Aus der alten Frakturschrift von kath-zdw.ch übersetzt

Leben des heiligen Franz von Sales

Fünftes Buch
Der hl. Franz v. Sales gründet den Orden von der Heimsuchung.
Sechstes Buch
Gründung des Ordens d. Heimsuchung bis zum Tode d. Heiligen (1622)
Siebentes Buch
Charakterbild des heiligen Franz von Sales.

   
   





  

Inhaltsverzeichnis

Siebentes Buch

Charakterbild des heiligen Franz von Sales.

 

Leben

des

heiligen Franz von Sales,

Fürstbischofs von Genf.

Nach der fünften Auflage aus dem Französischen übersetzt
 

von

J. C. Lager,
Priester der Diözese Trier.
 

Zweiter Band
Regensburg.

Druck und Verlag von Georg Joseph Manz.
1871.

Inhalt: Siebentes Buch.
Charakterbild des heiligen Franz von Sales.

Erstes Kapitel.
Natürliche Eigenschaften des heiligen Franz von Sales.

Zweites Kapitel.

Mittel, durch welche Franz von Sales sich zur Heiligkeit erhob.

Drittes Kapitel.

Sein Glaube.

Viertes Kapitel.

Seine Hoffnung.

Fünftes Kapitel.

Seine Liebe zu Gott.

Sechstes Kapitel.

Seine Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes.

Siebentes Kapitel.

Seine Gottesverehrung.

Achtes Kapitel.

Seine Andacht zu Jesus Christus und den Heiligen.

Neuntes Kapitel.

Seine Nächstenliebe.

Zehntes Kapitel.

Seine Sanftmut.

Elftes Kapitel.

Sein Seeleneifer.

Zwölftes Kapitel.

Seine Klugheit und Einfalt des Herzens;
-- seine Bescheidenheit und Eingezogenheit.


Dreizehntes Kapitel.

Seine Demut.

Vierzehntes Kapitel.

Sein Geist der Armut.

Fünfzehntes Kapitel.

Seine Liebe zur Abtötung.

Sechszehntes Kapitel.

Seine Geduld.

Siebzehntes Kapitel.

Sein Gleichmut der Seele.

Achtzehntes Kapitel.

Wunder, durch welche Gott die Heiligkeit seines Dieners der Welt offenbarte.

Neunzehntes Kapitel.

Die Heiligsprechung Franz's von Sales.

 

Welches Interesse die Geschichte des Bischofes von Genf uns bis jetzt auch geboten hat, so ist es nichtsdestoweniger wahr, dass der schönste und wohl auch am meisten Nutzen bringende Teil dieses herrlichen Lebens uns noch zu behandeln übrig bleibt. Neben den Ereignissen, welche einer besonderen Epoche angehören, und die wir, dem heiligen Bischofe Schritt für Schritt von der Wiege bis zum Grabe folgend, erzählt haben, gibt es noch eine andere Ordnung von Geschehenem, welches nicht gerade einer bestimmten Epoche anhaftet, sondern als etwas dem Menschen Eigentümliches zu jeder Zeit hervortritt. Die geschichtlichen Tatsachen im Leben eines Heiligen haben ihr festes Datum, nicht so seine Tugenden, von denen man nicht sagen kann, sie fallen in das oder das Jahr. Sie müssen daher in einem besonderen Abschnitte behandelt werden, und dies ist die höchst interessante Aufgabe, welche wir noch zu erfüllen haben. Die geschichtlichen Daten sind gleichsam nur die Ausflüsse jener schönen Tugenden, mit denen wir uns jetzt beschäftigen werden; und wenn die Bäche schon so lieblich und klar sind, wenn sie dem Wanderer, der sich mit lechzenden Lippen über sie beugt, schon so köstliche Labe gewähren, um wie viel schöner und wohltätiger werden dann die Quellen selbst sein!

Um dies schöne Bild zu entwerfen, werden wir zuerst mit der Schilderung der natürlichen Eigenschaften des heiligen Franz beginnen, weil diese gleichsam der Grund und Boden sind, auf dem die Gnade gearbeitet hat. Nach Darlegung der Mittel, durch welche er sich zur Heiligkeit erhoben, werden wir ihn sodann schildern in seinen Beziehungen zu Gott, zu dem Nächsten und sich selbst. Wir werden da finden, welch' ein lebendiger Glaube, welch' eine feste Hoffnung, welch' glühende Liebe, welch' Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes, welch' tiefe Frömmigkeit den Heiligen beseelte. In seinen Beziehungen zum Nächsten werden wir finden, welche Liebe und Sanftmut, welch' ein Seeleneifer und welche Klugheit, mit bezaubernder Einfalt verbunden, ihm in allen Dingen eigen war und betrachten wir ihn an und für sich selbst, so werden wir da ein herrliches Bild aller persönlichen Tugenden, der Demut und der Armut im Geiste, der Abtötung, der Geduld und des Gleichmutes der Seele erblicken.

Schließlich werden wir dann mit Befriedigung sehen, wie die allgemeine Verehrung, die Wunder nach seinem Tode und endlich das Urteil der Kirche, welche ihn auf ihre Altäre gestellt hat, ein beredtes Zeugnis für seine Heiligkeit ablegen. Das sind die interessanten Gegenstände, welche wir im siebenten Buche zu behandeln haben; wir werden darin oft entweder den Heiligen selbst sprechen lassen, oder die heilige Chantal, jene Seele, welche ihn am besten gekannt hat, und der Leser wird nur gewinnen durch diese Zitate, da sie vor allem, was wir selbst sagen könnten, sicher den Vorzug verdienen. Denn die Worte der Heiligen tragen das Gepräge einer besonderen Gnade und Anmut und sind der reinste Ausdruck des übernatürlich Wahren und Schönen.

 

Erstes Kapitel.

Natürliche Eigenschaften des heiligen Franz von Sales.

Franz von Sales war von gesunder Konstitution und vorteilhaftem Wuchse. Der Kopf war stark und wohl entwickelt, der Vorderteil kahl, der Hinterteil mit schönem dunkelblondem Haar bedeckt, die Stirne hoch und breit; die Augen waren blau, aber etwas schielend, von hohen und stark gebogenen Augenbrauen überschattet, die Wangen trugen eine blühende und frische Farbe, der Mund war rund, der Ausdruck des Gesichtes sanft und angenehm, die Züge zeigten eine auffallende Feinheit und die Hautfarbe eine seltene Zartheit. Seine Stimme war ernst und gesetzt, seine Aussprache langsam, ebenso sein Gang (Charl.-Aug., vers la fin.), aber stets war seine ganze Art und Weise freundlich und gewinnend, sein Benehmen höflich und gefällig, seine Stirne heiter, seine Miene offen, sein Lächeln bescheiden. Ein Zeitgenosse (Nach Biard) des heiligen Bischofes zeichnet uns kurz sein Bild mit folgenden Worten: „Sein ganzes Äußere war so schön und bezaubernd, sein Benehmen so voll ernster Würde und doch zugleich so voll freundlicher Milde, dass mein Auge nicht müde werden konnte, ihn zu betrachten und dass ich mir keine edlere und herrlichere Haltung denken kann."

Unter diesem so ausgezeichneten Äußeren entdeckte man eine noch ausgezeichnetere Seele, in welcher die Natur alle ihre Gaben vereinigt zu haben schien: ein feines und gesundes Urteil, eine seltene Fassungskraft und Fruchtbarkeit des Verstandes, eine Einfachheit und Natürlichkeit des Geistes, welche allem Gesuchten, das die wahre natürliche Schönheit zerstört, abhold war, eine reiche und lebendige Einbildungskraft, einen Ordnungssinn, der das Kleine so wenig vernachlässigte, wie das große, und nie dasjenige, was heute zu tun war, auf morgen verschob oder am Tage vorher schon tat; einen lebhaften, gutherzigen und liebevollen, aber zugleich so festen Charakter, dass nichts je im Stande war, ihn außer Fassung zu bringen; endlich ein zärtliches, gefühlvolles und glühendes Herz, welches sich an Gott hingebend der Sitz der erhabensten, reinsten und heldenmütigsten Gesinnungen wurde; denn die Gnade ändert die Geistes- und Herzensanlagen nicht, sondern sie heiligt sie; sie zerstört nicht das Zarte und Gefühlvolle im Menschen, sondern zieht es in den Dienst des Guten. Mit Feinheit des Verstandes Feinheit der Sitte vereinigend, besaß er in hohem Grade die Kunst, auf eine liebenswürdige Weise Jedem gerecht zu werden und je nach Personen und Umständen die verschiedenen Grade der Achtung und Freundschaft zu bemessen; stets war er leutselig und freundlich, so wie es der Augenblick erforderte, dienstfertig aus Wohlwollen, gefällig ohne sich etwas zu vergeben, höflich ohne Ziererei, eingezogen ohne durch Strenge abzustoßen, fröhlich ohne die Grenzen des Wohlanständigen zu überschreiten. Die Gabe der Unterhaltung besaß er im höchsten Grade, wusste das Gespräch zugleich anziehend, unterhaltend und belehrend zu machen, indem er Leben in es brachte, ohne dabei glänzen zu wollen und, ohne es darauf anzulegen, die feinsten Dinge sagte. Der Ton seiner Stimme, die Anmut seiner gleich einfachen und edlen Sprache, die ruhige und geistreiche Munterkeit, mit der er das Gespräch würzte, verliehen der Unterhaltung mit ihm einen solchen Zauber, dass man sich unwillkürlich von Achtung, Freundschaft und Zutrauen zu ihm durchdrungen fühlte. Darum sagte man auch allgemein mit Bezug auf ihn, dass die Tugend nie unter einer Gestalt erschienen, die liebenswürdiger und geeigneter gewesen sei, die Herzen zu gewinnen (De Cambis.).

Diese herrlichen Eigenschaften wurden gehoben durch eine tiefe und allseitige Bildung. Er war vertraut mit den Schriften der alten Philosophen sowohl, wie mit den Werken der griechischen und lateinischen Geschichtsschreiber; zahlreiche Stellen, die er bei jeder Gelegenheit und so passend in seinen Schriften aus ihnen anzuführen wusste, zeigen, wie belesen er in denselben war. In der Rhetorik und den schönen Wissenschaften war er ebenfalls zu Hause; sogar die naturwissenschaftlichen Kenntnisse seiner Zeit hatte er sich alle angeeignet, und da diese noch sehr mangelhaft waren, so darf man sich nicht wundern, dass man in dieser Hinsicht in seinen Schriften hie und da auch unrichtige Anschauungen findet.

Doch war es, wie leicht zu erwarten, das Gebiet der kirchlichen Wissenschaften, mit dem der Heilige am besten vertraut war; die Exegese, die Geschichte der Kirche, die Werke der Väter, Dogmatik und Moral kannte er ihrem ganzen damaligen Umfange nach. Vor allem war er bewandert in der Summa des heiligen Thomas, auf die er sich vorzugsweise bei allen Kontroversen und Entscheidungen von Gewissensfällen stützte. Welche Bewunderung er in jener Prüfung, welche seiner Konsekration zum Bischofe vorherging, erregte, haben wir schon gesehen. Die Kardinäle du Perron und de Berulle, Duval und andere Doktoren der Sorbonne nannten ihn den gelehrtesten Theologen seines Jahrhunderts; und der General der Feuillanten, Dom Jean de Saint-Francois, fügt hinzu: „dass er sich auszeichnete in allen Gebieten des theologischen Wissens, dass er eine so genaue Kenntnis des kanonischen Rechtes mit einem so vollkommenen Verständnis der heiligen Schriften besaß, dass sein Geist in dieselbe umgewandelt zu sein schien und dass er mit bewunderungswürdiger Klarheit die dunkelsten und schwierigsten Stellen derselben auseinandersetzte. Kurz, sagt derselbe Biograph, es war ein großer Geist, der sich ebenso sehr durch die Vollkommenheit seines natürlichen Verstandes und die Tiefe seines erworbenen Wissens auszeichnete, wie durch die Fülle der übernatürlichen Erleuchtungen und Erkenntnis, die ihm zuteil geworden war (Dom Jean de Saint-Francois, III, p. 231 et 234.)." Solchen Zeugnissen brauchen wir nur noch hinzuzufügen, dass seit dem Prozesse seiner Heiligsprechung eine genaue Prüfung seiner Schriften stattfand, die mit der Erklärung endete, dass sie würdig seien, unter die Schriften der Kirchenväter eingereiht zu werden.

Mit dieser Gelehrsamkeit fanden sich in Franz von Sales noch zwei herrliche Gaben vereinigt: das Schriftsteller- und Rednertalent. Er war der Erste, der begann, die alte französische Sprache von ihren Fesseln zu befreien, und sie mit einer Leichtigkeit und Anmut, mit einer edlen und natürlichen Einfachheit sprach, welcher Montaigne und Malherbe, die kurz vor ihm lebten, nicht nahe gekommen waren, und welche später Balzac und Voiture nicht erreichen konnten. eingeschlossen in seinen Bergen, inmitten einer ungebildeten und unwissenden Bevölkerung, unter den schwierigen Arbeiten eines Amtes, das für sich allein schon einen Mann ganz und gar in Anspruch nehmen kann, ohne Vorbild und ohne einen anderen Führer, als die Feinheit seines Geschmackes und das geheime Schicklichkeitsgefühl, hat er sich emporgeschwungen zu einem der Väter der französischen Sprache, der es verdient, dass ihm von der Akademie der erste Platz unter den Schriftstellern seines Jahrhunderts angewiesen werde ( Im Januar 1638 beschloss die drei Jahre vorher von Richelieu errichtete französische Akademie in einem Diktionär (Wörterbuch) die gewöhnlichen, durch den Sprachgebrauch aufgenommenen Wörter nebst den hauptsächlichsten grammatischen Regeln zu sammeln; zu dem Zwecke wählte sie am darauf folgenden 20. Februar diejenigen Schriftsteller aus, welche das reinste Französisch geschrieben hatten, und unter ihnen erhielt auch Franz von Sales seine Stelle.). Seine reiche und lebhafte Einbildungskraft durchwebt alle seine Schriften mit den heitersten Bildern, den lieblichsten Blumen, die der ganzen Natur, dem Himmel, der Erde und allem, was sie enthalten, entlehnt sind. Selbst dann, wenn er nur schlicht und einfach sprechen will und es ihm nur darum zu tun ist, zu nützen, tragen alle seine Worte das Gepräge ausgesuchter Feinheit, und indem sein gefühlvolles Herz aus dem Ausdrucke hervorleuchtet, verleiht es ihm Leben und Farbe, und teilt ihm eine eigentümliche jugendliche Kraft mit, die er an und für sich nicht hatte, ihm dabei doch jenen ernsten und würdevollen Ton lassend, wie er sich für den Charakter und die Stellung des Autors geziemte.

Am Stil erkennt man den Menschen." Nie hat sich wohl dies Wort besser bewährt, als an Franz von Sales. Die Schönheit und Richtigkeit seiner Gedanken bekunden sein ausgezeichnetes Urteil; die Offenheit, mit der er sich ausdrückt, zeigt die tiefe seiner liebenswürdigen Geradheit und Herzensgüte; seine Bilder und Vergleiche, die kräftig und kühn sind, ohne deshalb aufzuhören, natürlich zu sein, seine gewählte und entschiedene Sprache bekunden einen Mann ersten Ranges, der, in der Überredungskunst gewandt, es verstand, für seine Zwecke zu gewinnen; einen überlegenen Geist, der, ohne der Gründlichkeit Eintrag zu tun, von seinem eigenen Glanze und inneren Werte erstrahlte, kurz, seine ganze Art und Weise legt Zeugnis ab von seinem zarten, teilnehmenden, guten und großmütigen Herzen.

„Seine Schriften, sagt der Pater Tournemine (Journal de Trevoux, juillet 1736, art. 79.), atmen die Liebe, von der sein Herz erglühte; man kann sie nicht lesen, ohne dass auf ihnen eine himmlische Salbung in die Seele überströme; es ist die Lieblichkeit und Zartheit eines Herzens, welches Gott liebt und weiter nichts will, als dass er geliebt werde; es ist der Kern der Moral der heiligen Bücher und der Schriften der Väter, auf die wahren Prinzipien zurückgeführt und angewandt auf das praktische Leben. Man findet in ihnen als Führer die Liebe und Demut unzertrennlich miteinander verbunden; die Sanftmut ebnet den Weg; die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes und das feste Vertrauen auf seine Güte bewirken, dass man ihn freudig und ruhig geht."

Diese auf fast alle seine Schriften anwendbaren Bemerkungen passen noch ganz besonders auf seine Briefe, deren man ungefähr neunhundert gesammelt hat. In ihnen strahlt das Verdienst des heiligen Franz als Schriftsteller im reinsten Glanze; sein einfacher, natürlicher, leichter und anmutiger Stil fügt sich schmiegsam allen seinen Gedanken und Empfindungen; er ist bald einschmeichelnd und lieblich, um sich den Weg zum Herzen zu bahnen, bald sinnig und von bestimmter Klarheit, um die Leidenschaften und Regungen der Seele darzustellen, bald reich und geschmückt, um anschaulich zu erzählen. Alle Gegenstände von den unbedeutendsten bis hinauf zur Schilderung der ewigen Glückseligkeit, sind in einer Weise behandelt, wie sie dem ihnen eigenen Reize entspricht. Der Schreiber erzählt in ihnen seine Geschichte und die seines Jahrhunderts; er gießt in ihnen sein Herz ganz aus, und nirgends hat die französische Sprache lieblicher geredet.

Nicht minder zeichnete sich der Heilige durch großes Rednertalent aus. Zwar war sein Vortrag nicht sehr lebendig, seine Aussprache war langsam und sogar etwas schwerfällig. Dieses Fehlers war er sich vollkommen bewusst und er äusserte sich selbst darüber dem Bischofe von Belley gegenüber. Als dieser eines Tages auf der Kanzel Vortrag und Aussprache seines berühmten Freundes hatte nachahmen wollen, tadelte ihn letzterer deswegen: „Sie wollen also in Ihren Predigten den Bischof von Genf nachahmen?" sprach er zu ihm. -- „Aber, entgegnete Camus, ist denn das ein schlechtes Muster? Predigt er nicht besser als ich?" -- „Gott, versetzte da der heilige Bischof, wenn die natürlichen Anlagen vertauscht werden könnten, was gäbe ich denn nicht für die Ihrigen! Ich tue, was ich kann, um in Bewegung zu kommen, ich treibe mich zur Eile an, und je mehr ich vorwärts will, desto schlechter gelingt es mir. Es fällt mir schwer, die Worte zu finden, und noch schwerer, sie auszusprechen. Ich bin schwer fälliger, wie ein Klotz, und nicht im Stande, weder mich noch Andere zu rühren; kurz, ich schwitze viel und komme doch nur schlecht voran. Sie fahren mit vollen Segeln und ich mit dem Ruder; Sie fliegen und ich krieche, oder schleppe mich dahin wie eine Schildkröte. Sie haben mehr Feuer in Ihrem kleinen Finger, als ich im ganzen Körper, und nun sagt man von Ihnen, dass Sie die Worte abwägen, Ihre Sätze zählen, den Flügel nachschleppen, dass Sie schlaff und langsam sind und Ihre Zuhörer ermüden (Geist des h. Franz v. Sales, I, 23.)."

Die Langsamkeit, welche man am Bischofe von Belley nicht ertragen konnte, erschien als ein Vorzug bei dem Bischofe von Genf; man wusste seiner langsamen und schwerfälligen Aussprache Dank, weil sie dem Zuhörer mehr Muse ließ, die Schönheit seiner Lehre, den Adel und das Ungezwungene seines Ausdruckes, die natürliche Einfachheit im Tone seiner Stimme und in seinen Gebärden recht zu kosten und zu verstehen: Eigenschaften, die man um so mehr schätzte, je weniger man sie bei anderen Predigern fand. Es war nämlich damals, nach der zu jener Zeit herrschenden Sitte, die Predigt nichts als ein ungestaltetes Chaos von trockener Theologie, abstrakter Philosophie, Zitaten aus griechischen und lateinischen Profanschriftstellern, gelehrtem Wortschwall und pathetischem Schwulst. Dagegen hielt sich der gesunde Sinn des heiligen Franz an jener einfachen und natürlichen, ernsten und bescheidenen Beredsamkeit, welche die wahre Sprache der Salbung und Überredung ist. Wenn er das Laster bekämpfte, so geschah es nicht dadurch, dass er es mit Schimpf- und Scheltworten angriff, sondern vielmehr, dass er es so zeigte, wie es ist, in seiner wahren und verächtlichen Gestalt, und ihm die Tugend entgegenhielt, welche er dem Verstande als höchst vernünftig, dem Herzen als unendlich liebenswürdig darstellte. Eine solche Sprache musste notwendig die Völker hinreißen, die bei aller Verdorbenheit des Geschmackes doch stets den Sinn für das Schöne bewahren.

Die gedruckten Predigten des Bischofs von Genf lassen sicherlich viel zu wünschen übrig, aber der Fehler liegt nicht an dem Prediger. Wir besitzen nur eine von ihm selbst geschriebene Predigt, und zwar auf das Fest Mariä Himmelfahrt; die übrigen sind entweder von seinen Zuhörern gesammelt worden, welche sie dann nach ihrer Art und Weise ordneten, oder es sind bloße Skizzen, die von dem heiligen Bischofe flüchtig entworfen und von den Herausgebern ausgeführt worden sind. „Seinen Geist, sagt einer seiner Biographen, findet man in ihnen nicht wieder, ebenso wenig seine erhabene Lehre, seine hinreißende Beredsamkeit und den mächtigen Reiz seiner Frömmigkeit. Was einst Tränen entlockte, die Bewunderung der Zuhörer erregte, das Zusammenströmen der größten Männer Frankreichs, Savoyens, Piemonts und Italiens bewirkte und die Kirchen immer zu klein machte, das bietet heute dem Leser nur wenig Anziehendes." Dies Urteil Maupas' ist wohl etwas strenge, und obwohl wir von den Predigten des heiligen Franz nicht viel mehr als Trümmer besitzen, so sind es doch immerhin noch schöne Reste, von denen ein jeder hinreicht, um uns den Wert der ganzen Predigt schätzen zu lassen.

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Zweites Kapitel.

Mittel, durch welche Franz von Sales sich zur Heiligkeit erhob.

In dem vorhergehenden Kapitel haben wir Franz von Sales betrachtet als Mensch; wir haben in ihm einen liebenswürdigen, gebildeten und talentvollen Mann kennen gelernt; jetzt haben wir ihn zu betrachten als Heiligen; und das ist ein zweiter Gesichtspunkt, der ein ganz anderes Interesse für Geist und Herz hat. Aber wie man, bevor man auf einen Berg gelangt, die dahin führenden Pfade ersteigen muss; ebenso ist es auch vor der Schilderung der verschiedenen Tugenden, welche die hohe Heiligkeit des Bischofes von Genf ausgemacht haben, durchaus notwendig, ihm auf den Wegen zu folgen, auf denen er eine so hohe Vollkommenheit erreicht hat. Sein seltener Verstand begriff frühzeitig, dass die Flüchtigkeit des Geistes, der so wenig Sinn hat für geistige Dinge und sich so leicht davon abziehen lässt, und die verkehrte Neigung des Herzens, welches so sehr danach strebt, das Geschöpf dem Schöpfer vorzuziehen, die beiden hauptsächlichsten Hindernisse für die Tugend bilden, und dass man ihnen die Betrachtung und das Gebet entgegensetzen müsse: die Betrachtung, welche den Geist fesselt und erleuchtet; das Gebet, welches die Seele von den geschaffenen Dingen losschält, mit Gott vereinigt und die Gnade herabzieht, jene mächtigste Bekehrerin der Herzen.

Das erste Mittel also, welches er anwandte, war die Treue im Gebete. Diese Übung des gleichzeitigen Betrachtens und Betens war der Gegenstand seiner höchsten Verehrung: „Da das Gebet, sagte er, unseren Geist zu der göttlichen Klarheit und dem göttlichen Lichte erhebt, so gibt es nichts, was unseren Verstand so sehr von seiner Unwissenheit, und unseren Willen von seinen verkehrten Neigungen befreit. Es ist das Wasser des Segens, welches, indem es ausgegossen wird, die Keime unserer guten Wünsche hervorlockt und zur Blüte bringt, unsere Seele von ihren Unvollkommenheiten reinigt und die Leidenschaften unseres Herzens auslöscht." So widmete er ihm jeden Morgen wenigstens eine Stunde; jeden Abend verband er mit dem Abbeten des Rosenkranzes die Betrachtung der Geheimnisse, so dass dies ebenfalls eine Stunde dauerte; und außerdem widmete er alle Augenblicke des Tages, die er den Geschäften entziehen konnte, der Betrachtung, die Stunden der Nacht abgerechnet, welche er sich am Schlafe abbrach, um sie zu verwenden auf diese heilige Übung, die edelste und nützlichste, welche den Menschen auf Erden beschäftigen kann.

Er verfuhr beim Gebete mit derselben Einfachheit, wie bei allen seinen übrigen Handlungen; er verkehrte da mit dem Herrn vertraulich und einfach, wie ein Kind mit seinem Vater; und oft wurde ihm ein einziges Wort, ein einziger Gedanke, den er zur Betrachtung mitbrachte, ein einziges Wort des Vaterunser oder des englischen Grußes eine Quelle süßer und heiliger Empfindungen, welche ihn während der ganzen Dauer jener Übung beschäftigten. „Wie ein Tropfen Öl, sagte er, ausgegossen auf eine ganz ebene und gut geschliffene Tafel, allmählich immer weiter auseinander fließt, ebenso geht von einem Worte oder Gedanken, den ich zum Gebete mitbringe, eine ganz süße, einfache und liebliche Empfindung aus, welche ganz sachte zunimmt und mein Herz mit einem Balsam durchduftet, der so köstlich ist, dass ich keinen Ausdruck dafür finden kann." Zu anderen Malen begab er sich zum Gebete mit dem einzigen Gedanken, seinem Vielgeliebten zu gefallen, von ihm zu empfangen, was ihm gefallen würde in sein Herz auszugießen, oder nichts zu empfangen, wenn es ihm noch mehr gefalle, ihm nichts mitzuteilen. „O Gott, sagte er, siehe mich hier vor dir, das ist mir genug; ich ruhe in dir, ich überlasse mich dir; ich werde zufrieden sein, wenn sich nur dein Wille an mir erfüllt. Wohlan denn, meine arme Seele! setzen wir dem Wirken Gottes kein Hindernis; schließen wir uns hier ein, ohne uns weder wenig noch viel zu regen. O meine Seele! man ist nicht immer Herr über dich; o Gott, halte diesen erbärmlichen Ausreißer auf. O wer wird mir diese Gnade verleihen außer dir, o mein Jesus!" Diese Gnade wurde ihm wirklich zuteil; und er selbst sagt uns, dass er es so weit brachte, nie mehr zerstreut zu sein. „Wie können Sie mitten unter dem Lärm der Sie umgebenden Geschäfte ruhig dem Gebete obliegen?" frug (fragte) ihn eines Tages einer seiner Freunde. „Dank der göttlichen Güte, antwortete er, bin ich die ganze Zeit, während welcher ich mich mit heiligen Betrachtungen beschäftige, von Zerstreuungen befreit." „Ich weiß nicht, was ich Unserem Herrn getan habe, sagte er eines Tages zu einem Kanonikus von Annecy, seine Barmherzigkeit gegen mich ist unbegreiflich; denn ich habe mich kaum zum Gebete begeben, so vergesse ich Alles außer ihm; es kommt mir vor, als ob ich nur für ihn da wäre."

Der heilige Bischof beunruhigte sich nicht über die Trockenheit, welche er bei dieser heiligen Übung empfand. „Wenn unser Herr, sagte er, mir gute Empfindungen verleiht, so empfange ich sie in Einfalt mit tiefster Ehrfurcht, mit der ich das Vertrauen verbinde, indem ich mich ganz demütig, klein und niedrig vor ihm halte, wie ein geliebtes Kind. Wenn er mir sie nicht gibt, so denke ich nicht daran und achte gar nicht darauf, ob ich mich getröstet oder verlassen fühle." Es gab wirklich eine Zeit, in der er alles fühlbaren Genusses beraubt war, indem Gott sein Licht ergoss über den geistigen Teil seiner Seele, ohne dass der sinnliche und niedere etwas davon empfand; aber in der Regel gab sein flammendes und am Ende der Betrachtung gleichsam ganz strahlendes Antlitz Kunde von den großen inneren Süßigkeiten, die er gekostet hatte. Eines Tages sahen seine Hausgeistlichen, als sie an seiner Türe, die er aus Versehen offen gelassen hatte, vorbeigingen, ihn da stehen mit gegen Himmel ausgespannten Armen und gleichsam ganz in Verzückung versunken. Verwirrt darüber, dass er entdeckt worden war, lief er sogleich zu ihnen und sagte: „Meine Brüder, wenn Ihr etwas an mir gesehen habt, so beschwöre ich Euch, nichts davon zu sagen."

Um zu zeigen, wie weit er in dieser Übung vorangeschritten war, genügt es, daran zu erinnern, auf eine wie feine und vollkommene Art er die verschiedenen Stufen des Gebetes und der Betrachtung beschrieben hat. Man ist in diesen Dingen nur so weit Meister, als man sie selbst geübt hat. Er befolgte bei seinem Gebete die gewöhnliche Weise, und obwohl er zwei oder drei Mal, nachdem er sich ohne Vorbereitung in die Gegenwart Gottes versetzt hatte, nach seinem eigenen Ausdrucke „sich in der Nähe seiner Majestät mit einer bloßen und ganz einfachen Liebesanmutung äußerst wohl befunden hatte", so wagte er es dennoch nicht, das zur Gewohnheit werden zu lassen. „Ich liebe, sagte er mit seiner unvergleichlichen Offenherzigkeit, die Art der alten Heiligen und der Einfältigen; ich glaube nicht so viel zu wissen, um nicht froh zu sein, äußerst froh, unterstützt zu werden, mich meiner Meinung zu begeben und denen zu folgen, die mehr wissen als ich." Gegen das Ende seines Lebens, ließen seine vielen Beschäftigungen ihm zuweilen keine Zeit, um eine ganze Stunde auf das Gebet zu verwenden; dann ersetzte er dies durch eine größere Sammlung während des ganzen Tages und die beständige Vereinigung mit Gott, so dass er der heiligen Chantal, als diese ihn frug (fragte), ob er sein Gebet am Morgen habe verrichten können, antworten konnte: „Nein, aber ich tue etwas, was ebenso viel wert ist", das heißt, er suchte in Allem was er sprach und tat, nur die größere Ehre Gottes und setzte darin sein höchstes Glück. „O wie ausgezeichnet ist doch das tätige Gebet!" sagte er eines Tages zu einem seiner Freunde; und als dieser ihn frug, was er unter dem tätigen Gebet verstände, antwortete er: „Das heißt, Alles in der Gegenwart Gottes und zu seiner Ehre tun."

So war denn auch die Übung, sich in der Gegenwart Gottes zu halten, das zweite Mittel, welches er anwandte, um sich zur Heiligkeit, dem Gegenstande all' seiner Wünsche (Esprit de St. Francois de Sales, VII, 2; XIII, 1; XI, 12), emporzuschwingen. Überzeugt, dass die Zerstreuung, wenn er ihr den Eintritt in seine Seele gestatte, bald den guten Samen, welchen die Betrachtungen und Gebete der Morgenübung hineingelegt hatten, hinwegwehen und unfruchtbar machen würde, hatte er sich in seinem Inneren gleichsam einen Tempel erbaut, eine innerliche Einöde, die er das Heiligtum Gottes nannte, und in den nichts eintreten durfte, als nur Gott und die Seele (Dom Jean de St. Francois, p. 461). Dahin hatten die Neuigkeiten, welche zerstreuen und den Geist beschäftigen, so wenig Zutritt, dass er zu einem seiner Freunde sagte: ,,Ich beschäftige mich nie mit weltlichen Dingen, noch spreche ich von ihnen außer bei unfreiwilliger Zerstreuung (Nach de Lullin)"; da betrachtete er, gleichsam vertieft in das Meer der göttlichen Vollkommenheiten, Gott bald als seinen Herrn, seinen König und Richter, und warf sich ihm im Geiste zu Füßen; bald erblickte er in ihm seinen Vater, seinen Freund und Wohltäter, und ermunterte sich, ihn immer mehr zu lieben; und noch häufiger schmiegte er sich an ihn an als sein Alles, im Vergleiche zu dem alles Übrige nichts ist und für nichts gehalten werden muss. War er allein, so kostete er Gott ganz nach Lust; war er mit Geschäften überhäuft oder von Personen umgeben, die mit ihm sprechen wollten, so erhielt er sich in der Vereinigung mit Gott durch häufige Erhebungen des Geistes und Herzens zu ihm. „Es ist unglaublich, schrieb er der heiligen Chantal (Brief 642), wie sehr ich von allen Seiten durch die Geschäfte in Anspruch genommen bin; aber dennoch hatte mein armes, elendes Herz nie mehr Ruhe und Sehnsucht nach der Liebe der göttlichen Majestät." Niemals, sagt einer seiner Lebensbeschreiber (M. De Cambis, I, p. 401), verursachten seine fortwährenden äußeren Beschäftigungen ihm die geringste Zerstreuung. Seine bloße Haltung verriet, dass er, während er mit den Menschen sprach, mit den Engeln verkehrte und an die Gegenwart Gottes dachte. „Ihre Augen haften sehr am Boden, sagte einst eine Schwester von der Heimsuchung zu ihm, wenn Sie durch die Stadt gehen." -- „Ja, meine Tochter, erwiderte der Heilige, könnte man denn ohne das in der Gegenwart Gottes wandeln?" --- „Ist es wahr, frug ihn eine andere Schwester, dass Sie während des Gespräche mit den Menschen sich in der Gegenwart Gottes befinden?" --- „Ist Gott nicht überall, erwiderte er lächelnd, und muss man nicht unaufhörlich an ihn denken (Vie de Ste. Chantal, par M. l' Abbe Bougaud, I, 352)?" So entzog die Liebe, welche ihn zwang, sich nach außen mitzuteilen, ihm nichts von der inneren Sammlung, zu der es nur die strengste Frömmigkeit bringt; und dennoch hatte diese Sammlung nichts Düsteres und Trauriges; auf seinem Antlitze lag stets eine ruhige Heiterkeit, die der Unterhaltung mit ihm einen unendlichen Reiz verlieh, während die heilige Gegenwart Gottes seine Tugenden gewissermaßen mit einem helleren Glanze umkleidete, gleichwie das Erscheinen der Sonne die Farbenpracht der Blumen erhöht (P. la Riviere, p. 360). „Wenn ich das Glück hatte, in sein in der Nähe seines Oratoriums (Bethaus) befindliches Zimmer zu kommen, sagt ein Zeuge bei dem Prozesse seiner Heiligsprechung, fand ich ihn immer dermaßen mit Gott und den himmlischen Dingen beschäftigt, dass nichts ihn davon abziehen konnte (Nach Dumartray)." -- „Ich habe oft an seinem Tische gegessen, sagt ein Anderer, ich habe häufig mit ihm verkehrt, und kann beteuern, nie aus seinem Munde irgend ein Wort gehört zu haben, welches nicht über Gott handelte und mit unvergleichlicher Anmut zur Liebe Gottes anregte (Nach Gard, de Marriguier etc.)." Die heilige Chantal frug ihn einst, ob es vorkomme, dass er lange nicht an Gott denke: „Zuweilen fast eine Viertelstunde", war die Antwort.

Jeden Morgen bei dem Gebete trat er ein in diese heilige Stille innerer Sammlung, und dann ergoss sich sein Gebet über alle seine Handlungen im Laufe des Tages, so dass nichts mehr in der Welt ihn jener süßen Vereinigung mit seinem Gotte entziehen konnte, wie er selbst in einem seiner Briefe sagt: „Mein Zimmer ist voll von Leuten, welche an mir ziehen und zerren, aber mein Herz ist dennoch einsam (Brief 854)." Daher kam es oft, dass er, wenn er nach Beendigung der Geschäfte und Unterhaltungen, welche am meisten geeignet sind, die Seele zu zerstreuen, ohne irgend eine Vorbereitung zu beten anfing, sich plötzlich von der Gegenwart Gottes ergriffen und innerlich gesammelt fühlte. So pünktlich übte er, was er in seiner „Philothea" lehrt: „Die innerliche Einsamkeit, sagt er darin, lässt sich durch die Menge derer, die um uns herum sind, nicht stören; denn unser Herz ist ja nicht von ihnen umgeben, sondern unser Leib, so dass unser Herz stets einsam und allein in der Gegenwart Gottes verweilen kann." Und das nannte er sein Paradies auf Erden: „O wie glücklich, rief er aus, ist die Seele, welche in der Stille ihres Herzens voll Liebe das heilige Gefühl der Gegenwart Gottes bewahrt! Denn ihre Vereinigung mit der göttlichen Güte wird ihr ganzes Innere mit einer unendlichen Süßigkeit erfüllen .... Und weshalb sollte die in Gott gesammelte Seele sich beunruhigen? fügt er hinzu; hat sie nicht allen Grund, ruhig zu bleiben? Denn was sollte sie noch suchen, da sie den gefunden hat, welchen sie suchte? Sie kann ja nun ausrufen: Ich habe den gefunden, welchen meine Seele liebt, und will ihn nimmer lassen."

Er pflegte zu sagen, die meisten Fehler, welche man begeht, kämen daher, dass man sich nicht genug an die Gegenwart Gottes halte (P. La Riviere, IV, 45); und darum nahm er, um sich in dieser heiligen Übung, welche er den Schutzengel der Reinheit und Unschuld nannte, zu vervollkommnen, seine Zuflucht zu mehreren heiligen Kunstgriffen. Wenn er allein war in seinem Zimmer, dann sang er leise, gleichsam zur geistlichen Erholung, Psalmen, Hymnen und Lieder, die auf die Zeiten und Geheimnisse passten, welche die Kirche feierte, „und er tat dies, sagt ein Zeuge, in so ehrfurchtsvollem Tone, dass man wohl sah, wie Herz und Gemüt voll waren von den Gefühlen, denen er durch seine Worte Ausdruck lieh." Wenn er studierte, so betete er die im Buchstaben verborgene Wahrheit an, und sein Studium war ein Gebet, welches die Sammlung des Geistes erhielt. Wenn er mit Anderen sprach, so wusste er überall Bemerkungen anzubringen, die geeignet waren, zur Tugend und Liebe Gottes zu führen (Nach Paul Berard). „Wenn die Welt uns Neuigkeiten bringt, sagte er, so müssen wir ihr auch solche mitteilen, aber Neuigkeiten auf der anderen Welt (Brief 738)." Wo er schöne Felder sah, sagte er: „Wir sind der Acker des Herrn, den wir bebauen und mit dem Samenkorn seines Wortes besäen müssen." Sah er eine Kirche: „Wir sind die lebendigen Tempel des heiligen Geistes, die wir mit Tugenden schmücken müssen." Beim Anblicke eines blühenden Baumes: „Nicht nur Blüten, sondern auch Früchte fordert Gott von uns." Schöne Gemälde erinnerten ihn daran, dass die Seele ein Bild Gottes ist und ihm ähnlich werden muss; Gärten, dass unsere Seele, wenn wir sie mit Früchten der Tugend schmücken, für Gott ein Wonnegarten ist. Beim Anblick eines Brunnens seufzte er: „Ach, wann werden wir in vollen Zügen trinken aus den Quellen des Heilandes?" Wenn er einen Fluss sah: „Wann werden wir zu Gott eilen, wie die Wasser ins Meer?" Ein Lamm stellte ihm die Sanftmut Jesu Christi vor. In den Armen sah er die teuren Glieder des Heilandes, in den Priestern seine Diener, und so diente ihm die ganze Natur als Leiter, um sich zu Gott zu erheben und sich mit dem zu vereinigen, der die einzige Liebe seines Herzens war (Geist des h. Franz v. Sales, IV, 26; XVI, 31).

Ein anderes Mittel zur Belebung seiner Frömmigkeit war, sich Gott gegenüber vorzukommen wie ein Kind in Gesellschaft seines Vaters: „Macht es, sagt er mit einer hinreißenden Einfalt (Geist des h. Franz v. Sales, XVI, 45), wie die kleinen Kinder, welche mit der einen Hand sich an ihren Vater klammern, und mit der anderen Erdbeeren oder Brombeeren an den Hecken pflücken. Ebenso haltet euch, während ihr mit der einen Hand die Güter dieser Welt ergreifet, mit der anderen immer an den himmlischen Vater, und kehret von Zeit zu Zeit zu ihm zurück, um zu sehen, ob ihm eure Arbeiten angenehm sind. Unter den Geschäften, welche keine besondere Aufmerksamkeit fordern, blicket mitunter wenigstens auf zu Gott, wie die Schiffer, welche, um ans ersehnte Land zu kommen, zum Himmel aufblicken.

In der Gegenwart Gottes suchte der Heilige selbst den Schlaf zu genießen. „Wir müssen Gott immer und überall vor Augen haben, sagte er (Nach Paul Berard), mögen wir allein sein oder in Gesellschaft, selbst während des Schlafes sollen wir ihn sehen, mit dem Gedanken an ihn züchtig uns niederlegen, wie es der tun würde, dem unser Herr, lebte er noch auf Erden, gebieten würde zu schlafen und zu ruhen in seiner Gegenwart: O mein Gott! mit welcher Sittsamkeit und Andacht würden wir uns niederlegen, wenn wir an dich dächten. Ohne Zweifel würden wir unsere Arme über der Brust kreuzen mit inniger Andacht."

Aber dieses Leben des Gebetes und der Sammlung genügte noch keineswegs seinem großen Verlangen nach Vollkommenheit. Aus Furcht, das Geräusch der Welt und die Menge seiner Beschäftigungen möchten sein Herz zu sehr veräußerlichen und seiner Tugend Schaden bringen, widmete er alljährlich zehn Tage geistlichen Übungen, um, wie er sagte, seiner armen, von Geschähen stürmisch umwogten Seele einige Ruhe zu verschaffen. Das geschah gewöhnlich zwischen Ostern und Pfingsten und meistens machte er noch eine zweite Retraite (Rückzug, Einkehrtag für Exerzitien) zu einer anderen Zeit. In diesen Tagen tiefster Sammlung las er die in der vorhergehenden Retraite gefassten Vorsätze wieder und die Tagesordnung, die er sich schon in den geistlichen Übungen, die seiner Weihe vorangingen, entworfen hatte. Er zeichnete sich genau die Punkte auf, in welchen er gefehlt hatte, beichtete sie seinem Gewissens-Rate, besprach sich mit ihm über die Art und Weise, seine geringsten Unvollkommenheiten abzulegen, und fasste neue Vorsätze, die er viel mehr in sein Herz niederschrieb, als auf das Papier. Er betete dann lange, ließ das heilige Opfer darbringen an verschiedenen Orten und feierte es selbst, um von Oben die zu seiner und seines Volkes Leitung nötigen Gnaden zu erlangen.

Das sind die drei Mittel, durch welche Franz von Sales sich zu einer so hohen Vollkommenheit emporgeschwungen hat; das sind, um mich so auszudrücken, die Prinzipien, die seine Heiligkeit erzeugt haben. Wir werden nun seine Tugenden im Einzelnen schildern; und mit einigem Nachdenken wird es uns leicht werden, einzusehen, wie sie aus diesen Prinzipien entstehen, gleichwie der Bach hervorkommt aus seiner Quelle, der Strahl aus seinem Brennpunkt, die Pflanze auf ihrer Wurzel.

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Drittes Kapitel.

Sein Glaube.

Wie lebendig der Glaube des heiligen Franz gewesen, können wir bemessen nach dem, was wir in dem vorigen Kapitel über seine innige Vereinigung mit Gott gesagt haben. Erleuchtet durch ein übernatürliches Licht in Folge dieses beständigen Verkehrs mit Gott, setzte er, um mich so auszudrücken, seinen Ruhm darein, seinen Verstand und sein Herz zu verdemütigen vor der Wahrhaftigkeit Gottes, der uns offenbart, was wir glauben sollen, und vor der Autorität der Kirche, welche die göttliche Offenbarung erklärt. Diese Unterwerfung seines Verstandes machte ihm nicht die geringste Schwierigkeit, es verursachte ihm im Gegenteil eine unbeschreibliche Freude, der Unbeständigkeit und der Finsternis seines eigenen Geistes nicht überlassen zu sein und in seinem Glauben durch die unfehlbare Autorität der Kirche geleitet zu werden. „Ich fühle, sagte er zur heiligen Chantal (Nach de Chaugy), in mir eine solche Begeisterung für den Glauben, dass ich mein ganzes Leben gewünscht habe, für ihn zu sterben; und das war es, was mich verschiedene Male nach Genf unter die Irrgläubigen geführt hat, die mir nach dem Leben trachteten." Auch konnte weder das Lesen der ketzerischen Bücher, die er studierte, um sie zu widerlegen, noch der häufige Verkehr mit den Ketzern selbst, unter denen er lebte, um sie zu bekehren, seinem Glauben irgend welchen Schaden bringen. Darin sah er eine Wohltat des Himmels, für welche er ihm oft dankte mit einem von Erkenntlichkeit tief durchdrungenen Herzen. „Welchen Dank schulde ich Gott dafür, sagte er, dass mein schwacher, unerfahrener Geist diese verpesteten, ketzerischen Bücher hat durchlesen können, ohne dass das darin enthaltene Böse den geringsten Eindruck in mir zurückließ. O Gott! wenn ich an diese Wohltat denke, so zittere ich vor Abscheu über meine Undankbarkeit (Brief 184. – Geist des h. Franz v. Sales, XVIII, 50)." – „Danken Sie, sagt er anderswo (Brief 288. – Nach der h. Chantal, art. 24), der göttlichen Weisheit, welche so mild die Strahlen ihres Lichtes in mein Herz sendet, dass ich immer deutlicher ihre Größe und liebenswürdige Güte erkenne, je länger ich unter denen lebe, die dieser Erkenntnis beraubt sind." Sein Glaube schien in der Tat immer zuzunehmen. „Es genügte, ihn zu besuchen, sagt die heilige Chantal, um zu erkennen, dass Gott ihm die Gabe des Glaubens in einem ausgezeichneten Grade verliehen, dass er ihm über Geheimnisse unseres Glaubens, über den Sinn der heiligen Schriften und die wahre Lehre der Kirche eine ganz außerordentliche Erleuchtung hatte zuteil werden lassen." Der heilige Geist hatte ein so klares Licht in seiner Seele verbreitet, dass er mit einem einfachen Blick ganz sicher die Wahrheiten des Glaubens erkannte und dadurch mit einer so unbeschreiblichen Wonne erfüllt wurde, dass sein Inneres davon entbrannte und in Verzückung geriet, und dass Geist und Herz sich gänzlich versenkten in die Schönheit der Wahrheiten, die ihm waren gezeigt worden. Lassen wir ihn selbst sich darüber äußern: „O Gott, schreibt er (Traite de l'amour de Dieu, liv. VII et XII) ), meine Seele findet nichts Schwieriges darin, die göttlichen Liebestaten zu glauben. Die Schönheit unseres heiligen Glaubens scheint mir so hinreißend, dass ich vor Liebe sterbe, und dass es mir vorkommt, als müsse ich das kostbare Geschenk, das mir Gott gegeben hat, in einem ganz von Andacht duftenden Herzen fest umschließen (Brief 288. – Geist des h. Franz v. Sales. XVI, 8). Wenn unser Geist, emporgehoben über das natürliche Licht, anfängt, die hohen Wahrheiten des Glaubens zu schauen, welche ein Jubel ist das! Die Seele vergeht vor Wonne, wenn sie die Stimme ihres himmlischen Bräutigams vernimmt, welche sie süßer findet als den Honig aller menschlichen Wissenschaft, oder wenn sie sein Angesicht schaut, obwohl es sich ihr nicht im vollen Tagesglanze seiner Herrlichkeit, sondern nur im schwachen Schimmer der Dämmerung zeigt. ... O wie wonnig ist für die Seele das heilige Licht des Glaubens, welches ihr mit unfehlbarer Gewissheit nicht nur den Ursprung und die Bestimmung der Geschöpfe, sondern auch die Geburt des göttlichen Wortes zeigt, welches mit dem Vater und dem heiligen Geiste der eine wahre Gort ist, gebenedeit und hochgelobt in Ewigkeit. Plato, der gelehrte Plato, hat davon nichts gewusst, dem beredten Demosthenes war dies unbekannt. Hoc doctus Plato nescivit,, hoc Demosthenes eloquens ignoravit (S. Hieronymus, II ad Paulin., col. 570, ed. Bened. , t. IV). Als jene Glücklichen, die nach Emmaus gingen, die Worte des Glaubens hörten, da sprachen sie: Brannte nicht unser Herz in uns, während er auf dem Wege mit uns redete? Nun, wenn die göttlichen Wahrheiten uns schon so große Süßigkeiten kosten lassen, während sie nur erst im dunklen Lichte des Glaubens vorgestellt werden: o Gott, was wird es dann erst sein, wenn wir sie in der vollen Klarheit ihrer Herrlichkeit schauen? Als die Königin von Saba die Worte der Weisheit aus Salomon's Munde vernommen, da rief sie aus, das, was sie über seine Weisheit gehört, sei nicht einmal die Hälfte von dem, was sie nun aus eigener Erfahrung wisse. Wenn wir nun einst zum himmlischen Jerusalem kommen und der König der Herrlichkeit uns in unbeschreiblicher Klarheit die Wunder seiner göttlichen Wahrheit offenbaren wird, wenn wir dann unverhüllt schauen, was wir hienieden geglaubt; o dann, welche Wonne, welches Entzücken, welches Staunen, welche Liebe, welche Süßigkeiten! Nein, niemals, werden wir alsdann im Fluge unserer Begeisterung sagen, nie hatten wir gedacht, so selige Dinge zu schauen (Traite de l'amour de Dieu, III. liv., ch. IX.)." Bei einem solchen Glauben begreift man, was jene berichten, die beim Prozesse seiner Heiligsprechung Zeugnis abgelegt haben. „Er hatte, sagen sie, eine besondere Gabe, die tiefsten Geheimnisse zu erklären und verständlich zu machen, und entwickelte sie mit einer Leichtigkeit und Anmut, dass auch die einfachsten Leute es ohne Mühe verstanden (Nach Paffis). Ganz besonders wusste er die irre gegangenen Seelen zum Glauben zurückzuführen, die schwankenden Geister zu befestigen, jene Personen zu trösten und zu beruhigen, denen die Tiefe der Geheimnisse Versuchungen bereitete (Nach de Chaugy). Je dunkler es irgendwo für die Vernunft ist, sagte er, um so heller leuchtet da der Glaube. Aber im Allgemeinen, lehrte er, müsse man die Versuchungen gegen den Glauben nicht durch Kampf und Nachdenken, sondern durch die Flucht überwinden; man solle es machen wie die Verteidiger einer belagerten Festung. Wie diese, wenn der Feind einen Punkt angreift und daselbst die Sturmleitern anlegt, zu einem anderen Tore hinaus einen Ausfall machen und den Feind im Rücken angreifen; so müsse man, wenn eine Versuchung gegen den Glauben den Verstand bestürmt und sich desselben bemächtigen will, sich hüten vor Streit und Nachdenken, und anstatt dessen gleichsam durch das Tor des Willens einen Ausfall machen und die Versuchung mutig bekämpfen durch heilige Anmutungen und die demütige Unterwerfung unter die Autorität der Kirche, etwa mit folgenden Worten: „Es lebe Jesus, an den ich glaube! es lebe die heilige Kirche, der ich anhange! O Mutter der Kinder Gottes, nie werde ich mich von dir trennen, in deinem Schoße will ich sterben (Nach de Charmoisy. – Brief 68) ."

Zur Stärkung im Glauben, sagte er, kenne er kein besseres Mittel, als im Lichte des Glaubens zu wandeln und ein Leben des Glaubens zu führen. „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, sagte er, so gehe nicht daran, bevor du an die Ewigkeit gedacht hast." Es war dies einer von seinen Grundsätzen, sagt der Bischof von Belley, man müsse dem Geiste des Glaubens gemäß vor Gott wandeln, und nicht dem Menschenverstande gemäß, das heißt, der Glaube müsse die Richtschnur unserer Worte, Werke und Wünsche sein. Von ihm müssten wir uns stets leiten lassen, wie die Israeliten in der Wüste der Säule folgten, welche ihnen voranzog, in allem müssten wir die Grundsätze des Evangeliums befolgen und das Beispiel Jesu Christi und der Heiligen nachahmen. Man dürfe sich nicht dadurch bestimmen lassen, etwas zu tun, weil man Neigung dazu hat, und nicht deshalb etwas unterlassen, weil man Widerwillen dagegen empfindet; denn das sei kein Leben des Glaubens, das nenne er ein Leben nach dem Fleische und den Sinnen. „Wenn ich, pflegte er zu sagen (Brief 701), eine Person von sanftem, angenehmem Charakter nur deshalb liebe, weil sie mich liebt und mir Dienste erweist, so ist dies eine fleischliche und sinnliche Liebe; denn auch die Tiere, welche keinen anderen Führer haben, als das Fleisch und die Sinne, lieben ihre Wohltäter und diejenigen, welche sie sanft und freundlich behandeln. Wenn ich aber gegen eine Person, die ungebildet, grob und unhöflich ist, zuvorkommend und freundlich bin und ihr Dienste erweise, nicht weil es mir gefällt, sondern weil es Gott gefällt, dann handle ich im Geiste des Glaubens. Wer nicht sprechen will, wenn er traurig ist, der macht es wie die Papageien. Wer dagegen spricht, selbst wenn er nicht aufgelegt ist, weil die Nächstenliebe es fordert, der lebt nach dem Glauben. Wer sich ärgert, wenn er verachtet wird, der macht es wie die Pfauen und Affen, wer sich aber freut über die Verachtung, der ahmt die Apostel nach. Nach dem Glauben leben heißt also so viel als handeln, reden, denken, wie der Geist des Glaubens es von uns fordert. Der Geist des Glaubens gibt der Seele Mut in schwierigen Lagen, weil er sie lehrt, dass Gott die Unglücklichen, welche auf ihn hoffen, liebt und sie aufrecht hält und ihnen hilft. Die gläubige Seele schließt sich fest an Gott an und sagt oft: Alles, was nicht Gott, ist nichts; Alles, was nicht für die Ewigkeit nützt, ist eitel (Nach Janus. – Geist des h. Franz v. Sales, X, 12 und 13)".

In der Tat hielt der heilige Bischof denn auch sein Augenmerk stets auf sein Inneres gerichtet, um immerfort darin das Leben des Glaubens zu unterhalten. Einer seiner Lebensbeschreiber spricht sich darüber folgendermaßen aus: „Diejenigen, welche lange Zeit Umgang mit ihm gehabt (P. la Riviere, p. 554 et 582), haben bemerkt, dass er in keinem Stücke seinen natürlichen Neigungen folgte; wenn diese sich vordrängten, dann trat er sie mit Füßen, ohne Rücksicht auf sie zu nehmen, um bei seinen Worten und Werken nur auf Gott zu sehen. Wir dürfen, pflegte er zu sagen, unser Herz, unsere Augen, unsere Worte nicht zur Befriedigung unserer Launen und Neigungen, sondern nur zum Dienste des himmlischen Bräutigams gebrauchen. So war denn auch bei allen seinen Werken, den gewöhnlichsten wie den bedeutungsvollsten, sein Glaube tätig; sehr häufig erweckte er dabei die Meinung, Gott zu gefallen, und ein inniges Verlangen, die Sache so viel als möglich nur aus reiner Liebe zum Heilande zu tun. Unaufhörlich erhob sich sein Herz zu Ihm vermittelst heiliger Stoßgebete und inniger Anmutungen. Seine Sammlung war so groß, dass er stets alles kannte, was in seiner Seele vorging; es geschah nichts darin (Ebendas., p. 511), es unterblieb nichts, ohne dass er sich Rechenschaft darüber gab. In Folge dieser klaren Erkenntnis seines Inneren besaß er eine so große Zartheit des Gewissens, dass er nicht nur keine Sünde beging, sondern auch immer das Vollkommenere dem minder Vollkommenen vorzog.

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Viertes Kapitel.

Seine Hoffnung.

Die christliche Hoffnung schließt ein Zweifaches in sich; erstens verlangt sie nach dem Besitze Gottes im Himmel und rechnet auf die Hilfe von Oben zur Erlangung dieses Glückes; zweitens ruht sie im Schoße der göttlichen Vorsehung mit kindlicher Hingebung mitten in den Ereignissen des Lebens. In der ersteren Hinsicht ist sie die christliche Hoffnung im engeren Sinne des Wortes; in der zweiten Hinsicht ist sie die Hoffnung im weiteren Sinne oder das Vertrauen auf Gott. Franz von Sales hat sich in beiden Beziehungen in dieser Tugend ausgezeichnet.

