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Der Inhalt des 4.
Buches stammt teils aus der Zeit vor Birgittas Abreise
aus Schweden im Jahre 1349, teils aus der Zeit ihres
Aufenthaltes in Italien.
Inhalt 4. Buch
Die Zahlen stehen für die Kapitel
Offenbarung in Schweden 1344-49.
1. Der Evangelist Johannes tadelt König Magnus Eriksson und ermahnt ihn zu einem frommeren
Leben. Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.
2. Christus gibt seine Sorge
über die schlechten Christen und Heiden zu erkennen und ermahnt
seine Freunde, an ihrer Bekehrung zu arbeiten. Offenbarung,
wahrscheinlich in Italien um 1350.
3. Birgitta fragt Christus,
wie weit das von Magnus Eriksson erworbene Schonen mit Recht zu
Schweden gehört, wie weit es richtig war, dass Prinz Erik,
Magnus’ älterer Sohn, das Wahlreich Schweden erhielt, und
wie weit es richtig war, das Magnus’ jüngerer Sohn, Prinz
Håkon, das Erbreich Norwegen nach seinem Onkel Håkon
Håkonsson erhielt. Die erste Frage wird mit ja beantwortet, die
beiden letzteren mit nein – der jüngere Sohn hätte das
Wahlreich bekommen sollen, und der ältere das Erbreich.
Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.
4. Königin Blanka, die
Gemahlin von Magnus Eriksson, wird von Christus ermahnt, ihre weltliche
Lebensweise mit einer frommen, asketischen zu vertauschen und eine
Wallfahrt nach Rom zu unternehmen. Offenbarung in Italien 1350 oder
später.
5. Der Apostel Petrus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.
6. Der Apostel Paulus erzählt Birgitta von seiner Bekehrung und beklagt den kirchlichen Verfall in Rom.
7. Birgitta bezeichnet das
Jahr 1366 als Gericht über die Seele des italienischen Adligen
Nicolaus Acciajaoli. Dieser Mann, der zu Lebzeiten zum Hof der
Königin Johanna gehörte und u.a. dadurch gesündigt
hatte, dass er die Heirat der Königin mit ihrem Neffen Ludwig von
Tarent beförderte, wird nun zum Fegefeuer verurteilt.
8. Der Schutzengel von Nicolaus Acciajaoli beschreibt seine Plagen im Fegefeuer.
9. Ein Heiliger deutet an,
welche Möglichkeiten die Lebenden haben, die Plagen Nicolaus
Acciajaoli’s im Fegefeuer durch Almosen und fromme Werke zu
verkürzen.
10. Christus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.
11. Die hl. Agnes preist
Gottes Mutter und bittet sie, Birgitta Barmherzigkeit zu zeigen. Maria
verspricht ihrerseits, zu ihrem Sohn Christus für Birgitta zu
beten.
12. Maria erklärt Birgitta, warum Gottes Freunde bald Trost erfahren, bald Trübsal erleiden müssen.
13. Christus erklärt Birgitta die Wichtigkeit, dass man für das zeitliche Wohlergehen seiner Mitmenschen betet.
14. Christus erklärt
Birgitta, dass es dem Teufel nicht glücken wird, seine eigenen
schlechten Eingebungen mit den himmlischen Botschaften zu vermischen,
die ihr mitgeteilt werden.
15. Christus erklärt, wie er die Menschen, um sie zu erziehen, manchmal Freude, manchmal Trauer empfinden lässt.
Offenbarung, gegeben 1350 in Italien.
16. Birgitta hat in ihrem
Hause einen Vogt aus Östergötland angestellt, der eine
Wallfahrt nach Rom gemacht hatte. Christus erklärt ihr, dass dies
unklug war, da der Mann seine Wallfahrt nicht in frommer Absicht
unternommen hat. Offenbarung, gegeben wahrscheinlich in Italien 1350
oder später.
17. Die hl. Agnes spricht
mit Birgitta über eine eingebildete Frau, die diese kürzlich
gesehen hatte. Birgitta soll sich, sagt sie, um Weltverachtung, Demut
und Enthaltsamkeit bemühen – Tugenden, die im Gegensatz zur
Hoffart dieser Weltdame stehen.
18. Birgitta preist Maria; Maria verspricht ihr, ihr die Gnadengaben aller Tugenden zu erwirken.
19. Birgitta preist Maria, die dafür verspricht, ihr die Gnadengaben der Tugenden zu erwirken.
20.
Die hl. Agnes ermahnt Birgitta, ihre strenge Lebensführung nicht
zu ändern, aber auch keine übertriebene Askese zu üben;
gute geistliche Berater können sie dabei anleiten. Weiter deutet
Agnes an, wie Gott den Menschen in der Stunde der Versuchung hilft.
21. Maria schärft Birgitta ein, wie wichtig es ist, dass die, die schon gut sind, an der Besserung ihrer Mitmenschen arbeiten.
22.
Christus droht der jetzigen sündigen Menschheit mit seiner
strengen Strafe. Er verspricht aber denen Barmherzigkeit, die beizeiten
umkehren. Offenbarung, gegeben in Schweden 1344-49.
23.
Der Evangelist Johannes und die Jungfrau Maria sprechen von einem
schwedischen Zisterziensermönch, der ketzerische Ansichten hat.
Der Zusatz, der von Prior Petrus von Alvastra verfasst ist, berichtet,
dass der betreffende Mönch seine Irrtümer auf Ermahnung von
Birgitta widerrufen hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder
später in Italien gegeben.
24. Maria ermahnt Birgitta zur Geduld, wenn sie auch andere ungeduldig sieht.
25. Maria ermahnt Birgitta zur Askese, aber in maßvoller Weise.
26. Maria erklärt, dass die guten Werke, die man aus Pflicht zu Gehorsam tut, doppelt wertvoll sind.
27. Maria spricht mit Birgitta über eine scheinheilige Person.
28. Maria erklärt Birgitta, worin die rechte Trübsal besteht.
29. Maria mahnt Birgitta und ihre Freunde, nicht ihre strenge Lebensführung aufzugeben.
30. Maria erklärt, dass man nicht sündigt, wenn man feine und kostbare Kleider trägt, wenn das notwendig ist.
31. Maria erklärt,
dass der, der für die Erlösung der Seelen arbeitet,
himmlischen Lohn erhalten wird, auch wenn die Arbeit wenig sichtbare
Frucht trägt (schwedische Zeit?). Offenbarungen, gegeben 1350 oder
später in Italien.
32. Maria lässt Petrus
Olovsson von Skänninge durch Birgitta sagen, dass sie ihn
reichlich für die Mühe belohnen soll, die er für die
dichterische und musikalische Ausgestaltung des Stundengebets der
Birgitta-Nonnen aufwendet. Der Zusatz handelt von einer Versuchung zu
Zweifeln an Glaubenswahrheiten, durch die derselbe Petrus Olovsson
angefochten war.
33. Birgitta schreibt einen
Brief, in dem sie den früheren beispielhaften Zustand bei den
Priestern, dem Klostervolk und den Laien Roms und dem jetzigen
religiösen und sittlichen Verfall dort beschreibt. Der Brief ist
an einen der Päpste gerichtet, die während des langen
Aufenthaltes Birgittas in Rom auf dem Stuhl Petrie saßen –
Clemens VI., Innocentius VI., Urban V. oder Gregorius XI.
Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder später in Italien gegeben.
34. Maria warnt einen schwedischen
Marschall durch Birgitta, der bisher ein sehr sündhaftes
Leben führte. Der Zusatz deutet seine Bekehrung an. Nach
Steffens Ansicht handelt es sich um Gustav Tunason, der
mit der Schwester von Ulf Gudmarsson verheiratet war und
Katharina Ulfsdotter auf ihrer Romreise begleitete.
35. Christus erklärt, was es für Sünden sind, die das Kommen des Heiligen Geistes ins Menschenherz verhindern.
36. Christus klagt über die schlechte Verwaltung seiner Berufung durch die Klostermenschen und Ritter (schwedische Zeit?)
37. Christus droht der
sündigen Menschheit mit seiner baldigen Bestrafung und hält
eine Warnung für wenig nützlich.
38. Christus deutet an, wie man sich Träumen und Eingebungen gegenüber verhalten soll, die vom bösen Geist stammen.
39. Christus lehrt
Birgitta, wie man seinen Willen in Übereinstimmung mit Gottes
Willen bringen soll und über Gottes Anordnungen nicht murren soll.
40. Christus erklärt Birgitta, was ein guter und was ein schlechter Tod ist.
41. Maria sagt, dass die
Macht des Priesters, Sünden zu erlassen, nicht von seiner
persönlichen Würde oder Unwürde abhängt.
42. Maria deutet an, wie gute Menschen andere durch ihre guten Sitten zu Gott führen können.
43. Maria deutet an, welch strenge Strafe verantwortungslose Priester zu erwarten haben.
44. Christus spricht über die Vergänglichkeit des Reichtums und der Macht der Welt und über die Torheit, danach zu
trachten. Offenbarung, gegeben 1368 in Rom.
45. Birgitta richtet ein
Schreiben an Kaiser Karl IV.[1] bei seinem Besuch in Rom im Jahre 1368.
In dem Schreiben ermahnt sie ihn, die frühere Demut,
Enthaltsamkeit, Genügsamkeit und Menschenliebe im Christlichen
Europa wieder herzustellen. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder
später in Italien gegeben.
46. Unter Berufung auf die
alttestamentliche Erzählung von Nabot’s Weinberg ermahnt
Birgitta einen Adligen, unrechtmäßig erworbene Güter
zurückzugeben. Wenn er der Ermahnung nicht folgt, hat er
Strafe zu erwarten, sagt sie.
47. Christus lehrt Birgitta, wie man Versuchungen begegnen und sie überwinden soll.
48. Durch Birgitta ermahnt
Christus einen König, unbestimmt welchen, für die Vermehrung
von Gottes Ehre und zur Befreiung von Jerusalem aus der Gewalt der
Ungläubigen zu arbeiten. Offenbarung, gegeben 1367-70 in Rom.
49. Himmlische Stimmen
sprechen zu Birgitta über den jetzigen kirchlichen Verfall in Rom
und über die Reformen, die der nach Italien zurückgekehrte
Papst durchführen soll. Die Offenbarung dürfte Birgitta im
Zusammenhang mit dem Besuch Papst Urbans V. in Italien 1367-70
empfangen haben. Offenbarungen, gegeben wahrscheinlich 1350 oder
später in Italien.
50. Birgitta sieht die ganze
Menschheit vor Gottes Richterstuhl und bezeugt die
verschiedenen Strafen.
51. Birgitta bezeugt das Gericht über die Seele einer verstorbenen Frau. Die Frau wird zu einem schweren Fegefeuer verurteilt.
52. Birgitta bezeugt, wie
zwei verstorbene Ehegatten zur Hölle verurteilt werden, und das
u.a. deshalb, weil sie ihre Ehe eingegangen sind, ohne auf Vorschriften
der Kirche über verbotene Wege zu achten.
53. Maria deutet an, dass Jungfräulichkeit, Ehe und Witwenstand für sie und ihren Sohn Christus wohlgefällig seien.
54. Maria spricht mit
Birgitta über die Bekehrung eines sündigen Mannes (Karl
Ulfsson?) und gibt diesem Mann Ratschläge für die Zukunft,
die ihm durch Birgitta überbracht werden sollen.
55. Christus gibt sein
Missfallen über König Magnus Eriksson zu erkennen und deutet
den Erfolg seines Neffen Albrecht d.J. von Mecklenburg auf Kosten von
Magnus an. Man hat angenommen, dass der im Kapitel erwähnte
„Knirps“ Birgittas Enkel Karl Ulfsson ist, der nach Meinung
seiner Großmutter väterlicherseits ein geeigneter
Thronkandidat gewesen wäre.[2]
56. Maria ermahnt einen gewissen Mann durch Birgitta, nicht über seine Gegner betrübt zu
sein. Offenbarungen, gegeben 1350 oder später in
Italien.
57. Maria sagt die Bestrafung voraus,
die das ungehorsame Rom treffen wird.
Offenbarungen, wahrscheinlich in Italien 1350 oder
später gegeben.
58. Christus spricht von der Ehre, die
er den Priestern erwiesen hat, als er ihnen vergönnte,
die Gnadenmittel zu verwalten und die Seelen zum Himmel
zu führen. Er wirft ihnen ihren jetzigen zügellosen
Wandel vor und droht ihnen mit schwerer Heimsuchung.
Wegen Marias Fürbitte verspricht er aber, sie noch
einmal zu warnen.
59. Christus deutet an, welche Frömmigkeit und Weisheit sich für einen Priester in seiner Kirche geziemen.
60. Birgittas demütiges Gebet an Christus.
61. Der Teufel
flößt Birgitta Zweifel an der Gegenwart Christi in der
verwandelten Hostie ein. Christus offenbart sich, zerstreut ihre
Zweifel und lehrt sie, wie sie Versuchungen dieser Art begegnen soll.
62. Christus spricht tadelnde und strafende Worte über einen gewissen Priester, der ein sündiges Leben führt.
63. Der Teufel
flößt Birgitte von neuem Zweifel an Christi Gegenwart in der
Hostie ein. Christus offenbart sich, und vor diesem muss der Teufel
seine Unwahrhaftigkeit bekennen. Danach bestärkt Christus Birgitta
in ihrem Glauben an das Sakrament des Altars.
64. Maria beschreibt, wie
Gott es den Weltmenschen erlaubt, die Frommen eine Zeitlang
heimzusuchen und zu erproben, wie er sie aber zuletzt selbst strafen
wird.
65. Maria schärft den Gottesfreunden ihre Pflicht ein, unverdrossen an der Bekehrung der Sünder zu arbeiten.
66. Maria lehrt Birgitta, unnütze weltliche Gedanken und Einfälle abzuweisen.
67. Christus spricht mit Birgitta über das Zusammenwirken von Gottes Gnade und dem freien Willen des Menschen.
68. Maria spricht von einem
Priester (nach dem Zusatz handelt es sich um einen Propst), der sehr
darauf aus war, Reichtümer zu sammeln, aber eines plötzlichen
und unvorhergesehenen Todes starb, ohne Gelegenheit zu haben,
Rechenschaft über sein Leben abzulegen.
69. Christus klagt über den Hochmut, die Gewinnsucht und Unkeuschheit der Priester.
70. Maria erzählt
ausführlich über Christi Leiden und seinen Tod. Dies ist die
zweite von Birgittas drei großen Passionserzählungen (die
beiden anderen sind I, 10 und VII, 16).Offenbarungen, gegeben nach 1350
in Rom.
71. Cecilia, Birgittas
jüngste Tochter, hat die Klosterschule in Skänninge
verlassen, um eine Ehe einzugehen. Birgitta stellt sich bei der
Unterredung darüber die Frage, welcher Stand dem Herrn am
wohlgefälligsten sei: Die Jungfrauenschaft, die Ehe oder der
Witwenstand. Christus antwortete ihr, dass eine Frau ihm in all diesen
drei Ständen gefallen kann. Auch wenn die Jungfrauenschaft an und
für sich am höchsten stände.
72. Christus gibt Birgitta und ihrer Tochter Katharina, die zusammen mit ihr in Rom wohnt, geistliche Ratschläge.
Offenbarungen, wahrscheinlich nach 1350 in Italien gegeben.
Die nachfolgenden
Kapitel sind auf Seite 2
73.
Maria spricht mit Birgitta über einen schwedischen Ritter, von dem
Birgitta glaubte, er sei tot. (Ausführlicher wird das Thema in
Kap. 75 behandelt).
74.
Birgitta sieht in einer Ekstase, wie Maria und verschiedene Heilige
ihren Sohn Karl mit den verschiedenen Kleidungsstücken bekleiden,
die zu einer Ritterrüstung gehören. Jedes Kleidungsstück
stellt eine besondere Tugend dar, der sich Karl befleißigen soll.
Maria spricht auch Gebete vor, die er benutzen soll.
75.
Maria deutet Birgitta an, wie der Teufel versucht, den Neubekehrten
Menschen vom Pfad der Tugend abzuziehen, aber wie Gottes Eingebungen
auf die Dauer stärker als die Anschläge des Teufels sind. Sie
kam in Kap. 73 auf den erwähnten Ritter zurück, von dem
Birgitta vermutete, er sei tot, aber in Wirklichkeit war er nur
geistlich tot. Offenbarungen, wahrscheinlich 1344-49 in Schweden
eingegeben.
76.
Maria erklärt Birgitta, dass sie sich nicht über die harte
Gesinnung der Menschen beunruhigen soll, denen sie ihre Botschaft
übermitteln soll. Weiter sagt Maria, dass keiner der jetzigen
Stände, weder Fürsten, Ritter oder Priester, in
Übereinstimmung mit den Verpflichtungen lebt, die für diese
Stände gelten.
77.
Birgitta bekennt Christus ihren Jubel über die Gnadengaben, die er
ihr beschert hat. Christus schärft ihr die Verpflichtung ein, die
sie hat, Gottes Wort an andere weiter zu vermitteln. Offenbarung,
gegeben 1350 in Rom.
78.
Maria macht den päpstlichen Legaten Annibaldo Ceccano durch
Birgitta auf den kirchlichen Verfall in Rom in der Zeit vor dem
Jubeljahr 1350 aufmerksam. Das Kapitel ist mit III, 10 so gut wie
identisch. Offenbarungen, gegeben nach 1350 in Rom.
79.
Ein Priester an einer der „Unserer Frau“ geweihten
Basiliken in Rom (S. Maria Maggiore, S. Maria in Trastevere?) hat
Birgitta um geistlichen Rat gebeten. Birgitta erklärt sich bereit,
seiner Bitte zu entsprechen.
80. Birgitta entwirft für denselben römischen Priester ein Tagesprogramm.
81.
Maria spricht mit Birgitta über einen Ritter aus Schonen, aus
Halland und aus Schweden[3], lässt sie ermahnen und warnen und
erklärt in diesem Zusammenhang, welche Tränen Gott
wohlgefällig sind.
Undatierbare Offenbarungen.
82.
Christus schärft Birgitta ein, wie wichtig eine reine Sehnsucht,
Weltverachtung und eine ständige Betrachtung von Gottes Gerechtigkeit
und Barmherzigkeit ist.
83. Christus erklärt, wie die Menschenseele als ein Diener, ein Sohn und eine Ehefrau vor Gott sein soll.
84. Christus schärft die Pflicht der Frau ein, dem Manne untertänig zu sein.
85.
Christus spricht mit Birgitta über einen Mann, der seine Barmherzigkeit
von sich abgewiesen hat, und stattdessen seine Gerechtigkeit erfahren
muss.
86. Maria spricht mit Birgitta über ihre Macht, allen Menschen Gnade zu vermitteln.
87. Christus ermahnt Birgitta und alle seine Getreuen, alles um seinetwillen zu verlassen.
88. Christus vergleicht die Gesinnung der Frommen und der Weltmenschen mit gut ausgerüsteten oder schadhaften
Schiffen. Offenbarung, 1350 oder später in Italien.
89.Christus verordnet verschiedene
Tugenden, verglichen mit der Kleidung und den Waffen
eines Ritters, und schreibt Gebete vor. Das Kapitel ist
zu vergleichen mit IV, 74.
Undatierbare Offenbarungen.
90.
Christus beschreibt, wie er seine Getreuen mit sich vereinigt hat,
ihnen weltliches Begehren abgenommen hat und ihnen die Lust zum Guten
eingegeben hat.
91. Christus ermahnt Birgitta zur Demut.
92. Christus beschreibt, wie seine Freunde mit ihm vereint sind, wenn sie seinen Willen befolgen.
Offenbarung, um 1345 in Schweden.
93.
Christus spricht mit Birgitta über einen Mönch, der aus selbstsüchtigen
Beweggründen ins Kloster gegangen ist und deshalb ein sehr mühsames
Klosterleben bekommen hat. Aus dem Zusatz geht hervor, dass der Mönch
sich infolge der Ermahnung Birgittas auf dem Totenbett gebessert hat.
Undatierbare Offenbarungen.
94.
Christus gibt Birgitta Gebete, die gelesen werden sollen, wenn sie sich
ankleidet, wenn sie zu Tisch geht und wenn sie zu Bett geht.
95. Christus beschreibt die Sünden seiner Feinde und sagt ihre baldige Bestrafung voraus.
96. Christus spricht weiter über die Bestrafung, die seinen Feinden bevorsteht.
97. Christus ermahnt einen Prälaten durch Birgitta, Demut und Eifer zur Errettung der Seelen zu haben (Italienzeit?).
98. Christus ermahnt seine Freunde, fleißig an der Bekehrung der Bösen zu arbeiten.
99. Christus deutet an, wie die jetzt lebenden Menschen seine Pein erneuern.
100. Christus ermahnt Birgitta zur Demut.
101. Maria beschreibt die Liebe ihres Sohnes zu den
Menschen. Offenbarung in Italien nach 1350.
102.
Birgitta bezeugt das Urteil über die Seele eines verstorbenen Mönchs.
Der Mönch wird wegen Mangels an Gehorsam und Gottesliebe zur Hölle
verdammt. Offenbarungen in Schweden um 1345.
103.
Der hl. Dionysius, Frankreichs Schutzheiliger[4] bittet die Jungfrau
Maria um Hilfe für das von den Engländern bedrängte Frankreich. Die
Situation ist die des Hundertjährigen Krieges. Birgitta hatte während
ihrer Reise nach Westeuropa 1341-43 einen Eindruck von diesem Krieg
bekommen und vergaß nie, was sie da erlebte. Um 1346 reiste Bischof
Hemming von Åbo und Prior Petrus von Alvastra in ihrem Auftrag nach
Frankreich, um Frieden zu vermitteln. Sie führten bei dieser
Gelegenheit Abschriften von diesem und den beiden folgenden Kapiteln
mit sich.
104. Die
Jungfrau Maria beklagte sich vor Christus über die streitenden Könige
von England und Frankreich und bittet ihn, sich über das arme Volk zu
erbarmen, das vom Kriege heimgesucht wird.
105. Christus antwortet auf das Gebet seiner Mutter und spricht seine Befehle an die beiden Könige
aus.
Undatierbare Offenbarung.
106.
Christus tröstet Birgitta in der Stunde der Versuchung und gibt
Beispiele von Heiligen, die ihren Glauben und ihre Standhaftigkeit
unter den Versuchungen bewahrt haben. Offenbarungen in Italien nach
1350.
107.
Christus spricht mit Birgitta über einen sizilianischen Mönch, der sich
allen göttlichen Eingebungen widersetzt hat, um stattdessen seinem
eigenen Willen zu folgen. Er ermahnt ihn, sich zu bekehren und zu
bessern. Aus dem Zusatz geht hervor, dass der Mönch wirklich die von
Birgitta übermittelte Botschaft beherzigt hat.
Undatierbare Offenbarungen.
108.
Christus preist die kluge, maßvolle Enthaltsamkeit, die seine Mutter
Maria, Johannes der Täufer und Maria Magdalena geübt haben.
109. Maria beschreibt, wie man unnütz verbrachte Zeit durch fromme Werke wieder gutmachen kann.
110. Christus lehrt Birgitta, gute und böse Eingebungen zu unterscheiden und letztere zu vertreiben.
111.
Christus beschreibt Birgitta, was das geistliche Gesetz, d.h. sein
Wille, in sich schließt, und welche Verpflichtungen und Belohnung es
mit sich bringt.
112. Christus beschreibt die Hochmütigen und vergleicht sie mit
Schmetterlingen. Offenbarungen 1344-49 in Schweden.
113.
Christus tadelt einen schwedischen Ritter (Nikolaus Ingevaldsson) für
seine Gewinnsucht. Aus dem Zusatz geht hervor, dass dieser Ritter, der
Birgitta vorher verhöhnt hatte, sich später mit Birgitta versöhnte und
einen frommen Tod in Rom starb.
114.
Christus tadelt einen schwedischen Papst wegen seiner knechtischen
Furcht. Im Zusatz wird von den Wallfahrten desselben Mannes in Italien
erzählt.
115. Christus spricht mit Birgitta über eine Person, die lange vom Teufel beherrscht war, jetzt aber befreit werden
soll.
Undatierbare Offenbarungen.
116.
Christus klagt über die Missachtung, die die Menschen ihm jetzt
zeigen, und über die Sakramente, die er gestiftet hat.
117. Birgitta bezeugt, wie Gott einem Mann geistliche Gnadengaben verspricht, der mit frommer Gesinnung ein Vaterunser gelesen hat.
118. Christus spricht vom Zusammenwirken von Gottes Gnade und dem freien Willen des Menschen.
119. Maria beschreibt die Herrlichkeit und Erniedrigung ihres Sohnes.
120.
Christus schreibt Gebete vor, die gelesen werden sollen, wenn die Seele
eine Neigung für das Liebliche oder Natürliche verspürt. Offenbarungen
in Schweden 1344-49.
121.Die
Bekehrung des Alvastramönches Gerekinus wird Birgitta offenbart. Der
Zusatz berichtet von einem ekstatischen Erlebnis dieses Mönchs und
seinem Tod.
122.
Christus tadelt und warnt den weltlichen Knut Folkesson einen Neffen
von St. Brynolf, dem Bischof von Skara. Der Zusatz berichtet von der
Feindschaft Herrn Knuts zu Birgitta und von seinem plötzlichen Tod.
123. Christus beschreibt, wie er Birgitta aus ihrer Liebe zur Welt und der Herrschaft ihres Eigenwillens zu sich gezogen
hat. Offenbarung in Italien nach 1350.
124. St. Agnes beschreibt sieben Edelsteine in Birgittas Krone, die Kränkungen darstellen, die Birgitta geduldig ertragen
hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1344-49 in Schweden.
125.
Christus beschreibt sieben Bischöfe und vergleicht sie mit sieben
verschiedenen Tieren. Der einzige von ihnen, der namentlich genannt
wird, ist der siebente, Bischof Hemming von Åbo; der erste und zweite
werden als Bischof Thomas von Växjö und Erzbischof Peter Tyrgilsson von
Uppsala identifiziert, während man in dem dritten Bischof Ödgisl von
Västerås vermuten kann.
126.
Maria und Christus erteilen einem schwedischen Bischof ausführliche
Ratschläge und Ermahnungen. Sie sind großenteils eine Wiederholung von
denen, die in Buch III, 1-3 gegeben werden. Offenbarungen in Italien
nach 1350.
127. Ein
italienischer Eremit vom Benediktinerorden begehrt Klarheit in der
Frage, wie weit die jetzige üppige Tracht der Benediktinermönche als
übereinstimmend mit Gottes Willen und der Anordnung des hl. Benedikt
bezeichnet werden kann. Birgitta fragt Christus um Rat, und dieser
äußert sein Missfallen. Das Kapitel erzählt weiter vom Tode eines
Mönchs und seinem baldigen Eintritt ins Himmelreich.
128.
Auf Marias Ermahnung rät Birgitta einem Benediktiner-Eremiten, sein
rein kontemplatives Leben manchmal zu unterbrechen, um die Frucht
seiner Betrachtung auch anderen mitzuteilen, mit anderen Worten, ein
apostolisches Werk zu vollbringen.
129.
Christus ergänzt seine in Kapitel 2 gegebenen Anweisungen für die, die
an der Bekehrung der schlechten Christen und der Heiden arbeiten
wollen. Wenn diese Offenbarung vielleicht aus der schwedischen Zeit
stammt, so gilt dies doch nicht von dem Zusatz, der von Birgittas
Erlebnis in der italienischen Stadt Salerno erzählt, wohin sie eine
Wallfahrt unternommen hatte, um die Reliquien des hl. Matthäus zu ehren.
130.
Christus ergänzt seine in Kapitel 125 gegebene Beschreibung der
schwedischen Bischöfe. Dazu beschreibt sie noch einen Bischof, Birger
Gregersson, der 1366 Peter Tyrgilsson als Erzbischof von Uppsala folgte.
131. Bericht von Birgittas Erlebnis am italienischen Wallfahrtsort Monte Gargano, wo die Engel Gegenstand einer besonderen Huldigung
bildeten.
Undatierbare Offenbarungen.
132.
Christus spricht über die großen Verpflichtungen, die er den Priestern
auferlegt hat, und wie schlecht sie diese Verpflichtungen erfüllen.
Durch ihren schlechten Lebenswandel kreuzigen sie ihn von neuem, sagt
er.
133.
Christus klagt über die Gewinnsucht, die Selbstsucht und die
Liederlichkeit der Priester und über das schlechte Beispiel, das sie
den Laien geben.
134.
Birgitta bezeugt das Gericht über die Seele eines verstorbenen
Priesters. Der Priester wird wegen seiner Ausschweifungen und seiner
Verhärtung den Teufeln überlassen.
135.
Christus erklärt weiter, warum der im vorigen Kapitel genannte Priester
zur Hölle verurteilt wird. Er schildert die Weltlichkeit der jetzigen
Priester und ihre Trägheit in Gottes Dienst.
Offenbarungen in Italien nach 1350.
136. Christus sagt ein paar zustimmende Worte über Innocentius, Papst von 1352-62.
137.
Birgitta legt Papst Urban V. (1362-70), der sich 1367-70 in Italien
aufhielt, eine göttlich inspirierte Bittschrift um Anerkennung der
Regel vor, die sie für die Mönche und Nonnen in Vadstena verfasste. Sie
bittet auch darum, dass der Papst den Besuchern des neuen Klosters
denselben Ablaß gewähren möge, d.h. den Nachlaß zeitlicher
Sündenstrafen, wie er den Besuchern der Kirche S. Pietro in Vincoli in
Rom bewilligt wurde.
138.
Zu Anfang des Jahres 1370 hat Urban V. Pläne, nach Avignon
zurückzukehren, wo die Päpste seit Beginn des Jahrhunderts residierten.
Birgitta sucht ihn damals in Fontefiascone auf und legt ihm ein
göttlich inspiriertes Schreiben vor, in dem der Papst gewarnt wird.
Italien zu verlassen.
139.
An Gregorius XI., Papst von 1370-78, der bis auf weiteres in Avignon
residierte, sendet Birgitta – wahrscheinlich Anfang 1371 einen Brief.
In dem Brief erzählt sie, dass Maria sich ihr offenbart habe und
ständigen Schutz für Gregorius versprochen habe, wenn er seine Residenz
nach Rom verlegte und mit der Reform der Kirche beginnen würde.
140.
Birgitta sendet etwas später einen neuen Brief an Papst Gregorius XI.
und wiederholt darin die früher ausgesprochene Ermahnung, die
päpstliche Residenz zurück nach Rom zu verlegen, die Hauptstadt der
Kirche von altersher. Ihr Beichtvater Alfons, früher Bischof von Jaen,
und ihr Freund Graf Nikolaus Orsini von Nola, befördern den Brief zum
Papst.
141.
Nach ihrer Pilgerfahrt nach Jerusalem befindet sich Birgitta Anfang
1373 in Italien. Dort empfängt sie am 26 Januar eine Offenbarung über
Papst Gregorius XI. Christus versichert ihr, dass es dem Papst möglich
wäre, von Frankreich nach Rom überzusiedeln.
142.
Im Februar 1373 schreibt Birgitta, die sich weiter in Neapel aufhält,
einen Brief an Papst Gregorius XI. Sie mahnt erneut in Gottes Auftrag,
seine Residenz nach Rom zu verlegen. „Komm also, und zögere nicht!“
Alfons fährt mit dem Brief nach Avignon und legt ihn dem Papst vor.
143.
Birgitta ist von Neapel nach Rom zurückgekehrt. Von dort sendet sie im
Juli 1373, ganz kurz vor ihrem Tod[5], einen Brief an ihren Freund
Alfons, der sich noch in Avignon aufhält, und bittet ihn, dem Papst den
Inhalt des Briefes mitzuteilen. Der Brief hat denselben Inhalt wie der
vorige. „Da der Papst zweifelt, ob er nach Rom kommen müsste, um den
Frieden wieder herzustellen und meine Kirche zu reformieren, so erkläre
ich (Christus), es ist mein Wille, dass er jetzt bis zum Herbst kommt,
und kommt um zu bleiben.“
144. Birgitta schaut einen verstorbenen Papst (Urban V.?) im Fegefeuer.
[1]. 1346-1378.
[2]. Steffen, S. 287 ff.
[3]. Schonen und Halland gehörten damals noch zu Dänemark.
[4]. Gemeint ist Dionysius v. Paris, 1. Bischof von Paris und Märtyrer; gest. wohl um 250.
[5]. Birgitta starb am 23.07.1373.
Hier beginnt das
vierte Buch der himmlischen
Offenbarungen der hl. Birgitta von Schweden.
Die Hölle
brennt so heiß, dass – wenn die ganze Welt mit allem,
was darin ist, brennen würde, so wäre sie doch nicht
damit zu vergleichen. Da beginnen und enden alle ihre
Rede mit „Weh!“ Die Finsternis darum herum heißt
Limbus. Beide sind sie aber eine einzige Hölle, und
der, der dort hineinkommt, kann niemals bei Gott wohnen.
Oberhalb dieses Dunkels herrscht die schwerste Pein des
Fegefeuers, das die Seelen ertragen können. Die Seelen
werden da der Berührung mit den Teufeln ausgesetzt und
– um im Gleichnis zu sprechen – mit giftigen
Reptilien und wilden Raubtieren. Dort herrscht Hitze und
Kälte, dort ist Dunkelheit und Qual, und all dies rührt
von der Pein in der Hölle her. Außerhalb des Platzes
gibt es einen anderen Platz, wo eine geringere Pein
herrscht, die nichts anderes ist, als eine Entkräftung
beim Aufhören einer Krankheit.
Es gibt noch einen dritten und höheren Platz, wo es
keine andere Plage gibt als die Sehnsucht, in Gottes Nähe
und zu seinem Seligmachenden Anblick zu gelangen. Die
Seelen, die sich an diesen drei Stellen aufhalten,
nehmen Teil an den Gebeten der Kirche und den guten
Taten, die auf der Welt getan werden, besonders von
ihren Freunden.

