Aus der alten Frakturschrift von kath-zdw.ch übersetzt

Leben des heiligen Franz von Sales

Fünftes Buch
Der hl. Franz v. Sales gründet den Orden von der Heimsuchung.
Sechstes Buch
Gründung des Ordens d. Heimsuchung bis zum Tode d. Heiligen (1622)
Siebentes Buch
Charakterbild des heiligen Franz von Sales.

   
   





  

Inhaltsverzeichnis

Sechstes Buch

Von der Gründung
des Ordens der Heimsuchung
bis zum Tode des Heiligen im Jahre 1622.

 

Leben

des

heiligen Franz von Sales,

Fürstbischofs von Genf.

Nach der fünften Auflage aus dem Französischen übersetzt
 

von

J. C. Lager,
Priester der Diözese Trier.
 

Zweiter Band
Regensburg.

Druck und Verlag von Georg Joseph Manz.
1871.

 

Inhalt: Sechstes Buch.
Von der Gründung des Ordens der Heimsuchung bis zum Tode des Heiligen im Jahre 1622.

Erstes Kapitel.
Franz von Sales setzt seine bischöfliche Tätigkeit mit gewohntem Eifer fort. -- Seine Ansicht über die Streitigkeiten rücksichtlich der Gewalt des Papstes über die Fürsten in weltlichen Dingen (1610 – 1612.)

Zweites Kapitel.
Bekehrungen, die der heilige Franz von Sales bewirkt. – Wallfahrt nach Mailand. – Ein Zug seiner Eigennützigkeit. – Heilung einiger Besessenen. – Abermalige Bemühungen zum Besten der Provinz Gex (1613)

Drittes Kapitel.
Franz beruft Barnabiten nach Annecy und Karthäuser nach Ripailles. – Der deutsche Kaiser ladet ihn zum Regensburger Reichstage ein. – Reise nach Lyon und Sion en Valais.– Schöne Züge seiner Nächstenliebe und Charakterfestigkeit (1614 und 1615)

Viertes Kapitel.
Franz übergibt den Barnabiten die Leitung der Schule des heiligen Hauses in Thonon, und ernennt seinen Bruder Johann Franz zum Generalvikar. – Er erhält den Besuch des Erzbischofs von Lyon und wird aufs neue bei dem Herzoge verleumdet. – Weitere Züge seiner christlichen Liebe (1615 und 1616)

Fünftes Kapitel.
Verhalten des heiligen Franz von Sales in dem piemontesischen Kriege. – Er veröffentlicht seine Abhandlung über die Liebe Gottes und hält die Advents- und Fastenpredigten in Grenoble. – Tod des Barons und der Baronin von Thorens. – Bekehrung eines bis dahin unverbesserlichen Sünders (1616 – 1618)

Sechstes Kapitel.
Reise des heiligen Franz nach Paris. – Seine Wirksamkeit daselbst (1618 und 1619)

Siebentes Kapitel.
Franz wird zum Groß-Almosenier der Prinzessin Christine ernannt. – Züge seiner Uneigennützigkeit. – Er wird abermals verleumdet (1619)

Achtes Kapitel.
Fernere Tätigkeit des heiligen Franz von Sales in seinem bischöflichen Amte und neue Züge aus seinem heiligen Leben (1619 und 1620)

Neuntes Kapitel.
Fernere Arbeiten des Heiligen (1621)

Zehntes Kapitel.
Letzte Lebensjahre des heiligen Franz von Sales (1621 und 1622)

Elftes Kapitel.
Reise des heiligen Franz von Sales nach Avignon und Lyon. – Sein Tod (1622)

 

Erstes Kapitel.

Franz von Sales setzt seine bischöfliche Tätigkeit
mit gewohntem Eifer fort.
-- Seine Ansicht über die Streitigkeiten rücksichtlich der Gewalt des Papstes über die Fürsten in weltlichen Dingen.

(1610 – 1612.)

Unter der Sorgfalt, welche der Heilige dem Orden der Heimsuchung eine lange Zeit hindurch in so großem Masse zuteil werden ließ, hatte seine Diözese und deren Verwaltung keineswegs gelitten. Da ihm vor Allem die Bildung des Klerus am Herzen lag, so war es immer sein sehnlichster Wunsch gewesen, ein Seminar zu gründen, in dem die Kandidaten des geistlichen Standes eine wissenschaftliche, praktische und echt priesterliche Erziehung erhalten könnten. Leider fehlten ihm aber bis jetzt, wie wir früher schon gesehen haben, alle Mittel, um die Kosten einer solchen Anstalt zu bestreiten. Um sie zu ermöglichen, machte er einen neuen Versuch; er bat den heiligen Stuhl dringend, den Geistlichen seiner Diözese je nach den Einkünften der Benefizien, die sie genossen, die Entrichtung einer bestimmten Summe aufzuerlegen, die zu diesem so notwendigen Werke verwandt werden sollte (Brief 372). Die Stimme keines Bischofs war von größerem Einflusse; seine Tugenden fanden in Rom die gebührende Hochschätzung und der Papst selbst spendete ihm das größte Lob. „Sie haben einen wahren Heiligen zum Bischof, sprach er zu Herrn von Coer, den Franz früher in Angelegenheiten der Abtei Talloires nach Rom geschickt hatte, und ich habe ihn immer für einen solchen gehalten. Sagen Sie ihm doch, er möge Unserer in seinen Gebeten gedenken, denn Wir besitzen das größte Vertrauen auf ihre Kraft; und seien Sie sein Nachfolger, treten Sie gewissenhaft in seine Fußstapfen (nach de Myncet.)."
Nichtsdestoweniger glaubte man in Rom die von Franz vorgeschlagene Maßregel mit so vielen Schwierigkeiten verbunden, dass man es nicht wagte, eine Entscheidung zu erlassen.

Franz musste also auf seinen sehnlichsten Wunsch verzichten. Er suchte darum wenigstens durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel den Eifer für die kirchliche Wissenschaft zu beleben und eines der vorzüglichsten glaubte er darin zu finden, dass er an den öffentlichen theologischen und philosophischen Disputationen selbst tätigen Anteil nahm. Als er eines Tages einer solchen beiwohnte, geschah es, dass Einer bei Verteidigung seiner These von seinem Gegner so sehr in die Enge getrieben wurde, dass er keinen Ausweg mehr sah. Es war nun Sache des vorsitzenden Kanonikus, ihm zu Hilfe zu kommen: allein dieser war nicht glücklicher in seinen Bemühungen und er verwickelte sich dergestalt in seinen Argumenten, dass er ganz daran war, eine für seine weißen Haare sehr beschämende Demütigung zu erleiden. Mitleidig kam ihm der Bischof in dieser unangenehmen Lage zu Hilfe und geschickt löste er die Frage so klar und deutlich, dass jeder weitere Einwurf abgeschnitten wurde. Den Gegner verdross seine Niederlage gerade in dem Augenblicke, wo er den gewissen Sieg in der Hand zu haben glaubte, nicht wenig, und voll lebhaften Unwillens rief er aus, dass diese Erklärung eine unerhörte sei. „Wohl möglich, erwiderte lächelnd der Bischof, dass sie es für Sie bis heute war, aber in Zukunft wird sie es nicht mehr sein (Charl.-- Aug., p. 417)." Der arme Kanonikus wollte dem Bischof nach beendigter Disputation seinen Dank abstatten, dass er die Ehre eines Greises, der mit den Wendungen und Feinheiten der Schule nicht mehr so vertraut sei, gerettet habe. „O, danken Sie mir nicht, erwiderte Franz; es ist die Pflicht der Jüngeren, die Älteren zu unterstützen, wie es die Pflicht der Älteren war, uns eine Stütze in den Schwächen der Jugend zu sein. Das ist der vernünftige Gang der Welt und eine Einrichtung der Vorsehung."

Einige Zeit nachher gab der Bischof bei einer ähnlichen Übung einen noch herrlicheren Beweis von Nachsicht und Liebe. Es hatte ihn Einer aufgefordert, selbst sein Gegner zu sein; er tat es gerne, und wie nicht anders zu erwarten, waren seine Argumentationen in Form und Tiefe unvergleichlich. Da fiel es einem der Anwesenden ein, ihn zu unterbrechen und sich seines Einwurfes zu bemächtigen, um, wie er voll Unverschämtheit sagte, ihm mehr Kraft und Geltung zu verschaffen. Eine solche Verletzung des Anstandes rief ein allgemeines Gemurmel des Unwillens hervor. Aber der heilige Bischof schlug die Augen nieder und ohne ein Wort zu sagen, ließ er den anderen sprechen, bis er ihn so in der Enge sah, dass er sich unmöglich mehr herausziehen konnte. Da nahm er den Beweis wieder auf und suchte so gut als möglich dem ungehobelten Menschen die wohlverdiente Schande zu ersparen.

Franz war nicht zufrieden, unter seinem Klerus den Geist der Wissenschaft anzufachen und zu beleben, er suchte ihm auch hervorragende Männer zuzuführen, welche im Stande seien, der Kirche zur Ehre und Zierde zu gereichen. Namentlich wünschte er seinen Bruder Ludwig von Sales in den Reihen desselben zu sehen, und er schlug ihm demgemäß vor, sein Koadjutor zu werden, indem er ihm voll Beredsamkeit all das Gute vor Augen stellte, welches durch ihr Zusammenwirken erreicht werden könnte. „Während ich Unserem Volke predige, sprach er, wirst Du schreiben; während ich schreibe, wirst Du predigen; während Du drau0en in der Diözese nachsiehst, werde ich zu Hause treue Hut halten, bin ich auf der Visitationsreise, so wirst Du hier sein." Allein der Demut des frommen Laien gegenüber vermochten alle diese Gründe nichts; er hielt sich des einfachen Priestertums für unwürdig, geschweige denn der bischöflichen Würde.

Dem Bischofe tat es wehe, dass es ihm nicht vergönnt war, der Kirche einen tüchtigen Priester mehr zu geben; zu gleicher Zeit hatte er den Schmerz, einen anderen zu verlieren, der stets sein bester Freund geblieben war. Herr Deage, sein treuer Erzieher, der ihm gleichsam als sein Schutzengel überallhin gefolgt war, starb. Der gute Priester hatte ihn stets mit der größten Hingabe geliebt; stets hatte er über ihn gewacht und die kleinsten Unvollkommenheiten, die er an ihm zu bemerken glaubte, gerügt, selbst dann noch, als er schon Bischof war, wie wenn er auch als solcher nicht aufgehört hätte, sein Schüler zu sein; er wollte seinen Zögling in Allem vollkommen sehen, geehrt und bewundert von jedermann, und er duldete es nicht, dass ein Anderer auch nur den leisesten Tadel sich gegen denselben erlaubte. Der Bischof vergalt ihm eine solche Liebe und Treue; er erwies ihm alle Achtung und Ehrerbietung, hatte ihn zum Domherrn gemacht, in sein Haus und an seinen Tisch genommen und war stets mit der zartesten Aufmerksamkeit besorgt, es ihm an nichts, weder in gesunden noch in kranken Tagen, fehlen zu lassen (Geist des heil. Franz von Sales, I, 28). In seiner letzten Krankheit pflegte er ihn bis zu seinem letzten Atemzuge, ließ ihn nach seinem Tode aufs ehrenvollste bestatten und in der ganzen Diözese eine große Zahl von Messen für die Ruhe der ihm so teuren Seele lesen. Auch brachte er selbst zu wiederholten Malen das heilige Opfer für ihn dar. Das erste Mal übermannte ihn dabei der Schmerz; bei den ersten Worten des „Pater noster" (Vater Unser) angekommen, konnte er vor Schluchzen nicht weiter fortfahren und nur unter vielen Tränen konnte er die heilige Messe beendigen. Als er nach derselben in seinem Zimmer mit seinem Kaplane allein war und dieser ihn zu trösten versuchte, sprach er: „Ach, dieser Seele ist es wohl, wo sie sich jetzt befindet; sie würde nicht wünschen, wieder hier zu sein; sie ruht im Schoße der Barmherzigkeit und Gnade Gottes, wie ein zweiter Johannes ruht sie an der treuen Brust Jesu Christi. Wollen Sie wissen, weshalb ich so geweint habe, als ich das Pater noster begann? ich dachte daran, dass dieser wahrhaft gute Mann es war, der mich zuerst das Pater noster lehrte (Ebendas. V, 22)."

Zu dem Schmerze, sich nun für immer eines so treuen Freundes beraubt zu sehen, gesellte sich noch der Kummer, einen anderen zu verlieren, den seine neue Stelle nötigte, ihn zu verlassen. Favre, den er nie anders als Bruder nannte, wurde vom Herzoge von Savoyen zum ersten Präsidenten des Senates von Chambery ernannt; er musste Annecy verlassen und sich auf seinen neuen Posten begeben. Wie hervorragend auch diese Würde war, so konnte doch dadurch dem Schmerze, sich von einander trennen zu müssen, kein Ersatz geboten werden; und was dem neuen Präsidenten, nun ferne von seinem Freunde, noch tieferen Kummer verursachte, waren Verdächtigungen aller Art, welche die Eifersucht gegen ihn ausstreute. Doch ertrug der gottesfürchtige Christ das Alles mit frommer Geduld. „Mein teurer Bruder, schrieb er darüber an den Bischof, ich spreche jeden Tag zu Gott: Ich freue mich in meinem Heilande, dass ich durch Verfolgung und Verachtung Gelegenheit habe, jenes eitle Ehrgefühl von mir abweisen zu können, das die Anerkennung meiner Schriften und mein Ruf mir einflößen möchte. Anderswo meint man, dass dem großen Anton Favre doch eine große Gunst zuteil geworden; hier würde man sich glücklich schätzen, wenn man seiner los wäre. Was das nun Alles angeht, so wiederhole ich oft mit vollkommener Ruhe, mein Bruder, was ich so manchmal von Ihnen gehört habe: Wir sind nur das, was wir vor Gott sind, in dessen Augen weder das Lob auf der Ferne mich erhöht, noch die Verachtung, die mir in der Nähe zuteil wird, erniedrigt; seien wir darum gleichgültig gegen das Eine wie das Andere und wandeln wir vor Gott in Heiligkeit und Gerechtigkeit."

Bevor Favre Annecy verließ hatte er seinem heiligen Freunde sein Haus, das größte und schönste in der Stadt, zur steten Benutzung als ein fortwährendes Pfand seiner Freundschaft überwiesen. Franz nahm es an und vertauschte es auch alsbald mit seiner bisherigen schlechten Wohnung. Zu seinem eigenen Zimmer wählte er sich aber das kleinste und engste von allen, denn, meinte er, nachdem er den Tag in großen und prächtigen Räumen zugebracht habe, müsse er sich Nachts zwischen vier engen Wänden und in seinem kleinen Bette wieder daran erinnern, dass er nur ein armer und elender Mensch sei. „Auf diese Weise, sprach er, wird der Bischof von Genf während des Tages auf seinem Platze sein und Franz von Sales während der Nacht (Annee de la visitation, 4. avril. – Charl.-Aug., p. 417.)."

Während er selbst so demütig von sich dachte, war sein Lob in Aller Munde und konnte man seine Nächstenliebe und Uneigennützigkeit nicht genug rühmen; welche Mühe er sich auch gab, das Gute, welches er tat, geheim zu halten, es dauerte nie lange, so wusste es alle Welt. Ein Edelmann auf Chablais hatte ihm geklagt, dass ein Gewitter seine Ernten so verdorben, dass es ihm nun ganz an dem Notwendigen fehle, um seine Felder für das nächste Jahr zu bestellen, und der mitleidige Bischof ließ sie auf seine Kosten einsäen (Charl.-Aug., p. 416.). Der Buchhändler Peter Rigaud in Lyon, dem er seine Philothea in Verlag gegeben, hatte mit dem Buche einen ungeheuren Gewinn gemacht, und kam nun, um den Verfasser zu bitten, vierhundert Goldtaler als ein Zeichen seiner Dankbarkeit von ihm anzunehmen. Franz weigerte sich mit dem Bemerken, er wolle keinen anderen Lohn für seine Arbeit als das Bewusstsein, dass sie zum Heile der Seelen etwas beigetragen habe. Wie auch der Buchhändler in ihn drang, lange weigerte er sich entschieden. Zuletzt jedoch konnte er nicht umhin, das Geld anzunehmen und er tat es mit dem Bemerken, er könne versichert sein, dass er es nicht für sich verwenden werde. Auf der Stelle schickte er es einem armen und braven Mädchen zu, die lebhaft wünschte, ins Kloster zu gehen, ihr Vorhaben aber nicht ausführen konnte, weil sie die verlangte Mitgift nicht beizubringen im Stande war (Charl.-Aug., p. 418.).

Eine große Freude verursachte dem Bischofe um diese Zeit die Bekehrung von fünfzehn Genfer Protestanten und vor Allem der Frau von Saint Sergues (Cergues), eine Dame von hervorragendem Verstande, sehr bewandert in der Kontroverse, ebenso gut unterrichtet wie jeder ihrer Prediger und in hohem Ansehen bei ihren Glaubensgenossen stehend. Einige ihrer Freundinnen, bei denen sie in Annecy auf Besuch war, hatten ihr den Vorschlag gemacht, dem berühmten Bischofe ihre Aufwartung zu machen. „Gott bewahre mich davor, erwiderte sie in verächtlichem Tone; mit einem schlechten Menschen, einem Zauberer und Schwarzkünstler, den wir Alle wegen seiner Betrügereien verabscheuen, will ich nichts zu tun haben." --- „Nun, bat man, so gehen Sie doch wenigstens einmal in eine seiner Predigten." Dazu liess sie sich denn bewegen. Nicht sobald hatte sie ihn gesehen und gehört, als ihre Vorurteile gegen ihn schon bedeutend schwanden, und sie wünschte nun selbst, ihm vorgestellt zu werden. Der Bischof empfing sie mit liebevoller Freundlichkeit und da sie alsbald das Gespräch auf die Religion brachte, und mit der größten Heftigkeit gegen den katholischen Glauben losfuhr, ließ er sie, ohne nur im Geringsten seine unvergleichliche Geduld und Sanftmut zu verlieren, ruhig zu Ende reden. Als sie endlich fertig war, da begann er ihr die Schönheiten des ihr noch unverständlichen katholischen Glaubens mit einer Freundlichkeit , einer Ruhe und Anmut auseinandersetzen, dass sie ganz außer sich geriet und nicht wusste, ob sie mehr den Gleichmut seiner Seele oder seine tiefe Gelehrsamkeit bewundern solle. Doch ergab sie sich an diesem ersten Tage noch nicht, mehrere Male kam sie noch zurück, ehe sie sich für überwunden erklärte und den Entschluss aussprach, zur katholischen Religion zurückzutreten (Ebendas. p. 419.). Franz hörte sie Beichte und wählte die Kapelle der Heimsuchung als den Ort, wo sie in die Kirche aufgenommen werden und die heilige Kommunion empfangen sollte. „Da ich hoffe, schrieb er an Frau von Chantal (Brief 216.), dass die Engel und namentlich die Königin der Engel auf diesen letzten Akt der Unterwerfung dieser Seele wohlgefällig herabsehen, so wünsche ich, dass er sich mitten unter Ihrer kleinen Schar vollziehe, damit diese himmlischen Geister auf uns Alle mit großer Freude herabblicken und wir im Verein mit ihnen das Freudenmahl bei der Wiederkehr dieses verlorenen Kindes ins Vaterhaus feiern."

Nie war es dem Heiligen möglich, behaglicher Ruhe zu pflegen. Stets war sein Auge offen, und kein Teil seiner Diözese entging seiner Wachsamkeit; wo er nur denken konnte, dass seine Gegenwart von Nutzen sein dürfte, da ermangelte er nicht, wenn es ihm nur möglich war, selbst hinzueilen, um zu predigen, zu ermahnen, zu stärken und zu trösten. Selbst die Zeit, die er brauchte, um von einem Orte zum anderen zu reisen, wurde nützlich angewandt. „Ich bin Zeuge, berichtet ein Reisegefährte (de Rendu), dass er uns den ganzen Weg über von Gott und himmlischen Dingen sprach, und zwar auf eine so bezaubernde Weise, dass man unwillkürlich an den Erzengel Raphael erinnert wurde, der den jungen Tobias begleitete; die Gespräche und Reden des himmlischen Boten konnten kaum besser und schöner sein. Er betete zuerst das Reisegebet der Geistlichen, sodann das Brevier und nach diesem den Rosenkranz; dieser bestand bei ihm aus lauter „Vater unser" mit dem „Gegrüßet seist du Maria". Eines Tages fragte ich ihn nach dem Grunde, warum er ihn so bete. -- „Um dem ewigen Vater zu danken, dass er Maria zur Mutter des fleischgewordenen Wortes erwählt hat,“ war seine Antwort. Hiervon nahm er Anlass, über die erhabenen Vorzüge der Mutter Gottes zu sprechen und zwar mit einer so lieblichen Beredsamkeit, dass wir ganz davon entzückt waren und uns außerordentlich zur Verehrung der allerseligsten Jungfrau angetrieben fühlten. So fuhr er fort zu reden bis wir nach Annecy kamen; zum Schlusse, nachdem er mich darauf aufmerksam gemacht, dass der heilige Franz von Assisi der Fürbitte Marias alle Gnaden verdankte, mit denen der Himmel ihn überhäufte, sagte er mir: ,,,Seien wir würdige Kinder der Mutter und des Sohnes, ahmen wir die Tugenden Beider nach.“

Alle Wunder aufzuzählen, durch welche es Gott gefiel, die Heiligkeit seines Dieners zu offenbaren, würde nicht leicht sein. Nur einige seien erwähnt. Trostlos kam eines Tages eine Mutter mit ihrem kranken Kinde zu ihm, welches ein schon drei Monate andauerndes Fieber so mitgenommen hatte, dass kaum mehr eine Hoffnung auf Genesung vorhanden war. Er segnete es mit den Worten: „Gott lasse dich gesund werden, mein Kind." Und auf der Stelle war es gesund und munter. Ein anderes Mal besuchte er einen Kranken, der bereits von den Ärzten aufgegeben war und ohne Bewusstsein dalag. „Weine nicht, sprach der Heilige zu der Frau desselben; beten wir zu Gott, Dein Mann wird leben.“ Und der Kranke stand ein paar Tage nachher wieder auf und war vollkommen gesund. Dadurch ermutigt brachte man ihm an einem Morgen, gerade als er im Begriffe stand, an den Altar zu gehen, einen jungen Menschen, der von Geburt ganz lahm und verkrüppelt war; er hörte ihn Beichte und gab ihm anderen Tages die heilige Kommunion. Am dritten Tage legte er ihm, nachdem er die heilige Messe gelesen, die Hände auf und alsbald wurden seine Glieder so vollkommen gesund und gerade, dass er zu Fuße nach Hause gehen konnte (Char1.-Aug., livre VII. -- Nach de Favre, der Augenzeuge war. --- Dom Jean de Saint-Francois, p. 499.).

Ein Priester aus Rumilly war in Folge eines heftigen Fiebers in Tobsucht gefallen, und man musste ihn an Händen und Füßen gebunden eingesperrt halten; drei Mal schon war es ihm gelungen, seine Fesseln zu brechen, und wie ein wildes Tier Tag und Nacht unter freiem Himmel zubringend lief er dann umher. Zum vierten Male wurde er wieder eingefangen und in das bischöfliche Gefängnis gebracht. In einem jener Augenblicke, wo seine Wut den höchsten Grad erreicht hatte, ging der Bischof gerade unter dem Fenster seiner Zelle vorbei; er rief ihn herbei, berührte durch das Eisengitter, wie um ihn zu liebkosen, seine Wange, forderte ihn auf, Gott für seine Heilung zu danken und ließ ihm zur Stelle die Türe seines Gefängnisses öffnen. Wieder im vollkommenen Besitze seiner Vernunft kam der Unglückliche heraus und fiel seinem Helfer dankend zu Füßen; seine Heilung war eine vollständige und dauernde (Ebendas. p. 500.).

War der heilige Bischof nicht auf seinen Rundreisen tätig, so ließ er sich zu Hause angelegen sein, auf alle mögliche Weise Frömmigkeit und Gottesfurcht zu nähren und zu heben. Die besten Prediger ließ er kommen und sandte sie zur Abhaltung von Missionen, namentlich im Advent und in der Fastenzeit, an verschiedene Orte seiner Diözese. Er ermahnte sie eindringlich, ihre Predigten so einzurichten, dass sie so viel als möglich Früchte trügen; besonders bat er sie, alle Eitelkeit im Stile, alles Gezierte und Gesuchte in Gebärden und im Vortrage zu vermeiden. „Man muss Jesus den Gekreuzigten predigen, sagte er ihnen oft, mit einem Herzen voll Eifer und Liebe; vergeben wird der Prediger sprechen und sich abmühen, wenn das Feuer der Liebe nicht in seinem Inneren glüht (de Rendu)."Die Briefe, die er außerdem an Welt- und Ordensleute schrieb, alle vom Geiste der Weisheit und Frömmigkeit erfüllt, zählen sich nach Hunderten.

Der Ruf seiner Heiligkeit verbreitete sich mehr und mehr; selbst viele Protestanten waren von einer solchen Achtung vor derselben durchdrungen, dass sie ihn zum Schiedsrichter in ihren Streitigkeiten nahmen. So hatte ein Genfer, der in einen Prozess mit dem Grafen von Saint-Alban verwickelt war, gehört, dass der Bischof auf einer Durchreise nach Bonneville, zur Pfarrei Faucigny gehörig, kommen solle; er eilte zu ihm mit der Bitte, diesen Streit zu schlichten. „Ei, fragte der Bischof, wie können Sie denn zu mir, den die Genfer für ihren Feind halten, vertrauen haben?" „Ich weiß, antwortete der Genfer, dass Sie ein Mann des Guten sind und in Allem nur das wollen, was gerecht ist." Der Streit wurde zur Zufriedenheit beider Parteien beigelegt (Nach Michel Favre). Zwei Andere konnten mit seinen eigenen Brüdern rücksichtlich einer Summe von dreitausend Goldtalern nicht einig werden; auch sie nahmen ihn zum Schiedsrichter, ohne den Einfluss der Verwandtschaft zu fürchten, und seine Entscheidung wurde angenommen (Nach Vautier.).

n Frankreich schätzte man ihn nicht weniger hoch. Lyon und Paris, begierig ihn zu sehen und zu hören, luden ihn beide ein, die Fastenpredigten bei ihnen zu halten. Gerne hätte er diesen Einladungen Folge geleistet; aber da der Herzog von Savoyen ihm dazu seine Erlaubnis verweigerte, sah er sich genötigt, beiden Städten eine abschlägige Antwort zu geben. „Sie werden bei dem Tausche nur gewinnen können, schrieb er an die Domherren von Lyon (Brief 260.), was Fähigkeit und Geschick angeht, da ich darin hinter allen Predigern, welche die größeren Städte besuchen und solche Kanzeln wie die Ihrige besteigen, zurückstehe; schwerlich dürften Sie es aber vermeiden, dabei zu verlieren, wenn es sich um freudige Bereitwilligkeit handelt, Ihnen gefällig und nützlich zu sein, da mein Herz in Wahrheit mit Liebe und Achtung für Sie und mit brennendem Eifer für die Vermehrung der wahren Frömmigkeit in Ihrer Stadt erfüllt ist." --- „Gott weiß es, schrieb er an seinen Freund Deshayes, durch welchen die Einladung nach Paris an ihn ergangen war (Brief 266.), dass ich mein Herz bereitete als ein ganz neues und größeres, wie mir scheint, als es gewöhnlich ist, um zu kommen und das Wort Gottes zu verkünden, erstlich um bei dieser so schönen und so würdigen Gelegenheit die göttliche Majestät zu verherrlichen, sodann um Jenem zu willfahren, der mich mit solcher Herzlichkeit eingeladen hat; und da ich jetzt mit etwas mehr Überlegung, gründlicher und apostolischer, als es vor zehn Jahren der Fall war, predige, so dachte ich mir, dass Ihnen meine Predigten gefallen haben würden."

Um diese Zeit wurde lebhaft die Frage erörtert, welche Rechte dem Papste in weltlichen Dingen zustünden. Sie war angeregt worden durch eine Schrift Jakobs I. von England, die er veröffentlichte, um den von ihm verlangten neuen Untertaneneid zu rechtfertigen; gegen diese ließ der Kardinal Bellarmin eine Widerlegung erscheinen zuerst in dem Werke: de Romano Pontifice (über den römischen Pontifex), welches von Sixtus V.als die weltliche Macht des Papstes zu sehr beschränkend auf den Index (Liste verbotener Bücher) gesetzt wurde (Nach dem Tode Sixtus V. wurde es vom Index entfernt.); sodann in einer zweiten Schrift: Tractatus de potestate summi Pontificis in temporalibus (Abhandlung über die Amtsgewalt / Macht des obersten Priesters / Pontifex in seiner Beziehung zu den verschiedenen zeitlichen Mächten), die eigentlich weiter nichts bot, als was schon in der ersten enthalten war. Bellarmin wollte den mittelalterlichen Rechtsgrundsatz, dass der Papst auch in weltlichen Dingen über den Fürsten stehe, somit die Machtvollkommenheit besitze, jene, die ihre Gewalt missbrauchten, abzusetzen, auf die Offenbarung stützen (Vergl. hierüber Gosselin, Pouvoir du pape au moyen age.); er lehrte, dass Christus, indem er seinem Statthalter auf Erden die Macht verliehen, die Völker in geistlicher Hinsicht zu regieren, ihm dadurch indirekt und folgerichtig auch jene gegeben habe, in weltlicher Hinsicht Alles das zu tun, was das Wohl der Religion fordere, so dass er sogar Fürsten absetzen und die Krone einem anderen geben könne (De rom. Pontif. V, 1, 5 etc..); aber er sagte nicht, was verschiedene andere Theologen behaupteten, dass Christus dem Papste direkter Weise eine unbeschränkte Gewalt in weltlichen Dingen wie in geistlichen gegeben habe.

Missfielen diese Grundsätze in Rom als zu gemäßigt, so missfielen sie noch mehr in Frankreich als übertrieben, und die Abhandlung rief sowohl im Parlamente als auch an der Universität zu Paris die heftigste Aufregung hervor. Richer, der damalige Dekan der Sorbonne, veröffentlichte gegen Bellarmin seine bekannte Abhandlung: de ecclesiastica et politica (über Kirchliches und Staatliches). Von dem französischen Klerus wurde sie, als verschiedene falsche, irrige, anstößige und ketzerische Sätze enthaltend, missbilligt, vom heiligen Stuhle verworfen. Benigne Milletot, Parlamentsrat der Bourgogne, glaubte sich der Sache Richer's annehmen zu müssen und ließ seine Abhandlung „über die gemeinen Vergehen und privilegierten Fälle, oder die gesetzliche Gewalt der weltlichen Richter über geistliche Personen" erscheinen. Als intimer Freund des Bischofs von Genf sandte er diesem ein Exemplar zu. Allein sie erhielt dessen Zustimmung nicht, sie erregte im Gegenteil ein schmerzliches Missfallen bei ihm. „Mit einer Liebe, welche nicht die Hochachtung verletzen soll, schrieb er an den Verfasser, und einer Hochachtung, welche sich nie von der Pflicht der Freundschaft entfernen wird, teilt Ihnen mein Herz seine Gedanken mit. Lassen Sie uns mit einander reden, wie es sich unter vollkommenen Freunden geziemt. Zweierlei entdecke ich in Ihrem Buche, die Hand des Künstlers und den Stoff; Ihre Hand finde ich nicht allein gut und lobenswert, sondern von ausgesuchter und seltener Schönheit. Der Stoff dagegen missfällt mir und, wenn ich es gerade so sagen soll, wie ich es auf dem Herzen habe, missfällt mir sehr. Ich habe einen natürlichen und, wie ich glaube, vom Himmel mir eingeflößten Widerwillen gegen alle Streitigkeiten unter Katholiken, die keinen vernünftigen Zweck haben, noch mehr aber gegen jene, die wiederum nur noch größere Uneinigkeiten und Zerwürfnisse zur Folge haben können, besonders in einer Zeit wie die unsrige, so reich an Geistern, welche hinneigen zu Streitsucht, Verleumdung, Tadel und die Liebe zu zerstören drohen. Ich fand nicht mal gewisse Schriften eines ausgezeichneten und heiligmäßigen Prälaten (Bellarmin's.), in welchen er die Frage über die indirekte Gewalt des Papstes über die Fürsten behandelt, nach meinem Geschmacke; nicht als wolle ich entscheiden, ob er Recht oder Unrecht hat, sondern weil wir in unserer Zeit, in der wir so viele Feinde draußen haben, keine Unruhe im Inneren der Kirche erregen dürfen. Die arme Henne, welche uns, ihre Küchlein, unter ihren Flügeln hält, hat schon genug Mühe, uns gegen den Sperber zu verteidigen, ohne dass wir nötig haben, uns gegenseitig Schnabelhiebe zu geben und ihr Beulen zu verursachen. Wenn die Könige und Fürsten von ihrem geistlichen Vater die schlechte Meinung haben, als wolle er ihnen die Gewalt entreißen, welche Gott, der höchste Vater, Fürst und König Aller, ihnen verliehen, was wird das anderes zur Folge haben, als die gefährlichste Abkehr der Herzen von ihm? Und wenn sie meinen, dass er, indem er Ränke gegen sie schmiede, seine Pflicht verletze, werden sie nicht sehr versucht sein, die ihrige zu vergessen? Ihr Werk ist voll von Stellen welche nach meinem Dafürhalten bedeutend milder gefasst sein dürften; ich habe sie Ihnen nicht näher bezeichnen wollen und ich begnüge mich hiermit, Ihnen im Großen und Ganzen meine bescheidene, oder um offener zu reden, meine derbe Meinung über Ihr Buch zu sagen. Werden Sie nun nicht denken, dass ich mit zu großem Freimute gesprochen habe? Aber so verfahre ich mit denen, welche wünschen, dass ich eine aufrichtige,feste Freundschaft mit ihnen schließe. Ich weiß, ich glaube, ja ich schwöre, dass Sie die Kirche lieben, dass Sie stets ihr getreuer Sohn bleiben werden; aber der Eifer für die weltliche Gewalt, in deren Besitze Sie so lange und so sehr zum Segen Anderer gewesen sind, hat Sie etwas zu weit geführt. Es lebe Gott! mein Herr, ich liebe Sie bei all dem von ganzem Herzen.

Non sentire bonos eadem de rebus iisdem
Incolumi licuit semper amicitia.

(Die Guten, wenn sie auch verschiedener Meinung sind, bleiben immer Freunde.)

In der Freundschaft kenne ich keine Mäßigung und ich möchte sagen in nichts, was dazu gehört."

Das ist nicht das einzige Schreiben, in welchem Franz sich über jenen Gegenstand ausdrückt. Eine von jenen halbgelehrten Damen, welche es sich einfallen lassen, in solchen Fragen, die so wenig zu ihrem Bereiche gehören, mitzureden, wollte gerne auch seine Meinung hierüber hören. Daraufhin schrieb er ihr folgenden Brief (Brief 813.): „Erlauben Sie, dass ich mich eines Wortes des heiligen Gregor des Großen an eine Dame bediene, die von ihm zu wissen wünschte, was sie einst werden solle. Er antwortete ihr, dass sie etwas ebenso Schwieriges als Unnützes von ihm verlange. Diese Bemerkung gestatte ich mir auch Ihnen gegenüber rücksichtlich der an mich gestellten Frage: Besitzt der Papst eine Gewalt über die Fürsten in weltlichen Dingen? Sie verlangen von mir eine ebenso schwierige als unnütze Lösung. Sie ist schwierig, nicht an und für sich, im Gegenteil für solche, welche sie auf dem Wege der Liebe suchen, ist sie leicht gefunden; aber schwierig in unserer von hitzigen und streitsüchtigen Köpfen strotzenden Zeit. Es ist nicht leicht, hierin Etwas zu sagen, ohne bei denen anzustoßen, welche als die gehorsamen Diener des Papstes oder der Fürsten es nicht gestatten wollen, dass man mit seiner Meinung in der vernünftigen Mitte bleibe, wobei sie ganz außer Acht lassen, dass man einem Vater nichts Schlimmeres zufügen kann, als ihm die Liebe seiner Kinder zu rauben, sowie den Kindern nichts Schlimmeres, als ihnen die Achtung zu nehmen, welche sie ihrem Vater schulden. Zweitens sage ich, dass die Lösung dieser Frage unnütz ist, weil heutzutage der Papst faktisch nichts von den Königen und Fürsten in dieser Hinsicht verlangt. Er liebt sie alle herzlich, er wünscht ihrer Krone Festigkeit und Dauer; er lebt freundschaftlich und verträglich mit ihnen und selbst in rein geistlichen Dingen tut er fast nichts in ihren Staaten ohne ihre Zustimmung. Wozu bedarf es denn also einer ängstlichen Prüfung seiner Gewalt in weltlichen Dingen, wozu ist es denn nun nötig, dadurch der Zwietracht und Uneinigkeit Tür und Tor zu öffnen? .... Wozu uns also Gedanken über angebliche Anmaßungen machen, welche uns aufreizen gegen Denjenigen, den wir kindlich lieben, ehren und achten sollen als unseren wahren Vater und geistlichen Hirten? Es tut mir in der Seele wehe, dass diese Frage über die weltliche Gewalt des Papstes ein Spielball und Gegenstand müßigen Geredes unter einer Menge von Leuten ist, welche, unfähig dieselbe zu lösen und aufzuheben, sie nur verwirren, sie zerreißen anstatt zu entscheiden. Und was das Schlimmste ist, sie trüben dadurch den Frieden vieler Seelen, sie zerreißen das heilige Band der Einheit unter den Katholiken und hindern sie, an Notwendigeres zu denken, wie z. B. an die Bekehrung der Irrgläubigen. .... Damit Ihr Verstand in all diesen unnützen und eitlen Streitigkeiten einen sicheren Zufluchtsort finde, beachten Sie Folgendes: Der Papst ist der oberste Hirt und geistliche Vater der Christen, weil er der oberste Statthalter Jesu Christi auf Erden ist. Darum besitzt er die ordentliche oberste geistliche Gewalt über alle Christen, über Kaiser, Könige, Fürsten und alle Übrigen, und sie schulden ihm nicht allein Liebe, Ehrerbietung und Achtung, sondern auch ihre Hilfe und ihren Beistand gegen Alle, welche ihn in Ausübung dieser geistlichen Gewalt und in der Regierung der Kirche hindern wollen. Wie nach natürlichem, göttlichem und menschlichen Rechte es einem jeden zusteht, über seine und seiner Verbündeten Mittel gegen den ungerechten Angreifer und Beleidiger zu verfügen, so kann auch die Kirche oder der Papst (was ein und dasselbe ist) über seine Macht und die der christlichen Fürsten, seiner geistlichen Kinder, zur gerechten Verteidigung der Rechte der Kirche gegen Alle verfügen, welche sie verletzen oder ihnen schaden wollen. Und wie die Christen, Fürsten und Andere, mit dem Papste und der Kirche nicht durch ein einfaches, gewöhnliches Bündnis verbunden sind, sondern durch ein Bündnis, das an Verpflichtung das mächtigste, an Würde das erhabenste ist, welches es geben kann, wie der Papst und die Prälaten der Kirche verpflichtet sind, ihr Leben zu lassen und den Tod zu erleiden, um den Königen und christlichen Reichen die geistige Nahrung zu geben, so sind ihrerseits die Könige und Reiche gehalten, selbst mit Gefahr ihres Lebens und ihrer Staaten, Papst und Kirche zu schützen und zu schirmen. Es ist dies eine unveränderliche gegenseitige Verpflichtung, die sich bis zum Tode, ihn mit inbegriffen, erstreckt; eine natürliche, göttliche und menschliche Verpflichtung, gemäß welcher der Papst und die Kirche ihre geistliche Macht den Königen und Reichen schulden, und die Könige ihre weltliche Macht dem Papste und der Kirche; denn die Väter gehören den Kindern und die Kinder den Vätern; die Könige und Fürsten haben wohl eine natürliche Oberhoheit, aber der Papst und die Kirche beanspruchen nichts von derselben; der Papst ist oberster Hirte und geistlicher Vater; der König ist oberster Fürst und weltlicher Herr; die Gewalt der Einen ist nicht der anderen entgegen, sondern sie tragen und stützen sich gegenseitig."

So wollte Franz, trotz seiner innigen Liebe und Ergebenheit für den heiligen Stuhl, dass man um des Friedens willen in Fragen, die nichts mit dem Glauben zu tun haben, auf beiden Seiten Stillschweigen beobachte; denn es ist fast unmöglich, solche zu behandeln, ohne dass Zwietracht und eine Menge anderer Unannehmlichkeiten daraus entstehen. Er erinnerte oft an das Wort des Apostels: Haltet Frieden untereinander und der Gott des Friedens und der Liebe wird bei Euch sein. Er fürchtete nichts so sehr, als sich solche Fragen erheben zu sehen, welche von unruhigen und ehrgeizigen Köpfen ventiliert, wie es deren zu jeder Zeit gibt, den für das Wohl der Religion und der Kirche so notwendigen Frieden trüben und untergraben. In einer Denkschrift an den Kardinal Scipio Caffarelli Borghese vom 2. Juni 1612 spricht er sich näher darüber aus. „Es ist klar, schreibt er (Dies in italienischer Sprache abgefasste Schreiben wurde im letzten Jahrhunderte von de Cambis, Marquis von Villeron, in einer Sammlung von verschiedenen zerstreuten Aktenstücken aufgefunden; man wagte es damals nicht, dasselbe zu veröffentlichen, aus Furcht vor den Parlamenten, welche das Gesetz des Stillschweigens, von Franz in diesen Dingen so sehr empfohlen, nicht angenommen haben würden. (Siehe das Mannskript bei de Cambis, II., 321.)), dass der größte Teil der Parlamente, der Minister und der Katholiken Frankreichs sich in diesen Fragen auf jene Seite stellen werden, welche der päpstlichen Gewalt am wenigsten günstig, oder besser gesagt, am meisten entgegen ist, in der Meinung, dadurch die weltliche Macht zu heben, und, wird die Sache weiter getrieben, so ist zu befürchten, dass Frankreich ein bedeutender Schaden daraus erwachse und eine beklagenswerte Spaltung im Lande entstehe; in drei bis vier Jahren wird der König selbst die Regierung übernehmen, und der Partei, welche der Gewalt des heiligen Stuhles feindselig gegenübersteht, wird es leicht sein, ihn auf ihre Seite zu bringen, da dem Menschen die Neigung zur Unabhängigkeit einmal innewohnt, wie wir namentlich in unserer Zeit sehen, eine Neigung, die bei jungen, von Natur schon kühnen und unternehmenden Leuten nur um so stärker und vollendeter ist, obgleich man glauben darf, dass der König von recht guten und orthodoxen Gesinnungen beseelt ist. Die Lust, jedes Joch abzuschütteln, würde als ein ansteckendes Übel allmählich von einem Reiche zum anderen übergehen, wie man schon bei ähnlichen Dingen gesehen hat, und es scheint demnach, dass die Umstände gefahrvoll sind.

„Die Frage gelehrten Theologen zur Prüfung vorzulegen, halte ich für kein Heilmittel, weil das verschiedene Ansichten und Behauptungen zur Folge hat. welche die Geister nur um so mehr erbittern und die Spaltung vergrössern, je lebhafter sie verfochten werden; denn außer dem, dass die Gründe der Gegner dem Ohre der Großen schmeicheln werden, nicht weil sie wahr, sondern weil sie mit ihren Wünschen und Absichten besser übereinstimmen würden, wird es auch nicht an Theologen fehlen, welche sich aus verschiedenen Ursachen zur Gegenpartei bekennen.

„Das wirksamste Mittel würde darum sein, mit der Königin, so lange sie noch die Regierung in der Hand hat, und ihren Ministern gütlich zu unterhandeln, indem man ihr vorstellte, dass, obgleich sich zwischen Seiner Heiligkeit und Ihrer Majestät nie der geringste Streit erhoben, im Gegenteil der heilige Vater bei jeder Gelegenheit ein väterliches und für das Wohl, das Glück und die Größe der Krone besorgtes Herz gezeigt habe, man nun mit Schmerz gewahre, wie gewisse unruhige, zanksüchtige und der zwischen Seiner Heiligkeit und Ihrer Majestät herrschenden heiligen Eintracht feindselig gesinnte Geister unkluger Weise in Zweifel ziehen, ob Seine Heiligkeit eine wahrhafte Freundschaft für ihre Krone besitze; dass durch Anregung solch unnützer Fragen in schwachen Geistern sich ein verderbliches Misstrauen in die Aufrichtigkeit des Wohlwollens des heiligen Vaters für Ihre Majestät und ihr Reich bilde, und darum bitte man Ihre Majestät gehorsamst, sie möge doch solchen unbesonnenen und aufreizenden Streitigkeiten Stillschweigen gebieten. Der Papst werde seinerseits überall, wo es notwendig erscheine, dasselbe tun; um so mehr, weil solche Uneinigkeiten, unnütz unter Katholiken, sehr gefährlich mit Rücksicht auf die Andersgläubigen werden, welche unsere Zwistigkeiten mit hämischer Schadenfreude erfüllen, und weil die Fortsetzung des Streites die Flamme immer mehr schürt, anstatt sie auszulöschen.

„Es ist ganz gewiss, dass in diesem Kriege fromme Klugheit, ein Verfahren voll Sanftmut und Geschicklichkeit mehr zu Stande bringt als ein von Leidenschaft erhitztes Wissen und ein feuriger Verstand. Was man verachtet gerät bald in Vergessenheit, was man heftig bekämpft gewinnt an Bedeutung. Die beste Antwort also, welche man solch unruhigen Geistern geben kann, ist Verachtung und Schweigen; darum wäre es jetzt in Frankreich nötig, dass alle Prediger mit Sanftmut und Ruhe eindringlich auf die Einheit der Kirche hinwiesen und zum Gehorsam gegen den Oberhirten ermahnten, ohne über seine Oberhoheit über die Fürsten zu sprechen. Leuten, die sich ungünstig über die weltliche Gewalt des Papstes äußeren, dürfte man nicht direkt darauf antworten, sondern nur indirekt, indem man sich darüber beklagt, dass sie ganz ohne Not so handeln und in der böswilligen Absicht, den heiligen Stuhl verhasst zu machen, der doch mit dem größten Wohlwollen für die französische Monarchie erfüllt sei; indem man so ihre böse Absicht aufdeckt, sollte man ihnen zeigen, wie sie selbst als Störer der öffentlichen Ruhe Hass und Verachtung verdienen, und sie während der Unterhaltung allmählich auf die Notwendigkeit der Einigkeit unter den Katholiken und der Anhänglichkeit an den heiligen Stuhl, der der Mittelpunkt dieser Einheit ist, aufmerksam machen.

„Weiterhin würde es sehr zweckmäßig und nützlich sein, wenn man durch kluge und eifrige Prälaten ein gutes Einverständnis zwischen der Sorbonne und den Jesuiten zu Stande brächte, damit diese beiden Körperschaften vereint wirksamer im Weinberge des Herrn arbeiten könnten; um diese Einigkeit herbeizuführen, müsste man die Königin auf die große Bedeutung derselben aufmerksam machen, indem man ihr vorstelle, dass, wenn die Bischöfe, die Sorbonne und die Orden recht zusammenhielten, es in zehn Jahren um den Irrglauben geschehen sei; man müsste Vertrauenspersonen haben, die dem Nuntius (päpstlicher Gesandter) tätig zur Seite stünden und geeignet seien, diese Parteien einander näher zu bringen und zu versöhnen. Ferner müsste man die Sache den Provinzialen und Generalen der Orden ans Herz legen, an die Universität, namentlich an die Sorbonne und an die Bischöfe Breven voll Herzlichkeit und Versicherungen des väterlichen Wohlwollens des heiligen Vaters für die Monarchie richten; bevor man aber so weit ginge, würde es gut sein, dass man in Paris sich schon mit der Königin und ihren Ministern über die Frage verständigt habe, in Rom mit dem Gesandten und den französischen Kardinälen, indem man zeige, wie sehr man wünsche, dass diesen Streitigkeiten ein Ende gemacht werde: Die Sache eilt. Zu spät wird Heilung bereitet, ist durch langen Verzug einmal das Übel erstarkt."

Der Kardinal Borghese legte die Denkschrift dem Papste Paul V. vor; dieser war zwar voll des Lobes für die weise Klugheit des Verfassers und stimmte allen darin gemachten Vorschlägen zur Versöhnung bei, allein an eine Befolgung derselben dachte man nicht und der Streit begann bald mit erneuerter Heftigkeit.

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Zweites Kapitel.

Bekehrungen, die der heilige Franz von Sales bewirkt. – Wallfahrt nach Mailand. – Ein Zug seiner Eigennützigkeit. – Heilung einiger Besessenen. – Abermalige Bemühungen zum Besten der Provinz Gex.
(1613.)

