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Die himmlischen Offenbarungen 
der heiligen Birgitta - 3.Buch

   
   





  

Anfang des 3. Buches

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Das dritte Buch enthält zum großen Teil Ermahnungen und Warnungen, die an die damalige Priesterschaft gerichtet sind. Es ist teilweise in Schweden, teils in Italien entstanden. Offenbarungen, die in Schweden 1344-49 entstanden.

Inhalt 3. Buch


1. Durch Birgitta ermahnt Christus einen Bischof zu einer verantwortungsvollen Verwaltung seines Amtes. Er teilt ein Tagesprogramm mit, das der Bischof einhalten soll. 
2. Christus setzt den „Bischofsspiegel“ fort. Er warnt den Bischof vor Versuchungen zu einem bequemen und genussreichen Leben. 
3. Der Bischofsspiegel endet mit einer Ermahnung, die notwendigen Zurechtweisungen nicht zu versäumen und soweit wie möglich selbst die Leitung in die Hand zu nehmen, mit dem Versprechen einer himmlischen Belohnung. – Man kann mit Recht annehmen, dass Bischöfe wie Birger Gregersson von Uppsala, Nikolaus Hermansson von Linköping und Hemming von Åbo diesen Bischofsspiegel als Richtschnur für ihr Leben und ihre Wirksamkeit benutzt haben. 
4. Maria schildert, wie ein pflichttreuer Domherr und ein pflichtvergessener Bischof gelebt haben, und welche Vergeltung sie nach ihrem Tode im Himmel empfangen haben. In ihrem Buch „Birgitta och hennes uppenbarelser“ hat Toni Schmid diese Personen mit Bischof Bo und dem Domherrn Nikolaus in Växjö identifiziert (S. 50-53). 

Offenbarung, gegeben in Milano 1349. 

5. Der heilige Ambrosius[1], früher Bischof von Milano, spricht zu Birgitta bei ihrem kurzen Besuch im Spätherbst 1349 und deutet auf den Machtmissbrauch der kirchlichen und weltlichen Regenten hin. 
6. St. Ambrosius tadelt in scharfen Worten Giovanni Visconti, den derzeitigen Erzbischof in Milano[2], für dessen verweltlichtes Leben und droht ihm mit Gottes gerechter Strafe. 
7. Die Jungfrau Maria rühmt Ambrosius und stimmt in seine Klage über Giovanni Visconti ein. 

Offenbarungen, gegeben in Schweden 1344-49. 

8.
Jungfrau Maria warnt einen nicht genannten Magister, nach weltlicher Ehre und Gunst zu streben. 
9. Maria die Möglichkeit für kluge Menschen, Gefahren und der Unvorsichtigkeit unkluger zu entgehen. 

Offenbarungen, gegeben 1350 in Rom 

10.
Maria macht den in Avignon wohnenden Legaten des Papstes auf den Verfall aufmerksam, der unter der Priesterschaft in Rom zur Zeit des Jubeljahres 1350 herrscht. 
11. Johannes der Täufer tadelt den vom Papst entsandten Legaten, Kardinal Annibaldo Ceccario, wegen seines prunkhaften Lebens. Der Zusatz deutet auf den unseligen Tod hin, der ihn nach seiner Abreise aus Rom ereilte. 

Offenbarungen, die teils in Schweden 1344-49, teils in Italien in den Jahren nach 1360 erfolgten. 

12.
Jungfrau Maria und St. Agnes[3] geben durch Birgitta Ratschläge und Ermahnungen an Bischof Thomas in Växjö, der später Birgitta in Rom aufsuchte, sowie an Bischof Peter Tyrgilsson von Linköping. Ein paar Zusätze berichten Episoden von Bischof Thomas´ und Birgittas Zusammensein in Italien. 

Offenbarungen, gegeben in Schweden 1344-49. 

13.
Maria ermahnt durch Birgitta Peter Tyrgilsson, Bischof von Linköping und später Erzbischof von Uppsala. Dieser wird ermahnt, sich treu für die Erlösung der Seelen einzusetzen, ohne eventuelle Unannehmlichkeiten oder Widerstände zu fürchten. Der Zusatz gehört in die Zeit nach 1366. 
14. Maria tadelt im Beisein von Birgitta einen Bischof, der äußerlich demütig sein soll, aber in Wirklichkeit hochmütig und auf das Weltliche ausgerichtet ist. Der Bischof, der dem Dominikanerorden angehört, aber nicht mit Sicherheit identifizierbar ist (war es Peter Filipsson von Uppsala?) wird mit einem Schmetterling verglichen. 
15. Maria tadelt noch einen schwedischen Bischof vom Dominikanerorden. Sie vergleicht ihn mit einer Stechfliege und beschuldigt ihn, einschmeichelnd und ehrgeizig zu sein. Man hat ihn mit Ödgisl Birgersson von Västerås identifiziert[4]. 
16. Es wird ein Dialog zwischen den beiden schwedischen Dominikanerbischöfen wiedergegeben. Der ältere, der „Schmetterling“, gibt hier dem jüngeren, der „Stechfliege“, seine Scheinheiligkeit und seine egoistische Berechnung zu. 
17. Maria rühmt vor Birgitta den heiligen Dominicus[5], Stifter des Ordens, dem diese beiden Bischöfe angehörten. Dominicus lehrte seine Söhne Armut und Liebe zu den Seelen, sagt sie, aber die jetzigen Dominikaner wandeln im allgemeinen einen ganz anderen Weg. 
18. Maria setzt ihre Klage über die schwedischen Dominikaner der damaligen Zeit fort, von denen gesagt wird, dass sie mehr auf weltliche Vorteile als auf Gottes Ehre und die Rettung der Seelen bedacht sind, und die u.a. für ihre jetzt geführte Lebensweise und für ihren Eifer getadelt werden, unnötig große und prachtvolle Kirchen zu bauen. Am Ende des Kapitels wird das Gericht über den älteren schwedischen Dominikanerbischof, den „Schmetterling“, angedeutet. 
19. Christus lehrt Birgitta, wie sie schlechten und törichten Gedanken begegnen soll; weiter deutet er an, welche Lehre sie aus dem Ende des erwähnten Bischofs ziehen kann. 

Offenbarungen, gegeben in Italien 1350. 

20.
Maria rühmt vor Birgitta den heiligen Benedikt[6] und die Absichten, die dieser bei der Stiftung seines Ordens hatte. Sie deutet an, dass die jetzigen Benediktiner vom hohen Ideal ihres Stifters abgefallen sind. 
21. Maria fährt fort, den ursprünglichen benediktinischen Geist zu rühmen und den Abfall der jetzigen Benediktiner von diesem Geist zu tadeln. Sie deutet die Notwendigkeit einer Reform an. 
22. Maria beschließt ihre Rede über die damaligen italienischen Benediktiner mit einer besonderen Klage über Arnold, Abt im Benediktinerkloster Farfa bei Rom. Birgitta besuchte dieses Kloster kurz nach ihrer Ankunft in Rom im Jahre 1350, beobachtete dessen Verfall und trug den Bewohnern des Klosters die himmlische Klage vor, die jedoch scheinbar nicht zu einer Nachfolge führte. 

Offenbarungen, die nicht datiert werden können. 

23.
Gott Vater spricht mit Birgitta über das Geheimnis der Dreieinigkeit. 
24. Christus beschreibt Birgitta mit Hilfe eines Gleichnisses die guten und die zur Buße bereiten Sünder und die unbußfertigen. 
25. Maria spricht mit Birgitta über Christi Beschneidung. 
26. Christus erklärt Birgitta, welches Schicksal die gerechten Juden und die Heiden nach dem Tode trifft. 

Offenbarung, gegeben in Rom um 1350. 

27.
Maria und Christus klagen bei Birgitta über die jetzige Zügellosigkeit und Gottlosigkeit in Rom und stellen sie in Gegensatz zu der früheren Heiligkeit der Stadt. 

Undatierbare Offenbarungen. 

28.
Maria beschreibt Birgitta, was eine vollkommene Gottesliebe bedeutet. 
29. Birgitta preist Maria. Maria sagt, das Rühmen sei berechtigt und hat Anlass zur Klage über die Verachtung, der ihr göttlicher Sohn jetzt von Priestern und weltlichen großen Männern ausgesetzt ist. 
30. Die heilige Agnes preist Maria. Maria stimmt zu, klagt bei dieser Gelegenheit über die Schlechtigkeit der Menschen, weist aber darauf hin, dass sie die Guten nicht betrübt und verzagt machen darf. 
31. Christus erzählt von einem scheinbar frommen Mann, der schließlich verdammt wurde, und von einem offenbar sündigen Mann, der die Gnade erhielt, sich zu bekehren, und so gerettet wurde. – Der schwache, von seinen Günstlingen abhängige König, von dem Christus im Gleichnis erzählt, dürfte Züge von Magnus Eriksson entlehnt haben. Der Arzt, der mit einer heilsamen Medizin zum König geschickt wurde, dürfte Birgitta darstellen. 
32. Maria spricht mit Birgitta über ihre allgemeine Vermittlerschaft. 
33. Dieses Kapitel, das wahrscheinlich aus der Zeit in Rom stammt, handelt von einem Mönch, der sagte, er sei bereit, Birgitta auf ihrer Fahrt nach Jerusalem zu begleiten. 
34. Maria spricht mit Birgitta über eine kluge und maßvolle Enthaltsamkeit. 


[1]. 339-397 
[2]. 1290-1354, wurde 1329 zum Kardinal und Legaten in der Lombardei ernannt. 
[3]. Märtyrerin; Lebensdaten unsicher (e. oder 4. Jhdt. n. Chr.). 
[4]. Schmid, Birgitta och hennes uppenbarelser, S. 54. 
[5]. Gründer des Dominikanerordens, geb. um 1170, gest. 6.8.1221 in Bologne. 
[6]. Gemeint ist wohl der hl. Benedikt von Nursia, Einsiedler und Abt der Spätantike, auf den sich das benediktinische Mönchtum zurückführt, geb. um 480, gest. 547. 

 

Hier beginnt das dritte Buch der himmlischen Offenbarungen der hl. Birgitta von Schweden.

Gottes Sohn spricht mit den Worten: ”Wenn jemand ein Vorgesetzter über andere ist, so soll er deshalb nicht hochmütig sein, denn alle sind von demselben Geschlecht, und alle Macht ist von Gott. Wenn der Vorgesetzte gut ist, ist das von Gott zu seiner eigenen Rettung und der von anderen so eingerichtet. Wenn er schlecht ist, so beruht das auf Gottes Zulassung und soll zur Prüfung des Untergebenen dienen. Wer gezwungen ist oder wünscht, Vorgesetzter zu sein, der soll sich den Untergebenen so zeigen, dass er zugleich vorbildlich ist, was seine Sitten und seinen Wandel und das Maß an Gerechtigkeit und Billigkeit betrifft. Und er soll genau damit sein, dass er nicht durch Worte oder Beispiel oder Machtmissbrauch anderen einen Anlass zur Sünde gibt. Nichts reizt ja Gott so zum Zorn oder verlockt die Menschen so zur Sünde, wie die Leichtfertigkeit der Prälaten. Wenn der Priester Eli ein ebenso tüchtiger Priester wie Pinehas und Mose gewesen wäre und seine Söhne geistlich geliebt hätte, so wäre sein ganzes Geschlecht gerettet worden.“

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Offenbarungen, die in Schweden 1344-49 entstanden.

1. Kapitel

Durch Birgitta ermahnt Christus einen Bischof zu einer verantwortungsvollen Verwaltung seines Amtes. Er teilt ein Tagesprogramm mit, das der Bischof einhalten soll.

Jesus Christus, Gott und Mensch, der zur Erde kam, um Menschengestalt anzunehmen und die Seelen mit seinem Blute zu erlösen, der mit seinem Licht gezeigt hat, wie ein wahrer Lebenswandel ist, und der die Pforte des Himmels geöffnet hat, der sendet mich zu euch. „Höre“, sagte er, „denn dir ist es vergönnt, geistliche Dinge zu hören. Wenn dieser Bischof sich entschließt, den schmalen Weg zu gehen, den nur wenige wandern, und einer von den wenigen zu sein, soll er erst die Last ablegen, die auf ihm liegt und ihn beschwert, nämlich die Lust nach weltlichen Dingen. Die soll er nur dazu benutzen, was er nötig braucht, nämlich dafür, was für den anspruchslosen Lebensunterhalt eines Bischofs erforderlich ist. So tat es der gute Matthäus, der von Gott berufen wurde; er ließ die schwere Bürde der Welt fahren und fand stattdessen eine leichte Bürde.

Zweitens soll er gegürtet sein wie ein Reisender, wie die Schrift sagt. Als Tobias zu seiner Fahrt bereit war, fand er einen gegürteten Engel dastehen. Was bedeutet das, dass der Engel gegürtet war, anders, als dass jeder Bischof mit dem Gürtel der Gerechtigkeit und göttlichen Liebe gegürtet sein soll, und bereit sein, den Weg zu gehen, auf dem der ging, der sagte: „Ich bin der gute Hirte, der mein Leben für meine Schafe gibt.“
Er sollte auch mit seinen Worten bereit sein, die Wahrheit zu sagen, und mit seinen Taten Gerechtigkeit zu üben, sowohl gegen sich selbst als auch gegen andere, und soll er wegen Drohungen oder Schmähungen. aus falscher Freundschaft oder falscher Furcht nicht von der Gerechtigkeit abweichen. Zu jedem Bischof, der sich auf diese Weise gegürtet zeigt, soll Tobias kommen, d.h. rechtfertige Menschen, die seiner Lebensart folgen wollen.

Drittens sollte er Brot und Wasser zu sich nehmen, bevor er eine Fahrt antritt, wie es von Elia heißt, dass er an seinem Kopfende Brot und Wasser fand, als er aus dem Schlaf geweckt wurde. Was bedeutet dies dem Propheten gegebene Brot anders, als das leibliche und geistige Brot, das ihm zugeteilt wurde? Denn in der Wüste wurde ihm leibhaftiges Brot beschert.

Gott hätte den Propheten gewiss auch ohne leibliche Speise ernähren und erhalten können, aber er wollte ihm trotzdem wirkliches Brot bescheren, damit der Mensch verstehen sollte, dass es Gott wohlgefällig ist, wenn er einen mäßigen Gebrauch von Gottes Gaben zur Erquickung des Leibes macht. Der Prophet wurde außerdem von der Eingießung des Geistes ernährt, als er 40 Tage mit der Stärkung dieser Speise gehen musste. Und wenn nicht eine innere Salbung der Gnade in seinen Sinn gegossen wäre, wäre er sicher während der Anstrengung der 40 Tage umgekommen, denn er war an sich ein schwacher Mann, aber von Gott erhielt er die Kraft, einen so langen Weg zu vollenden.
Da der Mensch von jedem Worte Gottes lebt, ermahnen wir also den Bischof, ein Stück Brot zu verzehren, d.h. Gott über alle Dinge zu lieben. Dieses Brotstück wird er an seinem Kopfende finden, d.h. weil seine Vernunft ihm sagt, dass er seinen Gott über alles lieben soll, mehr als alles andere, weil Gott ihn geschaffen und erlöst hat, sowie auf Grund von Gottes langer Geduld und Güte mit ihm.
Wir bitten ihn ja auch darum, etwas Wasser zu trinken, d.h. im Innern die Bitterkeit von Christi Pein zu bedenken. Denn wer vermag die Not von Christi Menschlichkeit würdig zu bedenken, wie er gelitten hat, als er bat, dass der Kelch des Leidens ihm erspart bliebe, und als sein Schweiß wie Blutstropfen zu Boden fiel? Soll der Bischof also dieses Wasser zu dem Brot der Liebe trinken! Dann soll er gestärkt werden, auf Jesu Christi Weg zu wandeln. Wenn der Bischof nun, nachdem er den Weg der Erlösung angetreten hat, weiterwandern will, so ist es nützlich für ihn, von der ersten Stunde am Tage an Gott von ganzem Herzen zu danken, gewissenhaft an seine Werke zu denken und Hilfe von Gott zu erbitten, seinen Willen zu tun. Wenn er dann die Kleider angezogen hat, soll er wie folgt beten: „Asche soll bei Asche und Staub bei Staub sein.“ Aber nachdem ich durch Gottes Vorsehung Bischof bin, bekleide ich doch dich, meinen Leib, mit Kleidern, die von Erde sind, nicht aus Hochmut oder um mich schön zu machen, sondern um mich zu bedecken, damit nicht meine Nacktheit zu sehen ist.

Ich kümmere mich nicht darum, ob meine Tracht besser oder dürftiger ist; sie ist nur so, dass das Bischofsgewand zu Gottes Ehre zu erkennen ist, und die bischöfliche Autorität durch die Tracht herausgestellt wird, zur Weisung und Erleuchtung anderer Menschen. Daher bitte ich dich, mildester Gott, dass du mir einen standhaften Sinn gibst, so dass ich vom Wert der Asche und des Staubes hochmütig werde oder töricht mit Farben des Staubes prunke. Sondern verleihe mir Stärke, dass – wie die Bischofstracht von anderen verschieden und auf Grund von göttlicher Ermächtigung ehrenwerter ist – dass die Tracht meiner Seele bei Gott ebenso würdig erscheinen möge, und ich nicht zur Strafe für unklugen und unwürdigen Gebrauch meiner Vollmacht umso tiefer sinke oder zu meiner Verdammnis meine Kleider umso schimpflicher verliere, weil ich in eitler Weise eine ehrenwerte Tracht getragen habe.“

Dann soll er die Hören lesen oder singen, denn eine je höhere Würde ein Mensch erreicht hat, eine umso größere Ehre soll er Gott erweisen. Doch gefällt Gott ein reines Herz sowohl im Schweigen als auch im Gesang, wenn der Mensch mit anderen gerechten und nützlichen Arbeiten beschäftigt ist. Nachdem er die Messe gelesen hat, mag der Bischof sein Amt ausüben, und er soll genau darauf achten, dass er sein Augenmerk nicht mehr auf das Zeitliche als auf das Geistliche richtet. Wenn er zu Tisch geht, soll er einen solchen Gedenken haben: „O Herr Jesus Christus, der du mir anbietest, diesen gebrechlichen Leib mit leiblicher Speise zu erhalten, hilf mir, dass ich meinen Körper wohl mit dem Notwendigen versehe, aber dass sich das Fleisch nicht auf Grund von Überfluss im Essen vermessen gegen die Seele auflehnt und auf Grund unverständiger Enthaltsamkeit in deinem Dienst erlahmt. Schenke mit eine passende Mäßigkeit, so dass der Herr nicht zum Zorn über mein Erdendasein gereizt wird.“

Wenn er bei Tisch sitzt, sei ihm eine maßvolle Erquickung und ein Gespräch erlaubt, in dem Leichtfertigkeit und Nichtigkeit vermieden werden sollen. Und es soll kein solches Wort gesprochen oder gehört werden, wodurch die Zuhörer zur Sünde verlockt werden, sondern alles soll ehrbar sein und der Seele zum Nutzen dienen. Denn so wie bei einem irdischen Mahl alles geschmacklos ist, wo Brot und Wein fehlen, so sind an einem bischöflichen und geistlichen Tisch, wo gute Bildung und Ermahnung fehlen, alle aufgetragenen Gerichte geschmacklos für die Seele.
Und deshalb soll, damit man keine Gelegenheit zu leerem Geschwätz erhalten soll, etwas bei Tisch vorgelesen werden, wodurch die bei Tisch sitzenden Gäste erbaut werden können. Wenn die Mahlzeit beendet ist und man Gott für das Essen gedankt hat, soll er wieder an seine Arbeit gehen oder Bücher lesen, mit denen er seine Seele erquicken kann. Nach dem Abendessen mag er sich mit den Freunden seines Umgangs zerstreuen.

Aber wie eine Mutter, wenn sie ihr Kind entwöhnen will, die Brust mit Asche oder etwas anderem Bitteren bestreicht, bis das Kind sich von der Muttermilch entwöhnt hat und sich an festere Speise gewöhnt, so sollte der Bischof seine Freunde und Diener mit solchen Worten zu Gott hin lenken, aus denen sie lernen, Gott zu fürchten und zu lieben, so dass er durch die ihm von Gott verliehene Autorität ihr Vater und durch geistliche Erziehung ihre Mutter sein kann.
Und wenn er weiß, dass einer von seinen Hausangestellten bis zum Tod der Seele sündigt, und dieser sich auch nach erfolgter Ermahnung nicht bessert, soll er den entlassen. Denn er wird von seiner Sünde ja nicht unbefleckt, wenn er ihn aus zeitlichem Nutzen oder Bequemlichkeit behält.

Wenn er zu Bett geht, sollte er gewissenhaft die Werke des vergangenen Tages und seine Stimmungen prüfen und denken: O Gott, der du meinen Leib und meine Seele geschaffen hast, schau in deiner Barmherzigkeit auf mich und schenk mir deine Gnade, so dass ich nicht durch übermäßig langes Schlafen deinen Dienst versäume, und auch nicht durch kurzen und unruhigen Schlaf in deinem Dienst ermüde, und gib mir zu deiner Ehre den angemessenen Schlaf, den du uns zur Erquickung des Leibes verordnet hast, und schenke mir Kraft, so dass mein Feind der Teufel mich nicht beunruhigt oder mich von deiner Milde trennt.“
Wenn er aus dem Bett aufsteht, soll er sich mit der Beichte reinigen, falls sich das Fleisch einige Versäumnisse hat zu Schulden kommen lassen, so dass nicht der Schlaf der nächsten Nacht mit den Sünden der vergangenen begonnen wird.“

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2. Kapitel

Christus setzt den „Bischofsspiegel“ fort. Er warnt den Bischof vor Versuchungen zu einem bequemen und genussreichen Leben.

Weiter spricht Gottes Mutter: ”Sage dem Bischof, wenn er den genannten Weg einschlägt, werden ihm drei Schwierigkeiten begegnen: Erstens, dass der Weg schmal ist, zweitens, dass es stechende Dornen darauf gibt, drittens, dass der Weg steinig und uneben ist. Gegen diese drei Dinge will ich dir drei Ratschläge geben. Der erste ist, dass der Bischof sich in festere und sinnvoll genähte Gewänder für den schmalen Weg kleidet. Der zweite ist, dass er vor seinen Augen zehn Finger haben soll, durch die er wie durch ein Gitter sehen soll, so dass er nicht von den Dornen gestochen wird. Der dritte ist, dass er seine Füße vorsichtig setzt und bei jedem Schritt prüfen soll, ob der hingesetzte Fuß seinen festen Halt hat, so dass er nicht übereilt beide Füße auf einmal setzen soll, sofern er sich nicht vorher von der Beschaffenheit des Weges überzeugt hat.

Was bedeutet der schmale Weg anders, als die Bosheit verkehrter Menschen gegen die Gerechten, solche Menschen, die rechtschaffene Taten verspotten, die Wege der Gerechten und richtige Ermahnungen verdrehen und alles gering achten, was Demut und Milde heißt? Gegen solche Menschen soll der Bischof sich mit den Gewändern der Geduld und Standhaftigkeit bekleiden, denn Geduld macht das Schwere angenehm und bewirkt, dass man zugefügte Schmähungen froh erträgt.

Und was bedeuten die Dornen, wenn nicht die Widrigkeiten der Welt? Gegen diese soll er die Finger der zehn Gebote Gottes und Gottes Ratschläge benutzen, so dass er, wenn die Dornen der Widrigkeit und Armut stechen, an Christi Leiden und seine Armut denken soll. Aber wenn der Dorn des Zornes und des Neides sticht, dann soll er Gottes Liebe betrachten, die er uns angeboten hat, zu bewahren. Die wahre Liebe sucht nämlich nicht das ihre, sondern stellt sich ganz in den Dienst für Gottes Ehre und zum Nutzen des Nächsten.
Und dass er vorsichtig sein soll, wenn er die Füße setzt, das bedeutet, dass er überall verständige Furcht hegen sollte. Denn ein guter Mensch muss gleichsam zwei Füße haben: Der erste ist die Sehnsucht nach dem Ewigen, und der zweite Widerwille gegen die Welt. Aber die Sehnsucht nach dem Ewigen muss mit Klugheit vereint sein, so dass er das Ewige nicht nur für sich selbst ersehnt, als sei er dessen würdig, sondern legt all sein Verlangen, seinen Willen und seine Hoffnung auf Belohnung in Gottes Hände.
Der Widerwille gegen die Welt muss vereint sein mit Vorsicht und Furcht, so dass dieser Widerwille nicht auf den Widrigkeiten der Welt und der Unzufriedenheit mit dem Leben beruht, und nicht darauf, dass er mehr Ruhe in diesem zeitlichen Leben haben und von der für andere so nützlichen Arbeit befreit werden will, sondern nur auf der Abscheu vor der Sünde und auf der Sehnsucht nach dem ewigen Leben.

Wenn er diese Schwierigkeiten auf dem Wege überwunden hat, will ich den Bischof ferner vor drei Feinden warnen, die auf seinem Wege sind. Der erste Feind versucht, dem Bischof ins Ohr zu zischen, um sein Gehör zu verstopfen. Der andere steht vor ihm, um ihm in die Augen zu stechen. Der dritte ist vor seinen Füßen, ruft laut und hat eine Schlinge zur Hand, um seine Füße einzuschnüren, wenn er sie vom Boden hebt.
Der erste Feind sind die Menschen, oder die Eingebungen, die versuchen, den Bischof vom rechten Wege fortzuziehen, indem sie sagen: „Warum belastest du dich mit so viel Arbeit, und warum fährst du auf einem so schmalen Weg? Weiche doch lieber ab und schlage den Weg ein, an dessen Rändern Blumen wachsen, auf dem so viele Menschen wandern. Was rührt es dich, wie der oder die leben? Warum willst du die zurechtweisen und verärgern, von denen du geehrt und geliebt werden könntest? Wenn sie dir und den Deinen nichts antun, was brauchst du dich dann darum zu kümmern, wenn sie Gott erzürnen, oder wie sie leben?
Wenn du selber gut bist, mag es genug sein; was ist es deine Sache, über andere zu urteilen? Mach lieber Geschenke und nimm solche entgegen und nutze die Freundschaft der Menschen, so dass du während deines Lebens gepriesen und gut genannt wirst. Der andere Feind will dich blenden, wie die Philister Simson. Dieser Feind ist die Schönheit und Besitz der Welt, Luxus an Kleidern und anderen prachtvollen Dingen, Gunst und Ehre bei den Menschen. Denn wenn solche Dinge sich anbieten und die Augen entzücken, erblindet der Verstand, erlischt die Liebe zu Gottes Geboten, wird frei und mutwillig Sünde begangen und die Sünde leicht vergessen, nachdem sie begangen ist.

Deshalb soll der Bischof sich begnügen, wenn er das Notwendige maßvoll besitzt. Nun halten es nämlich viele, viele für bequemer, mit Simson an der Mühle der Lust zu stehen, als die Kirche nach der lobenswerten Ordnung des Hirtenamtes zu lieben. Der dritte Feind ruft laut, hat eine Schlinge in der Hand uns sagt: Warum gehst du so vorsichtig und mit gesenktem Haupt? Warum demütigst du dich selbst so sehr, wenn du von so vielen geehrt werden könntest und müsstest? Sei lieber Priester aus dem Grunde, dass du unter den Ersten sitzen kannst; sei Bischof aus dem Grunde, dass du von so vielen wie möglich geehrt wirst! Gehe auf größere Würden zu, dass du mehr bedient wirst und mehr Ruhe genießen kannst! Sammle Reichtümer, mit denen du anderen helfen kannst, so dass du von ihnen getröstet werden und überall früh sein kannst!“
Wenn nun die Seele solchen Begierden und Eingebungen ausgesetzt ist, so erhebt sich gleich das Verlangen wie mit dem Fuß eines bösen Begehrens nach irdischer Lust, wodurch sie derart von der Schlinge weltlicher Sorge eingeschürt wird, dass sie sich kaum dazu aufraffen kann, ihr Elend und die ewigen Belohnungen oder Strafen zu betrachten. Und das ist nicht verwunderlich, denn die Schrift sagt: Wer ein Bischofsamt begehrt, begehrt ein gutes Werk zu Gottes Ehre. Jetzt dagegen streben die meisten nach Ehre und scheuen die Arbeit, in der die ewige Gesundheit der Seele liegt. Aus diesem Grunde soll der Bischof in der Stellung bleiben, die er hat, und nicht nach einer höheren trachten, ehe es Gott gefällt, ihn mit einer solchen zu bekleiden.“

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3. Kapitel

Der Bischofsspiegel endet mit einer Ermahnung, die notwendigen Zurechtweisungen nicht zu versäumen und soweit wie möglich selbst die Leitung in die Hand zu nehmen, mit dem Versprechen einer himmlischen Belohnung. – Man kann mit Recht annehmen, dass Bischöfe wie Birger Gregersson von Uppsala, Nikolaus Hermansson von Linköping und Hemming von Åbo diesen Bischofsspiegel als Richtschnur für ihr Leben und ihre Wirksamkeit benutzt haben.

