Träume Don Boscos

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DIE SCHLINGEN DES TEUFELS

(Lem. IX, 593-596)

Am 4. April 1869 erzählte Don Bosco folgenden Traum, den er einige Nächte vorher gehabt hatte:

“Ich stand an der Türe meines Zimmers und ging hinaus. Auf einmal schaute ich herum und befand mich in der Kirche, inmitten einer solchen Menge von Jungen, daß die Kirche gedrängt voll von ihnen war. Es waren die Jungen aus dem Turiner Oratorium, die von Lanzo und die von Mirabello, sowie viele andere, die ich nicht kannte. Sie hielten keine gemeinsame Andacht, sondern schienen sich auf die heilige Beichte vorzubereiten. Eine ungeheure Menge drängte sich wartend um meinen Beichtstuhl unter der Kanzel. Nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte, wie ich es schaffen könnte, die Beichte aller zu hören, setzte ich mich in den Beichtstuhl. Bald fürchtete ich aber, eingeschlafen zu sein und zu träumen. Um mich zu versichern, daß ich nicht schlief, klatschte ich in die Hände und vernahm das Geräusch davon. Um mich noch mehr davon zu, vergewissern, streckte ich den Arm aus und faßte die Wand an, die sich hinter meinem kleinen Beichtstuhl befindet. So war ich sicher, wach zu sein und sagte: “Ich bin da, also beichten wir”, und ich fing an Beichte zu hören. Gleich darauf aber, als ich so viele Jungen sah, erhob ich mich wieder, um auszuschauen, ob noch andere Beichtväter da seien, die mir helfen könnten. Aber ich sah keinen. Da wollte ich zur Sakristei gehen und irgendeinen Priester rufen, der auch Beichte hören sollte. Siehe da, ich erblickte hier und da Jungen, die einen Strick um den Hals hatten, der ihnen die Kehle zuschnürte. “Warum dieser Strick?” fragte ich. “Nehmt ihn euch fort!” Sie antworteten mir nicht und sahen mich unentwegt an.

“Nun”, sagte ich einem, “geh, nimm das Seil fort!” Der angesprochene Junge ging, antwortete mir aber: “Ích kann es nicht fortnehmen, hinter mir ist jemand, der es festhält. Kommen Sie und sehen Sie zu.” Ich richtete meinen Blick mit größter Aufmerksamkeit auf die Jungen und mir schien, als sähe ich hinter den Schultern vieler zwei sehr lange Hörner hervorragen. Ich trat ein wenig näher hinzu, um besser sehen zu können. Als ich um den mir Zunächststehenden herumging, sah ich hinter ihm eine häßliche Bestie mit einer schrecklichen Schnauze. Sie sah aus wie eine große Katze mit langen Hörnern, und diese zog die Schlinge zu. Das Scheusal senkte seine häßliche Fratze und verdeckte sie mit seinen Pfoten und duckte sich, um nicht gesehen zu werden.

Ich fragte diesen und andere Jungen nach ihren Namen, aber sie antworteten mir nicht. Da fragte ich das häßliche Tier. Es versteckte sich aber nur noch mehr. Dann befahl ich einem Jungen: “Auf, geh in die Sakristei und sage Don Merlone, dem Direktor der Sakristei, er möge dir das Eimerchen mit Weihwasser geben.” Und bald kehrte der Junge mit dem Eimerdien zurück. Unterdessen entdeckte ich, daß jeder Junge hinter seinen Schultern einen ebenso unangenehmen Diener hatte, wie Richtungen davon. Von dem Getöse erwachte ich und fand mich im Bett. —

Oh, liebe Jungen, ich hätte nie geglaubt, daß so viele von euch die Schlinge um den Hals und die Katze hinter sich hätten. Sehen wir uns daher diese drei Schlingen und ihre Bedeutung einmal an.

Die erste Schlinge fesselt die Jungen, daß sie in der Beichte etwas verschweigen. Diese Schlinge schließt den Mund so, daß man aus Scham nicht alles beichtet. Zum Beispiel, anstatt zu beichten, daß man gewisse Sünden viermal begangen hat, sagt man drei‑ oder viermal, während es genau viermal war. Einem solchen fehlt es ebenso an Aufrichtigkeit wie dem, der etwas verschweigt.

Die zweite Schlinge ist das Fehlen der Reue und die dritte das Fehlen des Vorsatzes. Wenn wir daher diese Schlingen zerreißen und sie dem Teufel aus der Hand nehmen wollen, so laßt uns alle Sünden beichten. Sorgen wir für eine echte Reue und fassen wir einen festen Vorsatz, dem Beichtvater zu gehorchen. Ehe das Ungetüm so wütend wurde, sagte es mir noch: “Sieh den Nutzen an, den die Jungen aus ihren Beichten schöpfen. Die Frucht der Beichten muß die Besserung sein. Wenn du erkennen willst, ob ich die Jungen in der Schlinge habe, achte darauf, ob sie sich bessern.”

Ich muß auch noch bemerken, daß ich mir vom Dämon sagen ließ, warum er hinter dem Rücken der Jungen stünde, und er antwortete: “Damit sie mich nicht sehen und ich sie leichter herunter in mein Reich ziehen kann.” Ich sah, daß es viele waren, die diese Scheusale im Rücken hatten; mehr als ich glaubte.

Legt diesem Traum soviel an Bedeutung bei, wie ihr wollt. Aber die Tatsache bleibt bestehen. Ich wollte genau sehen, ob es wahr sei, was ich träumte und fand, daß sich die Sache wirklich so verhält. Nehmen wir indes die Gelegenheit wahr, die sich uns in diesen Tagen bietet, einen vollkommenen Ablaß zu gewinnen durch eine gute Beichte und heilige Kommunion. Tun wir das mögliche, um uns aus diesen Schlingen des Teufels zu befreien. Der Heilige Vater gewährt all jenen einen vollkommenen Ablaß, die am Tage seines 50jährigen Priesterjubiläums, das ist am nächsten Sonntag, dem 11. April, beichten, kommunizieren und in der Meinung der heiligen Kirche beten.”

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AUS EINEM RÖMISCHEN BRIEF DON BOSCOS

(Lem. IX, 806-807)

Februar 1870

Liebster Don Rual

Obwohl ich mich hier in Rom nicht einzig und allein mit unseren Angelegenheiten und unseren Jungen befasse, so fliegen meine Gedanken doch immer wieder dorthin, wo ich meinen Schatz in Jesus Christus habe, nämlich zu meinen lieben Söhnen im Oratorium. Mehrere Male an jedem Tag mache ich ihnen einen Besuch. Jetzt gerade sehe ich Don Cagliero, umgeben von einer Schar beichtender Jungen. Andere gehen zur heiligen Kommunion, wieder andere beten mit Eifer. Einige denken an Don Bosco, andere spielen mit ihren Kameraden. Ich sehe eine ganze Reihe von Jungen, die während des Tages dem Heiligsten Altarssakrament einen Besuch abstatten und das bereitet mir große Freude.

Aber zur großen Betrübnis meiner Seele habe ich auch Dinge gesehen, die jedem Schrecken einflößen würden, wenn man sie dem Papier anvertrauen würde. Ich sage nur, daß ich unter so vielen guten Jungen einige in der Gestalt von Schweinen sah. Auf ihrer Stirn stand geschrieben: ‚Jumentis inspicientibus comparatus est. — Er ist dem glotzenden Vieh vergleichbar. ' jeder von ihnen handelte diesen Inschriften entsprechend. Aber was mich besonders beeindruckte, waren manche, auf deren Zunge, wie eingepfropft, eine wohlriechende Rose oder eine schneeweiße Lilie blühte. Die Zahl dieser Jungen war groß. Aber o weh! Inmitten solch erquickender Bilder beobachtete ich eines Tages unter den Studenten und auch bei den Handwerkern nicht nur einen, sondern viele, die im Mund eine dicke Schlange hielten, die schmutzigen Geifer und tödliches Gift von sich gab. Ich schalt mit diesen, aber sie liefen davon und hörten mich nicht an. Soll ich sie nennen? Ich beschränke mich darauf, für Don Rua einige Namen aufzuschreiben, um zu sehen, ob bei ihnen eine Ermahnung noch genügt. Die hatten auf ihrer Stirn geschrieben: “Corrumpunt bonos moros colloquia mala. — Schlechte Reden verderben gute Sitten.” Aber lassen wir diese traurigen Dinge und kommen wir zu etwas anderem”

(Don Bosco erzählt dann, wie er dem Erzherzog von Toscana im Tode beigestanden sei und anderes.)

Zum Schlusse des Briefes heißt es dann jedoch wieder: “M , M , B , P , M . . . und einige andere gehören zu denen, die venenum aspictis super linguas corum habent — die Schlangengift auf ihren Zungen haben.”

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SPÄTBERUFE

(Lem. XI, 32-33)

Diese Vision hatte Don Bosco am Anfange des Jahres 1875. Er erzählte dieselbe den Obern, worauf sie sofort aufgeschrieben wurde. An einem Samstag abend befand ich mich in der Sakristei und hörte Beichte. Ich war zerstreut und dachte über den Mangel an Priestern und Priesterberufen nach sowie über die Art und Weise, wie man ihre Zahl vermehren könnte. Vor mir sah ich viele Jungen, die zur heiligen Beichte kamen; es waren gute und unschuldige Jungen. Aber ich sagte mir: Wer weiß, wie vielen es nicht gelingt, Priester zu werden, und wie lange es noch dauert bei denen, die durchhalten. Das Anliegen der Kirche ist aber dringend.

So war ich durch diese Gedanken sehr zerstreut; fuhr aber noch fort, Beichte zu hören. Dann kam es mir vor, als säße ich an meinem Tisch in meinem Zimmer, wo ich für gewöhnlich arbeite. In den Händen hielt ich das Verzeichnis der Hausinsassen. Ich sagte mir: “Wie geht denn das zu? Ich bin hier in der Sakristei am Beichthören und zugleich sitze ich in meinem Zimmer am Tisch. Träume ich? Nein; dies ist wirklich das Verzeichnis der Jungen und das der Tisch, an dem ich für gewöhnlich arbeite. Da hörte ich hinter mir eine Stimme, die sprach: “Willst du den Weg wissen, auf dem man schnell die Zahl guter Priester vermehren kann? Sieh dir genau das Verzeichnis an, und du wirst entdecken, was zu tun ist.”

Ich sah genau hin, sagte aber dann: “Dies ist das Verzeichnis der Jungen von diesem und vom vorigen Jahre und sonst nichts weiter.” Ich war sehr nachdenklich geworden, las die Namen, dachte, sah unten und oben hin, ob ich noch etwas anderes fände, aber nichts war zu sehen. Da sagte ich mir: Träume ich oder bin ich wach? Sitze ich wirklich hier am Tisch? Die Stimme, die ich hörte, war aber eine wirkliche Stimme.

Plötzlich wollte ich aufstehen, um zu sehen, wer diejenige wäre, die zu mir gesprochen hatte. Dabei erhob ich mich wirklich. Als die Beichtkinder sahen, daß ich mich so eilig und erregt erhob, meinten sie, es wäre mir übel geworden. Sie kamen und stützten mich. Ich versicherte ihnen aber, daß nichts Besonderes sei und fuhr fort, Beichte zu hören.

Als ich die Beichten gehört hatte und wieder in meinem Zimmer war, schaute ich auf meinen Tisch. Da lag wirklich das Namensverzeichnis aller, die im Hause sind; etwas anderes jedoch fand ich nicht. Ich prüfte das Verzeichnis; aber ich konnte daraus den Weg nicht entdecken, auf dem man Priester bekäme, viele Priester und zwar schnell. Ich sah andere Verzeichnisse durch, die ich im Zimmer hatte, ob ich aus ihnen etwas ersehen könnte; aber zunächst schöpfte ich daraus keinerlei Nutzen.

Darauf erbat ich mir von Don Ghivarello weitere Listen; jedoch alles war umsonst. Als ich noch immer weiter darüber nachdachte und die alten Verzeichnisse durchging, um dem Auftrag jener geheimnisvollen Stimme zu gehorchen, fand ich, daß von so vielen Jungen, die in unseren Kollegien das Studium begannen, um später Theologie zu studieren, kaum 15 von 100, das sind noch nicht einmal 2 von 10, dazu kamen, den schwarzen Rock anzuziehen. Sie werden vom Heiligtum zurückgehalten durch Familienangelegenheiten, von den notwendigen Prüfungen oder von einer WiIlensänderung, die oft im Jahre der Rhetorik eintritt. Dagegen nahmen die, die schon als Erwachsene zu uns kamen, fast alle, d. h. 8 von 10, das kirchliche Kleid und sie erreichten das Ziel mit weniger Zeit und Mühe.

Da sagte ich schließlich: Dieser bin ich viel sicherer und sie können viel schneller vorwärtskommen. Das ist es, was ich suchte, ich muß mich mehr und in ganz besonderer Weise um sie kümmern. Ich muß eigens für sie Kollegien eröffnen und suchen, sie auf besondere Weise zu fördern. — Nun wird noch der Erfolg erkennen lassen, ob das mir Geschehene Traum oder Wirklichkeit war.” —

Don Bosco besprach die Dinge mit Pius IX. und daraufhin wurde trotz vieler Mühen und sich entgegenstellender Schwierigkeiten und Kämpfe von seiten zweier Bischöfe (auch des Erzbischofs von Turin) das ‚Opera di Maria Ausiliatrice per le vocazioni allo stato ecclesiastico‘ (= Maria‑Hilf‑Werk für Priesterberufe) gegründet.

In einer ergänzenden Vision wurde ihm kundgetan, daß er Priester auszubilden hätte für die Bischöfe, für sich selbst und für die amerikanische Mission, und zwar viel mehr als er anfangs vorhatte. Dabei fiel ein dicker Hagel, mit Steinen untermischt, auf seine Schultern.

Im Jahre 1876 wagte Don Giuseppe Vespignani, der im Oratorium noch neu war, Don Bosco nach seinen Träumen zu fragen. Er wollte in kindlichem Vertrauen wissen, was man davon halten sollte. Don Bosco gab ihm eine allgemeine, aber ausreichende Antwort. Er sagte, es wäre ihm in seinen Verhältnissen, da er keine Geldmittel, keine Helfer hatte, unmöglich gewesen, zum Heil der Jugend zu arbeiten, wenn Maria, unsere Helferin, ihn nicht mit “besonderen Erleuchtungen und zahlreichen Hilfen, nicht nur materieller sondern auch geistiger Art, unterstützt hätte” (Lern. B. XI/256‑257).

Don Bosco nannte seine Träume also selbst besondere Erleuchtungen und geistliche Hilfen.”

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DIE SCHLACHT MIT DEN HEUGABELN

(Lem. XI, 257-264)

Den folgenden Traum hatte Don Bosco in der Nacht vom 25. zum 26. April 1875. Er versprach seinen Jungen, ihnen denselben zu erzählen, was er am Abend des 4. Mai auch tat. Er sagte:

“Als sich die Exerzitien näherten, dachte ich darüber nach, wie meine Jungen sie wohl mitmachen würden, und was ich ihnen sagen sollte; damit sie Nutzen davon hätten. Mit diesen Gedanken ging ich nach der Sonntagsandacht, am 25. April, schlafen. Es war am Vorabend der Exerzitien. Kaum lag ich zu Bett, da fing ich auch schon an zu träumen und mir schien, ich befände mich ganz alleine in einem sehr weiten Tale. Hier und dort war eine Anhöhe. Weit hinten im Tal stieg das Gelände nach einer Seite empor und dort leuchtete ein klares Licht. Nach der anderen Seite hin lag der Horizont im Halbdunkel. Ich stand da und betrachtete die Ebene. Da sah ich Buzzetti und Gastini auf mich zukommen. Sie riefen: “Don Bosco, steigen Sie aufs Pferd, aber schnell, schnell!” Ich antwortete: “Ihr wollt mich wohl foppen. Ihr wißt doch, daß ich schon lange nicht mehr geritten bin.”

Die beiden Jungen drängten. Ich aber weigerte mich: “Ich will nicht aufs Pferd. Ich bin früher schon einmal geritten und dabei zu Fall gekommen.” Buzzetti und Gastini drängten mit immer größerem Eifer. “Aufs Pferd, schnell, wir haben keine Zeit zu verlieren!”

“Aber was soll das, wohin wollt ihr mich bringen, wenn ich nun auf dem Pferde sitze?” — Das werden Sie schon sehen! Schnell, steigen Sie auf!” — “Aber wo ist das Pferd denn? Ich sehe hier keines!”

“Da vorne!” rief Gastini und zeigte nach einer Seite des Tales. Ich wandte mich dorthin und sah in der Tat ein sehr schönes, munteres Pferd. Es hatte hohe und kräftige Beine, eine dicke Mähne und ein sehr glänzendes Fell. “Nun gut”, sagte ich, “ich steige auf, weil ihr es wollt. Aber paßt auf! Wenn ich herunterfalle...” — “Keine Sorge!” antworteten sie. Wir sind für alle Fälle bei Ihnen.”

“Und wenn ich mir den Hals breche”, sagte ich zu Buzzetti, “mußt du mir den Kopf wieder aufsetzen.” Buzzetti fing an zu lachen.

“Wir haben keine Zeit zum Lachen”, brummte Gastini. So gingen wir zum Pferd. Ich stieg mit vieler Mühe auf seine Kruppe. Sie halfen mir dabei und schließlich saß ich im Sattel. Wie hoch mir das Pferd jetzt so vorkam! Es schien mir, als befände ich mich auf einer Höhe, von der ich das ganze Tal bis zu seinen äußersten Enden beherrschte.

Da setzte sich mein Pferd in Bewegung. Wie seltsam, es schien mir auf einmal, ich wäre in meinem Zimmer und ich fragte mich selbst. “Wo sind wir? Ich sah Priester, Kleriker und andere Leute eintreten. Sie alle wollten mit mir sprechen und waren erschreckt und traurig. Nach einem guten Stück Wegs hielt das Pferd an. Nun sah ich alle Priester aus dem Oratorium und viele Kleriker bei mir um mein Pferd versammelt. Unter ihnen bemerkte ich Don Rua, Don Cagliero und Don Bologna. Sie standen und betrachteten das Pferd, auf dem ich saß. Keiner sprach ein Wort. Ich sah sie alle mit einem so traurigen Gesichtsausdruck, so verstört, wie noch nie. Ich rief Don Bologna zu mir und fragte ihn: “Don Bologna, du bist unser Pförtner, kannst du mir sagen, was für Neuigkeiten es in unserem Hause gibt? Warum sehe ich euch alle so traurig?” Und er antwortete: “Ich weiß nicht, wo ich bin, noch was ich tue. Ich bin ganz verwirrt. Es kamen Leute, sie sprachen und gingen wieder. An der Pforte ist ein Durcheinander von Kommen und Gehen, daß ich überhaupt nichts mehr verstehe.” — “Oh, ist es möglich”, dachte ich mir, “daß heute etwas Außergewöhnliches stattfindet?” Da brachte mir jemand eine Trompete und sagte, ich solle sie behalten. Sie würde mir gute Dienste leisten. Ich fragte. “Wo sind wir hier?” — “Blas in die Trompete!” Ich blies in die Trompete und herauskam die Antwort. “Wir sind im Lande der Prüfung.”

Darauf sah man von einer Anhöhe eine Menge Jungen heruntersteigen. Es waren so viele, daß ich glaube, es waren mehrere hunderttausend. Niemand von ihnen sprach. Alle waren mit einer Heugabel bewaffnet. Sie kamen mit großen Schritten ins Tal. Unter diesen sah ich alle Jungen aus dem Oratorium und auch aus unseren anderen Kollegien. Sehr viele von ihnen kannte ich nicht. Da fing der Himmel an, von der einen Seite des Tales sich derart zu verdunkeln, daß man meinen konnte, es wäre Nacht. Es erschien eine ungeheure Anzahl von Tieren, die wie Löwen und Tiger aussahen. Diese wilden Ungeheuer hatten einen gewaltigen Körper, starke Beine und einen langen Hals. Jedoch war der Kopf einigermaßen klein. Ihre Schnauze war furchterregend. Mit roten Augen, die aus den Höhlen hervorquollen, stürzten sie gegen die Jungen an. Diese sahen sich von den Tieren angegriffen und setzten sich zur Wehr. Sie hielten ihre Heugabel mit zwei Zinken den Ungeheuern entgegen, hoben und senkten sie, je nachdem sie angegriffen wurden. Die Scheusale konnten beim ersten Angriff nicht siegen. Sie bissen in das Eisen der Gabeln, brachen sich die Zähne aus und verschwanden. Einige Jungen aber hatten nur eine Gabel mit einer Zinke. Die waren verwundet. Bei anderen war der Stiel der Forke zerbrochen oder wurmstichig. Ja, manche warfen sich den Tieren in ihrer Einbildung ohne Waffen entgegen. Sie waren bald ihre Opfer und wurden getötet. Das waren nicht einmal wenige. Viele hatten eine Gabel mit einem neuen Stiel und zwei Zinken.

Unterdessen wurde mein Pferd von einer zahllosen Menge von Schlangen umringt. Aber mit Sprüngen und Fußtritten nach rechts und links zerquetschte und entfernte es sie. Dabei nahm es an Größe und Kraft zu und wuchs immer weiter. Da habe ich jemanden gefragt, was diese Heugabeln mit den zwei Zinken bedeuten sollten. Man reichte mir eine Gabel und ich sah auf der einen Zinke geschrieben: Beichte, und auf der anderen: Kommunion.

“Was sollen diese beiden Zinken bedeuten?” — “Blas in die Trompete!” Ich blies von neuem und es erscholl: “Zerbrochener Stiel: schlechte Beichten und schlechte Kommunionen. Wurmstichiger Stiel. Mangelhaftes Beichten.”

Nach diesem ersten Angriff ritt ich rings um das ganze Schlachtfeld. Da sah ich viele Verwundete und Tote. Einige sah ich auf der Erde liegen, erdrosselt, mit geschwollenem, mißgestaltetem Halse. Andere hatten das Gesicht schrecklich verunstaltet. Wieder andere waren vor Hunger gestorben, obwohl sie neben sich noch einen Teller mit gutem Gebäck liegen hatten. Die Erdrosselten sind die, welche das Unglück hatten, schon als Kind irgendeine Sünde zu begehen, die sie niemals gebeichtet haben. Die im Gesicht so Verunstalteten waren die Naschsüchtigen und Leckermäuler. Die Verhungerten waren die, welche zwar beichten gingen, aber nicht nach den Ratschlägen und Ermahnungen des Beichtvaters handelten.

Bei jedem, der einen wurmstichigen Stiel in seiner Gabel hatte, stand ein Wort geschrieben; bei einem stand ‚Stolz', bei einem ‚Trägheit', bei einem anderen ‚Unkeuschheit' usw.

Zu beachten ist noch, daß die Jungen auf einem Wege von Rosen herankamen und Freude daran hatten. Aber nachdem sie einige Schritte gemacht hatten, stießen einige einen Schrei aus und fielen tot nieder oder waren verwundet; denn unter dem Rosen befanden sich Dornen. Andere jedoch traten mutig darauf, schritten darüber hinweg, ermutigten sich gegenseitig und blieben Sieger.

Dann verdunkelte sich der Himmel von neuem und augenblicklich erschien eine Menge von Tieren und Ungeheuern, die noch größer waren als die vorhergehenden. Alles geschah in weniger als drei bis vier Sekunden und auch mein Pferd wurde umringt. Die Ungetüme wuchsen so ins Übermaß, daß auch ich Angst bekam. Ich glaubte mich schon von ihren Tatzen umkrallt, da reichte man mir noch rechtzeitig eine Gabel. Nun fing auch ich an zu kämpfen und die Ungeheuer wurden in die Flucht geschlagen. Alle verschwanden, wie sie auch vorher verschwunden waren, nachdem sie im ersten Angriff besiegt worden waren.

Da blies ich in die Trompete und es hallte eine Stimme durch das Tal: “Sieg, Sieg!” — “Wie?” fragte ich, “wir sollen gesiegt haben? Da sind doch so viele Verwundete und Tote!” Da blies ich wieder in die Trompete und man hörte: “Zeit den Besiegten.”

Dann wurde der Himmel, so dunkel er auch gewesen war, hell und licht. Man sah einen Regenbogen, ein so schönes Licht, in so vielen Farben, daß man es nicht beschreiben kann. Es war so breit, als ob es sich auf Superga stützte, einen Bogen machte und sich dann auf Mencenisio lehnte. Ich muß noch bemerken, daß die Sieger Kronen auf ihrem Haupt trugen. Diese leuchteten so sehr und in einer solchen Farbenpracht, daß es wundervoll war, sie zu betrachten. Auch ihr Antlitz erstrahlte in einer wunderbaren Schönheit. Im Hintergrund, an der einen Seite des Tales, mitten unter dem Regenbogen, sah man eine Art Tribüne. Darauf befanden sich Leute, die voller Jubel waren. Sie waren von unvorstellbarer Schönheit. Eine sehr edle Herrin, die königlich gekleidet war, trat an den Rand des Balkons und rief: “Meine Söhne, kommt, bergt euch unter meinem Mantel.” Da breitete sich ein sehr weiter Mantel aus und alle Jungen fingen an, darunterzulaufen. Einige flogen sogar. Auf ihrer Stirne stand geschrieben: Unschuld. Andere gingen und wieder andere schleppten sich dorthin. Auch ich fing an zu laufen. In dieser augenblicklichen Bewegung, die nicht länger als eine halbe Sekunde dauerte, sagte ich mir: “Nun Schluß damit! Wenn das noch ein bißchen so weitergeht, werden wir alle sterben.” Als ich das gesagt hatte, während ich noch lief, erwachte ich.” —

Am 6. Mai, am Himmelfahrtstage, knüpfte Don Bosco wieder an seine Erzählung an. Er sagte:

“Vorgestern abend konnte ich nicht alles sagen, weil ein Fremder zugegen war. Diese Dinge bleiben aber unter uns. Wir schreiben sie auch nicht an die Eltern oder Freunde. Euch sage ich ja alles, sogar meine Sünden. Jenes Tal, das Land der Prüfung, ist diese Welt. Das Halbdunkel ist der Ort der Verdammnis. Die beiden Anhöhen sind die Gebote Gottes und die der Kirche. Die Schlangen sind Teufel und die Ungeheuer sind schlechte Versuchungen. Das Pferd schien mir jenes Pferd zu bedeuten, das den Eliodor niederschlug; es ist das Vertrauen auf Gott. Die über die Rosen gingen und tot hinfielen, sind jene, die sich dem Vergnügen dieser Welt überlassen, das zum Tod der Seelen führt. Die, welche die Rosen zertraten, sind jene, die die Vergnügungen dieser Welt verachten und Sieger bleiben. Die, welche unter den Mantel flogen, sind die Unschuldigen.

Allen, die über ihre Waffe Bescheid wissen wollen, ob sie Sieger waren oder nicht, tot oder verwundet, sage ich gelegentlich etwas darüber. Obgleich ich nicht alle Jungen kannte, so kannte ich doch die, welche sich jetzt im Oratorium befinden. Und die anderen, die vielleicht noch kommen werden, würde ich gut wiedererkennen, wenn ich sie sähe.”

Don Barberis fragte Don Bosco nach diesem Traum. Don Bosco antwortete ihm ganz ernst: “Das ist schon etwas mehr als ein Traum.” Dann brach er ab und ging auf etwas anderes über. (Lem. XI, 261). —

Don Berto, der Berichterstatter, fragte Don Bosco nach seinem Zustand in der Vision. Er berichtet: “Ich erhielt eine so genaue Antwort, daß ich weinte und sagte. “Wenn ein Engel vom Himmel gekommen wäre, hätte er es nicht besser treffen können.” (Lem. XI, 261). —

Am 4. Juni 1875 fragte Don Barberis wiederum nach dem Traum: “Gegen Schluß des Traumes erzählten Sie, daß einige unter den Mantel Mariens flogen, viele liefen, andere langsam gingen und wieder andere durch den Schmutz wateten, so daß sie ganz besudelt wurden und meistens nicht bis unter den Mantel gelangten. Sie haben uns schon gesagt, daß die Unschuldigen flogen. Da kann man sich denken, wer die sind, welche in Eile herankamen. Aber die im Sumpf stecken blieben, wen stellen sie dar?” Don Bosco antwortete: “Die stecken blieben, daß sie meist nicht mehr unter den Mantel der Gottesmutter ankamen, sind die, welche den Gütern dieser Welt verhaftet sind. Sie haben ein egoistisches Herz und denken nur an sich selbst. Sie beschmutzen sich selbst und sind nicht mehr fähig, sich zu höheren Dingen aufzuschwingen. Sie sehen, daß die Jungfrau Maria sie ruft, möchten auch gehen, machen sogar einige Schritte; aber der Schmutz zieht sie hinab. So geht es immer wieder. Der Herr sagt: ‚Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz'. Die, welche sich nicht erheben zu den Schätzen der Gnade, stecken ihr Herz in die Dinge der Erde. Sie denken nur daran, irdische Freuden zu genießen, reich zu werden, ihre Geschäfte voranzubringen und Ansehen zu gewinnen. Und für das Paradies — nichts”

Don Barberis: “Sahen Sie, Don Bosco, in dem berühmten Traum nur die Vergangenheit der Jungen oder auch die Zukunft, das was jeder tun wird, was jeder erreichen wird?”

Don Bosco antwortete: “Ich sah nicht nur das Vergangene, sondern auch die Zukunft, die den Jungen im Gesicht geschrieben stand. jeder Junge hatte mehrere Straßen vor sich, auch enge und dornige, einige waren sogar mit scharfen Nagelspitzen bedeckt. Aber diese Straßen waren auch mit den Gnaden des Herrn bedeckt und endeten in einem sehr prächtigen Garten, wo es Wonne aller Art gibt.”

Don Barberis: “Das heißt also, daß Sie wissen, welchen Weg jeder gehen wird, welches der Beruf eines jeden von uns ist, wie wir gehen und wie wir enden werden.”

Don Bosco: “Es hat keinen Sinn, zu sagen, welchen Weg jeder gehen und wie er enden wird. Wenn man einem Jungen sagen würde: ‚Du wirst den Weg der Gottlosigkeit gehen', so wirkt das nichts Gutes, sondern erfüllt ihn nur mit Schrecken. Was ich sagen kann ist: wenn einer jenem Wege folgt, so ist er sicher, auf dem Wege zum Himmel zu sein. Das ist der Weg, auf dem zu gehen er gerufen ist. Wer den Weg nicht geht, ist nicht auf dem richtigen Wege. Einige Wege sind schmal, steinig und dornig. Aber Mut, meine lieben Söhne! Bei den Dornen ist auch die Gnade Gottes. Und am Ende des Weges erwartet uns so viel Gutes, daß wir schnell die Schmerzen vergessen.

Ich möchte aber, daß ihr festhaltet, daß dies ein Traum war, an den niemand zu glauben braucht. Zwar mache ich die Beobachtung, daß alle, die mich um Erklärung bitten, den Hinweis gut aufnehmen. Immerhin handelt nach den Worten des heiligen Paulus: ‚Prüfet den Geist, und was gut ist, behaltet.‘” (Lem. XI, 262‑263).