Eine der Lieblingsarbeiten des Heiligen blieb stets die Verkündigung des Wortes Gottes; wo er nur die Gelegenheit dazu fand, da versäumte er sie sicher nicht. Eines Tages predigte er in der Dominikanerkirche über die geistliche Kommunion und suchte seinen Zuhörern ein inbrünstiges Verlangen nach der Vereinigung mit dem sich für sie im allerheiligsten Altarsakramente erniedrigenden Jesus einzuflößen. „Ach, rief er aus, möge Jeder sterben, der nicht leben will in Christus und für seine Ehre." Ein öffentlicher Sünder wurde dadurch so ergriffen, dass er sich auf der Stelle erhob und an seine Brust schlagend Himmel und Erde um Verzeihung für sein ärgerliches Leben anflehte und den heiligen Bischof bat, ihn wieder mit Gott zu versöhnen. Gleich nach dieser rührenden Szene schwuren zwölf Protestanten, die er schon lange unterrichtet hatte, ihre Irrtümer ab, und Gott wegen dieser zweifachen Gnade preisend, nahm er sämtliche Neubekehrte mit sich zu Tische. „Jesus Christus, sprach er zu ihnen, setzte sich mit Freuden zu Tische, nachdem er den Matthäus, der ein Zöllner und öffentlicher Sünder war, bekehrt hatte. Begeben auch wir uns freudig zum Mahle im Namen und nach dem Beispiele des anbetungswürdigen Heilandes." Man setzte sich zu Tische, und die hohe Freude, von der sein Herz erfüllt war, strahlte auf seinem Gesichte während des Essens wieder. „Hochwürdigster Herr, fragte ihn Einer, wer hat Ihnen heute mehr Freude gemacht, der zur Tugend zurückgekehrte Sünder oder die zur Kirche zurückgekehrten zwölf Protestanten?" – „O, antwortete er, ich freue mich über Beider Rückkehr; doch gewährt mir die Bekehrung der Irrgläubigen größeren Trost, weil sie aus weiterer Ferne wiederkehren; denn noch nicht hatten sie den wahren Glauben im Herzen, welcher der Anfang des Heiles ist (Annee de la visitation, 12. fevrier.)."

Er hielt es nun auch für an der Zeit, sein während der Krankheit der Frau von Chantal gemachtes Gelübde, zum Grabe des heiligen Karl Borromäus in Mailand zu pilgern, zu erfüllen; außerdem beabsichtigte er noch nach Turin zu reisen, da er verschiedene Anliegen an den Herzog hatte. Am 15. April machte er sich, von einigen Geistlichen und mehreren frommen Laien begleitet, auf den Weg. Etwas Erbaulicheres als diese Reise konnte man nicht sehen; der Heilige betete mit seinen Gefährten gemeinschaftlich, hielt jeden Morgen mit ihnen die Betrachtung und führte unterwegs die erbaulichsten Gespräche. „Alles was er tat und sagte, erzählt der Marquis von Lullin, flößte mir eine solche Hochachtung und Ehrfurcht vor ihm ein, dass ich es nicht beschreiben kann. Auf die nachdrücklichste und doch die liebenswürdigste Weise ermunterte er mich zur Ausübung jeder christlichen Tugend und zeigte mir, dass dies im Soldatenstande leichter ist, als man gewöhnlich glaubt; dass die Frömmigkeit nicht so menschenscheu und strenge ist, wie man sie darstellt, und dass sie am Hofe ebenso gut wie im Kloster ihren Platz haben kann; er zeigte mir, dass sie eine Zierde und ein Schmuck der Vornehmen und Großen ist, dass die mächtigsten Könige sie auf dem Throne, die größten Feldherren auf den Schlachtfeldern geübt haben, wie David und der heilige Ludwig, Judas Machabäus und seine Brüder, die im Kampfe gewaltig und schrecklich wie der Blitz dahin fuhren und doch Heilige vor Gott waren; und dann setzte er mir mit himmlischer Anmut auseinander, wie das Gesetz Gottes so schön, gerecht, milde, nützlich, liebenswürdig und so leicht für Jeden zu beobachten sei, der nur Gott lieben und auf seine väterliche Güte vertrauen will. Ein anderes Mal bemühte er sich, die Eitelkeit der Welt und die Unbeständigkeit des Glückes in ihrem wahren Lichte zu zeigen, wie wenig man auf die Gunst der Großen und die irdische Größe selbst bauen darf, dass Gott das einzige Fundament ist, auf dem wir ruhen können."

In Turin angekommen, begab sich der fromme Reisende sogleich zum Herzoge, um ihm seine Ehrfurcht zu bezeugen; mit aller seiner Stellung und seinen Tugenden gebührenden Auszeichnung wurde er empfangen. Das Wohl und das Beste Anderer zu wahren, war auch hier wiederum die erste Sorge seines edlen Herzens. Unlängst hatte man in dem Walde von Sonnaz bei Annecy den Geheimschreiber des Herzogs von Nemours ermordet gefunden und eine große Zahl von Edelleuten waren als dieser Tat schuldig angeklagt worden. Franz war von ihrer Unschuld überzeugt und er übernahm vor dem Herzoge ihre Verteidigung; allein er merkte, dass der Verdacht gegen sie zu starke Wurzeln geschlagen habe, und darum hielt er es für geratener, für den Augenblick nicht weiter in den Herzog zu dringen. Eine andere Herzensangelegenheit war es ihm, dem Fürsten seine lieben Töchter von der Heimsuchung auf das wärmste zu empfehlen und es gelang ihm, denselben so sehr für den neuen Orden zu gewinnen, dass er ihm nicht allein Alles, was er für ihn verlangte, bereitwillig gewährte, sondern auch im nächsten Jahre aus eigenem Antriebe an den Senat von Chambery schrieb, um diesen zu beauftragen, der jungen Genossenschaft ja recht wohlwollend und behilflich entgegen zu kommen. Sodann sprach er ihm von dem traurigen Zustande, in welchem sich das Kollegium in Annecy befand; die Laien, welche ihm bis jetzt vorstanden, hatten ihrer Pflicht nicht genügt, sei es dass sie derselben nicht gewachsen waren oder nur nachlässig erfüllten, und die Jesuiten weigerten sich, die Leitung desselben zu übernehmen, da sie nicht im Stande seien, allen Aufforderungen, welche von so vielen Anstalten an sie ergingen, nachzukommen. Der Herzog schlug ihm darauf vor, Barnabiten kommen zu lassen; zuvor jedoch möge er sich in den von ihnen geleiteten Häusern in Turin und Mailand selbst überzeugen, ob er ihnen sein Vertrauen schenken könne; sollten sie ihm gefallen, so werde er mit seinem ganzen Ansehen seinen Plan unterstützen
(Charl.-Aug., p. 433.). Wie wir gleich sehen werden, geschah dies auch (Der Orden der Barnabiten wurde im Jahre 1530 von drei Priestern Morigia, Ferrari und Zacharius in Mailand gegründet; zum Zwecke hatte er den Unterricht der Jugend, die Leitung der Seminarien und Missionen. Barnabiten wurden seine Mitglieder genannt wegen der besonderen Verehrung, die sie zum heiligen Barnabas hatten, oder auch weil sie ihre erste Mission in einer Kirche hielten, die den Namen dieses Apostels trug. Ferner kannte man sie noch unter dem Namen ,,Regular-Chorherren vom heiligen Paulus," da der Priester, welcher in der ersten Zeit ihres Bestehens mit ihrer Leitung beauftragt war, sie fleißig die Briefe des heiligen Paulus lesen ließ. Die Kongregation hat zu jeder Zeit durch Wissenschaft und Frömmigkeit ausgezeichnete Männer hervorgebracht.).

Von Turin reiste Franz nach Mailand, seinem eigentlichen Ziele, wo er, während er einem Heiligen seine Verehrung erweisen wollte, selbst wie ein Heiliger empfangen wurde. Der Kardinal Friedrich Borromäus, der Neffe und Nachfolger des heiligen Karl, sowie der Gouverneur von Mailand, Don Juan de Mendoza, kamen ihm entgegen und ersterer bat ihn, in seinem Palaste abzusteigen. Allein Franz lehnte die freundliche Einladung ab, da er unbekannt wie ein armer Pilger zu bleiben wünschte, um mit mehr Muse seine Andacht am Grabe des heiligen Karl verrichten und so vollkommen den Zweck seiner Reise erreichen zu können (Annee de la visitation, 25. avril.). Am folgenden Morgen feierte er das heilige Opfer über dem Grabe des Heiligen unter reichlichen Tränen, und die Röte seines Gesichtes legte Zeugnis von dem heiligen Feuer ab, welches in seinem Herzen glühte. Nach vollendeter Messe blieb er noch mehrere Stunden vor dem Leichname des Heiligen auf den Knien, indem er ihn unter Tränen bat, ihn an seinen Tugenden teilnehmen zu lassen, und ihm die Gnade zu erflehen, die Diözese Genf so zu leiten, wie er die seinige geleitet habe, sowie die notwendige Stärke von Oben, damit er nicht unter der Last der ihm auferlegten Bürde unterliege (Charl.-Aug., p. 434.).

Als er die Kirche verlassen, hatten die Geistlichen seiner Begleitung nichts Eiligeres zu tun, als sich gegenseitig auf die großartige Schönheit und Pracht des Domes aufmerksam zu machen; der heilige Bischof sagte kein Wort. Erstaunt über sein Schweigen fragten sie ihn endlich, wie ihm die Kirche gefallen habe. „Ich muss Euch gestehen, antwortete er, dass ich Nichts gesehen habe." -- „Nun, hochwürdigster Herr, Sie haben denn doch sicherlich die kostbaren Gewänder bemerkt, in denen Sie die heilige Messe lasen; es ist nicht möglich, dass der Glanz der kostbaren Steine, mit denen sie bedeckt waren, nicht Ihre Aufmerksamkeit erregt habe." --- „Ich habe nicht Acht darauf gegeben, antwortete er, denn der innere Schmuck der Heiligkeit des großen Kardinals hat mich so beschäftigt, dass ich weder an die äußere Pracht der Kirche, noch an die der priesterlichen Gewänder dachte (Annee de la visitation, 26. avril.)."

Nachdem er so seiner Andacht Genüge geleistet, machte er dem Erzbischofe sowie dem Gouverneur seine Aufwartung; er wusste, dass die Höflichkeit auch mit zur wohlverstandenen Frömmigkeit gehört; sie gehört zur tätigen Liebe. Darauf besuchte er die Barnabiten, eingedenk des Auftrags des Herzogs. Der Ordensgeneral bot ihm dasselbe dasselbe Gemach, in welches der heilige Karl Borromäus sich zurückzuziehen pflegte, wenn er seine geistlichen Exerzitien hielt, zur Wohnung an; dies Anerbieten machte ihn ganz glücklich und freudig sagte er zu. Mehrere Tage verweilte er unter den guten Mönchen, um sie gründlich kennen zu lernen und sich zu vergewissern, ob sie für die Leitung des Kollegiums in Annecy passten; da die Prüfung ganz nach Wunsch ausfiel, so bat er sie, jene Anstalt zu übernehmen und sie erklärten sich bereit dazu (Annee de la visitation, 28. avril.). Während seines Aufenthaltes bei ihnen unterließ er nicht, noch mehrere Male zum Grabe des heiligen Karl zurückzukehren, und ein Mal verbrachte er sogar eine ganze Nacht im Gebete daselbst. Länger in Mailand zu bleiben, war ihm nicht gestattet, da das Fest des heiligen Schweißtuches ihn nach Turin zurückrief.

Auf der Rückreise dahin besuchte er das Grab des heiligen Bernhard von Menthon in Novara; er fand es in einem Zustande trauriger Vernachlässigung und empfahl darum dringend den Kanonikern der Kirche, in welcher diese kostbare Reliquie aufbewahrt wurde, sie doch mit etwas mehr Achtung und Verehrung zu behandeln (Von diesem Heiligen wurden aus dem nach ihm benannten großen und kleinen St. Bernhard jene berühmten Hospizien gegründet. Er war geboren auf dem Schlosse Menthon bei Annecy im Jahre 923 und stammte aus einer der edelsten Familien Savoyens. Er gab zuerst Missionen in der Umgegend von Aosta in Piemont, worauf er jene beiden Hospizien erbaute; er starb, nachdem er noch lange in der Lombardei gepredigt, zu Novara im Jahre 1008. Wegen seiner Tugenden und Wunder wurde er schon im folgenden Jahre heilig gesprochen.). Rechtzeitig kam er in Turin an und er wurde vom Herzoge dazu bestimmt, an dem Feste die Predigt zu halten. Er gehorchte, und ging auf die Kanzel, bloß mit Rochet und Stola bekleidet; denn nach der zu jener Zeit herrschenden Ordnung stand es einem Bischofe nicht zu, außerhalb seiner Diözese die Mozette zu tragen, es sei denn, dass der Bischof der fremden Diözese ihn dazu aufforderte. Der Herzog war unwillig darüber, dass der Erzbischof diese Ehre einem so ausgezeichneten Prälaten nicht erwiesen hatte, und er ließ ihm sagen, er wünsche, dass er, um diesen Verstoß wieder gut zu machen, dem Prediger auf der Stelle seine eigene Mozette hintragen ließe. Das geschah. Franz nahm sie ehrerbietig entgegen und sich mit einer tiefen Verbeugung gegen den Erzbischof wendend, sprach er zu ihm: „Ich verdiene diese Ehre nicht, aber um Ihnen zu gehorchen, nehme ich sie an.“ Nachdem die Predigt zu Ende war, legte er die Mozette, bevor er die Kanzel verließ, wieder ab und sie dem Erzbischofe eigenhändig zurückgebend sprach er auf eine so demutsvolle Weise zu ihm, dass dieser ganz beschämt darüber war und die Umstehenden ganz erbaut ausriefen: „An diesem heiligen Bischofe predigt Alles, selbst die Kleider."

Unter den Prälaten, welche vom Herzoge bestimmt waren, das heilige Schweißtuch der Verehrung des Volkes aufzusetzen, befand sich auch Franz. Das erfüllte ihn mit heiliger Freude, und während er das von den Tränen und dem Blute des Sohnes Gottes benetzte Tuch in Händen hielt, fielen, da es sehr schwül und heiß war, einige Schweißtropfen, die sich mit seinen Tränen der Liebe vermischt hatten, auf dasselbe. Der Kardinal von Savoyen wies ihn darüber heftig zurecht; für den heiligen Bischof aber wurde dieser Vorfall ein Anlass zu den rührendsten Gedanken und frömmsten Empfindungen: „O mein Heiland, flehte er (Brief 297.), gestatte, dass mein unwürdiger Schweiß sich mit dem Deinigen vermische; durchdringe mein Blut, mein Leben, meine Neigungen mit den Verdiensten Deines heiligen Leidens. Der gute Kardinal ist unwillig; Du bist nicht so empfindlich, mein Heiland; Du hast Deinen Schweiß und Dein Blut nur deswegen vergossen, um sie mit Unserem Schweiße und Blute zu vermischen und ihm dadurch einen Wert für das ewige Leben zu geben. Möchten meine Seufzer sich mit den Deinigen vereinigen, damit sie mit Wohlgefallen von dem ewigen Vater aufgenommen werden!"

Nach der Feierlichkeit hatte Franz noch eine letzte Audienz beim Herzoge, in welcher er abermals aufs wärmste für die der Ermordung des Geheimsekretärs ungerechter Weise beschuldigten Edelleute sprach; allein er konnte nichts Bestimmtes erreichen, er musste sich mit Hoffnungen, die ihm gemacht wurden, begnügen. Da er zu dem Pfingstfeste wieder in Annecy zu sein wünschte, so bat er Herrn von Blonay, sich dieser Sache anzunehmen, und reiste ohne Verzug ab. Seinen Weg nahm er über den Mont-Cenis. Indem er diese großartige Gebirgswelt durchwanderte und betrachtete, wie auch in diesen unwirtlichen Regionen Menschen sich niederlassen, mitten in Schnee und Eis, der Kälte und den hier fast ununterbrochen herrschenden Stürmen Trotz bietend, da sprach er, die Vorsehung preisend, die es so eingerichtet, zu sich selbst: „Würden diese Menschen, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben, sich in einer großen Stadt oder sonst in einer schönen Gegend niederlassen, so hätten sie es da sicher viel besser als hier; aber wie wunderbar ist der große König des Weltalls in seinem Wirken auf die Seelen! In seiner unaussprechlichen Güte gibt er ihnen verschiedene Neigungen, damit sich auch hier Menschen finden, um die Reisenden zu führen und ihnen nützlich zu sein; ohne sie würde man nie im Stande sein, sich in diesen schrecklichen Gebirgen zurecht zu finden (Charl.-Aug., p. 435 et 436)."

Am Tage vor Pfingsten kam er glücklich in Annecy an und hielt am Feste selbst in der Kathedrale ein feierliches Pontifikalamt (Priesteramt). Die Domherren hatten im Geschmacke damaliger Zeit am Gewölbe der Kirche eine Vorrichtung anbringen lassen, welche die Wolken darstellte und aus der nach der Konsekration (Weihe) eine Taube mit Flammen herabkommen sollte, um das Herabsteigen des heiligen Geistes über die Apostel zu sinnbilden. Allein sie verfehlte zum Teil ihre Wirkung, keine Flamme sah man erscheinen, nur die Taube kam heraus und flog erschreckt umher, ohne ein Ruheplätzchen zu finden. Als sie endlich vor Müdigkeit nicht mehr konnte, ließ sie sich auf dem Haupte des Bischofs, der aufrecht am Altare stand, nieder; alle Anwesenden waren davon ergriffen und voll Erstaunen, dass die Taube so gut ihre Aufgabe erfüllte, indem sie sich über dem niederließ, in welchem der Geist Gottes in solcher Fülle wohnte. Franz ließ sie ruhig sitzen so lange sie wollte, unbeweglich stand er da, ganz und gar von der heiligen Freude durchdrungen, Den zu Empfangen, welchen sie sinnbildete (Nach de Rendu, Franz Favre und verschiedenen anderen Augenzeugen.). Am Abende desselben Tages predigte er und sagte seinen Zuhörern, dass er ihnen den Segen des heiligen Erzbischofs von Mailand mitbringe. „Aber, fügte er hinzu, was der heilige Antonius seinen Schülern sagte, nachdem er den heiligen Paulus besucht hatte, das muss auch ich euch sagen: Ich bin am Grabe eines großen Dieners Gottes gewesen, neben dem ich nur der Schatten von einem Bischofe bin, nicht wert, die Spuren seiner Füße zu küssen."

Ohne sich nur einen Tag Ruhe nach dieser langen Reise zu gönnen, widmete er sich auf der Stelle wieder ganz der Leitung seiner Diözese. Er sah sich so mit Arbeit überhäuft, dass er ihr selbst den Genuss, welcher einem Geiste wie dem seinigen der teuerste ist, das Studium zum Opfer bringen musste. „Ich bin, schrieb er an einen Freund (Brief 284.), in einem fortwährenden Wirrwarr von Arbeit, den die vielen und mannigfachen Angelegenheiten der Diözese mit sich bringen; ich finde nicht einmal einen Tag, an dem es mir vergönnt ist, zu meinen armen Büchern zu gehen , die ich sonst so gern hatte, aber jetzt nicht mehr zu lieben wage, damit mir die Trennung von ihnen nicht noch schwerer werde."

Was den größten Teil seiner Zeit in Anspruch nahm waren die vielen Besuche von Leuten jeden Standes, die in allen möglichen Angelegenheiten zu ihm kamen. So meldeten sich auch eines Tages entfernte Verwandten eines unlängst in den Gebirgen von Faucigny gestorbenen Pfarrers, die den Bischof zu sprechen wünschten. Nach damaligen Rechte fiel das Vermögen eines Pfarrers, der ohne gesetzlich anerkannte oder durch Testament bezeichnete Erben starb, welcher Art es auch sein mochte, dem Bischofe zu. Mit Betrübnis sahen diese armen Leute ihnen eine Erbschaft entgehen, auf die sie sich so schöne Hoffnungen gemacht hatten, und sie wandten sich zuerst an den alten Georg Rolland, den Verwalter des Bischofs, mit der Bitte, er möge mit Rücksicht auf ihre Armut seinen Herrn bestimmen, sich gegen eine Summe von zwanzig Dukaten oder einundzwanzig Taler nach unserem Gelde, die sie ihm als Entschädigung anboten, seines Rechtes zu begeben. Rolland betrachtete das Anerbieten einer so armseligen Summe, da die Erbschaft zehnmal mehr wert war, als eine Unverschämtheit, und ohne ihnen weiter Gehör zu geben, schickte er sie fort. Von der Milde des Herrn mehr als von der des Dieners erwartend, gingen sie da zum Bischof selbst, und nicht umsonst. Franz überließ ihnen auf der Stelle gegen die zwanzig Dukaten die ganze Erbschaft und als er sie in Empfang nahm, sprach er heiter: „Das ist etwas für meine Armen." Der ehrliche Rolland hatte das nicht sobald erfahren, als er ganz aufgebracht zum Bischofe eilte und ihm bitter vorwarf, dass er ihn in die größte Verlegenheit gesetzt habe, er wisse nicht mehr, wie er den Unterhalt des Hauses bestreiten solle. „Nun, mein Lieber, versetzte Franz mit freundlichem Lächeln, wenn dieser gute Priester nicht gestorben wäre, würden wir dann Nichts zu leben haben? Doch tröste Dich, Rolland, ich werde nicht mehr darauf zurückkommen. Was die zwanzig Dukaten angeht, so haben die Armen sie schon mit Beschlag belegt." Ein Freund kam darüber gerade herein und bezeugte ihm sein Erstaunen, Rolland in solch übler Laune das Zimmer verlassen zu sehen. „Ja, sprach Franz, ich habe ihm einen losen Streich gespielt; er glaubte von einigem mir zugefallenen Vermögen eine ziemliche Summe zu erheben; ich habe es nun schon getan, ohne dass er etwas davon wusste, und das Geld den Armen gegeben. Gebe Gott, dass wir nie ein größeres Unglück haben (Charl.-Aug., p. 437.)."

Der Zorn des ehrlichen Rolland war von kurzer Dauer; gleich nachher wurden einige Unglückliche zum Bischofe gebracht, die man allgemein vom bösen Geiste besessen glaubte. Da Franz sie lange betrachtete, ohne ein Wort zu sagen, so bat Rolland, über das Schweigen seines Herrn erstaunt, er möge doch mit ihnen sprechen und sie heilen. „Ach, sprach Franz lächelnd, es freut mich, dass Monsieur Rolland mich auffordert, Wunder zu wirken." Und freundlich zu den Armen redend, segnete er sie, und auf der Stelle wurden sie gesund und ruhig. Zehn anderen Unglücklichen, die der Teufel auf eine schreckliche Weise quälte, erwies er einige Tage nachher dieselbe Wohltat; nachdem er sie Beichte gehört und ihnen die heilige Kommunion gereicht hatte, befreite er sie vollständig von ihrem Übel durch seinen bloßen Segen
(Charl.-Aug., p. 437 et 438.).

Nur kurze Zeit blieb Franz in Annecy; es drängte ihn nach der Provinz Gex zu eilen, welche ein Gegenstand seiner steten Sorge war. Die dortigen protestantischen Prediger, von Genf unterstützt und durch die furchtsame Politik Frankreichs, welche es den Protestanten gegenüber befolgte, ermutigt, weigerten sich noch immer hartnäckig, die geraubten Kirchengüter zurückzugeben, und die katholischen Pfarrer, welche dorthin geschickt worden waren, litten selbst am Notwendigsten Mangel. Die Schritte, welche Franz noch nach dem Tode Heinrich's IV. getan, um diesen Übelständen abzuhelfen, hatten nur geringen oder gar keinen Erfolg gehabt, und er beschloss nun selbst nach Gex zu reisen, um dort zum Besten der Religion wenigstens so viel zu tun, als die augenblicklichen Umstände gestatteten. Was geschehen konnte, war wenig genug; die Freude, Gex im vollkommenen Besitze seiner religiösen Freiheit und kirchlichen Güter zu sehen, sollte ihm überhaupt nicht zuteil werden; das katholische Frankreich unterstützte ihn zu schlecht in seinen Bemühungen.

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Drittes Kapitel.

Franz beruft Barnabiten nach Annecy und Karthäuser nach Ripailles. – Der deutsche Kaiser ladet ihn zum Regensburger Reichstage ein. – Reise nach Lyon und Sion en Valais. – Schöne Züge seiner Nächstenliebe und Charakterfestigkeit.
(1614 und 1615.)

Gleich nach seiner Rückkehr von Mailand hatte der Bischof dem Stadtrate den Vorschlag gemacht, die Leitung der höheren Schule den Barnabiten anzuvertrauen, indem er ihm die Versicherung gab, dass das nicht genug zu rühmende Verdienst dieser guten Mönche der Anstalt eine glänzende Zukunft verbürge, außerdem werde ihr Eifer, der ihrem Verdienste gleichkomme, der Stadt und Umgegend zum größten Segen gereichen, das Volk werde in ihnen tüchtige Prediger und Beichtväter finden, die Armen und Kranken liebevolle Priester, alle guten Werke tätige und eifrige Unterstützer. Sein Vorschlag fand ungeteilten Beifall und Franz setzte die Barnabiten alsbald in Kenntnis davon, worauf diese drei ihrer Mitglieder nach Annecy schickten, um im Namen ihres Ordens Besitz von der Anstalt zu ergreifen; es waren Dom Justus Guerin, nachmaliger Bischof von Genf, der Pater Simplicius, der aus einer der berühmtesten mailändischen Familien stammend, sich nicht weniger durch Gelehrsamkeit als durch Tugend auszeichnete, und Dom Moritz, dessen Mission in Annecy jedoch nur eine vorübergehende war, indem er bald nachher nach Paris geschickt wurde. Da ihr General nicht bestimmt hatte, wer von ihnen die Stelle eines Oberen bekleiden solle, so entstand zwischen den beiden ersteren ein Kampf der Bescheidenheit, da einer dem anderen den Vorrang überlassen wollte. Justus Guerin siegte zuletzt; er wurde Ökonom und sein Mitbruder Superior. Der Bischof selbst führte sie in die Anstalt ein und hielt eine der Gelegenheit angemessene Rede, in welcher er namentlich die Vortrefflichkeit der Genossenschaft der Barnabiten hervorhob, der schon die ehrenvolle Anerkennung von fünf Päpsten zuteil geworden, und aus welcher schon so viele verdienstvolle Männer hervorgegangen seien. „Wir waren verloren, sprach er unter anderem, das berühmte Wort des Themistocles zitierend, wenn wir nicht verloren gewesen wären: Perieramus nisi periisemus. Der Untergang der Anstalt hat ihre Auferstehung herbeigeführt, ihr Tod hat ihr das Leben gegeben. Wäre sie weniger schlecht gewesen, dann würden wir jetzt diese frommen und gelehrten Vorsteher nicht haben." Die Beweise seiner Achtung und seines Interesses für sie blieben hierbei nicht stehen. Es gefiel ihm so gut in ihrer Gesellschaft, dass er sich selbst einen Barnabiten nannte; er lud sie oft zu Tische und ebenso ging er manchmal zu ihnen, um daselbst zu speisen; oft auch predigte und las er die heilige Messe in ihrer Kirche. Dabei geschah es einmal, dass, als er seinen Zuhörern geschildert, wie der heilige Paulus der Gnade so vollkommen durch die Heiligkeit seines Lebens entsprochen habe, dass er in Wahrheit sagen konnte: „Ich lebe, nicht ich zwar, sondern Jesus Christus ist es, der in mir lebt," er plötzlich von dem heiligsten Feuer der göttlichen Liebe ergriffen wurde und eine Zeit lang in Verzückung blieb (Charl.-Aug., p. 440 et suiv. – De Cambis, II. 401.). Die Wirksamkeit der guten Mönche entsprach dafür auch ganz seinen Erwartungen; unter ihrer Leitung blühte die Schule wieder frisch empor und befand sich in einem besseren Zustande als je.

Außer den Barnabiten ließ Franz noch Karthäuser in seine Diözese kommen, damit sie durch ihre Gebete und Tugenden die göttliche Barmherzigkeit über dieselbe herabzögen und zugleich durch die Heiligkeit ihres Lebens aller Welt zeigen sollten, zu welch hoher Vollkommenheit der Mensch, von der Gnade und Liebe unterstützt, zu gelangen im Stande ist. Er hatte schon dem Herzoge vorgeschlagen, ihnen die Abtei Filly zu geben; aber da der Fürst ihm selbst die Abtei Ripailles zugedacht hatte, so verlangte er inständig diese für die Karthäuser. Der Herzog war es zufrieden und der wohltätige Einfluss dieser Mönche auf Religion und Sitte machte sich schon bald in der ganzen Umgegend sichtbar.

Wie sehr die Bevölkerung der Diözese Genf auch diese Männer verehrte, so übertraf die Verehrung für ihren Bischof doch jede andere; er galt ihnen sogar als ein von übernatürlichem Lichte erleuchteter Prophet, und jeder Tag sozusagen bestärkte sie mehr und mehr in diesem Glauben.

Der Schlossherr von Choisy bei Annecy hatte einen erklärten Feind, der sich schon mehrmals verschworen hatte, ihn ums Leben zu bringen; und da er fürchtete, dies möge wirklich einmal geschehen, so kam er zu Franz und teilte ihm seine Besorgnis mit. „Haben Sie keine Furcht, mein Sohn, sprach der Bischof zu ihm, vertrauen Sie auf den Herrn; mag er auch auf Sie schießen, ich stehe Ihnen dafür, dass das Gewehr versagen wird und Sie heil und gesund der Gefahr entrinnen werden." Und so geschah es einige Tage später.

Um dieselbe Zeit herrschte in Annecy großer Getreidemangel, so dass man sich am Vorabende einer Hungersnot sah und Jedermann in nicht geringer Besorgnis war. Der Bischof versammelte seine Herde in der Kirche und mit einer Sicherheit, wie sie allein der prophetische Geist einflößen konnte, sprach er von der Kanzel herab: „Hoffet, vertrauet, meine Kinder! auf den Herrn, und das Notwendige wird Euch gegeben werden, wofern Ihr seine Gebote beobachtet; habet keine Sorge, ich versichere Euch in seinem Namen, dass Ihr nicht nur nicht vor Hunger umkommen, sondern auch, dass Ihr nicht einmal Mangel leiden werdet." Und ein Überfluss an Getreide, der unerwartet eintrat, erfüllte die Vorhersagung bis auf den Buchstaben. Ein anderes Mal brachte ihm ein Einwohner der Stadt sein Kind von sechs bis sieben Jahren; es hatte ein vortreffliches Temperament und erfreute sich der besten Gesundheit. Der Bischof nahm es bei der Hand und ihm freundlich die Wange streichelnd, sprach er: „Du wirst siebenzehn Jahre nicht überschreiten, armes Kind." Wie er es vorhergesagt hatte, so geschah es (Char1.-Aug., p. 442 et suiv.).

Mittlerweile erhielt er ein Schreiben vom deutschen Kaiser Matthias I., welches ihn als Fürst des heiligen römischen Reiches deutscher Nation (Der Titel „Fürst von Geuf" und folglich „Fürst des heiligen römischen Reiches deutscher Nation" war gegen das Jahr 1100 hin von dem deutschen Kaiser den Bischöfen von Geuf verliehen worden; er fürchtete, die weltlichen Herren oder Grafen von Genf möchten zu mächtig werden und glaubte ihrer Herrschsucht den sichersten Damm entgegenzusetzen, wenn er die Ausübung der königlichen Gerechtsame den Bischöfen übertrüge.) zu dem Reichstage von Regensburg auf den 1. Februar des Jahres 1615 berief. Der Kaiser wollte die Not des Sultans Achmets I., in welche er durch einen Krieg mit den Persern und bürgerliche Unruhen in seinen eigenen Staaten geraten war, benutzen, um den Teil von Ungarn, welchen die damals so gefürchteten Türken ihm entrissen hatten, wieder zu erobern; dazu bedurfte er aber der Hilfe der Reichsfürsten und da er Franz immer als solchen betrachtete, trotzdem dass Genf seinen Bischof vertrieben hatte, so richtete er an ihn das nämliche Einladungsschreiben wie an die anderen Fürsten. Der Bote hatte sich nach altem Gebrauche und zum Zeichen, dass der Kaiser gegen die ungerechte Vertreibung des Bischofs Widerspruch einlege, unmittelbar nach Genf zu begeben, vor dem bischöflichen Palaste abzusteigen und nach dem Bischof zu fragen, für den er einen Auftrag von seiner kaiserlichen Majestät habe; auf die Antwort, die ihm zuteil werden würde, sollte er dann seine Botschaft in aller Form verkünden und das Schreiben nach Annecy tragen. Der Bote kam seinem Auftrage pünktlich nach, und bald darauf schrieb der Bischof an den Kaiser (Brief 322.), dass er sich eine Ehre daraus machen würde, seiner Einladung Folge zu leisten, aber seine Lage, in welche er durch die Protestanten gekommen, habe ihm zur Unterstützung seiner Majestät nichts gelassen als das Gebet. Die Reise nach Regensburg unterblieb also und er machte dafür eine andere, die seinem Herzen besser zusagte.

Herr von Marquemont hatte, sobald er den bischöflichen Stuhl von Lyon bestiegen, ihn in einem Briefe gebeten, mit ihm einen Freundschaftsbund nach dem Vorbilde der Bischöfe des Altertums zu schließen, welche sich durch vielfache und innige Beziehungen, durch gegenseitige Mitteilung ihrer Gedanken und Pläne die bischöfliche Last einander tragen und alle Pflichten derselben auf's beste erfüllen halfen. Zugleich hatte er ihm als dem älteren Bischofe seinen baldigen Besuch angesagt; Franz jedoch hielt dafür, dass der letzte der savoyischen Bischöfe (wie er sich nannte) nicht zugeben dürfe, dass der erste der Bischöfe Frankreichs ihm hierin zuvorkomme, und darum machte er sich unverzüglich auf den Weg nach L.yon. Kurz vor seiner Ankunft daselbst hatte der Erzbischof erfahren, dass er komme und er beeilte sich, von den Notabeln (Angesehenen) der Stadt begleitet, ihm eine gute Strecke entgegenzufahren; er begrüßte ihn mit allen Zeichen der Verehrung und nannte ihn laut „die Zierde und Krone der Bischöfe." Auch die ganze Stadt war erfreut, ihn in ihrer Mitte zu sehen und legte davon vielfache Beweise an den Tag. Nachdem er eine ganze Woche daselbst geblieben und seine Zeit wie immer zur Ehre Gottes und zum Wohle des Nächsten angewandt hatte, kehrte er nach Annecy zurück.

Nicht lange nachher machte er eine andere Reise nach Sion, der Hauptstadt von Valais, um der Konsekration des neuen so eben vom Papste ernannten Bischofs zu assistieren. Mit dem Vorgänger desselben, Hadrian von Ricdmartin, einem sehr eifrigen Prälaten, hatte er in freundschaftlicher Beziehung und Briefwechsel gestanden. Sobald er die Ernennung Hildebrands Josse zu seinem Nachfolger erfahren, beeilte er sich, an ihn eines jener Schreiben zu richten, welche, da sie gerade vom Herzen kommen, auch gerade wieder zum Herzen gehen: „Nicht sobald, schrieb er, hatten wir von Ihrer Erhebung und Ihren hervorragenden Eigenschaften Kunde erhalten, da verwandelte sich die Trauer, welche wir über den Tod Ihres Vorgängers empfanden, in Freude und unsere Klagelieder wurden zu Jubelgesängen; wir haben Gott Dank gesagt, dass er nicht zugelassen, dass seine Leuchte in Jerusalem erlösche und er den Vater durch den Sohn ersetzt hat, um ihn über die Stadt Sion zu stellen. Ihr lieber Brief und mein inniges Verlangen, ihn zu erwidern, ist mir ein gutes Zeichen, dass meine Freundschaft zu dem Bischofe von Sion, welche auf immer aufgehört zu haben schien, nun stärker wieder auflebt denn je. Was mich betrifft, so erlaube ich mir, Ihnen zu versichern, dass ich ganz bereit bin, Ihnen nicht nur jeden Bruderdienst zu leisten, den unser Amt mit sich bringen kann, sondern auch jeden anderen, den Sie nur immer von Ihrem treuen und demütigen Diener erwarten mögen, da ich mehr als sonst jemand in der Welt Ihrer Person und Ihren Interessen ergeben bin. Stets wird es mir sehr angenehm sein, mich in der Lage zu befinden, Ew. erhabenen Herrlichkeit irgend einen Dienst leisten zu können; und darin entspreche ich nur der Absicht des Herrn, der es nur deswegen zugelassen hat, dass wir so nahe Nachbarn sind, um uns gegenseitig unsere Last tragen zu helfen; weiterhin werde ich nur eine Pflicht der Dankbarkeit erfüllen, da Sie mir so viel Wohlwollen bezeugt haben, und ich werde einem Herzensbedürfnisse Genüge leisten, wenn ich nicht unterlassen kann, auf alle Weise einem Prälaten gefällig zu sein, der immer eine so große Liebe zur katholischen Kirche, eine so standhafte und unverbrüchliche Anhänglichkeit an sie hatte. Wenn also Ew. Herrlichkeit meiner bedarf, sei es zur Konsekration oder was sonst immer, so mag sie ganz und gar über mich verfügen. Unterdessen werde ich nicht aufhören, den göttlichen Herrn und Heiland inständig zu bitten, dass er Ihnen von seinem Heiligtume aus starke Hilfe sende, damit Sie Ihr von tobenden Stürmen hin und her geworfenes Schifflein sicher zu dem so ersehnten Hafen der glückseligen Ewigkeit führen (Brief 242 und 243.)."

Voll Freuden über das Anerbieten des allgemein verehrten Prälaten, ihm bei seiner Konsekration zu assistieren, beeilte sich der Bischof von Sion, es schleunigst anzunehmen, und Franz brach unverzüglich dahin auf. Wie überall, so erregte auch hier seine Heiligkeit, seine Beredsamkeit auf der Kanzel, seine ganze liebenswürdige Erscheinung die höchste Bewunderung und Begeisterung für ihn. Allgemein nannte man ihn nur „den Heiligen“, und ging er durch die Straßen der Stadt, so waren Türen und Fenster der Häuser voll Menschen, die ihn sehen wollten; die Mütter hoben ihre Kinder empor, um ihnen den Heiligen zu zeigen und brachten ihm dieselben, dass er sie segne.

Nach Annecy zurückgekehrt fand er ein Schreiben des Herzogs vor, dessen Inhalt ein sehr sonderbarer war. Die Sucht, seine Herrschaft immer mehr zu vergrößern, verwickelte ihn in fortwährende Kriege, und so bedurfte er natürlich bedeutender Geldsummen. In jenem Briefe verlangte er nun, Kraft eines Breve's (päpstlicher Erlass), das er vom Papste erwirkt hatte, von allen Bischöfen seiner Staaten eine Abgabe von allen Kirchengütern, je nach den Einkünften der Benefizien. Franz ließ demnach sämtliche Benefiziaten seiner Diözese zusammenkommen, und ermahnte sie, den vereinigten Wünschen des Herzogs und des Papstes bereitwillig zu entsprechen. „Meine Brüder, sprach er zu ihnen (La Riviere, p. 421. ), es ist uns nicht gestattet , hierüber unsere Bemerkungen zu machen; die Sprache unserer obersten geistlichen wie auch weltlichen Behörde ist klar; wir müssen gehorchen." Da er aber gewahrte, dass trotz dieses Rates seine Geistlichen, deren Armut ihm übrigens recht wohl bekannt war, jene Forderung durchaus nicht günstig aufnahmen, so ließ er seinen Worten auch sein eigenes Beispiel folgen, indem er auf seinen Anteil eine Summe schrieb, die durchaus in keinem Verhältnisse zu seinen geringen Einkünften stand. Das wirkte mehr als alle Worte, und ein Jeder zeigte sich nun bereit , die verlangte Abgabe zu entrichten (Geist des heil. Franz von Sales, V, 12.).

Wie Franz den Forderungen seiner Fürsten nachzugeben verstand, so verstand er es aber auch nicht minder, sich ihnen gegenüber fest und unbeugsam zu zeigen, wenn die Umstände es erheischten. Geheime Feinde seines Hauses hatten durch gehässige Verleumdungen den Herzog von Nemours gegen ihn und seine Brüder Bernard und Janus von Sales eingenommen. Es war so weit gekommen, dass der Bischof es für gut fand, sich nebst seinen beiden Brüdern aus Schloss Sales zurückzuziehen, bis er eine Gelegenheit fände, sich zu rechtfertigen. Als ihn aber sein Pflichtgefühl in der Fastenzeit nach Annecy zurückgeführt hatte, und er einer größeren Bitterkeit denn jemals gegen ihn und seine Brüder daselbst begegnete, da hielt er es nicht mehr für an der Zeit, zu schweigen. Er schrieb an den Herzog von Nemours einen Brief, der würdig eines Basilius und eines Ambrosius war, in welchem sich die Festigkeit eines Apostels, der heilige Freimut des Bischofs offenbart (Brief 321.).

„Päpste und Fürsten, sagt er unter anderem, haben Gerichtshöfe, an welche sie Anklagen verweisen, damit man sie gründlich untersuche und durch Anhörung der Parteien und Zeugen entscheiden könne, auf welcher Seite die Wahrheit oder die Lüge ist; es ist das ein Verfahren, welches sie unter Strafe der ewigen Verdammung zu befolgen gehalten sind, sonst würde es auf Erden keine Gerechtigkeit mehr geben. Es sind Klagen gegen meine Brüder bei Ihnen eingelaufen, Sie haben wohl getan, dieselben anzuhören; aber, wenn Sie denselben Glauben geschenkt haben, so erlauben Sie mir, Ihrem treuen Diener und in Liebe ergebenen wenn auch unwürdigen Hirten, Ihnen zu bemerken , dass Sie Gott beleidigt haben und dass Sie verpflichtet sind, dies zu bereuen, selbst wenn die Anklagen wahr wären; denn es darf keine Aussage gegen den Nächsten geglaubt werden, ehe sie bewiesen ist, und bewiesen kann sie nur werden durch eine Untersuchung und durch Anhörung beider Parteien. Wer anders zu Ihnen redet, der begeht einen Verrat an Ihrer Seele. Wie glaubwürdig auch die Ankläger sein mögen, so muss es doch immerhin den Angeklagten gestattet sein, sich zu verteidigen; Männer, welche allen Glauben verdienen, können sich dennoch täuschen oder aus gewissen menschlichen Beweggründen täuschen wollen."

Bevor er jedoch dieses Schreiben absandte, teilte er seinem Freunde Favre eine Abschrift davon mit, um zu erfahren, was er davon hielte. „Der Unwille des Fürsten gegen mich, schrieb er dabei (Ebendas.), der ich ihm doch so ergeben bin und ehemals so viele Beweise seiner Güte erfahren habe, ist mir unerträglich. So Viele begehen Mord und Totschlag und finden nichtsdestoweniger eine Zuflucht in seiner Milde und Gnade; meine Brüder tun keinem Menschen etwas zu Leide und erfahren seine höchste Ungnade. Man fragt zwar, was man uns denn Böses tue; allein, uns die Gunst und Gewogenheit des Fürsten zu rauben, heißt uns das kostbarste aller Güter rauben. Der Herzog glaubt Alles was man ihm hinterbringt, und ist empört darüber. Man macht ein Verbrechen daraus, dass man mich liebt. . . . Doch ich will schweigen . . . es wird der Tag kommen, an dem es niemanden mehr zum Tadel gereichen wird, mich zu lieben." Favre billigte das Schreiben und es wurde somit abgeschickt. Seine Wirkung zeigte sich bald. Der Sturm legte sich allmählich und nicht lange dauerte es, bis der Fürst dieser ihm so treu ergebenen Familie seine ganze Gnade wieder zuwandte.

Mit nicht geringerer Festigkeit benahm sich der Bischof in einem Streite mit den Angehörigen der Pfarrei Seyssel, welche dem Kapitel von Genf zehentpflichtig waren. Auf einmal fiel es diesen ein, die schuldige Abgabe mit dreißig Garben Getreide und sechzig Traglasten Wein zu entrichten, welche nur einen sehr ungleichen Ersatz boten. Diese Unbilligkeit, welche die Rechte seines ohnehin schon so armen, selbst am Notwendigen Mangel leidenden Kapitels verletzte, betrübte Franz sehr, und er versuchte auf dem Wege der Sanftmut und eines gütlichen Vergleichs die durch Geiz irre geführten Leute zur Vernunft zu bringen. Es war rein vergebens; je mehr er ihnen von einem Vergleiche sprach, um so eigensinniger wurden sie. Er befahl, er strafte, sie achteten nicht darauf. Er schickte einen durch Talent und Tugend höchst ausgezeichneten Priester, seinen Generalvikar und Offizial der Diözese, Herrn Roges, um sie zur Nachgiebigkeit zu bewegen; die Weiber, „dies so leicht erregbare Geschlecht," bemerkt Franz, liefen zusammen und wollten den bischöflichen Unterhändler in die Rhone werfen; nur mit Mühe gelang es dem guten Geistlichen, ihrer Wut zu entrinnen. Da glaubte der Bischof sich an die weltliche Behörde wenden zu müssen, um die widerspenstigen Rebellen mit Gewalt zum Gehorsam zu bringen. „Es würde mich sehr betrüben, schrieb er an den Präsidenten des Parlamentes der Bourgogne (Brief 323.), wenn eine solche Gewalttätigkeit und Ungesetzlichkeit nicht gezüchtigt würde, denn siewürde sonst jeden Tag noch zunehmen; es wird mich aber nicht weniger betrüben, wenn sie gezüchtigt wird, denn die Widerspenstigen sind meine Diözesanen und geistlichen Kinder. Nichtsdestoweniger bin ich der Meinung, dass man mit Strenge gegen sie einschreiten muss, denn wenn Ermahnungen bei Kindern nichts geholfen haben, so müssen sie gestraft werden, damit sie sich bessern, und es ist besser, dass ich über ihre zeitliche Trübsal weine, als über ihren ewigen Untergang. Die Unverschämtheit ist zu bekannt, um verheimlicht werden zu können, zu ärgerlich, um nicht gestraft, zu gefährlich, um nicht unterdrückt zu werden. Doch überlasse ich mich ganz Ihrer Klugheit, und ich bitte Sie inständigst, so zu handeln, dass meiner Kirche ihr Recht gewahrt werde und diese Leute ihre Pflicht erfüllen."

Bei Verleihung der Benefizien hatte er auch Manches von der Ungerechtigkeit der Menschen zu leiden. Ein adelstolzer Edelmann verlangte eines Tages für einen Geistlichen, der in seiner Gunst stand, eine erledigte Pfarrei. Franz antwortete, dass er es sich zur unabänderlichen Regel gemacht, die Stellen nur nach vorhergegangenem Konkurse zu verleihen; wenn sein Kandidat vor den übrigen Mitbewerbern sich auszeichne, so würde er sich glücklich schätzen, ihn zu ernennen. Der Edelmann, ein heftiger und aufbrausender Charakter, war über diese Antwort höchst aufgebracht und ließ seinen ganzen Zorn gegen den Bischof los; er warf ihm Doppelzüngigkeit und Scheinheiligkeit vor und drohte, dass er seine Verwandten oder ihn selbst seine Rache werde fühlen lassen. Franz suchte seinen Beleidiger durch Freundlichkeit und Sanftmut zu beschwichtigen, allein derselbe verspottete ihn und lachte über seine liebevollen Worte, die er süßliche Schmeicheleien nannte, höchstens dazu gut, um Weiber und Kinder einzuschläfern. „Nun denn, sprach Franz, ich will Ihren Schützling in Ihrer Gegenwart prüfen." Allein dieser, seine Unfähigkeit wohl fühlend, wollte davon nichts wissen. „Was nun! wandte sich der Bischof an den Edelmann: wollen Sie, dass ich bei Anvertrauung der Sorge für die Seelen, welche unter meiner Leitung stehen, mit verbundenen Augen handle? Bedenken Sie doch, ob ein solches Verfahren billig und vernünftig wäre?" Allein der rohe Mensch hörte nicht auf diese Vorstellungen; er fuhr fort zu schmähen, bis er das Zimmer verließ. Ein Geistlicher, der den ganzen Vorgang mit angesehen hatte, fragte da den Bischof, wie er denn mit einer solchen Ruhe diese nichtswürdige und empörende Behandlung habe ertragen können. „Ach, erwiderte er, er war es nicht, der so sprach, es war die Leidenschaft; Gott hat von Ewigkeit her vorausgesehen, dass ich diese Beleidigung zu erdulden haben würde, und es war sein Wille, dass ich sie geduldig ertrage; sollte ich denn nicht gerne den Kelch trinken, der mir von der Hand eines so guten Vaters kommt? O, wie ist mir dieser berauschende Kelch so lieb und angenehm, da jene Hand mir ihn reicht, die ich seit meiner Kindheit anzubeten gelernt habe!" --- „Aber, bemerkte der Geistliche weiter, haben Sie denn gar keine Aufregung dabei empfunden?" --- „Ich habe die Augen meines Geistes auf andere Dinge gerichtet, ich suchte an die guten Eigenschaften dieses Herrn zu denken, nach meiner Gewohnheit, nur immer auf das Gute zu sehen, was Jene, die mich beleidigen, an sich haben, nie auf das Böse oder Fehlerhafte (Dom. Jean de Saint-Francois, p. 408.); ich hoffe, dass, wenn seine üble Laune vorüber ist, wenn der düstere Nebel sich zerstreut hat, es wieder heller Tag werden und er voll Heiterkeit mich wieder sehen wird." So geschah es in der Tat; der Edelmann empfand nicht lange nachher eine solche Reue über seinen Fehler, dass er mit Tränen in den Augen zum Bischofe kam, ihn um Verzeihung bat und bis zu seinem Tode ihm stets mit größter Achtung und Liebe begegnete (Geist des heil. Franz von Sales, XIV, 27.).

