Fegefeuer

Einblick in das Fegfeuer

   
   




 

  
Einblick in das Fegfeuer   In Pdf   

Deutsche Übersetzung: P. Holdener
Für die deutsche Ausgabe: Oktober 1995 Parvis-Verlag CH-1648 Hauteville/SchweizISBN 3-907523-63-6

Inhaltsverzeichnis  

Vorwort
Einführung
Anmerkung zu den Privatoffenbarungen

Verzeichnis der Abkürzungen

Erster Teil
       Ein Kinderherz haben

Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht

       Der Schutzengel meldet sich an
       Der Schutzengel
       Unterweisung durch den Schutzengel
       Bilder, damit du begreifst 
       Die Einbildungskraft im Dienste des Verstandes  
       Die große Hoffnung  
       Die Bedeutung der Gnaden, die du empfängst
       Die Hölle  
       O Jesus, alles für die Seelen!
Zweiter Teil  
       Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen
       Das Erbarmen Gottes über dem Fegfeuer  
       Einblick in das Geheimnis des Fegfeuers
       Das Feuer der Liebe im Fegfeuer
       Die Strafen des Fegfeuers  
       Die Heiligkeit Gottes  
       Strom des Erbarmens vom Kreuz hervorgegangen
       Das Siegel des Kreuzes ist auf das Fegfeuer gesetzt  
       Gott liebt die Seelen im Fegfeuer  
       Des ewigen Tages Morgenröte
       Feuriger Vorraum zum Hause des Vaters  
       Gefangene der Barmherzigkeit und von der Gerechtigkeit bewacht
       Vision vom Großen Fegfeuer 
       Vision des Mittleren Fegfeuers
       Vision vom Vorhof des Himmels 
       Vision der Hoffnung und des Friedens
       Der Zustand der Seelen im Fegfeuer
       Die Übung des Glaubens im Fegfeuer
       Die Übung der Hoffnung im Fegfeuer
       Die Übung der Liebe im Fegfeuer 
       Das Gebet der Seelen im Fegfeuer  
       Eine Welt des Gebetes
       Eine siebenfache Garbe der Freude und des Jubels
       Eine kirchliche Sühneliturgie
       In der Einheit des mystischen Leibes
       Maria legt Fürsprache ein
       Monstranz der Wahrheit  
       Schatzmeisterin und Ausspenderin der Gnaden  
       Die Heiligen und das Fegfeuer
       Die Engel und das Fegfeuer  
       Ihr wißt nicht, was das Fegfeuer ist  
       Aus Liebe die Stunde der Begegnung beschleunigen  
Dritter Teil
       Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht
       Seid nicht neugierig
       Leute aus allen Ständen und jedem Alter 
       Seelen, welche die Hände hinstrecken
       Dauer und Intensität des Fegfeuers
       Die Freuden des Fegfeuers
       Die Seelen im Fegfeuer lieben uns
       Erschaffen durch die barmherzige Liebe
       Das besondere Gericht  
       Erleuchtungen über den Zustand der Seelen im Fegfeuer
       In der Lieblichkeit der Intimität mit Maria
       Wir sind hoffnungstrunken
       Ich bin gerettet, weil ich gütig war  
       Möge das Gebet das Instrument für die Einheit sein

Meine Almosen haben mich gerettet

       Die seligste Jungfrau befreit Seelen aus dem Fegfeuer  
       Übergang in den Himmel und Gebet für die heiligen Seelen
       Fest Maria Opferung im Tempel 
       Theologische Anmerkungen zum Fegfeuer
       Theologische Anmerkungen zum Fegfeuer  Nummern im Text, mit zurück zum Text Funktion

«Kind, stell den Himmel in deine Seele, 
das Fegfeuer in dein Herz 
und die Erde in deine Hände... 
Das heißt, der Himmel möge zum Gegenstand 
deiner Beschauung, das Fegfeuer bevorzugter Gegenstand deines Betens, 
die Erde zum Ort werden, wo du dich durch deine Werke 
und das Erfüllen deiner Standespflicht heiligst.»

Vorwort

Nachlassen des Interesses

Schon seit langem hatte niemand mehr gewagt, über das Fegfeuer zu schreiben.

Das Museum der Seelen im Fegfeuer, das durch den Eifer, wie er vor einem Jahrhundert brannte, in der Nähe des Justizpalastes in Rom mit Spuren und Verbrennungen aus dem Jenseits eingerichtet worden war, ist längst vergessen. (Link Fegefeuermuseum) Die Kongregation der Helferinnen für das Fegfeuer hat ihren Namen geändert. Die Altäre mit den Fegfeuerdarstellungen, einst zahlreich in den Kirchen sind verschwunden. Man liest nicht mehr die Offenbarungen der heiligen Katharina von Genua über dieses Thema und man redet nicht mehr von den 6 Vater unser und den 6 Gegrüßt für die Seelen im Fegfeuer, welche die heilige Theresia von Lisieux bis zu ihrem Tode betete, noch vom heldenhaften Hingabeakt, durch den sie sich Gott aufopferte, um an deren Stelle zu leiden (Dictionnaire de Spiritualite l, 177-178 und 12,2674-2675).

Sogar der Vatikan zeigt sich als sehr verschwiegen. Es wird nicht das überlieferte Wort dafür gebraucht und er redet nur beiläufig «von den andern Christen, die aus diesem Leben geschieden sind und noch gereinigt werden» (Lumen gentium Nr. 49).

Denn das Fegfeuer ist kein festumschriebenes Dogma. Es gehört an den Rand. Somit überließ man es zur Stunde, wo man allerlei hinzunimmt und wegläßt, dem Vergessen. Wer wagt es schon, heute über das Fegfeuer zu predigen?

Die Theologen (in Frankreich, H. Rondet, Y. Congar, J. Guitton) haben zuerst versucht das Fegfeuer neu zu interpretieren: es ist nicht ein Ort, sondern ein Zustand. Es ist nicht eine Strafe, sondern eine Mühe, es ist kein Feuerofen, sondern eine Reinigung. Es ist nicht nur ein Leiden, sondern ein zu-Gott-Hingezogen-werden. Es ist nicht mehr unsere geschichtliche Zeit, es ist eine andere Dauer.

Doch heute wird der Weg der Verneinung noch radikaler beschritten. Man redet einfach nicht mehr davon, außer um das Nachlassen des Interesses bei den Christen für diesen Begriff zu unterstreichen, wie es die gelehrte Monographie eines erstklassigen Historikers tut in J. Le Goff: Die Entstehung des Fegfeuers, Paris, Gallimard, 1981, 486 Seiten. Man leugnet zwar nicht das Fegfeuer, man ist aber dahin gelangt, daß man es als heute nicht von Interesse und ohne Belang betrachtet: «nicht integrierbar im Feld der modernen Praktiken und Vorstellungen» (H. Bourgeois, in Catholicisme 12, 306).

Trotzdem ist es seit Jahrhunderten die Lehre der Kirche. Sie wurde verbürgt durch die Texte des Lehramtes, namentlich durch die beiden Konzilien von Lyon (Denzinger-Schönmetzer 456 und 466) und durch das von Florenz (D 1304; vgl. auch den alten Denzinger D 483 und 498). Der Katechismus von Johannes Paul II. wagt davon zu sprechen (Nr. 1030-1032).

Grundlage und Sinn

Wenn wir den Wortschatz und die Vorstellungen beiseite lassen, so drängt sich das Geheimnis der jenseitigen Reinigung am Schnittpunkt von drei Offenbarungswahrheiten auf.

1. Die meisten Menschen sterben mehr oder weniger als Sünder, denn «selbst der Gerechte fällt des Tages siebenmal».

2. [Die Sünde findet keinen Platz im göttlichen Leben, das wir von innen her zu teilen berufen sind, gleichsam wie zusätzliche Personen in der Dreifaltigkeit.] Es braucht doch wohl ein Sieb zwischen dem Heiligen Gott und dem sündigen Menschen, zwischen der verunreinigten Dauer und der ewigen Seligkeit. Es wäre ein Irrtum mit dem Platonismus zu meinen, daß nur der Leib unrein ist und daß die Seele, wenn sie vom Leib befreit ist, rein wird.

3. Trotz allem wird in der Liturgie seit dem Alten Testament (2 Makk 12,41 f) gebetet und Fürsprache für die Verstorbenen eingelegt, selbst wenn die postkonziliare Liturgie das, was das Fegfeuer angeht, auf eine implizite Erwähnung einschränkt.

Diese gegebenen Tatsachen, die sogar in die Praxis der Kirche eingetragen sind und die von impliziten, aber konvergierenden Aussagen der Schrift gestützt werden, bleiben unumgänglich, auch wenn ihr Schnittpunkt (einem) entgeht. Sie lassen sich in die Logik der Liebe einordnen. Die Liebe aber ist Feuer, so wie auch das Leben Feuer ist: ein langsamer Verbrennungsvorgang, der aus unserem Leib einen Heizkörper mit einer Idealtemperatur von 37 Grad macht. Die Seele mochte als unser «Fünklein von göttlichem Feuer» lebhaft dargestellt werden und als unsere dauernde Beziehung zum transzendenten Feuerherd des Schöpfers, der nur Liebe ist (1 Job 4,8.16).

Die Liebe wärmt die Herzen. Ihre Milde schenkt Ruhe und ihre Glut treibt an.

Doch sie verwundet und brennt, wenn das Feuer der Vereinigung sich in verzehrendes Feuer des Hasses verwandelt. Das ist schon wahr bei der menschlichen Liebe, wenn es sich um eine tiefe, zurückgewiesene Liebe handelt. Es ist radikal, wenn es um die Zurückweisung der absoluten Liebe geht: der einzigen Quelle allen Seins und jeglichen Glücks. Wer die höchste Liebe zurückweist, entzündet einen verheerenden und unauslöschlichen Brand in seinem eigenen Herzen. Denn Gott als die Liebe hat uns aus Liebe für seine transzendente Liebe geschaffen, wovon alles andere nur Teilhabe ist. Dieses Feuer von unsrer Erfüllung abwenden, heißt in uns das Feuer der Hölle anfachen und das ist leider eine Erfahrungstatsache, deren Wahrheit schon hienieden ihre Gültigkeit bekommt.

Da aber, wo die Liebe nicht zurückgewiesen, sondern nur behindert, verwässert oder durch den Egoismus, der den andern ausnützt, anstatt ihm zu dienen, verpestet wird, da sehnt sie sich normalerweise nach dem Läuterungsfeuer und bejaht es mit ganzer Seele. Das ist der Werdegang vieler Bekehrungen.

Es ist dieses Geheimnis der Liebe, wovon der anonyme Seher erfaßt worden ist. Wer ist es? Ich weiß es nicht und ich bedaure es. Ich halte nicht viel von schützender Anonymität, die dem Schreiber des Vorwortes nicht erlauben, seine kritischen Fragen oder Vermutungen abzuklären, doch Leute von großer Autorität und maßvoller Unterscheidungsgabe, majestätisch in ihr Geheimnis gehüllt, haben über ihn ein positives Urteil gefällt. Deshalb wage ich eine Ausnahme von meiner Richtlinie, wenn auch nicht ohne ein Zögern, niemals von anonymen Leuten zu sprechen. Denn dieser Seher hat Erleuchtungen, die verdienen, daß man sie der Unterscheidungsfähigkeit eines jeden unterbreite.

Dieser Seher ist nicht der einzige, der diese Herausforderung wagen darf. Jene von Medjugorje und anderswo haben auf eine naivere Weise «Reisen» ins Fegfeuer gemacht (sei es nun im Geist oder sogar in ihrem Leib, meinen zwei von ihnen) und sie zögern nicht, treuherzig darüber zu sprechen, sogar vor erstaunten und ironischen Journalisten. Ihre Beschreibung ist konkreter, aber übereinstimmend. Sie haben kein Feuer gesehen, einen rauchigen Nebel, der von Schreien widerhallte, worin die Hoffnung über das Leiden vorherrscht und ein unwiderstehliches Emporstreben zum Himmel.

Was man Reinigungsort (Purgatorium) nennt mit einem befremdlichen Wort, wie die Theologen es zu schmieden verstehen, ist die Läuterung einer Seele, die von ihrem Leib getrennt ist, und somit an sich unsichtbar. Ein materielles Feuer hat dort also keinen Platz. Aber wenn Gott offenbart, dann spricht er konkret vom Unsichtbaren. Die Sprache des Alten Testamentes ist keine Abstraktion, sondern sinnbildlich. Sie ist bilderreich, was aber nicht heißen soll unwirklich. Die Sinnbilder sind manchmal näher bei der Wirklichkeit als bei der verarmenden Abstraktion. Diese Sprache ist nicht irrational, wie allzu leicht die Scholastiker meinten, sondern die Vernunft übersteigend, wie es unsere Bilderzivilisation irgendwie ahnt. Die Bibel spricht oft von Reinigung in feurigen Ausdrücken: Gott wird sich im Feuer offenbaren und dieses Feuer wird die Beschaffenheit des Werkes eines jeden offenbaren... wenn sein Werk verzehrt wird, wird er dessen Verlust erleiden, doch was ihn selbst betrifft, so wird er wie durch das Feuer hindurch gerettet werden (1 Kor 3, 13-15): einer der Texte, worauf sich die Theologie des Fegfeuers stützt.

In der Bibel offenbart sich Gott wie ein Feuer unter verschiedenen Gestalten: das Feuer, das herabkommt, um das Opfer Abrahams zu verzehren und vollenden (Gen 15,17), das Feuer des brennenden Dornbusches, das brannte, ohne ihn zu zerstören (Ex 3,2-4), das Feuer auf dem Sinai.

Näher bei uns fand Pascal, der große Mathematiker und Denker des siebzehnten Jahrhunderts, ein so grimmiger Kritiker den Jesuiten und ihrer Kasuistik gegenüber, in diesem Sinnbild das einzige Mittel, um die unaussprechliche Erfahrung Gottes zum Ausdruck zu bringen, die schlagartig sein Leben verwandelt hat. Dieser Mann, der sonst so meisterhaft seine Sprache gebrauchte, weiß keine Sätze mehr zu bilden. Es bleibt ihm nur noch das Wort «Feuer», «Freude», «Freudentränen».

Jesus hat gesagt: «Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen, und was will ich anderes, als daß es schon angezündet wäre» (Lk 12,49).

Der Kontext weist auf ein reinigendes Feuer hin, aber auch auf das Feuer des Leidens, wo seine Liebe unter Beweis gestellt werden wird.

Ist es etwa deshalb daß Jesus auf das Bild vom Feuer sogleich das Bild vom Wasser folgen läßt: «Mit einer Taufe (mit jener der Leiden seiner Passion) muß ich getauft werden und wie bedrängt es mich, bis sie vollbracht ist» (Lk 12,50).

Die Sprache der Bibel ist nicht die der Abstraktion, sondern die der Sinnbilder, die keineswegs eine infra-rationale (unter dem begrifflichen Denken liegende) Ausdrucksweise ist, sondern eine supra-rationale (darüber liegende), die näher bei Gott angesiedelt ist als unsere Sprechweise von Zauberlehrlingen.

«Selig, die nicht gesehen haben»

Was taugen die Visionen und Überlegungen der Seher über diese umstrittene Frage, über das Fegfeuer?

Die Kirche hält sich ihnen gegenüber sehr zurück. In diesem Punkt bleibt sie Christus treu, der zum Apostel Thomas sagte: «Selig sind die nicht Sehenden, die aber doch glauben»: also nicht die Seher, sondern die Glaubenden! Sie betont deren bedingte Geltung im Vergleich zum Wort Gottes in der Heiligen Schrift. Sie warnt vor blinder Begeisterung, die aus diesen zweitrangigen Zeichen den heißen Draht zu Gott hin machen würde als das Letztgültige. Wo die Kirche Privatoffenbarungen gutheißt, läßt sie die Gläubigen frei, daran zu glauben oder nicht daran zu glauben, denn in diesem Punkt lehrt sie nicht mehr das Dogma, sondern legt eine Unterscheidung vor, die auf Vermutungen beruht... Sie hat übrigens gar kein vom Lehramt her verbindliches Urteil über dieses Buch ausgesprochen.

Es richtet sich also in brüderlicher Liebe an die christliche Freiheit. Euch steht es zu, darüber zu urteilen, ob der Seher in euch ein inneres Mitschwingen weckt, das von Gott kommt oder Gottes würdig ist. Die Theologen, die dieses Buch geprüft haben, haben daran nichts auszusetzen gefunden. Ein Bischof hat sogar die französische Ausgabe mit einem Vorwort versehen, da er aber den kritischen Eifer der deutschen Theologen kennt, hat er sich nicht durch Herausforderung gegen die großen Denker dieses Landes verfehlen wollen; ich hingegen habe nichts mehr zu verlieren.

Zum Hören bereit

Sodann habe ich mich wie ein Bruder in Hörbereitschaft versetzt gegenüber den unermüdlichen Niederschriften dieses Sehers. Sie haben mich überrascht. Ich habe keinen Anstoß daran genommen. Vielmehr hat es mir geschienen, daß er dem Fegfeuer seine innere Wahrscheinlichkeit wiedergegeben hat, weil er darüber nur vom wesentlichen Standpunkt der Liebe her spricht, denn Gott ist die Liebe.

Als Theologe umschreibe ich auf eine abstrakte Weise das, was man nicht auszudrücken vermag. Mit seinem Charisma des Sehers und Propheten, hat er die Gabe bekommen, lebhaft und auf eine ansprechende, überzeugende Weise diesen unbeschreiblichen Ort der Läuterung auf eine literarisch gefällige Art darzustellen.

Sein Hauptverdienst liegt im ansprechenden Darstellen der jenseitigen Reinigungen in geradliniger Fortsetzung der christlichen Ausdrucksweise. Er läßt uns ahnen, wie sehr unsere guten Absichten, die mit vielem anderem durchmischt sind, und unsere unvollkommenen Werke einer Läuterung bedürfen vor dem Angesicht des dreimal Heiligen Gottes, der uns gegen alle Erwartung sagt: «Seid heilig wie ich Heilig bin» (Lev 19,2). «Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist» (Mt 5,48).

Der Seher hat auch das Verdienst, die christliche Bilderwelt zu wecken, die doch so lebendig war bis zur Renaissance, wo sie zum Heidnischen hin verdorben wurde, und bis zur verdächtigenden und verneinenden Kritik der modernen Leute, wodurch sie zwar desintegriert, aber nie widerlegt wurde. In meiner Kindheit wurde noch der Himmel, das Fegfeuer und die Hölle auf der Linie Dantes mit anschaulichen Bildern illustriert. Heute sind diese Bilder aus unsern Katechismen und Kirchen verschwunden. Sie seien überholt durch den Wandel der Zeit. Doch dieses Buch erweckt sie von innen her, ganz anders.

Der Seher beschreibt anschaulich den Weg zu Gott hin, den der Sünder, was wir ja alle sind, zurücklegen muß; er tut es mit oft neuen Bildern, die uns betreffen und uns eines Tages, mehr als wir es jetzt vermuten, betreffen werden; denn wir haben allzu sehr vergessen, daß wir Sünder sind, und daß die Sünde das schlimmste aller Übel ist; dann wird es nicht mehr die hübschen Phantasiebilder von der Welt geben, aus der Perspektive unsrer kleinen und großen Bildschirme, wie wir sie beim Fernsehen und Lichtspieltheater vorgesetzt bekamen, denn nur allzu leicht halten wir diese seelischen Exkremente für edele Früchte unsrer Freiheit.

Allzu sehr haben wir vergessen, wie heilig Gott als der dreimal Heilige ist: seine Heiligkeit ist seine Liebe, sein Wesen und seine Transzendenz. Allzu sehr haben wir vergessen, wie sehr Gott erstrebenswert und nahe ist. Denn ER, den wir seltsamerweise den «ganz Andern» nennen, ist derjenige, der uns erschaffen hat nach seinem Bild und Gleichnis, IHM ganz ähnlich, und der uns zu sich ruft, denn er ist die einzige Liebe, die imstande ist, die Ewigkeit auszufüllen und im höchsten Maße zu erfüllen, für die wir ja gemacht sind. Über das alltägliche Leben, über unsere irdischen Hoffnungen hinaus entzündet er in uns eine unstillbare, «unermeßliche» Hoffnung, ja die einzige, die zählt, denn wir sind keine Tiere, die etwa zum Verschwinden bestimmt wären. Und wenn das Wort «Fegfeuer» und die Bilder, die man damit verknüpft, heute lächerlich sein mögen, so bleibt doch, ich weiß nicht, was, das man nicht ausschütten darf, und wovon wir eines Tages zu unsern Lasten die bittere Erfahrung machen werden, weil wir nicht von hienieden an die überragende Wichtigkeit des Gebotes, den zu lieben, begriffen haben, der nur Liebe ist (1 Joh 4,8), und von dem wir gemäß der Echtheit unseres eigentlichen Wesens hervorgehen.

Eine vorsichtige Ausdrucksweise

Der Interpret (Vermittler und Deuter) dieser Privatoffenbarungen spricht mit vorsichtiger Klugheit. Oft trägt er Bedenken damit, ob seine Deutungen wohl begründet seien. Er weiß um die Relativität der Bilder für das Unsichtbare, die wahr sind aber nicht materiell streng wissenschaftlich.

Wenn sein Engel zu ihm sagt:

«Mein Kind, das sind Bilder, die dazu bestimmt sind, dich eine Anzahl von geistlichen Dingen verstehen zu lassen, die zu durchdringen, du nie imstande wärest ohne diese Hilfe»,

so verursacht dies eine lebhafte Überraschung bei ihm und seine Seele wird leicht verängstigt.

«Wenn das alles Einbildung ist, sagte ich mir, dann hat es mit der Illusion zu tun.»

Und der Engel erwidert ihm:

«Nein, mein Kind, da ist keine Illusion. Seit wann sind imaginative Visionen Trugbilder? Sie sind ganz einfach eine Erkenntnisweise, die der Herr den Seelen verleiht».

Es ist also sehr wohl eine supra-rationale Bilderwelt, die er uns vorlegt, um unsere blinden Augen (des Herzens) für das Licht zu öffnen, vor dem wir fliehen, wie die Nachtvögel vor dem Sonnenlicht bei seinem Aufgang entweichen.

Rene Laurentin  

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Einführung

In Anbetracht der Tiefe des veröffentlichten Textes, war es unerläßlich, Anmerkungen hinzuzufügen, um manche schwierigen Stellen zu beleuchten. Diese Anmerkungen schöpfen ihre Eingebung besonders aus der Lehre des heiligen Thomas von Aquin, bei dem die Kirche «den besonders hohen, vollständigen und treuen Ausdruck des Lehramtes, wie auch des Glaubensbewußtseins (sensus fidei) des ganzen Gottes Volkes» wiederzuerkennen meint.1

Der Leser wird sich wahrscheinlich beeindrucken lassen durch die Dichte, die Klarheit und die Nüchternheit dieses Berichtes über das Fegfeuer, dessen Hauptkennzeichen es ist, den lichtvollen Aspekt dieses Geheimnisses hervorzuheben. Und das ist besonders beglückend, denn «wir dürfen aus dem Fegfeuer mehr Trost schöpfen als Befürchtungen» (Kardinal Journet). Das Fegfeuer ist ein Geschenk des verwundeten Herzens des Lammes, wo die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit umhüllt; sein staunendes Betrachten soll zur Quelle des Dankes und der Lobpreisung werden: wir sollen nicht dorthin kommen wollen, nicht etwa aus knechtischer Furcht, sondern «um dem lieben Gott Freude zu bereiten» (heilige Theresia vom Kinde Jesu).

Einige Anmerkungen über die Art, wie dieser Bericht vorgelegt wird: er wurde in chronologischer Reihenfolge auf Blätter niedergeschrieben. Damit dem Publikum Belehrungen erteilt werden können, aus denen alle Nutzen ziehen mögen, wurde mit Zustimmung erfahrener Theologen alles getilgt, was den Blick vom wesentlichen hätte ablenken können; es wurden also die Stellen beseitigt, die das persönliche Leben des Verfassers betrafen und einige stilistische Unrichtigkeiten und Unbeholfenheiten berichtigt. Um das Verständnis des Textes zu erleichtern, wurde er in drei Teile aufgeteilt: Im ersten Teil wurde alles zusammengestellt, was sich auf den Zweck der Privatoffenbarungen bezieht und auf die Art daraus Nutzen zu ziehen. Im zweiten Teil wurden in systematischer Anordnung die Belehrungen mit vorwiegend belehrendem Inhalt gesammelt, die gewissermaßen einen Traktat über das Fegfeuer bilden. Der dritte und letzte Teil ist einigen Erscheinungen der Seelen im Fegfeuer gewidmet. Die dabei befolgte Reihenfolge berücksichtigt nicht streng den chronologischen Ablauf des Berichtes und zwar in dem Maße, in welchem sich manchmal deutlich ein Interesse abhob, gewisse Mitteilungen um ein gemeinsames Thema herum neu zu gruppieren.  

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Anmerkung zu den Privatoffenbarungen

«Die katholische Kirche hält sie für möglich, für tatsächlich in gewissen Fällen, da sie mehrere davon gutheißt, doch für relativ selten und für notwendigerweise der öffentlichen Offenbarung zu unterstellen» (D.A.F.C. siehe Artikel über die Offenbarung, Band 4, 1928, Spalte 1008). Diese Privatoffenbarungen fügen der Glaubenshinterlage, die mit dem Tod des letzten Apostels abgeschlossen ist, nichts hinzu. In der Tat, «da er uns seinen Sohn gegeben hat, der sein WORT ist, hat er uns kein anderes Wort mehr zu geben. Er hat uns alles zugleich und auf einmal in diesem einzigen WORT gegeben».2 Die Sonderoffenbarungen lassen sich in Privatoffenbarungen, die für einen einzelnen Gläubigen bestimmt sind, und in öffentliche Offenbarungen, die das Leben der Kirche betreffen unterscheiden.3 Öffentliche Offenbarungen sind nützlich für das Verhalten der Gläubigen, damit sie über das, was sie zu tun haben, unterrichtet sind, «je nach dem, wie es empfehlenswert ist für das Heil der Erwählten».4 Die Kirche heißt sie erst nach sorgfältiger Prüfung gut; sie vergewissert sich vor allem über die Objektivität der Tatsachen und die Übereinstimmung der Botschaften mit der allgemeinen Offenbarung; selbst wenn sie approbiert wurden, werden sie nicht zum Gegen­stand des Glaubens; nichts desto weniger «verpflichten diese Offenbarungen, insofern sie göttlich sind, diejenigen, denen sie zuteil werden und jene, für welche die historische und theologische Wahrheit feststeht» (D.A.F.C. im erwähnten Artikel). Hinsichtlich der Privatoffenbarungen «ist Vorsicht geboten, nicht aber systematische Geringschätzung, noch höhnische Skepsis».5  

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Verzeichnis der Abkürzungen

D.T.C. Dictionnaire de Theologie Catholique

D.A.F.C. Dictionnaire Apologetique de la Foi Catholique

Ouvr. Cit. Zitiertes Werk

Col. Spalte

S.T. Summa Theologiae des heiligen Thomas von Aquin

Ia = Prima Pars (Erster Teil der Summa)

Q = Quaestio (Untersuchung)

IIa = Secunda Pars (Zweiter Teil)

a = Artikel

IIa Ilae = Secunda Secundae

Obj = Objectio (Einwand)

IIIa = Tertia Pars (Dritter Teil)

ad 1 = Antwort auf den ersten Einwand

Suppl. = Anhang, Ergänzung

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Erster Teil

Ein Kinderherz haben

«O Liebe, was kann man von dir sagen?

Wer dich verspürt, begreift dich nicht,

Wer dich verstehen will, kann dich nicht erkennen...

O Liebesfeuer, was tust du in diesem Menschen? Du läuterst ihn, wie das Feuer Gold läutert, Und sodann führst du ihn mit dir in die Heimat, zu dem Ziele hin, wofür du ihn erschufst.»

Heilige Catharina von Genua

Traktat über das Fegfeuer, Dritter Dialog  

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Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht

Jesu Stimme läßt sich sehr deutlich und innig in meiner Seele vernehmen:

Ich will, daß man für diese heiligen Seelen des Fegfeuers bete, weil mein göttliches Herz vor Liebe zu ihnen brennt. Ich wünsche eindringlich ihre Befreiung, um sie endlich vollständig mit mir zu vereinen!

Bete für sie, laß für sie beten und schreibe alles auf, was dir offenbart wird. Vergiß nicht mein Wort: «Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht» Wende es auf diese heiligen Seelen an: Denn mich besuchst du in ihnen durch dein Gebet und deine Werke zu ihren Gunsten, nach ihren Meinungen; blicke auf ihre Vollkommenheit, sie soll dir als Lehre dienen: obwohl sie die schrecklichsten Qualen erleiden, haben sie trotzdem nicht einen Blick auf sich selber gerichtet, noch auf ihre Qualen, vielmehr sind sie ganz meiner Liebe und dem reinen Wollen meines Vaters ausgeliefert.

Das ist ihre einzige Besorgnis: unsere Verherrlichung. Lernet von diesen heiligen Seelen die Reinheit der Liebe, die euch einzig zu meinem Herzen hinwendet. Verharre im Frieden, mein Kind, tu, was ich von dir erbitte!

Welch herrliche Belehrung, welcher Trost und welcher Friede! Mein Gott, verleihe mir die Gnade eines gründlichen, vertrauensvollen, vollkommenen Gehorsams, der mich deine Wünsche nicht nur erfüllen läßt, sondern ihnen zuvorkommt! Herr, erleuchte mich, gib mir die Kraft, dir treu zu bleiben.  

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Der Schutzengel meldet sich an

Im Verlauf der Morgenbetrachtung, als ich für die Seelen im Fegfeuer betete, tat sich mein Schutzengel meiner Seele kund und ließ sie ganz innerlich den gewohnten Gruß vernehmen: Gelobt sei Jesus Christus! Ich verneigte mich, um ihm zu antworten; der Engel gab mir ein, das Haupt zu erheben, um das Kreuzzeichen entgegenzunehmen, das er auf meine Stirne zeichnete. Ich durfte ihn beschauen als den Boten der göttlichen Liebe, wie er an seinem Haupt von Licht umstrahlt wurde, und meine Seele befand sich in tiefem Frieden und großer Seligkeit: Sein Antlitz war glanzvoll, mild und ernst blickte er mich an. Als ich ihn mit violetter Farbe über seine weiße Tunika gegürtet sah, begriff ich, was der Herr von mir erbat: Gebet und Buße.

Er ließ mich verstehen, wie sehr der Herr uns liebt und wie sehr er jeder Seele die Wunder seiner Liebe aufdecken möchte. Jesus wollte mich von nun an auf eine noch eingehendere Weise einladen im Lichte seines Herzens das Geheimnis des Reinigungsortes zu entdecken und staunend zu beschauen. Ich wurde dabei von einer leisen Angst erfaßt, doch der Engel beruhigte mich mit wenigen Worten:

Hab gar keine Angst und mach dir keine Sorge. Das Fegfeuer ist ein Geheimnis der Liebe und des Erbarmens, und deine Seele wird zu einer größeren Liebe zum Herrn berufen, indem sie dies entdeckt. Die Kenntnis des Fegfeuers wird dir große Gnaden der Heiligung einbringen; sie wird dir erlauben, deine Nächstenliebe zu erweitern und tiefer in den reinen Willen Gottes vorzudringen. Und ich stehe dir zur Seite, um dich zu stützen: somit sollst du nichts befürchten.

Denn wird der Engel uns nicht beigesellt, um unsere Seelen zu unterstützen, zu behüten und erleuchten? Ich sollte also nichts befürchten, mich bereiten, um mich dem reinen Wollen Gottes auszuliefern: das Übrige ist so unwichtig! Das also habe ich dem Schutz­engel geantwortet, indem ich ihn bat, mir zu helfen, mich zu lehren, das, was der Herr wünscht, daß ich es tue, immer besser und mehr zu erfüllen: Jesus sollte nach seinem Belieben über meine Armseligkeit verfügen, denn er ist so gütig, daß er seine Absichten über uns nur allmählich enthüllt, da er sehr wohl weiß, daß unsere Schwachheit keine unmittelbare und umfassende Gegenüberstellung mit den Forderungen seiner göttlichen Liebe ertragen könnte... Nur mit Hilfe der Gnade und in einer fortschreitenden Kenntnisnahme vermag sie es aufzunehmen, denn unsere Natur muß unablässig geläutert werden. Und der Engel fuhr fort:

Das Fegfeuer ist ein großes Geheimnis. Bald wirst du vieles lernen und entdecken: Gewisse Dinge werden sehr schön und tröstlich sein, andere werden dir schrecklich erscheinen. Vergiß jedoch nie, daß es — wie hart und schmerzhaft dir das Fegfeuer erscheinen mag — ein Geheimnis des Erbarmens wie auch der Gerechtigkeit ist, ja es ist vor allem ein unverdientes Geschenk der Liebe. Was auch kommen mag, verharre im Frieden. Du wirst viel zu leiden haben, um viel lieben zu lernen. Du weißt, daß dich Jesus zu immer mehr emporheben will von Erkenntnis zu Erkenntnis, von Liebe zu Liebe, bis hin zu seinem eucharistischen Herzen, Quell aller Liebe.6

Dann entschwand der Engel meinem innern Schauen. Ich verharrte in einem tiefen Frieden trotz diesen sehr ernsten Worten. Aber die Aussicht, schreiben zu müssen, verdüsterte mich: auch das noch eine Auswirkung jenes furchtbaren Eigenwillens, der uns hindert, uns andauernd auf unserem Weg zum einzigen Gut hin hemmt!  

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Der Schutzengel

Ich empfange im Verlauf der Betrachtung rein innere und geistige Erleuchtungen, aber mein Schutzengel7 greift manchmal unmittelbar ein, um mir einige nähere Angaben zu machen und vor allem um mir bei der Formulierung der geheimnisvollen Wirklichkeiten behilflich zu sein, die mein Verstand erfaßt. Ich nehme die sehr lichtvolle Anwesenheit des Schutzengels auf eine sehr deutliche Weise mit den Augen der Seele wahr; es ist ein Bild, das ist sicher, denn er besitzt keinen Leib, und er ist für die äußere Sehkraft nicht wahrnehmbar: aber dieses Bild ist so fest umrissen, so offensichtlich, daß ich nicht an der Anwesenheit dessen zweifeln kann, der sich dessen bedient, um sich mir mitzuteilen. Die Anwesenheit ist wichtiger als das Bild, nämlich der Austausch zwischen der Seele und dem Göttlichen. Gott ist der Herr über seine Gaben, er bedient sich ihrer zu seiner Verherrlichung und unserer Heiligung, um in uns den Glauben, die Hoffnung und die Liebe anzuregen.

Wenn der Engel in Erscheinung tritt, so geschieht das fast immer auf eine unerwartete Weise. Eine große Gefahr würde es bedeuten, wenn einer die Einbildungskraft auf ein glühendes Verlangen, zu sehen und zu hören, festlegen würde. Gott sei Dank, haben mir der Gehorsam meinem geistlichen Vater gegenüber und auch die Furcht, die das Einschreiten des Engels anfänglich verursachte, erlaubt, diese Klippe zu vermeiden. Die Vision des Engels, die sich der Einbildungskraft — als Seelenvermögen — einprägte, deckt sich in etwa mit der intellektuellen Schau und bereichert das Erinnerungsvermögen. Ich habe nie eine imaginative Vision gehabt, der nicht eine intellektuelle Schau derselben Wirklichkeit vorausgegangen wäre, denn die Rolle der imaginativen Vision ist zweitrangig, sie übermittelt nur den niederen Seelenkräften (Einbildungskraft, Erinnerungsfähigkeit, Urteilskraft), was diese sonst von der übernatürlichen Wirklichkeit wahrzunehmen unfähig sind.

Die Unterweisungen des Engels sind vor allem ein Aufruf zum Beten und zu einer beständigen Innern Läuterung. Sie erfüllen die Seele mit Ruhe, mit Frieden, mit Sanftmut, wobei sie diese mit Liebe entflammen und beschämen vor Gottes Angesicht aufgrund einer unablässig wachsenden Demut. Wollte Gott, daß diese Demut und diese Liebe, die so wirksam werden im Verlauf der Vision, sich auch nachher im Alltag fortsetzen! Das ist ja ihr Zweck...  

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Unterweisung durch den Schutzengel

Als ich über die zuletzt empfangenen Gnaden nachdachte, tat sich mein heiliger Engel in einem lebhaften Licht meinem Innern Auge kund. Das erschreckte mich zuerst wie immer. Er zeichnete ruhig ein Kreuz auf meine Stirne, dann sagte er ernst:

Mein Kind, höre mir zu, behalte gut alles, was ich dir sage. Der Allerhöchste wird gestatten, daß gewisse Seelen, die noch im Fegfeuer sind, sich dir auf geheimnisvolle Weise kundtun. Du sollst dich davor nicht fürchten, sondern dich tief vor Gottes Majestät verdemütigen und dich in den Dienst des Herrn stellen. Diese heiligen Seelen können nur mit göttlicher Erlaubnis kommen und sie werden dir nie etwas Böses tun, ganz im Gegenteil!

Diese Worte setzten mich noch mehr in Schrecken. Ich fragte den Engel, wie ich denn diese Tatsachen von eventuellen Täuschungen von meiner Seite unterscheiden könnte — denn die Einbildung arbeitet manchmal mehr als gut ist! — oder gar von Wunderzeichen oder Kundgebungen aus dem Bereich des Teuflischen, denn der Dämon bemüht sich ja immer darum, die Seelen in die Ungewißheit, in Verwirrung oder Irrtum zu stürzen. Ich fragte ihn auch, ob diese Kundgebungen wirklich unerläßlich wären. Mit Güte antwortete er:

Wenn der Allerhöchste so gegen dich handelt, so ist das für dein Wohl und das der Kirche; er bedient sich deiner wie eines Kanals: an dir ist es, das Wasser an deine Brüder weiterzuleiten zu wissen, ohne es eifersüchtig für dich zurückzubehalten! Deine Seele muß in einer dreifachen Verfassung sein: in vollständiger Unterwerfung unter Gottes reinen Willen, in tiefer Demut vor diesen heiligen Seelen, in restlosem und vertrauensvollem Gehorsam gegen deinen Vater. Gott ist die Liebe; wenn er diese Gnaden zuläßt, so dient es deiner Heiligung, um deine Seele seiner unendlichen Liebe zu öffnen, um sie in der Liebe zu all deinen Brüdern auszuweiten, um dich im Kreuze Jesu Christi zu läutern. Denn diese Gnade werden dir Anlaß zu Leiden sein, wie auch zu tiefen geistlichen Freuden. Opfere alles für diese heiligen Seelen auf, um die Barmherzigkeit Gottes zu verherrlichen.

Still willigte ich ein, ich betete. Sogleich fuhr der Engel fort:

Wenn die eine oder die andere dieser heiligen Seelen kommen wird, so wirst du sie im Namen Jesu Christi begrüßen; immer wird sie dir antworten, entweder mit einem Zeichen oder mit einem Wort. Gewisse Seelen können nicht mit dir sprechen, denn sie befinden sich im Großen Fegfeuer; sie sehen dich nicht einmal, sie werden dir zum Einblick deiner Seele von Gott gezeigt, damit du für sie betest. Es wird jedoch vorkommen, daß sie auf dein «Laudemus Dominum» antworten können, oder daß sie sich bekreuzigen, wenn sie zu dir kommen. Bitte immer um ein Zeichen: das ist keine Frechheit, sondern Klugheit. Stelle einer Seele nie eine Frage: Gott allein befindet als Herr darüber, was sie dir sagen werden, wenn sie dich belehren sollen. Siehst du, bei diesen Gnaden des Fegfeuers wird nur eins von dir gefordert: zu lieben und deshalb zu beten, das ist ganz einerlei.

Wenn der Höchste für dein inneres Auge das Fegfeuer öffnet, dann geschieht das, um in dir die Liebe anzustacheln. Wenn er will, daß du schreibst, dann um die Liebe in den Seelen zu wecken.

Alles, alles, alles muß sich auf das eine zurückführen lassen: die Liebe.

Meine Seele befand sich in tiefem Frieden. Ich dankte dem Engel, der mich mit einer Geste ermutigte und schloß:

Wenn ihr wüßtet, wer die Liebe ist! Die Liebe ist Gottes Gabe, weil sie Gott ist, der sich euch schenkt. Lies doch die folgenden Schriftstellen wieder:

«Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm.»

Wiederhole unablässig diesen Vers: Er wird dir Kraft, Freude und Frieden geben. Wenn ihr wüßtet, daß ihr Kinder Gottes seid, wenn ihr überzeugt wäret, daß ihr wahrhaftig die Kinder der unendlichen Liebe seid!

Laßt Gott in euch kommen, laßt die Liebe sich bei euch niederlassen, sich durch euch mitteilen, dahinströmen wie ein feuriger Fluß, der das ganze Weltall in Brand stecken wird! Seid Bringer dieses Feuers der Liebe, dieses Lichtes! Gott ist die Liebe... Gott ist die Liebe... Gott ist die Liebe...

Indem er diese Worte aussprach, wurde der Engel glanzvoll, wie in einer Ekstase emporgehoben, aufflammend, in das Antlitz dieser unendlichen Liebe selbst voll Staunen schauend. Ich erblickte durch ihn die Offenbarungen der göttlichen Liebe und kniete vor diesem Beten des Engels nieder, ohne mir überhaupt davon Rechenschaft zu geben. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das ist, meine Seele geriet außer sich vor dem Anblick dieses Zwiegespräches der Liebe, zwischen der Liebe und ihrem Boten, sie fühlte sich diesem Austausch der Liebe beigesellt und es war süß, lieblich unaussprechlich: indem der Engel die göttliche Liebe besang, redete der Engel zu mir, um mir diese Liebe mitzuteilen, und er brachte mich zu dieser Liebe hin, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Auf jeden Fall verlor ich den Gebrauch aller Sinne, der innern wie der äußern, und meine Seele wurde in die Liebe hineinversenkt.  

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Bilder, damit du begreifst

Am Ende des Nachmittags stellte ich mir eine etwas seltsame Frage: Wie geschah es denn, daß ich so viele Dinge, die sich auf das große Geheimnis des Fegfeuers bezogen, wahrnehmen konnte und warum unter diesen so merkwürdigen Gestalten? Mein Schutzengel tat sich von diesem Augenblick an dem Auge meiner Seele strahlend und lächelnd kund; mehr denn je flammte das schöne purpurfarbene Kreuz auf dem Brustteil seines Kleides auf und zierte es prächtig. Er legte seine Hand auf meinen Arm und sagte mild:

Mein Kind, das sind Bilder, die dazu bestimmt sind, dich eine Anzahl von geistigen Dingen verstehen zu lassen, die zu durchdringen, du nie imstande wärest ohne diese Hilfe. Der Höchste will sich allen Reichtums deiner Einbildung bedienen, um dich zu erleuchten und dich immer weiter in diese Geheimnisse vordringen zu lassen.

Diese Erklärungen verursachten eine lebhafte Überraschung bei mir und meine Seele wurde, ich weiß nicht warum, leicht verängstigt. «Wenn das alles Einbildung ist, dann hat es mit Illusion zu tun», sagte ich mir. Und die Angst packte mich. Da sagte der Engel gütig zu mir:

Nein, mein Kind, da ist keine Illusion. Seit wann sind imaginative Visionen Trugbilder? Sie sind ganz einfach eine Erkenntnisweise, die der Herr den Seelen verleiht; und es ist vor allem wichtig, sie nicht umzugestalten, auszuschmücken oder durch menschlichen Fleiß in eine eigene Ordnung zu bringen. Darum fordere ich immer, alles, was du gesehen oder gehört hast, aufzuschreiben, und das sofort zu tun, nachdem du die Gnaden empfangen hast: man darf keine Zeit verstreichen lassen, aus Furcht davor, daß menschlicher Fleiß sich in die Gabe Gottes einmischt. Harre aus im Frieden Jesu Christi.

Darauf lächelte er noch einmal und entschwand schlagartig. Meine Seele war beruhigt und hatte den Frieden wieder gefunden.  

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Die Einbildungskraft im Dienste des Verstandes

Als ich im Garten arbeitete, zeigte sich mein Schutzengel meinem innern Auge in einem blendendhellen Licht, so grell, daß es alles fortriß, mich völlig mit Kraft in sich hineinzog und alles vor meinem Blick hinwegnahm, was sich nicht in ihm befand. Da sagte der Engel:

Gelobt sei Jesus Christus!

Doch der Überraschungseffekt war so gewaltig, daß ich mit offenem Mund dastand und mich zugleich zu überzeugen suchte, ich sei die Beute eines Trugbildes geworden. Dann kam der Engel, ohne etwas zu sagen, auf mich zu und zeichnete mit seinem Daumen ein Kreuzzeichen auf meine Stirne. Das tut er zwar immer, aber diesmal war es wirklich eigenartig: er drückte so schwer drauf, daß ich aufsprang. Und er fuhr sodann mit einer ruhigen Stimme fort:

Seit wann sind die imaginativen Visionen Trugbilder?

Meine Verwirrung war so groß, daß ich dastand, ohne etwas zu sagen, und das Kreuz auf der Stirn tat mir weh. Es war also kein Trugbild, wenigstens diese Empfindung! Der Engel fuhr sehr ernst fort:

Nun gut, ich soll dir erklären, was eine imaginative Vision ist: und du wirst es niederschreiben und bei Gelegenheit wieder lesen, und du wirst es deinem geistlichen Vater überbringen.

Mein Gott! Da wollte ich mich also deinem Willen entziehen, doch in deiner unendlichen Zärtlichkeit mir gegenüber, schickst du mir deinen Engel und erinnerst mich durch seinen Mund, daß es nicht auf meinen Willen ankommt, sondern allein auf den Deinen! Wie armselig ich doch bin... und ich sagte zum Engel, der still neben mir betete, während ich meine Seele zum Herrn erhob:

Gelobt sei Jesus Christus!

Hochheiliger Engel, sei mir ein Bringer des Lichtes und der unendlichen Liebe Gottes, den unablässig zu schauen, dir als Gunst zuteil geworden ist!

Bei diesen Worten, die fast mehr aus meinem Herzen als aus meinem Mund hervorgegangen waren und unter einem mächtigen innern Aufschwung, beugte sich mein Engel tief nieder — wobei er noch mehr von Licht erglänzte — verhüllte sein Antlitz und rief aus:

Anbetung, Lobpreis, Ehre und Herrlichkeit sei unserem dreimal heiligen Gott, unserem Schöpfer und unserem Vater!

Dann richtete er sich langsam wieder auf, kreuzte seine Hände über der Brust und fuhr mit seiner Belehrung fort:

In Gott sind Sehen und Verstehen ein und dasselbe. Die imaginativen Visionen sind nur ein Mittel, das der Seele vom Herrn gewährt wird, um sie verstehen zu lassen, was er ihr zu erkennen gibt.

Gott gießt in den Verstand ein Licht ein, und die Seele nimmt dieses Licht als intellektuelle Vision wahr. Doch oft vermag sie es nicht auszudrücken, noch in eine Mitteilung umzusetzen, so daß andere Seelen es als Bericht oder gar als Belehrung aufzunehmen vermöchten. Es kommt dann vor, daß der Herr diesem Licht, das dem Verstand eingegossen und von der Seele als intellektuelle Vision wahrgenommen wurde, die Möglichkeit verleihen möchte, verstanden und mitgeteilt zu werden: dann verwirklicht er selber in der Einbildungskraft Bilder, die dieses Licht in sinnenfällige Kräfte umsetzen, welche die Seele beschauen und beschreiben kann: so verhält es sich mit der imaginativen Vision, du siehst, daß sie nichts von einem Trugbild an sich hat.

Ich hörte mir diese Erklärung mit viel Interesse und Aufmerksamkeit an. Ich bat meinen heiligen Engel, mir zu erklären, wie er selber für mein inneres Auge wahrnehmbar wurde. Er sagte es mir mit folgenden Worten:

Du weißt, daß die Engel keinen Leib haben, daß ihr sie also nicht sehen könnt, wie sie wirklich sind: daher tun wir uns durch Bilder kund, die für eure innern Sinne wahrnehmbar sind, Bilder, die sich mit unsrer Anwesenheit bei euch decken und diese gewissermaßen kundtun.

Auf dieselbe Weise tun sich die Heiligen kund und die armen Seelen im Fegfeuer. Eure Augen können sie nicht sehen, und trotzdem existieren sie in der Wirklichkeit!

Wenn der Herr will, daß sie sich euch kundtun, so gießt er in euren Verstand die gewichtige Wirklichkeit ihrer Anwesenheit bei euch ein und tut diese Anwesenheit auf sinnenfällige Weise kund, indem er ihr Bild eurer Einbildungskraft einprägt. In eurem geistlichen Leben ist es wichtig, daß eure Einbildungskraft beständig gereinigt und beherrscht wird: sie muß zur Dienerin des Verstandes werden. Doch die Einbildungskraft ist eine Vagabundin und sie findet im Gedächtnis oft eine treffliche Verbündete: die Erinnerungskraft ist ein Vielfraß, sie verschlingt alles, was die Phantasie ihr liefert, nachdem sie es da und dort aufgelesen hat. Diese beiden Kräfte sind sehr flatterhaft, sie arbeiten gern unabhängig von Willen und Verstand. Nun aber müssen sie sich unterwerfen! Wenn du solche Visionen bekommst, wirst du sie nur beachten, wenn sie dir Licht bringen, wenn sie dir erlauben, besser zu erfassen, was dir der Herr in einer intellektuellen Vision mitteilt. In der Tat soll man nie eine imaginative Vision allein beachten, wenn sie nicht die unmittelbare Fortsetzung einer intellektuellen Erleuchtung ist. Für das Wachstum der Seele im Erkennen und Lieben gewährt Gott solche Gnaden; man soll sie nicht überschätzen, es wäre jedoch tollkühn, sie zu verachten, denn sie sind Gaben Gottes. Achte immer auf den Schenkenden: die Gabe, die er dir in seiner Barmherzigkeit verleiht, soll dich immer bis zu ihm aufsteigen lassen.

Nachdem der Engel seine Belehrung beendet hatte, kreuzte er seine Hände langsam und legte sie auf das Kreuz, das seine Lichttunika schmückt. Dann verneigte er sich in schweigendem Anbeten Gottes und er entschwand meinem innern Blick.  

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Die große Hoffnung

Bei der Abendbetrachtung. Meine Seele war ganz versunken in der Beschauung des eucharistischen Herzens Jesu, und ich sah plötzlich eine große Menge von Leuten, die — wie in ein großes Feuer versenkt — innig beteten. Ich begriff, daß sich meiner innern Schau die Seelen des Fegfeuers zeigten... Dann ließ der Herr für meine Seele seine Stimme ertönen:

Kind, bete für diese Seelen, um das Kommen des Zeitpunkts zu beschleunigen, wo sie vollkommen mit mir vereint sein werden. Ihre Einigung für die Dauer des Fegfeuers besteht nur in meinem Verlangen, einem Wunsch, der sie wie Feuer brennt. Ihr Beten ist Hoffen, denn dort im Fegfeuer entfaltet sich diese Tugend in ihrer Reinheit und Vollendung. Das Fegfeuer ist das große Erbarmen meines eucharistischen Herzens. Die größte Läuterung für eine Seele besteht in der Sehnsucht, die sie nach mir hat, Sehnsucht, die mein eucharistisches Herz in euren Herzen entflammt; sie ist ganz Hoffnung, die ich in eure Seelen lege. In der kommenden Zeit, werden viele Seelen von diesem Feuer entbrennen, von dieser Sehnsucht nach mir, die ich in sie hineinlegen werde. Meine Kirche wird diese brennende Sehnsucht nach mir kennenlernen, und die Seelen werden die Hoffnung erlernen durch diese Prüfung der Liebe...

Da berührte nun der Herr meine Seele mit einem blendenden Feuergeschoß, das aus seinem göttlichen Herzen hervorschnellte, und während ich die Kräfte verlor unter dem milden Brennen — wie von einem Feuergeschoß — sagte er zu mir mit unendlicher Sanftmut:

Du kleine Seele, ich will dich entbrennen lassen von dieser Sehnsucht, denn deine Sehnsucht nach mir schreit nach meiner Vereinigung mit dir!

Ich kann die Trunkenheitszustände, die Wonnen nicht beschreiben, von denen meine Seele dabei im Übermaß erfaßt wurde: sie wurde gleichsam in die Liebe des eucharistischen Herzens versenkt, des göttlichen Herzens Jesu, und dabei litt sie grausam, daß sie dieser nicht vollkommen zu entsprechen vermochte und trotzdem war sie von unaussprechlicher Seligkeit erfüllt. Welche Glückseligkeit dabei! O unendliche Liebe!  