| 1.
Kapitel |
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Der Evangelist Johannes tadelt König Magnus Eriksson und ermahnt ihn zu einem frommeren
Leben. Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.
Der Braut
(Birgitta) zeigte sich die Gestalt eines Mannes,
dessen Haar rings von Schmach umgeben war, und
dessen Leib mit Öl übergossen war; er war ganz
entblößt, aber schämte sich doch nicht[1]. Er
sagte zur Braut: „Die Schrift, die Ihr heilig
nennt, sagt, dass keine Tat unbelohnt bleiben
wird. Das ist die Schrift, die bei Euch
„Bibel“ genannt wird. Bei uns ist sie
strahlend wie die Sonne, kostbarer als Gold und
fruchtbar wie die Saat, die hundertfache Frucht
bringt.
Denn so wie Gold andere Metalle übertrifft, so übertrifft
die Schrift, die Ihr „die heilige“ nennt, aber
wir im Himmelreich die goldene, alle anderen
Schriften, denn in ihr wird der wahre Gott geehrt
und gepriesen, werden die Toten der Patriarchen im
Gedächtnis bewahrt und durch Eingebungen der
Propheten erklärt. Und deshalb, weil keine Tat
ohne Belohnung ist, so höre, was ich sage!
Der König, für den du bittest, ist vor Gott ein
Räuber und Verräter der Seelen und ein
unermesslicher Verschwender von Reichtümern. Und
weil kein Verräter schlimmer ist als der, der den
verrät, der ihn liebt, so verrät dieser auf
geistliche Weise viele, denn er liebt die
Ungerechten fleischlich und erhöht Unrechterweise
die Gottlosen, bedrückt die Gerechten und
verschließt die Augen vor Übertretungen, die
bestraft werden müssten.
Andererseits ist kein Räuber schlimmer als der,
der den verrät, der sein Haupt in seinen Schoß
legt. So hat dieser König den Bauernstand traurig
ausgeplündert, der sozusagen in seinem Schoße
ruhte, indem er manchen die Güter wegnehmen ließ
und anderen untragbare Lasten auferlegte, das
Unrecht von manchen absichtlich übersah und die
Gerechtigkeit immer nur sehr schlaff ausübte.
Drittens ist kein Dieb schlimmer als der, der
seinen Herrn bestiehlt, der ihm alles anvertraut
und ihm seine Schlüssel übergeben hat. Aber
dieser (König) hat die Schlüssel zu Macht und
Ehre empfangen, die er auf ungerechte und
verschwenderische Weise benutzt hat; nicht zu
Gottes Ehre. Aber weil er aus Liebe zu mir auf
manche Dinge verzichtet hat, die ihm gefielen, so
rate ich ihm drei Dinge. Erstens, dass er handeln
soll, wie der verlorene Sohn im Evangelium, der
den Schweinetrog verließ und zum Vater zurückkehrte.
Er soll nämlich Reichtum und Ehre verachten, was
im Vergleich mit dem Ewigen wie ein Schweinetrog
ist, und mit Demut und Frömmigkeit zu Gott,
seinem Vater, zurückkehren. Zweitens soll er die
Toten ihre Toten begraben lassen und dem schmalen
Weg des gekreuzigten Gottes folgen. Drittens soll
er die schwere Last seiner Sünden ablegen und den
Weg einschlagen, der anfangs schmal, aber am Ende
voll Freude ist.
Aber du magst verstehen, dass ich der bin, der die
goldene Schrift voll und ganz verstanden hat und
deshalb im Stande war, sie zu erweitern. Ich wurde
schimpflich entblößt, aber nachdem ich das
geduldig ertrug, bekleidete Gott meine Seele mit
einem unvergänglichen Gewand. Ich wurde auch mit
Öl begossen, und deshalb genieße ich nun das Öl
der ewigen Freude. Nächst der Mutter Gottes
erhielt ich den leichtesten Tod, nachdem ich ihr
Beschützer war, und mein Leichnam ruht auf dem
friedvollsten und sichersten Platz.“
[1]. Nach der Legende wurde
der Evangelist Johannes außerhalb von Rom in
einem Kessel mit Öl gekocht, ohne Schaden zu
nehmen. Er zeigt sich nun Birgitta in diesem
Aufzug. – König Magnus Eriksson verehrte im
Evangelisten Johannes seinen Schutzpatron. Die
Offenbarung gilt also ihm. |

| 2.
Kapitel |
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Christus gibt
seine Sorge über die schlechten Christen und Heiden zu erkennen
und ermahnt seine Freunde, an ihrer Bekehrung zu arbeiten. Offenbarung,
wahrscheinlich in Italien um 1350.
Dann bekam
die Braut zwei Waagschalen zu sehen, die über der
Erde hingen. Die Spitze, wo sie zusammengebunden
waren, ging bis hinauf in die Wolken, und ihre
Zirkel drangen durch den Himmel. In der einen
Waagschale war ein Fisch, dessen Schuppen scharf
wie ein Rasiermesser waren, dessen Augen wie die
eines Basilisken waren, dessen Maul wie das eines
Giftsprühenden Einhorns war, und dessen Ohren wie
der schärfste Speer, ja wie Stahlklingen waren.
In der anderen Waagschale war ein Tier, dessen
Fell wie Feuerstein war, dessen gewaltiges Maul
lodernde Flammen aussandte, dessen Augenbrauen wie
die schärfsten Schwerter waren, dessen äußerst
harte Ohren die schärfsten Pfeile abschossen, als
ob sie ein straff gespannter Bogen wären.
Dann zeigten sich drei Volksscharen auf der Erde.
Die erste war klein, die zweite geringer, die
dritte am aller kleinsten. Ihnen rief eine Stimme
vom Himmel zu: „O meine Freunde, ich verlange
gewaltig nach dem Herzen dieses seltsamen Tieres.
Wenn es doch jemanden gäbe, der mir das aus Liebe
beschaffen würde! Ebenso sehne ich mich sehr nach
warmem Fischblut. Wenn ich bloß einen Menschen
finden könnte, der mir das beschaffe!“
Eine Stimme aus den Volkshaufen antwortete wie aus
dem Munde aller: „O unser Schöpfer, wie könnten
wir dir das Herz eines solchen Tieres geben? Seine
Haut ist ja härter als Feuerstein. Wenn wir uns
seinem Maul nähern, werden wir von dem Feuer
verbrannt, das dort brennt. Wenn wir seine Augen
betrachten, durchdringen uns die Funken seiner
Pfeile. Und wenn es auch eine Hoffnung gäbe, das
Tier zu bekommen – wer könnte aber den Fisch
fangen? Seine Flossen und Schuppen sind schärfer
als Schwertspitzen. Seine Augen bringen unsere
Sehkraft zum Erlöschen. Sein Maul spritzt
unheilbares Gift auf uns.“
Die Stimme vom Himmel antwortete und sagte:
„Freunde – das Tier und der Fisch scheinen
euch unüberwindlich, aber in den Augen des Allmächtigen
ist das leicht. Jedem, der ein Mittel sucht, das
Tier zu bekämpfen, werde ich vom Himmel Weisheit
und Kraft bescheren. Jedem, der bereit ist, für
mich zu sterben, will ich mich selbst zur
Belohnung geben.“
Die erste Schar erwiderte: „Höchster Vater, du
bist der Geber alles Guten. Wir sind deiner Hände
Werk. Gern geben wir dir unser Herz zu deiner
Ehre. Das übrige, was außerhalb des Herzens ist,
müssen wir zum Unterhalt des Leibes und zur
Erquickung benutzen. Und da uns der Tod so hart
erscheint, die Schwachheit des Fleisches
beschwerlich und unser Wissen sehr gering ist, so
lenke du uns innerlich und äußerlich, nimm
huldreich an, was wir dir schenken, und vergilt
uns, so wie es dir gefällt.“
Die zweite Schar entgegnete: „Wir sind uns
unserer Schwachheit bewusst und merken die
Eitelkeit und Veränderlichkeit der Welt. Deshalb
wollen wir dir gern unser Herz geben und legen all
unseren Willen in andere Hände, denn wir wollen
lieber anderen untertan sein, als das Geringste
von der Welt zu besitzen.“
Die dritte Schar gab zur Antwort: „Höre, Herr,
da du das Herz des Tieres haben möchtest und nach
dem Blut des Fisches dürstest! Gern wollen wir
dir unser Herz schenken, und wir sind bereit, für
dich zu sterben. Verleih du Weisheit, so werden
wir eine Möglichkeit suchen, das Herz des Tieres
zu finden!“
Da sagte die Stimme vom Himmel: „Mein Freund,
wenn du das Herz des Tieres erlangen willst, so
treibe einen spitzen Bohrer mitten durch deine Hände,
nimm dann das Augenlid des Walfisches und kleb es
mit mit dem stärksten Pech an deine, nimm weiter
eine Stahlplatte und binde sie so an dein Herz,
dass die breite Oberfläche der Stahlplatte deinem
Herzen am nächsten kommt, zieh die Nasenlöcher
zusammen, zieh den Atem tief im Halse ein und geh
so mit geschlossenem Mund und angehaltenem Atem
mutig auf das wilde Tier los. Wenn du zum Tier
hinkommst, so fasse es mit beiden Händen an den
Ohren. Seine Pfeile werden dir dann nicht schaden,
sondern durch die offenen Nasenlöcher in deine Hände
dringen.
Geh weiter mit geschlossenem Mund auf das Tier
los, und wenn du ihm ganz nah auf den Leib gerückt
bist, so blase ihm deinen ganzen Atem ein. Dann
werden dir die Flammen des Tieres nicht schaden,
sondern werden in das Tier selbst eindringen und
es in Brand setzen. Gib genau Acht auf die
Schwertspitzen, die aus den Augen des Tieres
ragen! Drück sie hart gegen deine eigenen Augen,
die mit den Augenlidern des Walfisches bewaffnet
sind! Bei dieser Berührung wird das Schwert des
Tieres sich entweder biegen oder in sein Herz
eindringen.
Gib auch genau Acht, wo das Herz des Tieres schlägt!
Befestige die Schneide der Stahlplatte da, so dass
sie durch die Haut des Tieres dringt, die wie
Feuerstein ist! Und wenn der Feuerstein dann
bricht, so sollst du wissen, dass das Tier
verendet, und dass sein Herz dann mir gehört.
Wenn es ein Pfund wiegt, werde ich dem, der sich
bemüht hat, hundert geben. Wenn der Feuerstein
nicht bricht, sondern das Tier dem Menschen
schadet, so werde ich den verletzten Mann heilen
und ihn auferwecken, wenn er tot sein sollte.
Wer mir den Fisch verschaffen will, soll mit einem
Netz in Händen an den Strand gehen – einem
Netz, das nicht mit Fäden zusammengebunden ist,
sondern mit dem kostbarsten Metall. Er soll ins
Wasser steigen, aber nicht weiter als bis an die
Knie, so dass ihm die Wellen nicht schaden. Und er
soll den Fuß fest auf die Stelle setzen, wo
fester Boden ist, und wo der Sand ohne Schmutz
ist. Dann soll er sein eines Auge zumachen und
dieses geschlossene Auge dem Fisch zuwenden,
dessen Sehkraft wie die eines Basilisken[1] ist;
der wird dann nichts gegen den Mann ausrichten können.
Dieser soll weiter einen Schild aus Stahl auf den
Arm nehmen; dann wird der Schlangenbiss ihm nicht
schaden. Dann soll er sein Netz so hart und doch
so behutsam über den Fisch ausbreiten, dass der
Fisch die Netzfäden mit seinen
rasiermesserscharfen Flossen nicht zerschneiden
aber durch eine Kraftanstrengung daraus entweichen
kann. Wenn er den Fisch wahrnimmt, soll er sein
Netz hoch über ihn ausbreiten. Wenn er den Fisch
10 Stunden über Wasser hält, stirbt er. Er soll
ihn dann zum Strand tragen, ihn mit dem Auge
ansehen, das er nicht geschlossen hat, die Hand
auf ihn legen, ihm am Rücken öffnen, wo das
meiste Blut ist, und ihn so seinem Herrn
darbieten. Wenn der Fisch entkommt, an einen
anderen Strand schwimmt und dem Mann mit seinem
Gift schadet, so bin ich imstande, die Wunde zu
heilen. Die Belohnung für das Blut wird nicht
geringer, als für das Herz des Tieres.“
Zuletzt sagte Gott: „Diese Waagschalen bedeuten,
als wenn jemand sagte: „Schone und dulde! Warte
und erbarme dich!“, und als wenn jemand das
Unrecht eines anderen sehen würde und ihn ständig
ermahnte, mit dem Bösen aufzuhören. So steige
ich, Gott, der Schöpfer aller Dinge manchmal wie
eine Waagschale zum Menschen nieder, indem ich ihn
ermahne, ihn schone und ihn durch Heimsuchungen prüfe.
Manchmal steige ich auch auf, indem ich den Sinn
der Menschen erleuchte und entzünde und sie mit
ungewöhnlicher Gnade beschenke.
Dass das Verbindungsband der Waagschalen bis zum
Himmel reicht, das bedeutet, dass ich, der Gott
von allen, alle aufrecht erhalte, sowohl Heiden
als auch Christen, Freunde wie Feinde, und sie mit
meiner Gnade erleuchte und besuche, wenn es auch
nur einige geben würde, die auf meine Gnade
reagieren würden, und ihren Willen und Begehren
vom Bösen abwenden wollten.
Das Tier bezeichnet die, die die heilige Taufe
empfangen haben und ins Zeitalter der Vernunft
gekommen sind, aber die Worte des Evangeliums
nicht befolgen, ohne ihr Herz und ihren Mund dem
Irdischen zugewandt haben, ohne an das Geistliche
zu denken. Der Fisch bezeichnet die Heiden, die in
den Wogen der Begierde Umhärtreiben. Deren Blut
ist gering, d.h. ihr Glaube und ihr Verlangen nach
Gott ist klein. Daher möchte ich das Herz des
Tiers und das Blut des Fisches haben, wenn es nur
einige geben würde, die in ihrer Liebe versuchen
würden, mir die zu verschaffen.
Die drei Scharen sind meine Freunde. Die erste
besteht aus denen, die die Welt verständig
benutzen, die zweite aus denen, die ihr Eigenes
verlassen und demütig gehorchen, die dritte aus
denen, die bereit sind, für Gott zu sterben.“
[1]. Auf orientalische
Vorstellungen zurückgehendes antikes und
mittelalterliches Fabelwesen mit tödlichem Blick,
das von einer Schlange oder Kröte aus einem Hühnerei
ausgebrütet sein soll und meist als Hahn mit
einem Schlangenschwanz dargestellt wurde. |