Diese Erde nur als Verbannungsort betrachtend, verlangte er stets mit ganzer Seele nach den Gütern des zukünftigen Lebens und pflegte oft die Worte des Propheten zu wiederholen: „Wehe mir, dass mein Aufenthalt in der Fremde sich verlängert! Gar lange schon fühlt meine Seele sich fremd. Heu mihi, quia incolatus meus prolomgatus est! Multum incola fuit anima mea (Psalm 119, 5.)" Als er einst wieder vor dem Bischof von Belley (Geist des h. Franz von Sales, II, 3.) diesen frommen Seufzer aussprach, da meinte dieser, er wolle eine Anspielung auf seine Verbannung aus Genf machen und antwortete ihm mit den Worten der fern von Jerusalem in der Verbannung weilenden Juden: „An den Flüssen Babels saßen wir und weinten, wenn wir Sions gedachten: Super flumina Babylonis illic sedimuset flevimus, cum recordaremur Sion (Psalm 136, 1.). – „O nein, versetzte er darauf, diese Verbannung schmerzt mich nicht; habe ich es denn nicht gut, eigentlich zu gut, in meinem Asyl, dem lieben Annecy? Die Verbannung, die ich meine, ist die Verbannung dieses Lebens. Sind wir nicht fern von Gott und aus dem Vaterlande verbannt, so lange wir hienieden weilen? O ich Unglücklicher, wer wird mich von diesem Leibe des Todes befreien!"

„Sie haben Unrecht, sagte hierauf der Bischof von Belley, wenn Sie klagen über dieses Leben, in dem alles Sie anlächelt, das für Sie nur ein Fest ist; Ihre Feinde achten Sie und selbst die Feinde der Religion ehren Sie; Sie sind die Wonne Aller, welche Sie besuchen."

„Alles dies, erwiderte der heilige Bischof, ist sehr wenig und darauf darf man nur ein geringes Vertrauen setzen. Diejenigen, welche Hosianna sangen dem Sohne Davids, schrien drei Tage nachher: Kreuzige ihn! Crucifige! Übrigens ist nichts mir so lieb als meine Seele, und wenn man mir anböte, noch so lange zu leben, als ich schon gelebt, mit allem Glück und allen Annehmlichkeiten, die man sich in diesem Leben wünschen kann, was wäre all' dieses Vergängliche im Vergleich zur Ewigkeit?" - „O wie sehr, schrieb er an die heilige Chantal (Brief 854), verdient die Ewigkeit ersehnt zu werden, anstatt des armseligen wechselvollen Daseins hienieden! Tag für Tag erschöpft sich meine Seele in der Verehrung und Liebe der ewigen Dinge. Lassen wir verfließen die Zeit, mit der auch wir nach und nach hingehen, um verwandelt zu werden in die Herrlichkeit der Kinder Gottes. O wie verdient die Ewigkeit unvergleichlich mehr geliebt zu werden, weil ihre Dauer ohne Ende, ihre Tage ohne Nacht, ihre Freuden ohne Wechsel sind (Brief 855)! Wer nach der Ewigkeit trachtet, muss die Widerwärtigkeiten dieses Lebens, die nur wenige und kurze Augenblicke dauern, leicht finden (Brief 884 und 887). Wenn wir sehen, wie die Welt und ihre falschen Güter vor unseren Augen vergehen, so lasset uns daraus erkennen, dass wir Unrecht haben, wenn wir unser Herz daran heften und unser Glück anderswo suchen, als in Gott und der Ewigkeit."

Mit dieser Hoffnung auf die Ewigkeit tröstete er alle diejenigen, welche in Gefahr waren, einen der Ihrigen zu verlieren oder dieselben schon verloren hatten: „O, schrieb er an eine Mutter, deren Kind in Gefahr schwebte (Brief 707), wenn wir tief durchdrungen wären von dem Gedanken an die heilige, glückselige Ewigkeit, dann würden wir zu unseren Freunden sagen: Gehet hin, meine teuren Freunde, gehet hin zu dem höchsten Wesen, in der Stunde, die der König der Ewigkeit für Euch bestimmt hat; wir werden Euch dahin nachfolgen, und wir werden alles Mögliche tun, um uns dessen würdig zu machen, weil uns die Zeit nur dazu gegeben ist und weil die Erde sich nur bevölkert, damit der Himmel bevölkert werde." -- „Ja, wahrhaftig, sagte er einst (Nach der h. Chantal, art. 25.), es ist gut, dass unsere Freunde in ein besseres Leben hinübergehen, weil sie es tun, um den Himmel zu bevölkern und zur größeren Ehre unseres Königs; dereinst werden wir uns wieder mit ihnen vereinigen, und in Erwartung dessen wollen wir mit Eifer das Lied der himmlischen Liebe lernen, damit wir es in der Ewigkeit mit größerer Vollkommenheit singen können. Glückselig diejenigen, welche ihr Vertrauen nicht auf das gegenwärtige Leben setzen und es nur als ein Brett betrachten, auf dem man ins himmlische Leben hinübergeht." -- „Es gibt niemanden, pflegte er auch zu sagen (Brief 834, 935, 836, 837, 838, 840), dessen Herz empfänglicher ist für die Freundschaft als ich, und der die Trennung von den Freunden schmerzlicher empfindet als ich; nichtsdestoweniger halte ich dieses Leben für so eitel und wertlos, dass ich mich nie mit mehr Liebe zu Gott wende, als wenn er mich geschlagen hat. Man muss sein Herz erheben, in edlen und hohen Gedanken leben, an die heilige Vorsehung sich hingeben, die unsere sterblichen Augenblicke uns nur gegeben für das ewige Leben. Den Tod soll man nur Ansehen als das Tor zur Ewigkeit, wo man die auf dieser Welt angefangenen Freundschaften wieder fortsetzt, um nie mehr auseinandergerissen zu werden. Warten wir mutig ab, bis die Stunde unserer Abreise schlägt, um dahin zu gehen, wo unsere Freunde schon längst angekommen sind. Ich verwehre es Ihnen nicht, zu weinen; unser Heiland hat sehr geweint über den Lazarus, und ich weine wahrhaftig auch viel bei solchen Gelegenheiten. Mein Herz, das von Stein ist für die himmlischen Dinge, vergießt Ströme von Tränen über so etwas; aber ich verlange, dass Sie nicht maßlos weinen, und dass Sie zeigen, dass Sie die Ewigkeit dem Scheine und Trugbilde dieser Welt vorziehen."

„Wir müssen die Eisvögel nachahmen (Brief 152), welche, wie einige Schriftsteller berichten, ihr Nest mitten auf dem Meere bauen und das Gleichgewicht so gut herstellen, dass die Wellen dasselbe nicht umwerfen können, die unteren Teile so fest zusammenfügen, dass das Wasser nicht eindringen kann, und nur nach dem Himmel zu eine Öffnung lassen zum Atmen und liegen. O möchte so unser Herz fest für die Welt verschlossen und verklebt sein, damit es nicht versinke in die Liebe zu den irdischen Dingen! O möchte sich in demselben keine andere Öffnung befinden, als nach dem Himmel zu, um sich zu Unserem Heilande zu erheben und von seiner Gnade zu leben! O wann wird es dahin kommen, dass wir, mitten in der Welt und im Fleische, dennoch nur vom Geiste leben; dass wir, umgeben von den Eitelkeiten der Welt, dennoch immer zum Himmel aufblicken; dass wir, obgleich unter Menschen lebend, nicht aufhoben, Gott zu loben wie die Engel? O wann wird unsere Hoffnung nur mehr auf das Paradies gerichtet sein? Wann wird uns die göttliche Liebe verzehren und bewirken, dass wir uns selbst gänzlich absterben, um ganz und gar für Gott zu leben!"

Während der heilige Bischof so innig nach dem Besitze Gottes im Himmel verlangte, bekannte er doch zugleich von Grund seines Herzens, dass er in Hinsicht auf seine Armseligkeit nichts als die Hölle verdiene; aber voll demütigen Vertrauens auf die Barmherzigkeit Gottes und die Verdienste Jesu Christi hoffte er fest, einst das Glück der Auserwählten zu teilen (Nach der h. Chantal, art. 25.). „Was sollte unser Heiland, sagte er (Geist des h. Franz von Sales, XV, 15 und 30.), mit seinem ewigen Leben tun, wenn er es nicht uns armen, geringen, elenden Geschöpfen gäbe, die wir nur auf seine höchste Güte hoffen. Gott sei Dank! Ich besitze im Grunde meines Herzens dieses ganz feste Vertrauen, dass wir ewig mit Gott leben werden, dass wir einst im Himmel beisammen sein werden. Wir müssen Mut fassen, bald schon werden wir droben im Himmel sein. O mein Gott, welchen Trost finde ich in der festen Zuversicht, dass mein Herz ewig versenkt sein wird in die Liebe des Herzens Jesu! Möge die Vorsehung uns führen, wohin es ihm gefällt, was liegt daran? Das Herz Jesu ist ja der Hafen, in den wir einlaufen werden (Brief 828)."

Ein Edelmann, den die Furcht vor dem Tode und dem göttlichen Gerichte in eine tiefe Traurigkeit versetzt hatte, fragte ihn eines Tages um Rat. Da sprach er zu ihm: „Ach, das ist eine außerordentliche Qual. Meine Seele hat sie sechs Wochen hindurch gelitten und ist wohl im Stande, Mitleid zu haben mit denen, welche davon ergriffen sind; aber ich muss mit Ihnen reden, wie es mir um's Herz ist, und Ihnen sagen, dass Jeder, welcher ein wahres Verlangen hat, Unserem Heiland zu dienen und die Sünde zu fliehen, sich keineswegs beunruhigen soll bei dem Gedanken an den Tod und das Gericht. Wenn man auch beides fürchten soll, so darf das doch nicht geschehen mit jener Furcht, die die Kraft der Seele lähmt und niederhält, sondern mit einer Furcht, die mit Vertrauen verbunden und dadurch gemäßigt ist; Gott wird uns helfen, wenn wir ihn darum bitten. Weil Sie wünschen, ganz Gott anzugehören, so hoffen Sie auf ihn; wer auf ihn hofft, wird nicht zu Schanden werden." Von diesen Empfindungen erfüllt, sagte er einst zum Bischof von Belley in seiner einfachen und kindlichen Redeweise, man müsse zwischen zwei Kissen sterben; das eine sei das demütige Bekenntnis, dass wir nur die Hölle verdienen, das andere das ganz feste Vertrauen, dass Gott in seiner Barmherzigkeit uns das Paradies geben werde." Und ein anderes Mal sagte er zur heiligen Chantal, als diese todkrank darniederlag: „Legen Sie Ihr Haupt zu den Füßen des Kreuzes und bleiben Sie daselbst voll Demut und Vertrauen liegen, um die Verdienste des Blutes, das von dem Kreuze herabfließt, aufzunehmen." Diese feste Hoffnung auf den Himmel war es, die ihn ermutigte bei den großen Mühen und unermesslichen Arbeiten seines bischöflichen Amtes. „Die Größe dessen, was wir im ewigen Leben hoffen, sagte er, muss uns alle Ereignisse dieses zeitlichen Lebens fast unbedeutend erscheinen lassen;" oft auch pflegte er folgende Verse zu wiederholen und anderen einzuprägen:

A cause des biens que j'attends
Les travaux me sont passe temps.

Aufgrund der Güter, die ich erwarte,
sind mir die Arbeiten Zeitvertreib.

Nicht weniger bewundernswürdig (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 15; XIII, 2.) war fein Vertrauen auf Gott in allen Lagen seines Lebens. Durchdrungen von der Überzeugung, dass Gott ein zärtlicher Vater für uns ist, der alles zum besten derer lenkt, die ihn lieben, eingedenk, dass unser Heiland die Apostel ohne Geld und Vorrat ausgesandt und dass ihnen dennoch nichts gemangelt, überzeugt, dass Alles, großes wie Kleines, was uns begegnet, von der väterlichen Hand der Vorsehung kommt, ohne welche kein Haar von unserem Haupte fällt, ruhte er im Schoße Gottes mit mehr Zuversicht, als jemals ein Kind an der Brust seiner Mutter. „Unser Heiland, sagte er, hat mich dies von Jugend auf gelehrt, und wenn ich wieder auf die Welt zu kommen hätte, so würde ich mich bis ins Kleinste von der göttlichen Vorsehung leiten lassen mit kindlicher Einfalt und tiefer Verachtung aller menschlichen Klugheit. Es macht mir große Freude, mit geschlossenen Augen einherzugehen unter der Führung der Vorsehung. Ihre Absichten sind unerforschlich, aber stets lieblich und süss für die, welche auf sie vertrauen. Lassen wir also die Vorsehung unsere Seele führen, wie der Steuermann die Barke (Boot) lenkt, sie wird uns zu einem guten Hafen geleiten. Glückselig diejenigen, welche auf den vertrauen, der uns alles Gute geben kann, weil er Gott ist, und es auch geben will, weil er unser Vater ist; unglücklich dagegen diejenigen, welche ihr Vertrauen auf die Geschöpfe setzen; denn diese versprechen Alles, geben wenig und lassen sich das Wenige, was sie geben, teuer bezahlen.

Diesen Grundsätzen entsprechend, schrieb er an eine seiner Töchter von der Heimsuchung (Brief 707): „Bleiben Sie in Frieden in den so sanften Armen der göttlichen Vorsehung. Niemals wird das Kind zu Grunde gehen, das sich fest in den Armen eines allmächtigen Vaters hält, und zwar nicht bloß während des süßen Friedens, den das Glück bringt, sondern auch während der Stürme und Unwetter, was nur den Kindern Gottes eigen ist." Als er einst bei der Durchführung eines Planes, der ihm sehr am Herzen lag, auf Widerspruch stieß, schrieb er an die heilige Chantal: „Die Vorsehung hat es so angeordnet und Sie wissen, welche Treue mein Herz ihr gelobt hat. Ich lasse Alles ordnen und leiten, wie es ihr gefällt, ohne mich an meine Neigungen zu stören." „Ich erwarte einen großen Sturm, schrieb er in einer anderen Angelegenheit an dieselbe Vertraute seiner Gedanken (Nach der h. Chantal, art. 28 p. 79.), aber ich warte ihn ruhig ab. Denn ich denke an die göttliche Vorsehung und hoffe, dass dieser Sturm zur größeren Ehre Gottes und zu meinem Frieden dienen wird; und diese Erwartung erfüllt mich mit Trost. Möge der Himmel sich gegen mich waffnen, mögen die Erde und die Elemente sich empören, mögen alle Geschöpfe mir den Krieg erklären, ich fürchte nichts. Es genügt mir zu wissen, dass ich mit Gott bin und Gott in mir." Als er einst in einem kleinen, schwachen Nachen (Boot / Einbaum) über den Genfer See fuhr, verursachte es ihm eine unaussprechliche Freude, sein Leben so ganz in der Hand der göttlichen Vorsehung zu sehen, dass er nur durch ein dreizölliges Brett von dem Tode getrennt war; und als man ihn fragte (Brief 78. -- Geist des h. Franz von Sales, XV, 16.), wie er es zu einem so bewunderungswürdigen Gleichmut der Seele habe bringen können, antwortete er: „Wenn man sein Vertrauen auf Gott setzt und sich nie trennt von etwas, das so feststeht und sich so gleich bleibt, so kann man sich nicht ändern; dies Vertrauen ist der unbewegliche Pol, um den meine Wünsche und Neigungen sich drehen (Nach Janus)." -- „Wie kommt es, fragte man ihn einst, dass Sie sich so oft in die Hände der Häretiker gegeben haben?" -- „Das geschah, antwortete er, keineswegs aus Kühnheit oder geistiger Beschränktheit, sondern in Folge meines einfachen Vertrauens auf die himmlische Vorsehung. Müssen wir nicht unser Leben und alles, was wir sind, der anbetungswürdigen Vorsehung ganz zur Verfügung stellen? Denn wir gehören ja im Grunde nicht mehr uns selbst, sondern dem an, der, um uns zu den Seinigen zu machen, in so liebevoller Weise der Unsrige hat werden wollen (Nach Michel Favre)."

Beseelt von diesem festen Vertrauen, stellte er, sobald er etwas, wovon er glaubte, dass es der göttlichen Ordnung entspreche, zu unternehmen hatte, die Angelegenheit immer zuerst unter die Führung der Vorsehung; und dann war er ruhig und des Erfolges sicher. Wenn er bei seinen Plänen keine Unterstützung fand oder voraussah, dass nach enschlichem Ermessen kein Erfolg möglich sei, so ließ er sich dadurch keineswegs beunruhigen und in seinem Vertrauen erschüttern, sondern wurde dann nur noch fester und ruhiger. „Ich sehe keinen freundlichen Stern bei der Gründung unseres Institutes, sagte er einst zur heiligen Chantal, aber ich bin sicher, dass Gott ihm Gedeihen geben wird (Nach der h. Chantal, art. 28.)," was dann auch in der Tat geschah. Dieses Vertrauen bewirkte aber keineswegs, dass er von seiner Seite untätig war. Mutig und unerschrocken durch sein Vertrauen brachte er sein Unternehmen mit allen Mitteln voran, ohne jemals mutlos zu werden; es war einer seiner Grundsätze, wenn unser Heiland uns eine Angelegenheit übertrage, so müsse man sie zu Ende führen trotz aller Schwierigkeiten, und sie niemals aufgeben.

Im Kampf mit den schrecklichen Versuchungen, welche Gott zu seiner Vervollkommnung in der Tugend zuließ, erfüllte ihn sein Vertrauen mit Mut. „Ich werde sehr gequält, schrieb er einst an die heilige Chantal, es kommt mir vor, als ob ich gar keine Kraft zum Widerstande habe, und als ob ich unterliegen würde, wenn die Gelegenheit sich mir darböte; aber je mehr ich meine Schwäche fühle, desto mehr setze ich mein Vertrauen auf Gott; und ich glaube fest, dass Gott mich, wenn ich in der Gelegenheit bin, mit seiner Kraft ausrüsten wird und dass ich dann meine Feinde wie kleine Lämmer verschlingen werde (Nach der h. Chantal, art. 28, p. 72) ."

Wurde sein Gebet zuweilen nicht sogleich erhört, so verlor er keineswegs den Mut. „Die Vorsehung zögert mit ihrer Hilfe, sagte er alsdann, um unser Vertrauen zu prüfen. Wenn unser himmlischer Vater uns das nicht gibt, um was wir bitten, so geschieht es, damit wir bei ihm verweilen und veranlasst werden, ihn mit liebevollem Ungestüm zu drängen, wie er es den Zweien, die nach Emmaus gingen, zu erkennen gab, bei denen er erst gegen Ende des Tages und als sie ihn nötigten, einkehrte."

Geprüften Seelen endlich, die sich unter seiner Leitung befanden, empfahl er das Vertrauen in einer Weise, welche geeignet war, ihnen dasselbe einzuflößen. „Wenn auch Sturm und Ungewitter kommt, schrieb er an einen von ihnen, Sie werden nicht umkommen, Jesus ist mit Ihnen. Wenn die Furcht Sie ergreift, dann rufen Sie laut: O Heiland, rette mich. Er wird Ihnen seine Hand reichen, umklammern Sie dieselbe und gehen Sie dann freudig voran, ohne über ihr Übel nachzugrübeln. So lange der heilige Petrus Vertrauen hatte, konnte der Sturm ihn nicht zum untersinken bringen; sobald er anfing zu fürchten, sank er. Die Furcht ist ein größeres Übel, als das Übel selbst. Sie dürfen nicht verlangen, dass sich kein Blättchen Ihres Baumes rühre, sondern es muss Ihnen genügen, dass er tief eingewurzelt bleibt. Wenn Sie gefallen sind, dann werfen Sie sich vor Gott nieder, um ihm im Geiste der Demut und des Vertrauens zu sagen: Barmherzigkeit, o Herr, denn ich bin schwach. Erheben Sie sich dann in Frieden und gehen Sie vorwärts und verscheuchen Sie alles Misstrauen durch den Gedanken, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist, als unser Elend. Ertragen Sie mit Ruhe die Entbehrung der sinnlichen Tröstungen. Ein einziges Werk, das man im Zustand der Trockenheit verrichtet, ist mehr wert, als viele andere, die man mit viel Gefühl tut, obgleich es einem nicht so viel Freude macht, wenn es nur mit größerer Liebe verrichtet wird. Kurz, überlassen Sie sich ganz und gar mit ruhiger Hingebung der Vorsehung bei Allem, was Ihnen im Leben begegnet, und selbst im Angesichte des Todes. Gott hat Sie bis jetzt behütet; halten Sie sich an der Hand seiner Vorsehung, dann wird er Ihnen helfen und wird Sie da tragen, wo Sie nicht gehen können. Denken Sie nicht an das, was morgen kommen wird; denn der himmlische Vater, der heute für Sie gesorgt hat, wird auch morgen und immer für Sie sorgen. Entweder wird er Ihnen kein Übel schicken, oder wenn er es schickt, Ihnen auch einen unüberwindlichen Mut geben, um es zu ertragen. Wenn Sie gegen die Anfälle der Versuchungen zu kämpfen haben, so wünschen Sie nicht, davon befreit zu werden. Es ist gut, dass Sie dieselben erfahren, um Gelegenheit zum Kampfe und zum Siege zu haben. Das hilft Ihnen zur Ausübung der herrlichsten Tugenden und zu deren fester Begründung in Ihrer Seele.

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Fünftes Kapitel.

Seine Liebe zu Gott.

Nach Franz von Sales gibt es eine Liebe, die in der Hoffnung eingeschlossen ist (Traite de l'amour de Dieu, I, II et XVII.); und diese Liebe ist gut, weil sie uns mit Gott vereint; aber sie ist unvollkommen, weil sie mit der Liebe zu unserem eigenen Vorteil gemischt ist; wir lieben Gott, weil er gut gegen uns ist und uns glücklich machen will. Die vollkommene Liebe dagegen oder die wahre Liebe sieht nicht auf den eigenen Vorteil. Wenn wir diese besitzen, so lieben wir Gott nicht wegen des Guten, das er uns getan oder tun wird, sondern deshalb, weil er unendlich vollkommen in sich selbst ist, und weil er allein wegen dieser Vollkommenheit würdig ist, die Liebe aller Herzen zu besitzen, das höchste Gut, die unvergleichliche Schönheit, welche nie genug gelobt werden kann, selbst wenn wir nichts Gutes von ihm empfangen und keine Belohnung von ihm zu erwarten hätten; wir lieben Gott, weil er Gott ist. Das ist die reine, vollkommene Liebe (Geist des h. Franz v. Sales, XIV, 7.), wovon der heilige Franz von Sales uns ein so herrliches Beispiel gegeben. Dass er Gott vollkommen geliebt, geht zuerst hervor aus seinem eifrigen Bestreben, nicht nur die Gebote, sondern auch die evangelischen Räte zu beobachten und selbst den Schein der Sünde zu fliehen. Seinen Eifer in Bezug darauf vergleicht er selbst in der ihm eigenen lieblichen Sprache mit der Sorgfalt, mit der die Taube im Hohenliede, welche am Rande des Wassers weilt, um darin das Bild des Raubvogels, wenn er noch fern ist, zu sehen, davonfliegt und sich in ihrem Zufluchtsorte verbirgt, sobald sie den ersten Schatten desselben bemerkt (Nach Gard). Jedoch begnügte er sich nicht damit, sagt einer seiner Lebensbeschreiber (Le P. La Riviere, p. 559), Gott, den er einzig liebte, in nichts zu missfallen; er bemühte sich vielmehr, ihm in allem so viel wie möglich zu gefallen, und wenn er ein Mittel gefunden hätte, um Gott noch ein wenig mehr zu gefallen, so würde er dasselbe sogleich angewandt haben, und wenn es ihm auch das Leben gekostet hätte. Die heilige Chantal bestätigt das Gesagte: „Es ist nicht wahr, sagt sie, dass er gar keine Unvollkommenheit beging, aber wenn ihm so etwas passierte, dann geschah es aus Schwäche oder in der Übereilung; und niemals hat er in seinem Herzen auch nur die geringste Anhänglichkeit an irgend welche Unvollkommenheit gehabt, möge sie auch noch so klein gewesen sein. In dieser glückseligen Seele, die reiner war als die Sonne, weisser als der Schnee, herrschte eine solche Ordnung und Ruhe, Gott hatte ein so klares Licht darin verbreitet, dass er auch die geringsten Regungen bis ins kleinste erkannte; nie ließ er eine Regung aufkommen, die nicht ganz vollkommen war; seine Liebe ließ das nicht zu. „Man muss, sagte er, seine Gefühle und Neigungen mit der goldenen Kette der heiligen Liebe binden (Nach Rannaud. - Le P. La Riviere, p. 568); wenn ich in meinem Herzen eine Fiber (Faser) kännte, die nicht ganz durchdrungen wäre von der Liebe meines Gottes, so würde ich sie sogleich herausreißen. Möge man mir mein Herz nehmen, wenn ich es nicht ganz und gar der Liebe widmen darf (Nach der h. Chantal, art. 26. - Geist des h. Franz v. Sales, X, 16.). Entweder sterben oder lieben: denn das Leben ohne Liebe ist schlimmer für mich als der Tod. Der Liebe zu allem anderen will ich absterben, um nur zu leben für Jesus und ewig singen zu können: Ich liebe Jesus (Geist des h. Franz v. Sales, III, 30 – VII, 1).“ Es war einer seiner Grundsätze, das wahre Kennzeichen der Liebe zu Gott sei, wenn man ihn gleichmässig in allen Dingen liebe. Denn da dies höchste Gut sich immer gleich bleibt, so könne die Ungleichheit unserer Liebe nur daher kommen, dass wir auf etwas achten, was nicht Gott ist (Ebendas., XV, 33 – XI, 2. - Brief 748). „Wenn wir nur Gott liebten, sagte er, so würden uns Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod, alle Wechselfälle auf dieser Welt einerlei sein, weil wir sie nur in Gott sähen, dessen unendliche Weisheit sie anordnet und zulässt."

Aber der heilige Prälat beschränkte sich nicht darauf, Allem außer der Liebe Gottes den Zugang zu seinem Herzen zu verschließen, er übte auch in ausgezeichneter Weise, was er in seiner „Philothea" (Geist des h. Franz von Sales, II, 3.) sagt: „Diejenigen, welche Gott lieben, können nicht aufhören an ihn zu denken, für ihn zu leben, nach ihm zu verlangen, von ihm zu reden, und sie würden, wenn es möglich wäre, auf die Brust eines jeden den heiligen und geheiligten Namen Jesu schreiben." Wenn er Nachts erwachte, so hörte man ihn oft Liebesseufzer ausstoßen und rufen: „O mein Gott, wann wirst du erkannt werden? Wann wird man dich lieben wie du es verdienst?" Und morgens beim Aufstehen beteuerte er Gott, dass er während des Tages nichts anderes wolle, als ihn lieben und seinen heiligen Willen erfüllen. Den ganzen Tag hindurch lebte er nur von der Liebe. „Wahrlich, sagte er, man muss entweder lieben oder sterben, oder vielmehr sterben, um zu lieben, das heißt, der Liebe zu allem anderen absterben, um nur für Jesus zu leben, der für uns gestorben ist, damit wir ewig leben möchten in den Armen seiner Güte (Ebendas., X, 31.)."

Alle seine Werke verrichtete er nur aus reiner Liebe (Ebendas., XIV, 35.), nicht um der Hölle zu entgehen oder um den Himmel zu gewinnen. „Tue viel für Gott, schreibt er (Ebendas., XV, 22.) , und alles aus Liebe, beziehe alles auf die Liebe, iss und trink aus Liebe." Sein Herz war so voll Liebe, dass dies Gefühl alle anderen zu verzehren schien. An dieser seiner Liebe zu Gott hatte die Furcht vor den Strafen, welche denen, die ihn nicht lieben, vorbehalten sind, keinen Anteil; und wenn er sich fürchtete, so geschah dies nur aus Liebe, wie der Freund sich fürchtet, dem Freunde zu missfallen; er folgte hierin seinem Grundsatze: Lieben aus Furcht heißt Galle in die Speisen tun, Essig in das Getränk; aber fürchten aus Liebe heißt Zucker in den Wermut tun (Ebendas. XV, 13. - Fin du traite de l'amour de Dieu.). Darum war sein ganzes Leben eine beständige Übung der Liebe, weil, wie er zu sagen pflegte, alles, was aus Liebe geschieht, Liebe ist; weil die Arbeit, die Ermüdung, der Tod selbst nur Liebe sind, wenn man sich ihnen aus Liebe unterzieht.

Wenn man ihn auch nur wenig beobachtete, konnte man das leicht erkennen. Wenn er eine öffentliche Rede hielt, dann konnte jeder auf seinem flammenden Antlitze, in seinen feurigen Worten und Gebärden den Widerschein jenes heiligen Feuers erkennen, das in seinem Herzen brannte. Unterhielt er sich privat mit jemand, so fühlte man sich durchweht von der himmlischen Süßigkeit der göttlichen Liebe, in die er gleichsam ganz umgewandelt war; man konnte da nicht umhin, etwas mit zu verspüren von der heiligen Flamme, die ihn verzehrte, man konnte nicht müde werden, ihn zu sehen, ihn zu hören: es war stets ein neuer Genuss. Diese Liebe hatte eine so vollständige Herrschaft in seinem inneren über alle anderen Gefühle, dass nichts in der Welt außer Gott allein ihn befriedigen konnte. Mit ihm hielt er sich beständig in so ungetrübter, durch keine andere Neigung gestörter Vereinigung, dass er es sogar einst wagte, zu einer Person, die ihm sehr teuer war, zu sagen: „Sehen Sie, wenn Gott mir geböte, Sie zu opfern, wie er dem Abraham befahl, ihm den Isaak zu opfern, so würde ich es auf der Stelle tun (Nach der heil. Chantal, art. 26.)." Ein andermal gab er einer Ordensfrau, welche ihn bat, ihr einen Platz in seinem Andenken und seiner Freundschaft zu gewähren, eine ähnliche Antwort: „Ich liebe Sie zärtlich, sagte er, aber wenn Gott mir befehlen würde, sie zu ertränken, so würde ich es auf der Stelle ohne Zögern tun (De Cambis, t. I, p. 422.)." Aber Folgendes bekundet noch besser die Stärke seiner Liebe. Oft hat man ihn den Wunsch äußern gehört, aus Liebe zu Gott als Märtyrer zu sterben, und zwar nicht wie die Märtyrer, denen der Himmel das Gefühl ihrer Leiden benahm, sondern so, dass er die schrecklichsten Folterqualen empfinde, um Gott seine Liebe besser beweisen zu können. Er ging noch weiter: „Wahrhaftig, sagte er, es ist meine Ansicht, dass das Paradies mitten in den Peinen der Hölle wäre, wenn die Liebe Gottes dort sein könnte, und die Qualen der Verdammten würden mir wünschenswert erscheinen, wenn die Flammen, welche sie verzehren, das Feuer der göttlichen Liebe wären (Geist des h. Franz von Sales, V, 24; XI, 2; XVIII, 28; VII, I6. -- Brief 863. -- Nach der h. Chantal, art. 26.). In meinen Augen ist alles wenig oder nichts, außer der Liebe unseres großen Gottes, und verglichen mit der Liebe Gottes halte ich selbst die himmlischen Freuden für nichts."

Trotzdem seufzte er darüber, dass er noch nicht genug liebe. „Sie können sich, schrieb er an eine Person, keine Vorstellung machen von meinem Verlangen, täglich mehr zu lieben. Weshalb leben wir denn auch, wenn nicht um dies höchste Gut zu lieben? Ach, wann wird es dahin kommen, dass uns die göttliche Liebe verzehrt und bewirkt, dass wir uns selbst gänzlich absterben, um nur für sie zu leben (Brief 89.)? O ewige Liebe, meine Seele verlangt nach dir und erwählt dich zu ihrem Anteil .... Von meiner Seele, schrieb er der heiligen Chantal, will ich Ihnen nichts sagen, als dass sie immer mehr das brennende Verlangen empfindet, auf nichts Wert zu legen, als auf die Liebe unseres Heilandes ... O wie müssen wir nach dieser Liebe verlangen und dieses Verlangen lieben, weil die Vernunft fordert, dass wir ewig das zu lieben verlangen, was nie genug geliebt werden kann, und dass wir gern nach dem verlangen, wonach man nie genug verlangen kann (Geist des h. Franz v. Sales, XIII, 12.)" ... Er bemühte sich dann auch, an jedem neuen Morgen mehr zu lieben, als Tags vorher, in jeder Stunde mehr zu lieben, als in der vorigen Stunde, in jedem Jahre mehr zu lieben, als im vergangenen Jahre. „Ich schließe, sagte er in einem Briefe, dieses Jahr mit einem nicht nur großen, sondern heißen Verlangen, mich ganz der heiligen Liebe zu ergeben: O Gott, wozu werden wir im neuen Jahre leben, wenn nicht, um dich inniger zu lieben! O Gott, lass mich entweder sterben oder mehr lieben." – „O mein Gott! ruft er anderswo aus (Fin du traite de l'amour de Dieu. - Brief 643.), welches Glück und welcher Ruhm ist es, mit dir vereint zu sein durch die Ketten der Liebe, mit dir in dem nämlichen Liebesfeuer, in demselben Glutofen der Liebe zu brennen. O wie müssen wir von Liebe entzündet werden bei dem Anblicke der Flammen deiner Liebe! Ach, wann werden wir vollkommen mit Gott vereint sein? Wann werden unsere Herzen ganz verzehrt werden von der Liebe zu dir? O wie verlange ich, dass wir für uns selbst tot seien, um ganz für Gott zu leben! Was erbitte ich von Gott anders, als die reine, heilige Liebe zu meinem Heilande?"

In der Inbrunst seiner Liebe pflegte der heilige Bischof oft zu sagen: „Wem Gott alles ist, für den ist die Welt nichts"; ähnlich dem Ausspruch des heiligen Franziskus von Assisi: „Mein Gott und mein Alles", und dem der heiligen Theresia: „Alles, was nicht Gott oder für Gott ist, ist nichts." Und diese Worte näher erläuternd, pflegte er hinzuzufügen: „Nichts kann dem genügen, dem Gott nicht genug ist. Cui quod satis est satis non est, huic unquam satis nihil est. Welchem etwas genug ist, aber es nicht genügt, für diesen ist nichts jemals (= nie etwas) genug (Geist des h. Franz v. Sales, XIII, 10.).Wer die Liebe Gottes besitzt, dessen Furcht, dessen Sehnsucht, dessen Hoffnung und Zuversicht, dessen Freude bezieht sich nur auf Gott, und alle seine Gefühle haben ihren Mittelpunkt in dieser heiligen Liebe (Traite de l'amour de Dieu, liv. XII. chap. XX.). O wie gut ist es, nur für Gott zu leben, nur für Gott zu arbeiten, nur in Gott sich zu erfreuen (Geist des heiligen Franz v. Sales, X, 32.)! Was mich angeht, so wünsche ich keiner Person mehr teuer zu sein, noch auch selbst Jemanden zu lieben, außer in Gott und nur für ihn (Nach Deshayes. - Geist des heiligen Franz v. Sales, X, 33.). Gott sei Dank! es scheint mir, als ob ich alles nur mehr in Gott liebe, in dem und für den ich nur die Seelen inniger liebe." in der Tat war er unempfindlich für das, was die Erde anging; nichts rührte ihn als Gott, und was für Gott war. „Unser Herr, sagten seine Bedienten, ereifert sich nur für Gott, er bekümmert sich nicht darum, was man ihm bei Tisch vorsetzt, es ist ihm einerlei, ob die Gerichte kalt oder warm sind, ob sie gut oder schlecht schmecken; aber er duldet auch die geringste Beleidigung Gottes nicht."

Kurz, wenn man die Liebe des heiligen Franz zu Gott kennen lernen will, sagt die heilige hantal, so muss man die zwölf Bücher seiner Abhandlung über die Liebe Gottes lesen; darin hat er sich selbst geschildert; dies bewunderungswürdige Werk ist nur die treue Geschichte seines Herzens und Lebens (Nach der h. Chantal, art. 26.). Besonders wenn man das 22. Kapitel des 2. Buches, das 3., 6., 7. und 9. des 10. Buches, ferner das 14. des 11. Buches und das 13. des 12. Buches liest, so ist es unmöglich zu verkennen, dass der Verfasser ganz Feuer und Flamme für Gott war. In dieser schönen Abhandlung ruft er, sein Herz der Liebe, die die Theologen die Liebe des Wohlgefallens nennen, hingebend, aus: „Wie schön bist du, mein Vielgeliebter! Gepriesen sei in Ewigkeit mein Gott, deshalb, weil er so gut ist! Im Tode wie im Leben macht es mich überaus glücklich, zu wissen, dass Gott reich an allen Gütern und dass seine Güte unendlich ist (Geist des h. Franz v. Sales, XIV, 1.)." Dann schildert er, zu den anderen Beweggründen zur Liebe übergehend, die Liebe der Erkenntlichkeit, wozu ihn die Wohltaten Gottes, die Erschaffung, Erlösung, Rechtfertigung antrieben: „Ach, sagt er, wie kann man ein Herz haben und eine so unendliche Güte nicht lieben?" Dort beschreibt er auch endlich die Liebe des Wohlwollens (Ebendas., I, 31,: XIV, 2.), welche Gott gebührt, das heißt, das große Verlangen, welches jedes christliche Herz empfinden muss, dass Gott erkannt, geliebt und ihm gedient werde, und den Schmerz, den die Beleidigung dieses unendlich guten Vaters uns verursachen soll; die Liebe des Wohlwollens, welche sich gründet auf den Satz, dass die Liebe nicht dulden kann, dass der Geliebte beleidigt wird. Wir wollen dem Verfasser in der Entwicklung dieser Art der Liebe nicht weiter folgen; es genügt uns, zu bemerken, dass sein ganzes Leben eine viel herrlichere Entfaltung derselben war. Wenn er so viel gepredigt und Beichte gesessen, wenn er so viele Ketzer und Sünder auf den Weg des Heils zurückgeführt, wenn er so viele Klöster reformiert und den Orden der Heimsuchung gegründet, wenn er sein ganzes Leben hindurch beständig gearbeitet hat, so geschah dies nur, um das Reich der Sünde zu zerstören und die Liebe Gottes in die Herzen auszugießen. Wenn er so viele Briefe über die Frömmigkeit geschrieben, so viele schöne Werke verfasst, besonders seine Abhandlung über die Liebe Gottes, so geschah dies nur, weil er dachte, dass diese Bücher seine Stimme ersetzen würden, weil er seinem Verlangen durch Predigen nicht genügen konnte. Diese Schriften sollten in alle Länder gehen und allen Jahrhunderten dies grösste Gebot im Gesetze verkünden: „Du sollst Gott lieben von deinem ganzen Gemüte, aus deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und aus allen deinen Kräften." So sehr hatte der heilige Prälat seinem Herzen das Wort eingeprägt, welches die Mutter de Chaugy in ihrem Zeugnisse von ihm anführt: „Wenn man liebt, so muss man sich bemühen, zur Liebe zu bewegen und dem Nächsten zu dienen. Die Liebe ist die Mutter des Eifers und sagt immer zum himmlischen Bräutigam wie Rachel zu Jakob: Gib mir Kinder oder ich sterbe."

Um alle Herzen zur Liebe zu bewegen, wiederholte er unaufhörlich, das Verdienst aller unserer Werke und die christliche Vollkommenheit bestehe in der Liebe. Die Liebe, sagte er, gibt allen unseren Werken ihren Wert; nicht durch die Grösse oder die Menge unserer guten Werke gefallen wir Gott, sondern durch die Liebe, womit wir dieselben verrichten. Eine Kränkung, erduldet mit zwei Unzen Liebe, ist mehr wert als der Martertod, gelitten mit einer Unze von derselben Liebe (Manuscrit de la soeur Fichet, p. 45. - Geist des h. Franz v. Sales, V, 13 et 14; X, 18; XVI, 26; XVI, 48.).“ „Jeder, sagte er auch, macht sich seine Vollkommenheit in seiner Weise. Der eine setzt sie in ein strenges Leben, ein anderer ins Almosengeben, ein dritter in den Empfang der heiligen Sakramente. Ich kenne keine andere Vollkommenheit, als Gott von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben. Alle anderen Übungen sind nur Mittel zur Erlangung der Liebe, die allein die Vollkommenheit ausmacht." Und wenn man ihn frug, wie er es mache, um Gott von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, dann antwortete er: „Man muss Gott von ganzem Herzen und seinen Nächsten wie sich selbst lieben; ich kenne kein besseres Mittel, um lieben zu lernen, als zu lieben, wie man predigen lernt durch Studieren, reden durch Reden, arbeiten durch Arbeiten. Die Lehrlinge sollen anfangen; dadurch, dass sie viel die Liebe üben, werden sie Meister werden. Die Fortgeschrittenen sollen immer vorausschreiten und niemals glauben, am Ende angekommen zu sein; denn die Liebe kann in diesem Leben immer noch zunehmen (Geist des h. Franz v. Sales, I, 29 et 30.). Verlange täglich mehr zu lieben; das ist das Mittel, um in der Liebe zu wachsen. Wer viel nach der Liebe verlangt, der sucht sie auf die richtige Weise, und wer sie gut sucht, der wird sie reichlich finden."

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Sechstes Kapitel.

Seine Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes.

Das ausgezeichnetste Werk der Liebe, welches eine christliche Seele verrichten, gleichsam die höchste Stufe der Vollkommenheit, zu der sie aufsteigen kann, ist nach dem heiligen Franz von Sales die vollkommene Vereinigung ihres Willens mit dem göttlichen Willen, jene Vereinigung, welche bewirkt, dass man hienieden nach nichts anderem verlangt, als nach Gott und seinem Wohlgefallen, dass man alles will, was Gott will und wie Gott es will, und dass man immer bereit ist, ruhig und freudig überallhin zu gehen, wohin er uns ruft, alles anzunehmen, was er uns schickt, alles zu tun, was er von uns fordert (Ebendas., X, 30; XIV, 9; III, 42; XVII, 17; VII, 17 et 18; XV, 31 et 37. - Nach der h. Chantal, art. 39.). So war das Leben des heiligen Bischofs von Genf beschaffen. Da er immer ergeben war in den Willen Gottes durch eine mit Vertrauen gepaarte Liebe, immer zum Voraus schon sich allen Fügungen der göttlichen Vorsehung unterwarf, so verrichtete er alle seine Arbeiten und Obliegenheiten mit Ruhe und vollkommenem Seelenfrieden, ohne sich zu beunruhigen oder zu beeilen, ohne sich zu beängstigen wegen des Erfolgs und ohne aufgeregt zu werden, wenn ihm etwas in die Quere kam (Nach Moccand).

Ob er seine Zeit auf dies oder jenes verwenden, ob er krank oder gesund war, ob er gelobt oder getadelt wurde, das war ihm ganz einerlei, weil er bei allem nur auf das Wohlgefallen Gottes sah. „Sieh nur nicht, sagte er, auf die Beschaffenheit dessen, was du tust, sondern erwäge, wie ehrenvoll es ist, dass Gott will, dass du es tust, mag es auch noch so unwichtig sein, dass es der Ordnung seiner Vorsehung entspricht und von seiner Weisheit verfügt ist. Die Reinheit des Herzens besteht darin, dass man alle Dinge mit der Waage des Heiligtums abwägt, welche nichts anderes ist, als der Wille Gottes; liebe darum nichts zu sehr, nicht einmal die Tugenden; man verliert sie zuweilen, wenn man die Schranken der Mäßigung überschreitet (Brief 77.)." -- „Was wollten Sie lieber, frug man ihn eines Tages (La Riviere, p. 458 et suiv.), gesund sein, oder den Rest Ihres Lebens gichtbrüchig in einem Bette zubringen?" – „Ich will keines von beiden, antwortete er, ich bin gleichgültig und will bei beidem nur das Wohlgefallen meines Schöpfers." -- „Aber gesund würden Sie mehr Gutes tun, als krank." – „Ich will mir keineswegs die Art und Weise, Gott zu dienen, auserwählen, erwiderte er. Gesund werde ich ihm dienen, indem ich arbeite; krank werde ich ihm dienen durch Leiden; in beiden Fällen werde ich seinen Willen tun; das ist mir genug." – „Aber was wollten Sie denn lieber, ein langes Leben, um sich viele Verdienste zu erwerben, oder einen schnellen und plötzlichen Tod?" --- „Ich will gar keinen Willen haben in Bezug auf all' diese Dinge; ein langes Leben, ein kurzes Leben, ein plötzlicher Tod, das ist mir gleichgültig. Ich überlasse mich ohne Rückhalt der Vorsehung und der Sorgfalt, mit der sie von Ewigkeit beschlossen, über mein Leben und meinen Tod zu walten." -- „Aber was wollten Sie denn lieber, bei Ihrem Scheiden aus diesem Leben geraden Weges in das Paradies eingehen, oder im Fegefeuer zurückgehalten werden?" -- „Ich werde ganz bereitwillig an den Ort gehen, den Gott mir anweisen wird, und werde überall zufrieden sein. Vereint mit dem Willen Gottes würde mir das Fegefeuer ein Paradies sein, und ohne den Willen Gottes würde mir das Paradies ein Fegefeuer sein!"

Einst hatte er sich vorgenommen, die Fastenpredigten zu halten, als er von einem lange anhaltenden Fieber ergriffen wurde. Weit entfernt, ihm ein Wort des Bedauerns oder der Klage zu entreißen, konnte dieser Unfall ihm nicht einmal einen Augenblick seine Heiterkeit rauben: „Wenn Gott will, sagte er, dass ich ihm nicht durch Predigen, sondern durch Leiden diene, so geschehe sein Wille." Eines Tages redete man ihm von der Absicht der Protestanten, ihn aus seinem Bistum zu vertreiben. – „Nun, dann werde ich mehr Muse haben, Gott und den Seelen zu dienen", versetzte er. --
„Aber man wird Sie ins Gefängnis werfen", hiess es weiter. -- „Auch gut, sagte er darauf, dann werde ich mehr Muse haben, um zu Gott zu beten und etwas zu seiner Ehre zu schreiben. Das würde mir gar keinen Kummer machen. Es geschehe der Wille Gottes!“ Sein Grundsatz war, man solle nichts verlangen, nichts begehren, und auch vor nichts Abneigung haben, vielmehr ganz gleichgültig sein in Bezug auf Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod, Glück und Unglück, zufrieden in allen Lagen, an jedem Ort, mit jeder Beschäftigung. „Wenn man in Gesellschaft ist
(Geist des h. Franz v. Sales, II, 25.), sagte er, so muss man sich darin gefallen, weil Gott es so will, und wenn man allein ist, so muss man sich in der Einsamkeit gefallen und zwar aus demselben Grunde. Wenn man irgendwo eine feste Stellung hat, so soll man nicht an eine andere Stelle denken; man soll auf dem Schiffe bleiben, auf dem man ist, um die Überfahrt aus diesem Leben nach dem jenseitigen zu machen, und man soll da bleiben wollen; denn wenn wir auch oft nicht durch die Hand Gottes dahin versetzt worden sind, sondern durch die Menschen, so will doch Gott, dass wir da bleiben (Ebendaselbst.)."

Der heilige Bischof wollte nicht einmal, dass man auf gewisse Arten, Gott zu dienen, mehr halte, als auf andere, und befolgte auch selbst mit der größten Treue diese Regel. Mit Freuden hielt er seine geistigen Übungen, wenn er konnte; aber wenn die Nächstenliebe oder etwas anderes ihn daran hinderte, so unterließ er sie auch ohne Bedauern. Mit derselben Hingebung begab er sich von der Betrachtung zur Arbeit wie von der Arbeit zur Betrachtung; zufrieden mit beiden, wenn er nur in jedem Augenblicke den Willen seines Gottes erfüllte.

„Nein, sagte er, es mag kommen was will, nichts wird mich von dem festen Entschlusse abbringen, mit allem, was Gott über mich und das meinige verfügt, ganz und gar zufrieden zu sein. Ich will meinen Willen ganz mit dem göttlichen verschmelzen, oder vielmehr unseren Herrn alles mit mir machen lassen, was er will, und ihm alle Sorge für mich übergeben." -- „ Heute morgen, schrieb er eines Tages (Ebendaselbst., XVII, 27 et 28.), habe ich einen Akt der Entsagung erweckt, welcher seines Gleichen sucht. O wie glücklich sind die Seelen, welche nur für den Willen Gottes leben! Wenn schon das Herz, welches diesen heiligen Willen mit allem Kreuz, das er auferlegt, annimmt, eine so geistliche Süßigkeit empfindet, wenn es auch nur wenig davon verkostet in einer flüchtigen Betrachtung, was wird es dann erst sein mit den Seelen, welche ganz und gar von der Vereinigung mit dem göttlichen Willen durchdrungen sind? O Gott, wie glücklich sind wir, wenn die reine Liebe zu Gott alle Neigungen unseres Herzens beherrscht! So haben wir es beschlossen und ausgesprochen: unser Herz hat zu seinem höchsten Gesetz die größte Verherrlichung der Liebe Gottes. Der höchste Ruhm dieser heiligen Liebe besteht aber in der gänzlichen Vernichtung alles dessen, was sie nicht ist, um alles in sich zu verwandeln.

Herrlich ist die Schilderung einer vollkommen gottergebenen Seele, wie sie der heilige Prälat für Frau von Chantal entworfen hat.

Er sagt (Brief 190): „Wir sollen einfach da bleiben, wohin Gott uns stellt, und so, wie er uns stellt, gleich einer Statue in ihrer Nische, eingedenk dessen, dass wir Gott angehören und dass er unser alles ist; das soll unsere Freude sein. Wenn eine Statue in ihrer Nische reden könnte und man sie früge: Weshalb bist du da? --- dann würde sie antworten: Weil mein Herr mich hierhin gestellt hat. -- Weshalb rührst du dich gar nicht? -- Weil er will, dass ich ruhig hier stehen bleibe. --- Was hast du denn davon, dass du so da stehst? --- Ich bin nicht für mich hier, sondern um meines Herrn Willen zu tun. -- Aber du siehst ihn ja nicht? -- Allerdings, aber er sieht mich und hat Freude darüber, dass ich da bin, wohin er mich gestellt hat. – Aber möchtest du nicht näher zu ihm gehen? --- Nein, wofern er es nicht befiehlt. --- Verlangst du nichts? --- Nein, denn das Wohlgefallen meines Herrn ist die einzige Freude meines Herzens." So war in der Tat die Seele des heiligen Bischofs von Genf. Gott gefallen, war das ganze Streben seines Herzens, sein einziges Verlangen auf dieser Welt, das einzige Ziel seines Handelns, seiner Worte und Gedanken: „O wie oft, sagt die heilige Chantal, habe ich aus seinem Munde die Worte des Psalmisten gehört: O Herr, was habe ich im Himmel und was verlange ich auf Erden, außer dir, du mein Anteil und mein Erbe in Ewigkeit, und das Wort des Apostel: Herr, was willst du, dass ich tun soll? . . . Unser Zentrum, sagte er, ist der Wille Gottes; Gott will, dass ich dies jetzt tue, Gott will das von mir, was bedarf ich weiter? während ich dies tue, bin ich nicht verpflichtet, etwas anderes zu tun."

Auch billigte er keineswegs jenes ungestüme Verlangen nach Erhörung des Gebetes: „Das heißt, sagte er, verlangen, dass der Wille Gottes sich nach dem unseren richte, während wir doch umgekehrt unseren Willen dem Wohlgefallen Gottes unterwerfen sollen." Noch weniger billigte er die Klagen, die zuweilen in seiner Gegenwart laut wurden über die Unglücksfälle, die sich ereigneten. „Überlassen wir alles dies, sagte er, der Vorsehung; Gott weiß besser als wir, was uns zuträglich ist, und wenn wir nur seine Gebote halten, so wird sich alles zu unserem Besten wenden (Nach Bonard). Man muss einen steten und unveränderlichen Gleichmut des Herzens bewahren in den verschiedenen Ereignissen im Leben. Und wenn auch alle Dinge um uns herum sich ändern, so müssen wir doch immer unbeweglich bleiben, den Blick auf Gott allein gerichtet. Mag auch alles drunter und drüber gehen, nicht nur um uns herum, sondern auch in uns, mag unsere Seele traurig oder froh, sanft oder bitter gestimmt, in Frieden oder in Unruhe, im Licht oder in der Finsternis, in Versuchungen oder unangefochten sein, Lust oder Unlust empfinden; mag die Sonne brennen oder der Tau uns erfrischen, immer muss unser Wille das Wohlgefallen Gottes im Auge haben als sein einziges und höchstes Gut. Welche Brühe Gott uns vorsetzt, das muss uns einerlei sein. Das ist der Zielpunkt der Vollkommenheit, nach dem wir alle trachten müssen. Wer ihm am meisten nahe kommt, erlangt den Preis (Geist des h. Franz v. Sales, III, 44.)."

„Bleibet, sagte er zu seinen lieben Töchtern von der Heimsuchung (La Riviere, p. 346.), unveränderlich der Übung treu, euch bei einer gänzlichen Entäußerung eurer selbst, in den Armen des göttlichen Willens zu halten; und wenn ihr findet, dass eure Seele sich nicht dort aufhält, führet sie immer sanft dahin zurück und leget euer Herz einfach an die Vaterbrust der göttlichen Güte. Bleibet da ohne euch umzusehen, was ihr tuet oder tun werdet, oder was euch begegnen wird. Wenn ihr eine Unruhe oder ein Verlangen in euch entstehen sehet, so befreiet euch auf der Stelle davon und gebet alles Gott anheim in Sanftmut und Geduld, zufrieden in allem und in Bezug auf alles mit seinem heiligsten Willen, und beteuert, nichts zu wollen, als die Erfüllung seines Willens .... Vor langer Zeit hörte ich einmal die Worte singen: Nackt bin ich hervorgegangen aus dem Schoße meiner Mutter und nackt werde ich dahin zurückkehren; der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gebenedeit, und empfand dabei eine unvergleichliche Freude, als ich mir den Heiland vorstellte, wie er nackt in der Krippe geboren wurde, nackt am Kreuze starb, um uns zu lehren, an nichts in der Welt zu hangen, unsere ganze Seele, unsere Werke, unsere Erfolge dem Wohlgefallen seines Vaters zu übergeben, uns in vertrauensvoller Liebe ganz und gar der ewigen Liebe zu überlassen, welche die göttliche Vorsehung zu uns hat. Haltet eure Seele auf diesem Wege, meine lieben Töchter, ohne ihr zu erlauben, davon abzugehen, um zu sich selbst zurückzukehren und nachzusehen, ob man zufrieden gestellt ist. Höret auf den Heiland, der das Lied seiner Liebe am Stamme des Kreuzes fingt: „Mein Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist" und ahmen wir ihm nach. Was hat man nachdem dann noch zu tun, als zu sterben den Tod der Liebe, um nicht mehr sich selbst zu leben, sondern Christus in uns leben zu lassen? Glücklich die Seele, die sich so gänzlich hingibt! Mag kommen, was da will, sie wird in ihrem Herzen das Wort des Heilandes sprechen: Ja, mein Vater, weil es dein heiliger Wille ist. Möge er machen mit mir und in mir nach dem Wohlgefallen seines Herzens, für das ich leben und sterben will, wie es ihm gefällt, ohne Rückhalt und ohne irgend welche Bedingung. Es lebe Jesus, der für unser Herz gestorben ist, und immerdar möge unser Herz sterben aus Liebe zum süßen Heilande." Der heilige Prälat empfahl auch seinen Töchtern jeden Morgen ihren Willen mit dem Willen Gottes zu vereinigen und oft während des Tages diese heilige Vereinigung durch eine innerliche Betrachtung über die göttliche Güte zu erneuern, von Grund des Herzens sprechend, sanft und ruhig: Ja, Herr, ich will, wie du willst. Ja, Vater, ja, immer ja!

Wenn er einem Sterbenden beistand, so empfahl er ihm nichts mehr, als die Ergebung in den Willen Gottes. „O Gott, ließ er ihn dann sprechen, dein Wille geschehe und nicht der meinige; möge geschehen mit mir, himmlischer Vater, nach deinem Wohlgefallen."

„Im Schoße des göttlichen Willens zu sterben, das, sagte er, hieße einschlafen an der Brust Jesu Christi, wie der heilige Johannes, und Gott könne eine Seele nicht verloren gehen lassen, welche in der Vereinigung ihres Willens mit dem göttlichen Willen stirbt (Brief 784)."