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Die Bedeutung der Gnaden, die du empfängst

Am Ende der Abendbetrachtung sah ich meinen heiligen Schutzengel vor mir erscheinen. Ein feuerrotes Kreuz schmückt seine Tunika mit unerträglichem Glanz; ein grelles Blutrot, sehr strahlend. Ich verstehe, daß ich mein armseliges Gebet noch intensiver machen und mich auf neue Leiden vorbereiten muß. Er sagt zu mir:

Gelobt sei Jesus Christus!

Einer deiner nahen Angehörigen weilt noch im Fegfeuer, bete und laß beten für seine Befreiung: die seligste Jungfrau ersehnt es gar sehr. Wenn sie es dürfte, so würde sie das Fegfeuer auf einmal leeren! Wenn ihr betet und Opfer bringt, so wird diese Seele auf den Karfreitag befreit werden.

Diese Worte bringen mich aus der Fassung, das scheint mir so lang und so kurz zugleich, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Doch die Zeit existiert nicht mehr nach dem Tode, wenigstens nach unsrer Art. Es ist etwas ganz anderes.8 Ich frage den Engel, ob dieser Mann viel zu leiden hat, und was zu tun ist.

Der Engel antwortet:

Ja, er leidet viel, und immer mehr, weil er seiner Befreiung nahe kommt. Aber es ist Liebesleiden, wie du weißt. Bete, opfere deine Messen für ihn auf, sprich oft das Gebet «O gütiger und liebster Jesus, ich knie vor dir...» (KGB 374), besonders nach der Kommunion. Vor allem tue Buße! Das Fasten und die Buße sind sehr hilfreich für die heiligen Seelen im Fegfeuer. Aber für diese Abtötungen mußt du die Ermächtigung von deinem Beichtvater erbitten...

Töte die Sinnen ab, besonders die Augen und die Zunge, denn Gott braucht verinnerlichte, schweigsame Seelen. Behalte deine Mühen und Betrübnisse für Jesus, nur ihm sollst du sie anvertrauen. Belästige nicht deine Brüder: du sollst eine freudvolle Seele sein in Kreuz und Leid. Und da du die Fehler dieser Seele kennst, ersetze, indem du die ihnen entgegengesetzten Tugenden übst, die ihnen sozusagen in Wertumkehr entsprechen...

Ich sehe diese Person in hellen Flammen. Ich sage zu meinem Engel und zu dieser Seele, daß ich manchmal nicht mehr weiß, was ich tun soll, weil ich oft Angst habe, mich zu täuschen, ein Opfer meiner Einbildung zu sein. Der Engel schaut mich sehr streng an, sowie diese Seele, die entschieden zu mir sagt:

Was denn! Du weißt, was du zu tun hast. Du mußt viel lieben, viel beten, schweigen über Gottes Gaben, und vor allem im Gehorsam zu deinem Beichtvater verharren. Gib der Entmutigung nicht nach! Möge deine Müdigkeit uns keinen Nachteil bringen. Wir bedürfen eurer Gebete, eurer Hilfen, für uns selber, besonders aber für Gott! Denn es ist eine Pflicht für euch, es verherrlicht den Herrn.

Dieser Verweis stellt mich wieder auf, wenn man so sagen darf. Und die Person fährt fort ebenso entschieden wie sanft:

Du mußt dir keine Fragen stellen: Gott weiß, was er mit dir verwirklicht... Laß an dir geschehen, laß dich von der Gnade treiben! Diese Gnaden werden dir verliehen, um der heiligen Kirche mitgeteilt zu werden. Gott will sich deren bedienen zum Wohl, um die eingeschlafenen Seelen zu wecken, um die in ihrer Ichsucht Befangenen daran zu erinnern, daß ihr Leben nicht auf der Erde zu Ende geht, daß es sich vielmehr nach dem leiblichen Tod entfaltet.

Heutzutage denkt man kaum mehr ans Fegfeuer, man kommt sogar soweit, daß man dessen Existenz leugnet, ganz wie die der Hölle: du aber mußt sagen, daß der Himmel, das Fegfeuer und die Hölle existieren! Ja, sogar die Hölle, die Hölle existiert, und sie ist leider nicht leer!

Sie wurde mir gezeigt, für den Zeitraum eines Blitzes, dieses Geheimnis der Hölle. Ich meinte, ich würde ohnmächtig unter dem Schock. Mehr sag ich darüber nicht. Mein Engel unterstützte mich und die Seele fuhr fort:

Gott, der reinste Güte ist, hat trotzdem dieses große Geheimnis der Läuterung durch seine Liebe erkennenlassen wollen. Mehrere Heilige, durch die göttliche Weisheit belehrt und mit seinen Erleuchtungen der Wahrheit überhäuft, haben über dieses Geheimnis der Liebe gelehrt und geschrieben, um den Herrn in seiner Barmherzigkeit zu verherrlichen, um die Seelen zu erleuchten und zu warnen, um in der heiligen Kirche mehr Gebete und Fürbitten zu unsern Gunsten zu wecken.

Diese Person verstummte, erhob strahlend die Augen zum Himmel und fuhr sodann mit Ernst weiter:

Hör gut zu, was ich dir sage. Das eben ist der Sinn der Gnaden, die du bekommst, die Gott dir trotz deiner Unwürdigkeit so freigebig schenkt, denn er hat sich deines Elendes erbarmt. Die Beschauung dieses großen Geheimnisses, die Erwägung der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes, das Betrachten der Wirklichkeiten der Letzten Dinge, sollen für euch eine Schule und ein Beispiel sein: denn es ist eure Pflicht, euch zu bemühen, heilig zu sein, euch darauf vorzubereiten, in das Haus Gottes einzutreten gleich von eurem Sterben hienieden an. Um dich und die Seelen zur Heiligkeit anzuspornen, wurden dir all diese Gnaden gewährt, wurden dir diese Belehrungen überreich geschenkt. Ja, ihr müßt heilig sein: Gott will euch heilig, darin besteht euer wahres Glück.

Alle Mittel werden euch durch Jesus in der Kirche geschenkt: Wisset sie zu verwenden, daraus Nutzen zu ziehen! All das wird dir gesagt und gezeigt, damit die Seelen sich in Liebe entflammen, damit sie schmachten nach Gott, damit sie keinen andern Wunsch haben als seinen reinen Willen. Tut alles, um das Fegfeuer zu vermeiden, nicht aus Furcht, aber aus Liebe. Betet für uns, die wir es nicht zu vermeiden verstanden haben, ohne euch dabei selber Seelen besonders auszulesen, ausgenommen jene, für die zu beten, ihr eine persönliche Pflicht habt; vielmehr übertragt alles der Mutter der Güte, der himmlischen Schatzmeisterin: sie wird alle Fürbitten nach Gottes Willen verteilen. Ich will dir sagen, welches die wirksamsten Mittel sind, um die Qualen des Fegfeuers zu vermeiden: in allem nur die Ehre Gottes allein zu suchen, vollkommen von allen Geschöpfen losgelöst zu sein, in allem nur den reinen Willen Gottes9 erfüllen zu wollen, sich mit Liebe auf das Sterben vorzubereiten, die Tugenden des Gehorsams, der Demut und der Verschwiegenheit zu üben und das Skapulier der Königin vom Karmel zu tragen. Im Grunde ist es das Programm eures Lebens hienieden. Wenn ihr hin und wieder eine gute Abhandlung über das Fegfeuer lesen würdet, so wüßtet ihr es genau, denn da gibt es nichts Neues. Aber wer nimmt sich jetzt schon die Zeit dazu? Weißt du, daß es eine Art geistlicher Feinschmeckerei gibt, die darin besteht, nur Bücher zu lesen, die der Seele Trost und fühlbare Befriedigungen einbringen? Viele fromme Leute wollen nur lesen, was ihnen gefällt, unter dem Vorwand, daß dies ihnen entspricht. Doch das, was gefällt, ist selten das Beste und indem man so seinen geistlichen Neigungen schmeichelt, verirrt man sich sehr rasch in Selbstgefälligkeit.

Er schwieg nun und lächelte. Ich habe niemals etwas anderes gelesen als den Traktat über das Fegfeuer der heiligen Catharina von Genua, und ich habe begriffen, daß dies einer von den guten Lesestoffen sei, auf welche die Person angespielt hatte. Und alles entschwand.  

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Die Hölle

Die Seele befindet sich schlagartig in eine absolute Einsamkeit versenkt, die so etwas wie die Verdichtung des Chaos, des Todes, des Nichts ist. Alles ergibt Gegenwartslosigkeit, Mitteilungslosigkeit, Lieblosigkeit. Es ist ein vollständiges Fehlen von Bewegung, von Sehnsucht, ein Versunken-Sein in der Sünde im Rohzustand, im absoluten, vergegenständlichten Bösen. Die Seele weiß, daß sie Sünderin ist, aber die Sünde gehört ihr nicht mehr an, es ist nicht mehr ihre Sünde, vielmehr wird sie von ihr besessen, von ihr durchtränkt, von ihr durchdrungen. Die Seele weiß, daß sie verdammt ist und sieht ein, daß sie zur eigenen Sünde geworden ist. Es gibt so etwas wie ein Ineinander-verschlungen-Sein vom Verdammten und der Sünde. Das ist Hölle. Es ist schwierig, sie darzulegen. Im Nachhinein möchte ich es mit einer Art von Atomisierung vergleichen, eine furchtbare Verdichtung des Bösen, denn die Hölle ist nicht leer, sie ist angefüllt mit dem Nichts: es herrscht da ein unerhörter Druck, eine Dichte, eine schreckliche Undurchsichtigkeit. Wenn ich vom Nichts rede, so ist das nicht das Nichtsein, nein, es ist das Gegensein, das der Liebe Entgegengesetzte.

In diesem Zustand empfindet die Seele nichts, sie spürt nichts im sinnenfälligen Bereich, es ist tausendmal schlimmer als ein bekanntes Leiden: es ist ein Todeskampf des Geistes, wovon man weiß, daß er in nichts anderes münden wird als in sich selbst, wobei es immer tiefer geht, weil der Geist sich dann gezwungen sieht, sich mit der unendlichen Beleidigung auseinanderzusetzen, worin die Sünde besteht, mit der er sich identifiziert, ja immer mehr gleichsetzt. Trotzdem gibt es da keine Bewegung, kein Fortschreiten. Es herrscht außerdem eine Kommunikationslosigkeit zwischen den Verdammten, die eng nebeneinander hingesetzt sind, ja aneinander kleben und sich gegenseitig bedrücken allein dadurch, daß sie da sind. Das ist schlimmer als der Haß, der eine leidenschaftliche, triebhafte Regung ist, und den man gleichsam zerstückeln und sozusagen auskosten kann, nein, es ist die Lieblosigkeit in ihrer eisigen Objektivität. Denn obwohl man in der Hölle brennt, wird man zugleich in eine Eiseskälte, welches der zweite Tod, der ewige Tod ist, hineinversenkt. Auch dabei handelt es sich nicht, wohlverstanden, um ein Eingehen ins Nichts, um eine Auflösung, es ist die Leblosigkeit: kein lebendiger Dynamismus, keine Kreativität, keine Evolution. Es ist ein Dauerzustand von Schwindel und Bedrücktsein, der immer zunimmt und sich verstärkt, weil dieser Tod endlos ist und ewig die Hölle. Dieses Leiden ist abscheulicher als alles; das am heißesten brennende Feuer hienieden ist eisig im Vergleich zu diesem Höllenfeuer und die schneidendste Kälte hienieden ist noch brennendheiß neben dieser eisigen Kälte des zweiten Todes. Es ist nicht ein Erfahren des Nichtseins, sondern nicht das zu sein, was man ist, die absolute Unmöglichkeit jemals zu sein, zu werden, was man ist, weil man berufen war, es im Geheimnis des heilbringenden Kreuzes zu werden und weil man das Geheimnis zurückgewiesen, die unverdiente Gabe des Heiles verschmäht hat.  

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O Jesus, alles für die Seelen!

Meine Seele steht noch unter dem Eindruck der Vision des Fegfeuers, die mir gestern gewährt wurde, und ich bete für diese heiligen Seelen, besonders an diesem Fest der Erwartung der Jungfrau Maria.10 Im Lichte dieses Festes opfere ich Gott das heitere Warten seiner Mutter zugunsten der armen Seelen auf, die sich in einem so schmerzlichen Warten verzehren; denn wie das friedliche und vertrauensvolle Warten Mariens den Herrn verherrlicht hat, ebenso wird er durch das Warten der Seelen im Fegfeuer verherrlicht, wenn auch auf eine andere Weise. Und die seligste Jungfrau kann fürbitten für diese Seelen. Diese Gebetsmeinung hat einen Großteil des Tages in Anspruch genommen, aber das Herannahen von Weihnachten erfüllt meine Seele mit Freude und Frieden, mit Kraft und Vertrauen. Gegen Ende des Nachmittags hat sich meinem innern Auge mein heiliger Engel gezeigt. Er stand neben mir und sagte ermutigend:

In dieser Weihnachtszeit wirst du nichts mehr vom Fegfeuer sehen. Das soll dich zu einer großem Treue beim Gebet zugunsten der heiligen Seelen im Fegfeuer anspornen. Wenn deine Seele sich ihnen zuwendet, erhebe zum Höchsten diese einfache Bitte: «O Herr, alles für die Seelen!»11 Laße dich vom Sinn dieser Worte tief durchdringen, sprich sie mit Glauben und mit Liebe aus, und vergiß nicht, daß es nicht langer Reden bedarf, um die Liebe zu äußern. Begreift doch, daß es für euch sehr wichtig ist, für die Seelen im Fegfeuer zu beten! Es ist eine eurer Liebespflichten, und wenn ihr euch darin gegen Gott verfehlt, so könnt ihr einst streng dafür bestraft werden: es gibt viele Seelen, die deshalb im Fegfeuer weilen, sie büßen dafür, daß sie für ihre nächsten Verwandten nicht gebetet haben.

Der Engel schwieg. Mit einer Geste seiner Hand, zeigte er mir das Fegfeuer, rascher, kurzer Einblick, aber wie dicht... und er fuhr fort:

Wie könnt ihr gefühllos bleiben vor soviel Liebesleiden? Ihr seid auf Erden, aber ihr habt Anteil an der Gemeinschaft der Heiligen: habt ihr nicht die Möglichkeit, Zuflucht zu nehmen zur Fürbitte der Seligen und ganz besonders der Muttergottes? Und hören sie einen einzigen Augenblick auf, für euch zu beten, und euch Gnaden und Erleuchtungen zu erlangen? Nun gut, die Seelen im Fegfeuer brauchen auch Fürbitter, und sie finden sie unter euch, so sehr wie im Himmel. Betet für sie, die eurer Fürbitten bedürfen, da sie von euch Treue und Dankbarkeit erwarten. Gott will es so, weil euer Beten für diese heiligen Seelen ein Akt der Nächstenliebe, ein Zeugnis der Liebe ist: es läßt euch in dieser Tugend und im Glauben vorankommen, es weitet die Horizonte eurer Liebe und vertieft euren Glauben, es bereichert und festigt eure Hoffnung. Und all das verherrlicht Gott und tröstet die heiligen Seelen im Fegfeuer.

Still betete ich, indem ich unablässig folgende Anrufung wiederholte: «O Jesus, alles für sie, alles für diese heiligen Seelen!» Der Engel billigte mit Kopfnicken, dann fuhr er fort:

Der Herr will, daß du all das zu seiner Ehre aufschreibst, und sich damit das Feuer der Bruderliebe auf der ganzen Erde ausbreite. All das wird einer großen Zahl von Seelen dienen: deinen Brüdern auf Erden, die es lesen werden, der Herr wird seine Liebe noch mehr aufdecken, denn niemand darf gefühllos bleiben vor soviel Leiden! Wenn die Seelen das mit Glauben und Vertrauen lesen, wird es sie trösten und in Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen lassen. Und eine große Anzahl von Seelen im Fegfeuer werden Vorteil aus den Suffragien der Gebete und guten Werke ziehen, die deine Brüder halten, durch ihre Leiden und Nöte bewegt. Begreifst du jetzt, warum du schreiben mußt? Du mußt dich ganz in den Dienst des Herrn stellen, der sich deiner bedienen möchte, als eines Werkzeugs, das in seiner Hand verborgen liegt.

Als ich diese Worte vernommen hatte, war ich für kurze Zeit verwirrt. Der Engel schloß gelassen, ohne daß er darauf zu achten schien:

Bleib im Frieden! Im Frieden Gottes und nicht in dem der Welt, der nur Zerrbild und Schein vom echten Frieden Gottes ist. Verharre im treuen Gehorsam gegen deinen geistlichen Vater: Öffne ihm deine Seele, verschließe deine Ohren vor dem eitlen Lärm der Welt. Verharre in Gottes Verschwiegenheit, so daß du in den Augen der Welt nichts giltst! Gott allein weiß, mit Redlichkeit und Billigkeit zu urteilen, die Welt weiß nur, jene mit Weihrauch zu ehren, die ihr schmeicheln und zu verurteilen, die sie verachten. Bleibe im reinsten Herzen Mariens, eurer Unbefleckten Mutter: in ihr gibt es nur Licht und Wahrheit, sie öffnet euch ihres göttlichen Sohnes eucharistisches Herz. Da ging der Engel fort. Ich bin im Frieden.  

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Zweiter Teil

Selig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen

«Liebe kann nur durch Liebe bezahlt werden.»

Johannes vom Kreuz

Das Erbarmen Gottes über dem Fegfeuer

Nach der Betrachtung ließ mich der Herr seine unendliche Barmherzigkeit schauen, die auf das Fegfeuer ausgeübt wird und sich über die heiligen Seelen ergießt, die dort Qualen der Liebe erdulden. Ich schaute zuerst den liebevollen Blick der göttlichen Dreieinigkeit, der sich auf all diese heiligen Seelen richtete, angefangen beim Vorhof bis hinunter in die tiefsten Tiefen des Großen Fegfeuers12, und jede einzelne dieser Seelen eigens betrachtete: ich sah, wie der Vater auf diese Seelen blickt, die alle vom Blute seines Sohnes erglänzen, welches der einzigartige und sehr kostbare Preis für ihre Rettung ist; und er blickt auf sie und liebt sie unendlich in seinem gekreuzigten und verherrlichten Sohn. Ich schaute den auf die Seelen im Fegfeuer gerichteten Blick des WORTES, und das WORT freut sich, sie in den reinen göttlichen Willen versenkt zu sehen und in die bis auf den Grund gehende Zustimmung zur Liebe des Vaters; und er liebt sie für den Vater, der auch unser Vater ist. Ich schaute den Heiligen Geist, ihren Geist der Liebe, mit unendlichem Wohlgefallen auf diese heiligen Seelen blicken und sich völlig in sie hinein wie in erlesene Gefäße der göttlichen Liebe ergießen. Es war sehr schön und gar erhaben. Mein heiliger Engel zeigte sich und sagte zu mir:

Siehst du, Kind, die heiligen Seelen im Fegfeuer sind die geliebten Töchter des göttlichen Erbarmens. Sie sind dazu bestimmt, die ewigen Juwelen des himmlischen Jerusalem, die Schmucksteine der unbefleckten Gemahlin zu werden. Daher müssen sie vollkommen rein sein, und der geringste Fehler, das kleinste Vergehen werden vollständig gesühnt, der mindeste Makel wird restlos ausgetilgt: Darum werden diese Töchter der Barmherzigkeit den Härten der göttlichen Gerechtigkeit ausgesetzt. Ich befand mich im Zustand einer großen Freude beim Hören dieser tröstlichen Worte. Der Engel betete neben mir, wodurch er mich anspornte, ihn zugunsten der heiligen Seelen nachzuahmen. Nach einer geraumen Weile sagte er noch: Im Fegfeuer erkennen die Seelen ihre Fehler, sie vermögen sie voll zu erfassen: da sie sie in Wahrheit geschaut haben beim besondern Gericht, behalten sie diese sodann dem Geiste gegenwärtig, aber auf eine allgemeine und verworrene Weise. Nicht dabei sollen sie sich aufhalten: sie beten die göttliche Barmherzigkeit an und verherrlichen mit Dank und Liebe die Heiligste Dreieinigkeit. Du weißt, daß die Barmherzigkeit das Fegfeuer erschaffen hat, durch einen Beschluß der Barmherzigkeit weilen die Seelen im Fegfeuer, durch reines Gnadengeschenk der göttlichen Liebe. Denn die Strafen, so furchtbar sie auch sein mögen, sind immer unvergleichlich leicht im Vergleich zur unendlichen Beleidigung, die in der Sünde drin liegt.

Dann schaute ich im Himmel Zehntausende von Engeln, die für die Seelen im Fegfeuer beten und auch große Mengen von Heiligen, welche die Jungfrau Maria umgeben, und meine Seele freute sich über den Trost, der ihnen auf diese Weise gebracht wurde. Ich habe das Gebet der Kirche hienieden zugunsten dieser Seelen geschaut wie einen reichlichen Regen, der von den Engeln in goldenen Schalen aufgefangen und der seligsten Jungfrau Maria vorgelegt wird, welche ihn der göttlichen Dreieinigkeit darbringt. Der Herr segnet dieses Gebet, das die Engel in klaren, tröstlichen Regengüssen über das Fegfeuer ausgießen. Mein heiliger Schutzengel sagte zu mir:

Das ist auch eine Auswirkung der göttlichen Barmherzigkeit dieses große Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen und ihrer Wirksamkeit für das Fegfeuer: Gott gibt den Engeln und den Heiligen im Himmel, aber auch euch, die ihr noch hienieden weilt, die ausdrückliche Erlaubnis, für diese heiligen Seelen zu beten und ihnen so einigen Trost zu verschaffen. Es ist eine Pflicht für euch, ein Werk der Barmherzigkeit zugunsten dieser heiligen Seelen.

Es wurde mir gezeigt, daß die Seelen im Fegfeuer manchmal nach den Absichten der göttlichen Vorsehung die Möglichkeit empfangen, sich in unserem Leben hienieden kundzutun. Diese Kundgebungen können vielfältige Gestalten annehmen. Bei dieser Gelegenheit sagte der Engel zu mir:

Diese Kundgebungen werden auch vom göttlichen Erbarmen zugelassen. Sie verfolgen einen dreifachen Zweck für die streitende Kirche: das Volk Gottes wieder zum Gebet für diese Seelen aufzurufen, das Gottesvolk zur Buße aufzurufen zu seiner Heiligung, das Gottesvolk zu warnen, daß es auf dieser Erde nur durchgeht. Diese Seelen haben manchmal Einblick in die Zukunft, den der Höchste ihnen unter gewissen Umständen gewährt: sie dürfen euch diese bedingte Zukunft, die euch betrifft, mitteilen, entweder um euch Zeichen zu geben, die dazu bestimmt sind, euren Glauben zu stärken, oder um euch zu behüten, zu warnen, zu beschützen. Dafür sollt ihr danken und für diese Botinnen der Barmherzigkeit beten.

Mein Gott, wie viele Gnaden und Auswirkungen deiner barmherzigen Liebe gibt es doch! Der Engel aber schloß in einem etwas strengeren Ton:

Es gibt viele überspannte oder für Eindrücke empfängliche Leute, die kein Möbel knarren, keinen Fußboden krachen oder einen Vorhang rascheln hören können, ohne sich sogleich einzubilden, daß heilige Seelen aus dem Fegfeuer mit ihnen verkehren möchten.

Dann suchen sie, anstatt für sie zu beten, allerlei Mittel, um mit diesen heiligen Seelen in Verbindung zu treten. Das ist Zeitverschwendung und auch eine Sünde: Sünde der Neugier, der Anmaßung. Man muß vorsichtig bleiben auf diesem Gebiet: Es gibt da viel Mißbrauch und viele Irrtümer. Das Geheimnis des Fegfeuers ist nicht eine Zerstreuung, es ist ein großes Geheimnis der göttlichen Liebe.

Darauf entschwand er in einer blendenden Helle, die ihn meinen Blicken entzog. Ich setzte mein Gebet fort.  

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Einblick in das Geheimnis des Fegfeuers

Morgenbetrachtung. Ein unermeßliches Feuermeer deckt sich dem Blick meiner Seele auf, still und unbeweglich, aber von einer Glut ohnegleichen, dessen Hitze unvorstellbar ist, ich befinde mich in einem Feuerbad, meine Seele wird sowohl äußerlich wie innerlich verbrannt. Und ich begreife. Das ist das Fegfeuer, das mir in seinem Geheimnis gezeigt wird.

Zuerst ein Feuer, Feuer der Liebe, Feuer von Gott entzündet, Feuer, das eine Offenbarung des Geheimnisses des Fegfeuers ist und auch dessen eigentlicher Ort. Ich weiß nicht, wie ich es auslegen soll. Dieses Feuer scheint mir zugleich konkret, materiell und zur selben Zeit geistig, mystisch. Das Mysterium des Fegfeuers ist die Reinigung der Seelen in diesen Flammen, es ist die Wiedergutmachung, die sie Gott schulden für die Sünde und für das ganze Gefolge der Sünden in ihnen, und für alle Folgen ihrer Sünde über sie hinaus im Bereich der Schöpfung. Es gibt jedoch keine Sünde mehr in den Seelen des Fegfeuers.13

Die Wiedergutmachung besteht in einer fürchterlichen Strafe: im aktuellen Entzug Gottes, im derzeitigen Verlust der beseligenden Schau. Ein unbenennbarer Leidenszustand, eine schreckliche Sühne für die Seele, die vollkommen gerade und von der göttlichen Liebe durchdrungen ist, gänzlich erfaßt von der Liebe, die sie in Besitz genommen hat, die sie anzieht und sich in ihrer Fülle schenken will, und die sie selber — gleichsam in der Unbeweglichkeit festgehalten, im Warten gefesselt und auf ihrer Stufe der Bruderliebe auf ewig festgelegt — noch nicht erfassen und völlig besitzen kann.

Meine Seele wurde von diesem Leiden zerrissen. Es ist eine sehr schmerzhafte Liebessehnsucht, die Verbannung fern vom Geliebten, das unersättliche Verlangen ihn zu besitzen. Es ist wie eine Wartefrist, die sie sich selber auferlegt hat wegen ihres eigenen Verhaltens: der Geliebte ist zwar gekommen, doch sie war nicht bereit... Im Fegfeuer kann die Seele keine Fortschritte mehr machen, und nichts verdienen. Sie befindet sich gefestigt in der Hoffnung, ganz von Liebe entbrannt und in allem dem reinen Wollen des Geliebten unterworfen: einem glühenden Verlangen, das brennt ohne zu verzehren, einer Sühnestrafe, wofür sie dankbar ist und, ach, wie sehr!

So sieht es mit der eigentlichen Strafe des Fegfeuers aus: dem Entzug Gottes, der sich in der Seele auswirkt gemäß drei schmerzlichen Arten und Weisen. Obwohl die Seele vom göttlichen Licht erfaßt wird, bleibt sie noch im Dunkel; angezogen von der göttlichen Liebe, bleibt sie ihr fern; gefesselt von Gottes Schönheit und Heiligkeit, bleibt sie davon bedrückt. So sehen also die drei Arten und Weisen der Strafe des Verlustes Gottes aus, Strafe, die allen gemeinsam ist, welche sich im Fegfeuer befinden und woraus alle andern Strafen sich ableiten, die fühlbarer und wandelbarer sind je nach den einen und andern, eigentümlicher, mehr auf die einzelne.

Bedauern über die verlorenen oder vergeudeten Gnaden, Leiden darunter, daß man hier vergessen wird und von seinen Angehörigen getrennt ist, die noch auf der Erde sind, angstvolles Warten auf die Befreiung aus dem Fegfeuer, dessen Dauer man nicht erkennen, noch vermuten kann.

Diese Strafe der Trennung von Gott ist der Zustand im Fegfeuer und daher kommen alle andern Sühneleiden: die objektiven, läuternden Leiden als ein Wirken der Gerechtigkeit. Dieser Zustand ist vorübergehend, das Feuer wird eines Tages erlöschen, das wissen die Seelen: sie befinden sich in der vollkommenen Hoffnung, ganz von Liebe entzündet... Ich bete, und diese intellektuelle Vision geht bald schlagartig zu Ende.  

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Das Feuer der Liebe im Fegfeuer

Stilles inneres Gebet. Es wird mir die Erfahrung des Feuers der Läuterung gewährt, ausgehend von einem sehr einfachen und klaren Anblick des eucharistischen Herzens Jesu, das Pfeile der Liebe auf uns lossendet. Das Feuer am Läuterungsort ist Feuer der Liebe: «Die Liebe ist stark wie der Tod», und seine Geschosse sind Pfeile Gottes, Blitzflammen Gottes. Liebesfeuer, jawohl! Das gewaltig hervordringt aus dem Herzen Gottes, die Seele fesselt und sie mit der Sehnsucht nach der beseligenden Anschauung Gottes entflammt... Ich habe dieses Feuer des Reinigungsortes als in den Seelen — in ihrem Innersten — von Gottes Liebe entzündet, wahrgenommen, denn Gottes Liebe brennt, sie steckt die Seelen aus Liebe zu ihm in Brand.

Dieses Feuer ist furchtbar, weil Feuer der Liebe: Die Liebe Gottes entzündet in der Seele, die im Läuterungsort ist, ein lebhaftes Verlangen nach Gott, wie eine schmerzliche Sehnsucht, eine gewaltsame Flamme; und die Seele ist dann Trägerin dieses in ihr von Gott angezündeten Feuers, sie wird entflammt, zu Gott hingedreht, der sie mächtig anzieht, von ihm gefesselt und vom Verlangen nach der beseligenden Schau, die Einigung ist, entflammt. Und eben von diesem Liebesfeuer, aus dieser furchtbaren Liebessehnsucht gehen alle andern Peinen hervor: sie werden gleichsam neu zusammengefaßt in diesem Feuer. Dieses Feuer ist so entsetzlich, daß sich das Feuer der Erde im Vergleich dazu als ein sehr milder Balsam enthüllt! Und es ruft in den Seelen des Fegfeuers einen gräßlichen mystischen Durst hervor, einen heftigen Durst nach Gott:

Meine Seele dürstet nach dir, nach dir schmachtet mein Leib, wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser (Ps 63,2).

Gewiß kann man in diesem Psalmwort eine Metapher sehen, die das Verlangen nach Gott ausdrückt, das wir hienieden verspüren. Aber mein Engel deutet es nicht so, denn er fragte mich, ob es denn hier auf Erden so viele Seelen gebe, die genug in der Liebe zu Gott fortgeschritten sind, um diese Worte der Schrift ganz gerecht auf sich anwenden zu dürfen. In der Tat fällt es mir noch viel leichter, sie auf das Fegfeuer anzuwenden, da sie mir bei dessen Verständnis helfen, denn ich bin selber leider zu weit davon entfernt, solchen Durst nach Gott zu verspüren, um mich darin wiederzuerkennen...!

Allzeit sehe ich die heiligen Seelen des Fegfeuers zugleich kraftvoll von Gott angezogen, den sie wahrnehmen und dessen Liebe sie erfahren — Liebe, die sie verzehrt vor Verlangen, wie ein glühendes Feuer, das, wenn ich so sagen darf, bis zum Mark der Seele vordringt — und zur selben Zeit im Fegfeuer durch die Notwendigkeit, ihre Fehler zu sühnen, ihre Schulden abzuzahlen, die Strafen für die Sünde, die noch in ihnen zu finden ist, zurückgehalten wird. Sogar diese Sühne wird geliebt und gewollt, in Ehren gehalten — wie schmerzhaft sie auch sein mag — weil darin das Mittel liegt, um zur Anschauung Gottes, zur Vereinigung mit Ihm zu gelangen; sie wird geliebt, trotzdem sie so schmerzhaft ist, weil die Seelen im Fegfeuer keinen andern Willen kennen als den von Gott selber, die Erfüllung des reinen Willens Gottes und weil sie die Sünde hassen: nun aber besteht das reine Wollen Gottes darin, daß er alle Seelen völlig mit sich vereinen will, und die Sündenstrafen bilden ein Hindernis vor dieser Einigung. Das einzige Mittel, zur Einigung mit Gott zu gelangen, besteht darin, das Hindernis aufzuheben, nämlich die Sündenstrafen, die an der Seele haften, und das ist im Fegfeuer nur möglich durch die sühnende Wiedergutmachung. Somit wollen die Seelen diese Sühne, da sie ihrerseits glühend nach der Vereinigung mit Gott verlangen: die Sühne läutert sie und somit ist die Sündenstrafe abbezahlt und die heiligen Seelen können endlich zur beseligenden Einigung mit Gott gelangen; so wird das reine Wollen Gottes erfüllt in der Fülle der Liebe, und darin besteht das einzige Verlangen der Seelen im Fegfeuer, ein Verlangen das zugleich geweckt und nicht zufrieden gestellt wird; gerade dieser Gegensatz brennt sie wie ein glühendes Feuer, eben das Fegfeuer des Läuterungsortes: es ist einfach diese derzeitige Hinderung, welche die Seele verspürt, Gott und der heftigen Anziehung seiner Liebe völlig zu entsprechen, und auf vollkommene Weise ihr Verlangen nach der beseligenden Schau erfüllt zu sehen, nach der vollendeten Einigung in der Herrlichkeit. In diesem Zustand rufen die Seelen oft aus: «Herr, du bist gerecht und deine Entscheide sind richtig!» (Ps 119,137).

Denn das Verlangen der Seelen im Fegfeuer ist ein Verlangen nach allumfassender Zustimmung und Gleichförmigkeit mit dem reinen Willen Gottes; ganz von Gott, der sie anzieht, gefesselt und ganz auf ihn hingewandt, besitzt die Seele kein eigenes Wollen mehr, keine eigene Ansicht, kein Blicken auf sich oder die andern mehr; ihr ganzer Blick wird klar, wobei er sich in der Gleichförmigkeit seines Wollens mit dem reinen Willen Gottes vereint, und so richtet er sich nur noch auf Gott und auf Gott allein.

Auf diese Weise vermochte ich einigermaßen das glühende Feuer des Reinigungsortes in meine Erfahrung einzubringen, doch mir scheint, daß es da etwas anderes gibt, ein echtes Feuer, gleichsam materiell, das einige Analogie aufweist mit unserem Feuer auf Erden, obwohl es anders ist, unvergleichlich brennender und schrecklicher, sehr geheimnisvoll; und mein Schutzengel hat mir diese meine Intuition bestätigt, indem er sagte, man könne dessen materielle Beschaffenheit an den Auswirkungen sehen, die es auf die Materie ausüben kann.14

Ich habe dieses Feuer wie eine Art von glühendem, entflammtem, dunkelrötlichem Schatten gesehen, denn das Fegfeuer ist wie ein Schattenbereich, eine Zone der Dunkelheit im Vergleich zum unaussprechlichen und strahlenden Licht des Paradieses, zu diesem Licht, wovon die Seelen ganz kurz einen Widerschein beim besondern Gericht mitbekommen. Verglichen mit der Hölle ist das Fegfeuer unvergleichlich lichtvoll, denn die Hölle ist das Reich der ewigen Finsternis, selbst wenn auch dort ein Feuer brennt... Mir scheint es, daß das Feuer des Reinigungsortes die Seele gefangen hält, durchdringt, aber auch umkreist und umschließt, so daß sich die Seele durch dieses materielle Feuer wie gefesselt erfährt; und das ist für sie ein großer Schmerz, eine tiefe Demütigung! Als rein geistig wird die Seele von diesem Feuer, das ein bloß materielles Element ist, gefesselt; sie wird dadurch in ihren normalen geistigen Tätigkeiten behindert, und auf diese Weise bis in die tiefsten Wurzeln dem reinen Willen Gottes unterworfen, den sie liebt, der sich ihr kundtut unter dieser erstaunlichen Gestalt eines materiellen Feuers. Ich glaube somit, daß es ein doppeltes Feuer ist: das innere Feuer der in der Seele durch Gott entzündeten Liebe und auch ein echtes äußeres Feuer, das eine Bekundung des ersten ist.

Ich glaube ebenfalls, wenn ich richtig verstanden habe, daß das Feuer des Reinigungsorte und das der Hölle dasselbe Feuer ist, ich weiß zwar nicht warum: im Fegfeuer einerseits ist es positiv, es reinigt und entflammt durch Liebe; in der Hölle andererseits ist es negativ, es züchtigt und ruft den Haß hervor.15 All das mag unwahrscheinlich klingen. Doch ich schreibe es auf, wie es mir gesagt und gezeigt wird: wenn ich mich täusche, dann wäre es, weil ich schlecht verstanden hätte; das Fegfeuer ist nun einmal ein so großes Geheimnis! In allem verlasse ich mich dabei auf die Mutter Kirche, die Bescheid weiß und urteilen wird.  

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Die Strafen des Fegfeuers

Abendbetrachtung. Der Herr wollte mich sehen, wissen und begreifen lassen, was die Strafen des Fegfeuers in ihrer Ganzheit sind; gewiß können wir hienieden nie genau wissen, was sie sind, da wir sie nicht erfahren. Der eine oder andere kann aber vom Herrn die Gnade einer echten Annäherung an dieses Geheimnis des Fegfeuers empfangen, um seinen Brüdern eine Unterweisung zu geben, die sie zum Mitleid und zum Gebet zugunsten der heiligen Seelen des Fegfeuers anregt.

Ich habe gesehen, daß es im Fegfeuer eigentlich nur eine einzige Strafe gibt, in ihr besteht an sich das Fegfeuer: es ist der derzeitige Entzug der Anschauung Gottes; so beschaffen ist an sich und direkt die große und einzige Fegfeuerstrafe, alle andern sind nur Arten und Weisen davon, sie lassen sich davon ableiten.16 Diese Hauptstrafe ist um so schrecklicher, weil die Seele im Fegfeuer sehr lebhaft von Gott angezogen wird; sie weiß es und drängt sich von sich aus zu ihm hin in einem sehr heftigen und bis in die Wurzeln hinabreichenden Aufschwung. Und trotzdem bleibt sie wie gelähmt, denn es besteht in ihr und für sie die Notwendigkeit unbeweglich zu verharren trotz dieser Liebeswerbung, die sie verspürt und trotz der Liebe, die sie vorantreibt: Diese Notwendigkeit liegt in der Seele und stammt von ihr, von ihrem Zustand. Das wird verständlich aufgrund der Tatsache, daß die Seele im Fegfeuer nur nach der Verherrlichung Gottes verlangt. Sie stürzt sich ins Fegfeuer getrieben von ihrer Liebe nach der Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes, und da sie die Ehre Gottes über ihr eigenes Interesse setzt, so will sie vollumfänglich dieses Leiden, diese Sühne, die Gott verherrlicht. Die Seele im Fegfeuer liebt dieses Leiden, das Gottes Heiligkeit lobpreist, die sich in diesem Geheimnis der Gerechtigkeit offenbart, tausendmal zieht sie diese einer möglichen Begegnung mit Gott vor, worin sie zwar ihr Interesse, aber nicht die volle Verherrlichung Gottes, den sie mehr als sich selber liebt, finden würde. Dieses Fegfeuerleiden ist fürchterlich, es ist eine Liebesqual, eine brennende Sehnsucht, wie es sonst keine gibt auf Erden. Ich glaube, man kann die Seele im Fegfeuer ein wenig mit diesem Gelähmten vergleichen, der sich am Rande des Schafteiches aufhielt: dieser Mann hatte das heftige Verlangen, in das Wasser einzutauchen, wenn es aufzuwallen begann, aber er war nicht imstande es zu tun, und das mußte ihm einen entsetzlichen Schmerz verursachen (vgl. Joh 5,2-7).

Etwa so sieht also die große und einzige Strafe des Fegfeuers aus, gerade darin besteht das Fegfeuer: es brennt eine zerreißende Liebessehnsucht in der Seele. Alle andern Strafen sind nur Arten und Weisen oder Folgen dieser Liebessehnsucht: ein Gefühl der Ferne, des Vergessenseins, der Dunkelheit, des Hungers nach Gott, ein sich Hinziehen der Strafe, ein Vergessen oder ein Vernachlässigtwerden vonseiten der Leute, die noch auf der Erde sind, eine klare Einsicht in die Sünde, Schmerz gesündigt zu haben usw. Mein Schutzengel hat mir einigermaßen das erklärt, was das sich Hinziehen der Strafen betrifft, denn es ist für uns schwierig, uns vorzustellen, daß ein Geist gewissermaßen in die Zeit eingefangen sein könne:

 

Im Fegfeuer gibt es die Zeit, so wie ihr sie auf der Erde kennt, nicht. Aber die Seelen im Fegfeuer vollbringen aufeinander folgende und verschiedene Akte im Bereich der Liebe; und in dieser Abfolge von Akten besteht gleichsam so etwas wie das Maß einer einförmigen Dauer. Das hat jedoch nichts mit der Zeit Vergleichbares an sich, so wie ihr sie kennt. Vergeßt nicht, daß tausend Jahre wie ein Tag sind in den Augen des Höchsten (vgl. Ps 90,4). Ich habe gesehen, was die verschiedenen Stufen des Fegfeuers ausmacht, ist nicht ein Unterschied in der Natur, sondern in der Dauer der Strafen, und eine mehr oder weniger große Intensität derselben; sowie eine mehr oder weniger grosse Fülle an Tröstungen. Nichts desto weniger habe ich an dem Ort, den die Menschen das Große Fegfeuer oder den Untergrund des Fegfeuers nennen, wo die Teufel für die Seelen bemerkbar werden, was sie gar sehr quält, denn diese machen großen Betrieb um sie herum. Das war für mich immer ein Anlaß zu Überraschung, doch der Schutzengel hat mir in dieser Hinsicht erklärt: Die Dämonen haben gar keinen direkten Einfluß auf die Seelen im Fegfeuer, keine Zugriffsmöglichkeit bei ihnen. Aber das Wahrnehmen ihrer Anwesenheit und ihres unseligen Treibens ist eine von Gott bei gewissen Seelen zugelassene Qual. Der Dämon bewahrt so etwas wie einen Rest von Herrschaft dort, wo es nur noch ein Folgewirken der Sünde gibt.17

Diese Art von Seelenstrafen im Großen Fegfeuer gehört einzig einer Art von moralischem Verdruß an, einer Demütigung, welche den brennenden, andauernden Schmerz ihrer Liebessehnsucht noch vermehrt: diese ist nämlich wie das Feuer des Reinigungsortes. Ich habe auch gesehen, daß sich die Stufen unterscheiden gemäß der Art und Weise, welche diese Liebessehnsucht annehmen kann, und daß in der letzten Läuterungsstufe, welches der Vorhof oder der Vorhimmel ist, diese Liebessehnsucht keine unterscheidbaren Gestalten mehr annimmt, sondern allein ganz einfach fortbesteht.

Die Seelen im Fegfeuer leiden sehr darunter, daß sie von den Leuten, die auf der Erde leben, vergessen und vernachlässigt werden; sie leiden darunter nicht direkt ihretwegen, denn sie haben keinen Blick mehr für sich selber übrig und auch gar keine Selbstgefälligkeit mehr; sie leiden darunter, weil sie darin von unsrer Seite eine Vernachlässigung, eine mangelnde Aufmerksamkeit, einen schweren Mangel an Rücksicht gegen die Gemeinschaft der Heiligen und für die Verherrlichung dieses Gottes sehen, den sie über alles hochschätzen. Sie tragen die Folgen davon, indem sie nicht diese große Hilfe an Fürbitte empfangen, die ihre Sühnestrafen abkürzen würden. Die leidenden Seelen begehren nicht für sich selber, das Fegfeuer rascher verlassen zu dürfen, sondern allein um der Ehre Gottes willen, welches der einzige Gegen­stand ist, worauf sich ihr Blick und ihre Liebe richten. Diese hochheiligen Seelen haben uns vieles zu lehren über das Geheimnis der Ehre Gottes, über unsere Pflicht, ihn zu verherrlichen, und auch über die Schuldigkeit, die wir haben, unseren Innern Blick zu vereinfachen.

Alles, absolut alles steht für diese Seelen im Fegfeuer in Funktion zu dieser Verherrlichung Gottes, — sei das nun eine nach der andern oder alle zusammen von den Strafen oder den Tröstungen — denn sie bleibt sozusagen ihre einzige Beschäftigung: gern würden sie tausend Jahre lang das Fegfeuer erdulden, wenn sie auf diese Weise die Herrlichkeit Gottes vermehren könnten. Sie befassen sich nicht mit uns, noch mit sich selbst, und das bedeutet keineswegs, daß sie uns nicht lieben, im Gegenteil! Sie lieben uns jetzt viel besser und mehr als alle Leute hier auf Erden, ausgenommen vielleicht sehr große Heilige unter uns, obwohl diese zum Teil den Gesetzen des Mitgefühls unterworfen bleiben; die Seelen im Fegfeuer hingegen lieben uns in der lauteren Liebe Gottes und in einem vollkommenen Üben der Bruderliebe: ihre Liebe ist sehr erhaben, sehr objektiv und sehr rein. Und wenn sie für uns beten, dann haben sie nur unser Wohl im Blick, das auf die Ehre Gottes ausgerichtet ist.  

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Die Heiligkeit Gottes

Gegen Ende der Betrachtung von heute morgen wurde mir etwas von der Heiligkeit Gottes gezeigt, es ist vernichtend. Ich habe ein unermeßliches Kristallmeer in Flammen gesehen, sehr ruhig, von unergründlicher Tiefe. Dieses Meer teilte sich der Heiligen Kirche mit, sie gleichsam umschwemmend und befeuchtend, sie ernährend und belebend; alles in sich verzehrend, was Sünde oder Unvollkommenheit ist; es verbrannte, tilgte und zerstörte in seiner Glut jegliche Unreinheit oder Spur von Unreinheit. Dieses Kristallmeer ist unbeschreiblich: in ihm versenkt sich der ganze Himmel, der dadurch erleuchtet und entflammt wird; in ihm lebt und besteht die Kirche fort, da sie in ihm beständig gereinigt, geläutert und ganz entflammt wird; in ihm ist auch auf eine geheimnisvolle Weise der höllische Abgrund enthalten, dessen so schreckliches Feuer es gewissermaßen begründet.

Ich schaute das Fegfeuer als feuriges Vorzimmer der himmlischen Herrlichkeit, wobei die Seelen eingetaucht werden in Gottes Heiligkeit, um darin geläutert zu werden. Aus dieser Heiligkeit Gottes gewinnen die Seelen im Fegfeuer ihre größten Freuden: ihre Festigung in der Gnade, ihre Zusicherung des Heils, mit der Unmöglichkeit für sie, künftighin zu sündigen, sowie ihre Freude am Sühnen, und bei diesem Sühnen zu erkennen, daß sie lieben, eine Verherrlichung der Heiligkeit Gottes; ihre Freude darüber, in der göttlichen Liebe erhalten und alle ihren Flammen ausgeliefert zu bleiben. Ich habe auch eingesehen, daß die kleinste Sünde eine unendliche Beleidigung Gottes, seiner Heiligkeit ist, so etwas wie ein Geschoß, das in dieses glühende Kristallmeer hineingeschossen wird, und dieses Geschoß verliert sich jedoch in diesem Meer, es wird darin verzehrt. Denn dieses Meer ist unwandelbar, ohne irgendeine Veränderung, unendlich. Es ist unfaßbar für unseren Geist.18

Ich schaute die Fluten der Heiligkeit Gottes, wie sie sich in das innerste des Fegfeuers voll ergossen, wie eine unbewegliche Feuerwoge; die Seelen lassen sich davon durchdringen, mit Eifer tauchen sie da hinein, wenn auch unter schrecklichen Leiden, unter großen Schmerzen. Und je mehr sie sich diesem göttlichen Feuer ausliefern in einem lebhaften Aufschwung der Liebe, um so durchsichtiger, lichtvoller, schöner werden sie; je mehr sie darunter leiden, sich in diesem Meer zu befinden, um so mehr verlangen sie, dankend darin zu verbleiben, bis sie völlig geläutert sind, und so Gott Ehre zu erweisen. Ich vermag nicht, das alles richtig auszudrücken, was sich meiner Seele zeigt: es ist sehr schwierig, rein intellektuelle Einsichten, die sehr dicht und erhaben sind, zu übersetzen.

Was an diesem großen Geheimnis des Fegfeuers umwerfend ist, das ist vor allem die Tatsache, daß die heiligen Seelen, die sich darin befinden, keinen Blick, keine Selbstgefälligkeit für sich übrig haben, daß sie sich vielmehr ganz der göttlichen Liebe ausliefern; in ihren größten Schmerzen haben sie nur die Verherrlichung Gottes im Auge, sie versenken sich gleichsam in den Abgrund seiner Heiligkeit.  

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Strom des Erbarmens vom Kreuz hervorgegangen

Der Herr hat meiner Seele heute neue Erleuchtungen über das Geheimnis des Fegfeuers geschenkt. Es wurde mir wie ein Strom mit reichlichem Wasser gezeigt, hervorgegangen vom Kreuz beim Tode des Erlösers: ein Strom des Erbarmens mit feurigen Wassern. Es ist eine rein intellektuelle Schau, die ich mich bemühe, auf die beste Weise zu übersetzen.

Ich habe eingesehen, daß das Fegfeuer durch Christus, den Heiland, erschaffen wurde — oder genauer durch den Vater in Ihm — der am Kreuz gestorben, um alle Menschen zu erlösen, als Sieger über den Tod, dessen Herrschaft er gebrochen und dessen Macht er zurückgedrängt hat. Vor des Menschengeschlechtes Erlösung aufgrund des Opfers Christi war der Himmel für uns verschlossen, die Erbsünde hatte dessen Zugang verriegelt, und trotzdem zog die göttliche Liebe die Gerechten dorthin; aber es war notwendig, daß Christus sich zum Tor des Himmels machte durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung: er allein besitzt die Macht, dem Menschen zu öffnen, was durch die Sünde des Menschen verschlossen war, er allein ist die Himmelstür, durch ihn allein haben wir Zugang zum Himmel.19

Vor der Erlösung konnten die Seelen der Gerechten keinen Zugang zum Himmel finden, sie warteten in der Vorhölle oder in der Unterwelt; die göttliche Liebe zog sie an, doch die Gerechtigkeit hielt sie noch außerhalb des Himmels zurück. Das Tor mußte sich öffnen, es hat sich geöffnet im gekreuzigten und auferstandenen Heiland, in dem die Gerechtigkeit sich voll auswirken und so sehr zufrieden gestellt werden konnte, daß die Barmherzigkeit, die bisher in Gott zurückgehalten wurde, sich in Fülle über das Menschengeschlecht ergießen konnte. Der Heiland, der die barmherzige Liebe ist, hat in seinem Leiden und seinem Sterben die unendliche Liebe und die strenge Gerechtigkeit vereint, die sich nun voll auswirken.20

Das Fegfeuer wurde uns durch Christus, den Erlöser geschenkt, der die barmherzige Liebe ist, als Unterpfand und Stätte der Begegnung der strengen Gerechtigkeit und der unendlichen Liebe: in ihm müssen die der unendlichen Liebe Gottes ausgelieferten und durch ihn gefesselten Seelen jedoch noch — soweit dies nötig ist — der göttlichen Gerechtigkeit ihre Schuld abbezahlen.21

Das ist ein bißchen schwierig in Worte zu fassen, ich hoffe aber, daß ich mich verständlich machen kann trotz der Unbeholfenheit im Ausdruck, da ich die Gewißheit habe, daß, wenn das dunkel und verworren ist, so wird die Mutter Kirche es gern verdeutlichen. In diesem innern Licht also habe ich das Fegfeuer geschaut wie einen Feuerstrom, einen Strom des Erbarmens, der vom Kreuze hervorgeht. In diesem Strom des Erbarmens, welches das Fegfeuer ist, werden die Seelen durch die flammende Liebe Gottes umkleidet, die sie läutern will, um sie in ihre innige ewige Vertrautheit einzuführen: den Himmel. Ich habe eingesehen, daß der Himmel uns in Christus zugänglich gemacht wird, der das für immer offene Tor ist; aber um durch dieses Tor hindurchzugehen, muß man von jeder Schuldenlast gegenüber der göttlichen Gerechtigkeit frei sein; das Fegfeuer dient nun genau den Seelen, sich von ihrer Schuld zu entledigen. Ich habe es geschaut als einen Feuerstrom, der von den Flammen der göttlichen Barmherzigkeit genährt wird, und diese Flammen gehen aus dem am Kreuz für das Heil des Menschengeschlechts durchbohrten Herzen Jesu hervor. In diesem Sinn befindet sich das Fegfeuer in gewisserweise im erbarmungsreichen Herzen Jesu, wie auf eine andere Weise die streitende Kirche darin ist, und noch einmal auf eine andere Weise das Paradies: alles wird in der Liebe als seinem Haupt zusammengefaßt.  

