|
Theologische
Würdigung
Seite
1
Seite
2
Seite
3 III. Pietät gegenüber Privatoffenbarungen Eine weitere Forderung, welche die Theologie an die Behandlung mysti- scher Fragen stellt, ist die Pietät gegenüber Privatoffenbarungen und Schrif- ten frommer Personen. Dieser Pietät entspricht es, solche Offenbarungen nicht mit allzugroßem Mißtrauen, sondern mit jener Liebe und Ehrfurcht zu prüfen, die wir frommen Personen stets schulden. Daher fordern Benedikt XIV. und die übrigen Autoritäten der mystischen Theologie für die Prüfung von Privatoffenbarungen die pia et modesta interpretatio, d.h. die pietätvol- le und bescheidene Auslegung der in denselben enthaltenen schwierigen Stellen. Vor allem bezeichnen sie es als eine Forderung der Billigkeit und Gerechtigkeit, daß Stellen, welche einen mehrfachen Sinn zulassen, in einem Sinne aufgefaßt und erklärt werden, der sich mit der Regel des Glaubens vereinbaren läßt. Als durchaus unbillig und ungerecht sehen sie es dagegen an, wenn gewisse Stellen frommer Offenbarungen gleichsam ohne weiteres als falsch, ketzerisch, der Heiligen Schrift widersprechend bezeichnet werden, weil sie auf den ersten Blick in solchem Sinne verstanden werden können. Sie weisen nämlich stets darauf hin, daß alle Privatoffenbarungen ohne Ausnahme schwierige, dunkle, mißverständliche Stellen enthalten, und sie geben auch eine schöne und einleuchtende Erklärung hierfür, indem sie betonen, daß Gott dies zugelassen oder gewollt zu haben scheine, um der menschlichen Weisheit Gelegenheit zu bieten, kindlichen Glauben, christ- liche Demut und guten Willen zu zeigen. An dieser wohlwollenden und pietätvollen Liebe läßt es aber die gegen Schippach kämpfende literarische Kritik ganz bedeutend fehlen. Wenn Brander seine Broschüre mit den Worten beginnt: ,,An sich sind die Schippacher Offenbarungen nicht wert, auch nur einen Bogen Papier darüber zu verschreiben oder eine Minute Zeit darauf zu verwenden. Denn sie sind die Halluzinationen einer bedauernswerten Nervenkranken...", so zeigt schon diese Sprache ein gerütteltes Maß von wegwerfender Verach- tung und tiefgründigem Übelwollen. Sie läßt aber auch sofort erkennen, zu welch falschen, unwahren Urteilen eine solche Gesinnung führt. Jeder, der Barbara Weigand von Schippach persönlich kennt, weiß, daß bei der außerordentlich kräftigen und gesunden Konstitution dieser Person die Behauptung von Nervenkrankheit entweder
217 lächerlich oder empörend wirken muß. Noch im Jahre 1915 hat ein angese- hener Mediziner, ein preußischer Oberstabsarzt, der auf die Andeutungen der Presse über angebliche hochgradige Hysterie der Seherin von Schippach Interesse an dem Falle gewann, sich die Mühe gemacht, Barbara Weigand eingehend auf Hysterie zu untersuchen; er hat festgestellt, daß bei dieser Person auch nicht die Spur eines solchen Leidens vorhanden ist, vielmehr die ganze Körper- und Geistesverfassung derselben diejenige eines durch ländliche und sonstige körperliche Arbeit außerordentlich gekräftigten und widerstandsfähigen Organismus ist. Auch früher, während der ekstatischen Zustände, hat ein Arzt bereits erklärt, daß diese Erscheinungen, die Barbara selber als ihr mystisches Leiden bezeichnete, nicht auf natürliche Krankheit zurückzuführen seien. Wie kann Brander wagen, die leichtfertige Behaup- tung in die Welt hinauszuschleudern, Barbara Weigand sei eine bedauerns- werte Nervenkranke? Eine solche schwerwiegende, Irreführung der Öffent- lichkeit ist nur aus einem Übermaß von übelwollendem Vorurteil zu erklären.
Wie aber Brander seine Broschüre mit dem Ausdruck der Verachtung gegen die von ihm zu prüfende Sache beginnt, so schließt er sie auch mit dem Eingeständnis des maßlosen Widerwillens, der ihn gegen die Schippacher Offenbarungen während der von ihm angestellten Prüfung beseelte. Und dies gegen Offenbarungen, von welchen hochangesehene Theologen und gebildete Laien versichern, daß sie dieselben mit wahrem Genusse und mit wahrer Erbauung gelesen haben. Brander aber muß geste- hen, daß er aus Widerwillen manchmal alle Willensanstrengung aufbieten mußte, um die Prüfung der Weigand'schen Schriften fortzusetzen. Das ist nicht die Gesinnung, welche die Theologie von denjenigen verlangt, die an die Prüfung solcher Schriften herantreten wollen. Da fehlt schon die not- wendige Objektivität und Vorurteilslosigkeit, um so mehr jede Pietät, Achtung und Rücksicht. Wer möchte sich auf das Urteil eines derart vorein- genommenen Kritikers verlassen? Wer möchte sich zu der Annahme ver- steigen, daß der Apostolische Stuhl wirklich kein anderes Urteil finden werde, als das eines solchen Kritikers?
Wir möchten jedoch unsererseits mit Brander keineswegs allzu strenge ins Gericht gehen. Brander steht in seiner ganzen Beurteilung von Schippach unter dem Einfluß des Zeitgeistes. Und die Macht des letzteren ist bekannt. Wer die Bedeutung desselben für die mystische Theologie kennen lernen will, der vergleiche irgend ein älteres gediegenes Werk dieser Disziplin mit jenem neueren Handbuch der Mystik, auf welchem Branders Wissenschaft hauptsächlich fußt, der ,,Einführung in die christliche Mystik von Dr. Joseph Zahn". Dieses Werk ist gewiß nicht geeignet, um Katholiken mit Liebe und Begeisterung für die Mystik, diese ,,Krone der dogmatischen
218 und Moraltheologie", diese ,,wahre Wissenschaft des wahren Lebens", wie sie Kardinal Deschamps nennt, zu erfüllen. Das Zahn'sche Buch bemüht sich vielmehr, nur eine Menge von Bedenken, eine ängstliche Scheu gegen- über allen mystischen Dingen einzupflanzen. Sein Hauptbestreben geht dahin, auch auf dem Gebiet der katholischen Mystik recht sorgfältig alles das auszuräumen, was der Protestantismus als Inferiorität deuten möchte. Im Laufe seiner, ganz in der dunkeln Sprache Schells, Euckens, Hegels gehaltenen psychophysiologischen, psychopathogräphischen und sonstigen Prüfung , der ,,mystischen Phänomäne" läßt es schließlich von dem herr- lichen Bau der katholischen Mystik, welchen die Vorzeit errichtete, nur eine Ruine stehen, in deren öden Hallen nichts als die Angst vor der Täuschung und die Angst vor dem Lächeln eines modernen Pelagianertums wohnt. An diesem Werke hat sich Brander offenbar übernommen. Aus ihm hat er das Gruseln gelernt vor dem Spott des Protestantismus über katholische Privatoffenbarungen. Daher auch seine offen eingestandene Furcht vor einer in Schippach entstehenden zweiten Auflage Jes Taxilskandals. Diese den Kindern unserer Zeit so vielfach eigenen, und von modernen Taxilent- hüllern so systematisch gepflegten, nervösen Angstzustände gegenüber allen außerordentlichen Erscheinungen des übernatürlichen Gebietes wol- len wir Brander gern zugute halten. Daß aber Kritiker von solcher Mentalität für die Behandlung mystischer Probleme, wie desjenigen von Schippach, wenig geeignet sind, liegt auf der Hand. Es macht sich bei solchen Kritikern vor allem der Mangel einer pietät- vollen und maßvollen Auslegung von schwierigen Stellen solcher Offen- barungen bemerkbar. Die Angst vor der Täuschung, die Abneigung gegen das mystische Gebiet überhaupt, die geringschätzige Bewertung des religiö- sen Wissens der oft den niederen Ständen angehörenden und manchmal in gewöhnlichen, platten und ungeschickten Worten redenden Visionäre ver- leitet Kritiker der bewußten Art nur zu leicht zu dem Fehler, mißverständ- liche Stellen von Privatoffenbarungen ohne weiteres nur in einem falschen, gefährlichen, destruktiven Sinne zu deuten. Sie werden dabei oft die richti- gen Ketzerriecher und Sektenschnüffler. Auch Brander leistet in dieser Hinsicht Erstaunliches. Durch eine über- strenge, oft gezwungene Auslegung endet er in den Schippacher Offen- barungen auf Weg und Steg Ungereimtheiten, Widersprüche, Verstöße gegen Sitten und Glauben, Häresie. Seine pessimistische Diagnose gipfelt schließlich in der ungeheuerlichen Anschuldigung der Gründung einer neuen Sekte, die in der Schippacher Sakramentskirche ihre Mutterkirche erstehen lassen wolle. Für den Kenner der Verhältnisse wird hier der Brander'sche Feldzug zur Donquichotterie, zu einem Windmühlenkampfe jämmerlicher Art.
219 Eine pia et modesta interpretatio hätte Brander vor diesem Abwege behüten können. Gerade die Stellen, in welchen Brander Ketzereien der ärgsten Sorte erblickt, wie z. B. Behauptung der Insuffizienz der Heiligen Schrift, des Lehramtes der Kirche, des katholischen Priestertums, oder ein Leiden Christi in der Eucharistie, ein mechanischer Ersatz der fehlenden Verdienste u. a. m. lassen sich sehr wohl in einem der Regel des Glaubens entsprechendem Sinne deuten. Bezüglich der Stellen über ein gewisses Leiden Christi in der Eucharistie vergleiche man z. B. die trefflichen Darle- gungen, welche Regens Dr. Schreiber-Fulda in der Zeitschrift Eucharistia, (Nr. 5 vom Mai 1916) bei einer anderen Gelegenheit über die dem Glauben entsprechende Auslegung solcher Worte gegeben hat. Es wäre nicht allzu schwer, für jede einzelne von Brander beanstandete Stelle zahlreiche Parallelstellen aus den mystischen Schriften anderer from- mer oder auch heiliger Personen anzuführen. Bieten aber die Schippacher Schriften z. B. auch nur annähernd so schwierige Stellen, wie deren eine ganze Reihe in den Schriften der hl. Brigitta zu finden sind? Da sagt unter anderem der Heiland zur hl. Brigitta bezüglich pflichtvergessener Priester: ,,Sie haben den Schlüssel verloren, mit dem sie den armen Sündern den Himmel öffnen sollten". Und wiederum spricht dort die allerseligste Jung- frau von dem Verluste der Konsekrationsgewalt bei abgefallenen Priestern. An anderer Stelle läßt Brigitta den Heiland davon sprechen, daß er Glaube, Hoffnung und Liebe besitze. Daß diese Stellen sich in häretischem Sinne erklären lassen, liegt auf der Hand; und eine Brander'sche Exegese würde sie auch nicht anders deuten. Die großen Erklärer der hl. Brigitta, Durantus, Benedikt XIV. und Turrecremata aber geben zu diesen Stellen sehr schöne und korrekte Auslegungen. Ihnen zufolge haben pflichtvergessene und abgefallene Priester insofern die Schlüsselgewalt und die Konsekrations- gewalt verloren, als ihnen die Verwaltung der Sakramente von Rechts wegen verboten ist; und unter dem Glauben und der Hoffnung, welche der Heiland sich zuschreibt, sind nicht die betreffenden theologischen Tugen- den, sondern das Wissen des Heilandes und die sichere Hoffnung, daß sein Leib verherrlicht werde, zu verstehen. Wenn aber eine solche weise Mäßi- gung in der Auslegung schwieriger Stellen von Privatoffenbarungen durch- aus gefordert werden muß, dann hat Brander durch seine rücksichtslose Verketzerungssucht gegenüber den Schriften und Personen von Schippach schwer gefehlt.
IV. Regeln bei der Prüfung von Privatoffenbarungen Eine von den Lehrern der mystischen Theologie wieder und wieder betonte Regel ist die, daß man Privatoffenbarungen wegen in ihnen vorhan- dener Irrtümer, Widersprüche, nicht erfüllter Weissagungen u. dgl. nicht
220 ohne weiteres in Bausch und Bogen verwerfen darf, falls sie im großen und ganzen geeignet sind, Erbauung und Nutzen zu bringen und wenigstens der Hauptsache nach als von Gott kommend angesehen werden können. Die Art, wie Brander und die von ihm inspirierte Presse gegen diese theolo- gische Regel fehlt, vermag auch den letzten Rest von Vertrauen gegenüber der von den Genannten beliebten Prüfung und Kritik zu rauben. Branders Grundirrtum liegt hier in der verkehrten Anwendung des an sich richtigen Schlusses: Gott kann nicht Irrtümer offenbaren; nun enthalten aber gewisse Schriften Irrtümer; also können sie keine von Gott stammen- den Offenbarungen sein. Wie die Theologie durchweg lehrt, kann dieser Schleiß nur auf die allgemeine und ordentliche Offenbarung oder Prophetie, nie und nimmer aber auf die Privatoffenbarung angewendet werden. Brander aber wendet den genannten Schluß auch auf Privatoffenbarungen an und gründet darauf seine ganze journalistische und Broschüren-Argu- mentation gegen Schippach. Bereits in der Allgemeinen Rundschau schrieb er: ,,Wir wissen, daß eine göttliche Inspiration der B. W. durch die dogma- tischen Irrtümer, Übertreibungen, Widersprüche, unerfüllten Vorhersagun- gen, abergläubigen Versprechungen und zahlreichen Ungereimtheiten ihrer Schriften als absolut ausgeschlossen zu betrachten ist. Auf derselben Beweisführung beruht auch seine Broschüre. Das ganze Kartenhaus dieser Schlußfolgerung fällt aber in sich zusammen durch den Nachweis, daß Irrtümer u. dgl. sehr wohl in Privatoffenbarungen vorkommen können und tatsächlich sogar in approbierten Privatoffenbarungen oft vorhanden sind, ohne solchen mystischen Schriften den Charakter göttlicher Offenbarungen zu rauben. Letzteres ergibt sich schon aus dem Unterschied zwischen perfekter und imperfekter Prophetie, wie ihn die Dogmatik lehrt. Während diese unter perfekter Prophetie jene Offenbarung versteht, die mit der absoluten Gewißheit verbunden ist, daß Gott und nicht etwa der Geist des Propheten geredet hat, und derselben somit nie etwas Falsches beigemischt sein kann, bezeichnet sie als imperfekte diejenige, wo es an diesem klaren Lichte der Prophetie und dem darauf sich gründenden unfehlbaren Urteile fehlt. ,,Da bei letzterer," schreibt Heinrich, ,,sich mit der Eingebung des heiligen Geistes leicht Gedanken des eigenen menschlichen Geistes verbinden können, so kann solcher imperfekten Prophetie auch Falsches beigemischt werden, ohne daß die Möglichkeit gegeben wäre, beides mit genügender Sicherheit zu unterscheiden." Die Gründe, aus welchen in Privatoffenbarungen vielfach Irrtümer vorkommen können, erklärt sehr schön der Redemptorist P. Gebhard Wiggermann in den Worten: ,,Was die Art und Weise der göttlichen Mit- teilung anlangt, so waren die Empfänger und Vermittler der allgemeinen
221 Offenbarung vom heiligen Geiste in der Weise erleuchtet und geleitet, daß sie nicht irren konnten, und daß ihre Aussprüche im eigentlichen Sinne Worte Gottes sind; die Träger von Privatoffenbarungen dagegen sind wohl auch vom Geiste Gottes übernatürlich erleuchtet; sie schauen im göttlichen Lichte verborgene Wahrheiten und besitzen zumeist auch die Gabe der Pro- phezeiung im eigentlichen Sinn; allein sie sind weder in Bezug auf das Schauen, noch in Bezug auf die Mitteilung vor jedem Irrtum durchaus gesichert; sie können zuweilen etwas als übernatürliche Erleuchtung anse- hen, was nur das Resultat menschlicher Erkenntnistätigkeit ist; sie können, wenn sie eine bloße Vision (ohne Offenbarung) empfangen, derselben möglicherweise einen anderen Sinn beilegen, als dieselbe in Wirklichkeit hat; sie können ferner beim Mitteilen des Geschauten einzeln der geoffen- barten Dinge vergessen, verwechseln oder auch in Ausdrücken wieder- geben, welche nicht zutreffend sind, da es überaus schwierig ist, übernatür- liche Wahrheiten, die man in der Ekstase geschaut, im gewöhnlichen Zustande in die passenden Worte zu kleiden."
Man beachte auch folgende Ausführungen des hier ebenfalls als Auto- rität anzusprechenden P. Jeiler O. S. Fr.: ,,Selbst dann, wenn eine Vision wirklich von Gott kommt und rein intellektuell und also an sich untrüglich ist, bleibt es keineswegs ausgeschlossen, daß in der Mitteilung derselben Irrtümer eingeschlichen sind, wie nach der gewöhnlichen Meinung Benedikt XV. lehrt. Denn ein solches an sich wahres, aber auch unaus- sprechliches Gotteswort muß erst in unvollkommene und inadäquate menschliche Worte übersetzt werden, was für gewöhnlich durch Anwen- dung menschlicher Geisteskräfte und nicht ohne die naheliegende Möglich- keit geschieht, mit dem göttlichen Lichte sich das beschränkte Vernunftlicht und mit der geoffenbarten Wahrheit ein Irrthum vorgefaßter Meinungen einmische. Mit Recht sagt Gueranger (L'Univers 1858 n. 22): Privatoffen- barungen gelangen nicht immer rein von jeder Beimischung zu uns. Gott läßt dieses zu, auf daß wir niemals der Versuchung nachgeben, das Ansehen derselben mit der heiligen Schrift auf eine Linie zu stellen."
Mit seiner Zusammenstellung einer Reihe von angeblichen oder wirk- lichen Irrtümern hat also Brander nicht das geringste gegen die Schippacher Offenbarungen bewiesen. Eine ähnliche und vielleicht noch längere Reihe von Irrtümern hätte er auch aus den Schriften einer hl. Brigitta, der beiden Mechtilden und anderer Ekstatischer zusammenstellen, und mit demselben Recht bzw. Unrecht auch deren Unechtheit ,,beweisen" können. P. Poulain S. J. führt nicht weniger als 31 fromme Personen an, in deren Offenbarungen sich Irrümer finden, und er sagt, man könne bei Personen, die noch nicht zu hoher Heiligkeit gelangt sind, ohne Unklugheit festhalten, daß drei Viertel all ihrer Offenbarungen Täuschungen seien; also auch beim
222 Vorhandensein einer solchen Masse von Täuschungen bleibt dennoch ein Viertel richtige Offenbarungen, wegen deren man das ganze nicht in Bausch und Bogen verwerfen darf. Brander behauptet nun, daß eben wegen der von ihm angegebenen Irrtümer eine Bestätigung der Schippacher Offenbarungen durch den Apo- stolischen Stuhl ganz unmöglich sei. Er zeigt damit, daß er seinen Deduk- tionen auch einen verkehrten Begriff von der päpstlichen Bestätigung oder Approbation von Privatoffenbarungen zugrunde legt; denn er nimmt offen- bar an, daß diese Bestätigung die absolute und vollständige Wahrheit des Inhaltes solcher Schriften beglaubige. Eine solche Annahme ist jedoch falsch. Die päpstliche Approbation von Privatoffenbarungen will als sicher nur feststellen, daß ihr Inhalt bei vernünftiger und gemäßigter Auslegung (pie et prudenter intellectum) nicht dem Glauben und den guten Sitten wider- spricht oder gefährlich ist; daß dieselbe durchaus nichts Absurdes und Unglaubliches enthält, sondern dem Leser Erbauung und Nutzen bringen kann; und endlich, daß man aus vernünftigen Gründen annehmen darf, die angeblichen Offenbarungen seien wirklich von Gott und ihre Mitteilungen wenigstens der Hauptsache nach wahr. Nach diesen Grundsätzen würde die kirchliche Approation der Schippacher Offenbarungen keineswegs die volle Wahrheit alles dessen, was in denselben enthalten ist, verbürgen; es könnten Irrtümer in denselben entalten sein und selbst solche Meinungen, welche von seither in der Kirche frei gelehrten Lehrsätzen und Tatsachen abweichen, ja sogar Sätze, die auf den ersten Blick bei einer strengen Auslegung als häretisch erscheinen könnten. Ob aber die kirchliche Approbation in diesem ihrem richtigen Sinne für die Schippacher Schriften gänzlich ausgeschlossen sein soll, wird derjenige lebhaft bezweifeln, der weiß, wie sehr Brander die Schippacher Offenbarungen gerade ihrer Hauptsache nach, nämlich in ihren absolut korrekten, erbaulichen und nützlichen Partien unbeachtet läßt, und wie sehr seine Beanstandungen durchaus nicht auf einer gemäßigten Auslegung beruhen.
V. Authentizität von Privatoffenbarungen Es liegt auf der Hand, daß eine sachliche Kritik vor allem auch fest- zustellen hat, ob die zu beanstandenden Stellen einer mystischen Schrift authentisch sind, d.h., ob dieselben wirklich von der betreffenden visionären Person stammen, oder ob sie nicht etwa durch das Zutun anderer Personen, besonders von Sekretären oder Abschreibern, entstellt, geändert, korrumpiert sind. Sind sie nicht authentisch, so scheiden solche Stellen selbstverständlich für den Beweis der Echtheit der betreffenden Offen-
223 barungen ganz aus und sind auch für die sonstige Beurteilung derselben nur mit Vorsicht zu verwenden. Auch diese Regel wird von Brander gänzlich mißachtet. Er erkennt zwar, daß zahlreiche der von ihm beanstandeten Stellen offenbar nicht authentisch sind ; ja, er zieht sogar den viel zu weitgehenden Schluß, daß von den Schippacher Offenbarungen ein authentischer Text überhaupt nicht vorlie- ge; auch findet er, daß es sich dabei um die Schuld einer oder mehrerer Sekretärinnen handelt. Gleichwohl nimmt er keinen Anstand, gerade auf diese Wahrnehmungen sein Verwerfungsurteil aufzubauen bzw. alle wahr- genommenen Anstände kritiklos der Seherin von Schippach selber aufs Konto zu schreiben. Wie beim Wahrnehmen nicht authentischer Stellen eine wahrhaft sach- liche, bescheidene und pietätvolle Kritik vorzugehen pflegt, zeigt z.B. B. P. Jailers Biographie der seligen Kreszenzia Höß von Keufbeuren. Der Biograph erkannte, daß schon in den ersten Quellen viel Unglaubwürdiges, Übertriebenes, Falsches über Kreszenzias wunderbare Zustände, Gnaden- gaben und sonstiges Leben enthalten ist. Aber weit entfernt, nun sofort auf die Unechtheit und Unglaubwürdigkeit aller bezüglich Kreszenzias überlie- ferten mystischen Dinge zu schließen, sieht er vielmehr nach, wo denn eigentlich die Schuld an diesen unglaubwürdigen Berichten liegt. Er findet alsbald, daß Kreszenzia selber keinerlei Schuld an den über sie verbreiteten verkehrten Erzählungen trägt. Vielmehr stellt sich heraus, daß die Sekretärin der Seligen, die Ordensschwester Maria Anna Neth, die Haupt- ursache der Entstehung und Verbreitung jener überschwenglichen und falschen Berichte war. Auf Befehl ihrer Oberin mußte Kreszenzia die ihr gewordenen außerordentlichen Gnaden jeweils der Schwester Maria Anna Neth zur Aufzeichnung mitteilen. Die genannte Schwester aber brachte viel Entstelltes und Unrichtiges in ihre Aufzeichnungen hinein, nicht etwa aus bösem Willen, wohl aber aus Vergeßlichkeit und Ungenauigkeit bei der schriftlichen Wiedergabe des aus dem Munde Kreszenzias Vernommenen. Der letzte Beichtvater Kreszenzias, P. Johann Baptist Pamer S. J. erklärte denn auch, daß die Schwester Maria Anna aus Einfalt, Phantasie und Ver- geßlichkeit vieles Falsche, Unpassende und Sonderbare hineingemischt, und daß die selige Kreszenzia oft unter Tränen gegen diese Unwahrheiten protestiert habe. Nicht also die Sache Kreszenzias, sondern die Arbeit der Schwester Maria Anna war zu beanstanden. Und demgemäß urteilt denn auch ihr Biograph P. Jailer. Auch durch die Aufzeichnungen über die ekstatischen Zustände und visionären Aussagen von Barbara Weigand ziehen sich wie ein roter Faden die oft ganz leicht als solche kenntlichen Abirrungen mehrerer, und beson- ders einer von Brander mit Namen genannten Sekretärinnen. So fragt z. B.
224 eine der Sekretärinnen den aus der Ekstatischen redenden Heiland am Schlusse der Ekstasen öfters über mancherlei persönliche, private Verhält- nisse u. dgl. Es liegt nun für den Sachverständigen auf der Hand, daß diese Fragen und Antworten sehr leicht in einen Zeitpunkt fallen konnten, in welchem die Ekstase selber bereits zu Ende war und das Reden des Heilan- des zur Begnadigten schon wiederum aufhörte. Die Begnadigte selber aber gab nun wohl, wie der hl. Thomas von Aquin dies bei Visionären sehr gut für möglich hält, ex magno usu prophetandi, aus der Macht ihrer visionären Gewohnheit heraus, eine Antwort, welche die Begnadigte selber und ihre Sekretärin zwar in bestem Glauben für göttlich inspiriert hielten, während diese Antwort in Wirklichkeit nur ein gewohnheitsmäßiges Weiterarbeiten frommer Phantasie war.
Es kann auch der Fall eintreten, daß sich solche nur vermeintlich von Gott kommenden, in Wirklichkeit aber aus der menschlichen Phantasie des Visionärs stammenden Antworten mitten in einer Ekstase und mitten unter wirklich inspirierten Antworten ergeben. Man fragt inmitten der Ekstase den aus der Visionärin redenden Heiland über irgend eine Sache. Der Heiland aber würdigt uns in dieser Sache keiner Antwort. Die Visionärin, jedoch glaubt aus dem oben angeführten Grunde in ihrer Phantasie eine Antwort zu hören und bringt diese auch vor. Dann aber beginnt der Heiland wieder mit seinen göttlichen Ansprachen an die Begnadigte. Sehr schön erklärt der hl. Johannes vom Kreuz, wie menschliche Phantasien sich mitten in das übernatürliche Schauen manchmal einschleichen können. Der in das beschauliche Gebet versunkene Mensch führt nach den Darlegungen des Heiligen eine Art Selbstgespräch. Er spricht mit sich selbst und antwortet sich, wie eine Person der anderen und in gewisser Weise ist es auch so. Denn wenn auch der Geist des Menschen selbst hier tätig ist, so hilft ihm doch der heilige Geist zuweilen, jene Begriffe, Worte und Schlüsse der Wahrheit gemäß hervorzubringen und zu bilden. Da aber, so fährt der Heilige fort, ,,jenes Licht, das ihm mitgeteilt wird, oft sehr fein und geistig ist, so daß der Verstand nicht weit genug ausreicht, um sich darüber gut zu verständigen, und doch der Verstand es ist, der wie gesagt die Vernunftschlüsse aus sich bildet, so kommt es, daß er manchmal falsche, nur wahrscheinliche oder mangelhafte Schlüsse bildet. Da er anfangs den Faden der Wahrheit zu nehmen begonnen hat, und alsbald die Geschicklichkeit oder vielmehr Ungeschicklichkeit seines eigenen niedrigen Verstandes dazulegt, so ergibt sich leicht, daß er nach seiner Fassungskraft verschiedenes ausheckt, und alles so vor sich geht, als redete eine dritte Person. Ich kannte eine Person, die solche sukzessive Ansprachen hatte, unter denen sehr wahre und substantielle waren, die sie über das heiligste Sakrament der Eucharistie bildete, unter denen aber auch sehr irrtümliche sich befanden."
225 Man erkennt, wie weit ein Kritiker sich verirren und welch schweres Unrecht er zuzufügen vermag, wenn er aus dem Vorhandensein unechter Stücke auf die Unechtheit des ganzen Komplexes der betreffenden mystischen Schriften schließt, oder wenn er bei den in Betracht kommenden Begnadigten und deren Sekretären wegen vorhandener unechter Stücke ihrer Aufzeichnungen ohne weiteres bösen Willen, betrügerische Absichten voraussetzen wollte. Dasselbe ist zu sagen mit Bezug auf solche Teile mystischer Schriften, welche sich als eigenmächtige Änderungen, Einschiebungen, Verbesserun- gen vonseiten dritter Personen kenntlich machen. Auch derartige Partien sind nicht schlechthin als Beweismaterial für die Unechtheit der ganzen Schrift anzusehen und auch sie lassen sich aus vielen anderen Ursachen, als wie nur aus beabsichtigtem Betruge erklären. In Barbara Weigands Offen- barungen gibt der Heiland selber ein oder das andere Mal den Sekretärin- nen die Anweisung, Verbesserungen des Textes vorzunehmen, wenn solche ganz offenbar nötig erscheinen sollten. Die Sekretärin durfte sich in letzte- rem Falle also ohne Sünde gewisse Änderungen des Textes gestatten, und hat solche auch tatsächlich vorgenommen. Ob diese Änderungen aber stets das Richtige trafen und ob auf diesem Wege nicht oft des Guten bzw. des Verkehrten zu viel geschah, ist eine andere Frage. In jedem Falle handelt es sich bei den von Brander betonten Anständen um eine lange Reihe von Stellen, die nicht authentisch sind, ohne daß sie dadurch der Gesamtheit der Weigand'schen Schriften den authentischen Charakter rauben und ohne daß sie gegen den Wahrheitssinn und die Redlichkeit der Seherin und ihrer Sekretärinnen den geringsten Verdacht zu erregen brauchen. Nun beachte man aber, wie Brander gerade derartige, offenbar nicht authentische, willkürlich geänderte oder der rein menschlichen Phantasie der Seherin entsprungene Stellen der Schippacher Offenbarungen zum Beweise seiner These von der absoluten Unechtheit dieser Offenbarungen vor dem großen Publikum ausschlachtet. Er geht dabei so weit, daß er sogar Produkte des ordinärsten Mainzer Stadtklatsches, die mit den Schippacher Offenbarungen nicht das geringste zu tun haben, hereinzieht, um sie Barbara Weigand und deren Anhängern an die Rockschöße zu hängen. Die ,,quellenmäßig exakte" Methode Branders feiert hier ihre höchsten, wenn- gleich billigsten, Triumphe. Der Mann aus dem Volke fragt sich mit Brander verwundert, wie man Schriften, die ,,solches Zeug" enthalten, auch nur von ferne als göttliche Offenbarungen ansehen könne. Der mit der mystischen Theologie auch nur einigermaßen Vertraute jedoch gewahrt mit Bedauern die ganz verkehrten Wege, auf welchen eine nicht sachgemäße Kritik hier die öffentliche Meinung irreführt.
226 VI. Die Trägerin von Privatoffenbarungen Bezüglich der Privatoffenbarungen mahnt der Apostel: ,,Prüfet alles; was gut ist behaltet." Wie mangelhaft Brander den ersten Teil dieser aposto- lischen Mahnung befolgt hat, konnten wir aus dem Gesagten einigermaßen erkennen. Den zweiten Teil aber, das Behalten des Guten, hat er schlechthin ganz beiseite gesetzt. Der Radikalismus seines Verwerfungsurteils ist nicht zu überbieten. Er findet in den Schippacher Schriften überhaupt nichts Gutes. Sie sind ihm ein Sammelsurium von Widersinn, Ungereimtheit, Anstößigktit, Irrtum, Fälschung, Betrug. Sie sind ihm ein häretisches Mach- werk, dem die teuflische Absicht einer neuen Sektengründung und der Erbauung der Mutterkirche dieser neuen Sekte zugrunde liege. Die Ursache dieses radikalen Urteils ist Branders Methode, die darin besteht, in irgend einem Handbuch der Mystik, sei es Zahn oder Poulain, das Kapitel über die Merkmale falscher Offenbarungen nachzuschlagen, und nun an Hand dieser Merkmale, ohne Beachtung der übrigen wichtigen Regeln der mystischen Theologie, gegen Schippach loszugehen. Schon allein das Ergebnis dieser Methode muß den ruhig Urteilenden bedenklich stimmen. Gegenüber dem, was Brander von beanstandeten Stellen anführt, muß offenbar in den 2000 Seiten Schippacher Offenbarun- gen, welche Brander nach seiner eigenen Angabe geprüft, doch noch ein recht erklecklicher Teil nicht zu beanstandender Stücke übrig geblieben sein. Letztere stellen also in den Schippacher Schriften das Gute dar, das nach der Mahnung des Apostels behalten werden soll. Hat Brander es behalten? Hat er es, um seinen Lesern ein gerechtes Urteil zu ermöglichen, auch nur einigermaßen einer ähnlich ausführlichen Behandlung gewürdigt, wie die beanstandeten Stellen? Davon, daß man aufgefundene Irrtümer und Mängel solcher Offenbarungen an die große Glocke hängen, vor der Menge des Volkes breittreten, und damit die betreffenden Offenbarungen im Ganzen und ihre Urheber der Verachtung, und dem Hohn einer urteilslosen Masse preisgeben soll, sagt der Apostel kein Wort. Aber daß man das Gute der- selben behalten soll, dies befiehlt er ausdrücklich. ,,Wenn Paulus wieder- käme...", was würde er wohl zu Branders Methode sagen ? Was Paulus zu dieser Methode sagen würde, ist uns ganz klar. Damit sagen wir aber nicht, was er etwa über die Schippacher Offenbarungen ent- scheiden würde. Wir betonen dies, um auszusprechen, daß wir weit davon entfernt sind, das in jenen Schriften enthaltene Gute über Gebühr hervor- zuheben, oder gar in den noch gröberen Fehler zu fallen, nun unsererseits im voraus ein günstiges Urteil der obersten kirchlichen Behörde apodiktisch festzustellen. Wir haben uns, wie schon eingangs gesagt, nur zur Aufgabe gemacht, die Möglichkeit eines günstigen päpstlichen Endurteiles offen zu halten, nachdem diese so apodiktisch geleugnet worden ist.
227 Wir begründen nun diese Möglichkeit mit dem Hinweis auf das Gute der Schippacher Öffenbarungen, das Brander und die ihm folgende Presse fast keines Wortes gewürdigt haben. Um aber auch den Schein zu vermeiden, als ob wir über die guten Partien jener Schriften und über die guten Seiten der in Betracht kommenden Unternehmungen und Personen vorhandene Mängel und Schwächen ganz außer acht ließen oder irgend wie parteiisch vorgingen, sei hier kurz die Methode gekennzeichnet, der wir folgen. Es ist die streng kirchliche Methode, die wir in einem Prozesse wahr- nahmen, welchen wir bereits früher erwähnten, nämlich in dem Prozesse der Luxemburger Ekstatischen, Klara Moes. Auch von den Offenbarungen, den Werken und den sittlichen Qualitäten dieser Begnadigten war in den Augen der öffentlichen Meinung nicht das geringste Gute mehr übrig geblieben. Auf den Rat einiger mit der Sache ver- trauten römischen Prälaten aber setzte der jetzige Bischof von Luxemburg, Dr. Koppes, eine aus unparteiischen und anerkannten Fachmännern beste- hende Prüfungskommission ein. Diese bestand aus nachbenannten Theo- logen: Dem Benediktinerabt Plazidus Woltei aus der Abtei Maredsous, dem Benediktiner Subprior Bonifatius Wolff, dem Dominikanerprior Alfons M. Portmanns und dem Jesuitenpater und Bolandisten Wilhelm van Hoff. Diesem illustren Richterkollegium wurde nun zunächst von dem Hoch- würdigsten Bischofe die genaue Prüfung der Originalakten anvertraut. Nach Erledigung dieser Aufgabe versammelten sich die Genannten am 10. Januar 1884 unter dem Vorsitze des Bischofs von Luxemburg in der Benediktinerabtei von Maredsous. Hier wurden nun drei scharf umschrie- bene Fragen vorgelegt und beantwortet. Sie lauteten: 1. Bieten die Schriftstücke des genannten Aktenmateriales Anzeichen welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Schwester Klara sei im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht? Antwort : Nein. 2. Erscheint Schwester Klara in diesem Zusammenhang als eine solche, die andere hat täuschen oder betrügen wollen? Antwort: Nein. 3. Ist der Zweck, den Schwester Klara glaubt erstreben zu müssen, ein guter? Antwort: Ja. Die beiden ersten Fragen wurden einstimmig verneint, die letzte ein- stimmig bejaht. Dieses Urteil ist im Kirchlichen Anzeiger der Diözese Luxemburg, 14. Jahrgang, Folge 1 und 2, veröffentlicht. Schon die Formulierung der drei angegebenen Fragen bietet das Muster einer wahrhaft sachgemäßen und korrekten Behandlung derartiger Angele- genheiten. Die genannten Theologen sind sich vor allem bewußt, daß die
228 Entscheidung über den Offenbarungscharakter mystischer Schriften allein dem Apostolischen Stuhle zusteht. Sie fragen sich also nicht, wie Rom entscheiden wird und muß, sondern darüber, welche Anhaltspunkte die Theologen aus dem Aktenmaterial gewinnen können. Sie zerbrechen sich nicht über den Offenbarungscharakter der vorliegenden Schriften die Köpfe, sondern erwägen die Frage, ob die in Betracht kommende Person vom bösen Feinde getäuscht ist. Sie kennen auch die Regel der mystischen Theologie, derzufolge begnadigte Personen in einzelnen Punkten vom Teufel oder sonstwie getäuscht sein können, ohne daß darum der ganze Komplex ihrer Visionen Täuschung sein muß; und so stellen sie die Frage, ob die betreffende Person im ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht sein dürfte. Tiefes theologisches Wissen und tiefe theologische Bescheidenheit ringen in der Verhandlung dieser bischöf- lichen Kommission um die Palme. Wir folgen demnach gewiß der denkbar besten Spur, wenn wir uns bei Beurteilung der Schippacher Sache an die Methode von Maredsous halten. Indem wir also neben dem Guten nicht die Mängel, und neben den Mängeln nicht das Gute der Sache zu übersehen bestrebt sind, wollen wir uns eben- falls jener drei bestimmten Fragen bedienen: 1. Bieten die Schippacher Schriften Anzeichen, welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusam- menhang jener Angelegenheit vom bösen Feinde getäuscht? 2. Erscheint Barbara Weigand in diesem Zusammenhang als eine solche, die andere hat täuschen oder betrügen wollen? 3. Ist der Zweck der Gründung des eucharistischen Liebesbundes und der Erbauung der Sakramentskirche zu Schippach, den Barbara Weigand glaubt erstreben zu müssen, ein guter? Dies sind die Fragen, an deren Hand der Theologe, ohne in die Rechts- sphäre des Apostolischen Stuhles einzugreifen und ohne dem Urteil der Kirche vorzugreifen, sich sein dictamen conscientiae, sein Gewissensurteil, über die Sache von Schippach bilden kann und darf. Sie zeigen einen siche- ren und klaren Ausweg aus all dem Wirrwarr der Meinungen, der das Problem von Schippach zur Zeit umgibt. Der Versuch ihrer ruhigen, sach- lichen, bescheidenen und pietätvollen Beantwortung vermag wenigstens einigermaßen das nachzuholen, was die überstürzte und einseitige Brander'sche Pressefehde in dieser Sache versäumt hat. Wir schließen uns der Methode von Maredsous um so lieber an, als dieselbe jüngst einen sehr bezeichnenden Angriff erfahren hat. Ein Kollege und Gesinnungsgenosse von Dr. Brander, der Kirchengeschichtsprofessor am Lyzeum zu Freising, Dr. phil. et rer. polit. August Ludwig hat in dem
229 bekannten nichtkatholischen und auf Schritt und Tritt direkt kirchen- und glaubensfeindlichen Organ ,,Süddeutsche Monatshefte" (Aprilheft 1916) einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel ,,Eine Luxemburger Heilige?" Darin macht er der Prüfungskommission von Maredsous den Vorwurf, daß sie in ihrer ganzen Fragestellung gerade das punctum saliens vergessen habe, nämlich die Frage: Ist die Person nicht psychopathisch zu beurteilen? In dieser Frage ruhe der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Angelegen- heit. Man hätte die Mediziner, die Psychiater und Psychologen zu Rate ziehen sollen. Jawohl! Dieselbe psychopathische Wissenschaft, die sich dazu hergibt, heute jeden Verbrecher und Lumpen zum Unschuldigen zu stempeln, die ist es, welche unsere Begnadigten zu Schuldigen bzw. zu Verrückten stempeln soll. Sie ist das punctum saliens mystischer Angelegenheiten durch die modernistische Theologie. Sie ist der Schlüssel zum Verständnis aller Fragen der mystischen Theologie, wenigstens nach der Anschauung der Moderni- sten. Gott sei Dank, daß es, wie von Maredsous zeigte, doch noch Theologen gibt, welche das punctum saliens für die Entscheidung theologischer Fragen in den Grundsätzen der Theologie und nicht in irgend welchen weltlichen und oft recht unsicheren Wissenschaften erblicken. Gott sei Dank, daß doch noch Theologen da sind, welche den Schlüssel zum Verständnis der mysti- schen Fragen bei den Meistern der mystischen Theologie und nicht bei den Lehrlingen moderner Scheinwissenschaft suchen. Sehen aber jene modernistischen Neologen gar nicht ein, was sie tun, wenn sie die Hagiographie und Mystik in erster Linie zu einer Frage für Irrenärzte machen? Daß sie vom Standpunkt der Theologie aus direkt unwissenschaftlich handeln, ist noch das Geringste. Aber das wahrhaft entsetzliche ist, daß sie den Heiligen Geist lästern, der da weht wo er will. Hinter den Begnadigten, den Auserwählten des Heiligen Geistes, in erster Linie den Irrenarzt hersenden, bedeutet nur die Fortsetzung jener Läste- rung, welcher sich die Juden schuldig machten, aIs sie das erste Wehen des Heiligen Geistes in den Aposteln mit den frivolen Worten bedachten: ,,Sie sind voll des süßen Weines." Der Ruf nach der Psychopathographie als dem punctum saliens für die Prüfung des beschaulichen Lebens und seiner der ungläubigen Welt fremd gewordenen Äußerungen ist doch im Grunde nichts anderes als der Ruf nach derselben Behandlung für die Begnadigten Lieblinge des Herrn, welche der Rationalismus eines Herodes dem Herrn selber angedeihen ließ, als er diesem den Narrenmantel umwarf. Die Kirche und die kirchliche Theologie, die seit neunzehnhundert Jahren in der Beurteilung mystischer Fragen ohne die Psychopathographie
230 ganz gut ausgekommen sind, werden zwar auch die gesicherten Erkenntis- se dieser Wissenschaft sich zunutzen machen, wann und wo sie es für ange- bracht finden. Aber niemals kann es ihnen in den Sinn kommen, die Wissenschaft des Herrn Lombroso zum Kernpunkt der theologischen Unter- suchung mystischer Probleme zu machen. In einem solchen Unterfangen werden die Kirche und ihre Theologen stets nur eine Entwürdigung der Theologie, eine den frommen Dienern Gottes angetane Schmach, und eine Lästerung des Heiligen Geistes erblicken, der in jenen Dienern Gottes wirkt.
