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Die himmlischen Offenbarungen
der heiligen Birgitta - 4.Buch

  
  




 

4. Buch Seite 2

Anfang des 4. Buches

Der Inhalt des 4. Buches stammt teils aus der Zeit vor Birgittas Abreise aus Schweden im Jahre 1349, teils aus der Zeit ihres Aufenthaltes in Italien. 

Inhalt 4. Buch Die Zahlen stehen für die Kapitel

Offenbarung in Schweden 1344-49.
1. Der Evangelist Johannes tadelt König Magnus Eriksson und ermahnt ihn zu einem frommeren Leben. Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.
2. Christus gibt seine Sorge über die schlechten Christen und Heiden zu erkennen und ermahnt seine Freunde, an ihrer Bekehrung zu arbeiten. Offenbarung, wahrscheinlich in Italien um 1350.
3. Birgitta fragt Christus, wie weit das von Magnus Eriksson erworbene Schonen mit Recht zu Schweden gehört, wie weit es richtig war, dass Prinz Erik, Magnus’ älterer Sohn, das Wahlreich Schweden erhielt, und wie weit es richtig war, das Magnus’ jüngerer Sohn, Prinz Håkon, das Erbreich Norwegen nach seinem Onkel Håkon Håkonsson erhielt. Die erste Frage wird mit ja beantwortet, die beiden letzteren mit nein – der jüngere Sohn hätte das Wahlreich bekommen sollen, und der ältere das Erbreich. Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.
4. Königin Blanka, die Gemahlin von Magnus Eriksson, wird von Christus ermahnt, ihre weltliche Lebensweise mit einer frommen, asketischen zu vertauschen und eine Wallfahrt nach Rom zu unternehmen. Offenbarung in Italien 1350 oder später.
5. Der Apostel Petrus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.
6. Der Apostel Paulus erzählt Birgitta von seiner Bekehrung und beklagt den kirchlichen Verfall in Rom.
7. Birgitta bezeichnet das Jahr 1366 als Gericht über die Seele des italienischen Adligen Nicolaus Acciajaoli. Dieser Mann, der zu Lebzeiten zum Hof der Königin Johanna gehörte und u.a. dadurch gesündigt hatte, dass er die Heirat der Königin mit ihrem Neffen Ludwig von Tarent beförderte, wird nun zum Fegefeuer verurteilt.
8. Der Schutzengel von Nicolaus Acciajaoli beschreibt seine Plagen im Fegefeuer.
9. Ein Heiliger deutet an, welche Möglichkeiten die Lebenden haben, die Plagen Nicolaus Acciajaoli’s im Fegefeuer durch Almosen und fromme Werke zu verkürzen.
10. Christus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.
11. Die hl. Agnes preist Gottes Mutter und bittet sie, Birgitta Barmherzigkeit zu zeigen. Maria verspricht ihrerseits, zu ihrem Sohn Christus für Birgitta zu beten.
12. Maria erklärt Birgitta, warum Gottes Freunde bald Trost erfahren, bald Trübsal erleiden müssen.
13. Christus erklärt Birgitta die Wichtigkeit, dass man für das zeitliche Wohlergehen seiner Mitmenschen betet.
14. Christus erklärt Birgitta, dass es dem Teufel nicht glücken wird, seine eigenen schlechten Eingebungen mit den himmlischen Botschaften zu vermischen, die ihr mitgeteilt werden.
15. Christus erklärt, wie er die Menschen, um sie zu erziehen, manchmal Freude, manchmal Trauer empfinden lässt. Offenbarung, gegeben 1350 in Italien.
16. Birgitta hat in ihrem Hause einen Vogt aus Östergötland angestellt, der eine Wallfahrt nach Rom gemacht hatte. Christus erklärt ihr, dass dies unklug war, da der Mann seine Wallfahrt nicht in frommer Absicht unternommen hat. Offenbarung, gegeben wahrscheinlich in Italien 1350 oder später.
17. Die hl. Agnes spricht mit Birgitta über eine eingebildete Frau, die diese kürzlich gesehen hatte. Birgitta soll sich, sagt sie, um Weltverachtung, Demut und Enthaltsamkeit bemühen – Tugenden, die im Gegensatz zur Hoffart dieser Weltdame stehen.
18. Birgitta preist Maria; Maria verspricht ihr, ihr die Gnadengaben aller Tugenden zu erwirken.
19. Birgitta preist Maria, die dafür verspricht, ihr die Gnadengaben der Tugenden zu erwirken.
20. Die hl. Agnes ermahnt Birgitta, ihre strenge Lebensführung nicht zu ändern, aber auch keine übertriebene Askese zu üben; gute geistliche Berater können sie dabei anleiten. Weiter deutet Agnes an, wie Gott den Menschen in der Stunde der Versuchung hilft.
21. Maria schärft Birgitta ein, wie wichtig es ist, dass die, die schon gut sind, an der Besserung ihrer Mitmenschen arbeiten.
22. Christus droht der jetzigen sündigen Menschheit mit seiner strengen Strafe. Er verspricht aber denen Barmherzigkeit, die beizeiten umkehren. Offenbarung, gegeben in Schweden 1344-49.
23. Der Evangelist Johannes und die Jungfrau Maria sprechen von einem schwedischen Zisterziensermönch, der ketzerische Ansichten hat. Der Zusatz, der von Prior Petrus von Alvastra verfasst ist, berichtet, dass der betreffende Mönch seine Irrtümer auf Ermahnung von Birgitta widerrufen hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder später in Italien gegeben.
24. Maria ermahnt Birgitta zur Geduld, wenn sie auch andere ungeduldig sieht.
25. Maria ermahnt Birgitta zur Askese, aber in maßvoller Weise.
26. Maria erklärt, dass die guten Werke, die man aus Pflicht zu Gehorsam tut, doppelt wertvoll sind.
27. Maria spricht mit Birgitta über eine scheinheilige Person.
28. Maria erklärt Birgitta, worin die rechte Trübsal besteht.
29. Maria mahnt Birgitta und ihre Freunde, nicht ihre strenge Lebensführung aufzugeben.
30. Maria erklärt, dass man nicht sündigt, wenn man feine und kostbare Kleider trägt, wenn das notwendig ist.
31. Maria erklärt, dass der, der für die Erlösung der Seelen arbeitet, himmlischen Lohn erhalten wird, auch wenn die Arbeit wenig sichtbare Frucht trägt (schwedische Zeit?). Offenbarungen, gegeben 1350 oder später in Italien.
32. Maria lässt Petrus Olovsson von Skänninge durch Birgitta sagen, dass sie ihn reichlich für die Mühe belohnen soll, die er für die dichterische und musikalische Ausgestaltung des Stundengebets der Birgitta-Nonnen aufwendet. Der Zusatz handelt von einer Versuchung zu Zweifeln an Glaubenswahrheiten, durch die derselbe Petrus Olovsson angefochten war.
33. Birgitta schreibt einen Brief, in dem sie den früheren beispielhaften Zustand bei den Priestern, dem Klostervolk und den Laien Roms und dem jetzigen religiösen und sittlichen Verfall dort beschreibt. Der Brief ist an einen der Päpste gerichtet, die während des langen Aufenthaltes Birgittas in Rom auf dem Stuhl Petrie saßen – Clemens VI., Innocentius VI., Urban V. oder Gregorius XI. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder später in Italien gegeben.
34. Maria warnt einen schwedischen Marschall durch Birgitta, der bisher ein sehr sündhaftes Leben führte. Der Zusatz deutet seine Bekehrung an. Nach Steffens Ansicht handelt es sich um Gustav Tunason, der mit der Schwester von Ulf Gudmarsson verheiratet war und Katharina Ulfsdotter auf ihrer Romreise begleitete.
35. Christus erklärt, was es für Sünden sind, die das Kommen des Heiligen Geistes ins Menschenherz verhindern.
36. Christus klagt über die schlechte Verwaltung seiner Berufung durch die Klostermenschen und Ritter (schwedische Zeit?)
37. Christus droht der sündigen Menschheit mit seiner baldigen Bestrafung und hält eine Warnung für wenig nützlich.
38. Christus deutet an, wie man sich Träumen und Eingebungen gegenüber verhalten soll, die vom bösen Geist stammen.
39. Christus lehrt Birgitta, wie man seinen Willen in Übereinstimmung mit Gottes Willen bringen soll und über Gottes Anordnungen nicht murren soll.
40. Christus erklärt Birgitta, was ein guter und was ein schlechter Tod ist.
41. Maria sagt, dass die Macht des Priesters, Sünden zu erlassen, nicht von seiner persönlichen Würde oder Unwürde abhängt.
42. Maria deutet an, wie gute Menschen andere durch ihre guten Sitten zu Gott führen können.
43. Maria deutet an, welch strenge Strafe verantwortungslose Priester zu erwarten haben.
44. Christus spricht über die Vergänglichkeit des Reichtums und der Macht der Welt und über die Torheit, danach zu trachten. Offenbarung, gegeben 1368 in Rom.
45. Birgitta richtet ein Schreiben an Kaiser Karl IV.[1] bei seinem Besuch in Rom im Jahre 1368. In dem Schreiben ermahnt sie ihn, die frühere Demut, Enthaltsamkeit, Genügsamkeit und Menschenliebe im Christlichen Europa wieder herzustellen. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder später in Italien gegeben.
46. Unter Berufung auf die alttestamentliche Erzählung von Nabot’s Weinberg ermahnt Birgitta einen Adligen, unrechtmäßig erworbene Güter zurückzugeben. Wenn er der Ermahnung nicht folgt, hat er Strafe zu erwarten, sagt sie.
47. Christus lehrt Birgitta, wie man Versuchungen begegnen und sie überwinden soll.
48. Durch Birgitta ermahnt Christus einen König, unbestimmt welchen, für die Vermehrung von Gottes Ehre und zur Befreiung von Jerusalem aus der Gewalt der Ungläubigen zu arbeiten. Offenbarung, gegeben 1367-70 in Rom.
49. Himmlische Stimmen sprechen zu Birgitta über den jetzigen kirchlichen Verfall in Rom und über die Reformen, die der nach Italien zurückgekehrte Papst durchführen soll. Die Offenbarung dürfte Birgitta im Zusammenhang mit dem Besuch Papst Urbans V. in Italien 1367-70 empfangen haben. Offenbarungen, gegeben wahrscheinlich 1350 oder später in Italien.
50. Birgitta sieht die ganze Menschheit vor Gottes Richterstuhl und bezeugt die verschiedenen Strafen.
51. Birgitta bezeugt das Gericht über die Seele einer verstorbenen Frau. Die Frau wird zu einem schweren Fegefeuer verurteilt.
52. Birgitta bezeugt, wie zwei verstorbene Ehegatten zur Hölle verurteilt werden, und das u.a. deshalb, weil sie ihre Ehe eingegangen sind, ohne auf Vorschriften der Kirche über verbotene Wege zu achten.
53. Maria deutet an, dass Jungfräulichkeit, Ehe und Witwenstand für sie und ihren Sohn Christus wohlgefällig seien.
54. Maria spricht mit Birgitta über die Bekehrung eines sündigen Mannes (Karl Ulfsson?) und gibt diesem Mann Ratschläge für die Zukunft, die ihm durch Birgitta überbracht werden sollen.
55. Christus gibt sein Missfallen über König Magnus Eriksson zu erkennen und deutet den Erfolg seines Neffen Albrecht d.J. von Mecklenburg auf Kosten von Magnus an. Man hat angenommen, dass der im Kapitel erwähnte „Knirps“ Birgittas Enkel Karl Ulfsson ist, der nach Meinung seiner Großmutter väterlicherseits ein geeigneter Thronkandidat gewesen wäre.[2]
56. Maria ermahnt einen gewissen Mann durch Birgitta, nicht über seine Gegner betrübt zu sein. Offenbarungen, gegeben 1350 oder später in Italien.
57. Maria sagt die Bestrafung voraus, die das ungehorsame Rom treffen wird.
Offenbarungen, wahrscheinlich in Italien 1350 oder später gegeben.
58. Christus spricht von der Ehre, die er den Priestern erwiesen hat, als er ihnen vergönnte, die Gnadenmittel zu verwalten und die Seelen zum Himmel zu führen. Er wirft ihnen ihren jetzigen zügellosen Wandel vor und droht ihnen mit schwerer Heimsuchung. Wegen Marias Fürbitte verspricht er aber, sie noch einmal zu warnen.
59. Christus deutet an, welche Frömmigkeit und Weisheit sich für einen Priester in seiner Kirche geziemen.
60. Birgittas demütiges Gebet an Christus.
61. Der Teufel flößt Birgitta Zweifel an der Gegenwart Christi in der verwandelten Hostie ein. Christus offenbart sich, zerstreut ihre Zweifel und lehrt sie, wie sie Versuchungen dieser Art begegnen soll.
62. Christus spricht tadelnde und strafende Worte über einen gewissen Priester, der ein sündiges Leben führt.
63. Der Teufel flößt Birgitte von neuem Zweifel an Christi Gegenwart in der Hostie ein. Christus offenbart sich, und vor diesem muss der Teufel seine Unwahrhaftigkeit bekennen. Danach bestärkt Christus Birgitta in ihrem Glauben an das Sakrament des Altars.
64. Maria beschreibt, wie Gott es den Weltmenschen erlaubt, die Frommen eine Zeitlang heimzusuchen und zu erproben, wie er sie aber zuletzt selbst strafen wird.
65. Maria schärft den Gottesfreunden ihre Pflicht ein, unverdrossen an der Bekehrung der Sünder zu arbeiten.
66. Maria lehrt Birgitta, unnütze weltliche Gedanken und Einfälle abzuweisen.
67. Christus spricht mit Birgitta über das Zusammenwirken von Gottes Gnade und dem freien Willen des Menschen.
68. Maria spricht von einem Priester (nach dem Zusatz handelt es sich um einen Propst), der sehr darauf aus war, Reichtümer zu sammeln, aber eines plötzlichen und unvorhergesehenen Todes starb, ohne Gelegenheit zu haben, Rechenschaft über sein Leben abzulegen.
69. Christus klagt über den Hochmut, die Gewinnsucht und Unkeuschheit der Priester.
70. Maria erzählt ausführlich über Christi Leiden und seinen Tod. Dies ist die zweite von Birgittas drei großen Passionserzählungen (die beiden anderen sind I, 10 und VII, 16).Offenbarungen, gegeben nach 1350 in Rom.
71. Cecilia, Birgittas jüngste Tochter, hat die Klosterschule in Skänninge verlassen, um eine Ehe einzugehen. Birgitta stellt sich bei der Unterredung darüber die Frage, welcher Stand dem Herrn am wohlgefälligsten sei: Die Jungfrauenschaft, die Ehe oder der Witwenstand. Christus antwortete ihr, dass eine Frau ihm in all diesen drei Ständen gefallen kann. Auch wenn die Jungfrauenschaft an und für sich am höchsten stände.
72. Christus gibt Birgitta und ihrer Tochter Katharina, die zusammen mit ihr in Rom wohnt, geistliche Ratschläge. Offenbarungen, wahrscheinlich nach 1350 in Italien gegeben.

Die nachfolgenden Kapitel sind auf Seite 2
73. Maria spricht mit Birgitta über einen schwedischen Ritter, von dem Birgitta glaubte, er sei tot. (Ausführlicher wird das Thema in Kap. 75 behandelt).
74. Birgitta sieht in einer Ekstase, wie Maria und verschiedene Heilige ihren Sohn Karl mit den verschiedenen Kleidungsstücken bekleiden, die zu einer Ritterrüstung gehören. Jedes Kleidungsstück stellt eine besondere Tugend dar, der sich Karl befleißigen soll. Maria spricht auch Gebete vor, die er benutzen soll.
75. Maria deutet Birgitta an, wie der Teufel versucht, den Neubekehrten Menschen vom Pfad der Tugend abzuziehen, aber wie Gottes Eingebungen auf die Dauer stärker als die Anschläge des Teufels sind. Sie kam in Kap. 73 auf den erwähnten Ritter zurück, von dem Birgitta vermutete, er sei tot, aber in Wirklichkeit war er nur geistlich tot. Offenbarungen, wahrscheinlich 1344-49 in Schweden eingegeben.
76. Maria erklärt Birgitta, dass sie sich nicht über die harte Gesinnung der Menschen beunruhigen soll, denen sie ihre Botschaft übermitteln soll. Weiter sagt Maria, dass keiner der jetzigen Stände, weder Fürsten, Ritter oder Priester, in Übereinstimmung mit den Verpflichtungen lebt, die für diese Stände gelten.
77. Birgitta bekennt Christus ihren Jubel über die Gnadengaben, die er ihr beschert hat. Christus schärft ihr die Verpflichtung ein, die sie hat, Gottes Wort an andere weiter zu vermitteln. Offenbarung, gegeben 1350 in Rom.
78. Maria macht den päpstlichen Legaten Annibaldo Ceccano durch Birgitta auf den kirchlichen Verfall in Rom in der Zeit vor dem Jubeljahr 1350 aufmerksam. Das Kapitel ist mit III, 10 so gut wie identisch. Offenbarungen, gegeben nach 1350 in Rom.
79. Ein Priester an einer der „Unserer Frau“ geweihten Basiliken in Rom (S. Maria Maggiore, S. Maria in Trastevere?) hat Birgitta um geistlichen Rat gebeten. Birgitta erklärt sich bereit, seiner Bitte zu entsprechen.
80. Birgitta entwirft für denselben römischen Priester ein Tagesprogramm.
81. Maria spricht mit Birgitta über einen Ritter aus Schonen, aus Halland und aus Schweden[3], lässt sie ermahnen und warnen und erklärt in diesem Zusammenhang, welche Tränen Gott wohlgefällig sind.

Undatierbare Offenbarungen.
82. Christus schärft Birgitta ein, wie wichtig eine reine Sehnsucht, Weltverachtung und eine ständige Betrachtung von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist.
83. Christus erklärt, wie die Menschenseele als ein Diener, ein Sohn und eine Ehefrau vor Gott sein soll.
84. Christus schärft die Pflicht der Frau ein, dem Manne untertänig zu sein.
85. Christus spricht mit Birgitta über einen Mann, der seine Barmherzigkeit von sich abgewiesen hat, und stattdessen seine Gerechtigkeit erfahren muss.
86. Maria spricht mit Birgitta über ihre Macht, allen Menschen Gnade zu vermitteln.
87. Christus ermahnt Birgitta und alle seine Getreuen, alles um seinetwillen zu verlassen.
88. Christus vergleicht die Gesinnung der Frommen und der Weltmenschen mit gut ausgerüsteten oder schadhaften Schiffen. Offenbarung, 1350 oder später in Italien.
89.Christus verordnet verschiedene Tugenden, verglichen mit der Kleidung und den Waffen eines Ritters, und schreibt Gebete vor. Das Kapitel ist zu vergleichen mit IV, 74.

Undatierbare Offenbarungen.
90. Christus beschreibt, wie er seine Getreuen mit sich vereinigt hat, ihnen weltliches Begehren abgenommen hat und ihnen die Lust zum Guten eingegeben hat.
91. Christus ermahnt Birgitta zur Demut.
92. Christus beschreibt, wie seine Freunde mit ihm vereint sind, wenn sie seinen Willen befolgen.
Offenbarung, um 1345 in Schweden.
93. Christus spricht mit Birgitta über einen Mönch, der aus selbstsüchtigen Beweggründen ins Kloster gegangen ist und deshalb ein sehr mühsames Klosterleben bekommen hat. Aus dem Zusatz geht hervor, dass der Mönch sich infolge der Ermahnung Birgittas auf dem Totenbett gebessert hat.

Undatierbare Offenbarungen.
94. Christus gibt Birgitta Gebete, die gelesen werden sollen, wenn sie sich ankleidet, wenn sie zu Tisch geht und wenn sie zu Bett geht.
95. Christus beschreibt die Sünden seiner Feinde und sagt ihre baldige Bestrafung voraus.
96. Christus spricht weiter über die Bestrafung, die seinen Feinden bevorsteht.
97. Christus ermahnt einen Prälaten durch Birgitta, Demut und Eifer zur Errettung der Seelen zu haben (Italienzeit?).
98. Christus ermahnt seine Freunde, fleißig an der Bekehrung der Bösen zu arbeiten.
99. Christus deutet an, wie die jetzt lebenden Menschen seine Pein erneuern.
100. Christus ermahnt Birgitta zur Demut.
101. Maria beschreibt die Liebe ihres Sohnes zu den Menschen. Offenbarung in Italien nach 1350.
102. Birgitta bezeugt das Urteil über die Seele eines verstorbenen Mönchs. Der Mönch wird wegen Mangels an Gehorsam und Gottesliebe zur Hölle verdammt. Offenbarungen in Schweden um 1345.
103. Der hl. Dionysius, Frankreichs Schutzheiliger[4] bittet die Jungfrau Maria um Hilfe für das von den Engländern bedrängte Frankreich. Die Situation ist die des Hundertjährigen Krieges. Birgitta hatte während ihrer Reise nach Westeuropa 1341-43 einen Eindruck von diesem Krieg bekommen und vergaß nie, was sie da erlebte. Um 1346 reiste Bischof Hemming von Åbo und Prior Petrus von Alvastra in ihrem Auftrag nach Frankreich, um Frieden zu vermitteln. Sie führten bei dieser Gelegenheit Abschriften von diesem und den beiden folgenden Kapiteln mit sich.
104. Die Jungfrau Maria beklagte sich vor Christus über die streitenden Könige von England und Frankreich und bittet ihn, sich über das arme Volk zu erbarmen, das vom Kriege heimgesucht wird.
105. Christus antwortet auf das Gebet seiner Mutter und spricht seine Befehle an die beiden Könige aus.
 

Undatierbare Offenbarung.
106. Christus tröstet Birgitta in der Stunde der Versuchung und gibt Beispiele von Heiligen, die ihren Glauben und ihre Standhaftigkeit unter den Versuchungen bewahrt haben. Offenbarungen in Italien nach 1350.
107. Christus spricht mit Birgitta über einen sizilianischen Mönch, der sich allen göttlichen Eingebungen widersetzt hat, um stattdessen seinem eigenen Willen zu folgen. Er ermahnt ihn, sich zu bekehren und zu bessern. Aus dem Zusatz geht hervor, dass der Mönch wirklich die von Birgitta übermittelte Botschaft beherzigt hat.

Undatierbare Offenbarungen.
108. Christus preist die kluge, maßvolle Enthaltsamkeit, die seine Mutter Maria, Johannes der Täufer und Maria Magdalena geübt haben.
109. Maria beschreibt, wie man unnütz verbrachte Zeit durch fromme Werke wieder gutmachen kann.
110. Christus lehrt Birgitta, gute und böse Eingebungen zu unterscheiden und letztere zu vertreiben.
111. Christus beschreibt Birgitta, was das geistliche Gesetz, d.h. sein Wille, in sich schließt, und welche Verpflichtungen und Belohnung es mit sich bringt.
112. Christus beschreibt die Hochmütigen und vergleicht sie mit Schmetterlingen. Offenbarungen 1344-49 in Schweden.
113. Christus tadelt einen schwedischen Ritter (Nikolaus Ingevaldsson) für seine Gewinnsucht. Aus dem Zusatz geht hervor, dass dieser Ritter, der Birgitta vorher verhöhnt hatte, sich später mit Birgitta versöhnte und einen frommen Tod in Rom starb.
114. Christus tadelt einen schwedischen Papst wegen seiner knechtischen Furcht. Im Zusatz wird von den Wallfahrten desselben Mannes in Italien erzählt.
115. Christus spricht mit Birgitta über eine Person, die lange vom Teufel beherrscht war, jetzt aber befreit werden soll.

Undatierbare Offenbarungen.
116. Christus klagt über die Missachtung, die die Menschen ihm jetzt zeigen, und über die Sakramente, die er gestiftet hat.
117. Birgitta bezeugt, wie Gott einem Mann geistliche Gnadengaben verspricht, der mit frommer Gesinnung ein Vaterunser gelesen hat.
118. Christus spricht vom Zusammenwirken von Gottes Gnade und dem freien Willen des Menschen.
119. Maria beschreibt die Herrlichkeit und Erniedrigung ihres Sohnes.
120. Christus schreibt Gebete vor, die gelesen werden sollen, wenn die Seele eine Neigung für das Liebliche oder Natürliche verspürt. Offenbarungen in Schweden 1344-49.
121.Die Bekehrung des Alvastramönches Gerekinus wird Birgitta offenbart. Der Zusatz berichtet von einem ekstatischen Erlebnis dieses Mönchs und seinem Tod.
122. Christus tadelt und warnt den weltlichen Knut Folkesson einen Neffen von St. Brynolf, dem Bischof von Skara. Der Zusatz berichtet von der Feindschaft Herrn Knuts zu Birgitta und von seinem plötzlichen Tod.
123. Christus beschreibt, wie er Birgitta aus ihrer Liebe zur Welt und der Herrschaft ihres Eigenwillens zu sich gezogen hat. Offenbarung in Italien nach 1350.
124. St. Agnes beschreibt sieben Edelsteine in Birgittas Krone, die Kränkungen darstellen, die Birgitta geduldig ertragen hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1344-49 in Schweden.
125. Christus beschreibt sieben Bischöfe und vergleicht sie mit sieben verschiedenen Tieren. Der einzige von ihnen, der namentlich genannt wird, ist der siebente, Bischof Hemming von Åbo; der erste und zweite werden als Bischof Thomas von Växjö und Erzbischof Peter Tyrgilsson von Uppsala identifiziert, während man in dem dritten Bischof Ödgisl von Västerås vermuten kann.
126. Maria und Christus erteilen einem schwedischen Bischof ausführliche Ratschläge und Ermahnungen. Sie sind großenteils eine Wiederholung von denen, die in Buch III, 1-3 gegeben werden. Offenbarungen in Italien nach 1350.
127. Ein italienischer Eremit vom Benediktinerorden begehrt Klarheit in der Frage, wie weit die jetzige üppige Tracht der Benediktinermönche als übereinstimmend mit Gottes Willen und der Anordnung des hl. Benedikt bezeichnet werden kann. Birgitta fragt Christus um Rat, und dieser äußert sein Missfallen. Das Kapitel erzählt weiter vom Tode eines Mönchs und seinem baldigen Eintritt ins Himmelreich.
128. Auf Marias Ermahnung rät Birgitta einem Benediktiner-Eremiten, sein rein kontemplatives Leben manchmal zu unterbrechen, um die Frucht seiner Betrachtung auch anderen mitzuteilen, mit anderen Worten, ein apostolisches Werk zu vollbringen.
129. Christus ergänzt seine in Kapitel 2 gegebenen Anweisungen für die, die an der Bekehrung der schlechten Christen und der Heiden arbeiten wollen. Wenn diese Offenbarung vielleicht aus der schwedischen Zeit stammt, so gilt dies doch nicht von dem Zusatz, der von Birgittas Erlebnis in der italienischen Stadt Salerno erzählt, wohin sie eine Wallfahrt unternommen hatte, um die Reliquien des hl. Matthäus zu ehren.
130. Christus ergänzt seine in Kapitel 125 gegebene Beschreibung der schwedischen Bischöfe. Dazu beschreibt sie noch einen Bischof, Birger Gregersson, der 1366 Peter Tyrgilsson als Erzbischof von Uppsala folgte.
131. Bericht von Birgittas Erlebnis am italienischen Wallfahrtsort Monte Gargano, wo die Engel Gegenstand einer besonderen Huldigung bildeten.

Undatierbare Offenbarungen.
132. Christus spricht über die großen Verpflichtungen, die er den Priestern auferlegt hat, und wie schlecht sie diese Verpflichtungen erfüllen. Durch ihren schlechten Lebenswandel kreuzigen sie ihn von neuem, sagt er.
133. Christus klagt über die Gewinnsucht, die Selbstsucht und die Liederlichkeit der Priester und über das schlechte Beispiel, das sie den Laien geben.
134. Birgitta bezeugt das Gericht über die Seele eines verstorbenen Priesters. Der Priester wird wegen seiner Ausschweifungen und seiner Verhärtung den Teufeln überlassen.
135. Christus erklärt weiter, warum der im vorigen Kapitel genannte Priester zur Hölle verurteilt wird. Er schildert die Weltlichkeit der jetzigen Priester und ihre Trägheit in Gottes Dienst.

Offenbarungen in Italien nach 1350.
136. Christus sagt ein paar zustimmende Worte über Innocentius, Papst von 1352-62.
137. Birgitta legt Papst Urban V. (1362-70), der sich 1367-70 in Italien aufhielt, eine göttlich inspirierte Bittschrift um Anerkennung der Regel vor, die sie für die Mönche und Nonnen in Vadstena verfasste. Sie bittet auch darum, dass der Papst den Besuchern des neuen Klosters denselben Ablaß gewähren möge, d.h. den Nachlaß zeitlicher Sündenstrafen, wie er den Besuchern der Kirche S. Pietro in Vincoli in Rom bewilligt wurde.
138. Zu Anfang des Jahres 1370 hat Urban V. Pläne, nach Avignon zurückzukehren, wo die Päpste seit Beginn des Jahrhunderts residierten. Birgitta sucht ihn damals in Fontefiascone auf und legt ihm ein göttlich inspiriertes Schreiben vor, in dem der Papst gewarnt wird. Italien zu verlassen.
139. An Gregorius XI., Papst von 1370-78, der bis auf weiteres in Avignon residierte, sendet Birgitta – wahrscheinlich Anfang 1371 einen Brief. In dem Brief erzählt sie, dass Maria sich ihr offenbart habe und ständigen Schutz für Gregorius versprochen habe, wenn er seine Residenz nach Rom verlegte und mit der Reform der Kirche beginnen würde.
140. Birgitta sendet etwas später einen neuen Brief an Papst Gregorius XI. und wiederholt darin die früher ausgesprochene Ermahnung, die päpstliche Residenz zurück nach Rom zu verlegen, die Hauptstadt der Kirche von altersher. Ihr Beichtvater Alfons, früher Bischof von Jaen, und ihr Freund Graf Nikolaus Orsini von Nola, befördern den Brief zum Papst.
141. Nach ihrer Pilgerfahrt nach Jerusalem befindet sich Birgitta Anfang 1373 in Italien. Dort empfängt sie am 26 Januar eine Offenbarung über Papst Gregorius XI. Christus versichert ihr, dass es dem Papst möglich wäre, von Frankreich nach Rom überzusiedeln.
142. Im Februar 1373 schreibt Birgitta, die sich weiter in Neapel aufhält, einen Brief an Papst Gregorius XI. Sie mahnt erneut in Gottes Auftrag, seine Residenz nach Rom zu verlegen. „Komm also, und zögere nicht!“ Alfons fährt mit dem Brief nach Avignon und legt ihn dem Papst vor.
143. Birgitta ist von Neapel nach Rom zurückgekehrt. Von dort sendet sie im Juli 1373, ganz kurz vor ihrem Tod[5], einen Brief an ihren Freund Alfons, der sich noch in Avignon aufhält, und bittet ihn, dem Papst den Inhalt des Briefes mitzuteilen. Der Brief hat denselben Inhalt wie der vorige. „Da der Papst zweifelt, ob er nach Rom kommen müsste, um den Frieden wieder herzustellen und meine Kirche zu reformieren, so erkläre ich (Christus), es ist mein Wille, dass er jetzt bis zum Herbst kommt, und kommt um zu bleiben.“
144. Birgitta schaut einen verstorbenen Papst (Urban V.?) im Fegefeuer.

[1]. 1346-1378.
[2]. Steffen, S. 287 ff.
[3]. Schonen und Halland gehörten damals noch zu Dänemark.
[4]. Gemeint ist Dionysius v. Paris, 1. Bischof von Paris und Märtyrer; gest. wohl um 250.
[5]. Birgitta starb am 23.07.1373.

Hier beginnt das vierte Buch der himmlischen Offenbarungen der hl. Birgitta von Schweden.

Die Hölle brennt so heiß, dass – wenn die ganze Welt mit allem, was darin ist, brennen würde, so wäre sie doch nicht damit zu vergleichen. Da beginnen und enden alle ihre Rede mit „Weh!“ Die Finsternis darum herum heißt Limbus. Beide sind sie aber eine einzige Hölle, und der, der dort hineinkommt, kann niemals bei Gott wohnen.

Oberhalb dieses Dunkels herrscht die schwerste Pein des Fegefeuers, das die Seelen ertragen können. Die Seelen werden da der Berührung mit den Teufeln ausgesetzt und – um im Gleichnis zu sprechen – mit giftigen Reptilien und wilden Raubtieren. Dort herrscht Hitze und Kälte, dort ist Dunkelheit und Qual, und all dies rührt von der Pein in der Hölle her. Außerhalb des Platzes gibt es einen anderen Platz, wo eine geringere Pein herrscht, die nichts anderes ist, als eine Entkräftung beim Aufhören einer Krankheit.

Es gibt noch einen dritten und höheren Platz, wo es keine andere Plage gibt als die Sehnsucht, in Gottes Nähe und zu seinem Seligmachenden Anblick zu gelangen. Die Seelen, die sich an diesen drei Stellen aufhalten, nehmen Teil an den Gebeten der Kirche und den guten Taten, die auf der Welt getan werden, besonders von ihren Freunden.

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1. Kapitel

Der Evangelist Johannes tadelt König Magnus Eriksson und ermahnt ihn zu einem frommeren Leben. Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.

Der Braut (Birgitta) zeigte sich die Gestalt eines Mannes, dessen Haar rings von Schmach umgeben war, und dessen Leib mit Öl übergossen war; er war ganz entblößt, aber schämte sich doch nicht[1]. Er sagte zur Braut: „Die Schrift, die Ihr heilig nennt, sagt, dass keine Tat unbelohnt bleiben wird. Das ist die Schrift, die bei Euch „Bibel“ genannt wird. Bei uns ist sie strahlend wie die Sonne, kostbarer als Gold und fruchtbar wie die Saat, die hundertfache Frucht bringt.

Denn so wie Gold andere Metalle übertrifft, so übertrifft die Schrift, die Ihr „die heilige“ nennt, aber wir im Himmelreich die goldene, alle anderen Schriften, denn in ihr wird der wahre Gott geehrt und gepriesen, werden die Toten der Patriarchen im Gedächtnis bewahrt und durch Eingebungen der Propheten erklärt. Und deshalb, weil keine Tat ohne Belohnung ist, so höre, was ich sage!
Der König, für den du bittest, ist vor Gott ein Räuber und Verräter der Seelen und ein unermesslicher Verschwender von Reichtümern. Und weil kein Verräter schlimmer ist als der, der den verrät, der ihn liebt, so verrät dieser auf geistliche Weise viele, denn er liebt die Ungerechten fleischlich und erhöht Unrechterweise die Gottlosen, bedrückt die Gerechten und verschließt die Augen vor Übertretungen, die bestraft werden müssten.
Andererseits ist kein Räuber schlimmer als der, der den verrät, der sein Haupt in seinen Schoß legt. So hat dieser König den Bauernstand traurig ausgeplündert, der sozusagen in seinem Schoße ruhte, indem er manchen die Güter wegnehmen ließ und anderen untragbare Lasten auferlegte, das Unrecht von manchen absichtlich übersah und die Gerechtigkeit immer nur sehr schlaff ausübte.

Drittens ist kein Dieb schlimmer als der, der seinen Herrn bestiehlt, der ihm alles anvertraut und ihm seine Schlüssel übergeben hat. Aber dieser (König) hat die Schlüssel zu Macht und Ehre empfangen, die er auf ungerechte und verschwenderische Weise benutzt hat; nicht zu Gottes Ehre. Aber weil er aus Liebe zu mir auf manche Dinge verzichtet hat, die ihm gefielen, so rate ich ihm drei Dinge. Erstens, dass er handeln soll, wie der verlorene Sohn im Evangelium, der den Schweinetrog verließ und zum Vater zurückkehrte. Er soll nämlich Reichtum und Ehre verachten, was im Vergleich mit dem Ewigen wie ein Schweinetrog ist, und mit Demut und Frömmigkeit zu Gott, seinem Vater, zurückkehren. Zweitens soll er die Toten ihre Toten begraben lassen und dem schmalen Weg des gekreuzigten Gottes folgen. Drittens soll er die schwere Last seiner Sünden ablegen und den Weg einschlagen, der anfangs schmal, aber am Ende voll Freude ist.

Aber du magst verstehen, dass ich der bin, der die goldene Schrift voll und ganz verstanden hat und deshalb im Stande war, sie zu erweitern. Ich wurde schimpflich entblößt, aber nachdem ich das geduldig ertrug, bekleidete Gott meine Seele mit einem unvergänglichen Gewand. Ich wurde auch mit Öl begossen, und deshalb genieße ich nun das Öl der ewigen Freude. Nächst der Mutter Gottes erhielt ich den leichtesten Tod, nachdem ich ihr Beschützer war, und mein Leichnam ruht auf dem friedvollsten und sichersten Platz.“

[1]. Nach der Legende wurde der Evangelist Johannes außerhalb von Rom in einem Kessel mit Öl gekocht, ohne Schaden zu nehmen. Er zeigt sich nun Birgitta in diesem Aufzug. – König Magnus Eriksson verehrte im Evangelisten Johannes seinen Schutzpatron. Die Offenbarung gilt also ihm.

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2. Kapitel

Christus gibt seine Sorge über die schlechten Christen und Heiden zu erkennen und ermahnt seine Freunde, an ihrer Bekehrung zu arbeiten. Offenbarung, wahrscheinlich in Italien um 1350.

Dann bekam die Braut zwei Waagschalen zu sehen, die über der Erde hingen. Die Spitze, wo sie zusammengebunden waren, ging bis hinauf in die Wolken, und ihre Zirkel drangen durch den Himmel. In der einen Waagschale war ein Fisch, dessen Schuppen scharf wie ein Rasiermesser waren, dessen Augen wie die eines Basilisken waren, dessen Maul wie das eines Giftsprühenden Einhorns war, und dessen Ohren wie der schärfste Speer, ja wie Stahlklingen waren.

In der anderen Waagschale war ein Tier, dessen Fell wie Feuerstein war, dessen gewaltiges Maul lodernde Flammen aussandte, dessen Augenbrauen wie die schärfsten Schwerter waren, dessen äußerst harte Ohren die schärfsten Pfeile abschossen, als ob sie ein straff gespannter Bogen wären.
Dann zeigten sich drei Volksscharen auf der Erde. Die erste war klein, die zweite geringer, die dritte am aller kleinsten. Ihnen rief eine Stimme vom Himmel zu: „O meine Freunde, ich verlange gewaltig nach dem Herzen dieses seltsamen Tieres. Wenn es doch jemanden gäbe, der mir das aus Liebe beschaffen würde! Ebenso sehne ich mich sehr nach warmem Fischblut. Wenn ich bloß einen Menschen finden könnte, der mir das beschaffe!“

Eine Stimme aus den Volkshaufen antwortete wie aus dem Munde aller: „O unser Schöpfer, wie könnten wir dir das Herz eines solchen Tieres geben? Seine Haut ist ja härter als Feuerstein. Wenn wir uns seinem Maul nähern, werden wir von dem Feuer verbrannt, das dort brennt. Wenn wir seine Augen betrachten, durchdringen uns die Funken seiner Pfeile. Und wenn es auch eine Hoffnung gäbe, das Tier zu bekommen – wer könnte aber den Fisch fangen? Seine Flossen und Schuppen sind schärfer als Schwertspitzen. Seine Augen bringen unsere Sehkraft zum Erlöschen. Sein Maul spritzt unheilbares Gift auf uns.“
Die Stimme vom Himmel antwortete und sagte: „Freunde – das Tier und der Fisch scheinen euch unüberwindlich, aber in den Augen des Allmächtigen ist das leicht. Jedem, der ein Mittel sucht, das Tier zu bekämpfen, werde ich vom Himmel Weisheit und Kraft bescheren. Jedem, der bereit ist, für mich zu sterben, will ich mich selbst zur Belohnung geben.“

Die erste Schar erwiderte: „Höchster Vater, du bist der Geber alles Guten. Wir sind deiner Hände Werk. Gern geben wir dir unser Herz zu deiner Ehre. Das übrige, was außerhalb des Herzens ist, müssen wir zum Unterhalt des Leibes und zur Erquickung benutzen. Und da uns der Tod so hart erscheint, die Schwachheit des Fleisches beschwerlich und unser Wissen sehr gering ist, so lenke du uns innerlich und äußerlich, nimm huldreich an, was wir dir schenken, und vergilt uns, so wie es dir gefällt.“
Die zweite Schar entgegnete: „Wir sind uns unserer Schwachheit bewusst und merken die Eitelkeit und Veränderlichkeit der Welt. Deshalb wollen wir dir gern unser Herz geben und legen all unseren Willen in andere Hände, denn wir wollen lieber anderen untertan sein, als das Geringste von der Welt zu besitzen.“

Die dritte Schar gab zur Antwort: „Höre, Herr, da du das Herz des Tieres haben möchtest und nach dem Blut des Fisches dürstest! Gern wollen wir dir unser Herz schenken, und wir sind bereit, für dich zu sterben. Verleih du Weisheit, so werden wir eine Möglichkeit suchen, das Herz des Tieres zu finden!“
Da sagte die Stimme vom Himmel: „Mein Freund, wenn du das Herz des Tieres erlangen willst, so treibe einen spitzen Bohrer mitten durch deine Hände, nimm dann das Augenlid des Walfisches und kleb es mit mit dem stärksten Pech an deine, nimm weiter eine Stahlplatte und binde sie so an dein Herz, dass die breite Oberfläche der Stahlplatte deinem Herzen am nächsten kommt, zieh die Nasenlöcher zusammen, zieh den Atem tief im Halse ein und geh so mit geschlossenem Mund und angehaltenem Atem mutig auf das wilde Tier los. Wenn du zum Tier hinkommst, so fasse es mit beiden Händen an den Ohren. Seine Pfeile werden dir dann nicht schaden, sondern durch die offenen Nasenlöcher in deine Hände dringen.

Geh weiter mit geschlossenem Mund auf das Tier los, und wenn du ihm ganz nah auf den Leib gerückt bist, so blase ihm deinen ganzen Atem ein. Dann werden dir die Flammen des Tieres nicht schaden, sondern werden in das Tier selbst eindringen und es in Brand setzen. Gib genau Acht auf die Schwertspitzen, die aus den Augen des Tieres ragen! Drück sie hart gegen deine eigenen Augen, die mit den Augenlidern des Walfisches bewaffnet sind! Bei dieser Berührung wird das Schwert des Tieres sich entweder biegen oder in sein Herz eindringen.

Gib auch genau Acht, wo das Herz des Tieres schlägt! Befestige die Schneide der Stahlplatte da, so dass sie durch die Haut des Tieres dringt, die wie Feuerstein ist! Und wenn der Feuerstein dann bricht, so sollst du wissen, dass das Tier verendet, und dass sein Herz dann mir gehört. Wenn es ein Pfund wiegt, werde ich dem, der sich bemüht hat, hundert geben. Wenn der Feuerstein nicht bricht, sondern das Tier dem Menschen schadet, so werde ich den verletzten Mann heilen und ihn auferwecken, wenn er tot sein sollte.
Wer mir den Fisch verschaffen will, soll mit einem Netz in Händen an den Strand gehen – einem Netz, das nicht mit Fäden zusammengebunden ist, sondern mit dem kostbarsten Metall. Er soll ins Wasser steigen, aber nicht weiter als bis an die Knie, so dass ihm die Wellen nicht schaden. Und er soll den Fuß fest auf die Stelle setzen, wo fester Boden ist, und wo der Sand ohne Schmutz ist. Dann soll er sein eines Auge zumachen und dieses geschlossene Auge dem Fisch zuwenden, dessen Sehkraft wie die eines Basilisken[1] ist; der wird dann nichts gegen den Mann ausrichten können.