Das neunte Buch seines Theotismus (Abhandlung von der Liebe Gottes) ist nichts als die Schilderung einer Seele, die vollkommen mit dem göttlichen Willen vereinigt ist, und es ist nur sein eigenes Herz, das seine Feder uns hier gezeichnet hat. „O Gott, ruft er aus, dein Wille geschehe, nicht allein in der Befolgung deiner Gebote und Eingebungen, denen wir gehorchen müssen, sondern auch in der Erduldung der Trübsale, die über uns kommen; möge dein Wille durch uns, für uns, in uns und mit uns machen, was ihm wohlgefällt (Buch IX, Kap. 1.). Das wahrhaft liebende Herz liebt den göttlichen Willen nicht allein in Tröstungen, sondern auch in den Trübsalen; ja, es liebt ihn sogar noch mehr unter dem Kreuze, in Mühsal und Beschwerden, weil die vorzüglichste Tugend der Liebe darin besteht, den Liebenden für den Geliebten dulden und leiden zu lassen (Kap. 2.). Und wie sollte man nicht gerne die Widerwärtigkeiten ertragen, da sie uns von der Hand des Herrn kommen, die ebenso der Liebe wert ist, wenn sie Trübsale austeilt als wenn sie Tröstungen spendet (Kap. 4. – Geist des h. Franz von Sales, VII, 16, 17, 18.)? – „Öffnen wir darum die Arme unseres Willens, ruft er in demselben Buche aus; umfassen wir mit inniger Liebe das Kreuz, in williger Hingabe an den allerheiligsten Willen Gottes und indem wir ihm den Hymnus ewiger Hingabe singen: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. . . . Allerdings kann man die Leiden an und für sich nicht lieben. Betrachten wir sie aber vom Standpunkte des göttlichen Willens aus, der sie uns sendet, so sind sie unendlich liebenswürdig, ganz von Gold und kostbarer, als man es zu sagen vermag .... Möge also unser Wille ganz und gar zufrieden sein mit Allem, was Gott will, und sich seiner Hand überlassen wie eine Wachskugel, empfänglich für jede Form und Gestalt, die er ihr nach seinem Wohlgefallen geben mag, ohne zu wählen, ohne irgend etwas vorzuziehen, ohne etwas anderes als den göttlichen Willen zu lieben, lieben nicht die Dinge, die Gott will, sondern den Willen Gottes, der sie will, sich von diesem göttlichen Willen als einem höchst liebenswürdigen Bande leiten lassend, um freudig überallhin zu gehen, wohin es Gott gefallen mag, so dass er selbst, wenn es möglich wäre, lieber die Hölle mit dem Willen Gottes, als das Paradies ohne diesen göttlichen Willen wolle. . . . Diese Gleichgültigkeit, fügt er hinzu, muss sich auf alles erstrecken: auf die natürlichen Dinge, wie Gesundheit oder Krankheit, Schönheit oder Hässlichkeit, Stärke oder Schwächlichkeit; auf die Dinge des bürgerlichen Lebens, wie Ehre, Rang und Reichtum; auf die Dinge des geistlichen Lebens, wie Trockenheit oder Tröstungen, kurz auf alle Ereignisse, auf das Handeln sowohl wie auf das Dulden. O, wie glücklich sind solche Seelen, welche stark und entschieden, um die Unternehmungen, welche Gott ihnen eingibt, zu verfolgen, nicht weniger bereitwillig und schnell davon abstehen, wenn Gott es so will, und immer ruhig und gelassen sind, mag es ihnen gelingen oder misslingen!"

Dank dieser so vollkommenen Gleichförmigkeit seines Willens mit dem göttlichen Willen fanden die größten Trübsale den heiligen Bischof fest und unerschütterlich; das Kreuz wurde ihm sogar lieb und teuer, das Bitterste erschien ihm süß und lieblich; und jede Widerwärtigkeit nicht allein ohne Niedergeschlagenheit und Traurigkeit, sondern mit Frohsinn und Freude hinnehmend, konnte er an Frau von Chantal schreiben: „Ach, wie ist es etwas so Gutes und Schönes, nur in Gott zu leben, nur in Gott zu arbeiten, sich nur in Gott zu erfreuen! In meinem Wehe empfinde ich eine Süßigkeit, die hundertmal lieblicher als gewöhnlich ist."

Doch darf man nicht glauben, dass diese Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes so weit ging, dass sie ihn unempfindlich machte; sein so gefühlvolles Herz empfand lebhaft das Wehe, aber es unterwarf sich. „Ich weine bei solchen Ereignissen, schrieb er an eine über den Tod eines der Ihrigen betrübte Person; aber Gott sei gepriesen! ich weine immer mit Ruhe, immer voll inniger Liebe zur göttlichen Vorsehung. Denn seitdem unser Heiland den Tod geliebt und ihn zu einem Gegenstande unserer Liebe gemacht hat, kann ich dem Tode nicht gram sein, wenn er mir meine Schwestern oder jede andere Person hinwegnimmt, wenn sie nur in der Liebe zum geheiligten Tode des Erlösers sterben (Brief 838.).“

Der heilige Bischof tadelte es darum nicht, dass man beim Verluste der Seinigen dem natürlichen Gefühle seinen Tribut entrichte, unter der Bedingung jedoch, dass der Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes kein Eintrag geschehe. „Ich hüte mich, Ihnen zu sagen: Weinen Sie nicht! schrieb er an eine Person, die eine geliebte Schwester verloren hatte (Brief 761. – Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 53.), nein; denn es ist billig (= recht), dass Sie weinen, um Zeugnis von Ihrer aufrichtigen Liebe zu der Verstorbenen abzulegen, nach dem Beispiele unseres göttlichen Herrn, der ja auch eine Weile über seinen Freund Lazarus weinte. Aber weinen Sie nicht viel, wie es jene machen, welche in ihrer gänzlichen Hingabe an dies elende Leben nicht daran denken, dass wir einer Ewigkeit zupilgern, in der wir, wenn wir gut in dieser Welt leben, eines Tages unsere geliebten Toten wiederfinden werden, um sie nie mehr zu verlassen. Wir können unser armes Herz nicht daran hindern, den Verlust derer zu empfinden, welche hienieden unsere lieben Geschwister waren; aber wir dürfen nicht unserem feierlichen Entschlusse, unseren Willen in steter Vereinigung mit dem Willen Gottes zu halten, zuwiderhandeln, und nicht aufhören, der göttlichen Vorsehung zu beteuern: Ja, du bist mir stets gepriesen, denn alles, was dir wohlgefällt, ist gut (Brief 179.). Jene eingebildete Unempfindlichkeit derer, welche nicht wollen, dass man Mensch sei, ist mir immer als ein Hirngespinst erschienen; aber, hat man dem niederen Teile der Seele seinen Tribut entrichtet, so muss auch dem höheren sein Recht werden, in welchem der Geist des Glaubens gleichsam auf seinem Throne sitzt, und er soll uns trösten in unseren Trübsalen und gerade durch unsere Trübsale selbst: Glückeselig jene, welche sich freuen, in Trübsal zu sein, und welche den Wermut in Honig verwandeln (Brief 760.)."

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Siebentes Kapitel.

Seine Gottesverehrung.
(Nach der h. Chantal)

Die Gottesverehrung ist eine Tugend, welche durch das lebendige Gefühl der göttlichen Größe erzeugt, uns antreibt, Gott und allen heiligen Dingen und Personen um Gottes willen eine tiefe Verehrung zu zollen. Von diesem Geiste belebt, sprach der heilige Franz von Sales den Namen Gottes und Jesu Christi nur mit tiefer Ehrfurcht aus; und er wies jeden, welcher diese heiligen Namen gleichgültig gebrauchte und, sei es mündlich oder schriftlich oder im Scherz, eitel nannte, zurecht: „Man darf von Gott und religiösen Dingen nie so mir nichts dir nichts sprechen, sondern immer nur mit großer Ehrfurcht und Achtung (Geist des h. Franz v. Sales, XII, 10)." Einst frug man ihn, was Gott sei. „Er ist, antwortete er, ein Geist, über jedes Verständnis unendlich erhaben, überall gegenwärtig, ohne wahrgenommen zu werden, wie die Seele in dem Körper ist, ohne dass sie gesehen wird. Indem ich Ihnen nun dies sage, fügte er in ernstem und nachdrucksvollem Tone hinzu, will ich Ihnen nicht sagen, was Gott sei, sondern vielmehr Ihnen zu verstehen geben, dass ich es nicht sagen kann und dass ich ein reines Nichts bin gegen diese unermessliche Güte, welche ich in tiefer Ehrfurcht anbete (P. Riviere, p. 400.)." So pflegte er denn auch zu sagen, man müsse Gott als Gott behandeln, das heißt mit höchster Ehrfurcht, welche jedoch nicht affektiert sein dürfe. „Als ich noch ganz jung und in Paris auf der Schule war, erzählt er von sich selbst, ergriff mich ein brennendes Verlangen, heilig und vollkommen zu werden (Dom Jean de Saint-Francois, p. 494.). Ich fing nun an, mir einzubilden, um das zu werden, müsse ich den Kopf auf die Schultern herabhängen lassen beim Beten der Tageszeiten, weil ein anderer Schüler, der in der Tat heilig war, es auch so machte; ich machte es genau so eine Zeit lang und wurde doch dadurch nicht heiliger." Belehrt durch diese Erfahrung hielt er sich immer und überall, allein wie in Gesellschaft, in einer würdevollen und bescheidenen Haltung, einfach und anständig, um die Gegenwart Gottes zu ehren. Darum war er ungeniert vor Fürsten und Königen, weil er gewohnt war, immer in der Gegenwart einer höheren Majestät zu sein, welche ihn immer mit Ehrfurcht erfüllte. Aus diesem Grunde sprach er von dem Wirken Gottes in der Welt nur in einer Weise, dass man daraus ersah, von wie tiefer Ehrfurcht er durchdrungen war. Nie hat man ihn sagen hören: „Es ist zu warm, es ist zu kalt" oder ähnliche Worte. Er wies diejenigen, welche sich solche Ausdrücke erlaubten, zurecht, weil sie ihm eine Missbilligung der göttlichen Weltregierung zu enthalten schienen (Nach der h. Chantal. - P. La Riviere, p. 410.).

Wenn er in der Kirche war oder ein Gebet verrichtete, so bekundeten seine gesenkten Augen, seine ehrfurchtsvolle Haltung, sein strahlendes Antlitz, auf welchem sein lebendiger Glaube und seine feurige Liebe leuchteten, allen, die ihn betrachteten, dass er mehr ein Engel als ein sterblicher Mensch sei. Beim Gebete sah man ihn verdemütigt und gleichsam vernichtet vor der göttlichen Majestät. Das Brevier betete er meist auf den Knien, zuweilen auch stehend oder langsam auf- und abgehend (Dom Jean de Saint-Francois, p. 170.), aber nie sitzend, wie müde oder schwach er sich auch fühlen mochte. Er betete es gern im Chore und unterließ es nie, wenn er nicht wirklich verhindert war. „In seinem Stuhle, sagt ein gleichzeitiger Schriftsteller (P. La Riviere, p. 117.), war er wie eine Statue in ihrer Nische ohne Bewegung, ohne Unruhe, ohne Eile, ohne rechts oder links zu blicken, ohne sich mit etwas anderem als dem Gebete zu beschäftigen, ging mit seinen Empfindungen von Vers zu Vers über, indem er mit Wohlgefallen den Honig der kostbaren Süßigkeiten, welche der heilige Geist darein träufelte, kostete und schmeckte; und da er eine ziemlich starke Stimme hatte, so sang er das Lob des Schöpfers in einem so melodischen Tone, dass die Anwesenden von frommen Gefühlen erfüllt wurden." Schon als Dompropst (von lateinisch praepositus = Vorgesetzter: Vorsteher und erster Würdenträger des Domkapitels) flößte er allen Achtung ein durch das deutliche und kräftige Absingen des Offiziums (Chorgebet der Messe), und führte sogar den Gebrauch ein, eine ziemlich lange Pause bei jedem Verse zu machen. Seine tiefe Sammlung bezeugte allen, die ihn sahen, wie sehr er die göttliche Majestät verehrte, mit der er redete, und sein regelmäßiges Erscheinen im Chore bewies, wie hoch er diesen Dienst hielt. Als der Bischof ihn einst frug, ob nicht etwas Gesuchtes dabei sei, antwortete er: „Ich sage es Ihnen offen, es gereicht mir zur größten Freude, ein Mitglied einer so schönen Genossenschaft zu sein, und ich halte es für etwas unbedingt großes, den Dienst der Engel in einem solchen Kapitel (Körperschaft der Geistlichen) zu verrichten. Übrigens ist es ein geheiligter Grundsatz, dass man die gemeinsamen Übungen den besonderen vorziehen muss. Wo man in seinem Namen versammelt ist, da ist Gott dabei." Wenn er das Offizium nicht mit dem Kapitel singen konnte, ging er doch in die Kirche zu einer anderen Stunde, wenn es ihm nur möglich war, um in einer würdigeren Weise das öffentliche Gebet zu verrichten. Konnte er aber sein Brevier nicht in der Kirche beten, so wählte er dazu einen Ort, wo er keinen Zerstreuungen ausgesetzt war. Übrigens mochte er beten, wo er wollte, immer geschah es in einer ehrfurchtsvollen, demütigen Haltung, ohne sich zu rühren oder die Augen aufzuschlagen (Nach Angelica Pesse und Marrignier.). Deshalb konnte er zu einem seiner Freunde sagen: „Oft bin ich so mit Geschäften überladen, dass ich nicht weiß wohin, oder was ich anfangen soll; aber das stört mich keineswegs beim Breviergebete; ich habe nie Zerstreuungen dabei. Ich stelle mir vor, als sei ich im Himmel, und als sänge ich dort das Lob unseres Schöpfers mit den Engeln; dann finde ich beim Weggehen aus dem Chore, dass die ernstesten Angelegenheiten, welche mir so viel Sorge bereiteten, in einem Augenblicke abgemacht sind; unser Heiland ist es, der dies tut."

Alles, selbst das Kreuzzeichen machte der Heilige mit tiefer Ehrfurcht, und er tadelte diejenigen sehr, welche es leichtfertig ohne Aufmerksamkeit machten. In den anmutigsten Gleichnissen hat er die Frömmigkeit der Gläubigen bei dieser religiösen Handlung zu beleben gesucht. „Betrachtet, sagte er ihnen, euer Herz als einen Garten, worin ihr den heiligen Baum des Kreuzes pflanzet; oder wenn ihr es vorzieht, betrachtet es als eine Festung, auf welcher ihr die Fahne des großen Königs aufsteckt, welche ihr nur demjenigen übergeben dürft, von dem ihr die Fahne habt, oder als eine Kammer, die ihr mit dem Schlüssel des Kreuzes schließet und die ihr nur dem öffnen dürft, dem der Schlüssel gehört (Nach der h. Chantal)."

Besonders aber und am meisten zeigte sich die Frömmigkeit des heiligen Bischofs am Altare und bei den verschiedenen gottesdienstlichen Funktionen. Er verrichtete alle Zeremonien mit eben so viel Sammlung und heiterer Anmut, als Würde und Anstand, so dass man ihn nicht ansehen konnte, ohne die tiefe Ehrfurcht vor Gott zu bewundern, in welche seine Seele versenkt war (Ebendas. – Geist des h. Franz von Sales, V, 19.). Bei den Prozessionen, denen er beiwohnte, machte seine englische Eingezogenheit auf alle Zuschauer einen tiefen Eindruck und flößte ihnen fromme Gefühle ein. Wenn er das heilige Messopfer darbrachte, so war das noch mehr der Fall; dann war seine Sammlung so groß, dass er, wie er der heiligen Chantal vertraute, nie eine Zerstreuung hatte. Ein treues Abbild Jesu Christi, des höchsten Priesters, besaß er so viel Würde als Priester und so viel Demut als Opfer, dass sein Anblick am Altare einen hinriss. Die Augen hielt er sittsam niedergeschlagen, alle Worte sprach er langsam und deutlich aus, ohne sich je zu eilen, mochte er zu tun haben, was er wollte. Er war sehr darauf bedacht, auch nicht die geringste Zeremonie zu vernachlässigen (Aussage der h. Chantal, art. 33, p. 118.), und machte sogar einen hohen Prälaten, der eine ziemlich wichtige Zeremonie ausließ, darauf aufmerksam. „Denn man muss sich, sagt er, bei einer so hohen Verrichtung allem, was vorgeschrieben ist, unterziehen." Am meisten zeigte sich seine Frömmigkeit in den feierlichen Augenblicken der Wandlung und der Kommunion. Dann schien er ganz in Gott verwandelt zu sein; auf seinem Angesichte bemerkte man eine so friedliche Heiterkeit, dass niemand ungerührt davon blieb; und Mehrere, die ihn beobachtet hatten während der Kommunion, wurden so ergriffen, dass das Gefühl davon in ihrem Herzen lebendig blieb bis zu ihrem Tode. „Ich habe ihn, sagt ein Zeuge (Nach Dumond) beim Prozesse seiner Heiligsprechung, das heilige Opfer mit einer solchen Ehrfurcht darbringen sehen, dass ich nichts anderes tun konnte, als auf ihn sehen und hören." --- „Ich betrachtete ihn dann, sagt ein anderer Zeuge (Nach Moccand), als einen ganz außerordentlichen Menschen. Seine überaus andächtige und bescheidene Haltung flößte sogar den Unandächtigsten Gefühle der Frömmigkeit ein." Das Gefühl der Ehrfurcht beseelte ihn so sehr, dass er alle Tage, bevor er an den Altar ging, beichtete (Nach dem Kanonikus Gard und Favre); und nicht weniger besorgt für den äußeren Anstand als die innere Reinheit, konnte er auch die geringsten Unehrerbietigkeiten am heiligen Orte nicht er tragen; er tadelte sie, indem er entweder sogleich durch ein Zeichen Stillschweigen gebot und eine bescheidenere Haltung forderte oder in der Sakristei oder außerhalb der Kirche einen väterlichen Verweis gab zuweilen sogar öffentlich, wenn der Fehler ein öffentlicher war. Seine Sanftmut konnte nicht stillschweigen gegenüber einer Beleidigung Gottes.

Er predigte einst in Paris in der Kirche der Minimi. Als er mit der Einleitung zu Ende, bemerkte er, dass das heilige Sakrament noch ausgestellt war. Da hört er auf zu sprechen und bleibt in tiefer Sammlung stehen. Nach einigen Augenblicken ruft er, da Niemand die Ursache seines Schweigens erriet, aus: „Nun, wenn man will, dass ich sitzend predige und mich bedecke, so möge man vorher meinen Herrn verdecken." Das sagte er in einem so ehrerbietigen Tone, dass mehrere bis zu Tränen gerührt und ganz erbaut wurden (Annee de la visitation, 2. avril.). Außer Gott verehrte der heilige Bischof alle Sachen und Personen, welche einen heiligen Charakter tragen. So hatte er eine tiefe Ehrfurcht gegen die heilige Schrift und rechnete das ausgezeichnete Verständnis (Nach der h. Chantal ), welches er von derselben erlangt hatte, zu den kostbarsten Gnaden, welche der Himmel ihm erteilt. Er las alle frommen Bücher mit großer Ehrfurcht, weil sie Erklärungen derselben sind, und sagte, wenn ein Buch weiter nichts enthalten würde, als den heiligen Namen Gottes, so wäre das genug, um es hochzuschätzen und mit Ehrerbietung zu behandeln. In gleicher Weise schätzte er die Predigt des Wortes Gottes und hielt den Eifer in Anhörung desselben in der Absicht, um besser zu werden, für eines der sichersten Kennzeichen der Auserwählung. Darum wohnte er auch den Predigten, so viel er konnte, bei und unterließ dies nicht ohne einen wichtigen Grund, indem er sagte, dass nichts Gutes an ihm sei, außer dass er das Wort Gottes sehr gern höre. Er war dabei sehr aufmerksam und hielt seinen Blick auf den Prediger gerichtet, ohne den Kopf anderswohin zu wenden oder sich vom Schlaf überwältigen zu lassen (Dom Jean de St. Francois, p. 189.), und pflegte zu sagen, nie höre er eine Predigt, ohne etwas daraus zu lernen, was er noch nicht wisse (Nach Michel Favre. – Geist des h. Franz v. Sales, XI, 14; XV, 29.). Nach der Predigt duldete er nicht, dass man über dieselbe urteilte, und pflegte zu sagen, man müsse das Wort Gottes verehren, unter welcher Form es auch immer dargeboten würde. Das hinderte ihn jedoch nicht, den Predigern zuweilen Verweise oder Lobsprüche zu erteilen. „Es liegt wenig daran, sagte er, ob das Wasser eines Brunnens durch eine Röhre von Holz, Eisen oder Blei fließt, wenn nur der Garten gut bewässert wird. Ebenso kommt wenig auf die Fähigkeiten des Predigers an, welcher bewässert, wenn nur unsere Seele von dem göttlichen Worte getränkt wird wie von einem himmlischen Tau, welcher bewirkt, dass der Heiland hervorsproßt in dem Garten unseres Herzens." Nach dem Worte Gottes waren die Ordensleute der Gegenstand seiner innigen Verehrung. Er verehrte sie als den geliebtesten Teil seiner Herde, als den Ruhm der Kirche, als den Kern der auserwählten Seelen. Er unterhielt sich gern mit ihnen über Gott und die himmlischen Dinge und hatte es sich zum Grundsatze gemacht, alle Vorrechte, welche der Papst ihnen verlieh, zu achten. Die Barnabiten, die Minimi, die Kapuziner und Karthäuser hatten ihm Aufnahmebriefe geschickt, durch welche er zugelassen wurde zur Teilnahme an ihren Verdiensten; er schätzte sich deshalb sehr glücklich und dieser Beweis der Zuneigung erfüllte ihn mit Freude und Dankbarkeit. Ein Ordensmann wollte ihn Vater nennen, aber er ließ es nicht zu und wollte Bruder von ihm genannt sein. Er baute an zehn Klöster während seiner bischöflichen Verwaltung und erwies den Ordensleuten alle Dienste, die in seiner Macht standen. Er vermied liebevoll alle Beweise von besonderer Zuneigung, welche parteiisch scheinen konnten, achtete aber diejenigen mehr, welche sich nützlicher machten. Besonders viel hielt er auf die Jesuiten; und als er erfuhr, dass Heinrich IV. sie nach Frankreich zurückberufen habe, beeilte er sich, seinem Freunde Deshayes seine Freude darüber auszudrücken. „Ich habe mich außerordentlich gefreut, schrieb er ihm, über den Erfolg der Sache der Jesuiten."

Die Achtung vor den Ordensleuten beeinträchtigte in nichts, was er seinen Priestern schuldete. Er behandelte sie als Seinesgleichen und als seine Brüder, ohne je gegen sie im mindesten das Bewusstsein der Überlegenheit und der höheren Stellung durchblicken zu lassen (Nach Moccand, Marrignier u. A.). Er duldete nicht, dass sie vor ihm mit unbedecktem Haupte blieben, und wenn er sich setzte, so ließ er auch sie sich setzen. Er verlangte, dass alle seine Hausleute ihnen eine besondere Achtung erwiesen (Nach der h. Chantal), und ließ es nicht zu, dass Priester, selbst wenn sie seine Kapläne waren, ihm Dienste erwiesen, welche von Bedienten verrichtet werden. „Ich bemerke, sagte er, dass man zuweilen bei den Priestern auf ihre Stellung oder ihre Herkunft sieht; das schmerzt mich von Herzen; man darf bei ihnen auf nichts sehen, als auf ihren Charakter, welcher der Achtung der Engel würdig ist." Als einst jemand einen Geistlichen, von dem die Rede war, den kleinen Priester nannte, tadelte er entschieden diese Ausdrucksweise als wenig ehrerbietig gegen den geistlichen Stand. Besonders groß war die Achtung, welche er vor guten Pfarrern hatte. Einmal kam es vor, dass er, gerade im Begriffe, sich auf eine Reise zu begeben, seine Abreise verschob, um einen neun Stunden von Annecy entfernt wohnenden Pfarrer zu besuchen, von dessen Krankheit er eben erfahren hatte (Nach Vautier). Wurde ihm einer durch den Tod entrissen, dann konnte der Schmerz des liebevollsten Vaters über den Verlust eines Kindes nicht größer als der seinige sein (Nach Moccand). Die Kardinäle, Bischöfe und andere Würdenträger der Kirche verehrte er alle noch ganz besonders wegen ihrer erhabenen Stellung; er sprach nur mit großer Achtung von ihnen und erwies ihnen alle Ehren, welche ihrer Würde zukamen (Nach dem Abbe de Mouxi). Wenn er in ihre Diözesen kam, so gehorchte er ihnen wie der niedrigste ihrer Diözesanen. Einst hielt er in dem Kloster der Heimsuchung zu Bourges eine Konferenz, als man ihm sagte, dass der Erzbischof nach ihm verlange. Sogleich unterbrach er seine Rede und ging zu ihm. Als die Schwestern ihm vorstellten, dass er ganz gut noch eine Viertelstunde hätte warten und seine Ansprache beendigen können, antwortete er: „Nein, meine teuren Töchter, ich bin auf dem Gebiet eines anderen, ich muss gehorchen (Annee de la visitation, 26. septembre.)."

Nichts jedoch kam seiner Ehrfurcht gegen den Papst gleich, in dem er den Stellvertreter Christi und einen zweiten Petrus verehrte, der mit der Fülle der apostolischen Gewalt bekleidet ist. Er bat um seinen Rat in allen wichtigen Angelegenheiten und verließ ohne seine Erlaubnis Savoyen nicht; und treu dem Eide, den die Bischöfe am Tage der Weihe leisten, schickte er pünktlich alle fünf Jahre Bericht über den Stand seines Sprengels ein.

Seine Frömmigkeit flößte ihm sogar eine besondere Achtung gegen die Verheirateten ein aus Ehrfurcht gegen das Sakrament der Ehe, welches sie empfangen hatten. Ein Kaufmann aus Paris, den er kannte, war nach Annecy gekommen und wohnte auf seinen Wunsch bei ihm. Jeden Abend nach dem Essen begleitete er ihn bis zu seinem Zimmer. Beschämt über so viel Ehre, bat der Kaufmann ihn wiederholt und inständig, das doch nicht mehr zu tun. Der heilige Bischof aber sagte ihm: „Mein Herr, sind Sie verheiratet?" --- „Nein, bischöfliche Gnaden, und ich war es auch nie." -- „Gut, versetzte er darauf, weil wir beide Junggesellen sind, so will ich in Zukunft vertrauter mit Ihnen tun." Später erfuhr man, dass die Ehrfurcht gegen das Sakrament der Ehe ihn dazu bewogen hatte, diesen Fremden so zu behandeln (P. La Riviere, p. 551. et suiv.).

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Achtes Kapitel.

Seine Andacht zu Jesus Christus und den Heiligen.

„Es lebe Jesus, den ich liebe!" Das war der fortwährende Ruf seines von der Liebe zu dem Heilande der Menschen tief verwundeten Herzens. Dies Wort hatte er oft im Munde und seine Feder schrieb es gerne in seinen Briefen. „Ja, sagte er, wir müssen ganz unser Herz in das Herz des unsterblichen Königs der Zeiten legen und nur für ihn leben. O wie wünsche ich aus Liebe zu meinem Heilande zu sterben!" Bei den Tugendübungen stellte er sich immer Jesus Christus vor und befliss sich, alles zu tun, zu sagen, zu denken wie er. „Folgen wir und ahmen wir in Allem Jesu, unserem Meister, nach, sagte er zu den Töchtern der Heimsuchung (Ebendas., p. 346 et 540.). Wenn wir beten, Almosen geben, die Betrübten trösten, in der Einsamkeit bleiben, arbeiten, leiden müssen, so stellen wir uns vor, wie unser Heiland alles dies getan, indem wir ihm einfach sagen: Ja, Herr, ich will alles tun wie Du und in Dir." Diesen Grundsätzen gemäß stellte er sich, wenn er die Weihen erteilte, Jesus Christus vor, wie er seine ersten Priester, die Apostel, weihte. Trug er zu den Kranken die Tröstungen der Religion, so betrachtete er ihn, wie er die Schwiegermutter des Petrus und die Tochter des Synagogenvorstehers besuchte. Erhielt er Besuch, so stellte er sich ihn vor, wie er gütig alle aufnahm, die mit ihm reden wollten. Nahm er Teil an einem Gastmahle, so stellte er sich ihn vor auf der Hochzeit zu Kana. War er allein, so betrachtete er ihn in der Wüste. War er der Verfolgung ausgesetzt, so stellte er sich ihn vor auf der Flucht nach Ägypten. Im Verkehre mit seinen Eltern erinnerte er sich an sein Verhalten gegen Maria und Joseph. Empfand er süße Tröstungen, so betrachtete er ihn auf Tabor (Berg); war er in Leid oder Trockenheit, so vereinigte er sich mit seinen Schmerzen im Ölgarten oder auf dem Kalvarienberge, kurz, was ihm auch vorkommen, was er auch zu tun haben mochte, immer war Jesus Christus sein vorherrschender Gedanke und das göttliche Vorbild, nach dem er sich zu bilden suchte.

Besonders suchte er ihn immer mehr zu lieben durch das Andenken an seine Geheimnisse, welche er beständig in seinem Geiste und Herzen gegenwärtig erhielt als den geliebtesten Gegenstand seiner Andacht (Geist des h. Franz v. Sales, XIII, 4, 5, 6.). Die Tage, an denen die Kirche dieselben feiert, waren ihm kostbar und riefen die lebendigsten Ergüsse seiner Frömmigkeit hervor; an ihnen zelebrierte er immer das Pontifikalamt mit demütiger Würde und großer Sammlung und bemühte sich, die Gnaden und die Kraft des Geheimnisses, welches gefeiert wurde, auf sich herabzuziehen.

Am Weihnachtsfeste erfüllte das Geheimnis der Krippe ihn mit den frömmsten Gefühlen. „Das große Kindlein von Bethlehem, sagte er (Brief 847.), sei immer die Wonne und Liebe unseres Herzens! O wie schön ist es! Mir ist es hundert Mal lieber, dies kleine Kindlein in der Krippe zu sehen, als hundert Könige auf ihren Thronen! Mein Gott (Brief 849.)! Welch' heilige Gefühle erweckt dies Geheimnis in unserem Herzen, besonders der Losschälung von den Gütern, den Ehren und Freuden der Welt! Ich kenne kein Geheimnis, worin eine solche Mischung wäre von Zärtlichkeit und Abtötung, von Liebe und Strenge, von Sanftmut und Bitterkeit. Die heilige Paula lebt lieber arm in Bethlehem, als reich in Rom; ich begreife das; es kam ihr vor, als ob sie da Tag und Nacht das teure Kind von Bethlehem höre, welches sie antrieb zur Verachtung der weltlichen Größe und zur Liebe des Niedrigen und Verächtlichen rief. Was sagt uns in der Tat der Heiland nicht alles durch sein Schweigen? Sein liebeatmendes Herz sollte wohl das unsere entflammen . . . ." – „Ihr Name, schreibt er an eine Ordensfrau (Brief 850.), ist geschrieben auf den Grund jenes göttlichen Herzens, welches da auf dem Stroh schlägt in liebendem Verlangen nach Ihrem Fortschritte; es entsendet keinen einzigen Seufzer, an dem Sie keinen Anteil hätten. Bleiben wir zu den Füßen des Heilandes, indem wir mit der Braut im Hohenliede sagen: Ich habe gefunden, den meine Seele liebt, ich will ihn halten und mich nicht mehr von ihm trennen. Das Kind in der Krippe sagt kein Wort, und sein von Liebe zu dem unsrigen volles Herz äußert sich nur durch Klagen, Tränen und sanft flehende Blicke (Brief 851.)! aber welch' große Dinge sagt mir dieses Schweigen! Es lehrt das wahre Herzensgebet, es lehrte mich die Liebesinbrunst eines Herzens, das voll ist von süßen Gedanken und heiligen Empfindungen, und welches fürchtet ihre Süßigkeit zu verlieren, wenn es sie in Worte kleidet."

So sprach der heilige Bischof über das Weihnachtsgeheimnis; ebenso rührend ist, was er über den Namen Jesus sagt: „Ich habe, schrieb er am Neujahrstage, nur Zeit, um Ihnen das große Wort unseres Heiles, Jesus, zu schreiben. Sprechen Sie diesen heiligen Namen von Grund Ihres Herzens aus; er wird über alle Kräfte Ihrer Seele einen köstlichen Balsam ausgießen. Wie glücklich wären wir, wenn in unserem Verstande, in unserem Gedächtnis, in unserem Willen, in unserer Einbildungskraft nur Jesus wäre! Versuchen wir es und sprechen wir ihn oft aus, so gut wir können. Möge es dem göttlichen Kinde gefallen, unser Herz in sein Blut zu tauchen und es mit seinem heiligen Namen zu durchduften, damit die guten Vorsätze, die wir gefasst haben, ganz purpurrot von seinem Blute und ganz wohlduftend seien (Brief 858. ). Küssen wir tausend Mal die Füße des Heilandes und sagen wir zu ihm: Mein Herz, o mein Gott, ruft zu dir, mein Verlangen ist auf dich gerichtet, ich seufze nach deinem Anblicke; das heißt, halten wir unsere Augen auf Jesus Christus gerichtet, um ihn zu betrachten, unser Mund sei nur da, um ihn zu loben, unser ganzes Wesen möge nur danach trachten, ihm wohlgefällig zu sein (Brief 859.)."

Seine Andacht zum Leiden des Erlösers übertraf noch alles, was wir oben gesagt haben. Alljährlich, in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag, machte er die Prozession der Büßer vom heiligen Kreuze mit; in dem Kleide der Bruderschaft ging er mit nackten Füßen durch die Straßen, sich als das Versöhnungsopfer betrachtend, welches geopfert werden müsse für das Heil des Volkes; und bei der Rückkehr gab er sich zu Ehren der Leiden Christi eine harte Züchtigung (Annee de la visitation, 18. mars. – Nach Michel Favre.). Er betrachtete gern die Abbildung des heiligen Schweißtuches, auf welchem der Leib und die Wunden des Erlösers abgedrückt waren; er hatte es in seinem Brevier, in seinem Schlaf- und in seinem Studierzimmer, in seiner Kapelle und in seinem Betsaale, in seinem Empfangszimmer und in seiner Galerie (Gang). Und als man ihn frug, weshalb er dies Bild so gern habe, antwortete er: „Weil es das Bild der Leiden Christi ist, gezeichnet mit seinem eigenen Blute, und weil nichts geeigneter ist, die Frömmigkeit zu nähren und den Eifer zu beleben (Geist des h. Franz v. Sales, IV, 29; V, 23.)." Häufig betrachtete er die verschiedenen Leidensgeheimnisse und ermunterte Andere, es auch zu tun, indem er die unermesslichen und zahlreichen Früchte aufzählte, welche die Seele aus dieser Betrachtung zieht (Opusc., p. 574.). „O Gott, ruft er aus, wenn der göttliche Erlöser so viel für uns getan hat, was werden wir dann nicht für ihn tun? Wenn er sein Leben für uns dahingegeben, warum sollten wir da nicht das unsere aufopfern in seinem Dienste und aus Liebe zu ihm? Ach, möge der Tag seines Leidens für immer der unserem Herzen teuerste sein! O Liebe! wie schmerzenreich bist du! O Schmerz! wie bist du voll Liebe! (Nach der h. Chantal)." Er pflegte zu sagen, es gebe keinen Stachel, der uns mehr zur Liebe dränge, als die Betrachtung der Leiden und des Todes des Sohnes Gottes (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 12; X, 25.). Er nannte dies Geheimnis den süßesten und stärksten von allen Beweggründen zur Frömmigkeit. „Der Kalvarienberg, sagte er, ist die wahre Schule der Liebe; ..... und im Himmel wird nach dem Beweggrund der göttlichen Güte an und für sich, der Tod des Heilandes der mächtigste Beweggrund zur Liebe für die Seligen sein .... Jede Liebe, die nicht ihren Ursprnng in dem Leiden des Heilandes hat, ist leichtfertig und gefährlich (Traite de l'amour de Dieu, dernier chapitre.)." --- „Als ich neulich während des Gebetes, schreibt er an die heilige Chantal (Brief 165.), die geöffnete Seite unseres Herrn betrachtete und in sein Herz sah, ist es mir vorgekommen, als ob unsere Herzen das seinige rings umständen, um ihm ihre Huldigung darzubringen als dem höchsten Könige der Herzen."

Das ganze Leben des heiligen Bischofes stand mit diesen frommen Gesinnungen in Einklang. Er suchte bei jeder Gelegenheit den Gläubigen die Andacht zu den Wunden des Heilandes einzuflößen, verfasste mehrere Predigten über diesen Gegenstand, spricht davon in verschiedenen Kapiteln seiner „Abhandlung über die Liebe Gottes", hat ihm ein Kapitel in seiner Philothea gewidmet; sodann gab er auch eine Betrachtung über Jesus am Kreuze heraus, worin er erklärt, was Jesus leidet an seinem Leibe und seiner Seele, wie er es leidet, warum er es leidet; und aus diesen in so rührender Sprache gehaltenen Betrachtungen zieht er fromme Anmutungen und zur Besserung des Lebens nützliche Vorsätze (Opusc., p. 480.). Stets trug er auf seinem Herzen die Leidensgeschichte, die er eigenhändig geschrieben, sie als einen Schild gegen die Versuchungen und als einen steten Sporn zu immer größerer Liebe zum leidenden Jesus betrachtend (Annee de la visitation, 27. mars.). Er hatte eine besondere Vorliebe zum Bilde der heiligen Magdalena am Kreuz, nannte es die Bibliothek seiner Gedanken und versetzte sich gern im Geiste an die Stelle dieser berühmten Büßerin, welche für ihre Tränen das Blut Jesu Christi empfing, um all' ihre Makel abzuwaschen.

Das Kruzifix, sagt er, ist das wahre Buch des Christen. „Ich frage euch alle, ruft er in der Begeisterung seiner Liebe aus, dich berühmten Lehrer der Kirche, du frommer heiliger Bernhard, wo hast du deine so liebliche Lehre geschöpft, wenn nicht in diesem Buche? Und du, frommer Augustinus, der du deine Seele in den Wunden des Heilandes nährtest (pascor a vuInere = ich nähre mich von der Wunde); und du, seraphischer Franziskus von Assisi, der du aus dem Buche des Kreuzes so viele rührende Belehrungen gezogen hast; und du, englischer heiliger Thomas, der du nichts geschrieben, bevor du Rat gepflogen mit dem gekreuzigten Jesus; und du, seraphischer Lehrer, heiliger Bonaventura, der du beim Schreiben deiner frommen Werke kein anderes Papier gehabt zu haben scheinst, als das Kreuz, keine andere Feder als die Lanze, keine andere Tinte als das Blut Jesu Christi unseres Heilandes; o welches Feuer verzehrte dich, als dein Herz den Liebesruf ausstieß: Wie gut ist es bei dem gekreuzigten Jesus? Ich will hier drei Hütten bauen: eine in seinen Händen, eine in seinen Füßen und die dritte in seiner Seitenwunde; dort will ich ruhen und wachen, lesen und reden, beten und alles tun (Sermon pour l'invention de la St. Croix.)."

„O, ruft er anderswo aus (Sermon pour le vendredi saint.), wenn unser Heiland uns bis zum Tode des Kreuzes geliebt hat, was bleibt uns da übrig, als auch zu sterben aus Liebe zu ihm, oder wenn wir nicht für ihn sterben können, wenigstens zu leben für ihn? Wahrhaftig, wenn wir ihn nicht lieben, wenn wir nicht für ihn allein leben, so sind wir undankbar und treulos. O Herr, sagt der heilige Augustinus, ist es möglich, dass der Mensch weiß, dass du für ihn gestorben bist und dass er dennoch nicht lebt für dich? Wie! mein Gott! sagte unter Schluchzen der heilige Franz von Assisi, du bist gestorben aus Liebe zu uns und niemand liebt dich!"

Um dieses große Übel nicht aufkommen zu lassen (Entretien XII, de l'exaltation de la St. Croix, p. 392.), empfahl der Heilige, immer das Kreuz bei sich zu tragen, es oft mit Liebe zu küssen, mit Ehrfurcht und Zärtlichkeit zu betrachten und zu sprechen: O Jesus, Vielgeliebter meiner Seele, lass mich Dich an meinen Busen drücken, wie einen Myrrhen-Strauß; ich verspreche Dir, dass mein Mund, welcher das Glück hat, Dein heiliges Kreuz zu küssen, sich in Zukunft der üblen Nachreden, des Murrens, jedes Wortes enthalten wird, das Dir missfallen könnte; dass meine Augen, welche Dein Blut und Deine Tränen für meine Sünden fließen sehen, nicht mehr die Eitelkeit der Welt betrachten werden, nichts, was der Gefahr aussetzt, Dich zu beleidigen; dass meine Ohren, welchen es so tröstlich ist, Deine sieben Worte am Kreuze zu hören, kein Vergnügen mehr finden sollen an eitlem Lob, an unnützen Unterhaltungen, an Worten, welche den Nächsten verletzen; dass mein Geist, welcher mit so viel Wohlgefallen das Geheimnis des Kreuzes betrachtet, keinen Zutritt mehr gewähren wird eitlen und schlechten Gedanken und Vorstellungen; dass mein Wille, der sich dem Gesetze des Kreuzes unterworfen und der Liebe des gekreuzigten Jesus hingegeben, nur mehr Liebe haben soll für meine Brüder; kurz, dass nichts in meinem Herzen aus- oder eingehen soll ohne Erlaubnis des heiligen Kreuzes. Mit diesem heiligen Zeichen werde ich mich ehrerbietig bezeichnen beim Schlafengehen und beim Aufstehen und in allen Nöten des Lebens."

Was der Heilige Andere so schön lehrte, das übte er selbst noch besser. „Wenn der Wind, schrieb er an die heilige Chantal (Brief 642.), sich in unseren Tälern zwischen den Bergen fängt, so zerstört er die kleinen Blumen und entwurzelt die großen Bäume. So habe auch ich, der ich durch das bischöfliche Amt ziemlich hoch stehe, mehr Ungemach zu erdulden. Aber am Fuße des geheiligten Kreuzes unseres Heilandes schlägt der von allen Seiten niederströmende Regen den Wind nieder. Wenn ich dort bin, o Gott, wie friedlich ist es dann in meinem Herzen und welche Süßigkeit verleiht ihm dann dieser rot schimmernde Tau!"„Seien Sie doch immer in der durchbohrten Seite des Heilandes, sagte er zur heiligen Chantal, ich will versuchen, oft mit Ihnen da zu sein ... Wie gut ist der Herr, wie liebenswürdig ist sein Herz! Bleiben wir an diesem Orte der Zuflucht; möge dieses Herz immer leben in unserem Herzen und dieses Blut immer wallen in den Adern unserer Seele!"

Wie bewunderungswürdig auch seine Gefühle zu dem Leiden des Heilandes waren, so war seine Andacht zu der heiligen Eucharistie vielleicht noch inniger und rührender. Wusste er, dass irgendwo eine Segenandacht gehalten wurde, da ging er sicherlich hin, wenn er nur konnte; und dann verweilte er vor dem zur Anbetung ausgesetzten Liebesgeheimnisse in der größten Ehrfurcht, immer auf den Knien, immer in einer so bescheidenen Haltung, in so tiefer Demut und ungeteilter Aufmerksamkeit, dass jedermann davon erbaut war. Er war da unbeweglich wie eine Statue, versagte sich jeden Blick, jedes Räuspern, selbst den Gebrauch der Kalotte (Käppchen katholischer Geistlicher), und ertrug lieber das Stechen der Mücken, welche ihm mehr als ein Mal sein kahles Haupt blutig stachen, als dass er eine Bewegung mit der Hand machen wollte, welche sich schlecht vertragen hätte mit der tiefen Verehrung, von der er durchdrungen war.

Trug er das heilige Sakrament bei Prozessionen, dann war er, wie die heilige Chantal berichtet (Nach der h. Chantal), einem leuchtenden Cherub gleich, den Gott der Liebe an der Brust tragend, fast ohne die Augen zu bewegen. Sein Herz empfand dann eine unbeschreibliche Inbrunst, und sein gesammeltes, ganz in die große Handlung vertieftes Antlitz flößte Allen, die ihn sahen, Ehrfurcht ein. „Ich habe heute Morgen bei der Prozession meinen Heiland getragen, schreibt er, er hat mir in seiner Gnade tausend heilige Gedanken eingegeben, so dass ich Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten; ich verglich mich mit dem Hohepriester des alten Bundes, welcher auf seiner Brust einen reichen, mit zwölf kostbaren Steinen besetzten Schmuck trug, auf denen die Namen der zwölf Stämme eingegraben waren. Aber ich fand meinen Brustschmuck viel reicher! Denn ich hielt das heilige Sakrament an meine Brust gedrückt, und es schien mir, als ob die Namen der Kinder Israels alle darin verzeichnet seien. O wie hätte ich gewünscht, dass mein Herz sich geöffnet hätte, um den Heiland zu empfangen! Aber ach, es fehlte mir das Messer, um es zu öffnen, denn es öffnet sich nur durch die Liebe."

Ein anderes Mal, als er das heilige Sakrament bei einer außerordentlichen Hitze getragen und so erschöpft war, dass man für seine Gesundheit fürchtete, frug man ihn, wie er sich befinde: „Etwas müde ist mein Körper, antwortete er (P. Riviere, p. 413.), aber in der Seele und im Herzen, wie wohl ist mir da! Und wie könnte es anders sein, da ich auf meiner Brust und ganz nahe meinem Herzen die göttliche Arznei getragen? Wenn ich mein Herz so recht verdemütigt hätte, dann würde ich den göttlichen Heiland an mich gezogen haben, der diese Tugend so sehr liebt und überallhin eilt, wo er sie sieht. Mein Gott, wie war ich gerührt, als ich die Worte des Psalmes singen hörte: Die Sperlinge haben ihren Ort und die Turteltauben ihr Nest, wohin sie ihre Jungen legen. O Königin des Himmels! sagte ich da bei mir, o Maria, o keusche Turteltaube, dein Junges hat also meine Brust zum Neste! Und wie bin ich ergriffen worden von dem Worte des Hohenliedes: Mein Vielgeliebter ist ganz mein und ich bin ganz sein; ich ruhe an seinem Busen; und von dem anderen, welches Jesus zu mir zu sprechen schien: Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz! Auf ihm hielt ich ihn ja in der Tat." Man begreift, wie groß der Eifer eines so frommen Bischofes sein musste, an den Altar zu gehen, seinen Gott da in seinen Händen zu tragen, ihn mit seinen Augen zu betrachten und in sein Herz aufzunehmen. Täglich feierte er die heilige Messe, selbst auf Reisen (Nach Angelika Pesse. – P. Riviere, p. 414.), und er sagte, es würde ihm den ganzen Tag über nicht wohl zu Mute gewesen sein, wenn er es ein einziges Mal unterlassen hätte (Nach Moccand.). Um diese heilige Handlung besser zu verrichten, hatte er sich schriftlich eine Methode entworfen, welche glücklicherweise noch erhalten ist. Er beginnt mit den Akten der Anbetung, Liebe, Reue, Genugtuung und Aufopferung; dann geht er über zur Betrachtung der zwei Geheimnisse unseres Heilandes, vor und nach der Messe. Ferner las er das neunte Kapitel des vierten Buches der Nachfolge Christi, verrichtete das Gebet Gregor's XIII.: Ego volo missam celbrare (Ich will die Messe feiern) u. s. w., sowie noch verschiedene andere Gebete zu Jesus Christus, zur allerseligsten Jungfrau, den Engeln und Heiligen. Nach dieser Vorbereitung gibt er kurz die frommen Empfindungen und Gedanken an, welche ihn bei den einzelnen Teilen des heiligen Opfers beschäftigen sollen, sowie die Art und Weise der Danksagung, an die er noch verschiedene Gebete knüpft und zeigt, wie man da den Heiland als Vater, Mittler, Lehrer, Richter, Arzt, Hirt und Belohner der Auserwählten verehren soll (Opusc., p. 324.).

Sehnlichst wünschend, dass das allerheiligste Sakrament überall so geliebt werde, wie er selbst es liebte, sah er bei seinen Rundreisen sehr darauf, dass Tabernakel, Ziborium, das zum heiligen Dienste gehörige Linnen (Leintuch), die ganze Kirche auf das geziemendste unterhalten würden, um den Gläubigen schon dadurch Ehrfurcht vor diesem großen und erhabenen Sakramente einzuflößen, dass die Prozessionen und alle Zeremonien mit Würde und Ehrerbietung stattfänden. Jedes Jahr predigte er entweder selbst über das Fronleichnamsfest an dem vorhergehenden Sonntage oder ließ darüber predigen, um das Volk zu ermahnen, sich recht auf diese erhabene Feier vorzubereiten; während der ganzen Oktave (acht Tage vom Fest bis zu seinem 8. Oktavtag, z.B. Weihnachten bis Neujahr) gab er selbst den Segen mit dem Allerheiligsten, um möglichst viele Gläubige herbeizuziehen; das ganze Jahr hindurch empfahl er bei jeder Gelegenheit die öftere Kommunion (Geist des h. Franz v. Sales, XI, 20; XVIII, 25.), und er tat das mit solchem Erfolge, dass in seiner ganzen Diözese und namentlich in Annecy die meisten alle Sonn- und Feiertage und selbst die lauesten wenigstens an den höchsten Festen zum Tische des Herrn gingen (Dom Jean de St. Francois, p. 491.).

Vor allem ermunterte er dazu alle, welche unter seiner Leitung standen, sowohl Ordensleute wie Weltleute. „Gehen Sie nur getrost, sagte er, ruhig und demütig zur heiligen Kommunion, um dem Wunsche des göttlichen Bräutigams nachzukommen, der, um sich mit uns zu vereinigen, sich so sehr erniedrigt und aller Hoheit entkleidet hat, dass er für uns Fleisch wurde, Fleisch für uns, die wir das Fleisch der Würmer sind; unterlassen Sie nicht die heilige Kommunion wegen ihrer Zerstreuungen und Mangel an Inbrunst, denn alles das findet ohne Ihre Zustimmung nur in den Sinnen statt; und nichts wird Ihren Geist wieder so erheitern, als sein König, nichts wird ihn so beleben, als seine Sonne, nichts wird ihn so lieblich durchdringen, als sein Balsam . . . Gott! welch' ein Glück, dass unsere Seele, bis sie zu jener Vereinigung mit unserem Heilande im Himmel gelangt, mit ihm durch dies göttliche Sakrament in die innigste Verbindung tritt, so dass wir in wirklicher Kommunion den genießen, welchen die Cherubim und Seraphim durch wirkliches Schauen anbeten und genießen. Alsdann ist Jesus Christus in allen Teilen unseres Seins; da richtet er auf und reinigt alles, er tötet ab, belebt, heiliget alles; er liebt in dem Herzen, denkt im Gehirne, belebt in der Brust, sieht in den Augen, redet in der Zunge, tut alles in uns, und alsdann leben wir nicht mehr in uns selbst, sondern Jesus Christus lebt in uns."

Besonders lag ihm daran, dass man sich würdig dem heiligen Tische nahe, und zu dem Zwecke verfasste er zum Gebrauche der Gläubigen: 1) Verschiedene Anleitungen und Übungen, um die heilige Messe in der rechten Weise zu hören (Opusc., p. 475, 501, 503.); 2) Ermahnungen zum öfteren Empfange der heiligen Kommunion (Ebendas., p. 370, 583, 637.); 3) verschiedene fromme Übungen vor und nach derselben, nebst einer Sammlung von Gebeten und Hymnen zur Vorbereitung und Danksagung (Opusc., p. 206 – 247, p. 590, 599, 604 et suiv.). In ihnen strömt sein Herz über von Gefühlen der Liebe, der Bewunderung und Dankbarkeit für dies liebenswürdigste aller Geheimnisse.

Wie der Bach aus der Quelle, so entsprang dieser so innigen Verehrung zu Jesus Christus jene zu Maria; er war überzeugt, dass die Liebe zu Maria unzertrennlich von der Liebe zum Sohne ist, dass es ein Vergehen gegen diesen ist, wenn man erstere nicht ehrt, dass man, je mehr man Jesus Christus liebt, um so mehr jene lieben muss, welche ihn uns gegeben hat, jene, die er selbst so sehr geliebt hat und deren Verherrlichung auch seine eigene ist, dass Maria, als Mutter Jesu Christi, unseres höchsten Vaters, unsere Großmutter ist, und dass Gott, wie er durch sie zu uns gekommen ist, auch wünscht, dass wir durch sie zu ihm kommen. Darum besaß der heilige Bischof für Maria eine ganz besondere Verehrung, eine zarte Liebe, ein kindliches Vertrauen (Geist des heiligen Franz v. Sales, IV, 30 u. 91.). „So oft ich, sagt er, einen Ort betrete, der dieser erhabenen Königin geweiht ist, fühle ich an dem freudigen Erbeben meines Herzens, dass ich bei meiner Mutter bin; denn ich bin wohl der Sohn derjenigen, welche die Zuflucht der Sünder ist (Annee de la visitation, 27. aout.)."

Schon in seiner zartesten Jugend war diese Verehrung zur allerseligsten Jungfrau die Wonne seines Herzens; er hatte sich in alle zu ihrer Ehre errichteten Bruderschaften aufnehmen lassen und das Gelübde gemacht, jeden Tag seines Lebens den Rosenkranz zu beten, eine Übung, die er mit solcher Frömmigkeit verrichtete, dass er eine ganze Stunde darauf verwandte, indem er dabei die Geheimnisse des Rosenkranzes betrachtete, und mit solcher Gewissenhaftigkeit, dass er, wenn ihm seine Geschäfte während des Tages keinen freien Augenblick übrig ließen, seinen Rosenkranz am Arme trug, um es ja nicht zu vergessen, ihn zu beten, bevor er sich zur Ruhe begab. Mochte es Abends auch noch so spät geworden sein, mochte er sich auch noch so erschöpft und müde fühlen, das Gebet zu Maria wurde um nichts abgekürzt, und war er so krank, dass er nicht sprechen konnte, so ließ er es sich von Jemand vorbeten, um stille innerlich mitzubeten. Hörte er den „Angelus" (Gebet: Engel des Herrn) ist ein läuten, so entblößte er sein Haupt und betete ihn knieend, wo er sich auch immer befinden mochte. Disputierte er mit den Irrgläubigen, so empfahl er sich immer mit vollstem Vertrauen der allerseligsten Jungfrau, mit den Worten, welche die Kirche an sie richtet:

Gaude, Maria Virgo.
Cunctas haereses sola interemisti in universo mundo.
Freue dich, Jungfrau Maria,
alle Irrlehren hast du allein vernichtet auf der ganzen Welt.

Ebenso bat er in allen schwierigen Lagen um ihren Beistand und predigte Allen diese heilsame Übung.
„Ich finde, sagte er, alle meine Hilfe im allerheiligsten Sakramente und bei der Mutter Gottes, von der ich stets einen ganz besonderen und ganz wunderbaren Beistand erhielt. Ach, wie fühle ich es so sehr, welch' ein Glück es ist, ein Kind, wiewohl ein unwürdiges Kind einer so glorreichen Mutter zu sein! Beginnen wir nur Großes unter ihrem Schutze; und sind wir innig in unserer Liebe zu ihr, so wird sie uns erwirken was wir begehren." Eine große Freude gewährte es ihm immer, wenn er auf seinen Rundreisen in seiner Diözese viele Kirchen fand, die der Mutter Gottes geweiht waren. Als eines Tages bei dem Versuche, einen sehr steilen Hügel hinanzuklimmen, auf dem sich eine solche Kirche befand, seine Füße ganz wund und blutig geworden und seine Leute ihn zu bestimmen suchten, von einem so mühevollen Beginnen abzustehen, entgegnete er: „Ja, ich bin sehr müde; aber wenn es mir zur Schande gereicht, so wenig an die Anstrengung im Dienste Gottes gewöhnt zu sein, so gewährt es mir Freude, mein Blut im Dienste der Mutter Gottes vergossen zu haben
(Annee de la visitation, 3. aout.).

Die Hingabe des heiligen Bischofs an Maria war so groß, dass er in all' seinen Predigten, in all' seinen Konferenzen, überall von ihr sprach, wo er nur immer die Gelegenheit dazu finden konnte; er predigte an all' ihren Festen, und das Feuer, die Freudigkeit, die Fülle seiner Worte legten Zeugnis von seinen inneren Gefühlen ab. „Sie wissen, schrieb er an die heilige Chantal, dass unsere glorreiche Königin mir immer einen ganz besonderen Beistand verleiht, wenn ich von ihrer göttlichen Mutterschaft rede; ich fIehe sie an, ihre Hand in die kostbare Seite ihres Sohnes zu legen, um aus ihr die teuersten Gnaden zu nehmen und sie uns in Fülle zu spenden."

Nahm, wie billig (zurecht), unter den Heiligen des Himmels die allerseligste Jungfrau den ersten Platz in seinem Herzen ein, so vergaß er darum keineswegs, auch allen übrigen die gebührende Verehrung zu erweisen; und es waren wiederum der heilige Joseph, die heiligen Schutzengel und verschiedene andere Heilige, zu denen er eine ganz besondere Andacht hatte, aber alle ohne Ausnahme waren seinem Herzen lieb und teuer.

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Neuntes Kapitel.

Seine Nächstenliebe.

Um die Nächstenliebe des heiligen Franz zu verstehen, muss man sich erinnern, dass es bei ihm keineswegs jene menschliche Liebe war, die aus einem guten und gefühlvollen Herzen kommt, sondern vielmehr eine in ihrem Ursprunge und Gegenstande ganz übernatürliche Liebe. Übernatürlich in ihrem Ursprung, weil sie hervorging aus der Liebe, die er zu Gott trug, aus jener Gottesliebe, welche, wie er sagte, die Nächstenliebe nicht nur befiehlt, sondern auch im Herzen erzeugt als ihr Bild und ihren Widerschein (Traite de l'amour de Dieu, X, 11.). Übernatürlich in ihrem Gegenstande, weil er Gott selbst und seinen Sohn Jesus Christus in allen Menschen sah und liebte (Ebendas., chap. XII.). „Es kommt mir vor, sagte er (Nach der h. Chantal), als ob ich durchaus nichts liebte als Gott und alle Seelen um Gottes willen, und es scheint mir alles nichts zu sein, was nicht Gott oder für Gott ist. O wann werden wir unseren Nächsten an der Brust des Heilandes sehen? Wer ihn nicht da sieht, läuft Gefahr, ihn nicht rein, nicht beharrlich, nicht gleichmäßig zu lieben. Aber wer sollte ihn da nicht lieben? ihn da nicht ertragen und da nicht Geduld mit seinen Unvollkommenheiten haben? Wer sollte ihn unangenehm und langweilig finden, wenn er ihn an dieser heiligen Brust sieht, so geliebt und so liebenswürdig, dass der göttliche Heiland aus Liebe zu ihm stirbt (Geist des heiligen Franz v. Sales, X, 33; IX, 15.)?" So lange die Koralle in dem Meere ist, ist sie ein grünlicher Strauch, ohne Schönheit; sobald sie aber herausgezogen und der Sonne ausgesetzt ist, entzückt sie durch ihren Glanz und ihr Farbenspiel. So hat auch die Nächstenliebe in den Grenzen der Natur weder Güte noch Schönheit. Ist sie aber der Sonne der Liebe Gottes ausgesetzt und durch seinen Geist, welcher der Geist der Liebe ist, geheiligt, so zeigt sie sich in ihrer Vollkommenheit, dem Nächsten helfend durch Worte, Werke und gutes Beispiel, sorgend für seine Bedürfnisse so viel wie möglich, sich freuend über sein Glück, besonders aber über seinen geistlichen Fortschritt, indem sie ihm die Güter der Gnade wünscht und mit großer Liebe zuwendet, jedoch ohne Unruhe des Geistes und ohne Unwillen in Widerwärtigkeiten."