Die nämliche Ursache veranlasste zur selben Zeit eine ähnliche Szene, die von noch peinlicheren Umständen begleitet war. Ein durch seine Waffentaten ausgezeichneter Komtur (Befehlshaber) des Malteserordens hatte in einer anderen Diözese einen seiner Bedienten zum Priester weihen lassen und geriet nun auf den Einfall, vom Bischofe von Genf eine erledigte Pfarrei für ihn zu verlangen. Die kanonischen Vorschriften strenge beobachtend unterwarf Franz den Schützling des Komturs wie alle übrigen Bewerber der üblichen Prüfung, und da bei derselben ein beklagenswerter Mangel an Wissen und Tugend zum Vorschein kam, so gab er die Pfarrei einem anderen, den die Examinatoren (Prüfer) für fähiger befunden hatten. Als der Komtur das erfuhr, ritt er wütend zum Bischofe und überhäufte ihn mit Vorwürfen und Schmähungen; ja er fasste ihn sogar heftig beim Barte und schrie zornig: „Wenn Du nicht Bischof wärest, so würde ich Dich lehren, wie Du mich zu achten hast; wenn Du keine Rücksichten für mein Amt und meine Stellung hast, so solltest Du wenigstens Achtung vor dem Kreuze haben, das ich trage." --- „Mein Herr, entgegnete Franz mit sanftem und bescheidenem Lächeln, wie sollte ich nicht mit Achtung und Ehrfurcht für das Kreuz durchdrungen sein, da ich es ja ebenso gut trage wie Sie und ein Buch zu seiner Verteidigung geschrieben habe? Ich bin bereit, für es Alles zu tun, was mein Gewissen mir erlaubt." Der Komtur versuchte in zornigem Tone noch weiter in ihn zu dringen, da er aber sah, dass es vergebens war, ging er fort. Der Bischof, immer höflich trotz der empfangenen Beleidigungen, wollte ihn bis zum Tore seines Palastes begleiten. „Ich würde es Dir gestatten, sprach der Komtur wütend, wenn Du mir die Ehre erwiesest, welche Du mir schuldest; aber da Du so wenig von mir hältst, so will ich auch Deine Komplimente nicht." Ein Mönch, der unmittelbar nach dieser Szene zum Bischofe kam, fragte ihn, was er unter einer solchen Flut von Verachtung und Schmähungen, die man sogar draußen habe hören können, empfunden habe. „Ich versichere Ihnen, antwortete Franz, dass ich nicht im allergeringsten darüber in Aufregung geriet; Gott hat die Aufmerksamkeit meines Geistes auf etwas Anderes gelenkt, und ich habe auf Nichts von dem was er sagte, Acht gegeben. Mit anderen Dingen beschäftigt, habe ich meine Ruhe nicht verloren; ich bin geworden wie Einer, der nicht hört und wie ein Mann, der keine Widerrede in seinem Munde hat (Ps. XXXVII, 15.)." Doch konnte es nicht ausbleiben, dass der Komtur, als er bei ruhiger Überlegung sein Betragen mit dem des Heiligen verglich, sein Unrecht einsah und zu ihm eilte, um ihn um Verzeihung zu bitten; und seit der Zeit hatte er die größte Verehrung für den Bischof (Charl.-Aug., p. 455.).

Es war nicht zu verwundern , dass die Tugenden des Heiligen und die herrlichen Beispiele, die er täglich davon gab, den Fastenprediger in Annecy so begeisterten, dass er sich nicht enthalten konnte, öffentlich auf der Kanzel in der Schlussrede seinen Gefühlen Ausdruck zu geben: „Glückselig seid ihr, Bewohner von Annecy, rief er aus, einen solchen Bischof in eurer Mitte zu haben! Seid Nachahmer seiner Tugenden, denn er ist ein Heiliger; ja, ich wiederhole es, euer Bischof ist ein Heiliger, und aus ihn kann man das Wort anwenden, welches einst die Königin von Saba zu Salomon sprach: Glückselig Jene, welche immer um Dich sind und Deine Weisheit hören." Franz, der zugegen war, schlug vor Scham errötend die Augen nieder und erschien den ganzen Tag über traurig. Abends fragte ihn der Prediger nach dem Grunde seiner Traurigkeit, die er nicht begreifen könne. „Es betrübt mich, mein Vater, antwortete da Franz, dass Sie, nachdem Sie während der ganzen Fastenzeit so gut gepredigt, heute durch Ihre Lobeserhebungen Alles verdorben haben. Ach, wenn Sie mein Elend kennten, dann würde Ihre Sprache eine ganz andere gewesen sein (Annee de la visitation, 21. avril.)." Aber der demütige Bischof konnte es nicht verhindern, dass gerade um diese Zeit sein Lob mehr als jemals in Aller Munde war. Die Not war durch Missernten im Jahre I615 aufs höchste gestiegen; er kaufte für die verschämten Armen bedeutende Vorräte von Weizen an und ließ zwei Mal die Woche allen Bedürftigen, die sich nur an seiner Türe meldeten, reichliche Almosen austeilen, ohne dass darum die Gaben, welche er an den übrigen Tagen spendete, nur im geringsten vermindert wurden.

Alle, die ihm näher standen und die täglichen Zeugen seines Lebens waren, zogen es durchaus nicht in Zweifel, dass dereinst seine Heiligsprechung erfolgen werde. Sein Kammerdiener Franz Favre bewahrte jetzt schon mit großer Verehrung Alles auf, was mit ihm in Berührung gekommen oder was in seinem Gebrauche gewesen war, „denn, sprach er, ich sehe voraus, dass alle diese Dinge eines Tages Reliquien sein werden." Ließ er sich die Haare schneiden, so sammelte er dieselben mit großer Sorgfalt und füllte eine ganze Schachtel damit an; wurde ihm zur Ader gelassen, dann machte er es ebenso mit dem Blute und bewahrte es in einem wohlverschlossenen Gefäße auf (Archive de la visitation de Nevers.).

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Viertes Kapitel.

Franz übergibt den Barnabiten die Leitung der Schule des heiligen Hauses in Thonon, und ernennt seinen Bruder Johann Franz zum Generalvikar. – Er erhält den Besuch des Erzbischofs von Lyon und wird aufs neue bei dem Herzoge verleumdet. – Weitere Züge seiner christlichen Liebe.
(1615 und 1616.)

Dem Bischofe lag nicht allein das geistige, sondern auch das leibliche Wohl seines Volkes am Herzen. Es war ihm nicht entgangen, dass der Seidenbau, in Annecy so gut wie unbekannt, in Genf einer Menge von Menschen ihren Unterhalt gewährte, ja einen behaglichen Wohlstand sicherte. Darum suchte er den Herzog zu bestimmen, einen Industriezweig in seinen Staaten einzuführen, der für seine Untertanen eine Quelle reichlichen Verdienstes sowohl, wie auch ein Mittel sein würde, sie in der wahren Religion zu erhalten und zu befestigen. ,,Der Nutzen hiervon, schrieb er unter anderem an den Fürsten, dürfte wohl ein unberechenbarer sein; nicht Wenige würden dadurch dem protestantischen Einflusse entzogen werden und Genf, das sich größtenteils durch diesen Handel in seiner Stellung behauptet, würde an Bedeutung und Ansehen verlieren; was unsere Feinde gewinnen, das werden die Untertanen Ew. königlichen Hoheit gewinnen und ihre Lage wird dadurch bedeutend verbessert." Dieser Vorschlag gefiel dem Herzoge sehr wohl und er ließ sich die Sache so angelegen sein, dass der Seidenbau (Seide-Herstellung) in Savoyen zu einer ziemlichen Blüte gelangte.

Der Gründung und Einrichtung des heiligen Hauses in Thonon ist schon früher Erwähnung geschehen. Der Unterricht an demselben war eine Zeit lang in den Händen der Jesuiten, nach ihnen in denen von Laien gewesen. Da letztere den an sie gestellten Forderungen nicht entsprachen, so beschloss Franz, auch dahin Barnabiten zu schicken. Gegen Verleihung gewisser Rechte und Benefizien nahmen sie das Anerbieten an, und Franz reiste selbst nach Thonon, um sie feierlich einzuführen.

Während seines Aufenthaltes daselbst erfuhr er den Tod seines Generalvikars; wegen der Kränklichkeit dieses Herrn war er schon lange darauf gefasst gewesen und den würdigsten Nachfolger für ihn glaubte er in seinem Bruder Johann Franz zu finden. „Nach reiflicher Überlegung, schrieb er ihm (Brief 337.), habe ich mich entschlossen, Dir dies Amt zu übertragen; Dich zur Annahme zu bestimmen, wird schon der Grund genügen, dass von diesem Amte nicht allein das Wohl der Diözese größtenteils abhängt, sondern auch meine Ehre, und Deine Verwandtschaft wird Dich mehr als jeden anderen drängen, eifersüchtig darüber zu wachen. Wachsamkeit, dass die anderen gehörig ihre Pflicht erfüllen, ist das Wesentlichste in dieser Stellung. Bis zumeiner Rückkehr handle für mich und in meinem Namen, als wärest Du schon eingeführt."

Seine Rückkehr erfolgte bald, da er den Gegenbesuch des Erzbischofs von Lyon, des Kardinals von Marquemont, erwartete. Er bereitete ihm den glänzendsten Empfang und suchte ihm den Aufenthalt in Annecy so angenehm wie möglich zu machen; allein dazu bedurfte es keiner besonderen Anstrengung. Die Gesellschaft des Bischofs von Genf war Alles was der edle Kardinal verlangte; mit ihm zusammen zu sein, sich an ihm zu erbauen, von ihm zu lernen, die weise Verwaltung seiner Diözese in der Nähe zu beobachten, das war seine größte Freude. Unter anderem hätte er gerne einem Konkurs beigewohnt und da gerade eine Pfarrei erledigt worden, um die sich Manche bewarben, so konnte man seinem Wunsche willfahren. Es hatte sich auch ein adeliger Geistlicher auf sie gemeldet, der stolz auf seine Abkunft, statt jeder Verdienste Empfehlungsschreiben des Herzogs und anderer Fürsten vorzeigte, und auf diesen Schutz bauend war er seiner Sache so gewiss, dass er die übrigen Mitbewerber mit Verachtung behandelte und auch nur die leiseste Äußerung eines Zweifels, es könnte ihm am Ende doch ein Anderer vorgezogen werden, ihn wahrhaft empörte. Der Bischof stellte ihm einige Fragen über die heilige Schrift, und der Zufall wollte, dass er gerade die Stelle aufschlug, wo der Herr den Ehrgeiz der beiden Söhne des Zebedäus mit den strengen Worten zurechtweist: „Ihr wisst nicht, was ihr begehret." Er bat den Kandidaten, sie zu übersetzen, allein der Ärmste verstand auch kein Wort davon; das aber, sowie das allgemeine Gelächter brachte ihn durchaus nicht aus der Fassung; und in hochmütigem Tone verlangte er das Benefizium als etwas ihm von Rechtswegen Zustehendes. „Mein Herr, sprach da Franz voll Mäßigung und Sanftmut, erlauben Sie mir, Ihnen diese Worte, welche Sie nicht verstehen, zu erklären: Nescitis quid petatis, Ihr wisst nicht, um was Ihr bittet. Unmöglich ist es für Sie, mit dem wenigen Wissen, von dem wir soeben den Beweis erhalten, die Pflichten der Seelsorge zu erfüllen, unmöglich also für mich, Ihnen dieselbe anzuvertrauen. Ich bin nicht Herr der Benefizien, ich bin nur der Austeiler derselben und verpflichtet, sie dem Würdigsten zu geben (Charl.-Aug., p. 464.)."

Der adelige Geistliche geriet über diese Demütigung in heftigsten Zorn und drohte, er werde dem Herzoge berichten, wie wenig man hier auf seine Empfehlungen gebe. „Nun ist es genug, mein Herr, sprach Franz; in diesem Augenblicke spricht die Leidenschaft aus Ihnen, ein anderes Mal soll es die Vernunft sein, die redet." Aber der unwissende adelige Priester trieb die Unverschämtheit noch weiter. Am nächsten Sonntag überreichte er dem Bischofe während des Chorgebetes, in Gegenwart des ganzen Domkapitels, eine Schmähschrift, die voll der gröbsten Beleidigungen war. Franz, weit entfernt, darüber in Aufregung zu geraten, dachte nicht einmal daran, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, aber das Kapitel nahm die Sache in die Hand und verlangte eine exemplarische Bestrafung des Schuldigen. Das Urteil war schon geschrieben und sollte ihm gerade zugestellt werden, als der Bischof davon Kunde erhielt und auf der Stelle um Zurücknahme desselben bat. Seine Bitte wurde ihm gewährt. Damit war er noch nicht zufrieden, er wollte sich rächen nach Art der Heiligen; auf sein inständiges Bitten gab man dem Unverschämten am Hofe des Herzogs eine sehr ehrenvolle, seinem Stande und seiner Geburt entsprechende Stelle, so dass es in ganz Savoyen sprichwörtlich wurde, es genüge, den Bischof von Genf zu beleidigen, um seiner Wohltaten versichert zu sein.

Der Kardinal, Zeuge so vieler Tugenden, konnte seine Bewunderung nicht zurückhalten. Überall und bei jeder Gelegenheit sprach er von dem heiligen Bischofe von Genf und nannte ihn seinen Vater; er betrachtete sich gerne, trotzdem dass er Primas von Frankreich war, als seinen geistlichen Sohn, als seinen demütigen Schüler; und seine ganze Seele war so tief von diesen Gesinnungen durchdrungen, dass er eines Tages beim Anblicke der Unterschrift des geliebten Bischofs dieselbe mit Ehrfurcht küsste und ausrief: „O, welch ein großer Diener Gottes, welch ein heiliger und vollkommener Mann! Er ist in Wahrheit ein Gesandter des Himmels; wie groß ist seine Liebe und Gerechtigkeit! Ach, gebe Gott, dass alle Bischöfe Frankreichs nur einen geringen Teil von jener Gnade hätten, die er in solcher Fülle besitzt; dies ist wahrhaft ein vollkommener Hirte und wir müssen Alle danach streben, seine Tugenden in uns nachzubilden
(Nach de Rendu.)."

Die vielen Arbeiten in seiner eigenen Diözese erlaubten dem Erzbischofe nicht, seinen Aufenthalt in Annecy zu verlängern, so sehr das auch dem Wunsche seines Herzens entsprochen hätte. Kaum war er abgereist, so erhoben sich allerlei böswillige und verleumderische Gerüchte gegen ihn und seinen edlen Gastfreund. Alle ihre Gespräche hatten nur kirchliche und geistliche Dinge zum Gegenstande gehabt, und trotzdem legte man nun dieser Zusammenkunft einen politischen Zweck bei: die Prälaten hätten geheime Pläne, im Interesse des Königs von Frankreich und dem des Herzogs von Savoyen zuwider, verabredet. Der Herzog ließ diesen Verdächtigungen ein offenes Ohr und beauftragte den Statthalter von Savoyen, die Sache zu untersuchen. Franz wurde demgemäß von der Unzufriedenheit des Fürsten in Kenntnis gesetzt und ersucht, über die Reise des Erzbischofs sowie seine langen Besprechungen mit ihm Bericht zu erstatten (Annee de la visitation, 15. novembre -- Charl.-Aug., p. 462.).

Über einen so sonderbaren Verdacht auf's äußerste erstaunt, antwortete Franz dem Gouverneur (Brief 342.), Gott und seine Engel zu Zeugen der Wahrheit seiner Worte nehmend, dass der Kardinal bei ihm weiter nichts gewollt habe, als seinen ihm früher gemachten Besuch erwidern, bei hellem Tage und mit Gefolge sei er gekommen, ohne ein Geheimnis daraus zu machen, wie es sonst Jene zu tun pflegen, welche feindselige Absichten hegen; und während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes bei ihm sei von nichts Anderem als von rein geistlichen Dingen die Rede gewesen, was er auf Ehre und Gewissen versichere. „Möge Ew. Excellenz, fügte er am Schlusse hinzu, mir die Bemerkung erlauben, dass ich in den Gesinnungen unverbrüchlicher Treue gegen meinen Fürsten aufgewachsen und alt geworden bin und dass mein Stand sowie jede andere menschliche Rücksicht mir dieselben stets zur heiligen Pflicht machen. Ich bin durch und durch Savoyarde, ich und die Meinigen, und nie werde ich etwas Anderes sein können. Ich begreife nicht, wie ich Verdacht erregen kann, da ich mich doch in meinem ganzen Leben stets treu und ergeben bewiesen habe."

Ruhig stellte nun der Bischof alles Übrige der Vorsehung anheim und widmete sich ganz seinen gewöhnlichen Arbeiten und Beschäftigungen. Aber neue Unannehmlichkeiten blieben nicht aus; es bedurfte deren immer für diese auserwählte Seele, um sie in der Tugend zu vervollkommnen und sie Jesu Christo ähnlicher zu machen. Ein Advokat in Annecy, namens Pillet, weigerte sich, eine Abgabe zu entrichten, welche er der Genfer Kirche schuldete, und der Bischof, der sich verpflichtet hielt, die Rechte seiner Kirche zu wahren, sah sich genötigt, ihn gerichtlich dazu zu zwingen. Der Advokat fasste deshalb einen solchen Hass gegen ihn, dass er auf alle mögliche Weise ihm zu schaden, vor Allem aber seine Ehre zu untergraben suchte. Für Franz war das Grund genug, den Verleumder nur noch mehr zu lieben, und als er ihm eines Tages zufällig in der Stadt begegnete, redete er ihn freundlich bei der Hand fassend an: „Ich weiß, mein Herr, dass Sie mir Böses wollen und auf jede Weise meine Ehre zu untergraben suchen; entschuldigen Sie sich nicht, ich bin dessen gewiss. Aber ich möchte auch, dass Sie erfahren, dass, wenn Sie mir selbst ein Auge ausreißen, ich Sie mit dem anderen nur um so liebevoller ansehen würde." Überrascht und beschämt blieb der Elende stumm, ließ sich aber keineswegs durch diese herzlichen Worte rühren, im Gegenteil, sein Hass nahm nur zu. Einige Wochen nachher trieb er die Niederträchtigkeit so weit, dass er die an der Kathedrale angehefteten Ermahnungsschreiben mit Kot und Unrat bewarf, ja in der Nacht Pistolenschüsse nach den Fenstern der bischöflichen Wohnung abfeuerte; noch mehr, er wagte es, den Generalvikar durch einen Degenstoss zu verwunden. Erschreckt über die Gefahr, in der sich ihr heiliger Führer befand, beschwor ihn Frau von Chantal, der Verfolgung und Bestrafung des Schuldigen seinerseits doch wenigstens kein Hindernis in den Weg zu legen. „Lassen Sie mich nur machen, antwortete er ihr darauf, wir werden uns schon beide rächen, Sie und ich; dieser Mann hat drei Töchter, und eine von ihnen werden wir unentgeltlich in unser Kloster aufnehmen." Das geschah auch später.

Trotzdem ließ der Senat von Chambery, als er von diesen Ruchlosigkeiten Kenntnis erhalten, den Schuldigen verhaften und leitete seine Untersuchung ein, deren unfehlbarer Ausgang seine baldige Verurteilung zum Tode sein musste. Voll Bestürzung über das Schicksal, das seinem Feinde bevorstand, schrieb der Bischof in größter Eile an den Herzog und bat für ihn um Gnade; seine Bitte wurde ihm gewährt, und er selbst brachte dem Gefangenen die Nachricht von seiner Begnadigung. Allein der Elende zeigte sich gefühllos all dieser Großmut gegenüber; kein Wort der Reue über seine Vergehen, kein Wort des Dankes für seine Begnadigung. Der Bischof warf sich ihm zu Füßen und bat ihn um Verzeihung, sollte er ihn etwa ohne Wissen und Willen in irgend etwas beleidigt haben. Den verstockten Sünder rührte das ebenso wenig. Er hatte nur Schmähungen für seinen edlen, großmütigen Wohltäter, und – wer sollte es glauben --- verharrte in seinem Hasse gegen ihn bis zu seinem Ende, welches so kläglich war, dass man es als die gerechte Strafe des Himmels für die einem Heiligen so zwecklos zugefügte Schmach ansah (Charl.-Aug., p. 486. ).

Kaum war dies vorüber, so wurde der Bischof schon wieder auf's neue verfolgt und zwar von einem ausschweifenden Edelmanne, der ohne jegliche Veranlassung einen bitteren Groll gegen ihn hegte. Dieser begann damit, dass er eine beißende Spottschrift gegen Franz verbreitete, die aber vom Publikum nur mit gebührender Verachtung aufgenommen wurde und die Seelenruhe des Bischofs auch nicht einen Augenblick trübte. Ärgerlich über das so vollständige Misslingen seines Planes ersann der Edelmann eine andere Beleidigung. Er schickte mehrere Nächte hintereinander, trotz der heftigen Winterkälte, seine Bedienten nebst einigen anderen schlechten Subjekten aus der Stadt mit einer Meute von Hunden vor das Tor der bischöflichen Wohnung. Dort ließ er sie den schrecklichsten Spektakel vollführen; die Einen bliesen das Jagdhorn, die anderen feuerten Pistolenschüsse ab und stießen ein betäubendes Geschrei aus, wie wenn sie auf der Jagd wären, dazu das Gebell der Hunde, die man in die Ohren zwickte, damit sie stärker heulen sollten. Man wollte den Bischof nicht einen Augenblick Ruhe genießen lassen (Ebendas. p. 468.). In der Tat wurde diese Absicht erreicht, Franz konnte unmöglich schlafen. Er stand auf und vor seinem Kruzifixe niederknieend betete er für diese unverschämten Ruhestörer: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Allein die Leute aus der Nachbarschaft waren nicht so geduldig, wie ihr Bischof, und beschwerten sich bei der Polizei über diesen nächtlichen Unfug. Der Einfluss und das Ansehen des Edelmannes war jedoch der Art, dass die gegen ihn ergriffenen Maßregeln ohne Wirkung blieben. Die Diener des Bischofs fühlten da ihre Geduld erschöpft; sie wollten sich selbst Recht verschaffen und mit den Waffen die Nichtswürdigen gewaltsam vertreiben. „Nicht doch, sprach Franz mit seiner unvergleichlichen Sanftmut; tut das nicht; sie sind leider mehr zu bedauern als wir; wir sind hier doch unter Dach und in einem warmen Zimmer, und sie müssen erstarrt vor Kälte sein." --- „Aber, riefen sie aus, es sind elende und schlechte Burschen!" --- „Ach, versetzte der demütige Bischof, wenn die Gnade uns nicht unterstützte, so könnten wir am Ende noch schlechter sein. dass ich so etwas nicht tun möchte, dafür gebührt Gott die Ehre."

Als die Ruhestörer sahen, dass sie keine Strafe zu fürchten hatten, trieben sie die Verwegenheit so weit, dass sie die Fenster einwarfen; mehrere Steine fielen dicht vor dem Bischofe nieder und das Gebet des gesteinigten Stephanus: „Herr, rechne ihnen dies nicht zur Sünde," flüsterte auch sein Mund. Zuletzt bewarfen sie mit Kot und Unrat das Tor des bischöflichen Hauses und schienen ganz entschlossen, so noch lange fortzufahren. Da begegnete der Bischof zufällig eines Tages dem Urheber all dieses Unfuges; als wäre er sein bester Freund gewesen, fiel er ihm um den Hals, umarmte ihn und sprach zu ihm auf das herzlichste und liebevollste. Einer solchen Liebe gegenüber konnte der Edelmann nicht ungerührt bleiben; ganz beschämt bat er ihn um Verzeihung, und was noch mehr wert war, er bekehrte sich aufrichtig und von Herzen, indem er erklärte, dass die Sanftmut seines Bischofs mächtiger auf ihn gewirkt habe als hundert Predigten (Nach Daunant, der Augeuzeuge war. -- CharI.-Aug., p. 469.).

Selbst im Schosse seiner eigenen Familie wurde dem Bischofe Gelegenheit geboten, seine liebreiche Sanftmut und Geduld zu üben. Ein Herr, mit dem er verwandt war, glaubte sich von ihm beleidigt und zwar durch eine Handlung, von der Franz auch nicht im entferntesten geahnt hatte, dass sie ihm unangenehm sein könnte. Am hellen Tage erschien nun Jener im Hofe des bischöflichen Palais mit einer Meute von Hunden und einer Anzahl Jägern, die mit Jagdhörnern und Trompeten, von dem Geheul der Meute unterstützt, einen entsetzlichen Lärm vollführten, während er selbst in das Zimmer des Bischofs drang und ihn mit den beleidigendsten Schmähungen überhäufte. Franz beobachtete nach einigen höflichen und verbindlichen Worten einer solchen Unverschämtheit gegenüber die ruhigste Sanftmut, ohne weiter eine Bemerkung zu machen, was aber den Edelmann nur noch mehr in Wut versetzte und zu größeren Schmähreden hinriss; da er es endlich müde wurde, allein zu sprechen, eilte er unter Drohungen hinauf. „Hochwürdigster Herr, fragte da der Pater de Coex, der die ganze Szene mit angesehen hatte, den Bischof, warum haben Sie denn nicht wenigstens mit einigen nachdrücklichen und ernsten Worten diesen Unverschämten zurechtgewiesen?" – „Ich habe, erwiderte Franz, mit meiner Zunge den Vertrag geschlossen, dass sie schweigen soll, so lange mein Herz in Aufregung ist, und dass sie auf kein Wort, welches im Stande wäre, mich zum Zorne zu reizen, eine Erwiderung haben darf; und sicherlich wäre es nicht gut gewesen, den armen Mann noch mehr aufzubringen, indem man es versucht hätte, ihm sein Unrecht klar zu machen. Bei ruhigem Nachdenken wird er von selbst vernünftig werden und seinen Fehler bereuen (P. Binet: Quel est le meilleur gouvernement ? (= Was ist die beste Regierung?) p. 184.)." Wirklich kam der Schuldige einige Tage nachher mit Tränen in den Augen zurück, bat den Bischof um Verzeihung und dankte ihm für seine Sanftmut, die ihn vor einem größeren Verbrechen bewahrt habe; denn er gestehe, dass er in seiner Wut Jeden, der es gewagt hätte, ihm Vorstellungen zu machen, erstochen haben würde (Charl.-Aug., p. 485.). Es verbreitete sich in der Tat das Gerücht, dass man ihn habe ermorden wollen, und eine Schwester von der Heimsuchung drückte ihm ihren Schmerz darüber aus. „Welch ein ungeheuerliches Gerücht, schrieb er derselben (Brief 709.), dass man mich habe umbringen wollen! Die Guten werden mich nicht töten, weil sie gut sind, und die Bösen auch nicht, weil ich nicht gut bin. Es war nur ein schwacher Schatten von einem Angriffe auf mich."

Die Liebe des Bischofs von Genf war nicht bloß eine geduldige, sie war auch großmütig und freigiebig. Ein Pfarrer aus seiner Diözese hatte ihm eines Tages seine Not geklagt, und er wollte ihm um jeden Preis helfen, aber wie? seine Börse war leer. Da eilte er nach der Kapelle und nahm vom Altare zwei schwere silberne Leuchter, die er dem armen Geistlichen gab, um sie zu verkaufen und aus dem Erlöse seiner dringendsten Not abzuhelfen. Bis zu Tränen gerührt küsste dieser seinem Wohltäter die Hand und ging nach Genf, um die reiche Gabe in Geld umzusetzen. Als der alte Rolland am folgenden Morgen die Beraubung der Kapelle gewahrte, da ahnte er auf der Stelle, wie das zugegangen war und wollte die Leuchter zurückkaufen. „Nein, sprach Franz, das könnte nur zum Schaden der Armen geschehen; wir können uns ohne Leuchter begnügen (Nach Chambet.)."

Ein Advokat in Annecy war durch verschiedene Unglücksfälle so in Not geraten, dass er für seinen Sohn, der in Paris Theologie studierte, die Kosten des Studiums nicht mehr aufbringen konnte. Franz erfuhr dies und schickte ihm auf der Stelle die eben notwendige Summe. Die Freude des guten Mannes war außerordentlich; aber gleich beunruhigte ihn der Gedanke, wie er das Geld sicher nach Paris schicken solle, ob es unterwegs nicht verloren gehen könnte? Auch in dieser Angst kam ihm der Bischof zu Hilfe, als er davon gehört hatte; er übernahm es auf seine eigene Gefahr, dem Studierenden das Geld zu übermitteln und fügte gleichzeitig einen Brief an ihn bei, in welchem er ihm die weisesten Ratschläge gab und ihn ermahnte, fromm und fleißig zu sein. Gerührt von so viel Güte hielt es der Advokat für eine Pflicht der Dankbarkeit, seinen Wohltäter öfters zu besuchen; unglücklicherweise ging er aber dabei über die Grenzen des Schicklichen hinaus, indem er den Bischofe zu lange belästigte, einige Male sogar vier bis fünf Stunden bei ihm blieb, ohne dass er von etwas Anderem als unbedeutenden Alltäglichkeiten zu sprechen wusste. Und dennoch empfing ihn der Heilige trotz seiner vielen Arbeiten stets mit dem zuvorkommendsten Wohlwollen, ohne je den geringsten Überdruss durchblicken zu lassen (Charl.-Aug., p. 470.).

Diese geduldige Liebe zeigte sich nicht minder einem Herrn gegenüber, der aus der entferntesten Normandie gekommen war, um mit ihm über verschiedene Skrupel und Glaubenszweifel zu sprechen, die ihn sehr quälten. Überall hatte er schon einen Lehrer gesucht, der ihm Aufklärung verschaffen und seiner Seele den Frieden wiedergeben könnte, da er aber keinen gefunden, der ihm zusagte, hatte er sich entschlossen, die weite Reise nach Annecy zu machen. Franz saß gerade bei Tische, als man ihm meldete, es wünsche ein Fremder ihn zu sprechen. Auf der Stelle erhob er sich und eilte ihn zu Empfangen. Der Edelmann begann ohne Weiteres ihm alle seine Skrupel und Zweifel vorzulegen, die ein ziemlich langes Kapitel bildeten. Mit bündiger Klarheit und geduldig antwortete Franz auf jede Frage, aber sowie ein Zweifel beseitigt war, da entstanden wieder neue, so dass das Gespräch sich bis zur Stunde der Abendmahlzeit hin verlängerte. Man ließ dem Bischofe sagen, das Essen sei fertig. Eine weitere Stunde verrann und wieder kamen Boten, um ihn zu erinnern, dass es Essenszeit sei, und zugleich drückten sie ihm ihre Besorgnis aus, er möge aus Mangel an Nahrung der Ermüdung unterliegen. „Ist das Leben nicht mehr als die Speise (Matth. VI, 25.)? gab er ihnen zur Antwort; meine Speise ist, dass ich den Willen meines Vaters tue (Joh. IV, 34.). Ein anderes Mal werden wir Zeit haben zu essen und zu trinken, in diesem Augenblicke habe ich einen anderen Hunger zu stillen, einen anderen Durst zu löschen; den Hunger und Durst, eine Seele zu retten und zu trösten; darum möge mich niemand mehr stören!" Endlich, nach einer zehnstündigen Unterredung ging der Fremde fort, zufrieden und Tränen der Freude und des inneren Glückes weinend. „O, sprach er zu dem, der ihm das Geleite gab, wie sind Sie glücklich zu preisen, einen so heiligen Hirten und so kundigen Seelenführer zu besitzen. Ich war verloren, aber seine weisen, guten Ratschläge haben mich dem Leben wiedergegeben. Niemand in Frankreich war im Stande, die in meiner Seele tobenden Stürme zu stillen; Gott sei gepriesen, dass er mich zu Ihrem heiligen Bischofe geführt hat. Man hatte mir schon Wunderbares von ihm erzählt; aber Alles, was ich gehört habe, ist nur der Schatten von dem, was ich jetzt gesehen. Zwischen dem Gerüchte und der Wirklichkeit herrscht ganz der Unterschied, wie zwischen einem Gemälde und demjenigen, den es vorstellt (Nach Bonard und Myncet.)."

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Fünftes Kapitel.

Verhalten des heiligen Franz von Sales in dem piemontesischen Kriege. – Er veröffentlicht seine Abhandlung über die Liebe Gottes und hält die Advents- und Fastenpredigten in Grenoble. – Tod des Barons und der Baronin von Thorens. – Bekehrung eines bis dahin unverbesserlichen Sünders.
(1616 und 1618.)

Gingen die Leiden Einzelner dem gefühlvollen Herzen des Bischofs von Genf schon so nahe, wie wir bereits oft gesehen haben, so verursachte ihm ein öffentliches Unglück, von dem ganze Länder heimgesucht wurden, einen noch viel tieferen und herberen Schmerz. Zu seiner größten Betrübnis musste er es erleben, dass der Herzog von Savoyen, von Frankreich unterstützt, dem Herzoge von Mantua, der Hilfe von den Spaniern erhielt, den Krieg erklärte, um ihm das Herzogtum Montferrat zu entreißen, auf das er Rechte zu haben ehauptete (Charl.-Aug., p. 470.). Dies Zusammenziehen von einheimischen und fremden Truppen, welches außer der Geißel des Krieges noch eine große Sittenverderbnis mit sich brachten, bildete den steten Gegenstand seines Seufzens vor Gott und den Menschen, und sich nicht damit begnügend, allein die Hände zum Himmel zu erheben und täglich zu ihm zu stehen, ordnete er auch öffentliche Gebete an, und ermahnte sein Volk, durch ein besseres Leben den Zorn des Höchsten zu besänftigen, der die Geißel des Krieges über der Erde schwingt, um ihre schuldigen Bewohner zu züchtigen. Die Empörung des Herzogs von Nemours machte die Lage noch verwickelter und trauriger. Der Herzog von Savoyen hatte ihm die Hand einer seiner Töchter versprochen, und dadurch eine Verbindung mit Anna von Lothringen, Tochter des Herzogs von Aumale, hintertrieben; allein er hielt sein Versprechen nicht, und in seiner Unzufriedenheit ließ sich der Herzog von Nemours von den Spaniern überreden, den Versuch zu wagen, mit ihrer Hilfe die Herrschaft im ganzen Herzogtum Genf an sich zu reißen (Ebendas. p. 472.). Mehrere Truppenbewegungen fanden zu diesem Zwecke statt und man versuchte die Belagerung Annecy's. Die ganze Stadt war in der größten Bestürzung, und der Umstand, dass viele Hugenotten sich an dem Aufstande beteiligten, war nicht eben geeignet, die Angst zu vermindern. Der Bischof allein bewahrte seine Ruhe und Zuversicht, dass die Vorsehung helfen werde, und suchte auch sein Volk durch diese Hoffnung aufzurichten. Es gelang ihm aber nicht, die allgemeine Furcht zu beschwichtigen. „Wird die Stadt genommen, wandte man ihm ein, so werden Sie der Erste sein, über den die Hugenotten herfallen, sie werden Ihr Haus zuerst plündern und Sie ihre ganze Wut fühlen lassen. Verbergen Sie sich darum und bringen Sie Ihre wertvollsten Sachen in Sicherheit." -- „Nein, meine Kinder, antwortete der Bischof mit heiterem Antlitze, ich werde mich nicht verbergen und werde mich nicht von Euch trennen. Ich glaube nicht, dass man mir mehr Böses will, als den anderen, und wenn es sein muss, so werde ich mit Euch leiden. Mit Gottes Hilfe werde ich immer da sein, wo meine Pflicht es erheischt; mag mir begegnen was da will, ich bin in der Hand der Vorsehung. Übrigens, fügte er hinzu, seid guten Mutes, ich stehe dafür, dass Euch nichts Böses widerfahren wird." Seine Vorhersagung erfüllte sich; nach drei Tagen wurde die Belagerung aufgehoben (Ebendas. p. 472 et 473.) und der Fürst von Piemont eilte mit zahlreichen Truppen herbei, um einen neuen Angriff zu vereiteln.

Er nahm seine Wohnung im bischöflichen Hause, und Franz benützte diese Gelegenheit, um sich seines Beistandes in der beabsichtigten Reform einer Anzahl von Klöstern zu versichern, in denen durch die kriegerischen Zeitumstände Zucht und Ordnung sehr gelockert worden waren. Der Fürst zeigte sich auch ganz einverstanden mit den Vorschlägen, welche Franz ihm zu diesem Zwecke machte, und versprach sein Möglichstes zu tun. Die wahre Reform jedoch wird nicht durch äußeren Zwang erzielt, das wusste Franz sehr wohl, sondern durch die Änderung des Herzens, welches den festen Entschluss faßt, Gott zu lieben und ihm treu zu dienen. In der Absicht, letzteres zu erreichen, hatte er im Jahre 1614 schon eine Abhandlung über die Liebe Gottes begonnen. „Ich stehe im Begriffe, das Buch von der Liebe Gottes anzufangen, schrieb er damals an Frau von Chantal (Brief 642.), und ich werde suchen, von ihr ebenso viel in mein Herz zu schreiben als auf das Papier." Jeden freien Augenblick, den er während des Tages finden konnte, und manche Stunde der Nacht, die er sich vom Schlafe abbrach, hatte er der Abfassung dieses Werkchens gewidmet. Er fühlte während der Arbeit so tief und innig, was er schrieb, dass Tränen der Liebe wider seinen Willen auf das Papier herabflossen, und er oft die Feder aus der Hand legen musste, um ihnen freien Lauf zu lassen. Als er eines Tages nach der Vesper auf seinem Betstuhle knieend sich zum Schreiben vorbereitete, indem er die Größe der Liebe betrachtete, welche das ewige Wort bewogen hatte, sich mit der menschlichen Natur im Geheimnisse der Menschwerdung zu vereinigen, da schaute er im Geiste, wie der Sohn Gottes aus dem Schosse des ewigen Vaters in den der Jungfrau herabstieg; er wurde dabei von einer solch himmlischen Süßigkeit erfüllt, dass er in Ohnmacht fiel. Um eine solche Liebe zu erwidern, suchte er sein Herz mit der größtmöglichen Gegenliebe zu entflammen, alle Liebe des Himmels hätte er in seine Brust aufnehmen mögen; und der Geist Gottes, der die lautere Liebe ist, teilte sich ihm in solcher Fülle mit, dass es selbst durch äußere Zeichen offenbar wurde, wie groß dieselbe war. Wie er einst in Gestalt feuriger Zungen auf die Apostel herabkam, so ließ er sich jetzt über dem heiligen Bischofe in Gestalt einer feurigen Kugel nieder, die sich in mehrere kleinere Flammen zerteilend ihn von allen Seiten in Feuer hüllte, ohne im geringsten seine Kleider zu beschädigen, und sein Antlitz gleichwie ein Gestirn erglänzen ließ, während sein Herz von der heftigsten Liebesglut verzehrt wurde (Nach Gard, Francois Favre u. A. - Geist des heiligen Franz von Sales. IV, 31 u. 33. – Ebendas. V, 24. – Dom Jean de Saint -Francois, p. 496.). Die Erscheinung war gerade verschwunden, als sein Bruder Ludwig nach seiner Gewohnheit eintrat, um vor dem Abendessen einige Augenblicke in traulichem Gespräche mit ihm zu verbringen. Als er sein wie Feuer glühendes Antlitz sah, erschrak er, weil er glaubte, dass er krank sei, und wollte die Bedienten rufen. „Nicht doch, mein Bruder, sprach der Bischof, rufe niemanden; ich bin nicht krank; ich werde Dir sagen was es ist, unter der Bedingung, dass Du mir versprichst, es keinem Menschen weiter zu sagen; denn es ist das Geheimnis des Herrn." Darauf erzählte er ihm noch an allen Gliedern zitternd das Geschehene und setzte, als sein Bruder sich entfernt hatte, seine Betrachtung fort; er erschien nicht bei der Abendtafel, da er es vorzog, sein Herz ungestört und mit Muse die Süßigkeiten der göttlichen Liebe kosten zu lassen. Zum Andenken an jene himmlische Gunstbezeigung wurde dies Zimmer noch lange nach seinem Tode als ein heiliger Ort verehrt, und er selbst schrieb in ein Buch, das er stets bei sich trug: „Die vigesima quinta Martis, hodie servum suum Franziscum misericorditer visitare dignatus est Dominus.“ (Heute den 25. März hat sich der Herr in seiner Barmherzigkeit gewürdigt, seinen Diener Franziskus heimzusuchen.) In der Seele Ludwig's von Sales herrschte von diesem Tage an ein ganz besonderes Gefühl der Verehrung für seinen heiligen Bruder; er betrachtete ihn nur mehr mit heiliger Ehrerbietung wie Einen, in dem der Geist Gottes wohnt. Oft bat er ihn, ihm zu zeigen, was er über die Liebe Gottes geschrieben, und er las es dann nur auf den Knien, nachdem er sich durch Gebet und oft sogar durch Empfang der heiligen Kommunion darauf vorbereitet hatte.

Doch wünschte Franz seine Arbeit so bald als möglich zu beendigen. „Ich tue an dem Buche, was ich nur kann, schrieb er an Frau von Chantal (Brief 324.); es ist mir eine große Qual, dass ich nicht immer die dazu nötige Zeit habe." Das Geschriebene teilte er immer einigen durch ihr Verdienst hervorragenden Geistlichen, besonders aber seinem Bruder Ludwig mit, und beschwor sie, ihm frei ihre Meinung darüber zu sagen, daran zu ändern, zu streichen oder hinzuzusetzen, ganz wie sie es für gut befänden. Zuweilen auch las er denen, die ihn besuchten, einige Kapitel zur Erbauung vor; und ein Herr, der an tiefer Melancholie litt, erzählte später, dass er durch zwei oder drei Kapitel, die ihm der Bischof aus seinem Manuskripte vorgelesen, gänzlich davon geheilt worden sei. Besonders aber lag Franz daran, sein Buch Männern der Wissenschaft zur Prüfung vorzulegen. „Legen Sie, schrieb er an seinen Geheimsekretär Michael Favre, der sich damals in Lyon befand (Annee de la visitation, 20. Mai.), meine Hefte dem hochwürdigsten Herrn von Marquemont zu Füßen, wenn er Zeit und Muse hat, sich mit ihrer Lektüre zu beschäftigen; sonst übergeben Sie dieselben Herrn Deville, der Doktor der Theologie und zur Approbation der Bücher bestellt ist; ebenso bitte ich, sie auch noch dem Generalvikar Herrn Lafarge und anderen Doktoren vorzulegen. Denn ich weiß, dass sie voller Mängel sind, und zudem habe ich nur wenig Zeit, sie nochmals durchzusehen. Ich bitte und wünsche, dass sie recht mit Muse gelesen und nachsichtig von den Gelehrten beurteilt werden."

In den ersten Monaten des Jahres 1616 war das Manuskript endlich so weit fertig, dass es der Presse übergeben werden konnte, und Ende Juli war der Druck, wenn auch nicht ganz so, wie der Verfasser es wünschte, vollendet; „denn, sagte er in seiner demütigen Einfalt, der Verleger hat mehrere Fehler sich einschleichen lassen und ich manche Unvollkommenheiten; wenn es etwas Vollkommenes in dieser Welt gibt, so darf man es nicht in meinem Laden suchen." Trotzdem machte das Buch überall ungeheures Aufsehen. Der Karthäuser-General, der einst dem Verfasser nach Lesung seiner „Philothea" geraten, nichts mehr zu schreiben, um nicht von der erstiegenen Höhe herabzufallen, bat ihn nun, er möge doch ja in seiner literarischen Tätigkeit fortfahren. Die Jesuiten und die Sorbonne erklärten, dass der Verfasser sich durch dieses Werkchen einem Augustinus und Hieronymus, einem Ambrosius und Gregor ebenbürtig gezeigt habe. Der König Jakob von England, der, trotzdem dass er Protestant war, der „Philothea" ein solches Lob gespendet hatte, rühmte das neue Buch noch weit mehr. In seiner Bewunderung für dasselbe sagte er den anglikanischen Bischöfen gerade heraus, er glaube nicht, dass sie im Stande seien, etwas Ähnliches zu schreiben und die Sprache des Himmels auf der Erde zu reden, wie der Bischof von Genf. „Ach, sprach er, wie sehr wünschte ich mal den Verfasser dieses englischen Buches persönlich zu sehen; er muss ein großer Mann sein!" Das wurde dem heiligen Bischofe wiedererzählt; und weit entfernt, darin eine Befriedigung seiner Eitelkeit zu finden, rief er, dessen Herz ganz und gar von Liebe zu Gott erfüllt war, voll apostolischen Eifers aus: ,,Ach, wer gibt mir Flügel gleich der Taube, damit ich hinüberfliege zu diesem Könige auf jener schönen Insel, einst das Land der Heiligen, nun das Reich des Irrtums. Ja, wenn mein Fürst es mir gestattet, so werde ich hingehen nach diesem neuen Ninive, ich werde zu diesem Könige reden und ihm mit Gefahr meines Lebens die Wahrheit predigen (de Maupas., p. 332.)." Es war dies übrigens kein vorübergehender Wunsch in ihm; denn nie erinnerte er sich der großen Namen eines Anselmus, Thomas, Eduard und anderer Heiligen, welche England hervorgebracht hat, ohne einen schmerzlichen Seufzer für seine Bekehrung auszustoßen.

Doch erfuhr das Buch auch eine ungünstige Beurteilung und zwar von zwei Seiten. Erstens warf man ihm vor, dass es zu theologisch und metaphysisch gehalten sei, um von gewöhnlichen Lesern verstanden werden zu können. Damit stimmte übrigens der Verfasser selbst in der Vorrede überein. „Hätte ich bloß für Personen geschrieben, sagt er, welche nur an der Übung der heiligen Liebe Freude finden, so hätte ich die vier ersten Bücher, sowie noch einige Kapitel der folgenden weglassen können." Sodann tadelte man gewisse von dem Verfasser ziemlich frei gebrauchte Gleichnisse und Ausdrücke, besonders im neunten und zehnten Kapitel des ersten Buches (Geist des heil. Franz von Sales, III, 14.). Seine englische Seele sah von einem zu hohen Standpunkte auf die profane Liebe herab, als dass er den unangenehmen Eindruck auch nur hätte ahnen können, den manche Vergleiche, die er ihr entlehnte, um die übernatürliche Liebe Gottes anschaulich und verständlich zu machen, auf mehr irdisch gesinnte Seelen hervorzubringen im Stande waren.

Trotz dieser Aussetzungen, die heute noch eher an der Stelle sind als damals, bleibt die Abhandlung über die Liebe Gottes immerhin ein Meisterwerk. Der Verfasser beginnt mit einer Einleitung, in welcher er zeigt, dass alle unsere Kräfte und Leidenschaften dem Willen unterworfen sind, dass die Liebe Gottes sich in einer Seele nur unter der Bedingung findet, dass sie über jede andere Liebe herrsche, da sie entweder Alles oder Nichts sein will, da sie nicht leben kann, wenn sie nicht herrscht, ja nicht mal herrschen, wenn nicht ausschließlich, und dass, weil Gott die unendliche Güte und Liebe ist, das menschliche Herz von Natur geneigt ist, ihn über Alles zu lieben, ohne dies jedoch ohne die Hilfe der Gnade zu vermögen.

Diese Betrachtungen bilden den Inhalt des ganzen ersten Buches. Gleichsam als der Geschichtsschreiber der göttlichen Liebe zeigt sodann der Verfasser ihre Entstehung, ihr Fortschreiten und ihre Abnahme. Erzeuger dieser Liebe sind die unendlichen Vollkommenheiten Gottes an und für sich betrachtet, die Wohltaten, welche seine freigebige Hand spendet, von denen die vorzüglichste die Schöpfung, die Erhaltung und Erlösung sind; ferner die Eingebungen der Gnade, die uns antreiben, ihn zu lieben, uns gleichwohl die Freiheit lassend, es nicht zu tun; der Glaube, die Hoffnung, die Erinnerung an unsere Fehler und die sanften Lockungen Jesu Christi. Die so im Herzen erwachte Liebe ist bis zum letzten Atemzuge fähig, durch alle guten Werke, selbst die geringfügigsten, durch das Wirken des in der liebenden Seele stets gegenwärtigen Gottes zu wachsen und zuzunehmen. Hier bespricht er sodann die Vortrefflichkeit der Gnade der Beharrlichkeit, das Glück in der Liebe zu sterben, und letzterer bis in den Himmel folgend, zeigt er, dass sie die Seligkeit der Heiligen ausmacht, durch die klare Anschauung Gottes, dessen Wesen Liebe ist. --- Leider jedoch hält in diesem Leben die Liebe nicht immer den eben beschriebenen Weg ein; der Mensch verlässt zuweilen Gott, um sich den Geschöpfen hinzugeben; das Sinnliche verführt und reißt ihn mit sich fort und während Alles ihn zu Gott hinführen sollte, dient zuweilen Alles dazu, ihn von Gott abzuwenden.