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DIE HÜHNER

(Lem. XII, 41-45)

In der zweiten Januarhälfte des Jahres 1876 hatte Don Bosco einen symbolischen Traum, den er in kurzen Umrissen einigen Salesianern erzählte. Auf allgemeines Drängen hin teilte er ihn am 23. Januar allen mit. Er sagte:

“Ich glaubte, weit weg von hier, in meiner Heimat, in Castelnuovo d'Asti zu sein. Vor mir erstreckte sich ein weit ausgedehntes Land in einer großen, schönen Ebene. Aber das Feld war nicht das unsrige und ich weiß nicht, wem es gehörte. Darauf sah ich viele Menschen mit Hacken, Spaten, Harken und anderen Geräten arbeiten. Einer pflügte, ein anderer säte das Korn, und wieder ein anderer ebnete die Erde. So hatte einer diese, der andere jene Arbeit.

Hier und da standen auch Verwalter, welche die Arbeiten leiteten; und es kam mir vor, als wäre ich auch einer unter ihnen. Gruppen von Landleuten standen anderwärts und sangen. Ich betrachtete das alles ganz erstaunt und konnte mir über die Örtlichkeiten nicht ganz klarwerden. Ich fragte mich: Warum arbeiten diese so tüchtig? Die Antwort gab ich mir auch selbst: Um meine Jungen mit Brot zu versorgen.

Wirklich wunderbar war es zu sehen, wie diese guten Feldarbeiter keinen Augenblick ihre Tätigkeiten unterbrachen und ihr Werk mit immerwährender Freudigkeit und anhaltendem Eifer fortsetzten. Nur wenige standen lachend und scherzend daneben. Während ich dieses schöne Bild betrachtete und umherblickte, gewahrte ich um mich einige Priester und viele von meinen Klerikern. Manche von ihnen standen nahe bei mir, andere in einer gewissen Entfernung. Ich sagte mir: Ich träume, meine Kleriker sind in Turin, hier sind wir aber in Castelnuovo. Wie kann das denn sein? Ich stecke von Kopf bis Fuß in Winterkleidern, erst gestern habe ich noch gefroren und nun sät man das Korn.

Ich klatschte in die Hände, ging herum und sagte: “Ich träume doch nicht! Dies ist ein richtiges Feld. Dies ist der Kleriker A. . . leibhaftig. Der da ist der Kleriker B. . . Und wie soll ich im Traum dies und jenes sehen können?”

Unterdessen sah ich neben mir, und doch etwas abseits, einen alten Mann. Er sah sehr gütig und klug aus. Er stand da und beobachtete mich und alle anderen.

Ich wandte mich an ihn mit der Frage: “Sagen Sie, guter Mann, was ist das, was ich hier sehe? Ich verstehe nichts davon. Wo sind wir hier? Wem gehören diese Arbeiter? Wem das Feld?” — “Oh!”, antwortete er, das sind aber schöne Fragen. Sie sind ein Priester und wissen diese Dinge nicht?”

“Sagen Sie mir mal, ob ich träume oder wach bin? Mir kommt das alles nämlich wie im Traum vor, und die Dinge, die ich sehe, scheinen mir unmöglich.”

“Sie sind trotzdem möglich, sogar wirklich, und mir scheint, daß Sie ganz wach sind. Merken Sie nichts davon? Sie sprechen, lachen, scherzen.” — “Nun”, sagte ich, “es gibt Leute, denen kommt es im Traum so vor, als ob sie sprächen, zuhörten, handelten, als wenn sie wach wären.”

“Aber nein; lassen Sie dies alles beiseite. Sie sind hier mit Leib und Seele.” — “Meinetwegen. Wenn ich also wach bin, dann sagen Sie mir, wem dieses Feld gehört.” — “Sie haben Latein studiert, welches ist das zweite Wort der zweiten Deklination, wie Sie es im Donatus gelernt haben? Wissen Sie es noch?” — “Und ob! Aber was hat das mit der Frage von eben zu tun?”

“Sehr viel. Sagen Sie mir, welches ist das erste Wort, das man bei der zweiten Deklination lernt?” — “Das ist ‚Dominus' (= Herr).” — “Und wie heißt der Genitiv davon?” — “Domini.” — “Bravo, gut! Domini; dieses Feld ist also das Feld des Domini, das Feld des Herrn.”

“Ah! Nun fange ich an zu verstehen!” rief ich aus. Ich war erstaunt über die Wichtigkeit, mit der der gute Alte sprach.

Indessen sah ich einige Leute mit Säcken voll Korn und Weizen herankommen. Sie wollten säen. Eine Gruppe von Landleuten sang: Exit, qui seminat, seminare semen suum (= Ein Sämann ging aus, seinen Samen zu säen). Es schien mir eine Sünde, dieses Saatgut fortzuwerfen und es unter der Erde faulen zu lassen. Es war so schöner Weizen. Ich fragte mich, ob es nicht besser wäre, ihn zu mahlen und Brot und Kuchen daraus zu backen. Aber dann dachte ich: Wer nicht sät, der erntet auch nicht. Und was soll man ernten, wenn man die Saat nicht auswirft und diese nicht faul wird. Darauf sah ich von allen Seiten eine Menge Hühner herankommen. Sie gingen in die Saat und pickten all den Weizen auf, den andere als Samen ausgesät hatten.

Die Gruppe der Sänger fuhr fort: Venerunt aves caeli, sustulerunt frumentum et reliquerunt zizaniam. (= Die Vögel des Himmels kamen, fraßen den Weizen auf und ließen das Unkraut liegen.)

Ich warf einen Blick auf die Kleriker bei mir. Einer stand da mit zusammengelegten Händen und schaute mit kalter Gleichgültigkeit zu. Ein anderer schwätzte mit einem Kameraden. Andere standen mit den Schultern dicht beisammen. Manche betrachteten den Himmel. Andere lachten dazu. Wieder andere fuhren ruhig mit ihrer Erzählung und in ihren Spielen fort. Manche brachen zwar ihre Beschäftigung ab; aber keiner jagte die Hühner fort. Ich fuhr sie unwillig an, rief jeden beim Namen und sagte: “Was tut ihr da? Seht ihr nicht, wie die Hühner den Weizen auffressen? Seht ihr nicht, daß sie das gute Saatgut zerstören und die Hoffnung dieser Feldarbeiter zunichte machen? Was sollen wir später ernten? Warum schreit ihr nicht und jagt die Hühner nicht fort?”

Aber die Kleriker rückten nur zusammen, sahen mich an und sagten nichts. Einige wandten sich nicht einmal um. Sie kümmerten sich weder um das Feld, noch um mein Rufen.

“Ihr Toren”, fuhr ich fort. “Die Hühner haben schon ihren ganzen Hals voll. Könnt ihr nicht in die Hände klatschen und es so machen?” Dabei klatschte ich mit den Händen. Ich steckte in einer wirklichen Verlegenheit; denn niemand hörte auf meine Worte. Schließlich fingen einige an, die Hühner fortzujagen. Aber ich dachte mir: Ja, ja, wenn der Weizen aufgefressen ist, fangen sie an, die Hühner fortzujagen.

Da tönte mir das Lied der Landleute wieder in die Ohren. Sie sangen: Canes muti nescientes latrare (= stumme Hunde können nicht bellen). Nun wandte ich mich wieder zu dem guten alten Herrn und unter Staunen und Unwillen sagte ich zu ihm: “Jetzt erklären Sie mir bitte alles, was ich sehe. Ich begreife nichts davon. Was bedeutet der Samen, den man auf die Erde wirft?” — “Oh, gern! Semen est verbum Dei — der Same ist das Wort Gottes.”

“Aber was soll das heißen, daß ich Hühner sehe, die ihn auffressen?”

Der Alte änderte seinen Tonfall und fuhr fort: “Oh, wenn Sie eine vollständige Erklärung wünschen, so gebe ich sie Ihnen. Das Feld ist der Weinberg des Herrn, von dem im Evangelium gesprochen wird. Man kann auch das Menschenherz darunter verstehen. Die Landarbeiter sind Arbeiter im Dienste des Evangeliums, die besonders durch die Predigt das Wort Gottes aussäen. Dieses würde in einem guten Herzen reiche Frucht bringen wie in einem wohlbereiteten Erdreich. Aber was geschieht nun? Die Vögel des Himmels kommen und tragen es hinweg.” — “Was sollen die Vögel des Himmels bedeuten?” — “Soll ich es Ihnen sagen? Sie bedeuten die üblen Nachreden. Kaum hat man irgendeine Predigt gehört, die Wirkung haben könnte, so geht man zu den Kameraden. Jemand macht seine Glossen über eine Geste des Predigers, über seine Stimme, über einen Ausdruck, und schon ist die ganze Frucht der Predigt dahin. Ein anderer stellt beim Prediger selbst ein körperliches oder geistiges Gebrechen fest, ein dritter lacht über sein Italienisch, und die ganze Frucht der Predigt ist fort.

Dasselbe läßt sich von einer guten Lesung sagen. Alles, was sie Gutes wirken könnte, wird von einer üblen Nachrede verhindert. Diese Redereien sind um so schlimmer, als sie im allgemeinen im Geheimen und Verborgenen stattfinden und dort leben und wachsen, wo wir sie am wenigsten vermuten.

Auf einem nicht sehr gut bearbeiteten Felde geht der Weizen immerhin auf, wächst, kommt einigermaßen hoch und bringt Frucht. Wenn ein Feld mit Junger Saat von einem Gewitter heimgesucht wird, so bleibt es verwüstet, es bringt nicht mehr soviel Frucht, aber es bringt noch einigen Ertrag. Auch wenn das Saatkorn nicht so gut war, wird es wachsen. Es wird zwar wenig Frucht bringen, aber es bringt noch etwas. Wenn aber die Hühner oder die Vögel das Saatgut aufpicken, dann gibt es keine Möglichkeiten mehr: das Feld bringt überhaupt nichts ein, es bringt keinerlei Frucht.

So geht es auch, wenn auf die Predigten, Ermahnungen, guten Vorsätze irgend etwas anderes folgt, z. B. eine Ablenkung oder Versuchung usw., sie bringen dann weniger Frucht. Aber wenn schlechte Kritik, üble Nachrede oder dergleichen folgt, so hält ihnen kaum etwas stand und ihr Wert ist sofort dahin.

Wer muß aber in die Hände klatschen, energisch sein, rufen, wachen, damit derartiges Kritisieren und solche üblen Redereien unterbleiben? Das wissen Sie!” — “Was taten denn eigentlich diese Kleriker dabei?” fragte ich ihn. “Konnten sie ein solches Übel nicht verhindern?”

“Sie verhinderten gar nichts”, sagte er. “Einige standen da und sahen zu wie stumme Statuen. Andere achteten nicht darauf, dachten nicht daran, sahen es nicht, sie standen dabei mit verschränkten Armen. Manche hatten auch nicht den Mut, das Übel zu verhindern. Einige, es waren jedoch nur wenige, schlossen sich selbst den Kritikastern an und machten deren üble Redereien mit und wirkten so als Zerstörer des Wortes Gottes. Du als Priester weise darauf hin. Predige, ermahne, sprich. Man braucht keine Angst zu haben, in dieser Beziehung jemals zuviel zu sagen. Und alle sollen wissen, daß das Glossenmachen über den, der predigt, ermahnt und gute Ratschläge erteilt, den größten Schaden anrichtet. Aber schweigen, wenn man eine Unordnung sieht und diese nicht verhindern, heißt sich zum Mitschuldigen am Bösen anderer machen, besonders gilt es für die, die ihm entgegentreten könnten und müßten.”

Ganz erschüttert von diesen Worten wollte ich noch dieses und jenes fragen und aufmerksam betrachten, den Klerikern Vorwürfe machen, sie anfeuern, ihre Pflicht zu erfüllen. Da bewegten sie sich aber schon und suchten die Hühner zu vertreiben. Ich aber machte einige Schritte vorwärts, stolperte dabei über eine Harke, mit der die Erde geebnet werden sollte und die auf dem Felde liegen geblieben war, und erwachte. —

Lassen wir alles andere beiseite und kommen wir zu der Moral. Don Barberis, was hältst du von diesem Traum?”

“Ich denke”, antwortete Don Barberis, “daß er eine gute Abreibung und ein Stich für den ist, auf den er paßt.”

“Ganz gewiß”, antwortete Don Bosco, “es ist eine Lektion, die uns gut tut. Achtet darauf, meine lieben Jungen, unter euch auf jede Weise, die üble Nachrede abzuschaffen als etwas außer gewöhnlich Schlimmes. Flieht sie wie die Pest. Ihr sollt sie nicht nur meiden, sondern sie auch bei anderen mit aller Kraft unterdrücken. Manchmal bewirken heilige Ratschläge und sehr gute Werke nicht viel Gutes, weil man eine üble Nachrede oder ein schadendes Wort nicht verhindert. Wappnen wir uns mit Mut und bekämpfen wir solches Tun mit Freimut. Es gibt kein größeres Unglück, als dazu beitragen, daß Gottes Wort verlorengeht. Dazu genügt ein Witz, ja sogar nur ein Scherz.” —

In einer der folgenden Nächte hatte Don Bosco wiederum einen Traum, in welchem er den Tod von dreien seiner Zöglinge voraussah. Er erzählte diesen Traum ebenfalls am 23. Januar im Anschluß an den Traum von den Hühnern. Es scheint, in diesem zweiten Traum sollte der erste, den man vielleicht für harmlos halten könnte, unterstützt und bekräftigt werden. Er sollte aufweisen, was es mit den Träumen Don Boscos auf sich hat. Weil dieser Traum eine einfache Vorherschau ohne besondere pädagogische Erkenntnisse ist, wird er hier nicht gebracht. —

Don Ceria sagt zu den Visionen Don Boscos:

“Der lebendige Eindruck (einer solchen Erzählung) hielt Wochen und Monate an und dadurch entstanden gründliche Lebensänderungen bei manchen Bösewichtern. Man drängte sich um den Beichtstuhl Don Boscos. Es fiel keinem ein, anzunehmen, Don Bosco erfände jene Erzählungen, um seine Jungen zu erschrecken und ihr Leben zu bessern; denn wenn er von einem bevorstehenden Todesfall sprach, so traf dieser stets ein und die Gewissenszustände, die er in Träumen sah, entsprachen der Wirklichkeit” (Lem. XII, 48). —

Zu Don Barberis sagte Don Bosco am Abend des 23. Januar nach der öffentlichen Erzählung: “Ich habe im Traum alles gesehen. Ich sah den Zustand jedes einzelnen. Ich sah, ob er ein Huhn oder ein stummer Hund war, ob er zu denen gehörte, die sich, nach dem Anruf, ans Werk machten oder zu denen, die sich nicht rührten. Diese Kenntnisse werde ich im Beichtstuhl verwerten sowie in öffentlichen und privaten Ermahnungen, solange ich sehe, daß sie Gutes bewirken. Anfangs machte ich nicht viel Aufhebens um diese Träume; aber ich beobachtete, daß sie meistens so viel Frucht bringen, wie mehrere Predigten. Für einige sind sie sogar wirksamer als ein ganzer Exerzitienkurs. Darum bediene ich mich ihrer. Warum auch nicht? In der Heiligen Schrift liest man: “Probate spiritus; quod bonum est tenete — Prüfer alles, und was gut ist, behaltet!” (Lem. XII, 50). —

Don Barberis sagte zu Don Bosco: “Man könnte eine Sammlung (dieser Träume) machen Sie würden begehrt und von Kleinen und Großen, Jungen und Alten zum Heil ihrer Seelen gelesen werden.” — “Ja, ja, sie würden Gutes bewirken, davon bin ich zutiefst überzeugt.” (Lem. XII, 51).

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DER SCHILD DES GLAUBENS

(Lem. XII, 348-356)

Am Fronleichnamsfest — 30. Juni 1876 — erzählte Don Bosco seinen Jungen den folgenden Traum, den er zwei Wochen früher, als die Jungen ihre Exerzitien beendeten, gehabt hatte. Er sagte:

“Schon lange betete ich zum Herrn, daß er mich den Seelenzustand meiner herzlieben Jungen erkennen ließe und mir zeige, was man tun könnte, um sie möglichst weit in der Tugend voranzubringen und ihnen gewisse Laster aus dem Herzen zu reißen. Besonders während der Exerzitien dachte ich viel über diese Dinge nach. Gott sei Dank, die Exerzitien waren wirklich gut, sowohl bei den Studenten als auch bei den Handwerkern. Aber der Herr ging in seiner Barmherzigkeit noch viel weiter. Er wollte mir seine Liebe dadurch zeigen, daß ich in den Gewissen der Jungen wie in einem Buch lesen konnte. Noch wunderbarer aber war es, daß ich nicht nur den gegenwärtigen Zustand jedes einzelnen sah, sondern auch die Dinge, die ihm in Zukunft passieren werden. Das geschah in einzigartiger und auch für mich außergewöhnlicher Weise. Auch ihr zukünftiges Verhalten sah ich auf ähnliche Art deutlich und offen dargelegt. Auch das Gewissen der Jungen erkannte ich sehr klar. Es war dies das erste Mal.

Ich hatte die allerseligste Jungfrau Maria sehr gebeten, sie möchte mir die Gnade gewähren, daß niemand von euch den Satan im Herzen trage. Ich glaube auch, dies wurde mir gewährt; denn ich habe Gründe anzunehmen, daß ihr mir alle euer Gewissen vollständig eröffnet habt.

Ich beschäftigte mich also mit diesen Gedanken und bat den Herrn, er möchte mich erkennen lassen, was dem Seelenzustand meiner lieben Jungen nützen oder schaden könnte. So ging ich zu Bett und träumte, was ich euch nun erzählen werde. Es schien mir, ich befände mich im Oratorium bei meinen Jungen, die meine Ehre und meine Krone sind. Es war am Abend zur Dämmerstunde. Man konnte wohl noch sehen, aber nicht mehr so klar. Ich kam hier aus den Säulenhallen heraus und ging zur Pforte. Eine große Schar umgab mich, wie ihr zu tun gewohnt seid; denn wir sind ja Freunde. Die einen waren gekommen, mich zu begrüßen, die anderen, um mir etwas zu sagen. Ich wechselte ein Wort mit diesem und mit jenem. So war ich allmählich mitten im Hof angekommen. Da hörte ich ein klagendes und langgezogenes ‚Ahi, Ahi'‑Rufen, einen sehr großen Lärm, dazwischen schrille Schreie der Jungen und wildes Heulen. Alles kam von der Seite der Pforte her. Die Studenten liefen zu diesem ungewöhnlichen Tumult hin, um zu sehen, was loß wäre. Ich sah sie aber sogleich wieder mit den erschreckten Handwerkern die Flucht ergreifen. Schreiend kamen sie auf uns zugelaufen. Viele Handwerker hatten sich von der Pforte in den Hof zurückgezogen. Da aber das Geschrei von Schmerz und Verzweiflung immer größer wurde, fragte ich angstvoll alle, was passiert sei. Ich versuchte auch, voranzugehen, um zu helfen, wo es nottäte. Aber die Jungen, die sich um mich herumdrängten, hielten mich zurück. Da sagte ich: “Laßt mich doch gehen und sehen, was es da Schreckliches gibt.”

“Nein, nein, um Gottes willen”, riefen sie mir alle zu, “gehen Sie nicht voran, kommen Sie, kommen Sie zurück! Dort ist ein Ungeheuer, das Sie verschlingt. Fliehen Sie, fliehen Sie mit uns! Gehen Sie nicht da hinunter!”

Ich wollte aber auf jeden Fall sehen, was es dort gäbe. Ich machte mich von den Jungen los und ging ein Stück in den Hof der Handwerker hinein, während alle Jungen riefen: “Sehen Sie, sehen Sie!”

“Was denn?” — “Sehen Sie dahinten!”

Ich wandte mich dorthin und sah ein Ungeheuer, das mir zuerst wie ein Löwe vorkam. Es gab sicher nicht seinesgleichen auf der Welt. Ich betrachtete es aufmerksam. Es war scheußlich und sah fast wie ein Bär aus, nur noch viel wilder und schrecklicher. Das Hinterteil und die Verhältnisse der Glieder zueinander waren etwas klein, aber vorne, die Schultern waren gewaltig groß, ebenso auch sein Magen. Ungewöhnlich dick war der Kopf, und sein Rachen war so maßlos weit geöffnet, daß er einen Menschen mit einem Mal verschlingen konnte. Aus der Schnauze kamen gleich schneidenden Schwertern zwei dicke, scharfe und sehr lange Zähne hervor.

Sofort ging ich zu meinen Jungen zurück. Diese fragten mich bange um Rat. Ich war aber auch nicht frei von Furcht und befand mich in einer nicht geringen Verlegenheit. Inzwischen sagte ich: “Gern möchte ich euch raten, was ihr tun sollt; aber ich weiß es nicht. Kommt mal erst unter die Säulenhallen.”

Während ich so sprach, trat der Bär in den zweiten Hof ein. Er näherte sich uns mit bedächtigen, langsamen Schritten, gleich als wäre er sich seiner Beute sicher. Wir zogen uns erschreckt weiter hier unter die Säulenhallen zurück. Die Jungen standen dicht gedrängt um mich herum. Aller Augen richteten sich auf mich. Sie fragten: “Don Bosco, was sollen wir tun?” Ich sah wiederum auf die Jungen; aber schweigend, weil ich nicht wußte, wie ich mich verhalten sollte. Schließlich rief ich aus: “Gehen wir hinten unter die Säulenhallen zum Bilde der Madonna. Knien wir dort nieder und beten wir eifrig und noch andächtiger als sonst. Die Gottesmutter möge uns sagen, was wir jetzt tun sollen. Sie möge uns erkennen lassen, wer dieses Ungeheuer ist, und sie möge uns zu Hilfe kommen und uns befreien. Wenn es ein wildes Tier ist, werden wir alle zusammen versuchen, es auf irgendeine Art zu töten. Wenn es aber ein Dämon ist, wird Maria uns helfen. Fürchtet euch nicht! Die himmlische Mutter wird für unser Heil sorgen!”

Unterdessen kam der Bär langsam auf uns zu. Fast schlich er auf der Erde dahin, um zum Sturme anzusetzen und sich auf uns zu stürzen. Wir knieten nieder und begannen zu beten. Einige Minuten großer Angst vergingen. Die Bestie war so nahe gekommen, daß sie sich mit einem Satz auf uns hätte werfen können. Aber siehe da, auf einmal, ich weiß nicht wie und wann, sah ich uns dort von der Mauer weggetragen und wir fanden uns alle im Refektorium wieder zusammen. In der Mitte befand sich die Madonna. Ich weiß nicht, welchem Bild sie glich: der Statue hier unter den Säulenhallen oder der im Refektorium; der Statue, die auf der Kuppel der Maria‑Hilf-Kirche steht oder jener in der Kirche selbst. Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß sie ganz in feurigem Lichterglanz erstrahlte und das ganze Refektorium erleuchtete. Sie schien wohl hundertmal so hell wie die Sonne zur Mittagszeit. Sie war von Seligen und Engeln umgeben, so daß der Saal einem Paradiese glich. Ihre Lippen bewegten sich, als ob sie sprechen und uns etwas sagen wollte.

Wir waren sehr zahlreich in jenem Refektorium. Der Schrecken unserer Herzen vermischte sich mit dem Staunen. Aller Augen waren auf die Madonna gerichtet, die uns mit einer zärtlichen Stimme beruhigte: “Fürchtet euch nicht! Habt Glauben. Dies ist nur eine Prüfung, die euch mein göttlicher Sohn schickt!”

Ich betrachtete aufmerksam alle, die blitzend von Herrlichkeit die heilige Jungfrau umgaben, und erkannte Don Alasonatti, Don Ruffino, einen gewissen Bruder Michael von den Christlichen Schulbrüdern, den einige von euch noch gekannt haben, meinen Bruder Josef und noch andere, die ganz früher im Oratorium waren, zu unserer Kongregation gehörten und jetzt im Paradiese sind. Unter ihnen sah ich auch einige, die jetzt noch leben.

Auf einmal rief einer aus dem Gefolge der allerseligsten Jungfrau mit erhobener Stimme: “Surgamus!” — Erheben wir uns! Wir standen und wußten nicht, was jener Auftrag bedeuten sollte und fragten. “Warum, surgamus? Stehen wir nicht schon alle?” — “Surgamus!” wiederholte die Stimme noch lauter. Die Jungen blieben ruhig, wandten sich erstaunt zu mir und harrten auf einen Wink. Sie wußten nicht, was sie tun sollten. Ich wandte mich an den Sprecher und fragte: “Aber wie? Was soll das heißen, surgamus? Wir sind doch alle auf den Beinen!” Die Stimme antwortete mir noch eindringIicher: “Ich konnte mir diesen für mich unverständlichen Befehl nicht erklären. Da wandte sich ein anderer Begleiter der allerseligsten Jungfrau an mich. Ich stand auf einem Tische, um die ganze Schar zu beherrschen. Er sagte mit erstaunlich starker Stimme, während die Jungen still dastanden: “Du als Priester müßtest dieses ‚surgamus' verstehen. Sagst du nicht täglich bei der heiligen Messe ‚sursum corda'? Meinst du vielleicht damit, dich körperlich zu erheben oder nicht vielmehr das Gemüt und Herz zum Himmel, zu Gott, zu erheben?”

Da rief ich den Jungen zu: “Auf, auf, meine lieben Jungen, wir wollen unseren Glauben wieder beleben und stark machen. Erheben wir unsere Herzen zu Gott. Erwecken wir einen Akt der Liebe und der Reue. Wir wollen uns anstrengen und mit lebendigem Eifer beten und auf Gott vertrauen!”

Darauf gab ich ein Zeichen und wir knieten alle nieder. Kurz darauf, als wir voller Vertrauen und demütig beteten, ließ sich von neuem eine Stimme vernehmen: “Surgite — Erhebet euch!” Wir standen alle auf und fühlten uns von einer übernatürlichen Kraft merklich von der Erde emporgehoben. Wieviel wir stiegen, kann ich nicht sagen; aber ich weiß genau, daß wir alle sehr hoch waren. Ich könnte euch nicht sagen, worauf wir unsere Füße stützten. Ich erinnere mich, daß ich mich dicht am Rahmen oder an der Umfassung eines Fensters hielt. Dann stiegen alle Jungen oben an die Fenster und auf die Türen. Einer hielt sich hier, ein anderer dort, einer an einem Eisenbalken, ein anderer an starken Nägeln oder am Gesims der Gewölbe fest. Alle waren in die Luft gehoben und ich staunte, daß wir nicht auf die Erde fielen. Und siehe, das Ungeheuer, das wir im Hof gesehen hatten, trat in den Saal, gefolgt von einer zahllosen Menge anderer Bestien. Sie standen überall im Refektorium, stießen ein schreckliches Geheul aus und schienen ganz versessen auf den Kampf zu sein. Jeden Augenblick war es, als wollten sie uns mit einem Sprung erreichen. Aber noch versuchten sie es nicht. Sie reckten die Schnauze hoch und blickten uns mit blutroten Augen an. Wir betrachteten sie von oben herab, und ich hielt mich an dem Fenster ganz fest. Ich sagte mir: Wenn ich herunterfiele, wie schrecklich würden sie mich zerfleischen!

Während wir uns in dieser seltsamen Lage befanden, ertönte die Stimme der Madonna, welche die Worte des heiligen Paulus sang: “Sumite ergo scutum fidei inexpugnabile — Nehmet den unüberwindlichen Schild des Glaubens.” Es war ein wohlklingender Gesang von melodischer Geschlossenheit und Feinheit, so daß wir gleichsam in Verzückung gerieten. Man hörte zugleich sehr tiefe und sehr hohe Töne. Es schien, als klängen hundert Stimmen in einer einzigen auf.

Wir lauschten dem himmlischen Gesang. Unterdessen sahen wir sehr viele anmutige Knaben. Sie erschienen zu beiden Seiten der Gottesmutter, trugen Flügel und waren vom Himmel herabgestiegen. Sie näherten sich uns mit Schilden in den Händen. Einen davon legten sie über das Herz eines jeden Jungen. Alle Schilde waren groß, schön und glänzend. In ihnen spiegelte sich das Licht wider, das von der Madonna ausging. Es schien wirklich etwas Himmlisches zu sein. Jeder Schild war scheinbar in der Mitte aus Eisen. Dann folgte ein großer Kreis von Diamanten und außen war ein Kranz aus reinstem Gold. Dieser Schild stellte den Glauben dar.

Als alle so gewappnet waren, stimmten die Begleiter der allerseligsten Jungfrau einen zweistimmigen Gesang an. Sie sangen in so schöner Harmonie, daß ich keine Worte finde, und die Lieblichkeit irgendwie zu beschreiben. Es war das Schönste, das Lieblichste an prächtigen Melodien, das man sich nur vorstellen kann. Während ich jenes Bild betrachtete und ganz in die Musik versunken war, wurde ich von einer mächtigen Stimme aufgerüttelt. Sie rief: “Ad pugnam! — Zum Kampfe!”

All die wilden Tiere gerieten in aufgeregte, wütende Bewegung. Plötzlich fielen wir alle herunter. Wir standen mit den Füßen auf dem Boden, ein jeder im Kampf mit den wilden Tieren; aber beschützt von dem göttlichen Schild. Ich kann nicht sagen, ob wir die Schlacht im Refektorium oder im Hof anfingen. Der himmlische Chor sang seine Weisen weiter. Die Ungeheuer schleuderten uns mit dem Gifthauch ihres Rachens Bleikugeln, Lanzen, Pfeile und anderes Geschoß entgegen.

Aber die Geschosse verfehlten ihr Ziel oder aber sie schlugen gegen unsere Schilde und prallten zurück. Die Feinde wollten uns jedoch um jeden Preis verwunden und töten. Sie machten einen Sturmangriff; doch sie konnten uns keine Wunden beibringen. Alle ihre Schläge trafen mit Heftigkeit nur auf die Schilde. Sie selbst aber brachen sich die Zähne aus und ergriffen die Flucht. Wie Wellen sprangen uns die schrecklichen, wilden Tiere in Scharen immer wieder an und eines nach dem anderen. Aber alle ereilte dasselbe Schicksal. Lange dauerte der Kampf. Schließlich vernahm man die Stimme der lieben Himmelsmutter: “Haec est victoria vestra, quae vincit munduni, fides vestra — Dies ist euer Sieg, der die Welt überwindet, euer Glaube.” Beim Klang dieser Stimme floh die Schar der wilden Tiere in überstürzter Flucht davon und verschwand. Wir waren frei und gerettet. Wir waren Sieger geblieben in dem gewaltigen großen Saal des Refektoriums, der noch immer von dem lebendigen Licht erleuchtet wurde, das von der Madonna ausging. Da betrachtete ich die Schildträger aufmerksam. Es waren viele Tausende. Unter ihnen sah ich Don Alasonatti, Don Ruffino, meinen Bruder Josef und den christlichen Schulbruder, die auf unserer Seite gekämpft hatten. Aller Augen konnten sich nicht abwenden von der heiligsten Jungfrau. Sie selber stimmte ein Danklied an, welches bei uns neue Freuden und neues, unbeschreibliches Entzücken hervorrief. Ich weiß nicht, ob man im Paradies einen schöneren Gesang hören kann.

 

***

 

Unsere Freude wurde aber ganz plötzlich durch herzzerreißende Schreie und Seufzer gestört, die mit wildem Geheul vermischt waren. Es war, als würden unsere Jungen von den wilden Bestien, die einige Augenblicke vorher geflohen waren, zerfleischt. Ich wollte sofort hinauseilen, um zu sehen, was geschehe, und meinen Jungen Hilfe bringen. Aber ich konnte nicht hinauskommen, weil an der Türe Jungen waren, die mich aufhielten und um jeden Preis verhindern wollten, daß ich hinausging. Ich gab mir alle Mühe, loszukommen und sagte: “Aber laßt mich doch gehen und denen Hilfe bringen, die da schreien. Ich will meine Jungen sehen, und wenn ihnen Unheil oder Tod bevorsteht, mit ihnen sterben. Ich will gehen, auch wenn ich das Leben lassen müßte.”