Bis zu welchen Ausschreitungen aber der lästernde Geist modernisti- scher Pathographenmystik führt, dafür bietet der genannte Aufsatz von Dr. August Ludwig ein abschreckendes Beispiel. In der denkbar pietätlosesten und schmachvollsten Weise gibt dieser Aufsatz die wunderbaren, einem auserwählten Gefäße der Gnade zuteil gewordenen göttlichen Hulderweise dem verständnislosen Hohne eines un- und irrgläubigen Leserkreises preis. ,,Das auserwählte Wunderkind Klara Moes," so beginnt Dr. Ludwig seine Lästerungen, ,,will nach seiner Behauptung bereits im Augenblick der Taufe den vollen Vernunftgebrauch erhalten haben. Sie erkannte das Geheimnis der göttlichen Trinität, ein herrlicher Engel des Himmels stieg zu ihr herab, um in ganz besonderer, wunderbarer Weise durch die Jugend sie zu gelei- ten, während der Teufel beim Anblick des neugeborenen Kindes mit seinen Krallen sein Gesicht bedeckte" usw. usw. Und der Mann, der dies alles nun von der Höhe seiner psychopathographischen Kenntnisse herab mit ausge- suchtem, ungläubigstem Spotte übergießt, scheint keine Ahnung davon zu haben, daß die genannten wunderbaren Dinge Punkt für Punkt im Leben einer Anna Katharina Emmerich und vieler anderer Begnadigten, ganz in derselben Weise vorkommen!
Und warum glaubt Dr. Ludwig, wie er bereits bezüglich einer begnadig- ten Beatrix Schuhmann und einer Barbara Weigand getan, nun auch eine Klara Moes in die Reihe der Hysterischen klassifizieren zu müssen. Weil er bei Klara Moes ,,allzusehr das vermißt, was man sobrietas christiana, die christliche Nüchternheit und Besonnenheit, die wahre Einfalt und Einfach- heit, heißt"; denn ,,es ist alles viel zu sehr aufs Außerordentliche, nie Dagewesene gestellt".
Das ist die alte Anklage, welche der Zeitgeist gegen fast alle wunder- baren Heiligenleben erhebt. Diesen Begnadigten, oder vielmehr dem Heiligen Geist, der in ihnen wirkt, gebricht es an ,,Nüchternheit". Ganz ,,unbesonnen" stellt der Geist Gottes da sein Wirken aufs Außerordentliche ein, das die schlichte, einfache Denkungsart der rationalistischen Bieder- männer doch so wenig sympathisch findet. Viel zu viel des Übernatürlichen, allzu Übernatürlichen.
231 Das war auch schon die Anklage, welche eine hl. Theresia wegen ihrer zahlreichen und ganz außerordentlichen göttlichen Gnadenerweise über sich ergehen lassen mußte. Aber ein Theologe wie Dr. Ludwig müßte doch eigentlich wissen, was die Theologen der Rota Romana auf diese Anklage antworteten. Sie schreiben im Kanonisationsprozeß der hl. Theresia in der Relatio de virtutibus (art. 21): ,,Daß Gott durch Visionen und Offenbarungen so vertraut zu seinen treuesten Freunden redet und ihnen seine Geheimnis- se offenbart, ist weder neu noch ungewöhnlich... Ja, beinahe alle Heiligen, insbesondere die Ordensstifter, sind mit göttlichen Visionen und Offen- barungen ausgezeichnet gewesen, wie wir z. B. in den Lebensbeschreibun- gen eines hl. Benedikt, eines hl. Bernhard, eines hl. Dominikus, eines hl. Franziskus und anderer lesen; in diesen Büchern werden unzählige Visio- nen, Offenbarungen und andere göttliche Gunstbezeigungen berichtet, welche der Herr entweder den Stiftern selbst, oder einigen ihrer Schüler verliehen hat. Es ist darum nicht zu zweifeln, daß Gott vertraulich mit seinen Freunden redet, und besonders diejenigen zu begnadigen pflegt, welche Er zu großen Werken auserwählt."
Ja, wunderbar ist Gott in seinen Heiligen, und er läßt sich über die Quan- tität und Qualität dieser seiner Wunderwerke selbst von modernen Psycho- pathographen keine Vorschriften machen. Er hat auch die christliche Nüch- ternheit keineswegs in die Scheu vor den außerordentlichen übernatür- lichen Gnadengaben verlegt. Nur eine ganz perverse, häretische Exegese kann das Wort des Apostels ,,sapere ad sobrietatem" dahin auslegen, daß die in ihm geforderte Nüchternheit und Besonnenheit in der Verweigerung des Glaubens an uns allzu außerordentlich erscheinende Wunderwerke Gottes und seiner Heiligen bestehe. Das ist die Exegese des Protestantismus, des Rationalismus. Die katholische Theologie dagegen erblickt, z. B. nach den Worten des Dogmatikers Dr. J. B. Heinrich, in der christlichen sobrietas oder Nüchternheit das Bestreben, das katholische Denken und Leben im engsten Anschluß an die übernatürliche Autorität der Kirche zu erhalten und es mit peinlichster Sorgfalt vor der geringsten Einträufelung des Welt- geistes rein zu bewahren.
Diese wahrhaft katholische Nüchternheit des Denkens und Lebens hat Klara Moes nach dem Urteil der Prüfungskommission von Maredsous in hohem Maße besessen. Gerade deshalb aber die Frage stellen: Ist die Person nicht psychopatisch zu beurteilen? wäre eben nur eine Lästerung gegen das katholische Denken und Leben, und gegen den Heiligen Geist, der es zu dieser Nüchternheit anhält. Mit Recht hat also die Kommission von Maredsous, nachdem sie den echt kirchlichen Geist der Klara Moes fest- gestellt hat, es gänzlich vermieden, die Frage zu stellen, ob die Trägerin jener echt kirchlichen Gesinnung nicht etwa der Verrücktheit oder der Hysterie verfallen gewesen sei.
232 Der Kritiker aber, der von einer Klara Moes und den übrigen Begnadig- ten eine ganz verkehrte, rationalistische Nüchternheit verlangt, und die wahrhaft katholische in einem antikatholischem Blatt zum Spott und Hohn der Un- und Irrgläubigen als Ausgeburt der Verrücktheit behandelt, besitzt selber von der katholischen Nüchternheit auch nicht die Spur. Vom Stand- punkt des Glaubens und der Theologie muß sein Vorgehen als durchaus unbesonnen, pietätlos und skandalös bezeichnet werden. Daß ein Mann von dieser Gesinnung auch zu den Gegnern von Schippach gehört, ist nicht anders zu erwarten. Er hat sich denn auch im Aprilheft 1916 der Zeitschrift ,,Theologie und Glaube" an der Sache von Schippach vergriffen. Natürlich ganz im Sinne Branders. In Beiden hat der Geist, welchen Zahn in die Behandlung mystischer Fragen einzuführen sich bemühte, Schule gemacht. Es ist der Geist, der die gesamte Mystik zu einem pathologischen Problem macht. Zu einem solchen Problem auch die Sache von Schippach zu stempeln, ist der ausgesprochene Zweck des Brander-Zahn-Ludwig'schen Feldzugs. Gegenüber der Gefahr, welche eine solche Tendenz in sich birgt, halten wir es im Interesse des katholischen Glaubens und Lebens und im Interesse der katholischen Theologie gelegen, auch das Problem von Schippach wieder der kirchlichen Theologie und der traditionellen Mystik der Kirche in Behandlung zu geben. Und eben deshalb empfehlen wir für die Beurteilung von Schippach die Methode von Maredsous.
VII. Liegt eine krankhafte Phantasie vor ? Bieten die Aufzeichnungen über die Visionen und visionären Aussprüche von Barbara Weigand aus Schippach Anzeichen, welche die Theologen zur Annahme bestimmen müßten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusammen- hang jener Angelegenheit vom bösen Feinde oder einer eigenen krankhaften Phantasie getäuscht? Es gilt hier vor allem den Begriff der ,,Täuschung im ganzen Zusammen- hang jener Angelegenheit" festzulegen. Unter dem ganzen Zusammenhang jener Angelegenheit ist zu verstehen 1. der ganze innere und äußere Zusammenhang jener Schriften unter sich, 2. der Zusammenhang jener Schriften mit der Person der Barbara Weigand, 3. der Zusammenhang jener Schriften mit dem Zweck, den Barbara Weigand erstrebt, d.h. mit der Gründung des eucharistischen Liebesbun- des und der Erbauung der Sakramentskirche von Schippach.
233 Es fragt sich also, ob Barbara Weigand in diesem dreifachen Zusammen- hang einer teuflischen oder sonstigen Täuschung unterlegen ist. Zunächst ergibt sich also die Frage: Bieten die Schippacher Schriften Anzeichen, welche die Theologen zu der Annahme bestimmen könnten, Barbara Weigand sei im ganzen Zusammenhang, in welchem jene Schriften unter sich stehen, getäuscht worden? Hier erwächst vor allem die Aufgabe, die Schippacher Schriften als Ganzes zu betrachten und zu beurteilen. Welches ist die Gesamttendenz des ganzen Komplexes dieser Schriften? Entspricht dieselbe der Glaubens- und Sittenlehre der Kirche? Wird diese Gesamttendenz in den einzelnen Schrif- ten so konstant festgehalten und kommt sie in denselben derart zum Aus- druck, daß diese Schriften geeignet sind, Erbauung und Nutzen zu stiften? Vermag diese Gesamttendenz insbesondere die in den Schriften enthaltenen einzelnen dunkeln, schwierigen, mißverständlichen, irrigen Stellen derart zu paralysieren, daß trotz dieser Stellen die Gesamtwirkung der Schippacher Schriften diejenige der Erbauung und des geistlichen Nutzens bleibt? Oder aber: Ist eine der katholischen Glaubens- und Sittenlehre ent- sprechende geistliche Gesamttendenz in den bewußten Schriften überhaupt nicht vorhanden? Bilden diese Schriften nur eine willkürliche Zusammen- würfelung voneinander widersprechenden pseudoreligiösen Wahnvor- stellungen und aftermystischen Halluzinationen? Oder ist doch eine Gesamttendenz darin wahrzunehmen, aber eine dem ganzen Sinn und Ausdruck nach derart häretische, daß die vorhandenen korrekten Partien dieser Schriften von der häretischen Gesamttendenz der letzteren ganz ver- schlungen und nur zu Trägern und Hilfsmitteln des häretischen Giftstoffes gemacht werden? Diese Fragen dürfen nur auf Grund einer der theologischen Bescheiden- heit und Pietät entsprechenden Prüfung des Gesamtinhaltes der Schippacher Schriften beantwortet werden. Insbesondere ist dabei die Forderung einer maßvollen und möglichst rechtfertigenden Auslegung schwieriger Stellen zu erfüllen. Alle aber, die sich vor Gott das Zeugnis geben können, daß sie die Schippacher Schriften in diesem Geiste gelesen und geprüft haben, fragen wir, ob sich bezüglich der Gesamttendenz der Schippacher Schriften nicht folgendes nachweisen läßt. Die Aufzeichnungen über die Visionen der Seherin von Schippach weisen deutlich eine bestimmte religiöse Gesamttendenz auf. Letztere hat zum Gegenstand eine allseitige Erneuerung des praktischen katholischen Lebens durch Förderung der übernatürlichen Gesinnung, der Liebe zur Kirche und der Treue zum Papste; also eine Erneuerung des katholischen
234 Lebens in seinen supranaturalen, klerikalen und ultramontanen Elementen. Diese Gesamttendenz entspricht durchaus der katholischen Glaubens- und Sittenlehre. Sie wird zugleich durch den ganzen Zusammenhang der Schrif- ten hindurch so konstant festgehalten und so klar und entschieden zum Ausdruck gebracht, daß die nach einer pia et modesta interpredatio noch etwa verbleibenden tatsächlichen Irrtümer nicht den Grund zur Annahme hartnäckiger Häresie bilden können, vielmehr gerade durch die Gesamt- tendenz einer aufrichtigen Unterwerfung Barbaras unter die Autorität der Kirche und des Papstes als im vorhinein berichtigt und ausgetilgt gelten müssen; und überhaupt verschwinden die angeblichen und wirklichen Mängel unter dem mächtigen Eindruck der Gesamttendenz dieser Schriften derart, daß sie Jahrzehnte hindurch der frommen Leserschar aus Geist- lichen- und Laienkreisen kaum auffielen, auch für die ursprüngliche Appro- bation des eucharistischen Liebesbundes und des Baues der Sakraments- kirche kein Hindernis bildeten, sondern erst nach der journalistischen und literarischen Ausschlachtung durch Brander Beachtung fanden. Durch ihre entschiedene Betonung der supranaturalen, klerikalen und ultramontanen Wesenselemente des praktischen katholischen Lebens bieten aber die Weigand'schen Schriften ihrer Gesamttendenz nach ein wertvolles Gegen- gewicht gegen den Zeitgeist, der gerade durch die gegenteiligen Bestrebun- gen, durch Einträufelung des Naturalismus, durch Entklerikalisierung und Entultramontanisierung, das katholische Leben zu schwächen sucht; und insofern vermögen die Schippacher Schriften in hohem Maße der wahren Erbauung und dem wahren Nutzen der Seelen zu dienen. Über diese Gesamttendenz der Schippacher Schriften kann der Leser derselben schon darum nicht im Zweifel sein, weil dieselbe in den Schriften selber festgestellt, formuliert und in fast gleichlautender Formel oft wieder- holt wird. So läßt Barbara den Heiland am Vigiltag von Christi Himmelfahrt 1898 sagen: ,,Siehe, alles, was ich in dir wirke, hat nur einen Zweck, und der ist, daß ich das Leben meiner Kirche wieder erneuern will. Da so viele abge- wichen sind und mich hinausgeworfen haben aus ihrem Herzen, tut es sehr not, einen lebendigen Glauben zu haben in sich, und diesen Glauben durch gute Werke zu betätigen. Wie geht dies aber anders als nur dann, wenn der Christ sich wieder eng anschließt an das Leben meiner Kirche, d.h. an mich selbst, der ich unter euch wohne im allerheiligsten Sakrament." Ebenso am Feste Pauli Bekehrung 1900: ,,Es gibt doch noch viele gute Christen, die sich zur Aufgabe gesetzt haben, das Reich Jesu Christi wieder herzustellen, all ihr Sein und Leben einzusetzen, um die Christen wieder zurückzuführen zum guten alten Glauben, indem sie überall das eucharistische Leben anfa- chen. Durch den öfteren Empfang der hl. Kommunion wird neues Leben in die Christenheit eingegossen werden. Ein neues Leben wird wieder begin- nen... Die ganze Welt muß erneuert werden, dadurch, daß zuerst die Kirche
235 erneuert wird, aber das kann nur geschehen auf dem Wege, den ich (Jesus) selbst gegangen bin; der Weg führt durch Verachtung, Spott und Hohn hin- durch. Den Großen, Mächtigen und Reichen muß man gegenüberstehen, wie ein Paulus; immer und immer ihnen wieder sagen, daß ein anderer Wind wehen, eine andere Richtung eingeschlagen werden muß, wenn die Throne feststehen sollen; man muß wieder mit der katholischen Kirche in Einklang kommen - tun sie es nicht, spotten und höhnen sie darüber, so wer- det ihr es sehen und erleben, daß solche Throne in Trümmer gehen. Aber wenn ihr tut, wie mein Apostel getan, wenn ihr ihm nachfolgt in der Arbeit für die Wiederherstellung des Reiches Jesu Christi, so können die Tage der Prüfung abgekürzt und die Strafgerichte gemildert werden... Durch die Kir- che möchte ich der Welt den Frieden geben."
Immer aufs neue betonen die Schriften, daß diese übernatürliche Erneue- rung nur im engsten Anschluß an die Kirche erfolgen kann. Am Grün- donnerstag 1898 mahnt darum der Heiland: ,,Schließt euch an die Kirche an, und nicht um ein Haar breit weichet von ihr ab." Ebenso am Fronleichnam- feste 1897: ,,Niemals kann eine Seele, die sich lostrennt von der Kirche, die nicht unter der Leitung des Priesters wandelt, den rechten Weg wandeln. Sie wandelt den Weg der Eigenliebe und des Hochmutes." Oder am 2. Freitag im Oktober 1897: ,,Der Gehorsam geht über alles bei einer Seele, die mit meinem (Mariens) Sohn verbunden ist. Diese ist dem Gehorsam unter- worfen und soll nur gehorsam sein ihren sichtbaren Vorgesetzten. Dies ist das sicherste Zeichen, daß sie nicht irre geht."
Wie von diesen scharf klerikalen, kirchlichen Richtlinien wird die Gesamttendenz der Schippacher Schriften auch von bestimmt ultramon- tanem Geiste beherrscht. Wie die Erneuerung des religiösen Lebens nur darum eine wahrhaft übernatürliche ist, weil sie eine kirchliche ist, so ist sie nur darum eine wahrhaft kirchliche, weil sie im Papst ihre höchste Norm besitzt. Der Papst als Prinzip des übernatürlichen, kirchlichen Lebens: dieser so durchaus und spezifisch katholische Gedanke bildet den Glanzpunkt der Weigand'schen Schriften. Er kommt in einem Gesichte von wahrhaft maje- stätischer Würde zum Ausdruck. Es wird der Ekstatischen der Papst Leo XIII. gezeigt, der hoch auf einem Berge thronend den Stuhl Petri einnimmt; da sieht sie nun vom Papste den Glanz eines neuen Lichtes ausgehen, das die ganze Welt überstrahlt und alles durchdringt, sodaß ihm nichts wider- stehen kann. Zugleich empfängt sie die Erleuchtung, daß hierunter dem erhabenen Bilde des Stuhles Petri und seines alles durchdringenden Licht- glanzes die Macht der katholischen Kirche gezeigt werde, der Kirche, die auf den Gipfel des Berges erhöht werden soll, damit sie von allem Volke gese- hen werde. Am 4. Freitag im August 1899 wird sie an dieses bereits viele Jahre vorher empfangene Gesicht erinnert; und ihm entspricht wiederum,
236 wenn in der Ekstase vom 7. September 1899 das Werk der Welterneuerung in engste Verbindung mit dem Papste gebracht wird. Dort vernimmt Barbara die Worte der Mutter Gottes: ,,Ein neuer Geist soll erstehen unter der Christenheit. Der Stellvertreter meines Sohnes, der Hl. Vater in Rom, hat alles aufgeboten, um diesen Geist zu schaffen. Er ist derjenige, der Licht bringen soll in das Menschenleben." Diese Grundtendenz des Ganzen wird aber in den Schriften nicht bloß hier und da ausdrücklich hervorgehoben, sondern durch den ganzen Inhalt folgerichtig und zielbewußt zur Anwendung gebracht. Der Plan einer Erneuerung des katholischen Lebens durch Anschluß an Kirche und Papst erscheint wohlbegründet: in der Voraussicht einer durch eine gewisse Neuerungssucht hervorgerufenen Zersplitterung der Geister im katho- lischen Lager, welche auch die Gegner der Kirche ermutigt und einen gewaltigen Sturm über die Kirche hereinbrechen läßt. Daher nichts zweck- entsprechender als die Winke, Belehrungen und Ermahnungen zur Erneue- rung des übernatürlichen, kirchlichen, treupäpstlichen Geistes, wie sie die Schippacher Schriften bieten. Dem allen dienen die ständigen Aufforderun- gen zum Gebet, zu Opfer und Sühne, zur öfteren Kommunion, zur Hoch- haltung des jungfräulichen Standes, zum Anschluß an Priester, Bischöfe und Papst, zum mutigen Bekenntnis des Glaubens; insbesondere auch die Auf- forderungen an den Klerus, von der ihm übertragenen Gewalt und Autorität mutig Gebrauch zu machen und furchtlos den Mächtigen der Erde gegen- überzutreten in Verteidigung der Wahrheit, der Rechte und der Freiheit der Kirche. Für letzteres diene als Beispiel das am 2. Freitag im Dezember 1895 dem Heiland in den Mund gelegte Wort: ,,O ihr Diener meiner Kirche, höret die Stimme eures Meisters, fürchtet nicht diejenigen, die euch gegenüber- stehen. Denn wisset, daß die Gewalt, die euch gegeben, kein Mensch auf der ganzen Erde hat, auch nicht die mächtigsten; darum sollt ihr ihnen frei ent- gegentreten, und wenn sie eure Stimme nicht hören, will ich an dem Felsen Petri ihr Haupt zerschmettern und auf den Trümmern ihrer Throne meine Kirche aufblühen lassen. Siegreich wird meine Kirche hervorgehen aus allen Kämpfen, die man ihr bereitet; denn von Süden bis Norden, und von Westen bis Osten will ich meine Kirche ausbreiten; ehe aber dies geschieht, wird ein großes Blutbad die Erde tränken und ein Wehegeschrei wird die ganze Welt erfüllen, wenn sie sich nicht bekehren." In dieser ihrer konstant entwickelten Gesamttendenz erscheint die Wirk- samkeit der Schippacher Schriften deutlich als bewußte und durchaus zweckdienliche Gegenaktion gegen den modernen Irr- und Unglauben, insbesondere gegen den Liberalismus und Sozialismus, und vor allem gegen eine gewisse Neuerungssucht unter den Katholiken, welche Barbara
237 Weigand unter der Bezeichnung ,,Neukatholizismus" bekämpft. Sie sieht in letzterem eine Richtung, welche die Welt durch Konzessionen an den Zeitgeist zu gewinnen sucht, dabei aber dem Feinde soweit Tür und Tor öffnet, daß sogar Wahrheiten, wie die Ewigkeit der Höllenstrafen, in Zwei- fel gezogen werden (20. Okt. 1900). Diesen Neukatholizismus erblickt sie auch in dem Bestreben, die historische Wahrheit des wunderbaren Lebens und Wirkens der Heiligen anzuzweifeln (26. Dez. 1899), und besonders in der zum großen Ärgernis des gläubigen Volkes in öffentlichen Blättern geübten Kritik an Begnadigten und deren Visionen (29. Okt. 1899). Sie findet in dem Neukatholizismus ein Vergessen der großen Wahrheit, daß die Kirche nur mit übernatürlichen Waffen, hauptsächlich mit dem Gebete siegen kann, und ein zu großes Vertrauen auf weltliche, natürliche Hilfs- mittel (27. Dez. 1901). Sie vernimmt, daß dieser verkehrte, neologische, naturalistische Geist in Amerika und in Deutschland die Katholiken bedroht (Amerikanismus und Modernismus). Besonders apostrophiert sie einen Priester in Bayern, der an der Hochschule mit diesem Geiste seine Schüler vergifte und ihn durch seine Schriften in ganz Deutschland verbreite (20. Okt. 1900). An anderer Stelle nennt sie in diesem Zusammenhang Würz- burg. Es ist ganz offenbar, daß der Modernismus Schell'scher Richtung gemeint ist. Barbara Weigand unternimmt es jedoch nicht, diese Strömungen des Zeitgeistes etwa mit irgend welchen der Wissenschaft abgelauschten Worten zu bekämpfen. Ihre Gesichte decken schlicht, aber mit beachtenswerter Treffsicherheit, die Gefahren auf, welche dieser Neukatholizismus für das katholische Leben bietet. Und niemand wird leugnen wollen, daß die Gegenmittel, welche Barbaras Visionen empfehlen, nicht ganz und gar einer wahrhaft erleuchteten kirchlichen Kampfestheorie entsprechen. Die Gesamttendenz der Weigand'schen Visionen ist also vollkommen klar: Erneuerung des katholischen Lebens durch Stärkung der übernatür- lichen, kirchlichen, päpstlichen Gesinnung zum Kampfe gegen den moder- nistischen Zeitgeist. Nun stelle man dieser Gesamttendenz alle die wirklichen oder vermeint- lichen Mängel gegenüber, wie sie etwa Brander in den besagten Schriften finden will. Vermag irgend einer derselben oder, vermögen sie alle zusam- mengenommen an der festgestellten Gesamttendenz irgend etwas zu ändern? Mitnichten. Wie ein edler Fruchtbaum an seinem Stamme mit manchen Runzeln bedeckt, von allerhand Auswüchsen hier und da besetzt, in seinem Gezweig manches dürre Ästchen, manches vergilbte Blatt, manch taube Frucht tragen mag, während der gesunde Wuchs seines Stammes, der Reichtum seines grünen Blattschmuckes und die Fülle seiner prangenden Edelfrüchte allen Mißwachs vollkommen verschwinden läßt, so tun auch
238 die Fehler und Mängel der Schippacher Schriften der überragenden herr- lichen Gesamttendenz und Gesamtwirkung keinen wesentlichen Eintrag. Der edle Stamm dieser Schriften trägt vielmehr ein Leben in sich, das wie alles gesunde organische Leben, alle etwa eingeschlichenen kranken Stoffe von selber ausscheidet. Nicht umsonst ruhen die Wurzeln dieses Stammes in dem Felsen Petri; nicht umsonst greift seine Blätterkrone hinaus in die reine Atmosphäre des kirchlichen Geistes. Aus diesem Boden und aus dieser Atmosphäre empfängt der Stamm des Weigand'schen Werkes jenes gesun- de katholische Leben, das von selbst gegen jede ihm fremden Stoffe reagiert, die sich etwa eingeschlichen haben. Die aktive Unfehlbarkeit des Papstes und der Kirche wirkt die passive Unfehlbarkeit aller derer, die sich dem Papst und der Kirche treu anschließen. Wer auf dem Felsen Petri steht, d.h. auf einem Boden der Kirche, kann sich wohl momentan irren, er kann aber nicht hartnäckig im Irrtum verharren. Nur der hartnäckig am Irrtum Fest- haltende ist dem irr- und ungläubigen Lügengeiste der Höllenpforten verfallen: Diese Pforten der Hölle aber werden niemals die auf dem Felsen Petri gebaute Kirche überwältigen und darum auch alle diejenigen nicht, welche sich in dieser Kirche an den Felsen Petri anklammern. Letzteres tut aber Barbara Weigand in dem ganzen Zusammenhang ihrer Schriften. Also ist es unmöglich, daß sie im ganzen Zusammenhang ihrer Schriften vom bösen Feinde getäuscht worden sei. Indem wir aussprechen, daß hierfür die Theologen in den Weigand'schen Schriften die deutlichsten Anzeichen finden können, vermeiden wir jedoch sorgfältig ein Urteil abgeben zu wollen. Die Frage, ob diese Schriften im großen und ganzen oder auch nur in einzelnen Teilen auf außerordentlicher Eingebung beruhen, oder ob sie auf gewöhnliche Weise zustande gekom- men sind, überlassen wir gänzlich dem Urteile des Apostolischen Stuhles, der sich nach den Dekreten Urbans VIII. die Entscheidung solcher Fragen vorbehalten hat. Uns genügt es, deutliche Anzeichen gefunden zu haben, welche die Theologen zu der Annahme bestimmen müssen, daß Barbara Weigand im ganzen Zusammenhang mit ihren Schriften nicht vom bösen Feinde getäuscht worden ist. Denn mehr als die menschlichen Irrtümer fesselten uns bei der Lektüre der Weigand'schen Schriften die Herrlich- keiten katholischer Wahrheit und Gnade, welche diese Schriften unver- kennbar in sich tragen und kundtun, und zwar derart, daß es doch nur ein von dem hoffärtigen Weltgeiste sehr getrübtes Auge sein muß, welches unter der schlichten Hülle, unter den oft eckigen Worten und schlecht gefüg- ten Sätzen Barbaras nicht den Geist des Herrn gewahrt, der eben weht, wo er will. Voll Kraft erhebt dieser Geist des Herrn in jenen Schriften als Geist vom Felsen Petri, als Geist der echten Kirchlichkeit, als Geist des wahren über-
239 natürlichen Lebens seine Schwingen. Wie brausender Orgeltton und voller Glockenklang aus der Heimat der katholischen Seele muten diese so ganz ultramontan gesehenen Visionen, die rückhaltlos klerikal geprägten Anmu- tungen, diese ganz und gar der übernatürlichen Ordnung entprechenden Lebensregeln an. Was verschlägt es, daß dabei ein Gedanke theologisch viel- leicht nicht ganz korrekt zum Ausdruck kommt, daß eine Bibelstelle nicht richtig zitiert wird, daß das brennende Feuer der Gottes- und Nächstenliebe in Worten lodert, die unserem veralteten Sinne fremd geworden sind. Wer so, wie die Seherin von Schippach mit beiden Füßen auf dem Felsen Petri steht, wer so wie sie mit allen seinen Gedanken und Strebungen im Herzen der Kirche wurzelt und lebt, der kann, wie gesagt, wohl momentan irren, aber er verirrt sich nicht und führt noch weniger andere in Irrtum. Denn sein Lebensschiff besitzt den Kompaß, der jede Abweichung vom rechten Kurs alsbald korrigiert, er hält sich an die so viel verhöhnte katholische Elle, welche auch die kleinste Ungenauigkeit im Denken und Leben sofort erken- nen läßt und alles auf das rechte katholische Maß zurückführt.
VIII. Trägerin von Privatoffenbarungen Wir haben nicht bloß den inneren Zusammenhang der Schippacher Schriften unter sich, sondern auch den Zusammenhang der ganzen Angele- genheit zu prüfen; und darum ist - gemäß dem zweiten Punkte unserer ersten Hauptfrage - auch der äußere Zusammenhang jener Schriften mit der Person ihrer geistigen Urheberin ins Auge zu fassen. Denn wenn auch, wie wir zuletzt gesehen, die bewußten Schriften keine Anzeichen einer Täuschung der Barbara Weigand bieten, so wäre es immerhin möglich, daß doch in der Person von Barbara Weigand solche Anzeichen vorhanden wären. Es könnte vielleicht zutreffen, daß Barbara eine Person wäre, die ihrer Gesamttendenz nach aussprechen, gar nicht in Betracht gezogen werden dürfte.
Trifft dies indessen wirklich zu? Liegen Anzeichen vor, welche die Theo- logen zur Annahme bestimmen müßten, daß Barbara Weigand im ganzen Zusammenhang jener Schriften mit ihrer Person, d.h. über die Berufung ihrer Person zur Verkündigung einer Erneuerung des katholischen Lebens, vom bösen Feinde getäuscht worden sei?
Ausdrücklich betonen wir wiederum, daß wir auch hier die Frage nach einem tatsächlich vorliegenden visionären oder Prophetenberuf der Jung- frau Barbara unberührt lassen. Unsere Frage ist vielmehr die, ob Gott, ganz abgesehen von einer außerordentlichen Berufung, in der gewöhnlichen Ordnung seiner Vorsehung eine Person von der Art Barbara Weigands zur Erfüllung einer so bedeutenden Aufgabe wohl berufen haben dürfte.
240 Fassen wir die Persönlichkeit der Jungfrau von Schippach näher ins Auge. Aus sehr achtbarer, gut katholischer Familie des etwas abgelegenen Spessartdörfchens Schippach stammend, von guten Anlagen des Geistes und Herzens, ländlich einfach erzogen, mit guter Volksschulbildung gehört Barbara ihrer religiösen Gesinnung nach zu jenen Personen, die nach den Worten des hl. Paulus pie vivere volunt, d.h. bestrebt sind, ein frommes Leben zu führen: Ihre Seelsorger behaupten, daß dieses ihr Streben die Zeichen wahrer und erprobter Tugend an sich trage. In diesem Streben ver- ließ Barbara als junges Mädchen ihr Heimatdorf, in welchem sie ihren Wunsch nach öfterem Empfange der hl. Kommunion nur schwer erfüllen konnte, um in der Stadt Mainz, wo ihr die öftere Kommunion eher möglich war, bei Verwandten, die eine kleine aber sehr anständige Gastwirtschaft führten, in Dienst zu treten. Hauptsächlich während der seit dieser ihrer bescheidenen Dienstbotenstellung glaubt sie den göttlichen Ruf zur Erfül- lung der oben genannten Aufgabe zu vernehmen.
Offenbar ist also Barbara Weigand eine jener, einfachen, frommen Seelen, von welchen die Welt und die in deren Geist Gebildeten, die Männer moder- ner Wissenschaft, die führenden Persönlichkeiten der Zeitgeiströmungen und die Aufpeitscher der öffentlichen Meinung sich wenig beeinflussen lassen. Der Kurswert des Ansehens solcher frommer Personen steht gerade auch in den von dem Zeitgeist berührten Kreisen im katholischen Lager heute nicht hoch. Und doch will in unserem Falle eine dieser verkannten Personen eben auf die genannten Kreise Einfluß gewinnen. Noch mehr, diese einfache Dienstmagd richtet den Aufruf zu einer katholischen Welt- erneuerung selbst an die Mächtigen der Erde, die Fürsten, an die Führer im Gebiet der Politik und des sozialen Lebens, ja sogar an die kirchliche Auto- rität, an Priester, Bischöfe und Papst. Rein natürlich betrachtet scheint da doch eine kaum überbrückbare Kluft zwischen der Niedrigkeit der rufenden Stimme und der Erhabenheit und Schwierigkeit ihrer Aufgabe zu stehen.
Es hat denn auch an solchen nicht gefehlt, welche auf diese Kluft nach- drücklich aufmerksam machten und in ihr ein sprechendes Anzeichen dafür finden wollten, daß Barbara Weigand über ihren reformatorischen Beruf sich einer bedeutenden Selbsttäuschung hingebe. Das Auge des Glaubens und das der Theologie muß jedoch eine solche Sache im übernatürlichen Lichte betrachten. Und da ergeben sich über die niedrigen Gefäße göttlicher Auserwählung wesentlich andere Urteile. ,,Um zu wissen," sagt der katho- lische Staatsmannn Donoso Cortes, ,,was ich glauben soll, blicke ich nicht auf die Philosophen, sondern auf die Lehrer der Kirche; ich frage nicht die Weisen, sie könnten mir nicht antworten; ich frage vielmehr fromme Frauen und Kinder, zwei Gefäße des Segens, weil das eine gereinigt durch Tränen, und das andere noch mit dem Dufte der Unschuld umgeben ist."
241 ,,Für mich," betont derselbe an anderer Stelle, ,,ist im Leben der Heiligen und besonders der Väter der Wüste ein Umstand der merkwürdigste, der, wie ich glaube, noch nicht gehörig gewürdigt wurde. Der Mensch, welcher gewohnt ist, mit Gott zu verkehren und sich in göttlichen Betrachtungen zu üben, übertrifft, wenn sonst alle Umstände gleich sind, alle übrigen ent- weder durch die Intelligenz und Stärke seiner Vernunft, oder durch die Sicherheit seines Urteils, oder durch seinen durchdringenden, scharfsinni- gen Geist; aber überdies kenne ich keinen, der sich nicht vor den anderen durch jenen praktischen und weisen Sinn auszeichnet, den man den gesun- den Menschenverstand heißt. Würde das Menschengeschlecht nicht alles meistens von verkehrter Seite ansehen, es müßten unter allen Menschen die Männer der Gotteswissenschaft zu seinen Räten wählen, unter ihnen die Mystiker, und unter diesen die, die von der Welt und ihrem Treiben am zurückgezogensten leben. Unter den Personen, die ich kenne, und ich kenne deren viele, sind jene, die ein kontemplatives und zurückgezogenes Leben führten, die einzigen, in denen ich einen unverwüstlichen gesunden Ver- stand, einen wahrhaften Scharfsinn und eine wundervolle Fähigkeit erkannt habe, um den schwersten Problemen praktische und verständige Lösungen zu geben, und stets in den schwierigsten Angelegenheiten eine Ausflucht oder einen Ausweg zu finden; dagegen traf ich noch keinen jener vorge- nannten Geschäftsmänner an, welche die geistlichen Betrachtungen und die göttlichen Kontemplationen verachten, der irgend eine Angelegenheit gehörig anzugreifen wüßte. Zu dieser sehr zahlreichen Klasse gehören jene, welche die übrigen zu täuschen versuchen und sich selber zuerst täuschen." Die wunderbare Demut vollkommener Glaubensgesinnung, mit welcher ein Riesengeist wie Donoso Cortes sich in diesen Worten vor den aus dem höheren Gebete gewonnenen Verstandeskräften der in Zurückgezogenheit lebenden frommen Seelen verbeugt, ist unserer Zeit vielfach fremd gewor- den. Letztere glaubt fast nur noch an die auf dem Wege natürlicher Geistes- dressur gewonnenen Kräfte des Intellektes. Schell und seine Würzburger Modernistenschule verkünden die Irrlehre: ,,Ohne planmäßige wissen- schaftliche Arbeit gibt es für den Menschen keinen Wahrheitsbesitz." Das ist die hochfahrende Leugnung all jener Wahrheitserkenntnis und wahren Geistesbildung; die auch auf nicht spezifisch wissenschaftlichem Wege errungen werden kann, vor allem auch auf dem Wege der einfachen Glaubenserkenntnis, und nicht selten in jenem Schauen, welches der Heili- ge Geist verleiht, der da weht, wo er will. Der Geistes- und Wissensstolz unserer Tage dürfte wohl eine der Hauptursachen sein, welche die öffent- liche Meinung zu der Annahme verleitet, daß die nicht wissenschaftliche Geistesbildung kontemplativer Seelen von der Art einer Barbara Weigand der Welt nichts zu bieten vermöge. Dieser Geistesstolz der Geschäftsmänner moderner Wissenschaft, der sich und andere so gründlich täuscht, ist es, der
242 die unter der Niedrigkeit und Zurückgezogenheit verborgenen wunder- vollen Fähigkeiten kontemplativer Naturen, ihren gesunden und prak- tischen Verstand, ihren wahren Scharfsinn und ihr sicheres Urteil betreffs der geistlichen und weltlichen Dinge verkennt, und in ihnen nur Täuschun- gen vermutet. Die wahre, und darum demütige und bescheidene Wissenschaft aber, und besonders die Glaubenswissenschaft oder Theologie stellt sich in der Bewertung des im Gewande der Schwäche und Niedrigkeit wandelnder Kontemplation ganz auf den Standpunkt von Donoso Cortes. Der hl. Thomas von Aquin weist nach, daß es durchaus angemessen ist, wenn Gott die Gabe himmlischer Erleuchtung öfter Ungebildeten als gebildeten und öfter Frauen als Männern verleiht, und einen Hauptgrund dafür findet er darin, daß bei Ungebildeten und bei Frauen im allgemeinen mehr Demut und darum auch mehr Gnade zu finden sei als bei Gebildeten und Männern. Es mag also die persönliche Note der Schippacher Schriften auf ein nur bescheidenes Niveau allgemeiner Bildung hinweisen; es mag ihre Sprache nicht bloß der feinen Politur und manchmal der Urbanität entbehren, sondern auch in ungeschickten, mißverständlichen und verkehrten Aus- drücken reden; es mag das ganze Milieu von Menschen und Verhältnissen, in dem sie entstanden und dem sie angepaßt sind, nur die Welt des Alltags, der breiten Schichten des Volkes sein; es mag die Welt in diesen Schriften gemalt sein, wie sie sich eben aus im Geiste einer einfachen Dienstmagd malt: das alles hindert nicht, daß die Urheberin dieser Schriften wirklich von Gott mit der großen Aufgabe betraut sein könnte, welche sie in ihren Schriften angibt. Ja, es will uns bedünken, daß die göttliche Vorsehung in den Tagen des geistesstolzen Modernismus zur Ausführung ihres Welterneuerungsplanes kaum eines geigneteren Werkzeuges sich bedienen könnte, als gerade einer aller höheren Bildung entbehrenden Magd des Herrn. Als in ähnlichen Zeit- läufen die hl. Katharina von Siena den Herrn einst fragte; warum er gerade sie, eine unnütze und gebrechliche Jungfrau, mit einer erhabenen und schwierigen Mission betraue, da antwortete Jesus: ,,Wisse, meine Tochter, heutzutage hat der Stolz in der Welt, besonders bei jenen, die sich für gelehrt und weise halten, so überhand genommen, daß meine Gerechtigkeit sie nicht mehr ertragen kann. Weil aber meine Barmherzigkeit über alle meine Werke geht, so habe ich für ein Mittel gesorgt, das ihnen Rettung bringt, wenn sie es demütig annehmen. Das eigentliche Heil- und Strafmittel des Stolzes ist die Beschämung und die Verdemütigung; und darum will Ich, daß diese, die in ihren Augen weise sind, gedemütigt und beschämt werden, wenn sie sehen, wie schwache Geschöpfe, gebrechliche Jungfrauen ohne alle natürlich erworbene Wissenschaft, ohne Welterfahrung, ohne alles Studium,
243 ohne alles menschliche Zutun, einzig und allein mit der vom Geber aller guten Gaben eingegossenen Weisheit begabt, meine Lehre und die wahre Wissenschaft der Heiligen erfassen, die verborgenen Geheimnisse meines Vaters kennen, durch die Kraft des Wortes und das Beispiel des Lebens meine Lehre in der Welt verbreiten, und dieselbe durch Zeichen und Wunder bekräftigen. Ich werde jetzt tun, wie Ich getan habe, als Ich auf Erden weilte; damals habe Ich ungebildete Männer gesendet, Fischer ohne Gelehrsamkeit, aber voll der Wissenschaft und Kraft des heiligen Geistes. Ebenso will Ich dich und andere unwissende Frauen und ungelehrte Männer zur Beschämung jener Stolzen senden; wenn sie diese Beschämung annehmen sich verdemütigen und bekennen, daß Mein ist die Weisheit und Mein alle Kraft, wenn sie Meine, durch schwache und gebrechliche Werk- zeuge verbreitete Lehre mit Ehrfurcht annehmen, dann werden sie die Fülle meiner Erbarmung zu verkosten bekommen, und jene Beschämung wird ihnen ein Heilmittel sein zur Rettung. Werden sie aber trotz dieser Beschä- mung in ihrem gewohnten Stolze verharren und meinen Namen nicht bekennen, sondern fortfahren, Mich in Meinen Dienern zu verachten, indem sie diese verachten, dann sollen sie wissen, daß Ich in meiner Gerechtigkeit geschworen habe, so viele Beschämungen über sie zu bringen, daß sie von allen Geschöpfen mit Füßen getreten und verachtet werden. Und wenn sie ewig in ihrem Stolze verharren, werden sie, auch ewige Schande als Strafe erdulden; in der Bitterkeit ihres Herzens und in fruchtloser Reue werden sie sich dann in demselben Grade sogar unter sich selbst erniedrigt sehen, als sie zuvor bestrebt waren, sich über sich selbst zu erheben." Der Modernismus hat sich bis jetzt in seinem Stolze über alles, was über- natürliche Autorität ist auf Erden, erhoben. Auch über die Stimme des höch- sten Lehrers und Gesetzgebers in der Kirche hat er sich freventlich hinweg- gesetzt. Noch immer schleicht diese verderbliche Pest in der Kirche Gottes heimlich weiter, wie der Hl. Vater Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika betonte. Was könnte der göttlichen Weisheit und Barmherzigkeit angemes- sener erscheinen, als daß sie dem verstockten Hochmut des Modernismus gegenüber nun das letzte und eigentliche Heil- und Strafmittel des Stolzes, die Beschämung, anwendete? Der Modernismus gedachte das katholische Leben zu erneuern, zu modernisieren im Geiste des Naturalismus, der Entklerikalisierung, der Entultramontanisierung. Welche gründlichere Beschämung könnte ihm zu teil werden, als die Irrgänge und Gefahren dieser seiner Bestrebungen durch eine ganz ungebildete, ungelehrte Person erkannt, aufgedeckt und nicht durch den Apparat der Wissenschaft, sondern einzig durch die Kraft des einfachen Glaubens siegreich bekämpft zu sehen? Welche Beschämung für den Modernismus, das Werk der Welt- erneuerung, mit dem er sich brüstete, in einem ganz anderen und wahrhaft katholischen Sinn durchgeführt zu sehen vermittelst einer jener frommen
244 demütigen Seelen, die er selber mit seinem Hohn und Spott, mit aller erdenklichem Schmach und mit einer Grausamkeit sondergleichen ver- folgte? Was also die Person Barbara Weigands betrifft, dürfte weder die Niedrig- keit ihres Standes, noch der Mangel höherer Bildung, noch auch die unsäg- liche Verachtung und Schmach, mit welcher die Verfolgungssucht des modernistischen Zeitgeistes sie bekleidet hat, irgend ein Anzeichen bieten, welches die Theologen zu der Annahme bestimmen müßte, Barbara Weigand sei über ihre Berufung zur Verkündigung einer Erneuerung des katholischen Lebens vom bösen Feinde getäuscht. Im Gegenteil, auch nach dieser Seite rechtfertigt der ganze Zusammenhang der Angelegenheit die Annahme, daß Barbara über ihre Berufung sich nicht irren dürfte.