Dies bildet den Inhalt der vier ersten Bücher. In den fünf folgenden werden die Übungen beschrieben, in denen diese Liebe zu Gott sich offenbart. Die erste derselben ist das Wohlgefallen und das Mitleid, indem einerseits die Seele sich freut, den Gott, welchen sie liebt, so schön, so vollkommen, so liebenswürdig zu sehen, und indem sie anderseits ein herzliches Mitgefühl für den leidenden und sterbenden Jesus hat und sich über die Schmach betrübt, welche die Sünde Gott zufügt. Die zweite ist das Wohlwollen, welches wünscht, dass jede Kreatur Gort erkenne, ihn liebe und ihm diene, welches nach dem Himmel seufzt, um ihn ohne Unterlass zu lieben und ihn stets von Allen geliebt zu sehen, welches mit Entzücken in das Lob einstimmt, das Gott sich selbst bereitet. --- Als dritte Übung der Liebe nennt der Verfasser das Gebet, dessen verschiedene Stufen er durchgeht, die Betrachtung, die Beschaulichkeit oder die Ruhe in Gott, die Verzückung, sowie die Leiden der Liebe. Die letzte Übung ist die Vereinigung unseres Willens mit dem göttlichen durch Gehorsam gegen seine Gebote, seine Ermahnungen und Eingebungen und durch eine gänzliche Zufriedenheit mit Allem und Jedem, was er von uns verlangt oder uns auferlegt. Dieser Abschnitt, welcher das achte und neunte Buch umfasst, ist das Schönste des ganzen Werkchens. Hier zeigt sich die Liebe auf ihrem Höhepunkte, indem sie nur das will, was Gott, der Geliebte, will und indem sie nichts Anderes will, zufrieden damit, sich zum Opfer zu bringen, auf dass Gott Alles in ihr sei. In den drei letzten Büchern handelt der Verfasser von dem Gebote der Gottesliebe, zeigt die Erhabenheit, die Wirkungen und den Charakter derselben und gibt Mittel an, um Fortschritte in derselben zu machen.

Diese Arbeit war die Frucht der vielen während vierundzwanzig Jahren gehaltenen Predigten, wie der Verfasser selbst sagt, und solch tiefen Studiums, dass ein kleiner Abschnitt von vierzehn Zeilen die Lektüre von mehr als zwölfhundert Folio-Seiten (1 Folio-Blatt = Vorder- und Rückseite) erfordert hatte (Geist des heil. Franz von Sales, III, 15.). Er behandelt die schwierigsten und dunkelsten Fragen der Theologie, die wirksame Gnade, die Prädestination, den Anfang des Glaubens, Fragen, die gleich Dornen die behutsamste Behandlung erfordern; aber diese Dornen verwandelt er in Blumen durch seine kurzen und klaren, in die anmutigste Form der Sprache gehüllten Erläuterungen. Durch seine heitere und liebenswürdige Laune, die aus jeder Zeile hervorleuchtet, benimmt er den scholastischen Fragen ihre Trockenheit; seine blühende Einbildungskraft umkleidet Alles, was er sagt, mit freundlicher Anmut und selbst das, was sich der sinnlichen Anschauung am meisten entzieht, das rein Geistige, erhält durch seine so treffenden Vergleiche und Beispiele, die meistens der heiligen Schrift entlehnt sind, Gestalt und Leben. Allein trotz der vielen Bilder und der blühenden Sprache herrscht in dem Buche eine große Einfachheit; der fruchtbare Geist und die Einbildungskraft des Verfassers verirren sich nie ins Unnatürliche, die Ausschmückungen fliessen ganz von selbst aus seiner Feder; es ist jene natürliche Beredsamkeit, jene liebenswürdige Einfalt eines Herzens, welches nur so redet, wie es denkt und empfindet, ohne es zu wollen, sich selbst schildert, welches selbst in den gewöhnlichsten Gegenständen unbekannte, aber so natürliche Schönheiten findet, dass man sich wundert, wie man sie nicht schon längst selbst bemerkt habe.

Um diese Zeit erging eine herzliche Einladung von der Stadt Grenoble an ihn, die Adventspredigten im Winter 1616 sowie die Fastenpredigten im nächsten Jahre zu halten. Da der Herzog nichts dagegen einzuwenden hatte, so sagte er zu und reiste vor Beginn des Adventes ab. Diese ganze Zeit über führte er in Grenoble ein wahrhaft apostolisches Leben, er scheute keine Mühe und Anstrengung, um die Stadt geistig umzuwandeln, predigte jeden Tag, hörte jeden, der sich an ihn wandte, Beichte, und gewährte Allen, die ihn nur darum ersuchen ließen, eine Privatunterredung, in der sie sich weitläufig mit ihm über Gewissensfragen besprechen konnten. Gegenstand aller seiner Predigten bildeten die Worte des Engels an Maria:
Gegrüssest seist Du u. s. w." Dieser Gruß bot ihm Stoff für die ganze Adventszeit und der Erfolg seiner Predigten war ein außerordentlicher. Der Marschall von Lesdiguieres, damals Oberbefehlshaber im Dauphine, konnte, obgleich Kalvinist, der Neugierde, einen so berühmten Redner zu sehen und zu hören, nicht widerstehen. Er ging darum in eine seiner Predigten und war von der Zeit an einer seiner eifrigsten Zuhörer. Von der Gnade gerührt begehrte er bald eine Privatunterredung mit Franz. Letzterer befand sich bei dieser Gelegenheit in einer misslichen Lage, da es sich mehr darum handelte, den Marschall zur Tugend zurück zu bringen, als ihn durch Vernunftgründe für die Wahrheit zu gewinnen, denn er hatte einen unerlaubten Umgang mit einer verheirateten Frau, die ihrem Manne entführt worden war. Aber der Bischof benahm sich mit so viel Takt und Klugheit, mit so großer Schonung und Kühnheit zugleich, dass er ihm, ohne zu verletzen, Alles sagen konnte, was gesagt werden musste. Die Unterredung dauerte vier Stunden und er bat am Ende derselben den Marschall um Verzeihung, wenn ihm gegen seinen Willen etwa ein Wort entfallen sei, das ihm habe unangenehm sein können. „Nein, hochwürdigster Herr, erwiderte dieser, Sie haben nichts gesagt, das nicht gut und recht gewesen sei; ich werde darüber nachdenken und Alles reiflich erwägen, wie es eine so wichtige Sache verlangt." Von der Zeit an blieb er mit dem Bischofe in enger Beziehung, lud ihn oft zu Tische, besuchte ihn häufig, und sprach bei jeder Gelegenheit nur mit der größten Achtung von ihm als von einem Manne, der es verdiene, von Allen geliebt und bewundert zu werden (Charl.-Aug., p. 494. – Geist des hl. Franz v. Sales, III, 45.).

Dies Verhalten des Marschalls beunruhigte die protestantischen Prediger um so mehr, weil auch viele Andere von ihrer Partei den Predigten des Bischofs von Genf beiwohnten und voll Verehrung für ihn und seine Lehre daraus zurückkehrten. Sie beschlossen darum, ihm über eine ihrer Sache so nachteilige Handlungsweise Vorstellungen zu machen. Als der Marschall das erfuhr, ließ er ihnen sagen, wenn sie als Freunde kämen, um ihn zu besuchen, oder wenn sie über irgend eine andere Angelegenheit mit ihm zu sprechen wünschten, so würde er sie gerne empfangen; sollten sie sich aber erkühnen wollen, ihm Vorstellungen zu machen, so könnten sie versichert sein, dass sie, wenn sie durch die Türe hereingekommen wären, durchs Fenster wieder hinausgehen würden. Da sie also persönlich nicht mit ihm sprechen konnten, so baten sie einen der angesehensten Edelleute der Provinz, es an ihrer Stelle zu tun. „Sagen Sie diesen Herren, gab der Marschall zur Antwort, dass ich alt genug bin, um zu wissen, was ich zu tun habe. Sie sind zu unbedeutend und zu jung, um einem Manne von meinem Alter und meiner Stellung Lebensart beibringen zu wollen. Ich weiß sehr wohl, wie man einen Bischof zu behandeln hat; er ist etwas ganz Anderes, als unsere Prediger, die höchstens im Range von Pfarrern stehen, da sie die bischöfliche Würde, wiewohl sie in der heiligen Schrift ganz begründet ist, verworfen haben; und ich glaube, sie bereuen es nicht. Wenn ich einmal sehe, dass regierende Fürsten, Söhne und Brüder von Königen Prediger werden, wie es deren gibt, die es für eine Ehre halten, Bischof, Erzbischof oder Kardinal zu sein, dann werde ich sehen, welche Ehre ich diesen Predigern zu erweisen habe." Leider wurden seine Beziehungen zum Bischofe zu früh unterbrochen, da ihn seine Soldatenpflicht bald hinweg rief; es würde sonst letzterem jetzt schon gelungen sein, ihn in den Schoss der Kirche zurückzuführen.

Noch herrlichere Früchte, als seine Adventspredigten, brachten seine Fastenpredigten im nächsten Frühjahre hervor. Viele schlechte Katholiken kehrten zur Tugend, viele Protestanten zum wahren Glauben zurück; von letzteren verdient namentlich der Prediger Barbier, einer der hervorragendsten von Allen, erwähnt zu werden, der nach seiner Bekehrung Mehreres gegen die Lehre Kalvin's schrieb. Die Gelehrtesten selbst konnten dem berühmten Bischofe ihre Bewunderung nicht versagen. „Welch ein Mann! rief einer vor allem Volke aus, mit welcher Klarheit behandelt er die schwierigsten theologischen Fragen, und wie verständlich macht er sie auch den gewöhnlichsten Leuten!" --„Kein Wunder, bemerkte ein Anderer, dass er so viele segensreiche Erfolge erzielt; denn mit seiner Lehre verbindet er die Heiligkeit seines Lebens, er hat nicht nur das vollste Verständnis dessen, was er predigt, er befolgt es noch besser in seinen Werken (Charl.-Aug., p. 493.)."

Der Heilige predigte jeden Tag und kaum fand er so viel Zeit, um sich vorzubereiten, da man von allen Seiten zu ihm kam, um sich Rats zu erholen; und zu jeder Stunde des Tages, mochte er auch noch so beschäftigt sein, empfing er jeden mit der größten Freundlichkeit, als habe er nichts Anderes zu tun, als gerade ihn anzuhören, und nie ließ er durchblicken, dass ihm Einer ungelegen kam. Außerdem hörte er Alle, die sich nur bei ihm meldeten, Beichte, erwiderte Besuche, die ihm nützlich schienen und widmete noch einen Teil seiner Zeit den Klöstern, in denen er die religiöse Vollkommenheit predigte.

Die protestantischen Prediger, Zeuge einer so erfolgreichen Tätigkeit, waren außer sich, und einer glaubte die Seinigen von der Anhörung der Predigten des Bischofs abzuhalten, wenn er die seinigen zur selben Stunde hielte; allein das Ende davon war, dass er keine Zuhörer hatte. Wütend verlangte er da eine öffentliche Disputation mit dem Bischofe, der ganz entzückt darüber war. Einer seiner Freunde bemerkte ihm, dass dieser Prediger eine unglaubliche Unverschämtheit besitze und die bischöfliche Würde Gefahr laufe, Beschimpfungen zu erleiden. „Um so besser, erwiderte Franz; das ist gerade unsere Sache." -- „Aber er wird Sie auf eine unwürdige Weise behandeln." „Noch besser! das wünsche ich gerade! O, welch eine Ehre wird Gott aus meiner Beschämung erwachsen!" -- „Aber esgeziemt sich doch nicht, Ihre Würde der Beschimpfung preis zugeben." -- „Jesus Christus hat deren ganz andere erduldet! Ich hoffe, dass Gott mir die Gnade verleihen wird, viel mehr Beleidigungen zu ertragen, als er mir nur immer zu sagen im Stande sein wird, und wenn wir so recht Demütigungen erfahren, so wird Gott dadurch herrlich erhöht werden (Annee de la visitation, 17. fevrier.). Sie werden sehen, dass dann Bekehrungen haufenweise stattfinden; es ist Gott eigen, sich Ehre und Lob aus unserer Schande zu bereiten." Leider kam die Disputation nicht zu Stande; sie wurde verhindert durch die Protestanten selbst, da sie vor der Überlegenheit des katholischen Kämpfers eine gewaltige Furcht hatten (Geist des heil. Franz von Sales, I, 27.).

Nachdem Franz so an der Heiligung Anderer gearbeitet hatte, dachte er auch an sich, und nach Beendigung der Fastenpredigten begab er sich in das Kloster der Minimi, vom heiligen Franz von Paula gestiftet, um dem Mantel dieses Heiligen, der daselbst als Reliquie aufbewahrt wurde, seine Verehrung zu erweisen. Während er im Gebete dort verweilte, drängte sich die Menge, begierig den Mantel in der Nähe zu sehen, so nahe als möglich heran. Franz wurde von allen Seiten und nicht eben auf die sanfteste Weise gedrängt und gestoßen; allein seine Geduld, seine Ruhe und Vereinigung mit Gott war der Art, dass ihm kein Wort, keine Bewegung, kein Zeichen entfuhr, um das ungestüme Volk zurück zu halten; unbeweglich wie eine Bildsäule verharrte er in seiner betenden Stellung und nachdem er seine Andacht beendet, empfing er vom Oberen den Ordensgürtel und die Affiliations-Urkunde (Sohnwerdung), d. h. dass er nun zum Ordens-Verbande gehöre und an allen Verdiensten desselben Teil habe. Als er die Kirche verließ, wollten ihn die Patres um Entschuldigung wegen der vorgefallenen Störung bitten. „Nicht doch, versetzte er, soll denn nicht jeder seine Andacht verrichten? Ich kann Euch versichern, dass ich nur wenig auf das, was um mich her vorging, Acht gegeben habe; ich dachte nur an den heiligen Franz von Paula, der mich geistigerweise in seinen Verein aufnahm und mich durch äußere und innere Bande verpflichtete, alle Minimi als meine Brüder zu betrachten (Annee de la visitation, 1. avril.. – Charl.-Aug., p. 496. )." In der Tat nannte er sich von da an, so oft er einem von diesen Ordensgeistlichen begegnete, seinen Bruder, der in Wahrheit in jeder Hinsicht der Geringste und der Kleinste sei.

Ohne Aufenthalt eilte er nun nach Annecy zurück, und als er daselbst gefragt wurde, warum er so schnell, ohne sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen, eine Stadt wieder verlassen habe, in der ihm solche Ehre und Hochschätzung zuteil geworden, gab er zur Antwort: „Diese großen Städte und jene Ehrenbezeigungen sind nicht mein Element; ich komme mir in ihnen wie eine Bildsäule außerhalb ihrer Nische vor, wie ein im Wege stehendes Hindernis." In der Tat liebte er sein kleines Annecy und sein Zimmer mehr, als alle großen Städte und alle Paläste der Könige (Charl.-Aug., p. 496. ). Hier, in dieser teuren Einsamkeit betete er ohne Unterlass für den Frieden unter den Staaten, für die Eintracht unter den christlichen Fürsten und das Wohl der ganzen Kirche. Hier hatte er in vollkommener Vereinigung mit Gott einen Vorgeschmack der Freuden des Paradieses und belebte stets auf's neue seinen Eifer durch den Hinblick auf das Beispiel so vieler heiligen Genossenschaften, in deren Verband er stand; in Annecy endlich und in seiner Umgebung lagen jene drei Kirchen, die seinem Herzen so teuer waren, die des heiligen Dominikus, von der Heimsuchung und jene von Thorens. Wir ersehen dies aus einem seiner Gespräche voll der bezauberndsten Einfalt, das er mit dem Dominikaner Pater Blanc hatte. Eines Tages hatte er in der Kirche des heiligen Dominikus über den Glauben gepredigt und jener Pater konnte sich nicht enthalten, ihm beim Fortgehen zu bemerken, dass er auf eine solche Weise nie über den Glauben habe sprechen hören. --„Nun, mein Freund, versetzte der Bischof, ich habe mich erinnert, dass ich in Ihrer Kirche gefirmt wurde, jene Stärkung und Befestigung im Glauben erhielt, und das hat mich in Begeisterung versetzt." – „Ach, hochwürdigster Herr, sprach der Pater, Sie beweisen unserer Kirche stets so großes Wohlwollen!" -- „Dafür sind Sie mir keinen Dank schuldig, Pater Blanc, erwiderte der Bischof; ich tue nur meine Pflicht und folge einfach meiner Neigung, wenn ich Ihre Kirche begünstige; ich liebe in Wahrheit alle Kirchen meiner Diözese, aber drei liebe ich doch vor allen; die von Thorens, in der ich getauft und später zum Bischofe geweiht wurde, die Ihrige, in welcher ich gefirmt wurde, und die von der Heimsuchung, in der man mich begraben wird." --- „Wie, hochwürdigster Herr, rief da der Pater sich ihm zu Füssen werfend, aus, Sie wollten uns Ihres Leichnams berauben und unserer Kirche ein solches Unrecht zufügen, die seit so vielen Jahren die Gräber Ihrer Vorfahren, unserer Wohltäter, in sich birgt?" --- „Ich habe Ihnen da wirklich zu viel gesagt, sprach Franz lächelnd; nichtsdestoweniger wünsche ich, dass jedermann es wisse, dass ich weder im Leben noch im Tode dieser Welt angehöre, noch ihr angehören will; es ist ganz in der Ordnung, wenn nach meinem Tode mein armseliger Leichnam in einem Winkel jener armen, kleinen Kirche von der Heimsuchung verborgen ruht; ich habe sie geweiht, und unsre Schwestern werden Sorge tragen, für mich zu Gott zu beten (Memoires de la mere de Chaugy. - Annee de la visitation, 4. aout.)."

Die Ruhe, welche der Heilige in seinem geliebten Annecy genoss, sollte aber bald wieder auf's grausamste gestört werden: sein Bruder, der Baron von Thorens, einer der tüchtigsten und edelsten Offiziere im Heere des Herzogs von Savoyen, wurde plötzlich von einem pestartigen Fieber befallen, das ihn in wenigen Tagen dahinraffte (Charl.-Aug., p. 497.). Der erste Schmerz des Bischofs war unbeschreiblich, als er diese Trauerbotschaft erhielt, und reichlich flossen seine Tränen. Dann aber vereinigte er sich, Augen und Hände zum Himmel erhebend, mit dem Willen der Vorsehung, indem er betete: „Ja, ewiger Vater, ich will es so von ganzem Herzen, weil es wohlgefällig vor dir war (Matth. XI, 26). Ohne Murren und ohne Klage unterwerfe ich mich, weil du dies getan hast. Der Name des Herrn sei gebenedeit (Ps. 71.). Unbegreiflich sind seine Ratschlüsse und unerforschlich seine Wege 3)." Wie heroisch seine Ergebung war, geht aus mehreren Briefen hervor, die er auf Anlass dieses Todesfalles an eine seiner Schwestern und eine andere Verwandte schrieb. „Ich habe viel geweint, sagt er (Brief 380.); denn innig liebte ich diesen Bruder und ohne dass ich es verhindern konnte, empfand ich aufs lebhafteste jenen Schmerz, der unserer Natur so eigen ist; nun aber, da ich weiß, wie fromm er gestorben ist, in den Armen jener guten Barnabiten, nun bin ich ganz getröstet und ich denke oft bei mir selbst: Gott sei in Ewigkeit gepriesen, dass er ihn aufgenommen hat in die Schar seiner Auserwählten und einem Berufe entzogen, der mit so vielen Gefahren für die Seele verbunden ist. Alles, was Gott tut, ist wohlgetan. . . Es kommt mir wie ein Traum vor, schrieb er ferner (Brief 382.), wenn ich denke, dass dieser gute Bruder gestorben ist, kaum nachdem er in Turin angekommen war. Inmitten meiner schmerzlichen Betrübnis rufe ich aus: Da Gott es gewollt hat, so muss es so am besten sein. Sein Name sei gebenedeit und seine Ratschlüsse angebetet in Ewigkeit."

Er hielt es für seine Pflicht, diese Todesnachricht selbst der Frau von Chantal und ihrer Tochter, der Baronin von Thorens, zu überbringen und der Gedanke an ihren Schmerz war für ihn ein Gegenstand frischen Kummers. Damit ihm nicht irgend eine unvorsichtige Zunge zuvorkomme, machte er sich auf der Stelle auf den Weg zu ihnen. Er begann damit, dass er die junge Baronin an den frommen Vorsatz erinnerte, den sie und ihr Gemahl gefasst hatten, bei dem Tode des Einen von ihnen Beiden in einen Orden zu treten, und schluchzend fügte er dann hinzu: „Was bei der Abreise Ihres Gemahls nur ein einfaches Vorhaben war, ist nun zum festen Entschlusse geworden. Er hat gefunden, wonach sein Herz sich sehnte, es liegt jetzt nur mehr an Ihnen, Ihren Vorsatz auszuführen." --- „O, mein Vater, mein Vater, rief bei diesen Worten die Baronin aus, ich verstehe sie! mein Gatte ist tot." und ohnmächtig fiel sie nieder. Ihr erstes Wort, als sie wieder zu sich gekommen, war: „O mein Gott, von nun also gehöre ich dir allein an!“ Frau von Chantal war unterdessen herbeigeeilt. „O Mutter, rief ihr die junge Baronin entgegen, der hochwürdigste Herr sagt mir so eben, dass Herr von Thorens tot ist." Das erschütterte die Mutter so gewaltig, dass auch sie in Ohnmacht fiel. Denke man sich die Seelenangst des Bischofs in Gegenwart dieser teuren Personen, deren Schmerz der Art war, dass er sie des Bewusstseins beraubte! Als sie endlich etwas gefasster geworden, sprach er ihnen von der Ergebung eines Christen mit solcher Kraft und Salbung, dass es ihm gelang, ihre Tränen für kurze Zeit zu stillen; aber die Natur gewann bald wieder die Oberhand, namentlich bei der jungen Baronin. Sie betrachtete sich fortan nur mehr als die trauernde Witwe, von welcher der heilige Paulus redet, deren einzige Beschäftigung es ist, zu seufzen, zu weinen und zu beten. Ihre frühere Heiterkeit, ihre muntere Gesprächigkeit wich einem düsteren Schweigen, und tödliche Blässe bedeckte ihr Gesicht. Dem Bischofe blutete das Herz, wenn er sie so sah, und doch sollte es noch schlimmer kommen. Welche Anstrengungen die Baronin auch machte, um ihren Schmerz zu bezwingen, sie musste endlich unterliegen. Fünf Monate später machte sie eine Frühgeburt, die eine lange Ohnmacht zur Folge hatte. Das Kind wurde auf der Stelle getauft und starb schon nach einer Stunde. Wieder zu sich gekommen, verlangte sie nach dem Kleinen und leider konnte man ihr nur einen Leichnam bringen; sie nahm ihn in ihre Arme, bedeckte ihn mit Küssen und Tränen und verfiel in heftige Krämpfe; die Schmerzen erreichten bald den äußersten Grad von Heftigkeit und die Ärzte wussten keinen Rat mehr. Man schickte nach dem Bischofe, der auf der Stelle nach dem Zimmer der Sterbenden eilte. Sie bemerkte ihn sogleich. „Mein Vater, rief sie ihm mit schwacher Stimme entgegen, wir müssen sterben!" – „Ich weiß es, meine Tochter, aber wollen Sie von mir sprechen?" -- „Nein, sicher nicht, Sie müssen leben für Gottes Ehre und die Heiligung der Seelen; aber ich sterbe. Ich habe Gott das Opfer meines Lebens gebracht, und ich verlange nichts mehr, als in seiner heiligen Liebe zu sterben." Erpresste ihr der heftige Schmerz von Zeit zu Zeit den Seufzer: „O welche Qual, mein Gott!" so setzte ihr Glaube alsbald verbessernd und ermutigend hinzu: „Doch, was ist alles dieses im Vergleiche mit den Schmerzen Jesu am Kreuze." -- „Würden Sie nicht gerne, fragte da einmal der Bischof, in diesen Schmerzen bis zum Ende der Welt bleiben, wenn es so der Wille Gottes wäre?“ – „O ja, antwortete die sterbende Christin, in diesen und in allen Schmerzen, die er mir nach seinem Wohlgefallen nur senden mag. Gehöre ich ihm denn nicht ganz und ohne Vorbehalt an?" Der Bischof schlug ihr vor, die heiligen Sakramente zu empfangen; freudig stimmte sie zu und ihre Andacht dabei war die eines Engels. Sodann machte sie bei vollem und klarem Bewusstsein ihr Testament, in welchem sie den Bischof von Genf zum Universalerben sämtlicher Güter des Barons von Thorens einsetzte; ihre Mitgift bestimmte sie zur Hälfte dem Orden von der Heimsuchung, zur Hälfte ihrem Bruder und ihrer Schwester. Nachdem sie so ihre zeitlichen Angelegenheiten in Ordnung gebracht hatte, sprach sie zum Bischofe: „Mein Vater, jetzt habe ich nur mehr einen Wunsch, den, als Schwester von der Heimsuchung zu sterben." Er willfahrte diesem Verlangen, und nahm sie in Gegenwart der ganzen Genossenschaft, zuerst als Novizin, dann als Profeßschwester in dieselbe auf. Nun war sie zufrieden; sie hatte kein anderes Verlangen mehr, als das nach dem Himmel, für die Erde lebte sie nicht mehr. Bis zu ihrem letzten Augenblicke sprach sie nur mehr von heiligen Dingen, waren fast alle ihre Worte nur mehr ebenso viele Gebete, ihre Seufzer nur mehr ebenso viele fromme Anmutungen. Endlich starb sie den Tod der Heiligen mit den Namen „Jesus und Maria" auf ihren Lippen (Memoires de Darie par Camus.).

Franz musste sich Gewalt antun, um der teuren Verstorbenen die letzte Ehre erweisen zu können, und sobald das Begräbnis vorüber war, ließ er sich Pferde bereit halten, um unverzüglich abzureisen. Seine Leute glaubten im Anfange, er wolle sich nach dem nur drei Stunden entfernten Schlosse Sales begeben, um sich dort ein wenig zu erholen; als sie aber erfuhren, dass er nach Belley gehe, konnten sie ihm ihr Erstaunen nicht verhehlen, dass er Frau von Chantal in ihrer Trauer allein lasse. „Ach, sprach er, ihr beurteilt mein Herz falsch, wenn ihr meint, ihre Niedergeschlagenheit sei größer, als die meinige; ich kenne ihre Seelenstärke und meine Schwäche. Wie sollte ich sie trösten können, da ich des Trostes bedürftiger bin als sie? Wundert euch darum nicht, dass ich ihn dort suchen will, wo ich ihn zu finden hoffe."

In demselben Jahre sollte er noch zwei andere schmerzliche Verluste erleiden; zwei seiner besten Freunde wurden ihm ebenfalls durch den Tod entrissen. Der eine war der Direktor des Kollegiums von Annecy, Pater Simplicius, ein Mann der Wissenschaft und Frömmigkeit, nicht nur von seinen Schülern, sondern auch von der ganzen Stadt hochverehrt und geliebt. Der andere war Herr von Coex, der, um ihn von seinem Bruder, dem Prior von Talloires, zu unterscheiden, den Zunamen von Sainte-Catherine führte. Kanonikus an der Kathedrale, ein vollkommener Priester, war er Franz noch mehr als ein Freund; er war zugleich sein Beichtvater, durch seine Wissenschaft und seinen frommen Eifer seine rechte Hand und der Bischof schätzte und liebte ihn sehr. Als er von seiner Erkrankung hörte, wurde er mit lebhafter Besorgnis erfüllt und er betete inbrünstig für die Erhaltung seines Lebens, das ihm in mehr denn einer Hinsicht so kostbar war. Aber Gott offenbarte ihm, dass sein Tod nahe bevorstehe (Charl.-Aug., p. 509.), und all seinen christlichen Heldenmut zusammennehmend, um sich abermals demütig unter den Willen Gottes zu beugen, war er nur darauf bedacht, seinen Freund auf das Opfer seines Lebens vorzubereiten. In dieser Absicht eilte er zu ihm. Er fand den Bruder des Kranken, den Prior von Talloires, ganz in Tränen aufgelöst. „Ich habe viel für die Gesundheit unseres teuren Bruders gebetet, sprach er zu ihm, aber Gott hat mir offenbart, dass er ihn von dieser Welt hinwegnehmen will, Er ist der Herr, wir müssen uns unterwerfen; was Ihr Bruder hier leidet, das wird ihm als Fegfeuer angerechnet werden." Nachdem er eine Zeit lang bei dem Kranken verweilt hatte, begab er sich wieder nach Hause, mit Hinterlassung des Auftrags, ihn ja gleich zu rufen, wenn die Gefahr größer werde. Der Prior von Talloires wich nicht von der Seite seines Bruders, der ihm noch manches tröstliche und liebevolle Wort sagte. „Mein Bruder, sprach er unter anderem, trockne Deine Tränen und betrübe Dich nicht so sehr über meinen Tod; ich habe Dich dem Bischofe empfohlen und er hat mir versprochen, Dir ein Bruder zu sein. Hüte Dich, ja etwas zu unternehmen, ohne ihn vorher um Rat gefragt zu haben. Er ist ein großer Heiliger, ein Johannes der Täufer an Unschuld und Reinheit, ein Karl Borromäus an Demut. Es macht mich glücklich, Dir das noch zu sagen im Augenblicke, wo ich die Welt verlasse; ich durfte dies Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen (Dom Jean de Saint-Francois, p. 368.)." Bald darauf wurde es schlimmer mit ihm und man schickte gleich zu Franz, der gerade bei Tische sass. Auf der Stelle erhob er sich und eilte zu dem Kranken zurück. „Mut, mein Bruder, sprach er zu ihm, wir sterben, aber wir sterben gut. Sagen Sie aus Grund Ihres Herzens: Es lebe Jesus, den ich liebe, Jesus, auf den ich vertraue, Jesus, auf dessen Verdienste und heiliges Leiden ich meine ganze Hoffnung setze! Die Pforten der Ewigkeit öffnen sich und Sie werden den Herrn unseren Gott im Lande der Lebendigen schauen." Bei diesen Worten erhob der Kranke seine Augen zum Himmel, und nachdem er mehrere Male: „es lebe Jesus!" leise gerufen, verlor er die Sprache und der Todeskampf begann. Der Bischof kniete mit den Anwesenden nieder und betete die Litanei der Sterbenden. Da der Todeskampf lange währte und dem Sterbenden unsägliche Angst verursachte, hielt der Bischof einen in das Blut des heiligen Karl Borromäus getauchten Holzsplitter in ein Glas Wasser und ließ ihn einige Tropfen davon trinken, nachdem er es vorher gesegnet hatte. Im nämlichen Augenblicke wich die Angst, die Heiterkeit kehrte auf das Antlitz des Sterbenden zurück und gleich darauf entschlief er sanft im Herrn (Nach Myncet.). Franz machte noch einmal das Zeichen des heiligen Kreuzes über ihn, drückte ihm die Augen zu und erleichterte seinen Schmerz durch reichliche Tränen; so lieben die Heiligen.

Vom Sterbebette seines Freundes wurde der Bischof zu einem Sterbenden ganz anderer Art gerufen. Es war ein öffentlicher Sünder, der, als er nach einem Leben voller Ausschweifungen den Augenblick so nahe sah, in dem er vor seinem obersten Richter Rechenschaft ablegen musste, sich in einem Zustande der wildesten Verzweiflung befand. Alle Priester hatte er bis jetzt zurückgewiesen und wollte von einer Beichte nichts wissen. Franz kam und redete ihm so liebevoll und herzlich zu, bat ihn so innig, doch zu bedenken, wie groß die göttliche Barmherzigkeit sei, dass der Kranke sich unwillkürlich sagen musste: „Wenn ein Mensch schon so gut sein kann, wie gut muss dann erst Gott sein?" Und sein Herz öffnete sich dem Vertrauen, er fasste wieder Mut; öffentlich bat er um Verzeihung für alles Ärgernis, das er durch seine viele Sünden gegeben, und nachdem er auf das reumütigste gebeichtet und andächtig die letzten Sakramente empfangen hatte, starb er im Frieden des Herrn.

Wiederum war unterdessen die Fastenzeit herangekommen und der Bischof rüstete sich zu einer abermaligen Reise nach Grenoble, um dort zum zweiten Male die Fastenpredigten zu halten; auch im letztverflossenen Advente hatte er der dringenden Einladung der Stadt zu gleichem Zwecke Folge geleistet, so dass er in zwei aufeinanderfolgenden Jahren vier Mal daselbst predigte. Wie gewöhnlich war auch diese Mission eine Zeit des reichsten geistlichen Segens für jedermann, und es wurde dem Bischofe die Freude zuteil, den früher erwähnten Marschall de Lesdiguieres sich noch mehr in der Überzeugung von der Wahrheit der katholischen Religion befestigen zu sehen, bis er dann später feierlich in den Schoss der Kirche zurückkehrte.

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Sechstes Kapitel.

Reise des heiligen Franz nach Paris. –
Seine Wirksamkeit daselbst.

(1618 und 1619.)

Schon mehrere Male hatte man Franz gebeten, er möge doch gestatten, dass man ihn abmale, allein seine Demut hatte sich nie dazu entschließen können. Doch fand endlich ein mehr schlauer Künstler ein Mittel, seinen Widerstand zu besiegen. „Hochwürdigster Herr, sprach er zu ihm, Sie sind schuld daran, dass Gott oft beleidigt wird." -- „Wie so?" fragte der Heilige erstaunt. --- „Nun, weil Sie sich durchaus nicht wollen malen lassen; dadurch sind Sie schuld daran, dass Viele die Sünde der Unzufriedenheit und des Unwillens begehen." --- „Wenn dem so ist, sprach da Franz, so will ich wohl meine Zustimmung geben, dass man ein Bild von diesem irdischen Menschen nehme, vorausgesetzt, dass man zu Gott betet, ich möge das Bild des himmlischen Vaters in mir nachbilden." Er saß also dem Künstler ein Mal, aber nur sehr kurze Zeit, und dadurch kam es, dass derselbe nur sehr unvollkommen eine Ähnlichkeit erreichte. Doch fertigte er mehrere Kopien des Porträts an, aber er konnte nur sehr wenige davon verkaufen, da man in ihnen die Züge des Originals nicht wieder zu finden vermochte. Deshalb wagte er einen neuen Versuch bei dem Bischofe. „Hochwürdigster Herr, sprach er, ich beschwöre Sie im Namen der Liebe und der Wahrheit, sitzen Sie mir doch noch ein zweites Mal; ich bitte Sie im Namen der Liebe, weil Sie mir dadurch mein Brot verschaffen, im Namen der Wahrheit, weil ich den Käufern immer versichern muss, dass Ihr Porträt naturgetreu sei, und dieser Lüge können Sie allein ein Ende machen; denn ich liebe Sie so sehr, dass ich Sie immer schöner mache, als Sie wirklich sind, wenn ich Sie nicht vor Augen habe." ---- „Ich weiß nicht, sprach Franz lächelnd, ob Ihre Gründe da mehr gut erfunden oder offenherzig sind; doch, wie dem auch sei, für dies Mal darf ich nicht eigensinnig sein." Er saß ihm also zwei Stunden lang. „Ach, hochwürdigster Herr, sprach der Maler, als er fertig war, welch' ein großes Almosen haben Sie mir da gegeben." -- „Und Sie, versetzte Franz, haben mir eine große Beschämung verursacht. Aber ich verzeihe Ihnen unter der Bedingung, dass Sie nicht wieder kommen (Annee de la visitation, 15. Juin.)." Einige Zeit darauf beeilte sich ein Freund des Bischofes, der erfahren, dass er sein Portrait habe machen lassen, eines von ihm zu erbitten. „Sehen Sie da, schrieb ihm Franz (Brief 625. – Geist des heil. Franz v. Sales, XVIII, 32.), das Bild dieses irdischen Menschen; so sehr bin ich außer Stande, Ihnen etwas abschlagen zu können. Man sagt, dass ich nie gut getroffen worden, und ich glaube, daran liegt mir wenig. Ich habe es geliehen, um es Ihnen geben zu können, denn ich selbst besitze keines. Ach, wäre das Bild des Schöpfers in seinem Glanze in meiner Seele, wie gerne würden Sie es dann betrachten! O Jesu! durch deinen Blick heile, belebe, vollende, mache dir ähnlich, die du durch dein Blut erlöst hast."

So war es dem Heiligen nicht möglich das abzuschlagen, was er, ohne eine Tugend zu verletzen, gewähren konnte. Und man hatte nicht nötig, ihn lange zu bitten, jeden Wunsch erfüllte er sogleich. Eines Tages hatte er am Feste des heiligen Bonaventura bei den Franziskanern in Annecy gepredigt, und die Kapuziner, welche dasselbe Fest feierten, beklagten sich gegen Abend bei ihm, dass er den ganzen Tag den Franziskanern geschenkt habe, ohne ihre Kirche mit seiner Gegenwart zu beehren. „Ihr habt Recht, sprach Franz, aber es ist noch Zeit." Auf der Stelle legte er Rochet und Mozetta wieder an und ging in ihre Kirche, um daselbst den Segen zu geben und zu predigen. Die Patres baten ihn nachher um Entschuldigung, dass sie ihm nach den übrigen Anstrengungen des Tages noch diese Ermüdung verursacht hatten. „Ich gehöre, erwiderte er ihnen, zum Orden des heiligen Franziskus ohne zwischen den verschiedenen Gliedern dieser Familie zu unterscheiden, und zwar gehöre ich ihm durch ein doppeltes Band an, durch die Taufe, in der ich den Namen Franziskus Bonaventura erhielt, und durch meine Aufnahme in euren Orden (Annee de la visitation, 14. juillet.)."

Um diese Zeit erhielt Franz ein Schreiben von einem berühmten Jesuiten, Leonhard Lessius
(Lessius war von 1585 bis 1605 Professor der Theologie in Löwen. Er stellte in jenem Streite zwischen den Jesuiten und Thomisten über die Gnade und Prädestination mehrere Propositionen auf, die von den Universitäten Löwen und Donai verworfen wurden; der heilige Stuhl jedoch erklärte die Lehre Lessius' für unverfänglich. Nicht nur war Lessius ein bedeutender Theologe, Jurist, Mathematiker, Mediziner und Historiker, wie seine zahlreichen Schriften bekunden, sondern auch ein heiligmäßiger Mann, und man hoffte, dass der Papst ihn selig sprechen würde.), worin ihm dieser seine innige Verehrung und unbegrenzte Ergebenheit ausdrückte. Er antwortete ihm in einem lateinischen Briefe, der in der Folge Berühmtheit erlangte. Da der Verfasser sich in demselben zu der Meinung der Jesuiten über die Prädestination und die Gnade bekennt, so wurde die Echtheit dieses Briefes von den Vertretern der entgegengesetzten Meinung, die eine solche Autorität nur ungern in dem Lager ihrer Gegner sahen, lange Zeit bestritten. Allein die Echtheit ist heute unzweifelhaft erwiesen; das Schreiben selbst lautete: „Schon lange bin ich von Achtung und Freundschaft für Sie durchdrungen, nicht allein darum, weil ich Alles ehre, was ihrer Gesellschaft angehört, sondern auch aus dem Grunde. weil ich die Größe Ihres persönlichen Verdienstes kenne und selbst Gelegenheit hatte, es würdigen zu können. Ich habe Ihre Abhandlung über die Gerechtigkeit und das Recht gelesen, in der Sie sich Allen, welche vor Ihnen über diese Fragen geschrieben, überlegen zeigen; ferner habe ich gelesen Ihr Buch über die Wahl der wahren Religion, welches den Eindruck macht, als hätten Sie nur dem Engel des großen Rates, der Sie inspirierte, Ihre Hand geliehen; sodann auch Ihre Abhandlung über die Prädestination, in der Sie lehren, dass Gott die Menschen zur Seligkeit nur mit Rücksicht auf ihre vorgesehenen Verdienste bestimmt. Ich war sehr erfreut, Sie hierin meiner Meinung zu finden, denn diese Lehre scheint mir mit der Barmherzigkeit und Gnade Gottes am besten in Einklang zu stehen und am wahrscheinlichsten und ehesten dazu geeignet, in unseren Herzen das Feuer der göttlichen Liebe zu entzünden, wie ich auch in meinem Büchlein von der Liebe Gottes (Siehe das. II, 12; IV, 7.) angedeutet habe. So schon im Voraus für Sie eingenommen, gewährte es mir eine ganz besondere Freude, zu erfahren, dass Sie meine freundschaftlichen Gesinnungen erwidern; und um mich derselben stets zu versichern, bin ich von Herzen bereit, Alles zu tun, was Ihnen nur angenehm sein kann (Brief 436.)."

Schon lange hatte der Vorstand von Saint-Andre des Arts in Paris den Bischof von Genf dringend gebeten, in ihrer Kirche einmal die Advents- und Fastenpredigten zu halten. Franz würde schon gerne dieser Einladung Folge geleistet haben, wenn der Herzog von Savoyen es nicht immer verhindert hätte. Endlich führte ihm die Vorsehung die Gelegenheit herbei, dem Wunsche Jener, die so sehnlichst verlangten, ihn auf ihrer Kanzel zu sehen, zu willfahren. Der Herzog wünschte für einen seiner Söhne eine Schwester des französischen Königs, Christine, zur Ehe, und sandte den Kardinal von Savoyen nach Paris, um die Heirat zu Stande zu bringen. Es war notwendig, letzterem einglänzendes Gefolge, aus den hervorragendsten Persönlichkeiten Savoyens bestehend, mitzugeben, und unter diesen befand sich natürlich der Bischof von Genf in erster Linie. Nach vom Herzoge erhaltener Einladung machte sich darum Franz mit dem Kardinal und dessen Gefolge auf die Reise nach Paris. Man kann sich nichts Erbaulicheres denken, als die Gespräche, welche der heilige Bischof unterwegs führte. Vernehmen wir einen der mitreisenden Herren selbst darüber: „Er sprach mit uns, erzählt er, nur von heiligen Dingen und Tugendübungen, aber auf eine so schöne, so anziehende Weise, dass er die Aufmerksamkeit Aller fesselte, keinem lästig wurde. Unter anderem erinnere ich mich, wie er uns sagte, dass die Tugend, wenn sie sich bei dem Einsiedler in ernster Gestalt zeigt, an den Höfen der Fürsten ein freundliches und liebenswürdiges Antlitz zeigen soll.

Niemand sei mehr verpflichtet, gut und tugendhaft zu sein, als die Großen, da unser Heiland von königlichem Blute abstammen wollte; je höher man stehe, um so demütiger müsse man sein; Hochherzigkeit und Adel der Gesinnung sei weit verschieden von Eitelkeit, und Demut etwas ganz anders, als Kleinmut und Verzagtheit; nichts sei hochherziger und edler, als die Demut, und nichts erbärmlicher, eines großen Herzens unwürdiger, als Eitelkeit und Stolz; das beweisen so viele fromme Personen, die Demut und Hochherzigkeit der Gesinnung in hohem Grade miteinander vereinigten. Ferner sprach er mit uns von der Herrlichkeit der Heiligen, von den Freuden der Ewigkeit, der Verblendung der Menschen, die sich an vergängliche Güter heften und um die ewigen sich nicht kümmern, die doch allein einer unsterblichen Seele würdig seien. Er schilderte uns, welch ein Glück es sei, in Gott einen Vater zu haben, der all' unser kindliches Vertrauen, unsere ganze Liebe verdiene. Lieber sterben, sagte er, denn etwas Anderes als Gott lieben; lieber Alles verlieren, als die Hoffnung, ihn ewig zu lieben; und all' diese schönen Wahrheiten setzte er auf eine so anziehende und anmutige Weise auseinander, dass man ihm mit unaussprechlichem Vergnügen zuhörte."

In Paris stieg er im Hotel des Marschalls d'Ancre, Rue de Tournon (Heute Nr. 10. in derselben Straße und die Kaserne der Municipalgarde.), mit dem Oberpräsidenten Favre ab. Schon am Tage nach seiner Ankunft wurde er ersucht, an dem Feste des heiligen Martin am 11. November, in der Kirche der Oratorianer zu predigen. Wie gewöhnlich zeigte er sich bereit dazu. Ganz Paris geriet bei dieser Kunde in Bewegung; der König und die Königin nebst der Königin Witwe, mehrere Bischöfe und viele Gelehrten, kurz alle Klassen der Gesellschaft wollten einen so berühmten Prediger hören, und am Tage des Festes war die Kirche so gedrängt voll, dass der Redner selbst nur durch ein Fenster mit Hilfe einer Leiter hineinkommen konnte. Jeder erwartete bei dieser Gelegenheit eine Rede, die einer so großen Versammlung würdig sei, vor Allem aber würdig jenes Geistes, der die Philothea und das Buch über die Liebe Gottes geschrieben hatte. Der heilige Bischof aber hörte nicht auf die Einflüsterungen der Eigenliebe, zu deren Befriedigung sich eine so herrliche Gelegenheit darbot; er zog es vor, klein zu erscheinen vor dieser ungeheuren Menschenmenge und beschränkte sich einfach darauf, das Leben des heiligen Martinus zu erzählen. Dabei hörte er, wie einige Zuhörer mit halblauter Stimme sagten: „Seht mir doch, was dieser Alpenbewohner für gewöhnliches Zeug redet. Es war wohl der Mühe wert, er so weit herkam, um uns das zu sagen und die Geduld jedermann's auf die Probe zu stellen!" Und der demütige Bischof freute sich, als er diese tadelnden Bemerkungen vernahm, von den Menschen verachtet zu werden, sich damit begnügend, Gott allein zu gefallen. Ja, die Welt war unzufrieden mit der Predigt, und der Bischof bemerkte statt aller Rechtfertigung, dass man von einem wilden Baume aus dem Gebirge keine anderen als wilde Früchte erwarten dürfe. Der heilige Vincenz von Paula, dem er das Vorgefallene mitteilte, urteilte anders, wie die Welt, dieser Gottesmann war höchst erbaut darüber. „Seht da, sprach er zu seinen Brüdern, als er ihnen diesen Zug der Demut erzählte, wie die Heiligen die Natur, welche so gerne Aufsehen und Bewunderung erregt, unterdrücken; so müssen wir es auch machen, wir sollen das Niedrige und Unscheinbare dem, was in die Augen fällt, vorziehen, das Verächtliche dem, was uns Ehre bringen kann."

Der geringe Beifall, den die erste Predigt des Bischofes von Genf gefunden, wurde aufgewogen durch die Heiligkeit seines Lebens und seiner Tugenden; über seiner ganzen Person und seinem ganzen Wesen lag eine gewisse ruhige Majestät, die ihm etwas ganz Überirdisches verlieh und oft zu der Bemerkung veranlasste, wenn man eine Vorstellung von Jesus Christus haben wolle, wie er auf Erden wandelte, so brauche man nur den Bischof von Genf mit seiner Sanftmut und Klugheit, seiner Demut und seinen übrigen Tugenden anzusehen. Ging er über die Straße, so betrachtete man ihn mit der größten Ehrfurcht, man schätzte sich glücklich, sein Kleid berühren zu können, wie wenn eine göttliche Kraft von ihm ausginge, und als Reliquien verehrte man Alles, was in seinem Gebrauche gewesen, sogar seine Haare, die man von dem Barbier, der ihm die Tonsur (kreisrund geschorene Stelle auf dem Scheitel des Mönchs) machte, zu erhalten suchte (Charl.-Aug., p. 522 et 523.). Als er wieder auf der Kanzel erschien, um die Fastenpredigten in der Kirche von St. Andre des Arts zu beginnen, war der Zudrang der Menge ein so ungeheurer, dass die Kardinäle, die Bischöfe und Prinzen kaum Platz finden konnten; und diesmal fand man seine Predigten nicht langweilig, je öfter man ihn hörte, um so mehr verlangte man ihn wieder zu hören. „Wie, hieß es, haben wohl die Apostel selbst heiliger und apostolischer gepredigt?" Er dagegen konnte nicht begreifen, dass seine Predigten einen solchen Zulauf hatten. „Ist es nicht zum Verwundern, sagte er zu einem Freunde, dass die guten Pariser so zu meinen Vorträgen strömen, da doch meine Sprache so schwerfällig, meine Gedanken so gewöhnlich, all' meine Predigten so alltäglich sind?" -- „Glauben Sie denn, versetzte der würdige Freund, dass es schöne Worte sind, was sie bei Ihnen suchen? Es genügt ihnen, Sie auf der Kanzel zu sehen, Ihr Herz redet aus Auge und Mund bei Ihnen; wenn Ihre Zuhörer Sie nur ein kurzes Gebet verrichten sähen, so würden Sie schon zufrieden sein. Ihre ungesuchte Sprache, aber glühend vom Feuer der Liebe, dringt zum Herzen, bewegt und rührt es. Es herrscht in Ihren Predigten etwas außerordentliches, das man sich vergeblich zu erklären sucht; nichts verfehlt seine Wirkung. Ein Anderer könnte drei Mal so viel über denselben Gegenstand sagen, ohne dass man darauf Acht geben würde. Sie haben eine eigentümliche Annecy'sche oder ich möchte sagen, paradiesische Beredsamkeit, welche wunderbare Wirkungen hervorbringt."