Als ich mich aus ihren Händen losgerissen hatte, kam ich unter die Säulenhallen. Oh! Welch trauriger Anblick! Der Hof war besät mit Toten, Sterbenden und Verwundeten. Von Furcht gejagt, versuchten die Jungen von einer Seite zur anderen zu fliehen. Alle Ungeheuer verfolgten sie, stürzten sich auf sie, bissen die Zähne in ihre Glieder und zerfleischten sie. Jeden Augenblick fielen Jungen und starben unter schmerzlichem Geschrei. Das grauenhafteste Gemetzel richtete aber der Bär an, der zuerst bei den Handwerkern im Hof erschienen war. Mit seinen beiden schwertähnlichen Zähnen durchschnitt er die Brust der Jungen von rechts nach links und von links nach rechts. Mit dieser doppelten Wunde im Herzen sanken sie dann tot um. Ich fing energisch an zu rufen: “Mut, meine lieben Jungen!” Da flüchteten viele Jungen zu mir. Aber als der Bär mich gewahrte, rannte er auf mich los. Ich machte mir Mut und trat ihm einige Schritte entgegen. Unterdessen kamen einige Jungen aus dem Refektorium, die schon die Bestien besiegt hatten, in die Türe und standen mir bei. Der Fürst der Dämonen stürzte sich auf mich; aber er konnte uns nicht verwunden, weil die Schilde uns schützten. Er rührte uns nicht einmal an; denn beim Anblick des Schildes wich er erschrocken und beinahe ehrfurchtsvoll zurück.

Da betrachtete ich seine beiden langen Schwertzähne genau. Ich las auf ihnen zwei Worte in großen Buchstaben: Otium = Müßiggang auf dem einen und Gula = Genußsucht auf dem anderen. Ich staunte und sagte zu mir: “Ist denn so etwas möglich in unserem Haus? Alle sind so sehr beschäftigt und es gibt soviel zu tun, daß man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Soll es hier noch jemanden geben, der durch Müßiggang sündigt? Und wenn ich mir die Jungen betrachte, so scheint es mir, daß sie zu ihrer Zeit an ihrem Platz studieren und auch in der Erholung keine Zeit verlieren.” Ich konnte mir die Sache nicht erklären. Es wurde mir aber geantwortet: “Halbe Stunden verlieren sie doch!”

“Und wie ist das mit dem Gaumen?” fragte ich. “Mir scheint — wollte man es sogar —, man könnte bei uns seine Gaumenlust nicht gar sehr befriedigen. Wir haben kaum Gelegenheit, unmäßig im Essen zu sein, die Speisen sind nicht auserlesen und die Getränke auch nicht. Man gibt ja kaum das Notwendige. Wie kann es da Unmäßigkeiten geben, die zur Hölle führen?”

Wiederum wurde mir geantwortet: “O Priester! Du meinst tiefgründige Kenntnis der Moral und reiche Erfahrung zu haben. Aber hiervon weißt du nichts und bist erst ein rechter Anfänger. Weißt du nicht, daß man durch Gaumenlust und ebenfalls durch Unmäßigkeit sündigen kann, wenn man nur Wasser trinkt?” Ich war nicht zufrieden mit der Antwort und wünschte eine deutlichere Erklärung. Da das Refektorium immer noch von der allerseligsten Jungfrau erleuchtet war, ging ich ganz traurig zu Bruder Michael, damit er meine Zweifel beheben möchte. Michael antwortete mir: Mein Lieber, in diesen Dingen bist du noch ein Neuling. Ich will dir erklären, was du fragst. In bezug auf die Gaumenlust mußt du wissen, daß man durch Unmäßigkeit sündigen kann, wenn man bei Tisch über das Notwendige hinaus ißt oder trinkt. Man kann auch durch Unmäßigkeit im Schlafe sündigen, oder wenn man dem Körper irgendeine Rücksicht gewährt, die über das Bedürfnis hinausgeht und nicht notwendig ist. In bezug auf den Müßiggang sollst du wissen, daß man unter diesem Begriff nicht nur das Nichtarbeiten faßt und ob einer die Zeit der Erholung gebraucht, um sich zu zerstreuen, sondern dazu gehört auch, wenn man in dieser Welt seiner Phantasie freien Lauf läßt, um an Dinge zu denken, die gefährlich sind. Müßiggang ist es, wenn einer sich während des Studiums unterhält und damit andere stört; wenn man etwas übriggebliebene Zeit mit leichtfertiger Lektüre vergeudet oder wenn man untätig ist, die anderen beobachtet und sich der Faulheit überläßt, und ganz besonders, wenn man in der Kirche nicht betet und sich bei religiösen Dingen langweilt. Der Müßiggang ist der Vater, die Quelle und Ursache vieler schlechter Versuchungen und aller Übel.

Du als Direktor dieser Jungen mußt dafür sorgen, daß du diese beiden Übel von ihnen fernhältst und den Glauben in ihnen wieder lebendig machst. Wenn du bei deinen Jungen erreichen könntest, daß sie sich in den eben genannten kleinen Dingen beherrschen, werden sie den Teufel immer besiegen, und mit der Mäßigkeit werden die Demut, die Keuschheit und die anderen Tugenden zu ihnen kommen. Und wenn sie die Zeit ausnützen, wie sie es sollen, werden sie nie den Versuchungen des höllischen Feindes erliegen und sie werden als heilige Christen leben und sterben.”

Als ich dies gehört hatte, dankte ich Bruder Michael für seine so schöne Belehrung. Dann wollte ich mich vergewissern, ob das, was ich sah, auch Wirklichkeit oder nur ein einfacher Traum sei. Deshalb versuchte ich, seine Hand zu berühren; aber ich bekam nichts zu fassen. Ich versuchte ein zweites und drittes Mal, sie ihm zu drücken; doch immer vergebens. Ich griff nur in die Luft. Doch sah ich all diese Personen. Sie sprachen und schienen lebendig zu sein. Ich näherte mich Don Alasonatti, Don Ruffino und meinem Bruder. Aber es war mir nicht möglich, ihre Hände zu betasten. Ganz außer mir rief ich: “Ist das alles, was ich sehe, nun wahr oder nicht? Sind das keine Menschen? Habe ich sie nicht sprechen hören?” Bruder Michael antwortete mir: “Das müßtest du eigentlich wissen. Du hast doch gelernt, solange die Seele nicht wieder mit dem Körper vereinigt ist, ist es zwecklos, einen Versuch zu machen, mich zu berühren. Reine Geister kannst du nicht anfassen. Nur, damit die Sterblichen uns sehen können, nehmen wir unsere Gestalt wieder an. Aber wenn wir uns zum Gericht wieder erheben werden, dann nehmen wir unsere unsterblichen, durchgeistigten Körper wieder.”

Darauf wollte ich mich der Madonna nähern, die mir anscheinend etwas zu sagen hatte. Ich war schon fast bei ihr, als von draußen neuer Lärm und erneut lautes Hilferufen an mein Ohr drangen. Sofort wollte ich zum zweitenmal das Refektorium verlassen; aber beim Hinausgehen erwachte ich. —

Was auch mit diesem sehr abwechslungsreichen Traum sein mag, Tatsache ist, daß in ihm die Worte des heiligen Paulus wiederholt und gedeutet wurden. Aber dieser Traum bewirkte bei mir eine solche Müdigkeit und einen solchen Kräfteverbrauch, daß ich den Herrn bat, nicht zu erlauben, daß sich ein andermal meinem Geiste ein ähnlicher Traum darböte. Aber siehe da, in der folgenden Nacht träumte ich denselben Traum wieder und mußte dann auch das Ende desselben miterleben, welches ich in der vorhergehenden Nacht nicht gesehen hatte. Ich bewegte mich so sehr und schrie, daß Don Berto den Lärm hörte und am Morgen kam und fragte, warum ich so gerufen und ob ich die Nacht geschlafen hätte . . . Jeder entnehme dem Traum, was auf ihn paßt. . . Was ich euch aber sehr dringend ans Herz lege, ist, macht euren Glauben wieder lebendig. Man bewahrt ihn besonders durch Mäßigkeit und Meidung des Müßigganges. Seid Freunde der ersteren und Feinde des letzteren.”

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DER WILDE STIER

  (Lem. XII, 463-470)

Zum Schluß eines Exerzitienkurses, der vom 21. — 28. September 1876 in Lanzo stattfand, erzählte Don Bosco den folgenden symbolischen Traum, der einer der lehrreichsten von allen ist, die er bis dahin gehabt hatte. Zur größeren Klarheit wurde der Traum bei der schriftlichen Niederlegung durch Don Lemoyne in vier Teile aufgeteilt.

 

I. Teil.

 

“Man sagt, man solle nicht auf Träume achten. Ich sage euch die Wahrheit, in den meisten Fällen bin ich auch dieser Ansicht. Nicht alle Träume enthüllen uns zukünftige Dinge; dennoch lassen sie uns manchmal einen Blick in sehr verwickelte Angelegenheiten tun und lehren uns, sie wahrhaft und weise zu lösen.

Soweit uns die Träume also Gutes bieten, kann man sie sich merken. Nun will ich euch einen Traum erzählen, der mich sozusagen während der ganzen Dauer der Exerzitien beschäftigte und besonders in der letzten Nacht quälte. Ich erzähle ihn, wie ich ihn träumte, weil er mir reich an Belehrungen scheint. In Kürze nur etwas davon, damit es nicht zu lange dauert.

Es schien mir, als wären wir alle zusammen unterwegs von Lanzo nach Turin. Wir befanden uns alle auf irgendeinem Fahrzeug. Aber ich kann nicht sagen, ob wir auf der Eisenbahn oder in Omnibussen waren. Wir waren jedenfalls nicht zu Fuß. An einer bestimmten Stelle der Straße — ich weiß nicht mehr wo —, hielt das Fahrzeug. Ich stieg hinunter, um zu sehen, was es da gebe. Da stellte sich mir eine Person vor, die ich nicht richtig bestimmen kann. Sie schien mir von hoher und niedriger Gestalt zugleich zu sein. . . Sie war dick und dünn, weiß, aber auch rot. Sie kam über die Erde, aber auch durch die Luft. Ich war ganz erstaunt und konnte mir das alles nicht erklären. Da faßte ich mir ein Herz und fragte: “Wer bist du?” Der Fremde antwortete nur: “Komm!”

Ich wollte zuerst wissen, wer er wäre und was er wolle; aber er fing wieder an: “Komm schnell. Wir wollen die Fahrzeuge auf diesem Felde wenden lassen.” Wunderbar war es, daß er zu gleicher Zeit leise und laut sprach und mit verschiedener Stimme, so daß ich aus dem Staunen nicht herauskam.

Das Feld war sehr weit, und so weit man sehen konnte, ganz glatt und eben festgetrampelt, ohne Wagenspuren, gleichsam wie eine Tenne. Ich wußte mir keine Erklärung und da ich jene Person so entschlossen sah, ließen wir die Fahrzeuge drehen, die auf diesen sehr weiten Platz fuhren. Dann riefen wir allen zu, sie sollten aussteigen. Alle verließen die Fahrzeuge in sehr kurzer Zeit und gleich darauf sah man die Fahrzeuge verschwinden, jedoch ohne zu wissen, wohin.

“Nun, da wir abgestiegen sind, wirst du mir sagen . . . werden Sie mir sagen” flüsterte ich unsicher, wie ich mich dieser Person gegenüber zu verhalten hätte, warum Sie uns an diesem Ort halten ließen.”

Er antwortete. “Der Anlaß ist ernst. Es geht darum, euch aus einer sehr großen Gefahr zu retten.” — “Aus welcher?”

“Es ist ein wütender Stier. Wohin der kommt, läßt er keinen am Leben. “Taurus rugiens quaerens quem devoret. — Ein brüllender Stier sucht, wen er verschlingen kann.” — “Langsam, mein Lieber, du beziehst auf den Stier, was in der Hl. Schrift der heilige Petrus vom Löwen sagt: Leo rugiens! — Ein brüllender Löwe!”

“Das macht nichts. Da war es der leo rugiens und hier ist es der taurus rugiens. Tatsache ist, daß ihr euch gut vorsehen müßt. Rufe alle die Deinen zusammen. Verkünde ihnen feierlich, und mit großem Nachdruck, sie sollen achtgeben und sich sofort, wenn sie das ungeheure Gebrüll des Stieres hören, auf die Erde werfen. Sie sollen so lange auf dem Bauche mit dem Gesicht zur Erde gewandt liegenbleiben, bis daß der Stier vorbei ist. Wehe dem, der nicht auf deine Stimme hört. Wer sich nicht mit dem Bauche auf den Boden wirft, wie ich es dir gesagt habe, ist sicher verloren; denn man liest in der Hl. Schrift, daß der Niedrige erhöht wird und der, welcher erhoben steht, erniedrigt wird: qui se humiliat exaltabitur, et qui se exaltat humiliabitur.”

Dann fuhr er weiter fort: “Schnell, schnell. Der Stier kommt. Schreie, rufe laut, daß sie sich hinlegen.” Ich rief: “Los, los!” “Rufe noch lauter! Schreie, schreie!”

Ich habe so laut geschrieen, daß ich glaube, Don Lemoyne erschreckt zu haben, der in der Kammer nebenan schlief. Ich konnte nicht noch lauter rufen. Da hörte man plötzlich das Brüllen des Stieres.

“Achtung, Achtung! Mach, daß sie sich hinlegen, geradlinig!. . Einer neben dem andern, zu beiden Seiten. In der Mitte soll ein Weg frei bleiben, durch den der Stier durchkann.”

So rief mir die Person zu. Ich rief und gab Befehle. In einem Augenblick lag alles auf der Erde und wir sahen ganz von weitem den Stier, wie er wütend herankam. Obwohl sich die meisten niedergeworfen hatten, wollten doch einige stehenbleiben, um zu sehen, was für ein Stier das wäre. Es waren jedoch nur wenige, die sich nicht hinlegten.

Das Wesen sagte mir: “Nun wirst du sehen, was mit jenen geschieht. Du wirst sehen, was sie für ihren Ungehorsam bekommen.”

Ich wollte sie noch ermahnen, rufen, hinlaufen; der andere aber verbot es mir. Ich bat ihn inständig, daß er mich zu ihnen gehen lasse; er antwortete nur kurz: “Der Gehorsam ist auch für dich. Leg dich nieder!”

Noch lag ich nicht ganz, als ich ein gewaltiges, furchtbares, schreckliches Brüllen hörte. Der Stier war schon nahe bei uns. Wir zitterten alle und fragten. “Wer weiß? . . . Wer weiß?. . .”— “Keine Angst! Nieder auf die Erde!” rief ich.

Der andere fuhr fort zu rufen: “Qui se humiliat, exaltabitur, et qui se exaltat, humiliabitur . . . qui se humiliat . . . qui se humiliat” — Wer sich verdemütigt, wird erhöht werden, und wer sich erhöht, wird erniedrigt werden . . . wer sich erniedrigt ...

Ein seltsam Ding, über das auch ich staunen mußte, war dieses: Obwohl ich den Kopf auf dem Boden hatte und selbst ganz flach lag und mit den Augen zur Erde, sah ich doch alles sehr gut, was um mich herum vor sich ging. Der Stier hatte sieben Hörner, fast kreisförmig geordnet. Zwei standen gleich unterhalb seiner Nase, zwei an den Augen, zwei dort, wo sich gewöhnlich die Hörner befinden und eines noch darüber. Aber seltsam! Diese Hörner waren sehr stark und beweglich. Er wandte sie, wohin er wollte. So brauchte er nicht umherzulaufen, um sich hierhin und dorthin zu wenden, wenn er jemanden niederstoßen und zu Boden werfen wollte. Länger als die übrigen waren die Nasenhörner. Damit richtete er ein erstaunliches Unheil an. Schon war uns der Stier sehr nahe. Da rief der andere: Jetzt wird man die Wirkung der Demut erfahren.” O Wunder, augenblicklich sahen wir uns alle in die Luft erhoben, in eine beträchtliche Höhe, so daß der Stier uns unmöglich erreichen konnte. Die wenigen, die sich nicht niedergeworfen hatten, wurden nicht emporgehoben. Der Stier kam und zerfleischte sie in einem Augenblick. Nicht einer von ihnen wurde gerettet. Wir aber, hoch in der Luft, hatten Angst und sagten. “Wenn wir hinunterfallen, sind wir hin und verloren! Wir Armen! Was soll aus uns werden?”

Unterdessen sahen wir den wütenden Stier, der auch uns zu erreichen suchte. Er machte schreckliche Sprünge, um uns mit den Hörnern zu stoßen. Aber er konnte uns keinerlei Leid antun. Wütender denn je tat er so, als wollte er fortgehen und Gefährten holen, indem er gleichsam sprach: ‚Wir müssen einer dem andern helfen, wir werden steigen, die einen auf die andern...' und mit einem furchtbaren Zorn ging er davon.

Danach fanden wir uns neuerdings auf der Erde. Der andere rief. “Wenden wir uns nach Süden!”

 

II. Teil

 

“Siehe da, ohne daß wir wußten, wie es geschah, verwandelte sich das Bild vor uns vollständig. Wir hatten uns nach Süden gewendet und sahen dort das Allerheiligste Altarssakrament ausgesetzt. Viele Kerzen waren zu beiden Seiten angezündet und schon sah man die Wiese nicht mehr. Es schien, wir befänden uns in einer ungeheuer großen, schön geschmückten Kirche. Während wir alle in Anbetung vor dem Allerheiligsten Sakrament verweilten, siehe, da kamen viele wütende Stiere, alle mit schrecklichen und grauenhaften Hörnern am Kopfe. Sie kamen zwar; aber da wir alle in Anbetung vor dem Allerheiligsten knieten, konnten sie uns kein Leid antun. Wir hatten unterdessen angefangen, die Litanei zum heiligsten Herzen Jesu zu beten. Kurz darauf sahen wir uns um und ich weiß nicht, wie es geschah, die Stiere waren nicht mehr da. Da wandten wir uns von neuem zum Altar und fanden, daß die Lichter gelöscht waren und das Allerheiligste nicht mehr ausgesetzt war. Die Kirche verschwand. Aber wo befanden wir uns? Wir waren wieder auf dem gleichen Felde, auf dem wir vorher gewesen waren.

Ihr habt hinreichend verstanden, daß der Stier der Feind der Seelen ist, der Satan, der einen großen Zorn auf uns hat und sich fortwährend bemüht, uns Böses anzutun. Die sieben Hörner sind die sieben Hauptsünden. Was uns vor den Hörnern dieses Stieres, d. h. vor den Angriffen Satans schützt, daß man nicht in die Laster fällt, ist vor allem die Demut als Grundlage und Fundament jeglicher Tugend.”

 

III. Teil

 

Darauf wurde Don Bosco die zukünftige Ausbreitung seiner Kongregation gezeigt. Er sprach weiter:

“Ich hätte nicht geglaubt, daß das Feld so weit wäre. Es war mir, als wenn es die ganze Erde einnähme. Menschen jeder Farbe, jeder Kleidung, jeder Nation waren da versammelt. Ich sah so viele Menschen, daß ich nicht weiß, ob die Erde überhaupt so viele trägt. Ich fing an, die ersten, die sich unserem Blick darboten, zu beobachten. Sie waren gekleidet wie wir Italiener. Ich kannte die in den ersten Reihen. Es waren viele Salesianer da, die an der Hand Scharen von Jungen und Mädchen führten. Dann kamen andere mit neuen Scharen und wieder andere und andere, die ich nicht mehr kannte und nicht mehr unterscheiden konnte. Sie waren unbeschreiblich zahlreich.”

Dann sah Don Bosco Einzelheiten in bezug auf Rasse, Kleidung und Nationalität der zu missionierenden Völker. Der Unbekannte sagte ihm: “Sieh, betrachte, du verstehst jetzt noch nicht alles, was ich dir sage; aber paß auf. Alles was du gesehen hast, ist die gesamte Ernte, die den Salesianern bereitet ist. Siehst du, wie ungeheuer die Ernte ist? Dieses ungeheure Feld, in welchem die Salesianer arbeiten müssen. Die Salesianer, die du siehst, sind die Arbeiter in diesem Weinberg des Herrn. Viele arbeiten, und du kennst sie. Der Horizont erweitert sich. So weit das Auge reicht, sind Leute, die du noch nicht kennst. Das soll heißen, daß die Salesianer nicht nur in diesem Jahrhundert, sondern auch im nächsten und in den künftigen Jahrhunderten auf ihrem eigenen Felde arbeiten werden. Aber weißt du, unter welchen Bedingungen sie das erreichen, was du siehst? Ich will es dir sagen: Du mußt diese Worte drucken lassen. Merke sie dir gut:

Die Arbeit und die Mäßigkeit werden die Salesianische Kongregation zum Blühen bringen.”

Und siehe, wiederum erschienen die Omnibusse, um uns alle nach Turin zu bringen. Ich sah und schaute. Es waren ganz eigenartige Omnibusse, so seltsam wie ich sie noch nie gesehen habe. Die Unseren stiegen auf. Die Omnibusse hatten nirgendwo eine Lehne. Ich fürchtete, die Jungen würden herunterfallen und wollte sie nicht fahren lassen. Aber der andere sagte mir: “Sie sollen fahren, sie sollen fahren. Sie haben keine Lehne notwendig. Sie mögen sich gut an die Worte halten: Sobrii estote et vigilate. — Seid nüchtern und wachet! Wenn man sich gut danach richtet, fällt man nicht, auch wenn keine Lehnen da sind und der Wagen fährt.”

 

IV. Teil

 

Jetzt wurden Don Bosco vier Nägel gezeigt. Es sind die vier Nägel, die den Leib des göttlichen Erlösers so grausam durchbohrten und folterten”, sagte der Führer. — “Und was willst du damit sagen?” — “Es sind die vier Nägel, die die religiösen Genossenschaften foltern. Wenn du diese vier Nägel fortschaffst, so daß deine Kongregation nicht von ihnen gequält wird, und wenn ihr sie fernzuhalten wißt, dann gehen die Dinge gut und ihr seid gerettet.”

Die Nägel bedeuten:

1. Genußsucht, Sinnlichkeit. Quorurn Deus venter est — Deren Gott ihr Bauch ist.

2. Egoismus. Quaerunt quae sua sunt, non quae Jesu Christi — Sie sind auf ihre eigenen Vorteile bedacht und nicht auf die Anliegen des göttlichen Heilandes.

3. Üble Nachrede und Kritiksucht. Aspidis lingua eorum — Ihre Zungen sind wie Nattern.

4. Trägheit und Müßiggang. Cubiculum otiositatis — Raum des Müßigganges.

Dann wurde Don Bosco noch vor gewissen, undurchsichtigen Charakteren gewarnt. Siehe, da sind gewisse Individuen, die sich verborgen halten. Sie sprechen nicht und öffnen den Obern niemals ihr Herz. Sie hängen in ihrem Herzen Geheimnissen nach. Paß auf: latet anguis in herba — Es liegt eine Schlange versteckt im Gras. Das sind wirkliche Geißeln, eine wahre Pest für die Kongregation. Obgleich sie schlecht sind, könnte man sie bessern, wenn sie entdeckt würden. Aber nein, sie bleiben verborgen. Wir bemerken nichts, und unterdessen wird das Übel ernst, das Gift mehrt sich in ihrem Herzen, und wenn sie dann einmal erkannt werden. . . . ist es zu spät, den angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Achte also auf die Dinge, die du von deiner Kongregation fernhalten mußt. Behalte gut, was du gehört hast. Befiehl, daß diese Dinge immer wieder und wieder erklärt werden. Wenn du es so machst, kannst du ruhig sein in bezug auf deine Kongregation. Dann gedeihen die Dinge, eines noch mehr als das andere . . .”

“Ich habe euch diesen Traum unter besonderen Umständen erzählt, ehe wir uns trennen. Ich bin fest davon überzeugt, euch in voller Wahrheit sagen zu können, daß es ein würdiger Abschluß der Exerzitien wäre, wenn wir uns vornähmen, uns nach unserem Wappen zu richten: Arbeit und Mäßigkeit!” —

Als Don Bosco nach diesem Traum erwachte, wünschte er sich noch eine weitere Erklärung. Sie wurde ihm später zuteil. Er berichtete darüber.

“Ich wünschte die Wirkung der Mäßigkeit und Unmäßigkeit kennenzulernen, und mit diesem Gedanken legte ich mich zu Bett. Und siehe, kaum war ich eingeschlafen, da erschien die Person wieder und lud mich ein, ihr zu folgen und die Wirkungen der Mäßigkeit kennenzulernen. Sie führte mich in einen herrlichen Garten, voller Köstlichkeiten und Blüten von jeder Art und Gattung. Da betrachtete ich eine Menge festlicher Rosen, das Symbol der Liebe. Dort eine Nelke, dort Jasmin, hier eine Lilie, dort ein Veilchen, eine Immortelle, eine Sonnenblume, überhaupt zahllose Blumen, von denen jede das Symbol einer Tugend war. “Nun paß auf”, sagte der Führer zu mir. Der Garten verschwand und ich hörte einen starken Lärm. “Was ist das”, fragte ich, “und woher kommt das Geräusch?”

“Dreh dich herum und sieh!” Ich wandte mich um und hatte einen ungeheuerlichen Anblick. Ich sah einen viereckigen Karren. Der wurde von einem Schwein und einer gewaltig großen Kröte gezogen.

“Tritt näher und schau da hinein!” Ich trat heran, um den Inhalt des Karrens zu untersuchen. Er war mit scheußlichen Tieren gefüllt: mit Raben, Schlangen, Skorpionen, Basilisken, Schnecken, Fledermäusen, Krokodilen, Salamandern. Ich konnte den Anblick nicht ertragen und wandte mich erschrocken ab. Dazu ging von diesen häßlichen Tieren ein solcher Gestank aus, daß es mich ekelte. Davon wurde ich wach und spürte den Geruch noch lange danach. Mein Geist war durch die Abscheulichkeit jenes Anblickes so verwirrt, daß ich die Dinge immer noch vor Augen zu haben glaubte. In dieser Nacht konnte ich keine Ruhe mehr finden.” —

So weit G. B. Lemoyne.

Wie Don Barberis berichtet, fügte Don Bosco noch hinzu:

“Nun will ich euch einen besonderen Leitsatz für den Verlauf eines Jahres geben. Wir wollen alle Mittel versuchen, um die königliche Tugend zu bewahren, die Tugend, welche die übrigen mit sich führt. Wir haben sie niemals allein, sondern sie hat wie einen Hofstaat alle anderen Tugenden bei sich. Wenn wir diese Tugend verlieren, dann sind die anderen schon fort oder wir verlieren sie in kurzer Zeit. Liebt diese Tugend, liebt sie sehr! Denkt daran, wenn ihr sie behalten wollt, heißt es arbeiten und beten. Non eicitur nisi in jejunio et oratione — Er (der Teufel) wird nur durch Fasten und Gebet vertrieben werden. Ja Gebet und Abtötung in den Blicken, in der Ruhe, in der Speise und ganz besonders im Weintrinken, für unseren Körper keine Bequemlichkeit suchen, sondern, ich möchte fast sagen, ihn strapazieren. Keine Rücksicht auf ihn nehmen, nur wenn es notwendig ist, wenn die Gesundheit es erfordert, dann ja. Im übrigen dem Körper nur das unbedingt Notwendige geben und nicht mehr; denn der Heilige Geist sagt: ‚Corpus hoc quod corrumpitur aggravat animam — Dieser vergängliche Körper belastet die Seele. ' Wirklich? Was tat der heilige Paulus? ‚Castigo corpus meum et in servitutem redigo, ut spiritui inserviat — Ich züchtige meinen Körper und bring ihn in Botmäßigkeit, damit er dem Geiste untertänig sei. . .”

  Inhaltsübersicht

 

DOMINIKUS SAVIO ERSCHEINT

(Lem. XII, 586-596)

Am 22. Dezember 1876 erzählte Don Bosco vor der gesamten versammelten Hausgemeinschaft des Oratoriums diesen von allen mit größter Spannung erwarteten Traum, den er am 6. Dezember in Lanzo gehabt hatte. Unter freudigem Händeklatschen bestieg Don Bosco die Kanzel, und es herrschte größtes Stillschweigen, als er zu sprechen begann:

“Es war am Abend, als ich in Lanzo war. Zur Zeit des Schlafengehens befiel mich folgender Traum . . . Streicht davon ab, was ihr wollt; aber quod bonum est tenete — was gut ist, das behaltet, wie der heilige Paulus sagt.

Wenn ihr nun in diesem Traum etwas findet, das eurer Seele guttun könnte, macht es euch zunutze. Wer nicht daran glauben will, der lasse es. Das macht nichts; aber keiner soll das, was ich sagen will, ins Lächerliche ziehen. Ich bitte euch noch, es nicht anderen zu erzählen, die nicht zum Hause gehören und auch nichts nach draußen zu schreiben. . . Meistens, wenn man den Traum draußen erzählt, kommt es zu Irrtümern und man erzählt nur einen unverstandenen Teil aus dem Zusammenhang Dadurch entsteht Schaden und die Welt würde mißachten, was nicht mißachtet werden darf.

Ihr müßt wissen, daß die Träume im Schlaf kommen. Es war also in der Nacht vom 6. Dezember, in meinem Zimmer. Ich wußte nicht recht, ob ich las oder auf und ab ging oder schon zu Bett war, als ich zu träumen begann.

Es schien mir plötzlich, ich stände auf einer kleinen Anhöhe oder auf einem Hügel am Rande einer endlosen Ebene, deren Ende das Auge nicht erreichen konnte. Sie verlor sich ins Unendliche. Ganz hellblau war sie, wie ein Meer in voller Ruhe. Aber was ich sah, war kein Wasser. Sie glich klarem, leuchtendem Kristall. Unter meinen Füßen, hinter mir und zu beiden Seiten, sah ich ein Gebiet wie eine Küste am Rande eines Ozeans.

Breite und sehr lange Wege teilten diese Ebene in weite Parke von unbeschreiblicher Schönheit. Wäldchen wechselten mit großen Wiesen ab. Da waren auch Beete und Blumen in mannigfaltigen Formen und Farben. Keine unserer Pflanzen kann uns einen Eindruck davon vermitteln, obwohl sich gewisse Ähnlichkeiten feststellen ließen. Das Gras, die Blumen, Bäume und Früchte boten einen sehr lieblichen und einzigartigen Anblick. Die Blätter waren aus Gold, die Stämme und Stiele aus Diamanten und das übrige entsprach ähnlichem Reichtum. Man konnte die verschiedenen Arten der Pflanzen nicht zählen und jede Art und wiederum jede Einzelpflanze erglänzten in ihrem eigenen Lichterschein. Inmitten dieser Gärten und so weit die ganze Ebene reichte, sah ich viele Villen und Schlößchen in so guter Ordnung, Lieblichkeit und Harmonie, von solcher Pracht und Geräumigkeit, daß es mir schien, alle Kostbarkeiten der Erde würden nicht ausreichen, um auch nur ein solches Haus zu errichten. Ich sagte mir: Wenn meine Jungen nur eines dieser Häuser hätten, wie würden sie sich freuen und glücklich sein! Wie gerne würden sie dort wohnen! So dachte ich und konnte diese Paläste doch nur von außen betrachten. Welche Pracht mochte erst im Innern sein!

