Hl. Don Bosco
 

   
   





Plastik druck

  

Einige Träume Don Boscos
Film über die Exhumierung von Don Bosco

Der heilige Johannes Bosco 

Giovanni Bosco, gen. Don Bosco, war einer der begnadetsten Jugendseelsorger und Lehrer. Zur Unterrichtung der Jugend gründete er die Kongregation der Salesianer (Ges. des heil. Franz v. Sales). Geboren am 16.08.1815 in Becchi in Piemont (Norditalien), empfing er 1841 die Priesterweihe. Im selben Jahr begann er, sich um die verwahrloste Jugend von Turin zu kümmern. Im Jahre 1845 gründete er die ersten Oratorien, wo Jugendliche ein Zuhause hatten, umsorgt wurden und das Evangelium vermittelt bekamen. Er gründete 1859 den Salesianerorden und 1866 begann den Bau der Salesianerkirche in Turin, in der sich auch sein Grab befindet. Die Hauptmerkmale der Kongregation Don Boscos waren Güte, Milde und Vertrauen. Durch Gotteseingebungen geleitet hat er die Jugendlichen erzogen und geführt und war wie ein Vater zu ihnen. 

Er wurde zu Lebzeiten schon als Heiliger verehrt und liegt seit seinem Tod am 31.01.1888, bis heute, unverwest in einem Glasschrein. 

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Knappe dreißig Jahre sind seit der Französischen Revolution, vergangen als Don Bosco das Licht der Welt erblickt. Im selben Jahr (1815) geht der Stern Napoleons mit dem Wiener Kongress unter. Schon im vergangenen, dem so genannten Jahrhundert der Aufklärung, wurde der Glaube angegriffen und belacht. Die Angriffe wurden im Namen der vergötterten Rationalität geführt, welche den «Aberglauben» bekämpfte.

Im 19. Jahrhundert ist der Angriff mit den sozialen und nationalen Fragen, oft in sehr verwickelter Art, vermischt.

Die Zeit, in der Don Bosco lebt, kann nur schwer beschrieben werden. Es ist die Zeit der ersten Industrialisierung, der Freiheitsbewegung, der Restauration und der Revolution. Mit einem Wort es herrscht eine, für uns unvorstellbare Verwirrung.

Als Hegel, der Philosoph des Idealismus, stirbt, ist Don Bosco 16 Jahre alt. Comte - der die neue Weltreligion gründen will - ist um 17 Jahre älter als unser Heiliger. Feuerbach ist um 11 Jahre, Darwin um 6 Jahre älter. Marx ist um 5 Jahre, Dostojewskij um 6 und Tolstoi um 13 Jahre jünger.

Als Don Bosco in Italien zur Welt kommt ist Foscolo 37 Jahre alt, Manzoni 30, Leopardi 17, Mazzini 10 und Garibaldi 8.

Pius IX, Leo XIII, Viktor Emanuel II, Cavour, Rattazzi, Crispi und Rosmini sind seine Freunde.

 

Don Bosco stirbt in Turin und in dem selben Jahr wird Nietzsche wahnsinnig.

Viele dieser Namen, waren Don Bosco völlig unbekannt.

Der bekannteste Schriftsteller den er kennen lernte war Victor Hugo. Nach einem Bericht hat ihn Don Bosco in zwei geheimen Gesprächen in Paris bekehrt.

Die Zeit in der Don Bosco lebte, wurde von all diesen Einflüssen gesteuert. Er traf seine Entscheidungen, nahm einige Ideen an, die anderen verurteilte er. Manchmal akzeptierte er ohne Kritik gewisse Bestimmungen seiner Zeit. Es wäre absurd ihn sich anders vorzustellen.

In dieser Zeit wurde die Kirche manchmal als Verbündete, oft jedoch als Feind angesehen der bekämpft werden muss. Der Antiklerikalismus hat unvorstellbare Höhen erreicht. Zwischen all diesen Menschen, Ereignissen, Ideen, Plänen, Restaurationen und Revolutionen entwickelt sich aber ein neuer Geist: die Frömmigkeit. Selbst die Feinde erkennen sie an. Diese Frömmigkeit zeigt sich besonders in den sogenannten «Bekehrern der Armen. »  Diese Frömmigkeit breitet  sich in den Städten aus und hinterlässt einen Strom von Erfahrungen und übernatürlichen Erscheinungen.

Vielleicht gibt es eine Episode, aus dem Leben von Don Bosco, welche nicht genau erklärt werden kann. Dagegen gibt es Tausende die genau bezeugt werden können.

Nehmen wir, z. B. das Jahr 1848 als Anhaltspunkt. Dieses Jahr ging in die Geschichte ein. Es begann der erste Freiheitskrieg.

Das Seminar in Turin leert sich. Aus Protest gegen den Erzbischof stellten sich während der Weihnachtsmesse mehr als 80 Geistliche, mit der dreifarbigen Kokarde auf der Brust, im Presbyterium des Domes auf. In der gleichen Art nahmen sie an der Feierlichkeit für die Verfassung teil.

Im nächsten Jahr wird der Bischof verhaftet und eingekerkert. Die Antikleriker schließen sich zusammen und erstürmen die Klöster. Die Priester teilen sich in Patrioten und Reaktionäre. Die Regierung bereitet ein Gesetz vor um alle Klöster zu schließen. Im Jahre 1855 wird das Gesetz rechtsgültig und dadurch werden 331 Klöster geschlossen und 4.540 Religiöse sind dadurch betroffen.

Das sind nur einige Ereignisse. In diesen Jahren wirken in Turin gemeinsam mit Don Bosco, Joseph Cafasso (der Priester der Gefangenen und zu Tode Verurteilten und geistiger Führer von Don Bosco) und Josef Benedikt Cottolengo (der Priester der Unheilbaren, der sich den Namen gab «der Arbeiter der göttlichen Vorsehung»).  Etwas später wählt Don Bosco seinen eigenen Weg. Eines Tages nimmt Cottolengo einen Gewandzipfel von Don Bosco in die Hand und meint: «Dieses Gewand ist zu leicht. Verschafft euch ein festeres Gewand, denn viele Kinder werden sich daran festklammern. »

 

Dann ist noch ein, um zwanzig Jahre jüngeres, Mädchen da. Don Bosco begegnet ihr im Jahre 1864. Sie, die hl. Maria Mazzarello, wird die Gründerin der Mariahilfsschwestern.

Im Jahre 1854 tritt ein außergewöhnlich sensibler Bub in das Oratorium von Don Bosco ein. In diesem Jahr wurde das Dogma der Unbefleckten Empfängnis verkündet. Dieses Kind ist von diesem Marienmysterium beeindruckt. Als fünfzehnjähriger wird er heilig gesprochen: es war Dominikus Savio.

Ein anderer Junge wird Nachfolger von Don Bosco, auch er ist seit kurzer Zeit selig gesprochen: der selige Michael Rua.

Noch ein anderer verbringt drei Jahre im Oratorium und nennt diese Zeit, «die glücklichste meines Lebens. » Obwohl nur sechzehnjährig würde er sein Leben für Don Bosco opfern. Es handelt sich um den seligen Luigi Orione, von dem Silone in einer bekannten Erzählung spricht. Auch er ist Gründer einer Kongregation für arme Kinder. Von Don Bosco sagte er: «Du würdest auf brennenden Kohlen gehen um Don Bosco noch einmal zu sehen und ihm zu danken. »

 

Don Friedrich Albert, ein anderer junger Priester unterrichtet zirka fünfzig Kinder unter denen Don Bosco seine Mitarbeiter auswählen will. Auch dieser Prediger ist heute ein «Seliger. »

Die Kirch hat schon acht Heilige offiziell anerkannt. Es gibt aber viele anonyme. Sie treffen sich und sprechen miteinander und verstehen sich gegenseitig, wie es eben Freunde tun. Das Übernatürliche zeigt sich in vieler und ergreifender Weise, so als möchte Gott sein warmes Blut und seinen Geist offenbaren. Die Kirche leidet in dieser Zeit unter ihren und der anderen Sünden und befasst sich mit schwierigen Problemen.

Im Leben von Don Bosco finden wir jede Art von Wundern: prophetische Träume, Erscheinungen, Verdoppelungen, die Fähigkeit die Seelengeheimnisse der anderen zu ergründen, Vermehrung von Brot, Nahrungsmitteln und Hostien, Heilungen, sogar Auferweckung der Toten.

Ich will nur zwei Episoden erwähnen, welche ein großes Echo in der damaligen Zeit erweckten. Die erste Begebenheit ist nicht nur traurig, sondern sogar furchtbar.

Der König ist unentschlossen ob er die Klöster auf auflösen soll oder nicht. Dieses Gesetz führt zum Kirchenbann. Don Bosco träumt von einem Höfling, der ihm die Nachricht bringt:

« Große Beerdigungen am königlichen Hof. »

Er spricht mit seinen Mitarbeitern darüber. Er schreibt einen Brief an den König und mahnt ihn, dieses Gesetz auf alle Fälle zu verhüten und die angedrohten Strafen zu vermeiden.

 

Das ist die Reihenfolge der Ereignisse. Die Warnung von Don Bosco erfolgt im Dezember 1851. Am 12 Januar 1855 stirbt die Mutter des Königs Maria Theresa im Alter von 54 Jahren. Am 20 Januar stirbt die Königin Maria Adelaide mit 33 Jahren. Am 11 Februar stirbt der Bruder des Königs, Prinz Ferdinand von Savoyen, im Alter von 33 Jahren. Am 17 Mai stirbt der letzte Sohn des Königs, im Alter von nur 4 Monaten.

Der König ist  voll Zorn gegen Don Bosco. Sogar auf Rat einiger Priester unterschreibt er aber am 29 Mai das Gesetz.

Jeder kann das beurteilen, so wie er will. Doch die Zeitgenossen waren darüber entsetzt.

Das andere Ereignis ist jedoch rührend. Im Jahre 1854 bricht in Turin Cholera aus und wütet besonders im Bezirk Borgo Dora. In diesem Stadtteil, ganz in der Nähe des Oratoriums, wohnen hauptsächlich die Immigranten. In Genua starben bereits 3.000 Einwohner. In Turin sind 800 Menschen von der Epidemie betroffen und 500 sind schon verstorben. Der Bürgermeister wendet sich an die Einwohner, aber es melden sich keine Freiwilligen als Krankenpfleger. Alle sind mit Angst erfüllt. Am 5. August ( Maria Schneewunder) ruft Don Bosco seine Buben und verspricht ihnen: «Wenn ihr in der Gnade Gottes lebt und keine Todsünde begeht, so versichere ich euch, dass keiner erkrankt. » Er ersucht alle sich der Krankenpflege zu widmen.

Er bildet drei Gruppen. Die ältesten arbeiten im Lazarett und in den Wohnungen. Die anderen suchen die Kranken und die im Sterben liegenden auf. Die kleinsten Buben bleiben im Oratorium und warten auf Einsatz.

Jeder hat eine Flasche mit Essig bei sich. Damit waschen sie sich die Hände, nachdem sie die Kranken berührt hatten. Die Stadt, die Behörden, auch wenn sie gegen die Kleriker sind, sind überrascht und beeindruckt. Die Epidemie endet am 21 November. Zwischen August und November erkrankten 2.500 Menschen und 1.400 starben. Kein Bub von Don Bosco erkrankte.

Diese zwei Ereignisse lassen uns die Atmosphäre spüren, in der Don Bosco, die Buben und seine Mitarbeiter lebten. Sie waren alle von seiner Familiarität mit Gott angezogen.

Das ist die katholische Erklärung. Wer diese verneint, muss Tausend andere Erklärungen finden.

Don Bosco ist der erste Heilige der interviewt wurde. Es ist eine journalistische Technik die von einem Amerikaner im Jahre 1859 erfunden wurde. Während einer Unterredung mit einem Reporter vom «Journal de Roma», werden ihm unter anderem folgende Fragen gestellt.

 

Wer war eigentlich Don Bosco?

Erst muss von seiner Mutter gesprochen werden. Sie war eine arme Bäuerin und konnte weder lesen noch schreiben. Als Johannes zwei Jahre alt war starb ihr Mann. So musste sie, in dieser schwierigen Zeit, mit allen Mitteln kämpfen um die Familie beisammen zu halten. Auswendig kannte sie einige Teile aus der Heiligen Schrift und einige Episoden aus dem Evangelium. Sie kannte die Grundwerte des christlichen Lebens ("Gott kennt auch deine Gedanken") Sie wusste von Paradies und Hölle. Sie glaubte auf Erlösung und vertraute auf die Hilfe Gottes. Sie kannte die Sakramente und das Rosenkranzgebet.

Hören wir Don Boscos Erzählung: «Ich erinnere mich. Sie hat mich auf meine erste Beichte vorbereitet. Sie hat mich in die Kirche geführt, beichtete, vertraute mich dem Priester an und half mir bei meiner Reue. Sie half mir bis sie sicher war, dass ich allein fähig war aufrichtig zu beichten. »

Weiter die Erzählung: «Am Tag der Erstkommunion war es beinahe unmöglich andächtig zu bleiben. Am Vormittag durfte ich mit niemand sprechen. Sie begleitete mich in die Kirche, half mir bei der Vorbereitung und dem Dankgebet. An diesem Tag erlaubte sie mir nicht, mich mit Arbeit zu beschäftigen. Ich verbrachte den Tag mit Lesen und Gebet. Sie wiederholte mir einige Male diese Worte: « Für dich war heute eine besonderer Tag, mein Kind. Ich bin sicher, dass Gott in deinem Herzen ist. Verspreche ihm, dass du, mit aller Kraft versuchen wirst, dein Leben lang gut zu bleiben. »

Die selbe Frau sagt ihm auch, als von einer möglichen Berufung ihres  Sohnes gesprochen wird: «Wenn du Priester wirst und bedauerlicherweise reich wirst, werde ich dein Haus nie betreten. »

Am Tag seiner Priesterweihe: «Jetzt bist du Priester und Gott nahe. Ich habe deine Bücher nicht gelesen, doch denke daran, dass Messelesen der Beginn der Schmerzen bedeutet. Ab jetzt denke nur an die Rettung der Seelen und sorge dich nicht um mich. »

Sie  wurde gerade Großmutter durch den anderen Sohn und kümmerte sich um das Kind, als Johannes zu ihr sagte: « Einmal habt ihr mir gesagt, dass ihr mein Haus nie betreten würdet, sollte ich reich werden. Jetzt bin ich aber arm und voll Schulden. Wollt ihr nicht zu mir kommen und Mutter für meine Kinder sein? »

Mutter Margherita antwortet demütig: «Wenn du meinst, es wäre der Wille Gottes. »

Die letzten zehn Jahre ihres Lebens (1845 - 1856) widmet sie den Kindern, die ihr der Sohn anvertraut. Sie widmet sich ihnen mit ihrer ganzen Kraft und wenn sie nicht mehr kann, dann findet sie die Kraft durch einen Blick auf das Kreuz.

 

Die Heiligen werden so geboren und so gedeihen sie.

Seit der Kindheit hat Johannes Bosco einen Wunsch, der ihm sogar im Traum «unmöglich» erscheint. Er will die kleinen «Wildkatzen» in Kinder Gottes verwandeln. Der innere Drang bewegt ihn daher sich der verlassenen Jugend zu widmen.

Für sie wollte er unbedingt Priester werden. Er studierte, erleichtert durch ein gutes Gedächtnis und bewältigte alle Demütigungen und Schwierigkeiten.

Teils um sein Studium zu bezahlen, teils aus Begeisterung fand er auch Zeit sich als Hirte, Jongleur, Seiltänzer, Schneider, Schmied, Barmann, Konditor, Punktzähler am Billardtisch, Orgel- und Spinettspieler zu beschäftigen.

Sich um die anderen brotlosen, ungebildeten und glaubenslosen Kinder zu kümmern erschien ihm jedoch, so wie er selbst sagte - «das Einzige, das ich auf Erden tun muss. Und das seit meinem fünften Lebensjahr. »

Turin ist in diesen Jahren vom Fieber der ersten Industrialisierung gepackt. Die Immigranten sind Zehntausend. Im Jahre 1850 spricht man sogar von 50.00 oder 100.000 Immigranten. Der Bau der Wohnhäuser beginnt. Die Stadt ist voll von Kindern, die sich für alle möglichen Arbeiten anbieten; sei es als Straßenhändler, Schuhputzer, Zigarettenverkäufer, Kaminfeger, Stall- oder Laufburschen usw. Doch niemand beschützt sie. Es bilden sich richtige Banden, welche besonders an den Feiertagen die Vororte bevölkern.

Don Bosco nähert sich zuerst den Maurern, Steinmetzen und Straßenpflastern.

Viele Kinder stehlen und enden natürlich früher oder später im Gefängnis.

Auch andere junge Priester kümmern sich um die verlassenen Kinder, lassen sich aber von den politischen Problemen beeinflussen und dadurch wird ihre Arbeit zerstört. Ein, in Turin sehr bekannter Priester ist überzeugt nach dem Wunsch des Volkes zu handeln und hat seine zweihundert Jugendliche an der Schlacht von Novara teilnehmen lassen. Es ist eine völlige Niederlage.

Don Bosco berücksichtigt niemanden. Er kümmert sich nur um seinen Buben. Er sammelt sie in einem Oratorium. Er schleppt sie mit sich in der ewigen Suche nach einem größeren Ort um noch mehr Kinder aufnehmen zu können. Er kämpft gleichzeitig auf mehreren Seiten. Die Politiker fürchten diesen Revolutionär, dem Hunderte von Kinder auf ein einziges Wort folgen.

 

Don Bosco mit seinen Buben.

Das Oratorium wird von der Polizei streng überwacht. Einige sind der Meinung, ein Oratorium wäre ein unmoralischer Ort. Die Pfarrer der Stadt sind besorgt, da sie das «System der Pfarre» zerstört sehen. Wenn ein Oratorium geführt wird, dann innerhalb der Pfarrei.