| 3.
Kapitel |
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Birgitta fragt
Christus, wie weit das von Magnus Eriksson erworbene Schonen mit Recht
zu Schweden gehört, wie weit es richtig war, dass Prinz Erik,
Magnus’ älterer Sohn, das Wahlreich Schweden erhielt, und
wie weit es richtig war, das Magnus’ jüngerer Sohn, Prinz
Håkon, das Erbreich Norwegen nach seinem Onkel Håkon
Håkonsson erhielt. Die erste Frage wird mit ja beantwortet, die
beiden letzteren mit nein – der jüngere Sohn hätte das
Wahlreich bekommen sollen, und der ältere das Erbreich.
Offenbarung, wahrscheinlich in Schweden 1344-49.
O Herr“,
sagte die Braut, „sei nicht erzürnt, wenn ich
frage. Ich habe aus der Schrift gehört, dass
nichts zu Unrecht erworben werden darf, und dass
nichts, was man erworben hat, gegen die
Gerechtigkeit behalten werden darf. Nun hat dieser
König ein Land, von dem manche sagen, dass er es
mit Recht hat, andere sagen das Gegenteil. Daher
ist es verwunderlich, wenn du ihm das duldest, was
du bei anderen verwirfst.“
Gott erwiderte: „Nach der Sintflut blieben keine
anderen Menschen übrig als die, die in Noahs
Arche waren. Von ihnen stammt ein Geschlecht, das
nach Osten wanderte, und einige von diesem
Geschlecht kamen nach Schweden. Ein anderes
Geschlecht kam nach Westen, und davon stammten
einige, die nach Dänemark kamen. Die, die zuerst
begannen, das Land zu bearbeiten, das nicht vom
Wasser umgeben war, die eigneten sich nichts von
dem Land derer an, die diesseits des Wassers und
auf den Inseln wohnten, sondern jeder begnügte
sich mit dem, was er gefunden hatte, wie es über
Lot und Abraham geschrieben steht, dass Abraham
sagte: „Wenn du nach rechts gehst, werde ich
mich nach links halten.“
Das war, als ob er sagen wollte: „Was du dir
aneignest, das soll dir und deinen Erben gehören.“
Dann kamen im Lauf der Zeit Richter und Könige,
die sich mit ihren Ländern begnügten und nicht
das Gebiet von denen einnahmen, die auf den Inseln
und diesseits des Wassers wohnten; ein jeder hielt
sich in dem Lande seiner Vorväter auf.“
Sie (Birgitta) fragte: „Wenn ein Teil des
Reiches durch irgendein Geschenk verloren geht,
soll der Teil nicht von den Nachkommen zurückgefordert
werden?“ Gott antwortete ihr: „In einem Reiche
wurde eine Krone verwahrt, die dem König gehörte.
Das Volk, das meinte, ohne König nicht bestehen
zu können, wählte sich einen König und ließ
dem gewählten König die Krone zur Verwahrung;
sie sollte dann als Erbe an den kommenden König
übergehen. Wenn nun dieser gewählte König einen
Teil der Krone veräußern wollte, so könnte und
müsste der kommende König sie sicher zurückverlangen,
denn von der Krone darf nichts abhanden kommen,
und der König darf zu seinen Lebzeiten die Krone
des Reiches nicht vermindern, oder sie ohne einen
vernünftigen Grund aus der Hand geben, falls es
einen solchen geben sollte.
Denn was ist die Krone des Reiches anderes, als
die königliche Macht? Was ist das Reich anderes,
als das Volk, das darin wohnt? Und was ist der König
anderes, als das Volk, das darin wohnt? Und was
ist der König anderes, als der Vormund des
Reiches und des Volkes, der die Macht aufrecht erhält?
Deshalb darf der Bewahrer und Verteidiger der
Krone die Krone keinesfalls zum Nachteil für den
kommenden König teilen oder vermindern.“
Die Braut wandte ein: „Aber wenn der König aus
Notwendigkeit oder durch Gewalt gezwungen wird,
einen Teil der Krone abzugeben?“ Gott erwiderte:
„Wenn zwei Männer in einen Streit geraten, und
der eine, der mächtiger ist, nicht nachgeben
will, wenn dem anderen nicht ein Finger abgehackt
wird – wem würde der abgehackte Finger wohl gehören,
wenn nicht dem, der den Schaden erlitten hat?
So verhält es sich auch mit dem Reich. Wenn ein König
aus Zwang oder infolge von Gefangenschaft das
Reich um einen Teil verkleinern würde, so kann es
ein künftiger König gewiss verlangen. Der König
ist nämlich nicht Herr der Krone, sondern ihr
Verwalter, und Not macht kein Gesetz.“ Sie
fragte: „Wenn der König zu Lebzeiten einem
Herrn einen Teil der Krone überträgt, und wenn
dieser Herr und sein Nachfolger nach dem Tod des Königs
als sein Eigentum behalten würde, müsste das
dann nicht zurückgefordert werden?“ Der Herr
erwiderte: „Gewiss müsste das Land an den
gesetzlichen Eigentümer zurückgehen.“
Sie fuhr fort: Wenn ein Teil der Krone an jemanden
verpfändet würde, um eine Schuld zu tilgen, und
dieser würde viele Jahre lang die Steuern
bezahlen und dann sterben, wonach der Landstrich
in die Hände eines anderen kommt, der gar kein
Recht darauf hatte, nachdem es ihm nicht geliehen
oder verpfändet wurde, sondern es durch einen
Zufall erhalten hat, es aber nicht ohne einen
Geldersatz zurückgeben will – was wäre da zu
tun?“
Der Herr sagte: „Wenn jemand einen Goldklumpen
in der Hand hält und zu dem, der bei ihm steht,
sagen würde: „Dieser Goldklumpen gehört dir;
wenn du ihn haben willst, sollst du mir so und so
viel Pfunde geben“ – gewiss müssten ihm dann
diese Pfunde gegeben werden. Denn wenn ein Land
gewaltsam eingenommen und in Frieden besessen
wird, soll es auf kluge Weise zurückverlangt
werden und nach berechnetem Schadenersatz zurückerworben
werden.
Und ebenso, wenn der neugewählte König auf einen
Stein gehoben wird[1], um vom Volk gesehen zu
werden, das bedeutet, dass er die Macht und
Herrschaft für die übrigen Teile des Reiches
hat, so gehört auch das Land in dem niederen
Teilen, sowohl durch erbliches Recht als auch
durch Kauf oder Rückkauf, zum Reich. Deshalb soll
der König bewahren, was er bekommen hat, denn
wenn er anders handelt, kann es geschehen, dass er
die Herrschaft verliert und in einen Untertanen
verwandelt wird.“
Wieder sagte die Braut: „O Herr, zürne nicht,
wenn ich noch einmal frage. Dieser König hat zwei
Söhne und zwei Reiche. In dem einen Reich wird
der König mit erblichem Recht eingesetzt, und in
dem anderen nach Ermessen des Volkes. Aber jetzt
ist man umgekehrt verfahren, denn der jüngere
Sohn wurde zum König im Erbreich gewählt, und
der ältere im Wahlreich.“
Gott erwiderte: „Bei denen, die sie gewählte
haben, gab es drei unangebrachte Eigenschaften,
und die vierte war in überreichem Maß vorhanden:
Ungeordnete Liebe, gespielte Klugheit,
Schmeichelei von törichten Menschen und
Misstrauen gegenüber Gott und dem Volk. Deshalb
erfolgte ihre Wahl gegen das Recht, gegen Gott,
gegen das Wohl des Staates und den Nutzen der
Allgemeinheit. Deshalb ist es notwendig, damit der
Frieden zum Nutzen des Volkes bewahrt wird, dass
der ältere Sohn das Erbreich zurückerhält, während
das Wahlreich dem Jüngeren zufällt. Ja, wenn man
das, was geschehen ist, nicht ändert, wird das
Reich Schaden nehmen, das Volk benachteiligt
werden, Unzufriedenheit wird sich erheben, und die
Tage der Söhne werden verbittert werden, und ihre
Reiche werden nicht mehr Reiche sein – sondern
es wird so gehen, wie geschrieben steht: „Die Mächtigen
sollen von ihren Thronen gestürzt werden, und
die, die auf Erden wandern, sollen erhöht
werden.“
Siehe, ich lege dir ein Gleichnis von zwei Reichen
vor. In dem einen wird gewählt, im anderen wird
vererbt. Das erste, wo gewählt wird, wird über
den Haufen geworfen und geplagt, nachdem der
rechte Erbe nicht gewählt wurde. Schuld daran
hatten die, die gewählt haben, und die, die
herrschsüchtig nach dem Reiche trachten. Aber
Gott straft den Sohn nicht für die Sünden des
Vaters und zürnt auch nicht in Ewigkeit, sondern
übt Gerechtigkeit und hält diese auf Erden und
im Himmel. Daher wird dieses Reich nicht zu seiner
früheren Ehre zurückfinden oder einen glücklicheren
Zustand erhalten, ehe nicht der rechte Erbe
auftritt, entweder von Seiten des Vaters oder der
Mutter.“
[1]. D.h. die Mora-Steine in
Uppland, wo die Königswahl von altersher vor sich
ging. |

| 4.
Kapitel |
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Königin
Blanka, die Gemahlin von Magnus Eriksson, wird von Christus ermahnt,
ihre weltliche Lebensweise mit einer frommen, asketischen zu
vertauschen und eine Wallfahrt nach Rom zu unternehmen. Offenbarung in
Italien 1350 oder später.5. Der Apostel Petrus klagt Birgitta
über den kirchlichen Verfall in Rom.
Christus
spricht zur Braut: „Von zwei Geistern werden
Gedanken und Eingebungen ins Herz der Menschen
eingegossen, nämlich von einem guten und einem bösen
Geist. Der gute Geist rät dem Menschen, an das
zukünftige Himmlische zu denken, und das
Zeitliche nicht zu lieben. Der böse Geist rät
dem Menschen, das Sichtbare zu lieben, zu machen,
dass die Sünde leicht aussieht, er sendet Schwächen,
stellt das Beispiel schwacher Menschen als Vorbild
hin.
Sieh, ich will dir im Bild beschreiben, wie die
beiden Geister das Herz der Königin entzünden,
die du kennst und über die ich früher mit dir
gesprochen habe. Der gute Geist gibt ihr diese
Gedanken ein: Reichtümer sind mit Mühe
verbunden, weltliche sind wie Wind, fleischliche
Genüsse wie ein Traum, die Freude ist vergänglich
und alles Weltliche ist eitel; dagegen ist das
Gericht unausweichlich und der Peiniger sehr hart.
Es scheint mir deshalb für den Menschen sehr
schwierig, strenge Rechenschaft über vergängliche
Reichtümer abzulegen, geistliche Schandtaten als
eitlen Wind zu ernten, lange Trübsal für ein
kurzes Vergnügen zu ertragen und darüber
Rechenschaft vor dem abzulegen, der alles kennt,
noch ehe es zustande kommt. Deshalb ist es
sicherer, vieles aufzugeben und damit weniger
Rechenschaft abzulegen, als in vielerlei Dinge
verstrickt zu werden und eine lange und mühevolle
Rechenschaft ablegen zu müssen.
Der böse Geist gibt den Menschen dagegen solche
Gedanken ein: Lass solche Gedanken fahren, denn
Gott ist milde und sehr leicht zu besänftigen.
Hab freimütig das Gute und schenke großzügig,
was du hast. Du bist ja dazu geboren, Reichtümer
zu besitzen, und Reichtümer wurden dir gegeben,
damit du berühmt wirst, und gib dem, der etwas
von dir haben will. Aber wenn du deine Reichtümer
aufgibst, musst du denen dienen, die dir jetzt
dienen; dein Ansehen wird dann geringer und dein
Ärger größer. Der arme Mensch wandert nämlich
ohne Freude.
Es ist schwer für dich, dich an neue Sitten zu
gewöhnen, dein Fleisch durch fremde Gewohnheiten
zu bändigen und ohne eine Bedienung zu leben.
Halte daher an der Ehre fest, die du empfangen
hast, lebe königlich nach deinem Stande und
betreue dein Haus auf ehrsame Weise. Wenn du
deinen Wandeln änderst, wirst du wegen
Unstetigkeit getadelt. Fahre fort, so zu leben,
wie du begonnen hast, so wirst du ehrenreich vor
Gott und Menschen.
Wieder gibt der gute Geist der Seele dieser Königin
seine Ratschläge ein, indem er sagt: Ich kenne
zwei Dinge, die ewig sind, nämlich den Himmel und
die Hölle. Wer Gott über alles liebt, wird nicht
in den Himmel kommen. Auf dem Weg zum Himmel ging
der Menschgewordene Gott selbst voran und bekräftige
ihn mit Zeichen und mit seinem Tod. O wie
ehrenreich ist doch das Himmlische, wie bitter ist
die Bosheit des Teufels, und wie eitel das
Irdische!
Diesem Gott folgte seine Mutter und alle Heiligen,
die lieber alle Qualen ausstehen und auf alles
verzichten wollten, ja sogar sich selbst
verachteten, um nicht das Himmlische und Ewige zu
verlieren. Daher ist es sicherer, Ehre und Reichtümer
rechtzeitig zu verlassen, als bis zum Ende daran
festzuhalten, denn es kann passieren, dass man die
Erinnerung an die Sünden vergisst, wenn die
Schmerzen bis zum Äußersten zunehmen. Und da
werden die, die sich nicht um meine Erlösung kümmern,
an sich raffen, was ich gesammelt habe.
Die Eingebung des Teufels wendet dagegen ein: Hör
auf, so zu denken! Wir sind schwache Menschen;
Christus dagegen ist Gott und Mensch. Wir brauchen
unsere Taten nicht mit denen der Heiligen zu
vergleichen, die ja größere Gnade von Gott und
Freundschaft mit ihm hatten. Es reicht für uns,
auf den Himmel zu hoffen, in unserer schwachen Art
zu leben und unsere Sünden mit Almosen und
Gebeten wieder gutzumachen. Es ist kindische und töricht,
mit etwas Ungewohntem zu beginnen und es dann
nicht befolgen zu können.
Die gute Eingebung antwortet von neuem: Ich bin
unwürdig, mit den Heiligen verglichen zu werden.
Doch ist es ist ganz sicher, sich so allmählich
auf die Vollkommenheit hinzuarbeiten. Was sollte
mich denn daran hindern, mich an das Ungewöhnliche
zu wagen? Gott ist ja imstande, Hilfe zu geben.
Oft geschieht es ja, dass irgendein armer Mann dem
Wege eines mächtigen und reichen Herren folgt.
Und wenn auch der vornehme Herr schneller zur
Herberge gelangt, eine leckere Kost genießen und
in einem weichen Bette ruhen kann, kommt doch auch
der Arme zur selben Herberge, wenn auch später
und kann die Reste der Mahlzeit des vornehmen
Herrn genießen – das hätte er nicht bekommen,
wenn er seinem Wege nicht gefolgt wäre, und seine
Herberge nicht aufgesucht hätte.
So sage ich auch jetzt, dass ich – wenn ich auch
nicht wert bin, mit den Heiligen verglichen zu
werden – doch den Weg einschlagen will, den sie
(die Heiligen) gewählt haben, um zumindesten Teil
an ihren Verdiensten zu haben. Es sind nämlich
zwei Dinge, die meinen Sinn beunruhigen. Erstens,
dass der Hochmut Macht über mich erhält, wenn
ich in meinem Vaterland bleibe. Die Liebe zu
meinen Verwandten, die um Hilfe bitten, bedrückt
meine Sehnsucht. Der Überfluss an Personal und an
Kleidern macht mir Mühe. Daher ist es für mich
bequemer und ratsamer, vom Sitz des Hochmuts
herabzusteigen und meinen Leib mit einer
Pilgerfahrt zu demütigen, als in meinem
ehrenvollen Stande zu verweilen und Sünde auf Sünde
zu häufen.
Außerdem bedrücken mich die Armut und die
Hilferufe des Volkes; ich müsste ihm beistehen,
aber es belastet mich, weil ich so nah dabei bin.
Deshalb ist mir ein guter Rat vonnöten.
Die böse Eingebung und die des Teufels antwortet:
Sich auf Pilgerfahrt zu begeben, ist Sache
unsteter Menschen. Barmherzigkeit ist doch Gott
wohlgefälliger als Opfer. Wenn du aus deinem
Vaterland verreist, kommen gewinnsüchtige Leute,
die von dir haben sprechen hören, um dich auszuplündern
und dich gefangen zunehmen. So sollst du statt
Freiheit Gefangenschaft erleiden, statt Ehre
Schande, statt gemächlicher Ruhe Unruhe und Trübsal.
Der gute Geist kommt nun mit dieser Eingebung: Ich
hörte über einen erzählen, der gefangen
genommen wurde, der in einem Turme saß, und der
in der Gefangenschaft und Dunkelheit größeren
Trost empfand, als er je in seinem Überfluss und
seiner zeitlichen Freude verspürt hatte. Wenn es
daher Gott gefällt, mir Trübsal zu schicken, so
wird mir das zu größerem Verdienst gereichen.
Gott ist ja milde, mich zu trösten und bereit,
mir beizustehen, vor allem wenn ich mein Land nur
um meiner Sünden willen verlasse, und um Gottes
Liebe zu gewinnen.
Die böse Eingebung und die des Teufels antwortet
erneut: Wenn du unwürdig bist, Trost von Gott zu
empfangen, und wenn du ungeduldig warst, als es um
Armut und Demut ging, da wirst du die Strenge
bereuen, die du dir auferlegt hast, denn du kommst
dazu, einen Stock statt eines Ringes in der Hand
zu halten, ein simples Tuch auf deinem Kopf statt
einer Krone, und einen schäbigen Sack statt eines
Purpurgewandes. Der gute Geist antwortet: Ich habe
gehört, dass die heiligen Elisabeth, Prinzessin
von Ungarn[1], erzogen in Weichlichkeit und
vornehm verheiratet, große Armut und Schmach
ertrug, aber in der Armut größeren Trost und
eine herrlichere Krone von Gott empfing, als wenn
sie in aller weltlichen Ehre und Freude verblieben
wäre.
Wieder flüstert die böse Eingebung: Was willst
du machen, wenn Gott dich den Händen von Männern
überlässt, die deinem Körper Gewalt antun? Könntest
du das vor Scham ertragen? Müsstest du nicht untröstlich
über deinen Starrsinn trauern, und deine ganze
Sippe sich schämen müssen? Und da kommst du
gewiss dazu, Ungeduld und Angst im Herzen zu
empfinden und Gott undankbar zu werden. Du wirst
dir geradezu den Tod wünschen. Kannst du da noch
wagen, dich zu zeigen, wenn du in aller Munde so
verspottet wirst?
Der gute Gedanke antwortet wiederum: Ich habe von
den Schriften gehört, dass die heiligen Jungfrau
Lucia[2] in ein Bordell überführt wurde, aber
sie war standhaft im Glauben, tröstete sich mit
Gottes Güte und sagte: Wie oft mein Körper auch
vergewaltigt wird, ich bin doch eine Jungfrau, und
meine Krone wird verdoppelt werden. Und Gott sah
ihren Glauben und bewahrte sie unbeschadet. So
sage ich, dass Gott, der niemanden über Vermögen
versucht werden lässt, meine Seele, meinen
Glauben und meinen Willen bewahren wird. Ich
vertraue mich ihm also ganz an. Sein Wille mit mir
geschehe!
Da diese Frau solchen Gedanken ausgesetzt war,
will ich sie zu drei Dingen ermahnen. Erstens,
dass sie sich erinnern soll, zu welcher Ehre sie
auserkoren ist. Zweitens, welche Liebe ihr Gott in
ihrer Ehe bewiesen hat. Drittens, wie gnädig sie
in dieser Sterblichkeit bewahrt wurde. Ferner will
ich sie warnend an drei Dinge erinnern. Erstens,
dass sie vor Gott Rechenschaft über ihr ganzes
zeitliches Eigentum ablegen wird – ja sogar über
das kleinste Scherflein, wie sie es ausgegeben
hat. Zweitens, dass ihre Zeit sehr kurz ist, und
dass sie kein Wort weiß, bevor sie sterben wird.
Drittens, dass Gott die Herrscherin nicht mehr als
die Dienerin schont.
Deshalb rate ich ihr drei Dinge. Erstens, das zu
bereuen, was sie begangen hat, und für ihre
gebeichteten Sünden fruchtbringende Besserung zu
tun, und Gott von ganzem Herzen zu lieben.
Zweitens rate ich ihr, der Pein des Fegefeuers
verständig auszuweichen. Denn so wie der, der
Gott nicht von ganzem Herzen liebt, eine große
Strafe verdient, so verdient der, der seine Sünden
nicht bessert, obwohl er das kann, das Fegefeuer.
Drittens rate ich ihr, eine Zeitlang weltliche
Freunde Gott zuliebe zu verlassen und sich, um der
Pein des Fegefeuers zu entgehen, sich an einen
Platz begibt, wo es einen Richtweg zwischen dem
Himmel und dem Tode gibt, weil es dort Ablässe
(d.h. Rettung für die Seelen) gibt, die heiligen
Päpste gegeben haben, und die Gottes Heiligen
durch ihr Blut bewirkt haben.“
[1]. Geb. Burg Sarospatak
(Ungarn) 1207, gest. Marburg 17.11.1231. Schon
1235 wurde sie heilig gesprochen. [2]. Märtyrerin
aus Syrakus, gest. 303(?), eine der bedeutendsten
Heiligen des Mittelalters. Sie weihte sich nach
einer Vision der hl. Agatha, die ihr das Martyrium
ankündigte, dem jungfräulichen Leben. Sie
verzichtete auf ihren Besitz und ihre Ehe, worauf
sie ihr Bräutigam als Christin anzeigte. Nach
standhaftem Bekenntnis und vielerlei überstandenen
Folterungen wurde sie durch das Schwert getötet. |

