stellvertretenden Genugtuung wird man befähigt insbesondere durch die heilige Kommunion, die uns zum zweiten Christus mache und seine Gewalt auf uns übertrage ... Sie leugnet den dogmatischen Fundamentalsatz vom überfließenden Genugtuungs-verdienst Christi ...

  

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