Dieser soll weiter einen Schild aus Stahl auf den Arm nehmen; dann wird der Schlangenbiss ihm nicht schaden. Dann soll er sein Netz so hart und doch so behutsam über den Fisch ausbreiten, dass der Fisch die Netzfäden mit seinen rasiermesserscharfen Flossen nicht zerschneiden aber durch eine Kraftanstrengung daraus entweichen kann. Wenn er den Fisch wahrnimmt, soll er sein Netz hoch über ihn ausbreiten. Wenn er den Fisch 10 Stunden über Wasser hält, stirbt er. Er soll ihn dann zum Strand tragen, ihn mit dem Auge ansehen, das er nicht geschlossen hat, die Hand auf ihn legen, ihm am Rücken öffnen, wo das meiste Blut ist, und ihn so seinem Herrn darbieten. Wenn der Fisch entkommt, an einen anderen Strand schwimmt und dem Mann mit seinem Gift schadet, so bin ich imstande, die Wunde zu heilen. Die Belohnung für das Blut wird nicht geringer, als für das Herz des Tieres.“

Zuletzt sagte Gott: „Diese Waagschalen bedeuten, als wenn jemand sagte: „Schone und dulde! Warte und erbarme dich!“, und als wenn jemand das Unrecht eines anderen sehen würde und ihn ständig ermahnte, mit dem Bösen aufzuhören. So steige ich, Gott, der Schöpfer aller Dinge manchmal wie eine Waagschale zum Menschen nieder, indem ich ihn ermahne, ihn schone und ihn durch Heimsuchungen prüfe. Manchmal steige ich auch auf, indem ich den Sinn der Menschen erleuchte und entzünde und sie mit ungewöhnlicher Gnade beschenke.
Dass das Verbindungsband der Waagschalen bis zum Himmel reicht, das bedeutet, dass ich, der Gott von allen, alle aufrecht erhalte, sowohl Heiden als auch Christen, Freunde wie Feinde, und sie mit meiner Gnade erleuchte und besuche, wenn es auch nur einige geben würde, die auf meine Gnade reagieren würden, und ihren Willen und Begehren vom Bösen abwenden wollten.
Das Tier bezeichnet die, die die heilige Taufe empfangen haben und ins Zeitalter der Vernunft gekommen sind, aber die Worte des Evangeliums nicht befolgen, ohne ihr Herz und ihren Mund dem Irdischen zugewandt haben, ohne an das Geistliche zu denken. Der Fisch bezeichnet die Heiden, die in den Wogen der Begierde Umhärtreiben. Deren Blut ist gering, d.h. ihr Glaube und ihr Verlangen nach Gott ist klein. Daher möchte ich das Herz des Tiers und das Blut des Fisches haben, wenn es nur einige geben würde, die in ihrer Liebe versuchen würden, mir die zu verschaffen.

Die drei Scharen sind meine Freunde. Die erste besteht aus denen, die die Welt verständig benutzen, die zweite aus denen, die ihr Eigenes verlassen und demütig gehorchen, die dritte aus denen, die bereit sind, für Gott zu sterben.“

[1]. Auf orientalische Vorstellungen zurückgehendes antikes und mittelalterliches Fabelwesen mit tödlichem Blick, das von einer Schlange oder Kröte aus einem Hühnerei ausgebrütet sein soll und meist als Hahn mit einem Schlangenschwanz dargestellt wurde.

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3. Kapitel

Birgitta fragt Christus, wie weit das von Magnus Eriksson erworbene Schonen mit Recht zu Schweden gehört, wie weit es richtig war, dass Prinz Erik, Magnus’ älterer Sohn, das Wahlreich Schweden erhielt, und wie weit es richtig war, das Magnus’ jüngerer Sohn, Prinz Håkon, das Erbreich Norwegen nach seinem Onkel Håkon Håkonsson erhielt. Die erste Frage wird mit ja beantwortet, die beiden letzteren mit nein – der jüngere Sohn hätte das Wahlreich bekommen sollen, und der ältere das Erbreich. Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.

O Herr“, sagte die Braut, „sei nicht erzürnt, wenn ich frage. Ich habe aus der Schrift gehört, dass nichts zu Unrecht erworben werden darf, und dass nichts, was man erworben hat, gegen die Gerechtigkeit behalten werden darf. Nun hat dieser König ein Land, von dem manche sagen, dass er es mit Recht hat, andere sagen das Gegenteil. Daher ist es verwunderlich, wenn du ihm das duldest, was du bei anderen verwirfst.“
Gott erwiderte: „Nach der Sintflut blieben keine anderen Menschen übrig als die, die in Noahs Arche waren. Von ihnen stammt ein Geschlecht, das nach Osten wanderte, und einige von diesem Geschlecht kamen nach Schweden. Ein anderes Geschlecht kam nach Westen, und davon stammten einige, die nach Dänemark kamen. Die, die zuerst begannen, das Land zu bearbeiten, das nicht vom Wasser umgeben war, die eigneten sich nichts von dem Land derer an, die diesseits des Wassers und auf den Inseln wohnten, sondern jeder begnügte sich mit dem, was er gefunden hatte, wie es über Lot und Abraham geschrieben steht, dass Abraham sagte: „Wenn du nach rechts gehst, werde ich mich nach links halten.“
Das war, als ob er sagen wollte: „Was du dir aneignest, das soll dir und deinen Erben gehören.“ Dann kamen im Lauf der Zeit Richter und Könige, die sich mit ihren Ländern begnügten und nicht das Gebiet von denen einnahmen, die auf den Inseln und diesseits des Wassers wohnten; ein jeder hielt sich in dem Lande seiner Vorväter auf.“

Sie (Birgitta) fragte: „Wenn ein Teil des Reiches durch irgendein Geschenk verloren geht, soll der Teil nicht von den Nachkommen zurückgefordert werden?“ Gott antwortete ihr: „In einem Reiche wurde eine Krone verwahrt, die dem König gehörte. Das Volk, das meinte, ohne König nicht bestehen zu können, wählte sich einen König und ließ dem gewählten König die Krone zur Verwahrung; sie sollte dann als Erbe an den kommenden König übergehen. Wenn nun dieser gewählte König einen Teil der Krone veräußern wollte, so könnte und müsste der kommende König sie sicher zurückverlangen, denn von der Krone darf nichts abhanden kommen, und der König darf zu seinen Lebzeiten die Krone des Reiches nicht vermindern, oder sie ohne einen vernünftigen Grund aus der Hand geben, falls es einen solchen geben sollte.

Denn was ist die Krone des Reiches anderes, als die königliche Macht? Was ist das Reich anderes, als das Volk, das darin wohnt? Und was ist der König anderes, als das Volk, das darin wohnt? Und was ist der König anderes, als der Vormund des Reiches und des Volkes, der die Macht aufrecht erhält? Deshalb darf der Bewahrer und Verteidiger der Krone die Krone keinesfalls zum Nachteil für den kommenden König teilen oder vermindern.“

Die Braut wandte ein: „Aber wenn der König aus Notwendigkeit oder durch Gewalt gezwungen wird, einen Teil der Krone abzugeben?“ Gott erwiderte: „Wenn zwei Männer in einen Streit geraten, und der eine, der mächtiger ist, nicht nachgeben will, wenn dem anderen nicht ein Finger abgehackt wird – wem würde der abgehackte Finger wohl gehören, wenn nicht dem, der den Schaden erlitten hat?
So verhält es sich auch mit dem Reich. Wenn ein König aus Zwang oder infolge von Gefangenschaft das Reich um einen Teil verkleinern würde, so kann es ein künftiger König gewiss verlangen. Der König ist nämlich nicht Herr der Krone, sondern ihr Verwalter, und Not macht kein Gesetz.“ Sie fragte: „Wenn der König zu Lebzeiten einem Herrn einen Teil der Krone überträgt, und wenn dieser Herr und sein Nachfolger nach dem Tod des Königs als sein Eigentum behalten würde, müsste das dann nicht zurückgefordert werden?“ Der Herr erwiderte: „Gewiss müsste das Land an den gesetzlichen Eigentümer zurückgehen.“

Sie fuhr fort: Wenn ein Teil der Krone an jemanden verpfändet würde, um eine Schuld zu tilgen, und dieser würde viele Jahre lang die Steuern bezahlen und dann sterben, wonach der Landstrich in die Hände eines anderen kommt, der gar kein Recht darauf hatte, nachdem es ihm nicht geliehen oder verpfändet wurde, sondern es durch einen Zufall erhalten hat, es aber nicht ohne einen Geldersatz zurückgeben will – was wäre da zu tun?“

Der Herr sagte: „Wenn jemand einen Goldklumpen in der Hand hält und zu dem, der bei ihm steht, sagen würde: „Dieser Goldklumpen gehört dir; wenn du ihn haben willst, sollst du mir so und so viel Pfunde geben“ – gewiss müssten ihm dann diese Pfunde gegeben werden. Denn wenn ein Land gewaltsam eingenommen und in Frieden besessen wird, soll es auf kluge Weise zurückverlangt werden und nach berechnetem Schadenersatz zurückerworben werden.
Und ebenso, wenn der neugewählte König auf einen Stein gehoben wird[1], um vom Volk gesehen zu werden, das bedeutet, dass er die Macht und Herrschaft für die übrigen Teile des Reiches hat, so gehört auch das Land in dem niederen Teilen, sowohl durch erbliches Recht als auch durch Kauf oder Rückkauf, zum Reich. Deshalb soll der König bewahren, was er bekommen hat, denn wenn er anders handelt, kann es geschehen, dass er die Herrschaft verliert und in einen Untertanen verwandelt wird.“

Wieder sagte die Braut: „O Herr, zürne nicht, wenn ich noch einmal frage. Dieser König hat zwei Söhne und zwei Reiche. In dem einen Reich wird der König mit erblichem Recht eingesetzt, und in dem anderen nach Ermessen des Volkes. Aber jetzt ist man umgekehrt verfahren, denn der jüngere Sohn wurde zum König im Erbreich gewählt, und der ältere im Wahlreich.“
Gott erwiderte: „Bei denen, die sie gewählte haben, gab es drei unangebrachte Eigenschaften, und die vierte war in überreichem Maß vorhanden: Ungeordnete Liebe, gespielte Klugheit, Schmeichelei von törichten Menschen und Misstrauen gegenüber Gott und dem Volk. Deshalb erfolgte ihre Wahl gegen das Recht, gegen Gott, gegen das Wohl des Staates und den Nutzen der Allgemeinheit. Deshalb ist es notwendig, damit der Frieden zum Nutzen des Volkes bewahrt wird, dass der ältere Sohn das Erbreich zurückerhält, während das Wahlreich dem Jüngeren zufällt. Ja, wenn man das, was geschehen ist, nicht ändert, wird das Reich Schaden nehmen, das Volk benachteiligt werden, Unzufriedenheit wird sich erheben, und die Tage der Söhne werden verbittert werden, und ihre Reiche werden nicht mehr Reiche sein – sondern es wird so gehen, wie geschrieben steht: „Die Mächtigen sollen von ihren Thronen gestürzt werden, und die, die auf Erden wandern, sollen erhöht werden.“

Siehe, ich lege dir ein Gleichnis von zwei Reichen vor. In dem einen wird gewählt, im anderen wird vererbt. Das erste, wo gewählt wird, wird über den Haufen geworfen und geplagt, nachdem der rechte Erbe nicht gewählt wurde. Schuld daran hatten die, die gewählt haben, und die, die herrschsüchtig nach dem Reiche trachten. Aber Gott straft den Sohn nicht für die Sünden des Vaters und zürnt auch nicht in Ewigkeit, sondern übt Gerechtigkeit und hält diese auf Erden und im Himmel. Daher wird dieses Reich nicht zu seiner früheren Ehre zurückfinden oder einen glücklicheren Zustand erhalten, ehe nicht der rechte Erbe auftritt, entweder von Seiten des Vaters oder der Mutter.“

[1]. D.h. die Mora-Steine in Uppland, wo die Königswahl von altersher vor sich ging.

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4. Kapitel

Königin Blanka, die Gemahlin von Magnus Eriksson, wird von Christus ermahnt, ihre weltliche Lebensweise mit einer frommen, asketischen zu vertauschen und eine Wallfahrt nach Rom zu unternehmen. Offenbarung in Italien 1350 oder später.5. Der Apostel Petrus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.

Christus spricht zur Braut: „Von zwei Geistern werden Gedanken und Eingebungen ins Herz der Menschen eingegossen, nämlich von einem guten und einem bösen Geist. Der gute Geist rät dem Menschen, an das zukünftige Himmlische zu denken, und das Zeitliche nicht zu lieben. Der böse Geist rät dem Menschen, das Sichtbare zu lieben, zu machen, dass die Sünde leicht aussieht, er sendet Schwächen, stellt das Beispiel schwacher Menschen als Vorbild hin.

Sieh, ich will dir im Bild beschreiben, wie die beiden Geister das Herz der Königin entzünden, die du kennst und über die ich früher mit dir gesprochen habe. Der gute Geist gibt ihr diese Gedanken ein: Reichtümer sind mit Mühe verbunden, weltliche sind wie Wind, fleischliche Genüsse wie ein Traum, die Freude ist vergänglich und alles Weltliche ist eitel; dagegen ist das Gericht unausweichlich und der Peiniger sehr hart.
Es scheint mir deshalb für den Menschen sehr schwierig, strenge Rechenschaft über vergängliche Reichtümer abzulegen, geistliche Schandtaten als eitlen Wind zu ernten, lange Trübsal für ein kurzes Vergnügen zu ertragen und darüber Rechenschaft vor dem abzulegen, der alles kennt, noch ehe es zustande kommt. Deshalb ist es sicherer, vieles aufzugeben und damit weniger Rechenschaft abzulegen, als in vielerlei Dinge verstrickt zu werden und eine lange und mühevolle Rechenschaft ablegen zu müssen.
Der böse Geist gibt den Menschen dagegen solche Gedanken ein: Lass solche Gedanken fahren, denn Gott ist milde und sehr leicht zu besänftigen. Hab freimütig das Gute und schenke großzügig, was du hast. Du bist ja dazu geboren, Reichtümer zu besitzen, und Reichtümer wurden dir gegeben, damit du berühmt wirst, und gib dem, der etwas von dir haben will. Aber wenn du deine Reichtümer aufgibst, musst du denen dienen, die dir jetzt dienen; dein Ansehen wird dann geringer und dein Ärger größer. Der arme Mensch wandert nämlich ohne Freude.

Es ist schwer für dich, dich an neue Sitten zu gewöhnen, dein Fleisch durch fremde Gewohnheiten zu bändigen und ohne eine Bedienung zu leben. Halte daher an der Ehre fest, die du empfangen hast, lebe königlich nach deinem Stande und betreue dein Haus auf ehrsame Weise. Wenn du deinen Wandeln änderst, wirst du wegen Unstetigkeit getadelt. Fahre fort, so zu leben, wie du begonnen hast, so wirst du ehrenreich vor Gott und Menschen.
Wieder gibt der gute Geist der Seele dieser Königin seine Ratschläge ein, indem er sagt: Ich kenne zwei Dinge, die ewig sind, nämlich den Himmel und die Hölle. Wer Gott über alles liebt, wird nicht in den Himmel kommen. Auf dem Weg zum Himmel ging der Menschgewordene Gott selbst voran und bekräftige ihn mit Zeichen und mit seinem Tod. O wie ehrenreich ist doch das Himmlische, wie bitter ist die Bosheit des Teufels, und wie eitel das Irdische!

Diesem Gott folgte seine Mutter und alle Heiligen, die lieber alle Qualen ausstehen und auf alles verzichten wollten, ja sogar sich selbst verachteten, um nicht das Himmlische und Ewige zu verlieren. Daher ist es sicherer, Ehre und Reichtümer rechtzeitig zu verlassen, als bis zum Ende daran festzuhalten, denn es kann passieren, dass man die Erinnerung an die Sünden vergisst, wenn die Schmerzen bis zum Äußersten zunehmen. Und da werden die, die sich nicht um meine Erlösung kümmern, an sich raffen, was ich gesammelt habe.
Die Eingebung des Teufels wendet dagegen ein: Hör auf, so zu denken! Wir sind schwache Menschen; Christus dagegen ist Gott und Mensch. Wir brauchen unsere Taten nicht mit denen der Heiligen zu vergleichen, die ja größere Gnade von Gott und Freundschaft mit ihm hatten. Es reicht für uns, auf den Himmel zu hoffen, in unserer schwachen Art zu leben und unsere Sünden mit Almosen und Gebeten wieder gutzumachen. Es ist kindische und töricht, mit etwas Ungewohntem zu beginnen und es dann nicht befolgen zu können.
Die gute Eingebung antwortet von neuem: Ich bin unwürdig, mit den Heiligen verglichen zu werden. Doch ist es ist ganz sicher, sich so allmählich auf die Vollkommenheit hinzuarbeiten. Was sollte mich denn daran hindern, mich an das Ungewöhnliche zu wagen? Gott ist ja imstande, Hilfe zu geben. Oft geschieht es ja, dass irgendein armer Mann dem Wege eines mächtigen und reichen Herren folgt. Und wenn auch der vornehme Herr schneller zur Herberge gelangt, eine leckere Kost genießen und in einem weichen Bette ruhen kann, kommt doch auch der Arme zur selben Herberge, wenn auch später und kann die Reste der Mahlzeit des vornehmen Herrn genießen – das hätte er nicht bekommen, wenn er seinem Wege nicht gefolgt wäre, und seine Herberge nicht aufgesucht hätte.

So sage ich auch jetzt, dass ich – wenn ich auch nicht wert bin, mit den Heiligen verglichen zu werden – doch den Weg einschlagen will, den sie (die Heiligen) gewählt haben, um zumindesten Teil an ihren Verdiensten zu haben. Es sind nämlich zwei Dinge, die meinen Sinn beunruhigen. Erstens, dass der Hochmut Macht über mich erhält, wenn ich in meinem Vaterland bleibe. Die Liebe zu meinen Verwandten, die um Hilfe bitten, bedrückt meine Sehnsucht. Der Überfluss an Personal und an Kleidern macht mir Mühe. Daher ist es für mich bequemer und ratsamer, vom Sitz des Hochmuts herabzusteigen und meinen Leib mit einer Pilgerfahrt zu demütigen, als in meinem ehrenvollen Stande zu verweilen und Sünde auf Sünde zu häufen.
Außerdem bedrücken mich die Armut und die Hilferufe des Volkes; ich müsste ihm beistehen, aber es belastet mich, weil ich so nah dabei bin. Deshalb ist mir ein guter Rat vonnöten.

Die böse Eingebung und die des Teufels antwortet: Sich auf Pilgerfahrt zu begeben, ist Sache unsteter Menschen. Barmherzigkeit ist doch Gott wohlgefälliger als Opfer. Wenn du aus deinem Vaterland verreist, kommen gewinnsüchtige Leute, die von dir haben sprechen hören, um dich auszuplündern und dich gefangen zunehmen. So sollst du statt Freiheit Gefangenschaft erleiden, statt Ehre Schande, statt gemächlicher Ruhe Unruhe und Trübsal.
Der gute Geist kommt nun mit dieser Eingebung: Ich hörte über einen erzählen, der gefangen genommen wurde, der in einem Turme saß, und der in der Gefangenschaft und Dunkelheit größeren Trost empfand, als er je in seinem Überfluss und seiner zeitlichen Freude verspürt hatte. Wenn es daher Gott gefällt, mir Trübsal zu schicken, so wird mir das zu größerem Verdienst gereichen. Gott ist ja milde, mich zu trösten und bereit, mir beizustehen, vor allem wenn ich mein Land nur um meiner Sünden willen verlasse, und um Gottes Liebe zu gewinnen.

Die böse Eingebung und die des Teufels antwortet erneut: Wenn du unwürdig bist, Trost von Gott zu empfangen, und wenn du ungeduldig warst, als es um Armut und Demut ging, da wirst du die Strenge bereuen, die du dir auferlegt hast, denn du kommst dazu, einen Stock statt eines Ringes in der Hand zu halten, ein simples Tuch auf deinem Kopf statt einer Krone, und einen schäbigen Sack statt eines Purpurgewandes. Der gute Geist antwortet: Ich habe gehört, dass die heiligen Elisabeth, Prinzessin von Ungarn[1], erzogen in Weichlichkeit und vornehm verheiratet, große Armut und Schmach ertrug, aber in der Armut größeren Trost und eine herrlichere Krone von Gott empfing, als wenn sie in aller weltlichen Ehre und Freude verblieben wäre.

Wieder flüstert die böse Eingebung: Was willst du machen, wenn Gott dich den Händen von Männern überlässt, die deinem Körper Gewalt antun? Könntest du das vor Scham ertragen? Müsstest du nicht untröstlich über deinen Starrsinn trauern, und deine ganze Sippe sich schämen müssen? Und da kommst du gewiss dazu, Ungeduld und Angst im Herzen zu empfinden und Gott undankbar zu werden. Du wirst dir geradezu den Tod wünschen. Kannst du da noch wagen, dich zu zeigen, wenn du in aller Munde so verspottet wirst?

Der gute Gedanke antwortet wiederum: Ich habe von den Schriften gehört, dass die heiligen Jungfrau Lucia[2] in ein Bordell überführt wurde, aber sie war standhaft im Glauben, tröstete sich mit Gottes Güte und sagte: Wie oft mein Körper auch vergewaltigt wird, ich bin doch eine Jungfrau, und meine Krone wird verdoppelt werden. Und Gott sah ihren Glauben und bewahrte sie unbeschadet. So sage ich, dass Gott, der niemanden über Vermögen versucht werden lässt, meine Seele, meinen Glauben und meinen Willen bewahren wird. Ich vertraue mich ihm also ganz an. Sein Wille mit mir geschehe!
Da diese Frau solchen Gedanken ausgesetzt war, will ich sie zu drei Dingen ermahnen. Erstens, dass sie sich erinnern soll, zu welcher Ehre sie auserkoren ist. Zweitens, welche Liebe ihr Gott in ihrer Ehe bewiesen hat. Drittens, wie gnädig sie in dieser Sterblichkeit bewahrt wurde. Ferner will ich sie warnend an drei Dinge erinnern. Erstens, dass sie vor Gott Rechenschaft über ihr ganzes zeitliches Eigentum ablegen wird – ja sogar über das kleinste Scherflein, wie sie es ausgegeben hat. Zweitens, dass ihre Zeit sehr kurz ist, und dass sie kein Wort weiß, bevor sie sterben wird. Drittens, dass Gott die Herrscherin nicht mehr als die Dienerin schont.
Deshalb rate ich ihr drei Dinge. Erstens, das zu bereuen, was sie begangen hat, und für ihre gebeichteten Sünden fruchtbringende Besserung zu tun, und Gott von ganzem Herzen zu lieben. Zweitens rate ich ihr, der Pein des Fegefeuers verständig auszuweichen. Denn so wie der, der Gott nicht von ganzem Herzen liebt, eine große Strafe verdient, so verdient der, der seine Sünden nicht bessert, obwohl er das kann, das Fegefeuer. Drittens rate ich ihr, eine Zeitlang weltliche Freunde Gott zuliebe zu verlassen und sich, um der Pein des Fegefeuers zu entgehen, sich an einen Platz begibt, wo es einen Richtweg zwischen dem Himmel und dem Tode gibt, weil es dort Ablässe (d.h. Rettung für die Seelen) gibt, die heiligen Päpste gegeben haben, und die Gottes Heiligen durch ihr Blut bewirkt haben.“

[1]. Geb. Burg Sarospatak (Ungarn) 1207, gest. Marburg 17.11.1231. Schon 1235 wurde sie heilig gesprochen. [2]. Märtyrerin aus Syrakus, gest. 303(?), eine der bedeutendsten Heiligen des Mittelalters. Sie weihte sich nach einer Vision der hl. Agatha, die ihr das Martyrium ankündigte, dem jungfräulichen Leben. Sie verzichtete auf ihren Besitz und ihre Ehe, worauf sie ihr Bräutigam als Christin anzeigte. Nach standhaftem Bekenntnis und vielerlei überstandenen Folterungen wurde sie durch das Schwert getötet.

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5. Kapitel

Der Apostel Petrus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.

Der hl. Petrus spricht zu Christi Braut: „Tochter, du glichst mir einem Pfluge, der breite Furchen zieht und die Wurzeln ausreißt. Das war sicher richtig. Denn ich habe so gegen die Laster geeifert und war so für die Tugenden entbrannt, dass ich, wenn ich die ganze Welt hätte zu Gott bekehren können, keinesfalls mein Leben oder meine Kräfte gespart hätte. Gott war mir so lieb, an ihn zu denken, von ihm zu sprechen, für ihn zu arbeiten, dass es mir bitter war, an alles andere zu denken, als an Gott.
Doch war auch Gott für mich bitter, aber nicht seinetwegen, sondern meinetwegen. Denn so oft ich daran dachte, wie sehr ich gesündigt habe und wie ich ihn verleugnet habe, habe ich bitterlich geweint, denn ich hatte nun gelernt, vollkommen zu lieben, und meine Tränen waren mir ebenso angenehm, wie gutes Essen. Aber wenn du mich bittest, dich an etwas zu erinnern, antworte ich dir: Hast du nicht gehört, wie vergesslich ich war? Ich war ja vollkommen über Gottes Weg unterrichtet, und mit einem Eid habe ich mich verpflichtet, Gott treu zu sein und mit ihm zu sterben, aber auf die Frage einer Frau hin verleugnete ich die Wahrheit, und warum? Weil Gott mich mir selber überlassen hat, und ich mich selbst nicht kannte.
Aber was habe ich dann gemacht? Ich dachte über mich selber nach und überlegte, dass ich nichts von mir selbst aus war, und ich stand auf und eilte auf die Wahrheit zu – zu Gott, der mir die Erinnerung an seinen Namen so tief ins Herz drückte, dass ich ihn weder vor den Tyrannen oder unter der Geißelung oder im Tode vergessen konnte. So sollst auch du es machen. Steh in Demut auf und geh zum Meister der Erinnerung und begehre eine Erinnerung von ihm. Er ist nämlich der einzige, der alles kann. Ich will dir aber helfen, dass du Teil hast an dem Korn, das ich auf Erden ausgesät habe.

Weiter sage ich dir, dass diese Stadt Rom eine Stadt der Kämpfer war, und ihre Straßen mit Gold und Silber belegt waren. Nun sind die Saphirsteine in Schmutz verwandelt, die Einwohner der Stadt sind sehr wenige, ihr rechtes Auge ist ausgeschlagen, und ihre rechte Hand ist abgehauen; Kröte und Schlangen wohnen bei ihnen, und wegen ihrer (geringen) Gaben würden die sanftmütigen Tiere nicht wagen, sich zu zeigen, oder meine Fische würden nicht ihren Kopf erheben. Daher sollen noch Fische in dieser Stadt gesammelt werden, und wenn es auch nicht mehr so viele werden wie früher, werden sie doch ebenso lieblich und tapfer sein, so dass bei ihrem Spiel die Kröten und Frösche heruntersteigen, die Schlangen zu Lämmern verwandelt werden, und die Löwen wie Tauben an ihren Fenstern werden.“
Weiter fügt er hinzu: „Ich sage dir weiter, dass man noch in deinen Tagen den Ruf hören wird: „Es lebe Petri Stellvertreter!“, und du ihn mit eigenen Augen sehen wirst, denn ich werde den Berg der Wollust untergraben, und die darauf sitzen wollen, werden gegen die Hoffnung von allen gezwungen kommen, denn Gott will mit Barmherzigkeit und Wahrheit erhöht werden.“

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6. Kapitel

Der Apostel Paulus erzählt Birgitta von seiner Bekehrung und beklagt den kirchlichen Verfall in Rom.

Der heiligen Paulus spricht zu Christi Braut und sagt: „Tochter, du hast mich mit einem Löwen verglichen, der unter Wölfen aufgezogen wurde, aber den Wölfen auf wunderbare Weise genommen wurde. Ja Tochter, ich war wahrhaftig ein räuberischer Wolf, aber aus einem Wolf machte Gott mich zu einem Lamm, und das aus zwei Gründen. Erstens durch seine große Liebe, indem er seine Gefäße aus den Unwürdigen und aus den Sündern seine Freunde macht. Zweitens wegen der Gebete des allerseligsten Stephanus, des ersten Märtyrers.
Ich will dir nämlich zeigen, wie ich war und welche Absicht ich hatte, als Stephanus gesteinigt wurde, und warum ich seine Gebete verdiente. Ich habe mich gewiss über die Pein des hl. Stephanus nicht gefreut und sie genossen, und ich beneidete ihn nicht um seine Ehre, aber ich war doch darauf aus, dass er sterben sollte, weil ich sah, soweit ich es beurteilen konnte, dass er nicht den rechten Glauben hatte. Als ich seinen übermäßig großen Eifer und seine Geduld sah, das Leiden zu ertragen, war ich sehr betrübt darüber, dass er ungläubig war, wo er doch tatsächlich höchst gläubig war, und ich ganz und gar blind und ungläubig, und ich hatte Mitleid mit ihm und betete von ganzem Herzen darum, dass seine bittere Pein ihm zur Ehre und Belohnung dienen möge.

Deshalb war ich unter den ersten, die Nutzen von seinem Gebet hatten, denn durchsein Gebet wurde ich von den vielen Wölfen entrückt und wurde zu einem sanften Lamm. Daher ist es gut, für alle zu beten, denn das Gebet des Gerechten nützt denen, die am nächsten stehen und am besten geeignet sind, die Gnade zu empfangen. Aber nun klage ich darüber, dass dieser Mann, der unter den Gelehrten so beredt und so geduldig unter denen war, die ihn steinigten, von vielen Herzen ganz vergessen ist – und am meisten von denen, die ihm Tag und Nacht dienen sollten[1]. Sie bieten ihm ihre zerbrochenen, leeren, schmutzigen und ekelhaften Gefäße an. Deshalb werden sie, wie geschrieben steht, mit doppelter Scham und Schande bekleidet und aus dem Haus der Freude ausgestoßen werden.“

[1]. D.h. den Priestern.

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7. Kapitel

Birgitta bezeichnet das Jahr 1366 als Gericht über die Seele des italienischen Adligen Nicolaus Acciajaoli. Dieser Mann, der zu Lebzeiten zum Hof der Königin Johanna gehörte und u.a. dadurch gesündigt hatte, dass er die Heirat der Königin mit ihrem Neffen Ludwig von Tarent beförderte, wird nun zum Fegefeuer verurteilt.

Ein Mensch, der im Gebet wachte und nicht schlief, dachte, er sähe in einer geistlichen Vision einen Palast von unermesslicher Größe. Da gab es unzählige Geschöpfe, in weiße, glänzende Kleider gekleidet, und ein jedes von ihnen hatte seinen eigenen Sitz. Ganz vorn im Palast stand ein Richterstuhl, und es sah aus, als würde dort eine Sonne sitzen. Der Glanz der von der Sonne ausstrahlte, war unermesslich lang, tief und breit. Eine Jungfrau, die eine kostbare Krone auf dem Kopf hatte, stand neben dem thron. Und alle dienten der Sonne, die auf dem Richterstuhl saß, und huldigten ihr mit Hymnen und Lobgesängen.

Dann sah er einen Neger, schrecklich an Aussehen und Gebärden. Er schien voller Neid zu sein und war von großem Zorn erfüllt, und er rief: „Du gerechter Richter, verurteile meine Seele und höre ihre Taten! Es bleibt nämlich nur noch wenig von ihrem Leben übrig. Erlaube mir auch, den Körper mit der Seele zu strafen, bis sie voneinander getrennt werden!“
Danach konnte ich sehen, dass einer vor dem Richterstuhl stand, der wie ein bewaffneter Ritter aussah. Er war ehrbar und weise in seiner Rede und besonnen und mild in seinen Gebärden. Er sagte: „O Richter, sieh hier die guten Werke, die er bis zu dieser Stunde getan hat!“ Gleich hörte man eine Stimme von der Sonne auf dem Richterstuhl: „Hier ist die Last größer als die Tugend. Es ist nicht gerecht, dass die Last mit der höchsten Tugend vereinigt wird.“
Der Neger antwortete: „Es ist gerecht, dass diese Seele mein wird. Denn wenn sie etwas Lasterhaftes in sich hätte, so gibt es bei mir alles Schlechte.“ Der Richter entgegnete: „Gottes Barmherzigkeit folgt jedem Menschen bis zum Tode, ja bis zum letzten Augenblick, und dann steht das Gericht bevor. Aber bei dem Mann, von dem wir jetzt sprechen, sind Seele und Körper noch vereint, und er hat die Auffassungsgabe noch.“

Der Neger fiel ein: „Die Schrift, die nicht lügen kann, sagt: „Du sollst deinen Gott über alles lieben, und deinen nächsten wie dich selbst.“ Aber dieser Mann tat alle seine Werke aus Furcht und nicht aus Liebe, wie er sollte. Du wirst auch feststellen, dass er wenig Reue über die Sünden hatte, die er gebeichtet hat. Das Himmelreich hat er nicht verdient; folglich hat er die Hölle verdient. Seine Sünden sind hier vor der göttlichen Gerechtigkeit offenbart, weil er noch nie eine von Gottesliebe eingegebene Reue über die Sünden gespürt hat, die er begangen hat.“
Der Ritter wandte ein: „Ja, ich habe gehofft und geglaubt, dass er vor seinem Tode noch wahre Reue spüren würde.“ Der Neger antwortete ihm: „Du hast all die guten Taten gesammelt, die er getan hat, und du kennst all die Worte und Gedanken, die zur Rettung seiner Seele dienen können. All dies, wie es auch sein mag, ist nicht mit der Gnadengabe zu vergleichen, die aus einer Reue besteht, die aus Gottesliebe eingegeben und mit Glauben und Hoffnung verbunden ist; noch weniger kann es alle seine Sünden auslöschen.

Denn Gott ist von Ewigkeit her so gerecht, dass kein Sünder, der keine vollkommene Reue empfunden hat, ins Himmelreich eintreten darf. Es ist unmöglich, dass Gott gerade gegen die Ordnung richtet, die seit ewigen Zeiten in seinem Vorherwissen beschlossen ist. Also muss diese Seele zur Hölle verurteilt und mit mir vereinigt werden, um ewig gepeinigt zu werden.“ Bei diesen Worten schwieg der Ritter und erwiderte nichts.
Dann erschienen unzählige Teufel, wie Funken, die aus einem brennenden Ofen aufflogen; sie riefen mit einer Stimme und sagten zu dem, der wie die Sonne auf dem Richterstuhl saß: „Wir wissen, dass du ein Gott in drei Personen bist, dass du von Anfang an da warst und ohne Ende sein wirst, und dass es keinen anderen Gott gibt, als dich. Du bist wahrhaftig die Liebe selbst, mit der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vereint sind. Du ruhtest von Anfang an in dir selbst, ganz unvermindert und unveränderlich, wie es Gott gebührt. Ohne dich ist nichts, und es gibt nichts, das außer dir eine Freude hat.

Deine Liebe hat auch die Engel aus nichts anderem, als durch die Macht deiner Gottheit geschaffen, und du hast so gehandelt, wie die Barmherzigkeit es vorschrieb. Aber da wir in unserem Inneren von Hochmut, neid und Gier beseelt sind, hat uns deine Liebe, die Gerechtigkeit liebte, mit dem Feuer unserer Bosheit aus dem Himmel hinunter in eine dunkel unermessliche Tiefe verstoßen, die jetzt Hölle genannt wird. So hat deine Liebe damals gehandelt, und die soll auch jetzt nicht von deinem gerechten Gericht getrennt sein, ob das nach der Barmherzigkeit oder nach Gerechtigkeit geschieht.

Wir sagen noch mehr: Wenn das, was du mehr als alles geliebt hast, nämlich die Jungfrau, die dich geboren hat und die nie gesündigt hat, wenn sie eine Todsünde begangen hätte und ohne göttliche Reue gestorben wäre – so wäre ihre Seele nie in den Himmel gekommen, sondern wäre bei uns in der Hölle geblieben; so liebst du die Gerechtigkeit. Deshalb, o Richter, warum sprichst du uns nicht diese Seele zu, so dass wir sie nach ihren Taten strafen dürfen?“
Da ertönte ein Laut wie von einer Posaune, und die es hörten, verstummten. Eine Stimme sprach: „Schweigt still, ihr Engel, Seelen und Dämonen alle, und hört zu, was Gottes Mutter sagt!“ Gleich zeigte sich die Jungfrau vor dem Richterstuhl, und unter ihrem Mantel schien sie ein paar große Gegenstände zu verbergen. Sie sagte: „Ihr Feinde, ihr verfolgt die Barmherzigkeit, und mit keiner Liebe liebt ihr die Gerechtigkeit. Wenn auch diese Seele einen Mangel an guten Taten aufweist, was bewirkt, dass sie nicht in den Himmel kommen sollte, so schaut aber, was ich unter meinem Mantel habe!“

Als die Jungfrau beide Mantelschöße aufhob, erschien unter dem einen etwas wie eine kleine Kirche, in der sich einige Mönche befanden, und unter dem anderen Frauen und Männer, Ordensleute und andere. Und sie riefen alle mit lauter Stimme und sagten: „Erbarme dich, gnadenreicher Gott!“
Dann wurde es still, und die Jungfrau redete und sagte: „Die Schrift sagt: „Wer einen vollkommenen Glauben hat, kann damit Berge auf der Welt versetzen.“ Was können und müssen dann nicht die Stimme derer tun, die Glauben hatten und Gott mit brennender Liebe gedient haben? Was sollten nicht auch die Freunde Gottes tun, die er gebeten hat, Fürbitte für ihn zu leisten, so dass er der Hölle entgehen und in den Himmel kommen kann, und der keinen anderen Lohn für seine guten Taten begehrte, als das Himmelreich? Sollen nicht alle ihre Tränen und Gebete ihn ergreifen und erheben, so dass er noch vor seinem Tode eine gottgegebene Reue und zugleich Lieb empfindet? Ich werde auch meine eigenen Gebete und die Bitten all der Heiligen hinzufügen, die es im Himmel gibt, und denen er besondere Ehre erwiesen hat.

Die Jungfrau fügte hinzu: „Dämonen, ich befehle euch mit der Macht des Richters, darauf Acht zu geben, was ihr jetzt an Gerechtigkeit seht!“ Da antworteten sie alle wie aus einem Munde: „Wir sehen, dass auf Erden Gottes Zorn durch ein wenig Wasser und großes Wetter besänftigt wird[1]. So bewegt auch dein Gebet Gott zu Barmherzigkeit und Liebe.“ Dann hörte man von der Sonne eine Stimme, die sagte: „Auf die Gebete meiner Freunde hin soll dieser Mann noch vor seinem Tode göttliche Reue empfinden[2]. Er soll also nicht in der Hölle landen, sondern zusammen mit denen gereinigt werden, die im Fegefeuer schwere Strafe leiden. Und wenn die Seele gereinigt ist, soll sie zusammen mit denen gereinigt werden, die auf Erden Hoffnung und Glauben hatten, aber nur geringe Liebe.“ Da machten sich die Dämonen aus dem Staube.
Danach dachte die Braut, sie würde sehen, dass sich eine dunkle und schreckliche Stelle öffnen würde, wo da ein Ofen zu sehen war, der innen brannte. Das Feuer hatte nichts anderes zu tun, als noch Teufel und lebende Seelen zu verbrennen. Über diesem Ofen zeigte sich die Seele, deren Urteil schon ergangen war. Die Seele war am Ofen befestigt, und die Seele stand aufrecht wie ein Mensch. Sie stand nicht auf dem höchsten Platz und auch nicht auf dem niedrigsten, sondern gleichsam neben dem Ofen.
Ihre Gestalt war schrecklich und seltsam. Das Feuer im Ofen schien sich durch die Füße der Seele hindurch zu winden, so wie Wasser durch eine Röhre aufsteigt; es drückte sich fest zusammen und schob über ihren Kopf in die Höhe, so dass die Schweißtropfen Adern glichen, die vom brennenden Feuer aufgeschwollen waren. Die Ohren sahen aus wie Blasebälge eines Schmiedes und setzten das Hirn mit ihrem ununterbrochenen Blasen in Bewegung. Die Augen zeigten sich zurückgewandt und eingesunken, nach innen zu am Nacken befestigt.

Der Mund war weit offen, und die Zunge, die durch die Nasenlöcher ausgestreckt war, hingen auf die Lippen herunter. Die Zähne waren wie Eisennägel durch den Gaumen befestigt. Die Arme waren so lang, dass sie bis auf die Füße hinunterhingen, und die beiden Hände schien etwas Fettes mit siedendem Teer zusammenzupressen. Die Haut, die die Seele bedeckte, schien wie ein Tierfell über einem Körper zu hängen, und sie war wie ein mit Samenflüssigkeit übergossenes Leinenkleid. Dieses Kleid war so kalt, dass jeder, der es sah, schaudern musste. Eiter drang daraus hervor, wie aus einer Wunde mit geronnenem Blut, und der Gestank, der dabei auftrat, war so widerlich, dass nicht einmal der schlimmste Gestank auf der Welt damit zu vergleichen war.
Nachdem sie diese Plage gesehen hatte, hörte die Braut eine Stimme von der Seele. Die schrie fünfmal „Wehe!“ und weinte und rief mit aller Kraft: „Weh mir für das erste,“ sagte sie, „dass ich Gott für alle seine großen Tugenden und die Gnade, die er mir erwiesen hat, so wenig geliebt habe! Weh mir für das zweite, dass ich die Gerechtigkeit nicht so gefürchtet habe, wie ich hätte sollen! Weh mir für das dritte, dass ich die Lust des Leibes und meines sündhaften Fleisches geliebt habe! Weh mir für das vierte, wegen der Reichtümer der Welt und meines Hochmuts! Weh mir für das fünfte, dass ich jemals Ludwig und Johanna gesehen habe!

Dann sagte der Engel zu mir: „Ich will dir diese Vision erklären. Der Palast, den du gesehen hast, ist ein Bild des Himmels. Die vielen Geschöpfe, die auf Thronen und in weiße, glänzende Kleider gekleidet waren, sind die Seelen von Engel und Heiligen. Die Sonne bezeichnet Christus in seiner Göttlichkeit, die Frau die Jungfrau, die Gott geboren hat, der Neger den Teufel, der die Seele anklagt, der Ritter den Engel, der die Taten der Seele erzählte, und der Ofen die Hölle, dessen Inneres so heiß brennt, dass – wenn die ganze Welt mit allem, was darinnen ist, brennen würde – so könnte das doch nicht mit der Hitze in diesem Ofen verglichen werden.
In dem Ofen hört man verschiedene Stimmen, die alle gegen Gott anderen, und die alle ihre Reden mit „Weh!“ beginnen und enden. Die Seelen zeigen sich als Menschen, deren Glieder erbarmungslos ausgestreckt werden, und die niemals eine Stunde Ruhe erhalten. Wisse auch, dass das Feuer, das du im Ofen gesehen hast, in ewigem Dunkel brennt, und dass nicht alle Seelen, die dort brennen, dieselbe Art von Plagen haben. Das Dunkel um den Ofen herum heißt Limbus und geht aus dem Dunkel hervor, das im Ofen herrscht; sie beide bilden aber ein Gebiet und eine Hölle, und wer dahin kommt, kann niemals bei Gott wohnen.

Oberhalb dieses Dunkels herrscht die schwerste Pein des Fegefeuers, das Seelen ertragen können. Außerhalb des Platzes gibt es einen anderen Platz, wo eine geringere Pein herrscht, die nichts anderes ist, als eine Verminderung der Kräfte an Stärke und Schönheit und dergleichen. Das ist, um in einem Gleichnis zu sprechen, als ob jemand krank gewesen wäre, und die Krankheit oder Plage aufgehört hätte, aber er hatte noch keine Kräfte, sondern musste diese so allmählich wiedergewinnen.

Es gibt noch einen dritten, höheren Platz, wo keine andere Plage herrscht als die Sehnsucht, zu Gott zu gelangen. Damit du dies besser in deinem Sinn verstehst, komme ich mit einem Gleichnis. Stell dir vor, dass Kupfer mit Gold vermischt wird und nun zusammen mit dem Gold im heißesten Feuer brennt, wo das Metall so lange gereinigt wird, bis das Kupfer verzehrt ist und das Gold in reiner Form übrig bleibt. Je stärker und dicker das Kupfer ist, ein umso heißeres Feuer braucht man, damit das Gold klar wie Wasser wird und immer glühen bleibt.

Dann bringt der Meister das Gold an einen anderen Platz, wo es wirklich Gestalt annehmen soll, um gesehen und berührt zu werden. Danach schickt er es zu einer dritten Stelle, wo es verwahrt werden soll, um dem Eigentümer übergeben zu werden. So ist es auch im geistlichen Bereich. An der ersten Stelle, oberhalb des Dunkels, herrscht die schwerste Plage des Fegefeuers. Das war dort, wo du sahst, dass die genannte Seele gereinigt wird. Die Seelen werden dort der Berührung durch die Teufel und – um im Gleichnis zu sprechen – durch giftige Reptilien und wilde Raubtiere ausgesetzt. Da herrscht Hitze und Kälte, da ist Dunkel und Qual, und dies alles rührt von der Pein in der Hölle her. Manche Seelen leiden größere, andere kleinere Strafen, je nachdem, ob die Sünden wiedergutgemacht sind oder nicht, als die Seelen noch im Körper wohnten.
Dann führt der Meister – ich meine den gerechten Gott – das Gold – ich meine die Seelen – an andere Stellen, wo sie nur aus Mangel an Kräften geplagt werden, und dort müssen sie bleiben, wo sie Hilfe bekommen, entweder von ihren besondern Freunden, oder von den unaufhörlichen Werken der heiligen Kirche. Je größere Hilfe die Seele von ihren Freunden erhält, desto schneller erholt sie sich und wird von diesem Platz befreit.