IX. Liegt Täuschung vor ? Wir schließen hier noch ein Wort an über die Frage, ob Barbara Weigand über das große Ganze ihrer Schriften vielleicht durch die eigene, und zwar krankhafte Phantasie getäuscht sein dürfte. In Anbetracht der kirchlichen Korrektheit der Gesamttendenz jener Schriften erscheint es allerdings wenig angebracht, die Diskussion auch auf diesen Punkt auszudehnen. Allein die Bestimmtheit, mit der Brander und die ihm folgende Presse die ganze Angelegenheit von Schippach im letzten Grund auf hysterische Krankheit Barbaras zurückführt, zwingt uns, diese Frage zu berühren. Weil Barbara selbst erwähnt, daß ihr Leiden seit ihrem 25. Jahre dauere, schließt Brander ohne weiteres, daß die Seherin von Jugend an an Hysterie gelitten habe. Daß Barbara unter jenem Leiden ein anderes Kranksein versteht, da sie in den Schriften vielfach ausdrücklich betont, daß ihr mysti- sches Leiden nicht Hysterie sei, das zieht Brander nicht in Erwägung. Mit derselben Leichtfertigkeit sucht er aus den Worten Christi an Barbara: ,,Deine Nerven sind zerrüttet" einen Beweis für die Hysterie der also Angeredeten zu machen. Jede nicht tendenziöse und ungezwungene Kritik wird finden, daß die angeführten Worte viel eher einen Nervenschock oder sonst eine der vielfältigen Arten von Nervendepression bezeichnen wollen, keineswegs aber Hysterie. Auch erscheint an jener Stelle die Erre- gung der Nerven als eine Folge des mystischen Leidens und Schauens, und nicht als die Ursache desselben. Weil Barbara den Herrn und seine Mutter sagen läßt, daß noch nie das Kreuz so sehr geflohen worden sei, wie heute, daß noch nie der Glaube so sehr geschwunden, daß es noch in keinem Jahrhundert so viele Heilige gegeben habe, wie in diesem, bricht Branden in die Worte aus: ,,Wer so über- treibt, hat das Recht verwirkt, für normal genommen zu werden." Brander
245 hat offenbar keine Ahnung davon, welche scheinbar übertriebenen Urteile in den Privatoffenbarungen frommer und auch heiliger Personen vor- kommen. Der selige Heinrich Seuse sagt in seinem Büchlein von den neun Felsen: ,,Wisse, der größte Teil der jetzt lebenden Menschen macht die heilige Ehe zu einer Mistgrube; denn sie leben darin, wie das Vieh." Oder: ,,In vielen hundert Jahren waren die Menschen nicht so böse, als sie jetzt sind." Ähnliche scheinbar übertreibende Urteile kommen übrigens auch in den Werken sonstiger Schriftsteller und gerade auch von solchen aus neue- ster Zeit mannigfach vor. So schreibt z. B. der Jesuitenpater Cohausz in einer seiner apologetischen Schriften: ,,In keinem Jahrhundert wurde das kritik- lose Nachreden so sehr bekämpft, in keinem die Eigenforschung, das Studi- um der ersten Quellen so sehr gefordert, als in dem unsrigen... In keinem Jahrhundert ferner war das blinde jurare in verba magistri so verpönt als in dem unsrigen." Man kann hinter solche Sätze vielleicht ein Fragezeichen einklammern; aber die Autoren, einerlei ob sie nun Heinrich Seuse, Otto Cohausz oder Barbara Weigand heißen, ohne weiteres für anormal oder hysterisch erklären, das heißt doch die Kritik in einer schlechthin ungerech- ten und lieblosen Weise übertreiben. Und gerade solcher Übertreibung macht sich Brander schuldig, indem er wegen der ihm übertrieben schei- nenden Worte Barbaras letztere kurzerhand für anormal und hysterisch erklärt.
Man sieht, wie schwach es mit dem mit so großem Selbstbewußtsein und so großer Bestimmtheit vorgetragenen Anwürfen Branders bestellt ist. Auf den ersten oberflächlichen Blick vermögen sie den Unkundigen zu täuschen. Bei näherem Zuschauen aber zerfallen die Branderschen Argumente wie Staub.
Dies erfährt man auch dort, wo Brander die hysterische Veranlagung Barbaras aus den, übrigens verhältnismäßig wenigen, Vexationen beweisen will, die Barbara von seiten des Teufels auszustehen hatte. Er erwähnt die bei Barbara vorgekommenen Erstickungsanfälle, Grimassen, höllisches Gelächter u. dgl., schlägt dabei dem geduldigen Leser verschiedene medizi- nische Werke vor, wie Kapellmann, Bergmann, Familler und ,,beweist" aus denselben, daß dies alles bei Hysterischen vorkomme. Ergo muß Barbara Weigand hysterisch sein! Daß dieselben Vorkommnisse fast bei allen Begna- digten, und zwar bei den meisten viel häufiger und intensiver zu finden sind, als bei B. Weigand, weiß Dr. Vitus Brander entweder nicht oder will es nicht beachten. Seit der Heiland der hl. Magdalena von Pazzi eine derartige, und zwar fünfjährige Reihe von teuflischen Plagereien mit den Worten ankündigte, Magdalena werde in eine Löwengrube geworfen, ist in den meisten Lebensbeschreibungen von Heiligen und Begnadigten unter dem Titel ,,Die Löwengrube" ein eigenes Kapitel zu finden, in welchem die
246 dämonischen Vexationen beschrieben werden, welche die betreffende Person zu erleiden hatte. Brander könnte in der Löwengrube einer Christina Mirabilis, Rosa von Lima, Franziska Romana, eines hl. Petrus von Alkantara, Paschalis, des ehrw. Dominikus von Jesus Maria, der Veronika Giuliani, der sel. Kreszenzia Höß, der gottsel. Anna Katharina Emmerich Vorkommnisse finden, die er an der Hand von Zitaten aus Kapellmann, Bergmann und Familler noch viel effektvoller als Wahrzeichen von Hysterie dartun könnte, da die betreffenden Vorkommnisse dort noch weit heftiger und schreck- licher auftraten als bei Barbara Weigand. Wenn der Teufel die Barbara Weigand während des Gebetes einmal zum Lachen reizt, wenn er ein ander- mal zu furchtbarem Schreien, zu Grimassenschneiden veranlaßt oder sie den Namen Jesus nicht aussprechen läßt und bewirkt, daß Barbara ihre Freundinnen mit höllischem Gelächter auslacht, so sind dies alles doch recht unbedeutende Wahrnehmungen gegenüber derartigen Dingen, wie solche z.B. im Leben der Ekstatischen Klara Moes mitgeteilt werden. Da Brander schon aus einigen Grimassen auf Hysterie schließen will, was für bedeutende Merkmale von Hysterie würde ihm die Lebensgeschichte der Klara Moes bieten, wenn er dort liest, wie der Teufel zur Nachtzeit mit Klara umgesprungen, sie körperlich mißhandelt hat bis zum Blutvergießen, wie selbst geweihte Gegenstände gegen die teuflischen Plagen keine Wirkung gezeigt, wie Klara beim Aussprechen des Namens Jesu vom Teufel beim Halse gepackt und fast erwürgt wird; wie sie im Beichtstuhl durch Teufelstrug das Gegenteil von dem hört, was der Beichtvater sagt, oder nur Lästerungen aus seinem Munde vernimmt; und erst, wie sie der Teufel zum Selbstmord verleiten will, ihr Messer, Gift und Strang auf den Tisch legt; wie der Teufel sie sogar einmal zwingt, Gift zu nehmen, das sie aber sogleich erbrechen muß; wie der Beichtvater ihr ein Schlächtermesser abnehmen muß, welches ihr der Teufel auf dem Wege zum Beichtstuhl zum Zweck des Selbstmordes zugesteckt; wie der Teufel sie zwingt Dinge zu sagen oder zu schreiben, die sie selber in keiner Weise billigt; wie sie eines Tages vom Teufel veranlaßt wird, ihr Kloster zu verlassen, und dann in Trier vor dem Dom zur Mittagszeit vom Teufel in die Luft erhoben und nach Paris und Berlin entführt wird, wo sie entsetzlichen Teufelsorgien beiwohnen muß; wie der Teufel sie von Berlin durch die Luft nach einem Urwalde bringt, aus dem sie dann durch die Mutter Gottes in majestätischem Fluge über Land und Meer zu dem Wallfahrtsorte Eberhardsklausen in der Diözese Trier geführt wird. Sind dies nach Brander nicht recht grobkörnige hysterische Phantasien? Die Prüfungskommission von Maredsous und das hl. Offizium in Rom indessen waren anderer Ansicht. Sie haben selbst in diesen Dingen keine Anzeichen gefunden, die zu der Annahme bestimmen mußten, daß das Werk von Moes dasjenige einer hysterischen oder vom Teufel getäusch- ten Person sei.
247 Was dürfte Brander bezüglich einer hysterischen Veranlagung der Seherin von Schippach bewiesen haben? Nichts, als daß er einen neuen Beleg für die Wahrheit erbringt, welche der Bekannte italienische Geistes- mann Joseph Frassinetti in den Worten ausspricht: ,,Leider bekunden so viele Priester die gröbste Unwissenheit in mystischen Dingen. Einige gehen in ihrem Unverstande so weit, alles derartige zu verachten und glauben besonders vorurteilsfrei zu sein, wenn sie jede einigermaßen außerordent- liche Gnade für eine Ausgeburt einer krankhaften Phantasie halten."
X. Ist das große Ganze der Schriften katholisch ? Der dritte Punkt unserer ersten Hauptfrage betrifft in Zusammenhang der Schippacher Schriften mit den praktischen Unternehmungen von Barbara Weigand, dem eucharistischen Liebesbund und dem Bau der Sakramentskirche in Schippach. Ist das große Ganze der Weigand'schen Schriften katholisch, dann werden diese Schriften in diesem ihrem katholischen Charakter durch die Projekte, in welchen die Jungfrau von Schippach die Gesamttendenz ihrer Ideen praktisch zu verwirklichen begann, nicht im geringsten beeinträch- tigt. Denn der Gehalt und Charakter dieser Projekte ist unzweifelhaft katholisch. Wie sollen wir ihn näher schildern? Vielleicht dürfen wir an ein Wort von P. A. M. Weiß O. Prae. erinnern. Dabei wissen wir freilich nicht, ob dieser jemals etwas von Schippach zu hören bekam. Aber in seiner herrlichen Apologie des Christentums schließt er seine Vorträge über die soziale Frage mit einem Passus, in welchem der Gedanke jener Papst-Sühne- und Friedenskirche, deren Fundamente später in dem stillen Elsavatale zu sprießen begannen, bereits vor 30 Jahren für die kommende Ära des Welt- krieges folgendermaßen geschildert wird: ,,Es mehren sich die Kassandrastimmen, welche die Katastrophe für unausbleiblich, für nahe bevorstehend klären. Sei es also, wenn es nicht anders mehr sein soIl. Wir wollen uns nicht gegen den Lauf der Gerechtig- keit zur Wehr setzen. Vielmehr geben wir uns der zuversichtlichen Hoff- nung hin, daß die Welt, ob sie auch jetzt vom Reiche Gottes nichts hören will, dem Worte zugänglicher wird, wenn die Tage der Heimsuchung die Herzen für die Wahrheit empfänglicher gemacht haben. Emil Gregorovius schildert in seinem Buche ,,Der Himmel auf Erden" den Vollzug des großen Strafgerichtes, die kurze Dauer der Verblendung und die Frucht davon, die Rückkehr der geläuterten Menschheit zu Gott. Das Ende des furchtbaren Sturmes, sagt er, wird sein, daß die Menschen wieder den Gott ihrer Väter suchen und ihm eine Sühnekirche erbauen. Ein schöner, tröstlicher Gedan-
248 ke! Noch schöner und trostvoller wäre es, wenn die Gesellschaft nicht erst die Sündflut abwartete, sondern schon zum voraus mit gemeinsamen Bestrebungen eine Friedenskirche erbaute. Gewiß, Gott ließe sich noch beschwichtigen, denn er kann dem Worte Friede und noch mehr der Tat des Friedens nicht widerstehen. Die schönste, die segensreiche gottgefälligste Friedenskirche aber wäre ohne Zweifel die nach christlichen Grundsätzen eingerichtete Gesellschaft, die Gesellschaft unter Leitung der Kirche, die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden." Die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden durch Zurückführung der Gesellschaft unter die Leitung der Kirche: Das ist nicht bloß die große Idee, welche die P. Weiß'sche Apologie, sondern auch jene, welche die Schriften der Barbara Weigand beherrscht. Und sie ist im Munde der letzte- ren nicht weniger katholisch als im Munde vom P. Weiß. Wenn die Katho- lizität dieser Idee noch irgend einer Bestätigung bedürfte, so hätte sie dieselbe durch die Worte Pius X. empfangen, der eben diese Idee als den eigentlichen Inhalt seines Programms der Erneuerung in Christus kenn- zeichnete, als er schrieb: ,,Wir müssen die menschliche Gesellschaft, welche den Pfad der Weisheit Christi verloren hat, unter die Leitung der Kirche zurückführen." Schön und trostvoll nannte P. Weiß das Projekt dieser Idee der kirchlichen Erneuerung der Gesellschaft durch die Erbauung einer Sühne- und Friedenskirche auch einen monumentalen Ausdruck zu geben. Wer aber hat diesen wundervollen Plan, und zwar offenbar ganz unabhängig von P. Weiß, praktisch erfaßt? Niemand anders, als die demütige, ungebildete, verachtete Jungfrau aus dem einsamen Spessarttale. Und wenn P. Weiß betont, daß diese Bestrebungen zur Erneuerung der Welt vielleicht noch das göttliche Strafgericht abzuwenden vermögen, wer hat auch diesen Gedanken praktischer anzuwenden gesucht, als Barbara Weigand von Schippach? Noch schöner und trostvoller, so lauteten die Worte. von P. Weiß, wäre es, wenn die Gesellschaft nicht erst die Sündflut abwartete, sondern schon im voraus mit gemeinsamen Bestrebungen eine Friedenskirche erbaute: Barbara Weigand wollte die Sündflut, welche sie selber in ihren Schriften so oft signalisierte, nicht abwarten. Ihren inneren, wenn auch noch dunklen, Weisungen folgend hat sie kurz vor dem Herein- bruch der großen Weltkatastrophe den Bau ihrer Sühnekirche begonnen. Sie hatte ihn in innigste Beziehung gesetzt zu dem großen eucharistischen Welterneuerungsplane Pius X., indem sie die Kirche dem Andenken der Kommuniondekrete dieses Papstes widmete, jener Dekrete über die früh- zeitige, öftere und tägliche Kommunion, welche die göttliche Kraftquelle in den kommenden Heimsuchungen für die Gläubigen werden sollte. Wer hat die eucharistische Großtat Pius X. in ihrer providentiellen Bedeutung für die
249 vorhandenen und noch hereinbrechenden Nöte des katholischen Volkes tiefer erfaßt, als die schlichte Bauernmaid von Schippach? Hat irgend ein Großer im Reiche der Theologie uns gesagt, daß die Kommuniondekrete des zehnten Pius eine wahrhaft monumentale Dankesäußerung der katho- lischen Zeitgenossen verlange? Niemanden war dieser Gedanke gekom- men; nur die demütige Magd aus dem weltverlorenen Waldtal hat ihn geäußert und auszuführen begonnen. Und soll dieser großartige und durch- aus katholische Gedanke nun auf einmal weniger gut, ja schlimm und gefährlich sein, weil der Welt- und Zeitgeist über die Urheberin eines solchen Gedankens plötzlich das Übermaß seiner Verachtung und Gehässigkeit ausgießt?
Auch als die Fluten des göttlichen Strafgerichtes über die Welt herein- brachen, hat Barbara die Bedeutung des begonnenen Sühnewerkes für die Herstellung des Friedens nicht verkannt. Gewiß, so hatte P. Weiß geschrie- ben, Gott ließe sich noch beschwichtigen, denn er kann dem Worte Friede und der Tat des Friedens nicht widerstehen. Die Jungfrau von Schippach hatte das Wort des Friedens, und zwar das allein wahre Wort des Friedens verkündigt, als sie vor Jahren bereits den Heiland sprechen ließ: ,,Durch die Kirche möchte ich der Welt den Frieden geben." Die Jungfrau von Schippach hat auch die wahre Tat des Friedens verrichtet, als sie seit dem Ausbruch des Weltkrieges in dem Werk der eucharistischen Welterneuerung und seiner monumentalen Gedächtniskirche die Augen der Menschen, auf die wahren Friedensquellen, wie sie nur in der katholischen Kirche sprudeln, hinlenkte. Die Sakramentskirche in Schippach sollte erstehen gleichsam als die in Stein gehauene Wahrheit, daß nur die nach den Grundsätzen der katholischen Kirche eingerichtete und an den Gnadenquellen der katholischen Kirche geläuterte und gestärkte Gesellschaft das wahre Gottes- und Friedensreich auf Erden darstellt.
Und daß diesem gläubigen Wort und dieser gläubigen Tat des Friedens, falls die Menschen ihre Herzen dem allen nicht verschließen würden, auch die unendliche Barmherzigkeit Gottes sich nicht verschließen werde, das durfte Barbara Weigand nach den Worten des obengenannten Apologeten mit Recht hoffen, und sie hat es gehofft mit all den Tausenden und Hunderttausenden aus dem katholischen Volke, die, sozusagen mit katho- lischem Instinkte, die wahre Bedeutung des Werkes von Schippach erfaßt hatten. Im Verein mit diesen allen hatte Barbara ja durch die Gebetsgemein- schaft des eucharistischen Liebesbundes schon längst das Werk der Erneue- rung des Friedensreiches so inständig dem Himmel empfohlen. Wer wollte leugnen, daß ein so mächtiger und volkstümlicher Feldzug des Gebetes und der Erneuerung des Lebens, wie er in dem eucharistischen Liebesbund und der Sakramentskirche inauguriert war, unter der entsprechenden Leitung
250 und Förderung des Klerus ein gewaltiges Bollwerk gegen die Blutgier und Kriegswut Satans geworden wäre? Wer wollte leugnen, daß, wenn irgend etwas, so gewiß die Sühne- und Friedensarbeit in diesem Gnadenbund und an dieser Gnadenstätte dem göttlichen Herzen Jesu das Machtwort des Friedens abgerungen hätte? Aber während hunderte von Soldaten, zum Teil von ihren Offizieren geführt, ihren Weg zum Schlachtfelde über Schippach nahmen, nur um die Stätte sehen zu können, auf der der Friedenstempel sich erheben sollte, war die Hand bereits erhoben und die Feder bereits zugerüstet, welche die Hoff- nung so vieler zunichte machten. Der Gnadenbund mußte zu einer Sekte und die Gnadenstätte zu einer Sektenkirche gestempelt werden. Und dies um weniger mißverständlicher Ausdrücke willen, die zu korrigieren und zu eliminieren wahrlich nicht schwer gehalten hätte. Dieselben Kritiker und Blätter jedoch, die zu derselben Zeit den von Anbeginn des Krieges gerade- zu uferlosen Schlammstrom des häretischen Interkonfessionalismus unge- hindert und unberedet über das katholische Volk hereinbrechen ließen, spielten sich Schippach gegenüber als die Großinquisitoren auf, welche das Volk vor der Gefahr einer neuen Irrlehre bewahren müßten. Und gerade Zeitungen und Zeitschriften, welche in jeder Nummer ganze Flöße moder- nistischer, interkonfessioneller Balken daherschwemmten, machten aus der Jagd auf die Splitter in den Schippacher Schriften ein Geschäft.
XI. Welche Merkmale sind bei den Schippacher Schriften erkennbar ? Unsere zweite Hauptfrage lautet: Erscheint Barbara Weigand im ganzen Zusammenhang ihrer Angelegenheit als eine solche, die andere hat täuschen oder betrügen wollen? Zunächst weisen wir hier auf die Tatsache hin, daß kaum irgend welche Privatoffenbarungen, und darunter auch kirchlich approbierte, vorhanden sind, deren Träger nicht mit dem Vorwurf des Betrugs, der beabsichtigten Täuschung, ebenso wie mit dem Vorwurf der Hysterie, der Halluzinationen u. dgl. bedacht worden wären. Die Theologen sehen diese Art von Vor- würfen sogar als Kennzeichen echter Offenbarungen an. ,,Die Offenbarun- gen heiliger Personen," schreibt P. Tiggermana C. SS. R., haben samt und sonders dieses Merkmal aufzuweisen. Von der hl. Katharina von Siena, von der hl. Hildegard, von der hl. Brigitta sagten Zeitgenossen, sie seien vom Teufel betrogen; die hl. Theresia wurde als Schwärmerin verschrieen, als eine Person die man der Inquisition überliefern müsse; die Offenbarungen der ehrw. Maria von Agreda wurden à la Märchen, Träumereien und so fort behandelt und verfolgt. Ja, um die Wahrheit zu sagen, muß jeder, der die
251 Geschichte der Privatoffenbarungen einigermaßen kennt gestehen, daß der Widerspruch, den sie stets bis auf unsere Zeit erfuhren, ein unbeschreib- licher war." Barbara Weigands Schriften und Unternehmungen würden also eines deutlichen Merkmales ihrer Echtheit und Güte entbehren, wenn ihnen die Verfolgung und Verdächtigung mittels der bewußten Vorwürfe fehlte. Aber Branders Journalistik hat ausgiebig dafür gesorgt, daß der Seherin von Schippach nichts von dem erspart blieb, was je irregeführter Eifer und fana- tische Hetze begnadigten Dienern Gottes gegenüber an Verdächtigungen aufbrachten. Das Wort Betrug hat Brander selbst zwar nicht, soweit wir uns zu erin- nern glauben, auf Barbara angewendet. Aber was er und seine Helfershelfer der Seherin von Schippach unter der Hand verschiedentlich andichten, kommt oft auf nichts anderes als auf die Anklage des Betruges hinaus. Oder was bedeutet es anders, wenn diese Gegner von Schippach in ihrer ,,sach- lichen" und ,,pietätvollen" Kritik soweit gehen, daß sie behaupten, Barbara habe den ,,Geist" in sich mit Hilfe der Kognakflasche erweckt? Wo eben die Hysterie nicht ausreicht zur ,,Erklärung" der mystischen Zustände, da denkt moderne Kritik bald auch an das Likörglas. Wir glauben nicht, daß Brander den Spirituosendampf für ein geeignetes Mittel hält, um mit demselben den Geist auch nur für eine richtige Betrachtung oder Predigt zu wecken. Barbara Weigand aber soll ihre gehaltvollen und zielbewußten geistlichen Reden, welche für das Bildungsniveau dieser Seherin tatsächlich eine bedeutende Leistung darstellen, dem Alkohol verdanken. Und nicht bloß mit dem Alkohol, sondern auch noch mit anderem, besonders auch mit dem für die Sakramentskirche gesammelten Gelde, soll sie Betrug getrieben haben. Die Augsburger Postzeitung erhebt die Beschuldigung, daß mit diesem Gelde die Verwandten von Barbara bereichert worden seien. Man braucht indessen nur die Vermögensverhältnisse der angesehenen, ehrlichen und redlichen Landwirt- und Handverkerfamilien der Weigand'- schen Verwandtschaft zu kennen, um solche niedrigen Pauschalverleum- dungen richtig einzuschätzen. Hätte Barbara Weigand in solchen Hinsichten auch nur den geringsten Anlaß zu berechtigtem Verdachte gegeben, dann freilich läge die Annahme nicht ferne, laß sie wohl auch im ganzen Zusammenhang ihrer Sache andere habe täuschen oder betrügen wollen. Allein wann und wo gibt Barbaras religiös-sittliches Leben eine Handhabe zu einer derartigen Annahme? Barbara Weigand bietet von ihrer ersten Jugend an das Bild einer wahrhaft tugendhaften und aufrichtig frommen Person, die gerade während ihrer außerordentlichen Zustände unter der Führung anerkannt tüchtiger Beicht- väter stand. Es ist nicht anzunehmen, daß so gediegene ,,Seelenführer, wie
252 der verstorbene Kapuzierprovinzial P. Alphons in Mainz und der derzeitige Mainzer Bischof Dr. Kirstein, die nacheinander durch eine Reihe von Jahren hindurch die Beichtväter von Barbara Weigand waren, auch nur kurze Zeit, geschweige denn lange Jahre, sich von dem falschen Mystizismus einer Betrügerin hätten täuschen lassen oder gar demselben die Hand geboten hätten.
Dagegen ist es durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Gott eine Person, welche einem von der göttlichen Vorsehung für unsere Zeit geplanten Werke, nämlich der Wiederbelebung der täglichen Kommunion schon im voraus seit langen Jahren in wahrhaft heroischer Weise diente, mit besonde- ren Erweisen göttlicher Huld sollte begnadigt haben. Eine Jungfrau, die in ihrer Jugend, um öfter kommunizieren zu können, sich mehrmals in der Woche um 1 Uhr nachts auf den fünfstündigen Weg von Schippach nach Aschaffenburg aufmacht, um morgens 8 Uhr im Aschaffenburger Kapu- zinerkloster kommunizieren zu können, und dann den ganzen Weg wieder heimzuwandern, ist gewiß ein ernst zu nehmender Charakter. Und wenn dieselbe Jungfrau, um von der öfteren zur täglichen Kommunion übergehen zu können, unter Verzicht auf eine sehr gute eheliche Verbindung, bei Ver- wandten in Mainz als dienende Magd eintritt, und Jahre lang zum Zweck ihrer eucharistischen Übungen in dieser Stellung treu ausharrt, so wird auch darin doch nur das Zeichen einer gediegenen und erprobten Frömmigkeit zu erblicken sein; sollte aber Gott ein solches Opferleben nicht mit besonde- ren Gaben belohnen dürfen? Sollte vielmehr einem solchen heroischen Leben schon bei den ersten Zeichen mystischer Erscheinungen nur mit dem Verdacht des Betruges gelohnt werden dürfen? Noch bis auf diese Stunde ist Barbara Weigand diesem ihrem gewohnten Opfer- und Sühnungsleben treu geblieben. Seit sie wieder in ihrer Heimat Schippach wohnt, arbeitet sie frei- willig und um Gotteslohn bei einer Frau, die in entsetzlicher Weise am Gesichtskrebs leidet. Sie macht auch die Pflegerin dieser Ärmsten, in deren Umgebung es sonst kaum jemand aushält. Auf das Unsagbare dieser Abtötungen und Selbstverleugnungen wollen wir hier gar nicht näher eingehen. Vielen von den tapferen Kämpen der antischippacher Garde würde vielleicht der Mut oder die Kraft fehlen, die Erzählung dieser Selbst- aufopferungen nur anzuhören. Aber aus dem Gesagten vermögen sie sich schon zu erklären, aus welcher Schule die Seherin von Schippach die Kraft schöpft, die unsäglichen Verdemütigungen und Seelenqualen ruhig und geduldig zu ertragen, welche das Brander'sche Vorgehen ihr bereitete. Es ist die Schule des Kreuzes Jesu, die Schule der wahren Gottes- und Nächsten- liebe.
Diese Schule aber ist nicht die Pflanzstätte der gewollten Täuschung, des Betrugs. Es müßte entsetzlich bestellt sein um die Menschheit, wenn man
253 selbst bei den edlen Brandopfern der Caritas, den stillen und demütigen Freunden des beschaulichen und zurückgezogenen Lebens, den Taber- nakelwächtern, den eifrigen Beichtstuhl- und Kommunionbankfreunden immer nur Betrug und Heuchelei wittern müßte. Und doch sind es eben diese Leute, gegen welche die so durchaus unwahrhaftige Sophistik des modernen Zeitgeistes ihre Verdachtsmomente geltend machen will. Seitdem die Kant'sche Philosophie das Gebet überhaupt als eine innerlich unwahr- haftige Handlung, über welche der Mensch sich schämen müsse, hinzu- stellen begann, ist die Welt ihren Argwohn gegen die ,,Stillen im Lande", gegen die kontemplativen Seelen, die beschaulichen Orden, die Betschwe- stern und Betbrüder nicht mehr los geworden. Und je mehr die Gedanken- welt eines Kant durch den Liberalismus und Modernismus auch in die Reihen der Katholiken verpflanzt wird, umsomehr kommt auch im katho- lischen Lager der landläufige Argwohn gegenüber frommen Seelen zum Vorschein. Politische Mephistogestalten haben durch geschickte Manöver, wie Taxierenthüllung u. dgl., diesen Argwohn wirksam und erfolgreich genährt. Und im Kampf gegen Schippach feiert er zur Zeit seine Triumphe. Aber es sind im Grunde nur Triumphe des Un- und Irrglaubens und der Sophistik, Betrug des Irrtums, der die Wahrheit in Betrug und Lug umstem- peln möchte. Es gilt auch diesen Bestrebungen das Wehe, welches der Prophet über diejenigen ausruft, welche das Gute bös und das Böse gut nennen. In besonderer Weise wird dieses Wehe aber denjenigen katholischen Priestern gelten, welche sich in den Geist des Argwohns und der Abneigung gegen alle Erscheinungen einer etwas intensiveren Frömmigkeit hinein- reißen lassen. Welche Verwüstung im Reiche Gottes, welche Zerstörung im Weinberg des Herrn, welche Greuel der Zerrüttung am heiligen Orte müs- sen sich dort ergeben, wo der Priester durch die Verdächtigung jedes außer- ordentlichen Zeichens von Frömmigkeit, durch eine ständige Verfehmung der sogenannten Betschwestern, durch seichten Spott über mystische Zustände sein Wort zum Ärgernis für Gläubige und Ungläubige macht. Da predigen wir auf der Kanzel immer wieder die übernatürliche Lebensord- nung; wo aber eine Seele diese Lebensordnung tiefer erfaßt, und zum Lohne dafür von Gott etwas in die Geheimnisse seiner Gnade eingeführt wird, hat eine solche Seele die Geiselstreiche zu fühlen, welche verkehrte Tempelhüter dort sparen, wo sie dieselben austeilen sollten. Wir predigen, daß der Himmel nur denen gehört, die wie die Kinder werden; wo aber ein kind- licher Glaube seine kindliche Sprache redet, geben ihn Priester der Verach- tung einer wissensstolzen Welt preis. Der Eifer, mit welchem liberale und sozialistische Buchhandlungen die Brander'sche Broschüre gegen die Sehe- rin von Schippach verbreitet haben, redet da eine traurige Sprache. Wie diese Schwindlerin, so sind sie alle, die Frommen, die Katharina Emmerich,
254 die Margareta Alacoque, die Kreszenzias und Hildegards, die Brigitten und Theresias: das war der Refrain des Unglaubens auf der Gasse und im Kasino, den Brander hervorgerufen hat. Schwindel und Betrug! So mußte der Unkundige über den ganzen Zusammenhang der Schippacher Sache urteilen, wenn er Brander über die ,,Raffiniertheit" dozieren hörte, mit welcher Barbara ihre Offenbarungen zu einem förmlichen System zusammengeschlossen, oder über den Ungehor- sam und die Hartnäckigkeit, mit welcher Barbara entschlossen sei, unter allen Umständen und gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen, oder wenn Brander ihr die Absicht einer neuen Sektenstiftung nach Art der eccle- siola der Prophetinnen Priscilla und Maximilla des Irrlehrers Monfanus andichtet. Der Kenner des ganzen Zusammenhangs der Schippacher Sache jedoch war sich über die plumpe, jämmerliche Mache dieser Brander'schen Betrugshypothesen sofort im klaren. Hier war die Stelle, wo er einem Brander mit besonderem Nachdruck zurufen konnte: Ex ore tuo iudico te, aus deinem eigenen Munde richte ich dich. Da behauptet also Brander, daß Barbara ihre Offenbarungen mit ,,Raffiniertheit" zu einem ,,förmlichen System" zusammengeschlossen habe! Ist das nicht derselbe Brander, der fast eine ganze Broschüre dem Nachweis widmete, daß die mystischen Äußerungen Barbaras die ,,Halluzinationen einer bedauernswerten Nervenkranken" seien, ,,nur die Ausgeburten eines kranken Hirnes," ein Sammelsurium von Widersprüchen, anstößigen Redensarten, verworrener Wahnideen? Nun dort, wo er dies alles behaup- tet, galt es eben, die Spessarter ,,Wahrsagerin" als eine bemitleidenswerte Epileptikerin, eine an zerrütteten Nerven und Krämpfen leidende Hysteri- sche hinzustellen. Jetzt aber, wo es gilt die Betrugshypothese zu stützen, wird aus Barbara plötzlich eine höchst konsequent denkende, gerissene und geriebene Sybille, und aus den Halluzinationen und widerspruchsvollen Hirngespinnsten, plötzlich ein mit Raffiniertheit zusammengestelltes ,,förmliches System". Man kann wohl sagen, daß keiner der angeblichen Widersprüche, welche Brander in den Weigand'schen Schriften finden will, an den Widerspruch heranreicht, welcher hier im Kernpunkt der Brander'schen Beweisführung sich breit macht. Nichts hat Brander eingehender zu beweisen gesucht, als Barbaras angebliche Hysterie, derzufolge ihr ganzes Reden und Weissagen ein wirrer Plunder grotesker Einfälle, transitorischer Traumirrungen, leidenschaftlicher Wutausbrüche, hirnverbrannter Phantasien sind. Vom ersten Blatt seiner Broschüre, wo Brander von den ,,Halluzinationen" Barbaras redet, bis zu den Worten von den ,,Ausgeburten eines kranken
255 Hirns" auf der letzten Seite wird Barbara als der Typus der anormalen, jeglicher Suggestion unterliegenden, von allen möglichen Denkhemmungen beschwerten, hysterischen Person geschildert; daß deren periodische Anfäl- le, was das Reden betrifft, nur ein wirres, abgebrochenes, zerfahrenes Durcheinander von rätselhaften Wortverbindungen aufzuweisen vermögen, wird jeder Psychiater bestätigen. Brander aber will, wo es gerade eine ande- re, seiner gegen Barbara vorgebrachten Verdächtigungen so verlangt, uns weiß machen, daß das zerbrochene Gehirn dieser epileptischen Jammer- gestalt in dem Chaos seines pathologischen Geschwätzes ein gar noch mit Raffiniertheit ausgehecktes, ,,förmliches System" einer ganz zielbewußten, aftermystischen Sektiererei biete! Man muß sich wohl, wo Vorurteil und überstürzender, fanatischer Eifer sich irgend einer mißliebigen Sache oder Person bemächtigen, stets auf starke Stücke gefaßt machen. Was hier aber Brander in der ,,psychopatographischen" Kritik ,,mystischer Phänomäne" dem geduldigen Leser zumutet, geht doch über die Hutschnur. Überboten wird es vielleicht nur noch von Branders journalistischer Gefolgschaft, wenn diese darangeht, aus Barbara Weigand die von Alko- holdämpfen narkotisierte Pythia zu machen. Da soll das theologische System von Schippach aus dem deliranten Gestotter einer likörseligen Quar- talsäuferin destilliert sein. Und sonderbar, was ansonsten selbst die Stärk- sten der Starken unter den Tisch zu bringen pflegt, das muß eine Barbara Weigand - sie hat sich freilich vorsichtigerweise zuvor ins Bett gelegt - auf die Höhe theologischer Spekulation erheben. Das Raffinement, das ,,förm- liche Systeme" ausheckt, kommt nach dieser journalistischen Version der frommen Barbara erst mit der nötigen Bettschwere, im Nebel des Kognak- dusels. Wir möchten aber doch eher glauben, daß jene hochgestimmte anti- schippacher Begeisterung, welche auf solchen Wegen mystische Phänomäne erklärt, selber auf manche zu stark dosierten Bonnekamps, Vermouts' oder Grande Chartreuses zurückzuführen ist. Von Raffiniertheit ist übrigens in dem ganzen Vorgehen Barbaras und ihrer Freundinnen auch nicht die Spur zu finden. Wären diese Frauenzimmer mit Raffiniertheit vorgegangen, dann hätten sie sicher Mittel und Wege gefunden, alles das, was heute in Barbaras Schriften den Anstoß der Weltkinder erregt, zuvor gründlich ausräumen und jene Schriften so dem Geist und der Richtung des Modernismus, Inter- konfessionalismus, Opportunismus und der übrigen Zeitgeistströmungen anpassen zu lassen, daß Brander und Konsorten sich ganz gewiß ebenso- wenig gegen solche Weigand'schen Schriften gewendet hätten, als sie sich jemals gegen die modernistischen, interkonfessionellen, opportunistischen Tendenzen eines Hochland, einer Augsburger Postzeitung, einer Allgemei- nen Rundschau gewendet haben. Mit etwas Raffinement und einem kühnen Griff in die gesammelten Kirchenbaugelder hätte Barbara sicher einen Theologen zeitgeistigen Wurfes gefunden, der ihr die Offenbarungen
256 entsprechend purgiert und nach dem Geschmacke der Welt zugestutzt und frisiert hätte. Von den Würzburger und sonstigen katholischen Universitäts- professoren der Theologie, welche den Firmen Sonnemann, Mosse oder Scherl gegen gute Bezahlung ihre diversen liberalisierenden, zum Teil direkt gegen Papst und Kirche gerichteten Artikel für die Frankfurter Zeitung, das Berliner Tageblatt, den Tag, die Süddeutschen Monatshefte, den Türmer liefern, wäre doch mehr als einer gegen einige tausend Mark für die Umarbeitung der Schippacher Offenbarungen zu haben gewesen. Mit Leich- tigkeit hätte einer dieser Herren die Schriften Barbaras mit dem nötigen Köln-M.-Gladbacher Öle gesalbt, sie in die beliebten Tinten eines Martin Spahn, Muth, Bachem getaucht, sie mit dem Parfüm umgeben, welches die Schriften einer Blennerhasset, Dr. F. Imle, Handel-Mazetti und ähnlicher modernistizierenden Damen so unfehlbar des Lobes der Welt versichert. Allein Barbara Weigand hat an solche Mittel und Wege nicht gedacht. Und da, wo man ihr dieselben anbot, hat sie dieselben ausgeschlagen. Wir könnten einen bekannten Schriftsteller und Professor der Theologie nennen, welcher der guten Barbara für die Ausführung ihres Kirchenbaus garantie- ren wollte, falls sie ihm für einen bestimmten Zweck 50000 Mk. aus den Schippacher Kirchenbaugeldern zur Verfügung stellen wollte. Barbara hat den sauberen Vorschlag entsprechend abgelehnt. Sie hat ihr Bauprojekt wie ihre Schriften im unversehrten Zustand ehrlich und harmlos der bischöf- lichen Behörde übergeben. Sie hat dabei allerdings nicht vermutet, daß sie hierfür eines Tages auch noch des raffinierten Betruges geziehen werde. Indessen muß doch vielleicht der Ungehorsam gegen die kirchliche Autorität, dessen Barbara geziehen wird, vermuten lassen, daß eine solche Person betrügen könne. Brander macht es der Schippacher Seherin zum besonderen Vorwurf, daß sie entschlossen sei, ,,unter allen Umständen und gegen alle Instanzen ihre Sache durchzuführen." Der Umstand, daß Barbara Weigand nach einer verwerfenden Entscheidung der ersten Instanz, d.h. des bischöflichen Ordinariates, sich des legalen Mittels der Appellation an die weiteren Instanzen bedient, genügt einem Brander zu diesen Ausfällen. Auch da können wir Brander aus seinen eigenen Worten und aus seinem eigenen Vorgehen überführen und widerlegen. Ist es nicht Brander, der schon im Vorwort seiner Broschüre der bischöflichen Behörde den Vorwurf macht, ,,daß man von kirchlicher Seite immer noch zu schonend gegen die Seherin von Sehippach und ihren Anhang vorgegangen"? Brander gibt sich also mit den bischöflichen Maßnahmen keineswegs zufrieden. Er tadelt sie öffentlich. Er nennt sie ,,zu schönend", selbst zu einer Zeit, wo Barbara durch die Verlesung der verschiedenen bischöflichen Verfügungen von den Kanzeln und durch das Verbot ihres Kirchenbaues und Liebesbundes schwerer und empfindlicher getroffen worden war, als irgend einer derjeni-
257 gen, gegen welche die kirchliche Behörde in Sachen des Glaubens in den letzten Jahrzehnten eingeschritten ist. Keiner der Modernistenführer in Deutschland hat in seiner Person von den Kanzeln aus etwas ähnliches erfahren, wie Barbara Weigand. Und doch tadelt Brander die kirchliche Behörde, sie sei zu schonend gegen Barbara vorgegangen. Wenn aber Brander glaubt, solchen öffentlichen Tadel mit der Ehrerbietigkeit und dem Gehorsam gegenüber der kirchlichen Autorität vereinigen zu können, warum soll dann Barbara deshalb, weil sie gegen eine bischöfliche Entschei- dung das ihr von der Kirche selber gebotene Rechtsmittel glaubt ergreifen zu sollen, zur Aufrührerin gegen die kirchliche Autorität gestempelt werden? Und wie hatte sich denn Brander gegenüber den ersten, für Schippach günstigen Maßnahmen der bischöflichen Behörde benommen? Hat er sich mit denselben zufrieden gegeben? Im Gegenteil, die Bekämpfung der bischöflichen Genehmigung des Werkes von Schippach war ja der Zweck seiner ganzen Agitation. Der in der politischen Presse begonnene Feldzug Branders richtete sich gerade gegen die damals noch zu Recht bestehenden bischöflichen Maßnahmen, welche den Bau der Sakramentskirche gestattet und gefördert, und den eucharistischen Liebesbund approbiert hatten. Gegen diese bischöflichen Maßnahmen erlaubte sich Brander, die ganze öffentliche Meinung aufzuhetzen. Und wie man sich aus seiner Pressefehde auf Schritt und Tritt überzeugen kann, war Brander, genau wie er dies von Barbara behauptet, selber ,,entschlossen, unter allen Umständen und gegen alle Instanzen seine Sache durchzuführen." Die höchste Instanz, den Apostolischen Stuhl, sowie dessen Entscheidung sucht Brander am liebsten ganz auszuschalten. Daher verfällt er gar auf die Idee: ,,Es ist geradezu eine Beleidigung der höchsten kirchlichen Stellen, daß man ihnen überhaupt zugemutet hat - und auch noch in der Kriegszeit, wo Rom doch wahrlich ganz andere Aufgaben zu erfüllen hat - dieses Sammelsurium zu prüfen und zu approbieren." Nichts ist eben einem Brander und seiner Presse unbe- quemer, als die Aussicht, daß der Apostolische Stuhl sich noch mit der Sache befassen soll. Daher auch Branders Bestreben, durch den Druck der erregten öffentlichen Meinung, dem Apostolischen Stuhl ein Verwerfungsurteil förmlich abzunötigen. Wie kann aber ein Mann, der eine solche Haltung gegenüber der kirchlichen Autorität einnimmt, in dem Beschreiten des Instanzenwegs durch Barbara Weigand ein Zeichen des Ungehorsams und der Auflehnung erblicken wollen? Brander glaubt annehmen zu dürfen, daß die bischöfliche Behörde in ihrem ersten Urteile sich geirrt habe; wenn aber Barbara das zweite Urteil für irrig und das erste für richtig hält, dann sieht Brander darin ein Vergehen. Brander darf mit Hilfe des Terrorismus einer politischen Parteipresse das erste bischöfliche Urteil umstoßen helfen; wenn aber Barbara Weigand auf dem Wege ordnungsgemäßer Appellation an den
258 Heiligen Stuhl das erste bischöfliche Urteil wieder zu reaktivieren sucht, dann soll sie als Aufrührerin gegen die bischöfliche Behörde dastehen. Derart sehen die Gründe aus, mit welchen man die Seherin von Schippach als eine widerspenstige Demonstrantin, und damit als unglaubwürdig und schließlich auch des Betruges für fähig erklären will.