Während ich über diese vielen wunderbaren Dinge, die diese Gärten schmückten, staunte, erklang auf einmal eine sehr liebliche Musik. Ich kann solch angenehme und liebliche Melodien nicht annähernd schildern. Daneben verschwindet alle Musik von Don Cagliero und Don Dogliani. Es waren viele Tausende von Instrumenten und jedes unterschied sich von den anderen. Alle nur möglichen Töne durchströmten die Luft in Wogen von Musik. Dazu erklang der Gesang von Chören. Ich sah nun in den Gärten viele Leute, die sich froh und zufrieden bewegten. Manche spielten ein Instrument, andere sangen. Jede Stimme und jeder Klang hatte eine Wirkung, als wenn er von tausend Instrumenten zugleich käme und nichts davon war dem anderen gleich. Gleichzeitig hörte man die verschiedenen Töne der Tonleiter von den tiefsten bis zu den höchsten, die man sich nur vorstellen kann; aber alle in einem vollkommenen Zusammenklang. Ja, um diese Melodie und Harmonie zu beschreiben, genügen keine menschlichen Vergleiche.

An den Gesichtern dieser glücklichen Leute sah man, daß die Sänger nicht nur ein außerordentliches Vergnügen darin fanden zu singen, sondern gleichzeitig mit unendlicher Freude die anderen singen hörten. Je länger ich zuhörte, um so mehr verlangte ich zu hören. Sie sangen: “Salus honor, gloria Deo Patri Omnipotenti . . . Auctor saeculi, qui erat, qui est, qui venturus est iudicare vivos et mortuos in saecula saeculorum — Ehre, Ruhm und Herrlichkeit sei dem allmächtigen Gott . . . dem Urheber der Welt, der war und der ist und der kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten in alle Ewigkeit.”

Noch lauschte ich ganz entzückt auf diese himmlische Melodie, da erschien eine ungeheure Menge von Jungen, von denen ich sehr viele kannte, die im Oratorium oder in einer unserer Schulen gewesen waren. Der größte Teil war mir aber ganz unbekannt. Diese gewaltige Schar kam auf mich zu. An ihrer Spitze schritt Dominikus Savio und gleich hinter ihm kamen Don Alasonatti, Don Chiala, Don Giulitto und viele, viele andere Kleriker und Priester. Jeder von ihnen führte eine Schar Jungen.

Ich fragte mich: Schlafe ich oder bin ich wach? Ich klatschte in die Hände und schlug an meine Brust, um mich zu vergewissern, ob das Wirklichkeit war, was ich sah. Als die Menge mich erreicht hatte, blieben alle in einer Entfernung von acht oder zehn Metern stehen. Dann leuchtete ein noch lebhafteres Licht auf, die Musik verstummte. Es ward eine tiefe Stille. Die Jungen aber waren in sehr großer Freude. Ihre Augen strahlten und auf ihrem Antlitz sah man den Frieden einer vollkommenen Seligkeit. Sie sahen mich mit liebenswürdigem Lächeln an. Sie schienen sprechen zu wollen, taten es aber nicht.

Dominikus Savio allein kam noch einige Schritte näher und blieb dicht bei mir stehen. Wenn ich die Hand ausgestreckt hätte, würde ich ihn sicher berührt haben. Er schwieg und sah mich ebenfalls lächelnd an. Wie schön war er! Seine Kleider waren ganz prächtig. Eine schimmernd weiße Tunika, ganz mit Gold durchwirkt, reichte ihm bis auf die Füße hinab. Sie war mit Diamanten besetzt. Er trug einen breiten, roten Gürtel, der war mit kostbaren Edelsteinen so dicht besetzt, daß einer fast den andern berührte. Sie fügten sich zu einem wunderbaren Ornament von solcher Farbenpracht, daß ich bei ihrem Anblick vor Bewunderung schier außer mir geriet. Um den Hals trug er ein Geschmeide aus fremden, kunstvoll gearbeiteten Blumen. Wie es schien, waren die Blätter aus Diamanten auf goldenen Stengeln zusammengesetzt und so war die ganze Kette. Diese Blüten leuchteten in überirdischem Licht, das noch lebendiger war, als das Licht der Sonne, die in jenem Augenblicke gerade wie an einem schönen Frühlingsmorgen strahlte. In unbeschreiblicher Weise warfen die Blüten die Sonnenstrahlen auf sein blühendes, frisches Antlitz zurück, und es war ein Leuchten darauf von all dem ineinanderfließenden Licht. Auf dem Haupte trug er einen Kranz von Rosen. Sein lockiges Haar reichte bis auf die Schultern und machte ihn so schön, liebenswürdig und anziehend, daß er wie ein . . . wie ein . . . Engel aussah.”

Don Bosco rang sichtlich nach treffenden Ausdrücken, als er die letzten Worte sprach und er schloß mit einer unbeschreiblichen Geste und einem Tonfall, der alle erschütterte. Es war, als gäbe er seine Bemühungen auf, um angemessene Ausdrücke zu finden, das Geschaute verständlich zu machen. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

“Auch alle anderen Gestalten strahlten. Sie waren verschieden gekleidet. Ich mußte nur immer staunen. Einer trug mehr, ein anderer weniger reiche Kleider auf diese oder jene Weise. Bei dem einen herrschte diese Farbe vor, bei dem anderen jene und diese verschiedenen Gewänder hatten eine Bedeutung, die man nicht verstehen konnte. Aber alle trugen dasselbe rote Cingulum.

Ich beobachtete weiter und dachte. “Was soll das heißen? Wie bin ich an diesen Ort geraten?”

Ich wußte nicht, wo ich mich befand. Ich war außer mir und Zitterte vor lauter Ehrfurcht am ganzen Leibe. Ich wagte nicht, näher zu treten. Auch alle anderen schwiegen. Endlich öffnete Dominikus Savio den Mund und sagte. “Warum stehst du hier so stumm und wie vernichtet? Bist du nicht der Mann, der sich sonst vor nichts fürchtet, sondern unerschrocken den Verleumdungen, Verfolgungen, den Feinden, Ängsten und Gefahren aller Art die Stirne bietet? Wo ist dein Mut geblieben? Warum sprichst du nicht?”

Ich antwortete mühsam und fast stotternd: “Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Bist du vielleicht Dominikus Savio?” – “Jawohl, kennst du mich nicht mehr?” — “Wie kommt es, daß du hier bist?” fragte ich, noch immer ganz verwirrt. Savio antwortete zärtlich: “Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen. Wie oft haben wir auf Erden miteinander gesprochen! Denkst du nicht mehr daran, wie sehr du mich einmal geliebt hast? Wie viele Zeichen der Freundschaft und deines Wohlwollens hast du mir gegeben! Und habe ich deiner herzlichen Liebe zu mir vielleicht nicht entsprochen? Was für ein großes Vertrauen hatte ich zu dir! Warum bist du so erschreckt? Nun kannst du mich etwas fragen!”

Da faßte ich Mut und sagte. “Ich zittere, weil ich nicht weiß, wo ich bin.”

“Du bist am Orte der Seligkeit, wo man alle Freuden, alle Köstlichkeiten genießt”, antwortete Savio. — “Ist dies vielleicht der Lohn für die Gerechten?” — “Oh, nein, hier sind wir an einem Ort, wo man keine ewigen Freuden hat, sondern nur erst zeitliche Genüsse und Güter genießt, obwohl diese hier schon groß sind.”

“Sind denn alle diese Dinge noch natürlich?”

“Ja, aber von der Allmacht Gottes prächtiger gestaltet.”

“Mir kam es so vor”, rief ich aus, “als wäre dies das Paradies!”

“Nein, nein, nein!” antwortete Savio. “Kein sterbliches Auge kann die ewigen Schönheiten betrachten.” — “Und die Musik”, fuhr ich fort, “sind das die Weisen, woran ihr euch im Paradies erfreut?”

“Nein, nein, keineswegs!”

“Sind es natürliche Klänge?”

“Ja, es sind natürliche Weisen, die von der Allmacht Gottes vervollkommnet sind.”

“Und dieses Licht, das noch herrlicher ist als das Licht der Sonne, ist das vielleicht übernatürlich? Ist es das Licht des Paradieses?”

“Es ist natürlich, jedoch hat die göttliche Allmacht es belebt und vervollkommnet.”

“Könnte man nicht einmal ein wenig von dem übernatürlichen Licht sehen?”

“Nein, das kann keiner sehen, ehe er dazu gekommen ist, Gott zu schauen wie er ist. Der kleinste Strahl dieses Lichtes würde den Menschen auf der Stelle töten; denn für die menschlichen Sinne ist er unerträglich.”

“Gibt es auch noch ein natürliches Licht, das noch schöner ist als dieses?”

“Oh, wenn du wüßtest! Wenn du nur einen Strahl des natürlichen Lichtes, das über diesem steht, sähest, würdest du außer dich geraten.”

“Könnte man denn nicht einmal wenigstens einen Strahl davon sehen?”

“Schon; du sollst eine Kostprobe haben von dem, was ich sage. Mach die Augen auf!”

“Die habe ich doch offen”, antwortete ich.

“Paß auf und sieh hinten in das Kristallmeer!”

Ich schaute hinein und sogleich erschien unversehens am Himmel in einer unendlichen Entfernung ein augenblicklicher Lichtstreifen dünn wie ein Faden; aber so glänzend, so durchdringend, daß meine Augen ihn nicht ertragen konnten. Ich schloß sie und stieß einen solchen Schrei aus, daß ich Don Lemoyne — der hier zugegen ist und im Zimmer nebenan schlief —, aufweckte. Ganz erschrocken fragte er am Morgen, was mir in der Nacht passiert sei, da ich so bewegt gewesen wäre. Dieser Lichtstreifen war hundert millionenmal heller als drei Sonnen, und sein Glanz würde genügt haben, um das ganze erschaffene Universum zu erleuchten. Nach einigen Augenblicken öffnete ich die Augen und fragte Savio. “Was ist das? Ist das nicht vielleicht ein Strahl von dem göttlichen Licht?” Savio antwortete: “Es ist kein übernatürliches Licht, obwohl es viel mehr leuchtet als das Licht der Welt. Das ist nichts anderes als ein natürliches Licht, das durch die Allmacht Gottes auf solche Weise lebendiger gemacht wurde. Wenn die ganze Welt eine gewaltige Lichtzone wäre, leuchtend, wie der Streifen, den du eben dort hinten gesehen hast, würde sie dir noch keine Vorstellung von dem Lichtglanz des Paradieses vermitteln.”

“Und ihr, an was erfreut ihr euch denn im Paradiese?”

“Ja . . . das kann ich dir nicht sagen. Die Freuden des Paradieses kann kein Sterblicher verstehen, solange er das Leben nicht verlassen hat und mit seinem Schöpfer wiedervereinigt wurde. Man erfreut sich an Gott. Damit ist alles gesagt.”

Indessen hatte ich mich gänzlich von meiner ersten Verwirrung erholt und war ganz vertieft, die Schönheit Dominikus Savios zu betrachten. Ich fragte ihn frei heraus. “Warum hast du ein solch weißes, leuchtendes Kleid?”

Savio schwieg und schien auch nicht sprechen zu wollen. Dann sagte der Chor vielstimmig, begleitet vom Klang aller Instrumente: ‚Ipsi habuerunt lumbos praecinctos et dealbaverunt stolas suas in sanguine Agni. — Sie haben ihre Lenden umgürtet und ihre Gewänder weiß gewaschen im Blute des Lammes.'

Als die Musik schwieg, fragte ich: “Und warum trägst du den roten Gürtel um deine Lenden?”

Savio antwortete auch dieses Mal nicht und schien nicht sprechen zu wollen.

Da fing Don Alasonatti allein an zu singen: ‚Virgines enim sunt et sequuntur Agnum quocumque ierit — Sie sind unschuldig und folgen dem Lamme wo immer es geht.‘

Da verstand ich, daß der rote Gürtel in der Farbe des Blutes ein Symbol für die großen Opfer, für die gewaltigen, fast ans Martyrium grenzenden Anstrengungen waren, die jener auf sich genommen hatte, um die Tugend der Reinheit zu bewahren. Um keusch zu bleiben vor dem Angesichte Gottes, wäre er auch bereit gewesen, sein Leben hinzugeben, wenn die Umstände es erfordert hätten. Der Gürtel war auch ein Symbol der Buße, die die Seele von Schuld reinigt. Das weiße, leuchtende Kleid bedeutete die unversehrt bewahrte Taufunschuld. Der Gesang zog mich an und während ich all die Reihen und Scharen betrachtete, die hinter Dominikus Savio waren, fragte ich ihn. “Wen hast du alles in deiner Begleitung?” Und die anderen fragte ich. “Wie kommt es, daß ihr alle so glänzt?” Savio schwieg weiter und die Jungen sangen: ‚Hi sunt sicut Angeli Dei in coelo. — Sie sind wie die Engel Gottes im Himmel.‘

Indessen bemerkte ich, daß Savio einen Vorrang vor der Menge hatte, die ihm in ehrfurchtsvoller Entfernung von etwa zehn Schritten folgte.

“Sag mir, Savio, du bist der jüngste von den vielen, die dir folgen und von denen, die in unseren Häusern starben. Warum gehst du also vor ihnen her und führst sie an? Warum sprichst du und die übrigen schweigen?”

“Ich bin älter als sie alle.”

“Aber nein”, erwiderte ich, “viele andere sind weit älter an Jahren als du!”

“Ich bin der Älteste aus dem Oratorium”, sagte Dominikus Savio noch einmal; “denn ich bin der erste gewesen, der die Welt verlassen hat und in das andere Leben eingegangen ist. Im übrigen legatione Dei fungor!” (Ich fungiere als Gesandter Gottes!)

Diese Antwort deutete mir den Sinn jener Erscheinung an. Er kam als der Gesandte Gottes. “Nun gut”, sagte ich, “sprechen wir von den Dingen, die für uns jetzt die wichtigsten sind.”

“Ja frag mich schnell, was du wissen willst. Die Stunden verrinnen und die Zeit, die mir gewährt ist, um mit dir zu sprechen, könnte enden und dann sähest du mich nicht mehr.”

“Ich glaube, daß du mir etwas von höchster Wichtigkeit mitzuteilen hast.”

“Was soll ich armes Geschöpf dir sagen”, antwortete Savio in höchster Demut. “Von Gott bin ich gesandt, um mit dir zu sprechen. Darum bin ich gekommen.”

“Dann”, rief ich aus, “sprich mit mir über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres Oratoriums. Sag mir etwas über meine herzlieben Jungen. Sprich mit mir über meine Kongregation!”

“Über letztere könnte ich dir viel sagen.”

“Offenbare mir also, was du weißt. Sag mir etwas über die Vergangenheit!”

Er sagte: “Die Vergangenheit ist ganz deine Sache.”

Und ich: “Habe ich wohl auch das Meine getan?”

Savio. “Was die Vergangenheit angeht, sage ich dir, daß deine Kongregation schon viel Gutes erreicht hat. Siehst du dort unten die zahllosen Jungen?”

“Ich sehe sie”, antwortete ich. “Oh, wie viele und wie glücklich sind sie!”

Und er: “Sieh, was steht über dem Eingang zu jenem Garten geschrieben?” “Ich sehe, es steht dort geschrieben: “Salesianischer Garten.”

“Nun gut”, fuhr Savio fort, “das waren alles Salesianer, oder sie wurden bei dir erzogen oder hatten irgendeine Beziehung zu dir. Sie sind durch dich gerettet oder von deinen Priestern und Klerikern oder von anderen Menschen, die ihnen von dir auf dem Weg ihrer Berufung gestellt worden sind. Zähl sie, wenn du kannst! Aber sie wären hundert Millionen zahlreicher gewesen, wenn du größeren Glauben und mehr Vertrauen auf den Herrn gehabt hättest.”

Da seufzte ich schmerzlich auf. Ich wußte nicht, was ich auf diesen Vorwurf antworten sollte und nahm mir vor: von jetzt ab werde ich mich bemühen, diesen Glauben und dieses Vertrauen zu haben. Dann fragte ich: “Und was ist mit der Gegenwart?”

Savio zeigte mir einen prächtigen Blumenstrauß, den er in den Händen hielt. Es waren Rosen, Veilchen, Sonnenblurnen; es gab Enzian, Lilien, Efeu oder Immortellen und mitten in den Blumen waren Weizenähren. Savio hielt mir den Strauß hin und sagte: “Sieh genau her!”

Ich antwortete: “Ich sehe . . . aber begreife nichts.”

“Gib den Strauß deinen Söhnen, damit sie ihn dem Herrn überreichen können, wenn die Zeit gekommen ist. Sorge dafür, daß alle diese Blumen haben, die keinem genommen sind, die niemandem genommen werden. Wenn sie aber diesen Blumenstrauß besitzen, so genügt das, um glücklich zu sein.”

“Aber was soll dieser Strauß bedeuten?”

“Nimm die Theologie zu Hilfe!” antwortete er. “Sie wird es dir sagen und erklären!”

Und ich: “Theologie habe ich studiert, aber ich wüßte nicht, wie ich daraus entnehmen könnte, was du mir zeigst.”

Savio: “Du bist streng verpflichtet, diese Dinge zu wissen!”

“Nun, dann hilf mir aus der Verlegenheit. Gib mir die Erklärung!”

Savio: “Siehst du diese Blumen? Sie stellen die Tugenden dar, die dem Herrn am meisten gefallen.”

“Und welche sind es?”

Savio: “Die Rose bedeutet die Liebe, das Veilchen die Demut, die Sonnenblume den Gehorsam, der Enzian die Buße und Abtötung, die Ähren die häufige Kommunion; die Lilie ist das Symbol der Tugend, von welcher geschrieben steht: Erunt sicut Angeli Dei in caelo — Sie werden wie die Engel Gottes im Himmel sein: die Keuschheit. Und der Efeu oder die Immortellen wollen sagen, daß alle diese Tugenden immer da sein müssen. Sie bezeichnen die Beharrlichkeit.”

“Nun gut, mein lieber Savio!” sagte ich. “Nun sag mir einmal, du hast diese Tugenden in deinem Leben geübt. Was tröstete dich bei deinem Sterben am meisten?”

“Was meinst du, was das gewesen sein könnte?” erwiderte er.

“Vielleicht die schöneTugend der Reinheit bewahrt zu haben?”

“Oh nein, das nicht allein.”

“Vielleicht die Freude eines ruhigen Gewissens?”

“Das ist schon etwas Gutes; aber es gibt noch Besseres.”

“Half dir vielleicht die Hoffnung auf das Paradies?”

“Auch nicht.”

“Dann wird es wohl der Schatz deiner vielen guten Werke sein?”

“Nein, nein.”

“Ja, was gab dir denn in deiner letzten Stunde die Kraft?” so fragte und bat ich ihn, ganz verlegen, weil ich seine Gedanken nicht erraten konnte.

Und Savio: “Sieh das, was mich im Sterben am meisten stärkte, war die Hilfe der machtvollen Mutter des Erlösers! Sag das nur all deinen Söhnen. Sie sollen nicht vergessen zu ihr zu beten, solange sie leben. Aber mach schnell, wenn du willst, daß ich dir noch etwas beantworten soll!”

“Und was sagst du von der Zukunft?”

“In der Zukunft, im kommenden Jahr 1877 wirst du einen großen Schmerz zu ertragen haben. Sechs und noch zwei von denen, die dir die Liebsten sind, werden von Gott in die Ewigkeit abberufen werden. Aber tröste dich: sie werden aus dem Feld dieser Welt umgepflanzt werden in die Gärten des Paradieses. Sie werden gekrönt. Mach dir keine Sorgen; der Herr wird dir helfen und dir andere gute Söhne geben!”

“Geduld! Und was wird mit der Kongregation?”

“Was die Kongregation angeht, so mögest du wissen, daß Gott dir große Dinge vorbereitet. Für sie wird im kommenden Jahre eine Morgenröte des Ruhmes aufgehen, und zwar so glänzend, daß sie wie ein Blitz die vier Himmelsrichtungen der Welt erleuchten wird vom Osten bis zum Westen, vom Süden bis zum Norden. Große Ehre ist für sie bereitet. Aber sorge du, daß der Wagen, auf dem der Herr steht, nicht von den Deinen aus dem Geleise und vom Wege abgezogen wird. Wenn deine Priester ihn aber gut führen und ihrer hohen Berufung würdig sind, wird die Zukunft stets glänzend sein und einer Unmenge Menschen Heil bringen; jedoch unter einer Bedingung: daß deine Söhne treue Marienverehrer sind und die Tugend der Keuschheit, die in den Augen Gottes soviel wert ist, zu bewahren wissen, auch im ganzen Hause.”

“Nun möchte ich noch”, fragte ich weiter, “daß du mir etwas über die Kirche im allgemeinen sagst.”

“Das Schicksal der Kirche liegt in der Hand Gottes, in der Hand des Schöpfers. Was in seinen unendlichen Plänen bechlossen ist, kann ich dir nicht enthüllen. Kein erschaffener Geist kann an solchen Geheimnissen teilhaben, die Gott sich allein vorbehält.”

“Und was wird mit Pius IX.?”

“Was ich dir sagen kann, ist, daß der Hirt nicht mehr lange auf Erden zu kämpfen haben wird. Er braucht nur noch wenige Schlachten zu gewinnen. Binnen kurzem wird er von seinem Thron hinweggenommen, und der Herr wird ihm den verdienten Lohn geben. Das übrige ist bekannt. Die Kirche wird nicht untergehen. Hast du noch etwas zu fragen?”

“Und was wird mit mir?” fragte ich ihn.

“Oh, wenn du wüßtest, durch welche Dinge du noch hindurch mußt. Aber beeile dich, ich darf nicht mehr lange mit dir sprechen.”

Da streckte ich voller Verlangen die Hände aus, um den heiligen Jungen festzuhalten; aber seine Hände schienen aus Luft zu sein und ich bekam nichts zu fassen.

“Na, was machst du denn jetzt?” sagte Savio lächelnd.

“Ich habe Angst, daß du mir entfliehst!” rief ich aus. “Aber bist du denn nicht mit dem Leibe hier?”

“Nein, mit dem Leibe nicht. Den nehme ich erst später wieder an.”

“Aber was ist denn das, was ich da vor mir habe? Ich sehe tatsächlich in dir die Gestalt des Dominikus Savio.”

“Sieh”, sagte er, “wenn die Seele vom Leibe getrennt ist und sich mit Gottes Erlaubnis irgendeinem Sterblichen zeigt, behält sie ihre Form und äußere Erscheinung mit allen Eigenheiten desselben Leibes bei, wie sie auf Erden lebte und so, obgleich viel schöner, bleibt sie, bis sie am Tage des allgemeinen Gerichtes wieder mit dem Leib vereinigt wird. Dann nimmt sie ihn mit sich ins Paradies. Darum kommt es dir so vor, als hätte ich Kopf, Hände und Füße; aber festhalten könntest du mich nicht, weil ich schier Geist bin. An dieser äußeren Form kannst du mich erkennen.”

“Ich habe verstanden”, sagte ich. “Hör mal, noch eine Antwort. Sind meine Jungen alle auf dem rechten Weg, daß sie sich retten? Sag mir etwas, damit ich sie gut leiten kann.”

“Die Söhne, welche die göttliche Vorsehung dir anvertraut hat, lassen sich in drei Gruppen einteilen. Siehst du diese drei Listen?” — dabei reichte er mir eine —. “Schau sie an!”

Ich sah auf dem ersten Verzeichnis Invulnerati (= die Unverwundbaren) geschrieben. Das waren die, die der Dämon nicht verwunden konnte, die ihre Unschuld nicht befleckt haben. Diese Unverletzten waren in großer Zahl und ich sah sie alle. Viele von ihnen kannte ich schon. Viele sah ich aber zum ersten Male. Diese kommen wahrscheinlich in den nächsten Jahren zum Oratorium. Sie gingen gerade auf ihrem steilen Wege voran, obwohl fortwährend von allen Seiten mit Pfeilen, Schwerthieben und Lanzen auf sie gezielt und geschlagen wurde. Diese Waffen waren wie eine Hecke zu beiden Seiten ihres Weges. Sie wurden davon bekämpft, behindert, aber nicht verwundet.

Dann gab mir Savio eine weitere Liste mit der Aufschrift: Vulnerati (= die Verwundeten). Das sind die, welche in Ungnade Gottes gewesen sind, aber nun wieder auf den Füßen stehen, ihre Wunden durch Reue und Beichte geheilt haben. Sie waren in größerer Zahl als die vorigen. Sie hatten auf ihrem Lebenswege durch die Hecke der Feinde Wunden davongetragen. Ich las ihre Namen und sah sie alle. Viele gingen sehr gebückt und entmutigt.

Das dritte Verzeichnis hielt Savio noch in der Hand. Die Aufschrift lautete: Lassati in via iniquitatis (= die auf dem Weg der Sünde verblieben sind). Da standen die Namen aller geschrieben, die sich in der Ungnade Gottes befinden. Ich war begierig, dieses Geheimnis zu erfahren und streckte die Hand aus. Aber Savio sagte mit großer Lebhaftigkeit: “Nein, warte einen Augenblick und höre zu! Wenn du dieses Blatt auseinanderfaltest, wird daraus ein solcher Gestank kommen, den weder ich noch du vertragen können. Sogar die Engel ziehen sich davor erschreckt zurück, und es wird ihnen übel und selbst der Heilige Geist empfindet Ekel vor dem abscheulichen Gestank der Sünde.”

“Wie ist denn das möglich”, entgegnete ich, “da Gott und die Engel doch nicht leiden können? Wie können sie so den Geruch der Materie empfinden?”

“Ja, das ist so; je mehr die Geschöpfe gut und rein sind, um so mehr nähern sie sich den himmlischen Geistern; je mehr aber einer schlecht, verdorben und schmutzig ist, um so mehr entfernt er sich von Gott und den Engeln, die sich von ihm zurückziehen, da der Betreffende für sie ein Gegenstand des Ekels und Abscheus geworden ist.” Darauf gab er mir das Verzeichnis und sagte: “Nimm nur, öffne es und zieh Nutzen daraus für deine Jungen. Aber denk immer an den Blumenstrauß, den ich dir gegeben habe. Sorge dafür, daß alle ihn haben und bewahren!”

Als er dies gesagt und mir die Liste gegeben hatte, ging er zu seinen Gefährten zurück. Es war fast, als ob er die Flucht ergriffe.

Ich öffnete das Verzeichnis. Ich sah keinen Namen, aber augenblicklich standen mir alle die einzelnen Jungen vor Augen, die in der Liste verzeichnet waren und zwar so lebendig, als ständen sie wirklich vor mir. Ich sah sie alle mit schmerzlicher Trauer. Die meisten kannte ich. Sie gehörten zum Oratorium oder zu den übrigen Schulen. Viele sah ich auch darunter, die inmitten ihrer Kameraden als gut gelten; einige sogar, die zu den besten zu gehören scheinen, aber nicht so sind. Als ich jedoch das Papier auseinanderfaltete, strömte ein unerträglicher Gestank daraus hervor. Sofort befielen mich sehr heftige Kopfschmerzen und ein solcher Brechreiz, daß ich davon zu sterben fürchtete. Indessen wurde es dunkel und dabei verschwand die Vision und ich sah nichts mehr von dem wunderbaren Schauspiel. Gleichzeitig flammte ein Blitz auf und es donnerte so stark und furchtbar, daß ich ganz erschrocken aufwachte. –

Jener Geruch jedoch drang in alle Wände ein und sickerte in die Kleidungsstücke, so daß es mir war, als röche ich viele Tage später noch den Pesthauch. So übel ist in den Augen Gottes also schon der Name des Lasterhaften. Auch jetzt, wo ich mir kaum jenen Gestank ins Gedächtnis zurückrufe, überläuft es mich kalt. Ich meine, ich müßte ersticken. Dort in Lanzo, wo ich mich befand, fing ich an, den einen und anderen zu befragen. Einige Jungen habe ich gewarnt und ich habe gefunden, daß dieser Traum mich nicht getäuscht hat. Daher ist er eine Gnade des Herrn, der mich den Seelenzustand eines jeden erkennen ließ. Doch werde ich nichts davon in der Öffentlichkeit verlauten lassen. Nun wäre noch vieles zu erklären. Das hebe ich mir aber für einen anderen Abend auf. Jetzt brauche ich euch nur noch eine gute Nacht zu wünschen.”

 

***

 

Daß Don Bosco im Traum gewisse Jungen als schlecht gezeigt wurden, die sonst als die besten des Hauses galten, hatte in Don Bosco den Verdacht erweckt, daß es sich um eine Täuschung handle. Daher hatte er sich vorher einige zu sich kommen lassen ‚ad audiendum verbum‘ (= um sie anzuhören).

Er wollte sich über die Natur des Traumes erst richtige Klarheit verschaffen. Aus demselben Grund schob er die Erzählung des Traumes um 14 Tage hinaus. Als er aber sicher war, daß die Sache von Gott kam, dann sprach er.

“Weitere Bestätigungen würde die Zeit noch bringen, wenn die gehörten Vorhersagen in Erfüllung gingen.”(Lem. XII, 595).

 

***

Die erste Vorhersage — und das war auch die wichtigste — betraf die Zahl der lieben Söhne, die im Jahre 1877 sterben würden. Sie war in zwei Gruppen aufgeteilt: 6 und 2. Die Verzeichnisse des Oratoriums tragen nun ein Kreuz, das übliche Zeichen des Todes neben den Namen der 6 Jungen und 2 Kleriker. (Lem. XII, 596).

 

***

 

In Borgo Dora hörte ein Polizeibeamter von dieser Prophezeiung. Er paßte das ganze Jahr 1877 auf, ob sie sich erfüllen würde. Schon war der letzte Tag des Jahres angebrochen, da traf die Nachricht über den 8. Todesfall ein. Nun sagte der Beamte der Welt “Lebewohl” und wurde Salesianer. Es war der spätere Don Angelo Piccono. (Lem. XII, 596).

 

***

 

Der Ruhm der Salesianischen Gesellschaft wurde verbreitet durch den Verein der ‚Salesianischen Mitarbeiter', der 1876 von Papst Pius IX. bestätigt war, sowie durch die ‚Salesianischen Nachrichten', die 1877 gegründet wurden.

Papst Pius IX. starb 14 Monate nach dieser Vision. Don Bosco hatte noch 11 Jahre und 2 Monate zu leben und auch noch viele Kämpfe, Mühen und Opfer auf sich zu nehmen bis zum letzten Atemzuge.

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DIE SANFTMUT DES HEILIGEN FRANZ VON SALES

(Lem. XIII, 302-303)

Während eines Exerzitienkurses für ausziehende Amerika-Missionare, Mitte August 1877 in Lanzo, erzählte Don Bosco seinen Mitbrüdern die folgende Vision. Er begann:

“Ich will hier keine Predigt halten, sondern euch nur eine kleine Geschichte erzählen. Nennt sie, wie ihr wollt: Fabel, Traum oder Erzählung. Legt ihr viel, wenig oder gar keinen Wert bei. Beurteilt sie nach Belieben. Immerhin wird uns auch diese kleine Geschichte, die ich nun erzählen will, etwas lehren.

Es war mir, als ginge ich durch die Alleen bei der Porta Susa. Vor der Militärkaserne sah ich eine Frau. Ich hielt sie für eine Verkäuferin, die geröstete Kastanien feilhielt; denn sie drehte über dem Feuer eine Art Zylinder, worin nach meiner Meinung Kastanien gekocht wurden. Verwundert über eine solche neue Art, Kastanien zu kochen, trat ich näher und sah genau, wie der Zylinder sich drehte. Ich fragte die Frau, was sie in dem seltsamen Geschirr koche. Sie antwortete mir: “Ich bereite Konfekt für die Salesianer.”

