Barbara Weigand - Theologische Würdigung Seite 3

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III. Pietät gegenüber Privatoffenbarungen
   Eine weitere Forderung, welche die Theologie an die Behandlung mysti-
scher Fragen stellt, ist die Pietät gegenüber Privatoffenbarungen und Schrif-
ten frommer Personen. Dieser Pietät entspricht es, solche Offenbarungen
nicht mit allzugroßem Mißtrauen, sondern mit jener Liebe und Ehrfurcht zu
prüfen, die wir frommen Personen stets schulden. Daher fordern Benedikt
XIV. und die übrigen Autoritäten der mystischen Theologie für die Prüfung
von Privatoffenbarungen die pia et modesta interpretatio, d.h. die pietätvol-
le und bescheidene Auslegung der in denselben enthaltenen schwierigen
Stellen. Vor allem bezeichnen sie es als eine Forderung der Billigkeit und
Gerechtigkeit, daß Stellen, welche einen mehrfachen Sinn zulassen, in einem
Sinne aufgefaßt und erklärt werden, der sich mit der Regel des Glaubens
vereinbaren läßt. Als durchaus unbillig und ungerecht sehen sie es dagegen
an, wenn gewisse Stellen frommer Offenbarungen gleichsam ohne weiteres
als falsch, ketzerisch, der Heiligen Schrift widersprechend bezeichnet
werden, weil sie auf den ersten Blick in solchem Sinne verstanden werden
können. Sie weisen nämlich stets darauf hin, daß alle Privatoffenbarungen
ohne Ausnahme schwierige, dunkle, mißverständliche Stellen enthalten,
und sie geben auch eine schöne und einleuchtende Erklärung hierfür, indem
sie betonen, daß Gott dies zugelassen oder gewollt zu haben scheine, um der
menschlichen Weisheit Gelegenheit zu bieten, kindlichen Glauben, christ-
liche Demut und guten Willen zu zeigen.
   An dieser wohlwollenden und pietätvollen Liebe läßt es aber die gegen
Schippach kämpfende literarische Kritik ganz bedeutend fehlen. Wenn
Brander seine Broschüre mit den Worten beginnt: ,,An sich sind die
Schippacher Offenbarungen nicht wert, auch nur einen Bogen Papier
darüber zu verschreiben oder eine Minute Zeit darauf zu verwenden. Denn
sie sind die Halluzinationen einer bedauernswerten Nervenkranken...", so
zeigt schon diese Sprache ein gerütteltes Maß von wegwerfender Verach-
tung und tiefgründigem Übelwollen.
   Sie läßt aber auch sofort erkennen, zu welch falschen, unwahren Urteilen
eine solche Gesinnung führt. Jeder, der Barbara Weigand von Schippach
persönlich kennt, weiß, daß bei der außerordentlich kräftigen und gesunden
Konstitution dieser Person die Behauptung von Nervenkrankheit entweder

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lächerlich oder empörend wirken muß. Noch im Jahre 1915 hat ein angese-
hener Mediziner, ein preußischer Oberstabsarzt, der auf die Andeutungen
der Presse über angebliche hochgradige Hysterie der Seherin von Schippach
Interesse an dem Falle gewann, sich die Mühe gemacht, Barbara Weigand
eingehend auf Hysterie zu untersuchen; er hat festgestellt, daß bei dieser
Person auch nicht die Spur eines solchen Leidens vorhanden ist, vielmehr
die ganze Körper- und Geistesverfassung derselben diejenige eines durch
ländliche und sonstige körperliche Arbeit außerordentlich gekräftigten und
widerstandsfähigen Organismus ist. Auch früher, während der ekstatischen
Zustände, hat ein Arzt bereits erklärt, daß diese Erscheinungen, die Barbara
selber als ihr mystisches Leiden bezeichnete, nicht auf natürliche Krankheit
zurückzuführen seien. Wie kann Brander wagen, die leichtfertige Behaup-
tung in die Welt hinauszuschleudern, Barbara Weigand sei eine bedauerns-
werte Nervenkranke? Eine solche schwerwiegende, Irreführung der Öffent-
lichkeit ist nur aus einem Übermaß von übelwollendem Vorurteil zu
erklären.

   Wie aber Brander seine Broschüre mit dem Ausdruck der Verachtung
gegen die von ihm zu prüfende Sache beginnt, so schließt er sie auch mit
dem Eingeständnis des maßlosen Widerwillens, der ihn gegen die
Schippacher Offenbarungen während der von ihm angestellten Prüfung
beseelte. Und dies gegen Offenbarungen, von welchen hochangesehene
Theologen und gebildete Laien versichern, daß sie dieselben mit wahrem
Genusse und mit wahrer Erbauung gelesen haben. Brander aber muß geste-
hen, daß er aus Widerwillen manchmal alle Willensanstrengung aufbieten
mußte, um die Prüfung der Weigand'schen Schriften fortzusetzen. Das ist
nicht die Gesinnung, welche die Theologie von denjenigen verlangt, die an
die Prüfung solcher Schriften herantreten wollen. Da fehlt schon die not-
wendige Objektivität und Vorurteilslosigkeit, um so mehr jede Pietät,
Achtung und Rücksicht. Wer möchte sich auf das Urteil eines derart vorein-
genommenen Kritikers verlassen? Wer möchte sich zu der Annahme ver-
steigen, daß der Apostolische Stuhl wirklich kein anderes Urteil finden
werde, als das eines solchen Kritikers?

   Wir möchten jedoch unsererseits mit Brander keineswegs allzu strenge
ins Gericht gehen. Brander steht in seiner ganzen Beurteilung von
Schippach unter dem Einfluß des Zeitgeistes. Und die Macht des letzteren
ist bekannt. Wer die Bedeutung desselben für die mystische Theologie
kennen lernen will, der vergleiche irgend ein älteres gediegenes Werk dieser
Disziplin mit jenem neueren Handbuch der Mystik, auf welchem Branders
Wissenschaft hauptsächlich fußt, der ,,Einführung in die christliche Mystik
von Dr. Joseph Zahn". Dieses Werk ist gewiß nicht geeignet, um Katholiken
mit Liebe und Begeisterung für die Mystik, diese ,,Krone der dogmatischen

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und Moraltheologie", diese ,,wahre Wissenschaft des wahren Lebens", wie
sie Kardinal Deschamps nennt, zu erfüllen. Das Zahn'sche Buch bemüht
sich vielmehr, nur eine Menge von Bedenken, eine ängstliche Scheu gegen-
über allen mystischen Dingen einzupflanzen. Sein Hauptbestreben geht
dahin, auch auf dem Gebiet der katholischen Mystik recht sorgfältig alles
das auszuräumen, was der Protestantismus als Inferiorität deuten möchte.
Im Laufe seiner, ganz in der dunkeln Sprache Schells, Euckens, Hegels
gehaltenen psychophysiologischen, psychopathogräphischen und sonstigen
Prüfung , der ,,mystischen Phänomäne" läßt es schließlich von dem herr-
lichen Bau der katholischen Mystik, welchen die Vorzeit errichtete, nur eine
Ruine stehen, in deren öden Hallen nichts als die Angst vor der Täuschung
und die Angst vor dem Lächeln eines modernen Pelagianertums wohnt.
   An diesem Werke hat sich Brander offenbar übernommen. Aus ihm hat
er das Gruseln gelernt vor dem Spott des Protestantismus über katholische
Privatoffenbarungen. Daher auch seine offen eingestandene Furcht vor einer
in Schippach entstehenden zweiten Auflage Jes Taxilskandals. Diese den
Kindern unserer Zeit so vielfach eigenen, und von modernen Taxilent-
hüllern so systematisch gepflegten, nervösen Angstzustände gegenüber
allen außerordentlichen Erscheinungen des übernatürlichen Gebietes wol-
len wir Brander gern zugute halten. Daß aber Kritiker von solcher Mentalität
für die Behandlung mystischer Probleme, wie desjenigen von Schippach,
wenig geeignet sind, liegt auf der Hand.
    Es macht sich bei solchen Kritikern vor allem der Mangel einer pietät-
vollen und maßvollen Auslegung von schwierigen Stellen solcher Offen-
barungen bemerkbar. Die Angst vor der Täuschung, die Abneigung gegen
das mystische Gebiet überhaupt, die geringschätzige Bewertung des religiö-
sen Wissens der oft den niederen Ständen angehörenden und manchmal in
gewöhnlichen, platten und ungeschickten Worten redenden Visionäre ver-
leitet Kritiker der bewußten Art nur zu leicht zu dem Fehler, mißverständ-
liche Stellen von Privatoffenbarungen ohne weiteres nur in einem falschen,
gefährlichen, destruktiven Sinne zu deuten. Sie werden dabei oft die richti-
gen Ketzerriecher und Sektenschnüffler.
   Auch Brander leistet in dieser Hinsicht Erstaunliches. Durch eine über-
strenge, oft gezwungene Auslegung endet er in den Schippacher Offen-
barungen auf Weg und Steg Ungereimtheiten, Widersprüche, Verstöße
gegen Sitten und Glauben, Häresie. Seine pessimistische Diagnose gipfelt
schließlich in der ungeheuerlichen Anschuldigung der Gründung einer
neuen Sekte, die in der Schippacher Sakramentskirche ihre Mutterkirche
erstehen lassen wolle. Für den Kenner der Verhältnisse wird hier der
Brander'sche Feldzug zur Donquichotterie, zu einem Windmühlenkampfe
jämmerlicher Art.

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   Eine pia et modesta interpretatio hätte Brander vor diesem Abwege
behüten können. Gerade die Stellen, in welchen Brander Ketzereien der
ärgsten Sorte erblickt, wie z. B. Behauptung der Insuffizienz der Heiligen
Schrift, des Lehramtes der Kirche, des katholischen Priestertums, oder ein
Leiden Christi in der Eucharistie, ein mechanischer Ersatz der fehlenden
Verdienste u. a. m. lassen sich sehr wohl in einem der Regel des Glaubens
entsprechendem Sinne deuten. Bezüglich der Stellen über ein gewisses
Leiden Christi in der Eucharistie vergleiche man z. B. die trefflichen Darle-
gungen, welche Regens Dr. Schreiber-Fulda in der Zeitschrift Eucharistia,
(Nr. 5 vom Mai 1916) bei einer anderen Gelegenheit über die dem Glauben
entsprechende Auslegung solcher Worte gegeben hat.
    Es wäre nicht allzu schwer, für jede einzelne von Brander beanstandete
Stelle zahlreiche Parallelstellen aus den mystischen Schriften anderer from-
mer oder auch heiliger Personen anzuführen. Bieten aber die Schippacher
Schriften z. B. auch nur annähernd so schwierige Stellen, wie deren eine
ganze Reihe in den Schriften der hl. Brigitta zu finden sind? Da sagt unter
anderem der Heiland zur hl. Brigitta bezüglich pflichtvergessener Priester:
,,Sie haben den Schlüssel verloren, mit dem sie den armen Sündern den
Himmel öffnen sollten". Und wiederum spricht dort die allerseligste Jung-
frau von dem Verluste der Konsekrationsgewalt bei abgefallenen Priestern.
An anderer Stelle läßt Brigitta den Heiland davon sprechen, daß er Glaube,
Hoffnung und Liebe besitze. Daß diese Stellen sich in häretischem Sinne
erklären lassen, liegt auf der Hand; und eine Brander'sche Exegese würde
sie auch nicht anders deuten. Die großen Erklärer der hl. Brigitta, Durantus,
Benedikt XIV. und Turrecremata aber geben zu diesen Stellen sehr schöne
und korrekte Auslegungen. Ihnen zufolge haben pflichtvergessene und
abgefallene Priester insofern die Schlüsselgewalt und die Konsekrations-
gewalt verloren, als ihnen die Verwaltung der Sakramente von Rechts
wegen verboten ist; und unter dem Glauben und der Hoffnung, welche der
Heiland sich zuschreibt, sind nicht die betreffenden theologischen Tugen-
den, sondern das Wissen des Heilandes und die sichere Hoffnung, daß sein
Leib verherrlicht werde, zu verstehen. Wenn aber eine solche weise Mäßi-
gung in der Auslegung schwieriger Stellen von Privatoffenbarungen durch-
aus gefordert werden muß, dann hat Brander durch seine rücksichtslose
Verketzerungssucht gegenüber den Schriften und Personen von Schippach
schwer gefehlt.

IV. Regeln bei der Prüfung von Privatoffenbarungen
   Eine von den Lehrern der mystischen Theologie wieder und wieder
betonte Regel ist die, daß man Privatoffenbarungen wegen in ihnen vorhan-
dener Irrtümer, Widersprüche, nicht erfüllter Weissagungen u. dgl. nicht

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ohne weiteres in Bausch und Bogen verwerfen darf, falls sie im großen und
ganzen geeignet sind, Erbauung und Nutzen zu bringen und wenigstens
der Hauptsache nach als von Gott kommend angesehen werden können.
Die Art, wie Brander und die von ihm inspirierte Presse gegen diese theolo-
gische Regel fehlt, vermag auch den letzten Rest von Vertrauen gegenüber
der von den Genannten beliebten Prüfung und Kritik zu rauben.
    Branders Grundirrtum liegt hier in der verkehrten Anwendung des an
sich richtigen Schlusses: Gott kann nicht Irrtümer offenbaren; nun enthalten
aber gewisse Schriften Irrtümer; also können sie keine von Gott stammen-
den Offenbarungen sein. Wie die Theologie durchweg lehrt, kann dieser
Schleiß nur auf die allgemeine und ordentliche Offenbarung oder Prophetie,
nie und nimmer aber auf die Privatoffenbarung angewendet werden.
Brander aber wendet den genannten Schluß auch auf Privatoffenbarungen
an und gründet darauf seine ganze journalistische und Broschüren-Argu-
mentation gegen Schippach. Bereits in der Allgemeinen Rundschau schrieb
er: ,,Wir wissen, daß eine göttliche Inspiration der B. W. durch die dogma-
tischen Irrtümer, Übertreibungen, Widersprüche, unerfüllten Vorhersagun-
gen, abergläubigen Versprechungen und zahlreichen Ungereimtheiten ihrer
Schriften als absolut ausgeschlossen zu betrachten ist. Auf derselben
Beweisführung beruht auch seine Broschüre. Das ganze Kartenhaus dieser
Schlußfolgerung fällt aber in sich zusammen durch den Nachweis, daß
Irrtümer u. dgl. sehr wohl in Privatoffenbarungen vorkommen können und
tatsächlich sogar in approbierten Privatoffenbarungen oft vorhanden sind,
ohne solchen mystischen Schriften den Charakter göttlicher Offenbarungen
zu rauben.
   Letzteres ergibt sich schon aus dem Unterschied zwischen perfekter und
imperfekter Prophetie, wie ihn die Dogmatik lehrt. Während diese unter
perfekter Prophetie jene Offenbarung versteht, die mit der absoluten
Gewißheit verbunden ist, daß Gott und nicht etwa der Geist des Propheten
geredet hat, und derselben somit nie etwas Falsches beigemischt sein kann,
bezeichnet sie als imperfekte diejenige, wo es an diesem klaren Lichte der
Prophetie und dem darauf sich gründenden unfehlbaren Urteile fehlt. ,,Da
bei letzterer," schreibt Heinrich, ,,sich mit der Eingebung des heiligen
Geistes leicht Gedanken des eigenen menschlichen Geistes verbinden
können, so kann solcher imperfekten Prophetie auch Falsches beigemischt
werden, ohne daß die Möglichkeit gegeben wäre, beides mit genügender
Sicherheit zu unterscheiden."
    Die Gründe, aus welchen in Privatoffenbarungen vielfach Irrtümer
vorkommen können, erklärt sehr schön der Redemptorist P. Gebhard
Wiggermann in den Worten: ,,Was die Art und Weise der göttlichen Mit-
teilung anlangt, so waren die Empfänger und Vermittler der allgemeinen


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Offenbarung vom heiligen Geiste in der Weise erleuchtet und geleitet, daß
sie nicht irren konnten, und daß ihre Aussprüche im eigentlichen Sinne
Worte Gottes sind; die Träger von Privatoffenbarungen dagegen sind wohl
auch vom Geiste Gottes übernatürlich erleuchtet; sie schauen im göttlichen
Lichte verborgene Wahrheiten und besitzen zumeist auch die Gabe der Pro-
phezeiung im eigentlichen Sinn; allein sie sind weder in Bezug auf das
Schauen, noch in Bezug auf die Mitteilung vor jedem Irrtum durchaus
gesichert; sie können zuweilen etwas als übernatürliche Erleuchtung anse-
hen, was nur das Resultat menschlicher Erkenntnistätigkeit ist; sie können,
wenn sie eine bloße Vision (ohne Offenbarung) empfangen, derselben
möglicherweise einen anderen Sinn beilegen, als dieselbe in Wirklichkeit
hat; sie können ferner beim Mitteilen des Geschauten einzeln der geoffen-
barten Dinge vergessen, verwechseln oder auch in Ausdrücken wieder-
geben, welche nicht zutreffend sind, da es überaus schwierig ist, übernatür-
liche Wahrheiten, die man in der Ekstase geschaut, im gewöhnlichen
Zustande in die passenden Worte zu kleiden."

    Man beachte auch folgende Ausführungen des hier ebenfalls als Auto-
rität anzusprechenden P. Jeiler O. S. Fr.: ,,Selbst dann, wenn eine Vision
wirklich von Gott kommt und rein intellektuell und also an sich untrüglich
ist, bleibt es keineswegs ausgeschlossen, daß in der Mitteilung derselben
Irrtümer eingeschlichen sind, wie nach der gewöhnlichen Meinung
Benedikt XV. lehrt. Denn ein solches an sich wahres, aber auch unaus-
sprechliches Gotteswort muß erst in unvollkommene und inadäquate
menschliche Worte übersetzt werden, was für gewöhnlich durch Anwen-
dung menschlicher Geisteskräfte und nicht ohne die naheliegende Möglich-
keit geschieht, mit dem göttlichen Lichte sich das beschränkte Vernunftlicht
und mit der geoffenbarten Wahrheit ein Irrthum vorgefaßter Meinungen
einmische. Mit Recht sagt Gueranger (L'Univers 1858 n. 22): Privatoffen-
barungen gelangen nicht immer rein von jeder Beimischung zu uns. Gott
läßt dieses zu, auf daß wir niemals der Versuchung nachgeben, das Ansehen
derselben mit der heiligen Schrift auf eine Linie zu stellen."

   Mit seiner Zusammenstellung einer Reihe von angeblichen oder wirk-
lichen Irrtümern hat also Brander nicht das geringste gegen die Schippacher
Offenbarungen bewiesen. Eine ähnliche und vielleicht noch längere
Reihe von Irrtümern hätte er auch aus den Schriften einer hl. Brigitta, der
beiden Mechtilden und anderer Ekstatischer zusammenstellen, und mit
demselben Recht bzw. Unrecht auch deren Unechtheit ,,beweisen" können.
P. Poulain S. J. führt nicht weniger als 31 fromme Personen an, in deren
Offenbarungen sich Irrümer finden, und er sagt, man könne bei Personen,
die noch nicht zu hoher Heiligkeit gelangt sind, ohne Unklugheit festhalten,
daß drei Viertel all ihrer Offenbarungen Täuschungen seien; also auch beim

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Vorhandensein einer solchen Masse von Täuschungen bleibt dennoch ein
Viertel richtige Offenbarungen, wegen deren man das ganze nicht in Bausch
und Bogen verwerfen darf.
    Brander behauptet nun, daß eben wegen der von ihm angegebenen
Irrtümer eine Bestätigung der Schippacher Offenbarungen durch den Apo-
stolischen Stuhl ganz unmöglich sei. Er zeigt damit, daß er seinen Deduk-
tionen auch einen verkehrten Begriff von der päpstlichen Bestätigung oder
Approbation von Privatoffenbarungen zugrunde legt; denn er nimmt offen-
bar an, daß diese Bestätigung die absolute und vollständige Wahrheit des
Inhaltes solcher Schriften beglaubige. Eine solche Annahme ist jedoch falsch.
Die päpstliche Approbation von Privatoffenbarungen will als sicher nur
feststellen, daß ihr Inhalt bei vernünftiger und gemäßigter Auslegung (pie et
prudenter intellectum) nicht dem Glauben und den guten Sitten wider-
spricht oder gefährlich ist; daß dieselbe durchaus nichts Absurdes und
Unglaubliches enthält, sondern dem Leser Erbauung und Nutzen bringen
kann; und endlich, daß man aus vernünftigen Gründen annehmen darf, die
angeblichen Offenbarungen seien wirklich von Gott und ihre Mitteilungen
wenigstens der Hauptsache nach wahr.
   Nach diesen Grundsätzen würde die kirchliche Approation der
Schippacher Offenbarungen keineswegs die volle Wahrheit alles dessen,
was in denselben enthalten ist, verbürgen; es könnten Irrtümer in denselben
entalten sein und selbst solche Meinungen, welche von seither in der Kirche
frei gelehrten Lehrsätzen und Tatsachen abweichen, ja sogar Sätze, die auf
den ersten Blick bei einer strengen Auslegung als häretisch erscheinen
könnten. Ob aber die kirchliche Approbation in diesem ihrem richtigen
Sinne für die Schippacher Schriften gänzlich ausgeschlossen sein soll, wird
derjenige lebhaft bezweifeln, der weiß, wie sehr Brander die Schippacher
Offenbarungen gerade ihrer Hauptsache nach, nämlich in ihren absolut
korrekten, erbaulichen und nützlichen Partien unbeachtet läßt, und wie sehr
seine Beanstandungen durchaus nicht auf einer gemäßigten Auslegung
beruhen.


V. Authentizität von Privatoffenbarungen
   Es liegt auf der Hand, daß eine sachliche Kritik vor allem auch fest-
zustellen hat, ob die zu beanstandenden Stellen einer mystischen Schrift
authentisch sind, d.h., ob dieselben wirklich von der betreffenden
visionären Person stammen, oder ob sie nicht etwa durch das Zutun anderer
Personen, besonders von Sekretären oder Abschreibern, entstellt, geändert,
korrumpiert sind. Sind sie nicht authentisch, so scheiden solche Stellen
selbstverständlich für den Beweis der Echtheit der betreffenden Offen-

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barungen ganz aus und sind auch für die sonstige Beurteilung derselben nur
mit Vorsicht zu verwenden.
   Auch diese Regel wird von Brander gänzlich mißachtet. Er erkennt zwar,
daß zahlreiche der von ihm beanstandeten Stellen offenbar nicht authentisch
sind ; ja, er zieht sogar den viel zu weitgehenden Schluß, daß von den
Schippacher Offenbarungen ein authentischer Text überhaupt nicht vorlie-
ge; auch findet er, daß es sich dabei um die Schuld einer oder mehrerer
Sekretärinnen handelt. Gleichwohl nimmt er keinen Anstand, gerade auf
diese Wahrnehmungen sein Verwerfungsurteil aufzubauen bzw. alle wahr-
genommenen Anstände kritiklos der Seherin von Schippach selber aufs
Konto zu schreiben.
   Wie beim Wahrnehmen nicht authentischer Stellen eine wahrhaft sach-
liche, bescheidene und pietätvolle Kritik vorzugehen pflegt, zeigt z.B. B. P.
Jailers Biographie der seligen Kreszenzia Höß von Keufbeuren. Der
Biograph erkannte, daß schon in den ersten Quellen viel Unglaubwürdiges,
Übertriebenes, Falsches über Kreszenzias wunderbare Zustände, Gnaden-
gaben und sonstiges Leben enthalten ist. Aber weit entfernt, nun sofort auf
die Unechtheit und Unglaubwürdigkeit aller bezüglich Kreszenzias überlie-
ferten mystischen Dinge zu schließen, sieht er vielmehr nach, wo denn
eigentlich die Schuld an diesen unglaubwürdigen Berichten liegt. Er findet
alsbald, daß Kreszenzia selber keinerlei Schuld an den über sie verbreiteten
verkehrten Erzählungen trägt. Vielmehr stellt sich heraus, daß die
Sekretärin der Seligen, die Ordensschwester Maria Anna Neth, die Haupt-
ursache der Entstehung und Verbreitung jener überschwenglichen und
falschen Berichte war. Auf Befehl ihrer Oberin mußte Kreszenzia die ihr
gewordenen außerordentlichen Gnaden jeweils der Schwester Maria Anna
Neth zur Aufzeichnung mitteilen. Die genannte Schwester aber brachte viel
Entstelltes und Unrichtiges in ihre Aufzeichnungen hinein, nicht etwa aus
bösem Willen, wohl aber aus Vergeßlichkeit und Ungenauigkeit bei der
schriftlichen Wiedergabe des aus dem Munde Kreszenzias Vernommenen.
Der letzte Beichtvater Kreszenzias, P. Johann Baptist Pamer S. J. erklärte
denn auch, daß die Schwester Maria Anna aus Einfalt, Phantasie und Ver-
geßlichkeit vieles Falsche, Unpassende und Sonderbare hineingemischt,
und daß die selige Kreszenzia oft unter Tränen gegen diese Unwahrheiten
protestiert habe. Nicht also die Sache Kreszenzias, sondern die Arbeit der
Schwester Maria Anna war zu beanstanden. Und demgemäß urteilt denn
auch ihr Biograph P. Jailer.
   Auch durch die Aufzeichnungen über die ekstatischen Zustände und
visionären Aussagen von Barbara Weigand ziehen sich wie ein roter Faden
die oft ganz leicht als solche kenntlichen Abirrungen mehrerer, und beson-
ders einer von Brander mit Namen genannten Sekretärinnen. So fragt z. B.

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eine der Sekretärinnen den aus der Ekstatischen redenden Heiland am
Schlusse der Ekstasen öfters über mancherlei persönliche, private Verhält-
nisse u. dgl. Es liegt nun für den Sachverständigen auf der Hand, daß diese
Fragen und Antworten sehr leicht in einen Zeitpunkt fallen konnten, in
welchem die Ekstase selber bereits zu Ende war und das Reden des Heilan-
des zur Begnadigten schon wiederum aufhörte. Die Begnadigte selber aber
gab nun wohl, wie der hl. Thomas von Aquin dies bei Visionären sehr gut
für möglich hält, ex magno usu prophetandi, aus der Macht ihrer visionären
Gewohnheit heraus, eine Antwort, welche die Begnadigte selber und ihre
Sekretärin zwar in bestem Glauben für göttlich inspiriert hielten, während
diese Antwort in Wirklichkeit nur ein gewohnheitsmäßiges Weiterarbeiten
frommer Phantasie war.

    Es kann auch der Fall eintreten, daß sich solche nur vermeintlich von
Gott kommenden, in Wirklichkeit aber aus der menschlichen Phantasie des
Visionärs stammenden Antworten mitten in einer Ekstase und mitten unter
wirklich inspirierten Antworten ergeben. Man fragt inmitten der Ekstase
den aus der Visionärin redenden Heiland über irgend eine Sache. Der
Heiland aber würdigt uns in dieser Sache keiner Antwort. Die Visionärin,
jedoch glaubt aus dem oben angeführten Grunde in ihrer Phantasie eine
Antwort zu hören und bringt diese auch vor. Dann aber beginnt der Heiland
wieder mit seinen göttlichen Ansprachen an die Begnadigte. Sehr schön
erklärt der hl. Johannes vom Kreuz, wie menschliche Phantasien sich mitten
in das übernatürliche Schauen manchmal einschleichen können. Der in das
beschauliche Gebet versunkene Mensch führt nach den Darlegungen des
Heiligen eine Art Selbstgespräch. Er spricht mit sich selbst und antwortet
sich, wie eine Person der anderen und in gewisser Weise ist es auch so. Denn
wenn auch der Geist des Menschen selbst hier tätig ist, so hilft ihm doch der
heilige Geist zuweilen, jene Begriffe, Worte und Schlüsse der Wahrheit
gemäß hervorzubringen und zu bilden. Da aber, so fährt der Heilige fort,
,,jenes Licht, das ihm mitgeteilt wird, oft sehr fein und geistig ist, so daß der
Verstand nicht weit genug ausreicht, um sich darüber gut zu verständigen,
und doch der Verstand es ist, der wie gesagt die Vernunftschlüsse aus sich
bildet, so kommt es, daß er manchmal falsche, nur wahrscheinliche oder
mangelhafte Schlüsse bildet. Da er anfangs den Faden der Wahrheit zu
nehmen begonnen hat, und alsbald die Geschicklichkeit oder vielmehr
Ungeschicklichkeit seines eigenen niedrigen Verstandes dazulegt, so ergibt
sich leicht, daß er nach seiner Fassungskraft verschiedenes ausheckt, und
alles so vor sich geht, als redete eine dritte Person. Ich kannte eine Person,
die solche sukzessive Ansprachen hatte, unter denen sehr wahre und
substantielle waren, die sie über das heiligste Sakrament der Eucharistie
bildete, unter denen aber auch sehr irrtümliche sich befanden."

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   Man erkennt, wie weit ein Kritiker sich verirren und welch schweres
Unrecht er zuzufügen vermag, wenn er aus dem Vorhandensein unechter
Stücke auf die Unechtheit des ganzen Komplexes der betreffenden
mystischen Schriften schließt, oder wenn er bei den in Betracht kommenden
Begnadigten und deren Sekretären wegen vorhandener unechter Stücke
ihrer Aufzeichnungen ohne weiteres bösen Willen, betrügerische Absichten
voraussetzen wollte.
   Dasselbe ist zu sagen mit Bezug auf solche Teile mystischer Schriften,
welche sich als eigenmächtige Änderungen, Einschiebungen, Verbesserun-
gen vonseiten dritter Personen kenntlich machen. Auch derartige Partien
sind nicht schlechthin als Beweismaterial für die Unechtheit der ganzen
Schrift anzusehen und auch sie lassen sich aus vielen anderen Ursachen, als
wie nur aus beabsichtigtem Betruge erklären. In Barbara Weigands Offen-
barungen gibt der Heiland selber ein oder das andere Mal den Sekretärin-
nen die Anweisung, Verbesserungen des Textes vorzunehmen, wenn solche
ganz offenbar nötig erscheinen sollten. Die Sekretärin durfte sich in letzte-
rem Falle also ohne Sünde gewisse Änderungen des Textes gestatten, und
hat solche auch tatsächlich vorgenommen. Ob diese Änderungen aber stets
das Richtige trafen und ob auf diesem Wege nicht oft des Guten bzw. des
Verkehrten zu viel geschah, ist eine andere Frage.
   In jedem Falle handelt es sich bei den von Brander betonten Anständen
um eine lange Reihe von Stellen, die nicht authentisch sind, ohne daß sie
dadurch der Gesamtheit der Weigand'schen Schriften den authentischen
Charakter rauben und ohne daß sie gegen den Wahrheitssinn und die
Redlichkeit der Seherin und ihrer Sekretärinnen den geringsten Verdacht zu
erregen brauchen.
   Nun beachte man aber, wie Brander gerade derartige, offenbar nicht
authentische, willkürlich geänderte oder der rein menschlichen Phantasie
der Seherin entsprungene Stellen der Schippacher Offenbarungen zum
Beweise seiner These von der absoluten Unechtheit dieser Offenbarungen
vor dem großen Publikum ausschlachtet. Er geht dabei so weit, daß er sogar
Produkte des ordinärsten Mainzer Stadtklatsches, die mit den Schippacher
Offenbarungen nicht das geringste zu tun haben, hereinzieht, um sie
Barbara Weigand und deren Anhängern an die Rockschöße zu hängen. Die
,,quellenmäßig exakte" Methode Branders feiert hier ihre höchsten, wenn-
gleich billigsten, Triumphe. Der Mann aus dem Volke fragt sich mit Brander
verwundert, wie man Schriften, die ,,solches Zeug" enthalten, auch nur von
ferne als göttliche Offenbarungen ansehen könne. Der mit der mystischen
Theologie auch nur einigermaßen Vertraute jedoch gewahrt mit Bedauern
die ganz verkehrten Wege, auf welchen eine nicht sachgemäße Kritik hier
die öffentliche Meinung irreführt.

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VI. Die Trägerin von Privatoffenbarungen
    Bezüglich der Privatoffenbarungen mahnt der Apostel: ,,Prüfet alles; was
gut ist behaltet." Wie mangelhaft Brander den ersten Teil dieser aposto-
lischen Mahnung befolgt hat, konnten wir aus dem Gesagten einigermaßen
erkennen. Den zweiten Teil aber, das Behalten des Guten, hat er schlechthin
ganz beiseite gesetzt. Der Radikalismus seines Verwerfungsurteils ist nicht
zu überbieten. Er findet in den Schippacher Schriften überhaupt nichts
Gutes. Sie sind ihm ein Sammelsurium von Widersinn, Ungereimtheit,
Anstößigktit, Irrtum, Fälschung, Betrug. Sie sind ihm ein häretisches Mach-
werk, dem die teuflische Absicht einer neuen Sektengründung und der
Erbauung der Mutterkirche dieser neuen Sekte zugrunde liege.
   Die Ursache dieses radikalen Urteils ist Branders Methode, die darin
besteht, in irgend einem Handbuch der Mystik, sei es Zahn oder Poulain,
das Kapitel über die Merkmale falscher Offenbarungen nachzuschlagen,
und nun an Hand dieser Merkmale, ohne Beachtung der übrigen wichtigen
Regeln der mystischen Theologie, gegen Schippach loszugehen.
   Schon allein das Ergebnis dieser Methode muß den ruhig Urteilenden
bedenklich stimmen. Gegenüber dem, was Brander von beanstandeten
Stellen anführt, muß offenbar in den 2000 Seiten Schippacher Offenbarun-
gen, welche Brander nach seiner eigenen Angabe geprüft, doch noch ein
recht erklecklicher Teil nicht zu beanstandender Stücke übrig geblieben sein.
Letztere stellen also in den Schippacher Schriften das Gute dar, das nach der
Mahnung des Apostels behalten werden soll. Hat Brander es behalten? Hat
er es, um seinen Lesern ein gerechtes Urteil zu ermöglichen, auch nur
einigermaßen einer ähnlich ausführlichen Behandlung gewürdigt, wie die
beanstandeten Stellen? Davon, daß man aufgefundene Irrtümer und Mängel
solcher Offenbarungen an die große Glocke hängen, vor der Menge des
Volkes breittreten, und damit die betreffenden Offenbarungen im Ganzen
und ihre Urheber der Verachtung, und dem Hohn einer urteilslosen Masse
preisgeben soll, sagt der Apostel kein Wort. Aber daß man das Gute der-
selben behalten soll, dies befiehlt er ausdrücklich. ,,Wenn Paulus wieder-
käme...", was würde er wohl zu Branders Methode sagen ?
   Was Paulus zu dieser Methode sagen würde, ist uns ganz klar. Damit
sagen wir aber nicht, was er etwa über die Schippacher Offenbarungen ent-
scheiden würde. Wir betonen dies, um auszusprechen, daß wir weit davon
entfernt sind, das in jenen Schriften enthaltene Gute über Gebühr hervor-
zuheben, oder gar in den noch gröberen Fehler zu fallen, nun unsererseits
im voraus ein günstiges Urteil der obersten kirchlichen Behörde apodiktisch
festzustellen. Wir haben uns, wie schon eingangs gesagt, nur zur Aufgabe
gemacht, die Möglichkeit eines günstigen päpstlichen Endurteiles offen zu
halten, nachdem diese so apodiktisch geleugnet worden ist.

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   Wir begründen nun diese Möglichkeit mit dem Hinweis auf das Gute der
Schippacher Öffenbarungen, das Brander und die ihm folgende Presse fast
keines Wortes gewürdigt haben. Um aber auch den Schein zu vermeiden, als
ob wir über die guten Partien jener Schriften und über die guten Seiten der
in Betracht kommenden Unternehmungen und Personen vorhandene
Mängel und Schwächen ganz außer acht ließen oder irgend wie parteiisch
vorgingen, sei hier kurz die Methode gekennzeichnet, der wir folgen.
   Es ist die streng kirchliche Methode, die wir in einem Prozesse wahr-
nahmen, welchen wir bereits früher erwähnten, nämlich in dem Prozesse
der Luxemburger Ekstatischen, Klara Moes.
   Auch von den Offenbarungen, den Werken und den sittlichen Qualitäten
dieser Begnadigten war in den Augen der öffentlichen Meinung nicht das
geringste Gute mehr übrig geblieben. Auf den Rat einiger mit der Sache ver-
trauten römischen Prälaten aber setzte der jetzige Bischof von Luxemburg,
Dr. Koppes, eine aus unparteiischen und anerkannten Fachmännern beste-
hende Prüfungskommission ein. Diese bestand aus nachbenannten Theo-
logen: Dem Benediktinerabt Plazidus Woltei aus der Abtei Maredsous, dem
Benediktiner Subprior Bonifatius Wolff, dem Dominikanerprior Alfons M.
Portmanns und dem Jesuitenpater und Bolandisten Wilhelm van Hoff.
   Diesem illustren Richterkollegium wurde nun zunächst von dem Hoch-
würdigsten Bischofe die genaue Prüfung der Originalakten anvertraut.
Nach Erledigung dieser Aufgabe versammelten sich die Genannten am
10. Januar 1884 unter dem Vorsitze des Bischofs von Luxemburg in der
Benediktinerabtei von Maredsous. Hier wurden nun drei scharf umschrie-
bene Fragen vorgelegt und beantwortet. Sie lauteten:
  1. Bieten die Schriftstücke des genannten Aktenmateriales Anzeichen
  welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Schwester Klara
  sei im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde
  getäuscht? Antwort : Nein.
  2. Erscheint Schwester Klara in diesem Zusammenhang als eine solche,
  die andere hat täuschen oder betrügen wollen? Antwort: Nein.
  3. Ist der Zweck, den Schwester Klara glaubt erstreben zu müssen, ein
  guter? Antwort: Ja.
   Die beiden ersten Fragen wurden einstimmig verneint, die letzte ein-
stimmig bejaht. Dieses Urteil ist im Kirchlichen Anzeiger der Diözese
Luxemburg, 14. Jahrgang, Folge 1 und 2, veröffentlicht.
   Schon die Formulierung der drei angegebenen Fragen bietet das Muster
einer wahrhaft sachgemäßen und korrekten Behandlung derartiger Angele-
genheiten. Die genannten Theologen sind sich vor allem bewußt, daß die

                                   228
Entscheidung über den Offenbarungscharakter mystischer Schriften allein
dem Apostolischen Stuhle zusteht. Sie fragen sich also nicht, wie Rom
entscheiden wird und muß, sondern darüber, welche Anhaltspunkte die
Theologen aus dem Aktenmaterial gewinnen können. Sie zerbrechen sich
nicht über den Offenbarungscharakter der vorliegenden Schriften die
Köpfe, sondern erwägen die Frage, ob die in Betracht kommende Person
vom bösen Feinde getäuscht ist. Sie kennen auch die Regel der mystischen
Theologie, derzufolge begnadigte Personen in einzelnen Punkten vom
Teufel oder sonstwie getäuscht sein können, ohne daß darum der ganze
Komplex ihrer Visionen Täuschung sein muß; und so stellen sie die Frage,
ob die betreffende Person im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit
vom bösen Feinde getäuscht sein dürfte. Tiefes theologisches Wissen und
tiefe theologische Bescheidenheit ringen in der Verhandlung dieser bischöf-
lichen Kommission um die Palme.
    Wir folgen demnach gewiß der denkbar besten Spur, wenn wir uns bei
Beurteilung der Schippacher Sache an die Methode von Maredsous halten.
Indem wir also neben dem Guten nicht die Mängel, und neben den Mängeln
nicht das Gute der Sache zu übersehen bestrebt sind, wollen wir uns eben-
falls jener drei bestimmten Fragen bedienen:
  1. Bieten die Schippacher Schriften Anzeichen, welche die Theologen zur
  Annahme bestimmen müßten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusam-
  menhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht?
  2. Erscheint Barbara Weigand in diesem Zusammenhang als eine solche,
  die andere hat täuschen oder betrügen wollen?
  3. Ist der Zweck der Gründung des eucharistischen Liebesbundes und
  der Erbauung der Sakramentskirche zu Schippach, den Barbara Weigand
  glaubt erstreben zu müssen, ein guter?
   Dies sind die Fragen, an deren Hand der Theologe, ohne in die Rechts-
sphäre des Apostolischen Stuhles einzugreifen und ohne dem Urteil der
Kirche vorzugreifen, sich sein dictamen conscientiae, sein Gewissensurteil,
über die Sache von Schippach bilden kann und darf. Sie zeigen einen siche-
ren und klaren Ausweg aus all dem Wirrwarr der Meinungen, der das
Problem von Schippach zur Zeit umgibt. Der Versuch ihrer ruhigen, sach-
lichen, bescheidenen und pietätvollen Beantwortung vermag wenigstens
einigermaßen das nachzuholen, was die überstürzte und einseitige
Brander'sche Pressefehde in dieser Sache versäumt hat.
   Wir schließen uns der Methode von Maredsous um so lieber an, als
dieselbe jüngst einen sehr bezeichnenden Angriff erfahren hat. Ein Kollege
und Gesinnungsgenosse von Dr. Brander, der Kirchengeschichtsprofessor
am Lyzeum zu Freising, Dr. phil. et rer. polit. August Ludwig hat in dem

                                   229
bekannten nichtkatholischen und auf Schritt und Tritt direkt kirchen- und
glaubensfeindlichen Organ ,,Süddeutsche Monatshefte" (Aprilheft 1916)
einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel ,,Eine Luxemburger Heilige?"
Darin macht er der Prüfungskommission von Maredsous den Vorwurf, daß
sie in ihrer ganzen Fragestellung gerade das punctum saliens vergessen
habe, nämlich die Frage: Ist die Person nicht psychopathisch zu beurteilen?
In dieser Frage ruhe der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Angelegen-
heit. Man hätte die Mediziner, die Psychiater und Psychologen zu Rate
ziehen sollen.
   Jawohl! Dieselbe psychopathische Wissenschaft, die sich dazu hergibt,
heute jeden Verbrecher und Lumpen zum Unschuldigen zu stempeln, die ist
es, welche unsere Begnadigten zu Schuldigen bzw. zu Verrückten stempeln
soll. Sie ist das punctum saliens mystischer Angelegenheiten durch die
modernistische Theologie. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis aller Fragen
der mystischen Theologie, wenigstens nach der Anschauung der Moderni-
sten.
   Gott sei Dank, daß es, wie von Maredsous zeigte, doch noch Theologen
gibt, welche das punctum saliens für die Entscheidung theologischer Fragen
in den Grundsätzen der Theologie und nicht in irgend welchen weltlichen
und oft recht unsicheren Wissenschaften erblicken. Gott sei Dank, daß doch
noch Theologen da sind, welche den Schlüssel zum Verständnis der mysti-
schen Fragen bei den Meistern der mystischen Theologie und nicht bei den
Lehrlingen moderner Scheinwissenschaft suchen.
   Sehen aber jene modernistischen Neologen gar nicht ein, was sie tun,
wenn sie die Hagiographie und Mystik in erster Linie zu einer Frage für
Irrenärzte machen? Daß sie vom Standpunkt der Theologie aus direkt
unwissenschaftlich handeln, ist noch das Geringste. Aber das wahrhaft
entsetzliche ist, daß sie den Heiligen Geist lästern, der da weht wo er will.
Hinter den Begnadigten, den Auserwählten des Heiligen Geistes, in erster
Linie den Irrenarzt hersenden, bedeutet nur die Fortsetzung jener Läste-
rung, welcher sich die Juden schuldig machten, aIs sie das erste Wehen des
Heiligen Geistes in den Aposteln mit den frivolen Worten bedachten: ,,Sie
sind voll des süßen Weines." Der Ruf nach der Psychopathographie als dem
punctum saliens für die Prüfung des beschaulichen Lebens und seiner der
ungläubigen Welt fremd gewordenen Äußerungen ist doch im Grunde
nichts anderes als der Ruf nach derselben Behandlung für die Begnadigten
Lieblinge des Herrn, welche der Rationalismus eines Herodes dem Herrn
selber angedeihen ließ, als er diesem den Narrenmantel umwarf.
   Die Kirche und die kirchliche Theologie, die seit neunzehnhundert
Jahren in der Beurteilung mystischer Fragen ohne die Psychopathographie

                                    230
ganz gut ausgekommen sind, werden zwar auch die gesicherten Erkenntis-
se dieser Wissenschaft sich zunutzen machen, wann und wo sie es für ange-
bracht finden. Aber niemals kann es ihnen in den Sinn kommen, die
Wissenschaft des Herrn Lombroso zum Kernpunkt der theologischen Unter-
suchung mystischer Probleme zu machen. In einem solchen Unterfangen
werden die Kirche und ihre Theologen stets nur eine Entwürdigung der
Theologie, eine den frommen Dienern Gottes angetane Schmach, und eine
Lästerung des Heiligen Geistes erblicken, der in jenen Dienern Gottes wirkt.