Danach wird die Seele an einen dritten Platz geführt, wo die einzige Plage aus der Sehnsucht besteht, in die Gegenwart und seine beseligende Betrachtung zu gelangen. Hier bleiben viele und sehr lange, mit Ausnahme derer, die – als sie noch auf Erden lebten - die vollkommene Sehnsucht hatten, in Gottes Nähe zu gelangen, und ihn zu schauen.
Wisse auch, dass viele auf der Welt so gerecht und unschuldig sterben, dass sie gleich in Gottes Nähe und seinen Anblick kommen. Und manche haben ihre Sünden mit so vielen guten Taten gutgemacht, dass ihre Seelen keine Plage erfahren werden. Es sind jedoch nur wenige, die nicht an den Platz gelangen, wo man sich danach sehnt, zu Gott zu kommen. Und alle die Seelen, die an diesen drei Plätzen wohnen, haben an den Gebeten und guten Werken der hl. Kirche teil, die sie selbst zu Lebzeiten getan haben, und von denen, die ihre Freunde nach ihrem Tode tun. Wisse auch, dass – wie die Sünden mannigfach und wechselnd sind, so sind auch die Strafen mannigfach und verschiedenartig. Wie sich der Hungrig über das Essen freut, das an seinen Mund kommt, ein Durstiger über den Trank und ein Trauriger über die Freude, die er erleben darf, ein Nackter über Kleidungsstücke und ein Kranker, ins Bett zu kommen, so freuen sich auch die Seelen und erhalten Teil an dem Guten, das ihretwegen auf der Welt getan wird.“

Der Engel fügt hinzu: „Gesegnet sei der, der auf Erden den Seelen mit Gebeten, guten Werken und mit körperlicher Arbeit beisteht, denn Gottes Gerechtigkeit kann nicht lügen, die sagt, dass die Seelen nach dem Tode entweder mit der Qual des Fegefeuers gereinigt werden sollen, oder durch die guten Werke von Freunden erlöst werden.“
Dann hörte man viele Stimmen aus dem Fegefeuer sagen: „O Herr Jesus Christus, gerechter Richter, sende deine Liebe zu denen, die auf Erden geistliche Macht haben, dann können wir noch mehr als jetzt an ihrem Gesang, ihrer Lesung und ihren Opfern teilhaben!“ Über dem Raum, von wo aus dieser Ruf gehört wurde, wurde etwas wie ein Haus sichtbar, und daraus hörte man viele Stimmen, die sagten: „Möge Gott die belohnen, die uns in unserer Ohnmacht Hilfe senden!“

Aus dem Hause selbst sah man gleichsam eine Morgenröte aufsteigen, aber unter der Morgenröte zeigte sich ein Himmel, der nicht von dem Glanz der Morgenröte hatte, und vom Himmel hörte man eine laute Stimme, die sagte: „O Herr Gott, gib aus deiner unendlichen Macht denen auf der Welt hundertfachen Lohn, die uns mit ihren guten Werken zum Lichte deiner Gottheit und zum Schauen deines Angesichts erheben!“

[1]. Wie Steffen anmerkt, ist dies sarkastisch und bedeutet „Tränen“ und „leeres Geschwätz“.
[2]. Birgitta vertritt hier wie auch an anderer Stelle die Auffassung, dass Reue und Gottesliebe etwas sind, was von Gott eingegeben ist und nicht vom Menschen selbst herrührt – in bester Übereinstimmung mit katholischer Dogmatik und Moraltheologie.

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8. Kapitel

Der Schutzengel von Nicolaus Acciajaoli beschreibt seine Plagen im Fegefeuer.

Weiter spricht der Engel und sagt: „Die Seele, deren Lage du gesehen und deren Gericht du gehört hast, ist in der schwersten Pein im Fegefeuer. Die Pein besteht darin, dass sie nicht weiß, ob sie nach dem Ende des Fegefeuers die himmlische Ruhe erlangen wird, oder ob sie verdammt ist. Und das ist Gottes Gerechtigkeit, denn sie besaß große Klugheit und Unterscheidungsvermögen, aber sie verwandte sie zu weltlichem Gewinn und zum Nutzen des Leibes, nicht zum Nutzen und zum geistlichen Gewinn der Seele.
Er vergaß nämlich, an Gott zu denken, so lange er lebte, und deshalb leidet seine Seele jetzt die Hitze des Feuers und zittert vor Kälte. Er ist durch das Dunkel blind und schaudert dich vor dem schrecklichen Anblick der Teufel; er ist vom Schreien des Teufels taub, hungert und durstet innerlich und ist äußerlich mit Scham umhüllt.
Doch vergönnte Gott ihm nach dem Tode eine Gnade, nämlich dass er von den Teufeln nicht angefasst werden sollte, denn nur zu Gottes Ehre verzieh er die schweren Verbrechen, die seine schlimmsten Feinde gegen ihn begangen haben; er unterließ es, sich zu rächen und versöhnte sich mit seinem schlimmsten Feinde.

Wisse auch, dass das Gute, das er getan und was er versprochen hat, die Almosen die er aus seinen recht mäßig erworbenen Gütern gegeben hat – und vor allem die Gebete der Gottesfreunde, die mindern seine Pein und schenken ihm Kühlung, so wie es in Gottes Gerechtigkeit bestimmt ist. Andere Almosen, die er aus weniger gut erworbenen Gütern gegeben hat, kommen in geistlicher Weise denen zugute, die sie vorher recht mäßig besessen haben…“

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9. Kapitel

Ein Heiliger deutet an, welche Möglichkeiten die Lebenden haben, die Plagen Nicolaus Acciajaoli’s im Fegefeuer durch Almosen und fromme Werke zu verkürzen.

Weiter sagte der Engel: „Du hast vorhin gehört, dass dieser Mann kurz vor seinem Tode durch Gebete der Freunde Gottes eine gottesfürchtige und von Liebe eingegebene Reue über seine Sünden empfand, und die Reue hat ihn vor der Hölle gerettet. Daher urteilt Gottes Gerechtigkeit nach dem Tode, dass er in den sechs Lebensaltern im Fegefeuer brennen sollte, die er von der Stunde an hatte, da er zum ersten Mal eine bewusste Todsünde beging, und bis er fruchtbare Reue aus Liebe zu Gott empfand, soweit er keine Hilfe von den Lebenden und von Gottes Freunden erhielt.
Das erste Alter war, dass er Gott nicht wegen des Todes seines edlen Leibes und wegen der mannigfachen Leiden liebte, die Christus selbst für nichts anderes ausgestanden hat, als für die Erlösung der Seelen. Das zweite Alter war, dass er seine eigene Seele nicht liebte, wie ein Christ das tun sollte, und Gott nicht dafür dankte, dass er getauft wurde, und kein Jude oder Heide war. Das dritte Alter war, dass er sehr genau wusste, was Gott ihm zu tun befohlen hatte, dass er aber nur wenig gewillt war, das zu verwirklichen.

Das vierte Alter war, dass er seht wohl wusste, was Gott denen verboten hat, die in den Himmel kommen wollen, aber doch frech dagegen handelte, indem er nicht den Warnungen des Gewissens folgte, sondern dem Begehren und Willen seines Leibes. Das fünfte Alter war, dass er nicht die Gnade nutzte und zu beichten pflegte, was er hätte tun sollen, wo er so lange Zeit hatte. Das sechste Alter war, dass er sich nur wenig um Gottes Leib[1] kümmerte und ihn nicht fleißig empfangen wollte, nachdem er sich der Sünde nicht enthalten wollte, und keine Lust hatte, Christi Leib vor Ende seines Lebens liebevoll anzunehmen.“
Dann zeigte sich ein Mann, der sehr ritterlich anzusehen war. Seine Kleider waren weiß und glänzend, wie die Alba des Priesters, und er war mit einem Leinengürtel umgürtet und hatte eine rote Stola um den Hals und unter den Armen. Er begann seine Worte folgendermaßen: „Du, der du dies siehst, gib Acht und behalte im Gedächtnis, was du siehst, und was dir gesagt wird. Ihr, die ihr auf Erden lebt, könnt Gottes Macht und Anordnungen vor Beginn der Zeit nicht in derselben Weise verstehen wie wir, die bei ihm sind. Denn das, was bei Gott in einem Augenblick geschieht, das kann von euch nur mit Worten und Gleichnissen auf irdische Weise verstanden werden.

Ich bin einer von denen, der diesen zum Fegefeuer verurteilten Mann mit seinen Gaben ehrte, als er noch lebte. Daher vergönnte mir Gott in seiner Gnade, dass – wenn jemand tun will, wozu ich rate, seine Seele auf einen höheren Platz überführt werden kann, wo sie ihre richtige Gestalt erhalten würde und keine andere Qual als die empfinden würde, als wie der sie leidet, der eine schwere Krankheit hatte, und nun ohne Kräfte daliegt, nachdem alle Beschwerden verschwunden sind, der sich aber doch freut, nachdem er sicher weiß, dass er überleben darf.
Du hast ja gehört, dass seine Seele einen fünffachen Weheruf ausstieß. Nun will ich ihm stattdessen fünf trostreiche Dinge sagen. Der erste Weheruf war, dass er Gott so wenig geliebt hat. Damit er von diesem Weh befreit wird, soll man für seine Seele dreißig Kelche geben, in denen Gottes Blut geopfert wird, und womit Gott selbst hochgeehrt wird.

Der zweite Wehruf war, dass er Gott nicht fürchtete. Um diese Sünde auszulöschen, sollen dreißig Priester, nach menschlichem Ermessen gottesfürchtig, ausgewählt werden, und jeder von ihnen soll dreißig Messen lesen, wenn er kann. Neun zu Ehren der Märtyrer, neun für die Bekenner, neun für alle Heiligen, eine für die Engel, eine für die hl. Maria und eine für die heiligen Dreifaltigkeit. Und sie sollen eifrig für seine Seele beten, so dass Gottes Zorn gemildert wird, und seine Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit gewandelt wird.

Dir dritte Wehruf galt seinem Hochmut und seiner Gewinnsucht. Um diese Widergutzumachen, soll man dreißig arme Menschen aufnehmen, ihnen demütig ihre Füße waschen und ihnen Essen, Geld und Kleider geben, woran sie sich erfreuen können. Und die, die sie waschen, und die gewaschen werden, sollen Gott demütig bitten, dass dieser wegen seiner eigenen Demut und seiner bitteren Pein (am Kreuz) dieser Seele ihre Gewinnsucht und den Hochmut verzeihen möge, der sie sich schuldig gemacht hat.
Der vierte Wehruf galt der Wollust seines Leibes. Wenn dafür jemand eine Jungfrau und ebenso eine Witwe in ein Kloster gibt und einer Jungfrau zu einer guten Ehe verhilft und ihnen gleichzeitig so viele Güter schenkt, dass sie ausreichend zu essen und genügend Kleider hätten, dann würde Gott die Sünde verzeihen, die diese Seele zu Lebzeiten begangen hat. Denn dies sind die drei Lebensstände, die Gott erwählt und befohlen hat, dass sie auf der Welt eingehalten werden.

Der fünfte Wehruf war, dass er viele Sünden zum Schaden anderer begangen hat: Er arbeitete ja mit aller Kraft darauf hin, dass die beiden eben genannten Personen, die nicht weniger nahe verwandt waren, als wenn beide aus aller nächster Verwandtschaft waren, zur Ehe zusammen kommen sollten. Und diese Verbindung betrieb er mehr aus eigenem Interesse, als für das Reich, und ohne den Papst um Erlaubnis zu fragen, und gegen die lobenswerte Verordnung der hl. Kirche.
Viele sind deshalb Märtyrer geworden, dass sie nicht duldeten, dass so etwas gegen Gott und die Sitten der hl. Kirche und christliche Sitten begangen wurde. Wer diese Sünde ausmerzen will, soll zum Papst gehen und sagen: „Ein Mann (den Namen braucht er nicht zu nennen) hat diese Sünde begangen; er hat sie sicher in letzter Zeit bereut und hat Ablass erhalten, hatte aber nicht mehr Zeit, die Sünde wieder gutzumachen. Legt mir dafür auf, welche Buße ihr wollt und die ich leisten kann, denn ich bin bereit, an seiner Stelle diese Sünde gutzumachen.“ Wahrhaftig, auch wenn ihm keine größere Buße als ein Vaterunser auferlegt würde, so würde das doch dieser Seele zu einer Abkürzung der Pein des Fegefeuers helfen.“

[1]. D.i. die Hostie.

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10. Kapitel

Christus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.

Gottes Sohn spricht die Worte und sagt: „O Rom, für meine vielen Wohltaten gibst du mir eine schlechte Vergeltung. Ich bin Gott, der alles geschaffen hat, und der meine unendlich Liebe durch den schweren, grausamen Tod meines Leibes offenbart hat, den ich freiwillig zur Erlösung der Seelen erlitten habe. Es gibt drei Wege, und auf denen wollte ich zu dir gehen, aber du wolltest mich wahrhaftig auf ihnen allen verraten.

Auf dem ersten Weg hängest du einen großen Stein über mein Haupt, damit er mich vernichten sollte. Auf den zweiten Weg setztest du einen scharfen Speer, der mich daran hindern sollte, zu dir hin zu kommen. Auf dem dritten Weg grubst du eine Grube, damit ich unvorsichtig darin hineinfallen sollte und so erstickt würde.
Aber das, was ich jetzt sage, darf nicht wörtlich, sondern geistlich verstanden werden. Ich spreche ja zu den Einwohnern Roms, die so etwas machen, aber nicht zu meinen Freunden, die nicht ihren Taten folgen. Der erste Weg, auf dem ich zum Herzen des Menschen komme, ist die wahre Gottesfurcht, und darüber hängte der Mensch einen gewaltigen Stein, nämlich die große Vermessenheit des harten Herzens, in der er nicht den Richter fürchtet, dem niemand widerstehen kann, sondern er denkt in seinem Herzen: „Wenn die Gottesfurcht zu mir kommt, wird die Vermessenheit meines Herzens sie vernichten.“

Der zweite Weg, auf dem ich komme, ist die Eingebung des göttlichen Rates, die auch oft durch Predigt und Lehre kommt. Auf diesem Wege setzt der Mensch einen Speer gegen mich, wenn er sein Vergnügen daran findet, gegen meine Gebote zu sündigen und sich fest vornimmt, in seinen Sünden zu verharren, bis er nicht länger in der Lage ist, sie zu betreiben. Das ist tatsächlich der Speer, der Gottes Gnade daran hindert, zu ihm zu kommen.
Der dritte Weg ist die Erleuchtung jedes Menschenherzens durch den Heiligen Geist. Dadurch kann der Mensch verstehen und erwägen, wie viel ich für ihn getan habe, und welch schwere Leiden ich um seinetwillen auf mich genommen habe. Auf diesem Wege gräbt er mir eine tiefe Grube, indem er in seinem Herzen sagt: „Das gefällt mir, das ist mir lieber, als seine Liebe. Für mich reicht es nämlich, an die Dinge zu denken, an denen ich in diesem Leben Freude habe.“ Und so erstickt der Mensch die göttliche Liebe mit meinen Taten, wie in einer tiefen Grube.

Die Bewohner Roms tun mir in Wahrheit all dies an und zeigen das fürwahr mit Wort und Tat. Sie halten meine Worte und Taten für nichts und schmähen mich, meine Mutter und meine Heiligen, sowohl im Scherz als auch im Ernst, in Freude wie im Zorn, und bereiten uns Schimpf an Stelle von Danksagung. Sie leben gewiss nicht nach der Sitte der Christen, wie es die heilige Kirche lehrt, denn sie haben keine größere Liebe zu mir als die Teufel, die lieber ihr Elend und ihre Bosheit in Ewigkeit ertragen wollen, als mich zu schauen und bei mir in ewiger Ehre zu wohnen.
So sind vor allem die, die meinen Leib nicht annehmen wollen, der auf dem Altar in Brot verwandelt wird, wie ich es selbst bestimmt hatte. Ihn anzunehmen, hilft am allermeisten gegen die Versuchung des Teufels.

O wie unglücklich sind doch die, die – solange sie gesund sind – eine solche Hilfe verschmähen und verabscheuen, als wäre sie etwas Schlimmeres als Gift, nachdem sie sich nicht von ihren Sünden trennen wollen! Nun komme ich deshalb auf einem für sie unbekannten Wege mit der Macht meiner Göttlichkeit, um Rache an denen zu nehmen, die meine Menschlichkeit verachten.
Und so wie sie auf ihren Wegen drei Hindernisse für mich bereitet haben, so dass ich nicht zu ihnen kommen kann, so werde ich ihnen drei andere Dinge bereiten, deren Bitterkeit Lebende und Tote vernehmen und schmecken sollen. Mein Stein ist ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod, der sie so vernichten wird, dass alles, an dem sie Vergnügen hatten, hier unten verbleiben soll, und die Seele allein gezwungen wird, zu meinem Richterstuhl zu kommen.

Mein Speer ist meine Gerechtigkeit, die sie so weit fort von mir jagen wird, dass sie niemals meine Schönheit sehen, die sie erschaffen hat. Meine Grube ist die Finsternis der Hölle, in die sie fallen werden, um dort in ewiger Qual zu leben. Alle meine Engel im Himmel und alle Heiligen werden sie verurteilen, und die Teufel und alle Seelen in der Hölle werden sie verdammen.
Mit ihnen bezeichne ich und von ihnen sage ich dies, die so beschaffen sind, wie oben gesagt ist, ob es Ordenspriester, Weltpriester, Laien oder deren Frauen, Söhne oder Töchter sind, die ein solches Alter erreicht haben, dass sie verstehen, dass Gott alle Sünden verboten hat, und die sich trotzdem freiwillig in Sünden verstricken, indem sie die Gottesliebe ausschließen und die Gottesfurcht geringachten.
Doch habe ich noch denselben Willen wie damals, als ich am Kreuze hing. Ich bin derselbe, der ich war, als ich dem Räuber, der um Barmherzigkeit bat, alle seine Sünden verzieh und ihm die Pforten des Himmels öffnete; aber für den anderen Räuber, der mich verachtete, den Zaun der Hölle offenließ; Dort soll er ewig für seine Sünden gepeinigt werden.

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11. Kapitel

Die hl. Agnes preist Gottes Mutter und bittet sie, Birgitta Barmherzigkeit zu zeigen. Maria verspricht ihrerseits, zu ihrem Sohn Christus für Birgitta zu beten.

Agnes spricht: „O Maria, du Mutter und Jungfrau über alle Jungfrauen, du kannst mit Recht die Morgenröte genannt werden, die von der wahren Sonne Jesus Christus beleuchtet wurde. Aber soll ich dich wegen deines königlichen Geschlechts, oder für Reichtümer oder Ehre Morgenröte nennen? Keineswegs. Nein, du magst mit Recht wegen deiner Demut, wegen deines Glaubenslichts oder wegen deines unvergleichlichen Keuschheitsgelübdes Morgenröte genannt werden.

Du hast nämlich die wahre Sonne angekündigt und sie hervorgebracht. Du bist die Freude der Gerechten, du vertreibst die Teufel, du bist der Trost der Sünder. Daher bitte ich dich um deiner Hochzeit willen, die Gott mit dir in dieser Stunde gefeiert hat, dass deine Tochter (Birgitta) in der Verehrung und Liebe deines Sohnes bleiben kann.“
Die Mutter Gottes antwortete: „Sag ihr, die dies hört, wie du dies Hochzeit auffasst!“ Agnes erwiderte: „Du bist in Wahrheit Mutter, Jungfrau und Ehefrau. Denn die schönste Hochzeit geschah in dir zu der Stunde, als Gott sich in dir mit der Menschlichkeit vereinigte, ohne dass seine Göttlichkeit Schaden litt oder vermindert wurde. So vereinigte sich auch die Jungfräulichkeit und die Mutterschaft, ohne dass die Reinheit der Jungfräulichkeit Schaden nahm, und du bist gleichzeitig Mutter und Tochter für deinen Schöpfer geworden.

Heute hast du ihn zeitlich geboren, der vom Vater ewig geboren war, und der mit dem Vater alles bewirkt hat. Der Heilige Geist war in dir, außerhalb von dir und um dich her, und er machte dich fruchtbar, als du dein Einverständnis gabst, Gottes Botin zu sein. Dieser Gottessohn, der heute von dir geboren wurde, war schon in dir, ehe sein Sendbote zu dir kam.
Sei deshalb barmherzig gegen deine Tochter. Sie ist nämlich wie eine arme Frau, die in einem Tal wohnte und nichts anderes hatte, als ein paar kleine lebende Dinge, wie Huhn oder Gans, aber sie hegte eine so große Liebe zu dem Herrn, der auf dem Berge oberhalb des Tales wohnte, dass sie diesem Herrn auf dem Berge aus Liebe all das Lebende anbot, was sie besaß.

Der Herr antwortete dieser Frau: „Ich habe Überfluss an allem, und ich brauche das nicht, was dir gehört, aber vielleicht machst du dieses kleine Geschenk aus dem Grunde, dass du ein größeres als Gegengabe erhältst.“ Sie antwortete ihm: „Ich biete es nicht dafür, dass du es gebrauchst, sondern dafür, weil du mich arme Frau an deinem Berge bauen und wohnen ließest, und dafür, dass ich von deinen Dienern geehrt worden bin. Ich biete dir nun das Wenige an, was meine Freude ist, damit du siehst, dass ich noch mehr tun würde, wenn ich könnte, und dass ich nicht undankbar für deine Gnade bin.“
Der Herr entgegnete: „Weil du mich mit einer so großen Liebe liebst, will ich dich auf meinen Berg hinaufnehmen und dir und den Deinen jedes Jahr Kleider und Essen geben.“ So ist deine Tochter nun beschaffen. Sie hat dir nämlich das einzig Lebendige gelassen, was sie hatte – d.h. die Liebe zur Welt und ihren Kindern. Deshalb kommt es deiner Milde zu, für sie zu sorgen.“

Die Mutter antwortete der Braut des Sohnes und sagte: „Tochter bleib standhaft! Ich werde meinen Sohn bitten, dass er dir jährlich Kost gibt und dich auf den Berg erhebt, wo ihm tausend und abertausend Engel dienen. Denn wenn man alle Menschen rechnet, die von Adem bis zu dem letzten Menschen am Ende der Welt geboren sind, würde man mehr als zehn Engel für jeden Menschen finden.
Die Welt ist gewiss nichts anderem gleich, als einem Topf. Das Feuer und die Asche unter dem Topf – das sind die Freunde der Welt, während die Freunde Gottes so wie das köstliche Essen im Topf sind. Wenn der Tisch gedeckt ist, soll das köstliche Essen dem Herrn dargebracht werden, und er wird davon auch etwas kosten. Der Topf wird zerbrochen werden, aber das Feuer soll doch nicht verlöschen.“

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12. Kapitel

Maria erklärt Birgitta, warum Gottes Freunde bald Trost erfahren, bald Trübsal erleiden müssen.

Die Mutter sagt: „Gottes Freunde sollen auf dieser Welt manchmal geistliche Trübsal, manchmal geistliche Freude erleben. Die geistliche Freude ist die Eingießung des Heiligen Geistes, die Betrachtung von Gottes großem Werk und die Bewunderung seiner Geduld, und wie all dies so lieblich in der Tat vervollkommnet wird.

Geistliche Trübsal ist es, wenn unreine und unerwünschte Gedanken den Sinn wider Willen beunruhigen, wenn die Sinne sich über Gottes Entehrung und den Schaden der Seelen ängstigen, und wenn die Seele aus vernünftiger Ursache gezwungen wird, sich in zeitliche Sorgen und Kümmernisse einzulassen. So dürfen Gottes Freunde auch manchmal eine zeitliche Freude erfahren, d.h. erbauliche Worte, ehrbares Spiel oder andere Dinge, in denen nichts Tadelnswertes oder Unpassendes ist.
Du sollst dies durch ein Gleichnis verstehen. Wenn die Faust immer geschlossen ist, würden entweder die Sehnen zusammengezogen und schrumpfen, oder die Hand würde alle Kraft verlieren. So ist es auch mit geistlichen Dingen. Wenn die Seele immer in Betrachtung verharrte, würde sie entweder sich selbst vergessen und in Hochmut versinken, oder es würde auch ihre Ehrenkrone verringert. Daher ist es so, dass Gottes Freunde manchmal durch Eingießung des Heiligen Geistes erfreut werden, manchmal mit Gottes Zulassung Trübsal leiden, denn durch die Mühsale werden die Wurzeln der Sünde ausgerissen, und die Früchte der Gerechtigkeit stetiger.

Aber Gott, der die Herzen sieht und alles versteht, begrenzt doch die Versuchungen seiner Freunde, so dass sie ihnen zum Nutzen dienen, denn er lässt alles nur in gerechter Weise und in rechtem Gewicht und Maß geschehen. Also sollst du, weil du im Geist Gottes berufen bist, dich nicht über Gottes Langmut bekümmern, denn es steht geschrieben, dass keiner zu Gott kommt, wenn der Vater ihn nicht zieht.
Der Hirte ruft und lockt die Schafe ja mit einem Blumenstrauß heim, und dann schließt er sorgfältig den Schafstall ab, so dass die Schafe, auch wenn sie drinnen herumspringen, gleichwohl nicht hinauskönnen, denn der Stall hat ordentlich gebaute Wände, ein hohes Dach und verschlossene Türen. Daher gewöhnen sich die Schafe daran, Heu zu fressen, so dass sie gefügig werden und auch Heu aus der Hand des Hirten fressen. So ist es auch mit dir geschehen. Das, was dir vorher schwer, ja unerträglich schien, ist dir nämlich jetzt leicht geworden, so dass dich jetzt nichts mehr so erfreut, wie Gott.“

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13. Kapitel

Christus erklärt Birgitta die Wichtigkeit, dass man für das zeitliche Wohlergehen seiner Mitmenschen betet.

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Du möchtest wissen, warum ich den nicht höre, von dem ich sehe, dass er viele Tränen vergießt und den Armen um meiner Ehre willen vieles gibt. Erstens antworte ich dir: Da, wo zwei Quellen zusammenfließen, geschieht es oft, dass sie in einen einzigen Wasserlauf zusammenfließen, und dass das Wasser der einen Quelle, das trübe und unsauber ist, Schmutz absondert, und das Wasser der anderen, vorher so reinen Quelle verdirbt. Wenn dies schmutzig geworden ist – wer kann es dann trinken?

So ist es auch mit vieler Leute Tränen. Mancher Leute Tränen entstehen nämlich manchmal aus Nachgiebigkeit für die Neigung der Natur, und manchmal aus weltlicher Trübsal oder Furcht vor der Hölle. Solche Tränen von Menschen sind unrein und stinkend, denn sie entspringen nicht aus Liebe zu Gott. Aber die Tränen sind mir lieb, die aus der Betrachtung von Gottes Wohltaten, der eigenen Sünden und aus Liebe zu Gott hervorgehen. Solche Tränen erheben die Seele vom Irdischen zum Himmel und lassen den Menschen zum ewigen Leben neugeboren werden.

Es gibt nämlich zwei Arten von Geburten, die körperliche und die geistliche. Die körperliche gebiert den Menschen aus Unreinheit zur Unreinheit. Er beweint die Schäden des Leibes und erträgt fröhlich die Mühen der Welt. Ein Sohn solcher Geburten ist nicht ein Sohn der Tränen, der die Schäden der Seele beweint und sich Sorgen darum macht, dass der Sohn Gott nicht beleidigt. Eine solche Mutter ist mit ihrem Sohn enger verwandt als die, die auf fleischliche Weise gebiert, denn durch eine solche Geburt wird das selige Leben erworben.
Auf das zweite, nämlich dass er den Armen Almosen gibt, antworte ich: Wenn du deinem Sohn für das Geld deines Dieners einen Rock kaufen würdest, würde da der Rock mit Recht dem gehören, der das Geld besaß? Ja, gewiss. So ist es auch im geistlichen Bereich. Denn wer seine Untergebenen oder seinen Nächsten bedrückt, damit er mit deren Geldern den Seelen seiner Lieben helfen kann, der reizt mich mehr zum Zorn, als dass er mich besänftig, denn ungerecht weggenommene Güter nützen nur dem, der diese Güter vorher zu Recht besessen hatte – und nicht denen, für die sie ausgegeben werden.

Aber weil dieser Mann dir Gutes getan hat, müssen ihm auch geistlich und körperlich Wohltaten erwiesen werden, geistliche dadurch, dass für ihn Gebete an Gott gerichtet werden, denn niemand kann glauben, wie sehr Gebete von Demütigen Gott gefallen, was ich dir durch ein Gleichnis zeigen werde. Wenn jemand einem König ein großes Silberstück anbieten würde, würden die, die das gesehen haben, sagen: „Das ist eine große Gabe.“ Wenn jemand dagegen ein Pater noster für den König lesen wurde, würde er verhöhnt werden.

Vor Gott ist es umgekehrt, denn wenn jemand ein Pater noster für die Seele eines anderen betet, so ist das Gott wohlgefälliger, als ein großes Geldstück. Das geht klar daraus hervor, was mit dem guten Gregorius geschah. Dieser erhob ja durch sein Gebet den heidnischen Kaiser zu einem höheren Amt.
Weiter sollst du ihm diese Worte sagen: „Nachdem du Gutes an mir getan hast, bete ich zu Gott, der alle belohnt, dass er dir nach seiner Gnade vergelten möge.“ Sag weiter zu ihm: „Lieber Freund, zu einem rate ich dir, und um eins bitte ich dich. Ich rate dir, das Auge deines Herzens zu öffnen und die Unstetigkeit und Eitelkeit der Welt zu betrachten. Denk weiter daran, wie die Liebe zu Gott in deinem Herzen erkaltet ist, und wie schwer die Strafe ist, und wie schrecklich das kommende Gericht.
Erwecke die Gottesliebe in deinem Herzen zum Leben, richte all deine Zeit, dein zeitliches Gut, deine Taten, Wünsche und Gedanken auf Gottes Ehre hin, vertraue deine Kinder Gottes Anordnung und seiner Vorsehung an und lass deine Gottesliebe sich nicht ihretwegen verringern.
Zweitens bitte ich, dass du in deinen Gebeten bewirken möchtest, dass Gott, der alles kann, dir Geduld schenken und dein Herz mit seiner gesegneten Liebe erfüllen möge.“

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14. Kapitel

Christus erklärt Birgitta, dass es dem Teufel nicht glücken wird, seine eigenen schlechten Eingebungen mit den himmlischen Botschaften zu vermischen, die ihr mitgeteilt werden.

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Warum fürchtest du dich und bist bekümmert darüber, dass der Teufel etwas in die Worte des Heiligen Geistes einmischt? Hast du jemals gehört, dass der, der seine Zunge zwischen die Zähne eines wütenden Löwen steckte, sie ganz bewahrt hat? Oder hat ein Mensch jemals aus dem Schwanz einer Kreuzotter süßen Honig gesaugt? Keinesfalls.

Aber was ist der Löwe oder die Schlange anderes, wenn nicht der Teufel? Er ist ein Löwe durch seine Bosheit, eine Schlange durch ihre Schlauheit. Was ist die Zunge, wenn nicht der Trost des Heiligen Geistes? Und was ist es, die Zunge zwischen die Zähne eines Löwen zu legen, wenn nicht, Worte des Heiligen Geistes aufzusagen, der sich zu Gunsten des Menschen und zum Lobpreis in Zungengestalt offenbart hat?

Wer also redet, um Gott zu loben und Menschen zu gefallen, der wird gewiss vom Teufel verwundet und betrogen, denn seine Worte gehen nicht aus dem Mund der Gottesliebe hervor, und die Zunge, nämlich der Trost des Heiligen Geistes, wird ihm weggenommen. Wer sich aber nach nichts anderem sehnt, als nach Gott, für den ist alles Irdische beschwerlich, und sein Leib begehrt nichts anderes, als etwas zu sehen oder zu hören, als was Gott gehört, und seine Seele ergötzt sich an der Eingebung des Heiligen Geistes. Ein solcher Mensch kann nicht betrogen werden, denn der böse Geist weicht dem guten und wagt nicht, sich ihm zu nähern.
Aber was bedeutet es anders, Honig aus dem Schwanz der Kreuzotter zu saugen, als zu hoffen, von den Eingebungen des Teufels den Trost des Heiligen Geistes zu gewinnen, was doch auf keinen Fall geschehen kann, weil der Teufel sich lieber tausendmal töten lassen würde, als der Seele ein einziges tröstendes Wort zu geben, das ihm für das ewige Leben nützen könnte.

Fürchte dich also nicht! Gott, der das Gute in dir angefangen hat, wird es nämlich zu einem guten Ende führen. Du sollst aber wissen, dass der Teufel wie ein Jagdhund ist, der von der Koppel losgelassen ist. Wenn er sieht, dass du nicht die Eingießung des Heiligen Geistes hast, springt er dich mit seinen Versuchungen und Eingebungen an. Aber wenn du ihm etwas Hartes entgegenstellst, das seinen Zähnen Schwierigkeiten macht, oder ihm das Maul stopfst, dann wird er gleich von dir Wegspringen und dir nicht schaden.
Was ist nun das Harte, das man dem Teufel entgegenhalten muss, anders als die göttliche Liebe und der Gehorsam vor Gottes Geboten? Wenn der Teufel sieht, dass dies vollkommen in dir steckt, dann knirscht er gleich mit den Zähnen, d.h. sein Wille und sein Bemühen wird zunichte, weil er sieht, dass du lieber alle Mühsale leiden willst, als gegen Gottes Gebote zu handeln.“

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15. Kapitel

Christus erklärt, wie er die Menschen, um sie zu erziehen, manchmal Freude, manchmal Trauer empfinden lässt. Offenbarung, gegeben 1350 in Italien.

Gottes Sohn spricht: „Du möchtest wissen, warum du hörtest, dass Gottes ehrenwerter Freund von Trübsal heimgesucht wird, aber Gottes Feind, von dem du glaubtest, dass er geplagt werden müsste, geehrt wird, wie es dir in einer anderen göttlichen Vision gesagt wurde. Ich antworte dir: Meine Worte sind sowohl geistlich als auch körperlich zu verstehen. Was ist weltliche Trübsal anders, wenn nicht eine Vorbereitung und eine Erhöhung zur Krone? Und was ist weltliches Glück für den Mann, der die Gnade missbraucht, wenn nicht ein Niedersteigen zum Verderben? So enthalten Trübsale auf Erden eine wahre Erhöhung zum Leben, aber auf der Welt Erfolgt zu haben, bedeutet für einen ungerechten Menschen ein wirkliches Niedersteigen zur Hölle.

Daher will ich dir, um deine Geduld mit dem Lernen von Gottes Wort zu stärken, ein Gleichnis sagen. Er war eine Mutter, die zwei Söhne hatte. Der eine war in einem dunklen Gefängnis geboren und hatte nichts anderes gesehen oder gekannt, als Dunkelheit und Muttermilch. Der andere dagegen war in einer kleinen Stube geboren, aß menschliche Kost, ruhte in einem Bett und wurde von einer Amme bedient.
Zu dem, der im Gefängnis geboren war, sagte die Mutter: „Mein Sohn, wenn du aus dem Gefängnis herauskommen willst, wirst du eine bessere Kost, ein weicheres Bett und einen sichereren Aufenthaltsort bekommen.“ Als der Knabe das hörte, ging er hinaus, denn wenn die Mutter ihm noch höhere Dinge versprochen hätte, wie gute Pferde, ein Elfenbeinhaus oder eine große Dienerschaft versprochen hätte, hätte er das nicht geglaubt – er kannte ja nur das Dunkel und die Muttermilch. So verspricht auch Gott manchmal kleine Dinge, womit er größere Dinge meint, damit der Mensch durch das Zeitliche lernen soll, an das Himmlische zu denken.

Zu dem anderen Sohn sagte die Mutter dagegen: „Mein Sohn, was nützt es dir, in dieser elenden Hütte zu wohnen? Höre auf meinen Rat, denn das wird dir zum Nutzen dienen! Ich kenne zwei Städte. In der einen haben die Einwohner unendliche und unaussprechliche Freude sowie Ehren ohne Grenze. In der anderen haben Kämpfer Gefechtsübungen. Alle, die dort kämpfen, werden Könige, und alle, die besiegt werden, siegen trotzdem.“
Der Knabe hörte das und ging hinaus auf den Kampfplatz. Er kam zurück nach Hause und sagte zur Mutter: „Ich habe auf dem Kampfplatz ein seltsames Spiel gesehen. Manche wurden zu Boden geworfen und niedergetrampelt, wurden ihrer Kleider beraubt und verwundet, schwiegen alle und spielten weiter, und keiner hob den Kopf oder die Hand gegen die, die ihn niederschlugen.“
Die Mutter antwortete: „Die Stadt, die du gesehen hast, ist nur eine Vorstadt zur Ehrenstadt. In dieser Vorstadt will der Herr herausfinden, welche geeignet sind, die Stadt der Ehre zu betreten. Den, von dem er sieht, dass er der Tapferste im Streit war, wird er am ehrenvollsten in Herrlichkeit krönen. Deshalb gibt es in dieser Stadt solche, die die prüfen sollen, die in Herrlichkeit gekrönt werden sollen. Du sahst, wie die Niedergeworfenen ihrer Kleider beraubt wurden, verwundet wurden und doch schwiegen, und das geschah deshalb, weil unsere Kleider in unserer dunklen Hütte beschmutzt wurden. Damit sie rein werden, ist ein großer Kampf und Mühe vonnöten.“

Der Knabe erwiderte: „Es ist schwer, niedergeworfen zu werden und doch zu schweigen; es scheint mir besser, in meine Hütte zurückzukehren.“ Die Mutter sagte zu ihm: „Wenn du in unserer Hütte bleibst, werden in unserer Dunkelheit und unserem Schmutz Würmer und Schlangen gedeihen; du wirst entsetzt sein, ihre Laute zu hören; ihr Biss wird all deine Kraft zunichte machen, und ihre Gesellschaft wird dich wünschen lassen, dass du nie geboren bist.“

Der Junge hörte das und begehrte ein körperliches Gut, obwohl die Mutter das in geistlicher Weise gemeint hatte; er wurde immer mutiger, und Tag für Tag wuchs seine Sehnsucht, die Krone zu gewinnen.
So handelt auch Gott. Denn er verspricht und beschert zuweilen zeitliche Dinge. Ja er verspricht fleischliche Dinge, womit er geistliche meint, damit die Seele durch die empfangenen Gaben zu göttlichem Eifer erweckt wird und sich durch das Geistliche Verständnis demütigt, so dass sie nicht eingebildet und vermessen wird.

So handelte Gott mit den Kindern Israel. Denn erst versprach er und gab ihnen zeitliche Dinge, und er tat mit ihnen auch Wundertaten, damit sie dadurch unterwiesen würden und das Unsichtbare und Geistliche verstehen sollten. Nachdem ihr Verstand eine größere Erkenntnis über die Gottheit erlangt hatte, redete Gott durch die Propheten dunkel und schwer begreifliche Worte und mischte ein paar tröstende und freudenreiche darunter, indem er dem Volk versprach, dass sie in ihr Vaterland zurückkehren und einen ewigen Frieden genießen sollten, und dass sie das Zerstörte wieder aufbauen sollten. Obwohl das Volk dies fleischlich verstand und all das Versprochene in fleischlicher Weise haben wollte, wusste und bestimmte doch Gott im voraus, dass manches in fleischlicher Weise, manches in geistlicher Weise vollendet werden sollte.
Aber nun magst du fragen: „Warum hat Gott, dem alle Zeiten und Stunden bekannt sind, nicht deutlich und rechtzeitig alles vorausgesagt, und warum hat er manchmal eins gesagt, und etwas anderes gemeint?“ Ich will dir antworten. Israels Volk war fleischlich eingestellt, begehrte nur das Fleischliche und konnte das Unsichtbare nur durch das Sichtbare verstehen. Daher hat es Gott gefallen, sein Volk auf vielerlei Weise zu unterrichten, so dass die, die seinen Verheißungen glaubten, ihres Glaubens wegen desto ehrenvoller gekrönt würden, die, die Fortschritte im Guten gemacht haben, desto eifriger werden sollten, die Trägen von einem desto größeren Eifer für Gott entzündet würden, die Übertreter aufhören, noch mehr zu sündigen, die Beladenen ihre Mühsale geduldiger tragen, die Werktätigen froher aushalten und die Wartenden desto ehrenvoller gekrönt werden, damit sie an dem dunkeln Versprechen festhalten.

Denn wenn Gott den fleischlich gesinnten nur geistliche Dinge versprochen hätte, so wären sie alle in ihrer Liebe zum Himmlischen müde geworden. Und wenn er nur fleischliche Dinge versprochen hätte, was für ein Unterschied wäre es dann zwischen Mensch und Tier gewesen? Aber damit der sterbliche Mensch seinen Leib richtig lenken und beherrschen soll, schenkte der milde und weise Gott ihm körperliche Dinge. Damit er nach dem Himmlischen trachten soll, zeigte er Wohltaten und himmlische Wunderwerke; damit er fürchten soll, zu sündigen, zeigte er seine schrecklichen Gerichte und Eingebungen durch böse Engel. Und damit der Erheller der Versprechen und Geber der Weisheit besänftigt werden soll und man sich nach ihm sehnt, vermischte er dunkle und verwirrende Dinge mit den tröstlichen.
So zeigt Gott noch heute geistliche Zeichen durch körperliche Gleichnisse, und wenn er von zeitlicher Ehre spricht, meint er geistliche, damit alle Kunst des Unterrichtens Gott allein zuerkannt werde. Denn was ist weltliche Ehre anderes als Wind, Mühe und Verminderung der Freude an Gott? Was ist Trübsal anderes, als eine Übung in Tugend? Und dem Gerechten weltliche Ehre zu versprechen, was ist es anderes, wenn nicht, ein geistliches Gut zu verhindern? Weltliche Trübsal zu versprechen, was ist das, wenn nicht ein Heilmittel gegen eine Schwere Krankheit?

Deshalb, meine Tochter, können Gottes Worte in verschiedener Weise verstanden werden, aber man kann deswegen doch keine Veränderlichkeit bei Gott erkennen, sondern seine Weisheit mag bewundert und gefürchtet werden. Denn so wie ich durch die Propheten viele Dinge auf körperliche Weise gesagt habe, die auch körperlich in Erfüllung gingen, so habe ich auch vieles in körperlicher Weise gesagt, was auf geistliche Weise erfüllt wurde oder zu verstehen ist. So handele ich auch jetzt, und wenn diese Dinge geschehen, werde ich dir ihre Ursachen erzählen.“

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16. Kapitel

Birgitta hat in ihrem Hause einen Vogt aus Östergötland angestellt, der eine Wallfahrt nach Rom gemacht hatte. Christus erklärt ihr, dass dies unklug war, da der Mann seine Wallfahrt nicht in frommer Absicht unternommen hat. Offenbarung, gegeben wahrscheinlich in Italien 1350 oder später.

Die Mutter (Maria) spricht zur Braut Christi: Warum habt ihr diesen Mann empfangen, dessen Zunge so großsprecherisch ist, dessen Leben unbekannt ist, und dessen Sitten weltliche sind?“ Sie antwortete: „Weil wir glaubten, er sei gut, und weil ich keine Unannehmlichkeiten haben wollte, weil ich einen Mann mit einer bekannten bösen Zunge zurückgewiesen habe. Aber wenn ich gewusst hätte, dass es Gott missfiel, so hätte ich ebenso wenig empfangen, wie eine Kreuzotter.“

Die Mutter sagte: „Dein guter Wille hat seine Zunge und sein Herz bewacht, so dass er euch keine Unruhe verursacht hat. Aber der Teufel, der schlau ist, hat euch einen Wolf im Schafspelz zugeführt, um eine passende Gelegenheit zu finden, euch zu stören und über euch zu schwätzen.“
Sie antwortete: „Es scheint uns, als wäre er fromm und bußbereit; er besucht ja Gräber von Heiligen und sagt, dass er sich von Sünde fernhalten will.“ Die Mutter erwiderte: „Wenn es eine Gans mit Federn gibt, sag mir – was von beiden isst man dann, das Fleisch oder die Federn? Verursachen die Federn keinen Ekel, während das Fleisch doch nährt und stärkt?