“Wie?”, sagte ich, “Konfekt für die Salesianer?” — “Ja”, antwortete sie. Dabei öffnete sie den Zylinder und zeigte mir den Inhalt. Ich konnte alsdann in dem Zylinder Konfitüren verschiedener Farben erkennen. Sie waren mit einer Leinwand voneinander getrennt. Ein Teil war weiß, ein anderer rot und einer schwarz. Darüber sah ich eine Art Zucker gestreut. Er glich Regentropfen oder frisch gefallenem Tau und war stellenweise voll roter Flecken.

Alsdann fragte ich die Frau: “Kann man diese Bonbons denn essen?”

“O ja”, sagte sie und reichte mir davon.

Da fragte ich. “Was soll das heißen, daß ein Teil dieses Konfekts rot, ein anderer schwarz und wieder einer weiß ist?”

Sie antwortete: “Die weißen kosten wenig Mühe; aber man kann sie leicht beflecken. Die roten kosten das Blut und die schwarzen das Leben. Wer von den schwarzen ißt, achtet nicht auf Mühe und Tod.”

“Und was bedeutet der Zuckerüberzug?” fragte ich.

“Er ist das Symbol der Liebenswürdigkeit des Heiligen, den ihr nachahmen sollt. Diese Art von Tautropfen besagt, daß man schwitzen, ja viel schwitzen muß, um die liebenswürdige Güte zu bewahren. Und manchmal wird man sogar sein Blut vergießen müssen, um sie nicht zu verlieren.”

Ganz verwundert wollte ich weitere Fragen stellen; aber die Frau antwortete mir nicht weiter und sprach überhaupt nicht mehr.

Über die gehörten Dinge sehr nachdenklich geworden, setzte ich meinen Weg fort. Aber kaum hatte ich einige Schritte gemacht, da begegnete mir Don Picco mit noch einigen anderen unserer Priester. Alle waren verwirrt, niedergeschlagen und ihre Haare sträubten sich ihnen auf dem Kopf.

“Was ist geschehen?” fragte ich sie.

Und Don Picco. “Wenn Sie wüßten! . . . Wenn Sie wüßten!”

Ich bestand auf meiner Frage, was es Neues gäbe. Und er: “Wenn Sie wüßten! . . . Haben Sie die Frau gesehen, die Konfekt bereitet?”

“Ja! Und was soll das?”

“Nun gut”, fuhr er ganz erschrocken fort, “sie sagte mir, ich sollte Ihnen empfehlen, es so zu machen, daß Ihre Söhne arbeiten und nochmals arbeiten. Sie sagte: Sie werden viele Dornen finden, sie finden aber auch viele Rosen. Sag ihnen, daß das Leben kurz und die Ernte groß ist. Das Leben, verglichen mit Gott, ist selbstverständlich kurz; denn vor Gott ist es ein Augenblick, ein Nichts.”

“Aber arbeitet man nicht?” fragte ich.

Und er: “Man arbeitet und man arbeite weiter!” Als er das gesagt hatte, sah ich weder ihn noch die anderen mehr und setzte erstaunter als zuvor meinen Weg zum Oratorium fort. Dort angekommen, erwachte ich. —

Das ist die Geschichte, die ich euch erzählen wollte. Nennt sie Gleichnis, Parabel oder Phantasie; das macht nichts aus. Ich möchte aber, daß man sich gut merkt, was die Frau zu Don Picco und den übrigen gesagt hat, nämlich, daß wir die Sanftmut unseres heiligen Franz von Sales wirklich üben sowie viel und ständig arbeiten sollen.”

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DIE FERIEN

(Lem. XIII, 761-764)

Nachdem die Jungen von ihren Herbstferien in das Oratorium zurückgekehrt waren, erzählte Don Bosco ihnen am Abend des 24. Oktober 1878 den Traum von den Ferien. Er sagte einleitend:

“Ich bin froh, meine Heerschar ‚contra diabolum‘ — gegen den Teufel — wiederzusehen . . . Vieles will ich euch heute sagen, da ich nach den Ferien das erste Mal zu euch spreche. Ich will euch nun einen Traum erzählen. Ihr wißt, daß man die Träume im Schlaf hat, und ihr braucht nicht daran zu glauben. Aber wenn es keinen Schaden bringt, nicht daran zu glauben, so schadet es manchmal auch nicht, wenn man daran glaubt. Sie können uns sogar zur Belehrung gereichen, wie zum Beispiel dieser Traum.

Ich war während der ersten Exerzitien in Lanzo und schlief, als ich, wie gesagt, einen Traum hatte. Ich befand mich an einem Orte, konnte aber nicht herausfinden, in welcher Gegend es war. Es war irgendwo, wo sich ein Garten mit einer sehr weiten Wiese ausbreitete. Ich befand mich in Gesellschaft einiger Freunde, die mich einluden, in den Garten zu kommen. Ich ging hinein und sah eine große Menge Schäfchen, die lustig umhersprangen und Kapriolen machten, wie es ihre Art ist. Da, auf einmal öffnete sich eine Türe zur Wiese hin und die Schäfchen liefen hinaus, um zu weiden.

Viele legten jedoch keinen Wert darauf, hinauszukommen, sondern blieben im Garten. Sie gingen hierhin und dorthin und fraßen einen Grashalm nach dem anderen und weideten so, obwohl es hier kein Gras im Überfluß gab, wie es draußen auf der Wiese der Fall war, wohin die meisten gelaufen waren.

“Ich möchte doch sehen, was die Schäfchen draußen machen”, sagte ich. Wir gingen auf die Wiese und sahen sie ruhig grasen. Und siehe da, plötzlich verdunkelte sich der Himmel, es folgten Blitze und Donner und ein Gewitter zog heran. Da fragte ich mich: ‚Was soll aus diesen Lämmlein werden, wenn sie in das Unwetter geraten?' und sagte: “Laßt sie uns in Sicherheit bringen!” Ich ging und rief sie. Dann versuchten wir, ich von der einen Seite und meine Gefährten von verschiedenen Richtungen her, sie zum Eingang des Gartens zu treiben. Aber sie hatten keine Lust hineinzugehen. Wenn wir hier etwas Jagd auf sie machten, entwischten sie uns dort wieder. Ja, die Schäfchen hatten flinkere Beine als wir. Unterdessen fielen die ersten Tropfen, dann strömte er Regen herab. Es gelang mir nicht, die Herde zu sammeln. Ein oder zwei Schäfchen kamen nun doch noch in den Garten; aber alle anderen — und es war eine große Menge — blieben auf der Wiese.

“Gut”, sagte ich, “wenn sie nicht kommen wollen, um so schlimmer für sie, dann ziehen wir uns zurück.” Und wir gingen in den Garten. Dort war ein Brunnen. Darüber stand in großen Buchstaben geschrieben: Fons signatus — versiegelter Brunnen'. Er war verschlossen, und wenn man ihn öffnete, sprang das Wasser hoch und teilte sich wie ein Regenbogen; aber in der Form eines Gewölbes, wie bei diesen Säulenhallen. Indessen sah man die Blitze häufiger. Es donnerte lauter und es fing auch an zu hageln. Wir fanden eine Zuflucht mit allen Schäfchen, die im Garten unter dem wunderbaren Gewölbe, wo wir uns dicht zusammendrängten, waren. Dort kam kein Regen und kein Hagel durch.

“Was ist das?” fragte ich die Freunde. “Was ist und was wird wohl mit den Armen da draußen.”

“Das wirst du sehen”, antworteten sie mir. “Betrachte nun die Stirnen dieser Lämmlein. Was findest du da?” Ich blickte hin und fand auf der Stirn eines jeden Tieres den Namen eines Jungen aus dem Oratorium geschrieben.

“Was soll das?” fragte ich.

“Du wirst sehen! Du wirst sehen!”

Da war es mir nicht mehr möglich, mich zu unterhalten. Ich wollte hinausgehen, um zu sehen, was die armen Lämmlein da draußen anfingen. ‚Ich werde die Toten sammeln und zum Oratorium schicken', dachte ich. Als ich unter jenem Gewölbe hervortrat, fiel der Regen auch auf mich. Ich sah die armen, Jungen Tiere auf die Erde hingestreckt. Sie bewegten die Füße, versuchten aufzustehen, konnten es aber nicht. Ich öffnete den Eingang und rief laut. Aber ihre Anstrengungen waren vergebens. Regen und Hagel hatten sie übel zugerichtet und mißhandelten sie noch weiter, so daß sie einem leid taten. Sie waren zerschlagen am Kopf, am Kinn oder am Auge, am Fuß oder an anderen Körperteilen. Nach einiger Zeit hörte der Sturm auf.

“Sieh”, sagte der, welcher mir zur Seite stand, “betrachte die Stirn dieser Schäfchen!”

Ich blickte hin und sah auf jeder Stirn den Namen eines Jungen aus dem Oratorium.

“Aber”, sagte ich. . . “ich kenne den Jungen, der diesen Namen trägt, er kommt mir aber nicht wie ein Schäfchen vor.”

“Du wirst sehen, du wirst sehen”, wurde mir geantwortet. Dann wurde uns ein goldenes Gefäß mit einem silbernen Deckel gereicht. Dabei sagte man mir: “Tauche deine Hand in diese Salbe und die Wunden dieser Jungen Tiere werden sofort heilen.” Ich fing an sie zu rufen. “Brr, brr!” Sie aber rührten sich nicht. Ich wiederholte meine Rufe. Jedoch nichts. Ich suchte mich einem Schäfchen zu nähern; es machte sich aber davon. ,Es will nicht? Um so schlimmer für es!” rief ich aus. “Ich gehe zu einem anderen.”

Ich ging, aber auch dieses entwich mir. So vielen ich mich auch näherte, um sie zu salben und zu heilen, ebenso viele flohen vor mir. Ich folgte ihnen und wiederholte dieses Spiel, doch vergebens. Schließlich erreichte ich eines. Die Augen hingen ihm aus den Höhlen und es war übel zugerichtet, so daß es Mitleid erregte. Ich berührte es mit der Hand und es wurde gesund und hüpfte fort in den Garten. Nun, da sie dieses gesehen hatten, kamen viele andere Schäfchen herbeigelaufen. Sie weigerten sich nicht mehr, ließen sich berühren, heilen und hüpften in den Garten. Aber es blieben auch viele draußen und meistens die, die am schwersten verwundet waren. Es war mir nicht möglich, mich ihnen zu nähern. “Wenn sie nicht gesund werden wollen, um so schlimmer für sie. Ich weiß nicht, ob ich sie in den Garten zurückbringen kann.”

“Laß sie nur”, sagte mir einer der Freunde, die bei mir waren. “Sie werden schon noch kommen, sie werden hierherkommen.”

“Wir werden sehen”, sagte ich. Ich stellte das goldene Gefäß wieder dorthin, wo es vorher gewesen war und kehrte zum Garten zurück. Der hatte sich ganz verändert. Ich las über dem Eingang: Oratorium. Kaum war ich eingetreten, da näherten sich die Lämmlein, die nicht hatten kommen wollen. Sie traten verstohlen ein und liefen, sich hier und dort zu verstecken. Selbst dann konnte ich mich keinem von ihnen nähern. Da waren auch einige, die die Salbe nicht gerne empfingen. Für diese verwandelte sie sich in Gift und anstatt sie zu heilen, verschlimmerte sie ihren Zustand.

“Schau mal, siehst du die Fahne dort?” fragte mich einer der Freunde.

Ich wandte mich um und sah eine große Fahne wehen. Darauf las ich in großen Buchstaben das Wort: ‚Ferien'. “Ja, ich sehe sie”, antwortete ich.

“Sieh, das ist die Wirkung der Ferien”, sagte einer meiner Begleiter und ich war außer mir vor Schmerz über diesen Anblick.

“Deine Jungen verlassen das Oratorium. Sie haben guten Willen, vom Worte Gottes zu leben und gut zu bleiben. Aber dann überrascht sie der Sturm, das sind die Versuchungen, dann der Regen, das sind die Anfechtungen des Satans. Dann fällt der Hagel. Das geschieht, wenn die Bedauernswerten in Sünden fallen. Manche werden noch durch die Beichte geheilt; aber andere benutzen dieses Sakrament nicht gut oder überhaupt nicht. Merk es dir und werde nicht müde, deinen Jungen zu wiederholen, daß die Ferien einen großen Sturm für ihre Seelen bedeuten.”

Ich betrachtete die Schäfchen und stellte bei einigen tödliche Wunden fest. Ich suchte Wege, sie zu heilen. Da weckte mich Don Scappini, der im Zimmer nebenan beim Aufstehen Lärm machte. — Dies ist der Traum und obschon es nur ein Traum ist, hat er doch eine Bedeutung, die dem nicht schadet, der daran glaubt. Ja, ich kann sogar sagen, daß ich mir einige Namen unter den vielen Schäfchen merkte, und wenn ich sie dann mit den Jungen verglich, sah ich, daß diese sich genau so benahmen, wie es im Traume geschah. Wie sich die Sache nun auch verhalten mag, laßt uns in der Novene vor Allerheiligen der Güte Gottes entsprechen, der über uns seine Barmherzigkeit walten lassen will. Wir sollen mit einer guten Beichte die Wunden unserer Seele heilen. Wir müssen alle zusammenhalten, um gegen den Satan zu kämpfen. Mit Gottes Hilfe werden wir als Sieger aus diesem Kampfe hervorgehen und den Siegespreis im Paradiese empfangen.”

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DER HEILIGE FRANZ VON SALES UND DIE SALESIANER

(Lem. XIV, 123-125)

Don Bosco erzählte diese Vision am 9. Mai 1879. Er begann: “Ich sah, wie die Jungen in einer gewaltigen, lang anhaltenden Schlacht verwickelt waren. Ihre Gegner waren Krieger von verschiedener Gestalt, die seltsame Waffen trugen. Nur wenige Jungen überstanden lebend die Schlacht.

Eine andere, weit grimmigere und schrecklichere Schlacht entspann sich zwischen Ungeheuern von riesiger Gestalt und großen Menschen, die gut bewaffnet und im Kampfe geschult waren. Sie trugen ein ziemlich hohes und breites Banner. Mitten darauf stand: Maria auxilium Christianorum — Maria Helferin der Christen. Lang und blutig war der Kampf; aber alle, die dem Banner folgten, waren wie unverwundbar und beherrschten eine sehr weite Ebene. Mit ihnen vereinigten sich die Jungen, welche die vorhergehende Schlacht überlebt hatten. Sie bildeten unter allen eine besondere Abteilung des Heeres. Als Waffe trug jeder eine kleine Maria‑Hilf‑Fahne, die der eben beschriebenen Form nachgebildet war. Die neuen Soldaten hielten Übungen auf der weiten Ebene ab. Danach verhielten sie sich folgendermaßen: Die einen gingen nach Osten, einige wenige nach Norden und viele nach dem Süden.

Nachdern diese Truppen verschwunden waren, wiederholten sich die gleichen Schlachten, dieselben Manöver und das Ausrücken nach denselben Himmelsrichtungen. Einige aus den ersten Schlachten kannte ich. Die nachfolgenden waren mir unbekannt. Aber sie gaben mir zu verstehen, daß sie mich kannten und richteten viele Fragen an mich.

Kurz darauf fiel ein Regen aus glänzenden, kleinen Flammen. Sie schienen verschiedenartiges Feuer zu sein. Es donnerte und dann heiterte sich der Himmel wieder auf, und ich befand mich in einem sehr lieblichen Garten. Ein Mann, der wie der heilige Franz von Sales aussah, reichte mir ein Büchlein, ohne dabei etwas zu sagen. Ich fragte ihn, wer er wäre. Er antwortete nur: “Lies in dem Buch!”

Ich öffnete das Buch und hatte Mühe, darin zu lesen. Doch konnte ich ihm genau die folgenden Worte entnehmen:

“Den Novizen: Gehorsam in allen Dingen. Mit dem Gehorsam werden sie sich den Segen des Herrn und das Wohlwollen der Menschen verdienen. Mit dem Fleiß werden sie die Nachstellungen der geistigen Feinde bekämpfen und besiegen.

Den Professen: Sorgfältig die Tugend der Keuschheit bewahren. Den guten Namen der Mitbrüder lieben und das Ansehen der Kongregation fördern.

Den Direktoren: Alle Mühe und Sorgfalt den Regeln zuwenden. Durch sie hat sich ein jeder Gott geweiht. Der Direktor soll die Regeln selbst beobachten und sie beobachten lassen.

Den Obern: Absolutes Opfer, um sich und die Untergebenen Gott zu schenken.”

Noch viele andere Dinge waren in dem Buch gedruckt. Aber ich konnte nicht mehr lesen; denn das Papier schien mir blau, wie Tinte, zu sein.

“Wer sind Sie?” fragte ich von neuem den Mann, der mich mit heiterem Blicke betrachtete.

“Mein Name ist allen Guten bekannt. Ich bin gesandt, dir einiges aus der Zukunft mitzuteilen.”

“Was?”

“Das, was du anschneiden und fragen wirst.”

“Was muß ich tun, um die geistlichen Berufe zu fördern?”

“Die Salesianer werden viele Berufe haben, wenn sie sich vorbildlich benehmen, die Zöglinge mit größter Güte behandeln und sich für die häufige heilige Kommunion einsetzen.”

“Was muß man bei der Aufnahme von Novizen beachten?

“Die Faulen und die Gefräßigen ausschließen.”

“Was bei der Zulassung zu den Gelübden?”

“Darauf achten, ob Garantie für die Keuschheit da ist.”

“Wie kann man den guten Geist in unseren Häusern besser bewahren?”

“Die Obern sollen oft an die Häuser und die Mitbrüder schreiben, sie besuchen, empfangen und mit Wohlwollen behandeln.”

“Wie sollen wir uns bezüglich der Missionare verhalten?”

“Solche Leute ausschicken, die moralisch sicher sind. Alle zurückrufen, die diesbezüglich ernste Zweifel aufkommen lassen. Studieren und die eingeborenen Berufe pflegen.”

“Kommt unsere Kongregation gut voran?”

“Qui justus est justificetur adhuc. Non progredi est regredi. Qui perseveraverit, salvus erit.” —

“Wird sie sich sehr ausdehnen?”

“Solange die Obern ihre Pflicht tun, wird sie wachsen, und keiner wird ihre Verbreitung aufhalten können.”

“Wird sie lange dauern?”

“Eure Kongregation wird so lange bestehen, als ihre Mitglieder die Arbeit und die Mäßigkeit lieben werden. Wenn eine dieser beiden Säulen fällt, stürzt euer Gebäude ein, erschlägt Obere und Untergebene und ihre Anhänger.”

In jenem Augenblick erschienen vier Leute, die eine Totenbahre trugen. Sie kamen auf mich zu.

“Für wen ist sie?” fragte ich.

“Für dich!”

“Bald?”

“Das frage nicht. Denk nur daran, daß du sterblich bist.”

“Was wollt ihr mir mit dieser Bahre sagen?”

“Daß du im Leben tun mußt, was du nach deinem Tode von deinen Söhnen getan haben willst. Das ist die Erbschaft, das Testament, welches du deinen Söhnen hinterlassen mußt. Du mußt es bereiten und es wohl erfüllt und gut ausgeführt hinterlassen.”

“Stehen uns Blumen oder Dornen bevor?”

“Es kommen viele Rosen, viele Tröstungen; aber unmittelbar bevor stehen scharfe Dornen, die allen sehr tiefen Verdruß und Herzeleid bringen werden. Man muß viel beten!”

“Sollen wir nach Rom gehen?”

“Ja, aber mit der größten Klugheit und mit äußerster Vorsicht.”

“Steht das Ende meines vergänglichen Lebens unmittelbar bevor?”

“Darum kümmere dich nicht. Du hast die Regeln, die Bücher. Tu, was du die anderen lehrst. Wache!”

Ich wollte noch andere Fragen stellen, aber unter Leuchten und Blitzen rollte ein dumpfer Donner. Im gleichen Augenblick stürzten einige Menschen, oder besser gesagt, schreckliche Ungeheuer auf mich los, um mich zu zerfleischen. Dann wurde es mir schwarz vor den Augen. Ich sah nichts mehr. Ich glaubte, ich wäre tot und fing wie wahnsinnig an zu schreien. Ich erwachte und fand mich noch am Leben. Es war morgens 1/4 vor 5 Uhr. —

Wenn uns etwas (aus dieser Erzählung) nützen kann, so nehmen wir es an. In allem aber sei Gott Ehre und Ruhm von Ewigkeit zu Ewigkeit.”

 

***

 

Die Dornen können wir darauf deuten, daß Don Bosco seine Schulen schließen mußte. Die Verfügung trägt das Datum 16. Mai und wurde am 23. Juni, dem Tage vor seinem Namenstage überbracht. Weitere Unannehmlichkeiten waren Schwierigkeiten mit dem Erzbischof von Turin und um die Maria‑Hilf-Schwestern.

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LILIEN UND ROSEN

(Lem. XIV, 552-555)

Geträumt in der Nacht vom 8. zum 9. August 1880 in San Benigno Canavese, wo Don Barberis seit 1879 Direktor war. Don Bosco erzählte diesen Traum am 10. August abends, während der Exerzitien der Novizen. Diese machten in San Benigno ihr Probejahr.

“Zuvor müßt ihr wissen, daß man im Schlafe träumt. Ich war im Traum hier in San Benigno. Das ist seltsam; denn man träumt meistens, sich an Orten und unter Verhältnissen zu befinden, die von der jeweiligen Wirklichkeit verschieden sind.

Ich träumte, ich befände mich in einem sehr großen Saal, etwa in unserem Refektorium hier. Nur war er noch viel größer. Dieser gewaltig große Saal war ganz hell erleuchtet und ich dachte bei mir: Don Barberis sollte einen solchen Plan gehabt haben? Woher hat er soviel Geld nehmen können?

Dort saßen viele Jungen an Tischen zum Mittagessen. Aber sie aßen nicht. Als ich mit einem anderen eintrat, nahmen sie Brot, als wenn sie gerade ihre Mahlzeit anfangen wollten.

Der Saal war elegant beleuchtet; aber man sah nicht, woher das Licht kam. Die Gedecke, die Tischtücher und Servietten waren so weiß und sauber, daß unsere weißen dagegen schmutzig aussehen würden. Die Bestecke, Gläser, Flaschen, Schüsseln und Platten waren so glänzend und schön, daß mir der Verdacht kam, ob ich wohl nicht träumte. Ich sagte mir: “Aber ich träume ja! Solche Reichtümer sind in San Benigno ganz ausgeschlossen und doch bin ich wirklich hier und träume nicht.‘

Unterdessen beobachtete ich jene Jungen, die dort waren, aber nicht aßen. Ich fragte: “Was tun sie da? Sie essen ja nicht!” Während ich dies sagte, begannen alle zu essen. Ich sah zu und erblickte viele Jungen aus unseren Häusern und viele von denen, die jetzt hier sind, um Exerzitien zu machen. Ich wußte mir alles nicht zu erklären und fragte meinen Begleiter, was dies alles zu bedeuten habe. Er antwortete: “Paß auf, nur noch einen Augenblick, und du wirst das ganze Geheimnis verstehen.” Während er diese Worte sprach, änderte sich das Licht. Ein noch glänzenderes leuchtete auf. Während ich nun näher hinzutreten wollte, um besser zu sehen, erschien eine Schar sehr anmutiger Jünglinge, Engeln gleich. In der Hand hielten sie Lilien. Sie gingen über den Tisch, ohne ihn mit Füßen zu berühren. Die Tischgenossen erhoben sich und betrachteten sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Engel teilten nun hierhin und dorthin Lilien aus, und diejenigen, welche sie empfingen, erhoben sich ebenfalls von der Erde, als seien sie Geister. Ich sah zu, welche Jungen die Lilien erhielten. Ich kannte sie. Aber sie sahen so schön und strahlend aus, daß ich mir nicht vorstellen könnte, im Himmel noch etwas Besseres zu finden. Ich fragte, was die Jungen mit den Lilien bedeuten sollten. Mir wurde geantwortet: “Hast du nicht so oft über die schöne Tugend der Herzensreinheit gesprochen?” – “Ja”, antwortete ich, “ich habe darüber gepredigt und sie tief in die Herzen meiner Jungen eingepflanzt.” — “Gut”, erwiderte mein Begleiter, “die, bei denen du die Lilie in der Hand siehst, sind die, welche sie bewahren und sie zu bewahren wußten.”

Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. Als ich noch ganz verwundert dastand, sah ich eine neue Schar von Jünglingen erscheinen. Wiederum gingen sie über den Tisch, ohne ihn zu berühren. In den Händen hielten sie Rosen, die sie austeilten. Wer eine davon bekam dessen Antlitz begann augenblicklich sehr schön zu leuchten und dieser Glanz verweilte bei ihnen.

Da fragte ich meinen Begleiter, was diese andere Schar mit den Rosen bedeuten solle. Er antwortete mir: “Es sind die, welche in der Liebe zu Gott entbrannt sind.”

Ich sah nur, daß alle ihre Namen in Goldschrift auf der Stirne trugen und ich ging näher heran, um sie besser sehen zu können. Ich wollte mir auch ihre Namen aufschreiben; aber da verschwanden sie plötzlich.

Zugleich mit ihnen verschwand auch das Licht, so daß ich im Dunkel zurückblieb. Es war aber eine Dunkelheit, in der man doch noch etwas erkennen konnte. Ich sah rote Gesichter, fast, als wären sie aus Feuer gewesen. Sie gehörten jenen, die weder eine Lilie noch eine Rose erhalten hatten. Ich sah auch einige, die sich mit einem glitschigen Seil abplagten, das von oben herunterhing. Sie strengten sich an, daran emporzuklettern und in die Höhe zu kommen. Aber das Tau gab immer wieder etwas nach und kam immer weiter herunter, so daß die Armen immer auf der Erde blieben, schmutzig an ihren Händen und ihrer ganzen Person.

Eigentümlich berührt, in jenem Saale ein solches Spiel zu sehen, fragte ich meinen Begleiter sehr eindringlich, was das Gesicht bedeuten solle. Er antwortete mir: “Das Seil ist, wie du ja gepredigt hast, die Beichte. Wer sich gut daran anzuklammern weiß, kommt ganz gewiß in den Himmel. Dieses sind gerade jene Jungen, die noch oft zur Beichte kommen und sich an das Tau anklammern, um in die Höhe zu gelangen. Jedoch, obwohl sie sich an das Seil klammern, d. h. obwohl sie beichten gehen, tun sie es ohne die notwendigen Voraussetzungen, sie beichten mit nur wenig Reue und auch nur schwachem Vorsatz. Deshalb können sie nicht emporklettern. Das Seil reißt immer wieder ab, und sie gelangen niemals in die Höhe, sondern rutschen unten herum und bleiben immer auf demselben Fleck. Auch die Namen dieser wollte ich mir notieren; aber ich hatte kaum zwei oder drei aufgeschrieben da verschwanden sie vor meinen Augen. Mit ihnen verschwand der letzte Rest des Lichtes und ich blieb in einer vollständigen Finsternis zurück.

Mitten in dieser Finsternis sah ich nun ein noch traurigeres Schauspiel. Gewisse Jungen von finsterem Aussehen hatten eine große Schlange um ihren Hals geschlungen. Ihr Schwanz ging zum Herzen. Den Kopf streckte sie vor und legte ihn neben den Mund des Beklagenswerten, wie, um ihn in die Zunge zu beißen, wenn er je die Lippen öffnen würde. Die Gesichter dieser Jungen waren so abscheulich, daß ich Angst vor ihnen bekam. Ihre Augen waren verdreht, der Mund verzogen. Sie waren in einer Situation, vor der einem graute. Am ganzen Leibe zitternd, fragte ich wiederum, was das bedeuten solle. Es wurde mir geantwortet: “Siehst du das nicht? Die alte Schlange schnürt den Unglücklichen den Hals zu, damit sie in der Beichte nicht sprechen, und mit ihrem Giftrachen paßt sie auf, um sie sofort zu beißen, sobald sie den Mund öffnen. Die Armen! Wenn sie nur sprächen und eine gute Beichte ablegten! Dann vermöchte der Dämon nichts mehr gegen sie; aber aus Menschenfurcht sprechen sie nicht. Sie behalten ihre Sünden auf dem Gewissen. Sie kommen immer wieder zur Beichte, wagen aber niemals, das Gift auszuspeien, das sie in ihrem Herzen verschließen.”

Da sagte ich zu meinem Begleiter: “Gib mir die Namen all dieser, damit ich sie nicht vergesse.”

“Na, dann schreibe nur”, antwortete er mir.

“Aber dazu fehlt die Zeit”, sagte ich.

“Schreib nur!”

Ich fing an, sie aufzuschreiben; aber ich schrieb nur wenige; denn sie verschwanden alle vor meinen Augen. Mein Begleiter sagte zu mir: “Geh, sag deinen Jungen, daß sie auf der Hut seien und erzähle ihnen, was du gesehen hast.” — “Gib mir ein Zeichen”, bat ich meinen Begleiter, damit ich. erkennen kann, ob dies nur ein einfacher Traum ist oder vielmehr eine Warnung, die der Herr mir für meine Jungen geben will.”

“Gut”, sagte er, “paß auf!”

Es erschien wieder das Licht und es wurde immer heller. Auch die Jungen mit Lilien und Rosen kamen wieder. Das Licht wurde von Augenblick zu Augenblick stärker, so daß ich genau erkennen konnte, wie jene Jungen glücklich waren. Eine engelhafte Freude strahlte auf ihrem Angesicht.

Ich betrachtete sie mit unbeschreiblichem Entzücken, indes die Lichtfülle noch immer wuchs. Sie wuchs so sehr, daß sie nachher zu einer schrecklichen Detonation führte. Von dem Lärm erwachte ich und fand mich in meinem Bett. Ich war so müde, daß ich diese Müdigkeit jetzt noch spüre. —

Nun legt diesem Traum jenen Glauben bei, wie man ihn Träumen schenken kann. Was mich anbelangt, so sage ich allerdings, daß auch er viel Wahrheit zu enthalten scheint. Gestern abend und heute wollte ich Versuche damit machen. Als ich nachforschte, habe ich gefunden, daß mein Traum nicht ganz ein Traum war, und daß nur ein Akt außergewöhnlicher Barmherzigkeit des Herrn gewisse Unselige retten kann.”

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UNTER DEM SCHUTZMANTEL MARIENS  

(Lem. XIV, 605-610)

In Frankreich wurden im Jahre 1880 die religiösen Orden aufgelöst. Da befürchteten die Salesianer dort dasselbe Schicksal. Man schrieb an Don Bosco. Dieser antwortete: “Sie werden euch belästigen, beschwerlich fallen; aber das sind nur Störungen. Wenn sie euch fortjagen wollen, dann bittet um ein wenig Aufschub, damit ihr die Jungen an ihre Eltern zurückgeben könntet und unterdessen wird Gott das übrige tun.”

Am 1. November 1880 erhielten die Salesianer den Befehl, binnen 24 Stunden zu räumen, sonst würden sie mit Gewalt vertrieben. Sie hörten von weitem, wie das Dominikanerkloster mit Gewalt geräumt wurde. Don Bosco war seiner Sache wirklich sicher, das sieht man an einer sehr bedeutsamen Begebenheit.