   Bis zu welchen Ausschreitungen aber der lästernde Geist modernisti-
scher Pathographenmystik führt, dafür bietet der genannte Aufsatz von Dr.
August Ludwig ein abschreckendes Beispiel. In der denkbar pietätlosesten
und schmachvollsten Weise gibt dieser Aufsatz die wunderbaren, einem
auserwählten Gefäße der Gnade zuteil gewordenen göttlichen Hulderweise
dem verständnislosen Hohne eines un- und irrgläubigen Leserkreises preis.
,,Das auserwählte Wunderkind Klara Moes," so beginnt Dr. Ludwig seine
Lästerungen, ,,will nach seiner Behauptung bereits im Augenblick der Taufe
den vollen Vernunftgebrauch erhalten haben. Sie erkannte das Geheimnis
der göttlichen Trinität, ein herrlicher Engel des Himmels stieg zu ihr herab,
um in ganz besonderer, wunderbarer Weise durch die Jugend sie zu gelei-
ten, während der Teufel beim Anblick des neugeborenen Kindes mit seinen
Krallen sein Gesicht bedeckte" usw. usw. Und der Mann, der dies alles nun
von der Höhe seiner psychopathographischen Kenntnisse herab mit ausge-
suchtem, ungläubigstem Spotte übergießt, scheint keine Ahnung davon zu
haben, daß die genannten wunderbaren Dinge Punkt für Punkt im Leben
einer Anna Katharina Emmerich und vieler anderer Begnadigten, ganz in
derselben Weise vorkommen!

   Und warum glaubt Dr. Ludwig, wie er bereits bezüglich einer begnadig-
ten Beatrix Schuhmann und einer Barbara Weigand getan, nun auch eine
Klara Moes in die Reihe der Hysterischen klassifizieren zu müssen. Weil er
bei Klara Moes ,,allzusehr das vermißt, was man sobrietas christiana, die
christliche Nüchternheit und Besonnenheit, die wahre Einfalt und Einfach-
heit, heißt"; denn ,,es ist alles viel zu sehr aufs Außerordentliche, nie
Dagewesene gestellt".

   Das ist die alte Anklage, welche der Zeitgeist gegen fast alle wunder-
baren Heiligenleben erhebt. Diesen Begnadigten, oder vielmehr dem
Heiligen Geist, der in ihnen wirkt, gebricht es an ,,Nüchternheit". Ganz
,,unbesonnen" stellt der Geist Gottes da sein Wirken aufs Außerordentliche
ein, das die schlichte, einfache Denkungsart der rationalistischen Bieder-
männer doch so wenig sympathisch findet. Viel zu viel des Übernatürlichen,
allzu Übernatürlichen.

 231
   Das war auch schon die Anklage, welche eine hl. Theresia wegen ihrer
zahlreichen und ganz außerordentlichen göttlichen Gnadenerweise über
sich ergehen lassen mußte. Aber ein Theologe wie Dr. Ludwig müßte doch
eigentlich wissen, was die Theologen der Rota Romana auf diese Anklage
antworteten. Sie schreiben im Kanonisationsprozeß der hl. Theresia in der
Relatio de virtutibus (art. 21): ,,Daß Gott durch Visionen und Offenbarungen
so vertraut zu seinen treuesten Freunden redet und ihnen seine Geheimnis-
se offenbart, ist weder neu noch ungewöhnlich... Ja, beinahe alle Heiligen,
insbesondere die Ordensstifter, sind mit göttlichen Visionen und Offen-
barungen ausgezeichnet gewesen, wie wir z. B. in den Lebensbeschreibun-
gen eines hl. Benedikt, eines hl. Bernhard, eines hl. Dominikus, eines hl.
Franziskus und anderer lesen; in diesen Büchern werden unzählige Visio-
nen, Offenbarungen und andere göttliche Gunstbezeigungen berichtet,
welche der Herr entweder den Stiftern selbst, oder einigen ihrer Schüler
verliehen hat. Es ist darum nicht zu zweifeln, daß Gott vertraulich mit
seinen Freunden redet, und besonders diejenigen zu begnadigen pflegt,
welche Er zu großen Werken auserwählt."

    Ja, wunderbar ist Gott in seinen Heiligen, und er läßt sich über die Quan-
tität und Qualität dieser seiner Wunderwerke selbst von modernen Psycho-
pathographen keine Vorschriften machen. Er hat auch die christliche Nüch-
ternheit keineswegs in die Scheu vor den außerordentlichen übernatür-
lichen Gnadengaben verlegt. Nur eine ganz perverse, häretische Exegese
kann das Wort des Apostels ,,sapere ad sobrietatem" dahin auslegen, daß
die in ihm geforderte Nüchternheit und Besonnenheit in der Verweigerung
des Glaubens an uns allzu außerordentlich erscheinende Wunderwerke
Gottes und seiner Heiligen bestehe. Das ist die Exegese des Protestantismus,
des Rationalismus. Die katholische Theologie dagegen erblickt, z. B. nach
den Worten des Dogmatikers Dr. J. B. Heinrich, in der christlichen sobrietas
oder Nüchternheit das Bestreben, das katholische Denken und Leben im
engsten Anschluß an die übernatürliche Autorität der Kirche zu erhalten
und es mit peinlichster Sorgfalt vor der geringsten Einträufelung des Welt-
geistes rein zu bewahren.

   Diese wahrhaft katholische Nüchternheit des Denkens und Lebens hat
Klara Moes nach dem Urteil der Prüfungskommission von Maredsous in
hohem Maße besessen. Gerade deshalb aber die Frage stellen: Ist die Person
nicht psychopatisch zu beurteilen? wäre eben nur eine Lästerung gegen das
katholische Denken und Leben, und gegen den Heiligen Geist, der es zu
dieser Nüchternheit anhält. Mit Recht hat also die Kommission von
Maredsous, nachdem sie den echt kirchlichen Geist der Klara Moes fest-
gestellt hat, es gänzlich vermieden, die Frage zu stellen, ob die Trägerin jener
echt kirchlichen Gesinnung nicht etwa der Verrücktheit oder der Hysterie
verfallen gewesen sei.

                                      232
   Der Kritiker aber, der von einer Klara Moes und den übrigen Begnadig-
ten eine ganz verkehrte, rationalistische Nüchternheit verlangt, und die
wahrhaft katholische in einem antikatholischem Blatt zum Spott und Hohn
der Un- und Irrgläubigen als Ausgeburt der Verrücktheit behandelt, besitzt
selber von der katholischen Nüchternheit auch nicht die Spur. Vom Stand-
punkt des Glaubens und der Theologie muß sein Vorgehen als durchaus
unbesonnen, pietätlos und skandalös bezeichnet werden.
   Daß ein Mann von dieser Gesinnung auch zu den Gegnern von
Schippach gehört, ist nicht anders zu erwarten. Er hat sich denn auch im
Aprilheft 1916 der Zeitschrift ,,Theologie und Glaube" an der Sache von
Schippach vergriffen. Natürlich ganz im Sinne Branders. In Beiden hat der
Geist, welchen Zahn in die Behandlung mystischer Fragen einzuführen sich
bemühte, Schule gemacht. Es ist der Geist, der die gesamte Mystik zu einem
pathologischen Problem macht.
   Zu einem solchen Problem auch die Sache von Schippach zu stempeln, ist
der ausgesprochene Zweck des Brander-Zahn-Ludwig'schen Feldzugs.
Gegenüber der Gefahr, welche eine solche Tendenz in sich birgt, halten wir
es im Interesse des katholischen Glaubens und Lebens und im Interesse der
katholischen Theologie gelegen, auch das Problem von Schippach wieder
der kirchlichen Theologie und der traditionellen Mystik der Kirche in
Behandlung zu geben. Und eben deshalb empfehlen wir für die Beurteilung
von Schippach die Methode von Maredsous.

VII. Liegt eine krankhafte Phantasie vor ?
  Bieten die Aufzeichnungen über die Visionen und visionären Aussprüche
von Barbara Weigand aus Schippach Anzeichen, welche die Theologen zur
Annahme bestimmen müßten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusammen-
hang jener Angelegenheit vom bösen Feinde oder einer eigenen krankhaften
Phantasie getäuscht?
   Es gilt hier vor allem den Begriff der ,,Täuschung im ganzen Zusammen-
hang jener Angelegenheit" festzulegen. Unter dem ganzen Zusammenhang
jener Angelegenheit ist zu verstehen
  1. der ganze innere und äußere Zusammenhang jener Schriften unter
  sich,
  2. der Zusammenhang jener Schriften mit der Person der Barbara
  Weigand,
  3. der Zusammenhang jener Schriften mit dem Zweck, den Barbara
  Weigand erstrebt, d.h. mit der Gründung des eucharistischen Liebesbun-
  des und der Erbauung der Sakramentskirche von Schippach.

                                   233
  Es fragt sich also, ob Barbara Weigand in diesem dreifachen Zusammen-
hang einer teuflischen oder sonstigen Täuschung unterlegen ist.
  Zunächst ergibt sich also die Frage: Bieten die Schippacher Schriften
Anzeichen, welche die Theologen zu der Annahme bestimmen könnten,
Barbara Weigand sei im ganzen Zusammenhang, in welchem jene Schriften
unter sich stehen, getäuscht worden?
   Hier erwächst vor allem die Aufgabe, die Schippacher Schriften als
Ganzes zu betrachten und zu beurteilen. Welches ist die Gesamttendenz des
ganzen Komplexes dieser Schriften? Entspricht dieselbe der Glaubens- und
Sittenlehre der Kirche? Wird diese Gesamttendenz in den einzelnen Schrif-
ten so konstant festgehalten und kommt sie in denselben derart zum Aus-
druck, daß diese Schriften geeignet sind, Erbauung und Nutzen zu stiften?
Vermag diese Gesamttendenz insbesondere die in den Schriften enthaltenen
einzelnen dunkeln, schwierigen, mißverständlichen, irrigen Stellen derart
zu paralysieren, daß trotz dieser Stellen die Gesamtwirkung der
Schippacher Schriften diejenige der Erbauung und des geistlichen Nutzens
bleibt?
   Oder aber: Ist eine der katholischen Glaubens- und Sittenlehre ent-
sprechende geistliche Gesamttendenz in den bewußten Schriften überhaupt
nicht vorhanden? Bilden diese Schriften nur eine willkürliche Zusammen-
würfelung voneinander widersprechenden pseudoreligiösen Wahnvor-
stellungen und aftermystischen Halluzinationen? Oder ist doch eine
Gesamttendenz darin wahrzunehmen, aber eine dem ganzen Sinn und
Ausdruck nach derart häretische, daß die vorhandenen korrekten Partien
dieser Schriften von der häretischen Gesamttendenz der letzteren ganz ver-
schlungen und nur zu Trägern und Hilfsmitteln des häretischen Giftstoffes
gemacht werden?
   Diese Fragen dürfen nur auf Grund einer der theologischen Bescheiden-
heit und Pietät entsprechenden Prüfung des Gesamtinhaltes der
Schippacher Schriften beantwortet werden. Insbesondere ist dabei die
Forderung einer maßvollen und möglichst rechtfertigenden Auslegung
schwieriger Stellen zu erfüllen. Alle aber, die sich vor Gott das Zeugnis
geben können, daß sie die Schippacher Schriften in diesem Geiste gelesen
und geprüft haben, fragen wir, ob sich bezüglich der Gesamttendenz der
Schippacher Schriften nicht folgendes nachweisen läßt.
   Die Aufzeichnungen über die Visionen der Seherin von Schippach
weisen deutlich eine bestimmte religiöse Gesamttendenz auf. Letztere hat
zum Gegenstand eine allseitige Erneuerung des praktischen katholischen
Lebens durch Förderung der übernatürlichen Gesinnung, der Liebe zur
Kirche und der Treue zum Papste; also eine Erneuerung des katholischen

                                   234
Lebens in seinen supranaturalen, klerikalen und ultramontanen Elementen.
Diese Gesamttendenz entspricht durchaus der katholischen Glaubens- und
Sittenlehre. Sie wird zugleich durch den ganzen Zusammenhang der Schrif-
ten hindurch so konstant festgehalten und so klar und entschieden zum
Ausdruck gebracht, daß die nach einer pia et modesta interpredatio noch
etwa verbleibenden tatsächlichen Irrtümer nicht den Grund zur Annahme
hartnäckiger Häresie bilden können, vielmehr gerade durch die Gesamt-
tendenz einer aufrichtigen Unterwerfung Barbaras unter die Autorität der
Kirche und des Papstes als im vorhinein berichtigt und ausgetilgt gelten
müssen; und überhaupt verschwinden die angeblichen und wirklichen
Mängel unter dem mächtigen Eindruck der Gesamttendenz dieser Schriften
derart, daß sie Jahrzehnte hindurch der frommen Leserschar aus Geist-
lichen- und Laienkreisen kaum auffielen, auch für die ursprüngliche Appro-
bation des eucharistischen Liebesbundes und des Baues der Sakraments-
kirche kein Hindernis bildeten, sondern erst nach der journalistischen und
literarischen Ausschlachtung durch Brander Beachtung fanden. Durch ihre
entschiedene Betonung der supranaturalen, klerikalen und ultramontanen
Wesenselemente des praktischen katholischen Lebens bieten aber die
Weigand'schen Schriften ihrer Gesamttendenz nach ein wertvolles Gegen-
gewicht gegen den Zeitgeist, der gerade durch die gegenteiligen Bestrebun-
gen, durch Einträufelung des Naturalismus, durch Entklerikalisierung und
Entultramontanisierung, das katholische Leben zu schwächen sucht; und
insofern vermögen die Schippacher Schriften in hohem Maße der wahren
Erbauung und dem wahren Nutzen der Seelen zu dienen.
    Über diese Gesamttendenz der Schippacher Schriften kann der Leser
derselben schon darum nicht im Zweifel sein, weil dieselbe in den Schriften
selber festgestellt, formuliert und in fast gleichlautender Formel oft wieder-
holt wird. So läßt Barbara den Heiland am Vigiltag von Christi Himmelfahrt
1898 sagen: ,,Siehe, alles, was ich in dir wirke, hat nur einen Zweck, und der
ist, daß ich das Leben meiner Kirche wieder erneuern will. Da so viele abge-
wichen sind und mich hinausgeworfen haben aus ihrem Herzen, tut es sehr
not, einen lebendigen Glauben zu haben in sich, und diesen Glauben durch
gute Werke zu betätigen. Wie geht dies aber anders als nur dann, wenn der
Christ sich wieder eng anschließt an das Leben meiner Kirche, d.h. an mich
selbst, der ich unter euch wohne im allerheiligsten Sakrament." Ebenso am
Feste Pauli Bekehrung 1900: ,,Es gibt doch noch viele gute Christen, die sich
zur Aufgabe gesetzt haben, das Reich Jesu Christi wieder herzustellen, all
ihr Sein und Leben einzusetzen, um die Christen wieder zurückzuführen
zum guten alten Glauben, indem sie überall das eucharistische Leben anfa-
chen. Durch den öfteren Empfang der hl. Kommunion wird neues Leben in
die Christenheit eingegossen werden. Ein neues Leben wird wieder begin-
nen... Die ganze Welt muß erneuert werden, dadurch, daß zuerst die Kirche

                                     235
erneuert wird, aber das kann nur geschehen auf dem Wege, den ich (Jesus)
selbst gegangen bin; der Weg führt durch Verachtung, Spott und Hohn hin-
durch. Den Großen, Mächtigen und Reichen muß man gegenüberstehen,
wie ein Paulus; immer und immer ihnen wieder sagen, daß ein anderer
Wind wehen, eine andere Richtung eingeschlagen werden muß, wenn die
Throne feststehen sollen; man muß wieder mit der katholischen Kirche in
Einklang kommen - tun sie es nicht, spotten und höhnen sie darüber, so wer-
det ihr es sehen und erleben, daß solche Throne in Trümmer gehen. Aber
wenn ihr tut, wie mein Apostel getan, wenn ihr ihm nachfolgt in der Arbeit
für die Wiederherstellung des Reiches Jesu Christi, so können die Tage der
Prüfung abgekürzt und die Strafgerichte gemildert werden... Durch die Kir-
che möchte ich der Welt den Frieden geben."

   Immer aufs neue betonen die Schriften, daß diese übernatürliche Erneue-
rung nur im engsten Anschluß an die Kirche erfolgen kann. Am Grün-
donnerstag 1898 mahnt darum der Heiland: ,,Schließt euch an die Kirche an,
und nicht um ein Haar breit weichet von ihr ab." Ebenso am Fronleichnam-
feste 1897: ,,Niemals kann eine Seele, die sich lostrennt von der Kirche, die
nicht unter der Leitung des Priesters wandelt, den rechten Weg wandeln. Sie
wandelt den Weg der Eigenliebe und des Hochmutes." Oder am 2. Freitag
im Oktober 1897: ,,Der Gehorsam geht über alles bei einer Seele, die mit
meinem (Mariens) Sohn verbunden ist. Diese ist dem Gehorsam unter-
worfen und soll nur gehorsam sein ihren sichtbaren Vorgesetzten. Dies ist
das sicherste Zeichen, daß sie nicht irre geht."

   Wie von diesen scharf klerikalen, kirchlichen Richtlinien wird die
Gesamttendenz der Schippacher Schriften auch von bestimmt ultramon-
tanem Geiste beherrscht. Wie die Erneuerung des religiösen Lebens nur
darum eine wahrhaft übernatürliche ist, weil sie eine kirchliche ist, so ist sie
nur darum eine wahrhaft kirchliche, weil sie im Papst ihre höchste Norm
besitzt. Der Papst als Prinzip des übernatürlichen, kirchlichen Lebens: dieser
so durchaus und spezifisch katholische Gedanke bildet den Glanzpunkt der
Weigand'schen Schriften. Er kommt in einem Gesichte von wahrhaft maje-
stätischer Würde zum Ausdruck. Es wird der Ekstatischen der Papst Leo
XIII. gezeigt, der hoch auf einem Berge thronend den Stuhl Petri einnimmt;
da sieht sie nun vom Papste den Glanz eines neuen Lichtes ausgehen, das
die ganze Welt überstrahlt und alles durchdringt, sodaß ihm nichts wider-
stehen kann. Zugleich empfängt sie die Erleuchtung, daß hierunter dem
erhabenen Bilde des Stuhles Petri und seines alles durchdringenden Licht-
glanzes die Macht der katholischen Kirche gezeigt werde, der Kirche, die auf
den Gipfel des Berges erhöht werden soll, damit sie von allem Volke gese-
hen werde. Am 4. Freitag im August 1899 wird sie an dieses bereits viele
Jahre vorher empfangene Gesicht erinnert; und ihm entspricht wiederum,

                                      236
wenn in der Ekstase vom 7. September 1899 das Werk der Welterneuerung
in engste Verbindung mit dem Papste gebracht wird. Dort vernimmt
Barbara die Worte der Mutter Gottes: ,,Ein neuer Geist soll erstehen unter
der Christenheit. Der Stellvertreter meines Sohnes, der Hl. Vater in Rom, hat
alles aufgeboten, um diesen Geist zu schaffen. Er ist derjenige, der Licht
bringen soll in das Menschenleben."
    Diese Grundtendenz des Ganzen wird aber in den Schriften nicht bloß
hier und da ausdrücklich hervorgehoben, sondern durch den ganzen Inhalt
folgerichtig und zielbewußt zur Anwendung gebracht. Der Plan einer
Erneuerung des katholischen Lebens durch Anschluß an Kirche und Papst
erscheint wohlbegründet: in der Voraussicht einer durch eine gewisse
Neuerungssucht hervorgerufenen Zersplitterung der Geister im katho-
lischen Lager, welche auch die Gegner der Kirche ermutigt und einen
gewaltigen Sturm über die Kirche hereinbrechen läßt. Daher nichts zweck-
entsprechender als die Winke, Belehrungen und Ermahnungen zur Erneue-
rung des übernatürlichen, kirchlichen, treupäpstlichen Geistes, wie sie die
Schippacher Schriften bieten. Dem allen dienen die ständigen Aufforderun-
gen zum Gebet, zu Opfer und Sühne, zur öfteren Kommunion, zur Hoch-
haltung des jungfräulichen Standes, zum Anschluß an Priester, Bischöfe und
Papst, zum mutigen Bekenntnis des Glaubens; insbesondere auch die Auf-
forderungen an den Klerus, von der ihm übertragenen Gewalt und Autorität
mutig Gebrauch zu machen und furchtlos den Mächtigen der Erde gegen-
überzutreten in Verteidigung der Wahrheit, der Rechte und der Freiheit der
Kirche. Für letzteres diene als Beispiel das am 2. Freitag im Dezember 1895
dem Heiland in den Mund gelegte Wort: ,,O ihr Diener meiner Kirche, höret
die Stimme eures Meisters, fürchtet nicht diejenigen, die euch gegenüber-
stehen.
   Denn wisset, daß die Gewalt, die euch gegeben, kein Mensch auf der
ganzen Erde hat, auch nicht die mächtigsten; darum sollt ihr ihnen frei ent-
gegentreten, und wenn sie eure Stimme nicht hören, will ich an dem Felsen
Petri ihr Haupt zerschmettern und auf den Trümmern ihrer Throne meine
Kirche aufblühen lassen. Siegreich wird meine Kirche hervorgehen aus allen
Kämpfen, die man ihr bereitet; denn von Süden bis Norden, und von Westen
bis Osten will ich meine Kirche ausbreiten; ehe aber dies geschieht, wird ein
großes Blutbad die Erde tränken und ein Wehegeschrei wird die ganze Welt
erfüllen, wenn sie sich nicht bekehren."
   In dieser ihrer konstant entwickelten Gesamttendenz erscheint die Wirk-
samkeit der Schippacher Schriften deutlich als bewußte und durchaus
zweckdienliche Gegenaktion gegen den modernen Irr- und Unglauben,
insbesondere gegen den Liberalismus und Sozialismus, und vor allem
gegen eine gewisse Neuerungssucht unter den Katholiken, welche Barbara

                                    237
Weigand unter der Bezeichnung ,,Neukatholizismus" bekämpft. Sie sieht in
letzterem eine Richtung, welche die Welt durch Konzessionen an den
Zeitgeist zu gewinnen sucht, dabei aber dem Feinde soweit Tür und Tor
öffnet, daß sogar Wahrheiten, wie die Ewigkeit der Höllenstrafen, in Zwei-
fel gezogen werden (20. Okt. 1900). Diesen Neukatholizismus erblickt sie
auch in dem Bestreben, die historische Wahrheit des wunderbaren Lebens
und Wirkens der Heiligen anzuzweifeln (26. Dez. 1899), und besonders in
der zum großen Ärgernis des gläubigen Volkes in öffentlichen Blättern
geübten Kritik an Begnadigten und deren Visionen (29. Okt. 1899). Sie findet
in dem Neukatholizismus ein Vergessen der großen Wahrheit, daß die
Kirche nur mit übernatürlichen Waffen, hauptsächlich mit dem Gebete
siegen kann, und ein zu großes Vertrauen auf weltliche, natürliche Hilfs-
mittel (27. Dez. 1901). Sie vernimmt, daß dieser verkehrte, neologische,
naturalistische Geist in Amerika und in Deutschland die Katholiken bedroht
(Amerikanismus und Modernismus). Besonders apostrophiert sie einen
Priester in Bayern, der an der Hochschule mit diesem Geiste seine Schüler
vergifte und ihn durch seine Schriften in ganz Deutschland verbreite
(20. Okt. 1900). An anderer Stelle nennt sie in diesem Zusammenhang Würz-
burg. Es ist ganz offenbar, daß der Modernismus Schell'scher Richtung
gemeint ist.
   Barbara Weigand unternimmt es jedoch nicht, diese Strömungen des
Zeitgeistes etwa mit irgend welchen der Wissenschaft abgelauschten Worten
zu bekämpfen. Ihre Gesichte decken schlicht, aber mit beachtenswerter
Treffsicherheit, die Gefahren auf, welche dieser Neukatholizismus für das
katholische Leben bietet. Und niemand wird leugnen wollen, daß die
Gegenmittel, welche Barbaras Visionen empfehlen, nicht ganz und gar einer
wahrhaft erleuchteten kirchlichen Kampfestheorie entsprechen.
   Die Gesamttendenz der Weigand'schen Visionen ist also vollkommen
klar: Erneuerung des katholischen Lebens durch Stärkung der übernatür-
lichen, kirchlichen, päpstlichen Gesinnung zum Kampfe gegen den moder-
nistischen Zeitgeist.
   Nun stelle man dieser Gesamttendenz alle die wirklichen oder vermeint-
lichen Mängel gegenüber, wie sie etwa Brander in den besagten Schriften
finden will. Vermag irgend einer derselben oder, vermögen sie alle zusam-
mengenommen an der festgestellten Gesamttendenz irgend etwas zu
ändern? Mitnichten. Wie ein edler Fruchtbaum an seinem Stamme mit
manchen Runzeln bedeckt, von allerhand Auswüchsen hier und da besetzt,
in seinem Gezweig manches dürre Ästchen, manches vergilbte Blatt, manch
taube Frucht tragen mag, während der gesunde Wuchs seines Stammes, der
Reichtum seines grünen Blattschmuckes und die Fülle seiner prangenden
Edelfrüchte allen Mißwachs vollkommen verschwinden läßt, so tun auch

                                    238
die Fehler und Mängel der Schippacher Schriften der überragenden herr-
lichen Gesamttendenz und Gesamtwirkung keinen wesentlichen Eintrag.
    Der edle Stamm dieser Schriften trägt vielmehr ein Leben in sich, das wie
alles gesunde organische Leben, alle etwa eingeschlichenen kranken Stoffe
von selber ausscheidet. Nicht umsonst ruhen die Wurzeln dieses Stammes
in dem Felsen Petri; nicht umsonst greift seine Blätterkrone hinaus in die
reine Atmosphäre des kirchlichen Geistes. Aus diesem Boden und aus dieser
Atmosphäre empfängt der Stamm des Weigand'schen Werkes jenes gesun-
de katholische Leben, das von selbst gegen jede ihm fremden Stoffe reagiert,
die sich etwa eingeschlichen haben. Die aktive Unfehlbarkeit des Papstes
und der Kirche wirkt die passive Unfehlbarkeit aller derer, die sich dem
Papst und der Kirche treu anschließen. Wer auf dem Felsen Petri steht, d.h.
auf einem Boden der Kirche, kann sich wohl momentan irren, er kann aber
nicht hartnäckig im Irrtum verharren. Nur der hartnäckig am Irrtum Fest-
haltende ist dem irr- und ungläubigen Lügengeiste der Höllenpforten
verfallen: Diese Pforten der Hölle aber werden niemals die auf dem Felsen
Petri gebaute Kirche überwältigen und darum auch alle diejenigen nicht,
welche sich in dieser Kirche an den Felsen Petri anklammern. Letzteres tut
aber Barbara Weigand in dem ganzen Zusammenhang ihrer Schriften. Also
ist es unmöglich, daß sie im ganzen Zusammenhang ihrer Schriften vom
bösen Feinde getäuscht worden sei.
   Indem wir aussprechen, daß hierfür die Theologen in den Weigand'schen
Schriften die deutlichsten Anzeichen finden können, vermeiden wir jedoch
sorgfältig ein Urteil abgeben zu wollen. Die Frage, ob diese Schriften im
großen und ganzen oder auch nur in einzelnen Teilen auf außerordentlicher
Eingebung beruhen, oder ob sie auf gewöhnliche Weise zustande gekom-
men sind, überlassen wir gänzlich dem Urteile des Apostolischen Stuhles,
der sich nach den Dekreten Urbans VIII. die Entscheidung solcher Fragen
vorbehalten hat. Uns genügt es, deutliche Anzeichen gefunden zu haben,
welche die Theologen zu der Annahme bestimmen müssen, daß Barbara
Weigand im ganzen Zusammenhang mit ihren Schriften nicht vom bösen
Feinde getäuscht worden ist. Denn mehr als die menschlichen Irrtümer
fesselten uns bei der Lektüre der Weigand'schen Schriften die Herrlich-
keiten katholischer Wahrheit und Gnade, welche diese Schriften unver-
kennbar in sich tragen und kundtun, und zwar derart, daß es doch nur ein
von dem hoffärtigen Weltgeiste sehr getrübtes Auge sein muß, welches
unter der schlichten Hülle, unter den oft eckigen Worten und schlecht gefüg-
ten Sätzen Barbaras nicht den Geist des Herrn gewahrt, der eben weht, wo
er will.
   Voll Kraft erhebt dieser Geist des Herrn in jenen Schriften als Geist vom
Felsen Petri, als Geist der echten Kirchlichkeit, als Geist des wahren über-

                                    239
natürlichen Lebens seine Schwingen. Wie brausender Orgeltton und voller
Glockenklang aus der Heimat der katholischen Seele muten diese so ganz
ultramontan gesehenen Visionen, die rückhaltlos klerikal geprägten Anmu-
tungen, diese ganz und gar der übernatürlichen Ordnung entprechenden
Lebensregeln an. Was verschlägt es, daß dabei ein Gedanke theologisch viel-
leicht nicht ganz korrekt zum Ausdruck kommt, daß eine Bibelstelle nicht
richtig zitiert wird, daß das brennende Feuer der Gottes- und Nächstenliebe
in Worten lodert, die unserem veralteten Sinne fremd geworden sind. Wer
so, wie die Seherin von Schippach mit beiden Füßen auf dem Felsen Petri
steht, wer so wie sie mit allen seinen Gedanken und Strebungen im Herzen
der Kirche wurzelt und lebt, der kann, wie gesagt, wohl momentan irren,
aber er verirrt sich nicht und führt noch weniger andere in Irrtum. Denn sein
Lebensschiff besitzt den Kompaß, der jede Abweichung vom rechten Kurs
alsbald korrigiert, er hält sich an die so viel verhöhnte katholische Elle,
welche auch die kleinste Ungenauigkeit im Denken und Leben sofort erken-
nen läßt und alles auf das rechte katholische Maß zurückführt.


VIII. Trägerin von Privatoffenbarungen
   Wir haben nicht bloß den inneren Zusammenhang der Schippacher
Schriften unter sich, sondern auch den Zusammenhang der ganzen Angele-
genheit zu prüfen; und darum ist - gemäß dem zweiten Punkte unserer
ersten Hauptfrage - auch der äußere Zusammenhang jener Schriften mit der
Person ihrer geistigen Urheberin ins Auge zu fassen. Denn wenn auch, wie
wir zuletzt gesehen, die bewußten Schriften keine Anzeichen einer
Täuschung der Barbara Weigand bieten, so wäre es immerhin möglich, daß
doch in der Person von Barbara Weigand solche Anzeichen vorhanden
wären. Es könnte vielleicht zutreffen, daß Barbara eine Person wäre, die
ihrer Gesamttendenz nach aussprechen, gar nicht in Betracht gezogen
werden dürfte.

   Trifft dies indessen wirklich zu? Liegen Anzeichen vor, welche die Theo-
logen zur Annahme bestimmen müßten, daß Barbara Weigand im ganzen
Zusammenhang jener Schriften mit ihrer Person, d.h. über die Berufung
ihrer Person zur Verkündigung einer Erneuerung des katholischen Lebens,
vom bösen Feinde getäuscht worden sei?

   Ausdrücklich betonen wir wiederum, daß wir auch hier die Frage nach
einem tatsächlich vorliegenden visionären oder Prophetenberuf der Jung-
frau Barbara unberührt lassen. Unsere Frage ist vielmehr die, ob Gott, ganz
abgesehen von einer außerordentlichen Berufung, in der gewöhnlichen
Ordnung seiner Vorsehung eine Person von der Art Barbara Weigands zur
Erfüllung einer so bedeutenden Aufgabe wohl berufen haben dürfte.

                                    240
   Fassen wir die Persönlichkeit der Jungfrau von Schippach näher ins
Auge. Aus sehr achtbarer, gut katholischer Familie des etwas abgelegenen
Spessartdörfchens Schippach stammend, von guten Anlagen des Geistes
und Herzens, ländlich einfach erzogen, mit guter Volksschulbildung gehört
Barbara ihrer religiösen Gesinnung nach zu jenen Personen, die nach den
Worten des hl. Paulus pie vivere volunt, d.h. bestrebt sind, ein frommes
Leben zu führen: Ihre Seelsorger behaupten, daß dieses ihr Streben die
Zeichen wahrer und erprobter Tugend an sich trage. In diesem Streben ver-
ließ Barbara als junges Mädchen ihr Heimatdorf, in welchem sie ihren
Wunsch nach öfterem Empfange der hl. Kommunion nur schwer erfüllen
konnte, um in der Stadt Mainz, wo ihr die öftere Kommunion eher möglich
war, bei Verwandten, die eine kleine aber sehr anständige Gastwirtschaft
führten, in Dienst zu treten. Hauptsächlich während der seit dieser ihrer
bescheidenen Dienstbotenstellung glaubt sie den göttlichen Ruf zur Erfül-
lung der oben genannten Aufgabe zu vernehmen.

    Offenbar ist also Barbara Weigand eine jener, einfachen, frommen Seelen,
von welchen die Welt und die in deren Geist Gebildeten, die Männer moder-
ner Wissenschaft, die führenden Persönlichkeiten der Zeitgeiströmungen
und die Aufpeitscher der öffentlichen Meinung sich wenig beeinflussen
lassen. Der Kurswert des Ansehens solcher frommer Personen steht gerade
auch in den von dem Zeitgeist berührten Kreisen im katholischen Lager
heute nicht hoch. Und doch will in unserem Falle eine dieser verkannten
Personen eben auf die genannten Kreise Einfluß gewinnen. Noch mehr,
diese einfache Dienstmagd richtet den Aufruf zu einer katholischen Welt-
erneuerung selbst an die Mächtigen der Erde, die Fürsten, an die Führer im
Gebiet der Politik und des sozialen Lebens, ja sogar an die kirchliche Auto-
rität, an Priester, Bischöfe und Papst. Rein natürlich betrachtet scheint da
doch eine kaum überbrückbare Kluft zwischen der Niedrigkeit der rufenden
Stimme und der Erhabenheit und Schwierigkeit ihrer Aufgabe zu stehen.

    Es hat denn auch an solchen nicht gefehlt, welche auf diese Kluft nach-
drücklich aufmerksam machten und in ihr ein sprechendes Anzeichen dafür
finden wollten, daß Barbara Weigand über ihren reformatorischen Beruf
sich einer bedeutenden Selbsttäuschung hingebe. Das Auge des Glaubens
und das der Theologie muß jedoch eine solche Sache im übernatürlichen
Lichte betrachten. Und da ergeben sich über die niedrigen Gefäße göttlicher
Auserwählung wesentlich andere Urteile. ,,Um zu wissen," sagt der katho-
lische Staatsmannn Donoso Cortes, ,,was ich glauben soll, blicke ich nicht
auf die Philosophen, sondern auf die Lehrer der Kirche; ich frage nicht die
Weisen, sie könnten mir nicht antworten; ich frage vielmehr fromme Frauen
und Kinder, zwei Gefäße des Segens, weil das eine gereinigt durch Tränen,
und das andere noch mit dem Dufte der Unschuld umgeben ist."


 241
   ,,Für mich," betont derselbe an anderer Stelle, ,,ist im Leben der Heiligen
und besonders der Väter der Wüste ein Umstand der merkwürdigste, der,
wie ich glaube, noch nicht gehörig gewürdigt wurde. Der Mensch, welcher
gewohnt ist, mit Gott zu verkehren und sich in göttlichen Betrachtungen zu
üben, übertrifft, wenn sonst alle Umstände gleich sind, alle übrigen ent-
weder durch die Intelligenz und Stärke seiner Vernunft, oder durch die
Sicherheit seines Urteils, oder durch seinen durchdringenden, scharfsinni-
gen Geist; aber überdies kenne ich keinen, der sich nicht vor den anderen
durch jenen praktischen und weisen Sinn auszeichnet, den man den gesun-
den Menschenverstand heißt. Würde das Menschengeschlecht nicht alles
meistens von verkehrter Seite ansehen, es müßten unter allen Menschen die
Männer der Gotteswissenschaft zu seinen Räten wählen, unter ihnen die
Mystiker, und unter diesen die, die von der Welt und ihrem Treiben am
zurückgezogensten leben. Unter den Personen, die ich kenne, und ich kenne
deren viele, sind jene, die ein kontemplatives und zurückgezogenes Leben
führten, die einzigen, in denen ich einen unverwüstlichen gesunden Ver-
stand, einen wahrhaften Scharfsinn und eine wundervolle Fähigkeit erkannt
habe, um den schwersten Problemen praktische und verständige Lösungen
zu geben, und stets in den schwierigsten Angelegenheiten eine Ausflucht
oder einen Ausweg zu finden; dagegen traf ich noch keinen jener vorge-
nannten Geschäftsmänner an, welche die geistlichen Betrachtungen und die
göttlichen Kontemplationen verachten, der irgend eine Angelegenheit
gehörig anzugreifen wüßte. Zu dieser sehr zahlreichen Klasse gehören jene,
welche die übrigen zu täuschen versuchen und sich selber zuerst täuschen."
   Die wunderbare Demut vollkommener Glaubensgesinnung, mit welcher
ein Riesengeist wie Donoso Cortes sich in diesen Worten vor den aus dem
höheren Gebete gewonnenen Verstandeskräften der in Zurückgezogenheit
lebenden frommen Seelen verbeugt, ist unserer Zeit vielfach fremd gewor-
den. Letztere glaubt fast nur noch an die auf dem Wege natürlicher Geistes-
dressur gewonnenen Kräfte des Intellektes. Schell und seine Würzburger
Modernistenschule verkünden die Irrlehre: ,,Ohne planmäßige wissen-
schaftliche Arbeit gibt es für den Menschen keinen Wahrheitsbesitz." Das ist
die hochfahrende Leugnung all jener Wahrheitserkenntnis und wahren
Geistesbildung; die auch auf nicht spezifisch wissenschaftlichem Wege
errungen werden kann, vor allem auch auf dem Wege der einfachen
Glaubenserkenntnis, und nicht selten in jenem Schauen, welches der Heili-
ge Geist verleiht, der da weht, wo er will. Der Geistes- und Wissensstolz
unserer Tage dürfte wohl eine der Hauptursachen sein, welche die öffent-
liche Meinung zu der Annahme verleitet, daß die nicht wissenschaftliche
Geistesbildung kontemplativer Seelen von der Art einer Barbara Weigand
der Welt nichts zu bieten vermöge. Dieser Geistesstolz der Geschäftsmänner
moderner Wissenschaft, der sich und andere so gründlich täuscht, ist es, der

                                     242
die unter der Niedrigkeit und Zurückgezogenheit verborgenen wunder-
vollen Fähigkeiten kontemplativer Naturen, ihren gesunden und prak-
tischen Verstand, ihren wahren Scharfsinn und ihr sicheres Urteil betreffs
der geistlichen und weltlichen Dinge verkennt, und in ihnen nur Täuschun-
gen vermutet.
   Die wahre, und darum demütige und bescheidene Wissenschaft aber,
und besonders die Glaubenswissenschaft oder Theologie stellt sich in der
Bewertung des im Gewande der Schwäche und Niedrigkeit wandelnder
Kontemplation ganz auf den Standpunkt von Donoso Cortes. Der hl.
Thomas von Aquin weist nach, daß es durchaus angemessen ist, wenn Gott
die Gabe himmlischer Erleuchtung öfter Ungebildeten als gebildeten und
öfter Frauen als Männern verleiht, und einen Hauptgrund dafür findet er
darin, daß bei Ungebildeten und bei Frauen im allgemeinen mehr Demut
und darum auch mehr Gnade zu finden sei als bei Gebildeten und Männern.
   Es mag also die persönliche Note der Schippacher Schriften auf ein nur
bescheidenes Niveau allgemeiner Bildung hinweisen; es mag ihre Sprache
nicht bloß der feinen Politur und manchmal der Urbanität entbehren,
sondern auch in ungeschickten, mißverständlichen und verkehrten Aus-
drücken reden; es mag das ganze Milieu von Menschen und Verhältnissen,
in dem sie entstanden und dem sie angepaßt sind, nur die Welt des Alltags,
der breiten Schichten des Volkes sein; es mag die Welt in diesen Schriften
gemalt sein, wie sie sich eben aus im Geiste einer einfachen Dienstmagd
malt: das alles hindert nicht, daß die Urheberin dieser Schriften wirklich von
Gott mit der großen Aufgabe betraut sein könnte, welche sie in ihren
Schriften angibt.
   Ja, es will uns bedünken, daß die göttliche Vorsehung in den Tagen des
geistesstolzen Modernismus zur Ausführung ihres Welterneuerungsplanes
kaum eines geigneteren Werkzeuges sich bedienen könnte, als gerade einer
aller höheren Bildung entbehrenden Magd des Herrn. Als in ähnlichen Zeit-
läufen die hl. Katharina von Siena den Herrn einst fragte; warum er gerade
sie, eine unnütze und gebrechliche Jungfrau, mit einer erhabenen und
schwierigen Mission betraue, da antwortete Jesus: ,,Wisse, meine Tochter,
heutzutage hat der Stolz in der Welt, besonders bei jenen, die sich für gelehrt
und weise halten, so überhand genommen, daß meine Gerechtigkeit sie
nicht mehr ertragen kann. Weil aber meine Barmherzigkeit über alle meine
Werke geht, so habe ich für ein Mittel gesorgt, das ihnen Rettung bringt,
wenn sie es demütig annehmen. Das eigentliche Heil- und Strafmittel des
Stolzes ist die Beschämung und die Verdemütigung; und darum will Ich,
daß diese, die in ihren Augen weise sind, gedemütigt und beschämt werden,
wenn sie sehen, wie schwache Geschöpfe, gebrechliche Jungfrauen ohne alle
natürlich erworbene Wissenschaft, ohne Welterfahrung, ohne alles Studium,

                                     243
ohne alles menschliche Zutun, einzig und allein mit der vom Geber aller
guten Gaben eingegossenen Weisheit begabt, meine Lehre und die wahre
Wissenschaft der Heiligen erfassen, die verborgenen Geheimnisse meines
Vaters kennen, durch die Kraft des Wortes und das Beispiel des Lebens
meine Lehre in der Welt verbreiten, und dieselbe durch Zeichen und
Wunder bekräftigen. Ich werde jetzt tun, wie Ich getan habe, als Ich auf
Erden weilte; damals habe Ich ungebildete Männer gesendet, Fischer ohne
Gelehrsamkeit, aber voll der Wissenschaft und Kraft des heiligen Geistes.
Ebenso will Ich dich und andere unwissende Frauen und ungelehrte
Männer zur Beschämung jener Stolzen senden; wenn sie diese Beschämung
annehmen sich verdemütigen und bekennen, daß Mein ist die Weisheit und
Mein alle Kraft, wenn sie Meine, durch schwache und gebrechliche Werk-
zeuge verbreitete Lehre mit Ehrfurcht annehmen, dann werden sie die Fülle
meiner Erbarmung zu verkosten bekommen, und jene Beschämung wird
ihnen ein Heilmittel sein zur Rettung. Werden sie aber trotz dieser Beschä-
mung in ihrem gewohnten Stolze verharren und meinen Namen nicht
bekennen, sondern fortfahren, Mich in Meinen Dienern zu verachten, indem
sie diese verachten, dann sollen sie wissen, daß Ich in meiner Gerechtigkeit
geschworen habe, so viele Beschämungen über sie zu bringen, daß sie von
allen Geschöpfen mit Füßen getreten und verachtet werden. Und wenn sie
ewig in ihrem Stolze verharren, werden sie, auch ewige Schande als Strafe
erdulden; in der Bitterkeit ihres Herzens und in fruchtloser Reue werden sie
sich dann in demselben Grade sogar unter sich selbst erniedrigt sehen, als
sie zuvor bestrebt waren, sich über sich selbst zu erheben."
   Der Modernismus hat sich bis jetzt in seinem Stolze über alles, was über-
natürliche Autorität ist auf Erden, erhoben. Auch über die Stimme des höch-
sten Lehrers und Gesetzgebers in der Kirche hat er sich freventlich hinweg-
gesetzt. Noch immer schleicht diese verderbliche Pest in der Kirche Gottes
heimlich weiter, wie der Hl. Vater Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika
betonte. Was könnte der göttlichen Weisheit und Barmherzigkeit angemes-
sener erscheinen, als daß sie dem verstockten Hochmut des Modernismus
gegenüber nun das letzte und eigentliche Heil- und Strafmittel des Stolzes,
die Beschämung, anwendete? Der Modernismus gedachte das katholische
Leben zu erneuern, zu modernisieren im Geiste des Naturalismus, der
Entklerikalisierung, der Entultramontanisierung. Welche gründlichere
Beschämung könnte ihm zu teil werden, als die Irrgänge und Gefahren
dieser seiner Bestrebungen durch eine ganz ungebildete, ungelehrte Person
erkannt, aufgedeckt und nicht durch den Apparat der Wissenschaft,
sondern einzig durch die Kraft des einfachen Glaubens siegreich bekämpft
zu sehen? Welche Beschämung für den Modernismus, das Werk der Welt-
erneuerung, mit dem er sich brüstete, in einem ganz anderen und wahrhaft
katholischen Sinn durchgeführt zu sehen vermittelst einer jener frommen

                                    244
demütigen Seelen, die er selber mit seinem Hohn und Spott, mit aller
erdenklichem Schmach und mit einer Grausamkeit sondergleichen ver-
folgte?
   Was also die Person Barbara Weigands betrifft, dürfte weder die Niedrig-
keit ihres Standes, noch der Mangel höherer Bildung, noch auch die unsäg-
liche Verachtung und Schmach, mit welcher die Verfolgungssucht des
modernistischen Zeitgeistes sie bekleidet hat, irgend ein Anzeichen bieten,
welches die Theologen zu der Annahme bestimmen müßte, Barbara
Weigand sei über ihre Berufung zur Verkündigung einer Erneuerung des
katholischen Lebens vom bösen Feinde getäuscht. Im Gegenteil, auch nach
dieser Seite rechtfertigt der ganze Zusammenhang der Angelegenheit die
Annahme, daß Barbara über ihre Berufung sich nicht irren dürfte.