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Das Siegel des Kreuzes ist auf das Fegfeuer gesetzt

Als ich den Rosenkranz für die armen und heiligen Seelen im Fegfeuer betete, schaute ich — auf eine ganz innerliche Weise — ein sehr beeindruckendes Bild: das Fegfeuer wurde mir als ein sehr dicht bevölkerter Ort der Sühne gezeigt, der sich im Erdmittelpunkt befinden soll. Aber das ist wahrscheinlich ein Sinnbild, um verstehen zu lassen, wie sehr diese Seelen im Fegfeuer zugleich noch weit weg sind von der himmlischen Herrlichkeit und auch schon von uns hienieden. Das Eindrucksvollste war ein unermeßlich großes dunkelrotes Kreuz, das gleichsam auf dem Fegfeuer angebracht war, um es in seinen Grenzen zu halten und zum Teil vom Himmel, zum Teil von der Erde abzusondern.

Ich sah dadurch ein, daß all unsere Gebete, all unsere Fürbitten zugunsten der Seelen zuerst zum Himmel emporgehoben werden, um sodann als Regen der Tröstungen über die Seelen im Fegfeuer niederzugehen; ebenso ergießen sich Fürbittgebete der Heiligen und durch sie erlangte Gnaden auf eben diese Weise: durch das Kreuz und sozusagen in der Kraft des Kreuzes. Mein Schutzengel erschien dann, um mir zu sagen:

Das Siegel des Kreuzes ist auf das Fegfeuer gesetzt. Das heilige Kreuz ist das Zeichen der Barmherzigkeit und das Instrument für euer Heil, alle zu eurem Heil notwendigen Gnaden werden euch in ihm gewährt. Das Fegfeuer ist ein Geschenk der Barmherzigkeit, eine Schöpfung der barmherzigen Liebe, die vom heiligsten Kreuz hervorgegangen ist: es ist eine Gnade des Erbarmens und der Rettung. Deshalb wird das Kreuz darauf gesetzt, wie es auf alles, was auf euer Heil hingeordnet ist, aufgeprägt wird.

Dann gab er mir ein Zeichen, ich solle fortfahren für die Seelen im Fegfeuer zu beten. Ich betete also den Rosenkranz zu Ende. Sodann nahm mein Engel die Unterweisung an mir wieder auf:

Ohne das Heilige Kreuz gäbe es keine Kirche, und es gäbe kein Fegfeuer. Die Heilige Kirche ist die Kirche des gekreuzigten Jesus, sie muß mit ihm in das Geheimnis des Kreuzes eingehen, um in ihm in das Licht der ewigen Herrlichkeit zu gelangen. Und das Fegfeuer gestattet zahlreichen Seelen, die nicht vollständig in Jesus, den Gekreuzigten, eingegangen sind, die nicht in sich selber die Sühnopferberufung der Kirche angenommen haben, schlußendlich doch in Christus dem Gekreuzigten vollendet zu werden und in ihm zur Herrlichkeit des Himmels zu gelangen. Deshalb wurde das Kreuz wie ein Siegel auf das Fegfeuer aufgeprägt.  

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Gott liebt die Seelen im Fegfeuer

An diesem besonders den Verstorbenen geweihten Tag, zeigte sich der Schutzengel meinem innern Auge im Licht erglänzend. Er sagte:

Schau her und sage dem Höchsten Dank!

Ich schaute das ganze Fegfeuer in einen dreifachen Strahl von Licht, Wasser und Blut eingetaucht, der aus dem eucharistischen Herzen Jesu hervorkam. Meine Seele jubelte bei dieser herrlichen Vision, und der Engel fuhr fort:

Um dir begreiflich zu machen, wie sehr Gott diese heiligen Seelen liebt, geschah dies. Denn sie sind heilig, wie du weißt. Im Blutstrom, der das Fegfeuer umfängt, betrachtet der Vater mit Erbarmen die leidenden Seelen, er sieht sie freigekauft im Blut seines göttlichen Sohnes, und in ihrer Rettung findet er seine größte Herrlichkeit. Im Strom des durchsichtigen Wassers, der sich ergießt über das Fegfeuer wie ein erfrischender Tau, und worin die Seelen eingetaucht und gewaschen werden, übt Jesus auf sie eine Anziehung der Liebe aus: er lädt sie ein, in die Herrlichkeit des Himmels einzugehen, er zieht sie in sich hinein zum Vater hin. Im Strom feurigen Lichtes, der das Geheimnis des Fegfeuers erleuchtet, ergießt der Geist seine Liebesflammen durch das eucharistische Herz Jesu, um damit die heiligen Seelen zu entflammen.

Ich befand mich in äußerstem Jubel, da ich diese Worte vernahm. Der Engel schloß:

Die göttliche Dreieinigkeit liebt die Seelen im Fegfeuer; der Vater liebt sie in seinem Sohn und in ihrem Geist, der Sohn liebt sie für den Vater und in ihrem Geist, der Geist liebt sie mit dem Vater und dem Sohn; jede von den drei Personen betrachtet in diesen Seelen das große Geheimnis der Rettung der Menschen, was ihre größte Ehre ausmacht und den Beweggrund ihres beständigen Jubels. Der Vater hat die Menschen durch den Sohn und in ihm gerettet, der Sohn hat sie für den Vater losgekauft, der Geist verwirklicht in ihnen das Heil, das ihnen durch den Vater im Sohn angeboten wird. Und ihre Herrlichkeit ist vollkommen und vollendet ihr Jubel.

Diese Worte waren ein bißchen schwer zu fassen, aber der Engel hat mich eingeladen, es aufzuschreiben, wie er es mir sagte. Ich hoffe keinen Irrtum begangen zu haben. Dank sei Gott! Alles ist vor meinem innern Blick entschwunden.  

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Des ewigen Tages Morgenröte

«Nacht wird es keine mehr geben; und sie brauchen weder das Licht einer Lampe, noch das Licht der Sonne, denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in die Ewigkeit der Ewigkeiten» (Offb 22,5).

So sieht die glanzvolle Vision des Himmels aus, die der Herr uns in der Offenbarung gewährt, eine Schau des ewigen Tages Gottes. Wie jeden Tag habe ich eine Stelle aus der Heiligen Schrift gelesen und betrachtet, und diese Worte des Apostels Johannes haben mir viel gebracht. Ich dachte darüber nach, um meinen Glauben zu stützen und meine Hoffnung zu nähren, als mein Geist sich stark hinneigen ließ, für die Seelen im Fegfeuer zu beten und für sie eine baldige Befreiung zu erbitten, damit sie im Himmel dieses anmutige Licht Gottes verkosten.

Und ich begriff, daß das Fegfeuer so etwas wie die Morgenröte dieses Tages ist: eine Art Bereich des Halbschattens im Vergleich zum Licht des Paradieses, und im Vergleich zur Dunkelheit des Glaubens hienieden auf Erden. Das war weder eine Vision, noch ein Bild, sondern die Frucht einer Betrachtung, die sich ganz der Führung des Heiligen Geistes überließ.

Es schien mir, wir befänden uns auf der Erde in der Nacht und daß wir uns bemühen, diesen ewigen Tag zu erreichen, welches der Himmel ist. Und wir empfangen bei unsrer Arbeit hienieden zahlreiche Erleuchtungen und viele Tröstungen dank der Heiligen Kirche, die uns führt, die uns erleuchtet, die uns unterweist, die uns ernährt und uns beisteht... All das soll uns das Arbeiten erlauben, um den Himmel zu erlangen! Wenn wir unser Werk vollbracht haben, wenn alles vollendet ist, gut verwirklicht, ohne Hemmnis oder Verspätung, gehen wir geradewegs in den Himmel, um dort unsere Belohnung und Ruhe zu empfangen. Wenn aber unsere Arbeit nicht gemacht ist, wenn sie schnell zusammengepfuscht, geflissentlich unbrauchbar gemacht wurde, wenn alle Hilfen, die wir bekamen, verachtet, verworfen, ja sogar entweiht wurden, dann erfolgt die Verdammung, die ewige Nacht... Der Herr behüte unsere Seelen, er möge uns davor bewahren! Und wenn das Werk unvollendet ist, wenn Nachbesserungen, Berichtigungen zu machen sind, kommen wir ins Fegfeuer, in diese Morgenröte, die dem Tag vorausgeht, in den Schattenbereich, der dem Himmelslicht vorausgeht. Aber dort können die Seelen nicht mehr wirken: im Fegfeuer kann man keine Verdienste mehr erwerben! Wir werden darauf warten müssen, daß unsere Brüder auf Erden unsere unvollendete Arbeit durch ihre Gebete und Fürbitten auf irgendeine Weise zu Ende führen und das Verlorene wieder einholen, denn das ganze Wirken der Menschheit ist ein Zusammengehöriges zur Verherrlichung Gottes und zum gemeinsamen Aufrichten seiner Königsherrschaft in Ihm.  

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Feuriger Vorraum zum Hause des Vaters

In einer sehr deutlichen innern Schau wurde mir gezeigt, daß das Fegfeuer so etwas ist wie der feurige Vorraum zum Hause des Vaters, Vorraum, durch den gewisse Seelen hindurchgehen und sich darin mehr oder weniger lang aufhalten müssen, ehe sie Zugang zu den himmlischen Wohnungen bekommen. Ich habe es mit Leichtigkeit begriffen aufgrund einer starken, meinem Verstand gewährten Erleuchtung. Zur selben Zeit schaute ich ein sehr schönes Bild:

Der Himmel wurde mir als eine weitläufige Wohnanlage gezeigt, ein reichhaltiges zusammengehöriges Ganzes mit herrlichen, lichtvollen Gebäuden, wobei die einen mit den andern durch Lichtgalerien verbunden waren, und das Ganze lag in einem wundervollen Garten, der mit Lichtmauern umgeben war und von einer Engelschar behütet wurde. In der Mitte des Gartens ragte ein riesiger Baum empor, grünend, prachtvoll, mit allerlei köstlichen Früchten und wohlriechenden Blütengirlanden beladen, und überreich an Laub. Dies war eine sinnbildliche Darstellung des Baumes des Kreuzes und der Gnaden, wofür er die Quelle ist. Über dem Baum leuchtete eine glänzende Sonne, die ihr Licht in der ganzen Wohnanlage verbreitete und sich überallhin als eine siebenfache Lichtquelle mitteilte.

Ich schaute Tausende von Seelen, die an die Tore des Himmels gelangten. Einige wurden in die Wohnungen des Vaters eingeführt, andere — in größerer Anzahl — wurden von den Engeln in den feurigen Vorraum zu diesen himmlischen Wohnungen hingeführt: sie sollten dort im Feuer Flecken oder genauer Makel reinigen, die ihre weißen Kleider beschmutzten, Überreste von früheren Flecken, die zwar gewaschen, aber nicht vollständig getilgt waren.

Im Himmel pflückten Engel und Heilige allerlei Früchte und Blüten am Baum des Kreuzes und legten sie in feine Goldkörbe nieder, welche andere Engel zur Kirche auf Erden hintrugen, aber auch zum feurigen Vorraum, um die Seelen auf Erden und im Fegfeuer zu unterstützen und ihnen beizustehen. Und von der Erde stiegen die Engel zu Zehntausenden wieder zum Himmel empor mit ihren Körben, die diesmal mit Weihrauchkörnern gefüllt waren, und die sie vor Gottes Angesicht verbrannten, welches die Gebete und die guten Werke der Kirche hienieden waren. Eine gewisse Menge dieser Weihrauchkörner wurden auf besondern Altären verbrannt, die von Engeln bedient wurden und diese gaben dafür Früchte und manchmal Blumen, die für den feurigen Vorraum bestimmt waren. Ich begriff, daß diese Weihrauchkörner die Fürbitten zugunsten der armen und heiligen Seelen im Fegfeuer sind. All das geschah im Licht und unter Gesängen, unter Gebet und Jubel... Ich sah ebenfalls, daß, je zahlreicher die Fürbitten zugunsten der Seelen im Fegfeuer sind, um so reichlicher sind die Früchte und die Blüten: Gebetsgnaden und Ablaßgnaden, welche die Seelen, die noch im Fegfeuer weilen, trösten und ihre Läuterungszeit abkürzen oder gelegentlich gewisse von ihren Qualen mildern. Unablässig kamen Seelen aus dem feurigen Vorraum, aus dem Fegfeuer, um in den Himmel einzugehen, da ihre Kleider strahlend weiß geworden waren, sie gesellten sich der Schar der Heiligen bei, und dabei sangen sie die Lobgesänge Gottes und besaßen ihn für immer und jubelten vor ewiger Freude.  

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Gefangene der Barmherzigkeit und von der Gerechtigkeit bewacht

In einer ganzen Anzahl von Innern Einsichten, die mir der Herr über das Fegfeuer gewährt hat, vermochte ich in dieses große Geheimnis einzudringen, insofern er es für meine unwürdige Seele als gut erachtet hat und für die geistliche Erbauung der Leute, die diese Seiten lesen würden; ohne Zweifel hat er sich vorbehalten, sie zu heiligen, indem er diese Geheimnisse seines Herzens einem so armseligen Werkzeug wie mir anvertraute... Er wird gestatten, daß man für mich betet, wenn man diese so ungeschickten Niederschriften liest.

Das Fegfeuer wurde mir als ein mystisches Gefängnis gezeigt, das von der göttlichen Barmherzigkeit22 errichtet und von der Gerechtigkeit bewacht wurde; aber dieses Gefängnis besitzt eine gewisse Anzahl von Eigenheiten, die daraus etwas Einmaliges machen. Das Fegfeuer ist wie ein Gefängnis aus Licht und Feuer, das von der göttlichen Barmherzigkeit erbaut wurde: die Seele muß dort die Strafe für ihre Sünde abbüßen; um fähig zu werden, danach in die ewige Seligkeit einzugehen, muß sie sich von allem, was sie noch an ihrem Eintritt in den Himmel hindert, reinigen lassen. Was jedoch am bemerkenswertesten an diesem Gefängnis ist, es gibt da keine Mauern, keine Zellen, keine Wächter: die Seele allein wacht gewissermaßen über sich, es widerfährt ihr kein anderer Zwang, als der ihrer vollständigen Gleichförmigkeit mit dem reinen Willen Gottes. Die Seele ist nicht eingeschlossen: sie hält sich sehr frei im Fegfeuer auf. Da sie eine sehr klare Einsicht über sich selber und ihre derzeitige Unfähigkeit, in den Himmel einzugehen, besitzt, so läßt sie sich durch die göttliche Liebe gefangennehmen und mächtig anziehen, die sie einlädt, und zugleich durch die göttliche Gerechtigkeit zurückhalten, die ihre Forderungen stellt, und der sie, was es sie auch kosten mag, Genugtuung leisten muß und will.

So daß der einzige, rein mystische Zaun dieses Gefängnisses die göttliche Gerechtigkeit ist: die ganze Verpflichtung der Seele im Fegfeuer und damit ihr Leiden besteht darin, sich liebevoll Gott auszuliefern, der sie mächtig anzieht in einem ungestümen Ansturm der Liebe, und ihr zugleich die Forderungen seiner Gerechtigkeit kundtut. Und die Seele brennt darauf, sich in die Arme der unendlichen Liebe zu stürzen, aber sie vermag es nicht, solange sie nicht all ihre Schumlden der göttlichen Gerechtigkeit gegenüber beglichen hat: das also ist das Fegfeuer.

Ich habe gesehen, daß eine Seele lieber tausend und abertausendmal bis zum Jüngsten Gericht im Sühneleiden des Fegfeuers bleiben möchte, als es zu wagen (wenn das möglich wäre) im vertrauten Umgang mit Gott zu erscheinen, ohne ihre Schulden der göttlichen Gerechtigkeit gegenüber restlos beglichen zu haben: sie zieht es lieber vor, noch weiterhin geläutert zu werden, und ihr Kleid gewaschen und wiedergewaschen zu sehen, als zum ewigen Gastmahl des Himmels mit dem kleinsten Makel an ihrem Kleid zu erscheinen. Doch was das betrifft, so stellt sich diese Frage für die Seelen im Fegfeuer überhaupt nicht, denn sie haben eine so klare Sicht über sich selber und über die göttliche Barmherzigkeit, daß sie sich restlos in allem Gott überlassen, wobei sie ihm in allem die Führung ihrer Läuterung und die Initiative für ihre Befreiung überlassen.  

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Vision vom Großen Fegfeuer

Als ich mich eben zur Ruhe gelegt hatte und noch einige Gebete für die heiligen Seelen im Fegfeuer23 verrichtete, zeigte sich mein Schutzengel bei mir; und er sagte mit Ernst:

Schau, mein Kind, und bete viel!

Ich schaute mit den Augen meiner Seele ein entsetzliches, grenzenloses und gestaltloses Feuer, das brannte, ohne sich je zu verändern unter einer lästigen Stille. Nicht ein Knistern, noch gar ein dumpfes Brummen, wie im allgemeinen die Brandherde es aufweisen, nichts als dieses Feuer, das unveränderlich schien, mit andauernder Intensität, von immer gleicher Gewalt und Glut. Ich verspürte an meinem ganzen Leib die Verbrennungen durch dieses Feuer und einen glühenden Durst im Mund. Das entsetzte mich. Diese Angst nahm noch zu, als ich in diesem Feuer tausende und abertausende von armen Seelen sah, eine an die andere geklemmt, aber ohne miteinander in irgendeiner Verbindung zu stehen, außer durch dieses Feuer selbst. Sie schienen bedrückt und sozusagen zerdrückt von diesem Glutherd, in dem sie sich aufhielten. Zugleich war es mir vergönnt, verschiedene Dinge zu erkennen. Was ich da so staunend betrachtete, das ist das Große Fegfeuer, das — wenn ich richtig verstanden habe, wie die Hölle ist, vermindert um die Ewigkeit der Strafen und den Haß gegen Gott und die andern Seelen; weg fällt auch die Verzweiflung. Dieser furchtbare Zustand ist unaussprechlich, ich habe ihn so wahrgenommen.

Die Seelen in diesem Großen Fegfeuer sind fortwährend in ihrem bloßen und trockenen Zustand in die Hoffnung eingetaucht, durch eine große Einsamkeit gleichsam gefesselt und eingeschlossen in dieses Feuer der göttlichen Liebe, in der Verfügbarkeit dem reinen Willen Gottes gegenüber, in einem schmerzhaften von Angesicht zu Angesicht mit der Heiligkeit Gottes. Es schien mir, diese Seelen seien auf eine verworrene Art auf Gott hingewendet, das heißt ohne ihn auf eine bestimmte Art wahrzunehmen, und einfach auf eine sehr schmerzliche Art in seinem reinen Wollen angesiedelt. Wenn ich mich nicht täusche, so habe ich gesehen, daß sie in diesem Zustand mehr gereinigt als getröstet wurden, mehr gebrannt als erleuchtet: es ist ein furchtbarer Zustand. Ich vermochte zu begreifen, daß in diesem großen Fegfeuer das Wichtigste für die Seelen, die sich dort aufhalten, eine langwierige Arbeit dauernder Zerstörung dieses Gangsteins24 ist, wovon ich gesprochen habe, und welches die Sündenstrafe ist. Es geht da um eine in gewissem Sinn sehr passive Läuterung, obwohl die Seele mit all ihren Kräften aufgrund der vollkommenen Einigung ihres ganze Wesens, all ihrer Wünsche und ihres ganzen Wollens mit dem reinen Willen Gottes mitwirkt. Aber dabei kann die Seele weder ihre Läuterung, noch die fortschreitende Arbeit dieser in ihr durch die göttliche Liebe bewirkten Läuterung ermessen, sie verspürt in diesem Fegfeuer weder den geringsten Fortschritt, noch die geringste Linderung ihrer Qualen: sie weiß keineswegs, ob diese Strafe lang dauern wird oder nicht, sie besitzt nur eine ziemlich genaue Kenntnis ihres Zustandes, um zu wissen, daß sie hofft, weil sie gerettet ist, und daß sie aus diesem Ort der Reinigung herauskommen wird, aber sie weiß nicht wann: sie vermag die Dauer dieser Strafe nicht abzuschätzen, und auch nicht die Etappen ihrer Reinigung abzumessen. Aufgrund dieser verworrenen, aber sehr lebhaften Kenntnis ihres Zustandes, wird die Seele, die sich im Großen Fegfeuer aufhält, gleichsam in ein Geheimnis großer Einsamkeit eingetaucht; aber sie weiß gleichfalls, daß sie von Gott nicht verlassen ist, und auch nicht von der Heiligen Kirche; ihre Erkenntnisse sind jedoch von einer so allgemeinen Art, daß sie grausam ihren Zustand verspürt, und dabei kann sie gar keinen andern Trost finden, als eine trockene Hoffnung, weil ihre Fähigkeiten geheimnisvoll in ihrer Tätigkeit gebunden sind, nicht imstande zu irgend etwas anderem als zu einer blinden Unterwerfung unter die Forderungen der Heiligkeit Gottes25 zu sein.

Das Große Fegfeuer ist zwar ein sehr schmerzhafter Zustand, aber es gibt dort so etwas wie Tröstungen. Die erste ist die wichtigste und begründet die eigentliche Hoffnung der Seelen im Fegfeuer: es ist einfach zu wissen, daß man gerettet ist, vollumfängliche und beruhigende Gewißheit, als Quelle der Tröstungen, des Friedens, des Glückes, des Dankes an Gott und des Wunsches, ihn zu verherrlichen. Aber es gibt auch kürzere Lichtschimmer und so etwas wie blitzartiges Aufleuchten in diesem Feuer von einer sehr beeindruckenden Gewalt und Farbe: denn dort ist das Feuer wie in einer Schmiede, das Feuer ist fast schwarz, so gewaltig ist dessen Hitze. So wenigstens habe ich es betrachten dürfen, der Herr wollte ohne Zweifel mich durch dieses symbolische Bild die Auswirkungen dieses Feuers, das für die Seelen, die sich darin versenkt befinden, mehr Reinigungskraft als Leuchtkraft besaß, verstehen lassen. Es gibt also in diesem Feuer so etwas wie Lichtschimmer, als weit entfernte, sehr gedämpfte Echos von der lauten Freude des Himmels und vom Gebet der Heiligen Kirche für die Seelen im Fegfeuer. Aber in diesem Großen Fegfeuer verspüren die Seelen keineswegs auf fortdauernde Weise die Erleichterungen, die ihnen die Fürbitten zu ihren Gunsten verschaffen; im übrigen, und das bedeutet für sie eine unerhörte Qual, sind die Seelen in einem solchen Verlangen nach Gott versunken, das fortwährend geweckt und neu belebt wird, daß sie darunter leiden, schon dadurch, daß sie es empfinden, aber nicht wahrnehmen können, wie sehr Gott liebevoll darauf anspricht.

Diese armen Seelen des Großen Fegfeuers verkosten ebenso wenig eine gewisse andere sehr süße Tröstung, womit die Seelen im Mittleren Fegfeuer und besonders im Vorhof begünstigt werden: sie haben nicht die Freude, die Jungfrau Maria und auch nicht die Heiligen zu sehen, die im Himmel für sie beten und sie dürfen manchmal nur ganz kurz — wie in einem Aufblitzen — ihre Schutzengel sehen, die ohne Unterlaß für sie beten. Anläßlich von gewissen liturgischen Festen, hören sie etwas wie ein sehr gedämpftes Echo von der lauten Freude der Himmelsbewohner, die sie ermutigen und trösten. Ich rede von Sehen und Hören, um eine gewisse Art von Beziehungen und Austauschvorgängen auszudrücken, deren Ablauf uns aber unbekannt bleibt, die aber nichts desto weniger existieren, vergleichbar mit der Art und Weise, wie die Engel und die Heiligen das Angesicht Gottes schauen und sein Wort vernehmen und wie sie miteinander in Verbindung stehen. Von den Fürbitten der streitenden Kirche zu ihren Gunsten nehmen diese Seelen im Großen Fegfeuer überhaupt gar nichts wahr. Diese Fürbitten werden ihnen aber nichts desto weniger zugewendet, aber sie wissen nichts davon; sie bewirken vor allem eine Verkürzung der Dauer des Großen Fegfeuers.

Während ich dieses Geheimnis staunend betrachtete, betete ich eifrig für diese leidenden Seelen, und ich flehte zu meinem Schutzengel, er möge sein Gebet mit meinem Flehen verbinden. Wie ist es möglich, so große Qualen, so schwere Schmerzen zu ertragen? Der Engel hielt mich fest an meinem Arm; das ist offenbar ein Bild, dazu bestimmt, mich verstehen zu lassen, daß er mich stärkt, mir beisteht und mir von Gott her die Gnade mitteilt, diese übernatürlichen Wirklichkeiten aufmerksam zu betrachten. Ich weiß jedoch nicht, wie ich bei diesen besondern Anlässen seine Gesten, diese Gnaden geistlicher Art, die eine konkrete Ausdrucksform besitzen, wahrzunehmen vermag. Und er sagt dann zu mir in einem Ton tiefen Ernstes:

Du weißt, daß der kleinste Fehler eine unendliche Beleidigung Gottes ist.26 Diese heiligen Seelen wissen es auch, und inmitten ihrer Leiden hören sie nicht auf, dem Höchsten für die Leichtigkeit ihrer Strafe zu danken. Denn die Strafe ist endlich, während die Beleidigung unendlich ist, und da es nicht nur eine Beleidigung gab, sondern eine große Anzahl unendlicher Beleidigungen! Im Großen Fegfeuer gibt es gewiß sehr große Sünder, doch befinden sich dort im allgemeinen alle Seelen, die viele Gnaden empfangen haben und die ihnen nicht zu entsprechen wußten, Seelen, die schwere Verantwortungen übernehmen mußten und die nicht imstande waren, dies vollkommen zu tun.

Deshalb wirst du im Großen Fegfeuer eine sehr große Zahl an Priestern und gottgeweihten Seelen sehen, Prälaten, Bischöfe, Kardinäle und sogar Päpste. Du wirst dort auch zahlreiche führende Politiker, Staatsoberhäupter und Führer von Völkern sehen, Könige, Kaiser, Fürsten und Regierende. All diese armen Seelen müssen die Strafen des Großen Fegfeuers erleiden, neben Verbrechern, Prassern und allen großen Sündern, die die göttliche Barmherzigkeit gerettet hat und die — oft in der letzten Stunde — dem ewigen Abgrund zu entrinnen vermochten... Bete, ja bete viel, und laß für diese Seelen beten! Betet auch ganz besonders für die Gottgeweihten und für eure Leiter, denn sie müssen Gott genaue Rechenschaft geben. Verharre im Frieden, fürchte nichts, sei treu!

Als er diese Unterweisung beendet hatte, verschloß sich das Geheimnis des Großen Fegfeuers wieder in sich, indessen sangen Stimmen mit einem tieftraurigen Ton: «Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott: wann darf ich kommen und Gottes Antlitz schauen?» (Ps 42,3).

Sodann erloschen all diese Dinge für mein inneres Auge. Ich stellte fest, daß während diesen Visionen meine Haut rot geworden war und mich schmerzte, wie wenn ich einen Sonnenstich bekommen hätte und meine Hände und meine Lippen waren gesprungen. Dank sei Gott! Der Herr läßt manchmal solche äußere, recht nebensächlichen Zeichen zu, um den Zweifel zu verscheuchen, der sich nach solchen Mitteilungen in meinen Geist einzuschleichen versucht. Wenn solche Zeichen unangenehm oder sogar schmerzhaft sind, machen sie eine kleine Opfergabe aus zugunsten dieser heiligen Seelen: ihre Bedeutung, ihr Wert liegt vielleicht vor allem darin.  

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Vision des Mittleren Fegfeuers

Spät am Abend, während ich mich in der Stille und Einsamkeit befinde, um ein wenig für die Seelen im Fegfeuer zu beten, tut sich der Schutzengel, ganz von Licht umgeben, neben mir kund. Während er die Hand ausstreckt, sagt er:

Schau, mein Kind, und bete viel!

Da schaute ich mit den Augen meiner Seele, wie sich ein Feuermeer vor mir auftat. Es braust und donnert, riesige, sehr helle Flammen bilden sich und lösen sich unablässig auf, sie krachen und zischen mit solcher Wucht, daß mir die Ohren davon gellen.

Und dort strecken tausende und abertausende von Seelen die Hände empor, versenkt ins Feuer und von den Flammen gepeitscht, die sie emporschleudern in einer Art schwungvollen Ansturmes. Dieses Schauspiel läßt mich zurückweichen, ich bete mit größtmöglichem Fleiß, doch es scheint mir, als würde dieses Feuer sogar meinen Leib erreichen, daß Feuerriemen mich unablässig ohrfeigen, und mein Mund ist trocken und hart, ich bin am Ersticken...

Es scheint mir, daß alle Seelen, die ich sehe — und es sind Riesenscharen! — sich in dieser Folter des Erstickens befinden, und es ist keineswegs so statisch wie gestern; ich meine, sagen zu dürfen, daß ich in dieser derzeitigen Schau eine sehr diskrete und zugleich gewaltsame Bewegung, in ihren Kundgaben kaum spürbar und trotzdem sehr dynamisch, wahrnehme: die Seelen befinden sich in dieser Bewegung, ich glaube, daß sie davon eine verworrene, sehr schmerzliche Wahrnehmung haben. Es gibt da in diesem Mittleren Fegfeuer so etwas wie eine Seelenbewegung, ein Beginn, sich auf den Weg zum Himmel zu machen, aber ohne den leisesten persönlichen Wunsch; es ist wie ein innerer Aufschwung, der sie trägt oder sogar zu Gott hintreibt, Schwung, den ihnen ein bewegendes Einwirken der unendlichen Liebe auf sie und in ihnen verleiht, gleichsam als würde sich Gott über sie herabneigen, um sie an sich zu ziehen. All das ist schwierig, darzulegen.

Vom Beginn dieser Beschauung an habe ich begriffen, daß es sich dabei um das Mittlere Fegfeuer handelt, worin mir die Seelen, wie in die sich bewegenden Flammen eines hellen Feuers eingetaucht, gezeigt werden. Sie sind allein und stehen vor der Majestät und Heiligkeit Gottes in einer unsagbaren Hoffnung, die ihr Trost ist. Es wird ihnen gestattet, Gott in seinen Erweisen der Barmherzigkeit wahrzunehmen, wofür sie ihn unaufhörlich verherrlichen. Sie haben von Gott präzisere Erkenntnisse als jene, welche die Seelen im Großen Fegfeuer haben, und sie werden gewiß gereinigt, — wodurch sie viel leiden — aber auch erleuchtet, was sie tröstet und ihnen erlaubt, Gott zu verherrlichen, nicht nur indem sie sich ihm und seinem reinen Willen radikal ausliefern, sondern indem sie eine Dankesinitiative ergreifen. Es ist ein Zustand großer Leiden und großer Tröstungen. Im Großen Fegfeuer werden die Seelen passiv in einer trockenen, ganz nackten Hoffnung dem reinen Willen Gottes ausgeliefert; hier, im Mittleren Fegfeuer, werden sie angezogen und nehmen das mit Offensichtlichkeit wahr; sie können jedoch nicht auf den zugehen, der sie anzieht, sie werden zugleich gewaltig angezogen und fest zurückgehalten. Doch stehen sie in einer radikalen Verfügbarkeit für die göttliche Liebe, wobei sie mit Dank dieses Feuer, diese Leiden, dieses innerste Zerrissenwerden annehmen, und keineswegs die Intensität und die Dauer ihrer Strafen zu erahnen suchen, worüber sie strikt keine Kenntnis, ja gar keine Vorstellung haben; sie leiden, ohne zu wissen, wieviel noch, wie lange. Die Seelen im Fegfeuer haben gar keinen Blick auf sich selber und sie haben nicht die Fähigkeit, ja nicht einmal den Willen oder den bloßen Wunsch, sich Fragen zu stellen. Sie lieben, beten und sühnen durch Liebe in einer liebevollen Verfügbarkeit für die Forderungen der Heiligkeit Gottes.

 

Diese Seelen im Mittleren Fegfeuer leiden viel. Ich glaube, je mehr die Seele gegen Ende ihrer Läuterung von Gott angezogen wird, um so heißer wird in ihr das Verlangen nach Gott und das verursacht bei ihr immer lebhaftere Schmerzen: je mehr man sich einem Ziel nähert, um so mehr drängt es einen, dies zu erreichen. So verhält es sich im Fegfeuer, Gott jedoch läßt die Stunde der Befreiung nicht wissen; einzig das Leiden an der Liebe wird immer stürmischer und brennender, während die Empfindungsstrafen fortschreitend verschwinden. Im Mittleren Fegfeuer genießen die Seelen sehr große Tröstungen und Freuden, die sie nicht nur mit Jubel und Dank erfüllt, sondern ihr Verlangen, Gott zu schauen, noch entflammt und auf diese Weise das große Leiden der Sehnsucht nach Gott noch anfacht.

Die erste unter diesen Tröstungen ist die Erfahrung, welche diese Seelen mit der unendlichen Zärtlichkeit, die Gott ihnen entgegenbringt, machen. Sie nehmen die göttlichen Liebesanstürme wahr, die sie anziehen, während sie diese als Jubel und Schmerz in ihrem Innersten empfinden; ihre Nächstenliebe wird dadurch erweitert, nicht in sich, aber in ihren Anwendungen. Denn es werden ihnen von Zeit zu Zeit die Fürbitten gezeigt, die ihnen zugewendet werden, die guten Werke, die von der Erde zum Thron der göttlichen Dreieinigkeit aufsteigen und für sie bestimmt sind: sie jubeln und sagen Dank. Aber auch umgekehrt können sie sehen, daß gewisse Leute nicht für sie beten oder sie völlig vergessen haben: sie werden dadurch betrübt, nicht etwa für sich selber, sondern für diese Leute, die sich dadurch um kostbare Gnaden bringen und vor allem wegen Gottes Herrlichkeit, die sie gar wenig bedient und angebetet, jedoch vernachlässigt sehen, und das ist für sie ein großer Schmerz, sehen zu müssen, daß Gott nicht geliebt und verherrlicht wird, wie es sich gehören würde.

Eine andere Tröstung für diese heiligen Seelen des Mittleren Fegfeuers besteht darin, daß sie häufige Besuche der seligsten Gottesmutter bekommen, die dahin kommt, um zu stärken, beizustehen und besonders die Hoffnung zu bringen, deren süße Mutter sie ist; als Botin der göttlichen Liebe kommt die Jungfrau Maria bei jedem ihrer Feste ins Fegfeuer und sie befreit dann immer eine große Anzahl von Seelen daraus; das Große Fegfeuer jedoch hat nicht den Trost, sie sehen zu dürfen, während die Seelen im Mittleren Fegfeuer Gewinn aus ihren regelmäßigen Besuchen ziehen; im allgemeinen haben sie auch die Freude, sehr oft bald ihre Schutzengel, bald ihre Schutzpatrone zu sehen, die beten, sie zur Geduld und zum Frieden ermuntern und die sie zur Nächstenliebe und zum Dank anregen!

Es wurde mir auch gezeigt, daß diese heiligen Seelen des Mittleren Fegfeuers vom Herrn manchmal die Erlaubnis bekommen, sich uns hienieden kundzutun, sei es um uns das Geheimnis des Fegfeuers entdecken zu lassen, sei es um uns zum Beten aufzurufen, sei es sogar um uns vor gewissen Gefahren zu warnen, die ihnen durch die Barmherzigkeit des Herrn gezeigt werden. Sehr deutlich habe ich gesehen, daß diese Kundgebungen, die man schlecht kennt, und die man manchmal Gespenster nennt, oft Zurufe von Seelen im Fegfeuer sind. Oft, aber nicht immer: ist es Satan, der Vater der Lüge, der Meister für Illusion und Betrug. So habe ich gesehen, daß alle angeblichen Gespenster, die sich anläßlich von spiritistischen Sitzungen kundtun, nie Seelen aus dem Fegfeuer sind: vielmehr sind es teuflische Geister, die den Namen und manchmal sogar das Erscheinungsbild bekannter Personen leihweise annehmen, um zu lügen, Verwirrung zu säen, das Urteilsvermögen der Leute zu fälschen usw. Der Spiritismus ist eine Emanation der Hölle, eine echte Satansreligion, die auf Eitelkeit, Neugierde und Lüge beruht... Er richtet zur Zeit Verheerungen an. Der Schutzengel, der neben mir steht, stärkt und erleuchtet mich, indem er sanft sagt:

Du darfst das Mittlere Fegfeuer aufmerksam betrachten, das ein weniger schrecklicher Zustand als das Große Fegfeuer ist. Aber du sollst nicht meinen, daß es sich dabei um zwei Stufen handelt oder um zwei unabhängige Zustände; im allgemeinen gehen alle Seelen, die diese Strafen erleiden müssen, durch das Große Fegfeuer, ehe sie in das Mittlere eintreten. Sehr selten sind die Seelen, die nicht durch das Große Fegfeuer hindurchgehen. Sie bleiben mehr oder weniger lang drinnen, manchmal eine Minute, manchmal Jahre, ja Jahrhunderte. Die Sünde ist eine unendliche Beleidigung Gottes... Oft geht die Seele vom besonderen Gericht an ins Große Fegfeuer: sie ist darin wie stumpfsinnig und zermalmt, denn es kommt für sie das Entdecken der Sünde, ihrer Schwere, ihrer Auswirkungen, mit ihren Verwicklungen.

Bei dieser Einsicht ist die Seele wie gelähmt: unbeweglich, sie beschaut zugleich Gottes Gerechtigkeit, die sich an ihr auswirkt und die Barmherzigkeit Gottes, die ihr die Rettung eingebracht hat. Dann setzt sie sich in Bewegung auf Gott hin, der sie anzieht, der sie hinreißt in den Aufschwung seiner unendlichen Liebe: das ist der Übergang in das Mittlere Fegfeuer. Im Mittleren Fegfeuer bleibt die Seele der Liebe gegenübergestellt, aber sie beschaut diese unendliche Liebe, die sie anzieht, sie sieht diese in Fülle in sie ausgegossen, gewiß, aber auch in die ganze Kirche: im Mittleren Fegfeuer geht die Seele aus sich heraus und entdeckt, was ihre Zugehörigkeit zur Kirche alles bedeutet. Du wirst im Mittleren Fegfeuer Seelen aus jedem Stand, Alter und Zeitalter erblicken. Man muß ohne Unterlaß für sie beten, man muß für alle Seelen im Fegfeuer beten!

Dann verschloß sich das Geheimnis des Fegfeuers wieder meinem innern Auge und in der Ferne hörte ich Stimmen, die sangen: «All mein Sehnen liegt offen vor dir, Herr, mein Seufzen ist dir nicht verborgen» (Ps 38,10).  

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Vision vom Vorhof des Himmels

Nach der Betrachtung führte mich der Engel in die Vision vom Vorhof des Himmels, der gleichsam der Gipfel des Fegfeuers ist, eine Welt brennenden Lichtes und des Friedens. Er wurde mir kund getan als eine Art sich weit ausdehnenden, blassen Feuers mit einer unsagbaren Intensität und Tiefe, versenkt in das Licht, das vom Himmel über ihn hereinfließt. Ich sah dort tausende und abertausende von Seelen im Gebet, ruhig, versunken in einem unerhörten Lieben und Leiden. Auch meine Seele ist in dieses Feuer eingetaucht, das sie im innersten verzehrt und das mir in meinen Adern in langem glühendem Strömen zu fließen scheint. Der ganze Leib brennt mir, aber eine sanfte Heiterkeit dringt zugleich in meine Seele ein, und ich bete still.

Man kann nicht in Worte fassen, was der Vorhof ist: es ist das Leiden der Liebe, die ihren höchsten Grad erreicht hat, ein bloßes Leiden der Liebe, ein allumfassender Jubel mit vom Anmutigsten, verbunden mit dem schrecklichsten, stechendsten Schmerz. Aber mehr kann ich darüber nicht sagen. Die Seelen im Vorhof werden in einem unsagbaren Aufschwung durch die Liebe angezogen, die sie erfaßt, sie zieht, sie durchdringt und sich ihnen in Überfülle mitteilt; und sie, sie antworten mit glühendem Eifer, indem sie sich ganz und gar dieser Anziehung der göttlichen Liebe ausliefern, die sie entzückt und gefangen nimmt und die sie doch noch nicht erreichen können. Und darin besteht der Gipfel der Liebe, die sie erfahren, dieses bloße Liebesleiden. Im Vorhof gibt es keine andere Strafe als diese, aber von welcher Intensität! Die Seelen bekommen im Vorhof große und beständige Tröstungen, die auch eine echte Liebesqual sind: die Liebe liefert sich aus und sie möchte ihr nur entsprechen und sie vermag es noch nicht völlig. Und die Liebe gibt alles, sie bekommen alles, aber sie können es nicht fassen. Wie soll ich es verständlich machen? Diese heiligen Seelen befinden sich in einem beständigen Jubel, in lauter Freude: sie verherrlichen Gott und liefern sich seiner liebreichen Anziehung aus und liegen wie in einem Todeskampf der Liebe, weil sie ihn nicht zu verherrlichen vermögen, wie er es sein sollte — denn das werden sie erst im Himmel dürfen —, und weil sie sich nicht mit ihm vereinen können, der sie ruft, der sie anzieht und erwartet in einer unerhörten Liebessehnsucht. Im Vorhof gibt es keine andere Strafe mehr: das ganze Leiden hat sich sozusagen in die Liebe gegossen, sie hat sich einsgemacht, das Leiden und die Liebe gehen in eine totale Vereinfachung ein; wenn das letzte Atom dessen, was noch Leiden, Schmachten und Sehnsucht war, von der Liebe aufgezehrt und schließlich von ihr aufgesogen wurde, dann öffnet sich der Himmel.

Aber diese heiligen Seelen wissen nicht wann. Sie haben keine Wahrnehmung weder für die Dauer noch für die Intensität dessen, was sie erleiden; sie leiden aus Liebe und lieben im Leiden; ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Sie liefern sich den Flammen der Liebe aus, die sie brennen, erhellen, erleuchten, die sie den Todeskampf der Liebessehnsucht erdulden lassen. Sie nehmen die Liebe wahr, empfangen ihre Gaben, ihre Zärtlichkeiten, ihre Bekundungen, und trotzdem wollen sie nur ihn, um schließlich ihm zu gehören und ihn zu erfassen und ihn nicht mehr zu verlassen. Der Vorhof ist so etwas wie ein Vorgeschmack vom Himmel, aus diesem Grund gibt man ihm ja auch diesen Namen. Aber es gibt in diesem Vorgeschmack ebenso viel Leiden wie Liebe, und was für ein Leiden!

Im Himmel gibt es gar kein Leiden mehr, noch einen Schatten von Strafe, hier jedoch scheint es, daß sich das ganze Leiden, die ganze Strafe, im alleinigen Dienst der Liebe konzentriert und vereint haben. Ich möchte Feuerworte finden, um dies zu sagen! Aber die menschliche Sprache ist machtlos, um das zu übersetzen, was sie nicht kennt, und was — sogar in der Ekstase und in der erhabensten Verzückung — von der Seele nur annähernd und vorübergehend erkannt zu werden vermag.

In diesem Vorhof erfreuen sich diese Seelen an sehr großen Tröstungen, die ebenso viele Anreize für ihre Liebessehnsucht sind. Fortwährend beschauen sie ihre Schutzengel, die neben ihnen stehen und sie anstacheln zu unablässigem Jubeln und Danksagen; sie werden durch Besuche der Heiligen begünstigt, namentlich ihrer heiligen Schutzpatrone und des heiligen Josef, des Erzengels Michael — welcher der große Engel des Fegfeuers ist — und besonders der Jungfrau Maria, die sehr oft — namentlich an den Tagen ihrer liturgischen Feste und an allen Samstagen — hierher kommt, um diese heiligen Seelen zu trösten, indem sie ihnen die Glückseligkeit des Himmels, die Hoffnung und Fluten göttlicher Liebe mitbringt. Diese vor Dank staunenden Seelen, die von Liebe und Sehnsucht trunken sind, feiern im Himmel Feste, und nehmen fast an den himmlischen Liturgien teil, von denen sie zu jedem Augenblick die Harmonien und Prachtentfaltungen wahrnehmen, was ihren Liebesschmerz und ihre Sehnsucht noch mehr belebt.

Es scheint mir, daß sie alles besitzen, was es im Himmel gibt, mit Ausnahme der Anschauung und dem Besitzen Gottes, und dieses Entbehren allein ist die Ursache ihres so fürchterlichen Liebesleidens: denn einzig die Anschauung und der Besitz des höchsten Gutes vermag die Seele zu sättigen, und wenn man auch noch so erhabene Gaben empfinge, so würde man in der Liebessehnsucht stecken bleiben, wenn man nicht für immer den besitzt, der unser einziges Gut ist, die unendliche Liebe.

Ich habe auch gesehen, daß diese heiligen Seelen im Vorhof sehr gut über die Lage und die Bedürfnisse der streitenden Kirche aufgeklärt sind und daß sie für unsere Anliegen zu Gott beten und an uns denken, viel mehr als wir es für sie tun! Sie erbitten für uns das größte Gut, das heißt die größte Verherrlichung Gottes, und sie sind außerordentlich um uns besorgt. Daher bekommen sie gelegentlich, je nach den Bedürfnissen der Kirche, oder dieser oder jener Seele, die ganz besondere Sendung, sich uns kundzutun, zu warnen, zu ermahnen, oder einfach unsere Aufmerksamkeit auf das Geheimnis des Fegfeuers hinzulenken und um Gebete und gute Werke zu bitten. Darüber kann ich nicht mehr sagen, da ich bereits alles gesagt habe und es mir nicht möglich ist, darüber mehr auszusprechen, obwohl das, was ich sehen kann, unendlich viel deutlicher ist und über dem steht, was ich zu sagen vermag: aber dazu brauchte ich Worte, die ich nicht besitzen kann... Meine Seele war in diese süße und schmerzliche Beschauung versunken. Zu einem bestimmten Zeitpunkt sagte der Engel zu mir:

Du hast den Vorhof des Himmels staunend betrachtet. Dies ist das Reich der reinen Liebe und des bloßen Leidens, die Seelen schreiten hier voran zum himmlischen Jerusalem, sie begeben sich auf ihren König zu. Sie bleiben hier mehr oder weniger lang, aber nie so lange wie im Großen oder im Mittleren Fegfeuer, denn die Intensität der Liebessehnsucht im Vorhof bildet eine rasche und letzte Läuterung.

Man muß viel für diese heiligen Seelen beten, und besonders eure Kommunionen für sie aufopfern: denn das trägt mächtig zu ihrer Befreiung bei.

Der Vorhof wurde für mein inneres Auge ausgelöscht, ich hörte, die Seelen mit lieblicher Stimme singen, während ich in der Danksagung verharrte:

«Du hast mein Leben dem Tod entrissen, Herr, meine Füße bewahrt vor dem Fall, damit ich vor Gott meinen Weg im Licht der Lebenden gehe» (Ps 56,14).  

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Vision der Hoffnung und des Friedens

Am Fest des heiligen Pascal von Baylon, des Heiligen von der Eucharistie: bei der heiligen Messe habe ich ihn besonders für die Gottgeweihten angerufen, die im Fegfeuer auf die Hilfe und die Tröstungen unserer Gebete warten. Während der Danksagung ging ich den Kreuzweg nach ihren Anliegen. Am Ende dieses Gebetes zeigte der Herr meinem innern Auge packende Bilder.

Wieder sah ich jenen Seelenregen, über den zu sprechen ich schon zwei- oder dreimal Gelegenheit hatte. Der größte Teil ging ins Fegfeuer in einem sehr heiteren Schweigen. Ich sah zur selben Zeit, daß tausende und abertausende von Seelen aus dem Fegfeuer aufgingen wie strahlende Sterne und in die Herrlichkeit des Paradieses eingingen, begleitet von Licht... Es war während dieser ganzen Vision eine unaufhörliche Verschiebung von Seelen, der sanfte Fall wie von Schneeflocken zum Fegfeuer hin, die strahlenwerfende Auffahrt zur Eroberung des Himmels von Seelen, die mir gleichsam als glänzende Sterne gezeigt wurden: all das war wie ein außerordentliches Ballett, Lichtglanz von Liebe und Gnade.

Ich glaube nicht, daß es ehrfurchtslos ist, das Fegfeuer, wenn auch auf eine recht unvollkommene Weise, mit einem goldenen Bienenstock zu vergleichen, der in den Garten Gottes hineingestellt wurde und der belebt wird von einem unablässigen Kommen und Gehen. Ein Bienenstock der Sühne, bei dem die Bienen aus den blühenden Gartenbeeten der Barmherzigkeit Honig sammeln; Bienenstock des Gebetes, wo sie den Honig ihrer himmlischen Herrlichkeit zubereiten dank dem Gebet der Kirche nach ihren Meinungen, und von wo aus sie schließlich ihren Flug zum Himmel für immer antreten. Es wurde mir gezeigt, daß es allein im Fegfeuer beständig eine Anzahl von Seelen gibt, welche die Zahl der Leute, die noch auf Erden sind, bei weitem übersteigt! Und Scharen über Scharen treffen dort jeden Tag ein, andere verlassen es, um sich in die Herrlichkeiten des Himmels zu erheben. Ich habe ebenfalls gesehen, daß es viel mehr Seelen im Fegfeuer gibt als in der Hölle, obwohl diese leider zu sehr bevölkert ist; man kann sich kaum eine Vorstellung machen von der beeindruckenden Zahl an Seelen, die verloren gehen! Und wenn die Gewißheit, daß es mehr Auserwählte als Verdammte gibt, uns trösten — und uns anregen soll, dem Herrn dafür zu danken — so soll sie uns trotzdem nicht vergessen lassen, daß die Hölle existiert und daß zu viele Seelen verloren gehen: wenn man das wüßte, so würde man sein Leben gründlich ändern... Mein heiliger Schutzengel hat sich gezeigt, und er hat mir mehrere Dinge gesagt, die ich zum Teil hier aufschreibe wegen ihres belehrenden Wertes:

Eine immer größere Zahl von Seelen versinkt in die dunklen Abgründe der ewigen Hölle... Die Gefahr verdammt zu werden, nimmt für euch unaufhörlich zu wegen der Verirrungen in eurer Lebensweise, was ihr zu Unrecht mit ebenso viel Verblendung wie Eitelkeit den Aufschwung der Zivilisation nennt. Ist das etwa ein Fortschritt dieser Gesellschaft, die dem Vergänglichen, den trügerischen Eintagsfreuden mehr Gewicht beimißt, als den ewigen Wahrheiten und als dem Leben der Seele in Gott? Es gibt nicht mehr eine Seele auf zehn, die sich um ihr Heil bemüht!

Sehr streng fuhr der Engel auf einem andern Thema fort, das er recht selten angeht, ohne Zweifel wegen seines prophetischen Aspekts:

Ihr geht einer sehr schweren Periode entgegen: infolge der Attentate, die direkt gegen das Leben und gegen die eigentlichen Quellen des Lebens begangen werden, Gott ist nahe daran die Menschheit zu züchtigen im Maßstab der entsetzlichen Verbrechen. Ihr geht den Härten der göttlichen Gerechtigkeit entgegen!

Er zeigte mir sodann einen sehr dichten Regen von Seelen, die sich zu einer Art sehr milder Helle emporhoben; ich begriff, daß es hierbei um die hunderttausende von den freiwillig im Schoße ihrer Mütter getöteten Kinder ging... Diese kleinen Unschuldigen gehen nicht in den Himmel ein, sondern an den Ort, den man traditionellerweise den Limbus nennt: das ist ein Himmel ohne die Herrlichkeit der beseligenden Anschauung Gottes, oder eine Hölle ohne irgendein Leiden, ich weiß nicht, wie ich es verständlich machen soll. Es gibt dort eine Art von Glücklichsein, das jedoch nicht die himmlische Seligkeit ist. In den Limbus also gehen diese Kleinen, die nicht das Leben außerhalb ihrer Mütter gekannt haben, und auch die Kleinkinder, die gestorben sind, ehe sie die Taufe empfangen haben. Der Limbus (Vorhölle) ist so etwas wie der Himmel der Unschuld, wo all diese kleinen Seelen das Glück genießen, das für sie zugänglich ist, das aber begrenzt ist; doch sie wissen es nicht. Ich glaube, daß der Limbus am Ende der Zeiten unter ein Haupt gefaßt wird im Himmel, aber ich weiß nicht wie. All diese kleinen Wesen werden sozusagen die Herrlichkeit Gottes besingen dadurch, daß sie Lebende sind und daß sie dadurch am Leben teil haben, das ein Geschenk Gottes ist.

Dieser Einblick in den Limbus war ein wenig traurig für meine Seele.27 Sodann sagte der Engel noch, ehe er entschwand:

Die Heiligkeit Gottes stellt euch gegenüber hohe Forderungen. Ihr vergeßt allzu oft, daß ihr nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen seid! Noch mehr vergeßt ihr, daß ihr durch das Blut Christi losgekauft seid. Aber die göttliche Dreieinigkeit wird unter euch eine Heerschar von Heiligen erwecken, eine große Zahl von Anbetern, die alle eitlen Lockungen der Welt verachten werden, um sich einzig der Verherrlichung Gottes zu widmen, und um sich in der Stille und im Gebet um die Rettung all ihrer Brüder zu bemühen.