Brander und seine Presse machen dabei auch ein großes Getöse wegen der mancherlei Mahnungen, Warnungen und auch Tadelsworte, welche Barbara Weigand in ihren Schriften dem geistlichen Stande gegenüber gebraucht. Wer indessen die mystische Literatur älterer und neuerer Zeit nur einigermaßen kennt, wird Barbara Weigands Ausstellungen am Leben des Klerus doch sehr maßvoll finden. Bei Heinrich Seuse, der hl. Brigitta und anderen Gottesfreunden könnte Brander doch bedeutend schärfere Töne finden, als Barbara in diesem Punkte anschlägt. Und was vor nicht langer Zeit von Würzburg aus dem katholischen Klerus und der ganzen Kirche hinsichtlich ,,Inferiorität" und anderen Dingen zum Vorwurf gemacht wurde, war doch bedeutend bitterer, als die Weigand'schen Ermah- nungen an eine gewiße Spezies neuerungssüchtiger und schwacher Priester. Der Sarkasmus und giftige Hohn aber, welchen ein Würzburger Theologie- professor in einer Berliner - hauptsächlich von Protestanten besuchten - Ver- sammlung und vielfach auch in seinem Kollegium über manche Kategorien des katholischen Klerus ausgoß und ausgießt, ist einer B. Weigand völlig fremd.
Und diese Würzburger theologischen Spezimina wird man auch wohl im Auge behalten müssen, um das richtige Maß für jene Verdächtigungen zu finden, welche eine Barbara um jeden Preis zu einer Sektiererin, zu einer moatanistischen Priszilla oder Maximilla machen wollen. Daß solche Vor- würfe gerade aus der ganz von Liberalismus und Modernismus verseuch- ten Würzburger Atmosphäre kommen, ist mehr als bezeichnend. Im Jahre 1913 hielt der katholische Professor der alttestamentlichen Exegese, Dr. Hehn, als Rektor magnifikus bei dem Stiftungsfest der Universität Würz- burg eine Rede über ,,Wege zum Monotheismus". Dieselbe gipfelte in dem Satze: ,,Moses ist der genialste Religionsstifter des Altertums." Um dieselbe Zeit schrieb ein anderer Würzburger Theologieprofessor in der Frankfurter Zeitung über ,,Die Krallen des Papstes" und ähnliche interessante Dinge. In dieser theologischen Luftschicht müssen Brander und seine übrigen gegen Schippach eifernden Kombattanden leben. Sie sind dafür nicht verantwort- lich zu machen. Aber das Leben in einer solchen Atmosphäre erklärt doch manches. Brander mag dem Konzern der neologischen Theologaster der Universität fern stehen. Doch wagt auch er nicht, gegen diese tatsächliche Sektiererei öffentlich aufzutreten. Er hat noch keine Broschüre gegen sie geschrieben; er hat weder in Tagesblättern noch in Zeitschriften den Klerus
259 und das Volk auf die ungeheuere Gefahr für den Glauben und die Sitten auf- merksam gemacht, welche dort unter dem Mantel der Wissenschaft einher- schleicht; er hat noch nicht mit Hilfe des Druckes der öffentlichen Meinung die geistliche und die weltliche Gewalt zur Abstellung dieser entsetzlichen Gefahr zu veranlassen gesucht. Aber gegen Barbara von Schippach hat er keines dieser Mittel anzuwenden vergessen. Gegen dieses arme Weib den Inquisitor zu spielen, dazu hat ihm der Mut nicht gefehlt. Er hat damit jedoch nur den Beweis erbracht, daß auch er sich dem Einfluß der ihn umge- benden Atmosphäre nicht ganz zu entziehen weiß. Wir haben schon gese- hen, wie viel Brander von dieser Atmosphäre bereits auf dem Wege über Zahns Einführung in die Mystik in sich aufgenommen hat. Niemand wird an dem Brander'schen Feldzug gegen Schippach eine größere Freude gehabt haben, als die liberalisierenden Männer der neuesten ,,Würzburger Schule". Dieser Feldzug Branders ist ja nur das Seitenstück zu dem Feldzug Merkles gegen den Exjesuiten Berlichingen.
Hat nun ein Mann, der selber so sichtlich unter dem Einflusse einer falschen Richtung steht, irgend welches Recht, einer Barbara Weigand Sektiererei vorzuwerfen? Aber das war ja von jeher geradezu ein Kenn- zeichen aller abirrenden Richtungen im katholischen Lager, daß sie den Trägern außerordentlicher Gnadengaben den Vorwurf der Sektiererei machten. Wie glaubten nicht die Jansenisten, die Kirche Gottes vor den ,,Irrlehren" der ehrwürdigen Maria von Agreda bewahren zu müssen! Drei- zehn angeblich häretische Sätze zog die Pariser Universität aus den Offen- barungen dieser Begnadigten und erließ infolgedessen eine scharfe Zensur gegen das ganze Werk. Und wie sekundierte diesen Jansenisten der bayeri- sche Theologe P. Eusebius Amort, der ,,Brander" des achtzehnten Jahrhun- derts! Nicht etwa eine Broschüre, sondern ganze Bände widmete er dem Nachweis der angeblichen Sektierereien der Agredinischen ,,Mystischen Stadt Gottes". Und, wie waren die Josephiner und Febronianer hinter den vermeintlichen Häresien der sel. Margareta Alacoque her! Wie viele Hirten- briefe erwirkten sie nicht gegen diesen ,,neuen Kultus"! Und welche Besorg- nisse für die Reinerhaltung des Glaubens hegten nicht die Aufklärer gegenüber den Offenbarungen der gottseligen Anna Katharina Emmerich! In allem Ernste machten sie das Bedenken geltend, hinter Katharinas Freundschaft mit dem Pilger Klemens Brentano stecke nur die Absicht der Gründung einer neuen Sekte! ,,Diese Leute," so sagt sie selber, ,,fielen entsetzlich über mich her und beschimpften mich über die Maßen, daß ich mich mit dem Pilger abgebe, und wie da eine neue Sekte daraus würde."
Wäre es nicht zu verwundern, wenn der Modernismus sich anders gegen Privatoffenbarungen und deren Träger benehmen würde? Und ist es nicht für die Schippacher Schriften geradezu ein Wahrzeichen ihrer gesunden
260 katholischen Lehre, daß sie aus der Metropole des deutschen Modernismus heraus der Irrlehre beschuldigt werden? Es ist auch sehr bezeichnend, daß Brander seine Kampagne gegen die ,,Sektiererei" von Schippach gerade in solchen Tägesblättern und Zeitschriften eröffnete, welche den vom Heiligen Stuhl tatsächlich als Häresie erklärten Modernismus am eifrigsten gegen ,,Modernistenschnüffler" und ,,Ketzerriecher" in Schutz nahmen. Es ist dieselbe Presse, die sich mit allen möglichen Sekten auf die ,,gemeinsame Basis" gestellt hat, ihnen allen mit heißer Liebe die allgemein christliche Bruderhand zum gemeinsamen Kampfe reicht, und zu diesem Zweck ihren eigenen Katholizismus so retraktiert, restringiert und temperiert, daß fast nichts mehr von demselben übrig bleibt. Wenn Barbara Weigand wirklich eine Sektiererin, eine ,,Andersgläubige" wäre, müßten dann diese Blätter, wenn sie konsequent bleiben wollen, nicht auch ihr die Bruderhand reichen und nicht auch für sie die gemeinsame Basis bereit halten? Warum aber soll auf das Kommando dieser Presse plötzlich die ganze Welt in der Sache von Schippach solche Ketzer riechen und solche Sektierer schnüffeln, für welche es keine ,,tolerantia politica" und keinen ,,konfessionellen Frieden" sondern nur Kampf bis aufs Messer geben darf? Wir haben hierfür nur eine Antwort: Weil Barbara Weigand das besitzt, was die Welt, vom liberal angehauchten Katholiken bis zum Gottesleugner, im letzten Grunde allein haßt, nämlich den genuinen kirchlichen, ultramon- tanen Glauben, den Katholizismus sans phrase, das katholische Denken und Leben ohne Abstrich und ohne Beistrich, die Religion der römisch-katholi- schen Kirche. Und eben wegen dieser katholischen Treue, welche sie in einer der für die Katholiken gefahrvollsten Epoche standhaft ihrer Kirche bewiesen hat, halten wir Barbara Weigand des Betruges für unfähig.
XII. Ist der Zweck ein guter? Unsere dritte Hauptfrage untersucht den Zweck, welchen Barbara Weigand glaubt erstreben zu müssen. Ist dieser Zweck ein guter? Sowohl über den näheren Zweck, die Gründung des Liebesbundes und die Erbauung der Sakramentskirche, wie auch über den entfernteren Zweck, die Erneuerung des kirchlichen Lebens, haben wir bereits genügende posi- tive Angaben gemacht. Beide Zwecke entsprechen darnach der katholischen Lehre. Wir können uns sonach hier auf die Abfertigung von Einwänden beschränken. Brander hat es vor allem auf den nächsten Zweck, den Liebesbund und die Sakramentskirche, abgesehen. Diese will er vernichten. Er sucht sie deshalb sowohl in ihrer Herkunft als auch in ihrem Endzweck als häretisch,
261 dem Irrglauben dienend, ketzerisch hinzustellen. Als Mittel dazu dient ihm der Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs des Liebesbundes und der Sakramentskirche mit den Schippacher Schriften, die er von vornherein für ketzerisch erklärt. Aber hier liegt auch das fehlerhafte seiner Beweis- führung. Wie wir bereits gezeigt haben, beruht letztere auf einer durchaus unbescheidenen, pietätlosen, überstrengen Kritik der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand. Diese verkehrte Kritik tritt vor allem dort zutage, wo Brander die häreti- sche Herkunft des Liebesbundes beweisen will. Er stellt zunächst den Statuten und Gebeten des Liebesbundes eine Reihe von Stellen aus den Offenbarungen an die Seite. In letztere liest er infolge seiner Hyperkritik Häresien hinein und will, da er triumphierend die Übereinstimmung der beiden Reihen von Stellen aufzeigt, damit die häretische Herkunft von Liebesbund und Sakramentskirche bewiesen haben. Man betrachte sich nur einige der Brander'schen hyperkritischen Ver- ketzerungsversuche etwas näher, und man wird finden, auf wie schwachen Füßen seine ganze Beweisführung steht. Barbara läßt den Heiland sagen: ,,Glückselig derjenige, der es glaubt, daß Ich mit dir rede." Wir haber hier eine jener Stellen, aus welchen Brander beweisen will, daß Barbara unter Glauben nur den Glauben an die Echtheit ihrer Privatoffenbarungen verstehe. Daß diese Behauptung viel zu weit geht, zeigt gerade eine pietätvolle und gemäßigte Auslegung aller jener Stellen, welche Brander auf Seite 22-28 seiner Broschüre anführt. Aus diesen Stellen geht hervor, daß Barbara das Wort Glauben sowohl für den gött- lichen und katholischen Glauben an das kirchliche Glaubensdepositum, als auch für den göttlichen bzw. menschlichen Glauben an ihre Privatoffen- barungen gebraucht. Und sie darf dies tun, da ja auch die Kirche und die Theologen das Wort Glauben sowohl für das Fürwahrhalten der ordent- lichen als auch der Privatoffenbarungen gebrauchen. Das Wort Glauben ist eben jeweils in dem richtigen, jedem einigermaßen unterrichteten Gläubi- gen bekannten Sinne zu verstehen. Wenn aber Brander glaubt, daß mit Bezug auf Privatoffenbarungen nur ein rein menschlicher Glaube not- wendig und möglich sei, so weiß in dieser Sache Barbara Weigand offenbar besser Bescheid. Sie könnte sich auf den Dogmatiker Heinrich Seuse berufen, welcher festhält ,,an der sententia communis et certa, daß nicht nur die durch die Kirche proponierte, sondern eine jede göttliche Offenbarung, also auch eine sogenannte Privatoffenbarung für denjenigen, welchem sie genügend proponiert ist, Grund und Gegenstand wahrer fides divitia sein kann." Wohl sagt Papst Benedikt XV., daß Privatoffenbarungen nicht mit fides catholica (katholischen Glauben) für wahr gehalten werden können, weil sie nicht zum Gegenstand des katholischen Glaubens gehören. Indes-
262 sen sagt Benedikt XV. dennoch von allen Privatoffenbarungen, welche die Zeichen der Echtheit tragen: ,,An ihrer übernatürlichen und göttlichen Qualität darf in keiner Weise gezweifelt werden." Wenn Barbara Weigand also für ihre Offenbarungen, die ihr selber genügend proponiert waren, im allgemeinen ,,Glauben" verlangte, so hat sie sich dadurch in keiner Weise gegen den katholischen Glauben verfehlt. Brander aber, der ohne zwingen- den Grund in das von Barbara gebrauchte Wort Glauben einen häretischen Sinn hineinlegt, hat damit gegen die wichtige theologische Regel verstoßen, derzufolge man schwierige und mißverständliche Worte in den Offen- barungen frommer Personen nicht schlechthin als falsch und ketzerisch bezeichnen darf, weil sie auf den ersten Blick in solchem Sinne verstanden werden können, vielmehr ihnen einen solchen Sinn beimessen muß, der sich mit der Regel des Glaubens vereinbaren läßt. Auch darin findet Brander Ketzerei, daß Barbara den Herrn mit den Worten: ,,Sie sollen verkosten, wie süß der Herr ist", denjenigen einen Lohn verheißt, welche an Barbaras Offenbarungen glauben; und ebenso, daß, den Spöttern dort die Züchtigung von seiten Gottes angedroht wird. Dabei zieht aber Brander nicht in Betracht, daß solche Verheißungen und Drohungen in fast allen Privatoffenbarungen vorkommen. Wir haben oben im Kapitel VIII. die Worte des Herrn an Brigitta vernommen, worin denjenigen, welche solche Privatoffenbarungen in Ehrfurcht annahmen, die Fülle der göttlichen Barmherzigkeit versprochen wird, während den Verächtern derselben zeit- liche und ewige Strafen angedroht werden. Brander beweist also auch hier nicht den Irrglauben von Barbara Weigand, sondern nur seine eigene Unkenntnis der mystischen Theologie. Aberglauben will Brander darin finden, daß Barbara von der ,,Auf- opferung am Abend", welche die Mitglieder des Liebesbundes täglich beten sollen, folgendes Maria sagen läßt: ,,Seht, durch die tägliche Aufopferung dieses Gebetchens, das mein Sohn verfaßte, mehr mir zu Ehren als ihm zur Verherrlichung, werden all die Gebrechen und Unvollkommenheiten eurer Gebete getilgt. Es ist geradezu empörend, wenn Brander in dieser Äußerung Aberglaube wittern will. Der Gedanke, daß durch ein besonderes am Schlusse voraus- gegangener Gebetsübungen zu verrichtendes Gebet die Mängel und Gebre- chen der vorausgegangenen Gebete getilgt werden können, ist durchaus nicht abergläubig. Die Kirche selber läßt den Priester am Schlusse des täg- lichen Breviergebetes ein besonderes Gebet (Sacrosanctae et individuae Trinitati) verrichten, von welchem die ihm vorgedruckte Rubrik sagt: ,,Denjenigen, welche folgendes Gebet nach dem Offizium andächtig verrichten, hat Papst Leo XIII. Nachlaß der aus menschlicher Schwäche während desselben verschuldeten Mängel und Sünden gewährt." Es ver-
263 stößt durchaus nicht gegen den Glauben, ist vielmehr der Lehre und dem Geiste der Kirche ganz entsprechend, wenn Barbara aus dem Munde der Muttergottes die Anweisung zu einem ähnlichen Gebete erhalten haben will. Und daß Gott seinen begnadigten Dienern mannigfach in Privatoffen- barungen Nachlaß und Verzeihung von Mängeln und Unvollkommenheiten auf Grund einfacher Gebete anbietet und verheißt, ist eine in der Mystik allbekannte Sache. So wird in dem herrlichen Buche der hl. Gertrudis der Großen ,,Der Gesandte der göttlichen Liebe" von dieser Heiligen folgendes erzählt: ,,Da sie eines Tages ihr Herz erforschte, fand sie einiges, das sie gern gebeichtet hätte. Weil sie aber keinen Beichtvater haben konnte, flüchtete sie zu dem einzigen Tröster, dem Herrn Jesus Christus, und klagte ihm diese Schwierigkeit. Der Herr antwortet ihr: ,,Warum betrübst du dich? So oft du es verlangst, werde ich, der höchste Priester und wahre Bischof, bei dir sein und jedesmal die sieben Sakramente zugleich in deiner Seele wirksamer erneuern, als dies irgend ein Priester oder Hohepriester zu sieben Malen vermöchte. Denn mit meinem kostbaren Blute werde ich dich taufen, in der Kraft meines Sieges dich firmen, in der Treue meiner Liebe dich mir vermählen, in der Vollkommenheit meines heiligsten Wandels dich weihen, in der Huld meiner Barmherzigkeit von jeder Fessel der Sünde dich los- sprechen, in dem Übermaß meiner Liebe dich mit mir selber speisen und sättigen und in der Süßigkeit meines Geistes dein ganzes Innere mit so wirk- samer Salbung durchdringen, daß die Fülle der Andacht durch alle deine Sinne und Bewegungen träufeln wird, so daß du ohne Unterlaß befähigt und geheiligt wirst zum ewigen Leben." Was hätte wohl aus diesen Verheißungen, falls sie in Barbara Weigands Offenbarungen enthalten wären, ein Brander herausgelesen? Entwertung der Sakramente, Verachtung der priesterlichen und bischöflichen Gewalt, abergläubiges Vertrauen auf die Kraft des eigenen Gebetes: dies wären doch zum mindesten seine Anklagen gewesen. Eine korrekte Theologie und die Kirche selber jedoch haben niemals solche Anklagen gegen angeführte und ähnliche Stellen mystischer Schriften erhoben. Und sie werden auch gegen die Verheißungen, welche Barbara Weigand bezüglich des Gebetes ,,Auf- opferung am Abend" aus dem Munde des Herrn bzw. seiner heiligsten Mutter vernommen haben will, vom Standpunkt des Glaubens und der Sitte nichts einzuwenden haben. Vielmehr dürfte eine gesunde Theologie in diesem Gebet nur einen Beweis dafür finden, wie tief diese Schriften von Schippach in den Geist der Kirche eingedrungen sind. Sie dürfte es wohl nur von ganzem Herzen begrüßen, wenn das bewußte Aufopferungsgebet des Liebesbundes der Anlaß würde, daß die Kirche, wie sie dem Pflichtgebet des Priesters durch ein Aufopferungs- und Ablaßgebet zu Hilfe gekommen ist, in ähnlicher Weise auch das Gebet der Laien durch ein besonderes Ablaß- gebet unterstützen würde. Der kirchliche Theologe wird es aber zugleich
264 bitter empfinden, daß aus den Reihen des Klerus heraus ein so eminent praktischer Gedanke, wie er hier in dem Liebesbund geäußert und angewendet wurde, schmähliche Verdächtigung und Bekämpfung erleben mußte. Diese Verdächtigung setzt Brander dadurch fort, daß er die Lehre Barbaras, der zufolge das genannte Aufopferungsgebet seine Wirkung aus dem Blute und Verdienste Jesu Christi schöpfe und so die Mängel der menschlichen Mitwirkung ersetze, als häretisch darstellen will. Barbara läßt die Mutter Gottes sagen: ,,Mein Sohn macht dieses Gebet zu seinem eigenen Gebet, weil durch die Aufopferung und die Vereinigung seines kostbaren Blutes sein Blut an diesem Gebete klebt und vor seinen himmlischen Vater hintritt und um Versöhnung schreit für seine Kinder", und weiter: durch die Eintauchung der Gebete in das kostbare Blut Jesu ,,werde schneller alles ersetzt als durch persönliches Verdienst erreicht werden könne." Brander sagt hierzu: ,,Diese bequeme Sittenlehre ist neu in der Kirche, ebenso die Art und Weise, sie ohne die kirchliche Schlüsselgewalt in Anspruch zu nehmen, Befreiung von Fehlern, Unvollkommenheiten und Mängeln, und Teilhaftig- machung der Verdienste Christi einem bestimmten Gebete als Wirkungen zugesprochen werden". Brander weiß also nicht, daß diese ,,neue" und ,,bequeme" Lehre in der mystischen Theologie mindestens so alt ist, als die Offenbarungen der hl. Gertrudis, aus welchen wir oben jene bemerkenswerte Stelle wiedergegeben haben, die ebenfalls ohne Inanspruchnahme der kirchlichen Schlüssel- gewalt, ja noch wirksamer als durch irgend einen Priester oder Hohen- priester, Befreiung von Fehlern und Mängel, ja sogar Lossprechung von jeder Fessel der Sünde in Aussicht stellt, und zwar unter demselben Hinweis auf das kostbare Blut Jesu, auf die Vollkommenheit, Barmherzigkeit und Liebe Jesu, wie dies bei Barbara Weigand der Fall ist. Es ist kaum nötig, hier auseinanderzusetzen, wie diese Stellen mit der Regel des katholischen Glaubens trefflich übereinstimmen. Uns genügt es zu wissen, daß das, was im Munde einer hl. Gertrudis nicht Häresie gewesen, auch eine Barbara Weigand nicht zur Ketzerei zu stempeln vermag. Um aber darzustellen, wie schwer das Unrecht ist, welches Brander hier einer Barbara Weigand zufügt, ist es doch am Platze, die vollkommene Überein- stimmung der bewußten Weigand'schen Stellen mit der Kirchenlehre anzu- deuten. Was durch die ,,Aufopferung am Abend" um der Verdienste Christi willen getilgt und ersetzt werden soll, sind die den Gläubigen bei der Verrichtung ihrer täglichen Gebete unterlaufenen Fehler und Mängel, also läßliche Sünden und Unvollkommenheiten, die nicht einmal läßliche Sünden, sondern nur Schwächen sind, wie z. B. gerade die häufigen unfrei- willigen Zerstreuungen beim Gebete. Barbara Weigand befindet sich aber in
265 vollkommener Übereinstimmung mit der katholischen Katechismuslehre, wenn sie annimmt, daß solche Unvollkommenheiten und auch läßliche Sünden nicht bloß durch Akte der kirchlichen Schlüsselgewalt, sondern schon durch gute Werke, wie z. B. durch Gebet, nachgelassen werden können. So sagt z. B. der bekannte Volkskatechismus von F. Spirago: ,,Nach- gelassen werden die läßlichen Sünden durch gute Werke, die man im Stande der Gnade verrichtet. Solche guten Werke sind: Gebet, Fasten, Almosen- geben, Anhörung der hl. Messe, Empfang der hl. Kommunion, Gebrauch der Sakramentalien, Gewinnung von Ablässen, Verzeihung der Beleidigun- gen." In dem genannten Katechismus wird besonders der hl. Augustinus ange- führt, welcher schreibt: ,,Ein Vaterunser, aus dem Herzen gesprochen, zerstört die läßlichen Sünden eines ganzen Tages." Wie glänzend rechtfertigt hier die katholische Tradition eine Barbara Weigand, wenn diese es unter- nimmt, die Mitglieder des Liebesbundes zu einer schon vom hl. Augustinus empfohlenen frommen Übung anzuhalten, indem sie dieselben ermahnt, am Abend durch ein Gebet alle Gebrechen und Unvollkommenheiten, die bei den täglichen Gebeten unterlaufen sind, zu tilgen. Nicht hoch genug kann man es der Seherin von Schippach anschlagen, daß sie damit eine alte katholische Übung und Lehre betonte, welche in manchen katholischen Kreisen derart in Vergessenheit geraten ist, daß selbst ein Theologe wie Brander in ihr auf den ersten Blick nur Häresie vermutet. Riecht aber Barbaras Berufung auf die Verdienste Jesu Christi nicht gar zu sehr nach der bequemen protestantischen Lehre, derzufolge das Verdienst Christ alles, die guten Werke aber nichts bedeuten? Brander kann diesen Argwohn nicht los werden. Wie aber beruft sich denn Barbara auf die Verdienste Christi? Sind es denn nur allein diese Verdienste Christi, durch welche sie Nachlassung der bewußten Gebrechen und Unvollkommen- heiten erlangen will? Oder ist es nicht gerade ein gutes Werk, nämlich ein Gebet, in welchem sie mit der aus dem Verdienst Christi stammenden Gnade mitwirkt? Es gehört doch eine gute Portion kurzsichtiger Verbohrt- heit dazu, um letzteres zu übersehen. Und Brander übersieht derartiges immer dort, wo er eben nur auf solche Weise seine These von der Häresie Barbaras stützen kann. Hier paßt es ihm in den Kram zu zeigen, daß Barbara Ketzerei lehre, indem sie in übermäßi- ger Weise die Verdienste Jesu Christi heranziehe. An anderer Stelle kennt Brander hinwiederum kaum einen schärfer betonten Vorwurf als den, daß Barbara ein völliges Ungenügen (Insuffizienz) des Leidens und ganzen Mittleramtes Christi lehre! So verwickelt sich Brander gerade wieder bei einem seiner Hauptzüge in die offenbarsten Widersprüche. Denn das Weigandsche System, wenn es das Ungenügen des Verdienstes Christi lehrt,
266 kann doch nicht zugleich auch das Genügen des Verdienstes Christi betonen. Wollte man aber Brander so verstehn, als ob Barbara wirklich beide einander ausschließenden Lehren vortrage, dann würde Brander sich wieder darin widersprechen, daß er Barbaras Offenbarungen ein mit Raffi- niertheit zusammengestelltes System nennt; es wäre ja alsdann nur ein Haufe grober Widersprüche vorhanden, der allem anderen als eben dem Begriff des raffinieren Systems entspräche. Brander hat sich in der Zwick- mühle der ,,Widersprüche", in welcher er Barbara bloßstellen wollte, selber in jämmerlicher Weise gefangen.
Die Sache könnte zum Lachen reizen, wenn sie nicht vorderhand für Barbaras Ehre und guten Namen eine so bittere Wendung genommen hätte. Die Welt hat bis jetzt nur Augen und Ohr für die Brander'schen Anwürfe gehabt, so paradox und unsinnig die letzteren auch sein mochten. Und so konnte ein Menschenleben, das in wahrer Frömmigkeit, Demut, Edelmut, Opfersinn dahingeflossen war, in den Kot der schlimmsten Verketzerung niedergetreten werden. Wo eben die dem Übernatürlichen abgekehrte und mißtrauende Welt gegen eine Begnadigte das auf Ketzerei lautende Urteil gesprochen sieht, da trägt sie gerne das Holz zum Scheiterhaufen zusam- men, vor welchem sie sonst so emsig alle Ketzer zu retten sucht. So haben denn auch gewisse, sonst recht kritisch veranlagte Literaten- und Journa- listenkreise die Brander'schen Verketzerungen der Schippacher Offen- barungen mit dem stupidesten Köhlerglauben hingenommen und in der Presse wiedergekaut. Waren damit doch zwei der verhaßten Übernatürlich- keitsrichtung dienende Werke, Liebesbund und Sakramentskirche, in ihrer Wurzel und Herkunft schon als ketzerisch verfehmt. Denn den ursächlichen Zusammenhang jener Werke mit den nun allgemein als ketzerisch geltenden Schriffen von Barbara Weigand hatte ja Brander in der Tat unwiderleglich nachgewiesen.
Wie sehr muß aber gerade dieser Nachweis wieder der Rechtfertigung Barbaras und ihrer begonnenen Werke dienen, sobald eben der Wurzel- bezirk dieser Werke, die Offenbarungen der Seherin von Schippach, wieder von dem Verdachte der Häresie gereinigt sind! Und wie leicht dies letztere zu bewerkstelligen ist, dürften unsere Ausführungen doch wohl zur Genü- ge gezeigt haben. Der Nachweis des Zusammenhangs der Schippacher Offenbarungen mit dem Liebesbund und der Sakramentskirche aber, den Brander zum Kern und Stern seiner Argumentation machte, wird dann zum radikalsten, fundamentalsten Erweise des unversehrten katholischen Charakters und der sittlichen Güte der Schippacher Werke werden. Inzwischen jagt Brander noch seiner zweiten Absicht nach, nämlich auch den entfernteren Zweck, den Barbara verfolgt, d.h. ihr Projekt der Erneue- rung des katholischen Lebens, nach Kräften zu verketzern.
267 Brander kennt dieses großartige Projekt in seiner wahren Bedeutung sehr wohl und er kann sich der Güte und Herrlichkeit derselben kaum verschließen. Aber seine vorgefaßte Abneigung verdunkelt doch wieder gänzlich seinen Blick und legt auf seine Lippen gerade hinsichtlich dieser Seite der Schippacher Sache die schmachvollste Lästerung. So kommt er in seiner Broschüre zu folgenden Worten: ,,Welch schöner Plan! Zusammenschluß aller guten und getreuen Kinder der hl. katho- lischen Kirche, um einen Damm zu bilden gegen den herrschenden Zeit- geist! Nur schade, daß a) das Fundament dieses Dammes nicht der Fels Petri ist, sondern Barbara Weigand und ihre zwei Freundinnen und b) daß man den Damm bauen will nicht so sehr wegen des Unglaubens, sondern daß man umgekehrt den reißenden Strom des Unglaubens und der Sittenlosig- keit braucht, um seinen geplanten und erwünschten ,,Damm" bauen zu können." Wenn diese Worte nicht Unsinn sind, so sind sie Lästerung. Vielleicht sind sie Unsinn und Lästerung zugleich! Diesen Brander'schen Worten zufolge ,,braucht", d.h. erfand Barbara nur für ihre Betrugszwecke das Bild vom heutigen Strom des Unglaubens und der Sittenlosigkeit. In Wirklichkeit entspricht, wie Brander ausdrücklich behauptet, die Weigand'sche Annahme, daß unsere Zeit die schlechteste seit Beginn der Schöpfung sei, nur der ,,krassesten Unwissenheit aller geschicht- lichen Verhältnisse". Und dies behauptet ein Brander während der Regie- rungszeit des Hl. Vaters Benedikt XV., der sofort in seiner ersten Enzyklika das Bild zeichnete, ,,das Europa und mit ihm die ganze Welt bietet, ein Bild, wie es schrecklicher und trauriger seit Menschengedenken wohl nie geschaut wurde," das Bild einer ,,solchen Verwirrung der Geister und Verwilderung der Sitten, daß, wenn Gott nicht bald Hilfe schafft, der Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft nahe bevorzustehen scheint." Wahrlich, die Angaben Barbaras über den heutigen Zustand der Welt haben vom Felsen Petri aus die ausgiebigste Bestätigung erfahren! Barbara hat das traurige Bild der heutigen Welt nicht erfunden, sie ,,brauch- te" es nicht. Wohl aber brauchte oder bedurfte die Welt des von Barbara schon seit Jahrzehnten geschauten Planes einer Erneuerung der Welt in Christus und der Kirche, eines Planes, welchen Papst. Pius X. in seiner ersten Enzyklika so großartig bestätigte und darlegte, und welchen Papst Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika aufgreift und weiterver- kündigt. Will man aber das Wort vom ,,brauchen" des traurigen Weltbildes gelten lassen, dann kann man nur sagen, daß die beiden genannten Päpste dieses entsetzliche Bild in demselben Sinne und zu demselben Zwecke in ihren Rundschreiben gebrauchten oder anwendeten, zu welchem es auch Barbara Weigand in ihren Schriften angewendet hat.
268 Brander aber hat neben der Stimme der Seherin, die er verachtete, die Stimme des Papstes in dieser Frage der heutigen Weltlage gänzlich überhört. Er stimmt in dieser Frage mit dem Papste so wenig überein, daß er das vom Papste bestätigte Weltbild Barbaras als ,,krasseste Unwissenheit aller geschichtlichen Verhältnisse" bezeichnet. Brander steht also in seiner Auffassung der heutigen Weltlage nicht auf dem Felsen Petri. Und er will nun gerade eine Person, welche sich auch in dieser Frage als mit beiden Füßen auf dem Felsen Petri stehend erweist, in den Verdacht bringen, daß sie den Damm, welchen sie gegen den Strom der modernen Sittenlosigkeit und des modernen Unglaubens aufrichten will, nicht auf das Fundament des Felsens Petri, sondern auf demjenigen ihrer eigenen Person und der Person ihrer Freundinnen errichtet habe. Und diese unsinnige Verdächtigung sucht er mit folgender Deduktion zu stützen: ,,Dieser Liebesbund ist der Mittelpunkt zur Besserung der mensch- lichen Gesellschaft; das Fundament und der Mittelpunkt des Liebesbundes aber ist Barbara Weigand und ihre zwei Freundinnen. Immer betont Jesus in den Gesprächen: ,,Wer sich euch anschließtl!" Damit ist die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt; Papst, Bischöfe und Priester sollen sich an drei Jungfrauen anschließen, um die Welt zu retten!" Auch hier wieder eine ganz hyperkritische, pietätlose unbescheidene Auslegung einer ganz leicht im Sinne der kirchlichen Lehre auszulegenden Stelle! Wenn Barbara sich und ihre beiden Freundinnen als die Fundamente des von ihnen gegründeten Vereines bezeichnet, mußte sie dadurch not- wendig diesen Verein von dem allgemeinen Fundamente der ganzen Kirche, dem Felsen Petri, hinweggerückt haben? Wenn ich Benedikt und Scholasti- ka als die Fundamente des abendländischen Ordenslebens, oder wenn ein Ignatius von Loyola seine erste Exerzitienbetrachtung als das Fundament der von ihm gepredigten Lebenserneuerung, oder wenn ein Volksverein für das katholische Deutschland einen Windthörst und Ketteler als die Funda- mente seiner Organisation bezeichnet, sind dadurch alle diese von dem all- gemeinen Fundamente der ganzen Kirche, dem Felsen Petri, abgerückt wor- den? Oder kann nicht eben jeder Verein, jede Unternehmung innerhalb der Kirche außer dem generellen Fundamente, dem Felsen Petri, auch noch ihre speziellen Fundamente besitzen, welche selber wieder in das generelle Fundament, den Felsen Petri, fest eingebaut sind, und so das Ganze ihres Aufbaus nur um so inniger mit dem Felsen Petri verbinden? Und hat dies nicht eben Barbara bezüglich des Liebesbundes bewerk- stelligt, indem sie den innigen Zusammenschluß seiner Gründerinnen mit Papst, Bischöfen und Priestern aufs schärfste betont? Aber, so meint die Brander'sche Einrede, Barbara will ja weniger sich an den Papst, als vielmehr den Papst an sich und ihre Freundinnen anschließen, und damit ist die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt."
269 Dann wäre wohl auch damals die hierarchische Verfassung der Kirche gesprengt worden, als die arme Jungfrau von Siena, die hl. Katharina vom Papste und den Kardinälen verlangte, sich ihr und ihren Ansichten und Offenbarungen anzuschließen und demgemäß den Sitz der päpstlichen Hofhaltung von Avignon wieder nach Rom zu verlegen. Nach Brander'scher Auffassung hätten dann auch jeweils so manche heilige Ordensstifter die hierarchische Ordnung der Kirche gesprengt, indem sie den Papst von der Seite ihrer oft zahlreichen und mächtigen Gegner abzuziehen und ihn zum Anschluß an ihre, den Ordensstifter, Ansichten und Unternehmungen zu bewegen suchten und so oft bewogen haben. Nach Brander'scher Auffassung müßte dann überhaupt jede gute, das kirchliche Leben betreffende Idee immer nur im Kopfe des Papstes ent- springen. Vom Papst selbst müßte immer das zur Erneuerung des kirch- lichen Lebens gerade notwendige ,,Projekt" zuerst gefunden worden sein; denn der Papst darf sich ja nach Brander'scher Ansicht nicht an ein von anderer Seite dargebotenes Projekt anschließen, weil sonst die hierarchische Ordnung gesprengt werde. Daß eine solche Ansicht jedoch blanke Absurdität ist, liegt auf der Hand. Brander hat offenbar eine ganz verkehrte Auffassung vom Walten und Wir- ken des heiligen Geistes in der Kirche. Branders Ansicht über den Zusam- menschluß vom Papste mit den übrigen Gliedern der Kirche läßt sich nur aufrecht erhalten, wenn man den Papst als das einzige, und zwar inspirier- te Werkzeug des Heiligen Geistes in der Kirche ansieht. Um den rechten Zusammenschluß aller in der Kirche zum Zweck einer Erneuerung des kirchlichen Lebens zu bewirken, dürfte nur der Papst den Plan dieser Erneuerung zuerst fassen, damit eben nie der Papst sich dem Plane eines anderen Gliedes der Kirche anzuschließen bräuchte. Dem Papste also müßte der heilige Geist den betreffenden Plan direkt eingeben oder inspirieren. Nun ergibt sich aber aus der Lehre der Kirche, daß der Papst in seinem ober- sten Lehr- und Hirtenamt nicht die Inspiration oder Eingebung, sondern nur die Assistenz oder den Beistand des heiligen Geistes besitzt, sowie auch, daß er nicht das einzige Organ des heiligen Geistes in der Kirche ist. Die Kenntnis der ,,geschichtlichen Verhältnisse" unserer Kirche bestätigt aber die Lehre der Kirche. Oftmals hat sich der heilige Geist anderer, und gewöhnlich unansehnlicher, demütiger, ungelehrter Glieder der Kirche und unter ihnen nicht selten schwacher Jungfrauen bedient, um seine Pläne für die Erneuerung des kirchlichen Lebens zur Kenntnis des Stellvertreters Christi in Rom zu bringen. Und unter dem oft ganz sichtlichen Beistand des heiligen Geistes haben die Päpste trotz der Bedenken, welche die Welt und
270 deren fleischliche Klugheit geltend machte, die vielfach verhöhnten und verketzerten Pläne der verachteten Diener Gottes entgegengenommen, sich selber diesen Dienern Gottes und deren Plänen bestätigend, segnend, auf- munternd, angeschlossen. So hatte in unseren Tagen Papst Leo XIII. aus den Händen einer schwachen Jungfrau den Plan der Weltweihe an das göttliche Herz Jesu entgegengenommen; desgleichen Papst Benedikt XV. den der Thronerhebung des hl. Herzens aus den Händen eines armen Ordens- mannes. Und mit welcher Freude und kräftigen Unterstützung haben sich nicht beide Päpste den bewußten Personen und ihren Plänen angeschlossen! Sie wollten gewiß mit diesem Anschluß nicht die hierarchische Ordnung der Kirche sprengen und haben sie nicht gesprengt. Barbara Weigand kann also über den sittlichen Wert und katholischen Charakter ihres Welterneuerungsplanes vollkommen beruhigt sein. Der Damm, welchen sie mit der Erneuerung des katholischen Lebens dem Unglauben und der Sittenverderbnis entgegengesetzt hat, ruht mit seinen Fundamentquadern tief in dem Felsen Petri. Wären nur auch die Ansichten und Absichten ihrer literarischen und journalistischen Gegner ebenso tief in dem Felsen Petri fundamentiert! Dann würden diese Gegner nie der Sache von Schippach feind geworden sein. So erscheinen die Gründungen der Seherin von Schippach, eucharisti- scher Liebesbund und Sakramentskirche auch in ihrem Endzweck, der Erneuerung des katholischen Lebens, als kirchlich korrekt durchaus gerecht- fertigt. Damit fällt aber auch der Brander'sche Einwand, daß die Schippacher Werke gefährlich seien. Was kirchlich korrekt ist, kann nicht gefährlich sein: Welche Gefahren sollte auch ein religiöser Verein bieten, der sich so eng an die kirchliche Hierarchie anschließt und sich so ganz und gar der Leitung der kirchlichen Autorität anheimgibt? Wahrlich, es gibt doch heute ,,katho- lische" und interkonfessionelle Vereine genug, deren Anschluß an die kirch- liche Hierarchie mehr als problematisch ist und die sich oft geradezu zum Grundsatz machen, die Unterwerfung unter die Leitung der kirchlichen Autorität abzulehnen; wir haben aber Brander diesen Vereinen gegenüber nicht auf dem Plane gesehen, von den Blättern aber, die unter Branders Führung gegen Schippach eiferten, treiben die meisten für solche Vereine die regste Propaganda. Haben diese Gegner von Schippach irgend welches Recht, von den ,,Gefahren" des eucharistischen Liebesbundes und der Sakramentskirche zu reden? Und um speziell noch von der Sakramentskirche zu reden, welche Gefah- ren für Glauben und Sitten soll dieselbe in sich bergen, da doch ihre spätere Verwaltung ganz unter der Leitung des Diözesanbischofs und der bischöf- lichen Behörde stehen wird? Kein Priester wird an ihr angestellt werden,
271 den eben nicht der Bischof gesandt und angestellt hat; keine Funktion wird in ihr vorgenommen, welche nicht mit der Genehmigung, und dem Willen der kirchlichen Vorgesetzten geschieht. Die Gefahr aber, daß in ihr Irrtümer gepredigt werden, ist gewiß nicht größer, als in jenen Kirchen, in welchen Gegner von Schippach predigen. Wir brauchen uns nur an die Menge irriger Ansichten und schiefer Ideen zu erinnern, welche ein Dr. theol. Vitus Brander, sowohl was die mystische als auch die sonstige Theologie betrifft, auf seinem gegen Schippach gerichteten Kreuzzug entwickelt hat. Es bleibt schließlich nur der Einwand Branders, daß die Werke von Schippach entbehrlich, d.h. überflüssig seien. Und zwar deshalb entbehr- lich, weil schon andere ähnliche Werke in der Kirche bestehen. Das ist der törichteste aller verkehrten Einfälle, mit welchen Brander die Schippacher Sache attackiert. Auf Grund dieses Einwandes könnte man jeden neuen Orden, jede neue Bruderschaft, jeden neuen kirchlichen Verein, jede neue Wallfahrtskirche usw. für entbehrlich erklären. Wie müßte dann aber das kirchliche Leben allmählich stagnieren und eintönig werden! Es wäre gar bald seiner prächtigen und praktischen Mannigfaltigkeit, seines tausendfältigen Blütenschmuckes beraubt. Und beraubt auch jener wohl- tuenden Freiheit des Geistes, wie sie auf dem Grunde des kirchlichen Glaubens und der kirchlichen Disziplin gerade durch die mannigfaltige Entwicklung des kirchlichen Lebens ermöglicht ist und sich dokumentiert. Daß diese Freiheit gerade auch den Liebhabern einer intensiveren Frömmigkeit, den Freunden jener höheren Vollkommenheit, wie sie die Mystiker lehren, den Gottesfreunden, wie sie das Mittelalter nannte, gewahrt bleiben muß, sehen freilich Männer wie Brander, Zahn, A. Ludwig u. a. nicht ein. Wo immer eine kontemplativ veranlagte Seele ihre höheren Wege geht, ihre tiefere Auffassung des Lebens und der Welt betont, die vom Standpunkt ihres übernatürlichen Wissens und Schauens praktisch in das Leben eingreifen will, rufen ihre gleichgestimmten Freunde sogleich nach der Inquisition und, wie im Falle von Schippach, auch nach der Staatsgewalt und dem Polizeistock. Irrenanstalt oder Gefängnis erscheinen ihnen als die geeignetsten Aufenthaltsorte für solche Begnadigten, je nachdem die moderne Psychopathographie und ähnliche Wissenschaften auf Hysterie, Betrug oder Säuferwahnsinn erkannt hat. Dort können dann die Begnadig- ten ihre Kontemplationen darüber anstellen, daß die moderne Theologie eine Geistesfreiheit nur für die natürliche Dressur des Geistes und nur für die ordinären Wege der Frömmigkeit anerkennt, während sie alles, was über dieses Niveau hinausgeht, als entbehrlich mit Gewalt aus dem Wege räumt. Man könnte, jenen terroristischen Angstmaiern, die auf eine wahre Verfolgungswut gegenüber allen Erscheinungen des mystischen Lebens ver- fallen, am besten das Löschhorn ins Wappen setzen. Denn der horror rerum
272 supernaturalium, die knieschlotternde Angst vor den mystischen Dingen, welche diese Leute und ihren ganzen Stammbaum seit den Tagen des Humanismus befangen hält, hat bei uns in Deutschland so gründlich ,,den Geist ausgelöscht", daß während der letzten vier Jahrhunderte nur 5 Heili- ge deutscher Nation kanonisiert wurden. Nicht als ob während dieser langen Zeit nicht noch viele andere, wahrhaft heilige und begnadigte Seelen im deutschen Volke gelebt hätten. Aber die Vorsehung hielt sie im Verbor- genen, um der Kirche das Leid zu ersparen, das ihr aus der Verfolgung erwächst, welche die eigenen Söhne und sogar Priester der Kirche zur größ- ten Freude des Irr- und Unglaubens regelmäßig beim Bekanntwerden mysti- scher Zustände und Erscheinungen gegen die Träger solcher Begnadigun- gen mit Fleiß erregen. Eine naturalistische und rationalistische Richtung im katholischen Lager Deutschlands glaubt, daß das katholische Leben in unserem Land der höheren Wege der Vollkommenheit und Mystik entbeh- ren könne und entbehren müsse. Und so entbehrt tatsächlich Deutschland seit den letzten Jahrhunderten jenes wundervollen Flors der Heiligen, welche bereits der Prophet als die herrlichste Zierde des Reiches Christi gepriesen hat, indem er dem kommenden Erlöser zurief: ,,Mit Dir ist die Herrlichkeit am Tage Deiner Kraft im Glanze Deiner Heiligen." Möge die Zeit wiederkehren, wo dem Glanze der Heiligkeit und dem Wehen des Heiligen Geistes auch in unserem Vaterlande wieder freie Bahn geschaffen ist. Dazu ist notwendig, daß sich vor allem unsere Priester und Theologen erinnern, daß sie sich befähigen müsssen, nicht etwa die Ver- folger, sondern die geistlichen Führer frommer und begnadigter Seelen zu sein. Diese Befähigung erlangen sie aber nicht an den Pfützen des Rationa- lismus und bei den Trebern des Modernismus, sondern nur bei der gesun- den und reichen Kost des Vaterhauses, wie sie auch in der Mystik nur die Tradition der katholischen Kirche bietet. Anstatt mit dem Abhub einer fälschlich sogenannten Wissenschaft des Irr- und Unglaubens mögen unsere Priester mit den großen Meistern der mystischen Theologie der Vorzeit sich mehr und mehr beschäftigen. Dann werden uns Irrwege und Ärgernisse, wie sie in der Bekämpfung der Sache von Schippach wieder offenbar wurden, erspart bleiben.
