Hl. Magdalena Sophia Barat

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HELDEN DES CHRISTENTUMS 

KONRAD KIRCH / ADOLF RODEWYK

Endlich ist der langersehnte Magdalenentag da. Im Herz Jesu Kloster zu Metz herrscht freudige Erregung. Seit einigen Tagen weilt die greise, hochverehrte Stifterin zu Besuch im Hause, und heute ist ihr Namensfest! Noch ein letztes, geschäftig frohes Hin und Her, dann ist alles zum Glückwunsch bereit. Die Glocke läutet. Mutter Barat erscheint unter ihren Kindern. Nun bringen sie ihre kleinen Gaben dar, flehen Gottes Segen auf die geliebte Mutter herab, sprechen von ihrem Wollen und Streben. Mit innerer Ergriffenheit lauscht die Mutter. Als das letzte Wort verklungen, der letzte Akkord des Festchores verhallt ist, da bricht sie in die Worte aus: “Es gibt nur zwei Dinge, die mir am Herzen liegen: unser Heiland und die Kinder!”

Der Heiland und die Kinder, das war Sinn und Bedeutung ihres ganzen Lebens gewesen. Als “Gesandte der göttlichen Liebe” wie einst die heilige Gertrud hatte sie dem himmlischen Auftrag gelebt, die Kenntnis und Liebe des Herzens Jesu in der Welt zu verbreiten und den ihr anvertrauten Menschen, Ordensfrauen und Kindern, Mutter und Führerin zu sein. jetzt war sie am Ende ihres langen Lebens, das köstlich gewesen, weil es “von Mühe und Arbeit” erfüllt war für die Seelen. Die Zeitgenossen aber standen bewundernd vor ihrer persönlichen Heiligkeit und vor dem großen, segensreichen Werk, das sie geschaffen hatte. “Müßte ich auch zu Fuß über die Alpen steigen”, rief einer von ihnen aus, “ich will Mutter Barat sehen; sie ist ja die Theresia unseres Jahrhunderts!”

 

Das Kind der Vorsehung

 

Magdalena Sophia Barat stammte aus dem burgundischen Städtchen Joigny. Trug sie auch die ausgeprägten Züge ihres Volksstammes, Lebhaftigkeit, rasche Auffassungsgabe, Beharrlichkeit und ausgesprochenen Sinn für Humor, so wird doch die Eigenart ihres Wesens Demut, Sanftmut und Milde sein, Tugenden, die sie in jene Heldenschar einreihen, die wir Heilige nennen.

Sie wurde in den Schrecken einer nächtlichen Feuersbrunst am 12. Dezember 1779 vorzeitig geboren, und, da sie in Lebensgefahr schwebte, schon beim ersten Morgengrauen zur Taufe in die Pfarrkirche getragen. Pate wurde der elfjährige Bruder Ludwig. Mit aufopfernder Sorge widmete sich die Mutter dem zarten Kinde, das aber allmählich kräftiger wurde und überraschend aufgeweckt war. Früh und leicht lernte es die ersten Gebete, und auffallend waren seine religiösen Neigungen. Die Mutter, die tief im Ewigen und Übernatürlichen verankert war, senkte in die Seele ihrer jüngsten den Grund zu jenem lebendigen Glauben, der auf dem langen Lebenswege das Licht ihres Geistes, die Quelle ihrer Kraft und die Richtschnur ihres Handelns bleiben sollte.

 

Vom Vater, dem geraden einfachen Faßbinder und Weinbauern Jacques Barat, hatte sie den ehrlichen, praktischen Sinn geerbt, von der Mutter Gemütstiefe und zartes Empfinden. In übersprudelnder Lebenslust tat sie es ihren Gespielinnen zuvor im Laufen, Springen und fröhlichem Treiben und war bald der Liebling aller. Sobald sie alt genug war, trippelte sie zur Christenlehre in die Pfarrkirche und hüpfte beim Antwortgeben munter auf das Bänkchen, um gesehen und gehört zu werden. Als der Priester einmal seine jüngsten, noch nicht zur Beichte gegangenen Schüler ermahnte, durch aufrichtige Reue die Verzeihung ihrer Sünden zu erlangen, stand die sechsjährige Sophie plötzlich auf und begann mit hellem Stimmchen das Bekenntnis ihrer Fehler. Alles staunte. Der Katechet ließ sie innehalten, erkannte aber in dieser kindlichen Selbstanklage die Anzeichen einer besonderen Begnadung. Schon früh sehnte sie sich nach der heiligen Kommunion. Als sie im Alter von neun Jahren um die Zulassung zum Kommunionunterricht bat, sollte sie noch zurückgestellt werden, war darüber aber so untröstlich und zeigte in einer besonderen Prüfung soviel Reife und Herzensreinheit, daß der Pfarrer ihrem Drängen nicht widerstehen konnte. Bei der ersten Begegnung mit dem eucharistischen Heiland mag diese begnadete Seele verstanden haben, was sie später in die Worte kleidete: “Wenn ein Herz einmal die Liebe Jesu verkostet hat, erscheint ihm alles übrige schal und wertlos, und es braucht nicht viel Mühe, um sich dem höchsten Gut gänzlich hinzugeben.” Als Unterpfand der Auserwählung empfing sie in dieser Stunde ein besonderes Verständnis für das Wort Gottes in der Heiligen Schrift.

Von Liebe umhegt und Liebe wiederschenkend, wuchs das kleine Mädchen heran in Frohsinn und Glück. Seine Kindertage waren licht und warm wie die Sonne, die die Trauben in des Vaters Weinberg reifte. Aber der eigene Bruder brachte den ersten strengen Ton in dieses Kindesleben. Aufmerksam beobachtete der junge Theologiestudent die ungewöhnlichen Geistes‑ und Herzensgaben seiner kleinen Schwester. Wollte Gott aus ihr ein braves Winzermädchen machen oder war sie zu etwas Höherem berufen? Ludwig besprach sich mit den Eltern, die, wenn auch ungern und zögernd, ihm erlaubten, Sophie zu unterrichten.

Nun saß das lebensfrohe Mädchen daheim hinter den Büchern, wenn draußen die Sonne strahlte, die Vögel sangen, die Kinder lachten, die Winzer in das Rebengelände zogen und im eigenen Herzen die goldene Freiheit so verführerisch lockte! Aber der strenge Bruder nahm keine Rücksicht. Der Unterrichtsplan umfaßte Rechnen, Geschichte, Geographie und Naturwissenschaften. Später, als die begabte Schülerin die Grenzen der gewöhnlichen Schulwissenschaft überschritten hatte, kamen Astronomie, Latein und Griechisch hinzu, und “zur Erholung” durft sie Italienisch und Spanisch lernen. Im klassischen Altertum erschloß sich ihrem durchdringenden Verstand eine neue Welt. Namentlich fesselte sie Virgils ernster Sinn und die Großartigkeit seiner Naturschilderungen. Von der alten griechischen Dichtung sagte sie noch in späteren Jahren: “Ich liebe das heldische Zeitalter; da weitet sich der Geist, das Herz vernimmt seine eigenen Schläge.” Der feinen Laune des “Don Quichote” brachte ihr beweglicher Geist das gleiche Verständnis entgegen wie den Tiefen der “Göttlichen Komödie” Dantes.

Als Taufpate, der seine Pflichten ernst nahm, fühlte sich Ludwig Barat für die Charakterentwicklung seiner Schwester ebenso verantwortlich wie für ihre Geistesbildung. Ihre große Begabung hätte sie eitel machen können; Ihre warmherzige Lebhaftigkeit, verbunden mit der Zähigkeit eines entschiedenen, bisweilen unbeugsamen Willens gaben ihr Anlaß zu vielen Kämpfen. In der männlich strengen Schule Ludwigs wurde ihr Charakter wie Stahl gehärtet, ihre erregbare Art zur Klarheit und Stetigkeit gezügelt, ihre Hingabe und ihr Opfermut erprobt. So erhielt Sophie eine gründliche wissenschaftliche Bildung und eine gute religiöse Schulung. Beides sollte sie für ihre spätere Aufgabe brauchen. Aber noch ahnte niemand, daß Gott in der schlichten Dachkammer von Joigny in der Stille eine Heilige heranbildete, die Botin seiner Liebe.