| 5.
Kapitel |
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Der Apostel Petrus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.
Der
hl. Petrus spricht zu Christi Braut: „Tochter,
du glichst mir einem Pfluge, der breite Furchen
zieht und die Wurzeln ausreißt. Das war sicher
richtig. Denn ich habe so gegen die Laster
geeifert und war so für die Tugenden entbrannt,
dass ich, wenn ich die ganze Welt hätte zu Gott
bekehren können, keinesfalls mein Leben oder
meine Kräfte gespart hätte. Gott war mir so
lieb, an ihn zu denken, von ihm zu sprechen, für
ihn zu arbeiten, dass es mir bitter war, an alles
andere zu denken, als an Gott.
Doch war auch Gott für mich bitter, aber nicht
seinetwegen, sondern meinetwegen. Denn so oft ich
daran dachte, wie sehr ich gesündigt habe und wie
ich ihn verleugnet habe, habe ich bitterlich
geweint, denn ich hatte nun gelernt, vollkommen zu
lieben, und meine Tränen waren mir ebenso
angenehm, wie gutes Essen. Aber wenn du mich
bittest, dich an etwas zu erinnern, antworte ich
dir: Hast du nicht gehört, wie vergesslich ich
war? Ich war ja vollkommen über Gottes Weg
unterrichtet, und mit einem Eid habe ich mich
verpflichtet, Gott treu zu sein und mit ihm zu
sterben, aber auf die Frage einer Frau hin
verleugnete ich die Wahrheit, und warum? Weil Gott
mich mir selber überlassen hat, und ich mich
selbst nicht kannte.
Aber was habe ich dann gemacht? Ich dachte über
mich selber nach und überlegte, dass ich nichts
von mir selbst aus war, und ich stand auf und
eilte auf die Wahrheit zu – zu Gott, der mir die
Erinnerung an seinen Namen so tief ins Herz drückte,
dass ich ihn weder vor den Tyrannen oder unter der
Geißelung oder im Tode vergessen konnte. So
sollst auch du es machen. Steh in Demut auf und
geh zum Meister der Erinnerung und begehre eine
Erinnerung von ihm. Er ist nämlich der einzige,
der alles kann. Ich will dir aber helfen, dass du
Teil hast an dem Korn, das ich auf Erden ausgesät
habe.
Weiter sage ich dir, dass diese Stadt Rom eine
Stadt der Kämpfer war, und ihre Straßen mit Gold
und Silber belegt waren. Nun sind die Saphirsteine
in Schmutz verwandelt, die Einwohner der Stadt
sind sehr wenige, ihr rechtes Auge ist
ausgeschlagen, und ihre rechte Hand ist abgehauen;
Kröte und Schlangen wohnen bei ihnen, und wegen
ihrer (geringen) Gaben würden die sanftmütigen
Tiere nicht wagen, sich zu zeigen, oder meine
Fische würden nicht ihren Kopf erheben. Daher
sollen noch Fische in dieser Stadt gesammelt
werden, und wenn es auch nicht mehr so viele
werden wie früher, werden sie doch ebenso
lieblich und tapfer sein, so dass bei ihrem Spiel
die Kröten und Frösche heruntersteigen, die
Schlangen zu Lämmern verwandelt werden, und die Löwen
wie Tauben an ihren Fenstern werden.“
Weiter fügt er hinzu: „Ich sage dir weiter,
dass man noch in deinen Tagen den Ruf hören wird:
„Es lebe Petri Stellvertreter!“, und du ihn
mit eigenen Augen sehen wirst, denn ich werde den
Berg der Wollust untergraben, und die darauf
sitzen wollen, werden gegen die Hoffnung von allen
gezwungen kommen, denn Gott will mit
Barmherzigkeit und Wahrheit erhöht werden.“
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| 6.
Kapitel |
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Der Apostel Paulus erzählt Birgitta von seiner Bekehrung und beklagt den kirchlichen Verfall in Rom.
Der heiligen
Paulus spricht zu Christi Braut und sagt:
„Tochter, du hast mich mit einem Löwen
verglichen, der unter Wölfen aufgezogen wurde,
aber den Wölfen auf wunderbare Weise genommen
wurde. Ja Tochter, ich war wahrhaftig ein räuberischer
Wolf, aber aus einem Wolf machte Gott mich zu
einem Lamm, und das aus zwei Gründen. Erstens
durch seine große Liebe, indem er seine Gefäße
aus den Unwürdigen und aus den Sündern seine
Freunde macht. Zweitens wegen der Gebete des
allerseligsten Stephanus, des ersten Märtyrers.
Ich will dir nämlich zeigen, wie ich war und
welche Absicht ich hatte, als Stephanus gesteinigt
wurde, und warum ich seine Gebete verdiente. Ich
habe mich gewiss über die Pein des hl. Stephanus
nicht gefreut und sie genossen, und ich beneidete
ihn nicht um seine Ehre, aber ich war doch darauf
aus, dass er sterben sollte, weil ich sah, soweit
ich es beurteilen konnte, dass er nicht den
rechten Glauben hatte. Als ich seinen übermäßig
großen Eifer und seine Geduld sah, das Leiden zu
ertragen, war ich sehr betrübt darüber, dass er
ungläubig war, wo er doch tatsächlich höchst gläubig
war, und ich ganz und gar blind und ungläubig,
und ich hatte Mitleid mit ihm und betete von
ganzem Herzen darum, dass seine bittere Pein ihm
zur Ehre und Belohnung dienen möge.
Deshalb war ich unter den ersten, die Nutzen von
seinem Gebet hatten, denn durchsein Gebet wurde
ich von den vielen Wölfen entrückt und wurde zu
einem sanften Lamm. Daher ist es gut, für alle zu
beten, denn das Gebet des Gerechten nützt denen,
die am nächsten stehen und am besten geeignet
sind, die Gnade zu empfangen. Aber nun klage ich
darüber, dass dieser Mann, der unter den
Gelehrten so beredt und so geduldig unter denen
war, die ihn steinigten, von vielen Herzen ganz
vergessen ist – und am meisten von denen, die
ihm Tag und Nacht dienen sollten[1]. Sie bieten
ihm ihre zerbrochenen, leeren, schmutzigen und
ekelhaften Gefäße an. Deshalb werden sie, wie
geschrieben steht, mit doppelter Scham und Schande
bekleidet und aus dem Haus der Freude ausgestoßen
werden.“
[1]. D.h. den Priestern. |

| 7.
Kapitel |
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Birgitta
bezeichnet das Jahr 1366 als Gericht über die Seele des
italienischen Adligen Nicolaus Acciajaoli. Dieser Mann, der zu
Lebzeiten zum Hof der Königin Johanna gehörte und u.a.
dadurch gesündigt hatte, dass er die Heirat der Königin mit
ihrem Neffen Ludwig von Tarent beförderte, wird nun zum Fegefeuer
verurteilt.
Ein Mensch,
der im Gebet wachte und nicht schlief, dachte, er
sähe in einer geistlichen Vision einen Palast von
unermesslicher Größe. Da gab es unzählige Geschöpfe,
in weiße, glänzende Kleider gekleidet, und ein
jedes von ihnen hatte seinen eigenen Sitz. Ganz
vorn im Palast stand ein Richterstuhl, und es sah
aus, als würde dort eine Sonne sitzen. Der Glanz
der von der Sonne ausstrahlte, war unermesslich
lang, tief und breit. Eine Jungfrau, die eine
kostbare Krone auf dem Kopf hatte, stand neben dem
thron. Und alle dienten der Sonne, die auf dem
Richterstuhl saß, und huldigten ihr mit Hymnen
und Lobgesängen.
Dann sah er einen Neger, schrecklich an Aussehen
und Gebärden. Er schien voller Neid zu sein und
war von großem Zorn erfüllt, und er rief: „Du
gerechter Richter, verurteile meine Seele und höre
ihre Taten! Es bleibt nämlich nur noch wenig von
ihrem Leben übrig. Erlaube mir auch, den Körper
mit der Seele zu strafen, bis sie voneinander
getrennt werden!“
Danach konnte ich sehen, dass einer vor dem
Richterstuhl stand, der wie ein bewaffneter Ritter
aussah. Er war ehrbar und weise in seiner Rede und
besonnen und mild in seinen Gebärden. Er sagte:
„O Richter, sieh hier die guten Werke, die er
bis zu dieser Stunde getan hat!“ Gleich hörte
man eine Stimme von der Sonne auf dem
Richterstuhl: „Hier ist die Last größer als
die Tugend. Es ist nicht gerecht, dass die Last
mit der höchsten Tugend vereinigt wird.“
Der Neger antwortete: „Es ist gerecht, dass
diese Seele mein wird. Denn wenn sie etwas
Lasterhaftes in sich hätte, so gibt es bei mir
alles Schlechte.“ Der Richter entgegnete:
„Gottes Barmherzigkeit folgt jedem Menschen bis
zum Tode, ja bis zum letzten Augenblick, und dann
steht das Gericht bevor. Aber bei dem Mann, von
dem wir jetzt sprechen, sind Seele und Körper
noch vereint, und er hat die Auffassungsgabe
noch.“
Der Neger fiel ein: „Die Schrift, die nicht lügen
kann, sagt: „Du sollst deinen Gott über alles
lieben, und deinen nächsten wie dich selbst.“
Aber dieser Mann tat alle seine Werke aus Furcht
und nicht aus Liebe, wie er sollte. Du wirst auch
feststellen, dass er wenig Reue über die Sünden
hatte, die er gebeichtet hat. Das Himmelreich hat
er nicht verdient; folglich hat er die Hölle
verdient. Seine Sünden sind hier vor der göttlichen
Gerechtigkeit offenbart, weil er noch nie eine von
Gottesliebe eingegebene Reue über die Sünden
gespürt hat, die er begangen hat.“
Der Ritter wandte ein: „Ja, ich habe gehofft und
geglaubt, dass er vor seinem Tode noch wahre Reue
spüren würde.“ Der Neger antwortete ihm: „Du
hast all die guten Taten gesammelt, die er getan
hat, und du kennst all die Worte und Gedanken, die
zur Rettung seiner Seele dienen können. All dies,
wie es auch sein mag, ist nicht mit der Gnadengabe
zu vergleichen, die aus einer Reue besteht, die
aus Gottesliebe eingegeben und mit Glauben und
Hoffnung verbunden ist; noch weniger kann es alle
seine Sünden auslöschen.
Denn Gott ist von Ewigkeit her so gerecht, dass
kein Sünder, der keine vollkommene Reue empfunden
hat, ins Himmelreich eintreten darf. Es ist unmöglich,
dass Gott gerade gegen die Ordnung richtet, die
seit ewigen Zeiten in seinem Vorherwissen
beschlossen ist. Also muss diese Seele zur Hölle
verurteilt und mit mir vereinigt werden, um ewig
gepeinigt zu werden.“ Bei diesen Worten schwieg
der Ritter und erwiderte nichts.
Dann erschienen unzählige Teufel, wie Funken, die
aus einem brennenden Ofen aufflogen; sie riefen
mit einer Stimme und sagten zu dem, der wie die
Sonne auf dem Richterstuhl saß: „Wir wissen,
dass du ein Gott in drei Personen bist, dass du
von Anfang an da warst und ohne Ende sein wirst,
und dass es keinen anderen Gott gibt, als dich. Du
bist wahrhaftig die Liebe selbst, mit der
Barmherzigkeit und Gerechtigkeit vereint sind. Du
ruhtest von Anfang an in dir selbst, ganz
unvermindert und unveränderlich, wie es Gott gebührt.
Ohne dich ist nichts, und es gibt nichts, das außer
dir eine Freude hat.
Deine Liebe hat auch die Engel aus nichts anderem,
als durch die Macht deiner Gottheit geschaffen,
und du hast so gehandelt, wie die Barmherzigkeit
es vorschrieb. Aber da wir in unserem Inneren von
Hochmut, neid und Gier beseelt sind, hat uns deine
Liebe, die Gerechtigkeit liebte, mit dem Feuer
unserer Bosheit aus dem Himmel hinunter in eine
dunkel unermessliche Tiefe verstoßen, die jetzt Hölle
genannt wird. So hat deine Liebe damals gehandelt,
und die soll auch jetzt nicht von deinem gerechten
Gericht getrennt sein, ob das nach der
Barmherzigkeit oder nach Gerechtigkeit geschieht.
Wir sagen noch mehr: Wenn das, was du mehr als
alles geliebt hast, nämlich die Jungfrau, die
dich geboren hat und die nie gesündigt hat, wenn
sie eine Todsünde begangen hätte und ohne göttliche
Reue gestorben wäre – so wäre ihre Seele nie
in den Himmel gekommen, sondern wäre bei uns in
der Hölle geblieben; so liebst du die
Gerechtigkeit. Deshalb, o Richter, warum sprichst
du uns nicht diese Seele zu, so dass wir sie nach
ihren Taten strafen dürfen?“
Da ertönte ein Laut wie von einer Posaune, und
die es hörten, verstummten. Eine Stimme sprach:
„Schweigt still, ihr Engel, Seelen und Dämonen
alle, und hört zu, was Gottes Mutter sagt!“
Gleich zeigte sich die Jungfrau vor dem
Richterstuhl, und unter ihrem Mantel schien sie
ein paar große Gegenstände zu verbergen. Sie
sagte: „Ihr Feinde, ihr verfolgt die
Barmherzigkeit, und mit keiner Liebe liebt ihr die
Gerechtigkeit. Wenn auch diese Seele einen Mangel
an guten Taten aufweist, was bewirkt, dass sie
nicht in den Himmel kommen sollte, so schaut aber,
was ich unter meinem Mantel habe!“
Als die Jungfrau beide Mantelschöße aufhob,
erschien unter dem einen etwas wie eine kleine
Kirche, in der sich einige Mönche befanden, und
unter dem anderen Frauen und Männer, Ordensleute
und andere. Und sie riefen alle mit lauter Stimme
und sagten: „Erbarme dich, gnadenreicher
Gott!“
Dann wurde es still, und die Jungfrau redete und
sagte: „Die Schrift sagt: „Wer einen
vollkommenen Glauben hat, kann damit Berge auf der
Welt versetzen.“ Was können und müssen dann
nicht die Stimme derer tun, die Glauben hatten und
Gott mit brennender Liebe gedient haben? Was
sollten nicht auch die Freunde Gottes tun, die er
gebeten hat, Fürbitte für ihn zu leisten, so
dass er der Hölle entgehen und in den Himmel
kommen kann, und der keinen anderen Lohn für
seine guten Taten begehrte, als das Himmelreich?
Sollen nicht alle ihre Tränen und Gebete ihn
ergreifen und erheben, so dass er noch vor seinem
Tode eine gottgegebene Reue und zugleich Lieb
empfindet? Ich werde auch meine eigenen Gebete und
die Bitten all der Heiligen hinzufügen, die es im
Himmel gibt, und denen er besondere Ehre erwiesen
hat.
Die Jungfrau fügte hinzu: „Dämonen, ich
befehle euch mit der Macht des Richters, darauf
Acht zu geben, was ihr jetzt an Gerechtigkeit
seht!“ Da antworteten sie alle wie aus einem
Munde: „Wir sehen, dass auf Erden Gottes Zorn
durch ein wenig Wasser und großes Wetter besänftigt
wird[1]. So bewegt auch dein Gebet Gott zu
Barmherzigkeit und Liebe.“ Dann hörte man von
der Sonne eine Stimme, die sagte: „Auf die
Gebete meiner Freunde hin soll dieser Mann noch
vor seinem Tode göttliche Reue empfinden[2]. Er
soll also nicht in der Hölle landen, sondern
zusammen mit denen gereinigt werden, die im
Fegefeuer schwere Strafe leiden. Und wenn die
Seele gereinigt ist, soll sie zusammen mit denen
gereinigt werden, die auf Erden Hoffnung und
Glauben hatten, aber nur geringe Liebe.“ Da
machten sich die Dämonen aus dem Staube.
Danach dachte die Braut, sie würde sehen, dass
sich eine dunkle und schreckliche Stelle öffnen würde,
wo da ein Ofen zu sehen war, der innen brannte.
Das Feuer hatte nichts anderes zu tun, als noch
Teufel und lebende Seelen zu verbrennen. Über
diesem Ofen zeigte sich die Seele, deren Urteil
schon ergangen war. Die Seele war am Ofen
befestigt, und die Seele stand aufrecht wie ein
Mensch. Sie stand nicht auf dem höchsten Platz
und auch nicht auf dem niedrigsten, sondern
gleichsam neben dem Ofen.
Ihre Gestalt war schrecklich und seltsam. Das
Feuer im Ofen schien sich durch die Füße der
Seele hindurch zu winden, so wie Wasser durch eine
Röhre aufsteigt; es drückte sich fest zusammen
und schob über ihren Kopf in die Höhe, so dass
die Schweißtropfen Adern glichen, die vom
brennenden Feuer aufgeschwollen waren. Die Ohren
sahen aus wie Blasebälge eines Schmiedes und
setzten das Hirn mit ihrem ununterbrochenen Blasen
in Bewegung. Die Augen zeigten sich zurückgewandt
und eingesunken, nach innen zu am Nacken
befestigt.
Der Mund war weit offen, und die Zunge, die durch
die Nasenlöcher ausgestreckt war, hingen auf die
Lippen herunter. Die Zähne waren wie Eisennägel
durch den Gaumen befestigt. Die Arme waren so
lang, dass sie bis auf die Füße hinunterhingen,
und die beiden Hände schien etwas Fettes mit
siedendem Teer zusammenzupressen. Die Haut, die
die Seele bedeckte, schien wie ein Tierfell über
einem Körper zu hängen, und sie war wie ein mit
Samenflüssigkeit übergossenes Leinenkleid.
Dieses Kleid war so kalt, dass jeder, der es sah,
schaudern musste. Eiter drang daraus hervor, wie
aus einer Wunde mit geronnenem Blut, und der
Gestank, der dabei auftrat, war so widerlich, dass
nicht einmal der schlimmste Gestank auf der Welt
damit zu vergleichen war.
Nachdem sie diese Plage gesehen hatte, hörte die
Braut eine Stimme von der Seele. Die schrie fünfmal
„Wehe!“ und weinte und rief mit aller Kraft:
„Weh mir für das erste,“ sagte sie, „dass
ich Gott für alle seine großen Tugenden und die
Gnade, die er mir erwiesen hat, so wenig geliebt
habe! Weh mir für das zweite, dass ich die
Gerechtigkeit nicht so gefürchtet habe, wie ich hätte
sollen! Weh mir für das dritte, dass ich die Lust
des Leibes und meines sündhaften Fleisches
geliebt habe! Weh mir für das vierte, wegen der
Reichtümer der Welt und meines Hochmuts! Weh mir
für das fünfte, dass ich jemals Ludwig und
Johanna gesehen habe!
Dann sagte der Engel zu mir: „Ich will dir diese
Vision erklären. Der Palast, den du gesehen hast,
ist ein Bild des Himmels. Die vielen Geschöpfe,
die auf Thronen und in weiße, glänzende Kleider
gekleidet waren, sind die Seelen von Engel und
Heiligen. Die Sonne bezeichnet Christus in seiner
Göttlichkeit, die Frau die Jungfrau, die Gott
geboren hat, der Neger den Teufel, der die Seele
anklagt, der Ritter den Engel, der die Taten der
Seele erzählte, und der Ofen die Hölle, dessen
Inneres so heiß brennt, dass – wenn die ganze
Welt mit allem, was darinnen ist, brennen würde
– so könnte das doch nicht mit der Hitze in
diesem Ofen verglichen werden.
In dem Ofen hört man verschiedene Stimmen, die
alle gegen Gott anderen, und die alle ihre Reden
mit „Weh!“ beginnen und enden. Die Seelen
zeigen sich als Menschen, deren Glieder
erbarmungslos ausgestreckt werden, und die niemals
eine Stunde Ruhe erhalten. Wisse auch, dass das
Feuer, das du im Ofen gesehen hast, in ewigem
Dunkel brennt, und dass nicht alle Seelen, die
dort brennen, dieselbe Art von Plagen haben. Das
Dunkel um den Ofen herum heißt Limbus und geht
aus dem Dunkel hervor, das im Ofen herrscht; sie
beide bilden aber ein Gebiet und eine Hölle, und
wer dahin kommt, kann niemals bei Gott wohnen.
Oberhalb dieses Dunkels herrscht die schwerste
Pein des Fegefeuers, das Seelen ertragen können.
Außerhalb des Platzes gibt es einen anderen
Platz, wo eine geringere Pein herrscht, die nichts
anderes ist, als eine Verminderung der Kräfte an
Stärke und Schönheit und dergleichen. Das ist,
um in einem Gleichnis zu sprechen, als ob jemand
krank gewesen wäre, und die Krankheit oder Plage
aufgehört hätte, aber er hatte noch keine Kräfte,
sondern musste diese so allmählich
wiedergewinnen.
Es gibt noch einen dritten, höheren Platz, wo
keine andere Plage herrscht als die Sehnsucht, zu
Gott zu gelangen. Damit du dies besser in deinem
Sinn verstehst, komme ich mit einem Gleichnis.
Stell dir vor, dass Kupfer mit Gold vermischt wird
und nun zusammen mit dem Gold im heißesten Feuer
brennt, wo das Metall so lange gereinigt wird, bis
das Kupfer verzehrt ist und das Gold in reiner
Form übrig bleibt. Je stärker und dicker das
Kupfer ist, ein umso heißeres Feuer braucht man,
damit das Gold klar wie Wasser wird und immer glühen
bleibt.
Dann bringt der Meister das Gold an einen anderen
Platz, wo es wirklich Gestalt annehmen soll, um
gesehen und berührt zu werden. Danach schickt er
es zu einer dritten Stelle, wo es verwahrt werden
soll, um dem Eigentümer übergeben zu werden. So
ist es auch im geistlichen Bereich. An der ersten
Stelle, oberhalb des Dunkels, herrscht die
schwerste Plage des Fegefeuers. Das war dort, wo
du sahst, dass die genannte Seele gereinigt wird.
Die Seelen werden dort der Berührung durch die
Teufel und – um im Gleichnis zu sprechen –
durch giftige Reptilien und wilde Raubtiere
ausgesetzt. Da herrscht Hitze und Kälte, da ist
Dunkel und Qual, und dies alles rührt von der
Pein in der Hölle her. Manche Seelen leiden größere,
andere kleinere Strafen, je nachdem, ob die Sünden
wiedergutgemacht sind oder nicht, als die Seelen
noch im Körper wohnten.
Dann führt der Meister – ich meine den
gerechten Gott – das Gold – ich meine die
Seelen – an andere Stellen, wo sie nur aus
Mangel an Kräften geplagt werden, und dort müssen
sie bleiben, wo sie Hilfe bekommen, entweder von
ihren besondern Freunden, oder von den unaufhörlichen
Werken der heiligen Kirche. Je größere Hilfe die
Seele von ihren Freunden erhält, desto schneller
erholt sie sich und wird von diesem Platz befreit.
Danach wird die Seele an einen dritten Platz geführt,
wo die einzige Plage aus der Sehnsucht besteht, in
die Gegenwart und seine beseligende Betrachtung zu
gelangen. Hier bleiben viele und sehr lange, mit
Ausnahme derer, die – als sie noch auf Erden
lebten - die vollkommene Sehnsucht hatten, in
Gottes Nähe zu gelangen, und ihn zu schauen.
Wisse auch, dass viele auf der Welt so gerecht und
unschuldig sterben, dass sie gleich in Gottes Nähe
und seinen Anblick kommen. Und manche haben ihre Sünden
mit so vielen guten Taten gutgemacht, dass ihre
Seelen keine Plage erfahren werden. Es sind jedoch
nur wenige, die nicht an den Platz gelangen, wo
man sich danach sehnt, zu Gott zu kommen. Und alle
die Seelen, die an diesen drei Plätzen wohnen,
haben an den Gebeten und guten Werken der hl.
Kirche teil, die sie selbst zu Lebzeiten getan
haben, und von denen, die ihre Freunde nach ihrem
Tode tun. Wisse auch, dass – wie die Sünden
mannigfach und wechselnd sind, so sind auch die
Strafen mannigfach und verschiedenartig. Wie sich
der Hungrig über das Essen freut, das an seinen
Mund kommt, ein Durstiger über den Trank und ein
Trauriger über die Freude, die er erleben darf,
ein Nackter über Kleidungsstücke und ein
Kranker, ins Bett zu kommen, so freuen sich auch
die Seelen und erhalten Teil an dem Guten, das
ihretwegen auf der Welt getan wird.“
Der Engel fügt hinzu: „Gesegnet sei der, der
auf Erden den Seelen mit Gebeten, guten Werken und
mit körperlicher Arbeit beisteht, denn Gottes
Gerechtigkeit kann nicht lügen, die sagt, dass
die Seelen nach dem Tode entweder mit der Qual des
Fegefeuers gereinigt werden sollen, oder durch die
guten Werke von Freunden erlöst werden.“
Dann hörte man viele Stimmen aus dem Fegefeuer
sagen: „O Herr Jesus Christus, gerechter
Richter, sende deine Liebe zu denen, die auf Erden
geistliche Macht haben, dann können wir noch mehr
als jetzt an ihrem Gesang, ihrer Lesung und ihren
Opfern teilhaben!“ Über dem Raum, von wo aus
dieser Ruf gehört wurde, wurde etwas wie ein Haus
sichtbar, und daraus hörte man viele Stimmen, die
sagten: „Möge Gott die belohnen, die uns in
unserer Ohnmacht Hilfe senden!“
Aus dem Hause selbst sah man gleichsam eine
Morgenröte aufsteigen, aber unter der Morgenröte
zeigte sich ein Himmel, der nicht von dem Glanz
der Morgenröte hatte, und vom Himmel hörte man
eine laute Stimme, die sagte: „O Herr Gott, gib
aus deiner unendlichen Macht denen auf der Welt
hundertfachen Lohn, die uns mit ihren guten Werken
zum Lichte deiner Gottheit und zum Schauen deines
Angesichts erheben!“
[1]. Wie Steffen anmerkt,
ist dies sarkastisch und bedeutet „Tränen“
und „leeres Geschwätz“.
[2]. Birgitta vertritt hier wie auch an anderer
Stelle die Auffassung, dass Reue und Gottesliebe
etwas sind, was von Gott eingegeben ist und nicht
vom Menschen selbst herrührt – in bester Übereinstimmung
mit katholischer Dogmatik und Moraltheologie. |