273 THEOLOGISCHE WÜRDIGUNG ÜBER BARBARA WEIGAND
v. P. Bonifatius Günther OCD Zur Beurteilung der Aufzeichnungen der Barbara Weigand lagen mir 48 Notizbücher, sowie zwei große Hefte vor, dazu auch die Schrift von Dr. Vitus Brander ,,Die Seherin von Schippach" und die Biographie von DDr. Wilhelm Büttner ,,Barbara Weigand von Schippach." Wenn man den Maßstab, den das Leben und die Schriften echter Mystiker bieten, hier anlegt, gewinnt man den Eindruck: Die Offenbarungen der Barbara Weigand sind glaubwürdig. Für deren Echtheit spricht: a) Die geradezu rücksichtslose Aufdeckung der ganzen Armseligkeit des Werkzeuges, dessen sich der Herr für seine Pläne bedient hat. b) Die Tatsache ihres heroischen Lebens c) Das Bild Gottes, das man aus den Aufzeichnungen von ihm gewinnen kann. Zu diesen Themen ist im einzelnen zu fragen:
1. Enthalten die Aufzeichnungen Verstöße gegen die kirchliche Lehre? Bei manchen Stellen scheint es der Fall zu sein. Nun muß aber doch berücksichtigt werden: Auch in den Schriften heiliger Mystiker gibt es Irrtümer. Poulain, S. J. führt in seinem zweibändigen Werk die Fülle der Gnaden (im 2. Band) dreißig Beispiele frommer Personen an. Darunter jene der hll. Gertrud, Hildegard, Norbert, Vinzens Ferreri. (S. 35) Er betont aber zugleich: Die Fehler sind nicht so häufig und von unter- geordneter Bedeutung. Und wenn die eine oder andere Offenbarung falsch ist, folgt keineswegs, dass auch die Ekstasen unecht sind. (S. 34) Als Aussprüche in den Aufzeichnungen der Barbara Weigand, die der Lehre der Kirche nicht entsprechen, seien, nur die wichtigsten angeführt: ,,Tag um Tag lasse ich mich hinschlachten im hl. Messopfer durch die Hände des Priesters auf geheimnisvolle Weise, und selbst der Priester kennt mich nicht. Er schlachtet mich und geht hinaus aus der Kirche und schaut sich nicht mehr um nach seinem Gott, den er eingeschlossen hat in die hölzerne Tür... ,,Die Welt erkaltet in der Liebe. Mein Eucharistischer Leib ist verschmäht und verachtet. Er wird zerrissen von Tag zu Tag immer mehr. Ein Stück um das andere löst sich los von meinem Eucharistischen Leib und vermodert in
274 der Sinnlichkeit..." wahrscheinlich ist der mystische Leib gemeint. (S. 31 - 1899/249) ,,Als die Wandlung vorüber war, sah ich neben dem Priester meinen ver- storbenen Beichtvater mit ganz weißem Gewand, jedoch nicht deutlich. Als der zelebrierende Priester die hl. Kommunion empfing, sah ich wie die weiße Gestalt sich mit dem Priester in der hl. Hostie vereinigt." (S. 6 - 95/6) Christus sagte: ,,Ich war gestern so bedrängt durch die Todsünden und konnte dir nichts mitteilen". (S.30-1908/289) ,,Du mußt wissen, das Kloster, die Klostmauern sind nur gebaut für diejenigen, die in der Welt zu schwach sind". (S.32-1896/70)
Nun finden sich aber in den Aufzeichnungen selbst bereits die Richtig- stellungen. ,,Obwohl ich im Tabernakel mit Fleisch und Blut gegenwärtig bin, habe ich aber nur einen verklärten, einen leidensunfähigen Leib." (S. 18 - 1906/260) ,,Ich bin zurückgekehrt in den Schoß meines Vaters ... deshalb bin ich leidensunfähig." (S. 114/15 - 1896/70) ,,Weil ich leidensunfähig bin, so lege ich meine Schmerzen auf meine liebsten Kinder." (S. 90 - 1901/104) Bei Beurteilung der Aufzeichnungen sind dann besonders die Stellen wichtig, in welchen die Begründungen gegeben werden, warum das eine oder andere falsch ist oder anstößig erscheint. Deshalb kann auf die Anführungen weiterer solcher Stellen verzichtet werden. Als Gründe für die Unrichtigkeiten in den Aufzeichnungen sind folgen- de angegeben: ,,Gott muß sich anpassen, damit das armselige Wesen ihn verstehen kann." (S. 14 - 1998/172) ,,Der Geist des Menschen ist verbunden mit meinem Geist, wenn ich in ihm wirke. Er fasst es nach seiner Auffassungsgabe auf und so kommt es manchmal vor, dass ein kleiner Irrtum einschleicht und ein andermal lasse ich es zu, um die Seele in der Demut zu üben und sie vor der Selbstgefällig- keit zu bewahren." (5.10/11 - 1999/264) ,,Weil der Mensch aus Leib und Seele besteht und der Geist doch auch mit seinem Menschenherz verbunden bleibt, kommt es vor, daß er manch- mal zu dem, was ich rede seine Gedanken mit einmischt." (S. 127 - 1896/51) Barbara fragt einmal: ,,Wie kommt es aber, daß ich verstanden habe: ich hätte jetzt eine Zeitlang Ruhe. Jetzt wird man erst recht sagen: ich bin eine Schwindlerin." (Sie hatte nämlich keine Ruhe.)
275 ,,Meine Tochter", erhielt sie zur Antwort, ,,kümmere dich nicht, lass andere nur sagen was sie wollen. Freilich hättest du gerne Ruhe gehabt. Der Mensch ist einmal so. Er möchte gerne in der Ruhe seinen Himmel verdie- nen und zum Leiden sind die allerwenigsten bereit; denn alle gehen gern einen bequemen Weg. Und das ist auch bei dir der Fall. Darum wundere dich nicht. Ich habe dir neulich gesagt, daß sich dein Geist manchmal mit einmischt, besonders wenn du etwas wünscht und gern hättest, daß ich es dir tue. Du möchtest gern deinen Willen durchführen und nicht den meinen, darum glaubst du, wenn du mir etwas vorschwätzt, so würde ich es tun wie du willst. Ich will aber nicht, ich will daß die Menschen und die Diener meiner Kirche gerade an deinem Leiden sehen sollen, daß ich es bin, daß das Leiden ein Kennzeichen ist, daß meine Hände im Spiele sind!" (S. 147 - 1896/51) Ausdrücklich heißt, es: ,,Die Vorgesetzten haben die Pflicht, nicht sogleich und absolut zu glauben." (S. 12/13 - 1898/51) Einem Leser wurde geraten: Er studierte die Schriften, ohne an Kleinigkeiten Anstoß zu nehmen. Was er aber kindisch und mangelhaft findet, soll er ruhig streichen. (S. 39 - 1899/225) An anderer Stelle heißt es: ,,Wo ein Fehler vorkommt, soll er verbessert werden." (S. 57 - 1897/113) Der Verfasserin eines guten Buches wird gesagt: ,,Sie soll nur den Honig aus den Hülsen herausziehen und ihn meinen Kindern zu verkosten geben. Was sie in den Schriften findet, ist noch in deine Worte eingekleidet und viele können es nicht fassen, weil sie von den großen Hülsen nichts anneh- men." (S. 40 - 1901 - 104) ln einer Erscheinung sagte ihr die hl. Barbara: ,,Du glaubst getäuscht zu sein, aber wisse, um sich der Fassungskraft der Menschen anzupassen, zeigt sich der liebe Gott seinen treuen Kindern nur in Bildern und Gleichnissen wie der Sohn Gottes es auch tat, als er persönlich zu den Menschen redete. Was du hier siehst, ist nur bildlich gezeigt und deutet auf den Lohn der Tugend, die die verklärte Seele im sterblichen Leben geübt hat." (S. 54 - 1900/1) Diese Worte: ,,nur bildlich gezeigt" sind sehr wichtig. Sie erklären, was sonst sehr schwer verständlich ist: daß Christus als Kreuzträger erscheint, daß das Herz der Mutter Gottes von sieben Schwertern durchbohrt ist, daß sie weint. Eindeutig heißt es: bildlich gezeigt. Christus trägt kein Kreuz mehr. Die Mutter Gottes weint nicht mehr, das Leiden ihres göttlichen Sohnes und das ihrige war mit seinem und ihrem Tod entgültig vorbei. Beide sind jetzt leidensunfähig.
276 Wenn Mystiker aber sehen, daß Christus leidet und die Mutter Gottes weint, dann kann man nicht sagen: Christus oder die Mutter Gottes täuschen hier. Bei Gott ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines. Was hier bildlich gezeigt wird, hat sich in den Kartagen als Wirklichkeit zugetragen. Auch unsere Sünden hatten damals Jesus und Maria vor Augen, auch über unsere Sünden haben sie geweint, auch für unsere Sünden haben sie gelitten. Durch die Erscheinungen Christi als Schmerzensmann und der Gottesmutter als Schmerzensmutter soll den Mystikern und den Gläubigen nur lebhaft zum Bewusstsein kommen, was wir durch unsere Sünden ihnen angetan und was sie für jeden einzelnen gelitten haben.
Darum schenkte Gott die Leidensvisionen einer Katharina Emmerich und einer Therese Neumann. Darum die Mutter-Gottes-Erscheinungen in La Salette und die weinende Madonna in Syrakus. Die Menschen sollten dadurch angeregt werden sich zu bessern, Gott treuer zu dienen und ihn inniger zu lieben.
Es ist allgemeine Ansicht der Gottesgelehrten, daß Christus nach seiner Himmelfahrt keinen mehr auf Erden in seinem verklärten Leib erschienen sei, außer dem hl. Paulus bei seiner Bekehrung. Deshalb verlieren aber echte Christuserscheinungen nicht an Wert. Hieronymus Jaegen schreibt in seinem Buch ,,Das mystische Gnadenleben" S. 52: ,,Der Heiland, der als Gott allgegenwärtig ist, kann überall einen von einem Engel gebildeten Christus- körper beleben, während er gleichzeitig als Gott mit seinem verklärten Leib im Himmel bleibt."
Also ist Christus durch seine allgegenwärtige Gottheit wirklich da und will unter den dargebotenen Darstellungen der verschiedenen Szenen seines Lebens und Leidens jeden von seiner Liebe überzeugen, Teilnahme, Mitleid, Vertrauen und die Gegenliebe seines Kindes erwecken und vermehren.
Ich betone darum nochmals: Die abgrundtiefe Liebe des Herrn erlebt der Mystiker also wirklich. Diese kann aber auch jeder Gläubige an sich erfah- ren, wenn er demütig und voll Vertrauen an Christus glaubt und ihn liebt. Ausdrücklich sagt der hl. Paulus: ,,Sofern ich noch im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich geopfert hat." (Gal. 2,20) Er betont also nicht sein Erlebnis vor Damaskus oder sein Verzücktsein in den dritten Himmel, sondern den Glauben an den Sohn Gottes. Tatsächlich gibt der einfache kindliche Glaube eine größere Sicher- heit als alle mystischen Erlebnisse und schenkt der Glaube und das Leben nach dem Glauben immer innigere Verbundenheit mit Christus und größe- re Verähnlichung mit ihm.
277 2. Schwierigkeiten für die Schriften der Barbara Weigand ergeben sich auch aus ihren Prophezeiungen: Bischof Haffner erklärte: ,,Barbara Weigand sagt Strafprophezeiungen voraus." Ich sehe aber keine Strafen. (S. 64 - 1910) Vier Jahre danach hat man sie aber im Weltkrieg erlebt. Barbara Weigand teilt hier das Los mit anderen Propheten. Man denke bloß an Jonas: Vierzig Tage, und Ninive wird unter- gehen. Es ist aber nicht untergegangen, weil seine Bewohner Buße getan haben. Bei Strafprophezeiungen darf nie übersehen werden: Bessern sich die Menschen, dann vollzieht Gott die Strafe nicht, wie es bei Ninive der Fall war. Außerdem fällt sehr in die Waagschale, wieviel Gerechte noch da sind. Hätte Sodom und Gomorrha noch zehn Gerechte gehabt, wäre es nicht untergegangen. In den Aufzeichnungen heißt es: ,,Gott ist langmütig und unendlich gut. Eine Seele, die sich ihm entgegenwirft, kann ein ganzes Land verschonen." (S. 45 - 1898/198) Ferner bringen die Aufzeichnungen der Barbara Weigand auch für das Nichteintreffen mancher Prophezeiungen gute Erklärungen: So klagt sie einmal: ,,O Herr, ich bin so gedrückt, weil ich doch meine, daß du mir versprochen hast, daß ich unter P. Alfons sterben werde. Jetzt ist P. Alfons und P. Ambrosius gestorben und so war es also unrichtig, was ich gehört habe." Sie bekommt zur Antwort: ,,Wie kleinlich bist du doch, daß du meine Sprache nicht verstehst. Damals, als ich diese Worte an dich richtete, handelte es sich nicht darum, ob du zu P. Alfons oder P. Ambrosius zur Beichte gehst; damals handelte es sich darum, dein Gemüt über den Verlust deines Bruders zu beruhigen, weil du glaubtest, durch seinen Tod deine Existenz zu verlieren und diese Stadt verlassen zu müssen. Darum gab ich dir die Versicherung, daß du nicht mehr aus Mainz gehen würdest, daß ich hier deine Existenz sichern werde und daß du immer wieder in der Nähe dieser Ordensmänner sein werdest: Es kommt auch die Zeit, wo du wieder unter ihrer Leitung stehen wirst. Du mußt nicht alles beim Buchstaben nehmen. So wie ich zu meinen Lebzeiten in Gleichnissen gesprochen habe, so auch hier. Ihr aber nehmt es buchstäblich und lasst euch verwirren." (S. 28/29 - 1904/243) Ein andermal wird Priestern aufgetragen: Sie sollen so zielbewusst handeln, als ob sie ganz sicher wüssten, daß alles zum besten der Kirche und der geistlichen Orden gereichen werde; denn der Herr bejaht die Absicht, nicht den Erfolg. Der Erfolg ist aber immer bei seinen Geschöpfen an gewis- se Bedingungen geknüpft. Wenn er zum Beispiel durch ein von ihm erwähl- tes Geschöpf irgend eine Botschaft oder Strafe ankündige, so knüpfe er die Ausführungen seines Planes immer an Bedingungen. Wenn er den Völkern Strafen ankündigt, nimmt er sie zurück oder hält sie auf, wenn seine Geschöpfe seine Autorität wieder anerkennen.
278 Als er der Jungfrau einen Engel gesandt, hat er nicht direkt gesagt ,,du mußt", sondern ,,ich will und will wissen, ob auch du gewillt bist". Obwohl er den Messias verheißen hatte, hätte er die Verheißung doch zurück- genommen, wenn die dazu berufene Jungfrau nicht eingewilligt und nicht mitgewirkt hätte. Dann sei aber nicht der Bote zu tadeln. Die Ankün- digung gehe in Erfüllung oder nicht, je nach dem Wollen oder Nichtwollen seiner Geschöpfe. daß sie nämlich absolut den Erfolg voraus wissen wollen, sei ein Eingriff in seine Rechte. Diese behalte er sich allein vor. (126/7- 1901/104) Als Barbara Weigand ein andermal wieder glaubt, sie wäre von Christus getäuscht worden, sagte er ihr. ,,Wenn ich um euertwillen die Welt verscho- nen kann, kann es euch dann nicht einerlei sein, ob ihr Märtyrer der Liebe oder des Blutes seid; denn wenn ich es so mache, wie ich es euch gesagt habe, so gibt es Märtyrer genug. Wenn ich um euertwillen die Welt verscho- ne, habt ihr doch genug gewonnen, oder wollt ihr lieber Märtyrer des Blutes oder der Liebe sein." (S. 139 - 1901/104) Einleuchtend ist auch folgendes: Die Prophezeiung: Papst Leo XIII. werde das nächste Rosenkranzfest nicht mehr erleben, ging nicht in Erfüllung. Warum nicht? Zehn Jungfrauen Frankreichs hatten den Hl. Vater schriftlich ex voto ein Jahr ihres Lebens abgetreten. (S. 123 - 1902/166) Neben den Prophezeiungen der Barbara Weigand, die sich nicht erfüll- ten, gibt es aber solche, die in Erfüllung gingen. Schon 1900 soll sie verkün- den: ,,Die katholische Kirche darf nicht mehr geknechtet werden, wenn die Kronen der Herrscher bewahrt bleiben wollen." (S. 16-A - 19.00/280) Ein Auftrag lautet: ,,Die Bischöfe sollen dem Kaiser unumwunden sagen, daß er für seine Krone zittern soll, wenn er nicht dafür sorgt, daß die katho- lische Kirche die gleichen Rechte wie die Protestantische genieße." (S. 7 - 1901/48) ,,Die Bischöfe sollen ein Zirkular herumgehen und alle Katholiken unter- zeichnen lassen, daß sie die gleichen Rechte beanspruchen wie die Prote- stanten, die ungestraft von der Regierung uns Katholiken in unserer Religi- on verspotten dürfen, während ganz Deutschland ein Zetergeschrei erhebt, wenn das Oberhaupt der Katholiken warnt. Es muß betont werden, ob die Regierung nachweisen könne, daß die Katholiken ihre Pflichten als Steuer- zahler und treue Staatsbürger nicht so erfüllten wie die Anhänger von Luther. Dieser Zirkular sollen die Katholiken an den Kaiser schicken und ihm sagen, er könne versichert sein, dass, wenn er länger diese Gehässigkeit in seinem Lande duldet, wir einer blutigen Revolution entgegengehen. Er möge nach Frankreich schauen und dort sehen, dass, immer mit dem Sturz der Altäre, auf denen das wahre Kreuzesopfer dargebracht wird, auch der Sturz der Throne folgen werde." (S. 59/61 - 1910)
279 Barbara Weigand sah auch einen furchtbaren Kampf. Ob er jedoch geistig und wirklich zu verstehen ist, muß die Zukunft klären. (Hieß es damals). Es schien, als gehe alles gegeneinander. Die Luft war angefüllt mit Mord- instrumenten. (S. 87 - 190/01) Eine andere Prophezeiung lautet: ,,Siegreich wird die Kirche hervor- gehen, ehe aber dies geschieht, wird ein großes Blutbad die Erde tränken und ein Wehegeschrei wird sie erfüllen, wenn die Menschen sich nicht bekehren." (S. 138 - 1895/6 - 1) Schließlich erfüllte sich auch die Verheißung: ,,Der Nachfolger des Heili- gen Vaters (Leo XIII.) soll sehen, wie die Kirche nach außen hin ihr Licht verbreitet, wie sie zum Sieg geführt wird." (S. 21 - 1899/195) Die Kirche hat den Sieg unter Pius X. bis Pius XII. erlebt. Die Aufzeichnungen der Barbara Weigand zeigen auch, wie dringend das zielbewusste Vorgehen des hl. Papstes Pius X. gegen den Modernismus war. Ein Gymnasiast kam heim: ,,Mutter, was meinst du, unser Professor sagte heute: Die Lehre vom Schutzengel sei ein Märchen. Man sollte nicht glau- ben, daß die Kinder vom Schutzengel beschützt seien, wenn sie fallen. Kinder hätten biegsame Knochen." (S. 113 - 1905/252) Ein Professor in München hat in einer öffentlichen Versammlung die Unbefleckte Empfäng- nis verspottet. Barbara Weigand bekommt den Auftrag für die Schmach, die der Mutter des Herrn dadurch angetan wurde, allwöchentlich eine Wall- fahrt in die Nähe von Mainz zu machen. (S. 2 - 1903 - 212). ,,Die letzte Woche war ein abgefallener Priester in Aachen und hielt Vorträge über die Ehe und die Mutter Gottes und stellte die Mutter Gottes neben ein gefallenes eheloses Weib." (S. 99 - 1908/289) Neuerer gaben vor, die Kirche zu einem reineren Glauben zurückzuführen. (S. 39 - 1896/70) Darum redete diesen der Herr ernst in das Gewissen: ,,Auch die gelehr- ten Geister, die in der Theologie bewandert sein wollen, sind vor meinen Augen nur arme bunte Schmetterlinge, die sich schön vorkommen, weil sie bunte Farben tragen, die ich ihnen gegeben habe. So ist jeder, der sich in dieser Wissenschaft ausgebildet glaubt und gefällt, die aber ich, sein Herr und Gott ihm gegeben habe, weil ich durch ihn andere belehren und zeigen will, wie groß der Geist sein müsse, der solches in einem armseligen Menschenherz erschaffen kann. Sieh, du armer Gelehrter, der du nicht mehr an die Wunder glauben willst, ein bunter Schmetterling bist du, der sich in seinen Farben gefällt und tummelt, dem die Kinder nachlaufen und ihn fangen wollen, und den ich vor ihren Augen vernichte und ins Grab der Verwesung stürze. Sieh, auch du hochgelehrter Geist! Ein Schmetterling bist du, dem ich die Wissenschaft gegeben, und wenn ich sie dir am Rand des
280 Grabes nehme, sinkst du zurück in den Staub der Erde, von der ich dich genommen habe. Aber den einfachen kindlichen Glauben, den ich dir geben will, von dem ich sehnlichst wünsche, daß du zu ihm zurückkehrst, den wird dir niemand nehmen. Er wird mit dir hingehen vor die goldene Pforte, vor das große Tor, das abschließt mit der Zeit und einführt in die Ewigkeit. Der kindliche Glaube wird übergehen in volles Schauen, und du wirst alles, was dir jetzt dunkel vorkommt in vollem Lichte und Glanze sehen und begreifen, warum ich dir so manches hier in dieser Prüfungszeit dunkel sein ließ. Du mußt wissen, daß ich allein Gott bin und alle Weisheiten mir vorbehalte." (S. 104/6-1897/125) Unter den vielen Erlebnissen mit den armen Seelen ist auch folgendes aufgezeichnet: ,,Auf einmal trat ein Mann vor mich hin und sagte: Ich bin Professor Schell, der in Würzburg gestorben ist. Hätte ich es auch nur so gemacht wie du. Du hast deinen Geist in die Höhe der Gottheit erschwun- gen und ich habe meinen Verstand gebraucht, um zu glänzen. Es war der Stolz, der mich veranlasste, dich hervorzutun durch die Wissenschaften, die den Reichen schmeichelten." Ein andermal sagte er: ,,Deine Schriften kommen von Gott und führen zu Gott, die meinen kommen aus der Vernunft und führen zum Irdischen und wer sie liest, nimmt Seichtes und Leichtes in sich auf. Sie enthalten viel irri- ge Lehren und das Gift, welches durch dasselbe ausgestreut ist unter den Gelehrten, ist nicht beseitigt, obwohl ich meinen Irrtum wieder gutmachen wollte und reumütig, gestorben bin. Darum tue mir den Gefallen, deinem Bischof mitzuteilen, er möge doch alle Bischöfe in ganz Deutschland auffor- dern, daß sie alle einstimmig dem Dekret des Hl. Vaters an den Wiener Professor Commer zustimmen; denn der Papst hat die Ehre Gottes im Auge, die durch das Gift, das durch meine Schriften in die Herzen vieler Gelehrten eingedrungen ist, sehr geschmälert wird. Die Ehrung, die mir durch Errich- tung eines Denkmales zugedacht ist, gilt bei vielen mehr dem Geist meiner Schriften als meiner Person. Ich bin zwar gerettet, aber wie sehr wünschte ich gutzumachen, was ich gefehlt habe. Ich gabe es gut gemeint, ich wollte alles vereinigen, aber ich habe einen großen Missgriff getan. Es muß jetzt darauf hingearbeitet werden, daß das Gift wieder beseitigt wird, was die Leser meiner Schriften in sich aufgenommen haben." (S. 98/100 - 1907/276) Ernst sind auch folgende Worte: ,,Er will das ganze Herz des Menschen besitzen. Nun ist aber dieses Christenleben so in den Materialismus einge- wurzelt, daß der Christ sich von ihm nicht mehr loslösen kann, und die mei- sten Menschen keine halbe Stunde mehr für Gott übrig haben, um ihm den schuldigen Tribut darzubringen. Wo soll er nun seine Verherrlichung suchen. Soll er sich freuen, wenn er sieht, wie Satan täglich sein Reich und seinen Thron schöner ausschmückt und ziert. Satans Reich und Thron sind
281 all diejenigen, die ihm Handlanger sind um alles Böse, alles Gift in die Welt hineinzustreuen und all diejenigen, die in der Hochschule sitzen, den Unglauben dem armen Volk lehren, die die Jugend vergiften. Handlanger, um den Thron Satans aufzurichten, sind aber auch all jene, die es nur darauf abgesehen haben, dem Volk Vergnügen zu verschaffen und so den Glauben aus den Herzen zu reißen, indem sie ihm jeden Tag neue Spiele auftischen um das Herz mit lauter Vergnügen, Putz und Tanz zu verstricken." (S. 80/81-1899/256) Treffend sich auch folgende Worte: ,,Die meisten Christen sind wankel- mütig. Sie haben Zweifel und lassen sich von jedem Wind wie ein schwan- kendes Rohr hin- und herwehen. Es kommt dies durch die vielen Schriften, die verbreitet werden und die vielen bösen Beispiele, die auf alle Menschen einwirken. Sie saugen alle diese unreine Luft in sich ein. Sie werden mutlos und lassen von ihrem ersten Eifer nach. In mancher Seele erwachen Gedan- ken, die ihnen nie gekommen waren und Ängste, Nöte und Zweifel bedrän- gen das arme Christenherz in der jetzigen Zeit." (S. 2 - 1898/198) Bezeichnend ist: ,,Einige meiner Diener meinten, man müsse mit der Welt übereinstimmen. Es sei nicht mehr die Zeit vom Wunderglauben zu reden; denn auch die guten Christen glauben nicht mehr daran, besonders nicht mehr die Reichen, die seien aufgeklärt und sagen, man wisse jetzt, woher der Wunderglauben stamme." (S. 37 - 1898/185) ,,Schon ein ganzes Jahrhundert wurde darauf hingearbeitet, eine Staats- religion einzuführen und jetzt geht man mit einer Schlauheit vor, um den anderen Glauben zur Geltung zu bringen." (S. 37 1901/1) Interessant ist auch folgendes: ,,Seht, die einzige Ursache, warum ich zulasse, daß all die Sekten sich überall in Ruhe und Frieden ausbreiten, ist nur eine Strafe für meine Kirche. Ich will meinen Dienern zeigen, daß ich der Herr und daß ich mit meiner Kirche unzufrieden bin. Solange sie sich nicht tief demütigen können, sind alle ihre Reden und Arbeiten umsonst. Selbst wenn ihr noch so viele Vereine stiftet wird es euch wenig nützen wenn ihr, die ihr an der Spitze steht, nicht einen lebendigen Glauben besitzt." (S. 126 - 1903/212) ,,Wenn ich mein Volk züchtigen will, dann entziehe ich ihm meine Gnade, und wenn ich mein Volk sinken lassen will, dann lasse ich das Priestertum sinken. Und alle sind gestraft. Und wenn ich mich meines Volkes erbarmen will, dann sende ich eifrige Diener meines Herzens, Priester, die von meinem Geist beseelt sind." (S. 20 - 1897/93) ,,Die Kirche muß von Zeit zu Zeit abgestaubt werden. Im Mittelalter lag der Staub des Reichtums auf ihr, jetzt der Staub der modernen Wissen- schaft." (S. 48 - 1909/301)
282 Für die Echtheit der Offenbarung der Barbara Weigand spricht auch die schonungslose Aufdeckung der ganzen Armseligkeit des Werkzeuges, dessen sich der Herr für seine Pläne bedient hat. Gott schenkte ihr wohl außergewöhnliche Gnaden, aber er sorgte auch dafür, daß sie sich deshalb nicht das geringste einbilden konnte. Er sagte ihr: ,,Ich habe dich aus der alleruntersten Klasse von Menschen herausgezogen, damit niemand sagen kann, das hat sie aus Büchern oder das hat sie sich selbst ausgedacht. Ich habe dir schon vor acht Jahren gesagt, daß ich dein Zutun nicht brauche, ich verlange von dir nichts als Beharrlichkeit." (S. 82 - 1895/96-1) ,,Du bist ein armseliges Wesen. Wer mit dir spricht, der muß es heraus- finden, daß du keine Schule genossen hast, daß du ein armes, unwissendes Dorfmädchen bist aus einer Gegend, wo man noch sehr zurück ist und wo die Leute nicht allzu gescheit und aufgeklärt sind. Ich habe dich mit Absicht aus einer Familie genommen, die in der ganzen Verwandtschaft keine Seele aufzuweisen hat, die zu den Gebildeten gehört, die alle miteinander ihr Stücklein Brot im Schweiße ihres Angesichtes verdienen müssen." (S. 188/70 - 1897/123) ,,Du arme Kleine. Siehst du, was du aus dir bist. Ich habe es dir diese Woche gezeigt, daß du nichts aus dir vermagst, daß du eine arme Sünderin bist. Du bist nicht mehr wie andere. Glaube nur, andere sind tausendmal besser als du und doch hat es mir gefallen, dich an mich zu ziehen und Großes in dir zu wirken, du armseliges Werkzeug in meiner Hand." (S .81 - 1895/96 - 1) ,,Wohl ist wahr, daß du ein armseliges Geschöpf bist, ja das Ärmste, daß ich mir hätte erwählen können, und doch geruhte ich dich zu erwählen, du Armselige, um allen ein Trost und Beispiel zu sein, wenn einer auch noch so armselig und schwach ist." (S. 30 - 1897/113) ,,Wenn du nur einsiehst, daß du alles aus mir hast, daß du nicht stolz dein Haupt erhebst und dir einbildest, als hättest du je ein Verdienst aus dir." (S. 71 - 1896/34) In der Josephsmesse am neunten Josephsmittwoch zeigte ihr der Herr die ihrer Seele noch anhaftenden Unvollkommenheiten in Gestalt einer sehr plumpen Person, so daß sie ganz entmutigt war. ,,So seid ihr alle," sagte der Herr. (S. 1 - A 1900/280) Sie schreibt auch: ,,Obwohl mir der Herr zeigte, daß ich eins mit ihm geworden bin, zeigte er mir doch auch, wie sehr er uns lieben muß, daß er sich diese Vereinigung gefallen lässt. Meine Seele schaut ihn plötzlich in majestätischer Gestalt vor sich, zugleich ließ er zu, daß ich den Zustand
283 meiner Seele sah und erschrak so sehr, daß ich gern geflohen wäre." (S. 96 - 1908/289) Christus erklärte ihr: ,,Hast du vergessen, daß du nur ein Sprachrohr bist und ein Briefträger. Du mußt dich immer nur als das Sprachrohr ansehen. Wenn der Schall entflohen ist, bleibt auch nicht ein Klang darin zurück. So ist es mit dir; denn nichts davon gehört dir." (S. 122 - 1896/34) ,,Du bist immer so, wenn ich dir etwas gesagt habe, drehst du dich herum und hast es wieder vergessen." (S. 101 - 1903/212) Einmal klagte sie, daß sie so zaghaft sei. Darauf bekam sie die Antwort: ,,Wenn ich danach fragen wollte, wäre ich längst von dir zurückgetreten und hätte mir ein Werkzeug gesucht, daß meiner würdiger wäre als du." (S. 14 - A 1900/273) ,,Wenn deine beiden Freundinnen nicht wären, so hätte ich mich schon längst zurückgezogen." (S. 131 - 1901/48) ,,Die Gnaden, die ich in dir wirke, sind nicht dein Verdienst. Du Erden- stäubchen, du Hand voll Staub und Erde, von der du genommen bist. Ziehe ich meine Gnade zurück, dann bist du der schlechteste Mensch. Merk dir das wohl, meine Tochter. Kein Stäubchen soll an dir hängen bleiben. Bewah- re nur die Demut." (S. 9 - 1896/51) ,,Die Demut ist die Grundlage aller Tugenden. Sie ist auch die Bewahre- rin aller Tugenden und der Deckmantel aller Fehler, die dem Menschen- herzen anhaften und ankleben. Der arme Mensch hat seine Fehler, solange er auf der Welt ist." (S. 26 - 1897/98-145) ,,Der Mensch ist zu schwach, um sich nicht selbst das zuzuschreiben, was mir gebührt. Um dieses zu verhüten, muß ich ihn tief verdemütigen. Er muß warten auf meine Hilfe oder wie ihr viele Verachtung und Verdemütigung ertragen. Wenn alles so glatt abginge, wie sich der Mensch es vorstellt, wäre er zu schwach, um nicht Schaden zu leiden und sich nicht selbst etwas anzu- eignen." (S. 2 - 1910) ,,Es ist ein furchtbarer Stolz, wenn ein frommer Mensch alles von sich weist und sich selbst durcharbeiten will." (S. 42 - 1901/48) ,,Der Mensch gleicht einem Baum, der immer wilde Schößlinge austreibt und werden diese nicht gestutzt, dann trägt er keine guten und reichen Früchte mehr, weil dann alle Säfte in die Zweige schiessen. So ist der Mensch. Er hat den Trieb zu den bösen Neigungen in sich, besonders den Stolz. Dieser trägt ihn immer höher empor als er steigen sollte. Wird dieser Trieb nicht abgestutzt und hängt sich der Mensch an die Neigungen, so trägt er keine guten Früchte. Deshalb dankt mir, weil ihr gewürdigt worden seid
284 solche Verdemütigungen mir zulieb zu ertragen. Welch Glück ist es für den Menschen, wenn ich ihn verdemütige." (S. 98 - 1904/237-241) ,,Es ist gut, wenn man all seine Kräfte im Dienst anderer anstrengt wie du es getan - aber es war auch Stolz dabei. Ich lasse darum zu, daß manches anders kommt wie ihr denkt und wünscht, weil ich den Stolz aus der Seele reißen will. Der Stolz ist das Urlaster und mit tausend Fasern in die Seele eingesenkt. Wenn man die Wurzel auch abgeschnitten hat, bleibt doch immer noch eine Faser und daran hakt der Teufel ein, und diese Faser wächst bei jeder Gelegenheit empor." (S. 47/48 - 1903/212) ,,Solange nicht ein demütiges Herabsteigen in all den frommen Seelen, auch den Ordensleuten, stattfindet, so daß jeder sich als den Letzten betrachtet und es nicht verschmäht, sich der Gesinnung nach neben das letz- te Dienstmädchen zu stellen, solange der Stolz alle beherrscht, kann ich in der Kirche nichts wirken." (S. 117/18 1900/1)
3. Die Tatsache ihres heroischen Lebens Schon vor der mystischen Begnadigung ging das Gebetsleben über das gewöhnliche Maß hinaus. Damals war die öftere Kommunion noch nicht Brauch. Der Herr legte ihr aber die Sehnsucht danach ins Herz. In ihrer Heimatkirche konnte sie durch ihren Kaplan nur kurze Zeit alle Tage kommunizieren. Dann verbot es der Pfarrer, weil er nicht wollte, daß in seiner Pfarrei die öftere Kommunion eingeführt würde. Als Barbara erfuhr, bei den Kapuzinern in Aschaffenburg werde die hl. Kommunion alle Tage ausgeteilt, stand sie selbst im strengen Winter 1879 jede Woche zweimal nachts um 1 Uhr auf und machte mit nur einem Stück Brot versehen den Weg von zehn Stunden hin und zurück, um die hl. Kommunion zu empfan- gen. (S. 3 - 1908/289) Bald erlebte Barbara die außergewöhnliche Liebe des Herrn. Er zeigte sich ihr und sprach mit ihr. Er nimmt sie als seine Braut. ,,Nachdem ich die ganze Oktav von Fronleichnam bis zum Herz-Jesu-Fest 1895 vieles gelitten, rief Jesus seine eigene Mutter herbei und sagte: Diese soll meine Braut werden. Stelle mich mit ihr als solche meinem himmlischen Vater vor. Meine liebste Mutter, mit diesem Erdenkind will ich mich vermählen. Ersetze du mir, was ihr noch fehlt." Als der liebe Heiland diese Worte an seine hl. Mutter richtete, wurde ich mit solcher Scham erfüllt, daß ich gern zurück- getreten wäre, wenn die Liebe zu meinem himmlischen Bräutigam mich nicht gefesselt hätte. Voll Scham und Reue wandte ich mich an die liebe Mutter Gottes und flehte: Ach Mutter, was wird der himmlische Vater sagen, wenn ich mit deinem Sohn komme. Ich elende Sünderin vor dem allmächti- gen Gott. Voll Mitleid überreichte sie mir ihr eigenes Herz mit all seinen
285 Tugenden und sagte: ,,Sieh, meine Tochter, das zeigst du vor." Nun kam Jesus in unaussprechlicher Herablassung zu mir. Wenn ich aber einen Blick auf ihn warf, da stand mein ganzes sündhaftes Leben vor mir und ich schämte mich vor ihm. Da trat wieder die liebe Mutter Gottes herzu und nahm mich bei der Hand und Jesus nahm meinen Arm und zitternd und zögernd ging ich zwischen beiden. So wurde ich dem himmlischen Vater vorgestellt. Meine Feder kann die Furcht nicht schildern, die in mir war. Aber da trat die liebe Mutter Gottes vor mich hin und sprach zum himm- lischen Vater. ,,Sieh, o himmlischer Vater, allmächtiger ewiger Gott, mein und dein Sohn, den du von Ewigkeit her gezeugt und ich in der Zeit als Jungfrau geboren habe, will diese Adamstochter hier zu seiner Braut anneh- men. ,,Die liebe Mutter Gottes trat zurück. Ich war nicht mehr verzagt; beherzt und voll Freude, wie eine Königstochter überreichte ich dem himm- lischen Vater das allerreinste Herz Mariens mit all seinen Tugenden und Ver- diensten, die ich wie ein Bouquet Blumen in Händen hielt. Darüber freute sich der himmlische Vater so sehr, daß er sprach: ,,Was der Wille meines göttlichen Sohnes ist, ist auch mein Wille und du meine Tochter, bitte von mir heute, was du willst. Heute sollen dir alle deine Bitten gewährt werden." (S. 13 - 18 - 1895 - 1) Entsprechend dieser Gnaden mußte Barbara viel Zeit für Christus haben. Dies war nicht leicht. Sie stand in einer Wirtschaft und mußte für viele da sein. Der Herr aber verlangte, daß sie in erster Linie für ihn Zeit habe: ,,Dein Beruf ist, viel vor dem Allerheiligsten zu knien." (S. 120 - 1898/157) So verharrte sie am 25. Februar 1898 von morgens ein halb sechs Uhr bis abends neun Uhr, mit Ausnahme einer kurzen Mahlzeit, in zwei Kirchen ständig im Gebet. (S. 54 - 1898/157) Während der Fastenzeit betete sie den ganzen Morgen ununterbrochen von ein halb sechs Uhr bis 12 Uhr. Von 12 bis 4 Uhr nachmittags half sie in der Hausarbeit und betete dann wieder bis abends acht Uhr. (S. 97 - 1898/157) Einen Einblick in ihr Gebetsleben gewähren auch Gebete in ihren Auf- zeichnungen. So wandte sie sich an Christus: ,,Mein Jesus, o meine süße Liebe, ich danke dir für das Wunder, das du gewirkt, um unsere Speise zu werden. Ich danke dir im Namen aller Menschen, die nicht an dich glauben, die dich nicht erkennen, die im Irrtum und Heidentum sitzen, die nicht wissen, wie gut du bist. Ich danke dir auch im Namen aller gläubigen Christen, die dich zwar in der hl. Kommunion aufgenommen, die aber wieder abgefallen und dich vergessen haben, und für die du wolltest, daß ich leiden sollte. Ich danke dir, daß du mich gewürdigt hast einen geringen
286 Teil deines Leidens zu verkosten. Ich opfere dich auf in Vereinigung mit deiner lieben Mutter, in Vereinigung mit jener hl. Stunde, wo du das Aller- heiligste Sakrament eingesetzt hast für alle Menschen, die dich nicht mehr in der hl. Kommunion empfangen. Ich bitte dich, gib mir ein Herz so groß und so weit, wie die ganze Welt. Entflamme es mit der Liebe der hl. Mutter, mit der Liebesglut der Seraphim und Cherubim, aller Heiligen und hl. Engeln, die im Himmel vor dir stehen. Ich vereinige mich mit allen heiligen und gerechten Seelen auf Erden und opfere dir dies alles auf und mein geringes Leiden und meine geringe Liebe dazu für all die Sünder und Glieder des mystischen Leibes, die zwar in deinem hl. Leib einverleibt sind, in die aber dein hl. Blut nicht überströmen kann. Lenke das Wasser deiner Gnade in diese ausgedorrten Rebzweige, belebe sie mit dem Blut, das aus deinen hl. Wunden strömt..." (5.1 - 4 - 1897/104) Über das gewöhnliche Maß hinaus ging auch der Opfergeist der Barbara Weigand. Es ist nicht alltäglich, daß ein Bauernmädchen zu ihrer schweren Arbeit im Haus und im Feld noch die Bußwerke der Heiligen vollbringt. Sie hat es aber getan. Später wurden gerade die außergewöhnlichen Gnaden Gottes und die von ihm erteilten Aufträge ihr großes und ständiges Kreuz. Barbara war beim Auftreten der mystischen Erlebnisse nicht leichtgläubig. Sie fragte nüchtern: ,,Wer ist die Stimme, die zu mir spricht. Ich traute nicht. Ich sagte mir: Es ist doch eine Täuschung. Ich bin nicht wert, o mein Jesus, daß du dich zu mir herablässt und mit mir verkehrst." (S. 5 - 1895/96 - 1) Der Frage ,,Wer ist die Stimme, die zu mir spricht" fügte sie bei: ,,Um jeden Preis möchte ich wissen, welche Stimme zu mir spricht. Aber mir steht das nicht zu das zu beurteilen. Darum, o Gott, gib mir doch einen Priester, dem gegenüber ich mich offen aussprechen kann." (S. 4 - 1895/96 - 1) Bei zwei Beichtvätern fand sie Licht und Trost. Der eine aber wagte nicht öffentlich für sie einzutreten, der andere wurde nicht anerkannt und von seinen Gegnern buchstäblich zugrundegerichtet. So blieb ihr viele Jahre dieses Kreuz: Ist es nicht Täuschung? Wie sehr sie bereit war, sich dem Urteil des Priesters zu unterwerfen, beweisen folgende Aussprüche: ,,Ich glaube deinem Diener mehr als dir, weil du ihn mir an deiner statt gegeben hast." (S. 40 - 1896/12) ,,Ich unterwerfe mich der Kirche, deinen Dienern." (S. 68 - 1895/961) Aber was mußte sie erleben: ,,Seitdem ich mich meinem Beichtvater zu erkennen gab, ging keine Beichte vorüber, wo ich nicht als eine aufgeblähte stolze Person behandelt wurde. Vor acht Tagen verlangte ich einige Briefe zurück. Da sagte er: ,,Nein mit diesen Briefen hat der Teufel seine Hand im
287 Spiel, damit will er sie fangen. Die Briefe werden verbrannt." Das machte mich sehr traurig, weil ich mir dachte, verbrennt er die Briefe, dann verbrennt er auch die Mitteilungen, die ich mit so vielen Opfern aufschrei- ben muß, weil ich doch über meine Zeit gar nicht Herr bin. Innere Verlassenheit und äußere Leiden aller Art brachten mich vorige Woche so weit, daß ich mich nicht mehr getraute zu beten. Wenn ich vor ausgesetztem heiligen Gut beten wollte, schlug ich die Augen nieder und sagte: Ich muß die elendeste Sünderin auf Erden sein, weil ich mich so getäuscht habe." (S. 105 - 1898/198) Ein andermal klagte sie: ,,Ich bin eine armselige Sünderin, verworfen und hinausgestoßen aus der Gesellschaft; denn kein Priester wagt sich an mein Bett - selbst nicht mit dir im allerheiligsten Sakrament - aus Furcht, er möch- te für einen Schwachkopf gehalten werden, der solche Dinge glaube, die von Weibern herkommen." (S. 164 - 1895/96-1) Erschütternd kommt auch an anderer Stelle die dadurch bedingte täg- liche Not zum Ausdruck: ,,Siehe, ich erkläre mich bereit, alle Leiden zu ertragen, aber sag mir doch, bist du es nicht, der mit mir verkehrt, da ich seit den Tagen meiner Jugend mir vorgenommen, einzig und alleine dich zu lieben. Siehe, ich habe alles auf's Spiel gesetzt, aus Liebe zu dir habe ich meine Heimat verlassen und mich nicht mehr umgesehen und was besitze ich jetzt als das bisschen Essen und ich weiß nicht, was noch kommen kann, ob ich nicht doch aus meiner Familie ausgestoßen werde, wenn alles als Täuschung erklärt wird." (S. 129 - 1896/51) Neben diesen Leiden verlangte Gott von ihr auch auffallende Bußwerke: Ihr und ihren beiden Freundinnen wurde aufgetragen: ,,Macht die Wall- fahrten, denn damit will der Herr der Welt zeigen, daß der Glaube offen und frei bekannt sein muß, daß ihr nicht zurückschreckt vor dem Gespött und Hohngelächter der Welt. Seht, wie kleinlaut sie werden, weil sie sich sagen müssen, hier muß etwas anderes vorliegen. Deswegen schickt euch der Herr barfuß, trotz der Kälte und des strömenden Regens. Freut euch meine Kin- der, es wird euch kein Leid geschehen, wenn du auch ein offenes Bein hast und große Schmerzen leidest. Weil es der Herr von euch verlangt, wird es euch nicht schaden, im Gegenteil, ihr werdet gesund und kräftig werden." (S. 11 - 1899/256) Die Erfüllung dieses Auftrages brachte Barbara viele Anfeindungen und auch ein Verbot von der vorgesetzten Stelle. Heute versteht man nicht, warum barfuß gehen anstößig sein soll, aber damals war es so. All diese Opfer und Leiden genügten aber noch nicht. Barbara wurde auch von verschiedenen Krankheiten heimgesucht. Eine Nichte erzählt: ,,Am Donnerstag abend, den 21. September 1905, ist Barbara sehr erkrankt.