Der Kirchenvorstand von St. Andre wusste nicht, wie er dem Bischofe genug danken sollte; er wollte ihm ein prachtvolles silbernes Tafelservice verehren, allein es war den guten Leuten zu ihrem Bedauern unmöglich, ihn zur Annahme desselben zu bewegen. Auch nachdem die Adventszeit schon vorüber war, fuhr der Heilige zu predigen fort; von allen Seiten wurde er darum gebeten und immer zeigte er sich gerne bereit. Eines Tages war einer der Seinigen zugegen, als er eine Predigt für einen Festtag versprach, obschon er einer anderen Kirche für den nämlichen Tag schon zugesagt hatte. Man erinnerte ihn daran. „Lassen Sie es gut sein, erwiderte er, Gott wird in seiner Gnade unser Brot vermehren; er ist reich an Barmherzigkeit gegen die, welche ihn anrufen." --- „Aber Ihre Gesundheit wird darunter leiden!" -- „Wenn Gott dem Geiste die Kraft zum Reden verleiht, so wird er den Körper, dessen er dazu bedarf, nicht verlassen. Und sind wir denn nicht Unserem Berufe nach das Licht der Welt? Es ist nicht recht, wenn man sich darüber beklagt, dass eine Fackel sich verzehre, indem sie anderen leuchtet. –„Aber Gott verbietet nicht, für seine Gesundheit zu sorgen.“ --- „Nein, aber er verbietet Misstrauen auf seine Güte; und wenn man eine dritte Predigt von mir auf den nämlichen Tag verlangte, so würde es mir weniger schwer fallen, sie zu halten als sie abzuschlagen. Sollen denn nicht Leib und Seele gerne alle Strapazen für den lieben Nächsten erdulden, den unser Heiland so sehr geliebt hat, dass er selbst für ihn starb (Geist des heil. Franz v. Salles, XIV, 30. - Annee de la visitation, 9. juillet.)?" So geschah es denn zuweilen wirklich, dass er für den nämlichen Tag drei, sogar vier Predigten versprach, und als seine Freunde ihm deshalb Vorstellungen machten, dass er über das rechte Maß hinausgehe, antwortete er: „Was ist zu machen? Ich habe einmal ein Herz, das nichts abschlagen kann; eine Predigt habe ich eher fertig, als Nein gesagt (Vie du saint, par la mere de Chaugy.). Wollte ich Euch nachgeben, so müsste ich mir noch einen Kaplan halten, um solche Bitten abzuweisen, denn ich selbst würde nie den Mut dazu haben. Das Wort, das ich verkünde, sagt mir, dass wir Allen geben sollen, die sich an uns wenden, und dass die wahre Liebe nicht auf ihr eigenes Interesse, sondern nur auf das Gottes und des Nächsten sieht. Was ist denn das Wenige, das wir tun im Vergleiche zu den hochherzigen Gesinnungen eines Moses und eines heiligen Paulus? Ersterer wollte für seine Brüder aus dem Buche des Lebens ausgelöscht und letzterer wollte für sie verworfen werden (Geist des heil. Franz v. Sales, IV, 34.)"

So fuhr er fort, in vermiedenen Kirchen zu predigen bis zur Fastenzeit, während welcher er sich ausschließlich der Kanzel von St. Andre des Arts widmete; nach Ostern folgte er wieder wie früher allen Aufforderungen, die an ihn ergingen und wie zahlreich dieselben gewesen, ersieht man daraus, dass er nach der genauen Berechnung Einzelner, die alle seine Predigten gezählt harten, in dem Jahre welches er in Paris zubrachte, nicht weniger als dreihundertfünfundsechszig Mal die Kanzel bestiegen hatte, und zwar ohne je seine Zuhörer zu ermüden (Charl.-Aug., p. 522.). Die Kirchen, in denen er sprach, waren so gedrängt voll, dass er sehr oft kaum auf die Kanzel gelangen konnte und ein Mal sah er sich wieder genötigt, durch ein Fenster zu steigen, um zu ihr kommen zu können.

Die Zeit, welche er nicht auf der Kanzel zubrachte, widmete er fast ganz und gar dem Gebete und anderen heiligen Werken, besonders aber dem Beichtstuhle; das Gute, was er wirkte, war außerordentlich. Scharenweise eilte man überall hin, wo man ihn gerade wusste, um ihn in den schwierigsten Dingen, namentlich aber in Gewissensangelegenheiten um Rat zu fragen, sich von ihm den Weg der Vollkommenheit zeigen zu lassen. Zahllose Herzen gewann er für Gott, zahllos waren die Bekehrungen, die er zustande brachte, selbst bei solchen, die seine Predigten nicht hören konnten.

Der Gouverneur von der Picardie, Herr de la Fere, gehörte zu den hartnäckigsten Kalvinisten; er lag gerade in Paris gefährlich krank, und mehrere katholische Freunde drangen in ihn, den berühmten Bischof zu sich kommen zu lassen. Er gab endlich nach, und Franz war nicht sobald von diesem Wunsche in Kenntnis gesetzt worden, als er sich unverzüglich zu dem Kranken begab. Seine erste Aufnahme war keine besonders freundliche, allein er ließ sich dadurch nicht abschrecken; mit liebenswürdiger Sanftmut ertrug er das im Anfange etwas barsche Benehmen des Kranken und wusste allmählich mit der ihm eigenen Geschicklichkeit das Gespräch auf die katholische Religion zu bringen. Mit.großer Aufmerksamkeit und ohne das geringste Zeichen des Missvergnügens zu äußern, hörte de la Fere ihm zu und sagte zuletzt. „Mein Herr, ich bin außer Stande, Ihnen etwas auf das Gesagte zu entgegnen; aber kommen Sie doch in acht Tagen wieder! Ich werde unterdessen unseren Prediger Dumoulin über Alles, was ich soeben von Ihnen gehört habe, befragen und ihn bitten, mit Ihnen gleichzeitig hierher zu kommen; Sie können dann beide in meiner Gegenwart über diese Dinge sprechen." Freudig ergriff Franz dies Anerbieten und versprach pünktlich zu erscheinen. Der Kranke ließ den Prediger auf der Stelle zu sich bitten, und nachdem er ihm die ganze Unterhaltung mit dem Bischofe mitgeteilt hatte, bat er ihn, die Disputation in seiner Gegenwart vorzunehmen. Allein der Prediger weigerte sich; der Kranke bestand darauf, mit dem Bemerken, dass er am jüngsten Tage Rechenschaft für seine Seele werde ablegen müssen. Alles war umsonst, Dumoulin wollte sich nicht mit dem Bischofe von. Genf messen. Nach acht Tagen fand sich letzterer pünktlich ein, wie er versprochen hatte. „Ach. rief ihm der Kranke weinend entgegen, wie froh bin ich, Sie wieder zu sehen. Fünfzig Jahre hindurch haben mich diese Prediger hintergangen und getäuscht. Hätte Dumoulin sich mit gutem Gewissen sagen können, dass seine Religion die wahre sei, so würde er sich nicht geweigert haben, sie vor Ihnen zu verteidigen. Eine solche Weigerung öffnet mir die Augen; ich bin bereit, den Kalvinismns, den seine eigenen Leute nicht verteidigen und rechtfertigen können, abzuschwören, und ich bitte Sie inständig, mich in der katholischen Religion unterrichten zu wollen."

Augen und Hände zum Himmel erhebend, dankte der Bischof Gott von ganzem Herzen und begann alsbald, den Kranken zu unterweisen; nicht lange nachher nahm er ihn in den Schoss der Kirche auf. Der Neubekehrte, der auf die Fürbitte des Heiligen in kurzer Zeit wieder gänzlich hergestellt war, bewies sich stets als ein eifriger Anhänger seines Glaubens, und es gelang ihm auch, seine ganze Familie, die sehr zahlreich war, zur Annahme desselben zu bewegen (Annee de la visitation, 13. fevrier.).

Dieser Sieg, den der Bischof während seines Aufenthaltes in Paris über den Kalvinismus davontrug, stand nicht vereinzelt da. Von den vielen Beispielen wollen wir nur noch einige wenige erwähnen.

Bei einem Besuche, den Franz bei einer seiner Verwandten, der Frau von Montiguy, machte, traf er daselbst mit einem Edelmanne zusammen, der erklärte, er würde auf der Stelle katholisch werden, wenn man ihm das Dasein des Fegefeuers beweise. Der Bischof öffnete seine Bibel, die er sich stets von seinem Kammerdiener nachtragen ließ, und bewies ihm durch das Beispiel Davids (II. Kön. Kap. 11.), dass die Sünde, auch wenn sie schon vergeben ist, noch zeitliche Strafen nach sich zieht; ferner bewies er ihm aus dem ersten Briefe des heiligen Johannes (I. Joh. Kap. 5.), dass es Sünden gibt, die keine Todsünden sind. Aus diesen beiden Tatsachen zog er den Schluss, dass es einen Ort der Sühne und Buße für Jene geben müsse, welche sterben, ohne in diesem Leben jene zeitliche Strafe erlitten oder diese lässlichen Sünden abgebüßt zu haben. Er führte dann die so klare Stelle aus dem II. Buche der Machabäer an: „Es ist ein heiliger und heilsamer Gedanke, für die Toten zu beten, damit sie von ihren Sünden befreit werden." Die Echtheit dieses Buches wies er ebenfalls nach. Weiterhin das Wort des Herrn zitierend: „Die Sünden gegen den heiligen Geist werden weder in diesem noch im andern Leben vergeben werden," zog er daraus abermals den Schluss, dass es Sünden gibt, die in der anderen Welt noch vergeben werden, und diese können keine anderen als jene sein, welche im Fegefeuer abgebüßt werden. Auch die Lehre der Väter und Konzilien führte er ihm an, berief sich auf die Autorität der Kirche, endlich auf das Zeugnis der Vernunft selbst; denn da es Solche gibt, die beim Tode weder heilig genug sind, um auf der Stelle in den Himmel eingehen zu können, aber auch nicht so böse, um zur Hölle verdammt zu werden, so muss es notwendig einen Mittelort zwischen beiden geben. Diese Gründe überzeugten den Edelmann vollkommen von der Existenz des Fegefeuers, und wenige Tage nachher schon nahm er den katholischen Glauben an (Charl.-Aug., p. 520.).

Ein zweiter Kalvinist, einer von jenen Halbgelehrten, ließ sich aus Neugierde mit dem Heiligen in einen Streit über religiöse Dinge ein, und wollte ihn durch seine Einwürfe recht in die Enge treiben, um zu erfahren, wie weit seine vielgerühmte Gelehrsamkeit gehe. Allein das Ende davon war, dass er in den Netzen des Bischofes gefangen wurde und sich bekehrte.

Noch ein Anderer, der vom Irrglauben bis zum Atheismus gekommen war, was bei einem richtig denkenden und konsequenten Geiste durchaus natürlich ist, traf bei einer Gelegenheit mit Franz zusammen und fragte ihn in spöttischem Tone, ob es denn einen Gott gebe, und was der Glaube wäre (Charl.-Aug., p. 521.). Voll apostolischen Eifers, mit liebenswürdiger Sanftmut und Geduld, ging der Bischof da die ganze Kette der religiösen Wahrheiten, vom ersten Gliede bis zum letzten, mit ihm durch, nötigte ihn durch seine unwiderleglichen Beweise, vor Allem einen ersten geistigen, unendlichen, vollkommenen Urgrund anzuerkennen, sowie die Verpflichtung, diesen zu lieben, zu ehren und ihm zu dienen; sodann die göttliche Sendung Jesu Christi und seiner Kirche, welche letztere den Auftrag hat, den Schatz der geoffenbarten Wahrheiten rein und unverletzt zu bewahren, woraus für uns die Pflicht entspringt, das gläubig anzunehmen, was sie lehrt; endlich zeigte er ihm die Schönheiten dieser Lehren selbst; und all' diese einzelnen Punkte erklärte er mit einer so unwiderstehlichen, hinreißenden Beredsamkeit, dass der Atheist, Verstand und Herz der Wahrheit öffnend, heiße Tränen über seine Verirrungen vergoss, beichtete und kommunizierte und von der Zeit an einen musterhaften Lebenswandel führte (Nach Franz Favre, der Augenzeuge war.).

Einige Tage später erzählte man dem Bischofe, dass sich in einem Gefängnisse ein zum Tode Verurteilter befinde, der in der Wut der Verzweiflung nichts vom Empfange der Sakramente wissen wolle und seine Seele im Voraus allen Teufeln weihe. Auf der Stelle eilte er in die Zelle des Verbrechers; Worte des Trostes an ihn richtend, umarmte er ihn unter Tränen und beschwor ihn, auf die göttliche Barmherzigkeit sein Vertrauen zu setzen, den Tod zur Sühnung seiner Vergehen ergeben zu erleiden und sich durch die Beichte darauf vorzubereiten. „Das würde überflüssig sein, erwiderte der Unglückliche; ich bin der Hölle verfallen und bald werde ich die Beute des Teufels sein." -- „Aber mein Sohn, möchtest du denn nicht lieber eine Beute Gottes werden, und dem Kreuze Jesu Christi als Opfer anheimfallen?" -- „Ganz gewiss, aber Gott hat mit einem Elenden wie ich nichts zu tun." – „Aber, versetzte der Bischof, gerade für Menschen wie Du einer bist hat der ewige Vater seinen Sohn in die Welt gesandt; für Menschen, die noch schlechter waren als Du, für seine Henker und seinen Verräter Judas, hat Jesus Christus sein Blut vergossen." -- „Können Sie mir denn versichern, sprach da der Verbrecher, dass ich, ohne vermessen zu sein, zur Barmherzigkeit Gottes meine Zuflucht nehmen darf?" -- „Es würde im Gegenteil eine große Beleidigung dieser unendlichen Barmherzigkeit sein, nicht zu glauben, dass sie alle Sünden, welcher Art sie auch sein mögen, vergeben kann." --- „Aber Gott ist gerecht und er wird mich verdammen." -- „Gott ist barmherzig, er wird Dich retten, wenn Du ihn mit demütigem und zerknirschtem Herzen um Verzeihung bittest." Diese liebevollen Zureden rührten endlich den Verbrecher; er beichtete und ergab sich ruhig in sein Schicksal. Auf seinem Gange zur Richtstätte sprach er wiederholt die Worte: „O Jesu, dir gebe ich mich anheim, auf dich setze ich mein Vertrauen (Geist des heil. Franz von Sales, III, 11. – Charl.-Aug., p. 521.)."

Selbst die Zeit, die der Bischof zu Hause in seinem Zimmer zubrachte, gehörte selten ihm; fast fortwährend meldeten sich Personen, die ihn zu sprechen, ihn um seinen Rat zu fragen wünschten. Und Alle hatten Zutritt zu ihm, die Zudringlichen und Lästigen gerade so wie seine besten Freunde; mit heiliger Freude und wunderbarer Leutseligkeit empfing er jeden ohne Unterschied, ohne dass sich auf seiner Stirne jemals eine jener düsteren Falten zeigte, welche Überdruss und Langeweile verraten; von gewöhnlichen Dingen konnte er sprechen hören, als sei er unwissend in großen, und von großen, als habe er sich nie mit den kleinen und gewöhnlichen beschäftigt; gerne lieh er Allen ein aufmerksames Ohr und ermunterte sie, voll Vertrauen zu antworten; Allen bequemte er sich an und gab sich nie den Vorzug vor Jemanden, einen jeden ließ er seine Fähigkeiten und seinen Verstand an den Tag legen, ohne sich je seine eigene Überlegenheit zu Nutzen zu machen.

Eines Tages trat ein Protestant in sein Zimmer und fragte ihn ohne Weiteres, ob er es sei, den man den Bischof von Genf nenne. „Jawohl, mein Herr, so nennt man mich," antwortete er. --- ,Ich wünschte von Ihnen, den man für einen apostolischen Mann hält, zu erfahren, ob die Apostel in Equipage (elegante Kutsche) fuhren." --- „Ganz gewiss, mein Herr, wenn Sie Gelegenheit dazu hatten." --- „Ich möchte doch, dass Sie mir dies in der heiligen Schrift zeigten." -- „Nun, so lesen Sie das achte Kapitel in der Apostelgeschichte, Sie werden daselbst finden, dass der heilige Diakon Philippus sich zu dem Eunuchen der Königin von Äthiopien in den Wagen setzte." --- „Aber der Wagen gehörte nicht ihm, versetzte der Andere; er gehörte dem Eunuchen und es war kein Wagen, der von Gold und Stickereien strotzte, so dass der König keine schöneren hat, er war nicht mit den prachtvollsten Pferden bespannt, auch hatte er keinen reich gekleideten Kutscher; das ist es was mich an Ihnen ärgert, der Sie den Heiligen machen und den man für einen solchen hält; ja, schöne Heilige sind mir das, die so ganz bequem auf dem Wege des Paradieses dahinfahren." – „Ach, mein lieber Herr! entgegnete der Bischof, die Genfer, welche mir die Einkünfte meines Bistums vorenthalten, haben mich so knapp gestellt, dass ich von dem, was mir übrig bleibt, nur sehr armselig leben kann. Ich habe nie einen eigenen Wagen gehabt, noch die Mittel, mir einen zu halten; jener, dessen ich mich bediene, gehört seiner Majestät, der mit den Hofwagen das Gefolge des Kardinals von Savoyen beehrt, zu dem auch ich zähle." -- „Sie sind also arm?" begann der Protestant auf's neue. -- „Ich beklage mich nicht über meine Armut; ich kann leben zur Not, und würde ich die Unbequemlichkeiten derselben fühlen, so hätte ich Unrecht, mich über meine Lage zu beklagen, die Jesus Christus sich selbst erwählt hat, indem er in Armut lebte und starb." Das stellte den Fragenden zufrieden, und er entfernte sich voll Liebe und Achtung für den heiligen Bischof (Geist des heil. Franz von Sales, I, 26.).

Eine solche Sanftmut, wie Franz sie bei dieser Gelegenheit gezeigt hatte, erbaute nicht weniger einen alten Soldaten aus der Pfalz, der ihn eines Tages in barschem Tone fragte: „Ich möchte wissen, was Sie hier tun, mein Herr?" - „Ich bin hier, antwortete der Heilige ruhig, auf Befehl meines Fürsten und wegen des öffentlichen Wohles." -- „Aber wer sorgt denn für Ihre Herde während Ihrer Abwesenheit?" --- ,,Vor meiner Abreise habe ich sie gelehrten und eifrigen Priestern anvertraut, die sie bis zu meiner Rückkehr weiden werden." – „Ist denn die Residenzpflicht der Bischöfe nicht nach göttlichem Rechte geboten? -- „Ich glaube wohl," antwortete Franz. --- „Und sind die heutigen Bischöfe so, wie die der ersten Kirche?" -- „Ohne Zweifel, denn sie haben die nämliche Gewalt und die nämliche Würde." – ..Aber, können sie Wunder wirken, wie der heilige Petrus?" – „Wären sie auch nur der Schatten des heiligen Petrus; denn der Schatten des heiligen Petrus hat Wunder gewirkt." Zwei Stunden dauerte die Unterredung in diesem Tone fort und als der Fremde sich verabschiedete, sprach er zum Bischofe: „Hochwürdigster Herr, Kalvinist von Geburt, habe ich erst seit Kurzem den Glauben der römischen Kirche angenommen; jene Bedenken, die ich Ihnen eben vorgelegt habe, waren mir noch zurückgeblieben. Hätten Sie mir dieselben nicht mit eben so großer Klarheit als Sanftmut gelöst, so wäre ich schon morgen zum Protestantismus zurückgekehrt. Ich danke Gott, dass er mir die Gnade erzeigt hat, Ihnen zu begegnen (Charl.-Aug., p. 523.)."

Man kann sich wohl denken, dass die Damen keineswegs unter den vielen Besuchern des Bischofes mangelten. Eines Tages sah er sich, als er nach einer Predigt die Kirche verließ, von einer ganzen Menge Eva'stöchtern umgeben. Jede hatte ihm einen Zweifel, irgend ein Bedenken vorzulegen, und da keine warten konnte, bis die Reihe an sie kam, so sprachen sie alle auf ein Mal. Was für ein Durch-einander das war, kann man sich wohl vorstellen. „Nun, nun, meine Damen, sprach lächelnd der Bischof, ich werde auf alle Ihre Fragen antworten, vorausgesetzt, dass sie mir zuerst die meinige beantworten: Denken wir uns eine Versammlung, in der Alle sprechen und Keiner hört zu, was wird denn da eigentlich gesagt?" Da verstummten sie alle und jede wartete eine günstigere Stunde ab, in der sie den Bischof allein sprechen könne (Geist des heiligen Franz von Sales, III, 13. ).

Auch durch Tugend und Wissenschaft ausgezeichnete Männer strebten danach, mit ihm in freundschaftliche Beziehungen zu treten. Besonders war es Andreas Duval, Dekan der theologischen Fakultät in Paris und General-Oberer der Karmeliten in Frankreich, der hier eine Erwähnung verdient. Er wollte bei dem Bischofe beichten, und dieser beichtete nachher ebenso bei ihm. Beide gaben sich gegenseitig ihre Ratschläge, wie sie im geistlichen Leben Fortschritte machen könnten, und Einer sagte vom anderen: „Ich bin nicht wert, ihm die Schuhriemen aufzulösen."

Wie Duval, so genossen auch der Pater Suffren von der Gesellschaft Jesu, Beichtvater Ludwig's XIII. und Maria's von Medici, und Bourdoise, der Stifter der Genossenschaft vom heiligen Nikolaus du Chardonnet, den Vorzug, innig mit Franz befreundet zu sein. Ersterer war vorzüglich ein Mann des Studiums und des Gebetes, letzterer mehr ein Mann der Tat. Vor Allem entwickelte er den größten Eifer für die Verbesserung des Klerus und Wiederherstellung der kirchlichen Zucht; am Priester mochte er nicht das Geringste leiden, das nicht ganz und gar in der Ordnung war, und stets war er bereit, gegen jede Unordnung, wo er eine solche nur gewahrte, ohne Schonung vorzugehen. Begierig, die Bekanntschaft eines solchen Bischofes zu machen, der in sich das Ideal der priesterlichen Vollkommenheit verwirklichte, und in der Hoffnung, aus dieser Bekanntschaft große Vorteile für seine eigene Heiligung und das Wohl des Klerus zu ziehen, schrieb er ihm einen langen Brief, den er ihm zugleich selbst überreichte und in dem er namentlich hervorhob, welch geringe Frucht seine Predigten hervorbringen würden, so lange der Klerus und das Volk nicht besser unterrichtet wären. Der Bischof las das Schreiben zwei Mal mit großer Aufmerksamkeit, und besprach sich über dessen Inhalt eine ganze Stunde lang mit Bourdoise. Mit großer Freimütigkeit sprach letzterer über die Notwendigkeit einer Reform des Klerus und besonders einer besseren Ausbildung desselben; denn Seminarien gab es zu jener Zeit nicht und es konnte nicht fehlen, dass dieser Mangel sich fühlbar machte. „Es überrascht mich, sagte er unter anderem, dass ein Bischof, dem Gott so reiche Gaben verliehen, sie nicht dazu verwendet, gute Priester heranzubilden und sich fast einzig der Leitung des weiblichen Geschlechtes widmet." -- „Ich gebe zu, versetzte der Bischof, ohne sich über diesekühne Sprache verletzt zu fühlen, und ich bin vollständig überzeugt,dass es in der Kirche kein dringenderes Bedürfnis gibt, als gute Priester zu erziehen; aber das ist eine zu hohe Aufgabe für meine Unfähigkeit, und ich muss das geschickteren Händen überlassen; Herr von Berulle beschäftigt sich damit und er hat dazu mehr Talent und auch mehr Muse als ich, da ich eine so große Diözese zu verwalten habe. Ich überlasse es den Goldarbeitern, mit Gold und Silber umzugehen; die Töpfer müssen sich begnügen, den Ton zu bearbeiten. Außerdem halte ich die Heiligung des weiblichen Geschlechtes für etwas sehr Wichtiges; sind die Frauen wirklich tugendhaft, so vermögen sie in der Kirche Großes zu leisten und erfüllen sie mit dem Wohlgeruche ihrer Frömmigkeit. Verdient ihre Schwäche Mitleiden, so verdient zugleich ihr Mut großes Interesse. Sie folgten dem Herrn auf seinen evangelischen Reisen, und Frauen waren es, die ihn begleiteten bis zum Fuße des Kreuzes, während sich nur ein einziger von den Aposteln daselbst befand." In dieser Antwort zeigt sich wiederum die große Demut des Heiligen, denn wir wissen sehr wohl, dass er sich während seines ganzen Lebens unausgesetzt bemühte, einen tüchtigen und frommen Klerus heranzubilden.

Von allen Geistlichen jedoch, die Franz in Paris kennenlernte, war es der heilige Vincentius von Paula, dem er sich am engsten anschloss. Diese beiden großen Seelen, welche in einem so hohen Grade die Gabe der Unterscheidung der Geister besaßen, hatten sich bald kennengelernt und verstanden, und eine innige Freundschaft war die Folge davon. Vincenz pflegte zu sagen, dass die Sanftmut, die heilige Majestät, die anspruchslose Bescheidenheit, kurz das ganze Äußere des Bischofes von Genf, ihm wie in einem lebendigen Bilde Jesus Christus unter den Menschen wandelnd vor Augen führe. Franz seinerseits nannte seinen Freund nicht anders als den heiligen Priester, den würdigsten, den er je kennengelernt habe; und bei jeder Gelegenheit rühmte er seine Frömmigkeit und seine Klugheit, sein seltenes Geschick in der Führung der Seelen. Darum glaubte er auch die Leitung seiner geliebten Schwestern von der Heimsuchung, welche jetzt auch in Paris ein Haus hatten, keinen besseren Händen anvertrauen zu können. Hierin täuschte er sich nicht, wie die Folge lehrte.

Er selbst hatte in jener Zeit die Leitung einer Person übernommen, die später eine traurige Berühmtheit erlangte, der Äbtissin von Port Royal, namens Angelika Arnaud. Schon mit vierzehn Jahren Äbtissin, hatte sie, kaum siebzehn Jahre alt, mit männlicher Kraft alle Hindernisse überwindend, die in ihrer Genossenschaft in Verfall geratene klösterliche Zucht wieder hergestellt; jetzt, im Alter von achtundzwanzig Jahren, hatte sie sich einer noch schwierigeren Aufgabe unterzogen, auch die Abtei von Maubuisson einer Reform zu unterwerfen. Von Natur stolzen Sinnes und in der guten Meinung von sich selbst durch die Ehren, mit denen sie sich schon in so frühem Alter von allen Seiten umgeben sah, noch mehr bestärkt, fürchtete sie doch, wenn sie ganz auf sich allein angewiesen bleibe, ohne einen Seelenführer zu besitzen, sich vielfach zu täuschen, und darum bat sie den Bischof von Genf, ihr Haus und die ganze Einrichtung desselben in Augenschein zu nehmen. Er kam ihrem Wunsche nach. Schon in der ersten Unterredung, welche er mit ihr hatte, nahm er sie ganz für sich ein, und ihren Ansichten und Plänen vollen Beifall spendend, leitete er sie doch mit einer Festigkeit, wie sie eine solche bis jetzt noch bei niemanden ihr gegenüber gefunden hatte. Oft verweilte er in Maubuisson, und ein Mal sogar neun Tage hintereinander, um sie in ihren Bemühungen für die Wiederherstellung der Zucht und Ordnung durch seine Predigten und Ratschläge zu unterstützen. Es waren für die Äbtissin wie für die ganze Genossenschaft Tage des Heiles und des Segens; sie konnte nicht müde werden, den Gottesmann zu bewundern und in ihrer Verehrung für ihn ging sie so weit, dass sie die Überbleibsel von seinem Tische sorgfältig sammelte, welche dann ihre eigene Mahlzeit bildeten, dass sie nur mit Ehrerbietung die Schüsseln, und Alles, dessen er sich beim Essen bedient hatte, berührte und nach seiner Abreise die Möbel seines Zimmers als Reliquien aufbewahren ließ (Charl.-Aug., p. 522.). Ganz und gar stellte sie sich unter seine Leitung und sie dachte selbst daran, ihren Rang als Äbtissin abzulegen und einfache Schwester im Orden der Heimsuchung zu werden. Allein davon wollte er nichts wissen, indem er ihr bemerkte, sie sei mehr zum Befehlen als zum Gehorchen geeignet, und sie solle darum in ihrem Berufe bleiben. Da sie ihm nicht folgen konnte, so wollte sie wenigstens durch fortgesetzten schriftlichen Verkehr unter seiner Leitung bleiben, so lange er lebte. Man ersieht aus diesem Briefwechsel, mit welch bewunderungswürdiger Kunst der Heilige diese außergewöhnliche Seele zergliederte, für die es ein Bedürfnis war, nach großen Dingen zu streben; diese Seele, stets ängstlich zu wissen, ob sie eine von jenen kleinen und alltäglichen oder eine von jenen hohen und erhabenen sein werde, so schnell von Unwillen beim Anblicke des Bösen ergriffen, so geneigt zum Spotte oder zum Zorne bei den Albernheiten, Kindereien oder anderen weiblichen Unvollkommenheiten, wie sie bei ihren Schwestern vorkamen, so begierig nach Opfern, so ungeduldig über Schwächen und Unvollkommenheiten. Man ersieht daraus, mit welcher Sanftmut er diese fieberhafte Glut in ihr nach körperlichen Bußübungen milderte, wie er sie allmählich von jener übermäßigen Strenge gegen sich selbst abbrachte und sie lehrte, ihre Sorgfalt auf die Verbesserung ihrer Fehler zu richten; mit welch seinem Takt er ihr zu verstehen gab, dass sie auf dem gewöhnlichen Wege wandeln solle, in sanfter, ruhiger und starker, freudig geübter Demut; mit wie viel gesundem und richtigem Verstande er sie lehrte, ihrer Seele den Frieden und eine sanfte Ruhe zu erwerben, indem sie vor Allem dieselbe all ihren Handlungen zu eigen mache; „tun Sie Alles, schreibt er ihr vor, z. B. Gehen, Aufstehen, Niedersitzen, Schlafengehen, Essen, tun Sie Alles das ruhig und sachte, und Sie werden sehen, dass Sie in drei bis vier Jahren Ihre jähe Raschheit ganz und gar in Ordnung bringen."

Leider starb der Heilige dieser Seele, die es zu etwas Großem in der Vollkommenheit unter einer solchen Leitung hätte bringen können, zu frühe. Nach seinem Tode fiel sie einem ganz anderen Führer in die Hände, dem Abt von St. Cyran, der sie als Jansenist (Jansenismus nach Bischof Cornelius Jansen: innerkatholische Oppositionsbewegung) auf den Weg des Irrtums und des Schisma's brachte.

Angelika Arnaud wünschte sehnlichst dies Glück, welches sie unter der Leitung des Bischofes von Genf genoss, mit ihrer Schwester Agnes, in ihrer Abwesenheit Vorsteherin von Port-Royal, zu teilen, und sie erhielt von Franz das Versprechen, dass er dieser Abtei einen Besuch machen werde.

Er hielt Wort und kam hin. In einer Predigt, die er daselbst hielt, fing er auf einmal zu weinen an, und einige Augenblicke musste er sich selbst unterbrechen. Als ihn die Äbtissin nachher über die Ursache seiner Tränen befragte, antwortete er traurig: „Ach, Gott hat mich erkennen lassen, dass Ihr Haus den Glauben verlieren wird. Das einzige Mittel, ihn zu bewahren, ist der Gehorsam gegen den heiligen Stuhl (Lettre de la soeur Marie Duplessie, religieuse de la visitation.)." Was er vorausgesagt hatte, erfüllte sich leider nur zu sehr; das Kloster Port-Royal wurde in der Folge der Mittelpunkt aller jansenistischen Umtriebe, was um so nachteiliger wirkte, als seine Nonnen wegen ihrer Frömmigkeit in allgemeiner Achtung standen.

Alles das machte nur einen Teil der angestrengten Tätigkeit aus, der sich Franz während der Anwesenheit in Paris hingab. Fast unaufhörlich war er von allen Seiten in Anspruch genommen; hier war es von Philosophen und Theologen, die bei ihm Aufschluss über die schwierigsten Fragen der Wissenschaft suchten und seine Meinung darüber vernehmen wollten; oder von Bischöfen, die sich Rats bei ihm erholten in Angelegenheiten ihrer Diözesen, und die auf ihn hörten als einen Lehrer der Kirche und ihn achteten wie ihren Vater (Charl.-Aug., p. 524.). Dort feuerte er religiöse Genossenschaften zum Streben nach Vollkommenheit an, unterstützte die Armen, tröstete die Betrübten, schlichtete Streitigkeiten in den Familien, wohnte allen Versammlungen bei, deren Zweck das Wohl der Religion oder des Nächsten war, und wie um sich zu erholen von so vielen Anstrengungen ging er dann noch in die Spitäler, um die Kranken zu trösten, die Sterbenden Beichte zu hören, oder in Privathäuser, um auch da im Leiden zu ermutigen, in Betrübnissen aufzurichten.

Sein Körper unterlag zuletzt diesen Strapazen und er wurde ernstlich krank. Bei dieser Gelegenheit zeigte es sich auf eine herrliche Weise, welche allgemeine Verehrung und innige Liebe er genoss. Kardinäle und Bischöfe, Prinzen und Hofleute, Personen jeden Standes und Ranges beeilten sich, ihn zu besuchen, sich nach seinem Befinden zu erkundigen; und von allen Seiten wurden ihm eine Menge von Sachen geschickt, von denen man glaubte, sie könnten ihm in seinem dermaligen (jetzigen) Zustande angenehm und nützlich sein (Ebendas. p. 525.). Glücklicherweise war eine weitere Gefahr nicht vorhanden; nach kurzer Zeit schon kehrte die Gesundheit zurück und mit erneuertem Eifer widmete er sich wieder ganz seinen bisherigen Arbeiten, sich selbst ganz vergessend, nur an die Ehre Gottes und das Wohl des Nächsten denkend, und oft trieb er die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst so weit, dass er sogar jene Erleichterungen zurückwies, die ihm die Anstrengung weniger beschwerlich hätten machen können. Seine Gefährten beklagten sich manchmal darüber und er neckte sie dann auf eine liebenswürdige Weise. Eines Tages hatte er im Kloster der Heimsuchung, das sehr weit von seiner Wohnung in der Vorstadt St. Antoine lag, gepredigt. Im Begriffe nach Hause zurückzukehren, fand er an der Pforte einen eleganten Wagen, den ein vornehmer Herr, welcher der Predigt beigewohnt hatte, zu seiner Verfügung stellte, denn es regnete in Strömen und die Straßen waren sehr schmutzig; aber er lehnte höflich ab und ging zu Fuß. Ein junger Geistlicher aus vornehmem Hause, der ihn begleitete, gab durch seine Miene und einige mürrische Worte seine Unzufriedenheit zu erkennen, dass er so im Schmutze gehen müsse. Um ihm eine brüderliche Zurechtweisung zu geben, sprach der Bischof lächelnd zu seinen anderen Gefährten: „Sehet mir doch den Herrn Abbe da, er besitzt doch noch etwas Eitelkeit (Charl.-Aug., p. 525 et 526.)."

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Siebentes Kapitel.

Franz wird zum Groß-Almosenier der Prinzessin Christine ernannt. – Züge seiner Uneigennützigkeit. – Er wird abermals verleumdet.
(1619)

Bei aller Tätigkeit und allem Eifer für das Wohl der Seelen ließ der Bischof von Genf keineswegs den eigentlichen Zweck seiner Reise aus dem Auge; er sollte das Seinige dazu beitragen, um die von seinem Fürsten gewünschte Heirat zwischen seinem Sohne, dem Prinzen von Piemont, und der Schwester des französischen Königs, Christine, zu Stande zu bringen. Redlich hatte er das getan und seine Bemühungen waren nicht ohne Erfolg geblieben. Als es sich aber darum handelte, die Bedingungen des Heiratsvertrages näher zu bestimmen, erhoben sich bedeutende Schwierigkeiten zwischen den Bevollmächtigten des Herzogs von Savoyen und den französischen Ministern; je mehr man unterhandelte, um so uneiniger wurde man, ja es kam so weit, dass die savoyischen Gesandten alle Hoffnung aufgaben und schon an ihre Rückkehr dachten, als Franz eines Tages, als er gerade vom Altare gekommen war, zu ihnen sagte: „Wartet noch, Gott wird Alles zu einem guten Ende führen." In der Tat wurde einige Tage nachher der Heiratskontrakt unter Bedingungen geschlossen, die für Piemont außerordentlich vorteilhaft waren, und schon einen Monat nachher fand die Hochzeit in Paris statt. Jedermann schrieb das Zustandekommen dieser so sehnlichst gewünschten Verbindung dem Gebete und der Klugheit des Bischofes von Genf zu, und die Prinzessin Christine ernannte ihn, um ihm einen Beweis ihrer Achtung und Hochschätzung zu geben, zu ihrem Großalmosenier (oberster Geistlicher des Klerus am französischen Hof), eine Wahl, die von allen Seiten den ungeteiltesten Beifall fand und zu der man der Prinzessin Glück wünschte. Selbst die Hofleute, welche sonst eben nicht so häufig der Frömmigkeit und Tugend ihre Anerkennung zollen, waren unerschöpflich im Lobe des Bischofes von Genf. Sie hatten gesehen, dass er nur bei Hofe erschienen war, so oft seine Mission es erheischte, sonst aber nie; und stets war er daselbst aufgetreten mit der Würde, die seiner Tugend und seinem Charakter eigentümlich war, liebenswürdig ohne zu schmeicheln, voll Majestät und doch ohne Stolz, voll Weisheit ohne Verschlagenheit, mit einem Worte, als das Bildnis Gottes auf Erden, nach dem Ausdrucke Alexanders von Vendome, Großprior der Malteser in Frankreich. Darum war Franz allein über diese ihm widerfahrene Ehre überrascht; er hatte an nichts weniger gedacht. „Weder direkt noch indirekt habe ich mich um diese Stelle beworben, schrieb er an Frau von Chantal (Brief 481.); keinen anderen Ehrgeiz verspüre ich in mir, als den Rest meiner Tage zur Ehre Gottes anzuwenden." Er empfand sogar eine entschiedene Abneigung gegen das Hofleben (Geist des heil. Franz von Sales, VXIII, 2.); er verlangte nichts weiter als ruhig in seiner Diözese verweilen zu können; und wenn er die Stelle eines Großalmoseniers annahm, so geschah es nur deshalb, weil das huldvolle Wohlwollen der Prinzessin und die dringenden Bitten, sie anzunehmen, ihm nicht erlaubten, sie abzuschlagen. Doch tat er es nur unter zwei Bedingungen: erstens, dass diese Stelle seinen bischöflichen Pflichten durchaus keinen Eintrag tun dürfe und ihn durchaus nicht hindere, stets in Annecy zu residieren; dass er sodann zweitens keinen Gehalt als Almosenier beziehen dürfe. Als ein ferneres Zeichen ihres Wohlwollens schenkte ihm die Prinzessin einen kostbaren Diamant im Werte von fünfhundert Talern. Er konnte nicht umhin auch ihn anzunehmen, bemerkte aber gleich dabei, wozu er ihn schon bestimmt habe. „Madame, sprach er, das wird etwas für unsere Armen von Annecy sein (Charl.-Aug., p. 524.)."

Unterdessen war die Abtei von St. Genovefa, deren Einkünfte sich auf viertausend Taler beliefen, erledigt worden und die Freunde des Bischofes teilten ihm mit, dass dies reiche Benefizium ihm angeboten sei; wenn er es annehmen wolle, so würde der König sich eine Freude daraus machen, ihn zu ernennen und andererseits würde eine solche Vermehrung seiner Einkünfte ihn in Stand setzen, mehr Gutes zu tun und seiner hohen Würde entsprechender auftreten zu können. „Nein, antwortete er, ich will die Abtei nicht, ich bedarf Nichts." Alles Drängen, selbst bittere Vorwürfe über seine Sorglosigkeit waren vergebens, er ging von seinem Entschlusse nicht ab (Charl.-Aug., p. 526.).

Seine edle Uneigennützigkeit und Demut ließ ihn ein noch glänzenderes Anerbieten ausschlagen, welches ihm der Kardinal von Retz, Bischof von Paris (Paris wurde erst drei Jahre später, 1622, zum Erzbistum erhoben.), machte, sein Koadjutor (Vertreter-Bischof) mit dem Rechte der Nachfolge zu werden (Geist des heil. Franz von Sales, IV, 6.). Lebhaft wünschte er seiner Diözese einen Prälaten zu sichern, von dem er bei jeder Gelegenheit sagte, er glaube nicht, dass die Kirche einen heiligeren Bischof seit dem heiligen Martin und dem heiligen Ambrosius besessen habe, noch einen größeren Lehrer seit dem heiligen Augustinus und Thomas, oder eine frömmere Persönlichkeit seit dem heiligen Bernhard und Ildephons. Franz gab die nämliche Antwort, welche er in Betreff der Abtei von St. Genovefa gegeben. Um seinen Widerstand zu besiegen, verpflichtete sich der Kardinal, ihm, bis er wirklicher Bischof geworden, einen bedeutenden Jahresgehalt zu zahlen, die unbeschränkteste Machtvollkommenheit zu lassen, die Diözese ganz nach seinem Gutdünken zu leiten, ferner zu bewirken, dass sein Bruder Johann Franz zum Bischofe von Genf ernannt würde und alle Kosten der päpstlichen Bullen für diesen sowie für ihn selbst zu bezahlen. Außerdem wies er daraufhin, wie viel Gutes er unter einem Volke, das ihn schon so sehr liebe, wirken könne, wie dankbar er selbst, der Bischof, ihm stets sein werde. Alles war umsonst. Dem Kardinal herzlich für sein Wohlwollen dankend erklärte Franz, dass er sich von der Genfer Kirche, der er schon so viele Jahre angehöre, um so weniger trennen wolle, gerade weil sie arm sei; die Bürde dieser Diözese laste schon schwer genug auf seinen Schultern und wenn er sie verlassen sollte, so würde es nur geschehen, um keine andere mehr anzunehmen. Zudem nahe schon das Greisenalter mit raschen Schritten und fühle er bereits sehr die Gebrechen, welche es naturgemäss mit sich bringe. „Die Diözese Genf, bemerkte er unter anderem, ist jener Teil des Weinberges, den zu bearbeiten der Herr mich berufen hat, und ohne mein Heil in Gefahr zu bringen, kann ich ihn nicht verlassen. Man weiht sich nicht dem Dienste der Kirche, um ein großes Vermögen zu sammeln, sondern um das Feld urbar zu machen, das der Hausvater uns angewiesen hat (Annee de la visitation, 17. avril. – Geist des heil. Franz von Sales, IV, 6. )."

Der Kardinal musste sich darein (in diese Angelegenheit) ergeben, und Franz blieb in seiner bescheidenen Stellung. „Welch eine Freude machte mir gestern mein Herz. sprach er anderen Tages zu seinem Freunde Favre. Nicht allein warf ich nicht einen einzigen Blick des Wohlgefallens auf die Ehren, welche man mir anbot, sondern ich verachtete sie, als wäre ich schon im Augenblicke des Todes, wo die ganze Welt nur Rauch zu sein scheint. Man bemerkt mir, dass es vorteilhaft für mich sein würde, wenn ich reicher wäre; aber ich bin ja so reich als irgend ein französischer Bischof. Jene, welche mehr haben, brauchen auch mehr, und am Ende des Jahres sind sie und ich gleich weit (Nach de Chaugy. – Charl.-Aug., p. 525 et 526.)."

Ehre und Lob blendeten ihn ebenso wenig als der Glanz, welchen der Reichtum gewähren kann. Hochgeachtet bei Hofe und von allen Klassen der Gesellschaft, die ihn wie einen Heiligen verehrten und ihn den gelehrtesten und beredtesten Prediger seines Jahrhunderts nannten, trat er nie aus seiner Demut heraus; je mehr man ihn rühmte, um so kleiner kam er sich selbst vor und errötete vor dem Herrn über seine Armseligkeit und sein Elend. Die Meinung der Menschen war nach seinem Dafürhalten nur eine beweinenswerte Eitelkeit, irdische Größe nur Armut, alles Vergängliche nur Schein und er seufzte bei dem Gedanken, dass unsterbliche Seelen sich durch solch trügerische Güter verlocken lassen. „O mein Gott! schrieb er an Frau von Chantal (Brief 492. – Geist des heiligen Franz von Sales, XVII, 7.), wie viel besser ist es, arm zu sein im Hause Gottes, als zu wohnen in den Palästen der Könige! Ich mache hier das Hof-Noviziat durch, aber nie werde ich Profess ablegen. .... Der Hof ist der Sammelplatz aller Freuden der Welt, der Widerhall all ihrer Grundsätze, ein zweifacher Grund für mich, ihn zu verabscheuen. Gott sei Dank, hier am Hofe habe ich gelernt, einfältiger und weniger weltlich zu sein. Wäre es möglich, dass wir, nachdem wir die Schönheit und Ewigkeit Gottes recht betrachtet haben, noch Gefallen finden könnten an dieser erbärmlichen Eitelkeit der Welt? .... Neulich predigte ich vor der Königin. Aber vor den Prinzen und Prinzessinnen habe ich nicht lieber gepredigt als vor unserer armen kleinen Genossenschaft von der Heimsuchung in Annecy. .... Die Königin hat mich mit Beweisen des Wohlwollens überhäuft, aber deshalb bin ich nicht stolzer geworden. Der Anblick der irdischen Größen zeigt mir die Erhabenheit der christlichen Tugenden besser und lässt mich die Verachtung besser schätzen. Welch ein Unterschied zwischen dieser Gesellschaft von Intriganten – denn der Hof ist nichts Anderes – und einer Gesellschaft frommer Seelen, die keinen anderen Ehrgeiz kennen, nichts Anderes wollen, als den Weg zum Himmel gehen! Ach, wenn wir wüssten, worin das wahre Gute besteht (Brief 474.)!"

Der Prinz von Piemont dachte nun ernstlich daran, in sein Vaterland zurückzukehren und sein ganzes Gefolge musste demgemäß seine Vorbereitungen treffen.

Die Abreise des Bischofes von Genf versetzte seine Freunde in eine wahre Trauer; niemanden aber tat es mehr wehe, als zwei edlen Damen, der Frau Phelippeaux, Gräfin von Ville-Savin und der Präsidentin de Lamoignon. Erstere weinte um ihn als ihren Engel, der sie auf dem Wege des Himmels leitete: von ihm, pflegte sie zu sagen, habe ich gelernt, Gott nach freier Frankenart zu dienen, d. h. mit Einfachheit, Geradheit und ohne Ängstlichkeit. Letztere, eine wahre Heldin ihres Jahrhunderts in ihrer Liebe zu Gott und Milde gegen die Armen, in ihrem erleuchteten Eifer für eine gute Erziehung ihrer Kinder, denen sie als vorzügliches Erbe das Beispiel ihrer Wohltätigkeit und einen lebendigen Glauben zu hinterlassen bemüht war, betrübte es nicht weniger, ein vollendetes Vorbild der Vollkommenheit zu verlieren, welchem ähnlich zu werden ihr ernstliches Bemühen gewesen war. Als der Augenblick der Trennung gekommen, zerfloss sie in Tränen, nicht minder ihre ganze Familie. Der Bischof gab sich Mühe, ruhig und gefasst zu bleiben; als aber die edle Frau sich beklagte, dass er sie kalt und gleichgültig verlasse, da übermannte ihn das Gefühl seines Herzens und nach dem Rate des Apostels weinte er mit den Weinenden.

Nachdem er auf seiner Rückreise noch verschiedene Besuche abgestattet hatte, langte er glücklich in seinem geliebten Annecy wieder an. Er zeigte durch die Tat, dass die wenige Zeit, die er an dem glänzendsten und üppigsten Hofe zugebracht hatte, ihm ein Mittel gewesen war, sein Herz noch mehr als sonst von dem Irdischen loszuschälen. In einer Hungersnot, die bei seiner Rückkehr im Lande herrschte, ließ er Getreide und sonst Almosen je nach Bedürfnis austeilen und empfahl den Beichtvätern, sich besonders der verschämten Armen anzunehmen; sollten die Mittel, über welche man verfügen konnte, nicht ausreichen, so möchten sie die Wohltätigkeit der Reichen anflehen. Sein Verwalter hatte ihm unterdessen Rechenschaft über die in seiner Abwesenheit eingegangenen Einkünfte des Bistums abgelegt. „Ich kann davon nichts annehmen, sprach er, denn ich habe sie nicht verdient;" und er verwandte Alles zum Besten seiner Domkirche
(Charl.-Aug., p. 529 . – Dom Jean de Saint Francois, p. 484.).