IX. Liegt Täuschung vor ?
   Wir schließen hier noch ein Wort an über die Frage, ob Barbara Weigand
über das große Ganze ihrer Schriften vielleicht durch die eigene, und zwar
krankhafte Phantasie getäuscht sein dürfte. In Anbetracht der kirchlichen
Korrektheit der Gesamttendenz jener Schriften erscheint es allerdings wenig
angebracht, die Diskussion auch auf diesen Punkt auszudehnen. Allein die
Bestimmtheit, mit der Brander und die ihm folgende Presse die ganze
Angelegenheit von Schippach im letzten Grund auf hysterische Krankheit
Barbaras zurückführt, zwingt uns, diese Frage zu berühren.
   Weil Barbara selbst erwähnt, daß ihr Leiden seit ihrem 25. Jahre dauere,
schließt Brander ohne weiteres, daß die Seherin von Jugend an an Hysterie
gelitten habe. Daß Barbara unter jenem Leiden ein anderes Kranksein
versteht, da sie in den Schriften vielfach ausdrücklich betont, daß ihr mysti-
sches Leiden nicht Hysterie sei, das zieht Brander nicht in Erwägung.
   Mit derselben Leichtfertigkeit sucht er aus den Worten Christi an
Barbara: ,,Deine Nerven sind zerrüttet" einen Beweis für die Hysterie der
also Angeredeten zu machen. Jede nicht tendenziöse und ungezwungene
Kritik wird finden, daß die angeführten Worte viel eher einen Nervenschock
oder sonst eine der vielfältigen Arten von Nervendepression bezeichnen
wollen, keineswegs aber Hysterie. Auch erscheint an jener Stelle die Erre-
gung der Nerven als eine Folge des mystischen Leidens und Schauens, und
nicht als die Ursache desselben.
   Weil Barbara den Herrn und seine Mutter sagen läßt, daß noch nie das
Kreuz so sehr geflohen worden sei, wie heute, daß noch nie der Glaube so
sehr geschwunden, daß es noch in keinem Jahrhundert so viele Heilige
gegeben habe, wie in diesem, bricht Branden in die Worte aus: ,,Wer so über-
treibt, hat das Recht verwirkt, für normal genommen zu werden." Brander

                                     245
hat offenbar keine Ahnung davon, welche scheinbar übertriebenen Urteile
in den Privatoffenbarungen frommer und auch heiliger Personen vor-
kommen. Der selige Heinrich Seuse sagt in seinem Büchlein von den neun
Felsen: ,,Wisse, der größte Teil der jetzt lebenden Menschen macht die
heilige Ehe zu einer Mistgrube; denn sie leben darin, wie das Vieh." Oder:
,,In vielen hundert Jahren waren die Menschen nicht so böse, als sie jetzt
sind." Ähnliche scheinbar übertreibende Urteile kommen übrigens auch in
den Werken sonstiger Schriftsteller und gerade auch von solchen aus neue-
ster Zeit mannigfach vor. So schreibt z. B. der Jesuitenpater Cohausz in einer
seiner apologetischen Schriften: ,,In keinem Jahrhundert wurde das kritik-
lose Nachreden so sehr bekämpft, in keinem die Eigenforschung, das Studi-
um der ersten Quellen so sehr gefordert, als in dem unsrigen... In keinem
Jahrhundert ferner war das blinde jurare in verba magistri so verpönt als in
dem unsrigen." Man kann hinter solche Sätze vielleicht ein Fragezeichen
einklammern; aber die Autoren, einerlei ob sie nun Heinrich Seuse, Otto
Cohausz oder Barbara Weigand heißen, ohne weiteres für anormal oder
hysterisch erklären, das heißt doch die Kritik in einer schlechthin ungerech-
ten und lieblosen Weise übertreiben. Und gerade solcher Übertreibung
macht sich Brander schuldig, indem er wegen der ihm übertrieben schei-
nenden Worte Barbaras letztere kurzerhand für anormal und hysterisch
erklärt.

   Man sieht, wie schwach es mit dem mit so großem Selbstbewußtsein und
so großer Bestimmtheit vorgetragenen Anwürfen Branders bestellt ist. Auf
den ersten oberflächlichen Blick vermögen sie den Unkundigen zu
täuschen. Bei näherem Zuschauen aber zerfallen die Branderschen
Argumente wie Staub.

   Dies erfährt man auch dort, wo Brander die hysterische Veranlagung
Barbaras aus den, übrigens verhältnismäßig wenigen, Vexationen beweisen
will, die Barbara von seiten des Teufels auszustehen hatte. Er erwähnt die
bei Barbara vorgekommenen Erstickungsanfälle, Grimassen, höllisches
Gelächter u. dgl., schlägt dabei dem geduldigen Leser verschiedene medizi-
nische Werke vor, wie Kapellmann, Bergmann, Familler und ,,beweist" aus
denselben, daß dies alles bei Hysterischen vorkomme. Ergo muß Barbara
Weigand hysterisch sein! Daß dieselben Vorkommnisse fast bei allen Begna-
digten, und zwar bei den meisten viel häufiger und intensiver zu finden
sind, als bei B. Weigand, weiß Dr. Vitus Brander entweder nicht oder will es
nicht beachten. Seit der Heiland der hl. Magdalena von Pazzi eine derartige,
und zwar fünfjährige Reihe von teuflischen Plagereien mit den Worten
ankündigte, Magdalena werde in eine Löwengrube geworfen, ist in den
meisten Lebensbeschreibungen von Heiligen und Begnadigten unter dem
Titel ,,Die Löwengrube" ein eigenes Kapitel zu finden, in welchem die

                                     246
dämonischen Vexationen beschrieben werden, welche die betreffende
Person zu erleiden hatte. Brander könnte in der Löwengrube einer Christina
Mirabilis, Rosa von Lima, Franziska Romana, eines hl. Petrus von Alkantara,
Paschalis, des ehrw. Dominikus von Jesus Maria, der Veronika Giuliani, der
sel. Kreszenzia Höß, der gottsel. Anna Katharina Emmerich Vorkommnisse
finden, die er an der Hand von Zitaten aus Kapellmann, Bergmann und
Familler noch viel effektvoller als Wahrzeichen von Hysterie dartun könnte,
da die betreffenden Vorkommnisse dort noch weit heftiger und schreck-
licher auftraten als bei Barbara Weigand. Wenn der Teufel die Barbara
Weigand während des Gebetes einmal zum Lachen reizt, wenn er ein ander-
mal zu furchtbarem Schreien, zu Grimassenschneiden veranlaßt oder sie
den Namen Jesus nicht aussprechen läßt und bewirkt, daß Barbara ihre
Freundinnen mit höllischem Gelächter auslacht, so sind dies alles doch recht
unbedeutende Wahrnehmungen gegenüber derartigen Dingen, wie solche
z.B. im Leben der Ekstatischen Klara Moes mitgeteilt werden.
   Da Brander schon aus einigen Grimassen auf Hysterie schließen will, was
für bedeutende Merkmale von Hysterie würde ihm die Lebensgeschichte
der Klara Moes bieten, wenn er dort liest, wie der Teufel zur Nachtzeit mit
Klara umgesprungen, sie körperlich mißhandelt hat bis zum Blutvergießen,
wie selbst geweihte Gegenstände gegen die teuflischen Plagen keine
Wirkung gezeigt, wie Klara beim Aussprechen des Namens Jesu vom Teufel
beim Halse gepackt und fast erwürgt wird; wie sie im Beichtstuhl durch
Teufelstrug das Gegenteil von dem hört, was der Beichtvater sagt, oder nur
Lästerungen aus seinem Munde vernimmt; und erst, wie sie der Teufel zum
Selbstmord verleiten will, ihr Messer, Gift und Strang auf den Tisch legt; wie
der Teufel sie sogar einmal zwingt, Gift zu nehmen, das sie aber sogleich
erbrechen muß; wie der Beichtvater ihr ein Schlächtermesser abnehmen
muß, welches ihr der Teufel auf dem Wege zum Beichtstuhl zum Zweck des
Selbstmordes zugesteckt; wie der Teufel sie zwingt Dinge zu sagen oder zu
schreiben, die sie selber in keiner Weise billigt; wie sie eines Tages vom
Teufel veranlaßt wird, ihr Kloster zu verlassen, und dann in Trier vor dem
Dom zur Mittagszeit vom Teufel in die Luft erhoben und nach Paris und
Berlin entführt wird, wo sie entsetzlichen Teufelsorgien beiwohnen muß;
wie der Teufel sie von Berlin durch die Luft nach einem Urwalde bringt, aus
dem sie dann durch die Mutter Gottes in majestätischem Fluge über Land
und Meer zu dem Wallfahrtsorte Eberhardsklausen in der Diözese Trier
geführt wird. Sind dies nach Brander nicht recht grobkörnige hysterische
Phantasien? Die Prüfungskommission von Maredsous und das hl. Offizium
in Rom indessen waren anderer Ansicht. Sie haben selbst in diesen Dingen
keine Anzeichen gefunden, die zu der Annahme bestimmen mußten, daß
das Werk von Moes dasjenige einer hysterischen oder vom Teufel getäusch-
ten Person sei.

                                     247
   Was dürfte Brander bezüglich einer hysterischen Veranlagung der
Seherin von Schippach bewiesen haben? Nichts, als daß er einen neuen
Beleg für die Wahrheit erbringt, welche der Bekannte italienische Geistes-
mann Joseph Frassinetti in den Worten ausspricht: ,,Leider bekunden so
viele Priester die gröbste Unwissenheit in mystischen Dingen. Einige gehen
in ihrem Unverstande so weit, alles derartige zu verachten und glauben
besonders vorurteilsfrei zu sein, wenn sie jede einigermaßen außerordent-
liche Gnade für eine Ausgeburt einer krankhaften Phantasie halten."

X. Ist das große Ganze der Schriften katholisch ?
  Der dritte Punkt unserer ersten Hauptfrage betrifft in Zusammenhang
der Schippacher Schriften mit den praktischen Unternehmungen von
Barbara Weigand, dem eucharistischen Liebesbund und dem Bau der
Sakramentskirche in Schippach.
   Ist das große Ganze der Weigand'schen Schriften katholisch, dann
werden diese Schriften in diesem ihrem katholischen Charakter durch die
Projekte, in welchen die Jungfrau von Schippach die Gesamttendenz ihrer
Ideen praktisch zu verwirklichen begann, nicht im geringsten beeinträch-
tigt. Denn der Gehalt und Charakter dieser Projekte ist unzweifelhaft
katholisch.
   Wie sollen wir ihn näher schildern? Vielleicht dürfen wir an ein Wort von
P. A. M. Weiß O. Prae. erinnern. Dabei wissen wir freilich nicht, ob dieser
jemals etwas von Schippach zu hören bekam. Aber in seiner herrlichen
Apologie des Christentums schließt er seine Vorträge über die soziale Frage
mit einem Passus, in welchem der Gedanke jener Papst-Sühne- und
Friedenskirche, deren Fundamente später in dem stillen Elsavatale zu
sprießen begannen, bereits vor 30 Jahren für die kommende Ära des Welt-
krieges folgendermaßen geschildert wird:
   ,,Es mehren sich die Kassandrastimmen, welche die Katastrophe für
unausbleiblich, für nahe bevorstehend klären. Sei es also, wenn es nicht
anders mehr sein soIl. Wir wollen uns nicht gegen den Lauf der Gerechtig-
keit zur Wehr setzen. Vielmehr geben wir uns der zuversichtlichen Hoff-
nung hin, daß die Welt, ob sie auch jetzt vom Reiche Gottes nichts hören
will, dem Worte zugänglicher wird, wenn die Tage der Heimsuchung die
Herzen für die Wahrheit empfänglicher gemacht haben. Emil Gregorovius
schildert in seinem Buche ,,Der Himmel auf Erden" den Vollzug des großen
Strafgerichtes, die kurze Dauer der Verblendung und die Frucht davon, die
Rückkehr der geläuterten Menschheit zu Gott. Das Ende des furchtbaren
Sturmes, sagt er, wird sein, daß die Menschen wieder den Gott ihrer Väter
suchen und ihm eine Sühnekirche erbauen. Ein schöner, tröstlicher Gedan-

                                    248
ke! Noch schöner und trostvoller wäre es, wenn die Gesellschaft nicht erst
die Sündflut abwartete, sondern schon zum voraus mit gemeinsamen
Bestrebungen eine Friedenskirche erbaute. Gewiß, Gott ließe sich noch
beschwichtigen, denn er kann dem Worte Friede und noch mehr der Tat des
Friedens nicht widerstehen. Die schönste, die segensreiche gottgefälligste
Friedenskirche aber wäre ohne Zweifel die nach christlichen Grundsätzen
eingerichtete Gesellschaft, die Gesellschaft unter Leitung der Kirche, die
Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden."
    Die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden durch Zurückführung
der Gesellschaft unter die Leitung der Kirche: Das ist nicht bloß die große
Idee, welche die P. Weiß'sche Apologie, sondern auch jene, welche die
Schriften der Barbara Weigand beherrscht. Und sie ist im Munde der letzte-
ren nicht weniger katholisch als im Munde vom P. Weiß. Wenn die Katho-
lizität dieser Idee noch irgend einer Bestätigung bedürfte, so hätte sie
dieselbe durch die Worte Pius X. empfangen, der eben diese Idee als den
eigentlichen Inhalt seines Programms der Erneuerung in Christus kenn-
zeichnete, als er schrieb: ,,Wir müssen die menschliche Gesellschaft, welche
den Pfad der Weisheit Christi verloren hat, unter die Leitung der Kirche
zurückführen."
   Schön und trostvoll nannte P. Weiß das Projekt dieser Idee der kirchlichen
Erneuerung der Gesellschaft durch die Erbauung einer Sühne- und
Friedenskirche auch einen monumentalen Ausdruck zu geben. Wer aber hat
diesen wundervollen Plan, und zwar offenbar ganz unabhängig von P.
Weiß, praktisch erfaßt? Niemand anders, als die demütige, ungebildete,
verachtete Jungfrau aus dem einsamen Spessarttale.
   Und wenn P. Weiß betont, daß diese Bestrebungen zur Erneuerung der
Welt vielleicht noch das göttliche Strafgericht abzuwenden vermögen, wer
hat auch diesen Gedanken praktischer anzuwenden gesucht, als Barbara
Weigand von Schippach? Noch schöner und trostvoller, so lauteten die
Worte. von P. Weiß, wäre es, wenn die Gesellschaft nicht erst die Sündflut
abwartete, sondern schon im voraus mit gemeinsamen Bestrebungen eine
Friedenskirche erbaute: Barbara Weigand wollte die Sündflut, welche sie
selber in ihren Schriften so oft signalisierte, nicht abwarten. Ihren inneren,
wenn auch noch dunklen, Weisungen folgend hat sie kurz vor dem Herein-
bruch der großen Weltkatastrophe den Bau ihrer Sühnekirche begonnen. Sie
hatte ihn in innigste Beziehung gesetzt zu dem großen eucharistischen
Welterneuerungsplane Pius X., indem sie die Kirche dem Andenken der
Kommuniondekrete dieses Papstes widmete, jener Dekrete über die früh-
zeitige, öftere und tägliche Kommunion, welche die göttliche Kraftquelle in
den kommenden Heimsuchungen für die Gläubigen werden sollte. Wer hat
die eucharistische Großtat Pius X. in ihrer providentiellen Bedeutung für die

                                     249
vorhandenen und noch hereinbrechenden Nöte des katholischen Volkes
tiefer erfaßt, als die schlichte Bauernmaid von Schippach? Hat irgend ein
Großer im Reiche der Theologie uns gesagt, daß die Kommuniondekrete des
zehnten Pius eine wahrhaft monumentale Dankesäußerung der katho-
lischen Zeitgenossen verlange? Niemanden war dieser Gedanke gekom-
men; nur die demütige Magd aus dem weltverlorenen Waldtal hat ihn
geäußert und auszuführen begonnen. Und soll dieser großartige und durch-
aus katholische Gedanke nun auf einmal weniger gut, ja schlimm und
gefährlich sein, weil der Welt- und Zeitgeist über die Urheberin eines
solchen Gedankens plötzlich das Übermaß seiner Verachtung und
Gehässigkeit ausgießt?

   Auch als die Fluten des göttlichen Strafgerichtes über die Welt herein-
brachen, hat Barbara die Bedeutung des begonnenen Sühnewerkes für die
Herstellung des Friedens nicht verkannt. Gewiß, so hatte P. Weiß geschrie-
ben, Gott ließe sich noch beschwichtigen, denn er kann dem Worte Friede
und der Tat des Friedens nicht widerstehen. Die Jungfrau von Schippach
hatte das Wort des Friedens, und zwar das allein wahre Wort des Friedens
verkündigt, als sie vor Jahren bereits den Heiland sprechen ließ: ,,Durch die
Kirche möchte ich der Welt den Frieden geben." Die Jungfrau von Schippach
hat auch die wahre Tat des Friedens verrichtet, als sie seit dem Ausbruch des
Weltkrieges in dem Werk der eucharistischen Welterneuerung und seiner
monumentalen Gedächtniskirche die Augen der Menschen, auf die wahren
Friedensquellen, wie sie nur in der katholischen Kirche sprudeln, hinlenkte.
Die Sakramentskirche in Schippach sollte erstehen gleichsam als die in Stein
gehauene Wahrheit, daß nur die nach den Grundsätzen der katholischen
Kirche eingerichtete und an den Gnadenquellen der katholischen Kirche
geläuterte und gestärkte Gesellschaft das wahre Gottes- und Friedensreich
auf Erden darstellt.

    Und daß diesem gläubigen Wort und dieser gläubigen Tat des Friedens,
falls die Menschen ihre Herzen dem allen nicht verschließen würden, auch
die unendliche Barmherzigkeit Gottes sich nicht verschließen werde, das
durfte Barbara Weigand nach den Worten des obengenannten Apologeten
mit Recht hoffen, und sie hat es gehofft mit all den Tausenden und
Hunderttausenden aus dem katholischen Volke, die, sozusagen mit katho-
lischem Instinkte, die wahre Bedeutung des Werkes von Schippach erfaßt
hatten. Im Verein mit diesen allen hatte Barbara ja durch die Gebetsgemein-
schaft des eucharistischen Liebesbundes schon längst das Werk der Erneue-
rung des Friedensreiches so inständig dem Himmel empfohlen. Wer wollte
leugnen, daß ein so mächtiger und volkstümlicher Feldzug des Gebetes und
der Erneuerung des Lebens, wie er in dem eucharistischen Liebesbund und
der Sakramentskirche inauguriert war, unter der entsprechenden Leitung

                                    250
und Förderung des Klerus ein gewaltiges Bollwerk gegen die Blutgier und
Kriegswut Satans geworden wäre? Wer wollte leugnen, daß, wenn irgend
etwas, so gewiß die Sühne- und Friedensarbeit in diesem Gnadenbund und
an dieser Gnadenstätte dem göttlichen Herzen Jesu das Machtwort des
Friedens abgerungen hätte?
   Aber während hunderte von Soldaten, zum Teil von ihren Offizieren
geführt, ihren Weg zum Schlachtfelde über Schippach nahmen, nur um die
Stätte sehen zu können, auf der der Friedenstempel sich erheben sollte, war
die Hand bereits erhoben und die Feder bereits zugerüstet, welche die Hoff-
nung so vieler zunichte machten. Der Gnadenbund mußte zu einer Sekte
und die Gnadenstätte zu einer Sektenkirche gestempelt werden. Und dies
um weniger mißverständlicher Ausdrücke willen, die zu korrigieren und zu
eliminieren wahrlich nicht schwer gehalten hätte. Dieselben Kritiker und
Blätter jedoch, die zu derselben Zeit den von Anbeginn des Krieges gerade-
zu uferlosen Schlammstrom des häretischen Interkonfessionalismus unge-
hindert und unberedet über das katholische Volk hereinbrechen ließen,
spielten sich Schippach gegenüber als die Großinquisitoren auf, welche das
Volk vor der Gefahr einer neuen Irrlehre bewahren müßten. Und gerade
Zeitungen und Zeitschriften, welche in jeder Nummer ganze Flöße moder-
nistischer, interkonfessioneller Balken daherschwemmten, machten aus der
Jagd auf die Splitter in den Schippacher Schriften ein Geschäft.


XI. Welche Merkmale sind bei den Schippacher Schriften
erkennbar ?
   Unsere zweite Hauptfrage lautet: Erscheint Barbara Weigand im ganzen
Zusammenhang ihrer Angelegenheit als eine solche, die andere hat
täuschen oder betrügen wollen?
   Zunächst weisen wir hier auf die Tatsache hin, daß kaum irgend welche
Privatoffenbarungen, und darunter auch kirchlich approbierte, vorhanden
sind, deren Träger nicht mit dem Vorwurf des Betrugs, der beabsichtigten
Täuschung, ebenso wie mit dem Vorwurf der Hysterie, der Halluzinationen
u. dgl. bedacht worden wären. Die Theologen sehen diese Art von Vor-
würfen sogar als Kennzeichen echter Offenbarungen an. ,,Die Offenbarun-
gen heiliger Personen," schreibt P. Tiggermana C. SS. R., haben samt und
sonders dieses Merkmal aufzuweisen. Von der hl. Katharina von Siena, von
der hl. Hildegard, von der hl. Brigitta sagten Zeitgenossen, sie seien vom
Teufel betrogen; die hl. Theresia wurde als Schwärmerin verschrieen, als
eine Person die man der Inquisition überliefern müsse; die Offenbarungen
der ehrw. Maria von Agreda wurden à la Märchen, Träumereien und so fort
behandelt und verfolgt. Ja, um die Wahrheit zu sagen, muß jeder, der die


 251
Geschichte der Privatoffenbarungen einigermaßen kennt gestehen, daß der
Widerspruch, den sie stets bis auf unsere Zeit erfuhren, ein unbeschreib-
licher war."
    Barbara Weigands Schriften und Unternehmungen würden also eines
deutlichen Merkmales ihrer Echtheit und Güte entbehren, wenn ihnen die
Verfolgung und Verdächtigung mittels der bewußten Vorwürfe fehlte. Aber
Branders Journalistik hat ausgiebig dafür gesorgt, daß der Seherin von
Schippach nichts von dem erspart blieb, was je irregeführter Eifer und fana-
tische Hetze begnadigten Dienern Gottes gegenüber an Verdächtigungen
aufbrachten.
   Das Wort Betrug hat Brander selbst zwar nicht, soweit wir uns zu erin-
nern glauben, auf Barbara angewendet. Aber was er und seine Helfershelfer
der Seherin von Schippach unter der Hand verschiedentlich andichten,
kommt oft auf nichts anderes als auf die Anklage des Betruges hinaus. Oder
was bedeutet es anders, wenn diese Gegner von Schippach in ihrer ,,sach-
lichen" und ,,pietätvollen" Kritik soweit gehen, daß sie behaupten, Barbara
habe den ,,Geist" in sich mit Hilfe der Kognakflasche erweckt? Wo eben die
Hysterie nicht ausreicht zur ,,Erklärung" der mystischen Zustände, da denkt
moderne Kritik bald auch an das Likörglas. Wir glauben nicht, daß Brander
den Spirituosendampf für ein geeignetes Mittel hält, um mit demselben den
Geist auch nur für eine richtige Betrachtung oder Predigt zu wecken.
Barbara Weigand aber soll ihre gehaltvollen und zielbewußten geistlichen
Reden, welche für das Bildungsniveau dieser Seherin tatsächlich eine
bedeutende Leistung darstellen, dem Alkohol verdanken. Und nicht bloß
mit dem Alkohol, sondern auch noch mit anderem, besonders auch mit dem
für die Sakramentskirche gesammelten Gelde, soll sie Betrug getrieben
haben. Die Augsburger Postzeitung erhebt die Beschuldigung, daß mit
diesem Gelde die Verwandten von Barbara bereichert worden seien. Man
braucht indessen nur die Vermögensverhältnisse der angesehenen,
ehrlichen und redlichen Landwirt- und Handverkerfamilien der Weigand'-
schen Verwandtschaft zu kennen, um solche niedrigen Pauschalverleum-
dungen richtig einzuschätzen.
   Hätte Barbara Weigand in solchen Hinsichten auch nur den geringsten
Anlaß zu berechtigtem Verdachte gegeben, dann freilich läge die Annahme
nicht ferne, laß sie wohl auch im ganzen Zusammenhang ihrer Sache andere
habe täuschen oder betrügen wollen. Allein wann und wo gibt Barbaras
religiös-sittliches Leben eine Handhabe zu einer derartigen Annahme?
Barbara Weigand bietet von ihrer ersten Jugend an das Bild einer wahrhaft
tugendhaften und aufrichtig frommen Person, die gerade während ihrer
außerordentlichen Zustände unter der Führung anerkannt tüchtiger Beicht-
väter stand. Es ist nicht anzunehmen, daß so gediegene ,,Seelenführer, wie

                                    252
der verstorbene Kapuzierprovinzial P. Alphons in Mainz und der derzeitige
Mainzer Bischof Dr. Kirstein, die nacheinander durch eine Reihe von Jahren
hindurch die Beichtväter von Barbara Weigand waren, auch nur kurze Zeit,
geschweige denn lange Jahre, sich von dem falschen Mystizismus einer
Betrügerin hätten täuschen lassen oder gar demselben die Hand geboten
hätten.

   Dagegen ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Gott eine Person,
welche einem von der göttlichen Vorsehung für unsere Zeit geplanten
Werke, nämlich der Wiederbelebung der täglichen Kommunion schon im
voraus seit langen Jahren in wahrhaft heroischer Weise diente, mit besonde-
ren Erweisen göttlicher Huld sollte begnadigt haben. Eine Jungfrau, die in
ihrer Jugend, um öfter kommunizieren zu können, sich mehrmals in der
Woche um 1 Uhr nachts auf den fünfstündigen Weg von Schippach nach
Aschaffenburg aufmacht, um morgens 8 Uhr im Aschaffenburger Kapu-
zinerkloster kommunizieren zu können, und dann den ganzen Weg wieder
heimzuwandern, ist gewiß ein ernst zu nehmender Charakter. Und wenn
dieselbe Jungfrau, um von der öfteren zur täglichen Kommunion übergehen
zu können, unter Verzicht auf eine sehr gute eheliche Verbindung, bei Ver-
wandten in Mainz als dienende Magd eintritt, und Jahre lang zum Zweck
ihrer eucharistischen Übungen in dieser Stellung treu ausharrt, so wird auch
darin doch nur das Zeichen einer gediegenen und erprobten Frömmigkeit
zu erblicken sein; sollte aber Gott ein solches Opferleben nicht mit besonde-
ren Gaben belohnen dürfen? Sollte vielmehr einem solchen heroischen
Leben schon bei den ersten Zeichen mystischer Erscheinungen nur mit dem
Verdacht des Betruges gelohnt werden dürfen? Noch bis auf diese Stunde ist
Barbara Weigand diesem ihrem gewohnten Opfer- und Sühnungsleben treu
geblieben. Seit sie wieder in ihrer Heimat Schippach wohnt, arbeitet sie frei-
willig und um Gotteslohn bei einer Frau, die in entsetzlicher Weise am
Gesichtskrebs leidet. Sie macht auch die Pflegerin dieser Ärmsten, in deren
Umgebung es sonst kaum jemand aushält. Auf das Unsagbare dieser
Abtötungen und Selbstverleugnungen wollen wir hier gar nicht näher
eingehen. Vielen von den tapferen Kämpen der antischippacher Garde
würde vielleicht der Mut oder die Kraft fehlen, die Erzählung dieser Selbst-
aufopferungen nur anzuhören. Aber aus dem Gesagten vermögen sie sich
schon zu erklären, aus welcher Schule die Seherin von Schippach die Kraft
schöpft, die unsäglichen Verdemütigungen und Seelenqualen ruhig und
geduldig zu ertragen, welche das Brander'sche Vorgehen ihr bereitete. Es ist
die Schule des Kreuzes Jesu, die Schule der wahren Gottes- und Nächsten-
liebe.

   Diese Schule aber ist nicht die Pflanzstätte der gewollten Täuschung, des
Betrugs. Es müßte entsetzlich bestellt sein um die Menschheit, wenn man

                                     253
selbst bei den edlen Brandopfern der Caritas, den stillen und demütigen
Freunden des beschaulichen und zurückgezogenen Lebens, den Taber-
nakelwächtern, den eifrigen Beichtstuhl- und Kommunionbankfreunden
immer nur Betrug und Heuchelei wittern müßte. Und doch sind es eben
diese Leute, gegen welche die so durchaus unwahrhaftige Sophistik des
modernen Zeitgeistes ihre Verdachtsmomente geltend machen will. Seitdem
die Kant'sche Philosophie das Gebet überhaupt als eine innerlich unwahr-
haftige Handlung, über welche der Mensch sich schämen müsse, hinzu-
stellen begann, ist die Welt ihren Argwohn gegen die ,,Stillen im Lande",
gegen die kontemplativen Seelen, die beschaulichen Orden, die Betschwe-
stern und Betbrüder nicht mehr los geworden. Und je mehr die Gedanken-
welt eines Kant durch den Liberalismus und Modernismus auch in die
Reihen der Katholiken verpflanzt wird, umsomehr kommt auch im katho-
lischen Lager der landläufige Argwohn gegenüber frommen Seelen zum
Vorschein. Politische Mephistogestalten haben durch geschickte Manöver,
wie Taxierenthüllung u. dgl., diesen Argwohn wirksam und erfolgreich
genährt. Und im Kampf gegen Schippach feiert er zur Zeit seine Triumphe.
Aber es sind im Grunde nur Triumphe des Un- und Irrglaubens und der
Sophistik, Betrug des Irrtums, der die Wahrheit in Betrug und Lug umstem-
peln möchte. Es gilt auch diesen Bestrebungen das Wehe, welches der
Prophet über diejenigen ausruft, welche das Gute bös und das Böse gut
nennen.
   In besonderer Weise wird dieses Wehe aber denjenigen katholischen
Priestern gelten, welche sich in den Geist des Argwohns und der Abneigung
gegen alle Erscheinungen einer etwas intensiveren Frömmigkeit hinein-
reißen lassen. Welche Verwüstung im Reiche Gottes, welche Zerstörung im
Weinberg des Herrn, welche Greuel der Zerrüttung am heiligen Orte müs-
sen sich dort ergeben, wo der Priester durch die Verdächtigung jedes außer-
ordentlichen Zeichens von Frömmigkeit, durch eine ständige Verfehmung
der sogenannten Betschwestern, durch seichten Spott über mystische
Zustände sein Wort zum Ärgernis für Gläubige und Ungläubige macht. Da
predigen wir auf der Kanzel immer wieder die übernatürliche Lebensord-
nung; wo aber eine Seele diese Lebensordnung tiefer erfaßt, und zum Lohne
dafür von Gott etwas in die Geheimnisse seiner Gnade eingeführt wird, hat
eine solche Seele die Geiselstreiche zu fühlen, welche verkehrte Tempelhüter
dort sparen, wo sie dieselben austeilen sollten. Wir predigen, daß der
Himmel nur denen gehört, die wie die Kinder werden; wo aber ein kind-
licher Glaube seine kindliche Sprache redet, geben ihn Priester der Verach-
tung einer wissensstolzen Welt preis. Der Eifer, mit welchem liberale und
sozialistische Buchhandlungen die Brander'sche Broschüre gegen die Sehe-
rin von Schippach verbreitet haben, redet da eine traurige Sprache. Wie
diese Schwindlerin, so sind sie alle, die Frommen, die Katharina Emmerich,

                                    254
die Margareta Alacoque, die Kreszenzias und Hildegards, die Brigitten und
Theresias: das war der Refrain des Unglaubens auf der Gasse und im
Kasino, den Brander hervorgerufen hat.
   Schwindel und Betrug! So mußte der Unkundige über den ganzen
Zusammenhang der Schippacher Sache urteilen, wenn er Brander über die
,,Raffiniertheit" dozieren hörte, mit welcher Barbara ihre Offenbarungen zu
einem förmlichen System zusammengeschlossen, oder über den Ungehor-
sam und die Hartnäckigkeit, mit welcher Barbara entschlossen sei, unter
allen Umständen und gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen, oder
wenn Brander ihr die Absicht einer neuen Sektenstiftung nach Art der eccle-
siola der Prophetinnen Priscilla und Maximilla des Irrlehrers Monfanus
andichtet.
   Der Kenner des ganzen Zusammenhangs der Schippacher Sache jedoch
war sich über die plumpe, jämmerliche Mache dieser Brander'schen
Betrugshypothesen sofort im klaren. Hier war die Stelle, wo er einem
Brander mit besonderem Nachdruck zurufen konnte: Ex ore tuo iudico te,
aus deinem eigenen Munde richte ich dich.
    Da behauptet also Brander, daß Barbara ihre Offenbarungen mit
,,Raffiniertheit" zu einem ,,förmlichen System" zusammengeschlossen habe!
Ist das nicht derselbe Brander, der fast eine ganze Broschüre dem Nachweis
widmete, daß die mystischen Äußerungen Barbaras die ,,Halluzinationen
einer bedauernswerten Nervenkranken" seien, ,,nur die Ausgeburten eines
kranken Hirnes," ein Sammelsurium von Widersprüchen, anstößigen
Redensarten, verworrener Wahnideen? Nun dort, wo er dies alles behaup-
tet, galt es eben, die Spessarter ,,Wahrsagerin" als eine bemitleidenswerte
Epileptikerin, eine an zerrütteten Nerven und Krämpfen leidende Hysteri-
sche hinzustellen. Jetzt aber, wo es gilt die Betrugshypothese zu stützen,
wird aus Barbara plötzlich eine höchst konsequent denkende, gerissene und
geriebene Sybille, und aus den Halluzinationen und widerspruchsvollen
Hirngespinnsten, plötzlich ein mit Raffiniertheit zusammengestelltes
,,förmliches System".
   Man kann wohl sagen, daß keiner der angeblichen Widersprüche, welche
Brander in den Weigand'schen Schriften finden will, an den Widerspruch
heranreicht, welcher hier im Kernpunkt der Brander'schen Beweisführung
sich breit macht. Nichts hat Brander eingehender zu beweisen gesucht, als
Barbaras angebliche Hysterie, derzufolge ihr ganzes Reden und Weissagen
ein wirrer Plunder grotesker Einfälle, transitorischer Traumirrungen,
leidenschaftlicher Wutausbrüche, hirnverbrannter Phantasien sind. Vom
ersten Blatt seiner Broschüre, wo Brander von den ,,Halluzinationen"
Barbaras redet, bis zu den Worten von den ,,Ausgeburten eines kranken

                                   255
Hirns" auf der letzten Seite wird Barbara als der Typus der anormalen,
jeglicher Suggestion unterliegenden, von allen möglichen Denkhemmungen
beschwerten, hysterischen Person geschildert; daß deren periodische Anfäl-
le, was das Reden betrifft, nur ein wirres, abgebrochenes, zerfahrenes
Durcheinander von rätselhaften Wortverbindungen aufzuweisen vermögen,
wird jeder Psychiater bestätigen. Brander aber will, wo es gerade eine ande-
re, seiner gegen Barbara vorgebrachten Verdächtigungen so verlangt, uns
weiß machen, daß das zerbrochene Gehirn dieser epileptischen Jammer-
gestalt in dem Chaos seines pathologischen Geschwätzes ein gar noch mit
Raffiniertheit ausgehecktes, ,,förmliches System" einer ganz zielbewußten,
aftermystischen Sektiererei biete! Man muß sich wohl, wo Vorurteil und
überstürzender, fanatischer Eifer sich irgend einer mißliebigen Sache oder
Person bemächtigen, stets auf starke Stücke gefaßt machen. Was hier aber
Brander in der ,,psychopatographischen" Kritik ,,mystischer Phänomäne"
dem geduldigen Leser zumutet, geht doch über die Hutschnur.
   Überboten wird es vielleicht nur noch von Branders journalistischer
Gefolgschaft, wenn diese darangeht, aus Barbara Weigand die von Alko-
holdämpfen narkotisierte Pythia zu machen. Da soll das theologische
System von Schippach aus dem deliranten Gestotter einer likörseligen Quar-
talsäuferin destilliert sein. Und sonderbar, was ansonsten selbst die Stärk-
sten der Starken unter den Tisch zu bringen pflegt, das muß eine Barbara
Weigand - sie hat sich freilich vorsichtigerweise zuvor ins Bett gelegt - auf
die Höhe theologischer Spekulation erheben. Das Raffinement, das ,,förm-
liche Systeme" ausheckt, kommt nach dieser journalistischen Version der
frommen Barbara erst mit der nötigen Bettschwere, im Nebel des Kognak-
dusels. Wir möchten aber doch eher glauben, daß jene hochgestimmte anti-
schippacher Begeisterung, welche auf solchen Wegen mystische Phänomäne
erklärt, selber auf manche zu stark dosierten Bonnekamps, Vermouts' oder
Grande Chartreuses zurückzuführen ist. Von Raffiniertheit ist übrigens in
dem ganzen Vorgehen Barbaras und ihrer Freundinnen auch nicht die Spur
zu finden. Wären diese Frauenzimmer mit Raffiniertheit vorgegangen, dann
hätten sie sicher Mittel und Wege gefunden, alles das, was heute in Barbaras
Schriften den Anstoß der Weltkinder erregt, zuvor gründlich ausräumen
und jene Schriften so dem Geist und der Richtung des Modernismus, Inter-
konfessionalismus, Opportunismus und der übrigen Zeitgeistströmungen
anpassen zu lassen, daß Brander und Konsorten sich ganz gewiß ebenso-
wenig gegen solche Weigand'schen Schriften gewendet hätten, als sie sich
jemals gegen die modernistischen, interkonfessionellen, opportunistischen
Tendenzen eines Hochland, einer Augsburger Postzeitung, einer Allgemei-
nen Rundschau gewendet haben. Mit etwas Raffinement und einem kühnen
Griff in die gesammelten Kirchenbaugelder hätte Barbara sicher einen
Theologen zeitgeistigen Wurfes gefunden, der ihr die Offenbarungen

                                    256
entsprechend purgiert und nach dem Geschmacke der Welt zugestutzt und
frisiert hätte. Von den Würzburger und sonstigen katholischen Universitäts-
professoren der Theologie, welche den Firmen Sonnemann, Mosse oder
Scherl gegen gute Bezahlung ihre diversen liberalisierenden, zum Teil direkt
gegen Papst und Kirche gerichteten Artikel für die Frankfurter Zeitung, das
Berliner Tageblatt, den Tag, die Süddeutschen Monatshefte, den Türmer
liefern, wäre doch mehr als einer gegen einige tausend Mark für die
Umarbeitung der Schippacher Offenbarungen zu haben gewesen. Mit Leich-
tigkeit hätte einer dieser Herren die Schriften Barbaras mit dem nötigen
Köln-M.-Gladbacher Öle gesalbt, sie in die beliebten Tinten eines Martin
Spahn, Muth, Bachem getaucht, sie mit dem Parfüm umgeben, welches die
Schriften einer Blennerhasset, Dr. F. Imle, Handel-Mazetti und ähnlicher
modernistizierenden Damen so unfehlbar des Lobes der Welt versichert.
   Allein Barbara Weigand hat an solche Mittel und Wege nicht gedacht.
Und da, wo man ihr dieselben anbot, hat sie dieselben ausgeschlagen. Wir
könnten einen bekannten Schriftsteller und Professor der Theologie nennen,
welcher der guten Barbara für die Ausführung ihres Kirchenbaus garantie-
ren wollte, falls sie ihm für einen bestimmten Zweck 50000 Mk. aus den
Schippacher Kirchenbaugeldern zur Verfügung stellen wollte. Barbara hat
den sauberen Vorschlag entsprechend abgelehnt. Sie hat ihr Bauprojekt wie
ihre Schriften im unversehrten Zustand ehrlich und harmlos der bischöf-
lichen Behörde übergeben. Sie hat dabei allerdings nicht vermutet, daß sie
hierfür eines Tages auch noch des raffinierten Betruges geziehen werde.
   Indessen muß doch vielleicht der Ungehorsam gegen die kirchliche
Autorität, dessen Barbara geziehen wird, vermuten lassen, daß eine solche
Person betrügen könne. Brander macht es der Schippacher Seherin zum
besonderen Vorwurf, daß sie entschlossen sei, ,,unter allen Umständen und
gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen." Der Umstand, daß Barbara
Weigand nach einer verwerfenden Entscheidung der ersten Instanz, d.h. des
bischöflichen Ordinariates, sich des legalen Mittels der Appellation an die
weiteren Instanzen bedient, genügt einem Brander zu diesen Ausfällen.
   Auch da können wir Brander aus seinen eigenen Worten und aus seinem
eigenen Vorgehen überführen und widerlegen. Ist es nicht Brander, der
schon im Vorwort seiner Broschüre der bischöflichen Behörde den Vorwurf
macht, ,,daß man von kirchlicher Seite immer noch zu schonend gegen die
Seherin von Sehippach und ihren Anhang vorgegangen"? Brander gibt sich
also mit den bischöflichen Maßnahmen keineswegs zufrieden. Er tadelt sie
öffentlich. Er nennt sie ,,zu schönend", selbst zu einer Zeit, wo Barbara
durch die Verlesung der verschiedenen bischöflichen Verfügungen von den
Kanzeln und durch das Verbot ihres Kirchenbaues und Liebesbundes
schwerer und empfindlicher getroffen worden war, als irgend einer derjeni-

                                    257
gen, gegen welche die kirchliche Behörde in Sachen des Glaubens in den
letzten Jahrzehnten eingeschritten ist. Keiner der Modernistenführer in
Deutschland hat in seiner Person von den Kanzeln aus etwas ähnliches
erfahren, wie Barbara Weigand. Und doch tadelt Brander die kirchliche
Behörde, sie sei zu schonend gegen Barbara vorgegangen. Wenn aber
Brander glaubt, solchen öffentlichen Tadel mit der Ehrerbietigkeit und dem
Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität vereinigen zu können,
warum soll dann Barbara deshalb, weil sie gegen eine bischöfliche Entschei-
dung das ihr von der Kirche selber gebotene Rechtsmittel glaubt ergreifen
zu sollen, zur Aufrührerin gegen die kirchliche Autorität gestempelt
werden?
   Und wie hatte sich denn Brander gegenüber den ersten, für Schippach
günstigen Maßnahmen der bischöflichen Behörde benommen? Hat er sich
mit denselben zufrieden gegeben? Im Gegenteil, die Bekämpfung der
bischöflichen Genehmigung des Werkes von Schippach war ja der Zweck
seiner ganzen Agitation. Der in der politischen Presse begonnene Feldzug
Branders richtete sich gerade gegen die damals noch zu Recht bestehenden
bischöflichen Maßnahmen, welche den Bau der Sakramentskirche gestattet
und gefördert, und den eucharistischen Liebesbund approbiert hatten.
Gegen diese bischöflichen Maßnahmen erlaubte sich Brander, die ganze
öffentliche Meinung aufzuhetzen. Und wie man sich aus seiner Pressefehde
auf Schritt und Tritt überzeugen kann, war Brander, genau wie er dies von
Barbara behauptet, selber ,,entschlossen, unter allen Umständen und gegen
alle Instanzen seine Sache durchzuführen." Die höchste Instanz, den
Apostolischen Stuhl, sowie dessen Entscheidung sucht Brander am liebsten
ganz auszuschalten. Daher verfällt er gar auf die Idee: ,,Es ist geradezu eine
Beleidigung der höchsten kirchlichen Stellen, daß man ihnen überhaupt
zugemutet hat - und auch noch in der Kriegszeit, wo Rom doch wahrlich
ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat - dieses Sammelsurium zu prüfen und
zu approbieren." Nichts ist eben einem Brander und seiner Presse unbe-
quemer, als die Aussicht, daß der Apostolische Stuhl sich noch mit der Sache
befassen soll. Daher auch Branders Bestreben, durch den Druck der erregten
öffentlichen Meinung, dem Apostolischen Stuhl ein Verwerfungsurteil
förmlich abzunötigen. Wie kann aber ein Mann, der eine solche Haltung
gegenüber der kirchlichen Autorität einnimmt, in dem Beschreiten des
Instanzenwegs durch Barbara Weigand ein Zeichen des Ungehorsams und
der Auflehnung erblicken wollen? Brander glaubt annehmen zu dürfen, daß
die bischöfliche Behörde in ihrem ersten Urteile sich geirrt habe; wenn aber
Barbara das zweite Urteil für irrig und das erste für richtig hält, dann sieht
Brander darin ein Vergehen. Brander darf mit Hilfe des Terrorismus einer
politischen Parteipresse das erste bischöfliche Urteil umstoßen helfen; wenn
aber Barbara Weigand auf dem Wege ordnungsgemäßer Appellation an den

                                     258
Heiligen Stuhl das erste bischöfliche Urteil wieder zu reaktivieren sucht,
dann soll sie als Aufrührerin gegen die bischöfliche Behörde dastehen.
Derart sehen die Gründe aus, mit welchen man die Seherin von Schippach
als eine widerspenstige Demonstrantin, und damit als unglaubwürdig und
schließlich auch des Betruges für fähig erklären will.