| 8.
Kapitel |
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Der Schutzengel von Nicolaus Acciajaoli beschreibt seine Plagen im Fegefeuer.
Weiter
spricht der Engel und sagt: „Die Seele, deren
Lage du gesehen und deren Gericht du gehört hast,
ist in der schwersten Pein im Fegefeuer. Die Pein
besteht darin, dass sie nicht weiß, ob sie nach
dem Ende des Fegefeuers die himmlische Ruhe
erlangen wird, oder ob sie verdammt ist. Und das
ist Gottes Gerechtigkeit, denn sie besaß große
Klugheit und Unterscheidungsvermögen, aber sie
verwandte sie zu weltlichem Gewinn und zum Nutzen
des Leibes, nicht zum Nutzen und zum geistlichen
Gewinn der Seele.
Er vergaß nämlich, an Gott zu denken, so lange
er lebte, und deshalb leidet seine Seele jetzt die
Hitze des Feuers und zittert vor Kälte. Er ist
durch das Dunkel blind und schaudert dich vor dem
schrecklichen Anblick der Teufel; er ist vom
Schreien des Teufels taub, hungert und durstet
innerlich und ist äußerlich mit Scham umhüllt.
Doch vergönnte Gott ihm nach dem Tode eine Gnade,
nämlich dass er von den Teufeln nicht angefasst
werden sollte, denn nur zu Gottes Ehre verzieh er
die schweren Verbrechen, die seine schlimmsten
Feinde gegen ihn begangen haben; er unterließ es,
sich zu rächen und versöhnte sich mit seinem
schlimmsten Feinde.
Wisse auch, dass das Gute, das er getan und was er
versprochen hat, die Almosen die er aus seinen
recht mäßig erworbenen Gütern gegeben hat –
und vor allem die Gebete der Gottesfreunde, die
mindern seine Pein und schenken ihm Kühlung, so
wie es in Gottes Gerechtigkeit bestimmt ist.
Andere Almosen, die er aus weniger gut erworbenen
Gütern gegeben hat, kommen in geistlicher Weise
denen zugute, die sie vorher recht mäßig
besessen haben…“
|

| 9.
Kapitel |
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Ein Heiliger
deutet an, welche Möglichkeiten die Lebenden haben, die Plagen
Nicolaus Acciajaoli’s im Fegefeuer durch Almosen und fromme Werke
zu verkürzen.
Weiter sagte
der Engel: „Du hast vorhin gehört, dass dieser
Mann kurz vor seinem Tode durch Gebete der Freunde
Gottes eine gottesfürchtige und von Liebe
eingegebene Reue über seine Sünden empfand, und
die Reue hat ihn vor der Hölle gerettet. Daher
urteilt Gottes Gerechtigkeit nach dem Tode, dass
er in den sechs Lebensaltern im Fegefeuer brennen
sollte, die er von der Stunde an hatte, da er zum
ersten Mal eine bewusste Todsünde beging, und bis
er fruchtbare Reue aus Liebe zu Gott empfand,
soweit er keine Hilfe von den Lebenden und von
Gottes Freunden erhielt.
Das erste Alter war, dass er Gott nicht wegen des
Todes seines edlen Leibes und wegen der
mannigfachen Leiden liebte, die Christus selbst für
nichts anderes ausgestanden hat, als für die Erlösung
der Seelen. Das zweite Alter war, dass er seine
eigene Seele nicht liebte, wie ein Christ das tun
sollte, und Gott nicht dafür dankte, dass er
getauft wurde, und kein Jude oder Heide war. Das
dritte Alter war, dass er sehr genau wusste, was
Gott ihm zu tun befohlen hatte, dass er aber nur
wenig gewillt war, das zu verwirklichen.
Das vierte Alter war, dass er seht wohl wusste,
was Gott denen verboten hat, die in den Himmel
kommen wollen, aber doch frech dagegen handelte,
indem er nicht den Warnungen des Gewissens folgte,
sondern dem Begehren und Willen seines Leibes. Das
fünfte Alter war, dass er nicht die Gnade nutzte
und zu beichten pflegte, was er hätte tun sollen,
wo er so lange Zeit hatte. Das sechste Alter war,
dass er sich nur wenig um Gottes Leib[1] kümmerte
und ihn nicht fleißig empfangen wollte, nachdem
er sich der Sünde nicht enthalten wollte, und
keine Lust hatte, Christi Leib vor Ende seines
Lebens liebevoll anzunehmen.“
Dann zeigte sich ein Mann, der sehr ritterlich
anzusehen war. Seine Kleider waren weiß und glänzend,
wie die Alba des Priesters, und er war mit einem
Leinengürtel umgürtet und hatte eine rote Stola
um den Hals und unter den Armen. Er begann seine
Worte folgendermaßen: „Du, der du dies siehst,
gib Acht und behalte im Gedächtnis, was du
siehst, und was dir gesagt wird. Ihr, die ihr auf
Erden lebt, könnt Gottes Macht und Anordnungen
vor Beginn der Zeit nicht in derselben Weise
verstehen wie wir, die bei ihm sind. Denn das, was
bei Gott in einem Augenblick geschieht, das kann
von euch nur mit Worten und Gleichnissen auf
irdische Weise verstanden werden.
Ich bin einer von denen, der diesen zum Fegefeuer
verurteilten Mann mit seinen Gaben ehrte, als er
noch lebte. Daher vergönnte mir Gott in seiner
Gnade, dass – wenn jemand tun will, wozu ich
rate, seine Seele auf einen höheren Platz überführt
werden kann, wo sie ihre richtige Gestalt erhalten
würde und keine andere Qual als die empfinden würde,
als wie der sie leidet, der eine schwere Krankheit
hatte, und nun ohne Kräfte daliegt, nachdem alle
Beschwerden verschwunden sind, der sich aber doch
freut, nachdem er sicher weiß, dass er überleben
darf.
Du hast ja gehört, dass seine Seele einen fünffachen
Weheruf ausstieß. Nun will ich ihm stattdessen fünf
trostreiche Dinge sagen. Der erste Weheruf war,
dass er Gott so wenig geliebt hat. Damit er von
diesem Weh befreit wird, soll man für seine Seele
dreißig Kelche geben, in denen Gottes Blut
geopfert wird, und womit Gott selbst hochgeehrt
wird.
Der zweite Wehruf war, dass er Gott nicht fürchtete.
Um diese Sünde auszulöschen, sollen dreißig
Priester, nach menschlichem Ermessen gottesfürchtig,
ausgewählt werden, und jeder von ihnen soll dreißig
Messen lesen, wenn er kann. Neun zu Ehren der Märtyrer,
neun für die Bekenner, neun für alle Heiligen,
eine für die Engel, eine für die hl. Maria und
eine für die heiligen Dreifaltigkeit. Und sie
sollen eifrig für seine Seele beten, so dass
Gottes Zorn gemildert wird, und seine
Gerechtigkeit zur Barmherzigkeit gewandelt wird.
Dir dritte Wehruf galt seinem Hochmut und seiner
Gewinnsucht. Um diese Widergutzumachen, soll man
dreißig arme Menschen aufnehmen, ihnen demütig
ihre Füße waschen und ihnen Essen, Geld und
Kleider geben, woran sie sich erfreuen können.
Und die, die sie waschen, und die gewaschen
werden, sollen Gott demütig bitten, dass dieser
wegen seiner eigenen Demut und seiner bitteren
Pein (am Kreuz) dieser Seele ihre Gewinnsucht und
den Hochmut verzeihen möge, der sie sich schuldig
gemacht hat.
Der vierte Wehruf galt der Wollust seines Leibes.
Wenn dafür jemand eine Jungfrau und ebenso eine
Witwe in ein Kloster gibt und einer Jungfrau zu
einer guten Ehe verhilft und ihnen gleichzeitig so
viele Güter schenkt, dass sie ausreichend zu
essen und genügend Kleider hätten, dann würde
Gott die Sünde verzeihen, die diese Seele zu
Lebzeiten begangen hat. Denn dies sind die drei
Lebensstände, die Gott erwählt und befohlen hat,
dass sie auf der Welt eingehalten werden.
Der fünfte Wehruf war, dass er viele Sünden zum
Schaden anderer begangen hat: Er arbeitete ja mit
aller Kraft darauf hin, dass die beiden eben
genannten Personen, die nicht weniger nahe
verwandt waren, als wenn beide aus aller nächster
Verwandtschaft waren, zur Ehe zusammen kommen
sollten. Und diese Verbindung betrieb er mehr aus
eigenem Interesse, als für das Reich, und ohne
den Papst um Erlaubnis zu fragen, und gegen die
lobenswerte Verordnung der hl. Kirche.
Viele sind deshalb Märtyrer geworden, dass sie
nicht duldeten, dass so etwas gegen Gott und die
Sitten der hl. Kirche und christliche Sitten
begangen wurde. Wer diese Sünde ausmerzen will,
soll zum Papst gehen und sagen: „Ein Mann (den
Namen braucht er nicht zu nennen) hat diese Sünde
begangen; er hat sie sicher in letzter Zeit bereut
und hat Ablass erhalten, hatte aber nicht mehr
Zeit, die Sünde wieder gutzumachen. Legt mir dafür
auf, welche Buße ihr wollt und die ich leisten
kann, denn ich bin bereit, an seiner Stelle diese
Sünde gutzumachen.“ Wahrhaftig, auch wenn ihm
keine größere Buße als ein Vaterunser auferlegt
würde, so würde das doch dieser Seele zu einer
Abkürzung der Pein des Fegefeuers helfen.“
[1]. D.i. die Hostie. |