So verhält es sich auch geistlich mit der heiligen Kirche. Sie ist nämlich wie eine Gans, in der Christi Leib das frische Fleisch bildet. Das Sakrament ist sozusagen das Innere der Gans. Die Flügel bezeichnen die Tugenden und Taten der Märtyrer und Bekenner, die Daunen bezeichnen die Liebe und Geduld der Heiligen, aber die Federn bezeichnen den Ablass, den heiligen bewillig und erworben haben.
Jeder, der den Ablass in der Absicht sucht, von seinen früheren Sünden entbunden zu werden und trotzdem in seiner früheren lasterhaften Gewohnheit bleibt, der hat die Federn der Gans, von denen die Seele weder ernährt noch gestärkt wird, sondern die nur Erbrechen hervorrufen, wenn sie verzehrt werden. Aber die, die zum Ablass kommen, um dann die Sünden zu unterlassen, zu Unrecht erworbenes Gut zurückzugeben, den Schaden wieder gutzumachen, den sie verursacht haben, nicht mehr einen einzigen Pfennig mit schamlosem Gewinn zu erwerben, nicht einen einzigen Tag ohne nach Gottes Willen zu verbringen, sich im Unglück und im Glück Gottes Willen zu fügen und auf die Ehre und Freundschaft der Welt zu verzichten, - die werden die Vergebung der Sünden erlangen, und sie sind wie Engel in Gottes Augen.

Wer sich freut, Erlass von begangenen Sünden erlangt zu haben, aber nicht willens ist, die frühere Eitelkeit und die ungeordnete Begierde seiner Sinne aufzugeben, sondern das ungerecht erworbene Eigentum behalten will, die Welt in sich und den Seinen lieben will, über die Demut lächelt, die weltlichen Gewohnheiten nicht aufgibt und seinem Fleisch den Überfluss nicht abgewöhnt, den bringen die Federn – nämlich die Ablässe – zum Erbrechen, d.h. dazu, Reue zu empfinden und zu beichten, wodurch die Sünde getilgt und Gottes Gnade erworben wird, und er wird wie mit ein paar Federn aus den Händen des Teufels in Gottes Schoß fliegen – sofern er selbst mit seinem guten Willen mitwirken will, das zu erlangen.“

Sie (Birgitta) antwortete: „O Mutter der Barmherzigkeit, bitte für diesen Mann, dass er im Anblick seines Sohnes Gnade fingen mag.“ Sie (Maria) sagte: „Der Heiligen Geist besucht ihn, aber es liegt etwas wie eine Steinplatte vor seinem Herzen und hindert Gottes Gnade, hineinzukommen. Gott ist wie eine Henne, die die Eier wärmt, aus denen lebende Küken hervorkommen. Alle Eier, die unter der Henne sind, empfangen ihre Wärme, dagegen nicht die Gegenstände, die darum herum liegen. Und die Henne zerbricht nicht selbst die Schale, unter der die Jungen aufwachsen, sondern das Küken versucht selbst, mit seinem Schnabel Löcher darein zu hacken, und wenn die Mutter das sieht, verschafft sie diesem Jungen einen wärmeren Platz, wo es ganz ausgebrütet werden kann.

So besucht Gott alle mit seiner Gnade. Aber die, die so denken: „Wir wollen uns der Sünde enthalten, und soviel wir können, wollen wir nach Vollkommenheit streben,“ – die besucht der Heiligen Geist immer öfter, damit sie umso vollkommener das Gute tun. Aber die, die ihren ganzen Willen Gott anvertrauen, und die nicht das Allergeringste gegen Gottes Liebe tun wollen, sondern ihr folgen, die nach größerer Vollkommenheit streben, die sich nach dem Rat demütiger Menschen richten, um klugerweise gegen die Triebe ihres Fleisches anzukämpfen, die birgt Gott unter sich, wie die Henne ihre Küken. Er macht sein Joch für sie leicht und hilft ihnen in ihren Schwierigkeiten.

Aber die, die ihrem eigenen Willen folgen und meinen, dass das wenig Gute, das sie tun, Lohn vor Gott verdient, die nicht nach höherer Vollkommenheit streben, sondern daran festkleben, was dem Herzen Vergnügen macht, die ihre Schwächen mit dem Beispiel anderer entschuldigen und mit dem Hinweis auf die Schlechtigkeit anderer über ihre Sünden hinweggehen – die werden Gottes Küken nicht, denn sie sind nicht willens, ihre Herzenshärte zu überwinden, sondern wenn sie könnten, würde sie gern lange leben, um lange in der Sünde verharren zu können.
So handelte der Gute Zachäus nicht, auch nicht Magdalena, sondern weil sie mit allen Gliedern gegen Gott verstoßen hatten, so gaben sie ihm auch mit allen Gliedern Genugtuung für ihre Sünden, und weil sie zu ihrem tödlichen Schaden zu Ehrenbezeugungen der Welt aufgestiegen waren, stiegen sie nun demütig herab zur Weltverachtung, denn es ist schwer, gleichzeitig Gott und die Welt zu lieben. Wer das tut, ist wie ein Tier, das vorn und hinten Augen hat, und dem geht es schlecht, wie vorsichtig es auch ist. Aber die, die wie Zachäus und Magdalena sind, die haben den besseren Teil erwählt.“

Erklärung
Dieser Mann war ein Vogt in Östergötland. Er kam 1350 während des Jubeljahres nach Rom, doch mehr aus Furcht, als aus Liebe. Von ihm sagte Christus im Rom: „Ein Jeder, der einer Gefahr entgangen ist, möge sich vorsehen, dass er nicht wieder in sie hineingerät. Die Seeleute, die zu große Zuversicht in den Hafen haben, leiden ja Schiffbruch. Daher mag dieser sich vorsehen, dass er nicht wieder in seine frühere Stellung kommt. Wenn er sich nicht vorsieht, wird er das verlieren, was erstrebenswert ist, und was er gesammelt hat, wird bei Fremden landen. Seine Kinder werden nicht erben, und er selbst erleidet einen schmerzhaften Tod unter Fremden.“
Als er umgekehrt war, wurde er jedoch wieder Steuererheber, und alles, was gesagt war, traf ein.

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17. Kapitel

Die hl. Agnes spricht mit Birgitta über eine eingebildete Frau, die diese kürzlich gesehen hatte. Birgitta soll sich, sagt sie, um Weltverachtung, Demut und Enthaltsamkeit bemühen – Tugenden, die im Gegensatz zur Hoffart dieser Weltdame stehen.

Agnes spricht zur Braut Christi: „Du sahst heute eine hochmütige Frau in einem Wagen des Hochmuts.“ Die Braut antwortete: „Ja, ich sah sie, und ich wurde wie von Sinnen, denn Fleisch und Blut, Staub und Dreck wollen gelobt werden, wo sie sich mit Recht demütigen sollten. Was ist ein solch Aufsehen erregender Staat anders, als eine verschwenderische Vergeudung von Gottes Gaben, eine Bewunderung der Menge, eine Plage der Gerechten, und Verarmung der Armen, eine Erzürnung Gottes, ein Vergessen seiner selbst, ein Erwerben des Künftigen Gerichts und ein Schaden für die Seelen?“

Agnes erwiderte: „Freue dich, Tochter, dass du von so etwas frei bist! Ich will dir nun einen anderen Wagen beschreiben, wo du sicher ruhen kannst. Der Wagen, in dem du sitzen sollst, ist Stärke und Geduld in Trübsal. Denn, wenn der Mensch beginnt, sein Fleisch zu zügeln und seinen ganzen Willen Gott anzuvertrauen, da wird entweder der Sinn durch Hochmut beunruhigt, wodurch der Mensch sich über sich selbst erhebt, so dass er sich wie Gott und wie gerechte Menschen rechnet, oder er wird auch von Ungeduld und Unklugheit bedrückt, so dass er wieder in die alten Sünden zurückfällt oder in seinen Kräften geschwächt wird, so dass er für Gottes Arbeit ungeeignet wird. Daher ist es notwendig, mit kluger Geduld zu handeln, so dass man nicht aus Ungeduld zurückfällt oder aus Unklugheit beharrt, sondern sich den Kräften und den Zeiten anpasst.

Das erste Rad an diesem Wagen ist der vollkommene Wille, alles Gott zu übergeben und nichts anderes als Gott zu begehren. Es gibt ja viele, die das Zeitliche aufgeben, um von ihren Beschwerden loszukommen, die aber doch alles haben, das ihnen von Nutzen ist und zur Freude dient. Ihr Rad läuft nicht so, wie es sollte, denn wenn Armut sie plagt, möchten sie von allem genügend haben; wenn schwere Rückschläge eintreffen, wünschen sie sich Glück; wenn sie Beschimpfung trifft, murren sie über Gottes Anordnung und wünschen sich Ehre und Anerkennung; wenn man ihnen befiehlt, etwas zu tun, was ihnen zuwider ist, wollen sie ihre eigene Freiheit. Daher hat Gott an dem Willen Gefallen, der nicht sein Eigenes sucht, sei es im Glück oder im Unglück.

Das zweite Rad ist die Demut, wo der Mensch sich alles Guten für unwürdig hält, indem er sich jede Stunde seine Sünden vor Augen hält und sich in Gottes Augen für strafbar hält. Das dritte Rad besteht darin, Gott klug zu lieben. Der liebt klug, der sich selbst kasteit, seine Laster hasst, sich über die Sünden seiner Nächsten und seiner Verwandten Sorgen macht, sich über ihre geistlichen Fortschritte auf dem Weg zu Gott freut nicht wünscht, dass sein Freund nur zu seinem eigenen Nutzen lebt, sondern um Gott zu dienen und sich wegen seines weltlichen Erfolges fürchtet, weil er wie Gott vielleicht dadurch kränken konnte. Ja, der liebt klug, der die Laster hasst, niemanden für dessen Gunst oder Ehrenbezeugung begünstigt und die Menschen mehr liebt, bei denen er sieht, dass sie eifriger in ihrer Liebe zu Gott sind.

Das vierte Rad ist die kluge Beherrschung des Fleisches. Wer in der Ehe lebt und denkt: „Schau, das Fleisch lockt mich in unordentlicher Weise; wenn ich nach dem Fleisch lebe, so weiß ich ganz sicher, dass mir der Schöpfer des Fleisches zürnt, der zuschlagen und Krankheit schicken kann, der richtet und tötet. Daher will ich aus Liebe zu Gott und aus Furcht vor ihm von selbst mein Fleisch zügeln und in gebührender und geordneter Weise zu Gottes Ehre leben. Ja, wer so denkt und Gottes Hilfe begehrt, dessen Rad ist Gott wohlgefällig.

Aber wenn ein Mensch der Enthaltsamkeit denkt: „Schau, das Fleisch verlockt mich zur Schwelgerei, und auch der Ort, die Zeit, die Güter und das Alter bieten sich an, die Lust vollkommen auszunützen, doch will ich es mit Gottes Hilfe unterlassen, um eines zufälligen Vergnügens willen und gegen mein heiliges Gelübde zu sündigen. Sicher ist es groß, was ich Gott gelobt habe – arm bin ich zur Welt gekommen, und noch ärmer werde ich sie verlassen, und ich muss vor Gottes Richterstuhl Rechenschaft über alles ablegen, was ich getan habe. Um Gott nicht zu kränken, um meinem Nächsten keinen Anstoß zu geben und mich selbst zum Meineidigen zu machen, will ich also enthaltsam leben.“

Die Enthaltsamkeit eines solchen Menschen verdient großen Lohn. Aber wenn jemand in Ehre und Genüssen lebt und denkt: „Schau, ich habe Überfluss an allem, aber der Arme leidet Mangel, und doch haben wir ein und denselben Gott. Was habe ich da verdient, und was hat er verbrochen? Was ist das Fleisch anderes, als Futter für die Würmer, und was sind so viele Genüsse anderes, als Ekel und Anlass zu Krankheit, Zeitverlust und Versuchung zur Sünde? Ich will daher mein Fleisch zügeln, so dass nicht die Würmer ihr Verlangen darin finden, so dass ich nicht ein noch schlimmeres Gericht erleide, und dass ich nicht die Zeit der Buße töricht Verstreichen lasse. Und da mein schlecht erzogenes Fleisch sich nicht so leicht wie der Arme an einfache und ordinäre Dinge gewöhnen kann, ohne die man leicht leben kann, so dass der Leib sein Auskommen, aber keinen Überfluss hat.“

Wer so denkt und in seinem Tun versucht, es zu verwirklichen, so gut er kann, der kann sowohl ein Bekenner als auch Märtyrer genannt werden, denn es ist bezeichnend für das Märtyrertum, Zugang zu Genüssen zu habe, aber sie doch zu verschmähen, Ehre zu genießen, aber sie doch zu verachten, unter den Menschen groß zu sein, aber von sich selbst am wenigsten zu halten, wahrlich ein solches Rad gefällt Gott sehr.
Sieh, Tochter, nun habe ich dir den Wagen beschrieben, dessen Kutscher dein Engel ist, sofern du seinen Zaum und sein Joch nicht von deinem Hals abwirfst, seine Heilbringenden Eingebungen nicht verschmähst, oder deine Sinne und dein Herz nicht auf nichtige und leichtfertige Dinge richtest.

Nun will ich auch mit dir über den Wagen sprechen, in dem diese Frau gesessen hat. Der Wagen ist gewiss ihre Ungeduld gegenüber Gott, denn sie murrt über seine heimlichen Gerichte, wenn es nicht nach ihrem Behagen geht. Sie sieht mit Unwillen auf ihren Nächsten, nachdem sie dessen Güter nicht bekommen kann. Sie ist auch ungeduldig, wenn es sie selbst betrifft, denn sie zeigt ungeduldig, was sie im Herzen verborgen hat.

Das erste Rad an diesem Wagen ist der Hochmut, denn sie hält sich selbst für mehr als andere und verurteilt andere, verachtet die Demütigen und trachtet nach Ehrenplätzen. Das zweite Rad ist Ungehorsam gegen Gottes Gebote; dadurch wird sie verleitet, ihre Schwachheit zu entschuldigen, über ihre Sünde schnell hinwegzugehen und, vermessen genug, die Bosheit ihres Herzens zu verteidigen.
Das dritte Rad ist das Verlangen nach zeitlichen Dingen; dadurch wird sie verleitet, das, was sie besitzt, verschwenderisch auszugeben, sich selbst und das Zukünftige zu vergessen; es ist Furcht im Herzen und Lauheit in der Liebe zu Gott. Das vierte Rad ist ihre Liebe zu sich selbst, die sie von der Verehrung und der Furcht vor ihrem Gott abhält und dazu führt, dass sie nicht auf ihr Ende und ihr Gericht achtet.
Der Kutscher auf diesem Wagen ist der Teufel, der sie munter und dreist in allem macht, was er ihrem Herzen eingibt, dass sie es tun soll. Die beiden Pferde, die den Wagen ziehen, sind die Hoffnung auf ein langes Leben und der Wille, bis zuletzt zu sündigen. Das Zaumzeug ist die Scham, zu beichten. Mit der Hoffnung auf ein langes Leben und dem Willen, in der Sünde zu verharren, zieht dieses Schamgefühl ihre Seele von dem rechten Wege ab und belastet sie so mit schweren Sünden, dass weder Furcht, Schamgefühl oder Ermahnung sie dazu befähigt, sich zu erheben. Wenn sie glaubt, fest und sicher zu stehen, stürzt sie hinab in die Tiefe, sofern Gottes Gnade ihr nicht hilft.“

Zusatz
Weiter spricht Christus über dieselbe Frau und sagt: „Sie ist eine Kreuzotter, die die Zunge einer Hure, Drachengalle im Herzen und das bitterste Gift im Liebe hat. Daher werden ihre Eier giftig. Glücklich die, die ihre Bürde nicht erfahren müssen.“

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18. Kapitel

Birgitta preist Maria; Maria verspricht ihr, ihr die Gnadengaben aller Tugenden zu erwirken.

Liebliche Maria“, sagte die Braut, „gesegnet seist du mit ewigem Segen, denn du warst Jungfrau vor der Entbindung, Jungfrau nach der Entbindung, Jungfrau mit deinem Verlobten, zweifellos Jungfrau, als dein Bräutigam zweifelte. Deshalb sei du gesegnet, denn du warst Mutter und Jungfrau, du allein warst Gott am allerliebsten, du allein warst reiner als alle Engel, du allein warst mit dem Apostel am meisten von Glauben erfüllt, du allein warst am traurigsten im Herzweh, am edelsten in Enthaltsamkeit unter allen Bekennern, am höchsten in Enthaltsamkeit und Keuschheit unter allen Jungfrauen. Deshalb segnet dich alles droben im Himmel und unten auf Erden, denn durch dich ist Gott der Schöpfer Mensch geworden, durch dich findet der Gerechte Gnade, der Sünder Vergebung, der Tote Leben, und der Geächtete kehrt in sein Vaterland zurück.“

Die Jungfrau (Maria) erwiderte: „Es steht geschrieben, dass - als Petrus Zeugnis von meinem Sohn ablegte, dass er Gottes Sohn sei, diese Antwort erhielt: „Selig bist du, Simon, denn Fleisch und Blut haben dir dies nicht offenbart.“ Ebenso sage ich jetzt, dass deine fleischliche Seele dir diesen Gruß nicht offenbart hat, sondern Er, der ohne Anfang war und ohne Ende sein wird.
Deshalb sollst du demütig sein; dann werde ich dir barmherzig sein. Johannes der Teufer wird lieb zu dir sein, wie er versprochen hat, Petrus wird milde zu dir sein, Paulus wird stark wie ein Kämpfer sein. Ja, dann wird Johannes dir sagen: „Tochter, sitz auf meinen Knien“, Petrus wird dir sagen: „Tochter, öffne deinen Mund, so will ich dich mit leiblicher Kost sättigen.“ Paulus wird dich kleiden und mit den Waffen der Liebe ausrüsten, und ich, die Mutter ist, werde dich meinen Sohn verstellen.

Doch, meine Tochter, dies kannst du auch auf geistliche Art verstehen. Denn mit Johannes, was „Gottes Gnade“ bedeutet, wird wahrer Gehorsam bezeichnet. Er war und ist gewiss liebenswert. Johannes war seinen Eltern auf Grund seiner wunderbaren Gnade liebenswert, für die Menschen Grund seiner einzigartigen Verkündigung, für Gott wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines Gehorsam. Ja, er gehorchte in seiner Jugend, gehorchte im Glück und Unglück, blieb gehorsam und demütig, als er Ehren ernten konnte, und war gehorsam noch im Tod.
Daher sagt der Gehorsam: „Sitze auf meinen Knien“, d.h. steig nieder zur Demut, und du wirst es hoch haben, verlass das, was hübsch aussieht, aber in Wahrheit bitter ist, und du wirst es lieblich haben. Gib deinen eigenen Willen auf, wenn du klein sein willst, verachte das Irdische, und du wirst himmlisch werden; verschmähe das Überflüssige, und du wirst geistlichen Überfluss haben.

Mit Petrus ist jedoch der Glaube der heiligen Kirche gemeint. Denn so wie Petrus standhaft bis zuletzt blieb, so wird der Glaube der heiligen Kirche ewig standhaft bleiben. Daher sagt Petrus, nämlich der heilige Glaube: „Öffne deinen Mund, und du wirst die üppigste Kost erhalten“, d.h. öffne den Verstand deiner Seele, und du wirst in der heiligen Kirche die lieblichste Kost finden – nämlich den Leib des Herrn im Sakrament des Altars, das neue Gesetz und das alte, die Auslegungen der Lehrer, die Geduld der Märtyrer, die Demut der Bekenner, die Reinheit der Jungfrauen und den Grund aller Tugenden.
Suche daher den heiligen Glauben in der Kirche des hl. Petrus, halte ihm im Gedächtnis und bringt ihn mit guten Taten zur Vollendung. Mit Paulus wird Geduld bezeichnet. Er brannte nämlich in seinem Eifer gegen die, die den heiligen Glauben bekämpfen, froh in Leiden, beharrlich in Hoffnung, geduldig in Krankheiten, mitfühlend mit den Trauernden, demütig in seinen Tugenden, freigebig gegenüber den Armen, barmherzig gegen die Sünder, Meister und Lehrer aller, der bis zuletzt in Gottes Liebe verharrte.

Deshalb wird Paulus, nämlich die Geduld, dich mit den Waffen der Tugenden versehen, denn die wahre Geduld, die auf das Beispiel und die Geduld Christi und seiner Heiligen gegründet und gestärkt ist, die zündet die Gottesliebe im Herzen an, feuert die Seele an, mit Stärke zu handeln, macht den Menschen demütig, milde, barmherzig, brennend für das Himmlische, wachsam, wenn es sie selbst betrifft, und beharrlich in dem, was sie begonnen hat.
Infolgedessen werde ich, die Mutter der Barmherzigkeit, jeden Menschen zu meinem Sohn hinführen, der auf den Knien der Demut Gehorsam leistet, der den Glauben mit lieblicher Kost sättigt und die Geduld mit den Waffen der Tugenden kleidet, und mein Sohn wird ihn mit der Krone seiner Lieblichkeit krönen. In ihm ist nämlich eine unergründliche Stärke vorhanden, eine unvergleichliche Weisheit, eine unsagbare Sittsamkeit und eine wunderbare Liebe. Und deshalb wird niemand ihn aus seinen Händen reißen können.
Wenn ich auch nur mit dir rede, meine Tochter, meine ich mit dir doch alle, die dem heiligen Glauben mit Werken der Liebe folgen. Denn so wie unter einem Manne Israel alle Israeliten verstanden wurden, so sind mit dir alle wahrhaft Gläubigen gemeint.“

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19. Kapitel

Birgitta preist Maria, die dafür verspricht, ihr die Gnadengaben der Tugenden zu erwirken.

O liebliche Maria, du neue Schönheit, du allerklarste Schönheit! Komm du mir zu Hilfe, so dass meine Hässlichkeit abgewaschen, und meine Liebe entzündet wird! Drei Dinge verleihen nämlich dem Haupte deine Schönheit. Sie reinigt das Gedenken, so dass zweitens das Gehörte mit Freude behalten werden kann, und so dass drittens Gottes gehörte und bewahrte Worte mit Eifer ausgebreitet und weiter zur Kenntnis des Nächsten gebracht werden.

Deine Schönheit beschert auch dem Herzen drei Dinge. Erstens nimmt sie die so harte Bürde der Trägheit fort, wenn man deine Liebe und Demut betrachtet. Zweitens gibt sie den Augen Tränen, wenn man deine Armut und Geduld beachtet. Drittens verleiht sie dem Herzen die innerliche Glut der Lieblichkeit, wenn man mit Ernst an deine Güte und Milde denkt. O meine Frau, du bist in Wahrheit die kostbarste Schönheit, die Schönheit, die man am meisten begehrt, denn du bist den Schwachen zur Hilfe gegeben, den Betrübten zum Trost und allen zur Mittlerin.
Also tun alle, die gehört haben, dass du geboren werden sollst, und die wissen, dass du jetzt geboren bist[1], recht daran, zu rufen: „Komm, du klarste Schönheit, und erleuchte unser Dunkel! Komm, du kostbarste Schönheit, und nimm unsere Schmach fort! Komm, du lieblichste Schönheit, und lindere unseren bitteren Schmerz! Komm, du mächtigste Schönheit, und löse uns aus unsere Gefangenschaft! Komm, du ehrbarste Schönheit, und wisch unsere widerliche Unreinheit ab!“

Gesegnet und verehrungswürdig sei deshalb eine so herrliche Schönheit! Alle Patriarchen wünschen, sie zu sehen, alle Propheten sangen und weissagten von ihr, und alle Auserwählten freuen sich über sie.“
Die Mutter antwortete: „Gesegnet sei Gott, meine Schönheit, die dir eingab, solche Worte zu sprechen! Darum sage ich dir, dass die urälteste, die ewige und allerlieblichste Schönheit, die mich gemacht und geschaffen hat, dich stärken wird. Die älteste und doch neue Schönheit, die alles erneuert, die in mir war und von mir ausging, wird dich wunderbare Dinge lehren, die begehrenswerteste Schönheit, die alle erfreut und glücklich macht, wird deine Seele mit ihrer Liebe entzünden. Vertraue deshalb auf Gott! Wenn sich die himmlische Schönheit zeigt, wird nämlich alle irdische Schönheit zuschanden und wird für Dreck gehalten.“
Danach sagte Gottes Sohn zur Mutter: „O gesegnete Mutter, du bist wie ein Goldschmied, der ein schönes Werk herstellt. Alle, die das Werk sehen, freuen sich und opfern Gold oder kostbare Steine, damit das Werk vollendet werden kann. So schenk du, die von allen geliebte Mutter, dem Menschen Hilfe, der versucht, zu Gott aufzusteigen, und du lässt keinen deinen Trost entbehren. Deshalb kannst du mit Recht Blut von Gottes Herzen genannt werden. Denn so wie alle Glieder des Leibes Leben und Kraft durch das Blut empfangen, so werden durch dich alle von der Sünde zum Leben erweckt und können Gott in einer fruchtbareren Weise dienen.“

[1]. Die Offenbarungen dürfte eine Betrachtung zu Marias Geburtstag (8. September) sein.

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20. Kapitel

Die hl. Agnes ermahnt Birgitta, ihre strenge Lebensführung nicht zu ändern, aber auch keine übertriebene Askese zu üben; gute geistliche Berater können sie dabei anleiten. Weiter deutet Agnes an, wie Gott den Menschen in der Stunde der Versuchung hilft.

Agnes spricht: „O Tochter, steh fest und weiche nicht zurück, denn eine stechende Schlange liegt hinter deinen Fersen, und geh auch nicht weiter voran als nötig ist, denn eine scharfe Speerspitze liegt vor dir, und von der wirst du verwundet werden, wenn du weiter vorgehst, als richtig ist.
Aber was heißt das, zurückzuweichen, wenn man nicht in der Stunde der Versuchung bereut, dass man einen strengeren und gesunden Wandel eingeschlagen hat, aber doch wieder zum dem Altgewohnten zurückkehren will und die Sinne sich an schmutzigen Gedanken erfreuen lässt? Wenn so etwas dem Sinn gefällt, so verdunkelt das alles Gute und zieht das Verlangen ganz allmählich von allem Guten ab.

Und du sollst auch nicht weiter vorangehen, als angemessen ist, d.h. dich über deine Kräfte anstrengen oder anderen in guten Taten mehr nachzueifern, als in der Kraft deiner Natur liegt. Denn Gott hat von Ewigkeit verordnet, dass der Himmel für Sünder durch Werke der Liebe und der Demut offen gelassen wird, wobei Maß und Überlegung bei allem eingehalten wird.

Aber nun rät der missgünstige Teufel dem unvollkommenen Menschen, über seine Kräfte zu fasten, ungewöhnliche und undurchführbare Dinge zu versprechen und dem nachzueifern, was vollkommen ist, indem er seine schwachen Kräfte nicht berücksichtigt, und die Folge ist, dass der Mensch das schlecht begonnene Werk mit immer schwächeren Kräften fortsetzt – mehr aus Scham vor den Menschen als für Gott, oder dass er auch bald durch Unklugheit und Schwäche ermattet.

Deshalb magst du dich selber an dir selber messen, d.h. auf deine Stärke und Schwachheit Acht geben, denn manche sind von Natur aus stärker, andere schwächer. Manche brennen durch Gottes Gnade mehr, andere sind aus guter Gewohnheit eifriger. Daher solltest du dein Leben nach ihrem Rat einrichten, damit dich nicht die Schlange sticht, weil du dich vorher nicht besinnst, oder die Spitze des vergifteten Schwertes, d.h. die höchst giftige Eingebung des Teufels, kann deinen Sinn betrügen, so dass du entweder das scheinen willst, was du gar nicht bist, oder etwas haben möchtest, was über deine Kräfte und deine Macht geht.

Es gibt nämlich manche, die glauben, das Himmelreich durch ihre Verdienste zu gewinnen, und die verschont Gott durch seinen heimlichen Ratschluss vor den Versuchungen des Teufels. Es gibt andere, die glauben, mit ihren Werken vor Gott gutzumachen, was sie gesündigt haben, und dieser ganze Irrtum von ihnen ist verwerflich. Denn auch wenn der Mensch seinen Leib hundertmal töten würde, könnte er bei Gott nicht eins für tausend wiedergutmachen, denn Er verleiht das Können und den Willen, Er schenkt die Zeiten und Gesundheit. Er ist es, der erhöht und demütigt, und alles ist in seine Hände gelegt. Dafür soll nur ihm Ehre erwiesen werden, und keine Menschenverdienste gelten vor Gott etwas.

Aber nun möchtest du über die Frau Bescheid wissen, die gekommen war, um Vergebung ihrer Sünden zu erlangen, aber verführt wurde. Ich antwortete dir: Es gibt manche Frauen, die enthaltsam leben, aber doch den Menschen nicht lieben, der keine großen Wünsche hat oder gewaltsam versucht wird, und der gern mit einer ehrenhaften Ehe einverstanden wäre, wenn sie sich ihm bieten würde, der aber – da das Große ihm nicht angeboten wird – das Kleine nun verschmäht.

Deshalb gibt die Enthaltsamkeit manchmal Anlass zu Hochmut und Vermessenheit, weshalb es auch mit Gottes Zulassung geschieht, dass sie fallen, wie du ja auch hörtest. Aber wenn jemand die Absicht hat, dass er um alles in der Welt nicht ein einziges Mal beschmutzt werden will, so wäre es ja auch unmöglich, dass ein solcher schändlichen Dingen anheim fallen würde. Wenn Gott in seiner verborgenen Gerechtigkeit zulassen würde, dass ein solcher Mensch fällt, so würde ihn dies mehr zur Belohnung als zur Sünde führen, wenn es gegen seinen Willen passieren würde.

Deshalb sollst du sicher wissen, dass Gott so wie ein Adler ist, der von der Höhe auf das niedrige blickt, und der sich, wenn er etwas von der Erde aufsteigen sieht, gleich wie ein geschleuderter Stein darauf stürzt. Wenn der Adler etwas Giftiges oder ihm Feindliches sieht, so durchbohrt er es wie ein Pfeil, und wenn etwas Unreines von oben auf ihn tropft, schüttelt er es heftig ab, wie die Gans es tut, und entfernt es von sich. So macht es auch Gott, wenn er sieht, dass sich das Herz der Menschen entweder durch die Gebrechlichkeit des Fleisches oder die Versuchungen des Teufels gegen den Willen des Geistes gegen Gott auflehnen will. Durch Eingebung von Reue und Buße macht Gott das gleich wie ein geschleuderter Stein zunichte und bewirkt, dass der Mensch zu Gott und zu sich selbst zurückkehrt. Und wenn das Gift des fleischlichen Begehrens oder nach Reichtum ins Herz eindringt, so durchbohrt Gott gleich den Sinn mit dem Pfeil seiner Liebe, so dass der Mensch nicht in seiner Sünde beharrt und von Gott getrennt wird. Und wenn etwas von der Unreinheit des Hochmuts oder vom Schmutz der Wollust die Seele besudelt hat, so wirft er dies sogleich wie eine Gans durch die Standhaftigkeit des Glaubens und der Hoffnung fort, damit die Seele nicht in ihren Lastern verharrt, oder die mit Gott vereinte Seele angesteckt wird. Deshalb sollst du, meine Tochter, bei all deinem Begehren und deinen Werken Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit betrachten und stets dein Ende bedenken.“

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21. Kapitel

Maria schärft Birgitta ein, wie wichtig es ist, dass die, die schon gut sind, an der Besserung ihrer Mitmenschen arbeiten.

Gesegnet seist du, mein Gott, der dreifaltig und einer ist, dreifach in Personen und einer im wesen. Du bist selbst die Güte und die Weisheit, die Schönheit und die Macht, die Gerechtigkeit und Wahrheit, durch die alles existiert, lebt und erhalten wird. Du bist in Wahrheit wie die Blume, die für sich selbst auf dem Felde wächst, und von der alle, die sich der Blume nahen, einen leiblichen und süßen Geschmack empfangen, Erquickung im Herzen, Freude am Schauen und Stärkung in den übrigen Gliedern.

So werden alle, die dir nahen, schöner, indem sie die Sünde aufgeben, weiser indem sie deinen Willen und nicht den des Fleisches befolgen, gerechter, indem sie sich nach dem Nutzen für die Seele und nach Gottes Ehre richten. Schenk mir deshalb, mildester Gott, das zu lieben, was dir gefällt, mannhaft den Versuchungen zu widerstehen, alles Irdische zu verachten und dich beständig im Gedächtnis zu behalten.“
Die Mutter erwiderte: „Diesen Gruß hat der gute Hieronymos[1] dir erworben, der die falsche Weisheit verließ und die wahre Weisheit fand, der weltliche Ehre verschmähte und Gott selbst gewann. Selig ist ein solcher Hieronymus, selig sind die, die seiner Lehre und seinem Leben nachfolgen. Er liebte die Witwen, war ein Spiegel für die, die sich in der Tugend vervollkommnten, und war der Lehrer aller Wahrheit und Reinheit. Aber sag nun, Tochter, was ist es, das dich in deinem Herzen bekümmert?“

Sie (Birgitta) antwortete: „Dieser Gedanke kommt mir: „Wenn du Gott bist, magst du dir mit deiner Güte selbst genügen. Warum brauchst du andere zu richten und ermahnen, oder die zu belehren, die besser sind – das passt doch nicht zu deiner Stellung. Von diesem Gedanken wird die Seele so verhärtet, dass sie sich selbst vergisst und ganz in ihrer Gottesliebe erkaltet.“

Die Mutter antwortete: „Dieser Gedanke zieht viele, die Fortschritte gemacht haben, von Gott ab, denn der Teufel hindert die Guten daran, mit den Bösen zu sprechen, damit letztere keine Reue spüren. Er hindert auch die Guten daran, mit denen zu reden, die besser sind, damit sie nicht auf einen höheren Platz aufrücken. Denn wenn die Guten die Lehre der Guten gehört haben, rücken sie zu höheren Verdiensten und Plätzen auf.
So sollte der Hofbeamte, der Jesaja las, zu seiner der kleineren Strafen in der Hölle kommen[2]. Aber Philippus begegnete ihm, lehrte ihn den Weg zum Himmel und hob ihn auf einen seligen Platz. So wurde auch Petrus zu Kornelius geschickt[3]. Wenn Kornelius früher gestorben wäre, wäre er sicher seines Glaubens wegen zu einem Trost gekommen, aber nun kam Petrus und führte ihn zur Pforte des Lebens. Ebenso kam Paulus zu Dionysius[4] und führte ihn zu einem seligen Lohn.
Also sollen Gottes Freunde nicht in Gottes Dienst ermüden, sondern daran arbeiten, dass der böse Mensch besser werde, und der gute Mensch noch größere Vollkommenheit erlangt. Denn wer gewillt ist, es allen Vorbeigehenden ins Ohr zu flüstern, dass Jesus Christus in Wahrheit Gottes Sohn war, und wer so viel er kann, zur Bekehrung anderer tat, der soll – auch wenn sich nur wenige oder keine bekehren – doch denselben Lohn erhalten, als wenn alle bekehrt wären.

Ich will dies außerdem durch ein Gleichnis erklären. Wenn zwei Knechte auf Befehl ihres Herrn in dem härtesten Berge graben würden, und der eine echtes Gold fände, der andere aber nichts, so hätten beide für ihre Arbeit und für ihren Einsatz denselben Lohn verdient. Paulus bekehrte ja mehr Menschen als die anderen Apostel, die weniger bekehrt haben, doch hatten alle denselben Willen – aber Gottes Verordnung ist verborgen. Deshalb soll man nicht den Mut sinken lassen, auch wenn nur wenige oder keine Gottes Wort annehmen. Denn wie die Dornen die Rose verstecken und wie der Esel seinen Herrn weiterfährt, so nütz der Teufel (der Dorn der Sünde) den Auserwählten (den Rosen) durch den Stich der Trübsal, damit sie nicht durch Vermessenheit des Herzens in unnütze Zügellosigkeit verfallen, und leitet sie wie der Esel hin zu Gottes Trost und zu einer größeren Belohnung.“

[1]. Kirchenlehrer, geb. um 347 – ca. 419.
[2]. Apostelgesch. 8,26 ff.
[3]. Apostelgesch. 10,1.
[4]. Apostelgesch. 17, 34.

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22. Kapitel

Christus droht der jetzigen sündigen Menschheit mit seiner strengen Strafe. Er verspricht aber denen Barmherzigkeit, die beizeiten umkehren. Offenbarung, gegeben in Schweden 1344-49.

Der Sohn spricht: „Wenn ich betrübt sein könnte, so könnte ich jetzt mit Recht sagen, dass ich es bereue, den Menschen geschaffen zu haben. Der Mensch ist nämlich jetzt wie ein Tier, das freiwillig ins Netz läuft, denn soviel man auch ruft, so folgt er doch der Begierde seines Willens. Und man kann dem Teufel nicht völlig unterstellen, dass er den Menschen mit Gewalt zu sich zieht, denn der Mensch geht selbst mit seiner Schlechtigkeit voraus. Wie Jagdhunde, die erst in der Koppel geführt werden, kommen sie rascher an die Beute als der Hundeführer, weil sie daran gewöhnt worden sind, das Wildbret zu packen und zu zerreißen.

So ist auch der Mensch, an die Sünde gewöhnt und von ihr verhext, mehr bereit zu sündigen, als der Teufel ihn zu versuchen. Das ist nicht verwunderlich, denn es war lange her, dass der apostolische Stuhl, das Haupt der Welt, Gott durch die Heiligkeit seines Lebenswandels und sein Beispiel Gott besänftigt hatte, wie er es früher tat, und deshalb sind die übrigen Glieder der Kirche schwach und kümmerlich geworden. Und man bedenkt nicht, warum Gott, der so reich ist, arm und bloß geworden ist: Das ist er ja geworden, um uns zu lehren, dass das Vergängliche verachtet und das Himmlische geliebt werden soll.

Aber dass der Mensch, der von Natur aus arm ist, durch falsche Reichtümer reich geworden ist, das möchten alle nachmachen, und es sind wenig, die es nicht nachahmen. Deshalb wird der Pflüger kommen, ausgesandt vom Allmächtigen und geschärft vom Allerweißesten. Er fragt nicht nach Grundbesitz und nach körperlicher Schönheit, fürchtet nicht die Kraft der Starken, zittert nicht vor Drohungen der Fürsten und sieht die Person nicht an, und er wird das Fleisch der Menschen säen (?) und das Haus der Geister niederreißen, die Leiber den Würmern überlassen, und die Seelen dem, dem sie gedient haben.
Deshalb sollen meine Freunde, zu denen ich dich sende, mannhaft und hurtig arbeiten, denn das, wovon ich rede, wird nicht erst in den letzten Tagen geschehen, wie ich vorher sagte, sondern schon in diesen Tagen. Viele von denen, die jetzt leben, werden es mit ihren Augen sehen, und so wird vollendet werden, was geschrieben steht: „Die Ehefrauen sollen Witwen werden, und ihre Kinder vaterlos, und alles, was Menschen begehren, wird ihnen genommen werden.“

Doch werde ich, der barmherzige Gott, die aufnehmen, die mit Demut zu mir kommen. Denen, die mit ihren Werken die Früchte der Gerechtigkeit vollkommen machen, werde ich mich selber schenken, denn es ist richtig, dass das Haus gereinigt wird, in das der König eingehen wird, um dass das Glas geputzt wird, so dass der Trank klar funkeln kann, und dass das Korn fest gedroschen wird, um von den Grannen getrennt zu werden.

Aber wie der Sommer nach dem Winter kommt, so werde ich auch nach den Leiden Trost bescheren, nämlich denen, die geringe sein wollen, und die das Himmlische höher schätzen, als das Irdische. Doch – wie der Mensch nicht zur selben Stunde geboren wird und stirbt, so wird dies alles erst vollendet, wenn die Zeit kommt. Du sollst aber wissen, dass ich mit manchen nach dem Sprichwort handeln werde: „Schlag ihn auf den Hals und lass ihn laufen, und soll der Schmerz ihn dazu bringen, sich zu beeilen.“

Mit anderen werde ich verfahren, wie geschrieben steht: „Tu deinen Mund auf, und ich werde ihn füllen.“ Aber zu anderen werde ich tröstend und ermunternd sagen: „Kommt, ihr Unwissenden und Einfältigen, und ich will euch Redegabe und Weisheit schenken, so dass die Redegewandten nicht dagegen ankönnen.“
So habe ich es in diesen Tagen gemacht: Ich habe die Einfältigen mit meiner Weisheit erfüllt, und sie widerstehen nun den Gebildeten. Ich habe die Großsprecherischen und Mächtigen vertrieben, und sie sind schleunigst davongegangen. Das ist nicht verwunderlich, denn, wie du gehört hast, habe ich den Weisen befohlen, den Schlangen die Zunge abzuschneiden, und sie wollten nicht. Und die Mutter.[1]….. will die Münder nicht austrocknen, wie ich gemahnt hatte, um das Feuer der Begierde im Herzen des Kindes auszulöschen. Deshalb habe ich sie in ihrer Stunde des Glücks niedergemacht und ihre Zungen abgeschnitten.“

[1]. Modern, som var allmogens ris – unverständlich.

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23. Kapitel

Der Evangelist Johannes und die Jungfrau Maria sprechen von einem schwedischen Zisterziensermönch, der ketzerische Ansichten hat. Der Zusatz, der von Prior Petrus von Alvastra verfasst ist, berichtet, dass der betreffende Mönch seine Irrtümer auf Ermahnung von Birgitta widerrufen hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder später in Italien gegeben.

Der Evangelist Johannes sagte zur Mutter Gottes: „Höre, du Jungfrau und Mutter eines einzigen Sohnes und nicht von mehreren, du Mutter des eingeborenen Gottessohnes, dem Schöpfer und Erlöser aller! Höre (ich weiß ja, dass du hörst), wie sehr dieser Mann vom Teufel betrogen ist, wie sehr er sich bemüht, das Unmögliche zu gewinnen, wie er vom Geist der Lüge unterwiesen wurde, und wie weit er sich von Gott in Gestalt eines Schafs und mit dem Herz eines Löwen entfernt hat!

Ich habe gelehrt, dass es drei sind, die im Himmel und auf Erden Zeugnis ablegen – nämlich der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Aber über diesen Mann bezeugt der böse Geist, dass er ganz und gar so scheinheilig geworden ist, dass der Vater ihn mit seiner Macht nicht stärkt, der Sohn mit seiner Weisheit ihn nicht besucht, und der Heiligen Geist ihn mit seiner Liebe nicht entzündet. Das ist nicht verwunderlich, denn er strebt nach Macht gegen die Macht des Vaters, er will weise sein gegen die Weisheit des Sohnes, und er ist entflammt – aber in anderen Weise, als wie der Heiligen Geist es tat. Bitte deshalb deinen Sohn, dass er schleunigst abberufen wird, so dass nicht auch mehrere andere verloren gehen, oder dass er für seinen Irrtum auch bald demütige Buße tut.“

Die Mutter antwortete: „Hör du, die du Jungfrau bist, obwohl du ein Mann und keine Frau bist[1]. Du bist die, die Gott gewürdigt hat, mit dem leichtesten Tod nächst mir von der Welt abzurufen. Ich bin gleichsam bei der Trennung der Seele vom Körper eingeschlafen und in ewiger Freude erwacht.
Das war nicht verwunderlich, denn ich trauerte bitterer als andere beim Tode meines Sohnes, und deshalb hat es Gott gefallen, mich mit dem leichtesten Tode von der Welt zu trennen. Du warst mir am nächsten unter den Aposteln, du hast größere Beweise als andere für die Liebe meines Sohnes erfahren, die Pein meines Sohnes war für dich bitterer als für die anderen, denn du sahst ihn näher als sie, und nachdem du länger als deine Mitbrüder gelebt hast, bist du sozusagen durch ihrer aller Tod zur Märtyrerin geworden. Deshalb hat es Gott gefallen, dich mit dem leichtesten Tod nächst mir von der Welt abzurufen, denn die Jungfrau wurde damit einer Jungfrau anvertraut. Daher soll es ohne Verzögerung so gehen, wie du es gewünscht hast.

Doch will ich meiner Tochter zeigen, wie dieser Mann[2], vom dem wir sprechen, beschaffen ist. Er ist sicher wie ein Diener bei einem Münzschmied. Mit letzterem ist der Teufel gemeint, der seine Münzen umschmelzt und hämmert – d.h. den, der ihm mit seinen Eingebungen und Versuchungen bearbeitet, bis er ihn so bekommt, wie er will. Und wenn er den Willen des Menschen verdorben hat und ihn zur Fleischeslust und Weltliebe erniedrigt hat, so drückt er ihm gleich sein Bild und seine Inschrift auf, denn dann geht aus den äußeren Zeichen allzu gut hervor, wen der Mensch mit seinem ganzen Herzen liebt.