   Brander und seine Presse machen dabei auch ein großes Getöse wegen
der mancherlei Mahnungen, Warnungen und auch Tadelsworte, welche
Barbara Weigand in ihren Schriften dem geistlichen Stande gegenüber
gebraucht. Wer indessen die mystische Literatur älterer und neuerer Zeit
nur einigermaßen kennt, wird Barbara Weigands Ausstellungen am Leben
des Klerus doch sehr maßvoll finden. Bei Heinrich Seuse, der hl. Brigitta
und anderen Gottesfreunden könnte Brander doch bedeutend schärfere
Töne finden, als Barbara in diesem Punkte anschlägt. Und was vor nicht
langer Zeit von Würzburg aus dem katholischen Klerus und der ganzen
Kirche hinsichtlich ,,Inferiorität" und anderen Dingen zum Vorwurf
gemacht wurde, war doch bedeutend bitterer, als die Weigand'schen Ermah-
nungen an eine gewiße Spezies neuerungssüchtiger und schwacher Priester.
Der Sarkasmus und giftige Hohn aber, welchen ein Würzburger Theologie-
professor in einer Berliner - hauptsächlich von Protestanten besuchten - Ver-
sammlung und vielfach auch in seinem Kollegium über manche Kategorien
des katholischen Klerus ausgoß und ausgießt, ist einer B. Weigand völlig
fremd.

   Und diese Würzburger theologischen Spezimina wird man auch wohl im
Auge behalten müssen, um das richtige Maß für jene Verdächtigungen zu
finden, welche eine Barbara um jeden Preis zu einer Sektiererin, zu einer
moatanistischen Priszilla oder Maximilla machen wollen. Daß solche Vor-
würfe gerade aus der ganz von Liberalismus und Modernismus verseuch-
ten Würzburger Atmosphäre kommen, ist mehr als bezeichnend. Im Jahre
1913 hielt der katholische Professor der alttestamentlichen Exegese, Dr.
Hehn, als Rektor magnifikus bei dem Stiftungsfest der Universität Würz-
burg eine Rede über ,,Wege zum Monotheismus". Dieselbe gipfelte in dem
Satze: ,,Moses ist der genialste Religionsstifter des Altertums." Um dieselbe
Zeit schrieb ein anderer Würzburger Theologieprofessor in der Frankfurter
Zeitung über ,,Die Krallen des Papstes" und ähnliche interessante Dinge. In
dieser theologischen Luftschicht müssen Brander und seine übrigen gegen
Schippach eifernden Kombattanden leben. Sie sind dafür nicht verantwort-
lich zu machen. Aber das Leben in einer solchen Atmosphäre erklärt doch
manches. Brander mag dem Konzern der neologischen Theologaster der
Universität fern stehen. Doch wagt auch er nicht, gegen diese tatsächliche
Sektiererei öffentlich aufzutreten. Er hat noch keine Broschüre gegen sie
geschrieben; er hat weder in Tagesblättern noch in Zeitschriften den Klerus

 

                                    259
und das Volk auf die ungeheuere Gefahr für den Glauben und die Sitten auf-
merksam gemacht, welche dort unter dem Mantel der Wissenschaft einher-
schleicht; er hat noch nicht mit Hilfe des Druckes der öffentlichen Meinung
die geistliche und die weltliche Gewalt zur Abstellung dieser entsetzlichen
Gefahr zu veranlassen gesucht. Aber gegen Barbara von Schippach hat er
keines dieser Mittel anzuwenden vergessen. Gegen dieses arme Weib den
Inquisitor zu spielen, dazu hat ihm der Mut nicht gefehlt. Er hat damit
jedoch nur den Beweis erbracht, daß auch er sich dem Einfluß der ihn umge-
benden Atmosphäre nicht ganz zu entziehen weiß. Wir haben schon gese-
hen, wie viel Brander von dieser Atmosphäre bereits auf dem Wege über
Zahns Einführung in die Mystik in sich aufgenommen hat. Niemand wird
an dem Brander'schen Feldzug gegen Schippach eine größere Freude
gehabt haben, als die liberalisierenden Männer der neuesten ,,Würzburger
Schule". Dieser Feldzug Branders ist ja nur das Seitenstück zu dem Feldzug
Merkles gegen den Exjesuiten Berlichingen.

    Hat nun ein Mann, der selber so sichtlich unter dem Einflusse einer
falschen Richtung steht, irgend welches Recht, einer Barbara Weigand
Sektiererei vorzuwerfen? Aber das war ja von jeher geradezu ein Kenn-
zeichen aller abirrenden Richtungen im katholischen Lager, daß sie den
Trägern außerordentlicher Gnadengaben den Vorwurf der Sektiererei
machten. Wie glaubten nicht die Jansenisten, die Kirche Gottes vor den
,,Irrlehren" der ehrwürdigen Maria von Agreda bewahren zu müssen! Drei-
zehn angeblich häretische Sätze zog die Pariser Universität aus den Offen-
barungen dieser Begnadigten und erließ infolgedessen eine scharfe Zensur
gegen das ganze Werk. Und wie sekundierte diesen Jansenisten der bayeri-
sche Theologe P. Eusebius Amort, der ,,Brander" des achtzehnten Jahrhun-
derts! Nicht etwa eine Broschüre, sondern ganze Bände widmete er dem
Nachweis der angeblichen Sektierereien der Agredinischen ,,Mystischen
Stadt Gottes". Und, wie waren die Josephiner und Febronianer hinter den
vermeintlichen Häresien der sel. Margareta Alacoque her! Wie viele Hirten-
briefe erwirkten sie nicht gegen diesen ,,neuen Kultus"! Und welche Besorg-
nisse für die Reinerhaltung des Glaubens hegten nicht die Aufklärer
gegenüber den Offenbarungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich!
In allem Ernste machten sie das Bedenken geltend, hinter Katharinas
Freundschaft mit dem Pilger Klemens Brentano stecke nur die Absicht der
Gründung einer neuen Sekte! ,,Diese Leute," so sagt sie selber, ,,fielen
entsetzlich über mich her und beschimpften mich über die Maßen, daß ich
mich mit dem Pilger abgebe, und wie da eine neue Sekte daraus würde."

   Wäre es nicht zu verwundern, wenn der Modernismus sich anders gegen
Privatoffenbarungen und deren Träger benehmen würde? Und ist es nicht
für die Schippacher Schriften geradezu ein Wahrzeichen ihrer gesunden

                                   260
katholischen Lehre, daß sie aus der Metropole des deutschen Modernismus
heraus der Irrlehre beschuldigt werden? Es ist auch sehr bezeichnend, daß
Brander seine Kampagne gegen die ,,Sektiererei" von Schippach gerade in
solchen Tägesblättern und Zeitschriften eröffnete, welche den vom Heiligen
Stuhl tatsächlich als Häresie erklärten Modernismus am eifrigsten gegen
,,Modernistenschnüffler" und ,,Ketzerriecher" in Schutz nahmen. Es ist
dieselbe Presse, die sich mit allen möglichen Sekten auf die ,,gemeinsame
Basis" gestellt hat, ihnen allen mit heißer Liebe die allgemein christliche
Bruderhand zum gemeinsamen Kampfe reicht, und zu diesem Zweck ihren
eigenen Katholizismus so retraktiert, restringiert und temperiert, daß fast
nichts mehr von demselben übrig bleibt. Wenn Barbara Weigand wirklich
eine Sektiererin, eine ,,Andersgläubige" wäre, müßten dann diese Blätter,
wenn sie konsequent bleiben wollen, nicht auch ihr die Bruderhand reichen
und nicht auch für sie die gemeinsame Basis bereit halten? Warum aber soll
auf das Kommando dieser Presse plötzlich die ganze Welt in der Sache von
Schippach solche Ketzer riechen und solche Sektierer schnüffeln, für welche
es keine ,,tolerantia politica" und keinen ,,konfessionellen Frieden" sondern
nur Kampf bis aufs Messer geben darf?
   Wir haben hierfür nur eine Antwort: Weil Barbara Weigand das besitzt,
was die Welt, vom liberal angehauchten Katholiken bis zum Gottesleugner,
im letzten Grunde allein haßt, nämlich den genuinen kirchlichen, ultramon-
tanen Glauben, den Katholizismus sans phrase, das katholische Denken und
Leben ohne Abstrich und ohne Beistrich, die Religion der römisch-katholi-
schen Kirche.
   Und eben wegen dieser katholischen Treue, welche sie in einer der für die
Katholiken gefahrvollsten Epoche standhaft ihrer Kirche bewiesen hat,
halten wir Barbara Weigand des Betruges für unfähig.

XII. Ist der Zweck ein guter?
  Unsere dritte Hauptfrage untersucht den Zweck, welchen Barbara
Weigand glaubt erstreben zu müssen. Ist dieser Zweck ein guter?
   Sowohl über den näheren Zweck, die Gründung des Liebesbundes und
die Erbauung der Sakramentskirche, wie auch über den entfernteren Zweck,
die Erneuerung des kirchlichen Lebens, haben wir bereits genügende posi-
tive Angaben gemacht. Beide Zwecke entsprechen darnach der katholischen
Lehre. Wir können uns sonach hier auf die Abfertigung von Einwänden
beschränken.
   Brander hat es vor allem auf den nächsten Zweck, den Liebesbund und
die Sakramentskirche, abgesehen. Diese will er vernichten. Er sucht sie
deshalb sowohl in ihrer Herkunft als auch in ihrem Endzweck als häretisch,


 261
dem Irrglauben dienend, ketzerisch hinzustellen. Als Mittel dazu dient ihm
der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs des Liebesbundes und
der Sakramentskirche mit den Schippacher Schriften, die er von vornherein
für ketzerisch erklärt. Aber hier liegt auch das fehlerhafte seiner Beweis-
führung. Wie wir bereits gezeigt haben, beruht letztere auf einer durchaus
unbescheidenen, pietätlosen, überstrengen Kritik der Privatoffenbarungen
von Barbara Weigand.
   Diese verkehrte Kritik tritt vor allem dort zutage, wo Brander die häreti-
sche Herkunft des Liebesbundes beweisen will. Er stellt zunächst den
Statuten und Gebeten des Liebesbundes eine Reihe von Stellen aus den
Offenbarungen an die Seite. In letztere liest er infolge seiner Hyperkritik
Häresien hinein und will, da er triumphierend die Übereinstimmung der
beiden Reihen von Stellen aufzeigt, damit die häretische Herkunft von
Liebesbund und Sakramentskirche bewiesen haben.
   Man betrachte sich nur einige der Brander'schen hyperkritischen Ver-
ketzerungsversuche etwas näher, und man wird finden, auf wie schwachen
Füßen seine ganze Beweisführung steht.
   Barbara läßt den Heiland sagen: ,,Glückselig derjenige, der es glaubt, daß
Ich mit dir rede." Wir haber hier eine jener Stellen, aus welchen Brander
beweisen will, daß Barbara unter Glauben nur den Glauben an die Echtheit
ihrer Privatoffenbarungen verstehe. Daß diese Behauptung viel zu weit
geht, zeigt gerade eine pietätvolle und gemäßigte Auslegung aller jener
Stellen, welche Brander auf Seite 22-28 seiner Broschüre anführt. Aus diesen
Stellen geht hervor, daß Barbara das Wort Glauben sowohl für den gött-
lichen und katholischen Glauben an das kirchliche Glaubensdepositum, als
auch für den göttlichen bzw. menschlichen Glauben an ihre Privatoffen-
barungen gebraucht. Und sie darf dies tun, da ja auch die Kirche und die
Theologen das Wort Glauben sowohl für das Fürwahrhalten der ordent-
lichen als auch der Privatoffenbarungen gebrauchen. Das Wort Glauben ist
eben jeweils in dem richtigen, jedem einigermaßen unterrichteten Gläubi-
gen bekannten Sinne zu verstehen. Wenn aber Brander glaubt, daß mit
Bezug auf Privatoffenbarungen nur ein rein menschlicher Glaube not-
wendig und möglich sei, so weiß in dieser Sache Barbara Weigand offenbar
besser Bescheid. Sie könnte sich auf den Dogmatiker Heinrich Seuse
berufen, welcher festhält ,,an der sententia communis et certa, daß nicht nur
die durch die Kirche proponierte, sondern eine jede göttliche Offenbarung,
also auch eine sogenannte Privatoffenbarung für denjenigen, welchem sie
genügend proponiert ist, Grund und Gegenstand wahrer fides divitia sein
kann." Wohl sagt Papst Benedikt XV., daß Privatoffenbarungen nicht mit
fides catholica (katholischen Glauben) für wahr gehalten werden können,
weil sie nicht zum Gegenstand des katholischen Glaubens gehören. Indes-

                                    262
sen sagt Benedikt XV. dennoch von allen Privatoffenbarungen, welche die
Zeichen der Echtheit tragen: ,,An ihrer übernatürlichen und göttlichen
Qualität darf in keiner Weise gezweifelt werden." Wenn Barbara Weigand
also für ihre Offenbarungen, die ihr selber genügend proponiert waren, im
allgemeinen ,,Glauben" verlangte, so hat sie sich dadurch in keiner Weise
gegen den katholischen Glauben verfehlt. Brander aber, der ohne zwingen-
den Grund in das von Barbara gebrauchte Wort Glauben einen häretischen
Sinn hineinlegt, hat damit gegen die wichtige theologische Regel verstoßen,
derzufolge man schwierige und mißverständliche Worte in den Offen-
barungen frommer Personen nicht schlechthin als falsch und ketzerisch
bezeichnen darf, weil sie auf den ersten Blick in solchem Sinne verstanden
werden können, vielmehr ihnen einen solchen Sinn beimessen muß, der sich
mit der Regel des Glaubens vereinbaren läßt.
   Auch darin findet Brander Ketzerei, daß Barbara den Herrn mit den
Worten: ,,Sie sollen verkosten, wie süß der Herr ist", denjenigen einen Lohn
verheißt, welche an Barbaras Offenbarungen glauben; und ebenso, daß, den
Spöttern dort die Züchtigung von seiten Gottes angedroht wird. Dabei zieht
aber Brander nicht in Betracht, daß solche Verheißungen und Drohungen in
fast allen Privatoffenbarungen vorkommen. Wir haben oben im Kapitel VIII.
die Worte des Herrn an Brigitta vernommen, worin denjenigen, welche
solche Privatoffenbarungen in Ehrfurcht annahmen, die Fülle der göttlichen
Barmherzigkeit versprochen wird, während den Verächtern derselben zeit-
liche und ewige Strafen angedroht werden. Brander beweist also auch hier
nicht den Irrglauben von Barbara Weigand, sondern nur seine eigene
Unkenntnis der mystischen Theologie.
   Aberglauben will Brander darin finden, daß Barbara von der ,,Auf-
opferung am Abend", welche die Mitglieder des Liebesbundes täglich beten
sollen, folgendes Maria sagen läßt: ,,Seht, durch die tägliche Aufopferung
dieses Gebetchens, das mein Sohn verfaßte, mehr mir zu Ehren als ihm zur
Verherrlichung, werden all die Gebrechen und Unvollkommenheiten eurer
Gebete getilgt.
   Es ist geradezu empörend, wenn Brander in dieser Äußerung Aberglaube
wittern will. Der Gedanke, daß durch ein besonderes am Schlusse voraus-
gegangener Gebetsübungen zu verrichtendes Gebet die Mängel und Gebre-
chen der vorausgegangenen Gebete getilgt werden können, ist durchaus
nicht abergläubig. Die Kirche selber läßt den Priester am Schlusse des täg-
lichen Breviergebetes ein besonderes Gebet (Sacrosanctae et individuae
Trinitati) verrichten, von welchem die ihm vorgedruckte Rubrik sagt:
,,Denjenigen, welche folgendes Gebet nach dem Offizium andächtig
verrichten, hat Papst Leo XIII. Nachlaß der aus menschlicher Schwäche
während desselben verschuldeten Mängel und Sünden gewährt." Es ver-

                                    263
stößt durchaus nicht gegen den Glauben, ist vielmehr der Lehre und dem
Geiste der Kirche ganz entsprechend, wenn Barbara aus dem Munde der
Muttergottes die Anweisung zu einem ähnlichen Gebete erhalten haben
will. Und daß Gott seinen begnadigten Dienern mannigfach in Privatoffen-
barungen Nachlaß und Verzeihung von Mängeln und Unvollkommenheiten
auf Grund einfacher Gebete anbietet und verheißt, ist eine in der Mystik
allbekannte Sache. So wird in dem herrlichen Buche der hl. Gertrudis der
Großen ,,Der Gesandte der göttlichen Liebe" von dieser Heiligen folgendes
erzählt: ,,Da sie eines Tages ihr Herz erforschte, fand sie einiges, das sie gern
gebeichtet hätte. Weil sie aber keinen Beichtvater haben konnte, flüchtete sie
zu dem einzigen Tröster, dem Herrn Jesus Christus, und klagte ihm diese
Schwierigkeit. Der Herr antwortet ihr: ,,Warum betrübst du dich? So oft du
es verlangst, werde ich, der höchste Priester und wahre Bischof, bei dir sein
und jedesmal die sieben Sakramente zugleich in deiner Seele wirksamer
erneuern, als dies irgend ein Priester oder Hohepriester zu sieben Malen
vermöchte. Denn mit meinem kostbaren Blute werde ich dich taufen, in der
Kraft meines Sieges dich firmen, in der Treue meiner Liebe dich mir
vermählen, in der Vollkommenheit meines heiligsten Wandels dich weihen,
in der Huld meiner Barmherzigkeit von jeder Fessel der Sünde dich los-
sprechen, in dem Übermaß meiner Liebe dich mit mir selber speisen und
sättigen und in der Süßigkeit meines Geistes dein ganzes Innere mit so wirk-
samer Salbung durchdringen, daß die Fülle der Andacht durch alle deine
Sinne und Bewegungen träufeln wird, so daß du ohne Unterlaß befähigt
und geheiligt wirst zum ewigen Leben."
   Was hätte wohl aus diesen Verheißungen, falls sie in Barbara Weigands
Offenbarungen enthalten wären, ein Brander herausgelesen? Entwertung
der Sakramente, Verachtung der priesterlichen und bischöflichen Gewalt,
abergläubiges Vertrauen auf die Kraft des eigenen Gebetes: dies wären doch
zum mindesten seine Anklagen gewesen. Eine korrekte Theologie und die
Kirche selber jedoch haben niemals solche Anklagen gegen angeführte und
ähnliche Stellen mystischer Schriften erhoben. Und sie werden auch gegen
die Verheißungen, welche Barbara Weigand bezüglich des Gebetes ,,Auf-
opferung am Abend" aus dem Munde des Herrn bzw. seiner heiligsten
Mutter vernommen haben will, vom Standpunkt des Glaubens und der Sitte
nichts einzuwenden haben. Vielmehr dürfte eine gesunde Theologie in
diesem Gebet nur einen Beweis dafür finden, wie tief diese Schriften von
Schippach in den Geist der Kirche eingedrungen sind. Sie dürfte es wohl nur
von ganzem Herzen begrüßen, wenn das bewußte Aufopferungsgebet des
Liebesbundes der Anlaß würde, daß die Kirche, wie sie dem Pflichtgebet des
Priesters durch ein Aufopferungs- und Ablaßgebet zu Hilfe gekommen ist,
in ähnlicher Weise auch das Gebet der Laien durch ein besonderes Ablaß-
gebet unterstützen würde. Der kirchliche Theologe wird es aber zugleich

                                      264
bitter empfinden, daß aus den Reihen des Klerus heraus ein so eminent
praktischer Gedanke, wie er hier in dem Liebesbund geäußert und
angewendet wurde, schmähliche Verdächtigung und Bekämpfung erleben
mußte.
   Diese Verdächtigung setzt Brander dadurch fort, daß er die Lehre
Barbaras, der zufolge das genannte Aufopferungsgebet seine Wirkung aus
dem Blute und Verdienste Jesu Christi schöpfe und so die Mängel der
menschlichen Mitwirkung ersetze, als häretisch darstellen will. Barbara läßt
die Mutter Gottes sagen: ,,Mein Sohn macht dieses Gebet zu seinem eigenen
Gebet, weil durch die Aufopferung und die Vereinigung seines kostbaren
Blutes sein Blut an diesem Gebete klebt und vor seinen himmlischen Vater
hintritt und um Versöhnung schreit für seine Kinder", und weiter: durch die
Eintauchung der Gebete in das kostbare Blut Jesu ,,werde schneller alles
ersetzt als durch persönliches Verdienst erreicht werden könne." Brander
sagt hierzu: ,,Diese bequeme Sittenlehre ist neu in der Kirche, ebenso die Art
und Weise, sie ohne die kirchliche Schlüsselgewalt in Anspruch zu nehmen,
Befreiung von Fehlern, Unvollkommenheiten und Mängeln, und Teilhaftig-
machung der Verdienste Christi einem bestimmten Gebete als Wirkungen
zugesprochen werden".
   Brander weiß also nicht, daß diese ,,neue" und ,,bequeme" Lehre in der
mystischen Theologie mindestens so alt ist, als die Offenbarungen der hl.
Gertrudis, aus welchen wir oben jene bemerkenswerte Stelle wiedergegeben
haben, die ebenfalls ohne Inanspruchnahme der kirchlichen Schlüssel-
gewalt, ja noch wirksamer als durch irgend einen Priester oder Hohen-
priester, Befreiung von Fehlern und Mängel, ja sogar Lossprechung von
jeder Fessel der Sünde in Aussicht stellt, und zwar unter demselben Hinweis
auf das kostbare Blut Jesu, auf die Vollkommenheit, Barmherzigkeit und
Liebe Jesu, wie dies bei Barbara Weigand der Fall ist.
   Es ist kaum nötig, hier auseinanderzusetzen, wie diese Stellen mit der
Regel des katholischen Glaubens trefflich übereinstimmen. Uns genügt es zu
wissen, daß das, was im Munde einer hl. Gertrudis nicht Häresie gewesen,
auch eine Barbara Weigand nicht zur Ketzerei zu stempeln vermag. Um aber
darzustellen, wie schwer das Unrecht ist, welches Brander hier einer
Barbara Weigand zufügt, ist es doch am Platze, die vollkommene Überein-
stimmung der bewußten Weigand'schen Stellen mit der Kirchenlehre anzu-
deuten. Was durch die ,,Aufopferung am Abend" um der Verdienste Christi
willen getilgt und ersetzt werden soll, sind die den Gläubigen bei der
Verrichtung ihrer täglichen Gebete unterlaufenen Fehler und Mängel, also
läßliche Sünden und Unvollkommenheiten, die nicht einmal läßliche
Sünden, sondern nur Schwächen sind, wie z. B. gerade die häufigen unfrei-
willigen Zerstreuungen beim Gebete. Barbara Weigand befindet sich aber in

                                     265
vollkommener Übereinstimmung mit der katholischen Katechismuslehre,
wenn sie annimmt, daß solche Unvollkommenheiten und auch läßliche
Sünden nicht bloß durch Akte der kirchlichen Schlüsselgewalt, sondern
schon durch gute Werke, wie z. B. durch Gebet, nachgelassen werden
können. So sagt z. B. der bekannte Volkskatechismus von F. Spirago: ,,Nach-
gelassen werden die läßlichen Sünden durch gute Werke, die man im Stande
der Gnade verrichtet. Solche guten Werke sind: Gebet, Fasten, Almosen-
geben, Anhörung der hl. Messe, Empfang der hl. Kommunion, Gebrauch
der Sakramentalien, Gewinnung von Ablässen, Verzeihung der Beleidigun-
gen."
   In dem genannten Katechismus wird besonders der hl. Augustinus ange-
führt, welcher schreibt: ,,Ein Vaterunser, aus dem Herzen gesprochen,
zerstört die läßlichen Sünden eines ganzen Tages." Wie glänzend rechtfertigt
hier die katholische Tradition eine Barbara Weigand, wenn diese es unter-
nimmt, die Mitglieder des Liebesbundes zu einer schon vom hl. Augustinus
empfohlenen frommen Übung anzuhalten, indem sie dieselben ermahnt, am
Abend durch ein Gebet alle Gebrechen und Unvollkommenheiten, die bei
den täglichen Gebeten unterlaufen sind, zu tilgen.
   Nicht hoch genug kann man es der Seherin von Schippach anschlagen,
daß sie damit eine alte katholische Übung und Lehre betonte, welche in
manchen katholischen Kreisen derart in Vergessenheit geraten ist, daß selbst
ein Theologe wie Brander in ihr auf den ersten Blick nur Häresie vermutet.
   Riecht aber Barbaras Berufung auf die Verdienste Jesu Christi nicht gar zu
sehr nach der bequemen protestantischen Lehre, derzufolge das Verdienst
Christ alles, die guten Werke aber nichts bedeuten? Brander kann diesen
Argwohn nicht los werden. Wie aber beruft sich denn Barbara auf die
Verdienste Christi? Sind es denn nur allein diese Verdienste Christi, durch
welche sie Nachlassung der bewußten Gebrechen und Unvollkommen-
heiten erlangen will? Oder ist es nicht gerade ein gutes Werk, nämlich ein
Gebet, in welchem sie mit der aus dem Verdienst Christi stammenden
Gnade mitwirkt? Es gehört doch eine gute Portion kurzsichtiger Verbohrt-
heit dazu, um letzteres zu übersehen.
   Und Brander übersieht derartiges immer dort, wo er eben nur auf solche
Weise seine These von der Häresie Barbaras stützen kann. Hier paßt es ihm
in den Kram zu zeigen, daß Barbara Ketzerei lehre, indem sie in übermäßi-
ger Weise die Verdienste Jesu Christi heranziehe. An anderer Stelle kennt
Brander hinwiederum kaum einen schärfer betonten Vorwurf als den, daß
Barbara ein völliges Ungenügen (Insuffizienz) des Leidens und ganzen
Mittleramtes Christi lehre! So verwickelt sich Brander gerade wieder bei
einem seiner Hauptzüge in die offenbarsten Widersprüche. Denn das
Weigandsche System, wenn es das Ungenügen des Verdienstes Christi lehrt,

                                    266
kann doch nicht zugleich auch das Genügen des Verdienstes Christi
betonen. Wollte man aber Brander so verstehn, als ob Barbara wirklich beide
einander ausschließenden Lehren vortrage, dann würde Brander sich
wieder darin widersprechen, daß er Barbaras Offenbarungen ein mit Raffi-
niertheit zusammengestelltes System nennt; es wäre ja alsdann nur ein
Haufe grober Widersprüche vorhanden, der allem anderen als eben dem
Begriff des raffinieren Systems entspräche. Brander hat sich in der Zwick-
mühle der ,,Widersprüche", in welcher er Barbara bloßstellen wollte, selber
in jämmerlicher Weise gefangen.

    Die Sache könnte zum Lachen reizen, wenn sie nicht vorderhand für
Barbaras Ehre und guten Namen eine so bittere Wendung genommen hätte.
Die Welt hat bis jetzt nur Augen und Ohr für die Brander'schen Anwürfe
gehabt, so paradox und unsinnig die letzteren auch sein mochten. Und so
konnte ein Menschenleben, das in wahrer Frömmigkeit, Demut, Edelmut,
Opfersinn dahingeflossen war, in den Kot der schlimmsten Verketzerung
niedergetreten werden. Wo eben die dem Übernatürlichen abgekehrte und
mißtrauende Welt gegen eine Begnadigte das auf Ketzerei lautende Urteil
gesprochen sieht, da trägt sie gerne das Holz zum Scheiterhaufen zusam-
men, vor welchem sie sonst so emsig alle Ketzer zu retten sucht. So haben
denn auch gewisse, sonst recht kritisch veranlagte Literaten- und Journa-
listenkreise die Brander'schen Verketzerungen der Schippacher Offen-
barungen mit dem stupidesten Köhlerglauben hingenommen und in der
Presse wiedergekaut. Waren damit doch zwei der verhaßten Übernatürlich-
keitsrichtung dienende Werke, Liebesbund und Sakramentskirche, in ihrer
Wurzel und Herkunft schon als ketzerisch verfehmt. Denn den ursächlichen
Zusammenhang jener Werke mit den nun allgemein als ketzerisch geltenden
Schriffen von Barbara Weigand hatte ja Brander in der Tat unwiderleglich
nachgewiesen.

   Wie sehr muß aber gerade dieser Nachweis wieder der Rechtfertigung
Barbaras und ihrer begonnenen Werke dienen, sobald eben der Wurzel-
bezirk dieser Werke, die Offenbarungen der Seherin von Schippach, wieder
von dem Verdachte der Häresie gereinigt sind! Und wie leicht dies letztere
zu bewerkstelligen ist, dürften unsere Ausführungen doch wohl zur Genü-
ge gezeigt haben. Der Nachweis des Zusammenhangs der Schippacher
Offenbarungen mit dem Liebesbund und der Sakramentskirche aber, den
Brander zum Kern und Stern seiner Argumentation machte, wird dann zum
radikalsten, fundamentalsten Erweise des unversehrten katholischen
Charakters und der sittlichen Güte der Schippacher Werke werden.
Inzwischen jagt Brander noch seiner zweiten Absicht nach, nämlich auch
den entfernteren Zweck, den Barbara verfolgt, d.h. ihr Projekt der Erneue-
rung des katholischen Lebens, nach Kräften zu verketzern.

                                   267
   Brander kennt dieses großartige Projekt in seiner wahren Bedeutung sehr
wohl und er kann sich der Güte und Herrlichkeit derselben kaum
verschließen. Aber seine vorgefaßte Abneigung verdunkelt doch wieder
gänzlich seinen Blick und legt auf seine Lippen gerade hinsichtlich dieser
Seite der Schippacher Sache die schmachvollste Lästerung.
    So kommt er in seiner Broschüre zu folgenden Worten: ,,Welch schöner
Plan! Zusammenschluß aller guten und getreuen Kinder der hl. katho-
lischen Kirche, um einen Damm zu bilden gegen den herrschenden Zeit-
geist! Nur schade, daß a) das Fundament dieses Dammes nicht der Fels Petri
ist, sondern Barbara Weigand und ihre zwei Freundinnen und b) daß man
den Damm bauen will nicht so sehr wegen des Unglaubens, sondern daß
man umgekehrt den reißenden Strom des Unglaubens und der Sittenlosig-
keit braucht, um seinen geplanten und erwünschten ,,Damm" bauen zu
können."
   Wenn diese Worte nicht Unsinn sind, so sind sie Lästerung. Vielleicht
sind sie Unsinn und Lästerung zugleich!
   Diesen Brander'schen Worten zufolge ,,braucht", d.h. erfand Barbara nur
für ihre Betrugszwecke das Bild vom heutigen Strom des Unglaubens und
der Sittenlosigkeit. In Wirklichkeit entspricht, wie Brander ausdrücklich
behauptet, die Weigand'sche Annahme, daß unsere Zeit die schlechteste seit
Beginn der Schöpfung sei, nur der ,,krassesten Unwissenheit aller geschicht-
lichen Verhältnisse". Und dies behauptet ein Brander während der Regie-
rungszeit des Hl. Vaters Benedikt XV., der sofort in seiner ersten Enzyklika
das Bild zeichnete, ,,das Europa und mit ihm die ganze Welt bietet, ein Bild,
wie es schrecklicher und trauriger seit Menschengedenken wohl nie
geschaut wurde," das Bild einer ,,solchen Verwirrung der Geister und
Verwilderung der Sitten, daß, wenn Gott nicht bald Hilfe schafft, der
Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft nahe bevorzustehen
scheint." Wahrlich, die Angaben Barbaras über den heutigen Zustand der
Welt haben vom Felsen Petri aus die ausgiebigste Bestätigung erfahren!
Barbara hat das traurige Bild der heutigen Welt nicht erfunden, sie ,,brauch-
te" es nicht. Wohl aber brauchte oder bedurfte die Welt des von Barbara
schon seit Jahrzehnten geschauten Planes einer Erneuerung der Welt in
Christus und der Kirche, eines Planes, welchen Papst. Pius X. in
seiner ersten Enzyklika so großartig bestätigte und darlegte, und welchen
Papst Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika aufgreift und weiterver-
kündigt. Will man aber das Wort vom ,,brauchen" des traurigen Weltbildes
gelten lassen, dann kann man nur sagen, daß die beiden genannten Päpste
dieses entsetzliche Bild in demselben Sinne und zu demselben Zwecke in
ihren Rundschreiben gebrauchten oder anwendeten, zu welchem es auch
Barbara Weigand in ihren Schriften angewendet hat.

                                    268
   Brander aber hat neben der Stimme der Seherin, die er verachtete, die
Stimme des Papstes in dieser Frage der heutigen Weltlage gänzlich überhört.
Er stimmt in dieser Frage mit dem Papste so wenig überein, daß er das vom
Papste bestätigte Weltbild Barbaras als ,,krasseste Unwissenheit aller
geschichtlichen Verhältnisse" bezeichnet. Brander steht also in seiner
Auffassung der heutigen Weltlage nicht auf dem Felsen Petri. Und er will
nun gerade eine Person, welche sich auch in dieser Frage als mit beiden
Füßen auf dem Felsen Petri stehend erweist, in den Verdacht bringen, daß
sie den Damm, welchen sie gegen den Strom der modernen Sittenlosigkeit
und des modernen Unglaubens aufrichten will, nicht auf das Fundament
des Felsens Petri, sondern auf demjenigen ihrer eigenen Person und der
Person ihrer Freundinnen errichtet habe.
   Und diese unsinnige Verdächtigung sucht er mit folgender Deduktion zu
stützen: ,,Dieser Liebesbund ist der Mittelpunkt zur Besserung der mensch-
lichen Gesellschaft; das Fundament und der Mittelpunkt des Liebesbundes
aber ist Barbara Weigand und ihre zwei Freundinnen. Immer betont Jesus in
den Gesprächen: ,,Wer sich euch anschließtl!" Damit ist die hierarchische
Verfassung der Kirche gesprengt; Papst, Bischöfe und Priester sollen sich an
drei Jungfrauen anschließen, um die Welt zu retten!"
   Auch hier wieder eine ganz hyperkritische, pietätlose unbescheidene
Auslegung einer ganz leicht im Sinne der kirchlichen Lehre auszulegenden
Stelle! Wenn Barbara sich und ihre beiden Freundinnen als die Fundamente
des von ihnen gegründeten Vereines bezeichnet, mußte sie dadurch not-
wendig diesen Verein von dem allgemeinen Fundamente der ganzen Kirche,
dem Felsen Petri, hinweggerückt haben? Wenn ich Benedikt und Scholasti-
ka als die Fundamente des abendländischen Ordenslebens, oder wenn ein
Ignatius von Loyola seine erste Exerzitienbetrachtung als das Fundament
der von ihm gepredigten Lebenserneuerung, oder wenn ein Volksverein für
das katholische Deutschland einen Windthörst und Ketteler als die Funda-
mente seiner Organisation bezeichnet, sind dadurch alle diese von dem all-
gemeinen Fundamente der ganzen Kirche, dem Felsen Petri, abgerückt wor-
den? Oder kann nicht eben jeder Verein, jede Unternehmung innerhalb der
Kirche außer dem generellen Fundamente, dem Felsen Petri, auch noch ihre
speziellen Fundamente besitzen, welche selber wieder in das generelle
Fundament, den Felsen Petri, fest eingebaut sind, und so das Ganze ihres
Aufbaus nur um so inniger mit dem Felsen Petri verbinden?
   Und hat dies nicht eben Barbara bezüglich des Liebesbundes bewerk-
stelligt, indem sie den innigen Zusammenschluß seiner Gründerinnen mit
Papst, Bischöfen und Priestern aufs schärfste betont? Aber, so meint die
Brander'sche Einrede, Barbara will ja weniger sich an den Papst, als
vielmehr den Papst an sich und ihre Freundinnen anschließen, und damit ist
die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt."

                                    269
   Dann wäre wohl auch damals die hierarchische Verfassung der Kirche
gesprengt worden, als die arme Jungfrau von Siena, die hl. Katharina vom
Papste und den Kardinälen verlangte, sich ihr und ihren Ansichten und
Offenbarungen anzuschließen und demgemäß den Sitz der päpstlichen
Hofhaltung von Avignon wieder nach Rom zu verlegen.
   Nach Brander'scher Auffassung hätten dann auch jeweils so manche
heilige Ordensstifter die hierarchische Ordnung der Kirche gesprengt,
indem sie den Papst von der Seite ihrer oft zahlreichen und mächtigen
Gegner abzuziehen und ihn zum Anschluß an ihre, den Ordensstifter,
Ansichten und Unternehmungen zu bewegen suchten und so oft bewogen
haben.
   Nach Brander'scher Auffassung müßte dann überhaupt jede gute, das
kirchliche Leben betreffende Idee immer nur im Kopfe des Papstes ent-
springen. Vom Papst selbst müßte immer das zur Erneuerung des kirch-
lichen Lebens gerade notwendige ,,Projekt" zuerst gefunden worden sein;
denn der Papst darf sich ja nach Brander'scher Ansicht nicht an ein von
anderer Seite dargebotenes Projekt anschließen, weil sonst die hierarchische
Ordnung gesprengt werde.
   Daß eine solche Ansicht jedoch blanke Absurdität ist, liegt auf der Hand.
Brander hat offenbar eine ganz verkehrte Auffassung vom Walten und Wir-
ken des heiligen Geistes in der Kirche. Branders Ansicht über den Zusam-
menschluß vom Papste mit den übrigen Gliedern der Kirche läßt sich nur
aufrecht erhalten, wenn man den Papst als das einzige, und zwar inspirier-
te Werkzeug des Heiligen Geistes in der Kirche ansieht. Um den rechten
Zusammenschluß aller in der Kirche zum Zweck einer Erneuerung des
kirchlichen Lebens zu bewirken, dürfte nur der Papst den Plan dieser
Erneuerung zuerst fassen, damit eben nie der Papst sich dem Plane eines
anderen Gliedes der Kirche anzuschließen bräuchte. Dem Papste also müßte
der heilige Geist den betreffenden Plan direkt eingeben oder inspirieren.
Nun ergibt sich aber aus der Lehre der Kirche, daß der Papst in seinem ober-
sten Lehr- und Hirtenamt nicht die Inspiration oder Eingebung, sondern nur
die Assistenz oder den Beistand des heiligen Geistes besitzt, sowie auch, daß
er nicht das einzige Organ des heiligen Geistes in der Kirche ist.
   Die Kenntnis der ,,geschichtlichen Verhältnisse" unserer Kirche bestätigt
aber die Lehre der Kirche. Oftmals hat sich der heilige Geist anderer, und
gewöhnlich unansehnlicher, demütiger, ungelehrter Glieder der Kirche und
unter ihnen nicht selten schwacher Jungfrauen bedient, um seine Pläne für
die Erneuerung des kirchlichen Lebens zur Kenntnis des Stellvertreters
Christi in Rom zu bringen. Und unter dem oft ganz sichtlichen Beistand des
heiligen Geistes haben die Päpste trotz der Bedenken, welche die Welt und

                                    270
deren fleischliche Klugheit geltend machte, die vielfach verhöhnten und
verketzerten Pläne der verachteten Diener Gottes entgegengenommen, sich
selber diesen Dienern Gottes und deren Plänen bestätigend, segnend, auf-
munternd, angeschlossen. So hatte in unseren Tagen Papst Leo XIII. aus den
Händen einer schwachen Jungfrau den Plan der Weltweihe an das göttliche
Herz Jesu entgegengenommen; desgleichen Papst Benedikt XV. den der
Thronerhebung des hl. Herzens aus den Händen eines armen Ordens-
mannes. Und mit welcher Freude und kräftigen Unterstützung haben sich
nicht beide Päpste den bewußten Personen und ihren Plänen angeschlossen!
Sie wollten gewiß mit diesem Anschluß nicht die hierarchische Ordnung der
Kirche sprengen und haben sie nicht gesprengt.
  Barbara Weigand kann also über den sittlichen Wert und katholischen
Charakter ihres Welterneuerungsplanes vollkommen beruhigt sein. Der
Damm, welchen sie mit der Erneuerung des katholischen Lebens dem
Unglauben und der Sittenverderbnis entgegengesetzt hat, ruht mit seinen
Fundamentquadern tief in dem Felsen Petri. Wären nur auch die Ansichten
und Absichten ihrer literarischen und journalistischen Gegner ebenso tief in
dem Felsen Petri fundamentiert! Dann würden diese Gegner nie der Sache
von Schippach feind geworden sein.
   So erscheinen die Gründungen der Seherin von Schippach, eucharisti-
scher Liebesbund und Sakramentskirche auch in ihrem Endzweck, der
Erneuerung des katholischen Lebens, als kirchlich korrekt durchaus gerecht-
fertigt.
    Damit fällt aber auch der Brander'sche Einwand, daß die Schippacher
Werke gefährlich seien. Was kirchlich korrekt ist, kann nicht gefährlich sein:
Welche Gefahren sollte auch ein religiöser Verein bieten, der sich so eng an
die kirchliche Hierarchie anschließt und sich so ganz und gar der Leitung
der kirchlichen Autorität anheimgibt? Wahrlich, es gibt doch heute ,,katho-
lische" und interkonfessionelle Vereine genug, deren Anschluß an die kirch-
liche Hierarchie mehr als problematisch ist und die sich oft geradezu zum
Grundsatz machen, die Unterwerfung unter die Leitung der kirchlichen
Autorität abzulehnen; wir haben aber Brander diesen Vereinen gegenüber
nicht auf dem Plane gesehen, von den Blättern aber, die unter Branders
Führung gegen Schippach eiferten, treiben die meisten für solche Vereine
die regste Propaganda. Haben diese Gegner von Schippach irgend welches
Recht, von den ,,Gefahren" des eucharistischen Liebesbundes und der
Sakramentskirche zu reden?
   Und um speziell noch von der Sakramentskirche zu reden, welche Gefah-
ren für Glauben und Sitten soll dieselbe in sich bergen, da doch ihre spätere
Verwaltung ganz unter der Leitung des Diözesanbischofs und der bischöf-
lichen Behörde stehen wird? Kein Priester wird an ihr angestellt werden,


271
den eben nicht der Bischof gesandt und angestellt hat; keine Funktion wird
in ihr vorgenommen, welche nicht mit der Genehmigung, und dem Willen
der kirchlichen Vorgesetzten geschieht. Die Gefahr aber, daß in ihr Irrtümer
gepredigt werden, ist gewiß nicht größer, als in jenen Kirchen, in welchen
Gegner von Schippach predigen. Wir brauchen uns nur an die Menge irriger
Ansichten und schiefer Ideen zu erinnern, welche ein Dr. theol. Vitus
Brander, sowohl was die mystische als auch die sonstige Theologie betrifft,
auf seinem gegen Schippach gerichteten Kreuzzug entwickelt hat.
   Es bleibt schließlich nur der Einwand Branders, daß die Werke von
Schippach entbehrlich, d.h. überflüssig seien. Und zwar deshalb entbehr-
lich, weil schon andere ähnliche Werke in der Kirche bestehen.
   Das ist der törichteste aller verkehrten Einfälle, mit welchen Brander die
Schippacher Sache attackiert. Auf Grund dieses Einwandes könnte man
jeden neuen Orden, jede neue Bruderschaft, jeden neuen kirchlichen Verein,
jede neue Wallfahrtskirche usw. für entbehrlich erklären. Wie müßte dann
aber das kirchliche Leben allmählich stagnieren und eintönig werden! Es
wäre gar bald seiner prächtigen und praktischen Mannigfaltigkeit, seines
tausendfältigen Blütenschmuckes beraubt. Und beraubt auch jener wohl-
tuenden Freiheit des Geistes, wie sie auf dem Grunde des kirchlichen
Glaubens und der kirchlichen Disziplin gerade durch die mannigfaltige
Entwicklung des kirchlichen Lebens ermöglicht ist und sich dokumentiert.
   Daß diese Freiheit gerade auch den Liebhabern einer intensiveren
Frömmigkeit, den Freunden jener höheren Vollkommenheit, wie sie die
Mystiker lehren, den Gottesfreunden, wie sie das Mittelalter nannte,
gewahrt bleiben muß, sehen freilich Männer wie Brander, Zahn, A. Ludwig
u. a. nicht ein. Wo immer eine kontemplativ veranlagte Seele ihre höheren
Wege geht, ihre tiefere Auffassung des Lebens und der Welt betont, die vom
Standpunkt ihres übernatürlichen Wissens und Schauens praktisch in das
Leben eingreifen will, rufen ihre gleichgestimmten Freunde sogleich nach
der Inquisition und, wie im Falle von Schippach, auch nach der Staatsgewalt
und dem Polizeistock. Irrenanstalt oder Gefängnis erscheinen ihnen als die
geeignetsten Aufenthaltsorte für solche Begnadigten, je nachdem die
moderne Psychopathographie und ähnliche Wissenschaften auf Hysterie,
Betrug oder Säuferwahnsinn erkannt hat. Dort können dann die Begnadig-
ten ihre Kontemplationen darüber anstellen, daß die moderne Theologie
eine Geistesfreiheit nur für die natürliche Dressur des Geistes und nur für
die ordinären Wege der Frömmigkeit anerkennt, während sie alles, was über
dieses Niveau hinausgeht, als entbehrlich mit Gewalt aus dem Wege räumt.
    Man könnte, jenen terroristischen Angstmaiern, die auf eine wahre
Verfolgungswut gegenüber allen Erscheinungen des mystischen Lebens ver-
fallen, am besten das Löschhorn ins Wappen setzen. Denn der horror rerum

                                    272
supernaturalium, die knieschlotternde Angst vor den mystischen Dingen,
welche diese Leute und ihren ganzen Stammbaum seit den Tagen des
Humanismus befangen hält, hat bei uns in Deutschland so gründlich ,,den
Geist ausgelöscht", daß während der letzten vier Jahrhunderte nur 5 Heili-
ge deutscher Nation kanonisiert wurden. Nicht als ob während dieser
langen Zeit nicht noch viele andere, wahrhaft heilige und begnadigte Seelen
im deutschen Volke gelebt hätten. Aber die Vorsehung hielt sie im Verbor-
genen, um der Kirche das Leid zu ersparen, das ihr aus der Verfolgung
erwächst, welche die eigenen Söhne und sogar Priester der Kirche zur größ-
ten Freude des Irr- und Unglaubens regelmäßig beim Bekanntwerden mysti-
scher Zustände und Erscheinungen gegen die Träger solcher Begnadigun-
gen mit Fleiß erregen. Eine naturalistische und rationalistische Richtung im
katholischen Lager Deutschlands glaubt, daß das katholische Leben in
unserem Land der höheren Wege der Vollkommenheit und Mystik entbeh-
ren könne und entbehren müsse. Und so entbehrt tatsächlich Deutschland
seit den letzten Jahrhunderten jenes wundervollen Flors der Heiligen,
welche bereits der Prophet als die herrlichste Zierde des Reiches Christi
gepriesen hat, indem er dem kommenden Erlöser zurief: ,,Mit Dir ist die
Herrlichkeit am Tage Deiner Kraft im Glanze Deiner Heiligen."
   Möge die Zeit wiederkehren, wo dem Glanze der Heiligkeit und dem
Wehen des Heiligen Geistes auch in unserem Vaterlande wieder freie Bahn
geschaffen ist. Dazu ist notwendig, daß sich vor allem unsere Priester und
Theologen erinnern, daß sie sich befähigen müsssen, nicht etwa die Ver-
folger, sondern die geistlichen Führer frommer und begnadigter Seelen zu
sein. Diese Befähigung erlangen sie aber nicht an den Pfützen des Rationa-
lismus und bei den Trebern des Modernismus, sondern nur bei der gesun-
den und reichen Kost des Vaterhauses, wie sie auch in der Mystik nur die
Tradition der katholischen Kirche bietet. Anstatt mit dem Abhub einer
fälschlich sogenannten Wissenschaft des Irr- und Unglaubens mögen unsere
Priester mit den großen Meistern der mystischen Theologie der Vorzeit sich
mehr und mehr beschäftigen. Dann werden uns Irrwege und Ärgernisse,
wie sie in der Bekämpfung der Sache von Schippach wieder offenbar
wurden, erspart bleiben.