Die Anklage lautet: «Die Jugend trennt sich von der Pfarrei. »

Don Bosco wird beschuldigt. Andererseits denken die Pfarrer noch an die vergangenen Zeiten, als die jugendlichen Einwanderer mit einer Empfehlung ihres Pfarrers kamen und um Aufnahme baten.

Anderseits sind die Pfarroratorien, soweit sie existieren, nur an den Feiertagen geöffnet. Don Bosco denkt aber an tägliche und mit der völligen Teilnahme der Priester.

Nur dies veranlasst die Pfarrer ihre Meinung zu ändern. Allerdings bestehen sie darauf, dass Don Bosco später die Jugendlichen zu den jeweiligen Pfarren schickt.

Aber das sind Jugendliche, die sich nie einer Pfarre nähern würden. Außerdem ist das Oratorium von Don Bosco nur eine Struktur oder ein Ort, auch wenn dies, für die Außenstehenden, nur sehr schwer verständlich ist.

In erster Linie ist das Oratorium Don Bosco selbst: seine Person, seine Energie, seine Art, seine Erziehungsmethode. Diese Eigenschaften können nicht von einer Pfarrei in die andere gebracht werden. Zum Glück entschließt sich der Erzbischof das Oratorium persönlich zu besichtigen. Er verbringt einen schönen Tag und sagt auch: «ich habe in meinem Leben noch nie so viel gelacht. » Er Kommuniziert und spendet die Firmung an dreihundert Buben. Er ist auf diese Jugend stolz, auch wenn er sich, mit der Mitra am Haupt, an der niedrigen Decke den Kopf anschlägt.

Alle Firmungszeugnisse werden, laut seiner Verordnung, in der Kurie gesammelt und später den jeweiligen Pfarren überleitet. In dieser Weise wird das Oratorium anerkannt, als «Pfarre der Jugendlichen, die keine Pfarre haben. »

Mit einer sinnvollen theologischen Bedeutung sagt Don Bosco, dass, sein begeisterter Anhänger der Abt Rosmini -« unser Werk mit den Missionen in fremden Ländern vergleicht. »

Auch mit den sogenannten «patriotischen Priestern» musste Don Bosco kämpfen. Diese wollte seine Buben in die Politik verwickeln um sie in den Freiheitskrieg zu schicken.

 

Er schrieb: « Im Jahre 1848 waren die Ideen und die Meinungen so verwirrt, dass ich nicht einmal mehr dem Dienstpersonal vertrauen konnte. Ich ganze Hausarbeiten erledigte ich allein. Ich kochte, deckte den Tisch, reinigte das Haus und hackte das Holz. Hemd, Hose, Hand- und Leintücher nähte ich selbst. Erst erschien es mir als verlorene Zeit, doch bald fand ich in dieser Tätigkeit die Möglichkeit den Buben in ihrem christlichen Leben zu helfen. Während ich Brot und Suppe austeilte, konnte ich sie beraten oder mit einem guten Wort trösten. »

Viele, sogar seine Freunde waren überzeugt, dass Don Bosco wahnsinnig geworden ist. Auch gegen diese musste er kämpfen.

Während er mit seinen Buben von einem kümmerlichen Ort zum anderen zog, erzählte er ihnen von großen Oratorien, Kirchen, Häusern, Schulen, Werkstätten, Tausende von Kindern und viele Priester zu ihrer Verfügung.

Die Kinder glaubten ihm und wiederholten immer seine Worte. Aber sogar seine besten Freunde waren verzweifelt: «Armer Don Bosco. Er liebt seine Jungen so sehr, dass er wahnsinnig geworden ist. »

Ganz Turin sprach von dem «wahnsinnigen Priester. » Mit einer List versuchte man ihn in ein Spital einzuweisen.

Sein engster Freund, ein anderer Priester, weinte: « Armer Don Bosco. Er hat tatsächlich den Verstand verloren. »

Don Bosco schreibt: «Alle haben sich von mir entfernt. Meine Mitarbeiter haben mich mit zirka vierhundert Kindern allein gelassen. »

Besonders beeindruckend war, dass er allen, die ihm vorwarfen, dass die Wirklichkeit weit von seinen Beschreibungen von «Häusern, Schulen, Kirchen usw.» entfernt war und ihn verzweifelt fragten: «aber wo sind diese Dinge? », ganz einfach: «ich weiß es nicht, aber sie existieren, denn ich sehe sie» antwortet.

Unterdessen wuchsen die Buben heran und die Sorgen wurden immer größer.

Don Bosco schreibt: «Die Liebe und der Gehorsam meiner Buben sind bewundernswert. Das muss ich anerkennen. » Doch dies bestärkte die Befürchtung Don Bosco könnte mit seinen Buben eine Revolution beginnen.

Versetzen wir uns in die damalige Zeit. Dieser außergewöhnliche Mann holte mehr als dreihundert Jugendliche, für einen Tag, ohne Aufseher aus dem Gefängnis und brachte sie am Abend wieder zurück. Es fehlte keiner.

Allerdings muss man auch begreifen was Don Bosco für sie bedeutete. Eine Episode macht es uns begreiflich.

Nach einem anstrengenden Tag, im Juli 1846 hustet er Blut und wird ohnmächtig.

Er ist in Lebensgefahr und erhält die Letzte Ölung. Acht Tage kämpft er zwischen Leben und Tod.

Einige Buben arbeiteten unter der prallen Sonne und tranken trotzdem keinen Tropfen Wasser während dieser acht Tage. Sie flehten Gott um seine Genesung an. Nach zwölfstündiger Arbeit wechselten sie sich Tag und Nacht im Heiligtum der Consolata ab und beteten für ihn. Einige versprachen jeden Tag den Rosenkranz zu beten. Andere gelobten nur bei Wasser und Brot in den nächsten Monaten zu leben. Manche wollten ihr ganzes Leben so verbringen.

Die Ärzte waren überzeugt, dass Don Bosco am Samstag stirbt. Der Bluthusten wurde immer stärker. Unglaublich, aber wahr, Don Bosco genas.

Bleich und kraftlos fand er sie alle in der Kappelle. Er sagte nur: «Ich verdanke euch mein Leben. Von nun an werde ich es euch widmen. » Den Rest des Tages verbrachte er im Gespräch mit ihnen und verwandelte ihre maßlosen Versprechungen, welche sie Gott gebracht hatten, in ausführbare Dinge.

Es war keine romantische oder idealisierte Liebe, sondern das Ergebnis eines Lebens welches mit guten Werken ausgefüllt war.

Eine Beschreibung ist unmöglich. Wir können nur einige Dinge aufzählen.

Im Jahre 1847 besuchen schon Hunderte von Buben das Oratorium. Einige von ihnen, haben keine Eltern und wohnen daher bei Don Bosco und Mutter Margherite.

Die ersten schlafen in der Küche. Am Ende des Jahres sind es sechs, fünfunddreißig im Jahre 1852, Hundertfünfzehn im Jahre 1854, vierhundertsechzig im Jahre 1860, sechshundert im Jahre 1862 und erreichen am Ende achthundert.

Im Jahre 1845 gründet Don Bosco eine Abendschule für durchschnittlich dreihundert Buben.

Im Jahre 1847 gründet er ein neues Oratorium.

Im Jahre 1850 gründet er eine Gemeinschaft für die gegenseitige Hilfe der Arbeiter.

Im Jahre 1853 eine Schneiderei und eine Schusterwerkstatt.

Im Jahre 1854 eine Buchbinderei.

Im Jahre 1856 eine Tischlerei.

Im Jahre 1861 eine Druckerei.

Im Jahre 1862 eine Schmiede.

Seit 1850 existiert ein Internat für 12 Studenten - im Jahre 1857 sind es bereits 121 Studenten.

Im Jahre 1862 sind sechshundert Internisten und eben so viele Externe im Oratorium.

Außer den sechse Werkstätten gibt es Sonntags- und Abendschulen, zwei Schulen für Gesang und zwei für Orchester.

Neununddreißig Salesianer haben mit Don Bosco eine religiöse Kongregation geformt.

Zur gleichen Zeit sorgte er auch für die Priesterausbildung. Als er im Jahre 1888 starb waren schon mehr als hundert «neue» Priester aus Valdocco hervorgegangen. Alle kamen aus den armen Volksschichten.

Immer für seine Buben wurde Don Bosco auch zum Schriftsteller. Er schreibt für den Schulunterricht eine Geschichte über die Heiligen, über Religion, von Italien, viele Biographien  und pädagogische Werke. Mehr als fünfzig Werke. Er schrieb sogar ein Büchlein über die «Vereinfachung des dezimalen Metersystems», welches im Jahre 1850 in Kraft treten sollte und ab 1846 in den Schulen unterrichtet werden sollte. Doch die Regierung hatte keine Schulbücher vorbereitet. Er betrachtet jedes Büchlein als einen «Liebesdienst» für die Kirche und seine Buben. Ein, ziemlich reichhaltiges, Lehrbuch über die Jugenderziehung erreicht im Jahre 1888 die 118. Auflage.

Bis jetzt haben wir das Leben von Don Bosco bis 1860 verfolgt. Bis zu seinem Tod vergehen noch 25 Jahre. In diesen Jahren hat er die «Bibliothek für die italienische Jugend» mit 204 Büchern, in lateinischer und griechischer Sprache, bereichert. Er hat fünf Internate eröffnet, eine weibliche Kongregation gegründet, die Wahlfahrtskirche «Maria Hilf» und die Kirche «Sacro Cuore» in Rom erbaut, 64 Häuser für die Salesianer in sechs Nationen und Missionen in Lateinamerika gegründet. Er hatte 768 Salesianer an seiner Seite. Er reiste nach Frankreich und Spanien. In diesen Ländern wollten alle den «Mann des Glaubens» (mit diesem Beinamen ist er allgemein bekannt) kennen lernen.

Im Jahre 1883 ist er vier Monate in Frankreich und bereist das ganze Land. In Paris angekommen schreibt Le Figaro, vor seinem Haus «warten schon seit einer Woche die Kutschen den ganzen Tag. » Kardinal Lavigerie nennt ihn den «heiligen Vincenzo de' Paoli aus Italien. »

 

Eine Besonderheit: im Jahre 1883 war die Druckerei von Don Bosco, die beste von Turin. Im Jahre 1884 hatte Don Bosco bei der «nationalen Ausstellung der Industrie, Wissenschaft und Kunst» einen eigenen Stand. Über dem Eingang las man in großen Buchstaben:

DON BOSCO: SALESIANISCHE PAPIERFABRIK, DRUCKEREI, BUCHBINDEREI UND BUCHHANDLUNG.

 

Die Kirche von Don Bosco (1961)

Er war der erste Priester der bei einer nationalen, der Arbeit gewidmeten, Ausstellung, teilnahm.

Der Berichterstatter erzählte, die Leute hätten immer gelächelt, wenn sie die Reklame lasen. Sie dachten immer die üblichen Dinge für eine Sakristei zu finden und waren überrascht eine ganze Arbeitskette zu sehen. Bis jetzt sah man noch nie, wie aus Lumpen, Papier erzeugt wurde und aus Papier, fertige, schön gebundene, Bücher mit Hunderten von Illustrationen. Die Zeitung von Reggio Emilia berichtete, dass der Stand von Don Bosco immer stark besucht war.

Diese beeindruckende Tätigkeit stellt tatsächlich die Frage nach dem historischen Wert von Don Bosco.

Völlig gefahrlos können sich heute alle, jede Banalität und schlechtes Urteil erlauben, wenn sie über die Kirche oder die Kleriker sprechen. Viele Christen nehmen alles an und teilen jede Meinung. Jede Kritik und jede Erniedrigung der Geschichte ist ihnen recht. Manchmal quälen sie sich selbst, nur um als moderne Menschen zu erscheinen. Wenn man übertreibt, lächeln sie eventuell nur. Während der 125 jährigen Geschichte unseres Landes wurden Millionen Menschen von den Salesianern ausgebildet. Für viele erscheinen sie aber «pathetisch», da Don Bosco keine politische Stellung einnahm.

Er sah einfach die Notwendigkeit und schritt ein. Er beschäftigte sich aber mit den echten  Menschen. Mit denjenigen, welche die tägliche Geschichte schreiben, auch wenn sie den Großen «pathetisch» erscheinen.

In einer Aufzeichnung die Don Bosco an Francesco Crispi schrieb liest man.

«Aus dem Register ist zu entnehmen, dass mehr als hunderttausend Jugendliche aufgenommen und mit dieser Methode erzogen wurden. Sie lernten, Musik, Literatur, Kunst und Handwerke. Sie wurden ehrliche Handwerker, Verkäufer, Kaufleute, Lehrer, Angestellte und viele ergriffen sogar die militärische Laufbahn. Viele, besonders begabte konnten auch die Universität besuchen und schlossen ihr Studium in Mathematik, Medizin und Justiz ab. Sie wurden Ingeneure, Notare, Apotheker usw.»

Viele rümpfen vor Don Bosco die Nase, da er in so einer komplexen und schwierigen politischen Lage, sich einerseits jeder politischen Einstellung enthob (ihm genügte, wie er sagte die «Politik des Vater Unser»), anderseits, auf der Seite des Papstes stand.

Auch die Antiklerikalen schrieen in dieser Zeit: "Es lebe Pius IX", denn sie hofften in ihm einen liberalen Papst zu finden. Don Bosco lehrte aber seinen Buben, dass man "Es lebe der Papst" rufen muss.

Laut seiner eigenen Worte hing er an dem Papst wie ein «Tintenfisch an dem Felsen. » Seine Meinung über die römische Frage war:  «Ich bin auf der Seite des Papstes. Ich bin Katholik und gehorche blindlings dem Papst. Sollte der Papst zu den Piemontesern sagen: kommt nach Rom würde auch ich ihnen sagen: geht. Sagt aber der Papst, das Kommen der Piemonteser nach Rom, ist ein Raubüberfall, dann sage ich das Gleiche. Wenn wir Katholiken sein wollen, müssen wir, wie der Papst denken und glauben an das was er denkt. »

Die betreffenden Probleme und Personen waren damals nicht so verherrlicht, wie sie es heute in unseren Geschichtsbüchern sind. Sie erschienen so, wie sie tatsächlich waren. Mit aller ihrer Doppeldeutigkeit und  Armseligkeit. Das Werk der Priester die sich damals «mit dem Volk für die Einigung» politisch verbündeten, blieb in der Geschichte völlig unbedeutend.

Anderseits wussten alle, Kirche und Staat, König und Papst, Minister und Kardinäle, sie können auf Don Bosco vertrauen, wenn es galt eine Übereinstimmung zu finden. Nach der Einigung von Italien musste das Problem der Diözesen geregelt werden. Sechzig Diözesen waren ohne Bischof. Die langen Verhandlungen fanden in Don Bosco einen tüchtigen Vermittler.

Ein anderes, viel sagendes Beispiel. Minister Rattazzi erklärte, von sich aus, Don Bosco die Gründung einer religiösen Kongregation, obwohl er persönlich die religiösen Orden aufgehoben hatte. (Das bekannte Gesetz Rattazzi aus dem Jahre 1855.) « Rattazzi – so erzählte Don Bosco – wollte mit mir einige unserer Ordenregeln besprechen, welche unser Verhalten zu dem Zivil- und Staatsrecht betreffen. »

Praktische lehrte er ihm eine Kongregation zu bilden, welche einerseits durch die normalen kirchlichen Gesetze geregelt war, anderseits aber durch das Zivilrecht, welche die humanitären Institute reguliert. Die Idee eine «religiöse Gemeinschaft die von dem Staat als Laiengesellschaft angesehen wird» zu gründen, bekam er von Ratazzi. Sogar die Bischöfe waren von dieser Idee überrascht. Sie entsprang aus der Zuneigung, welche der überzeugte antiklerikale Ratazzi für Don Bosco hegte.

Viele rümpfen auch die Nase, weil Don Bosco die soziale Lage seiner Zeit und die soziale Aufteilung nicht angreift, sondern den Armen, innerhalb dieses Systems, hilft. Mit anderen Worten, er bittet die Reichen um Hilfe. Auch diese Kritik bedeutet, nur mit Prinzipien und nicht mit Tatsachen zu arbeiten. Als Don Bosco sein zweites Oratorium gründet, schreibt Karl Mark sein Manifest. Don Bosco hatte ein eigenes Urteil über die soziale Lage, obwohl er die pauperistischen Phänomene und die sich vorbereitenden Änderungen, nicht wissenschaftlich analisierte.

Er weigerte sich ein «sozialer Priester» und Politiker zu sein. Er fühlte seine Berufung in dem sofortigen Eingriff und die Liebe ließ ihn sofort mit der Arbeit beginnen. Einige Menschen kämpfen gegen die Ursachen, andere gegen die Folgen der Ungerechtigkeit. Jeder fühlt seine Berufung und alle sind bedeutend. Wichtig ist es, die Lage zu analysieren und neue Pläne auszuarbeiten. Wichtig ist aber auch sofort zu lieben und zu helfen, denn die Armen können die großen Analysen und Pläne nicht abwarten. Don Bosco sagte: «Überlassen wir anderen religiösen Orden Pläne und politische Aktion. Wir gehen direkt zu den Armen. »

Sogar Pertini schrieb, er hätte in den Schulen der Salesianer «eine unbegrenzte Liebe zu allen Armen und Unterdrückten gelernt. Das bewundernswerte Leben von Don Bosco hat mich zu dieser Liebe geführt. »

Interessant ist, dass einige der ersten, in Italien abgeschlossenen, Arbeitsverträge, welche echte revolutionäre soziale Neuigkeiten enthalten, von Don Bosco geschrieben und unterzeichnet wurden.

Bis jetzt wurde noch nie an der pädagogischen Fähigkeit von Don Bosco gezweifelt.