Die Mutter Gottes sagte: ”Ich will dem Bischof darlegen, was er für Gott tun soll, und was Gottes Ehre ist. Jeder Bischof soll die Bischofsmitra in seinen Armen gut verwahren, sie nicht für Geld verkaufen, sie nicht anderen aus irdischer Freundschaft überlassen und nicht aus Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit verlieren.
Was bedeutet die Bischofsmitra anderes, als die bischöfliche Würde und Macht, nämlich Priester zu weihen und die Salbung vorzunehmen, den Irrenden Zurechtzubringen und die Säumigen durch sein Beispiel zu ermuntern? Und dass er die Mitra wohl verwahrt in den Armen halten soll, das bedeutet, dass er fleißig bedenken soll, auf welche Weise und welche Bischofsmacht er empfangen hat, wie er sie verwaltet hat, welche Frucht sie bringen könnte, und was ihr Ende sein könnte.
Wenn der Bischof nun bedenken will, auf welche Weise er die Macht empfangen hat, soll er erst darüber nachdenken, ob er das Bischofsamt nur für sich selbst oder um Gottes Willen begehrt hat. Wenn es nur für sich selber war, denn war sein Begehren ohne Zweifel menschlich. Aber wenn es um Gottes willen war, d.h. um Gott Ehre zu machen, dann war sein Begehren verdienstvoll und geistlich.

Wenn der Bischof dann bedenkt, wozu er das Bischofsamt empfangen hat, so soll er sich erinnern, dass es gewiss dafür war, dass er der Vater der Armen sowie Tröster der Seelen und ihr Mittler sein soll, denn das Eigentum des Bischofs ist das der Seelen, und wenn es zu keinem Nutzen verzehrt und töricht verschleudert wird, werden diese Seelen nach Rache über den ungerechten Verwalter rufen.
Welche Frucht der Bischofswürde das sein soll, will ich dir sagen. Sie ist, wie Paulus sagt, doppelt, nämlich leiblich und geistlich. Sie ist körperlich, weil er auf Erden Gottes Stellvertreter ist und deshalb, um Gottes Ehre willen, von den Menschen auch wie Gott geehrt wird. Im Himmel wird sie auf Grund der Verherrlichung des Leibes und der Seele körperlich und geistlich sein, denn da wird der Diener beim Herrn sein – sowohl des bischöflichen Wandels wegen, den er auf Erden führte, als auch der beispielhaften Demut wegen, mit der er andere zur Ehre neben sich gerufen hat.

Aber jeder, der die bischöfliche Tracht und Würde trägt, aber den bischöflichen Lebenswandel scheut, der soll sich doppelt schämen. Dass die Bischofsmacht nicht verkauft werden darf, das bedeutet, dass der Bischof nicht bewusst simonitisch sein darf, sein Amt nicht wegen Geld oder Menschengunst ausübt und nicht auf Bitten der Menschen solchen Menschen zu Ämtern verhelfen soll, von denen er weiß, dass deren Leben schlecht ist.
Dass die Mitra anderen nicht aus Freundschaft überlassen werden darf, das bedeutet, dass der Bischof nicht die Sünden der Säumigen übersehen und sie nicht ungestraft lassen darf, die er zurechtweisen kann und muss, dass er die Sünden seiner Freunde nicht um irdischer Freundschaft willen verschweigen darf und auch die Sünden seiner Untergebenen sich selber auf den Rücken laden darf, denn der Bischof ist Gottes Wächter.

Dass der Bischof die Mitra nicht aus Versehen verlieren darf, das bedeutet, dass der Bischof nicht anderen überlassen soll, was er selbst zu tun verpflichtet ist, und was er selbst in einer mehr fruchtbaren Weise tun kann, und dass er nicht aus körperlicher Bequemlichkeit das anderen überlassen soll, was er selbst in besserer Weise erledigen kann, denn zum Bischofsamt gehört nicht Ruhe, sondern Arbeit.
Der Bischof soll auch nicht unkundig über das Leben und die Sitten derer sein, denen er die Ämter anvertraut, die zu besetzen ihm zukommen, sondern er soll wissen und untersuchen, wie sie die Gerechtigkeit beobachten, und ob sie ihre Ämter mit Klugheit und nicht mit Gewinnsucht verwalten.
Ferner will ich, dass du wissen sollst, dass der Bischof, da er das Amt eines Schafhirten innehat, eine Blütendolde in seinen Armen hat, eine solche, deren Wohlgeruch von nah und fern die Schafe lockt, froh dorthin zu springen. Diese Blütendolde bezeichnet die göttliche Verkündigung, die auszuüben Pflicht des Bischofs ist. Die beiden Arme, auf denen er die Blütendolde der göttlichen Verkündigung hält, sind die für den einen Bischof notwendigen Handlungen, nämlich die guten Taten in der Öffentlichkeit und die guten Taten im Verborgenen. Die sollen bewirken, dass die Schafe, die ihm in seinem Bischofsbereich nahe stehen, Gott im Bischof verherrlichen, wenn sie die Liebe des Bischofs in seinen Taten sehen und sie in seinen Worten hören, und die Schafe, die fern sind, sollen das Verlangen spüren, dem Bischof nachzufolgen, wenn sie sein Lob hören.

Denn das ist doch die schönste Blütendolde: Sich der Wahrheit und Gottes Demut nicht zu schämen, das Gute zu lehren und das, was man lehrt, auch selbst zu tun, in Ehren demütig zu sein, und fromm bei Verschmähungen. Wenn der Bischof diesen Weg vollendet hat und bis ans Tor gelangt ist, ist es notwendig für ihn, etwas in Händen zu haben, was er dem höchsten König darreichen kann. Daher soll er ein für ihn kostbares Gefäß in Händen haben, und dies soll er dem höchsten König leer darbieten. Dieses leere Gefäß, das angeboten werden soll, ist sein Herz, und damit es leer von aller Wollust und allem Trachten nach vergänglichem Lob sei, soll er Tag und Nacht arbeiten.

Wenn ein solcher Bischof in das Reich der Herrlichkeit geleitet werden wird, wird Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch, ihm mit seiner ganzen Heerschar von Heiligen entgegeneilen, und dann wird er die Engel sagen hören: „Unser Gott, unsere Freude und all unser Gut! Dieser Bischof war rein im Fleisch und wacker in seinem Tun; es ziemt sich daher für uns, ihn zu dir zu führen, denn er hat sich täglich nach unserer Gesellschaft gesehnt. Erfülle daher sein Verlangen und vermehre unsere Freude durch seine Ankunft!“
Dann werden auch die anderen Heiligen sagen: „Gott, unsere Freude ist von dir und in dir, und wir brauche auch nichts anderes. Doch unsere Freude wird dadurch erweckt, dass die Seele dieses Bischofs Freude empfindet, er, der sich nach dir sehne, als er lebte. Er trug ja die lieblichsten Blüten in seinem Munde, durch die er unsere Anzahl erhöht hat[1], und in seinem Wirken, durch das er die erquickte, die nah und ferne wohnten. Gönne ihm daher, sich mit uns zu freuen, und freue auch du dich über ihn, denn du sehntest dich ja so sehr nach ihm, dass du um seinetwillen sterben wolltest.“ Zuletzt wird der Ehrenkönig zu ihm sagen: „Mein Freund, du bist gekommen, um mir das Gefäß deines Herzens zu übergeben, leer von dir selbst und deinem eigenen Willen; ich will dich deshalb mit meiner Freude und meiner Ehre erfüllen. Meine Freude soll auch deine sein, und deine Ehre will ich niemals enden lassen.“

[1]. D.h. durch seine blumenreiche Predigt gewann er Seelen für Gott.

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4. Kapitel

Maria schildert, wie ein pflichttreuer Domherr und ein pflichtvergessener Bischof gelebt haben, und welche Vergeltung sie nach ihrem Tode im Himmel empfangen haben. In ihrem Buch „Birgitta och hennes uppenbarelser“ hat Toni Schmid diese Personen mit Bischof Bo und dem Domherrn Nikolaus in Växjö identifiziert (S. 50-53).

Gottes Mutter sprach mit diesen Worten zur Braut des Sohnes: ”Du weinst darüber, dass Gottes Liebe zum Menschen sehr groß ist, aber die Liebe der Menschen zu Gott dagegen so klein. Ja, so ist es sicher. Denn wer ist der Herr oder Bischof, der nicht ein größeres Verlangen danach hat, die Herrschaft, Ehre von der Welt und Reichtümer zu gewinnen, als den Armen mit dem Werk seiner eigenen Hände beizustehen? Und deshalb sollen, da die Herren und die Bischöfe nicht zum Hochzeitsfest kommen wollen, das für alle im Himmel bereitet ist, stattdessen die Armen und Kranken kommen, wie ich dir mit einem Gleichnis zeigen will.

Es wohnte in einer Stadt ein weiser, stattlicher und reicher Bischof. Er wurde wegen seiner Schönheit und Weisheit gerühmt, aber er dankte Gott nicht, wie er sollte, der ihm diese Weisheit geschenkt hatte. Er wurde auch wegen seiner Reichtümer gepriesen und geehrt, und deshalb machte er viele Geschenke, um weltliche Gunst zu gewinnen. Er wollte auch noch viele Dinge haben, um noch großzügiger Gaben schenken zu können und noch mehr geehrt zu werden.
Dieser Bischof hatte in seinem Stift einen gelehrten Kleriker, der bei sich dachte: „Dieser Bischof liebt Gott weniger, als er sollte. Sein ganzes Leben ist auf weltliche Dinge gerichtet. Daher würde ich, wenn es Gott gefällt, gern sein Bischofsamt haben, um dadurch Gott zu ehren. Ich begehre das nicht um der Welt willen, denn die Ehre der Welt ist nichts anderes als Luft, auch nicht wegen der Reichtümer, denn die sind schwer wie die schwerste Bürde, auch nicht aus körperlicher Bequemlichkeit oder zu meinem eigenen Nutzen, denn es steht mir nur zu, eine vernünftige Ruhe zu haben, so dass der Leib vermag, in Gottes Dienst zu stehen – nein, ich begehre das nur um Gottes Willen.
Und wenn ich auch höchst unwürdig bin, irgendeine Ehre zu besitzen, würde ich doch gern die Last des Bischofsamtes übernehmen, um desto mehr Seelen für Gott zu gewinnen, desto mehr mit meinem Wort und meinem Beispiel zu gewinnen, und desto mehr durch die Besitztümer der Kirche zu unterstützen. Denn Gott weiß, dass ein schwerer Tod und eine bittere Pein mir lieber zu ertragen wäre, als das Bischofsamt. Ich kenne ja die Pein ebenso wie andere, aber der, der das Bischofsamt begehrt, begehrt doch ein gutes Werk.

Deshalb begehre ich gern die Ehre eines Bischofs und die Bürde seines Amtes, aber ebenso, wie ich den Tod herbeisehne. Nach Ehre strebe ich, um dadurch Viele erlösen zu können, und die Bürde erstrebe ich zu meiner eigenen Erlösung und aus Liebe zu Gott und den Seelen, und nur damit ich die Mittel der Kirche freigebiger unter den Armen verteilen kann, die Seelen freier unterweisen kann, die Irrenden mit größerer Zuversicht anleiten kann, meinen Leib vollkommener kasteien und mich selbst gewissenhafter beherrschen kann, zu Beispiel für andere.“
Dieser Domherr tadelte seinen Bischof klug und heimlich. Der Bischof wurde jedoch über die Worte verärgert, tadelte den Domherrn unklug und öffentlich und prahlte damit, zu allem zu taugen und maßvoll zu sein.
Der Domherr weinte über die Übertretungen des Bischofs und ertrug geduldig seine Vorwürfe, aber der Bischof verhöhnte das liebevolle Verhalten und die Geduld des Domherrn und sprach so schlecht über ihn, dass der Domherr getadelt wurde und für närrisch und lügnerisch angesehen wurde, aber der Bischof für gerecht, klug und umsichtig.

So ging es eine Zeitlang. Der Bischof und der Domherr starben und wurden vor Gottes Richterstuhl gerufen. Vor Gottes Augen und im Beisein der Engel war ein goldener Thron aufgestellt, und vor dem Thron lagen eine Mitra und ein vollständiges Ornat für einen Bischof. Viele Teufel folgten dem Domherrn und wollten gern eine Todsünde bei ihm finden, aber beim Bischof waren sie so sicher, wie der Fisch bei seinen Jungen, die er lebend unter den stürmischen Wogen in seinem Bauch verbirgt.
Viele Klagen wurden gegen den Bischof vorgebracht, nämlich warum und mit welcher Absicht er das Bischofsamt angenommen habe, warum er hochmütig über das Gute der Seelen gewesen sei, wie er die Seelen, die ihm anvertraut waren, geleitet habe, und wie er Gott für die Gnade belohnt habe, die er ihm erwiesen hatte.
Als der Bischof nichts Rechtes auf die Klagen antworten konnte, sagte der Richter: „Man soll Dreck anstatt der Mitra auf das Haupt setzen, Teer auf seine Hände streichen statt Handschuhe, Schmutz auf seine Füße anstatt Schuhe, und die Lumpen einer Dirne statt eines Hemds und des bischöflichen Leinengewandes. Anstelle von Ehre soll er Schande empfangen, und die wilde Schar der Teufel soll seine zahlreiche Dienerschaft werden.“

Dann setzte der Richter hinzu: „Auf das Haupt des Domherrn soll eine Krone, strahlend wie die Sonne, gesetzt werden, an seine Hände vergoldete Handschuhe, an seine Füße Schuhe, und über seine Kleider soll er in allen Ehren mit dem Bischofsornat bekleidet werden.“ Und als man ihn mit dem Bischofsornat bekleidet hatte, wurde er gleich von der ganzen himmlischen Heerschar ehrenvoll als ein Bischof vor den Richter geführt. Aber der Bischof wurde weggeführt wie ein Dieb, mit einem Strick um den Hals, und der Richter wandte seine Augen der Barmherzigkeit von ihm ab, und dasselbe taten alle Heiligen.

Sieh, wie viel für ihren guten Willen auf geistliche Weise die Würde erhalten, die von denen verachtet wird, die leiblich dazu berufen sind! All dies geschah in einem Augenblick vor Gott, aber deinetwegen ist es in Worten dargestellt. Vor Gott sind ja tausend Jahre wie eine Stunde.
Täglich geschieht es, dass Gott, weil Bischöfe und Herren nicht das Amt verwalten wollen, zu dem sie berufen sind, sich arme Priester und Küster erwählt, die nach bestem Gewissen leben und zu Gottes Ehre gern die Seelen gewinnen würden, wenn sie könnten, und soviel wie möglich tun würden – und dafür die Plätze einnehmen werden, die für die Bischöfe bereitet waren. Gott ist nämlich so wie der, der eine Goldkrone vor seiner Haustür aufhängt und denen, die vorbeigehen, zuruft: „Ein jeder, von welchem Stande er auch sein mag, kann diese Krone erwerben, und wer am schönsten mit Tugenden bekleidet ist, der wird sie gewinnen.“
Du sollst auch wissen, dass – wenn die Bischöfe und Herren nach den Erfordernissen irdischer Weisheit weise sind – Gott doch weiser ist als sie, und dies auch auf geistliche Weise, und er erhöht die Demütigen und billigt nicht die Hochmütigen. Du sollst aber auch wissen, dass dieser gepriesene Domherr nicht etwa selbst sein Pferd striegelte, wenn er fahren sollte, um zu predigen oder zu seiner Arbeit, und nicht selbst das Essen zubereitete, wenn er essen wollte, sondern er hatte Dienstleute und das Notwendige für einen vernünftigen Unterhalt, und er hatte auch Gelder – aber nicht, um eine Gewinnsucht zu fördern. Denn auch wenn ihm alle Besitztümer der Welt zugefallen wären, hätte er keinen Pfennig ausgegeben, um den Bischofstitel zu gewinnen. Er hätte auch nicht für die ganze Welt auf das Bischofsamt verzichtet, wenn es Gott gefallen hätte, es ihm zu geben, sondern er richtete seinen ganzen Willen auf Gott, bereit, zu Gottes Ehre selbst geehrt zu werden, und für seine Liebe zu Gott und seine Gottesfurcht erniedrigt zu werden.“

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Offenbarungen, gegeben in Milano 1349

5. Kapitel

Der heilige Ambrosius[1], früher Bischof von Milano, spricht zu Birgitta bei ihrem kurzen Besuch im Spätherbst 1349 und deutet auf den Machtmissbrauch der kirchlichen und weltlichen Regenten hin.

Es ist geschrieben, dass Gottes Freunde riefen, indem sie Gott baten, den Vorhang des Himmels zu zerreißen und herabzusteigen, um sein Volk Israel zu befreien. In gleicher Weise haben auch Gottes Freunde in diesen Zeiten gerufen, indem sie sagten: „Mildester Gott, wir sehen eine unzählige Volksmasse in gefährlichen Stürmen umkommen, weil Steuerleute gewinnsüchtig sind und stets in die Länder segeln wollen, wo sie meinen, größeren Gewinn holen zu können. Sie steuern sich selber und das Volk dahin, wo die Wogen am schlimmsten toben; Das Volk weiß nicht, wo der sichere Hafen liegt, und deshalb kommt eine unzählige Volksmasse kläglich um, und nur sehr wenige erreichen den sicheren Hafen. Darum bitten wir dich, König aller Ehren, dass du geruhst, ein Licht über dem Hafen anzustecken, so dass das Volk seinen Gefahren entkommen kann, aufhört, den bösen Befehlshabern zu gehorchen, und mit deinem gesegneten Licht in den rechten Hafen geleitet werden kann.“

Unter diesen Steuermännern verstehe ich all die, die hier auf Erden weltliche oder geistliche Macht haben. Denn die meisten von ihnen lieben ihren eigenen Willen so sehr, dass sie nicht darauf achten, was für ihre eigenen Seelen und die ihrer Untertanen nützlich ist. Sie stürzen sich freiwillig in die wildesten Stürme der Welt, nämlich in die des Hochmuts, der Gewinnsucht und der Unreinheit; Die Masse ahmt ihre elenden Taten nach, indem sie glauben, dadurch den rechten Weg einzuhalten, und so vernichten diese Steuermänner sich selbst und ihre Untergebenen, indem sie alles befolgen, was deren Wille begehrt.
Und unter dem Hafen verstehe ich den Eingang zur Wahrheit. Die ist jetzt für viele so verdunkelt, dass wenn jemand den Weg zum Hafen des himmlischen Vaterlandes zeigt, der das allerheiligste Evangelium Christi ist, da sagen sie, dass er lüge, und sie folgen lieber den Taten derer, die sich lieber in allerlei Sünden wälzen, als dass sie den Worten derer glauben, die die Wahrheit des Evangeliums verkünden.
Unter dem Licht, das Gottes Freunde begehrten, verstehe ich eine göttliche Offenbarung, die in dieser Welt geschehen wird, auf dass Gottes Liebe im Herzen der Menschen erneuert wird, und seine Gerechtigkeit nicht vergessen wird. Und deshalb hat es Gott um seiner Barmherzigkeit und um der Bitten seiner Freunde willen gefallen, dich im Heiligen Geist zu rufen, dass du auf geistliche Weise siehst, hörst und verstehst, auf dass du nach Gottes Willen anderen offenbaren sollst, was du im Geist gehört hast.“

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6. Kapitel

St. Ambrosius tadelt in scharfen Worten Giovanni Visconti, den derzeitigen Erzbischof in Milano[2], für dessen verweltlichtes Leben und droht ihm mit Gottes gerechter Strafe.

Ich bin Bischof Ambrosius, der ich mich dir offenbare und in einem Gleichnis mit dir rede, da dein Herz den Inhalt geistlicher Dinge nicht ohne ein weltliches Gleichnis fassen kann. Es war einmal ein Mann, der eine rechtmäßig getraute Frau besaß, die sehr schön und klug war. Aber das Dienstmädchen gefiel ihm mehr als die Ehefrau, und aus diesem Anlass trafen drei Dinge ein. Das erste war, dass ihn die Worte und Gebärden des Dienstmädchens mehr freuten, als die seiner Frau. Das zweite war, dass er die Dienstmagd in die feinsten Kleider kleidete und sich nicht darum kümmerte, dass seine Frau zerlumpt ging und in einfache Lumpen gekleidet war. Das dritte war, dass er neun Stunden bei der Dienstmagd und nur die zehnte bei seiner Frau verbrachte.

Denn die erste Stunde wachte er bei der Dienstmagd und freute sich, auf ihre Schönheit zu sehen. Die zweite Stunde schlief er in ihren Armen. Die dritte Stunde nahm er freudig körperliche Mühen zugunsten der Dienstmagd auf sich. Die vierte Stunde genoss er nach der Ermüdung des Körpers körperliche Ruhe bei ihr. Die fünfte Stunde hatte er Unruhe und Sorge um ihr Wohl im Sinn. Die sechste Stunde genoss er bei ihr Sinnesruhe, denn er sah sich von seiner Sorge um sie vollkommen ausgefüllt. Die siebente Stunde fuhr der Brand des fleischlichen Verlangens in ihn. Die achte Stunde befriedigte er das Verlangen seiner Lust mit ihr. Die neunte Stunde unterließ er es, ein paar Dinge zu tun, die er doch gern hätte tun wollen. Die zehnte Stunde tat er schließlich ein paar Dinge, die er aber nicht gern tun wollte. Und so blieb er nur eine einzige Stunde bei seiner Frau.

Aber einer der Freunde seiner Frau kam zum Ehebrecher, tadelte ihn streng und sagte: „Wende die Liebe deines Sinnes deiner ehelichen Gemahlin zu, liebe sie und kleide sie, wie es sich gehört, und bleibe neun Stunden bei ihr, und nur die zehnte bei der Dienstmagd; sonst sollst du wissen, dass du den schlimmsten Tod erleiden wirst.“
Unter diesem Ehebrecher verstehe ich einen Vorsteher der Kirche, der ein bischöfliches Amt hat, aber ein Hurenleben führt. In der Tat, er ist durch ein geistliches Band so vereint mit der heiligen Kirche, dass sie seine liebste Braut sein sollte, aber doch wandte er seine Liebe von ihr ab und liebte die Dienstmagd – die Welt – viel mehr als die Herrscherin, die Braut, die doch so schön ist.
Und deshalb tut er drei Dinge. Das erste ist, dass er sich mehr über die schmeichlerische Huldigung der Welt freut, als über das tugendhafte Benehmen der heiligen Kirche. Das zweite ist, dass er allen Prunk liebt, den die Welt zu bieten hat, sich aber wenig um den Mangel kümmert, an dem der Punk der Kirche geistlich und weltlich leidet. Das dritte ist, dass er neun Stunden der Welt widmet, aber nur die zehnte der heiligen Kirche. Denn die erste Stunde wacht er fröhlich bei der Welt und betrachtet wollüstig ihre Schönheit. Die zweite Stunde schläft er süß in den Armen der Welt, nämlich im Schutze hoher Mauern und bewaffneter Wächter, und er hofft dadurch glücklich die Sicherheit seines Leibes zu bewahren.

Die dritte Stunde erträgt er fröhlich körperliche Mühen, um weltliche Vorteile zu gewinnen, so dass er sich dadurch körperlich mit der Welt amüsieren kann. Die vierte Stunde lässt er gern seinen Körper nach seiner Mühe ruhen, denn er hat schon reichlich von dem bekommen, was ihm behagt. Die fünfte Stunde hat er in vielfacher Weise Unruhe in seinem Sinn, denn er will so scheinen, als ob er weise für weltliche Dinge sorgen würde.

Die sechste Stunde genießt er ausgiebig die Sinnesruhe, denn er sieht, dass seine Fürsorge weltlichen Menschen allgemein gefällt. Die siebente Stunde hört und sieht er die Lustbarkeiten und stellt seinen Willen gern darauf ein, so dass sein Herz dadurch von einem ungeduldigen und unleidigen Brand entflammt wird. Die achte Stunde führt er das aus, was er vorher so heiß ersehnt hatte. Die neunte Stunde unterlässt er es der Welt zuliebe und zu keinem Nutzen, manche Dinge zu tun, die ihm an sich lieb sind, damit es nicht so aussieht, dass er die kränkt, die er irdisch lieb hat.
Die zehnte Stunde führt er ein paar gute Taten aus, aber nicht mit Freuden, sondern aus Furcht, dass er einen schlechten und verächtlichen Ruf erhält und schlecht beurteilt wird, wenn er es aus irgendeinem Grund ganz unterlässt, sie zu tun. Nur diese zehnte Stunde pflegt er der heiligen Kirche zu widmen. Das Gute, das er tut, tut er nicht aus Liebe, sondern aus Furcht, weil er die Pein des Höllenfeuers fürchtet. Und wenn es ihm möglich wäre, ewig auf der Welt mit gesundem Körper und Überfluss an weltlichen Dingen zu leben, würde er sich um den Verlust der himmlischen Glückseligkeit nicht kümmern.

Deshalb sage und versichere ich, und beteuere es bei Gott, der ohne Anfang und ohne irgendein Ende bleiben wird, dass – wenn er nicht schleunigst wieder der heiligen Kirche zuwendet und die neun Stunden bei ihr, aber die zehnte bei der Dienstmagd, d.h. der Welt, zubringt, so wird er einen ebenso schweren geistlichen Schlag in seiner Seele erhalten, wie die Person (um in einem weltlichen Gleichnis zu sprechen) erhält, die so gefährlich auf den Scheitel geschlagen wurde, dass sich alles Fleisch im Körper bis hinab zur Sohle auflöste, die Adern und die Sehnen barsten, die Beine entzweigebrochen und das Mark erbärmlich aus allen Ecken herausdrang. Und ebenso schwer wie das Herz des Körpers gepeinigt wurde, wird die elende Seele, die dem Schlag des göttlichen Gerichts am nächsten ist, in der bittersten Weise gepeinigt werden, da das Gewissen sich unleidlich verletzt sieht und überall gepeinigt wird.“

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7. Kapitel

Die Jungfrau Maria rühmt Ambrosius und stimmt in seine Klage über Giovanni Visconti ein.

Die Schrift sagt, dass der, der seine Seele auf dieser Welt liebt, sie verlieren wird. Dieser Bischof liebte seine Seele mit seiner ganzen Lust, und geistliche Lust gibt es in seinem Herzen nicht. Deshalb kann er sehr gut mit einem Blasebalg verglichen werden, der voller Luftzug an der Esse ist. Denn wie der Luftzug noch im Blasebalg vorhanden ist, nachdem die Kohlen verglüht sind und das glühende Metall rinnt, so bleibt doch diese Lust bei ihm, wie der Luftzug im Blasebalg, und er achtet nicht darauf, dass er seiner Natur alles gibt, was sie begehrt, und dass er unnütz seine Zeit verschwendet. Denn sein Wille ist voller Hochmut und weltlichem Verlangen, und dadurch gibt er denen, deren Herz verhärtet ist, Gelegenheit und Beispiel, zu sündigen, so dass sie in Sünden verzehrt werden und wie geschmolzenes Metall hinunter in die Hölle rinnen.