Ganz erfüllt von diesen schönen Grundsätzen, liebte er den Nächsten auf eine unbeschreibliche Weise. „Ich glaube nicht, sagt ein Zeuge seines Lebens, dass sich auf der Welt ein Mensch finden kann, der eine vollkommenere Liebe gegen den Nächsten besitzt. Dem Nächsten zu dienen und zu helfen, sowohl geistiger als leiblicher Weise, war seine beständige Übung. Man muss alles für den Nächsten tun, pflegte er zu sagen, nur nicht sich die Verdammnis zuziehen. Mühen, Arbeiten, Unbequemlichkeiten, die größten Gefahren waren ihm nichts, wenn er seinen Brüdern in Jesu Christo nützen und helfen konnte. Es hat Gott gefallen, sagte er, mein Herz so zu schaffen; ich will ihn so sehr lieben, den teuren Nächsten, ich will ihn so sehr lieben! O wann werden wir ganz durchdrungen sein von Sanftmut und Liebe zu dem Nächsten? Ich habe ihm meine ganze Person, meine Fähigkeiten, meine Zuneigung gegeben, damit er sich ihrer nach seinen Bedürfnissen bediene." In der Tat war es Grundsatz bei dem heiligen Franz, nie dürfe man anderen einen Dienst oder eine Tröstung verweigern, die man ihnen bieten kann; nie versäumte er, dem Nächsten alles Gute zu tun, das in seiner Macht stand, was es ihm auch kosten mochte. Und wenn man ihn dabei sich aufreiben sah und ihm Vorstellungen machte, dass diese Hingebung seine Kräfte erschöpfen werde, erwiderte er: „Zehn Lebensjahre mehr oder weniger ist nichts", und setzte seine übermäßigen Arbeiten fort, welche nach dem Urteil Vieler sein Leben abkürzten (Nach der h. Chantal). --- Die erste Stelle in dieser Liebe nahmen seine Freunde ein; seine herrlichen Eigenschaften hatten ihm deren eine große Zahl gewonnen. Er war aber auch der beste Freund, den man finden kann, aufrichtig und wahrhaft, fremd allem zweideutigen Wesen und noch mehr jeder Schmeichelei; großmütig, so dass er seine Freude darin suchte, anderen Freude zu machen; nie zufriedener, als wenn er ihnen einen Dienst erweisen konnte; immer suchte er sie glücklich zu machen, selbst auf die Gefahr hin, Undank zu ernten. Er war ein treuer Freund, sich immer gleichbleibend in der Freundschaft; ein verschwiegener Freund, dem es rein unmöglich war, ein Geheimnis aus Leichtsinn zu verraten; besonders aber ein so hingebender und mitfühlender Freund, dass seine Seele sozusagen ganz eins war mit der seiner Freunde. Nach der Sünde fürchtete er nichts mehr, als seinen Freunden Kummer zu machen, und er fürchtete dies so sehr, dass er wünschte, erst in Folge langwieriger Krankheiten zu sterben, damit seine Freunde der öfteren Krankenbesuche und seine Diener des langen Krankendienstes müde würden, und so sein Tod, anstatt Jemanden zu betrüben, vielmehr für alle eine Erleichterung sei (P. Riviere, p. 440.). Aber hören wir ihn selbst: „Ich bin in allem Übrigen, sagt er, schwach und arm; aber zu denen, welche mich mit ihrer Freundschaft beglücken, habe ich eine sehr zähe, fast unveränderliche Zuneigung. Wer mich zu einem Freundschaftskampfe herausfordert, der muss sehr stark sein; denn ich werde seiner nicht schonen. Es gibt niemanden auf der Welt, der eine innigere Zuneigung zu seinen Freunden hat als ich, und der schmerzlicher die Trennung von ihnen empfindet (Brief 839.). .... Ich werde immer teilnehmen an allem Angenehmen und Unangenehmen, was Sie treffen wird, schrieb er an seinen Freund Deshayes (Brief 50.), welcher aus christlicher Gesinnung eine schwere Beleidigung verziehen hatte; aber ich freue mich über den, welcher bewirkt hat, dass Sie dem verziehen haben, welcher ohne Grund gegen Sie eine Treulosigkeit ausgeübt. Darin liegt die größte Seelenstärke; das zieht die Gnade des Himmels herab." Der heilige Bischof konnte wohl eine solche Sprache führen; denn, obgleich er so gut war, hatte er doch selbst eine große Zahl von Feinden, welche ihn oft beschimpften, wie wir es in seiner Lebensgeschichte gesehen. Er rächte sich jedoch nie, außer dadurch, dass er ihnen möglichst viel Gutes tat. Es war eine bekannte Sache, dass es hinreichte, ihm einigen Kummer gemacht zu haben, um sogleich Beweise seiner Güte zu erfahren, oder ihn beschimpft zu haben, um Gunstbezeigungen zu erhalten (Nach Lesmontex. -- Nach der h. Chantal).

„Ich weiß nicht (Geist des heiligen Franz von Sales, I, 32.), sagte er, was ich für ein Herz habe. Aber es macht mir solche Freude, es ist mir eine so köstliche Wonne, meine Feinde zu lieben, dass, wenn Gott mir verboten hätte, sie zu lieben, ich Mühe hätte, ihm zu gehorchen. Es kostet wohl einigen Kampf, aber zuletzt muss man doch zu dem kommen, was David sagt: Zürnet, aber sündiget nicht. O nein! Warum sollten wir denn die nicht ertragen, die Gott erträgt, da wir das Beispiel Jesu Christi vor Augen haben, der am Kreuze für seine Feinde gebetet? Sie haben uns wahrhaftig nicht gekreuzigt und bis zum Tode verfolgt. O, wer sollte ihn nicht lieben, den teuren Feind, für den Jesus Christus gebetet, für den er gestorben ist? Denn er betete nicht nur für die, welche ihn kreuzigten, sondern auch für die, welche uns verfolgen, und welche ihn in uns verfolgen; darum hat er zum heiligen Paulus gesagt: Warum verfolgst du mich? Das ist von seinen Gliedern zu verstehen." Ordensleute hatten sich einst gegen ihn vergangen und es war sogar zu Gewalttätigkeiten gekommen; da wies er sie mit Nachdruck zurecht, wie es seine Pflicht erforderte, aber ohne Aufregung; und als Tags darauf der Obere des Hauses kam, um eine besondere Gunst zu erbitten, bewilligte er sie in seiner gewohnten Güte. „Wie, sagte da einer von den Seinigen zu ihm, können Sie die so behandeln nach dem, was sie Ihnen angetan!" - Franz erwiderte: „Wenn dieser Pater einen meiner Arme von mir gefordert hätte, so würde ich ihn gegeben haben." Ein andermal erhielt er zwei Briefe, von denen der eine sehr beleidigend war. „Ich werde nicht antworten, sprach er, aber ich werde Gott bitten, zu dem Herzen dieses Menschen zu sprechen und ihn seinen Willen erkennen zu lassen." Aus dem anderen Briefe ersah er, dass ein Edelmann in mehreren Gesellschaften in unwürdiger Weise von ihm gesprochen hatte; er aber sagte: „Was folgt daraus anderes, als dass ich viel für ihn beten muss?“ Zwei Jahre hindurch hatte Jemand ihn und seinen teuren Orden von der Heimsuchung mit Schimpf und Verachtung verfolgt, und der Heilige äußerte sich in einem seiner Briefe folgendermaßen über denselben: „Ich liebe ihn unglaublich. O wie sehr wünsche ich ihm alles Gute!" Als er einige Zeit darauf erfuhr, dass er gestorben sei, zeigte er einen so lebhaften Schmerz darüber, als hätte er einen Freund verloren. Einige Monate später sprach man ihm wieder von diesem Feinde: „Ich bete täglich für ihn am Altare," sagte er da.

So fanden alle, Freund und Feind, bei dem heiligen Bischofe eine liebevolle Aufnahme, mit dem Unterschiede, dass die, über welche er sich am meisten zu beklagen hatte, am besten behandelt wurden. Jemand drückte ihm einst seine Verwunderung darüber aus, dass er einen gewissen Menschen, welcher ihn fortwährend verkleinerte, noch ausstehen könne, worauf er erwiderte: „Sie werden sich nicht mehr so wundern, wenn Sie erfahren, dass meine Feinde, wenn ich sie einmal gesehen habe, in weniger als vierzehn Tagen meine Freunde werden (P. Riviere, p. 440.)." In der Tat schien die Liebe, von der sein Herz überströmte, sich in seine Gespräche, über seine Züge und sein ganzes Benehmen zu ergiessen. Eine immer heitere Stirne, eine immer freundliche Miene und offene Lebhaftigkeit in der Unterhaltung, eine unbeschreibliche Sanftmut hoben an ihm so recht hervor, was die Tugend nur Liebenswürdiges besitzt. Willfährig in allen erlaubten Dingen, lebte er mit Allen im besten Einvernehmen. „Ich bin schneller fertig, sagte er, wenn ich mich dem Willen anderer anbequeme, als wenn ich sie dahin zu bringen versuche, wohin ich will (Geist des heiligen Franz von Sales, V, 28.).“ Zuweilen kam es vor, dass sich zwanzig bis dreißig Personen einfanden, um mit ihm zu sprechen, in einem Augenblicke, wo andere wichtige Geschäfte ihn in Anspruch nahmen; er aber ließ Alles liegen, um sie anzuhören, und ruhte nicht eher, bis er Alle vollkommen zufriedengestellt hatte. Gegen jeden war er freundlich, ließ nie das geringste Zeichen von Langeweile, Ungeduld oder Ermüdung durchblicken, außer einem Male, wo er, nachdem er so unaufhörlich vom frühen Morgen bis zwei Uhr Nachmittags Audienz gegeben, ausrief: „Ich kann nicht mehr" und die Besucher verabschiedete, weil es ihm unmöglich war, sie fernerhin anzuhören. Besonders missbrauchten die Frauen die Leichtigkeit, mit der man Zutritt zu ihm hatte, und kamen in Masse zu ihm. Sein alter Lehrer Deage, dem der demütige Prälat die Freiheit gelassen, ihn zurechtzuweisen, als wenn er noch immer sein Schüler wäre, erlaubte sich, ihm deshalb strenge Vorwürfe zu machen. „Dass Frauen so häufig in die bischöfliche Wohnung kommen, sagte er, ist unpassend, und ich fürchte, dass die bösen Zungen davon Veranlassung nehmen, Ihren guten Ruf anzugreifen, der mir mehr am Herzen liegt, als der meinige." -- Der heilige Bischof erwiderte: „Gott, der die Liebe ist, hat mir ein Liebesamt übertragen, wo ich mich Allen schulde, besonders den Schwachen und Armseligen. Unser Heiland weiß, dass ich bei all' dem nur seine Liebe im Auge habe. So lange ich mich fest an ihm halte, wird er nicht zulassen, dass ich falle, und mich mit seiner mächtigen Hand aufrecht erhalten. Ein Rohr wird in der Hand Jesu Christi eine Tempelsäule (Ebendas., I, 28.)." Auch jemand anders tadelte ihn darüber und sagte, er begreife nicht, weshalb die Frauen so zu ihm liefen, da er ihnen doch nichts von Bedeutung sage. -- „Ei, erwiderte scherzend der heilige Prälat, nennen Sie das nichts, wenn man sie Alles sagen lässt? Für sie muss man eher Ohren zum Hören als eine Zunge zum Sprechen haben. Sie sagen schon genug für sich und mich. Wahrscheinlich ist diese Bereitwilligkeit, sie anzuhören, der Grund, weshalb sie sich so zu mir drängen. Denn nichts gefällt einem großen Schwätzer so sehr, als ein geduldiger Zuhörer (Ebendas., VII, 4.)."

Nachdem er die Personen, welche sich ihm vorstellten, empfangen hatte, besuchte der liebevolle Hirte diejenigen, welche durch Krankheit verhindert wurden, zu ihm zu kommen; und dort zeigte sich noch mehr das Innige seiner Liebe; er war da wie eine Mutter am Bette ihres kranken Kindes; er munterte sie auf, nicht durch lange Reden, welche sie ermüdet hätten, sondern durch kurze Stoßgebete, indem er ihnen zum Beispiel sagte: „Mein Gott, dem Wille geschehe und nicht der meinige; Gott, mein Vater, in deine Hände befehle ich meine Seele, meine Gesundheit und mein Leben; ich übergebe mich dir; ich liebe dich und bereue, dich nicht immer geliebt zu haben (Geist des heiligen Franz von Sales, II, 5.)." Er beruhigte sie in ihren Beängstigungen und tröstete sie in ihren Trübsalen. „So lange ich Sie in Trübsal auf dem Bette sehen werde, sagte er zu einer Kranken, werde ich eine besondere Ehrfurcht vor Ihnen haben, wie vor einem Geschöpfe, welches von Gott heimgesucht, mit seinem Gewande bekleidet und zu seiner besonderen Braut erkoren ist. Als unser Heiland am Kreuze hing, wurde er zum König erklärt, selbst von seinen Feinden; die Seelen, welche in Kreuz und Leiden sind, sind erklärte Königinnen. Die Engel beneiden uns nur um Eines, nämlich darum, dass wir etwas für unseren Heiland leiden können, während sie nie etwas für ihn gelitten haben." Als er einst zu einem Kranken kam, der untröstlich war über das Ungemach und die Beschwerden, welche seine Krankheit seinen Kindern bereitete, sprach er zu ihm: „Ich bin im Gegenteil nie so zufrieden in meinen Krankheiten, als wenn ich sehe, dass die Meinigen sich viel Mühe meinetwegen machen. Ich sage mir dann: Wenn sie das für Gott tun, wie ich gern glaube, wie viele Verdienste sammeln sie sich dann, welch' herrlichen Lohn im Himmel! und von diesem Standpunkte aus scheinen sie mehr beneidenswert als bemitleidenswert zu sein (Nach Montrottier)!“ In seiner Liebe machte der heilige Bischof keinen Unterschied zwischen Klein und Groß, zwischen Arm und Reich. Leute aus dem Volke, Bauern, grobe, unreinliche Landleute, alle waren ihm willkommen (Nach der h. Chantal. – Dom Jean de St. Francois, p. 421.). Sie trugen ihm vertrauensvoll ihre kleinen Anliegen vor; und er, ohne im geringsten merken zu lassen, dass man seine Güte missbrauchte, hörte gütigst alles an, was man ihm zu sagen hatte, wie fad und langweilig auch die Geschichte war, und gab allen eine so freundliche Antwort, dass sie beglückt heimkehrten (Nach der h. Chantal). Er konnte es auch nicht leiden, dass man sie auf der Kanzlei warten ließ, wenn sie etwas da zu tun hatten, ging selbst hin, um ihnen fortzuhelfen, oder schickte die Seinigen, wenn er nicht selbst gehen konnte (Nach Legay. – Geist des heiligen Franz v. Sales, II, 4.).

Zuweilen redete er ihren Dialekt, um sie noch mehr zu gewinnen, tat, als fühle er sich recht wohl bei ihnen, und scheute sich keineswegs, auf diese unbedeutenden Dinge eine Zeit zu verwenden, die ihm für seine übrigen Arbeiten so kostbar war. „Diese geringen Leute, sagte er, muss man in ihren Anliegen ebenso anhören und unterstützen, wie die Großen in den ihrigen; wenn etwas Nichtiges eine Seele beunruhigt, so darf man deshalb nicht unterlassen, sie zu trösten. Was uns eine Kleinigkeit scheint, das ist schon wichtig genug für die Armen; und übrigens ist es nichts Geringes, eine Seele zu trösten, die Jesus Christus mit seinem Blute erkauft hat." Oft waren seine Bedienten sehr unwillig darüber, dass er allen Klassen von Leuten so freien Zutritt gewähre, selbst aus den niedrigsten Ständen, Trödlern und Marktschreiern. „Wo ist denn Eure Liebe? sagte er dann sanft. Ich meinerseits will ihn so sehr lieben, diesen teuren Nächsten! Ich werde mich nie Jemanden entziehen, zu welcher Stunde es auch sein mag."

„Einst, sagt die heilige Chantal, hatte er einer einfältigen und unbedeutenden Person sehr lange Gehör geliehen; als ich mir erlaubte, ihm deshalb eine Bemerkung zu machen, erwiderte er.

„Ich schulde mich Allen:
Sapientibus et insipientibus debitor sum.“
Ich bin den Weisen und den Unweisen ein Schuldner.
(Brief an die Römer 1: 14).

Ein andermal tadelte ich ihn, dass er so lange mit einer armen Person über eine nichtssagende Angelegenheit gesprochen hatte, welche ich eine Dummheit nannte. -- „Was Sie Dummheit nennen, antwortete er, ist wichtig für diese armen Leute." Ebenso erzählt der Bischof von Belley, er habe einst lange Zeit auf den Prälaten warten müssen mit mehreren anderen Personen, weil er eine blinde Bettelfrau anhörte; als er ihm sein Erstaunen über die lange Dauer des Gesprächs kundgegeben, habe er geantwortet: „Ach, diese Blinde sieht heller in den göttlichen Dingen als Viele, die gute Augen haben, und ich hatte Freude an der Unterredung mit ihr." Er gefiel sich in der Tat im Umgange mit einfachen Seelen, und sein Herz erweiterte sich in ihrer Gesellschaft. Er liebte besonders die kleinen Kinder, sprach gütig mit ihnen und segnete sie freundlich lächelnd.

Einer seiner süßesten Genüsse war, die Armen ihn Vater nennen zu hören. Eines Tages, erzählt der Bischof von Belley (Geist des heiligen Franz v. Sales, IV, 14.), fuhr ich mit ihm über den See von Annecy; da nannten ihn die Schiffer „Vater", und sprachen zutraulich mit ihm. „Sehen Sie, sagte er zu mir, diese Leute nennen mich „Vater", und es ist wahr, dass sie mich wie ihren Vater lieben. O wie viel mehr Freude machen sie mir dadurch, dass sie mich so nennen, als die Komplimentemacher, die mich „Hochwürdigster Herr" anreden." Um sich wahrhaft als Vater der armen Leute aus der Stadt und vom Lande zu zeigen, empfing er mit der freundlichsten Miene die kleinen Geschenke, welche sie ihm aus Erkenntlichkeit für Amtsverrichtungen brachten; der eine brachte ihm eine Handvoll Nüsse oder Kastanien; ein anderer Äpfel, Eier oder kleine Käse; andere einen Sou oder einen Heller als Mess-Stipendium. Was man ihm an Geld gab, verteilte er unter die Armen beim Hinausgehen aus der Kirche. Esswaren, die er erhielt, steckte er in seine Taschen oder in seinen Chorrock, um sie bei Tisch zu genießen. Er pflegte dann die Worte des Psalmes zu zitieren: „Die Arbeit deiner Hände wirst du genießen, glücklich bist du und es wird dir wohlergehen (Ps. 127, 2. – Geist des h. Franz v. Sales, IV, 25.)." Nach alle dem ist es leicht begreiflich, wie barmherzig eine so gute Seele gegen die bedürftigen Armen war. Montags und Donnerstags in jeder Woche gab er an dem Tore des bischöflichen Hauses ein allgemeines Almosen, das mehr oder weniger reichlich war, je nach der Not der Zeit, und verteilte an Alle Brot, Suppe, Gemüse und Kleider. Auch an den anderen Tagen gab er Allen, die kamen, ohne je Einen abzuweisen; und wenn er kein Geld hatte, dann lieh er lieber, als dass er die Armen mit leeren Händen fortgehen ließ, oder gab sein Linnen, seine Kleider, seine Fußbekleidung (Nach der h. Chantal ). Einmal gab er sogar die Schuhe, die er an den Füßen hatte; ein andermal brachte er die silbernen Kännchen aus seiner Kapelle, und als der Verwalter ihm deshalb Vorwürfe machen wollte, sagte er lächelnd: „Die gläsernen Kännchen sind besser; Wasser und Wein kann man da nicht verwechseln." Zur Winterzeit besonders konnte er nicht sehen, wenn die Armen schlecht gekleidet waren und vor Kälte zitterten; sogleich gab er ihnen Geld, um sich Kleider zu kaufen, oder wenn er kein Geld hatte, seine eigenen Kleider, wenn die Armen sie annehmen wollten; oft aber machten sie Einwendungen, weil sie zu schlecht waren. Einst kam ein Armer zu ihm, der mit Lumpen bedeckt war; Franz befahl seinem Bedienten, ihm eines seiner Unterkleider zu geben; der Bediente gehorchte; der Arme aber rief, weil das Kleid zu sehr geflickt war, aus: ,Ach, hochwürdigster Herr, sehen Sie doch, was man mir da gibt!" -- „Sieh nach, sprach der barmherzige Prälat zum Bedienten, ob kein besseres da ist." -- „Von allen, die Sie haben, erwiderte dieser, ist dieses das am wenigsten schlechte." --- „Mein Freund, sagte darauf der Bischof zu dem Armen, leider habe ich kein besseres; habe darum die Güte, Dich damit zu begnügen (Nach Baytay)." Zuweilen ärgerte sich der Bediente, wenn er sehen musste, wie der Bischof seinen Kleiderschrank leerte. „Mein Freund, sprach dann der Heilige, werde nicht böse; diese Kleider gehören mehr den Armen, als mir, weil diese sie notwendiger haben, als ich (Nach Bonien)." Wenig befriedigt durch diese Antwort und voraussetzend, dass sein Herr seine Freigebigkeit fortsetzen werde, legte der Bediente häufig Alles unter Verschluss. Alsdann beraubte sich der Heilige seiner Unterkleider, um die Armen damit zu bekleiden. So gab er einst, gerührt durch den Anblick eines fast nackten Armen, ihm die ganz neue Unterjacke, die er unter der Soutane (Obergewand eines Geistlichen) trug, indem er ihm anbefahl, es geheim zu halten; und er litt den ganzen Tag hindurch von der Kälte, bis der Bediente, als er beim Schlafengehen die Sache entdeckte, ihm eine andere gab (Nach Legay, dem Kanonikus Garde und Claudius Girod, welcher die Jacke erhalten und sein ganzes Leben hindurch als Reliquie ehrfurchtsvoll aufbewahrte). Am Gründonnerstage endlich bediente er bei Tische zwölf Arme und verteilte eine beträchtliche Summe unter sie, nachdem er ihnen in demütiger Haltung zur Erbauung der Anwesenden die Füße gewaschen und liebevoll geküsst hatte (Nach Angelica de la Pesse). – Alle Ordensleute, die durch Annecy reisten und kein Haus ihres Ordens dort hatten, ebenso die Weltgeistlichen, fanden im bischöflichen Hause gastliche Aufnahme. Der heilige Prälat sorgte dafür, dass ihnen nichts mangelte, und verband mit diesen Freundschaftsdiensten eine herzliche und brüderliche Freundlichkeit, welche noch mehr rührte, als die Wohltat der Gastfreundschaft (Nach Rendu. – Nach der h. Chantal). Alle Neubekehrten, welche von Genf oder anderen Orten kamen, um ihre Zuflucht in Annecy zu suchen, erfuhren ebenfalls seine Wohltätigkeit je nach ihren Bedürfnissen. Wenn ihre Lage es erforderte, so zahlte er für sie das Kostgeld in der Stadt oder nahm sie bei sich selbst auf; zuweilen bezahlte er selbst für die Knaben das Lehrgeld für ein Handwerk, brachte die Mädchen in Dienst bei tugendhaften Frauen, oder gab ihnen die notwendige Mitgift zum Eintritt ins Kloster oder zu ihrer Verheiratung. Auch die verschämten Armen vergaß der barmherzige Prälat nicht; er hatte eine genaue Liste von ihnen, erkundigte sich in schonender Weise nach ihren Bedürfnissen, ließ ihnen Almosen zukommen, aber so, dass er ihre Empfindlichkeit nicht verletzte; unmöglich wäre es, bemerkt ein Augenzeuge, Alle aufzuzählen, die er so unterstützte (Nach Bonard. – Nach der h. Chantal). Den Armen, welche durch Krankheit verhindert wurden, selbst zu ihm zu kommen, trug er selbst das Almosen hin, sogar in die dunkelsten und hässlichsten Winkel, in Scheunen und Ställe; bald gab er ihnen GeId, bald schickte er ihnen Fleisch, wenn sie es essen konnten; er schnitt es ihnen in Stücke, um ihnen die Mühe zu ersparen (Nach der Schwester Flory), und erwies ihnen mit eigener Hand die niedrigsten Dienste. Als man ihn einst abhalten wollte, zu einem alten Manne zu gehen, weil er einen sehr üblen Geruch von sich gab, sagte er: „Lasset mich, der üble Geruch der Armen ist für mich Rosenduft." Davon gab er ein auffallendes Beispiel, als er zu Rumilly die Fastenpredigten hielt. Er hatte eben den Grafen von Tournon mit seiner ganzen Familie Beichte gehört, da kommt ein schwacher Greis zum Beichtstuhl, dessen Geschwüre und Schmutz einen so abscheulichen Geruch verbreiteten, dass die Leute des Grafen ihm den Zutritt zu der Küche untersagt hatten. Der heilige Apostel hat ihn kaum bemerkt, so erhebt er sich, geht ihm entgegen und führt ihn zum Beichtstuhl zurück. Nach der Beichte hilft er ihm aufstehen, umarmt ihn zärtlich und führt ihn an seinen Platze. -- Angetrieben von dem Gefühl der Liebe, besuchte der Gottesmann ein oder zwei Mal die Woche die Gefängnisse und Spitäler, tröstete und unterstützte die Leidenden und brachte sie durch sanften Zuspruch zum Empfang der Buße und Kommunion (Nach Favre und Baytay. – Nach der h. Chantal). Wenn er abwesend war, mussten die Almosen gegeben werden, als wenn er zu Hause wäre, und außerdem sorgte er für alle Bedürfnisse der Klöster und der Häuser, in denen Bedürftige Aufnahme fanden, und wachte mit väterlicher Sorgfalt darüber, dass niemanden in seiner Umgebung etwas mangelte. Von einer Liebe beseelt, welche die Grenzen des Gewöhnlichen überschritt und die wir nicht als Muster aufzustellen wagen, gab er selbst im Beichtstuhl seinen armen Beichtkindern ein ihren Bedürfnissen entsprechendes Almosen und sagte, sie sollten auf diesem Wege seine Hilfe in der Not in Anspruch nehmen, wenn es ihnen so besser zusage.

Weigerten sich Arme zu beichten, so hörte er deshalb nicht auf, sie zu unterstützen; oft sogar gab er große Almosen an lüderliche (liederliche) Frauenzimmer auf ihr bloßes Versprechen hin, das unordentliche Leben aufzugeben; und wenn sie, ihrem Versprechen untreu, ihre Lebensweise fortsetzten, so hörte er nicht auf, ihnen Gutes zu tun. „Das ist verlorene Zeit und verlorenes Geld", sagte man ihm. – „Ach leider, antwortete er, ist das menschliche Elend groß! man muss immer Mitleid haben und nie an der Bekehrung einer Person verzweifeln (Nach der h. Chantal).“

Zuweilen wurde er gebeten, Geld vorzustrecken, und er tat es gerne, nicht als ob er sehr auf die Zurückerstattung gerechnet hätte, sondern weil dies weniger demütigend für den Betreffenden war, als Almosen. Einst wollte ein gewöhnlicher Mann, dem er zwölf Taler geliehen, ihm einen Schuldschein schreiben. „Das ist nicht notwendig, sagte Franz, ich vertraue auf Ihr Wort; übrigens ist auch die Summe nicht so groß, dass ihr Verlust mir schaden würde. Plagen Sie sich nicht, um sie mir wiedergeben zu können; ich werde sie nie wiederfordern." Der Mann aber, zu stolz, um ein Almosen anzunehmen, sagte, in einem Monate werde er die Summe wiedergeben und nehme sie nur auf einen Schuldschein hin an. Franz ließ ihn machen. Und als er am Ende des Jahres wiederkam, um wieder zehn Taler zu leihen, ohne von den zwölfen zu sprechen, die er schuldete, gab Franz ihm seinen Schuldschein zurück mit den Worten: „Sie haben mich nur um zehn Taler gebeten, hier haben Sie zwölf, die ich Ihnen herzlich gerne gebe." Ein Anderer bat ihn um zwanzig Taler und wollte ihm auch einen Schuldschein schreiben. Der heilige Bischof, der nicht immer über solche Summen zu verfügen hatte, aber doch den Mann nicht fortschicken wollte, ging zehn Taler holen und sagte zu ihm: „Ich habe ein Auskunftsmittel gefunden, welches uns beiden einen Gewinn von zehn Talern einbringt, wenn Sie mir glauben wollen." – „Und dies wäre?" frug hastig der Andere. -- „O, es ist sehr einfach, sagte Franz, wir brauchen beide nur die Hand zu öffnen. Hier haben Sie zehn Taler, die ich Ihnen zum Geschenk mache, anstatt Ihnen zwanzig zu leihen. Sie gewinnen so diese zehn Taler und ich halte die anderen zehn für gewonnen, wenn Sie mich davon entbinden, sie Ihnen zu leihen." Der Mann fand das Auskunftsmittel für sehr gut und entfernte sich, entzückt über die Güte seines liebevollen Seelenhirten (Geist des h. Franz von Sales, II, 6 u. 7.).

Es drängt sich Einem unwillkürlich die Frage auf, wie es dem heiligen Bischofe bei seinem geringen Einkommen möglich wurde, eine so großartige Freigebigkeit zu üben und dabei doch sein Haus auf einem so anständigen und seiner Stellung würdigen Fuße zu erhalten. Das ist ein Geheimnis, welches seine Zeitgenossen sich nicht erklären konnten, und welches ihnen ans Wunderbare zu grenzen schien; es ist wenigstens ein auffallender Beweis davon, wie viel Gutes die Liebe mit geringen Mitteln zu Stande bringen kann, wenn sie selbst die Verwalterin des Hauses ist. Rolland, jener treue Diener des heiligen Bischofs, welcher die Verwaltung aller Einkünfte in der Hand hatte, bekannte sich nicht zu dieser Lehre, und machte oft Schwierigkeiten, wenn er Geld für die Almosen geben sollte. Aber Franz nötigte ihn immer dazu, indem er versicherte, dass man sich keine Sorgen machen solle, wenn nur die Jahre sich aneinander reihen könnten, Gott werde für Alles sorgen und nicht zulassen, dass es seinen Dienern am Notwendigen mangele, weil sie die Nächstenliebe ausgeübt (Nach Michel Favre); und die Erfahrung bewies, dass er Recht hatte.

Wie rührend nun auch die Liebe des heiligen Franz war in Bezug auf die Bedürfnisse des Nächsten, so war sie doch noch viel bewunderungswürdiger in Bezug auf die Fehler des Nächsten. „Die Menschen müssen Geduld mit einander haben und die Tapfersten sind die, welche am besten die Fehler Anderer ertragen .... Ein großer Teil der Vollkommenheit liegt darin, uns gegenseitig mit unseren Unvollkommenheiten zu ertragen, und man kann die Nächstenliebe nicht besser üben, als gerade dadurch (Brief 343. – Geist des h. Franz von Sales, XVII, 12; XVIII, 47.). Es ist leicht, diejenigen zu lieben, welche einen angenehmen und ansprechenden Charakter haben; aber die zu lieben, welche Grillen, üble und verdrießliche Launen haben, das ist der wahre Prüfstein der Nächstenliebe." --- „Man muss, sagte er ferner (Brief 748. – Geist des heiligen Franz von Sales, XVIII, 8; XVII, 22.), ein gutes und sanftmütiges Herz gegen den Nächsten haben, besonders wenn er uns lästig und überdrüssig ist; denn dann ist nichts in ihm, das uns ihn lieben lehrt, als die Ehrfurcht vor dem Heilande, welcher in diesem Falle die Liebe vortrefflicher und würdiger macht, weil sie reiner und von nichtigen Beweggründen freier ist." Darum ermahnte auch der heilige Bischof in seinen Gesprächen wie in seinen Schriften zur Übung gewisser Tugenden, von welchen er sagte, dass sie nicht hoch genug geschätzt werden können; nämlich der Herzlichkeit und Geduld, der Freundlichkeit, Güte, der Ertragung der Fehler Anderer und hielt es für eine Täuschung, große Dinge für den Nächsten tun zu wollen, wenn man es nicht versteht, die üblen Launen, die Unhöflichkeiten und besonders die Zudringlichkeit gewisser Leute zu ertragen, welche um nichtigere Dinge willen Einen zur Unzeit stören und aufhalten (Geist des h. Franz v. Sales, II, 25.)."

Treu diesen Grundsätzen, ertrug Franz die Fehler Aller, bequemte sich der Laune eines jeden an, verkehrte gern mit den gröbsten und gemeinsten Leuten, ohne je Einen zu verachten, wie arm und elend er auch sein mochte. Kurz er ertrug Alles von jedermann, ohne je Einem wehe zu tun, und empfahl Allen, es ebenso zu machen. Als er einst aus Gehorsam gegen den Arzt in dem Garten eines Ordenshauses spazieren ging, welches er zu Annecy, großteils auf eigene Kosten, errichtet hatte, hörte er, wie ein hypochondrischer Ordensmann sich darüber beklagte, dass der Bischof ihn in seinen Träumereien störe. Sogleich verließ er den Garten und machte seinen Spaziergang im Freien (Nach Passis). „Ein Mal, erzählt der Bischof von Belley (Geist des h. Franz v. Sales, I, 8.), beklagte ich mich über einige Landedelleute, die, obwohl arm wie Iob (Iob = Ijob = Hiob), dennoch den Ton von Fürsten und großen Herren annahmen und sich ohne Aufhören ihres Adels und der Großtaten ihrer Ahnen rühmten. – „Ei, sagte er mir scherzend, warum wollen Sie denn, dass diese armen Leute doppelt arm sein sollen? Sie trösten sich über ihre Armut mit dem Gedanken, dass sie reich an Ehren sind; das ist eine Schwachheit, die man ertragen muss." Eine Dame von Stand, deren Wandel in der Welt wenig christlich gewesen war, kam zur heiligen Chantal und bat um Aufnahme in das Kloster der Heimsuchung. Als diese den Heiligen um Rat fragte, sagte er: „Fragen Sie mich da nicht um Rat; ich bin parteiisch, wenn es sich um die Nächstenliebe handelt."

In der Tat schien er eine besondere Herzlichkeit für jene Personen zu hegen, welche an irgend einem Fehler litten. Eine Novizin war aus dem Kloster ausgewiesen worden, weil man dafür hielt, dass ihr roher Charakter unverträglich sei mit den für das gemeinschaftliche Leben notwendigen Tugenden. Darüber wurde er ganz traurig und sagte zur heiligen Chantal: „Aber warum denn, ehrwürdige Mutter, sieht man mehr auf die Unvollkommenheiten der Natur, als auf den guten Willen einer Person, welche entschlossen ist, Alles zur Besserung ihrer Fehler zu tun und die Pflichten ihres Berufes zu erfüllen? Wie viele Stimmen hat sie, ehrwürdige Mutter?" Diese antwortete, sie habe mehr als die Hälfte für sich. „Dann sagen Sie unseren Schwestern, bemerkte er, dass die Novizin aufgenommen sei und ich unfehlbar an dem bestimmten Tage kommen würde, um ihr das Gelübde abzunehmen (Recueil de la mere Greffier, p. 21.)."

Ein andermal meldeten sich zwei Mädchen zur Aufnahme in den Orden, die eine jedoch mit der Bedingung, ihre Ohrringe, die andere, ihren Ring behalten zu dürfen. Frau von Chantal und die ganze Gemeinde wollten sie abweisen; der Heilige aber, der bei ihnen im Übrigen den wahren Beruf entdeckte, nahm sie auf mit der Bemerkung, dass man sogar die Albernheiten des Nächsten ertragen müsse. Bald darauf gelangten die neuen Ordensfrauen von selbst zur Einsicht und legten den nichtigen Schmuck ab, sich schämend vor Gott und den Menschen über eine so lächerliche Anmaßung (Ebendas. p. 17) ). Dieser Nachsicht mit den Fehlern des Nächsten entsprach eine gleiche Abneigung gegen die üble Nachrede, welche dieselben rügt und aufdeckt. „Wenn man die üblen Nachreden aus der Welt entfernte, sagte er, so würde man dadurch die Zahl der Sünden bedeutend vermindern (Geist des h. Franz v. Sales, XII, 14.)." Darum konnte er es auch nicht leiden, wenn man in ungünstiger Weise über Jemanden sprach, es mochte sein, wer es wollte; und wenn man sich eine solche Sprache in seiner Gegenwart erlaubte, so suchte er das Böse, welches man erzählte, zu entschuldigen. „Wenn eine Handlung hundert Gesichter hätte, sagte er, so muss man immer das schönste betrachten." Konnte er das Böse nicht in einem günstigen Lichte darstellen, weil es zu offen am Tage lag, dann rief er die Augen zum Himmel erhebend aus. „O wie groß ist das menschliche Elend (Ebendas. , XVI, 43.)! Sciant gentes, quoniam homines sunt. Die Völker sollten wissen, dass sie doch Menschen sind. (Spruch vom Hl. Augustinus). Wie heftig sind zuweilen die Versuchungen! Wie böse Augenblicke hat das menschliche Herz!" Zuweilen bemerkte er auch in solchen Fällen: „Ach, ohne die Gnade, welche uns bewahrt und aufrecht erhalten hat, wären wir vielleicht noch schlechter geworden und jetzt in der Hölle (Ebendaselbst, III, 26.). Wer weiß, ob sie sich nicht bekehren und einst noch große Heilige werden. Die größten Sünder sind ja zuweilen die berühmtesten Heiligen geworden, wie David und der heilige Augustinus."

Einst, erzählt der Bischof von Belley, war in seiner Gegenwart Rede von einer Person, welche einen sehr skandalösen Fehler begangen hatte, und als man sich nun sehr stark darüber ausdrückte, rief er aus: „O menschliches Elend! o menschliches Elend! O, wie sind wir von Schwachheiten umringt! Was können wir aus uns selbst anders als fallen? Ach, wir würden vielleicht Schlimmeres tun, wenn Gott uns nicht hielte.“ Als er nun sah, dass die bösen Zungen trotzdem nicht schweigen wollten, sprach er die prophetischen Worte: „Nun, dieser Fehler wird die Ursache ihres Heiles sein, sie wird ihn lebhaft empfinden und durch ein heiliges Leben wieder gut machen (Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 12; I, 10.)." Die Folge bestätigte es. – „Es ist wunderbar, rief er ein andermal bei einem ähnlichen Falle aus (Ebendas., I, 24.), dass man so viel Liebe zur Keuschheit hat, dass man ihre Verteidigung übernimmt, wenn sie verletzt wird, dass man aber so wenig die Keuschheit der Liebe hat, das heißt die Reinheit, Unversehrtheit dieser Tugend, welche doch die Mutter, Königin und Seele aller anderen ist." Indem er so diesen doppelten Gedanken weiter entwickelte, tat er der üblen Nachrede Einhalt, welche sein Ohr verletzte. Auf eine ebenso feine Weise brachte er einen anderen Tadler zum Schweigen, der von dem Wissen eines Geistlichen geringschätzig sprach, wiewohl er seine Tugendhaftigkeit lobte. „Es ist wahr, sagte er, dass Wissenschaft und Frömmigkeit die zwei Augen eines guten Geistlichen sind; aber, wie man doch diejenigen zu den Weihen zulässt, welche nur ein Auge haben, besonders wenn es das kanonische ist, so kann auch ein Priester, welcher das kanonische Auge hat, nämlich ein musterhaftes und kanonisches Leben führt, ein guter Ordensmann sein. Wenn er nicht auf der Kanzel glänzt, so genügt es, dass er ermahnen und zurechtweisen kann. Gott ließ den Balaam (= Bileam) durch seine Eselin belehren."

Der heilige Bischof wollte jedoch nicht, dass man sich beunruhige wegen der ungehörigen Worte, die man wider seinen Willen in der Gesellschaft mit anhört. „Bei den Gesprächen, sagte er (Ebendas., XII, 11.), bleibe in Frieden bei Allem, was man da sagt und tut; denn ist es gut, so hast du Grund, Gott zu loben; ist es schlecht, so hast du Gelegenheit, Gott zu dienen, indem du dein Herz davon abwendest, ohne die Erstaunte oder Geärgerte zu spielen, weil du nicht mehr tun kannst und nicht genug Ansehen besitzest, um diejenigen von den üblen Reden abzubringen, welche sie führen wollen, und welche noch schlimmere führen werden, wenn du dir den Schein gibst, als wollest du sie davon abhalten. Wenn du so tuest, wirst du ganz unschuldig bleiben unter dem Gezische der Schlangen und wie eine liebliche Erdbeere kein Gift einsaugen durch den Verkehr mit giftigen Zungen." Spottreden über den Nächsten betrübten ebenso wie die üblen Nachreden das Herz des guten Bischofs. Wenn er solche hörte, gab er sein Missfallen zu erkennen durch seine traurige Miene und lenkte das Gespräch auf etwas Anderes; oder wenn er das nicht konnte, scheute er sich nicht zu den Spöttern zuzurufen: „Wer hat euch das Recht gegeben, euch lustig zu machen auf Kosten des Nächsten? Wolltet ihr, dass man euch so auf das Tapet (Tischdecke / zur Sprache) brächte und eure Fehler einzeln zerlegte? Sich damit unterhalten, die Fehler Anderer aufzusuchen, ist ein Zeichen, dass man sich nicht mit den seinigen beschäftigt." Einst erlaubte sich ein Fräulein, die natürlichen Fehler und wenig schönen Züge einer anderen ins Lächerliche zu ziehen. Der Heilige bemerkte ihr darauf: „Gott hat uns gemacht; wir haben uns nicht selbst gemacht, und die Werke Gottes sind vollkommen." Bei diesen Worten brach das Fräulein in Lachen aus und sagte, sie finde diese Person durchaus nicht vollkommen. „Mein Fräulein, erwiderte er, ihre Seele ist gerader, schöner und besser als die Ihrige (Geist des h. Franz v. Sales, XII, 11.)." Nicht zufrieden, aus den Gesprächen die Reden gegen den Nächsten zu verbannen, wollte er nicht einmal, dass man über die Fehler eines Landes oder einer Provinz scherze. „Man muss die üblen Nachreden über andere Nationen vermeiden, sagte er, weil sie, wenn sie ihre dunklen Seiten haben, auch ihre besonderen Auszeichnungen besitzen, und weil es überdies nur dazu dient, Zank und Streit zu stiften (La Riviere, P. p. 570.)." Ja, die Liebe des Prälaten war so groß, dass er nicht 'mal einen Zweifel an dem Heile derjenigen gestattete, welche nach einem schlechten Leben ohne Zeichen der Reue starben. „Verdammen wir sie nicht, sagte er; unsere Vermutungen können uns täuschen; die Beharrlichkeit bis zum Ende bestimmt sich nicht nach dem Verdienst; Gott hat sich das Geheimnis derjenigen, welchen er sie gibt, vorbehalten (Geist des h. Franz v. Sales, III, 26 et 27.)." Und um diese Wahrheit zu bekräftigen, erzählte er, was er einen Prediger über den Tod Luthers hatte sagen hören: „Wer weiß, ob Gott ihn in der Todesstunde nicht mit seiner wirksamen Gnade gerührt? Zwar ist er, wenn er nicht verdammt ist, dem lieben Gott eine große Kerze schuldig, weil er so gerade daran vorbeigekommen, wie kein Mensch auf der Welt; aber wir müssen eine große Meinung von der Güte Gottes haben, der unendlich reich ist an Barmherzigkeit gegen die, welche sie anrufen. Jesus Christus hat seinen Frieden, seine Liebe und das Heil seinem verräterischen Jünger angeboten; warum sollte er sie nicht diesem armen Ketzer haben anbieten können?"
Daraus schloss der heilige Prälat, dass man nie verzweifeln solle am Heile eines Menschen, noch das Andenken der Toten schmähen.

Eine ebenso große Abneigung hatte er auch gegen Prozesse und nannte sie den Ruin der Liebe unter den Menschen (Geist des h. Franz v. Sales, VII, 28. – Brief 526.). „Man gibt Euch den Rat, wegen hundert Talern vor Gericht zu gehen, sagte er einst zu den Schwestern von der Heimsuchung; und ich rate Euch, es nicht zu tun wegen tausend. Ein Heiliger könnte kaum sich weise erhalten bei Prozessen. Litigare et non insanire vix sanctis conceditur. Zu prozessieren und (dabei) nicht den Verstand zu verlieren, wird den Heiligen kaum gestattet (Dom Jean de Saint-Francois, p. 446 et 447.). Nie, fügte er hinzu, hat unser Heiland Streit geführt, obgleich man ihm tausendfaches Unrecht zugefügt. Ich tadle diejenigen, welche vor Gericht gehen, keineswegs, wenn es mit Recht geschieht; aber ich sage, ich schreibe es nieder, und wenn es nötig ist, werde ich es mit meinem Blute schreiben, wer vollkommen und ein Kind des gekreuzigten Jesus sein will, muss diese Lehre befolgen: Fliehe die Prozesse. Möge die Welt knirschen, möge die Klugheit des Fleisches sich empören, das Wort Jesu Christi ist vorzuziehen: Demjenigen, welcher dir deinen Leibrock nehmen will, gib auch noch deinen Mantel (Brief 794.). Der Friede ist eine heilige Ware, welche es wert ist, dass man sie teuer erkauft (Brief 663.)." Einst hörte er, dass ein Vater mit seinem Sohne Prozess hatte wegen einer Vermögensangelegenheit; er liess sie kommen und sprach zu ihnen: „Nun, um was handelt es sich? Hier sind meine silbernen Leuchter, nehmet sie und streitet nicht mehr." Der liebevolle Hirte erwendete einen großen Teil des Tages darauf, jene anzuhören, welche Prozesse und Klagen zu führen hatten und ihn zum Schiedsrichter wählten; zuweilen verwendete er sogar ganze Tage darauf, so dass er genötigt war, die Nacht für's Brevier und die anderen geistlichen Übungen zu nehmen. Er hörte ruhig an, was die Parteien, ihre Advokaten und Anwälte vorbrachten, ohne je zu klagen über Störung in seinen Geschäften, ohne gelangweilt zu erscheinen, und mit gleicher Liebe für beide Teile, welche eine Frucht der Sammlung seines Geistes in Gott war. „Denn man muss, sagte er, die Angelegenheiten der Erde mit auf den Himmel gerichteten Augen abmachen." Alsdann entschied er nach seinem Gewissen und jedermann war zufrieden. Er erzählt es selbst in einem seiner Briefe (Brief 115.): „Ich bin damit beschäftigt gewesen, Vergleiche zu Stande zu bringen; meine Wohnung ist ganz voll von Streitenden gewesen; aber ich habe sie zur allgemeinen Zufriedenheit so gut in Ordnung gebracht, dass sie in Frieden und Ruhe nach Hause zurückgekehrt sind."

Die Liebe des heiligen Franz beschränkte sich nicht auf die Lebenden, sie folgte den toten bis über das Grab hinaus. „Ach, sagte er (Geist des h. Franz v. Sales, II, 15.), wir denken nicht genug an unsere teuren Hingeschiedenen, ihr Andenken scheint zu vergehen mit dem Tone der Glocken; wir vergessen, dass die Freundschaft, welche endigen kann, und wenn es auch durch den Tod geschieht, nie eine wahre gewesen. Die heilige Schrift lehrt sogar, dass die Liebe stärker ist als der Tod (Hoheslied VIII, 6.). Böses von den Toten reden ist eine Unmenschlichkeit, die zu vergleichen ist mit der Wildheit der Bestien, welche die Leichname ausscharren, um sie zu verzehren; Gutes von ihnen sagen, um sich zur Nachahmung anzuregen, ist lobenswert, aber ihnen Linderung verschaffen ist etwas noch Besseres, denn das heißt die Kranken besuchen, das heißt denen zu trinken geben, die Durst haben nach der Anschauung Gottes; das heißt die Hungrigen speisen, die Gefangenen loskaufen, die Nackten bekleiden und ihnen ein Obdach in dem himmlischen Jerusalem verschaffen; das heißt die Betrübten trösten, die Unwissenden belehren, kurz es heißt, alle Werke der geistigen und leiblichen Barmherzigkeit in einem einzigen Werke üben (Geist des h. Franz v. Sales, II, 16.)."

Er vergaß denn auch nicht, für sie zu beten und Ablässe für die Seelen im Fegefeuer zu gewinnen, und empfahl seinen Beichtkindern diese Übung als eine Gott sehr wohlgefällige (Annee de la visitation, 2. novembre.).

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Zehntes Kapitel.

Seine Sanftmut.

(Nach der h. Chantal)

Die Sanftmut ist gewissermaßen das Leben des heiligen Franz von Sales kurz zusammengefasst. Diese Tugend ist das Hervorstechende seines Charakters von seiner Kindheit an bis zu seinem letzten Atemzuge. Wenn er so Großes vollbracht, so geschah es durch die unwiderstehliche Macht seiner Sanftmut. Wenn er so viele Sünder und Irrgläubige bekehrt, so viele gerechte Seelen zur Vollkommenheit geführt, so viele Betrübten getröstet, so geschah es durch seine rührende Sanftmut. Haben seine Schriften in der Kirche so segensreich gewirkt und stiften sie noch immer so viel Gutes, so ist der Grund wiederum in der Sanftmut zu suchen, welche aus jeder Zeile hervorleuchtet.

Und doch war, wenn ich mich so ausdrücken darf, seine Sanftmut keineswegs mit ihm geboren worden. Er hatte ein sehr sanguinisches, also ein von Natur sehr lebhaftes, ungeduldiges und heftiges (Dom Jean de Saint-Francois, p. 383.) Temperament, durch das er sich, wie er uns erzählt, selbst als Bischof ein Mal fortreißen ließ: „Nie, sagt er in einem Briefe (Brief 72.), wo er von der Art und Weise zu predigen spricht, darf man Zorn auf der Kanzel zeigen, wie es mir an einem Feste der allerseligsten Jungfrau begegnete, weil man läutete, ehe ich geendet hatte. Das war ein Fehler mehr bei mir." Ein anderes Mal war ihm eine grobe Beleidigung widerfahren, ohne dass er ein Wort darauf erwidert hätte. Als sein Bruder ihn fragte, ob er dabei denn gar keine Regung des Unwillens empfunden, antwortete er: „Leider fühlte ich, wie es in mir kochte, wie Wasser in einem Topfe über dem Feuer (Annee de la visitation, 2. septembre.) ." Allein durch zweiundzwanzig Jahre hindurch fortgesetzte genaue Gewissenserforschungen, durch unablässige Wachsamkeit, durch seine Kämpfe und Siege über sich selbst, dadurch, dass er, wie er sich ausdrückt, „den Zorn immer rasch am Kragen fasste, ihn würgte und mit Füßen trat“, brachte er es zu einer solchen Herrschaft über sich selbst, dass er in Wahrheit wie Moses der sanftmütigste Mensch seiner Zeit war und, wenn ihm jemand vorwarf, dass er zornig geworden sei, sagen durfte: „Ich bin ein armseliger, der Leidenschaft unterworfener Mensch, aber durch die Gnade Gottes habe ich, seit ich Schäfer bin, meinen Schafen nie ein leidenschaftliches Wort gesagt (Ebendas., 17. mai. – Brief 389.)."

Und nicht war es bei ihm jene Schein-Sanftmut, auf welche die weltliche Höflichkeit Alles hält und wozu es nur einiger artigen Redensarten und Manieren bedarf, sondern es war jene wahre und natürliche Sanftmut, die von Herzen kommt und gleichsam die Blume der Liebe ist; jene Sanftmut, die voll Güte ist, weil sie liebt, welche die Seele mit Nachsicht und Erbarmen erfüllt, und so auch dem Äußeren eine einfache und ungeschminkte Holdseligkeit mitteilt, eine weise gemäßigte Herzlichkeit, die Frucht einer heiligen Zuneigung
(Geist des h. Franz v. Sales, XII, 8; XI, 22; X, 9.) .

Auch war es nicht jene furchtsame und verlegene Zurückhaltung, die nicht böse wird, weil sie nicht den Mut dazu hat; noch weniger jene stumpfe Gleichgültigkeit, die über nichts in Bewegung gerät, weil sie nichts empfindet, nichts hasst, weil sie. nichts liebt, die immer nachgibt, weil ihr Alles einerlei ist; es war eine Sanftmut voll Seele und Gefühl, zugleich aber voll Zurückhaltung und Ernst, die sich selten zu Zärtlichkeiten herabließ; „denn, sagte er, mit solchen muss man sparsam sein, auch darf man nicht bei jeder Gelegenheit honigsüße Worte im Munde haben und den Ersten Besten, dem man begegnet, mit vollen Händen damit überschütten (Geist des h. Franz v. Sales, XV, 3.)." Kurz, es war eine edle, würdevolle und Ehrfurcht gebietende Sanftmut, die jeden mit Achtung und Liebe erfüllte. „Ich habe, erzählt der Bischof von Belley (Ebendas., XIV, 23.), Personen von Stande gekannt, die an den Umgang mit Fürsten und Fürstinnen gewöhnt waren; allein sie haben mir gestanden, dass sie sich vor dem heiligen Bischofe weit mehr zusammennähmen, als vor den höchsten Würdenträgern der Erde, so Ehrfurcht gebietend sei seine Sanftmut.

Die innere Tugend konnte nicht umhin, ihren Glanz auch seinem Äußeren mitzuteilen. Güte, Wohlwollen und Leutseligkeit leuchtete aus seinem Antlitze, aus jedem seiner Worte, aus jeder seiner Handlungen hervor. „Ich glaube nicht, sagt die heilige Chantal, dass sich die außerordentliche Sanftmut, welche der liebe Gott in seine Seele, sein Antlitz, seine Augen und Worte gelegt hatte, mit Worten beschreiben lässt." -- „Den Bischof von Genf, sagt der Baron von Cusy, sieht man nie anders, als mit einem so sanften und mildem Antlitze, dass sich das Herz unwillkürlich zur Andacht gestimmt fühlt." -- Und ein anderer Zeitgenosse bemerkt: ,,Es kommt mir vor, als sei alle Sanftmut, die überhaupt bei dem Menschen möglich ist, in ihm vereinigt gewesen; nie konnte ich ihn genug sehen und hören, so sanft und angenehm war seine Erscheinung, sein ganzes Wesen; Alles, was er tat und sprach, war durchdrungen von der Sanftmut des Herrn." Darum rief denn auch der heilige Vincenz von Paula aus: ,,Mein Gott, wenn der Bischof von Genf schon so gut ist, wie gut musst Du erst sein!"

Es gibt Leute, welche im gewöhnlichen Verkehr ganz sanftmütig sind, aber in Aufregung geraten, sobald sie Widerspruch erfahren. Nicht war das bei unserem Heiligen der Fall. In seinen Disputationen wie in seinen Schriften gegen die Irrlehrer beobachtete er stets jene Mäßigung, jenen seinen Anstand und die Schonung, welche die Achtung gegen Andere und die Gesetze der Liebe vorschreiben, kurz, stets redete er jene sanfte Sprache, welche das Herz für die Annahme der Wahrheit empfänglich macht. Er war der Meinung, dass derjenige, welcher sich ereifert, seine Sache in Verdacht bringe; dass das Licht selbst dann den kranken Augen des Irrgläubigen wehe tue, wenn eine schonende Hand es ihm vorhält, dass es ihn aber unfehlbar blind mache, wenn eine unvorsichtige Hand es ihm plötzlich und rücksichtslos ins Gesicht schleudert, dass, da der Stolz der eigentümliche Charakter der Irrlehre ist, die geringste Härte in Ärger und Wut versetze und die Bekehrung vereitle. „Die Vernunft im Gewande der Sanftmut, pflegte er zu sagen, besitzt Stärke und Glanz; im Gewande des Zornes verliert sie beides (La Riviere, p. 570.). Nie gewinnt die Wahrheit festen Fuß ohne die Liebe; bei der Gottlosigkeit aber ist es gerade umgekehrt der Fall. Wenn man aus den Schriften Kalvin's, Zwingli's, Luther's und Beza's die Schmähungen, Verleumdungen und Spöttereien gegen den Papst, den heiligen Stuhl und die Katholiken entfernte, so würde man sich ihren Umfang bedeutend vermindern sehen."