| 10.
Kapitel |
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Christus klagt Birgitta über den kirchlichen Verfall in Rom.
Gottes Sohn
spricht die Worte und sagt: „O Rom, für meine
vielen Wohltaten gibst du mir eine schlechte
Vergeltung. Ich bin Gott, der alles geschaffen
hat, und der meine unendlich Liebe durch den
schweren, grausamen Tod meines Leibes offenbart
hat, den ich freiwillig zur Erlösung der Seelen
erlitten habe. Es gibt drei Wege, und auf denen
wollte ich zu dir gehen, aber du wolltest mich
wahrhaftig auf ihnen allen verraten.
Auf dem ersten Weg hängest du einen großen Stein
über mein Haupt, damit er mich vernichten sollte.
Auf den zweiten Weg setztest du einen scharfen
Speer, der mich daran hindern sollte, zu dir hin
zu kommen. Auf dem dritten Weg grubst du eine
Grube, damit ich unvorsichtig darin hineinfallen
sollte und so erstickt würde.
Aber das, was ich jetzt sage, darf nicht wörtlich,
sondern geistlich verstanden werden. Ich spreche
ja zu den Einwohnern Roms, die so etwas machen,
aber nicht zu meinen Freunden, die nicht ihren
Taten folgen. Der erste Weg, auf dem ich zum
Herzen des Menschen komme, ist die wahre
Gottesfurcht, und darüber hängte der Mensch
einen gewaltigen Stein, nämlich die große
Vermessenheit des harten Herzens, in der er nicht
den Richter fürchtet, dem niemand widerstehen
kann, sondern er denkt in seinem Herzen: „Wenn
die Gottesfurcht zu mir kommt, wird die
Vermessenheit meines Herzens sie vernichten.“
Der zweite Weg, auf dem ich komme, ist die
Eingebung des göttlichen Rates, die auch oft
durch Predigt und Lehre kommt. Auf diesem Wege
setzt der Mensch einen Speer gegen mich, wenn er
sein Vergnügen daran findet, gegen meine Gebote
zu sündigen und sich fest vornimmt, in seinen Sünden
zu verharren, bis er nicht länger in der Lage
ist, sie zu betreiben. Das ist tatsächlich der
Speer, der Gottes Gnade daran hindert, zu ihm zu
kommen.
Der dritte Weg ist die Erleuchtung jedes
Menschenherzens durch den Heiligen Geist. Dadurch
kann der Mensch verstehen und erwägen, wie viel
ich für ihn getan habe, und welch schwere Leiden
ich um seinetwillen auf mich genommen habe. Auf
diesem Wege gräbt er mir eine tiefe Grube, indem
er in seinem Herzen sagt: „Das gefällt mir, das
ist mir lieber, als seine Liebe. Für mich reicht
es nämlich, an die Dinge zu denken, an denen ich
in diesem Leben Freude habe.“ Und so erstickt
der Mensch die göttliche Liebe mit meinen Taten,
wie in einer tiefen Grube.
Die Bewohner Roms tun mir in Wahrheit all dies an
und zeigen das fürwahr mit Wort und Tat. Sie
halten meine Worte und Taten für nichts und schmähen
mich, meine Mutter und meine Heiligen, sowohl im
Scherz als auch im Ernst, in Freude wie im Zorn,
und bereiten uns Schimpf an Stelle von Danksagung.
Sie leben gewiss nicht nach der Sitte der
Christen, wie es die heilige Kirche lehrt, denn
sie haben keine größere Liebe zu mir als die
Teufel, die lieber ihr Elend und ihre Bosheit in
Ewigkeit ertragen wollen, als mich zu schauen und
bei mir in ewiger Ehre zu wohnen.
So sind vor allem die, die meinen Leib nicht
annehmen wollen, der auf dem Altar in Brot
verwandelt wird, wie ich es selbst bestimmt hatte.
Ihn anzunehmen, hilft am allermeisten gegen die
Versuchung des Teufels.
O wie unglücklich sind doch die, die – solange
sie gesund sind – eine solche Hilfe verschmähen
und verabscheuen, als wäre sie etwas Schlimmeres
als Gift, nachdem sie sich nicht von ihren Sünden
trennen wollen! Nun komme ich deshalb auf einem für
sie unbekannten Wege mit der Macht meiner Göttlichkeit,
um Rache an denen zu nehmen, die meine
Menschlichkeit verachten.
Und so wie sie auf ihren Wegen drei Hindernisse für
mich bereitet haben, so dass ich nicht zu ihnen
kommen kann, so werde ich ihnen drei andere Dinge
bereiten, deren Bitterkeit Lebende und Tote
vernehmen und schmecken sollen. Mein Stein ist ein
plötzlicher und unvorhergesehener Tod, der sie so
vernichten wird, dass alles, an dem sie Vergnügen
hatten, hier unten verbleiben soll, und die Seele
allein gezwungen wird, zu meinem Richterstuhl zu
kommen.
Mein Speer ist meine Gerechtigkeit, die sie so
weit fort von mir jagen wird, dass sie niemals
meine Schönheit sehen, die sie erschaffen hat.
Meine Grube ist die Finsternis der Hölle, in die
sie fallen werden, um dort in ewiger Qual zu
leben. Alle meine Engel im Himmel und alle
Heiligen werden sie verurteilen, und die Teufel
und alle Seelen in der Hölle werden sie
verdammen.
Mit ihnen bezeichne ich und von ihnen sage ich
dies, die so beschaffen sind, wie oben gesagt ist,
ob es Ordenspriester, Weltpriester, Laien oder
deren Frauen, Söhne oder Töchter sind, die ein
solches Alter erreicht haben, dass sie verstehen,
dass Gott alle Sünden verboten hat, und die sich
trotzdem freiwillig in Sünden verstricken, indem
sie die Gottesliebe ausschließen und die
Gottesfurcht geringachten.
Doch habe ich noch denselben Willen wie damals,
als ich am Kreuze hing. Ich bin derselbe, der ich
war, als ich dem Räuber, der um Barmherzigkeit
bat, alle seine Sünden verzieh und ihm die
Pforten des Himmels öffnete; aber für den
anderen Räuber, der mich verachtete, den Zaun der
Hölle offenließ; Dort soll er ewig für seine Sünden
gepeinigt werden.
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| 11.
Kapitel |
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Die hl. Agnes
preist Gottes Mutter und bittet sie, Birgitta Barmherzigkeit zu zeigen.
Maria verspricht ihrerseits, zu ihrem Sohn Christus für Birgitta
zu beten.
Agnes
spricht: „O Maria, du Mutter und Jungfrau über
alle Jungfrauen, du kannst mit Recht die Morgenröte
genannt werden, die von der wahren Sonne Jesus
Christus beleuchtet wurde. Aber soll ich dich
wegen deines königlichen Geschlechts, oder für
Reichtümer oder Ehre Morgenröte nennen?
Keineswegs. Nein, du magst mit Recht wegen deiner
Demut, wegen deines Glaubenslichts oder wegen
deines unvergleichlichen Keuschheitsgelübdes
Morgenröte genannt werden.
Du hast nämlich die wahre Sonne angekündigt und
sie hervorgebracht. Du bist die Freude der
Gerechten, du vertreibst die Teufel, du bist der
Trost der Sünder. Daher bitte ich dich um deiner
Hochzeit willen, die Gott mit dir in dieser Stunde
gefeiert hat, dass deine Tochter (Birgitta) in der
Verehrung und Liebe deines Sohnes bleiben kann.“
Die Mutter Gottes antwortete: „Sag ihr, die dies
hört, wie du dies Hochzeit auffasst!“ Agnes
erwiderte: „Du bist in Wahrheit Mutter, Jungfrau
und Ehefrau. Denn die schönste Hochzeit geschah
in dir zu der Stunde, als Gott sich in dir mit der
Menschlichkeit vereinigte, ohne dass seine Göttlichkeit
Schaden litt oder vermindert wurde. So vereinigte
sich auch die Jungfräulichkeit und die
Mutterschaft, ohne dass die Reinheit der Jungfräulichkeit
Schaden nahm, und du bist gleichzeitig Mutter und
Tochter für deinen Schöpfer geworden.
Heute hast du ihn zeitlich geboren, der vom Vater
ewig geboren war, und der mit dem Vater alles
bewirkt hat. Der Heilige Geist war in dir, außerhalb
von dir und um dich her, und er machte dich
fruchtbar, als du dein Einverständnis gabst,
Gottes Botin zu sein. Dieser Gottessohn, der heute
von dir geboren wurde, war schon in dir, ehe sein
Sendbote zu dir kam.
Sei deshalb barmherzig gegen deine Tochter. Sie
ist nämlich wie eine arme Frau, die in einem Tal
wohnte und nichts anderes hatte, als ein paar
kleine lebende Dinge, wie Huhn oder Gans, aber sie
hegte eine so große Liebe zu dem Herrn, der auf
dem Berge oberhalb des Tales wohnte, dass sie
diesem Herrn auf dem Berge aus Liebe all das
Lebende anbot, was sie besaß.
Der Herr antwortete dieser Frau: „Ich habe Überfluss
an allem, und ich brauche das nicht, was dir gehört,
aber vielleicht machst du dieses kleine Geschenk
aus dem Grunde, dass du ein größeres als
Gegengabe erhältst.“ Sie antwortete ihm: „Ich
biete es nicht dafür, dass du es gebrauchst,
sondern dafür, weil du mich arme Frau an deinem
Berge bauen und wohnen ließest, und dafür, dass
ich von deinen Dienern geehrt worden bin. Ich
biete dir nun das Wenige an, was meine Freude ist,
damit du siehst, dass ich noch mehr tun würde,
wenn ich könnte, und dass ich nicht undankbar für
deine Gnade bin.“
Der Herr entgegnete: „Weil du mich mit einer so
großen Liebe liebst, will ich dich auf meinen
Berg hinaufnehmen und dir und den Deinen jedes
Jahr Kleider und Essen geben.“ So ist deine
Tochter nun beschaffen. Sie hat dir nämlich das
einzig Lebendige gelassen, was sie hatte – d.h.
die Liebe zur Welt und ihren Kindern. Deshalb
kommt es deiner Milde zu, für sie zu sorgen.“
Die Mutter antwortete der Braut des Sohnes und
sagte: „Tochter bleib standhaft! Ich werde
meinen Sohn bitten, dass er dir jährlich Kost
gibt und dich auf den Berg erhebt, wo ihm tausend
und abertausend Engel dienen. Denn wenn man alle
Menschen rechnet, die von Adem bis zu dem letzten
Menschen am Ende der Welt geboren sind, würde man
mehr als zehn Engel für jeden Menschen finden.
Die Welt ist gewiss nichts anderem gleich, als
einem Topf. Das Feuer und die Asche unter dem Topf
– das sind die Freunde der Welt, während die
Freunde Gottes so wie das köstliche Essen im Topf
sind. Wenn der Tisch gedeckt ist, soll das köstliche
Essen dem Herrn dargebracht werden, und er wird
davon auch etwas kosten. Der Topf wird zerbrochen
werden, aber das Feuer soll doch nicht verlöschen.“
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| 12.
Kapitel |
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Maria erklärt Birgitta, warum Gottes Freunde bald Trost erfahren, bald Trübsal erleiden müssen.
Die Mutter
sagt: „Gottes Freunde sollen auf dieser Welt
manchmal geistliche Trübsal, manchmal geistliche
Freude erleben. Die geistliche Freude ist die
Eingießung des Heiligen Geistes, die Betrachtung
von Gottes großem Werk und die Bewunderung seiner
Geduld, und wie all dies so lieblich in der Tat
vervollkommnet wird.
Geistliche Trübsal ist es, wenn unreine und unerwünschte
Gedanken den Sinn wider Willen beunruhigen, wenn
die Sinne sich über Gottes Entehrung und den
Schaden der Seelen ängstigen, und wenn die Seele
aus vernünftiger Ursache gezwungen wird, sich in
zeitliche Sorgen und Kümmernisse einzulassen. So
dürfen Gottes Freunde auch manchmal eine
zeitliche Freude erfahren, d.h. erbauliche Worte,
ehrbares Spiel oder andere Dinge, in denen nichts
Tadelnswertes oder Unpassendes ist.
Du sollst dies durch ein Gleichnis verstehen. Wenn
die Faust immer geschlossen ist, würden entweder
die Sehnen zusammengezogen und schrumpfen, oder
die Hand würde alle Kraft verlieren. So ist es
auch mit geistlichen Dingen. Wenn die Seele immer
in Betrachtung verharrte, würde sie entweder sich
selbst vergessen und in Hochmut versinken, oder es
würde auch ihre Ehrenkrone verringert. Daher ist
es so, dass Gottes Freunde manchmal durch Eingießung
des Heiligen Geistes erfreut werden, manchmal mit
Gottes Zulassung Trübsal leiden, denn durch die Mühsale
werden die Wurzeln der Sünde ausgerissen, und die
Früchte der Gerechtigkeit stetiger.
Aber Gott, der die Herzen sieht und alles
versteht, begrenzt doch die Versuchungen seiner
Freunde, so dass sie ihnen zum Nutzen dienen, denn
er lässt alles nur in gerechter Weise und in
rechtem Gewicht und Maß geschehen. Also sollst
du, weil du im Geist Gottes berufen bist, dich
nicht über Gottes Langmut bekümmern, denn es
steht geschrieben, dass keiner zu Gott kommt, wenn
der Vater ihn nicht zieht.
Der Hirte ruft und lockt die Schafe ja mit einem
Blumenstrauß heim, und dann schließt er sorgfältig
den Schafstall ab, so dass die Schafe, auch wenn
sie drinnen herumspringen, gleichwohl nicht
hinauskönnen, denn der Stall hat ordentlich
gebaute Wände, ein hohes Dach und verschlossene Türen.
Daher gewöhnen sich die Schafe daran, Heu zu
fressen, so dass sie gefügig werden und auch Heu
aus der Hand des Hirten fressen. So ist es auch
mit dir geschehen. Das, was dir vorher schwer, ja
unerträglich schien, ist dir nämlich jetzt
leicht geworden, so dass dich jetzt nichts mehr so
erfreut, wie Gott.“
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| 13.
Kapitel |
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Christus erklärt Birgitta die Wichtigkeit, dass man für das zeitliche Wohlergehen seiner Mitmenschen betet.
Der Sohn
(Jesus Christus) spricht: „Du möchtest wissen,
warum ich den nicht höre, von dem ich sehe, dass
er viele Tränen vergießt und den Armen um meiner
Ehre willen vieles gibt. Erstens antworte ich dir:
Da, wo zwei Quellen zusammenfließen, geschieht es
oft, dass sie in einen einzigen Wasserlauf
zusammenfließen, und dass das Wasser der einen
Quelle, das trübe und unsauber ist, Schmutz
absondert, und das Wasser der anderen, vorher so
reinen Quelle verdirbt. Wenn dies schmutzig
geworden ist – wer kann es dann trinken?
So ist es auch mit vieler Leute Tränen. Mancher
Leute Tränen entstehen nämlich manchmal aus
Nachgiebigkeit für die Neigung der Natur, und
manchmal aus weltlicher Trübsal oder Furcht vor
der Hölle. Solche Tränen von Menschen sind
unrein und stinkend, denn sie entspringen nicht
aus Liebe zu Gott. Aber die Tränen sind mir lieb,
die aus der Betrachtung von Gottes Wohltaten, der
eigenen Sünden und aus Liebe zu Gott hervorgehen.
Solche Tränen erheben die Seele vom Irdischen zum
Himmel und lassen den Menschen zum ewigen Leben
neugeboren werden.
Es gibt nämlich zwei Arten von Geburten, die körperliche
und die geistliche. Die körperliche gebiert den
Menschen aus Unreinheit zur Unreinheit. Er beweint
die Schäden des Leibes und erträgt fröhlich die
Mühen der Welt. Ein Sohn solcher Geburten ist
nicht ein Sohn der Tränen, der die Schäden der
Seele beweint und sich Sorgen darum macht, dass
der Sohn Gott nicht beleidigt. Eine solche Mutter
ist mit ihrem Sohn enger verwandt als die, die auf
fleischliche Weise gebiert, denn durch eine solche
Geburt wird das selige Leben erworben.
Auf das zweite, nämlich dass er den Armen Almosen
gibt, antworte ich: Wenn du deinem Sohn für das
Geld deines Dieners einen Rock kaufen würdest, würde
da der Rock mit Recht dem gehören, der das Geld
besaß? Ja, gewiss. So ist es auch im geistlichen
Bereich. Denn wer seine Untergebenen oder seinen Nächsten
bedrückt, damit er mit deren Geldern den Seelen
seiner Lieben helfen kann, der reizt mich mehr zum
Zorn, als dass er mich besänftig, denn ungerecht
weggenommene Güter nützen nur dem, der diese Güter
vorher zu Recht besessen hatte – und nicht
denen, für die sie ausgegeben werden.
Aber weil dieser Mann dir Gutes getan hat, müssen
ihm auch geistlich und körperlich Wohltaten
erwiesen werden, geistliche dadurch, dass für ihn
Gebete an Gott gerichtet werden, denn niemand kann
glauben, wie sehr Gebete von Demütigen Gott
gefallen, was ich dir durch ein Gleichnis zeigen
werde. Wenn jemand einem König ein großes
Silberstück anbieten würde, würden die, die das
gesehen haben, sagen: „Das ist eine große
Gabe.“ Wenn jemand dagegen ein Pater noster für
den König lesen wurde, würde er verhöhnt
werden.
Vor Gott ist es umgekehrt, denn wenn jemand ein
Pater noster für die Seele eines anderen betet,
so ist das Gott wohlgefälliger, als ein großes
Geldstück. Das geht klar daraus hervor, was mit
dem guten Gregorius geschah. Dieser erhob ja durch
sein Gebet den heidnischen Kaiser zu einem höheren
Amt.
Weiter sollst du ihm diese Worte sagen: „Nachdem
du Gutes an mir getan hast, bete ich zu Gott, der
alle belohnt, dass er dir nach seiner Gnade
vergelten möge.“ Sag weiter zu ihm: „Lieber
Freund, zu einem rate ich dir, und um eins bitte
ich dich. Ich rate dir, das Auge deines Herzens zu
öffnen und die Unstetigkeit und Eitelkeit der
Welt zu betrachten. Denk weiter daran, wie die
Liebe zu Gott in deinem Herzen erkaltet ist, und
wie schwer die Strafe ist, und wie schrecklich das
kommende Gericht.
Erwecke die Gottesliebe in deinem Herzen zum
Leben, richte all deine Zeit, dein zeitliches Gut,
deine Taten, Wünsche und Gedanken auf Gottes Ehre
hin, vertraue deine Kinder Gottes Anordnung und
seiner Vorsehung an und lass deine Gottesliebe
sich nicht ihretwegen verringern.
Zweitens bitte ich, dass du in deinen Gebeten
bewirken möchtest, dass Gott, der alles kann, dir
Geduld schenken und dein Herz mit seiner
gesegneten Liebe erfüllen möge.“
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| 14.
Kapitel |
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Christus
erklärt Birgitta, dass es dem Teufel nicht glücken wird,
seine eigenen schlechten Eingebungen mit den himmlischen Botschaften zu
vermischen, die ihr mitgeteilt werden.
Der Sohn
(Jesus Christus) spricht: „Warum fürchtest du
dich und bist bekümmert darüber, dass der Teufel
etwas in die Worte des Heiligen Geistes einmischt?
Hast du jemals gehört, dass der, der seine Zunge
zwischen die Zähne eines wütenden Löwen
steckte, sie ganz bewahrt hat? Oder hat ein Mensch
jemals aus dem Schwanz einer Kreuzotter süßen
Honig gesaugt? Keinesfalls.
Aber was ist der Löwe oder die Schlange anderes,
wenn nicht der Teufel? Er ist ein Löwe durch
seine Bosheit, eine Schlange durch ihre
Schlauheit. Was ist die Zunge, wenn nicht der
Trost des Heiligen Geistes? Und was ist es, die
Zunge zwischen die Zähne eines Löwen zu legen,
wenn nicht, Worte des Heiligen Geistes aufzusagen,
der sich zu Gunsten des Menschen und zum Lobpreis
in Zungengestalt offenbart hat?
Wer also redet, um Gott zu loben und Menschen zu
gefallen, der wird gewiss vom Teufel verwundet und
betrogen, denn seine Worte gehen nicht aus dem
Mund der Gottesliebe hervor, und die Zunge, nämlich
der Trost des Heiligen Geistes, wird ihm
weggenommen. Wer sich aber nach nichts anderem
sehnt, als nach Gott, für den ist alles Irdische
beschwerlich, und sein Leib begehrt nichts
anderes, als etwas zu sehen oder zu hören, als
was Gott gehört, und seine Seele ergötzt sich an
der Eingebung des Heiligen Geistes. Ein solcher
Mensch kann nicht betrogen werden, denn der böse
Geist weicht dem guten und wagt nicht, sich ihm zu
nähern.
Aber was bedeutet es anders, Honig aus dem Schwanz
der Kreuzotter zu saugen, als zu hoffen, von den
Eingebungen des Teufels den Trost des Heiligen
Geistes zu gewinnen, was doch auf keinen Fall
geschehen kann, weil der Teufel sich lieber
tausendmal töten lassen würde, als der Seele ein
einziges tröstendes Wort zu geben, das ihm für
das ewige Leben nützen könnte.
Fürchte dich also nicht! Gott, der das Gute in
dir angefangen hat, wird es nämlich zu einem
guten Ende führen. Du sollst aber wissen, dass
der Teufel wie ein Jagdhund ist, der von der
Koppel losgelassen ist. Wenn er sieht, dass du
nicht die Eingießung des Heiligen Geistes hast,
springt er dich mit seinen Versuchungen und
Eingebungen an. Aber wenn du ihm etwas Hartes
entgegenstellst, das seinen Zähnen
Schwierigkeiten macht, oder ihm das Maul stopfst,
dann wird er gleich von dir Wegspringen und dir
nicht schaden.
Was ist nun das Harte, das man dem Teufel
entgegenhalten muss, anders als die göttliche
Liebe und der Gehorsam vor Gottes Geboten? Wenn
der Teufel sieht, dass dies vollkommen in dir
steckt, dann knirscht er gleich mit den Zähnen,
d.h. sein Wille und sein Bemühen wird zunichte,
weil er sieht, dass du lieber alle Mühsale leiden
willst, als gegen Gottes Gebote zu handeln.“
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| 15.
Kapitel |
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Christus erklärt, wie er die Menschen, um sie zu erziehen, manchmal Freude, manchmal Trauer empfinden lässt.
Offenbarung, gegeben 1350 in Italien.
Gottes Sohn
spricht: „Du möchtest wissen, warum du hörtest,
dass Gottes ehrenwerter Freund von Trübsal
heimgesucht wird, aber Gottes Feind, von dem du
glaubtest, dass er geplagt werden müsste, geehrt
wird, wie es dir in einer anderen göttlichen
Vision gesagt wurde. Ich antworte dir: Meine Worte
sind sowohl geistlich als auch körperlich zu
verstehen. Was ist weltliche Trübsal anders, wenn
nicht eine Vorbereitung und eine Erhöhung zur
Krone? Und was ist weltliches Glück für den
Mann, der die Gnade missbraucht, wenn nicht ein
Niedersteigen zum Verderben? So enthalten Trübsale
auf Erden eine wahre Erhöhung zum Leben, aber auf
der Welt Erfolgt zu haben, bedeutet für einen
ungerechten Menschen ein wirkliches Niedersteigen
zur Hölle.
Daher will ich dir, um deine Geduld mit dem Lernen
von Gottes Wort zu stärken, ein Gleichnis sagen.
Er war eine Mutter, die zwei Söhne hatte. Der
eine war in einem dunklen Gefängnis geboren und
hatte nichts anderes gesehen oder gekannt, als
Dunkelheit und Muttermilch. Der andere dagegen war
in einer kleinen Stube geboren, aß menschliche
Kost, ruhte in einem Bett und wurde von einer Amme
bedient.
Zu dem, der im Gefängnis geboren war, sagte die
Mutter: „Mein Sohn, wenn du aus dem Gefängnis
herauskommen willst, wirst du eine bessere Kost,
ein weicheres Bett und einen sichereren
Aufenthaltsort bekommen.“ Als der Knabe das hörte,
ging er hinaus, denn wenn die Mutter ihm noch höhere
Dinge versprochen hätte, wie gute Pferde, ein
Elfenbeinhaus oder eine große Dienerschaft
versprochen hätte, hätte er das nicht geglaubt
– er kannte ja nur das Dunkel und die
Muttermilch. So verspricht auch Gott manchmal
kleine Dinge, womit er größere Dinge meint,
damit der Mensch durch das Zeitliche lernen soll,
an das Himmlische zu denken.
Zu dem anderen Sohn sagte die Mutter dagegen:
„Mein Sohn, was nützt es dir, in dieser elenden
Hütte zu wohnen? Höre auf meinen Rat, denn das
wird dir zum Nutzen dienen! Ich kenne zwei Städte.
In der einen haben die Einwohner unendliche und
unaussprechliche Freude sowie Ehren ohne Grenze.
In der anderen haben Kämpfer Gefechtsübungen.
Alle, die dort kämpfen, werden Könige, und alle,
die besiegt werden, siegen trotzdem.“
Der Knabe hörte das und ging hinaus auf den
Kampfplatz. Er kam zurück nach Hause und sagte
zur Mutter: „Ich habe auf dem Kampfplatz ein
seltsames Spiel gesehen. Manche wurden zu Boden
geworfen und niedergetrampelt, wurden ihrer
Kleider beraubt und verwundet, schwiegen alle und
spielten weiter, und keiner hob den Kopf oder die
Hand gegen die, die ihn niederschlugen.“
Die Mutter antwortete: „Die Stadt, die du
gesehen hast, ist nur eine Vorstadt zur
Ehrenstadt. In dieser Vorstadt will der Herr
herausfinden, welche geeignet sind, die Stadt der
Ehre zu betreten. Den, von dem er sieht, dass er
der Tapferste im Streit war, wird er am
ehrenvollsten in Herrlichkeit krönen. Deshalb
gibt es in dieser Stadt solche, die die prüfen
sollen, die in Herrlichkeit gekrönt werden
sollen. Du sahst, wie die Niedergeworfenen ihrer
Kleider beraubt wurden, verwundet wurden und doch
schwiegen, und das geschah deshalb, weil unsere
Kleider in unserer dunklen Hütte beschmutzt
wurden. Damit sie rein werden, ist ein großer
Kampf und Mühe vonnöten.“
Der Knabe erwiderte: „Es ist schwer,
niedergeworfen zu werden und doch zu schweigen; es
scheint mir besser, in meine Hütte zurückzukehren.“
Die Mutter sagte zu ihm: „Wenn du in unserer Hütte
bleibst, werden in unserer Dunkelheit und unserem
Schmutz Würmer und Schlangen gedeihen; du wirst
entsetzt sein, ihre Laute zu hören; ihr Biss wird
all deine Kraft zunichte machen, und ihre
Gesellschaft wird dich wünschen lassen, dass du
nie geboren bist.“
Der Junge hörte das und begehrte ein körperliches
Gut, obwohl die Mutter das in geistlicher Weise
gemeint hatte; er wurde immer mutiger, und Tag für
Tag wuchs seine Sehnsucht, die Krone zu gewinnen.
So handelt auch Gott. Denn er verspricht und
beschert zuweilen zeitliche Dinge. Ja er
verspricht fleischliche Dinge, womit er geistliche
meint, damit die Seele durch die empfangenen Gaben
zu göttlichem Eifer erweckt wird und sich durch
das Geistliche Verständnis demütigt, so dass sie
nicht eingebildet und vermessen wird.
So handelte Gott mit den Kindern Israel. Denn erst
versprach er und gab ihnen zeitliche Dinge, und er
tat mit ihnen auch Wundertaten, damit sie dadurch
unterwiesen würden und das Unsichtbare und
Geistliche verstehen sollten. Nachdem ihr Verstand
eine größere Erkenntnis über die Gottheit
erlangt hatte, redete Gott durch die Propheten
dunkel und schwer begreifliche Worte und mischte
ein paar tröstende und freudenreiche darunter,
indem er dem Volk versprach, dass sie in ihr
Vaterland zurückkehren und einen ewigen Frieden
genießen sollten, und dass sie das Zerstörte
wieder aufbauen sollten. Obwohl das Volk dies
fleischlich verstand und all das Versprochene in
fleischlicher Weise haben wollte, wusste und
bestimmte doch Gott im voraus, dass manches in
fleischlicher Weise, manches in geistlicher Weise
vollendet werden sollte.
Aber nun magst du fragen: „Warum hat Gott, dem
alle Zeiten und Stunden bekannt sind, nicht
deutlich und rechtzeitig alles vorausgesagt, und
warum hat er manchmal eins gesagt, und etwas
anderes gemeint?“ Ich will dir antworten.
Israels Volk war fleischlich eingestellt, begehrte
nur das Fleischliche und konnte das Unsichtbare
nur durch das Sichtbare verstehen. Daher hat es
Gott gefallen, sein Volk auf vielerlei Weise zu
unterrichten, so dass die, die seinen Verheißungen
glaubten, ihres Glaubens wegen desto ehrenvoller
gekrönt würden, die, die Fortschritte im Guten
gemacht haben, desto eifriger werden sollten, die
Trägen von einem desto größeren Eifer für Gott
entzündet würden, die Übertreter aufhören,
noch mehr zu sündigen, die Beladenen ihre Mühsale
geduldiger tragen, die Werktätigen froher
aushalten und die Wartenden desto ehrenvoller gekrönt
werden, damit sie an dem dunkeln Versprechen
festhalten.
Denn wenn Gott den fleischlich gesinnten nur
geistliche Dinge versprochen hätte, so wären sie
alle in ihrer Liebe zum Himmlischen müde
geworden. Und wenn er nur fleischliche Dinge
versprochen hätte, was für ein Unterschied wäre
es dann zwischen Mensch und Tier gewesen? Aber
damit der sterbliche Mensch seinen Leib richtig
lenken und beherrschen soll, schenkte der milde
und weise Gott ihm körperliche Dinge. Damit er
nach dem Himmlischen trachten soll, zeigte er
Wohltaten und himmlische Wunderwerke; damit er fürchten
soll, zu sündigen, zeigte er seine schrecklichen
Gerichte und Eingebungen durch böse Engel. Und
damit der Erheller der Versprechen und Geber der
Weisheit besänftigt werden soll und man sich nach
ihm sehnt, vermischte er dunkle und verwirrende
Dinge mit den tröstlichen.
So zeigt Gott noch heute geistliche Zeichen durch
körperliche Gleichnisse, und wenn er von
zeitlicher Ehre spricht, meint er geistliche,
damit alle Kunst des Unterrichtens Gott allein
zuerkannt werde. Denn was ist weltliche Ehre
anderes als Wind, Mühe und Verminderung der
Freude an Gott? Was ist Trübsal anderes, als eine
Übung in Tugend? Und dem Gerechten weltliche Ehre
zu versprechen, was ist es anderes, wenn nicht,
ein geistliches Gut zu verhindern? Weltliche Trübsal
zu versprechen, was ist das, wenn nicht ein
Heilmittel gegen eine Schwere Krankheit?
Deshalb, meine Tochter, können Gottes Worte in
verschiedener Weise verstanden werden, aber man
kann deswegen doch keine Veränderlichkeit bei
Gott erkennen, sondern seine Weisheit mag
bewundert und gefürchtet werden. Denn so wie ich
durch die Propheten viele Dinge auf körperliche
Weise gesagt habe, die auch körperlich in Erfüllung
gingen, so habe ich auch vieles in körperlicher
Weise gesagt, was auf geistliche Weise erfüllt
wurde oder zu verstehen ist. So handele ich auch
jetzt, und wenn diese Dinge geschehen, werde ich
dir ihre Ursachen erzählen.“
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| 16.
Kapitel |
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Birgitta hat in
ihrem Hause einen Vogt aus Östergötland angestellt, der eine
Wallfahrt nach Rom gemacht hatte. Christus erklärt ihr, dass dies
unklug war, da der Mann seine Wallfahrt nicht in frommer Absicht
unternommen hat. Offenbarung, gegeben wahrscheinlich in Italien 1350
oder später.
Die Mutter
(Maria) spricht zur Braut Christi: Warum habt ihr
diesen Mann empfangen, dessen Zunge so großsprecherisch
ist, dessen Leben unbekannt ist, und dessen Sitten
weltliche sind?“ Sie antwortete: „Weil wir
glaubten, er sei gut, und weil ich keine
Unannehmlichkeiten haben wollte, weil ich einen
Mann mit einer bekannten bösen Zunge zurückgewiesen
habe. Aber wenn ich gewusst hätte, dass es Gott
missfiel, so hätte ich ebenso wenig empfangen,
wie eine Kreuzotter.“
Die Mutter sagte: „Dein guter Wille hat seine
Zunge und sein Herz bewacht, so dass er euch keine
Unruhe verursacht hat. Aber der Teufel, der schlau
ist, hat euch einen Wolf im Schafspelz zugeführt,
um eine passende Gelegenheit zu finden, euch zu stören
und über euch zu schwätzen.“
Sie antwortete: „Es scheint uns, als wäre er
fromm und bußbereit; er besucht ja Gräber von
Heiligen und sagt, dass er sich von Sünde
fernhalten will.“ Die Mutter erwiderte: „Wenn
es eine Gans mit Federn gibt, sag mir – was von
beiden isst man dann, das Fleisch oder die Federn?
Verursachen die Federn keinen Ekel, während das
Fleisch doch nährt und stärkt?
So verhält es sich auch geistlich mit der
heiligen Kirche. Sie ist nämlich wie eine Gans,
in der Christi Leib das frische Fleisch bildet.
Das Sakrament ist sozusagen das Innere der Gans.
Die Flügel bezeichnen die Tugenden und Taten der
Märtyrer und Bekenner, die Daunen bezeichnen die
Liebe und Geduld der Heiligen, aber die Federn
bezeichnen den Ablass, den heiligen bewillig und
erworben haben.
Jeder, der den Ablass in der Absicht sucht, von
seinen früheren Sünden entbunden zu werden und
trotzdem in seiner früheren lasterhaften
Gewohnheit bleibt, der hat die Federn der Gans,
von denen die Seele weder ernährt noch gestärkt
wird, sondern die nur Erbrechen hervorrufen, wenn
sie verzehrt werden. Aber die, die zum Ablass
kommen, um dann die Sünden zu unterlassen, zu
Unrecht erworbenes Gut zurückzugeben, den Schaden
wieder gutzumachen, den sie verursacht haben,
nicht mehr einen einzigen Pfennig mit schamlosem
Gewinn zu erwerben, nicht einen einzigen Tag ohne
nach Gottes Willen zu verbringen, sich im Unglück
und im Glück Gottes Willen zu fügen und auf die
Ehre und Freundschaft der Welt zu verzichten, -
die werden die Vergebung der Sünden erlangen, und
sie sind wie Engel in Gottes Augen.
Wer sich freut, Erlass von begangenen Sünden
erlangt zu haben, aber nicht willens ist, die frühere
Eitelkeit und die ungeordnete Begierde seiner
Sinne aufzugeben, sondern das ungerecht erworbene
Eigentum behalten will, die Welt in sich und den
Seinen lieben will, über die Demut lächelt, die
weltlichen Gewohnheiten nicht aufgibt und seinem
Fleisch den Überfluss nicht abgewöhnt, den
bringen die Federn – nämlich die Ablässe –
zum Erbrechen, d.h. dazu, Reue zu empfinden und zu
beichten, wodurch die Sünde getilgt und Gottes
Gnade erworben wird, und er wird wie mit ein paar
Federn aus den Händen des Teufels in Gottes Schoß
fliegen – sofern er selbst mit seinem guten
Willen mitwirken will, das zu erlangen.“
Sie (Birgitta) antwortete: „O Mutter der
Barmherzigkeit, bitte für diesen Mann, dass er im
Anblick seines Sohnes Gnade fingen mag.“ Sie
(Maria) sagte: „Der Heiligen Geist besucht ihn,
aber es liegt etwas wie eine Steinplatte vor
seinem Herzen und hindert Gottes Gnade,
hineinzukommen. Gott ist wie eine Henne, die die
Eier wärmt, aus denen lebende Küken
hervorkommen. Alle Eier, die unter der Henne sind,
empfangen ihre Wärme, dagegen nicht die Gegenstände,
die darum herum liegen. Und die Henne zerbricht
nicht selbst die Schale, unter der die Jungen
aufwachsen, sondern das Küken versucht selbst,
mit seinem Schnabel Löcher darein zu hacken, und
wenn die Mutter das sieht, verschafft sie diesem
Jungen einen wärmeren Platz, wo es ganz ausgebrütet
werden kann.
So besucht Gott alle mit seiner Gnade. Aber die,
die so denken: „Wir wollen uns der Sünde
enthalten, und soviel wir können, wollen wir nach
Vollkommenheit streben,“ – die besucht der
Heiligen Geist immer öfter, damit sie umso
vollkommener das Gute tun. Aber die, die ihren
ganzen Willen Gott anvertrauen, und die nicht das
Allergeringste gegen Gottes Liebe tun wollen,
sondern ihr folgen, die nach größerer
Vollkommenheit streben, die sich nach dem Rat demütiger
Menschen richten, um klugerweise gegen die Triebe
ihres Fleisches anzukämpfen, die birgt Gott unter
sich, wie die Henne ihre Küken. Er macht sein
Joch für sie leicht und hilft ihnen in ihren
Schwierigkeiten.
Aber die, die ihrem eigenen Willen folgen und
meinen, dass das wenig Gute, das sie tun, Lohn vor
Gott verdient, die nicht nach höherer
Vollkommenheit streben, sondern daran festkleben,
was dem Herzen Vergnügen macht, die ihre Schwächen
mit dem Beispiel anderer entschuldigen und mit dem
Hinweis auf die Schlechtigkeit anderer über ihre
Sünden hinweggehen – die werden Gottes Küken
nicht, denn sie sind nicht willens, ihre Herzenshärte
zu überwinden, sondern wenn sie könnten, würde
sie gern lange leben, um lange in der Sünde
verharren zu können.
So handelte der Gute Zachäus nicht, auch nicht
Magdalena, sondern weil sie mit allen Gliedern
gegen Gott verstoßen hatten, so gaben sie ihm
auch mit allen Gliedern Genugtuung für ihre Sünden,
und weil sie zu ihrem tödlichen Schaden zu
Ehrenbezeugungen der Welt aufgestiegen waren,
stiegen sie nun demütig herab zur Weltverachtung,
denn es ist schwer, gleichzeitig Gott und die Welt
zu lieben. Wer das tut, ist wie ein Tier, das vorn
und hinten Augen hat, und dem geht es schlecht,
wie vorsichtig es auch ist. Aber die, die wie Zachäus
und Magdalena sind, die haben den besseren Teil
erwählt.“
|
| Erklärung |
Dieser
Mann war ein Vogt in Östergötland. Er kam 1350 während
des Jubeljahres nach Rom, doch mehr aus Furcht,
als aus Liebe. Von ihm sagte Christus im Rom:
„Ein Jeder, der einer Gefahr entgangen ist, möge
sich vorsehen, dass er nicht wieder in sie
hineingerät. Die Seeleute, die zu große
Zuversicht in den Hafen haben, leiden ja
Schiffbruch. Daher mag dieser sich vorsehen, dass
er nicht wieder in seine frühere Stellung kommt.
Wenn er sich nicht vorsieht, wird er das
verlieren, was erstrebenswert ist, und was er
gesammelt hat, wird bei Fremden landen. Seine
Kinder werden nicht erben, und er selbst erleidet
einen schmerzhaften Tod unter Fremden.“
Als er umgekehrt war, wurde er jedoch wieder
Steuererheber, und alles, was gesagt war, traf
ein. |