Einige machen Don Bosco den Vorwurf, seine Erziehung wäre «traurig, regressiv und fast qualvoll» gewesen.

Im Jahre 1920 schrieb ein antiklerikaler, ungläubiger, aber ehrlicher Erzieher, Giuseppe Lombardo Radice an seine Anhänger: «Don Bosco war ein «Großer», den man begreifen muss. Innerhalb der Kirche gründete er eine Erziehungsmethode, durch die sie den verlorenen Kontakt mit der Volksmasse wieder aufnahm. Für uns, die wir außerhalb der Kirche stehen ist auch er ein Held. Ein Held der vorbeugenden Erziehung und der Einrichtung Schule-Familie. Seine Nachfolger können stolz sein. »

Außerdem: «Don Bosco? Das Geheimnis liegt in einem Ideal. In unseren Schulen herrschen viele Ideen. Auch ein Dummkopf, Priester oder Laie, Lehrer oder nicht, kann viele Einfälle haben. Ein Ideal ist schwierig, besitzt jedoch eine Seele. »

Nach sechzig Jahren haben anscheinend sehr viele, die Don Bosco kritisierten «sehr viele Ideen.» Im Jahre 1877 veröffentlichte Don Bosco ein kleines Büchlein mit dem Titel: Das Präventivsystem in der Erziehung der Jugend. Die erste Sorge galt dem Erzieher selbst, dessen völlige Hingabe notwendig war.

«Ich habe Gott versprochen mich bis zu meinem letzten Atemzug der Jugend zu widmen.

Für die Jugend lerne ich, für sie arbeite und lebe ich. Für die Jugend bin ich bereit mein Leben zu opfern. » So erklärte Don Bosco.

«Rechnet mit mir. Ich bin immer für euch da. Bei Tag und bei Nacht. In jeder Stunde des Tages. »

Die Vorsorge begann mit der völligen Hingabe der Erzieher. Diesen völligen Einsatz verlangte Don Bosco. Auch die Leiter der Schulen mussten immer bei den Kindern sein, auch während der Zeit der Erholung. Sie mussten sichtbar, greifbar, vertraut sein.

In einer Zeit in der die Erziehung mit völliger Autorität vollzogen wurde, war das eine echte Erneuerung. Die Disziplin wurde nicht mehr durch Bestrafung erreicht, sondern durch Ermutigung und Überzeugung. Es war nicht mehr notwendig vor dem Erzieher in Reihen stramm und steif zu stehen. Die Jugendlichen scharrten sich um den Erzieher.

Pèlerin, ein Reporter einer französischen Zeitung, schrieb im Jahre 1883 in einem Artikel: «Wir haben dieses System in Tätigkeit gesehen. In Turin bilden die Schüler eine Gemeinschaft, in der nicht in der Reihe marschiert wird, sondern sie gehen wie in einer Familie. Jede Gruppe umschwirrt ihren Erzieher, ohne Lärm, ohne Ärgernis oder Kontrast. Wir bewunderten die fröhlichen Gesichter dieser Buben und riefen: hier ist die Hand Gottes vorhanden. »

Die Fröhlichkeit war die Treibfeder, welche sich mit dem Übernatürlichen verband. Der kleine Domenico Savio erklärte einem neuen Schulkollegen: «Du musst wissen, dass hier die Heiligkeit durch die Fröhlichkeit erreicht wird. »

Der Zwang war abgeschafft. In allen Erziehungsanstalten für Jugendliche, war Beichte und Kommunion Pflicht.

Don Bosco hörte die Beichte und kommunizierte alle Buben, aber keiner war dazu gezwungen. Im Gegenteil er riet allen, die Kinder nicht mit Pflichten zu beladen. Sie nur ermuntern. Er zeigte ihnen ganz einfach, dass sie ohne Frieden im Herzen nicht richtig glücklich sein konnten, keine richtigen Kinder.

Eine Erziehung, ohne Vertraulichkeit mit Gott, d. h. ohne «Religion» ist nicht möglich. Davon war Don Bosco fest überzeugt.

Er sagte: « Die Erziehung ist eine Sache des Herzens und nur Gott ist der Besitzer des Herzens. Wir können nichts vollbringen, wenn Gott uns nicht den Schlüssel zu diesem Herzen gibt. Nur ein Katholik kann die vorbeugende Methode, mit Erfolg, anwenden. »

Von dieser Idee überzeugte er sogar einige Protestanten die ihm aufsuchten um bei ihm zu lernen. Die Ausdrücke, die «intolerant» erscheinen, gehören zu dieser «Idee», welche einen echten Erzieher bilden. Die Vorstellung, die Don Bosco von einem Erzieher hat umfasst seine ganze Aktivität.

Er findet alles wichtig und nichts unwürdig für einen Erzieher. Egal ob es sich um Kochen, Schneidern, Spiel, Unterricht, Musik, Gebet, Predigt, Beichte oder Kommunion handelt.

Noch zu seinen Lebzeiten erschien im Jahre 1884 eine, von einem Franzosen, verfasste Biographie von Don Bosco.

In dieser schrieb der Autor: « Bis heute haben sich die Gründer von Kongregationen und religiösen Orden ein bestimmtes Ziel, innerhalb der Kirche gestellt. Sie haben das Gesetz angewendet, welches von den modernen Wirtschaftswissenschaftlern, das Gesetz der Arbeitsteilung genannt wird. Don Bosco hat die neue Idee ausgearbeitet. Seine einfache Gemeinde erledigt die ganze Arbeit. »

Zweck, Religion und Liebe, das waren die drei Begriffe auf denen Don Bosco sein Werk aufbauen will.

Dem Schüler muss man das ganze Leben widmen. Die Liebe hatte eine besondere Bedeutung. Tatsächlich kann man lieben, aber wenig wirken.

In einem bekannten Brief schrieb er, aus Rom, im Jahre 1884: «Haben meine Jungen, nicht genug Liebe erhalten? Du weißt, wie viel ich für sie gelitten und im Laufe von vierzig Jahren ertragen habe und auch heute noch ertrage. Wie viele Opfer, Demütigungen und Gegner habe ich ertragen um der Jugend Brot, Heime, und Lehrer zu geben und besonders um sie von ihren Krankheiten zu heilen. Ich tat, was ich konnte für sie, denn sie sind meine ganze Liebe. Was will man noch von mir? »

Und die Antwort war: «Die Jugend nicht nur lieben, sondern sie müssen sich dieser Liebe auch bewusst sein. »

Das war zu Don Boscos Zeiten zutreffend. Einer seiner Buben antwortete als Erwachsener: «Wir wuchsen mit der Liebe auf. »

Das ist die Besonderheit von Don Bosco: er genügt nicht nur zu lieben. Liebe muss man zeigen und fühlen lassen. «Liebe muss man mit Worten, Taten, sogar mit dem Gesichtsausdruck aussprechen. »

Das verlangt eine tiefe Askese, eine völlige tägliche Hingabe.

Im Jahre 1883 besuchte ihn ein einfacher Priester aus der Lombardei, nachdem er so viel von Don Bosco gehört hatte. Dieser einfache Priester ist der zukünftige Papst Pius XI, welcher Don Bosco «heilig» erklärt.

Er musste warten, da Don Bosco mit den Leitern seiner Heime in Versammlung war.

Inzwischen konnte der einfache Priester beobachten. Nach fast fünfzig Jahren, als Papst, erzählt er diese Begegnung. «Es waren Menschen anwesend, die von überall herkamen. Einer mit einem Problem, der andere mit einem anderen. Er stand in ihrer Mitte, als wäre es eine Angelegenheit von nur einem Augenblick. Er hörte alle an, begriff sofort und antwortete allen. Er war ein Mann, der alles beachtete, was um ihn vorging. Gleichzeitig hatte man aber den Eindruck, als wäre er mit seinen Gedanken ganz wo anders. Tatsächlich war er auch mit seinen Gedanken bei Gott. Für alle hatte er die richtigen Worte. Trotz der vielen Schwierigkeiten führte Don Bosco sein Leben in der Heiligkeit und innigem Gebet. »

Gerade das, war die erzieherische Fähigkeit, für sich selbst und für die Anderen. In den letzten Monaten konnte er sich nur mit Schwierigkeiten bewegen. Auf die Frage «Don Bosco, wohin gehen wir? », antwortete er «wir gehen in den Himmel. »

Heiliggesprochen wurde er am Ostersonntag des Jahres 1934, am Ende des Jahres der Erlösung. Er war der erste Heilige in der Geschichte, dem am Tag nach der Heiligsprechung im Rathaus eine Feierlichkeit gewidmet war. Die Ansprache hielt der Erziehungsminister. Es war eine Anerkennung die bezeugte, dass Don Bosco allen gehört. Bis heute

 

Einige Träume Don Boscos

DER TEUFEL VERLEITET ZU ZERSTREUUNGEN

(Lem. VIII, 115‑116)

Von Don Bosco am 1. Mai 1865 erzählt:

“Im Traum sah ich mich in einer Kirche, die von Jungen ganz gefüllt war. Nur wenige gingen zur hl. Kommunion. An der Kommunionbank stand ein großer Mann in schwarzer Kleidung. Er hatte Hörner und hielt einen Apparat in der Hand. Einigen Jungen zeigte er verschiedene Sachen, die in dem Apparat zu sehen waren. Den einen ließ er die ganze vom Spiel belebte Erholungspause sehen. Er interessierte sich vor allem für sein Lieblingsspiel. Einem anderen zeigte er frühere Spiele, an denen er Vergnügen fand in der Hoffnung auf zukünftige Siege beim Spiel. Dann zeigte er einem seine Heimat, seine Spaziergänge daselbst, Felder und Vaterhaus; einem andern den Studiersaal, die Bücher, Arbeiten und seine Helfer. Dem nächsten zeigte er Obst, Süßigkeiten und den Wein, den er im Koffer hatte, und wieder einem andern seine Eltern und Freunde.

Aber auch Schlimmeres ließ er sie schauen, nämlich ihre Sünden und nicht abgegebenes Geld. Daher gingen nur wenige zu den hl. Sakramenten. Einige sahen ihre Ferienausflüge. Sie übersahen alles andere und betrachteten nur die früheren Gefährten ihrer Vergnügungen.

Wißt ihr, was dieser Traum bedeuten soll? Er will besagen, daß der Teufel sich anstrengt, die Jungen in der Kirche zu zerstreuen, um sie vom Empfang der hl. Sakramente fernzuhalten. Und die Jungen sind so unklug und gehen darauf ein.

Meine lieben Jungen! Dieses elende Teufelswerk muß man zerschlagen. Wißt ihr auch wie? Werft einen Blick auf das Kreuz und dann denkt daran, daß man sich dem Teufel in die Arme wirft, wenn man den Empfang der hl. Kommunion vernachlässigt.

 

DIE PROZESSION ZUM MARIENALTAR

(Lem. VIII, 129‑132)

Den folgenden Traum erzählte Don Bosco am 30. Mai 1865: “Ich erblickte einen großen Altar, der Maria geweiht und prächtig geschmückt war. Alle Jungen des Oratoriums sah ich in einer Prozession zum Altare schreiten. Sie sangen das Lob der reinsten Jungfrau, aber nicht alle in derselben Weise, obwohl alle das gleiche Lied sangen. Viele sangen wirklich genau und gut nach den Noten. Einige sangen lauter, andere leiser. Manche hatten eine heisere Stimme. Andere sangen falsch, wieder andere gingen schweigend weiter und lösten sich dann aus den Reihen. Einige gähnten und langweilten sich. Manche stießen sich auch an und lachten miteinander. Aber alle trugen Geschenke, um sie Maria darzubringen. Die meisten brachten einen Blumenstrauß. Diese Blumensträuße waren von verschiedener Größe und mannigfaltiger Art. Einer hatte einen Strauß Rosen, ein anderer Nelken, wieder ein anderer Veilchen usw. Einige brachten der allerseligsten Jungfrau wirklich seltsame Gaben. Die einen trugen einen Schweinekopf, die anderen eine Katze. Es war auch einer dabei, der eine Platte voll Kröten hatte, während andere ein Kaninchen, ein Lamm oder andere Dinge trugen.

Vor dem Altar stand ein schöner Jüngling. Wenn man genau hinschaute, sah man Flügel. Vielleicht war es der Schutzengel des Oratoriums. So wie die Jungen nach und nach herankamen und ihre Gaben darbrachten, nahm er diese in Empfang und legte sie auf den Altar.

Die ersten brachten herrliche Blumensträuße und der Engel legte sie, ohne etwas zu sagen, auf den Altar. Andere — in großer Zahl — reichten ihm ihre Blumensträuße. Er betrachtete sie und nahm sie auseinander. Verdorbene Blumen nahm er heraus und warf sie weg. Dann fügte er die Blumen wieder zu einem Strauß zusammen und legte sie auf den Altar. Einige hatten schöne Blumensträuße, aber Blumen dazwischen, die nicht dufteten, wie Dohlen, Kamelien u. a. Der Engel ließ sie herausnehmen, weil Maria nur Wirklichkeit und nicht den Schein liebt. Wenn dann der Strauß neu geordnet war, brachte der Engel ihn der heiligsten Jungfrau dar. Viele hatten zwischen ihren Blumen sogar Dornen und Nägel, die der Engel wegnahm.

Schließlich kam der Junge heran, der einen Schweinekopf trug. Der Engel sagte zu ihm: “Hast du wirklich den Mut, diese Gabe Maria anzubieten? Weißt du auch, was das Schwein bedeutet? Das häßliche Laster der Unkeuschheit. Die reinste Jungfrau Maria kann diese Sünde nicht ertragen. Ziehe dich also zurück; du bist nicht würdig vor ihr zu stehen.”

Dann kamen Jungen, die eine Katze trugen und der Engel sagte ihnen: “Ihr wagt es, der Gottesmutter solche Sachen anzubieten? Wißt ihr nicht was eine Katze bedeutet? Sie versinnbildet den Diebstahl und ihr bringt sie noch der heiligsten Jungfrau! Diebe seid ihr, Diebe, die den Kameraden Geld, Sachen, Bücher und sogar Eßwaren wegnehmen. Ihr seid solche, die aus Ärger und Bosheit Kleider zerreißen und das Geld der Eltern vergeuden, weil sie die Zeit zum Lernen der Schulaufgaben nicht ausnutzen.”

Dann ließ er auch diese beiseite treten.

Nun kamen diejenigen Jungen, welche Platten mit Kröten trugen. Der Engel schaute sie zornig an. “Die Kröten versinnbilden die schändlichen Sünden des Ärgernisgebens und ihr wollt sie der reinsten Jungfrau bringen? Zurück! Fort mit euch zu den übrigen Unwürdigen!” Da zogen sie sich verwirrt zurück.

Es kamen auch einige heran, die einen Dolch im Herzen trugen. Der Dolch bedeutet Sakrilegien. Der Engel sagte ihnen: “Merkt ihr nicht, daß ihr den Tod in der Seele habt? Daß ihr Überhaupt noch lebt, ist ein besonderes Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. Ihr wäret sonst verloren. Um Gottes Willen, laßt euch diesen Dolch herausnehmen!” Auch diese wurden zurückgewiesen.

Nach und nach kamen alle Jungen heran. Es wurden Lämmer, Kaninchen, Fische, Nüsse, Trauben und andere Sachen geopfert. Der Engel nahm alles und legte es auf den Altar.

Nachdem er die guten Jungen von den schlechten geschieden hatte, ließ er alle, deren Gaben von Maria angenommen worden waren, sich vor dem Altar aufstellen. Leider waren diejenigen, die er fortgeschickt hatte, und die an der Seite standen, zu meinem Schmerz viel zahlreicher als ich geglaubt hatte.

Nun erschienen zu beiden Seiten des Altares noch zwei andere Engel. Diese brachten zwei Körbe voll herrlicher Kränze, die aus prächtigen Rosen geflochten waren. Es waren eigentlich keine natürlichen Rosen, sondern künstliche, ein Sinnbild der Unsterblichkeit.

Der Schutzengel nahm darauf die Kränze, einen nach dem andern, und schmückte damit alle Jungen, die um den Altar standen. Die Kränze waren verschieden groß, aber alle von einer wunderbaren Schönheit. Denkt euch nur, da waren nicht nur die Jungen anwesend, die sich zur Zeit im Oratorium befinden, sondern auch noch viele andere, die ich noch niemals gesehen hatte.

Nun geschah etwas ganz Auffallendes. Da waren so häßliche Jungen, daß sie fast Ekel und Abscheu einflößten. Diese erhielten die schönsten Kränze, um anzudeuten, daß ein so häßliches Äußere durch das Geschenk der Tugend der Keuschheit in hervorragendem Maße ersetzt wird. Viele andere hatten dieselbe Tugend, aber in weniger hohem Grad erworben. Wieder andere zeichneten sich durch die Übung anderer Tugenden aus, wie Gehorsam, Demut und Gottesliebe. Alle erhielten Kränze, die dem Grad ihrer Tugenden entsprachen. Darauf sagte ihnen der Engel: “Es war der Wunsch Mariens, euch heute mit so schönen Kränzen zu zieren. Bedenkt aber auch, daß ihr weiter fortfahren müßt, die Tugenden zu üben, damit sie euch nicht genommen werden. Behaltet auch im Gedächtnis, daß es Mittel gibt, im Tugendleben beharrlich zu sein. Es sind: 1. Demut, 2. Gehorsam, 3. Keuschheit. Übt diese drei Tugenden, dann werdet ihr von Maria geliebt und ihr werdet dadurch würdig werden, eines Tages eine Krone zu empfangen, die unendlich schöner ist als dieser Kranz. Dann stimmten die Jungen vor dem Altar das ‚Ave maris stella' — Meerstern ich dich grüße — an.