Inzwischen wütete die Französische Revolution. Für die Priester und Theologen hieß es: Zivileid oder Tod. Auch Ludwig Barat geriet in Kerkerhaft. Nur der Abfall vom Glauben hätte ihn aus dem Gefängnis befreit. Tief litten die Eltern des jungen Diakons, und Sophies erfinderische Liebe bot alles auf, um sie zu trösten.

Vor seiner Verhaftung hatte Ludwig den Seinen aus Paris ein Herz Jesu Bild gesandt. Es hing in der Wohnstube am Ehrenplatz und verschwand nicht einmal während der zahlreichen Haussuchungen. Wie oft suchte die geprüfte Familie hier Stärke und Trost und flehte für den bedrohten Sohn und Bruder! Sophie lernte, ihre Sorgen mit dem Leiden des sterbenden Erlösers zu vereinigen und fand hier den Quell ihrer Verehrung des heiligsten Herzens. In seiner Liebe sollte sich ihr Leben verzehren.

 

Unscheinbarer Beginn

 

Der Sturz Robespierres im Jahre 1794 öffnete die Gefängnisse; auch Ludwig Barat wurde freigelassen. Dem Martertod war er entgangen. Gott hatte ihm eine andere Aufgabe zugedacht, die äußerlich weniger glänzend, aber tatsächlich weit bedeutungsvoller war. Er sollte die Ausbildung seiner Schwester und ihre geistliche Führung wieder in die Hand nehmen.

Sophie war nun ein junges Mädchen von 15 Jahren, voll Anmut und Bescheidenheit. Ein Schimmer übernatürlicher Schönheit verklärte ihr Wesen. Der langgehegte Entschluß, sich ganz Gott zu weihen, war fester geworden. Schon vor zwei Jahren hatte sie bei der Vermählung ihrer älteren Schwester ihren Eltern von dieser Absicht gesprochen, aber die Zeitverhältnisse hatten die Ausführung unmöglich gemacht. Seither hatte das gemeinsam getragene Leid Mutter und Tochter noch enger miteinander verbunden; zudem erfuhr Sophie von allen Seiten Anerkennung, ja Bewunderung. Die Klippe war gefährlich für ihren Beruf. Da schlug der inzwischen zum Priester geweihte Bruder vor, die Schwester mit sich nach Paris zu nehmen. Dort könne sie weit besser ihre Studien fortsetzen und ungehemmter Gottes Absichten entsprechen. Aber sein Plan stieß auf Widerspruch. Weder Mutter noch Tochter wollten etwas von Trennung wissen. Doch mit der Weigerung war auch Sophies Herzensfriede dahin. Angst und Zweifel quälten sie. Allzu mächtig rief die innere Stimme sie zu rückhaltloser Hingabe an Gott. “Ich verfocht eine verlorene Sache”, gestand sie später. Die Gnade siegte nach hartem Kampf, und opfermutig folgte Sophie ihrem Bruder in die Hauptstadt, wo dieser bei frommen, älteren Damen zwei Zimmer gemietet hatte.

Das Leben der Geschwister war ärmlich, streng in Gott geborgen, dem Studium und der Abtötung gewidmet. In einer kleinen Hauskapelle feierte Abbé Barat im geheimen das heilige Meßopfer, da öffentlicher Gottesdienst immer noch nicht gestattet war. Sophie vertraute mit kindlicher Einfalt dem ernergischen Bruder die Leitung ihres Gewissens an. Selbst die Leiden im Kerker hatten seinen Sinn nicht gemildert, und wie ein zweiter Konrad von Marburg führte er seine Elisabeth auf rauhen Wegen zur Vollkommenheit. Harte Selbstverleugnung und Buße schälten ihr Herz täglich mehr vom Irdischen los, und in der Liebe zu Jesu Herz fand sie Kraft für alle Opfer. Als sie der strenge Bruder schalt: “Du wirst nie eine große Heilige werden!” antwortete sie leise: “Dann will ich wenigstens recht demütig sein.”

Neben Studium und Hausarbeit widmete sich Sophie der Erziehung eines kleinen Mädchens. Mit einigen Gefährtinnen, die sich ihr angeschlossen hatten, gab sie Kindern aus der Nachbarschaft Katechismusunterricht und bereitete sie auf die erste heilige Kommunion vor. Diese kleinen Schutzbefohlenen wurden die Erstlinge jener unübersehbaren Schar von Kindern, welche aus der Fülle des Herzens und dem Reichtum ihres Wissens zu beglücken und zu belehren die Heilige berufen war. In der Stille und Abgeschiedenheit reifte sie ihrer Sendung entgegen. Sie sehnte sich nach dem verborgenen Leben im Karmel; aber auch die apostolische Tätigkeit in den Missionen begeisterte sie. Weder das eine noch das andere sollte ihr zuteil werden. Für sie hatte Gott einen eigenen Weg, der beides verband, einen besonderen Auftrag, der ihr jetzt kund werden sollte.

Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und die Revolution hatten der europäischen, besonders der französischen Gesellschaft schwere Wunden geschlagen. Um das Jahr 1800 erlebte Frankreich wieder lichte Augenblicke. Den Vorkämpfern des Reiches Gottes erschien die Heranbildung des kommenden Geschlechtes die vordringlichste Aufgabe. So mußte auch die weibliche Jugend planmäßig auf ihre verantwortungsvolle Lebensaufgabe vorbereitet werden. Ein junger Geistlicher, Léonor de Tournély, Oberer einer Priesterkongregation, die später unter dem Namen “Väter vom Glauben” wirkte, hatte im Gebet den Plan einer Ordensgründung gefaßt, die sich zur Ehre des heiligsten Herzens Jesu dieser Aufgabe widmen sollte. Mehrere Versuche, sie ins Leben zu rufen, waren gescheitert, und bevor sich sein Lieblingsgedanke verwirklicht hatte, nahm Gott ihn zu sich. Mit unerschüttertem Vertrauen versicherte der Sterbende: “Sie wird, sie muß kommen”, und diese Zuversicht hinterließ er seinem Freunde Joseph Varin mit dem Auftrag, Mittel und Wege zur Ausführung zu finden.

Varin fand sie in der zwanzigjährigen Schwester des jungen Abbé Barat, der sich kürzlich den “Vätern vom Glauben” angeschlossen hatte. Vom Heiligen Geiste erleuchtet, erkannte P. Varin, daß dieses bescheidene, hochbegabte Mädchen das von Gott bereitete Werkzeug sei. “Als ich sie sah, wurde mir alles klar”, sagte er später. Ludwigs Sendung bei seiner Schwester war nun erfüllt, und P. Varin übernahm die Führung ihrer Seele. In einer ernsten Unterredung legte er ihr nahe, daß die Kirche Apostel brauche, Erzieher und Lehrer für die Jugend, die ganz Gott geweiht seien und ihren Eifer aus dem Herzen Jesu schöpften. Sophies Vorbildung deute darauf hin, daß sie ihr Wissen und ihr Können in den Dienst des Apostolates stellen solle. Das junge Mädchen horchte auf. War es möglich, daß Gott den Verzicht auf die tiefste Sehnsucht ihres Herzens verlangte, deren Urheber doch nur er selbst sein konnte? War sie denn befähigt zu einem Werke, wie es Tournély vorgeschwebt hatte? Sie wollte Bedenkzeit erbitten. Doch da wurde es plötzlich licht in ihrer Seele. Mit sanfter Gewalt zog sie der Herr an sich und erfüllte sie mit dem Wunsche, sich seinem Herzen gänzlich hinzugeben und Ihm Seelen zu gewinnen. “Gott hat gesprochen”, sagte sie einfach und überließ sich ohne weiteres Schwanken Seinem Willen.