288 Schon einige Tage vorher hatte sie furchtbare Schmerzen im Leib. Sie mußte die ganze Nacht und den ganzen Tag so laut schreien, daß die Nachbars- frauen herbeikamen und jede wusste ein anderes Mittel. Der Reihe nach wurde angewandt: Heiße Wasseraufschläge, heißer Essig, Branntwein, Kar- toffeln, Kleie, Kamillensäckchen, ein großer Laib Brot und alle Sorten Tee. Alles war umsonst. Später sagte ihr der Herr, sie müsse Sühne leisten für die Sünden der Jugend, besonders der Unkeuschheit." (S.20/21-1905/252) Typisch für Brabara waren auch die Leiden der ,,drei Stürme", die oft über sie kamen. Bei einem lesen wir: ,,Das drittemal krachte das Bett vor Gewalt, ich wollte rufen, aber ich konnte keinen Laut herausbringen. Ich flehte innerlich: Herr, hilf mir doch, aber in meiner Seele hatte ich die Zuversicht, daß ich nicht sterben werde." (S. 49/1901/48) DDr. Wilhelm Büttner ,,Barbara Weigand von Schippach" schreibt dazu: Die Stürme vor den Ekstasen sollten ihr Mitleiden mit der Passion des Herrn darstellen, wie ihr im letzten April 1899 der Herr selber offenbarte: ,,Ich lasse, ehe du eingehst in meine Liebe, erst jedesmal drei Stürme voraus- gehen zum Andenken an meine dreistündige Todesangst am Kreuz. Manche Züge dieses Leidens zeigten das Mitleiden mit der Geißelung, wie am vier- ten Freitag 1899, von dem die Zuschauerin bezeugt: Als wir zu Babett kamen, war sie bereits in ihrem Leiden. Wir sahen dann, wie sie die Geiße- lung durchmachte, denn während zwanzig Minuten zuckte ihr Körper, wie von Hieben schmerzlich zusammen. Außergewöhnlich ist auch die Liebe zu ihren Angehörigen und allen Notleidenden. Wo sie gebraucht wurde, sprang sie ein. Besondere Erwä- gung verdient ihre zwanzigjährige Tätigkeit in der Wirtschaft ihres Bruders in Mainz. Welcher Segen dabei von ihr ausging, beweist das Zeugnis der Polizei von Mainz, daß es die Wirtschaft in der ganzen Stadt sei, wo sie am wenigsten zu tun haben." (S. 44 - 1896/97-85) Wichtiger aber als die stets hilfsbereite Liebe in den irdischen Nöten ihrer Umgebung war ihr Eifer für die unsterblichen Seelen. ,,Mein Jesus, o wenn es möglich wäre, gleich wie du dein Leiden für den himmlischen Vater auf- geopfert, für alle Menschen gelitten hast, so möchte ich leiden bis zum jüng- sten Tag, wenn ich damit alle Menschen retten könnte. O könnte ich mein Herz so viel tausendmal verteilen, als es Menschen auf Erden gibt; denn je mehr ich eingeführt werde in die Schönheit der Menschenseele und in die Glückseligkeit, die sie dereinst genießen soll, desto mehr wächst mein Durst nach Seelen. O mein Jesus, ich will keine andere Gnade, als daß keine Seele verloren geht. Sieh, mein Jesus, es ist nicht immer Bosheit, wenn die Menschen sündigen. Du hast ihnen einen Leib gegeben, der sie abwärts- zieht. Sieh, jeder noch so großer Sünder hat immer noch eine gute Seite und diese opfere ich dir auf." (S. 64/65 - 1897/104)
289 Die Liebe zu den Seelen galt auch besonders zu den armen Seelen. Einmal betete sie: ,,Darum nimm die Verdienste deiner heiligsten Mutter, ihren Glauben, ihre Demut, ihr Vertrauen und schenk uns dafür die armen Seelen. Nimm auch dazu die Verdienste aller Heiligen, die schon gelebt haben und noch leben werden und schenk uns diese Seelen und mach das Fegfeuer leer. Lass den Himmel reich bevölkert werden, meine Barmherzig- keit, mein Jesus." ,,Du Quälgeist", sagte darauf der Heiland. (S. 25 - 1899/249) Wie wohlgefällig aber die Gebete und Opfer für die armen Seelen waren, verriet er ihr einmal bei der hl. Kommunion: ,,Ihr habt in der Zeit von Maria Himmelfahrt bis zu Maria Geburt zweitausend Seelen aus dem Fegfeuer befreit. Dies ist so wahr, als der Theologe P. wieder gesund und ein guter Priester wird." (S. 31 - 1895/96 - 1) Als Barbara wieder einmal um die Rettung armer Seelen aus dem Fegfeuer betet, fragte der Herr: ,,Meine Kinder, könnt ihr auch das glauben, daß ich euch die Seelen schenken will, die noch hundert und zweihundert Jahre Fegfeuer zu leiden hätten?." Sie antworteten: ,,Ja, wir glauben, daß du so gut bist. O schenk sie uns." ,,Ihr sollt sie haben." Eine Bemerkung des Herrn ist aber noch wichtig: ,,Ich schenke sie euch nicht allein wegen eures Gebetes, sondern um des Gebetes der Kirche willen." (S. 30 - 1899/225) Eines Tages erhielt Barbara vom Herrn folgende Belehrung: ,,Man wundert sich und will es nicht glauben, daß Seelen noch Jahrzehnte und hundert Jahre im Fegfeuer zu leiden haben, während ich hier eine Seele, die noch nicht so lange gestorben ist aus dem Fegfeuern befreie, weil Barbara mich so inständig gebeten hat, diese Seele zu befreien. Glaubt ihr wohl, ein Gott wäre wie die Menschen? Ein Gott muß großmütig sein und ist unend- lich großmütig, wenn so ein armseliges Wesen, wie dieses, großmütig über sich hinweggeht, wenn es leidet und sich wie ein Leichnam dahinschleppt, dies alles für andere tut, wenn dieses Wesen mir eine Bitte vorträgt, beson- ders wenn sie zu meiner Ehre und Verherrlichung gereicht, sollte ich ihr die Bitte nicht gewähren." (S. 47 - 1899/264) Hier bestätigt der Herr selbst, daß die Liebe der Barbara Weigand heroisch war.
4. Das Bild Gottes Die Offenbarungen der Barbara Weigand haben zum Ziel, die Menschen erkennen zu lassen, wie gut Gott ist und wie sehr er seine Geschöpfe liebt. Zugleich beweisen sie auch, daß er der Herr und in seinen Entscheidungen vollkommen frei ist.
290 ,,Für den Menschen muß Gott immer ein Rätsel sein und bleiben - rätselhaft seine Werke und seine Fügungen, weil er Gott ist und ihr alle seine Geschöpfe seid." (S. 131 - 1898/172)
Er ist aber kein Rätsel, durch das wir verunsichert werden und er uns unheimlich erscheinen will; denn das größte Rätsel an ihm ist, daß er seinen eigenen Sohn für uns geopfert hat. In den Schriften lesen wir: ,,Der Herr zeigte mir den Schöpfungsplan und wie er sich bei allem was er tue und je getan habe sein Eigentumsrecht vorbehalte vom ersten Augenblick an, wo er angefangen habe ein Geschöpf ins Dasein zu rufen bis zum letzten am Weltende. Deshalb müssten sich alle bewähren. Im Himmel habe er seine Pläne nur so weit erschlossen, als es für seine Geschöpfe notwendig war, nämlich um eine Prüfung zu bestehen. Wenn sie auch mit mir, sagte er, im Rate sitzen, so behalte ich mir doch die Unterwerfung unter meinen Willen vor. Als ich den Himmel erschuf mit seinen Geschöpfen, da erschuf ich sie gut, und als ich die Welt erschuf mit dem König der Schöpfung, da war wieder alles gut und wenn du fragen wolltest: Ja, Herr, warum ließest du zu, daß diese Geschöpfe im Himmel und auf Erden böse wurden, da du sie doch gut erschaffen hast, so antworte ich dir. Weil sie alle wissen sollen, daß ich der Herr bin und daß sie mir unterworfen sind und daß ich mir meine Schöpferrechte nicht nehmen lasse. Darum mußten alle, auch die Engel, die im Rate zugegen waren, als ich den Plan fasste, den Menschen zu schaffen, zeigen, ob sie gewillt seien sich meinen Plänen zu unterwerfen. Und zwar tat ich dies, weil Luzifer und ein großer Teil der Engel stolz war. In ihrer hohen Stellung wollten sie mir gleich sein und nicht zugeben, daß noch ein Geschöpf neben ihnen existiere, dem sie sich unterwerfen müssten. Ich fragte: O Herr, da du doch wusstest, daß viele deiner Geschöpfe dich nur beleidigen, wäre es denn nicht besser, wenn du kein Geschöpf hättest. Da antwortete der Herr: Dies wollte ich dir heute zum Troste sagen, daß ich diese Geheimnisse, die nur meiner Majestät zustehen, keinem Geschöpf erschließen werde. Die Engel mußten durch demütige Unterwerfung ihre Prüfung bestehen, und der Mensch durch den Glauben. Darüber könne niemand hinweg, auch wenn er auf dem päpstlichen Stuhle sitze." (S. 63/64 - 1900/1)
,,Als ich den Menschen erschuf, erschuf ich ihn im Paradies, und der Mensch lebte in Unschuld wie ein Kind. Er wusste nichts vom Leiden. Ich erschuf ihn aber weniger vollkommen als die Engel, denn der Engel ist ein rein geistiges Wesen, weil er erschaffen ist, um in meiner allernächsten Nähe zu stehen. Wegen der Menschen erschuf ich das Weltall. Alles legte ich dir zu Füßen, o Mensch. Du bist der König der Schöpfung. Weil ich aber den Menschen materiell erschuf oder mit andern Worten: aus Erde und einem geistigen Wesen, der Seele, zusammensetzte, darum ist sein Leib der Erde zugeneigt. Ich wusste im voraus, daß er schwach sein und sinken werde.
291 Da trat mein Sohn vor mich hin und sagte: Erschaffen wir trotzdem den Menschen, obwohl wir wissen, daß er fällt. Wir wollen unsere Liebe vervielfältigen. Ich selbst will hinabsteigen und den Menschen aus freien Stücken erlösen. Ich will ein Mensch werden und den Menschen und den Engeln zeigen, wie ich die Menschen liebe. Als wir diesen Plan fassten und ihn unseren Geschöpfen, den Engeln, mitteilten, entstand der erste Streit. Luzifer schaute sich in seiner Voll- kommenheit und sagte: Wir sollen einmal einen Menschen anbeten! Diesem Plan stimmen wir nicht zu. Er trat vor die andern hin und sagte: Wer will mir folgen und es aufnehmen mit diesem Gott, der von uns verlangt, daß wir seine zweite Person in Menschengestalt als Gott anbeten sollen. Das wollen wir nicht. Wir wollen nicht dienen. Das war die erste Sünde. Die Engel wurden in den Abgrund gestürzt. Von da an gibt es die Hölle." (S. 203 - A 1900/287) Nachdenklich müssten auch folgende Bemerkungen stimmen: ,,Einmal war unter sechszehn Stadtabgeordneten nicht ein Zentrumsmann und unter zweiundvierzig nur fünf Zentrumsmänner. Der Herr sagte: Dies ist die Strafe für die Geistlichkeit, weil sie die Augen zubinden, um ja nicht aufge- rüttelt zu werden." (S. 91 - 1901/104) 1904 war ein Priester der Diözese vor Gericht verurteilt worden. Da klagte Barbara nach der hl. Kommunion: ,,O Herr! Wie konntest du zulas- sen, daß solche Schmach über die Kirche kommt!" ,,Meine Tochter", sagte der Herr, ,,das ist die Strafe für meine Kirche hier wegen der Missachtung meiner Worte, die ich schon jahrelang durch dich gesprochen habe." (S. 73 - 1904/243) Hier liegen klare Hinweise vor: Niederlagen der Kirche sind keine Siege Satans, sondern Strafen Gottes. In den Aufzeichnungen findet sich auch, wie Gott über die Sünde denkt, wie gut er aber auch gegenüber dem Sünder ist, wenn er reumütig und bußfertig zu ihm kommt. ,,Ich war ja gekommen, die Menschen zu retten, auch die Gottlosen, auch diejenigen, die mich hassten und verfolgten. Deswegen hielt ich mich als ein unbekannter Gott unter ihnen auf. Ich offenbarte mich aber durch Zeichen und Wunder, so daß alle - auch die schlimmsten und verstockten Sünder - hätten zur Einsicht kommen können. Sie haben es aber nicht getan. Und doch ist ihre Bosheit nicht so hoch anzuschlagen wie die der Kinder der katholischen Kirche, die sich jetzt so im Laster tummeln, die sich von mir abwenden, die mich behandeln als einen unbekannten Gott, der nie gewe- sen, noch war, noch sein wird." (S. 101 - 1896/12)
292 ,,Die Welt liegt im argen, der Glaube schwindet von Tag zu Tag mehr und mehr, und auch die guten Katholiken werden vom Strom der Zeit mit fortgerissen. Weggeschwemmt wird alles Heilige und Ehrwürdige durch die allzu große Vergnügungssucht dieser Tage, denn es reihen sich Feste an Feste, die darauf abgezielt sind, den Glauben und die guten Sitten zu untergraben und alles religiöse aus den Herzen herauszureißen." (S. 73 - 1897/113) ,,Der größte Krebsschaden der heutigen Zeit ist die immer mehr über- hand nehmende Vergnügungssucht. Sie erzeugt den Unglauben und die Unsittlichkeit. Wo sie Platz ergreift, muß der Geist Gottes weichen, denn er findet keinen Platz mehr in den Herzen der Menschen. Die Schwester der Vergnügungssucht ist die abscheuliche Modesucht bei dem weiblichen Geschlecht. Einmal, am Ende der Zeit, wird es offenbar, wie die Hölle in euerer Zeit durch das Frauengeschlecht bevölkert worden ist." (S. 98 - 1910) ,,Der Geist der Finsternis glaubt: Jetzt habe die Stunde geschlagen, wo er seinen Thron aufrichten könne. Er ist bestrebt, den Himmel, den er sich einst verscherzt hat, sich jetzt unter den Erdbewohnern zu schaffen, sich in dieser Schöpfung alles zu unterwerfen, sich zu einem Gott auf Erden emporzu- schwingen. Darum wirft er seine Netze weit aus und hat schon viele ins Garn gezogen. Tag für Tag nimmt die Zahl derer zu, die sich unter seine Herrschaft stellen." (S. 152/53 - 1897/134) ,,Da nun aber das einzige Reich, das ich auf Erden gestiftet habe, meine Kirche, selbst so fahl und faul geworden ist, daß Satan mit den Christen wie mit den Heiden sein Spiel treiben kann, jubelt er entsetzlich. Er brüllt und heult Tag und Nacht und je mehr er brüllt, desto mehr lockt er sie in seine Netze. Er brüllt in Wort und Schrift, auf allen öffentlichen Plätzen, in allen Versammlungen, die nicht für Gott sind, er brüllt sogar in den einzelnen Familien, denn da stehen überall solche, die andere Familienmitglieder noch mit in die Netze Satans hineinziehen." (S. 26 - 1898/165) Ernst wendet sich der Herr daher an jeden Menschen: ,,Jetzt hast du die Wahl. Wähle zwischen Gut und Bös, und weil ich dem Menschen seinen freien Willen gegeben habe, darum zwinge ich niemand und werde mit der Gerechtigkeit solange zögern, bis meine Barmherzigkeit erschöpft ist und das dauert, solange der Mensch lebt." (S. 197 - A 1900/2) Eine klare Aussage gibt der Herr auch über die Todsünde: ,,Der Mensch muß unbedingt merken, wenn er sich von mir scheidet, denn eine gewalti- ge Erschütterung geht in ihm vor, wenn er sich freiwillig von mir trennt. Nicht jedesmal bin ich von ihm gewichen, wenn er einmal der Leidenschaft nachgegeben. Nur dann weiche ich von ihm, wenn er mit vollem Bewusst- sein und mit freier Überlegung handelt und der Gnade ständig widersteht." (S. 49 - 1896/34)
293 Eindringlich warnt darum der Herr vor der Sünde: ,,Du sollst alles aufschreiben, damit die Menschen sehen, wie hart die Strafe für diejenigen ist, die im Leben auf die Barmherzigkeit Gottes lossündigen und mit meiner Gerechtigkeit spielen wollen. Denk an jenen furchtbaren Ort, wo die Frau seither büßte. (Er spielt auf ein Fegfeuererlebnis an!) Viele, viele Seelen sind dort, die bis zum Jüngsten Tag leiden, denn dort ist jeglichem Trost der Eingang verschlossen. Darum blieb der Engel, der dich dorthin begleitet, und der Schutzengel der Frau, am Eingang stehen und nur, damit die Menschen wieder meine Gerechtigkeit fürchten lernen; aber damit auch meine Güte und Barmherzigkeit zu sehen ist, befördere ich diese Frau an einen Ort, wo die guten Werke der streitenden Kirche hingelangen können." (S. 29/30 - 1906/268) ,,Nie ist es zu beschreiben, wie ich mit jenen verfahre, die ein Volk verführten wie Luther und Calvin. Neben sie stelle ich jene Lehrer und alle, die es mit ihnen halten, die halb und halb mit der Welt liebäugeln wollen." (S. 73 - 1899/256) ,,Auch der geistliche Stand und Ordensstand, wenn er nur geschäfts- mäßig wie ein anderer Stand aufgefasst wird, hat seine Klippen und kann zur Hölle fahren." (S. 20 - 1910) Damit stellt der Herr allen Menschen vor Augen: man darf die Sünde nicht leicht nehmen und nicht auf Gottes Barmherzigkeit sündigen. Er zeigt aber auch wieviel verstehende und erbarmende Liebe er für seine armen Kinder hat: ,,Ich bin ein gütiger Gott. Meine Kinder sind meine Ebenbilder, auch wenn sie die Züge meines Bildes, die sie an sich tragen durch die Sünde und durch die Laster noch so sehr verzerrt haben. Mein Blut klebt an jeder Seele." (S. 42 - 1896/12) ,,Wie gern verzeihe ich den Menschen, wenn sie mit reumütigen Herzen kommen. Ich bin bereit in reichem Maße meine Gnaden ihnen zuzuwenden. Wie lenke ich ihre Schritte, wie bahne ich ihre Wege, um ihr Schicksal zu erleichtern!" (S. 87 - 1896/2) ,,Ihr seid Adams Kinder und täglich zum Bösen geneigt. Ihr werdet deshalb auch oft fallen. Diese Fehler müssen gesühnt und abgebüßt werden. Darum wird euch manches in die Quere kommen, nehmt dies zur Strafe für euere Sünden an. Somit könnt ihr alle Strafen in dieser Welt abbüßen." (S. 52 - 1896/12) Das gleiche sagt Christus auch Barbara: ,,Du mußt die Sünden, die du von Tag zu Tag begehst auch wieder abbüßen. Darum lasse ich so manches über dich kommen, was dir nicht gefällt und dir das Leben der Frömmigkeit verleidet." (S. 68 - 1897/134)
294 Hier wird auf zwei Wahrheiten hingewiesen: die eine: daß jeder Fehler gesühnt werden muß, denn Gott ist gerecht; die zweite: daß Gott selbst durch seine Vorsehung die Gelegenheit zur Sühne gibt. Darum sollte man sich dessen mehr bewusst sein. Wenn einem etwas in die Quere kommt oder wenn etwas kommt, was uns nicht gefällt, soll man es als verdiente Strafe ansehen und als solche demütig hinnehmen, dann wird es nämlich zugleich auch leicht. Interessant ist auch: ,,Alle Menschen sind stolz und haben ihren eigenen Willen, besonders das Frauengeschlecht. Sie möchten überall oben anstehen, so war Eva. Alle Frauen sind Evas Kinder, alle Männer aber sind Adams Kinder. Adam ließ sich von der Eva verführen. Adam glaubte ihr alles und weil sie es sagte, ließ er sich von ihr verführen, obwohl sein Herz ihm sagte: Gott hat es verboten, gab er diesem armseligen Frauchen nach." (S. 77/78 1904/230) Wie gütig Gott ist, zeigt sich auch in folgendem: ,,Der allweise, gütige Gott muß sich den Menschen anpassen, wenn es die Menschen schon nicht mehr tun, sich ihrem Schöpfer anzupassen und zu fügen. Du mußt wissen, daß der liebe Gott sich so nach seinen Geschöpfen richtet, daß es niemand auf der Welt fasst wie unendlich die Geduld des Schöpfers ist, und zu allen Zeiten ersinnt der Herr Mittel, um sich dieser armseligen Geschöpfe zugänglich zu machen." (S. 2 - 1896/70) ,,Seht, das ist nun einmal, daß alle Menschen etwas Eigenartiges an sich haben: einen Fehler, den ich mit Geduld ertragen muß, sonst müsste ich das ganze Menschengeschlecht vernichten." (S. 23 - 1896/97 - 85) ,,Man muß mit den Charakteren Geduld haben, die so verschieden sind. Auch ich muß Geduld haben mit den frommen Seelen und ihren Charakter ertragen und tue es auch." (S. 111 - 1909/301) ,,Als ich auf Erden wandelte, habe ich mit Schonung alle behandelt: Die Samariterin am Jakobsbrunnen mit ihren sechs Männern, den 38jährigen Kranken. Ich sagte nicht: wieviel hast du gesündigt; ich sagte teilnahmvoll und wohlwollend: geh hin und sündige nicht mehr." (S. 6/7 - 1897/123) Wie Gott über die Seinen wacht und für sie sorgt, beweist er auch in weiterem: ,,Alles, was dem Menschen auf seinem Lebensweg zustößt, ist für ihn eingebaut, um ihn zu dem Ziel zu führen, zu dem er bestimmt ist. Das für den Menschen Angenehme begreift er leicht, aber was gegen seinen Willen ist, will er nicht verstehen. Darum wird er zur Zeit der Prüfung an mir irren." (S. 59 - 1904/247) ,,Wie glücklich wären die Menschen, wenn alle mit ihrem Stand zufrie- den wären. Siehe, das ist das einzige Kreuz in der Welt: alle Menschen
295 machen sich durch ihre Unzufriedenheit den Querbalken selbst. Ich habe jedem seinen Lebensplan festgelegt. Es liegt nur an ihm, den Plan auszu- führen." (S. 94 - 1895/96 - 1) ,,Alle, die mir treu dienen, mögen sie auch ganz verschiedene Wege wandeln, sind mir wohlgefällig. Wenn nur der Mensch gewillt ist mir zu dienen, dann komme ich ihm schon entgegen und richte mich ganz nach der Neigung des Menschen, die ihm am meisten liegt. Darum braucht sich kein Mensch beunruhigen, wenn er sieht, der andere gehe einen anderen Weg zu Gott, weil ich mich jedem anpasse und mit jedem zufrieden bin, wenn er nur guten Willens ist." (S. 20 - 1906/260) ,,Bekümmere dich nicht um andere, bekümmere dich nicht um die Zeit, die noch in ferner Zukunft liegt. Lass mich sorgen, sei aber auch einfältig wie die Taube. Glaube alles, was sich auf mich und auf den Fortschritt im guten bezieht, was dich zur größeren Liebe zu Gott und zur tieferen Erkenntnis deiner selbst führt..." (S. 174 - 1895/96 - 1) ,,Lege alle deine Sorgen und Ängste ab, sie sind null und nichtig solange du dich selbst damit herumreißt. Wenn du es doch verstündest, alles in mein Herz zu legen und meinem Willen zu übergeben, wie leicht und glücklich würdest du Tag für Tag leben; denn nichts geschieht ohne meine Zulassung und alles, was ich tue, tue ich zum besten der Menschen." (S. 83 - 1905/252) Wie sehr das stimmt, zeigen folgende Worte: ,,Ich muß auf die Beschaf- fenheit des Körpers einer jeden Seele Rücksicht nehmen. Ich will ja jene nicht überbürden, die nicht den Körperbau und die Nerven dazu haben, weil mit den äußeren Leiden innere und mit den inneren äußere Leiden verbunden sind und diese zusammenwirkend eine Seele zugrunde richten können." (S. 86 - 1895/96-1) ,,Übermäßige Strengheiten sind mir gar nicht so wohlgefällig, weil der Mensch seine Kraft nach der Beschaffenheit und Gesundheit des Körpers bemessen muß. Dieser mein Diener N. soll noch viel zu meiner Ehre und Verherrlichung wirken, er soll sich begnügen mit dem, was er getan hat." (S. 41 - 1896/97 - 85) ,,Die Kräfte sparen, um länger wirken zu können ist mir lieber, als in wenigen Jahren sich aufreiben; denn ich brauche eifrige Diener in meinem Weinberg, damit sie die Schäflein, die vom rechten Weg abgeirrt sind, zurückführen." (S. 177 - 1897/93) ,,Du mußt die Mittel anwenden, um die Kräfte wieder zu heben. Wenn man sich so schlapp und erschöpft fühlt, muß man nachgeben, das ist keine Trägheit." (S. 78 - 1906/260)
296 Als Barbara einmal sagte: ,,Ach, Herr, ich glaube längst, du habest mich vergessen", bekam sie zur Antwort: ,,Nein, nein, meine Tochter, ich habe dich nicht vergessen, du bist noch meine Braut wie damals, wo ich Woche um Woche mit dir verkehrte. Glaubst du denn, ich wäre so unbe- ständig wie du. Du gabst mir deine Einwilligung und so bist du mein." (S. 104 - 1902/166) Das beste Zeugnis seiner Liebe liefert der Herr aber im heiligsten Sakra- ment: ,,Siehe, dreimal habe ich das Ostermahl mit meinen Jüngern gegessen, aber nicht, daß ich ihnen damit ein bleibendes Denkmal hinterließ. Ich aß mit ihnen nur wie ein Freund mit seinen Freunden. Aber heute beim letzten Abendmahl bin ich nicht ihr Freund allein. Heute will ich ihnen alles sein. Ich will heute in eine so innige Vereinigung mit ihnen treten, daß sie inniger nicht gedacht werden kann, was nie ein Menschenherz ausdenken könnte, was noch nie ein Freundesherz, noch nie ein Bräutigam ausgesonnen hat: nach dem Tod gegenwärtig zu bleiben. Dies aber tat ich. Darum ihr Menschenkinder, liebt denjenigen, der sich euch ganz geschenkt. Er hat alles gegeben, was er hatte: sich selbst." (S. 45 - 1896/34) Immer wieder schenkt er sich im hl. Opfer und in der hl. Kommunion. Überraschend und doch für jeden tröstlich sagt er: ,,Niemand soll glauben, daß mir eine Seele, mit der ich in so auffallender Weise umgehe wie mit dir, lieber wäre als eine andere, die mir ebenso treu oder noch treuer gedient hat als du. Niemand ist von meinem Herzen ausgeschlossen. Auf dem Haupt eines jeden, der mir treu dient, liegt meine liebende, schützende Hand. Mein zärtlich väterlicher Blick ruht auf jedem, der mir dient, ganz gleich, in welchem Stand er lebt." (S. 97 - 1897/98 - 145) Sehr wichtig sind auch folgende Worte an Barbara: ,,Ich kann mich nicht mit jedem auf so auffallende Weise unterhalten wie es hier geschieht, das würde die menschliche Ordnung und Gesellschaft stören." (S. 97 - 1897/8 - 145) Daß aber keiner bei ihm zu kurz kommt; versichert er im folgenden: Er nennt das Menschenherz das Kämmerlein, in dem er wohnt und sagt: ,,Dieses Kämmerlein ist für mich geschaffen, dahin sollst du dich flüchten, wenn du merkst, daß du durch die Geschäfte des Tages allzu zerstreut wirst, oder wenn dich der Kummer niederbeugt, oder wenn du glaubst, du seist von mir verlassen, flüchte dich dorthin und wenn du mich auch nicht fin- dest oder glaubst mich nicht zu finden, wenn ich mich vor dir verberge. Es gefällt mir doch, wenn du kommst, und ich bin bei dir, wenn du es auch nicht siehst." (S. 32/33 - 1897/123)
5. Wie ist die Echtheit zu beurteilen? Sind sie durch hysterische oder sonstige krankhafte Zustände zu erklären?
297 Diese Frage hat auch damals die bischöfliche Behörde und die Zeit- genossen lange beschäftigt. Bis 1905 fanden sechs Untersuchungen statt. Seit 1900 wurde Barbara Weigand nicht mehr selbst verhört, sondern solche, welche an die Offenbarungen glaubten. Vom Bischof Paulus Leopold liegt folgendes Schreiben vor: ,,Mainz, den 28. Juni 1896 Betreffend der Aufzeichnungen der Mitteilungen der kranken Jungfrau Barbara. Nach Prüfung der mir übergebenen Hefte, bemerke ich folgendes: 1. Die Lebensbeschreibung lässt erkennen, daß die Barbara eine schlichte, tugendhafte und fromme Person ist. Sie macht nicht den Eindruck einer Betrü- gerin. Persönlich kenne ich sie nicht und habe darum nicht ein bestimmtes Urteil. 2. Die Krankheitserscheinungen kenne ich auch nicht, zweifle aber nicht, daß sie in die unermessliche mannigfaltige Gruppe hysterischer Krämpfe gehören. 3. Die der bisherigen Bildung der Barbara gegenüber auffallend feine und edle Sprache, sofern sie nicht etwa von der Schreiberin herrührt (wie bei Katharina Emmerick v. Brentano) lässt sich wohl natürlich erklären aus der abnormalen Nervenerregung, welche sich an die Krämpfe anschließt. 4. In den Aufzeichnungen erscheinen besonders bedenklich die Aussprüche über Personen, die sich im Fegfeuer befinden. Als göttliche Eingebung sie zu betrach- ten, liegt kein Grund vor. Sie haben keinen Zweck. Sie sind leichtfertige Annah- men und müssen unterdrückt werden. 5. Gegen den Glauben verstoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Anmutungen nicht. Sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauungen, welche in Gebetsbüchern, Predigten und Betrachtun- gen sich finden und können darum wohl natürlich erklärt werden. 6. Die zum Teil auf die Zeitverhältnisse: Sozialismus, Atheismus eingehenden Mahnungen und Klagen sind sehr wohl natürlich zu erklären, obwohl dem Gesichtskreis der Barbara ferner liegend. 7. Wenn die Mitteilungen als Worte des Heilandes sich darstellen und als Offen- barungen desselben vorgetragen werden, so kann es auf reiner Phantasie beru- hen. Was Barbara denkt und will, das kleidet sie in ihrer Phantasie in die Form von Aussprüchen und Befehlen des Herrn. Es soll das nicht als absichtlicher Betrug angesehen werden, wohl aber als Selbsttäuschung. Die Formeln kann Barbara aus zahllosen Schriften entnommen haben. 8. Besondere Kennzeichen übernatürlicher Erleuchtung sind keine vorhanden. 9. Es ist darum die Annahme einer solchen als unbegründet und irrig zu ver- werfen. Der Arzt soll die Kranke beobachten, die Aufzeichnung ihrer Mitteilung aber hat zu unterbleiben. gez. Paulus Leopold"
298 Dann beauftragte er einen Arzt, den Ekstasen beizuwohnen und ihm sein ärztliches Urteil darüber mitzuteilen. Derselbe wohnte fünfmal der Ekstase bei und erklärte nicht nur Luise Hannappel, sondern auch dem Beichtvater von Barbara, daß die Erscheinungen keine natürlichen Erkrankungen seien, er jedoch das weitere - da er Theologie nicht studiert habe - dem Priester zur Beurteilung überlasse. Der hochwürdigste Herr vermied es jedoch geflissentlich, das Urteil des Arztes einzufordern, weil er die Sache, wie er selbst zu Luise Hannappel sagte, gern losgewesen wäre. (Gr. Heft - S.156/7) Besondere Erwähnung bedarf der Aufenthalt im Elisabethenstift. Auf Befehl des Bischofes ging Barbara am 26. Juli 1900 entschlossen und mutig dorthin. Am folgenden Tag, den 27. Juli, spürte sie in der hl. Messe bei der Wand- lung, wie das Leiden kam. Wohl zu ihrer Prüfung sandte der Herr ihr heute, wo alles darauf wartete, keine körperlichen Leiden, sondern verkehrte nur innerlich mit ihr, sprach jedoch auch einiges laut. Als die Oberin das merk- te, führte sie Barbara auf das Zimmer und bat sie, ins Bett zu gehen. Barbara jedoch bat sie, nur einfach ruhig sitzen bleiben zu dürfen. Obwohl der Herr laut sprach, rief die Oberin niemand. Am Tag darauf kam ihr Beichtvater und fragte die Oberin: ,,War gestern nichts?" Die Oberin sagte: ,,Nein, sie hat so ein Unwohlsein bekommen, sie hat auch gesprochen, aber ich weiß kein Wort mehr." Barbara sagte: ,,Der Herr hat gesagt: Ich bin der Herr. Wenn sie sich nicht meinem Willen unterwerfen, werde ich meine Sache doch durchführen." ,,Richtig", sagte die Oberin, ,,jetzt fällt es mir wieder ein." Weil die Oberin niemand gerufen, so glaubte man schon, wie ihr Beicht- vater zu Luise Hannappel am Samstag sagte: ,,Alles ist zerfallen. Der Heiland kommt nicht mehr." Weiter sagte er spöttisch zu Luise Hannappel: ,,Es ist alles aus." Am Mittwoch, den 1. August, stellte sich das Leiden dafür umso heftiger ein, daß die Herren deutlich sehen konnten, daß sie so etwas nie machen könne. In der Tat waren alle ganz erschüttert und verängstigt und getrauten sich nichts zu tun. ,,Als ich zu mir kam, sahen sie alle ganz zerstört aus. Der Arzt, der sonst immer bleich war, hatte dunkelrote Augen und Wangen." Barbara sagte: ,,Sie werden wohl selbst gesehen haben, daß das keine Einbildung sein und man sich das nicht machen kann." ,,Ach", riefen sie alle drei. ,,Wer denkt denn das. Nein, nein, nein, das wissen wir, daß sie sich das nicht machen können und daß das keine Einbildung ist." Der Weltpriester hatte am meisten Mitleid. In der Rede hatte der Herr die Gesinnung von allen dreien geschildert und hatte namentlich über die Männerwelt in Mainz gesprochen. Der Arzt muß sich sehr betroffen gefühlt haben; denn die Tage
299 vorher war er immer sehr freundlich, von dieser Stunde an aber war es fertig. Er sah Barbara nicht mehr an und wollte nichts mehr wissen.
Das drittemal kam das Leiden am 3. August. Es war diesmal so eklatant, daß der Arzt sagte: So fürchterlich habe er sich das Leiden nicht gedacht. Die Schwestern, die dabei waren, riefen alle Heiligen an und der Arzt ließ kein Mittel unversucht, um herauszubringen, ob es nicht Krankheit sei. Er ließ ihr Tropfen eingeben, dann Rizinusöl, dann ließ er ihr ab und zu Milch ein- schütten, obwohl der Magen nichts annahm und sie dieselbe jedesmal wie- der erbrechen mußte, weshalb der Weltpriester die Bemerkung machte: ,,Lasst das doch, ihr seht ja, daß es nicht geht."
Die Herren gingen fort, um sich zu beraten. Unterdessen ließ der Arzt ihr soviel Wasser einpumpen, bis es ihr aus dem Mund herauskommen wollte. Es war für Barbara so schmerzlich, daß sie bald gestorben wäre. Sie wurde eiskalt und lag wie tot da. Die Schwestern riefen Gott und alle Heiligen an: ,,Schwestern, kommt zu Hilfe! Jesus, Maria, Joseph steht bei. Hl. Antonius komm zu Hilfe!" Barbara bekam fortwährend Ohnmachtsanfälle. Als sie wieder ins Bett geschafft war, sagte der Arzt: ,,So, jetzt schlafen sie ruhig." Aber kaum gesagt, kam der erste der drei Stürme. Der Arzt wollte ihn verhindern und fasste ihren Kopf mit aller Kraft, um es ihm unmöglich zu machen, daß er schüttelt, aber es half nichts. Die Kraft war so groß, daß er mit herumgeschleudert wurde.