Dieser Engel der Sanftmut und Milde hielt besonders darauf, dass im bischöflichen Hause Jedermann, ohne Ansehen der Person, wohlwollend aufgenommen werde; seine Bedienten hatten Befehl, nie Jemand abzuweisen, es sei denn, dass unaufschiebbare Geschäfte es durchaus nicht duldeten, dass er vorgelassen werde; und in dem Falle solle man ihm das in so liebevoller und herzlicher Weise sagen, dass er gerne wiederkomme. War Jemand bei ihm vorgelassen, so behandelte er ihn freundlich, hörte ihn geduldig an, als habe er sonst nichts zu tun, kurz er machte durch sein ganzes Wesen einen so angenehmen Eindruck auf Jeden, dass man es als ein Glück betrachtete, wieder eine Gelegenheit zu finden, ihn sprechen zu können. War es Jemand von Stande, so erwies er ihm alle möglichen Ehren und gab ihm den Titel, der ihm am meisten schmeichelte. „Denn, pflegte er zu sagen, da sich wohl niemand aus Ehrenbezeigungen weniger macht, als ich, so dürfte auch niemand freigebiger in Bezug auf Andere damit sein, als ich." Einmal sogar behandelte er einen einfachen Kammerdiener eines Edelmannes mit großer Auszeichnung, und als man ihm eine Bemerkung darüber machte, entgegnete er: „Ja, ich kann die Leute schlecht unterscheiden, ich beachte nur Eins, nur das, dass Alle das Merkmal des Christen tragen." In der Unterhaltung widersprach er niemanden, so lange die Pflicht ihm erlaubte, zu schweigen, und musste er die Wahrheit einem Irrtume gegenüber zur Geltung bringen, so geschah es mit Sanftmut und Geschick, ohne dass es den Anschein hatte, als wolle er auf die Meinung des Gegners einen Zwang ausüben, „denn, sagte er, man gewinnt Nichts dadurch, dass man etwas zu strenge nimmt (Geist des h. Franz von Sales, XII, 16.)."

Durch eine solche Güte angezogen, schienen die Besuche täglich zuzunehmen, in Menge drängte man sich zu ihm; und er fühlte sich nicht belästigt dadurch, er bewahrte dabei seine Sanftmut und Ruhe. „Es sind, sprach er, Kinder, die an die Brust ihres Vaters eilen; nie wird ja die Henne unwillig, wenn die Küchlein sich alle auf ein Mal unter ihre Flügel bergen; im Gegenteil, sie breitet sie in mütterlicher Liebe so weit als möglich aus, um sie alle zu bedecken; und auch mein Herz scheint mir sich zu erweitern, je größer die Zahl meiner teuren Kinder um mich herum wird."

Unter der Menge dieser Besuche befanden sich oft große Sünder, zuweilen sogar vom Glauben Abgefallene, welche durch seine Güte ermutigt, vertrauensvoll in seine Arme eilten; diese nahm er mit noch größerer Herzlichkeit auf, seinem Grundsatze gemäß, dass man voll Abscheu gegen das Böse sein, es nie begehen wollen müsse, aber sanftmütig und mitleidig gegen den Nächsten, der Böses begangen hat. Mit mütterlicher Zärtlichkeit drückte er sie an sein Herz. „Kommet, teure Kinder, kommet, dass ich euch in mein Herz aufnehme! Gott und ich, wir werden euch getreulich beistehen."

Manche von seinen Freunden nahmen zuweilen Anstoß hieran und machten ihm Vorwürfe darüber. „Franz von Sales, bemerkte ihm ein solcher eines Tages (La Riviere, p. 481.), wird sicher in den Himmel kommen, aber ich weiß nicht, ob auch der Bischof von Genf; ich fürchte sehr, dass seine Milde ihm einen schlechten Streich spielen wird." -- „O, erwiderte er, es ist besser, Rechenschaft über zu große Milde als über zu große Strenge ablegen zu müssen (Geist des h. Franz von Sales, XIV, 23.). Ist Gott nicht lauter Liebe? Gott der Vater ist der Gott der Barmherzigkeit; Gott der Sohn nennt sich selbst ein Lamm, Gott der heilige Geist erscheint uns unter der Gestalt einer Taube, welche die Sanftmut selbst ist. Gäbe es etwas Besseres, als Milde und Güte, so würde Jesus Christus es uns gesagt haben, allein nur zwei Dinge sollen wir von ihm lernen: Sanftmut und Demut des Herzens. Wollen Sie mich denn daran hindern, und wissen Sie mehr als Gott?“ -- „Aber, versetzte man darauf, es sind Abtrünnige, verkommene Menschen, die Ihrer Liebe nicht würdig sind." -- „Ach, rief er da schmerzlich und mit zum Himmel erhobenen Augen aus, also nur Gott und ich allein lieben diese armen Sünder! Man verlangt, dass ich sie mit Härte behandle, weil sie Sünder sind, als ob sie nicht gerade dadurch mehr Mitleid und Liebe verdienten. Ich soll vergessen, dass sie meine Schafe sind, ich soll jenen meine Tränen versagen, denen Jesus Christus sein Blut gegeben; und gegen wen sollte ich denn Barmherzigkeit üben, wenn nicht gegen die Sünder? Nein, ich bin nicht hartherzig genug, um gegen meine Kinder, mein Fleisch und Blut, so herbe und strenge sein zu können. Es wird vielleicht der Tag kommen, dass sie sich in Lämmer verwandeln und heiliger sein werden, als wir Alle; wäre Saulus zurückgestoßen worden, so würden wir keinen heiligen Paulus haben. Gott will sie zu mir senden, dass ich sie heile, wollen Sie, dass ich Gott das abschlage? Ich weiß wohl, dass ich ihr Bischof bin, aber ich ziehe es vor, mich ihnen als Mutter zu zeigen. Derjenige, welcher Härte und strenge liebt, möge mir nur fern bleiben, denn ich mag sie nicht."

Eine solche Güte war wohl geeignet, die Sünder zu bewegen, das, was ihr gewissen drückte und quälte, der Brust des Gottesmannes anzuvertrauen, und dann zerfloss sein Herz noch mehr in lauter Sanftmut. So sprach er einmal mit der größten Herzlichkeit Worte der Ermutigung und des Trostes zu Jemanden, der ihm eben das demütigende Bekenntnis der Sünden und Ausschweifungen seiner Jugend abgelegt hatte. „Ohne Zweifel, bemerkte dieser, reden Sie aus Mitleid so zu mir, im Inneren des Herzens aber müssen Sie mich wohl verachten." -- „Ich würde sehr fehlen, entgegnete der Heilige, wenn ich Sie nach einer so guten Beichte noch für einen Sünder hielte; im Gegenteil, Sie sind in meinen Augen weißer denn der Schnee, ähnlich dem Naaman, als er auf dem Jordan stieg. Ich liebe Sie, wie einen Sohn, weil mein Amt Sie eben der Gnade wiedergeboren hat, und ich achte Sie eben so sehr als ich Sie liebe, weil Sie aus einem Gefäss der Schmach und Schande zu einem Gefäss der Ehre und Heiligkeit geworden sind. O, wie teuer ist mir Ihr Herz, da es jetzt so recht Gott liebt (Geist des h. Franz v. Sales, X, 11.).“

Ein Frauenzimmer, das ihm das Bekenntnis eines sehr ausschweifenden Lebens abgelegt hatte, machte ihm hernach ungefähr die nämliche Bemerkung. „Ich betrachte Sie jetzt wie eine Heilige", versetzte er darauf. -- „Aber, meinte sie, Ihr Inneres sagt Ihnen doch das Gegenteil." – „Nein, ich sage Ihnen das aus Überzeugung. Vor Ihrer Beichte musste ich sehr ärgerliche Dinge von Ihnen hören, die man sich in der Welt erzählte; ich war darüber sehr betrübt, sowohl wegen der Beleidigung Gottes, als auch wegen Ihrer Ehre, da ich nicht wusste, wie ich sie verteidigen sollte; aber nun werde ich auf Alles, was man gegen Sie wird sagen können, eine Antwort haben." -- ,,Aber, mein Vater, die Vergangenheit bleibt doch immer wahr." -- ,,Keineswegs; mögen die Menschen auch über Sie urteilen wie der Pharisäer über die heilige Magdalena nach ihrer Bekehrung, Jesus Christus und Ihr Gewissen werden Ihre Verteidigung übernehmen." -- „Aber Sie selbst nun, mein Vater, wie denken Sie über das Geschehene?" -- „Ich denke gar nichts darüber, ich versichere es Ihnen; denn wie sollten meine Gedanken noch bei etwas verweilen, das nichts mehr vor Gott ist? Wie soll man es anfangen, um an nichts zu denken, wenn nicht so, dass man überhaupt gar nicht denkt? Ich werde nur daran denken, den Herrn zu loben und das Fest Ihrer Bekehrung zu feiern. Ja, ich will es feiern, dies liebe Fest, mit den Engeln des Himmels, die sich freuen über die Änderung Ihres Herzens." Und als ihm die Tränen bei diesen Worten über das Gesicht flossen, meinte sie: „Sie weinen sicher über das Abscheuliche meines Lebens?" -- „O nein, entgegnete der Heilige, ich weine vor Freude über Ihre Auferstehung zum Leben der Gnade (Geist des h. Franz v. Sales, III, 27.).

Ebenso sanftmütig im gewöhnlichen Leben wie im Richterstuhle der Busse, erteilte Franz selbst denen, welche unter seiner Botmäßigkeit (Herrschaft seines Gebots = Gerichtsbarkeit) standen, nie einen Befehl, der nicht vielmehr einer Bitte ähnlich war; nie wies er anders als durch sanfte Vorstelllungen oder ein Schweigen zurecht, das mehr als Worte sagte (Ebendas., VII, 11; X, 3, XV, 13.). Als man ihm eines Tages vorwarf, dass er einem jungen Menschen, der seine Mutter gröblich beleidigt, sogar geschlagen hatte, nicht eine derbere Zurechtweisung gegeben, während man ihm doch denselben gebracht habe, damit er ihn auf die Größe seines Vergehens aufmerksam mache, entgegnete er: „Was ist da zu machen? ich habe getan, was ich konnte, um mich mit einem Zorne zu wappnen, der nicht sündigt; und, ich muss es offen gestehen, ich fürchtete, in einer Viertelstunde das bisschen Sanftmut zu verlieren, das ich wie Tau Tropfen um Tropfen seit zweiundzwanzig Jahren mühsam in das Gefäß meines armen Herzens zu sammeln suche; eine Biene braucht mehrere Monate, um ein bisschen Honig zu bereiten, das ein Mensch in einem Male hinunterschluckt; und wozu denn Jemanden zureden, der nicht hören will? Der junge Mann da konnte sich meine Vorstellungen nicht zu Nutze machen, da sein Herz in einer Verfassung war, die kein vernünftiges Urteil zuließ. Eine herbe Zurechtweisung hätte ihm nichts geholfen, mir aber sehr geschadet; es wäre mir ergangen, wie jenen, welche selbst ertrinken, indem sie Andere retten wollen (Geist des h. Franz v. Sales, I, 25.)."

Diese Sanftmut verlieh dem heiligen Bischofe eine solche Gewalt über die Herzen, dass er, einzelne absonderliche Charaktere ausgenommen, wie z. B. jener unnatürliche Sohn, damit machen konnte, was er wollte, nichts konnte ihm widerstehen. Wie er sich gerne dem Wunsche eines jeden fügte, so suchte auch jedermann seine Wünsche zu erfüllen und schätzte sich glücklich, ihm gefällig sein zu können. Eines Tages stritten sich in seiner Gegenwart zwei Männer mit äußerster Heftigkeit; liebevoll betrachtete er einen nach dem anderen, diesen Blick mit ein paar Worten des Friedens begleitend; und das war genug, um sie zu beschwichtigen, durch seine Sanftmut überwunden umarmten sich beide. „Ich gestehe offen, sagt der Bischof von Belley (Ebendas., XIV, 23.), dass es mir eine solche Freude machte, etwas zu tun, was ihm angenehm sein konnte, dass, wenn er mir seine Zufriedenheit damit bezeigte, ich wie im Himmel zu sein glaubte, und ich habe Leute gekannt, die vor ihm zitterten, nicht aus Furcht, ihm zu missfallen, denn niemand missfiel ihm, wie widerlich er sonst auch sein mochte, sondern aus Furcht, ihm nicht genug zu gefallen."

Darum empfahl er auch stets die Sanftmut, wenn man Menschen zu leiten habe. „Der menschliche Geist ist nun einmal so, sagte er, er bäumt sich gegen Strenge und Härte. Alles mit Sanftmut, nichts mit Gewalt. Härte verdirbt Alles, verbittert das Herz, erzeugt Hass; und das Gute, was sie tut, tut sie in so unangenehmer Weise, dass man ihr keinen Dank dafür weiß. Die Sanftmut dagegen leitet das menschliche Herz nach Belieben und macht mit ihm, was man will (Ebendas., VII, 11; X, 3.)." Schön pflegte er darum oft zu sagen: „Nie hat Zucker eine Sauce verdorben, wohl aber oft zu viel Salz." Und ferner: „Zu einem guten Salat bedarf es mehr Öl als Essig." -- „Selig sind die biegsamen Herzen, sie werden nicht brechen (Ebendas., III, 23; XII, 7 u. 8.). Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen, d. h. sie werden über die Herzen herrschen und Aller Willen in ihrer Hand haben." -- „Man muss auf die Seelen wirken, wie die Engel es machen, durch liebliche und ruhige Anregungen (Brief an die heilige Chantal, 14. October 1604.); man muss sie anlocken, aber nach Art der Wohlgerüche, die dazu keine andere Gewalt anwenden, als ihre sanfte Lieblichkeit; und wie könnte letztere anders anziehen, als sanft und lieblich? Sodann muss man das Beispiel Jesu Christi befolgen, der, sich an die Türe des Herzens haltend, Einlass erlangt, ohne ihn je gewaltsam zu erzwingen (Geist des h. Franz v. Sales, VII, 11.)."

Der gewöhnlichste Schauplatz seiner Sanftmut war das bischöfliche Gefängnis, in dem man nach dem Strafverfahren damaliger Zeit die Geistlichen einsperrte, welche sich ein ärgerliches Vergehen hatten zu Schulden kommen lassen. Waren sie so glücklich, eine Unterredung mit ihm zu erlangen, so wurde ihnen auch fast immer ihre Begnadigung zuteil, da sein gutes Herz ihren Bitten nicht widerstehen konnte; aber in der Regel waren sie dann auch durch seine Sanftmut schon zu einer Sinnes- und Herzens-Änderung gebracht worden. Einst hatte Einer mit Tränen um eine Audienz bei dem Bischofe gebeten, aber die Beamten hatten sich anfangs geweigert, seine Bitte zu erfüllen, da sie dafür hielten, dass sein Vergehen eine exemplarische Strafe verdiene; zuletzt konnten sie jedoch nicht umhin, ihm zu willfahren und brachten ihn vor Franz. Der Schuldige warf sich ihm zu Füßen, flehte um Gnade und versprach, sein Leben zu bessern. „Ach, rief da der heilige Bischof, dem Gefangenen zu Füßen fallend, aus, ich meinerseits beschwöre Sie bei der Barmherzigkeit Jesu Christi, Mitleid mit mir, mit dem Klerus der Diözese, mit der Kirche und der Religion zu haben, deren Ansehen und Ehre Sie durch Ihren Wandel gefährden, Mitleid zu haben mit sich selbst und Ihrer Seele, welche Sie auf ewig zu Grunde richten; ich bitte Sie bei Allem, was heilig ist im Himmel und auf Erden, bei dem Blute Jesu Christi, das Sie mit Füßen treten, bei der Liebe des Erlösers, den Sie aufs Neue kreuzigen, bei dem Geiste der Gnade, den Sie verunehren, versöhnen Sie sich wieder mit Gott durch eine aufrichtige Buße." Das rührte den Schuldigen so sehr, dass er von nun an sein Leben änderte und für Alle ein Vorbild wurde (Ebendas., I, 6.) .

Ein Anderer hatte ebenfalls um eine Audienz bei ihm nachgesucht, aber die Beamten wollten wiederum nichts davon wissen. Der Bischof erfuhr das. „Nun gut, bemerkte er ihnen, wenn Ihr es ihm verwehret, zu mir zu kommen, so werdet Ihr mir es nicht verwehren, zu ihm zu gehen; Ihr wollt ihn nicht aus dem Gefängnisse lassen, darum werde ich ihn dort aufsuchen." Wirklich begab er sich zu ihm, und als der Arme ihm zu Füßen fiel, hob er ihn auf, drückte ihn an seine Brust, küsste ihn liebevoll unter Tränen, und sich zu den Beamten wendend, sprach er: „Seht Ihr denn nicht, dass Gott ihm verziehen hat? und wenn Gott ihn rechtfertigt, wer wird ihn verdammen? Ich gewiss nicht . . . Gehe, mein Bruder, sprach er dann zu dem Schuldigen, gehe in Frieden und sündige nicht mehr; ich sehe, dass Du eine wahrhafte Reue hast." -- „Er täuscht Sie, wandten da die Beamten ein, er ist ein Heuchler." -- „Wenn er mich täuscht, entgegnete der heilige Bischof, so schadet er sich mehr als mir; aber ich glaube, dass er sich aufrichtig bekehrt hat und erkläre mich bereit, Bürge für ihn zu sein." – „Hochwürdigster Herr, sprach da der Gefangene ganz in Tränen aufgelöst, möge man mir jede beliebige Buße auferlegen, ich bin zu Allem bereit; keine wird meinem Schmerze gleichkommen, gesündigt zu haben, und ich begebe mich freiwillig meines Benefiziums (kirchlichen Amtes), wenn Sie es so für gut befinden." -- „Das würde mir recht leid tun, versetzte Franz, um so mehr, da ich hoffe, dass der Turm, der im Fallen die Kirche durch das gegebene Ärgernis zertrümmert hat, ihr künftig, wenn er wieder aufgerichtet ist, zur Zierde gereichen wird." Das Wort des Bischofs erfüllte sich wirklich, und er zog daraus den wohl zu beachtenden Schluss, „dass Sanftmut Büßer, Strenge Heuchler erzeugt (Geist des h. Franz v. Sales, I, 11.)."

Etwas Schöneres kann man sich nicht denken, als die Ratschläge, welche er in dieser Hinsicht dem Bischofe von Belley gab. „Seien Sie immer so sanftmütig, als es in Ihrer Macht steht, sagte er, und bedenken Sie, dass man mehr Mücken mit einem Löffelchen voll Honig, als mit hundert Fässern voll Essig fängt . . . Nichts erbaut so sehr, als liebevolle Sanftmut; von ihr nährt sich die Flamme des guten Beispiels, wie das Licht der Lampe vom Öl (La Riviere, p. 584.). Wenn man in ein Extrem geraten soll, so lass es das der Sanftmut sein." -- „Aber, wandte der Bischof von Belley ein, wenn die Menschen Ihrer Sanftmut nur Murren, Verleumdung und Tadel entgegensetzen, wie kann man da sanftmütig bleiben?" – „Seien Sie auch dann noch sanftmütig, versetzte der Bischof von Genf. Betrachten Sie doch den Sohn Gottes. Wie hat man ihm widersprochen, wie gegen ihn gemurrt! So heilig er auch war, er wurde doch als ein Betrüger und Aufwiegler, als ein Samaritaner (Abtrünniger und Juden-Minderheit) und vom Teufel Besessener verschrien; oft raffte man sogar Steine auf, um ihn zu steinigen. Allein er fluchte jenen nicht, die ihm fluchten, er vergalt den Fluch mit Segen, seine Seele in der Geduld bewahrend." -- „Aber, entgegnete Camus, wenn selbst Gott geweihte Personen sich von falschem Eifer gegen uns anreißen lassen, sollte man da nicht aufgebracht werden?" -- „Nein, antwortete der Heilige; diese Leute haben gewiss Unrecht; aber wissen Sie nicht, dass die Honigbienen jene sind, deren Stachel am meisten sticht? Wir müssen hoffen, dass sie eines Tages ihren Irrtum einsehen und uns dann mehr als je lieben werden ... Ich glaube, dass Ihnen hierin nur Eines schaden kann, dass Sie sich darüber beklagen, während Sie nur mit Gott allein darüber reden sotten, indem Sie für sie beten (Geist des h. Franz v. Sales, III, 8; X, 28.)." – „Aber, mein Vater, bemerkte Camus, ich vertraue meinen Kummer ja nur Ihrer Brust und dem Ohre Ihres Herzens an; zu wem sollte das Kind seine Zuflucht nehmen, wenn nicht zu seinem Vater?“ -- „Sie haben wirklich Recht, sprach Franz, wenn Sie sagen, dass Sie ein Kind sind; aber das schickt sich nicht für den, welchem Gott den Rang eines Vaters in der Kirche verliehen. Sie müssen mit dem Propheten sprechen: Ich habe geschwiegen und meinen Mund nicht geöffnet, weil Du, o Herr, dies getan, d. h. weil Du es zugelassen hast." -- „Aber, mein Vater, Sie sind recht hart und strenge gegen mich; wo bleibt denn Ihre sonstige Güte und Liebe?" – „Ich behandle Sie, entgegnete Franz, wie ich mich selbst in ähnlichen Fällen behandeln würde. Erinnern Sie sich an jene von den acht Seligkeiten, welche denen verheißen ist, welche Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen, und zeigen Sie in Zukunft etwas mehr Mut und Festigkeit, indem Sie solche Gnaden, wenn Gott sie Ihnen zuteil werden lässt, sorgfältig verbergen, damit nicht ihr Wohlgeruch verdufte, und indem Sie dem himmlischen Vater danken, dass er sich gewürdigt hat, Ihnen ein kleines Teilchen von dem Kreuze seines Sohnes zu senden (Ebendas., XI, 1.)."

Jene Sanftmut, welche der Heilige so sehr bei jeder Gelegenheit empfahl, übte er im Privatleben sogar seinen Bedienten gegenüber. Nie sagte er ihnen ein böses Wort; wies er sie wegen eines Fehlers zurecht, „so war, sagt der Bischof von Belley, die Zurechtweisung stets mit so viel Sanftmut gewürzt, dass immer viel mehr Öl als Essig hinzugetan wurde (Ebendas., V, 27.)"; und verlangte er eine Dienstleistung, so geschah es immer mit sanften, freundlichen Worten. Einst hatte er den Besuch eines vornehmen Herrn; über der Unterhaltung war es mittlerweile dunkel geworden, ohne dass der Bediente daran dachte, für Licht zu sorgen, und Franz musste seinem Besuche, als er sich entfernte, in der Dunkelheit das Geleite geben. „Weißt Du, mein Freund, sagte er nachher statt jeder Zurechtweisung zum Bedienten, der die Unachtsamkeit begangen, dass zwei Kerzenstümpfchen uns heute Abend für zehn Taler Ehre eingebracht hätten (Dom Jean de St. Francois, p. 430.)?" Ein anderes Mal vergnügten sich zwei seiner Leute mit Kartenspielen, anstatt ihre Arbeit zu verrichten. Leise verliess er sein Zimmer, warf die Karten ins Feuer und entfernte sich wieder, ohne ein Wort zu sagen (Nach Michel Favre). Erfüllten sie ihre Pflicht, wie es sich gehörte, so ermunterte er sie, so fortzufahren, und gab ihnen durch ein gutes Wort und eine freundliche Miene seine Zufriedenheit zu erkennen, sagte ihnen, dass sie sein volles Vertrauen besäßen, dass er nichts sehnlicher wünsche, als sie glücklich zu machen, dass er sie als seine Kinder und lieben Freunde betrachte, und wurden sie krank, so sorgte er für sie wie eine Mutter. So, meinte er, sollten die Herrschaften immer ihre Dienstboten behandeln; das Gegenteil und die verdrießlichen Folgen davon konnte er nie ohne Schmerz mit ansehen. „Diesen Grundsätzen, erzählt Camus, hielt ich einst das bekannte Sprichwort entgegen: Vertraulichkeit erzeugt Verachtung." -- „Ja, versetzte er, eine plumpe und tadelnswerte Vertraulichkeit, aber nie eine höfliche, herzliche, anständige und tugendhafte; denn da diese aus der Liebe hervorgeht, so erzeugt sie auch die wahre Liebe, die stets mit Hochschätzung und darum auch mit Ehrerbietung verbunden ist ... Keinen achtet man mehr, als denjenigen, welchen man herzlich liebt, und eher möchte man jedem anderen wehe tun, als ihm. Wir dürfen nie außer Acht lassen, dass unsere Dienstboten auch unsere Nächsten sind und arme Brüder, die wir wie uns selbst lieben müssen. Lieben wir sie doch also wie uns selbst, diese teuren Nächsten, welche uns so nahe stehen, welche mit uns unter demselben Dache leben und von dem nämlichen Brote essen, und behandeln wir sie so, wie wir behandelt werden möchten, wenn wir an ihrer Stelle und in ihrer Lage wären (Geist des h. Franz v. Sales, V, 37.)."

Darum liebten ihn denn auch seine Diener wie einen Vater, und nichts Rührenderes kann man sich denken, als ihre Aussagen über ihn im Prozesse seiner Heiligsprechung. „Wider Willen kommen mir die Tränen der Rührung und Liebe, sagt Franz Favre, so oft ich an meinen lieben Herrn denke und an so viele heilige Handlungen, die ich ihn während seines Lebens vollbringen sah; und es ist mein einziger Trost nach seinem Tode, die Erinnerung an ihn in mir lebendig zu erhalten oder mit meinen Bekannten von ihm zu sprechen, und ihn täglich zu bitten, er möge vor Gott seines armen Dieners nicht vergessen.“

Die Züge gegenseitiger Zuneigung zwischen Herr und Dienerschaft sind so zahlreich, dass wir uns auf einzelne beschränken müssen. Ein Domestik (Hausdiener) war dem Trunke ergeben und deshalb schon mehrere Male von dem Bischofe zur Rede gestellt worden. Eines Abends nun hatte er sich auch heimlich entfernt, um dieser unseligen Neigung zu fröhnen, und kam erst sehr spät nach Hause; er klopft, aber niemand antwortet ihm, da Alle schliefen. Nur Franz allein war noch wach; er stand auf und öffnete ihm die Türe, fand aber den Unglücklichen so betrunken, dass er kaum noch aufrecht stehen konnte. Was tat er? Er selbst führte ihn in sein Zimmer, entkleidete und brachte ihn zu Bette, deckte ihn selbst noch warm und sorglich zu. Als der Schuldige am Morgen erwachte und sich des Vorgefallenen erinnerte, schämte er sich so sehr, dass er es nicht wagte, vor seinem Herrn zu erscheinen. Allein Franz sagte, als er ihn zufällig allein traf, nichts als die Worte: „Du warst gestern Abend sehr krank, lieber Freund!" Da fiel ihm der arme Mensch zu Füßen und bat unter Tränen um Verzeihung. Von seiner Reue gerührt, machte ihn der Bischof in väterlicher aber ernster Weise auf die Gefahr aufmerksam, der er sich gestern ausgesetzt, seine Seele auf ewig unglücklich zu machen, und legte ihm als Strafe auf, während einer bestimmten Zeit lang seinen Wein mit so und so viel Wasser zu vermischen. Dieser Buße unterzog sich der Schuldige bereitwillig und zwar mit einer solchen Treue auch sein übriges Leben hindurch, dass er nie mehr in eine Unmäßigkeit zurückfiel.

Ein anderer seiner Diener wollte gerne heiraten und war, um vor seinem Herrn die Sache zu verheimlichen, zur Nachtzeit gegangen, um um die Hand seiner Auserkorenen anzuhalten. Als Franz dies erfuhr, beklagte er sich bei ihm, dass er mit so wenig Offenheit hier gehandelt und erbot sich, ihm zur Erreichung seines Zweckes behilflich zu sein. Gerührt von so viel Güte, antwortete ihm der Diener, dass er sich zu glücklich schätze, bei einem so guten Herrn bleiben zu können, und er wolle lieber gar nicht heiraten, als ihn verlassen. „Nicht doch, sagte da Franz, jene Person passt für Dich, die Heirat ist vorteilhaft, ich werde alle Hindernisse, die sich ihr entgegenstellen können, beseitigen und sie wird stattfinden." Das geschah denn auch bald darauf (Geist des h. Franz v. Sales, V, 27.).

Fast ebenso machte er es mit seinem treuen Franz Favre, der gerne eine junge, reiche und Witwe geheiratet hätte. Eines Tages setzte er sich hin, um ihr in einem Briefe die Angelegenheit seines Herzens vorzutragen, in der Meinung, schriftlich ließe sich das Alles besser sagen, als mündlich. Während er noch damit beschäftigt war, öffnet sich auf einmal die Türe seiner Stube und sein Herr tritt ein; rasch wirst er Feder und Tinte hinweg und versteckt den Brief unter dem Tische. Ohne eine Bemerkung zu machen, ging der Bischof einige Mal im Zimmer auf und ab, blieb dann vor dem jungen Menschen stehen und ihn fest ansehend sprach er zu ihm: „Franz, Du warst am Schreiben, als ich hereinkam." In seiner Verwirrung vermochte dieser keine Antwort zu finden. „Nun, was schriebst Du denn?" drang sein Herr weiter in ihn, und da er immer noch keine Antwort erhielt, setzte er hinzu: „Gehöre ich denn so wenig zu Deinen Freunden, dass Du mir das nicht anvertrauen willst?" Als er endlich mit der Sprache herausrückte, las der Bischof den Brief. „Du verstehst davon nichts," sagte er dann, nachdem er ihn gelesen. Gleich setzte er sich hin und schrieb selbst einen in jeder Hinsicht tadellosen Liebesbrief, dem nur noch die Unterschrift fehlte. „Da, sprach er zu Franz, schreib' ihn jetzt ab und schick' ihn an seine Adresse; Du wirst sehen, dass Alles gut gehen wird." Favre tat, wie er geheißen worden. Einige Tage nachher kam die Witwe, welche sich durch die seine Liebenswürdigkeit und den Anstand, womit der Mann um ihre Hand anhielt, geschmeichelt fühlte, zum Bischofe, um seine Meinung darüber zu hören; er riet ihr zu der Heirat, mit der Versicherung, dass der Himmel seinen Segen dazu geben werde, und das war auch der Fall.

Auf der anderen Seite suchte aber der Heilige mit ebenso herzlicher Güte seinen Domestiken (Hausdienern) die Heiratsgedanken auszureden, wenn er glaubte, dass sie nicht zum Ehestande berufen seien, oder dass diese oder jene Partie für sie nichts tauge. So teilte ihm einmal ein in seinen Diensten stehender junger Mensch von vorteilhaftem Äußeren, dazu recht liebenswürdig und ebenso tugendhaft, mit, dass ihm mehrere vorteilhafte Heirats-Anträge gemacht würden. „Liebes Kind, bemerkte ihm darauf der Heilige, ich liebe Deine Seele wie meine eigene, und es gibt kein Gut, das ich Dir nicht wünsche und Dir verschaffen möchte, wenn ich könnte. Ich glaube, davon bist Du überzeugt. Sieh, Du scheinst mir noch zu jung zum Heiraten zu sein, in den Ehestand muss man ein reiferes Alter und einen weiseren Verstand mitbringen. Überlege Dir es wohl, denn ist man einmal auf diesem Meere, dann kommt jede Reue zu spät. Die Ehe ist ein Orden, in welchem man Profess (Bekenntnis) vor dem Noviziat ablegen muss; und gäbe es hier ein Probe-Jahr wie in den Klöstern, so würden Wenige jemals Profess ablegen. Und weshalb willst Du mich denn verlassen? Ich bin alt und werde bald sterben und dann magst Du Dich versorgen, wie Du willst. Ich werde Dich meinem Bruder empfehlen, der es sich wird angelegen sein lassen, Dir ein ebenso vorteilhaftes Los zu bereiten, wie die Partien, welche sich jetzt Dir darbieten." Dem heiligen Bischofe standen, als er so sprach, die Tränen in den Augen. Der junge Mann wurde dadurch so bewegt, dass er sich ihm zu Füßen warf und ihm beteuerte, er werde bis zum Tode in seinem Dienste bleiben. „Nein, mein Kind, versetzte da der Heilige, ich will nicht, dass Du mir Deine Freiheit zum Opfer bringst; aber ich gebe Dir den Rat eines Freundes, wie ich ihn meinem Bruder geben würde, wenn er an Deiner Stelle wäre (Geist des h. Franz v. Sales, I, 19.)." Ja, soweit ging seine Güte und freundliche Nachgiebigkeit gegen die Domestiken (Hausdiener), dass er selbst seinem Kammerdiener gehorchte, was das Schlafengehen und Aufstehen, Ankleiden und Auskleiden anbetraf, gerade als sei er der Diener gewesen. Wenn er manchmal noch bis spät in die Nacht aufbleiben musste, um Briefe zu schreiben oder sonst verschiedene Amtsangelegenheiten zu erledigen, so bat er ihn, sich zur Ruhe zu begeben. „Ei, pflegte dann der Bediente unwillig zu antworten, halten Sie mich denn für so schlafsüchtig und träge ?“ Und der gute Herr beeilte sich dann so viel als möglich, um seine Arbeit zu Ende zu bringen, damit der Bediente nicht zu lange warten brauche. Eines Tages im Sommer hatte er sich sehr frühe erhoben, um sich an eine wichtige Arbeit zu begeben, und rief dem Kammerdiener. Da keine Antwort erfolgte, kleidete er sich allein an und begann zu beten und zu arbeiten. Als es Tag geworden, erschien denn auch der Kammerdiener und fand seinen Herrn schon in voller Tätigkeit. „Wer hat Sie denn angekleidet?" frug er da heftig. – „Nun, ich selbst, sprach Franz, oder bin ich etwa nicht groß und stark genug dazu?" -- „Fiel es Ihnen denn so schwer, mir zu rufen?" murrte der Diener. -- „Ich versichere Dir, versetzte der gute Herr, ich habe Dir mehrere Male gerufen, bin sogar an Dein Bett gekommen, und da Du noch so gut und Fest schliefst, habe ich Dich nicht aufwecken wollen." – „Nun, grollte der Diener weiter, Sie haben auch noch nötig, so zu spotten!" – „Nein, mein Freund, so habe ich es nicht gemeint, beteuerte der gute Bischof, es sollte nur ein bloßer Scherz sein. Doch sei ruhig! Ich verspreche Dir, dass ich mich in Zukunft nicht mehr ohne Dich ankleiden werde, da Du es so willst; ich werde Dich wecken (Geist des h. Franz v. Sales, I, 18.)."

Selbst auf die Tiere erstreckte sich die Güte des Heiligen. Nie tat er ihnen wehe, und suchte auch, so viel er konnte, es zu verhindern, dass ihnen von anderen wehe geschah. Gefühl für die Tiere zu haben, pflegte er zu sagen, sei einem guten Menschen natürlich, und wer barmherzig gegen sie sei, werde es um so mehr gegen die Menschen sein.“ „Während eines Aufenthaltes des Heiligen bei mir, erzählt Camus (Ebendas., II, 34; XIV, 33.), hatte sich ein Reh in meinen Park verlaufen. Ein Edelmann, der auch gerade bei mir auf Besuch war, wollte es durch seine Hunde hetzen lassen. Es fanden sich viele Zuschauer dabei ein, aber der Heilige, der vergeblich Fürbitte für das arme Tier eingelegt hatte, war nicht dazu zu bewegen, dem Schauspiele mit anzuwohnen. Während der Jagd flüchtete sich das gehetzte Wild, zitternd und bebend vor Angst, unter die Fenster des Heiligen und sprang an denselben hinauf, gleichsam als habe es gewusst, dass hier derjenige sei, der sein Beschützer sein wollte. Bis zu Tränen gerührt bat Franz um Gnade für das arme Geschöpf. Umsonst! Die Hunde hatten es bald erfasst. Als er es tot da liegen sah, wandte er sich ab, und da es nachher auf den Tisch gebracht wurde, sprach er: „Ach, beim Anblick des Vergnügens, das Euch die Erlegung dieses Rehes gewährte, muss ich unwillkürlich an jene Lust denken, mit der die Dämonen den Seelen nachstellen, um sie in Sünde und ewiges Verderben zu stürzen."

Nicht nur gegen unsere ganze Umgebung sollten wir nach der Lehre des heiligen Franz Nachsicht und Milde üben, sondern auch gegen uns selbst (Philothea, III, 9.), freilich nicht jene Nachsicht, die für die eigenen Fehler blind ist, sondern jene demütige Milde, die mit ihrem eigenen Elende Erbarmen hat, die, anstatt uns ungehalten zu machen über uns, wenn wir gefallen sind, uns antreibt, uns wieder zu erheben und zu bessern. „Seine Fehler, sagt einer seiner Biographen (Dom Jean de Saint-Francois, p. 468.), mit Geduld ertragend, geriet er nie in Aufregung über sich selbst. Seiner Ansicht nach bekämpfen wir unsere Fehler viel besser durch eine stille, aber beharrliche Reue, als durch ein aufbrausendes und heftiges Missfallen. Ich möchte, sagte er, wenn ich z. B. in einen Fehler der Eitelkeit gefallen bin, mir nicht sagen: Wie erbärmlich, wie abscheulich, dass Du nach so vielen guten Vorsätzen Dich wieder von Deiner Eitelkeit hast fortreißen lassen! Du solltest vor Scham in den Boden sinken, die Augen nicht mehr zum Himmel erheben, dass Du gegen Deinen Gott so treulos sein kannst! Ich möchte mein Herz lieber mit Vernunftgründen und in milderer Weise zurückführen. Meiner Seele würde ich sagen: „Da sind wir wieder in die Schlinge gefallen, der wir doch aufweichen wollten! Erheben wir uns, hoffen wir auf die Barmherzigkeit Gottes und betreten wir von neuem den Weg der Demut! Fassen wir Mut, seien wir heute vorsichtig, Gott wird uns beistehen. Werfen wir uns vor Gott nieder, sagt er an einer anderen Stelle (Brief 177. – Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 19; XVIII, 20 und 21.), und sagen wir ihm im Geiste der Demut und des Vertrauens: Herr, habe Erbarmen, denn ich bin krank und schwach! Sodann erheben wir uns in Frieden und fahren wir ruhig fort zu arbeiten und zu lieben. Wir müssen unsere Unvollkommenheiten ertragen, um die Vollkommenheit zu erlangen, Geduld mit ihnen haben, indem wir an ihrer Ausrottung arbeiten, jeden Tag aufs Neue damit beginnen und dürfen nie glauben, dass wir genug getan haben.

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Elftes Kapitel.

Sein Seeleneifer.

(Nach der h. Chantal, art. 44, p.169; art.47, p. 187.)

Wir sind gewohnt, die Sanftmut als die vorherrschende und charakteristische Tugend des heiligen Franz von Sales zu betrachten; und ist sein Name in der Kirche lieblich geblieben wie ein köstlicher Wohlgeruch, so ist es deshalb, weil dieser Name gewöhnlich für gleichbedeutend mit der Sanftmut selbst gilt. Die heilige Chantal jedoch urteilte anders über ihren glückseligen Vater. Welche hohe Meinung sie auch von seiner Sanftmut hatte, so glaubte sie doch, dass er eine andere Tugend in noch höherem Grade besitze, den Eifer für das Heil der Seelen. Und der Eifer des apostolischen Mannes war in Wahrheit der Art, dass er, ohne dass ihm das Herz in schmerzlichem Wehe zusammenzuckte, an das Unglück der Sünder, welche sich in die Verdammung stürzen, oder an die Gefahr derer, welche auf dem Wege der Tugend ermatten, nicht denken konnte; er vergoss darüber bittere Tränen und seufzte Tag und Nacht. Wurde die Aufmerksamkeit seines Geistes durch sonstige Geschäfte anderswohin gelenkt und kamen ihm dann jene Gedanken wieder, so hörte man ihn seufzen, wie jemand, dem man eine schmerzliche Wunde berührt. „O Herr, flehte er oft, mache diese Blinden sehend, sprich ein Wort und sie werden gesund sein; bekehre sie und sie werden bekehrt sein." Zur Zeit des Karnevals schrieb er an Frau von Chantal (Geist des h. Franz v. Sales, XVIII, 9.): „Das ist eine traurige Zeit für mich; so armselig und elend ich auch bin, so ist mein Herz doch von tiefem Kummer erfüllt, da ich sehe, wie so viele Seelen schlaff und lässig werden. Die beiden letzten Sonntage haben unsere Kommunionen um die Hälfte abgenommen. Aus welchem Grunde? Um der Eitelkeit zu folgen. Ach, wie schmerzlich ist mir dieses Desertieren (Brief 643.)!" Als er zum ersten Male in seiner Kathedrale das Fest Petri Kettenfeier (Befreiung des Hl. Petrus aus dem Kerker / 1960 aus dem römischen Kalender gestrichen), ihr Patrozinium (Fest der Schutzherrschaft eines Heiligen über die ihm geweihte Kirche), beging, konnte er sich der Tränen nicht erwehren; und nach dem Dienste zog er sich in die Kapelle des heiligen Petrus zurück, um sich dort ungestört auszuweinen. Als ihn sein Bruder Ludwig um die Ursache seines Schmerzes befragte, antwortete er: „Ach, ich sehe meine Genfer Kirche in den Banden des Irrglaubens und der Sünde; und anstatt eines Engels hat sie nur mich, Deinen Bruder, einen armen Sünder, um ihre Ketten zu brechen." – „Ja, sprach er zu Frau von Chantal bei einer anderen Gelegenheit, die Ketten des heiligen Petrus, denen meine Kirche gewidmet ist, umschlingen und ziehen sich enge um mein Herz zusammen, wenn ich sehe, dass die göttliche Vorsehung es zugelassen hat, dass meine Diözese der Sitz der Irrlehre ist (Annee de la visitation, 1. avril.)." Nie sang man im Chore, oder betete er in seinem Offizium (Messe / Chorgebet) den Psalm: An den Strömen Babylons saßen wir und weinten, ohne dass ihm die Tränen in die Augen kamen, bei dem Gedanken an sein teures Genf, aus dem er sich vertrieben sah, nicht dass er nach seinen Reichtümern verlangt hätte, sondern weil er darüber trauerte, dass so viele Seelen daselbst zu Grunde gingen. „Gib mir die Seelen, pflegte er zu sagen, das Andere nimm für Dich (Geist des h. Franz v. Sales, V, 20.)."

Mit nichts war die Freude seines Herzens zu vergleichen, wenn er sah, dass Seelen sich bekehrten und sich ganz Gott weihten, wie er selbst in einem Briefe an die heilige Chantal nach Beendigung einer Mission sagt: „Das sind mir Tage so wert wie Gold. O, welchen Trost gewährte mir die Bekehrung so vieler Seelen!mIn Tränen der Freude und Liebe habe ich unter meinen teuren Pönitenten (Beichtende und Büßende) geerntet. O, Heiland meiner Seele! welche Freude war es für mich, als ich sah, dass ein zwanzigjähriger Edelmann, brav wie das Licht, tapfer wie das Schwert, zur katholischen Religion zurückkehrte und mit so frommer Demut alle seine Sünden bekannte, dass man darin klar die Wirkung der Gnade und ihre verborgene Kraft erkennt. Ich war außer mir und wie manchen Kuss des Friedens gab ich ihm (Brief 102.)."

Sein ganzes Leben war eine ununterbrochene Hingabe seiner selbst für das Wohl der Seelen, so sehr, dass er die Übungen der Frömmigkeit, welche unmittelbar au Gott Bezug hatten, unterließ, um dorthin zu eilen, wohin ihn der Dienst des Nächsten rief, und dass er oft sagte, er würde sich glücklich schätzen, für die Bekehrung der Seelen zu sterben, oder wenn er vom Papste nach Indien, Japan oder Nicopolis (antike römische Stadt im Nord-Westen Griechenlands), wovon er als Koadjutor seinen Bischofstitel hatte, geschickt würde, um dort mit Gefahr seines Lebens den Glauben zu predigen (Nach Langin). „Fürchten Sie nicht, mir lästig zu werden, schrieb er an einen Priester (Brief 221.), denn ich habe mein Leben und meine Seele Gott und der Kirche zum Opfer gebracht. Was liegt daran, dass ich mich Beschwerden und Mühseligkeiten unterziehe, wenn ich nur etwas für das Heil der Seelen tun kann? Die Liebe kennt keine Mühe, die ihr nicht lieb und wert sei; Ubi amatur, non laboratur, vel si laboratur, labor amatur.“ Wo geliebt wird, wird nicht gearbeitet, oder selbst wenn schon gearbeitet wird, wird die Mühe geliebt. – „Ach, schrieb er an einen Pfarrer aus seiner Diözese, da Rede von der Bekehrung eines Irrgläubigen war, was gäbe ich nicht für das Heil dieser armen Seele? So wahr Gott lebt, vor dem ich spreche, ich würde meine Haut hingeben, um sie damit zu bekleiden, mein Blut, um es in ihre Wunden zu gießen, und mein zeitliches Leben, um sie vor dem ewigen Tode zu bewahren."

Die höchste Freude, welche es nach seiner Meinung in dieser Welt gab, war jene, eine Seele für Gott zu gewinnen. „Hätte ich tausend Mitren (Bischofsmützen) und Krummstäbe, sagte er öfter, sie würde ich lieber alle lassen, als die Sorge für die Sünder." Auf seinen Reisen stieg er manchmal vom Pferde auf freiem Felde, um arme Leute, welche ihm ihre Not oder ihre Leiden anvertrauen wollten, zu trösten oder Beichte zu hören (Nach Moquet). Beklagten sich seine Gefährten darüber, so erwiderte er ihnen. „Ich bin Bischof für die Sünder, Hirte für die kranken Schafe, Arzt für die Schwachen und Gebrechlichen." Eines Tages fand er aus seinem Wege einen armen Menschen am Boden liegend. Mitleidig näherte er sich ihm und sah mit Schmerz, dass er auf den Tod verwundet, seine Seele aber noch kränker als sein Leib war; denn anstatt an die Ewigkeit zu denken, der er so nahe war, stieß er nichts als Verwünschungen gegen seinen Feind aus und schwur hoch und teuer, dass er sich rächen und ihn dem Gerichte anzeigen werde. „Mein Freund, sprach der Bischof zu ihm, Du bedarfst eines Priesters und eines Arztes weit dringender denn des Richters; ich will dafür sorgen, dass ein Arzt herbeigerufen werde; aber unterdessen, ich beschwöre Dich, bringe Dein Gewissen in Ordnung." Und unverzüglich setzte er sich neben dem Unglücklichen nieder, hörte ihn Beichte, verscheuchte die Rachegedanken von ihm und flößte seiner Seele ruhige Ergebung ein.

Von dem nämlichen Eifer belebt. besuchte er gerne die Kranken, und er hatte eine besondere Gnade zu dieser Übung der christlichen Liebe erhalten. Eines Tages wurde er zu einem Kranken gerufen, der sich in einem Zustande der Verzweiflung befand und von keinem Arzte noch Priester etwas wissen wollte. Er kam und bei seinem bloßen Anblicke fühlte sich der Sterbende gerührt; mit einer äußersten Anstrengung sprang er aus dem Bette und warf sich mit dem Rufe „O, warum sind Sie nicht früher gekommen!" vor ihm nieder. Er umfasste seine Knie, beichtete, empfing die heiligen Sakramente und verschied bald darauf mit den Worten: „Gepriesen sei Gott, der mir die Gnade gewährt hat, in den Armen meines Vaters und heiligen Bischofs zu sterben!" Er wurde es nicht überdrüssig, erzählt der Bischof von Belley, oft zu den Kranken zu gehen um ihnen Worte des Heiles zu bringen, und er tat es nach Art der Engel, indem er fromme Gedanken in ihnen zu erwecken suchte, ihnen hie und da ein passendes Wort sagte oder kurze Stoßgebetlein vorsprach, die er sie mit dem Munde, oder wenn sie dazu nicht im Stande waren, wenigstens mit dem Herzen nachsprechen liess. Ebenso machte er es mit den zum Tode verurteilten Verbrechern, hatte er sie Beichte gehört, so besuchte er sie noch öfters, um sie zum letzten Gange vorzubereiten, und suchte in ihnen Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, der Reue und Ergebung in den Willen Gottes, des Vertrauens auf seine Barmherzigkeit zu erwecken. „Indem Du liebevoll den Fuss der Gerechtigkeit Gottes küssest, sprach er zu ihnen, gelangst Du sicher in die Arme seiner Barmherzigkeit; es ist gewiss, dass Jene, welche auf seine Güte vertrauen, nicht zu Schanden werden." Und solch' liebreiche Worte erfüllten ihr Herz mit so großem Vertrauen, dass man sie oft freudig und zufrieden zum Tode gehen sah, mit dem heiligen Augustin sprechend: „Es ist besser zu sterben, indem man Gott liebt, als zu leben, indem man ihn beleidigt (Geist des h. Franz v. Sales, II, 6.)."

Diesem außerordentlichen Eifer verdankte die Kirche die Rückkehr von zweiundsiebzigtausend Irrgläubigen, von denen fünfundzwanzigtausend aus Chablais und die benachbarten Provinzen, und siebenund vierzigtausend aus verschiedene andere Orte kamen (Nach Langin). Daher rührt jener ungeheure Briefwechsel, in welchem er mit Seelen stand, die den verschiedensten Ländern angehörten, um sie auf dem Wege der Vollkommenheit zu leiten; daher jenes glühende Verlangen, dass seine Priester heilig seien, in seinen Augen die erste Bedingung zur Heiligung des Volkes; daher so viele Synoden und Verordnungen, so viele eindringliche Ermahnungen zur genauen Befolgung der kanonischen Vorschriften, so viele Einrichtungen jeder Art, wodurch der Klerus seiner Diözese der musterhafteste der Kirche wurde; daher, was ihn selbst betraf, jenes stete, hingebende Arbeiten für das Wohl der Seelen. „Eine Menge Leute wenden sich an mich, schrieb er an Frau von Chantal, um zu lernen, wie sie Gott dienen sollen. Unterstützen Sie mich durch Ihr Gebet; denn was meinen Eifer angeht, so ist er größer und glühender denn jemals. Aber sehen Sie, es flüchten sich so viele Kinder in meine Arme, dass sie ganz matt und kraftlos werden würden, wenn Gott mich nicht auf's Neue belebte und stärkte." Daher so viele vortreffliche Schriften, um in ihnen zu denen zu reden, welche sein mündliches Wort nicht erreichen konnte; daher so viele apostolische Reisen auch durch die wildesten Gegenden, daher endlich seine unermüdliche Ausdauer, überall, wo er immer hinkam, zu predigen, sei es innerhalb oder außerhalb seiner Diözese. Mehr als viertausend Predigten hatte er in seinem Leben gehalten, wie er selbst kurz vor seinem Tode sagte.

Der einzige Beweggrund, welcher ihn auf die Kanzel führte, war der Eifer für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen, ein Eifer, der so geläutert von jeder menschlichen Rücksicht war, dass er ebenso gerne auf dem Lande wie in den Städten, vor den Armen wie vor den Reichen predigte, wie wir im Laufe unserer Geschichte oft zu bemerken Gelegenheit hatten. Selbst wenn seine Zuhörerschaft nur aus einigen Personen bestand, so sprach er vor ihr doch mit derselben Glut des Eifers, wie vor der zahlreichsten Versammlung. „Nie bin ich so zufrieden, sagt er, als wenn ich auf die Kanzel gehend nur wenige Leute vor mir sehe. Eine dreißigjährige Erfahrung hat mir gezeigt, dass man dann am meisten Gutes wirkt. Immer habe ich gesehen, dass die Predigt bei einer kleinen Versammlung mehr Frucht gebracht hat, als bei einer großen. Darum, fuhr er fort, ermutigt mich eine große Zuhörerschaft ebenso wenig, als eine kleine mich entmutigt; wenn nur irgend jemand davon erbaut wird, das ist schon genug (Geist des h. Franz v. Sales, II, 38.)."

Seiner Art und Weise zu predigen lag alles Gesuchte und Eitle ferne. Meistens bereitete er sich vor, indem er auf- und abging und in heiliger Sammlung betrachtete. Dann ging er auf die Kanzel und sprach in ganz einfacher und apostolischer Weise, von keinem anderen Verlangen beseelt, als dem, den Seelen zu nützen. „Immer habe ich bemerkt, lautet die Aussage eines Zeugen im Heiligsprechungsprozesse, dass er auf eine apostolische Weise predigte, das Heil der Seelen und nicht den Beifall der Menschen suchend. Einmal sogar unterbrach er sich plötzlich auf der Kanzel, da er bemerkte, dass seine Worte zu sehr den Ohren der Zuhörer schmeichelten, die nahe daran waren, in stürmischen Beifall auszubrechen, und er redete weiter in mehr einfacher Weise, die geeigneter war, den Redner vergessen zu lassen, damit man nur an die Sache selbst denke." -- „Alles was er sagte, berichtet ein anderer Zeuge (Passis), erklärte er mit so verständlichen Worten, durch so schlagende Vergleichungen, dass auch die ungebildetsten Leute das Vorgetragene verstanden und im Stande waren, es nachher wiederzuerzählen."

Das war die Vorstellung, welche er von der rechten Art und Weise hatte, das Wort Gottes zu verkünden. Alles Gesuchte im Stil und in den Gedanken konnte er nicht ausstehen, ebensowenig jene rednerischen Blumen, die unfähig sind, Früchte hervorzubringen. Obgleich es lobenswert ist, sagt er, die Gefäße der Ägypter zur Verzierung und im Dienste des Tabernakels zu verwenden, so muss es aber doch mäßig geschehen. Die Auslegung des Evangeliums soll mit seiner Einfachheit in Einklang stehen, und man muss sich wohl hüten, das Wort Gottes mit falschem Prunke zu umhüllen. Das Zeichen, an dem man den guten Prediger erkennt, ist nicht, dass man ausruft: O, wie gut hat er gesprochen! welch' schöne Dinge hat er gesagt! sondern, dass man sich an seine Brust schlagend, sagt: Ja, von jetzt an werde ich ein besseres Leben führen! Ach, wie tut die Buße so Not, wie ist die Tugend so schön, die Sünde hassenswert, das Kreuz liebenswürdig! Diese Predigt wird uns anklagen am Tage des Gerichtes, wenn wir keinen guten Gebrauch davon machen! Endlich ist es ein Kennzeichen einer guten Predigt, dass, ohne viele Worte, die Besserung des Lebens Zeugnis für sie ablegt (Geist des h. Franz v. Sales, XV, 19; III, 3 u. 4; XIV, 22; XIII, 13.)."

Darum fragte er auch, wenn von einem berühmten Prediger die Rede war: „Wie viele von seinen Zuhörern haben sich bekehrt?" und danach bildete er sein Urteil. Als eines Tages ein weithin bekannter Redner in seiner Gegenwart gepredigt hatte, und jedermann von der Predigt entzückt war, nahm er einige von seinen Bewunderern auf die Seite und frug sie: „Nun, welchen Nutzen habt ihr denn aus der Predigt gezogen?" Der Eine erging sich in Lobeserhebungen über das Verdienst des Redners, ohne eine vernünftige Bemerkung dabei zu machen; ein Anderer, mehr offenherzig, sagte gerade heraus: „Hätte ich ihn verstanden, so würde er keine anderen als gewöhnliche und alltägliche Dinge gesagt haben; sein Verdienst besteht darin, dass er so hohe und erhabene Dinge gesagt hat, dass sie unsere Fassungskraft übersteigen." Und daraus zog der Heilige den Schluss, wie sehr die Diener des Evangeliums es sich müssen angelegen sein lassen, nicht zu glänzen, sondern zu belehren und zu erbauen.

Was ihn betraf, so sprach er nie auf der Kanzel als unter dem Eindrucke dieses Gedankens; und seine lebhaften und durchdringenden Blicke, in welchen man den Eifer las, der in seinem Inneren glühte, die Liebe und das Wohlwollen, welches aus all' seinen Zügen leuchtete, der innige und rührende Ton seiner Stimme, voll Mitleid für die Gebrechen und das Elend der Menschen, die Salbung, mit der er die göttliche Barmherzigkeit schilderte, die Hoffnungen des ewigen Lebens, das Glück eines guten Gewissens, die Schrecken des Gerichtes Gottes, das drang in die Tiefe auch des verstocktesten Herzens. Wenn man ihn so sah, sagt ein Zeuge (Nach Janus), so glaubte man einen Seraph zu erblicken, den das Feuer der göttlichen Liebe ganz ergriffen hat, und seine ganze Erscheinung ließ erkennen, dass sein Herz ein Glutofen der Liebe war. Predigte er vor Irrgläubigen, so suchte er sie nicht auf eine sie beschämende Weise zu überführen, sondern zu überzeugen, und er begründete die wahre Lehre, ohne dass es den Anschein hatte, als greife er die Irrlehre an (Geist des h. Franz v. Sales, X, 5; XIV, 17 u.18.). „Denn, sagte er, sehen sie, dass man sie angreift, so sind sie auf ihrer Hut; und der Stolz, welcher fürchtet, eine Niederlage zu erleiden, befestigt sich um so mehr in seiner Hartnäckigkeit, je klarer man ihm beweist, dass er Unrecht hat." Besonders aber suchte er das Herz zu rühren; darauf setzte er immer alle seine Hoffnung.
„Denn, sagte er, seit den dreißig Jahren, die ich predige, habe ich bemerkt, dass man die Menschen bekehrt, indem man sie bei dem Herzen fasst, dass moralische Predigten, mit Frömmigkeit und Eifer vorgetragen, wie ebenso viele glühende Kohlen sind, welche man den Protestanten, die einem zuhören, ins Gesicht wirft, dass sie davon erbaut bleiben und in Privat-Unterredungen über Punkte, in welche sie von uns abweichen, gelehriger und gefügiger werden."