Am 21. November 1800 weihte sie sich mit , drei Gefährtinnen dem göttlichen Herzen Jesu, um fortan nur seiner Liebe und Verherrlichung zu leben. Gott hatte von ihr den Verzicht auf das rein beschauliche Leben gefordert, aber nicht auf die Beschauung selbst. Diese darf und soll nicht geopfert werden, vielmehr das Apostolat beleben, vertiefen und befruchten. Zeitlebens wird die Stifterin dem inneren Leben vor der äußeren Tätigkeit den Vorzug geben und zur Beschauung neigende Seelen mit besonderer Freude in ihre Ordensgemeinschaft aufnehmen.

Die ersten Monate nach dem denkwürdigen Feste Maria Opferung 1800, dem Geburtstag der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu, verbrachten die vier Gefährtinnen in Sammlung und Gebet. Aber diese seligen Tage dauerten nicht lange. Auf Anregung der “Väter vom Glauben” übernahm die kleine Gemeinde im folgenden Jahr ein Pensionat in Amiens, das unter der bisherigen Leitung nicht recht gedeihen wollte. Damit war das erste Herz Jesu Kloster gegründet. Schwester Sophie Barat gab den wissenschaftlichen Unterricht in den höheren Klassen und den Kleinen Katechismusstunden.

Am 7. Juni 1802 durfte sie die Ordensgelübde ablegen. Als die Feier beginnen sollte, war sie nicht aufzufinden. Nach langem Suchen entdeckten die Schwestern sie endlich im Garten, ganz verborgen und im Gebet versunken. Von diesem Tage an nannte sie sich vorzugsweise Magdalena aus Verehrung für die erste Anbeterin des göttlichen Herzens.

Bisher war Franziska Loquet, die Älteste unter ihnen, Oberin gewesen. Als es sich jedoch zeigte, daß sie keinen wahren Ordensberuf hatte, kehrte sie nach Paris zurück, und P. Varin betraute auf Bitten aller Schwestern — in Amiens hatten sich inzwischen mehrere junge Mädchen der entstehenden Ordensgesellschaft angeschlossen — die 23jährige Schwester Magdalena Sophia mit der Leitung des Hauses. 62 Jahre lang sollte sie die Bürde der Oberin tragen. Sie empfand sie stets als schweres Kreuz; denn sie hielt sich für unwürdig und unfähig, andere zu leiten, und immer wieder bat sie, nicht befehlen zu müssen, sondern nur gehorchen zu dürfen. Aber sie umfing auch dieses Kreuz mit Liebe. Schon damals legte sie ihr Herz als Brandopfer auf den Altar des göttlichen Herzens: “Ein Leben ohne Leiden ist ein Leben ohne Liebe”, sagte sie, “ein Leben ohne Liebe aber ist mir Tod”.

Bald zeigten sich im Hause die wohltuenden Folgen einer besseren Verwaltung. Gott verlieh der demütigen, schüchternen Sophie eine Kraft, die sogar P. Varin in Erstaunen versetzte. Zugleich sorgte sie mit mütterlicher Liebe für die kleine Klostergemeinde, in der alle ein Herz und eine Seele im Herzen Jesu waren.

Aber nun erhoben sich äußere Schwierigkeiten. Argwohn der Behörden und böswillige Nachreden drohten das Kloster in seiner Entwicklung zu hemmen. In dieser Not nahm die bedrängte Oberin ihre Zuflucht zur Gottesmutter. Am Feste Maria Himmelfahrt 1804 weihte sie die junge Stiftung der allerseligsten Jungfrau. Maria erhörte das Gebet. Die Mißverständnisse schwanden, die Verleumdungen verstummten. Gottes Segen ruhte sichtbar auf dem Werk, das nun rasch aufblühte.

 

Entfaltung

 

Immer mehr junge Mädchen schlossen sich der eifrigen Ordensgemeinde in Amiens an. Aus Grenoble kam die Bitte eines ganzen Konvents um Aufnahme in die Gesellschaft. Nach der Vertreibung durch die Revolution hatten sich dort in dem alten Kloster Sainte Marie d'en Haut wieder einige Ordensfrauen zusammengefunden, die ein kümmerliches Dasein fristeten, aber von hohem Tugendstreben beseelt waren. P. Varin rief Mutter Barat zur Entscheidung der Angelegenheit nach Grenoble. Sogleich folgte sie dem Ruf und ließ Mutter Anna Baudemont in Amiens als Oberin zurück. Später meinte sie: “Die Sendung fiel auf mich, weil ich am leichtesten zu entbehren war.” In Grenoble nahmen die Schwestern sie bereitwillig und voll Freuden auf. Sie hatten nur das eine Verlangen, sich dem Herzen Jesu zu weihen und für Ihn zu arbeiten. In keiner brannte dieser Wunsch heißer als in Philippine Duchesne, der stärksten Persönlichkeit dieses Kreises. Sie war eine zielbewußte, hochgebildete Frau, die nur im Heldenhaften Genüge finden konnte. Mit bewundernswertem Großmut legte sie all das Ihre in die sanfte, umbildende Hand ihrer neuen, um zehn Jahre jüngeren Oberin. Trotz des Gegensatzes im Wesen verband beide Frauen bald eine innige Freundschaft, die weder Prüfung noch Trennung je zerstören sollte. Philippine war Apostel und Missionar, Magdalena Sophia Mutter und Führerin. Beide begeisterte ein gleiches Hochziel: glühende Liebe zu Christus, zu Seiner Kirche und den Seelen. Beiden ist die Ehre der Altäre zuteil geworden.

Die Stifterin unternahm die Umwandlung des Klosters mit so viel Klugheit und Geduld, daß sie bald alle Herzen gewann. Aber auch dieses Haus wuchs im Schatten des Kreuzes heran: Krankheiten und Anfechtungen aller Art blieben der Oberin nicht erspart. Gott gewährte ihr in den Sorgen einen großen Trost. Gerade damals kehrte Pius VII. von der Kaiserkrönung Napoleons in Paris nach Italien zurück und reiste durch Lyon. Hier durfte Mutter Barat aus seiner Hand den Leib des Herrn empfangen und in einer Privataudienz zum erstenmal den Segen des Statthalters Christi für das beginnende, ihren Händen anvertraute Werk erbitten. Im Namen ihrer Töchter gelobte sie ihm unverbrüchliche Treue und begründete damit die innige Verbundenheit der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu mit dem Stuhle Petri. Nach einem Jahr kehrte Magdalena Sophia nach Amiens zurück. Von dort aus waren mehrere andere Niederlassungen gegründet worden. Die Entwicklung der Gesellschaft machte es unerläßlich, ihr eine feste Gestalt zu geben und einer Generaloberin die Leitung aller Klöster anzuvertrauen. So berief P. Varin alle Profeßschwestern nach Amiens. Der WahIakt fand am 18. Januar 1806, Petri Stuhlfeier, statt. Die Stimmenmehrheit fiel auf Mutter Barat; denn, so sagte eine der Wählerinnen, “ihre innige Vereinigung mit dem göttlichen Heiland, ihre Sanftmut und Klugheit, ihre Hingabe und Liebe für die Gesellschaft, die Weisheit und Reife, mit der sie die Verwaltung führte, und das in einem Alter, in dem andere erst Hoffnungen erwecken, hatten uns überzeugt, Gott habe sie in Seiner Liebe uns zur Mutter ausersehen”. P. Varin schrieb bald darauf der neuen Generaloberin. “Ich weiß, daß Sie noch viel leisten müssen, ehe die Gesellschaft fest begründet ist; aber ich weiß auch, daß der Herr Ihnen ein Herz geben wird, das größer ist als jegliches Leid, und ein solches Herz kann alles von Ihm verlangen.”