Ebenfalls während seiner Abwesenheit hatten seine Beamten mehrere bedeutende Prozesse gegen einige Edelleute gewonnen, welche sich verschiedene kirchliche Gerechtsame und Einkünfte angemaßt hatten. Sein Verwalter, der nur über beschränkte Mittel verfügen konnte, bestand darauf, dass der Schaden und alle Kosten der Prozesse bis aufs Letzte vergütet würden; allein Franz gab das durchaus nicht zu. „Aber, bemerkte ihm der Verwalter, diese Kosten belaufen sich auf eine beträchtliche Summe!" --- „Und hältst du es denn für etwas Geringes, erwiderte er, Herzen zu gewinnen, welche diese Prozesse vielleicht feindselig gegen mich gestimmt haben? mir gilt das Alles. Ich bin ihr Vater und ich muss sie als meine Kinder behandeln. Gehe zu ihnen und sage ihnen in meinem Namen, dass ich ihre frühere Schuld streiche, auch keine Entschädigung für die Kosten verlange, unter der einzigen Bedingung, dass sie künftig die Rechte des Bistums, wie sie durch Urteil des Senates erwiesen sind, anerkennen und achten." Um diesem Befehle nachzukommen, dazu bedurfte es für den Verwalter nicht weniger als vierzehn Tage, da die Betreffenden ziemlich weit auseinander wohnten (Charl.-Aug., p. 529.).

So benahm sich der edle Bischof stets in solchen Dingen. Der alte Rolland war keineswegs zufrieden damit und eines Tages stellte er seinem Herrn vor, dass er nicht mehr Verwalter bleiben könne, wenn das so fortgehe; seine zu große Milde mache es ihm nachgerade unmöglich. „Nun, Herr Rolland, versetzte darauf Franz, werde nicht böse; hätten die Leute nicht gefehlt, so würde ja ohnehin von einer Geldbuße und Entschädigung keine Rede sein können. Weißt du denn nicht, dass es mir gar nicht einfallen kann, zu prozessieren, um mich zu bereichern, sondern nur allein, um die Rechte der Kirche zu wahren und die Untergebenen in ihrer Pflicht zu halten?" Allein Rolland ließ sich durch diese Gründe nicht überzeugen und fuhr fort zu klagen. „Aber, fuhr sein Herr fort, siehst du denn nicht ein, dass wir nun, nachdem wir unseren Prozess, um die Rechte der Kirche zu wahren, gewonnen haben, die Freundschaft und Liebe des Nächsten, welche wir durch Prozesse gewöhnlich einbüßen, wieder gewinnen müssen? Sind wir nicht im Besitze dieser Freundschaft und wäre es möglich, sie durch Prozessieren zu gewinnen, so müsste man es deshalb tun; denn ein Vater muss sich die Liebe seiner Kinder zu erwerben suchen (Nach de Chaugy.)." Wiewohl eine solche Großmut seine Kasse nicht füllen konnte, so wusste er doch noch immer Etwas darin zu finden, wo es galt, dem Nächsten zu helfen, ihn in der Not zu unterstützen. Hatte er kein Geld, so ließ er verkaufen, was er nur immer in seinem Hause entbehren konnte, selbst die Kapelle schonte er nicht, wie wir schon gesehen haben.

Von jener noch erhabeneren Großmut gegen Feinde seiner Person, die ihn verleumdeten, ihn mit Vorwürfen und Beleidigungen überhäuften, gab er um diese Zeit aufs neue einen herrlichen Beweis. Eine vornehme Familie beschuldigte ihn, eine ihr missliebige Heirat zu Stande gebracht zu haben, und überschüttete ihn deshalb mit dem bittersten Tadel, ja den gröbsten Schmähungen. Sein ganzer Fehler war gewesen, dass er auf Befragen nur Rühmliches von dem jungen Manne, um den es sich handelte, sagen konnte, und dass das Braut-paar in seiner Gegenwart sich gegenseitig das Eheversprechen abgelegt hatte. Aber kein Gefühl der Bitterkeit stieg in seiner Seele gegen Jene auf, welche ihm dies Unrecht zufügten, und er schrieb sogar einen liebevollen Brief an sie (Brief 483.), in dem er sie bat, .,ihm zu gestatten, dass er seine Seele erleichtere, indem er sich bei ihnen selbst über ihre Klagen beklage, die ihn betrübten und in Erstaunen setzten." Damit hatte er das Seinige getan und verhielt sich nun vollkommen ruhig, ohne sich einen Augenblick die Heiterkeit und den Frieden der Seele rauben zu lassen. „Die Vorsehung, schrieb er bei derselben Gelegenheit (Brief 481. – Geist des heiligen Franz von Sales, XVIII, 3.), weiß, welches Maß von Ehre ich bedarf, um ihr Werk zu vollenden, und ich will weder mehr noch weniger, als ich nach ihrem Wohlgefallen haben soll. Mag man auch über mich urteilen und mich tadeln, wie man will, es ist mir einerlei (Brief 484.). Vor Gott weiß ich mich frei von Schuld in dieser Sache. Wohl wäre es mir lieb, das Wohlwollen dieser Familie um meines Amtes willen wieder zu gewinnen; wenn mir das nicht gelingt, so soll mich das aber nicht hindern, ruhig durch Ehre oder Unehre hindurch zu gehen, ich werde von beiden immer mehr haben, als ich verdiene. . ." „Ich habe, schrieb er ferner an Frau von Chantal (Brief 486.), die Wut dieser entfesselten Winde der Leitung der Vorsehung anheimgestellt; mögen sie fortfahren zu toben oder sich legen, ich will, was Gott will; Windstille und Sturm sind mir gleichgültige Dinge.

Glückselig seid ihr, wenn die Menschen alles Böse fälschlich wider euch reden um meinetwillen (Matth. V, 11.). Würde die Welt keinen Tadel an uns finden, so wären wir keine Diener Gottes. Ich befehle die Sache der allerseligsten Jungfrau und bin entschlossen, ihr die Sorge dafür ganz zu überlassen; wenn man gegen die Wogen ankämpft, so trägt man nur Schaum davon. Seien Sie nicht so weichherzig und empfindlich in dem, was mich betrifft; ich muss es wohl zufrieden sein, dass man mich tadelt. Verdiene ich es nicht in dieser Hinsicht, sodann doch in einer anderen. Sollte ich denn allein in der Welt frei von Schmach sein wollen? Es ist ein gutes Stück Selbstsucht dabei, wenn wir wollen, dass jedermann uns liebt und dass Alles zu unserer Ehre ausschlägt."

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Achtes Kapitel.

Fernere Tätigkeit des heiligen Franz von Sales in seinem bischöflichen Amte und neue Züge aus seinem heiligen Leben.

(1619 und 1620)

Da Franz von Sales die Stelle eines Großalmoseniers der Prinzessin von Piemont nur unter der Bedingung angenommen, stets in seiner Diözese bleiben zu können, so erbat sich letztere seinen Bruder Johann Franz zu seinem Stellvertreter in diesem Amte. Der Bischof gab mit Freuden seine Zustimmung, denn er hielt seinen Bruder mehr geeignet für das Hofleben als sich, und Johann Franz begab sich demgemäß nach Turin. Er benahm sich in seiner neuen Stellung mit einer Weisheit und Umsicht, welche ihm die Achtung und Liebe Aller in einem so hohen Grade erwarben, dass der Herzog schon nach zwei Monaten ihn dem Papste als Koadjutor von Genf vorschlug, ein Beweis des Wohlwollens, der den Bischof mit aufrichtiger Freude und dem größten Danke gegen den Fürsten sowie die Prinzessin erfüllte.

Es war im Advent, und keinen Augenblick das Wohl seiner Herde außer Acht lassend, hatte er am ersten Sonntage in dieser heiligen Zeit eine Reihe von katechetischen Vorträgen über die Gebote Gottes in seiner Domkirche begonnen, welche er an allen folgenden Sonntagen zur größten Freude und Zufriedenheit Aller fortsetzte. „Ich predige hier, schreibt er an Frau von Chantal (Brief 486.), über die Gebote Gottes; man hat es von mir verlangt, und die Aufmerksamkeit, mit der man mir zuhört, ist eine wunderbare. Aber ich predige auch von ganzem Herzen, und ich muss Ihnen gestehen, dass Gott diesem Herzen große Gunst erweist, indem er ihm eine große Liebe zu den Wahrheiten des Christentums einflößt, welche eine Folge der großen Klarheit ist, mit der er mich ihre Schönheit schauen lässt, sowie jene Liebe, mit der die Heiligen im Himmel sie umfassen, wo man nach meiner Meinung mit unvergleichlicher Freude singt. „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich (Matth. V, 3.)."

Auf eine noch herrlichere Weise übte er stets Alles, was er predigte, und bei jeder Gelegenheit gab er davon die glänzendsten Beweise. Ein junger Edelmann, der Ermahnungen des Heiligen, er möge einen besseren Lebenswandel beginnen, überdrüssig, beschloss sich an ihm zu rächen; was man sich früher schon erlaubt hatte, das wiederholte er: unter den Fenstern der bischöflichen Wohnung versammelte er einen Haufen unverschämter Burschen, die mit Jagdhörnern und von einer Meute Hunde unterstützt die ganze Nacht einen höllischen Lärm machten. Die Brüder des Bischofs waren empört über eine solche Beschimpfung und wollten die Nichtswürdigen mit Gewalt vertreiben lassen; aber er widersetzte sich dem mit aller Entschiedenheit, indem er bemerkte, man könne sie nicht empfindlicher strafen, als dadurch, dass man sie gar nicht beachte, und übrigens würde der Morgen ihnen eine weit härtere Züchtigung bringen. So geschah es; der junge Edelmann wurde von einer sehr gefährlichen Krankheit befallen, und die Rache des Heiligen bestand darin, dass er ihn während derselben auf's liebevollste besuchte; die Genossen seines Frevels hatten sich alle eine Brustentzündung oder sonst etwas der Art zugezogen, was die rächende Hand Gottes nicht verkennen ließ (De Cambis, III, 78.).

Der Eifer des heiligen Bischofs erstreckte sich nie auf seine nächste Umgebung allein; durch seinen ausgedehnten Briefwechsel wurde er auch für eine Menge von Seelen, denen das Glück nicht beschieden war, stets in seiner Nähe zu leben, ein Führer zur Vollkommenheit und zum Himmel, und gerade aus dieser Zeit datieren eine große Anzahl seiner Briefe, besonders an Angelika Arnaud, sowie an deren Vater, an Frau von Chantal, den Erzbischof von Bourges und viele Schwestern aus dem Orden der Heimsuchung. Unter Anderem schrieb er an eine solche, welche der Gegenstand vielfacher Verleumdungen war und sich dieselben sehr zu Herzen gehen ließ, die denkwürdigen Worte: „Wenn es Ihnen, indem sie sich ganz der Leitung der göttlichen Vorsehung überlassen, gelänge, recht fest in der Gleichgültigkeit gegen solche Dinge zu werden, so würden Friede und Ruhe Ihr Anteil sein; Derjenige nun, welcher in dieser Welt nicht in diesem Frieden leben kann, muss wenigstens in der Geduld leben (De Cambis, III, 78.)."

Außerdem gab er um die nämliche Zeit den Eremiten vom Berge Voiron eine bestimmte Regel, wodurch er gleichsam der Stifter einer neuen Ordensgesellschaft wurde.

Ein Herr von Langin hatte für sich und einen Gefährten in seiner Einsamkeit auf diesem Berge eine Klause mit einer Kapelle er-richtet, in welch' letzterer sich eine Statue der allerseligsten Jungfrau mit dem Jesuskinde befand. Nach seinem Tode hatten sich andere fromme Einsiedler daselbst niedergelassen und durch ihr heiliges Leben die ganze Umgegend erbaut, bis der Kalvinismus mit seiner Unduldsamkeit auch ihre Einsamkeit erreichte und sie daraus vertrieb; Klause und Kapelle wurden zerstört. Allein die Statue der allerseligsten Jungfrau, sowie das Glöcklein der Kapelle, dessen hellen Ton man bis Genf und Lausanne hören konnte, wurden durch ein Wunder erhalten. Erstere konnte trotz aller Anstrengungen nicht von der Stelle bewegt werden und die Glocke wurde so tief unter dem im Monat August reichlich fallenden Schnee begraben, dass sie trotz alles Suchens nicht mehr aufzufinden war. Andere fromme Einsiedler hatten später Kapelle und Klause wieder aufgebaut und von Rom Ablässe für Wallfahrer nach diesem Orte erhalten (Charl.-Aug., p. 532 et suiv.). So standen die Dinge, als ein Einsiedler den Sekretär des Gouverneurs von Mailand, Anton Rigaud, kennenlernte, der nach einem tätigen und bewegten Leben sich in die Einsamkeit zurückziehen wollte, um den Rest seiner Tage der Vorbereitung auf einen frommen Tod zu widmen. Als ihm der Einsiedler die Annehmlichkeiten und die ruhige Stille seines Aufenthaltes schilderte, in welchem man ohne strenge körperliche Bußübungen die Zeit zwischen Arbeit und Gebet teile, glaubte er, eine solche Lebensweise seinen Wünschen ganz entsprechend zu finden, und entschlossen, Alles zu verlassen und sich in diese Einsamkeit zurückzuziehen, bat er den Bischof von Genf um die Erlaubnis, sich den guten Einsiedlern anschließen zu dürfen. Franz gab gerne seine Einwilligung dazu (Das. p. 531.). Da aber die Eremiten bis jetzt unter keiner anderen Regel lebten, als jener, welche sie sich selbst gegeben hatten, hielt er es für zweckmäßig, ihnen kanonische Satzungen vorzuschreiben. Es herrscht in ihnen der Geist des Verfassers, seine nachsichtige Liebe, welche die menschliche Schwäche schont, seine Sanftmut, welche bestrebt ist, die Tugend liebenswürdig zu machen, seine Weisheit, welche die Vollkommenheit mit kluger Mäßigung vereinigt.

Wie Franz an Jahren zunahm, so auch an Heiligkeit des Lebens und umso herrlicher offenbarte es sich, wie die göttliche Gnade, der heilige Geist, sein ganzes Wesen durchdrang und mehr und mehr umwandelte. Eines Tages war er, als er sich auf die heilige Messe vorbereitete, so ganz in Betrachtung versunken, dass er ganz und gar nicht bemerkt hatte, dass die bestimmte Stunde zum Beginne derselben schon vorüber sei. Einer seiner Kapläne machte ihn darauf aufmerksam, dass man auf ihn warte. „Ach, rief er da, freudig sich erhebend, aus, ich soll ihn also empfangen den göttlichen Heiland, er soll mir also zuteil werden." Und eine außergewöhnliche Freude leuchtete aus seinem Antlitze, als er sich mit den heiligen Gewändern bekleidete. Als sein Beichtvater ihn nachher über den Grund dieser Freude befragte, antwortete er. „Gott hat mir große Erleuchtungen über die Menschwerdung und die heilige Eucharistie zuteil werden lassen und mich mit einer solchen Fülle von Gnaden überschüttet, dass die innere Freude auch in meinem Äußeren widerstrahlte.“ Als er einige Tage nachher in der Domkirche über die Liebe Gottes predigte, erschien er plötzlich von einem so glänzenden Lichte umflossen, dass man seine Person kaum mehr zu unterscheiden vermochte (Charl.-Aug., p. 543.); eine Tatsache, welche von fünf glaubwürdigen Zeugen eidlich bestätigt wurde. In Premery, wo er mehr als fünfhundert Personen das Sakrament der Firmung gespendet hatte, heilte er einen Tobsüchtigen durch eine sanfte Berührung seines Hauptes (De Cambis, III, 89. – Charl.-Aug., p. 344.). In Faucigny gab er einem Kranken, den die Ärzte aufgegeben hatten, durch sein Gebet plötzlich die Gesundheit wieder (De Cambis, III, 117. – Charl.-Aug., p. 515.). In Annecy heilte er, indem er das Zeichen des Kreuzes über ihn machte, einen Wahnsinnigen, dessen Wutanfälle so furchtbar waren, dass man ihn an Händen und Füßen gebunden halten musste (De Cambis, III, 98. – Charl.-Aug., p. 545). Aus zwei Frauen trieb er den Teufel aus (Charl.-Aug., p. 550.) und eine Kranke wurde gesund, nachdem sie einfach sein Röckel geküsst hatte (De Cambis, III, p. 131 et 132. - Charl.-Aug., p. 550.).

Es war darum kein Wunder, wenn die allgemeine Verehrung für ihn stets zunahm. Frankreich beneidete Savoyen um einen solchen Prälaten, und wie früher schon Heinrich IV., so versuchte es Ludwig XIII. aufs neue, ihn für sein Land zu gewinnen, indem er ihm eine ehrenvollere, einträglichere und mit weniger Beschwerden verbundene Stellung anbot. Frau von Chantal, welche durch den heiligen Vincenz von Paula immer Kenntnis von den Absichten des Hofes erhielt, schrieb ihm oft darüber. In mehreren Briefen teilte er ihr die Gesinnungen seines Herzens mit, welches von Allem losgeschält nur die größere Ehre Gottes wollte. „Mag die Vorsehung, schrieb er (Brief 518.), mir meinen Aufenthalt anderswo anweisen oder mich hier lassen --- denn das ist mir ganz gleich --- wird es nicht besser für mich sein, nicht so viele Pflichten und Obliegenheiten auf mir zu haben, damit ich unter dem Kreuze des Herrn ein wenig Atem schöpfen und etwas zu seiner Ehre und Verherrlichung schreiben kann? Doch, wir wollen Acht haben aus das, was der Herr uns gebieten wird, ich will nichts als seine größere Ehre, welche über alle meine Wünsche und Neigungen gehen muss. Ich beschaue und prüfe mich von allen Seiten, ob das Aller mich nicht etwa zur Habsucht hinneigen lässt, und ich finde im Gegenteil, dass es mich von allen Sorgen frei macht und von ganzem Herzen und ganzer Seele alle Filzigkeit, alle weltliche Vorsorge und Ängstlichkeit, in Not zu geraten, verachten lässt. Je weiter ich komme, um so mehr finde ich die Welt hassenswert, eitel und ungerecht, umso mehr empfindet meine Seele das glühendste Verlangen, nichts der Beachtung wert zu halten, nichts zu schätzen als die Liebe zum gekreuzigten Jesus; und ich bin so gleichgültig gegen die Ereignisse und Dinge dieser Welt, dass nichts, ich möchte sagen, auch nur einen leisen Eindruck auf mich macht. Nur die Ehre Gottes und der Befehl des Papstes kann mich aus meiner Diözese wegbringen (Brief 519.)".

Im Monat Mai erfolgte die offizielle Ernennung seines Bruders zum Koadjutor von Genf und die Bestätigung desselben durch den heiligen Stuhl. „Mein Bruder ist also Bischof, schrieb er an Frau von Chantal (Brief 519.), es ist wahr, das macht mich nicht reicher, aber es verschafft mir Erleichterung und gewährt mir einige Hoffnung, mich aus dem Gedränge zurückziehen zu können; das ist mir lieber als ein Kardinalshut". In der Tat ging er ernstlich mit dem Gedanken um, sein bischöfliches Amt aufzugeben und sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, alle seine Einkünfte seinem Bruder zu überlassen und sich selbst nur vierhundert Taler jährlich vorzubehalten, denn das, sagte er, reiche hin, um sich zu nähren und zu kleiden; was darüber hinausgehe, sei Überfluss, den man besser nicht habe.

Die Freude, welche er bei dem Gedanken an die Verwirklichung dieses Planes empfand, wurde grausam getrübt durch eine für ihn sehr schmerzliche Nachricht. Er hatte einen Freund, der ihm lieb und teuer war, und dieser Freund fiel vom wahren Glauben ab, wurde Protestant und ging nach England. Sein Herz blutete (Brief 542 u. 545.), als ihm dies erzählt wurde, und bitterlich weinte er um den verlorenen Freund. ,,In meinem ganzen Leben, schrieb er, ist mir keine so schmerzliche Überraschung zuteil geworden. O über die Eitelkeit des menschlichen Gastes, der auf sich selbst baut! Wie sind die Menschen so töricht, wenn sie sich selbst glauben. Mein Freund fand die geistliche Oberhoheit des Papstes über die Christen nicht hinlänglich begründet, und siehe da, er hat sich der geistlichen Oberhoheit eines Königs unterworfen, dessen Machtvollkommenheit für andere als bürgerliche Dinge aus der heiligen Schrift nie bewiesen werden kann." Und der Gedanke an das Los Englands, des ganzen schönen Landes, trat ihm wieder lebendig vor die Seele und erfüllte ihn mit schmerzlicher Wehmut. „Ich fühle mich ganz besonders, schrieb er, zu dieser großen Insel und ihrem Könige hingezogen, und ohne Unterlass bete ich für ihre Bekehrung zur göttlichen Majestät, und zwar mit dem Vertrauen, dass mein Gebet sowie das vieler anderer Seelen, welche danach seufzen, eines Tages erhört werden (Charl.-Aug., p. 549.).

Zu dem Schmerze über den Abfall seines Freundes gesellte sich noch ein anderer, der kaum weniger empfindlich war. Wir haben früher erzählt, welche Mühe er sich gegeben hatte, um in der Abtei Sixt Zucht und Ordnung wieder herzustellen. Es war ihm auch gelungen für eine Zeit lang. Allein die von ihm gegebene Regel geriet nach und nach wieder in Verfall und wurde jetzt so schlecht beobachtet, dass man allgemein über die früheren Bemühungen des Bischofes spottete und sagte, er habe von seinen zwei Reisen nach der Abtei nichts als die Kälte, das Eis und den Schnee des Gebirges mitgebracht. „Spottet nur, bemerkte der gutmütige Bischof, der nie an der Bekehrung Jemandes verzweifele, solchen Redensarten gegenüber, unter dem Schnee liegt immer guter Same verborgen; die Zeit der Ernte wird schon kommen. Der Landmann, welcher seine Felder von Reif bedeckt sieht, wartet geduldig, bis seine Arbeit Früchte bringt, und in dieser Erwartung lebe auch ich. Wenn der Schnee geschmolzen ist, dann werden wir ernten. Am Werke Gottes muss man arbeiten, wie Gott selbst daran arbeitet, und nicht nach Art der Menschen; Gott ist langmütig und barmherzig, er wartet, bis wir Buße tun, während der Mensch ungestüm und jähzornig ist und oft nur für sich selbst Barmherzigkeit kennt (Annee de la visitation, 20. Decembre.)".

Voll Hoffnung auf einen endlichen Erfolg fuhr darum der geduldige Bischof fort, durch Briefe die Mönche von Sixt zur getreuen Beobachtung ihrer Regel zu ermahnen, und nicht vergebens. Dem Heiligen lange Widerstand zu leisten war ihnen nicht möglich, und sie sandten ihm das schriftliche, vom ganzen Kapitel unterzeichnete Versprechen, von nun an ihrer Regel gemäß leben zu wollen. Franz beeilte sich, ihnen seine Freude über diesen Entschluss auszudrücken und jenen Akt des Kapitels zu bestätigen. ,,Wir heißen gut und bestätigen diesen Akt, schrieb er ihnen, und befehlen, dass er beobachtet und vollzogen werde. Wir loben Euch darum, wir lieben Euch aus allen Kräften im Herzen Jesu Christi und geben Euch unseren väterlichen Segen." Um die Mönche noch mehr in diesen guten Entschlüssen und Gesinnungen zu befestigen, machte er eine dritte Reise nach Sixt, und es gelang ihm so vollkommen, dass sie sogar eine noch ausgedehntere und vollkommenere Regel als die bisherige annahmen.

Während seines Aufenthaltes in der Abtei kam eine Menge von Leuten jeden Standes aus Fauciguy, Chablais und Gex, die sich bei ihm in den verschiedensten Angelegenheiten Rats erholen wollten. Die Abtei musste die Fremden natürlich unterhalten und man berechnete, dass die Zahl der Mahlzeiten, welche sie gegeben hatte, sich bis auf zweihundertvierzig belief. Über die Kosten, welche er auf diese Weise dem Hause verursachte, betrübt, sagte Franz den Mönchen, er werde Gott bitten, sie dafür zu entschädigen, und die Wirkung seines Gebetes war eine so wunderbare, dass dem Kloster auch nicht der geringste Schaden aus all' diesen außergewöhnlichen Ausgaben erwuchs. Der vorbeifließende Fluss lieferte eine solche Menge der herrlichsten Fische, dass man seit Menschengedenken nichts Ähnliches gesehen hatte. Ein anderes Brot, als jenes, welches für die Mönche bestimmt war, wurde nicht gebacken, und doch reichte es auch für alle Fremden hin; aus ein und demselben Fasse wurde aller Wein genommen, dessen man bedurfte, und sein Inhalt nahm nicht mehr ab, als wenn die Mönche allein davon getrunken hätten, Tatsachen, welche von sechs Chorherren der Abtei in dem Kanonisationsprozesse des Heiligen eidlich bestätigt wurden (Bernard, Jean, Passis, Biard, Moccand und Desfayes. -- Charl.-Aug., p. 516.). Schon früher hatte der Bischof in dieser Gegend etwas Ähnliches getan. Eines Tages befand er sich auf einer Reise in den Bergen Faucigny's. Es war ein heißer Sommer und er hätte für seine vor Durst verschmachtenden Gefährten gerne eine Erfrischung gehabt. In einem Wirtshause, an dem sie vorbeikamen, verlangte er deshalb etwas Wein für sie. Allein der Wirt bemerkte ihm, dass sein Wein verdorben sei und der Genuss desselben nachteilig sein könne; einen anderen habe er nicht mehr. „Das hat nichts zu sagen, sprach der Bischof, lassen Sie mich den Wein mal kosten." Der Wirt ließ sich endlich bewegen, ein Glas voll zu bringen, und kaum hatte Franz ihn an seine Lippen gebracht, als nicht nur der Wein im Glase, sondern auch jener, welcher noch im Fasse war, ein lieblicher und ganz vortrefflicher wurde. Alle Gefährten tranken davon und nahmen sich noch einige Flaschen mit; den ganzen Rest verkaufte der Wirt innerhalb zwei Tagen zu einem bedeutenden Preise (Charl.-Aug., p. 512. ).

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Neuntes Kapitel.

Fernere Arbeiten des Heiligen.

(1621)

Johann Franz von Sales ließ sich, nachdem er als Bischof von Chalcedon i. p. zum Koadjutor von Genf, mit dem Rechte der Nachfolge, von Rom bestätigt worden, am 17. Januar 1621 in Turin die Konsekration erteilen, und begab sich von da einige Tage nachher nach Annecy. Um dem neugeweihten Bischofe die gebührende Ehre zu erzeigen, ging ihm Franz mit großem Gepränge (Aufwand) bis an die Tore der Stadt entgegen, wiewohl es schon ziemlich weit in der Nacht war, und gab ihm auch an den folgenden Tagen solche Beweise seiner Ehrfurcht, dass man ihm bemerkte, er gehe zu weit darin; sich selbst, da er doch der Erste sei, lasse er zu sehr verschwinden. „Mein Bruder, antwortete er lächelnd, muss groß werden, ich klein; er muss jetzt arbeiten, ich muss ruhen." In ähnlicher Weise äußerte er sich seinem Bruder selbst gegenüber. „Nie, sprach er, habe ich vom Herzoge die Gnade begehrt, noch um sie bitten lassen, Dich mir zur Stütze, zu meinem rechten Arme zu geben. Es ist der Wille und die Vorsehung Gottes allein, welche Dich zu dieser Würde erhoben hat; ich danke der göttlichen Barmherzigkeit dafür, denn ich hoffe, dass Du das Amt der Martha übernimmst und mir den Platz der Maria lassen wirst (Annee de la visitation, 21. avril. – Charl.-Aug., p. 550.)."

Nur kurze Zeit konnte der neue Bischof in Annecy verweilen; die Obliegenheiten eines Großalmoseniers riefen ihn wieder an den Hof und nach drei Tagen schon reiste er nach Turin zurück, wiewohl es ihm wehe tat, seinen betagten Bruder im Drange der stets sich mehrenden Arbeiten allein zu lassen. Besonders bemerkenswert war es an dem heiligen Bischofe, dass er bei so vielen Beschäftigungen von so verschiedener Natur nie die andächtige Sammlung des Geistes verlor, nie aus der inneren Vereinigung mit Gott heraustrat. „O wie war ich heute Morgen so froh und zufrieden, schrieb er einst, von Arbeiten überhäuft, an Frau von Chantal (Brief 572.), meinen Gott so groß zu finden, dass es mir nicht einmal möglich ist, mir seine Größe in etwa vorzustellen! Aber da ich ihn weder erhöhen noch größer machen kann, so will ich wenigstens überall seine Größe und Unermesslichkeit verkünden. Verbergen wir sachte unsere Kleinheit in dieser Größe; und wie ein Küchlein, bedeckt von den Flügeln seiner Mutter, warm und sicher sitzt, so lassen wir auch unser Herz ruhen unter der liebenden Fürsorge des Herrn und decken wir uns warm zu unter seinem heiligen Schutze."

Eine halbe Stunde von Annecy lag die Abtei St. Katharina, von Nonnen aus dem Orden des heiligen Bernhard bewohnt; halb verweltlicht, waren diese Nonnen für das Herz des Bischofs ein Gegenstand neuer Sorge und Bekümmernis. Er musste sich sagen, dass sie Gott nicht dienten, wie sie sollten, und beschloss darum, den Versuch zu machen, einen mehr klösterlichen Geist und Sinn in ihnen zu erwecken. Zu dem Zwecke besuchte er öfters ihr Kloster und wies sie mit Nachdruck und doch auch mit Sanftmut auf ihre Pflichten hin, zeigte ihnen einerseits, welche Schande es für ein Ordenshaus ist, wenn die Regel in ihm vernachlässigt wird; schilderte ihnen auf der anderen Seite das Glück und die Reize einer klösterlichen Genossenschaft, welche so ist, wie sie sein soll. Aber nur auf einige wenige, deren Zahl sich auf fünf belief, machten seine Ermahnungen einen Eindruck; leider setzte die Äbtissin mit vier anderen jeder Reform einen entschiedenen Widerstand entgegen. Aus eigener Machtvollkommenheit durfte Franz nichts Entscheidendes vornehmen, er bedurfte dazu der Ermächtigung des heiligen Stuhles und des Hofes von Turin, die er aber trotz aller Bemühungen -- mehr als hundert Briefe schrieb er zu diesem Zwecke --- noch immer nicht erhalten konnte. Die fünf gutgesinnten Nonnen, welche die Reform wünschten, wurden ungeduldig über diese Verzögerung und drangen in den Bischof, nicht länger zu warten, sondern eigenmächtig Hand ans Werk zu legen. Er antwortete ihnen, dass sie diesen allzu großen Eifer mäßigen und sich gedulden sollten. „Die Sache lässt sich in einem Tage nicht abmachen, sprach er; betet, schweiget, seid geduldig, und Alles wird sich machen, wenn der im Ratschlusse Gottes bestimmte Augenblick gekommen ist; vor allem aber seid sanftmütig und demütig von Herzen. Wünschet wenig, tut viel; sich ergeben und unterwerfen ist das Wesen des klösterlichen Lebens .... Gott bedient sich der Zeit zur Verwirklichung der Ratschlüsse seiner Vorsehung, schrieb er ferner an die Schwester de Ballon (Sie war die erste Oberin der reformierten Bernardinerinnen und die Nachrichten über diese Reform sind aus ihrem Leben von P. Jean de Grassy, einem Oratorianer, entnommen.). Der menschliche Geist liebt seine Bequemlichkeit und sein eigenes Urteil. Darum kann man es nicht sonderbar finden, wenn die Pläne und Gedanken Anderer, wie heilig sie auch sein mögen, auf Widerstand stoßen. Bleiben Sie ruhig, dulden Sie ruhig, warten Sie ruhig, und Gott, welcher der Gott der Ruhe und des Friedens ist, wird schon alles zu seinem Ruhme inmitten dieses Streites lenken. Machen Sie eine gute Ernte, es ist jetzt die Zeit dazu. Sammeln Sie die Segnungen, welche Ihnen aus diesen Widerwärtigkeiten erwachsen können; in einem Tage werden Sie so mehr gewinnen, als sonst in zehn zu einer anderen Zeit. Gott wird für Jene reden, welche schweigen; er wird triumphieren für Jene, welche leiden, und die Geduld durch einen glücklichen Ausgang belohnen."

Zwei von den Schwestern, welche für die Reform waren, hörten nicht auf die Sprache weiser Mäßigung, sie ließen sich hinreißen von jenem unüberlegten Eifer, der auch der besten Sache schadet, weil er sie überstürzt, und beide wagten es, Briefe an den Bischof zu schreiben, die von ihrer Unbesonnenheit Zeugnis ablegten. Die eine machte ihm die schonungslosesten Vorwürfe, die andere beklagte sich bitter, wiewohl ihr Schreiben in verständigem Tone gehalten war. „Meine Tochter, antwortete Franz ersterer, ich möchte Ihnen schon gerne zürnen, aber ich kann es nicht, da ich nicht in der Laune dazu bin." Der anderen schrieb er nur die paar Worte: „Die Reform wird stattfinden, geliebte Tochter, und Gott wird die Menschen dazu mitwirken lassen, wenn man es am wenigsten erwartet." Diese Zeilen fielen durch einen verdrießlichen Irrtum der Äbtissin in die Hände; die Folge davon war, dass man beschloss, dem Bischofe in Zukunft das Kloster zu verbieten, und dass die fünf gutgesinnten Schwestern stets ihre Briefe zeigen sollten, ehe sie dieselben abschickten. Als Franz von diesem Beschlusse Kenntnis erhielt, sprach er lächelnd: „Verschließt man mir das Tor des Klosters, so bleibt mir immerhin die Kirche offen; dahin werde ich also gehen und dort können wir miteinander sprechen.“ Zugleich ließ er den fünf Schwestern sagen, sie könnten ihm schreiben wie früher; „denn, fügte er hinzu, ich habe eine höhere Macht, ihnen die Erlaubnis dazu zu geben, als die Frau Äbtissin." Und er fuhr fort, zu ihnen zu reden und sie zu belehren. In häufigen Vorträgen zeigte er ihnen, wie erhaben ihr Beruf sei, wie die Erziehung der Jugend, womit sie sich abgaben, ein für Zöglinge und Erzieherinnen nützliches und verdienstliches Werk sei; er zeigte ihnen, dass der Hauptzweck des Klosterlebens darin bestehe, den Willen abzutöten mit seinen tausend Begierden, die Eigenliebe mit ihren unzähligen Ansprüchen und Empfindlichkeiten, die Seele fest zu begründen in der vollkommenen Hingabe an den Willen Gottes in allen Ereignissen, die er herbeizuführen oder zuzulassen in seiner Weisheit für gut findet; sie fest zu begründen in Demut, welche, während sie sich erniedrigt bei dem Anblicke ihres Nichts, sich erhebt durch das Vertrauen auf Gott, in unerschütterlicher Sanftmut, welche bitteren und verletzenden Worten nur geduldiges Schweigen entgegensetzt; in der Übung des Gebetes trotz der Verachtung Jener, welche es nicht üben, und der Tugend trotz aller sich entgegenstellenden Hindernisse; sodann in dem Gehorsam gegen die Oberin und der Abtötung seiner selbst. Er bemerkte ferner, dass, wenn solche Lehren und Vorschriften groß und erhaben erschienen, eine Nonne sich erinnern möge, dass sie, um sicher gerettet zu werden, Gott ganz angehören müsse. „Denn der himmlische König will Alles oder Nichts; er will keine geteilten, keine lauen Herzen: „Die Lauen, rief er aus, kann Gott nicht ausstehen, er stoßt sie von seinem Herzen zurück!" Mit solchen Ermahnungen verband der heilige Bischof die Predigt seines eigenen Beispiels, das die Schwestern aufs höchste erbaute; unter anderem bemerkte man, dass er seinen Bedienten in dem für ihn selbst bereiteten guten Bette schlafen ließ. während er sich mit dem schlechteren begnügte. In dieser Weise bereitete er die Schwestern auf die Reform in einer kommenden besseren Zeit vor.

Da die gesetzliche Ermächtigung zur Vornahme der Reform trotz alles Nachsuchens noch nicht angekommen war und die Schwestern des Wartens müde waren, baten sie ihn um die Erlaubnis, eine eigene Genossenschaft in Rumilly errichten zu dürfen, um so das vollkommene Leben, nach dem sie so sehr verlangten, führen zu können. Er hatte nichts dagegen einzuwenden, und diese fünf begannen somit die Reform. Der Anfang war schwer, denn es mangelte ihnen an Allem. Sie schilderten ihre Lage dem Bischofe in einem Briefe, den ihm ein ihm verwandter Geistlicher überbrachte. Schon lange hatte dieser einen geheimen Groll gegen ihn und war froh, eine Gelegenheit zu haben, seinen Zorn an ihm aufzulassen, er warf ihm in den bittersten Worten vor, dass er die Schuld an dieser äußersten Armut und armseligen Lage der Schwestern trage; er hätte ihnen nicht die Erlaubnis geben sollen, sich, aller Existenzmittel beraubt, in Rumilly niederzulassen. „Vetter, sprach Franz, diese Vorwürfe nicht beachtend, wollen Sie mir wohl einen kleinen Gefallen erzeigen? Die guten Schwestern von Rumilly haben eine Anzahl Kleidungsstücke und andere Gegenstände hier in unserem Kloster von der Heimsuchung. Würden Sie nicht so freundlich sein, morgen Ihr Pferd zurückzuschicken, um sie abnehmen zu lassen? Sie sind arm und es ist ganz in der Ordnung, dass man sie unterstützt." Diese so unerwartete Antwort brachte eine solche Änderung in dem Geistlichen hervor, dass er dem von ihm noch soeben Geschmähten auf's bereitwilligste seine Dienste anbot, und den armen Schwestern wurde einstweilen so gut als möglich geholfen. Einige Zeit nachher stattete der Bischof selbst ihnen einen Besuch ab und ermahnte sie, standhaft und treu auf dem betretenen Wege fortzuwandeln, sich auf die Vorsehung zu verlassen, welche für sie sorgen werde, und nicht auf die Gunst der Menschen. Nachdrücklich schärfte er ihnen ein, nur arme Mädchen als Novizinnen aufzunehmen oder doch mit äußerster Vorsicht zu Werke gehen, wenn sich reiche meldeten, damit nicht der Wunsch, sich Vermögen zu erwerben, sie zu der Aufnahme solcher verleite, welche für das Kloster nicht geeignet seien; um sich den nötigen Unterhalt zu verschaffen, wie auch im Interesse der Jugenderziehung, möchten auch sie, wie die Damen von St. Katharina, von denen sie nur mit größter Achtung reden sollten, ein Pensionat errichten. „Seid gutes Mutes, meine Töchter, sprach er zum Schlusse; verlieret ihn nicht, selbst wenn ihr, wenn man sich so ausdrücken darf, Steine in Ermangelung von etwas anderem essen müsstet. Der Stifter der Feuillanten (Feuillants - ursprünglicher Name einer Kongregation der Zisterzienser) lebte fünf Jahre lang nur von Ginsterblumen und wilden Kräutern und hatte als Beleuchtung nachts kein anderes Licht, als die Lampe vor dem allerheiligsten Sakramente ... Ich bitte Euch, nur ein Jahr mutig auszuharren; dann werdet Ihr Alles überstanden haben. Arme Kinder! Jeder redet über Euch, wie es ihm gefällt; die Welt hält Euch für Unbesonnene; aber haltet Ihr sie selbst für eine Törin; verlasst Euch auf Gott allein." Als da die Schwestern einstimmig ausriefen, dass sie auch auf ihn ihre Hoffnung setzten, bemerkte er, die Augen zum Himmel erhebend: „Euer Vater ist schon alt, meine Töchter, er kann nicht lange mehr leben, er muss sterben." Hierauf ließ er sie unter seinem Vorsitze sich ihre Oberin wählen und gab ihnen eine Regel, welche im Jahre 1622 von Gregor XV. bestätigt wurde. Der Erfolg der Reform war von Bestand und der Bischof von Genf verdiente mit Recht den Namen eines Wiederherstellers des Ordens oder vielmehr des Stifters eines neuen Ordens (Nach Myncet.).

Franz kehrte darauf nach Annecy zurück. Als seine beiden Brüder einige Stunden nach seiner Ankunft in sein Zimmer traten, fanden sie ihn in tiefe Betrachtung versunken. Auf ihre Frage nach dem Gegenstande derselben antwortete er: „Lasst mich ein wenig ganz allein mit meinem Gott, meine Brüder! seine göttliche Majestät hat mir ein Zeichen gegeben, ernstlich über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit nachzudenken. Ich werde sie Euch nächstens mitteilen." --- „Es betrifft wohl die Abfassung eines neuen Werkes?" --- „Nichts weniger als das, aber Ihr sollt es ein anderes Mal wissen." Darauf ließen sie ihn allein, überzeugt, dass ihm vom Himmel eine Offenbarung über seinen nahen Tod zuteil geworden sei (Annee de la visitation, 22. octobre.).

Sein ganzes Leben befestigte sie noch mehr in diesem Glauben. Von jenem Augenblicke an betrachtete er sich nicht mehr anders, denn als einen Reisenden, welcher vor seiner nahen Abreise in ein fremdes Land alle Vorbereitungen dazu trifft. In seine weltlichen Angelegenheiten brachte er jene schöne Ordnung, welche den Überlebenden mit größter Klarheit die Bestimmung eines jeden Teiles der Erbschaft auseinandersetzt, welche allen Streit und jeden Zweifel unmöglich macht und den letzten Willen des Verstorbenen im hellsten Lichte zeigt. Zugleich gab er seinem gewöhnlichen Leben noch jene eigentümliche Vollendung und Vollkommenheit, welche einen so würdigen Schluss dieses so heiligen und schönen Lebens bildete.

Was ihm aber am meisten am Herzen lag, das war das Wohl und Interesse seiner Diözese. Das beschäftigte ihn vor allem Anderen. Was sollte aus seinen geliebten Diözesanen unter einem noch unerfahrenen Führer werden, der bis jetzt in der so schwierigen Kunst des Regierens noch ein Neuling war? Voll von diesem Gedanken, verwandte er seine ganze Sorgfalt darauf, seinen Bruder, der mittlerweile vom Turiner Hofe die Erlaubnis erhalten hatte, bei dem Bischofe in Annecy für unbestimmte Zeit leben zu dürfen, mit den Anforderungen und Pflichten seines Amtes vertraut zu machen, ihn an die Leitung der Diözese zu gewöhnen, wie wenn er sie schon so bald verlassen müsste. Jeden Tag schloss er sich mit ihm zu bestimmten Stunden in sein Arbeitszimmer ein, setzte ihm bis ins Einzelne den Stand und die Angelegenheiten der Pfarreien und Kirchen der Diözese auseinander, schilderte ihm Charakter und Sitten der Bewohner und ihrer Pfarrer, ihre guten und bösen Eigenschaften, zeigte ihm die Mittel, das Böse auszurotten, das Gute an seine Stelle zu setzen, oder wo es schon vorhanden, zu befestigen. Auch vernachlässigte er es nicht, mit ihm abermals die Hauptgegenstände des theologischen Wissens durchzugehen, ihm die schwierigsten Stellen der heiligen Schrift zu erklären und ihm manchen Wink und Fingerzeig zu geben, wie er am besten predige, am besten ermahne und belehre (Charl.-Aug., p. 559.). „Es ist Zeit, lieber Bruder, sprach er oft zu ihm, dass ich Dir Alles sage, was ich nur Gutes weiß; denn wer kennt die Stunde, in welcher an mich der Ruf zum Rückzuge ergehen wird?“

Beide Bischöfe führten ein gemeinschaftliches Leben; es herrschte unter ihnen jene vollkommene Eintracht, wie sie allein die Tugend hervorbringen und unterhalten kann, denn an Charakter und Temperament waren beide ganz und gar verschieden. Franz war leicht zugänglich, gütig und sanftmütig im höchsten Grade, immer bereit, die Fehler Anderer zu entschuldigen und zu vergeben. Sein Bruder war im Gegenteil strenge, ernst, sprach wenig, seine Strenge gegen die Sünder konnte bisweilen unerbittlich sein. Demut auf der einen, hingebende Freundschaft auf der anderen Seite, beider Tugend benahmen jedoch diesen Ursachen zur Zwietracht ihre Wirkung. Als sie sich eines Tages anschickten, das Brevier gemeinschaftlich zu beten, wurde der Heilige gerufen, um jemand Beichte zu hören, und diese Beichte dauerte sehr lange. Als sie endlich das Brevier angefangen hatten, bemerkten sie am Ende der ersten Nokturne, dass es nicht das Offizium (Chorgebet) des Tages war. Der Koadjutor, durch das lange Warten schon missgestimmt, konnte da nicht mehr an sich halten und gab in harten, unfreundlichen Worten seinem Bruder die Schuld an dem Irrtum.

Ohne über diese Herbe sich verletzt zu fühlen, bat ihn Franz voll Sanftmut, doch nicht böse zu werden; Gott, dem man es leichter recht machen könne, als den Menschen, werde schon mit der bereits gebeteten Nokturne (nächtliche Gebetsfolge) zufrieden sein (Recueil de la mere Greffier.).

Ein anderes Mal wollten sie sich gerade zu Tische setzen, als eine arme Magd sich meldete, die Franz zu sprechen wünschte; er ließ sie auf der Stelle in ein anstoßendes Zimmer führen und lieh ihr Gehör so lange sie wollte. Dem Koadjutor war das arg und als Franz endlich zurückkam, rief er voll übler Laune: „Du wärst in der Tat im Stande, die ganze Welt ungeduldig zu machen!" --- „Aber, entgegnete Franz lächelnd, diese Person und ich gehören ja auch zu dieser ganzen Welt und wir haben doch keineswegs die Geduld verloren." Sich sodann zu Tische setzend, fuhr er fort freundlich zu scherzen: „Weißt Du, Bruder, dass es in der Welt Jemand gibt, den Du sehr glücklich gemacht hast? Rate einmal, wer?“ Der Koadjutor nannte mehrere Personen. „Nein, das ist sie nicht, sprach Franz, das auch nicht, diese ebensowenig." -- „Nun, wer ist es denn?" --- „Deine Frau, wenn Du geheiratet hättest (Recueil de la mere Greffier.). -- Sieh, bester Bruder, fuhr er in ernstem Tone fort, wir Bischöfe müssen immer Jedermann zugänglich sein, wenn wir unsere Pflicht tun wollen. Wir müssen wie jene großen öffentlichen Brunnen sein, aus denen jedermann das Recht hat zu schöpfen, zu denen nicht allein die Menschen, sondern auch die Tiere und selbst die Schlangen kommen, um ihren Durst zu löschen."

Gegen Ende November begaben sich beide Bischöfe nach der Abtei Talloires, um die Übertragung der Reliquien des heiligen Germanus vorzunehmen, eines frommen Einsiedlers, der im elften Jahrhunderte lebte und von der Abtei Flavigny nach Talloires geschickt worden war, um daselbst klösterliche Zucht und Ordnung wieder herzustellen. Nach Vollendung seiner Aufgabe hatte er sich auf einem hohen Berge in der Umgegend eine Klause gebaut, wo er unter Fasten, Gebet und Handarbeit ein gottseliges Leben führte. Durch zahlreiche Wunder nach seinem Tode, sowie durch die Stimme des Volkes hatte es Gott gefallen, die Heiligkeit seines Dieners zu offenbaren. Schon bei seinem ersten Besuche in Talloires hatte Franz befohlen, die Kirche, in welcher der Leib des Heiligen ruhte, wieder herzustellen; er werde dann selbst kommen, um die Reliquien unter dem Hauptaltare beizusetzen. Der Koadjutor konsekrierte feierlich Kirche und Altar; Franz selbst verweilte während der ganzen Zeit in tiefer Betrachtung und wie in Entzückung versunken vor dem Schrein, in welchem die Gebeine ruhten. „Nie, außer ein Mal, sprach er nachher zum Pater von Coex, habe ich solche innerliche Tröstungen empfunden." Nach der Messe setzte er die Reliquien, nachdem er sie dem Volke gezeigt, feierlich unter dem Altare bei (Charl.-Aug., p. 551.). Darauf ging er auf die Kanzel und sprach mit der größten Begeisterung zwei Stunden lang zuerst über die Verehrung der Heiligen im Allgemeinen, sodann über die Tugenden des heiligen Germanus im Besonderen und empfahl sie zu eifriger Nachahmung.