Ja, die Barmherzigkeit Gottes wird zahlreiche Seelen berühren, die ihre Ohren dem Lärm der Welt verschließen und endlich auf den Ruf nach Bekehrung hören werden, den der Herr unaufhörlich an euch richtet... Und durch ihren einzigen Wunsch nach Gottes Ehre, bemühen sich die heiligen Seelen des Fegfeuers, euch diesen Blust an Heiligkeit für die kommende Zeit zu erlangen Das werdet ihr später begreifen...

Der Engel verstummte, dann entschwand er meinem innern Auge, wobei er mich im Frieden und Trost zurückließ. Mögen unsere Gebete diesen Blust an Heiligkeit beschleunigen!  

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Der Zustand der Seelen im Fegfeuer

Im Laufe der Abendbetrachtung, als ich irgendeinen Punkt des Evangeliums betrachtete, sah ich plötzlich meinen Schutzengel in einem grellen Licht vor mir erscheinen, und er sagte mit kräftiger Stimme: Gelobt sei Jesus Christus! Ich gab ihm die übliche Antwort, dann fuhr er fort:

Unser Hochheiliger Gott will dir heute die Kenntnis des Zustandes der Seelen im Fegfeuer verleihen, damit du besser für sie zu beten wissest und ihnen so wirksamer helfest.

Er streckte die Hand zu einem eindringlichen Licht hin, und ich sah in dieser Helle so etwas wie mit dunklem Gangstein bedeckte Diamanten; ein Feuergeschoß traf auf diesen Gangstein und räumte ihn allmählich ab, wodurch die kostbaren Edelsteine aufgedeckt wurden, die mit all ihrem Glanz und ihrer Reinheit zu strahlen begannen. Während ich das staunend betrachtete, sagte der Engel:

Dieses Bild kann dir verständlich machen das Geheimnis der Seelen im Fegfeuer. Eine Seele, die im Fegfeuer ist, bleibt auf ihre Stufe an Heiligkeit und Liebe festgelegt: sie wird in der Gnade bestärkt, sie ist heilig. Ihre Liebe wächst nicht mehr, sie wird in ihrer Fülle aufgedeckt und sie öffnet sich wie eine Blüte. Aus diesem Grunde werden dir die Seelen als vollendete, reine, strahlende Diamanten gezeigt.28

Beim besondern Gericht, wird die Seele von jeder Sünde und aller Unvollkommenheit befreit; es bleibt allein die Schuldenlast von ihrer Sünde, das heißt die Strafe, die sie zur Sühne erleiden muß. Diese Pein wird bildlich als dunkler Gangstein dargestellt, der das Äußere des Diamanten abgibt, weil die Pein nicht die Seele trifft und sie auch nicht verletzt; sie behindert sie und verursacht an ihr Sühnestrafen. Die Pein geschieht an der Seele und nicht in ihr, obwohl die Seele deren Einwirkungen verspürt.29 Das Feuer der göttlichen Liebe verzehrt die Strafe, indem es die Seele trifft und sie an sich zieht und dabei das Sühneleiden hervorruft. Es ist die Einwirkung dieses Feuers, das im Verhältnis zur Straflast steht, und gerade darin besteht das Leiden des Fegfeuers.

Die Seele fand ihren eigenen Glanz allmählich wieder durch ein fortwährendes Verbrennen des Gangsteins, der zerbröckelte und verschwand, und der Diamant wurde allmählich befreit und in seiner ganzen Vollkommenheit enthüllt. Im Fegfeuer ist eine Seele ein vollkommener Diamant, der gleichsam im Gangstein seiner Strafe eingehüllt ist; dieser nimmt unter dem Einwirken des göttlichen Feuers fortwährend ab, um schließlich ganz zu verschwinden... Der Engel führte seine Unterweisung fort:

Im Fegfeuer ist die Seele in der vollkommenen Liebe fest begründet und ganz dem reinen Willen Gottes unterworfen: sie ist festgelegt in ihrer freien und totalen Zustimmung zum Liebesplan Gottes für sie. Ihr einziger Wunsch ist voll und ganz vom Willen Gottes erfaßt, sie kennt keinen andern Willen als dieses reine Wollen.30 Die Seele geht von sich aus ins Fegfeuer, weil sie gleichsam durch ihre Liebe für Gottes Herrlichkeit, für seine Heiligkeit und seine Gerechtigkeit getrieben wird.

Ich sah auf eine intellektuelle Weise ein, daß die Seelen im Fegfeuer eine Art von Freude, von Glück kennen, weil sie darüber glücklich sind, Gott zu verherrlichen, wobei sie seine Ehre über ihr unmittelbares Eigeninteresse stellen; weil sie die Sühne für ihre Sünden annehmen, ja mit lautem Jubel und liebevollem Dank begrüßen. Mein Engel wurde noch deutlicher:

Dieses Glück der Seelen ist ein Vorgeschmack der ewigen Seligkeit. Die Seelen im Fegfeuer sind nicht resigniert, sondern völlig von Gott in Anspruch genommen und sehr aktiv im Dienste seines Namens, seiner Verherrlichung, obwohl das für sie unter sehr großen Schmerzen geschieht. Sie haben die Gewißheit, daß das Fegfeuer nicht ewig ist und daß es ihnen das endgültige Schauen Gottes bringt. Schau, im Fegfeuer macht das Leiden der Seelen auch ihr Glück aus und ihre Freude ist zugleich ihre Pein.31

Man kann das nicht begreifen, ohne zu staunen. Diese Seelen sind heilig, der Liebe Gottes ausgeliefert, von der göttlichen Liebe in Besitz genommen, der sie gar keinen Widerstand leisten, obwohl die göttliche Einwirkung auf sie sehr schmerzhaft ist. Es ist eine Liebesflamme, furchtbare Qual, neben der die schlimmsten Leiden unseres Lebens hier auf Erden fast nichts sind. Ich habe sehr wohl gesehen, daß unter der Einwirkung des göttlichen Feuers, das den Gangstein entfernt — in dem Maße als die Strafe erfüllt wird —, die Seele keinesfalls einen höheren Glanz als den gewinnt, den sie bereits beim Eintritt ins Fegfeuer besitzt; aber sie bekommt den eigentlichen Glanz zurück, der durch den Gangstein wie abgestumpft und verschleiert ist. Dann sagte der Engel noch zu mir:

Die Seelen im Fegfeuer sind gleichsam festgelegt auf die Stufe der Heiligkeit und der Vollkommenheit, die ihnen auf ewig im Himmel zuteil werden wird, und die sozusagen das Maß für die Stufe der Herrlichkeit im Himmel ist: es gibt an ihnen keinen moralischen Fleck, gar keine Unreinheit, sie sind in der Gnade gefestigt und unfähig zu sündigen.32 Sodann hatte ich eine andere Vision, während mein Schutzengel immer bei mir stand. Ich schaute die Seelen im Fegfeuer, in ein Feuer versunken, in ein helles Licht, in eine brennende und blendende Flut. Der Engel erklärte mir: Die Seelen werden in die Flammen der Liebe eingetaucht. Sie sind alle vereint in diesem Feuer in der göttlichen Liebe, die sie anzieht, entflammt, erleuchtet: das Fegfeuer ist das Reich der göttlichen Liebe. Durch dieses Eingetauchtsein in die göttliche Liebe, werden die Seelen der Liebe ausgeliefert, die sie vollkommen üben, sowohl gegen Gott, wie untereinander und auch gegen euch auf Erden. Im Lichte der göttlichen Liebe erkennen sie sich gegenseitig und wissen sich vereint und alle durch Gott angezogen. Und in diesem Licht teilt sich ihnen Gott immer mehr mit, wodurch er ihre Freude vermehrt und sie zur beseligenden Anschauung hinzieht: dieses Feuer der Liebe, dieses Licht der göttlichen Liebe sind wirklich beseligend, weil sie die Seelen allmählich öffnen auf die vollendete Erfüllung des Planes Gottes über sie hin.

Ich betrachtete staunend diese heiligen Seelen, die aus Liebe leiden, die ganz von Gott überflutet werden und sich ihm ganz ausgeliefert haben. Ich schaute sie nicht in einer Hierarchie, sondern in einer unvergleichlichen Ordnung und Einheit, wobei sie unter sich weder Übergeordnete noch Untergeordnete haben, sondern alle sind mit einer lauten Freude und einem lebhaften Schmerz der Liebe Gottes und seinem reinen Willen unterworfen. Mein Engel hat noch zu mir gesagt:

Die Seelen im Fegfeuer befinden sich zugleich in einem Feuer und in einem Licht. Entbrannt im Feuer der Liebe, liefern sie sich der Liebe aus, sie leben diese Gabe der Liebe in einer sehr tiefen gegenseitigen Liebe. Sie beten, weil das Gebet der vollkommene Ausdruck der Liebe ist, sie beten für einander, sie beten für euch, für ihre Wohltäter. Ihr Beten ist ganz auf die Verherrlichung Gottes allein in seiner Liebe hingeordnet und nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse. Sie beten nicht, um aus dem Fegfeuer befreit zu werden, sondern daß Gott durch ihre Befreiung verherrlicht werde. Sie beten nicht für die Bekehrung der Sünder auf Erden oder für die Heiligung der Seelen, sondern daß Gott verherrlicht werde in diesen Bekehrungen und durch die Heiligung. Man darf nie vergessen, daß die Seelen im Fegfeuer keinen Blick auf sich selber, noch auf das Geschaffene richten, sondern nur auf Gott allein: ihr Blick wird geeint und gereinigt in Gott, und in ihm und durch ihn ist es ihnen manchmal erlaubt das Übrige zu beschauen...

Der Engel verdeutlichte diese Belehrung, indem er mich über die Wunder der göttlichen Liebe erleuchtete:

Die Liebe ist eins. Die Nächstenliebe ist nur das Üben der Liebe Gottes durch die Menschen, die sich in sie ergießt, die sich ihnen ausliefert, die sie erleuchtet.

Von dieser großen Wirklichkeit seid ihr nicht immer fest überzeugt, aber die Seelen im Fegfeuer, die sehr hohe Erkenntnisse haben, wissen das sehr gut: sie lieben euch vollkommen und lieben einander wahrhaftig, weil sie Gott allein lieben; sie lieben euch in Gott, für Gott. So ist die echte Liebe: einfach, selbstlos, rein, wahr. Und weil sie sich in dieser vollkommenen Wahrnehmung der Liebe befinden, sind sie denen dankbar, die für sie beten und ihnen Erleichterung bringen. Vergiß nie, daß die Nächstenliebe aus der Liebe zu Gott stammt. Doch oft erfinden die Menschen für sich ihre Ausdrucksweisen der Liebe und sie verunstalten das Geschenk Gottes, indem sie es sich aneignen. Nun aber ist Gott allein die Quelle aller Liebe, denn er ist die Liebe. Die Liebe ist Geschenk Gottes, ein von Gott anvertrautes Gut in uns. Die Liebe Gottes ist das Erste, sie wird uns verliehen und uns anvertraut als ein Unterpfand, das man Frucht bringen lassen soll und beständig dem zurückgeben soll, der es uns zuerst anvertraut hat. Der Engel sagte mir noch: Die Seelen im Fegfeuer befinden sich im Licht der göttlichen Liebe. So haben sie große Kenntnisse, die schneller und vollständiger sind als alles, was ihr auf Erden haben könnt: sie erkennen unmittelbar, nach Art der Geister, durch Intuition und durch unmittelbare Mitteilung gewisser Wirklichkeiten und gewisser Geheimnisse.

Sie kennen das Geheimnis des Todes, weil sie es erlebt haben; die der Ewigkeit und der Unsterblichkeit der Seele, wovon sie jetzt gerade die Erfahrung machen; sie kennen die Existenz Gottes jenseits des Glaubens, die der Jungfrau Maria, der Heiligen und der Engel. Sie bekommen hohe intellektuelle Erleuchtungen, sie erkennen sich selbst im Lichte der göttlichen Liebe, und anerkennen, daß sie kleine sündhafte Leute sind, Gegenstände der Gerechtigkeit und des Erbarmens Gottes. Gottes Liebe kennen sie vollkommen, aber auch ihre Verfehlungen gegen diese Liebe, ihren Zustand, ihr Sühnen. All diese Erkenntnisse bewegen sie immer mehr, sich dieser Liebe, die in ihnen wirkt, auszuliefern, sie in großer Geduld anzunehmen, durchs Gebet Dank zu sagen, durch alle Mittel deren Ausbreitung zu fördern.

Alles schien mir so klar, so durchschaubar! Wie viele überflüssige, leere Fragen werden dadurch fortgewischt... Gott ist so einfach! Mein heiliger Engel ergriff wieder das Wort:

Im Fegfeuer sind die Seelen im Zustand des Bedürfens und der Aufnahmebereitschaft: sie sind eine wie die andere ganz der Liebe Gottes ausgeliefert. Dieser Doppelzustand, so paradox er dir scheinen mag, ist Folge des Liebesfeuers im Reinigungs­ort, eines Feuers, das sie anzieht in der Freude und im Schmerz. Ihr Schmerz ruft nach Linderung, ihr Glück nach Selbsthingabe. Ja, die Seelen im Fegfeuer sind sehr bedürftig und empfänglich für euer Gebet, das ihnen gar sehr hilft: sie sind ganz in ihr Gebet hinein preisgegeben, das Huldigung und Lobpreis auf Gottes Herrlichkeit ist. Die Seelen im Fegfeuer sind doppelt der Liebe unterworfen, denn sie sind der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit, die sich an ihnen ausüben, unterworfen. Die Gerechtigkeit übt sich an ihnen durch die Sühneforderung wegen ihrer Sündenschuld aus; die Barmherzigkeit übt sich auch an dieser Forderung aus, weil die Liebe diesen Seelen eine begrenzte, endliche Sühne auferlegt für die Sünde, die eine unendliche Beleidigung ist. Immer wirst du im Fegfeuer das Licht der Barmherzigkeit und das Feuer der Gerechtigkeit sehen.

Das Fegfeuer ist eine zugleich schreckliche und tröstliche Wirklichkeit. Man darf diese beiden Gepräge nicht voneinander trennen, wenn man vom Fegfeuer spricht... Du verstehst, wie sehr man für die heiligen Seelen im Fegfeuer beten muß! Das wird jetzt zu sehr vernachlässigt, es gibt nur wenige Leute, die daran denken, wenige Priester, die für diese heiligen Seelen beten und Messen aufopfern. Das ist der Grund, warum du schreiben mußt; um die Sorge für die Seelen im Fegfeuer zu wecken und deinen Brüdern in Erinnerung zu rufen, daß die Gemeinschaft der Heiligen eine Tatsache ist, und daß sie ihre Forderungen an die Liebe stellt.33 Dann, mein Kind, bete und laß beten für die heiligen Seelen im Fegfeuer.

Darauf entschwand der Engel meinem Blick und ließ mich in der Danksagung und in außerordentlichem Jubel verharren.  

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Die Übung des Glaubens im Fegfeuer

Morgenbetrachtung. Meine Seele wurde in das Unermeßliche der göttlichen Liebe entrückt, wie in einen Ozean unbeschreiblicher Wonnen, worin ich mich völlig verlor, in einem Feuermeer, in einem Meer der Liebe und des Lichtes. Meine Seele wurde gleichsam von Gott erfaßt, in ihn hineingezogen, um in ihm unter unaussprechlichem Jubel zu ruhen. Ich dachte nicht mehr, überlegte nicht mehr, gab mich preis, ließ mich in Besitz nehmen, und er erfüllte mich mit seiner Liebe, mit sich selbst. Und ich litt zugleich unter herzzerreißendem Schmerz, wie wenn meine Seele entzwei geschnitten worden wäre, verwundet worden wäre und wie frustriert, sie verspürte verworren die Grenzen ihrer Schwäche und ihre Unfähigkeit, die Liebe ganz zu besitzen, obwohl sie diese erfaßte, ja gleichsam berührte. Dann löste sich diese Umarmung wieder ein wenig, und ich schaute mich in Gott: meine Seele war eingetaucht in das Feuer des Herzens Jesu, ich konnte darin das Herniederrauschen seiner unendlichen Liebe auf die ganze Kirche bewundern. Eine doppelte Flut von Wasser und Blut umflutete, belebte und entflammte unablässig die streitende Kirche und den Reinigungsort. Was den Himmel betrifft, so ergibt er sich aus diesem Heiligsten Herz selber, wie mir scheint. Jesus bat mich, solche Gnaden aufzuopfern, die zugleich lieblich, glühend und schmerzlich sind, für die heiligen Seelen im Fegfeuer, diese gewissermaßen daran teilnehmen zu lassen. Ich erhob Einwände in seinem Herzen:

Nun denn, mein Herr! Glückselig sind diese Seelen im Fegfeuer, für die du mich bittest, diese Liebe aufzuopfern!

Gewiß leiden sie und wieviel, doch wenigstens besitzen sie dich und man kann dich ihnen nicht mehr entreißen: sie besitzen dich endlich endgültig!

Da fragte mich der Herr, ob ich lieber die Peinen, die Schmerzen und die Freuden kennenlernen möchte, als den Rausch der flüchtigen Ekstasen; ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Er kündete mir an, daß meine Seele während drei Tagen in diesen Zustand im Fegfeuer eingetaucht würde und sogleich verwirklichte er, was er ausgesprochen hatte.

Das war eine unerhörte Qual. Ich genoß Gott in einer Art von Besitz, eine unvollständige und herzzerreißende intellektuelle Wahrnehmung: es schien mir, ich würde ihn wie durch einen Schleier erfassen, geheimnisvolle Gegenwart und Liebeshingabe, die mich erzittern ließ. Während eines Tages wurde meine Seele in diesem Zustand, in dieser brennenden Pein gehalten; ich war wie vor einem Lichtvorhang, hinter dem sich meine Liebe aufhielt, wobei sie sich schenken wollte und ich die Hände nach ihr ausstreckte, ohne die Möglichkeit zu haben, sie zu fassen, sie zu umarmen, sie zu besitzen! Während dieses ganzen Tages erfuhr meine Seele die Gunst mehrerer Besuche durch die Unbefleckte Jungfrau, meinen Schutzengel, meiner Freunde im Himmel — meiner Schutzpatrone und Beschützer —, von bereits verstorbenen und im Himmel weilenden Verwandten: sie kamen zu mir durch diesen Lichtvorhang und sprachen zu mir von der göttlichen Liebe mit soviel Feuer und Freude, daß meine Seele durch das Liebesverlangen gequält wurde, den Wunsch, wenn es möglich wäre, diesen Lichtvorhang sich öffnen, sich zerreißen zu sehen, um die Liebe in ihrer Fülle zu entschleiern und mir zu gestatten, ihn zu erfassen, ihn zu genießen. Während des ganzen Tages glaubte ich jeden Augenblick zu sterben wegen dieses heißen Verlangens, denn die Kräfte meiner Seele wurden davon gleichsam zerrissen und ausgewalzt. Es schien mir, daß sich der Schleier des Glaubens in diesem Zustand teilweise für meine Seele zerriß, die so Zutritt zu zahlreichen verborgenen Wirklichkeiten bekam und deren Existenz kennenlernte. Gott jedoch sah ich nicht, nur seine geheimnisvolle Gegenwart wurde wahrgenommen wie hinter einem Schleier. Am Ende dieses Tages kam der Schutzengel zu mir und sagte zu mir:

Schau, mein Kind, der Höchste hat erlaubt, daß du dieses Geheimnis kennenlernst und daß du in deiner Seele die Erfahrung machst von der Lage der heiligen Seelen im Fegfeuer. Er will euch so unterweisen und euer unablässiges Gebet zugunsten der heiligen Seelen im Fegfeuer wecken. Im Fegfeuer bleibt der Glaube zum Teil bestehen, denn er wurde noch nicht durch beseligende Schau ersetzt. Du hast es richtig wahrgenommen: im Fegfeuer sieht die Seele Gott noch nicht, nur seine geheimnisvolle Anwesenheit nimmt sie wahr. Im Augenblick eures Todes wird der Schleier des Glaubens nur für die Seelen, die sogleich in die Herrlichkeit des Gott-von-Angesicht-Schauens eingeführt werden, vollständig zerrissen. Für jene, die ins Fegfeuer gehen müssen, bleibt der Glaube noch teilweise bestehen.34 Aber diese heiligen Seelen im Fegfeuer besitzen die Erfahrungserkenntnis von manchen übernatürlichen Wirklichkeiten, die für uns auf Erden Glaubensgeheimnisse bleiben: sie machen die Erfahrung ihrer eigenen Unsterblichkeit, sie wesen in der Ewigkeit... Sie genießen die Auswirkungen der Gemeinschaft der Heiligen, sie sehen die Jungfrau Maria, die Engel und die Heiligen, sie wissen, daß der Himmel und die Hölle existieren. Aber Gott schauen sie nicht, da sie ihn noch nicht besitzen: in diesem Punkt wird der Glaube noch von den Seelen im Fegfeuer geübt. Doch ihr Verstand kennt keinen Zweifel mehr, ihr Wollen hat sich für den reinen Willen Gottes entschieden und kennt kein Zögern mehr. Diese heiligen Seelen sind in ein beschauliches Gebet, in eine demütige Ehrfurcht vor Gott versunken, von dem sie wissen, daß er anwesend ist, den sie aber nicht sehen. Und dieses schmerzliche Warten, daß sie Gott schauen, ihn endlich voll besitzen, schürt das Feuer ihrer Sehnsucht und verursacht ihr Leiden.

Dann, nachdem er mir noch anempfohlen hat, für die heiligen Seelen im Fegfeuer zu beten und auf ihre Meinung diese Gnade der drei Tage, die der Herr mir gewährt, aufzuopfern, entzieht sich der Engel meinem Auge.  

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Die Übung der Hoffnung im Fegfeuer

Von der Morgenbetrachtung an wurde meine Seele wieder in diesen Fegfeuerzustand versenkt. Es schien mir, daß der niedere Teil meiner Seele nahezu abgestorben war; ich sage nahezu, denn ich fuhr fort, wohl oder übel — mehr schlecht als recht — meinen Beschäftigungen zu obliegen. Ich hatte den Eindruck, meine Seele sei entzwei geschnitten, zerrissen. Gott ließ sich noch kurz erahnen, gleichsam wie durch den Lichtschleier hindurch, vom dem ich gestern gesprochen habe: während er weder erfaßt, noch besitzt werden konnte, entflammte er meine Seele mit den heftigsten Wünschen dermaßen, daß ich mich von der Mitte des Tages an ins Bett legen mußte, weil der Leib diesem Ansturm der Liebe nicht mehr standhielt. Aber meine Seele verkostete die ersten Früchte dieser künftigen Vereinigung mit Gott und das war eine zugleich so köstliche und schmerzliche Lieblichkeit, daß ich in Ohnmacht fiel. Doch meine Seele, als ob sie in einen Feuerofen geworfen würde, verharrte im tiefsten Frieden, wobei sie dennoch fortwährend litt.

Während des ganzen Tages blieb mein Gedächtnis wie gebunden, unterjocht, in einer unerhörten Trockenheit und Holprigkeit, für jede andere Tätigkeit unfähig, außer einer unermeßlichen Reue über all meine Fehler: in einer Art von innerer Beichte, wobei mir alle meine Sünden enthüllt wurden eine nach der andern, zu hunderten und zu tausenden! An diesem Tag habe ich eine Rückschau über mein ganzes Leben bis in seine letzten Falten hinein, mit seinen kleinsten Verfehlungen, mit seinen schweren Fehlern, seinen Unschlüssigkeiten, seinen Nachgiebigkeiten, seinen Feigheiten bekommen. Und bei jedem Fehler wurde meine Seele gleichsam zermalmt und innerlich schrie ich: «O mein Gott, so wenig habe ich mich um deine Ehre gekümmert! Habe ich dermaßen deine Gnaden vergeudet?» Meine Seele verharrte jedoch in einem tiefen, sehr schmerzlichen Frieden. Ich hatte keine Angst, Gegen­stand der Verwerfung durch Gott zu sein, denn es schien mir damals, daß das Wichtigste die Ehre Gottes sei, ich hatte einen verzehrenden Durst nach dieser Ehre und wünschte in diesem Zustand der Qual so lange zu verharren, als erforderlich, damit Gott verherrlicht werde. Diese tiefe Gnade einer innern Beichte war eine unerhörte Wohltat für meine Seele. Das kam hinzu zu all dem, was mir am Vortag gewährt worden war. Ich glaube, daß der Herr sich vorbehalten hatte, mir diese Zustände nach Treppenabsätzen bekanntzugeben, in einer Reihenfolge, denn die menschliche Natur hienieden vermöchte dem sonst nicht standzuhalten. Im ganzen Verlauf des Tages folgten einander Körperschwächen; meine Seele jedoch war im Frieden und im Leiden versunken, lebendig, von Sehnsucht entflammt, friedlich und zerquetscht. Jeder Besuch der Jungfrau Maria, der Engel und der Heiligen erschöpfte mich, denn er schürte das Verlangen in mir, indem er mich in ihnen all das beschauen ließ, was mir verheißen war, wonach ich mit allen Kräften meiner Seele strebte, die ganz im reinen Willen Gottes eingebunden waren. Ich verharrte da in der heiteren Hingabe an den reinen Willen Gottes ohne Hast, noch Ungeduld, einzig die Verherrlichung Gottes ersehnte ich. Das war das einzige Wort, das ich hervorbringen konnte, und es schien mir, daß alle himmlischen Besuche mir wiederholten:

Herrlichkeit, Ruhm, Ehre! Gott ist der Heilige der Heiligen! Herrlichkeit, Ruhm, Ehre!

Das schürte die Flamme meines Schmerzes, ließ mein Verlangen nach Gott wachsen, vertiefte die außerordentliche Heiterkeit, die buchstäblich meine Seele durchtränkte. Im Paroxysmus dieses Dürstens nach Gottes Herrlichkeit schaute ich meinen heiligen Schutzengel, streng, ganz aufflammend, der ernst zu mir sagte:

Du machst jetzt die Erfahrung des großen Geheimnisses des Fegfeuers, was also gewissermaßen das Fegfeuer ausmacht: das Geheimnis der Hoffnung.35 Dieser heitere Schmerz, den du verspürst, ist genau der, welcher die Seelen zum Höchsten hinbringt: ein läuterndes und schmerzliches Harren der Seele auf die volle Offenbarung Gottes im Schauen von Angesicht zu Angesicht. Im Fegfeuer vereinfacht sich die Hoffnung voll und ganz, bis sie im grundlegenden Harren auf Gott aufblüht, in einem reinen, uneigennützigen Warten, worin es keine Überstürzung, noch Ungeduld, noch Berechnung mehr gibt: in einem Warten auf Gottes Stunde, in einem, ach, wie schmerzlichen Warten! Bei diesem vollkommenen Warten bleibt die Seele unwandelbar heiter, sie ist gleichsam in einem schmerzhaften Ausruhen versunken: die Gewißheit ihres Heiles bringt für sie ein heißes Verlangen mit sich, ein brennendes und, verzehrendes Harren. Es ist eben der Zustand der Läuterung, dieses vollkommene Hoffen, das keinen andern Gegen­stand kennt als Gott, das keinen andern Wunsch hat als die Ehre Gottes. Im Fegfeuer wissen die Seelen, daß der Zeitpunkt ihrer Befreiung von Gottes Barmherzigkeit festgelegt ist, daß Gottes Gerechtigkeit ihn festgesetzt hat zur größten Verherrlichung des Allerhöchsten. Darum befinden sie sich im Frieden, eben im Frieden Gottes.

Ich befand mich damals im Reinigungsort, und eben im Feuer, gemäß der Verheißung des Herrn an meine Seele. Ich weiß, daß ich das alles erlebt habe aufgrund eines Wirkens der unendlichen Liebe und daß ich es erlebt habe an meiner Seele, die meinem Leib entrückt war, der sich bog unter der Kraft der Gnade und der ihr nicht standzuhalten vermochte. Von diesem Augenblick an kam ich nicht mehr zum Bewußtsein, meine Seele jedoch gleichsam schlagartig von den Fesseln des Leibes befreit, stürzte sich in den Ozean der göttlichen Liebe.  

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Die Übung der Liebe im Fegfeuer

Feuer und heißes, entflammtes Gebet! Bisher habe ich vor allem ein großes Licht und einen unaussprechlichen Frieden gekannt, nun aber wird meine Seele durch Gottes Gnade in ein verzehrendes Feuer der Liebe versenkt. Mein heiliger Engel ist da, und ich frage ihn: «Endlich ist die Sache aus! Wann werde ich in den Himmel eingehen?» Er gibt keine Antwort, und ich seufze. Rings um mich herum, tausende von liebentbrannten Seelen. Ein sanftes Licht umgibt uns und durchdringt uns mit einem äußerst starken Feuer. Ich befinde mich in einem totalen Jubel und meine Freude nimmt noch zu, wie der Engel sagt:

Das ist der Vorhof des Himmels, es ist der Gipfel des Fegfeuers, wo die Seelen ganz eingetaucht werden in die reine Anziehung der göttlichen Liebe. Hier werden die Schmerzen auch am lebhaftesten und verdichten sich am meisten.

O Freude! Hier leidet man aus Liebe, man leidet an der Liebe, denn hier befindet sich die Verheißung der Gabe der Liebe. Eine weite strahlende Wolke liegt über diesen Seelen, in die hinein einzelne manchmal emporgehoben werden und dann entsteht eine Explosion von Glück und Jubel im Fegfeuer: diese Seelen bekommen Zutritt zur beseligenden Schau, sie gehen in den Himmel ein! Man leidet am Lieben und man liebt diesen brennenden Schmerz; und die ganz von Liebe außer sich geratene Seele ist liebevollen Ungeduldsregungen ausgesetzt, Gott sehen zu dürfen, ihn zu besitzen, daher seufzt sie, sie schmachtet vor Liebe: sie kann diese Liebe nur zum Ausdruck bringen in einem flammenden Gebet, in Danksagen, in Jubel, in Lobpreis auf Gottes Heiligkeit und sein Erbarmen, das gerettet hat, und auf seine Gerechtigkeit, die gereinigt hat. Meine Seele vermag dieses Geheimnis der Liebe im Reinigungsort nur auf eine globale, allgemeine Art in diesem brennenden Liebesfeuer zu erfahren. Und der Engel erleuchtet sie und erklärt ihr diese große Liebe im Fegfeuer:

Im Fegfeuer werden die heiligen Seelen mit der Liebe Gottes bekleidet und sie erfreuen sich an dieser unendlichen Liebe. Sie sind ganz Gott zugekehrt, sie lieben ihn vollkommen und bekunden es ihm in Dankbarkeit: sie danken dafür, daß sie gerettet wurden, daß sie in der Gnade gefestigt und künftig zum Sündigen unfähig, Gott im Geist und in der Wahrheit zu verherrlichen, imstande sind.

Und das verursacht bei ihnen ein jubelndes Staunen, sie sind gleichsam stumpfsinnig vor Liebe; erst im Himmel werden sie die Liebe in ihrer strahlenden Fülle genießen, in einer innigen Vereinigung mit Gott, der die Liebe ist. Aber es gibt im Fegfeuer noch das Verlangen, dieses Verlangen, das sich der Fülle der Liebe widersetzt: im Himmel gibt es kein Verlangen mehr, da ist das Besitzen der Liebe.

Und ich schaue diese die heiligen Seelen entflammende Liebe: darin besteht ja gerade das Feuer des Reinigungsortes, nämlich diese göttliche Liebe, die alles überflutet, die alles in Brand steckt! Im Fegfeuer sind die Seelen ganz der göttlichen Liebe ausgeliefert, sie sind sozusagen durch Gottes Liebe entzündete Holzscheite, die aber nicht völlig von dieser Liebe verzehrt werden: das Fegfeuer ist gewissermaßen diese verzehrende Liebe Gottes, der sein Werk in den Seelen, die sich ihm ausgeliefert haben, vollendet.

Ich sehe ebenso, daß die Seelen im Fegfeuer Gott und den Nächsten viel vollkommener lieben, als wir es zu tun wissen: sie lieben Gott über alles, und Gott in sich um seiner selbst willen. Und in ihm lieben sie uns, weil sie uns in ihm entdecken und uns in ihm als Gegen­stand seiner unendlichen Liebe sehen. Sie lieben uns in einem eindringlichen Licht der Wahrheit und Reinheit. Hienieden lieben wir im allgemeinen leichter unsere Brüder, sodann Gott in ihnen, weil wir durch unsere Schwäche, unsere Empfindlichkeit, unseren Glaubensmangel sehr beschränkt sind: die Forderungen der Liebe sind andersartig, für uns muß die Liebe, die wir dem Nächsten entgegenbringen, das Zeichen, die Bekundung der Liebe sein, die wir für Gott hegen sollen, und wir können unsere Liebe zu Gott nur an den Bekundungen unserer Liebe zum Nächsten messen. Im Fegfeuer gilt in Wahrheit: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben (...), das ist das erste Gebot; du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, das ist das zweite Gebot» (vgl. Mt 22,37-39).

Die heiligen Seelen im Fegfeuer lieben einander in Gott, und sie lieben uns in Gott, durch diese Liebe bleiben sie eng mit uns verbunden. Um diese Liebe, sowohl Gott gegenüber, wie allen Seelen im Fegfeuer und der streitenden Kirche gegenüber zu bekunden, beten sie: das Gebet ist ihre Sprache der Liebe. Das Fegfeuer ist eine Welt des Gebetes. Sie beten füreinander, sie freuen sich, wenn sie die eine oder die andere unter ihnen am Ende ihrer Pein sehen, wie sie in den Himmel eingeht; sie beten für die Verstorbenen, die im Fegfeuer ankommen, sie beten für uns hienieden, sie verwenden sich für uns, soweit Gott es ihnen gestattet, sie stehen uns bei und helfen uns sogar. Das Gebet der Seelen im Fegfeuer ist dicht und immerwährend und unentgeltlich: sie verdienen nichts mehr für sich selber und auch nicht für die andern.36

Das Fegfeuer ist eine Welt der Liebe, deshalb ist es fest begründet im Frieden, in Harmonie und Ordnung, was alles Früchte Gottes, der Liebe, sind. Sie sind ganz dem reinen Willen Gottes ausgeliefert, der reiner Liebeswille ist. Und aufgrund dieses Reichs des Friedens im Fegfeuer darf ich behaupten, daß es keine größere Freude gibt — außer dem Glück, im Himmel zu sein — als sich im Fegfeuer zu befinden. Und ich betrachte staunend diese Welt der Liebe und des Gebetes, wo die heiligen Seelen vor allem zu Gott beten, um ihn zu verherrlichen, um ihre Erkenntlichkeit und ihre Dankbarkeit zu bezeugen; und in ihm, in seiner Liebe, beten sie für uns. So lauten die großen Wahrheiten, die mir an diesem Tage gezeigt worden sind. Ich kam wieder zu mir, mit ermüdetem, erschöpftem Leib, aber die Seele noch von Liebe berauscht.  

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Das Gebet der Seelen im Fegfeuer

Mein Schutzengel kam zu mir und sagte mit Ernst: Bete viel für die heiligen Seelen im Fegfeuer, die so viel für euch beten.37

Sie werden zu sehr vergessen, zuviele Leute vernachlässigen ihre Pflicht, auf deren Meinung zu beten, zuviele Leute zeigen sich als undankbar!

Mit einer Geste der Hand ließ er mich schauen — in einer sehr deutlichen inneren Schau — die heiligen Seelen im Fegfeuer, in das große, beständige Feuer der unendlichen Liebe versenkt. Und ich habe ihr Gebet betrachtet: obwohl es für mich sehr klar war, so weiß ich dennoch nicht, wie ich es wahrgenommen habe. Während vieler Jahre habe ich nicht gewußt, daß die Seelen im Fegfeuer beten, weil mir eine solche Vorstellung nie eingefallen ist; ich glaubte, sie würden ihre Strafe erdulden, ohne sonst etwas... Und trotzdem ist ihr Gebet, das sehr intensiv und recht verschieden vom unsrigen ist, unvergleichlich schöner, wahrhaftiger, reicher an Harmonie und Einheit, weil sich nichts Gefühlsmäßiges wie in das unsere einmischt.

Ich habe dieses Beten der Seelen im Fegfeuer geschaut als ein Emporsprudeln, ein in ihnen Ausgegossen-Werden der göttlichen Liebe, die sie ganz umkleidet, sie in Liebe verzehrt; sie beten zugleich in äußerstem Jubel und unter äußerstem Schmerz, was ihre eigentliche Daseinsweise, ihr Zustand ist, und ich glaube, daß man sich nur eine Vorstellung davon machen kann, wenn man sich an den heiligen Paulus erinnert, wo er sagt, er juble in den Bedrängnissen und in den Prüfungen. Das ist sehr geheimnisvoll, aber es ist so.

Ich habe gesehen, daß die heiligen Seelen im Fegfeuer in heiterem und selbstlosem Flehen beständig beten: und was sie von dieser göttlichen Liebe, die sie erfüllt, empfangen, das wollen sie den andern geben, nie wollen sie irgend etwas für sich behalten, weil sie in gewissem Sinn sich keineswegs für sich selber interessieren, sondern einzig für die Ehre Gottes; und die Verherrlichung Gottes beruht auf der Ausbreitung der unendlichen Liebe in allen Seelen, das ist die Ausbreitung des Reiches Gottes. Sie tragen auch ein äußerst starkes Mitleid zu ihresgleichen, die bei ihnen weilen, und zu allen Leuten, die sie auf Erden gekannt haben, zu allen Mitgliedern der streitenden Kirche, deren ewiges Heil sie mit glühendem Eifer, mit Liebe, ersehnen, damit Gott durch sie verherrlicht wird. Dafür beten sie. Dann redete der Engel zu mir über das, was er die Liturgie des Fegfeuers nennt:

Die heiligen Seelen im Fegfeuer verharren in einem beständigen Gebet, alles an ihnen ist nur Beten, weil sie sich dem reinen Willen Gottes ganz ausgeliefert haben. In besonderer Weise vereinen sie sich mit allen liturgischen Feiern auf Erden, und diese Feste der Kirche kennzeichnen für sie einen gewissen Rhythmus, obwohl sie das Messen der Zeit nicht mehr kennen. Die Liturgie der Seelen im Fegfeuer beruht auf der Anbetung der Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes, wobei in engem Anschluß die liturgischen Kundgebungen der streitenden Kirche nachgebildet werden. Ihr Beten ist eine sehr reine Anbetung, vereint mit dem Lobpreis der Danksagung, den sie beständig zum Höchsten für ihre Rettung erheben: sie feiern die Erbarmungen des Herrn. Sie beten füreinander, aber nie für sich selber, denn sie sind ganz versunken in Gottes reinem Willen und dadurch gleichsam sich selber total vergessend. Aber sie erflehen unablässig die Befreiung der andern, denn sie brennen vor Liebe zueinander, und vor Eifer für die Ehre Gottes. Nun aber wissen sie, daß jedes Befreit-Werden einer Seele aus dem Fegfeuer zur Ehre Gottes beiträgt. Und diese Verherrlichung des Herrn ist gleichsam ihre einzige Sorge. Befreit von allen Behinderungen durch das Empfindungsvermögen und die Begehrlichkeit, vermögen diese heiligen Seelen füreinander zu beten im Licht einer vollendeten Liebe. Anläßlich gewisser Feste, zumal der seligsten Jungfrau, werden viele Seelen befreit: das ist Anlaß zu großen Freuden für das ganze Fegfeuer. Jede heilige Messe bringt diesen Seelen zahlreiche Tröstungen, zumal jene, die auf ihre Meinung besonders gefeiert werden, vor allem jene am 2. November. Die Seelen hören nicht auf, Gott dafür zu danken und auf die Meinung jener zu beten, die für sie beten: sie sind eifrig, von Gott die Bekehrung und die Heiligung aller Menschen zu erbitten, und sie können sich sogar an die hochselige Muttergottes und an die Heiligen wenden, um sie um die Fürsprache zugunsten von euch allen zu bitten, die ihr noch auf der Erde seid. So sieht das große Gebet der Seelen im Fegfeuer aus, das seine Nahrung im Feuer der göttlichen Liebe findet, und das allein zur Ehre Gottes ausgeübt wird, für die Ausbreitung seiner Königsherrschaft und zum Heil aller Seelen.

Als der Engel mir diese Dinge gesagt hatte, entschwand alles für mein inneres Auge, und ich verharrte im Gebet.  

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Eine Welt des Gebetes

Morgenbetrachtung. In einer lebhaften innern Erleuchtung wird meine Seele eingeladen, das Gebet der heiligen Seelen im Fegfeuer staunend zu betrachten. Ich sehe sie alle angespannt in einer demütigen Verfügbarkeit dem reinen Willen Gottes gegenüber, und ihr Gebet erhebt sich in Spiralen wie Weihrauchschwaden, die drei widerscheinende Farben an sich tragen, zum Throne Gottes empor. Das überrascht mich. Mein Schutzengel, der neben mir steht, sagt zu mir:

Schau, mein Kind, und begreife gut. Dieses Bild zeigt dir das Gebet dieser heiligen Seelen, und es erklärt dir die drei Kennzeichen: deshalb siehst du Weihrauchschwaden, die emporsteigen in Spiralen unter drei verschiedenen Farben.

Es gibt da nämlich weiße sehr leichte Spiralen, etwas schwerere Voluten in einem lebhaften Rot, und sich verdrehende goldfarbige recht dichte Gebilde; aber es ist ein einziger Rauch. Und der Engel fuhr fort:

Das Gebet der heiligen Seelen im Fegfeuer ist vollkommen demütig, vollkommen vertrauend, vollkommen dankbar. Es ist vor allem Gebet der Danksagung, unablässige Verherrlichung der Heiligkeit Gottes. Sie sind gefestigt in dieser staunenden Betrachtung durch eine absolute Entscheidung: sie wissen, daß sie Gott von Angesicht zu Angesicht erkennen werden, und sie verharren in anbetendem Sich-nieder-Werfen vor Gottes Heiligkeit in einer Haltung tiefer Demut. Sie wissen, daß sie seiner Barmherzigkeit unwürdig sind, sie bedürfen einer schmerzlichen Reinigung, die sie befähigen wird, endlich Gott zu besitzen. Das alles hält sie in tiefer Demut nieder, und sie beten sehr demutsvoll.

Staunend betrachte ich diese Seelen, die mir im Abgrund ihres Elends versunken scheinen, ganz verwirrt darüber, so unwürdig vor der göttlichen Heiligkeit und Gegen­stand der feurigen Liebe Gottes zu sein. Sie befinden sich in einem sehr schmerzlichen Feuer, das sie gefangen nimmt, sie gewissermaßen einkreist; es ist als ob dieses Feuer ihre normale geistige Betätigung einschränken und durchkreuzen würde. Da nun liefern sie sich sehr gefügig dem reinen Willen Gottes aus, unterwerfen sich ihm in einer Haltung tiefer Demut, die sie daran hindert, den geringsten flüchtig hingeworfenen Blick auf sich selber, die geringste Aufmerksamkeit für sich selber, zu haben; sie beten nicht für sich selber, sie sühnen und beten für die andern und besonders um Gott zu verherrlichen. Ich sehe auch, daß sie sehr beständig, heiter und vertrauensvoll sind, weil sie von allerlei falschen Schranken entledigt, von vielerlei Behinderungen des sinnenfälligen, affektiven, psychologischen Bereichs u.a.m befreit sind. Bei ihnen gibt es keine Angst, noch Zweifel, noch Ungewißheit, sondern einen süßen und sanften Frieden zusammen mit der Gewißheit, früher oder später zur ewigen Seligkeit eingeladen zu sein und das durchtränkt ihr Beten mit sehr großem Vertrauen, mit großer Kraft. Mein heiliger Engel sagt zu mir:

Die heiligen Seelen im Fegfeuer sind stark, weil sie im Frieden sind, weil ihre Einigung mit dem reinen Willen Gottes so total und so vollkommen ist, daß sie daraus eine große Geduld und radikales Vertrauen gewinnen. Darum ist ihr Gebet vertrauensvoll, es bringt ihre Hoffnung zum Ausdruck, sich voll an ihrer Rettung freuen zu dürfen im ewigen Besitz Gottes, den sie lieben. Diese heiligen Seelen haben noch Unkenntnisse, aber sie wissen, daß sie von nun an geschützt sind vor jedem Fehler und jedem Irrtum. Da sind sie eben in vollkommenem Vertrauen.

Und dann sehe ich sie vor allem in unablässigem Jubel, in einer unsäglichen Freude, die sie buchstäblich zu Gott emporhebt in starken Aufschwüngen der Liebe und die sie allen Gliedern der heiligen Kirche zuwendet. Der Engel sagte zu mir:

Das sind die Aufschwünge des Dankens, denn diese heiligen Seelen jubeln intensiv inmitten der heftigsten Schmerzen: sie befinden sich in Glück und Freude darüber, daß sie auf ewig gerettet sind, in einem fortwährenden Danken für diese Gabe des Heiles. Sie danken Gott unablässig für all die Gnaden, die er ihnen in diesem Zustand der Läuterung gewährt, den sie zärtlich lieben: ihr Wissen wird ausgeweitet und vervollständigt, sie verkosten manche Geheimnisse, die für euch noch dem Glauben angehören, weil sie diese erfahren und kennen. Sie empfangen unzählige Hilfen von der ganzen hl. Kirche des Himmels wie auf Erden: dies sind die Auswirkungen der unzerbrechlichen Gemeinschaft der Heiligen, und dafür danken sie dem Höchsten in immerwährenden Dankesausbrüchen. Sieh, wie schön das Gebet der Seelen im Fegfeuer ist, so rein, so heiter, so vollendet! Das sind große Freuden des Fegfeuers, die keinesfalls die Pein selber ausschließen, das große Leiden der Buße, die aber wie Lichter in der Nacht sind, wie Zeugnisse der unendlichen Liebe Gottes.

Ich beschaue all das, diese Voluten wohlduftenden Rauches, die sich zum Himmel emporranken bis hin zum Throne Gottes, und welche die erdrückende Gebetsdichte zum Ausdruck bringen, die man im Fegfeuer sehen kann: es ist eine Welt des Gebetes, denn für diese heiligen Seelen ist das Gebet die Sprache der Liebe, und sie sind in die göttliche Liebe, in die brennende Liebe Gottes eingetaucht. Und alles entschwindet meinem innern Blick. Mein Gott, wenn wir doch so beten könnten, mit soviel liebevollem Eifer wie die Seelen im Fegfeuer!  

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Eine siebenfache Garbe der Freude und des Jubels

Beim innern Gebet am Abend sah ich, wie das Fegfeuer sich vor meinem innern Auge entfaltete unter der Gestalt einer Art von Feuerkugel, worin eine immerwährende und intensive Bewegung herrschte. Es ging dabei um eine präzise und scharfe, rein intellektuelle Schau; staunend betrachtete ich diese ständig in Bewegung befindliche feurige Kugel, worin die Seelen gleichsam eingetaucht und eingeschlossen sich befanden; es gab da jedoch solche, die wie blitzende Sterne daraus hervorbrachen, um in den Himmel aufzufahren in einem großen Licht; andere hingegen stiegen als dunkle und glanzlose Kometen von der Erde auf, um sich dieser Kugel einzuverleiben, aus der sie dann später strahlend wieder hervorgehen würden, um zum Himmel aufzufahren... Und ich sah diese Kugel gleichsam von einem Strom sehr sanften Lichtes umflutet, der aus dem eucharistischen Herzen Jesu in breiten Fluten hervorfloß. Dieser Strom wurde mir gezeigt als endloses Fluten der göttlichen Liebe, und er umhüllte und durchdrang die Kugel, und somit das Fegfeuer; und er durchtränkte es, wobei er sich in sieben Strömen der Liebe dorthin ergoß, und das ist die fruchtbare Fülle der göttlichen Liebe im Fegfeuer. Ich sah auch, daß dieses Feuer der Liebe Gottes eben das Feuer ist, das am Ort der Läuterung brennt, aber ich bin nicht imstande, es auf eine bequeme Art auszulegen. Im Fegfeuer selbst, welches der Zustand ist, in dem die Seelen sozusagen im Schoß der göttlichen Liebe, die sie läutert, festgehalten werden, sah ich die sieben Ströme sich wie eine siebenfache Garbe der Freude und des Jubels unablässig entfalten: das war sehr trostvoll und sehr schön. Ich habe begriffen, wie die Seelen im Fegfeuer total in die göttliche Liebe eingetaucht werden und wie sich die Freude der göttlichen Liebe im Fegfeuer auswirkt. Es wurde mir diese tiefe Freude der Seelen im Fegfeuer gezeigt, die ganz in die göttliche Liebe eingetaucht werden, in die unendliche Liebe Gottes, als Licht und brennende Flamme, welche diese heiligen Seelen brennt und erleuchtet, um sie zu läutern und sie völlig mit sich zu vereinen.

Zuerst sah ich, wie diese heiligen Seelen in der Liebe Gottes geeint werden durch eine zarte Nächstenliebe untereinander und durch ein sehr feinfühliges Mitleid, das sie beständig anspornt, füreinander auf eine ganz selbstlose Weise zu beten, sich über den Fortgang der einen oder andern zum Himmel zu freuen, sich denen, die vom irdischen Leben herkommen, in glühendem Mitleid zuzuwenden, auch die Suffragien, die für sie ankommen, gewissermaßen untereinander zu teilen. Das ist sehr rührend, das gibt uns ein Beispiel dafür, was unsere Bruderliebe hienieden sein sollte.38

Sodann konnte ich staunend den äußersten Jubel der Seelen im Fegfeuer inmitten des Lichtes der göttlichen Liebe betrachten; sie haben keinen Zweifel, keine Angst mehr, sie kennen keine Todesqual, keine Versuchung mehr, da sie endgültig befreit sind nicht nur von der Sünde, sondern auch von jedem Einfluß der Sünde und von jeder Versuchung und von jedem Anlaß zur Sünde; dadurch sind sie versichert, Gott nicht mehr zu beleidigen, ja sogar ihn zu verherrlichen, indem sie die Erfahrung von seiner Heiligkeit bekommen und sich daran erfreuen, wenn es auch durch die brennenden Härten ihres Zustandes geschieht; sie verkosten gewissermaßen bereits ihre Rettung und machen die Erfahrung mit deren Erstlingsgaben. All das ist für sie ein Grund zu großem Jubel.

Ich habe auch gesehen, daß diese heiligen Seelen die Freude, das süße unaussprechliche Glück haben, auf eine gewiße Weise Gott zu besitzen und zwar wie durch einen Schleier hindurch und ihn zu erkennen aufgrund einer großen Anzahl von tröstlichen Geheimnissen, die sie nun erfahren dürfen, wie zum Beispiel das der Unsterblichkeit und des ewigen Lebens oder das der Gemeinschaft der Heiligen: diese Geheimnisse werden ihnen auf vielerlei Weisen kundgetan und sie können sie sozusagen von innen wahrnehmen, was ihnen zur Quelle großen Jubels wird.39

Eine andere Ursache der Freude für diese heiligen Seelen besteht darin, daß sie alle Suffragien der streitenden Kirche empfangen, an deren Liturgie sie sich auf eine Weise beteiligen, die ihnen eigen ist, indem sie daran teilnehmen und daraus große ständig sich erneuernde Tröstungen bekommen; sie beten mit einer vollendeten Reinheit und Geradheit der Absicht für die Bekehrung aller Menschen und für deren Heiligung, für die Ausbreitung des Reiches Gottes, dessen Verherrlichung ihr einziges Bestreben ist; und weil diese heiligen Seelen keinen anderen Wunsch hegen als die Ehre Gottes, ist dieses Gebet so rein, so vollendet, daß es sehr fruchtbar und sehr wirksam ist.

Sogar die Freude der Hoffnung ist unsagbar: das Glück gerettet zu sein gewiß, aber auch von nun an zum Sündigen unfähig zu sein und dadurch zur Verherrlichung Gottes beizutragen. Sie leben eine Hoffnung, von der uns ein Bild zu machen, wir nicht imstande sind, so strahlend, heiter, machtvoll, losgelöst und rein ist sie, Quelle unablässig sich erneuernder Freuden, und einer flutenden Danksagung, die sich immer neu wiederholt. Diese heiligen Seelen werden in die Hoffnung eingetaucht, welches ihr Dauerzustand ist, es ist für sie ein gewaltiger Jubel: sie nehmen schon das wahr, was sie besitzen werden durch Gottes Barmherzigkeit ihnen gegenüber und sie haben gar keine Angst mehr, sie könnten es verlieren, aber auch keine unzeitige Eile es zu erlangen. In einem süßen Jubel inmitten ihrer Peinen, hoffen sie auf Gott.40

Ich habe auch eine andere sehr köstliche, auserlesene Freude gesehen, welche die zahlreichen Besuche der seligsten Jungfrau, der Engel und aller Heiligen den Seelen im Fegfeuer bescheren, wenn Gott dies erlaubt, um sie zu erleichtern, sie zu ermutigen, sie zu stärken, sie zu trösten und schließlich sie zu befreien, oder genauer sie zu geleiten und begleiten, wenn die Stunde der Befreiung gekommen ist. Diese heiligen Seelen im Fegfeuer verkosten auch die Freude, geliebt zu werden, dies zu wissen, davon die persönliche Erfahrung zu machen und ihrerseits dieser Liebe entsprechen zu können, der unendlichen Güte Gottes und allen Einwohnern des himmlischen Jerusalem dankbar zu sein, wobei bei der Königin des Himmels und der Erde, bei der Jungfrau Maria, zu beginnen ist. Ich habe gesehen, daß ein einziger Besuch der Unbefleckten das ganze Fegfeuer erleuchtet: alle Seelen, sogar die verlassensten ziehen daraus Vorteil und empfangen dadurch Tröstungen, sei es, daß sie die eine unter ihnen getröstet sehen, sei es durch das bloße Einschreiten der Hochheiligen, das ihnen ihre künftige Befreiung ankündigt.