                                    273           
THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG ÜBER BARBARA WEIGAND

                       v. P. Bonifatius Günther OCD
   Zur Beurteilung der Aufzeichnungen der Barbara Weigand lagen mir 48
Notizbücher, sowie zwei große Hefte vor, dazu auch die Schrift von Dr.
Vitus Brander ,,Die Seherin von Schippach" und die Biographie von DDr.
Wilhelm Büttner ,,Barbara Weigand von Schippach."
   Wenn man den Maßstab, den das Leben und die Schriften echter
Mystiker bieten, hier anlegt, gewinnt man den Eindruck: Die Offenbarungen
der Barbara Weigand sind glaubwürdig. Für deren Echtheit spricht:
  a) Die geradezu rücksichtslose Aufdeckung der ganzen Armseligkeit des
  Werkzeuges, dessen sich der Herr für seine Pläne bedient hat.
  b) Die Tatsache ihres heroischen Lebens
  c) Das Bild Gottes, das man aus den Aufzeichnungen von ihm gewinnen
  kann.
  Zu diesen Themen ist im einzelnen zu fragen:

1. Enthalten die Aufzeichnungen Verstöße gegen die kirchliche Lehre?
    Bei manchen Stellen scheint es der Fall zu sein. Nun muß aber doch
berücksichtigt werden: Auch in den Schriften heiliger Mystiker gibt es
Irrtümer. Poulain, S. J. führt in seinem zweibändigen Werk die Fülle der
Gnaden (im 2. Band) dreißig Beispiele frommer Personen an. Darunter jene
der hll. Gertrud, Hildegard, Norbert, Vinzens Ferreri. (S. 35)
    Er betont aber zugleich: Die Fehler sind nicht so häufig und von unter-
geordneter Bedeutung. Und wenn die eine oder andere Offenbarung falsch
ist, folgt keineswegs, dass auch die Ekstasen unecht sind. (S. 34)
    Als Aussprüche in den Aufzeichnungen der Barbara Weigand, die der
Lehre der Kirche nicht entsprechen, seien, nur die wichtigsten angeführt:
,,Tag um Tag lasse ich mich hinschlachten im hl. Messopfer durch die Hände
des Priesters auf geheimnisvolle Weise, und selbst der Priester kennt mich
nicht. Er schlachtet mich und geht hinaus aus der Kirche und schaut sich
nicht mehr um nach seinem Gott, den er eingeschlossen hat in die hölzerne
Tür...
  ,,Die Welt erkaltet in der Liebe. Mein Eucharistischer Leib ist verschmäht
und verachtet. Er wird zerrissen von Tag zu Tag immer mehr. Ein Stück um
das andere löst sich los von meinem Eucharistischen Leib und vermodert in

                                    274
der Sinnlichkeit..." wahrscheinlich ist der mystische Leib gemeint.
(S. 31 - 1899/249)
   ,,Als die Wandlung vorüber war, sah ich neben dem Priester meinen ver-
storbenen Beichtvater mit ganz weißem Gewand, jedoch nicht deutlich. Als
der zelebrierende Priester die hl. Kommunion empfing, sah ich wie die
weiße Gestalt sich mit dem Priester in der hl. Hostie vereinigt." (S. 6 - 95/6)
Christus sagte: ,,Ich war gestern so bedrängt durch die Todsünden und
konnte dir nichts mitteilen". (S.30-1908/289) ,,Du mußt wissen, das Kloster,
die Klostmauern sind nur gebaut für diejenigen, die in der Welt zu schwach
sind". (S.32-1896/70)


Nun finden sich aber in den Aufzeichnungen selbst bereits die Richtig-
stellungen.
    ,,Obwohl ich im Tabernakel mit Fleisch und Blut gegenwärtig bin,
habe ich aber nur einen verklärten, einen leidensunfähigen Leib."
(S. 18 - 1906/260)
   ,,Ich bin zurückgekehrt in den Schoß meines Vaters ... deshalb bin ich
leidensunfähig." (S. 114/15 - 1896/70) ,,Weil ich leidensunfähig bin, so lege
ich meine Schmerzen auf meine liebsten Kinder." (S. 90 - 1901/104)
  Bei Beurteilung der Aufzeichnungen sind dann besonders die Stellen
wichtig, in welchen die Begründungen gegeben werden, warum das eine
oder andere falsch ist oder anstößig erscheint. Deshalb kann auf die
Anführungen weiterer solcher Stellen verzichtet werden.
   Als Gründe für die Unrichtigkeiten in den Aufzeichnungen sind folgen-
de angegeben: ,,Gott muß sich anpassen, damit das armselige Wesen ihn
verstehen kann." (S. 14 - 1998/172)
   ,,Der Geist des Menschen ist verbunden mit meinem Geist, wenn ich in
ihm wirke. Er fasst es nach seiner Auffassungsgabe auf und so kommt es
manchmal vor, dass ein kleiner Irrtum einschleicht und ein andermal lasse
ich es zu, um die Seele in der Demut zu üben und sie vor der Selbstgefällig-
keit zu bewahren." (5.10/11 - 1999/264)
  ,,Weil der Mensch aus Leib und Seele besteht und der Geist doch auch
mit seinem Menschenherz verbunden bleibt, kommt es vor, daß er manch-
mal zu dem, was ich rede seine Gedanken mit einmischt." (S. 127 - 1896/51)
   Barbara fragt einmal: ,,Wie kommt es aber, daß ich verstanden habe: ich
hätte jetzt eine Zeitlang Ruhe. Jetzt wird man erst recht sagen: ich bin eine
Schwindlerin." (Sie hatte nämlich keine Ruhe.)

                                     275
    ,,Meine Tochter", erhielt sie zur Antwort, ,,kümmere dich nicht, lass
andere nur sagen was sie wollen. Freilich hättest du gerne Ruhe gehabt. Der
Mensch ist einmal so. Er möchte gerne in der Ruhe seinen Himmel verdie-
nen und zum Leiden sind die allerwenigsten bereit; denn alle gehen gern
einen bequemen Weg. Und das ist auch bei dir der Fall. Darum wundere
dich nicht. Ich habe dir neulich gesagt, daß sich dein Geist manchmal mit
einmischt, besonders wenn du etwas wünscht und gern hättest, daß ich es
dir tue. Du möchtest gern deinen Willen durchführen und nicht den meinen,
darum glaubst du, wenn du mir etwas vorschwätzt, so würde ich es tun wie
du willst. Ich will aber nicht, ich will daß die Menschen und die Diener
meiner Kirche gerade an deinem Leiden sehen sollen, daß ich es bin,
daß das Leiden ein Kennzeichen ist, daß meine Hände im Spiele sind!"
(S. 147 - 1896/51)
    Ausdrücklich heißt, es: ,,Die Vorgesetzten haben die Pflicht, nicht
sogleich und absolut zu glauben." (S. 12/13 - 1898/51) Einem Leser wurde
geraten: Er studierte die Schriften, ohne an Kleinigkeiten Anstoß zu
nehmen. Was er aber kindisch und mangelhaft findet, soll er ruhig streichen.
(S. 39 - 1899/225)
  An anderer Stelle heißt es: ,,Wo ein Fehler vorkommt, soll er verbessert
werden." (S. 57 - 1897/113)
   Der Verfasserin eines guten Buches wird gesagt: ,,Sie soll nur den Honig
aus den Hülsen herausziehen und ihn meinen Kindern zu verkosten geben.
Was sie in den Schriften findet, ist noch in deine Worte eingekleidet und
viele können es nicht fassen, weil sie von den großen Hülsen nichts anneh-
men." (S. 40 - 1901 - 104)
    ln einer Erscheinung sagte ihr die hl. Barbara: ,,Du glaubst getäuscht zu
sein, aber wisse, um sich der Fassungskraft der Menschen anzupassen, zeigt
sich der liebe Gott seinen treuen Kindern nur in Bildern und Gleichnissen
wie der Sohn Gottes es auch tat, als er persönlich zu den Menschen redete.
Was du hier siehst, ist nur bildlich gezeigt und deutet auf den Lohn
der Tugend, die die verklärte Seele im sterblichen Leben geübt hat."
(S. 54 - 1900/1)
   Diese Worte: ,,nur bildlich gezeigt" sind sehr wichtig. Sie erklären, was
sonst sehr schwer verständlich ist: daß Christus als Kreuzträger erscheint,
daß das Herz der Mutter Gottes von sieben Schwertern durchbohrt ist, daß
sie weint.
   Eindeutig heißt es: bildlich gezeigt. Christus trägt kein Kreuz mehr. Die
Mutter Gottes weint nicht mehr, das Leiden ihres göttlichen Sohnes und das
ihrige war mit seinem und ihrem Tod entgültig vorbei. Beide sind jetzt
leidensunfähig.

                                    276
   Wenn Mystiker aber sehen, daß Christus leidet und die Mutter Gottes
weint, dann kann man nicht sagen: Christus oder die Mutter Gottes
täuschen hier. Bei Gott ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines.
Was hier bildlich gezeigt wird, hat sich in den Kartagen als Wirklichkeit
zugetragen. Auch unsere Sünden hatten damals Jesus und Maria vor Augen,
auch über unsere Sünden haben sie geweint, auch für unsere Sünden haben
sie gelitten. Durch die Erscheinungen Christi als Schmerzensmann und der
Gottesmutter als Schmerzensmutter soll den Mystikern und den Gläubigen
nur lebhaft zum Bewusstsein kommen, was wir durch unsere Sünden ihnen
angetan und was sie für jeden einzelnen gelitten haben.

   Darum schenkte Gott die Leidensvisionen einer Katharina Emmerich
und einer Therese Neumann. Darum die Mutter-Gottes-Erscheinungen in
La Salette und die weinende Madonna in Syrakus. Die Menschen sollten
dadurch angeregt werden sich zu bessern, Gott treuer zu dienen und ihn
inniger zu lieben.

   Es ist allgemeine Ansicht der Gottesgelehrten, daß Christus nach seiner
Himmelfahrt keinen mehr auf Erden in seinem verklärten Leib erschienen
sei, außer dem hl. Paulus bei seiner Bekehrung. Deshalb verlieren aber echte
Christuserscheinungen nicht an Wert. Hieronymus Jaegen schreibt in
seinem Buch ,,Das mystische Gnadenleben" S. 52: ,,Der Heiland, der als Gott
allgegenwärtig ist, kann überall einen von einem Engel gebildeten Christus-
körper beleben, während er gleichzeitig als Gott mit seinem verklärten Leib
im Himmel bleibt."

   Also ist Christus durch seine allgegenwärtige Gottheit wirklich da und
will unter den dargebotenen Darstellungen der verschiedenen Szenen
seines Lebens und Leidens jeden von seiner Liebe überzeugen, Teilnahme,
Mitleid, Vertrauen und die Gegenliebe seines Kindes erwecken und
vermehren.

   Ich betone darum nochmals: Die abgrundtiefe Liebe des Herrn erlebt der
Mystiker also wirklich. Diese kann aber auch jeder Gläubige an sich erfah-
ren, wenn er demütig und voll Vertrauen an Christus glaubt und ihn liebt.
Ausdrücklich sagt der hl. Paulus: ,,Sofern ich noch im Fleische lebe, lebe ich
im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich geopfert
hat." (Gal. 2,20) Er betont also nicht sein Erlebnis vor Damaskus oder sein
Verzücktsein in den dritten Himmel, sondern den Glauben an den Sohn
Gottes. Tatsächlich gibt der einfache kindliche Glaube eine größere Sicher-
heit als alle mystischen Erlebnisse und schenkt der Glaube und das Leben
nach dem Glauben immer innigere Verbundenheit mit Christus und größe-
re Verähnlichung mit ihm.

                                     277
2. Schwierigkeiten für die Schriften der Barbara Weigand ergeben sich
auch aus ihren Prophezeiungen:
   Bischof Haffner erklärte: ,,Barbara Weigand sagt Strafprophezeiungen
voraus." Ich sehe aber keine Strafen. (S. 64 - 1910) Vier Jahre danach hat man
sie aber im Weltkrieg erlebt. Barbara Weigand teilt hier das Los mit anderen
Propheten. Man denke bloß an Jonas: Vierzig Tage, und Ninive wird unter-
gehen. Es ist aber nicht untergegangen, weil seine Bewohner Buße getan
haben.
   Bei Strafprophezeiungen darf nie übersehen werden: Bessern sich die
Menschen, dann vollzieht Gott die Strafe nicht, wie es bei Ninive der Fall
war. Außerdem fällt sehr in die Waagschale, wieviel Gerechte noch da sind.
Hätte Sodom und Gomorrha noch zehn Gerechte gehabt, wäre es nicht
untergegangen. In den Aufzeichnungen heißt es: ,,Gott ist langmütig und
unendlich gut. Eine Seele, die sich ihm entgegenwirft, kann ein ganzes Land
verschonen." (S. 45 - 1898/198) Ferner bringen die Aufzeichnungen der
Barbara Weigand auch für das Nichteintreffen mancher Prophezeiungen
gute Erklärungen: So klagt sie einmal: ,,O Herr, ich bin so gedrückt, weil ich
doch meine, daß du mir versprochen hast, daß ich unter P. Alfons sterben
werde. Jetzt ist P. Alfons und P. Ambrosius gestorben und so war es also
unrichtig, was ich gehört habe." Sie bekommt zur Antwort: ,,Wie kleinlich
bist du doch, daß du meine Sprache nicht verstehst. Damals, als ich diese
Worte an dich richtete, handelte es sich nicht darum, ob du zu P. Alfons oder
P. Ambrosius zur Beichte gehst; damals handelte es sich darum, dein Gemüt
über den Verlust deines Bruders zu beruhigen, weil du glaubtest, durch
seinen Tod deine Existenz zu verlieren und diese Stadt verlassen zu müssen.
Darum gab ich dir die Versicherung, daß du nicht mehr aus Mainz gehen
würdest, daß ich hier deine Existenz sichern werde und daß du immer
wieder in der Nähe dieser Ordensmänner sein werdest: Es kommt auch die
Zeit, wo du wieder unter ihrer Leitung stehen wirst. Du mußt nicht alles
beim Buchstaben nehmen. So wie ich zu meinen Lebzeiten in Gleichnissen
gesprochen habe, so auch hier. Ihr aber nehmt es buchstäblich und lasst euch
verwirren." (S. 28/29 - 1904/243)
   Ein andermal wird Priestern aufgetragen: Sie sollen so zielbewusst
handeln, als ob sie ganz sicher wüssten, daß alles zum besten der Kirche und
der geistlichen Orden gereichen werde; denn der Herr bejaht die Absicht,
nicht den Erfolg. Der Erfolg ist aber immer bei seinen Geschöpfen an gewis-
se Bedingungen geknüpft. Wenn er zum Beispiel durch ein von ihm erwähl-
tes Geschöpf irgend eine Botschaft oder Strafe ankündige, so knüpfe er die
Ausführungen seines Planes immer an Bedingungen. Wenn er den Völkern
Strafen ankündigt, nimmt er sie zurück oder hält sie auf, wenn seine
Geschöpfe seine Autorität wieder anerkennen.

                                     278
   Als er der Jungfrau einen Engel gesandt, hat er nicht direkt gesagt ,,du
mußt", sondern ,,ich will und will wissen, ob auch du gewillt bist". Obwohl
er den Messias verheißen hatte, hätte er die Verheißung doch zurück-
genommen, wenn die dazu berufene Jungfrau nicht eingewilligt und
nicht mitgewirkt hätte. Dann sei aber nicht der Bote zu tadeln. Die Ankün-
digung gehe in Erfüllung oder nicht, je nach dem Wollen oder Nichtwollen
seiner Geschöpfe. daß sie nämlich absolut den Erfolg voraus wissen wollen,
sei ein Eingriff in seine Rechte. Diese behalte er sich allein vor. (126/7-
1901/104)
   Als Barbara Weigand ein andermal wieder glaubt, sie wäre von Christus
getäuscht worden, sagte er ihr. ,,Wenn ich um euertwillen die Welt verscho-
nen kann, kann es euch dann nicht einerlei sein, ob ihr Märtyrer der Liebe
oder des Blutes seid; denn wenn ich es so mache, wie ich es euch gesagt
habe, so gibt es Märtyrer genug. Wenn ich um euertwillen die Welt verscho-
ne, habt ihr doch genug gewonnen, oder wollt ihr lieber Märtyrer des Blutes
oder der Liebe sein." (S. 139 - 1901/104)
   Einleuchtend ist auch folgendes: Die Prophezeiung: Papst Leo XIII.
werde das nächste Rosenkranzfest nicht mehr erleben, ging nicht in
Erfüllung. Warum nicht? Zehn Jungfrauen Frankreichs hatten den Hl. Vater
schriftlich ex voto ein Jahr ihres Lebens abgetreten. (S. 123 - 1902/166)
   Neben den Prophezeiungen der Barbara Weigand, die sich nicht erfüll-
ten, gibt es aber solche, die in Erfüllung gingen. Schon 1900 soll sie verkün-
den: ,,Die katholische Kirche darf nicht mehr geknechtet werden, wenn die
Kronen der Herrscher bewahrt bleiben wollen." (S. 16-A - 19.00/280)
    Ein Auftrag lautet: ,,Die Bischöfe sollen dem Kaiser unumwunden sagen,
daß er für seine Krone zittern soll, wenn er nicht dafür sorgt, daß die ­katho-
lische Kirche die gleichen Rechte wie die Protestantische genieße."
(S. 7 - 1901/48)
   ,,Die Bischöfe sollen ein Zirkular herumgehen und alle Katholiken unter-
zeichnen lassen, daß sie die gleichen Rechte beanspruchen wie die Prote-
stanten, die ungestraft von der Regierung uns Katholiken in unserer Religi-
on verspotten dürfen, während ganz Deutschland ein Zetergeschrei erhebt,
wenn das Oberhaupt der Katholiken warnt. Es muß betont werden, ob die
Regierung nachweisen könne, daß die Katholiken ihre Pflichten als Steuer-
zahler und treue Staatsbürger nicht so erfüllten wie die Anhänger von
Luther. Dieser Zirkular sollen die Katholiken an den Kaiser schicken und
ihm sagen, er könne versichert sein, dass, wenn er länger diese Gehässigkeit
in seinem Lande duldet, wir einer blutigen Revolution entgegengehen. Er
möge nach Frankreich schauen und dort sehen, dass, immer mit dem Sturz
der Altäre, auf denen das wahre Kreuzesopfer dargebracht wird, auch der
Sturz der Throne folgen werde." (S. 59/61 - 1910)

                                     279
   Barbara Weigand sah auch einen furchtbaren Kampf. Ob er jedoch geistig
und wirklich zu verstehen ist, muß die Zukunft klären. (Hieß es damals). Es
schien, als gehe alles gegeneinander. Die Luft war angefüllt mit Mord-
instrumenten. (S. 87 - 190/01)
  Eine andere Prophezeiung lautet: ,,Siegreich wird die Kirche hervor-
gehen, ehe aber dies geschieht, wird ein großes Blutbad die Erde tränken
und ein Wehegeschrei wird sie erfüllen, wenn die Menschen sich nicht
bekehren." (S. 138 - 1895/6 - 1)
   Schließlich erfüllte sich auch die Verheißung: ,,Der Nachfolger des Heili-
gen Vaters (Leo XIII.) soll sehen, wie die Kirche nach außen hin ihr Licht
verbreitet, wie sie zum Sieg geführt wird." (S. 21 - 1899/195) Die Kirche hat
den Sieg unter Pius X. bis Pius XII. erlebt.
   Die Aufzeichnungen der Barbara Weigand zeigen auch, wie dringend das
zielbewusste Vorgehen des hl. Papstes Pius X. gegen den Modernismus war.
   Ein Gymnasiast kam heim: ,,Mutter, was meinst du, unser Professor sagte
heute: Die Lehre vom Schutzengel sei ein Märchen. Man sollte nicht glau-
ben, daß die Kinder vom Schutzengel beschützt seien, wenn sie fallen.
Kinder hätten biegsame Knochen." (S. 113 - 1905/252) Ein Professor in
München hat in einer öffentlichen Versammlung die Unbefleckte Empfäng-
nis verspottet. Barbara Weigand bekommt den Auftrag für die Schmach, die
der Mutter des Herrn dadurch angetan wurde, allwöchentlich eine Wall-
fahrt in die Nähe von Mainz zu machen. (S. 2 - 1903 - 212).
   ,,Die letzte Woche war ein abgefallener Priester in Aachen und hielt
Vorträge über die Ehe und die Mutter Gottes und stellte die Mutter Gottes
neben ein gefallenes eheloses Weib." (S. 99 - 1908/289) Neuerer gaben vor,
die Kirche zu einem reineren Glauben zurückzuführen. (S. 39 - 1896/70)
   Darum redete diesen der Herr ernst in das Gewissen: ,,Auch die gelehr-
ten Geister, die in der Theologie bewandert sein wollen, sind vor meinen
Augen nur arme bunte Schmetterlinge, die sich schön vorkommen, weil sie
bunte Farben tragen, die ich ihnen gegeben habe. So ist jeder, der sich in
dieser Wissenschaft ausgebildet glaubt und gefällt, die aber ich, sein Herr
und Gott ihm gegeben habe, weil ich durch ihn andere belehren und zeigen
will, wie groß der Geist sein müsse, der solches in einem armseligen
Menschenherz erschaffen kann. Sieh, du armer Gelehrter, der du nicht mehr
an die Wunder glauben willst, ein bunter Schmetterling bist du, der sich in
seinen Farben gefällt und tummelt, dem die Kinder nachlaufen und ihn
fangen wollen, und den ich vor ihren Augen vernichte und ins Grab der
Verwesung stürze. Sieh, auch du hochgelehrter Geist! Ein Schmetterling bist
du, dem ich die Wissenschaft gegeben, und wenn ich sie dir am Rand des

                                    280
Grabes nehme, sinkst du zurück in den Staub der Erde, von der ich dich
genommen habe. Aber den einfachen kindlichen Glauben, den ich dir geben
will, von dem ich sehnlichst wünsche, daß du zu ihm zurückkehrst, den
wird dir niemand nehmen. Er wird mit dir hingehen vor die goldene Pforte,
vor das große Tor, das abschließt mit der Zeit und einführt in die Ewigkeit.
Der kindliche Glaube wird übergehen in volles Schauen, und du wirst alles,
was dir jetzt dunkel vorkommt in vollem Lichte und Glanze sehen und
begreifen, warum ich dir so manches hier in dieser Prüfungszeit dunkel sein
ließ. Du mußt wissen, daß ich allein Gott bin und alle Weisheiten mir
vorbehalte." (S. 104/6-1897/125)
   Unter den vielen Erlebnissen mit den armen Seelen ist auch folgendes
aufgezeichnet: ,,Auf einmal trat ein Mann vor mich hin und sagte: Ich bin
Professor Schell, der in Würzburg gestorben ist. Hätte ich es auch nur so
gemacht wie du. Du hast deinen Geist in die Höhe der Gottheit erschwun-
gen und ich habe meinen Verstand gebraucht, um zu glänzen. Es war der
Stolz, der mich veranlasste, dich hervorzutun durch die Wissenschaften, die
den Reichen schmeichelten."
   Ein andermal sagte er: ,,Deine Schriften kommen von Gott und führen zu
Gott, die meinen kommen aus der Vernunft und führen zum Irdischen und
wer sie liest, nimmt Seichtes und Leichtes in sich auf. Sie enthalten viel irri-
ge Lehren und das Gift, welches durch dasselbe ausgestreut ist unter den
Gelehrten, ist nicht beseitigt, obwohl ich meinen Irrtum wieder gutmachen
wollte und reumütig, gestorben bin. Darum tue mir den Gefallen, deinem
Bischof mitzuteilen, er möge doch alle Bischöfe in ganz Deutschland auffor-
dern, daß sie alle einstimmig dem Dekret des Hl. Vaters an den Wiener
Professor Commer zustimmen; denn der Papst hat die Ehre Gottes im Auge,
die durch das Gift, das durch meine Schriften in die Herzen vieler Gelehrten
eingedrungen ist, sehr geschmälert wird. Die Ehrung, die mir durch Errich-
tung eines Denkmales zugedacht ist, gilt bei vielen mehr dem Geist meiner
Schriften als meiner Person. Ich bin zwar gerettet, aber wie sehr wünschte
ich gutzumachen, was ich gefehlt habe. Ich gabe es gut gemeint, ich wollte
alles vereinigen, aber ich habe einen großen Missgriff getan. Es muß jetzt
darauf hingearbeitet werden, daß das Gift wieder beseitigt wird, was die
Leser meiner Schriften in sich aufgenommen haben." (S. 98/100 - 1907/276)
   Ernst sind auch folgende Worte: ,,Er will das ganze Herz des Menschen
besitzen. Nun ist aber dieses Christenleben so in den Materialismus einge-
wurzelt, daß der Christ sich von ihm nicht mehr loslösen kann, und die mei-
sten Menschen keine halbe Stunde mehr für Gott übrig haben, um ihm den
schuldigen Tribut darzubringen. Wo soll er nun seine Verherrlichung
suchen. Soll er sich freuen, wenn er sieht, wie Satan täglich sein Reich und
seinen Thron schöner ausschmückt und ziert. Satans Reich und Thron sind


281
all diejenigen, die ihm Handlanger sind um alles Böse, alles Gift in die Welt
hineinzustreuen und all diejenigen, die in der Hochschule sitzen, den
Unglauben dem armen Volk lehren, die die Jugend vergiften. Handlanger,
um den Thron Satans aufzurichten, sind aber auch all jene, die es nur darauf
abgesehen haben, dem Volk Vergnügen zu verschaffen und so den Glauben
aus den Herzen zu reißen, indem sie ihm jeden Tag neue Spiele auftischen
um das Herz mit lauter Vergnügen, Putz und Tanz zu verstricken."
(S. 80/81-1899/256)
   Treffend sich auch folgende Worte: ,,Die meisten Christen sind wankel-
mütig. Sie haben Zweifel und lassen sich von jedem Wind wie ein schwan-
kendes Rohr hin- und herwehen. Es kommt dies durch die vielen Schriften,
die verbreitet werden und die vielen bösen Beispiele, die auf alle Menschen
einwirken. Sie saugen alle diese unreine Luft in sich ein. Sie werden mutlos
und lassen von ihrem ersten Eifer nach. In mancher Seele erwachen Gedan-
ken, die ihnen nie gekommen waren und Ängste, Nöte und Zweifel bedrän-
gen das arme Christenherz in der jetzigen Zeit." (S. 2 - 1898/198)
   Bezeichnend ist: ,,Einige meiner Diener meinten, man müsse mit der Welt
übereinstimmen. Es sei nicht mehr die Zeit vom Wunderglauben zu reden;
denn auch die guten Christen glauben nicht mehr daran, besonders nicht
mehr die Reichen, die seien aufgeklärt und sagen, man wisse jetzt, woher
der Wunderglauben stamme." (S. 37 - 1898/185)
   ,,Schon ein ganzes Jahrhundert wurde darauf hingearbeitet, eine Staats-
religion einzuführen und jetzt geht man mit einer Schlauheit vor, um den
anderen Glauben zur Geltung zu bringen." (S. 37 1901/1)
    Interessant ist auch folgendes: ,,Seht, die einzige Ursache, warum ich
zulasse, daß all die Sekten sich überall in Ruhe und Frieden ausbreiten, ist
nur eine Strafe für meine Kirche. Ich will meinen Dienern zeigen, daß ich der
Herr und daß ich mit meiner Kirche unzufrieden bin. Solange sie sich nicht
tief demütigen können, sind alle ihre Reden und Arbeiten umsonst. Selbst
wenn ihr noch so viele Vereine stiftet wird es euch wenig nützen wenn ihr,
die ihr an der Spitze steht, nicht einen lebendigen Glauben besitzt." (S. 126 -
1903/212)
   ,,Wenn ich mein Volk züchtigen will, dann entziehe ich ihm meine
Gnade, und wenn ich mein Volk sinken lassen will, dann lasse ich das
Priestertum sinken. Und alle sind gestraft. Und wenn ich mich meines
Volkes erbarmen will, dann sende ich eifrige Diener meines Herzens,
Priester, die von meinem Geist beseelt sind." (S. 20 - 1897/93)
   ,,Die Kirche muß von Zeit zu Zeit abgestaubt werden. Im Mittelalter lag
der Staub des Reichtums auf ihr, jetzt der Staub der modernen Wissen-
schaft." (S. 48 - 1909/301)

                                     282
   Für die Echtheit der Offenbarung der Barbara Weigand spricht auch
die schonungslose Aufdeckung der ganzen Armseligkeit des Werkzeuges,
dessen sich der Herr für seine Pläne bedient hat.
    Gott schenkte ihr wohl außergewöhnliche Gnaden, aber er sorgte auch
dafür, daß sie sich deshalb nicht das geringste einbilden konnte. Er sagte ihr:
,,Ich habe dich aus der alleruntersten Klasse von Menschen herausgezogen,
damit niemand sagen kann, das hat sie aus Büchern oder das hat sie sich
selbst ausgedacht. Ich habe dir schon vor acht Jahren gesagt, daß ich dein
Zutun nicht brauche, ich verlange von dir nichts als Beharrlichkeit."
(S. 82 - 1895/96-1)
    ,,Du bist ein armseliges Wesen. Wer mit dir spricht, der muß es heraus-
finden, daß du keine Schule genossen hast, daß du ein armes, unwissendes
Dorfmädchen bist aus einer Gegend, wo man noch sehr zurück ist und wo
die Leute nicht allzu gescheit und aufgeklärt sind. Ich habe dich mit Absicht
aus einer Familie genommen, die in der ganzen Verwandtschaft keine Seele
aufzuweisen hat, die zu den Gebildeten gehört, die alle miteinander ihr
Stücklein Brot im Schweiße ihres Angesichtes verdienen müssen."
(S. 188/70 - 1897/123)
    ,,Du arme Kleine. Siehst du, was du aus dir bist. Ich habe es dir diese
Woche gezeigt, daß du nichts aus dir vermagst, daß du eine arme Sünderin
bist. Du bist nicht mehr wie andere. Glaube nur, andere sind tausendmal
besser als du und doch hat es mir gefallen, dich an mich zu ziehen
und Großes in dir zu wirken, du armseliges Werkzeug in meiner Hand."
(S .81 - 1895/96 - 1)
   ,,Wohl ist wahr, daß du ein armseliges Geschöpf bist, ja das Ärmste, daß
ich mir hätte erwählen können, und doch geruhte ich dich zu erwählen, du
Armselige, um allen ein Trost und Beispiel zu sein, wenn einer auch noch so
armselig und schwach ist." (S. 30 - 1897/113)
   ,,Wenn du nur einsiehst, daß du alles aus mir hast, daß du nicht stolz dein
Haupt erhebst und dir einbildest, als hättest du je ein Verdienst aus dir." (S.
71 - 1896/34)
   In der Josephsmesse am neunten Josephsmittwoch zeigte ihr der Herr die
ihrer Seele noch anhaftenden Unvollkommenheiten in Gestalt einer sehr
plumpen Person, so daß sie ganz entmutigt war. ,,So seid ihr alle," sagte der
Herr. (S. 1 - A 1900/280)
   Sie schreibt auch: ,,Obwohl mir der Herr zeigte, daß ich eins mit ihm
geworden bin, zeigte er mir doch auch, wie sehr er uns lieben muß, daß er
sich diese Vereinigung gefallen lässt. Meine Seele schaut ihn plötzlich in
majestätischer Gestalt vor sich, zugleich ließ er zu, daß ich den Zustand

                                     283
meiner Seele sah und erschrak so sehr, daß ich gern geflohen wäre."
(S. 96 - 1908/289)
    Christus erklärte ihr: ,,Hast du vergessen, daß du nur ein Sprachrohr bist
und ein Briefträger. Du mußt dich immer nur als das Sprachrohr ansehen.
Wenn der Schall entflohen ist, bleibt auch nicht ein Klang darin zurück. So
ist es mit dir; denn nichts davon gehört dir." (S. 122 - 1896/34)
  ,,Du bist immer so, wenn ich dir etwas gesagt habe, drehst du dich herum
und hast es wieder vergessen." (S. 101 - 1903/212)
    Einmal klagte sie, daß sie so zaghaft sei. Darauf bekam sie die Antwort:
,,Wenn ich danach fragen wollte, wäre ich längst von dir zurückgetreten
und hätte mir ein Werkzeug gesucht, daß meiner würdiger wäre als du."
(S. 14 - A 1900/273)
   ,,Wenn deine beiden Freundinnen nicht wären, so hätte ich mich schon
längst zurückgezogen." (S. 131 - 1901/48)
   ,,Die Gnaden, die ich in dir wirke, sind nicht dein Verdienst. Du Erden-
stäubchen, du Hand voll Staub und Erde, von der du genommen bist. Ziehe
ich meine Gnade zurück, dann bist du der schlechteste Mensch. Merk dir
das wohl, meine Tochter. Kein Stäubchen soll an dir hängen bleiben. Bewah-
re nur die Demut." (S. 9 - 1896/51)
   ,,Die Demut ist die Grundlage aller Tugenden. Sie ist auch die Bewahre-
rin aller Tugenden und der Deckmantel aller Fehler, die dem Menschen-
herzen anhaften und ankleben. Der arme Mensch hat seine Fehler, solange
er auf der Welt ist." (S. 26 - 1897/98-145)
   ,,Der Mensch ist zu schwach, um sich nicht selbst das zuzuschreiben, was
mir gebührt. Um dieses zu verhüten, muß ich ihn tief verdemütigen. Er muß
warten auf meine Hilfe oder wie ihr viele Verachtung und Verdemütigung
ertragen. Wenn alles so glatt abginge, wie sich der Mensch es vorstellt, wäre
er zu schwach, um nicht Schaden zu leiden und sich nicht selbst etwas anzu-
eignen." (S. 2 - 1910)
  ,,Es ist ein furchtbarer Stolz, wenn ein frommer Mensch alles von sich
weist und sich selbst durcharbeiten will." (S. 42 - 1901/48)
   ,,Der Mensch gleicht einem Baum, der immer wilde Schößlinge austreibt
und werden diese nicht gestutzt, dann trägt er keine guten und reichen
Früchte mehr, weil dann alle Säfte in die Zweige schiessen. So ist der
Mensch. Er hat den Trieb zu den bösen Neigungen in sich, besonders den
Stolz. Dieser trägt ihn immer höher empor als er steigen sollte. Wird dieser
Trieb nicht abgestutzt und hängt sich der Mensch an die Neigungen, so trägt
er keine guten Früchte. Deshalb dankt mir, weil ihr gewürdigt worden seid

                                     284
solche Verdemütigungen mir zulieb zu ertragen. Welch Glück ist es für den
Menschen, wenn ich ihn verdemütige." (S. 98 - 1904/237-241)
   ,,Es ist gut, wenn man all seine Kräfte im Dienst anderer anstrengt wie du
es getan - aber es war auch Stolz dabei. Ich lasse darum zu, daß manches
anders kommt wie ihr denkt und wünscht, weil ich den Stolz aus der Seele
reißen will. Der Stolz ist das Urlaster und mit tausend Fasern in die Seele
eingesenkt. Wenn man die Wurzel auch abgeschnitten hat, bleibt doch
immer noch eine Faser und daran hakt der Teufel ein, und diese Faser
wächst bei jeder Gelegenheit empor." (S. 47/48 - 1903/212)
   ,,Solange nicht ein demütiges Herabsteigen in all den frommen Seelen,
auch den Ordensleuten, stattfindet, so daß jeder sich als den Letzten
betrachtet und es nicht verschmäht, sich der Gesinnung nach neben das letz-
te Dienstmädchen zu stellen, solange der Stolz alle beherrscht, kann ich in
der Kirche nichts wirken." (S. 117/18 1900/1)

3. Die Tatsache ihres heroischen Lebens
   Schon vor der mystischen Begnadigung ging das Gebetsleben über das
gewöhnliche Maß hinaus. Damals war die öftere Kommunion noch nicht
Brauch. Der Herr legte ihr aber die Sehnsucht danach ins Herz. In ihrer
Heimatkirche konnte sie durch ihren Kaplan nur kurze Zeit alle Tage
kommunizieren. Dann verbot es der Pfarrer, weil er nicht wollte, daß in
seiner Pfarrei die öftere Kommunion eingeführt würde. Als Barbara erfuhr,
bei den Kapuzinern in Aschaffenburg werde die hl. Kommunion alle Tage
ausgeteilt, stand sie selbst im strengen Winter 1879 jede Woche zweimal
nachts um 1 Uhr auf und machte mit nur einem Stück Brot versehen den
Weg von zehn Stunden hin und zurück, um die hl. Kommunion zu empfan-
gen. (S. 3 - 1908/289)
   Bald erlebte Barbara die außergewöhnliche Liebe des Herrn. Er zeigte
sich ihr und sprach mit ihr. Er nimmt sie als seine Braut. ,,Nachdem ich die
ganze Oktav von Fronleichnam bis zum Herz-Jesu-Fest 1895 vieles gelitten,
rief Jesus seine eigene Mutter herbei und sagte: Diese soll meine Braut
werden. Stelle mich mit ihr als solche meinem himmlischen Vater vor. Meine
liebste Mutter, mit diesem Erdenkind will ich mich vermählen. Ersetze du
mir, was ihr noch fehlt." Als der liebe Heiland diese Worte an seine hl.
Mutter richtete, wurde ich mit solcher Scham erfüllt, daß ich gern zurück-
getreten wäre, wenn die Liebe zu meinem himmlischen Bräutigam mich
nicht gefesselt hätte. Voll Scham und Reue wandte ich mich an die liebe
Mutter Gottes und flehte: Ach Mutter, was wird der himmlische Vater sagen,
wenn ich mit deinem Sohn komme. Ich elende Sünderin vor dem allmächti-
gen Gott. Voll Mitleid überreichte sie mir ihr eigenes Herz mit all seinen

                                    285
Tugenden und sagte: ,,Sieh, meine Tochter, das zeigst du vor." Nun kam
Jesus in unaussprechlicher Herablassung zu mir. Wenn ich aber einen Blick
auf ihn warf, da stand mein ganzes sündhaftes Leben vor mir und ich
schämte mich vor ihm. Da trat wieder die liebe Mutter Gottes herzu und
nahm mich bei der Hand und Jesus nahm meinen Arm und zitternd und
zögernd ging ich zwischen beiden. So wurde ich dem himmlischen Vater
vorgestellt. Meine Feder kann die Furcht nicht schildern, die in mir war.
Aber da trat die liebe Mutter Gottes vor mich hin und sprach zum himm-
lischen Vater. ,,Sieh, o himmlischer Vater, allmächtiger ewiger Gott, mein
und dein Sohn, den du von Ewigkeit her gezeugt und ich in der Zeit als
Jungfrau geboren habe, will diese Adamstochter hier zu seiner Braut anneh-
men. ,,Die liebe Mutter Gottes trat zurück. Ich war nicht mehr verzagt;
beherzt und voll Freude, wie eine Königstochter überreichte ich dem himm-
lischen Vater das allerreinste Herz Mariens mit all seinen Tugenden und Ver-
diensten, die ich wie ein Bouquet Blumen in Händen hielt. Darüber freute
sich der himmlische Vater so sehr, daß er sprach: ,,Was der Wille meines
göttlichen Sohnes ist, ist auch mein Wille und du meine Tochter, bitte von
mir heute, was du willst. Heute sollen dir alle deine Bitten gewährt
werden." (S. 13 - 18 - 1895 - 1)
    Entsprechend dieser Gnaden mußte Barbara viel Zeit für Christus haben.
Dies war nicht leicht. Sie stand in einer Wirtschaft und mußte
für viele da sein. Der Herr aber verlangte, daß sie in erster Linie für ihn
Zeit habe: ,,Dein Beruf ist, viel vor dem Allerheiligsten zu knien."
(S. 120 - 1898/157)
   So verharrte sie am 25. Februar 1898 von morgens ein halb sechs Uhr bis
abends neun Uhr, mit Ausnahme einer kurzen Mahlzeit, in zwei Kirchen
ständig im Gebet. (S. 54 - 1898/157)
    Während der Fastenzeit betete sie den ganzen Morgen ununterbrochen
von ein halb sechs Uhr bis 12 Uhr. Von 12 bis 4 Uhr nachmittags half sie
in der Hausarbeit und betete dann wieder bis abends acht Uhr.
(S. 97 - 1898/157)
   Einen Einblick in ihr Gebetsleben gewähren auch Gebete in ihren Auf-
zeichnungen. So wandte sie sich an Christus: ,,Mein Jesus, o meine süße
Liebe, ich danke dir für das Wunder, das du gewirkt, um unsere Speise zu
werden. Ich danke dir im Namen aller Menschen, die nicht an dich glauben,
die dich nicht erkennen, die im Irrtum und Heidentum sitzen, die nicht
wissen, wie gut du bist. Ich danke dir auch im Namen aller gläubigen
Christen, die dich zwar in der hl. Kommunion aufgenommen, die aber
wieder abgefallen und dich vergessen haben, und für die du wolltest, daß
ich leiden sollte. Ich danke dir, daß du mich gewürdigt hast einen geringen