So war dieser gute Bischof Ambrosius nicht beschaffen. Sein Herz war in Wahrheit voll von göttlichem Willen. Seine Ernährung und sein Schlaf waren verständig; er blies alles Verlangen nach Sünde fort und verbrachte seine Zeit auf nützliche und ehrenwerte Weise. Er kann mit Recht ein Blasebalg der Tugenden genannt werden, denn er heilte die Wunden der Sünde mit Worten der Wahrheit, er entzündete die kalten Menschen mit dem Beispiel seiner guten Taten zu göttlicher Liebe, und die, die vor Verlangen nach Sünde brannten, wurden durch sein reines Leben abgekühlt. So half er vielen, dass sie nicht in den Tod der Hölle eingingen, denn das göttliche Verlangen blieb bei ihm, solange er lebte.
Und dieser schlechte Bischof ist wie eine Schnecke, die in demselben Schmutz liegt, in dem sie geboren ist, und die den Kopf zu Boden richtet. So liegt dieser Mann in der Unreinheit der Sünde und vergnügt sich darin, und seine Seele wird zum Weltlichen gezogen, nicht zum Ewigen. An drei Dinge erinnere ich ihn. Erstens daran, wie er das Priesteramt verwaltet hat. Zweitens daran, was dieses Wort im Evangelium bedeutet: „Sie sind äußerlich wie Schafe, aber innerlich wie reißende Wölfe.“ Drittens, warum sein Herz so warm für das Zeitliche ist, aber so kalt für den Schöpfer aller Dinge.“

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Offenbarungen, gegeben in Schweden 1344-49

8. Kapitel

Jungfrau Maria warnt einen nicht genannten Magister, nach weltlicher Ehre und Gunst zu streben.

Die Mutter spricht: ”Ich bin die, die von Ewigkeit in Gottes Liebe war, und der Heilige Geist war von meiner Kindheit an in vollkommener Weise bei mir. Und wie du ein Beispiel von der Nuss nehmen kannst, deren Schale wächst und sich nach außen ausweitet, so wie die Nuss sich innen ausweitet und wächst, so dass die Nuss immer voll ist und sich nichts Leeres in ihr findet, das in der Lage wäre, von etwas ausgefüllt zu werden, das von außen kommen – so war auch ich von Jugend an voll vom Heiligen Geist, und nach dem Wachsen meines Körpers und Alters erfüllte der Heilige Geist mich ganz und gar und in so überreichem Maße, dass er nichts Leeres in mir ließ, so dass irgendeine Sünde darin eindringen könnte.

Und so bin ich die, die niemals eine Sünde begangen hat, sei sie verzeihlich oder tödlich. Ich war gewiss so brennend in der Liebe zu Gott, dass mir nichts anderes gefiel, als Gottes Willen zu erfüllen. Das Feuer der göttlichen Liebe brannte nämlich in meinem Herzen. Gesegnet sei Gott über alles, der mich mit seiner Macht geschaffen hat, der mich mit der Kraft des Heiligen Geistes erfüllte und eine brennende Liebe zu mir hegte.
Aus dieser Glut seiner Liebe heraus sandte er seinen Boten zu mir und ließ mich seinen Willen verstehen, nämlich dass ich Gottes Mutter werden sollte. Und als ich dies erfuhr, dass dies Gottes Wille war, so ging gleich aus der Glut der Liebe, die ich in meinem Herzen für Gott hegte, das Wort wahren Gehorsams aus meinem Mund, womit ich dem Boten antwortete: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ Und im selben Augenblick wurde das Wort in mir Fleisch, und Gottes Sohn wurde mein Sohn, und so hatten wir zusammen einen Sohn, der zugleich Gott und Mensch ist, so wie ich Mutter und Jungfrau bin.

Als dieser mein Sohn, der der weiseste Mann und wahrer Gott ist, Jesus Christus, in meinem Mutterleib ruhte, erhielt ich von ihm eine so große Weisheit, dass ich nicht nur die Weisheit der Lehrer verstehen konnte, sondern auch in ihr Herz blicken und beurteilen kann, wie weit ihre Worte aus göttlicher Liebe oder nur aus Bücherweisheit hervorgehen.
Verkünde du, die diese Worte hört, also dem Magister, dass ich ihn nach drei Dingen fragen werde. Als erstes, wie weit er wünscht, lieber die weltliche Gunst und Freundschaft des Bischofs zu besitzen, als seine Seele geistlich vor Gott zu stellen. Zweitens, wie weit er sich in seiner Seele freuen kann, allein viele Goldstücke zu besitzen, als garkeine. Drittens: Was ihm von diesen beiden Dingen mehr zu gefallen scheint: Magister genannt zu werden und unter den Ersten und meistgeehrten Herren um weltlicher Ehre willen zu sitzen, oder ein gewöhnlicher schlichter Bruder genannt zu werden und unter den Letzten zu sitzen.
Denn wenn er den Bischof mehr weltlich als geistlich liebt, so folgt daraus, dass er ihm lieber sagt, was er gern hört, als dass er ihm all das Sündige verbietet, was ihn zu tun gelüstet. Und wenn er sich mehr über den Besitz vieler Goldmünzen freut als über garkeine, so liebt er Reichtümer mehr als Armut und scheint seinen Freunden auch zu raten, dass sie lieber all das behalten sollen, was sie erwerben können, als es aufzugeben, was sie sehr gut entbehren könnten.

Aber wenn er sich über den Magistertitel um weltlicher Ehre willen freut, und um unter den Gelehrten zu sitzen, so liebt er ja den Hochmut mehr als die Demut, und deshalb scheint er für Gott mehr wie ein Esel, als ein Magister zu sein. Denn er kaut dann leere Strohhalme, was mit Büchergelehrsamkeit ohne Liebe zu vergleichen ist, und ihm fehlt dann der beste Weizen, der mit der Liebe zu vergleichen ist. Die göttliche Liebe kann ja nie in einem hochmütigen Herzen Fuß fassen.“
Als sich der Magister dann entschuldigt und gesagt hatte, dass er lieber die Seele des Bischofs geistlich vor Gott stellen wolle, dass er am meisten froh sein würde, keine Goldmünzen zu besitzen, und dass er sich drittens nichts aus dem Magistertitel mache, erwiderte die Mutter wieder: „Ich bin die, welche die Wahrheit aus Gabriels Munde hörte und ihnen ohne Zweifel glaubte, und daher nahm die Wahrheit auch Fleisch und Blut aus meinem Körper an und blieb in mir. Ich gebar aus mir dieselbe Wahrheit, die Gott und Mensch aus sich selber ist. Und da die Wahrheit, die Gottes Sohn ist, zu mir kommen, in mir wohnen und von mir geboren werden wollte, so verstehe ich vollkommen, wie weit im Mund der Menschen Wahrheit ist, oder nicht.
Ich fragte den Magister nach drei Dingen, und ich hätte auch gefunden, dass er mir gut geantwortet hat, ob in seinen Worten Wahrheit steckte. Aber da das nicht der Fall war, will ich ihn vor drei anderen Dingen warnen. Das erste ist, dass es manche Dinge gibt, die er körperlich liebt und begehrt, und die wird er keinesfalls bekommen. Das zweite ist, dass er das, was er jetzt mit weltlicher Freude besitzt, bald verlieren wird. Das dritte ist, dass die Kleinen ins Himmelreich eingehen werden, aber die Großen draußen bleiben, da die Pforte eng ist.“

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9. Kapitel
Maria die Möglichkeit für kluge Menschen, Gefahren und der Unvorsichtigkeit unkluger zu entgehen.

Die Mutter spricht: ”Wenn auch der Blinde nichts sieht, sondern kopfüber in die Grube fällt, scheint trotzdem die Sonne im Glanze und der Schönheit ihrer Klarheit, und wenn die Menschen, die des Weges kommen und klares Sehvermögen haben, diesen Glanz sehen, wünschen sie sich Glück und weichen den Gefahren auf ihrem Wege aus. Und wenn der Taube auch nicht hört, stürzt doch die Lawine mit ihrem gewaltigen Lärm gefährlich aus der Höhe über ihm herab, während der, der hören kann, auf sicherere Plätze flüchtet.
Und obwohl der Tote keinen Geschmack empfinden kann, sondern unter den Würmern verwest, behält das gute Getränk doch seinen süßen Geschmack, über den sich der Lebende, der ihn schmeckt, in seinem Herzen freut und Mut fasst, sich an mannhafte Taten zu wagen.“

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Offenbarungen, gegeben 1350 in Rom

10. Kapitel

Maria macht den in Avignon wohnenden Legaten des Papstes auf den Verfall aufmerksam, der unter der Priesterschaft in Rom zur Zeit des Jubeljahres 1350 herrscht.

Die Mutter sagt: ”Fürchte dich nicht vor dem, was du nun sehen wirst, und glaube nicht, dass es von einem bösen Geist kommt. Denn so wie zwei Dinge kommen, wenn die Sonne aufgeht, nämlich Licht und Wärme, die nicht auf den dunklen Schatten folgen, so kommen bei der Ankunft des Heiligen Geistes im Herzen zwei Dinge, nämlich das Feuer der göttlichen Liebe und das vollkommene Licht des heiligen Glaubens. Diese beiden Dinge spürst du ja gelegentlich. Keins von ihnen kann auf den Teufel folgen, der mit einem dunklen Schatten zu vergleichen ist. Sende deshalb meine Botschaft zu dem, den ich dir nannte. Wenn ich auch sein Herz und seine Antwort und den flinken Hintern seines Leibes kenne, sollst du ihm trotzdem folgende Worte senden.[1]

Ich will ihn darauf aufmerksam machen, dass auf der rechten Seite das Gebäude der heiligen Kirche so zerfallen ist, dass das höchste Gewölbe viele Risse bekommen hat, die Anlass zu so gefährlichen Einstürzen geben, dass viele, die darunter gehen, ihr Leben verlieren. Manche von diesen Pfeilern, die sich in die Höhe erheben sollten, beugen sich jetzt hinunter zur Erde, und der ganze Boden ist so voller Löcher, dass die Blinden, die eintreten, gefährlich fallen, ja es passiert zuweilen, dass sogar die, die klar sehen können, zusammen mit den Blinden wegen der gefährlichen Löcher in diesem Boden schwer hinstürzen. Deshalb ist Gottes Kirche in einer sehr gefährlichen Lage. Und was steht ihr, wenn sie sich in einem solchen Zustand befindet, anders als Untergang bevor? Ich versichere dir, dass - wenn sie keine Hilfe zum Wiederaufbau erhält, ihr Fall so groß sein wird, dass es in der ganzen Christenheit widerhallt.
Ich bin die Jungfrau, in deren Mutterleib Gottes Sohn gewürdigt wurde, Platz zu nehmen, wobei jedoch die ansteckende Lust des Körpers völlig fehlte. Und dieser Sohn Gottes wurde aus meinem verschlossenen Schoß zur größten Erquickung für mich und ohne Schmerzen geboren.

Ich stand dann an seinem Kreuz, als er mit wahrer Demut das Totenreich besiegte und den Himmel mit seinem Herzblut öffnete. Ich war auch mit auf dem Berg, als derselbe Gottessohn, der auch mein Sohn ist, zum Himmel auffuhr. Ich kenne den ganzen katholischen Glauben sehr gut, den er verkündigte und alle die lehrte, die ins Himmelreich eingehen wollen.
Ich stehe nun über der Welt mit meinem eindringlichen Gebet, wie der Regenbogen sich über den Wolken des Himmels herab zur Erde senkt und sie mit seinen beiden Enden erreicht. Mit dem Regenbogen meine ich mich selbst. Denn ich senke mich auf die Bewohner der Erde herab und rühre die Guten und die Bösen mit meinem Gebet an. Ich beuge mich zu den Guten herab, damit sie beständig dabei bleiben, das zu tun, was die heilige Kirche gebietet, und zu den Bösen, dass sie nicht mit ihrer Bosheit fortfahren und noch schlimmer werden.
Ihm, den ich dir genannt habe, teile ich mit, dass von einem Ende der Erde dunkle, schreckliche Wolken aufziehen, um die Klarheit des Regenbogens zu verdunkeln. Mit diesen Wolken meine ich solche, die in ihrem Fleisch ein unzüchtiges Leben führen und in ihrer Geldgier unersättlich und ohne Boden wie die Tiefe des Meeres sind, und die ihre Güter in unverständiger und verschwenderischer Weise aus weltlicher Hoffart weggeben, wie der reißende Strom sein Wasser ausgießt.
Diese drei Sünden werden jetzt von vielen Vorstehern der Kirche begangen, und sie steigen frech und abscheulich hinauf zum Himmel vor Gottes Angesicht und verdunkeln mein Gebet, wie die dunklen Wolken den klaren Regenbogen. Und die, die stattdessen Gott zusammen mit mir besänftigen sollten, erwecken also Gottes Zorn gegen sich selber. Solche Menschen dürften in Gottes Kirche nicht in höhere Ämter gelangen.

Wer also daran arbeiten will, dass das Fundament der Kirche fest steht, und der wünscht, den gesegneten Weinberg wieder herzustellen, den Gott selbst mit seinem Blut begründet hat, aber hält sich für zu schwach zu diesem Werk, so will ich, die Himmelskönigin, ihm mit allen Engelscharen zu Hilfe kommen, um die angegriffenen Wurzeln auszureißen und die unfruchtbaren Bäume ins Feuer zu werfen, um zu verbrennen, und an ihrer Stelle frische und fruchtbringende Schösslinge zu pflanzen. Mit dem Weinberg meine ich Gottes Kirche, in der Demut und Liebe zu Gott erneuert werden müssen.“

Zusatz
Gottes Sohn sagt über den Nuntius des Papstes: Ihr seid zu einer Versammlung von großen Männern gekommen, und ihr sollt zu etwas noch Höherem aufsteigen. Daher ist der überaus verdienstreich, der daran arbeitet, dass die Demut erhöht werde, denn der Hochmut ist schon viel zu hoch gestiegen. Große Ehre wird auch der erfahren, der Liebe zu den Seelen hat, denn Ehrgeiz und Simonie herrschen jetzt bei so vielen, so vielen.
Selig wird auch der genannt werden, der nach seinem Vermögen daran arbeitet, dass die Laster aus der Welt ausgerottet werden, denn die üben jetzt eine größere Herrschaft aus, als gewöhnlich. Es ist auch in hohem Maße nützlich, Geduld zu haben und darum zu beten, denn viele, die jetzt leben, werden erleben müssen, dass die Sonne sich in zwei Teile teilt, dass die Sterne zuschanzen werden, dass die Weisheit in Torheit verwandelt wird, dass die Demütigen auf Erden Tränen vergießen und die Übermütigen an die Macht kommen. Dies zu verstehen und zu deuten, kommt den Weisen zu, die das Unebene eben zu machen wissen und die Zukunft voraussehen können. Obige Offenbarung wurde dem Kardinal von Albano zugestellt, der damals Priester war.

[1]. Wahrscheinlich Kardinal Annibaldo Ceccano, der von Clemens VI. während des Jubeljahres 1350 als Legat nach Rom gesandt wurde.

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11. Kapitel

Johannes der Täufer tadelt den vom Papst entsandten Legaten, Kardinal Annibaldo Ceccario, wegen seines prunkhaften Lebens. Der Zusatz deutet auf den unseligen Tod hin, der ihn nach seiner Abreise aus Rom ereilte.

Die Braut (Birgitta) sprach demütig im Gebet zu Christus und sagte: ”O mein Herr Jesus Christus, ich glaube so fest an dich, dass auch wenn eine Schlange vor meinem Munde läge, würde sie nicht hineinkommen, wenn du es nicht zu meinen Gunsten erlauben würdest!“
Johannes der Täufer sagte: Er, der sich dir zeigt, ist natürlich Gottes Sohn, von dem der Vater in meinem Beisein Zeugnis ablegte und sagte: „Dies ist mein Sohn.“ Er ist der, von dem der Heilige Geist ausging, der sich in Gestalt einer Taube über ihm zeigte, während ich taufte. Er ist der wahre Sohn der Jungfrau nach dem Fleisch, und ich berührte seinen Leib mit meinen Händen. Glaube daher fest an ihn und geh auf seinem Weg vorwärts, denn er ist der, der den rechten Weg zum Himmel zeigte, auf dem Arm und Reich zum Himmel kommen können.
Aber jetzt kannst du fragen, wie der Reiche beschaffen sein soll, um in den Himmel einzugehen, wenn Gott selbst gesagt hat, es sei leichter für ein Kamel, durch ein Nadelöhr zu gehen, als dass ein Reicher zum Himmel gelangt. Darauf antworte ich dir: Der Reiche, der so beschaffen ist, dass er fürchtet, dass etwas bei ihm zu unrecht erworben ist, der Sorge hat, dass seine Besitztümer nicht unnütz oder gegen Gott ausgegeben und verbraucht werden, der irdischen Besitz und Ehre gegen seinen Willen hat, der sich gern von ihnen trennen würde, der betrübt ist, wenn Seelen zu Schaden kommen und Gott verunehrt wird, und der – wenn er auch durch Gottes Anordnung in gewissem Ausmaß gezwungen ist, weltliche Dinge zu besitzen, aber doch mit ganzem Fleiß darüber wacht, dass man Gott lieb behält – ein solcher Reicher bringt Frucht und ist selig, reich und Gott lieb.

Aber so ist dieser reiche Bischof nicht; er ist stattdessen wie ein Affe, der vier Kennzeichen hat. Das erste ist, dass ihm Kleider hergestellt werden, die bis zu seinem Unterteil reichen und die oberen Teile bedecken, während seine Schamteile ganz nackt zu sehen sind. Sein zweites Kennzeichen ist, dass er mit seinen Fingern übel riechende Dinge anfasst und sie in seinen Mund führt. Das dritte ist, dass er ein menschliches Gesicht hat, aber die Farbe und der übrige Körper der eines Tieres ist. Das vierte ist, dass – obwohl er Hände und Füße hat, trampelt doch mit Fingern und Händen im Schmutz herum.

Ja, dieser Bischof ist töricht, wie ein Affe, neugierig auf die Nichtigkeiten der Welt und in verdrehter Weise von lobenswerten Taten abgewandt, denn er hat Gewänder, d.h. die Bischofsweihen, die vor Gott sehr ehrenwert und kostbar sind, und doch sehen seine Schamteile nackt aus, denn seine leichtfertigen Sitten und fleischlichen Begierden werden von den Menschen gesehen und erregen das Verderben der Seelen.
Dagegen sagt der berühmte Ritter, dass die Schamteile der Menschen mit größerem Anstand umgeben sein sollen, und meint damit, dass die tierischen Triebe der Kleriker unter guten Taten verborgen sein müssen, so dass die Schwachen sich kein schlechtes Beispiel daran nehmen. Der Affe fasst auch stinkende Sachen an und riecht daran. Was tut der Finger anders, als auf eine beschädigte Sache hinzuweisen, so wie ich, als ich Gott in Menschengestalt sah, mit dem Finger auf ihn wies und sagte: „Sieh Gottes Lamm!“
Was sind die Finger des Bischofs anderes, als seine lobenswerten Sitten, mit denen er anderen Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe zeigen sollte? Aber nun zeigt er mit seinen Werken, dass er reich, hochgeboren, weise in weltlichen Dingen und freizügig mit Geldern ist. Was ist das alles, wenn nicht dies gleichsam die Finger in übel riechende Sachen zu stecken? Denn sich des Fleisches und der vielen Hausangestellten zu rühmen, was ist das anderes, als sich wegen aufgeblasener Säcke zu rühmen?

Der Affe hat, wie gesagt, auch ein menschliches Gesicht, während seine übrige Gestalt tierisch ist. So ist die Seele dieses Bischofs mit Gottes Zeichen versehen, aber entstellt durch seine eigene Gewinnsucht. Viertens: Wie der Affe mit Füßen und Händen den Schmutz berührt, und darin herumtrampelt, so trachtet dieser mit seiner Begierde und seinem Tun nach irdischen Dingen, wendet sein Gesicht vom Himmlischen ab und beugt sich vor dem Irdischen wie ein vergessliches Tier. Kann ein solcher Mensch Gottes Zorn mildern? Keineswegs – eher erweckt er Gottes gerechten Zorn gegen sich.“

Zusatz
Diese Offenbarung handelt von einem Kardinallegaten während des Jubeljahres. Gottes Sohn spricht: „O du übermütiger Rechenkünstler, wo ist nun dein Staat, die Pracht deiner Pferde? Du wolltest nicht verstehen, während du Ehre genossen hast, deshalb bist du jetzt verunehrt! Antworte nun, obwohl ich alles weiß, auf das, was ich frage, so dass diese neue Braut es hört!“

Und gleich zeigte sich etwas wie ein schlotternder und nackter Mensch, seltsam missgestaltet. Der Richter sagte zu ihm: „O Seele, du hast doch gelehrt, die Welt und ihre Reichtümer zu verachten – warum bist du ihnen dann gefolgt?“ Die Seele erwiderte: „Weil mir der ekelhafteste Gestank angenehmer war, als dein überaus lieblicher Wohlgeruch.“ Und nachdem er das gesagt hatte, goss ein Neger einen Bottich mit Schwefel und Gift über ihn aus.
Weiter sagte der Richter: „O Seele, du warst eingesetzt, ein Leuchter für die Völker zu sein. Warum hast du nicht mit deinem Wort und Beispiel geleuchtet?“ Die Seele gab zur Antwort: „Weil deine Liebe aus meinem Herzen ausgetilgt war. Ich ging wie ein Mensch ohne Gedächtnis und wie ein umherirrender Mann, der das Nahe liegende betrachtet und nicht auf das Zukünftige achtet.“

Nachdem sie das gesagt hatte, wurde die Seele ihres Augenlichts beraubt. Und ein Neger, den man neben ihr stehen sah, sagte: „O Richter, diese Seele gehört mir; was soll ich tun?“ Der Richter entgegnete: „Reinige sie und setze sie gleichsam unter Druck bis die Ratsversammlung kommt, wo erörtert werden soll, was die Abordnung ihrer Freunde und Feinde vorzubringen hat.“

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Offenbarungen, die teils in Schweden 1344-49, teils in Italien in den Jahren nach 1360 erfolgten.

12. Kapitel

Jungfrau Maria und St. Agnes[3] geben durch Birgitta Ratschläge und Ermahnungen an Bischof Thomas in Växjö, der später Birgitta in Rom aufsuchte, sowie an Bischof Peter Tyrgilsson von Linköping. Ein paar Zusätze berichten Episoden von Bischof Thomas´ und Birgittas Zusammensein in Italien.

Die Braut sagte: ”O mein Herr, ich weiß, dass niemand zum Himmel eingeht, wenn der Vater ihn nicht zieht. Zieh deshalb, mildester Vater, diesen kranken Bischof zu dir, und du, Gottes Sohn, gib deinen Beistand dazu, und du, Heiliger Geist, erfülle diesen kalten und entblößten Bischof deiner Liebe.“
Der Vater antwortete: „Wenn der, der zieht, stark ist, aber die Sache, die gezogen wird, allzu schwer ist, so wird die Arbeit sehr viel schneller zerstört und lahm gelegt. Wenn der, der gezogen wird, gebunden ist, kann er weder sich selber helfen, noch der Ziehende. Wenn er unrein ist, ist er verabscheuenswürdig, um gezogen und berührt zu werden. Dieser Bischof ist beschaffen wie der, der an einer Wegegabelung steht und überlegt bei sich selbst, welchen Weg er einschlagen soll.“
Die Braut erwiderte: „O mein Herr, steht nicht geschrieben, dass niemand stetig in diesem Leben steht, sondern entweder zu dem hinweicht, was besser ist, oder zu dem, was schlechter ist?“
Der Vater entgegnete: „Beides von dem kann gesagt werden, denn er steht zwischen zwei Wegen, nämlich dem der Freude und dem des Schmerzes. Er wird beunruhigt von Angst vor der ewigen Strafe und will die himmlische Freude gewinnen, und doch scheint es ihm schwer, den Weg vollkommen zu wandern, der zur Freude führt. Er geht jedoch, wenn er ihm folgt, den Weg, zu dem er eine heißere Sehnsucht hat.“

Weiter sprach die heilige Agnes: „Dieser Bischof ist wie der beschaffen, der zwischen zwei Wegen stand, von denen er wusste, dass der eine anfangs schmal, aber am Ende freudevoll sein wird, und der andere eine Zeitlang vergnüglich ist, aber zuletzt in eine bodenlose und qualvolle Tiefe führt. Als der Reisende dastand und über diese Wege nachdachte, empfand er es verlockend, den Weg zu gehen, der im Anfang vergnüglich war, aber er bebte doch vor der bodenlosen Tiefe, und so bekam er folgenden Gedanken: „Es muss doch irgendeine Richtung bei diesem vergnüglichen Wege geben; wenn ich den finde, kann ich lange sicher wandern, und wenn ich ans Ende und an die Tiefe gelange, wird sie mir nichts Böses antun, wenn ich nur den Richtweg finde. So ging er sicher auf dem Weg, aber als er an den Abgrund kam, stürzte er elend ab, denn er fand den Richtweg nicht, wie er gedacht hatte.
Männer, die in dieser Weise denken, findet man heute viele. Sie denken so: „Es ist mühsam, den schmalen Weg zu gehen, und schwer ist es, den Eigenwillen und die weltliche Ehre aufzugeben. Daher geben sie sich einer falschen und gefährlichen Hoffnung hin. „Lang ist unser Leben,“ sagen sie, „Gottes Erbarmen ist sehr groß, die Welt ist lieblich und zur Belustigung geschaffen, daher steht dem nichts im Wege, dass ich die Welt eine Zeitlang gebrauche, wie ich will, denn wenn mein Leben sich seinem Ende zuneigt, dann will ich Gott folgen. Es gibt ja einen Richtweg auf dieser Welt nämlich Reue und Beichte; wenn ich den finde, werde ich erlöst.“

Ein solcher Gedanke, nämlich bis zum Ende sündigen zu wollen und erst dann zu beichten, ist eine sehr schwache Hoffnung, denn sie kennen nicht das Wort (des Richters), bevor sie fallen, und manchmal werden sie zu allerletzt von einer so schweren Plage befallen, oder nehmen ein so schnelles Ende, dass sie in keiner Weise mehr eine fruchtbringende Reue finden können. Und das mit Recht, denn sie wollten das kommende Unheil nicht voraussehen, als sie es noch konnten, denn sie setzten nach ihrem Gutdünken und ihrem Bestimmen die Zeit für Gottes Erbarmen fest, und sie dachten nicht daran, mit der Sünde Schluss zu machen, ehe sie sie nicht länger genießen konnten.

In ähnlicher Weise stand auch dieser Bischof zwischen diesen beiden Wegen. Nun nähert er sich aber dem angenehmeren Weg, dem Weg des Fleisches, und er hat gleichsam drei Blätter vor sich, die er durchliest. Das erste Blatt liest er mit Behagen und liest es ständig. Das zweite liest er manchmal, aber nicht im Vergnügen. Das dritte Blatt liest er selten, und dann mit Schmerz.
Das erste sind die Reichtümer und Ehrenbezeugungen, mit denen er sich amüsiert. Das zweite ist die Furcht vor der Hölle und dem kommenden Gericht, was ihn plagt. Das dritte ist die Liebe zu Gott und die Furcht des Sohnes, die er selten empfindet. Denn wenn er bedenken würde, was Gott für ihn getan hat und was er ihm schuldig ist, würde die Liebe zu Gott nie in seinem Herzen erlischen.“
Die Braut antwortete: „Oh meine Frau, bitte für ihn!“ Da sagte die hl. Agnes. „Was macht die Gerechtigkeit anders, wenn sie nicht richtet, und was tut die Barmherzigkeit, wenn sie nicht ruft und lockt?“
Gottes Mutter sagte: „So kann man zum Bischof[1] sagen: „Wenn Gott auch alles tun kann, muss der Mensch doch selbst mitwirken, dass man vor der Sünde flieht, und die göttliche Liebe erhalten bleibt. Es gibt drei Dinge, die den Menschen instand setzen, der Sünde zu entfliehen, und drei Mittel, durch die er die Liebe erreichen kann. Die drei Dinge, womit man der Sünde ausweicht, sind vollkommene Reue, der Vorsatz, die Sünde nicht mehr zu begehen, sowie Besserung nach dem Rat derer, bei denen man sieht, dass sie die Welt verschmäht haben.

Die drei Dinge, die dazu beitragen, dass man die Liebe gewinnt, sind Demut, Barmherzigkeit und Arbeit im Dienst der Liebe. Denn man braucht dazu nicht mehr, dass einer ein einziges Paternoster mit der Absicht liest, die Liebe zu erlangen, damit ihm die Wirkung der Liebe schneller als sonst erreichen kann.