Endlich unter all diesen Freuden und inmitten von ihnen, gleichsam in der Mitte der Garbe offenbart sich eine ganz spezifische und allgemeinere Freude, als diejenige, welche gewissermaßen alle andern in sich schließt, die also nur so etwas wie die Kundgaben davon sind: die Hauptfreude im Fegfeuer ist die, sich ganz dem reinen Willen Gottes überlassen zu dürfen, insofern man nur das will, was ER will, und sich dadurch in der Hingabe an die Verwirklichung des reinen göttlichen Wollens zu befinden. Das ist prächtig! Es wurde mir gezeigt, daß alle Seelen im Fegfeuer mehr oder weniger diese siebenfache Freude verkosten, und daß die geringste Anteilnahme der Seele an der einen oder andern unvergleichlich süßer und lieblicher ist, als alles, was wir hienieden an Auserlesenem kennen würden: die dauerhaftesten und sogar die intensivsten Augenblicke des Glückes auf unsrer Erde sind nichts, verglichen mit der kleinsten Freude im Fegfeuer.41

Diese innere Schau war für meine Seele eine unschätzbare Gnade, ein unsagbarer Trost. Es ist gut, daß wir wissen, wie sehr die heiligen Seelen leiden und sühnen — und das sollte uns vor allem dazu anregen, daß wir sie nie vergessen und sie nie vernachlässigen, daß wir für sie beten — aber es ist gut und vorteilhaft für uns, ihre Freuden zu kennen, Gott dafür zu danken, durch unsere Gebete und Suffragien dazu beizutragen! Und der Anblick ihrer Freude, die so rein, so übernatürlich, so wahr ist in diesem großen Geheimnis des Lichtes und der Wahrheit, welches das Fegfeuer ist, muß unsere Herzen zur Liebe und zum Dank gegen Gott entflammen und uns in einer unerschütterlichen Hoffnung befestigen. Werde ich jemals dem Herrn für all diese Gnaden, für all diese freigebigen Geschenke, die seine unendliche Liebe an meine Armseligkeit unentgeltlich austeilt, genügend zu danken wissen? Er hat mich im Geheimnis des Fegfeuers so etwas wie den Widerschein seiner Liebe, seiner unendlichen Güte, erahnen lassen wollen und wie ein sehr liebevoller Vater wacht er immer darüber, daß diese übernatürlichen Wirklichkeiten, womit er unsere Seelen ernähren will, für uns zu einem Gegen­stand treuer und liebevoller Betrachtung mit Staunen werde, eine geistliche Bereicherung und Anlaß zum Beten und Danksagen. Aus diesem Grunde will er auch, daß diese Dinge aufgeschrieben und bekannt werden. Er hat an meinen Weg einen heiligen Priester, einen sehr gütigen, erleuchteten Vater, einen Mann des Gebetes gestellt. Durch diese geistliche Vaterschaft, durch diese feste und gütige Leitung hat Gott mich führen wollen. Er hat auch zugelassen, daß dank dem Gehorsam diese Wirklichkeiten des Fegfeuers im Gebet entgegengenommen wurden und daß ich alles aufschrieb, trotz meinem Widerstreben dagegen. Nun leiste ich diese Pflicht gern, weil ich weiß, daß es zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen, besonders jener im Fegfeuer, gereicht. Mögen diese Texte dazu beitragen, daß diese Seelen mehr geliebt werden und daß noch mehr für sie gebetet werde! Dann wird Gottes Wille in Erfüllung gehen. Das sagte mir einst mein Schutzengel nach einer ernsten und sehr anstrengenden Vision des Fegfeuers:

Kind, verharre im Frieden Gottes. Du sollst alles aufschreiben, was dir gezeigt wird, alles, was dir gesagt wird. Es ist zur Ehre des Höchsten. Der Gehorsam erfordert es, du wirst es also tun. Die Ehre Gottes fordert es, auch wenn du es nicht verstehst. Diese Niederschriften können den Seelen sehr viel Gutes tun, sie können sie anregen, mehr für die Seelen im Fegfeuer zu beten. Wenn du wüßtest, daß eine einzige Seele im Fegfeuer dank deinen Schriften befreit werden kann, würdest du nicht zögern... Dann schreib aus Liebe und aus Gehorsam. Das alles wird dir für die Heilige Kirche geschenkt: bewahre es nicht eifersüchtig auf, verschließe nicht deine Hände über der Gabe Gottes! Bleibe ein kleines Werkzeug, ein einfacher Kanal...  

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Eine kirchliche Sühneliturgie

Am Feste Maria Opferung im Tempel. Gegen Ende der Betrachtung schaue ich die hochselige Gottesmutter, die ganz strahlend unter dem Geleite mehrerer Engel und Heiligen vom Himmel herabsteigt, um in einem großen, regenbogenfarbigen Lichtstrahl bis ins Fegfeuer hinunterzugehen. Sie streckt ihre Hände vor, gleichsam, als wäre sie ungeduldig, ihre Kinder, die am Ort der Sühne sind, zu sehen, und zwei hoheitsvolle Engel öffnen ihr gewissermaßen den Weg: ich glaube, daß es der heilige Michael und ein anderer der heiligen Erzengel ist, ich weiß zwar nicht welcher. Wenn die heiligste Jungfrau im Fegfeuer erscheint, dann ist Festfeier und großer Jubel: die Seelen wenden sich singend ihr zu und richten Lobgesänge an sie, vertrauen ihr Anliegen an, darum sagt mein Schutzengel zu mir:

Es kommt vor, daß der Höchste gewissen Seelen, die noch im Fegfeuer sind, Erkenntnisse über ihre Verwandten oder Freunde, die noch bei euch auf Erden sind, gewährt: Nöte oder im Gebet ausgesprochene Bitten. Und diese heiligen Seelen legen dann Fürsprache ein zugunsten dieser Verwandten oder Freunde, sie wenden sich dafür an die Unbefleckte Jungfrau, denn sie wissen, daß sie in ihr eine machtvolle Königin und eine sehr liebevolle Mutter finden.

Ich betrachte also staunend dieses lichtvolle Schauspiel, das sich vor meinem innern Auge durch Gottes Gnade enthüllt. Und die seligste Jungfrau verteilt über diese Seelen so etwas wie Schätze an Perlen, an kristallartigen Tröpfchen, die sowohl aus ihren Fingern wie ihrem Mutterherzen rieseln, dem Sinnbild des unendlichen Trostes, den der Herr den heiligen Seelen des Fegfeuers gewährt, und wofür er seine reinste Mutter zur Schatzmeisterin und Ausspenderin haben wollte. Ich sehe, wie die Jungfrau Maria sich dieser oder jener Seele nähert, indem sie diese mit sehr sanften Worten stärkt; und die Seelen ringsum jubeln vor Freude, weil sie sich über den Besuch freuen, womit ihre Mutter sie anläßlich ihres Festes beschenkt, aber auch über die Gnaden und Gunsterweise, die sie für die Seelen und für das ganze Fegfeuer erlangt. Und die Königin des Fegfeuers faßt mit vollen Händen allerlei Tröstungen, die mir als Tautropfen gezeigt werden, indem sie sie aus zwei großen Goldtruhen schöpft, welche von Engeln getragen werden. Mein Schutzengel sagt:

Das da sind alle Gebete, Suffragien, die Akte der Tugend und der Frömmigkeit, die Liebesseufzer und die Übungen der Liebe, die ihr zugunsten dieser heiligen Seelen vollbringt. Das sind die Schätze eurer Suffragien zu ihren Gunsten, worüber die unbefleckte Jungfrau zur Hüterin bestellt ist und die sie ohne Unterlaß den Seelen im Fegfeuer verteilt. Siehe, wie sehr man beten muß! Diese Truhen müssen immer überquellend von euren guten Werken, von euren Gebeten und euren Liebesseufzern zugunsten der heiligen Seelen im Fegfeuer sein!

Die Heiligen, die an diesem Tag der Jungfrau Maria, als ihrer Königin das Geleite geben, kommen auch um gewisse Seelen zu trösten und zu besuchen: es sind drei, ein Papst, ein Blutzeuge und ein junger Kleriker, ganz von Licht umstrahlt; und sie neigen sich mit Liebe, mit unsagbarem Feingefühl über gewisse Seelen, die sie trösten und denen sie helfen, in Freude die Peinen des Fegfeuers zu ertragen.42 Der Schutzengel erklärt mir:

Diese drei Heiligen kommen, um ihren Kindern beizustehen und sie zu trösten, die im Fegfeuer sind, das heißt die Seelen, deren Schutzpatrone sie sind und die zu ihnen eine besondere Verehrung gehabt haben. Die Kirche feiert heute43 deren Fest und aus diesem Anlaß kommen sie, um diese Seelen zu besuchen und zu trösten.

Sodann entschwindet alles meinem innern Auge. Ich befinde mich in einer starken Freude. Kurz danach findet die heilige Messe statt, in deren Verlauf ich noch in einem hellen Licht, das den Zelebranten und den Altar umhüllt, vielerlei Seelen sehe, wie sie sich diesem durch das Gebet anschließen und daraus zahlreiche Gnaden einsammeln. Da sagt mir der Engel:

Siehe, mein Kind! Die heiligen Seelen im Fegfeuer schließen sich der Liturgie der heiligen Kirche an, ihren Festen, ihren Gottesdiensten und ihren Gebeten. Es gibt im Fegfeuer so etwas wie eine große Liturgie, die innig mit der Liturgie auf Erden verbunden ist, wie diese wiederum auf die im Himmel hingeordnet ist. Aber die Liturgie im Fegfeuer ist vor allem Liturgie der Anbetung und der Sühne. Die Königin des Weltalls kommt, um diese heiligen Seelen an jedem ihrer Feste zu trösten, besonders aber wenn die Kirche ihre Unbefleckte Empfängnis und ihre glorreiche Himmelfahrt feiert. An jedem Tag, wenn die Kirche einen Heiligen feiert, geht er ins Fegfeuer, um jeder all seine Kinder zu trösten, die noch leiden. Jeden Tag kommen die Engel des Höchsten ins Fegfeuer als Boten der göttlichen Liebe für die heiligen Seelen. Das größte Fest im Fegfeuer ist Allerseelen am 2. November: die Seelen empfangen dabei unermeßliche Tröstungen und der Widerschein dieser großen Feier bringt Aufhellungen bis ins Große Fegfeuer hinunter. Die ganze heilige Kirche ist dann vereint in einem großen Fürbittgebet zugunsten aller Seelen im Fegfeuer, und alle ziehen Nutzen aus den Gnaden dieses Tages, sogar die Verlassensten, sogar die im Großen Fegfeuer: es ist das große Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen.

Gegen Ende der heiligen Messe, während ich in Danksagung verweile, sehe ich zahlreiche Seelen sich in die himmlische Herrlichkeit erheben, geleitet und umgeben von ihren Schutzengeln und zahlreichen Heiligen; vor Gottes Thron empfängt sie die seligste Jungfrau und führt sie gewissermaßen in den Himmel hinein, wobei sie ihnen die Pforte öffnet. Janua caeli, ora pro nobis! Du Pforte des Himmels, bitte für uns!

Unter diesen Seelen befindet sich die eines Priesters, dem die Engel mit Ehrfurcht ein Meßgewand und eine Stola anziehen, die aus feinem Gold gewoben sind; sein Schutzengel geht vor ihm her und hält einen Lilienzweig in der rechten Hand und einen mit roten Rosen geschmückten Zweig in der Linken. Ignatius von Loyola begrüßt als erster diesen Priester, sodann kommen, ganz strahlend von Himmelsherrlichkeit: Aloisius von Gonzaga und etwas zurück die Apostel Peter und Paul, der Papst Pius XII. und Theresia von Avila. Alle führen diesen Priester bis zur Jungfrau Maria hin: sie öffnet ihm lächelnd die Arme; er hebt das Antlitz zu ihr empor und er weist auf einen andern Priester hin, der noch im Fegfeuer weilt; schließlich treten alle in die himmlische Seligkeit ein. Der Priester, der im Fegfeuer geblieben ist — im Vorhof des Himmels —, nähert sich mir und sagt zu mir:

Willst du für mich beten, mein Kind? Es ist mein Bruder, der zu Gott hin fortgegangen ist mit den Heiligen, zu denen er eine besondere Andacht hegte. Wir sind zwei Brüder, wir haben uns gemeinsam Gott geweiht... Er ist vor mir gestorben, dann haben wir uns heute hier wiedergefunden. Dieser heilige Priester ist ganz strahlend, er zittert vor Glückseligkeit und spricht zu mir mit Herzlichkeit: Wie glücklich sind wir, wenn einer von uns in den Himmel geht! Es ist schon ein wenig die Ankündigung unsrer kommenden Befreiung. Und mein Glück ist noch größer, da es ja mein Bruder ist, er wird im Himmel für mich beten...

Was für prächtige Worte! Ich verspreche diesem Priester, daß ich für ihn beten werde, daß ich ihn nicht vergessen werde, und er sagt als Schlußwort:

Jeden Tag gibt es eine unaufhörliche Bewegung. Ohne Unterlaß kommen hier Seelen an, und andere gehen fort zum Himmel, besonders an den großen Festen der Kirche, und am Samstag, weil dies der Liebfrauentag ist, der Tag unsrer gütigen Mutter und Herrscherin. Alles ist Danksagung hier, vor allem aber eine große Sühneliturgie zur Wiedergutmachung für alle Sünden, die wir früher begangen haben... eine Liturgie der Liebe in Gemeinschaft mit der auf Erden und jener im Himmel.

Dann erlischt alles für mein inneres Auge. Mein Engel segnet mich. Ich bete, meine Seele ist in süßem Frieden.  

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In der Einheit des mystischen Leibes

Am Fest Maria Opferung im Tempel. Nach der heiligen Messe während der Danksagung sah ich, Feuergarben funkelnder Sterne sich aus einer Art dunklem Brunnenschacht erheben und in unermeßlicher Klarheit zum Himmel aufsteigen, in den sie eingingen, um darin einzutauchen. Mein Engel ließ mich verstehen, daß dies heute durch die liebe Muttergottes aus dem Fegfeuer befreite Seelen sind. Dann sah ich die Jungfrau Maria, sie stand in einem Lichtkranz, die rechte Hand erhoben, die linke zum Fegfeuer hinabgehalten; und das Blut Jesu, seines durchbohrten Herzens, ergoß sich als Strom des Lebens in das Herz Mariens und von dort floß es als Regen aus ihrer linken Hand über das Fegfeuer herab. Ich betrachtete sie staunend, wie sie für die Seelen im Fegfeuer betete, das heißt auf die Weise, wie die Heiligen für sie beten: indem sie diese nach einem Vorgang, der ihnen eigen ist, die Liebesanziehung des dreieinigen Gottes auf sie verspüren ließ. In der Herrlichkeit der Heiligen, die sie besuchen, um sie zu trösten, sehen die Seelen im Fegfeuer in einer machtvollen Liebesanziehung Gottes das, wonach sie streben, das, wozu sie eingeladen sind.

Es wurde mir gezeigt, daß diese heiligen Seelen die klare intellektuelle Einsicht ohne jede Anstrengung des Nachdenkens in die Vollkommenheit und die unübertreffliche Güte Gottes haben, was für sie wie ein sehr mächtiger Magnet ist: sie werden in einer feurigen Begeisterung auf Gott hin angezogen, nach dem sie verlangen, während sie daran leiden, ihn zurzeit noch nicht zu besitzen, und dieser Aufschwung wird gleichsam abgebremst oder gebrochen durch das Hindernis der Schuldenlast von der Sünde her, die sich in ihnen befindet; darin besteht ihre Liebesqual und diese Peinen des Verlangens nach Gott, die wie ein schrecklicher Hunger und Durst sind, es ist eine feurige Liebesqual in völliger Unterwerfung unter das reine Wollen Gottes. Denn diese heiligen Seelen, obwohl sie nach Gott hungern, werden von dem kaum ertragbaren Verlangen verzehrt, der Forderung seiner Gerechtigkeit genug zu tun und seine Heiligkeit zu verherrlichen. Es ist in der Tat ein äußerst schmerzhafter Zustand, und so stöhnen sie ganz sanft:

Bis wann wirst du mir dein Antlitz verbergen, o Herr? Befreie uns, o Gott, um deines Namens willen! (Ps 13,2; 79,9).

Ich habe diesen mystischen Hunger nach dem vorbehaltenen Gott verspürt, den nichts, wirklich nichts zu stillen vermag; es ist ein brennend heißes Verlangen, das allmählich immer stechender und quälender wird, das zugleich infolge der Erinnerung an Gott, an den man auf der Erde geglaubt und den man im Augenblick des besonderen Gerichts nur kurz in seiner Herrlichkeit geschaut hat, und infolge des Herannahens der Befreiung im höchsten Grad aufgereizt wird. Zusammen mit dieser schrecklichen Pein begründet die Strafe der Empfindung, die veränderlich ist in Form und Intensität ein unerhörtes Leiden der Liebe, ein Leiden, das nur sühnend keinesfalls verdienstlich ist, ein strenges Leiden, weil das Fegfeuer das Reich der göttlichen Gerechtigkeit ist, ebenso wie seiner Barmherzigkeit.

Mein Schutzengel hat mir auch gesagt, daß die seligste Jungfrau zum Beten für die heiligen Seelen im Fegfeuer aufruft: sie will, daß wir hienieden für diese heiligen Seelen beten beim Üben der Bruderliebe. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg hat sich die seligste Jungfrau kundgetan durch Erscheinungen in Heede in Deutschland als Königin des Weltalls und Herrscherin über die Seelen im Fegfeuer. Der Engel sagte mir, daß diese Erscheinungen echt sind und daß ich es schreiben darf, weil die Hierarchie zur Echtheit neigt und kein negatives Urteil über diese Geschehnisse vorgebracht wurde. Er hat mir über diese Erscheinungen auch gesagt, daß sie äußerst bedeutsam waren, daß die Jungfrau Maria sich mit dem Jesuskind in den Armen gezeigt hat, denn so geht sie oft ins Fegfeuer, um die leidenden Seelen zu besuchen: sie ist diejenige, die ihnen Jesus bringt und ihn schenkt, die Mutter und die Ausspenderin des Heils und des Lichtes. Bei dieser Gelegenheit habe ich die seligste Jungfrau zu den Seelen im Fegfeuer hinabsteigen sehen; diese sehen das Jesuskind nicht, aber sie beschauen es in Maria und nehmen seine Gegenwart wahr, was sie mit einem liebevollen Verlangen nach Einigung entflammt. Die Muttergottes besucht das Fegfeuer an jedem Samstag — ausgenommen in der Fastenzeit und während des Advents — und an ihren Festen. Sie erlangt die Befreiung zahlreicher Seelen für gewisse ihrer Feste, namentlich zur Unbefleckten Empfängnis, zur Aufnahme in den Himmel und an dem Tag, wo die ganze Kirche sie als Muttergottes feiert: auch zu Weihnachten gibt es viele Seelen, die aufgrund der Geburt Christi zur beseligenden Anschauung zugelassen werden. Die seligste Jungfrau schenkt den Seelen in reichem Maße Tröstungen und Ermutigungen; ich glaube, daß sie das Fegfeuer nicht sehr gern hat und daß, wenn sie es dürfte, es auf einen Schlag leeren würde: deshalb bittet sie uns ja auch, ihr durch unsere Gebete zugunsten dieser heiligen Seelen zu helfen. Der Engel hat mir über die Ereignisse in Heede gesagt, daß sie in Deutschland und nicht anderswo stattgefunden haben infolge des nahen Bevorstehens des Krieges, den Deutschland auslösen würde. Sie hat die Aufmerksamkeit des Volkes Gottes auf das Fegfeuer lenken wollen, damit jede treue Seele sich an ihre Worte erinnern könnte und für die Millionen und Abermillionen von Soldaten und Zivilisten, die in diesem Kriege sterben würden, beten könnte. Auf dieselbe Weise hat sie sich zur Königin des Weltalls erklärt, um zu zeigen, daß sie durch Gottes Willen diese Königsherrschaft über die ganze Erde und über alle Völker bekommen hat, — die bald Brudermörder werden sollten — und auch über den Himmel und das Fegfeuer. 44

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Maria legt Fürsprache ein

Ich konnte ein wenig Zeit finden, um meine Wünsche der Jungfrau Maria vorzubringen zum Anlaß des morgigen Festes.

In der Kirche habe ich auf den Knien vor ihrer Statue hinten im Heiligtum ganz spontan, wie ein Kind zu seiner Mutter, mit ihr geredet, und dieser Austausch hat sogleich meine Seele mit Freude erfüllt. Das ist gewiß kein Selbstgespräch, denn wenn man auch die Stimme der Jungfrau Maria nicht hört, und auch nicht ihre Antworten, so darf doch, wer zu ihr betet, versichert sein, daß sie ihn anhört und sogar ihm antwortet: sie spricht zur Seele ohne Wortgerede, auf eine unendlich sanfte, feinfühlige und innige Weise als die Mutter der schönen Liebe.

Dieses rein innere Zwiegespräch beschäftigte mich, als ich gerade vor mir in einem starken und plötzlichen Licht einige Meter vor mir ein packendes Bild sah: Jesus am Kreuz mit Strömen von Blut, die aus seinen heiligen Wunden hervorflossen, besonders aber aus seinem verwundeten Herzen als lange rote Bächlein. All dieses so kostbare Blut ergoß sich ohne Ende in das schmerzhafte und Unbefleckte Herz Mariens, wie ein einziger überreicher Strom. Die Unbefleckte Jungfrau stand am Fuße des Kreuzes und erhob die Hände zum Himmel in einer Haltung der Fürsprache: mit Licht umkleidet und mit Sternen bekränzt, betete sie still, das Antlitz war ein wenig traurig und sehr ernst.

Und ich sah dieses Blut sich in das Herz Mariens ergießen, ohne daß auch nur ein einziges Tröpfchen, ja ein einziges Teilchen davon verlorenging. Aus diesem Mutterherzen ergoß es sich in zwei breiten Strömen, der eine floß brausend auf uns, auf die Erde und die ganze Menschheit hinab, und der andere fiel sanfter als üppiger und erfrischender Regen auf das Fegfeuer. Dieser Anblick rief eine unsagbare Freude in mir hervor, und mein heiliger Engel sagte zu mir:

Maria legt Fürsprache ein.

Dann schaute ich ein anderes Bild. Die seligste Jungfrau stand vor Gottes Thron, der von einer feurigen Wolke umgeben war; ich sah in diesem Augenblick nur den Feuerschein, obwohl ich wußte, daß sie in sich den Thron Gottes barg. Maria erhob die rechte Hand zu Gott und senkte die linke zu uns hinab. Und von der Erde wurden durch die Engel Millionen von reinsten Weihrauchkörnern heraufgetragen, und diese legten sie unablässig in die linke Hand der Unbefleckten Jungfrau nieder; diese nahm sie entgegen und legte sie sodann in ihr Herz, das mir wie ein glühender Berg von reinstem Weihrauch erschien; und dieses Mutterherz war wie in einem Feuerherd und wurde unablässig verzehrt und nie zerstört, und auch nicht vermindert und erhob sich in Voluten wohlriechenden Rauches vor Gottes Thron.

Alle Weihrauchkörner von der Erde, welches unsere Anbetung und unsere Gebete sind, wurden von den Engeln bis zu diesem Mutterherzen gebracht; und dort werden sie in ihm und mit ihm verbrannt in den Flammen des glühenden und ewigen Feuerherdes der Liebe, welches das eucharistische Herz Jesu ist, die reine Liebesglut.

Und vom Throne Gottes her verteilte sich ein überfließender Lichtregen, der in die rechte Hand Mariens strömte und von dort in ihr Unbeflecktes Herz; dieses Licht wurde dann gemildert und mit den Regenbogenfarben versehen, ein wenig wie der Sonnenglanz gesiebt wird in die vielfältigen Lichter des Regenbogens, und es ergoß sich über die Erde wie ein breiter Lichtstrom, der die Heilige Kirche umflutet und auf jede Seele wie ein sehr sanfter Tau niederfällt. Ein Teil dieses Lichtes bewegte sich auf das Fegfeuer zu und troff reichlich auf jede der heiligen Seelen nieder, die sich dort aufhalten, wie ein duftender und erfrischender Regenguß, der sie gar sehr stärkt und erleichtert in ihrem Zustand der Reinigung. Das sind alles Gnaden, die der Herr über uns ausgießt durch das schmerzhafte und Unbefleckte Herz seiner heiligsten Mutter. Der Engel sagte von neuem:

Maria legt Fürsprache ein.

Schließlich habe ich die seligste Jungfrau an einem mit einem unbeflecktem Tischtuch bedeckten Tisch sitzen gesehen und dabei brachte sie ihr Herz als eine prachtvolle Schale aus reinem Gold dar, die mit süßem Nektar gefüllt war; sie lud jede Seele an diesen Tisch ein und gab ihr von dieser kostbaren Flüssigkeit zu trinken — sowohl den Seelen im Fegfeuer, wie auch denen auf der Erde. Sodann durfte jede Seele, die so gelabt wurde, ihrerseits von diesem erlesenen Getränk anderen Leuten bringen und sie an den Tisch herbeibringen. In meiner entzückten Seele wurde mir gezeigt, daß dies die Gabe der Einheit bezeichnet, Gabe, die aus dem eucharistischen Herzen Jesu hervorquillt wie ein lebendiger Quell und die uns durch die Jungfrau Maria, die Mittlerin aller Gnaden, mitgeteilt wird. Der Engel sagte zum dritten Mal:

Maria legt Fürsprache ein.

Dann erlosch alles für mein inneres Auge. Ich vollendete in großem Jubel des Danksagens mein Zwiegespräch mit der Jungfrau Maria, unsrer so liebevollen Mutter.  

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Monstranz der Wahrheit

Als ich mein inneres Gebet zu Ende führte, sah ich die seligste Jungfrau Maria in unermeßlicher Klarheit vor mir stehen, die Hände zum Himmel erhoben mit ihrem glanzvollen Herzen. Lichtfluten entströmten diesem Mutterherzen und flossen in drei breiten Strömen auf das Fegfeuer hinab, und die armen Seelen kamen, um daran ihren Durst zu löschen und sich darin zu baden. Ich begriff sehr wohl das Sinnbild, aber die Seelen im Fegfeuer hatten noch eine andere Haltung, die mich erstaunte: wenn sie am einen der klaren Flüsse tranken, wenn sie im zweiten badeten, wobei sie allerlei Freuden und Tröstungen daraus schöpften, so spiegelten sie sich in den Wassern des dritten Flusses, und das überraschte mich. Der Schutzengel zeigte sich meinem innern Auge und erklärte mir:

Diese heiligen Seelen finden nicht Gefallen an sich selber, sie bewundern im schmerzhaften und Unbefleckten Herzen Mariens das Abbild von der Heiligkeit Gottes. Wenn sie sich im Wasser, das aus diesem liebenden Herzen hervorgegangen ist, spiegeln, so sehen sie sich, wie sie sind: noch belastet mit den Folgen der Sünde, noch der Sühne bedürftig. Diese drei Ströme sind ein Bild: Die Unbefleckte Jungfrau ist die Monstranz der Wahrheit. Die heiligen Seelen im Fegfeuer wissen das, in Maria versenken sie sich in das Meer der Wahrheit, in Maria trinken sie die Wahrheit, in Maria bewundern sie die Wahrheit. Es sind dies die größten Tröstungen, die sie empfangen im Fegfeuer: nämlich in Maria, der Unbefleckten, die ewige Wahrheit staunend betrachten, von Maria, der Unbefleckten, die ewige Wahrheit empfangen. Dieser dreifache Strom dem Herzen unserer Königin entsprungen hat seinen Quellursprung im eucharistischen Herzen Jesu, der die ewige Wahrheit ist: Maria ist deren Mittlerin. Ihr, ihr wißt es nicht hinreichend. Aber die heiligen Seelen im Fegfeuer, die Bettlerinnen der Liebe sind, die arme nach Wahrheit Hungernde sind, die wissen es sehr wohl. Und im ewigen Herzen Mariens, das für die ganze Kirche offen steht, betrachten sie staunend, was ihr allzu oft vernachlässigt: das Geschenk der unendlichen Liebe.

Meine Seele verharrte im bewundernden Staunen. Ich blickte auf die seligste Jungfrau Maria und ich jubelte bei ihrem Anblick; und sie legte mit erhobenen Händen Fürsprache ein ohne Unterlaß für all ihre Kinder. Hienieden aber vernachlässigen wir das Geschenk unserer Mutter. Und der Engel schloß:

Maria schenkt euch Jesus. Ihr, ihr glaubt allzu oft, ihr wäret reich genug, weil ihr mit dem Sperrgut von euch selbst überfüllt seid, und dem Geschenk der Mutter schenkt ihr keine Aufmerksamkeit. Die heiligen Seelen im Fegfeuer hingegen, ja sie, die bedürftig und von sich selber losgelöst sind, sie empfangen mit unendlichem Dank Jesu Gabe in Maria.

Und alles erlosch vor meinem innern Auge, während Engel eine himmlische Harmonie sangen. Ich sagte Dank. O Jesus, der du in Maria lebst (als die ewige Wahrheit), rette uns!  

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Schatzmeisterin und Ausspenderin der Gnaden

Heute habe ich etwas sehr Trostvolles geschaut. Die seligste Jungfrau durcheilt die Welt und klopft an alle Türen, an alle Herzen all ihrer Kinder: manchmal wird sie gut aufgenommen und man gibt ihr etwas, Blumen, Kerzen, Tränen, Gebete; manchmal auch, leider gar oft, will man sie nicht empfangen, oder dann ist man eingeschlafen, wenn sie diskret und verschwiegen an unsere Türe klopft... Nicht die Hände streckt sie hin, sie öffnet ihr Herz, das von tausend Gaben der Liebe für uns überquillt und das auch alles entgegennimmt, was wir ihr schenken; und das auch oft durch unsere Fehler und unsere Schwächen verwundet wird.

Die seligste Jungfrau habe ich gesehen, die so auf dem Weg ist, um all unsere Geschenke und Gaben in ihrem Unbefleckten Herzen einzusammeln. Dann stellt sie sich vor den Thron der göttlichen Dreieinigkeit hin und zeigt ihr Herz, ganz voll von dem, was wir ihr gegeben haben; dann nimmt Jesus es entgegen, aber er schüttet wieder einen Großteil in das Herz Mariens zurück; er gießt nur Blut und Wasser, die aus seinem göttlichen Herzen entquollen sind, hinein. Maria geht dann weg mit einem von den göttlichen Gaben des Blutes und Wassers angeschwollenen Herzen zum Fegfeuer hin, über dem sie ihr Mutterherz öffnet: das Blut und das Wasser, das Jesus hineingetan, ergießen sich in wohltuendem Regenguß, Maria fügt ihre Tränen und ihre Liebe bei, und die Seelen empfangen dadurch un­ermeßliche Erleichterungen.

Sodann verläßt die seligste Jungfrau das Fegfeuer und ihr Herz ist vom Dank und den Gebeten der leidenden Seelen erfüllt, was sie Jesus darbringen wird: Er nimmt sie an und tauscht sie gegen das Blut und das Wasser aus. Dann kommt die seligste Jungfrau auf die Erde zurück zur streitenden Kirche, die wir sind, und gießt über uns das Wasser und das Blut aus. Dann durcheilt sie die Erdoberfläche, um Vorräte an Gebeten, Suffragien und guten Werken einzusammeln, um sie ihrem göttlichen Sohn vorzulegen und sie in Tröstungen und Gnaden für die heiligen Seelen im Fegfeuer verwandeln zu lassen...

Dieser Anblick hat mir eine unsagbare Freude bereitet. Es ist ein Bild, gewiß, aber es ist schön. Der Schutzengel hat sich mir gezeigt und hat gesagt:

Schau, wie unsere Königin euch liebt!

Sie ist die Schatzmeisterin und Ausspenderin der Gnaden, sie ist die große Gnadenvermittlerin. Verweigert ihr nie etwas: sie macht aus allem, was ihr ihr anvertraut, einen Schatz für die Heilige Kirche, was für die ganze Kirche nützlich ist, und was sich für euch in Liebesgaben verwandeln wird. Es gibt einen unaufhörlichen Liebesaustausch in der Kirche zwischen dem Himmel, dem Fegfeuer und der Erde, und die seligste Jungfrau befaßt sich aktiv mit diesem Liebesaustausch. Die Heiligen und wir selber nehmen gleichermaßen daran teil mit unsrer Herrscherin: doch sie bewirkt die Einheit, weil sie die Mittlerin der Liebe ist. Diese Dinge werdet ihr im Himmel verstehen, aber ihr müßt sie schon hienieden leben.

Und ganz strahlend entschwand er im göttlichen Licht und ließ mich in Danksagung zurück.  

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Die Heiligen und das Fegfeuer

Hochfest Allerheiligen, eines der Feste, die meiner Seele am teuersten sind. Staunendes Bewundern der Herrlichkeit Gottes in seinen Auserwählten, der Barmherzigkeit Gottes, dessen, wozu wir eingeladen werden. Am Ende der heiligen Messe ist mein Engel zu mir gekommen, der ich eben meine Danksagung am Muttergottesaltar beendete, und er zeigte mir etwas sehr Schönes; es war so etwas wie ein feuriges Schloß, das emporragte inmitten eines Lichtmeeres! Alles war so glanzvoll, daß ich oft die Augen abwenden mußte, während der Engel seinerseits mich unablässig dazu einlud, das zu bestaunen. Allmählich bekam ich die Gnade, leichter hinblicken zu können. Ich sah, daß dieses Lichtmeer zwei Ufer hatte: das eine ziemlich düster und glanzlos, schwer und grob ist unsere Erde hienieden; das andere unbeschreiblich, so sehr strahlt es von Licht, Pracht und Harmonie, ist der Himmel.

Es herrscht eine beständige Bewegung zwischen diesen beiden Ufern, und auch zwischen ihnen und dem Feuerschloß: Seelenverkehr, die zu hunderten, wenn nicht zu tausenden jeden Tag von der Erde kommen, um zum Himmel zu gehen — wenige gehen dort sofort hinein — oder um so etwas wie einen Zwischenhalt, der mehr oder weniger lang, mehr oder weniger schmerzvoll ausfällt, im Feuerschloß zu machen, von dem ich begriffen habe, daß es ein Bild für das Fegfeuer ist. Auch Engelverkehr, die unablässig in vollkommener Harmonie und Eile vom Himmel zur Erde und ins Fegfeuer gehen — und von der Erde zum Himmel und ins Fegfeuer, und vom Fegfeuer zur Erde und zum Himmel. Und sie tragen allerlei Dinge in ihren Armen.

Der Engel sagte mir, ich solle zum Himmel blicken. Alles ist da nur Harmonie und Pracht, Glück und Jubel, und Liebesekstase um das Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit und in ihm. Ich schaute die göttliche Dreieinigkeit auf einem Thron, aber sie war meinem Auge verhüllt durch eine so blendende Wolke, daß ich sogar Mühe hatte auf den Himmel hinzublicken; ich schaute die göttliche Liebe, wie sie sich in breiten Lichtfluten im Himmel, im Fegfeuer und auf Erden ausbreitete; und alle Geschöpfe wurden in diese Fluten unendlicher Liebe eingesenkt. Es schien mir, daß eine machtvolle Liebesanziehung von dort ausging, vom Thron der göttlichen Dreieinigkeit, eine Strömung starker und glühender, sanfter und milder Liebe, worin die ganze Schöpfung — ja sogar die Hölle — gewissermaßen festgehalten wird. Die Heiligen im Himmel liefern sich vorbehaltlos dieser Liebesanziehung aus, in einem ekstatischen Aufschwung, der sie beständig in Gott hineinwirft, der sich ihnen beständig in Fülle schenkt. Ich bin recht unfähig, darüber zu reden... So sind die Heiligen berufen, an dieser Liebesanziehung Gottes auf die Schöpfung Anteil zu nehmen, zu lieben, was Gott liebt, IHM dafür Ehre zu erweisen.

Dann sagte mir der Engel, ich solle das feurige Schloß des Fegfeuers ansehen, und ich habe gesehen, daß das ganze Fegfeuer unter dieser machtvollen göttlichen Anziehung der unendlichen Liebe steht, die gewissermaßen auf ihm lastet. Ich habe begriffen, daß die Pein des Fegfeuers darin besteht, mit Dankbarkeit diese große Anziehung der Liebe zu erdulden, ohne daß die heiligen Seelen zur Zeit ihr voll entsprechen können. Ich hoffe, daß man verstehen wird, was ich damit sagen will. Ich habe gesehen, daß die Heiligen mit dem ganzen Gewicht ihrer Liebe auf dem Fegfeuer lasten, aufgrund dieser Anziehung der göttlichen Liebe. Dieses Gebet der Erwählten für das Fegfeuer ist dieses Sich-Auswirken ihrer Liebe aufgrund der göttlichen Liebe, welches das Fegfeuer durchtränkt und in sich enthält. Denn da habe ich gesehen, daß das Gebet, die Liebe der Heiligen für das Fegfeuer ganz anders sind als jene, die wir hienieden für diese selben Seelen üben.

Ich sah inmitten aller Heiligen — als ihre Mutter und Königin — Maria, die Unbefleckte: auf ihrem Herzen beruht die ganze Anziehung der Liebe Gottes, ehe sie sich in Fluten über die ganze Schöpfung hin verbreitet, denn sie empfängt diesen Schatz aus dem eucharistischen Herzen Jesu, das sich in ihr Herz hinein verströmt, ehe sie sich gleichsam über die ganze Schöpfung ergießt. Und alle Heiligen umgeben ihre Mutter und Königin, die neben Jesus steht, und das ist ein ganz bewußt gewolltes Geheimnis, die Heiligen beten und legen Fürsprache ein im Himmel, vereint mit Maria, immer mit ihr und wie sie, ebenso wie sie immer mit Jesus und wie er wirkt. Sogar im Himmel, als Mutter und Königin, bleibt sie Mittlerin zwischen Gott und den Heiligen, Mittlerin der Liebe.

Die Heiligen legen auf verschiedene Weisen Fürsprache für die Seelen im Fegfeuer ein, und das wurde mir deutlich gezeigt. Zuerst indem sie sich in Liebe vereinen mit der göttlichen Liebesanziehung, die sich auf das Fegfeuer auswirkt. Dann durch ein Fürbittgebet, das sich mit dem der Jungfrau Maria vereint. Aber sie verdienen nichts im Himmel und können somit Gott keine Opfergabe an derzeitigen Verdiensten für die Seelen im Fegfeuer darbringen. Dann haben sie eine andere Art von Fürsprache, welches die Liebe zur Herrlichkeit Gottes ist. Sie bringen der göttlichen Dreieinigkeit ihre Heiligkeit dar, nicht als eine Sache, ein Gut, die ihnen als Eigentum gehören würde, sondern als Sieg der Liebe, eine Verherrlichung der Barmherzigkeit; und sie flehen zu Gott, wegen dieses Sieges und dieser Verherrlichung Christi in ihnen, doch bitte, die armen Seelen aus dem Fegfeuer befreien zu wollen, damit sie ihrerseits vollständig an dieser Verherrlichung im göttlichen Licht Anteil bekommen. Und dann wirken sie noch nach ihrer je eigenen Gnade: die heiligen Schutzpatrone zeigen Gott die Seelen, die ihnen anvertraut worden sind und die sich im Fegfeuer befinden, die ihn in sich selber verherrlicht haben durch ihre Gebete, durch ihr Leben, durch ihre Tugenden, ihre Beispiele, ja sogar durch ihre Nachahmung des Lebens ihrer Schutzpatrone. Die Heiligen handeln so für jede Seele, denn jede Seele hat ihren Schutzpatron. Das kann man sich in unsrer Religion vorstellen, aber es ist ebenso für die Ungläubigen und für die Gläubigen anderer Religionen, denn Gott in seiner unendlichen Güte vertraut die Seele von jedem dieser Kinder, was es auch sein mag, einem oder mehreren Heiligen an, die sie behüten und ihr beistehen. Die Gründer von Ordensgemeinschaften und die Heiligen, die dieselben berühmt gemacht haben, handeln ebenso für ihre geistlichen Kinder, und sie bringen Gott alle Gebete, Werke und Suffragien ihrer Kongregationen dar, wobei sie darum bitten, sie möchten diese geistlichen Familien im Himmel vereint sehen, um dort gewissermaßen einer gemeinsamen Liturgie der Verherrlichung Gottes zu obliegen. In der Tat bitten die Heiligen im Himmel Gott gemäß dem Worte Jesu: «Ut unum sind» «Daß alle eins seien» (Joh 17,21) im Himmel, im verherrlichten Jesus.

Ich habe gesehen, daß die Auserwählten manchmal von der Jungfrau Maria Suffragien erhalten, damit sie diese selber den Seelen überbringen, die sie im Fegfeuer besuchen, lindern, trösten, mit Liebe und Verlangen nach Gott entflammen gehen. Ich habe gesehen, daß im Himmel die Seelenführer für ihre geistlichen Kinder beten, die noch im Fegfeuer zurückbehalten werden, und umgekehrt; die Eltern für ihre Kinder, und diese für jene; die Staatsoberhäupter für ihre Mitbürger, und die Völker für ihre Obrigkeiten, die Eheleute für ihre Partner, die sich noch ihm feurigen Schloß befinden, die Freunde für ihre Freunde. Die in Gott hienieden eingegangenen Bindungen finden sich wieder in Gott zwischen dem Himmel und dem Fegfeuer. Das ist sehr schön, ja umwälzend. Doch die Blutzeugen beten für ihre Verfolger, die Betrübten für ihre Ausbeuter, die Unschuldigen für die Menschen, die ihnen auf Erden Leid zugefügt haben, die Armen für jene, die sie bedrückt haben, wie auch für jene, die ihnen geholfen haben. Und alle sagen:

Herr, durch sie haben wir Anteil an deinem Kreuz bekommen, und wir sind jetzt in deiner Herrlichkeit!

Das ist der große Sieg der Liebe: «Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern...» Tatsächlich nimmt Gott das Gebet eines Heiligen entgegen, um den Leuten zu helfen, die auf irgendeine Art zur Heiligung dieses Heiligen beigetragen haben und die noch im Fegfeuer sind. Zu dieser Äußerung wurde mir gezeigt, wie sehr das Gebet der Märtyrer für ihre Henker machtvoll ist.

Die Heiligen helfen uns und sie beten für uns, die wir noch hienieden sind. Aber sie besuchen auch das Fegfeuer, beten für die armen Seelen, ohne allerdings für sie genugzutun. Sie geben uns ein, für die Seelen im Fegfeuer zu beten; sodann sammeln sie diese Suffragien ein, die sie veranlaßt haben, sie stellen sie Gott vor für die heiligen leidenden Seelen. Ich habe zu diesem Punkt gesehen, wieviel Zärtlichkeit ein heiliger Schutzpatron für seine Kinder im Fegfeuer hegt, er regt jene auf Erden zum Beten und zum Opferbringen für sie an. So sah ich sehr oft Franz von Assisi in der Welt viele Männer und Knaben mit dem Vornamen Franz zum Beten für andere Leute im Fegfeuer, die Franz heißen, anstacheln und viele andere ähnliche Beispiele... Da sage ich aber allerlei Dinge, die ich nicht nur einige Male, sondern hundert, ja tausend Mal erfahren habe. Ich komme also zurück auf die Vision dieses Tages.

Im Himmel haben die Heiligen eine Riesenfreude, die Seelen im Fegfeuer zu sehen, weil sie wissen, daß sie gerettet und damit bestimmt sind, sich ihnen beizugesellen und ewig mit ihnen Gott zu verherrlichen. Die Heiligen betrachten voll Staunen in allen Seelen des Fegfeuers das Wirken der Barmherzigkeit Gottes, den göttlichen Sieg der Liebe und des Kreuzes; sie finden in diesen Seelen die Tugenden und die Liebe wieder, die sie gern gehabt, geübt und sogar angeregt haben, und sie jubeln in Gott. Gott gewährt ihnen vielerlei Anlässe zur Freude: er sendet sie, um das Licht seiner zärtlichen Liebe ins Fegfeuer zu bringen, oft zusammen mit der seligsten Jungfrau, der sie das Geleit geben; er sendet sie den Seelen entgegen zum Zeitpunkt ihrer Befreiung und gewährt ihnen oft sogar die Befreiung einer oder mehrerer Seelen an ihrem Namenstag dank aller Suffragien dieses Tages; die Gründer religiöser Orden bekommen dieses Privilegium besonders für ihre geistlichen Kinder.

Ich habe auch gesehen, daß Leute, die bereits im Himmel sind, und für welche die Angehörigen ihrer Familie und Bekanntschaft hienieden zu beten fortfahren, von Gott diese Gebete, diese Suffragien entgegennehmen, um darüber zugunsten der Seelen im Fegfeuer zu verfügen; und immer bringen die Heiligen sie der seligsten Jungfrau dar, überlassen ihr in jedem Augenblick das Verfügungsrecht über diese Gnadenschätze, weil sie ihre Königin und die Mittlerin ist; und Maria schmückt gleichsam diese Gaben mit ihrer Huld, bereichert sie mit ihrer zärtlichen Mutterliebe und gibt sie sodann diesen Heiligen wieder zurück, indem sie diese bittet, sie zur Linderung dieser oder jener Seele anzuwenden; Maria verwöhnt die Seelen im Fegfeuer. Schließlich wurde mir auch gezeigt, daß anläßlich einer Seligsprechung oder Heiligsprechung eines Dieners Gottes zahlreiche Seelen befreit werden, namentlich dessen Angehörigen, Verbündeten, aber auch dessen Gegner, ja sogar dessen Verfolger.

Als mir all das gezeigt wurde mit der Vision vom feurigen Schloß, lud mich mein Schutzengel ein, ohne Unterlaß für die armen Seelen zu beten, und er sagte zu mir:

Das Gebet und die Fürsprache der Heiligen für die Seelen im Fegfeuer fügen sich in den großen Ruf der Liebe des Himmels über das Fegfeuer, den brennend heißen Ruf ein, den die leidenden Seelen zu tiefst empfinden.  

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Die Engel und das Fegfeuer

An diesem Tag, wo wir für unsere Verstorbenen beten, hat der Herr von neuem meiner Seele das Feuerschloß zeigen wollen, das gestern mit Staunen betrachtet wurde. Mein heiliger Engel bei mir sagte zu mir:

Schau, Kind, schau die Engel Gottes an!

Da schaute ich die Engel an, die unablässig, während sie Gott anbeten, beständig zum Fegfeuer und zur Erde sich hinbegeben, und von der Erde zu diesen beiden Orten und so fort, in einem harmonischen Verkehr von erhabener Vollendung. Diese Engel tragen allerlei Dinge in ihren vorgestreckten Händen: Schalen, Blumen, Körbe... Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte und begnügte mich in Kontemplation und Gebet zu verharren. Mein himmlischer Beschützer erklärte mir:

Schau, die Engel sind die Boten Gottes, seine Gesandten im ganzen Weltall, die Bringer seines Lichtes und seiner Gnaden. Deshalb werden sie zu euch hin abgesandt und zu den heiligen Seelen im Fegfeuer. Bin ich nicht selber ein zu dir Gesandter? Was ist meine Sendung? Dich zu beschützen, dich auch zu unterweisen, deine Seele für die Wunder des Höchsten zu öffnen. Und dich zum Beten, zur Buße, zum Opfer, zum Üben der Tugenden anzuregen. Weißt du, daß ich, jedesmal wenn ich dich verlasse, — wenn du mich nicht mehr bei dir siehst —, einen Korb, den du gefüllt hast, zum Himmel wegtrage mit deinen Gebeten und guten Werken: mehr oder weniger voll je nach den Tagen... Und ich lege ihn nieder am Throne Gottes. Andere Engel stellen den Inhalt dieses Korbes der göttlichen Majestät vor: Weihrauchkörner, Sinnbild deiner Anbetung; Rosen, Sinnbild deiner guten Werke; ein sehr reines Wasser, Sinnbild deiner Leiden. Der Weihrauch wird vor Gottes Majestät verbrannt, was über euch das Erbarmen seines Innersten ausgießt. Die Rosen werden zu Girlanden geflochten, die den Thron der göttlichen Dreieinigkeit schmücken. Das klare Wasser wird in goldenen Schalen aufgefangen: Engel bringen es Maria, der Unbefleckten, dar, die ihm die Salbung ihrer mütterlichen Sanftmut beimischt und die uns dann hinschickt, um diesen wohltuenden Tau über die heiligen Seelen im Fegfeuer auszugießen.

Meine Seele war in tiefer Bewunderung, da sie diese Worte hörte, und der Engel zeigte mir in diesem Augenblick eine Schar himmlischer Geister, die damit beschäftigt waren auf der weiten Fläche der Erde allerlei gute Werke und Gebete in Silberkörbe einzusammeln. Bereichert mit den vielerlei Verdiensten der heiligen Kirche, sodann im Himmel mit der besondern Gnade der Jungfrau Maria geschmückt, kommen diese Körbe, die von der Erde mehr oder weniger voll weggingen, vor Gottes Thron immer überfließend mit einer Unmenge von Weihrauch, Rosen und klarem Wasser an. Das ist umwerfend.

Dann sah ich andere Engel, die von den heiligen Seelen im Fegfeuer Schalen mit Narde oder einem ähnlichen Duftöl entgegennahmen. Mein Engel sagte zu mir, daß diese Bilder das Gebet und die Hingabe der leidenden Seelen an den Willen Gottes versinnbilden, wodurch sie die göttliche Dreieinigkeit verherrlichen. Diese Schalen, mit ihren unterschiedlichsten und schönsten Gestalten werden von den Engeln im Angesicht der göttlichen Majestät niedergelegt. Und so sah ich, daß jedes Gebet, das sich vom Fegfeuer erhebt, wie jedes Gebet und jeder Verdienst, die von der Erde aufsteigen, eine einzige Bestimmung haben: den Thron von Gottes Herrlichkeit. Alles strömt dort zusammen, jedes Gebet der streitenden und der leidenden Kirche vereint sich mit dem des Himmels in einer gemeinsamen Liturgie der Anbetung und des Dankes. Ich sah auch Engel, die von der Erde zum Fegfeuer gingen, ohne durch den Himmel zu gehen, wenn ich so sagen darf, und auch das Umgekehrte. Da ich darüber erstaunt war, erklärte mir der Engel:

Die Engel, die von der Erde zum Fegfeuer gehen, sind Schutzengel, wie ich: sie begleiten die geretteten Seelen zum Läuterungsort. Denn das besondere Gericht der Seele findet am Ort des Todes gewissermaßen auf der Erde statt und nicht im Himmel, der nur für die vollkommen gereinigten Seelen aufgeht. Was die Engel betrifft, die vom Fegfeuer zu euch gehen, das sind eure Schutzengel für euch Pilger, die kommen, um euch zum Beten für diese heiligen Seelen anzuregen, euch an eure Pflichten gegen jene zu erinnern, an ihre Leiden und ihre Nöte. Deshalb siehst du nichts in ihren Händen.

Tatsächlich trugen diese seligen Geister nichts, sie hielten ihre Hände über der Brust gekreuzt. Ich sah Seelen, die in jedem Augenblick zum Fegfeuer hingingen in Begleitung ihrer Schutzengel. Ich habe gesehen, daß das Fegfeuer ganz von Engeln umstellt ist, und mein Schutzengel erklärte mir:

Das sind die Schutzengel der heiligen Seelen, die noch im Fegfeuer sind: sie beten für sie, wie dies die Heiligen tun, und manchmal bekommen sie vom Höchsten die Sendung, sich diesen armen Seelen kundzutun, um sie zu trösten, sie in der Hoffnung anzustacheln, ihnen einen Abglanz der ewigen Glückseligkeit zu bringen, zu der sie berufen sind und nach der sie streben in glühendem Verlangen der Liebe und unter Seufzen.