Nach dem Gesang der ersten Strophe zog die Prozession, so wie sie gekommen war, wieder ab. Dabei sangen die Jungen das Lied: Lobet Maria, ihr gläubigen Zungen. Ihre Stimmen waren so laut, daß ich ganz verblüfft und verwundert war. Ich folgte noch eine Weile und entfernte mich dann, um die Jungen zu sehen, die der Engel beiseite stehen gelassen hatte. Ich sah sie aber nicht mehr.

Meine Lieben! Ich weiß, welche Jungen vom Engel bekränzt und welche fortgejagt wurden. Den einzelnen werde ich es sagen, damit sie sich in Zukunft bemühen, der reinsten Jungfrau solche Gaben zu bringen, die sie auch gerne annimmt. —

Nun noch einige Bemerkungen:

1. Alle brachten der lieben Jungfrau Maria Blumen, und zwar von allen Sorten. Ich beobachtete aber auch, daß alle zwischen den Blumen mehr oder weniger Dornen hatten. Ich dachte lange nach, was diese Dornen wohl bedeuten könnten und kam zu der Überzeugung, daß sie Ungehorsam darstellten: Geld behalten ohne Erlaubnis des Präfekten und ohne die Absicht es ihm abgeben zu wollen; fragen, ob man an einen bestimmten Ort gehen darf und dann doch an einen anderen gehen; zu spät in die Schule kommen, wenn die anderen schon da sind; sich heimlich Salat und andere Speisen bereiten; in die Schlafsäle der anderen gehen, obwohl es streng verboten ist, gleich unter welchem Vorwand; beim Wecken nicht gleich aufstehen; die vorgeschriebenen Andachtsübungen auslassen; schwätzen in der Zeit des Stillschweigens; Bücher kaufen ohne sie vorzuzeigen; Briefe durch Mittelspersonen fortschicken, damit sie nicht gesehen werden und auf dieselbe Art Briefe empfangen; untereinander Abmachungen treffen, Käufe und Verkäufe tätigen.

Da habt ihr alles, was die Dornen bedeuten. Viele von euch werden fragen: “Ist es also Sünde, wenn man die Hausregel übertritt?” Ich habe schon ernstlich darüber nachgedacht und antworte euch nun mit einem bestimmten “Ja”. Ich sage nicht es sei eine schwere oder eine leichte Sünde. Das hängt von den Umständen ab; aber Sünde ist es.

Man wird einwenden: “In den Geboten Gottes steht doch nicht, wir müßten die Hausregel befolgen. ” Hört zu! Es ist aber in den Geboten enthalten: “Du sollst Vater und Mutter ehren', heißt es. Wißt ihr auch, was die Worte Vater und Mutter bedeuten? Sie schließen auch diejenigen mit ein, welche die Stelle von Vater und Mutter vertreten. Es steht aber in der Heiligen Schrift: ‚Gehorchet euren Vorgesetzten!' Es ist doch klar, daß sie zu befehlen haben und ihr gehorchen müßt. Das ist der Ursprung der Hausregel des Oratoriums und darum ist sie verpflichtend.

2. Einige hatten zwischen ihren Blumen auch Nägel. Nägel haben dazu gedient, den lieben Heiland ans Kreuz zu schlagen. Wie kamen nun die Nägel unter die Blumen? Man fängt mit Kleinigkeiten an und aus Kleinem wird Großes. Da wollte einer Geld haben unter einem gewissen Vorwand. Nachher wollte er es nicht abgeben, um es auf seine Art ausgeben zu können. Hernach fing er an, seine Schulbücher zu verkaufen und schließlich stahl er dem Kameraden Geld und andere Dinge. Ein anderer wollte seiner Gaumenlust fröhnen und stahl daher Flaschenwein. Er erlaubte sich allerhand und fiel — kurz gesagt — in schwere Sünden. Ihr seht also, wie die Nägel zwischen die Blumen kamen und wie der Heiland aufs neue ans Kreuz geschlagen wurde. Der Apostel sagt: “Rursus crucifigentes filium Dei — sie schlugen ihn aufs neue ans Kreuz.”

3. Viele Jungen hatten zwischen frischen und duftenden Blumen auch verwelkte und faule in ihrem Strauß; aber auch recht schöne waren dabei, die jedoch nicht dufteten. Die verwelkten und faulenden Blumen bedeuten gute Werke, aber im Stande der Todsünde verrichtet, die also nicht verdienstvoll sind. Blumen, die nicht duften, sind guten Werken vergleichbar, die der Menschen wegen, aus Ehrgeiz, oder um Lehrern und Vorgesetzten zu gefallen, verrichtet wurden. Daher machte der Engel den Jungen Vorwürfe, weil sie es wagten, der Gottesmutter solche Gaben darzubringen. Er schickte sie zurück, damit sie ihren Blumenstrauß in Ordnung brächten. Daraufhin ordneten sie ihn aufs neue, banden ihn zusammen wie vorher und übergaben ihn dem Engel, der ihn dann entgegennahm und auf den Altar legte. Diese Jungen hielten sich aber nicht an eine gewisse Ordnung, sondern brachten ihren Strauß später in Ordnung, übergaben ihn und stellten sich dann zu jenen Jungen, die einen Kranz erhalten hatten.

In diesem Traum sah ich alles, was bei meinen Jungen vorgeht, wie sie waren und wie sie sein werden. Vielen von ihnen habe ich es schon gesagt, den andern werde ich es noch mitteilen. Tragt aber Sorge, daß die reinste Jungfrau von euch nur Gaben bekommt, die nicht zurückgewiesen werden müssen.”

Aus diesem Traum könnte man entnehmen, daß Maria nicht nur Mittlerin aller Gnaden ist, sondern daß sie auch alle unsere guten Werke für Gott annimmt und daß die Engel zwischen Maria und uns stehen.

Don Bosco hat die Nutzanwendung aus diesem Traum gezogen. Er hat den Lohn der Tugend hervorgehoben und ebenso die Strafe für böse Taten, die bei Jungen in einem Internat vorkommen können.

 

DAS FEGFEUER

(Lem. VIII, 853‑858)

Am 25. Juni 1867, nach dem gemeinsamen Abendgebet, erzählte Don Bosco seiner ganzen Jungenschar folgenden Traum. “Gestern abend, meine lieben Buben, hatte ich mich hingelegt. Da ich nicht recht einschlafen konnte, dachte ich über die Seele nach: über ihre Natur, ihre Art zu existieren, wie sie wohl beschaffen ist, wie sie im anderen Leben vom Körper getrennt sein und sprechen werde, wie sie es anstelle, sich von einem Ort zum andern zu bewegen, wie wir uns beim Wiedersehen erkennen werden, da wir nach dem Tode doch nichts anderes als reine Geister sind. Je mehr ich darüber nachdachte, um so undurchdringlicher schien mir das Geheimnis.

Während ich mich in diesen und ähnlichen Vorstellungen erging, schlief ich ein, und es schien mir, ich ginge den Weg nach . . . (und er nannte die Stadt). Ich wanderte eine kurze Zeit und durchstreifte mir unbekannte Landschaften. Auf einmal hörte ich mich beim Namen gerufen. Es war die Stimme einer Person, die am Wege stand. Sie sagte: “Komm mit, du kannst jetzt sehen, was du sehen möchtest.”

Ich gehorchte sofort. Jene Person eilte mit Gedankengeschwindigkeit vorwärts; und ich ebenso schnell. Wir gingen, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren. Als wir in eine bestimmte Gegend gekommen waren — ich weiß nicht, wo das war —, da hielt mein Führer an. Hoch oben erhob sich ein prächtiger Palast, der herrlich gebaut war. Ich weiß nicht wo, oder auf welcher Anhöhe er sich befand. Ich erinnere mich auch nicht mehr, ob er auf einem Berge oder in der Luft auf den Wolken war. Er war unzugänglich. Man sah keine Straße, die zu ihm hinaufführte. Seine Tore waren in beträchtlicher Höhe.

“Schau! Steig hinauf in den Palast!” sagte der Führer zu mir. “Wie soll ich das anfangen?” erwiderte ich. “Wie kann ich dorthin gelangen? Hier unten ist kein Eingang und Flügel habe ich nicht. ” “Geh nur hinein!” wiederholte der andere gebieterisch. Als er aber sah, daß ich mich nicht bewegte, sagte er: “Mach es wie ich. Hebe die Arme und wolle entschieden, und du wirst emporsteigen. Komm mit mir!” Bei diesen Worten hob er die Arme zum Himmel empor. Auch ich streckte meine Arme aus und fühlte mich sofort in die Luft emporsteigen, einer leichten Wolke gleich. Bald befand ich mich auf der Schwelle des großen Palastes. Der Führer war bei mir.

Da fragte ich ihn: “Was befindet sich da drinnen?”

“Geh nur hinein und sieh es dir an! Hinten, in einem Saal wirst du jemanden finden, der dir Bescheid sagt.”

Der Führer verschwand und ich blieb allein, mir selbst überlassen. Ich trat in die Säulenhalle ein, stieg die Treppen empor und befand mich in einem wahrhaft königlichen Raum. Ich durcheilte viele Säle, Gemächer mit prächtigen Ornamenten und lange Gänge. So kam ich mit übernatürlicher Schnelligkeit vorwärts. Jeder Saal glänzte von überraschenden Prunkstücken und Schätzen. Es war mir aber nicht möglich, mir alle zu merken, so schnell durchstreifte ich die vielen Räume. Doch das Erstaunlichste war folgendes: um mit Windeseile voranzukommen, brauchte ich meine Füße nicht zu bewegen. Ich schwebte in der Luft und hielt die Füße beisammen. Mühelos fuhr ich dahin, wie auf einem Kristall, ohne jedoch das Pflaster zu berühren. So kam ich von einem Raum in den anderen und sah schließlich hinten, am Ende eines Ganges, eine Türe. Ich trat durch sie ein und befand mich in einem großen Saal, der noch prächtiger war als alle anderen. An seinem äußersten Ende gewahrte ich einen Bischof, majestätisch auf einem Thronsessel sitzend, gleichsam als erwarte er jemanden zur Audienz. Ich näherte mich ihm mit Ehrfurcht und war höchst verwundert, als ich in jenem Prälaten einen lieben Freund erkannte. Es war der Bischof von X. , Monsignore N. (er nannte den Namen), der vor zwei Jahren gestorben war. Er sah in keiner Weise leidend aus, er war blühend frisch, freundlich und unbeschreiblich schön.

“Oh, Monsignore, sind Sie hier?” rief ich sehr erfreut aus. “Wie Sie sehen”, antwortete der Bischof. “Aber wie geht denn das zu? Leben Sie noch? Sind Sie nicht gestorben?”

“ Sicher, ich bin gestorben. ” — “Ja, wenn Sie doch gestorben lind, wie sitzen Sie denn hier so blühend und wohlbehalten? Wenn Sie noch leben, dann sagen Sie es nur um des Himmels willen, sonst gibt es eine ganz verwickelte Angelegenheit. In X. ist nämlich schon ein anderer Bischof, Monsignore Y. , und wie wollen Sie denn diese Geschichte in Ordnung bringen?” — “Seien Sie nur ruhig, machen Sie sich keine Sorgen darüber, daß ich wirklich gestorben bin . . .”

“Nun wohl, sonst wäre nämlich schon ein anderer an Ihrem Platze. ” — “Das weiß ich. Und Sie, Don Bosco, sind Sie auch gestorben oder leben Sie noch?” — “Ich lebe. Sehen Sie mich denn nicht hier mit Leib und Seele?” — “Hierher kann man nicht mit dem Leibe kommen. ” — “Aber ich bin doch da. ” “Das kommt Ihnen nur so vor, als wären Sie da; aber es ist nicht so . . . ” Da fing ich schnell an zu reden, stellte Frage auf Frage, ohne aber eine Antwort zu erhalten.

“Wie ist es möglich”, sagte ich, “daß ich, der ich noch lebe, hier bei Ihnen sein kann, obwohl Sie schon gestorben sind?” Ich bekam Angst, der Bischof möchte verschwinden. Deshalb bat ich ihn: “Monsignore, um des Himmels willen, entfliehen Sie mir nicht. Ich muß so vieles von Ihnen wissen.”

Als der Bischof mich so erregt sah, bemerkte er: “Seien Sie ganz ruhig, ich werde nicht fortgehen, fragen Sie nur. ” — “Monsignore, sagen Sie mir, sind Sie gerettet?” — “Sehen Sie mich an, wie ich rüstig, frisch und strahlend bin. ” Sein Aussehen gab mir wirklich Hoffnung, daß er gerettet war. Aber das genügte mir noch nicht und ich fing wieder an: “Aber sagen Sie mir doch, sind Sie gerettet oder nicht?” — “Ja, ich bin am Orte der Rettung. ” — “Aber sind Sie denn im Paradies beim Herrn oder im Fegfeuer?” — “Ich bin am Orte der Rettung; aber Gott habe ich noch nicht gesehen. Ich habe nötig, daß ihr für mich betet. ” “Wie lange werden Sie noch im Fegfeuer bleiben müssen?” “Sehen Sie hier!” Er reichte mir ein Stück Papier und fügte hinzu: “Lesen Sie!” Ich nahm das Papier und sah es genau an; aber ich bemerkte nichts Geschriebenes und sagte: “Ich sehe nichts darauf. ” — “Sehen Sie zu, was da geschrieben steht. Lesen Sie!” — “Ich habe schon nachgesehen und tue es noch; aber lesen kann ich nicht, denn es steht hier nichts geschrieben. ” — “Sehen Sie genauer hin!” — “Ich sehe ein Papier mit roten, hellblauen, grünen und violetten Blumenmustern, aber von Buchstaben keine Spur. ” — “Es sind Ziffern dort. ” — “Ich sehe weder Ziffern noch Zahlen. ” Der Bischof blickte auf das Papier, das ich in den Händen hielt und sagte dann: “Nun weiß ich, warum Sie nicht verstehen. Nehmen Sie das Papier von der anderen Seite. ” Ich untersuchte das Blatt mit größter Aufmerksamkeit, drehte es nach allen Seiten, aber weder oben noch unten konnte ich etwas lesen. Nur schien es mir, als erblickte ich beim Drehen und Wenden in den Blumenzeichnungen die Zahl 2”.

Der Bischof fuhr fort: “Wissen Sie, warum man von der anderen Seite lesen muß? Weil die Urteile des Herrn andere sind als die der Welt. Das, was man bei den Menschen für Weisheit hält, ist Torheit bei Gott.”

Ich wagte nicht, auf einer deutlicheren Erklärung zu bestehen und sagte: “Monsignore, trachten Sie nicht darnach, mir zu entweichen. Ich möchte noch andere Fragen an Sie stellen.”

“Fragen Sie nur, ich höre zu.”

“Werde ich mich retten?” — “Hoffen Sie es. ” — “Machen Sie meiner Qual ein Ende. Sagen Sie mir schnell, ob ich mich retten werde. ” — “Das weiß ich nicht. ” — “Dann sagen Sie mir wenigstens, ob ich in der Gnade Gottes bin oder nicht. ” — “Ich weiß es nicht. ” — “Aber ich bitte Sie, haben Sie doch die Güte und sagen Sie es mir. ” — “Sie haben Theologie studiert, und daher können Sie die Antwort wissen und sie sich selbst geben.”

“Wie, Sie sind am Orte der Rettung und wissen diese Dinge nicht?” — “Sehen Sie, der Herr läßt dies wissen, wen er will. Und wenn er will, daß dieses Wissen mitgeteilt werden soll, gibt er dazu den Befehl und die Erlaubnis. Anders kann niemand den noch Lebenden solches kundtun.”

Mich drängte eine lebhafte Sucht, in einem fort zu fragen und ich fragte in Eile, aus Furcht, der Bischof würde sich zurückziehen. “Nun sagen Sie mir doch etwas, was ich den Jungen von Ihnen erzählen soll. ” — “Sie wissen so gut wie ich, was Sie tun sollen. Sie haben die Kirche, das Evangelium und die Heilige Schrift, die Ihnen alles sagen. Sagen Sie ihnen, sie sollen ihre Seele retten; denn alles andere ist nutzlos.”

“Das wissen wir schon, daß wir die Seele retten müssen. Geben Sie mir eine besondere Anweisung, wie man sie retten kann, als Andenken an Sie. Ich werde das den Jungen in Ihrem Namen kundtun. ” — “Sagen Sie ihnen, daß sie gut werden und gehorsam sein sollen.”

“Wer weiß denn diese Dinge nicht. ” — “Sagen Sie ihnen, sie sollen sittsam sein und beten. ” — “Drücken Sie sich doch praktischer aus. ” — “Sagen Sie ihnen, daß sie oft beichten und kommunizieren müssen. ” — “Noch etwas Genaueres. ” — “Ich will es Ihnen sagen, da Sie es wollen. Sagen Sie ihnen, daß sie einen Nebel vor den Augen haben. Wenn einer dazu kommt, diesen Nebel zu sehen, ist er schon ein gutes Stück voran. Sie mögen den Nebel fortschaffen, wie man in den Psalmen liest: Nubem dissipe — Zerstreue den Nebel. ” — “Was ist denn dieser Nebel eigentlich?” — “Es sind alle Dinge der Welt, die uns daran hindern, die himmlischen Dinge zu sehen, wie sie sind. ” — “Und was müssen wir tun, um diesen Nebel fortzubringen?” — “Sie mögen die Welt so nehmen, wie sie ist: mundus totus in maligno positus est — Die ganze Welt liegt im argen. Dann werden sie die Seele retten. Sie sollen sich nicht vom Schein der Welt täuschen lassen. Die Jungen meinen, daß die Vergnügen, Freuden und Freundschaften der Welt sie glücklich machen können und warten nur auf den Augenblick, sie zu genießen. Sie mögen aber daran denken, daß alles Eitelkeit und Geistesplage ist. Sie mögen sich daran gewöhnen, die Dinge der Welt zu sehen, nicht wie sie scheinen, sondern wie sie sind.”

“Wodurch entsteht dieser Nebel hauptsächlich?”