Was den anderen Bischof[2] betrifft, über den ich früher mit dir gesprochen habe, will ich zuletzt sagen, dass die Gräben ihm sehr breit scheinen, um darüber zu springen, dass die Mauern sehr hoch sind, um sie zu übersteigen, und dass die Regeln sehr streng sind, um sie zu brechen. Deshalb stehe ich auch und warte auf ihn, aber er hat seinen Kopf drei Scharen zugewandt, die er mit Vergnügen betrachtet. Die erste Schar tanzt und singt; zu der sagt er: „Es gefällt mir, euch zu hören; wartet auf mich!
Die zweite steht und hält Ausschau; zu der sagt er: „Es gefällt mir, zu sehen, was ihr seht, denn das macht mir großes Vergnügen!“ Die dritte freut sich und ruht sich aus, und er sucht mit ihr zusammen Ruhe und Ehre. Aber auf der Welt zu tanzen und zu singen – was ist das anderes, als von der einen zeitlichen Freude zur anderen zu fahren, von dem einen Ehrgeiz zum anderen?
Dazustehen und Ausschau zu halten – was ist das anderes, als die Seele von der Betrachtung des Göttlichen abzuwenden und an das Sammeln und Ausgeben zeitlicher Dinge zu denken? Auszuruhen – was ist das anderes, als die Ruhe des Leibes zu haben?
Nun ist der Bischof auf einen hohen Berg gestiegen, um diese drei Scharen zu betrachten, und er kümmert sich nicht um die Worte, die ich ihm gesandt habe, oder um diesen Abschluss der Worte, nämlich, dass wenn er sein Versprechen hält, werde ich auch meines halten.“

Die Braut erwiderte: „O holdreichste Mutter, geh nicht von ihm weg!“ Die Mutter sagte zu ihr: „Ich werde nicht von ihm fortgehen, ehe der Staub den Staub aufnimmt. Und wenn er die Regeln bricht, will ich ihm wie eine Dienerin begegnen und ihm wie einer Mutter helfen.“ Und sie setzte hinzu: „Tochter, du denkst daran, welche Belohnung dieser Domherr in Orleans erhalten hätte, wenn sein Bischof sich bekehren würde. Ich antworte dir: Wie du siehst, dass der Erdboden Kräuter und Blumen von verschiedener Gestalt und verschiedenen Arten hervorbringt, so hätten alle Menschen, wenn sie von Anbeginn der Welt auf ihrem vorgesehenen Platz stehen geblieben wären, einen herrlichen Lohn empfangen. Denn jeder, der in Gott lebt, geht von der einen Freude zu anderen, nicht weil er Unlust mitbringt, sondern weil das Vergnügen ständig wächst, und die unaussprechliche Freude unaufhörlich erneuert wird.“

Erklärung
Dieser Bischof war in Växjö. Als er in Rom war, war er sehr beunruhigt und wollte heimkehren. Die Braut (Birgitta) hörte da im Geist: „Sage dem Bischof, dass sein Hier bleiben nützlicher ist, als seine Eile, abzureisen. Die von seinem Gefolge, die vorher abgereist waren, sollen erst später kommen, als er. Wenn er daher ins Vaterland zurückgekehrt ist, wird er meine Worte bestätigt finden.“
Alles ging also in dieser Weise vor sich. Denn als er heimkehrte, fand er den König gefangen und das ganze Reich in Unordnung. Die Herren im Gefolge, die vorausgefahren waren, wurden unterwegs behindert und kamen erst viel später an. „Wisse auch, dass die Frau, die im Gefolge des Bischofs ist, gesund heimkehren wird, aber sie wird nicht im Vaterlande sterben.“ So ging es auch, denn sie kam noch ein zweites Mal nach Rom und starb und wurde dort begraben.[3]
Zusatz
Als Frau Birgitta vom Berg Monte Gargano in die Stadt Manfredonia im Reich Apulien kam, war dieser Bischof in ihrem Gefolge, und da geschah es, dass er vom Pferde stürzte und sich so schwer verletzte, dass zwei Rippen brachen. Als er am Morgen mit Frau Birgitta nach Sankt Nikolaus in Bari reisen sollte, rief er sie zu sich und sagte: „O meine Frau, es ist sehr schwer für mich, hier ohne euch zu bleiben. Und es ist für euch auch sehr beschwerlich, meinetwegen hier zu bleiben, besonders wegen dieser Friedensstörer. Ich beschwöre euch um der Liebe Jesu Christi Willen, dass ihr für mich zu Gott betet und meine geplagte Seite berührt. Ich hoffe nämlich, dass meine Schmerzen durch die Berührung eurer Hand gelindert werden.“
Aus Mitleid in Tränen aufgelöst, sagte sie: „O mein Herr, man hat eine unrichtige Auffassung von mir, denn ich bin die größte Sünderin in Gottes Augen. Aber wollen wir alle zu Gott beten, so wird er euren Glauben belohnen.“ Als sie sich nach verrichtetem Gebet erhob, berührte sie die Seite des Bischofs, und sagte: „Der Herr Jesus Christi heile dich.“ Gleich verschwand der Schmerz, der Bischof stand auf und folgte Frau Birgitta auf dem ganzen Weg, bis sie nach Rom zurückgekehrt war.

 

[1]. Bischof Thomas von Växjö.
[2]. Bischof Petrus Tyrgilsson von Linköping; vergl. die folgende Offenbarung.
[3]. Frau Kristina Sigmundsdotter, verheiratet mit dem Adligen Ulf Åbjörnsson. Vgl. VI, 39.

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Offenbarungen, gegeben in Schweden 1344-49

13. Kapitel

Maria ermahnt durch Birgitta Peter Tyrgilsson, Bischof von Linköping und später Erzbischof von Uppsala. Dieser wird ermahnt, sich treu für die Erlösung der Seelen einzusetzen, ohne eventuelle Unannehmlichkeiten oder Widerstände zu fürchten. Der Zusatz gehört in die Zeit nach 1366.

Gottes Mutter spricht zur Braut des Sohnes und sagt: ”Dieser Bischof bittet mich in seiner Liebe. Deshalb soll er das tun, was mir am allerliebsten ist. Ich weiß von einem Schatz, und wer ihn hat, wird niemals arm werden. Wer ihn sieht, wird niemals Trübsal oder den Tod kennen lernen, und wer ihn haben möchte, wird das, was er begehrt, mit jubelnder Freude bekommen.
Dieser Schatz ist in einer festen Burg hinter vier Riegeln verwahrt. Außen an der Burg sind hohe, dicke und große Mauern, und außerhalb der Mauern sind zwei tiefe und breite Gräben. Daher bitte ich ihn, dass er in einem einzigen Sprung über beide Gräben springen soll, mit einem einzigen Schritt über die Mauern steigt, alle Riegel mit einem einzigen Schlage zerbricht und mir so dieses kostbare Kleinod bringt.
Was dies bedeutet, will ich dir sagen. Bei euch wird dies ein Schatz genannt, was selten in Gebrauch genommen und nur selten weggerückt wird. Der Schatz, von dem ich spreche, ist das Wort und die kostbaren Werke meines liebsten Sohnes, die er vor und während seines Leidens getan hat, sowie die erstaunlichen Taten, die er tat, als das Wort in meinem Körper Fleisch wurde, und die er jetzt noch tut, wenn das Brot auf dem Altar täglich in der Kraft von Gottes Wort dasselbe Fleisch wird. All dies ist der kostbarste Schatz, und der ist jetzt so vergessen, dass sich nur sehr wenige daran erinnern und ihn zu ihrer Vervollkommnung anwenden. Der Leib von Gottes ehrenreichem Sohn ruht in einer befestigten Burg, nämlich in der Kraft seiner Göttlichkeit. Denn so wie eine Burg gegen Feinde Schützt, so schützt die Macht der Gottheit meines Sohnes den Leib seiner Menschlichkeit, dass kein Feind ihm schaden kann.

Die vier Riegel sind vier Sünden, die von der Teilnahme und der Güte der Kraft des Leibes Christi ausgeschlossen sind. Der erste ist der Hochmut und die Lust auf weltliche Ehre. Der zweite ist die Lust auf weltliche Besitztümer. Der dritte ist das schmähliche Begehren, den Leib unmäßig mit Unzucht und Schwelgerei zu füllen. Der vierte ist der Zorn, der Neid und die Gleichgültigkeit für die eigene Erlösung.
Viele lieben diese vier und haben sie als Gewohnheit, und daher sind sie weit von Gott getrennt. Denn sie sehen und empfangen Gottes Leib (im Abendmahl), aber ihre Seelen sind so fern von Gott wie Diebe, die stehlen möchten, aber an das begehrte Gut wegen der starken Riegel nicht herankönnen. Deshalb sagte ich, dass er die Riegel mit einem einzigen Schlag zerbrechen sollte.

Der Schlag bedeutet der Eifer für die Seelen, indem dieser Bischof sozusagen die Sünden mit Taten der Gerechtigkeit und mit göttlicher Liebe zerbrechen soll, so dass der Sünder, wenn die Riegel seiner Laster zerbrochen sind, an diesen kostbaren Schatz herankommen kann. Und wenn er auch nicht alle Sünder zu schlagen vermag, so soll er doch tun, was er kann, und vor allem die Menschen züchtigen, die ihm Untergeben sind. Dabei soll er nicht Hoch oder Niedrig, Vettern oder Verwandte, Freunde oder Feinde schonen.
So handelte der heilige Thomas von England[1], der um seiner Gerechtigkeit willen viele Verfolgungen ausstand und zum Schluss einen gewaltsamen Tod erlitt, weil er nicht darauf verzichtete, die Betreffenden mit dem kirchlichen Recht zu schlagen, damit ihre Seelen eine geringere Strafe leiden sollten. Dem Leben dieses Mannes soll der Bischof folgen, so dass alle, die ihn hören, verstehen können, dass er sowohl seine eigenen Sünden als auch die von anderen hasst. Da soll ein solcher Schlag des göttlichen Eifers hoch über allen Himmeln, bis hinauf zu Gott und seinen Engeln gehört werden, dass viele sich bekehren und bessern werden, indem sie sagen: „Er hasst nicht uns, sondern unsere Sünden; wollen wir uns also bekehren und Gottes und seine Freude werden.“

Die drei Mauern, die die Burg umgeben, sind drei Tugenden. Die erste besteht darin, das aufzugeben, was amüsant für den Leib ist, und Gottes Willen zu tun. Die zweite besteht darin, um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen lieber Schmähungen und Schaden zu erdulden, als weltliche Ehre und weltliches Eigentum zu haben, aber die Wahrheit zu verleugnen. Die dritte besteht darin, weder das Leben noch seine Güter zur Erlösung eines Christen zu schonen, wer immer es auch sei.
Aber pass auf, was der Mensch jetzt tut. Er meint, dass diese Mauern so hoch sind, dass er sie auf keine Weise übersteigen kann. Deshalb naht sich das Herz der Menschen diesem ehrenreichen Leibe (Christi) nicht beharrlich, und auch nicht ihre Seelen, denn die sind fern von Gott. Deshalb bat ich meinen Freund, dass er mit einem einzigen Schritt über die Mauern steigen sollte.
Ihr nennt das einen Schritt machen, wenn man die Füße weit voneinander setzt, um den Körper schnell vorwärts zu bringen. So ist es auch mit einem geistlichen Schritt. Wenn der Leib auf der Erde, aber die Liebe des Herzens im Himmel ist, da werden diese drei Mauern überstiegen, denn dann gefällt es dem Menschen in der Betrachtung des Himmlischen, seinen eigenen Willen aufzugeben, Widerstand und Verfolgung um der Gerechtigkeit willen zu erdulden und sogar für Gottes Ehre willig zu sterben.

Die beiden Gräben außerhalb der Mauern sind die Schönheit und die Nähe der Welt sowie das Vergnügen durch weltlich gesinnte Freunde. In diesen Gräben halten sich viele sehr gern auf und kümmern sich nie darum, Gott im Himmel sehen zu dürfen. Die Gräben sind breit und tief; breit, weil das Wollen solcher Menschen weit von Gott entfernt ist; tief, weil sie viele in der Tiefe der Hölle festhalten. Deshalb müssen diese Gräben mit einem einzigen Sprunge übersprungen werden. Was beinhaltet die geistliche Hoffnung anderes, als sein ganzes Herz von dem zu trennen, was nichtig ist, und vom Irdischen ins Himmelreich „zu springen“?
Sieh, nun habe ich dir gezeigt, wie die Riegel zerbrochen und die Mauern überstiegen werden; Jetzt will ich zeigen, wie der Bischof mir dieses kostbare Ding, was es je gegeben hat, überreichen soll. Die Gottheit war und ist von Ewigkeit und ohne Anfang, denn man kann weder einen Anfang noch ein Ende darin finden. Die Menschengestalt dagegen war in meinem Leib und nahm Fleisch und Blut von mir an. Daher ist die Menschengestalt (Christi) das Kostbarste, was je gewesen ist und ist.

Wenn daher die Seele des Gerechten mit Liebe Gottes Menschengestalt in sich aufnimmt, und Gottes Leib die Seele erfüllt, so ist da das kostbarste, was es je gegeben hat. Denn obwohl die Gottheit drei Personen ohne Anfang und ohne Ende in sich birgt, nahm der Sohn doch seinen gesegneten Leib von mir an, als ihn der Vater mit der Göttlichkeit und dem Heiligen Geist zu mir sandte.

Aber jetzt will ich demselben Bischof zeigen, wie er dem Herrn diese kostbarste Sache überbringen soll. Wo immer Gottes Freund einen Sünder findet, in dessen Worten sich nur eine geringe Liebe zu Gott und eine große Liebe zur Welt findet, da ist die Seele leer von Gott, und deshalb sollte Gottes Freund Liebe zu Gott haben und betrübt darüber sein, dass die Seele, die doch mit dem Blut des Schöpfers erlöst ist, kein Freund Gottes ist, und er sollte sich über die elende Seele erbarmen und gleichsam zwei Stimmen haben, mit denen er Gott bittet, sich über die Seele zu erbarmen, und eine andere, mit der er der Seele ihre Gefahr zeigt.
Wenn er diese beiden, Gott und die Seele vereinen, und sie zu einem machen kann, dann überbringt er mit seinen liebevollen Händen Gott die größte Kostbarkeit. Denn wenn Gottes Leib, der in mir war, und die Seele des Menschen, die von Gott geschaffen ist, in der Einheit der Freundschaft zusammenkommen, so ist dies das, was mir am allerliebsten ist. Und das ist nicht verwunderlich, denn ich war zugegen, als mein Sohn, dieser ehrenvolle Ritter, aus Jerusalem hinausging, um den Kampf zu kämpfen, der so hart und schwer war, dass sich alle Sehnen in seinen Armen dehnten, sein Rücken blau und blutig wurde, seine Füße von Nägeln durchbohrt wurden, seine Augen und Ohren mit Blut gefüllt wurden, sein Hals niedergebeugt wurde, als er den Geist aufgab, und sein Herz von der Lanzenspitze durchbohrt wurde. So gewann er die Seelen mit dieser großen Pein, und nun thront er in Herrlichkeit und steckt seine Arme nach den Menschen aus, aber es gibt sehr wenige, die ihm die Braut bringen.[2] Daher sollte Gottes Freund nicht das Leben oder seine Güter behalten, sondern anderen seine Hilfe reichen und sie meinem Sohn überbringen.

Sag demselben Bischof ferner, dass – wenn er mich zu seinem lieben Freund heben will, so will ich ihm meine Treue schenken und mich mit ihm durch ein einziges Band verbinden. Gottes Leib, der in mir war, soll nämlich seine Seele mit großer Liebe in sich aufnehmen, so dass, wie der Vater mit dem Sohne in mir war, der meinen Leib und meine Seele in sich barg, und wie der Heilige Geist, der im Vater und im Sohne ist, immer mit mir war und auch meinen Sohn in sich hatte – so soll auch mein Diener durch denselben Geist gebunden sein.
Denn wenn er Gottes Pein liebt und seinen Leib zutiefst im Herzen hat, dann soll er auch Christi Männlichkeit besitzen, die er die Gottheit in sich und nach außen hat, und Gott wird in ihm sein und er in Gott, so wie Gott in mir ist, und ich in ihm. Wenn mein Diener und ich einen Gott haben, dann haben wir auch ein Liebesband: Den Heiligen Geist, der ein Gott mit dem Vater und dem Sohne ist.
Füge noch ein Wort hinzu. Wenn dieser Bischof sein Gelübde an mich hält, werde ich ihm helfen, solange er lebt. Am letzten Tage seines Lebens will ich ihn beschützen und ihm beistehen und seine Seele zu Gott führen und sagen: „O mein Gott, dieser Mann hat dir gedient und mir gehorcht; deshalb führe ich dir seine Seele zu.“
O Tochter, woran denkt wohl der Mensch, der seine Seele verachtet? Hätte Gott Vater mit seiner unfassbaren Gottheit seinen unschuldigen Sohn eine so harte Pein in seiner Menschengestalt leiden lassen, wenn er nicht dieses tiefe Verlangen und die Sehnsucht nach den Seelen gehabt hätte und ihnen diese ewige Ehre hätte bereiten wollen?“
Diese Offenbarung handelt von einem Bischof in Linköping, der später Erzbischof wurde.[3] Über denselben liest man in Buch VI, Kap. 22, das beginnt: „Dieser Prälat.“ Von diesem handelt auch die Stelle: „Der Bischof, über den du weinst, kam in ein leichtes Fegefeuer. Daher sollst du überzeugt sein, dass – obwohl er viele Gegner auf der Welt hatte, diese ihr Urteil empfangen haben, er bei mir für seinen Glauben und seine Reinheit geehrt werden soll.“

[1]. Thomas Beckett, Erzbischof von Canterbury, ermordet 1170.
[2]. Mit der Braut ist wohl die Seele gemeint.
[3]. Petrus Tyrgilsson, gest. 1366.

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14. Kapitel

Maria tadelt im Beisein von Birgitta einen Bischof, der äußerlich demütig sein soll, aber in Wirklichkeit hochmütig und auf das Weltliche ausgerichtet ist. Der Bischof, der dem Dominikanerorden angehört, aber nicht mit Sicherheit identifizierbar ist (war es Peter Filipsson von Uppsala?) wird mit einem Schmetterling verglichen.

Die Mutter spricht zur Braut des Sohnes und sagt: ”Du bist ein Gefäß, das der Besitzer füllt und der Meister leert, und doch ist es ein und derselbe, der es füllt und leert. Denn so wie der, der das Gefäß gleichzeitig mit Wein, Milch und Wasser füllt, Meister genannt würde, wenn er jede dieser gemischten Flüssigkeiten getrennt und sie zu ihrer eigenen Natur zurückgeführt hat, so habe ich, die Mutter und Herrin von allen, es mit dir getan und tue es noch. Denn vor einem Jahr und einem Monat wurden dir viele Dinge gesagt, die nun alle sozusagen in deiner Seele gemischt sind, und es wäre abscheulich, wenn sie auf ein Mal ausgegossen würden, nachdem ihr Ende unbekannt ist. Daher trenne ich sie erst so allmählich, wie es mir gefällt.

Erinnerst du dich vielleicht, dass ich dich zu einem Bischof sandte, den ich meinen Diener genannt habe? Wir können ihn mit einem Falter vergleichen, der breite Flügel mit weißer, roter und blauer Farbe hat, der dick ist und, wenn man den Falter berührt, an den Fingern kleben bleibt wie Asche. Dieser hat einen kleinen Körper, aber ein großes Maul, zwei Fühler in der Stirn und eine heimliche Stelle im Bauch, durch die die Unreinheit des Bauches ausgeschieden wird.
Die Flügel dieses Insekts, d.h. dieses Bischofs, sind seine Demut und sein Hochmut. Denn er scheint äußerlich in Worten und Benehmen, in Kleidung und in Taten demütig, aber innen wohnt der Hochmut, der ihn seiner eigenen Ansicht nach groß, von vermeintlicher Ehre aufgeblasen, begierig auf die Gunst der Menschen und vermessen ist, so dass er seinen eigenen Nutzen dem der anderen vorzieht und den von anderen verurteilt.
Mit diesen beiden Flügeln fliegt er, nämlich mit der Demut, die er den Menschen zeigt, damit er allen gefällt und in aller Munde ist, und mit seinem inneren Hochmut, wodurch er sich für heiliger als viele andere hält. Die drei Farben der Flügel sind drei Arten seiner Erscheinung, die seine schlechten Eigenschaften verbergen. Denn die rote Farbe bedeutet, dass er ständig über Christi Leiden und die Wundertaten disputiert, damit er heilig genannt werden kann, und doch ist dies fern von seinem Herzen, denn das behagt ihm keineswegs.
Die blaue Farbe bedeutet, dass er sich äußerlich nicht um zeitliche Dinge zu kümmern scheint, sondern gut für die Welt und ganz himmlisch zu sein scheint, wie das Blau ja auch das Aussehen des Himmels hat, aber sicher hat diese andere Farbe vor Gott keine größere Beständigkeit und Festigkeit und bringt nicht mehr Frucht als die erste.

Die weiße Farbe bezeichnet ihn als klösterlich an Kleidern und lobenswert an Sitten, aber es liegt in Wirklichkeit in dieser dritten Farbe ebenso viel Süßigkeit und Vollkommenheit, wie in den beiden ersten. Ebenso wie die Farbe des Falters dick ist und an den Händen klebt, aber nichts als Staub in den Händen zurücklässt, so scheinen seine Werke bewundernswert zu sein, denn er möchte damit einzigartig dastehen, aber sie sind leer und bringen ihm keinen Nutzen, weil er den nicht aufrichtig sucht und liebt, der es wert ist, geliebt zu werden.
Die beiden Fühler sind sein doppelter Wille, denn er möchte ein Leben ohne Beschwer in dieser Welt haben, aber nach dem Tode doch das ewige Leben, damit er teils seine große Ehre auf Erden nicht verliert, teils aber vollkommener im Himmelreich gekrönt wird.

Dieser Bischof ist einem Schmetterling sehr ähnlich, der mit dem einen Fühler nur an den Himmel denkt und mit dem anderen an die Erde, und der doch, wenn er auch könnte, nicht das Geringste zu Gottes Ehre vollbringen würde. So glaubt und denkt sich dieser, Gottes Kirche mit seinem Wort und Beispiel zu nützen, als ob er nicht auch ohne sie zurechtkommen würde, und er nimmt an, dass Weltmenschen durch seine Verdienste geistlich gefördert würden.
Und daher denkt er so, wie der Ritter nach beendetem Kampf: „Wenn ich doch fromm und demütig genannt werde, warum soll ich dann ein strengeres Leben beginnen? Und wenn ich mich durch ein paar angenehme Dinge versündige, ohne die ich nun einmal nicht angenehm leben kann, so sollen mich meine größeren Verdienste und meine Taten entschuldigen. Wenn das Himmelreich sogar durch einen Trank kalten Wassers zu gewinnen ist – ist es dann notwendig, mehr zu arbeiten, als angemessen ist?“

Der Falter hat auch einen weiten Mund, aber seine Fresslust geht noch viel weiter. Ja, wenn er alle Fliegen außer einer schlucken könnte, so würde er Lust haben, diese letzte zu verschlingen. Ebenso würde dieser (Bischof), wenn er einen Pfennig über die vielen, die er schon bekommen hat, hinaus bekommen könnte, diesen Pfennig annehmen – und zwar so, dass es nicht bemerkt würde, sondern verborgen bliebe, aber der Hunger seiner Geldiger würde nie gestillt werden.
Der Schmetterling hat ferner einen heimlichen Abfluss für seine Unreinheit. So zeigt dieser (Bischof) ungehemmt seinen Zorn und seine Ungeduld, so dass seine heimlichen Dinge doch für andere sichtbar sind. Ferner ist seine Liebe so gering, wie der Leib des Falters klein ist. Denn was ihm an Größe in der Liebe fehlt, das wird ganz durch die Breite und Spannweite der Flügel wettgemacht.“
Die Braut erwiderte: „Wenn er nur einen Funken Liebe hat, ist immer Hoffnung für sein Leben und seine Erlösung.“ Und die Mutter entgegnete: „Was für eine Liebe hatte Judas, als er – nachdem er seinen Herrn verraten hatte, sagte: „Ich habe gesündigt, denn ich habe unschuldig Blut verraten?“ Er wollte sicher, dass es so aussehen sollte, als ob er Liebe gehabt hätte, aber er hatte keine.“

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15. Kapitel

Maria tadelt noch einen schwedischen Bischof vom Dominikanerorden. Sie vergleicht ihn mit einer Stechfliege und beschuldigt ihn, einschmeichelnd und ehrgeizig zu sein. Man hat ihn mit Ödgisl Birgersson von Västerås identifiziert.

Weiter spricht die Mutter zur Braut und sagt: ”Ich habe dir noch einen anderen Bischof gezeigt, den ich ”Hirten der Herde” genannt habe. Ihn vergleichen wir am besten mit einer Stechfliege, die die Farbe des Erdbodens hat, die mit lautem Brummen fliegt und die unerträglich sticht, wo immer sie sich hinsetzt.
So hat dieser Hirte auch die Farbe des Erdbodens, denn obwohl er ja zur Armut berufen wurde, würde er doch lieber reich als arm sein, lieber andere lenken, als sich unterordnen, lieber seinen eigenen Willen haben, als dadurch in Zucht genommen werden, dass er anderen gehorcht. Er fliegt auch mit lautem Geräusch, denn anstelle von frommen Predigten fließt er über von wortreicher Beredsamkeit, statt über die Lehre von geistlichen Dingen disputiert er über nichtige Dinge der Welt, und anstatt der heiligen Einfachheit seines Ordens zu folgen, rühmt er die Eitelkeit der Welt und eifert ihr nach.
Er hat außerdem zwei Flügel, d.h. er denkt an zwei Dinge. Das erste ist, dass er allen schöne und angenehme Worte sagt, damit er von allen geehrt wird. Das zweite ist, dass er will, dass alle sich ihm beugen und ihm gehorchen. Weiter sticht die Bremse scheußlich, und in ähnlicher Weise sticht dieser Bischof zum Verderb der Seele. Denn obwohl er Arzt der Seelen ist, klärt er die, die zu ihm gehen, nicht über ihre Gefahr und ihre Krankheit auf und benutzt nicht das Amputiermesser, sondern er macht ihnen schöne Worte, damit er sanft genannt wird und von niemandem gemieden wird.

Sieh, mit diesen beiden Bischöfen ist es etwas sehr Sonderbares. Der eine sieht nach außen arm, einsam und demütig aus, damit er „geistlich“ genannt wird. Der andere wünscht sich, weltliche Dinge zu besitzen, damit er barmherzig und freigebig genannt wird. Der eine will ein Habenichts scheinen, und möchte doch heimlich alles zu besitzen. Der andere will offen vieles haben, damit er viel verschenken kann und dann sehr geehrt wird. Daher wird es gehen, wie ein allgemeines Sprichwort sagt: Weil mir diese so dienen, dass ich es nicht sehe, will ich sie so belohnen, dass sie es nicht sehen.
Du möchtest wissen, warum solche (Bischöfe) für ihre Verkündigung gerühmt werden. Ich antworte dir: Manchmal spricht ein Böser für Gute, und bei diesen wird Gottes guter Geist eingegossen, nicht weil der Lehrer gut ist, sondern durch die Worte des Lehrers, in denen Gottes guter Geist zu den Frommen unter den Hörern redet. Manchmal spricht auch ein Guter für Böse, die dann durch das, was sie hören, gut werden, sowohl auf Grund von Gottes gutem Geist, als auch durch die Güte des Lehrers.
Manchmal spricht auch ein kalter Mensch für Kalte, damit die kalten Zuhörer das, was sie gehört haben, zu abweisenden glühenden Menschen bringen, so dass diese, wenn sie es hören, noch mehr glühend werden. Deshalb darfst du nicht betrübt sein, zu welchen du auch gesendet werden magst, denn Gott ist wunderlich und wirft Menschen das Gold unter die Füße, setzt aber das Schmutzige den Sonnenstrahlen aus.“

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16. Kapitel

Es wird ein Dialog zwischen den beiden schwedischen Dominikanerbischöfen wiedergegeben. Der ältere, der „Schmetterling“, gibt hier dem jüngeren, der „Stechfliege“, seine Scheinheiligkeit und seine egoistische Berechnung zu.