Sodann sagte mir mein guter Engel, ich solle den Himmel anschauen, und indem ich auf den Himmel blickte, würde ich alles sehen. Ich erhob die Augen zur Pracht des Himmels. In der Mitte sah ich einen Thron von goldigem Licht, mit einer blendend weißen Wolke verhüllt; und inmitten dieses Thrones gleichsam ein schlagendes Herz, das strahlte wie von Gold und Feuer zugleich, gezeichnet mit einer breiten Wunde in Kreuzesform, aus der hervor drei endlose Ströme hervorfließen: der eine aus kristallklarem Wasser, der andere aus hochrotem Blut, der dritte aus Feuer oder Licht, Ströme die ihre Fluten miteinander vermischten und im ganzen Weltall vergossen, ohne je zu versiegen, wobei sie die ganze Schöpfung umfluten und durchtränken und alle Geschöpfe neu beleben. Es ist das eucharistische Herz Jesu, mein ganzes Wesen erschaudert vor Freude und Ehrfurcht vor diesem großen Geheimnis.

Vorn vor diesem Herzen und außerhalb des Thrones und der Wolke sah ich ein anderes Herz, wie einen glänzenden Kristall, in welchem der Fluß mit den drei Wogen seine Fluten zusammenlaufen ließ, indem er sich dahinein ergoß wie in ein unvergleichliches großes flaches Becken, ehe er im ganzen Weltall niederrieselte: es ist das schmerzhafte und Unbefleckte Herz Mariens. Rund um dieses Herz standen Scharen von Engeln betend und einer Stimme, die vom Thron Gottes herkam, gehorchend, und fügten Rosengirlanden zusammen und flochten duftende Zierden hervorragend an Frische und Farben, um damit das Herz der seligsten Jungfrau zu schmücken. Mein Engel sagte zu mir:

Diese Engel sind himmlische Geister, die der Höchste um die Unbefleckte vereint, um ihr zu dienen, sie zu verherrlichen, sie mit einem strahlenden, willfährigen Gefolge zu umgeben. Einst waren sie Schutzengel, aber die Leute, mit denen sie beauftragt waren, wurden verdammt... sind in der Hölle auf ewig... Sooft ein Sünder verlorengeht, kommt sein Schutzengel, um das Gefolge der Herrlichkeiten Mariens zu vergrößern.

Dann sah ich etwas sehr rührendes: sooft ein Schutzengel einen Korb vor den Thron der göttlichen Majestät hinbringt, nimmt ihn ein anderer entgegen und übergibt ihm im Tausch eine goldene Schale und eine Silberschale, beide an der Gnadenflut angefüllt, die aus dem eucharistischen Herzen Jesu in der Himmelsmitte hervorfließt. Der Engel hält diese Gefäße sodann der seligsten Jungfrau hin, die sie ein wenig mehr auffüllt, während die Heiligen auch ihre Gabe hinzufügen, welches ihr mehr oder weniger großes Fürsprachevermögen ist, je nachdem ob sie mehr oder weniger angerufen werden, oder daß es zum Beispiel ihr Namenstag ist. Der Engel mit den Schalen verneigt sich vor der seligsten Jungfrau, dann geht er zuerst wieder zum Fegfeuer hin, auf das er den Inhalt der Goldschale ausgießt, der sich als erfrischender, wohltuender Regen verteilt, dann zur Erde; dort übergibt er seine Silberschale, die ich immer voll sehe, einem großen Engel, den ich neben dem Heiligen Vater sehe, es ist der heilige Michael.

Der heilige Michael gießt sodann den Inhalt der Schale über die heilige Kirche aus und diese, die jede Gnade und jede Wohltat von Gott empfängt, verteilt und verbreitet sie unter die ganze Menschheit. Sogar die geheimsten und die verborgensten Gnaden, die eigentümlichsten und die außerordentlichsten gehen durch die Mutter Kirche. Das ist ein großes Geheimnis der Liebe. Mein Schutzengel spricht zu mir vom heiligen Michael mit einer ungeheuren Ehrfurcht, auch mit großem Eifer:

Michael ist unser Anführer, der Fürst der himmlischen Heere. Der Allerhöchste selber hat ihn auf diese Stufe gesetzt über allen andern Engeln, an die Spitze der ganzen Engelshierarchie. Er ist der Engel der Herrlichkeit Gottes, und alles, was mit dieser Herrlichkeit zu tun hat, betrifft ihn: deshalb ist er auch der weiße Ritter Mariens, unsrer unbefleckten Königin, des Meisterwerks der Herrlichkeit Gottes. Daher ist er der Verteidiger und Beschützer der Heiligen katholischen Kirche, deren Sendung es ist, Gott die Ehre zu erweisen. Darum ist er auch der Engel des Gerichtes und der Engel der Seelen im Fegfeuer: er ist immer beim besondern Gericht anwesend, er steht den Sterbenden bei zur Ehre Gottes, indem er ihnen hilft, den letzten Streit mit dem Drachen auszutragen, der sich in diesem furchtbaren Augenblick entfesselt und brüllt. Michael geht auch unsrer unbefleckten Königin voran, wenn sie die heiligen Seelen im Fegfeuer besucht, wenn sie die befreiten Seelen zum Himmel hinführt: dann ist er es, der die Heiligen zu ihrer Wohnung begleitet. Weißt du auch, daß Michael immer der Unbefleckten vorangeht, wenn sie euch hienieden besuchen kommt? Er ist immer anwesend bei den marianischen Erscheinungen, auch dann, wenn seine Anwesenheit von den Sehern nicht wahrgenommen wird.

Er schwieg, und ich betrachtete von neuem den Himmel. Ich sah Engel, jene, die vom Fegfeuer herkamen mit den Nardeschalen: sie übergeben sie genau wie die andern himmlischen Geistern, die ihnen dafür eine goldene Schale geben, welche an der Flut der göttlichen Gnaden gefüllt wurde. Und dann werden diese Schalen von den Engeln zum heiligen Michael gebracht, welcher deren Inhalt in die Heilige Kirche ausgießt. Mein Behüter sagt mit Ernst:

Das sind die Gebete der heiligen Seelen im Fegfeuer für euch, die ihr noch auf der Erde seid. Wenn ihr wüßtet, wie sehr euch diese heiligen Seelen lieben! Sie haben nur einen Wunsch, daß ihr gerettet werdet, und daß ihr das Fegfeuer vermeidet, diese furchtbaren Leiden, die sie kennen, weil sie diese selber erfahren. Dieses brennende Verlangen für euch ist von ihrer Seite einfach eine liebevolle Absicht, Gott in allem verherrlicht zu sehen. Betet für diese heiligen Seelen, die für euch beten! Legt eure Gebete der Jungfrau Maria, der Schatzmeisterin des Himmels, vor: sie wird sie als stärkenden, trostvollen Tau über diese leidenden heiligen Seelen ausgießen, oder sie wird sie Heiligen anvertrauen, die dann darüber so verfügen können für die Seelen, die ihnen anvertraut sind. Kein Gebet geht jemals verloren: oft beten Leute hienieden für allerlei Dinge, und Gott befiehlt, daß man ihre Gebete zugunsten der Seelen im Fegfeuer verwende, und oft zugunsten von Seelen, bei denen diese Leute durch ihren schädlichen Einfluß, ihr Ungeschick, ihre unüberlegten Worte dazu beigetragen haben, daß sie ins Fegfeuer gehen mußten! Das ist eine Art von Wiedergutmachung, die Gott beim Ausüben seiner Gerechtigkeit gewissen Seelen im Fegfeuer verschafft.

Dann zeigte mir der Engel noch etwas: Seelen kamen von hienieden, gingen ins Fegfeuer, um sogleich wieder hinauszugehen und sich strahlend zum Himmel emporzuschwingen. Das erfüllte mich mit Verwunderung und mein Engel erklärte mir ganz glücklich:

Diese heiligen Seelen, die kaum durchs Fegfeuer hindurchgehen, nennen wir «Blitzseelen»: man hat gerade Zeit, sie durchs Fegfeuer fahren zu sehen, wo sie rasch ins Feuer eintauchen, sich schnell in die Läuterung versenken, dann treten sie sogleich ins himmlische Jerusalem ein.  

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Ihr wißt nicht, was das Fegfeuer ist

Als ich das Beten des Rosenkranzes für die Seelen im Fegfeuer beendete, zeigte sich vor meinem Innern Auge mein Schutzengel; er warf sich anbetend nieder, um mit mir das «Ehre sei» zu beten, dann, als er sich wieder aufgerichtet hatte und während er seine Hände über dem Kreuz hielt, das seine Tunika schmückt, sagte er sehr ernst zu mir:

Fahre fort so zu beten, Kind, und laß um dich herum beten für diese armen und heiligen Seelen, die leiden. Ihr wißt nicht, was das Fegfeuer ist, und auch nicht, wie viel die armen Seelen dort leiden müssen.45 Und so viele unter ihnen sind verlassen... Wenn jedermann wüßte, was das Fegfeuer ist, so würde es in kurzer Zeit geleert aufgrund der Gebete und inständigen Bitten! Und wie würde euer Lebenswandel dadurch verändert! Aber viele unter euch verhüllen sich das Gesicht, ihr wollt euch nicht die Zeit nehmen, Gott darum zu bitten, er möge euch über dieses große Geheimnis aufklären und euch mit Mitleid mit diesen armen Seelen erfüllen. Das Fegfeuer ist kein Märchen, es ist eine Wirklichkeit, die viele erfahren müssen. Wenn ihr seine Existenz leugnen wollt, lauft ihr Gefahr, dort einen langen Aufenthalt zu bekommen, und sogar ewig verlorenzugehen. Wenn ihr es nur mit eurer Einbildungskraft betrachtet, so besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, daß ihr dessen grausame Erfahrung machen werdet.

Diese Worte ließen mich erzittern. Der Engel verstummte, blickte mich mit beeindruckendem Ernst an, während er seine Hände gekreuzt hielt, ganz blendend von einem grellen Licht. Ich betete mit ihm, dann fragte ich ihn, was Jesus von mir wolle in dieser Hinsicht, von mir, wo ich doch so arm und elend bin! Da breitete der Engel sehr langsam seine Hände aus, die zum Teil das Kreuz verbargen, und er zeigte es mir mit der Rechten, während er mit seiner Linken auf seinen Gürtel hinwies, der violett ist. Und er sagte:

Du weißt es ja: Beten, Buße tun, dich in der Stille heiligen und deine Standespflichten erfüllen, und all das für diese heiligen Seelen aufopfern. Du sollst ebenfalls deine nächsten Angehörigen und deine Freunde zum Beten für die Seelen im Fegfeuer anregen, und die Priester, die du kennst, bitten, über dieses allzu sehr vernachlässigte Geheimnis zu predigen. Fürwahr, ihr wißt nicht, was das Fegfeuer ist; wenn ihr es wüßtet, würdet ihr euch mit mehr Ernst um euer ewiges Heil bemühen, und euch mehr anstrengen, durch euer Beten die Befreiung dieser Seelen, die so sehr leiden, zu erlangen.

Nachdem er diese Worte gesagt hatte, kreuzte der Engel wieder seine Hände, dann entschwand er.  

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Aus Liebe die Stunde der Begegnung beschleunigen

Als ich gerade meine Betrachtung beendete, stellte sich der Schutzengel vor mein inneres Auge und sagte ernst:

Die Zeit, die euch auf Erden gegeben wird, soll euch dazu dienen, die Begegnung mit Gott vorzubereiten, das Sich-wie-der-Finden mit eurem Vater. Wenn ihr dies wahrhaftig verstehen würdet, gäbe es kein Fegfeuer, weil die Seelen alles täten, um zum Zeitpunkt dieser Begegnung bereit zu sein.

Aber da der Herr eure Schwäche kennt, hat er es erschaffen, denn er will uns ja retten... Als Antwort auf diese Bemerkung, die ich formulierte, fuhr der Engel fort:

Das Fegfeuer ist von Gott erschaffen worden. Es ist ein Meisterwerk seiner unendlichen Barmherzigkeit. Doch wenn die Seelen sich die Mühe nähmen, so brauchten sie diese Zusatzgnade nicht mehr, und das Fegfeuer würde mangels an Bedarf verschwinden! Die Seelen sind es, die das Fegfeuer beibehalten, weil sie zum Zeitpunkt der Begegnung nicht bereit sind. Wenn ihr ans Ziel eures Lebens gelangtet, von jeder Sünde rein gewaschen und nachdem jede Sündenschuld auf Erden abbezahlt wurde, gäbe es kein Fegfeuer mehr, weil ihr geradewegs in den Himmel kämet.

Gott kennt uns, und er weiß leider nur zu gut, daß es auf dieser Erde immer arme Sünder geben wird... Der Engel ergriff wieder das Wort:

Ihr solltet euch anstrengen, um alles in die Tat umzusetzen, damit ihr das Fegfeuer vermeidet und nach eurem Tode geradewegs in den Himmel kommt. Wenn ihr wüßtet, was das Fegfeuer ist, würdet ihr alles tun, um es zu vermeiden und ihr wüßtet eure Zeit auszunützen, die euch gewährt wird, um aus Liebe die Stunde der Begegnung mit Gott zu beschleunigen.

Ich bat ihn sodann, mir zu sagen, was notwendig ist, damit es einem gelingt, den Zeitpunkt dieser Begegnung mit Gott zu beschleunigen, um so nach dem Tode das Fegfeuer vermeiden zu können. Er erklärte mir:

Lieben muß man, sich ganz der göttlichen Liebe ausliefern, sich durch die Liebe umwandeln lassen, bis man zu einem vollendeten Werkzeug der Liebe wird. Weißt du, wie man dahin gelangt? Indem man sich in allem dem reinen Willen Gottes übergibt, indem man sich bemüht, in allem die Forderungen dieses reinen Willens, der Liebe ist, zu erfüllen. Darin besteht die Vollkommenheit, die von euch gefordert wird, und worin ihr euch nur noch um eins bemüht: um die Verherrlichung Gottes, der die Liebe ist.

Die Ehre der göttlichen Dreieinigkeit darf eure einzige Sorge sein und ihr müßt dazu euer ganzes Leben in der Liebe vereinheitlichen. Euer ganzes Leben muß der göttlichen Liebe übergeben werden und in ihren geringsten Aspekten auf die Ehre Gottes ausgerichtet werden: dazu muß man mehr beten als reden, mehr in der Liebe wirken als große Reden schwingen, sich im Schweigen und in der Demut verwurzeln, um den Glauben und die Hoffnung wachsen zu lassen; nur auf Gott schauen, und Gott in den andern, um dahin zu gelangen, sich selber ganz zu vergessen und so die Gnade erringen, alles nur im Licht des Glaubens, im Dynamismus der Liebe und im Maß der Hoffnung zu tun. Weißt du, was einer der größten Irrtümer gewisser Seelen ist? Sie wollen um jeden Preis das Fegfeuer vermeiden und sie behaupten manchmal voreilig, daß sie alles tun werden, um direkt in den Himmel zu kommen. Aber sie werden von der Furcht getrieben und nicht von der Liebe angeregt, sie handeln mehr für sich selber als im Hinblick auf die Ehre Gottes allein.46 Verstehe richtig, was ich dir jetzt sage: das einzige Mittel, das Fegfeuer zu vermeiden, besteht nicht darin, alles zu tun, um es zu vermeiden, sondern vielmehr alles zu tun, um in den Himmel zu kommen47, das heißt sich unermüdlich um seine eigene Vollkommenheit und sein Heil bemühen, indem man sich total der unendlichen Liebe Gottes ausliefert, indem man sich in allem seinen Forderungen anpaßt, indem man nur die Ehre Gottes im Auge behält: alles andere krankt an Eitelkeit.

Das alles war sehr streng, nachsichtslos und manchmal recht schwierig zu verstehen, und ich bat meinen heiligen Engel, mir insbesondere zu erklären, was er unter dem Ausdruck etwas «im Maß der Hoffnung zu tun» verstehe. Er gab mir dazu folgenden Kommentar:

Eine Seele, die im Maß der Hoffnung wirkt, ist eine Seele, für welche die Hoffnung nur einen Gegen­stand kennt: Gott. Die Hoffnung ist ein demütiges, vertrauensvolles Warten auf den ewigen Besitz Gottes; und diese Hoffnung ist maßvoll, wenn sie auf eine einfache, heitere Weise, und auch auf wahrhaftige und wirksame Weise geübt wird: sie löst die Seele von den irdischen Gütern und von allen eitlen Vergnügen und Befriedigungen los; sie weckt in der Seele große Wünsche nach Heiligkeit, sie entfaltet sich in kindlichem Vertrauen auf Gott im Verlauf eures irdischen Lebens, und in Beharrlichkeit bis ans Ende in eurer Todesstunde; aber es gibt Seelen, die meinen, sie übten die Hoffnung, während sie in der Anmaßung versinken oder sich in flüchtige Träumereien verlieren, wobei sie ihrer Einbildungskraft freien Lauf lassen, zumal hinsichtlich dessen, was die Letzen Dinge betrifft.

Ich nahm diese Unterweisung mit Freude und Frieden entgegen und meine Seele war dem Herrn für so viele Gnaden dankbar. Sobald mir der Engel dieses erklärt hatte, fuhr er fort:48

Wenn ihr auf die Letzten Dinge zu sprechen kommt, verliert ihr gar oft eure Zeit in fruchtlosen Diskussionen, in gewagten Spekulationen, oder in engstirnigen und falschen Überlegungen: in leerem Geschwätz! Eine sehr große Diskretion ist da am Platz: oft gibt man der Einbildungskraft zuviel Bedeutung, weil sie ein Gerüst für Himmel, Fegfeuer und Hölle aufschlägt, wie man ein Theaterdekor aufstellen würde! Ihr könnt nicht wissen, was das Fegfeuer ist: es ist besser, länger auf der Erde zu bleiben, und mit Liebe und Gelassenheit die schlimmsten Übel zu leiden als auch nur eine Stunde ins Fegfeuer zu gehen. Eine Stunde im Fegfeuer ist schrecklich, und viel viel länger als ein Jahr mit den größten Leiden auf Erden; und die abscheulichsten Schmerzen in eurem Leben auf Erden sind ein Balsam neben denen, welche die armen heiligen Seelen im Fegfeuer erdulden! Ja, die Leiden im Fegfeuer sind schrecklich, sie sind unvergleichlich größer als alles, was ihr auf Erden erleiden könnt: aber man darf sie nicht vergleichen, denn sie gehören zwei verschiedenen Ordnungen an. Und bedenke, daß der größte Teil der Seelen dreißig oder vierzig Jahre im Fegfeuer bleiben müssen! Du begreifst nun, wieviel man für sie beten muß...

Der Engel schwieg, dann entschwand er vor meinem Innern Auge.  

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Dritter Teil

Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht

«So ist es,

nachts leide ich für die Seelen im Fegfeuer,

und am Tag für die Bekehrung der Sünder (...).

Das Üben des Gebetes für die Befreiung aus dem Fegfeuer ist nach dem für die Bekehrung der Sünder Gott am meisten wohlgefällig.»

Der heilige Pfarrer von Ars  

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Seid nicht neugierig

Das sind die Worte, die eine Seele am Ende einer langen Belehrung, die der Herr ihr gestattete, mir über das Fegfeuer zu erteilen, an mich richtete; sie sühnte dort seit langem schwere Fehler, und bekam die Befugnis, sich mehrmals mir kundzutun, damit ich für sie bete und für ihre Befreiung beten lasse. Sie sagte folgendes zu mir:

Versucht nicht, den Plan der göttlichen Gerechtigkeit zu erforschen! Viel zu viele Menschen stellen sich die Frage über die Zahl der Auserwählten, aber sie begeben sich damit auf Irrwege. Gottes Urteil ist gar nicht vergleichbar mit dem der Menschen, und viele werden am Tag des Gerichts überrascht sein, Seelen gerettet zu sehen, die von einer falschen Vorstellung der göttlichen Gerechtigkeit zum Verlorengehen verurteilt worden wären, und Seelen verdammt zu sehen, die man manchmal für Heilige hielt! Seid nicht neugierig! Betet für uns, die wir eurer barmherzigen Hilfe und aller wohltätigen Suffragien, die ihr für uns erlangt, so sehr bedürfen. Wisset wohl das Folgende, und macht daraus eine strikte Regel: Es gibt gewiß viel mehr gerettete Seelen als verdammte infolge der unendlichen Barmherzigkeit Gottes. Aber man muß für die Verstorbenen immer beten, wie glänzend ihr Ruf der Frömmigkeit, ja der Heiligkeit gewesen sein mag. Nur in einem Punkt könnt ihr sicher sein, eine Seele, die selig gesprochen wurde, ist im Himmel. Für alle andern, und sogar für nicht wenige «Diener Gottes» ist das nicht eine allgemeine Regel, viele sind noch im Fegfeuer und leiden qualvoll. Denn man spottet nicht über Gottes Gerechtigkeit! Je nach dem wie der Herr es dir erlauben wird, zögere also nicht, für die Seelen zu beten, deren Seligsprechungsprozeß eröffnet wurde: mehrere sind bei uns, und diese Gebete werden ihnen Hilfe und Trost sein. Gelobt sei Jesus Christus, unser milder Heiland!

Die Seele entschwand bei dieser Anrufung. Ich war ein wenig traurig, aber raffte mich ziemlich rasch wieder auf, indem ich alles überdachte, was mir gesagt worden war. Und bei all diesen Dingen ist das Wichtigste, mit Vertrauen zu beten, ohne je etwas wissen zu wollen oder noch schlimmer es sich auszumalen.

Es wurden mir noch während dieses ganzen Tages zahlreiche Seelen gezeigt, die in die Ewigkeit eingingen: zum größten Teil ins Fegfeuer, aber leider auch viele, die in den Abgründen der ewigen Verdammnis untergingen! Ich sage nichts darüber, weil dieses furchtbare Mysterium der Hölle ein Geheimnis Gottes bleibt. Ich habe alle diese Seelen wie einen üppigen Regen niedergehen sehen, und unter allen — wo es doch tausende sind — ging eine einzige geradewegs in den Himmel ein, die eines kleinen Kindes, sie war ganz lichtvoll, es hat im Alter von zwei oder drei Jahren sterben müssen. Sein Schutzengel trug es in seinen Armen, und fuhr mit ihm zum Himmel hinauf und am düstern Himmel ließ er einen langen Schweif regenbogenfarbigen Lichtes zurück. Es gab tausende von Kinderseelen, die trotz ihrem kindlichen Alter durch das Fegfeuer gehen mußten, wobei sie es nur streiften, aber hindurchgehen mußten sie... Und viele Kleinkinder gingen wie kleine Engel zum Limbus der Kinder.49

Unter den Seelen, die ins Fegfeuer gegangen sind, sah ich wahrlich Leute jeden Alters und aus jeder Stellung: Kinder, sogar sehr kleine — fünfjährige und noch jüngere —, Erwachsene, aber auch Jugendliche und selbstverständlich auch Betagte. Ich sah da Priester und Ordensleute, Nonnen und Politiker, Arbeiter, Künstler, Reiche und Arme, von allem. Das bringt einem wirklich aus der Fassung. Ich habe im Fegfeuer mehrere Angehörige aus meiner Familie gesehen. Und auch allerlei Leute, die ich früher gekannt habe, und das hat mir zugleich einen heftigen Schmerz und für manche eine tiefe Erleichterung verursacht... Die Pläne Gottes sind unergründlich, und man täuscht sich oft gar sehr, wenn man vermessen mutmaßen will über das ewige Los von Leuten, die man manchmal sogar recht gut gekannt hat: Die Urteile des Herrn sind nicht mit den unsern vergleichbar! Denn er urteilt in seiner unendlichen Weisheit, und wir nach unsern menschlichen, oft sehr beschränkten Ansichten.

Es wurde mir auch noch gezeigt, daß Heilige, die offiziell heiliggesprochen wurden, durch das Fegfeuer hindurchgegangen sind, und ich habe die große Freude gehabt, andere kennenzulernen, die geradewegs in den Himmel gegangen sind; aber diese sind wirklich seltener als die ersteren, und man täuscht sich gewaltig, wenn man sich einbildet, daß die Barmherzigkeit Gottes mit einer Art empfindsamem Paternalismus verglichen werden darf, der für alles Entschuldigungen und Rechtfertigungen findet. Ach nein, fürwahr, es ist wirklich nicht so! Beten, beten, beten...

O Herr, erleuchte meine Seele und leite mich nach deinem Willen! O Maria, lehre mich die göttliche Dreieinigkeit zu verherrlichen!  

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Leute aus allen Ständen und jedem Alter

Nachdem ich die Gnade gehabt hatte, einige Augenblicke des Morgens dem Gebet für die heiligen Seelen im Fegfeuer zu widmen, beendete ich eben den Rosenkranz, als sich ein heftiges Licht meinem innern Auge zeigte. Mein Schutzengel stand neben mir, er nahm Weihwasser und gab mir davon, das ich auf dieses befremdliche Licht sprengte: dieses öffnete sich und ich stellte fest, daß es das Fegfeuer war. Ich habe so etwas wie einen unbeschränkten, grenzenlosen Ort gesehen, dessen einzige Begrenzung das Kreuz war! Ich nahm dann tausende und abertausende von Seelen wahr, die in ihre Strafe, in das Feuer der göttlichen Liebe versunken waren: es sah aus wie ein Brandherd, dessen Hitze allein der Blutstrom des geschlachteten Lammes mildern kann wodurch den armen heiligen Seelen Stärkung und süße Empfindung gebracht wird. Der Engel sagte zu mir:

Durch die Opfergabe heiliger Messen auf ihre Meinung kann man am wirksamsten den Seelen im Fegfeuer helfen.50 Aus diesem Grund gibt es in der heiligen Messe das Gedächtnis der Verstorbenen, wodurch die Einheit des geheimnisvollen Leibes als Ganzes unterstrichen wird und das euch zum Beten auf ihre Meinung auffordert, eine Pflicht des Zelebranten aber auch der Gläubigen. Die heiligen Seelen im Fegfeuer haben ein Anrecht auf euer Gebet, auf das liturgische Gebet wie auf das persönliche innere Beten. So hat es der Höchste gewollt und festgelegt.

Sodann befand ich mich diesen Tausenden von Tausenden an Seelen: einem so großen Volk gegenüber. Ich sah, daß es da Leute aus allen Ständen, aus allen Nationen, aus jeder Epoche, aus jedem Alter gab. Ich sah Große dieser Welt und Geringe (nicht an Tugend, aber von der sozialen Stellung her: denn Demütige im übernatürlichen Sinn des Wortes gibt es im Fegfeuer keine). Ich sah Kinder und Greise, Gatten und Gattinnen, Ordensmänner und Ordensfrauen, Jugendliche, Könige, Bauern, Arbeiter, Arme und Reiche, auch Bischöfe und sogar Päpste, so wie auch Beamte und Professoren usw. Dieser Einblick bewirkte bei mir einen heftigen Schrecken wie auch ein unerhörtes Staunen, er hat aber in meiner Armseligkeit den Wunsch, für diese armen Seelen zu beten, entflammt. Ich habe begriffen, daß es das ist, was der Herr will, und daß, wenn er solche Visionen gewährt, es dann zu diesem Zweck geschieht: daß man für diese heiligen Seelen bete, um deren Befreiung zu beschleunigen! Und dann ist alles entschwunden.  

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Seelen, welche die Hände hinstrecken

Die heilige Messe wurde für mich Quelle großer Gnaden, und der ganze Tag hat sich entrollt in einer Art von grellem innerem Licht von großer Milde, welches die Augen meiner Seele für die unsichtbaren Wirklichkeiten der übernatürlichen Welt öffnete. Überall, wohin ich ging, sah ich Scharen von Seelen im Fegfeuer: schweigend kamen sie hierher, meist mit einer Art von aschfahlem Nebelschleier umkleidet, stöhnend und die Hände hinstreckend in schmerzlich stummem Flehen, als bettelten sie um unser Gebet: was für ein erschütternder Symbolgehalt! Ich habe für sie alles angewendet, was ich heute getan.51

Während des Kreuzweges, der speziell auf ihre Meinung gebetet wurde, standen sie hinter mir und drängten sich in Scharen heran, und ich sah so etwas wie eine Garbe von lichten Tautropfen, die gleichsam aus diesem Beten hervorging, um über diese heiligen Seelen als leichter, erfrischender Regen niederzufallen. Wenn ich den Herrn anrief, so bat ich ihn eigens, er möge doch über diesen Seelen die Fülle der belebenden Ausgießung seines kostbarsten Blutes erneuern; mehrmals sah ich, daß eine doppelte Flut des Blutes den Wunden und dem von Liebe brennenden Herzen des gekreuzigten Jesus entquoll oder genauer, daß all sein Blut sich in einem einzigen Strom vereinte, um sich in zwei entflammten Fluten ergossen, wobei die erste die streitende Kirche auf Erden begoß und die zweite wie eine Wolke über dem Fegfeuer ruhte. Als ich dem Vater dieses Erlöserblut darbot, entstanden Lichtniederschläge, die auf die heiligen Seelen im Fegfeuer niederfielen, und diese nahmen sie auf wie einen wohltuenden Regen, ganz wie durstige Leute, verloren in einer Wüste, einen Regenguß mit frischem und lauterem Wasser entgegennehmen würden.

Als ich gegen Ende des Nachmittags eine Kirche betrat, nahm ich Weihwasser und verspritzte es auf den Fußboden, gemäß dem Brauch in gewissen Ländern, wobei ich zum Herrn sagte: «Mein Gott, ein wenig Weihwasser für die leidenden Seelen!» Auch da geschah ein Hervorbrechen von Licht, wohin die Seelen vom Fegfeuer in Scharen daherkamen, um ihren Durst zu stillen. Das alles geschah in Stille, in einem tiefen Frieden. Ich habe eingesehen, daß alles, wirklich alles im Laufe eines Tages den Seelen im Fegfeuer dienen und für sie als Suffragien angewendet werden kann: die Gebete gewiß, aber auch die guten Werke, die Akte der Frömmigkeit und der Hingabe, alle Herzensergüsse an den Herrn, an die seligste Jungfrau, die Heiligen im Himmel, die Akte der Demut, alle Leiden, die kleinen freiwilligen Abtötungen, die Ergebung in Krankheit und Tod, kurzum alles, was man tun kann. Und wenn wir auf eine besondere Meinung beten, dann dürfen wir immer die heiligen Seelen im Fegfeuer beigesellen. Das nimmt der Wirksamkeit des Gebetes nichts hinweg im Hinblick auf diese besondere Meinung, die davon unberührt bleibt, ja ganz im Gegenteil! Die Seelen im Fegfeuer reißen nichts an sich, und auch die Tatsache, sie unseren Gebetsmeinungen anzuschließen, bereichert unser Gebet, denn es entfaltet sich in einem weiten Ausmaß der Kirche, von der Erde bis zum Himmel. Während ich dem Herrn Dank sagte, mich das begreifen zu lassen, betrachtete ich diese Dinge mit Staunen in einem Frieden bringenden großen Licht.  

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Dauer und Intensität des Fegfeuers

Am Ende der Betrachtung erscheint eine Seele, die manchmal kommt, um sich unseren Gebeten anzuempfehlen, in einem großen Licht vor mir. Sie ist strahlend und streckt mir die Hände entgegen, wobei sie sagt:

Oh, mein Kind! Vielen Dank für all deine Gebete, für die heiligen Messen auf meine Meinung und besonders für die Krankenbesuche: Ihr habt dabei viele Verdienste erworben, und es wurde für mich zu einer großen Hilfe! Nun gehe ich in den Himmel.

Meine Seele war entzückt infolge dieser Vision und dieser tröstlichen Worte. Ich tat es dieser Person kund, die weiter zu mir sprach:

Ich bin dreizehn Jahre im Fegfeuer geblieben, dreizehn Jahre brennenden Verlangens nach Gott in diesem läuternden Licht des Vorhofes. Und nun gehe ich zu meinem Retter!

Ich sagte zu dieser Seele, daß dies eine lange Zeit wäre, und daß es für uns schwierig sei, es nur schon zu versuchen, uns dies vorzustellen, sich ein Bild davon zu machen. Sie lächelte und sagte:

Oh nein, das ist weder wenig noch viel, es ist gerecht. Ihr könnt es nicht sehr gut verstehen, aber hier im Fegfeuer, sind Dauer und Intensität der Strafen ein und dasselbe. Unser größtes Leiden ist das Heimweh nach Gott. Je mehr man auf jemanden wartet, den man liebt, um so langsamer scheint die Zeit zu vergehen, und um so größer ist unser Leiden infolge des Wartens. Nun gut, gerade darin besteht ein wenig das Fegfeuer.

Während sie spricht, sehe ich eine große strahlende Helle sich gerade über ihr öffnen; weißgekleidete Engel, die mit roten Rosen bekränzt sind, erscheinen dort und gehen der seligsten Jungfrau und Franz von Assisi voraus — dessen Wunden so etwas wie aufflammende Sonnen sind —, und die beiden heiligen Freundinnen dieser Seele, Theresia von Avila und Theresia vom Kinde Jesu. Die Seele seufzt und ein mächtiger Aufschwung bringt sie zur Jungfrau Maria, die für sie die Arme ausbreitet. Ich sehe sie zu Füßen unserer unbefleckten Mutter knien, sie dreht sich mir zu und redet noch einmal:

Ich will dir sagen, was das Fegfeuer ist: es ist das der Seele die Gestalt geben für ihre echte Ewigkeitsdimension, dieses volle Ausmaß im gekreuzigten und verherrlichten Jesus, von der Liebe gemessenes und bei der Taufe begonnenes Ausmaß. Und diese Angleichung an seine Gestalt wird im Fegfeuer in einer langen schmerzvollen Reinigung vollendet. Danke allen, die für mich und mit dir gebetet haben. Ich werde euch im Himmel nicht vergessen.

Und alles entschwindet vor meinem innern Auge, ich verharre im Jubel der Danksagung.  

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Die Freuden des Fegfeuers

Morgenbetrachtung. Ein großes Licht erscheint vor meinem innern Auge, und ich betrachte darin eine ziemlich große Ordensfrau, die in ihrer Hand ein goldenes mit glühenden Kohlen gefülltes Sieb hält. Sie geht auf mich zu und spricht: Gelobt sei Jesus Christus! — In Ewigkeit. — Und siehe da, es ist eine heilige Seele im Fegfeuer. Sie fragt mich:

Mein Kind, möchtest du für mich beten? Niemand betet für mich, weil ich in tiefem Frieden und im Rufe großer Heiligkeit gestorben bin; und meine vielgeliebten Schwestern meinen, ich wäre gewiß im Paradies, so daß sie es unterlassen, für mich zu beten.

Ich verspreche ihr also mein Gebet, und sie wird ganz strahlend, ein intensives Licht umkleidet sie mit ihren Strahlen. Sie fährt fort:

Wie du siehst, bin ich im Vorhof, schmachtend vor Liebe nach meinem göttlichen Bräutigam: diese Liebe ist zugleich der Antrieb zu meinem Jubel und die Ursache für die Pein, die mich foltert! Gerade unser Schmerz wird zu unsrer Freude im Fegfeuer, denn er ist Liebesqual, Liebessehnsucht...

Ich bete für diese Seele und von Zeit zu Zeit fallen einige ganz rotglühende Kohlen aus dem Sieb, das sich dermaßen allmählich leert. Aber die heilige Ordensfrau merkt es nicht einmal, sie sagt mir mit Freude, während sie die Augen zum Himmel erhebt:

Du beginnst das Fegfeuer kennenzulernen, du hast dessen Freuden ebenso erfahren wie die Peinen. Sag es ausdrücklich all deinen Brüdern, daß eure größten Freuden auf Erden nur Wind und Rauch sind neben den erhabenen Freuden im Fegfeuer! Es gibt keine größere Glückseligkeit für eine Seele als im Himmel zu sein, das ist die ewige Seligkeit. Aber sofort danach gibt es kein größeres Glück, als alle Freuden des Fegfeuers zu verkosten. Und nimm noch folgendes zur Kenntnis: je näher unsere Einigung seiner vollen Entfaltung entgegengeht, um so mehr lassen unsere Peinen nach und konzentrieren sich darauf, nur noch diese Liebessehnsucht zu sein, die wir hier im Vorhof kennen. Ja, sprich von den Peinen des Fegfeuers, aber rede auch von den unaussprechlichen Freuden!

Und ganz strahlend entschwindet sie vor meinem innern Auge und läßt meine Seele im Trost zurück.  

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Die Seelen im Fegfeuer lieben uns

Im Laufe des Tages habe ich eine Weile dem Gebet für die Seelen im Fegfeuer gewidmet, und ich habe daraus liebliche und stärkende geistliche Tröstungen bekommen. Als ich den Kreuzweg beendete, zeigte sich mein Schutzengel vor meinem Blick. Er kam auf mich zu und sagte mir:

Gut so, mein Kind, man muß für diese heiligen Seelen beten, die kleinste Zeitspanne des Tages sammeln, um sie Gott aufzuopfern zugunsten der Seelen im Fegfeuer. Ihr müßt für sie beten, das ist eine Liebespflicht, die den Höchsten verherrlicht, für euch ist es auch eine Dankesschuld. Dieses letzte Wort setzte mich in Erstaunen, ich bat meinen himmlischen Führer, er möge es mir doch erklären. Mit Ernst fuhr er fort: Aber sicher ist es eine Dankesschuld. Die heiligen Seelen im Fegfeuer beten für euch, sie legen bei der göttlichen Majestät Fürsprache für euch ein in den Grenzen, die Gott ihnen dafür setzt. Ihr Gebet und ihr Schutz sind für die streitende Kirche sehr machtvoll.

Das freute mich sehr. Ich hörte dem Engel zu, der mir erklärte:

Du weißt, daß diese heiligen Seelen im Fegfeuer keinen Blick auf sich selber richten. Nur ein Durst quält sie, Gott zu verherrlichen. Manchmal zeigt ihnen Gottes Barmherzigkeit die Seelen auf Erden in der streitenden Kirche, ihre Bestrebungen, ihre Prüfungen, ihre Mühen, vor allem aber Gottes Plan für sie. Dann beten sie für die Erfüllung dieses Planes, wodurch der Höchste verherrlicht wird. Oh ja, diese heiligen Seelen lieben euch! Sie lieben euch in Gott vollkommen, denn sie werden nicht von ihrem Schmerz allein in Anspruch genommen, noch einzig durch ihre Leiden gehemmt; sie kehren nicht zu sich selber zurück: sie erblicken euch in Gott und für Gott, und beten in diesem göttlichen Licht für euch. Sie sind keinesfalls bloß für eure menschlichen Werte empfänglich, die im Fegfeuer sowieso nichts gelten, ebenso wenig gelten sie ja im Himmel. Euer einziger Schatz ist das Üben der Tugenden, das treue, dankbare Gebet und die Gnadenschätze, welche die Mutter Kirche euch zur Verfügung stellt. Alles andere ist nur Eitelkeit, dazu bestimmt, verbrannt zu werden im Feuer der Liebe, das euch entflammen soll.

Meine Seele ließ sich diese Belehrung schmecken, welche der Engel mit Ernst und einer Art von Traurigkeit in der Stimme erteilte. Ich bat ihn um die Begründung dafür:

Weil ihr Gott nicht genug liebt, weil ihr euch nicht genug um seine Ehre bemüht! Und das sehen auch die heiligen Seelen im Fegfeuer, wenn Gott es ihnen zeigt: und das ist für sie ein zusätzlicher Grund zum Leiden. Daher vermehren sie ihre Gebete für ihre Angehörigen auf Erden noch mehr, für ihre Wohltäter, für alle Seelen, die der Herr ihnen zuweist. Sie beten auch für alle Meinungen, die sie vernachlässigt haben, als sie noch hienieden waren. Aber nie beten sie für sich selber. Du weißt es ja, da ich es dir bereits erklärt habe.

Da ich meinem Schutzengel allerlei Fragen stellen darf in den Grenzen, die der Gehorsam gegen meinen Beichtvater mir steckt, fragte ich ihn, auf welche Weise diese heiligen Seelen uns kennen, und er erklärte mir:

Ich habe es dir gesagt, mein Kind, im Licht von Gottes Barmherzigkeit. Ihre Art zu erkennen ist der euren auf Erden weit überlegen: sie ist der unsern vergleichbar.

Diese heiligen Seelen haben eine intuitive Erkenntnis der streitenden Kirche, ihrer Bedürfnisse, soweit der Höchste es zuläßt, denn diese Erkenntnis wird nur in den Grenzen der Vorsehung ausgeübt, die Gott für sie bestimmt. Es kommt vor, daß der Herr diesen heiligen Seelen eure Bitten, eure Nöte, auch eure Leiden enthüllt: dann legen sie Fürsprache zu euren Gunsten ein, sie beten für euch und erlangen euch Schutz selbst im geistlichen Bereich, ja sogar im zeitlichen Bereich. Manchmal erlaubt ihnen der Herr sogar, sich euch kundzutun, sei es um euch zum Beten zu ihren Gunsten anzuregen, oder um euren Eifer anzuheizen und eure Liebe neu zu beleben, oder um euch vor einer Gefahr zu beschützen: das gibt es, es ist selten, aber das gibt es, weil der Herr es zuläßt. All das zeigt dir, wie sehr diese Seelen euch lieben. Und ihr müßt für sie beten, gute Werke vollbringen und Opfer zu ihren Gunsten, um sie zu unterstützen: jemand der diesen heiligen Seelen wirklich helfen möchte, würde jeden Tag die heilige Messe mitfeiern und dabei besonders für sie beten namentlich beim Gedächtnis für die Verstorbenen52; dann jeden Tag den Rosenkranz beten mit ein paar besondern Meinungen für diese heiligen Seelen, und schließlich den Kreuzweg verrichten nach den großen Meinungen der Kirche und für diese heiligen Seelen. Dies sind drei große Mittel um den Seelen im Fegfeuer zu helfen: die heilige Messe, das Mariengebet und der Kreuzweg. Denn das Blut Jesu ist für sie ein großer Trost, und die Muttergottes gießt es in Strömen des Trostes über das Fegfeuer aus.

Er verstummte und entschwand bald meinem Blick. Ich verharrte in großer Freude und Heiterkeit.  

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Erschaffen durch die barmherzige Liebe

Diesen ganzen Tag habe ich dargebracht und besonders die heilige Messe für die Seele eines jungen Priesters, dem in seinem Todeskampf und im Augenblick seines Todes beizustehen, ich die Gnade gehabt habe. Während der Danksagung wurde meine Seele entrückt in den Glanz des göttlichen Lichtes und mit den Augen des Geistes sah ich den jungen Priester, der zum Himmel aufstieg, von Engeln geleitet und von einer ganzen Gruppe von Heiligen begleitet, namentlich mit Franz von Paula, Rita von Gascia und Gabriel von der schmerzhaften Mutter. Ich weiß nicht, warum gerade sie, es mag sein, daß der junge Priester eine besondere Andacht zu ihnen gehabt hat. Und dieser ruhmreiche Festzug erhob sich ins Licht bis zu Maria, der hochheiligen Muttergottes, die ganz in Weiß gekleidet war und ihm zulächelte und ihm die Arme entgegenstreckte. Es schien mir, daß die Jungfrau Maria da war, um ihren Sohn in Empfang zu nehmen und ihn gleichsam in die Gegenwart der göttlichen Dreieinigkeit einzuführen. Das war so schön! Als der junge Priester bei der Muttergottes ankam, lächelte sie ihm zärtlich zu und bezeichnete mich mit einer Geste ihrer Hand. Da neigte er sich mir zu, streckte mir die Hände entgegen und sagte lächelnd:

Danke, mein Kind, danke für deine Gebete und deinen Beistand. Ich gehe nun in das Haus des Vaters, aber ich werde dich dort nicht vergessen, du weißt es. Sage allen, daß das Fegfeuer durch die barmherzige Liebe erschaffen wurde, daß es das Meisterwerk der göttlichen Barmherzigkeit ist ebenso sehr wie der göttlichen Gerechtigkeit. Eine einzige unsrer Sünden würde uns die ewige Hölle verdienen, aber der Vater will nicht den Tod seiner Kinder, er will ihr Heil und ihr Leben in ihm auf ewig! Sag es all deinen Brüdern, daß das Fegfeuer durch die barmherzige Liebe erschaffen wurde.

Meine Seele wurde in die Verzückung hineinversenkt. Er zeichnete ein großes Kreuz über mich, das ganz aus Licht bestand, dann trat er mit der seligsten Jungfrau in die ewige Herrlichkeit ein. Da entschwand alles vor meinem innern Auge.  

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Das besondere Gericht

Ich wachte bei jemand, der am Sterben war. Schweigen und Gebet, denn die Worte bleiben leer in diesen geheimnisvollen Augenblicken, wo einer das Bewußtsein verloren hat und sich ganz nahe am Übergang befindet. Bei dieser Gelegenheit wollte der Herr mir Erleuchtungen über das besondere Gericht der Seele53 geben. Mein Schutzengel stand da neben mir, sichtbar für das Auge meiner Seele. Er unterstützte mich und führte mich. Sobald diese Person starb — es war ein Jugendlicher — sah ich seine Seele ganz leise den Leib verlassen. Ich habe begriffen, während ich das betrachtete, warum man den Leib eine ausgezogene Hülle nennt... Da befand sich die Seele augenblicklich in Gegenwart eines unvergleichlichen Lichtglanzes, vor dem Aufflammen eines blendenden Lichtes. Mein Schutzengel sagte mir in diesem Moment:

Dieses glänzende Licht ist die Herrlichkeit Gottes, das heißt der Lichtschein seiner Heiligkeit. Von dem Augenblick an, wo sich die Seele vom Leib trennt, befindet sie sich in Gegenwart der Herrlichkeit Gottes: sie sieht Gott nicht, aber den Lichtschein seiner Heiligkeit.54

Nun konnte ich durch eine sehr klare intellektuelle Schau eine Reihe von Vorgängen, die dann nicht nacheinander, sondern alle zugleich geschehen jenseits von Anordnung in Zeit und Dauer. Zuerst sah ich die Seele ganz durchdrungen und wie durchbohrt durch die Geschosse dieses grellen Lichtes, das auf sie einströmte: alle Sünden und alle bösen Neigungen waren total verschwunden — und zwar gerade mit dem Tod, wie mir schien —, und es blieben in dieser Seele nur die Strafen für die begangenen Sünden, die noch nicht gesühnt worden waren, zurück. Sogar die Neigungen zum Bösen in den Seelenfähigkeiten waren wieder hergerichtet, waren wie geschmolzen unter den Geschossen dieses außerordentlichen Lichtes. Es ist sehr schwierig, das zu erklären. Mir scheint, daß die Gewohnheit zur Sünde in uns so etwas wie eine Spur zurückläßt, eine Art Schwäche, eine Folge der Sünde, die uns verwundbar für das Böse macht. Und eben das war verschwunden.55

Zugleich wurde die Seele in Gegenwart der Herrlichkeit Gottes gleichsam radikal von der Liebe erfaßt und durch sie einer wundervollen Anziehung unterworfen, der sie durch ein heftiges Verlangen, sich mit ihr zu vereinen, entsprach, wobei sie sich in der vollen Ausübung ihres Willens dem reinen Wollen Gottes ausliefert. Zugleich nahm die Seele in den Lichtgeschossen, die sie durchdrangen, wodurch sie von Liebe entflammt wurde, die Heiligkeit Gottes selber wahr, in der sie sich so sah, wie sie objektiv war, wie wir sagen würden. Es ist so etwas wie ein göttliches Licht der Wahrheit, unter welchem die Seele in eben dem Augenblick, wo sie hineingerät, einen gewaltigen Abscheu vor der Sünde und auch vor deren Folgen empfindet: sie kennt diesen Haß gegen die Sünde, weil sie dann in das göttliche Licht eingetaucht wird, das ihr die göttliche Vollkommenheit der Liebe Gottes zeigt.56

In dieser Anziehungsbewegung und in diesem Wahrheitslicht wird die Seele auf persönliche Weise Gott selber gegenübergestellt: ohne daß dieser sich der Seele schon enthüllen würde, bekundet er sich in diesem Licht und durch diese Liebesanziehung. Es ist eine unerhörte Begegnung. Aber dann hat die Seele, obwohl sie heftig so vielen Lockungen der göttlichen Liebe entsprechen möchte, in sich so etwas wie ein mühevolles schmerzliches Hindernis entdeckt, das sie daran hindert, sich total der liebevollen Anziehung Gottes auf sie auszuliefern: es ist die Sündenstrafe, das was noch gesühnt werden muß, um der göttlichen Gerechtigkeit genugzutun. Und ich sah diese Seele in diesem Zustand des Auseinander-gerissen-Werdens festgehalten, was das wesentliche Element des Fegfeuergeheimnisses ausmacht: ein Hin-und-her-gerissen-Werden der Seele zwischen der Anziehung der göttlichen Liebe und der aktuellen Unfähigkeit, in der sie sich befindet, dieser Anziehung vollumfänglich zu entsprechen.57

All das wurde mir auf eine intellektuelle Weise gezeigt. Es war sehr klar für meinen Verstand, und ich weiß dennoch sehr wohl, daß ich es nicht deutlich auszudrücken vermag, denn die Worte sind nicht imstande, all diese Dinge zu formulieren... Und zur selben Zeit schaute ich mit den Augen der Seele in einem Verbund von sehr eindrücklichen Bildern mehrere andere Wirklichkeiten.

Ich betrachtete den Schutzengel dieses Jugendlichen, der betend bei ihm stand; und auch die seligste Jungfrau Maria stand betend in der Herrlichkeit Gottes mit andern Heiligen, wobei alle Fürsprache für die Seele einlegten. Ich sah ebenfalls aber viel tiefer in einem schwarzen feurigen Abgrund den entfesselten und brüllenden Teufel, der mit der ganzen Hölle ein Wutgeschrei hervorstieß: ohne Zweifel, weil diese Seele ihm entging, da sie gerettet war...58 Ich bin in Unkenntnis darüber, ob die Seele selber zum Zeitpunkt des besonderen Gerichts all das sehen kann, denn dieses Gericht wurde mir gezeigt als ein persönliches Handeln Gottes an der Seele, eine ganz intime Gegenüberstellung der Seele mit dem Geheimnis Gottes. Es scheint mir, daß die Seele in diesem Moment einen einzigen Anblick hat, den der Herrlichkeit Gottes. Ich glaube jedoch, daß die Seele all das verspürt, sie weiß es eher als daß sie es sieht. Diese Fürsprache der hochheiligen Mutter gibt es wirklich und sie wird mit Macht ausgeübt, sowie die der Heiligen, auch wenn die Seele im Moment des Gerichts nur eine allgemeine und gewissermaßen ganz intuitive Kenntnis davon zu haben vermag. Diese Fürsprache schien es mir, wirkte sich stark aus, und der ganze Himmel nahm daran teil: es war so etwas wie ein furchtbarer Druck und ein allgemeiner Aufschwung der Liebe für diese Seele, welche vor Gott hingelangte.

Ich habe auch nicht gehört, daß Gott einen Urteilsspruch ausgesprochen hätte: das Urteil wird sicher ausgesprochen, aber im geheimen der intimen Beziehung Gottes zur Seele, die vor ihm erscheint: es ist die Folge der Erkenntnisse, wie mir schien, welche die Seele in diesem Licht der Wahrheit empfängt. Und dieses Urteil, wenn man dieses Handeln Gottes an der Seele, die gerichtet wird, so benennen darf, wird unmittelbar von der Seele wahrgenommen, die in diesem Gericht dem Glanz der Heiligkeit Gottes gegenübergestellt wird. Die Seele paßt sich dann selber dem reinen Willen Gottes an, welches Liebe und Gerechtigkeit ist. Es wurde mir gezeigt, daß der Vorschlag, den die Seele empfängt, sich dem reinen Wollen Gottes anzupassen, für die Seele die Gelegenheit ist, ihre Freiheit in ihrer Fülle auszuüben, weil diese eine Gabe des reinen göttlichen Willens ist. Bei dieser Gegenüberstellung mit dem Mysterium Gottes liefert sich die Seele dem reinen göttlichen Wollen aus gemäß dem ihr eigenen Zustand: sei es, indem sie in die Herrlichkeit des Himmels eingeht, sei es, daß sie sich ins Fegfeuer zurückzieht, sei es, daß sie sich von sich aus ins Feuer der Hölle stürzt. Nie wird man hinreichend wissen, wie falsch diese Vorstellung von einem furchtbaren Gott ist, der mit seinem anklagenden Finger eine Seele ins Fegfeuer oder in die Hölle verweist: mein Gott ist die Liebe, und die Liebe zieht alles an sich, sie nimmt gefangen. Die Ewigkeit einer Seele ist nicht eine Entscheidung Gottes, eines Gottes, der als rachsüchtiger Rächer hingestellt wird, sie ist die freie Wahl der Seele: es gibt keine Entscheidung in Gott, sondern nur einen einzigen Akt der Liebe; denn Gott ist die Liebe.59

Die Seele, die ich in der Gegenwart der Herrlichkeit Gottes gesehen hatte, zog sich von sich aus heiter ins Fegfeuer zurück und blieb zugleich in der lebendigen Anziehung der göttlichen Liebe. Es scheint mir, daß die Seelen im Fegfeuer auf eine geheimnisvolle Weise weiterhin den Glanz der Heiligkeit Gottes wahrnehmen, dessen Anziehung und Kraft der Liebe sie ungestüm verspüren. Das ganze besondere Gericht verläuft in einem einzigen Akt, und dieser Akt ist das Geschenk der Liebe Gottes an die Seele. Es scheint mir, daß die Seele nach dem besondern Gericht (obwohl dasselbe jenseits der Zeit geschieht, wenigstens so wie wir es kennen), zu immer größern und erhabeneren Einsichten eingeladen wird je nach ihrem Stand. Das vermehrt in keiner Weise die Verdienste, die sie sich auf Erden erworben hat, und auch nicht die Stufe der Herrlichkeit im Himmel. Aber je mehr Gott die Seele im Feuer seiner Heiligkeit läutert, um so mehr erhebt sich die Seele zu ihm hin.