Don Bologna, der Direktor des Hauses von Marseille, war von der bevorstehenden Ausweisung in Kenntnis gesetzt worden. Daraufhin hatte er an den Direktor von Alassio (Italien) telegraphiert, er solle für die Salesianer und für die Waisen, die keine Angehörigen mehr hatten, an die 40 Betten besorgen “Heute abend sind wir alle bei euch”, schloß das Telegramm Don Cerruti schrieb all das sogleich an Don Rua, damit diese die Nachricht Don Bosco mitteile. Don Cerruti hielt es für sicher, daß bei seiner Ankunft die Gäste in seinem Hause sein würden, und kündigte in seinem Schreiben ohne weiteres an, daß die aus Marseille vertriebenen Salesianer in Alassio angekommen seien. Don Rua eilte zu Don Bosco um ihm die aufregende Neuigkeit zu erzählen. “Was sagst du?” antwortete ihm der Heilige. “Es ist unmöglich. Sie brauchen nicht vertrieben werden. Ich habe es Don Bologna doch geschrieben.”

“Und doch schreibt uns Cerruti, daß sie schon in Alassio sind.”

“Aber nein, es ist unmöglich!”

“Entschuldigen Sie bitte, Don Bosco, der Brief sagt es ganz deutlich.”

“Aber wenn ich dir sage, daß sie nicht ausgewiesen werden müssen! . . . Gib mir den Brief.”

Er nahm den Brief, las ihn und sagte dann: “Da muß ein Versehen, ein Irrtum unterlaufen sein . . . Laß mir den Brief. Ich will an Don Bologna schreiben. Du wirst sehen, es ist, wie ich sage.”

Er zog sich darauf auf sein Zimmer zurück und schrieb an Don Bologna um Auskunft; aber obgleich Don Rua dabei blieb, daß Don Bologna sich in Alassio befände, richtete Don Bosco den Brief an die Marseiller Adresse und schickte ihn ab, ohne sich im geringsten aufzuregen.

“Dieselbe Sicherheit zeigte er Don Lemoyne gegenüber. Der war von Nizza Monferato nach Turin gekommen und konnte es nicht unterlassen zu fragen, warum er Don Bologna geschrieben hätte: “Fürchtet euch nicht. Ihr werdet Belästigungen, Scherereien, Störungen haben; aber herauswerfen werden sie euch nicht.” Weiter konnte er nicht verstehen, warum sich Don Bosco weigerte, den Versicherungen Don Ruas Glauben zu schenken. Der Heilige zeigte seinen Söhnen ein großes, väterliches Vertrauen und verhehlte ihm (Don Lemoyne) nicht, worauf sich seine Sicherheit stützte. Er deutete es ihm schon einmal ganz kurz an. Vollständig erklärte er sich indessen in San Benigno am Abend des 1. Dezember. Er war dort seit einigen Tagen mit dem Oberkapitel beisammen, um letzte Hand an die Entschlüsse zu legen, die im Generalkapitel gefaßt worden waren ...

An jenem Abend kündigte er den Konferenzteilnehmern lächelnd an, daß er einen Traum erzählen wolle, und er erzählte ihn, wie folgt:

“Pius IX. sagte mir schon seit 1858, als ich das erstemal in Rom war, und später auch noch bei anderen Gelegenheiten, ich sollte all das erzählen oder aufschreiben, was auch nur von weitem übernatürlich aussähe. Deswegen schreibe ich manche Dinge auf, andere erzähle ich; aber ich bin damit zufrieden, daß man sie weiß; denn sie gereichen allemal zur größeren Ehre Gottes und zum Heil der Seelen.

Diesen Traum hatte ich um das Fest Mariä Geburt (1880). Aber ich habe ihn nicht eher erzählt, weil ich ihm keine Bedeutung beilegte und erst ein wenig abwarten wollte. Aber ob ich will oder nicht, die Sache gewinnt an Bedeutung und deswegen erzähle ich euch den Traum.

Es war, als man in Frankreich sehr für die religiösen Genossenschaften zu fürchten begann. Die Jesuiten waren schon vertrieben und man glaubte so weit zu sein, daß auch alle anderen verjagt würden. Ich fürchtete um unsere Häuser in Frankreich, da habe ich gebetet und ließ beten. Und siehe, ich befand mich eines Nachts im Traum vor der Allerseligsten Jungfrau. Sie stand hoch, genau, wie die Maria‑Hilfe‑der-Christen‑Statue auf der Kuppel. Sie trug einen Mantel, der sich weit um sie herum ausbreitete und darunter sah ich alle unsere Häuser in Frankreich. Die Madonna sah lächelnd auf die einzelnen Häuser herab. Plötzlich brach ein solches Gewitter los, besser ein Erdbeben mit Blitzen, Hagel und schrecklichen Tieren ringsum, daß alle von großer Furcht erfüllt wurden.

Alle diese Bestien, Blitze und Geschosse richteten sich gegen unsere Häuser, die unter dem Mantel Mariens waren. Aber nichts schadete jenen, die sich unter dem Mantel einer solch mächtigen Schutzherrin befanden. Alle Pfeile prallten daran ab und fielen ins Leere. Die Allerseligste Jungfrau stand in einem Meer von Licht, ihr Antlitz strahlte und mit himmlischem Lächeln sagte sie unterdessen viele Male: ‚Ego diligentes me diligo — ich liebe, die mich lieben.' Nach und nach legte sich der Sturm und wir hatten keine Opfer dieses Gewitters, Erdbebens oder Unwetters zu beklagen.

Ich wollte nicht viel Aufhebens um diesen Traum machen; aber von da an schrieb ich allen Häusern in Frankreich, sie sollten unbesorgt bleiben. Man fragte mich: “Wie kommt es, daß alle so erregt sind und nur Sie sind ruhig inmitten dieser Umwälzungen und Gefahren?” Ich antwortete nur, sie sollten auf den Schutz der Allerseligsten Jungfrau vertrauen; aber man legte dem keine Bedeutung bei. Ich schrieb an Abbè Gujol, dem Pfarrer von St. Josef, er solle sich keine Sorgen machen, die Sachen würden gut ausgehen. Aber er antwortete, wie einer, der nicht versteht. Und wirklich, wenn man die Angelegenheit nun betrachtet, da der Sturm fast vorüber ist, erkennt man, daß das Ganze tatsächlich etwas Außergewöhnliches an sich hat. Wenn man alle französischen Kongregationen, die schon lange Gutes in Frankreich wirkten, ausgewiesen sieht und dann unsere fremde Kongregation betrachtet, die von den Almosen der Franzosen lebt , mit der Presse, die laut gegen die Regierung hetzt, weil sie uns nicht wegschickt, — und wir bleiben friedlich da. Das ist eine Ermutigung für uns, unser Vertrauen immer wieder auf die liebe Jungfrau Maria zu setzen. Wir wollen jedoch nicht stolz werden; denn es würde ein Akt von Ruhmsucht genügen, daß die Madonna nicht mehr zufrieden wäre mit uns und zuließe, daß die Schlechten siegen.”

Don Rua entgegnete: “Aber andere Kongregationen werden die Madonna auch sehr verehrt haben. Wie kommt es, daß . . ?”

Don Bosco: “Die Madonna tut, was sie will. Im übrigen begannen unsere Dinge in dieser außerordentlichen Weise schon, als ich noch nicht ganz zehn Jahre alt war. Es kam mir vor, ich sähe in der Tenne des Hauses viele, viele Jungen. Da sagte mir jemand. “Warum unterrichtest du sie nicht?” — “Weil ich es nicht kann.” — “Geh nur, geh nur, ich schicke dich.” Danach war ich so zufrieden, daß sie alle es merkten.” —

Geschichtlich gesprochen nahmen die Dinge auf sehr einfache Weise ihren Verlauf. Der Kommissär, der mit der Ausführung des Dekretes beauftragt war, hatte bis 10 Uhr abends zu kämpfen, um in dem Dominikanerkloster in der Monteaux-Straße die Türen einzuschlagen und die Barrikaden niederzulegen, so daß ihn die späte Abendstunde hinderte, San Leone in Marseille anzugreifen. Das war das letzte Kloster, das noch geschlossen werden mußte. Da kam in der Nacht ein Befehl des Ministeriums, der Präfekt habe die Ausführung einzustellen, denn Motive der Ministerial‑Politik rieten zu einer Mäßigung.”

Don Bosco überließ seine Verteidigung aber nicht der göttlichen Vorsehung allein, sondern er tat selbst alles menschenmögliche dazu. Er schrieb dem italienischen Konsul in Marseille. Gegen die Zeitungsanklagen wurde ein Rechtfertigungsschreiben aufgesetzt, so daß die Poli­zei‑Präfekten die Hetzartikel verboten. Mari­a‑Hilf‑Schwe­stern schickte er in weltlicher Kleidung nach Mar­seille. Er bat den italienischen Mi­ni­ster­prä­si­denten und Außenminister um Hilfe. Da bekam er sogar Zuschüsse für das Haus in Marseille und die mit ihm verbundenen Anstalten. Und schließlich schrieb der italienische Konsul von Marseille, die Gefahr schiene vorüber zu sein, und man beginne das Oratorium von St. Leo als eine Einrichtung von hohem moralischem und sozialem Nutzen zu schätzen.

Don Bosco spornte seine Marsiglianer zur Dankbarkeit und zum Vertrauen auf die göttliche Vorsehung an.

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LUDWIG FLORIN ANTON COLLE

(Lem. XV, 80-92)

Ludwig Florin Anton Colle war der einzige Sohn sehr reicher und angesehener Eltern in Toulon. Der Vater war Rechtsanwalt. Als er 17 Jahre alt war, wurde er sterbenskrank. Don Bosco, der sich gerade auf einer Reise durch Frankreich befand, kam nahe an Toulon vorbei und wurde zu dem Kranken gerufen. Er besuchte ihn und bereitete ihn auf den Tod vor; denn er sah, daß dieser heiligmäßige Junge reif war für den Himmel. Ludwig starb am 3. April 1881 und Don Bosco sah ihn hinterher oftmals in kurzen oder längeren Visionen. Es handelt sich hier also nicht um einen längeren, zusammenhängenden “Traum”. Don Bosco teilte den Eltern das Geschaute mit, was diese in ihrer Trauer um den Verlust ihres Sohnes sehr tröstete. Auch durch die Erscheinungen Colles wurden Don Bosco wertvolle Erkenntnisse und Einsichten vermittelt.

Zum ersten Male sah Don Bosco eine Erscheinung Colles an dessen Todestag. Am 3. April kam ihm, wie er sagte, beim Beichthören eine Zerstreuung. Er sah Ludwig in einem Garten, wo er sich mit einigen Kameraden erfreute und glücklich zu sein schien. Diese Vision dauerte nur einen Augenblick. Ludwig sprach nicht. Doch war dann Don Bosco durch das Gesehene überzeugt, daß Ludwig schon im Himmel sei. Immerhin betete er weiter für ihn und bat Gott, ihn noch Weiteres erkennen zu lassen, damit er Ludwigs Eltern trösten könne. (Lem. XV, 80).

“Es war am 27. Mai, am Morgen des Himmelfahrtstages. Don Bosco zelebrierte in der Maria‑Hilf‑Kirche und brachte das heilige Opfer nach der Intention der Eltern Ludwigs dar, die seiner Messe beiwohnten. Da sah er Ludwig im Augenblick der heiligen Wandlung in einem Meer von Licht. Der Verstorbene sah sehr schön aus, war sehr fröhlich und hatte gesunde, rote Pausbacken. Er trug weiße und rosarote Kleidung, die auf der Brust mit goldener Stickerei verziert war. Don Bosco fragte ihn. “Warum kommst du, lieber Ludwig?”

Dieser antwortete: “Es ist nicht notwendig, daß ich komme. So, wie ich bin, habe ich nicht nötig zu gehen.”

“Lieber Ludwig, bist du glücklich?”

“Ich bin überaus glücklich.”

“Fehlt dir gar nichts?”

“Mir fehlt nur die Gesellschaft von Vater und Mutter.”

“Warum läßt du dich nicht von ihnen sehen?”

“Das würde ihnen zu großen Kummer bereiten.”

Nach diesen Worten verschwand er. Aber bei den letzten Gebeten ließ er sich wieder sehen und danach noch einmal in der Sakristei. Diesmal war er von einigen Jungen des Oratoriums begleitet, die während der Abwesenheit Don Boscos gestorben waren. Das war ein großer Trost für Don Bosco.

“Luigi”, fragte Don Bosco, “was soll ich deinen Eltern erzählen, um ihre Trauer zu mildern?”

“Sie sollen dem Lichte nachgehen und sich Freunde im Himmel verschaffen.”

Dies erzählte Don Bosco Ludwigs Eltern, als diese nach Turin kamen. (Lem. XV, 80‑81)

Kurze Zeit darauf sah ihn Don Bosco abermals. Er schrieb darüber am 3. Juli 1881 an Ludwigs Mutter: “Letzthin, am 21. Juni, sah ich ihn bei der heiligen Messe kurz vor der heiligen Wandlung. Sein Gesicht war wie immer, wunderschön, rosig angehaucht und leuchtete wie die Sonne. Sofort fragte ich ihn, ob er uns etwas zu sagen habe. Er antwortete ganz einfach: “ Der heilige Aloysius hat mich sehr beschützt und mir viel Gutes getan.” Ich wiederholte noch einmal meine Frage: “Sollen wir irgendetwas tun?” Er gab dieselbe Antwort und verschwand.” (Lem. XV, 81).

Später hatte Don Bosco abermals eine Erscheinung und schrieb darüber an Frau Colle am 30. August. “Während der Oktav von Maria Himmelfahrt und mehr noch am 25. dieses Monats habe ich für unseren lieben Ludwig gebetet und beten lassen. Gerade am 25., während der Konsekration der heiligen Hostie, hatte ich die große Freude, ihn zu sehen. Er trug sehr kostbare Kleider und war anscheinend in einem Garten, in dem er mit einigen Gefährten spazierenging. Sie sangen gemeinsam: “Jesu corona Virginum — Jesus, du Krone der Jungfräulichen”; aber in einem solchen Zusammenklang der Stimmen, daß man dies weder beschreiben noch ausdrücken kann. Mitten unter ihnen stand etwas, wie ein hoher PavilIon oder ein Zelt. Ich wollte weiter sehen und die wunderbare Harmonie hören; aber ein sehr helles Licht, wie ein Blitz, zwang mich, die Augen zu schließen. Dann fand ich mich am Altar bei der heiligen Messe.

Ludwigs Anblick war sehr schön. Er schien sehr glücklich oder besser, voller Glück zu sein. In jener heiligen Messe wollte ich für Sie beten, damit Gott uns die ganz große Gnade gewähre, daß wir einmal vereint im Himmel sein werden.”

Wie Don Bosco später in Toulon erzählte, ist dieser Brief in San Benigno geschrieben worden, wo Don Bosco Ludwig wiedersah.

Eines Tages war Don Bosco in seinem Zimmer mit der Vorbereitung seiner Predigt beschäftigt. Da kam es ihm so vor, als hätte er jemanden neben sich. Da wandte er sich zur Seite, aber in dem Moment ging die Person auf die andere Seite. Das war die Sache eines Augenblicks. Als sich Don Bosco nun fragte, was das sein könne, hörte er: “Kennen Sie mich nicht?” — “Oh, Ludwig!” rief er aus. Wie kommst du nur nach San Benigno?”

“Für mich ist es nicht leichter in San Benigno zu sein als in Falède (Landhaus der Familie Colle) oder in Turin oder wo ich sonst sein will.”

“Warum läßt du dich nicht von deinen Eltern sehen, die dich sehr lieben?”

“Ja, ich weiß, daß sie mich lieben; aber um mich zu sehen, braucht es die Erlaubnis Gottes. Wenn ich zu ihnen spräche, hätten meine Worte nicht dieselbe Wirkung. Sie müssen durch Sie hindurchgehen.” (Lem. XV, 82).

Auch im Jahre 1882 ist in den Briefen Don Boscos zweimal die Rede von Erscheinungen Ludwigs. Einmal sah ihn Don Bosco in einem Garten spielen, wo er auch Blumen pflückte, die er in einen großen Saal trug und auf eine prächtige Tafel stellte. Dabei sagte er zu Don Bosco: “Ich soll diese Blumen pflücken und daraus eine Krone für meinen Vater und meine Mutter machen, die sich sehr um meine Seligkeit bemüht haben.”

Am 30. April sah Don Bosco den Verstorbenen in Rom. Er stand in der Sakristei der Kapelle, nahe bei der Herz‑Jesu-Kirche. Da sah er Ludwig, der Wasser aus einem Brunnen schöpfte. “Warum”, fragte Don Bosco, “ziehst du soviel Wasser herauf?”

“Ich schöpfe für mich und meine Eltern.”

“Warum denn in solcher Menge?”

“Verstehen Sie das nicht? Sehen Sie nicht, daß es das Heiligste Herz unseres Herrn Jesu Christi ist? Je mehr Schätze und Gnaden und Barmherzigkeit daraus hervorkommen, desto mehr bleiben darin zurück.”

Im März 1883 sagte Don Bosco über Colle bei einem Besuch in Toulon (5. – 14. März): “Wenn ich über diese Erscheinungen nachdenke und ihren Charakter untersuche, komme ich zu der Überzeugung, daß es sich weder um Täuschung noch um Einbildung handelt, sondern daß sie Wirklichkeit sind . . .

In bezug auf die Häufigkeit solcher Visionen kenne ich die verborgene Absicht der göttlichen Vorsehung nicht. Ich erkenne vor allem, daß Ludwig kommt, um mich zu unterrichten. Er lehrt mich so viele Dinge aus der Wissenschaft und Theologie, die mir gänzlich unbekannt waren.”

Ein anderes Mal war Don Bosco in Hyères zu einem großen Mittagessen eingeladen. Da sah er sich plötzlich nicht mehr bei Tisch, sondern in einer Art von weitem Gang. Ludwig kam ihm da entgegen und sagte ihm: “Sehen Sie, welcher Luxus bei diesem Festessen, welch köstliche Speisen! Es ist zuviel! So viele Leute sterben vor Hunger! Zu viele Ausgaben! Man muß diesen gewaltigen Überfluß des Mahles bekämpfen.” Unterdessen richteten die Leute das Wort an Don Bosco. Sie glaubten, er sei zerstreut und riefen: “Don Bosco! Don Bosco!” (Lem. XV, 85).

Einmal hat sich zwischen Don Bosco und Ludwig folgendes seltsame Zwiegespräch entwickelt: “Lieber Ludwig, bist du glücklich?”

“Sehr glücklich.”

“Bist du tot oder lebendig?”

“Ich lebe.”

“Du bist aber doch gestorben!”

“Mein Leib ist begraben, aber ich lebe.”

“Ist das denn nicht dein Leib, was ich sehe?”

“Es ist nicht mein Leib.”

“Ist es dein Geist?”

“Nein, mein Geist ist es auch nicht.”

“Ist es deine Seele?”

“Es ist auch nicht meine Seele.”

“Was ist denn das, was ich sehe?”

“Es ist mein Schatten.”

“Aber, wie kann denn ein Schatten sprechen?”

“Dank der Erlaubnis Gottes.”

“Und wo befindet sich deine Seele?”

“Meine Seele ist bei Gott, sie ist in Gott und diese können Sie nicht sehen.”

“Und du, wie siehst du uns?”

“In Gott sieht man alle Dinge, das Vergangene, das Gegenwärtige und das Zukünftige sieht man dort wie in einem Spiegel.”

“Was tust du im Himmel?”

“Im Himmel sage ich immer: Ehre sei Gott! Dort wird Gott Dank dargebracht. Dank dem, der uns erschaffen hat, dem, der Herr über Leben und Tod ist, dem, durch den alles seinen Anfang genommen hat. Dank! Lob! Alleluja, Alleluja.”

“Und die Eltern? Was sagst du mir für sie?”

“Ich bete andauernd für sie und so belohne ich sie. Ich erwarte sie hier im Paradiese.” (Lemoyne XV, 85 und 86).

“Am Sonntag Laetare, den 4. März 1883, — es war auf der Fahrt von Cannes nach Toulon — begleitete Ludwig ihn im Zuge von der ersten bis zur letzten Station, von 4 — 7 Uhr nachmittags. Er sprach in Latein zu ihm und pries die Größe der Werke Gottes.

Unter anderem lenkte er seine Aufmerksamkeit auf die Nebelflecken (Spiralnebel) und vermittelte Don Bosco astronomische Kenntnisse, die diesem völlig neu waren. Er sagte, wenn man mit dem Zuge direkt von der Erde zur Sonne führe, bräuchte man nicht weniger als 360 Jahre. Wenn man dann zum anderen Ende der Sonne gelangen wollte, sei eine ebenso große Entfernung zu überwinden. Das würde 700 Jahre ausmachen. Jeder Nebelfleck ist 50 millionenmal größer als die Sonne, und sein Licht braucht, um auf Erden anzukommen, 10 Millionen Jahre. Das Licht der Sonne legt in der Sekunde 350 000 km zurück.

An dieser Stelle rief Don Bosco, der sah, daß Ludwig mit ähnlichen astronomischen Berechnungen fortfuhr: “Genug, genug! Mein Geist kann dir nicht mehr folgen. Mich überfällt eine derartige Müdigkeit, daß ich ihr nicht mehr widerstehen kann.”

“Und doch ist das nur der Anfang der Größe der Werke Gottes.”

“Wie geht das zu, daß du im Himmel bist und auch hier?”

“Schneller als das Licht, mit der Geschwindigkeit eines Gedankens komme ich hierher, in das Haus meiner Eltern und anderswohin.” (Lem. XV, 87).

Einige Tage später erschien Ludwig Don Bosco in Hyères bei der heiligen Messe. “Was gibt es zu tun, Ludwig?” fragte ihn Don Bosco. Ludwig wies auf eine Gegend in Südamerika hin, wohin Missionare geschickt werden müßten. Und er zeigte Don Bosco die Quellen des Chubut in den Kordilleren.

“Nun laß mich Messe lesen”, sagte Don Bosco. Du störst mich.”

“Es ist notwendig”, begann Ludwig wieder, “daß die Kinder oft zur heiligen Kommunion gehen. Man führe sie früh zur heiligen Kommunion. Gott will, daß sie sich von der hl. Eucharistie nähren.”

“Aber wie soll man sie kommunizieren lassen, wenn sie noch zu klein sind?”

“Wenn sie 4 — 5 Jahre alt sind, zeige man ihnen die heilige Hostie, und sie mögen sie ansehen und dabei zu Jesus beten. Das wird eine Vereinigung (Kommunion) sein. Die Kinder müssen von drei Dingen wohl durchdrungen sein: Von der Liebe zu Gott, von der häufigen hl. Kommunion und von der Liebe zum Heiligsten Herzen Jesu. Aber die Liebe zum Heiligsten Herzen Jesu schließt die anderen beiden ein.” (Lem. XV, 87‑88).

In einer vorher endenden Vision hatte Ludwig ihm einen Brunnen gezeigt inmitten des Meeres. Dabei sagte er: “Sehen Sie diesen Brunnen? Die Wasser des Meeres treten beständig in ihn ein und das Meer wird doch niemals weniger. So ist es mit den Gnaden, die im Heiligsten Herzen Jesu enthalten sind. Es ist leicht, sie zu erlangen. Man braucht nur zu beten.”

In der Nacht zum 30. August 1883 zeigte Ludwig in einem großen Traum Don Bosco das geistliche Erbe, das den Salesianern in Amerika bevorstehe und vorbehalten sei, den Schweiß und das Blut, mit denen sie es fruchtbar machen würden und das zukünftige materielle Aufblühen jener Landstriche.”

Von diesem Traum erbat Don Bosco am 15. Oktober 1883 eine Abschrift von Don Lemoyne, dem Berichterstatter, um sie nach Toulon zu schicken.

In einem zweiten Traum in der Nacht zum 1. Februar 1885 sah Don Bosco die Zukunft seiner Missionare. Er kam so auch von Amerika nach Afrika und China. Ludwig war sein Führer bei dieser Reise. Don Bosco erwähnt diesen Traum in einem Brief vom 10. August 1885 an Herrn Colle.

Die letzte Erscheinung, die uns zur Kenntnis gekommen ist, war in der Nacht vom 10. März 1885. Der Heilige drängte Ludwig, ihm irgendetwas zu sagen. Ludwig antwortete: “In der Sakristei der Kathedrale von Toulon beteten Sie, daß ich gesund würde.”

“Ja, ich bat dringend um deine Heilung.”

“Nun wohl, es war besser, daß ich nicht wieder gesund wurde.”

“Wieso? Du hättest gute Werke getan, deinen Eltern viele Freude bereitet, du hättest viel getan, um Gott zu verherrlichen. Gott ...”

“Sind Sie dessen ganz sicher? Sie taten selbst den Ausspruch, der bitter für mich und auch bitter für meine Eltern war (was Don Bosco wörtlich gesagt hat, ist nicht angeführt!); aber dennoch war es zu meinem Besten. Als Sie meine Genesung verlangten, sagte die Allerseligste Jungfrau zu unserem Herrn Jesus Christus: “Jetzt ist er mein Sohn; ich will ihn nehmen, da er mein ist.”

“Wann müssen wir uns bereit machen, um in den Himmel zu kommen?”

“Es nähert sich der Zeitpunkt, in dem ich Ihnen den gewünschten Aufschluß geben werde.”

Don Bosco erzählte diese Dinge dem gräflichen Paar auf dem Balkon an seinem Zimmer am 9. Juni 1885. Zum Schluß sagte er: “Die Schönheit und Pracht, mit der die Person unseres lieben Ludwig bekleidet war, ist unbeschreiblich. Allein für das Diadem auf seiner Stirne hätte man nicht Tage oder Monate, sondern Jahre gebraucht, um es zu beobachten, solch reiche Abwechslung bot es dem Blick. Es wurde immer herrlicher und weiter, je länger man es betrachtete.”

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DIE SALESIANISCHE GESELLSCHAFT

(Lem. XV, 183-187)

Im September 1881 hatte Don Bosco einen seiner bedeutendsten Träume, der die Salesianische Gesellschaft betraf. Der Heilige war selber davon so tief beeindruckt, daß er sich nicht damit zufrieden gab, ihn nur zu erzählen, sondern er legte ihn auch schriftlich nieder. Er schrieb:

“Am 10. September dieses Jahres (1881), am Tage, den die heilige Kirche dem glorreichen Namen Mariens gewidmet hat, hielten die Salesianer in San Benigno Canavese ihre Exerzitien.

In der Nacht vom 10. zum 11. befand sich mein Geist, während ich schlief, in einem großen prächtigen Saal. Es war mir, als ginge ich mit den Direktoren unserer Häuser auf und ab. Da erschien unter uns ein Mann von so majestätischem Aussehen, daß wir seinen Anblick nicht ertragen konnten. Er sah uns an, sagte aber kein Wort. Dann näherte er sich uns bis auf wenige Schritte. Er war folgendermaßen gekleidet: Ein reicher Mantel verhüllte in Art eines Umhanges seine Person. Am Hals hatte er eine Krageneinfassung, die man vorn zubinden konnte, und ein Band hing ihm auf der Brust herab. Am Kragen stand in leuchtenden Buchstaben geschrieben: “Pia Salesianorum Societas anno 1881 — Die Fromme Gesellschaft der Salesianer im Jahre 1881” und das Band trug die Aufschrift: “Qualis esse debet — wie sie sein soll.”

Zehn große Diamanten von außerordentlichem Glanz machten es uns sehr schwer, unseren Blick auf jene hoheitsvolle Person zu richten. Drei dieser Diamanten befanden sich auf seiner Brust. Auf einem stand geschrieben: “Fides — Glaube”, auf dem anderen: “Spes — Hoffnung”, und auf dem dritten, der über dem Herzen hing, stand das Wort: “Caritas — Liebe” geschrieben. Ein Diamant, der auf der rechten Schulter des Mannes war, trug die Aufschrift: “Labor — Arbeit”. Auf dem fünften Diamanten seiner linken Schulter las man: “Temperantia — Mäßigkeit”. Die übrigen fünf Diamanten schmückten die Rückseite des Mantels und waren folgendermaßen angeordnet: Ein größerer Diamant mit besonders starkem Glanz befand sich als Mittelpunkt in einem Viereck und trug die Aufschrift: “Obedientia — Gehorsam”. Auf dem ersten Diamanten rechts las man: “Votum Paupertatis — Das Gelübde der Armut”. Auf dem zweiten weiter unten: “Praemium — Belohnung”. Auf dem oberen der linken Seite stand geschrieben: “Votum Castitatis — Das Gelübde der Keuschheit”. Dieser Diamant strahlte besonders schön, und wenn man ihn ansah, zog er den Blick auf sich, wie der Magnet das Eisen anzieht. Auf dem zweiten links, weiter unten, stand das Wort: “Jejunium — Fasten”. Diese vier warfen alle ihre Strahlen auf den mittleren Diamanten zurück. Aus diesem Brillanten kamen Lichtstrahlen hervor, die sich wie kleine Flammen emporhoben und hier und dort verschiedene Sätze in Leuchtschrift erstrahlen ließen. Über den Strahlen des Glaubens standen die Worte: “Sumite scutum Fidei, ut adversus insidias diaboli certare possitis — Ergreifet den Schild des Glaubens, damit ihr gegen die Nachstellungen des Teufels kämpfen könnt.” Ein anderer Strahl trug die Inschrift: “Fides sine operibus mortua est. Non auditores, sed factores legis regnum Dei possidebunt — Der Glaube ohne Werke ist tot. Nicht diejenigen werden das Reich Gottes besitzen, die das Gesetz hören, sondern die es in die Tat umsetzen.”

Auf den Strahlen der Hoffnung stand geschrieben: “Sperate in Domino, non in hominibus. Semper vestra fixa sint corda, ubi vera sunt gaudia — Bauet auf den Herrn und nicht auf Menschen. Eure Herzen mögen immer auf die wahren Freuden hin gerichtet sein.”

Auf den Strahlen der Liebe stand: “Alter alterius onera portate, si vultis adimplere legem meam. Diligite et diligemini. Sed diligite animas vestras et vestrorum. Devote divinum officium persolvatur; missa attente celebretur; Sanctum Sanctorum permanenter visitetur — Einer trage des anderen Last, wenn ihr mein Gesetz erfüllen wollt. Liebet und ihr werdet geliebt werden. Liebet besonders eure Seelen und auch die Seelen eurer Angehörigen. Der Gottesdienst möge andächtig verrichtet werden; die heilige Messe soll aufmerksam gelesen werden; das Allerheiligste möge man oft besuchen.”

Auf dem Wort der Arbeit konnte man lesen: “Remedium concupiscentiae, arma potens contra omnes insidias diaboli — Ein Mittel gegen die Begierlichkeit, eine mächtige Waffe gegen alle Nachstellungen des Teufels.”

Auf dem der Mäßigkeit stand: “Si lignum tollis, ignis extinguitur. Pactum constitue cum oculis tuis, cum gula, cum somno, ne huiusmodi inimici depraedentur animas vestras. Intemperantia et castitas non possunt simul cohabitare — Nimmt man das Holz weg, so erlischt das Feuer. Hüte deine Augen, mäßige die Genußsucht und den Schlaf, damit diese Feinde nicht eure Seelen rauben. Unmäßigkeit und Reinheit können nicht zusammen wohnen.”

Auf den Strahlen des Gehorsams war geschrieben: “Totius aedificii fundamentum et sanctitatis compendium — Der Grundstein des ganzen Gebäudes und der Schirm der Heiligkeit.”

Auf den Strahlen der Armut konnte man lesen: “Ipsorum est Regnum coelorum. Divitiae spinae. Paupertas non verbis, sed opere et corde conficitur. Ipsa coeli ianuam aperiet et introibit — Ihrer ist das Himmelreich. Reichtümer sind wie Dornen. Die Armut wird nicht durch Worte, sondern durch die Tat und die Gesinnung bewirkt. Sie öffnet die Pforte des Himmels.”