| 17.
Kapitel |
|
Die hl. Agnes
spricht mit Birgitta über eine eingebildete Frau, die diese
kürzlich gesehen hatte. Birgitta soll sich, sagt sie, um
Weltverachtung, Demut und Enthaltsamkeit bemühen – Tugenden,
die im Gegensatz zur Hoffart dieser Weltdame stehen.
Agnes spricht
zur Braut Christi: „Du sahst heute eine hochmütige
Frau in einem Wagen des Hochmuts.“ Die Braut
antwortete: „Ja, ich sah sie, und ich wurde wie
von Sinnen, denn Fleisch und Blut, Staub und Dreck
wollen gelobt werden, wo sie sich mit Recht demütigen
sollten. Was ist ein solch Aufsehen erregender
Staat anders, als eine verschwenderische
Vergeudung von Gottes Gaben, eine Bewunderung der
Menge, eine Plage der Gerechten, und Verarmung der
Armen, eine Erzürnung Gottes, ein Vergessen
seiner selbst, ein Erwerben des Künftigen
Gerichts und ein Schaden für die Seelen?“
Agnes erwiderte: „Freue dich, Tochter, dass du
von so etwas frei bist! Ich will dir nun einen
anderen Wagen beschreiben, wo du sicher ruhen
kannst. Der Wagen, in dem du sitzen sollst, ist Stärke
und Geduld in Trübsal. Denn, wenn der Mensch
beginnt, sein Fleisch zu zügeln und seinen ganzen
Willen Gott anzuvertrauen, da wird entweder der
Sinn durch Hochmut beunruhigt, wodurch der Mensch
sich über sich selbst erhebt, so dass er sich wie
Gott und wie gerechte Menschen rechnet, oder er
wird auch von Ungeduld und Unklugheit bedrückt,
so dass er wieder in die alten Sünden zurückfällt
oder in seinen Kräften geschwächt wird, so dass
er für Gottes Arbeit ungeeignet wird. Daher ist
es notwendig, mit kluger Geduld zu handeln, so
dass man nicht aus Ungeduld zurückfällt oder aus
Unklugheit beharrt, sondern sich den Kräften und
den Zeiten anpasst.
Das erste Rad an diesem Wagen ist der vollkommene
Wille, alles Gott zu übergeben und nichts anderes
als Gott zu begehren. Es gibt ja viele, die das
Zeitliche aufgeben, um von ihren Beschwerden
loszukommen, die aber doch alles haben, das ihnen
von Nutzen ist und zur Freude dient. Ihr Rad läuft
nicht so, wie es sollte, denn wenn Armut sie
plagt, möchten sie von allem genügend haben;
wenn schwere Rückschläge eintreffen, wünschen
sie sich Glück; wenn sie Beschimpfung trifft,
murren sie über Gottes Anordnung und wünschen
sich Ehre und Anerkennung; wenn man ihnen
befiehlt, etwas zu tun, was ihnen zuwider ist,
wollen sie ihre eigene Freiheit. Daher hat Gott an
dem Willen Gefallen, der nicht sein Eigenes sucht,
sei es im Glück oder im Unglück.
Das zweite Rad ist die Demut, wo der Mensch sich
alles Guten für unwürdig hält, indem er sich
jede Stunde seine Sünden vor Augen hält und sich
in Gottes Augen für strafbar hält. Das dritte
Rad besteht darin, Gott klug zu lieben. Der liebt
klug, der sich selbst kasteit, seine Laster hasst,
sich über die Sünden seiner Nächsten und seiner
Verwandten Sorgen macht, sich über ihre
geistlichen Fortschritte auf dem Weg zu Gott freut
nicht wünscht, dass sein Freund nur zu seinem
eigenen Nutzen lebt, sondern um Gott zu dienen und
sich wegen seines weltlichen Erfolges fürchtet,
weil er wie Gott vielleicht dadurch kränken
konnte. Ja, der liebt klug, der die Laster hasst,
niemanden für dessen Gunst oder Ehrenbezeugung
begünstigt und die Menschen mehr liebt, bei denen
er sieht, dass sie eifriger in ihrer Liebe zu Gott
sind.
Das vierte Rad ist die kluge Beherrschung des
Fleisches. Wer in der Ehe lebt und denkt:
„Schau, das Fleisch lockt mich in unordentlicher
Weise; wenn ich nach dem Fleisch lebe, so weiß
ich ganz sicher, dass mir der Schöpfer des
Fleisches zürnt, der zuschlagen und Krankheit
schicken kann, der richtet und tötet. Daher will
ich aus Liebe zu Gott und aus Furcht vor ihm von
selbst mein Fleisch zügeln und in gebührender
und geordneter Weise zu Gottes Ehre leben. Ja, wer
so denkt und Gottes Hilfe begehrt, dessen Rad ist
Gott wohlgefällig.
Aber wenn ein Mensch der Enthaltsamkeit denkt:
„Schau, das Fleisch verlockt mich zur
Schwelgerei, und auch der Ort, die Zeit, die Güter
und das Alter bieten sich an, die Lust vollkommen
auszunützen, doch will ich es mit Gottes Hilfe
unterlassen, um eines zufälligen Vergnügens
willen und gegen mein heiliges Gelübde zu sündigen.
Sicher ist es groß, was ich Gott gelobt habe –
arm bin ich zur Welt gekommen, und noch ärmer
werde ich sie verlassen, und ich muss vor Gottes
Richterstuhl Rechenschaft über alles ablegen, was
ich getan habe. Um Gott nicht zu kränken, um
meinem Nächsten keinen Anstoß zu geben und mich
selbst zum Meineidigen zu machen, will ich also
enthaltsam leben.“
Die Enthaltsamkeit eines solchen Menschen verdient
großen Lohn. Aber wenn jemand in Ehre und Genüssen
lebt und denkt: „Schau, ich habe Überfluss an
allem, aber der Arme leidet Mangel, und doch haben
wir ein und denselben Gott. Was habe ich da
verdient, und was hat er verbrochen? Was ist das
Fleisch anderes, als Futter für die Würmer, und
was sind so viele Genüsse anderes, als Ekel und
Anlass zu Krankheit, Zeitverlust und Versuchung
zur Sünde? Ich will daher mein Fleisch zügeln,
so dass nicht die Würmer ihr Verlangen darin
finden, so dass ich nicht ein noch schlimmeres
Gericht erleide, und dass ich nicht die Zeit der
Buße töricht Verstreichen lasse. Und da mein
schlecht erzogenes Fleisch sich nicht so leicht
wie der Arme an einfache und ordinäre Dinge gewöhnen
kann, ohne die man leicht leben kann, so dass der
Leib sein Auskommen, aber keinen Überfluss
hat.“
Wer so denkt und in seinem Tun versucht, es zu
verwirklichen, so gut er kann, der kann sowohl ein
Bekenner als auch Märtyrer genannt werden, denn
es ist bezeichnend für das Märtyrertum, Zugang
zu Genüssen zu habe, aber sie doch zu verschmähen,
Ehre zu genießen, aber sie doch zu verachten,
unter den Menschen groß zu sein, aber von sich
selbst am wenigsten zu halten, wahrlich ein
solches Rad gefällt Gott sehr.
Sieh, Tochter, nun habe ich dir den Wagen
beschrieben, dessen Kutscher dein Engel ist,
sofern du seinen Zaum und sein Joch nicht von
deinem Hals abwirfst, seine Heilbringenden
Eingebungen nicht verschmähst, oder deine Sinne
und dein Herz nicht auf nichtige und leichtfertige
Dinge richtest.
Nun will ich auch mit dir über den Wagen
sprechen, in dem diese Frau gesessen hat. Der
Wagen ist gewiss ihre Ungeduld gegenüber Gott,
denn sie murrt über seine heimlichen Gerichte,
wenn es nicht nach ihrem Behagen geht. Sie sieht
mit Unwillen auf ihren Nächsten, nachdem sie
dessen Güter nicht bekommen kann. Sie ist auch
ungeduldig, wenn es sie selbst betrifft, denn sie
zeigt ungeduldig, was sie im Herzen verborgen hat.
Das erste Rad an diesem Wagen ist der Hochmut,
denn sie hält sich selbst für mehr als andere
und verurteilt andere, verachtet die Demütigen
und trachtet nach Ehrenplätzen. Das zweite Rad
ist Ungehorsam gegen Gottes Gebote; dadurch wird
sie verleitet, ihre Schwachheit zu entschuldigen,
über ihre Sünde schnell hinwegzugehen und,
vermessen genug, die Bosheit ihres Herzens zu
verteidigen.
Das dritte Rad ist das Verlangen nach zeitlichen
Dingen; dadurch wird sie verleitet, das, was sie
besitzt, verschwenderisch auszugeben, sich selbst
und das Zukünftige zu vergessen; es ist Furcht im
Herzen und Lauheit in der Liebe zu Gott. Das
vierte Rad ist ihre Liebe zu sich selbst, die sie
von der Verehrung und der Furcht vor ihrem Gott
abhält und dazu führt, dass sie nicht auf ihr
Ende und ihr Gericht achtet.
Der Kutscher auf diesem Wagen ist der Teufel, der
sie munter und dreist in allem macht, was er ihrem
Herzen eingibt, dass sie es tun soll. Die beiden
Pferde, die den Wagen ziehen, sind die Hoffnung
auf ein langes Leben und der Wille, bis zuletzt zu
sündigen. Das Zaumzeug ist die Scham, zu
beichten. Mit der Hoffnung auf ein langes Leben
und dem Willen, in der Sünde zu verharren, zieht
dieses Schamgefühl ihre Seele von dem rechten
Wege ab und belastet sie so mit schweren Sünden,
dass weder Furcht, Schamgefühl oder Ermahnung sie
dazu befähigt, sich zu erheben. Wenn sie glaubt,
fest und sicher zu stehen, stürzt sie hinab in
die Tiefe, sofern Gottes Gnade ihr nicht hilft.“
|
| Zusatz |
| Weiter
spricht Christus über dieselbe Frau und sagt:
„Sie ist eine Kreuzotter, die die Zunge einer
Hure, Drachengalle im Herzen und das bitterste
Gift im Liebe hat. Daher werden ihre Eier giftig.
Glücklich die, die ihre Bürde nicht erfahren müssen.“ |

| 18.
Kapitel |
|
Birgitta preist Maria; Maria verspricht ihr, ihr die Gnadengaben aller Tugenden zu erwirken.
Liebliche
Maria“, sagte die Braut, „gesegnet seist du
mit ewigem Segen, denn du warst Jungfrau vor der
Entbindung, Jungfrau nach der Entbindung, Jungfrau
mit deinem Verlobten, zweifellos Jungfrau, als
dein Bräutigam zweifelte. Deshalb sei du
gesegnet, denn du warst Mutter und Jungfrau, du
allein warst Gott am allerliebsten, du allein
warst reiner als alle Engel, du allein warst mit
dem Apostel am meisten von Glauben erfüllt, du
allein warst am traurigsten im Herzweh, am
edelsten in Enthaltsamkeit unter allen Bekennern,
am höchsten in Enthaltsamkeit und Keuschheit
unter allen Jungfrauen. Deshalb segnet dich alles
droben im Himmel und unten auf Erden, denn durch
dich ist Gott der Schöpfer Mensch geworden, durch
dich findet der Gerechte Gnade, der Sünder
Vergebung, der Tote Leben, und der Geächtete
kehrt in sein Vaterland zurück.“
Die Jungfrau (Maria) erwiderte: „Es steht
geschrieben, dass - als Petrus Zeugnis von meinem
Sohn ablegte, dass er Gottes Sohn sei, diese
Antwort erhielt: „Selig bist du, Simon, denn
Fleisch und Blut haben dir dies nicht
offenbart.“ Ebenso sage ich jetzt, dass deine
fleischliche Seele dir diesen Gruß nicht
offenbart hat, sondern Er, der ohne Anfang war und
ohne Ende sein wird.
Deshalb sollst du demütig sein; dann werde ich
dir barmherzig sein. Johannes der Teufer wird lieb
zu dir sein, wie er versprochen hat, Petrus wird
milde zu dir sein, Paulus wird stark wie ein Kämpfer
sein. Ja, dann wird Johannes dir sagen:
„Tochter, sitz auf meinen Knien“, Petrus wird
dir sagen: „Tochter, öffne deinen Mund, so will
ich dich mit leiblicher Kost sättigen.“ Paulus
wird dich kleiden und mit den Waffen der Liebe
ausrüsten, und ich, die Mutter ist, werde dich
meinen Sohn verstellen.
Doch, meine Tochter, dies kannst du auch auf
geistliche Art verstehen. Denn mit Johannes, was
„Gottes Gnade“ bedeutet, wird wahrer Gehorsam
bezeichnet. Er war und ist gewiss liebenswert.
Johannes war seinen Eltern auf Grund seiner
wunderbaren Gnade liebenswert, für die Menschen
Grund seiner einzigartigen Verkündigung, für
Gott wegen der Heiligkeit seines Lebens und seines
Gehorsam. Ja, er gehorchte in seiner Jugend,
gehorchte im Glück und Unglück, blieb gehorsam
und demütig, als er Ehren ernten konnte, und war
gehorsam noch im Tod.
Daher sagt der Gehorsam: „Sitze auf meinen
Knien“, d.h. steig nieder zur Demut, und du
wirst es hoch haben, verlass das, was hübsch
aussieht, aber in Wahrheit bitter ist, und du
wirst es lieblich haben. Gib deinen eigenen Willen
auf, wenn du klein sein willst, verachte das
Irdische, und du wirst himmlisch werden; verschmähe
das Überflüssige, und du wirst geistlichen Überfluss
haben.
Mit Petrus ist jedoch der Glaube der heiligen
Kirche gemeint. Denn so wie Petrus standhaft bis
zuletzt blieb, so wird der Glaube der heiligen
Kirche ewig standhaft bleiben. Daher sagt Petrus,
nämlich der heilige Glaube: „Öffne deinen
Mund, und du wirst die üppigste Kost erhalten“,
d.h. öffne den Verstand deiner Seele, und du
wirst in der heiligen Kirche die lieblichste Kost
finden – nämlich den Leib des Herrn im
Sakrament des Altars, das neue Gesetz und das
alte, die Auslegungen der Lehrer, die Geduld der Märtyrer,
die Demut der Bekenner, die Reinheit der
Jungfrauen und den Grund aller Tugenden.
Suche daher den heiligen Glauben in der Kirche des
hl. Petrus, halte ihm im Gedächtnis und bringt
ihn mit guten Taten zur Vollendung. Mit Paulus
wird Geduld bezeichnet. Er brannte nämlich in
seinem Eifer gegen die, die den heiligen Glauben
bekämpfen, froh in Leiden, beharrlich in
Hoffnung, geduldig in Krankheiten, mitfühlend mit
den Trauernden, demütig in seinen Tugenden,
freigebig gegenüber den Armen, barmherzig gegen
die Sünder, Meister und Lehrer aller, der bis
zuletzt in Gottes Liebe verharrte.
Deshalb wird Paulus, nämlich die Geduld, dich mit
den Waffen der Tugenden versehen, denn die wahre
Geduld, die auf das Beispiel und die Geduld
Christi und seiner Heiligen gegründet und gestärkt
ist, die zündet die Gottesliebe im Herzen an,
feuert die Seele an, mit Stärke zu handeln, macht
den Menschen demütig, milde, barmherzig, brennend
für das Himmlische, wachsam, wenn es sie selbst
betrifft, und beharrlich in dem, was sie begonnen
hat.
Infolgedessen werde ich, die Mutter der
Barmherzigkeit, jeden Menschen zu meinem Sohn hinführen,
der auf den Knien der Demut Gehorsam leistet, der
den Glauben mit lieblicher Kost sättigt und die
Geduld mit den Waffen der Tugenden kleidet, und
mein Sohn wird ihn mit der Krone seiner
Lieblichkeit krönen. In ihm ist nämlich eine
unergründliche Stärke vorhanden, eine
unvergleichliche Weisheit, eine unsagbare
Sittsamkeit und eine wunderbare Liebe. Und deshalb
wird niemand ihn aus seinen Händen reißen können.
Wenn ich auch nur mit dir rede, meine Tochter,
meine ich mit dir doch alle, die dem heiligen
Glauben mit Werken der Liebe folgen. Denn so wie
unter einem Manne Israel alle Israeliten
verstanden wurden, so sind mit dir alle wahrhaft
Gläubigen gemeint.“
|