Wenn eine Seele zur beseligenden Anschauung zugelassen wird, so empfängt sie unmittelbar die Erkenntnis von Gott selber (als dem Inhalt ihres Erkennens), mit dem sie vereint wird, und aufgrund dieser Erkenntnis Gottes, das Erkennen der Geheimnisse des Himmels. Wenn sie sich im Fegfeuer befindet, freut sie sich manchmal, besonders anläßlich gewisser liturgischer Feste, an Besuchen ihres Engels, der seligsten Jungfrau, gewisser Heiliger: sie schaut sie in Gott, betrachtet sie in ihm, der ihr noch verborgen bleibt. Was die Hölle betrifft, so ist die Seele, die sich dort befindet, durch ihren Zustand und ihre Stellung dem Anblick und der Wahrnehmung der Dämonen und der Verdammten, der Geister der Finsternis und der Teufelswelt ausgesetzt.

So sehen die Dinge aus, die mir durch den Herrn gezeigt wurden hinsichtlich des besondern Gerichts, anläßlich des Hinscheidens eines Freundes.  

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Erleuchtungen über den Zustand der Seelen im Fegfeuer

Da ich die heilige Stunde nach der Meinung der Seelen im Fegfeuer halte, wird mir gezeigt, daß wir durch unsere Gebete und unsere Opfer die Schmerzen dieser Seelen sehr lindern, ja sogar die Zeit ihrer Läuterung abkürzen können. Ganz besonders die heilige Messe besitzt einen unschätzbaren Wert, wenn sie nach deren Meinung aufgeopfert wird, vor allem wenn sie mit Sammlung und an Werktagen mitgefeiert wird. Ich habe auch den Wert von Werken der Barmherzigkeit gesehen, wie dem Besuchen von Kranken, dem Geben von Almosen, dem (gastlich) Aufnehmen. Gott verwandelt all unsere Anstrengungen und unsern guten Willen in Gnaden des Beistandes und der Hilfe für diese heiligen Seelen, die uns dafür äußerst dankbar sind.

Sodann wurde mir gezeigt, daß die Seelen, die im Fegfeuer am meisten zu leiden haben, jene sind, die gegen die Liebe gefehlt haben, die im Laufe ihres Lebens hienieden sich nicht in dieser Tugend zu vervollkommnen gesucht haben, die es nicht verstanden haben, sich von sich selber loszulösen, um für den Herrn und ihre Brüder verfügbarer zu sein. Ich habe ebenfalls gesehen, wie sehr die Zungensünden, die Habgier, der Neid, die verschiedenen Anhänglichkeiten an die materiellen Güter, an den Komfort usw. besonders schreckliche Strafen im Fegfeuer verursachen; im Gegenzug sind die Werke der Barmherzigkeit, das Üben der Mildherzigkeit und der Geduld unsern Brüdern gegenüber, die Sanftmut, das bescheidene Zurücktreten, die den andern mitgeteilte Freude, die Ergebung in den reinen Willen Gottes, namentlich beim Herannahen des Todes ebenso viele Dinge, die in der Folge unser Fegfeuer werden abzukürzen oder zu lindern vermögen.

Von da an, wo die Seele sich im heiligen Fegfeuer des reinen Willens Gottes befindet, ist es, wie wenn Schuppen von ihren Augen fielen und ihr Blick erhebt sich intuitiv zur Sonne hin, die sie blendet: sie erahnt in dieser blitzartigen Helle, den Lichtglanz, den die göttliche Liebe für sie bestimmte, als sie diese aus dem Nichts emporhob, die unergründlichen Reichtümer, die sie vom Ursprung her durch die schöpferische Liebe berufen war, zu umfangen und zu besitzen. Aber ihr Leben hienieden verging damit, daß man die Augen zur Erde und zu ihren trügerischen Verlockungen niedergerichtet hielt und sich von der Welt und ihren vergänglichen Lichtlein fesseln ließ. Durch die Sünde hatte sie sich für die Transparenz der göttlichen Liebe blenden lassen. Jetzt, wo ihr die Augen aufgegangen sind, sind sie zu empfindlich, um den Lichtglanz einer derartigen Vollendung zu ertragen und sie erleidet darin ein unablässiges Leiden. Sie wird davon wie geblendet sogar mitten im Licht, und es ist, wie wenn feurige Geschosse ihr durch den Kopf gingen. Zur gleichen Zeit befindet sie sich in einem großem Schweigen der Liebe und des bloßen Leidens gesammelt, das sie von allem Lärm der Welt reinigt, dem sie nur zuviel Bedeutung beigemessen hat, als sie sich daran ergötzte und ihre Ohren untauglich machte, um das Wort Gottes wahrzunehmen und zu verkosten. Diese Totenstille ist für sie sehr schmerzvoll, wo sie doch gewohnt war, sich in den Geräuschen und dem tausendfachen Gelärm der Welt zu bewegen; und ihr verletztes Ohr lechzt nur danach etwas zu hören, aber nichts nimmt sie wahr, das wird für sie zu einer quälenden Angst: die Seele lauscht nach Gott... Wo sie bisher in beständiger Aufregung war und überallhin rannte, und doch bei keinem Geschöpf die Ruhe fand, und diese anderswo suchte, nur nicht in ihrem Innern; jetzt ist sie zur Regungslosigkeit verurteilt, gelähmt durch das Verlangen, das sie ausspannt zu dem hin, der sie anzieht, und stürmisch aus sich herausgerissen wird, wo sie jedoch durch die Last der Sündenschuld und ihrer Unvollkommenheiten zurückgehalten wird. Es ist ein Zerrissen-Werden ihres ganzen Wesens, sie fühlt sich in vier Stücke gerissen, weil sie nun in Christus, den Gekreuzigten, eingegliedert ist, dem gleichgestaltet zu werden, sie an sich vollenden lassen muß. Die Seele muß sich im Fegfeuer vom reinen Willen des Vaters in die Gestalt seines gekreuzigten Sohnes hineingestalten lassen: von den Peinen des Fegfeuers wird sie erst dann befreit werden können, wenn der Vater den Blick seines berechtigten Zornes auf sie heftet und dabei das Antlitz dessen wiedererkennt, der allein ihn zum Erbarmen neigen kann: Jesus, der Gekreuzigte.

Jetzt wo sie Hunger verzehrt, kann sie sich nur sättigen am Verlangen nach ihm. Jetzt, wo ein unlöschbarer Durst ausdörrt, werden ihr nur die bitteren Tränen als Trank gewährt, die aber nicht ihren Durst stillen: doch sie findet in diesem Hunger und in diesem quälenden Durst den reinen Willen des Vaters, der in diesem Fegfeuer der göttlichen Liebe ihre einzige Nahrung ist. Wo sie sich doch jeden Augenblick hienieden von Gott und von sich selber abwandte, um sich an die Geschöpfe zu verlieren, nun wird sie beständig auf sich zurückgeworfen, festgehalten unter dem einzigen Blick, den die allmächtige und unendliche Barmherzigkeit Gottes auf sie wirft. Sie sieht sich nur im schmerzlichen Lichtglanz dieses Erbarmens, und sie sieht die Barmherzigkeit nur in den Auswirkungen, die diese im Innersten von ihr selber hervorbringt: innere Ausrenkung, Zermalmung und Stumpfsinnigkeit, schrecklicher als es die schlimmsten Krämpfe und das Reißen sind, die ein von den grausamsten Krankheiten zermalmter Leib kennen kann. Von allen Geschöpfen wird sie gänzlich abgewandt, wobei sie in ihrem eigenen von Schmerzen gesättigten Elend wiederfindet, was es heißt, Geschöpf zu sein: jetzt weiß und erfährt sie, daß sie Geschöpf ist, hervorgegangen aus der Hand und dem Herzen Gottes, die immer nur lieben, und sie lotet die Stellung aus um den Preis von Verdemütigung und Verlassenheit. Alle Geschöpfe sind ihr weggenommen, und der Schöpfer schenkt sich ihr nicht anders als durch das Erkennen, worin sie von ihm stammt, das Erkennen in Liebe und in Schmerz ist. Sie möchte zu ihm hineilen, ihn berühren, ihn erfassen, und sie befindet sich in sich zurückgehalten, unter der göttlichen Hand, die sie niedergebeugt festhält, sie will ja nichts anderes als unter diese mächtige Hand hingestellt sein. Sie wird ferngehalten von allem, was nicht er ist, ja sie weiß nicht einmal, ob es etwas anderes gibt außer ihm, und da sie ihn nur indirekt wahrnimmt, wie durch einen Feuerspiegel, den sie nicht überwinden kann und vor allem nicht will.  

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In der Lieblichkeit der Intimität mit Maria

Im Laufe der Abendbetrachtung wird meine Seele erfüllt mit einer süßen Empfindung, es ist, als wenn die Jungfrau Maria mein Herz im ihren festhielte, in unaussprechlichem Frieden und Süßigkeit. Und am Ende der Betrachtung schaue ich sie, wie sie sich in einem großen Licht über einem Feuer zeigt, in welchem ich das Fegfeuer wiedererkenne. Die seligste Jungfrau steht da mit zum Feuer hin ausgestreckten Händen: Lichtfluten strömen aus ihrem Herzen bis hin zu ihren Fingern und ergießen sich als üppiger Regen über das Fegfeuer; sie betet mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit lächelnd. Das Fegfeuer öffnet sich gleichsam für meinen Blick: und ich betrachte staunend in den Flammen zahlreiche Seelen, die ihre Hände zur Muttergottes erheben und mit Vertrauen beten und die wie einen erfrischenden Regenguß die Strahlenfluten aufnehmen, die aus dem Herzen Mariens hervorbrechen und durch ihre Hände ausströmen. Unter diesen Seelen erkenne ich mit Entsetzen ein Mädchen, das meinem Gebet anempfohlen wurde, denn sie war seit Monaten von einer schweren Krankheit heimgesucht und litt viel. Die seligste Jungfrau hatte zu mir gesagt:

Mein Kind, sie wird nicht gesund werden, weil mein göttlicher Sohn sie bei sich haben will: erwartet er sie im Himmel.

Nun war sie schon da im Fegfeuer! Nach dem Schock der Überraschung, mache ich mich ans Gebet für sie. Da wendet sie sich ein klein wenig, ohne aufzuhören die Jungfrau Maria zu bewundern, und sagt zu mir:

Ja, ich bin fortgegangen, ich habe die Erde verlassen. Die seligste Jungfrau ist gestern gekommen, sie hat mich geholt. Schon zuvor war sie zu mir gekommen, um mich zu trösten, mir zuzulächeln und mich zu ermutigen. Meine letzten Tage auf Erden sind in der Lieblichkeit der Intimität mit Maria verflossen. Und siehe, ich bin gerettet! Ich höre nicht auf, Gott dafür zu danken und ihn zu verherrlichen: immerdar werde ich seine Barmherzigkeit besingen! Jung bin ich gestorben, aber ich bin gerettet. Die seligste Jungfrau hat mir gut geholfen, denn es war sehr hart; aber sie hat mich gelehrt, mich für Jesus und all unsere Brüder zu vergessen. Jetzt höre ich nicht auf, Gott zu verherrlichen, ihm zu danken für dieses unvergleichliche Geschenk seiner Mutter, unsrer so hilfreichen Mutter. Bete für mich, wenn Gott es ge­stattet, und bete für meine Eltern, damit sie stark bleiben und ihr Glaube Bestand hat, damit sie Gott in allem verherrlichen.

Dann ist alles entschwunden. Ich verharre in einer sanften Freude. In drei oder vier Tagen wird mir ein Brief ihr Hinscheiden bestätigen.  

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Wir sind hoffnungstrunken

Alles ist ruhig, heiter in dieser Winternacht, und ich bringe dem Herrn diesen Frieden dar, der alles umhüllt und meine Seele überflutet. Während ich bete, zeigt sich mein Schutzengel auf den Stufen zum Altar; er wirft sich vor dem Tabernakel nieder, dann kommt er still bis zu mir hin und sagt sanft:

Schau und bete für diese Seele.

Und ich sehe in ein Feuermeer, das sich plötzlich vor meinen Augen ausbreitet, sehr viele Seelen im Fegfeuer, unter denen ich dieses vor kurzem verstorbene Mädchen wiedererkenne. Es blickt mich mit Güte an, streckt die Hände aus und sagt:

Möge der Friede Jesu und Mariens Milde in deiner Seele sein! Wie du siehst, bin ich noch im Fegfeuer. Ich komme, um dich um dein Gebet für mich zu bitten. Der Herr erlaubt mir dieses Verhalten. Betrübe dich nicht, mich noch hier zu sehen, sondern bete und danke Gott. Hier sind wir hoffnungstrunken, wir werden im Feuer der göttlichen Liebe verbrannt, wir werden zur Liebe hingezogen, es ist eine brennende Sehnsucht, aber wir sind geduldig und glücklich. Ich weiß nicht, ob ich lang im Fegfeuer bleiben werde, und das ist keine Besorgnis für mich: wir denken nicht einmal daran. Unsere einzige Sorge ist, Gott zu verherrlichen, und wenn ich zu dir komme, dann um dich einzuladen, es ebenso zu machen, indem du für uns betest. Wenn ihr für uns betet, verherrlicht ihr die göttliche Liebe, und besingt das unendliche Erbarmen Gottes, indem ihr euer Gebet mit dem unsern vereint. Betet ohne Unterlaß für uns, wie wir für euch beten.

Und sie entschwindet meinem innern Auge, das Feuer verschließt sich wieder. Der Engel steht neben mir, er schließt sodann:

Ja, mein Kind, beten muß man. Beten heißt lieben, und das Gebet ist die Bekundung eurer Liebe zu Gott und für diese heiligen Seelen. Sie befindet sich im sogenannten Vorhof. Weil sie Gott während ihres Todeskampfes ihre großen Leiden dargebracht hat, verhalf es ihr zu großen Gnaden der Bekehrung, nicht nur für sich, sondern für viele Seelen: sie ist im Leiden geläutert worden, ihr Fegfeuer wird nicht lange dauern.

Dann verschwand er, indem er im innern meiner Seele einen sehr sanften Frieden zurückließ.  

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Ich bin gerettet, weil ich gütig war

Dieser erste Tag im Jahr, das Hochfest der Muttergottes, wird umdüstert durch einen sehr schmerzlichen Trauerfall, der mir nahe geht. Die seligste Jungfrau gießt jedoch einen tiefen Frieden in meine Seele ein, eine milde Süße und sie wiederholt meinem Herzen unaufhörlich:

Ich bin Mutter, ich bin deine Mutter, eure Mutter. Ich halte euch in meinem Mutterherzen fest.

Nach der heiligen Messe zeigt mir der Herr den Verstorbenen auf einer Art von kleinem Hügel von sehr lebhaften Flammen umgeben. Bereits an den beiden vorhergehenden Tagen, hatte ich die Gnade, ihn zu betrachten, aber er lag da und war mit einem Schweißtuch bedeckt, diese Art von nebelhafter Bekleidung, die ich schon anderswo erwähnte: diese konnte ich sehen, doch nicht ihn. Man mußte beten. Da steht er nun da und streckt mir die Arme entgegen in einer Art verhaltener Freude, ein wenig melancholisch lächelnd. Ich wage nicht zu sprechen, keine Geste, und ich kann mich auch nicht zurückhalten zu weinen. Mein Schutzengel steht da bei uns, die Hand auf meinen Arm gelegt. Er zeichnet ein großes Kreuz, was der so liebe Verstorbene wieder mit Sammlung aufgreift. Dann strecke ich meinerseits die Hände zu ihm hin, der da sagt:

Danken wollen wir dem Herrn, sein Erbarmen ist unendlich! Du siehst, ich bin gerettet, freue dich, ich bin gerettet...

Da ich weine, ohne etwas zu sagen, scheint ihn das zu betrüben und er weist mit einer gewissen Strenge zurecht:

Weine nicht! Du sollst die Stärke unsrer Angehörigen sein, du mußt ihnen beistehen und sie trösten, sie mit einer zusätzlichen Zärtlichkeit umgeben: bekunde ihnen die ganze Liebe, die ich zu ihnen hege, die sie nun nicht mehr wahrnehmen können. Ja, du mußt ihre Stärke sein, das ist notwendig.

Und ich erwidere ihm mit Überdruß: «Wie sollte ich ihre Stärke sein? Bitte Gott, er möge ihnen helfen, ich will frei sein zu weinen, weil ich das brauche...» Der Engel ist sehr ernst, er faßt meinen Arm fester an; der junge Verstorbene wird noch strenger und befiehlt mir:

Nein, weine nicht! Deine Tränen würden meine Peinen noch vermehren, sie würden mich meiner Tröstungen berauben, die deine Ergebung und deine Freude für mich verdienen werden: hier kann man nicht mehr verdienen, aber ihr könnt eure Verdienste für uns aufopfern! Du weißt, wie sehr wir von euch Gebete erwarten, Akte der Liebe, Gedanken! Das kleinste Gebet ist für uns, was ein Glas frischen Wassers für einen vor Durst in der Wüste Sterbenden; der kleinste Gedanke, noch so flüchtig, ist für uns ein kühler Hauch in dieser Feuerwüste, in diesem Feuer der Liebe, die uns verbrennt! Wenn du alles wüßtest! Ich bin gerettet, weil ich gütig war. Der Herr hat mich bewahrt vor Hochmut, Ichsucht und Lüge. Aber was mir am meisten Leiden bereitet, ist meine Nachlässigkeit, beim Ihn-Suchen viel zu viel Zeit verloren zu haben. Hier entdecke ich nun die Welt der unendlichen Liebe, und das Staunen lindert meine Peinen. Ja, ich war gütig, und Gott erweist sich mir als sehr gütig. Er läßt mich seine Güte entdecken, anbeten und lieben. Sei eine starkmütige und gütige Seele, sage allen, sie mögen gütig sein. Gott ist die Liebe, Liebe sei in euch! Betet für uns, das ist für euch eine Pflicht, eine Pflicht der Liebe gegen Gott, den ihr verherrlicht und zu dem hin ihr uns so voranbringt, uns, die wir vor Sehnsucht brennen, ihn zu schauen; und der Liebe zu uns, den Seelen im Fegfeuer, denen ihr Erleichterung und Beistand schenkt. Weißt du, daß das Gebet für die Seelen im Fegfeuer einer eurer Beiträge zur Einheit des geheimnisvollen Leibes ist? Ut unum sint! Daß wir alle eins seien in unsrem Einzigen...

Er schweigt und blickt mich mit großer Sanftmut an, meine Seele wird dadurch ganz gestärkt. Er öffnet die Arme, blickt zum Himmel mit Seligkeit und sagt:

Ich entdecke die Wunder der unendlichen Liebe! Die Liebe rief mich, ich wurde von der Liebe ergriffen und nun gehe ich zur Liebe... O mein Gott, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen! (vgl. Ps 38,10).

Wie er mich nun anblickt, komme ich zum Ende und sage ihm:

Hoffe auf den Herrn, warte auf den Herrn, und sei stark! Hab festen Mut! Ja, hoffen wir auf den Herrn (vgl. Ps 27,14).  

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Möge das Gebet das Instrument für die Einheit sein

Diese letzten Tage waren reich an Prüfungen. Ein junger Verwandter, der kürzlich verstarb, wurde provisorisch begraben. Die Familie schließt sich enger zusammen, der Kummer verinnerlicht sich und läutert sich allmählich. Nach der heiligen Messe, während der Danksagung, sehe ich den Verstorbenen, der neben dem Altar steht, von hellen Flammen umgeben. Ich bekreuzige mich. Da kommt er auf mich zu, grüßt mich und sagt:

Laßt uns Gott, der ewigen Güte, Dank sagen!

Weißt du, daß ich die seligste Jungfrau sah? Sie ist die Mutter der Güte, sie ist bis zu mir gekommen, um mir Blumen zu bringen.

Vor meiner Überraschung und Freude, lächelt er und fährt fort:

Ja, das ist das Symbol eurer Gebete für mich, Arme voll von Blumen! Ich bekomme Suffragien von vielen Leuten, wovon mir viele unbekannt sind. So habe ich gesehen, daß manche von deinen Freunden für mich beten, und ich bete meinerseits für sie, besonders für die Priester und die Ordensfrauen. Hier beten wir für euch, für die streitende Kirche, auf alle ihre großen Meinungen, insofern Gott sie uns eben zeigen will: aber er hält es nicht immer für notwendig. Das ist für uns ein sehr großer Trost. Hier besteht eine Welt des Gebetes, des Sühnegebetes... Wir beten für die Ausbreitung des Reiches Gottes, für das Kommen seines Reiches der Liebe und des Friedens: das heißt für die Bekehrung der armen Sünder, für die Heiligung der Seelen. Möge das Gebet das Instrument der Einheit sein zwischen dem Himmel, dem Fegfeuer und der Erde!

Meine Seele ist im Jubel. Ich habe Lust, Fragen zu stellen, aber er schaut mich an mit Ernst und weist zurecht:

Vergiß nicht, daß wir viel leiden. Ich befinde mich trotz allem in einer Art höchster Not, weil eine Regung mich zur göttlichen Liebe hinzieht. Sie überragt mich, und ich kann ihr erst innerhalb der derzeitigen Grenzen meines Zustandes entsprechen. Aber ich liebe dieses Leiden, es ist Leiden der Liebe, das ist gerecht, ich strebe nur nach Gott, ja nach Gott...

Ich empfinde auch Kummer um ihn; ich sage ihm das, aber er erhebt mit einem freudigen, ein wenig sehnsüchtigen Blick, die Augen zum Himmel und sagt:

Gott ist gütig, so gut, so gut... Man weiß es nicht, man will es nicht wissen, leider. Wenig liegt mir daran, ob ich lang im Fegfeuer bleiben muß, wenn ich den Trost habe, mich mit Gott befassen zu dürfen!

Während diese Seele mit mir redet, nehme ich Weihwasser und biete ihr welches an in der hohlen Hand. Sie sagt:

Das verschafft uns große Linderung, man darf die Sakramentalien nicht vernachlässigen. Ich glaube, daß, wenn ich eine Kirche betrat, ich nie vergaß, Weihwasser zu nehmen, auch wenn es sehr mechanisch geschah... und selten war. Da ich hienieden die religiöse Praxis vernachlässigte, muß ich fast beständig in einer Kirche und meist bei einem Altar mich aufhalten, manchmal auch unter dem Altar, wenn Gott es erlaubt, dort empfangen wir reichlichen Trost, durch die Anwendung aller Gnaden des heiligsten Sakramentes. Aber das wird mir oft entzogen wegen meines geringen Eifers. Was für mich tröstlich ist, das ist, daß man für die Seelen im Fegfeuer Messen lesen läßt: nicht nur für mich, sondern für uns alle. Denn Gott nimmt eure Gebete an, und er übergibt sie seiner heiligsten Mutter, wobei er die Zuwendung an die Seelen im Fegfeuer ihr anvertraut. Du weißt, Maria, die Unbefleckte, ist die Mutter der Güte, sie ist ganz dem reinen Willen der Liebe Gottes übergeben, ganz empfänglich für die Ausgießungen seiner ewigen Güte; sie ist das Werkzeug der Absichten Gottes, die sie vollkommen mit soviel Güte erfüllt! Einer der Schätze einer Familie ist, die Hingabe an Maria, als etwas Altes und Tiefes zu besitzen, vergeßt das nie!

Meine Seele nährt sich aus dieser lichtvollen Unterweisung, und ich sage dem Herrn Dank, wobei ich zugleich für diese Seele bete, die abschließend sagt:

Weißt du, daß die Engel uns besuchen kommen? Sie stärken uns durch ihre Gesänge, sie verkündigen unablässig die Herrlichkeit Gottes und ehren mit Liebe und Ehrfurcht ihre Königin. Das entflammt uns mit Liebe und läßt unsre Sehnsucht wachsen, und wir verbinden uns dankbar mit ihrem fortwährenden Lobgesang. Manchmal übergibt ihnen die seligste Jungfrau Gebete, damit sie selber sie uns überbringen wie erfrischende Regengüsse, die uns Erleichterung verschaffen. Und wenn ich die Engel sehe, so vermehrt ihre Schönheit und Vollkommenheit in mir das Verlangen, Gott zu sehen: denn in ihnen spiegeln sich Gottes Herrlichkeit und Schönheit, und das ist ein großer Trost für uns... Das ermutigt uns gewissermaßen und vermehrt in uns das Verlangen, Gott zu sehen, der die Quelle alles Guten, der das höchste Gut ist.

Und von neuem verliert er sich in diese Art von Ekstase, die ihn in unsagbarem Jubel die Augen zum Himmel erheben läßt. Nachdem er ein letztes Mal zu mir hingeblickt hat, entschwindet er vor meinem Innern Auge, und läßt meine Seele entzückt, getröstet, glücklich zurück...  

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Meine Almosen haben mich gerettet

Als ich am Beten war in meinem Zimmer, sah ich eine Art von Feuerwirbel vor mir erscheinen, worin sich ein Mann aufhielt, den ich seit vielen Jahren gekannt hatte; es war schon recht lange her, daß er gestorben war. Sobald ich ihn erkannte, regte sich Überraschung und innere Verwirrung in mir: war das eine Illusion oder teuflische Ausflucht? Ich bekreuzigte mich, dann erfüllte Frieden meine Seele; dann bat ich diesen Mann, er möge doch mir nachsprechen: «Jesus, Maria, Josef, ich liebe euch.» Er tat es. Dieser Mann hatte einen entsetzlichen Ruf gehabt. Er war ungläubig und verachtete die Religion, man sagte, er sei ausschweifend, skrupellos, zu einer guten Tat unfähig, hart gegen seine Angestellten und seine Familie, ein Spieler, ein Verschwender: kurzum, man hatte ihn mit allen Sünden belastet. Er war durch einen Unfall umgekommen, ohne die Zeit zu haben, die Sakramente zu empfangen, und in einer kleinen Ortschaft kommen die Zungen rasch vorwärts. Die schwatzhaften Frömmlerinnen hatten zu jener Zeit viele Kommentare über seinen Tod und sein wahrscheinliches auf ewig Verloren-Sein abgegeben. Unbewußt war ich diesen Meinungen tributpflichtig, so daß es mich sehr tröstete, ihn im Fegfeuer zu sehen. Es waren an die fünfundzwanzig Jahre her, daß er gestorben war. Er blickte mich an. Ich lächelte ihm zu und begann für ihn zu beten, da rief er aus:

Oh, dank dir, mein Kind, danke!

Wenn Gott mir gestattet, mich dir kundzutun, dann eben um mir zu helfen in meinen Peinen und um es zu ermöglichen, daß ich getröstet werde nach so langer Zeit! Niemand betete für mich in meiner Familie, und unter meinen Angehörigen hatte man mich vergessen; und ich habe eine entsetzliches Fegfeuer kennengelernt, das ich durch meine unzähligen Sünden verdiene. Aber ich bin gerettet, wie du siehst.

Ich war in einer großen Freude, ihn so zu betrachten. Und er fuhr fort:

Weißt du, was mich gerettet hat? Es sind die Almosen, die ich gegeben habe, die vielen Hilfen, die ich so und so vielen notleidenden Leuten zukommen ließ. Ich hatte ein gütiges Herz und das war meine Rettung. Viele von diesen Leuten, denen ich geholfen habe, beteten und beten noch für mich, ohne zu wissen, wer ihnen Hilfe gebracht hat: denn all das tat ich heimlich auf ungenanntem Weg. Siehst du, man soll nie jemand richten, nie soll man sich an den äußern Schein halten. Willst du für mich beten, willst du meine Kinder bitten, für mich zu beten? Das wird den Herrn verherrlichen, indem es meine Befreiung beschleunigt.

Ich versprach es ihm, und er war ganz glücklich. Er bekreuzigte sich und entschwand schlagartig, und ich verharrte beim Betrachten seiner Worte.  

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Die seligste Jungfrau befreit Seelen aus dem Fegfeuer

An diesem Fest Maria Opferung habe ich meine Danksagung nach der heiligen Messe verlängert, um dem Herrn für die Gabe zu danken, die er seiner hochheiligen Mutter geschenkt hat. Ich bat ihn, meine Seele für das Wirken des Heiligen Geistes zu bereiten, damit er sie würdig mache, ebenfalls seinem Vater dargebracht zu werden und vorbehaltlos dem reinen Willen der Liebe der Heiligen Dreieinigkeit übergeben zu werden. Während ich mich diesen Erwägungen überließ, wurde meine Seele in Gott gesammelt, und ich befand mich in einem lieblichen Frieden. Dann entstand ein Licht von unsagbarer Milde, worin ich die Muttergottes sah, umgeben von einer Vielzahl von Engeln und seligen Seelen, die ins Fegfeuer hinabstiegen, um Tröstungen und Liebe dorthin zu bringen. Sankt Michael ging ihr voran. Ein erfrischender Tau floß herab aus ihrem Herzen und von ihren Händen und er fiel als Regen auf das ganze Fegfeuer nieder.

Die hochselige Gottesmutter verteilte auf das ganze Fegfeuer Gnaden des Trostes und der Hoffnung, dann fuhr sie wieder zum Himmel empor mit vielen durch ihre Fürsprache befreiten Seelen. Ich sah diese hunderte von Leuten in die Freude Gottes eingehen, und es war, als würde das ganze Paradies von Freudenrufen und Festgesängen widerhallen. Unter den anläßlich dieses Festes befreiten Seelen wurden mir welche gezeigt, für die ich seit einigen Monaten Anrufe ums Gebet bekommen hatte.  

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Übergang in den Himmel und Gebet für die heiligen Seelen

Der ganze Tag war mit der Anwesenheit der heiligen Seelen des Fegfeuers besetzt. Unmengen von ihnen habe ich gesehen, still und betend, und sie streckten die Arme in einer Geste des Flehens empor. Ich habe nicht aufgehört für sie zu beten, meine Seele war durch diesen fortwährenden Anblick furchtbar mitgenommen, da er sich gleichsam als Wasserzeichen auf alles aufsetzte, was ich mit den Augen des Leibes im Laufe des Tages sah. Ich glaube schon, daß ich so bis spät in den Abend hinein mehrere tausende dieser Seelen gesehen habe, die vorüberzogen und um unser Gebet baten. Am Abend sagte mein Schutzengel ernst:

Sie kommen zu euch hin wie um Liebe Bettelnde, wie lästige Bettler um Gebet.

Am Abend, als ich ans Ende der Betrachtung gelangte, sah ich eine große Anzahl dieser heiligen Seelen, die stöhnend zu mir kamen und mich sogar an meinen Kleidern erfaßten. Es wurde mir gezeigt, wie sehr man diese Seelen vernachlässigt, wie sehr sie einsam und vergessen sind... Kaum ist der 1. November vorbei, und das gilt für die Mehrzahl, kaum ist der Monat November verflossen, das gilt für viele Gläubige und sogar für Priester, so denkt man überhaupt nicht mehr an diese Seelen, man betet kaum mehr auf ihre Meinung, höchstens gelegentlich. Und trotzdem! Diese guten Seelen, die ihres ewigen Heiles sicher sind und die sich total vergessen, allein um der Verherrlichung Gottes willen60, sind so voller Dankbarkeit uns gegenüber, wenn sie einmal zur Seligkeit des Himmels gelangt sind! Es wurde mir noch einmal gezeigt, daß das, was ihnen am meisten Hilfe und Trost bringt, das heilige Meßopfer ist, das wir für sie darbringen, und daß wir also Messen und Suffragien auf ihre Meinungen aufopfern sollen. Und daß ihnen auch der heilige Rosenkranz unschätzbaren Trost verschafft, sobald wir dessen Geheimnisse mit Sammlung betrachten und bei jedem Gesätz ein Gegrüßt zugunsten der leidenden Seelen hinzufügen. Wir haben viel von ihnen zu lernen: leiden, schweigen, beten, lieben und anbeten, kurzum sich dem reinen Willen Gottes ausliefern.

Sehr früh von diesem Morgen an hatte mein heiliger Schutzengel von mir gefordert, daß ich für die Seelen im Fegfeuer bete. Ich habe es getan im Lichte der liturgischen Texte des heutigen Tages: indem ich dem Herrn darstellte, daß wir alle in seinem gekreuzigten und verherrlichten göttlichen Sohn «vielgeliebte Söhne» sind. Während des Tages wurde der Anblick der leidenden Seelen nicht für einen einzigen Augenblick unterbrochen, außer gerade während eines Teils der heiligen Messe und während der Betrachtung; dieser Anblick legte sich gleichsam über all meine Beschäftigungen. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um eine innere (imaginative) Vision oder um ein leibliches Sehen handelte, das ist übrigens nicht von Bedeutung. Sehr oft zogen diese Seelen in Scharen an mir vorbei, ohne etwas zu sagen, ohne etwas zu sehen, gleichsam niedergedrückt. Manchmal wandte sich die eine oder andere mir zu und streckte mir still die Hände hin mit Tränen erfüllten Augen. Es war erschütternd und es kostete mich eine solche Anstrengung, daß ich mich am Ende des Tages vor der Abendbetrachtung in einem Zustand völliger Erschöpfung befand. Ziemlich spät am Abend wurde mir ein sehr tröstlicher Einblick gewährt: eine große Anzahl von Seelen stiegen aus dem Fegfeuer bis in die Fülle der göttlichen Liebe hinauf, sie wurden aufgrund der Gnade Mariens, der Unbefleckten, emporgehoben, um in das himmlische Jerusalem einzutreten. Es scheint mir, daß jede Seele, die ihre Läuterung beendet hat, gleichsam in die Gnade Mariens, der Unbefleckten, einverleibt wird, emporgehoben im Licht ihrer Liebe, in welchem sie in die Herrlichkeit des Himmels eingeführt wird. Ich habe das geschaut als eine Offenbarung der allumfassenden Mutterschaft der seligsten Jungfrau, welche sich über all ihre Kinder erstreckt. Es herrscht ein echter Jubel im ganzen Himmel, wenn eine Seele dort eintritt, eine Bewegung der Freude, welche die Begegnung der Seele mit ihrem Gott wiedergibt, und die sich von diesem Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit über das ganze Paradies erstreckt wie in konzentrischen Kreisen. Das läßt mich an das Wiederfinden des Vaters mit seinem verlornen Sohn denken.  

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Fest Maria Opferung im Tempel

Als ich für die leidenden Seelen betete, wobei ich das, was mir gestern gezeigt worden war, betrachtete, wurde meine Seele in die Kontemplation der Gottesmutter erhoben, die ihr Unbeflecktes Herz den heiligen Seelen im Fegfeuer eröffnete. Ich schaute dieses Mutterherz als eine goldene Pforte, durch welche sehr viele Seelen hindurchgingen, um ins Herz Jesu einzutreten, welches der Himmel der reinen Liebe ist. Sie wurden an diesem Festtag von den Peinen befreit, die sie bis dahin hatten erleiden müssen; es wurde mir gezeigt, daß einerseits die Heiligen im Paradies ihnen Lichtleitern zuwarfen, die sie erstiegen, um sich über den Ort der Reinigung zu erheben, und daß wir hienieden sie durch unsere Gebete, unsere Suffragien und unsere Opfer von etwas schwerem entlasten, was sie gehindert hätte, an diesen Leitern emporzusteigen, um in die Seligkeit der Auserwählten zu gelangen. Dann sah ich die seligste Jungfrau, ihrem göttlichen Sohn alle an diesem Tag befreiten Seelen vorstellen, indem sie leise zu derem Ohr oder eher in ihrem Herzen sprach: «Tut alles, was er euch sagt!» Diese heiligen Seelen befanden sich im Jubel und im Befragtwerden. Jesus zeigte ihnen sein durchbohrtes Herz und sagte zu ihnen: «Lest in diesem Herzen, das euch so sehr geliebt hat, was ihr nun zu tun habt und das auf ewig!» Die Seelen lasen mit Entzücken: «Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist von Ewigkeit zu Ewigkeit.» Es floß aus diesem göttlichen Herzen ein liebliches Getränk hervor, an dem sich zu erlaben die Seelen eingeladen wurden, und sie tranken davon in Freuden, in außerordentlichem berauschtem Jubel. Mein Engel sagte hierauf: «Sie trinken in langen Zügen und auf ewig den reinen Liebeswillen des dreieinigen Gottes.» Ich befand mich in einer unsagbaren Verzückung beim Anblick dieser Wunderwerke. Dann entschwand alles, und ich verharrte in der Sammlung des Danksagens.  

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Theologische Anmerkungen zum Fegfeuer

Durch ihre Fürbitten für die Verstorbenen hat die Kirche zuerst und von Anfang an deutlich ihren Glauben an das Fegfeuer bekundet. Sodann wird sie mit kluger Zurückhaltung ihre Lehre näher bestimmen, namentlich am zweiten Konzil von Lyon (1274), am Konzil von Florenz (1438) und schließlich am Trienterkonzil (in der 25. Sitzung im Dezember 1563). Wir wollen diese so lichtvolle und so beruhigende Lehre in kurzen Zügen in Erinnerung rufen:

·         Im Reinigungsort begleichen die Seelen der Gerechten ihre Schuldenlast gegenüber der Gerechtigkeit Gottes, indem sie die äußerst schmerzvollen Läuterungspeinen erdulden. Heben wir gleich ohne weiteres hervor, daß sich die Läuterung am Ort der Reinigung nicht auf den Fehler erstreckt sondern auf die Strafe. Wenn die von Gott der reumütigen Seele gewährte Verzeihung zwar den Fehler tilgt, so läßt sie deshalb nicht die Strafe hinfällig werden, die ja für den Menschen das Mittel ist, die Unordnung wiedergutzumachen, die seine Sünden verursacht haben. Hienieden erleidet die Seele die Strafe unter der Gestalt einer freiwilligen und verdienstlichen Buße; in der andern Welt unter der Gestalt einer obligatorischen Reinigung.

·         Gemäß der Lehre der Kirche, gibt es zwei Arten von Strafen im Reinigungsort. Die Hauptstrafe ist die des zeitweiligen Verlustes der Gottesschau (poena damni). Dieser Entzug wird von einem unerhörten Schmerz begleitet. Die Stunde der Vereinigung hat zwar geschlagen: die Seele brennt vor Sehnsucht Gott zu schauen, aber sie kann ihren Wunsch nicht erfüllen, weil sie nicht genug vor dem Tode ihre Sünden gesühnt hat. Die Sühne wird also am Ort der Reinigung vollendet und nimmt die Gestalt eines Leidens an, wovon nichts hienieden eine Vorstellung geben kann. Es gibt am Reinigungsort noch andere Strafen, bekannt unter der Bezeichnung Strafe der Empfindung (poena sensus); die Kirche hat sich nie geäußert über die genaue Natur derselben; ihr Zweck ist die ungeordnete Anhänglichkeit an die Geschöpfe wieder in Ordnung zu bringen.

·         Die Peinen des Reinigungsortes sind nicht dieselben für alle Seelen. Sie sind verschieden hinsichtlich der Dauer und der Intensität je nach der Schadhaftigkeit des einzelnen. Die Seelen im Reinigungsort nehmen die Sühneleiden heiter hin, die Gott ihnen auferlegt; sie suchen nämlich nur die Verherrlichung Gottes und ersehnen glühend, IHN zu schauen, der von nun an ihre ganze Hoffnung ist. Am Reinigungsort herrscht großer Friede und sogar eine gewisse Freude, denn die Seelen haben die Gewißheit ihres Heiles und sehen ihre Pein als ein Mittel an, die Heiligkeit Gottes zu verherrlichen und zur glorreichen Anschauung zu gelangen. Da die Leiden am Reinigungsort nicht mehr verdienstlich sind, vermehren sie nicht die Liebe in der Seele, die sie erleidet.

·         Die Kirche auf Erden kann Hilfe leisten durch ihre Suffragien, die Kirche, «die sich neu gestaltet über die Pforten des Todes hinaus» (Kardinal Journet), weil ein und dieselbe Liebe sie in Christus eint. Diese Einigung begründet die Möglichkeit eines mitteilenden Austausches der Verdienste. Die Seelen am Reinigungsort, nicht imstande sich selber die geringste Linderung zu verschaffen, können so Nutzen ziehen aus den Werken der Genugtuung, welche die Lebenden zu ihren Gunsten mit der Absicht vollbringen, deren Schulden zu bezahlen. Diese Werke der Genugtuung besitzen Sühnewert, weil sie die Strafen der Seelen am Reinigungsort sühnen, indem sie für sie einen Ausgleich leisten; Gott regelt gemäß seiner Weisheit die Anwendung der Suffragien für die Verstorbenen. Die heilige Messe ist die wirksamste Hilfe, welche die Kirche auf Erden für eine Seele leisten kann, die geläutert wird: vermittelt sie uns nicht das von Jesus am Kreuz für das Heil der Welt dargebrachte Opfer? Das Almosen, das Gebet, sowie jede Form von Opfer sind ebenfalls Mittel um «unsern guten leidenden Freundinnen» zu helfen (heilige Margareta-Maria).

·         Der Reinigungsort wird ein Ende finden beim Jüngsten Gericht, nachdem alle Seelen, die für die Herrlichkeit bestimmt sind, so oder so der Gerechtigkeit Gottes Genugtuung geleistet haben.

So lautet das Wesentliche aus den Lehren der Kirche über das Mysterium des Reinigungsortes. Es ist hinzuzufügen, daß das Konzil von Florenz nicht bestimmt hat, ob die Seelen durch ein wirkliches, nicht metaphorisches Feuer geläutert werden. Die allgemein verbreitete Lehre (wenigstens in der lateinischen Kirche) nimmt die Strafe des realen Feuers an und stützt sich dabei auf die Lehrautorität des heiligen Gregor von Nazianz und des heiligen Gregor des Großen. Schließlich wollen wir anmerken, daß die Kirche den Theologen die Aufgabe überläßt, einige Erleuchtungen zu gewissen zweitrangigen Fragen beizutragen, wir wollen da einige erwähnen: An welchem Ort befindet sich der Reinigungsort? Wird die läßliche Sünde im Augenblick des Todes oder am Ort der Reinigung nachgelassen? Beten die Seelen im Reinigungsort für uns?

Für die gerechten Seelen ist also der Reinigungsort dieser Zustand und dieser Ort des Leidens, wo sie die Strafe abbüßen, wofür sie in dieser Welt nicht genug getan haben (hl. Thomas von Aquin, S.T, suppl. Q 70 ter a 1; das gilt für bereits nachgelassene Todsünden und läßliche Sünden), und wo dann ihre läßlichen Sünden nachgelassen werden, hinsichtlich der Sündenschuld, wenn sie während des Lebens nicht nachgelassen wurden (hl. Thomas von Aquin, Compendium Kap. 181).

·         Die Existenz des Fegfeuers ist eine Glaubenswahrheit; der hl. Thomas von Aquin zögert nicht zu behaupten, daß, wer den Reinigungsort leugnet, gegen Gottes Gerechtigkeit redet und einen Glaubensirrtum begeht (hl. Thomas von Aquin, S.T., IIIa Q70 bis, a 6). Diese Glaubenswahrheit stützt sich auf die ausdrückliche Lehre der Hl. Schrift über das Gericht und über die Forderung einer vollkommenen Reinheit, um in den Himmel einzutreten. Wenn man dem Ausdruck Reinigungsort zwar nirgends in der Hl. Schrift begegnet, so befindet sich dort unbestreitbar die Wirklichkeit, die damit bezeichnet wird: Hätte etwa Judas, der Makkabäer, ein Sühneopfer im Tempel von Jerusalem für die bei der Schlacht gefallenen Soldaten seines Heeres darbringen lassen, wenn er nicht an die Möglichkeit, für die Hingeschiedenen sich von den Folgen ihrer Sünden reinigen zu lassen, geglaubt hätte? (vgl. 2 Makk 12,38-45).

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Theologische Anmerkungen zum Fegfeuer  

1 Brief Papst Pauls VI. an den Generalminister der Dominikaner: «Thomas von Aquin. Licht für die Kirche und für die Welt», 20. November 1974, Nr. 22.  zurück zum Text

2 Heiliger Johannes vom Kreuz, Empor zum Karmelberg, 2,20 in Sämtliche Werke, Johannes Verlag, 1964.   zurück zum Text

3 Vgl. Rene Laurentin: «Fonction et Statuts des apparitions», in Vraies et fausses apparitions clans l'Eglise, Lethielleux, 1976, p. 163.   zurück zum Text

4 Thomas von Aquin, Summa Theologiae, lla, llae. Quaestio 174, Artikel 6   zurück zum Text

5 René Laurentin. op. cit. p. 163   zurück zum Text

6 Als er 1921 das Fest des eucharistischen Herzens Jesu einführte, dessen Feier auf den Donnerstag nach der Oktav des Fronleichnamsfestes festgelegt wurde, sagte Papst Benedikt XV.: «Dadurch will die Kirche die Gläubigen noch mehr dazu ermutigen, sich mit Vertrauen diesem heiligsten Geheimnis zu nähern und immer mehr die Herzen von den Flammen der göttlichen Liebe verzehren zu lassen, wovon das göttliche Herz in seiner unendlichen Liebe brannte, als es die heiligste Eucharistie einsetzte, worin dieses göttliche Herz sie bewahrt und sie liebt, indem es unter ihnen lebt und weilt, wie sie in ihm leben und weilen; denn im Sakrament der Heiligsten Eucharistie bietet es sich dar und schenkt sich uns als Opferlamm, als Lebensgefährte, als Speise, als Wegzehrung und als Unterpfand der künftigen Herrlichkeit» (9. Nov. 1921).   zurück zum Text

7 Gott bedient sich der treuen Engel beim Regieren über die Schöpfung: so wird die göttliche Wahrheit den Menschen durch Vermittlung der Engel kundgetan. Diese Erleuchtung der Menschen kann in der Ordnung des Glaubens und in der Ordnung des Handelns stattfinden; der heilige Johannes vom Kreuz hat auf einer berühmten Seite diesen Dienst der Engel an den Menschen erwähnt: «Die Engel sind unsere Hirten; sie bringen nicht nur unsere Botschaften vor Gott hin, sondern sie bringen uns auch die von Gott her. Sie nähren unsere Seelen mit ihren sanften Eingebungen und mit den göttlichen Mitteilungen; als gute Hirten schützen und verteidigen sie uns gegen die Wölfe, das heißt gegen die Dämonen. Durch ihre heimlichen Eingebungen verleihen die Engel der Seele eine höhere Gotteserkenntnis, sie entflammen sie auch mit einer lebendigeren Flamme der Liebe zu ihm; sie gehen sogar so weit, daß sie sie ganz von seiner Liebe verwundet zurücklassen» (vgl. Avis et Maximes in Geistliche Werke, bei Le Seuil, 1964, p. 1212). Der Engel ist ein Geist ohne Leib. Die absolute Geistigkeit der Engel ist zwar nicht ein ausdrücklich definierter Glaubenssatz, aber der hervorragende Dominikaner-Theologe Pater Heris behauptet, «es wäre irrig oder zumindest verwegen, zu behaupten, daß die Engel einen Leib besitzen, wenn auch nur einen feinstofflichen, ätherischen.» Der von Gott erschaffene Engel hat Anteil bekommen am göttlichen Leben durch das Geschenk der Gnade; der treue Engel erfreut sich an der Schau der Herrlichkeit, welches die letzte Entfaltung der empfangenen Gnade ist. Wenn der Engel in Erscheinung tritt, kann er sich für die äußere Sehkraft wahrnehmbar werden lassen, indem er einen sinnenfälligen Leib annimmt, der zwar kein Leben besitzt und der nur die für die Wahrnehmbarkeit notwendigen Eigenschaften aufweist. Es handelt sich dabei um eine äußere, auch körperhaft genannte Vision. Aber der Engel kann sich auch bloß für die Einbildungskraft des Empfängers wahrnehmbar machen: In diesem Fall ist die Wahrnehmung eine imaginative Vision, die nur in der Einbildung des Empfängers besteht; obwohl diese ohne Hilfe der Augen wahrgenommen wird, ist diese Vision nichts destoweniger wirklich; deshalb ist es auch ungeschickt von einer eingebildeten Vision zu sprechen. Hinzuzufügen ist, daß der Engel sich nicht an einem Ort befindet, sondern er west, wo er wirkt: er ist also nicht einer Ortsgebundenheit im Raum unterworfen. Sodann ist näher zu bestimmen, daß er nicht wirklich spricht, er bringt nur der menschlichen Stimme ähnliche Laute hervor (vgl. Thomas von Aquin, S.T; la Q 5).   zurück zum Text

8 Sobald die Seele vom Leib getrennt wird, so ist sie nicht mehr der fortwährenden Zeit unterworfen, als dem Maß für fortwährende Bewegung. Sie ist nämlich unveränderlich geworden aufgrund ihres Willens, der sich nach dem letzten Ziel ausstreckt, das sie sich erwählt hat. Infolgedessen kennt sie eine Dauer ohne Wandel und ohne Abfolge, eine immerwährende Gegenwart, die von den Theologen aeviternitas benannt wird. Immerhin gibt es eine Abfolge der Gedanken und Gefühle der getrennten Seele: das Maß für diese Abfolge ist die unterscheidbare Zeit (tempus discretum). Jeder Gedanke dauert eine Zeitspanne, die aber nicht unsrer fortlaufenden Zeit entspricht, die getrennte Seele kennt somit eine doppelte Dauer, die der aeviternitas und die der nicht zusammenhängenden Zeit: die aeviternitas unterscheidet sich von der Ewigkeit (aeternitas) nicht nur weil sie einen Anfang hat, sondern auch mit der unzusammenhängenden Zeit in Beziehung steht. Sobald die Seele in die ewige Anschauung eingeht, nimmt sie an der Ewigkeit Gottes teil. Diese Ewigkeit durch Teilhabe unterscheidet sich von der wesentlichen Ewigkeit Gottes, weil sie in der verherrlichten Seele nur die beseligende Schau und die Liebe Gottes bemißt, die daraus hervorgeht. Wir möchten daran erinnern, daß in Gott die Ewigkeit die Folge seiner absoluten Unveränderlichkeit ist. Weil Gott sein Wesen west, ist er selber seine Ewigkeit: In ihm gibt es weder Anfang noch Ende. Er existiert in allem auf einmal, ohne irgendeine Abfolge zu kennen.   zurück zum Text

9 Der reine Willen Gottes — ein häufiger Ausdruck in diesen Texten — bedeutet Gottes Liebesplan für jedes einzelne seiner Geschöpfe   zurück zum Text

10 Das Fest der Erwartung der seligsten Jungfrau Maria ist sehr alt. Es geht wahrscheinlich in die Epoche des Konzils von Ephesus (431) zurück und feiert das Gedächtnis der Gottesmutterschaft der seligsten Jungfrau. Es wurde vormals am 18. Dezember begangen. Die Partikular- und die ökumenischen Konzilien bis zum 2. Vatikanischen ließen beständig die Liste der jährlichen Feste revidieren, auch dies ein Zeichen der Vitalität der Kirche. Gewisse Feste, die notwendigerweise abgeschafft wurden, bleiben Bestandteil des Erbes, insofern sie das Denken und den Ausdruck der Liebe der Christen bereichert haben Auf das eine oder andere dieser Feste wird in unseren Texten angespielt.   zurück zum Text

11 Vgl. den Ausruf der heiligen Veronika Giuliani: «O Fegfeuer, wie teuer bist du mir! Strafe der Sinne, Strafe des Verlustes (zeitliches Entbehren der Anschauung Gottes), diese Strafe, die alle andern übersteigt, ich will alles für euch erdulden, ihr verlassenen Seelen!» So zu lesen in ihrem Diario.   zurück zum Text

12 Solche Ausdrücke werden auf den folgenden Seiten erklärt.   zurück zum Text

13 Die Sünde ist eine Unordnung, die Gott beleidigt, weil sie seine Würde als unendliches Gut und als Schöpfer mit Füßen tritt. Die mehr oder weniger große Unordnung der Sünde bemißt deren Schwere, und man muß zwischen Todsünde und läßlicher Sünde unterscheiden. Wenn sich der Mensch von Gott abwendet bis hin zur Abneigung gegen Gott, der ja sein Ziel ist, so ist er nicht mehr auf ihn ausgerichtet und verliert somit das göttliche Leben; es ist also die Todsünde, wodurch der Mensch der göttlichen Liebe ein endliches Gut vorzieht. Der Widerwille Gott gegenüber wird begleitet von einer unordentlichen Anhänglichkeit an veränderliche Güter, die der Sünder an Gottes Stelle als Ziel erwählt. Wenn der Mensch, ohne zwar sein Ziel in ein vergängliches Gut hineinzulegen, sich dessen bedient, ohne es in Beziehung zu Gott zu bringen, so begeht er eine läßliche Sünde; die Unordnung betrifft dann die Mittel und nicht das Ziel (S.T., la, llae, Q 88, a l). Welches sind die Folgen der Todsünde und der läßlichen Sünde? Durch die Todsünde verliert der Mensch das göttliche Leben, befleckt seine Seele — die durch einen Makel abgestempelt bleibt, als Befleckte — er führt schließlich in all seine Fähigkeiten eine schwere Unordnung ein, sowie eine Neigung zu weiteren schlechten Taten. Wenn der Sünder Buße tut und zu Gott zurückkehrt, um Verzeihung von ihm zu erbitten, findet er das Gnadenleben wieder, sein Fehler wird ausgewischt und der Makel verschwindet, weil sich der Einfluß der Gnadenherrlichkeiten, der von der Vereinigung mit Gott durch die Bruderliebe herkommt, sich wieder auf seine Seele auswirken kann. Insofern die Todsünde eine unordentliche Anhänglichkeit an die vergänglichen Güter mit ins Spiel bringt, ruft sie in der Seele eine Einstellung oder sogar eine Gewohnheit hervor, falls die Sünde wiederholt wurde. Diese Hinneigung zum ungeordneten Verfolgen eines sinnenfälligen Gutes bleibt, wenn auch abgeschwächt nach dem Ausmerzen des Fehlers: es handelt sich dabei um die Rückstände der nachgelassenen Sünde. Gewiß wird diese schlimme Neigung nicht mehr vorherrschen, sie wird im Sünder nur noch Seele zugeschnitten: unter der Gestalt eines Hanges zum Bösen fortbestehen, außer einer sehr lebhaften Reue, — wofür uns ein Beispiel in Maria Magdalena gegeben ist, wie der heilige Thomas sagt — oder dem Angebot wiederholter Akte der Genugtuung, die sie vollständig auslöschen. Wenn dies nicht der Fall ist, verschwinden diese mangelhaften Neigungen erst nach dem Tode: werden sie durch das Licht des besonderen Gerichtes oder durch das Fegfeuer selber hinweggenommen? Darüber gehen die Meinungen der Theologen auseinander. Der heilige Thomas schreibt in seinem Sentenzenkommentar: «Die Härte der Strafe entspricht sozusagen der Schwere des Fehlers des Betroffenen» (P. Garrigou-Lagrange, Das ewige Leben und die Tiefen der Seele).