Auf den Strahlen der Keuschheit stand geschrieben: “Omnes virtutes veniunt pariter cum illa. Qui mundo sunt corde, Dei arcana vident, et Deum ipsum videbunt — Mit ihr kommen gleichzeitig alle anderen Tugenden. Die reinen Herzens sind, werden Gottes Geheimnisse erkennen und Gott selbst sehen.”

Auf den Strahlen des Lohnes stand: “Si delectat magnitudo praemiorum, non deterreat multitudo laborum. Qui mecum patitur, mecum gaudebit. Momentaneum est quod patimur in terra, aeternum est, quod delectabit in coelo amicos meos — Wer sich einer großen Belohnung erfreuen will, der schrecke vor zahlreichen Mühen nicht zurück. Wer mit mir leidet, der wird sich auch mit mir freuen. Unsere Leiden auf Erden sind nur vorübergehend, jedoch die Freuden, die meine Freunde im Himmel genießen werden, währen ewiglich.”

Die Strahlen des Fastens enthielten die Worte: “Arma potentissima adversus insidias inimici. Omnium virtutum Custos. Omne genus daemoniorum per ipsum eiicitur — Eine überaus mächtige Waffe gegen die Nachstellungen des Feindes. Sie ist die Wächterin aller Tugenden. Jede Art von Teufeln wird durch sie ausgetrieben.”

Der Mantel war unten mit einem breiten Band als Saum besetzt. Darauf stand geschrieben: “Argumentum praedicationis. Mane, meridie et vespere. Colligite fragmenta virtutum et magnurn sanctitatis aedificium vobis constituetis. Vae vobis qui modica spernitis, paulatim decidetis — Predigtthema, morgens, mittags und abends. Übet die Tugenden auch in kleinen Dingen, und ihr werdet ein großes Gebäude der Heiligkeit errichten. Wehe euch, wenn ihr Kleines vernachlässigt, denn dann werdet ihr langsam in Größeres fallen.”

Bis jetzt standen einige der Direktoren, andere knieten aber alle waren höchst erstaunt und keiner von ihnen hatte ein Wort gesagt. In diesem Augenblick aber rief Don Rua ganz außer sich: “Man muß all das aufschreiben, damit es nicht vergessen wird.” Er suchte nach einer Feder, fand aber keine. Dann zog er seine Brieftasche hervor, suchte auch darin und fand jedoch auch keinen Bleistift. Da sagte Don Durando: “Ich werde es mir merken.” Und Don Fagnano fügte hinzu: “Ich will es aufschreiben”, und er begann tatsächlich mit dem Stiel einer Rose zu schreiben. Alle schauten die Schrift an und sie konnten sie auch lesen. Als Don Fagnano zu schreiben aufgehört hatte, diktierte Don Costamagna weiter: “Die Liebe versteht alles, erträgt alles, überwindet alles. Predigen wir sie in Wort und in der Tat.”

Während Don Fagnano schrieb, erlosch das Licht und wir befanden uns alle in dichter Finsternis. “Ruhe”, rief da Don Ghivarello, “laßt uns niederknien und beten! Dann wird das Licht wiederkommen.” Don Lasagna begann das ‚VeniCreator' und das ‚De Profundis' und ‚Maria Auxilium Christianorum' zu beten und wir alle antworteten. Als wir sagten: “Ora pro nobis — bitte für uns”, erschien das Licht wieder. Es beleuchtete ein Plakat, auf dem zu lesen stand: “Pia Salesianorum Societas qualis esse periclitatur anno salutis 1900 — Die Gefahren, von denen die Salesianische Gesellschaft im Jahre 1900 gefährdet wird.” Einen Augenblick später wurde das Licht etwas stärker, so daß wir uns gegenseitig wieder sehen und erkennen konnten. In diesem Lichtschimmer erschien von neuem die Persönlichkeit, die wir anfangs gesehen hatten. Sie sah aber sehr traurig aus, gleichsam als ob ihr das Weinen sehr nahe stände. Ihr Mantel war verschossen und von Motten zerfressen und zerrissen. An den Stellen, auf denen die Diamanten gesessen hatten, waren jetzt verdorbene Stellen, die von Motten und anderen Insekten zerfressen waren.

Da sagte er uns: “Respicite et intelligite! — Schauet und erkennet!” Ich sah, daß die zehn Diamanten zu ebenso vielen Würmern geworden waren und diese nagten gierig am Mantel. Auch die Inschriften hatten sich geändert. An Stelle des Diamanten des Glaubens stand jetzt: “Somnus et accidia — Schlaf und Schwäche”.

An Stelle der Hoffnung: “Risus et scurrilitas — Gelächter und Possenreißerei”.

An Stelle der Liebe: “Negligentia in divinis perficiendis — Nachlässigkeit in den kirchlichen Funktionen”. “Amant et quaerunt quae sua sunt, non quae Jesu Christi — Sie lieben und suchen ihre eigenen Anliegen und nicht die des Heilandes.” An Stelle der Mäßigkeit: “Gula, et quorum Deus venter est — Genußsucht, ihr Gott ist ihr Bauch.”

An Stelle der Arbeit: “Somnus, Curtum, et otiositas — Schlaf, Diebstahl und Nachlässigkeit.”

An Stelle des Gehorsams war nichts anderes als eine weite, sehr schadhafte Stelle ohne Inschrift.

An Stelle der Keuschheit: “Concupiscentia oculorum et superbia vitae — Begierlichkeit der Augen und Lebensstolz.” Die Armut war ersetzt durch: “Lectus, habitus, potus et pecunia — Ruhestätte, Kleidung, Getränke und Geld.”

An Stelle der Belohnung: “Pars nostra erunt quae sunt super terram — Unser Anteil sind die Dinge dieser Erde.”

An Stelle des Fastens war eine schadhafte Stelle ohne jegliche Aufschrift.

Bei jenem Anblick waren wir alle sehr erschrocken. Don Lasagna fiel in Ohnmacht, Don Cagliero wurde bleich wie ein Hemd, er lehnte sich an einen Stuhl und rief aus. “Was, kann es schon so weit gekommen sein?” Don Lazzero und Don Guidazio waren außer sich; sie faßten sich bei der Hand, um nicht umzusinken. Don Francesia, Graf Cays, Don Barberis und Don Leveratto sanken in die Knie und beteten den Rosenkranz.

Da ließ sich eine tiefe Stimme hören: “Quomodo mutatus est color optimus! — Wie sehr sich der wunderschöne Anblick geändert hat!”

In der Dunkelheit hatten wir aber eine einzigartige Erscheinung. Plötzlich umgab uns tiefe Finsternis und aus der Dunkelheit heraus erschien auf einmal ein sehr helles Licht in der Form einer menschlichen Gestalt. Zwar konnten wir unseren Blick nicht auf die strahlende Erscheinung gerichtet halten; aber soviel konnten wir doch feststellen, daß es ein anmutiger Jüngling war, angetan mit einem weißen, mit Gold‑ und Silberfäden verarbeiteten Gewand. Rings um den Saum herum lief ein Streifen mit blitzenden Diamanten. Hoheitsvoll, aber auch liebreich und freundlich kam er einige Schritte auf uns zu und sagte wörtlich folgendes: “Servi et instrumenta Dei Omnipotentis, attendite et intelligite. Confortamini et estote robusti. Quod vidistis et audistis, est coelestis admonitio, quae nunc vobis et fratribus vestris facta est; animadvertite et intelligite sermonem. Iacula praevisa minus feriunt, et praeveniri possunt. Quot sunt verba signata, tot sint argumenta praedicationis. Indesinenter praedicate opportune et importune. Sed quae praedicatis, constanter facite, adeo ut opera vestra sint velut lux, quae sicuti tuta traditio ad fratres et filios vestros pertranseat de generatione in generationem. Attendite et intelligite. Estote oculati in tironibus acceptandis, fortes in colendis, prudentes in admittendis. Omnes probate, sed tantum quod bonum est tenete. Leves et mobiles dimittite. Attendite et intelligente. Meditatio matutina et vespertina sit indesinenter de observantia constitutionum. Si id feceritis, numquam vobis deficiet Omnipotentis auxilium. Spectaculum facti eritis mundo et Angelis, et tunc gloria vestra erit gloria Dei. Qui videbunt saeculum hoc exiens et alterum incipiens, ipsi dicent de vobis: A Domino factum est istud et est mirabile in oculis nostris. Tunc omnes fratres vestri et filii vestri una voce cantabunt: Non nobis, Domine, non nobis, sed Nomini tuo da gloriam — Diener und Werkzeuge des allmächtigen Gottes, höret und verstehet! Seid stark und tapfer. Was ihr gesehen und gehört habt, ist eine Mahnung des Himmels, die man jetzt an euch und an eure Brüder ergehen ließ. Seid aufmerksam und gebet gut acht auf das, was man euch verkündet. Die vorausgesehenen Schläge verursachen nur geringere Wunden und man kann ihnen auch vorbeugen. Die angegebenen Worte seien ebenso viele Predigtthemen. Predigt immer, in und außer der Zeit. Aber handelt auch immer nach euren Worten, so daß eure Taten wie eine Leuchte seien, die als sichere Tradition Strahlen aussende auf eure Brüder und Söhne von Geschlecht zu Geschlecht. Höret wohl und seid aufmerksam. Gebt gut Obacht bei der Aufnahme von Novizen, seid eifrig und stark in ihrer Pflege und klug bei ihrer Zulassung. Prüfet alle, aber behaltet nur was gut ist. Entlasset die Leichtfertigen und Unbeständigen. Höret und verstehet. Die Betrachtung am Morgen und am Abend halte man ständig in Regeltreue. Wenn ihr das tut, wird euch nie die Hilfe des allmächtigen Gottes fehlen. Ihr werdet ein Schaustück sein für die Welt und für die Engel und sodann wird eure Ehre die Ehre Gottes sein. Wer das Ende dieses Jahrhunderts und den Beginn des nächsten erleben wird, der wird von euch sagen: All dieses ist vom Herrn gemacht und es ist wunderbar in unseren Augen. Dann werden alle eure Brüder und Söhne singen. — Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre.

Diese letzten Worte wurden gesungen. Der Stimme des Sprechers gesellte sich eine Menge anderer so harmonischer und klangreicher Stimmen bei, daß wir fast unserer Sinne beraubt wurden und, um nicht in Ohnmacht zu fallen, uns mit den anderen vereinigten und mitsangen.

Kaum war der Gesang vorüber, da verdunkelte sich das Licht. Ich erwachte und sah, daß es Tag wurde. —

Pro memoria. Dieser Traum dauerte fast die ganze Nacht und am Morgen war ich sehr erschöpft. Trotzdem erhob ich mich, weil ich Angst hatte, etwas zu vergessen. Ich machte mir Notizen, die mir als Gedächtnisstütze bei dieser Aufzeichnung dienten, die ich hier am Tage der Darstellung Mariä im Tempel angefertigt habe.

Es war mir nicht möglich, alles zu behalten. Aus den vielen Dingen konnte ich jedoch mit Sicherheit erkennen, daß Gott uns große Barmherzigkeit erweist. Unsere Genossenschaft ist vom Himmel gesegnet; aber Gott will, daß wir das Unsere dazutun. Den drohenden Übeln können wir zuvorkommen, indem wir über die Tugenden und die dort erwähnten Laster predigen, und wenn wir das, was wir predigen, auch selber tun. So hinterlassen wir es unseren Mitbrüdern als praktische Überlieferung dessen, was getan worden ist und was wir noch tun werden.

Ich habe euch offenbaren können, daß uns zahlreiche Beschwerden und Mühen bevorstehen; aber sie werden große Erfolge nach sich ziehen. Um das Jahr 1890 wird große Furcht, und um 1895 ein großer Triumph sein. Maria Auxilium Christianorum, ora pro nobis — Maria, Helferin der Christen, bitte für uns!”

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DIE KASTANIEN

(Lem. XV, 364-366)

Das Jahr 1881 schloß mit einem schönen Geschenk des Himmels für die Maria‑Hilf‑Schwestern. Don Bosco hatte in der letzten Nacht des Jahres einen Traum über ihre Genossenschaft, den er Don Lemoyne erzählte. Dieser Bericht folgt den Aufzeichnungen Don Lemoynes.

Es schien Don Bosco, als sammle er Kastanien in einem Kastanienwäldchen bei Castelnuovo. Da lagen viele schöne und dicke Früchte auf dem grasigen Boden ausgestreut. Während Don Bosco nur auf die Kastanien achtete, tauchte eine Frau auf, die näher kam und ebenfalls Kastanien zu sammeln anfing. Don Bosco nahm ihr das übel, als er sah, daß sie sich erlaubte, auf anderer Leute Grund und Boden Früchte zu sammeln. Er redete sie an und fragte. “Wer hat Ihnen erlaubt hierher zu kommen? Ich verstehe nicht, wie Sie es wagen können, auf meinem Grundstück Kastanien zu sammeln!”

“Ach was”, antwortete sie, habe ich dazu kein Recht?” – “Mir scheint, ich bin hier der Herr und dies ist mein Eigentum.” — “Mag sein; aber ich sammle die Kastanien auch für dich.”

Die Frau sprach in solch einem resoluten Ton und ohne das Sammeln im geringsten einzustellen, daß Don Bosco es nicht für gut hielt, ihr noch weiter zuzusetzen. Deshalb fuhr er auch mit dem Sammeln fort. Als beide ihre Körbe reichlich gefüllt hatten, rief die Frau Don Bosco und fragte. “Weißt du, wieviel Kastanien hier drinnen sind?”

“Eine merkwürdige Frage!”

“Antworte auf meine Frage. Weißt du, wie viele es sind?”

“Ich, nein, ganz bestimmt nicht. Ich bin ja kein Hellseher.”

“Dann will ich es dir sagen.”

“Nun, wie viele?”

“Fünfhundertvier.”

“Fünfhundertvier?”

“Und weißt du, was diese Kastanien darstellen?”

“Was denn?”

“Die Häuser der Maria‑Hilf‑Schwestern. So viele Häuser werden von deinen Töchtern gegründet werden.”

Während wir dies miteinander redeten, erhob sich ein wütend drohendes Geschrei. Es waren Stimmen, wie von Betrunkenen. Man hörte die Radauschläger unter den Bäumen herankommen. Erschrocken floh Don Bosco und die Frau lief hinter ihm her, bis sie an einem Flußufer haltmachten. Weiter vorgehen konnte man nicht. An eine Rückkehr war nicht im geringsten zu denken. Don Bosco stand, wie auf glühenden Kohlen. Unterdessen kam die Bande näher, schrie und zertrat ehrfurchtslos die Kastanien, die noch auf der Erde lagen.

Don Bosco erwachte von dem Lärm. Aber kurz darauf schlief er wieder ein und träumte weiter. Es schien ihm, als säße er wieder an dem Ufer. Nicht weit davon saß auch die Frau mit ihrem Korb voll Kastanien. Aus der Ferne hörte man noch das Geheul der Betrunkenen. Anscheinend gingen sie fort. Sie waren hinter einem Hügel. Das dauerte nur wenige Augenblicke.

Don Bosco sah auf die Kastanien, die wirklich schön und dick waren. Als er aber genau hinblickte, bemerkte er in einigen ein Wurmloch.

“Oh, gehen Sie!” sagte er zu der Frau. “Was machen wir mit diesen, die einen Wurm haben?”

“Sie müssen fort, damit sie die gesunden nicht anstecken und verderben. Solche Schwestern muß man wegschicken. Sie sind nicht gut und haben nicht den Geist des Hauses, weil der Wurm des Stolzes oder anderer Laster an ihnen nagt. Das muß man besonders bei den Postulantinnen beachten.”

Don Bosco fuhr fort, die Kastanien zu betrachten. Er nahm einige heraus und fand, daß es doch nicht so viele verdorbene waren. Er wollte die Frau damit trösten. Doch diese entgegnete: “Glaubst du, die übrigen wären alle gut? Sollten wohl keine darunter sein mit einem Wurm im Innern, den man nicht sieht?”

“Wie soll man diese aber herausfinden?”

“Ah, das ist schwierig. Manche wissen sich, gut zu verstellen, daß es unmöglich erscheint, sie wirklich kennenzulernen.”

“Und dann?”

“Sieh, da gibt es nur ein einziges Mittel. Unterstell sie der Probe durch die Ordensregeln und halte sie im Auge. Dann wirst du erkennen, wer den Geist Gottes hat und wer nicht. Dies ist eine Probe, bei der ein aufmerksamer Beobachter nur schwerlich getäuscht wird.”

Don Bosco dachte darüber nach und schaute dabei die Kastanien an, bis er plötzlich erwachte. Es wurde schon Morgen. —

Er sagte zu Don Lemoyne, daß sich der Traum eine ganze Woche lang jede Nacht wiederholte. Es genügte, daß er einschlief, und sofort hatte er die Szene mit der Frau und den Kastanien vor sich.

Einmal sagte die Frau zu ihm: “Achte auf die faulen und hohlen Kastanien! Mach die Probe und steck sie in einen Topf voll Wasser. Die Probe ist der Gehorsam . . . Laß sie kochen. Wenn man die Faulen mit den Fingern drückt, spritzen sie sofort die häßliche Flüssigkeit, die sie in sich haben, heraus. Diese wirf fort. Die eitlen, d. h. die hohlen, kommen nach oben. Sie können nicht bei den anderen unten bleiben, sondern wollen in irgendeiner Weise hervortreten. Nimm sie mit dem Schaumlöffel heraus und wirf sie fort. Auch auf die Guten mußt du noch achten. Wenn sie auch gekocht sind, so sind sie doch nicht sofort saubergemacht. Zuerst muß man die Schale abnehmen und dann noch die Haut. Dann kommt sie dir rein, ganz rein vor. Und dennoch, sieh genau zu. Manche sind doppelt. Öffne sie und dann entdeckst du in der Mitte noch eine weitere Haut und da ist noch etwas Bitteres verborgen.”

Maria Mazzarello starb am 14. Mai 1881 im Alter von 44 Jahren. War sie die Frau, die Don Bosco in dieser Vision Anweisungen zur Festigung ihrer Genossenschaft gab? Ich sammle auch für dich.” Ihre ländliche, einfache Art spricht dafür, ebenso, daß Don Bosco sie erst nicht mitsammeln lassen wollte.

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DIE ENTWICKLUNG DER KONGREGATION

(Lem. XVI, 15-17)

Mitte Januar 1883 erhielt Don Bosco im Traum von Don Alasonatti wichtige Hinweise für die gute Entwicklung der Kongregation. Don Bosco berichtete darüber wie folgt:

“In der Nacht vom 17. zum 18. Januar 1883 träumte ich, ich käme in Begleitung von anderen Priestern der Kongregation aus dem Refektorium heraus. Als ich mich an der Türe befand, bemerkte ich, daß ein mir fremder Priester an meiner Seite den Speisesaal verließ. Bei näherem Hinblicken erkannte ich ihn jedoch. Es war unser alter Mitbruder Don Provera. Seine Gestalt war etwas größer als zu seinen Lebzeiten. Er war neu gekleidet und hatte ein blühendes, lächelndes Antlitz. Ein glänzender Schein ging von ihm aus und er schien weitergehen zu wollen.

Da sagte ich zu ihm: “Don Provera, bist du wirklich Don Provera?”

“Oh ja, ich bin Don Provera”, antwortete er. Nun wurde sein Antlitz so schön und glänzend, daß ich ihn nur mit größter Mühe anblicken konnte.

“Wenn du wirklich Don Provera bist, dann laufe nicht weg. Warte einenAugenblick. Tue mir denGefallen und verschwinde nicht, während du nur einen Schatten zurückläßt. Laß mich mit dir sprechen!”

“Ja, ja! Sprechen Sie nur, ich werde zuhören.”

“Bist du gerettet?”

“Ja, ich bin gerettet, und zwar dank der Barmherzigkeit Gottes bin ich gerettet.”

“Welche Freuden genießest du im anderen Leben?”

“All das, was sich das Herz nur denken, der Geist wahrnehmen, das Auge sehen und die Sprache ausdrücken kann.”

Nachdem er dies gesagt hatte, schien er fortgehen zu wollen und seine Hand, die ich in der meinen hielt, schien fast unwahrnehmbar.

“Geh noch nicht fort”, sagte ich, “laß uns noch weitersprechen. Erzähle mir etwas über mich selber!”

“Fahren Sie mit Ihrer Arbeit fort. Vieles erwartet Sie!”

“Noch für lange Zeit?”

“Nicht zu lange. Arbeiten Sie jedoch mit allen Kräften, so, als wenn Sie immer leben würden, aber immer gut vorbereitet!”

“Und was betrifft die Mitbrüder der Kongregation?”

“Den Mitbrüdern unserer Kongregation befehlen und empfehlen Sie Eifer.”

“Wie kann man das erlangen?”

“Das sagt uns der oberste Lehrmeister. Nehmen Sie eine gut geschliffene Sichel und seien Sie ein tüchtiger Winzer. Schneiden Sie die trockenen und für die Rebe nutzlosen Schößlinge ab. So wird sie kräftig und bringt viele Früchte hervor und — was von größter Bedeutung ist — sie wird für lange Zeit Früchte bringen.”

“Was soll ich aber unseren Mitbrüdern sagen?”

“Meinen Freunden”, sagte er mit hoher Stimme, “meinen Mitbrüdern sagen Sie, daß für sie eine große Belohnung bereitgestellt ist. Gott gibt sie jedoch nur denen, die im Kampfe für den Herrn ausharren.”

“Und was empfiehlst du unseren Jungen?”

“Bei unseren Jungen ist Arbeit und Wachsamkeit notwendig.”

“Und was sonst noch?”

“Sonst noch? Wachsamkeit und Arbeit, Arbeit und Wachsamkeit.”

“Was müssen unsere Jungen tun, um das ewige Leben zu erlangen?”

“Sie mögen sich oft mit dem Brot der Starken nähren und bei der Beichte feste Vorsätze fassen.”

“Sag mir noch, was sie besonders in dieser Welt tun sollen.”

In diesem Augenblick wurde seine ganze Gestalt von einem sehr hellen Glanz erfüllt, so daß ich meine Augen senken mußte, genau so wie einer, der direkt in das elektrische Licht schaut. Sein Glanz jedoch war von viel größerer Helligkeit als wir es hier sehen können. In diesem Augenblick schickte er sich an, mit einer Stimme zu sprechen, die einem Gesang ähnlich war: “Ehre sei Gott dem Vater, Ehre sei Gott dem Sohne, Ehre sei Gott dem Heiligen Geiste. Dem Gott, der war, ist und sein wird Richter der Lebenden und der Verstorbenen!”

Ich wollte noch sprechen, aber der andere begann mit einer viel schöneren Stimme, als man sich nur vorstellen kann, feierlich anzustimmen: “Laudate Dominum omnes gentes . . . .” Ein Chor von tausend Stimmen, der von den Gängen und von den Treppen antwortete, vereinte sich mit seinem Gesang: “Quoniam confirmata est, . . .” bis zum “Gloria” einschließlich.

Mehrere Male versuchte ich gewaltsam meine Augen zu öffnen, um sehen zu können, wer da sang; aber immer vergebens, denn die ungeheure Helligkeit des Lichtes machte alles Sehvermögen zunichte.

Endlich sang man: “Amen”.

Als der Gesang beendet war, kehrte alles wieder zum normalen Zustand zurück. Von Don Provera sah ich nichts weiter als seinen Schatten, der auch langsam verschwand.

Ich begab mich sodann zu den Gängen, wo sich die Priester, Kleriker und Jungen befanden. Auf meine Frage, ob sie Don Provera gesehen hätten, antworteten alle mit: “Nein.” Da fragte ich, ob sie singen gehört hätten, doch auch das verneinten sie. Diese Antworten machten mich sehr bedrückt und ich sagte: “Das, was ich von Don Provera gehört habe und der Gesang, der ertönte, ist nur ein Traum gewesen. Kommt aber, ich will ihn euch erklären.”

Dann habe ich ihnen den Traum wie oben erzählt. Don Rua, Don Cagliero und andere Priester stellten viele Fragen an mich, denen ich eine gebührende Antwort erteilte.

Ich fühlte mich jedoch so schwach und müde, daß ich nur mühsam atmen konnte und ich erwachte. In diesem Augenblick schlug es ein Viertel und dann zwei Stunden nach Mitternacht.”

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GROSSER MISSIONSTRAUM VON SÜDAMERIKA

(Lem. XVI, 385-394)

Am 4. September 1883 erzählte Don Bosco auf einer Sitzung des General‑Kapitels folgenden bedeutenden Missionstraum. Er sagte:

“In der Nacht vor dem Feste der hl. Rosa von Lima (30. August) hatte ich folgenden Traum.

Ich war mir bewußt, daß ich schlief und dennoch schien es mir, als würde ich zu gleicher Zeit laufen und zwar so schnell und so lange, daß ich mich stark ermüdet fühlte. Ich konnte weder weiterlaufen noch sprechen, noch schreiben oder sonst einer meiner gewöhnlichen Beschäftigungen nachkommen. Während ich darüber nachdachte, ob das alles nun Traum oder Wirklichkeit sei, schien ich in einen Unterhaltungsraum zu gehen, in dem sich viele Personen befanden. Sie sprachen über alles mögliche.

So unterhielten sie sich lange über die vielen Wilden, die in Australien, Indien, China, Afrika und ganz besonders in Amerika ausgerottet werden und der völligen Vernichtung entgegengehen.

“Europa”, so sagte einer der Redner ernst, “das christliche Europa, die große Lehrmeisterin der Zivilisation und des Katholizismus, scheint den Auslandsmissionen gegenüber gleichgültig geworden zu sein. Nur noch wenige sind bereit, weite Seereisen auf sich zu nehmen, um in unbekannten Ländern die Seelen von Millionen Menschen zu retten, die auch vom Sohne Gottes, Jesus Christus, erlöst worden sind.”

Ein anderer sagte. “Welch große Anzahl von Götzendienern lebt noch unglücklich außerhalb der Kirche und in Unkenntnis des Evangeliums, allein in Amerika! Die Menschen denken — und die Geographen täuschen sich —, daß die Kordilleren von Amerika wie eine Mauer seien, die jenen Erdteil von der übrigen Welt abschließen. Aber das stimmt nicht. Jene langen Gebirgsketten sind tausend und mehr Kilometer lang. Auf ihnen befinden sich Wälder, die noch niemand betreten hat.

Dort sind Pflanzen, Tiere und mannigfaches Gestein. In diesen Gebirgen sind Steinkohle, Petroleum, Blei, Kupfer, Eisen, Silber und Gold verborgen und zwar dort, wohin sie von der Hand des allmächtigen Schöpfers gelegt worden sind. O Kordilleren, Kordilleren, wie reich ist doch eure Ostseite!”

Nun war ich sehr begierig, Erläuterungen darüber zu hören und auch zu fragen, wer denn eigentlich diese hier versammelten Personen seien, und wo ich mich überhaupt befände. Doch ich sagte zu mir selber: ‚Bevor ich spreche, muß ich erst beobachten, was das eigentlich für Leute sind!'

So schaute ich mich neugierig um; doch alle waren mir unbekannt. Die Herren jedoch taten, als ob sie mich erst jetzt gesehen hätten. Sie luden mich ein, hervorzutreten und nahmen mich freundlich auf.

Dann fragte ich sie: “Sagen Sie mir doch bitte, befinden wir uns in Turin, oder in London, Madrid oder Paris? Oder wo sind wir eigentlich? Und wer sind Sie? Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen?”

Alle jene Herren antworteten jedoch nur ausweichend und sprachen immer aufs neue von den Missionen.

Da näherte sich mir ein junger Mann von ungefähr 16 Jahren. Er war sehr liebenswürdig und von überirdischer Schönheit. Er strahlte in einem Glanze, der heller war als die Sonne. Sein Gewand war von himmlischen Reichtümern durchwoben und auf seinem Haupte trug er eine Krone, die mit den schönsten Edelsteinen geschmückt war. Er blickte mich freundlich an und bekundete ein besonderes Interesse für mich. Sein Lächeln hatte eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Er nannte mich beim Namen, nahm mich bei der Hand und begann über die Salesianische Kongregation zu sprechen.

Der Klang seiner Stimme bezauberte mich. An einer gewissen Stelle unterbrach ich ihn und fragte: “Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen? Sagen Sie mir doch bitte Ihren Namen!” Der junge Mann antwortete: “Seien Sie unbesorgt! Sprechen Sie ruhig mit vollem Vertrauen; denn Sie sind bei einem Freunde.”

“Aber wie ist Ihr Name?”

“Ich würde Ihnen meinen Namen nennen, wenn es nottäte. Aber es ist nicht notwendig, denn Sie müssen mich kennen.” Bei diesen Worten lächelte er.

Da betrachtete ich sein strahlendes Gesicht genauer. Oh, wie schön es war! Und da erkannte ich ihn! Es war der Sohn des Grafen Fiorito Colle von Toulon, des bedeutenden Wohltäters unseres Hauses und besonders unserer Missionen in Amerika. Dieser junge Mann war vor kurzem gestorben.

“Oh, Sie sind es?” sagte ich, indem ich ihn beim Namen nannte. “Luigi! Und wer sind all diese hier?”

“Es sind Freunde Ihrer Salesianer, und ich als Ihr Freund und Freund der Salesianer möchte Ihnen im Namen Gottes etwas Arbeit geben.”

“Sehen wir, worum es sich handelt! Was ist es für Arbeit?”

“Setzen Sie sich an diesen Tisch und ziehen Sie diese Schnur herunter.”

Inmitten des großen Saales befand sich ein Tisch, auf dem eine aufgewickelte Schnur lag. Ich sah, daß diese Schnur, wie ein Metermaß, mit Linien und Nummern versehen war. Später bemerkte ich noch, daß jener Saal sich in Südamerika befand und zwar gerade auf dem Äquator, und daß die Zahlen, die auf der Schnur aufgedruckt waren, mit den geographischen Breitengraden übereinstimmten.

Ich nahm ein Ende der Schnur, betrachtete es und bemerkte, daß am Anfang die Nummer Null stand. Ich lachte.

Der engelgleiche Jüngling aber sagte: “Es ist nun keine Zeit zum Lachen. Geben Sie Obacht! Was steht auf der Schnur geschrieben?”

“Nummer Null.”

“Ziehen Sie ein wenig!”

Ich zog darauf etwas an der Schnur und sah die Nummer Eins.

“Ziehen Sie noch etwas und rollen Sie die Schnur auf!”

Ich zog weiter und es folgten die Zahlen 2, 3, 4, bis 20. “Genügt es?” fragte ich.

“Nein, noch höher hinauf! Noch höher hinauf! Ziehen Sie weiter, bis Sie einen Knoten gefunden haben!” sagte er.

Ich zog bis zur Nummer 47, wo ich einen größeren Knoten vorfand. Von da an ging die Schnur zwar noch weiter, aber sie teilte sich auf in viele Fäden, die in verschiedenen Richtungen zerflatterten, nach Osten, Westen und nach Süden.

“Ist es nun genug”, fragte ich wieder.

“Welche Nummer ist es?” antwortete der junge Mann.

“Es ist die Zahl 47'.”

“47 und 3 macht wieviel?”

“Fünfzig.”

“Und noch fünf dazu?”

“Fünfundfünfzig.”

“Merken Sie sich: fünfundfünfzig!”

Und dann sagte er: “Ziehen Sie noch weiter!”

“Ich bin nun am Ende”, antwortete ich.

“So drehen Sie sich um und ziehen am anderen Ende der Schnur!”