Der Sohn spricht zur Braut und sagt: ”Was glaubst du, ist die Ursache, dass dir diese beiden (Männer) gezeigt werden? Etwa deshalb, weil ihre Sünde und ihr Verderben Gott gefallen? Keineswegs. Das geschieht stattdessen deshalb, damit Gottes Geduld und Ehre desto offenbarer werden, und die Hörer Gottes Gericht fürchten.

Aber komm nun und höre etwas Seltsames! Der jüngere Bischof fragt den Älteren und sagte: „Höre mich, Bruder, und antworte mir! Du warst ja zum Joch des Gehorsams verpflichtet; warum hast du das aufgegeben? Du hast ja doch die Armut und das Klosterleben gewählt – warum hast du die verlassen? Als du ins Kloster gegangen bist, hast du ja gezeigt, dass du für die Welt tot warst; warum hast du dich dann nach dem Bischofsamt gesehnt?“
Der Ältere erwiderte: „Der Gehorsam der mich lehrte, untertänig zu sein, fiel mir schwer, und deshalb sehnte ich mich nach Freiheit. Das Joch, von dem Gott sagt, dass es lieblich sei, wurde mir bitter, und daher suchte und wählte ich die leibliche Ruhe. Die Demut bei mir war vorgetäuscht, und daher begehrte ich die Ehre. Und weil es besser ist, zu fahren als zu ziehen, begehrte ich das Bischofsamt.“

Der Jüngere fragte von neuem: „Warum hast du deinen Bischofsstuhl mit weltlicher Ehre geschmückt? Warum hast du durch weltliche Klugheit keine Reichtümer gesammelt? Warum hast du das, was du hattest, nicht nach den Begriffen weltlicher Ehre verwaltet? Warum hast du dich äußerlich so erniedrigt, und warum wurdest du nicht von weltlichem Ehrgeiz angetrieben?
Der Ältere gab zur Antwort: „Ich habe meinen Bischofsstuhl nicht mit weltlicher Ehre geschmückt, weil ich hoffte, dann noch mehr geehrt zu werden, wenn ich demütig und geistlich gesinnt auftreten würde, als wenn ich weltlich gesinnt erscheinen würde. Und damit ich von weltlichen Menschen gelobt würde, wollte ich so scheinen, als ob ich alles verschmähen würde, aber damit ich von den geistlich Gesinnten geliebt würde, zeigte ich mich demütig und fromm. Ich habe es also unterlassen, mit weltlicher Klugheit Reichtümer zu sammeln, damit geistliche Männer nicht an mir herumnörgeln und mich wegen meiner Weltlichkeit verachten würden. Ich habe auch nicht freigebig Geschenke gemacht, weil ich es meiner Bequemlichkeit wegen vorzog, mit wenigen Menschen zusammen zu sein, statt mit vielen. Und es machte mir mehr Freude, wenn ich etwas Gold im Kasten hatte, als eigenhändig etwas auszugeben.“

Wieder fragte der Jüngere: „Sag mir, warum gabst du einem Esel aus dem unreinen Bottich ein köstliches und angenehmes Getränk? Warum gabst du dem Bischof Unrat aus dem Schweinetrog? Warum hast du deine Krone mit Füßen getreten? Warum hast du den Weizen ausgespuckt und stattdessen Unkraut gekaut? Warum hast du andere von ihren Stricken befreit, aber dich selbst mit Fußfesseln gebunden? Warum brachtest du für anderer Leute Wunden Medizin, aber deine eigenen Wunden hast du noch verschlimmert.[1]
Der Ältere antwortete: „Ich gab dem Esel einen köstlichen Trank aus dem unreinen und verachteten Bottich, denn nachdem ich literarisch gebildet war, dachte ich mehr daran (und damit glaubte ich, weltliche Ehre zu erhalten), die heiligen Sakramente an den Altären zu handhaben, als mich mit weltlichen Sorgen und Kümmernissen zu befassen. Und weil den Menschen mein heimliches Leben unbekannt war, aber bekannt für Gott, wurde ich von einer gewaltigen Vermessenheit ergriffen und habe so Gottes Gerechtigkeit und sein schreckliches Gericht über mich verschlimmert.
Zweitens sage ich dir, dass ich dem Bischof Unrat aus dem Schweinetrog gegeben habe, denn ich stellte die Lust meiner Natur zufrieden und ließ ihr freien Lauf, war aber in der Enthaltsamkeit nicht standhaft. Drittens erwidere ich, dass ich die Bischofskrone unter die Füße gesetzt habe, denn es gefiel mir mehr, im Hinblick auf die Gunst der Menschen Barmherzigkeit zu üben, als für Gottes Ehre und Liebe Gerechtigkeit walten zu lassen.

Viertens sage ich, dass ich den Weizen ausgespuckt und Stroh gekaut habe, denn ich habe Gottes Wort nicht aus Liebe zu Gott verkündet, und es leuchtete mir nicht ein, selbst das zu tun, was ich andere zu tun lehrte. Zum Fünften antworte ich, dass ich mich selbst gebunden habe, als ich andere befreite, denn ich befreite die, die mit Reue zu mir kamen, aber das, was sie reuevoll beweinten und weinend zugaben, das gefiel mir, es sogar noch zu vollenden.

Zum sechsten antworte ich, dass ich andere mit heilendem Öl gesalbt habe, aber mich selbst mit tödlichem Gift, denn indem ich einen reinen Wandel lehrte, besserte ich andere, aber verschlechterte mich selbst; für das, was ich anderen vorschrieb, wollte ich nämlich selber keinen Finger rühren. Und daher erschlaffte, verdorrte ich in dem, wobei ich andere genesen sah, denn es gefiel mir mehr, den begangenen Sünden noch mehr Sündenlast aufzubürden, als sie durch Besserung zu erleichtern.“
Danach hörte man eine Stimme, die sagte: „Danke Gott, dass du nicht auch zu diesen giftgefüllten Bottichen gehörst, die, wenn sie zerbrochen werden, selbst zu Gift werden.“ Und da wurde gleich verkündet, dass der eine von diesen (Bischöfen) tot sei.

[1]. Vielleicht eine Anspielung darauf, wie Birgitta sich kasteite: Sie tropfte nämlich manchmal heißes Wachs auf ihren bloßen Arm, so dass Wunden entstanden, und kratzte dann mit den Nägeln in den Wunden, so dass sie nicht heilen konnten.

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17. Kapitel

Maria rühmt vor Birgitta den heiligen Dominicus[5], Stifter des Ordens, dem diese beiden Bischöfe angehörten. Dominicus lehrte seine Söhne Armut und Liebe zu den Seelen, sagt sie, aber die jetzigen Dominikaner wandeln im allgemeinen einen ganz anderen Weg.

Weiter spricht Gottes Mutter zur Braut, indem sie sagt: ”Ich habe gestern zu dir über zwei (Männer) gesprochen, die der Regel von Sankt Dominicus angehörten. Sicher hatte dieser Dominicus meinen Sohn zu seinem liebsten Herrn, und mich, seine Mutter, liebte er mehr, als sein eigenes Herz. Diesem Heiligen zeigte mein Sohn, dass es drei Dinge auf der Welt gab, die ihm missfielen, nämlich der Hochmut, die Gewinnsucht und das fleischliche Begehren.

Der heilige Dominicus bewirkte mit tiefen Seufzern Hilfe und Mittel zur Verminderung dieser drei Dinge, und Gott erbarmte sich über seine Tränen und gab ihm ein, ein Gesetz und eine Lebensregel zu verfassen, in der dieser Heilige drei gute Dinge als Mittel gegen drei böse Dinge auf Erden festlegte. Denn als Mittel gegen die Lust der Gewinnsucht bestimmte er, nichts zu besitzen, außer mit Einwilligung seines Priors.
Gegen den Hochmut legte er fest, eine demütige und schlichte Tracht zu haben. Gegen die unmäßige Gier des Fleisches bestimmte er Enthaltsamkeit und eine bestimmte Zeit, sich zu beherrschen. Er verordnete für die Brüder auch einen Prior, der darauf achten sollte, dass Frieden gehalten und über die Einigkeit gewacht werden soll. Ferner wollte er seinen Brüdern ein geistliches Zeichen geben und drückte ihnen durch seine Lehre und die Kraft seines Beispiels sozusagen ein geistliches, rotes Kreuz unter ihren linken Arm am Herzen, indem er sie lehrte und ermahnte, sich beständig an Gottes Leiden zu erinnern und eifrig Gottes Wort zu predigen – nicht der Welt zuliebe, sondern aus Liebe zu Gott und den Seelen.
Er lehrte sie auch, lieber untertänig sein zu wollen, als zu herrschen, den eigenen Willen zu hassen, geduldig Schmähungen zu ertragen und nach nichts anderem zu trachten, als nach Nahrung und Kleidern, die Wahrheit von Herzen zu lieben und sie mit dem Mund zu verkünden, nicht eigenes Lob zu suchen, sondern immer Gottes Wort auf den Lippen zu haben und es zu lehren, es nicht aus Furcht zu verschweigen, oder es nur um Menschengunst willen zu sagen.

Als die Zeit seiner (geistlichen) Verlobung nahte, die mein Sohn ihm im Geist gezeigt hatte, kam er unter Tränen zu mir, seiner Mutter, und sagte: „Oh Maria, Himmelskönigin, du, die Gott zur Hilfe bei der Vereinigung seiner Gottheit und Menschlichkeit erwählte, du bist die makellose Jungfrau und die allerwürdigste, makellose Mutter, du bist die Übermächtige, aus der die Gottesmacht hervorging.

Höre mich, der zu dir betet! Ich fliehe zu dir, weil ich weiß, dass du am allermächtigsten bist. Nimm meine Brüder an, die ich unter meinem engen Skapulier[1] aufgezogen und genährt habe, und beschütze sie unter deinem weiten Mantel. Lenke und erquicke sie, so dass der alte Feind nicht Macht über sie gewinne, und dass er den neuen Weinberg nicht verderben kann, denn die rechte Hand deines Sohnes gepflanzt hat.
O meine Frau, was meine ich mit dem engen Skapulier, das aus einem Kleidungsstück für die Brust und einem anderen für den Rücken besteht, anders als die doppelte Art, in der ich meine Brüder gesehen habe? Ich hatte ja Tag und Nacht Sorge um sie, wie sie Gott mit vernünftiger und löblicher Gemessenheit dienen würden, und ich habe auch für sie gebetet, dass sie nichts von der Welt begehren sollten, was Gott missfällt, oder ihren Ruf von Demut und Frömmigkeit bei ihren Nächsten beflecken würde. Nachdem die Stunde meiner Belohnung nun bevorsteht, überlasse ich dir meine Brüder; Unterweise sie wie Söhne und beschütze sie, wie eine Mutter.“
Nach diesen und anderen Worten wurde Dominicus zu Gottes Ehre berufen. Ich antwortete ihm so, indem ich in einem Gleichnis redete: „O Dominicus, geliebter Freund, nachdem du mich mehr geliebt hast, als dich selbst, will ich jetzt deine Söhne, unter meinem weiten Mantel verteidigen und lenken, und alle, die deiner Regel treu bleiben, sollen erlöst werden. Mein weiter Mantel ist meine Barmherzigkeit, die ich niemandem verweigere, der darum bittet; alle, die bitten, werden im Schoß meiner Barmherzigkeit Schutz bekommen.“
Was glaubst du nun, meine Tochter, was die Regel des Dominicus ist? Sicher Demut, Enthaltsamkeit und Weltverachtung. Die, die diese drei Tugenden annehmen, in ihnen beharren und sie lieben, sollen niemals verdammt werden, und es sind diese, die die Regel des hl. Dominicus einhalten.

Aber nun höre etwas Seltsames! Dominicus übergab seine Söhne unter meinen weiten Mantel, uns siehe, es ist unter meinem weiten Mantel nun mehr Platz, als es unter seinem engen Skapulier war. Doch hatten zu Dominicus Lebzeiten nicht einmal alle seine Schafwolle und seine Sitten.

Durch ein Gleichnis will ich dir ihre Sitten besser zeigen. Wenn Dominicus aus der Himmelshöhe, wo er jetzt wohnt, herabsteigen und zu dem Diebe sagen würde, der sich aus dem Tal hervorschleicht und die Schafe besieht, um sie zu schlachten und sie zu vernichten: „Warum rufst du zu meinen Schafen und führst sie weg, wenn ich durch die deutlichsten Zeichen weiß, dass sie mir gehören? So könnte der Dieb antworten: „Warum, Dominicus, erhebst du Anspruch auf etwas, was dir nicht gehört? Du tust ja unrechtmäßig Gewalt, dir etwas anzueignen, was anderen gehört.“
Wenn Dominicus erwidern würde, er habe sie aufgezogen, gezähmt, geleitet und gelehrt, würde der Dieb sagen; „Wenn du sie aufgezogen und belehrt hast, so habe ich sie mit lieblichen, schmeichlerischen Worten zu ihrem eigenen Willen zurückgeführt. Wenn du für sie das Milde mit dem Strengen vermischt hast, so habe ich sie schmeichelnder gelockt und ihnen gezeigt, was sie mehr erfreut – und siehe, nun laufen mehrere meiner Stimme und meinem Futter nach. Und daher kenne ich die Schafe als die meinen an, die mir williger folgen, denn sie haben ihren freien Willen, dem zu folgen, der sie lockt.“
Wenn Dominicus nun entgegnen würde, dass seine Schafe mit einem roten Zeichen im Herzen gekennzeichnet wären, würde der Dieb sagen: „Meine Schafe sind mit meinem Zeichen versehen, das im rechten Ohr bei ihnen eingeschnitten ist, und nachdem mein Zeichen besser sichtbar und deutlicher als deines ist, so erkenne ich sie als meine Schafe.“

Dieser Dieb ist der Teufel, der sich viele Schafe von Dominicus angemaßt hat, die ein Zeichen im rechten Ohr tragen, weil sie nicht die Worte des Lebens hören, die sagen, dass der Weg zum Himmelreich Schmal ist, sondern die begierig auf das hören, was sie gern haben. Aber die Schafe von Dominicus sind wenige, die das rote Zeichen im Herzen tragen, das sich mit Liebe an Gottes Pein erinnert, eifrig Gottes Wort predigt und ein heiliges Leben in aller Keuschheit und Armut führen.
Denn das ist die Regel von Dominicus, wie man zu sagen pflegt: All sein Hab und Gut auf dem Rücken zu tragen, nichts besitzen zu wollen, was die Regel nicht erlaubt, das Überflüssige nicht nur aufzugeben, sondern manchmal auch auf das zu verzichten, was zulässig und notwendig ist, um das Fleisch zu beherrschen.“

[1]. Von manchen Mönchsorden getragener, über Brust und Rücken bis zu den Füßen reichender Überwurf in Form eines breiten Tuchstreifens oder zweier Stücke aus Tuch, die durch über die Schulter führende Bänder zusammengehalten werden.

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18. Kapitel

Maria setzt ihre Klage über die schwedischen Dominikaner der damaligen Zeit fort, von denen gesagt wird, dass sie mehr auf weltliche Vorteile als auf Gottes Ehre und die Rettung der Seelen bedacht sind, und die u.a. für ihre jetzt geführte Lebensweise und für ihren Eifer getadelt werden, unnötig große und prachtvolle Kirchen zu bauen. Am Ende des Kapitels wird das Gericht über den älteren schwedischen Dominikanerbischof, den „Schmetterling“, angedeutet.

Die Mutter spricht zur Braut und sagt: ”Ich habe dir gesagt, dass alle, die nach der Regel des Dominicus leben, unter meinem Mantel sind. Jetzt sollst du hören, wie viele das sind. Wenn Dominicus von dem Platz der himmlischen Freuden, wo er jetzt in Wahrheit glückselig ist, herabsteigen und rufen würde: „O geliebte Brüder, folgt mir, denn vier gute Dinge sind euch vorbehalten, nämlich Ehre als Belohnung für die Demut, ewiger Reichtum für die Armut, Sättigung ohne Überdruss als Belohnung für Enthaltsamkeit und ewiges Leben für die Weltverachtung, so würde ihn kaum jemand hören. Aber wenn stattdessen der Teufel aus dem Abgrund aufsteigen und vier Entgegengesetzte Dinge ausrufen würde, indem er sagte: „Dominicus hat euch vier Dinge versprochen, aber schaut auf mich, ich zeige euch mit der Hand, was ihr begehrt, denn ich biete Ehre, ich habe Reichtümer in der Hand, Wollust ist für euch bereit, und die Welt wird für euch köstlich zu genießen sein. Nehmt also das, was ich anbiete, benutzt das, was sicher ist und lebt mit Freuden, so dass ihr euch zusammen nach dem Tode freuen könnt.“

Ja, wenn diese beiden Stimmen jetzt in der Welt ertönen würden, so würden mehr der Stimme des Teufels und Räubers nachlaufen, als der Stimme meines herrlichen Freundes Dominicus. Und was soll ich von den Brüdern des Dominicus sagen? Sicher sind es wenige, die seine Regel einhalten, und noch weniger, die seiner Fußspur folgen, denn alle hören nicht auf ein und dieselbe Stimme, weil sie nicht alle zum gleichen Geschlecht gehören, auch weil sie nicht alle von Gott sind und alle erlöst werden könnten, wenn sie wollten, sondern weil sie alle nicht auf die Stimme von Gottes Sohn hören, der sagt: „Kommt zu mir, und ich will euch erquicken, indem ich mich euch selber schenke.“
Was soll ich nun von den Brüdern sagen, die der Welt wegen nach dem Bischofsamt trachten – ob sie zur Regel des Dominikus gehören? Keineswegs. Aber die, die das Bischofsamt aus einem vernünftigen Grunde übernommen haben – sollen die von der Regel des Dominicus ausgeschlossen werden? Sicher nicht. Der hl. Augustinus lebte ja nach der Mönchsregel, ehe er Bischof wurde, und in seinem Bischofsstand gab er das reguläre Leben nicht auf, obwohl er zu einer höheren Würde aufstieg.

Er nahm die Ehre, nämlich gegen seinen Willen, nicht mit der Aussicht, Ruhe zu bekommen, sondern sicher mehr Arbeit, denn als er sah, dass er Seelen gewinnen konnte, gab er Gottes wegen gern seinen eigenen Willen und die leibliche Ruhe auf, um für seinen Gott noch mehr Seelen zu gewinnen. Deshalb gehören die, die das Bischofsamt erstreben und annehmen, um desto besser Seelen zu gewinnen, zur Regel des Dominicus, und ihr Lohn wird doppelt sein, teils weil sie auf die Annehmlichkeit der Regel verzichtet haben, teils weil sie zu der Bürde des Bischofsamts berufen wurden.
Daher schwöre ich bei Gott, bei welchem die Propheten schworen, nicht auf Grund von Ungeduld, sondern um Gott zum Zeugen für seine Worte zu nehmen – ja, so sage ich nun und schwöre bei demselben Gott, dass über die Brüder, die die Regel des Dominicus verachtet haben, ein mächtiger Jäger mit wilden Hunden kommen wird.
Stell dir vor, dass der Diener zu seinem Herrn sagt: „Auf deine Wiese sind viele Schafe gekommen, deren Fleisch befleckt ist, deren Wolle zottelig und schmutzig ist, deren Milch unbrauchbar und deren Brunst unersättlich ist. Befehle also, dass diese weggetrieben werden sollen, so dass die Weide nicht für die nützlichen Schafe verdorben wird, und dass die guten Schafe nicht durch das störrische Verhalten der schlechten beunruhigt werden.“

Der Bauer würde darauf antworten: „Mach die Gitter zu, so dass keine anderen als die hineinkommen, bei denen es für mich nützlich ist, sie aufzuziehen und zu füttern, und die friedlich und sittsam sind.“ So sage ich, dass erst einige Gitter, doch nicht alle geschlossen werden, und dann wird der Jäger mit den Hunden kommen, und er wird die Wolle (der Tiere) nicht vor Pfeilen oder ihre Leiber nicht vor Verletzungen schonen, bevor ihr Leben endet. Dann sollen die Wächter kommen, und sie werden genau nachsehen und darauf achten, zu welcher Sorte die Schafe gehören, die auf die Weide des Herrn gelassen werden Soll.“ Da antwortete die Braut und sagte: O meine Frau, zürne nicht, wenn ich die frage: Wenn nun der Papst die strengen Regeln für sie mildert, sind die dann zu tadeln, wenn sie Fleisch oder etwas anderes essen, was ihnen vorgesetzt wird?“

Die Mutter antwortete: „Der Papst dachte an die Schwachheit und die Mängel der Menschennatur, die ihm einige vorhielten, und erlaubte ihnen, vernünftig Fleisch zu essen, damit sie geschickter und eifriger würden, zu predigen und zu arbeiten – aber nicht dafür, dass sie sich weichlicher und schlaffer zeigen sollten, und deshalb wollen wir den Papst entschuldigen, dass er diese Erlaubnis gegeben hat.“
Die Braut sagte erneut: „Dominicus bestimmte, keine Kleider von den besten zu haben, aber auch nicht von dem schäbigsten Zeug, sondern von mittlerer Sorte. Sind sie dann zu tadeln, wenn sie sich in feine Gewänder kleiden?“ Die Mutter antwortete: „Dominicus, der die Regel aus dem Geist meines Sohnes verfasste, schrieb vor, dass sie nicht Kleider aus den feinsten und teuersten Stoffen haben sollten, damit sie nicht wegen ihrer schönen und kostbaren Tracht getadelt oder abgelehnt oder hochmütig werden.
Er bestimmte aber auch, dass sie keine Gewänder aus den schäbigsten und härtesten Stoffen tragen sollten, damit sie nicht wegen der harten Tracht beim Einschlafen nach der Arbeit zuviel beunruhigt würden. Sondern er bestimmte, dass sie maßvolle und notwendige Kleider haben sollten, von denen sie nicht hochmütig werden könnten, und in denen sie nicht eitel werden, aber durch die sie die Kühle des Körpers vertreiben und zu ständiger Vervollkommnung der Tugenden kommen können. Und deshalb können wir Dominicus für seine Verordnungen loben, müssen aber seine Brüder tadeln, d.h. die, welche ihre Gewänder wegen nichtiger Dinge und nicht aus nützlichen Erfordernissen verändern.“

Die Braut sagte weiter: „Sind die Brüder nicht zu tadeln, die deinem Sohn hohe und teuere Kirchen bauen? Oder sind die zu tadeln und zu verurteilen, wenn sie viel betteln, um solche Bauten vollenden zu können?“
Die Mutter erwiderte: „Wenn die Kirche so breit ist, dass sie die aufnimmt, die eintreten, wenn ihre Mauern so in die Höhe wachsen, dass die, die darin sind, es nicht eng haben, wenn die Mauern so stark und dick sind, dass sie nicht durch Einwirkung des Klimas aufspringen, und wenn das Dach so fest und dicht ist, dass es nicht dadurch tropft, so haben sie genug gebaut.
Denn Gott hat mehr Gefallen an einem demütigen Herzen in einer bescheidenen Kirche, als an hohen Mauern wo zwar die Körper drinnen sind, aber die Herzen draußen. Daher brauchen sie ihre Kisten nicht mit Gold und Silber für die Bauarbeit zu füllen, denn was hat es Salomo genützt, einen so kostbaren Tempel zu besitzen, wenn er vergaß, den zu lieben, für den er ihn erbaut hat?“

Nachdem man dies alles gesagt und gehört hatte, rief gleich der ältere Bischof, von dem vorher die Rede war, und sagte: „O, o, o! Die Bischofsmitra ist fort, und nun wird das sichtbar, was darunter verborgen war. Wo ist nun der ehrenwerte Bischof, wo der ehrwürdige Priester, wo der arme Bruder? Der Bischof ist sicher fort, der mit Öl zu seinem apostolischen Amt und zur Reinheit des Lebenswandels gesalbt wurde, da ist noch der Diener, der mit fettem Dreck beschmutzt ist. Fort ist auch der Priester, der mit heiligen Worten geweiht wurde, damit er das leblose und tote Brot in den lebensspendenden Gott verwandelten sollte; übrig blieb der heimtückische Verräter, der ihn aus Geldgier verkaufen sollte, der alle aus Liebe erlöst hat. Fort ist ebenso der arme Bruder, der mit einem Eid auf die Welt verzichtet hatte.
Nun bin ich für meinen Hochmut und meine Prahlerei verdammt, und doch muss ich die Wahrheit sagen: Dass dieser gerechte Richter, der mich verurteilt hat, mich lieber durch den so bitteren Tod hat retten wollen, den er am Stamm des Kreuzes erlitt. Aber die Gerechtigkeit, gegen die er ja nicht handeln konnte, habe ich bestritten – dass ich nämlich anders verurteilt würde, als ich es jetzt erfahre.“

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19. Kapitel

Christus lehrt Birgitta, wie sie schlechten und törichten Gedanken begegnen soll; weiter deutet er an, welche Lehre sie aus dem Ende des erwähnten Bischofs ziehen kann.

Der Sohn spricht zur Braut: ”Warum betrübst du dich und bist bekümmert, Tochter?“ Sie antwortete: „Weil ich von vielen verschiedenen und unnützen Gedanken heimgesucht werde, die ich nicht verjagen kann, und weil ich beunruhigt bin, als ich von deinem schrecklichen Gericht hörte.“

Der Sohn erwiderte: „Das ist wahre Gerechtigkeit. Denn wie du dich früher gegen meinen Willen an weltlicher Begier belustigt hast, so stellen sich jetzt viele verschiedene Gedanken ein, dich gegen deinen Willen heimzusuchen. Doch sollst du dich mit Klugheit fürchten und fest auf mich vertrauen, deinen Gott, dass – wenn auch der Sinn an den sündigen Gedanken kein Gefallen hat, sondern du gegen sie kämpfst und sie verabscheust, so bewirken sie die Reinigung und Krone der Seele.
Aber wenn es dich gelüstet, eine wenn auch kleine Sünde zu begehen, die du als Sünde begreifst, und du sie im Vertrauen auf deine frühere Enthaltsamkeit und in vermessenem Vertrauen auf die Gnade tust, und du dann nicht von Reue ergriffen wirst oder dich besserst, so sollst du wissen, dass es eine Todsünde werden kann. Wenn daher der Sinn von einer Begierde zur Sünde gepackt wird, so sollst du gleich bedenken, wohin sie führt, und es bereuen. Denn nachdem die Natur des Menschen Schaden genommen hat, tritt die Sünde auf vielerlei Weise durch ihre Krankheit hervor.

Es gibt ja keinen Menschen, der nicht zumindesten lässliche Sünden begeht. Aber der barmherzige Gott hat dem Menschen ein Heilmittel gegeben, nämlich über jede begangene Sünde zu trauern, und darüber, dass er vielleicht nicht für jede gebesserte Sünde Genüge geleistet hat. Denn nichts hasst Gott so, als – wenn du um die Sünde weißt, dich aber nicht darum scherst, oder dich wegen ein paar Verdienste grosstust, als ob Gott deretwegen irgendeine Sünde dulden würde, die du tust, weil er ohne dich nicht geehrt werden kann. Oder, als ob er dir erlauben kann, etwas Böses zu tun, weil du viel Gutes getan hast, wo du doch, wenn du auch hundertfach etwas Gutes für eine einzige schlechte Sache getan hast, Gott seine Liebe und Güte nicht völlig wiedergutmachen kannst.
Hab daher wohlweislich Furcht, und wenn du die Gedanken nicht verhindern kannst, so sei zumindesten geduldig und geh mit deinem Willen gegen sie an. Du wirst nämlich für sie nicht verurteilt, wenn sie nur entstehen, denn du kannst ja nur verhindern, dass du Lust an ihnen findest. Aber auch wenn du den Gedanken gar nicht zustimmst, sollst du Furcht haben, so dass du nicht aus Hochmut zu Fall kommst.

Jeder, der fest steht, tut das nur mit Gottes Kraft. Daher ist die Furcht ein Eingangstor zum Himmel, denn viele sind in Sünde gefallen und haben ihren eigenen heraufbeschworen, weil sie es nicht für nötig hielten, Gott zu fürchten und sich schämten, es vor Menschen zu beichten, was sie sich nicht scheuten, vor Gott zu sündigen. Wer sich daher nicht darum kümmert, für eine kleine Sünde um Verzeihung zu bitten, den werde ich auch nicht für würdig halten, dass seine Sünde vergeben wird, und so vermehren sich die Sünden, indem man sie wiederholt begeht, so dass das, was verzeihlich und entschuldbar wäre, falls man es bereut hat, sehr schwer wird, wenn man es vergisst und ihm nur geringes Gewicht beimisst, was du an dieser Seele sehen kannst, die verdammt ist.