Wenn man die Rückstände der Sünde von der Verpflichtung zur Strafe, die aus der nachgelassenen, aber nicht gesühnten Sünde hervorgeht, unterscheidet, bedeutet diese Stelle aus dem heiligen Thomas nur, daß, je stärker eine schlechte Neigung in der Seele des Sünders ist, um so länger die Strafe, um sie zu sühnen, dauern wird. Die Verpflichtung zur Sühnestrafe ist so etwas wie Rost, sagt die heilige Catharina von Genua. Das Feuer des Fegfeuers frißt diesen Rost weg, das heißt, befreit die Seele von der durch die Sünde eingegangenen Schuldverpflichtung. Die Leiden, worin die Fegfeuerstrafe besteht, reinigen die Seele, nicht von ihren mangelhaften Neigungen, sondern von der Sündenschuld (S.T.Q. 70 ter, a 7; Catharina von Genua. Traktat über das Fegfeuer Nr. 4). Was mehrfach in diesem Text über das Fegfeuer behauptet wird, steht in vollem Einklang mit der Deutung des heiligen Thomas.   zurück zum Text

14 Hinsichtlich der Fegfeuerstrafen sieht sich der Glauben nur in bestimmten Punkten gebunden: es gibt Fegfeuerstrafen, sie sind läuternd, nach dem Jüngsten Gericht werden sie aufhören. Die Hauptfegfeuerstrafe ist der Entzug der Anschauung Gottes. Es gibt eine zweitrangige Strafe, die der Empfindung. Welches ist ihre Beschaffenheit? Die Überlieferung der lateinischen Kirche bis auf wenige Ausnahmen bejaht die Läuterung der Seelen nach dem irdischen Leben durch ein physisches Feuer. Die Überlieferung der Ostkirche ist nicht einstimmig in diesem Punkt und neigt eher zugunsten eines geistigen Feuers. Das Konzil von Florenz (1438) hat sich nicht geäußert über diesen Punkt, da es ein Gegen­stand heftiger Auseinandersetzung zwischen Griechen und Lateinern war anläßlich des Konzils (D.T.C., tome 5, art. feu, Spalte 2246-2261). Nach dem heiligen Robert Bellarmin ist die Lehre, wonach die Seelen im Fegfeuer durch ein physisches Feuer gereinigt werden, sententia probabilissima. Wie kann die vom Leib getrennte Seele durch ein physisches Feuer gequält werden? Der heilige Thomas von Aquin hat diese schwierige Frage mit seinem gewohnten Scharfsinn behandelt (S.T., Anhang Q. 70, a 3). Er gibt folgende Erklärung: das Feuer kann durch seine natürliche Kraft die getrennte Seele nicht berühren. Denn damit ein Körper auf einen Geist einwirken kann, muß er mit ihm vereint werden:

Entweder wie die forma mit der materia sich vereint und ein und dasselbe zusammengesetzte Gebilde bildet: so verhält es sich ja mit Seele und Leib. Man muß dabei betonen, daß das Feuer in der Seele kein sinnenfälliges Leiden hervorruft, sondern ein geistiges Leiden, dadurch daß es sie gefangen hält. Die Strafe des Empfindens ist also nicht dieselbe in diesem Leben und im andern. Hienieden wird sie durch natürliche Bewirker verursacht, im Jenseits durch ein Feuer, das einen geistigen Schmerz verursacht.

Oder wie das Werkzeug sich mit dem vereint, durch was es bewegt wird. Nun aber wird das Feuer auf natürliche Weise weder auf die erste Weise, noch auf die zweite Weise mit der getrennten Seele vereint. Es bleibt also, daß die göttliche Gerechtigkeit dem Feuer ein Festhaltevermögen verleiht. Aufgrund einer göttlichen Einwirkung, die aus dem Feuer das Werkzeug seiner Gerechtigkeit macht, hält das Feuer die schuldige Seele fest, indem sie der Seele gleichsam als Ort dient. So verhindert es, daß der Wille sich betätigt, denn es hindert die Seele daran, dort wo sie will und wie sie will zu handeln. Infolge dessen wird das Feuer von der Seele als ein Übel wahrgenommen und verursacht bei ihr ein geistiges Leiden.   zurück zum Text

15 Für den heiligen Thomas von Aquin handelt es sich in der Substanz um dasselbe Feuer, aber seine Auswirkungen sind verschieden in der Hölle und im Fegfeuer (S.T., Anhang, Q 70 ter, a 2).   zurück zum Text

16 Es gibt im Fegfeuer zwei verschiedene Strafen:

a) die Strafe des Aufschubs der Anschauung Gottes, ungenau poena damni Strafe des Verlustes genannt, denn man darf sie nicht mit jener verwechseln, welche die Verdammten in der Hölle erleiden,

b) die Strafe der Empfindung (poena sensus), über deren Beschaffenheit die Kirche sich niemals ausdrücklich und feierlich geäußert hat.   zurück zum Text

17 Nach dem heiligen Thomas von Aquin haben die Dämonen gar keine Macht mehr über die Seelen im Fegfeuer. Sie dürfen sie nicht mehr quälen, denn sie wurden endgültig besiegt. «Es ist jedoch möglich», schreibt der heilige Thomas, «daß die Dämonen da sind, zuerst zum Zeitpunkt, wo sie ihren Leib verlassen, um festzustellen, daß sie gar keinen Anspruch mehr auf sie haben und sodann um sie leiden zu sehen und ihren Haß zu stillen» (S.T., Anhang, Q 70 ter, a 5.)

Die heilige Caterina von Siena und die heilige Birgitta denken hingegen, daß die Dämonen beauftragt wurden, die Seelen im Fegfeuer zu quälen. Die erste läßt den Herrn sprechen: «Ich, die ewige Wahrheit, habe die Dämonen zu meinen Werkzeugen bestellt, um meine Diener in der Tugend zu üben, so wie als meine Gerichtsdiener denen gegenüber, die durch die Fegfeuerstrafen hindurch gehen. Durch sie tue ich meine Gerechtigkeit den Verdammten und den Seelen im Fegfeuer gegenüber kund» (Joubert und Cristiani: Die schönsten Texte über das Jenseits, La Colombe, p. 273)   zurück zum Text

18 «Ein Thron stand im Himmel, auf dem Throne saß einer... Und vor dem Thron war etwas wie ein gläsernes Meer, gleich Kristall» (Offb 4,2.6). Die göttliche Heiligkeit ist das Geheimnis der Transzendenz Gottes, «das Jenseits von allem», das sich selber völlig genügt und wovon alle andern Dinglichkeiten abhängen. Die Heiligkeit ist in Gott auch die unergründliche Vollkommenheit seines Lebens der Liebe. Dieses Leben der Liebe wird dem Menschen mitgeteilt durch das Geschenk der Gnade. Indem der Sünder sich Gott vorzieht, beleidigt er die Heiligkeit Gottes: Gott wird beleidigt als letztes Ziel, als Wohltäter, oberster Herr und Richter: gewiß vermag die Beleidigung Gott nicht an sich zu treffen, nichts desto weniger aber bewirkt sie eine schwere Beleidigung dem Schöpfer gegenüber, der im Menschen nicht mehr durch eine liebevolle und dankerfüllte Anbetung verherrlicht wird.   zurück zum Text

19 Die Jungfrau Maria wird von der Überlieferung als ianua caeli Pforte des Himmels begrüßt (vgl. die Lauretanische Litanei), weil sie, nachdem sie uns Christus, den Heiland, geschenkt hatte, ihm beim Werk der Rettung beigesellt wurde: sie hat uns zu Jesus hingeführt, der nicht nur die Himmelstür ist (vgl. Joh 10,1.2.7,9), sondern unser Himmel. In dem Maße, wie Maria uns Zugang zu Jesus verschafft, ist sie mit ihm Himmelspforte.   zurück zum Text

20 «Das Paschamysterium ist der Gipfelpunkt der Offenbarung und Verwirklichung des Erbarmens, das den Menschen zu rechtfertigen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen vermag im Sinne der Heilsordnung, die Gott vom Anbeginn her im Menschen und durch ihn in der Welt wollte... Das auf Golgota errichtete Kreuz, an dem Christus sein letztes Zwiegespräch mit dem Vater führt, erwächst aus dem innersten Kern jener Liebe, die dem nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffenen Menschen gemäß dem ewigen Plan Gottes geschenkt worden ist. Gott, wie Christus ihn geoffenbart hat. bleibt nicht nur als Schöpfer und letzte Quelle der Wirklichkeit in enger Verbindung mit der Welt. Er ist auch Vater: mit dem Menschen, den er in der sichtbaren Welt ins Dasein gerufen hat, ist er enger verbunden als (nur) durch das Band der Schöpfung. Es ist dies die Liebe, die nicht nur das Gute hervorbringt, sondern am Leben Gottes selbst, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, teilhaben läßt. Wer nämlich liebt, der möchte sich selbst zum Geschenk machen» (Johannes Paul II.: Dives in Misericordia. Nr. 13).   zurück zum Text

21 Im Fegfeuer umarmen sich Gerechtigkeit und Erbarmen. Immerhin offenbart das Fegfeuer mehr die göttliche Barmherzigkeit, «die wichtigste unter den Eigenschaften und Vollkommenheiten Gottes» (Dives in Misericordia, Nr. 13)   zurück zum Text

22 Wie offenbart das Fegfeuer die göttliche Barmherzigkeit? Weil es die Seelen auf die herrliche Anschauung vorbereitet, ruft das Fegfeuer die barmherzige Lebenshingabe Jesu am Kreuz in Erinnerung, um den Menschen den Zugang zum Himmel zu öffnen: ohne Kreuz gäbe es kein Fegfeuer, denn es gäbe auch keinen Himmel, zu dem eben das Fegfeuer eine große Anzahl von Seelen vorbereitet.

Als Vorgang der Reinigung erschien das Fegfeuer auch als eine wundervolle Gabe des verletzten Herzens des hingeschlachteten Lammes, die den Seelen die Möglichkeit einer letzten Reinigung gewährt, wenn sie am Ende ihres irdischen Lebenslaufes nicht bereit sind, dem lebendigen und wahren Gott zu begegnen. Ohne diese Möglichkeit könnte die Seele nicht ihr Ziel erreichen, dann gäbe es nur die Hölle. Gewiß leistet Gott im Fegfeuer seiner Gerechtigkeit Genugtuung, aber sogar das Üben der Gerechtigkeit bleibt so etwas wie eine Barmherzigkeit, da sie den Menschen auf eine eigenartige Weise an der Wiederherstellung der berechtigten Ansprüche der Liebe teilnehmen läßt, welche durch seine Sünde verhöhnt worden waren.   zurück zum Text

23 Es gibt nur ein einziges Fegfeuer. Die Kirche hat sich nie geäußert über einen dreifachen Aspekt: wie Großes, Mittleres Fegfeuer und Vorhof zum Himmel. Doch aufgrund einer Analogie zum geistlichen Fortschritt (Bekehrung — Fortschritt — Vollendung), wie er sehr wohl vom heiligen Paulus beschrieben wird in Phil 3,12-14, dürfen wir die Reinigung in ihren drei aufeinanderfolgenden Phasen betrachten. Das ganze Schriftwerk des heiligen Johannes vom Kreuz, der Reinigung und Läuterungsort in eins setzt, ist eine Illustration dazu.   zurück zum Text

24 Über diesen Gangstein vgl. nachfolgend das Kapitel mit dem Titel «Der Zustand der Seelen im Fegfeuer».   zurück zum Text

25 Man muß sich stets an die unfehlbare Genauigkeit der göttlichen Gerechtigkeit, die immer von seiner Barmherzigkeit begleitet wird, erinnern. Die Gerechtigkeit fordert, daß die Fegfeuerstrafen dosiert werden gemäß dem Grad der Fehler, die gereinigt werden müssen. Es kann vorkommen, daß ein Mensch, der im Verbrechen dahingelebt hat, im letzten Augenblick solche Akte des Glaubens und der Liebe erweckt, daß er in einem Augenblick all seine Fehler sühnt, so wie das der Fall war beim guten Schächer, zu dem unser Herr sagen durfte: «Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein!» Es kann hingegen auch geschehen, daß einer die Hölle gerade noch vermeiden konnte und daß sich nun eine lange Sühne aufdrängt, ehe er in den Himmel eingehen wird. Und zwischen dem höchsten Grad an Schuldigkeit und dem geringsten, erstreckt sich eine ganze Stufenleiter, die man sich kaum ausdenken kann (P. Monsabre bei Joubert & Cristiani).   zurück zum Text

26 «Weißt du denn nicht, mein Kind, daß sämtliche Leiden, die eine Seele in diesem Leben erduldet oder erdulden könnte, niemals ausreichen, auch nur die geringste Schuld zu sühnen? Denn die mir, dem höchsten Gut, angetane Beleidigung fordert unendliche Sühne. Ich will daher, daß du einsiehst: nicht alle Leiden in diesem Leben werden zur Strafe gesandt, sondern zur Besserung, damit das Kind gezüchtigt werde, wenn es sündigt. Das aber ist wahr: durch das Verlangen der Seele geschieht Genugtuung, nämlich in der wahren Reue und im Abscheu vor der Sünde. Wahre Reue leistet Sühne für Schuld und Strafe, nicht aber aufgrund begrenzter Leiden, die der Mensch erdulden könnte, sondern durch sein grenzenloses Verlangen; denn Gott, der Unendliche, will unendliche Liebe und unendlichen Schmerz» (Caterina von Siena, Gespräche von Gottes Vorsehung, Kap.3 S.5).   zurück zum Text

27 Man nennt Limbus der Väter oder Schoß Abrahams den Ort, wo die Gerechten des Alten Bundes vor der Ankunft Christi und der Vollendung der Rettung der Menschen durch das Werk des Kreuzes weilen. Dort litten die Gerechten nicht, aber ihre Ruhe war unvollständig wegen der Einbuße der beseligenden Anschauung, die ihnen Jesus durch sein Opfer erlangen sollte. Nachdem das Geheimnis der Erlösung vollbracht war, verließen alle Gerechten diesen Ort, um in der Nachfolge Jesu in die Herrlichkeit einzugehen. Man darf den Schoß Abrahams nicht verwechseln mit dem Limbus der Kinder, wo gemäß einer Tradition, auf welche die allgemeine Unterweisung sich lang gestützt hat, die Seelen der ohne Taufe gestorbenen Kinder hingehen sollten. Es ist jedoch wichtig festzuhalten, daß der Katechismus der katholischen Kirche gar keine Anspielung an diese Tradition macht und sich damit begnügt zu lehren: «Was die ohne Taufe verstorbenen Kinder betrifft, kann die Kirche sie nur der Barmherzigkeit Gottes anvertrauen, wie sie dies im entsprechenden Begräbnisritus tut. Das große Erbarmen Gottes, der will, daß alle Menschen gerettet werden (vgl. 1 Tim 2,4), und die zärtliche Liebe Jesu zu den Kindern, die ihn sagen läßt: «Laßt die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran!» (Mk 10,14). berechtigen uns zu der Hoffnung, daß es für die ohne Taufe gestorbenen Kinder einen Heilsweg gibt. Die Kirche bittet die Eltern eindringlich, die Kinder nicht daran zu hindern, durch das Geschenk der heiligen Taufe zu Christus zu kommen» (KKK Nr. 1261).   zurück zum Text

28 Im Fegfeuer erfreuen sich die Seelen an der Gewißheit, daß sie zur herrlichen Anschauung gelangen; sie haben ebenfalls die Gewißheit, nicht mehr sündigen zu können. Wegen dieser Befestigung in der Gnade, besteht in der Kirche der Brauch, sie auch «die heiligen Seelen im Fegfeuer» zu nennen. Wir möchten schließlich hinzufügen, daß sie nichts mehr verdienen können. Da die Zeit des Verdienens vorbei ist. nimmt ihre Nächstenliebe nicht mehr zu: die Stufe der Herrlichkeit, an der sie sich im Himmel erfreuen werden, entspricht der Stufe der Liebe, die sie zum Zeitpunkt des Todes erreicht haben Diese Wahrheiten, die wir ganz kurz zusammengefaßt haben, werden von den Theologen in ihrer Gesamtheit als sehr gewiß hingestellt.   zurück zum Text

29 Gemäß einer geglückten Formulierung des Kardinals Journet «folgt die Pein der Sünde, wie der Schatten dem Körper». Der Begriff der Strafe (poena) ist komplex: sie ist der Lohn der Sünde, anders gesagt, was sie verdient hat. Nach dem Tode sühnt die Seele im Fegfeuer die zeitliche Strafe, wofür sie noch in Schuld steht vor der Gerechtigkeit Gottes; diese Strafe besteht in den Leiden des Fegfeuers: die Seele entledigt sich der Schuld wegen ihrer Sünde, indem sie die Leiden mit Geduld und Liebe annimmt. Aber dieses Annehmen ist nicht mehr im eigentlichen Sinn eine Genugtuung, denn sie ist nicht mehr verdienstvoll. Man spricht da eher von einem genug leiden. Wenn die Seele liebevoll die Läuterung erduldet, die sie von ihrer Schuld vor Gott befreit, so nimmt sie diese nicht mehr aus eigenem Antrieb an, wie sie es durch dieses verdienstvolle Handeln, welches Genugtuung heißt, hienieden hätte tun können, deshalb «verdient sie nicht mehr die Verminderung oder die Linderung der Strafe, sondern sie wird ihr zuteil, wenn die Schuld abbezahlt ist oder wenn sie durch die Leiden der Lebenden abgekürzt wird» (Garngou-Lagrange). Vgl. auch die Fußnote am Ende des Werkes in «Strafe und Genugtuung».   zurück zum Text

30 Cathannfi von Genua. Traktat über das Fegfeuer 2.   zurück zum Text

31 «Die Leiden im Fegfeuer sind freiwillig in dem Sinne, daß die Seele sie als Mittel, Gott zu verherrlichen, erachtet, indem sie ihre Schuld vor Gottes Gerechtigkeit bezahlt, und als Mittel zur beseligenden Anschauung zu gelangen, wonach die Sehnsucht sie verzehrt. Die Seele weiß, daß die Pein, die sie erduldet, reinigend ist und daß sie ein Ende bekommen wird. Sie ist im Frieden, ganz den Händen Gottes überlassen» (hl. Thomas von Aquin, S.T. Suppl., Q 70 ter, a 4).   zurück zum Text

32 Wir wollen kurz die Lehre der Kirche über diesen Gegen­stand in Erinnerung rufen: Die Seelen im Fegfeuer sind ihres Heiles sicher: ihr Himmel ist gesichert. Aber sie können nichts mehr verdienen aufgrund ihres Zustandes: im andern Leben kann man nicht mehr verdienen (sehr sichere Wahrheit, die von Leo X. gegen Luther in Erinnerung gerufen wurde): die Seelen im Fegfeuer handeln freiwillig und befinden sich nicht in einer Art von Betäubung (Erklärung des Hl. Offiziums gegen Rosmini. 14. Dez. 1887); die Seelen im Fegfeuer verspüren kein Gefühl der Angst, noch des Schreckens (Leo X Gegen Luther).   zurück zum Text

33 Vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1032: «Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehren gehalten und für sie Fürbitten und insbesondere das eucharistische Opfer dargebracht, damit sie geläutert werden und zur beseligenden Gottesschau gelangen können. Die Kirche empfiehlt auch Almosen, Ablässe und Bußwerke zugunsten der Verstorbenen. „Bringen wir ihnen Hilfe und halten wir ein Gedächtnis für sie. Wenn doch die Söhne Ijobs durch das von ihrem Vater dargebrachte Opfer geläutert wurden, wie sollten wir dann daran zweifeln, daß unsere Opfergaben für die Toten ihnen Trost bringen? Zögern wir nicht, den Verstorbenen Hilfe zu bringen und unsere Gebete für sie aufzuopfern“» (Johannes Chrysostomus. Hom. in 1 Kor 41,5).   zurück zum Text

34 Im Fegfeuer, befindet sich die Seele im Beendigungszustand insofern sie nicht mehr verdienen kann und infolgedessen auch ihre Liebe nicht mehr vermehren kann. Dennoch befindet sie sich in gewissem Sinn noch auf dem Weg: in statu viae aliquo modo, sagt der heilige Thomas von Aquin (S.T., Suppl. Q 70 ter, a 6 ad 5). Denn sie besitzt noch nicht die ewige Seligkeit, zu der Gott sie bestimmt. Sie sieht also Gott nicht von Angesicht zu Angesicht. Gewiß kommt die Seele im Fegfeuer Gott näher. Sie besitzt die klare Anschauung gewisser hienieden noch unter dem Schleier des Glaubens verborgener Wirklichkeiten. Nun, da sie die Anschauung Gottes noch nicht hat, bleibt eine hinreichende Dunkelheit, um dem Glauben Platz zu lassen. Das Formalobjekt des Glaubens ist ja «die oberste Wahrheit, so weit sie unsrer Anschauung entgeht» (S.T. lla llae. Q 4, a 1). In dieser Hinsicht besitzt die Seele im Fegfeuer noch den Glauben. Sie hält an der ersten Wahrheit fest, ohne sie zu schauen, sondern sie glaubt an sie. Die Weise des Glaubens im Fegfeuer unterscheidet sich von der hienieden; es handelt sich dabei um einen Glauben ohne Verdienst: die Seele im Fegfeuer hält an der göttlichen Wahrheit fest unter der Herrschaft eines unveränderlichen Willens, weil dieser nicht mehr der Entscheidungsfreiheit untersteht.   zurück zum Text

35 Die Hoffnung, wie der heilige Thomas von Aquin lehrt, läßt nach Gott streben, als einem Letzten Gut, das es zu erlangen gilt, und als einer Hilfe, die geeignet ist, wirksam zu helfen (S.T., IIa llae. Q 17 a 6. ad 3). Im Fegfeuer genießt die Seele noch nicht die ewige Seligkeit, nach der sie eifrig strebt, als einem künftigen möglichen Gut. Die Seele im Fegfeuer erhofft von Gott das unendliche Gut, das auf dem ewigen Genuß Gottes beruht. Sie gründet ihre Hoffnung auf die göttliche Barmherzigkeit, die dieses Gut ermöglicht: sie erhofft nicht weniger als Gott durch Gott, wobei sie auf eine vollkommene Art und Weise die göttliche Tugend der Hoffnung übt.   zurück zum Text

36 «Die Seelen im Fegfeuer sind (...) keine Abgesonderten, nicht nur weil sie Beziehungen zu den Gläubigen auf Erden unterhalten und mit den Auserwählten im Himmel, sondern auch, weil sie in Gesellschaft zusammenleben, sich untereinander kennen, einander lieben, einander helfen wie Geschwister» (Pater Martin Jugie).   zurück zum Text

37 Beten die Seelen im Fegfeuer für uns? Auf diese Frage antworten der heilige Thomas von Aquin und der heilige Robert Bellarmin verschieden. Der heilige Thomas unterscheidet drei Zustände, in welchen die Seelen der Gerechten sich nach dem Tode befinden können:

Die Heiligen, die in ihrer Heimat sind, erkennen im WORT alles, was sie betrifft und alle Gebete der Menschen, die zu ihnen Zuflucht nehmen (S.T, III, Q 10 a 2); es kommt ihnen eigens zu, bemerkt Cajetan, die Gebete zu beachten, die wir an sie richten (ebd. IIa llae Q83 a 11, Nr. 1).

Die Heiligen, die sich in dem Limbus der Väter befanden, konnten auch für die Lebenden beten, denn sie befanden sich nicht in einem jenem ähnelnden Strafzustand, in welchen durch ihre Schuld die Seelen im Fegfeuer in die Abhängigkeit von den Gebeten der streitenden Kirche versetzt wurden: sie befanden sich in einem dem unsrigen überlegenen Zustand, nicht nur hinsichtlich der Unfähigkeit zu sündigen (wie die Seelen im Fegfeuer), sondern auch hinsichtlich der Unabhängigkeit. Darum konnten sie auch nach Art der Heiligen, die in ihrer Heimat sind, für die Lebenden beten. Wenn deshalb der heilige Thomas aus der Schrift belegen will, daß die Heiligen für uns beten, dann zitiert er das Erscheinen des Jeremias vor Judas, dem Makkabäer (Ebd., IIa llae Q 83 a 11, sed contra): «Dieser ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk und für die Heilige Stadt betet, Jeremia, der Prophet Gottes» (2 Makk 15,14). Die Heiligen im Limbus der Väter jedoch, die noch nicht die Anschauung Gottes hatten, beteten für die Lebenden, ohne die Gebete der Lebenden kennen zu können, im Unterschied zu den Heiligen des Himmels. Die Schrift behauptet, bemerkt Cajetan, daß Jeremia betete, sie sagt nicht, daß er das Gebet der Lebenden hörte; wenn man annimmt, daß er die Prüfungen und das Gebet Judas, des Makkabäers, kannte, wird man mit Johannes vom heiligen Thomas sagen, daß es aufgrund einer außerordentlichen göttlichen Offenbarung geschah (De Oratione, disp. 14 a4, Nr.41).

Die Seelen im Fegfeuer sind uns ohne Zweifel unter einer Hinsicht überlegen, sagt der heilige Thomas von Aquin, da sie in der Gnade gefestigt und unfähig zum Sündigen sind, sie bleiben uns unterlegen wegen der persönlichen Strafen, die sie erleiden müssen vor dem Richterstuhl der göttlichen Gerechtigkeit und die sie in Abhängigkeit von unsern Gebeten versetzen: es steht also nicht ihnen zu, für uns zu beten, sondern eher uns, für sie zu beten (S.T., IIa llae Q 83 a 2 ad 3). Der heilige Robert Bellarmin, der weniger den Strafcharakter des Fegfeuers betont als der heilige Thomas, unterscheidet nur zwei Zustände der gerechten Seelen nach dem Tode (De Ecclesia quae est in purgatorio, lib. II, cap. 15).

Die Heiligen in der Heimat, die für uns beten und unsere Gebete kennen.

Die Heiligen im Limbus der Väter und die Seelen im Fegfeuer, die nach ihm demselben Zustand angehören: sie beten für uns. aber ohne unsere Gebete im besondern zu kennen. Weil er keine Unterscheidung herstellt — hinsichtlich der Möglichkeit zum Beten

zwischen den Heiligen im Limbus und den Seelen im Fegfeuer, schiebt der heilige Robert Bellarmin den Text aus 2 Makk 15,14 vor, um zu begründen, daß die Seelen im Fegfeuer für uns beten. Der Meinung vom heiligen Robert Bellarmin schließt sich Suarez an, der ohne sie für sicher zu halten, sie als fromm und wahrscheinlich betrachtet. Dieses war schon die Ansicht Dantes; im Gesang 9 des Fegfeuers stellt der Dichter die Seelen dar, die imstande sind, ausdrücklich für die Lebenden zu beten, da sie nicht für sich selber, die ja bereits in der Gnade befestigt sind und die folglich dessen nicht mehr bedürfen, sondern für jene, die auf Erden geblieben sind, die letzte Bitte des Vaterunser paraphrasieren: «Laß uns nicht der Versuchung unterliegen» (vgl. Kardinal Journet, «Das Fegfeuer», in Etudes Religieuses. Nr. 301-302).   zurück zum Text

38 «Ihre Gottesverehrung gegenüber der göttlichen Heiligkeit ist ganz ohne Maß und das ist es, was als das Grundlegendste an ihrem Zustand erfaßt werden kann. Sie sind miteinander verbunden und verbinden sich unablässig mit den Banden der Liebe und des Feuers auf dem Altar dieser Heiligkeit und bringen sich als Opfergabe ihm zu Ehren dar... Ihr Zustand, ihr Leben, ihr ganzes Sein ertönt als leises Echo, voll und immerwährend zu dem Gesang, der im Himmel nie unterbrochen wird: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr, der Gott der Heerscharen!“ Was die Baßstimme in einer Symphonie ist, das ist diese ernste und so beständige Melodie ihrer lebhaften Hymne im allumfassenden Konzert, das die geheiligte Schöpfung Gott entgegenbringt. Sie empfinden eine unnennbare Freude, zu sehen, daß Gott ein so heiliges Licht ist, daß sogar der Schatten eines Schattens daran hindert, in ihm vollendet zu sein. Diese klare Einsicht erfreut sie viel mehr, als ihre peinliche Strafe sie betrübt. Um nichts möchten sie, daß ihre Strafe weniger intensiv und weniger lang wäre, als sie sein muß. Wenn sie darum bitten, davon befreit zu werden und manchmal mit soviel Nachdruck, dann geschieht das vielmehr aus Liebe zu Gott, als um der Pein zu entweichen» (Msgr. Gay).   zurück zum Text

39 Richard von St. Viktor (+1173) hat von den Freuden des Fegfeuers gesprochen; er schreibt in den «Stufen der Liebe»; «Die Seele im Fegfeuer ist zur Vollendung der Liebe gelangt. Der Herr läßt seine Gegenwart derart verspüren, daß er jedoch sein Antlitz nicht zeigt. Er verbreitet im Innern seine Sanftmut, aber er zeigt seine Schönheit nicht. Er gießt seine Lieblichkeit aus, aber zeigt dabei seine Klarheit nicht. Man verspürt darin also seine Milde, aber sieht dabei seinen Liebreiz nicht. Er wird noch von Wolken und Dunkelheit umgeben. Sein Thron steckt noch unter einer Wolkensäule. Fürwahr, was man verspürt, ist äußerst süß und voller Zärtlichkeit, aber was man sieht, ist ganz in der Finsternis, denn der Herr erscheint noch nicht im Licht. Das Feuer erhitzt mehr als es erleuchtet. Es entflammt gar wohl den Willen, aber erleuchtet nicht das Verständnis. Die Seele kann also in diesem Zustand gar wohl seinen Geliebten verspüren, aber es ist ihr nicht gestattet, ihn zu erblicken. Wenn sie ihn sieht, dann nur wie in der Nacht, wie hinter einer Wolke. Schließlich sieht die Seele wie in einem Spiegel, wie in einem Rätsel, aber nicht von Angesicht zu Angesicht; daher kommt es, daß sie ausruft: „Laß über deinem Diener das Licht deines Angesichts leuchten!“»   zurück zum Text

40 «Während sie Leiden unterworfen ist, welche die menschlichen Worte nicht zu übermitteln vermögen, wird die Kirche des Fegfeuers in ihrem Herzen durch eine unerschöpfliche Freude emporgehoben, denn sie weiß mit übernatürlicher Gewißheit, daß sie für immer gerettet ist und daß sie jeder Augenblick der Dauer unaufhaltsam dem unaussprechlichen Zeitpunkt näherbringt, wo die Herrlichkeit Gottes ihr aufscheinen wird und wo all ihre Wünsche gestillt werden. Es ist gemeinsame Lehre der Theologen, und der heilige Bellarmin weist darauf hin, daß die Gewißheit, in der die leidende Kirche sich wiegt, ohne dabei das Warten der Hoffnung auszuschließen, jedoch jeden Schatten von Furcht vor Sünde oder ewiger Verdammnis ausschließt. Es ist noch nicht die Sicherheit der verherrlichten Kirche, wo die Erwählten gewiß keine Furcht mehr kennen, ja nicht einmal mehr Hoffnung, sie haben ja den Besitz; aber es ist eine viel höhere Sicherheit als die der streitenden Kirche, wo die Gerechten über ihr ewiges Heil nur eine Gewißheit der Hoffnung haben, die aber nicht jeden Grund zum Fürchten auszuschließen vermag» (Kardinal Journet).   zurück zum Text

41 Eine friedliche Sicherheit, für die Erde unbekannt, erfüllt die Kirche des Fegfeuers mit einer Zufriedenheit, die jede Vorstellung übersteigt. «Ich glaube nicht», sagt die heilige Catharina von Genua, «daß man eine Zufriedenheit finden könnte, die mit der vergleichbar wäre, die eine Seele im Fegfeuer verspürt, jene ausgenommen, welche die Heiligen im Paradies empfinden. Und jeden Tag nimmt diese Zufriedenheit zu unter dem Einfluß, den Gott auf diese Seele ausübt. Die Zufriedenheit wächst in dem Maße, wie die Behinderung seines Einflusses sich verzehrt. Die Behinderung ist nichts anderes als der Rost der Sünde. Das Feuer verzehrt den Rost und zugleich deckt sich die Seele immer mehr für den göttlichen Einfluß auf. Es verhält sich damit, wie mit einem zugedeckten Ding: es vermöchte nicht der Einstrahlung der Sonne zu entsprechen, nicht infolge eines Mangels an Sonne, die unablässig leuchtet, sondern infolge des Hindernisses, das die Bedeckung entgegensetzt; wenn die Decke sich verzehrt, wird der Gegen­stand sich der Sonne aussetzen, und je mehr die Hülle sich verzehren wird, um so mehr wird der Gegen­stand auch der Einstrahlung entsprechen. So ist der Rost, das heißt die Sündenstrafe, die Decke der Seele; er wird im Reinigungsort vom Feuer verzehrt, und je mehr er verzehrt wird, um so mehr spricht die Seele auf Gott an, der ja die wahre Sonne ist; in dem Maße wie der Rost abnimmt und die Seele sich für den göttlichen Strahl aufdeckt, nimmt die Zufriedenheit zu; so daß die Glückseligkeit wächst und der Rost schwindet, bis die Zeit erfüllt ist» (vgl. Kardinal Journet).   zurück zum Text

42 «Wie soll man in den Seelen des Fegfeuers die Koexistenz eines unaussprechlichen, geistlichen Leidens, das daher kommt, daß sie die Stunde der Anschauung durch ihre Sünde aufgeschoben sehen, und einer unaussprechlichen Zufriedenheit, das daher kommt, daß sie mit Gewißheit wissen, daß das Spiel gewonnen ist und daß sie unfehlbar zur Anschauung Gottes gelangen werden? Es ist wahr, sagt der heilige Thomas, daß auf der Ebene der Empfindung, die Traurigkeit, die das Herz zusammenzieht, und die Freude, die es ausweitet, nicht miteinander im selben Menschen koexistieren können. Aber es verhält sich anders auf der geistigen Ebene, denn die geistige Seele zieht sich nicht zusammen und weitet sich nicht aus. Daher heben sich geistliche Traurigkeit und Freude, wenn sie sich auf verschiedene Dinge beziehen oder auf dasselbe aber unter verschiedenen Blickpunkten betrachtet, nicht auf und sind auch nicht unvereinbar. Dann hindert also nichts, daß derselbe Mensch zugleich glücklich und betrübt ist. Wenn wir zum Beispiel einen Gerechten verfolgt sehen, so sind wir zugleich glücklich zu sehen, daß er gerecht ist. und unglücklich, daß er verfolgt wird: diese beiden Empfindungen werden sich nicht neutralisieren, und je mehr uns seine Seelengröße beglückt, um so mehr wird uns sein Unglück betrüben (S.T, III. Q 84 a 9 ad 2). Folglich scheint uns im Fegfeuer die Koexistenz eines unaussprechlichen geistlichen Leidens und einer unaussprechlichen geistlichen Glückseligkeit keineswegs unmöglich, sondern in höchstem Maß das Geheimnis des Fegfeuers. Das entspricht ganz dem Denken der heiligen Catharina von Genua: „Die Seelen im Fegfeuer haben zugleich eine übermäßige Genugtuung und die äußerste Pein, ohne daß eine der beiden Empfindungen die andere behindern würde“» (Kardinal Journet).   zurück zum Text

43 Der Papst heißt St. Gelasius (+ 496), die beiden andern sind schwieriger zu identifizieren, da die Kirche an diesem Tag das Gedächtnis verschiedener Märtyrer und Kleriker begeht.   zurück zum Text

44 Die Erscheinungen zu Heede (Deutschland. Diözese Osnabrück) vor vier Mädchen dauerten vom 1. November 1937 bis zum 3. November 1940. Ein Heiligtum und eine Wallfahrtsstätte erinnern an das Ereignis, das nie zum Gegen­stand eines endgültigen Urteils vonseiten der zuständigen kirchlichen Behörden geworden ist.   zurück zum Text

45 Die heilige Veronika Giuliani (+ 1727) machte in ihrem Amt als Helferin der Seelen im Fegfeuer auf eine geheimnisvolle und packende Weise die Erfahrung mit der Strafe des Verlustes Gottes, welche die im Fegfeuer zurückgehaltenen Seelen erdulden: «Das ist die Pein unter den Strafen, wird sie schreiben, der Verlust Gottes, wenn es auch nur für einen Augenblick wäre, wäre imstande uns wie mit einem Blitz zu Boden zu schmettern. Durch eine innere Erleuchtung zu wissen, daß einem das höchste Gut fehlt, das ist das schlimmste Übel. Feuer, Eis, scharfe Klingen und alle Folterqualen, die man ausdenken kann, was ist all das im Vergleich mit dieser Pein? Käme eine Seele auf die Erde zurück, so wäre sie nicht imstande, es zu beschreiben, ebenso wenig wie der heilige Paulus den Himmel nicht auszumalen vermochte, woher er zurückkam. Aber ich will schweigen! Ich würde nur ein nichts hervorbringen...» (Tagebuch).   zurück zum Text

46 Vgl. die heilige Theresia vom Kinde Jesu: «Nicht einen Strohhalm hätte ich aufheben wollen, um das Fegfeuer zu vermeiden. Alles, was ich getan habe, tat ich, um dem lieben Gott Freude zu machen, um für ihn Seelen zu retten» (Novissima Verba).   zurück zum Text

47 «Ihr habt nicht genug Vertrauen», sagte die heilige Theresia vom Kinde Jesu zu einer ängstlichen Schwester, «ihr habt zu viel Angst vor dem lieben Gott. Ich versichere euch, daß ihn das betrübt. Vor dem Fegfeuer sollt ihr euch nicht fürchten wegen der Pein, die man dort erleidet, aber wünschet doch, nicht dorthin zu gehen, um dem lieben Gott Freude zu machen, der diese Sühne mit soviel Bedauern auferlegt. So bald ihr ihm in allem zu gefallen sucht, wenn ihr das unerschütterliche Vertrauen habt, daß er euch in jedem Augenblick in seiner Liebe läutert und daß er keine Spur von einer Sünde in euch zurückläßt, seid ganz sicher, daß ihr nicht ins Fegfeuer kommen werdet» (bei P. Philipp von der Dreifaltigkeit O.G.D. in «Lehre der heiligen Theresia vom Kinde Jesu über das Fegfeuer»).   zurück zum Text

48 Wie lange dauert das Fegfeuer? Soto lehrt, daß das Warten auf die ewige Glückseligkeit nicht eine gewisse Anzahl von Jahren überschreiten kann; Beda und Dionys, der Kartäuser, daß es sich bis ans Ende der Zeit hinziehen kann; der heilige Bonaventura, daß es im Fegfeuer geringere Peinen als die größten auf Erden gibt; der heilige Augustin, daß die größten Strafen in diesem Leben nicht der kleinsten Pein in der andern Welt gleichkommen.

Was muß man glauben? Nur das, was die Kirche lehrt, denn ihre Lehre legt unsern Glauben fest.

Nun aber lehrt die Kirche, daß «der sündige Mensch eine zeitliche Strafe in diesem Leben oder im andern erdulden muß, um den vollen Nachlaß der Sünden(strafen) zu erlangen und in das Himmelreich einzugehen; daß das Fegfeuer existiert und daß den Seelen, die dort festgehalten werden, durch die Suffragien der Gläubigen geholfen wird, besonders durch das kostbare Opfer auf dem Altar» (P. Monsabre). Und sonst nichts, wir möchten allerdings an die Offenbarung erinnern, welche die Jungfrau Maria den Sehern von Fatima gab; Amelia. ein Mädchen aus ihrem Bekanntenkreis, «wird bis ans Ende der Welt im Fegfeuer sein» (Erscheinung vom 13. Mai 1917).   zurück zum Text

49 Die heilige Theresia von Avila macht genauere Angaben in ihrer Autobiographie, indem sie schreibt, daß unter so vielen Seelen, deren Los ihr offenbart worden war, nur drei in den Himmel gegangen seien, wobei sie das Fegfeuer vermieden (Su vida Kap 38). Und der heilige Pfarrer von Ars zögert nicht in einer Predigt zu behaupten: «Es ist sicher, daß es sehr wenige Auserwählte gibt, die nicht durch das Fegfeuer hindurchgehen mußten und daß die Strafen, die man dort erleidet, alles übersteigen, was wir uns vorstellen können» (Sermons, Band 4)   zurück zum Text

50 Die Hauptmittel, um den Verstorbenen zu helfen, sind das heilige Meßopfer an erster Stelle: da es die Opfergabe Christi am Kreuz enthält, besitzt es sozusagen einen unendlichen Genugtuungswert; sodann das Gebet, das Almosen, die üblichen Suffragien der Kirche.   zurück zum Text

51 Die Gläubigen können den Seelen im Fegfeuer helfen aufgrund des Bandes der Liebe, das die Mitglieder der Kirche untereinander vereint. Die Wirksamkeit dieser Hilfe beruht auf dem Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen: die Einheit in der Liebe bewirkt, daß alle Güter allen gemeinsam gehören. «Alle durch die Liebe geeinten Gläubigen bilden nur einen einzigen Leib, die Kirche. Aber im selben Leib helfen einander alle Glieder» (S.T., suppl., Q 71 a 1).

Die Suffragien der Kirche «bestehen in gewissen Bußwerken, welche die Lebenden im Namen und anstelle der Verstorbenen verrichten, deren Schuldenlast so ganz oder teilweise durch andere als durch sie selber abbezahlt wird» (ebd., Q 71 a 3, ad 6). Die Suffragien können den Zustand des Verstorbenen nicht ändern, aber sie tragen dazu bei, seine Pein zu vermindern, und damit seine Befreiung zu beschleunigen. Damit ein gutes Werk, das von einem Lebenden getan wird, einem Verstorbenen nützt, müssen diese miteinander durch das Band der Liebe verbunden sein: und das vollbrachte Werk mußte auf die Meinung des Verstorbenen geschehen sein. Durch die Meinung wird das Werk gewissermaßen dem Verstorbenen geschenkt und somit als von ihm vollbracht betrachtet. Die Suffragien werden Gottes Barmherzigkeit anvertraut: sie werden Gott dargeboten für den Verstorbenen in der Weise eines Verdienstes — ihre Wirksamkeit beruht dann auf einem Beschluß der göttlichen Gerechtigkeit —, und in der Weise einer Fürbitte: ihre Wirksamkeit hängt dabei von Gottes Freigebigkeit ab.   zurück zum Text

52 «Das Sakrament der Eucharistie befreit den Menschen vom Fegfeuer, insofern es ein Opfer zur Genugtuung für die Sünden ist» (hl. Thomas von Aquin, S.T., IIIa, Q 52 a 8, ad 2).   zurück zum Text

53 «Gegen­stand des Glaubens ist es, zu glauben, daß auf den Tod unmittelbar das besondere Gericht folgt, bei dem Gott jedem nach seinen Werken vergelten wird» (Konzil von Florenz und Konzil von Trient). Der Katechismus der katholischen Kirche erklärt: «Jeder Mensch empfängt im Moment des Todes in seiner unsterblichen Seele die ewige Vergeltung. Dies geschieht in einem besondern Gericht, das sein Leben auf Christus bezieht — entweder durch eine Läuterung hindurch oder indem er unmittelbar in die himmlische Seligkeit eintritt oder indem er sich selbst sogleich für immer verdammt» (Nr. 1022).   zurück zum Text

54 «Im Moment des besondern Gerichts schaut die Seele Gott nicht intuitiv: sonst würde sie bereits seliggemacht. Sie sieht auch die Menschheit Christi nicht, außer bei Ausnahmegunst, sondern durch ein eingegossenes Licht erkennt sie Gott als obersten Richter und auch den Erlöser als Richter der Lebenden und der Toten» (R. Garngou-Lagrange).   zurück zum Text

55 Zum Zeitpunkt des Erscheinens vor Gott besitzen die Seelen mangelhafte Einstellungen, die man gewohnt ist, Sündenrückstände zu nennen. Diese mangelhaften Einstellungen sind eine Folge der Erbsünde und der aktuellen Sünde. Nach dem heiligen Thomas von Aquin haben sogar noch die heiligmäßigsten Seelen am Ende ihrer irdischen Pilgerschaft die aus der Erbsünde erfolgende Unordnung in sich. Worin bestehen diese mangelhaften Einstellungen, von denen wir eben sprachen? Soll man behaupten, wie dieser Bericht über das Fegfeuer verstehen läßt, daß sie im brennenden Licht des besondern Gerichts verschwinden? Die Erbsünde, die durch die Taufgnade weggenommen wurde, läßt immerhin in den Fähigkeiten der Seele eine Unordnung zurück, als Auswirkung des Verlustes der ursprünglichen Gerechtigkeit. Infolge dieser Unordnung wird der Mensch viel Mühe haben, um sich zu Gott zu erheben und sich ihm zu unterwerfen. Die natürliche Neigung zum guten Handeln ist gleichsam verwundet, während die niederen Fähigkeiten, die der Empfindung und der Einbildung gewissermaßen der Kontrolle der geistigen Seele entgehen, ja sogar eine Tyrannei auf sie ausüben, die den heiligen Paulus sagen ließ, daß er das Böse tue, das er nicht tun wollte und daß er das Gute nicht vollbrachte, das er doch wollte. Diese Unordnung in den niedern Fähigkeiten der Seele und des Leibes bilden zusammen das, was die Theologen den Zunder der Begehrlichkeit zu nennen pflegen. Hienieden bekämpfen ihn die Sakramente wirksam, ohne diesen Zunder der Begehrlichkeit jedoch jemals zum Verschwinden zu bringen. Beim Tode wird das göttliche Licht ihn vollständig aus der Seele im Stande der Gnade verschwinden lassen.   zurück zum Text

56 Nach dem Tode sieht die Seele im göttlichen Licht deutlich die läßlichen Sünden in sich, worüber sie auf Erden nicht die effektive Reue gehabt hat. Sogleich bereut sie diese und bekommt so das göttliche Verzeihen. Da aber diese Reue nach dem Tode eintritt, ist sie nicht mehr verdienstvoll: die Seele zieht daraus keinen Nutzen, weder ein Wachsen in der Liebe, noch einen Nachlaß von Sündenstrafen. Die Kirche hat sich nicht geäußert über diesen heiklen Gegen­stand, der unter den Theologen stark umstritten ist. Wir wollen hier nicht die Geschichte ihrer Diskussionen darlegen. Es möge genügen, daran zu erinnern, daß der heilige Thomas von Aquin selber seine Meinung geändert zu haben scheint im Laufe seines Lebens; in seinem Sentenzenkommentar, einem Jugendwerk, erklärt er nämlich: «Die läßliche Sünde wird in der andern Welt durch das Feuer im Reinigungsort nachgelassen»: in der Streitfrage De Malo behauptet er hingegen, das die läßliche Sünde vor dem Eintreten der Seele ins Fegfeuer nachgelassen wird.   zurück zum Text

57 Vgl. hl. Cathanna von Genua, Fegfeuertraktat II. S. 40f.   zurück zum Text

58 «Herr, Jesus Christus, König der Herrlichkeit, befreie die Seelen aller, die im Glauben hingeschieden sind, aus den Qualen der Unterwelt und aus dem tiefen Abgrund: bewahre sie vor dem Rachen des Löwen, daß sie nicht die Hölle verschlinge und dass sie nicht in die Finsternis hineinstürzen, vielmehr geleite sie der heilige Michael, der Bannerträger, in das heilige Licht» (zur Liturgie der Gabenbereitung).   zurück zum Text

59 An Pater Roulland schrieb die heilige Theresia vom Kinde Jesu: «Ich weiß, daß man sehr rein sein muß, um vor Gott, dem Inbegriff aller Heiligkeit, zu erscheinen, ich weiß aber auch, daß der Herr unendlich gerecht ist und gerade diese Gerechtigkeit, die so viele Seelen in Schrecken setzt, ist der Gegen­stand meiner Freude und meines Vertrauens. Gerecht sein, heißt, nicht nur die Strenge ausüben, um die Schuldigen zu bestrafen, sondern auch die geraden Absichten anerkennen und die Tugend belohnen. Ich erhoffe ebenso viel von der Gerechtigkeit des lieben Gottes, wie von seiner Barmherzigkeit: denn er „ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Güte. Denn er weiß, was wir für ein Gebilde sind. Er denkt daran, daß wir nur Staub sind. Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich unser der Herr“» (vgl. ps 102,8.14.13). Und etwas weiter fügt sie hinzu: «Manchmal, wenn ich gewisse geistliche Traktate lese, wo die Vollkommenheit hinter tausend Hindernissen gezeigt wird, umgeben von einer Menge von Illusionen, wird mein armer kleiner Geist gar rasch müde, ich schließe das gescheite Buch, das mir den Schädel einschlägt und das Herz austrocknet, und nehme die Heilige Schrift. Dann erscheint mir alles lichtvoll, ein einziges Wort deckt meiner Seele unendliche Horizonte auf, die Vollkommenheit erscheint mir dann leicht: ich sehe, daß es genügt, seine Nichtigkeit zu erkennen und sich wie ein Kind den Armen des lieben Gottes zu überlassen» (Briefe).   zurück zum Text

60 «Die Seelen im Fegfeuer sind nicht imstande zu sündigen und können nicht die geringste Regung von Ungeduld empfinden, noch die geringste Unvollkommenheit begehen. Sie lieben Gott mehr als sich selber und als alles andere und das mit einer vollkommenen, reinen, selbstlosen Liebe. Sie werden von den Engeln getröstet. Sie sind ihres Heiles sicher. Ihr sehr bitterer Kummer ist in einem sehr tiefen Frieden. Wenn es eine Art von Hölle ist hinsichtlich des Schmerzes, so ist es ein Paradies im Hinblick auf die Süßigkeit, welche die Liebe in ihrem Herzen verbreitet, eine Liebe stärker als der Tod. Glücklicher Zustand, mehr wünschenswert als furchtbar, da diese Flammen Flammen der Liebe und der Bruderliebe sind!» (P. Camus: «Der Geist des heiligen Franz von Sales»).   zurück zum Text

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