So zog ich am entgegengesetzten Ende der Schnur, bis zu Nr. 10.

Dann sagte der junge Mann: “Ziehen Sie noch weiter!”

“Jetzt ist nichts mehr.”

“Wie? Es ist nichts mehr? Schauen Sie genau! Was ist dort?”

“Dort ist Wasser”, antwortete ich.

In der Tat, in dem Augenblick erlebte ich ein außergewöhnliches Phänomen, das man unmöglich beschreiben kann. Ich befand mich in jenem Raum, zog an der Schnur und gleichzeitig wickelte sich vor meinen Augen das Panorama eines weiten Landes ab, das ich, wie im Fluge, überblickte und das sich immer weiter entfaltete, je mehr die Schnur sich ausdehnte.

Von der ersten Null an bis zur Zahl 55 war es ein endloses Land, das nach einer Meerenge in hundert Inseln zerfiel, von denen eine ganz bedeutend größer war als alle anderen. Auf diese Insel schienen die großen Kordilleren anzuspielen, die von dem großen Knoten ausgingen. Jeder Faden ging von einer Insel aus. Einige von ihnen waren von zahlreichen Eingeborenen bewohnt; andere aber waren trocken, nackt, felsig und unbewohnt. Wieder andere waren ganz mit Schnee und Eis bedeckt. Gegen Westen befanden sich zahlreiche Inselgruppen, die von vielen Wilden bewohnt waren.

(Es scheint, daß der Knoten, der sich auf der Zahl ‚47' befand, den Ausgangspunkt darstellte, das salesianische Zentrum, die Hauptmissionsstation, von der aus sich unsere Missionare nach den Malvinischen Inseln, zum Feuerland und zu den anderen Inseln jener Länder Amerikas begaben).

Von der entgegengesetzten Richtung her, d. h. von Null bis 10, war weiterhin das gleiche Land und endete in dem Wasser, das ich zuvor gesehen hatte. Das Wasser scheint der Antillen‑See zu sein. Da ich damals alles in so erstaunlicher Weise sah, ist es unmöglich, daß ich die Art des Sehens mit Worten ausdrücken kann.

Also auf meine Antwort: “Das ist Wasser!” sagte der junge Mann. “Jetzt zählen Sie zu 55 noch 10 dazu. Was macht es?”

Ich sagte: “Die Summe 65.”

“Nun legen Sie alles zusammen und machen eine einzige Schnur daraus!”

“Und nun?”

“Was befindet sich auf dieser Seite?” und er wies auf eine Stelle im Panorama hin.

“Im Westen sehe ich sehr hohe Berge und im Osten das Meer.”

— Ich bemerke hier, daß ich damals alles in Auszügen sah, gleichsam in Kleinformat von dem, was ich später in realer Größe und Ausdehnung sah. Die auf der Schnur markierten Grade stimmten genau mit den geographischen Breitengraden überein. Sie waren es auch, die mir halfen, für Jahre hindurch, die sich angliedernden Gegenden — die ich im zweiten Traum gesehen habe — in Erinnerung zu behalten. —

Mein junger Freund sagte dann weiter: “Nun gut. Dieses Gebirge ist wie ein Rand, wie eine Grenze. Bis hierhin und dorthin ist die den Salesianern angebotene Ernte. Tausende und Millionen von Einwohnern erwarten eure Hilfe, warten auf den Glauben.

Diese Berge waren die Kordilleren von Südamerika und das Meer war der Atlantische Ozean.

“Und wie soll man es tun?” fragte ich, “wie können wir es fertigbringen, so viele Völker zur Herde Christi zu bringen?”

“Wie man es tun soll? Schauen Sie!”

In dem Augenblick kam Don Lago herbei. Er trug einen Korb voll kleiner, grüner Feigen und sagte: “Nehmen Sie, Don Bosco!”

“Was bringen Sie mir?” sagte ich da, indem ich in den Korb hineinschaute.

“Man hat mich beauftragt, es ihnen zu bringen.”

“Diese Feigen sind aber nicht gut zum Essen; sie sind ja noch völlig unreif.”

Darauf nahm mein junger Freund den Korb, der zwar sehr breit, aber nicht tief war und bot ihn mir mit den Worten an: “Dies ist mein Geschenk, das ich Ihnen bereite.”

“Und was soll ich mit diesen Feigen tun?”

“Diese Feigen sind unreif; sie gehören aber zum großen Feigenbaum des Lebens. Sie müssen den Weg suchen, um sie zur Reife zu bringen!”

“Aber wie? Ja, wenn sie größer wären! . . . Dann könnten sie im Stroh reifen, wie man es mit anderen Früchten tut. Aber diese sind so klein . . . und so grün . . . Es ist unmöglich!”

“Ganz und gar nicht, Sie müssen wissen, um sie zur Reife zu bringen, müssen alle diese Feigen wieder an die Pflanze angebracht werden.”

“Unglaublich! Wie soll man das machen?”

“Schauen Sie!” Und er nahm eine Feige und tauchte sie in eine mit Blut gefüllte Vase. Danach legte er sie in ein Gefäß, das mit Wasser gefüllt war und sagte: “Mit Schweiß und Blut werden die Wilden wieder mit der Pflanze vereint und dem Herrn des Lebens angenehm werden.”

Ich dachte, um das auszuführen, braucht man Zeit. Mit lauter Stimme aber sagte ich: “Ich weiß nicht mehr, was ich sagen soll.”

Der liebe, junge Mann jedoch hatte meine Gedanken erraten und fuhr fort: “Dieses Ereignis wird eingetreten sein, bevor die zweite Generation vorüber ist.”

“Und welche wird die zweite Generation sein?”

“Die gegenwärtige zählt nicht. Es wird eine andere und dann noch eine andere sein.”

Ich sprach ganz verwirrt, verlegen und beinahe stotternd, da ich von dem wunderbaren Schicksal hörte, das unserer Kongregation bestimmt ist und fragte. “Wieviele Jahre umfaßt jede dieser Generationen?”

“Sechzig Jahre!”

“Und dann?”

“Wollen Sie sehen, was dann sein wird? Kommen Sie!”

Ohne zu wissen, wie, befand ich mich auf einer Bahnstation. Dort waren viele Leute. Und wir bestiegen einen Zug. Ich fragte, wo wir seien. Der junge Mann antwortete: “Geben Sie gut acht! Schauen Sie! Wir werden die Kordilleren entlangfahren. Sie haben die Straße auch im Osten offen bis zum Meer. Es ist dies ein anderes Geschenk des Herrn.”

“Und wann gehen wir nach Boston, wo man uns erwartet?”

“Alles zu seiner Zeit.”

Als er dies sagte, zog er eine Landkarte hervor, die in Großformat die Diözese von Cartagena darstellte. (Es war dies der Ausgangspunkt).

Während ich diese Landkarte ansah, pfiff die Lokomotive und der Zug setzte sich in Bewegung. Auf der Reise redete mein Freund viel, doch ich konnte ihn wegen des Geräusches des Zuges nicht ganz verstehen. Dennoch lernte ich viel Schönes und Neues über die Astronomie, über die Schiffahrt, die Meteorologie, die Mineralogie, die Tier‑ und Pflanzenwelt und über die Erdbeschaffenheit jener Gebiete kennen, die er mir mit bewundernswerter Genauigkeit erklärte. Seine Worte waren so würdevoll und zu gleicher Zeit so familiär, daß man erkennen konnte, wie sehr er mich liebte. Gleich am Anfang hatte er mich bei der Hand genommen und hielt mich so affektvoll bis zum Ende des Traumes. Ich legte meine freie Hand auf die seine, doch diese schien unter meiner Hand zu entfliehen, gleichsam, als ginge sie in Luft auf, und meine linke Hand drückte nur meine eigene rechte. Der junge Mann lächelte über meinen nutzlosen Versuch.

Inzwischen schaute ich aus den Fenstern des Zuges. Wechselreich flogen Landschaften an meinen Augen vorüber. Herrliche Wälder, Berge, Ebenen, mächtige Flüsse, die ich in der Nähe des Quellgebietes nie für so groß gehalten hätte.

Über tausend Meilen sind wir am Rande eines Urwaldes entlanggefahren, der heute noch unerforscht ist. Mein Auge bekam eine wunderbare Sehfähigkeit. Es war mir nicht schwer, die weitesten Gegenden zu überblicken. Ich kann dieses wunderbare Phänomen, das meine Augen befiel, nicht erklären. Ich war wie einer, der auf einem Berge steht und zu seinen Füßen ein weites Land ausgebreitet sieht. Wenn er nur einen kleinen Papierstreifen nahe vor seine Augen hält, sieht er nichts mehr oder doch nur wenig; hält er aber diesen Streifen etwas höher oder niedriger, dann kann er bis zum fernen Horizont sehen. So geschah es mir auch durch jene außerordentliche Gabe der Fernsicht, doch mit dem einen Unterschied: jedesmal, wenn ich mein Augenmerk auf einen bestimmten Punkt richtete und dieser Punkt an mir vorbeikam, war es mir, als ob nacheinander einzelne Vorhänge hochgingen und ich konnte in unvorstellbare, weite Entfernungen blicken. Ich sah die Kordilleren nicht nur von weitem, sondern konnte die einzelnen Gebirgszüge, die sich in den weiten Gegenden befanden, in all ihren Einzelheiten sehr deutlich erkennen. (Es waren die von Nuova Granata, Venezuela, die drei Guiana, die von Brasilien und Bolivien, bis zu den äußersten Grenzen).

So fand ich bestätigt, daß die Ausführungen, die ich zu Beginn des Traumes im großen Saal auf dem Grade Null gehört hatte, richtig waren. Ich sah die hohen Berge und die weiten Ebenen. Die ungeheuren Schätze dieser Länder, die eines Tages entdeckt werden, lagen vor meinen Augen. Ich sah dort zahlreiche Fundgruben von kostbaren Metallen, unerschöpflichen Höhlen von Steinkohlen und so reichen Petroleumquellen, wie sie bisher noch nirgendwo vorhanden sind. Es war aber noch nicht alles. Zwischen dem 15. und 20. Grad befand sich eine sehr lange Einbuchtung, die an einem Orte begann, an dem sich ein See bildete. Da sagte eine Stimme wiederholt: “Wenn man beginnt, die in diesen Bergen verborgenen Schätze auszubeuten, dann erscheint hier das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließt. Es wird hier ein unvorstellbar großer Reichtum sein.”

Doch das war noch nicht alles. Was mich besonders überraschte, war der Anblick der Kordilleren von verschiedenen Seiten. Es befanden sich dort große Täler, von denen unsere Geographen gar keine Ahnung haben; denn sie denken, daß die dortigen Bergabhänge steil wie eine Mauer abfallen. Diese Berge und Täler, die sich manchmal bis zu tausend Kilometer weit erstrecken, waren dicht von Völkern bewohnt, die noch nie mit Europäern in Kontakt gekommen waren. Es sind noch vollständig unbekannte Rassen.

Der Zug fuhr inzwischen immer weiter. Nach sehr langer Fahrt mit zahlreichen Windungen hielt er endlich an. Ein großer Teil der Reisenden verließ den Zug. Sie gingen nach Westen unter den Kordilleren hindurch.

(Don Bosco erwähnte Bolivien. So war die Station vielleicht La Paz, wo sich ein Tunnel befindet, der zur Pazifischen Küste führt und wo eine andere Bahnlinie Brasilien mit Lima verbindet).

Der Zug setzte sich dann von neuem in Bewegung. Er fuhr weiter und immer weiter. Wie im ersten Teil der Reise ging es wieder durch Wälder, unter Tunneln hindurch und über riesige Brücken. Wir kamen durch Bergschluchten und an Seen und Sümpfen vorbei. Brücken überquerten gewaltige Flüsse, und dann ging es wieder durch überaus weite Ebenen, Wiesen und Felder. Wir sind am Ufer des Uruguay entlanggefahren. Ich hatte immer geglaubt, es sei ein kleiner Fluß, doch er war äußerst lang. An einer Stelle sah ich den Paranà‑Fluß, der sich dem Uruguay näherte, gleichsam als wolle er in ihn münden. Nachdem er aber eine Strecke mit ihm parallel gelaufen war, entfernte er sich wieder, indem er einen weiten Bogen machte. Diese beiden Flüsse waren ungeheuer groß.

(Nach diesen Angaben scheint die zukünflige Bahnlinie in La Paz zu beginnen, wird an Santa Cruz vorbeiführen und durch die einzige Öffnung gehen, die sich in den Cruz‑Bergen von Sierra befindet und die von dem Guapay Fluß durchflossen wird. Ferner wird sie den Parapiti‑Fluß in der Provinz, Chiquitos in Bolivien überqueren. Dann schneidet sie die äußerste nördliche Ecke der Republik Paraguay ab, tritt in die Provinz S. Paul in Brasilien ein und endet in Rio de Janeiro. Von einer Zwischenstation in der Provinz S. Paul beginnt vielleicht eine andere Bahnlinie, die über den Rio Paranà und Rio Uruguay führt und Brasiliens Hauptstadt mit Uruguay und Argentinien verbindet).

Und der Zug fuhr immer weiter. Nachdem er oft nach rechts und wieder nach links eingebogen war und viel Land durchlaufen hatte, hielt er ein zweites Mal an. Dort verließen wiederum viele den Zug und gingen ebenfalls unter den Kordilleren hindurch nach Westen hin.

(Don Bosco wies in der Argentinischen Republik auf die Provinz Mendoza hin. So war vielleicht die Station Mendoza und jener Tunnel führte nach Santiago, der Hauptstadt von Chile).

Der Zug nahm seine Fahrt erneut auf und fuhr durch die Pampa und durch Patagonien. Hier und dort befanden sich gepflegte Felder und Häuser und zeigten an, daß in diesen Gegenden die Zivilisation schon eingedrungen war.

Zu Beginn von Patagonien fuhren wir über eine Abzweigung des Rio Colorado oder des Rio Chubut (oder vielleicht des Rio Negro?). Ich konnte nicht erkennen, in welcher Richtung der Strom floß, ob in Richtung der Kordilleren oder aber dem Atlantischen Ozean zu. Ich versuchte dieses Problem zu lösen, doch es war mir nicht möglich, mich zu orientieren. Endlich kamen wir in der Einbuchtung von Magellano an. Ich schaute hinaus und wir verließen den Zug. Punta Arenas lag vor mir. Der Boden war meilenweit bedeckt mit Ablagerungen von Steinkohle, von Brettern, Balken, Holz und von ungeheuren Metallmassen, die zum Teil in rohem Zustand und zum Teil schon verarbeitet waren. Lange Reihen von Handelsgüterzügen standen auf den Geleisen.

Man wies auf all diese Gegenstände hin. Da fragte ich meinen Begleiter. “Was wollen Sie mir nun mit all diesem sagen?”

Er antwortete: “Das was jetzt im Projekt ist, wird eines Tages Wirklichkeit werden. Die Wilden werden in Zukunft so lernbegierig sein, daß sie selber nach Belehrung, nach Religion, Zivilisation und Handel fragen werden. Was anderweitig Bewunderung erregt, wird hier um so staunenswerter sein, je mehr es jetzt bei allen Völkern Bewunderung verursacht.”

“Nun habe ich genug gesehen”, sagte ich abschließend. “Führen Sie mich jetzt dorthin, wo ich meine Salesianer in Patagonien sehen kann.”

Wir kehrten zur Station zurück und bestiegen erneut den Zug, um zurückzufahren. Nachdem wir einen sehr weiten Weg zurückgelegt hatten, hielt der Zug vor einer bedeutenden Stadt.

(Vielleicht war es auf dem 47. Breitengrad, wo Don Bosco zu Beginn des Traumes den großen Knoten an der Schnur gesehen hatte).

Niemand erwartete mich an der Station. Ich verließ den Zug und fand sofort die Salesianer. Es waren dort zahlreiche Häuser mit vielen Einwohnern. Dort waren mehrere Kirchen, Schulen, verschiedene Heime für Jungen und für Erwachsene, für Lehrlinge und Landarbeiter und auch eine Erziehungsanstalt für Mädchen, die mit den verschiedensten Hausarbeiten beschäftigt waren. Unsere Missionare leiteten die Jungen und Erwachsenen gemeinsam.

Ich ging mitten unter sie. Es waren ihrer viele, doch kannte ich sie nicht. Von meinen ehemaligen Schülern war keiner unter ihnen. Alle schauten mich erstaunt an, als wenn ich für sie ganz fremd wäre. Da sagte ich zu ihnen: “Kennt ihr mich nicht? Kennt ihr nicht Don Bosco?”

“Oh, Don Bosco! Ja, wir kennen seinen Namen und seinen Ruf; doch haben wir ihn nur auf Abbildungen gesehen und noch nie in Wirklichkeit.”

“Und wo befindet sich Don Fagnano, wo sind Don Costamagna, Don Lasagna und Don Milanesio?”

“Wir haben sie nicht mehr gekannt. Sie waren in vergangenen Zeiten hierhergekommen; es waren die ersten Salesianer, die aus Europa hierherkamen. Jetzt sind aber schon viele Jahre seit ihrem Tode verflossen!”

Bei dieser Antwort dachte ich verwundert: “Ja, ist dies nun ein Traum oder ist es Wirklichkeit?” Ich klatschte in die Hände, berührte meine Arme, schlug mich und ich hörte wirklich den Schall des Klatschens und ich fühlte mich und war davon überzeugt, daß ich nicht schlief.

Dieser Besuch dauerte nur einen Augenblick. Da ich den wunderbaren Fortschritt der Katholischen Kirche, unserer Kongregation und der Zivilisation gesehen hatte, dankte ich der Göttlichen Vorsehung, daß sie sich meiner als Instrument für die Ehre Gottes und für das Heil so vieler Seelen bedient hatte.

Der junge Herr Colle gab mir ein Zeichen, daß es Zeit sei zurückzukehren. So grüßte ich meine Salesianer und wir gingen zur Bahnstation zurück, wo der Zug abfahrbereit stand. Wir stiegen ein, die Lokomotive pfiff und die Fahrt ging weiter, dem Norden zu.

Eine neue Wahrnehmung erregte meine Bewunderung. Der Landstrich von Patagonien, der der Einbuchtung von Magellano am nächsten liegt und sich zwischen den Kordilleren und dem Atlantischen Ozean befindet, war weniger breit als die Geographen allgemein annehmen.

Der Zug fuhr sehr schnell weiter, und es schien mir, als würde er durch die Provinzen Argentiniens fahren, die jetzt schon zivilisiert sind.

Auf der Weiterfahrt kamen wir durch einen unendlich langen und breiten Urwald. An einer gewissen Stelle hielt der Zug an und vor unseren Augen spielte sich ein erschütterndes Ereignis ab. Mitten im Walde befand sich auf einem freien Platz eine große Anzahl Wilder. Sie waren häßlich und hatten mißgestaltete Gesichter. Zusammengenähte Tierfelle bedeckten ihre Körper. In ihrer Mitte befand sich ein gefesselter Mann, der auf einem Steine saß. Er war sehr dick, denn die Wilden hatten sich bemüht, ihn fett zu machen. Der Unglückliche war ein Gefangener und nach seinen sehr regelmäßigen Gesichtszügen zu urteilen, schien er einer fremden Nation anzugehören. Die Wilden richteten Fragen an ihn und erzählten von seinen Reiseabenteuern.

Plötzlich erhob sich ein Wilder, schwang ein großes Eisen, das zwar kein Schwert, aber doch sehr scharf war, stürzte sich auf den Gefangenen und hieb ihm mit einem einzigen Schlage das Haupt ab.

Alle Zugreisenden standen aufmerksam und stumm vor Schrecken an den Türen und Fenstern. Selbst Colle sah hin und schwieg. Das Opfer hatte im Augenblick des Schlages einen durchdringenden Schrei ausgestoßen. Nun warfen sich alle Kannibalen auf den Leichnam, der in einer Blutlache lag. Sie schnitten ihn in Stücke, legten das noch warme und zitternde Fleisch auf ein eigens dazu angelegtes Feuer, brieten es etwas und aßen es halbroh.

Beim Aufschrei des Unglücklichen hatte sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt und gewann bald wieder seine frühere Geschwindigkeit.

Viele Stunden hindurch ging es am Ufer eines riesigen Flusses entlang, und zwar einmal auf der rechten und einmal auf der linken Seite. Ich habe am Fenster aber nicht beobachtet, auf welchen Brücken wir den Fluß so oft überquerten. An den Ufern des Flusses erschien hin und wieder eine Menge Eingeborener. Jedesmal, wenn wir diese Menschen sahen, wiederholte der junge Colle: “Hier ist die Ernte der Salesianerl Hier ist die Ernte der Salesianer!”

Dann kamen wir in eine Gegend, die voll von wilden Tieren. und giftigen Schlangen war. Es waren seltsame und schreckliche Gestalten. Sie wimmelten in den Bergschluchten und Tälern, belebten die Berge und Hügel sowie die Ufer der Seen und Flüsse, und waren auf Abhängen und in der Ebene. Einige von ihnen sahen aus wie Hunde mit Flügeln und waren außerordentlich dick. (Genußsucht, Wollust, Stolz). Andere waren dicke Kröten, die Frösche fraßen. Man sah gewisse Schlupfwinkel voll von Tieren, die anders geartet waren als die Tiere in unseren Gegenden. Diese drei Tierarten lebten bunt durcheinander und grunzten so dumpf, als wollten sie sich gegenseitig beißen.

Dort befanden sich auch Tiger, Hyänen, Löwen, jedoch von anderem Aussehen, als sie in Asien und Afrika sind. Mein Gefährte richtete hier das Wort an mich und sagte, indem er auf die Tiere hinwies: “Die Salesianer werden sie sanft machen.”

Indessen näherte sich der Zug dem Ausgangsorte, ja wir waren ihm schon sehr nahe. Da zog der junge Colle aus seiner Tasche eine sehr schöne Landkarte hervor und fragte mich: “Wollen Sie die Reise sehen, die wir zurückgelegt haben? Und die Gegenden, durch die wir gefahren sind?”

“Gerne”, antwortete ich.

Dann erklärte er mir die Karte, auf der ganz Südamerika mit größter Genauigkeit aufgezeichnet war. Ja, mehr noch, denn auf ihr befand sich alles, wie es war, wie es jetzt ist und wie es in jenen Gegenden einmal sein wird. Alles war jedoch so, daß es durchaus keine Verwirrung verursachte. Im Gegenteil, es war alles so klar, daß man mit einem einzigen Blick alles deutlich erkannte. Ich verstand alles sofort, doch der vielen Einzelheiten wegen blieb die Klarheit nur für einen Augenblick, und jetzt ist in meinem Gedächtnis alles durcheinander.

Während ich nun jene Karte betrachtete und darauf wartete, daß der junge Mann mir noch weitere Erklärungen gäbe — weil ich wegen der Überraschung des Geschauten ganz erregt war —, da schien mir, als wenn Quirino den Morgen‑Angelus läutete. Als ich jedoch erwachte, da wurde ich gewahr, daß der Schall der Glocken von der Pfarrkirche San Benigno herkam. Der Traum hatte die ganze Nacht gedauert.”

 

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Der erste Traum — Ein himmlischer Auftrag

Die Raben

Rebhühner und Wachteln

Das Gebet und die Tugend

Der Teufel verleitet zu Zerstreuungen

Die Prozession zum Marienaltar

Die gefahrvolle Meerfahrt

Die Katzen auf den Betten

Die Ziegenböcklein

Der Hirt und seine Herde

Das Fegfeuer

Das Neujahrsgeschenk

Die Jungen von Lanzo

Der große Weinstock

Die Hölle

Die Schlingen des Teufels

Aus einem Römischen Brief Don Boscos

Spätberufe

Die Schlacht mit den Heugabeln

Die Hühner

Der Schild des Glaubens

Der wilde Stier

Dominikus Savio erscheint

Die Sanftmut des heiligen Franz von Sales

Die Ferien

Der heilige Franz von Sales und die Salesianer

Lilien und Rosen

Unter dem Schutzmantel Mariens

Ludwig Florin Anton Colle

Die Salesianische Gesellschaft

Die Kastanien

Die Entwicklung der Kongregation

Großer Missionstraum von Südamerika

 

Erläuterung der Quellenangaben, die den einzelnen Träumen in Klammern beigefügt sind. Lem. und römische Ziffer = Bandnummer der offiziellen Lebensbeschreibung des heiligen Johannes Bosco “Memorie Biografiche di San Giovanni Bosco” von Johann Bapt. Lemoyne — Eugenio Ceria. Arabische Ziffer = Seitenzahl des betreffenden Bandes.

 

    Inhaltsübersicht

 

PROVINZIALAT DER SALESIANER

BENDORF/RHEIN-SAYN

Als Manuskript gedruckt

Der Traum von den zwei Säulen im Meer

Don Boscos Vision über die Zukunft der Kirche

Am 26. Mai 1862 versprach Don Bosco einen Jungen, am vorletzten oder letzten Tag des Monats “etwas Schönes” zu erzählen. Nach dem Abendgebet des 30. Mai erfüllte er in seiner “Gute Nacht Ansprache” das Versprechen:

“Zu Eurem geistlichen Vorteil will ich heute einen Traum erzählen, den ich vor wenigen Tagen erlebt habe.

Stellt Euch vor, wir befinden uns an der Küste des Meeres oder besser noch auf einer einsamen Klippe und sehen kein Land außer dem Boden unter unseren Füßen. Auf dem weiten Meer erkennen wir eine unzählbare Menge von Schiffen, die sich für eine Seeschlacht geordnet haben. Sie verfügen über eiserne Schiffsschnäbel und sind mit Kanonen, Gewehren, sonstigen Waffen jeglicher Art und Brandsätzen ausgerüstet. Sie nähern sich einem Schiff, das viel größer ist als das ihrige und versuchen, dieses mit ihren spitzigen Schnäbeln zu beschädigen, es anzuzünden und ihm jeden nur möglichen Schaden zuzufügen. Das große Schiff wird von vielen kleinen Booten begleitet, die von ihm Befehle empfangen und das majestätische Schiff gegen die feindliche Flotte verteidigen. Sie haben starken Gegenwind und das aufgewühlte Meer scheint die Angreifer zu begünstigen.

Mitten im weiten Meer stehen in geringem Abstand voneinander zwei mächtige Säulen. Die eine wird von einer Statue der Immaculata gekrönt, zu deren Füßen auf einer Tafel die Inschrift steht: “Auxilium christianorum” (Helferin der Christen), auf der zweiten, viel höheren und mächtigeren Säule, sehen wir eine übergroße Hostie, darunter auf einem Schild die Worte: “Salus credentium” (Heil der Gläubigen).

Der Papst als Kommandant des großen Schiffes erkennt die Wut der Feinde und damit die Gefahr, in der sich seine Getreuen befinden. Er ruft deshalb die Steuermänner der Begleitboote zur Beratung auf sein Schiff. Der Sturm wird immer heftiger; die Kommandanten müssen auf ihre Boote zurückkehren. Nach Beruhigung der See ruft der Papst die Kommandeure ein zweitesmal zu sich. Plötzlich bricht der Sturm von neuem los.

Der Papst steht am Steuer und versucht mit aller Kraft sein Schiff zwischen die beiden Säulen zu lenken, an denen viele Anker und große Haken angebracht sind. Die feindlichen Schiffe beginnen nun mit dem Angriff und wollen das päpstliche Schiff versenken. Immer wieder versuchen sie Brandmaterial an Bord des großen Schiffes zu schleudern und feuern mit ihren Bordgeschützen aus allen Rohren. Trotz des leidenschaftlichen Kampfes der feindlichen Schiffe und des Einsatzes aller Waffen scheitert jedoch der Angriff, und das päpstliche Schiff durchpflügt, obwohl auf beiden Seiten bereits schwer angeschlagen, frei und sicher das Meer, denn kaum getroffen, schließt ein sanfter Wind, der von den beiden Säulen ausgeht, sofort jedes Leck.

Auf den Schiffen der Angreifer platzen jetzt die Kanonenrohre, die Schiffsschnäbel zerbrechen, viele Schiffe bersten auseinander und versinken im Meer. Plötzlich wird jedoch der Papst von einer feindlichen Kugel getroffen. Seine Helfer stützen ihn und richten ihn wieder auf, wenig später trifft ihn erneut ein feindliches Geschoß, und er sinkt tot zu Boden.

Bei der feindlichen Flotte erhebt sich ein Freuden‑ und Siegesgeschrei. Die auf dem päpstlichen Schiff versammelten Kommandeure wählen in solcher Eile einen neuen Papst, daß die Nachricht vom Tod des Steuermanns zugleich mit der Nachricht von der Wahl des Nachfolgers bei den Feinden ankommt. Jetzt verlieren diese plötzlich allen Mut, das päpstliche Schiff aber überwindet alle Hindernisse und fährt sicher zwischen die beiden Säulen, wo es vor Anker geht. Die Feinde flüchten, rammen sich gegenseitig und gehen zugrunde. Die kleinen Begleitboote des päpstlichen Schiffes rudern mit voller Kraft ebenfalls zu den beiden Säulen und machen dort fest. Auf dem Meer tritt eine große Stille ein.

***

An dieser Stelle fragte Don Bosco seinen späteren Nachfolger als Generaloberer, Don Michael Rua: “Was hältst Du von dieser Erzählung?” Don Rua antwortete: “Mir scheint, das Schiff des Papstes ist die Kirche, deren Oberhaupt er ist. Die anderen Schiffe sind die Menschen, das Meer ist die Welt. Jene, die das große Schiff verteidigen, sind die treuen Anhänger des Papstes, die anderen seine Feinde, die mit allen Mitteln die Kirche zu vernichten suchen. Die beiden Säulen bedeuten, wie mir scheint, die Verehrung Mariens und der hl. Eucharistie.”

Don Bosco sagte: “Du hast gut gesprochen. Nur ein Ausdruck muß richtiggestellt werden: Die feindlichen Schiffe bedeuten die Verfolgungen der Kirche. Sie bereiten schwerste Qualen für die Kirche vor. Das, was bisher war, ist beinahe nichts im Vergleich zu dem, was noch kommen wird. Die Schiffe symbolisieren die Feinde der Kirche, die das Hauptschiff zu versenken suchten, wenn es ihnen gelänge. Nur zwei Mittel verbleiben uns zur Rettung in dieser Verwirrung: Die Verehrung der Gottesmutter und die häufige hl. Kommunion.”

Noch viele Jahre nach dem Bericht Don Boscos über seinen Traum von den zwei Säulen blieb das Anliegen dieser Vision im Gespräch. Einig war man sich jedoch in der Überzeugung, daß Don Bosco den Traum seinen Jungen und den Salesianern nur aus einem einzigen Grund erzählt hat: um diese zum Gebet für die Kirche und den Papst zu ermuntern und sie auf Verehrung des Altarssakramentes und der Maria Immaculata hinzuweisen.

Don Boscos Anliegen behält seinen Wert und seine Bedeutung bis in die gegenwärtige Situation der Kirche Jesu Christi.

 

Bei Berichten über außerordentliche Begebenheiten, Wunder und dergleichen bei Heiligen ist zu bemerken, daß diese nur menschliche Glaubwürdigkeit verdienen. Der übernatürliche Charakter solcher Vorgänge bleibt immer dem Urteil der obersten kirchlichen Behörde überlassen. Im Heiligsprechungsprozeß Don Boscos wurden seine Träume positiv beurteilt. Man vertrat die Meinung, bei ihm sei das “Übernatürliche” beinahe “natürlich” geworden, weil Träume und Visionen Begleiterscheinungen seines ganzen Lebens waren.

 

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