Bei dem zweiten Sturm griff ihr der Arzt mit aller Wucht in die Arme, um sie festzuhalten. Aber die Gewalt schüttelte den starken Mann mit herum. Er sprang vor sie hin und sagte: ,,Sie sind mir vom Bischof übergeben und haben mir zu folgen und zu tun, was ich sage." Dann hielt er ihr etwas Glänzendes entgegen und schrie: ,,Wollen sie mir folgen, wollen sie augen- blicklich hierher sehen!" Barbara strengte all ihre Kräfte an. Die Augen waren jedoch von einer unsichtbaren Macht gehalten. Sie könnte sie nicht drehen und auf den Punkt richten. Desto zorniger wurde der Arzt: ,,Heute, wenn sie mir nicht folgen, sollen sie sehen." Er tobte wie rasend und wollte, sie solle auf einen Punkt hinsehen, konnte es aber nicht erreichen. Als der Arzt jedoch ein geweihtes Bild von der hl. Familie von der Wand nahm und es vorhielt, da konnte sie sofort darauf sehen, weil die Gewalt sie verließ. Als die drei Stürme herum waren, sprach der Herr wie immer.
Nach der Ekstase sagte die Generaloberin, die dabei war, zu Barbara: ,,Ach, lieber Gott, was machst du aber durch. Aber ich glaube sicher, daß du auch einen großen Lohn bekommst in der Ewigkeit."
Anderntags kam der Arzt und sagte: ,,Ich kann nichts anderes erklären, als daß das alles Hysterie ist. Von mir aus können sie jetzt gehen."
300 Am Freitag, den 10. August, bekam Barbara das Leiden wieder. Der hoch- würdigste Herr Bischof sollte herzukommen, aber er ließ sich durch Unwohlsein abhalten und es kamen nur die beiden Priester. Das Leiden und Rede des Herrn waren schon fast vorbei. Er hatte zu Barbara gesagt: ,,Obwohl du jetzt überzeugt bist, daß ich es bin, sollst du, wenn meine Diener kommen nicht tun, was ich sage, sondern was die Vorgesetzten sagen. Unterwirf dich jetzt ihrer Gewalt. Ich habe sie ihnen abgetreten. Wie sie es mit dir machen wollen, so lass es geschehen."
Da traten die Herrn ein und weil der Arzt erklärt hatte, alles sei Hysterie, gaben sie nichts auf die Belehrungen des Herrn sondern verführen mit dem Geist auf die unhöflichste Weise. Sie fielen ihm in die Rede, sie spotteten ihn aus und sagten: ,,Es ist alles nicht wahr, was du sagst, schweig still." Der Geist ließ sich jedoch davon nicht einschüchtern, wie wohl der Weltpriester viele Fragen stellte, fuhr er ruhig in der Rede fort wie wenn nichts wäre. Nur wenn der Beichtvater sprach, gehorchte er auf der Stelle und war ruhig.
Einmal ging Barbara plötzlich das Licht des Geistes aus, da sagte sie: ,,Eben verbietet mir mein Beichtvater weiter zu sprechen." Er war nämlich gerade abwesend.
Sonntags darauf kam der Beichtvater und sagte: ,,Jetzt haben wir es klar gesehen. Wenn es der Heiland gewesen wäre, so hätte er dreinschlagen müssen. Wir haben ihn schrecklich behandelt. Wenn er es wäre, hätte er sich das nicht gefallen lassen." (S. 1 - 8 - 19.00/1)
Somit stand als Urteil über Barbara fest: Sie ist hysterisch. Nicht darf aber übergangen werden: schon beim ersten Auftreten der mystischen Erlebnis- se hatte der Beichtvater (es war ein anderer) einen gut katholischen Arzt ersucht, festzustellen, ob nicht körperliche Schwachheit und dergleichen schuld sei, daß Barbara nach der hl. Kommunion oft stundenlang nicht Herr ihres Willens sei, regungslos wie eine Bildsäule knien bliebe und schon Ansprachen hatte.
Auch Bischof Haffner beauftragte einen gut katholischen Arzt mit der Prüfung der Zustände der Barbara. Dieser war fünfmal Zeuge ihres Leidens am Freitag. Sein Urteil lautete: ,,Eine natürliche Krankheit ist es nicht, weil ihr Auftreten in mehreren Punkten von der Krankheit abweiche."
Als er das letztemal wegging, sagte er: ,,Hier haben Theologen das letzte Wort." (S. 40 - 1909/301)
In den Aufzeichnungen sind noch folgende Begründungen dafür ange- führt, daß die mystischen Erlebnisse keine Krankheiten seien.
301 1. Weil das Leiden nur an den Freitagen komme. 2. Weil die Stürme vor den Ekstasen die gleichen sind, was bei keiner Krankheit der Fall ist. 3. Weil Barbara alles weiß, was sie in ihrem Zustand gesehen und gehört hat. 4. Weil in den Schriften alles Hand und Fuß hat, während bei Somnam- bulen ein buntes Durcheinander ist.
6. Was soll man zu der Untersuchung im Elisabethenstift sagen? Zum Vorgehen des Arztes: daß Barbara beinahe dabei gestorben wäre? Zu dem Verhalten der hochw. Herren: ,,Wenn er (Christus) es gewesen wäre, hätte er es sich nicht gefallen lassen." Er ließ es sich auch nicht gefal- len: ,,Im folgenden Jahr bekam der Geistliche seine Antwort. Er mußte seine eigene Schwester im selben Haus unterbringen, ja im selben Zimmer, wo ich drei Wochen bewacht wurde. Der Priester kam unter Tränen zu meiner Freundin und sagte: ,,Meine Schwester ist hysterisch geworden, ich mußte sie ins Krankenhaus bringen." Nach einigen Tagen hörte ich, daß die Selbst- mörderin im Elisabethenstift, von der die Zeitung berichtete, die Schwester dieses Priesters war." (S. 43 - 1909/301) Klar trat der Herr auch selbst für seine Braut ein: ,,daß ich mich so auffallend mitteile, ist nur ein Beweis meiner übergroßen Liebe zu meinen Auserwählten und das Mitleid mit denjenigen, die sich verführen lassen." (S. 9 - 1909/301) ,,Ich habe dich von Mainz weggeführt, (es war auf einige Zeit) um der Welt zu zeigen, daß ich es bin, der mit dir redet, und daß ich dies überall kann, auch wenn du noch so harte Arbeit zu verrichten hast." (S. 45 - 1903/212) Ausdrücklich nennt Christus das auffallende Leiden das Zeichen: ,,daß meine Diener erkennen sollen, daß ich es bin. Weil ja unmöglich eine Seele, und noch dazu ein so armseliger Mensch wie du es bist, imstande ist, in solchem Leiden auch nur einen Gedanken zu fassen, noch weniger, sich mit etwas anderem zu befassen und noch viel weniger mit etwas, was über seine Kraft hinausgeht. Ich habe dir gesagt, daß ich es bin." (S. 35 - 1897/93) Sehr deutlich sprach Gott auch in folgendem Fall: ,,Als ich Luise Hannappel, meiner Magd, die Botschaft mitteilte, sagte sie: ,,Das habt ihr erfunden" und war ganz unwillig. Als sie aber den Bericht von Ostern hörte, sagte sie: ,,Ich habe unter dem Lesen erkannt, daß das die Stimme Jesu Christi ist, aber ich kann mich doch mit dem Ekstasenkram nicht abgeben. Ihr könnt für euch machen, was ihr wollt, ich will ruhig für mich bleiben!"
302 Daraufhin bekam sie mehrmals Anfälle von Irrsinn. Luise Hannappel hielt es für augenblickliche Geistesschwäche, bis sich am 18. April ein starker Anfall von Tobsucht einstellte. Der Arzt erklärte: daß es von jetzt an für die Umgebung lebensgefährlich sei und sie noch vor der Nacht ins Vinzenzspital gebracht werden müsse, was mit Hilfe von zwei Patres, besonders der ihres Beichtvaters, gelang. Sie gehorchte und ließ sich auf dessen Befehl dorthin bringen. Am folgenden Tag sagte der Herr zu Barbara: ,,Ich habe den Patres einmal zeigen wollen, was ein Narr ist. Sie mögen urteilen, ob eine Person in einem solchen Zustand so erhabene Worte reden könne wie ich sie durch dich spreche." (S.70-1899/225) Erschütternd sind auch folgende Worte: ,,Solange die geistlichen Vorge- setzten ihr Urteil, das auf Hysterie lautet, nicht zurück nehmen, trägt dein Leiden und die daran geknüpften Belehrungen für die Gläubigen der Stadt Mainz und der Diözese keine Frucht. Dies kannst du an deiner Umgebung sehen. Man glaubt nur solange, als man einen zeitlichen Vorteil vor Augen hat. Ist dieser Vorteil erreicht, dann denkt man: Ja, wenn ich glaube, müsste ich auch danach handeln und lehnt sich lieber an das Urteil der Kirche von Mainz an." (S.7-1909/301)
7. Wie sind ,,die Gesichte und Ansprachen" zu erklären? Bei dem Bild, welche die vorgelegten Auszüge aus den Schriften der Barbara Weigand und der Biographie des Dr. D. Büttner geben, erhebt sich die Frage: Sehen die Hysteriker und die falschen Mystiker so aus? Wo finden sich in deren Aussagen und Schriften derartige Verdemüti- gungen, welche Barbara vom Herrn ertragen mußte. Im Gegenteil diese werden immer gelobt und werden von ihren Anhängern verhimmelt. Wehe, wenn jemand daran nicht glauben würde. Wo finden sich bei Hysterikern und ,,Begnadeten" solche heroischen Tugenden, eine solch selbstlose Liebe zum Nebenmenschen und zu den Ver- storbenen wie bei Barbara. Das Gegenteil findet sich: Die Selbstsucht und das Bestreben für sich viele Vorteile herauszuschlagen. Wo findet sich bei Hysterikern und ,,Begnadeten" ein solches Gottesbild wie in den Aufzeichnungen von Barbara. Barbara Weigand passt nicht in diese Gesellschaft hinein. In ihr haben wir eine seelisch vollkommen gesunde Frau vor uns. Sie steht mit beiden Beinen im Leben. Sie hat ein Herz für jeden Menschen ihrer Umgebung und setzt das letzte dabei ein. Sie ist eine Beterin von ganz großem Ausmaß, sie ent- wickelt einen Seeleneifer und dabei einen Opfergeist, daß sie den größten
303 Missionaren nicht nachsteht. Sie gehört nicht in die Reihe der Hysteriker und falschen Mystiker, sondern in die Reihe der Heiligen, denen sie durch ihre heroischen Tugenden ebenbürtig ist, und gerade ihr Leben ist eine Verherrlichung Gottes: ,,Denn in der Krönung ihrer Verdienste krönst du das Werk deiner Hände".
304 SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND
RICHTIGSTELLUNG
Pater Peter Lippert, S. J. (zur Infragestellung der Mystik der Barbara Weigand)
5. Auflage In Nr. 11 (vom 18. März 1916) der Münchener Wochenschrift für Politik und Kultur ,,Allgemeine Rundschau" veröffentlichte Dr. theol. Vitus Brander, Subregens am Priesterseminar in Würzburg, einen Artikel mit der Überschrift: ,,Das theologische System der Seherin von Schippach." Die in diesem Artikel an dem Werke von Schippach geübte Kritik bedarf einer Entgegnung und Richtigstellung, da sie selbst einer objektiven Kritik gegenüber nicht standhält. Schon die Überschrift ,,Das theologische System der Seherin von Schippach" schießt über das Ziel hinaus und muß darum irreführend wirken. Dadurch wird auch der ganze Aufsatz zu dem gleichfalls über- treibenden Schlusssatz geführt, es bestehe die Gefahr, ,,daß die geplante Sakramentskirche in Schippach die Mutterkirche einer neuen Sekte werde!" Wer so bestimmt den Argwohn der Sektenstiftung, also nicht nur der materiellen, sondern sogar der formellen Häresie und des Abfalls vom Glauben, der Ketzerei im vollendeten Sinne, öffentlich auszusprechen wagt, der muß vor Gott und der Welt den Nachweis erbringen, daß er auch den Charakter, die religiös-sittlichen Eigenschaften und die erwiesene Gesin- nung der in Frage kommenden Personen einer einwandfreien Prüfung unterzogen hat. Diesen Nachweis lässt aber die genannte Kritik vollständig vermissen. Schon um dessentwillen erscheint das audiatur et altera pars beachtenswert; denn der ausgesprochene Vorwurf der ,,raffinierten" Einschmuggelung eines falschen Religionssystems ist überaus schwer- wiegend und von großer Tragweite für den guten Ruf und die Ehre einer ganzen Reihe mit der Sache in Verbindung stehender Personen. Das Endurteil, das nur der Apostolische Stuhl abgeben kann und der bereits angerufen ist, steht noch aus. Es ist aber sehr fraglich, ob dieses End- urteil mit dem durch solche weitgehende Kritik arg getrübten Bade jener sog. Privatoffenbarungen zugleich auch das - nach der öffentlichen Erklärung des Bischöflichen Ordinariats Würzburg selbst - vollständig unschuldige Kind des ,,Eucharistischen Liebesbundes" und der Schippacher Sakramentskirche einfach ausschütten wird.
305 Wenn solche unschuldigen Kinder bloß wegen des Missbrauchs, der mit ihnen oder mit sogenannten Privatoffenbarungen getrieben werden kann, regelmäßig umgebracht werden müssten, dann würde bald in der Kirche Gottes überhaupt nichts mehr sicher sein. Denn konsequenter Weise müsste dann auch - genau so wie einst die Reformatoren es wollten - das meiste Gute in der Kirche, ja diese selber vernichtet werden, weil eben mit dem allen und mit ihr selber oft Missbrauch getrieben wurde und wird. Schon diese Erwägung sollte zur Vorsicht in der Kritik der ganzen Sache mahnen. Man muß mit eigenen Augen in den aufgezeichneten Anmutungen und Beschauungen der Barbara Weigand von Schippach gelesen haben, wie diese Person selbst ihre über das gewöhnliche Maß nicht hinausgehende Glaubenserkenntnis oft sehr gering einschätzt. Erst dann versteht man, wie verkehrt es ist, dieser Person die Absicht der Begründung eines neuen ,,theologischen Systems" zuzuschreiben. Des öfteren spricht sie unverhoh- len die Befürchtung aus, daß sie infolge ihrer geringen Kenntnis die ihr ein- gegebenen Gedanken nicht ganz richtig wiedergeben werde. So demütig und offen spricht niemand, der sich in dem Wahn befindet, die Welt mit einem neuen ,,theologischen System" zu beglücken. In Wirklichkeit wendeten sich die frommen Anmutungen und Mahnun- gen der Barbara Weigand gerade gegen ein neues ,,theologisches System", das damals, um das Jahr 1896, von Würzburg aus gewaltig rumorte. Es war das System Schells, gegen dessen naturalistische, rationalistische, liberali- sierende, modernistische Grundgedanken die Mahnungen der Barbara Weigand den instinktiven Widerstreit einer ganz dem Übernatürlichen zugewandten, tief gläubigen und mit großer Liebe der Kirche anhangenden Seele darstellen. Nicht als ob Barbara Weigand auch nur eine Ahnung von der theologischen Bedeutung des Schellianismus besessen hätte. Ihr ausge- sprochener Widerwille richtete sich aber gegen jene Regungen des Zeit- geistes, denen Schell besonderen Ausdruck verliehen hat. Zu einer Zeit, da ein großer Teil unserer Presse der Richtung Schells ein auffallend weites Entgegenkommen zeigte, war es einesteils leicht erklär- lich, andernteils aber auch durchaus anerkennenswert, daß in dem treu- katholischen Volke, bis zu welchem der Wellenschlag jener naturalistisch- modernistischen Richtung gedrungen war, schlichte, gläubige Herzen daran großen Anstoß nahmen und auf ihre Weise eine Gegenaktion zu unter- nehmen begannen. daß dabei Barbara Weigand und ihre Freunde in mancherlei heute befremdenden oder weniger verständlichen Formen rede- ten, ist ihnen aus verschiedenen Gründen zu verzeihen. Ihr Verdienst aber ist es auf jeden Fall, daß sie zu einer Zeit, wo so viele mit dem Strom des Zeitgeistes schwammen, sich um so enger und inniger
306 der alten Übernatürlichkeitsrichtung ihres Glaubens, dem Heilande, seinem göttlichen Herzen, seiner jungfräulichen Mutter und an die Gnadenquellen der Kirche anzuschließen suchten. Wohl mehr als genügend haben sie dadurch gezeigt und bewiesen, daß ihnen nichts ferner lag als die Sucht nach einem neuen ,,theologischen System". In Mainz, wo Barbara Weigand damals wohnte, saß auf dem bischöf- lichen Stuhle Paulus Leopoldus Haffner, der tapfere Kämpfer aus der Kulturkampfszeit, der in seiner Geschichte der Philosophie dem modernen Zeitgeist so energisch entgegentrat. Sein Urteil sowohl über Schell, wie auch über die Anmutungen von Barbara Weigand ist gewiss von Wert und Inter- esse. Das Urteil über ersteren vernahm der Verfasser selber aus dem Munde Haffners; es lautete: ,,Ich stelle Schell auf dieselbe Stufe wie Hoensbroech; sie sind beide Verräter an der Kirche". Sein Urteil aber über die Anmutun- gen von Barbara Weigand hat Haffner nach persönlicher Prüfung unter dem 28. Juni 1896 schriftlich niedergelegt; es lautet: ,,Gegen den Glauben ver- stoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht; sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauun- gen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden, und können darum wohl natürlich erklärt werden." Aus dem maßvollen Urteil dieses strengen Kritikers und wachsamen Oberhirten ergibt sich erst recht, wie wenig von einem ,,theologischen System" der Barbara Weigand die Rede sein kann und wie vorsichtig man auch hier mit dem Vorwurf sein muß, es handle sich um ein ausgesprochen häretisches System. Schon die Grundgedanken der Anmutungen von Barbara Weigand sind keineswegs so verkehrt, wie sie schon oft verkehrt ausgelegt wurden. Bei der heutigen ungeheuerlichen Verbreitung von Unglauben und Sittenlosig- keit, welche die Menschen von dem Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel vielfach gänzlich abgebracht haben, ist der Gedanke und Wunsch durchaus korrekt, daß es Gott gefallen möge, durch außerordentliche Mittel die Menschen wieder zum eifrigen Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel zurückzuführen. Wie ehedem zu diesem Zwecke ein hl. Vinzenz Ferrerius, eine hl. Katharina von Siena, ein hl. Franziskus von Assissi, ein hl. Domini- kus (Rosenkranz), ein hl. Ignatius von Loyola (Exerzitien), eine sel. Marga- reta Alcoque (Herz-Jesu-Andacht) besondere Mittel anwendeten, so sollte als außerordentliches Mittel zum gleichen Zweck der Eucharistische Liebes- bund dienen. Die Unterstellung, als ob Barbara Weigand durch dieses besondere Mittel die ordentlichen Heilsmittel ersetzen oder ausschalten wolle, ist absolut unwahr. Es soll vielmehr durch den Eucharistischen Liebesbund gerade der
307 lebendige Glaube, der eifrige Empfang der Sakramente, die Nachfolge Jesu im Kreuztragen, die Hochschätzung der Jungfräulichkeit, die wahre und echte Nächstenliebe erst recht empfohlen und immer mehr in Übung gebracht werden. Notwendig ist es auch nicht, den Grundgedanken und vorgeschlagenen Mitteln von Barbara Weigand wegen der zum Teil ungenauen Ausdrucks- weise einen häretischen Sinn beizumessen. Die angegriffenen Ausdrücke lassen sich alle auch in einem richtigen Sinne auffassen. So z. B. die Worte vom Leiden Jesu in der hl. Eucharistie. In wie vielen Andachts- und Erbau- ungsbüchern wird nicht gerade die Gegenwart Jesu im hh. Altarsakrament als eine fortgesetzte Verdemütigung, ein fortgesetztes Leiden bezeichnet. In dem von dem Dogmatiker Dr. Heinrich verfassten herrlichen Gesang- und Gebetbuch der Diözese Mainz heißt es z. B. in der ersten sakramentalischen Andacht Nr. 127: ,,Ich verlange, Dir (o Jesu im hl. Sakramente) für die so vielen Wunden genug zu tun, welche Deinem Herzen täglich geschlagen werden." Auch in dem Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Würzburg finden sich mehrfach Stellen des gleichen Inhalts. Z. B. S. 141: ,,Ich bete Dich in tief- ster Ehrfurcht an, o mein Jesus, wahres Sühneopfer für unsere Sünden, und opfere Dir diese Huldigung auf zum Ersatze für die gottesräuberischen Mißhandlungen, welche Dir von so vielen Christen widerfahren, die sich erkühnen, mit einer schweren Sünde auf dem Herzen sich Dir zu nahen und Dich in der hl. Kommunion zu empfangen." Oder S. 476: ,,O Jesus, Gottessohn! Bei dem Anblick der unüberwind- lichen Geduld und Langmut, mit der Dein göttliches Herz das bitterste Leiden und den qualvollsten Tod ertragen hat, und noch täglich im hoch- heiligen Sakramente des Altars tausend Unbilden und frevelhafte Beleidi- gungen erträgt, bitten wir Dich, ..." Die hl. Margareta von Kortona hörte aus dem Munde des Heilands die Worte: ,,Die mich unwürdig empfangen, kreuzigen mich und weihen mir jenen bitteren Trank, den mir einst die Juden gereicht haben." Der hl. Alphons von Liguori schildert den Gottesraub als etwas für den Heiland gleichsam unerträgliches, indem er schreibt: ,,Vernehmen wir, wie Jesus Christus sich durch den Mund der Propheten über den Gottesräuber beklagt;" ,,Ja, wenn mein Feind mir geflucht hätte, so würde ich es ertragen haben. Aber du, mein Gleichgesinnter, mein Führer, mein Bekannter, der mit mir süße Speise gekostet." In allen diesen Worten reden jene gewiss rechtgläubigen Personen nur in einem übertragenen Sinne von einem Leiden Jesu in der hl. Eucharistie,
308 wobei die dogmatische Lehre von der tatsächlichen Leidensunfähigkeit des verklärten Leibes Christi unangetastet bleibt und als bekannt vorausgesetzt wird. Warum will man nur in den Worten von Barbara Weigand diesen geläufigen übertragenen Sinn nicht gelten lassen? In einer öffentlichen Versammlung wurde Barbara Weigand von einem Geistlichen (!) sehr heftig und in Ärgernis erregender Weise auch deshalb angegriffen, weil sie von einem bräutlichen Verhältnis der Seele zu Jesus Christus redet. Und nun erinnere man sich, wie die hl. Schrift des alten Testamentes bereits ein eigenes ganzes Buch, das Hohelied, gerade auf die Darstellung dieses Verhältnisses verwendet, wie im neuen Testament Christus sich selber als den Bräutigam schildert und wie die ganze Mystik und Scholastik dieses Gedankens sich bedient. Die einschlägige Literatur ist angegeben in dem unvergleichlich schönen und lehrreichen Werkchen von Dr. Scheeben ,,Die Herrlichkeiten der gött- lichen Gnade" (Freiburg 1912, 10. Aufl.), in dem ein eigenes Kapitel sogar die Überschrift trägt: ,,Durch die Gnade wird unsere Seele eine Braut Gottes." Und wiederum das Mainzer Gesangbuch und das Würzburger ,,Ave Maria". Ersteres redet in einem uralten, kräftigen Gebete den Heiland mit den Worten an: ,,O Du meiner Seele allerliebster Blutbräutigam Jesu Christe!" Nach dem Würzburger Gebet- und Gesangbuch aber (S. 477) wird in der Andacht zum heiligsten Herzen Jesu gemeinsam gebetet: ,,O aller- keuschestes Herz Jesu, des Liebhabers und Bräutigams keuscher Seelen!" Auf S. 712 des gleichen Gesangbuches ist das allbekannte und allbeliebte Lied abgedruckt:
,,O Herr, ich bin nicht würdig, Zu Deinem Tisch zu gehn, Du aber mach mich würdig, Erhör mein kindlich Flehn! O stille mein Verlangen, Du Seelenbräutigam, Im Geist Dich zu empfangen, Du wahres Osterlamm! Ist das katholische Denken und Beten von heute wirklich bereits derart herabgestimmt, daß man schon an solchen traditionellen, warmkatholischen Ausdrücken Anstoß nimmt? Dann möge man aber zusehen und bei Zeiten dazutun, daß dieser Zeitgeist und diese Scheu vor Schippach nicht noch manch anderes Stück echt katholischen Denkens und Fühlens hinwegreißt!
309 Die Behauptung, daß Barbara Weigand unter dem Wort ,,lebendiger Glaube" nur den Glauben an ihre Privatoffenbarungen verstehe, ist einfach unwahr. Zwar verlangt Barbara Weigand, wie jeder anständige Mensch, der sich keiner Lüge bewusst ist, daß man ihr glaube und sie nicht als Betrüge- rin behandle; aber daß durch diesen menschlichen Glauben der zum Heile notwendige übernatürliche, göttliche, katholische Glaube ersetzt werden soll, sagt sie an keiner Stelle ihrer Anmutungen. Um nun gleich hier auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Barbara Weigand einzugehen, so muß betont werden, daß auch in dem Falle, daß ihre Anmutungen nicht als übernatürliche Eingebungen, sondern nur als natürliche Erkenntnisse anzusehen sind, keineswegs ohne weiteres von Betrug, Schwindel und dgl. geredet werden darf. Denn es gibt auch eine natürliche Ekstase, eine natürliche Verzückung, ein natürliches Hellsehen in religiösen Dingen, wie dies z. B. der gediegene Artikel ,,Verzückung" des Freiburger Kirchenlexikons eingehend nachweist. Will man nun aber trotz alledem in der ungenauen Ausdrucksweise der Barbara Weigand die Gefahr der Ketzerei und Sektenstiftung wittern, dann wäre zunächst doch noch festzustellen, ob es einer Barbara Weigand nach ihrem ganzen seitherigen religiös-sittlichen Verhalten, ihrem Charakter, ihrer Gesinnung überhaupt zuzutrauen sei, daß sie sich von der katholi- schen Kirche abwenden und daß sie mit Hartnäckigkeit ihren Anmutungen einen falschen, nichtkatholischen Sinn zugrunde legen, daran festhalten und auch andere in solche Ketzerei hineinziehen wolle. Wir glauben indes sagen zu können, daß auch strenge Kritiker bei der erprobten Tugend, der schlich- ten Frömmigkeit, der echt kirchlichen Gesinnung der Barbara Weigand keinen Augenblick zaudern werden mit der Erklärung, daß bei ihr die Anzeichen häretischer Gesinnung und sektiererischer Neigungen voll- ständig fehlen. Haben ihr doch selbst ihre schärfsten Gegner das Zeugnis schon ausstellen müssen, daß sie ,,sittlich intakt" und von ausnahmsweis großer Frömmigkeit sei. daß sich eine solche Person gar dazu versteigen sollte, in dem von ihr stammenden Projekte einer dem Gedächtnis der Kommuniondekrete Pius X. gewidmeten Sakramentskirche ,,die Mutterkirche einer neuen Sekte" errichten zu wollen oder etwas derartiges auch nur zu begünstigen, das ist ein Gedanke, der von vornherein bei allen Kennern der einschlägigen persönlichen Verhältnisse dem Fluche der Lächerlichkeit verfällt. Auch dem ,,Verein für die Sakramentskirche in Schippach, e.V.", der den Kirchenbau betreibt, kann kein vernünftiger Mensch sektiererische Bestre- bungen zuschreiben. Selbst die bloße Vermutung einer derartigen Gefahr ist bei dem Verein und seinem Unternehmen von vornherein hinfällig und
310 ausgeschlossen. Denn nach § 3 der beim Amtsgericht München unterm 9. August 1915 eingetragenen Satzung des Vereins hat ,,die Mitgliedschaft das Bekenntnis zum römisch-katholischen Glauben zur Voraussetzung." In demselben Augenblick also, in dem sich ein Mitglied sektiererischen Bestre- bungen zuwendet, schließt es sich selbst aus diesem Verein aus! daß doch bei allen Vereinen, in welchen heute Katholiken sich befinden, den Gefahren für den katholischen Glauben so gründlich schon durch die Satzungen vorgebeugt wäre wie hier!
Allein nicht bloß bezüglich der Mitgliedschaft, sondern auch hinsichtlich seines Unternehmens, seines Zweckes selber hat der Verein schon in seiner Satzung jeglichen widerkatholischen, sektiererischen Tendenzen den Boden entzogen. Der § 2 der Satzung legt nämlich als einzigen und alleinigen Zweck des Vereins fest, ,,zum immerwährenden Gedächtnis der von Papst Pius X. erlassenen Kommuniondekrete und zur Danksagung dafür in Schippach in Unterfranken eine Sakramentskirche, die zugleich Friedens- kirche für den Weltkrieg sein soll, zu erbauen, einzurichten und zu unter- halten."
Die echt katholische Tendenz dieses Zweckes aber, welche so klar und deutlich der Liebe zum Papste und dem Geiste des freudigen Gehorsams gegenüber den päpstlichen Dekreten Ausdruck verleiht, schließt deshalb sektiererische Bestrebungen aus, weil, wie schon der hl. Cyprian lehrt, der Anschluss an den Papst der beste Beweis dafür ist, daß einer zur Einheit der wahren Kirche gehört. Der hl. Ambrosius würde sagen: Ubi Papa, ibi Ecclesia neque ulla ecclesiola. Wo der Papst, da die Kirche und nicht eine Sekte!
Wie genau die ganze Einrichtung des Vereins für die Sakramentskirche in Schippach jenen päpstlichen Weisungen entspricht, welche neuestens der hl. Vater Benedikt XV. in seiner Enzyklika Ad beatissimi vom 1. Nov. 1914 für das Vereinswesen der Katholiken gegeben hat, zeigen zur Genüge die Erläu- terungen, welche die Druckschriften des Vereins zu dem in der Satzung fest- gelegten Zwecke geben. Darnach ist es dem Vereine um nichts anderes zu tun, als mitten in unserer materialistisch und naturalistisch gesinnten Zeit ein sichtbares Mahnzeichen aufzurichten an die übernatürliche Gnaden- quelle der hl. Eucharistie und an den Gehorsam gegenüber dem sichtbaren Stellvertreter des eucharistischen Heilands. Dadurch will er ,,den Geist des Glaubens, der Bruderliebe und der sittlichen Vertiefung, des Leidensmutes und des Opfersinnes neu beleben" und zugleich auch eine Friedenskirche erbauen, welche den einzigen Gedanken verkörpert: ,,Liebet einander, wie ich euch geliebt habe!"´
311 Dies alles entspricht genau den Forderungen, welche Papst Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika an jene Vereine stellt, welche von der Kirche empfohlen werden können und von den Bischöfen und Priestern aufs eifrigste gefördert werden sollen! Die Forderungen lauten: Vollkommener Gehorsam gegen Papst und Kirche, Hinordnung der ganzen Vereinstätigkeit auf das übernatürliche Endziel des Menschen, Verharren in der Liebe Gottes und des Nächsten. Soll ein diesen päpstlichen Forderungen so treu und gewissenhaft entsprechen- der Verein, wie jener für die Sakramentskirche in Schippach, wirklich die Gefahr der Sektenbildung in sich bergen? Getreu hält sich der genannte Verein auch an die Weisungen der Kirche hinsichtlich der Stellung zu Privatoffenbarungen, welche von der Kirche als solche nicht oder wenigstens noch nicht anerkannt sind. Der Verein hat es darum jederzeit auf das peinlichste und gewissenhafteste vermieden, sich und sein Werk irgendwie zu derartigen Privatoffenbarungen in Beziehung zu setzen. Weder in der Satzung noch in den sonstigen Verlautbarungen des Vereins ist irgendwie von Privatoffenbarungen die Rede. Der Verein hat überdies schon vor längerer Zeit und aus freien Stücken, ,,um einen Beweis seiner kirchlichen Gesinnung und seines Gehorsams gegen die geistliche Obrigkeit zu erbringen", der zuständigen kirchlichen Behörde die bündige Erklärung abgegeben, daß ,,der Bau der Sakramentskirche von ihm keines- wegs wegen der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand befördert und durchgeführt wird." Wenn gleichwohl von einzelnen Vereinsmitgliedern oder von sonstigen Personen das Projekt des Vereins mit solchen Privatoffenbarungen in Ver- bindung gebracht werden sollte, so stände derartiges im Widerspruch mit den klar ausgesprochenen Absichten des Vereins und dürfte unter keiner Bedingung dem Vereine zur Schuld angerechnet werden. Ganz unerlaubt wäre es, dem Verein andere Zwecke und Tendenzen zuzuschreiben und unterzuschieben, als er selber statutarisch und urkund- lich festgelegt hat. Das geht schon aus dem Grunde nicht an, weil an der Spitze des Vereins Männer stehen, deren gut- und treukatholische Gesin- nung und deren ganze Stellung und Haltung im privaten wie im öffent- lichen Leben die Gewähr dafür bieten, daß das Werk, welches sie errichten und unterhalten wollen, den Forderungen und dem Geiste der katholischen Kirche entspricht. Die Idee aber, in jenem weltabgeschiedenen und dennoch leicht zugäng- lichen Spessarttale der Elsava eine dem Gedächtnis der eucharistischen Großtaten Pius X. gewidmeten Sakramentskirche zu errichten, welche die tiefen Welterneuerungsgedanken Pius X. in monumentaler Weise verkör-
312 pern und in das Gedächtnis des Volkes hineinschreiben soll und besonders auch eine stille eucharistische Zufluchtsstätte für beladene und verwundete Herzen bietet - diese Idee ist so einzig schön, so durchaus katholisch, so wahrhaft pastoral-praktisch, daß sie es ohne Zweifel verdiente, möglichst bald mit Unterstützung aller verwirklicht zu werden. Kein kirchlich Gesinnter kann die Reinheit, Schönheit und Nützlichkeit dieser Idee verkennen. Denn was könnte die Erbauung der Sakraments- kirche auch schaden? Soll es ein Schaden sein, wenn Tausende und Aber- tausende, allein schon durch die schöne Idee dieser Kirche angezogen, dort im Sinne Pius X. die eucharistische Erneuerung ihres Seelenlebens in Angriff nehmen? Soll es ein Schaden sein, einen Brennpunkt zu besitzen, an dem das Feuer der Begeisterung für die tägliche und die frühzeitige Kommunion ständig genährt wird und von dort immer mehr sich verbreitet? Soll es ein Schaden sein, wenn eine Kirche entsteht, in der das Lob des großen und heiligmäßigen Papstes unserer Tage, Pius X., von seinen Zeitgenossen verkündet und wachgehalten wird? Soll es ein Schaden sein, wenn die Nachwelt durch ein monumentales Denkmal erfährt, daß auch die Katho- liken dieser Zeit und dieses Landes die Größe dieses Papstes zu würdigen wussten? Schon heute kann nicht übersehen werden, wie gerade in dieses Schippacher Kirchenbauprojekt das katholische Volk seine heiße Liebe und Dankbarkeit für den Papst der täglichen heiligen Kommunion und der Kinderkommunion hineingelegt hat. Es dürfte also wahrlich kein Grund gegeben sein, den Bau der Sakra- mentskirche in Schippach mit allen Mitteln zu vernichten und gar an der Stelle des begonnenen herrlichen und wirklich großartigen Bauwerks eine Trümmerstätte liegen zu lassen, die nur den Hohn und Spott des Irr- und Unglaubens herausfordern wird. In Erwägung aller von uns angeführten Momente scheint uns der Wunsch und die Bitte gerechtfertigt: Die Schippacher Angelegenheit möge mit mehr Ruhe und Sachlichkeit, mit wahrer und aufrichtiger Nächstenliebe und vor allem auch mit einer innigeren, begeisterten und begeisternden Liebe zum eucharistischen Heilande geprüft und gewürdigt werden. Verfasser: P. Peter Lippert S. J.
304 SCHIPPACH EINE ENTGEGNUNG UND
RICHTIGSTELLUNG
Pater Peter Lippert, S. J. (zur Infragestellung der Mystik der Barbara Weigand)
5. Auflage In Nr. 11 (vom 18. März 1916) der Münchener Wochenschrift für Politik und Kultur ,,Allgemeine Rundschau" veröffentlichte Dr. theol. Vitus Brander, Subregens am Priesterseminar in Würzburg, einen Artikel mit der Überschrift: ,,Das theologische System der Seherin von Schippach." Die in diesem Artikel an dem Werke von Schippach geübte Kritik bedarf einer Entgegnung und Richtigstellung, da sie selbst einer objektiven Kritik gegenüber nicht standhält. Schon die Überschrift ,,Das theologische System der Seherin von Schippach" schießt über das Ziel hinaus und muß darum irreführend wirken. Dadurch wird auch der ganze Aufsatz zu dem gleichfalls über- treibenden Schlusssatz geführt, es bestehe die Gefahr, ,,daß die geplante Sakramentskirche in Schippach die Mutterkirche einer neuen Sekte werde!" Wer so bestimmt den Argwohn der Sektenstiftung, also nicht nur der materiellen, sondern sogar der formellen Häresie und des Abfalls vom Glauben, der Ketzerei im vollendeten Sinne, öffentlich auszusprechen wagt, der muß vor Gott und der Welt den Nachweis erbringen, daß er auch den Charakter, die religiös-sittlichen Eigenschaften und die erwiesene Gesin- nung der in Frage kommenden Personen einer einwandfreien Prüfung unterzogen hat. Diesen Nachweis lässt aber die genannte Kritik vollständig vermissen. Schon um dessentwillen erscheint das audiatur et altera pars beachtenswert; denn der ausgesprochene Vorwurf der ,,raffinierten" Einschmuggelung eines falschen Religionssystems ist überaus schwer- wiegend und von großer Tragweite für den guten Ruf und die Ehre einer ganzen Reihe mit der Sache in Verbindung stehender Personen. Das Endurteil, das nur der Apostolische Stuhl abgeben kann und der bereits angerufen ist, steht noch aus. Es ist aber sehr fraglich, ob dieses End- urteil mit dem durch solche weitgehende Kritik arg getrübten Bade jener sog. Privatoffenbarungen zugleich auch das - nach der öffentlichen Erklärung des Bischöflichen Ordinariats Würzburg selbst - vollständig unschuldige Kind des ,,Eucharistischen Liebesbundes" und der Schippacher Sakramentskirche einfach ausschütten wird.