Aus der Kirche begab er sich in die Klause. Es gefiel ihm so wohl in dieser reizenden Einsamkeit, dass er sich sehr geneigt fühlte, hier seine Tage zu beschließen. „Wahrhaftig, sprach er zu seinen Begleitern, dieses Plätzchen erwähle ich mir, um hier zu wohnen und ein wenig Ruhe zu genießen. Wenn es der Wille des Herrn ist, so werde ich die Last und Hitze des Tages unserem Koadjutor allein überlassen und ich werde mit meinem Rosenkranze und meiner Feder Gott und der Kirche dienen." Er öffnete nach diesen Worten ein Fenster, von dem man die Aussicht auf den See und die Stadt Annecy hatte, und die Schönheit der Landschaft bewundernd, rief er aus: „Welch' eine herrliche Lage! Hier werden die großen und schönen Gedanken klar und dicht auf mich herabfallen wie der Schnee im Winter." Nachdem er eine Erfrischung zu sich genommen, verließ er den Berg und ging zu Fuße nach Talloires hinab, um in der Kirche der Abtei abermals die Kanzel zu besteigen und über die Verehrung des Heiligen zu sprechen. Besonders empfahl er wieder die Andacht zu dem heiligen Einsiedler, dem er selbst soeben seine Verehrung erwiesen. Tief gruben sich seine Worte in die Herzen seiner Zuhörer ein und tragen heute noch ihre reichlichen Früchte; noch stets ist die Kirche des heiligen Germanus ein vielbesuchter Wallfahrtsort, besonders am Ostermontage, Pfingsten und Allerheiligen (Charl.-Aug., p. 551.).

 

Zehntes Kapitel.

Letzte Lebensjahre des heiligen Franz von Sales.

(1621 und 1622)

Ehe Franz Talloires verließ, gab er dem Pater von Coex den Auftrag, ihm bei der Klause des heiligen Germanus auf einem freund-lichen, ringsumschlossenen Platze fünf bis sechs Zellen zu erbauen, damit er sich in diese Einsamkeit zurückziehen könne, sobald er die Leitung seiner Diözese seinem Bruder übergeben habe (Geist des h. Franz von Sales, IV , 7; V, 6; X, 4.). „Wenn wir einmal dort sein werden, sprach er zum Prior, so werden wir Gott mit dem Brevier, dem Rosenkranz und der Feder dienen; wir werden dort eine heilige Muse finden, um zur Ehre Gottes und zur Belehrung der Seelen das niederzuschreiben, was ich schon mehr als dreißig Jahre mit mir herumtrage und was ich in meinen Predigten und Betrachtungen fleißig benutzt habe. Ich habe mir vieles schon aufgezeichnet und außerdem hoffe ich, dass Gott uns noch vieles eingeben wird. O, wer wird mir Flügel geben gleich der Taube, um hinzufliegen in diese heilige Einsamkeit und unter dem Schatten des Kreuzes zu ruhen? Dort werde ich den Augenblick meines Hinüberganges in die Ewigkeit erwarten."

Er hatte wirklich sehr ausgedehnte Pläne, die er in der ruhigen Stille seiner Einsamkeit ausführen wollte. Vor allem beabsichtigte er, eine Geschichte Jesu Christi in vier Büchern zu schreiben; das erste sollte eine Übersetzung der vier Evangelien in chronologischer Zusammenstellung und Ordnung enthalten; das zweite die Beweise für die Hauptlehren des katholischen Glaubens, welche in den eigenen Worten und Aussprüchen des Herrn enthalten sind; das dritte sollte von den christlichen Tugenden und der evangelischen Vollkommenheit nach der reinen Lehre Jesu Christi handeln; das vierte sodann sollte eine Geschichte der ersten Kirche, ihrer Verfassung und Heiligkeit sein, wie sie in der Apostelgeschichte gegeben ist; „und, wenn mir noch Zeit übrig bliebe, fügte er hinzu, so würde ich eine ähnliche Arbeit über die Briefe des heiligen Paulus machen (Charl.-Aug., p. 556. – Dom Jean de St. Francois, p. 232.)." Außerdem beabsichtigte er noch, eine Abhandlung über die Nächstenliebe zu schreiben, sodann eine andere über die Pflichten des Seelsorgers, letztere in einer Reihe von Pastoralbriefen. Man bemerkte ihm, dass dies eine ungeheure Arbeit für sein schon vorgerücktes Alter sei, besonders da er bereits eine Ahnung von seinem nahen Tode habe! „Wohl wahr, versetzte er, aber um den Geist in Tätigkeit zu erhalten, muss man sich mehr Arbeit vornehmen, als man fertig bringen kann, wie wenn man lange zu leben hätte, und nicht mehr davon tun wollen, als ob man morgen schon sterben müsste (Annee de la visitation, 18. juin.)."

Eine andere Aufgabe, welche er sich für die Zeit seiner künftigen Zurückgezogenheit gesetzt hatte, war die Erziehung eines Neffen, der sich zum geistlichen Stande bestimmte: es war Karl August, der Sohn seines Bruders Ludwig von Sales. Schon vom Mutterleibe an hatte er ihn gesegnet und Worte guter Vorbedeutung über ihn gesprochen. Als der Knabe später durch die Unvorsichtigkeit seiner Amme hinkend geworden und Franz den Kummer seiner Eltern darüber sah, hatte er ihnen, auf den Patriarchen Jakob anspielend, der auch an diesem körperlichen Gebrechen litt, gesagt, dass er sein vielgeliebter Jakob sein werde, und dass Gott diesem Kinde, wie einst dem heiligen Patriarchen, den Segen des Himmels und der Erde zugedacht habe. Das Kind hatte sich nach dem Tode seiner Mutter das Alphabet von einer Magd lehren lassen; und mit Hilfe dieser ersten Kenntnisse war es ihm durch eigenen Fleiß gelungen, lesen zu lernen. Sein liebstes Buch war die „Philothea" seines heiligen Onkels, das er durch stetes Wiederlesen fast ganz auswendig konnte. Als er acht Jahre alt war, kam er eines Tages weinend zu dem Bischofe und sagte: „Ach, ich schäme mich so sehr, Ihrer nicht wert zu sein, bester Onkel; denn ich bin rein nichts, und wenn Sie mir nicht zu Hilfe kommen, so laufe ich Gefahr, mein ganzes Leben lang unwissend zu bleiben; mein Vater ist stets so von seinen Angelegenheiten in Anspruch genommen, dass er keine Zeit hat, an mich zu denken." Diese Lernbegierde in einem so zarten Alter machte dem würdigen Oheim große Freude, und mit Zustimmung seines Vaters gab er dem Knaben vortreffliche Lehrer; im Wissen und in der Frömmigkeit machte er nun wunderbare Fortschritte. „Dies Kind ist zu großen Dingen geboren, sagte der Bischof oft, wenn er seine Fortschritte sah, und es ist der Wille Gottes, dass man diese vielversprechende Pflanze sorgfältig pflegt. Sei eingedenk, liebes Kind, sprach er zu dem Knaben selbst, dass Gott Dich zu einem Gefäß der Gnade erkoren hat, und dass, wenn Du treu seinem Zuge folgst, er Dich aus eine ausgezeichnete Weise zu seinem Dienste verwenden wird."

Im Alter von vierzehn Jahren hielt der junge Karl vor einer zahlreichen Versammlung eine Rede, die ihm von Seite seines Oheims, nebst mehreren schönen Geschenken, das öffentliche Lob erwarb: „Mein Neffe hat meine Hoffnungen übertroffen und ist seinem Alter vorangeeilt." Mit fünfzehn Jahren verfasste er eine Lobrede auf den heiligen Paulus, die Franz veranlasste, den Beruf seines mit so glücklichen Anlagen begabten Neffen genauer zu studieren; er prüfte ihn gründlich und nach allen Seiten und gelangte zu der Überzeugung, dass er, wenn er anders den Absichten Gottes mit ihm entspräche, ein tüchtiger Priester werden müsse. Er erteilte ihm die heilige Firmung und die Tonsur, bei welcher Gelegenheit er zu seinem Bruder die Bemerkung machte: „Wenn Gott dieses Kind noch lange am Leben erhält, so will ich ihm Alles beibringen, was Gott in seiner Gnade an Wissen und Kenntnissen mir verliehen hat." Noch mehr wurde er in dieser Absicht bestärkt, als er einige Zeit nachher den jungen Karl in einem Schauspiele, welches die Zöglinge des Kollegiums aufführten, die Rolle eines bekehrten Höflings geben sah, welcher seine an die Eitelkeiten und Torheiten der Welt vergeudete Zeit beweinte; er erkannte klar, dass seinem Neffen die Worte, welche er deklamierte (vortragen), vom Herzen kamen, und dass er in ihnen nur seine eigene Überzeugung aussprach. Darum sagte er abends zu ihm, indem er ihn segnete: „Du hast gut gesprochen, mein Sohn! Hat man einmal das Glück gehabt, sich Gott hinzugeben, so würde es eine feige und eines Mannes von Ehre unwürdige Handlung sein, seinen Dienst zu verlassen, aus welchem Grunde es immer sein möge."

Dies war der Jüngling, den der heilige Bischof mit in seine Einsamkeit nehmen wollte; bis das geschehen könne, hielt er ihn einstweilen von jetzt an immer um sich, um ihn in der Wissenschaft der Heiligen zu unterrichten. Nur kurze Zeit genoss Karl August dies Glück; der Tod entriss ihm seinen geliebten Lehrer. Aber auch dieses kurze Zusammenleben mit seinem heiligen Oheime war für ihn vom größten Nutzen gewesen; er wurde ein eifriger Diener der Kirche und bekehrte eine große Zahl von Irrgläubigen. In der Folge Bischof von Genf geworden, schrieb er, von Frau von Chantal unterstützt, das Leben seines Oheims, und es ist das an Einzelnheiten reichste sowie das authentischste, welches wir besitzen. Franz stattete auf seiner Rückreise von Talloires nach Annecy einer ihm bekannten Dame, der Baronin von Chevron, einen Besuch ab. Im Laufe der Unterhaltung, welche sich hauptsächlich um die Nichtigkeit des Irdischen drehte, sprach er auf einmal zu ihr: „Wir werden alt, Madame; es ist Zeit, dass wir ernstlich an das zukünftige Leben denken." -- „Es ist wahr, hochwürdigster Herr, erwiderte die fromme Dame, ich bin alt; bei meinen zweiundsiebzig Jahren kann ich an nichts mehr denken, als an den Tod; es wird weiter kein Unglück sein, da ich in dieser Welt ganz überflüssig bin; aber Sie, hochwürdigster Herr, sind der Kirche notwendig, und Gott wird Sie noch viele Jahre erhalten." --- „Sie sind im Irrtume, Madame, entgegnete der Bischof, ich werde zuerst von dannen gehen und Sie werden mir folgen." Wie er vorausgesagt, so geschah es (Charl.-Aug., p. 552.).

Nach Annecy zurückgekehrt, bereitete er sich denn auch allen Ernstes auf den Tod vor; er war sich selber bewusst, dass derselbe nahe sei. Sein Bruder, der Koadjutor, sah ihn eines Tages ganz nachdenklich und fragte ihn, ob er traurig sei. „Nein, antwortete er, ich bin durchaus nicht traurig, aber ich stehe auf der Lauer, um zu horchen, wann die Stunde der Abreise schlagen wird .... In dieser Welt kann mich nichts mehr erfreuen oder nur Befriedigung gewähren. Ich denke nur mehr an den Himmel und die glückselige Ewigkeit, welche uns erwartet. Je weiter ich voranschreite in diesem sterblichen Leben, um so erbärmlicher erscheint es mir und umso mehr erstaune ich immer, dass die Menschen sich so an die Dinge dieser Erde heften." -- „Ich will mein Gewissen einer Musterung unterziehen, schrieb er kurz vorher an Frau von Chantal (Brief 495.), behufs einer ausserordentlichen Erneuerung, zu welcher der Herr mich einladet, um mich in dem Masse, als diese vergänglichen Jahre dahinschwinden, auf die ewigen vorzubereiten. Ich fühle, dass mein Geist ausschliesslicher und reiner denn je nach Gott und der Ewigkeit strebt. Mein Gott! wie glücklich würde ich sein, wenn ich eines Tages, von der heiligen Kommunion kommend, das Herz meines Heilandes an der Stelle meines armseligen Herzens fände!"

Die Leiden, welche dem Tode als Vorboten vorangehen, erinnerten ihn in der Tat jeden Tag deutlicher daran, dass die Stunde des Scheidens auf dieser Welt nahe sei; seine geschwollenen, an mehreren Stellen offenen und mit Wunden bedeckten Beine trugen ihn nur mit großer Mühe, und man konnte sich des Mitleidens nicht enthalten, wenn man ihn gehen sah. Auch seine Brust war angegriffen. ..Ich fühle hier etwas, sagte er öfter, die Hand auf dieselbe legend, das mir sagt, dass ich nicht lange mehr zu leben habe (Charl.-Aug., p. 554.)." Häufige und heftige Schmerzen im Kopfe, in den Lenden und im Magen gesellten sich dazu. „Es muss ja so sein, sprach er dann, dass viele Übel vorher sich einstellen, um das letzte, den Tod, anzukündigen (Dom Jean de St. Francois, p. 445.)."

Trotzdem änderte er nichts an seinen Gewohnheiten und Arbeiten, erleichterte er sich in nichts die Mühen und Beschwerden seines Amtes, und sein leidender Zustand hinderte ihn selbst nicht, in einer wichtigen Angelegenheit noch nach Thonon zu reisen. Drang man in ihn, er möge sich doch schonen, so antwortete er: „Muss ich denn nicht bald sterben? ein paar Jahre mehr oder weniger, darauf kommt es ja nicht an." Und stets blieb er sich gleich in all' seinen Schmerzen; stets bewahrte er seine frühere Freundlichkeit, seine Liebenswürdigkeit im Umgange, ließ er nicht ab von jener Strenge gegen sich selbst, so dass er selbst lieber von der Kälte leiden wollte, die zu Anfang des Jahres 1622 außergewöhnlich heftig war, als seine ganz abgenützten alten Unterkleider, die ihn nur schlecht vor der rauhen Witterung schützen konnten, durch neue, wärmere ersetzen (Charl.-Aug., p. 553.). In dieser Entblößung fand er einen besonderen Reiz, weil sie ihn dem armen Jesus ähnlich machte und ihm die Möglichkeit verschaffte, mehr Arme unterstützen zu können, welche gerade damals, da die Ernte des letzten Jahres sehr schlecht ausgefallen und Savoyen von Truppen überschwemmt war, außergewöhnliche Not litten. Kurz, je mehr der Tag seines Lebens sich zu Ende neigte, um so größer und vollkommener wurde seine Bereitwilligkeit, sich ganz und gar seiner Pflicht zum Opfer zu bringen. Gregor XV. hatte ihm einige Monate später durch ein Breve den Auftrag erteilt, in seinem Namen bei einer Kapitelsversammlung der Feuillanten, welche in Pignerol stattfinden sollte, den Vorsitz zu führen, und auf der Stelle traf er Anstalten zur Abreise, da nach seinem Dafürhalten die Ehrfurcht gegen den heiligen Stuhl nicht den geringsten Aufschub in Ausführung seiner Befehle dulde. Vergebens stellten ihm seine Verwandten und Freunde vor, dass seine schwache Gesundheit diese Reise nicht zulasse, namentlich während der außerordentlichen Hitze, die auf den ebenso strengen Winter gefolgt war. „Ich muss gehorchen, begnügte er sich, ihnen zu sagen; Gott hat mich nicht für würdig befunden, unter den Irrgläubigen für den Glauben zu sterben, auch nicht den Tod der Nächstenliebe unter den Pestkranken zu erleiden; würde es darum nicht ein großes Glück für mich sein, wenn ich den Tod des Gehorsams stürbe? Ich habe nur kurze Zeit mehr zu leben und muss eilen, sie noch gut anzuwenden; nichts Besseres kann ich ja aber nun tun, als zu gehorchen (Annee de la visitation, 22. mai.)." Ohne Zögern reiste er somit ab.

Die Angelegenheit, in der Franz nach Pignerol gesandt worden, war eine sehr missliche; die Feuillanten konnten über der Wahl ihres Generals sowie über mehrere andere Punkte nicht einig werden, und der Bischof von Genf sollte diese Einigung zustande bringen, was ihm auch auf's beste gelang. Sein leidender Zustand aber verschlimmerte sich noch mehr während dieser Zeit, da er sich körperlich und geistig zu wenig schonte. War er nicht durch die Angelegenheiten seiner Sendung in Anspruch genommen, wie an Sonn- und Festtagen, so fiel es ihm dennoch nicht ein, ein wenig der für ihn so notwendigen Ruhe zu pflegen; seine freie Zeit verwendete er ganz auf die Seelsorge, indem er predigte, das Sakrament der Firmung spendete und Beichte hörte, so oft nur jemand es begehrte; selbst die Tonsur (Mönchsglatze) und die niederen Weihen erteilte er während seines Aufenthaltes in Pignerol. Eines Tages umgab ihn das Volk, das von allen Seiten herbeiströmte, um ihn zu sehen, zu hören und seinen Segen zu empfangen, so dicht und die Luft in der Kirche war bei der übermäßigen Hitze so schwül, dass er ohnmächtig wurde. Einige Augenblicke fürchtete man für sein Leben; doch erholte er sich wieder und sein erstes Wort, als er das Bewusstsein wieder erlangt hatte, war: „Es steht mir schlecht an, ein so weichliches Glied unter einem dornengekrönten Haupte zu sein." Und er bestand darauf, in die Kirche zurückzugehen und blieb da bis zum Abend (Dom Jean de St. Francois, – Charl.-Aug., p. 555.).

Sobald ihn nichts mehr in Pignerol zurückhielt, reiste er nach Turin, wo er vom Hofe sehnlichst erwartet wurde. Die Prinzessin von Piemont hatte ihm eine prächtige Wohnung herrichten lassen und wollte ihn in Allem als ihren Großalmosenier behandeln; er aber bat sie inständigst, ihm diese Ehre zu ersparen und zu erlauben, dass er seine Wohnung im Kloster der Feuillanten nehme, in deren Ordensverband er sich vor seiner Abreise von Pignerol hatte aufnehmen lassen. Letztere konnten ihm zu ihrem größten Bedauern nur eine kleine Zelle, acht bis neun Ouadratfuß (1 Pariser Qu.-F. = 0,105 m²) Raum enthaltend, anbieten, welche außerdem wegen der drückenden Hitze, da sie gerade der Glut der Mittagssonne ausgesetzt war, kaum bewohnbar war; sie beschworen den Bischof, deshalb doch eine jener schönen und bequemen Wohnungen, welche ihm von allen Seiten angetragen wurden, anzunehmen. „Lasset mir doch, entgegnete er, den Trost, einige Tage bei Euch als Bruder leben zu dürfen, da ich es ja auch in der Tat bin (Dom Jean de St. Francois, p. 394.). Wollet Ihr aus Höflichkeit mich von Euch und aus dem Hause unseres heiligen Vaters Bernard fortjagen? Ich bin hier zu Füßen der Mutter alles Trostes; wo könnte ich mich denn besser befinden (Annee de la visitation, 19 et 20. juin.)?" Sie ließen ihn darum gewähren, und es gereichte ihm zu nicht geringer Freude, bei ihnen als ein Armer leben zu dürfen, da sie ihm nicht einmal die notwendige Leinwand geben konnten. Glücklicherweise stritt man sich in der Stadt um die Ehre, ihnen solche zu leihen; und die guten Mönche hatten eine solche Meinung von ihrem Gaste, dass sie bei Rückgabe der Leinwand, deren er sich bedient hatte, den Eigentümern sagten: „Bewahret sie sorgfältig, denn sie war im Gebrauche eines Heiligen, und eines Tages wird man sie als Reliquien verehren." Bei Hofe erschien der Bischof nur so oft, als der Anstand es erheischte; der Anblick der Welt und ihrer Eitelkeit flößte ihm noch größeren Ekel als bisher vor derselben ein, und was er einst in Paris gesagt hatte, das wiederholte er auch hier, dass er ein Noviziat durchmache, nach welchem er nie Profess ablegen werde.

Um ihm sein bischöfliches Amt zu erleichtern, wie auch um sein Verdienst zu ehren, machte man ihm den Vorschlag, das Bistum Genf seinem Bruder zu überlassen und dafür das erledigte Erzbistum Turin anzunehmen. Ohne sich zu besinnen, schlug er es ab; als sein Freund Lullin noch weiter in ihn drang und ihm vorstellte, dass er in dieser neuen Stellung seine Neffen vorteilhaft versorgen könne, ent gegnete er lächelnd: „Meine Neffen sind schon reicher und größer ge worden, als sie es vor einigen Jahren waren; denn sie kamen nackt und bloß auf die Welt, und jetzt besitzt doch jeder von ihnen wenigstens ein Kleid
(Ibid., 14. mai.)."

Franz wurde während seines Aufenthaltes in Turin ernstlich krank; seine jetzige schlechte Wohnung, seine unausgesetzte, angestrengte Tätigkeit war zu viel für seinen leidenden Zustand. Seiner Nächstenliebe und seinem heiligen Eifer kam das außerordentlich ungelegen; die Hungersnot herrschte noch fortwährend in Savoyen, und der Gedanke, dass sein Volk leide, ohne dass er im Stande war, ihm zu helfen, seine Lage wenigstens zu erleichtern, verursachte ihm selbst eine nicht geringe Seelenqual, welche natürlich für seinen körperlichen Zustand wieder von schlimmen Folgen war. „O, sprach er, wenn ich wieder in Annecy bin, dann werde ich meine Mitra, meinen Stab, meine Kleider, mein Tischgeräte und Alles was ich besitze, verkaufen, um meinen Armen zu helfen (Charl.-Aug., p. 558.)." Kaum war er darum wieder hergestellt, so bat er die Prinzessin, sie möge ihm gestatten, nach Hause zurückkehren zu dürfen; sie willigte ein, wenn auch nur ungern, und verehrte ihm beim Abschiede als ein Zeichen ihrer Hochachtung einen kostbaren Ring, in den ein Diamant von einem Werte von achthundert Talern eingefasst war.

Voll Freude über dies reiche Geschenk, das er augenblicklich für seine Armen bestimmte, machte er sich auf den Rückweg nach Annecy. Kaum war er zwei Meilen von Turin entfernt, da kam sein Bedienter in größter Bestürzung zu ihm und sagte, er habe den Ring verloren, er sei nirgends mehr zu finden. „Gott sei gelobt! rief er aus, ohne das geringste Bedauern, noch die geringste Aufregung zu verraten, so sehr war sein Herz frei von jeder Anhänglichkeit an Alles, was es nur sein mochte, und mit allen Fügungen der Vorsehung zufrieden (Ebendas. – Geist des heiligen Franz von Sales. V. 4.); Gott sei gepriesen! dieser Ring war zu kostbar, als dass ich mich seiner hätte bedienen können; sodann hätte auch mein Herz versucht sein können, sich an ein solches Kleinod zu hängen. Wenn er sich nicht wiederfindet, so wird uns eben Gott der Sorge haben entheben wollen, die aus ihm gelöste Summe zu Almosen zu verwenden. Die Vorsehung hat ihn vielleicht dazu bestimmt, das Glück eines Armen zu machen, der ihn findet und den Rest seiner Tage in Ruhe davon leben kann; darum muss ich denken, ich habe nichts verloren."

Doch geschah es anders; sie waren noch nicht viel weiter gekommen, da eilte der nämliche Bediente voll Freuden auf ihn zu und sagte ihm, er habe den Ring in einer Falte seines Rockes wieder gefunden. Auch das ließ ihn gleichgültig; in seiner vollkommenen Vereinigung mit dem Willen Gottes bewahrte er stets den Gleichmut der Seele. – Als sie unterwegs in einem Gasthause abgestiegen waren, bemerkte er, dass sein Kaplan über den Wirt aufgebracht war, weil dieser das Gepäck des Bischofs aus dem ihm zuerst angewiesenen Zimmer in ein anderes nicht so bequemes gebracht hatte. Die üble Laune seines Kaplans gefiel Franz durchaus nicht, und er gab ihm einen sanften Verweis: „Selbst wenn man uns aus diesem Zimmer in ein anderes noch unbequemeres wiese, so müssten wir es mit Geduld und Sanftmut ertragen; kennen Sie denn nicht das Wort des Herrn: Wenn Dir jemand Deinen Rock nimmt, so gib ihm noch Deinen Mantel (Charl.-Aug., p. 559. )?"

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Elftes Kapitel.

Reise des heiligen Franz von Sales
nach Avignon und Lyon. –
Sein Tod.

(1622)

In Annecy angekommen, war es die erste Sorge des Heiligen, die Not der Armen, so viel es in seiner Macht stand, zu lindern. Alles, was er an barem Gelde besaß, gab er hin, und als seine Börse leer war, verpfändete er den kostbaren Ring der Prinzessin. Da andere wohltätige Personen dies erfuhren, beeilten sie sich, ihn wieder einzulösen und ihm zurückzustellen. Aber er verpfändete ihn aufs neue, und der nämliche Wettstreit christlicher Liebe wiederholte sich oft von beiden Seiten, dass es in der Stadt gleichsam sprichwörtlich wurde, der Ring gehöre nicht dem Bischofe, sondern den Bettlern von Annecy.

Unterdessen erhielt Franz ein Schreiben vom Herzoge, demgemäß er in Avignon mit ihm zusammentreffen sollte. Der Herzog reiste nach dieser Stadt, um Ludwig XIII. zu begrüßen, und die Prinzessin von Piemont, welche ihn begleitete, wünschte bei dieser Gelegenheit ihren Großalmosenier bei sich zu haben. Alle Freunde des Bischofs wurden bei dieser Nachricht, da sie sahen, in welchem Zustande seine Gesundheit war, nicht wenig bestürzt; sie beschworen ihn, die Reise, namentlich bei so ungünstiger Witterung, nicht zu unternehmen und erboten sich, ihn bei dem Herzoge zu entschuldigen. Der Bischof wollte von diesem Vorschlage nichts wissen; in dem Befehle seines Fürsten sah er den Willen Gottes und überdies hoffte er, von Ludwig XIII. bei dieser Gelegenheit einige vorteilhafte Konzessionen für den französischen Teil seiner Diözese zu erlangen. Diese Gründe trugen über alle anderen den Sieg davon. „Wir müssen, sprach er, gehen, wohin Gott uns ruft; wir werden gehen so weit wir können, und erst dann werden wir Halt machen, wenn die Krankheit uns verhindert, weiter zu gehen (CharI.-Aug., p. 560)." Er sah jedoch klar voraus, dass er nicht mehr zurückkehren werde; und darum brachte er alle seine Angelegenheiten in eine so vollständige Ordnung, als sei er schon am Vorabende seines Todes. Am 6. November ließ er den Bischof von Chalcedon, seine übrigen Brüder und einige Freunde zu sich bitten, und sagte ihnen offen, dass die Stunde der Abreise nahe sei. Sie verstanden darunter seine Abreise nach Avignon. „Dieser Reise, fügte er gleich hinzu, wird bald eine andere folgen; darum habe ich Euch zusammenberufen, damit Ihr mein Testament leset." Bei diesen Worten zerflossen Alle in Tränen. Der heilige Bischof suchte diesen ersten Ausbruch des Schmerzes durch einige tröstende Worte zu mäßigen; darauf las er ihnen sein Testament vor, das in folgenden Worten abgefasst war (Annee de la visitation, 6. novembre. – CharI.-Aug., p. 583.): „Wir, Franz von Sales, durch die Gnade Gottes und des heiligen apostolischen Stuhles Fürstbischof von Genf, indem wir unseren letzten Willen allen jenen kundtun wollen, denen daran gelegen ist, bitten zuerst Gott den Allmächtigen, unsere Seele in Gnaden aufzunehmen und sie teilnehmen zu lassen am ewigen Erbe, welches unser Erlöser uns durch sein Blut erworben hat; zweitens rufen wir an die glorreiche Jungfrau Maria und alle Heiligen, damit sie für uns in unserem Leben und bei unserem Tode die Barmherzigkeit Gottes anflehen; drittens, wenn es der göttlichen Vorsehung gefällt, dass die heilige, eine und wahre römisch-katholische Religion in der Stadt Genf nach meinem Tode wiederhergestellt werde, verordnen wir, dass in diesem Falle unser Leichnam in unserer Domkirche beigesetzt werde; ist sie noch nicht daselbst wiederhergestellt, so verordnen wir, dass er begraben werde in der Mitte des Schiffes der Kirche von der Heimsuchung in Annecy, welche wir eingeweiht haben, wofern wir nicht außerhalb unserer Diözese sterben, in welchem Falle wir die Wahl unseres Begräbnisplatzes denen überlassen, die in jenem Augenblicke in unserem Gefolge sind; viertens verordnen wir, da wir von ganzem Herzen die heiligen Zeremonien unserer Kirche gutheißen, dass bei unserem Begräbnisse dreizehn Kerzen zu Häupten unseres Sarges angezündet werden sollen, ohne andere Abzeichen als die des allerheiligsten Namens Jesu, um dadurch kundzutun, dass wir uns von ganzem Herzen zu dem Glauben bekennen, der von den Aposteln gepredigt worden; übrigens aber verbieten wir, die überflüssigen Eitelkeiten verabscheuend, welche der menschliche Geist in diese Zeremonien hineingebracht hat, auf das ausdrücklichste, dass jede andere Art von Lichtern bei unserem Begräbnisse gebraucht werde, indem wir unsere Eltern und Freunde bitten, unseren Erben befehlen, nichts hinzuzufügen und ihre Liebe gegen uns dadurch zu betätigen, dass sie das anbetungswürdigste Opfer der heiligen Messe für uns feiern lassen."

Den folgenden Morgen verwandte der Heilige ganz allein dazu, in einer genauen und sorgfältigen Beichte Rechenschaft über den Zustand seines Gewissens abzulegen, und den Nachmittag, seinem Koadjutor und Nachfolger alle wichtigen Papiere und Verordnungen, welche auf das Wohl der Diözese Bezug hatten, zu übergeben. Voll Freude sprach er, als das Alles geschehen war: „Es kommt mir wahrhaft vor, als ob ich durch die Gnade Gottes an der Erde nur mehr mit einer Fußspitze hänge, denn der andere hat sich schon erhoben, um fortzueilen (Annee de la visitation, 7. novembre.)." Darüber meldete sich ein französischer Edelmann bei ihm, der, durch die Not dazu getrieben, um ein Almosen bat, mit dem Versprechen, die erhaltene Summe zurückzugeben. „Dann eilen Sie sich aber doch recht sehr, versetzte Franz, sonst wird die ewige Majestät sie mir bald für Sie zurückgeben; denn ich hoffe, dass wir beide in kurzer Zeit nichts mehr bedürfen werden." So geschah es; nach zwei Monaten waren beide nicht mehr (Charl.-Aug., p. 565.).

Am 8. November nahm Franz Abschied von seinen Verwandten und Freunden; er sagte ihnen Lebewohl, als ob er sie nicht wiedersehen werde. „Daran liegt mir wenig, sprach er zu ihnen, ob ich außerhalb meiner Heimat sterbe, wenn ich nur gut sterbe. Ich gehe zu Unserem Heilande, sagte er zu einem seiner Pfarrer, der ihn um seinen Segen vor seiner Abreise bat, wir werden uns in dieser Welt nicht mehr sehen.“ -- „O hochwürdigster Herr, entgegnete der Pfarrer, wenn ich Ihr Aussehen und Ihre Gesundheit betrachte, so gebe ich die Hoffnung nicht auf, Sie dennoch wieder zu sehen." --„Ja, sprach der Bischof, in drei Monaten werden Sie mich wiedersehen, lebend oder tot." In drei Monaten wurden seine sterblichen Reste nach Annecy zurückgebracht.

Als das ganze Domkapitel in Gemeinschaft erschien, um ihm Lebewohl zu sagen, umarmte er jedes einzelne Mitglied desselben mit jener innigen Liebe, die er stets für sie alle empfunden hatte, und sagte ihnen, dass er nach Avignon und in die Ewigkeit reise, dass er gehe, um sie nicht wieder zu sehen. „Diese Reise wird mir das Leben kosten, sprach er zu einem ihm innig befreundeten Franziskanerpater Namens Anselm, und von jetzt an werden wir uns erst im Paradiese wiedersehen; aber wir müssen gehorsam sein wie der Herr, bis zum Tode am Kreuze
(Annee de la visitation, 8. novembre. – Charl.-Aug., p. 561.)."

Der Heilige harte noch einen anderen Abschied zu nehmen, der seinem Herzen noch näher ging, von seinen lieben Töchtern von der Heimsuchung (Annee de la visitation, 9. novembre.). An dem dazu bestimmten Tage las er in ihrer Kapelle die heilige Messe in einer prachtvollen Kasel (liturgisches Gewand, auch planeta oder paenula) ist ein, die er von der freigebigen Hand der Infantin von Savoyen erhalten hatte. Er ließ sie den Schwestern als ein Andenken. „Denn, sprach er zu ihnen, wenn Freunde von einander scheiden, so ist es Sitte, dass sie sich Geschenke machen.“ Darauf richtete er seine letzten Ermahnungen an sie, empfahl ihnen vor Allem, demütig, einfältig und gehorsam zu sein. „Meine geliebten Töchter, fügte er hinzu, verlanget nichts und weiset auch nichts ab; seid stets zu dem bereit, was Gott und der Gehorsam von Euch verlangen. Möge euer einziges Verlangen das sein, Gott zu lieben, euer einziger Ehrgeiz der, ihn zu besitzen. Lebet wohl, geliebte Töchter, bis zur Ewigkeit." -- „Ach, hochwürdigster Herr, riefen da die Schwestern unter strömenden Tränen, Gott führt Sie wieder in unsere Mitte zurück!" --- „Und wenn er mich nicht zurückführen will, entgegnete er, müssen wir ihn darum weniger preisen? Sein Wille ist stets und unter allen Umständen der Liebe und Anbetung wert." Besonders wurde der heilige Bischof gerührt, als sich ihm beim Fortgehen die tugendhafte Pförtnerin Anna Jakobina Coste zu Füßen warf und ihn weinend um seinen Segen bat. „Meine Tochter, sprach er, ich habe ganz andere Reisen gemacht; nie habe ich Dich bei meiner Abreise weinen sehen. Warum bist Du denn heute so betrübt?" --- „Ach, antwortete sie, mein Herz sagt mir, dass dies Ihre letzte Reise ist und wir uns nicht wiedersehen werden." – „Und mir, sprach Franz, im Geiste den baldigen Tod der Pförtnerin vorhersehend, mir sagt mein Herz, dass, wenn ich nicht zurückkomme, wir uns eher wiedersehen werden, als Du denkst (Ebendas. 10. novembre.)."

Am 9. November reiste Franz ab, sein Haus und die ganze Stadt in Trauer und Tränen zurücklassend. Der Koadjutor warf sich ihm noch zu Füßen im Augenblicke, als er zu Pferde steigen wollte, unfähig, vor Schluchzen ein Wort hervorzubringen, und empfing so den letzten Kuss seines heiligen Bruders. Die Angesehensten aus dem Klerus und von der Stadt begleiteten ihn bis Seyssel, wo er sich auf dem Rhone einschiffen sollte; und als der Augenblick der Abfahrt gekommen, da konnten sie nur weinen und seufzen, denn Alle betrachteten dies als den Augenblick des letzten Lebewohls; sie Alle glaubten an die Wahrheit seiner Voraussagungen seines nahen Todes (Charl.-Aug., p. 562.) Ebendas. – Nach Favre, der zugegen war.). „In einiger Zeit, sprach er zu ihnen, werden Sie mir wieder entgegen kommen und zwar gerade hier, wo ich Ihnen Lebewohl sage." Zwei und einen halben Monat später standen sie an derselben Stelle, um seine sterblichen Reste in Empfang zu nehmen. Nachdem der Bischof ihnen sodann für ihre liebevolle Begleitung gedankt hatte, bestieg er das Schiff, mit dem er bis in die Nähe von Belley fahren wollte. Es herrschte eine empfindliche Kälte, und ein heftiger Nordwind, von eisigem Regen begleitet, trug eben nicht dazu bei, die Fahrt angenehmer zu machen. Die Begleiter des Bischofs beklagten ihn, dass er so dem Ungestüm der Witterung ausgesetzt sei. „Wisset Ihr denn nicht, sagte er zu ihnen, dass wir hienieden in der Knechtschaft der Elemente dieser Welt sind?" Als sodann Einer ihn an die tiefe Trauer erinnerte, welche jetzt seinetwegen in Annecy herrschte, entgegnete er: „Reden wir davon nicht, reden wir vielmehr von jenem glückseligen Lande, nach dem wir jetzt gehen; in Bälde werde ich dahin abreisen. Ich werde es nicht machen, wie eine Reitertruppe, denn ich werde aufbrechen ohne Trommler und Trompeter. Ich werde schon da sein, ehe man noch etwas von meiner Abreise weiß. Wenn Ihr erfahret, dass ich krank bin, so wisset, dass ich schon tot bin." In dieser Weise fuhr er fort, mit ihnen über die Freuden der Ewigkeit und die Eitelkeit alles Vergänglichen zu reden (Ebendas. – Nach Favre, der zugegen war.).

In Belley angekommen, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich zu seinen lieben Töchtern von der Heimsuchung zu begeben. Bei seinem Anblicke brach die Schwester Simplicia (Schwester Simplicia war eine von jenen demütigen und lauteren Seelen, denen der Himmel gerne seine Geheimnisse offenbart. Als sie sich das erste Mal der heiligen Chantal vorstellte und diese sie fragte, warum sie Nonne werden wolle, antwortete sie: „Mein Oheim hat mir immer gesagt, ich sei nicht schlau genug, um in der Welt zu leben, weil ich Alles glaube, was man mir sagt, und Alles tue, was man mich heißt.“) in Schluchzen aus, und als der Heilige sie nach der Ursache ihres Schmerzes fragte, antwortete sie: „Ach, hochwürdigster Herr, Sie werden in diesem Jahre sterben." -- „Was sagen Sie, meine Tochter, ich werde in diesem Jahre sterben?" --- „Ja, hochwürdigster Herr! aber ich bitte Sie, den Herrn und seine heilige Mutter anzuflehen, dass es noch nicht geschehe." ---- „O meine Tochter, erwiderte der Heilige, verlangen Sie das nicht von mir, denn ich werde es nicht tun." --- „Aber ich werde es tun, rief sie aus, ich werde so lange unseren Heiland und die allerseligste Jungfrau bitten, bis er es noch um einige Jahre verschieben wird." --- „O tun Sie das doch ja nicht, teure Tochter, bat der Heilige in fast stehendem Tone; ach, würden Sie denn nicht froh fein, dass ich zu meiner Ruhe eingehe? Sehen Sie doch, ich bin so müde und so schwerfällig, dass ich mich nicht mehr tragen kann; und übrigens, wozu bedürfen Sie denn noch meiner? Sie haben ja Ihre Regeln, in denen Alles wohl vorgesehen und geordnet ist, und dann lasse ich Ihnen noch unsere Mutter Chantal, die Ihnen genügen wird. Endlich müssen Sie nicht Ihre Hoffnung auf die Menschen setzen, die sterblich sind, sondern auf den lebendigen Gott."

Darauf ging Franz in die Kapelle, um die heilige Messe zu Ehren des heiligen Martinus zu lesen, da es der 11. November war; und während des heiligen Opfers erschien er ganz von strahlendem Lichte umflossen, „so dass, heißt es in den Handschriften der Heimsuchung, es allen Anwesenden vorkam, als sei er schon im Paradiese." Nach beendigter Messe begab er sich ins Kloster, und da er bemerkte, dass es sehr klein war, so sagte er, es freue ihn ungemein, seine Tauben in einer so engen und kleinen Behausung und in dieser Dürftigkeit zu sehen. Auf seinem Gange durch dasselbe begegnete er einer Dame, die ihr fünf bis sechs Jahre altes Töchterchen an der Hand führte. Der Heilige liebkoste das Kind, nannte es, ohne es je gesehen zu haben, bei seinem Namen, und ihm das Zeichen des heiligen Kreuzes auf die Stirne machend, sprach er: „Ich bezeichne die kleine Maria als künftige Schwester von der Heimsuchung." Das erfüllte sich später in der Tat.

Von Belley reiste Franz weiter nach Lyon; kaum hatte er daselbst die heilige Messe in dem Kloster von der Heimsuchung gelesen und einen Augenblick mit der Oberin gesprochen, da musste er sich schon eilends nach dem Hafen begeben, weil das Schiff, welches er benutzen wollte, auf dem Punkte stand, abzufahren. Er wollte gerade einsteigen, als der Schiffer, der ihn nicht kannte, ihm seinen Pass abverlangte. Die Begleiter des Heiligen waren empört darüber, allein er selbst sprach: „Lasset ihn gewähren, er weiß, was er als Schiffer zu tun hat, wir wissen aber nicht, was uns als Reisenden obliegt." Und anstatt sich unnützer Weise zu ärgern, schickte er seinen treuen Rolland zu dem Gouverneur von Lyon, um einen Pass für ihn zu verlangen. Es dauerte länger als eine Stunde, bis er zurückkam, und während dieser ganzen Zeit. wartete der Bischof in der heftigen Kälte am Landungsplatze, ohne das geringste Zeichen von Unzufriedenheit oder Ungeduld blicken zu lassen. Als man ihm sein Bedauern ausdrückte, dass dieser verdrießliche Umstand seine Abfahrt so lange verzögere, erwiderte er: „Es ist wahr, es drängt mich anzukommen; aber Gott will, dass ich warte und diese Kälte ertrage; darum muss ich es auch wollen." Als er endlich einsteigen konnte, nahm er seinen Platz ganz nahe bei dem Schiffer; denn, sprach er, ich will Freundschaft mit diesem guten Manne machen und ein bisschen von dem göttlichen Herrn mit ihm reden (Annee de la visitation, 13. novembre.)."

In Valence stiegen die Reisenden aus. Er besuchte daselbst das Kloster von der Heimsuchung, gegründet von Frau de la Granelle, welche in ihm als Pensionärin ein zurückgezogenes Leben führte. Die fromme Dame war sehr betrübt darüber, dass man sie ihres hohen Alters wegen --- sie zählte bereits vierundachtzig Jahre --- nicht als Schwester aufnehmen wollte, und als sie Franz das klagte, entschied er auf der Stelle, dass man ihr Verlangen erfülle; „denn, sagte er, es gibt kein Alter, das unwürdig sei, dem Dienste Gottes geweiht zu werden." Er wünschte sodann, eine andere heiligmäßige Person zu besuchen, die Schwester Maria von Valence; da er ihre Wohnung nicht wusste, ließ er sich von der Schwester Pförtnerin dahin führen. Diese eilte, weil sie sonst noch viel zu tun harte, so rasch voran, dass der Heilige ihr nicht folgen konnte. Er bat sie, etwas langsamer zu gehen. Einige Augenblicke mäßigte sie ihren raschen Gang, dann eilte sie, ohne daran zu denken, wieder vorwärts wie vorher. Franz lächelte und ging so rasch als möglich, indem er sagte: „Die, welche geführt werden, müssen folgen." Bei der Wohnung der Schwester Maria angekommen, legte er seiner Führerin segnend die Hand auf den Kopf mit den Worten: „Sie werden eines Tages den Schleier der Kongregation tragen." Sein Wort ging in Erfüllung. Trotzdem, dass es schon sehr spät war, hatte er noch eine lange Unterredung mit Schwester Maria; seine Begleiter, welche draußen auf ihn warteten, wurden ungeduldig, und als er wieder zu ihnen kam, konnte Einer derselben ihm seine Unzufriedenheit nicht verbergen. „Mein Herr, sprach da Franz lächelnd, vernehmen Sie, dass es einem Sünder wie mir sehr wohl tut, ohne Rückhalt mit einer so heiligen Braut Christi, wie die Schwester Maria eine ist, reden zu können. Sie wird ein Gegrüßet seist du Maria für Sie beten und nach einem gesunden Schlafe werden Sie nicht mehr an die Unannehmlichkeit von heute denken (Annee de la visitation, 14. novembre.)."

Am zweiten Tage nach seiner Abreise von Valence kam er in Avignon an. Er wollte im Gasthofe zum „Goldenen Apfel" absteigen, allein da schon alle Zimmer besetzt waren, musste er sich eine andere Wohnung suchen; mit einem Bischofe, der dasselbe Schicksal hatte, ließ er sich nach einem anderen Gasthofe führen. Der fremde Bischof war nicht bei guter Laune und beklagte sich unterwegs über den strömenden Regen, sowie über die Unannehmlichkeit, zu Fuß von Gasthaus zu Gasthaus laufen zu müssen. Franz schien nicht einmal das schlechte Wetter zu bemerken und belehrte während des ganzen Weges, bis sie an dem Gasthofe angekommen waren, ihren Führer über Gott und religiöse Dinge; er dankte ihm dann mit vieler Freundlichkeit für seine Mühe und versprach, am anderen Morgen seiner in der heiligen Messe zu gedenken.

Die Freude der Bewohner Avignon's zu schildern, als sie die Ankunft des Heiligen erfuhren, wäre vergebliche Mühe. Männer, Weiber und Kinder liefen ihm nach auf Straßen und öffentlichen Plätzen, küssten den Saum seines Mantels und baten um seinen Segen. Wo er immer vorbeikam, da hörte man die freudigen Ausrufe: „Das ist der Bischof von Genf, der Apostel Chablais'; das ist der Verfasser der Philothea und des Buches von der Liebe Gottes! Das ist der große Franz von Sales, der Stifter der Heimsuchung, der Wundertäter! Welch ein Glück, ihn zu sehen! Welche Gnade von Gott, ihn in unserer Mitte zu haben (Charl.-Aug., p. 563.)!" Diese allgemeine Bewunderung und diese Lobeserhebungen beschämten den demütigen Bischof sehr, und um sich ihnen zu entziehen, fasste er den Entschluss, so wenig als möglich auszugehen. Ein Mal sogar, als es ihm unerträglich wurde, dieselben länger mitanzuhören, trat er schnell in einen Buchladen, wie um sich einige Bücher anzusehen. „Ach, sprach er, wie wahr ist es, was Salomon sagte: Eitelkeit der Eitelkeiten! Wenn ich meinem inneren Antriebe folgte, so würde ich manches Lächerliche tun, um dem Volke seinen Irrtum zu benehmen; aber man muss bei der christlichen Aufrichtigkeit bleiben, weder den Thoren noch den Weisen machen, nichts tun, um gelobt oder verachtet zu werden, sondern einfach und treu für Gott, unseren göttlichen Meister, handeln." Zu anderen Malen rief er bei solchen Gelegenheiten unter Tränen aus: „Nicht mir, o Gott, sondern Dir allein gebührt alle diese Ehre (Annee de la visitation, 16. novembre)." Während der ganzen Zeit, welche Franz in Avignon zubrachte, war er nur mit heiligen Dingen beschäftigt. Am Tage nach seiner Ankunft war die ganze Stadt auf den Beinen, um den Einzug Ludwig's XIII. zu sehen, der siegreich von der Einnahme Montpelliers, das er den aufrührerischen Protestanten entrissen, zurückkehrte, begleitet von den Königinnen Maria von Medicis und Anna von Österreich. Alle Straßen und Fenster waren dicht besetzt von Menschen, um den Anblick dieses Schauspiels zu genießen, bei dem Avignon seine ganze Pracht und der Hof allen seinen Glanz entfaltet hatte. Der heilige Bischof lag währenddessen in seinem Zimmer auf den Knien, mit dem Himmel verkehrend und betend, ohne sich nur einmal einen Blick auf den glänzenden Zug zu gestatten, der unter seinem Fenster vorüberkam; und als man ihn bat, er möge doch nur einen Augenblick diese Pracht mit Ansehen, da entgegnete er: „Ich überlasse Euch meinen Platz, die Ihr noch von dieser Welt seid; ich bin es nicht mehr, ich gehe zu meinem Vater im Himmel; ich muss an seinem Werke arbeiten, um ihm ohne Furcht Rechenschaft ablegen zu können (Ebendas., 17. novembre.)."

Treu diesem Geiste der Selbstentäußerung und Abtötung, ging er zu den Festen des Hofes so wenig als möglich, verkehrte er mit den Großen nur im Interesse der Religion und empfing sie bei sich nur, um ihnen von Gott und dem Heile ihrer Seele zu reden (Ebendas., 18. novembre.). Den 19. November brachte er bei den Jesuiten zu; als er morgens die heilige Messe gelesen hatte, verweilte er nach derselben so lange im Gebete, dass man glaubte, er werde den ganzen Morgen darin zubringen, wenn man ihn nicht bitten ließe, doch dem Wunsche der Patres zu willfahren, die sich gerne in mehreren Angelegenheiten Rats bei ihm erholen wollten. Ein Pater unternahm es also, ihn zu unterbrechen, und der Bischof erhob sich auf der Stelle mit den Worten: „Sehen Sie, mein Vater, das Gebet ist für mich das Nützlichste und Angenehmste; in diesem inneren Verkehre mit Gott lerne ich jedes Mal etwas Gutes, um es auf mich selbst anzuwenden." Nach dem Essen unterhielt er sich auf das freundlichste und liebevollste mit den Patres, bis es Zeit für ihn war, sich zum Fürsten zu begeben. Als er fortging, sprach er zum Pater Rektor, der ihn begleitete: „Ach, wie viel lieber ist mir eine Stunde geistlicher Unterredung mit einer guten Seele, als der Anblick aller Merkwürdigkeiten der Erde! Adieu, mein lieber Pater, fügte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, wir gehen zum Himmel, und bald wird die ganze Erde unter unseren Füßen sein (Annee de la visitation, 19. novembre.)."