Außerdem empfahl der Heilige allen Predigern Kürze in ihren Vorträgen an. „Glaubet mir, sagt er (Geist des h. Franz v. Sales, H 37; XVI, 15.) -- denn aus Erfahrung und langjähriger Erfahrung sage ich Euch das -- je mehr Ihr sagt, um so weniger wird man behalten. Je weniger Ihr sagt, um so mehr Gewinn wird man daraus ziehen. Wird das Gedächtnis der Zuhörer zu sehr überladen, so richtet man es dadurch zu Grunde; gießt man zu viel Öl auf eine Lampe, so löscht man sie aus und die Pflanzen, welche man zu übermäßig begießt, erstickt man. Ist eine Predigt zu lang, so lässt das Ende die Mitte vergessen und die Mitte den Anfang. Mittelmäßige Prediger gehen schon an, wenn sie nur kurz sind, und ausgezeichnete werden lästig und erregen Überdruss, wenn sie zu lange sprechen." Kurz und gut, war sein Grundsatz; und er stützte ihn auf das Beispiel der Väter, deren Homilien (Predigten mit Auslegung des Evangeliums / Teil der Liturgie) kurz sind, aber voll Gehalt und lehrreich.

Bewirkten seine Predigten noch nicht die Bekehrung, so vollendete der heilige Bischof das Werk in der Regel in ruhigen und freundschaftlichen Privat-Unterredungen. Mit vieler Geduld ließ er dann die Irr- oder Ungläubigen nach Belieben ihre Einwürfe vorbringen, und war die Reihe zu sprechen an ihn gekommen, so verlor er seine Zeit nicht mit Disputieren (Streiten), sondern erklärte ihnen kurz und einfach die wahre Lehre über den fraglichen Punkt, indem er einerseits die Schönheiten des wohl verstandenen katholischen Glaubens hervorhob, auf der anderen die Treulosigkeit der protestantischen Prediger, welche ihn verunstalteten; und die Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass dies das beste Mittel sei, die Irrgläubigen zu bekehren.

Denselben Eifer wie auf der Kanzel hatte Franz auch im Richterstuhle der Buße. Überzeugt, dass von allen Funktionen des priesterlichen Amtes diese die ersprießlichste für die Seelen ist, widmete er ihr alle Zeit, welche seine anderen Pflichten ihm übrig ließen. Jeder Sonn- und Feiertag, an dem er nicht das Hochamt hatte, las er zu früher Morgenstunde seine heilige Messe, um so bald als möglich in den Beichtstuhl zu gehen, und blieb in demselben, so lange nur Pönitenten (beichtende Büßer) erschienen (Nach Legay). Auch an jedem anderen Tage war er stets zum Beichtehören bereit. Eines morgens war er schon mit den heiligen Gewändern bekleidet und auf dem Wege zum Altare; eine arme Frau trat ihm entgegen und bat ihn, sie Beichte zu hören, und auf der Stelle kehrte er um, zog sich wieder aus und erfüllte ihren Wunsch. Tausend Mal geschah es, dass er in den Beichtstuhl gerufen wurde gerade in dem Augenblicke, wo er sich zu Tische setzen wollte, und seine Mahlzeit im Stiche lassend eilte er fort, um den verlangten Liebesdienst zu erweisen. Zu anderen Malen war er noch mit Beichte hören beschäftigt, wenn die Stunde des Essens schlug, was ihm namentlich auf seinen Pastoralreisen häufig begegnete. Man ließ ihm dann sagen, dass die Stunde der Mahlzeit schon vorüber sei. „Ich komme", erwiderte er, aber von seinem Eifer fortgerissen vergaß er es gleich wieder und fuhr fort, Beichte zu hören, bis niemand mehr da war (Nach Daunant). Öfters geschah es sogar, dass er zu zwei oder drei Tagereisen weit entfernt wohnenden Kranken ging, um ihrem Wunsche, bei ihm zu beichten, zu willfahren (Nach Gard); und war er außerhalb Annecy's bei einem Freunde auf Besuch, so schien es, als sei er nur zum Beichtehören gekommen. „Ich darf nicht mehr, sagte er eines Tages (La Riviere, p. 488.), Jene besuchen, welche mir die Ehre ihrer Freundschaft erzeigen; denn, wenn ich die Absicht habe, nur zwei oder drei Tage bei ihnen zuzubringen, so bin ich gezwungen, eine ganze Woche daselbst zu bleiben, um Jedermann Beichte zu hören, und kann ich nur einen Abend da bleiben, so muss ich bis ein oder zwei Uhr nach Mitternacht im Beichtstuhle sitzen.“

Einen Unterschied der Person kannte er dabei nicht; eine Menge von Pönitenten jeden Standes kamen zu ihm, und mit gleicher Liebe und Sanftmut nahm er sie alle auf, die Ärmsten und Ekelerregendsten ausgenommen, denen er mit größerer Herzlichkeit und Freundlichkeit begegnete, „denn, sagte er, ihnen gegenüber ist die Liebe reiner und wahrer." Er verschmähte es selbst nicht, kleine Kinder Beichte zu hören, und er tat es mit einer solchen Güte, einer so mütterlichen Weise, dass sie Vergnügen daran fanden, oft wieder zu kommen. Diese Arbeiten gewährten ihm eine außerordentliche Freude, „denn, sagte er, die Beichtväter sollen es machen, wie die Winzer und Schnitter, welche nie zufriedener sind, als wenn sie am meisten Arbeit haben. Welch' ein Glück und welch' eine Ehre zugleich, dass Gott sich würdigt, sich unserer zu bedienen, um so viele arme Seelen von der Sünde zu befreien und sie dem Leben der Gnade wiederzugeben!"

Sah er, dass Pönitenten das Bekenntnis aus Furcht, Scham oder Unwissenheit schwerfiel, so half er ihnen freundlich und suchte durch alle möglichen Mittel ihr Herz dem Vertrauen zu öffnen. ,,Bin ich nicht Dein Vater? sprach er; warum solltest Du Dich denn fürchten? Gott wartet nur auf Dein Geständnis, um Dir zu verzeihen. Ich vertrete die Stelle Gottes; warum solltest Du Dich vor mir schämen, der ich ja doch nur ein Sünder bin? Hättest Du alles Böse von der Welt getan, ich würde nicht unwillig deswegen werden; die Fehler und Sünden der Beichtkinder verringern um nichts meine Liebe zu ihnen (La Riviere, p. 386.)." Dann ließ er ihnen so viel Zeit, als sie wollten, um sich klar und verständlich auszudrücken, und trieb sie nicht zur Eile an, wie Einer, der gerne schnell mit ihnen fertig wäre. Sah er sie dann noch unschlüssig oder zu schüchtern, um ihm Alles zu sagen, so ermutigte er sie durch gute und liebreiche Worte. Merkte er, dass sie nicht die genügende Reue hatten oder schlecht disponiert waren, so empfand er darüber einen so lebhaften Schmerz, dass er zuerst über die Sünden, deren man sich anklagte, weinte, und zwang sie dadurch, sie auch selbst zu beweinen. Nichts war rührender, als die Herzensergießungen des heiligen Bischofs, wenn es ihm so gelang, die Pönitenten zu einer aufrichtigen Bekehrung zu bringen. „O, wie ist mir Deine Seele so teuer! sprach er dann; wie schön ist sie jetzt! Die Engel freuen sich und frohlocken Deinetwegen. Ich wünsche Dir Glück mit ihnen; aber doch musst Du dem Herrn und mir versprechen, dass Du nicht mehr in die Sünde fallen willst."

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Zwölftes Kapitel.

Seine Klugheit und Einfalt des Herzens;
-- seine Bescheidenheit und Eingezogenheit.

In hohem Grade besaß der Bischof von Genf diese Tugenden. Nie sah man ihn unbedachtsam oder auf eine hastige Weise handeln, stets dachte er reiflich nach, ehe er redete oder etwas unternahm, und so oft es ihm möglich war, erholte er sich vorher auch Rats bei anderen. Vor Allem aber betete er, und das um so eifriger, je wichtiger die Angelegenheit war, mehr von der Weisheit Gottes, als von seiner eigenen Erkenntnis erwartend, und nie schritt er zur Tat, bis er mit Hilfe dieser verschiedenen Mittel klar das Weiseste erkannt hatte. Dann handelte er ruhig und gesetzt, mit Erforschung und kluger Benützung der günstigen Umstände. Im Reden nicht weniger behutsam und vorsichtig als im Handeln hörte man von ihm nie ein Wort, das nicht an seiner Stelle war; nie entschlüpfte ihm ein Geheimnis und alle seine Ausdrücke waren so wohl berechnet, dass sie vollkommen Alles enthielten, was er sagen wollte, nicht mehr und nicht weniger (Nach der heil. Chantal).

Daher jener so vollendete Takt, den er bewies in seinen Unterhandlungen mit den Machthabern Frankreichs und Savoyens, und dem er es verdankte, dass er nicht nur stets in gutem Einvernehmen mit ihnen stand, sondern auch geachtet und geehrt von ihnen war. Daher jenes Geschick in der Leitung und Verwaltung seiner Diözese, jene hohe Einsicht, die er in allen Angelegenheiten bekundete. So war sein Eifer, wie er unermüdlich in seiner Tätigkeit war, weil die Liebe ihn antrieb, nicht weniger gemäßigt in seiner Wirkung, weil die Klugheit ihn leitete. Gab es eine praktische Schwierigkeit zu lösen, so prüfte er sie mit der größten Ruhe und entschied dann immer ebenso richtig als sicher, bemerkt einer seiner gleichzeitigen Biographen (Dom Jean de Saint-Francois). Von allen Seiten wurde er darum wie ein Orakel der Klugheit befragt; in wichtigen Angelegenheiten wollte man zuerst wissen, was er davon halte (Nach Baytay und Pesse), und wir haben mehrfach gesehen, wie man in Streitigkeiten und Prozessen ihn als Schiedsrichter anrief, wie er stets zur Zufriedenheit beider Parteien die Sache gütlich beilegte. Auch in anderen Dingen zeigte er dieselbe Klugheit. Jemand fragte ihn eines Tages, was zu tun sei, um hochstehende Personen, die großes Ärgernis gaben, auf den Weg der Pflicht zurückzuführen. „Machen Sie ihnen zuerst einige Höflichkeitsbesuche, antwortete er, ohne Ihre eigentliche Absicht zu verraten, und suchen Sie ihr Wohlwollen zu erwerben. Ist Ihnen das gelungen, so leiten Sie unvermerkt das Gespräch auf die Schönheit der Tugend und die Hässlichkeit des Lasters; alsdann bringen Sie sie zu mir." Und so erreichte er seinen Zweck ganz und gar.

Nirgends zeigte sich aber die Klugheit des heiligen Bischofs in hellerem Glanze, als in der Führung der Seelen. „Es war, sagt die heilige Chantal, etwas Entzückendes, ihn von Gott und der Vollkommenheit reden zu hören; seine Ausdrücke waren so bestimmt und klar, dass man mit großer Leichtigkeit auch die zartesten und erhabensten Dinge des geistlichen Lebens verstehen konnte. Gott hatte ihm jenes Licht zur Führung der Seelen verliehen, die er auch in der Tat mit himmlischer Klugheit leitete." Er durchforschte die Tiefe der Herzen, erkannte klar ihren Zustand, sowie die Beweggründe, aus welchen sie handelten, und schrieb demgemäß die Lebensregel vor (Geist des h. Franz v. Sales, X, 19.). Mit großer Bestimmtheit unterschied er, was Sünde und nicht Sünde war, was man verbieten und was man gestatten konnte, und ließ einen jeden in seiner Stellung die erhabenste Heiligkeit finden, ohne etwas Außer ordentliches zu verlangen, indem er die Frömmigkeit mit der Wohlanständigkeit und den unschuldigen Freuden eines jeden Standes verträglich erklärte, und eine heilige Freiheit lehrte, welche die Grenzen der Tugend nicht überschreitet, weise Nachgiebigkeit, jedoch nie auf Kosten der Pflicht, einen christlichen Frohsinn, der sich auch mit den strengsten Anforderungen des Evangeliums verträgt.

Er wollte, dass man die Frömmigkeit liebenswürdig mache, indem man sie der Welt als eine stets freundliche und leutselige zeige, stets bereit Freude zu machen, und zu einem wahren Bilde der Güte Gottes auf Erden, stets edel, stark und der Stellung im Leben angemessen. Eine Dame hatte sich vorgenommen, nur wenig zu sprechen, und sie fragte den Bischof darüber um seine Meinung. „Mit dem wenig Reden bin ich einverstanden, antwortete er (Brief 862.), vorausgesetzt, dass das Wenige, was Sie sagen, freundlich und liebevoll und nicht traurig oder auf eine verschmitzte Art gesagt wird. Ja, reden Sie wenig und sanft, wenig und gut, wenig und einfach, wenig und offen, wenig und liebenswürdig." Besonders drang er auf die Erfüllung der Standespflichten, und dass man freundschaftlich, höflich, diensteifrig, gefällig bis zu dem Grade sei, dass man auch von den unbedeutendsten Dingen in der Zeit der Erholung spreche, wenn es dazu dienen konnte, Andere zu erfreuen oder zu erheitern. So schnitt er den der Frömmigkeit gemachten Vorwurf ab, dass sie wunderlich, abstoßend und eine schlechte Gesellschafterin sei, und widerlegte ihn zugleich durch sein eigenes Benehmen, da er ebenso liebenswürdig wie fromm, ebenso höflich wie bescheiden, ebenso gefällig als pünktlich, ebenso offen als gesammelt und ebenso von den Menschen wie von Gott geliebt war.

Eine Dame, welche ihrer Stellung wegen genötigt war, am Hofe zu leben, drückte ihm eines Tages die Besorgnis aus, in einer so gefährlichen Umgebung ihre Frömmigkeit zu verlieren. „So lange Sie in Ihrer Seele den festen Entschluss bewahren, schrieb er ihr (Brief 132.), ganz Gott anzugehören, wird der heilige Geist durch seinen Beistand ergänzen, was Sie nicht tun können. Ihre Übungen können Sie durch häufige und inbrünstige Stoßgebete ersetzen und die Anhörung der Predigt durch andächtige und aufmerksame Lektüre guter Bücher. Dadurch, dass Sie genötigt sind, in der Gesellschaft zu leben, werden Sie tausendfach Gelegenheit haben, sich abzutöten und Ihren Willen zu brechen, was kein geringes Mittel zur Vollkommenheit ist, wenn Sie es mit Demut und Sanftmut des Herzens anwenden. Keine Gesellschaft, keine abhängige Stellung kann Sie verhindern, oft mit unserem göttlichen Herrn, seinen Engeln und Heiligen zu reden, oder oft auf den Straßen des himmlischen Jerusalems zu wandeln, auf die inneren Predigten Jesu Christi und Ihres guten Engels zu horchen oder jeden Tag im Geiste die heilige Kommunion zu empfangen. tun Sie das Alles mit freudigem Herzen."

In der Leitung der Seelen hatte der heilige Führer es sich zur ersten Regel gemacht, das Wirken des Geistes Gottes in denselben sorgfältig zu berücksichtigen, sie mehr zu leiten je nach dem Zuge dieses göttlichen Geistes als nach seiner eigenen Einsicht. Sodann verlangte er von seinen Beichtkindern, was die Vollkommenheit anbetraf, weder zu viel, noch etwas zu frühe, noch zu viel auf ein Mal, indem er sie lehrte, allmählich dem Himmel zuzufliegen wie die Tauben, wenn sie sich nicht wie die Adler zu ihm aufschwingen könnten, den gewöhnlichen Weg zu wandeln, wenn ihnen der vollkommenere zu schwer falle.

Ferner war es bei ihm Grundsatz, dass man sich in der Leitung der Seelen mehr mit dem Herzen als mit dem Äußeren beschäftigen müsse (Geist des h. Franz v. Sales, X, 7.). „Ist dieser Turm genommen, sagt er, so kann sich das Übrige nicht mehr halten; brennt es in einem Hause, so wirft man alle Möbel zum Fenster hinaus, und so erscheint auch einem Herzen, von dem die Liebe Gottes Besitz ergriffen hat, Alles was nicht Gott ist, als etwas gar Geringes." Eine vornehme Dame, die sich unter seine Leitung gestellt hatte, fuhr bei ihrer Frömmigkeit und ihren sonstigen guten Werken fort, sich eine glänzende Equipage (Kutsche) zu halten, kostbare Kleider zu tragen und in den Kreisen der vornehmen Welt zu verkehren. Man wollte daran Anstoß nehmen; aber der weise Führer ließ sie gewähren, weil sie in all' dem nur den erlaubten Zweck verfolgte, ihrem Gemahle zu gefallen. Man tadelte es, dass er ihr gestatte, Ohrringe zu tragen. „Ich weiß ja nicht einmal, versetzte er, ob sie Ohren hat, denn sie kommt nur bedeckten Hauptes in den Beichtstuhl; und übrigens verlor Rebecca, die wohl ebenso viel als diese wert war, nichts von ihrer Heiligkeit, weil sie die Ohrringe trug, welche ihr Isaak durch seinen Knecht übersandt hatte." – Aber, entgegnete man, sie hat mehrere von ihren Diamanten an einem goldenen Kreuze, das sie trägt, anbringen lassen, und das ist doch Eitelkeit." --- „Was Ihr Eitelkeit nennt, bemerkte er darauf, erbaut mich nur um so mehr; ich möchte, dass alle Kreuze der Welt von Diamanten und Edelsteinen bedeckt wären; wie kann man diese Kleinodien besser anwenden, als um das Kreuz zu schmücken (Geist des heiligen Franz v. Sales, III, 49; XVII, 2.)?" Eine andere Dame bediente sich wohlriechender Essenzen und Wasser. „Gott, schrieb er ihr (Brief 738.), ließ mich neulich auf den Gedanken kommen, Ihnen zu sagen, dass Sie diese Wohlgerüche nicht mehr gebrauchen sollen, aber ich besann mich, meinem Grundsatze gemäß, den Regungen nicht vorzugreifen, welche die geistlichen Übungen allmählich in den Seelen hervorzubringen pflegen, die sich ganz der göttlichen Güte weihen. Mein Geist ist ein großer Freund der Einfachheit; aber das Messer, mit dem man diese überflüssigen Schösslinge beschneidet, lasse ich gewöhnlich in den Händen Gottes."

Mit der Klugheit vereinigte der Heilige eine noch größere Einfalt. „Ja wahrhaftig, schrieb er an Frau von Chantal (Brief 126.), die armen weißen Täubchen sind mir doch angenehmer, als die Schlangen; und ich möchte keineswegs, in der Absicht, die Eigenschaften beider mit einander zu vereinigen, die Einfalt der Taube der Schlange geben, denn sie würde nichtsdestoweniger eine Schlange bleiben; aber die Klugheit der Schlange möchte ich wohl der Taube geben, denn sie würde dennoch lieb und gut bleiben. Auf denn, weihen wir uns dieser heiligen Einfalt, der Tochter der Unschuld und Schwester der Liebe. -- Ich weiß nicht, sagt er ferner (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 22; X, 18; XVI, 50; XVII, 5; XVIII, 23.), was mir diese arme Tugend der Klugheit getan hat. Wenn ich sie liebe, so geschieht das nur aus Notwendigkeit, weil sie das Salz und das Licht des Lebens ist; aber die Schönheit der Einfalt entzückt mich und gerne würde ich hundert Schlangen für eine Taube geben .... Wäre die Dosis von der Schlange und der Taube gleich, so möchte ich mich doch nicht darauf verlassen, die Schlange würde die Taube töten, aber nie wird die Taube die Schlange töten . . . Man sagt, dass in einer so verschlagenen Zeit, wie die unsrige, Klugheit not tut, um sich nicht erwischen zu lassen. Ich tadle diesen Grundsatz nicht; aber ein guter Christ wird immer lieber Amboss als Hammer sein wollen, der Bestohlene als der Dieb, der Geschundene als der Schinder, der Märtyrer als der Tyrann. Fort mit der Klugheit der Welt! Es ist besser, gut und einfältig zu sein, als listig und boshaft.“

Wenn Franz von Sales die Einfalt so sehr liebte, so hatte das darin seinen Grund, dass er sie in einem anderen Sinne auffasste, als die Welt. Nach ihm war die Einfalt nichts Anderes, als die Geradheit des Herzens, welche gerade auf die Wahrheit, gerade auf die Pflicht, gerade auf Gott allein zugeht. So war seine Einfalt beschaffen.

Als Freund der Wahrheit konnte er auch nicht den Schatten der Verschlagenheit oder Verstellung dulden, und es war ihm zuwider, den Nächsten zu hintergehen, um ihn für seine Zwecke, wären es auch die erlaubtesten, zu gewinnen. Er verabscheute jede Lüge und Zweideutigkeit, und es war bei ihm Grundsatz, „dass die Treue, die Geradheit und Aufrichtigkeit im Reden zu den schönsten Zierden des christlichen Lebens gehören (Geist des heiligen Franz v. Sales, II, 35.)." -- „Darum, bemerkt einer seiner Geschichtsschreiber (La Riviere, p. 522.) demütigte er sich nie, ohne auch innerlich von solchen Gefühlen durchdrungen zu sein; nie erbot er sich, einen Dienst zu erzeigen, ohne dass es von ganzem Herzen geschah. Höfische Komplimente galten in seinen Augen nichts und leere Worte und Versprechungen zu machen verstand er nicht. Alles was er sagte war aufrichtig und natürlich, und einfach und offen handelte er."

„Eines Tages, erzählt der Bischof von Belley (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 4.), kam ich, ganz ermattet von der glühenden Sonnenhitze, zu ihm; er fragte mich lachend, ob ich wünsche, dass man Feuer mache." -- ,,Wie, sprach ich, wollen Sie mich denn vollends rösten?" -- „Ei, versetzte er, das Feuer erwärmt jene, denen es kalt, und gewährt uns auch Kühlung, wenn es uns zu warm ist." Nach einigem Stillschweigen setzte er dann aufrichtig hinzu: „Sehen Sie, ich habe mich einer Zweideutigkeit schuldig gemacht; denn da ich mich erinnerte, dass Sie einst sagten, Sie scheuten die Kälte und hätten nie zu warm, so wollte ich darüber lachen, dass Sie so viel Hitze ausgestanden haben und dass Sie zuweilen sagen, es sei besser, dass man schwitze, als vor Kälte zittere, und dass das Feuer jederzeit angenehm sei. Sehen Sie also, wie mein Gedanke von meiner Antwort so verschieden war!"

Ein anderes Mal drückte ihm der Bischof von Belley sein Erstaunen darüber aus, dass der Herzog von Savoyen ihn nicht als Diplomat an den fremden Höfen gebrauche, namentlich in Frankreich, wo seine Klugheit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit in so hohem Ansehen standen. „Ich finde im Gegenteil, erwiderte Franz, dass der Herzog, indem er mich dazu nicht verwendet, viel Urteil und Weisheit bekundet, da mir schon die bloßen Worte „menschliche Klugheit und Politik“ Schrecken verursachen. Ich kann, um es Ihnen gerade heraus zu sagen, weder lügen, noch mich geschickt verstellen; und das ist das Meisterwerk der Politik und ihre Haupttriebfeder. Um des ganzen Reiches willen möchte ich nicht ein falsches Wort sagen; ich rede nach alter Frankenart, einfach und nach meiner Überzeugung; meine Lippen drücken immer meinen Gedanken aus (Geist des h. Franz v. Sales, II, 35; XIII, 20; XII, 15.)."

Mit derselben Geradheit des Herzens wandelte er auch den Weg der Pflicht, ohne daran zu denken, ob seine Handlungen den Menschen gefallen oder missfallen würden, ohne einen anderen Zweck zu verfolgen, als den Willen Gottes zu erfüllen; unverrückt seinen Blick auf das, was seine Pflicht war, richtend, gab er auf sonst nichts Acht. „Sein ganzes Leben, sagt die heilige Chantal (Lettre de St. Chantal a Dom Jean de St. Francois), war Einfalt und Aufrichtigkeit; keine Eigentümlichkeiten konnte man da entdecken, nichts das die Bewunderung Jener hätte erregen können, welche nur auf das Äußere sehen. Er hielt sich auf dem gewöhnlichen Wege, aber auf eine so göttliche und himmlische Weise, dass nichts in seinem Leben wunderbarer war, als gerade dieses. Die ganze Schönheit seiner Seele lag im Inneren, in der Vollkommenheit der Tugenden, welche Gott so herrlich darin geordnet hatte; und der Glanz seiner Heiligkeit lag in der nicht gewöhnlichen Art und Weise, mit der er die gewöhnlichsten Handlungen verrichtete . . . ."

„Während der vierzehn Jahre, die ich unter seiner Leitung stand, erzählt der Bischof von Belley (Geist des h. Franz von Sales, IV, 17.), habe ich genau seine Handlungen seine Gebärden, seine Worte und Lehren beobachtet und studiert, aber nie das Geringste an ihm bemerkt, das eine Sonderbarkeit verriet."

Alles was er tat, geschah um Gott zu gefallen, den er liebte; keine anderen Ansprüche machte er. „Sehet, sprach er (Ebendas., VI, 14.), ein kleines Kind, das noch keinen anderen Menschen als seine Mutter kennt; es hat nur eine Liebe, die zu seiner Mutter, nur ein Verlangen, das nach der Brust der Mutter; an dieser geliebten Brust ruhend will es nichts Anderes. So hat auch die Seele, welche die vollkommene Einfalt besitzt, nur eine Liebe, die Liebe zu Gott, nur ein Verlangen, das, an der Brust des himmlischen Vaters zu ruhen und dort wie ein Kind der Liebe zu bleiben, alle Sorge für sich selbst ganz und gar seinem guten Vater überlassend, ohne sich um etwas Anderes Mühe zu geben, als sich in diesem heiligen Vertrauen zu erhalten. Selbst der Wunsch nach der Tugend und der Gnade beunruhigt sie nicht, nicht dass sie gleichgültig ist gegen das, was sie auf ihrem Wege findet, sondern sie wendet es an ohne ängstlich nach anderen Mitteln zur Vollkommenheit zu suchen; die, welche sie in Händen hat, genügen ihr. Sie schaut weder rechts noch links, um zu sehen, was man sagt, denkt oder tut; sie verfolgt einfach ihren Weg, tut was sie tun zu müssen glaubt und denkt nicht mehr weiter daran; sie bleibt ruhig in dem Vertrauen, dass Gott ihr Verlangen kennt, ihm zu gefallen, und das ist ihr genug.“ In dieser Schilderung der christlichen Einfalt hat sich Franz selbst Zug für Zug gezeichnet. Die Einfalt des Herzens war nach ihm eines der besten Mittel, um Fortschritte in der Tugend zu machen. „Gehen wir einfach und gerade voran, sagt er, ohne uns damit aufzuhalten, unsere Handlungen genau und einzeln zu prüfen. Sobald das Gewissen uns das Zeugnis gibt, dass wir Alles tun wollen, um der heiligen Liebe willen, dann lasst uns vertrauensvoll, demütig und einfach vorangehen. Was mich angeht, so denke ich, dass wir in der Gegenwart Gottes sind selbst im Schlafe, wenn wir einschlafen mit dem Gedanken, dass er es so will und anordnet und dass er uns auf das Lager hinlegt, wie man Statuen in ihre Nischen stellt; und erwachen wir, so finden wir, dass er da nahe bei uns, dass er nicht von unserer Seite gewichen ist und dass wir in seiner Gegenwart, obgleich mit geschlossenen Augen, waren."

Da so in den Handlungen und dem Leben des heiligen Bischofs durchaus nichts Besonderes zu entdecken war, so täuschten sich zuweilen Manche, welche nur das heilig nennen, was außerordentlich ist, über sein wahres Verdienst. „Es sollte uns sehr wundern, sagten einmal einige Domherren unter sich, wenn unser Bischof eines Tages im Verzeichnis der Heiligen stünde; alle seine Pflichten erfüllt er recht gewissenhaft, das ist wahr. Aber das ist auch Alles, sonst lebt er wie die anderen, bewirtet seine Domherren und andere Leute glänzend; er macht sogar Spazierfahrten zu Wasser mit ihnen." -- „Diese guten Domherren, bemerkt Herr von Bernex, Bischof von Annecy, urteilten nach dem Äußeren und vergaßen, dass er in Allem auf die Heiligung seiner Seele Bedacht nahm und dass er unter der Rinde eines gewöhnlichen Lebens sich Schätze von Gnade und Heiligkeit sammelte." Und hierauf Bezug nehmend gab der nämliche Bischof den Nonnen von der Heimsuchung die Ermahnung: „In Eurem Wandel soll sich nichts Besonderes zeigen; verbannet Alles was Euch dazu verleiten könnte. So gut es Euch auch erscheinen mag, es ist für eine Tochter Marias eine gefährliche Klippe. Demut, Liebe und Einfalt sollen die besonderen Kennzeichen der Töchter des heiligen Franz von Sales sein, nach dem Beispiele so vieler heiligen Nonnen, welche vor Euch dieses nämliche Kloster bewohnt haben."

Nicht minder war dem Heiligen die Tugend der Bescheidenheit und Eingezogenheit eigen; er hielt besonders viel auf sie und nach allen Seiten hin hatte er sie studiert, um seinen Wandel danach ein-zurichten. Sie umfasste ihm Alles was christlicher Anstand und seine Sitte, Züchtigkeit und Einfachheit vom äußeren und inneren Menschen zu jeder Zeit und an jedem Orte verlangen, vor Allem die Keuschheit, jene kostbarste Zierde der christlichen Seele, jene herrlichste Blüte in der Krone priesterlicher Tugenden, sie, welche uns noch im Fleische den Engeln ähnlich macht und uns schon hienieden einen Vorgeschmack von der himmlischen Reinigkeit gibt. Sie bildete die Wonne seines Herzens und schien aus seinem ganzen Wesen hervorzuleuchten.

Nach dem Zeugnisse der heiligen Chantal strömte sein Antlitz, sein Blick, seine Haltung, Alles was er tat und sagte den Wohlgeruch der Keuschheit aus und trug gleichsam das Gepräge und Siegel der Unschuld und Züchtigkeit. Überzeugt, dass es sich mit der Keuschheit verhält wie mit einem hellen Spiegel, welchen der geringste Hauch schon trübt, wie mit einer zarten Blume, die bei der leisesten Berührung schon verwelkt, wie mit einem schönen Kristall, der bei dem geringsten Stoße in Stücke zerbrechen kann, wachte er sorgfältig über sein Herz und seine Sinne, um jede Gelegenheit zum Bösen fern zu halten und sich vollkommen rein zu bewahren. Nie betrachtete er jemanden, um zu sehen, ob er schön oder hässlich sei, er sah ohne zu betrachten, wie er sich ausdrückt; nie empfing er Frauen anderswo als in einem offenen Zimmer und im Beisein eines seiner Geistlichen, und auch dann sprach er zu ihnen nur mit mildem Ernste. Nie bemerkte jemand, selbst von denen nicht, welche in vertrautem Verkehre mit ihm standen, etwas an ihm, was auch nur den geringsten Schatten auf seine Tugend hätte werfen können. Sein Inneres war noch vollkommener als sein Äußeres, so dass er der heiligen Chantal unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauen konnte, dass der Himmel ihm die Gnade verliehen, die Blüte der Jungfräulichkeit in ihrer ganzen Reinheit zu bewahren. Darum genoss er denn auch sein ganzes Leben hindurch allgemein den Ruf eines keuschen, unschuldigen und jungfräulichen Menschen, ein Ruf, der nie auch nur durch den leisesten Schatten von Verdacht verdunkelt wurde. Selbst seine Feinde, die ihm so oft in anderen Dingen so manches Böse nachsagten, mussten schweigen, was diesen Punkt anbetraf.

Seine Keuschheit fand eine schützende Wehr in seiner eingezogenen und wohlanständigen äußeren Haltung. Den Kopf trug er immer gerade, das leichtfertige Hin- und Herwenden sowohl wie auch das nachlässige Hängenlassen und das hochmütige und stolze Zurückwerfen desselben vermeidend. Sein Antlitz war stets ruhig, frei von aller Verlegenheit und allem Gezwungenen, immer trug es ein herzgewinnendes Gepräge von Güte, Sanftmut und Milde, immer war es fröhlich, heiter und offen, aber nie gewahrte man an ihm eine ausgelassene Munterkeit, lautes und unmäßiges Lachen. Sein Blick war stets sanft und ehrerbietig, bescheiden und zurückhaltend, frei von eitler Neugierde, welche Geist und Herz zerstreut; sein Gang weder zu langsam noch zu rasch, weder leichtfertig noch auch gesetzter als notwendig, immer der Heiligkeit seines Standes entsprechend. Alles an ihm war edel, einfach, natürlich und heilig.

Auch in der Sprache, wie wir schon oft gesehen, zeigte sich diese edle Bescheidenheit und Zurückhaltung. Lieber hörte er anderen zu, als dass er selbst sprach, aber doch sprach er immer zur rechten Zeit, und dann weder zu viel, so dass Andere auch mitsprechen konnten, noch zu wenig, um sie nicht allein die ganze Last der Unterhaltung tragen zu lassen und eine sie verletzende Gleichgültigkeit an den Tag zu legen. Nie unterbrach er Jemanden, noch antwortete er zu schnell auf eine Frage. Wurde etwas in seiner Gegenwart erörtert, so beeilte er sich nie, seine Meinung zu sagen, als habe er sich für gelehrter und weiser als die Übrigen gehalten; er ließ Alle ruhig ausreden und wartete geduldig, bis die Reihe an ihn kam. Dann sagte er milde und zurückhaltend, ruhig und bescheiden, was er über den betreffenden Gegenstand dachte. Handelte es sich über zweifelhafte Dinge, so äußerte er sich auch demgemäß darüber, nicht in einem entscheidenden, keinen Widerspruch duldenden Tone. War man dann noch nicht zufrieden und wollte weiter disputieren, so blieb er nicht auf seiner Ansicht bestehen, indem er wie Jener, von dem der heilige Gregor von Nazianz redet, es vorzog, sanftmütig nachzugeben, als durch hartnäckige Fortsetzung des Streites den Sieg davon zu tragen.

Wie seine Rede so war auch seine Kleidung einfach und bescheiden. Reinlichkeit und Ordnung als eine Tugend, das Gegenteil als einen groben Fehler betrachtend, duldete er nicht, dass seine Kleider schmutzig, voll Flecken oder zerrissen waren. Auf der anderen Seite die Üppigkeit und Weltlichkeit für einen noch größeren Fehler haltend, wollte er in seiner Kleidung nichts Kostbares oder Auffallendes, nichts Gesuchtes oder was nur im entferntesten den Schein des Weltlichen und der Mode der Zeit trug; Alles war einfach und gewöhnlich. Es herrschte darin die Armut, welche erbaut, verbunden mit einer Reinlichkeit und Wohlanständigkeit, welche den Mann der Ordnung und von guter Erziehung, den Christen bekunden, dessen wohlgeordnetes Innere sich in seinem ganzen Äußeren spiegelt.

Und wohlgeordnet konnte in der Tat sein Inneres genannt werden, da Verstand und Wille ihm nach und nach so untertan geworden, er sie so in seiner Gewalt hatte, dass er auch die leisesten Regungen derselben beherrschte.

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Dreizehntes Kapitel.

Seine Demut.

(Nach der h. Chantal, art. 30.)

Die Demut ist nach der Lehre des heiligen Franz von Sales nichts anderes, als der Mut der Wahrheit, die man auf sich selbst in ihrer ganzen Strenge und all' ihren Folgerungen anwendet (Geist des h. Franz v. Sales, VI, 11; X, 17.). Was ist in der Tat die Wahrheit hinsichtlich des Menschen? Dass wir durch uns selbst nichts sind, da unser ganzes Sein und alle unsere Fähigkeiten von Gott kommen, der sie uns jeden Augenblick wieder entziehen kann; eine kleine Unordnung im Gehirne kann bewirken, dass der größte Geist seine intellektuelle Kraft, der Gelehrteste all' sein Wissen und selbst den Verstand verliert; die erste Versuchung ist im Stande, unsere Tugend über den Haufen zu werfen, der geringste Unfall vermag unsere Schönheit zu vernichten. Aus uns selbst besitzen wir nichts Schätzenswertes, da die Sünde das Einzige in uns ist, was von uns kommt und uns angehört. Alles Andere kommt von Gott und gehört Gott an. Aus uns selbst sind wir zu nichts Gutem fähig, nicht einmal im Stande, einen guten Gedanken zu fassen, wie der heilige Paulus lehrt. „Das Böse, das ich tue, ist wahrhaft böse und wahrhaft mein, sagt der Diener Gottes, und das Gute, welches ich tue, ist weder ganz gut noch ganz mein (Annee de la visitation, 1. avril.).“

Aus diesen unbestreitbaren Wahrheiten zog Franz die strenge Folgerung: 1) Dass wir nicht uns selbst schätzen und achten, sondern im Gegenteil sehr gering und niedrig von uns denken sollen, alle Hochschätzung und Liebe Gort allein, der einzigen Quelle des Guten, zuwendend; 2) dass wir Achtung und Lob nicht suchen sollen, da es Dinge sind, die Gott allein angehören; sie für uns wollen, würde heißen, die Ungerechtigkeit und Lüge wollen; 3) dass wir die Niedrigkeit, Demütigungen und Verachtung lieben sollen, weil das die dem Nichts und der Sünde gebührende Stelle ist und wir hierin dem Beispiele Jesu Christi folgen müssen. Das hat dann den Tod des Stolzes, die Vernichtung der Eigenliebe, des Ehrgeizes, der Einbildung und Empfindlichkeit zur Folge, Dinge, welche so viel Unheil in der Welt anrichten. Und daraus folgerte er dann wieder, wie durchaus notwendig die Demut zum Heile sei. „Derjenige, sagte er (La Riviere, p. 570.), welcher Tugenden ohne Demut sammelt, ist mit Jenem zu vergleichen, der in seinen Händen Staub gegen den Wind trägt . . . Die moralische Demut bleibt bei der Erkenntnis ihres Elendes und ihrer Armut stehen; die christliche Demut geht aber so weit, dass sie diesen armen und elenden Zustand liebt, dass es ihr Befriedigung gewährt, nichts zu sein und für nichts geachtet zu werden, aus Liebe zur Wahrheit und den Demütigungen des fleischgewordenen Wortes. Die äußeren Akte der Demut sind noch nicht die Demut; aber doch sind sie ihr von großem Nutzen, sie sind die Rinde der Tugend, sie bewahren die Frucht derselben (Brief 84.)." Diese Lehre des heiligen Franz von Sales ist nichts anderes als die Geschichte seines Lebens.

Erfüllt von so demütigen Gesinnungen, die unserer armen Menschheit so wohl anstehen, ließ er sich von der Eigenliebe nicht verführen. Weder der hohe Adel seines Hauses, noch seine seltenen Vorzüge, weder die natürlichen und übernatürlichen Gaben, welche ihm Gott verliehen hatte, noch die bischöfliche Würde, verbunden mit so großer Gelehrsamkeit und so vielem Wissen, noch die allgemeine Achtung und Verehrung, deren Gegenstand er war, konnten sein Herz zum Hochmute verleiten oder seiner Bescheidenheit irgendwie Eintrag tun. „Man nennt mich, sprach er eines Tages, als er von einem Ordensmanne einen Brief erhalten hatte, der seines Lobes voll war (Nach der h. Chantal, art. 30, p. 93.), eine Blume und ein wahres Wunder von einem Manne; aber in Wahrheit bin ich nur ein armseliger Mensch, noch weniger als Nichts, die Blüte des menschlichen Elends, und es tut mir leid, dass der gute Pater seinem Geiste keine bessere Beschäftigung gibt. Man rühmt das Gute, welches meine Predigten und Schriften bewirken; aber ach! ich bin wie ein Vorschneider, der anderen austeilt und nichts für sich nimmt, wie eine Laute, die ihre eigenen Töne nicht hört, wie eine Leiter, welche Andere da hinaufsteigen lässt, wohin sie selbst nicht gelangt, wie die Schilder, welche den Vorübergehenden zum Eintreten einladen, um sich gütlich zu tun, während sie selbst in Kälte und im Regen die Nacht draußen zubringen. Und dann, fügte er, auf seine Aussprache anspielend, hinzu, habe ich auf der Kanzel Mühe, die Worte zu finden, bin schwerfälliger wie ein Klotz, schwitze viel und komme doch nur schlecht voran, schleppe mich dahin wie eine Schildkröte (Quel est le meilleur gouvernement? par Binet, p. 189 et suiv. )."

Darum gebot er auch den Schmeichlern, die ihm Weihrauch streuen wollten, Schweigen. „Meine Herren, sprach er zu ihnen, Franz von Sales ist ein armer Mensch, der sich besser kennt, als Sie ihn kennen; Gott weiß, was ich bin." Und als man ihm eines Tages erzählte, dass ein gewisser Bischof nicht aufhöre, Gutes von ihm zu reden, bemerkte er: „Der gute Herr würde mir eine große Freude machen, wenn er mich ließe wie ich bin; ich kenne mich, mein Gewissen und mein Beichtvater sind zwei unverwerfliche Zeugen meines Elendes." Einmal hatte Frau von Chantal selbst ihm einige Worte der Hochachtung geschrieben. Am anderen Tage antwortete er ihr: „Als ich gestern Ihren Brief gelesen, ging ich zwei Mal auf und ab und meine Augen füllten sich mit Tränen, da ich sah, was ich bin und wofür man mich hält. Ich bin nichts als Eitelkeit. Nein, ich schätze mich nicht so hoch, als Sie es tun. Diese Hochschätzung gewährt Ihnen große Befriedigung; es ist das ein Abgott, meine Tochter. Ich möchte, dass Sie mich recht kennten; Sie würden dessen ungeachtet ein entschiedenes Vertrauen zu mir bewahren, aber Sie würden auch keine besondere Achtung mehr vor mir haben. Sie würden sagen: Sieh da ein Rohr, aus das ich mich stützen soll; ich bin gewiss, dass Gott es will; aber das Rohr taugt dennoch nichts." Seine Demut zeigte sich noch mehr dem Bischof von Belley gegenüber, als dieser eines Tages in einer Predigt, die er in seiner Gegenwart in Annecy hielt, jene Anspielung wiederholte, welche ehedem der Bischof von Saluzzo auf seinen Namen von Sales gemacht hatte. „Sales, Du bist das Salz, welches diesem ganzen Volke seine Würze verleiht, gemäß dem Worte des Heilandes an seine Apostel: „Ihr seid das Salz der Erde." Franz fühlte sich durch dies Lob so sehr verletzt, dass er zu Hause den Prediger strenge darüber zurechtwies. „Es ging so gut mit Ihnen, sprach er zu ihm, Sie verfolgten Ihren Weg so gerade! was hat Sie denn zu diesem Fehltritte verleiten können? Sie haben Alles verdorben, und dies eine Wort reicht hin, um Ihrer Predigt jede Wirkung zu benehmen. Wissen Sie nicht, dass man die Menschen erst nach ihrem Tode loben soll? Ja, ein schönes Salz bin ich fürwahr, ein fades und verdorbenes Salz, das nur dazu gut ist, weggeworfen und mit Füßen getreten zu werden. In der Tat, wenn Sie das gesagt haben, um mich zu beschämen, so haben Sie das rechte Mittel getroffen. Schonen Sie wenigstens Ihrer Freunde (Geist des h. Franz v. Sales, II, 12.)!"

„Mein Vater, sprach eines Tages der Bischof von Belley zu ihm, als von jener Reise im Jahre 1610 Rede war, auf der er mit so großer Kühnheit Genf passiert hatte, wenn die Genfer Sie totgeschlagen hätten, so würde Ihr schlimmstes Unglück Ihr größtes Glück geworden sein; aus einem Bekenner hätten sie dann einen Märtyrer gemacht." -- „Und wissen Sie denn, versetzte Franz, ob Gott mir die notwendige Standhaftigkeit verliehen haben würde, um diese Krone zu erwerben?" -- „Sicher, mein Vater, würden Sie lieber tausend Mal den Tod erleiden, als den Glauben verleugnen?" -- „Ich weiß recht wohl, was ich hätte tun müssen; aber würde ich es auch getan haben? Der heilige Petrus war ebenso fest entschlossen wie ich, aber Sie wissen, was geschah. Glückselig Derjenige, welcher seiner eigenen Schwäche misstraut und nur auf Gott vertraut; wir können Alles, wenn er uns stärkt, ohne ihn vermögen wir nichts (Ebendas., I, 14.)."

Noch mehr zeigte sich die demütige Gesinnung des heiligen Franz, wenn er die außerordentliche Achtung sah, die Jedermann ihm zollte. Einmal widmete ihm ein Schriftsteller seine Gedichte. „Ich glaubte nicht, antwortete er ihm in einem Briefe (Brief 745.), dass Sie wüssten, ich sei auf der Welt, auf der ich mich als etwas so ganz Geringes, zurückgezogen in diesen Winkel unserer Berge, für unsichtbar halte; aber da die großen Lichter die Stäublein entdecken, so begreife ich, dass Sie mich haben sehen können." – „Sehen Sie, sagte er ein anderes Mal, als ihm große Lobeserhebungen zuteil geworden, diese Leute werden es durch ihr Lob und ihre hohe Meinung von mir dahin bringen, dass ich am Ende recht bittere Früchte von ihrer Freundschaft ernte. Nach meinem Tode wird man nicht für meine Seele beten, da man sich einbilden wird, sie sei gerades Weges in den Himmel eingegangen, und das wird dann die Schuld sein, dass ich noch lange im Fegefeuer leiden muss. Da sehen Sie, was mir dieser Ruf einbringen wird (Geist des heiligen Franz v. Sales, II, 13; XIV, 29.).“ Der heilige Bischof fürchtete zuweilen eine noch schrecklichere Strafe, als das Fegefeuer; mit Zittern erfüllte ihn der Gedanke, dass das Urteil ewiger Verwerfung vor dem göttlichen Richter über ihn ergehen möchte, und er, der sein ganzes Leben auf eine so edle und würdige Weise angewandt hatte, schrieb an die heilige Chantal: „Ach, wenn ich bedenke, wie ich alle Augenblicke meines Daseins auf dieser Welt angewendet habe, so fürchte ich sehr, ob Gott mir eine glückselige Ewigkeit schenken wird, da er sie nur jenen geben will, welche einen guten Gebrauch von der Zeit gemacht haben (Brief 854.). Ich zittere, wenn ich der Bürde gedenke, die auf meinen Schultern lastet, und ich kann mich nicht genug verwundern, dass Gott sie mir auferlegt hat, da es doch überall so Viele gibt, die dieser Ehre würdiger sind, als ich (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 5.)."

Sein ganzer Wandel stimmte mit solchen Gesinnungen überein. „Ich habe es oft gesehen, erzählt Camus, wie er sich Jedem, den er empfing, selbst dem Geringsten gegenüber, wie ein Untergebener vor seinem Vorgesetzten benahm, mit der demütigsten Bereitwilligkeit ihn anhörend, welche Zeit er dadurch auch immer verlor, wie ungelegen er auch kommen mochte." – „Sich den Vorgesetzten unterwerfen, sagte er, ist eher ein Akt der Gerechtigkeit als Demut; sich seines Gleichen unterwerfen ist Freundschaft, Höflichkeit oder Anstand; aber sich seinen Untergebenen unterordnen, das ist die eigenste Tat der Demut, welche uns sagt, dass wir, da wir Nichts sind, uns für die Geringsten von Allen halten sollen." Aus diesem Grunde schienen alle Briefe, welche er an seine Priester schrieb, eher von einem Gleichgestellten und Bruder, als von einem Oberen zu kommen. „Nie verstand ich es zu machen, sagt er, wie Manche, welche, sobald sie zu einer Würde erhoben sind, auch geehrt sein wollen und es in ihren Briefen verschmähen, untenhin „Ihr gehorsamster Diener" zu setzen, wofern sie nicht an Personen gerichtet sind, die weit über ihnen stehen. Ich verstehe es nicht sehr, einen Unterschied zwischen den Leuten zu machen; Alle tragen das Bild des Schöpfers und Allen gegenüber unterzeichne ich mich „Ihr gehorsamster Diener", außer wenn ich an Peter oder Franz, meine Lakaien, schreibe, weil sie glauben könnten, ich wollte mich über sie lustig machen, wenn ich diesen Ausdruck gebrauchte (Nach Biard und Deshayes. – La Riviere, p. 424.) ."

Ein Ordensmann bat ihn eines Tages in einer großen Bedrängnis, in die er geraten war, um seinen Rat. „Guter Gott, schrieb er ihm, wie kommen Sie dazu, mein Vater! Sollte ich, der ich noch nicht angefangen habe, ein guter Geistlicher zu sein, heilige Ordens-Leute unterweisen können (Nach Rendu)?" Er war der Ansicht, dass er nichts Anderes verdiene, als von den Menschen vergessen und verachtet zu werden. Sein größter Wunsch wäre es gewesen, seine Tage an einem der ganzen Welt unbekannten Orte zu beschließen, um auf immer vergessen zu werden (Nach dem Abbe de Mouxi). Und in seinem Testamente verlangte er, wenn er in Annecy sterben würde, mitten in der Kirche von der Heimsuchung begraben zu werden, damit die Füße aller Vorübergehenden über ihn dahinschritten, und untersagte zugleich jegliches Gepränge (Prunk) bei seinem Begräbnisse. „Mein ganzes Leben lang, sagte er einst, habe ich immer die niedrigste Stelle verlangt; und ich fürchtete so sehr, Bischof zu werden, weil man mir dann mit Hochachtung begegnen würde, dass es für mein Herz eine Qual war, wenn ich mich in einer Gesellschaft befand, in der kein Prälat anwesend war, dem ich mich hätte unterordnen können. Wäre es nicht aus Ehrfurcht vor dem göttlichen Willen, so hätte ich es vorgezogen, als einfacher Geistlicher das Weihwasser auszuteilen, um besser für das Seelenheil des armen Volkes arbeiten zu können, als Stab und Bischofsmütze zu tragen (De Cambis, I, 114.)."

Aus Demut duldete er nicht, dass seine Bedienten, wenn er aufging, die Vorübergehenden ihm Platz machen hießen. „Sie sind Menschen, wie wir", sagte er, und er begnügte sich mit dem weniger bequemen Wege (Dom Jean de Saint-Francois, p. 423. – La Riviere, p. 427.). Begegnete er Armen, so grüßte er sie freundlich und liebevoll und oft fand er Freude daran, sich mit ihnen zu unterhalten. Erwies man ihm einen Dienst, mochte er auch noch so geringfügig sein, so dankte er mit einer Herzlichkeit, dass man sah, er sei überzeugt, dass man ihm nichts der Art schulde. Kurz, überall und in Allem erkannte man, wie gering er von sich selbst dachte. Er betrachtete sich immer als den letzten von Allen; gerne überließ er anderen die am meisten in die Augen fallenden Amtsverrichtungen und wählte für sich die unscheinbarsten. So unterrichtete er die Kinder in der christlichen Religion, führte sie in Prozession durch die Stadt, hörte er die Dienstmägde und armen Frauen Beichte, besuchte die Armen und Kranken, lieh den Klagen der Landleute ein williges Ohr, tröstete sie und schlichtete ihre Streitigkeiten, stand oft sogar Pate bei den Kindern der Arbeiter und Handwerker.

Doch beschlich den so demütigen Mann bisweilen eine Versuchung zur Eitelkeit. Als er einst vernahm, wie ein anderer Bischof gelobt und als ein unvergleichlicher Prediger gerühmt wurde, stieg ein Gefühl der Eifersucht in ihm auf; aber kaum gewahrte er das, so fasste er diese Empfindung, wie er selbst sich ausdrückte, wie eine scheußliche Kröte und riss ihr den Kopf ab; dann empfahl er den guten Bischof dem himmlischen Vater mit den demütigen Worten: „Herr, segne ihn tausend Mal und mache ihn von Tag zu Tag fähiger, Deine Gnaden zu empfangen." Darauf erniedrigte er sich tief vor Gott und, seine Armseligkeit bekennend, versprach er ihm: sich sein ganzes Leben als ein reines Nichts zu betrachten, und bat ihn um die Gnade, dass er doch nie in solche Gedanken einwillige. Eine andere Versuchung zur Eitelkeit erzählt er in einem Briefe an die heilige Chantal. „Neulich, schreibt er (Brief 141.), kam mir unvermutet eine Versuchung, nicht zwar zu wünschen, ich möchte nicht Geistlicher sein, das wäre zu grob gewesen, sondern weil ich kurz vorher in einem Gespräche mit vertrauten Personen geäußert hatte, dass ich, wenn ich noch frei und der Erbe eines Herzogtums wäre, nichtsdestoweniger den geistlichen Stand wählen würde; dadurch entstand in der Seele ein Kampf, ob Ja oder Nein, der einige Zeit dauerte. Ich sah es, so schien es mir, da unten, tief im unteren Teile der Seele, dies Gefühl der Selbstliebe, das sich aufblähte wie eine Kröte. Ich machte mich lustig darüber und wollte nicht einmal untersuchen, ob ich daran denke; es zerstob denn auch in Rauch und ich sah es nicht mehr.“ -- „O Herr, sagt er anderswo (Brief 642. – Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 25.), rette uns! Gebiete diesen Kindern der Eitelkeit und es wird eine große Stille herrschen. Befinde ich mich am Fuße des Kreuzes, o Gott! so ist Frieden in meiner Seele; kaum entferne ich mich einen Schritt weit von ihm, da erhebt sich der Wind aufs Neue.“

Nicht allein war der demütige Bischof über Ehrenbezeugungen und Lob erhaben, sondern er verstand es auch, was noch weit schwerer war, mit vollkommener Ruhe die Wut böser Zungen gegen ihn zu ertragen. Wurde ihm eine boshafte Rede gegen seine Person hinterbracht, so bemerkte er: „Sagen die Leute nur das? Wahrhaftig, sie wissen dann noch nicht Alles. Sie schmeicheln mir noch, sie schonen mich. Ich sehe wohl, dass sie mich eher bemitleiden, als beneiden, und dass sie mich für besser halten, als ich bin. Nun denn, Gott sei gelobt, man muss sich bessern. Habe ich keinen Tadel dafür verdient, so verdiene ich ihn für etwas Anderes." -- „Aber, entgegnete man ihm, muss man denn nicht schon sehr boshaft fein, um solche falsche Beschuldigungen gegen Sie auszustreuen?" – „Es ist dies, erwiderte er, eine Warnung, die man mir zukommen lässt, damit ich auf meiner Hut sei, sie wahr zu machen; man tut mir einen Gefallen, indem man mich auf diese oder jene Klippe aufmerksam macht." Sah er, dass man sich heftig gegen die Verleumder äußerte, dann sprach er: „Ei, habe ich Ihnen denn Vollmacht gegeben, sich anstatt meiner zu erzürnen? Lasset sie doch reden; es ist ein Kreuz von Worten, die der Wind hinwegweht (C'est une croix de paroles que le vent emporte.); man muss sehr empfindlich sein, um das Summen einer Mücke nicht ertragen zu können. Wer hat Euch gesagt, dass ich untadelhaft sei? Sie sehen vielleicht besser meine Fehler als ich selbst und Jene, die mich lieben. Die uns missliebige Wahrheit halten wir oft für eine Verleumdung. Nach all' dem, welches Unrecht fügen Jene uns zu, die eine schlechte Meinung von uns haben? Es sind keine Gegner, sondern Helfer, die sich mit uns verbinden, um die Eigenliebe, unseren größten Feind, zu zerstören. Weshalb uns also gegen sie erzürnen (Geist des heil. Franz v. Sales, XII, 4.)?" ....

Sein alter Erzieher, Herr Deage, wies ihn aus allzu großem Eifer für seine Vollkommenheit und weil er den alten hofmeisterlichen Ton nie ganz ablegen konnte, bei jeder Gelegenheit zurecht. Machte der Bischof irgend eine heitere Bemerkung, um das Gespräch zu beleben, so hielt ihm Herr Deage auf der Stelle vor, dass alle Worte eines Bischofs würdevoll und ernst sein müssen. Predigte er, so fand er an der Predigt immer etwas auszusetzen. Empfing er seine Besuche mit Herzlichkeit, so zitierte er ihm gleich das Sprichwort, dass die Vertraulichkeit die zu einer Würde Erhobenen verächtlich machen (Ebendas., XI, 18.). Zu anderen Malen erzürnte er sich darüber, dass Franz sich nicht erzürnte; es beleidigte ihn, dass der Mann Gottes die Beleidigungen verzieh; er warf ihm unaufhörlich vor, dass er zu gut sei, dass seine Güte Alles verderbe; und der demütige Bischof ließ es sich freundlich gefallen, fortwährend wie ein Kind zurechtgewiesen zu werden (Geist des h. Franz v. Sales, I, 29; VI, 18.). In seinem Eifer für die Ehre seines ehemaligen Zöglings konnte Herr Deage es nicht ertragen, dass man das geringste Böse ihm nachsagte; er geriet dann in eine heftige Aufregung. „Warum denn, sprach da Franz einmal, so feinfühlend in Betreff meiner Ehre? Bin ich denn vollkommen? Bin ich heilig? Und selbst wenn ich es wäre, hatten denn die Heiligen nichts von bösen Zungen zu leiden? Was hat man nicht Alles dem Heilande nachgesagt, der doch die Vollkommenheit selbst war? Hat nicht der heilige Paulus den heiligen Petrus zurecht-gewiesen, und wurde er selbst nicht ein Tor genannt, weil er zu gelehrt war (Ebendas., I, 28.)?"