Aber wenn der Mensch das Begehren seiner Sinne in der Tat vollkommen macht und sich mehr in weltliche Dinge einmischen will, als es seiner Stellung zukommt, ja wenn er noch mehr tun würde, wenn er nur könnte, da zeigt sich, dass die Münze des Teufels vollkommen ist. Gottes Münze ist von Gold und glänzend, biegsam und kostbar. So glänzt jede Seele, die Gottes Stempel trägt, von göttlicher Liebe, biegsam durch ihre Geduld, und kostbar durch ihre ständigen guten Taten.
Eine gute Seele wird also durch Gottes Güte „umgeschmolzen“ und unter vielen Heimsuchungen geprüft, durch die die Seele ihren Ursprung und ihre Anfälligkeit und Gottes Milde und Geduld mit ihr kennenlernt. Und sie wird Gott umso wertvoller, je demütiger, geduldiger und gewissenhafter sie erfunden wird.

Die Münze des Teufels ist dagegen aus Kupfer und Blei. Sie ist aus Kupfer, denn das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Gold; sie ist biegsam, aber nicht wie Gold, sondern härter. So scheint die Seele des Ungerechten ihr selbst gerecht zu sein. Er verurteilt alle, stellt sein eigenes Ich vor alles andere und ist nicht bereit zu Werken der Demut, aber weichlich bei seinen eigenen Taten, schwer von dem abzubringen, was ihm eingefallen ist, wichtig für die Welt, aber verächtlich vor Gott.
Von der Münze des Teufels kann man auch sagen, dass sie aus Blei ist, denn sie ist hässlich, weich und biegsam sowie schwer. So ist die Seele des Ungerechten hässlich mit ihren unkeuschen Begierden, schwer in weltlicher Gewinnsucht, und biegsam wie ein Strohhalm für alles, was der Teufel dem Sinn eingibt, ja manchmal auch noch rascher, zu sündigen, als der Teufel mit seinen Versuchungen.

So ist dieser Diener des Münzschmieds beschaffen, denn er ist es müde geworden, die Klosterregel zu beachten, wie er es doch gelobt hat, und er dachte sich aus, den Menschen durch eine vorgespielte Heiligkeit zu gefallen, um heimlich sein Fleisch lecker mästen zu können. Und rasch betörte der Teufel dann auch seine Seele mit lügnerischen Träumen, so dass er seinen Glauben daran setzte, was unmöglich ist und nicht geschehen wird. Nun wird sein Leben verkürzt werden, und die Ehre, nach der er verlangte, wird er nicht gewinnen.
Wenn man irgendeine neue Münze findet, soll man sie aber zu einem weisen Mann schicken, der wiegen kann und genügend Kenntnis vom Aussehen einer Münze hat. Aber wie finden wir den? Und wenn wir ihn finden werden, kümmert er sich wenig oder gar nicht darum, wieweit die Münze unecht oder echt ist. In einem solchen Fall gibt es einen einzigen Ausweg, wie ich dir durchein Gleichnis erklären will.

Wenn man einem Hunde einen Gulden vorlegen würde, so würde er sich nicht darum kümmern, ihn zu nehmen, aber wenn man ihn mit einem Fett einschmieren würde, so würde er es ohne Zweifel tun. So verhält es sich auch hier. Wenn man zu einem weisen Mann geht und sagt: „Der da ist ein Ketzer, so befasst er sich nicht damit, denn seine Gottesliebe ist ganz erkaltet. Aber wenn man sagte: „Er hat viele Gulden“, so würden alle gleich dahin eilen. Daher wird es bald so gehen, wie Paulus sagt: „Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und demütigen, aber die Demütigen will ich erhöhen.“

Doch kannst du, meine Tochter, den Heiligen Geist an sieben Dingen von dem unreinen unterscheiden. Zum ersten bewirkt Gottes Geist, dass die Welt ihren Wert für den Menschen verliert, der in seinem Herzen dann dies alles für Luft ansieht. Zweitens macht er Gott für die Seele lieb und wird jede fleischliche Lust zum Verlöschen bringen. Drittens gibt er Geduld und die Lust, Gott allein die Ehre zu geben. Viertens erweckt er den Sinn, die Mitmenschen zu lieben und auch mit Feinden Mitleid zu haben. Fünftens schenkt er Keuschheit und Enthaltsamkeit auch von erlaubten Dingen. Sechstens lässt er den Menschen in allen Widerwärtigkeiten auf Gott vertrauen und sich deren rühmen. Siebtens schenkt er das Verlangen, erlöst zu werden und lieber bei Christus zu sein, als auf der Welt Erfolg zu haben und von ihr befleckt zu werden.

Der böse Geist bewirkt dagegen sieben andere Dinge. Erstens macht er, dass der Mensch die Welt schön findet und das Himmlische verachtet. Zweitens macht er, dass der Mensch sich nach Ehrenbezeugungen sehnt und sich selbst vergisst. Drittens erweckt er Hass und Ungeduld im Herzen. Viertens bringt er den Menschen dazu, Gott zu trotzen und auf seinen eigenen Vorsätzen zu bestehen. Fünftens lässt er den Menschen seine Sünden für unbedeutend halten und sie entschuldigen. Sechstens macht er das Herz unstet und das Fleisch unrein. Siebtens macht er dem Menschen Hoffnung auf ein langes Leben und flößt ihm Scham ein, zu beichten. Gib daher genau Acht auf deine Gedanken, so dass du nicht von diesem Geist betrogen wirst.“

Erklärung
Dieser Mann war Priester des Zisterzienserordens. Nachdem er 18 Jahre abtrünnig war, bereute er das und kehrte zum Kloster zurück. Er behauptete, es sei unmöglich, dass einer verdammt werden könne, dass Gott mit einem Mensch auf dieser Welt reden könne, und dass jemand Gottes Angesicht vor dem Jüngsten Gericht sehen kann.
Als Frau Birgitta dies hörte, sagte der Heiligen Geist zu ihr: „Geh zu diesem Bruder und sag zu ihm: „O Bruder, du siehst nicht, was ich sehe, nämlich dass der Teufel noch in deinem Alter deinen Sinn und deine Zunge gebunden hält. Gott ist ewig, und ewig ist seine Vergeltung. Wende dich daher schleunigst mit deinem ganzen Herzen zu Gott und dem wahren Glauben, denn du wirst sicher nicht von diesem Bett aufstehen, sondern sterben. Aber wenn du glaubst, wirst du ein ehrenvolles Gefäß Gottes werden.“

Er brach in Tränen aus, dankte Frau Birgitta und besserte sich vollständig, dass er bei seinem Heimgang die Brüder zusammenrief und sagte: „O meine Brüder, ich bin gewiss, dass der barmherzige Gott meine Reue angenommen hat und mir Verzeihung schenken wird. Betet für mich! Ich glaube alles was die Heiligen Kirche glaubt.“ Und nachdem er das Sakrament[3] empfangen hatte, entschlief er.

[1]. So wörtlich, doch unverständlich.
[2]. Wie später gesagt wird, war es ein Priester im Zisterzienserorden.
[3]. Die letzte Ölung.

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24. Kapitel

Maria ermahnt Birgitta zur Geduld, wenn sie auch andere ungeduldig sieht.

Die Mutter spricht: „Wenn ein Ölkrug aufgewärmt wird und das Öl sich ausbreitet und wächst, steigen Dampf – und Schaumbildungen auf, manchmal kleinere, und sinken wieder schnell herunter. Alle die, die um das Ölfass herumstehen, wissen, dass solche Dämpfe rasch abnehmen, und dass es an der Stärke und Erhitzung des Öls liegt, dass so etwas daraus aufsteigt. Sie warten daher geduldig auf das Ende und auf die abschließende Bereitung des Öls. All denen, die um den Krug herumstehen und die Nase zu nah an das siedende Gebräu halten, geschahen zwei Sachen: Entweder niesen sie heftig, oder sie bekommen starke Kopfschmerzen[1].

So ist es auch im geistlichen Leben. Denn es passiert manchmal, dass das Herz mancher Leute aufschwillt und sich auf Grund von Übermut und Ungeduld seines Sinnes überhebt. Anständige Männer geben darauf Acht und sehen ein, dass so etwas entweder von der Unbeständigkeit des Sinnes oder von einer fleischlichen Regung herrührt. Daher ertragen sie geduldig die Wort und warten auf das Ende, denn sie wissen ja, dass nach dem Sturm wieder Ruhe eintritt, und dass die Geduld größer ist als der, der Städte einnimmt, denn diese Tugend überwindet der Mensch in sich selbst, was am allerschwersten ist.
Aber die, die sehr ungeduldig sind und harte Worte wiedergeben und nicht auf den ehrenvollen Lohn der Geduld achten, oder darauf, wie verächtliche die Gunst der Welt ist – bei denen wird die Sinnesruhe schwach, und sie geraten wegen ihrer Ungeduld in Versuchungen, denn sie halten die Nase zu dicht an den dampfenden Krug, d.h. sie lassen ihr Herz sich zu sehr über Worte bekümmern, die bloß leeres Wetter sind.
Wenn ihr daher manche seht, die ungeduldig sind, solltet ihr mit Gottes Hilfe euren Mund bewachen, so dass ihr wegen ungeduldiger Worte nicht das Gute aufgebt, das ihr begonnen habt, sondern es auf sich beruhen lasst, als ob ihr es nicht gehört habt – bis die, die eine Gelegenheit dazu finden wollen, mit Worten ausdrücken, was sie im Herzen meinen.“

[1]. Das Gleichnis ist vom Ölbrauen in einem mittelalterlichen schwedischen Haushalt genommen und ist typisch für seine Verfasserin, die Frau eines Großbauern in Östergötland.

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25. Kapitel

Maria ermahnt Birgitta zur Askese, aber in maßvoller Weise.

Die Mutter spricht: „Du sollst wie eine Braut sein, die am Bettvorhang steht, und die bereit ist, auf den Willen des Bräutigams zu hören, sobald er sie ruft. Dieser Bettvorhang ist der Körper, den die Seele umgibt, und der ständig gewaschen, erprobt und gezüchtigt werden muss. Der Körper ist ja wie ein Esel, der mäßige Kost braucht, damit er nicht in Geilheit gerät und die Arbeit vernünftig abwägt, damit er nicht hochmütig wird und ständig Schläge bekommt, damit er nicht widerspenstig wird.

Steh also am Bettvorhang, d.h. am Körper und nicht im Körper und kümmere dich in deinem Begehren nicht um das Fleisch, sondern versorge den Leib mit maßvollem Lebensunterhalt, denn der Mensch steht am Körper, nicht im Körper, der seinen Leib vom wollüstigen Überfluss an Nahrung fernhält – aber nicht von dem, was notwendig ist.
Steh auch hinter dem Bettvorhang, indem du den Genuss des Fleisches verschmähst, fördere Gottes Ehre und widme dich Gott ganz. So standen die, die ihre Leiber wie Kleider vor Gott niederlegten, und die jede Stunde bereit für Gottes Willen waren, wenn es Gott gefiel, sie zu berufen – für sie war ja der Weg zu ihm, den sie immer gegenwärtig hatten, auch nicht lang, und ihre Hälse drückten keine schwere Lasten, denn sie verschmähten alles, und nur doch ihre Körper waren auf der Welt.

Deshalb schweben sie leicht und ungehindert auf zum Himmel, da sie das abgelegt hatten, gewannen sie, was sie ersehnt hatten. So tat dieser einen gefährlichen Fall, stand klugerweise wieder auf, verteidigte sich mannhaft, kämpfte standhaft und hielt tapfer aus. Deshalb sollst du nun auf ewig gekrönt werden, und er ist dabei, Gott zu schauen.“

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26. Kapitel

Maria erklärt, dass die guten Werke, die man aus Pflicht zu Gehorsam tut, doppelt wertvoll sind.

Der Baum hat viele Blüten, aber alle kommen nicht zur Vollendung. Ebenso gibt es viele tugendhafte Taten, aber doch verdienen nicht alle himmlischen Lohn, sofern sie nicht mit Klugheit geschehen. Denn fasten, beten und Plätze der Heiligen zu besuchen, das sind tugendhafte Taten, aber wenn sie nicht mit der Gesinnung getan werden, dass der Mensch glaubt, mit seiner Demut in den Himmel zu kommen und sich alles in allem für einen unnützigen Diener hält und Klugheit in allem hat, was er tut, so haben sie wenig Wert für die Ewigkeit.

Stell dir zwei Männer vor. Der eine steht unter Gehorsam, der andere hat seinen freien Willen. Wenn der, der frei ist, fastet, wird er einen einfachen Lohn empfangen. Aber wenn der, der unter Gehorsam steht, an einem Fastentage nach der Verordnung der Regel Fleisch isst, aber auf Grund des Gehorsams doch lieber fasten sollte, sofern die Gehorsamspflicht nicht dagegen spricht, so soll dieser doppelten Lohn empfangen, einen für seinen Gehorsam und einen dafür, dass er auf seinen eigenen Wunsch verzichtet und seinen Willen nicht erfüllt bekam.
Deshalb solltest du wie eine Braut sein, die das Hochzeitshaus in Ordnung bringt, ehe der Bräutigam kommt; zweitens sollst du sein wie eine Mutter, die die Kleider fertig macht, ehe das Kind geboren wird; drittens wie ein Baum, der Blüten trägt, bevor die Früchte kommen; viertens wie ein reines Gefäß, das ordentlich geputzt wird, bevor der Trank eingegossen wird, um ihn aufzunehmen.“

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27. Kapitel

Maria spricht mit Birgitta über eine scheinheilige Person.

Die Mutter spricht: „Dieser Mann sagt, er würde mich lieben, aber er kehrt mir den Rücken zu, wenn er mir dient. Und wenn ich mit ihm spreche, sagt er: „Was sagst du?“ Er wendet seine Augen von mir ab und sieht darauf, was ihm besser gefällt. Er ist seltsam bewaffnet – wie der, der in einem leibhaftigen Kriege stand, aber die Öffnung des Helmvisiers im Nacken hatte, der den Schild, der am Arm hängen sollte, an den Achseln hängen hatte, dessen Mantel, der dazu bestimmt war, Körper und Brust zu schützen, unter ihm im Sattel lag, und dessen Sattelriemen auch nicht festgebunden waren, wie es sein müsste, sondern lose auf dem Pferde hingen.

So ist dieser Mann geistlich vor Gott bewaffnet. Und deshalb kann er nicht zwischen Freunde und Feind unterscheiden und kann dem Feind auch keinen Schaden zufügen. Der andere, der mit ihm kämpft, ist so wie der, der schlau überlegt: „Ich will im Kampf bei den Letzten sein, so dass ich mich in den Büschen verstecken kann, wenn die Vordersten die Schlacht verlieren, aber wenn sie die Schlacht gewinnen, will ich so schnell herbeikommen, dass ich zu den Vordersten gerechnet werde.“ Daher handelte er, der in den Krieg zog, nach menschlicher Weisheit und nicht aus göttlicher Liebe.“

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28. Kapitel

Maria erklärt Birgitta, worin die rechte Trübsal besteht.

Die Mutter spricht: „Wer einen Brotteig hat, muss kräftig kneten und daran arbeiten. Aber der Herrschaft wird Weizenbrot vorgesetzt, während das Volk ein etwas weniger gutes Brot erhält, und eine dritte Art von Brot, das noch schlechter ist, wird den Hunden gegeben. Unter der Teigarbeit verstehe ich die Trübsal, denn der geistlich gesinnte Mensch ist hochbetrübt darüber, dass Gott von seiner geschaffenen Welt nur wenig Ehre erhält, und dass diese wenig Liebe spürt.
All die, die auf diese Weise betrübt sind, die sind der Weizen, worüber sich Gott und die ganze Heerschar des Himmels freut. All die, die über weltliches Unglück betrübt sind, die sind gleichsam das geringere Brot, und doch reicht das für viele, das Himmelreich zu erhalten. Aber die, die darüber betrübt sind, dass sie nicht all das Böse tun können, das sie wollen – die sind Brot für die Hunde, die es in der Hölle gibt.“

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29. Kapitel

Maria mahnt Birgitta und ihre Freunde, nicht ihre strenge Lebensführung aufzugeben.

Die Mutter spricht: „All diese, die du um euch herum stehen siehst, das sind eure geistlichen Feinde und Geister des Teufels. Denn die, die (….? stänger) haben, in denen Schlingen sichtbar sind, das sind die, die euch in Todsünden stürzen wollen. Die von denen du siehst, dass sie Haken in Händen haben, sind die, die euch vom Dienst für Gott zurückhalten wollen, damit ihr ermüden sollt, Gutes zu tun. Aber die, die gezackte Werkzeuge wie Gabeln haben, mit denen der Mensch das hervorzieht und betreibt, was er sich wünscht, das sind die, die euch überreden, dass ihr irgendwelche Werke über eure Kräfte unternehmt, ob es nun Wachen, Fasten, Gebete, Arbeiten sind, oder unverständiges Ausgeben eurer Gelder.

Da diese Geister also so versessen darauf sind, euch zu schaden, sollt ihr an diesem Willen festhalten, nämlich Gott nicht beleidigen zu wollen, und ihr sollt Gott um Hilfe gegen ihre Grausamkeiten bitten, denn dann werden ihre Drohungen euch keinen Schaden zufügen.

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30. Kapitel

Maria erklärt, dass man nicht sündigt, wenn man feine und kostbare Kleider trägt, wenn das notwendig ist.

Es steht geschrieben, dass der gute Apostel Paulus von sich sagte, ein kluger Mann vor dem Kaiser zu sein, der Petrus gefangen genommen hatte, und der Petrus einen armen Mann genannt hat. Und damit hat Paulus nicht gesündigt, denn seine Worte dienten zu Gottes Ehre.
So ist es auch mit denen, die Gottes Wort hören und davon reden wollen. Denn wenn sie nicht zu den Herrn kommen können, weil sie nicht genug feine Kleider haben, so sündigen sie nicht, wenn sie sich in die Gewänder kleiden, die sie besitzen. Sie sollen nur in ihrem Willen und in ihrem Herzen das Gold, die feine Kleidung und die teuren Steine nicht für kostbarer als die Altgewohnten Kleider halten, denn alles, was kostbar aussieht, ist nur Staub.

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31. Kapitel

Gottes Mutter sagt: „Wenn jemand einen Arbeiter mietet, um zu arbeiten, und zu ihm sagt: „Bring Sand vom Strand und untersuche jede Bürde, ob du vielleicht darin ein Goldkorn entdecken kannst, so wird der Lohn des Arbeiters nicht geringer, wenn er nichts findet, als wenn er viel entdecken würde.

So ist es auch mit dem, der mit göttlicher Liebe mit Wort und Tat zum Nutzen der Seelen arbeiten: Sein Lohn wird nicht geringen, wenn es ihm auch nicht gelingt, manche zu bekehren, als wenn er viele bekehrt. Der Lehrer hat ja dieses Gleichnis vorgebracht: „Der Krieger, der auf Befehl seines Herrn in den Krieg zog und den Willen hatte, tapfer zu kämpfen, aber verwundet und ohne einen Gefangenen zurückkehrte, der soll, wenn er auch im Krieg verloren hat, für seinen guten Willen nicht weniger Lohn erhalten, als wenn er den Sieg errungen hätte.“

So ist es auch mit Gottes Freunden. Denn für jedes Wort und jede Tat, die sie für Gott tun und dafür tun, dass die Seelen gebessert werden sollen, und für jede Stunde der Trübsal, die sie für Gott leiden, werden sie die Krone empfangen, ob sie viele bekehren oder keinen.

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32. Kapitel

Die Mutter sagt: „Es gibt ein Sprichwort bei auch, das lautet: „Mit so etwas kannst du mich aus dem Lande jagen.“ So sage ich jetzt auch. Es gibt keinen so großen Sünder auf der Welt, dass ich nicht gleich bereit bin – wenn er nur in seinem Herzen spricht, dass mein Sohn, der Schöpfer und Erlöser aller, von ihm im Herzen innig geliebt wird – wie eine liebvolle Mutter zu ihrem Sohn zu kommen, ihn zu umarmen und zu sagen: „Was gefällt dir, mein Sohn?“

Und mag er sich auch bis zur tiefsten Pein der Hölle schuldig gemacht haben – wenn er nur gewillt sein würde, sich nicht um die Ehre der Welt oder um die Begierde und Lust des Fleisches zu kümmern, was die Kirche verurteilt, und nichts anderes begehrte, als allein seinen Lebensunterhalt, so würden er und ich und bald gut vertragen.

Sag ihn also, der den Lobgesang auf mich schreibt, nicht zu seinem eigenen Ruhm oder für seinen eigenen Lohn, sondern zum Lobe dessen, der für seine Taten alles Lob verdient – dass, wie die Fürsten der Welt ihren Lobrednern eine zeitliche Belohnung geben, so will ich ihn geistlich belohnen. Denn so wie eine einzige Silbe viele Noten über sich hat, so gefällt es Gott, ihm für jede Silbe im Gesang Kronen zu schenken, und es wird ihm gesagt werden: „Sieh, der Lobsänger kommt, der einen Gesang komponiert, ohne an ein zeitliches Gut zu denken, nur für Gott allein.“

Erklärung

Dieser Mann wurde versucht, an der heiligen Dreieinigkeit zu zweifeln. In einer Ekstase sah er etwas wie drei Frauengesichter. Die erste sagte: „Viele Ehen habe ich mit angesehen, aber nie habe ich eine dreifache in einer einzigen gesehen.“ Die andere erwiderte: „Wenn drei eins sind, so muss das eine vorher und das andere nachher, oder zwei in einem sein.“ Die dritte äußerte: „Die können sich nicht selbst gemacht haben – wer hat sie dann gemacht? „Da sagte der Heilige Geist offen: „Lasst uns zu ihm gehen und Wohnung bei ihm beziehen.“ Und beim Erwachen war er von der Versuchung befreit.

Dann sagte Christus zu Frau Birgitta: „Ich bin dreifaltig und einer. Ich will dir zeigen, was des Vaters Macht, die Weisheit des Sohnes und die Kraft des Heiligen Geistes ist.“ Und diese Offenbarung ist da abgeschlossen, wo sie von der Kanzel gesprochen wird.

Weiter sagte Christus: „Sag zu ihm, dass er bei mir ein größeres Verdienst mit seiner Krankheit als mit seiner Gesundheit erwerben wird. Denn Lazarus wurde edler durch sein Leiden, und Hiob wurde mehr geliebt wegen seiner Geduld. Doch missfallen mir die von meinen Auserwählten nicht, die gesund sind, denn deren Herz ist immer bei mir, und ihr Leib übt immer kluge Enthaltsamkeit und fromme Arbeit.“

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33. Kapitel

Verehrter Herr! Verkünde dem Papst unter anderen Dingen, in welch bedauernswerter Lage sich Rom, das früher körperlich und geistlich so glücklich war, sich jetzt befindet! Jetzt ist es unglücklich, körperlich und geistlich. Körperlich, weil die weltlichen Fürsten, die seine Verteidiger sein sollten, seine wildesten Räuber geworden sind. Deshalb sind seine Häuser niedergebrochen, und viele Kirchen ganz verlassen, die Gebeine von gesegneten Heiligen bewahren, die durch ehrenreich, wunderbare Kunstwerke strahlen, und deren Seelen in Gottes Reich herrlich gekrönt werden.
Diese Tempel der Heiligen haben ihre Dächer und Tore verloren und sind in heimliche Häuser von Menschen, Hunden und wilden Tieren verwandelt.

Geistlich ist diese Stadt unglücklich, denn viele Bestimmungen, die heilige Päpste durch Eingebung des Heiligen Geistes zu Gottes Lob und zur Erlösung der Seelen in der Kirche erlassen haben, sind nun aufgehoben, und stattdessen hat man durch Eingebung des bösen Geistes leider viele neue Unsitten angenommen, um Gott zu verschmähen und die Seelen zu verdammen.

Es gab eine Verordnung in der heiligen Kirche, dass Kleriker (Priesterkandidaten), die die heiligen Weihen empfangen wollten, ein heiliges Leben führen sollten, fleißig und fromm Gott dienen und anderen durch ihre guten Werke den Weg zum himmlischen Vaterland zeigen sollten – denen gab man die Einkünfte der Kirche.
Aber anstelle dieser Gewohnheit der Kirche ist ein schwerer Missbrauch aufgekommen, indem man die Güter der Kirche Laien gibt, die sich keine Ehefrauen nehmen, während sie den Namen „Domherrn“ führen, die aber ungescheut in ihren Häusern Mätressen am Tage und nachts in ihren Betten haben, wobei sie frech erklären: „Es ist uns nicht erlaubt, in einer Ehe zu leben, weil wir Domherren sind.“

Auch Priester, Diakonen und Subdiakone haben früher die Schmach eines unkeuschen Lebenswandels tief verabscheut, aber nun freuen sich manche von ihnen offen, dass ihre Mätressen mit schwellendem Mutterleib unter andere Frauen gehen. Ja sie schämen sich nicht einmal, wenn ihre Freunde zu ihnen sagen: „Sieh, Herr, bald wird euch ein Sohn oder eine Tochter geboren werden.“ Solche Leute müssten mit größerem Recht Kupplerknechte des Teufels als geweihte Priester des höchsten Gottes genannt werden.

Die heiligen Väter, Benedikt und andere, haben mit Zulassung der Päpste Ordensregeln gestiftet und Klöster gebaut, wo die Äbte mit den Brüdern zu wohnen pflegten, fromm die nächtlichen und täglichen Stundengebete verrichteten und die Mönche gewissenhaft unterwiesen, ein züchtiges Leben zu führen. Es war sicher schön, zu der Zeit Klöster aufzusuchen, wo die Mönche Gott Tag und Nacht mit ihrem Gesang Lob und Ehre erwiesen.

Lasterhafte Menschen besserten sich dadurch, dass sie ihr schönes Leben sahen, die guten wurden durch die göttliche Unterweisung der Väter gestärkt, und die Seelen im Fegefeuer erhielten durch ihre frommen Gebete die selige Ruhe. Da wurde der Mönch in größten Ehren gehalten, der seine Regel am besten einhielt, ja er war von Gott und Mensch geehrt. Aber wer sich nicht daran kümmerte, die Regel zu halten, der konnte sicher sein, Scham und Schande zu erfahren. Damals konnte jeder Mensch von der Tracht her unterscheiden, wer Mönch war.

Aber als Ersatz für diese höchst ehrenwerte Ordnung ist jetzt vielerorts eine verwerfliche Unsitte aufgekommen. Die Äbte weilen nämlich sehr oft in ihren Schlössern und wo immer es ihnen gefällt, innerhalb und außerhalb der Stadt. Daher ist es jetzt beschwerlich, Klöster zu besuchen, denn nur sehr wenig Mönche scheinen zur Zeit des Gottesdienstes im Chor zu sein, ja manchmal überhaupt keine. Deshalb wird dort jetzt wenig gelesen, manchmal wird nichts gesungen, und an vielen Tagen wird keine Messe gehalten.

Durch ihren schlechten Ruf werden gute Menschen betrübt, und die schlechten werden durch den Umgang mit ihnen noch schlechter. Es ist zu befürchten, dass sehr wenige Seelen durch die Gebete solcher Mönche wenig Freude in ihren Qualen finden. Und viele Mönche haben auch ein eigenes Haus in der Stadt, und wenn ihre Freunde zu Besuch kommen, umarmen sie ihre eigenen Kinder und sagen fröhlich: „Schau her, mein Sohn!“

Jetzt kann man kaum noch einen Mönch an seiner Tracht erkennen, denn der Rock, der früher bis hinunter zu den Füßen reichte, kann jetzt kaum die Knie bedecken. Ihre Ärmel, die früher ordentlich genäht und weit waren, sind jetzt eng und zugeknöpft, und ein Schwert statt einem Griffel und Schreibtafel hängt an ihrer Seite. Ja, man kann beim Mönch kaum ein einziges Kleidungsstück finden, das auf seinen Stand hinweist, sondern ein Skapulier, das übrigens oft verdeckt wird, so dass man es nicht sieht, ganz als ob es eine Schande wäre, ein Mönchskleidungsstück zu tragen. Manche schämen sich nicht einmal, Panzer und andere Waffen unter dem Rock zu tragen, damit sie nach Einbruch der Dunkelheit machen, was sie wollen.

Es hat heiligen Männer gegeben, die ihre großen Reichtümer aufgegeben und angefangen haben, nach der Ordensregel in Armut zu leben, ja die alle Gewinnsucht verschmäht haben und dafür nichts eigenes mehr haben wollten. Sie verabscheuten die Hoffart und den Prunk der Welt, kleideten sich in die ärmlichsten Gewänder, legten alle fleischliche Lust ab und führten ein reines Leben.

Sie und ihre Mitbrüder wurden Bettelmönche genannt, und ihre Regeln wurden auch von den Päpsten bestätigt, die sich darüber freuten, dass es manche gab, die zu Gottes Ehre und zum Nutzen der Seelen eine solche Lebensweise auf sich nehmen wollten. Aber jetzt ist es traurig zu sehen, wie sogar diese Regeln in verwerfliche Unsitten verwandelt worden sind und keineswegs so gehalten werden, wie Augustinus, Dominicus und Franziskus sie durch Eingebung des Heiligen Geistes diktiert haben – diese Regeln, die viele Reiche und Vornehme lange Zeiten treu eingehalten haben.

Jetzt trifft man wirklich viele, die reich genannt werden, und die doch ärmer an Geld und Kostbarkeiten sind als die, die gelobt haben, in Armut zu leben. So erzählte das Gerücht von ihnen. Daher haben die meisten von ihnen Eigentum, was ihnen ihre Regel doch verbietet, und sie freuen sich mehr über ihren verwerflichen Reichtum als über heilige, ehrenvolle Armut. Und sie prahlen damit, dass ihre Tracht aus ebenso teurem Stoff gemacht ist, wie die von reichen Bischöfen.

Der heilige Gregorius und andere Heilige bauten Nonnenklöster zu dem Zweck, dass Frauen dort streng eingeschlossen werden sollten, dass sie kaum noch am Tage zu sehen waren. Aber jetzt herrscht an diesen Stellen eine sehr schwere Unsitte, indem die Tore ohne weiteres für Priester und Laien geöffnet werden, die die Schwestern gern einlassen – ja sogar des nachts. Daher gleichen diese Stellen mehr Bordellen, als heiligen Nonnenklöstern.

Es gab auch eine Bestimmung in der heiligen Kirche, dass keiner dafür Geld annehmen sollte, dass er die Beichte hörte. Jedoch war es Penitentiariern erlaubt, Geld für Schreibarbeiten anzunehmen, wie es auch gebührlich ist, wenn es Personen betrifft, die Bescheinigungen brauchen. Aber stattdessen hat sich nun die Unsitte eingeschlichen, dass reich Menschen bezahlen, so viel sie wollen, wenn sie gebeichtet haben, und Arme gezwungen werden, ein Übereinkommen mit dem Beichtvater zu treffen, ehe sie gehört werden. Und wenn die Beichtväter die Absolution mit dem Munde ausgesprochen haben, schämen sie sich nicht, das Geld mit ihren Händen in die Börse zu stopfen.

Es wurde weiter in der Kirche festgelegt, dass jeder Mensch mindestens einmal im Jahre seine Sünden beichten und den Leib Christi (in der Kommunion) empfangen sollte. Das betraf Laien; Priester und Ordensleute sollten es mehrmals im Jahre tun. Ferner war es bestimmt, dass die, die nicht enthaltsam leben konnten, in der Ehe leben sollten. Drittens, dass alle Christen (außer die, die schwer krank waren oder sich in schwerer Bedrängnis befanden), während des Vierzig-Tage-Fastens fasten sollten, an den Quatembertagen und an den Vigilien an großen Feiertagen; diese Fastentage sind immer noch fast allen sehr gut bekannt.

Viertens war es bestimmt, dass alle sich an Feiertagen von weltlicher Arbeit enthalten sollten. Fünftens war bestimmt, dass kein Christ Geld oder dergleichen durch Wucher erwerben sollte. Aber gegen diese fünf guten Bestimmungen haben sich fünf schändliche und äußerst schädliche Unsitten eingeschlichen. Die erste ist, dass es für jeden Menschen, der Beichte ablegt und Christi Leib empfängt, hundert andere Personen gibt, die das Alter der Vernunft erreicht haben und in Rom sterben, oder dass jemand in Rom stirbt, ohne jemals Beichte abgelegt oder Christi Leib empfangen zu haben…

Die zweite Unsitte ist, dass viele zwar gesetzliche Ehefrauen nehmen, aber wenn sie in irgendeine Uneinigkeit mit ihren Frauen geraten, so verlassen sie sie für solange Zeit, wie es ihnen behagt, ohne eine kirchliche Zustimmung einzuholen, und anstelle der Ehefrauen nehmen sie Mätressen, die sie auch in Ehren halten und lieben. Manche haben nicht einmal Hemmungen, in ihrem Haus eine Geliebte zusammen mit der Ehefrau zu haben, und freuen sich, zu hören, dass sie gleichzeitig Kinder im selben Haus zur Welt bringen.

Die dritte Unsitte ist, dass viele gesunde Menschen während des Vierzig-Tage-Fastens Fleisch essen, und es sind sehr wenig, die sich mit einer Mahlzeit am Tag begnügen. Und es gibt manche, die am Tage auf Fleisch verzichten und solches Essen zu sich nehmen, was während des Fastens erlaubt ist, aber nachts essen sie in heimlichen Lokalen doch Fleisch. Ja das tun sowohl Priester als auch Laien, und sie gleichen so den Mohammedanern, die am Tage fasten, aber nachts Fleisch essen.

Die vierte Unsitte ist, dass – obwohl manche Handwerker auf Arbeit an Feiertagen verzichten – doch manche Reiche ihre Tagelöhner auch an Feiertagen in die Weingärten schicken, um zu arbeiten, auf den Feldern zu pflügen, in den Wäldern Holz zu schlagen und Sachen Heimzuschaffen, und auf diese Weise genießt armes Volk an Feiertagen nicht mehr Ruhe, als an Werktagen. Die fünfte Unsitte ist, dass Christen so wie Juden Wucher betreiben, ja die christlichen Wucherer sind geradezu gieriger, als die Juden.

Es war ferner in der Kirche bestimmt, dass solche Menschen, die nun beschrieben sind, in den Bann getan werden sollen. Aber jetzt ist stattdessen die Unsitte aufgekommen, dass sich viele nicht mehr vor dem Bann, als vor dem Segen fürchten. Auch wenn sie wissen, dass sie öffentlich im Bann stehen, so verzichten sie nicht auf den Kirchenbesuch oder den Verkehr und das Gespräch mit anderen Menschen. Es gibt wenige Priester, die Gebannten verbieten, zur Kirche zu gehen: Wenige sind es, die es unterlassen, mit Gebannten zu verkehren und mit ihnen zu sprechen, wenn sie mit ihnen durch irgendein Freundschaftsband verbunden sind. Und wenn sie reich sind, so verweigert man den Gebannten kein kirchliches Begräbnis.

Daher solltet Ihr Euch nicht darüber wundern, Herr, dass ich Rom unglücklich nenne, nachdem dort solche Unsitten und vieles andere, was in scharfem Widerspruch zu den kirchlichen Bestimmungen steht, dort im Schwange sind. Es ist infolgedessen zu befürchten, dass der katholische Glaube binnen kurzem untergeht, sofern nicht jemand kommt, der Gott ungeheuchelt über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, um alle Missbräuche abzuschaffen. Habt deshalb Mitleid mit der Kirche und mit denen in ihrer Priesterschaft, die Gott von ganzem Herzen lieben und alle schlechten Sitten verabscheuen; sie sind durch die Abwesenheit des Papstes sozusagen vaterlos geworden, aber haben doch wie Söhne die Residenz des Vaters verteidigt, haben den Verrätern klug widerstanden und haben trotz vieler Leiden ausgeharrt.

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34. Kapitel

Es scheint mir, als hätte ich Menschen stehen sehen und Riemen in Ordnung bringen. Andere standen und befassten sich mit Pferden; andere schmiedeten Zangen, anderen bauten einen Galgen. Als ich dies sah, zeigte sich eine Jungfrau, die aussah, als wäre sie betrübt, und sie fragte, ob ich dies verstünde. Ich antwortete, dass ich es nicht verstehe.

Da sagte sie: „All das, was du hier gesehen hast, ist die geistliche Strafe, die für die Seele dessen bereitet wird, den du kennst. Die Riemen sind dazu da, das Pferd anzubinden, die seine Seele wegschleppen sollen. Die Zangen dienen dazu, seine Nase, seine Augen, Ohren und Lippen zu verstümmeln, und der Galgen, um ihn aufzuhängen.“
Als ich darüber betrübt war, sagte die Jungfrau: „Sei nicht betrübt! Noch ist es nämlich Zeit: Er kann, wenn er will, die Riemen zerreißen, die Pferde umwerfen, die Zangen wie Wachs zerschmelzen und den Galgen abbrechen. Und wenn er eine richtig brennende Liebe zu Gott bekommt, werden ihm diese Plagezeichen zur größten Ehre dienen.

Der Riemen, womit er verächtlich gebunden werden sollte, sollen dann in goldene Gürtel verwandelt werden; anstatt der Pferde, mit denen er durch die Straßen geschleppt werden sollte, sollen ihm Engel zugesandt werden, die ihn vor Gottes Angesicht führen; anstatt der Zangen, mit denen er schmachvoll verstümmelt werden sollte, wird seiner Nase ein lieblicher Wohlgeruch geschenkt werden, seinem Mund ein herrlicher Geschmack, seinen Augen der schönste Anblick, und seinen Ohren die lieblichste Melodie.“

Erklärung

Dieser Mann war Marschall des Königs. Er kam mit einer solchen Demut und Zerknirschung nach Rom, dass er mit entblößtem Haupt eifrig zu den Stationskirchen herumging und Gott und andere bat, für ihn zu beten, dass er nicht in sein Vaterland zurückkehren wollte, wenn es ihm passieren würde, in seine früheren Sünden zurückzufallen.
Gott hörte seine Stimme, denn als er Rom verlassen hatte und nach Montefiascone kam, wurde er dort krank und starb. Von ihm handelt eine andere Offenbarung: „Siehe, Tochter, was Gottes Barmherzigkeit tut, und was der gute Wille tut! Diese Seele war im Maul des Löwen, aber der gute Wille hat ihn den Zähnen des Löwen entrissen, und jetzt ist er schon auf dem Weg zum Himmel und wird an all dem Guten teilhaben, was in Gottes Kirche geschieht.“

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35. Kapitel

O liebster Jesus, Schöpfer von allem, was geschaffen ist! „O dass diese Menschen die Glut deines Heiligen Geistes erkennen und verstehen würden! Dann würden sie umso mehr nach dem Himmlischen trachten und das Irdische umso eifriger verabscheuen.“ Und gleich wurde mir im Geist geantwortet: „Ihre Ausschweifungen und ihre Maßlosigkeit stehen den Besuchen des Heiligen Geistes entgegen. Denn Unmäßigkeit im Essen und Trinken und bei Gastmählern mit Freunden verhindern, dass der Heilige Geist ihnen lieb wird und dass sie die weltlichen Genüsse satt werden.
Eine zu große Fülle von Gold und Silber, Gefäßen, Kleidern und Einkünften verhindern, dass der Geist meiner Liebe ihr Herz entzündet. Eine zu große Menge an Bediensteten, Pferden und Vieh verhindert, dass der Heilige Geist ihnen nahe kommt. Daher wissen sie nichts von der Süßigkeit und dem lieben Besuch, womit ich, der Gott ist, heiligen Seelen und meine Freunde besuche.

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36. Kapitel

Hör nun, was meine Feinde tun, und wie sie sich von dem trennen, was meine Freunde früher getan haben. Meine Freunde, die gingen aus kluger Furcht und göttlicher Liebe ins Kloster. Aber die, die jetzt in den Klöstern sind, die gehen aus Hochmut und Gewinnsucht in die Welt hinaus; sie folgen ihrem eigenen Willen und tun, was ihrem Leib behagt. Daher ist es auch gerecht, dass die, die in einem solchen Willen sterben, die himmlische Freude nicht kennenlernen und empfangen, sondern stattdessen die ewige Pein in der Hölle.

Du sollst auch wissen, dass die Klostermenschen, die gegen ihren eigenen Willen gezwungen werden, Vorsteher zu werden, das aber nur aus göttlicher Liebe werden, nicht zu dieser Zahl gerechnet werden sollen. Und die Ritter, die früher Waffen trugen, waren bereit, ihr Leben für die Gerechtigkeit hinzugeben und ihr Blut für den heiligen Thron (Gottes) zu vergießen; sie verhalfen denen, die es brauchten, zu ihrem Recht und unterdrückten und demütigten die Bösen.

Aber höre nun, wie verkehrt sie geworden sind. Jetzt gefällt es ihnen mehr, aus Übermut, Gewinnsucht und Neid nach den Eingebungen des Teufels im Krieg zu sterben, als nach meinen Geboten zu leben, um die ewige Freude zu gewinnen. Daher sollen alle, die in einem solchen Willen leben, ihren Lohn durch ein gerechtes Urteil erhalten, d.h. zum Lohn sollen sie dem Teufel übergeben und auf ewig mit ihm vereint werden. Aber die, die mir dienen, sollen ihren Lohn mit der himmlischen Heerschar in Ewigkeit erhalten.

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37. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Tochter, wie verhält die Welt sich jetzt?“ sie antwortet: „So wie ein offener Sack, zu dem alle laufen, und wie ein Mann, der läuft, sich aber nicht darum kümmert, was hernach geschehen wird.“
Der Herr erwiderte: „Daher ist es gerecht, dass ich mit meinem Pflug über die Welt gehe, über Heiden und Christen. Ich werde weder Alt noch jung, Arme und Reich schonen, sondern jeder wird beurteilt werden, wie er verdient hat, und ein jeder wird in seiner Sünde sterben, und sein Haus wird leer ohne Bewohner dastehen. Und doch werde ich es noch nicht zur Ausführung bringen.“

Sie (Birgitta) entgegnete: „O Herr, zürne nicht, wenn ich spreche. Sende einige deiner Freunde, um sie zu ermahnen und sie vor der Gefahr zu warnen!“ Und der Herr sagte: „Es steht geschrieben, dass der reiche Mann in der Hölle, der an seiner eigenen Erlösung verzweifelte, darum bat, dass jemand geschickt werden sollte, um seine Brüder zu warnen, damit sie nicht auch umkämen. Aber er bekam die Antwort: „Keinesfalls wird das geschehen. Sie haben ja Mose und die Propheten; von denen können sie es lernen.“

Ebenso sage ich jetzt: Sie haben die Evangelien und die Aussagen der Propheten, sie haben das Wort und Beispiel der Kirchenlehrer, sie haben Verstand und Vernunft, all das sollen sie also anwenden, dann sollen sie erlöst werden. Denn wenn ich dich schicken würde, könntest du nicht so laut rufen, dass du gehört würdest. Wenn ich meine Freunde schickte, sind es so wenige, dass man sie kaum hören würde, wenn sie riefen. Ich werde aber meine Freunde zu denen senden, zu denen es mir gefällt, und sie sollen den Weg für Gott bereiten.“


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38. Kapitel

Der Sohn spricht: „Warum wirst du von frohen Träumen so munter, und von traurigen Träumen so bedrückt? Habe ich dir nicht gesagt, dass der Teufel missgünstig ist, und dass er ohne Gottes Zulassung nicht mehr tun kann, als ein Strohhalm vor deinen Füßen? Ich habe dir auch gesagt, dass er der Vater und Erfinder der Lüge ist, und dass er in all seine Unwahrheiten etwas Wahrheit mischt. Deshalb sage ich, dass der Teufel nicht schläft, sondern umhergeht, um eine Gelegenheit zu finden, dich zu Fall zu bringen.

Deshalb sollst du dich vorsehen, dass der Teufel dich nicht betrügt, der durch sein feines Wissen das Innere des Menschen durch die äußeren Bewegungen erforscht. Denn manchmal sendet er deinem Herzen frohe Träume, damit du eitle Freude spüren sollst, damit du in deinem Missmut etwas Gutes unterlässt, was du tun könntest, und unglücklich und sorgenvoll wirst, ehe noch die Trübsal kommt.

Manchmal gibt der Teufel auch dem Herzen des betrogen ist und der Welt gefallen möchte, viele falsche Dinge ein, wodurch viele sich betrügen lassen, wie es mit den falschen Propheten gegangen ist. Und das passiert dem Menschen, der etwas anderes mehr liebt, als Gott. So geschieht es, dass vieles Wahre unter vielen falschen Worten steckt, denn der Teufel könnte nie betrügen, wenn er nicht Wahres mit Falschem mischen würde.
Dass das so der Fall ist, darüber bekam man ja ein Zeugnis durch den vom Teufel Besessenen, den du gesehen hast: Wenn er auch bekannte, dass nur einer Gott ist, zeigten doch seine schamlosen Gebärden und seine übrigen Aussprüche, dass der Teufel in ihm steckte.