Eine der ersten Sorgen der Neuerwählten war die Errichtung eines Noviziatshauses, in dem sie sich persönlich der Heranbildung der jungen Schwestern widmen konnte. In einer ehemaligen Zisterzienserabtei in Poitiers eröffnete sie am 8. September 1806 das Noviziat. Zuerst zeigte sie den Neulingen das hohe Ziel ihres Berufes: persönliche Hingabe des ganzen Wesens an den persönlichen Dienst des Herrn. Immer wieder erklärte Sophie, daß alles äußere Tun aus der innigen Verbindung mit Gott hervorgehen müsse, und daß diese Vereinigung sich gründe auf Gebet und Selbstverleugnung. Mit größter Eindringlichkeit betonte sie die zentrale Stellung der Herz-Jesu-Verehrung, die sich an den ganzen Christus wendet, weil die Liebe dieses göttlichen Herzens in allen Glaubensgeheimnissen wunderbar aufleuchtet; ja daß nur e i n Herzschlag im Corpus Christi mysticum pulsiert: der Schlag des heiligsten Herzens Jesu, König und Mittelpunkt aller Herzen.

Die Mutter eilte ihren geistlichen Töchtern auf dem Wege voran. In der jungen Oberin zeigte sich eine erstaunliche Ausgeglichenheit, die ihr bei aller Güte und Demut eine unbestrittene Autorität sicherte. Sie verstand es, Festigkeit mit Milde zu verbinden, glühenden Eifer mit weiser Mäßigung, sicheres, klares Urteil mit brennender, alles verzeihender Liebe zum Nächsten.

 

Die Ordensregel

 

Jahre waren vergangen, ehe Mutter Barat ihr Haus in Amiens wiedersah. Dort war inzwischen manches anders geworden. Abbé de Saint Estève, Beichtvater der Ordensfrauen und Kinder, ein unruhiger, herrschsüchtiger Geist, hatte, zusammen mit Mutter Baudemont, allerlei Neuerungen eingeführt. Er glaubte, die Rolle eines Stifters übernehmen zu müssen. Ohne Auftrag gab er sich daran, Statuten zu entwerfen, die dem ursprünglichen Geist der Gesellschaft nicht entsprachen. Das Ergebnis war ein Gemisch aus verschiedenen Ordensregeln, die er nun den Klöstern vom Heiligsten Herzen aufnötigen wollte.

So begann eine langjährige schwere Leidenszeit für Mutter Barat. Der Empfang in Amiens war höflich, aber kühl, sogar bei den Kindern. Man ließ sie merken, daß ihre Anwesenheit unerwünscht sei. Wohlmeinende Freunde rieten der Generaloberin, sich durch energisches Auftreten Recht zu verschaffen. Aber lieber wollte sie mit dem sanften und demütigen Herzen Jesu schweigen und dulden. Absichtlich hatte sie bisher mit der endgültigen Fassung der Regeln gezögert. In längerer Übung sollte erst erprobt werden, was später der ganzen Gesellschaft als Richtschnur zu dienen hatte. Nun aber war der Zeitpunkt für diese wichtige Arbeit gekommen, die P. Varin mit Mutter Barat unter viel Gebet und Überlegung übernahm. Immer noch hofften sie, Saint Estève werde sich nachgiebig zeigen, aber umsonst. Nach dem Sturz Napoleons 1814 reiste er mit dem neuernannten französischen Gesandten nach Rom. Er benutzte seinen dortigen Aufenthalt, um teils durch Intrigen, teils durch unwahre Angaben den Schein zu erwecken, der Papst habe seine Statuten gebilligt und die von Mutter Barat verworfen. Er scheute sich nicht, ihr ein Schriftstück zu übersenden, das mit einem gefälschten Namen gezeichnet war und sie mit der Exkommunikation bedrohte, falls sie sich nicht den Konstitutionen des Abbé de Saint Estève unterwerfe.

P. Varin und Mutter Barat, als treue Kinder der Kirche, waren bereit zu gehorchen, obgleich sie wußten, daß diese neue Genossenschaft, die nicht einmal mehr den Namen des Heiligsten Herzens Jesu tragen sollte, nicht jene war, die P. de Tournély im Geiste geschaut hatte und die so offenbar Gottes Werk gewesen war. Aber es kam nicht bis zum Äußersten. Auf der französischen Staatskanzlei wurde der Betrug aufgedeckt. Saint Estève mußte nach Frankreich zurückkehren und fand dort ein unrühmliches Ende. Acht Jahre hatte der schwere Kampf gedauert. Nie war eine Klage über Mutter Barats Lippen gekommen. Im Gegenteil: als sie persönlich von ihrem Gegner angegriffen wurde, schrieb sie einer Vertrauten: “Der wenigstens behandelt mich, wie ich es verdiene.” Als später die wenigen Schwestern, darunter M. Baudemont, die ihm nach Rom gefolgt waren, in Not gerieten, unterstützte sie diese in hochherziger Weise.

Frei von unberufener Einmischung, hielt sie nun den Augenblick für gekommen, ihren Schwestern die von ihr mit P. Varin ausgearbeiteten Konstitutionen zu übergeben, und berief deshalb zum Allerheiligenfeste 1815 zwei Profeßschwestern aus jedem Kloster zur Beratung nach Paris, wo die Satzungen ihre endgültige Fassung erhalten sollten. Sie beginnen mit den klaren Worten: “Diese kleine Gesellschaft ist ganz der Verherrlichung des Herzens Jesu und der Verbreitung seiner Verehrung geweiht.” Darum sollen alle Mitglieder nach inniger Vereinigung mit dem Herzen des Heilandes streben, ihn verstehen und lieben lernen in persönlichem, innerem Gebet; denn “der Geist der Gesellschaft ist wesentlich auf Gebet und inneres Leben gegründet” (Konstitutionen). Wenn aber die Liebe des Gottesherzens in einer Seele glüht, dann drängt es Sie, auch anderen von diesem Reichtum mitzuteilen. Deshalb wollte Magdalena Sophia ihre Gesellschaft in den Dienst der Jugenderziehung stellen. Die Regel lehnt sich an die Konstitutionen der Gesellschaft Jesu an. Ignatianisch ist die starke Betonung der apostolischen Gesinnung und der Exerzitien. Außer den üblichen Ordensgelübden Armut, Keuschheit und Gehorsam legen die Schwestern das Gelübde der Beständigkeit ab, das nur der Papst lösen kann, und die Chorfrauen fügen das Gelöbnis hinzu, sich der Erziehung der Jugend zu widmen. Die Gesellschaft wird von einer auf Lebenszeit gewählten Generaloberin geleitet, die als Mutter der großen Ordensfamilie in persönlichem Kontakt mit all ihren Häusern und Ordensfrauen steht.

In dieser starken Einheit der Herzen sah die Stiftterin den Segensquell, der sich von ihren Klöstern über die Welt ergießen sollte, und nie schien ihr ein Opfer zu groß, um diese Eintracht zu bewahren und immer enger zu schließen. Darum sind die Worte: “Cor unum et anima una in Corde Jesu — Ein Herz und eine Seele im Herzen Jesu” in das silberne Kreuz eingraviert, das jede Ordensfrau vom Heiligsten Herzen Jesu bei der ewigen Profeß zugleich mit dem Brautring empfängt. In diesen Satzungen erkannten die versammelten Schwestern freudig den ursprünglichen Geist ihres Berufes und nahmen sie dankbar an. Papst Leo XII. hat sie 1826 feierlich bestätigt.