Eines Tages kam jemand zu ihm und sagte ihm gerade heraus, dass er eine große Abneigung und Verachtung gegen ihn hege. „Und ich, erwiderte Franz, ohne nach dem Grunde dieser Abneigung zu fragen, ich liebe Sie darum um so mehr." -- „Wie so das?" fragte der Andere ganz erstaunt. -- „Weil Sie, um mir das zu sagen, eine große Aufrichtigkeit und Offenheit besitzen müssen; und ich schätze diese Eigenschaft sehr hoch." -- „Aber, was ich Ihnen da sage, ist nicht ein Gefühl, das der Vergangenheit angehört, ich habe es noch in diesem Augenblicke gegen Sie." -- „Und ich, versetzte Franz, habe noch in diesem Augenblicke jene Liebe zu ihnen, und ich hoffe, dass ich sie mit Gottes Gnade immer zu Ihnen haben werde." -- „Die Ursache meines Zornes, sprach der Andere, ist die, dass Sie in einem sehr wichtigen Prozesse meinen Gegner durch Ihre Empfehlung unterstützt haben." -- „Das ist wahr, sagte Franz, und ich habe es getan, weil ich fand, dass das Recht auf seiner Seite war." -- „Nun, das verarge ich Ihnen; Sie sollten sich als einen gemeinsamen Vater zeigen und nicht als Parteimann; es steht Ihnen nicht an, den Einen eher zu begünstigen als einen Anderen." -- „Ein gemeinsamer Vater, entgegnete der Bischof, untersucht in den Streitigkeiten seiner Kinder, wer Recht oder Unrecht hat, und das erlassene Urteil beweist Ihnen, dass Ihr Gegner Recht hatte." -- „Man hat mir Unrecht getan", rief da der Andere. -- „Ich versichere Ihnen, sprach Franz, dass, wäre ich einer Ihrer Richter gewesen, ich selbst Sie verurteilt haben würde." -- „Das ist das rechte Mittel, um meine Abneigung gegen Sie zu überwinden!" -- „So lange die Leidenschaft Sie beherrschen wird, bemerkte Franz, werden Sie in dieser Angelegenheit nicht klar sehen können und sich beklagen; wenn aber mit der Zeit Ihr Geist ruhiger geworden sein wird, dann werden Sie Gott und Ihren Richtern danken, dass sie Ihnen ein Gut entrissen haben, welches Sie mit gutem Gewissen nicht besitzen konnten, und dann wird Ihre Abneigung gegen sie und mich schwinden." -- „So sei es! Aber ich möchte doch wissen, ob Ihnen das von Herzen kommt, was Sie mir da gesagt haben, dass Sie mich um so mehr liebten." -- „Ja, antwortete Franz, denn ich habe es gerne, dass man frei heraussagt, was man auf dem Herzen hat. Wer offen seine Wunde zeigt, erleichtert ihre Heilung. Welche Abneigung Sie nun in diesem Augenblicke auch gegen mich hegen mögen, in der Tiefe Ihres Herzens wohnt doch ein Sachwalter, der im Geheimen für mich spricht, und er wird mich meinen Prozess mit Ihrer Freundschaft gewinnen lassen, sobald das Feuer der Leidenschaft erloschen sein wird." -- „Wie man sich doch täuschen kann! fing der Andere aufs Neue an; es gab eine Zeit, wo ich Sie für einen Heiligen hielt." -- „Sie waren da sehr im Irrtum, erwiderte der demütige Bischof, ich bin weit entfernt, ein Heiliger zu sein. Unter meinen Freunden gibt es einige, die eine Binde über den Augen haben und mich für das halten, was sie wünschen, dass ich sei. Sie aber denken richtiger von mir, und ich liebe Sie um so mehr, erstens weil Sie meiner Meinung sind und sodann, weil die Vorstellung, die Sie von mir haben, mir weit nützlicher ist. Jene, die mir Beifall spenden, setzen mich der Gefahr aus, mich durch Eigendünkel ins Verderben zu stürzen; Jene aber, welche mich verachten, tun das, was ich tun soll; sie machen mich demütig, indem sie mich gering von mir selbst denken lassen, und bringen mich so auf den Weg des Heiles (Geist des h. Franz v. Sales, VII, 19.)."

Noch viele andere Male musste er ungerechten Tadel erfahren, wie wir früher schon gesehen haben, und er setzte ihm stets nur Sanftmut oder Stillschweigen entgegen. „Lasset dem Zorne freien Durchgang, sprach er mit dem Apostel; die Kanonenkugeln verlieren ihre Kraft in der Wolle und schaden den harten Körpern, welche Widerstand leisten (Ebendas., XII, 7.). Was ist übrigens Alles was die Menschen gegen uns sagen können, im Vergleiche zu dem was man gegen den Heiland, sterbend am Kreuze zwischen zwei Räubern und mit Schmach überhäuft, gesagt hat? Wer würde angesichts eines so erhabenen Beispiels sich nicht schämen, sich zu beklagen oder gar noch Gefühle der Rache zu hegend (Ebendas., XII, 7.)?" -- „Sicherlich, sagt er anderswo (Philothea, III. 7.), darf man seinen Ruf nicht in Gefahr bringen, weil er gleichsam das Schild ist, welches anzeigt, wo die Tugend wohnt, und seine Abwesenheit dem Guten, welches wir tun könnten, schaden würde; aber ebensowenig darf man sich auch beunruhigen über die Angriffe und Stöße, welche verleumderische Zungen gegen ihn führen, weil er in der Güte wurzelt, welche, so lange sie in uns ist, die ihr gebührende Ehre immer wieder hervorbringen kann." -- „Wie sollen wir uns dann aber, wurde er eines Tages gefragt, ungerechten Tadlern und Verleumdern gegenüber verhalten?" – „Erstlich, erwiderte er, kann man ihnen der Wahrheit gemäß antworten, vorausgesetzt, dass es auf eine sanfte, ruhige Art geschieht, ohne Bitterkeit und Aufregung. Als man Jesus Christus vorwarf, dass er vom Teufel besessen sei, antwortete er einfach: „Ich bin nicht vom Teufel besessen.“ Fährt man nach all' dem fort, uns fälschlich anzuklagen, so müssen wir schweigen. Schweigen ist das Wasser, welches die Verleumdung erstickt; die Gegenrede ist das Öl, von dem sie sich nährt, in welchem sie erstarkt; oder, wie Tacitus sagt: „Wer sie verachtet, wirft sie zu Boden; wer sich über sie erzürnt, gibt ihr den Schein der Wahrheit:

Spreta exolescunt; si irascare, agnita videntur.
Indem sie
(die Verleumdungen) verachtet werden, vergehen sie; wenn du (aber) zornig wirst, erscheinen sie als zugegeben (wahr).
(Annal. IV, 34.)

Man muss die Haut des Herzens stählen gegen die Kreuze, welche nur Worte sind oder ein Schall, von dem man sagen kann: Der Wind trägt ihn fort (Geist des h. Franz v. Sales, XVIII, 30.). Wer zu ängstlich fragt: „Was wird man davon sagen?“ wird nie den Frieden des Herzens erlangen."

Verstöße gegen die ihm schuldige Achtung berührten ihn ebensowenig, als tadelsüchtige Reden. „Wollte Gott, sagte er, dass ich ebenso gleichgültig gegen alles Andere wäre, als gegen Verachtung (La Riviere, p. 468.)!“ Der Geheimsekretär eines Fürsten schrieb ihm eines Tages in einer wenig geziemenden und achtungsvollen Weise. Franz erwiderte diesen Verstoß gegen die Achtung durch eine Antwort voll Demut und Höflichkeit; und als Einer der Seinigen ihm bemerkte, er würde besser tun, in einem anderen Tone mit diesem Grobian zu reden, entgegnete er freundlich: „Nein, er ist ein feiner Kopf; er wird sich hieraus die Lehre ziehen, künftig anders zu schreiben."

In seiner Demut wünschte der heilige Bischof sogar, in den Augen der Welt nicht bloß gering, sondern selbst verächtlich und gemein zu erscheinen. „Ich dachte mir oft, sagte er einst zu einem Freunde, wenn ich doch auf einem Schafotte sterben könnte oder lebendig verbrannt würde in Folge eines ungerechten Todesurteils gegen mich, und ich freute mich dann, mit dem Leben auch die Ehre zu verlieren, um dem lieben Gott zu gefallen, wenn er es zulassen wollte." Es war sogar Grundsatz bei ihm, dass, wenn die Welt an uns nichts auszusetzen findet, wir keine getreuen Diener Christi sind. „Selig sind die Demütigen, sagt er, denn sie werden sicher zum Hafen gelangen; das ist die Seligpreisung, welche mir am besten gefällt und ich wünschte, dass am Jüngsten Tage meine Gerechtigkeit, wenn sich eine solche überhaupt in mir vorfindet, vor der ganzen Welt verborgen und Gott allein bekannt wäre."

Darum hörte man von ihm nie ein Wort zu seinen Gunsten; nie gab er sich den Vorzug vor irgend jemand. Er besaß im Gegenteil eine wunderbare Geschicklichkeit, das Gute oder Achtungswürdige an ihm zu verbergen, damit Gott allein um seine Verdienste wisse. Nie würde er sich im Geringsten irgend eine Handlung oder ein Wort erlaubt haben in der Absicht, tugendhaft zu erscheinen. „Alles was er tat, sagt die heilige Chantal, geschah, um seine Pflicht zu erfüllen, ohne ein anderes Ziel als die Erfüllung des Willens Gottes zu haben."

Und den ins Auge fallenden Tugendübungen, welche, wie er schön sagt, um das Haupt des Kreuzes gewunden sind, so dass man sie sehen und bewundern kann, zog er jene vor, welche am Fuße des Kreuzes sprossen und dem Auge der Menschen verborgen sind, wie die Demut, Sanftmut, das liebevolle Ertragen des Nächsten, die Nachgiebigkeit gegen die Neigungen Anderer, die Bescheidenheit und Einfalt. „Diese, sagte er, sind die wohlriechendsten, und am reichlichsten vom Blute des Erlösers benetzt; sie töten ab und heiligen das Herz besser als Bußgürtel, Geißel und andere äußere Abtötungen, derentwegen man für ein Heiliger gehalten wird (Geist des h. Franz v. Sales, III, 21; VII, 21; XVIII, 25 u. 51; XI, 28.)."

Von diesem Grundsatze ausgehend, meinte er, dass man nie von sich selbst weder Gutes noch Böses sagen, sondern durch Stillschweigen sich in Vergessenheit zu bringen suchen solle (Ebendas., I, 13; II, 30; XVI, 35; X, 19; XIV, 29.); und sagte jemand viel Böses von sich selbst, so pflegte er ihn beim Worte zu nehmen und das Gesagte sogar noch zu übertreiben, um dieser versteckten Eigenliebe, die nur deswegen schlecht von sich redet, um gelobt zu werden, eine Zurechtweisung zu geben. Eine Ordensschwester, die zur Oberin erhoben worden, sprach ihm von ihrer Untauglichkeit für diese Stelle. „Sie haben ganz Recht, sagte er; Jene, welche Sie ernannt haben, kannten recht gut Ihre Unfähigkeit, Ihren unbedeutenden Verstand, Ihr schwaches Urteil, alle Ihre so zu Tage tretenden Fehler; aber Gott hat Ihre Erhöhung zugelassen, damit Sie genötigt seien, besser zu werden; daran müssen Sie mit Eifer arbeiten, aber auch mit Vertrauen auf die Macht der Gnade." So erging es auch dem Bischof von Belley; er äußerte einst gegen Franz die Bemerkung, dass er sich noch so weit von der Heiligkeit entfernt sehe, welche die bischöfliche Würde verlange. „Was Sie da sagen, versetzte letzterer, ist sehr wahr, und ich glaube es noch mehr wie Sie. Ich betrachte Sie wie Jemanden, der aus einem Schiffbruche gerettet wurde -- oder einem gewaltigen Brande entronnen ist, das Gesicht noch ganz von Rauch geschwärzt; aber trotzdem müssen Sie neuen Mut in Ihrem Streben nach Vollkommenheit fassen und auf Gott Ihr Vertrauen setzen, der gerne seine Macht über unserer Armseligkeit und seine Kraft über unserer Schwäche erhebt."

Ganz anders aber antwortete er, wenn man ihm solche Geständnisse machte, welche die Eigenliebe einen harten Kampf kosten und nur aus aufrichtiger Demut hervorgehen können. Dann war er entzückt und wünschte dem, der so zu ihm sprach, aufs wärmste Glück zu seinem Mute. Der Bischof von Belley erfuhr dies selbst. „Ja, sagte dieser einst zu seinem heiligen Freunde, Sie können sich nicht beklagen; Gedächtnis und Urteil finden sich selten in einem Menschen in hohem Grade vereinigt. Sie haben das Urteil und das ist der beste Teil; ich habe das Gedächtnis. Aber wie gerne würde ich Ihnen einen Teil meines Gedächtnisses abtreten für ein wenig von Ihrem Urteil! Denn dies mangelt mir sehr." Da fiel ihm Franz um den Hals und ihn küssend sprach er mit liebevollem Lächeln: „O, welch' eine Freude bereiten Sie mir! nie habe ich jemand anders gekannt, der mir wie Sie gesagt hat, dass er wenig Urteil besitze; Jene, welche dessen am meisten entbehren, glauben sich in der Regel am besten damit versehen. Man findet Leute genug, die sich über ihr schlechtes Gedächtnis beklagen oder über ihre Leidenschaften; aber niemand will gestehen, dass er wenig Urteil besitzt. Jeder weist diesen Vorwurf als eine grobe Beschimpfung zurück. Seien Sie deshalb außer Sorge, fuhr er fort; Ihr Urteil wird mit den Jahren zunehmen; es ist eine Frucht der Erfahrung und des Alters. Mit dem Gedächtnis ist es nicht so; je älter wir werden, um so mehr nimmt es ab. Darum erwarte ich nicht, dass das meinige sich bessere; aber wenn ich dessen nur genug habe, um an Gott zu denken, so bin ich zufrieden:
Memor fui Dei et delectatus sum.
(Geist des h. Franz v. Sales, I, 34.).
Ich habe an Gott gedacht und bin dazu auch noch erfreut.

Was der heilige Bischof seinem Freunde sagte, das übte er auch selbst; er hielt so wenig auf sein eigenes Urteil, dass er sich nie mit seiner Ansicht hervordrängte. Gerne hörte er auf den Rat Anderer und gab ihnen gerne und ohne Widerrede nach, es sei denn, dass es sich um Angelegenheiten seines Amtes, um die Ehre Gottes oder das Wohl des Nächsten handelte; dann beharrte er fest bei dem, was ihm das Rechte schien. „Ich mache mir eine Freude daraus, sagt er, von Jedermann zu lernen und von den Gaben, die Gott einem jeden verliehen hat, meinen Vorteil zu ziehen. Gerne, sehr gerne gehe ich von meiner Meinung ab, um anderen zu folgen, die aus vielfachen Gründen mehr wissen müssen als ich. Ich bin nicht so leidenschaftlich für mein eigenes Urteil eingenommen, dass ich denen, die meinen Ansichten nicht beipflichten, schlechten Dank wissen sollte. Nein, es fällt mir sicherlich nicht ein, dass meine Meinung irgend einem Menschen auf der Welt als Norm und Regel dienen soll."

Übrigens besaß die Demut des heiligen Franz nichts Trauriges und Düsteres, sie war voll Liebenswürdigkeit und Anmut. „Die Geringschätzung und Verachtung seiner selbst, sagt er, muss ruhig und beständig geübt werden und nicht allein mit Freundlichkeit, sondern auch mit Frohsinn und Freudigkeit des Herzens (Brief 449)." Noch fremder war ihr jene Entmutigung, welche manchen Seelen der Anblick ihres Elendes und ihrer Schwachheiten einflößt. Er meinte, dass Jene, die beim Anblicke ihrer Unvollkommenheiten verdrießlich werden, Denen gleichen, welche aus Kummer darüber, dass sie nicht schön genug sind, ihr Gesicht zerschlagen und so ihre Hässlichkeit vermehren, anstatt sie zu beseitigen (Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 9; XVIII, 27.). „Wir möchten frei von Unvollkommenheiten sein, schrieb er (Ebendas., XVI, 7.); aber wir müssen es uns schon geduldig gefallen lassen, dass wir die menschliche Natur haben und nicht die der Engel. An unseren Unvollkommenheiten dürfen wir kein Gefallen finden; mit dem Apostel sollen wir sprechen: „Elender der ich bin, wer wird mich von diesem sterblichen Leibe befreien?“ Aber sie sollen uns weder in Erstaunen setzen, noch entmutigen oder betrüben, viel weniger noch uns Misstrauen gegen die Liebe Gottes zu uns einflößen. Gott hat weder unsere Unvollkommenheiten, noch unsere lässlichen Sünden gerne; aber gleichwohl liebt er uns trotz ihnen; so missfällt auch der Mutter das Gebrechen ihres Kindes, ohne dass sie jedoch deshalb aufhört, ihr Kind zu lieben, sondern sie liebt es zärtlich und voll Mitleid. Man hört hie und da sagen (Brief 802.): Ach, warum habe ich nicht die Liebesglut der Seraphim! Wir gefallen uns leider so sehr darin, gute Engel sein zu wollen, dass wir es vergessen, gute Menschen sein zu sollen. Unsere Unvollkommenheit wird uns bis zur Bahre begleiten; wir können nicht gehen, ohne die Erde zu berühren. Liebe Unvollkommenheiten, die uns unser Elend erkennen lassen, uns in der Demut üben, in der Geringschätzung unserer selbst, der Geduld und der Wachsamkeit und trotz deren Gott auf die Bereitwilligkeit unseres Herzens, ihm zu gefallen, Rücksicht nimmt .... Bleiben wir hübsch auf der Erde. Bleiben wir zu den Füßen unseres Herrn, üben wir gewisse kleine Tugenden, die sich für unsere Unbedeutendheit schicken; wer wenig hat, muss auch wenig ausgeben .... Beunruhigen Sie sich darum nicht wegen Ihrer Unvollkommenheiten, sagt er an einer anderen Stelle (Brief 177.), und arbeiten Sie mutig daran, sich von ihnen zu befreien; fangen Sie jeden Tag von vorne an und glauben Sie nie, dass Sie genug getan haben; es gibt kein besseres Mittel, um das geistliche Leben zur Vollendung zu bringen. Wie sollen wir Andere im Geiste der Sanftmut zurechtweisen, wenn wir uns selbst mit Ärger, Verdruss und Bitterkeit zurechtweisen? Wie werden wir uns bessern können, wenn Ruhe und Frieden unserem Herzen mangelt? Die Demut verlangt, dass wir uns noch weit von der Vollkommenheit entfernt glauben und dass wir darum immerfort auf's Neue beginnen."

War die Demut des heiligen Franz frei von Entmutigung, so war sie es noch mehr von den Gesinnungen des Philosophen, der mit noch größerem Stolze über den Stolz Plato's hinwegschritt. Als man ihm eines Tages jene vier Sätze:
Spernere mundum, spernere nullum, spernere sese, spernere sperni!
Die Welt verachten, keinen
(Menschen) verachten, sich selbst verachten, (das) verachtet zu werden verachten! als Grundwahrheiten hinstellte, entgegnete er:

„Ich habe gegen alle diese Arten der Verachtung etwas einzuwenden:

1) Spernere mundum, das ist wahr, wenn man von den falschen Gütern oder dem Urteile der Welt spricht; es ist falsch, wenn man es von Personen versteht;

2) spernere nullum besagt zu wenig; man muss Jeden achten und ehren als das Ebenbild Gottes und sogar für würdiger und besser halten, als wir selbst sind;

3) spernere sese, das ist wahr, wenn man darunter versteht, dass das, was an uns ist, von Gott kommt und nicht von uns selbst, denn man muss es schätzen und achten;

4) spernere sperni taugt nichts und riecht nach Stolz; man muss die Verachtung ansehen als etwas, das uns zukommt, zufrieden sein, dass man von uns denkt, wie wir, dass man uns hilft, uns als Nichts zu betrachten, und in Schmach und Schimpf nichts Anderes als Gaben Gottes erblicken, die unsere Liebe und Dankbarkeit verdienen
(Geist des h. Franz v. Sales, XII, 13.)."

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Vierzehntes Kapitel.

Sein Geist der Armut.

„Nie, sagt die heilige Chantal, habe ich eine so uneigennützige Seele gekannt, so frei von jeder Anhänglichkeit an die Dinge der Erde, als unseren glückseligen Vater." Eines Tages hatten ihn zwei Personen gebeten, sich für sie bei dem Herzoge von Savoyen behufs Erlangung einer Gnade zu verwenden, und ihm im Falle des Gelingens eine reiche Belohnung versprochen. „Ihr kennt mich nicht, erwiderte er ihnen sanftmütig; ich bin ein uneigennütziger Mensch und tue nie etwas um des Geldes willen; aber seid versichert, dass ich mich für Euch mit mehr Wärme verwenden werde, als wäre es für mich selbst." Jemand anders hatte ihm in einem Schreiben viel irdisches Glück und irdische Größe gewünscht. „Guter Gott, antwortete er darauf, was wünschen Sie mir da? Größe und Glück! Durch die Gnade Gottes erwarte und wünsche ich kein anderes Glück und keine andere Größe in dieser armseligen Welt, als jene, welche der Sohn Gottes in der Krippe zu Betlehem hatte .... Wer sein Herz im Himmel hat, der bekümmert sich nicht um die Dinge der Erde." Als ein anderes Mal in seiner Gegenwart die Bemerkung gemacht wurde, dass die Welt Jene für Toren halte, welche nicht danach streben, sich eine behagliche und glänzende Stellung zu erringen, versetzte er: „Und ich mache mich über solche Erbärmlichkeiten lustig. Mein größter Trost besteht darin, dass ich mir einbilde, nichts zu besitzen und dass ich denke, ich werde nichts haben, wenn ich sterbe .... Mein größtes Verlangen ist es, an dem Notwendigen Mangel zu leiden, um Jesus Christus, den König der Armen, nachzuahmen, und nie ist mir wohler als da, wo ich nicht so gut aufgehoben bin .... In der Welt müssen wir leben, sprach er zu einem seiner Priester, wie wenn unser Geist im Himmel wäre und der Leib im Grabe (Nach dem Abbe Legay). Die Weisheit der Welt sagt: Glückselig die reichen Häuser! Aber der Heiland hat gesagt: Selig sind die Armen!

Die wahre Glückseligkeit in diesem Leben besteht darin, sich mit dem Notwendigen zu begnügen; nichts wird jemals demjenigen genug sein, dem das Notwendige nicht genügt (Brief 421.)." Auch zitierte er oft das Wort eines italienischen Schriftstellers: Povero si, ma contento: (Ja) Ich bin arm, aber zufrieden." -- „Es gewährt mir eine unvergleichliche Freude, schrieb er an Frau von Chantal, wenn ich die Worte Job's (Hiobs) höre: Nackt kam ich aus dem Mutterschoße hervor, nackt werde ich dahin zurückkehren. Denn wer sollte nicht die Armut lieben, welche der Heiland so sehr geliebt hat, und die er sich zur treuen Gefährtin seines Lebens auserwählte?" Beklagte man ihn wegen der geringen Einkünfte seines Bistums, so erwiderte er: „Und was hatten denn die Apostel (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 5; XIV, 14 u. 15.)? Sie waren weit größere Bischöfe als wir und hatten nicht so viel; und wie viel rechtschaffene, brave Leute haben noch weniger als ich! Mein Bistum bringt mir ebenso viel ein als das Erzbistum Toledo; denn es bringt mir den Himmel oder die Hölle ein, gerade so wie dem Erzbischofe von Toledo das seinige, je nachdem wir uns beide in unserem Amte benehmen. Ich halte mich sogar für gerade so reich wie nur irgend ein französischer Bischof, weil meine Einkünfte für meine Bedürfnisse genügen (Ebendas., XIV, 34. – Nach Pernet.). Das Genügende zu haben ist ein großes Einkommen, wenn man dabei die Frömmigkeit besitzt, welche uns lehrt, uns damit zu begnügen. Je mehr man hat, um so mehr gibt man aus; man macht ein größeres Haus, hält mehr Bedienten, welche einen ruinieren, und oft hält man nicht mehr übrig als ich; manchmal stürzt man sich sogar in Schulden und ich halte es für einen großen Reichtum, keinem etwas schuldig zu sein. Hat man wenig, so braucht man auch weniger zu geben, hat weniger Not, wie man es anwenden soll, weniger Sorge, es zu behalten oder zu verteilen, geringere Rechenschaft vor Gott abzulegen. Um mit diesem Wenigen zufrieden zu sein, braucht man nur Jene zu betrachten, die noch ärmer sind als wir; denn wir sind nur verhältnismäßig arm. Wenn wir nur das Notwendige wollen, so werden wir fast nie arm sein; wollen wir Alles, was die Leidenschaft verlangt, so werden wir nie reich sein. Das Geheimnis, in kurzer Zeit und mit wenig Kosten reich zu werden, besteht also darin, dass wir unsere Begierden zügeln, dass wir es machen wie die Bildhauer, welche bei ihren Werken die Subtraktion anwenden, und nicht wie die Maler, welche die Addition anwenden. Was mich betrifft, so weiß ich kaum, was Armut ist. Gott ist so gut gegen mich gewesen, dass er mir gegeben hat, was der Weise wünschte, einen Mittelstand zwischen Not und Überfluss; und, mit meinem Lose zufrieden, halte ich mich für reich (Geist des h. Franz v. Sales, XIV, 34; VIII, 5; II, 21 u. 22; IV, 14.).“

Dieser Geist der evangelischen Armut, diese Erhabenheit der Seele über alle Güter dieser Welt war es, was ihn verzichten ließ auf sein väterliches Erbe zugunsten seiner Brüder, ihm jene außerordentliche Freigebigkeit gegen die Armen einflößte und jene Gleichgültigkeit, als der Senat von Chambery drohte, sein Vermögen mit Beschlag zu belegen; diese Liebe zur Armut gestattete ihm nie, irgend ein Geschenk anzunehmen, weder nach seiner Mission in Chablais, deren Kosten man ihm wenigstens wieder erstatten wollte, oder nach seinen Fastenpredigten am Hofe, in Dijon u. s. w., noch eine Abtei oder ein reiches Benefizium, wie ihm deren so oft angeboten worden.

In demselben Geiste verstand er es, seine Bedürfnisse bis auf das Äußerste zu beschränken. Er besaß nur die unumgänglich notwendige Anzahl von Bedienten, die alle anständig und reinlich, aber höchst einfach gekleidet waren. Er selbst trug nie seidene oder kostbare Gewänder; seine Oberkleider waren aus Wolle von violetter Farbe gefertigt, anständig und reinlich in ihrer Einfachheit; die Unterkleider bestanden aus Fellen oder aus den abgenutzten Resten ersterer und fast immer waren sie geflickt. Sein Tisch war äußerst frugal (schlicht und bescheiden) und in den Jahren 1603, 1604 und 20, wo eine große Teuerung herrschte, ließ er die Zahl der gewöhnlichen Gerichte noch mehr beschränken. Seine Möbel waren einfach aber anständig; sein ganzes Haus bekundete die Wohnung des Vaters der Armen, der so wenig als möglich verbraucht, um so viel als möglich Almosen geben zu können. In der Nähe von Annecy hatte er ein zum bischöflichen Vermögen gehörendes Gut, wohin er sich gerne von Zeit zu Zeit zurückgezogen haben würde, um sich ein wenig zu erholen, hätte er ein Haus daselbst gehabt; aber nie wollte er ein solches daselbst erbauen. Als ein Priester ihn einmal fragte, warum er das nicht tue, antwortete er: „Weil ich es als eine Gnade Gottes betrachte, überall, wo ich hinkomme, ein fremdes Haus zu bewohnen. Das macht mich glücklich, denn es ist ein Zug der Ähnlichkeit mit Jesus Christus, der in einem Stalle zur Welt kam und während seines Lebens nichts hatte, wohin er sein Haupt legen konnte (Nach dem Kanonikus Gard)."
Trotz so großer Sparsamkeit schien die Menge seiner Almosen nicht erklärlich, wenn man die Anforderungen seines Haushaltes und seine geringen Einkünste betrachtete. „Eines Tages, sagt der Bischof von Belley, drückte ich ihm mein Erstaunen darüber aus." -- „Nun, sprach er, Gott vermehrt die fünf Brote." -- „Aber, wie geht das denn zu?" fragte ich ihn. -- „Es würde kein Wunder mehr sein, erwiderte er, wenn sich das so sagen ließe; und sind wir denn nicht glücklich, so durch Wunder zu leben? Sehen Sie, fuhr er fort, indem er mir ein Unterkleid zeigte, das man ihm aus einer alten Soutane
(langes Obergewand eines Priesters) gemacht hatte, wirken nicht meine Leute kleine Wunder? Aus einem alten Kleide machen sie ein ganz neues. Offen gestanden, wenn ich mehr hätte, so würde ich in Verlegenheit sein, was ich damit anfangen solle; ich bin recht glücklich, sorglos wie ein Kind leben zu können; jeder Tag hat genug mit seiner Plage. Ich gebrauche die Güter dieser Welt so, wie es die Hunde an den Ufern des Nils machen; im Laufen trinken sie das Wasser des Flusses, um nicht von den Krokodilen ergriffen zu werden."

Nur selten nahm dieser wahre Arme Jesu Christi Geld in die Hand, wenn es nicht geschah, um es den Armen zu geben; und kaum wusste er manche Münzen zu unterscheiden oder kannte er ihren Wert (Geist des heiligen Franz v. Sales, V, 10.). Sein Geld übergab er stets seinem Verwalter und dieser schaltete damit nach Gutdünken zum Unterhalte des Hauses. Nur fragte der Bischof ihn von Zeit zu Zeit, ob man niemandem etwas schulde, um sonst in der Haushaltung jene Einschränkungen vorzuschreiben, die zur pünktlichen Bezahlung von etwa vorhandenen Schulden notwendig geworden waren (La Riviere, p. 531.). Musste etwas gekauft oder auf Reisen in einem Gasthause etwas bezahlt werden, so duldete er nie, dass der Verwalter um den Preis handelte; stets musste er die verlangte Summe zahlen, es sei denn, dass eine Überforderung zu offenbar und sehr bedeutend war. Hörte er dann klagen über den Wirt, so pflegte er zu sagen. „Mein Freund, wir müssen nicht allein den Preis der Lebensmittel, sondern auch die Pflege, Bedienung und guten Willen mit auf die Rechnung setzen, Dinge, die man nie genug bezahlen kann (Geist des h. Franz v. Sales, VII, 7.)." Selten ließ er Geld in den Händen des Verwalters müßig (unnütz) liegen, fast jeden Tag verlangte er dessen für die Armen, Klöster und andere Häuser, welche von Almosen lebten; und diese Freigebigkeit brachte zuweilen eine Hungersnot im bischöflichen Hause hervor. Eines Tages kam der Verwalter, aller Hilfsmittel bar, zu ihm und klagte, dass er kein Geld mehr habe. „Um so besser, sprach Franz, das macht uns Jesus Christus ähnlicher; der anbetungswürdige Heiland hatte nichts, wo er sein Haupt hinlegen konnte, und wir sind noch weit von einer solchen äußersten Armut entfernt." -- „Aber, wo soll ich denn Geld hernehmen?" fragte der Verwalter. -- „Wir müssen vom Haushalte leben", erwiderte der Bischof. -- „In der Tat, es ist wohl an der Zeit hauszuhalten, wenn nichts mehr da ist." -- „Du verstehst mich nicht, versetzte der Heilige, ich meine, dass wir einige Stücke von unserem Hausrate verkaufen oder verpfänden sollen, oder einige Möbel, um dafür Lebensmittel anzuschaffen. Heißt das nicht vom Haushalte leben (Geist des h. Franz v. Sales, II, 22.)?"

Franz betrachtete es immer als ein Glück, wenn er Geld bekam, ohne dass sein Verwalter etwas davon wusste; dann entging er seinen Vorwürfen. Sobald er es erhalten, teilte er es in verschiedene Summen, die er sorgfältig in Papier wickelte, um sie an die Armen zu geben; so gab er einmal an einem Tage an vierhundert Gulden weg.

Trotz dieser großen Armut verstand es der heilige Bischof doch, Pracht und Glanz zu entfalten, wenn er glaubte, der Charakter seines Amtes und die Ehre Gottes verlangten es so; mehr denn ein Mal hat er Großen einen solchen Empfang bereitet, dass man erstaunt war, wie er bei so geringen Mitteln eine solche Pracht entwickeln konnte. Dann duldete er vorübergehend in seinem Hause Tapeten, silbernes Tafelgeräte und schöne Möbel. Aber auch bei solchen Gelegenheiten bewahrte er den Geist der Armut; all' diesen Luxus betrachtete er als Kot, und auf silberne Schüsseln gab er nicht mehr, als wenn es irdene (aus Ton) gewesen wären (Ebendas., VIII, 8,).

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Fünfzehntes Kapitel.

Seine Liebe zur Abtötung.

Wie notwendig die Abtötung sei, um tugendhaft zu werden, wurde selbst von den Heiden erkannt. „Abstine et sustine, entsage und dulde", war schon ein heidnischer Grundsatz. Aber die Lehre des Evangeliums und die Gnade ließen dies den heiligen Bischof von Genf in noch höherem Grade erkennen. „Man muss sterben, sagt er, damit Gott in uns lebe; denn es ist unmöglich, zur Vereinigung zur Vereinigung unserer Seele mit Gott auf einem anderen Wege zu gelangen, als dem der Abtötung. Die Worte: „Man muss sterben“ sind hart, aber sie sind auch begleitet von einer großen Süßigkeit, da man sich selbst nur stirbt, um mit Gott durch diesen Tod vereinigt zu werden (Entretien sur la pretention religieuse, p. 373.)." --- „Man muss jeder anderen Liebe absterben, um jener für Jesus zu leben, damit wir nicht ewig sterben (Traite de l'amour de Dieu, XII, 13.)." --- „Mein Gott, wie gerne möchte ich sterben für meinen Heiland; kann ich aber nicht sterben für ihn, so will ich wenigstens für ihn allein leben (Brief 417.)." --- „Das Gebet ohne Abtötung ist eine Seele ohne Leib, sowie die Abtötung ohne Gebet ein Leib ohne Seele ist (Geist des h. Franz v. Sales, XIII, 14.)."

Nach diesen Grundsätzen seinen Wandel einrichtend, begann Franz damit, seinen Leib abzutöten. Ihn als einen Sklaven betrachtend, der sich empört, wenn man ihm schmeichelt und seinen Begierden nachgibt, gestattete er seinen Sinnen nie die geringste Weichlichkeit oder irgend etwas Überflüssiges. In Allem beschränkte er sich einfach auf das Notwendige; es war für ihn eine Qual, wenn er zu Tische ging, und hätte man ihn nicht genötigt, so würde er es oft vergessen haben. Er fastete häufig: und man kann wohl sagen, dass sein Leben ein ununterbrochener Fasttag war, so wenig genoss er bei jeder Mahlzeit. Mehrere Jahre hindurch begnügte er sich außer einer leichten Kollation (kleine Zwischenmahlzeit), die man ihm abends in sein Zimmer brachte, mit einer einzigen Mahlzeit des Tages, und darin fand er einen doppelten Vorteil; den, sich selbst abzutöten und mehr Zeit für seinen ausgedehnten Briefwechsel und ungeheuren Arbeiten zu gewinnen (Ebendas., IV, 8.).

Übrigens hielt er nicht viel auf besondere Abtötungen, und zuweilen unterließ er eine solche lieber, als dass er sie zur Schau trug. Einmal war ein fremder Bischof bei ihm auf Besuch, und Freitag abends ging Franz in dessen Zimmer, um ihm zu sagen, dass das Abendessen bereit sei. „Zu Abend essen! rief sein Gast aus, heute esse ich nicht zu Abend; man kann wohl nicht weniger als ein Mal in der Woche fasten." Franz ließ ihm auf der Stelle eine Kollation in sein Zimmer tragen und setzte sich mit seinen Kaplänen zu Tische, welche ihm erzählten, dass der fremde Bischof so fest an seinen Übungen der Frömmigkeit und seinen Fasten halte, dass er nie im geringsten davon abgehe, welchen Besuch er auch immer haben möge. Am anderen Tage sprach Franz hierüber mit dem Bischofe von Belley. „Sehen Sie, sprach er zu diesem, man darf an seinen Übungen, selbst den frömmsten, nicht so festhalten, dass man sie nicht zuweilen unterbräche; sonst wird sich unter dem Vorwande der Treue eine sehr seine Selbstliebe hineinschleichen; die Unterlassung eines Fastens an einem Freitage würde mehrere andere verborgen haben. In einem solchen Falle kann man das Fasten auf einen anderen Tag verschieben, oder wenn nicht, es ersetzen durch willfährige Nachgiebigkeit, welche die Tochter der Liebe ist und ihm vorgezogen werden muss (Nach der h. Chantal)."

Ebenso enthielt sich Franz seiner freiwilligen Fasten, wenn er sah, dass seine Gesundheit darunter leiden konnte. „Denn, sprach er, es ist der Ordnung Gottes gemäß, dass wir unsere Leiber nach ihren Schwächen behandeln, dass wir sie schonen als arme Kranke, voll Liebe und Geduld; und diese Übung ist nicht die am wenigsten verdienstliche, weil sie das Herz und den Mut abtötet. Wenn die Erfüllung unserer Pflichten uns eine Krankheit zuzieht oder unsere Tage abkürzt, so muss man Gott dafür danken und es bereitwillig ertragen; sonst aber verpflichtet uns die Ehrfurcht vor der Vorsehung und die Liebe gegen uns selbst, uns jener Abtötungen zu enthalten, welche die Gesundheit zu Grunde richten, weil, wie es einerseits eine weibische Weichlichkeit ist, zu besorgt für seine Gesundheit zu sein, es auf der anderen Seite ein an Barbarei grenzender Stolz sein würde, sie ganz und gar zu vernachlässigen und zu verachten. Wie der Geist nicht den Körper tragen kann, wenn er zu beleibt und wohlgenährt ist, so kann der Körper den Geist nicht tragen, wenn er zu mager ist; man muss den Körper wie sein Kind behandeln, ihn züchtigen, aber nicht totschlagen."

„Eines Tages, erzählt der Bischof von Belley, fragte er mich, da er bemerkt hatte, dass ich oft fastete, ob das Fasten mir sehr beschwerlich werde; ich antwortete ihm, dass ich fast niemals Appetit habe, und wenn ich mich zu Tische setze, so geschehe es fast immer ohne Lust zum Essen." -- „So fasten Sie doch nur wenig", sprach er. -- „Und warum, mein Vater? Das Fasten wird doch sehr in der heiligen Schrift empfohlen." -- „Ja, aber jenen, die einen besseren Appetit haben, als Sie. Tun Sie irgend ein anderes gutes Werk und töten Sie Ihren Leib auf andere Weise ab (Geist des h. Franz v. Sales, IV, 9.)." Diesen Grundsätzen gemäß ließ er einige Zeit vor seinem Tode, weil er bemerkt hatte, dass sein Magen zu sehr geschwächt sei und seine Kräfte zu sehr abnahmen, in der Strenge gegen sich selbst nach und fügte sich dem, was seine Gesundheit verlangte.

Gleichgültig übrigens gegen jede Art von Speise tadelte er nie eine, was für eine es auch war, oder auf welche Weise sie auch zubereitet sein mochte. Alles war nach seinem Geschmacke, warm oder kalt, gesalzen oder ungesalzen. Er aß, was man ihm vorsetzte, ohne je die geringste Bemerkung darüber zu machen, und anderen empfahl er dasselbe, indem er sagte, man müsse eine große Ehrfurcht vor dem Worte des Herrn haben: „Esset was man Euch vorsetzt"; ohne Unterschied von Allem zu essen, ohne zu wählen, sei die beste Abtötung; dadurch habe man den Vorteil, vor den Menschen seine Strenge zu verbergen, und doch sei es nichts Geringes, mit dem zufrieden zu sein, was man nicht gerne isst, und sich das zu versagen, wonach man Verlangen hat (Geist des h. Franz v. Sales, IV, 18; XVI, 27.). Eines Tages kamen Setz-Eier in Wasser auf den Tisch; nachdem er die Eier gegessen, fuhr er fort, sein Brot in das Wasser zu tunken, und als man ihn darauf aufmerksam machte, sprach er: „Ihr habt nicht wohlgetan, mir diesen Irrtum zu benehmen; denn nie hat mir, Dank meinem Appetit, eine Sauce besser geschmeckt als diese; so wahr ist das Sprichwort: Hunger ist der beste Koch (Ebendas., IV, 19.)." Ein anderes Mal setzte man ihm aus Unachtsamkeit ein ganz faules Ei vor; er aß es, ohne die geringste Bemerkung darüber zu machen, und als man sich nachher deswegen entschuldigte, erwiderte er freundlich: „Wir haben so oft gute Eier gegessen, warum sollten wir nicht 'mal schlechte essen, wenn Gott es zulässt, dass sie uns vorgesetzt werden (Nach de Chaugy)? Nicht zu essen, was man Einem vorsetzt, heißt wählerisch sein und bekundet einen Geist, der Acht gibt auf Gerichte und Saucen; das Gute zu essen, ohne sich daran zu ergötzen, das Schlechte, ohne Widerwillen zu zeigen, gleichgültig gegen das Eine wie das Andere zu sein, das ist die wahre Abtötung."

Er trank nur wenig Wein und dazu vermischte er ihn noch sehr mit Wasser; er aß nur grobes, gewöhnliches Fleisch und tadelte man ihn deshalb, so gab er als Grund an, dass es ihm Freude mache, die Kost der Armen zu genießen, oder dass er einen derben Magen habe, der das gemeinste Fleisch vorziehe (Nach der h. Chantal). Nie kamen ausgesuchte und feine Gerichte auf seinen Tisch, es sei denn, dass Fremde da waren; reichte man sie ihm dann hin, so gab er sie an die ihm zunächst Sitzenden weiter oder ließ sie auf seinem Teller liegen, um sie Kranken hinzuschicken, von denen viele um das, was er übrig ließ, aus einem Gefühle frommer Verehrung baten. Auf seinen bischöflichen Rundreisen untersagte er den Pfarrern und Klöstern, ihm etwas Außergewöhnliches zubereiten zu lassen, indem er bemerkte, so wenig man ihm auch gebe, so sei das doch noch zu viel für ihn, und er wolle nicht, dass man sich seinetwegen Unkosten mache (Nach Passis). War er bei Reichen zu Tische, so war er so enthaltsam, als es ihm, ohne seine Abtötung zu zeigen, nur möglich war.

„Eines Tages, erzählt der Bischof von Belley, hatte ich ihm an meinem Tische ein sehr feines Gericht vorsetzen lassen, und ich bemerkte, wie er es geschickt in eine Ecke des Tellers schob, um etwas Derberes zu essen. Ah, ich ertappe Sie auf der Tat, rief ich aus; wo bleibt denn das Gebot: Esset was man Euch vorsetzt?" – ..Sie wissen also nicht, entgegnete er, dass ich einen Bauern-Magen habe, der derbes Fleisch verlangt; Ihre feinen Gerichte würden ihn nicht bei Kräften erhalten." – „Mein Vater, versetzte ich, das sind so Ihre Ausflüchte; durch solche Listen verbergen Sie Ihre Abtötung." – „Ich versichere Ihnen, rief er aus, ich denke dabei an nichts Arges und ich sage Ihnen dies ganz aufrichtig. Ich gestehe, dass mein Appetit mehr Geschmack an den feinen Gerichten findet; aber da man sich zu Tische setzt, um die notwendige Nahrung zu sich zu nehmen, und nicht, um die Gaumenlust zu befriedigen, da man nur essen soll, um zu leben, so nehme ich das zu mir, von dem ich weiß, dass es mir am besten ist. Man würde leben, um zu essen, wenn man seine Speise sich auswählte nach dem Geschmacke der Gerichte und Saucen. Nichtsdestoweniger will ich, um Ihrem guten Gerichte Ehre zu machen, wenn Sie Geduld haben, Sie zufrieden stellen; wenn ich mit dieser derben Nahrung einen gehörigen Grund gelegt habe, so will ich Ihre Delikatessen noch obendrauf setzen (Geist des h. Franz v. Sales, V, 5.)."

Ebenso abgetötet in allem anderen wie in seiner Nahrung, vermied er Alles sorgfältig, was den Schein des Sinnlichen oder Ausgesuchten hatte; einfach zog er die Kleider an, welche seine Bedienten ihm hinlegten, ohne dem einen vor den anderen den Vorzug zu geben; und in der Abtei Sixt wies er das feine Linnen, welches man für ihn hatte kommen lassen, zurück und ließ sich grobes geben, wie es die Genossenschaft hatte (Nach Zoenes). Er wärmte sich fast nie und ertrug heiter die größte Kälte, wie die größte Hitze. Auf seinen Reisen bot er Regen und Schnee, den Stürmen und allem Ungemach der Witterung Trotz; in den Gasthäusern war er, ohne je die geringste Klage zu äußeren, zufrieden mit dem schlechtesten Zimmer und schlechter Nahrung, es machte ihm Freude, wenn es ihm an Vielem fehlte.

Er schlief wenig, verlor nie seine Zeit, kannte das Spiel ebensowenig als die Langeweile. Er gestattete sich nie eine Erholung, es sei denn, um anderen die Freude nicht zu verderben oder der Vorschrift des Arztes nachzukommen. Dann aber war er gegen Andere ebenso freundlich und liebenswürdig, als er strenge gegen sich selbst war. „Wenn ich ihn besuchte, erzählt der Bischof von Belley (Geist des heil. Franz v. Sales, IV, 26.), ließ er es sich angelegen sein, mich nach der Anstrengung der Predigt zu zerstreuen; er selbst fuhr mit mir auf dem schönen See von Annecy spazieren, oder führte mich in die herrlichen Gärten, welche an seinen schönen Ufern lagen; kam er zu mir nach Belley, so wies er ähnliche Erholungen, die ich ihm vorschlug, nicht zurück, aber nie bat er darum, noch fing er selbst davon an." Machte er hie und da seiner Gesundheit wegen einen Spaziergang auf dem freien Felde, so verband er immer etwas Nützliches damit, indem er mit den Landleuten, denen er begegnete, sich in ein Gespräch einließ, in ihre Hütten trat und freundlich annahm, was ihm ihre einfache Gastfreundlichkeit anbot."

Oft geißelte er sich bis auf das Blut (Nach der h. Chantal), da er der Meinung war, um diesen Preis die Keuschheit nicht zu teuer zu erkaufen, „diese herrliche Tugend, pflegte er zu sagen, welche unsere Seele weiß erhält wie die Lilie, rein wie die Sonne, die unseren Leib heiligt, uns es leicht macht, ganz Gott anzugehören, und uns gestattet, zu unserem Heilande zu sprechen: Meine Seele und mein Leib frohlocken vor Freude in deiner Güte, für welche ich auf jedes andere Vergnügen verzichte." Aber sorgfältig suchte er diese Bußübung geheim zu halten, indem er dazu die Zeit der Nacht wählte, wo er glaubte, nicht gehört zu werden, und seine Geißel so geschickt bei Tage verbarg, dass man sie erst nach seinem Tode fand. Selbst sein Kammerdiener hatte nur die Vermutung, dass er dies tat, da er einen Rest von mit Blut gerötetem Wasser auf dem Boden der Waschschüssel seines Herrn fand, der in ihr die ganz mit Blut bedeckte Geißel gewaschen hatte (Geist des h. Franz v. Sales, IV, 21.).

Wie strenge auch diese Abtötung war, so kam sie doch einer anderen, die er sich auferlegte, nicht gleich, und die darin bestand, in seinem ganzen Äußeren stets jene bescheidene Sittsamkeit, jenen Anstand, jene Ehrbarkeit, wovon früher schon die Rede war, aufs vollkommenste zu beobachten; namentlich aber wurde sie noch übertroffen von seiner inneren Abtötung, durch die er als ein wahrer Märtyrer den ganzen Menschen Gott zum Opfer brachte. Diese letztere Abtötung, welche das Opfer des Verstandes und Urteils, des Willens und der Selbstliebe in sich begreift, hielt er höher als alles Andere; und er pflegte zu sagen, dass ein Lot (Maßeinheit der Masse) von dieser mehr wert sei, als mehrere Pfund von der anderen (Geist des h. Franz v. Sales, XV, 10; XVII, 24; X, 1; XVIII, 8.). Eine Schwester von der Heimsuchung wollte viele körperliche Bußübungen verrichten und der Heilige bemerkte ihr darüber: „Begnügen Sie sich mit den Abtötungen, welche mit der pünktlichen Beobachtung der Regel verbunden sind; der Teufel möchte nichts lieber, als den Leib entkräften, um ihn zu den regelmäßigen Übungen unfähig zu machen; das Streben, zur Vollkommenheit auf einem anderen Wege als seine Gefährtinnen zu gelangen, ist nicht frei von Selbstdünkel. Die göttliche Vorsehung wird Ihnen schon genug Gelegenheit zur Abtötung bieten, wenn Sie dieselbe immer treu ergreifen; seien Sie nur bereit, den Anregungen des Geistes Gottes zu folgen (Vie de la mere Anne-Marguerite Clement)."

Er tötete seinen Geist ab, indem er alle eitlen Vorspiegelungen, alle unnützen und nicht zur Sache gehörigen Gedanken daraus verbannte, welche viel Zeit verlieren lassen, die Seelen zerstreuen, Überdruss an der Arbeit und ernsten Dingen erregen, die Tugend in Gefahr bringen und eine Quelle von tausend Zerstreuungen im Gebete, wie unzähligen Versuchungen im Dienste Gottes werden; was wir von seiner beständigen Sammlung des Geistes gesagt haben, ist ein schlagender Beweis dafür.

Er tötete sein Urteil ab, indem er allen Eigensinn, alles hartnäckige Bestehen auf seiner Meinung vermied. Es war merkwürdig, wie er das Urteil Anderer immer über sein eigenes setzte, es sei denn, dass es sich um Dinge handelte, in denen er als Bischof sich entschieden erklären und sprechen musste; dann entschied er sich für das, was ihm das Beste dünkte, und dann blieb er auch fest und unerschütterlich wie eine Säule, an ein Nachgeben war nicht mehr zu denken.

Seinen Willen tötete er ab, indem er sich stets dem unterwarf, was er als den Willen Gottes und der Vorsehung erkannte, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen auf seine Neigungen oder seinen natürlichen Widerwillen, noch auf seine Wünsche oder den Abscheu, den er davor empfand. Er erhielt jeden Tag eine große Anzahl von Briefen, von denen manche oft zwölf bis fünfzehn Seiten umfassten und sehr unleserlich waren; er unterzog sich der Mühe, auf Alles zu antworten, und bemerkte man ihm, dass er zu viel darin tue, so antwortete er: „Was liegt denn daran? während ich dies tue, brauche ich nichts Anderes zu tun (Dom Jean de St. Francois, p. 492.)." Sein ganzes Leben, sagt einer seiner Biographen (La Riviere, p. 430. -- et suiv.), war nur eine fortwährende Übung des Gehorsams; dem geringsten Wunsche seiner Oberen, geistlichen wie weltlichen, kam er eifrig nach. Mit noch rührenderer Nachgiebigkeit bequemte er sich nicht allein dem Willen der ihm gleichstehenden Bischöfe an, mit denen er in Verbindung stand, sondern auch selbst dem seiner Untergebenen und Bedienten, so oft Pflicht und Klugheit es ihm gestatteten. Wunderbar war es zu sehen, wie er sich von letzteren in gleichgültigen Dingen leiten ließ. „Jeden Tag, schrieb er an die heilige Chantal (Brief 707. – Geist des heiligen Franz v, Sales, III, 47.), lerne ich, meinen Willen nicht zu tun und das zu tun, was ich nicht will . . ." Und in dieses beständige Opfer seines eigenen Willens, in dieses Verzichten selbst auf die natürlichsten Wünsche, setzte der heilige Bischof die ganze Tugend. „Es liegt dem Teufel wenig daran, schrieb er an eines seiner Beichtkinder (Brief 498. -- Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 8.), ob Sie Ihren Körper zerfleischen, wenn Sie damit nur Ihren eigenen Willen tun; nicht die Strenge gegen den Leib fürchtet er, sondern den Gehorsam; keine Bußübung kommt dem Opfer Ihres stets ergebenen und beständig gehorsamen Willens gleich . . . O, wie Viele sind schon zu Grunde gegangen, die recht viel fasteten; aber noch kein Einziger, der gehorsam war. Der elende Pharisäer fastete zwei Mal in der Woche und ging verloren; der Zöllner hatte gar nicht gefastet und wurde gerechtfertigt (La Riviere, p. 581.). Der Gehorsam ist Alles vor Gott. . . . Verlangen Sie darum nicht, etwas anderes zu sein, als was Sie sind. Was nützt es Ihnen, sich Luftschlösser in Spanien zu bauen, da Sie doch in Frankreich wohnen müssen (Brief 780. -- Geist des h. Franz v. Sales, XV, 25.)? .... Was mich angeht, so kenne ich nur den Schlussvers aus dem Gesange des Lammes; Manche mögen ihn etwas traurig finden, aber wie lieblich und süß ist er dem Herzen: Vater, möge mir geschehen, nicht wie ich will, sondern wie Du willst. O, möchten doch auf ewig unsere Herzen mit dem seinigen vereinigt sein und unser Wille mit seinem Willen (Geist des h. Franz v Sales, XVIII, 7.)."
Mit noch größerer Treue bestrebt, seine Neigungen und seinen Charakter abzutöten, betrachtete er diesen Punkt als das Siegel der wahren Tugend und pflegte zu sagen, dass man ohne jene Abtötung, welche den Charakter ändert, die Neigungen unterjocht, sehr fromm und sehr böse sein kann; sehr fromm, wenn man viel betet, wenn man fromme Übungen macht, wenn man gläubig, barmherzig, geduldig ist, und sehr böse, wenn man bei alledem dem Stolze, dem Neide, dem Hasse und anderen Lastern dieser Art fröhnt."

Nicht weniger entschieden tötete er jene Eigenliebe ab, welche sich selbst in Allem so gerne sucht und das Unangenehme flieht, welche so gerne ihre Neigungen befriedigt und vor dem ihr Widerwärtigen zurückschreckt. Er selbst sagt uns, dass er einen unaufhörlichen Krieg gegen die ungeordneten Neigungen seines Herzens und seine natürliche Lebhaftigkeit führte, bis er mit ihnen fertig geworden war. „Zwei Leidenschaften, sagt er mit seiner treuherzigen Aufrichtigkeit, sind es, deren Ausrottung mir viel zu schaffen gemacht hat: die Eigenliebe und der Zorn." Über diese Liebe triumphierte er, indem er sie auf Gott lenkte und Alles auf ihn bezog; er triumphierte über den Zorn, indem er sein Herz in beiden Händen hielt, wie er zuweilen sich aus-drückte, um den Ungestüm seines Charakters zu zügeln (Geist des h. Franz v. Sales, V, 19.), und das war es, was ihm so viele Gnaden erwarb, seinem Lieblingsausspruche gemäß, dass „Derjenige, welcher mehr und mehr seine natürlichen Neigungen abtötet, mehr und mehr der übernatürlichen Eingebungen teilhaftig wird (Ebendas., X, 1.).“ – ,,Lange, sagt die heilige Chantal, hatte er gegen seine Leidenschaften zu kämpfen, aber durch seine hochherzige Entschiedenheit, mit der er stets gegen dieselben vorging, unterjochte er sie so sehr, dass sie ihm wie Sklaven gehorchten und am Ende sich kaum mehr eine Spur von ihnen zeigte." Gott hatte alle seine Neigungen sowohl nach der Vernunft und dem Gesetze des Evangeliums geordnet, dass er keine einzige Handlung verrichtete, die nicht von einer christlichen Tugend begleitet war, und sein Herz hatte er so sehr von aller Anhänglichkeit an das Irdische befreit, dass er in Wahrheit sagen konnte: „Ich will nur Weniges; was ich will, will ich sehr wenig; ich habe fast keinen Wunsch, und wenn ich noch einmal auf die Welt zu kommen hätte, so würde ich keinen haben. Wenn Gott zu mir käme, so würde ich auch zu ihm gehen; wenn er nicht zu mir käme, so würde ich damit zufrieden sein, ohne etwas zu verlangen noch abzuweisen, ohne mich bei irgend einem Wunsche aufzuhalten, wenn nicht das zu wollen, was Gott will.

Diese Lehre war es, welche der heilige Bischof am meisten seinen geliebten Töchtern von der Heimsuchung einprägte. „Man muss auf Alles verzichten, sprach er, zuerst auf die äußeren Güter, wie Häuser und andere Besitzungen, Eltern, Freunde und Bekannte; dann auf die Güter des Leibes, wie Gesundheit, Schönheit, die Freuden und Genüsse der Sinne; ferner auf die eingebildeten Güter, welche von der Meinung Anderer abhängen und Ruhm, Ehre, Ansehen heißen; zuletzt auf die Güter des Herzens, welche die geistlichen Tröstungen sind. All' das muss man in die Hand des Herrn legen, damit er darüber verfügt nach seinem Wohlgefallen, und ihm dienen ohne diese Güter wie mit denselben; und diese Entsagung darf nicht geschehen aus Verachtung, sondern aus Selbstverleugnung um der reinen Liebe Gottes allein willen. Nie wird man zur Vollkommenheit gelangen, so lange noch eine Anhänglichkeit an irgend eine Unvollkommenheit da ist, mag sie auch noch so unbedeutend sein, wäre es selbst nur ein unnützer Gedanke; und man sollte es nicht glauben, wie viel das einer Seele schaden kann. Unsere Neigungen sind, da sie alle dazu angewendet werden sollen, Gott zu lieben, so kostbar, dass man sich hüten muss, sie nicht an unnütze Dinge zu heften; und ein Fehler, mag er noch so klein sein, ist, mit Neigung zu ihm begangen, der Vollkommenheit mehr entgegen als hundert andere, die man aus Übereilung und ohne Neigung zu ihnen begeht."