Aber nun könntest du fragen, warum ich dem Teufel erlaube, zu lügen. Ich antworte: Das habe ich zugelassen und lasse ich wegen der Sünden des Volkes und der Priester zu; sie wollen nämlich wissen, was Gott nicht will, dass sie es wissen sollen, und sie wollten Erfolg haben, als Gott sah, dass dies nicht zu ihrer Erlösung dienen würde. Deshalb lässt Gott der Sünden wegen vieles zu, was nicht passieren sollte, wenn der Mensch nicht die Gnade und seine Vernunft missbrauchen würde.

Aber die Propheten, die nichts anderes als Gott begehrten und Gottes Wort nicht anders als Gott zuliebe sprechen wollten, die ließen sich nicht betrügen, sondern sprachen Worte der Wahrheit und liebten sie. Aber wenn auch nicht alle Träume beachtet werden sollen, sollen doch auch nicht alle verschmäht werden. Denn manchmal gibt Gott auch den bösen Menschen gute Dinge ein und offenbart ihnen ihren Heimgang, damit sie mit ihren Sünden aufhören. Manchmal gibt er auch die guten Dinge im Traum ein, damit sie sich in der Liebe zu Gott vervollkommnen.

Daher sollst du, so oft dir so etwas passiert, dein Herz nicht darauf achten lassen, sondern überdenke und beurteile es mit Hilfe deiner klugen, geistlichen Freunde oder schließe es aus deinem Herzen aus, als hättest du es nicht gesehen, denn wer an so etwas Vergnügen hat, wird ständig nur betrogen und betrübt. Steh also fest in deinem Glauben an die heilige Dreieinigkeit, liebe Gott von ganzem Herzen, sei gehorsam im Glück und Unglück, überhebe dich in Gedanken nicht über jemanden, fürchte dich, auch wenn du Gutes tust, glaub nicht, dass du klüger seist als andere, stelle deinen ganzen Willen Gott anheim und sei bereit zu allem, was Gott will!

Dann brauchst du keine Träume zu fürchten, denn wenn sie froh sind, solltest du ihnen nicht glauben oder sie begehren, sofern du nicht merken kannst, dass sie Gottes Ehre bezeichnen. Und wenn sie traurig sind, solltest du dich nicht betrüben, sondern dich ganz deinem Gott anvertrauen.“
Dann sprach die Mutter: „Ich bin die Mutter der Barmherzigkeit, die Kleider für die schlafende Tochter bereitet, Essen für die Tochter, die sich kleidet, und die Krone und alles Gute für die Tochter, die arbeitet.“

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39. Kapitel

Die Mutter sprach zu ihrem Sohn Jesus und sagte: „Unsere Tochter ist wie ein Lamm, das sein Haupt ins Maul des Löwen legt.“ Der Sohn antwortete ihr: „Es ist besser, dass das Lamm das Haupt ins Maul des Löwen legt, so dass es ein Fleisch und Blut mit dem Löwen wird, als dass das Lamm Blut aus dem Fleisch des Löwen saugt. Dann würde der Löwe zornig werden, und das Lamm, das sonst Gras zu fressen hat, würde krank werden. Aber weil du, liebste Mutter, die vollkommene Weisheit und alle Klugheit in deinem Mutterleib getragen hast, kannst du sie verstehen lassen, was der Löwe, und was das Lamm ist.“

Die Mutter erwiderte: „Gesegnet seist du, mein Sohn, du der ewig beim Vater bleibt und, obwohl du zu mir herabgestiegen bist, dich nie vom Vater getrennt hast. Du bist gewiss der Löwe aus dem Stamme Juda. Du bist aber auch das unbefleckte Lamm, auf das Johannes mit seinem Finger zeigt. Also legt der Mensch sein Haupt ins Maul des Löwen, der all seinen Willen Gott anvertraut und der auch, wenn er könnte, ihn nicht vollenden würde, sofern er nicht weiß, dass er dir gefällt.

Aber der Mensch saugt das Blut des Löwen, der ungeduldig über deine Gerechtigkeit und deine Verordnung ist, der wünscht und danach strebt, etwas anderes zu erhalten, als was du ihm bestimmt hast, und der in einem anderen Stand und einer anderen Stellung leben will, als was dir gefällt, und was für ihn möglich ist. Durch solche Menschen wird Gott nicht besänftigt, sondern zum Zorn gereizt. Denn wie das Gras das Futter des Lammes ist, so sollte der Mensch sich mit bescheidenen Dingen und einem bescheidenen Stand begnügen.

Und deshalb lässt Gott wegen der Undankbarkeit und Ungeduld der Menschen vieles geschehen, was nicht gegen das Wohlsein der Menschen geschehen würde, wenn sie geduld wären. Gib daher, meine Tochter, Gott deinen Willen anheim, und wenn du manchmal weniger geduldig bist, solltest du zu Reue und Buße aufstehen, denn die Buße ist gleichsam eine gute Wäscherin von fleckigen Kleidern, und die Reue bleicht die Kleider aus.“


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40. Kapitel

Gottes Sohn sprach: „Fürchte dich nicht, meine Tochter! Diese kranke Frau wird nicht sterben, denn ihre Werke gefallen mir.“ Als sie starb, sagte Gottes Sohn nochmals: „Sieh, Tochter, es ist wahr, was ich dir sagte. Sie ist nicht tot, denn ihre Ehre ist groß. Die Trennung von Leib und Seele bei den Gerechten ist nämlich nur ein Schlaf, denn sie wachen zum ewigen Leben. Dagegen kann man vom Tode sprechen, wenn die Seele vom Körper geschiedenist, in einem ewigen Tode lebt.

Sicher geben nicht viele Acht auf das kommende und möchten einen christlichen Tod sterben. Was ist nun ein christlicher Tod, wenn nicht, so zu sterben, wie ich gestorben bin – unschuldig, willig und geduldig? Bin ich etwa deshalb wert, verachtet zu werden. Weil mein Tod verächtlich und schwer war? Oder sind meine Auserwählten töricht, weil sie verächtlich Dinge ertrugen, oder wollte das Glück oder der Lauf der Sterne das? Keineswegs. Sondern ich und meine Auserwählten, wir ertrugen schwere Dinge, um durch Wort und Beispiel zu zeigen, dass der Weg zum Himmel schwer ist, und damit man fleißig denken sollte: Was für eine Reinigung müssen die Bösen erhalten, wenn die Auserwählten und Unschuldigen so schwer gelitten haben?

Du solltest also wissen, dass der Mensch verächtlich und schlimm stirbt, der zügellos gelebt hat und mit dem Willen zur Sünde stirbt, der auf der Welt Erfolg hat und länger leben möchte, aber vergisst, Gott zu danken. Aber wer Gott von ganzem Herzen liebt und unschuldig mit einem verächtlichen Tod geplagt wird, oder von einer langen Krankheit belastet wird, der lebt und stirbt selig, denn ein bitterer Tod vermindert die Sünde und die Sündenstrafe und erhöht die Krone der Belohnung.

Sieh, ich erinnere dich nun an zwei, die nach menschlichem Ermessen eines schmählichen und bitteren Todes starben, die aber nicht erlöst worden wären, wenn sie nicht durch meine große Barmherzigkeit einen solchen Tod erhalten hätten. Aber weil der Herr die im Herzen Zerknirschten nicht zweimal straft, daher gelangen sie nur Krone.
Deshalb brauchen Gottes Freunde nicht betrübt zu sein, wenn sie zeitlich geplagt werden oder eines bitteren Todes sterben, denn es ist am seligsten, eine Stunde zu trauern und auf der Welt Trübsal zu haben, damit man nicht in ein schweres Fegefeuer gerät, woraus es kein Entrinnen gibt, und wo keine Zeit mehr ist, zu wirken.“


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41. Kapitel

Die Mutter spricht: „Geh zu dem hin, der das Amt des Sündenerlasses hat. Wie aussätzig der Türhüter auch sein mag, kann er die Tür doch ebenso gut wie ein Gesunder öffnen, sofern er die Schlüssen hat. So verhält es sich auch mit dem Ablass und dem Sakrament des Alters: Wie der Priester auch sein mag, kann er doch von den Sünden lösen, wenn er rechtlich das Amt des Sündenerlasses innehat. Daher soll niemand verschmäht werden.

Doch ich sage dir zwei Dinge voraus. Das eine ist, dass er nicht erhalten wird, was er leiblich liebt und begehrt. Das zweite ist, dass sein Leben rasch enden wird. Und wie die Ameise, die sich Tag und Nacht mit einem Korn abmüht, manchmal, wenn sie den Ameisenhaufen erreicht, hinfällt und am Eingang stirbt, wobei das Korn dann draußen bleibt, so wird der sterben, wenn er anfängt, die Frucht seiner Arbeit zu erlangen, und er wird für seine vergebliche Arbeit entehrt und bestraft.“

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42. Kapitel

Die Mutter spricht: „Gottes Freunde sollen wie zwei Türpfosten sein, durch die andere eintreten sollen. Deshalb soll genau beachtet werden, dass kein scharfer oder harter Gegenstand den Eintretenden Widerstand leistet, so dass sie dadurch eingeklemmt werden. Was bezeichnen nun die Türpfosten, wenn nicht ehrbare Sitten, gerechte Taten und erbauliche Worte, die bei Gottes Freunde täglich auftreten sollen? Daher soll genau beachtet werden, dass nicht etwas Hartes, d.h. ein Schimpfwort oder leichtfertiges Wort, im Mund von Gottes Freunde angetroffen wird, oder in ihren Werken etwas Weltliches festzustellen ist, weswegen die, die hineingehen wollen, zurückweichen und sich scheuen, einzutreten.“

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43. Kapitel

Die Mutter spricht: „Diese Leute sind wie ein Wurm, der die schönste Frucht sieht und sich nicht darum kümmert, ob die Frucht verdirbt oder herunterfällt, wenn er nur die Wurzeln oder das, was dem Boden am nächsten ist, anknabbern kann. So ist es auch mit diesen: Sie kümmern sich nicht darum, dass die Seelen vergehen, wenn sie nur ihren Verdienst und ihr zeitliches Gut gewinnen. Daher wird die Gerechtigkeit meines Sohnes über sie kommen, und sie werden schnell dahingerafft werden.“

Sie (Birgitta) antwortete: „Alle Zeit ist ja vor Gott nur wie ein Augenblick, wie lang sie uns auch scheinen mag. Daher ist die Geduld deines Sohnes auch mit den Ungerechten groß.“ Die Mutter erwiderte: „Ich sage dir in Wahrheit: Ihr Gericht soll nicht aufgeschoben werden, sondern kommt mit Schrecken über sie, und sie sollen von ihren Genüssen getrennt und in Scham und Schande versenkt werden.“

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44. Kapitel

Gottes Sohn spricht: „Höre du, die sich nach den Stürmen der Welt nach dem Hafen sehnt! Keiner, der auf dem Meer ist, braucht sich zu fürchten, wenn der mit ihm ist, der den Winden verbieten kann, zu rasen und abzuziehen, und den harten Schären, aufzuweichen, und der den Sturmwogen befehlen kann, dass sie das Schiff in den ruhigen Hafen führen. Manche Menschen auf der Welt sind wie ein Schiff, indem sie ihren Leib über die Wogen der Welt führen – zum Trost für manche und zur Betrübnis für andere, denn der freie Wille des Menschen lenkt manche Seelen zum Himmel und andere in die Tiefe der Hölle.

Der Wille, der nichts inniger zu hören wünscht, als Gottes Ehre, und der für nichts anderes zu leben wünscht, als Gott zu dienen – der Wille gefällt Gott, und bei einem solchen Willen bleibt Gott gern, indem er alle Gefahren der Seele abwehrt und die Schären unschädlich macht, unter denen die Seele oft in Gefahr schwebt. Aber was sind die Schären, wenn nicht das böse Begehren? Es ist ja angenehm, die Reichtümer der Welt zu betrachten und zu besitzen, sich über die Ehre seines Leibes zu freuen und das zu schmecken, was dem Fleisch Vergnügen macht. Durch so etwas schwebt die Seele oft in Gefahr.

Aber wenn Gott im Schiff ist, da weicht dies alles auf und löst sich auf, und die Seele verschmäht das alles, denn alle leibliche und irdische Schönheit ist wie ein Glas, das außen bemalt ist, aber innen voll von Erde ist, und das, wenn es zerbricht, keinen größeren Nutzen als die schwarze Erde hat, die nur geschaffen ist, dass der Mensch sie zu keinem anderen Zweck besitzen soll, als sich den Himmel dafür kaufen zu können. Jeder Mensch, der… alle Glieder seines Körpers kasteit und die niedrige Lust seines Fleisches verabscheut, kann also sicher ruhen und mit Freuden erwachen, denn Gott ist zu jeder Stunde bei ihm.“
 

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45. Kapitel

Ich klage eurer kaiserlichen Majestät nicht nur in meinem Namen, sondern auch im Namen vieler von Gottes Auserwählten, dass es vier Schwestern gab, Töchter eines mächtigen Königs, die alle auf ihren väterlichen Gütern ihren Sitz und Macht besaßen. Und alle, die die Schönheit dieser Schwestern sehen wollten, erhielten Trost von ihrer Schönheit und gute Beispiele von ihrer Frömmigkeit.

Die erste Schwester hieß Demut bei der Anordnung aller Dinge, die getan werden sollten. Die zweite Schwester hieß Enthaltsamkeit von allem sündigen Umgang. Die dritte Schwester hieß Genügsamkeit ohne allen Überfluss. Die vierte Schwester hieß Liebe beim Leiden des Nächsten. Diese vier Schwestern werden jetzt auf den Gütern ihrer Väter unterdrückt, von fast allen ausgebeutet und verachtet. An ihren Plätzen sind vier unecht Schwestern eingesetzt; sie leiten ihre Herkunft von einer sündhaften Verbindung her, und sie werden jetzt Frauen genannt.

Die erste Frau heißt Hochmut, um die Welt zu beherrschen (? täckes) Die zweite Frau heißt Lust – nach allem fleischlichen Begehren. Die dritte Frau heißt Überfluss über alles Notwendige hinaus. Die vierte Frau heißt Simonie, und vor ihrer Falschheit vermag fast niemand sich zu schützen, denn ob das, was sie erhält, nun zu Recht oder Unrecht erworben ist – sie nimmt doch alles begierig an. Diese vier Frauen widersprechen Gottes Gebot und wollen es ausschalten, und viele Seelen bringen sie in ewige Verdammnis.

Aus diesem Grunde, Herr, um der Lieb willen, die euch Gott bewiesen hat, hilf den vier oben genannten Schwestern, die „Tugenden“ genannt werden. Die aus der Tugend selbst, Jesus Christus, dem nächsten König, hervorgegangen sind, und die in der heiligen Kirche, die Christi Erbgut ist, unterdrückt werden. Hilf ihnen, dass sie bald wieder erhöht werden, und die Laster unterdrückt werden, die auf der Welt „Frauen“ heißen, denn diese sind Verräterscharen der Seelen und sind aus Laster, dem Verräter Teufel geboren.“
 

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46. Kapitel

Herr, ich warne Euch vor der Gefahr für Eure Seele, indem ich Euch daran erinnere, wie von einem König im Alten Testament erzählt wird, dass er den Weinberg eines Mannes haben wollte und ihm den vollen Wert für den Weingarten anbot. Aber weil es dem Besitzer nicht gefiel, den Weinberg zu verkaufen, bemächtigte sich der erzürnte König des Weinbergs mit Unrecht und Gewalt. Dann sprach der Heilige Geist durch den Mund eines Propheten zu ihm und urteilte, dass der König und die Königin zur Strafe für dieses Unrecht den schmachvollsten Tod sterben würden. Das ging für sie auch in Erfüllung, und ihre Kinder hatten auch keine Freude am Besitz dieses Weinberges.

Nun sollt ihr, die ihr Christen seid und vollständigen Glauben habt und sicher wisst, dass Gott jetzt wie damals derselbe ist und ebenso mächtig und gerecht wie damals ist, ohne jeden Zweifel wissen, dass – wenn ihr zu Unrecht etwas besitzen wollt, indem ihr den Besitzer zwingt, gegen seinen Willen zu verkaufen oder ihm nicht den Wert dafür gebt, so wird euch dieser mächtige und gerechte Richter strafen.

Ihr sollt auch fürchten, dass ein ebenso schmerzhaftes Gericht über euch kommt wie das, von dem erzählt wird, dass es diese Königin betroffen hat, und dass eure Kinder durch das zu Unrecht Erworbene nicht reich werden sollen, sondern eher mit Armut geplagt werden. Daher ermahne ich dich um des Leidens Jesu Christi willen, der deine Seele mit seinem teuren Blut erlöst hat, dass du deine Seele nicht selbst wegen irgendwelcher vergänglicher Dinge verderben sollst, sondern allen, die durch dich oder deinetwegen zu Unrecht Schaden erlitten haben, vollständige Wiedergutmachung leistest und ihnen wiedererstattest, was du zu Unrecht erworben hast – ihnen zum Trost, die jetzt Kummer leiden, und anderen zum Vorbild, wenn du Gottes Freundschaft gewinnen willst.

Gott ist mein Zeuge, dass ich dies nicht von mir selbst aus schreibe, denn ich kenne dich ja nicht, sondern das, was einer gewissen Person passiert ist, hat mir göttliches Mitleid mit deiner Seele eingegeben und mich getrieben, dies zu schreiben. Dies Person hörte nämlich – nicht im Schlaf, sondern im Wachen und während sie betet – die Stimme eines Engels sagen: „Björn, Björn, du bist sehr vermessen gegen Gott und die Gerechtigkeit. Du willst dein Gewissen in dir betäuben, so dass dein Gewissen völlig schweigt, und der Wille redet und handelt. Daher wirst du bald vor Gottes Richterstuhl zum Gericht geladen werden, und da wird dein Wille still sein und dein Gewissen reden und dich nach Recht und Billigkeit verurteilen.“
 

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47. Kapitel

Der Sohn spricht: „Wenn der Feind an die Tür klopft und schlägt, sollt ihr nicht sein wie die Ziegen, die gegen die Mauer laufen, und auch nicht wie Schafböcke, die sich auf ihre Füße stellen und sich mit den Hörnern stoßen, sondern sollt wie Küken sein, die, wenn sie einen Raubvogel in der Luft sehen, der ihnen schaden will, unter die Federn ihrer Mutter flüchten, um sich darunter zu verstecken.

Und wer ist euer Feind, wenn nicht der Teufel, der gegen alle guten Taten missgünstig ist und sozusagen an die Tür klopft und schlägt, wenn er mit Versuchungen auf den Sinn des Menschen einwirkt, manchmal ihn durch Zorn beunruhigt, manchmal mit herabsetzenden Reden, manchmal mit Ungeduld und Missvergnügen gegen Gottes Gerichte, wenn nicht alles nach dem Wunsch des Menschen geht? Er schlägt und beunruhigt euch auch fleißig mit zahllosen Gedanken, damit ihr von Gottes Dienst abgelenkt werdet, und eure guten Taten vor Gott verdunkelt werden.

Daher sollt ihr – was eure versuchenden Gedanken es auch sein mögen – euren Platz nicht verlassen und nicht wie Ziegen sein, die gegen die Mauer laufen, d.h. kein hartes Herz haben oder anderer Leute Taten in euren Herzen verurteilen, denn oft ist der, der heute schlecht ist, morgen gut. Stattdessen sollt ihr eure Hörner senken und stille stehn und lauschen, d.h. demütig sein und euch fürchten, indem ihr Geduld habt und betet, dass das, was schlecht begonnen hat, zum Besseren gewendet wird.

Ihr sollt auch nicht wie Böcke sein, die ihre Hörner schwenken, d.h. ihr sollt nicht ein Wort auf das andere und ein Schimpfwort auf das andere geben, sondern sollt geduldig still stehen und still sein, d.h. die Begierde des Fleisches kräftig zurechtweisen, so dass ihr euch bedenkt, wenn ihr redet und antwortet, und euch zur Geduld zwingt, denn ein rechtschaffener Mensch soll sich selbst besiegen und auch auf zulässiges Reden verzichten, um Schwätzereien zu vermeiden, und es unterlassen, anderen zu kränken.

Denn wer mit seinen Seelenregungen zu sehr ausdrückt, was er empfindet, scheint sich gewissermaßen selbst gehemmt zu haben und die Unbeständigkeit seines Sinnes gezeigt zu haben, und deshalb wird er die Krone nicht erlangen, nachdem er nicht eine Zeitlang Geduld haben wollte. Hätte er Geduld gehabt, hätte er seinen Bruder gewinnen können, der ihn kränkte, und hätte sich selbst eine größere Krone bereitet.

Was sind die Flügeln der Henne, wenn nicht Gottes Macht und Weisheit? Ich bin sicher wie eine Henne, denn die Küken, die meiner stimme nachlaufen, d.h. sich unter meinen Flügeln bergen wollen, verteidige ich gegen die Hinterlist des Teufels kräftig und rufe sie mit meinen Eingebungen klug zur Erlösung. Und was sind die Federn, wenn nicht meine Barmherzigkeit, denn wer sie empfängt, kann ebenso sicher wie das Küken sein, das unter den Schwingen seiner Mutter Schutz findet.

Seid also wie die Küken, die nach meinem Willen laufen, und sagt in allen Versuchungen und Unglücksfällen mit Wort und Tat: „Gottes Wille geschehe!“, denn ich verteidige die mit meiner Macht, die sich auf mich verlassen. Ich erquicke sie mit meiner Barmherzigkeit, erhalte sie mit meiner Geduld, besuche sie mit meinem Trost, erleuchte sie mit meiner Weisheit und belohne sie hundertfach in meiner Liebe.
 

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48. Kapitel

Gottes Sohn spricht: „Wenn dieser König mich ehren will, so sollte er erstens meine Verunglimpfung vermindern und meine Ehre erhöhen. Meine Verunglimpfung besteht gewiss darin, dass meine Gebote, die ich vorgeschrieben habe, und meine Worte, die ich persönlich geredet habe, verachtet und von vielen für nichts gehalten werden. Wenn er mich lieben will, soll er also hinfort größere Liebe zu den Seelen aller Menschen haben, denn für sie habe ich den Himmel mit meinem Herzblut aufgetan.

Ja, wenn er die Ruhe, die bei Gott ist, mehr begehrt, als sein väterliches Erbe zu erweitern, dann wird er wahrhaftig größere Lust und Hilfe von Gott erhalten, den Ort Jerusalem, wo mein toter Leichnam ruhte, wiederzuerhalten.
Du, der dies hört, solltest ihm weiter sagen: Ich war es, Gott, der ihn hat krönen lassen. Daher kommt es ihm auch zu, meinem Willen mehr zu folgen und mich über alles zu ehren und zu lieben. Wenn er das nicht tut, so sollen seine Tage verkürzt werden, und die, die ihn Fleisch lieben, sollen mit Trübsal von ihm getrennt werden, und sein Reich wird in mehrer Teile zerstückelt.“

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49. Kapitel

Es schien einem Menschen, als wäre er in einem großen Kirchenchor. Und es erschien eine große und strahlende Sonne, und es waren wie zwei Kanzeln im Chor, die eine zur Rechten und die andere zur Linken, beide in weitem Abstand von der Sonne, und zwei Strahlen gingen von der Sonne zu den beiden Kanzeln aus.
Da hörte er eine Stimme von der Kanzel, die auf der linken Seite war, und die Stimme sagte: „Heil dir, König in Ewigkeit, Schöpfer und Erlöser sowie gerechter Richter! Sieh, dein Statthalter, der auf deinem Stuhl in der Welt sitzt, hat nun seinen Stuhl auf den alten, früheren Platz zurückverlegt, wo der erste Papst, der Apostelfürst Petrus, gesessen hat.“

Eine Stimme antwortete von der hohen Kanzel und sagte: „Wie kann man die heiligen Kirche betreten, wenn die Bohrlöcher der Tür voller Rost und Erde sind? Die Tür ist ja deshalb zur Erde geneigt, weil es keine Stelle in den Bohrlöchern gibt, wo man die Scharniere befestigen kann, die die Tür oben halten würden. Ferner sind die Scharniere ganz ausgedehnt und nicht gebogen, so dass sie die Tür oben halten können. Der Boden ist vollkommen aufgegraben und in tiefe Löcher verwandelt, die wie die tiefsten Brunnenschächte sind und keinen Boden haben. Das Dach ist mit Teer bestrichen, lodert von Schwefelfeuer und tropft von dichtem Regen. Von dem schwarzen und dichtem Rauch, der aus den tiefen Löchern und vom tropfenden Dach aufsteigt, sind alle Wände befleckt, und ihre Farben sehen aus wie Blut, mit fauligem Eiter gemischt. Deshalb geziemt es sich für einen Freunde Gottes nicht, in einem solchen Heiligtum zu wohnen.“

Die Stimme von der linken Kanzel antwortete: „Lege nun geistlich aus, was du leiblich gesagt hast.“ Da sagte die andere Stimme: „Der Papst wird mit der Tür verglichen und so bezeichnet. Mit den Bohrlöchern der Tür ist die Demut gemeint, die ebenso frei von allem Hochmut sein muss, wie das Bohrloch von Rost, so dass nichts darin zu sehen ist, das nicht zu dem demütigen Amt das Papstes gehört. Aber jetzt sind die Bohrlöcher, d.h. die Demut, so voll von Überfluss, Reichtümern und Vorrat, das für nichts anderes aufbewahrt wird, als den Hochmut, dass nichts demütig aussieht, den alle Demut ist in weltlichen Prunk verwandelt.
Daher ist es kein Wunder, dass der Papst, der mit der Tür gemeint ist, zu weltlichen Dingen geneigt ist, die mit Rost und Erde bezeichnet werden. Der Papst soll daher mit der wahren Demut bei sich selbst beginnen, und zuerst mit seinem Prunk an Kleidern, Gold, Silber und Silbergefäßen, Pferden und anderem Zubehör, indem er von all dem nur das behält, was notwendig ist, aber das andere den Armen und besondern denen schenkt, von denen er weiß, dass sie Gottes Freunde sind.

Dann sollte er sich maßvoll mit seinem Personal beschränken und nur die Diener haben, die notwendig sind, nämlich die sein Leben schützen. Denn obwohl es in Gottes Hand steht, wann er ihn zum Gericht rufen will, so ist es doch berechtig, dass er Diener hat, die die Gerechtigkeit aufrecht halten, so dass er die demütigen kann, die sich gegen Gott und gegen die heiligen Bräuche der Kirche auflehnen.

Mit den Scharnieren, die in die Tür eingesetzt werden, sind die Kardinäle gemeint, die so hingegeben an alle Hoffart, Gewinnsucht und fleischliches Begehren sind, wie möglich. Daher soll der Papst Hammer und Zange in die Hand nehmen und Kardinäle nach seinem Willen zurechtbiegen, indem er ihnen nicht gestattet, mehr an Kleidern und Personal und Zubehör zu haben, als was die Notwendigkeit und der Lebensunterhalt erfordert. Er mag sie zuerst mit der Zange biegen, d.h. mit milden Worten, göttlichem Rat und väterlicher Liebe, aber wenn sie nicht gehorchen wollen sollte er zum Hammer greifen, indem er ihnen seine Strenge zeigt und tut, was er vermag (jedoch nicht gegen die Gerechtigkeit), bis sie nach seinem Willen zurechtgebogen sind.

Mit dem Boden sind jedoch die Bischöfe und Weltpriester gemeint, deren Gewinnsucht keine Grenzen hat, und von deren Übermut und lasterhaftem Leben Rauch aufsteigt, vor dem alle Engel im Himmel und alle Freunde Gottes auf Erden Abscheu empfinden. Das kann der Papst in vielen Punkten bessern, wenn er einem jeden erlaubt, das Notwendige zu haben, aber keinen Überfluss, und jedem Bischof befiehlt, auf den Lebenswandel seiner Priesterschaft zu achten, so dass jeder, der seinen Wandel nicht bessern und Enthaltsamkeit üben will, seine Einkünfte ganz verliert. Denn es ist Gott lieber, dass an dem Platz (des Altars) gar keine Messe gelesen wird, als dass unzüchtige Hände Gottes Leib berühren.
 

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50. Kapitel

Es schien mir, als ob ein König auf dem Richterstuhl sitzen würde, und jeder lebende Mensch vor ihm stünde. Jeder Mensch hatte zwei Personen, die bei ihm standen: Der eine von diesen schien ein bewaffneter Ritter zu sein, und der andere ein schwarzer Neger. Vor dem Richterstuhl stand ein Büchergestell, und auf diesem lag ein Buch, so beschaffen, wie ich es früher gesehen hatte (Buch 8, kap. 48).

Es kam mir so vor, als ob die ganze Welt vor dem Büchergestell stehen würde, und ich hörte den Richter zu diesem bewaffneten Ritter sagen: „Und gleich fielen all die, die genannt waren, nieder. Manche von ihnen lagen eine längere Zeit, andere eine kürzere, bevor die Seelen vom Körper getrennt wurden.
Aber all das, was ich da sah und hörte, das vermag ich nicht zu fassen, denn ich hörte auch Gerichte über viele, die noch leben, aber bald abgerufen werden sollten. Doch sagte mir der Richter dies: „Wenn die Menschen Besserung für ihre Sünden leisten, so werde ich das Urteil mildern.“ Ich sah auch viele verurteilt werden; manche zum Fegefeuer, andere zu ewiger Qual.

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51. Kapitel

Es kam mir vor, als ob eine Seele von dem Ritter und dem Neger, den ich vorher schon gesehen hatte, vor den Richter geführt wurde. Und es wurde mir gesagt: „All das, was du jetzt siehst, das geschah mit dieser Seele zu der Stunde, als sie vom Körper geschieden wurde.“ Als die Seele vor den Richter geführt wurde, stand sie allein, denn sie war nicht in den Händen von einem von denen, die sie vorgeführt hatten. Sie stand nackt und traurig da und wusste nicht, wohin sie gehen sollte.

Dann schien es mir, als ob jedes Wort in dem Buch auf all das antworten würde, was die Seele sprach. Als nun der Richter und seine ganze Heerschar zuhörte, redete zuerst der bewaffnete Ritter und sagte: „Es ist nicht gerecht, dass die Sünden die Seele veranlassen sollten, sich zu schämen, die ja mit der Beichte gebessert worden sind. (Ich, der dies sah, wusste da sehr genau, dass der Ritter, der da redete, schon alles in Gott wusste; er sprach nur, damit ich es verstehen konnte).

Da wurde aus dem Buch der Gerechtigkeit geantwortet: „Wenn diese Seele ihre Beichte abgelegt hat, folgte ihr keinerlei Zerknirschung, die solche Sünden aufwiegen würde, und auch keine richtige Wiedergutmachung. Daher soll sie jetzt über das trauern, was sie nicht gebessert hat, als sie es noch konnte.“

Als das gesagt war, brach die Seele in so bitteres Weinen aus, dass sie fast zu zerbrechen schien. Die Tränen sah man, obwohl die Stimme nicht zu hören war. Dann sprach der König zur Seele und sagte: „Dein Gewissen soll nun die Sünden offenbaren, auf die keine Wiedergutmachung erfolgte.“ Da erhob die Seele ihre Stimme und rief so laut, dass man sie über fast die ganze Welt hören konnte: „Weh mir! Ich habe nicht nach Gottes Gebot gehandelt, das ich hörte und gekannt habe.“ Und sich selbst anklagend, fügte sie hinzu: „Ich habe Gottes Gericht nicht gefürchtet.“

Es wurde ihr aus dem Buch geantwortet: „Daher sollst du dich nun vor dem Teufel fürchten.“ Und sogleich begann die Seele sich zu fürchten und zu zittern, als ob sie sich auflösen würde, und sie sagte: „Ich hatte fast keine Liebe zu Gott, und deshalb habe ich nur wenig Gutes getan.“
Da wurde ihr gleich aus dem Buch geantwortet: „Deshalb ist es auch gerecht, dass du dem Teufel näher kommst, als Gott, denn der Teufel hat dich mit seinen Versuchungen zu sich gelockt.“ Die Seele erwiderte: „Ich verstehe nun, dass alles, was ich getan habe, nach den Eingebungen des Teufels geschah.“

Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Die Gerechtigkeit gebietet, dass es das Recht des Teufels ist, dir all das, was du getan hast, mit Trauer und mit Trübsahl zu vergelten.“ Die Seele sagte: „Es gab bei mir vom Scheitel bis zur Sohle nichts, was ich nicht mit Hoffart kleidete. Manche eitle und hochmütige Kleidungsstücke habe ich selbst erfunden, und mit anderen folgte ich der Landessitte, und ich habe meine Hände und mein Gesicht nicht bloß deshalb gewaschen, dass sie sauber sein sollten, sondern auch, dass Menschen sie als schön loben sollten.“

Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Die Gerechtigkeit sagt, dass es das Recht des Teufels ist, dir zu vergelten, was du verdient hast, denn du hast dich so geschmückt und geputzt, wie er es dir eingab und vorschrieb.“ Wieder sagte die Seele: „Mein Mund hat sich oft zu leichtfertigen Worten geöffnet, da ich anderen gefallen wollte. Und mein Begehren hat all das ersehnt, was der Schande und Schmähung der Welt nicht folgte.“

Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Dafür soll dir sie Zunge ausgezogen und deine Zähne verkrümmt werden; all das, was dir missfällt, soll auf dich gesetzt werden, und all das, was dir behagt, soll dir genommen werden.“ Die Seele sagte: „Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass sich viele an dem, was ich tat, ein Beispiel genommen haben, und dass viele meine Sitten nachahmten.“
Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Deshalb ist es gerecht, dass ein jeder, der bei einer solchen Sünde ertappt wird, für die du bestraft wirst, dieselbe Pein wie du erleiden sollst und dir Gesellschaft leistet. Und deine Plage soll mit der Ankunft eines jeden erhöht werden, der das Böse nachgeahmt hat, was du ausgedacht hast.“

Nachdem dies gesagt war, schien es mir, als würde eine Fessel wie eine Krone an das Haupt der Seele gebunden und so fest zusammengeschnürt, dass der Nacken und das Antlitz eins wurden, die Augen fielen aus ihren Höhlen und hingen mit ihren Sehnen auf die Wangen herunter, das Haar vertrocknete, als wäre es vom Feuer verbrannt, das Hirn zersprang und floss durch die Nasenlöcher und Ohren aus, die Zunge wurde ausgestreckt und die Zähne eingedrückt, die Armknochen wurden zerschlagen und wie Stricke zusammengeschnürt, die Hände wurden …. (?fläddes) und um den Hals gebunden, die Brust und der Bauch wurden so hart gegen den Rücken gedrückt, dass die Rippen brauchen und das Herz mit allen Eingeweiden herausfiel, die Hüften hingen an den Seiten herunter, und die Brustbeine wurden ausgezogen, wie ein dünner Draht aus einem Knäuel heraus ausgewickelt wird.

Da sagte der Neger: „O Richter, nun sind die Sünden der Seele bestraft, wie es gerecht war. Vereinige uns nun beide, mich und die Seele, so dass wir nie getrennt werden!“ aber der bewaffnete Ritter antwortete: „Höre, Richter! Du, der alles weiß, sollst nun den letzten Gedanken und die Letzte Sehnsucht hören, die diese Seele am Ende ihres Erdenlebens hatte. Sie dachte nämlich in ihrer allerletzten Stunde: „O, wenn Gott mir noch ein wenig Zeit zu leben ließe, so würde ich gern Besserung für meine Sünden tun, ihm bis zum Lebensende dienen und ihn niemals mehr erzürnen!“

Das, o Richter, dachte und wollte sie. Erinnere dich auch, o Herr, dass dieser Mensch nicht mehr so lange lebte, dass er zur vollkommenen Einsicht und zum Bewusstsein dessen kam, was er getan hatte. Deshalb, o Richter, bedenke seine Jugend und erweise Barmherzigkeit!“ Da wurde aus dem Buch der Gerechtigkeit geantwortet: „Wenn sie zuallerletzt solche Gedanken hegte, verdient sie nicht die Hölle.“
Der Richter sagte: „Um meines Leidens willen soll der Seele der Himmel Offengelassen werden, nachdem sie erst so lange Zeit im Fegefeuer gereinigt ist, wie sie leiden müsste, sofern sie durch die Werke lebender Menschen keine Hilfe erhält.“

Erklärung
Diese Frau gelobte vor einem Priester Jungfräulichkeit. Sie verheiratete sich dann und starb im Kindbett.

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52. Kapitel

Ich sah einen Mann, dessen Augen ausgerissen waren, aber doch an zwei Sehnen auf die Wangen herunterhingen. Er hatte Ohren wie ein Hund, eine Nase wie ein Pferd, einen Mund wie der wildeste Wolf; seine Hände waren wie die größten Elch klauen und seine Füße wie Klauen eines Geiers.

Ich sah auch eine Frau neben ihm stehen. Ihre Haare waren wie ein Dorngestrüpp, ihre Augen befanden sich im Nacken, ihre Ohren waren abgeschnitten, ihre Nase war voller Eiter und Fäulnis, ihre Lippen waren wie Schlangenzähne in der Zunge war ein Giftstachel, die Hände waren wie zwei Fuchsschwänze, und die Füße wie zwei Skorpione.
Als ich das sah (ich war da nicht in einen Traum versenkt, sondern wach) sagte ich: „O, was ist das?“ Und gleich sprach eine lieblich klingende Stimme zu mir, die so trostreich war, dass all meine Furcht verschwand. Sie sagte: „Du, die dies sieht – was glaubst du, was das ist?“ Ich antwortete: „Ich weiß nicht, wie weit die, die ich sehe, Teufel oder wilde Tiere sind, die zu einem solchen Stamm von Wildtieren gehören, oder Menschen, die so von Gott geschaffen sind.“

Da antwortete mit die Stimme: „Es sind keine Teufel, denn die Teufel haben keine Leiber, wie du siehst, dass diese sie haben. Es sind keine wilden Tiere, sondern sind aus Adams Stamm hervorgegangen. Aber sie sind auch nicht in dieser Weise von Gott geschaffen, sondern sie treten vor Gott in dieser entstellten Weise auf, die der Teufel ihren Seelen gegeben hat, und für deine Augen nimmt sich das körperlich aus. Ich werde dir jedoch den geistlichen Gehalt davon verraten.

Die Augen des Mannes scheinen dir ausgerissen und an zwei Sehnen zu hängen. Unter den zwei Sehnen sollst du zwei Dinge verstehen: Erstens, dass er zwar glaubte, dass Gott in Ewigkeiten lebt, zweitens, dass er aber auch glaubte, dass seine eigenen Seele nach dem Tode des Körpers auf ewig leben würde, entweder im Guten oder im Bösen.

Mit den beiden Augen sollst du zwei andere Dinge verstehen: Erstens, dass er überlegt haben sollte, wie er die Sünde vermeiden sollte, zweitens, wie er gute Werke verwirklichen sollte. Diese beiden Augen sind ausgerissen, denn er tat seine guten Werke nicht aus Verlangen nach der himmlischen Herrlichkeit und ging der Sünde auch nichts aus Angst vor der Pein der Hölle aus dem Weg.
Er hat auch Hundeohren, denn wie der Hund nicht auf den Namen seines Herren oder auf den von jemand anderes so sehr wie auf seinen eigenen Namen achtet, wenn er diesen nennen hört, so kümmerte sich dieser Mann auch nicht so sehr um die Ehre von Gottes Namen, wie um die Ehre seines eigenen Namens.

Er hat auch eine Nase wie ein Pferd, denn wie das Pferd gern an dem Dreckt riecht, den es ausgeworfen hat, so fand es dieser Mann sehr angenehm, nachdem er eine Sünde begangen hatte, die für Gott ein abscheulicher Dreck ist, an ihren Gestank zu denken.
Er hat weiter einen Mund, wie der Wildeste Wolf. Denn obwohl der Wolf seinen Magen und sein Maul mit dem gefüllt hat, was er sah, möchte er doch auch noch das verschlingen, von dem er mit seinen Ohren vernimmt, dass es lebt. So war es auch mit diesem Mann, denn wenn er all das besessen hätte, was er mit den Augen sah, so hätte er doch auch noch das begehrt, von dem er hörte, dass es anderes besitzen.

Er hat auch Hände, wie die stärksten Elch klauen. Wenn der Elch wütend wird, zerreißt er mit seinen Klauen das Tier, wenn er es kann, und in seinen heftigen Zorn kümmert es ihn nicht, wohin die Eingeweide oder das Fleisch geraten, wenn er nur dem anderen Tier das Leben nehmen kann. So war es auch mit diesem Mann, denn als er zornig war, scherte es ihn nicht, ob die Seele seines Feindes zur Hölle fuhr oder wie sein Leib im Tode geplagt wurde – wenn er ihm nur das Leben nehmen konnte.

Er hat schließlich Füße wie ein Geier. Wenn der Geier etwas in den Klauen hält, was er fressen will, umklammert er es mit seinem Fuß so kräftig, dass der Fuß seine Kräfte vor Schmerz verliert, und so lässt er das, was er gehalten hatte, fallen, als ob er davon nichts gewusst hätte. So war es auch mit diesem Mann, denn das, was er zu Unrecht besaß, das wollte er bis in den Tod behalten, als er alle seine Kräfte verlor und gezwungen wurde, es loszulassen.
Das Haar der Frau sah aus wie ein Dornengestrüpp. Mit dem Haar, das auf dem Scheitel wächst und das Gesicht das Menschen schmückt, wird der Wille bezeichnet, der sich innig danach sehnt, dem höchsten Gott zu gefallen. Ein solcher Wille schmückt die Seele auch vor Gott. Aber da es der Wille dieser Frau ist, in erster Linie dieser Welt zu gefallen, ja noch mehr als dem höchsten Gott, sieht ihr Haar aus wie ein Dornengestrüpp.

Ihre Augen befinden sich im Nacken, denn sie wendet die Augen ihres Sinnes von dem ab, was Gott ihr in seiner Güte doch bewiesen hat, als er sie erschuf, sie erlöst und mannigfacher Weise treu für sie sorgte, aber sie betrachtete immer nur das Vergängliche, von dem sie sich doch jeden Tag mehr und mehr entfernen muss, bis es ihrem Blick ganz entschwindet.

Ihre Ohren sehen – geistlich gesehen – abgeschnitten aus, denn sie kümmert sich überhaupt nicht darum, die Lehre des heiligen Evangeliums oder die Predigt zu hören. Ihre Nase ist voller Fäulnis, denn wie der liebliche Wohlgeruch in angenehmer Weise durch die Nase zum Gehirn zieht, damit das Hirn dadurch gestärkt wird – so bringt diese Frau durch ihre Begierde all das, was dem Körper gefällt und ihn stärkt, gierig zur Verwirklichung.

Ihre Lippen sahen aus wie Schlangenzähne, und in der Zunge war ein Giftstachel. Wenn die Schlange ihre Zähne fest zusammenpresst, um den Stachel zu schützen, so dass er nicht durch irgendeinen Zufall zerbrochen wird, so fließt Schmutz von ihrem Maul herunter auf die Zähne, da das Maul und die Zähne an verschiedenen Stellen sind. Ebenso verschließt diese Frau ihre Lippen vor der aufrichtigen Beichte, damit sie das Vergnügen der Sünde nicht aufgeben müsste, das ein giftiger Stachel für ihre Seele ist, und doch tritt der Sündenschmalz vor Gott und seine Heiligen offen ans Licht.

Ich sprach vorhin mit dir über das Verdammensurteil über eine Ehe, die gegen die Verordnungen der Kirche eingegangen ist. Nun werde ich dich genauer über diese Gatten unterrichten. Du hast die Hände der obengeannten Frau in Form von Fuchsschwänzen und ihre Füße in Form von Skorpionen gesehen. Denn so wie sie mit all ihren Gliedern und Begierden falsch gerichtet war, so weckte sie mit ihren leichtfertigen Händen und dem Gang ihrer Füße die Lust des Fleisches und stach die Seele ihres Mannes schlimmer als ein Skorpion.

Und siehe, zur selben Stunde zeigte sich ein Neger, der einen Dreizack in der Hand hielt und an einem Fuß die schärfsten Klauen hatte, und er rief und schrie: „Richter, nun ist meine Zeit gekommen! Ich habe gewartet und war still, aber jetzt ist es Zeit, zu handeln!“ Und gleich bekam ich zu sehen, wie ein Mann und eine Frau, beide nackt, sich vor dem Richter zeigten, der mit seiner unzähligen Heerschar auf dem Thron saß.