So hatte Magdalena Sophia gesiegt. Es war der Sieg einer Heiligen. Das Leid hatte ihr Herz nicht verengt, es war tiefer, größer und weiter geworden an Liebe und Verstehen. Immer war sie bereit gewesen zum Nachgeben und Verzichten, nur an dem Wesenskern ihres Werkes, der Verherrlichung des Herzens Jesu, hatte sie unbeirrbar festgehalten. Nun war sie erhört. Papst Pius XII. hat diese Tatsache gewürdigt, als er zum 150. Gründungstag der Gesellschaft schrieb:

“Es ist nicht ohne eine besondere Eingebung von oben, daß die heilige Magdalena Sophia ihre Gründung unter das Zeichen des Heiligsten Herzens Jesu stellte ... Es galt, diese erkaltete Welt dem brennenden Feuerherd der göttlichen Liebe” näherzubringen. Die Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu war eine der ersten Ordensfamilien, die sich für ihre Taufe diesen dreimal heiligen Namen erbat. Die Stifterin, deren kontemplative Seele sich in die Abgründe der Liebe des göttlichen Herzens verlor, um sie desto besser ausstrahlen zu können, bezeugte dadurch auch, daß das tiefe innere Leben die Vorbedingung für jedes echte Apostolat ist. Die äußeren Werke, sogar die aufsehenerregendsten, wären nichts ohne diese übernatürlichen Voraussetzungen und es ist klar, daß der Erfolg eines so großen Unternehmens, das menschliche Kräfte und Mittel übersteigt, nirgends anders gesucht werden kann als in einem Leben von intensivem Gebet, von Aufopferung, Demut und Abtötung, das durch die Vermittlung des Unbefleckten Herzens Mariä an der Quelle selbst geschöpft wurde: am Heiligsten Herzen Jesu.”

Später sollten noch einmal Stürme an den Grundfesten dieser Gesellschaft rütteln. 1815 bestanden sechs Ordenshäuser. 20 Jahre darauf waren es bereits 40. Die Generaloberin konnte die regelmäßige Visitation ihrer Klöster nicht mehr allein durchführen. Die Einteilung der Gesellschaft in Provinzen war eine dringende Notwendigkeit geworden. Waren sich alle Mitglieder der 1839 nach Rom einberufenen Generalversammlung darüber einig, so wollten viele nun wie in diesem, so auch in anderen Punkten eine stärkere Angleichung an die Jesuitenregel durchsetzen, z. B. die Abschaffung des gemeinsamen Chorgebets, die Profeß nach zehnjähriger Probezeit; ja selbst der Leitsatz: “Diese kleine Gesellschaft ist ganz der Verherrlichung des Herzens Jesu geweiht” . . . sollte in jenen des hl. Ignatius umgeändert werden: “Ihr Zweck ist, sich der größeren Ehre Gottes zu weihen.” P. Varin erhob als erster Klage: “Wenn Sie diesen Satz aus der Regel streichen, so brauchen Sie nur noch den Namen der Gesellschaft zu ändern!”

Magdalena Sophia selbst stand den Neuerungen ablehnend gegenüber; denn sie blieb stets der Meinung, die Gesellschaft vom Heiligsten Herzen sei ein Frauenorden, der in seiner gesamten Geistesrichtung die vollkommene Weiblichkeit und, soweit als möglich, das Idealbild der Frau verwirklichen solle, wie es Gott in der allerseligsten Jungfrau vor Augen gestellt hat. Zwischen der Gesellschaft und dem Orden des Hl. Ignatius müsse eine Ähnlichkeit wie zwischen Bruder und Schwester bleiben.

Aber die Stimmen der Versammlung waren gegen sie. So unterwarf sie sich und schrieb selber an ihre Klöster, um sie zur Annahme der neuen Dekrete aufzufordern. Doch vor allem die Häuser in Frankreich wollten sich den Neuerungen nicht fügen und beriefen sich auf unbedingte Einhaltung der päpstlich bestätigten Regel — in Anbetracht der weiten und raschen Ausbreitung der Gesellschaft eine praktische Unmöglichkeit.

Einsam stand die Stifterin inmitten dieser Widersprüche, verlassen von ihren geliebten Töchtern, den unermüdlichen, treuen Mitarbeiterinnen der ersten Stunde. Ihr erfahrener, klarer Blick erkannte deutlich den Ausweg: Einhaltung der goldenen Mitte zwischen den beiden extremen Richtungen; aber ihr Einspruch und ihr Rat verhallten ungehört. “Was ist aus unserem lieben Cor unum geworden?” schrieb sie traurig. “Wie der Wagen des Propheten Ezechiel, so werde ich nach allen Seiten gezogen. Persönliche Kränkungen kamen hinzu. Man verstieg sich zu der Behauptung, ihre geistigen Fähigkeiten nähmen derart ab, daß sie zur Leitung des Ordens untauglich sei. Aber Tieferblickende urteilten: “Man möchte meinen, Gott habe für sie das Maß der Schmerzen vergrößert, die ein Mensch tragen kann.”

Jahrelang dauerte der Kampf, aus dem endlich durch Vermittlung des Erzbischofs von Besançon beim Heiligen Stuhl Magdalena Sophia erfolgreich hervorging. Die Konstitutionen der Gesellschaft wurden 1851 definitiv vollendet und vom Papst neuerdings bestätigt. In allen Punkten war der Stifterin Recht gegeben. Pius IX. hatte die Aufteilung der Gesellschaft in verschiedene Verwaltungsgebiete genehmigt, wollte sie aber nicht Provinzen, sondern Vikariate nennen, um die Abhängigkeit ihrer Vorsteherinnen, der “Vikaroberinnen”, und deren Einheit mit der Generaloberin zu betonen. Für die übrigen strittigen Fragen galt seine Entscheidung: “Die Gesellschaft soll auch ferner nach den von Papst Leo XII. bestätigten Regeln geleitet werden.”

Sofort gab Magdalena Sophia ihren Töchtern die Lösung bekannt. Alle unterwarfen sich. Der Mutter aber lag es fern, sich ihres Sieges zu rühmen. Ihre große Seele kannte nur Verzeihen und Vergessen. Wohl hatten manche Schwestern ihr bitter weh getan. Gerade ihnen erwies sie die zarteste Liebe und war darauf bedacht, ihnen Beweise mütterlichen Vertrauens zu schenken, um den Stachel der Selbstvorwürfe zu entfernen. Mehr noch: sie verteidigte gerade jene, die ihre Ehre verletzt hatten und duldete kein hartes Urteil über sie.

 

Ausbreitung

 

Mit der Festlegung der Ordenssatzungen und deren allgemeiner Annahme begann ein neuer Zeitabschnitt im Leben Mutter Barats. Ihre Gesellschaft ruhte nun auf sicherer Grundlage und entwickelte bald eine starke Lebenskraft. In der Heimat und im Ausland, ja auch in fernen Erdteilen fand sie neue Wirkungskreise.