“Wie die Tugend, die am meisten im Paradies leuchtet, die Reinheit ist, so entsteht Finsternis und Nebel hauptsächlich durch die Sünden der Unsittlichkeit und Unreinheit. Das ist wie eine schwarze, sehr dichte Wolke, welche die Sicht nimmt und die Jungen hindert, den Abgrund zu sehen, auf den sie zugehen. Sagen Sie ihnen deshalb, daß sie sorglich die Tugend der Reinheit bewahren sollen; denn die sie besitzen, florebunt sicut lilium in civitate Dei — werden wie die Lilie im Reiche Gottes blühen. ” — “Was ist nötig, um die Reinheit zu bewahren? Sagen Sie es mir, damit ich es meinen lieben Jungen in Ihrem Namen kundtue.”

“Notwendig sind: Zurückhaltung, Gehorsam, Fliehen des Müßigganges und Gebet. ” — “Und was noch?” — “Gebet, Fliehen des Müßigganges, Gehorsam und Zurückhaltung. ” — “Sonst nichts?” — “Gehorsam, Zurückhaltung, Gebet und Fliehen des Müßigganges. Empfehlen Sie ihnen diese Dinge. Sie genügen. ” Ich wollte noch soviel fragen, aber es fiel mir nichts mehr ein. Als nun der Bischof mit dem Sprechen aufgehört hatte, verließ ich eilig den Saal und lief ganz begierig zum Oratorium, um euch diese Ratschläge mitzuteilen. Ich flog mit der Schnelligkeit des Windes dahin und fand mich in einem Augenblick am Eingang des Oratoriums. Da blieb ich stehen und dachte: “Warum bin ich nicht länger beim Bischof X. geblieben? Ich hätte noch weit mehr erfahren können! Ich habe übel daran getan, mir eine so günstige Gelegenheit entfliehen zu lassen. Ich hätte noch so viele andere schöne Dinge lernen können.”

Schnell eilte ich mit der gleichen Geschwindigkeit zurück, mit der ich gekommen war, besorgt, Monsignore nicht mehr anzutreffen. Wiederum betrat ich jenen Palast und bald darauf den Saal. Aber welche Veränderung war in den wenigen Augenblicken vor sich gegangen. Der Bischof war nun sehr bleich, wie Wachs, und lag auf einem Bett. Er sah aus wie eine Leiche. In seinen Augen standen ihm die letzten Tränen. Er lag im Todeskampf. Nur an einer geringen Bewegung der Brust, in letztem Röcheln, gewahrte man, daß er noch lebte. Ich näherte mich ihm bekümmert. “Monsignore”, fragte ich ihn, “was ist geschehen?” — “Lassen Sie mich”, antwortete er mit einem Seufzer. “Monsignore, ich hätte noch viel zu fragen.”

“Lassen Sie mich allein, ich leide sehr. ” — “Aber was kann ich für Sie tun?” — “Beten Sie für mich und lassen Sie mich gehen. ” — “Wohin?” — “Dorthin, wohin mich Gott mit seiner allmächtigen Hand führt. ” — “Aber ich bitte Sie, Monsignore, sagen Sie mir wohin!” — “Ich leide zu sehr, lassen Sie mich!” — “Dann sagen Sie mir wenigstens, was ich für Sie tun kann”, wiederholte ich. — “Beten Sie!” — “Nur noch ein Wort: Haben Sie keinen Auftrag, den ich in der Welt ausführen kann? Soll ich ihrem Nachfolger nichts bestellen?” — “Gehen Sie zum jetzigen Bischof von X. und sagen Sie ihm von mir das und das. ” Was er sagte, ist nichts für euch, meine lieben Jungen, und deshalb lasse ich es weg.

Der Bischof fuhr noch fort: “Ferner sagen Sie den und den Personen diese und jene geheimen Dinge. ” (Auch über diese Aufträge schwieg Don Bosco; aber es scheint, daß das Erste wie auch das Zweite Ermahnungen und Heilmittel für gewisse Nöte jener Diözesen waren.)

“Sonst nichts?” fragte ich noch. “Sagen Sie Ihren Jungen, daß sie mein Wohlwollen immer in reichem Maße besaßen. Solange ich noch lebte, habe ich für sie gebetet und auch jetzt vergesse ich sie nicht. Nun mögen sie auch für mich beten. ” — “Dessen seien Sie sicher, ich werde das bestellen und sofort werden wir für Sie zu beten anfangen. Sie aber mögen, gleich wenn Sie im Paradiese sind, unserer gedenken.”

Der Bischof sah inzwischen noch leidender aus. Es war eine Qual, ihn anzusehen. Er litt sehr. Es war ein außerordentlich schwerer Todeskampf. “Lassen Sie mich”, sagte er noch, “lassen Sie mich gehen, wohin der Herr mich ruft. ” — “Monsignore! — Monsignore!” stammelte ich, immer wieder von neuem durch unsagbares Mitleid gedrängt. “Lassen Sie mich, lassen Sie mich!” Es schien nun mit ihm zu Ende zu gehen. Eine unsagbare Macht zog ihn von dort in ein weiter zurückgelegenes Zimmer. So verschwand er.

Erschrocken und bewegt von solchem Leiden, wandte ich mich zur Umkehr. Aber ich stieß in jenem Saal mit dem Knie gegen etwas, erwachte und befand mich in meinem Zimmer zu Bett. Wie ihr seht, ist das ein Traum wie alle anderen Träume, und das, was euch betrifft, braucht keine Erklärungen; denn es wird wohl von allen verstanden worden sein. In diesem Traum habe ich sehr viel über die Seele und das Fegefeuer gelernt. in dem Umfange, wie jetzt, habe ich diese Dinge noch nie verstanden. Ich sah alles so klar, daß ich es niemals vergessen werde.”

“So endet die Erzählung unserer Erinnerungen. Es scheint, daß dem Heiligen in zwei verschiedenen Bildern der Stand der Gnade der Seelen im Reinigungsorte und ihre Sühneleiden dargestellt wurde. ” (Lem. VIII, 859.)

“Ich, der Schreiber, fragte einige Zeit nachher Don Bosco, ob er die Aufträge, die er von jenem Bischof erhalten hatte, auch ausgeführt hätte. Im Vertrauen, mit dem er mich ehrte, antwortete er mir: “Ja, ich habe meine Aufgabe getreulich ausgeführt. ” (Lem. VIII, 859.)

 

 

DIE HÖLLE

(Lem. IX, 167‑182)

Berichterstatter ist Don Lemoyne selbst. Er schreibt:

“Wir haben hier getreulich aufgeschrieben, was wir ausführlich vom Ehrwürdigen gehört haben und was uns mündlich oder schriftlich von zahlreichen priesterlichen Zeugen mitgeteilt wurde. Wir haben alles in einem einzigen Berichte zusammengeordnet. Dies war eine schwierige Arbeit, weil wir mit mathematischer Genauigkeit jedes Wort, jede Verbindung, und den Zusammenhang zwischen den einzelnen Szenen, die Aufeinanderfolge der verschiedenen Tatsachen, Unterweisungen, Vorwürfe und aller dargelegten, aber nicht erklärten Ideen, darunter vielleicht etwas Unverstandenes, wiedergeben wollten. Ist es gelungen? Wir können dem Leser versichern, daß wir mit größtem Fleiß nur das eine suchten: so getreu wie möglich die lange Ansprache Don Boscos wiederzugeben.”

Am 3. Mai 1868 erzählte Don Bosco:

“Ich habe euch von dem schrecklichen Krötenungeheuer gesprochen, das mich in der Nacht des 17. April zu verschlingen drohte und wie mir bei seinem Verschwinden eine Stimme sagte: “Warum sprichst du nicht?” Ich wandte mich nach der Seite, woher die Stimme gekommen war und sah neben meinem Bette deutlich eine menschliche Gestalt. Da ich nun verstanden hatte, warum mir der Vorwurf gemacht wurde, fragte ich: “Was muß ich unseren Jungen sagen?” — “Das, was du gesehen hast und was dir in den letzten Träumen gesagt wurde. Was du noch weiter zu wissen gewünscht hast, wird dir in der kommenden Nacht geoffenbart werden!” Damit verschwand die Erscheinung.

Ich dachte daher den ganzen folgenden Tag an die böse Nacht, die mir bevorstände, und als der Abend kam, konnte ich mich nicht entschließen, schlafen zu gehen. Ich blieb am Tisch sitzen und las bis Mitternacht. Der Gedanke erfüllte mich mit Schrecken, daß ich noch andere, furchterregendere Bilder sehen müßte. Schließlich tat ich mir Gewalt an und ging zu Bett. Um nicht so schnell einzuschlafen und aus Angst, daß mir meine Phantasie die bewußten Träume brächte, legte ich das Kopfkissen an die Wand und auf die Bettstelle, so daß ich fast im Bett saß. Aber schnell überfiel mich der Schlaf, ohne daß ich es merkte. Ich war zu müde. Siehe, da stand plötzlich in meinem Zimmer, nahe bei meinem Bett, der Mann von der vorhergehenden Nacht. (Don Bosco nannte ihn öfter den Mann mit der Mütze.) Er sagte zu mir: “Steh auf und folge mir!”

Ich antwortete: “Um der Liebe willen, ich bitte dich, laß mich hierbleiben, ich bin wirklich zu müde. Sieh, schon seit einigen Tagen bin ich sehr von Zahnschmerzen gequält. Laß mich ausruhen. Ich habe schreckliche Träume gehabt. Ich bin ganz erschöpft. ” Ich sagte ihm das; denn das Erscheinen dieses Mannes ist immer ein Vorzeichen für große Aufregung, Ermüdung und Schrecken. Doch jener antwortete mir: “Steh auf, wir haben keine Zeit zu verlieren!” Da stand ich auf und folgte ihm. Unterwegs fragte ich ihn: “Wohin willst du mich jetzt führen?” — “Komm nur, das wirst du schon sehen”, antwortete er.

Er führte mich an einen Ort, von dem aus sich eine weite Ebene ausbreitete. Ich schaute umher, aber ich sah nirgends die Grenzen dieses Geländes, so weit dehnte es sich aus. Es war wirklich eine Wüste. Nichts Lebendiges befand sich dort. Man sah keine einzige Pflanze, keinen Fluß. Das gelbe, verdorrte Gras bot einen traurigen Anblick. Ich wußte weder, wo ich mich befand, noch was ich tun sollte. Da sah ich auf kurze Zeit meinen Führer nicht mehr. Ich fürchtete, mich verirrt zu haben. Don Rua war nicht da, auch Don Francesia nicht, noch jemand anders. Da entdeckte ich den Freund wieder. Er kam mir entgegen. Ich atmete auf und fragte: “Wo bin ich?”

“Komm mit mir und du wirst sehen!”

“Gut! Ich werde mit dir gehen!”

Er ging voran, ich hinterher. Wir sprachen kein Wort. Nach einem langen und traurigen Weg dachte Don Bosco, daß er durch die so weite Ebene gehen müßte und er sagte sich:, Meine armen Zähne! Ich Armer, mit meinen geschwollenen Beinen . . .”

Auf einmal öffnete sich vor mir eine Straße. Da brach ich das Schweigen und fragte den Führer: “Wohin müssen wir jetzt gehen?” “Hierher”, antwortete er.

Wir gingen auf der Straße weiter. Sie war schön, breit, geräumig und gut gepflastert.

(Via peccantium complanata lapidibus, et in fine illorum inferi, et tenebrae, et poenac. Ecclesiasticus XXI, 11 — Der Weg der Sünder ist mit Steinen gepflastert, ihr Ende ist die Hölle, Finsternis und Strafe.)

Zu beiden Seiten, hinter einem Graben, waren prächtige, grüne Hecken, die mit lieblichen Blumen bedeckt waren. Besonders die Rosen kamen überall zwischen den Blättern hervor. Auf den ersten Blick schien dieser Weg eben und bequem und ich schlug ihn ein, ohne irgendwie Verdacht zu schöpfen. Als ich aber weiterging, nahm ich wahr, daß er fast unmerklich nach unten führte. Obwohl ich unschlüssig war, ging ich auf ihm mit solcher Leichtigkeit, daß es mir schien, als würde ich durch die Luft getragen. Ich merkte sogar, daß ich vorankam, fast ohne meine Füße zu bewegen. Wir liefen schnell. Ich überlegte, daß ein so langer Weg später beim Heimkehren viel Mühe und Anstrengung kosten würde und sagte zu meinem Freund: “Wie sollen wir denn zum Oratorium zurückkommen?”

“Das braucht dich nicht zu bekümmern”, antwortete er mir. “Der Herr ist allmächtig und will, daß du gehst. Er, der dich führt und der dich heißt, voranzugehen, wird auch Mittel wissen, wie er dich zurückbringt.”

Die Straße ging immerzu abwärts. Wir hielten diesen Weg zwischen Blumen und Rosen weiter ein. Da sah ich hinter mir auf der gleichen Straße alle Jungen des Oratoriums. Sehr viele waren dabei, die ich noch niemals gesehen hatte. Ich fand mich mitten unter ihnen. Während ich sie beobachtete, gewahrte ich plötzlich, daß der eine oder andere hinfiel. Sie waren dann im gleichen Augenblick zu einem schrecklichen Abhang gezogen, den man in einiger Entfernung gewahrte, und von dem ich nachher sah, daß er in einen Hochofen mündete. Ich fragte meinen Begleiter. “Was ist es, das die Jungen hinfallend macht?”

Junes extenderunt in Iaqueum; juxta iter scandalum posuerunt. Ps. 139, 6 — Sie spannten Schlingen, an den Weg legten sie Verderben.

“Komm etwas näher heran!” sagte er mir. Ich trat näher hinzu und sah, daß die Jungen zwischen vielen Schlingen hindurchgingen. Einige waren dicht über den Boden gespannt, andere in Kopfhöhe. Man sah sie nicht. Es wurden viele Jungen beim Gehen von diesen Schlingen gefaßt, ohne daß sie die Gefahr merkten. Im Augenblick, da sie gefesselt wurden, machten sie einen Sprung, dann lagen sie auf der Erde mit den Beinen in der Luft. Wenn sie hernach wieder aufgestanden waren, fingen sie an, ganz überstürzt auf den Abgrund zuzulaufen. Einer hatte den Kopf in der Schlinge, ein anderer den Hals, einer die Hände, wieder einer einen Arm oder ein Bein, einer war um die Lenden gefesselt. Alle wurden sie sofort hinuntergezogen. Die Schlingen auf der Erde schienen aus Werg zu sein. Sie waren kaum sichtbar, Spinngeweben ähnlich und sahen nicht aus, als könnten sie großes Unheil anrichten. Und doch bemerkte ich, daß auch Jungen, die in diese Schlingen, gerieten, fast alle auf die Erde fielen. Ich war erstaunt und der Führer sagte mir. “Weißt du, was das ist?”

“Nur ein wenig Werg”, antwortete ich.

“Es ist sozusagen nichts”, sagte er, “es ist nichts anderes als Menschenfurcht, das Bedachtsein auf die Achtung bei den Menschen.”

Wie ich nun sah, daß immer noch viele in die Schlinge gerieten, fragte ich. “Wie geht das nur zu, daß sie von diesen Fäden gefesselt werden? Und wer zieht sie so?”

Und er: “Geh näher hinzu und paß auf, dann wirst du es schon sehen.”

Ich gab etwas acht und sagte dann: “Aber ich sehe nichts.”

“Du mußt besser aufpassen”, sagte er wieder. Da nahm ich nun selbst eine von diesen Schlingen und zog sie an mich und fand, daß das Ende des Fadens nicht kam. Ich zog noch weiter und sah kein Aufhören des Fadens; dagegen fühlte ich, daß ich selbst gezogen wurde. Ich folgte dem Faden und kam an den Eingang einer schrecklichen Höhle. Dort blieb ich stehen; denn ich wollte nicht in das dunkle Loch hinein. Ich zog den Faden an mich und bemerkte, daß es mir wirklich gelang; aber es kostete gewaltige Anstrengung.

Und siehe da, als ich viel gezogen hatte, kam nach und nach ein schmutziges, großes Ungetüm heraus, das Schauder einflößte. Es hielt mit großer Kraft das eine Ende eines Seiles in seinen Krallen, an welchem alle jene Schlingen zusammen befestigt waren. Wenn einer in die Schlingen geriet, war es also dieses Ungeheuer, das ihn sofort an sich zog. Ich sagte mir: “Es ist verlorene Mühe, mit diesem häßlichen Ungeheuer seine Kraft messen zu wollen; denn das besiege ich doch nicht. Es ist besser, man bekämpft es mit dem heiligen Kreuzzeichen und mit Stoßgebeten. ” Daher kehrte ich zu meinem Führer zurück. Der fragte mich. “Weißt du nun, wer es ist?” — “Oh, und ob ich das weiß! Der Satan ist es, der diese Schlingen legt, um meine Jungen in die Hölle zu ziehen.”

Ich betrachtete die vielen Schlingen sehr aufmerksam. An jeder stand ihr Name geschrieben: die Schlinge des Stolzes, des Ungehorsams, des Neides, des 6. Gebotes, des Diebstahls, der Unmäßigkeit, der Trägheit, des Zornes usw. Dann ging ich etwas zurück, um zu sehen, in welchen Schlingen sich die meisten Jungen verfingen. Und ich sah, es waren Unwahrhaftigkeit, Ungehorsam und Stolz. An die Schlinge des Stolzes waren die anderen beiden Schlingen angebunden. Danach sah ich noch viele andere Schlingen, die eine große Verheerung anrichteten; aber nicht so groß, wie die ersten Schlingen. Ich beobachtete weiter und sah viele Jungen, die viel schneller liefen als die anderen und fragte. “Warum diese Eile?”