                                    286
Teil deines Leidens zu verkosten. Ich opfere dich auf in Vereinigung mit
deiner lieben Mutter, in Vereinigung mit jener hl. Stunde, wo du das Aller-
heiligste Sakrament eingesetzt hast für alle Menschen, die dich nicht mehr
in der hl. Kommunion empfangen. Ich bitte dich, gib mir ein Herz so groß
und so weit, wie die ganze Welt. Entflamme es mit der Liebe der hl. Mutter,
mit der Liebesglut der Seraphim und Cherubim, aller Heiligen und hl.
Engeln, die im Himmel vor dir stehen. Ich vereinige mich mit allen heiligen
und gerechten Seelen auf Erden und opfere dir dies alles auf und mein
geringes Leiden und meine geringe Liebe dazu für all die Sünder und
Glieder des mystischen Leibes, die zwar in deinem hl. Leib einverleibt sind,
in die aber dein hl. Blut nicht überströmen kann. Lenke das Wasser deiner
Gnade in diese ausgedorrten Rebzweige, belebe sie mit dem Blut, das aus
deinen hl. Wunden strömt..." (5.1 - 4 - 1897/104)
   Über das gewöhnliche Maß hinaus ging auch der Opfergeist der
Barbara Weigand. Es ist nicht alltäglich, daß ein Bauernmädchen zu ihrer
schweren Arbeit im Haus und im Feld noch die Bußwerke der Heiligen
vollbringt. Sie hat es aber getan.
   Später wurden gerade die außergewöhnlichen Gnaden Gottes und die
von ihm erteilten Aufträge ihr großes und ständiges Kreuz. Barbara war
beim Auftreten der mystischen Erlebnisse nicht leichtgläubig. Sie fragte
nüchtern: ,,Wer ist die Stimme, die zu mir spricht. Ich traute nicht. Ich sagte
mir: Es ist doch eine Täuschung. Ich bin nicht wert, o mein Jesus, daß du
dich zu mir herablässt und mit mir verkehrst." (S. 5 - 1895/96 - 1)
   Der Frage ,,Wer ist die Stimme, die zu mir spricht" fügte sie bei: ,,Um
jeden Preis möchte ich wissen, welche Stimme zu mir spricht. Aber mir steht
das nicht zu das zu beurteilen. Darum, o Gott, gib mir doch einen Priester,
dem gegenüber ich mich offen aussprechen kann." (S. 4 - 1895/96 - 1)
   Bei zwei Beichtvätern fand sie Licht und Trost. Der eine aber wagte nicht
öffentlich für sie einzutreten, der andere wurde nicht anerkannt und von
seinen Gegnern buchstäblich zugrundegerichtet. So blieb ihr viele Jahre
dieses Kreuz: Ist es nicht Täuschung?
  Wie sehr sie bereit war, sich dem Urteil des Priesters zu unterwerfen,
beweisen folgende Aussprüche: ,,Ich glaube deinem Diener mehr als dir,
weil du ihn mir an deiner statt gegeben hast." (S. 40 - 1896/12)
   ,,Ich unterwerfe mich der Kirche, deinen Dienern." (S. 68 - 1895/961)
   Aber was mußte sie erleben: ,,Seitdem ich mich meinem Beichtvater zu
erkennen gab, ging keine Beichte vorüber, wo ich nicht als eine aufgeblähte
stolze Person behandelt wurde. Vor acht Tagen verlangte ich einige Briefe
zurück. Da sagte er: ,,Nein mit diesen Briefen hat der Teufel seine Hand im

                                     287
Spiel, damit will er sie fangen. Die Briefe werden verbrannt." Das machte
mich sehr traurig, weil ich mir dachte, verbrennt er die Briefe, dann
verbrennt er auch die Mitteilungen, die ich mit so vielen Opfern aufschrei-
ben muß, weil ich doch über meine Zeit gar nicht Herr bin. Innere
Verlassenheit und äußere Leiden aller Art brachten mich vorige Woche so
weit, daß ich mich nicht mehr getraute zu beten. Wenn ich vor ausgesetztem
heiligen Gut beten wollte, schlug ich die Augen nieder und sagte: Ich muß
die elendeste Sünderin auf Erden sein, weil ich mich so getäuscht habe." (S.
105 - 1898/198)
    Ein andermal klagte sie: ,,Ich bin eine armselige Sünderin, verworfen und
hinausgestoßen aus der Gesellschaft; denn kein Priester wagt sich an mein
Bett - selbst nicht mit dir im allerheiligsten Sakrament - aus Furcht, er möch-
te für einen Schwachkopf gehalten werden, der solche Dinge glaube, die von
Weibern herkommen." (S. 164 - 1895/96-1)
   Erschütternd kommt auch an anderer Stelle die dadurch bedingte täg-
liche Not zum Ausdruck: ,,Siehe, ich erkläre mich bereit, alle Leiden zu
ertragen, aber sag mir doch, bist du es nicht, der mit mir verkehrt, da ich seit
den Tagen meiner Jugend mir vorgenommen, einzig und alleine dich zu
lieben. Siehe, ich habe alles auf's Spiel gesetzt, aus Liebe zu dir habe ich
meine Heimat verlassen und mich nicht mehr umgesehen und was besitze
ich jetzt als das bisschen Essen und ich weiß nicht, was noch kommen kann,
ob ich nicht doch aus meiner Familie ausgestoßen werde, wenn alles als
Täuschung erklärt wird." (S. 129 - 1896/51)
    Neben diesen Leiden verlangte Gott von ihr auch auffallende Bußwerke:
Ihr und ihren beiden Freundinnen wurde aufgetragen: ,,Macht die Wall-
fahrten, denn damit will der Herr der Welt zeigen, daß der Glaube offen und
frei bekannt sein muß, daß ihr nicht zurückschreckt vor dem Gespött und
Hohngelächter der Welt. Seht, wie kleinlaut sie werden, weil sie sich sagen
müssen, hier muß etwas anderes vorliegen. Deswegen schickt euch der Herr
barfuß, trotz der Kälte und des strömenden Regens. Freut euch meine Kin-
der, es wird euch kein Leid geschehen, wenn du auch ein offenes Bein hast
und große Schmerzen leidest. Weil es der Herr von euch verlangt, wird es
euch nicht schaden, im Gegenteil, ihr werdet gesund und kräftig werden."
(S. 11 - 1899/256)
  Die Erfüllung dieses Auftrages brachte Barbara viele Anfeindungen und
auch ein Verbot von der vorgesetzten Stelle. Heute versteht man nicht,
warum barfuß gehen anstößig sein soll, aber damals war es so.
   All diese Opfer und Leiden genügten aber noch nicht. Barbara wurde
auch von verschiedenen Krankheiten heimgesucht. Eine Nichte erzählt:
,,Am Donnerstag abend, den 21. September 1905, ist Barbara sehr erkrankt.

                                      288
Schon einige Tage vorher hatte sie furchtbare Schmerzen im Leib. Sie mußte
die ganze Nacht und den ganzen Tag so laut schreien, daß die Nachbars-
frauen herbeikamen und jede wusste ein anderes Mittel. Der Reihe nach
wurde angewandt: Heiße Wasseraufschläge, heißer Essig, Branntwein, Kar-
toffeln, Kleie, Kamillensäckchen, ein großer Laib Brot und alle Sorten Tee.
Alles war umsonst. Später sagte ihr der Herr, sie müsse Sühne leisten für die
Sünden der Jugend, besonders der Unkeuschheit." (S.20/21-1905/252)
Typisch für Brabara waren auch die Leiden der ,,drei Stürme", die oft über
sie kamen. Bei einem lesen wir: ,,Das drittemal krachte das Bett vor Gewalt,
ich wollte rufen, aber ich konnte keinen Laut herausbringen. Ich flehte
innerlich: Herr, hilf mir doch, aber in meiner Seele hatte ich die Zuversicht,
daß ich nicht sterben werde." (S. 49/1901/48)
   DDr. Wilhelm Büttner ,,Barbara Weigand von Schippach" schreibt dazu:
Die Stürme vor den Ekstasen sollten ihr Mitleiden mit der Passion des Herrn
darstellen, wie ihr im letzten April 1899 der Herr selber offenbarte: ,,Ich
lasse, ehe du eingehst in meine Liebe, erst jedesmal drei Stürme voraus-
gehen zum Andenken an meine dreistündige Todesangst am Kreuz. Manche
Züge dieses Leidens zeigten das Mitleiden mit der Geißelung, wie am vier-
ten Freitag 1899, von dem die Zuschauerin bezeugt: Als wir zu Babett
kamen, war sie bereits in ihrem Leiden. Wir sahen dann, wie sie die Geiße-
lung durchmachte, denn während zwanzig Minuten zuckte ihr Körper, wie
von Hieben schmerzlich zusammen.
   Außergewöhnlich ist auch die Liebe zu ihren Angehörigen und allen
Notleidenden. Wo sie gebraucht wurde, sprang sie ein. Besondere Erwä-
gung verdient ihre zwanzigjährige Tätigkeit in der Wirtschaft ihres Bruders
in Mainz. Welcher Segen dabei von ihr ausging, beweist das Zeugnis der
Polizei von Mainz, daß es die Wirtschaft in der ganzen Stadt sei, wo sie am
wenigsten zu tun haben." (S. 44 - 1896/97-85)
   Wichtiger aber als die stets hilfsbereite Liebe in den irdischen Nöten ihrer
Umgebung war ihr Eifer für die unsterblichen Seelen. ,,Mein Jesus, o wenn
es möglich wäre, gleich wie du dein Leiden für den himmlischen Vater auf-
geopfert, für alle Menschen gelitten hast, so möchte ich leiden bis zum jüng-
sten Tag, wenn ich damit alle Menschen retten könnte. O könnte ich mein
Herz so viel tausendmal verteilen, als es Menschen auf Erden gibt; denn je
mehr ich eingeführt werde in die Schönheit der Menschenseele und in die
Glückseligkeit, die sie dereinst genießen soll, desto mehr wächst mein Durst
nach Seelen. O mein Jesus, ich will keine andere Gnade, als daß keine Seele
verloren geht. Sieh, mein Jesus, es ist nicht immer Bosheit, wenn die
Menschen sündigen. Du hast ihnen einen Leib gegeben, der sie abwärts-
zieht. Sieh, jeder noch so großer Sünder hat immer noch eine gute Seite und
diese opfere ich dir auf." (S. 64/65 - 1897/104)

                                     289
   Die Liebe zu den Seelen galt auch besonders zu den armen Seelen.
Einmal betete sie: ,,Darum nimm die Verdienste deiner heiligsten Mutter,
ihren Glauben, ihre Demut, ihr Vertrauen und schenk uns dafür die armen
Seelen. Nimm auch dazu die Verdienste aller Heiligen, die schon gelebt
haben und noch leben werden und schenk uns diese Seelen und mach das
Fegfeuer leer. Lass den Himmel reich bevölkert werden, meine Barmherzig-
keit, mein Jesus."
  ,,Du Quälgeist", sagte darauf der Heiland. (S. 25 - 1899/249)
   Wie wohlgefällig aber die Gebete und Opfer für die armen Seelen waren,
verriet er ihr einmal bei der hl. Kommunion: ,,Ihr habt in der Zeit von Maria
Himmelfahrt bis zu Maria Geburt zweitausend Seelen aus dem Fegfeuer
befreit. Dies ist so wahr, als der Theologe P. wieder gesund und ein guter
Priester wird." (S. 31 - 1895/96 - 1)
   Als Barbara wieder einmal um die Rettung armer Seelen aus dem
Fegfeuer betet, fragte der Herr: ,,Meine Kinder, könnt ihr auch das glauben,
daß ich euch die Seelen schenken will, die noch hundert und zweihundert
Jahre Fegfeuer zu leiden hätten?." Sie antworteten: ,,Ja, wir glauben, daß du
so gut bist. O schenk sie uns." ,,Ihr sollt sie haben."
   Eine Bemerkung des Herrn ist aber noch wichtig: ,,Ich schenke sie euch
nicht allein wegen eures Gebetes, sondern um des Gebetes der Kirche
willen." (S. 30 - 1899/225)
   Eines Tages erhielt Barbara vom Herrn folgende Belehrung: ,,Man
wundert sich und will es nicht glauben, daß Seelen noch Jahrzehnte und
hundert Jahre im Fegfeuer zu leiden haben, während ich hier eine Seele, die
noch nicht so lange gestorben ist aus dem Fegfeuern befreie, weil Barbara
mich so inständig gebeten hat, diese Seele zu befreien. Glaubt ihr wohl, ein
Gott wäre wie die Menschen? Ein Gott muß großmütig sein und ist unend-
lich großmütig, wenn so ein armseliges Wesen, wie dieses, großmütig über
sich hinweggeht, wenn es leidet und sich wie ein Leichnam dahinschleppt,
dies alles für andere tut, wenn dieses Wesen mir eine Bitte vorträgt, beson-
ders wenn sie zu meiner Ehre und Verherrlichung gereicht, sollte ich ihr die
Bitte nicht gewähren." (S. 47 - 1899/264)
   Hier bestätigt der Herr selbst, daß die Liebe der Barbara Weigand
heroisch war.

4. Das Bild Gottes
   Die Offenbarungen der Barbara Weigand haben zum Ziel, die Menschen
erkennen zu lassen, wie gut Gott ist und wie sehr er seine Geschöpfe liebt.
Zugleich beweisen sie auch, daß er der Herr und in seinen Entscheidungen
vollkommen frei ist.

                                    290
   ,,Für den Menschen muß Gott immer ein Rätsel sein und bleiben -
rätselhaft seine Werke und seine Fügungen, weil er Gott ist und ihr alle seine
Geschöpfe seid." (S. 131 - 1898/172)

    Er ist aber kein Rätsel, durch das wir verunsichert werden und er uns
unheimlich erscheinen will; denn das größte Rätsel an ihm ist, daß er seinen
eigenen Sohn für uns geopfert hat. In den Schriften lesen wir: ,,Der Herr
zeigte mir den Schöpfungsplan und wie er sich bei allem was er tue und je
getan habe sein Eigentumsrecht vorbehalte vom ersten Augenblick an, wo
er angefangen habe ein Geschöpf ins Dasein zu rufen bis zum letzten am
Weltende. Deshalb müssten sich alle bewähren. Im Himmel habe er seine
Pläne nur so weit erschlossen, als es für seine Geschöpfe notwendig war,
nämlich um eine Prüfung zu bestehen. Wenn sie auch mit mir, sagte er, im
Rate sitzen, so behalte ich mir doch die Unterwerfung unter meinen Willen
vor. Als ich den Himmel erschuf mit seinen Geschöpfen, da erschuf ich sie
gut, und als ich die Welt erschuf mit dem König der Schöpfung, da war
wieder alles gut und wenn du fragen wolltest: Ja, Herr, warum ließest du zu,
daß diese Geschöpfe im Himmel und auf Erden böse wurden, da du sie
doch gut erschaffen hast, so antworte ich dir. Weil sie alle wissen sollen, daß
ich der Herr bin und daß sie mir unterworfen sind und daß ich mir meine
Schöpferrechte nicht nehmen lasse. Darum mußten alle, auch die Engel, die
im Rate zugegen waren, als ich den Plan fasste, den Menschen zu schaffen,
zeigen, ob sie gewillt seien sich meinen Plänen zu unterwerfen. Und zwar
tat ich dies, weil Luzifer und ein großer Teil der Engel stolz war. In ihrer
hohen Stellung wollten sie mir gleich sein und nicht zugeben, daß noch ein
Geschöpf neben ihnen existiere, dem sie sich unterwerfen müssten. Ich
fragte: O Herr, da du doch wusstest, daß viele deiner Geschöpfe dich nur
beleidigen, wäre es denn nicht besser, wenn du kein Geschöpf hättest. Da
antwortete der Herr: Dies wollte ich dir heute zum Troste sagen, daß ich
diese Geheimnisse, die nur meiner Majestät zustehen, keinem Geschöpf
erschließen werde. Die Engel mußten durch demütige Unterwerfung
ihre Prüfung bestehen, und der Mensch durch den Glauben. Darüber
könne niemand hinweg, auch wenn er auf dem päpstlichen Stuhle sitze."
(S. 63/64 - 1900/1)

   ,,Als ich den Menschen erschuf, erschuf ich ihn im Paradies, und der
Mensch lebte in Unschuld wie ein Kind. Er wusste nichts vom Leiden. Ich
erschuf ihn aber weniger vollkommen als die Engel, denn der Engel ist ein
rein geistiges Wesen, weil er erschaffen ist, um in meiner allernächsten Nähe
zu stehen. Wegen der Menschen erschuf ich das Weltall. Alles legte ich dir
zu Füßen, o Mensch. Du bist der König der Schöpfung. Weil ich aber den
Menschen materiell erschuf oder mit andern Worten: aus Erde und einem
geistigen Wesen, der Seele, zusammensetzte, darum ist sein Leib der Erde
zugeneigt. Ich wusste im voraus, daß er schwach sein und sinken werde.


291
  Da trat mein Sohn vor mich hin und sagte: Erschaffen wir trotzdem den
Menschen, obwohl wir wissen, daß er fällt.
  Wir wollen unsere Liebe vervielfältigen. Ich selbst will hinabsteigen und
den Menschen aus freien Stücken erlösen. Ich will ein Mensch werden und
den Menschen und den Engeln zeigen, wie ich die Menschen liebe.
    Als wir diesen Plan fassten und ihn unseren Geschöpfen, den Engeln,
mitteilten, entstand der erste Streit. Luzifer schaute sich in seiner Voll-
kommenheit und sagte: Wir sollen einmal einen Menschen anbeten! Diesem
Plan stimmen wir nicht zu. Er trat vor die andern hin und sagte: Wer will
mir folgen und es aufnehmen mit diesem Gott, der von uns verlangt, daß
wir seine zweite Person in Menschengestalt als Gott anbeten sollen. Das
wollen wir nicht. Wir wollen nicht dienen. Das war die erste Sünde. Die
Engel wurden in den Abgrund gestürzt. Von da an gibt es die Hölle."
(S. 203 - A 1900/287)
   Nachdenklich müssten auch folgende Bemerkungen stimmen: ,,Einmal
war unter sechszehn Stadtabgeordneten nicht ein Zentrumsmann und unter
zweiundvierzig nur fünf Zentrumsmänner. Der Herr sagte: Dies ist die
Strafe für die Geistlichkeit, weil sie die Augen zubinden, um ja nicht aufge-
rüttelt zu werden." (S. 91 - 1901/104)
    1904 war ein Priester der Diözese vor Gericht verurteilt worden. Da
klagte Barbara nach der hl. Kommunion: ,,O Herr! Wie konntest du zulas-
sen, daß solche Schmach über die Kirche kommt!" ,,Meine Tochter", sagte
der Herr, ,,das ist die Strafe für meine Kirche hier wegen der Missachtung
meiner Worte, die ich schon jahrelang durch dich gesprochen habe."
(S. 73 - 1904/243)
   Hier liegen klare Hinweise vor: Niederlagen der Kirche sind keine
Siege Satans, sondern Strafen Gottes.
  In den Aufzeichnungen findet sich auch, wie Gott über die Sünde denkt,
wie gut er aber auch gegenüber dem Sünder ist, wenn er reumütig und
bußfertig zu ihm kommt.
   ,,Ich war ja gekommen, die Menschen zu retten, auch die Gottlosen, auch
diejenigen, die mich hassten und verfolgten. Deswegen hielt ich mich als ein
unbekannter Gott unter ihnen auf. Ich offenbarte mich aber durch Zeichen
und Wunder, so daß alle - auch die schlimmsten und verstockten Sünder -
hätten zur Einsicht kommen können. Sie haben es aber nicht getan. Und
doch ist ihre Bosheit nicht so hoch anzuschlagen wie die der Kinder der
katholischen Kirche, die sich jetzt so im Laster tummeln, die sich von mir
abwenden, die mich behandeln als einen unbekannten Gott, der nie gewe-
sen, noch war, noch sein wird." (S. 101 - 1896/12)

                                    292
    ,,Die Welt liegt im argen, der Glaube schwindet von Tag zu Tag mehr und
mehr, und auch die guten Katholiken werden vom Strom der Zeit mit
fortgerissen. Weggeschwemmt wird alles Heilige und Ehrwürdige durch
die allzu große Vergnügungssucht dieser Tage, denn es reihen sich Feste
an Feste, die darauf abgezielt sind, den Glauben und die guten Sitten zu
untergraben und alles religiöse aus den Herzen herauszureißen."
(S. 73 - 1897/113)
   ,,Der größte Krebsschaden der heutigen Zeit ist die immer mehr über-
hand nehmende Vergnügungssucht. Sie erzeugt den Unglauben und die
Unsittlichkeit. Wo sie Platz ergreift, muß der Geist Gottes weichen, denn er
findet keinen Platz mehr in den Herzen der Menschen. Die Schwester der
Vergnügungssucht ist die abscheuliche Modesucht bei dem weiblichen
Geschlecht. Einmal, am Ende der Zeit, wird es offenbar, wie die Hölle in
euerer Zeit durch das Frauengeschlecht bevölkert worden ist." (S. 98 - 1910)
   ,,Der Geist der Finsternis glaubt: Jetzt habe die Stunde geschlagen, wo er
seinen Thron aufrichten könne. Er ist bestrebt, den Himmel, den er sich einst
verscherzt hat, sich jetzt unter den Erdbewohnern zu schaffen, sich in dieser
Schöpfung alles zu unterwerfen, sich zu einem Gott auf Erden emporzu-
schwingen. Darum wirft er seine Netze weit aus und hat schon viele ins
Garn gezogen. Tag für Tag nimmt die Zahl derer zu, die sich unter seine
Herrschaft stellen." (S. 152/53 - 1897/134)
   ,,Da nun aber das einzige Reich, das ich auf Erden gestiftet habe, meine
Kirche, selbst so fahl und faul geworden ist, daß Satan mit den Christen wie
mit den Heiden sein Spiel treiben kann, jubelt er entsetzlich. Er brüllt und
heult Tag und Nacht und je mehr er brüllt, desto mehr lockt er sie in seine
Netze. Er brüllt in Wort und Schrift, auf allen öffentlichen Plätzen, in allen
Versammlungen, die nicht für Gott sind, er brüllt sogar in den einzelnen
Familien, denn da stehen überall solche, die andere Familienmitglieder noch
mit in die Netze Satans hineinziehen." (S. 26 - 1898/165)
   Ernst wendet sich der Herr daher an jeden Menschen: ,,Jetzt hast du die
Wahl. Wähle zwischen Gut und Bös, und weil ich dem Menschen seinen
freien Willen gegeben habe, darum zwinge ich niemand und werde mit der
Gerechtigkeit solange zögern, bis meine Barmherzigkeit erschöpft ist und
das dauert, solange der Mensch lebt." (S. 197 - A 1900/2)
    Eine klare Aussage gibt der Herr auch über die Todsünde: ,,Der Mensch
muß unbedingt merken, wenn er sich von mir scheidet, denn eine gewalti-
ge Erschütterung geht in ihm vor, wenn er sich freiwillig von mir trennt.
Nicht jedesmal bin ich von ihm gewichen, wenn er einmal der Leidenschaft
nachgegeben. Nur dann weiche ich von ihm, wenn er mit vollem Bewusst-
sein und mit freier Überlegung handelt und der Gnade ständig widersteht."
(S. 49 - 1896/34)

                                     293
    Eindringlich warnt darum der Herr vor der Sünde: ,,Du sollst alles
aufschreiben, damit die Menschen sehen, wie hart die Strafe für diejenigen
ist, die im Leben auf die Barmherzigkeit Gottes lossündigen und mit meiner
Gerechtigkeit spielen wollen. Denk an jenen furchtbaren Ort, wo die Frau
seither büßte. (Er spielt auf ein Fegfeuererlebnis an!) Viele, viele Seelen sind
dort, die bis zum Jüngsten Tag leiden, denn dort ist jeglichem Trost der
Eingang verschlossen. Darum blieb der Engel, der dich dorthin begleitet,
und der Schutzengel der Frau, am Eingang stehen und nur, damit die
Menschen wieder meine Gerechtigkeit fürchten lernen; aber damit auch
meine Güte und Barmherzigkeit zu sehen ist, befördere ich diese Frau an
einen Ort, wo die guten Werke der streitenden Kirche hingelangen können."
(S. 29/30 - 1906/268)
    ,,Nie ist es zu beschreiben, wie ich mit jenen verfahre, die ein Volk
verführten wie Luther und Calvin. Neben sie stelle ich jene Lehrer und alle,
die es mit ihnen halten, die halb und halb mit der Welt liebäugeln wollen."
(S. 73 - 1899/256)
  ,,Auch der geistliche Stand und Ordensstand, wenn er nur geschäfts-
mäßig wie ein anderer Stand aufgefasst wird, hat seine Klippen und kann
zur Hölle fahren." (S. 20 - 1910)
   Damit stellt der Herr allen Menschen vor Augen: man darf die Sünde
nicht leicht nehmen und nicht auf Gottes Barmherzigkeit sündigen. Er zeigt
aber auch wieviel verstehende und erbarmende Liebe er für seine armen
Kinder hat: ,,Ich bin ein gütiger Gott. Meine Kinder sind meine Ebenbilder,
auch wenn sie die Züge meines Bildes, die sie an sich tragen durch die
Sünde und durch die Laster noch so sehr verzerrt haben. Mein Blut klebt an
jeder Seele." (S. 42 - 1896/12)
   ,,Wie gern verzeihe ich den Menschen, wenn sie mit reumütigen Herzen
kommen. Ich bin bereit in reichem Maße meine Gnaden ihnen zuzuwenden.
Wie lenke ich ihre Schritte, wie bahne ich ihre Wege, um ihr Schicksal zu
erleichtern!" (S. 87 - 1896/2)
    ,,Ihr seid Adams Kinder und täglich zum Bösen geneigt. Ihr werdet
deshalb auch oft fallen. Diese Fehler müssen gesühnt und abgebüßt werden.
Darum wird euch manches in die Quere kommen, nehmt dies zur Strafe für
euere Sünden an. Somit könnt ihr alle Strafen in dieser Welt abbüßen."
(S. 52 - 1896/12)
   Das gleiche sagt Christus auch Barbara: ,,Du mußt die Sünden, die du
von Tag zu Tag begehst auch wieder abbüßen. Darum lasse ich so manches
über dich kommen, was dir nicht gefällt und dir das Leben der Frömmigkeit
verleidet." (S. 68 - 1897/134)

                                      294
   Hier wird auf zwei Wahrheiten hingewiesen: die eine: daß jeder Fehler
gesühnt werden muß, denn Gott ist gerecht; die zweite: daß Gott selbst
durch seine Vorsehung die Gelegenheit zur Sühne gibt. Darum sollte man
sich dessen mehr bewusst sein. Wenn einem etwas in die Quere kommt oder
wenn etwas kommt, was uns nicht gefällt, soll man es als verdiente Strafe
ansehen und als solche demütig hinnehmen, dann wird es nämlich zugleich
auch leicht.
    Interessant ist auch: ,,Alle Menschen sind stolz und haben ihren
eigenen Willen, besonders das Frauengeschlecht. Sie möchten überall oben
anstehen, so war Eva. Alle Frauen sind Evas Kinder, alle Männer aber sind
Adams Kinder. Adam ließ sich von der Eva verführen. Adam glaubte ihr
alles und weil sie es sagte, ließ er sich von ihr verführen, obwohl sein Herz
ihm sagte: Gott hat es verboten, gab er diesem armseligen Frauchen nach."
(S. 77/78 1904/230)
   Wie gütig Gott ist, zeigt sich auch in folgendem: ,,Der allweise, gütige
Gott muß sich den Menschen anpassen, wenn es die Menschen schon nicht
mehr tun, sich ihrem Schöpfer anzupassen und zu fügen. Du mußt wissen,
daß der liebe Gott sich so nach seinen Geschöpfen richtet, daß es niemand
auf der Welt fasst wie unendlich die Geduld des Schöpfers ist, und zu allen
Zeiten ersinnt der Herr Mittel, um sich dieser armseligen Geschöpfe
zugänglich zu machen." (S. 2 - 1896/70)
  ,,Seht, das ist nun einmal, daß alle Menschen etwas Eigenartiges an sich
haben: einen Fehler, den ich mit Geduld ertragen muß, sonst müsste ich das
ganze Menschengeschlecht vernichten." (S. 23 - 1896/97 - 85)
   ,,Man muß mit den Charakteren Geduld haben, die so verschieden sind.
Auch ich muß Geduld haben mit den frommen Seelen und ihren Charakter
ertragen und tue es auch." (S. 111 - 1909/301)
  ,,Als ich auf Erden wandelte, habe ich mit Schonung alle behandelt: Die
Samariterin am Jakobsbrunnen mit ihren sechs Männern, den 38jährigen
Kranken. Ich sagte nicht: wieviel hast du gesündigt; ich sagte teilnahmvoll
und wohlwollend: geh hin und sündige nicht mehr." (S. 6/7 - 1897/123)
   Wie Gott über die Seinen wacht und für sie sorgt, beweist er auch in
weiterem: ,,Alles, was dem Menschen auf seinem Lebensweg zustößt, ist für
ihn eingebaut, um ihn zu dem Ziel zu führen, zu dem er bestimmt ist. Das
für den Menschen Angenehme begreift er leicht, aber was gegen seinen
Willen ist, will er nicht verstehen. Darum wird er zur Zeit der Prüfung an
mir irren." (S. 59 - 1904/247)
  ,,Wie glücklich wären die Menschen, wenn alle mit ihrem Stand zufrie-
den wären. Siehe, das ist das einzige Kreuz in der Welt: alle Menschen

                                    295
machen sich durch ihre Unzufriedenheit den Querbalken selbst. Ich habe
jedem seinen Lebensplan festgelegt. Es liegt nur an ihm, den Plan auszu-
führen." (S. 94 - 1895/96 - 1)
   ,,Alle, die mir treu dienen, mögen sie auch ganz verschiedene Wege
wandeln, sind mir wohlgefällig. Wenn nur der Mensch gewillt ist mir zu
dienen, dann komme ich ihm schon entgegen und richte mich ganz nach der
Neigung des Menschen, die ihm am meisten liegt. Darum braucht sich kein
Mensch beunruhigen, wenn er sieht, der andere gehe einen anderen Weg zu
Gott, weil ich mich jedem anpasse und mit jedem zufrieden bin, wenn er nur
guten Willens ist." (S. 20 - 1906/260)
   ,,Bekümmere dich nicht um andere, bekümmere dich nicht um die Zeit,
die noch in ferner Zukunft liegt. Lass mich sorgen, sei aber auch einfältig
wie die Taube. Glaube alles, was sich auf mich und auf den Fortschritt im
guten bezieht, was dich zur größeren Liebe zu Gott und zur tieferen
Erkenntnis deiner selbst führt..." (S. 174 - 1895/96 - 1)
  ,,Lege alle deine Sorgen und Ängste ab, sie sind null und nichtig solange
du dich selbst damit herumreißt. Wenn du es doch verstündest, alles in mein
Herz zu legen und meinem Willen zu übergeben, wie leicht und glücklich
würdest du Tag für Tag leben; denn nichts geschieht ohne meine Zulassung
und alles, was ich tue, tue ich zum besten der Menschen." (S. 83 - 1905/252)
   Wie sehr das stimmt, zeigen folgende Worte: ,,Ich muß auf die Beschaf-
fenheit des Körpers einer jeden Seele Rücksicht nehmen. Ich will ja jene
nicht überbürden, die nicht den Körperbau und die Nerven dazu haben,
weil mit den äußeren Leiden innere und mit den inneren äußere Leiden
verbunden sind und diese zusammenwirkend eine Seele zugrunde richten
können." (S. 86 - 1895/96-1)
    ,,Übermäßige Strengheiten sind mir gar nicht so wohlgefällig, weil der
Mensch seine Kraft nach der Beschaffenheit und Gesundheit des Körpers
bemessen muß. Dieser mein Diener N. soll noch viel zu meiner Ehre und
Verherrlichung wirken, er soll sich begnügen mit dem, was er getan hat."
(S. 41 - 1896/97 - 85)
  ,,Die Kräfte sparen, um länger wirken zu können ist mir lieber, als in
wenigen Jahren sich aufreiben; denn ich brauche eifrige Diener in meinem
Weinberg, damit sie die Schäflein, die vom rechten Weg abgeirrt sind,
zurückführen." (S. 177 - 1897/93)
   ,,Du mußt die Mittel anwenden, um die Kräfte wieder zu heben. Wenn
man sich so schlapp und erschöpft fühlt, muß man nachgeben, das ist keine
Trägheit." (S. 78 - 1906/260)

                                    296
    Als Barbara einmal sagte: ,,Ach, Herr, ich glaube längst, du habest
mich vergessen", bekam sie zur Antwort: ,,Nein, nein, meine Tochter, ich
habe dich nicht vergessen, du bist noch meine Braut wie damals, wo ich
Woche um Woche mit dir verkehrte. Glaubst du denn, ich wäre so unbe-
ständig wie du. Du gabst mir deine Einwilligung und so bist du mein."
(S. 104 - 1902/166)
   Das beste Zeugnis seiner Liebe liefert der Herr aber im heiligsten Sakra-
ment: ,,Siehe, dreimal habe ich das Ostermahl mit meinen Jüngern gegessen,
aber nicht, daß ich ihnen damit ein bleibendes Denkmal hinterließ. Ich aß
mit ihnen nur wie ein Freund mit seinen Freunden. Aber heute beim letzten
Abendmahl bin ich nicht ihr Freund allein. Heute will ich ihnen alles sein.
Ich will heute in eine so innige Vereinigung mit ihnen treten, daß sie inniger
nicht gedacht werden kann, was nie ein Menschenherz ausdenken könnte,
was noch nie ein Freundesherz, noch nie ein Bräutigam ausgesonnen hat:
nach dem Tod gegenwärtig zu bleiben. Dies aber tat ich. Darum ihr
Menschenkinder, liebt denjenigen, der sich euch ganz geschenkt. Er hat alles
gegeben, was er hatte: sich selbst." (S. 45 - 1896/34)
   Immer wieder schenkt er sich im hl. Opfer und in der hl. Kommunion.
Überraschend und doch für jeden tröstlich sagt er: ,,Niemand soll glauben,
daß mir eine Seele, mit der ich in so auffallender Weise umgehe wie mit dir,
lieber wäre als eine andere, die mir ebenso treu oder noch treuer gedient hat
als du. Niemand ist von meinem Herzen ausgeschlossen. Auf dem Haupt
eines jeden, der mir treu dient, liegt meine liebende, schützende Hand. Mein
zärtlich väterlicher Blick ruht auf jedem, der mir dient, ganz gleich, in
welchem Stand er lebt." (S. 97 - 1897/98 - 145)
    Sehr wichtig sind auch folgende Worte an Barbara: ,,Ich kann mich
nicht mit jedem auf so auffallende Weise unterhalten wie es hier
geschieht, das würde die menschliche Ordnung und Gesellschaft stören."
(S. 97 - 1897/8 - 145)
   Daß aber keiner bei ihm zu kurz kommt; versichert er im folgenden: Er
nennt das Menschenherz das Kämmerlein, in dem er wohnt und sagt:
,,Dieses Kämmerlein ist für mich geschaffen, dahin sollst du dich flüchten,
wenn du merkst, daß du durch die Geschäfte des Tages allzu zerstreut wirst,
oder wenn dich der Kummer niederbeugt, oder wenn du glaubst, du seist
von mir verlassen, flüchte dich dorthin und wenn du mich auch nicht fin-
dest oder glaubst mich nicht zu finden, wenn ich mich vor dir verberge. Es
gefällt mir doch, wenn du kommst, und ich bin bei dir, wenn du es auch
nicht siehst." (S. 32/33 - 1897/123)

5. Wie ist die Echtheit zu beurteilen?
   Sind sie durch hysterische oder sonstige krankhafte Zustände zu
erklären?

                                     297
   Diese Frage hat auch damals die bischöfliche Behörde und die Zeit-
genossen lange beschäftigt. Bis 1905 fanden sechs Untersuchungen statt. Seit
1900 wurde Barbara Weigand nicht mehr selbst verhört, sondern solche,
welche an die Offenbarungen glaubten. Vom Bischof Paulus Leopold liegt
folgendes Schreiben vor:
  ,,Mainz, den 28. Juni 1896
  Betreffend der Aufzeichnungen der Mitteilungen der kranken Jungfrau Barbara.
  Nach Prüfung der mir übergebenen Hefte, bemerke ich folgendes:
  1. Die Lebensbeschreibung lässt erkennen, daß die Barbara eine schlichte,
  tugendhafte und fromme Person ist. Sie macht nicht den Eindruck einer Betrü-
  gerin. Persönlich kenne ich sie nicht und habe darum nicht ein bestimmtes
  Urteil.
  2. Die Krankheitserscheinungen kenne ich auch nicht, zweifle aber nicht, daß sie
  in die unermessliche mannigfaltige Gruppe hysterischer Krämpfe gehören.
  3. Die der bisherigen Bildung der Barbara gegenüber auffallend feine und edle
  Sprache, sofern sie nicht etwa von der Schreiberin herrührt (wie bei Katharina
  Emmerick v. Brentano) lässt sich wohl natürlich erklären aus der abnormalen
  Nervenerregung, welche sich an die Krämpfe anschließt.
  4. In den Aufzeichnungen erscheinen besonders bedenklich die Aussprüche über
  Personen, die sich im Fegfeuer befinden. Als göttliche Eingebung sie zu betrach-
  ten, liegt kein Grund vor. Sie haben keinen Zweck. Sie sind leichtfertige Annah-
  men und müssen unterdrückt werden.
  5. Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen
  und Anmutungen nicht. Sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen
  frommen Anschauungen, welche in Gebetsbüchern, Predigten und Betrachtun-
  gen sich finden und können darum wohl natürlich erklärt werden.
  6. Die zum Teil auf die Zeitverhältnisse: Sozialismus, Atheismus eingehenden
  Mahnungen und Klagen sind sehr wohl natürlich zu erklären, obwohl dem
  Gesichtskreis der Barbara ferner liegend.
  7. Wenn die Mitteilungen als Worte des Heilandes sich darstellen und als Offen-
  barungen desselben vorgetragen werden, so kann es auf reiner Phantasie beru-
  hen. Was Barbara denkt und will, das kleidet sie in ihrer Phantasie in die Form
  von Aussprüchen und Befehlen des Herrn. Es soll das nicht als absichtlicher
  Betrug angesehen werden, wohl aber als Selbsttäuschung. Die Formeln kann
  Barbara aus zahllosen Schriften entnommen haben.
  8. Besondere Kennzeichen übernatürlicher Erleuchtung sind keine vorhanden.
  9. Es ist darum die Annahme einer solchen als unbegründet und irrig zu ver-
  werfen. Der Arzt soll die Kranke beobachten, die Aufzeichnung ihrer Mitteilung
  aber hat zu unterbleiben.
  gez. Paulus Leopold"

                                      298
    Dann beauftragte er einen Arzt, den Ekstasen beizuwohnen und ihm sein
ärztliches Urteil darüber mitzuteilen. Derselbe wohnte fünfmal der Ekstase
bei und erklärte nicht nur Luise Hannappel, sondern auch dem Beichtvater
von Barbara, daß die Erscheinungen keine natürlichen Erkrankungen seien,
er jedoch das weitere - da er Theologie nicht studiert habe - dem Priester zur
Beurteilung überlasse. Der hochwürdigste Herr vermied es jedoch
geflissentlich, das Urteil des Arztes einzufordern, weil er die Sache, wie er
selbst zu Luise Hannappel sagte, gern losgewesen wäre. (Gr. Heft - S.156/7)
   Besondere Erwähnung bedarf der Aufenthalt im Elisabethenstift. Auf
Befehl des Bischofes ging Barbara am 26. Juli 1900 entschlossen und mutig
dorthin.
    Am folgenden Tag, den 27. Juli, spürte sie in der hl. Messe bei der Wand-
lung, wie das Leiden kam. Wohl zu ihrer Prüfung sandte der Herr ihr heute,
wo alles darauf wartete, keine körperlichen Leiden, sondern verkehrte nur
innerlich mit ihr, sprach jedoch auch einiges laut. Als die Oberin das merk-
te, führte sie Barbara auf das Zimmer und bat sie, ins Bett zu gehen. Barbara
jedoch bat sie, nur einfach ruhig sitzen bleiben zu dürfen.
   Obwohl der Herr laut sprach, rief die Oberin niemand. Am Tag darauf
kam ihr Beichtvater und fragte die Oberin: ,,War gestern nichts?" Die Oberin
sagte: ,,Nein, sie hat so ein Unwohlsein bekommen, sie hat auch gesprochen,
aber ich weiß kein Wort mehr." Barbara sagte: ,,Der Herr hat gesagt: Ich bin
der Herr. Wenn sie sich nicht meinem Willen unterwerfen, werde ich meine
Sache doch durchführen." ,,Richtig", sagte die Oberin, ,,jetzt fällt es mir
wieder ein."
   Weil die Oberin niemand gerufen, so glaubte man schon, wie ihr Beicht-
vater zu Luise Hannappel am Samstag sagte: ,,Alles ist zerfallen. Der
Heiland kommt nicht mehr." Weiter sagte er spöttisch zu Luise Hannappel:
,,Es ist alles aus."
   Am Mittwoch, den 1. August, stellte sich das Leiden dafür umso heftiger
ein, daß die Herren deutlich sehen konnten, daß sie so etwas nie machen
könne. In der Tat waren alle ganz erschüttert und verängstigt und getrauten
sich nichts zu tun. ,,Als ich zu mir kam, sahen sie alle ganz zerstört aus. Der
Arzt, der sonst immer bleich war, hatte dunkelrote Augen und Wangen."
Barbara sagte: ,,Sie werden wohl selbst gesehen haben, daß das keine
Einbildung sein und man sich das nicht machen kann." ,,Ach", riefen sie alle
drei. ,,Wer denkt denn das. Nein, nein, nein, das wissen wir, daß sie sich das
nicht machen können und daß das keine Einbildung ist." Der Weltpriester
hatte am meisten Mitleid. In der Rede hatte der Herr die Gesinnung von
allen dreien geschildert und hatte namentlich über die Männerwelt in Mainz
gesprochen. Der Arzt muß sich sehr betroffen gefühlt haben; denn die Tage

                                     299
vorher war er immer sehr freundlich, von dieser Stunde an aber war es
fertig. Er sah Barbara nicht mehr an und wollte nichts mehr wissen.

   Das drittemal kam das Leiden am 3. August. Es war diesmal so eklatant,
daß der Arzt sagte: So fürchterlich habe er sich das Leiden nicht gedacht. Die
Schwestern, die dabei waren, riefen alle Heiligen an und der Arzt ließ kein
Mittel unversucht, um herauszubringen, ob es nicht Krankheit sei. Er ließ ihr
Tropfen eingeben, dann Rizinusöl, dann ließ er ihr ab und zu Milch ein-
schütten, obwohl der Magen nichts annahm und sie dieselbe jedesmal wie-
der erbrechen mußte, weshalb der Weltpriester die Bemerkung machte:
,,Lasst das doch, ihr seht ja, daß es nicht geht."

    Die Herren gingen fort, um sich zu beraten. Unterdessen ließ der Arzt ihr
soviel Wasser einpumpen, bis es ihr aus dem Mund herauskommen wollte.
Es war für Barbara so schmerzlich, daß sie bald gestorben wäre. Sie wurde
eiskalt und lag wie tot da. Die Schwestern riefen Gott und alle Heiligen an:
,,Schwestern, kommt zu Hilfe! Jesus, Maria, Joseph steht bei. Hl. Antonius
komm zu Hilfe!" Barbara bekam fortwährend Ohnmachtsanfälle. Als sie
wieder ins Bett geschafft war, sagte der Arzt: ,,So, jetzt schlafen sie ruhig."
Aber kaum gesagt, kam der erste der drei Stürme. Der Arzt wollte ihn
verhindern und fasste ihren Kopf mit aller Kraft, um es ihm unmöglich zu
machen, daß er schüttelt, aber es half nichts. Die Kraft war so groß, daß er
mit herumgeschleudert wurde.