Der Richter sagte zu ihnen: „Sagt, was ihr gehört habt, obwohl ich alles weiß!“ Der Mann erwiderte: „Wir standen unter dem Ehebann der Kirche, aber wir kümmerten uns nicht darum und haben es verachtet.“ Der Richter sagte: „Nachdem ihr dem Herrn nicht habt gehorchen wollen, ist es gerecht, dass ihr die Grausamkeit des Henkers erfahrt.“
Und gleich steckte der Neger eine Kralle in beider Herzen und drückte sie so hart zusammen, dass sie wie in eine Presse gesetzt schienen. Der Richter sagte: „Siehe, Tochter, so etwas verdienen die, die sich bewusst von ihrem Schöpfer wegen dem, was er geschaffen hat, entfernen.“ Weiter sagte der Richter zu den beiden: „Ich gab euch einen Sack, damit ihr mir leckere Früchte sammelt; was habt ihr nun zu bringen?“

Die Frau erwiderte: „O Richter, wir haben die Genüsse des Bauches gesucht, aber nichts anderes als Schande geerntet.“ Da sagte der Richter zum Henker: „Vergilt ihnen, was gerecht ist!“ Dieser steckte gleich seine andere Kralle in beider Mägen und verletzte sie so schwer, dass alle Eingeweide durchstochen schienen.
Der Richter sagte: „Sieh, so etwas verdienen die, die das Gesetz übertreten und die Durst auf Gift statt auf Medizin haben.“ Weiter sagte der Richter zu den beiden: „Wo ist mein Schatz, den ich euch anvertraut habe, damit ihr ihn vermehrt?“ Beide antworteten: „Wir haben ihn unter unsere Füße gelegt, denn wir suchten den irdischen und nicht den ewigen Schatz.“

Da sagte der Richter zum Henker: „Vergilt ihnen, was du kannst und sollst!“ Dieser steckte gleich seine dritte Klaue in ihr Herz, ihre Mägen und Füße, so dass alles wie ein einziger Ball aussah. Und der Neger fragte: „Herr, wohin soll ich mit ihnen gehen?“ der Richter antwortete: „Es kommt dir nicht zu, aufzusteigen oder dich zu freuen!“ Nach diesen Worten verschwanden der Mann und die Frau gleich unter großem Gejammer aus den Augen des Richters. Der Richter sagte: „Freue dich, Tochter, dass du mit solchen Leuten nichts zu tun hast!“

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53. Kapitel

Hör du,“ sagte Gottes Mutter, „die du von ganzem Herzen Gott bittest, dass deine Söhne Gott gefallen mögen. Ein solches Gebet ist Gott in Wahrheit wohlgefällig. Denn es gibt sonst keine Mutter, die meinen Sohn über alles liebt, und die für ihre Söhne dasselbe wie du begehrt, wozu ich nicht bereit wäre, zur Verwirklichung ihrer Bitten zu helfen. Es gibt auch sonst keine Witwe, die Gott ständig um Hilfe bittet, zu Gottes Ehre bis zum Tod in ihrem Witwenstand zu bleiben – deren Willen ich nicht gleich bereit sein würde, zu erfüllen, denn ich war gleichfalls eine Witwe, nachdem ich einen Sohn auf Erden hatte, der keinen leiblichen Vater hatte.

Es gibt auch sonst keine Jungfrau, die ihre Jungfräulichkeit für Gott bis zu ihrem Tod bewahren möchte, die ich nicht bereit wäre, zu schützen und zu stärken, denn ich bin in Wahrheit Jungfrau. Du brauchst dich nicht zu wundern, warum ich dies sage. Es steht nämlich geschrieben, dass David Saul’s Tochter begehrte, als sie noch Jungfrau war, aber er nahm sie zu sich, als sie Witwe war.
Weiter hatte er Uria’s Frau, als ihr Mann noch lebte. Doch war Davids Lust nicht ohne Sünde. Aber die geistliche Lust meines Sohnes, er, der Davids Herr ist, die ist ohne alle Sünde. So wie diese drei Lebensweisen, nämlich Jungfräulichkeit, Witwenstand und Ehe, David auf körperliche Weise gefielen, so gefällt es meinen Sohn, sie in geistlicher Weise in seiner allerkeuschesten Lust zu haben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ich sie mit meiner Hilfe dazu bringe, meinen Sohn geistlich zu lieben, denn seine Lust steht zu ihnen.“
 

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54. Kapitel

Worte einer Mutter an die Tochter über die glückliche geistliche Wiedergeburt eines Sohnes, der vorher in den hässlichsten Sünden steckte; eine Geburt, die sie durch die Gebete und Tränen von Gottes Dienern bewirkte).
Sieh den Sohn der Tränen, der nun geistlich neu von der Welt geboren ist, er, der vorher auf fleischliche Weise von seiner Mutter auf der Welt geboren ist. Denn wie die Hebamme, die das Kind aus dem Schoß der Mutter zieht, zuerst den Kopf herauszieht, dann die Hände, und dann den ganzen Körper, so habe ich es mit ihm um der Tränen und Gebete meiner Freunde Wille gemacht. Ich habe ihn gewiss aus der Welt gezogen, so dass er nun – geistlich gesehen – wie ein neugeborenes Kind ist.

Daher muss er geistlich und körperlich erzogen werden. Der, zu dem ich dich gesandt habe, muss ihn nämlich mit seinen Gebeten aufziehen und ihn mit seinen guten Werken und Ratschlägen schützen. Aber die Frau, über die man mit dir gesprochen hat, wird für ihn beten und ihn geistlich beschützen und auch darauf achten, dass er körperlich das Lebensnotwendige hat, denn er ist so tief in Todsünden geraten, dass alle Teufel in der Hölle vom ihm sagten: „Lasst uns den Mund auftun, so dass wir ihn mit unseren Zähnen beißen und verschlingen können, falls er kommen sollte.

Lasst uns auch die Hände ausstrecken, um ihn zu verletzen und zu zerreißen, und wollen wir auch die Füße bereit halten, um auf ihn zu trampeln und ihm Tritte zu versetzen.“
Deshalb wurde dir gesagt, dass er nun geistlich neu geboren ist, denn er ist jetzt aus der Gewalt der Teufel befreit, wie du wohl aus den Worten, die du gehört hast, verstehen kannst, dass er mit Herz und Leib Gott über alles liebt.“
 

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55. Kapitel

Worte einer Mutter an die Tochter, wie sie um der Bitten von Dienern Gottes einen gewissen Knirps lieben und ihn mit geistlichen Waffen bewaffnen will.)
Erinnere dich, dass über Mose geschrieben steht, dass die Tochter des Königs ihn im Wasser fand und ihn wie ihren Sohn liebte. Es steht in der biblischen Geschichte auch geschrieben, dass derselbe Mose ein Land durch die Vögel gewann, die die giftigen Schlangen verzehrten. Ich bin die Tochter des Königs von Davids Stamm, und ich will dieses Kerlchen lieben, den ich in Wogen der Tränen fand, die für seine Seele vergossen wurden, die im Schrein seines Körpers eingeschlossen war.

Die Menschen, von denen ich gesprochen habe, sollen ihn erziehen, bis er in das Alter kommt, da ich ihn bewaffnen will und senden, um das Land des Himmelskönigs zu gewinnen. Denn ich will ihn so ausrüsten, dass von ihm gesagt werden kann: „Dieser hat gelebt wie ein Mann und ist gestorben wie ein Krieger, und ist als ein guter Ritter zum Gericht gekommen.“

Zusatz
Gottes Sohn spricht: „Wenn ein hungriges Tier von der Beute ferngehalten wird, wartet es im Abstand, eine Gelegenheit zu finden, um zu seiner Beute zurückzukehren. Wenn sich eine solche Gelegenheit nicht bietet, kehrt es in seine Höhle zurück. So bin ich mit dem Fürsten dieses Landes verfahren. Ich habe ihn durch meine Wohltaten ermahnt, ich ermahnte ihn mit Worten und mit Schlägen, aber er wurde desto undankbarer und vergesslicher, je milder ich mich ihm zeigte.

Deshalb werde ich ihn jetzt unter die Krone und auf den (? Fotapallen) legen, nachdem er nicht in der Krone stehen wollte. Ich will einen ekligen Wurm zu ihm und zu seinen Augendienern schicken, einer, der von einer Kreuzotter und einem verschlagenen Fuchs geboren ist, und der wird das Land und seine Einwohner in Unfrieden stürzen und den Einfältigen an den Federn zupfen; er wird die Spitzen erklettern und die Hochmütigen niederwerfen und zertrampeln. Aber das Kerlchen, das meine Freunde aufgezogen haben, werde ich auf einen anderen Weg führen, bis er einen Platz erreicht hat, der ehrenvoller ist.“

Weiter spricht Gottes Sohn: „Es wird von diesem Kerlchen gesagt werden, dass er wie ein Mann gelebt und wie ein tapfer Ritter gekämpft hat, und er wird wie ein Gottesfreund gekrönt werden. O Tochter, was glauben die Frauen, die damit grosstun, dass ihre Kinder immer übermütiger werden? Das ist ja doch keine Ehre, sondern eine Schande, denn sie ahmen den König des Übermutes nach. Aber eine Ehre ist dies, und der ist ein ehrenvoller Ritter, der sich rühmt, dass er Gott all die Ehre bereitet, die er kann, und versucht, noch mehr zustande zu bringen, und der bereit ist, all das zu leiden, was Gott will, dass er leiden soll. Ein solcher Mann ist ein Ritter Gottes, und er wird mit dem Ritter des Himmels gekrönt werden.“

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56. Kapitel

Die Mutter Maria spricht: „Warum ist diese (Frau) betrübt? Der Vater schlägt den Sohn ja manchmal mit einer leichten Rute. Deshalb brauchte sie nicht betrübt zu sein.“


57. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Rom ist wie ein Acker, über dem Disteln aufgewachsen sind. Daher muss er zuerst mit einem scharfen Eisen gereinigt werden, dann mit Feuer, und darauf mit ein paar Ochsen umgepflügt werden. Ich werde mit euch so verfahren, wie der, der Gewächse an einen anderen Platz verpflanzt. Denn dieser Stadt soll eine solche Strafe bereitet werden, als ob ein Richter sagen würde: „Zieh die ganze Haut ab, press alles Blut aus dem Fleisch heraus, schneide alles Fleisch in Stücke und zerschlage die Knochen, so dass alles Mark herausfließt.“

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58. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Ich bin wie ein Herr, der in dem Lande treu gekämpft hat, wohin er zur Wallfahrt gezogen ist, und mit Freunden in sein Vaterland zurückkehrte. Dieser Herr besaß einen sehr kostbaren Schatz. Indem er ihn betrachtete, wurde seine Augen hell entflammt, wurden Traurige getröstet und wurden Kranke genesen, und Tote wurden in seinem Beisein auferweckt.

Damit der Schatz ehrenvoll und sicher verwahrt werden sollte, wurde ein herrliches, prachtvolles Haus gebaut und vollendet, das eine stattliche Höhe und sieben Treppen hatte, auf denen man zum Hause und dem Schatz aufstieg. Der Hausherr überließ diesen Schatz seinen Dienern, um ihn zu betrachten und zu betreuen, damit er sicher und hübsch verwahrt würde, so dass die Liebe des Hausherrn zu seinen Dienern und die Treue der Diener gegen ihren Herrn gesehen werden sollte.
Die Zeit verging. Der Schatz begann verachtet zu werden, das Haus wurde nur noch selten aufgesucht, die Wächter wurden lau und gleichgültig, und die Liebe des Hausherrn geriet in Vergessenheit. Der Hausherr beratschlagte mit seinen vertrauten Freunden, wie man einer solchen Undankbarkeit begegnen solle.

Einer von ihnen antwortete: „Es steht geschrieben, dass die Richter und Wächter des Volkes, wenn sie säumig sind, im Sonnen schein gehenkt werden sollen. Aber dir gehören die Barmherzigkeit und das Gericht; du schonst alle, denn alles ist dein, und du erbarmst dich über alle.“
Ich bin dieser Herr, von dem das Gleichnis erzählt. In meiner Menschengestalt trat ich als Pilger auf Erden auf, während ich doch in meiner Göttlichkeit im Himmel und auf Erden mächtig war. Aus Eifer für die Rettung der Seelen habe ich auf Erden einen so schweren Kampf ausgestanden, dass alle Sehen in meinen Händen und Füßen zerrissen.

Als ich die Welt verließ und zum Himmel auffuhr, von dem ich doch in göttlicher Weise nie entfernt war, gab ich der Welt das alleredelste Gedenken, nämlich meinen hochheiligen Leib. Wie das alte Gesetz sich der Arche rühmen konnte, des Mannes, der Gesetzestafeln und verschiedener Hochzeitsbräuche, so sollte sich der neue Mensch über das neue Gesetz freuen – nicht wie früher über einen Schatten, sondern über die Wahrheit, d.h. über meinen gekreuzigten Leib, der sein Vorbild im Gesetz hatte.

Damit mein Leib in Ehren gehalten werden sollte, richtete ich ein Haus ein, d.h. die heiligen Kirche; dort sollte er verwahrt und benutzt werden. Zu seinen Wächtern bestimmte ich die Priester, die im Amt noch über den Engeln stehen, denn ihn, den die Engel in ihrer Verehrung fürchten und berühren, den berühren die Priester mit den Händen und dem Mund.
Ich habe auch die Priester mit einer siebenfachen Ehre geehrt, das wird mit den sieben Treppen angedeutet. Erstens sollten sie meine Bannerträger und durch die Reinheit des Sinnes und des Leibes meine besonderen Freunde sein, denn die Reinheit nimmt den ersten Platz bei Gott ein; ihm darf kein Befleckter nahen.

Wenn den Priester im alten Bund erlaubt wurde, in der Zeit, da sei nicht opferten, wie Verheiratete zu leben, so war dies nicht verwunderlich, denn sie hatten nur die Schale, nicht den Kern der Nuss. Aber da nun die Wahrheit gekommen ist und die früheren Bilder gewichen sind, muss man sich auch im höchsten Grad um seine Reinheit bemühen, umso mehr, als ja der Nusskern so viel süßer als die Schale ist. Zum Zeichen für diese Enthaltsamkeit lassen sich die Kleriker ihre Tonsur schneiden, so dass die Last nicht Herr über ihre Seele oder ihr Fleisch wird.

Auf der zweiten Treppe werden die Kleriker so geformt, in aller Demut wie Engel zu werden, denn durch die Demut der Sinne und des Leibes gewinnt man Eintritt in den Himmel und bändigt den hochmütigen Teufel. Zum Zeichen dafür wird den Klerikern verordnet, Dämonen auszutreiben, denn der demütige Mensch wird zum Himmel erhoben, von dem der arrogante Teufel durch seinen Übermut herabgefallen ist.

Auf der dritten Treppe wird den Klerikern befohlen, durch ihr ständiges Lesen der heiligen Schriften Gottes Schüler zu sein. Dafür legt der Bischof ihnen ein Buch in die Hände, wie der Ritter ein Schwert erhält, damit sie wissen, was sie tun sollen, nämlich durch Gebet und Betrachtung zu versuchen, Gottes Zorn auf sein Volk abzuwenden.
Auf der vierten Treppe werden die Kleriker zu Wächtern von Gottes Tempeln und zu Leitern der Seelen eingesetzt. Deshalb gibt der Bischof ihnen Schlüssel, damit sie Sorge um die Errettung ihrer Brüder tragen und sie durch Wort und Beispiel die, die schwach sind, dazu bringen, vollkommener zu werden.

Auf der fünften Treppe werden sie zu Aufsehern und Betreuern des Alters bestimmt, so dass sie, nachdem sie dem Altere dienen, von dem leben können, was zum Alter gehört, und sich nie mit irdischen Dingen befassen, außer wenn dies ihr Amt erfordert.
Auf der sechsten Treppe werden sie bestimmt, apostolische Männer zu sein, die evangelische Wahrheit zu verkünden und ihre Sitten in Übereinstimmung mit ihrer Verkündigung zu bringen.

Auf der siebenten Treppe werden sie eingesetzt, Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sein, indem sie meinen Leib opfern: Dieser Auftrag hilft den Priestern sozusagen zu mehr Würde als den Engeln.
Aber jetzt klage ich darüber, dass diese Treppen zerbrochen sind, denn man liebt den Hochmut statt der Demut, die Unreinheit anstatt der Reinheit, die Lesungen des Gotteswortes beachtet man nicht mehr, sondern stattdessen das Buch der Welt. Die Altäre sehen verlassen aus. Gottes Weisheit wird als Dummheit angesehen, um das Wohler gehen der Seelen kümmert man sich nicht.

Und damit nicht genug – sie werfen meine Kleider weg und vernichten meine Waffen. Auf dem Berge habe ich Mose gezeigt, welche Gewänder von den Priestern des Alten Bundes getragen werden sollten. In Gottes himmlischer Wohnung gibt es gewiss nicht irgendetwas Materielles, aber das Geistliche kann nur durch körperliche Gleichnisse erfasst werden, und deshalb zeigt sich auch das Geistige in körperliche Form, damit man wissen sollte, welch große Ehrfurcht und Reinheit die beachten sollten, die selbst die Wahrheit besitzen – nämlich meinen Leib. Denn die, die die schattenhaften Vorbilder verwaltet haben, haben eine so große Reinheit und Ehrfurcht gehabt.

Aber warum habe ich Mose eine solche Kleiderpracht gezeigt? Doch dafür, dass der Schmuck und die Schönheit der Seele dadurch gelehrt und gezeigt werden sollen. Denn wie es sieben Gewänder des Priesters gibt, so soll die Seele, die zu Gottes Leib hintritt, sieben Tugenden besitzen, ohne die es keine Erlösung gibt. Das erste Kleidungsstück der Seele ist Reue und Beichte. Damit wird das Haupt bedeckt.

Das zweite ist das Verlangen nach Gott sowie Keuschheit. Das dritte ist die Arbeit zu Gottes Ehre und Geduld in Widrigkeiten. Das vierte besteht darin, nicht am Lob oder Tadel der Menschen zu hängen, sondern nur an Gottes Ehre. Das fünfte ist die Enthaltsamkeit des Fleisches sowie aufrichtige Demut. Das sechste ist das Nachdenken über Gottes Wohltaten und die Furcht vor seinen Gerichten. Das siebente besteht darin, Gott über alles zu lieben und in dem Guten fortzufahren, das man begonnen hat.

Jetzt sind aber diese Kleider abgelegt und verachtet. Anstatt zu beichten, möchte man die Sünde gern entschuldigen und sie für leicht ansehen, an Stelle von Keuschheit liebt man ein loses Leben, an Stelle von Arbeit zum Wohl der Seele Arbeit zum Wohl des Leibes, statt Gottes Ehre liebt man weltliche Ehrsucht und Hoffart, statt preiswerter Sparsamkeit Überfluss an allem, an Stelle von Gottesfurcht vermessene Geringachtung von Gottes Gerichten. Statt Gott über alle Dinge zu lieben, zeigen die Priester eine grenzenlose Undankbarkeit. Deshalb werde ich sie mit meinem Zorn heimsuchen, wie ich durch den Propheten gesagt habe, und die Heimsuchungen werden ihnen Verstand verleihen.“

Da sagte die Mutter der Barmherzigkeit, die dabei war: „Gesegnet seist du, mein Sohn, für deine Gerechtigkeit! Zu dir, der alles weiß, spreche ich wegen dieser deiner Braut. Du willst ja, dass sie das Geistliche verstehen soll, und das kann sie nur durch Gleichnisse erfassen. Ehe du durch mich Menschengestalt annahmst, sagtest du in deiner Göttlichkeit, dass du – wenn du zehn gerechte Männer in der Stadt finden könntest, dich um ihretwillen über die ganze Stadt erbarmen würdest.

Aber jetzt gibt es unzählige Priester, die dich durch das Opfern Deines Leibes besänftigen. Um deretwillen solltest du dich also über die erbarmen, die sich nur auf wenig Gutes berufen können. Darum bitte ich dich, die dich in deiner Menschengestalt geboren hat, und all deine Auserwählten bitten dich mit mir darum.“

Der Sohn erwiderte: „Gesegnet seist du, und gesegnet seien die Worte deines Mundes! Du siehst, dass ich sie in dreifacher Weise auf Grund eines dreifachen Gutes schone, das im Opfer meines Leibes liegt. So wie der freche Übergriff des Judas bewirkte, dass drei gute Dinge bei mir zutage traten, so kommen den Seelen durch die Darbringung dieses Opfers drei Dinge zugute.

Erstens ging meine bewundernswerte Geduld daraus hervor, dass ich – obwohl ich wusste, dass Judas mich verraten wollte – ihn nicht aus meiner Gesellschaft verstieß. Zweitens zeigte ich meine Macht, als der Verräter und alle, die bei ihm waren, auf ein einziges Wort von mir zu Boden fielen. Drittens offenbarte sich die göttliche Weisheit und Liebe, als ich seine Bosheit und die des Teufels in die Erlösung der Seelen umwandelte.

In der selben Weise kommen durch das Opfer der Priester drei gute Dinge. Erstens wird von der ganzen Heerschar des Himmels meine Geduld gepriesen, dass ich in den Händen eines guten und schlechten Priesters derselbe bin. Ich achte ja nicht auf die Person, und es sind keine Verdienste der Menschen, die dieses Sakrament bewirken, sondern meine Worte.

Zweitens nützt dieses Opfer allen, von welchem Priester es auch dargebracht wird. Drittes kommt es auch den Opfernden selbst zugute, wie schlechte sie auch sein mögen, denn wie meine Feinde bei einem einzigen Wort, das ich sagte, „Ich bin’s!“ körperlich zu Boden fielen, so fliehen auch die Teufel mit ihren Versuchungen von den Seelen der Opfernden, wenn meine Worte „Das ist mein Leib“ ausgesprochen werden, und sie wagen auch nicht, sie so heftig zu versuchen, sofern die Opfernden nicht wieder sündigen möchten.

So schont meine Barmherzigkeit alle und erträgt alles, aber meine Gerechtigkeit ruft doch nach Rache. Ja, sie ruft täglich, aber du siehst sehr gut, wie viele es sind, die mir Antwort geben. Doch werde ich noch weiter Worte meines Mundes aussenden, und die, die darauf hören, sollen ihre Tage in einer Freude beschließen, die so leiblich ist, dass sie weder ausgesprochen noch zu denken ist.
Aber die, die nicht darauf hören, die werden, wie geschrieben ist, sieben Plagen in der Seele und sieben am Körper erfahren. Sie werden sie erleben, wenn sie lesen und bedenken, was geschehen ist, damit sie nicht überrascht werden, wenn sie sie erfahren.“

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59. Kapitel

Der Sohn spricht: „Drei Dinge kommen einem Priester zu. Erstens Gottes Leib zu weihen, zweitens, die Reinheit des Fleisches und des Geistes zu besitzen, drittens, für seine Gemeinde zu sorgen. Aber jetzt kannst du fragen, was es nütz, eine Kirche zu haben, wenn man keine Gemeinde hat. Ich antworte dir, dass der Priester, der den Willen hat, allen zu nützen und aus Liebe zu Gott zu predigen, eine so Weitreichende Gemeinde hat, als ob er die ganze Welt besäße, denn wenn er zur ganzen Welt sprechen würde, würde er sich diese Mühe keinesfalls ersparen.

Daher soll der gute Wille ihm als Tat angerechnet werden. Denn Gott erspart seines Auserwählten wegen der Undankbarkeit der Hörer oft die Mühe des Predigens, und doch gehen sie ihres Lohnes nicht verlustig, denn ihr Wille ist ja gut gewesen.
Es steht dem Priester auch zu, ein Buch und Öl zu haben: Das Buch, um die Ungelehrten zu unterrichten, und heiliges Öl, um die Kranken zu salben. Denn so wie leibliche und geistliche Weisheit im Buch enthalten ist, so sollte der Priester die Weisheit haben, sich selber zu beherrschen, damit das Fleisch nicht zügellos wird und seine Gemeindeglieder daran Anstoß nehmen.

Und er sollte auch der Begierde der Welt aus dem Wege gehen, weswegen die Ehre der Kirche verachtet wird, und soll die Sitte der Weltmenschen vermeiden, durch die die Würde der Priesterschaft verunehrt wird. Geistliche Weisheit ist es, die Ungebildeten zu unterweisen, die Ungezogenen zu tadeln und die anzuspornen, die Fortschritte im Guten machen.

Mit dem Öl wird jedoch die Süße des Gebetes und gute Beispiele bezeichnet. Denn wie das Öl fetthaltiger als das Brot ist, so ist das Gebet der Liebe und das Beispiel des guten Lebenswandels erfolgreicher, die Menschen zum Guten zu bewegen, und ihre Fettigkeit ist kräftiger, Gott zu besänftigen. Ich sage dir wahrhaftig, meine Tochter, dass der Name des Priesters groß ist, denn er ist der Engel und der Mittler des Herrn, aber sein Amt ist noch größer, denn er berührt den unfassbaren Gott mit seinen Händen, und die niedrigeren Dinge werden in seiner Hand mit den himmlischen vereint.“
 

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60. Kapitel

Birgitta spricht): „Gesegnet seist du, mein Schöpfer und Erlöser! Zürne nicht, wenn ich mit dir spreche, wie ein Verletzter zum Arzt, ein Betrübter zum Tröster, ein Armer zum Reichen und einem, der im Überfluss lebt. Der Verletzte sagt ja: „O Arzt, empfinde keinen Ekel vor mir, der ich verletzt bin, denn du bist mein Bruder. O bester Tröster, verschmähe mich nicht, denn ich bin bedrückt und geplagt, sondern schenk meinem Herzen Ruhe und meinen Sinnen Freude.“

Der Arme sagt jedoch: „O du reicher Mann, der an nichts Mangel leidet, schau auf mich, denn ich schwebe durch Hunger und Entbehrung in Gefahr. Betrachte mich, denn ich bin nackt, und schenk mir Kleider, damit ich mich wärmen kann.

So sage ich: „O allmächtiger und bester Herr, ich sehe die Wunden meiner Sünden und bin mir deren bewusst, durch die ich von Kindheit an zerrissen bin, und ich seufze, weil ich Zeit unnütz vergeudet habe. Die Kräfte reichen nicht mehr zur Arbeit, denn sie sind durch eitle Dinge erschöpfte. Daher bitte ich dich, der die Quelle aller Güte und allen Erbarmens ist, erbarme dich über mich! Berühre mein Herz mit der Hand deiner Liebe, denn du bist der beste Arzt; tröste meine Seele, denn du bist ein guter Tröster.“

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61. Kapitel

Als Christi Leib erhöht wurde, zeigte sich der Braut (Birgitta) die allerhässlichste Gestalt und sagte: „Glaubst du wirklich, du beschränktes Wesen, dass diese Brotscheibe Gott ist? Er wäre ja schon vor langer Zeit aufgegessen, auch wenn er der größte Berg wäre. Keiner von den weisen Juden, die von Gott Weisheit empfangen haben, glaubt das. Nein, niemand kann glauben, dass Gott sich herablässt, von dem unreinsten Priester berührt und geliebt zu werden, der ein Hundeherz besitzt. Und damit du einsehen kannst, dass er wahr ist, was ich sage, sollst du wissen: Dieser Priester gehört mir; wenn ich will, kann ich ihn zu mir nehmen, und das in einem einzigen Augenblick.“

Da zeigte sich gleich ein guter Engel, und der sagte: „O Tochter, gib dem Toren in seiner Torheit keine Antwort! Er, der sich dir gezeigt hat, ist der Vater der Lüge. Aber nun sei bereit, denn unser Bräutigam naht.“ Und der Bräutigam Jesus kam, und er sagte zum Teufel: „Warum beunruhigst du meine Tochter und Braut? Ich nenne sie Tochter, weil ich sie geschaffen habe, und Braut, weil ich sie erlöst habe und sie mit mir in meiner Liebe vereinigt habe.“
Der Teufel erwiderte: „Ich rede, weil ich Erlaubnis dazu bekommen habe, und damit sie in deinem Dienst erkalten soll.“ Der Herr sagte: „Das musste sie letzte Nacht erleben, als du ihre Augen und übrigen Glieder zusammendrücktest und mehr getan hast, wenn du Erlaubnis gehabt hättest. Aber so oft sie deinen Einflüsterungen widersteht, wird ihre Krone vergrößert werden.

Aber weil du, Teufel, gesagt hast, dass ich schon seit langem aufgegessen wäre, auch wenn ich ein Berg wäre, so sollst du mir etwas sagen, während diese Tochter, die ja leiblich ist, zuhört. Die Schrift sagt. Als es dem Volke schlecht ging, wurde eine Kupferschlange erhöht, und jeder, der von der Schlange gebissen war, wurde geheilt, wenn er sie ansah. Ob diese heilende Macht von Kupfer ausging, von der Schlangengestalt, von der Güte Moses, oder von Gottes heimlicher Kraft?“

Der Teufel entgegnete: „Diese heilende Macht stammte einzig und allein von Gottes eigener Kraft und vom Glauben des gehorsamen Volkes – es glaubte nämlich fest, dass Gott, der alles aus Nichts gemacht hat, auch alles tun konnte, was vorher nicht da war.“
Weiter sagte Gott: „Sag mir, Teufel, als der Stab eine Schlange wurde – geschah das, weil Mose das befahl, oder weil Gott es befahl? Geschah das, weil Mose heilig war, oder weil Gottes Wort so sprach?“ Der Teufel erwiderte: „Was war Mose anderes als ein Mensch, von sich aus schwach, aber von Gott gerechtfertigt? Auf sein Wort, das Gott befahl und aussprach, wurde der Stab zur Schlange. Es war Gott, der es in Wirklichkeit befahl, und Mose war ein geduldiger Diener. Denn vor Gottes Befehl und Wort war der Stab ein Stab, aber als Gott es befahl, wurde der Stab tatsächlich eine Schlange, so dass sogar Mose Angst bekam.“

Da sagte der Herr zur Braut, die das sah: „So ist es auch jetzt auf dem Altar. Vor den Worten des Sakraments ist das Brot, was auf den Altar gelegt wird, Brot – aber wenn die Worte „Hoc est corpus meum“ ausgesprochen werden, wird es Christi Leib, den sowohl die Guten als auch die Schlechten in Wirklichkeit nehmen und empfangen, einer ebenso wie tausend, aber doch nicht mit derselben Wirkung, denn der gute Mensch empfängt es zum Leben, aber der schlechte zum Gericht. Der Teufel sagte, dass Gott durch die Unreinheit des opfernden Priesters befleckt wurde, aber das ist sicher falsch. Denn wenn ein aussätziger Diener die Schlüssel seinem Herrn übergibt, oder wenn ein Kranker die Arzneien der stärksten Kräuter verlangt, so schadet das dem nicht, dem sie gereicht werden, weil dieselbe Kraft darin ist, wer sie auch verlangt. So wird auch Gott durch die Schlechtigkeit eines schlechten Dieners nicht schlecht, und durch einen guten Diener auch nicht besser, denn er ist unwandelbar und immer derselbe.

Der Teufel sagte, dass der Priester schon bald sterben würde, und das weiß er durch die Schlauheit seiner Natur und aus äußeren Ursachen. Doch kann er ihn nicht festnehmen, wenn ich es nicht erlaube. Jedoch gehört dieser Priester ihm, sofern er sich nicht bessert, und das drei Gründen. Der Teufel sagte ja, dass er stinkende Glieder und ein Hundeherz habe, und er ist wirklich stinkend und fieberkrank, denn er hat äußere Wärme und innere Kälte, unerträglichen Durst und Müdigkeit in allen Gliedern, Überdruss gegen Brot und Abscheu vor allem Süßen.

Er ist nämlich warm für die Welt, aber kalt gegenüber Gott, durstet nach Fleischeslust, hat aber Abscheu gegen die Schönheit der Tugenden, träge, wenn es um Gottes Gebete geht, aber eifrig zu allem, was von Fleisch ist. Daher ist es nicht verwunderlich, dass mein Leib ihm gar nicht anders schmeckt, als Brot, das im Ofen gebacken ist, denn ihm schmeckt keine geistliche Nahrung, sondern fleischliche.

Wenn er das Agnus Die gelesen und meinen Leib in seinem aufgenommen hat, weicht deshalb auch die Macht des Vaters und die höchst liebliche Gegenwart des Sohnes von ihm, und wenn er die heiligen Gewänder abgelegt hat, weicht auch die Milde des Heiligen Geistes, die das Band der Verbindung ist, so dass ihm nur die Form des Brotes und die Erinnerung daran verbleibt.
Doch darfst du nicht denken, dass er oder irgend ein anderer schlechter Mensch ohne Gott ist. Obwohl Gott vom ihm weicht und ihm keinen größeren Trost schenkt, fährt er doch damit fort, ihn zu ertragen und ihn gegen den Teufel abzuschirmen.

Der Teufel sagte, dass keiner von den weisen Juden das glauben wird. Darauf erwidere ich: Diese Juden sind wie die beschaffen, die das rechte Auge verloren haben und – geistlich gesehen – mit beiden Füßen hinken. Daher sind sie auch unweise und werden bis zum Ende so verbleiben. Es ist also nicht verwunderlich, dass der Teufel ihr Herz blind macht und verhärtet und sie zu schamlosen Dingen und zu dem verlockt, was gegen den Glauben verstößt.

Daher sollst du, sooft dir ein solcher Gedanke über Christi Leib (im Abendmahl) in den Sinn kommt, das deinen geistlichen Freunden erzählen und standhaft im Glauben sein, denn du kannst dessen ganz gewiss sein, dass der Leib, den ich aus dem Leib der Jungfrau angenommen habe, der gekreuzigt wurde und der im Himmel herrscht, derselbe ist, der sich auf dem Altar befindet, und den gute und schlechte Menschen empfangen.

Denn wie ich mich den Jüngern in einer fremden Gestalt gezeigt habe, die nach Emmaus gingen, obwohl ich doch wahrer Gott und wahrer Mensch war und durch verschlossene Türen zu den Jüngern hineingingen, so zeige ich mich auch den Priestern in einer fremden Gestalt, damit der Glaube Verdienst hat und die Undankbarkeit der Menschen offenbar werden soll. Das ist nicht verwunderlich, denn ich bin jetzt noch derselbe wie damals, als ich die Macht meiner Gottheit durch schreckliche Zeichen zeigte. Aber da sagten die Menschen trotzdem: „Lasst uns Götter machen, die vor uns hergehen können“.

Ich zeigte den Juden auch meine wahre Menschengestalt, und die haben sie gekreuzigt. Ich bin täglich derselbe auf dem Altar, und doch wird gesagt: „Diese Kost bereitet uns Ekel und Versuchungen.“ Kann eine Undankbarkeit größer sein als die, Gott mit der Vernunft fassen zu wollen und zu wagen, seine heimlichen Gerichte und Mysterien zu beurteilen, die er in seiner eigenen Hand hat?
Deshalb will ich mit unsichtbarer Wirkung und in sichtbarer Form den Ungelehrten und Demütigen zeigen, was die sichtbare Form des Brotes ohne Brot und ohne Substanz ist, was die Substanz in ihrer Form ist, und was die Teilung in der Form ohne Substanz ist, und warum ich so viel Unwürdiges und Hässliches in meinem Leib ertrage, damit die Demütigen erhöht und die Hochmütigen zu Schaden werden sollen.“

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62. Kapitel

Als ein Priester einen Toten begrub, der dreieinhalb Jahre bettlägerig gewesen war, hörte die Braut (Birgitta), wie der Geist zum Priester sagte: „Mein Freund, was tust du? Wie kannst du dich erdreisten, den Toten zu berühren, wenn deine Hände voller Blut sind? Warum rufst du seinetwegen zum Allmächtigen, wenn deine Stimme wie die der Kröten ist? Wie kannst du dich erdreisten, den Richter seinetwegen zu behelligen, wenn dein Verhalten und deine Sitten mehr denen eines Taschenspielers gleichen, als denen eines frommen Priesters? Deshalb soll die Kraft von meinen Worten dem Toten helfen, aber nicht dein Tun, und sein Glaube und seine lange Geduld werden ihm die Krone verschaffen.“

Weiter sagte der Geist zur Braut: „Dessen Hände sind blutig, denn alle seine Werke sind fleischlich. Er kann den Toten mit ihnen nicht berühren, denn er kann ihm nicht mit seinen Verdiensten helfen, sondern nur mit der Würde des Sakraments. Gute Priester helfen den Seelen nämlich auf zwei Arten: Teils mit der Kraft von Gottes Leib (in der Kommunion), teils mit der Liebe, von der sie entzündet sind. Seine Stimme ist wie die von Kröten, denn sie ist voll von schmutzigen Taten und ganz und gar auf die Wollust des Fleisches ausgerichtet.

Daher steigt sie nicht zu Gott empor, der durch die Stimme der Reue und der Beichte des Demütigen besänftig werden möchte. Seine Sitten sind wie die eines Taschenspielers. Denn was tut der Gaukler anderes, als sich nach den Sitten der Weltmenschen zu richten? Was singt er anders als dies: „Lasst uns essen und trinken, und gute Tage in diesem Leben haben?“

So handelt dieser, denn er ahmt alle in Tracht und Taten nach, um allen zu gefallen, und mit dem Beispiel seines ausschweifenden Lebens mahnt er alle zur Unmäßigkeit, indem er sagt: „Lasst uns essen und trinken, denn unsere Kraft ist des Herren Freude.“ Es reicht uns, wenn wir an die Ehrenpforte kommen. Wenn ich daran gehindert werde, einzutreten; es ist genug für mich, wenn ich an der Pforte sitze; ich will gar nicht vollkommen sein.“

Eine solche Einstellung und Lebensweise ist eine schwere Verirrung, denn niemand kommt in die Ehrenpforte, ohne vollkommen oder vollkommen gereinigt zu sein, und niemand wird die Ehre außer dem, der sie voll und ganz begehrt und fleißig dafür arbeitet, wenn er kann. Doch gehe ich, der Herr von allen, zu diesem Priester ein, aber ich werde doch nicht eingeschlossen und auch nicht befleckt. Ich gehe hinein wie ein Bräutigam, und ich gehe hinaus als Richter, um den zu richten, der mich verachtet hat, als er mich (in der Kommunion) verzehrte.

Deshalb werde ich, wie ich sagte, mit sieben Plagen über die Priester kommen: ihnen soll all das genommen werden, was sie geliebt haben, sie sollen von Gottes Augen verwiesen und in seinem Zorn gerichtet werden, sie sollen überlassen und ohne Unterlass gepeinigt werden, von allen verachtet werden, alles Gute verlieren, aber Überfluss an allem Bösen haben. Ebenso wie die Kinder Israel sollen sie von sieben anderen leiblichen, bösen Sachen geplagt werden.

Deshalb brauchst du dich nicht wundern, wenn ich Nachsicht mit den Bösen habe, oder wenn etwas Unwürdiges mit meinem Sakrament zu geschehen scheint, denn um meine Geduld und die Undankbarkeit der Menschen zu zeigen, ertrage ich alles bis zum Ende. Und du sollst nicht denken, dass eine solche Unwürdigkeit, wie du sie von dem gehört hast, der (die Hostie) ausspuckte, mit meinem Leib geschieht, sondern so etwas geschieht, um die Undankbarkeit der Menschen zu offenbaren und zu zeigen, dass sie unwürdig sind, etwas so Heiliges zu empfangen.

Weiter sagte der Geist zu der Seele des Toten: „O Seele, freue dich und juble, denn dein Glaube hat dich vom Teufel geschieden, deine Einfalt hat den langen Weg durchs Fegefeuer für dich abgekürzt, und deine Geduld hat dich zur Ehrenpforte geführt. Meine Barmherzigkeit wird dich hineinführen und dich krönen.“

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63. Kapitel

Der Braut (Birgitta zeigte sich ein Teufel mit langem Bauch und sagte: „Was glaubst du, Frau, und an welche großen Dinge denkst du? Ich weiß viel, und ich will meine Worte mit offenkundigen Gründen bekräftigen, Ich rate dir, damit aufzuhören, an das Unglaubliche zu denken und stattdessen an das zu glauben, was deine Sinne dir bezeugen. Siehst du nicht mit deinen Augen und hörst mit deinen leiblichen Ohren den Laut, wenn die aus leibhaftem Brot gemachte Hostie gebrochen wird? Hast du nicht gesehen, wie sie ausgespuckt wurde, unsanft berührt und auf die Erde geworfen wurde? Ja, vieles andere, was ungehörig ist, geschieht damit, was ich nicht dulden würde, wenn es gegen mich verübt würde. Und auch wenn es möglich wäre, dass Gott im Munde des Gerechten sein könnte – wie könnte er zu den Ungerechten eingehen, deren Gewinnsucht ohne Boden und Maß ist?“

Unmittelbar nach dieser Versuchung zeigte sich Christus in menschlicher Gestalt, und sie sagte zu ihm: „Herr Jesus Christus, ich danke dir für alles, und besonders für drei Dinge: Erstens dafür, dass du meine Seele bekleidest, indem du ihr Reue und Buße eingibst, wodurch jede Sünde, wie schwer sie auch sein mag, ausgetilgt wird.
Zweitens dafür, dass du meine Seele am Leben erhältst, indem du ihr die Liebe zu dir und die Erinnerung an dein Leiden in sie eingießt; dadurch wird sie erfreut, wie von der besten Kost.

Drittens dafür, dass du alle tröstest, die dich in deiner Trübsal anrufen. Erbarme dich daher über mich, o Herr, und hilf meinem Glauben, denn obwohl ich es verdient hätte, dem Betrug des Teufels zum Opfer zu fallen, glaube ich doch, dass er nichts ohne deine Zulassung vermag, und dass deine Zulassung nicht ohne Trost ist.“
Da sagte Christus zum Teufel: „Warum sprichst du mit meiner neuen Braut?“ Der Teufel antwortete ihm: „Weil sie mit mir verbunden war und ich immer noch hoffe, sie in mein Netz zu verstricken. Sie war mit verbunden, als sie mit meinen Ratschlägen einverstanden war und mehr danach strebte, mir zu gefallen, als dir, ihrem Schöpfer. Ich gab Acht auf ihre Wege, und die sind mir niemals aus dem Sinn gekommen.“

Der Herr sagte: „Du bist ein Ränkeschmied und kundschaftest aller Menschen Wege aus.“ Der Teufel sagte: „Ja, ich bin ein Späher, aber im Dunkel, denn dunkel hast du mich gemacht.“ Der Herr fragte: „Wann hast du das gesehen, und wie bist du dunkel geworden?“
„Ich sah“, erwiderte der Teufel, „als du mich wunderschön geschaffen hast, aber weil ich unbedacht in deinen Strahlenglanz drängte, wurde ich wie der Basilisk davon geblendet. Ich habe dich gesehen, als ich deine Schönheit begehrte. Ich habe dich in meinem Gewissen gesehen und kannte dich, als du mich verwarfst. Ich kannte dich auch, als du Menschengestalt annahmst, und ich tat, was du mir erlaubtest. Ich kannte dich, als du bei deiner Auferstehung meine Gefangenen berührtest. Ich spüre täglich deine Macht, womit du mich verhöhnst und mich beschämst.“

Der Herr sagte: „Wenn du mich kennst und die Wahrheit über mich weißt, warum lügst du da meinen Auserwählten etwas vor, wenn du die Wahrheit über mich weißt? Habe ich nicht gesagt, dass der, der mein Fleisch isst, in Ewigkeit leben wird? Und dennoch sagst du, dass es unwahr ist, und dass niemand mein Fleisch isst. Also würde mein Volk ja eine schlimmere Abgötterei betreiben, als der, der Steine und Holzstücke verehrt. Aber nun sollst du, obwohl ich alle Dinge weiß, mir auf diese Frage antworten, so dass sie, die hier steht, und die das Geistliche nur durch Gleichnisse verstehen kann, es hört: Thomas berührte mich ja nach meiner Auferstehung – war der Leib, den er da berührte, geistlich oder körperlich? Wenn er körperlich war, wie konnte er dann durch verschlossene Türen kommen? Und wenn er geistlich war, wie konnte er dann für körperliche Augen sichtbar sein?“

Der Teufel erwiderte: „Es ist schwer, zu reden, wenn ihm von allen misstraut wird und er gegen seinen Willen gezwungen wird, die Wahrheit zu sagen. Dennoch werde ich – wenn auch gezwungen – reden und bekennen, dass du nach deiner Auferstehung geistlich und körperlich vorhanden warst. Deshalb kannst du auf Grund der ewigen Kraft deiner Gottheit und des geistlichen Vorrangs des verherrlichten Fleisches überall eintreten und überall sein.“
Gott sagte weiter: „Als Moses Stab in eine Schlange verwandelt wurde, war sie da nur wie eine Schlange, oder war sie ganz und gar eine Schlange, inwendig und äußerlich? Und diese Körbe mit Brot und Brotstücken – enthielten die richtiges Brot oder nur etwas, das wie Brot aussah?“

Der Teufel antwortete: „Der ganze Stab wurde eine Schlange, alles in den Körben war Brot, und alles geschah durch deine Kraft, alles durch deine Macht.“
Der Herr sagte: „Sollte es wohl schwerer für mich sein, ein solches Wunder jetzt zu wirken, als damals, ja ein noch größeres Wunder, wenn es mir gefiele? Wenn der verherrlichte Leib damals durch geschlossene Türen zu den Aposteln treten konnte, warum kann er da nicht auch jetzt in den Händen der Priester sein? Sollte es meiner Gottheit irgendwelche Mühe bereiten, das Unterste mit dem Himmlischen, das Irdische mit dem Höchsten zu vereinen? Keineswegs.