“Weil sie von den Schlingen der Menschenfurcht gezogen werden”, antwortete er. Ich sah noch aufmerksamer hin und gewahrte, daß zwischen diesen Schlingen hier und da von weiser Hand viele Messer angebracht waren, um die Schlingen durchschneiden und zerreißen zu können. Das größte Messer war für die Schlinge des Stolzes und stellte die Betrachtung dar. Ein anderes, ziemlich großes Messer, jedoch kleiner als das erste, bedeutete die geistliche Lesung, wenn sie gut gemacht wird. Es waren da auch noch zwei Schwerter. Das eine bezeichnete die Andacht zum Allerheiligsten Altarsakrament, besonders die häufige heilige Kommunion; das andere Schwert bedeutete die Andacht zur Mutter Gottes. Es war da auch ein Hammer oder die heilige Beichte und auch noch andere Messer als Symbol der verschiedenen Andachten zum heiligen Josef, zum heiligen Aloysius usw. usw. Mit diesen Waffen befreiten sich viele von ihren Schlingen, wenn sie hineingeraten waren, oder sie verteidigten sich damit, um nicht gefangen zu werden.

In der Tat sah ich Jungen, die so zwischen diesen Schlingen hindurchgingen, daß sie niemals hineingerieten. Sie gingen daher, ehe die Schlinge fiel, oder wenn sie gingen, als die Schlinge gerade fiel, wußten sie sich zu wenden, so daß die Schlinge auf ihre Schulter fiel oder den Rücken oder hierhin und dorthin, aber ohne sie zu fangen.

Als der Führer sah, daß ich alles genügend betrachtet hatte, ließ er mich den Weg weitergehen, der an beiden Seiten mit Rosen begrenzt war. Jedoch nach und nach, je weiter ich fortschritt, wurden die Rosen an den Hecken seltener, und lange Dornen wurden sichtbar. Schließlich konnte ich gar keine Rose mehr entdecken, soviel ich auch danach ausschaute. Zuletzt wurde die Hecke ganz dornig, von Hitze ausgedörrt und ohne Blätter. Es kamen aus dem wuchernden, trockenen Gestrüpp Ranken hervor, die am Boden dahinkrochen, ihn ganz dicht bedeckten und dermaßen mit Dornen übersät hatten, daß man nur mehr mit großer Mühe einhergehen konnte. Wir waren in einer Talsenkung angekommen, deren Wände alles Umliegende verdeckten. Die Straße, die immer weiter abwärts führte, wurde schrecklich: aufgerissenes Pflaster, Gräben, Stufen, Geröll und runde Felsblöcke. Ich hatte alle meine Jungen aus den Augen verloren. Viele von ihnen hatten diesen gefährlichen Weg verlassen und sich anderswohin gewandt.

Ich ging weiter, und je weiter ich vorankam, desto rauher und abschüssiger wurde der Weg. Ein paarmal rutschte ich aus und stürzte zu Boden. Dann blieb ich etwas sitzen, um ruhig zu atmen. Zuweilen stützte mich mein Führer und half mir wieder auf die Beine. Bei jedem Schritt knickten meine Gelenke ein und es kam mir vor, als lösten sie die Schienbeine. Ich sagte keuchend zu meinem Führer: “Aber mein Lieber! Meine Beine können mich nicht mehr halten. So erschöpft wie ich bin, kann ich den Weg nicht weiter fortsetzen. ” Der Führer ging jedoch nicht auf meine Worte ein. Er machte mir Mut und ging weiter. Als er aber schließlich sah, daß ich todmüde und in Schweiß gebadet war, führte er mich auf einen kleinen Treppenabsatz, den die Straße bildete. Hier setzte ich mich hin, holte tief Atem und ruhte etwas aus. Dabei sah ich über mir den Weg, den wir schon zurückgelegt hatten. Er schien mir schreckhaft steil aufwärts zu gehen und war voller Felsspitzen und losgelöster Steine. Ich blickte auch nach unten, auf den Weg, den ich noch gehen sollte und schloß die Augen vor Schauder.

Schließlich rief ich: “Laß uns umkehren, um derLiebe willen! Wenn wir weitergehen, wie können wir jemals ins Oratorium zurückkommen? Es ist unmöglich, hinterher diesen Steilhang wieder hinaufzuklettern!” Der Führer antwortete mir sehr energisch: “Nun, wo wir schon so weit sind, willst du nicht mehr mitgehen und allein bleiben?”

Bei dieser Drohung sagte ich mit kläglicher Stimme: “Wie könnte ich ohne dich zurück‑ oder weitergehen?”

“Nun gut, also folge mir”, sagte der Führer. Darauf erhob ich mich und wir stiegen den Weg weiter hinab. Die Straße wurde immer schrecklicher und war schließlich so abschüssig, daß man kaum noch aufrecht stehen konnte. Und siehe da, in diesem Abgrund, der in ein dunkles Tal auslief, tauchte ein gewaltiges Gebäude auf, das zu unserem Weg hin ein sehr hohes, geschlossenes Tor hatte. Endlich gelangten wir unten im Abgrund an. Eine beklemmende Hitze drohte mich zu ersticken. Dicker, fast grüner Rauch erhob sich über jenen Mauern. Dazwischen sprangen blutrote Flammen auf. Ich schaute an den Mauern hinauf, sie waren höher als ein Berg. Don Bosco fragte den Führer: “Wo sind wir? Was ist das?”

Er antwortete: “Lies die Inschrift über dem Tor und du wirst daraus erkennen, wo wir uns befinden.”

Ich schaute hin. Über dem Tor stand geschrieben: Ubi non est redemptio — (wo es keine Erlösung gibt). Ich erkannte, daß wir vor den Toren der Hölle standen. Der Führer ging mit mir um die Mauern dieser schrecklichen Stadt herum. Von Zeit zu Zeit, in regelmäßigen Abständen, sah man so ein eisernes Tor wie das erste. Zu Füßen eines halsbrecherischen Abstiegs und über allen Toren war eine Inschrift, die jedes Mal verschieden lautete: Discedite a me maledicti, in ignem aeternum, qui paratus est diabolo et angelis eius . . . (= hinweg von mir, ihr Verfluchten, ins ewige Feuer, das dem Satan und seinem Anhange bereitet ist) Matth. 25, 41. Omnis ergo arbor, quae non facit fructum bonum excidetur et in ignem mittetur (= jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen) Matth. 3, 10.

Ich nahm meinen Notizblock, um diese Inschriften abzuschreiben; aber der Führer sagte: “Halt! Was machst du da?” — “Ich schreibe mir die Inschriften ab. ” — “Das ist nicht nötig; sie stehen alle in der Heiligen Schrift und einige hast du ja selbst unter deinen Säulenhallen anbringen lassen. ” Bei diesem Anblick wollte ich gern zum Oratorium zurückkehren, und ich machte schon einige Schritte dazu. Der Führer wandte sich aber nicht um. So gingen wir weiter. Er führte mich durch eine ungeheure tiefe Schlucht, und schließlich fanden wir uns neuerdings unten an dem abschüssigen Weg, den wir heruntergekommen waren, und zwar vor dem ersten Tor. Da auf einmal wandte sich der Führer um. Sein Gesicht war düster und er runzelte die Brauen. Er gab mir ein Zeichen mit der Hand, etwas zurückzutreten, und sagte: “Paß auf!”

Ich zitterte, blickte auf und sah in einer großen Entfernung auf dem steilen Weg jemanden, der ganz überstürzt heruntersauste. Wie er immer näher kam, versuchte ich sein Gesicht zu beobachten und schließlich erkannte ich in ihm einen meiner Jungen. Seine zerzausten Haare sträubten sich auf seinem Haupte und zum Teil flogen sie rückwärts durch die Luft. Die Arme streckte er nach vorn, wie einer, der sich vor dem Ertrinken retten will. Er wollte anhalten, konnte es aber nicht. Er schlug mit den Füßen gegen die vorspringenden Steine und durch dieses Stolpern stürzte er noch schneller herab. Ich schrie: “Laufen wir hin, wir wollen ihn festhalten und ihm helfen!” Dabei streckte ich meine Hände nach ihm aus. Der Führer aber sagte: “Laß das!” — “Warum soll ich ihn nicht aufhalten?” — “Weißt du nicht, wie schrecklich die Rache Gottes ist? Glaubst du, du könntest einen anhalten, der vor dem brennenden Zorn des Herrn flieht?”

Da wandte der Junge den Kopf zurück und schaute mit fiebernden Augen, ob der Zorn Gottes ihn noch immer verfolgte. Unterdessen sauste er bis unten hin und schlug gegen das eherne Tor, als wenn er auf seiner Flucht keine bessere Bleibe gefunden hätte. Da fragte ich: “Warum schaute der Junge sich so entsetzt um?” — “Weil der Zorn Gottes durch alle Tore der Hölle hindurchgeht und ihn selbst noch mitten im Feuer quält.”

In der Tat, von dem Aufschlag sprang das Tor auf. Es dröhnte, seine Riegel gingen auseinander und hinter ihm öffneten sich gleichzeitig mit einem ohrenbetäubenden Donner zwei, zehn, hundert, tausend andere Tore, die von dem Aufschlagen des Jungen aufgestoßen wurden, der von einem unsichtbaren, unwiderstehlichen, sehr schnellen Sturmwind fortgetragen wurde. Alle diese ehernen Tore, von denen eines immer dem anderen gegenüberlag, wenn sie auch weit voneinander entfernt waren, blieben einen Augenblick offen. Da sah ich weit hinten etwas, das wie die Öffnung eines Hochofens aussah. Und als der Junge dort hineinstürzte, sprangen Feuermassen auf. Die Tore fielen wieder zu, genau so schnell, wie sie aufgegangen waren. Ich nahm meine Brieftasche, um mir den Vor‑ und Zunamen jenes Unglücklichen aufzuschreiben; aber der Führer faßte meinen Arm und gebot mir: “Halt, passe weiter aufl” Da gewahrte ich etwas Neues. Ich sah drei andere Jungen aus unseren Häusern jenen Abstieg herunterstürzen. Es war, als kollerten drei Steine, einer hinter dem andern sehr schnell herunter. Die Jungen streckten die Arme von sich und schrieen laut vor Entsetzen. Sie kamen unten an und schlugen gegen das erste Tor. In diesem Augenblick erkannte sie Don Bosco alle drei. Das Tor öffnete sich hinter ihnen, und die anderen tausend Tore ebenfalls. Die Jungen wurden durch den sehr langen Gang hindurchgetrieben. Man hörte einen langgezogenen, höllischen Lärm, der sich immer mehr entfernte. Die Jungen verschwanden und die Tore schlossen sich wieder. Viele andere gerieten so nach und nach dorthin. Einen armen Jungen sah ich hinabstürzen, der von einem schlechten Kameraden mit Püffen getrieben wurde. Manche sausten allein hinab, andere mit Gefährten. Manche kamen Arm in Arm, andere, wenn sie sich auch nicht eingehakt hatten, waren Seite an Seite. Alle hatten ihre Sünde auf der Stirne geschrieben. Ich rief sie voll Kummer an, während sie hinabstürzten. Die Jungen hörten mich aber nicht. Sie schlugen gegen die Höllentore, diese öffneten sich und schlossen sich wieder und es folgte eine Grabesstille.

“Da hast du die Hauptursachen der Verdammnis”, sagte der Führer zu mir. Es sind die schlechten Kameraden und Bücher und die perversen Gewohnheiten. Die Schlingen, die du vorher gesehen hast, zogen sie in den Abgrund. ” Als ich so viele stürzen sah, sagte ich verzweifelt: “Aber so arbeiten wir ja umsonst in unseren Häusern, wenn doch so viele Jungen ein solches Ende haben.” Der Führer antwortete mir: “Das ist ihr augenblicklicher Zustand. Wenn sie nun stürben, kämen sie ohne weiteres hierher.”

“Oh, dann will ich mir ihre Namen aufschreiben, um sie zurechtzuweisen und sie auf den Weg zum Paradiese zu bringen.”

“Ja, glaubst du denn, daß gewisse von diesen sich bessern würden? Für den Augenblick würden sie erschrecken; aber dann würden sie darüber hinweggehen und sagen: das ist ja nur ein Traum und sie würden es noch schlimmer treiben als zuvor. Andere würden, da sie sich entdeckt sehen, zu den Sakramenten gehen; aber dies käme dann doch nicht von Herzen und wäre nicht verdienstvoll, weil es nicht gut gemacht wird. Manche würden aus einer augenblicklichen Furcht vor der Hölle beichten; aber sie würden ihr Herz doch nicht frei machen von der Anhänglichkeit an die Sünde. ” — “Also gibt es für diese Unseligen keine Rettung mehr? Gib mir einen besonderen Rat, damit sie nicht verlorengehen.”

“Nun, sie haben die Obern; ihnen sollen sie gehorchen. Sie haben die Regeln; die sollen sie beachten. Sie haben die Sakramente; die sollen sie empfangen.”

Da stürzte wieder eine Schar Jungen hinab und die Tore standen einen Augenblick offen. Der Führer sagte: “Komm, geh du auch hinein!”

Ich wich entsetzt zurück. Ich war ganz versessen darauf, ins Oratorium zurückzukommen, um die Jungen zu ermahnen und aufzuhalten, damit keine weiteren verlorengingen. Aber der Führer bestand auf seinem Willen. “Komm, hier kannst du allerhand lernen. Willst du lieber allein gehen oder soll ich bei dir bleiben?” Das sagte er, damit ich meine Schwäche einsehe und zugleich die Notwendigkeit seines gütigen Beistandes erkannte. Ich antwortete ihm: “Hier, allein, an diesem Ort des Schreckens? Ohne deine wohlwollende Hilfe? Wer soll mir denn den Rückweg zeigen?”

Plötzlich wurde ich ganz mutig bei der Erwägung: ehe man in die Hölle kommt, muß man gerichtet sein und das bin ich noch nicht. Daher sagte ich ganz entschlossen: “Gehen wir nur hinein!”

Wir kamen in einen nicht breiten, schrecklichen Gang. Es ging voran, schnell wie der Blitz. Über jedem der inneren Tore leuchtete in mattem Glanz eine drohende Inschrift: Ibunt impii in ignem aeternum — die Gottlosen werden in das ewige Feuer kommen. Die Mauern rundherum waren mit Inschriften bedeckt. Ich bat meinen Führer, sie lesen zu dürfen, und er sagte: “Lies nur, soviel, wie du Lust hast. ” Ich sah nun alles an. Irgendwo sah ich geschrieben: “Dabo ignem in carnes corum ut comburantur in sempiternum” — (= ich werde ihren Leibern Feuer geben, damit sie ewig brennen). — “Cruciabuntur die ac nocte in saecula saeculorum” (= sie werden gequält, Tag und Nacht, in alle Ewigkeit). An einer anderen Stelle stand geschrieben: Hic universitas malorum per omnia saecula saeculorum” (= hier ist die Gesamtheit der Bösen durch ewige Zeiten) — “Nullus est hic ordo, sed sempiternus horror inhabitat” (= hier wohnt keine Ordnung, sondern ewiger Schrecken) Job 10, 22. — “Fumus tormentorum suorum in aeternum ascendit” (= der Durst ihrer Qualen erhebt sich auf ewig). — “Non est pax impiis” (= für die Gottlosen gibt es keinen Frieden). — “Clamor et stridor dentium” (Heulen und Zähneknirschen) Matth. 8, 12.

Während ich herumging und die Inschriften las, kam der Führer, der mitten im Hof geblieben war, zu mir und sagte:

“Von hier an kann keiner mehr einen Kameraden haben, der ihm beisteht, oder einen Freund, der ihn tröstet, noch ein Herz, das ihn liebt. Hier gibt es keinen mitleidigen Blick mehr, kein wohlwollendes Wort. Wir haben die Grenze überschritten. Und du, willst du nur sehen, oder auch etwas probieren?”

“Ich will nur sehen,” sagte ich.

“Nun, dann komm mit”, fuhr der Freund fort. Er nahm mich bei der Hand und führte mich zu der Pforte, die er öffnete. Sie führte in einen Gang. In diesem befand sich hinten ein großes Fenster. Es war mit einem großen Kristallglas vom Fußboden bis oben zum Gewölbe hin verschlossen; man konnte aber hindurchsehen. Ich ging einen Schritt vor und blieb plötzlich stehen, weil mich ein unbeschreiblicher Schrecken packte. Meinen Augen bot sich etwas, wie ein ungeheurer, kesselartiger Abgrund, der in Schluchten auslief, die bis in das Innere der Berge vordrangen. Diese Untiefe, die Schluchten, alles war voll Feuer; aber nicht wie wir es auf Erden sehen, sondern da drinnen glühte alles wegen der großen Hitze in weißer Glut. Das Gemäuer, die Gewölbe, das Pflaster, Eisen, Steine, Holz, Kohlen, alles war weiß und glänzend. Sicherlich war dieses Feuer heißer als 1000 und aber 1000 Grad. Nichts wurde aber eingeäschert oder vom Feuer verzehrt. Ich kann diese Höhle überhaupt nicht so beschreiben, wie sie in ihrer ganzen schrecklichen Wirklichkeit war. (Praeparata est enim ab heri Thopheth, a rege praeparata, profunda, et dilatata. Nutrimenta eius, ignis et ligna multa: fletus Domini sicut torrens sulphuris succendens eam. Isaias XXX, 33 — Bereitet ist vom König längst eine Feuerstätte tief und weit. Da brennt Feuer und viel Holz. Der Hauch des Herrn steckt es in Brand gleich einem Schwefelregen). Als ich da stand und ganz erstaunt schaute, eilte aus einem Gang in äußerster Geschwindigkeit ein Junge. Erst schien er nichts zu merken; dann aber stieß er einen sehr schrillen Schrei aus, als wenn er in einen See von flüssigem Erz fiele. Er stürzte mitten hinein, wurde weiß wie das übrige und verharrte dann unbeweglich. Einen Augenblick hörte man noch das Echo seiner brechenden Stimme. Voll Grauen betrachtete ich den Jungen noch eine Weile und mir schien, es war einer von meinen Jungen aus dem Oratorium.