305 Wenn solche unschuldigen Kinder bloß wegen des Missbrauchs, der mit ihnen oder mit sogenannten Privatoffenbarungen getrieben werden kann, regelmäßig umgebracht werden müssten, dann würde bald in der Kirche Gottes überhaupt nichts mehr sicher sein. Denn konsequenter Weise müsste dann auch - genau so wie einst die Reformatoren es wollten - das meiste Gute in der Kirche, ja diese selber vernichtet werden, weil eben mit dem allen und mit ihr selber oft Missbrauch getrieben wurde und wird. Schon diese Erwägung sollte zur Vorsicht in der Kritik der ganzen Sache mahnen. Man muß mit eigenen Augen in den aufgezeichneten Anmutungen und Beschauungen der Barbara Weigand von Schippach gelesen haben, wie diese Person selbst ihre über das gewöhnliche Maß nicht hinausgehende Glaubenserkenntnis oft sehr gering einschätzt. Erst dann versteht man, wie verkehrt es ist, dieser Person die Absicht der Begründung eines neuen ,,theologischen Systems" zuzuschreiben. Des öfteren spricht sie unverhoh- len die Befürchtung aus, daß sie infolge ihrer geringen Kenntnis die ihr ein- gegebenen Gedanken nicht ganz richtig wiedergeben werde. So demütig und offen spricht niemand, der sich in dem Wahn befindet, die Welt mit einem neuen ,,theologischen System" zu beglücken. In Wirklichkeit wendeten sich die frommen Anmutungen und Mahnun- gen der Barbara Weigand gerade gegen ein neues ,,theologisches System", das damals, um das Jahr 1896, von Würzburg aus gewaltig rumorte. Es war das System Schells, gegen dessen naturalistische, rationalistische, liberali- sierende, modernistische Grundgedanken die Mahnungen der Barbara Weigand den instinktiven Widerstreit einer ganz dem Übernatürlichen zugewandten, tief gläubigen und mit großer Liebe der Kirche anhangenden Seele darstellen. Nicht als ob Barbara Weigand auch nur eine Ahnung von der theologischen Bedeutung des Schellianismus besessen hätte. Ihr ausge- sprochener Widerwille richtete sich aber gegen jene Regungen des Zeit- geistes, denen Schell besonderen Ausdruck verliehen hat. Zu einer Zeit, da ein großer Teil unserer Presse der Richtung Schells ein auffallend weites Entgegenkommen zeigte, war es einesteils leicht erklär- lich, andernteils aber auch durchaus anerkennenswert, daß in dem treu- katholischen Volke, bis zu welchem der Wellenschlag jener naturalistisch- modernistischen Richtung gedrungen war, schlichte, gläubige Herzen daran großen Anstoß nahmen und auf ihre Weise eine Gegenaktion zu unter- nehmen begannen. daß dabei Barbara Weigand und ihre Freunde in mancherlei heute befremdenden oder weniger verständlichen Formen rede- ten, ist ihnen aus verschiedenen Gründen zu verzeihen. Ihr Verdienst aber ist es auf jeden Fall, daß sie zu einer Zeit, wo so viele mit dem Strom des Zeitgeistes schwammen, sich um so enger und inniger
306 der alten Übernatürlichkeitsrichtung ihres Glaubens, dem Heilande, seinem göttlichen Herzen, seiner jungfräulichen Mutter und an die Gnadenquellen der Kirche anzuschließen suchten. Wohl mehr als genügend haben sie dadurch gezeigt und bewiesen, daß ihnen nichts ferner lag als die Sucht nach einem neuen ,,theologischen System". In Mainz, wo Barbara Weigand damals wohnte, saß auf dem bischöf- lichen Stuhle Paulus Leopoldus Haffner, der tapfere Kämpfer aus der Kulturkampfszeit, der in seiner Geschichte der Philosophie dem modernen Zeitgeist so energisch entgegentrat. Sein Urteil sowohl über Schell, wie auch über die Anmutungen von Barbara Weigand ist gewiss von Wert und Inter- esse. Das Urteil über ersteren vernahm der Verfasser selber aus dem Munde Haffners; es lautete: ,,Ich stelle Schell auf dieselbe Stufe wie Hoensbroech; sie sind beide Verräter an der Kirche". Sein Urteil aber über die Anmutun- gen von Barbara Weigand hat Haffner nach persönlicher Prüfung unter dem 28. Juni 1896 schriftlich niedergelegt; es lautet: ,,Gegen den Glauben ver- stoßen die frommen Ermahnungen, Betrachtungen und Ergießungen nicht; sie übersteigen aber nicht die Linie der gewöhnlichen frommen Anschauun- gen, welche in Gebetbüchern, Predigten und Betrachtungen sich finden, und können darum wohl natürlich erklärt werden." Aus dem maßvollen Urteil dieses strengen Kritikers und wachsamen Oberhirten ergibt sich erst recht, wie wenig von einem ,,theologischen System" der Barbara Weigand die Rede sein kann und wie vorsichtig man auch hier mit dem Vorwurf sein muß, es handle sich um ein ausgesprochen häretisches System. Schon die Grundgedanken der Anmutungen von Barbara Weigand sind keineswegs so verkehrt, wie sie schon oft verkehrt ausgelegt wurden. Bei der heutigen ungeheuerlichen Verbreitung von Unglauben und Sittenlosig- keit, welche die Menschen von dem Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel vielfach gänzlich abgebracht haben, ist der Gedanke und Wunsch durchaus korrekt, daß es Gott gefallen möge, durch außerordentliche Mittel die Menschen wieder zum eifrigen Gebrauch der ordentlichen Heilsmittel zurückzuführen. Wie ehedem zu diesem Zwecke ein hl. Vinzenz Ferrerius, eine hl. Katharina von Siena, ein hl. Franziskus von Assissi, ein hl. Domini- kus (Rosenkranz), ein hl. Ignatius von Loyola (Exerzitien), eine sel. Marga- reta Alcoque (Herz-Jesu-Andacht) besondere Mittel anwendeten, so sollte als außerordentliches Mittel zum gleichen Zweck der Eucharistische Liebes- bund dienen. Die Unterstellung, als ob Barbara Weigand durch dieses besondere Mittel die ordentlichen Heilsmittel ersetzen oder ausschalten wolle, ist absolut unwahr. Es soll vielmehr durch den Eucharistischen Liebesbund gerade der
307 lebendige Glaube, der eifrige Empfang der Sakramente, die Nachfolge Jesu im Kreuztragen, die Hochschätzung der Jungfräulichkeit, die wahre und echte Nächstenliebe erst recht empfohlen und immer mehr in Übung gebracht werden. Notwendig ist es auch nicht, den Grundgedanken und vorgeschlagenen Mitteln von Barbara Weigand wegen der zum Teil ungenauen Ausdrucks- weise einen häretischen Sinn beizumessen. Die angegriffenen Ausdrücke lassen sich alle auch in einem richtigen Sinne auffassen. So z. B. die Worte vom Leiden Jesu in der hl. Eucharistie. In wie vielen Andachts- und Erbau- ungsbüchern wird nicht gerade die Gegenwart Jesu im hh. Altarsakrament als eine fortgesetzte Verdemütigung, ein fortgesetztes Leiden bezeichnet. In dem von dem Dogmatiker Dr. Heinrich verfassten herrlichen Gesang- und Gebetbuch der Diözese Mainz heißt es z. B. in der ersten sakramentalischen Andacht Nr. 127: ,,Ich verlange, Dir (o Jesu im hl. Sakramente) für die so vielen Wunden genug zu tun, welche Deinem Herzen täglich geschlagen werden." Auch in dem Gebet- und Gesangbuch für das Bistum Würzburg finden sich mehrfach Stellen des gleichen Inhalts. Z. B. S. 141: ,,Ich bete Dich in tief- ster Ehrfurcht an, o mein Jesus, wahres Sühneopfer für unsere Sünden, und opfere Dir diese Huldigung auf zum Ersatze für die gottesräuberischen Mißhandlungen, welche Dir von so vielen Christen widerfahren, die sich erkühnen, mit einer schweren Sünde auf dem Herzen sich Dir zu nahen und Dich in der hl. Kommunion zu empfangen." Oder S. 476: ,,O Jesus, Gottessohn! Bei dem Anblick der unüberwind- lichen Geduld und Langmut, mit der Dein göttliches Herz das bitterste Leiden und den qualvollsten Tod ertragen hat, und noch täglich im hoch- heiligen Sakramente des Altars tausend Unbilden und frevelhafte Beleidi- gungen erträgt, bitten wir Dich, ..." Die hl. Margareta von Kortona hörte aus dem Munde des Heilands die Worte: ,,Die mich unwürdig empfangen, kreuzigen mich und weihen mir jenen bitteren Trank, den mir einst die Juden gereicht haben." Der hl. Alphons von Liguori schildert den Gottesraub als etwas für den Heiland gleichsam unerträgliches, indem er schreibt: ,,Vernehmen wir, wie Jesus Christus sich durch den Mund der Propheten über den Gottesräuber beklagt;" ,,Ja, wenn mein Feind mir geflucht hätte, so würde ich es ertragen haben. Aber du, mein Gleichgesinnter, mein Führer, mein Bekannter, der mit mir süße Speise gekostet." In allen diesen Worten reden jene gewiss rechtgläubigen Personen nur in einem übertragenen Sinne von einem Leiden Jesu in der hl. Eucharistie,
308 wobei die dogmatische Lehre von der tatsächlichen Leidensunfähigkeit des verklärten Leibes Christi unangetastet bleibt und als bekannt vorausgesetzt wird. Warum will man nur in den Worten von Barbara Weigand diesen geläufigen übertragenen Sinn nicht gelten lassen? In einer öffentlichen Versammlung wurde Barbara Weigand von einem Geistlichen (!) sehr heftig und in Ärgernis erregender Weise auch deshalb angegriffen, weil sie von einem bräutlichen Verhältnis der Seele zu Jesus Christus redet. Und nun erinnere man sich, wie die hl. Schrift des alten Testamentes bereits ein eigenes ganzes Buch, das Hohelied, gerade auf die Darstellung dieses Verhältnisses verwendet, wie im neuen Testament Christus sich selber als den Bräutigam schildert und wie die ganze Mystik und Scholastik dieses Gedankens sich bedient. Die einschlägige Literatur ist angegeben in dem unvergleichlich schönen und lehrreichen Werkchen von Dr. Scheeben ,,Die Herrlichkeiten der gött- lichen Gnade" (Freiburg 1912, 10. Aufl.), in dem ein eigenes Kapitel sogar die Überschrift trägt: ,,Durch die Gnade wird unsere Seele eine Braut Gottes." Und wiederum das Mainzer Gesangbuch und das Würzburger ,,Ave Maria". Ersteres redet in einem uralten, kräftigen Gebete den Heiland mit den Worten an: ,,O Du meiner Seele allerliebster Blutbräutigam Jesu Christe!" Nach dem Würzburger Gebet- und Gesangbuch aber (S. 477) wird in der Andacht zum heiligsten Herzen Jesu gemeinsam gebetet: ,,O aller- keuschestes Herz Jesu, des Liebhabers und Bräutigams keuscher Seelen!" Auf S. 712 des gleichen Gesangbuches ist das allbekannte und allbeliebte Lied abgedruckt:
,,O Herr, ich bin nicht würdig, Zu Deinem Tisch zu gehn, Du aber mach mich würdig, Erhör mein kindlich Flehn! O stille mein Verlangen, Du Seelenbräutigam, Im Geist Dich zu empfangen, Du wahres Osterlamm! Ist das katholische Denken und Beten von heute wirklich bereits derart herabgestimmt, daß man schon an solchen traditionellen, warmkatholischen Ausdrücken Anstoß nimmt? Dann möge man aber zusehen und bei Zeiten dazutun, daß dieser Zeitgeist und diese Scheu vor Schippach nicht noch manch anderes Stück echt katholischen Denkens und Fühlens hinwegreißt!
309 Die Behauptung, daß Barbara Weigand unter dem Wort ,,lebendiger Glaube" nur den Glauben an ihre Privatoffenbarungen verstehe, ist einfach unwahr. Zwar verlangt Barbara Weigand, wie jeder anständige Mensch, der sich keiner Lüge bewusst ist, daß man ihr glaube und sie nicht als Betrüge- rin behandle; aber daß durch diesen menschlichen Glauben der zum Heile notwendige übernatürliche, göttliche, katholische Glaube ersetzt werden soll, sagt sie an keiner Stelle ihrer Anmutungen. Um nun gleich hier auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Barbara Weigand einzugehen, so muß betont werden, daß auch in dem Falle, daß ihre Anmutungen nicht als übernatürliche Eingebungen, sondern nur als natürliche Erkenntnisse anzusehen sind, keineswegs ohne weiteres von Betrug, Schwindel und dgl. geredet werden darf. Denn es gibt auch eine natürliche Ekstase, eine natürliche Verzückung, ein natürliches Hellsehen in religiösen Dingen, wie dies z. B. der gediegene Artikel ,,Verzückung" des Freiburger Kirchenlexikons eingehend nachweist. Will man nun aber trotz alledem in der ungenauen Ausdrucksweise der Barbara Weigand die Gefahr der Ketzerei und Sektenstiftung wittern, dann wäre zunächst doch noch festzustellen, ob es einer Barbara Weigand nach ihrem ganzen seitherigen religiös-sittlichen Verhalten, ihrem Charakter, ihrer Gesinnung überhaupt zuzutrauen sei, daß sie sich von der katholi- schen Kirche abwenden und daß sie mit Hartnäckigkeit ihren Anmutungen einen falschen, nichtkatholischen Sinn zugrunde legen, daran festhalten und auch andere in solche Ketzerei hineinziehen wolle. Wir glauben indes sagen zu können, daß auch strenge Kritiker bei der erprobten Tugend, der schlich- ten Frömmigkeit, der echt kirchlichen Gesinnung der Barbara Weigand keinen Augenblick zaudern werden mit der Erklärung, daß bei ihr die Anzeichen häretischer Gesinnung und sektiererischer Neigungen voll- ständig fehlen. Haben ihr doch selbst ihre schärfsten Gegner das Zeugnis schon ausstellen müssen, daß sie ,,sittlich intakt" und von ausnahmsweis großer Frömmigkeit sei. daß sich eine solche Person gar dazu versteigen sollte, in dem von ihr stammenden Projekte einer dem Gedächtnis der Kommuniondekrete Pius X. gewidmeten Sakramentskirche ,,die Mutterkirche einer neuen Sekte" errichten zu wollen oder etwas derartiges auch nur zu begünstigen, das ist ein Gedanke, der von vornherein bei allen Kennern der einschlägigen persönlichen Verhältnisse dem Fluche der Lächerlichkeit verfällt. Auch dem ,,Verein für die Sakramentskirche in Schippach, e.V.", der den Kirchenbau betreibt, kann kein vernünftiger Mensch sektiererische Bestre- bungen zuschreiben. Selbst die bloße Vermutung einer derartigen Gefahr ist bei dem Verein und seinem Unternehmen von vornherein hinfällig und
310 ausgeschlossen. Denn nach § 3 der beim Amtsgericht München unterm 9. August 1915 eingetragenen Satzung des Vereins hat ,,die Mitgliedschaft das Bekenntnis zum römisch-katholischen Glauben zur Voraussetzung." In demselben Augenblick also, in dem sich ein Mitglied sektiererischen Bestre- bungen zuwendet, schließt es sich selbst aus diesem Verein aus! daß doch bei allen Vereinen, in welchen heute Katholiken sich befinden, den Gefahren für den katholischen Glauben so gründlich schon durch die Satzungen vorgebeugt wäre wie hier!
Allein nicht bloß bezüglich der Mitgliedschaft, sondern auch hinsichtlich seines Unternehmens, seines Zweckes selber hat der Verein schon in seiner Satzung jeglichen widerkatholischen, sektiererischen Tendenzen den Boden entzogen. Der § 2 der Satzung legt nämlich als einzigen und alleinigen Zweck des Vereins fest, ,,zum immerwährenden Gedächtnis der von Papst Pius X. erlassenen Kommuniondekrete und zur Danksagung dafür in Schippach in Unterfranken eine Sakramentskirche, die zugleich Friedens- kirche für den Weltkrieg sein soll, zu erbauen, einzurichten und zu unter- halten."
Die echt katholische Tendenz dieses Zweckes aber, welche so klar und deutlich der Liebe zum Papste und dem Geiste des freudigen Gehorsams gegenüber den päpstlichen Dekreten Ausdruck verleiht, schließt deshalb sektiererische Bestrebungen aus, weil, wie schon der hl. Cyprian lehrt, der Anschluss an den Papst der beste Beweis dafür ist, daß einer zur Einheit der wahren Kirche gehört. Der hl. Ambrosius würde sagen: Ubi Papa, ibi Ecclesia neque ulla ecclesiola. Wo der Papst, da die Kirche und nicht eine Sekte!
Wie genau die ganze Einrichtung des Vereins für die Sakramentskirche in Schippach jenen päpstlichen Weisungen entspricht, welche neuestens der hl. Vater Benedikt XV. in seiner Enzyklika Ad beatissimi vom 1. Nov. 1914 für das Vereinswesen der Katholiken gegeben hat, zeigen zur Genüge die Erläu- terungen, welche die Druckschriften des Vereins zu dem in der Satzung fest- gelegten Zwecke geben. Darnach ist es dem Vereine um nichts anderes zu tun, als mitten in unserer materialistisch und naturalistisch gesinnten Zeit ein sichtbares Mahnzeichen aufzurichten an die übernatürliche Gnaden- quelle der hl. Eucharistie und an den Gehorsam gegenüber dem sichtbaren Stellvertreter des eucharistischen Heilands. Dadurch will er ,,den Geist des Glaubens, der Bruderliebe und der sittlichen Vertiefung, des Leidensmutes und des Opfersinnes neu beleben" und zugleich auch eine Friedenskirche erbauen, welche den einzigen Gedanken verkörpert: ,,Liebet einander, wie ich euch geliebt habe!"´
311 Dies alles entspricht genau den Forderungen, welche Papst Benedikt XV. in seiner ersten Enzyklika an jene Vereine stellt, welche von der Kirche empfohlen werden können und von den Bischöfen und Priestern aufs eifrigste gefördert werden sollen! Die Forderungen lauten: Vollkommener Gehorsam gegen Papst und Kirche, Hinordnung der ganzen Vereinstätigkeit auf das übernatürliche Endziel des Menschen, Verharren in der Liebe Gottes und des Nächsten. Soll ein diesen päpstlichen Forderungen so treu und gewissenhaft entsprechen- der Verein, wie jener für die Sakramentskirche in Schippach, wirklich die Gefahr der Sektenbildung in sich bergen? Getreu hält sich der genannte Verein auch an die Weisungen der Kirche hinsichtlich der Stellung zu Privatoffenbarungen, welche von der Kirche als solche nicht oder wenigstens noch nicht anerkannt sind. Der Verein hat es darum jederzeit auf das peinlichste und gewissenhafteste vermieden, sich und sein Werk irgendwie zu derartigen Privatoffenbarungen in Beziehung zu setzen. Weder in der Satzung noch in den sonstigen Verlautbarungen des Vereins ist irgendwie von Privatoffenbarungen die Rede. Der Verein hat überdies schon vor längerer Zeit und aus freien Stücken, ,,um einen Beweis seiner kirchlichen Gesinnung und seines Gehorsams gegen die geistliche Obrigkeit zu erbringen", der zuständigen kirchlichen Behörde die bündige Erklärung abgegeben, daß ,,der Bau der Sakramentskirche von ihm keines- wegs wegen der Privatoffenbarungen von Barbara Weigand befördert und durchgeführt wird." Wenn gleichwohl von einzelnen Vereinsmitgliedern oder von sonstigen Personen das Projekt des Vereins mit solchen Privatoffenbarungen in Ver- bindung gebracht werden sollte, so stände derartiges im Widerspruch mit den klar ausgesprochenen Absichten des Vereins und dürfte unter keiner Bedingung dem Vereine zur Schuld angerechnet werden. Ganz unerlaubt wäre es, dem Verein andere Zwecke und Tendenzen zuzuschreiben und unterzuschieben, als er selber statutarisch und urkund- lich festgelegt hat. Das geht schon aus dem Grunde nicht an, weil an der Spitze des Vereins Männer stehen, deren gut- und treukatholische Gesin- nung und deren ganze Stellung und Haltung im privaten wie im öffent- lichen Leben die Gewähr dafür bieten, daß das Werk, welches sie errichten und unterhalten wollen, den Forderungen und dem Geiste der katholischen Kirche entspricht. Die Idee aber, in jenem weltabgeschiedenen und dennoch leicht zugäng- lichen Spessarttale der Elsava eine dem Gedächtnis der eucharistischen Großtaten Pius X. gewidmeten Sakramentskirche zu errichten, welche die tiefen Welterneuerungsgedanken Pius X. in monumentaler Weise verkör-
312 pern und in das Gedächtnis des Volkes hineinschreiben soll und besonders auch eine stille eucharistische Zufluchtsstätte für beladene und verwundete Herzen bietet - diese Idee ist so einzig schön, so durchaus katholisch, so wahrhaft pastoral-praktisch, daß sie es ohne Zweifel verdiente, möglichst bald mit Unterstützung aller verwirklicht zu werden. Kein kirchlich Gesinnter kann die Reinheit, Schönheit und Nützlichkeit dieser Idee verkennen. Denn was könnte die Erbauung der Sakraments- kirche auch schaden? Soll es ein Schaden sein, wenn Tausende und Aber- tausende, allein schon durch die schöne Idee dieser Kirche angezogen, dort im Sinne Pius X. die eucharistische Erneuerung ihres Seelenlebens in Angriff nehmen? Soll es ein Schaden sein, einen Brennpunkt zu besitzen, an dem das Feuer der Begeisterung für die tägliche und die frühzeitige Kommunion ständig genährt wird und von dort immer mehr sich verbreitet? Soll es ein Schaden sein, wenn eine Kirche entsteht, in der das Lob des großen und heiligmäßigen Papstes unserer Tage, Pius X., von seinen Zeitgenossen verkündet und wachgehalten wird? Soll es ein Schaden sein, wenn die Nachwelt durch ein monumentales Denkmal erfährt, daß auch die Katho- liken dieser Zeit und dieses Landes die Größe dieses Papstes zu würdigen wussten? Schon heute kann nicht übersehen werden, wie gerade in dieses Schippacher Kirchenbauprojekt das katholische Volk seine heiße Liebe und Dankbarkeit für den Papst der täglichen heiligen Kommunion und der Kinderkommunion hineingelegt hat. Es dürfte also wahrlich kein Grund gegeben sein, den Bau der Sakra- mentskirche in Schippach mit allen Mitteln zu vernichten und gar an der Stelle des begonnenen herrlichen und wirklich großartigen Bauwerks eine Trümmerstätte liegen zu lassen, die nur den Hohn und Spott des Irr- und Unglaubens herausfordern wird. In Erwägung aller von uns angeführten Momente scheint uns der Wunsch und die Bitte gerechtfertigt: Die Schippacher Angelegenheit möge mit mehr Ruhe und Sachlichkeit, mit wahrer und aufrichtiger Nächstenliebe und vor allem auch mit einer innigeren, begeisterten und begeisternden Liebe zum eucharistischen Heilande geprüft und gewürdigt werden. Verfasser: P. Peter Lippert S. J.
324 Ganz anders aber Dr. Brander. Pathetisch bricht er im Anschluß an seine Entdeckung der ,,Irrtümer" in den Schippacher Offenbarungen in die Worte aus: ,,Gott kann niemals irren oder fehlen!" Und in seinem Vorwort meint er: ,,Aussprüche des Himmels müssen lauterer sein als das Sonnenlicht." Papst Benedikt XV. hat auf ein Wort Gregor d. Gr. hingewiesen: ,,Selbst prophetisch begabte Männer sind nicht ständig vom prophetischen Geist erleuchtet und erachten bisweilen das Resultat der eigenen Geistestätigkeit irrtümlich für eine Gabe prophetischer Erleuchtung." Aufgabe einer wis- senschaftlichen Untersuchung ist es nachzuweisen, was Stimme Gottes und was Stimme des Menschen ist. Finden sich wirklich Irrtümer in mystischen Schriften, dann sind diese Irrtümer dem menschlichen Faktor zuzuschrei- ben, berühren aber den göttlichen nicht. Darum ist es nicht angängig, mit dem Hinweis auf Irrtümer das Ganze zu verwerfen. Mit einer solchen Methode müsste man auch approbierte, anerkannte und echte Offen- barungen verwerfen. (So Dr. Büttner S. 63/64). Hier gilt das Wort Pauli: ,,Prüfet! Was gut ist behaltet!" Ganz abwegig ist der Satz von Dr. Brander: ,,Eher fällt die Sonne vom Himmel und geht das Weltall in Trümmer, als daß Rom solche Offen- barungen bestätigen wird!" Wie oft schon hat Rom Offenbarungen, die von unteren kirchlichen Instanzen verworfen wurden, später bestätigt, hat sogar eine von einem bischöflichen Gericht als Hexe verurteilte und verbrannte Jeanne d´Arc feierlich heilig gesprochen. Bei einer ruhigen Prüfung der Schippacher Schriften kann man Perlen von christlichem Gedankengut fin- den, deren Schönheit und Tiefe überraschen. Hier kurz einige Proben: Wie viele Katholiken haben heute Angst vor einem Zuviel der Marien- verehrung! Anstatt mit dem hl. Bernhard zu sprechen: ,,De Maria nunquam satis"!, rufen sie abwehrend: ,,De Maria nequit nimis"! So sagte vor kurzer Zeit eine beim Bischöflichen Jugendamt angestellte Ordensfrau zu einer meiner Jungfrauen: ,,Warum den Umweg über Maria zu Christus gehen anstatt direkt zu Christus?!" Hinter dieser bedenklichen Auffassung stehen viele Theologen, so daß es manchmal schwer war, ein Marienbuch bei einem Verlag unterzubringen. Wie glänzend und lichtvoll wird diese schiefe Auffassung durch einen Satz der Schippacher Offen- barungen widerlegt, wo der Herr im Oktober 1895 spricht im Hinblick auf den Rosenkranz: ,,Meine Kinder versammeln sich so zahlreich zum Lob- preis meiner Mutter. Siehe, indem sie meine hl. Mutter ehren, verherrlichen sie mich, ihren Gott!" Marienliebe ist ja Christusliebe. Die Gegner übersehen den Organismus zwischen Marienliebe und Christusliebe und stellen die beiden mechanisch nebeneinander. Da Ew. Heiligkeit ein so glühender Ver- ehrer der himmlischen Mutter sind, darf ich zur Freude Ew. Heiligkeit
325 ergänzend bemerken, daß ich zum Abschluss der Euch. Triduen und Missi- onswochen immer eine Marienpredigt hielt und die wunderbare Medaille der Unbefleckten Empfängnis als Missionsandenken verteilte. Bis zum Krieg habe ich Million dieser Medaillen verteilen dürfen. Jetzt gibt es leider keine mehr.
Bei der Missionswoche in der Jesuitenkirche in Mannheim habe ich allein 9000 Medaillen verschenken dürfen. Mit hl. Eifer kamen alle Gläubigen, auch die Männer, um das geweihte Gnadenzeichen der Himmelsmutter in Empfang zu nehmen, um, oft unter Tränen, einen Kuss der Liebe darauf zu drücken. Priester, die anfänglich Bedenken gegen die Medaillenausteilung äußerten, waren durch das Erlebnis nachher freudig überrascht. Das gute Volk denkt da oft viel gesünder und gläubiger als viele Theologen. Eine Reihe wunderbarer Bekehrungen und Heilungen sind mir bekannt gewor- den, welche die himmlische Mutter doch durch ihr Gnadenzeichen wirkte.
Desgleichen durfte ich in Verbindung mit Hochschulprofessor Dr. Fischer, dem Fatima-Apostel Deutschlands, die Großtaten unserer lieben Frau von Fatima in vielen Pfarreien verkünden. Darum begrüßte ich auch die Weltweihe an das hl. Herz Mariä am letzten Oktober 1942 mit außer- ordentlicher Freude und vollzog sie an Neujahr mit meiner Pfarrgemeinde. Denn was das Haupt tut, müssen auch die einzelnen Glieder tun. Sonst wird der Zweck der Weltweihe an das hl. Herz Mariä nicht ganz erreicht werden können.
Dr. Brander widmet in etwas spöttischer Weise ein Kapitel ,,den Jung- frauen in der Welt". Wie hat doch auch hier die Geschichte Barbara Weigand recht gegeben. Ich erinnere an den ersten und jetzigen zweiten Weltkrieg. Der 1. Weltkrieg kostete allein Deutschland 2 Millionen Männer durch den Heldentod. Dies aber bedeutete für 2 Millionen Mädchen und Frauen Ehelosigkeit oder frühen Witwenstand. Damit wurde der Begriff ,,Jungfrau- en in der Welt" ein vordringliches Seelsorgeproblem, sollten nicht diese zur Ehelosigkeit verurteilten Jungfrauen am Leben zerbrechen und ihr irdisches und ewiges Glück gefährdet werden. Dasselbe gilt auch heute.
Dazu kommt, daß heute praktisch kein Mädchen ins Kloster mehr gehen kann. Ferner zeigt die Kirchengeschichte, wie oft der Himmel das Schwache erwählt hat, um das Starke zu beschämen, cf. Katharina v. Siena.
Wenn Dr. Brander den Ausdruck ,,die lebendigen Mütter meines Sohnes" besonders angreift, so sei nur an das Wort des hl. Augustinus erinnert, der sagt: Wir sollten ,,matres Christi" sein, indem wir durch apostolisches Wirken Christus in den Herzen erzeugen und das göttliche Leben hegen und pflegen.
326 Vielfach sind die von Dr. Brander angegriffenen Gedanken durch die katholische Aktion Pius XI. glänzend gerechtfertigt worden, so z. B. das Beten, Sühnen und Leiden. Der rote Faden, der die ganzen Schippacher Offenbarungen durchzieht und ihr Herzstück bildet, die Sendung der Barbara Weigand darstellt, ist die Einführung der öfteren Kommunion. Dafür betete und opferte Barbara Weigand schon in den 70er Jahren heroisch, indem sie mehrmals in der Woche je 5 Stunden hin und zurück zu Fuß von Schippach nach Aschaffen- burg ging, und zwar schon nachts um 1 Uhr aufbrach, um werktags im Kapuzinerkloster kommunizieren zu können, weil daheim an Werktagen der Tabernakel nicht geöffnet wurde. Immer wieder kehrt in ihren Schriften der Satz: ,,Ich will, daß die öftere Kommunion in meiner Kirche eingeführt wird." Diese große Sendung von Barbara Weigand ist nun durch die Kommuniondekrete Pius X. und neuerdings durch einen erneuten Erlass der Sakramentenkongregation feierlich und amtlich von höchster Autorität bestätigt worden. In ähnlicher Weise bestätigte die Weltgeschichte folgende Worte Jesu im Jahre 1896: ,,Rettet, was zu retten ist, denn es kommt die Zeit, wo ihr mit Schaudern die Dinge sehen werdet, die der Sozialismus geboren hat. Es werden die Gottlosen einfallen, sie werden sich verbinden in der ganzen Welt. Es wird zu einem allgemeinen Aufstand kommen und ein schreck- liches Blutbad wird die Erde decken." Allgemein darf man sagen, daß die Schippacher Offenbarungen auf der ganzen Linie ihre Bestätigung finden, während Dr. Brander auf der ganzen Linie durch die Zeitereignisse widerlegt wird. Ergreifend ist der Bericht über das heroische apostolische Wirken der Barbara Weigand in Mainz (Dr. Büttner S. 276 ff.) Solche Früchte der Bekeh- rungen wachsen wahrhaftig nicht an einem schlechten Baum. Hier gelten die Worte, die der Straßburger Bischof Räss s. Zt. bezüglich der begnadigten Elis. Eppinger in Niederbronn an den gegnerischen Bischof in La Rochelle schrieb: ,,Wenn ein in steter Reinheit und Keuschheit zugebrachtes Leben, wenn ebenso zahlreiche als auffallende Bekehrungen, wenn ihre weisen Ratschläge und die einfachen und hinreißenden religiösen Unterweisungen, wenn die Werke der Liebestätigkeit, welche jedermann erbauen und in Erstaunen setzen, das Werk des Bösen sind, dann bin ich ganz geneigt, ihm ein Dummheitszeugnis auszustellen." Sehr richtig weist Dr. Büttner auf einen Grundirrtum der Polemik gegen Schippach hin, daß man die Frage des Kirchenbaues zu einer Frage der mystischen Theologie gemacht hat. Man hätte die Frage nach Echtheit oder Unechtheit der Schippacher Offenbarungen offen lassen sollen, zumal
327 Barbara Weigand noch lebt, und die Frage des Kirchenbaues in sich über- prüfen müssen. Ein Musterbeispiel dafür bietet uns die hl. Kirche in der Behandlung der Offenbarungen der hl. Margaretha Alacoque. Der Moralist Noldin schreibt diesbezüglich S. 19 folgendes: ,,Die Kirche ließ bei dieser Prüfung die Offenbarungen der sel. Margaretha so ziemlich außer acht. Das fragliche Fest wurde gestattet, noch ehe die Kirche ein Urteil über die Offen- barungen der sel. Margaretha gefällt hatte. Es kam der Kirche vor allem darauf an, daß die Andacht in der katholischen Glaubenslehre begründet sei und daß ihre Übung ebenso Gott zur Ehre, wie den Menschen zum Heile gereiche. Es ist demnach zum mindesten ungenau, wenn man sagt, die Herz-Jesu- Andacht stütze sich auf Privatoffenbarungen, die möglicherweise auf Einbildung und Täuschung beruhen. Die Privatoffenbarungen, deren die sel. Margaretha gewürdigt wurde, haben allerdings die Veranlassung gege- ben, daß diese Andacht von den Gläubigen geübt, und von der Kirche geprüft wurde, allein nicht sie, sondern die unerschütterlichen Dogmen des Glaubens enthalten den Grund ihrer kirchlichen Approbation. Es kann das allerdings nach der kirchlichen Prüfung und Bestätigung nicht gesagt werden, aber selbst, wenn die Offenbarungen der Seligen auf Einbildung beruhten, würde die Andacht an ihrer inneren Wahrheit und Begründung nichts verlieren. Dasselbe gilt von der gottsel. Droste Vischering und der Weihe der Welt an das hl. Herz Jesu durch Papst Leo XIII. Die Sakramentskirche von Schippach ist in sich etwas sehr Gutes, hätte einer dringenden Kirchennot Abhilfe geschaffen und wäre ein würdiges Dankesmonument für die größte Gnade des Himmels im letzten Jahr- tausend, für die Gnade der öfteren und täglichen Kommunion. Desgleichen ist, wie Dr. Brander selbst anerkennen muß, der Eucharistische Liebesbund gemäß seiner Statuten in sich etwas sehr Gutes und Zeitgemäßes und wurde darum von verschiedenen Bischöfen approbiert und wärmstens empfohlen, neuerdings wiederum in der Diözese Metz. Ist es ein Zeichen der einen, einheitlichen Kirche, wenn in den einen Diözesen der Liebesbund feierlich von der Kanzel verdammt wird, während er in anderen Diözesen wärmstens empfohlen wird? Zum Schluss sei noch erwähnt, daß am 17.11.1942 einer der bedeutend- sten Vorkämpfer für Schippach, P. Josef Bergmiller, zu Grabe getragen wurde. Der Provinzial P. Lukas Klose führte in einem ergreifenden Nachruf folgende Stellen über das heiligmäßige Sterben des P. Josef an: ,,Die Gewiß- heit, daß seine Todeskrankheit zum Tode führe, erfüllte ihn erst recht mit unbeschreiblicher Freude. ,,Gottlob, nun wird es ernst, jetzt kommt der Herr
328 und nimmt mich zu sich! Ich freue mich, daß diese Stunde naht, da ich zum Heiland gehen darf. Ich werde zu Gott kommen, meinen Heiland Jesus Christus sehen, ich werde ewig bei ihm sein und bei allen verklärten Kindern Gottes mit der lieben Gottesmutter und allen Heiligen und Engeln. Ich werde mich ihrer und die werden sich meiner mehr als je auf Erden in Gott erfreuen. Ich werde, wie die Engel Gottes, Gottes Willen ungehindert erfüllen, Gottes Seligkeit mit den Auserwählten genießen und Gottes Reich auch hier auf Erden mehr verbreiten können, als es auf Erden geschehen könnte."
Diese Gedanken belebten unseren Mitbruder in Christo so sehr, daß sie ihn mit größter Zuversicht erfüllten. Er wurde gefragt: ,,Haben Sie keine Angst vor dem Sterben?" Er antwortete: ,,Nein, durchaus nicht. Ich freue mich, wenn ich zum lieben Heiland komme und er freut sich noch mehr, daß ich zu ihm komme."
In dieser Freude hat er drei Tage vor seinem Sterben selbst seine eigene Sterbekerze geweiht, die ihm hinüberleuchten sollte in das ewige Leben. Diese Sehnsucht atmet auch der Brief, den er aus seiner Todeskrankheit an seinen Provinzial geschrieben hat (27.9.42): ,,Da ich mich nun allen Ernstes zur letzten großen Reise, die ich, wie alle Sterblichen machen muß, rüste, will ich auch Ihnen schreiben, solange ich schreiben kann. Der Magenkrebs macht bei mir sehr schnelle Fortschritte. Ich kann fast gar nichts mehr essen und so rechne ich nur noch mit Tagen. Aber haben Sie keine Sorge, ich freue mich, daß diese Stunde naht, in der ich zum Heiland gehen darf. Mein noch übriges Leben ist weiter nichts mehr als die nähere Vorbereitung auf diese selige Stunde. Vorbereitet bin ich ja immer gewesen, denn, was man seit Jahren mit Sehnsucht erwartet, darauf ist man auch vorbereitet.
Ich will Ihnen dies auch bekennen, daß ich dem lieben Heiland vor eini- gen Wochen, als ich beim hl. Opfer während der hl. Wandlung die hl. Hostie emporhob, das Leben, Gesundheit und alle sichtbaren Erfolge, überhaupt alles, was ich in diesem Leben noch zu vergeben habe, für den baldigen Sieg seiner großen Sache angeboten habe. Und ich erneuere dieses Opfer täglich und will es noch erneuern, solange ich lebe. Dazu hat der Heiland mich angeregt. Darum hat er auch Ja dazu gesagt ... Was mich immer tröstete und mich jetzt besonders im Angesichte des Todes sehr tröstet, ist, daß ich bei allem, was ich im hl. Gehorsam in der Gesellschaft unternehmen und aus- führen mußte, niemals mich selbst und meine eigenen Interessen gesucht habe, sondern nur das bonum societatis (was der Gesellschaft nützt). Und daß ich im hl. Gehorsam immer, auch in den schwierigsten Verhältnissen, ausgeharrt habe, bis ich wieder befreit wurde. Sagen Sie das nach meinem Tode allen Mitbrüdern, daß das für den Ordensmann ein großer Trost im Sterben ist. Der Heiland selbst saniert da alle Fehler, die gemacht werden
329 und die schon der Demut wegen gemacht werden müssen, daß nie ein Scha- den von irgendeiner Bedeutung entsteht. Im Himmel werde ich fortfahren, für das Wohl der Gesellschaft zu wirken, der ich durch die unendliche Barmherzigkeit Gottes alles verdanke, was ich einst ewig besitze, denn sie ist mir ja geistige Mutter geworden. Nun bitte ich Sie um den hl. Segen und das Gedenken beim hl. Opfer, damit ich mein ewiges Ziel recht bald glücklich erreiche. Ich grüße Sie und alle Mitbrüder herzlich. Auf freudiges Wiedersehen im Himmel." Wir Freunde von Schippach hoffen, in diesem heiligmäßigen Pater Josef einen neuen Anwalt im Himmel zu haben, zumal er sein Leben für den baldigen Sieg der großen Sache der Sakramentskirche und des Eucharisti- schen Liebesbundes dem lieben Gott angeboten hat und dieses Lebensopfer auffallend rasch von Gott angenommen wurde. Heiliger Vater! Ich habe mir diese Zeilen auf Anregung von Freundesseite frisch vom Herzen geschrieben. Da ich durch die Kriegsverhältnisse meine beiden Kapläne verloren und nur einen alten pensionierten Herrn als Mitarbeiter habe, bin ich mit Seelsorgearbeiten sehr überladen, so daß ich unmöglich die äußere Form feilen konnte. (Die Zahlen der letzten 14. Beilage lassen die Rie- senarbeit erkennen.) Es geht mir ja nur um die gute Sache, um das beschleu- nigte Kommen des Eucharistisch-Marianischen Christ-Königs-Reiches der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. daß Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe auch in der Schippacher Frage einmal zum Sieg kommen mögen, das ist mein heißes Bitten und mein kindliches Vertrauen, wo ja Ew. Heiligkeit der erste Vorkämpfer dieses Christ-Königs-Reiches der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe sind. Wie immer, so richte ich auch heute die flehentliche Bitte zum Himmel, daß jedes meiner Worte mit einem Tropfen des kostbaren Blutes und einer Träne der schmerzhaften Mutter betaut werde. In allem nur die Ehre Gottes und das Heil der Seelen! Mit Don Bosco flehe ich täglich: Herr, gib mir Seelen! Alles übrige, allen Plunder der Erde, weg! Derselbe Heilige hatte einst die prophetische Schau von dem modernen Karfreitag der Weltkirche und ihre Rettung durch die beiden Säulen mit der Hostie und der Immakulata. ,,Eucharistisch-Maria- nisch" ist darum der Stempel der modernen Seelsorge, der Stempel unserer Herzen, der Stempel unserer Pfarreien, der Stempel der lieben heiligen katholischen Kirche im 20. Jahrhundert. Die heißersehnte baldige Seligspre- chung des großen Kommunionpapstes Pius X. und die innigst erflehte Genehmigung des Eucharistischen Liebesbundes und der Sakramentskirche
330 von Schippach durch den ,,Pastor angelicus" werden in Verbindung mit der Weltweihe an das hl. Herz Mariä den Triumph des Eucharistischen-Maria- nischen Christ-Königs-Reiches beschleunigen. Mit der Bitte um den päpstlichen Segen für Hirt und Herde Ew. Heiligkeit ehrfurchtvollster gehorsamster Diener Pfr. P. M. Weihmann Pfarrer in Schifferstadt b/Speyer.
331
BRIEF DES ERBLINDETEN PFARRERS ENGELBERT KLEISER von Bickesheim in Baden.
Prälat Kleiser in der Schweiz war bis zu seinem Tode ein überzeugter und eifriger Freund von Schippach, des Eucharistischen Liebesbundes und der Sakramentskirche. Sein Bruder war der bekannte und auch heute noch sehr verehrte erblindete Pfarrer Engelbert Kleiser von Bickesheim (1891-1931) in Baden, von dem auch heute noch viel gutes berichtet wird wegen seines überzeugenden Einsatzes und Ganzhingabe als Diener Gottes am Altar und vor allem als Segenspriester.
Am 11. Oktober 1914 schrieb er Barbara Weigand folgenden Brief:
,,Ich verfolge schon Jahre lang Ihre Schriften und lasse sie mir vorlesen, weil mein Augenlicht erloschen ist, denn ich bin schon 8 Jahre ganz blind. Bin jetzt 75 Jahre alt, habe als Theologe viele Bücher gelesen und studiert, aber zu Ihrem Troste sei es gesagt, ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Buch gelesen, das mich so hingerissen hätte zur Liebe Gottes als Ihre Schriften, und ich bedauere sehr, daß man sie dem Volke, besonders den Priestern so lange vorenthält. Ich möchte die Verantwortung nicht über- nehmen. Ich habe gelehrte Bücher gelesen, die von heiligmäßigen Männern geschrieben sind, die einem wegen ihrer Strenge mehr Furcht als Liebe zu Gott in die Seele bringen. Aber in Ihren Schriften wird eine Sprache gespro- chen, wo ich mir Wort für Wort sagen muß, so muß der Heiland sprechen. Ja, das ist der Heiland, Der da spricht, diese Güte, diese Liebe, diese uner- gründliche Barmherzigkeit! zu uns armen, sündigen Menschen. Ebenso erbaue ich mich an der Gebetsweise Ihrerseits, was unmöglich der arme Mensch aus sich selbst fertig bringen kann. Bleiben Sie ruhig, Der Herr rechtfertigt Sie selbst, wenn es Zeit ist. Aber die Kirche, des Herrn Denkmal, muß gebaut werden! Viel Heil und Segen muß ausgehen von diesem Tempel: alle Kräfte sollen aufgeboten werden, daß er fertig wird. Auch ich will mein Schärflein noch dazu legen. Engelbert Kleiser, Pfarrer von Bickesheim."
Und Barbara Weigand antwortete ihm sodann am 29. Okt. 1914 mit folgendem Brief:
,,Euer Hochwürden! Ihr liebes Brieflein vom 11. Okt. habe ich durch Hochw. H. Kaplan Noet zugestellt erhalten. Es ist mir ein wertvolles Andenken, daß ich sorgfältig aufbewahren werde und ich hätte nur noch den Wunsch, Ew.
332 Hochw. auch bald einmal sprechen zu können. Der liebe Gott sucht Seine Freunde mit großen Leiden heim, denn ich sehe an Ihrer Schrift, daß Ihr liebes Augenlicht am Erlöschen ist. Dafür gab Ihnen der liebe Gott ein ande- res Licht, das innerlich leuchtet und erhellt. O könnte ich einmal zu Ihren Füßen knien und mein Herz ausgießen! Aber ich kann nicht reisen und jetzt in der traurigen Kriegs- u. Jahreszeit gar nicht. Ich trete jetzt in mein 70. Lebensjahr ein und wie Ew. Hochw. das Augenlicht, so habe ich mein Gehör fast verloren. Habe in meinem Leben schon viel gelitten, besonders in letzter Zeit wird mein Namen in Blättern viel herumgezogen und mein ganzes, unscheinbares, von anstrengenden, harten Arbeiten durchzogenes Leben und Streben wird mit Verleumdungen, Spott und Verachtung über- schüttet und an den Pranger gestellt. Manchmal bäumt sich die Natur gegen die Bosheit der Menschen auf, aber bald siegt die Gnade wieder und ich stelle mich mit froher Zuversicht neben Den, der für uns alle den Spott- mantel der Schmach und Verachtung getragen und ertragen hat. O daß doch die Menschen zur Einsicht kämen, daß das Schwert, womit die Menschen, Bruder gegen Bruder, sich zerfleischen, ihnen von Gott in die Hand gedrückt ist, zur Strafe dafür, weil man überall Seine Majestät, Seine Gott- heit und Sein Wohnen in uns nicht mehr anerkennt und weil auch die Guten, ja vielfach sogar die Besten, mit der ungläubigen Welt liebäugeln wollen. Möchten doch diese Führer des Volkes anstatt zu spotten und zu höhnen über solche, die es ernst nehmen, Hand in Hand mit den von der Welt Ausgestoßenen gehen, damit der Zorn Gottes besänftigt werde. Denn der liebe Gott läßt sich an Großmut nicht übertreffen. Und wenn, wie Er es ja verlangt, alle guten, treuen Kinder der heiligen katholischen Kirche, Priester und Laien, Ordens- u. Weltleute, sich zusammenscharen und ver- trauen auf die Hilfe Gottes, dann bezwänge diese Großmut der treuen Kinder Seiner wahren Kirche das Herz Gottes, so daß Er nicht widerstehen könnte. Er würde die kommenden Heimsuchungen abwenden. Aber der Kampfplatz, auf dem in letzter Zeit gegen alles übernatürliche Wirken und Eingreifen Gottes in einzelnen Seelen gekämpft wird, ist dem lieben Gott sehr verhaßt. Er wird es bestrafen! Und wir alle, ja, wir alle müssen es fühlen. Indem ich Euer Hochwürden bitte, am Altare meiner zu gedenken, wie auch ich im Gebet zu gedenken verspreche, grüße ich Sie in tiefster Ehrfurcht und Hochachtung Ihre Barbara Weigand."
Prälat Kleiser kannte viele von den Offenbarungen der Barbara Weigand und da er diese für echt hielt, so verwendete er viel davon für seine Artikel in den ,,Canisiusstimmen". So hatte er an Hand dieser Offenbarungen, ohne jedoch ihre Herkunft zu nennen, in den Jahren 1913 und 1914 mehrere Artikel in den selben veröffentlicht, die Strafgerichte ankündigten und zur
333 Umkehr aufforderten. Prälat Kleiser empfahl daher auch den Liebesbund in seiner Monatsschrift und ständig war auf der Rückseite des Umschlages der Canisiusstimmen angegeben, daß man die Statuten des Liebesbundes kostenlos von Kreszentia Halder in Saulgau beziehen könne. Da brach im Jahre 1915 durch das Vorgehen von Würzburg der Sturm herein und jede weitere Propaganda für den Liebesbund mußte, wenigstens in Deutschland, aufhören.
Theologische
Würdigung
Seite
1
Seite
2
Seite
3
|