Denn zuerst begeht der Mensch verzeihliche und entschuldbare Sünden, aber dann vermehrt er seine Sünde durch Gewohnheit, indem er sich auf ein paar gute Taten verlässt, die er getan hat, als ob ich nicht auch auf kleine Sünden achten und sie verurteilen würde. Und so verstrickt sich die Seele durch die Gewohnheit eines ungeordneten Begehrens und brachte die sündige Lust nicht zurecht und drängte sie zurück, ehe das Gericht vor der Tür stand, und der letzte Augenblick sich nahte. Als das Ende sich näherte, spürte ihr Gewissen plötzlich Unruhe und Schrecken, und sie machte sich Sorgen, dass sie bald sterben würde, und zitterte davor, von dem kleinen, zeitlichen Gut getrennt zu werden, das sie liebte.

Gott hat nämlich bis zur letzten Minute Nachsicht mit dem Menschen und wartet darauf, zu sehen, ob der sündige Mensch möglicherweise seinen ganzen Willen, der ja ganz frei ist, von der Neigung zur Sünde lösen will. Aber wenn der Wille sich nicht bessert, verstrickt sich die Seele und wird bis ins Unendliche gebunden. Denn der Teufel, der weiß, dass jeder nach seinem Gewissen und Willen beurteilt werden wird, strengt sich meist bis zum Äußersten beim Menschen an, damit die Seele verwirrt und von der rechten Absicht abgewendet wird, die Gott zugesteht, nachdem die Seele sich weigerte, zu wachen, als sie es hätte tun sollen.
Du sollst auch nicht allzu viel darauf geben, wenn ich jemanden Freund oder Feind nenne, wie ich diesen Mann vorher genannt habe, denn auch Judas wurde „Freund genannt, und Nebukadrezar „Diener“. Denn wie ich selbst gesagt habe: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete“, so sage ich jetzt: „Die sind meine Freunde, die mir folgen, und die meine Feinde, die mich und meine Gebote verachten und mich verfolgen.“ Hat nicht David, nachdem ich von ihm gesagt hatte, dass ich in ihm einen Mann nach meinem Herzen gefunden hätte, durch Totschlag gesündigt? Salomo, dem so wunderbare Dinge geschenkt und verheißen wurden, gab seine Güte auf, und wegen seiner Undankbarkeit wurde die Verheißung nicht in ihm erfüllt, sondern in mir, Gottes Sohn.

So wie daher ein Ende für dein Diktat gesetzt wird[1], so setze ich diesen Abschluss für meine Rede: Wenn jemand meinen Willen tut und seinen eigenen aufgibt, soll er als Erbteil das ewige Leben erhalten. Aber wenn einer meine Worte hört und sie doch nicht in Taten umsetzt, wird er als ein untauglicher und undankbarer Diener gerechnet.
Aber du sollst auch nicht verzagen, wenn ich jemanden „Feind“ nenne, denn sobald ein Gegner seinen Willen ändert und ihn auf das Gute ausrichtet, wird er Gottes Freund. War nicht Judas einer unter den Zwölfen, als ich sagte: „Ihr seid meine Freunde, die ihr mir gefolgt seid; ihr sollt auf zwölf Thronen sitzen?“ Bei dieser Gelegenheit folgte Judas mir, und trotzdem wird er nicht unter den Zwölfen sitzen.

Wie werden da Gottes Worte erfüllt? Ich antworte dir: Gott, der Herz und Willen der Menschen sieht, urteilt und belohnt nach dem, was er sieht. Der Mensch urteilt dagegen nach dem, was er am Gesicht eines anderen sieht. Damit der Gute nicht überheblich und der Böse verzagen soll, hat Gott sowohl Gute wie Böse zum Apostelamt berufen, ebenso, wie er täglich Gute und Böse zu Ehrenämtern beruft, damit alle, die ein Amt mit rechter Lebensart ausüben, im ewigen Leben geehrt werden sollen.
Der dagegen, der die Ehre, aber keine Verpflichtungen hat, soll eine Zeitlang geehrt werden, aber in Ewigkeit verworfen werden. Weil Judas mir nicht mit ganzem Herzen folgte, galten die Worte „Ihr, die ihr mir gefolgt seid,“ nicht für ihn, denn er hielt nicht bis zur Stunde der Belohnung aus, sondern sie gelten denen, die ausgehalten haben, in Gegenwart und Zukunft.
Der Herr, vor dessen Blicken alles offen liegt, spricht nämlich manchmal in Form der Gegenwart, was in die Zukunft gehört, und spricht manchmal von dem, was noch geschehen soll, als ob es schon getan sein würde. Manchmal mischt er auch das Vergangene mit dem Zukünftigen und benutzt das Vergangene für das Zukünftige, so dass niemand sich erkühnt, den unveränderlichen Ratschluss der Dreieinigkeit zu ergründen.
Höre noch ein Wort. Viele sind berufen, aber wenige auserwählt. So war dieser Mann zum Bischofsamt berufen, aber nicht auserwählt, denn er war gegen Gottes Gnade undankbar. Daher war er wohl dem Namen nach Bischof, aber nicht nach Verdienst, und er wird zu denen gerechnet werden, die hinunterfahren, und nicht zu denen, die hinaufsteigen.“

Zusatz
Gottes Sohn redet, indem er sagt: „Du möchtest wissen, meine Tochter, warum der eine Bischof ein so stilles Ende hatte, der andere ein so schreckliches, denn die Mauer stürzte ein und vernichtete ihn ganz, und er überlebte nur noch kurze Zeit, und in der Zeit litt er die größte Plage.
Ich antworte dir: Die Schrift sagt, oder richtiger, ich selbst habe gesagt, dass der Gerechte, welchen Tod er auch erhält, vor Gott gerecht ist; Weltmenschen halten den für gerecht, der ein schönes Ende ohne Plage und Schande hat, aber Gott hält den für gerecht, der durch eine lange Askese erprobt ist oder um der Gerechtigkeit willen Verfolgung leidet. Denn Gottes Freunde werden auf dieser Welt geplagt, entweder, damit sie eine geringere Strafe in der kommenden erleiden, oder damit sie eine größere Krone im Himmel empfangen.
Petrus und Paulus starben um der Gerechtigkeit willen, aber Petrus auf eine bitterere Weise als Paulus, weil er das Fleisch mehr als Paulus liebte und weil er die Oberhoheit über meine Kirche empfangen hatte, und sich mir durch einen bittereren Tod hätte angleichen müssen. Weil Paulus mehr die Askese liebte und mehr arbeitete, empfing er wie ein berühmter Ritter das Schwert[2], denn ich ordne alles nach Verdienst und Maß.

Deshalb ist es nicht ein verächtlicher Tod, sondern der Wille und die Absicht des Menschen, der vor Gottes Richterstuhl krönt oder verurteilt. Ebenso ist es mit diesen beiden Bischöfen, denn der eine erlitt eine bittere Plage und einen schimpflicheren Tod, und das führte bei ihm zu einer geringeren Strafe, wenn auch nicht zur Herrlichkeit nachdem er nicht gutwillig litt. Der andere dagegen erhielt ein ehrenvolles Ende, und das geschah durch meine heimliche Gerechtigkeit, aber das gereichte ihm nicht zu ewiger Belohnung, weil er seinen Willen nicht besserte, als er lebte.“

 

[1]. D.h. was Gott Birgitta diktiert, und was sie gleichzeitig ihrem Sekretär diktiert.
[2]. D.h. den Tod durchs Schwert.

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Offenbarungen, gegeben in Italien 1350

20. Kapitel

Maria rühmt vor Birgitta den heiligen Benedikt[6] und die Absichten, die dieser bei der Stiftung seines Ordens hatte. Sie deutet an, dass die jetzigen Benediktiner vom hohen Ideal ihres Stifters abgefallen sind.

Die Mutter spricht: ”Tochter, es steht geschrieben, dass der, der fünf Pfund empfangen hat, fünf andere Pfunde dazu erworben hat. Was ist das Pfund anderes, als die Gabe des Heiligen Geistes? Manche empfangen ja Weisheit, andere Reichtum, andere Freundschaft bei den Reichen, aber alle sollten ihrem Herrn den doppelten Gewinn davon zurückgeben, nämlich von der Weisheit die Fähigkeit, sich selbst und anderen zum Nutzen zu leben und die Unterweisung weiterzugeben, und von Reichtümern und anderem zeitlichen Gut die Bereitschaft, sie verständig zu gebrauchen und anderen barmherzig beizustehen.

So vervielfachte dieser gute Abt Benedikt die Gnadengabe, die er empfangen hatte, indem er alles verschmähte, was vergänglich war, zwang sein Fleisch, dem Geist zu gehorchen, und nichts über die göttliche Liebe stellte. Außerdem floh er hinaus in die Einöde, weil er fürchtete, dass seine Ohren durch das Hören von etwas Unnützem und die Augen durch das Anschauen nutzbringender Dinge befleckt werden könnten, und so ahmte er den nach, der schon vor seiner Geburt im Mutterleib jubelte, als er die Ankunft seines allerhuldreichsten Erlösers vernahm.[1]
Gewiss hatte Benedikt die Seligkeit des Himmels auch draußen in der Einöde empfangen, denn die Welt war für ihn tot, und sein Herz war ganz erfüllt von Gott, aber es gefiel Gott doch, Benedikt zu dem Berge zu berufen, damit er umso mehr Menschen bekannt würde, und damit durch sein Beispiel mehrere zu einem vollkommenen Leben angehalten werden sollten.

Der Leib dieses heiligen Mannes war wie ein Sack aus Erde, in dem das Feuer des Heiligen Geistes enthalten war, das alle Feuer des Teufels von seinem Herzen ausschloss. Denn wie das irdische Feuer von zwei Dingen entzündet wird, nämlich von der Luft und vom Blasen des Menschen, so geht der Heilige Geist entweder durch persönliche Eingebung oder durch irgendeine menschliche Handlung oder durch irgendeinen göttlichen Ausspruch, der den Sinn zu Gott weckt, in die Seele des Menschen ein.
Ebenso besucht auch der Geist des Teufels die Seinen, aber die sind weit getrennt. Denn der Heilige Geist entzündet wohl die Seele, Gott zu suchen, verbrennt den Menschen aber nicht körperlich; er spendet Licht durch reine Ehrbarkeit, aber verdunkelt nicht den Sinn durch das Böse. Der böse Geist dagegen flößt dem Sinn ein verzehrendes Verlangen nach dem Fleischlichen und eine unerträgliche Bitterkeit ein. Er verdunkelt auch die Seele, so dass sie nicht selbst sehen kann, und drückt sie trostlos auf das Irdische herunter.

Deshalb rief Gott Benedikt zum Berge, damit das gute Feuer, was in ihm war, mehrere entflammen sollte, und dann rief Benedikt mehrere andere Funken zu sich und machte durch Gottes Geist aus ihnen ein gewaltiges Feuer. Und er stellte für sie eine Klosterregel aus Gottes Geist zusammen, durch die viele ebenso vollkommen wurden, wie er selbst. Nun sind zwar viele Brände von St. Benedikts Feuer ausgebreitet; sie liegen überall verstreut und haben Kälte statt Wärme und Dunkel statt Licht. Aber wenn sie im Feuer zusammengefasst wären, würden sie überall Feuer und Wärme von sich geben.“

[1]. Diese Offenbarung steht im Zusammenhang mit Birgittas Besuch im Kloster Farfa (etwa 70 km nördl. von Rom in der Gegend von Terni) kurz nach ihrer Ankunft in Italien.

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21. Kapitel

Maria fährt fort, den ursprünglichen benediktinischen Geist zu rühmen und den Abfall der jetzigen Benediktiner von diesem Geist zu tadeln. Sie deutet die Notwendigkeit einer Reform an.

Die Mutter spricht: ”Ich habe dir vorher gesagt, dass der Leib des hl. Benedikt wie ein Sack war, der gezüchtigt und gelenkt wurde, aber selbst nicht lenkte. Seine Seele war wie ein Engel, der große Wärme ausstrahlte, wie ich dir in einem Gleichnis zeigen will. Stell dir drei Feuer vor, von denen das erste mit Myrrhe angesteckt wurde und einen lieblichen Wohlgeruch von sich gab. Das zweite war mit dürrem Holz angezündet und gab glühende Kohle und eine helle klare Flamme. Das dritte war mit Olivenzweigen angesteckt und gab eine Flamme, Licht und Wärme.

Unter diesen drei Feuern verstehe ich drei Personen, und mit den drei Personen drei Zustände auf der Welt. Das erste war der Zustand derer, die unter dem Eindruck von Gottes Liebe ihren eigenen Willen in die Hände anderer übergaben, die statt der Eitelkeit und des Hochmuts der Welt Armut und Schmach auf sich nahmen, und die statt Unmäßigkeit Enthaltsamkeit und Reinheit liebten. Diese hatten ihr Feuer von der Myrrhe, denn wie die Myrrhe bitter ist, aber die Dämonen vertreibt und den Durst löscht, so war deren Askese bitter für den Körper, aber ließ das ungeordnete Begehren erlöschen und machte die ganze Macht der Dämonen zunichte.
Der andere Zustand ist der von denen, die so für sich selber dachten: Warum lieben wir die Ehre der Welt, wo sie doch nichts anderes ist als Luft, die in die Ohren bläst? Warum lieben wir das Gold, wenn es nichts anderes ist, als Staub? Was ist das Ende des Fleisches als Verwesung und Asche? Was nützt es uns, nach irdischen Dingen zu trachten, wenn alles doch Eitelkeit ist? Deshalb wollen wir nur dafür leben und arbeiten, dass Gott in uns geehrt werde, und dass andere durch unsere Worte und unser Beispiel zur Gottesliebe entzündet werden.

Solche Menschen hatten ihr Feuer von dürrem Holz, denn die Liebe zur Welt war für sie tot, und jeder von ihnen gab die glühende Kohle der Gerechtigkeit und die klare Flamme der heiligen Verkündigung von sich. Der dritte Zustand war der von denen, die vor Liebe zu Christi Leiden glühten und mit ihrem ganzen Begehren wünschten, für Christus sterben zu dürfen.
Diese hatten ihr Feuer vom Olivenbaum. Denn wie die Olive Fettigkeit und größere Wärme in sich hat, wenn sie angezündet wird, so waren diese ganz und gar vom Fett der göttlichen Gnade gesättigt, durch die sie das Licht der göttlichen Weisheit, den heißeren Brand der Liebe und die Stärke des ehrbarsten Wandels von sich gaben.
Diese drei Feuer breiteten sich weit und breit aus. Das erste von ihnen entzündete sich in den Eremiten und den Menschen mit reinem Lebenswandel, wie Hieronymus schreibt, der, inspiriert vom Heiligen Geist deren Leben wunderbar fand, und wert, ihm nachzufolgen. Das zweite Feuer wurde in den Bekennern und Lehrern entzündet, das dritte in den Märtyrern, die ihr Fleisch für Gott verschmähten – auch andere hätten es verschmäht, wenn sie Hilfe von Gott erhalten hätten.

Zu einigen von diesen drei Feuern oder Menschen in dieser Lage wurde der heilige Benedikt gesandt. Er blies die drei Feuer zu einem zusammen, so dass die, die unklug waren, erleuchtet würden, die, die kalt waren, entzündet würden, und die, die warm waren, noch heißer würden. Und so begann mit diesen Feuern Benedikts Ordensleben, das einen jeden nach seiner Veranlagung und seinem Fassungsvermögen auf den Weg zur Erlösung und der ewigen Glückseligkeit führte.

Aber wie die Lieblichkeit des Heiligen Geistes vom Sack des heiligen Benedikt ausging, wodurch viele Klöster erneuert wurden, so ist der Heilige Geist aus vielen Säcken seiner Brüder gewichen, denn da ist die Glut der Asche erloschen, und die Brände liegen rings verstreut und geben weder Wärme noch Glanz von sich, sondern nur den Qualm der Unreinheit und Gelüste.
Doch hat mir Gott zur Freude vieler Menschen drei Funken gegeben, unter denen ich mehrere verstehe. Der erste ist durch die Wärme und den Glanz der Sonne aus Kristall entsprungen, und der hat nun in dem dürren Holz einen festen Platz gefunden, damit dadurch ein großes Feuer entstehen sollte. Der zweite ist aus dem harten Feuerstein gesprungen, der dritte aus dem unfruchtbaren Baum, der mit seinen Wurzeln wuchs und seine Blätter ausbreitete.
Mit dem Kristall, das ein kalter und spröder Stein ist, wird die Seele bezeichnet, die, obwohl sie kalt für Gottes Liebe ist, doch mit ihrem Willen und ihrem Begehren nach Vollkommenheit strebt und Gott bittet, ihr zu helfen. Deshalb trägt dieser Wille sie zu Gott und erreicht, dass ihre Heimsuchungen erhöht werden, durch die ihre bösen Triebe erkalten, bis Gott das Herz erleuchtet, und sich die an Wollust arme Seele so festigt, dass sie jetzt nur noch zu Gottes Ehre leben will.

Mit dem Feuerstein wird dagegen der Hochmut bezeichnet. Denn was ist härter als der Hochmut bei dem Menschen, der sich wünscht, von allen gelobt zu werden, und trotzdem demütig und fromm erscheinen möchte? Was ist verabscheuungswürdiger als die Seele, die sich in allen ihren Gedanken für mehr als andere hält und es nicht erträgt, von jemandem zurechtgewiesen oder belehrt zu werden?
Doch beten viele, die so eingebildet sind, demütig zu Gott, dass der Hochmut und der Ehrgeiz aus ihren Herzen fortgenommen werden möge. Deshalb wirkt Gott mit ihrem guten Willen zusammen, entfernt das Hinderliche aus ihrem Herzen und schenkt manchmal sanfte, angenehme Dinge, durch die die beiden vom Irdischen abgelenkt und angespornt werden, das Himmlische zu suchen.

Mit dem unfruchtbaren Baum ist schließlich die Seele gemeint, die, in Hochmut aufgezogen, nur für die Welt Früchte trägt und begehrt, die Welt und alle ihre Ehren zu besitzen. Doch wirft sie, weil sie den ewigen Tod fürchtet, viele Sprösslinge der Sünde ab, die sie aufziehen würde, wenn sie diese Furcht nicht haben würde. Daher naht sich Gott der Seele auf Grund dieser rechtmäßigen Furcht und schenkt ihr seine Gnade, so dass der unnütze Baum fruchtbar werden möge. – Mit solchen Funken sollte also das Ordensleben des heiligen Benedikt erneuert werden, das jetzt vielen verlassen und verachtet scheint.

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22. Kapitel

Maria beschließt ihre Rede über die damaligen italienischen Benediktiner mit einer besonderen Klage über Arnold, Abt im Benediktinerkloster Farfa bei Rom. Birgitta besuchte dieses Kloster kurz nach ihrer Ankunft in Rom im Jahre 1350, beobachtete dessen Verfall und trug den Bewohnern des Klosters die himmlische Klage vor, die jedoch scheinbar nicht zu einer Nachfolge führte.

Weiter spricht die Mutter zur Braut: „Was siehst du Sträfliches bei diesem, der hier steht?“ Sie erwidert: „Dass er nur sehr selten die Messe liest.“ Die Mutter antwortete ihr: „Deshalb soll er nicht verurteilt werden. Es gibt nämlich viele (Priester), die an ihre Arbeiten denken und daher klug darauf verzichten, die Messe zu lesen, und die doch deshalb nicht weniger wohlgefällig sind. Aber was siehst du bei diesem noch mehr?“
Sie sagte: „Dass er nicht die Kleider hat, die vom Heiligen Benedikt vorgeschrieben sind.“ Die Mutter sagte zu ihr: „Es geschieht oft, dass eine Gewohnheit begonnen wird. Alle, die wissen, dass sie schlecht ist und ihr doch folgen, sind strafwürdig. Die dagegen lobenswerte Satzungen nicht kennen und sich gern mit schlichteren Gewändern begnügen würden, sofern die lange Gewohnheit nicht so mächtig ist, die sollen nicht rasch und unbarmherzig verurteilt werden.

Aber höre nun zu, so will ich dir mitteilen, dass er wegen drei anderer Dinge Strafe verdient. Erstens, dass sein Herz, in dem Gott weilen sollte, in der Brust der Dirnen steckt. Zweitens, weil er das wenige, was er besaß, verlassen hat und das viele begehrte, was andere haben; dass er gelobt hat, sich selber aufzugeben, und doch ganz seinem eigenen Willen folgt. Drittens deshalb, da Gott seine Seele schön wie ein Engel schuf, und er deshalb ein engelhaftes Leben führen sollte, aber seine Seele ist nun wie der Engel, der durch seinen Übermut von Gott abgefallen ist.
Er ist groß unter den Menschen, aber wie er vor Gott ist, das weiß Gott. Gott ist nämlich wie der, der etwas in der Faust versteckt hat und es vor anderen verbirgt, bis er die Faust öffnet. So erwählt Gott die schwachen und verbirgt ihre Krone in diesem Leben, bis er einem jeden nach seinen Taten vergilt.“

Erklärung
Dies war ein sehr weltlicher Abt, der sich nicht um die Seelen kümmerte, und der schnell und ohne Sakrament starb. Über ihn sagt der Heilige Geist: „O Seele, du hast die Welt geliebt, und jetzt nimmt die Erde dich zurück. Du warst tot in deinem Leben, und jetzt sollst du mein Leben nicht bekommen und nicht an mir teilhaben, denn du hast die Gesellschaft von dem geliebt, der durch seinen Hochmut von mir abgefallen ist und die wahre Demut verachtet hat.[1]

[1]. Die Offenbarung bezieht sich auf Abt Arnold im Benediktinerkloster Farfa, das Birgitta kurz nach ihrer Ankunft in Rom besuchte.

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Offenbarungen, die nicht datiert werden können.

23. Kapitel

Gott Vater spricht mit Birgitta über das Geheimnis der Dreieinigkeit.

O du mein lieblichster Gott, ich bitte dich für die Sünder, zu denen ich selbst gehöre, dass du geruhst, dich ihrer zu erbarmen.“ Gott Vater antwortete: „Ich höre und kenne deinen Willen. Deshalb soll das Gebet deiner Liebe erfüllt werden, und zwar deshalb, wie Johannes in der Epistel des Tages sagt – oder eher, ich durch Johannes: „Drei sind es, die auf Erden Zeugnis ablegen: Der Geist, das Wasser und das Blut, und drei im Himmel, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Drei geben dir Zeugnis. Denn der Heilige Geist, der dich im Mutterleib bewahrt hat, bezeugt für deine Seele, dass du Gottes durch den Glauben bist, den deine Väter auf deinen Wegen bei der Taufe bekannt haben. Das Wasser der Taufe gibt dir Zeugnis, dass du durch Wiedergeburt und Reinigung von Adams Sünde die Tochter der Menschlichkeit Christi bist. Christi Blut, durch das du erlöst bist, schenkt dir auch das Zeugnis, dass du die Tochter der Gottheit bist und durch das Sakrament der Kirche von der Gewalt des Teufels geschieden bist. Und wir Vater, Sohn und Heiliger Geist, drei Personen, aber eins nach Wesen und Macht, bezeugen dir, dass du durch den Glauben zu uns gehörst, ebenso auch alle, die dem rechten Glauben der heiligen Kirche folgen.

Und zum Zeugnis dafür, dass du unseren Willen tust, sollst du hingehen und Christi Leib und Blut aus der Hand des Priesters empfangen, auf dass der Sohn es dir bezeugen kann, dass du sein bist, dessen Leib du zur Stärkung der Seele annimmst, damit der Vater, der im Sohn ist, dir das Zeugnis geben kann, dass du dem Vater und dem Sohn gehörst, und dass auch der Heilige Geist, der im Sohn und Vater ist, und der Geist in ihnen beiden, der bezeugen kann, dass du diesen dreien angehörst, die durch den wahren Glauben und die Liebe eins sind.“

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24. Kapitel

Christus beschreibt Birgitta mit Hilfe eines Gleichnisses die guten und die zur Buße bereiten Sünder und die unbußfertigen.

O mein Herr Jesus Christus, ich bitte dich, dass dein Glaube sich über die Ungläubigen ausbreiten möge, dass die Guten in deiner Liebe entzündet werden, und dass die Bösen gebessert werden mögen.“ Der Sohn erwiderte: „Du bist darüber betrübt, dass Gott allzu wenig Ehre hat, und du wünschst von deinem ganzen Herzen, dass Gottes Ehre vollkommen werde. Daher will ich dir ein Gleichnis erzählen, aus dem du verstehen magst, dass Gott auch durch die Bosheit schlechter Menschen geehrt wird, wenn auch nicht durch ihr Verdienst und ihren Willen.

Es war nämlich eine weise und schöne Jungfrau, reich und tugendhaft, die neun Brüder hatte. Jeder von ihnen liebte seine Schwester wie sein eigenes Herz, und das Herz eines jeden war sozusagen in ihr. In dem Reich, wo die Jungfrau wohnte, war es so bestimmt, dass der, der andere ehrte, selbst geehrt wurde, wer raubte, sollte selbst beraubt werden, und wer Gewalt anwendete, enthauptet werden sollte.
Der König des Landes hatte drei Söhne. Der erste von diesen liebte die Jungfrau und bot ihr goldene Schuhe und goldene Schärpen, Gold für die Finger der Hand und eine Krone für den Scheitel an. Der zweite begehrte das Eigentum der Jungfrau und plünderte sie aus. Der dritte begehrte ihre Jungfräulichkeit und versuchte, ihr Gewalt anzutun.

Diese drei Königssöhne wurden von den neun Brüdern der Jungfrau gefangen genommen und vor den König geführt. Die Brüder sagten zum König: „Deine Söhne haben unsere Schwester begehrt. Der erste ehrte sie und liebte sie von ganzem Herzen. Der zweite plünderte sie aus. Der dritte hätte gern sein Leben hingeben wollen, wenn er ihr hätte Gewalt antun können. Und sie wurden gerade zu der Stunde gefangen genommen, als sie fest entschlossen waren, das zu vollbringen.“

Als der König das hörte, antwortete er: „Alle sind sie meine Söhne, und ich liebe sie alle ebenso sehr. Doch kann ich weder gegen die Gerechtigkeit handeln, sondern ich habe vor, über meine Söhne wie über meine Diener zu urteilen. Komm daher, du mein Sohn, der die Jungfrau ehrte, und empfange mit deinem Vater Ehre und Krone. Aber du, mein Sohn der das Eigentum der Jungfrau haben wollte, und sie ausgeplündert hast, du wirst im Gefängnis sitzen, bis das Geraubte zurückerstattet ist. Ich habe das Zeugnis über dich gehört, dass du deine Tat bereut hast und das zurückgeben wolltest, was du geraubt hast, aber nicht dazu gekommen bist, weil das schnelle und unvorhergesehene Gericht dir zuvorkam. Deshalb sollst du im Gefängnis bleiben, bis das letzte Scherflein zurückerstattet ist.

Aber du mein Sohn, du hast alles versucht, die Jungfrau zu vergewaltigen, aber hast dein Tun nicht bereut, und daher sollst du auf die gleiche Weise geplagt werden, wie du Mittel angewendet hast, um zu versuchen, die Jungfrau zu kränken.“ Alle Brüder der Jungfrau antworteten: „Lob sei dir, Richter, für deine Gerechtigkeit. Wenn es in deiner Gerechtigkeit keine Tugend und keine Unparteilichkeit und Liebe gegeben hätte, so hättest du nie in dieser Weise geurteilt.“

Diese Jungfrau bedeutet die heilige Kirche, die so eingerichtet ist, dass sie hoch und edel in ihrem Thron ist, schön in den sieben Sakramenten, lobenswert in ihren Sitten und Tugenden und hold in ihrer Frucht ist, weil sie den wahren Weg zur Ewigkeit zeigt. Diese heilige Kirche hat gleichsam drei Söhne, und mit ihnen sind viele gemeint. Der erste bezeichnet die, die Gott von ganzem Herzen lieben. Der zweite bezeichnet die, die zeitliche Dinge zu seiner Ehre lieben. Der dritte bezeichnet die, die ihre eigene Lust vor Gott stellen.