Am 25. November verließen der König von Frankreich und der Herzog von Savoyen Avignon, um sich nach Lyon zu begeben, im Gefolge des letzteren auch Franz. Zwei kalvinistische Edelleute hatten sich ihm unterwegs angeschlossen; er begegnete ihnen mit seiner gewöhnlichen liebenswürdigen Sanftmut und blieb so viel als möglich in ihrer Gesellschaft, um den Versuch zu machen, ihren Geist zu erleuchten und zu rühren. In einem kleinen Städtchen, durch das sie kamen, erzählten die beiden Herren von dem liebenswürdigen Bischofe, den sie nicht genug bewundern konnten, und bald hieß es bei allen protestantischen Einwohnern, wenn er vorüber ging: „Wären alle Bischöfe so wie dieser, so würden wir bald alle katholisch werden und mit der Religion Luther's und Kalvin's würde es zu Ende sein (Charl.-Aug., p. 564. – Dom Jean de St. Francois, p. 508.)!" Nicht weit von diesem Städtchen sollte eine Nacht zugebracht werden; da in dem Gasthause alle Zimmer und Betten schon besetzt oder im Voraus bestellt waren und der Bischof von Genf keines mehr erhalten konnte, so wollten seine Begleiter dem Besitzer des Gasthauses sagen, wer er sei. Aber er verbot es ihnen; „wisst Ihr denn nicht, sprach er, dass ich ein Mann des Friedens bin? Habe ich in meinem Leben nicht schon genug Unruhe und Verlegenheiten verursacht, ohne deren aufs neue bereiten zu müssen?" Und er nahm mit einem Speicher vorlieb, wo er sich in seinen Kleidern auf altes Stroh niederlegte, trotz seiner Kränklichkeit und der strengen Kälte. Als am folgenden Morgen zwei Jesuiten, die im Hause in guten Betten geschlafen hatten, dies erfuhren und sich beeilten, ihm ihr Bedauern auszudrücken, dass sie von seiner Ankunft nicht in Kenntnis gesetzt worden seien, sonst hätten sie ihm mit der größten Freude ihren Platz überlassen, sprach er freundlich dankend: „Ich habe es nicht gewollt, und jenem Umstande verdanke ich in der Tat eine sehr gute Nacht, nie habe ich besser geschlafen (Annee de la visitation, 26. novembre.)."

Als er in Valence wieder anlangte, eilten die Einwohner von allen Seiten ihm entgegen und umringten ihn in solcher Menge, dass er kaum seinen Gasthof erreichen konnte. Man wies ihm dort ein gutes Zimmer an; bald nach ihm traf eine fremde Dame ein, welche gerade dieses Zimmer zu haben wünschte, und der gute Bischof überließ es ihr ohne weiteres, indem er sich mit einem viel schlechteren begnügte. „Lassen wir uns hier nieder, sprach er zu seinen Leuten; wir werden hier auf's beste aufgehoben sein." Es fand sich nur ein Bett vor und Franz wollte es Rolland überlassen; da dieser es nicht annehmen wollte, sprach er. „Nun, so sollst Du es wenigstens mit mir teilen." Matratze, Leintücher und Decke ließ er für Rolland auf der Erde zurechtmachen und behielt für sich nur den Strohsack, auf den er sich ganz angekleidet niederlegte.

Als er am Morgen die Wirtin rufen ließ, um sie zu bezahlen, sagte man ihm, dass sie beschäftigt sei. --- „Nun, so störet sie nicht, sprach er, wir werden warten." Da dies noch lange zuging, wurden seine Leute ungeduldig. „Seien wir doch leutselig, beschwichtigte er sie; wir bezahlen ihre Sachen mit unserem Gelde, vergelten wir ihr den guten Willen durch einige herzliche Worte." Als die Wirtin endlich kam, ganz beschämt, dass sie den heiligen Prälaten so lange auf der Straße hatte warten lassen, gab er ihr außer dem, was er schuldig war, noch mehrere gute Ratschläge, wie sie sich in ihrem Stande heiligen könne, und zuletzt seinen Segen.

In Lyon stritten sich viele vornehme Persönlichkeiten um die Ehre, ihn beherbergen zu dürfen. Allein er zog es vor, seine lieben Töchter von der Heimsuchung um ein kleines Zimmer zu bitten, welches in der Wohnung ihres Gärtners sich befand und dem Beichtvater des Klosters an den Tagen, wo er die Schwestern Beichte hörte, zum Aufenthalte diente. Sie bemerkten ihm, dass dieses Zimmer der Zugluft zu sehr ausgesetzt sei; auch könne man kein Feuer in demselben unterhalten, ohne vom Rauche belästigt zu werden, und seine Gesundheit würde darum Schaden leiden. Seine Antwort war wie gewöhnlich, dass er sich nie behaglicher fühle, als dann, wenn er es nur wenig bequem habe; in ihrer Nähe würde er eher imstande sein, ihnen nützen zu können; hier, entfernter vom Geräusche des Hofes, unbeachteter und ruhiger, würde es ihm besser möglich sein, in der Vereinigung mit Gott zu leben, und Jene, die ihn sprechen wollten, könnten leichter Zutritt zu ihm finden; hier endlich würde er niemanden beschwerlich fallen oder Unruhe verursachen (Charl.-Aug., p. 564.). Und freudig nahm er Besitz von dem kleinen Zimmer. Als seine Freunde ihm Vorwürfe darüber machten, gab er ihnen dieselbe Antwort, wie den Schwestern: „Ich fühle mich ganz gut in diesem Häuschen; ich kann hier so ganz ungestört die Sünder empfangen, welche die Vorsehung mir zusenden wird; auch für meine Ruhe ist es hier am besten, da die Beschränktheit meiner Wohnung mich von der Unruhe großer Gesellschaften befreit (Annee de la visitation, 30. novembre)." Man bat ihn, er möge aus Rücksicht auf seine Beine, die sehr geschwollen und krank waren, doch nicht so weit und so viel zu Fuße gehen, besonders, wenn er irgendwo predige: „In der Tat, entgegnete er darauf, es würde sich gut ausnehmen, wenn man sähe, dass ich mit Equipage (Kutsche) fahre, um evangelische Armut und die Buße des heiligen Johannes zu predigen!" Nie ging er darum anders als zu Fuß (Charl.-Aug., p. 565.).

In L.yon war der heilige Bischof, was er überall gewesen, der unermüdliche Apostel, der Mann des Himmels, dem Gott und die Seelen Alles, die Welt und ihre Eitelkeiten nichts waren. Während den Fürsten zu Ehren ein Fest auf das andere folgte, die ganze Stadt wie von einem Taumel des Vergnügens befangen war, verweilte er bei seinen Töchtern von der Heimsuchung in der friedlichen Stille ihres Klosters und sprach zu ihnen von Gott und den ewigen Gütern. Er wollte seinem geliebten Orden, für den er so viel getan und gearbeitet hatte, sein letztes Lebewohl sagen, seine letzten Ratschläge geben. Dazu benutzte er jeden freien Augenblick. „Mein Vater, baten ihn eines Tages die guten Schwestern, indem sie ihm ein Blatt Papier hinreichten, schreiben Sie uns doch auf, was Sie am meisten von uns wollen." Er nahm die Feder und schrieb bedächtig das einzige Wort: Demut! Das galt ihm so viel als alle anderen Belehrungen zusammen.

Mittlerweile kam Frau von Chantal, von einer Visitation einiger Häuser ihres Ordens zurückgekehrt, nach Lyon. Es war für sie eine unaussprechliche Freude, ihren heiligen Führer noch ein letztes Mal zu sehen und zu hören. Drei und ein halbes Jahr waren vergangen, dass ihr dies Glück nicht mehr zuteil geworden war. Bei seinem ersten Anblicke wurde sie von Bewunderung und Staunen ergriffen; er erschien ihr sichtlich verändert, wie ganz in Gott umgewandelt; das heilige Feuer, welches in seinem Inneren glühte, verlieh seinem Antlitze einen ungewöhnlichen Glanz. „Mutter, begann der Bischof, wir haben ein paar freie Stunden; wer von uns beiden wird zuerst reden?“ „Ich, wenn Sie erlauben, versetzte sie hastig; meine Seele bedarf es dringend, dass Sie einen prüfenden Blick auf sie werfen." Als der Heilige diese kleine Hast bei jener gewahrte, die er ganz vollkommen sehen wollte, bemerkte er ihr sanft, aber ernst: „Wie, meine Mutter, Sie aben also noch so hastige Wünsche? Ich glaubte Sie ganz als einen Engel wiederzusehen. Wir werden jetzt nicht von Ihnen sprechen, sondern nur von unserem Orden. Ach, wie liebe ich unsere kleine Genossenschaft, weil Gott so sehr in ihr geliebt wird!" Und vier Stunden lang sprachen sie über verschiedene Angelegenheiten der Kongregation. Franz bemerkte unter anderem, dass, je mehr er bete, Gott ihn um so mehr erkennen lasse, es sei sein Wille, dass der Orden unter der obersten Leitung des heiligen Stuhles und der betreffenden Bischöfe bleibe und nicht unter einem Generalobern stehe. „Denn, sprach er, Ihre Töchter sind die Töchter des Klerus und der Klerus ist der erste Orden gewesen." Frau von Chantal stimmte diesen Ansichten als von Gott eingegeben bei; denn sie verehrte ihren Vater als einen Heiligen und sie konnte ihm das nicht verschweigen. „Mein Vater, sprach sie, ich zweifle nicht daran, dass Sie eines Tages heilig gesprochen werden und ich hoffe, dass ich selbst das meinige dazu beitrage." --- „Gott könnte wohl ein solches Wunder wirken, ehrwürdige Mutter, versetzte Franz in sehr ernstem Tone; aber jene, welche meine Heiligsprechnug betreiben sollen, sind noch nicht geboren." Gerne hätte Frau von Chantal ihren Aufenthalt in der Nähe ihres heiligen Führers noch verlängert, aber er gestattete es nicht; denn die Pflicht gebot ihr, ihre Visitationsreise fortzusetzen, und sie reiste darum trotz der strengen Kälte ab. Als die Schwester von Blonay sie deswegen bei dem Bischofe bedauerte, entgegnete er: „Wer kann unsere Mutter mehr lieben als ich, meine Tochter? Ich liebe sie wie mich selbst. Aber sie muss den Willen Gottes erfüllen und hingehen, um mir die Stätte meiner Wohnung zu bereiten." Erst später verstand die Schwester den Sinn dieser Worte, da sie nach dem Tode des Heiligen erfuhr, dass Frau von Chantal es sich angelegen sein ließ, ihm ein Grab zu bereiten (Annee de la visitation, 11. decembre.).

Die Zeit, welche Franz nicht seinen Töchtern von der Heimsuchung widmete, war großenteils von auswärtigen Besuchen in Anspruch genommen, mit denen er überhäuft wurde; von allen Seiten kam man zu ihm, um sich Rats zu erholen, wie einst zum heiligen Antonius in die Wüste, selbst Prinzen und Fürsten suchten das arme Gärtnerhäuschen der Heimsuchung auf. Einer der fleißigsten Besucher war ein hoher Gerichtsbeamter, Jakob Olier, der ihn bei seiner Ankunft in Lyon am dringendsten gebeten hatte, seine Gastfreundschaft anzunehmen. Franz hatte ihn bald schätzen gelernt und war innig mit ihm befreundet geworden. Herr Olier wie seine Gattin waren von der lebhaftesten Unruhe in Betreff eines ihrer Söhne, Namens Johann Jakob, erfüllt. Sie hatten ihn anfangs zum geistlichen Stande bestimmt; aber sein heftiger, ungestümer Charakter, seine sprudelnde Laune flößte ihnen Zweifel ein, ob er jemals ein guter Priester werden würde. Unaufhörlich wurde er zurechtgewiesen und bestraft, aber das hatte zur Folge, dass es anstatt besser nur schlimmer mit ihm wurde, sein Gemüt wurde dadurch verbittert. In ihrer Bekümmernis kam die Mutter zu dem Heiligen und bat ihn, er möge doch den Beruf ihres Sohnes prüfen; er möge im Gebete Gott um Erleuchtung bitten und ihr dann eine bestimmte und entschiedene Antwort erteilen, welche sie als ein Orakel betrachten werde. Er versprach ihr das und nach einigen Tagen führte sie alle ihre Kinder zu ihm. Er begegnete ihnen allen mit gleicher Liebe, küsste eines nach dem anderen, lobte sie alle. „ Hochwürdigster Herr, Johann Jakob, der Jüngste, ist nicht artig und macht mir vielen Kummer", sprach die Mutter. --- „Madame, versetzte Franz, man muss der Jugend schon etwas nachsehen; eine lebhafte, muntere Gemütsart ist nicht die schlimmste; trösten Sie sich, der Himmel hat ihn auserwählet zum Ruhme und Wohle der Kirche. Gott bildet sich aus diesem Kinde einen guten Diener heran. Zweifeln Sie nicht mehr, verwandeln Sie Ihre Befürchtungen in Danksagungen; und wenn Gott mich noch einige Zeit auf der Erde ließe, so würde ich Sie bitten, mir dies Kind anzuvertrauen, um es selbst zur Tugend und kirchlichen Wissenschaft heranzubilden."

Trotz der vielen Besuche, welche der Heilige erhielt, vernachlässigte er doch keine seiner anderen Pflichten. Treu und gewissenhaft machte er den beiden Fürsten seine schuldige Aufwartung, sowie seinen Freunden, die er an deren Hofe besaß; überall war er geachtet und verehrt, überall erbaute er und betrachtete man seine Worte als Orakelsprüche. Als er sich eines Tages mit einem Jesuiten über die Liebe des heiligen Franz von Assisi zum Leiden, über die Demut des heiligen Franz von Paula und den apostolischen Eifer des heiligen Franz Xaverius unterhielt, sprach er mit jener Heiterkeit, welche seiner Unterhaltung einen solchen Reiz verlieh: „Ja, entweder kostet es mich das Leben oder ich werde eines Tages ein vierter heiliger Franziskus sein.“ Als ein Doktor der Sorbonne ihm ein anderes Mal sagte, dass man ihn überall für einen Heiligen halte, rief er aus: ,,Ach mein Herr, Gott möge Sie vor einer solchen Heiligkeit bewahren! Sie täuschen sich sehr, ebenso alle anderen; ich habe nur den guten Willen, Gott zu dienen, aber durch Ihr Gebet können Sie viel dazu beitragen, dass ich ein Heiliger werde (Charl.-Aug., p. 566.)." Ein anderes Mal bemerkte ihm eine Hofdame, die er bei der Prinzessin von Soissons traf: „In der Tat, hochwürdigster Herr, wenn Ihr Kleid rot wäre, so würde man Sie für den heiligen Karl halten." -- „Madame, erwiderte er, es hilft wenig, ein rotes Kleid zu tragen; aber es wäre sehr wünschenswert, ein heiliger Karl in Werken zu sein, wenn man es auch nicht dem Kleide nach wäre." Im Verkehre mit den Großen vergaß Franz die Armen nicht. Nachdem er ihnen Alles gegeben, was er hatte, sprach er für sie die Mildtätigkeit der Herren und Damen des Hofes an; und keiner konnte ihn abweisen, die Ehrfurcht, welche seine Heiligkeit einflößte, ließ das nicht zu. Was er so erhalten hatte, trug er dann freudig seinen Armen hin. Auch das höhere geistige Almosen des Wortes Gottes spendete er immer noch mit unermüdlichem Eifer; keine Bitte um eine Predigt konnte er je abschlagen, und gerade die drei letzten Tage vor seinem Tode brachte er unter so angestrengter Tätigkeit hin, dass sie im Stande gewesen wäre, auch die festeste Gesundheit zu erschüttern. In der Nacht vor Weihnachten las er im Kloster der Heimsuchung die heilige Messe und predigte über die Geburt Christi mit einem solchen seraphischen Feuer der Begeisterung, dass die Oberin, welche die Schwester von Blonay war, es nachher wagte, ihn vertrauensvoll in der Sakristei zu fragen, ob ihm nicht irgend eine besondere Gnade in dieser Messe zuteil geworden sei. „Es kam mir vor, sagte sie, als sähe ich den Erzengel Gabriel neben Ihnen stehen, als sie das Gloria in excelsis Deo = Ehre sei Gott in der Höhe - nach Lukas 2, 14) anstimmten." -- „Teure Tochter, antwortete er ihr mit freundlichem Blicke, mein Herz ist sehr harthörig, wenn es sich um höhere Eingebungen handelt; die Engel müssen zum Ohre meines Körpers reden und durch einen heiligen Gesang auf meine Sinne einwirken." Da diese Antwort die Oberin nicht zufriedenstellte und sie weiter in ihn drang, fuhr der Bischof fort: „Es ist wahr, nie habe ich größere Tröstungen am Altare empfangen; das göttliche Kind war da, sichtbar und unsichtbar. Warum sollten die Engel nicht zugegen gewesen sein? Aber mehr sollen Sie nicht erfahren, es sind zu viele Leute um uns herum." Damit brach er ab und begab sich zum Prinzen und zur Prinzessin von Piemont, um sie Beichte zu hören; als ihr Großalmosenier las er sodann bei Tagesanbruch für sie die heilige Messe bei den Dominikanern und reichte ihnen die heilige Kommunion. Nachher ging er in aller Eile nach dem Kloster der Heimsuchung zurück, um da die dritte Messe zu lesen.

Der Beichtvater des Klosters war gerade im Begriffe an den Altar zu gehen, wollte aber, als der Bischof erschien, eilends die heiligen Gewänder wieder ablegen, um ihn zuerst lesen zu lassen; allein er gab es durchaus nicht zu, getreu seinem Grundsatze, dem Nächsten nie eine Störung zu verursachen und sich auf Kosten Anderer eine Bequemlichkeit zu verschaffen. Mit liebenswürdiger Anmut bemerkte er, es sei ihm sehr angenehm, einige Augenblicke zu haben, um sich zu sammeln, und auf den Knien wohnte er in einem Winkel der Kirche den drei Messen des Hausgeistlichen bei, so dass er seine erst gegen Mittag anfangen konnte (Charl.-Aug., p. 568.). Nach dem Essen, bei dem er nur sehr wenig zu sich nahm, wohnte er der Einkleidung zweier Novizinnen von der Heimsuchung bei und predigte über die Worte aus der Epistel (Lesung aus der Bibel, speziell NT) des Tages. „Indem wir ablegen die Gottlosigkeit und die irdischen Begierden lasst uns mäßig, gerecht und fromm in dieser Welt leben." Nach einigen Augenblicken der Ruhe hielt er darauf den Schwestern eine Konferenz, empfing noch eine Menge von Besuchen und begab sich zur Königin-Mutter, welche am folgenden Tage abreiste, um ihr noch einen letzten Besuch zu machen; erst spät in der Nacht konnte er trotz seiner äußersten Müdigkeit vom Hofe nach Hause zurückkehren (Ebendas., p. 568. – La Riviere, p. 654.).

Am Tage des heiligen Stephanus richtete er Abends gegen fünf Uhr, nachdem er von einem Freunde, bei dem er gespeist hatte, zurückgekommen war, an seine Töchter von der Heimsuchung eine letzte Ansprache, die gegen zwei Stunden dauerte. Gleich im Anfange erklärte er ihnen, dass dies das letzte Mal sei, dass er zu ihnen rede. Er sprach zu ihnen über die göttliche Liebe, gab ihnen noch manche Belehrungen über die Beichte und heilige Kommunion, sowie über andere Gegenstände und fügte dann hinzu: „Vergesset nicht, dass wir in dieser Welt nach nichts anderem Verlangen tragen sollen, als nach der Vereinigung unserer Seele mit Gott; Ihr seid recht glücklich, geliebte Töchter, denn Eure Regeln und alle Eure Übungen führen Euch dahin ; haltet Euch nur treu daran, ohne etwas Anderes zu begehren oder zu suchen."

Da er noch weiter sprechen wollte, ohne nur daran zu denken, dass es Zeit sei aufzuhören, erschienen seine Bedienten mit Fackeln und erinnerten ihn, dass es schon spät sei. „Gerne würde ich die ganze Nacht hier zubringen, ohne daran zu denken, sprach er; aber der Gehorsam ruft und ich muss fort." – „Aber vorher, bat die Oberin, sagen Sie uns doch noch ein Mal, was Sie am tiefsten in unser Herz geschrieben sehen wünschen." --- „Geliebte Töchter, erwiderte er, nichts sollet Ihr begehren, nichts sollet Ihr abweisen; duldet Alles und nehmet Alles bereitwillig an wie es kommt; in diesem einen Worte ist Alles enthalten. Betrachtet den kleinen Jesus in der Krippe; er nimmt an Armut und Blöße, die Gesellschaft von Tieren, Kälte, das Ungemach der Witterung, Alles was der Vater ihm sendet. Es steht nirgends geschrieben, dass er je seine Hände ausstreckte, um etwas zu begehren, er überließ sich ganz und gar der Sorge seiner Mutter. Auch wies er nicht von sich die kleinen Erleichterungen, die sie ihm verschaffte; er nahm an die Dienstleistungen des heiligen Joseph, empfing die Anbetung der Könige und der Hirten, und alles dies mit demselben Gleichmute. So sollen auch wir nichts begehren, nichts abweisen, sondern alles dulden und annehmen, was Gott uns immer sendet." -- „Darf man sich denn wärmen, fragten die Schwestern, wenn es recht kalt ist?" -- „Wenn Feuer da ist, antwortete er, so sieht man wohl, dass der Gehorsam es verlangt, dass man sich wärme, nur soll es nicht mit zu großem Eifer geschehen." Darauf ging er fort, nachdem er ihnen noch gesagt hatte, dass er sie alle in seinem Herzen trage (Annee de la visitation, 27. novembre).

Als er am folgenden Morgen, dem Feste des heiligen Johannes, aufstand, gewahrte er, dass seine Sehkraft sehr geschwächt war. „Das bedeutet mir, sprach er zu den Seinigen, dass ich fort muss, und ich danke Gott dafür; sinkt der Leib zusammen, so drückt er die Seele nieder." Darauf beichtete er, las die heilige Messe mit außerordentlicher Inbrunst, reichte in derselben die heilige Kommunion sämtlichen Schwestern, und nachdem er die Oberin Beichte gehört hatte, sprach er noch eine Weile mit ihr. Da sie eine Veränderung in seinem Blicke und in seinen Gesichtszügen bemerkte, frug sie ihn, ob er nicht wohl sei; er antwortete weiter nichts, als dass jenen, welche Gott lieben, Alles zum Besten gereiche, und segnete sie mit den Worten: „Adieu, meine Tochter, mein Geist und mein Herz bleibt Ihnen zurück."

Als er aus der Kirche trat, begegnete er dem Herzoge von Bellegarde, Gouverneur der Bourgogne, und Herrn von Villeroy, dem Gouverneur von Lyon, mit denen er lange unbedeckten Hauptes sprach, wiewohl es empfindlich kalt und feucht war. Darauf begab er sich zum Prinzen von Piemont, vor dem er ebenfalls lange mit unbedecktem Haupte stand, und kehrte dann todmüde und vollständig erschöpft nach Hause zurück (Charl.-Aug., p. 571.). Sein Bedienter wollte ihm seine Stiefel ausziehen, um es ihm bequemer zu machen. „Nun wohl, da Du es so willst, sprach er, aber wir werden nicht weit gehen."

Nach der Mahlzeit, bei der er nur äußerst wenig genossen halte, blieb er lange in Nachdenken versunken, mit den Armen auf den Tisch gestützt. Darauf schrieb er zwei Briefe und hatte soeben einen dritten begonnen, als er durch den Besuch mehrerer Patres von verschiedenen Orden unterbrochen wurde, welche in der Meinung, dass er nach Annecy zurückgehe, gekommen waren, um ihm eine glückliche Reise zu wünschen und seinen Segen zu erbitten. Als sie sich verabschiedeten, bemerkten seine Bedienten, die gewohnt waren, ihn jeden Besuch mit der größten Höflichkeit behandeln zu sehen, dass er, anstatt ihnen das Geleite zu geben, auf seinem Stuhle sitzen blieb; sie schlossen daraus, dass er sehr unwohl sein müsse und zeigten die lebhafteste Besorgnis. Als er das gewahrte, sprach er. ,.Ihr glaubt vielleicht, dass ich krank bin?" und als einer derselben ihm von einer Predigt erzählte, in welcher der Redner der Königin anempfohlen hatte, ihre Diener recht zu lieben, fragte er mit schwacher Stimme: „Und Du mein Freund, liebst Du mich recht?" Da der treue Diener nur Tränen auf diese Frage zur Antwort hatten fuhr der gute Herr fort. „Auch ich liebe Dich sehr; aber lass uns noch mehr Gott lieben, der unser oberster Herr ist." Nach diesen Worten fiel er in Ohnmacht; es war da zwei Uhr nachmittags (Ebendas., p. 571 et suiv.). Man öffnete sogleich alle Fenster, um ihm frische Lust zu schaffen, und brachte ihn zu Bette. Eine halbe Stunde später gesellte sich ein Schlaganfall hinzu, der ihn vollständig lähmte und ihn teilnahmslos für Alles zu machen schien. Die eiligst herbeigerufenen Ärzte empfahlen dringend, um jeden Preis diese schläfrige Teilnahmslosigkeit zu beseitigen, mit ihm zu sprechen, ihm die Schläfe mit warmen Tüchern zu reiben, ihm bittere Arzneien zu geben; geduldig ließ er alles mit sich geschehen, denn sein klares Bewusstsein und sein voller Verstand waren ihm mittlerweile zurückgekehrt. Der Rektor der Jesuiten sagte ihm Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und der Reue vor, und andächtig wiederholte sie der heilige Kranke in den Zwischenräumen, in denen er der Sprache mächtig war. Auf alles, was man zu ihm sagte, hatte er nur erbauliche Worte (Ebendas., p. 573 et suiv.). „Ach, in welchem Zustande erblicke ich Sie!" sprach schmerzlich bewegt ein ihm befreundeter Pater. – „Mein Vater, versetzte er, ich erwarte hier die Barmherzigkeit Gottes. Sehnsüchtig harrte ich auf den Herrn und er hat auf mich Acht gehabt (Ps. XXXIX, 1.)." -- „Wenn es der Wille Gottes wäre, sprach der Pater auf's neue, würden Sie denn nicht gerne in diesem Augenblicke sterben?" --- „Wenn Gott es will, antwortete der heilige Kranke mit sanftem Lächeln, so will ich es auch; in dieser Stunde oder zu einer anderen, was liegt daran? Es ist gut auf den Herrn zu hoffen (Ps. CXVII, 9.). Er ist der Herr; er tue was gut ist in seinen Augen (Kön. II, 18.)." Er legte darauf das Glaubensbekenntnis ab und setzte hinzu: „Ich will sterben in dem Glauben der katholischen, apostolischen und römischen Kirche, der einzig wahren Religion; so schwöre und bekenne ich es. Ich verlange die letzte Ölung." --- „Hochwürdigster Herr, sprach da ein anderer ihm befreundeter Jesuiten-Pater zu ihm: möge dieser Kelch an mir vorübergehen!“ -- „Nicht doch, erwiderte er, wir wollen lieber sagen: Mein Gott, nicht mein, sondern dein Wille geschehe." – „Nun denn, sprach der Pater, so bringen Sie sich ganz der heiligen Dreifaltigkeit zum Opfer dar.“ -- „Ach, aus vollstem Herzen weihe und bringe ich Gott zum Opfer alles, was in mir ist, mein Gedächtnis und meine Handlungen Gott dem Vater, meinen Verstand und meine Worte Gott dem Sohne, meinen Willen und meine Gedanken Gott dem heiligen Geiste, mein Herz, meinen Leib, meine Zunge, meine Sinne und alle meine Schmerzen der heiligsten Menschheit Jesu Christi, der nicht zögerte, sich den Händen der Gottlosen zu überliefern und sich dem Tode am Kreuze zu unterziehen." Ein anderer, der es für gut hielt, ihm Hoffnung zu machen, dass er wieder gesund werde, machte die Bemerkung, er habe die Zuversicht, ihn bald noch auf dem bischöflichen Stuhle von Genf zu sehen. „Nach dem Stuhle Genf's, entgegnete er, habe ich nie Verlangen getragen, sondern nur nach der Bekehrung dieser Stadt (Nach dem Kanonikus Gard. – Charl.-Aug., p. 576.)." Er beichtete sodann und äußerte nochmals den Wunsch, die letzte Ölung zu empfangen. Als der Generalvikar von Lyon, der mittlerweile gekommen war, ihm sagte, er wolle für ihn das Allerheiligste in der Kirche der Heimsuchung aufsetzen lassen, entgegnete er: ,,Nein, nein, ich bin dessen nicht wert." --- „Aber möchten Sie denn wenigstens nicht, dass man für Sie bete?" -- „O ja, für mich armen Sünder." -- „Wollen Sie nicht die allerseligste Jungfrau anrufen?" -- „Ach, ich habe zu ihr gebetet jeden Tag meines Lebens." Bei diesen Worten fiel er in eine tiefe Betäubung. Um ihn daraus aufzurütteln, da sie ihm sehr schädlich war, fiel es dem Generalvikar ein, ihn zu fragen, was er von der katholischen Religion denke, ob er nicht etwa im Innersten des Herzens Kalvinist sei? „O, rief er da, vor Schrecken bei dem Gedanken an die Irrlehre wieder zu sich kommend, mit Anstrengung aus: „Gott bewahre mich davor! ich bin nie ein Irrgläubiger gewesen; das würde ein zu schrecklicher Verrat an mir selbst sein." Und bei diesen Worten machte er ein großes Zeichen des Kreuzes von der Stirne bis zur Brust. „Fürchten Sie denn, begann der Generalvikar einige Augenblicke nachher auf's neue, gar nicht den Tod? Die größten Heiligen waren bei seinem Herannahen von Angst erfüllt, und das mit Recht. O Tod, wie ist der Gedanke an dich so bitter!" -- „Für denjenigen, welcher seine Ruhe in seinem Reichtume sucht (Sir. XLI, 1.)“, entgegnete der Bischof; er wollte damit sagen, dass der Tod für ihn keine Bitterkeit habe, da er keine Anhänglichkeit an das Irdische hatte (Geist des h. Franz v. Sales, V, 10. – La Riviere, p. 657.).

Da sein Zustand sich unterdessen immer mehr verschlimmerte, so erteilte man ihm eine Stunde nach Mitternacht die letzte Ölung, nach welcher er so sehr verlangt hatte, ohne ihm jedoch wegen seiner häufigen Erbrechungen die heilige Wegzehrung zu reichen. Mit der größten Andacht antwortete er auf alle Gebete, da er in diesem feierlichen Augenblicke wie durch ein Wunder die volle Freiheit seines Geistes wiedererlangt hatte. Nach der heiligen Handlung liess er sich seinen Rosenkranz um seinen Arm legen, der mit mehreren gesegneten Medaillen versehen war, welche er von Rom und Loretto mitgebracht hatte, und bat die bei ihm wachenden Geistlichen, ihm hie und da Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe, der Ergebung in den Willen Gottes, der Reue und der Demut vorzusprechen.

Als der Tag anbrach, der für ihn der letzte sein sollte, besuchte ihn der Bischof von Damaskus. Er erkannte ihn sogleich und hielt ihm die Hand entgegen zum Zeichen des Wohlwollens und Willkommmens. „Ich komme, sprach der Bischof, um Ihnen in dem letzten Kampfe beizustehen; ein Bruder, der von einem Bruder unterstützt wird, ist wie eine starke Stadt (Sprichw., XVIII, 19.)." -- „Und der Herr wird beide erretten“, antwortete er. Ein paar Augenblicke nachher sprach der Bischof auf's neue: „Wirf Deine Sorge auf den Herrn (Ps. LIV, 23.)." -- „Und er wird Dich ernähren (Ebendas.)", antwortete der Kranke, und fügte hinzu: „Meine Speise ist, dass ich den Willen meines Vaters tue (Charl.-Aug., p. 575 et suiv. – La Riviere, p. 656 et suiv.)."

Der Herzog von Nemours, Heinrich von Savoyen, kam, wiewohl er heftig an der Gicht litt, nach dem Bischofe von Damaskus. Ergriffen von dem Zustande, in welchem er den verehrungswürdigen Kranken erblickte, kniete er an seinem Bette nieder und bat ihn mit Tränen in den Augen um seinen Segen für sich und seinen Sohn, den Prinzen von Genevois, den der heilige Bischof in Paris getauft hatte. Man fragte ihn, ob er den erkenne, der zu ihm spreche. „gewiss, antwortete er, es ist der Herzog von Nemours; ich bin sein Vasall." Und seine Hand, wiewohl nur mit Mühe erhebend, segnete er ihn und den jungen Prinzen (Charl.-Aug., p. 576.).

Frau Olier erschien ebenfalls mit ihren Kindern, um seinen letzten Segen zu erbitten, und der heilige Kranke segnete sie mit zufriedenem und ruhigem Blicke, der die hohe Hoffnung bekundete, welche er auf den jüngsten Knaben, Johann Jakob, setzte, welcher der Vater einer Genossenschaft werden sollte, die sich der Heiligung des Klerus widmete.

Gegen zehn Uhr fanden es die Ärzte für ratsam, ihm zur Ader zu lassen; bald darauf kam sein ehemaliger Beichtvater, der Pater Forrier, und auf die Frage, ob er sich seiner erinnere, antwortete er ihm: „Wenn ich Deiner vergesse, möge dann meine Rechte der Vergessenheit anheimfallen (Ps. CXXXVI, 5.)." -- „Sprechen Sie zu Gott, fuhr der Pater fort, wie einst der heilige Martin: Herr, wenn ich Delnem Volke noch notwendig bin, so weise ich nicht die Arbeit von mir zurück." -- „Ich notwendig! versetzte er, nein, nein, ich bin ein durch und durch unnützer Knecht; ein unnützer, unnützer, unnützer Knecht", wiederholte er drei Mal.

Als er bemerkte, mit welchem Eifer ein guter Bruder von der Gesellschaft Jesu ihm in seinen Bedürfnissen behilflich zu sein suchte, sprach er zu ihm: „Sie bemühen sich viel um meinetwegen, mein lieber Bruder; was werde ich für Sie tun können?" -- „Hochwürdigster Herr, erwiderte dieser, gedenken Sie meiner, wenn Sie im Reiche Gottes sein werden." Und der Heilige nickte ihm wohlwollend zu, zum Zeichen, dass er dies verspreche.

Als er die Tränen seiner Diener gewahrte, die schluchzend sein Bett umstanden, sprach er zu ihnen: „Weinet nicht, meine Kinder; ist es denn nicht notwendig, dass der Wille Gottes erfüllt werde?" Nach diesen Worten fiel er wieder in die frühere Betäubung zurück. Zum Bewusstsein zurückgekehrt, redete er nur mehr mit Gott, indem er seine Barmherzigkeit anrief und häufige Akte des Vertrauens machte. Den Psalm Erbarme Dich meiner, o Herr, hatte er besonders viel im Munde und als ihn Einer mit leiser Stimme den Vers lispeln hörte: „Wasche mich mehr und mehr von meiner Ungerechtigkeit, o Herr, und von meiner Sünde reinige mich", und die Bemerkung machte, dass in seinem gewissen kein Flecken mehr zu tilgen sei, versetzte er sogleich: „O, Sie täuschen sich." Zu anderen Malen sprach er mit dem Psalmisten: „Mein Herz und mein Fleisch frohlocken in Gott dem Lebendigen (Ps. LXXXIII, 3.). Die Barmherzigkeit des Herrn will ich in Ewigkeit preisen (Ps. LXXXVIII, 2.). Es wies mein Herz den Trost zurück; da dachte ich an Gott und fand Genuss darin (Ps. LXXVI, 4.). Wann werde ich hingehen und vor ihm erscheinen (Ps. XLI, 3.)?" Auch wiederholte er gerne die Worte des Hohen Liedes: „Zeige mir, mein Geliebter, wo Du weidest, wo Du ruhest am Mittage"; und als jemand, um in ihm den Gedanken an das Paradies wach zu erhalten, die Worte sagte: „Heilig, heilig, heilig", fügte er hinzu: „Voll ist die ganze Erde seines Ruhmes", und fuhr dann fort, das Te Deum (laudamus = Dich, Gott, loben wir) zu beten, jenen herrlichen Gesang der himmlischen Heerscharen, denen er bald angehören sollte.

Die Betäubung kehrte von Zeit zu Zeit immer wieder, und um ihn auf derselben zurückzubringen, ließen ihn die Ärzte große Schmerzen erdulden; sie rissen ihm Haare aus, rieben ihm heftig Beine und Schulter, bis sie ganz wund wurden. Als er durch den Schmerz wieder zu sich gekommen war, bemerkte er den Erzbischof von Embrun; aber anstatt mit ihm zu sprechen, ließ er nur Seufzer der Liebe aus vollem Herzen zu Gott emporsteigen: „O mein Gott, all' mein Verlangen ist vor Dir und mein Seufzen ist Dir bekannt! Mein Gott und mein Alles! meine Sehnsucht und die Sehnsucht der ewigen Hügel!" Als ihm jemand bemerkte, er möge seine Schmerzen mit denen des dornengekrönten Jesus vereinigen, erwiderte er: „Was ich leide, verdient nicht den Namen von Schmerzen im Vergleiche mit jenen."

Als die Ärzte zuletzt gewahrten, dass der Kranke in der äußersten Gefahr sei, wollten sie noch ein letztes Mittel anwenden. Man hatte ihm ein spanisches Zugpflaster auf den Kopf gelegt; als man es entfernte, riss man ihm die oberste Haut mit weg. Zwei Mal legten sie ihm glühendes Eisen auf den Nacken und ein Mal auf den Kopf, in den sie bis tief auf den Knochen hineinbrannten (Charl.-Aug., p. 577.); und während dieser Marter, die so heftig war, dass sie ihm unwillkürliche Tränen erpresste, ließ er auch nicht einen Laut der Klage hören. Man fragte ihn, ob er die Schmerzen fühle. „Ja, antwortete er, ich fühle sie; aber machen Sie mit dem Kranken Alles was Sie wollen." Sein Antlitz verlor nichts von seiner ruhigen Heiterkeit und Sanftmut, und seine Lippen flüsterten kein anderes Wort, als die Namen Jesus und Maria. Wie das Lamm unter der Hand seines Scherers, so litt er Alles, was man wollte, tat er Alles was man ihm vorschrieb; und getreu seinem Grundsatze, nichts zu verlangen, nichts abzuweisen, verlangte er nie eine Erleichterung, wies er nie ein Heilmittel zurück, wie gewaltsam es auch war oder welche Abneigung die Natur auch dagegen empfinden mochte.

Ein rascherer Tod schien das einzige Ergebnis dieser grausamen Operationen zu sein, und von dem Augenblicke an ließ er nur mehr wenige Worte vernehmen. Der Generalvikar fragte ihn, wo er begraben werden wolle; er antwortete nicht. Eine Schwester sagte, um ihm Freude zu machen, wiewohl es nicht wahr war, dass sein Bruder, der Bischof von Chalcedon, gekommen sei. „Meine Schwester, sprach er, man darf nie lügen." Als man ihn fragte, ob es ihm nicht leid tue, seine lieben Töchter von der Heimsuchung zu verlassen und ob er für die im Werden begriffene Genossenschaft nicht bekümmert sei, antwortete er: „Wer das Werk begonnen hat, der wird es auch vollenden (Phil. I, 6.)." Als man ihn ferner fragte, ob er nicht fürchte, im letzten Kampfe gegen den Teufel zu unterliegen, sprach er: „Mein Auge ist allzeit auf den Herrn gerichtet; denn er wird meine Füße aus der Schlinge ziehen (Ps. XXIV, 15.)." – ,,Aber, entgegnete Einer, es fand sich selbst einer unter den Aposteln, der untreu wurde." – „Ich habe auf den Herrn gehofft, erwiderte er; er hat meine Bitten erhört und mich aus der Tiefe des Elends gezogen und aus dem Schlamme des Kotes (Ps. XXXIX, 3.).“ Und er setzte hinzu: „Der es begonnen hat, wird es vollenden."

Darauf wandte er sich zu einem der Seinigen und sprach, indem er ihm die Hand drückte: „Es wird Abend und der Tag hat sich geneigt (Luc. XXIV, 29.)." Nachdem er sodann noch den Namen Jesus ausgesprochen hatte, verlor er die Sprache, und nur an der Bewegung seiner Lippen und Augen, die er bei jeder frommen Anmutung, die man ihm vorsprach, zum Himmel erhob, erkannte man, dass er noch lebte. Als endlich der letzte Augenblick nahte, knieten alle Umstehenden nieder und beteten die Sterbegebete; als sie zum dritten Male, da es das Fest der unschuldigen Kinder war, die Worte wiederholt hatten, „Alle heiligen unschuldigen Kindlein, bittet für ihn", gab er seine reine und unschuldige Seele seinem Gotte zurück, mit derselben Ruhe, welche sein ganzes Leben geregelt hatte, um acht Uhr Abends im sechsundfünfzigsten Jahre seines Lebens und im zwanzigsten seines Episkopates (Charl.-Aug., p. 578.).

Sein Tod wurde alsbald auf übernatürliche Weise seinem Bruder Ludwig von Sales, der sich gerade auf Schloss la Thuile aufhielt, offenbart; ferner Karl August, seinem Neffen, der gefährlich krank darnieder liegend, plötzlich durch die Erscheinung seines Onkels gesund wurde; Frau von Chantal, die damals in Grenoble weilte und im Gebete deutlich die Worte vernahm: „Er ist nicht mehr"; sodann der Anna Jakobina Coste, deren Tugend der Heilige so sehr hoch hielt, und dem Prior von Talloires, der so innig mit ihm befreundet war (Vie de St. Francois de Sales, par le P. de la Riviere, ecrite en 1624, liv. IV. – Charl.-Aug., p. 581. ). In der Stadt L.yon verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, und schon damals erscholl der einstimmige und unwillkürliche Ruf, dass der Tote ein Heiliger sei; haufenweise strömten die Einwohner herbei, um seine sterblichen Reste zu verehren und rührten Rosenkränze und andere Andachtsgegenstände an seinem Leichname an. Herr Olier ließ ihn öffnen und einbalsamieren; man fand das Herz groß und sehr erweitert, jedoch gesund und ganz, die Leber verbrannt, einen Lungenflügel wie von einem Degen durchstochen, die rechte Gehirnhöhle mit geronnenem Blute angefüllt und die linke voll Wasser, was mit der Lähmung des linken Armes und der linken Seite übereinstimmt. Besonders merkwürdig war aber der Zustand, in welchem man die Galle fand; sie war ganz verhärtet und vertrocknet und in dreihundert kleine Steinchen geteilt, die aneinander in Form eines Rosenkranzes saßen, hellgelb oder in verschiedenen Farben glänzend, die einen rund, andere dreieckig und noch andere achteckig, eine eigentümliche Erscheinung, welche die Ärzte der beständigen Gewalt zuschrieben, die er anwenden musste, um den Zorn, zu dem er von Natur geneigt war, zu überwinden und zu unterdrücken (Charl.-Aug., p. 579. – La Riviere, p. 664.).

Alles Blut, welches bei der Obduktion herausfloss, wurde von der Frömmigkeit der Gläubigen als eine kostbare Reliquie in linnenen Tüchern aufgefangen, und in der Tat wurden in der Folge mehrere wunderbare Heilungen durch es bewirkt. Man. ging so weit, dass man selbst die Stellen auf dem Tische oder am Boden abschabte, auf welche einige Tropfen gefallen waren, und dass man in frommer Verehrung Alles zusammensuchte, was im Gebrauche des heiligen Kranken gewesen oder mit ihm in Berührung gekommen war. Sein Herz wurde dem Kloster der Heimsuchung gegeben; es lag zuerst in einer silbernen, nachher in einer kostbaren goldenen Kapsel, welche letztere Ludwig XIII. geschenkt hatte, um seine Dankbarkeit für eine wunderbare Genesung zu bezeigen, die ihm durch Berührung dieses Herzens zuteil geworden war; einen der größten Steine seiner Galle erhielt Maria von Medicis, einen anderen Anna von Österreich, zwei die Prinzen Karl Emmanuel und Victor Amadeus von Savoyen. Alle diese Gegenstände wurden mit großer Ehrfurcht behandelt und kostbar eingefasst (Nach de Chaugy.). Alles Übrige, was dem Heiligen angehört hatte, wurde an Fürsten, Große und Klöster verteilt, und Jedermann war begierig, irgend eine Reliquie von dem heiligen Bischofe zu erhalten.

Nachdem am 30. Dezember die feierlichen Exequien (kirchliche Begräbnisfeiern) für den heiligen Toten in der Kirche der Heimsuchung stattgefunden hatten, bei denen der Superior der Feuillanten die Leichenrede hielt, rüstete sich am folgenden Tage der treue Rolland mit dem übrigen Gefolge des Bischofs, um mit dem geliebten Leichname die Reise nach Annecy anzutreten; bereits ruhte derselbe auf der Bahre, welche von zwei Maultieren getragen werden sollte, als Olier erschien und sich der Abreise widersetzte, da er einen so kostbaren Schatz der Stadt Lyon erhalten wollte. Rolland ließ sich nicht irre machen; unverzüglich brach er nach Annecy auf, um das Testament des Verstorbenen zu holen, wonach ihm das Recht zustand, ihn mit sich zu nehmen. Ganz Annecy fand er in Tränen, wie wenn Jeder einen Vater verloren hätte. Auf das Testament sich stützend, in welchem der Bischof ausdrücklich bestimmte, dass er die Wahl seines Begräbnisortes Jenen überlasse, welche sich zur Zeit seines Todes in seinem Gefolge befinden würden, schrieb der Magistrat von Annecy an den Fürsten von Piemont, dieser wiederum an den König von Frankreich um Herausgabe des Leichnams des Bischofs. Der Fürst von Piemont führte in seinem Schreiben unter Anderem an, dass, da Savoyen die Ehre gehabt habe, der Welt und der Kirche diesen großen Mann hervorzubringen, es ihm auch zustehe, die Hüterin und Wächterin seiner sterblichen Überreste zu sein; übrigens überlasse sein letzter Wille die Wahl des Begräbnisortes den Leuten seines Gefolges und diese hätten Annecy gewählt. Diesen Gründen gegenüber fügte sich der König, und auf seinen Befehl hin konnten die Domherren von Annecy die Leiche ihres Bischofes in ihre Stadt übertragen. Es wurde weiterhin bestimmt, dass er ihnen in Croix-Rousse übergeben werden solle, wohin ihn die Chorherren von St. Nizier von Bellecour aus, wo er sich befand, auf ihren Schultern tragen wollten. Am 18. Januar 1623 brach man von Lyon auf; die ganze Reise hatte den Anschein einer ununterbrochenen Prozession, da die Gläubigen scharenweise ans den benachbarten Orten herbeiströmten, um die Reste des heiligen Bischofs zu verehren und Rosenkränze und Medaillen an die Bahre zu rühren, welche sie trug. In Annecy angekommen wurden sie mit der größten Feierlichkeit in der Kirche von der Heimsuchung beigesetzt (La Riviere, p. 668.). Könige und Fürsten, Menschen aus allen Klassen und Ständen pilgerten nun hierhin, um den Heiligen zu verehren, bis die unglückseligen Tage der französischen Revolution kamen; da wurde es notwendig, seine Reste vor der Gottlosigkeit, der blinden Zerstörerin alles Heiligen und Ehrwürdigen, in Sicherheit zu bringen. Als der Friede der Welt wieder gegeben war, erbauten die Töchter der Heimsuchung ein neues Kloster und eine neue Kirche; in einem kostbaren Schreine, welchen ein entfernter Verwandter des Heiligen, der Graf Paul Franz von Sales, zu jener Zeit Gesandter des sardinischen Königs am russischen Hofe, hatte anfertigen lassen, wurden die Gebeine in feierlicher Prozession, bei der mehrere Bischöfe anwesend waren, unter anderen der Erzbischof von Paris, Herr von Quelen, in die neue Kirche von der Heimsuchung übertragen und im Altare beigesetzt. Wie früher so legen auch seitdem wieder zahlreiche Pilger, deren jeden Tag dahin wallfahrten, Zeugnis ab von der Verehrung der Völker für den Gottesmann, der so viel Gutes tuend über die Erde dahinwandelte.


 

Reliquienschrein des hl. Franz von Sales in der
Basilika der Heimsuchung in Annecy, Frankreich

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