Schon als Magdalena Sophia das Herz Jesu Kloster in Grenoble gründete, wurde sie ungestümer denn je von der Sehnsucht ergriffen, in die Missionen zu gehen. Da Pater Varin ihr begreiflich machte, es liege nicht in der Absicht Gottes, flehte sie zum Herrn: “Wenn das Verlangen Deiner Dienerin Dir nicht gefällt, so gewähre mir wenigstens eine Ordensgefährtin, die statt meiner und besser als ich diese Aufgabe erfülle!” Mutter Duchesne sollte die Auserwählte sein. Zwölf Jahre hatte sie vergeblich um Entsendung in die Missionen gebeten. Noch schien das Werk in der Heimat nicht genügend gefestigt, das Wagnis zu kühn. Da kam 1817 ein Missionsbischof aus Amerika und warb um Mitarbeiterinnen für seine Diözese. Magdalena Sophia erkannte darin den Fingerzeig Gottes. Sie hielt ihre flehende Tochter nicht länger zurück. 1818 gründete Philippine Duchesne in Louisiana das erste überseeische Kloster vom Heiligsten Herzen. Unter unsäglichen Entbehrungen und Opfern wirkte sie bis zu ihrem Tode im Jahre 1852 unter Weißen und Eingeborenen. Inniger Gebetsgeist und glühender apostolischer Eifer waren der Inhalt ihres heiligen Lebens. Dennoch schien das Arbeiten im Lande ihrer Sehnsucht jahrelang erfolglos. Heute verwirklichen in Nord‑ und Mittelamerika acht Vikariate mit 50 Häusern und rund 1600 Ordensfrauen die Erwartung der Stifterin und der ersten Missionarin der Gesellschaft, die 1940 seliggesprochen wurde.

Die volle Entfaltung ihres Werkes sollte Magdalena Sophia nur durch schwere äußere und innere Leiden erkaufen. In Frankreich hatten die Zeitverhältnisse sich gegen Ende der Regierung Karls X. so gestaltet, daß die Zukunft für die religiösen Orden bedrohlich schien. Die Religion wurde öffentlich verspottet, der Kirche wurde die Unterrichtsfreiheit entzogen, der Jesuitenorden in die Acht erklärt. Während diese Gesetze in den Kammern verhandelt wurden, ließ Mutter Barat zur Sühne das Herz Jesu Fest mit außergewöhnlicher Feierlichkeit begehen. Öffentlich wollte sie das Bekenntnis ihres Glaubens und ihrer Liebe ablegen und dem göttlichen Herzen genugtun für die erlittene Schmach.

Inmitten der drohenden Gefahren war es nötig, durch Klostergründungen im Ausland Zufluchtsstätten für die hereinbrechenden Verfolgungen zu schaffen. So folgte Mutter Barat dem Rufe Papst Leos XII. nach Rom, um 1828 in dem Minimenkloster Trinità dei Monti auf der Höhe des Pincio ein Internat für die Töchter der alten römischen Familien zu gründen. Gregor XVI. vervollständigte diese Stiftung durch die Übergabe eines Klosters in Trastevere, dem ärmsten römischen Stadtviertel. Dort sollten die Kinder aus dem Volke unterrichtet und erzogen werden. Auf dem Janikulus, in der Villa Lante, eröffnete Mutter Barat 1837 das römische Noviziat.

1830 brach der gefürchtete Bürgerkrieg in Frankreich aus. Um den Novizinnen eine ungestörte Heranbildung zu sichern, suchte sie Zuflucht in der Schweiz. Im Schlosse Giviziers bei Freiburg fand sie herzliche Aufnahme. Aber wie frohlockte sie, als sie nach Ankauf der Besitzung Montet wieder in die gewohnten Verhältnisse klösterlicher Armut und Verborgenheit zurückkehren konnte! Anfangs waren die einheimischen Bewohner den französischen Gästen wenig geneigt; aber die Menschenfreundlichkeit und Güte der Generaloberin überwand alle Vorurteile, und bald hieß sie weit und breit nur mehr “die heilige Nonne”. In der Einsamkeit des Alpentales, inmitten der fröhlichen Novizenschar, schienen Tage der Ruhe und des Friedens für die Stifterin anzubrechen. Aber die kirchenfeindliche Haltung der Eidgenossenschaft zwang sie wenige Jahre später, die Schweiz wieder zu verlassen.

Wie oft hat Magdalena Sophia die Seligkeit des Verfolgtseins um der Gerechtigkeit willen erfahren, besonders in den Revolutionen der 1840er und 1850er Jahre. In Turin wurden die Ordensfrauen in den Straßen und auf der Bühne verhöhnt, weil sie treu zu Christus und zur Kirche standen. In Saluzzo bedrohte der Pöbel sie mit Brandlegung und Vergiftung. Garibaldi plünderte und verwüstete die Villa Lante in Rom, und für die Trinità dei Monti bedeutete die französische Schutzherrschaft nur eine Gefahr mehr. Auf italienischem Boden gingen damals zehn Klöster verloren. In ihrer Mutterliebe empfand Magdalena Sophia alle Sorgen und Leiden ihrer Töchter innig mit, aber zutiefst quälten sie die Schmähungen, mit denen die Empörer Gott und die heilige Kirche überhäuften. Als sie die Nachricht von der Ausweisung ihrer Schwestern aus Sardinien erhielt, schrieb sie: “Was mir am meisten das Herz zerreißt, ist der Haß gegen unseren göttlichen Herrn und Meister, der in dieser Verfügung zum Ausdruck kommt.”

Als Europa sich endlich befriedet hatte, brachte der amerikanische Bürgerkrieg neue Schrecken und Gefahren. Wie drückend und unheimlich war für die Mutter die Ungewißheit über das Los ihrer Schwestern; denn infolge der Absperrung der Verkehrswege blieb lange Zeit jede sichere Nachricht aus. Sie konnte nur erfahren, daß mehrere Klöster mitten im Kampfgebiet lagen. Daß schließlich doch alle verschont blieben, schrieb die Generaloberin der weisen Haltung der Oberinnen, mehr aber noch den Gebeten ihrer Töchter für die amerikanischen Mitschwestern zu.

Trotz aller Widerstände, Schwierigkeiten und Verfolgungen breitete sich die Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu immer weiter aus. Es entstanden in den folgenden Jahren Niederlassungen in England und Irland, in Canada, Cuba, Chile, Algerien, in Spanien, Belgien, Holland, Österreich und Deutschland. Waren die Schwestern in der Heimat vertrieben, so setzte die Stifterin sie sogleich anderwärts wieder ein. “Unsere Heimat hinieden ist der ganze Erdkreis und droben im Himmel”, pflegte sie zu sagen.

Ehe Mutter Barat zur Gründung eines neuen Klosters schritt, erwog sie den Plan in langem Beten vor Gott, bat auch andere um Gebet und holte sich Rat bei weisen Freunden. War ihr Entschluß einmal gefaßt, dann ging sie mit grenzenlosem Vertrauen auf Gott ans Werk. Bedenkt man die damaligen schwerfälligen Verkehrsmittel und die vielen schmerzhaften Krankheiten dieser Frau, so scheint es beinah unglaublich, was sie geleistet hat. Wie oft hat sie Frankreich durchquert und Italien in dem damals noch üblichen zweirädrigen Ochsenkarren durchzogen! In Belgien, in der Schweiz, in England besuchte sie ihre Klöster. Eine ihrer letzten Reisen unternahm sie nach Riedenburg bei Bregenz am Bodensee, wo sie viele deutsche Kinder antraf.

Mit allen ihren Häusern stand sie in regem schriftlichem Verkehr. 14 000 Briefe sind uns von ihr erhalten. Täglich verbrachte sie lange Stunden am Schreibtisch; immer wieder warf sie einen Blick auf das Kruzifix, um von dort Licht, Rat und Hilfe zu erflehen. Im Herzen ihres Herrn fand sie die flammenden Worte, die ihre Töchter zu Hingabe und Opfer begeisterten: Unwürdig Ihres Berufes, ja, ganz unfähig, ihn zu erfüllen, wäre eine Ordensfrau vom Heiligsten Herzen, in deren Seelen nicht fortwährend das Feuer des Seeleneifers brennen würde ...”