   Bei dem zweiten Sturm griff ihr der Arzt mit aller Wucht in die Arme, um
sie festzuhalten. Aber die Gewalt schüttelte den starken Mann mit herum. Er
sprang vor sie hin und sagte: ,,Sie sind mir vom Bischof übergeben und
haben mir zu folgen und zu tun, was ich sage." Dann hielt er ihr etwas
Glänzendes entgegen und schrie: ,,Wollen sie mir folgen, wollen sie augen-
blicklich hierher sehen!" Barbara strengte all ihre Kräfte an. Die Augen
waren jedoch von einer unsichtbaren Macht gehalten. Sie könnte sie nicht
drehen und auf den Punkt richten. Desto zorniger wurde der Arzt: ,,Heute,
wenn sie mir nicht folgen, sollen sie sehen." Er tobte wie rasend und wollte,
sie solle auf einen Punkt hinsehen, konnte es aber nicht erreichen. Als der
Arzt jedoch ein geweihtes Bild von der hl. Familie von der Wand nahm und
es vorhielt, da konnte sie sofort darauf sehen, weil die Gewalt sie verließ. Als
die drei Stürme herum waren, sprach der Herr wie immer.

   Nach der Ekstase sagte die Generaloberin, die dabei war, zu Barbara:
,,Ach, lieber Gott, was machst du aber durch. Aber ich glaube sicher, daß du
auch einen großen Lohn bekommst in der Ewigkeit."

   Anderntags kam der Arzt und sagte: ,,Ich kann nichts anderes erklären,
als daß das alles Hysterie ist. Von mir aus können sie jetzt gehen."

                                      300
   Am Freitag, den 10. August, bekam Barbara das Leiden wieder. Der hoch-
würdigste Herr Bischof sollte herzukommen, aber er ließ sich durch
Unwohlsein abhalten und es kamen nur die beiden Priester. Das Leiden und
Rede des Herrn waren schon fast vorbei. Er hatte zu Barbara gesagt:
,,Obwohl du jetzt überzeugt bist, daß ich es bin, sollst du, wenn meine
Diener kommen nicht tun, was ich sage, sondern was die Vorgesetzten
sagen. Unterwirf dich jetzt ihrer Gewalt. Ich habe sie ihnen abgetreten. Wie
sie es mit dir machen wollen, so lass es geschehen."

   Da traten die Herrn ein und weil der Arzt erklärt hatte, alles sei Hysterie,
gaben sie nichts auf die Belehrungen des Herrn sondern verführen mit dem
Geist auf die unhöflichste Weise. Sie fielen ihm in die Rede, sie spotteten ihn
aus und sagten: ,,Es ist alles nicht wahr, was du sagst, schweig still." Der
Geist ließ sich jedoch davon nicht einschüchtern, wie wohl der Weltpriester
viele Fragen stellte, fuhr er ruhig in der Rede fort wie wenn nichts wäre. Nur
wenn der Beichtvater sprach, gehorchte er auf der Stelle und war ruhig.

   Einmal ging Barbara plötzlich das Licht des Geistes aus, da sagte sie:
,,Eben verbietet mir mein Beichtvater weiter zu sprechen." Er war nämlich
gerade abwesend.

   Sonntags darauf kam der Beichtvater und sagte: ,,Jetzt haben wir es klar
gesehen. Wenn es der Heiland gewesen wäre, so hätte er dreinschlagen
müssen. Wir haben ihn schrecklich behandelt. Wenn er es wäre, hätte er sich
das nicht gefallen lassen." (S. 1 - 8 - 19.00/1)

   Somit stand als Urteil über Barbara fest: Sie ist hysterisch. Nicht darf aber
übergangen werden: schon beim ersten Auftreten der mystischen Erlebnis-
se hatte der Beichtvater (es war ein anderer) einen gut katholischen Arzt
ersucht, festzustellen, ob nicht körperliche Schwachheit und dergleichen
schuld sei, daß Barbara nach der hl. Kommunion oft stundenlang nicht Herr
ihres Willens sei, regungslos wie eine Bildsäule knien bliebe und schon
Ansprachen hatte.

   Auch Bischof Haffner beauftragte einen gut katholischen Arzt mit der
Prüfung der Zustände der Barbara. Dieser war fünfmal Zeuge ihres Leidens
am Freitag. Sein Urteil lautete: ,,Eine natürliche Krankheit ist es nicht, weil
ihr Auftreten in mehreren Punkten von der Krankheit abweiche."

  Als er das letztemal wegging, sagte er: ,,Hier haben Theologen das letzte
Wort." (S. 40 - 1909/301)

   In den Aufzeichnungen sind noch folgende Begründungen dafür ange-
führt, daß die mystischen Erlebnisse keine Krankheiten seien.


301
   1. Weil das Leiden nur an den Freitagen komme.
   2. Weil die Stürme vor den Ekstasen die gleichen sind, was bei keiner
   Krankheit der Fall ist.
   3. Weil Barbara alles weiß, was sie in ihrem Zustand gesehen und gehört
   hat.
   4. Weil in den Schriften alles Hand und Fuß hat, während bei Somnam-
   bulen ein buntes Durcheinander ist.

6. Was soll man zu der Untersuchung im Elisabethenstift sagen?
   Zum Vorgehen des Arztes: daß Barbara beinahe dabei gestorben wäre?
   Zu dem Verhalten der hochw. Herren: ,,Wenn er (Christus) es gewesen
wäre, hätte er es sich nicht gefallen lassen." Er ließ es sich auch nicht gefal-
len: ,,Im folgenden Jahr bekam der Geistliche seine Antwort. Er mußte seine
eigene Schwester im selben Haus unterbringen, ja im selben Zimmer, wo ich
drei Wochen bewacht wurde. Der Priester kam unter Tränen zu meiner
Freundin und sagte: ,,Meine Schwester ist hysterisch geworden, ich mußte
sie ins Krankenhaus bringen." Nach einigen Tagen hörte ich, daß die Selbst-
mörderin im Elisabethenstift, von der die Zeitung berichtete, die Schwester
dieses Priesters war." (S. 43 - 1909/301)
    Klar trat der Herr auch selbst für seine Braut ein: ,,daß ich mich so
auffallend mitteile, ist nur ein Beweis meiner übergroßen Liebe zu meinen
Auserwählten und das Mitleid mit denjenigen, die sich verführen lassen."
(S. 9 - 1909/301)
    ,,Ich habe dich von Mainz weggeführt, (es war auf einige Zeit) um
der Welt zu zeigen, daß ich es bin, der mit dir redet, und daß ich dies überall
kann, auch wenn du noch so harte Arbeit zu verrichten hast."
(S. 45 - 1903/212)
   Ausdrücklich nennt Christus das auffallende Leiden das Zeichen: ,,daß
meine Diener erkennen sollen, daß ich es bin. Weil ja unmöglich eine Seele,
und noch dazu ein so armseliger Mensch wie du es bist, imstande ist, in
solchem Leiden auch nur einen Gedanken zu fassen, noch weniger, sich mit
etwas anderem zu befassen und noch viel weniger mit etwas, was über seine
Kraft hinausgeht. Ich habe dir gesagt, daß ich es bin." (S. 35 - 1897/93)
   Sehr deutlich sprach Gott auch in folgendem Fall: ,,Als ich Luise
Hannappel, meiner Magd, die Botschaft mitteilte, sagte sie: ,,Das habt ihr
erfunden" und war ganz unwillig. Als sie aber den Bericht von Ostern hörte,
sagte sie: ,,Ich habe unter dem Lesen erkannt, daß das die Stimme Jesu
Christi ist, aber ich kann mich doch mit dem Ekstasenkram nicht abgeben.
Ihr könnt für euch machen, was ihr wollt, ich will ruhig für mich bleiben!"

                                      302
   Daraufhin bekam sie mehrmals Anfälle von Irrsinn. Luise Hannappel
hielt es für augenblickliche Geistesschwäche, bis sich am 18. April ein
starker Anfall von Tobsucht einstellte. Der Arzt erklärte: daß es von jetzt an
für die Umgebung lebensgefährlich sei und sie noch vor der Nacht ins
Vinzenzspital gebracht werden müsse, was mit Hilfe von zwei Patres,
besonders der ihres Beichtvaters, gelang. Sie gehorchte und ließ sich auf
dessen Befehl dorthin bringen.
   Am folgenden Tag sagte der Herr zu Barbara: ,,Ich habe den Patres
einmal zeigen wollen, was ein Narr ist. Sie mögen urteilen, ob eine Person
in einem solchen Zustand so erhabene Worte reden könne wie ich sie durch
dich spreche." (S.70-1899/225)
   Erschütternd sind auch folgende Worte: ,,Solange die geistlichen Vorge-
setzten ihr Urteil, das auf Hysterie lautet, nicht zurück nehmen, trägt dein
Leiden und die daran geknüpften Belehrungen für die Gläubigen der Stadt
Mainz und der Diözese keine Frucht. Dies kannst du an deiner Umgebung
sehen. Man glaubt nur solange, als man einen zeitlichen Vorteil vor Augen
hat. Ist dieser Vorteil erreicht, dann denkt man: Ja, wenn ich glaube, müsste
ich auch danach handeln und lehnt sich lieber an das Urteil der Kirche von
Mainz an." (S.7-1909/301)

7. Wie sind ,,die Gesichte und Ansprachen" zu erklären?
   Bei dem Bild, welche die vorgelegten Auszüge aus den Schriften der
Barbara Weigand und der Biographie des Dr. D. Büttner geben, erhebt sich
die Frage: Sehen die Hysteriker und die falschen Mystiker so aus?
  Wo finden sich in deren Aussagen und Schriften derartige Verdemüti-
gungen, welche Barbara vom Herrn ertragen mußte. Im Gegenteil diese
werden immer gelobt und werden von ihren Anhängern verhimmelt. Wehe,
wenn jemand daran nicht glauben würde.
   Wo finden sich bei Hysterikern und ,,Begnadeten" solche heroischen
Tugenden, eine solch selbstlose Liebe zum Nebenmenschen und zu den Ver-
storbenen wie bei Barbara. Das Gegenteil findet sich: Die Selbstsucht und
das Bestreben für sich viele Vorteile herauszuschlagen.
  Wo findet sich bei Hysterikern und ,,Begnadeten" ein solches Gottesbild
wie in den Aufzeichnungen von Barbara.
   Barbara Weigand passt nicht in diese Gesellschaft hinein. In ihr haben wir
eine seelisch vollkommen gesunde Frau vor uns. Sie steht mit beiden Beinen
im Leben. Sie hat ein Herz für jeden Menschen ihrer Umgebung und setzt
das letzte dabei ein. Sie ist eine Beterin von ganz großem Ausmaß, sie ent-
wickelt einen Seeleneifer und dabei einen Opfergeist, daß sie den größten

                                     303
Missionaren nicht nachsteht. Sie gehört nicht in die Reihe der Hysteriker
und falschen Mystiker, sondern in die Reihe der Heiligen, denen sie durch
ihre heroischen Tugenden ebenbürtig ist, und gerade ihr Leben ist eine
Verherrlichung Gottes: ,,Denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du
das Werk deiner Hände".



                                  304
SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND RICHTIGSTELLUNG
                           Pater Peter Lippert, S. J.
          (zur Infragestellung der Mystik der Barbara Weigand)
                                  5. Auflage
   In Nr. 11 (vom 18. März 1916) der Münchener Wochenschrift für Politik
und Kultur ,,Allgemeine Rundschau" veröffentlichte Dr. theol. Vitus
Brander, Subregens am Priesterseminar in Würzburg, einen Artikel mit der
Überschrift: ,,Das theologische System der Seherin von Schippach." Die in
diesem Artikel an dem Werke von Schippach geübte Kritik bedarf einer
Entgegnung und Richtigstellung, da sie selbst einer objektiven Kritik
gegenüber nicht standhält.
   Schon die Überschrift ,,Das theologische System der Seherin von
Schippach" schießt über das Ziel hinaus und muß darum irreführend
wirken. Dadurch wird auch der ganze Aufsatz zu dem gleichfalls über-
treibenden Schlusssatz geführt, es bestehe die Gefahr, ,,daß die geplante
Sakramentskirche in Schippach die Mutterkirche einer neuen Sekte werde!"
   Wer so bestimmt den Argwohn der Sektenstiftung, also nicht nur der
materiellen, sondern sogar der formellen Häresie und des Abfalls vom
Glauben, der Ketzerei im vollendeten Sinne, öffentlich auszusprechen wagt,
der muß vor Gott und der Welt den Nachweis erbringen, daß er auch den
Charakter, die religiös-sittlichen Eigenschaften und die erwiesene Gesin-
nung der in Frage kommenden Personen einer einwandfreien Prüfung
unterzogen hat. Diesen Nachweis lässt aber die genannte Kritik vollständig
vermissen. Schon um dessentwillen erscheint das audiatur et altera pars
beachtenswert; denn der ausgesprochene Vorwurf der ,,raffinierten"
Einschmuggelung eines falschen Religionssystems ist überaus schwer-
wiegend und von großer Tragweite für den guten Ruf und die Ehre einer
ganzen Reihe mit der Sache in Verbindung stehender Personen.
   Das Endurteil, das nur der Apostolische Stuhl abgeben kann und der
bereits angerufen ist, steht noch aus. Es ist aber sehr fraglich, ob dieses End-
urteil mit dem durch solche weitgehende Kritik arg getrübten Bade jener
sog. Privatoffenbarungen zugleich auch das - nach der öffentlichen
Erklärung des Bischöflichen Ordinariats Würzburg selbst - vollständig
unschuldige Kind des ,,Eucharistischen Liebesbundes" und der Schippacher
Sakramentskirche einfach ausschütten wird.

                                      305
   Wenn solche unschuldigen Kinder bloß wegen des Missbrauchs, der mit
ihnen oder mit sogenannten Privatoffenbarungen getrieben werden kann,
regelmäßig umgebracht werden müssten, dann würde bald in der Kirche
Gottes überhaupt nichts mehr sicher sein. Denn konsequenter Weise müsste
dann auch - genau so wie einst die Reformatoren es wollten - das meiste
Gute in der Kirche, ja diese selber vernichtet werden, weil eben mit dem
allen und mit ihr selber oft Missbrauch getrieben wurde und wird. Schon
diese Erwägung sollte zur Vorsicht in der Kritik der ganzen Sache mahnen.
    Man muß mit eigenen Augen in den aufgezeichneten Anmutungen und
Beschauungen der Barbara Weigand von Schippach gelesen haben, wie
diese Person selbst ihre über das gewöhnliche Maß nicht hinausgehende
Glaubenserkenntnis oft sehr gering einschätzt. Erst dann versteht man, wie
verkehrt es ist, dieser Person die Absicht der Begründung eines neuen
,,theologischen Systems" zuzuschreiben. Des öfteren spricht sie unverhoh-
len die Befürchtung aus, daß sie infolge ihrer geringen Kenntnis die ihr ein-
gegebenen Gedanken nicht ganz richtig wiedergeben werde. So demütig
und offen spricht niemand, der sich in dem Wahn befindet, die Welt mit
einem neuen ,,theologischen System" zu beglücken.
   In Wirklichkeit wendeten sich die frommen Anmutungen und Mahnun-
gen der Barbara Weigand gerade gegen ein neues ,,theologisches System",
das damals, um das Jahr 1896, von Würzburg aus gewaltig rumorte. Es war
das System Schells, gegen dessen naturalistische, rationalistische, liberali-
sierende, modernistische Grundgedanken die Mahnungen der Barbara
Weigand den instinktiven Widerstreit einer ganz dem Übernatürlichen
zugewandten, tief gläubigen und mit großer Liebe der Kirche anhangenden
Seele darstellen. Nicht als ob Barbara Weigand auch nur eine Ahnung von
der theologischen Bedeutung des Schellianismus besessen hätte. Ihr ausge-
sprochener Widerwille richtete sich aber gegen jene Regungen des Zeit-
geistes, denen Schell besonderen Ausdruck verliehen hat.
   Zu einer Zeit, da ein großer Teil unserer Presse der Richtung Schells ein
auffallend weites Entgegenkommen zeigte, war es einesteils leicht erklär-
lich, andernteils aber auch durchaus anerkennenswert, daß in dem treu-
katholischen Volke, bis zu welchem der Wellenschlag jener naturalistisch-
modernistischen Richtung gedrungen war, schlichte, gläubige Herzen daran
großen Anstoß nahmen und auf ihre Weise eine Gegenaktion zu unter-
nehmen begannen. daß dabei Barbara Weigand und ihre Freunde in
mancherlei heute befremdenden oder weniger verständlichen Formen rede-
ten, ist ihnen aus verschiedenen Gründen zu verzeihen.
  Ihr Verdienst aber ist es auf jeden Fall, daß sie zu einer Zeit, wo so viele
mit dem Strom des Zeitgeistes schwammen, sich um so enger und inniger

                                     306
der alten Übernatürlichkeitsrichtung ihres Glaubens, dem Heilande, seinem
göttlichen Herzen, seiner jungfräulichen Mutter und an die Gnadenquellen
der Kirche anzuschließen suchten. Wohl mehr als genügend haben sie
dadurch gezeigt und bewiesen, daß ihnen nichts ferner lag als die Sucht
nach einem neuen ,,theologischen System".
   In Mainz, wo Barbara Weigand damals wohnte, saß auf dem bischöf-
lichen Stuhle Paulus Leopoldus Haffner, der tapfere Kämpfer aus der
Kulturkampfszeit, der in seiner Geschichte der Philosophie dem modernen
Zeitgeist so energisch entgegentrat. Sein Urteil sowohl über Schell, wie auch
über die Anmutungen von Barbara Weigand ist gewiss von Wert und Inter-
esse. Das Urteil über ersteren vernahm der Verfasser selber aus dem Munde
Haffners; es lautete: ,,Ich stelle Schell auf dieselbe Stufe wie Hoensbroech;
sie sind beide Verräter an der Kirche". Sein Urteil aber über die Anmutun-
gen von Barbara Weigand hat Haffner nach persönlicher Prüfung unter dem
28. Juni 1896 schriftlich niedergelegt; es lautet: ,,Gegen den Glauben ver-
stoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht;
sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauun-
gen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden, und
können darum wohl natürlich erklärt werden."
   Aus dem maßvollen Urteil dieses strengen Kritikers und wachsamen
Oberhirten ergibt sich erst recht, wie wenig von einem ,,theologischen
System" der Barbara Weigand die Rede sein kann und wie vorsichtig man
auch hier mit dem Vorwurf sein muß, es handle sich um ein ausgesprochen
häretisches System.
   Schon die Grundgedanken der Anmutungen von Barbara Weigand sind
keineswegs so verkehrt, wie sie schon oft verkehrt ausgelegt wurden. Bei
der heutigen ungeheuerlichen Verbreitung von Unglauben und Sittenlosig-
keit, welche die Menschen von dem Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel
vielfach gänzlich abgebracht haben, ist der Gedanke und Wunsch durchaus
korrekt, daß es Gott gefallen möge, durch außerordentliche Mittel die
Menschen wieder zum eifrigen Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel
zurückzuführen. Wie ehedem zu diesem Zwecke ein hl. Vinzenz Ferrerius,
eine hl. Katharina von Siena, ein hl. Franziskus von Assissi, ein hl. Domini-
kus (Rosenkranz), ein hl. Ignatius von Loyola (Exerzitien), eine sel. Marga-
reta Alcoque (Herz-Jesu-Andacht) besondere Mittel anwendeten, so sollte
als außerordentliches Mittel zum gleichen Zweck der Eucharistische Liebes-
bund dienen.
   Die Unterstellung, als ob Barbara Weigand durch dieses besondere Mittel
die ordentlichen Heilsmittel ersetzen oder ausschalten wolle, ist absolut
unwahr. Es soll vielmehr durch den Eucharistischen Liebesbund gerade der

                                    307
lebendige Glaube, der eifrige Empfang der Sakramente, die Nachfolge Jesu
im Kreuztragen, die Hochschätzung der Jungfräulichkeit, die wahre und
echte Nächstenliebe erst recht empfohlen und immer mehr in Übung
gebracht werden.
   Notwendig ist es auch nicht, den Grundgedanken und vorgeschlagenen
Mitteln von Barbara Weigand wegen der zum Teil ungenauen Ausdrucks-
weise einen häretischen Sinn beizumessen. Die angegriffenen Ausdrücke
lassen sich alle auch in einem richtigen Sinne auffassen. So z. B. die Worte
vom Leiden Jesu in der hl. Eucharistie. In wie vielen Andachts- und Erbau-
ungsbüchern wird nicht gerade die Gegenwart Jesu im hh. Altarsakrament
als eine fortgesetzte Verdemütigung, ein fortgesetztes Leiden bezeichnet. In
dem von dem Dogmatiker Dr. Heinrich verfassten herrlichen Gesang- und
Gebetbuch der Diözese Mainz heißt es z. B. in der ersten sakramentalischen
Andacht Nr. 127: ,,Ich verlange, Dir (o Jesu im hl. Sakramente) für die so
vielen Wunden genug zu tun, welche Deinem Herzen täglich geschlagen
werden."
   Auch in dem Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Würzburg finden
sich mehrfach Stellen des gleichen Inhalts. Z. B. S. 141: ,,Ich bete Dich in tief-
ster Ehrfurcht an, o mein Jesus, wahres Sühneopfer für unsere Sünden, und
opfere Dir diese Huldigung auf zum Ersatze für die gottesräuberischen
Mißhandlungen, welche Dir von so vielen Christen widerfahren, die sich
erkühnen, mit einer schweren Sünde auf dem Herzen sich Dir zu nahen und
Dich in der hl. Kommunion zu empfangen."
   Oder S. 476: ,,O Jesus, Gottessohn! Bei dem Anblick der unüberwind-
lichen Geduld und Langmut, mit der Dein göttliches Herz das bitterste
Leiden und den qualvollsten Tod ertragen hat, und noch täglich im hoch-
heiligen Sakramente des Altars tausend Unbilden und frevelhafte Beleidi-
gungen erträgt, bitten wir Dich, ..."
   Die hl. Margareta von Kortona hörte aus dem Munde des Heilands die
Worte: ,,Die mich unwürdig empfangen, kreuzigen mich und weihen mir
jenen bitteren Trank, den mir einst die Juden gereicht haben."
   Der hl. Alphons von Liguori schildert den Gottesraub als etwas für den
Heiland gleichsam unerträgliches, indem er schreibt: ,,Vernehmen wir, wie
Jesus Christus sich durch den Mund der Propheten über den Gottesräuber
beklagt;" ,,Ja, wenn mein Feind mir geflucht hätte, so würde ich es ertragen
haben. Aber du, mein Gleichgesinnter, mein Führer, mein Bekannter, der mit
mir süße Speise gekostet."
     In allen diesen Worten reden jene gewiss rechtgläubigen Personen nur
in einem übertragenen Sinne von einem Leiden Jesu in der hl. Eucharistie,

                                      308
wobei die dogmatische Lehre von der tatsächlichen Leidensunfähigkeit des
verklärten Leibes Christi unangetastet bleibt und als bekannt vorausgesetzt
wird. Warum will man nur in den Worten von Barbara Weigand diesen
geläufigen übertragenen Sinn nicht gelten lassen?
   In einer öffentlichen Versammlung wurde Barbara Weigand von einem
Geistlichen (!) sehr heftig und in Ärgernis erregender Weise auch deshalb
angegriffen, weil sie von einem bräutlichen Verhältnis der Seele zu Jesus
Christus redet. Und nun erinnere man sich, wie die hl. Schrift des alten
Testamentes bereits ein eigenes ganzes Buch, das Hohelied, gerade auf die
Darstellung dieses Verhältnisses verwendet, wie im neuen Testament
Christus sich selber als den Bräutigam schildert und wie die ganze Mystik
und Scholastik dieses Gedankens sich bedient.
   Die einschlägige Literatur ist angegeben in dem unvergleichlich schönen
und lehrreichen Werkchen von Dr. Scheeben ,,Die Herrlichkeiten der gött-
lichen Gnade" (Freiburg 1912, 10. Aufl.), in dem ein eigenes Kapitel sogar
die Überschrift trägt: ,,Durch die Gnade wird unsere Seele eine Braut
Gottes."
   Und wiederum das Mainzer Gesangbuch und das Würzburger ,,Ave
Maria". Ersteres redet in einem uralten, kräftigen Gebete den Heiland mit
den Worten an: ,,O Du meiner Seele allerliebster Blutbräutigam Jesu
Christe!" Nach dem Würzburger Gebet- und Gesangbuch aber (S. 477) wird
in der Andacht zum heiligsten Herzen Jesu gemeinsam gebetet: ,,O aller-
keuschestes Herz Jesu, des Liebhabers und Bräutigams keuscher Seelen!"
Auf S. 712 des gleichen Gesangbuches ist das allbekannte und allbeliebte
Lied abgedruckt:
                 ,,O Herr, ich bin nicht würdig,
                 Zu Deinem Tisch zu gehn,
                 Du aber mach mich würdig,
                 Erhör mein kindlich Flehn!
                 O stille mein Verlangen,
                 Du Seelenbräutigam,
                 Im Geist Dich zu empfangen,
                 Du wahres Osterlamm!
   Ist das katholische Denken und Beten von heute wirklich bereits derart
herabgestimmt, daß man schon an solchen traditionellen, warmkatholischen
Ausdrücken Anstoß nimmt? Dann möge man aber zusehen und bei Zeiten
dazutun, daß dieser Zeitgeist und diese Scheu vor Schippach nicht noch
manch anderes Stück echt katholischen Denkens und Fühlens hinwegreißt!

                                   309
   Die Behauptung, daß Barbara Weigand unter dem Wort ,,lebendiger
Glaube" nur den Glauben an ihre Privatoffenbarungen verstehe, ist einfach
unwahr. Zwar verlangt Barbara Weigand, wie jeder anständige Mensch, der
sich keiner Lüge bewusst ist, daß man ihr glaube und sie nicht als Betrüge-
rin behandle; aber daß durch diesen menschlichen Glauben der zum Heile
notwendige übernatürliche, göttliche, katholische Glaube ersetzt werden
soll, sagt sie an keiner Stelle ihrer Anmutungen.
   Um nun gleich hier auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Barbara
Weigand einzugehen, so muß betont werden, daß auch in dem Falle, daß
ihre Anmutungen nicht als übernatürliche Eingebungen, sondern nur als
natürliche Erkenntnisse anzusehen sind, keineswegs ohne weiteres von
Betrug, Schwindel und dgl. geredet werden darf. Denn es gibt auch eine
natürliche Ekstase, eine natürliche Verzückung, ein natürliches Hellsehen in
religiösen Dingen, wie dies z. B. der gediegene Artikel ,,Verzückung" des
Freiburger Kirchenlexikons eingehend nachweist.
   Will man nun aber trotz alledem in der ungenauen Ausdrucksweise der
Barbara Weigand die Gefahr der Ketzerei und Sektenstiftung wittern, dann
wäre zunächst doch noch festzustellen, ob es einer Barbara Weigand nach
ihrem ganzen seitherigen religiös-sittlichen Verhalten, ihrem Charakter,
ihrer Gesinnung überhaupt zuzutrauen sei, daß sie sich von der katholi-
schen Kirche abwenden und daß sie mit Hartnäckigkeit ihren Anmutungen
einen falschen, nichtkatholischen Sinn zugrunde legen, daran festhalten und
auch andere in solche Ketzerei hineinziehen wolle. Wir glauben indes sagen
zu können, daß auch strenge Kritiker bei der erprobten Tugend, der schlich-
ten Frömmigkeit, der echt kirchlichen Gesinnung der Barbara Weigand
keinen Augenblick zaudern werden mit der Erklärung, daß bei ihr die
Anzeichen häretischer Gesinnung und sektiererischer Neigungen voll-
ständig fehlen. Haben ihr doch selbst ihre schärfsten Gegner das Zeugnis
schon ausstellen müssen, daß sie ,,sittlich intakt" und von ausnahmsweis
großer Frömmigkeit sei.
   daß sich eine solche Person gar dazu versteigen sollte, in dem von ihr
stammenden Projekte einer dem Gedächtnis der Kommuniondekrete
Pius X. gewidmeten Sakramentskirche ,,die Mutterkirche einer neuen Sekte"
errichten zu wollen oder etwas derartiges auch nur zu begünstigen, das ist
ein Gedanke, der von vornherein bei allen Kennern der einschlägigen
persönlichen Verhältnisse dem Fluche der Lächerlichkeit verfällt.
   Auch dem ,,Verein für die Sakramentskirche in Schippach, e.V.", der den
Kirchenbau betreibt, kann kein vernünftiger Mensch sektiererische Bestre-
bungen zuschreiben. Selbst die bloße Vermutung einer derartigen Gefahr ist
bei dem Verein und seinem Unternehmen von vornherein hinfällig und

                                    310
ausgeschlossen. Denn nach § 3 der beim Amtsgericht München unterm
9. August 1915 eingetragenen Satzung des Vereins hat ,,die Mitgliedschaft
das Bekenntnis zum römisch-katholischen Glauben zur Voraussetzung." In
demselben Augenblick also, in dem sich ein Mitglied sektiererischen Bestre-
bungen zuwendet, schließt es sich selbst aus diesem Verein aus! daß doch
bei allen Vereinen, in welchen heute Katholiken sich befinden, den Gefahren
für den katholischen Glauben so gründlich schon durch die Satzungen
vorgebeugt wäre wie hier!

   Allein nicht bloß bezüglich der Mitgliedschaft, sondern auch hinsichtlich
seines Unternehmens, seines Zweckes selber hat der Verein schon in seiner
Satzung jeglichen widerkatholischen, sektiererischen Tendenzen den Boden
entzogen. Der § 2 der Satzung legt nämlich als einzigen und alleinigen
Zweck des Vereins fest, ,,zum immerwährenden Gedächtnis der von Papst
Pius X. erlassenen Kommuniondekrete und zur Danksagung dafür in
Schippach in Unterfranken eine Sakramentskirche, die zugleich Friedens-
kirche für den Weltkrieg sein soll, zu erbauen, einzurichten und zu unter-
halten."

   Die echt katholische Tendenz dieses Zweckes aber, welche so klar und
deutlich der Liebe zum Papste und dem Geiste des freudigen Gehorsams
gegenüber den päpstlichen Dekreten Ausdruck verleiht, schließt deshalb
sektiererische Bestrebungen aus, weil, wie schon der hl. Cyprian lehrt, der
Anschluss an den Papst der beste Beweis dafür ist, daß einer zur Einheit der
wahren Kirche gehört. Der hl. Ambrosius würde sagen: Ubi Papa, ibi
Ecclesia neque ulla ecclesiola. Wo der Papst, da die Kirche und nicht eine
Sekte!

   Wie genau die ganze Einrichtung des Vereins für die Sakramentskirche in
Schippach jenen päpstlichen Weisungen entspricht, welche neuestens der hl.
Vater Benedikt XV. in seiner Enzyklika Ad beatissimi vom 1. Nov. 1914 für
das Vereinswesen der Katholiken gegeben hat, zeigen zur Genüge die Erläu-
terungen, welche die Druckschriften des Vereins zu dem in der Satzung fest-
gelegten Zwecke geben. Darnach ist es dem Vereine um nichts anderes zu
tun, als mitten in unserer materialistisch und naturalistisch gesinnten Zeit
ein sichtbares Mahnzeichen aufzurichten an die übernatürliche Gnaden-
quelle der hl. Eucharistie und an den Gehorsam gegenüber dem sichtbaren
Stellvertreter des eucharistischen Heilands. Dadurch will er ,,den Geist des
Glaubens, der Bruderliebe und der sittlichen Vertiefung, des Leidensmutes
und des Opfersinnes neu beleben" und zugleich auch eine Friedenskirche
erbauen, welche den einzigen Gedanken verkörpert: ,,Liebet einander, wie
ich euch geliebt habe!"´


311
   Dies alles entspricht genau den Forderungen, welche Papst Benedikt XV.
in seiner ersten Enzyklika an jene Vereine stellt, welche von der Kirche
empfohlen werden können und von den Bischöfen und Priestern aufs
eifrigste gefördert werden sollen!
   Die Forderungen lauten: Vollkommener Gehorsam gegen Papst und
Kirche, Hinordnung der ganzen Vereinstätigkeit auf das übernatürliche
Endziel des Menschen, Verharren in der Liebe Gottes und des Nächsten. Soll
ein diesen päpstlichen Forderungen so treu und gewissenhaft entsprechen-
der Verein, wie jener für die Sakramentskirche in Schippach, wirklich die
Gefahr der Sektenbildung in sich bergen?
   Getreu hält sich der genannte Verein auch an die Weisungen der Kirche
hinsichtlich der Stellung zu Privatoffenbarungen, welche von der Kirche als
solche nicht oder wenigstens noch nicht anerkannt sind. Der Verein hat es
darum jederzeit auf das peinlichste und gewissenhafteste vermieden, sich
und sein Werk irgendwie zu derartigen Privatoffenbarungen in Beziehung
zu setzen. Weder in der Satzung noch in den sonstigen Verlautbarungen des
Vereins ist irgendwie von Privatoffenbarungen die Rede. Der Verein hat
überdies schon vor längerer Zeit und aus freien Stücken, ,,um einen Beweis
seiner kirchlichen Gesinnung und seines Gehorsams gegen die geistliche
Obrigkeit zu erbringen", der zuständigen kirchlichen Behörde die bündige
Erklärung abgegeben, daß ,,der Bau der Sakramentskirche von ihm keines-
wegs wegen der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand befördert und
durchgeführt wird."
   Wenn gleichwohl von einzelnen Vereinsmitgliedern oder von sonstigen
Personen das Projekt des Vereins mit solchen Privatoffenbarungen in Ver-
bindung gebracht werden sollte, so stände derartiges im Widerspruch mit
den klar ausgesprochenen Absichten des Vereins und dürfte unter keiner
Bedingung dem Vereine zur Schuld angerechnet werden.
   Ganz unerlaubt wäre es, dem Verein andere Zwecke und Tendenzen
zuzuschreiben und unterzuschieben, als er selber statutarisch und urkund-
lich festgelegt hat. Das geht schon aus dem Grunde nicht an, weil an der
Spitze des Vereins Männer stehen, deren gut- und treukatholische Gesin-
nung und deren ganze Stellung und Haltung im privaten wie im öffent-
lichen Leben die Gewähr dafür bieten, daß das Werk, welches sie errichten
und unterhalten wollen, den Forderungen und dem Geiste der katholischen
Kirche entspricht.
    Die Idee aber, in jenem weltabgeschiedenen und dennoch leicht zugäng-
lichen Spessarttale der Elsava eine dem Gedächtnis der eucharistischen
Großtaten Pius X. gewidmeten Sakramentskirche zu errichten, welche die
tiefen Welterneuerungsgedanken Pius X. in monumentaler Weise verkör-

                                   312
pern und in das Gedächtnis des Volkes hineinschreiben soll und besonders
auch eine stille eucharistische Zufluchtsstätte für beladene und verwundete
Herzen bietet - diese Idee ist so einzig schön, so durchaus katholisch, so
wahrhaft pastoral-praktisch, daß sie es ohne Zweifel verdiente, möglichst
bald mit Unterstützung aller verwirklicht zu werden.
   Kein kirchlich Gesinnter kann die Reinheit, Schönheit und Nützlichkeit
dieser Idee verkennen. Denn was könnte die Erbauung der Sakraments-
kirche auch schaden? Soll es ein Schaden sein, wenn Tausende und Aber-
tausende, allein schon durch die schöne Idee dieser Kirche angezogen, dort
im Sinne Pius X. die eucharistische Erneuerung ihres Seelenlebens in Angriff
nehmen? Soll es ein Schaden sein, einen Brennpunkt zu besitzen, an dem
das Feuer der Begeisterung für die tägliche und die frühzeitige Kommunion
ständig genährt wird und von dort immer mehr sich verbreitet? Soll es ein
Schaden sein, wenn eine Kirche entsteht, in der das Lob des großen und
heiligmäßigen Papstes unserer Tage, Pius X., von seinen Zeitgenossen
verkündet und wachgehalten wird? Soll es ein Schaden sein, wenn die
Nachwelt durch ein monumentales Denkmal erfährt, daß auch die Katho-
liken dieser Zeit und dieses Landes die Größe dieses Papstes zu würdigen
wussten? Schon heute kann nicht übersehen werden, wie gerade in dieses
Schippacher Kirchenbauprojekt das katholische Volk seine heiße Liebe und
Dankbarkeit für den Papst der täglichen heiligen Kommunion und der
Kinderkommunion hineingelegt hat.
   Es dürfte also wahrlich kein Grund gegeben sein, den Bau der Sakra-
mentskirche in Schippach mit allen Mitteln zu vernichten und gar an der
Stelle des begonnenen herrlichen und wirklich großartigen Bauwerks eine
Trümmerstätte liegen zu lassen, die nur den Hohn und Spott des Irr- und
Unglaubens herausfordern wird.
   In Erwägung aller von uns angeführten Momente scheint uns der
Wunsch und die Bitte gerechtfertigt: Die Schippacher Angelegenheit möge
mit mehr Ruhe und Sachlichkeit, mit wahrer und aufrichtiger Nächstenliebe
und vor allem auch mit einer innigeren, begeisterten und begeisternden
Liebe zum eucharistischen Heilande geprüft und gewürdigt werden.
  Verfasser: P. Peter Lippert S. J.




                                  304
SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND RICHTIGSTELLUNG
                           Pater Peter Lippert, S. J.
          (zur Infragestellung der Mystik der Barbara Weigand)
                                  5. Auflage
   In Nr. 11 (vom 18. März 1916) der Münchener Wochenschrift für Politik
und Kultur ,,Allgemeine Rundschau" veröffentlichte Dr. theol. Vitus
Brander, Subregens am Priesterseminar in Würzburg, einen Artikel mit der
Überschrift: ,,Das theologische System der Seherin von Schippach." Die in
diesem Artikel an dem Werke von Schippach geübte Kritik bedarf einer
Entgegnung und Richtigstellung, da sie selbst einer objektiven Kritik
gegenüber nicht standhält.
   Schon die Überschrift ,,Das theologische System der Seherin von
Schippach" schießt über das Ziel hinaus und muß darum irreführend
wirken. Dadurch wird auch der ganze Aufsatz zu dem gleichfalls über-
treibenden Schlusssatz geführt, es bestehe die Gefahr, ,,daß die geplante
Sakramentskirche in Schippach die Mutterkirche einer neuen Sekte werde!"
   Wer so bestimmt den Argwohn der Sektenstiftung, also nicht nur der
materiellen, sondern sogar der formellen Häresie und des Abfalls vom
Glauben, der Ketzerei im vollendeten Sinne, öffentlich auszusprechen wagt,
der muß vor Gott und der Welt den Nachweis erbringen, daß er auch den
Charakter, die religiös-sittlichen Eigenschaften und die erwiesene Gesin-
nung der in Frage kommenden Personen einer einwandfreien Prüfung
unterzogen hat. Diesen Nachweis lässt aber die genannte Kritik vollständig
vermissen. Schon um dessentwillen erscheint das audiatur et altera pars
beachtenswert; denn der ausgesprochene Vorwurf der ,,raffinierten"
Einschmuggelung eines falschen Religionssystems ist überaus schwer-
wiegend und von großer Tragweite für den guten Ruf und die Ehre einer
ganzen Reihe mit der Sache in Verbindung stehender Personen.
   Das Endurteil, das nur der Apostolische Stuhl abgeben kann und der
bereits angerufen ist, steht noch aus. Es ist aber sehr fraglich, ob dieses End-
urteil mit dem durch solche weitgehende Kritik arg getrübten Bade jener
sog. Privatoffenbarungen zugleich auch das - nach der öffentlichen
Erklärung des Bischöflichen Ordinariats Würzburg selbst - vollständig
unschuldige Kind des ,,Eucharistischen Liebesbundes" und der Schippacher
Sakramentskirche einfach ausschütten wird.