“Aber ist es nicht einer von meinen Jungen?” fragte ich den Führer. Ist es nicht der und der?” — “Ja, sicher”, antwortete er mir.

“Aber warum ändert er seine einmal angenommene Lage nicht? Warum ist er so glühend weiß und verbrennt nicht?”

Und er: “Du wolltest sehen, darum laß jetzt das Reden. Schau hin und du wirst sehen. übrigens “Omnis enim igne salietur et omnis victima sale salietur — (= jeder wird mit Feuer gesalzen und jedes Opfer mit Salz gewürzt) Mark. 9, 48.

Kaum sehe ich wieder hin, da kommt ein anderer Junge mit verzweifelter Heftigkeit und größter Geschwindigkeit und stürzt in den gleichen Abgrund. Es war auch einer vom Oratorium. Kaum war er hineingefallen, da rührte er sich nicht mehr. Auch er hatte einen einzigen, herzzerreißenden Schrei ausgestoßen, der sich mit dem letzten Nachhall desjenigen vermischte, den der Junge von sich gab, der vorher hineingestürzt war. Danach kamen geradeso noch andere Jungen hinein. Ihre Zahl wurde immer größer. Alle stießen denselben Schrei aus und wurden unbeweglich und glühend, wie die vorhergehenden.

Ich sah, daß der erste steif geworden war, indem er eine Hand und einen Fuß in die Luft streckte, wie wenn er daran aufgehängt wäre. Der zweite war bis zum Boden gebeugt. Einer hatte die Füße in der Luft, ein anderer das Gesicht nach unten. Manche waren wie aufgehängt und hielten sich nur mit einem Fuß und einer Hand. Manche saßen oder lagen. Einige waren an einer Seite angelehnt, standen oder knieten und hatten die Hände in ihren Haaren verkrampft. So waren nun viele Jungen beieinander wie Statuen, in Stellungen, von denen eine schmerzvoller war als die andere. Es kamen immer noch mehr Jungen in den Glutofen; zum Teil kannte ich sie, manche aber waren mir unbekannt. Da fiel mir ein, was in der Bibel steht, daß man so die ganze Ewigkeit hindurch bleiben wird, wie man in die Hölle stürzt. Lignum in quocut, que loco ceciderit, ibi erit” wohin der Baum fällt, da bleibt er liegen).

Mein Entsetzen wurde immer größer. Ich fragte den Führer: “Aber wissen denn die, welche mit solcher Geschwindigkeit heraneilen nicht, daß sie hierher kommen?”

“Oh, sicher wissen sie, daß sie ins Feuer kommen. Sie wurden tausendmal zurechtgewiesen; aber sie laufen und zwar freiwillig, weil sie die Sünde, die sie nicht verabscheuen, nicht lassen wollten, weil sie die Barmherzigkeit Gottes, die sie unaufhörlich zur Buße rief, verachteten und zurückwiesen. Dann wird die göttliche Gerechtigkeit wach; sie drängt, folgt und verfolgt sie und sie können dann nicht mehr anhalten, bis sie an diesem Orte angekommen sind.”

“Oh, was müssen diese Unglücklichen für eine Verzweiflung haben, da ihnen die Hoffnung fehlt, wieder hinauszukommen!” sagte ich.

“Willst du die innere Wut und Raserei ihrer Seelen kennelernen? Dann tritt etwas näher heran”, sagte der Führer.

Ich ging einige Schritte näher zum Fenster und sah, daß viele dieser Elenden sich gegenseitig schlugen und einander starke Verwundungen beibrachten. Sie bissen sich wie wütend, Hunde. Andere zerkratzten sich das Gesicht, sie rissen sich die Hände auf, zogen sich das Fleisch ab und schleuderten es voll Ekel in die Luft. In diesem Augenblick wurde auf einmal der obere Teil der Hölle wie aus Glas. Man sah ein Stück Himmel hindurchleuchten und die strahlenden Gestalten der Kameraden, die auf ewig gerettet waren. Da bebten die Verdarmmten in heftigem Neid und keuchten; denn diese Gerechten hatten sie vormals verspottet und ausgelacht. ‚Peccator videbit et irascetur; dentibus suis fremet et tabescet' — (= der Sünder sieht und knirscht mit den Zähnen und vergeht vor Kummer). Ich fragte den Führer: “Sag mir, warum höre ich denn keine Stimme?” — “Tritt näher heran”, antwortete er mir. Ich ging bis dicht an das Glas des Fensters und hörte, daß manche aufheulten. Sie krümmten sich vor Weinen. Manche fluchten oder beteten zu den Heiligen. Es war ein lautes und wirres Durcheinander von Rufen und Schreien. Daher fragte ich meinen Freund. “Was sagen sie? Was schreien sie?”

Er antwortete: “Sie denken an das Los ihrer guten Kameraden, und da müssen sie bekennen: nos insensati! Vitam illorum aestimabamus insaniam et finem illorum sine honore. Ecce quomodo computati sunt inter filios Dei, et inter sanctos sors illorum est: ergo erravimus a via veritatis' — (= Wir Toren! Für Unsinn hielten wir ihr Leben und ihr Ende für ehrlos. Seht, wie sie nun unter die Kinder Gottes gezählt sind und zu den Heiligen gehören). Darum rufen sie: ‚Lassati sumus in via iniquitatis et perditionis. Erravimus per vias difficiles, viam autem Domini ignoravimus. Quid nobis profuit superbia? . . . Transierunt omnia illa tamquam umbra' (= Müde sind wir geworden auf dem Weg der Sünde und des Verderbens. Wir irrten auf schlechten Straßen herum, doch den Weg des Herrn erkannten wir nicht. Was nützt uns unser Hochmut? Wie Schatten ging das alles vorüber) Weisheit 5, 4ff.

Das sind die Klagelieder, die hier die ganze Ewigkeit über erschallen werden. Aber umsonst das Schreien, umsonst die Anstrengungen, umsonst das Weinen. ‚Omnis dolor irruet super eos' (= alle Qual wird über sie hereinbrechen).

Hier gibt es keine Zeit mehr; hier ist Ewigkeit.”

Während ich voller Schrecken viele meiner Jungen in diesem Zustand betrachtete, kam mir plötzlich der Gedanke. Wie ist es nur möglich, daß diese alle hier verdammt sind? Diese Jungen waren noch gestern abend im Oratorium und zwar am Leben. Mein Freund sagte: “Die du hier siehst, sind alle tot, was die göttliche Gnade angeht, und wenn sie jetzt stürben und sich nicht änderten, wären sie verdammt. Aber verlieren wir keine Zeit. Vorwärts!”

Von dort gingen wir dann durch einen Gang, der abwärts zu einem tiefen unterirdischen Raum führte. Von da aus gelangten wir in eine andere Höhle, über deren Eingang geschrieben stand: ‚Vermis eorum non moritur, et ignis non extinguitur . . . Dabit Dominus omnipotens, ignem et vermes in carnes eorum, ut urantur et sentiant usque in sempiternum' (= ihr Wurm stirbt nicht und das Feuer erlischt nicht . . . Mark. 9, 43 u. 45, 47 . . . Der allmächtige Herr wird Feuer und Würmer ihren Leibern geben, daß sie brennen und leiden auf ewig. Judith XVI, 21).

Hier sah man die Gewissensbisse. Wie heftig waren sie bei denen, die in unseren Häusern erzogen worden waren!

Sie erinnerten sich an all die einzelnen, nicht nachgelassenen Sünden und an die gerechte Verdammnis. Es fiel ihnen ein, daß sie tausend Hilfen, sogar außerordentliche, hatten, um sich zum Herrn zu bekehren, um im Guten beharrlich zu sein und das Paradies zu erlangen. Sie erinnerten sich der vielen Gnaden, die Maria ihnen versprochen, angeboten und verliehen hatte, denen sie aber nicht entsprochen hatten. Sich leicht retten zu können und doch unwiderruflich verloren zu sein. Sie dachten an die vielen guten Vorsätze, die sie gemacht, aber nicht gehalten hatten. Ach! Mit guten, aber unwirksamen Vorsätzen ist ja der Weg zur Hölle gepflastert, sagt das Sprichwort.

Und da sah ich all die Jungen vom Oratorium wieder, die ich kurz zuvor an dem Glut­ofen gesehen hatte. Von denen einige mir jetzt zuhören, einige sind schon hier bei uns gewesen und viele kannte ich nicht. Ich trat etwas näher hinzu und sah, daß alle über und über voller Würmer und mit anderen ekelhaften Tieren behaftet waren. Diese nagten und zehrten ihnen am Herzen, in den Augen, Händen, Beinen, Armen und überall. Es war so jammervoll, daß man es mit Worten überhaupt nicht wiedergeben kann. Die Jungen blieben unbeweglich, jeder Belästigung ausgesetzt und konnten sich nicht im geringsten wehren. Ich trat noch dichter an sie heran, damit sie mich sähen. Dabei hoffte ich, mit ihnen sprechen zu können und irgend etwas von ihnen zu hören.

Aber niemand sprach von ihnen und es sah mich auch keiner an. Da fragte ich den Führer, warum das so sei, und erhielt die Antwort, daß sie in der anderen Welt keine Freiheit mehr hätten. Jeder leidet dort die ganze Strafe, die Gott ihm auferlegt hat, und das bleibt so und kann nicht geändert werden. Er fügte noch hinzu: “So, nun mußt du auch mitten ins Feuer, welches du gesehen hast!”

“Nein, o nein!” rief ich entsetzt. “Wenn man in die Hölle kommt, muß man zuerst ins Gericht. Da war ich aber noch nicht. Deshalb will ich auch nicht in die Hölle.”

“Sag mal”, gab mir der Freund zu überlegen, “willst du nicht lieber in die Hölle gehen und deine Jungen befreien als draußen bleiben und deine Jungen in solcher Qual lassen?”

Ich geriet durch diese Worte ganz außer Fassung und sagte: “Oh! Meine Jungen, die habe ich gerne und will, daß alle gerettet werden! Aber können wir es nicht so einrichten, daß weder ich noch die anderen dort hinein müssen?”

“Wohl! Du hast noch Zeit und sie auch; du mußt nur alles tun, was du kannst. ” Da wurde mir das Herz weit und ich sagte mir: “Die Arbeit macht mir nicht viel aus, wenn ich nur meine überaus lieben Jungen aus solcher Marter befreien kann.”

“Also komm mit hinein”, fuhr der Freund fort, “und betrachte die Güte und Allmacht Gottes, die liebevoll tausend Hilfen anbietet, um deine Jungen zur Buße zu bewegen und sie vor dem ewigen Tode zu retten. ” Er nahm mich bei der Hand, um mich in die Höhle zu bringen. Doch beim ersten Schritt befand ich mich unversehens in einem prächtigen Saal mit kristallenen Türen. Vor diesen hingen in regelmäßigen Abständen weite Schleier, die ebenso viele Verbindungsräume zur Hölle hin verdeckten. Der Führer zeigte auf einen dieser Vorhänge. Auf demselben stand geschrieben: Sechstes Gebot. Und er sagte: Die Übertretung dieses Gebotes ist die Ursache, daß so viele Jungen auf ewig verlorengehen.” — “Aber haben sie denn nicht gebeichtet?” fragte ich.

“Sicher haben sie gebeichtet; aber die Sünden gegen die Reinheit haben sie schlecht gebeichtet oder sogar ganz verschwiegen. Z. B. es hat einer eine solche Sünde vier‑ oder fünfmal begangen; er beichtet aber zwei‑ oder dreimal. Manche haben eine solche Sünde in ihrer Kindheit getan und haben sie aus Scham nie gebeichtet oder haben sie schlecht gebeichtet und nicht alles gesagt. Andere hatten keine Reue und keinen Vorsatz. Einige, anstatt richtig zu bekennen, überlegten sogar, wie sie den Beichtvater täuschen könnten. Wer in einer solchen Verfassung stirbt, der begibt sich selber unter die Zahl der Verdammten und zwar für die ganze Ewigkeit. Nur diejenigen, welche aus ganzem Herzen bereuen, sterben in der Hoffnung auf das ewige Heil und werden auf ewig glücklich sein.

“Willst du noch sehen, warum dich die göttliche Barmherzigkeit hierhergeführt hat?”

Er hob den Schleier und ich sah eine Gruppe Knaben aus dem Oratorium. Ich kannte sie alle. Wegen dieser Sünde wurden sie verdammt. Unter ihnen waren einige, die sich jetzt nur scheinbar gut führen.

“Wenigstens laß mich jetzt die Namen dieser Jungen aufschreiben, damit ich sie besonders ermahnen und zurechtweisen kann”, bat ich.

“Ist nicht nötig”, sagte er.

“Was soll ich ihnen denn sagen?”

“Predige überall gegen die Zuchtlosigkeit. Es genügt, wenn man sie im allgemeinen aufmerksam macht. Vergiß auch nicht, daß die Jungen, wenn du mit ihnen redest, wohl leicht versprechen, aber nicht immer mit festem Vorsatz. Dazu ist nämlich die Gnade Gottes notwendig, die aber deinen Jungen niemals fehlen wird, wenn darum gebetet wird. Der liebe Gott zeigt seine Allmacht ganz besonders im Erbarmen und Verzeihen. Du mußt also beten und opfern. Die Jungen sollen auf deine Unterweisung achten und ihr Gewissen fragen. Es wird ihnen sagen, was sie tun müssen.”

Dann sprachen wir fast eine halbe Stunde lang über die notwendigen Voraussetzungen für eine gute Beichte. Dabei sagte der Führer verschiedene Male mit eindringlicher Stimme: “Avertere! . . . Avertere!” — “Was soll das heißen?” fragte ich. “Das Leben ändern, das Leben ändern!”

Ich war ganz verwirrt von diesen Enthüllungen, senkte den Kopf und wollte mich zurückziehen. Er rief mich aber und sagte: “Du hast noch nicht alles gesehen. ” Dabei wandte er sich nach einer anderen Seite und zog wieder einen Vorhang hoch. Auf dem stand geschrieben: “Qui volunt divites fieri, incidunt in tentationem et Iaqueum diaboli” (= die reich werden wollen, geraten in Versuchung und in die Schlinge des Teufels, 1. Ti. 6, 9). Ich las es und sagte: “Das paßt nicht auf meine Jungen; denn sie sind arm, genau wie ich auch. Wir sind nicht reich und trachten auch nicht darnach, es zu werden. Daran denken wir nicht einmal. ” Der Schleier wurde gelüftet und ich sah im Hintergrund eine Anzahl Jungen, die ich alle kannte. Sie litten wie diejenigen, die wir zuvor gesehen hatten. Der Führer deutete auf sie und sagte: “Oh, die Inschrift gilt auch für deine Jungen.”

“Erkläre mir das ‚divites' (reich).”

Und er sagte: “Z. B. haben einige deiner Jungen ihr Herz an einen materiellen Gegenstand gehängt, und diese Anhänglichkeit hindert sie an der Liebe zu Gott. Sie fehlen deshalb gegen die Nächstenliebe, die Frömmigkeit und Sanftmut. Man kann das Herz nicht nur durch den Gebrauch der Reichtümer verderben, sondern auch durch die Begierde darnach, um so mehr, als dieses Trachten die Gerechtigkeit verletzt. Zwar sind deine Jungen arm; aber wisse, daß die Sucht gut zu essen und zu trinken und der Müßiggang sehr schlechte Ratgeber sind. Einige Jungen hast du, die in ihrer Heimat gestohlen haben, manchmal sogar ganz beträchtlich. Sie denken aber nicht an die Rückerstattung, obwohl sie diese leisten könnten. Manche bemühen sich, mittels eines Dietrichs die Vorratskammern zu öffnen. Es wird sogar versucht, in die Zimmer des Präfekten und Ökonoms einzudringen. Sie durchsuchen die Koffer der Kameraden, um Eßwaren, Geld oder andere Dinge zu stehlen. Sie bringen Hefte und Bücher auf die Seite . . .” Er nannte mir auch die Namen der Jungen und fuhr fort: “Einige sind hier, die haben sich aus der Innentür des Oratoriums Kleidungsstücke, Wäsche, Decken und Mäntel angeeignet, um sie nach Hause zu schicken. Manche sind hier, weil sie anderen absichtlich einen schweren Schaden zugefügt haben; wieder andere, weil sie Geliehenes nicht zurückgegeben haben. Es sind auch welche hier, weil sie das Geld, das sie dem Obern abgeben sollten, für sich zurückbehalten haben.” Dann sagte er noch: “Da diese dir nun gezeigt wurden, mache sie auf ihre Fehler aufmerksam. Sage ihnen, sie sollen die unnötigen und schädlichen Wünsche zurückweisen, dem Gesetz Gottes gehorchen und auf ihre Ehrlichkeit sehr bedacht sein, sonst wird ihre Begierlichkeit sie zu schlimmeren Ausschweifungen drängen, die sie in Leiden, Tod und Verderben stürzen.”

Ich konnte mir nicht erklären, warum für gewisse Dinge, die unsere Jungen für so gering ansehen, ihnen so schreckliche Strafen bevorstünden. Aber der Freund durchkreuzte meine Betrachtungen und sagte: “Erinnere dich an das, was dir bei den verdorbenen Trauben am Weinstock gesagt wurde! (:Viele dieser Sünden sind an und für sich noch nicht schwer, aber sie sind dennoch Anfang und Ursache schrecklichen Versagens und ewigen Verlorenseins. Qui spernit modica paulatim decidet).

Nun hob er einen anderen Schleier empor, der viele andere Jungen verdeckte. Ich kannte sie alle; sie sind im Oratorium. Auf dem Schleier stand geschrieben: ‚Radix omnium malorum' (= Die Wurzel alles Bösen)! Er fragte mich. “Was heißt das? Welche Sünde ist damit gemeint?” — “Mir scheint, nichts anderes als der Stolz.” — “Nein”, sagte er. — “Ich habe aber immer gehört, der Stolz sei die Wurzel aller Sünden.” — “Ja, im allgemeinen sagt man, daß es der Stolz sei; aber welches war denn die erste Sünde bei Adam und Eva im besonderen? Warum wurden sie aus dem Paradiese vertrieben?”