 

Apostolisches Wirken

 

Der Weitblick Magdalena Sophias galt nicht nur der Ausbreitung ihres Werkes, sondern auch seiner inneren Festigung und Ausreifung. Aber ihr Handeln entsprang niemals dem eigenen Antrieb und Wünschen: es war vielmehr ein Hinhorchen auf den Ruf Gottes, ein Verstehen seiner Gedanken, ein selbstloses, unbedingtes Sichhingeben an seinen Auftrag. Als gefügiges Werkzeug ruhte sie in seiner Hand. Natürlich gesprochen, schien sie nicht zum Herrschen berufen, und doch brachte sie es darin zur Meisterschaft. Gegen ihre Neigung unternahm sie das Werk der Erziehung, und nichts lag ihr ferner, als planmäßig zur Errichtung eines sogenannten Lehrordens zu schreiten. Dabei besaß sie aber eine überraschende Begabung, hellsichtig zu erkennen, was dem jugendlichen Alter gut, heilsam und förderlich ist. Je mehr Erfahrung sie sammelte, um so höher schätzte sie die liebe, sorgenvolle Arbeit der Erziehung, um so teurer wurden ihr die Kinder, und nach 20 Jahren klugen Wirkens in ihrer Mitte, als die einheitliche Leitung der sich mehrenden Pensionate geschriebene Richtlinien verlangte, verfaßte sie jenen Erziehungs‑ und Studienplan, der neben den Konstitutionen eine ihrer kostbarsten Hinterlassenschaften darstellt und den Ruf der Schulen des Sacré Coeur begründen sollte. Tüchtige Ordensfrauen und erfahrene Priester zog sie zu Rate; aber der Mittelpunkt des Kreises, der zu diesen Besprechungen in Paris zusammentraf, war sie selbst mit ihrer hohen Bildung, ihrem feinen Takt und dem sichtlich auf ihr ruhenden Geist Gottes.

 

Auf dem Gebiet der Erziehung hat sie Pfadfinderarbeit geleistet und eine Heranbildung der weiblichen Jugend erstrebt, die den Forderungen der damaligen gewandelten Verhältnisse entsprach. Die Philosophie der Aufklärung und der soziale Umsturz hatten Trümmer zurückgelassen. Aber nicht das alte Haus wollte sie wiederherstellen, sondern auf den Resten verbliebener Grundmauern einen neuen, zeitgemäßen Bau errichten. Heute noch kann sich die Erziehung in der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen nach den Leitsätzen des damals entstandenen Planes richten. Unveränderlich in den Prinzipien, ist er von überraschender Anpassungsfähigkeit gegenüber den Bedürfnissen neuer Zeiten und verschiedenster Länder. Die Stifterin betrachtete ihn nie als abgeschlossenes Werk, unterzog ihn selbst erneuter Überprüfung und gab den Rat: Die alten Arbeitsweisen soll man nicht verachten, den neuen sich nicht verschließen.”

Was sie anstrebte, war die Erziehung des Kindes durch das Herz des Heilandes. Seine Erkenntnis und Liebe, sein Dienst und seine Nachfolge waren ihr Ziel. “Um zu erziehen”, sagte sie, “muß die Ordensfrau in Christus leben, sich heiligen und dann von der Fülle übernatürlichen Lebens dem Kinde mitteilen.” Unberechenbar groß und tief erschien ihr der Einfluß der christlichen Mädchenerziehung auf Glaube und Sitte des Volkes. “Die Ordensfrauen mögen bedenken”, heißt es in den Konstitutionen, daß ihre Zöglinge nach der gewöhnlichen Anordnung der göttlichen Vorsehung dazu bestimmt sind, einst Gattinnen und Familienmütter zu werden. Wieviel Gutes aber kann eine wahrhaft christliche Frau, eine treue und tugendhafte Familienmutter wirken! ... Künftige Geschlechter schulden vielleicht einer gottesfürchtigen Mutter ihr ewiges Heil.” Vor allem drängte deshalb die Stifterin auf eine gediegene Frömmigkeit. Aber den jungen Mädchen sollte Gelegenheit zur Aneignung reichen Wissens geboten werden, da die Frau nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Verstande die ebenbürtige Gefährtin des Mannes sein soll. So wurde z. B. bereits in den ersten Lehrplänen der Gesellschaft eine Einführung in die Elemente der thomistischen Philosophie vorgesehen. Schon damals nahmen Logik, Psychologie, Ontologie, Ethik und Theodizee in den oberen Klassen der Schulen vom Heiligsten Herzen einen Ehrenplatz unter den Lehrfächern ein. In der Geschichte siebt der Studienplan eine Lehrmeisterin des Lebens. Sie soll das sittliche Urteil formen, die Mädchen anleiten, über Vorurteile und Sympathien hinweg zur Objektivität zu gelangen, und sie befähigen, die Folge der Ereignisse, die sich in ihrem eigenen Leben abrollen, zu verstehen. Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht soll sie zu exaktem Denken anregen. Der literarischen Ausbildung endlich mißt der Studienplan überragende Bedeutung zu. Sie zumeist erweitert und vertieft den Geist und weckt den Sinn für moralische und ästhetische Werte. Sie wird an Wichtigkeit einzig vom Religionsunterricht übertroffen. Die Religion soll den Eckpfeiler bilden, das Ganze kraftvoll tragend und zusammenhaltend. Die Vorschriften des Lehrplanes für die weiblichen Handarbeiten, die Erziehung zur Ordnung und die Einführung in die Leitung eines Haushaltes zeigen deutlich, wie sehr die “starke Frau” der Heiligen Schrift Magdalena Sophia als Vorbild für die weibliche Jugend vor Augen stand.

Nach der Absicht Mutter Barats dürfen Unterricht und Erziehung nicht getrennt werden. Nie würde die Ordensfrau, die nur Lehrerin sein wollte, der ihr gestellten Aufgabe genügen. Das Kind braucht die herzenskundige Mutter. Grundbedingung jedes nachhaltigen erziehlichen Wirkens ist das einerseits mütterlich denkende und andrerseits kindlich vertrauende Verhältnis zwischen Lehrerinnen und Schülerinnen.

Die Herz Jesu Kinder sollen nach dem Willen der Stifterin eine große Familie bilden. Die Erziehung wird dem einzelnen angepaßt. Sie ist bestrebt, den Kinder persönlichen Wert zu verleihen, feste Grundsätze, Verankerung im Glauben. Die Tagesordnung mit ihren Zeiten des Stillschweigens und der geregelten Arbeit stellt Anforderungen, die in kleinen Dingen fortgesetzte Entsagung verlangen. So solle die jungen Menschen allmählich für jene Opfer heranreifen, die das Leben notwendig auferlegen und das Gewissen fordern wird.

Magdalena Sophia war sich wohl bewußt, daß dieses hohe Ziel nicht immer und überall verwirklicht werden kann. Gottes Werk begegnet unzähligen Hindernissen durch das Versagen menschlicher Mithilfe.

Auf die Kinder, die so leicht herausfühlen, wo ihnen ein reines, liebendes, gütiges Herz entgegenschlägt, übte ihre Persönlichkeit eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus; nicht nur auf die, welche in näherem, längerem Verkehr mit ihr standen, sondern auch auf jene, die sie zum erstenmal oder nur selten sahen. Die Liebe zum göttlichen Herzen, die Mutter Barats ganzes Sein erfüllte, strömte auf andere über. In späterer Jahren ließen die Sorgen und Arbeiten für die Gesamtheit des Werkes der Stifterin kaum mehr Zeit, unmittelbar an der Erziehungsarbeit teilzunehmen, aber ihre erfinderische Liebe spähte stets nach Gelegenheiten aus, sich der Jugend wenigsten in vereinzelten Fällen zu widmen.