                                      305
   Wenn solche unschuldigen Kinder bloß wegen des Missbrauchs, der mit
ihnen oder mit sogenannten Privatoffenbarungen getrieben werden kann,
regelmäßig umgebracht werden müssten, dann würde bald in der Kirche
Gottes überhaupt nichts mehr sicher sein. Denn konsequenter Weise müsste
dann auch - genau so wie einst die Reformatoren es wollten - das meiste
Gute in der Kirche, ja diese selber vernichtet werden, weil eben mit dem
allen und mit ihr selber oft Missbrauch getrieben wurde und wird. Schon
diese Erwägung sollte zur Vorsicht in der Kritik der ganzen Sache mahnen.
    Man muß mit eigenen Augen in den aufgezeichneten Anmutungen und
Beschauungen der Barbara Weigand von Schippach gelesen haben, wie
diese Person selbst ihre über das gewöhnliche Maß nicht hinausgehende
Glaubenserkenntnis oft sehr gering einschätzt. Erst dann versteht man, wie
verkehrt es ist, dieser Person die Absicht der Begründung eines neuen
,,theologischen Systems" zuzuschreiben. Des öfteren spricht sie unverhoh-
len die Befürchtung aus, daß sie infolge ihrer geringen Kenntnis die ihr ein-
gegebenen Gedanken nicht ganz richtig wiedergeben werde. So demütig
und offen spricht niemand, der sich in dem Wahn befindet, die Welt mit
einem neuen ,,theologischen System" zu beglücken.
   In Wirklichkeit wendeten sich die frommen Anmutungen und Mahnun-
gen der Barbara Weigand gerade gegen ein neues ,,theologisches System",
das damals, um das Jahr 1896, von Würzburg aus gewaltig rumorte. Es war
das System Schells, gegen dessen naturalistische, rationalistische, liberali-
sierende, modernistische Grundgedanken die Mahnungen der Barbara
Weigand den instinktiven Widerstreit einer ganz dem Übernatürlichen
zugewandten, tief gläubigen und mit großer Liebe der Kirche anhangenden
Seele darstellen. Nicht als ob Barbara Weigand auch nur eine Ahnung von
der theologischen Bedeutung des Schellianismus besessen hätte. Ihr ausge-
sprochener Widerwille richtete sich aber gegen jene Regungen des Zeit-
geistes, denen Schell besonderen Ausdruck verliehen hat.
   Zu einer Zeit, da ein großer Teil unserer Presse der Richtung Schells ein
auffallend weites Entgegenkommen zeigte, war es einesteils leicht erklär-
lich, andernteils aber auch durchaus anerkennenswert, daß in dem treu-
katholischen Volke, bis zu welchem der Wellenschlag jener naturalistisch-
modernistischen Richtung gedrungen war, schlichte, gläubige Herzen daran
großen Anstoß nahmen und auf ihre Weise eine Gegenaktion zu unter-
nehmen begannen. daß dabei Barbara Weigand und ihre Freunde in
mancherlei heute befremdenden oder weniger verständlichen Formen rede-
ten, ist ihnen aus verschiedenen Gründen zu verzeihen.
  Ihr Verdienst aber ist es auf jeden Fall, daß sie zu einer Zeit, wo so viele
mit dem Strom des Zeitgeistes schwammen, sich um so enger und inniger

                                     306
der alten Übernatürlichkeitsrichtung ihres Glaubens, dem Heilande, seinem
göttlichen Herzen, seiner jungfräulichen Mutter und an die Gnadenquellen
der Kirche anzuschließen suchten. Wohl mehr als genügend haben sie
dadurch gezeigt und bewiesen, daß ihnen nichts ferner lag als die Sucht
nach einem neuen ,,theologischen System".
   In Mainz, wo Barbara Weigand damals wohnte, saß auf dem bischöf-
lichen Stuhle Paulus Leopoldus Haffner, der tapfere Kämpfer aus der
Kulturkampfszeit, der in seiner Geschichte der Philosophie dem modernen
Zeitgeist so energisch entgegentrat. Sein Urteil sowohl über Schell, wie auch
über die Anmutungen von Barbara Weigand ist gewiss von Wert und Inter-
esse. Das Urteil über ersteren vernahm der Verfasser selber aus dem Munde
Haffners; es lautete: ,,Ich stelle Schell auf dieselbe Stufe wie Hoensbroech;
sie sind beide Verräter an der Kirche". Sein Urteil aber über die Anmutun-
gen von Barbara Weigand hat Haffner nach persönlicher Prüfung unter dem
28. Juni 1896 schriftlich niedergelegt; es lautet: ,,Gegen den Glauben ver-
stoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht;
sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauun-
gen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden, und
können darum wohl natürlich erklärt werden."
   Aus dem maßvollen Urteil dieses strengen Kritikers und wachsamen
Oberhirten ergibt sich erst recht, wie wenig von einem ,,theologischen
System" der Barbara Weigand die Rede sein kann und wie vorsichtig man
auch hier mit dem Vorwurf sein muß, es handle sich um ein ausgesprochen
häretisches System.
   Schon die Grundgedanken der Anmutungen von Barbara Weigand sind
keineswegs so verkehrt, wie sie schon oft verkehrt ausgelegt wurden. Bei
der heutigen ungeheuerlichen Verbreitung von Unglauben und Sittenlosig-
keit, welche die Menschen von dem Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel
vielfach gänzlich abgebracht haben, ist der Gedanke und Wunsch durchaus
korrekt, daß es Gott gefallen möge, durch außerordentliche Mittel die
Menschen wieder zum eifrigen Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel
zurückzuführen. Wie ehedem zu diesem Zwecke ein hl. Vinzenz Ferrerius,
eine hl. Katharina von Siena, ein hl. Franziskus von Assissi, ein hl. Domini-
kus (Rosenkranz), ein hl. Ignatius von Loyola (Exerzitien), eine sel. Marga-
reta Alcoque (Herz-Jesu-Andacht) besondere Mittel anwendeten, so sollte
als außerordentliches Mittel zum gleichen Zweck der Eucharistische Liebes-
bund dienen.
   Die Unterstellung, als ob Barbara Weigand durch dieses besondere Mittel
die ordentlichen Heilsmittel ersetzen oder ausschalten wolle, ist absolut
unwahr. Es soll vielmehr durch den Eucharistischen Liebesbund gerade der

                                    307
lebendige Glaube, der eifrige Empfang der Sakramente, die Nachfolge Jesu
im Kreuztragen, die Hochschätzung der Jungfräulichkeit, die wahre und
echte Nächstenliebe erst recht empfohlen und immer mehr in Übung
gebracht werden.
   Notwendig ist es auch nicht, den Grundgedanken und vorgeschlagenen
Mitteln von Barbara Weigand wegen der zum Teil ungenauen Ausdrucks-
weise einen häretischen Sinn beizumessen. Die angegriffenen Ausdrücke
lassen sich alle auch in einem richtigen Sinne auffassen. So z. B. die Worte
vom Leiden Jesu in der hl. Eucharistie. In wie vielen Andachts- und Erbau-
ungsbüchern wird nicht gerade die Gegenwart Jesu im hh. Altarsakrament
als eine fortgesetzte Verdemütigung, ein fortgesetztes Leiden bezeichnet. In
dem von dem Dogmatiker Dr. Heinrich verfassten herrlichen Gesang- und
Gebetbuch der Diözese Mainz heißt es z. B. in der ersten sakramentalischen
Andacht Nr. 127: ,,Ich verlange, Dir (o Jesu im hl. Sakramente) für die so
vielen Wunden genug zu tun, welche Deinem Herzen täglich geschlagen
werden."
   Auch in dem Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Würzburg finden
sich mehrfach Stellen des gleichen Inhalts. Z. B. S. 141: ,,Ich bete Dich in tief-
ster Ehrfurcht an, o mein Jesus, wahres Sühneopfer für unsere Sünden, und
opfere Dir diese Huldigung auf zum Ersatze für die gottesräuberischen
Mißhandlungen, welche Dir von so vielen Christen widerfahren, die sich
erkühnen, mit einer schweren Sünde auf dem Herzen sich Dir zu nahen und
Dich in der hl. Kommunion zu empfangen."
   Oder S. 476: ,,O Jesus, Gottessohn! Bei dem Anblick der unüberwind-
lichen Geduld und Langmut, mit der Dein göttliches Herz das bitterste
Leiden und den qualvollsten Tod ertragen hat, und noch täglich im hoch-
heiligen Sakramente des Altars tausend Unbilden und frevelhafte Beleidi-
gungen erträgt, bitten wir Dich, ..."
   Die hl. Margareta von Kortona hörte aus dem Munde des Heilands die
Worte: ,,Die mich unwürdig empfangen, kreuzigen mich und weihen mir
jenen bitteren Trank, den mir einst die Juden gereicht haben."
   Der hl. Alphons von Liguori schildert den Gottesraub als etwas für den
Heiland gleichsam unerträgliches, indem er schreibt: ,,Vernehmen wir, wie
Jesus Christus sich durch den Mund der Propheten über den Gottesräuber
beklagt;" ,,Ja, wenn mein Feind mir geflucht hätte, so würde ich es ertragen
haben. Aber du, mein Gleichgesinnter, mein Führer, mein Bekannter, der mit
mir süße Speise gekostet."
     In allen diesen Worten reden jene gewiss rechtgläubigen Personen nur
in einem übertragenen Sinne von einem Leiden Jesu in der hl. Eucharistie,

                                      308
wobei die dogmatische Lehre von der tatsächlichen Leidensunfähigkeit des
verklärten Leibes Christi unangetastet bleibt und als bekannt vorausgesetzt
wird. Warum will man nur in den Worten von Barbara Weigand diesen
geläufigen übertragenen Sinn nicht gelten lassen?
   In einer öffentlichen Versammlung wurde Barbara Weigand von einem
Geistlichen (!) sehr heftig und in Ärgernis erregender Weise auch deshalb
angegriffen, weil sie von einem bräutlichen Verhältnis der Seele zu Jesus
Christus redet. Und nun erinnere man sich, wie die hl. Schrift des alten
Testamentes bereits ein eigenes ganzes Buch, das Hohelied, gerade auf die
Darstellung dieses Verhältnisses verwendet, wie im neuen Testament
Christus sich selber als den Bräutigam schildert und wie die ganze Mystik
und Scholastik dieses Gedankens sich bedient.
   Die einschlägige Literatur ist angegeben in dem unvergleichlich schönen
und lehrreichen Werkchen von Dr. Scheeben ,,Die Herrlichkeiten der gött-
lichen Gnade" (Freiburg 1912, 10. Aufl.), in dem ein eigenes Kapitel sogar
die Überschrift trägt: ,,Durch die Gnade wird unsere Seele eine Braut
Gottes."
   Und wiederum das Mainzer Gesangbuch und das Würzburger ,,Ave
Maria". Ersteres redet in einem uralten, kräftigen Gebete den Heiland mit
den Worten an: ,,O Du meiner Seele allerliebster Blutbräutigam Jesu
Christe!" Nach dem Würzburger Gebet- und Gesangbuch aber (S. 477) wird
in der Andacht zum heiligsten Herzen Jesu gemeinsam gebetet: ,,O aller-
keuschestes Herz Jesu, des Liebhabers und Bräutigams keuscher Seelen!"
Auf S. 712 des gleichen Gesangbuches ist das allbekannte und allbeliebte
Lied abgedruckt:
                 ,,O Herr, ich bin nicht würdig,
                 Zu Deinem Tisch zu gehn,
                 Du aber mach mich würdig,
                 Erhör mein kindlich Flehn!
                 O stille mein Verlangen,
                 Du Seelenbräutigam,
                 Im Geist Dich zu empfangen,
                 Du wahres Osterlamm!
   Ist das katholische Denken und Beten von heute wirklich bereits derart
herabgestimmt, daß man schon an solchen traditionellen, warmkatholischen
Ausdrücken Anstoß nimmt? Dann möge man aber zusehen und bei Zeiten
dazutun, daß dieser Zeitgeist und diese Scheu vor Schippach nicht noch
manch anderes Stück echt katholischen Denkens und Fühlens hinwegreißt!

                                   309
   Die Behauptung, daß Barbara Weigand unter dem Wort ,,lebendiger
Glaube" nur den Glauben an ihre Privatoffenbarungen verstehe, ist einfach
unwahr. Zwar verlangt Barbara Weigand, wie jeder anständige Mensch, der
sich keiner Lüge bewusst ist, daß man ihr glaube und sie nicht als Betrüge-
rin behandle; aber daß durch diesen menschlichen Glauben der zum Heile
notwendige übernatürliche, göttliche, katholische Glaube ersetzt werden
soll, sagt sie an keiner Stelle ihrer Anmutungen.
   Um nun gleich hier auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Barbara
Weigand einzugehen, so muß betont werden, daß auch in dem Falle, daß
ihre Anmutungen nicht als übernatürliche Eingebungen, sondern nur als
natürliche Erkenntnisse anzusehen sind, keineswegs ohne weiteres von
Betrug, Schwindel und dgl. geredet werden darf. Denn es gibt auch eine
natürliche Ekstase, eine natürliche Verzückung, ein natürliches Hellsehen in
religiösen Dingen, wie dies z. B. der gediegene Artikel ,,Verzückung" des
Freiburger Kirchenlexikons eingehend nachweist.
   Will man nun aber trotz alledem in der ungenauen Ausdrucksweise der
Barbara Weigand die Gefahr der Ketzerei und Sektenstiftung wittern, dann
wäre zunächst doch noch festzustellen, ob es einer Barbara Weigand nach
ihrem ganzen seitherigen religiös-sittlichen Verhalten, ihrem Charakter,
ihrer Gesinnung überhaupt zuzutrauen sei, daß sie sich von der katholi-
schen Kirche abwenden und daß sie mit Hartnäckigkeit ihren Anmutungen
einen falschen, nichtkatholischen Sinn zugrunde legen, daran festhalten und
auch andere in solche Ketzerei hineinziehen wolle. Wir glauben indes sagen
zu können, daß auch strenge Kritiker bei der erprobten Tugend, der schlich-
ten Frömmigkeit, der echt kirchlichen Gesinnung der Barbara Weigand
keinen Augenblick zaudern werden mit der Erklärung, daß bei ihr die
Anzeichen häretischer Gesinnung und sektiererischer Neigungen voll-
ständig fehlen. Haben ihr doch selbst ihre schärfsten Gegner das Zeugnis
schon ausstellen müssen, daß sie ,,sittlich intakt" und von ausnahmsweis
großer Frömmigkeit sei.
   daß sich eine solche Person gar dazu versteigen sollte, in dem von ihr
stammenden Projekte einer dem Gedächtnis der Kommuniondekrete
Pius X. gewidmeten Sakramentskirche ,,die Mutterkirche einer neuen Sekte"
errichten zu wollen oder etwas derartiges auch nur zu begünstigen, das ist
ein Gedanke, der von vornherein bei allen Kennern der einschlägigen
persönlichen Verhältnisse dem Fluche der Lächerlichkeit verfällt.
   Auch dem ,,Verein für die Sakramentskirche in Schippach, e.V.", der den
Kirchenbau betreibt, kann kein vernünftiger Mensch sektiererische Bestre-
bungen zuschreiben. Selbst die bloße Vermutung einer derartigen Gefahr ist
bei dem Verein und seinem Unternehmen von vornherein hinfällig und

                                    310
ausgeschlossen. Denn nach § 3 der beim Amtsgericht München unterm
9. August 1915 eingetragenen Satzung des Vereins hat ,,die Mitgliedschaft
das Bekenntnis zum römisch-katholischen Glauben zur Voraussetzung." In
demselben Augenblick also, in dem sich ein Mitglied sektiererischen Bestre-
bungen zuwendet, schließt es sich selbst aus diesem Verein aus! daß doch
bei allen Vereinen, in welchen heute Katholiken sich befinden, den Gefahren
für den katholischen Glauben so gründlich schon durch die Satzungen
vorgebeugt wäre wie hier!

   Allein nicht bloß bezüglich der Mitgliedschaft, sondern auch hinsichtlich
seines Unternehmens, seines Zweckes selber hat der Verein schon in seiner
Satzung jeglichen widerkatholischen, sektiererischen Tendenzen den Boden
entzogen. Der § 2 der Satzung legt nämlich als einzigen und alleinigen
Zweck des Vereins fest, ,,zum immerwährenden Gedächtnis der von Papst
Pius X. erlassenen Kommuniondekrete und zur Danksagung dafür in
Schippach in Unterfranken eine Sakramentskirche, die zugleich Friedens-
kirche für den Weltkrieg sein soll, zu erbauen, einzurichten und zu unter-
halten."

   Die echt katholische Tendenz dieses Zweckes aber, welche so klar und
deutlich der Liebe zum Papste und dem Geiste des freudigen Gehorsams
gegenüber den päpstlichen Dekreten Ausdruck verleiht, schließt deshalb
sektiererische Bestrebungen aus, weil, wie schon der hl. Cyprian lehrt, der
Anschluss an den Papst der beste Beweis dafür ist, daß einer zur Einheit der
wahren Kirche gehört. Der hl. Ambrosius würde sagen: Ubi Papa, ibi
Ecclesia neque ulla ecclesiola. Wo der Papst, da die Kirche und nicht eine
Sekte!

   Wie genau die ganze Einrichtung des Vereins für die Sakramentskirche in
Schippach jenen päpstlichen Weisungen entspricht, welche neuestens der hl.
Vater Benedikt XV. in seiner Enzyklika Ad beatissimi vom 1. Nov. 1914 für
das Vereinswesen der Katholiken gegeben hat, zeigen zur Genüge die Erläu-
terungen, welche die Druckschriften des Vereins zu dem in der Satzung fest-
gelegten Zwecke geben. Darnach ist es dem Vereine um nichts anderes zu
tun, als mitten in unserer materialistisch und naturalistisch gesinnten Zeit
ein sichtbares Mahnzeichen aufzurichten an die übernatürliche Gnaden-
quelle der hl. Eucharistie und an den Gehorsam gegenüber dem sichtbaren
Stellvertreter des eucharistischen Heilands. Dadurch will er ,,den Geist des
Glaubens, der Bruderliebe und der sittlichen Vertiefung, des Leidensmutes
und des Opfersinnes neu beleben" und zugleich auch eine Friedenskirche
erbauen, welche den einzigen Gedanken verkörpert: ,,Liebet einander, wie
ich euch geliebt habe!"´


311
   Dies alles entspricht genau den Forderungen, welche Papst Benedikt XV.
in seiner ersten Enzyklika an jene Vereine stellt, welche von der Kirche
empfohlen werden können und von den Bischöfen und Priestern aufs
eifrigste gefördert werden sollen!
   Die Forderungen lauten: Vollkommener Gehorsam gegen Papst und
Kirche, Hinordnung der ganzen Vereinstätigkeit auf das übernatürliche
Endziel des Menschen, Verharren in der Liebe Gottes und des Nächsten. Soll
ein diesen päpstlichen Forderungen so treu und gewissenhaft entsprechen-
der Verein, wie jener für die Sakramentskirche in Schippach, wirklich die
Gefahr der Sektenbildung in sich bergen?
   Getreu hält sich der genannte Verein auch an die Weisungen der Kirche
hinsichtlich der Stellung zu Privatoffenbarungen, welche von der Kirche als
solche nicht oder wenigstens noch nicht anerkannt sind. Der Verein hat es
darum jederzeit auf das peinlichste und gewissenhafteste vermieden, sich
und sein Werk irgendwie zu derartigen Privatoffenbarungen in Beziehung
zu setzen. Weder in der Satzung noch in den sonstigen Verlautbarungen des
Vereins ist irgendwie von Privatoffenbarungen die Rede. Der Verein hat
überdies schon vor längerer Zeit und aus freien Stücken, ,,um einen Beweis
seiner kirchlichen Gesinnung und seines Gehorsams gegen die geistliche
Obrigkeit zu erbringen", der zuständigen kirchlichen Behörde die bündige
Erklärung abgegeben, daß ,,der Bau der Sakramentskirche von ihm keines-
wegs wegen der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand befördert und
durchgeführt wird."
   Wenn gleichwohl von einzelnen Vereinsmitgliedern oder von sonstigen
Personen das Projekt des Vereins mit solchen Privatoffenbarungen in Ver-
bindung gebracht werden sollte, so stände derartiges im Widerspruch mit
den klar ausgesprochenen Absichten des Vereins und dürfte unter keiner
Bedingung dem Vereine zur Schuld angerechnet werden.
   Ganz unerlaubt wäre es, dem Verein andere Zwecke und Tendenzen
zuzuschreiben und unterzuschieben, als er selber statutarisch und urkund-
lich festgelegt hat. Das geht schon aus dem Grunde nicht an, weil an der
Spitze des Vereins Männer stehen, deren gut- und treukatholische Gesin-
nung und deren ganze Stellung und Haltung im privaten wie im öffent-
lichen Leben die Gewähr dafür bieten, daß das Werk, welches sie errichten
und unterhalten wollen, den Forderungen und dem Geiste der katholischen
Kirche entspricht.
    Die Idee aber, in jenem weltabgeschiedenen und dennoch leicht zugäng-
lichen Spessarttale der Elsava eine dem Gedächtnis der eucharistischen
Großtaten Pius X. gewidmeten Sakramentskirche zu errichten, welche die
tiefen Welterneuerungsgedanken Pius X. in monumentaler Weise verkör-

                                   312
pern und in das Gedächtnis des Volkes hineinschreiben soll und besonders
auch eine stille eucharistische Zufluchtsstätte für beladene und verwundete
Herzen bietet - diese Idee ist so einzig schön, so durchaus katholisch, so
wahrhaft pastoral-praktisch, daß sie es ohne Zweifel verdiente, möglichst
bald mit Unterstützung aller verwirklicht zu werden.
   Kein kirchlich Gesinnter kann die Reinheit, Schönheit und Nützlichkeit
dieser Idee verkennen. Denn was könnte die Erbauung der Sakraments-
kirche auch schaden? Soll es ein Schaden sein, wenn Tausende und Aber-
tausende, allein schon durch die schöne Idee dieser Kirche angezogen, dort
im Sinne Pius X. die eucharistische Erneuerung ihres Seelenlebens in Angriff
nehmen? Soll es ein Schaden sein, einen Brennpunkt zu besitzen, an dem
das Feuer der Begeisterung für die tägliche und die frühzeitige Kommunion
ständig genährt wird und von dort immer mehr sich verbreitet? Soll es ein
Schaden sein, wenn eine Kirche entsteht, in der das Lob des großen und
heiligmäßigen Papstes unserer Tage, Pius X., von seinen Zeitgenossen
verkündet und wachgehalten wird? Soll es ein Schaden sein, wenn die
Nachwelt durch ein monumentales Denkmal erfährt, daß auch die Katho-
liken dieser Zeit und dieses Landes die Größe dieses Papstes zu würdigen
wussten? Schon heute kann nicht übersehen werden, wie gerade in dieses
Schippacher Kirchenbauprojekt das katholische Volk seine heiße Liebe und
Dankbarkeit für den Papst der täglichen heiligen Kommunion und der
Kinderkommunion hineingelegt hat.
   Es dürfte also wahrlich kein Grund gegeben sein, den Bau der Sakra-
mentskirche in Schippach mit allen Mitteln zu vernichten und gar an der
Stelle des begonnenen herrlichen und wirklich großartigen Bauwerks eine
Trümmerstätte liegen zu lassen, die nur den Hohn und Spott des Irr- und
Unglaubens herausfordern wird.
   In Erwägung aller von uns angeführten Momente scheint uns der
Wunsch und die Bitte gerechtfertigt: Die Schippacher Angelegenheit möge
mit mehr Ruhe und Sachlichkeit, mit wahrer und aufrichtiger Nächstenliebe
und vor allem auch mit einer innigeren, begeisterten und begeisternden
Liebe zum eucharistischen Heilande geprüft und gewürdigt werden.
  Verfasser: P. Peter Lippert S. J.



 

                                    324
   Ganz anders aber Dr. Brander. Pathetisch bricht er im Anschluß an seine
Entdeckung der ,,Irrtümer" in den Schippacher Offenbarungen in die Worte
aus: ,,Gott kann niemals irren oder fehlen!" Und in seinem Vorwort meint er:
,,Aussprüche des Himmels müssen lauterer sein als das Sonnenlicht."
    Papst Benedikt XV. hat auf ein Wort Gregor d. Gr. hingewiesen: ,,Selbst
prophetisch begabte Männer sind nicht ständig vom prophetischen Geist
erleuchtet und erachten bisweilen das Resultat der eigenen Geistestätigkeit
irrtümlich für eine Gabe prophetischer Erleuchtung." Aufgabe einer wis-
senschaftlichen Untersuchung ist es nachzuweisen, was Stimme Gottes und
was Stimme des Menschen ist. Finden sich wirklich Irrtümer in mystischen
Schriften, dann sind diese Irrtümer dem menschlichen Faktor zuzuschrei-
ben, berühren aber den göttlichen nicht. Darum ist es nicht angängig, mit
dem Hinweis auf Irrtümer das Ganze zu verwerfen. Mit einer solchen
Methode müsste man auch approbierte, anerkannte und echte Offen-
barungen verwerfen. (So Dr. Büttner S. 63/64). Hier gilt das Wort Pauli:
,,Prüfet! Was gut ist behaltet!"
   Ganz abwegig ist der Satz von Dr. Brander: ,,Eher fällt die Sonne vom
Himmel und geht das Weltall in Trümmer, als daß Rom solche Offen-
barungen bestätigen wird!" Wie oft schon hat Rom Offenbarungen, die von
unteren kirchlichen Instanzen verworfen wurden, später bestätigt, hat sogar
eine von einem bischöflichen Gericht als Hexe verurteilte und verbrannte
Jeanne d´Arc feierlich heilig gesprochen. Bei einer ruhigen Prüfung der
Schippacher Schriften kann man Perlen von christlichem Gedankengut fin-
den, deren Schönheit und Tiefe überraschen. Hier kurz einige Proben:
   Wie viele Katholiken haben heute Angst vor einem Zuviel der Marien-
verehrung! Anstatt mit dem hl. Bernhard zu sprechen: ,,De Maria nunquam
satis"!, rufen sie abwehrend: ,,De Maria nequit nimis"!
   So sagte vor kurzer Zeit eine beim Bischöflichen Jugendamt angestellte
Ordensfrau zu einer meiner Jungfrauen: ,,Warum den Umweg über Maria
zu Christus gehen anstatt direkt zu Christus?!" Hinter dieser bedenklichen
Auffassung stehen viele Theologen, so daß es manchmal schwer war, ein
Marienbuch bei einem Verlag unterzubringen. Wie glänzend und lichtvoll
wird diese schiefe Auffassung durch einen Satz der Schippacher Offen-
barungen widerlegt, wo der Herr im Oktober 1895 spricht im Hinblick auf
den Rosenkranz: ,,Meine Kinder versammeln sich so zahlreich zum Lob-
preis meiner Mutter. Siehe, indem sie meine hl. Mutter ehren, verherrlichen
sie mich, ihren Gott!" Marienliebe ist ja Christusliebe. Die Gegner übersehen
den Organismus zwischen Marienliebe und Christusliebe und stellen die
beiden mechanisch nebeneinander. Da Ew. Heiligkeit ein so glühender Ver-
ehrer der himmlischen Mutter sind, darf ich zur Freude Ew. Heiligkeit

                                    325
ergänzend bemerken, daß ich zum Abschluss der Euch. Triduen und Missi-
onswochen immer eine Marienpredigt hielt und die wunderbare Medaille
der Unbefleckten Empfängnis als Missionsandenken verteilte. Bis zum
Krieg habe ich Million dieser Medaillen verteilen dürfen. Jetzt gibt es leider
keine mehr.

   Bei der Missionswoche in der Jesuitenkirche in Mannheim habe ich allein
9000 Medaillen verschenken dürfen. Mit hl. Eifer kamen alle Gläubigen,
auch die Männer, um das geweihte Gnadenzeichen der Himmelsmutter in
Empfang zu nehmen, um, oft unter Tränen, einen Kuss der Liebe darauf zu
drücken. Priester, die anfänglich Bedenken gegen die Medaillenausteilung
äußerten, waren durch das Erlebnis nachher freudig überrascht. Das gute
Volk denkt da oft viel gesünder und gläubiger als viele Theologen. Eine
Reihe wunderbarer Bekehrungen und Heilungen sind mir bekannt gewor-
den, welche die himmlische Mutter doch durch ihr Gnadenzeichen wirkte.

   Desgleichen durfte ich in Verbindung mit Hochschulprofessor Dr.
Fischer, dem Fatima-Apostel Deutschlands, die Großtaten unserer lieben
Frau von Fatima in vielen Pfarreien verkünden. Darum begrüßte ich auch
die Weltweihe an das hl. Herz Mariä am letzten Oktober 1942 mit außer-
ordentlicher Freude und vollzog sie an Neujahr mit meiner Pfarrgemeinde.
Denn was das Haupt tut, müssen auch die einzelnen Glieder tun. Sonst wird
der Zweck der Weltweihe an das hl. Herz Mariä nicht ganz erreicht werden
können.

   Dr. Brander widmet in etwas spöttischer Weise ein Kapitel ,,den Jung-
frauen in der Welt". Wie hat doch auch hier die Geschichte Barbara Weigand
recht gegeben. Ich erinnere an den ersten und jetzigen zweiten Weltkrieg.
Der 1. Weltkrieg kostete allein Deutschland 2 Millionen Männer durch den
Heldentod. Dies aber bedeutete für 2 Millionen Mädchen und Frauen
Ehelosigkeit oder frühen Witwenstand. Damit wurde der Begriff ,,Jungfrau-
en in der Welt" ein vordringliches Seelsorgeproblem, sollten nicht diese zur
Ehelosigkeit verurteilten Jungfrauen am Leben zerbrechen und ihr irdisches
und ewiges Glück gefährdet werden. Dasselbe gilt auch heute.

   Dazu kommt, daß heute praktisch kein Mädchen ins Kloster mehr gehen
kann. Ferner zeigt die Kirchengeschichte, wie oft der Himmel das Schwache
erwählt hat, um das Starke zu beschämen, cf. Katharina v. Siena.

   Wenn Dr. Brander den Ausdruck ,,die lebendigen Mütter meines Sohnes"
besonders angreift, so sei nur an das Wort des hl. Augustinus erinnert, der
sagt: Wir sollten ,,matres Christi" sein, indem wir durch apostolisches
Wirken Christus in den Herzen erzeugen und das göttliche Leben hegen
und pflegen.

                                     326
   Vielfach sind die von Dr. Brander angegriffenen Gedanken durch die
katholische Aktion Pius XI. glänzend gerechtfertigt worden, so z. B. das
Beten, Sühnen und Leiden.
   Der rote Faden, der die ganzen Schippacher Offenbarungen durchzieht
und ihr Herzstück bildet, die Sendung der Barbara Weigand darstellt, ist die
Einführung der öfteren Kommunion. Dafür betete und opferte Barbara
Weigand schon in den 70er Jahren heroisch, indem sie mehrmals in der
Woche je 5 Stunden hin und zurück zu Fuß von Schippach nach Aschaffen-
burg ging, und zwar schon nachts um 1 Uhr aufbrach, um werktags im
Kapuzinerkloster kommunizieren zu können, weil daheim an Werktagen
der Tabernakel nicht geöffnet wurde. Immer wieder kehrt in ihren Schriften
der Satz: ,,Ich will, daß die öftere Kommunion in meiner Kirche eingeführt
wird." Diese große Sendung von Barbara Weigand ist nun durch die
Kommuniondekrete Pius X. und neuerdings durch einen erneuten Erlass
der Sakramentenkongregation feierlich und amtlich von höchster Autorität
bestätigt worden.
   In ähnlicher Weise bestätigte die Weltgeschichte folgende Worte Jesu im
Jahre 1896: ,,Rettet, was zu retten ist, denn es kommt die Zeit, wo ihr mit
Schaudern die Dinge sehen werdet, die der Sozialismus geboren hat. Es
werden die Gottlosen einfallen, sie werden sich verbinden in der ganzen
Welt. Es wird zu einem allgemeinen Aufstand kommen und ein schreck-
liches Blutbad wird die Erde decken."
   Allgemein darf man sagen, daß die Schippacher Offenbarungen auf der
ganzen Linie ihre Bestätigung finden, während Dr. Brander auf der ganzen
Linie durch die Zeitereignisse widerlegt wird.
   Ergreifend ist der Bericht über das heroische apostolische Wirken der
Barbara Weigand in Mainz (Dr. Büttner S. 276 ff.) Solche Früchte der Bekeh-
rungen wachsen wahrhaftig nicht an einem schlechten Baum. Hier gelten
die Worte, die der Straßburger Bischof Räss s. Zt. bezüglich der begnadigten
Elis. Eppinger in Niederbronn an den gegnerischen Bischof in La Rochelle
schrieb: ,,Wenn ein in steter Reinheit und Keuschheit zugebrachtes Leben,
wenn ebenso zahlreiche als auffallende Bekehrungen, wenn ihre weisen
Ratschläge und die einfachen und hinreißenden religiösen Unterweisungen,
wenn die Werke der Liebestätigkeit, welche jedermann erbauen und in
Erstaunen setzen, das Werk des Bösen sind, dann bin ich ganz geneigt, ihm
ein Dummheitszeugnis auszustellen."
   Sehr richtig weist Dr. Büttner auf einen Grundirrtum der Polemik gegen
Schippach hin, daß man die Frage des Kirchenbaues zu einer Frage der
mystischen Theologie gemacht hat. Man hätte die Frage nach Echtheit oder
Unechtheit der Schippacher Offenbarungen offen lassen sollen, zumal


327
Barbara Weigand noch lebt, und die Frage des Kirchenbaues in sich über-
prüfen müssen. Ein Musterbeispiel dafür bietet uns die hl. Kirche in der
Behandlung der Offenbarungen der hl. Margaretha Alacoque. Der Moralist
Noldin schreibt diesbezüglich S. 19 folgendes: ,,Die Kirche ließ bei dieser
Prüfung die Offenbarungen der sel. Margaretha so ziemlich außer acht. Das
fragliche Fest wurde gestattet, noch ehe die Kirche ein Urteil über die Offen-
barungen der sel. Margaretha gefällt hatte. Es kam der Kirche vor allem
darauf an, daß die Andacht in der katholischen Glaubenslehre begründet sei
und daß ihre Übung ebenso Gott zur Ehre, wie den Menschen zum Heile
gereiche.
   Es ist demnach zum mindesten ungenau, wenn man sagt, die Herz-Jesu-
Andacht stütze sich auf Privatoffenbarungen, die möglicherweise auf
Einbildung und Täuschung beruhen. Die Privatoffenbarungen, deren die
sel. Margaretha gewürdigt wurde, haben allerdings die Veranlassung gege-
ben, daß diese Andacht von den Gläubigen geübt, und von der Kirche
geprüft wurde, allein nicht sie, sondern die unerschütterlichen Dogmen des
Glaubens enthalten den Grund ihrer kirchlichen Approbation. Es kann das
allerdings nach der kirchlichen Prüfung und Bestätigung nicht gesagt
werden, aber selbst, wenn die Offenbarungen der Seligen auf Einbildung
beruhten, würde die Andacht an ihrer inneren Wahrheit und Begründung
nichts verlieren.
   Dasselbe gilt von der gottsel. Droste Vischering und der Weihe der Welt
an das hl. Herz Jesu durch Papst Leo XIII.
    Die Sakramentskirche von Schippach ist in sich etwas sehr Gutes, hätte
einer dringenden Kirchennot Abhilfe geschaffen und wäre ein würdiges
Dankesmonument für die größte Gnade des Himmels im letzten Jahr-
tausend, für die Gnade der öfteren und täglichen Kommunion. Desgleichen
ist, wie Dr. Brander selbst anerkennen muß, der Eucharistische Liebesbund
gemäß seiner Statuten in sich etwas sehr Gutes und Zeitgemäßes und wurde
darum von verschiedenen Bischöfen approbiert und wärmstens empfohlen,
neuerdings wiederum in der Diözese Metz.
   Ist es ein Zeichen der einen, einheitlichen Kirche, wenn in den einen
Diözesen der Liebesbund feierlich von der Kanzel verdammt wird, während
er in anderen Diözesen wärmstens empfohlen wird?
   Zum Schluss sei noch erwähnt, daß am 17.11.1942 einer der bedeutend-
sten Vorkämpfer für Schippach, P. Josef Bergmiller, zu Grabe getragen
wurde. Der Provinzial P. Lukas Klose führte in einem ergreifenden Nachruf
folgende Stellen über das heiligmäßige Sterben des P. Josef an: ,,Die Gewiß-
heit, daß seine Todeskrankheit zum Tode führe, erfüllte ihn erst recht mit
unbeschreiblicher Freude. ,,Gottlob, nun wird es ernst, jetzt kommt der Herr

                                     328
und nimmt mich zu sich! Ich freue mich, daß diese Stunde naht, da ich zum
Heiland gehen darf. Ich werde zu Gott kommen, meinen Heiland Jesus
Christus sehen, ich werde ewig bei ihm sein und bei allen verklärten
Kindern Gottes mit der lieben Gottesmutter und allen Heiligen und Engeln.
Ich werde mich ihrer und die werden sich meiner mehr als je auf Erden in
Gott erfreuen. Ich werde, wie die Engel Gottes, Gottes Willen ungehindert
erfüllen, Gottes Seligkeit mit den Auserwählten genießen und Gottes Reich
auch hier auf Erden mehr verbreiten können, als es auf Erden geschehen
könnte."

   Diese Gedanken belebten unseren Mitbruder in Christo so sehr, daß sie
ihn mit größter Zuversicht erfüllten. Er wurde gefragt: ,,Haben Sie keine
Angst vor dem Sterben?" Er antwortete: ,,Nein, durchaus nicht. Ich freue
mich, wenn ich zum lieben Heiland komme und er freut sich noch mehr, daß
ich zu ihm komme."

   In dieser Freude hat er drei Tage vor seinem Sterben selbst seine eigene
Sterbekerze geweiht, die ihm hinüberleuchten sollte in das ewige Leben.
Diese Sehnsucht atmet auch der Brief, den er aus seiner Todeskrankheit an
seinen Provinzial geschrieben hat (27.9.42): ,,Da ich mich nun allen Ernstes
zur letzten großen Reise, die ich, wie alle Sterblichen machen muß, rüste,
will ich auch Ihnen schreiben, solange ich schreiben kann. Der Magenkrebs
macht bei mir sehr schnelle Fortschritte. Ich kann fast gar nichts mehr essen
und so rechne ich nur noch mit Tagen. Aber haben Sie keine Sorge, ich freue
mich, daß diese Stunde naht, in der ich zum Heiland gehen darf. Mein noch
übriges Leben ist weiter nichts mehr als die nähere Vorbereitung auf diese
selige Stunde. Vorbereitet bin ich ja immer gewesen, denn, was man seit
Jahren mit Sehnsucht erwartet, darauf ist man auch vorbereitet.

   Ich will Ihnen dies auch bekennen, daß ich dem lieben Heiland vor eini-
gen Wochen, als ich beim hl. Opfer während der hl. Wandlung die hl. Hostie
emporhob, das Leben, Gesundheit und alle sichtbaren Erfolge, überhaupt
alles, was ich in diesem Leben noch zu vergeben habe, für den baldigen Sieg
seiner großen Sache angeboten habe. Und ich erneuere dieses Opfer täglich
und will es noch erneuern, solange ich lebe. Dazu hat der Heiland mich
angeregt. Darum hat er auch Ja dazu gesagt ... Was mich immer tröstete und
mich jetzt besonders im Angesichte des Todes sehr tröstet, ist, daß ich bei
allem, was ich im hl. Gehorsam in der Gesellschaft unternehmen und aus-
führen mußte, niemals mich selbst und meine eigenen Interessen gesucht
habe, sondern nur das bonum societatis (was der Gesellschaft nützt). Und
daß ich im hl. Gehorsam immer, auch in den schwierigsten Verhältnissen,
ausgeharrt habe, bis ich wieder befreit wurde. Sagen Sie das nach meinem
Tode allen Mitbrüdern, daß das für den Ordensmann ein großer Trost im
Sterben ist. Der Heiland selbst saniert da alle Fehler, die gemacht werden

                                    329
und die schon der Demut wegen gemacht werden müssen, daß nie ein Scha-
den von irgendeiner Bedeutung entsteht. Im Himmel werde ich fortfahren,
für das Wohl der Gesellschaft zu wirken, der ich durch die unendliche
Barmherzigkeit Gottes alles verdanke, was ich einst ewig besitze, denn sie
ist mir ja geistige Mutter geworden.
   Nun bitte ich Sie um den hl. Segen und das Gedenken beim hl. Opfer,
damit ich mein ewiges Ziel recht bald glücklich erreiche. Ich grüße Sie und
alle Mitbrüder herzlich. Auf freudiges Wiedersehen im Himmel."
   Wir Freunde von Schippach hoffen, in diesem heiligmäßigen Pater Josef
einen neuen Anwalt im Himmel zu haben, zumal er sein Leben für den
baldigen Sieg der großen Sache der Sakramentskirche und des Eucharisti-
schen Liebesbundes dem lieben Gott angeboten hat und dieses Lebensopfer
auffallend rasch von Gott angenommen wurde.
   Heiliger Vater!
    Ich habe mir diese Zeilen auf Anregung von Freundesseite frisch vom
Herzen geschrieben. Da ich durch die Kriegsverhältnisse meine beiden
Kapläne verloren und nur einen alten pensionierten Herrn als Mitarbeiter
habe, bin ich mit Seelsorgearbeiten sehr überladen, so daß ich unmöglich die
äußere Form feilen konnte. (Die Zahlen der letzten 14. Beilage lassen die Rie-
senarbeit erkennen.) Es geht mir ja nur um die gute Sache, um das beschleu-
nigte Kommen des Eucharistisch-Marianischen Christ-Königs-Reiches der
Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. daß Wahrheit, Gerechtigkeit und
Liebe auch in der Schippacher Frage einmal zum Sieg kommen mögen, das
ist mein heißes Bitten und mein kindliches Vertrauen, wo ja Ew. Heiligkeit
der erste Vorkämpfer dieses Christ-Königs-Reiches der Wahrheit, der
Gerechtigkeit und der Liebe sind.
   Wie immer, so richte ich auch heute die flehentliche Bitte zum Himmel,
daß jedes meiner Worte mit einem Tropfen des kostbaren Blutes und einer
Träne der schmerzhaften Mutter betaut werde. In allem nur die Ehre Gottes
und das Heil der Seelen!
   Mit Don Bosco flehe ich täglich: Herr, gib mir Seelen! Alles übrige, allen
Plunder der Erde, weg! Derselbe Heilige hatte einst die prophetische Schau
von dem modernen Karfreitag der Weltkirche und ihre Rettung durch die
beiden Säulen mit der Hostie und der Immakulata. ,,Eucharistisch-Maria-
nisch" ist darum der Stempel der modernen Seelsorge, der Stempel unserer
Herzen, der Stempel unserer Pfarreien, der Stempel der lieben heiligen
katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Die heißersehnte baldige Seligspre-
chung des großen Kommunionpapstes Pius X. und die innigst erflehte
Genehmigung des Eucharistischen Liebesbundes und der Sakramentskirche

                                     330
von Schippach durch den ,,Pastor angelicus" werden in Verbindung mit der
Weltweihe an das hl. Herz Mariä den Triumph des Eucharistischen-Maria-
nischen Christ-Königs-Reiches beschleunigen.
  Mit der Bitte um den päpstlichen Segen für Hirt und Herde
  Ew. Heiligkeit
  ehrfurchtvollster gehorsamster Diener
  Pfr. P. M. Weihmann
  Pfarrer in Schifferstadt b/Speyer.




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BRIEF DES ERBLINDETEN PFARRERS ENGELBERT KLEISER von Bickesheim in Baden.

    Prälat Kleiser in der Schweiz war bis zu seinem Tode ein überzeugter
und eifriger Freund von Schippach, des Eucharistischen Liebesbundes und
der Sakramentskirche. Sein Bruder war der bekannte und auch heute noch
sehr verehrte erblindete Pfarrer Engelbert Kleiser von Bickesheim
(1891-1931) in Baden, von dem auch heute noch viel gutes berichtet wird
wegen seines überzeugenden Einsatzes und Ganzhingabe als Diener Gottes
am Altar und vor allem als Segenspriester.

   Am 11. Oktober 1914 schrieb er Barbara Weigand folgenden Brief:

    ,,Ich verfolge schon Jahre lang Ihre Schriften und lasse sie mir vorlesen,
weil mein Augenlicht erloschen ist, denn ich bin schon 8 Jahre ganz blind.
Bin jetzt 75 Jahre alt, habe als Theologe viele Bücher gelesen und studiert,
aber zu Ihrem Troste sei es gesagt, ich habe in meinem ganzen Leben noch
kein Buch gelesen, das mich so hingerissen hätte zur Liebe Gottes als Ihre
Schriften, und ich bedauere sehr, daß man sie dem Volke, besonders den
Priestern so lange vorenthält. Ich möchte die Verantwortung nicht über-
nehmen. Ich habe gelehrte Bücher gelesen, die von heiligmäßigen Männern
geschrieben sind, die einem wegen ihrer Strenge mehr Furcht als Liebe zu
Gott in die Seele bringen. Aber in Ihren Schriften wird eine Sprache gespro-
chen, wo ich mir Wort für Wort sagen muß, so muß der Heiland sprechen.
Ja, das ist der Heiland, Der da spricht, diese Güte, diese Liebe, diese uner-
gründliche Barmherzigkeit! zu uns armen, sündigen Menschen. Ebenso
erbaue ich mich an der Gebetsweise Ihrerseits, was unmöglich der arme
Mensch aus sich selbst fertig bringen kann. Bleiben Sie ruhig, Der Herr
rechtfertigt Sie selbst, wenn es Zeit ist. Aber die Kirche, des Herrn Denkmal,
muß gebaut werden! Viel Heil und Segen muß ausgehen von diesem
Tempel: alle Kräfte sollen aufgeboten werden, daß er fertig wird. Auch ich
will mein Schärflein noch dazu legen.
    Engelbert Kleiser, Pfarrer von Bickesheim."

    Und Barbara Weigand antwortete ihm sodann am 29. Okt. 1914 mit
folgendem Brief:

,,Euer Hochwürden! Ihr liebes Brieflein vom 11. Okt. habe ich durch Hochw.
H. Kaplan Noet zugestellt erhalten. Es ist mir ein wertvolles Andenken, daß
ich sorgfältig aufbewahren werde und ich hätte nur noch den Wunsch, Ew.

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Hochw. auch bald einmal sprechen zu können. Der liebe Gott sucht Seine
Freunde mit großen Leiden heim, denn ich sehe an Ihrer Schrift, daß Ihr
liebes Augenlicht am Erlöschen ist. Dafür gab Ihnen der liebe Gott ein ande-
res Licht, das innerlich leuchtet und erhellt. O könnte ich einmal zu Ihren
Füßen knien und mein Herz ausgießen! Aber ich kann nicht reisen und jetzt
in der traurigen Kriegs- u. Jahreszeit gar nicht. Ich trete jetzt in mein
70. Lebensjahr ein und wie Ew. Hochw. das Augenlicht, so habe ich mein
Gehör fast verloren. Habe in meinem Leben schon viel gelitten, besonders in
letzter Zeit wird mein Namen in Blättern viel herumgezogen und mein
ganzes, unscheinbares, von anstrengenden, harten Arbeiten durchzogenes
Leben und Streben wird mit Verleumdungen, Spott und Verachtung über-
schüttet und an den Pranger gestellt. Manchmal bäumt sich die Natur gegen
die Bosheit der Menschen auf, aber bald siegt die Gnade wieder und ich
stelle mich mit froher Zuversicht neben Den, der für uns alle den Spott-
mantel der Schmach und Verachtung getragen und ertragen hat. O daß doch
die Menschen zur Einsicht kämen, daß das Schwert, womit die Menschen,
Bruder gegen Bruder, sich zerfleischen, ihnen von Gott in die Hand
gedrückt ist, zur Strafe dafür, weil man überall Seine Majestät, Seine Gott-
heit und Sein Wohnen in uns nicht mehr anerkennt und weil auch die
Guten, ja vielfach sogar die Besten, mit der ungläubigen Welt liebäugeln
wollen. Möchten doch diese Führer des Volkes anstatt zu spotten und zu
höhnen über solche, die es ernst nehmen, Hand in Hand mit den von der
Welt Ausgestoßenen gehen, damit der Zorn Gottes besänftigt werde. Denn
der liebe Gott läßt sich an Großmut nicht übertreffen. Und wenn, wie Er es
ja verlangt, alle guten, treuen Kinder der heiligen katholischen Kirche,
Priester und Laien, Ordens- u. Weltleute, sich zusammenscharen und ver-
trauen auf die Hilfe Gottes, dann bezwänge diese Großmut der treuen
Kinder Seiner wahren Kirche das Herz Gottes, so daß Er nicht widerstehen
könnte. Er würde die kommenden Heimsuchungen abwenden. Aber der
Kampfplatz, auf dem in letzter Zeit gegen alles übernatürliche Wirken und
Eingreifen Gottes in einzelnen Seelen gekämpft wird, ist dem lieben Gott
sehr verhaßt. Er wird es bestrafen! Und wir alle, ja, wir alle müssen es
fühlen. Indem ich Euer Hochwürden bitte, am Altare meiner zu gedenken,
wie auch ich im Gebet zu gedenken verspreche, grüße ich Sie in tiefster
Ehrfurcht und Hochachtung
  Ihre Barbara Weigand."

  Prälat Kleiser kannte viele von den Offenbarungen der Barbara Weigand
und da er diese für echt hielt, so verwendete er viel davon für seine Artikel
in den ,,Canisiusstimmen". So hatte er an Hand dieser Offenbarungen, ohne
jedoch ihre Herkunft zu nennen, in den Jahren 1913 und 1914 mehrere
Artikel in den selben veröffentlicht, die Strafgerichte ankündigten und zur

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Umkehr aufforderten. Prälat Kleiser empfahl daher auch den Liebesbund in
seiner Monatsschrift und ständig war auf der Rückseite des Umschlages der
Canisiusstimmen angegeben, daß man die Statuten des Liebesbundes
kostenlos von Kreszentia Halder in Saulgau beziehen könne. Da brach im
Jahre 1915 durch das Vorgehen von Würzburg der Sturm herein und jede
weitere Propaganda für den Liebesbund mußte, wenigstens in Deutschland,
aufhören.


 

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