Nein, so wie deine Bosheit, du Vater der Lüge, die allergrößte ist, so übersteigt meine Liebe alles und wird es immer tun. Auch wenn einer dieses Sakrament (die Hostie) zu verbrennen scheint und ein anderer es unter die Fußte tritt, so kenne ich doch allein den Glauben von allen und richte alles mit Maß und Geduld ein. Ich der etwas aus Nichts macht und das Sichtbare aus dem Unsichtbaren, ich kann auch etwas Sichtbares in einem Zeichen und einer Form zeigen, obwohl es in Wahrheit unter dem Schleier eines Zeichens ist, aber etwas anderes zu sein scheint.“
Der Teufel entgegnete: „Dass dies wahr ist, erfahre ich täglich, wenn die Menschen, die meine Freunde sind, sich von mir trennen und deine Freunde werden. Was soll ich noch mehr sagen? Der Diener, der sich selbst überlassen wird, zeigt in seinem Willen deutlich, was er tun und lassen sollte, wenn er nur könnte.“

Wieder sprach Gottes Sohn: „Glaube, meine Tochter, dass Christus der Erneuerer und nicht der Verderber des Lebens ist; wahr, ja selbst die Wahrheit, und kein Lügner; die ewige Macht, ohne die nichts gewesen ist und nichts werden wird! Wenn du den Glauben hast, dass ich in den Händen des Priesters bin, so kannst du wissen, dass ich – auch wenn der Priester zweifelt – doch wirklich in seinen Händen bin, auf Grund Glaubens der anwesenden Gläubigen und auf Grund der Worte, die ich selbst gesagt und bestimmt habe. Ein jeder, der mich annimmt, nimmt die Gottheit und die Menschengestalt sowie die Form des Brotes an.

Was ist Gott anderes, wenn nicht das Leben und die Lieblichkeit, das strahlende Licht, die erquickende Güte, die urteilende Gerechtigkeit und erlösende Barmherzigkeit? Was ist meine Menschengestalt anderes, wenn nicht der flinkeste und geschmeidigste Körper, die Vereinigung von Gott und Mensch, das Haupt aller Christen? Also empfängt ein jeder, der an Gott glaubt und seinen Leib annimmt, die Gottheit selbst, denn er empfängt das Leben. Er empfängt auch die Menschengestalt, in der Gott und Mensch vereinigt sind, mit der Gestalt des Brotes, denn der, der in seiner eigenen Gestalt vorborgen ist, wird unter einer anderen zur Prüfung des Glaubens empfangen.

Auch der schlechte Mensch empfängt dieselbe Gottheit, aber zu seinem Gericht und nicht zu seiner Freude. Er empfängt auch die Menschengestalt, die doch wenig wohlwollend gegen ihn gestimmt ist, sowie die Gestalt des Brotes, denn mit der sichtbaren Gestalten empfängt er die verborgene Wahrheit, die ihn aber nicht mit ihrer Süße erquickt. Denn wenn er mich an seinem Mund und seine Zähne führt, ist das Sakrament vollendet, und ich weiche mit meiner Göttlichkeit und Menschengestalt von ihm, so dass nur die Form des Brotes bei ihm bleibt.

Nicht so, dass ich auf Grund der Stiftung des Sakraments bei den Schlechten nicht ebenso wie bei den Guten anwesend bin, sondern so, dass die schlechten Menschen nicht dieselbe Wirkung wie die Guten erfahren. Im Opfer selbst wird dem Menschen das Leben, nämlich Gott selber, dargeboten, und das Leben tritt auch bei den Bösen ein, aber bleibt nicht bei ihnen, weil sie das Böse nicht aufgeben. Für sie bleibt nur eine Wahrnehmung der Brotgestalt mit ihren Sinnen, aber das Brot bringt ihnen keinen Nutzen, denn sie denken über dieses Verzehren nichts anderes, als dass sie die Gestalt von Brot und Wein gesehen und gespürt haben, ganz so, als ob ein mächtiger Herr in das Haus von irgend jemandem getreten sei, und man sich zwar an seine Gestalt erinnert, aber die Anwesenheit seiner Güte vergessen hat.“

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64. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Mein Sohn ist wie ein armer Bauer, der weder Ochsen noch Esel hatte, selbst sein Holz und anderen Geräte aus dem Walde holte, die zur Verrichtung der Arbeit notwendig waren, und der unter anderen Geräten auch Ruten nach Hause brachte, die für zwei Dinge nützlich sind: Einen ungehorsamen Sohn damit zu strafen, und die vom Frost Erstarrten aufzuwärmen.

So ist mein Sohn, der Herr und Schöpfer von allen, am allerärmsten geworden, um alle mit den ewigen, unvergänglichen Reichtümern reich zu machen. Er hat auf seinem Rücken die schwerste Last, nämlich das bittere Kreuz, getragen, und mit seinem Blut hat er die Sünden aller gereinigt und ausgelöscht.
Unter seinen übrigen Werken wählte er auch das Gerät der Tugenden; d.h. tugendhafte Männer, durch die unter Mitwirkung des Heiligen Geistes das Herz vieler Menschen zur Gottesliebe entzündet und der Weg der Wahrheit offenbart wurde. Er wählte auch die Rute aus, und damit sind die Liebenden der Welt gemeint, durch die Gottes Söhne und Freunde zu ihrer Erziehung und Reinigung gezüchtet werden, und damit sie sich besser in Acht nehmen und besser belohnt werden.

Ferner wärmen die Rutenzweige die erstarrten Kinder, und Gott wird durch ihr Feuer auch erwärmt. Aber wie? Ja, wenn weltlich eingestellte Menschen Gottes Freunde und die betrüben, die Gott nur aus Furcht vor Strafe lieben. Und wenn die, die da betrübt werden, sich immer eifriger zu Gott hinwenden und die Nichtigkeit der Welt begreifen, so hat Gott Mitleid mit ihrer Trübsal und beschert ihnen Freude und Liebe.
Aber was soll mit den Rutenzweigen geschehen, nachdem die Kinder gezüchtigt worden sind? Ja, die sollten ins Feuer geworfen werden, um zu verbrennen. Gott verschmäht nämlich auch dann nicht sein Volk, wenn er es den Händen der Bösen überlässt, sondern wie ein Vater seinen Sohn erzieht, so benutzt Gott die Bosheit der Gottlosen für die Krönung und Belohnung seiner Freunde.“

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65. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Du sollst sein wie eine leere Schale, die geeignet ist, gefüllt zu werden – nicht so flach, dass das, was darin enthalten ist, ausfließt, und auch nicht so voll, dass man den Boden nicht mehr sieht. Diese Schale ist dein Körper, der leer ist, wenn er vor dem Begehren der Wollust frei ist. Er ist mäßig weit, wenn das Fleisch vernünftig in Zucht gehalten wird, damit die Seele imstande bleibt, um den geistigen und körperlichen Menschen stark genug zum Arbeiten zu erhalten. Die Schale ist ohne Boden, wenn das Fleisch nicht durch irgendeinen Verzicht in Zucht gehalten wird, sondern der Körper alles bekommt, was er begehrt.

Aber höre, was ich sage! Mein Diener brachte ein unbedachtes Wort vor, als er sagte: „Was kommt es mir zu, etwas zu sagen, was nichts mit meiner Stellung zu tun hat?“ Ein solcher Ausspruch gebührt sich für einen Diener Gottes nicht. Denn jeder, der die Wahrheit hört und sie kennt, ist frevelhaft, wenn er sie verschweigt – sofern er nicht ganz abgewiesen wird.
Es gab nämlich einmal einen Herrn, der eine starke Burg besaß, in der es vier gute Dinge gab: Frisches Essen, das allen Hunger vertreibt, frisches Wasser, das allen Durst löscht, lieblichen Duft, der alle giftigen Dünste vertreibt, und notwendige Waffen, die geeignet waren, jeden Feind niederzuschlagen.

So verging die Zeit, und während der Burgherr auf etwas anderes achtete, wurde die Burg belagert. Als er das merkte, sagte er zu seinem Herold: „geh und rufe mit lauter Stimme meinen Rittern zu: „Ich, der Herr, werde meine Burg befreien, und jeder, der mir freiwillig folgt, wird mit mir in der Herrlichkeit sein und ebenso wie ich in Ehren stehen. Aber wer im Kampfe fällt, den werde ich zu dem Leben erwecken, das weder Mangel noch Sorge hat, und ich werde ihm bleibende Ehre und nie versiegenden Überfluss schenken.“

Als der Diener diesen Befehl erhalten hatte, rief er auch, aber er rief weniger kräftig, als er sollte, so dass der Ruf nicht bis zu dem tapfersten Ritter drang Dieser ließ deshalb den Kampf bleiben. Was soll der Herr nun mit dem Ritter tun, der gern gekämpft hätte, aber die Stimme des Herolds nicht gehört hat? Sicher wird er ihn für seinen Willen belohnen. Aber der säumige Herold wird nicht ohne Strafe davonkommen.

Diese Burg ist die heilige Kirche, erbaut mit dem Blute meines Sohnes. Dort ist sein Leib (die Hostie), die allen Hunger vertreibt, das Wasser der evangelischen Weisheit, der Wohlgeruch des Beispiels seiner Heiligen und die Waffen seines Leidens. Diese Burg ist jetzt von Feinden belagert, denn in der heiligen Kirche gibt es viele, die mit ihrer Stimme meinen Sohn verkünden, ihm aber mit ihren Sitten widersprechen, ja die mit ihrem Willen dem widersprechen, was sie mit dem Munde sagen, indem sie sich nicht im das himmlische Vaterland kümmern, wenn sie nur ihre Lust befriedigen können. Daher dürfen Gottes Freunde nicht ermüden, damit Gottes Feinde sich vermindern, denn ihre Belohnung wird nicht zeitlich sein, sondern eine solche, die kein Ende hat.“

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66. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Welchen Schaden leidet man, wenn man einen Stich von einer Nadel oder einem Eisen in den Kleidern bekommen hat, aber das Fleisch selbst nichts abbekommen hat? Ebenso wenig schaden zeitliche gute Dinge, wenn sie mit Klugheit gehandhabt werden und die Einstellung des Besitzers nicht fehlgerichtet ist. Beobachte deshalb dein Herz, dass deine Absicht gut ist, denn durch dich sollen Gottes Worte anderen vermittelt werden.

Denn wie der Mühlteich manchmal das Wasser behält und es manchmal fließen lässt, wenn es gebraucht wird, so musst du, wenn verschiedene Gedanken und Versuchungen kommen, genau Acht geben, dass das, was nichtig und rein weltlich ist, abgetan wird, aber das, was göttlich ist, ständig bedach wird. Es steht ja geschrieben, dass die unteren Wasser abflossen, aber die oberen fest wie eine Mauer standen. Die unteren Wasser sind Gedanken des Fleisches und der unnützen Begierden, die Fortschwimmen müssen und nicht beachtet werden sollen, aber die oberen Wasser sind Gottes Eingebungen und Worte heiliger Männer, die fest wie eine Mauer in deinem Herzen stehen sollten, so dass sie nicht irgendwelche Versuchungen aus deinem Herzen entfernt werden.“

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67. Kapitel

Der Sohn spricht zur Braut: „Ich bin ein Gott mit dem Vater und dem Heiligen Geist. In der Vorausschau meiner Gottheit sind alle Dinge von Anfang an und seit Jahrhunderten vorausgesehen und bestimmt. Und alle Dinge, die körperlichen und geistlichen, haben ihre bestimmte Struktur und Anordnung, und alles steht und läuft, nachdem es in meinem Vorherwissen angeordnet und bestimmt ist.

Da kannst du von drei Dingen her verstehen. Wenn du auf die achtest, die leben, so findest du, dass es die Frau ist, die gebärt, und nicht der Mann. Wenn du auf die Bäume achtest, so findest du, dass die süßen süße Früchte und die bitteren bittere Früchte bringen. Was die Himmelskörper betrifft, legen Sonne, Mond und alle Sterne ihre Bahn so zurück, wie es in meiner Göttlichkeit vorherbestimmt ist. So sind auch die vernunftbegabten Seelen meiner Göttlichkeit bekannt, und ich weiß im voraus, wie sie werden sollen. Aber mein Vorherwissen schadet ihnen doch in keiner Weise, denn ich habe ihnen die Bewegung des freien Willens gegeben, d.h. den freien Willen und die Macht, zu wählen, was ihnen gefällt.

So wie die Frau gebärt und nicht der Mann, so muss also auch die Seele, Gottes gute Frau, mit Gottes Hilfe gebären, denn die Seele ist dazu erschaffen, dass sie sich in Tugenden vervollkommnet und durch die Aussaat der Tugenden fruchtbar wird, so dass sie in die Arme der göttlichen Liebe geschlossen werden kann. Aber jetzt ist die Seele in ihrem Ursprung aus der Art geschlagen und bringt ihrem Schöpfer keine Frucht; sie handelt gegen Gottes Verordnungen und ist daher unwürdig, Gottes Süße zu schmecken.

Zweitens tritt Gottes unveränderliche Anordnung in den Bäumen hervor, von denen die süßen süße Früchte bringen, aber die bitteren bittere. In der Dattel gibt es zwei Dinge, nämlich Süßigkeit und einen harten Kern. So ist es von Ewigkeit vorhergesehen, dass – wo immer der Heilige Geist wohnt – da verliert alle weltliche Belustigung ihren Wert, und da wird alle weltliche Ehre mühevoll. Und der Heilige Geist verleiht diesem Herzen so große Stärke und Härte, dass es nicht von irgendeiner Ungeduld zerbricht, nicht von irgendeinem Unglück niedergeworfen wird und sich nicht durch irgendeinen Erfolg überhebt.

Ebenso ist es von Ewigkeit her vorausgesehen, dass – wo immer der Dorn des Teufels ist – da gibt es eine Frucht, die außen rot ist, aber inwendig voll Unreinheit und Stacheln. Die flüchtige Lust, die der Teufel bereitet, scheint nämlich lieblich zu sein, ist aber voller Dornen und Trübsal. Denn je mehr einer im Irdischen verstrickt ist, durch eine umso größere Bürde der Rechenschaft wird er belastet. So wird – wie jeder Baum nach der Beschaffenheit der Wurzel und des Stammes Frucht bringt – jeder Mensch nach der Absicht seines Tuns gerichtet.

Drittens haben alle Elemente die Ordnung und Bewegung, die ihnen von Ewigkeit her bestimmt ist, und sie bewegen sich nach dem Willen ihres Urhebers. So muss sich auch jedes vernunftbegabte Wesen nach der Bestimmung seines Schöpfers bewegen und seinen Willen danach richten. Aber wenn der Mensch das Gegenteil tut, ist es offenbar, dass er seinen freien Willen missbraucht, und wo die Unvernunft herrschen darf, da entartet der vernunftbegabte Mensch und verschlimmert sein Gericht, weil er nicht die Vernunft gebraucht.

Deshalb soll der Mensch auf seinen Willen achten, denn ich will dem Teufel kein größeres Unrecht tun, als meinen Engel. So wie Gott von seiner keuschen Braut die unaussprechliche Süße fordert, so will ja der Teufel von seiner Braut Stacheln und Dornen haben. Aber der Teufel kann keine Macht über den Menschen gewinnen, wenn dessen Wille nicht verdorben wird.“

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68. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Es gibt ein kleines Tier, das „Fuchs“ genannt wird, und das eifrig ist, all seinen Lebensunterhalt zu beschaffen, und voller Falschheit ist. Er stellt sich manchmal an, als ob er schliefe und tot wäre, damit die Vögel sich auf ihn setzen, und er sie umso leichter fangen und fressen kann, je unvorsichtiger sie dasitzen. Er gibt auch auf den Flug der Vögel Acht, und die er vor Müdigkeit auf dem Boden oder unter einem Baum sitzen sieht, die fängt er und frisst sie auf. Aber die mit beiden Flügeln fliegen, beschämen ihn und machen seine Arbeit vergeblich.

Dieser Fuchs ist der Teufel, der ständig Gottes Freunde verfolgt, und vor allem die, die die Bitterkeit seiner Bosheit und das Gift seiner Ungerechtigkeit nicht haben. Er stellt sich manchmal, als schliefe er und wäre tot, denn manchmal lässt er den Menschen von schwereren Versuchungen frei, damit er vergessen soll, auf die kleineren zu achten, so dass er ihn umso leichter betrügen und umgarnen kann. Manchmal lässt er auch das Laster wie eine Tugend und die Tugend wie ein Laster aussehen, damit der verwirrte Mensch sich etwas unvorsichtig verhält und verloren geht, sofern die Klugheit ihm nicht zu Hilfe kommt.

Das kannst du auch durch ein Gleichnis verstehen. Barmherzigkeit ist nämlich manchmal eine Sünde, d.h. wenn sie geübt wird, um den Menschen zu gefallen. Die Kraft der Gerechtigkeit ist ungerecht, wenn sie aus Gewinnsucht und aus Ungeduld ausgeübt wird. Die Demut ist Hochmut, wenn sie darauf zielt, dass man auf sich aufmerksam macht und von Menschen gesehen wird. Die Tugend der Geduld scheint vorhanden zu sein und ist es doch nicht, wenn der Mensch sich für ein Unrecht rächen könnte, es aber bleiben lässt, weil er noch nicht den geeigneten Zeitpunkt findet, sich zu rächen.

Manchmal schickt der Teufel auch Trübsale und Anfechtungen, damit der Mensch über die Maßen schwermütig und betrübt werden soll, und manchmal lässt er das Herz sich mit Angst und Kummer füllen, so dass der Mensch im Dienste Gottes erschlafft, oder unvorsichtig wie er ist – von kleinen Sünden in große fällt.

Auf diese Weise wurde dieser Mann, von dem ich spreche, vom Fuchs betrogen. Denn in seinem Alter hatte er alles, was er sich wünschte, er sagte, er sei glücklich und wollte lange leben, aber so wurde er ohne Sakrament abgerufen, und ohne dass er Rechenschaft über seine Werke und Sachen abgelegt hatte. Wie die Ameise sammelte er Tag und Nacht, aber nicht für das Vorratshaus des Herrn. Und als er zum Eingang des Schobers kam, wohin er das gesammelte Korn bringen wollte, da starb er und überließ anderen die Frucht seiner Mühe.

Denn wer zur Erntezeit nicht fleißig für mich sammelt, der bekommt keine Gelegenheit, sich über die Saat zu freuen. Selig sind daher die Vögel des Herrn, die nicht unter den Bäumen der weltlichen Genüsse schlafen, sondern auf den Bäumen der himmlischen Sehnsucht, denn wenn sie die Versuchung des bösen Fuchses, des Teufels, packt, fliegen sie schnell mit ihren beiden Flügeln davon, nämlich mit der demütigen Beichte und der Hoffnung auf die Hilfe des Himmels.“

Erklärung
Christus, Gottes Sohn, spricht: „Dieser Propst ist ein Bischofsamt. Daher soll der, der in den lieblichen Obstbaum steigen will, um köstliche Früchte zu ernten, befreit von aller Bürde sein, umgürtet und stark genug sein, um zu pflücken, und ein reines Gefäß haben, in dem er die Früchte niederlegen kann. So soll sich dieser nun bemühen, seinen Leib mit Tugenden zu schmücken, indem er ihm das Notwendige gibt, aber keine Überfluss, indem er Gelegenheiten zur Zuchtlosigkeit und Gewinnsucht aus dem Wege geht und sich als ein reiner Spiegel und als Vorbild für unvollkollkommene Menschen zeigt. Sonst wird er von einem schrecklichen Fall, einem plötzlichen Ende und Plage von meiner Hand betroffen.“ All dies ist eingetroffen.

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69. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „An drei Dingen kannst du beurteilen, ob das Wasser einer Quelle nicht gut ist. Erstens, wenn es nicht die rechte Farbe hat. Zweitens, ob es trübe ist. Drittens, ob es stillsteht und nicht in Bewegung ist, indem es allen Schmutz aufnimmt und ihn nicht absondert.
Unter diesem Wasser verstehe ich die Sitten und das Herz der Kleriker. Sie müssten auf Grund ihrer guten Sitten köstlich zu trinken sein wie Quellen und sich dem Schmutz der Sünden verschließen. Die rechte Farbe des Klerikers ist ja wahre Demut; er müsste sich in Gedanken und Taten umso mehr demütigen verhalten, je größere Verpflichtung er sieht, um für Gott zu arbeiten. Denn wo Hochmut ist, da ist die Farbe des Teufels, die das Wasser ebenso abscheulich ansehen lässt, als ob eine aussätzige Hand das Wasser aus der Quelle schöpfen würde. So bewirkt der Hochmut, dass manche Werke des Klerikers schmutzig aussehen.

Das Wasser ist trübe, wenn der Kleriker gewinnsüchtig ist und sich nicht mit dem Notwendig begnügt. So wie er sich selber unnütz ist und sich bloß Angst macht, so ist er für andere durch das Beispiel seiner Gier schädlich. Drittens ist das Wasser unrein, wenn es Schmutz aufnimmt, ihn aber nicht abstößt, was daher kommt, dass sein Abfluss versperrt ist, so dass das Waser stillsteht. So ist der Priester unrein, der in seinem Herzen und seinem Körper die Wollust des Fleisches liebt, und nicht durch wahre Reue das Unreine abstößt, mit dem er behaftet ist.

Denn wie ein Fleck am Körper überall hässlich und unschön ist, aber am meisten im Gesicht, so muss die Unreinheit allen verhasst sein, aber am allermeisten für die, die zu höheren Würden berufen sind. Daher sollen die Kleriker für mein Werk ausgewählt werden, die sich nicht durch wortreiche Weisheit auszeichnen, sondern durch Demut und Reinheit, die selbst tugendhaft leben und andere mit Wort und Beispiel unterrichten, denn auch eine aussätzige Hand kann nützlich für mein Werk sein, wenn nur die Absicht gut ist, und die Hand des Geistes nicht fehlt.“


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70. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Als die Pein meines Sohnes bevorstand, waren Tränen in seinen Augen und Schweiß auf seinem Körper, aus Furcht vor dem Leiden. Und er wurde gleich aus meinen Blicken entrückt, und ich sah ihn nicht wieder, bevor er hinausgeführt wurde, um gegeißelt zu werden. Er wurde da zu Boden gestoßen und erhielt einen so heftigen und grausamen Stoß, dass sein Haupt schwankte und die Zähne zusammenschlugen, und er wurde so hart auf den Hals und die Wange geschlagen, dass der Laut des Schlagens bis zu meinen Ohren drang.
Danach zog er sich auf Befehl des Henkers seine Kleider aus, umfasste freiwillig die Geißelsäule, wurde mit einem Riemen festgebunden und mit einer stacheligen Geißel verletzt, deren Stacheln eingedrückt und herausgezogen wurden, so dass sie seinen ganzen Körper zerpflügten. Beim ersten Geißelhieb erhielt ich gleichsam einen Stoß ins Herz und fiel in Ohnmacht.

Als ich nach einer Weile erwachte, sah ich seinen zerschlagenen Körper. Er war ganz nackt gewesen, als er gegeißelt wurde. Da sagte einer seiner Gegner zu den diensthabenden Bütteln: „Wollt ihr diesen Mann ohne ein Urteil töten und die Ursache zu seinem Tode werden?“ Und mit diesem Worten schnitt er das Band ab.
Als mein Sohn von der Säule losgekommen war, wandte er sich zuerst zu seinen Kleidern, aber man gönnte ihm nicht einmal Zeit, sich anzukleiden, denn als man ihn weiterschleppte, war er noch dabei, seine Arme in die Ärmel zu stecken. Die Schritte, die er von der Säule ging, an der er angebunden stand, waren mit Blut gefüllt, so dass ich an dem Blut alle Schritte, die er tat, sehr gut erkennen konnte. Er trocknete sein blutiges Antlitz mit dem Mantel ab.

Nachdem er verurteilt war, wurde er hinausgeführt, wobei er sein Kreuz trug. Aber als er es unterwegs trug, bekam er einen Ersatzmann. So kam er an den Platz der Kreuzigung, und dort lagen ein Hammer und vier spitze Nägel bereit. Gleich zog er sich auf Befehl die Kleider aus, und man reichte ihm ein kleines Leinenkleid, mit dem er die Lenden bedeckte, und was er selbst, gleichsam damit getröstet – mithalf, sich umzubinden. Das Kreuz war aufgerichtet und sein Querbalken aufgerichtet, so dass der Schnittpunkt des Kreuz unter seinen Achseln war. Das Kreuz gab dem Haupt keinen Ruhepunkt, und die Tafel mit der Inschrift war auffallend an beiden Armen des Kreuzes oberhalb seines Hauptes befestigt.

Auf Befehl legte er sich mit dem Rücken auf das Kreuz, und darum gebeten, streckte er erst die rechte Hand aus und danach die andere, die nicht bis zum anderen Ende des Querbalkens reichte, sondern grausam ausgedehnt werden musste. Und die Füße wurden ebenso bis zu den Bohrlöchern ausgespannt, übereinandergelegt und da, wo die Knochen am härtesten waren, mit zwei Nägeln am Stamm des Kreuzes befestigt, wie man es auch mit den Händen gemacht hatte.

Beim ersten Hammerschlag wurde ich außer mir vor Schmerz und feil in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir kam, sah ich meinen Sohn gekreuzigt. Ich hörte, wie Menschen miteinander sprachen. Einige fragten: „Wieso hat er sich schuldig gemacht? Diebstahl, Raub oder Lüge?“ Andere antworteten, dass er ein Lügner war.
Man drückte die Dornenkrone fest auf sein Haupt, so dass sie bis mitten über die Stirn ging, viele Blutströme flossen von den Dornenstichen nieder auf sein Angesicht und füllten die Haare, die Augen und den Bart, so dass man fast nichts anderes sah, als Blut in seinem Antlitz, und er konnte mich, die neben dem Kreuz stand, auch nicht sehen, wenn er nicht das Blut dadurch entfernte, dass er die Augenlider zusammendrückte.

Er vertraute mich seinem Jünger an, hob die Stimme gleichsam aus der Tiefe der Brust, hob das Haupt, wandte die weinenden Augen gen Himmel und rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Stimme konnte ich nie vergessen, bevor ich in den Himmel kam. Sein Ausruf war mehr aus Rührung über meinen Schmerz veranlasst, als über seinen eigenen.
Nun kam die Leichenblässe in die Glieder, die man am Blut erkennen konnte; die Wangen sanken ein bis zu den Zähnen, die Rippen wurden beinah bloß, und man konnte sie zählen, die Brust sank zum Rücken hin ein, nachdem alle Flüssigkeit ausgeflossen war, die Nase wurde dünner und das Herz brach, wobei sein ganzer Körper bebte und sein Kinn auf die Brust fiel.

Außer mir, sank ich zu Boden. Der Mund öffnete sich bei ihm, als er starb, so dass man die Zunge, die Zähne und das Blut darin sehen konnte. Die Augen waren halb offen und nach unten gerichtet, und der tote Körper hing schlaff und lose da. Die Knie bogen sich nach einer Richtung, und die Füße bogen sich über den Nägeln wie Türhaken in eine andere Richtung.

Ein paar Menschen, die da standen, sagten höhnisch: „Nun ist dein Sohn tot, Maria!“ Aber andere, die größeren Verstand besaßen, sagten: „O Frau, die Pein deines Sohnes ist nun zu seiner ewigen Ehre beendet!“
Eine kurze Zeit später öffnete man seine Seite, und als die Lanze herausgezogen wurde, zeigte sich an der Spitze dunkles Blut, so dass man daran erkennen konnte, dass das Herz durchstochen war.

Der Stich ging auch durch mein Herz, und es war sonderbar, dass es nicht brach wie seines.
Andere gingen davon, aber ich konnte nicht fortgehen, sondern mir war es wie ein Trost, als sein Leib vom Kreuz abgenommen wurde, und ich konnte ihn berühren und ihn in meinen Schoß legen, die Wunden abdecken und das Blut abtrocknen. Dann schlossen meine Finger seinen Mund, und ich drückte ihm ebenso die Augen zu. Aber seine Steifgewordenen Arme konnte ich nicht biegen; sie konnten also nicht über der Brust zusammengelegt werden, sondern über dem Magen. Die Knie konnte ich auch nicht ausstrecken, sondern sie standen hoch, wie sie am Kreuz steif geworden waren.“

Weiter sagte die Mutter: „Du kannst meinen Sohn nicht zu sehen bekommen, so wie er im Himmel ist. Aber du sollst wissen dürfen, wie er in körperlicher Gestalt hier auf Erden war. Er war so anmutig in seinen Gesichtszügen, dass niemand, auch wenn er Herzenskummer hatte, sein Antlitz sehen konnte, ohne durch seinen Anblick getröstet zu werden. Die Gerechten hatten daran geistliche Freude, und sogar die Schlechten vergaßen ihre weltlichen Sorgen, so lange sie ihn betrachteten. Und deshalb pflegten die Leidenden zu sagen: „Lasst uns gehen und Maria’s Sohn sehen, so dass wir wenigstens die Stunde Linderung verspüren.“

Im zwanzigsten Jahre seines Lebens war er vollkommen an männlicher Größe und Kraft. Er hatte die Durchschnittslänge der damaligen Menschen, war nicht besonders füllig, sondern wohlgebaut mit Sehnen und Knochen. Sein Haar, seine Augenbrauen und sein Bart waren von hellbrauner Farbe, und der Bart war so lang wie eine Handbreit. Die Stirn war weder vor – noch zurückgesetzt, sondern gerade. Die Nase war von normaler Größe, weder zu klein noch zu groß.

Seine Augen waren so klar, dass sogar seine Gegner Freude daran hatten, ihn zu betrachten. Die Lippen, die nicht dick waren, waren rot und klar. Das Kinn war nicht vorgeschoben oder zu lang, sondern schön und von männlicher Größe. Die Wangen waren ein wenig füllig. Seine Hautfarbe war weiß, mit hellrot gemischt, und seine Gestalt war gerade. Es gab keinen Fleck auf seinem ganzen Körper; das konnten die bezeugen, die ihn ganz nackt gesehen und ihn gegeißelt haben, als er an der Säule festgebunden war. Niemals ist irgendein Wurm an ihn gekommen, und auch keinerlei Unordnung oder Unsauberkeit in seinem Haar.

 

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71. Kapitel

Gottes Sohn spricht zur Braut: „Antworte mir auf vier Dinge, nach denen ich dich fragen werde. Wenn jemand seinem Freunde einen fruchtbaren Weinstock gäbe, den der Geber ebenso gern in seinem Haus behalten würde, weil er Freude daran hätte, ihn anzuschauen und daran zu riechen – was würde da der Geber antworten, wenn der, dem der Weinstock geschenkt wurde, ihn bitten würde, ihn an einen anderen Platz zu pflanzen, wo er mehr Frucht bringen würde?

Sie antwortete: „Wenn der Geber ich aus Liebe geschenkt hat und verständig wäre und seinem Freund etwas Gutes gönnen würde, so würde er diesen mit dem Weinstock tun lassen, was er will und zu ihm sagen: „Mein Freund, obwohl ich Freude an dem Weinstock habe, würde ich mich doch freuen, nachdem er mir jetzt nicht viel Frucht bringt, dass du ihn, wenn du willst, an einen Platz setzt, der fruchtbarer ist.“
Der Herr fragte wiederum: „Wenn ein Vater und eine Mutter ihre junge Tochter einem jungen Mann geben würden und die Jungfrau einverstanden wäre, ihn zu nehmen, aber der Jüngling nicht auf ihre Frage antwortet, ob er sie haben wolle oder nicht – wäre da die Jungfrau nicht verlobt, nachdem der Jüngling seinen Willen nicht zu erkennen gab?“

Der Herr sagte drittens: „Ein Edelgeborener Jüngling stand zwischen drei Jungfrauen und sagte zu ihnen, dass diejenige von den dreien, die das Wort aussprach, das seine innigste Liebe erwecken könnte, die sollte das Glück gewinnen, dass der Jüngling sie am meisten liebt. Da sagte die erste Jungfrau: „Ich liebe diesen Jüngling so warm, dass ich lieber sterben würde, als mich mit einem anderen beflecken.“

Die zweite sagte: „Lieber als ein einziges Wort zu sagen, das gegen seinen Willen ist oder ihn verletzen würde, will ich alle Qualen leiden.“ Die dritte sagte: „Lieber als die kleinste Beschimpfung oder den kleinste Schaden zu sehen, der ihm widerfährt, will ich selber allen Schaden und die bittersten Plagen erdulden.“ Sag mir nun, sagte der Herr, welche von diesen drei Jungfrauen hat den Jüngling am meisten geliebt, und welche sollte den ersten Platz in seiner Liebe einnehmen?“ Sie antwortete: „Es scheint mir, als ob sie alle ihn gleich zärtlich lieben würden, denn sie hatten alle dieselbe Herzenseinstellung für ihn, und deshalb wären sie alle seiner Liebe gleichermaßen wert.“

Der Herr sagte viertens: „Es war eine Person, die ihren Freund um Rat fragte: „Ich habe ein sehr fruchtbares Weizenkorn. Wenn es in die Erde gesät wird, gibt es vielen Weizen als Frucht. Aber jetzt bin ich sehr hungrig; was scheint dir klüger – dass ich es aufesse, oder dass ich es in die Erde aussäe?“ Der Freund erwiderte: „Der Hunger kann auf andere Weise gestillt werden. Es ist nützlicher für dich, dass das Korn gesät wird.“ Und der Herr fügte hinzu: „O Tochter, scheint es dir nicht auch so, dass der Hunger ertragen werden muss und das Korn gesät wird, so dass es vielen nützt?

Weiter sagte der Herr: „Diese vier Aussagen betreffen dich. Deine Tochter, die du versprochen hast, mir du versprochen hast, mir zu geben und es auch getan hast, ist nämlich wie ein Weinstock. Weil ich nun einen geeigneteren Platz für sie weiß, will ich sie dort empfangen, wo es mir gefällt. Und du solltest nicht betrübt darüber sein, dass du mit diesem Wechsel einverstanden warst. Du gabst mir deine Tochter, aber ich habe dir nicht gezeigt, was mir am besten gefiel, ihr Jungfrauenstand oder ihre Ehe, oder wie weit dein Opfer mir gefiel oder nicht. Und da du deiner Sache sicher bist, sollte das, was ungewiss geworden war, verändert und verbessert werden.“

Weiter sagte der Herr: „Die Jungfräulichkeit ist gut und steht am höchsten, denn sie ist wie die Engel, wenn sie nur auf verständige und passende Weise eingehalten wird. Aber wenn das eine ohne das andere da ist, d.h. die Jungfräulichkeit des Fleisches, aber nicht des Sinnes, so ist die Jungfräulichkeit entstellt. Denn eine demütige und fromme Ehefrau ist mir lieber, als eine hochmütige und unverschämte Jungfrau. Eine ehrbare Hausfrau, die in Gottesfurcht nach ihrem Stande lebt, kann ebenso große Verdienste sammeln, wie eine tüchtige und bescheidene Jungfrau. Denn obwohl es groß ist, im Feuer der Prüfung zu sein und doch nicht zu brennen, ist es doch ebenso groß, außerhalb des Feuers der Enthaltsamkeit zu sein, aber lieber im Feuer sein zu wollen und in größerer Liebe zu Gott außerhalb des Feuers zu brennen, als was der tut, der im Feuer steckt.

Siehe, ich lege dir ein Gleichnis von drei Frauen vor. Susanna war verheiratet, Judith war Witwe, Thekla war Jungfrau. Sie führte ein anderes Leben und hatte andere Pläne, und doch erhielten sie alle auf Grund ihrer verdienstvollen Werke denselben Lohn. Als Susanna von den Priestern bedrängt wurde, wollte sie (so sehr liebte sie Gott) lieber sterben, als gegen ihren ehelichen Stand sündigen. Und weil sie mich immer so fürchtete, als sei ich anwesend, so verdiente sie, sowohl gerettet zu werden und ihrer Rettung wegen verherrlicht zu werden.

Als Judith meine Verunehrung und die Bedrückung ihres Volkes sah, regte sie sich so auf, dass sie sich aus Liebe zu Gott nicht nur Schimpf und Schande aussetzte, sondern bereit war, meinetwegen Plagen zu erdulden. Und Thekla, die Jungfrau war, wollte lieber diese bitteren Qualen leiden, als ein einziges Wort gegen mich zu sprechen. Obwohl diese drei dieselbe Art von Werken ausführten, sind sie doch gleich am Verdienst. Daher können mir beide – Jungfrauen und Witwen – ebenso gefallen, wenn nur ihre Sehnsucht nach mir steht, und ihr Leben gut ist.“

Weiter sagte der Herr: „Ob deine Tochter im Jungfrauenstand oder Ehestand lebt, das ist mir gleich lieb, wenn sie sich nur nach meinem Willen richtet. Denn was nützt es ihr, wenn sie ihren Leib verschließt, aber mit ihren Sinnen draußen weilt? Und was ist ehrenvoller: Nur für sich zu leben, oder anderen zu nützen?
Ich, der alles weiß und vorhersieht, tue jedoch nichts ohne Grund, und daher wird sie durch die erste Frucht nicht zu dem beabsichtigten Ziele kommen, denn die Frucht stammt aus Furcht, und auch nicht die zweite, denn die stammt aus Trägheit, sondern durch die mittlere, denn die hat eine maßvolle Liebesglut und die Frucht der Ehrbarkeit. Aber der, der sie nehmen wird, sollte drei Dinge haben, nämlich ein Haus, Kleider und Nahrung, um sie damit zu versorgen.“

Erklärung
Der Sohn spricht: „Du möchtest wissen, warum diese Jungfrau nicht in der Weise zur Ehe gekommen ist, wie du gehofft hast. Ich will dir mit einem Gleichnis antworten. Ein vornehmer Mann beschloss, seine Tochter einem zu geben, der arm war. Aber als dieser Arme kommen sollte, um sich mit der Jungfrau zu verloben, hatte er gegen die Gesetze des Staates verstoßen, und deshalb wurde er mit Schande von den Mitbürgern vertrieben und bekam die Jungfrau nicht, wie er ersehnte.
So bin ich mit dem Herrscher dieses Landes verfahren, denn ich hatte ihm versprochen, dass er Großtaten vollbringen würde. Aber er hielt mehr fest an meinen Feinden, und daher bekam er nicht, was ich ihm versprochen hatte.

Aber nun kannst du fragen, ob ich das Zukünftige nicht vorausgesehen habe? Ja, ich habe es vorausgesehen, wie man es auch über Mose und sein Volk liest, aber ich habe es gezeigt, und ich zeige noch viel, damit die Menschen sich zum Guten wenden, wissen, was zu tun ist, und geduldig warten.
Doch sollst du wissen, dass ein Weh verschwunden ist, aber ein anderes soll über die Undankbaren in diesem Reiche kommen, und dann wird mein Segen über die kommen, die demütig um mein Erbarmen bitten. Wisse auch, dass es dieser Jungfrau nützt, sich nach meinem Rat und dem der Klugen zu richten.“
Diese Jungfrau, glaubt an, ist Frau Cecilia gewesen, eine Tochter der hl. Birgitta.

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72. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) sagte zur Braut: „Es waren zwei Schwestern, Martha und Maria, die einen Bruder hatten, Lazarus. Ich weckte ihn für sie von den Toten auf, und er diente mir dann mehr als vorher. So war es auch mit seinen Schwestern: Obwohl sie schon vor der Auferweckung des Bruders dienstbereit und eifrig waren, mir zu dienen, waren sie doch viel eifriger und hingegebener als vorher.
In ähnlicher Weise habe ich jetzt geistlich mit euch gehandelt. Denn ich habe euren Bruder auferweckt, d.h. eure Seele, der vier Tage tot gelegen hatte und schon roch, und der sich von mir durch Übertretung meiner Gebotsworte entfernt hatte; böse Lust, weltliche Vergnügen und Gefallen an Sünde hatte er.

Es waren aber vier Gründe, die mich bewogen, Lazarus aufzuwecken. Der erste war, dass er mein Freund war, als er lebte. Der zweite war die Liebe seiner Schwestern. Der dritte war, dass Maria durch ihre Demut, als sie meine Füße wusch, verdient hat, dass sie sich so, wie sie sich meinetwegen vor den Augen der Tischgäste erniedrigt hatte, auch vor den Augen vieler freuen und geehrt werden sollte.
Der vierte Grund war, dass die Ehre meiner Menschen gestalt offenbart werden sollte. Diese vier Dinge waren nicht in euch, denn ihr habt die Welt mehr als sie geliebt. Deshalb ist meine Barmherzigkeit größer gegen euch, die ihr nicht mit irgend welchen Verdiensten Barmherzigkeit verdient habt, als gegen diese Schwestern. Ja, sie ist ebenso viel größer, wie der geistliche Tod gefährlicher ist, als der körperliche, und die Auferstehung der Seele ehrenvoller ist, als die des Leibes.

Daher müsst ihr, weil meine Barmherzigkeit größer ist als eure Werke, mich mit der wärmste Liebe ins Haus eures Sinnes aufnehmen, wie es diese Schwestern taten, indem ihr nichts so sehr liebt wie mich, indem ihr all eure Zuversicht auf mich setzt, auch demütigt wie Maria und täglich eure Sünden beweint, euch scheut, demütig unter den Hochmütigen und enthaltsam unter den Zuchtlosen zu leben, und anderen nach außen zu zeigen, wie sehr ihr mich im Inneren liebt. Ihr sollt auch so wie diese Schwestern ein Herz und eine Seele sein, sollt stark genug sein, das Weltliche zu verschmähen und bereit zu Gottes Lob sein.

Wenn ihr das tut, werde ich, der euren Bruder – d.h. eure Seele – auferweckt hat, ihn verteidigen, dass er nicht von den Juden ums Leben gebracht wird. Denn was hätte es Lazarus genützt, vom zeitlichen Tode auferweckt zu werden, wenn er dann in diesem Leben nicht ehrenhaft gelebt hätte, um desto ehrenvoller zum anderen und ewigen Leben aufzuerstehen?
Aber wer sind die Juden, die Lazarus ums Leben bringen wollen, wenn nicht die, die sich darüber ärgern, dass ihr besser lebt als sie, die gelehrt haben, von hohen Dingen zu reden, aber wenig Gutes tun und um der Gunst der Menschen willen dir Werke ihrer Vorgänger desto schändlicher verachten, je weniger sie das Wahre und Hohe verstehen wollen?

Es gibt viele solche Leute, die verstehen, über die Tugenden zu disputieren, aber sie nicht dadurch beachten, dass sie zuchtvoll leben. Daher sind ihre Seelen in Gefahr, denn es sind viele Worte, aber Taten sieht man nicht. Haben meine Prediger so gehandelt? Keineswegs. Sie haben die Sünder gewiss ermahnt, aber nicht mit hohen Worten, sondern mit wenigen und liebvollen, und sie waren bereit, ihr Leben für deren Seelen hinzugeben. Daher empfingen andere Liebe um ihrer Liebe willen.

Denn die Liebesglut des Lehrers unterrichtete die Seelen der Hörer besser als Worte.
Aber nun reden viele Menschen hohe und schwer begreifliche Worte über mich, aber keine Frucht folgt daraus. Der wind allein kann ja kein Holz anzünden, wenn das Feuer nicht mitwirkt. Deshalb werde ich euch vor diesen Juden schützen und bewahren, so dass ihr nicht durch deren Worte oder Taten verlockt werdet, von mir abzufallen. Ich werde euch nicht in dem Maß verteidigen, dass ihr nicht irgendein Unglück erleidet, aber so, dass ihr nicht auf Grund von Ungeduld zu Grunde geht. Habt also euren Willen bereit, so werde ich ihn mit meiner Liebe entzünden.“
 


Die nachfolgenden Kapitel des 4. Buches sind auf Seite 2

 

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