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Sechszehntes Kapitel.

Seine Geduld.

Ganz verschieden von den Weltleuten fand Franz sein Glück im Leiden. „Leiden, sagt er, ist fast das einzige Gute, welches wir in dieser Welt tun können; denn selten tun wir etwas Gutes, ohne dass wir auch irgend etwas Böses mit einfließen lassen. Und dann ist uns der Heiland nie so nahe, als wenn wir geduldig leiden aus Liebe zu ihm. Er wacht über uns, wenn wir an seiner Brust ruhen, und lässt uns Gewinn aus unseren Trübsalen ziehen ...." -- „Glückselig sind die Kreuztragenden (Nach der h. Chantal, – Geist des heiligen Franz von Sales, XII, 1.)! eine Unze Leiden ist mehr wert, als ein Pfund Handlung (Brief 707. -- Geist des h. Franz v. Sales, XV, 18.) ....
Oft müssen wir unser Herz der Liebe Jesu auf dem Altare des Kreuzes aufopfern, an dem er das seinige aus Liebe zu uns zum Opfer brachte. Das Kreuz ist die königliche Pforte, durch welche man zum Tempel der Heiligkeit eingeht; wer sie anderswo sucht, wird nie ein Körnchen davon finden
(Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 10.). In dieser Welt ist unser Erbteil das Kreuz, in der anderen wird es die Herrlichkeit sein."

Eines Tages erzählte man ihm von einer Person, die mit viel Kreuz und Trübsal beladen war. „O, wie glücklich ist diese liebe Seele, sprach er, dass sie für den Herrn etwas zu leiden hat, der das Kreuz zum Fundamente seiner Kirche erwählt und Jene begnadigt, welche es tragen! Da diese Person nur kurze Zeit mehr zu leben hat, so ist es gut, dass diese kurze Zeit dem Leiden gewidmet ist .... Lieben wir unser Kreuz, pflegte er zu den betrübten Seelen zu sagen (Brief 825.), es ist, mit den Augen der Liebe betrachtet, ganz von Gold; und wiewohl der Heiland an ihm wie tot erscheint zwischen den Nägeln und Dornen, so befindet sich doch eine Menge kostbarer Steine an ihm, welche sich zu einer Krone der Herrlichkeit für uns zusammenfügen werden, wenn wir mutig die Dornenkrone tragen .... Leben Sie darum froh und heiter zwischen den Dornen der Krone des Heilandes; und wie eine Nachtigall im Gebüsche, so singen Sie: Es lebe Jesus (Brief 728.)! Die Zeit der Trübsale und Widerwärtigkeiten ist die Zeit der schönen Ernte, wo die Seele die reichsten Segnungen des Himmels sammelt und die herrlichsten Tugenden übt (Geist des h. Franz von Sales, XI, 3.); ein Tag in dieser Zeit bringt uns mehr Gewinn als sechs in einer anderen. Wie der beste Wein zwischen Steinen wächst, so sprossen die erhabensten Tugenden in der Zeit der Trübsal (Brief 77.), und nie wird die Liebe zum Heilande besser geübt, als unter dem Kreuze. „Es lebe Jesus“ auf dem Tabor (Berg) zu sprechen, dazu hatte der heilige Petrus, damals noch ganz materiell und irdisch gesinnt, wohl den Mut; aber „es lebe Jesus“ auf dem Kalvarienberge zu sprechen, das konnte nur die Mutter und jener Jünger, den Jesus liebte. Ein Herz, welches liebt, kann nicht umhin zu lieben und liebend die Pfeile in sich aufzunehmen, welche die Hand Gottes nach ihm abschießt (Brief 833 und 835.). Klammern wir uns darum für immer fest an das Kreuz, und mögen tausend Speere unser Fleisch durchbohren, wenn nur der flammende Pfeil der Liebe Gottes vorher unser Herz durchdrungen hat! Möchten wir an dieser göttlichen Wunde seinen heiligen Tod sterben, der besser ist als tausend Leben (Brief 644.)! Wann, sagte er ferner (Nach Biord.), werden wir unsere Liebe zu dem, der so viel für uns gelitten hat, an den Tag legen können, wenn nicht in Widerwärtigkeiten, wenn nicht in dem, wovor unsere Natur Abneigung und Widerwillen empfindet? Gehen wir quer durch die Dornen der Unannehmlichkeiten, lassen wir unser Herz durchbohren von der Lanze des Widerspruchs, essen wir den Wermut, trinken wir die Galle, verschlucken wir den Essig irdischer Bitterkeiten, weil es unser süßer Heiland so will. Wie die Flammen erstarken unter den Dornen, so nimmt auch die göttliche Liebe in Trübsalen weit mehr zu, als in behaglichem Wohlsein (Brief 208.)."

Der geschickte Lehrer im geistlichen Leben unterschied drei Arten von Leiden, die er für unvergleichlich besser hielt als alle übrigen; die erste Art sind jene, welche durch ihre lange Dauer uns lästig werden und mehr und mehr missfallen. „Die Leiden, denen man auf der Straße begegnet, sagt er, sind vortrefflich; aber jene, welche man zu Hause findet, haben einen größeren Wert, weil sie schwerer auf uns lasten; sie sind besser als Bußgürtel, Geißeln, Fasten und Alles, was die Strenge erfunden hat. In ihnen zeigt sich die Erhabenheit der Kinder des Kreuzes." Die zweite Art sind jene, welche von selbst kommen. „Sehen Sie da, schrieb er an eine ihm teure Person (Brief 153. – Nach der h. Chantal ), eine Menge von Kreuzen, die Sie nicht gewählt haben; Gott hat sie Ihnen aus seiner Hand gegeben; nehmen Sie sie an, küssen und lieben Sie dieselben, sie sind von dem Wohlgeruche der Vortrefflichkeit des Ortes erfüllt, von dem sie herkommen. Da, wo weniger unsere Wahl vorwaltet, sagt er ferner (Geist des h. Franz von Sales, XVII, 24.; XVIII, 7.), ist das Wohlgefallen Gottes um so größer. Unendlich lieber ist mir das Wehe, welches von unserem himmlischen Vater kommt, als jenes, welches unser eigener Wille uns bereitet." Noch besser erläutert er diesen Gedanken in einer seiner Predigten, in der er das Wort des Herrn erklärt: Wenn jemand mir nachfolgen will, so nehme er sein Kreuz auf sich. „Sein Kreuz auf sich nehmen, sagt er (Sermon pour le jour de St. Blaise), heißt mit gänzlicher Unterwerfung alle Leiden und Widerwärtigkeiten, Trübsale und Abtötungen annehmen und erdulden, welche uns in diesem Leben begegnen, kleine wie große, mögen sie unseren Neigungen entsprechen oder nicht, alle ohne Ausnahme. Wir möchten uns selbst unser Kreuz wählen, lieber ein anderes als das unsrige haben, ein schwereres, das wenigstens einigen Glanz um sich werfe, lieber tragen, als ein leichtes, das durch seine ununterbrochene Dauer ermüdet: eitler (= nutzloser / leerer) Wahn! Unser Kreuz ist es, das wir tragen müssen, kein anderes, und sein Verdienst liegt nicht in seiner Beschaffenheit, sondern in der Vollkommenheit, mit der wir es tragen. Darin, dass man ein verbotenes Wort nicht ausspricht, dass man seinen Augen einen neugierigen Blick untersagt, ist oft mehr Tugend enthalten, als in dem Tragen des Bußkleides. Die Nachgiebigkeit gegen die Launen Anderer, das sanftmütige aber rechte Ertragen des Nächsten, das sind meine geliebten Tugenden. O, wie viel schneller ist es geschehen, sich anderen anzubequemen, als Andere unseren Launen und Meinungen gefügig machen zu wollen!" Die dritte Art von Leiden, dem Herzen des Heiligen besonders teuer, war die ungerechte Verfolgung. Eines Tages wurde er gefragt (Geist des h. Franz v. Sales, XVIII, 39; XIV, 28.), welche von den acht Seligkeiten ihm die vortrefflichste schiene; man erwartete, dass er antworten würde: Selig sind die Sanftmütigen! Aber nein. „Selig sind, sprach er, welche Verfolgung um der Gerechtigkeit willen erleiden! Diese Seligkeit, in der Reihe die letzte, ist in meinen Augen die erste, und ich betrachte sie als das vorzüglichste Glück dieses Lebens. Jene, welche ungerecht verfolgt werden, sind dem Heilande ähnlicher und führen mit Jesus Christus ein in Gott verborgenes Leben; sie erscheinen als böse und sind gut, tot und sind lebend, arm und sind reich, töricht und sind weise, verabscheut von den Menschen, sind aber gesegnet von Gott."

Das Leben des heiligen Bischofs stimmte mit diesen Lehren in jeder Hinsicht überein. Stets war er bereit, mit liebenswürdiger Freundlichkeit Alle anzuhören, die ihn sprechen wollten, wenn sie dabei auch in ihrer Zudringlichkeit nicht selten die Grenzen der Bescheidenheit überschritten, und nie äußerte er ein Zeichen des Missvergnügens, wenn er fortwährend in seinen wichtigsten und ernstesten Arbeiten gestört wurde. Alle diese Unannehmlichkeiten sah er als von der Vorsehung zugelassen oder gewollt an und ertrug sie darum mit Liebe, ohne etwas von der ruhigen Heiterkeit seiner Seele noch seines Antlitzes zu verlieren.

Dieser Mann, so gut und so liebenswürdig, hatte Feinde und Verfolger, die seine edelsten Handlungen tadelten, ihm herbe Vorwürfe machten oder unangenehme Dinge sagten; Gott ließ es ohne Zweifel zu, um die Tugend seines Dieners in ihrem hellen Glanze zu zeigen; und auf alle diese Ausfälle hatte er nur Antworten voll Glauben und Liebenswürdigkeit, welche eine Seele frei von aller Galle und jeglicher Bitterkeit bekundeten. „Man muss, sprach er, mit der menschlichen Schwäche Mitleid haben. Was würde aus uns werden, wenn Gott uns ohne Mitleid behandelte? Die Verfolgungen sind Teile des Kreuzes Christi ; auch das geringste Stückchen darf man nicht zu Grunde gehen lassen (Geist des h. Franz v. Sales, I, 15.).

Eines Tages kam ein Gläubiger zu ihm und verlangte die Bezahlung einer beträchtlichen Summe, für welche er für einen ihm befreundeten Edelmann Bürge geworden war; da sich letzterer beim Heere befand, so konnte er selbst die Schuld nicht bezahlen. Der heilige Bischof stellte dem Gläubiger mit möglichster Sanftmut vor, dass er, da das Vermögen des Edelmannes die Forderung weit übersteige, keine Gefahr laufe, weder Kapital noch Zinsen zu verlieren, und beschwor ihn, bis zu dessen Rückkehr Geduld zu haben. Allein Jener wollte auf solche Vorstellungen nicht hören; er tobte und schrie, er wolle auf der Stelle bezahlt sein. „Nun denn, sprach Franz, so lassen Sie mir wenigstens Zeit, an ihn zu schreiben und seine Antwort abzuwarten und Sie sollen befriedigt werden." -- „Ich werde nicht warten, versetzte der Andere, heute noch will ich bezahlt sein." -- „Mein Herr, sprach der heilige Bischof auf's Neue mit unglaublicher Sanftmut, würden Sie wohl, anstatt mich als Ihren Hirten zu ernähren, den Mut haben, mir das Brot vom Munde wegzunehmen? Nur spärlich besitze ich, was mir für meinen Unterhalt notwendig ist; nie habe ich eine solche Summe, wie Sie sie verlangen, in Händen gehabt. Wollen Sie mich denn vor dem Hauptschuldner einklagen? Ich überlasse Ihnen Alles, was ich habe, selbst meine Möbel, Sie können sie verkaufen; ich bitte Sie nur, mich zu lieben um Gottes willen, und ihn nicht durch Zorn, Hass und Ärgernis zu beleidigen. Tun Sie das und ich werde zufrieden sein." --- „Ach, das sind alles leere Versprechungen," versetzte der Gläubiger und er fuhr fort zu toben und zu schimpfen. „Mein Herr, sprach Franz mit heiterer Miene, ich werde alles Mögliche tun, um Sie zu befriedigen; aber das sage ich Ihnen auch, dass, hätten Sie mir ein Auge ausgerissen, ich Sie mit dem anderen ebenso liebevoll wie meinen besten Freund ansehen würde." Er schrieb unverzüglich an den Edelmann, der herbei eilte, um seine Schuld zu bezahlen; und der Gläubiger, beschämt über sein Betragen, kam zu Franz zurück und bat ihn um Verzeihung; der edle Bischof nahm ihn mit offenen Armen auf und liebte ihn von da an mit besonderer Innigkeit, indem er ihn seinen wiedergewonnenen Freund nannte (Geist des h. Franz v. Sales, I, 7.).

Zu anderen Malen zog er es vor, Beleidigungen Schweigen entgegenzusetzen. „Denn, sagte er, ich kenne gegen solche Dinge kein besseres Mittel, als nichts zu sagen, gar nicht merken zu lassen, dass man es gesehen oder gehört habe, und die größte Sanftmut gegen den zu beobachten, der uns beleidigt hat. Mag man auch noch so wenig sagen, die Eigenliebe sagt doch immer zu viel und lässt sich so schlecht verdaute Worte entschlüpfen, dass Einem das Herz den ganzen Tag über mit Bitterkeit erfüllt ist. Sagt man nichts, lacht man herzlich darüber und lässt den widrigen Wind vorübergehen, so setzt man den Zornigen in Erstaunen, verwirrt den Unbescheidenen und bewahrt lange die Freude und Ruhe des Herzens."

Die Geduld des Heiligen bewährte sich nicht minder in Krankheiten, wie bei Beleidigungen. Wiewohl er von sehr gesunder Konstitution war, hatte er doch in seinen letzten Jahren Vieles auszustehen; Krankheiten und körperliche Gebrechen aller Art befielen ihn. Und in seinen Schmerzen sah man ihn immer ruhig und ergeben; nie hörte man ein Wort der Klage, nie sah man, dass er traurig oder verdrießlich war. Er betrachtete diese Leiden als eine große Gnade Gottes, „denn, sprach er, da ich freiwillig nicht viel Buße tue, so ist es gut, dass ich ein wenig dazu gezwungen werde (Dom Jean de St. Francois, p. 411.)." Vernehmen wir den Bischof von Belley hierüber: „Alle, sagt dieser, welche ihn in seinen Krankheiten gesehen haben, erzählen Wunder von seiner Sanftmut und Gleichgültigkeit im Leiden. In den größten Schmerzen besaß er eine Geduld, vereinigt mit so großer Liebe und Sanftmut, dass man ihn nie den geringsten Wunsch äußern hörte, der nicht mit dem Willen Gottes übereinstimmte; nicht im geringsten bedauerte er es je, dass seine Krankheit ihn verhindere, Gott und dem Nächsten so manchen Dienst erzeigen zu können. Er wollte leiden, weil es so der Wille Gottes war. Er weiß besser als ich, sprach er, was mir Not tut. Möge er tun, was wohlgefällig ist in seinen Augen. Mein Gott! Dein Wille geschehe und nicht der meinige. Ja, himmlischer Vater, ich will es, weil es so wohlgefällig vor Dir gewesen ist; ja, Herr, ich will es, und möge Dein Gesetz und Dein Wille stets meinem Herzen eingegraben sein." Wurde er gefragt, ob er irgend eine Arznei wolle, einen Trank nehmen, oder zur Ader gelassen haben, so antwortete er: „Tut was Ihr wollt; Gott hat mich den Ärzten zur Verfügung gestellt.“ Und so nahm er Alles, was man wollte, mit einer Einfalt des Gehorsams an, die unvergleichlich war. Wurde er über sein Übel befragt, so nannte er es ganz einfach, ohne es zu vergrößern, indem er übermäßig klagte, noch es unbedeutender zu machen, indem er nicht Alles sagte, da er ersteres als eine Feigheit und letzteres als eine Unaufrichtigkeit ansah. Und lag der niedere Teil seiner Seele auch manchmal unter der Wucht des Schmerzes darnieder, die Heiterkeit des höheren Teiles blieb ungetrübt; sein ganzes Antlitz, besonders seine Augen, waren ein Beweis dafür (Geist des h. Franz v. Sales, V, 22; XII, 2; XVII, 14.). Überzeugt, dass man, wie er an die heilige Chantal schrieb, durch Leiden Gott besser dient, als durch Handeln, in der Meinung überdies, dass seine Leiden nur sehr wenig seien im Vergleiche zu dem, was er verdient und besonders was der Heiland für ihn erduldet habe, wollte er nie um die Wiedererlangung seiner Gesundheit beten. „Nie, sagt er (Ebendas., XVII, 12. – Brief 728.), würde ich den Mut haben, den Heiland zu bitten, mein Kopfweh durch das Verdienst jenes zu heilen, welches er in seinem anbetungswürdigen Haupte erduldete, mein Augenübel durch das Verdienst seiner am Kreuze leidenden Augen und mir die Gesundheit um seiner Schmerzen willen wiederzugeben, wie wenn er gelitten hätte, damit wir nicht mehr leiden sollten." Er verheimlichte sogar sein Unwohlsein und hielt sich auf so lange als möglich, indem das Bett nur für schwere Krankheiten da sei, wie er sagte; war er gezwungen, das Bett zu hüten, so nahm er mit freundlicher und dankbarer Miene jeglichen Dienst, den man ihm erwies, entgegen, nahm ohne Widerwillen jede Arznei, wie jede Speise, die man ihm reichte; und sich gewissermaßen selbst vergessend, dachte er nur an Gott und an seine Diener; an Gott, um sich in der inneren Vereinigung mit ihm zu erhalten und die ewigen Güter zu betrachten, an seine Diener, um sie zu bedauern wegen der Mühe, welche ihnen die Pflege seiner Person verursachte.

Wohl empfand er in seinem Inneren ein lebhaftes Widerstreben gegen das Leiden; aber seine erhabene Tugend bezwang dasselbe, und auf eine herrliche Weise übte er selbst, was er von jemand anders erzählte. Es war dies eine recht kranke Person; er ging zu ihr, lobte ihre Standhaftigkeit, übertrieb ihre Schmerzen, bewunderte ihren Mut, ihr ergebenes Schweigen, ihr gutes Beispiel. „Ach, mein Vater, versetzte diese darauf (Ebendas., VIII, 3.), was sagen Sie da! Sie sehen nicht, wie meine Natur sich dagegen sträubt! mein Inneres ist zerrissen und durcheinandergeworfen; wenn ich mich gehen ließe, so würde ich aufschreien und verdrießlich werden, ich würde murren und fluchen; aber Gott hat meinen Lippen einen Zaum angelegt, so dass ich es nicht wage, unter den Schlägen seiner Hand zu klagen, welche er in seiner Gnade mich gelehrt hat, zu lieben und zu verehren. Ich bin wie jener Prophet, den der Engel an einem Haare trug; nur an einem schwachen Faden hängt meine Geduld, und wenn Gott mir nicht beistände, so wäre ich verloren." -- „Sehet, sprach Franz nachher, das ist die wahre Geduld des Christen; sie ist nicht allein mutvoll, sondern auch demütig und liebend; und saget ihr dies nicht, damit sie nicht etwa eitel werde, und der in ihr wirkenden Gnade, deren Wasser nur in den Tälern der Demut fließen, ein Hindernis entgegensetze."

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Siebenzehntes Kapitel.

Sein Gleichmut der Seele.

Wunderbar war es zu sehen, wie die Seelenstimmung des heiligen Bischofs stets unverändert, stets sich gleich blieb; nie sah man ihn traurig oder niedergeschlagen in Widerwärtigkeiten oder Trübsalen, nie sah man ihn der Freude zu sehr nachgeben, nie ließ er sich von der Übereilung hinreißen. Immer Herr seines Herzens und seiner Leidenschaften, zeigte er bei den verdrießlichsten wie den angenehmsten Ereignissen stets dieselbe Ruhe in seinem Antlitze und ganzen Benehmen, so dass man von ihm sagte, in jeder seiner Handlungen sei er ebenso ruhig und gelassen, ebenso eingezogen und Gott und sich ebenso gegenwärtig, wie am Altare selbst. Am Hofe und in den geräuschvollsten Gesellschaften, in denen er genötigt war, zu erscheinen, war er ganz derselbe wie in einem Kloster der Heimsuchung oder in Mitte der heiligsten Ordensleute. In den verschiedenen Lagen des Lebens blieb er ein Mal wie das andere Mal; die Veränderungen fanden um ihn herum, aber nicht in ihm statt, und er verstand es, überall gleich heilig zu sein, mit den weltlichsten Gegenständen sich abzugeben, ohne sich je davon verweltlichen zu lassen. Immer und überall gewahrte man an ihm die nämliche Bescheidenheit und Sanftmut, dieselbe Leutseligkeit, den nämlichen Gleichmut der Seele, die nämliche Sorgfalt, Gott zu gefallen und die Tugend anderen liebenswürdig zu machen (La Riviere, p. 465.).

Von welcher Art auch die Leiden waren, die sein Leben durchkreuzten, nie wurde seine Geduld auch nur einen Augenblick erschüttert, seine Heiterkeit getrübt, sein Friede gestört (Geist des h. Franz v. Sales, VIII, 16.). „Dieser Bischof, sagte der Kardinal von Berulle, besitzt eine unverwüstliche Seelenruhe." Und in der Tat, seine ganze Miene, alle seine Worte, seine ganze Art und Weise zu handeln, Alles atmete nur Ruhe und Frieden und nichts in der Welt war im Stande, ihn aufzuregen oder zu beunruhigen. „Würde das Weltall, sagte er, drunter und drüber geworfen, so dürfte uns das dennoch nicht aus der Fassung bringen, denn das Weltall ist den Frieden der Seele nicht wert."

„Der Arzt, schrieb er während eines Unwohlseins (Brief 160.), hat mir Ruhe anempfohlen; ich schreibe dieses Mittel auch gerne vor; indem ich der körperlichen Ruhe pflegte, habe ich an jene geistige Ruhe gedacht, der unser Herz, im Willen Gottes ruhend, sich überlassen soll . . . ." – „Neulich sah ich, erzählte er einmal Frau von Chantal mit vieler Anmut (Brief 155.), ein Mädchen, welches einen Eimer mit Wasser auf dem Kopfe trug; oben auf dem Wasser lag ein Stück Holz, und da ich gerne gewusst hätte weshalb, so sagte sie mir, es sei, um das Wasser ruhig zu halten, damit es nicht verschütte. Von nun an, sprach ich da zu mir selbst, müssen wir also das Kreuz oben auf unser Herz legen, um unsere Begierden und Neigungen durch dieses Holz ruhig zu halten, damit sie sich nicht anderswohin in Unruhe und Verwirrung ergießen." -- Lasset uns, schrieb er ferner (Brief 748. – Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 34.), ganz Gott angehören in diesem Wirrwarr, welchen die Verschiedenheit der Dinge der Welt verursacht, wir können unsere Treue nicht besser bewähren als in Widerwärtigkeiten; die Einsamkeit hat ihre Stürme, die Welt hat ihre Unruhe; überall muss man gutes Mutes sein, da überall die Hilfe des Himmels Jenen nahe ist, welche auf Gott vertrauen und demütig seinen väterlichen Beistand anrufen; hüten Sie sich wohl, Ihre Sorgen sich in Unruhe und Angst verwandeln zu lassen. Mitten unter den Wogen und tosenden Stürmen erheben Sie stets den Blick zum Himmel und sprechen Sie zum Herrn: Mein Gott! für dich fahre ich auf diesen Wogen dahin, sei du mein Führer und Steuermann! Sodann trösten Sie sich mit dem Gedanken, dass die Süßigkeiten, welche unserer im Hafen warten, uns die Mühseligkeiten vergessen lassen, die wir ausstehen mussten, um dahin zu gelangen. Und wir steuern darauf zu unter all' diesen Stürmen, wenn unser Herz nur aufrichtig ist unser Wille gut und fest unser Mut, wenn wir unser Auge nur auf Gott gerichtet halten und auf ihn all unser Vertrauen setzen. Die wahre Tugend gedeiht in der äußeren Ruhe ebenso wenig, wie die guten Fische in dem faulenden Wasser der Sümpfe." In diesem Geiste der Ruhe und der Hingabe an die Vorsehung sagte er auch zu Frau von Chantal, als es sich um die Gründung des Ordens von der Heimsuchung handelte: „Will Gott nicht, dass unsere Pläne gelingen, so will ich es auch nicht, und man muss sich auch nicht 'mal eine Stunde lang deshalb den Schlaf rauben lassen."

Als er eines Tages von Jemand eine unwürdige Behandlung erfahren hatte, fragte ihn Frau von Chantal, die zugegen gewesen, was er in diesem für die Natur so empfindlichen Augenblicke empfunden habe. „Nie tieferen Frieden!" antwortete er. Als er ein anderes Mal bemerkte, dass einer der Hausgenossen in Aufregung geriet, sprach er lächelnd: „Nun, nun, Herr Michel, die Ruhe nicht verloren! eine Unze Ruhe ist mehr wert, als hundert Pfund Reichtum (Nach Michel Favre)." Jeden Augenblick wurde er in seinen Arbeiten und Übungen der Frömmigkeit gestört; Geschäfte überhäuften ihn; seine Pläne und Absichten erfuhren Widersprüche aller Art; eigensinnige und wunderliche Köpfe, unfähig, vernünftigen Vorstellungen Gehör zu geben, stritten mit ihm über die klarsten Punkte. Und in all' diesen Verdrießlichkeiten gewahrte man nicht die geringste Änderung in seinem Benehmen oder im Tone seiner Stimme. Je nachdem die Liebe es verlangte, verließ er ruhig seine geistlichen Übungen, selbst diejenigen, welche ihm die liebsten waren, „denn, sagte er, man muss an Gott allein unverbrüchlich festhalten, und nicht an den besonderen Mitteln, ihm zu dienen." Jemand, der an heftigen Kopfschmerzen litt, klagte ihm, dass es ihm nicht mehr möglich sei, der Betrachtung obzuliegen (pflichtgemäß nachzukommen). „Sie müssen sich davon entwöhnen (Geist des h. Franz von Sales, XV, 18.), antwortete er, und die frommen Stoßgebete der Ergebung in den Willen Gottes verdoppeln, der Ihnen dies Hindernis sendet, um Sie durch die Übung heiliger und ruhiger Entsagung fester an sich zu ketten. Was liegt daran, ob wir auf diese oder jene Art mit ihm vereinigt sind, da wir ja nur ihn suchen und wir ihn nicht weniger in der Abtötung, als im Gebete finden?" Seine Arbeiten verrichtete er eine nach der anderen, eine jede mit so ganzer Seele, als ob keine andere vorhergegangen wäre oder keine mehr folgen solle, und allen Verdrießlichkeiten begegnete er mit unvergleichlicher Sanftmut. „Seit einiger Zeit, schrieb er eines Tages, bin ich umringt von Unannehmlichkeiten und geheimen Widerwärtigkeiten, die über meine Ruhe gekommen sind; aber sie gewähren mir einen so süßen und lieblichen Frieden, wie nichts Anderes, und sind mir eine Vorbedeutung, dass meine Seele bald ihre Ruhe in Gott finden werde, und das ist die einzige Leidenschaft meines Herzens (Geist des h. Franz von Sales, X, 34.). "

Er wollte, dass man nichts mit hastiger Eile betreibe. „Es ist besser, sagte er (Ebendas., VI, 9; VIII, 18; X, 12; XVI, 34; XVIII, 6.), nur Weniges, aber dies gut zu tun. Nicht dadurch, dass wir viele Dinge tun, machen wir Fortschritte in der Vollkommenheit, sondern dadurch, dass wir sie mit Eifer und Treue verrichten (Ebendas., XIV, 24.). Die Frömmigkeit ist eine sanfte, ruhige, überlegte Inbrunst, aber Hast ist der Ruin derselben. Sie ist ein unüberlegtes, ungestümes Aufwallen, welche zerstört, indem sie aufbauen will, ausreißt anstatt zu pflanzen. Eilen Sie ganz sachte, sagt er ferner; früh genug, wenn gut genug. Ein jeder Tag hat genug mit seiner Plage. Wer zwei Dinge zu gleicher Zeit beginnt, wird es in keinem zu etwas bringen; es wäre ebenso, als wollte man mehrere Nadeln auf ein Mal einfädeln." -- „Tun Sie Alles, sagt er an einer anderen Stelle (Philothea, III, 10.), mit Sorgfalt, aber ohne Hast. Jede Hast trübt den Verstand und das Urteil und hindert uns, gut zu tun, was wir uns so angelegen sein lassen. Ein ruhig niederfallender Regen befruchtet das Land, ein in Strömen herabgießender verwüstet es."

Jene tadelte er sehr, welche im Gespräche hastig und ohne Überlegung reden; was man sage, solle wenig und gut sein, mit Ruhe und Gleichmut gesprochen. Besonders aber Jenen, welche Andere zu leiten hatten, empfahl er dringend diesem Ruhe: „Die vollkommenste Sorge, sagt er (Brief 722.), ist jene, welche sich derjenigen am meisten nähert, die Gott für uns hat, die eine Sorge voll Ruhe und Gelassenheit ist, in ihrer größten Tätigkeit doch frei von jeder Aufregung, und in ihrer Einheit Allen Alles wird." Diese Grundsätze waren die Richtschnur seines Wandels. „Es war seine Gewohnheit, sagt einer seiner Geschichtsschreiber (La Riviere, p. 523.), sich nie zu überstürzen, seine Arbeiten eine nach der anderen zu vollenden und auf eine jede seine ganze Aufmerksamkeit zu richten, wie wenn er an nichts Anderes zu denken hätte."

Dieser so wunderbare Gleichmut der Seele hatte seine Quelle in seiner Demut und Abtötung. Seine Demut, die ihn auf Gott und nicht auf sich selbst vertrauen lehrte und ihn über das Urteil der Menschen, ihren Tadel sowohl wie ihr Lob erhaben machte, verlieh ihm jene beherzte Entschlossenheit, jenen edlen Opfermut, jene Tüchtigkeit zu dem Großen und Schönen. Seine Abtötung, welche ihn lehrte, jede Rücksicht auf Reichtum und Wohlsein, Verwandte und Freunde, Große und Mächtige beiseite zu setzen, ließ ihn sich allen Arbeiten unterziehen, jedes nützliche Werk durch Hindernisse aller Art hindurch mit unerschütterlicher Sicherheit und Ruhe verfolgen, so dass nie ihn etwas, sobald es sich um die Erfüllung einer Pflicht handelte, davon abbringen konnte, dass er, den Blick auf Gott allein gerichtet, nie auch nur im Geringsten seinen Gleichmut und Frieden verlor (La Riviere, p. 464.). „Unser größtes Übel, sagt er in Bezug auf diesen Gleichmut, ist die Wertschätzung unserer selbst; begegnet uns eine Sünde oder Unvollkommenheit, dann sind wir erstaunt, werden unruhig und ungeduldig, weil wir glaubten, etwas Gutes, Entschlossenes, Feststehendes zu sein; und darum, wenn wir sehen, dass dem nicht so ist, dass es mit unserer Vortrefflichkeit ein Ende hat, werden wir unruhig, missgestimmt und unzufrieden, dass wir uns in uns selbst getäuscht haben. Wüssten wir, wer wir sind, so würden wir, anstatt uns zu wundern, uns am Boden zu sehen, erstaunt sein, wie wir nur einen Tag, ja nur eine Stunde aufrecht stehen können. Müssen wir Geduld haben mit Jedermann, so vor allem mit uns, da wir uns selbst lästiger sind, als sonst irgend ein Anderer (Brief 782.). Entschuldigen und beschuldigen Sie nur nach reiflicher Überlegung Ihre arme Seele, sagt er ferner (Brief 723. -- Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 20.), damit Sie dieselbe nicht, wenn Sie sie ohne Grund entschuldigen, verwegen und übermütig machen; oder, wenn Sie sie leichtsinnig anklagen, ihr den Mut nicht rauben und sie kleinmütig machen. Bemühen Sie sich, das, was Sie tun, vollkommen zu tun, und ist es getan, so denken Sie nicht mehr daran, sondern denken Sie an das, was Sie noch zu tun haben, einfach auf dem Wege Gottes vorwärts gehend, ohne Ihren Geist zu beunruhigen. Ihre Fehler müssen Sie hassen, aber nicht mit unwilligem und unruhigem, sondern mit ruhigem Hasse, mit ihnen Geduld haben, und sie sich dazu dienen lassen, sich selbst in Ihrer eigenen Achtung tiefer zu stellen (Brief 167.). Betrachten Sie Ihre Fehler eher mit Mitleiden als mit Unwillen, eher mit Demut als mit Strenge, und erhalten Sie Ihr Herz im Besitze einer ruhigen und gesetzten Liebe (Brief 107. – Geist des h. Franz v. Sales, XVII, 19.) ."

„Unser zweites Übel ist die Liebe zu uns selbst; werden uns nicht fühlbare Tröstungen und sonst süße Empfindungen zuteil, dann sind wir gleich traurig (Geist des h. Franz v. Sales, X, 24.); stoßen wir auf Hindernisse in der Ausführung unserer guten Absichten, dann sind wir ängstlich bemüht, sie zu überwinden, weil wir unsere Tröstungen, unsere Behaglichkeit und Bequemlichkeit lieben. Wir möchten nur Zucker im Dienste Gottes und wir sehen gar nicht auf Jesus hin, niedergesunken auf sein Antlitz, überronnen mit Blutschweiß, den ihm die innere Angst auspresste . . . Wir wollen es nicht einsehen, dass, wie das trockene Konfekt (kandierte Frucht) das beste ist (Ebendas., III, 51; XVI, 44 u. 64.), so auch das, was man in der Trockenheit tut, verdienstlicher vor Gott ist, als jenes, was man im Zustande der Tröstung verrichtet . . . Eine gute Dienerin Gottes sein, sagt er an einer anderen Stelle (Ebendas., XV, 21.), will nicht heißen, immer getröstet sein, stets in Süßigkeit, ohne Abneigung und Widerwillen gegen das Gute. Denn wenn dem so wäre, so würde weder der heilige Paulus, noch die heilige Angela, noch die heilige Katharina von Siena Gott auf eine gute Weise gedient haben; eine gute Dienerin Gottes sein heißt liebevoll gegen den Nächsten sein, den unwiderruflichen Entschluss haben, dem Willen Gottes zu folgen, eine sehr große Demut und Einfalt besitzen, um auf Gott zu vertrauen und sich so oft wieder zu erheben, als man gefallen ist, sich selbst in seiner Armseligkeit ertragen und mit den Unvollkommenheiten Anderer Geduld haben." -- „Teure Tochter, schrieb er an Frau von Chantal (Brief 255.), Gott will nicht, dass Sie den Genuss von Ihrem Glauben, Ihrer Hoffnung und Ihrer Liebe haben, es sei denn, dass Sie dessen dringend bedürfen; Sie haben aber diese dennoch und zwar in einem recht guten Zustande; aber Sie sind wie ein Kind, dem sein Vormund die Verwaltung seiner sämtlichen Güter entzogen hat. Wie glücklich sind wir, dass dieser himmlische Vormund uns so entwöhnt und so kurz hält! Wir müssen die liebenswürdige Vorsehung anbeten, indem wir uns ihr in die Arme werfen. Nein, Herr, ich will nicht den Genuss meines Glaubens, meiner Hoffnung und meiner Liebe, es sei denn, um Dir in Wahrheit, wenn auch ohne jedes Gefühl der Annehmlichkeit, zu sagen, dass ich eher sterben will, als meinen Glauben, meine Hoffnung und Liebe verlieren. Herr, wenn es Dir so wohlgefällig ist, dass ich keine Freude bei Ausübung der Tugend empfinde, so bin ich es von ganzem Herzen zufrieden . . . Begegnet uns etwas Unangenehmes, fährt er weiter fort, so müssen wir es annehmen mit ruhiger Ergebung in den Willen Gottes. Begegnet uns etwas Angenehmes, so müssen wir es annehmen mit ruhiger Mäßigung, ohne in eine zu freudige Aufregung zu geraten. Muss man das Böse fliehen, so muss das mit Ruhe und ohne Verwirrung geschehen; sonst könnten wir auf der Flucht fallen und dem Feinde hinreichende Zeit verschaffen, uns zu töten. Müssen wir etwas Gutes tun, so soll es mit Ruhe geschehen; sonst würden wir viele Fehler durch unsere Hast und Eile begehen. Wir sollen selbst nur bei dem Guten verweilen, was Gott von uns will; sonst würde, wenn auch das, was wir möchten und wünschen, gut ist, gerade dieser Wunsch böse sein, weil es nicht nach dem Willen Gottes wäre, der von uns nicht dieses Gute, sondern ein anderes will (Brief 167.). Fühlen Sie sich betroffen durch die Menge Ihrer Unvollkommenheiten, so müssen Sie sich nicht darüber beunruhigen; denn nichts befestigt sie mehr als Unruhe und der ängstliche Eifer, sich von ihnen frei zu machen. Werden Sie von Versuchungen bestürmt (Geist des h. Franz v. Sales, XVI, 21.), so müssen Sie deshalb nicht ängstlich sein, auch nicht die Stellung ändern, in der Ihr Körper sich gerade befindet; es ist der Teufel, der um Ihre Seele herumstöbert, um zu spähen, ob er nicht einen Eingang finden kann. So machte er es mit Job (Hiob), dem heiligen Antonius, der heiligen Katharina von Siena und zahllosen anderen guten Seelen, die ich kenne, und auch mit der meinigen, die nichts taugt und die ich nicht kenne. Soll man deshalb verdrießlich werden? Lassen Sie ihn nur da stehen und warten, halten Sie alle Eingänge wohl verschlossen, und er wird es endlich müde werden; oder wenn er es nicht wird, so wird Gott ihn zwingen, die Belagerung aufzuheben. Es ist ein gutes Zeichen, wenn er so viel Lärm und Getöse um unseren Willen herum macht; es ist ein Zeichen, dass er nicht drinnen ist. Hüten Sie sich, Ihr Herz zu schelten wegen dieser lästigen Gedanken, die um es rings umher sitzen; denn das arme Ding kann ja nichts dafür und Gott selbst tadelt es deswegen nicht; im Gegenteil, seine göttliche Weisheit sieht mit Freuden, wie dies kleine Herz zittert bei dem Schatten des Bösen wie das Küchlein bei dem Schatten des Habichts, der über es dahinfliegt; nehmen wir unsere Zuflucht zum Kreuze, umfassen wir es mit Inbrunst, bleiben wir ruhig im Schatten dieses heiligen Baumes. Es ist unmöglich, dass uns etwas beflecke, so lange wir wirklich entschlossen sind, Gort ganz anzugehören (Brief 658.). Darum muss man nicht ängstlich erschrecken in den Versuchungen, sondern in freudiger und ruhiger Ergebung in den Willen Gottes verharren. Da die Versuchungen einem Herzen, welches sie nicht liebt, nichts von seiner Reinheit nehmen können, so sehen wir sie gar nicht an, sondern schauen wir unverwandten Blickes auf unseren Heiland, der uns nach dem Sturme erwartet; und halten wir ihm eine große und standhafte Liebe bereit, welche sich weder um das Süße noch das Bittere kümmert, und sich nur angelegen sein lässt, ohne Rückhalt zu sprechen: Es lebe Jesus! Die Versuchungen beunruhigen uns nur deshalb, weil wir zu viel an sie denken und sie zu sehr fürchten (La Riviere, p. 576.)."

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Achtzehntes Kapitel.

Wunder, durch welche Gott die Heiligkeit seines Dieners der Welt offenbarte.

Wie der Heilige schon während seines Lebens der Gegenstand der allgemeinsten Verehrung, der Ruf von seiner Heiligkeit schon in alle europäischen Länder gedrungen war, haben wir im Verlaufe unserer Geschichte bereits gesehen. Selbst die Protestanten teilten diese Achtung; sie fanden keinen anderen Fehler an ihm, als den, zu katholisch zu sein. „Hinge er, äußerte sich einst ein protestantischer Prediger über ihn, der katholischen Kirche nicht allzu sehr an, so würde er ein vollkommener Mann sein (Dom Jean de St. Francois, p. 509.)."

Dass nach seinem Tode diese Verehrung nur zunahm und noch allgemeiner wurde, ist natürlich. Das bescheidene Grabmal, welches ihm zu Annecy in der Kirche von der Heimsuchung errichtet worden, wurde ein Gegenstand frommer Sehnsucht für die Gläubigen. In Menge kamen sie aus allen Ländern, um hier zu beten und Hilfe in den verschiedensten Nöten zu suchen. Die Stimme des Volkes hatte ihn schon heilig gesprochen. Es war dies nicht allein eine Folge der erhabenen Tugenden, welche das Leben des heiligen Bischofes geziert hatten, sondern noch weit mehr der zahlreichen Wunder, welche Gott auf seine Fürbitte wirkte.

Die Mutter de Chaugy gab im Prozesse seiner Seligsprechung über diesen Punkt folgende eidliche Erklärung ab (Proces de canonisation, V, 823.): „Die Wunder, welche Gott durch unseren verehrungswürdigen Stifter an seinem Grabe sowohl wie an verschiedenen anderen Orten gewirkt hat, sind außerordentlich zahlreich. Nach glaubwürdigen Mitteilungen aus verschiedenen Gegenden habe ich gefunden, dass er siebenunddreißig Tote erweckt, neunzehn Taubstumme, zwei Aussätzige, zwanzig Blinde, einhundertzwei Lahme, vierzehn Gichtbrüchige, vierunddreißig sonst unheillbare Augenkranke, zweiundfünfzig an unheilbaren Geschwüren Leidende, einundfünfzig Verkrüppelte, neunzehn mit Epilepsie Behaftete, dreizehn Wassersüchtige und siebenunddreißig Wahnsinnige geheilt hat. Dazu kommen ferner zehn Personen, die durch ihn aus der größten Gefahr, Schiffbruch zu erleiden, errettet wurden, mehr als sechstausend, die von pestartigen Fiebern befreit worden sind und mehrere Dörfer, welche von der Pest, zur Zeit als sie in Savoyen herrschte, verschont blieben. „Ich habe die Berichte aller dieser Wunder in Händen gehabt; und ich weiß, dass außer diesen noch viele andere stattgefunden haben, die aber nicht schriftlich mitgeteilt worden sind."

Von diesen Wundern wollen wir nur einige von denen, von welchen in der Kanonisations-Bulle (Schrift) Rede ist, näher erwähnen.

Das erste war die Auferweckung eines Toten, namens Hieronymus Genin (Proces de canonisation, III, 367 et suiv.). Als Knabe von fünfzehn Jahren war er von seinen Eltern zu dem Pfarrer von Ollieres gebracht worden, um die lateinische Sprache zu erlernen. Mit seinem Lehrer, den er zu strenge fand, unzufrieden, lief Genin eines Tages fort, um ins elterliche Haus zurückzukehren. Am Ufer des Flüsschens Fier angekommen, welches gewöhnlich unbedeutend und vermittelst eines Steges leicht zu passieren, aber damals in Folge des abgehenden Schnees ausserordentlich angeschwollen und reissend war, blieb er einige Augenblicke stehen, unschlüssig, ob er einen so gefährlichen Übergang wagen solle; endlich kniete er nieder, machte das Gelübde, eine heilige Messe am Grabe des heiligen Franz von Sales zu hören, wenn er glücklich hinüberkomme, erhob sich und betrat die schwankende Brücke. Mitten auf derselben angelangt, wurde er vom Schwindel erfasst; er verlor das Gleichgewicht und stürzte in das tobende und brüllende Wasser. In seiner Todesangst rief er drei Mal aus: Seliger Franz von Sales, rette mich! erneuerte sein Gelübde und verschwand dann in den Wellen. Sein Bruder Franz, der bei ihm war, lief weinend und schluchzend nach dem eine Viertelstunde entfernten Dorfe Arnay und erzählte den Einwohnern das eben geschehene Unglück. Ein geschickter Schwimmer eilte, von den Leuten des Dorfes gefolgt, nach dem Bache, um den Leichnam des Ertrunkenen aufzusuchen; erst nach achtstündigem Suchen gelang es ihm, denselben zu finden. Er gewährte einen scheußlichen Anblick; er war mit Wasser angefüllt, ganz zerschlagen und zerschunden von den Steinen, gegen welche ihn die Wellen geworfen hatten; das Gesicht schwarz und blau, der Mund voll Blut und Sand. Man ratschlagte, ob man ihn gleich begraben solle; doch hielt man es für passend, es bis zum anderen Tage zu verschieben, um den Pfarrer von Ollieres vorher davon zu benachrichtigen. Nicht sobald hatte dieser die traurige Nachricht erhalten, als er auch schon am nämlichen Abende herbeieilte. Außer sich bei dem Anblicke des Leichnams, der bereits in Verwesung übergegangen schien und einen stinkenden Geruch verbreitete, warf er sich auf die Knie und gelobte, während neun Tagen die heilige Messe am Grabe des seligen Franz von Sales zu lesen, wenn Gott um der Ehre seines Dieners willen das Kind zum Leben zurückrufe. Die ganze Nacht betete man bei dem Toten, den man in eine benachbarte Scheune getragen hatte, und am anderen Tage gegen elf Uhr morgens schickte man sich an, ihn zu begraben; kaum konnte man es bei dem üblen Geruche mehr bei ihm aushalten. Allein siehe da! während man den Begräbnispsalm sang, erhob der Knabe den Arm und rief aus: „O seliger Franz von Sales!" Der Pfarrer stürzte herbei und hörte, wie der, welcher bereits seit sechsundzwanzig Stunden tot war, ihm mit lauter und kräftiger Stimme zurief: Der selige Franz von Sales hat mir das Leben wiedergegeben! Kleider wurden herbeigebracht; der Knabe stand auf und zeigte sich Allen voll Leben. Jedoch verursachten ihm die erhaltenen Stöße und Verwundungen noch Schmerzen; er ging nach Annecy zum Grabe des heiligen Bischofs und sie verschwanden plötzlich; vollkommen war er wieder hergestellt, begann seine Studien aufs Neue und wurde in der Folge Doktor der Theologie.

Das zweite Wunder war die plötzliche Heilung eines Blind-geborenen aus der Pfarrei Arit, namens Claude Marmot. Nach dem Zeugnisse dreier Ärzte aus Annecy hatte dieser Blinde nicht die Spur von einem menschlichen Auge; an der Stelle des Seh-Organs befanden sich zwei Häutchen, weiß wie Schnee, ohne eine Andeutung von einem Augapfel. Man brachte ihn zum Grabe des Dieners Gottes und hielt, um seine Heilung zu erflehen, eine neuntägige Andacht. Am neunten Tage ließ man die Stelle, wo sich die Augen befinden sollten, das Grabmal berühren und in dem nämlichen Augenblicke schrie er, vor Freude außer sich aus: „Mein Gott, ich sehe, und es ist mir, „Mein Gott, ich sehe, und es ist mir, als sei ich im Paradiese." Und seit dem Augenblicke war er in der Tat vollkommen geheilt.Kaum weniger merkwürdig war die Heilung der Peronne Evraz aus der Pfarrei Sallanches. Von Geburt aus gelähmt, waren ihre Beine so eingeschrumpft, dass man nur Haut und Knochen an ihnen gewahrte, und zugleich so schwach, so biegsam, dass sie sie ganz nach Belieben bis über die Schultern zurückzog, ohne sich in irgend einer Weise auf denselben halten zu können. Untröstlich über ein Gebrechen, welches die Ärzte für unheilbar erklärten, machte ihr Vater das Gelübde, das Grab des heiligen Bischofs zu besuchen, daselbst eine Messe lesen zu lassen und eine Kerze anzuzünden. In dem nämlichen Augenblicke, in welchem er in Annecy dies Gelübde erfüllte, verließ die Lahme in Sallanches ihr Bett und rief aus, dass sie vollkommen geheilt sei; und seit der Zeit verspürte sie nicht mehr die mindeste Schwäche in den Beinen.

Wie diese Person, so war auch Claude Julliard, aus der Pfarrei Mieussy, lahm von Geburt, und bis zu seinem zehnten Jahre war er nicht im Stande gewesen, sich auch nur einen Augenblick auf seine Füße zu stellen. Seine Mutter brachte ihn auf den Rat einer Verwandten zu dem Grabe des Dieners Gottes, um hier seine Heilung zu erflehen. Schon am zweiten Tage vermochte das Kind auf seinen Beinen zu stehen, und es wurde so vollständig geheilt, dass es zu Fuße einen großen Teil des Weges von Annecy nach Mieussy zurücklegen konnte.

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Neunzehntes Kapitel.

Die Heiligsprechung Franz's von Sales.

Gleich nach dem Tode des Bischofs unternahm es Frau von Chantal, die besser als sonst jemand die Heiligkeit des Dieners Gottes kannte und überdies Zeuge der zahlreichen Wunder war, die jeden Tag an seinem Grabe geschahen, die rechtsförmige Untersuchung über das Leben und die Wunder des Heiligen einzuleiten. Johann Franz von Sales (Bruder), gerne ihrer Bitte willfahrend, beauftragte mit dieser wichtigen Sache Dom Juste Guerin; und am 22. Mai 1624 begann dieser, von mehreren Mitarbeitern unterstützt, die Untersuchung, indem er sich mit unermüdlichem Eifer an alle jene Orte begab, welche der Schauplatz der Tugenden und der Wunder des verstorbenen Bischofs gewesen waren. Sie brachte so außerordentliche Beweise für die Heiligkeit des Gottesmannes zu Tage, dass man glaubte, an den Papst darüber berichten zu müssen, damit er apostolische Kommissare schicke, um an Ort und Stelle die Tatsachen zu konstatieren (festzustellen). Um den heiligen Stuhl noch besser zu unterrichten, veranlasste Frau von Chantal den Pater de la Riviere aus dem Orden der Minimi, das Leben des verstorbenen Bischofs zu schreiben, und bestimmte Dom Guerin, nach Rom zu reisen, um dort selbst die Sache, die ihr so sehr am Herzen lag, zu betreiben. Nachdem dieser das ganze Jahr 1626 zu diesem Zwecke in Rom verweilt hatte, erwirkte er endlich vom heiligen Stuhle, dass der Prozess eingeleitet und drei apostolische Kommissarien ernannt wurden, um die amtliche Untersuchung zu leiten. Es waren der Erzbischof von Bourges, der Bischof von Belley und Georg Namus, Doktor an der Universität Löwen. Sie begannen ihre Arbeit in Annecy. im Jahre 1627 und vernahmen mehr als fünftausend Zeugen sowohl über die Tugenden als auch die unzähligen Wunder des Gottesmannes. Nachdem sie alle Aussagen gesammelt hatten, schritten sie am 4. August 1632 zur Öffnung des Grabes, wobei sie den Leichnam ganz unverletzt und unverändert fanden, die Kleidung unversehrt bis auf verschiedene Flecken von gelblicher Farbe, die von der Feuchtigkeit herrührten. Im Jahre 1634 ging Dom Guerin, von Dom Maurice begleitet, abermals nach Rom, um dem heiligen Stuhle sämtliche Prozess-Akten zu überreichen und deren Prüfung zu beschleunigen Da aber die Jansenisten verschiedene Umtriebe angezettelt hatten, um die Heiligsprechung zu hintertreiben, so glaubte er, dass alle seine Bemühungen für den Augenblick umsonst sein würden und reiste, nachdem er seine Akten in den Archiven des Vatikans niedergelegt hatte, am 17. Mai 1636 zurück.

Als im Jahre 1644 Innocenz X. den päpstlichen Stuhl bestieg, gab man sich der Hoffnung hin, den Prozess wiederaufgenommen zu sehen und so wurde 1647 ein neuer Sachwalter nach Rom geschickt, der es auch erreichte, dass zwei Kongregationen zusammentraten, die vorbereitende und allgemeine. Dabei hatte die Sache ihr Bewenden bis zum Tode dieses Papstes im Jahre 1655. Es folgte ihm der Kardinal Chigi unter dem Namen Alexander VII. Der Kardinal hatte in seiner Jugend Franz von Sales rücksichtlich seines Eintrittes in den geistlichen Stand um Rat gefragt: der fromme Bischof hatte ihm die Versicherung gegeben, dass Gott ihn zu diesem Stande berufe, und dass er, wenn er dem Grundsatze treu bliebe, nicht nach Ämtern und Würden zu streben, er eines Tages zu den höchsten in der Kirche gelangen würde. „Und ich, Herr von Sales, erwiderte ihm darauf der junge Chigi, ich gebe Ihnen die Versicherung, dass ich Sie, wenn ich einmal Papst bin, heilig sprechen werde." Wirklich gab nun Alexander VII. den Auftrag, den Prozess des seligen Bischofs wieder aufzunehmen und mit der äußersten Strenge dabei zu Werke zu gehen, damit die ganze Welt es erkenne, dass diese Heiligsprechung nicht eine Gunstbezeigung, sondern eine Pflicht strenger Gerechtigkeit sei. Am 26. April 1655 wurden drei Dekrete (Anordnungen) erlassen und man hoffte, in Kurzem die Sache zu beendigen, als man einen wesentlichen Formfehler entdeckte, der es nötig machte, den ganzen Prozess von neuem zu beginnen.

Zum dritten Male nahm man die Verhandlungen im Januar 1656 auf und sie endigten mit der Seligsprechung des Dieners Gottes. Die Bischöfe von Puy, Belley und Maurienne kamen als apostolische Kommissarien (Kommissare) nach Annecy, um eine neue Untersuchung über die Tugenden und Wunder des verstorbenen Bischofs vorzunehmen; auch sein Grab wurde wieder geöffnet, der Leichnam jedoch nicht mehr unversehrt gefunden; dafür aber strömte ein lieblicher Wohlgeruch von demselben aus, der, wie die Ärzte erklärten, nur eine übernatürliche Ursache haben konnte. Während man in Rom und Annecy diesen Prozess, der alle Welt so lebhaft interessierte, mit dem größten Eifer betrieb, warf ein Nichtswürdiger, um der Sache Schwierigkeiten in den Weg zu legen, einen Zettel in das Konsistorium (Versammlungsort der Kardinäle unter Vorsitz des Papstes), auf dem geschrieben stand, dass der Bischof nicht getauft sei. Es war eine Unwahrheit, das wusste man, aber man konnte es nicht beweisen, da die Pfarrregister von Thorens zugleich mit der Kirche verbrannt waren. Glücklicherweise fügte es Gott, dass man zwei Zeugnisse beibringen konnte; das eine fand sich in einem Aktenstücke, welches man im Archive des Schlosses Sales entdeckte, das andere bestand in der Aussage eines Bauern von Thorens, der eidlich bekräftigte, er habe oft seinen Vater sagen hören, dass er die Ehre gehabt habe, bei der Taufe des Herrn von Sales die Glocken zu läuten.
Im Jahre 1658 endlich wurden sämtliche Akten der Untersuchung nach Rom geschickt und 1659 der Prozess als gültig und frei von Formfehlern erklärt und vom Papste für die dreizehn Jahre, welche an den fünfzig, die vom Todesjahre bis zur Seligsprechung verflossen sein mussten, noch fehlten, Dispens
(Ausnahme-Bewilligung bzw. amtliche Befreiung von einer kirchlichen Regel) erteilt. Am 28. Dezember 1661 wurde die Seligsprechung durch päpstliches Breve (kurzes Schriftstück) öffentlich angekündigt und elf Tage später feierlich vollzogen. Am 19. April 1665 endlich erfolgte unter dem nämlichen Papste Alexander VII., nach abermalig vorhergegangener reiflicher Untersuchung und Prüfung, die feierliche Heiligsprechung Franz's von Sales. Mit außergewöhnlicher Pracht, wie sie der hohen Verehrung Alexander VII. für den Heiligen entsprach, wurde dieselbe in Rom begangen. Annecy und die meisten französischen Städte wetteiferten darin mit der ewigen Stadt (Rom); der Name des heiligen Franz war in Aller Munde wie in Aller Herzen, und zahlreiche Wunder, auffallende Bekehrungen waren der Lohn für eine so innige und glühende Verehrung.

 

 

Schlussbemerkung ZDW:
Franz von Sales ist in seiner Aufopferungsbereitschaft und Nächstenliebe Jesus sehr nahe gekommen und kaum einer hat zudem das Evangelium Jesu richtiger verstanden als er – durch sein Handeln und seine Gesinnung, sodass keine Spur einer Theorie übrigbleibt, sondern nur die reine christliche Praxis der Lehre Jesu in Wort und Tat erkennbar ist.
Er ist ein Kind Gottes in jeder Beziehung und immer am Fuße des Kreuzes anzutreffen, um ihn zu finden.
Wahrscheinlich hat ihn selbst niemand besser verstanden als seine treue Mitarbeiterin und heilige Schwester Chantal.

 

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