Wenn in der Gesellschaft vom Heiligsten Herzen mit Rücksicht auf die religiöse und kulturelle Auswirkung die Erziehung von Töchtern aus einflußreichen Familien im Vordergrund steht, so war es der Heiligen ebenso auch ein Herzensanliegen, allen ihren Klöstern Armenschulen und Waisenhäuser anzugliedern. Sie erkannte in der Sorge für die leidenden Glieder des mystischen Leibes Christi einen wesentlichen Bestandteil ihrer apostolischen Sendung. Deshalb wandte sie auch stets den Armen ihre besondere mütterliche Liebe zu, die sich zu wahrer Ehrfurcht steigerte, weil sie sich im Notleidenden einem tiefen Geheimnis der göttlichen Weisheit gegenüber sah. “Der Arme ist der Retter der Seele des Reichen”, sagt sie den Kindern. “Auf sein Wort hin öffnet oder schließt der Herr die Schatzkammer seiner Barmherzigkeit. In seinem Geld besitzt der Reiche die Schlüssel der Erde; der Arme hat in seiner Armut die Schlüssel zum Himmelreich.”

Die ihr anvertraute Jugend hat Magdalena Sophia besonders der Gottesmutter geweiht. Bereits 1816 führte sie für die eifrigeren Schülerinnen die Marianische Kongregation unter dem Titel der “Unbefleckten Empfängnis” ein und gab ihnen die Weisung: “Aufgabe der Marienkinder ist es, die heiligsten Herzen Jesu und Mariä zu lieben, zu verehren und nach Kräften ihre Verehrung zu verbreiten. Durch ein echt christliches Leben sollen sie den Geist und die Grundsätze Jesu Christi dem Geist der Welt entgegenstellen.” Doch Magdalena Sophia wollte noch mehr. Frauen und Mädchen der weitesten Kreise sollten zu einer dem Herrn und seiner heiligsten Mutter besonders geweihten Gemeinschaft zusammengeschlossen werden. So entstand die “Kongregation der auswärtigen Marienkinder vom Sacré Coeur”. — Und als dritte Art von Kongregation wurde schließlich eine Vereinigung von Frauen und Mädchen unter dem Namen “Trösterinnen Mariens” gegründet.

 

Vollendung

 

Mutter Barat war in der Leitung des ihr anvertrauten Werkes alt geworden, aber sie blieb der Mittelpunkt, um den alle Kräfte kreisten. Ihre Weisheit, Liebe und Heiligkeit strahlten Licht und Wärme aus bis in die entferntesten Bereiche. Den Titel “Stifterin” lehnte sie selbst allezeit entschieden ab. Eine solche Benennung empfand sie als eine Art Gotteslästerung; denn alles war das Werk des göttlichen Herzens, ihm allein gebührte Ruhm und Ehre. Aber traf eines ihrer Klöster Unglück oder Mißerfolg, bekannte sie: “All das Leid habe ich durch meine vielen Untreuen verschuldet. Ich verdiene die Strafe.”

Mit zunehmendem Alter wurden die häufigen Visitationsreisen für die Generaloberin zu beschwerlich, und die letzten vierzehn Jahre ihres Lebens verließ sie nur mehr selten das Mutterhaus in Paris. Aber ihr Wirken blieb schöpferisch wie zuvor. Die Neugründungen schritten fort, vielgestaltige Werke wurden übernommen. Regelmäßig versammelte die Mutter ihre jungen Schwestern nach den ersten fünf Jahren der apostolischen Arbeit zu einer letzten Vorbereitung auf die Profeß im Mutterhaus. In dieser Einrichtung sah sie ein außerordentlich wertvolles Mittel zur Erhaltung der Einheit der Gesellschaft.

Mild und sanft war ihre Leitung, ganz dem Einfluß der göttlichen Weisheit unterworfen. “Dem Heiland ist es lieber, wenn wir in Güte und Nachsicht zu weit gehen, als in Strenge”, meinte sie, und danach handelte sie. Diese Mutterliebe war die unüberwindliche Macht, die ihr alle Herzen gewann. Mehr und mehr sehnte sie sich nach dem Himmel. Hatte der Herr ihr den nahen Tod kundgetan? Wie zum Abschied lud sie die Kleinsten aus dem Pensionat kurz vor ihrem Tode noch einmal zu sich in den Garten, plauderte mit ihnen, beschenkte sie und segnete in ihnen zum letztenmal die Jugend, die sie so sehr geliebt und der sie die ganze Kraft ihres Lebens gewidmet hatte.

Das Fest Christi Himmelfahrt kam heran. Sonntags zuvor fand sich die geliebte Mutter noch einmal im Kreise ihrer Schwestern ein. “Es drängt mich zu kommen, denn Donnerstag geht es in den Himmel! Wir müssen uns vorher doch noch sehen”, sagte sie. Am nächsten Morgen traf sie ein Schlaganfall, nachdem sie wie gewöhnlich um 5 Uhr aufgestanden war und ihre Betrachtung bewegungslos kniend verrichtet hatte, das Kruzifix in der Hand. Bis zum Ende blieb sie ohne Sprache. Als die letzte Stunde des Himmelfahrtsfestes schlug, übergab Magdalena Sophia ihre Seele Gott dem Herrn. Es war der 25. Mai 1865.

Demütig und still, wie sie zu leben gewünscht hatte, war sie gestorben. Gegen 4000 Töchter aus allen Ländern beweinten den Heimgang ihrer Mutter, während 1368 Schwestern ihr im Tode bereits vorangegangen waren. Damals zählte die Gesellschaft 89 Klöster, heute sind es 180.

In Mutter Barats Nachlaß fand sich ein kurzes Schreiben, aus dem noch einmal ihre wunderbare Demut hervorleuchtete und in dem sie alle Ordensfrauen beschwor, auch um den Preis der schwersten Opfer ihre heiligen Verpflichtungen und den wahren Ordensgeist aufrechtzuerhalten, besonders die Übung der Herzenstugend Jesu, der Demut, und ihrer unzertrennlichen Gefährtin, der Armut, und endlich des Gehorsams, der alle anderen umfaßt und erhält. Das Testament schließt mit den Worten: Ich bitte den guten Meister, Sie alle zu segnen und tief in Ihre Seelen den Willen und das unaufhörliche Verlangen einzuprägen, sich bis zum letzten Atemzug der Liebe des göttlichen Herzens und um seinetwillen dem Heil der Seelen zu weihen, wie es unser heiliger Beruf verlangt.”

Gott erhöht die Niedrigen. Schon 1908 wurde Magdalena Sophia seliggesprochen, und im Jubeljahr 1925 nahm Pius XI. sie in die Zahl der Heiligen auf. Ihre unversehrt erhaltenen Gebeine ruhen in der Kirche des Herz Jesu Klosters zu Jette bei Brüssel, die zu einer Stätte reicher Gnadenerweise geworden ist. Im Mittelpunkt der Christenheit aber, im Petersdom, grüßt die Statue der heiligen Magdalena Sophia in der Reihe anderer großer Ordensstifter den Rompilger. Das Kind an ihrer Seite ist ein Symbol ihres Erziehungswerkes; der Engel aber versinnbildlicht das Leben inneren Gebetes, auf das sie ihren Orden gegründet hat.

 

 

In allen Weltteilen befinden sich Klöster vom Heiligsten Herzen Jesu. Das Generalmutterhaus ist in Rom, Via Nomentana 118.

 

Die Anschriften der Häuser im deutschen Sprachgebiet sind:

 

Deutschland:             Herz Jesu Kloster, P ü t z c h e n bei Bonn (Noviziatshaus)

                                M ü n c h e n, Franz-Josefstraße 4

                                Berlin‑Charlottenburg 9, Insterburgallee 8

                                H a m b u r g, Neue Rabenstraße 1

 

Österreich:                Wien III, Rennweg 31

                                G r a z , Petersgasse 1

                                P r e ß b a u in bei Wien, An der Westbahn

                                R i e d e n b u r g bei Bregenz, Vorarlberg.

 

KONRAD KIRCH / ADOLF RODEWYK

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