Die Jungfräulichkeit der Kirche bezeichnet die Menschenseelen, die nur durch die Macht der Gottheit geschaffen sind. Der erste Sohn schenkt goldene Schuhe, wenn er Reue über seine Übertretungen und Versäumnisse empfindet. Er bietet Kleider an, wenn er auf die Vorschriften des Gesetzes achtet und den Rat des Evangeliums beachtet, so weit er kann. Er bietet einen Gürtel an, wenn er sich fest vornimmt, in Enthaltsamkeit und Keuschheit auszuharren. Er setzt einen Ring auf die Hand der Jungfrau, wenn er fest daran glaubt, was die heilige Katholische Kirche lehrt, nämlich das kommende Gericht und das ewige Leben.
Der Stein des Ringes ist die Hoffnung, in der er beständig hofft, dass keine Sünde so verabscheuungswürdig ist, dass sie nicht durch Buße und den Willen zur Besserung ausgetilgt werden kann. Er setzt die Krone auf den Scheitel der Jungfrau, wenn er die wahre Liebe hat. So wie es viele verschiedene Steine in der Krone gibt, so gibt es viele verschiedene Tugenden in der Liebe. Aber das Haupt der Seele oder Kirche, das ist mein Leib. Jeder, der diesen meinen Leib liebt und ehrt, der wird mit Recht Gottes Kind genannt.
Deshalb hat ein jeder, der die heilige Kirche und seine Seele in dieser Weise liebt, neun Brüder. Die Brüder sind die neun Engelchöre, denn mit ihnen wird er das Erbe übernehmen, und ihre Gesellschaft wird er im ewigen Leben genießen. Diese Engel empfangen die heilige Kirche nämlich mit aller Liebe, als ob sie im Herzen eines jeden wäre. Es sind ja nicht die Steine und die Wände, die die heilige Kirche ausmachen, sondern es sind die Seelen der Gerechten, und deshalb freuen sich die Engel über ihre Ehre und sind darüber so glücklich, wie über ihre eigene.

Der zweite Bruder oder Sohn bezeichnet die, die die Einrichtung der heiligen Kirche verachten, die für die Ehre der Welt und die Liebe des Fleisches leben, die die Schönheit der Tugenden entstellen und nach ihrem eigenen Willen leben, aber doch gegen Ende ihres Lebens bereuen und Zerknirschung über ihre schlechten Taten empfinden. Die sollen im Fegefeuer gereinigt werden, bis sie durch die Werke und Gebete der Kirche mit Gott versöhnt werden.
Der dritte Sohn bezeichnet die, die ihre eigene Seele zu Fall bringen und sich nicht darum kümmern, ob sie ewig verloren geht, wenn sie hier nur ihre Lust befriedigen können. Über solche Menschen fordern die neun Engelchöre Gerechtigkeit, denn sie haben es abgelehnt, umzukehren und Buße zu tun. Wenn Gott Gerechtigkeit übt, loben ihn deshalb die Engel für seine unbeugsame Unparteilichkeit.

Aber wenn Gottes Ehre vollkommen wird, dann freuen sie sich seiner Tugend, dass er auch die Bosheit schlechter Menschen zu seiner Ehre nützt. Daher sollst du, wenn du böse Menschen siehst, mit ihnen Mitleid haben, dich aber über Gottes ewige Ehre freuen. Denn Gott, der nichts Böses will, weil er Schöpfer aller Dinge ist und in Wahrheit in sich selbst Güte ist, er lässt doch als der gerechteste Richter vieles geschehen, wofür er im Himmel und auf Erden für seine Unparteilichkeit und seine verborgene Güte geehrt wird.“

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25. Kapitel

Maria spricht mit Birgitta über Christi Beschneidung.

Die Mutter spricht und sagt: „Ich klage zuerst darüber, dass dieses unschuldigste Lamm, das am allerbesten gehen konnte, heute eingesperrt wurde. Heute schwieg das kleine Kind, das am allerbesten reden konnte. Heute wird das unschuldigste Kind beschnitten, das nie gesündigt hat, und wenn ich auch nicht erzürnt werden kann, scheine ich doch darüber zornig zu sein, dass der höchste Herr, der ein kleines Kind geworden ist, von seinen Geschöpfen vergessen und verachtet wird.“[1]

[1]. Dieses Stück kann als eine kurze Predigt zum Neujahrstag, dem Fest der Beschneidung Christi, angesehen werden. Maria beschreibt, wie Gottes Sohn seine Herrlichkeit im Himmel verließ, um ein kleines, hilfloses Kind zu werden.

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26. Kapitel

Christus erklärt Birgitta, welches Schicksal die gerechten Juden und die Heiden nach dem Tode trifft.

Der Sohn spricht: ”Ich bin der Schöpfer Himmels und der Erde, eins mit dem Vater und dem Heiligen Geist, wahrer Gott. Denn Gott ist der Vater, Gott ist der Sohn, Gott ist der Heilige Geist, und doch nicht drei Götter, sondern drei Personen, und ein Gott. Aber nun könntest du fragen: Warum sind es nicht drei Götter, wenn es drei Personen sind? Ich antworte dir, dass Gott nichts anderes ist als die Macht, die Weisheit und die Güte, von der alle Macht unter und über dem Himmel und außerdem alle Weisheit und alle Güte stammt, die man sich denken kann.

So ist Gott dreifaltig und doch einer, drei an Personen, aber eine nach der Natur. Denn die Macht und Weisheit, die ist der Vater, von dem alles ist, und der vor allem ist, und er hat die Macht von keinem anderen, als von sich selber und in Ewigkeit. Macht und Weisheit sind auch der Sohn, ebenso wie der Vater, nicht von sich selbst aus mächtig, sondern vom Vater in mächtiger und unaussprechlicher Weise geboren, Anfang vom Anfang, und niemals irgendwie vom Vater getrennt.

Macht und Weisheit sind auch der Heilige Geist, der vom Vater und dem Sohne ausgeht, der ewig mit dem Vater und dem Sohn ist und ihnen gleich an Majestät und Macht. Es ist also ein Gott und drei Personen, denn die drei haben eine Natur, eine Wirksamkeit und einen Willen, eine Ehre und Macht.
Gott ist einer nach seinem Wesen, und doch sind die Personen getrennt. Denn der Vater ist ganz und gar im Sohn und Geist, der Sohn ist ganz und gar im Vater und im Geist, der Geist ist ganz und gar in ihnen beiden, in einer einzigen Gottesnatur, nicht als ob einer früher oder später wäre, sondern auf unaussprechliche Weise. Da gibt es kein Früher oder Später, nichts Größeres oder Kleineres als das Andere, nichts auf andere Weise, sondern alles ist unaussprechlich und gleich. Deshalb steht mit Recht geschrieben, dass Gott wunderbar und hoch zu loben ist.

Nun muss ich aber darüber klagen, dass ich für viele wenig gelobt werde und unbekannt bin, denn alle suchen ihren eigenen Willen, aber wenige suchen meinen. Aber sei du standhaft und demütig und überhebe dich nicht in deinen Gedanken, wenn ich dir Gefahren von anderen zeige, und verrate ihren Namen nicht, sofern ich es dir nicht befehle. Es gereicht ihnen nicht zur Schande, wenn dir ihre Gefahren gezeigt werden, sondern damit sie sich bekehren und Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit kennen lernen.
Und du sollst ihnen nicht wie Verdammten aus dem Wege gehen, denn wenn ich dir auch heute sage, dass einer höchst erbärmlich ist, so bin ich doch bereit, ihm zu vergeben, wenn er mich morgen mit Zerknirschung und dem Willen anruft, sich zu bessern. Und von dem, von dem ich gestern sagte, dass er höchst niederträchtig ist, so sage ich doch heute, dass er mein liebster Freund wegen seiner Zerknirschung ist, ja so lieb, dass – wenn seine Zerknirschung von Dauer ist – ich ihm nicht nur die Sünde verzeihen, sondern ihm auch die Sündenstrafe erlassen will.

Du wirst dies durch ein Gleichnis verstehen. Wenn zwei Quecksilberkugeln schnell aufeinander stoßen und nicht mehr als eine Haaresbreite bei ihrer Vereinigung fehlt, so wäre Gott doch imstande, zu bewirken, dass sie sich nicht vereinigen. Ebenso würde ein Sünder, wenn er noch so fest in teuflischen Taten verwurzelt wäre, doch Vergebung und Barmherzigkeit empfangen, wenn er Gott mit Zerknirschung und dem Willen, sich zu bessern, anrufen würde.
Aber nun könntest du fragen, wo ich so barmherzig bin, warum ich mich nicht über die Heiden und Juden erbarme, von denen doch manche für Gott sterben würden, wenn sie im rechten Glauben unterwiesen würden. Ich antworte dir, dass ich allen Barmherzigkeit erweise, sowohl Heiden als auch Juden, und dass nicht ein Geschöpf ohne meine Barmherzigkeit gelassen wird. Denn die, die hören, dass ihr Glaube nicht der wahre ist, und eifrig nach dem wahren Glauben trachten, und die, die meinen, dass der Glaube, den sie haben, der beste sei, weil ihnen nie etwas anderes gepredigt wurde, und die mit aller Kraft tun, was sie können, deren Gericht wird mit einer gewissen Barmherzigkeit erfolgen. Denn das Gericht ist zweifach – nämlich für die, die verdammt werden und für die, die erlöst werden sollen. Die Christen, die verurteilt werden, erhalten ein Gericht ohne Erbarmen: Ewige Pein, ewige Finsternis und ein gegen Gott verhärteter Wille. Das Gericht derer, die erlöst werden sollen, wird dagegen sein: Der Anblick Gottes, die Verherrlichung in Gott, und für Gott Gutes zu tun. Davon sind die Bösen und die falschen Christen so wie die Heiden und Juden ausgeschlossen, die, obwohl sie nicht den rechten Glauben hatten, doch ihr Gewissen für den Richter hatten, und glaubten, dass er, den sie verehrten und erzürnten, Gott war.

Die Heiden und Juden dagegen, deren Wille und Tun gerecht und gegen die Sünde gerichtet war, die sollen ebenso wie die weniger schlechten Christen ein barmherziges Gericht in ihren Strafen erhalten, weil sie die Gerechtigkeit liebten und die Sünde hassten. Aber sie werden nicht die Freude erhalten, Gott und seine Herrlichkeit zu schauen; die können sie nicht sehen, weil sie nicht getauft sind, denn ein zeitlich begrenztes Urteil Gottes hat sie zurückgehalten, so dass sie die Erlösung nicht auf fruchtbare Weise suchen und erhalten. Aber wenn sie nichts gehindert hat, den wahren Gott zu suchen und getauft zu werden, sind sie vielleicht weder aus Furcht oder Mühe, weder durch Verlust von Eigentum und Ehre zurückgehalten, sondern nur durch das Hindernis, das die menschliche Schwachheit darstellt.
Deshalb werde ich, der den Cornelius[1] und den Zenturio gesehen hat, ehe sie getauft wurden, diese reichlicher und vollständiger zu belohnen wissen, wie ihr Glaube es erfordert. Denn das eine ist die Unkenntnis des Bösen, etwas anderes die Unkenntnis der Frömmigkeit und Schwierigkeit. All das kann Gott beurteilen, er, der alle Herzen kennt.
Ich, der ohne Anfang ist, von Ewigkeit her geboren und von neuem auf zeitliche Art geboren ist, als die Zeit vollendet war, ich wusste ja von Anfang an, die Verdienste aller zu belohnen, und ich gebe einem jeden nach seinem Verdienst. Nicht einmal das geringste Gute, das zu Gottes Ehre getan wird, wird unbelohnt bleiben. Daher sollst du Gott vielmals danken, weil du von christlichen Eltern und zur Zeit der Erlösung geboren bist, denn viele haben es ersehnt, das zu sehen und zu empfangen, was den Christen angeboten wird, und haben es doch nicht erhalten.“

[1]. Acta 10.

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Offenbarung, gegeben in Rom um 1350

27. Kapitel

Maria und Christus klagen bei Birgitta über die jetzige Zügellosigkeit und Gottlosigkeit in Rom und stellen sie in Gegensatz zu der früheren Heiligkeit der Stadt.

Birgittas Gebet zu Maria: „O Maria, obwohl ich unsanft war, rufe ich doch zu dir um Hilfe, und ich bitte dich, dass du geruhst, für diese erhabenste und heiligste Stadt Rom zu bitten. Ich sehe nämlich leibhaftig, dass einige der Kirchen, in deren Gebeine der Heiligen ruhen, aufgegeben sind. Manche werden noch besucht, aber das Herz und die Sitten ihrer Vorsteher sind weit von Gott entfernt. Bewirke daher Liebe zu ihnen, denn ich habe aus den Schriften gehört, dass jeder Tag im Jahr siebentausend Märtyrer hier im Rom hat. Und deshalb – obwohl die Seelen nicht weniger Ehre im Himmel haben, wenn ihre Gebeine auf Erden auch vergessen sind, bitte ich dich, dass deinen Heiligen und ihren Reliquien auf Erden größere Ehre erwiesen und so die Frömmigkeit des Volkes aufgeweckt wird.“

Die Mutter erwiderte: „Wenn du ein Stück Land vermessen würdest, das 400 Fuß lang und ebenso breit ist, und es ganz und gar mit reinem Weizenkorn so dicht besäen würdest, dass kein größerer Abstand zwischen den Körnern als eine Fingerbreite wäre, und jedes Korn dann hundertfache Frucht bringen würde, so hätte es doch seit der Zeit, als Petrus mit Demut nach Rom kam, noch mehr Märtyrer und Bekenner in Rom gegeben – und bis zu der Zeit, als Celestinus den Thron des Hochmuts verließ und zu seinem Einsiedlerleben zurückkehrte.[1]

Aber ich spreche von den Märtyrern und Bekennern, die den wahren Glauben gegen den Aberglauben und Demut gegen den Hochmut predigten, und die für die Wahrheit des Glaubens starben (oder zu sterben bereit waren). Denn Petrus und so viele andere waren so glühend und eifrig, Gottes Wort bekannt zu machen, dass sie – wenn sie für jeden Menschen besonders hätten sterben können – das gern getan hätten. Doch waren sie ängstlich, dass sie aus ihren Augen fortgenommen werden könnten, die sie mit Worten des Trostes und der Verkündigung erquickten, denn sie wollten lieber deren Erlösung, als ihr eigenes Leben und ihre eigene Ehre. Sie waren auch vorsichtig, und deshalb traten sie zur Zeit der Verfolgung nur heimlich auf, um desto mehr Seelen sammeln und gewinnen zu können. Zwischen diesen beiden, nämlich Petrus und Celestinus, waren nicht alle gute Menschen, und auch nicht alle schlecht. Laß uns sie in drei Kategorien einteilen, wie du heute gelernt hast[2]: Positiv, Komparativ und Superlativ, d.h. die Guten, die Besseren und die Besten. Zur ersten Kategorie gehörten die, die so dachten: „Wir glauben, was die heilige Kirche vorschreibt. Wir wollen nicht betrügen, sondern das zurückerstatten, was mit Betrug erworben ist, und wir wünschen von ganzem Herzen, Gott zu dienen.“

Ähnliche Menschen gab es auch zur Zeit des Romulus, des Gründers von Rom, die Gott gehorchten, soweit sie es konnten, und dachten: „Wir verstehen und wissen durch die geschaffenen Lebewesen, dass Gott der Schöpfer aller Dinge ist; ihn wollen wir deshalb über alles lieben.“ Und viele dachten so: „Wir haben von den Hebräern gehört, dass sich ihnen der wahre Gott durch offenbare Vorzeichen gezeigt hat.
Und deshalb würden wir, wenn wir wüssten, auf wen wir eigentlich hoffen sollen, das gerne tun.“
All diese gehörten sozusagen zur ersten Kategorie. Aber zu einer günstigen Zeit kam Petrus nach Rom, und er erhob manche zu der positiven Kategorie, andere zur komparativen, andere zur Superlativen. Die, die den wahren Glauben annahmen und im Stand der Ehe oder einem anderen lobenswerten Stande lebten, die gehörten zur positiven Kategorie. Die, die aus Liebe zu Gott ihr Eigentum verließen, die mit Worten, Beispielen und Taten anderen Menschen gute Vorbilder gaben, wie man leben soll, und die nichts über Christus setzten, die gehörten zum komparativen Grad. Die, die aus Liebe zu Gott ihr eigenes Fleisch opferten, gehörten zum Superlativen Grad.
Aber laß uns in diesen drei Kategorien suchen, wo es jetzt eine brennende Liebe zu Gott gibt. Laß uns unter den Rittern und Gelehrten suchen, laß uns unter dem Klostervolk und den Weltverächtern suchen, die doch zur komparativen und Superlativen Kategorie gehören sollten, und sicher werden wir nur sehr wenige finden, die eine solche Liebe haben. Denn es gibt kein strengeres Leben als das des Ritters, wenn es in seiner wahren Einrichtung Bestand hat.

Wenn es dem Mönch vorgeschrieben ist, eine Kutte zu tragen, so ist es dem Ritter vorgeschrieben, das zu tragen, was schwerer ist, nämlich den Panzer. Wenn es dem Mönch schwer fällt, gegen die Wollust des Fleisches anzukämpfen, so ist es für den Ritter schwerer, gegen bewaffnete Feinde vorzugehen. Wenn dem Mönch ein hartes Bett vorgeschrieben ist, so ist es schwerer für den Ritter, in der Waffenrüstung auszuruhen. Und wenn der Mönch durch seine Askese geängstigt und geplagt wird, so ist es härter für den Ritter, ständig von der Angst um sein Leben geplagt zu werden.
Denn die christliche Ritterschaft wurde nicht für weltliche Habsucht oder Gewinnlust ins Leben gerufen, sondern um die Wahrheit zu verteidigen und den wahren Glauben zu verbreiten. Und deshalb soll der Stand des Ritters und des Mönchs in der Superlativen oder komparativen Kategorie enthalten sein. Aber jetzt sind alle Kategorien von ihrer lobenswerten Einrichtung abgefallen, denn die Liebe zu Gott ist in ein Verlangen nach dem Weltlichen verwandelt worden. Denn wenn es riskant wäre, dass von diesen dreien ein Goldpfennig abgezogen würde, würden die meisten lieber die Wahrheit verschweigen, als dass sie reden und damit den Pfennig verlieren würden.“

Nun sprach die Braut und sagte: „Ich sah weiter so etwas wie viele Gärten auf Erden, und ich sah Rosen und Lilien in den Gärten. Und auf einer ausgedehnten Stelle im Garten sah ich einen Acker, hundert Schritt lang und ebenso viele breit. In jedem Schritt waren sieben Weizenkörner gesät, und jedes Korn trug Hunderdfache Frucht. Dann hörte ich eine Stimme, die sagte: „O Rom, Rom, deine Mauern sind zerbrochen. Daher sind deine Tore ohne Bewachung, deine Gefäße werden verkauft, deine Altäre hat man aufgegeben. Der Wein, das Opfer und der Weihrauch wird im Vorgarten verbrannt, und deshalb geht der heilige, höchst liebliche Wohlgeruch nicht mehr vom Allerheiligsten aus.“

Und gleich zeigte sich Gottes Sohn und sagte zur Braut: „Ich werde dir den Inhalt dessen sagen, was du gesehen hast. Die Erde, die du sahst, bezeichnet jeden Ort, wo sich jetzt der christliche Glaube findet. Die Gärten bezeichnen die Plätze, an denen Gottes Heilige ihre Kronen gewonnen haben. Doch gab es auch im Heidentum, d.h. in Jerusalem und an anderen Orten viele Auserwählte Gottes, aber diese Plätze wurden dir jetzt nicht gezeigt.
Der Acker, der hundert Fuß lang und ebenso breit war, bezeichnet Rom. Denn wenn alle Gärten in der ganzen Welt zusammengestellt und mit Rom verglichen würden, wäre Rom sicher (ich spreche jetzt auf menschliche Weise) ebenso reich an Märtyrern wie sie, nachdem diese Stadt für Gottes Liebe auserwählt ist.
Der Weizen, den du auf jedem Schritt gesehen hast, bezeichnet die, die durch Kasteiung ihres Leibes, durch Reue und unschuldigen Lebenswandel in den Himmel eingegangen sind. Die Rosen sind die Märtyrer, die rot von dem Blut sind, das sie an verschiedenen Plätzen vergossen haben. Die Lilien sind die Bekenner, die den heiligen Glauben mit Wort und Tat bekräftigt haben.

Aber jetzt kann ich über Rom sprechen, wie die Propheten über Jerusalem gesprochen haben. Früher wohnte in dieser Stadt Gerechtigkeit, und ihre Fürsten waren Fürsten des Friedens. Jetzt ist sie der Sünde anheim gefallen, und ihre Fürsten sind Totschläger. O Rom, wenn du deine Geschichte kennen würdest, würdest du sicher weinen und dich nicht freuen. Rom war in früheren Tagen wie ein Stoff, gefärbt mit der schönsten Farbe, und mit den kostbarsten Fäden gewebt. Seine Erde war gefärbt mit roter Farbe, nämlich mit dem Blut der Märtyrer, und zusammengewebt, nämlich mit den Gebeinen der Heiligen vermischt. Jetzt dagegen sind seine Tore verlassen, denn ihre Verteidiger und Wächter haben sich weltlichem Begehren zugewandt.
Seine Mauern sind niedergerissen und ohne Bewachung, denn man achtet nicht auf das Verderben der Seelen, sondern die Priesterschaft und das Volk, das Gottes Mauern bildet, zersplittert sich, um das zu tun, was dem Fleische nützlich ist. Die heiligen Gefäße werden schimpflich veräußert, denn Gottes Sakrament wird für Pfennige und weltliche Gunst ausgeteilt.
Die Altäre sind verlassen, denn die Priester, die das Messopfer in den Gefäßen darbringen, haben ihre Hände leer von Gottes Liebe und die Augen auf die Opfergaben gerichtet, und obwohl sie den wahren Gott in Händen haben, ist doch das Herz von Gott leer, und stattdessen mit weltlicher Nichtigkeit gefüllt.
Das Allerheiligste, wo früher das höchste Opfer dargebracht wurde, bezeichnet die Sehnsucht, sich bei Gott Wohlzufühlen und ihn zu schauen, wodurch die Liebe zu Gott und dem Nächsten mit allem Wohlgeruch der Enthaltsamkeit und Tugend wachsen würde. Aber jetzt wird das Opfer im Vorgarten, d.h. der Welt vertan, denn die Liebe zu Gott ist in mangelnde Enthaltsamkeit und weltliche Eitelkeit verwandelt worden.

So ist Rom leibhaftig, wie du gesehen hast, denn viele Altäre sind verödet, die Opfergabe wird in Wirtshäusern verschleudert, und die Opfernden widmen sich mehr der Welt, als Gott. Doch sollst du wissen, dass seit der Zeit des demütigen Petrus und bis Bonifatius[3] den Thron des Hochmuts bestieg, unzählige Seelen zum Himmel aufgefahren sind. Nicht einmal jetzt ist Rom jedoch ohne Freunde Gottes, und wenn sie Hilfe hätten, würden sie zum Herrn rufen, und er würde sich über sie erbarmen.“

[1]. Papst Celestinus V. dankte 1294 ab.
[2]. Bezieht sich wohl darauf, dass Birgitta in späteren Jahren auch Lateinunterricht genoss.
[3]. Papst Bonifatius VIII, Papst von 1294-1303.

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28. Kapitel

Maria beschreibt Birgitta, was eine vollkommene Gottesliebe bedeutet.

Die Mutter spricht zur Braut und sagt: ”Ob du mich liebst, meine Tochter?” Sie antwortete: „Lehre mich zu lieben, meine Frau, denn meine Seele ist befleckt von einer falschen Liebe und verführt von einem tödlichen Gift, und deshalb vermag sie nicht, die wahre Liebe zu begreifen.“

Die Mutter sagte: „Ich will dich belehren. Es gibt vier Städte, in denen es vier Flammen gibt – wenn sie nun alle „Flammen“ genannt werden sollen, denn nur die Liebe, wo Gott und die Seele in wahrer Einheit der Tugenden vereint sind, kann mit Recht so genannt werden. Die erste Stadt ist die Stadt der Prüfung, die die Welt ist, in die der Mensch versetzt wird, um herauszufinden, ob er Gott liebt oder nicht, damit er seine Krankheit kennen lernt und sich Tugenden aneignet, durch die er wieder zu Ehren kommen kann, so dass er, nachdem er auf Erden geläutert ist, desto ehrenvoller im Himmel gekrönt werden kann.
In dieser Stadt gibt es eine ungeordnete Liebe, wenn das Fleisch mehr geliebt wird, als die Seele, wenn das Zeitliche eifriger begehrt wird als das Geistliche, wenn das Laster geehrt und die Tugend verachtet wird, wenn die Pilgerreise schöner als die Heimat empfunden wird, und wenn der arme, sterbliche Mensch mehr als Gott gefürchtet und geehrt wird, der in Ewigkeit regiert.

Die zweite Stadt ist die Stadt der Reinigung. Dort wird der Schmutz der Seele abgewaschen. Es gefiel Gott nämlich, solche Plätze einzurichten, wo der, der nachlässig und übermütig war, als er seinen freien Willen hatte, vor seiner Krönung gereinigt werden soll, doch mit Furcht. In dieser Stadt gibt es eine unvollkommene Liebe, denn man liebt Gott in der Hoffnung, dass man aus der Gefangenschaft befreit wird – nicht mit innerlicher Liebe, und das auf Grund von Plage und Bitterkeit bei der Buße für die Sünde.
Die dritte Stadt ist die Stadt der Pein. Das ist die Hölle. Dort gibt es die Liebe aller Schlechtigkeit, aller Unreinheit, allen Neides und aller Verhärtung. Gott regiert auch in dieser Stadt, indem er Gerechtigkeit übt durch das rechtmäßige Maß an Strafen, und indem er die Wut der Teufel bändigt, so dass sie keinen über das abgewogene Maß peinigen, das für jeden einzelnen nach seinem Verdienst bestimmt ist. Denn so wie manche der Verdammten mehr gesündigt haben, andere weniger, so sind auch Maße für die gerechte Strafe aller festgelegt.
Alle Verdammten werden sicher im Dunkel eingeschlossen, doch nicht alle auf dieselbe Weise. Denn Dunkel ist vom Dunkel geschieden, Schrecken von Schrecken, Feuer vom Feuer. Überall steuert und lenkt Gott ja in Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, und das auch in der Hölle, so dass die, die absichtlich gesündigt haben, auf eine Weise gestraft werden, die, die aus Schwachheit sündigten, in anderer Weise, und die, die nur im Fluch der Erbsünde gefangen gehalten wurden, auf eine dritte Art.

Die Plage dieser letztgenannten besteht in der Verweigerung, Gott und das Licht der Auserwählten zu schauen, und sie erhalten Barmherzigkeit und Freude in dem Maße, dass sie nicht zu den schrecklichen Strafen kommen, nachdem sie keine bösen Taten begangen haben. Wenn Gott nicht alles in bestimmter Anzahl und Maß verteilt hätte, hätte der Teufel nie das rechte Maß, die Seelen zu peinigen.
Die vierte Stadt ist die Stadt der Ehre. Dort herrscht völlige und wohlgeordnete Liebe, denn man begehrt nichts anderes als Gott und um Gottes willen. Damit du zu dieser Stadt der Vollkommenheit gelangst, musst du eine vierfache Liebe haben, nämlich eine wohlgeordnete, reine, wahre und vollkommene. Wohlgeordnet ist die Liebe, womit das Leibliche nur um des Unterhalts willen geliebt wird, die Welt nicht wegen des Überflusses, der Nächste Gott zuliebe, der Freund zur Reinheit des Lebenswandels und der Feind um der Belohnung willen.

Rein ist die Liebe, wenn das Laster nicht zugleich mit der Tugend geliebt wird, wenn die schlechte Gewohnheit verschmäht und die Sünde nicht leichtgenommen wird. Wahr ist die Liebe, wenn Gott mit allem Verlangen und von ganzem Herzen geliebt wird, wenn man bei allen Handlungen an Gottes Ehre und an die Furcht vor ihm denkt, wenn man sich nicht im Vertrauen auf gute Werke auf irgendeine Sünde einlässt, auch nicht die kleinste, wenn man weise Maß hält, so dass man nicht vor allzu großem Eifer ermüdet, wenn man nicht aus Kleinmut und Unkenntnis von Versuchungen eine Neigung zur Sünde aufkommen lässt.