“Es war der Ungehorsam.”

“Jawohl, und der Ungehorsam ist die Wurzel aller Übel.”

“Was soll ich meinen Jungen davon sagen?”

“Paß auf. Die Jungen, die du hier siehst, sind die Ungehorsamen. Sie sind auf dem Wege, sich ein sehr beklagenswertes Ende zu bereiten. Die und die, von denen du meinst, sie wären am Schlafen, stehen nachts auf und gehen im Hof spazieren. Sie kümmern sich nicht um Verbote und gehen hin, wo es gefährlich ist. Sie klettern auf den Gerüsten von Neubauten herum und bringen dabei ihr Leben in Gefahr. Einige gehen wohl der Hausordnung entsprechend in die Kirche; aber sie tun dort nicht, was sie sollen, sondern denken etwas ganz anderes. Sie bauen in ihren Träumereien Luftschlösser und stören die anderen. Einige suchen sich einen bequemen Platz zum Anlehnen und Gemütlichmachen, um während des Gottesdienstes zu schlafen. Von manchen nimmst du an, sie gingen in die Kirche; sie gehen aber nicht hinein. Wehe dem, der das Gebet vernachlässigt! Wer nicht betet, der wird verdammt! Einige, anstatt mitzusingen oder das kleine Offizium zu beten, lesen etwas ganz anderes als Gebetbücher, und gewisse sollten sich schämen, denn sie lesen dann sogar verbotene Bücher.”

Er nannte noch andere Übertretungen des Gehorsams, die ernste Unordnungen verursachen.

Als er zu sprechen aufgehört hatte, sah ich ihn ganz erschüttert an. Er schaute auch mich an und ich fragte ihn noch. “Kann ich all dies meinen Jungen erzählen?” — “Ja, du kannst ihnen alles sagen, was dir wieder einfällt.” — “Was für einen Rat soll ich ihnen geben, damit solch schwere Unordnungen nicht wieder vorkommen?” — “Schärfe ihnen immer wieder ein, daß auch in Kleinigkeiten der Gehorsam gegen Gott, die Kirche, die Eltern und die Obern sie retten wird.”

“Und was sonst noch?”

“Sage deinen Jungen, daß sie sich sehr vor dem Müßiggang hüten sollen. Das war die Ursache zur Sünde Davids. Sag ihnen, sie sollen sich immer beschäftigen; dann hat der Teufel keine Zeit, sie zu bedrängen.” Ich senkte den Kopf und versprach, es zu berichten.

Ich war von all dem Schrecklichen, das ich gesehen hatte, ganz erschöpft und wandte mich an meinen Freund: “Ich danke dir für deine Güte, die du mir gezeigt hast und bitte dich, mich wieder hinauszulassen.” Er sagte: “Komm mit!”, machte mir Mut, nahm mich bei der Hand und stützte mich, denn ich war ganz matt. Als wir aus dem Saal heraus waren, durcheilten wir in einem Augenblick den grauenvollen Hof und den langen Gang, durch den wir hereingekommen waren. Ehe wir über die Schwelle des letzten Bronzetores gingen, wandte er sich zu mir und sagte: “Du hast die Qualen bei anderen gesehen; nun mußt du die Hölle auch etwas fühlen.”

“Nein, nur nicht!” rief ich erschreckt.

Er bestand aber darauf, doch ich weigerte mich immerzu.

“Du brauchst keine Angst zu haben; komm und probier nur etwas. Faß mal diese Mauer an.”

Ich hatte keinen Mut dazu und wollte mich davonmachen. Er hielt mich aber fest und sagte: “Und doch mußt du es spüren!” Dabei faßte er mich resolut am Arm und zog mich zur Mauer. “Berühre sie doch nur ein einziges Mal; nur damit du sagen kannst, du wärst in den Mauern der ewigen Qual gewesen und hättest sie angefaßt. Dann kannst du verstehen, wie heiß die innere Mauer sein muß, wenn die äußerste schon so schrecklich ist. Siehst du diese Mauer?” Ich betrachtete die Mauer mit größerer Aufmerksamkeit. Sie war äußerst dick. Der Führer fuhr fort: “Das ist nun die tausendste Mauer, eh man zum ewigen und eigentlichen Feuer der Hölle kommt. Tausend Mauern schließen es ein. Jede Mauer ist tausend Maßeinheiten dick und tausend Maßeinheiten von der nächsten entfernt, und jede Maßeinheit ist tausend Meilen lang. Diese Mauer ist eine Million Meilen vom wirklichen Feuer der Hölle entfernt und erst ein kleiner Anfang der wirklichen Hölle.”

Als er das gesagt hatte, zog ich mich wieder zurück, um die Wand nicht zu berühren. Da nahm er meine Hand, öffnete sie mit Gewalt und brachte sie an die Steine dieser tausendsten Mauer. In dem Augenblick fühlte ich ein so intensives und schmerzliches Brennen, daß ich zurücksprang. Ich stieß einen lauten Schrei aus und erwachte davon. Ich fand mich in meinem Bette sitzend und es war mir, als brenne meine Hand. Ich rieb sie mit der anderen, um die Empfindung zu vertreiben. Als es Morgen wurde, sah ich, daß die Hand tatsächlich geschwollen war. Der eingebildete Eindruck dieses Feuers hatte eine solche Kraft, daß sich in der Folge die Haut der Handinnenfläche abschälte und neu wurde. —

Ihr müßt wissen, daß ich euch diese Dinge nicht in der ganzen Furchtbarkeit erzählt habe, so wie ich sie sah und wie sie auf mich Eindruck gemacht haben, um euch nicht so sehr zu erschrecken. Wir wissen, daß der Herr nur in Bildern von der Hölle spricht. Wenn er sie uns beschrieben hätte, wie sie ist, dann würden wir nichts verstanden haben. Kein Sterblicher kann diese Dinge begreifen. Gott kennt sie und kann sie mitteilen, wem er will.

Mehrere Nächte darauf war ich immer noch verstört und konnte von diesem Schrecken nicht schlafen. Ich habe euch nur in kurzem erzählt, was ich in sehr langen Träumen gesehen habe. Ich habe vieles ganz kurz zusammengefaßt. Später werde ich euch noch Belehrungen halten über die Menschenfurcht, sowie über das, was das VI. und VII. Gebot betrifft und über den Stolz. Ich werde nichts anderes tun, als diese Träume erklären; denn sie sind in Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift, ja sie sind gewissermaßen nur ein Kommentar zu dem, was man dort über diese Dinge liest.” —

Don Bosco erzählte diese Vision nicht nur in Turin, sondern auch in Mirabello und in Lanzo. Seinen Priestern und Klerikern sagte er in vertraulichen Gesprächen noch mehr davon, was er vor allen Jungen nicht erzählte.

Bei der Beschreibung der Schlingen gab er einen neuen Begriff von der Hinterlist des Teufels und von seiner Art, die Opfer in die Hölle zu ziehen. Er sprach in dem Zusammenhang von schlechten Gewohnheiten.

 

DIE SCHLINGEN DES TEUFELS

(Lem. IX, 593‑596)

Am 4. April 1869 erzählte Don Bosco folgenden Traum, den er einige Nächte vorher gehabt hatte:

“Ich stand an der Türe meines Zimmers und ging hinaus. Auf einmal schaute ich herum und befand mich in der Kirche, inmitten einer solchen Menge von Jungen, daß die Kirche gedrängt voll von ihnen war. Es waren die Jungen aus dem Turiner Oratorium, die von Lanzo und die von Mirabello, sowie viele andere, die ich nicht kannte. Sie hielten keine gemeinsame Andacht, sondern schienen sich auf die heilige Beichte vorzubereiten. Eine ungeheure Menge drängte sich wartend um meinen Beichtstuhl unter der Kanzel. Nachdem ich mich ein wenig umgeschaut hatte, wie ich es schaffen könnte, die Beichte aller zu hören, setzte ich mich in den Beichtstuhl. Bald fürchtete ich aber, eingeschlafen zu sein und zu träumen. Um mich zu versichern, daß ich nicht schlief, klatschte ich in die Hände und vernahm das Geräusch davon. Um mich noch mehr davon zu, vergewissern, streckte ich den Arm aus und faßte die Wand an, die sich hinter meinem kleinen Beichtstuhl befindet. So war ich sicher, wach zu sein und sagte: “Ich bin da, also beichten wir”, und ich fing an Beichte zu hören. Gleich darauf aber, als ich so viele Jungen sah, erhob ich mich wieder, um auszuschauen, ob noch andere Beichtväter da seien, die mir helfen könnten. Aber ich sah keinen. Da wollte ich zur Sakristei gehen und irgendeinen Priester rufen, der auch Beichte hören sollte. Siehe da, ich erblickte hier und da Jungen, die einen Strick um den Hals hatten, der ihnen die Kehle zuschnürte. “Warum dieser Strick?” fragte ich. “Nehmt ihn euch fort!” Sie antworteten mir nicht und sahen mich unentwegt an.

“Nun”, sagte ich einem, “geh, nimm das Seil fort!” Der angesprochene Junge ging, antwortete mir aber: “Ích kann es nicht fortnehmen, hinter mir ist jemand, der es festhält. Kommen Sie und sehen Sie zu.” Ich richtete meinen Blick mit größter Aufmerksamkeit auf die Jungen und mir schien, als sähe ich hinter den Schultern vieler zwei sehr lange Hörner hervorragen. Ich trat ein wenig näher hinzu, um besser sehen zu können. Als ich um den mir Zunächststehenden herumging, sah ich hinter ihm eine häßliche Bestie mit einer schrecklichen Schnauze. Sie sah aus wie eine große Katze mit langen Hörnern, und diese zog die Schlinge zu. Das Scheusal senkte seine häßliche Fratze und verdeckte sie mit seinen Pfoten und duckte sich, um nicht gesehen zu werden.

Ich fragte diesen und andere Jungen nach ihren Namen, aber sie antworteten mir nicht. Da fragte ich das häßliche Tier. Es versteckte sich aber nur noch mehr. Dann befahl ich einem Jungen: “Auf, geh in die Sakristei und sage Don Merlone, dem Direktor der Sakristei, er möge dir das Eimerchen mit Weihwasser geben.” Und bald kehrte der Junge mit dem Eimerdien zurück. Unterdessen entdeckte ich, daß jeder Junge hinter seinen Schultern einen ebenso unangenehmen Diener hatte, wie Richtungen davon. Von dem Getöse erwachte ich und fand mich im Bett. —

Oh, liebe Jungen, ich hätte nie geglaubt, daß so viele von euch die Schlinge um den Hals und die Katze hinter sich hätten. Sehen wir uns daher diese drei Schlingen und ihre Bedeutung einmal an.

Die erste Schlinge fesselt die Jungen, daß sie in der Beichte etwas verschweigen. Diese Schlinge schließt den Mund so, daß man aus Scham nicht alles beichtet. Zum Beispiel, anstatt zu beichten, daß man gewisse Sünden viermal begangen hat, sagt man drei‑ oder viermal, während es genau viermal war. Einem solchen fehlt es ebenso an Aufrichtigkeit wie dem, der etwas verschweigt.

Die zweite Schlinge ist das Fehlen der Reue und die dritte das Fehlen des Vorsatzes. Wenn wir daher diese Schlingen zerreißen und sie dem Teufel aus der Hand nehmen wollen, so laßt uns alle Sünden beichten. Sorgen wir für eine echte Reue und fassen wir einen festen Vorsatz, dem Beichtvater zu gehorchen. Ehe das Ungetüm so wütend wurde, sagte es mir noch: “Sieh den Nutzen an, den die Jungen aus ihren Beichten schöpfen. Die Frucht der Beichten muß die Besserung sein. Wenn du erkennen willst, ob ich die Jungen in der Schlinge habe, achte darauf, ob sie sich bessern.”

Ich muß auch noch bemerken, daß ich mir vom Dämon sagen ließ, warum er hinter dem Rücken der Jungen stünde, und er antwortete: “Damit sie mich nicht sehen und ich sie leichter herunter in mein Reich ziehen kann.” Ich sah, daß es viele waren, die diese Scheusale im Rücken hatten; mehr als ich glaubte.

Legt diesem Traum soviel an Bedeutung bei, wie ihr wollt. Aber die Tatsache bleibt bestehen. Ich wollte genau sehen, ob es wahr sei, was ich träumte und fand, daß sich die Sache wirklich so verhält. Nehmen wir indes die Gelegenheit wahr, die sich uns in diesen Tagen bietet, einen vollkommenen Ablaß zu gewinnen durch eine gute Beichte und heilige Kommunion. Tun wir das mögliche, um uns aus diesen Schlingen des Teufels zu befreien. Der Heilige Vater gewährt all jenen einen vollkommenen Ablaß, die am Tage seines 50jährigen Priesterjubiläums, das ist am nächsten Sonntag, dem 11. April, beichten, kommunizieren und in der Meinung der heiligen Kirche beten.”

In einer seiner Aussagen beschreibt er eine tragische Situation in Rom

Vom heiligen Giovanni Bosco wird berichtet, daß er schon in der Kindheit die Gabe des zweiten Gesichts hatte.  In einer seiner Aussagen beschreibt er eine tragische Situation in Rom: »Die Pferde der Kosaken werden aus den Brunnen Sankt Peters trinken.«

Eine Prophezeiung aus dem Jahre 1874, die sich auf eine Papstflucht bezieht, sagt folgendes aus:

Es war eine finstere Nacht, die Menschen konnten nicht mehr erkennen, welchen Weg sie einschlagen sollten, um zurückzukehren, als am Himmel plötzlich ein strahlendes Licht erschien, das die Schritte der Wanderer erhellte, als wäre es Mittag. In diesem Augenblick war eine große Menge von Männern, Frauen, Alten, Kindern, Mönchen, Nonnen und Priestern zu sehen, die mit dem Papst an der Spitze den Vatikan verließen und sich dabei zu einer Prozession aufstellten.

Aber da kam plötzlich ein wütendes Gewitter; das Licht verdunkelte sich zusehens und es schien sich ein Kampf zwischen Licht und Finsternis zu entfachen. Inzwischen waren sie auf einen kleinen Platz angelangt, der mit Toten und Verwundeten bedeckt war, von denen viele mit lauter Stimme um Hilfe flehten. Die Reihen der Prozession lichtete sich immer mehr. Nachdem sie über einen Raum dahingegangen waren, der zwanzig Erhebungen der Sonne entspricht, eilte jeder herbei, der nicht mehr in Rom war. Fassungslosigkeit bemächtigte sich ihrer und alle scharten sich um den Papst, um seine Person zu schützen und ihm beizustehen.

Von dem Augenblick an waren zwei Engel zu sehen, die eine Standarte trugen und sie dem Papst mit folgenden Worten überreichten: »Empfange das Banner derjenigen, die gegen die stärksten Völker der Erde kämpft und sie zerstreut. Deine Feinde sind verschwunden, deine Kinder beschwören mit Tränen und Seufzern deine Rückkehr.« Wenn man den Blick zum Banner erhob, sah man auf der einen Seite geschrieben: »Regina sine labe concepta« (Königin, ohne Makel der Erbsünde empfangen), und auf der anderen: »Auxilium christianorum« (Helferin der Christen). Der Papst ergriff freudig das Banner, aber als er die geringe Zahl derer sah, die bei ihm geblieben waren, wurde er betrübt.

Die beiden Engel fügten hinzu: »Geh schnell und tröste deine Kinder. Schreibe deinen Brüdern, die in alle Teile der Welt verstreut sind, daß eine Reform in den Sitten der Menschen notwendig ist. Und die kann man nur verwirklichen, wenn man den Völkern das Brot des göttlichen Wortes bricht. Unterrichtet die Kinder im Glauben, predigt Entsagung von den irdischen Dingen. Die Zeit ist gekommen, in der die Völker den Völkern das Evangelium bringen. Die Leviten sind bei Hacke, Spaten und Hammer zu suchen, damit sich die Worte Davids erfüllen: Gott hat das Volk vom Erdboden erhoben, um es auf den Thron der Fürsten seines Volkes zu setzen.«

Nachdem der Papst das gehört hatte, setzte er sich in Bewegung, und die Reihen der Prozession begannen dichter zu werden. Als er dann die heilige Stadt betrat, weinte er, als er die Verzweiflung der Bürger sah, von denen viele nicht mehr lebten. Als er schließlich den Petersdom betrat, stimmte er das »Te Deum« an, dem ein Engelschor antwortete: »Gloria in Excelsis deo...« (Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind). Nachdem der Gesang verklungen war, verschwand die Dunkelheit, und es zeigte sich eine strahlende Sonne. In den Städten, Dörfern, und auf dem Land gab es nur noch ganz wenig Leute; die Erde war zertreten wie von einem Orkan, einer Wasserflut oder einem Hagelschlag, und die Leute gingen bewegt aufeinander zu und sagten: »Est Deus in Israel« (Es gibt einen Gott...). Vom Anfang des Exils bis zum Gesang des »Te Deum« war die Sonne 200 mal aufgegangen. Die ganze Zeit, die verging, bis sich all das vollzogen hatte, belief sich auf 400 Sonnenaufgänge.

 

Film über die Exhumierung von Don Bosco

 

Sehrwahrscheinlich ist dieser Film von der
Exhumierung im März 2008

 

Spielfilm: Don Bosco
Der halbdokumentarische Spielfilm schildert Kindheit und Jugendzeit von Giovanni Bosco (1815-1888), der später zum Gründer eines weltumspannenden sozialen Jugendwerkes und der Kongregation der Salesianer Don Boscos (SDB) wird.

 

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