Aber vollkommen ist die Liebe, wenn dem Menschen nichts so lieb ist wie Gott. Das fängt in diesem Leben an, gelangt aber im Himmel zur Vollkommenheit. Liebe daher diese vollkommene und wahre Liebe, denn ein jeder, der sie nicht hat, wird gereinigt werden – auch wenn er treu, eifrig, demütig und in der Taufe wiedergeboren ist; sonst wird er in die Stadt des Schreckens gelangen.

Denn wie es ein Gott ist, so gibt es in der Kirche Petri einen Glauben, eine Taufe und eine vollkommene Ehre und Belohnung. Deshalb muss der, der zu dem einzigen Gott gelangen will, einen Willen und eine Liebe mit dem einen Gott haben. Daher sind die Menschen niederträchtig, die sagen: „Es reicht zu, wenn ich im Himmel der Geringste bin; ich will gar nicht vollkommen sein. „O, welch törichter Gedanke! Wie könnte dort jemand unvollkommen sein, wo alle vollkommen sind, manche durch die Unschuld ihres Lebens, manche durch die Unschuld ihrer Kindheit, manche durch ihre Reinigung, manche durch ihren Glauben und guten Willen?“

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29. Kapitel

Birgitta preist Maria. Maria sagt, das Rühmen sei berechtigt und hat Anlass zur Klage über die Verachtung, der ihr göttlicher Sohn jetzt von Priestern und weltlichen großen Männern ausgesetzt ist.

Gesegnet seist du, Maria, Gottes Mutter! Du bist Salomos Tempel, dessen Wände vergoldet waren, dessen Dach schimmerte, dessen Boden mit den teuersten Steinen belegt war, dessen ganze Anlage strahlend schön war, dessen ganzes Innere wohlduftend und lieblich anzuschauen war. Du kannst sicher in jeder Weise mit Salomos Tempel verglichen werden, in dem der wahre Salomo wandelte und saß, und in den er die Bundeslade und die Lichtstöcke aufstellte, um zu leuchten.

So bist du, gesegnete Jungfrau, der Tempel für den Salomo, der Frieden zwischen Gott und dem Menschen stiftete, der die Strafbaren wieder versöhnte, der den Toten Leben schenkte von dem harten Vogt befreite. Dein Leib und deine Seele wurden sicher der Tempel der Gottheit, worin es das Dach der göttlichen Liebe gab, unter dem Gottes Sohn vom Vater zu dir ausging und mit Freude bei dir wohnte. Der Boden des Tempels war dein schön geordnetes Leben und deine beharrliche Ausübung der Tugenden.
Dir fehlte keine Ehrbarkeit, denn alles in dir war beständig, alles war demütig, alles war fromm, alles war vollendet. Die Wände des Tempels waren Quadersteine, denn du wurdest nicht vor irgendeinem Schimpf beleidigt, wurdest nicht von irgendeiner Ehre zum Hochmut verleitet, wurdest nicht durch irgendwelche Ungeduld beunruhigt und hast nichts anderes begehrt, als Gottes Ehre und Liebe. Die Gemälde deines Tempels war die ständige Erweckung durch den Heiligen Geist, wodurch deine Seele so erhoben wurde, dass es keine Tugend gab, die nicht vollständiger und vollkommener in dir, als in irgendeinem anderen geschaffenen Wesen war. In diesem Tempel wandelte also Gott, als er die Lieblichkeit seines Besuches in deine Glieder eingoss, und er weilte da, als sich die Göttlichkeit mit dem Menschentum vereinigte.

Darum seist du gesegnet, allerseligste Jungfrau! In dir wurde der große Gott ein kleiner Wicht, der allerälteste Herr ein schwacher kleiner Sohn, der ewige Gott und unsichtbare Schöpfer ein sichtbares, geschaffenes Lebewesen. Deshalb bitte ich dich (denn du bist die mildeste und mächtigste Frau): Sieh mich an und erbarme dich über mich! Du bist ja die Mutter für Salomo, aber nicht für ihn, der Davids Sohn war, sondern für den, der Davids Vater und Salomos Herr ist, der den wunderbaren Tempel erbaute, der dich in Wahrheit bezeichnet hat.
Der Sohn soll die Bitte seiner Mutter erhören, besonders die von einer solchen und so großen Mutter. Bewirke deshalb, dass der kleine Wicht Salomo, der sozusagen in dir schlief, in mir wach sein möge, so dass mich nicht das Begehren nach irgendeiner Sünde bedrängen möge, so dass mich nicht das Begehren nach irgendeiner Sünde bedrängen möge, sondern dass meine Zerknirschung über begangene Sünden beständig sei, und meine Buße fruchtbar. Ich habe ja nur eins, was mir zum Verdienst gereicht, und das ist ein einzigens Wort: „Erbarme dich, Maria“, denn mein Tempel steht ganz und gar im Gegensatz zu deinem. Er ist nämlich verdunkelt von Lastern, beschmutzt von Wollust, zerstört von Würmern des Verlangens, unstet durch Hochmut und hinfällig durch weltliche Nichtigkeiten.

Die Mutter erwiderte: „Gesegnet sei Gott, der deinem Herzen eingab, diesen Gruß auszusprechen, damit du verstehen sollst, eine wie große Güte und Lieblichkeit es bei Gott gibt! Aber warum vergleichst du mich mit Salomo und seinem Tempel, wenn ich die Mutter für ihn bin, dessen Ahnen weder Anfang noch Ende haben, und von dem man liest, dass er weder Vater noch Mutter hatte, nämlich Melchisedek? Denn er wird beschrieben, dass er Priester war[1], und Gottes Tempel gehört zu den Priestern, und deshalb bin ich die Mutter des Oberpriesters und auch Jungfrau.
Ich sage dir in Wahrheit, dass ich sowohl Mutter für Salomo als auch für den Priester bin, der Frieden stiftete. Denn Gottes Sohn, der ja auch mein Sohn ist, ist sowohl Priester und König der Könige. In meinem Tempel kleidete er sich geistlich mit den Priestergewändern, in denen er das Opfer für die Welt darbrachte. In der königlichen Stadt wurde er mit einer königlichen, aber schmerzhaften Krone gekrönt. Draußen kämpfte er Schlacht und Streit wie der stärkste Kämpe.

Nun muss ich jedoch darüber klagen, dass mein Sohn von den Priestern und den Königen vergessen ist. Die Könige rühmen sich ja ihrer Paläste, ihrer Heere, ihres Erfolges und ihrer Ehre auf der Welt.
Die Priester sind hochmütig wegen der Güter der Seelen und wegen zeitlicher Besitztümer. Denn wie du sagtest, dass der Tempel mit Gold bemalt ist, so sind die Tempel der Priester mit weltlichen Nichtigkeiten und Neugier bemalt, denn bei ihrem Oberhaupt herrscht Simonie, die Bundeslade ist weggeführt, die Lampen der Tugenden erloschen, der Tisch der Gottesfurcht ist aufgegeben.“
Die Braut erwiderte: „O Mutter der Barmherzigkeit, erbarme dich über sie und bitte für sie.“ Die Mutter sagte zu ihr: „Von Anfang an hat Gott die Seinen so sehr geliebt, dass er nicht nur die Gebete für sich selber hört, sondern auch andere erfahren Gebetserhörungen ihretwegen. Deshalb sind dafür, dass Gebete für andere erhört werden sollen, zwei Dinge notwendig, nämlich der Wille, die Sünde abzulegen, und der Wille, sich im Guten zu vervollkommnen. Ein jeder, der diese beiden Dinge hat, wird Nutzen von meinen Gebeten haben.“

[1]. Psalm 110,4; Hebr. 5,6 u. 10, 6,20; 7,11,15 u. 17 Nach Genesis 14,18 ff begrüßt Melchisedek, König von Salem, und Priester des El den Abraham mit Speisen und segnet ihn, woraufhin Abraham ihm den Zehnten gibt. Vgl. Lexikon für Theologie und Kirche Bd. VII/1998, Sp. 79-81.

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30. Kapitel

Die heilige Agnes preist Maria. Maria stimmt zu, klagt bei dieser Gelegenheit über die Schlechtigkeit der Menschen, weist aber darauf hin, dass sie die Guten nicht betrübt und verzagt machen darf.

Die heilige Agnes spricht zur Braut und sagt: „Tochter, liebe die Mutter der Barmherzigkeit! Sie ist nämlich wie die Blume oder Simse[1], deren Gestalt wie ein Schwert ist, und die zwei sehr scharfe Schneiden und eine scharfe Spitze hat, und an Höhe und Breite alle anderen Blumen übertrifft. So ist Maria die Blume aller Blumen und die Blume, die im Tal entsproßte und sich über alle Berge ausbreitete, ja die Blume, die in Nazareth wuchs und auf den Bergen Libanons erblühte.

Diese Blume war höher als alles andere, denn die gesegnete Königin des Himmels übertraf jedes Geschöpf an Würde und Macht. Maria hatte auch die beiden schärfsten Schwertkanten, nämlich die Betrübnis des Herzens bei der Pein des Sohnes und den standhaften Kampf gegen die Angriffe des Teufels (sie war nämlich niemals mit der Sünde einverstanden). Der alte Mann
[2] sagte mit Recht voraus, als er sagte: „Ein Schwert wird durch deine Seele gehen.“ Sie ertrug nämlich auf geistliche Art ebenso viele Schwerthiebe, die sie voraussah, und sah ihren Sohn Wunden und Schmerzen leiden.

Maria übertraf außerdem an Breite, nämlich Barmherzigkeit, alle anderen. Denn sie war und ist so mild und barmherzig, dass sie lieber alle Trübsale ertragen würde, als dass die Seelen nicht erlöst würden. Jetzt, da sie mit ihrem Sohn vereint ist, vergisst sie ihre angeborene Güte nicht, sondern erstreckt ihre Barmherzigkeit auf alle, sogar die allerschlechtesten. Wie Himmel und Erde von der Sonne erleuchtet und erwärmt wird, so gibt es niemanden, der keine Milde von der holden Maria erfährt, wenn er darum bittet.

Maria hatte ferner eine scharfe Spitze, und das war die Demut. Durch sie gefiel sie auch dem Engel, indem sie antwortete, sie sei des Herren Magd, obwohl sie ja zur Herrscherin erkoren war. Durch diese Demut empfing sie Gottes Sohn, denn sie wollte nicht, dass die Hochmütigen bestraft würden. Durch (die Demut) stieg sie auch zum höchsten Himmelsthron auf, denn sie liebte nichts anderes als Gott. Tritt daher leibhaft vor und begrüße die Mutter der Barmherzigkeit, denn nun kommt sie.“ Nun zeigte sich Maria und sagte: „Du hast von einem Substantiv gesprochen, Agnes – nun füge auch ein Adjektiv hinzu!“ Agnes sagte: „Wenn ich sagen würde ‚die Allerschönste’ oder ‚Allertugendreichste’, so würde das niemandem mit größerem Recht zukommen, als dir, die die Mutter der Erlösung aller Menschen ist.“
Gottes Mutter entgegnete der hl. Agnes: „Es ist wahr, was du gesagt hast, dass ich mächtiger als alle anderen bin. Dafür will ich ein Adjektiv und ein Substantiv hinzufügen, nämlich: Das sprechende Rohr des Heiligen Geistes. Aber komm, du Sprachrohr, und hör mir zu! Du bist bekümmert darüber, dass man unter Menschen diese Redensart hört: ‚Laßt uns nach unserer Lust leben, denn Gott ist leicht zu besänftigen. Laßt uns die Welt und ihre Ehre genießen, so lange wir es können, denn die Welt ist ja um der Menschen willen gemacht.“

Wahrlich, meine Tochter, eine solche Redensart geht nicht aus Gottes Liebe hervor und führt auch nicht zur Gottesliebe. Trotzdem vergisst Gott deshalb seine Liebe nicht, sondern zeigt trotz der Undankbarkeit der Menschen stets seine Güte. Denn er ist wie ein Kunstschmied, der ein vornehmes Werk schmiedet und der manchmal das Eisen glühend macht, manchmal es abkühlt. So hat Gott, dieser größte Kunstschmied, der die Welt aus nichts geschaffen hat, dem Adam und seinen Nachkommen seine Liebe.

Die Menschen sind jedoch in ihrer Liebe zu Gott so sehr erkaltet, dass sie Gott für nichts achteten und viele schwere Sünden begingen. Daher zeigte Gott sein Erbarmen durch sanfte Ermahnungen, aber dann doch eine Gerechtigkeit durch die Sintflut. Nach der Sintflut schloß Gott aber seinen Bund mit Abraham, gab diesem Zeichen für seine Liebe und Huld, führte sein Volk unter den größten Zeichen und Wundertaten (aus Ägypten), gab dem Volk durch seinen eigenen Mund Gesetze, bekräftigte seine Worte und bestätigte sie mit deutlichsten Zeichen.
Als das Volk im Lauf der Zeit erkaltete und auf solchen Unfug verfiel, dass es sogar Abgötter verehrte, wollte der gute Gott die Kalten noch einmal erwärmen und sandte der Welt seinen eigenen Sohn, der sie den rechten Weg zum Himmel lehrte und ihnen die wahre Demut zeigte, der sie folgen sollten. Nun ist er von vielen völlig vergessen, aber er bietet uns doch immer noch Worte seines Erbarmens an.
Es soll aber nicht alles auf einmal vollendet werden, jetzt ebenso wenig wie früher. Denn ehe die Sintflut kam, wurde das Volk zur Buße ermahnt, und diese Buße wartete Gott ab. So wurde auch Israel, ehe es das verheißene Land betreten durfte, erst erprobt, und die Verheißung wurde eine Zeitlang aufgeschoben. Sicher hätte Gott sehr gut das Volk in vierzig Tagen herausführen können und nicht die Zeit auf vierzig Jahre zu verlängern brauchen, aber Gottes Gerechtigkeit erforderte, dass sich die Undankbarkeit des Volkes zeigen sollte, dass Gottes Barmherzigkeit offenbar werden und das spätere Volk sich umso mehr demütigen sollte.

Wenn nun jemand wissen möchte, warum Gott sein Volk so geplagt hat, oder warum eine Plage ewig dauern sollte, wenn der sündige Lebenswandel nicht ewig dauern kann, so wäre das eine große Vermessenheit, ebenso wie der vermessen ist, der mit seinen Gedanken und seinem Verstand zu verstehen und zu begreifen sucht, wie Gott ewig sein kann.

Wahrlich, Gott ist ewig und unbegreiflich, und in ihm ist ewige Gerechtigkeit und Vergeltung, ebenso wie unerforschliche Barmherzigkeit. Wenn Gott nicht gegen die ersten Engel Gerechtigkeit geübt hätte, wie sollte man dann seine Gerechtigkeit kennen lernen und wissen, dass er alles unparteiisch richtet? Und wenn er dem Menschen keine Barmherzigkeit gezeigt hätte, indem er ihn erschuf und durch unzählige Vorzeichen gerettet hat – wie könnte man dann seine große Güte und seine grenzenlose, vollkommene Liebe kennen lernen?

Und deshalb gibt es bei Gott, weil er ewig ist, eine ewige Gerechtigkeit, zu der nichts hinzugefügt oder weggenommen werden kann. So wie der Mensch sich ausdenkt, sein Werk auf eine bestimmte Weise oder an einem bestimmten Tag zu tun, so offenbart Gott, wenn er seine Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit üben will, dies in der Zeit, denn von Ewigkeit ist alles bei ihm da, vergangene und zukünftige Dinge. Deshalb sollen Gottes Freunde in ihrer Gottesliebe geduldig ausharren und sich nicht beunruhigen und betrüben, wenn sie auch sehen, dass weltliche Menschen Erfolg haben.
Gott kann mit einer guten Wäscherin verglichen werden, die ein unsauberes Kleid in die Wellen legt, damit es durch die Berührung mit dem Wasser reiner und weißer wird, aber gleichzeitig genau auf den Wellengang achtet, dass das Kleid nicht versinkt. So legt Gott in diesem Leben seine Freunde in die Wogen der Armut und der Trübsal, durch die sie für das ewige Leben gereinigt werden können, aber er schaut genau darauf, dass sie nicht durch allzu viel Sorgen und unerträgliche Trübsal untergehen.“

[1]. An feuchten, sumpfigen Stellen wachsendes Riedgras.
[2]. D.i. Simeon im Tempel (Luk. 2,35).

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31. Kapitel

Christus erzählt von einem scheinbar frommen Mann, der schließlich verdammt wurde, und von einem offenbar sündigen Mann, der die Gnade erhielt, sich zu bekehren, und so gerettet wurde. – Der schwache, von seinen Günstlingen abhängige König, von dem Christus im Gleichnis erzählt, dürfte Züge von Magnus Eriksson entlehnt haben. Der Arzt, der mit einer heilsamen Medizin zum König geschickt wurde, dürfte Birgitta darstellen.

Gottes Sohn spricht zur Braut und sagt: ”Ein Arzt kommt in ein fernes, unbekanntes Land, wo der König nicht regierte, sondern regiert wurde, weil er ein Hasenherz hatte, und deshalb glich er einem gekrönten Esel, als er auf dem Thron saß. Sein Volk gab sich der Schwelgerei hin, vergaß die Ehrbarkeit und Mäßigkeit und hasste alle, die ihm Ratschläge im Hinblick auf das kommende Gute gaben.

Der Arzt stellte sich dem König vor, sagte, er wäre aus einem schönen Land und sei gekommen, weil er die Krankheit der Menschen verstand. Der König wunderte sich über den Mann und seine Rede und antwortete: „Ich habe zwei Männer im Gefängnis. Sie sollen morgen enthauptet werden. Der eine kann kaum noch atmen, während der andere jetzt kräftiger und dicker ist, als er ins Gefängnis eingeliefert wurde. Geh deshalb zu ihnen hin und sieh dir ihr Gesicht an, um zu erfahren, wessen körperlicher Zustand besser ist.“
Der Arzt ging zu ihnen, sah sie an und sagte dann zum König: „Der Mann, von dem Ihr sagt, er sei kräftig, ist fast wie ein toter Mann und kann nicht mehr leben, aber für den anderen besteht gute Hoffnung.“ Der König fragte ihn: „Wodurch hast du das erfahren?“ Der Arzt sagte: „Weil der eine voll von schlechten Flüssigkeiten und schädlichem Wetter erfüllt ist, kann er nicht geheilt werden, aber der andere, der völlig erschöpft ist, kann leicht durch milde und gesunde Luft kuriert werden.“

Da sagte der König: „Ich werde meine Adligen und weisen Männer zusammenrufen, damit sie deine Weisheit und Tüchtigkeit sehen, und du in ihren Augen ehrenreicher bist.“ Der Arzt erwiderte: „Tu das auf keinen Fall! Du weißt ja, dass dein Volk neidisch auf anderer Leute Ehre ist und den mit Worten verfolgt und heruntermacht, dem es mit Taten nicht schaden kann. Warte stattdessen, so werde ich dir meine Weisheit offenbaren, wenn du allein in deiner Kammer bist, denn so bin ich unterwiesen und gelehrt: Nämlich meine größte Weisheit im Verborgenen zu haben, und geringe Weisheit in der Öffentlichkeit. Ich suche in Deinem Dunkel keine Ehre, wo ich im Lichte meines Vaterlandes geehrt werden kann. Es ist auch jetzt nicht die Zeit, um zu heilen, ehe der Sonnenwind zu blasen anfängt, und die Sonne sich im Süden zeigt.“
Der König antwortete ihm: „Wie kann das in meinem Land geschehen? Hier geht die Sonne nur sehr selten auf, weil wir am Entferntesten in der Welt wohnen, und bei uns herrscht stets der Nordwind. Aber was nützt mir deine Weisheit, und so lange auf Heilung zu warten? Ich sehe ja, dass du sehr reich an Worten bist.“

Der Arzt entgegnete: „Es steht dem Weisen nicht an, übereilt zu handeln. Aber damit ich dir nicht verdächtig oder verhasst erscheine, so magst du diese beiden Männer in meine Gewalt geben, und ich werde sie an die Grenzen deines Reiches führen, wo die Luft gesünder ist, und da wirst du sehen, was die Taten und die Worte taugen.“
Der König erwiderte: „Wir sind von wichtigeren und nützlicheren Dingen in Anspruch genommen – warum hältst du uns davon ab? Was nützt uns deine Kunst? Wir freuen uns stattdessen über das Gute, was vorhanden ist, was wir sehen und besitzen. Nach dem Zukünftigen, das ungewiss ist, danach trachten wir nicht. Doch magst du diese beiden Männer nehmen, wie du möchtest, und wenn du mit ihnen etwas Großartiges und Bewundernswertes zeigst, so werden wir dich loben und lassen dich preisen und ehren.“ Der Arzt bekam also die beiden Männer und führte sie dahin, wo die Luft mild war. Der eine starb, aber der andere kam durch die angenehme Luft zu Kräften und lebte wieder auf.
Dieser Arzt bin ich. Ich wollte die Menschen heilen und sandte dazu durch dich meine Worte in die Welt. Obwohl ich die Krankheiten vier Menschen sah, zeigte ich dir doch zwei Menschen, durch die du meine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bewundern konntest. Ich habe dir nämlich einen gezeigt, den der Teufel nur heimlich besaß und den er doch in Ewigkeit peinigen wollte, einen, dessen Taten den Menschen gerecht erschien, und die als solche gelobt wurden.

Ich zeigte dir auch einen anderen, den der Teufel offensichtlich beherrschte, und ich sagte, dass er zu gegebener Zeit erlöst werden würde, obwohl dies Menschen nicht offenbart wurde, wie du glaubst. Denn es war die göttliche Gerechtigkeit, dass – wie der böse Geist so allmählich über ihn zu herrschen begann, so sollte er sich auch allmählich von ihm zurückziehen, und er fuhr auch damit fort, sich zurückzuziehen, bis sich dessen Seele vom Körper trennte.

Der Teufel kam mit ihm zum Richterstuhl. Der Richter sagte zu ihm: „Du hast ihn gereinigt und gesiebt wie Weizen. Aber nun kommt es mir zu, ihn wegen seiner Beichte mit einer doppelten Krone zu krönen. Weiche also von jetzt ab von ihm, den du so lange gereinigt hast!“ Dann sagte er zur Seele: „Komm, glückselige Seele, und schau mit geistlichem Sinn meine Ehre und Freude!“
Aber zu der anderen Seele sagte er: „Weil sich bei dir kein Glaube gefunden hat und du doch als ein treuer Christ gepriesen und berühmt wurdest, und weil die vollkommenen Werke der Gerechten bei dir nicht anzutreffen waren, sollst du auch nicht den Lohn der treuen Christen bekommen. Du fragtest, als du noch lebtest, warum ich für dich sterben wollte und mich deinetwegen so sehr demütigen wollte.
Darauf antworte ich dir jetzt, dass der Glaube der heiligen Kirche wahr ist; er führt sie in den Himmel. Deshalb sollen dein Unglaube und deine törichte Liebe dich zunichte machen, und du wirst im Hinblick auf die geistlichen, ewigen Dinge zu nichts werden.

Dass der Teufel sich von dem anderen nicht zurückzog, so dass es alle sahen, darauf antworte ich, dass diese Welt im Vergleich mit dem Tabernakel, in dem Gott wohnt, nur wie ein simpler Schuppen ist, und dass das Volk Gott erzürnt. Deshalb zog er sich nachher zurück, so wie er später eingezogen ist.“

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32. Kapitel

Maria spricht mit Birgitta über ihre allgemeine Vermittlerschaft.

Die Mutter spricht zur Braut und sagt: „Ein Mann, der Edelsteine suchte, fand einen Magnet, den er aufhob und unter seine Kleinode versteckte. Mit dessen Hilfe führte er das Schiff in einen sicheren Hafen. So suchte auch mein Sohn viele Heilige wie Edelsteine, aber wählte nur mich zu seiner Mutter, damit die Menschen durch mich in den Hafen des Himmels geführt werden sollten. Wie der Magnet das Eisen anzieht, so ziehe also ich das harte Herz zu Gott. Daher brauchst du dich nicht zu beunruhigen, wenn dein Herz sich manchmal hart anfühlt, denn das geschieht dafür, dass die Krone deiner Belohnung noch größer werden soll.“

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33. Kapitel

Dieses Kapitel, das wahrscheinlich aus der Zeit in Rom stammt, handelt von einem Mönch, der sagte, er sei bereit, Birgitta auf ihrer Fahrt nach Jerusalem zu begleiten.

Gottes Sohn spricht zur Braut: „Du möchtest über zwei Personen Bescheid wissen. Der eine war wie ein Quaderstein, der andere ein Jerusalem-Pilger, aber keiner von ihnen erreichte das, was du gehofft hattest. Der erste, zu dem du geschickt wurdest, war in dem, was er begriff, beständig und fest wie ein Quaderstein, aber doch gelinde zweifelnd, wie Thomas. Deshalb probierte er den Wein, da es noch nicht die Zeit war, da die Schlechtigkeit der Menschen vollkommen war, aber trank ihn nicht.
Von dem anderen sagte ich, dass er euch nach Jerusalem folgen sollte. Das geschah deshalb, dass ihr seine wirkliche Beschaffenheit erkennen solltet, der von seinem Ruf her gerecht und heilig genannt wurde. Denn er ist in seiner Tracht ein Mann mit reinem Leben und von Beruf Mönch, aber abfällig in seinen Sitten, Priester in seiner Würde, aber ein Sklave der Sünde; er steht im Rufe eines Pilgers ist in seiner Absicht aber ein Herumtreiber, dem Rufe nach ein Fahrer nach Jerusalem, aber eher ein Reisender nach Babylon.

Dazu reiste er gegen den Gehorsam und die Bestimmungen der Kirche ab, und er ist ganz von Ketzerei befleckt, so dass er glaubt und sagt, er sei der künftige Papst, der alles wieder herstellen würde. Auch seine Bücher bezeugen das. Deshalb wird er plötzlich sterben und, sofern er sich nicht warnen lässt, zur Gesellschaft des Vaters der Lüge gehören.
Deshalb sollst du dich nicht beunruhigen, wenn etwas dunkel gesagt wird, oder wenn das vorher erwähnte nicht so geschieht, wie du es dir denkst, denn Gottes Wort kann auf verschiedene Weise verstanden werden. Und so oft das geschieht, werde ich dir die Wahrheit davon erklären. Aber nun will ich, dass Gott, der wahre Jerusalemfahrer, dein Führer auf der Reise sein soll.“

Erklärung
Gottes Geist spricht: „Du hast gehört, dass er tot ist, von dem ich dir sagte, dass er ein Quaderstein und gelinder Zweifler war. Du sollst daher wissen, dass er nicht zu denen gehörte, die Gott in der Wüste versuchte, auch nicht zu denen, die Zeichen begehrten wie der Prophet Jona, und auch nicht zu denen, die eine Verfolgung gegen mich ins Werk setzten, sondern zu denen, die Eifer und Liebe hatten, doch nicht vollkommen.“

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34. Kapitel

Maria spricht mit Birgitta über eine kluge und maßvolle Enthaltsamkeit.

Gottes Mutter spricht: „Wenn jemand einen Ring erhält, der für den Finger allzu eng ist, und er dann seinen Feind um Rat fragt, was er tun soll, so antwortet der: „Der Finger soll abgehauen werden, so dass man den Ring darauf setzen kann.“ Sein Freund sagt dagegen: „Keineswegs. Man soll besser den Ring mit einem Hammer erweitern.“

Und wenn einer das Getränk eines mächtigen Herrn mit einem unreinen Trank vermischen will und seinen Feind um Rat fragt, so antwortet der: „Schneide von dem Tuch alles ab, was unrein ist, und wo du etwas Sauberes findest, kannst du das Getränk deines Herrn damit vermischen.“
Aber sein Freund sagt: „Keinesfalls soll man so verfahren. Man soll lieber das Tuch reinigen und waschen, und dann das Getränk durchlaufen lassen.“ So ist es auch mit geistlichen Dingen. Unter dem Ring versteht man die Seele, mit dem Tuch den Leib. Also muss die Seele, die an Gottes Finger sein soll, mit dem Hammer der Klugheit und Reinigung, erweitert werden, und der Leib soll nicht getötet werden, sondern durch Enthaltsamkeit gereinigt werden, so dass Gottes Wort durch ihn ausgegossen wird.“

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