| 19.
Kapitel |
|
Birgitta preist Maria, die dafür verspricht, ihr die Gnadengaben der Tugenden zu erwirken.
O liebliche
Maria, du neue Schönheit, du allerklarste Schönheit!
Komm du mir zu Hilfe, so dass meine Hässlichkeit
abgewaschen, und meine Liebe entzündet wird! Drei
Dinge verleihen nämlich dem Haupte deine Schönheit.
Sie reinigt das Gedenken, so dass zweitens das Gehörte
mit Freude behalten werden kann, und so dass
drittens Gottes gehörte und bewahrte Worte mit
Eifer ausgebreitet und weiter zur Kenntnis des Nächsten
gebracht werden.
Deine Schönheit beschert auch dem Herzen drei
Dinge. Erstens nimmt sie die so harte Bürde der
Trägheit fort, wenn man deine Liebe und Demut
betrachtet. Zweitens gibt sie den Augen Tränen,
wenn man deine Armut und Geduld beachtet. Drittens
verleiht sie dem Herzen die innerliche Glut der
Lieblichkeit, wenn man mit Ernst an deine Güte
und Milde denkt. O meine Frau, du bist in Wahrheit
die kostbarste Schönheit, die Schönheit, die man
am meisten begehrt, denn du bist den Schwachen zur
Hilfe gegeben, den Betrübten zum Trost und allen
zur Mittlerin.
Also tun alle, die gehört haben, dass du geboren
werden sollst, und die wissen, dass du jetzt
geboren bist[1], recht daran, zu rufen: „Komm,
du klarste Schönheit, und erleuchte unser Dunkel!
Komm, du kostbarste Schönheit, und nimm unsere
Schmach fort! Komm, du lieblichste Schönheit, und
lindere unseren bitteren Schmerz! Komm, du mächtigste
Schönheit, und löse uns aus unsere
Gefangenschaft! Komm, du ehrbarste Schönheit, und
wisch unsere widerliche Unreinheit ab!“
Gesegnet und verehrungswürdig sei deshalb eine so
herrliche Schönheit! Alle Patriarchen wünschen,
sie zu sehen, alle Propheten sangen und weissagten
von ihr, und alle Auserwählten freuen sich über
sie.“
Die Mutter antwortete: „Gesegnet sei Gott, meine
Schönheit, die dir eingab, solche Worte zu
sprechen! Darum sage ich dir, dass die urälteste,
die ewige und allerlieblichste Schönheit, die
mich gemacht und geschaffen hat, dich stärken
wird. Die älteste und doch neue Schönheit, die
alles erneuert, die in mir war und von mir
ausging, wird dich wunderbare Dinge lehren, die
begehrenswerteste Schönheit, die alle erfreut und
glücklich macht, wird deine Seele mit ihrer Liebe
entzünden. Vertraue deshalb auf Gott! Wenn sich
die himmlische Schönheit zeigt, wird nämlich
alle irdische Schönheit zuschanden und wird für
Dreck gehalten.“
Danach sagte Gottes Sohn zur Mutter: „O
gesegnete Mutter, du bist wie ein Goldschmied, der
ein schönes Werk herstellt. Alle, die das Werk
sehen, freuen sich und opfern Gold oder kostbare
Steine, damit das Werk vollendet werden kann. So
schenk du, die von allen geliebte Mutter, dem
Menschen Hilfe, der versucht, zu Gott
aufzusteigen, und du lässt keinen deinen Trost
entbehren. Deshalb kannst du mit Recht Blut von
Gottes Herzen genannt werden. Denn so wie alle
Glieder des Leibes Leben und Kraft durch das Blut
empfangen, so werden durch dich alle von der Sünde
zum Leben erweckt und können Gott in einer
fruchtbareren Weise dienen.“
[1]. Die Offenbarungen dürfte
eine Betrachtung zu Marias Geburtstag (8.
September) sein. |

| 20.
Kapitel |
|
Die hl. Agnes
ermahnt Birgitta, ihre strenge Lebensführung nicht zu ändern,
aber auch keine übertriebene Askese zu üben; gute geistliche
Berater können sie dabei anleiten. Weiter deutet Agnes an, wie
Gott den Menschen in der Stunde der Versuchung hilft.
Agnes
spricht: „O Tochter, steh fest und weiche nicht
zurück, denn eine stechende Schlange liegt hinter
deinen Fersen, und geh auch nicht weiter voran als
nötig ist, denn eine scharfe Speerspitze liegt
vor dir, und von der wirst du verwundet werden,
wenn du weiter vorgehst, als richtig ist.
Aber was heißt das, zurückzuweichen, wenn man
nicht in der Stunde der Versuchung bereut, dass
man einen strengeren und gesunden Wandel
eingeschlagen hat, aber doch wieder zum dem
Altgewohnten zurückkehren will und die Sinne sich
an schmutzigen Gedanken erfreuen lässt? Wenn so
etwas dem Sinn gefällt, so verdunkelt das alles
Gute und zieht das Verlangen ganz allmählich von
allem Guten ab.
Und du sollst auch nicht weiter vorangehen, als
angemessen ist, d.h. dich über deine Kräfte
anstrengen oder anderen in guten Taten mehr
nachzueifern, als in der Kraft deiner Natur liegt.
Denn Gott hat von Ewigkeit verordnet, dass der
Himmel für Sünder durch Werke der Liebe und der
Demut offen gelassen wird, wobei Maß und Überlegung
bei allem eingehalten wird.
Aber nun rät der missgünstige Teufel dem
unvollkommenen Menschen, über seine Kräfte zu
fasten, ungewöhnliche und undurchführbare Dinge
zu versprechen und dem nachzueifern, was
vollkommen ist, indem er seine schwachen Kräfte
nicht berücksichtigt, und die Folge ist, dass der
Mensch das schlecht begonnene Werk mit immer schwächeren
Kräften fortsetzt – mehr aus Scham vor den
Menschen als für Gott, oder dass er auch bald
durch Unklugheit und Schwäche ermattet.
Deshalb magst du dich selber an dir selber messen,
d.h. auf deine Stärke und Schwachheit Acht geben,
denn manche sind von Natur aus stärker, andere
schwächer. Manche brennen durch Gottes Gnade
mehr, andere sind aus guter Gewohnheit eifriger.
Daher solltest du dein Leben nach ihrem Rat
einrichten, damit dich nicht die Schlange sticht,
weil du dich vorher nicht besinnst, oder die
Spitze des vergifteten Schwertes, d.h. die höchst
giftige Eingebung des Teufels, kann deinen Sinn
betrügen, so dass du entweder das scheinen
willst, was du gar nicht bist, oder etwas haben möchtest,
was über deine Kräfte und deine Macht geht.
Es gibt nämlich manche, die glauben, das
Himmelreich durch ihre Verdienste zu gewinnen, und
die verschont Gott durch seinen heimlichen
Ratschluss vor den Versuchungen des Teufels. Es
gibt andere, die glauben, mit ihren Werken vor
Gott gutzumachen, was sie gesündigt haben, und
dieser ganze Irrtum von ihnen ist verwerflich.
Denn auch wenn der Mensch seinen Leib hundertmal töten
würde, könnte er bei Gott nicht eins für
tausend wiedergutmachen, denn Er verleiht das Können
und den Willen, Er schenkt die Zeiten und
Gesundheit. Er ist es, der erhöht und demütigt,
und alles ist in seine Hände gelegt. Dafür soll
nur ihm Ehre erwiesen werden, und keine
Menschenverdienste gelten vor Gott etwas.
Aber nun möchtest du über die Frau Bescheid
wissen, die gekommen war, um Vergebung ihrer Sünden
zu erlangen, aber verführt wurde. Ich antwortete
dir: Es gibt manche Frauen, die enthaltsam leben,
aber doch den Menschen nicht lieben, der keine großen
Wünsche hat oder gewaltsam versucht wird, und der
gern mit einer ehrenhaften Ehe einverstanden wäre,
wenn sie sich ihm bieten würde, der aber – da
das Große ihm nicht angeboten wird – das Kleine
nun verschmäht.
Deshalb gibt die Enthaltsamkeit manchmal Anlass zu
Hochmut und Vermessenheit, weshalb es auch mit
Gottes Zulassung geschieht, dass sie fallen, wie
du ja auch hörtest. Aber wenn jemand die Absicht
hat, dass er um alles in der Welt nicht ein
einziges Mal beschmutzt werden will, so wäre es
ja auch unmöglich, dass ein solcher schändlichen
Dingen anheim fallen würde. Wenn Gott in seiner
verborgenen Gerechtigkeit zulassen würde, dass
ein solcher Mensch fällt, so würde ihn dies mehr
zur Belohnung als zur Sünde führen, wenn es
gegen seinen Willen passieren würde.
Deshalb sollst du sicher wissen, dass Gott so wie
ein Adler ist, der von der Höhe auf das niedrige
blickt, und der sich, wenn er etwas von der Erde
aufsteigen sieht, gleich wie ein geschleuderter
Stein darauf stürzt. Wenn der Adler etwas
Giftiges oder ihm Feindliches sieht, so durchbohrt
er es wie ein Pfeil, und wenn etwas Unreines von
oben auf ihn tropft, schüttelt er es heftig ab,
wie die Gans es tut, und entfernt es von sich. So
macht es auch Gott, wenn er sieht, dass sich das
Herz der Menschen entweder durch die
Gebrechlichkeit des Fleisches oder die
Versuchungen des Teufels gegen den Willen des
Geistes gegen Gott auflehnen will. Durch Eingebung
von Reue und Buße macht Gott das gleich wie ein
geschleuderter Stein zunichte und bewirkt, dass
der Mensch zu Gott und zu sich selbst zurückkehrt.
Und wenn das Gift des fleischlichen Begehrens oder
nach Reichtum ins Herz eindringt, so durchbohrt
Gott gleich den Sinn mit dem Pfeil seiner Liebe,
so dass der Mensch nicht in seiner Sünde beharrt
und von Gott getrennt wird. Und wenn etwas von der
Unreinheit des Hochmuts oder vom Schmutz der
Wollust die Seele besudelt hat, so wirft er dies
sogleich wie eine Gans durch die Standhaftigkeit
des Glaubens und der Hoffnung fort, damit die
Seele nicht in ihren Lastern verharrt, oder die
mit Gott vereinte Seele angesteckt wird. Deshalb
sollst du, meine Tochter, bei all deinem Begehren
und deinen Werken Gottes Barmherzigkeit und
Gerechtigkeit betrachten und stets dein Ende
bedenken.“
|

| 21.
Kapitel |
|
Maria schärft Birgitta ein, wie wichtig es ist, dass die, die schon gut sind, an der Besserung ihrer Mitmenschen arbeiten.
Gesegnet
seist du, mein Gott, der dreifaltig und einer ist,
dreifach in Personen und einer im wesen. Du bist
selbst die Güte und die Weisheit, die Schönheit
und die Macht, die Gerechtigkeit und Wahrheit,
durch die alles existiert, lebt und erhalten wird.
Du bist in Wahrheit wie die Blume, die für sich
selbst auf dem Felde wächst, und von der alle,
die sich der Blume nahen, einen leiblichen und süßen
Geschmack empfangen, Erquickung im Herzen, Freude
am Schauen und Stärkung in den übrigen Gliedern.
So werden alle, die dir nahen, schöner, indem sie
die Sünde aufgeben, weiser indem sie deinen
Willen und nicht den des Fleisches befolgen,
gerechter, indem sie sich nach dem Nutzen für die
Seele und nach Gottes Ehre richten. Schenk mir
deshalb, mildester Gott, das zu lieben, was dir
gefällt, mannhaft den Versuchungen zu
widerstehen, alles Irdische zu verachten und dich
beständig im Gedächtnis zu behalten.“
Die Mutter erwiderte: „Diesen Gruß hat der gute
Hieronymos[1] dir erworben, der die falsche
Weisheit verließ und die wahre Weisheit fand, der
weltliche Ehre verschmähte und Gott selbst
gewann. Selig ist ein solcher Hieronymus, selig
sind die, die seiner Lehre und seinem Leben
nachfolgen. Er liebte die Witwen, war ein Spiegel
für die, die sich in der Tugend vervollkommnten,
und war der Lehrer aller Wahrheit und Reinheit.
Aber sag nun, Tochter, was ist es, das dich in
deinem Herzen bekümmert?“
Sie (Birgitta) antwortete: „Dieser Gedanke kommt
mir: „Wenn du Gott bist, magst du dir mit deiner
Güte selbst genügen. Warum brauchst du andere zu
richten und ermahnen, oder die zu belehren, die
besser sind – das passt doch nicht zu deiner
Stellung. Von diesem Gedanken wird die Seele so
verhärtet, dass sie sich selbst vergisst und ganz
in ihrer Gottesliebe erkaltet.“
Die Mutter antwortete: „Dieser Gedanke zieht
viele, die Fortschritte gemacht haben, von Gott
ab, denn der Teufel hindert die Guten daran, mit
den Bösen zu sprechen, damit letztere keine Reue
spüren. Er hindert auch die Guten daran, mit
denen zu reden, die besser sind, damit sie nicht
auf einen höheren Platz aufrücken. Denn wenn die
Guten die Lehre der Guten gehört haben, rücken
sie zu höheren Verdiensten und Plätzen auf.
So sollte der Hofbeamte, der Jesaja las, zu seiner
der kleineren Strafen in der Hölle kommen[2].
Aber Philippus begegnete ihm, lehrte ihn den Weg
zum Himmel und hob ihn auf einen seligen Platz. So
wurde auch Petrus zu Kornelius geschickt[3]. Wenn
Kornelius früher gestorben wäre, wäre er sicher
seines Glaubens wegen zu einem Trost gekommen,
aber nun kam Petrus und führte ihn zur Pforte des
Lebens. Ebenso kam Paulus zu Dionysius[4] und führte
ihn zu einem seligen Lohn.
Also sollen Gottes Freunde nicht in Gottes Dienst
ermüden, sondern daran arbeiten, dass der böse
Mensch besser werde, und der gute Mensch noch größere
Vollkommenheit erlangt. Denn wer gewillt ist, es
allen Vorbeigehenden ins Ohr zu flüstern, dass
Jesus Christus in Wahrheit Gottes Sohn war, und
wer so viel er kann, zur Bekehrung anderer tat,
der soll – auch wenn sich nur wenige oder keine
bekehren – doch denselben Lohn erhalten, als
wenn alle bekehrt wären.
Ich will dies außerdem durch ein Gleichnis erklären.
Wenn zwei Knechte auf Befehl ihres Herrn in dem härtesten
Berge graben würden, und der eine echtes Gold fände,
der andere aber nichts, so hätten beide für ihre
Arbeit und für ihren Einsatz denselben Lohn
verdient. Paulus bekehrte ja mehr Menschen als die
anderen Apostel, die weniger bekehrt haben, doch
hatten alle denselben Willen – aber Gottes
Verordnung ist verborgen. Deshalb soll man nicht
den Mut sinken lassen, auch wenn nur wenige oder
keine Gottes Wort annehmen. Denn wie die Dornen
die Rose verstecken und wie der Esel seinen Herrn
weiterfährt, so nütz der Teufel (der Dorn der Sünde)
den Auserwählten (den Rosen) durch den Stich der
Trübsal, damit sie nicht durch Vermessenheit des
Herzens in unnütze Zügellosigkeit verfallen, und
leitet sie wie der Esel hin zu Gottes Trost und zu
einer größeren Belohnung.“
[1]. Kirchenlehrer, geb. um
347 – ca. 419.
[2]. Apostelgesch. 8,26 ff.
[3]. Apostelgesch. 10,1.
[4]. Apostelgesch. 17, 34. |

| 22.
Kapitel |
|
Christus droht
der jetzigen sündigen Menschheit mit seiner strengen Strafe. Er
verspricht aber denen Barmherzigkeit, die beizeiten umkehren.
Offenbarung, gegeben in Schweden 1344-49.
Der Sohn
spricht: „Wenn ich betrübt sein könnte, so könnte
ich jetzt mit Recht sagen, dass ich es bereue, den
Menschen geschaffen zu haben. Der Mensch ist nämlich
jetzt wie ein Tier, das freiwillig ins Netz läuft,
denn soviel man auch ruft, so folgt er doch der
Begierde seines Willens. Und man kann dem Teufel
nicht völlig unterstellen, dass er den Menschen
mit Gewalt zu sich zieht, denn der Mensch geht
selbst mit seiner Schlechtigkeit voraus. Wie
Jagdhunde, die erst in der Koppel geführt werden,
kommen sie rascher an die Beute als der Hundeführer,
weil sie daran gewöhnt worden sind, das Wildbret
zu packen und zu zerreißen.
So ist auch der Mensch, an die Sünde gewöhnt und
von ihr verhext, mehr bereit zu sündigen, als der
Teufel ihn zu versuchen. Das ist nicht
verwunderlich, denn es war lange her, dass der
apostolische Stuhl, das Haupt der Welt, Gott durch
die Heiligkeit seines Lebenswandels und sein
Beispiel Gott besänftigt hatte, wie er es früher
tat, und deshalb sind die übrigen Glieder der
Kirche schwach und kümmerlich geworden. Und man
bedenkt nicht, warum Gott, der so reich ist, arm
und bloß geworden ist: Das ist er ja geworden, um
uns zu lehren, dass das Vergängliche verachtet
und das Himmlische geliebt werden soll.
Aber dass der Mensch, der von Natur aus arm ist,
durch falsche Reichtümer reich geworden ist, das
möchten alle nachmachen, und es sind wenig, die
es nicht nachahmen. Deshalb wird der Pflüger
kommen, ausgesandt vom Allmächtigen und geschärft
vom Allerweißesten. Er fragt nicht nach
Grundbesitz und nach körperlicher Schönheit, fürchtet
nicht die Kraft der Starken, zittert nicht vor
Drohungen der Fürsten und sieht die Person nicht
an, und er wird das Fleisch der Menschen säen (?)
und das Haus der Geister niederreißen, die Leiber
den Würmern überlassen, und die Seelen dem, dem
sie gedient haben.
Deshalb sollen meine Freunde, zu denen ich dich
sende, mannhaft und hurtig arbeiten, denn das,
wovon ich rede, wird nicht erst in den letzten
Tagen geschehen, wie ich vorher sagte, sondern
schon in diesen Tagen. Viele von denen, die jetzt
leben, werden es mit ihren Augen sehen, und so
wird vollendet werden, was geschrieben steht:
„Die Ehefrauen sollen Witwen werden, und ihre
Kinder vaterlos, und alles, was Menschen begehren,
wird ihnen genommen werden.“
Doch werde ich, der barmherzige Gott, die
aufnehmen, die mit Demut zu mir kommen. Denen, die
mit ihren Werken die Früchte der Gerechtigkeit
vollkommen machen, werde ich mich selber schenken,
denn es ist richtig, dass das Haus gereinigt wird,
in das der König eingehen wird, um dass das Glas
geputzt wird, so dass der Trank klar funkeln kann,
und dass das Korn fest gedroschen wird, um von den
Grannen getrennt zu werden.
Aber wie der Sommer nach dem Winter kommt, so
werde ich auch nach den Leiden Trost bescheren, nämlich
denen, die geringe sein wollen, und die das
Himmlische höher schätzen, als das Irdische.
Doch – wie der Mensch nicht zur selben Stunde
geboren wird und stirbt, so wird dies alles erst
vollendet, wenn die Zeit kommt. Du sollst aber
wissen, dass ich mit manchen nach dem Sprichwort
handeln werde: „Schlag ihn auf den Hals und lass
ihn laufen, und soll der Schmerz ihn dazu bringen,
sich zu beeilen.“
Mit anderen werde ich verfahren, wie geschrieben
steht: „Tu deinen Mund auf, und ich werde ihn füllen.“
Aber zu anderen werde ich tröstend und ermunternd
sagen: „Kommt, ihr Unwissenden und Einfältigen,
und ich will euch Redegabe und Weisheit schenken,
so dass die Redegewandten nicht dagegen ankönnen.“
So habe ich es in diesen Tagen gemacht: Ich habe
die Einfältigen mit meiner Weisheit erfüllt, und
sie widerstehen nun den Gebildeten. Ich habe die
Großsprecherischen und Mächtigen vertrieben, und
sie sind schleunigst davongegangen. Das ist nicht
verwunderlich, denn, wie du gehört hast, habe ich
den Weisen befohlen, den Schlangen die Zunge
abzuschneiden, und sie wollten nicht. Und die
Mutter.[1]….. will die Münder nicht
austrocknen, wie ich gemahnt hatte, um das Feuer
der Begierde im Herzen des Kindes auszulöschen.
Deshalb habe ich sie in ihrer Stunde des Glücks
niedergemacht und ihre Zungen abgeschnitten.“
[1]. Modern, som var
allmogens ris – unverständlich. |

| 23.
Kapitel |
|
Der Evangelist
Johannes und die Jungfrau Maria sprechen von einem schwedischen
Zisterziensermönch, der ketzerische Ansichten hat. Der Zusatz, der
von Prior Petrus von Alvastra verfasst ist, berichtet, dass der
betreffende Mönch seine Irrtümer auf Ermahnung von Birgitta
widerrufen hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1350 oder später in
Italien gegeben.
Der
Evangelist Johannes sagte zur Mutter Gottes: „Höre,
du Jungfrau und Mutter eines einzigen Sohnes und
nicht von mehreren, du Mutter des eingeborenen
Gottessohnes, dem Schöpfer und Erlöser aller! Höre
(ich weiß ja, dass du hörst), wie sehr dieser
Mann vom Teufel betrogen ist, wie sehr er sich bemüht,
das Unmögliche zu gewinnen, wie er vom Geist der
Lüge unterwiesen wurde, und wie weit er sich von
Gott in Gestalt eines Schafs und mit dem Herz
eines Löwen entfernt hat!
Ich habe gelehrt, dass es drei sind, die im Himmel
und auf Erden Zeugnis ablegen – nämlich der
Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Aber über
diesen Mann bezeugt der böse Geist, dass er ganz
und gar so scheinheilig geworden ist, dass der
Vater ihn mit seiner Macht nicht stärkt, der Sohn
mit seiner Weisheit ihn nicht besucht, und der
Heiligen Geist ihn mit seiner Liebe nicht entzündet.
Das ist nicht verwunderlich, denn er strebt nach
Macht gegen die Macht des Vaters, er will weise
sein gegen die Weisheit des Sohnes, und er ist
entflammt – aber in anderen Weise, als wie der
Heiligen Geist es tat. Bitte deshalb deinen Sohn,
dass er schleunigst abberufen wird, so dass nicht
auch mehrere andere verloren gehen, oder dass er für
seinen Irrtum auch bald demütige Buße tut.“
Die Mutter antwortete: „Hör du, die du Jungfrau
bist, obwohl du ein Mann und keine Frau bist[1].
Du bist die, die Gott gewürdigt hat, mit dem
leichtesten Tod nächst mir von der Welt
abzurufen. Ich bin gleichsam bei der Trennung der
Seele vom Körper eingeschlafen und in ewiger
Freude erwacht.
Das war nicht verwunderlich, denn ich trauerte
bitterer als andere beim Tode meines Sohnes, und
deshalb hat es Gott gefallen, mich mit dem
leichtesten Tode von der Welt zu trennen. Du warst
mir am nächsten unter den Aposteln, du hast größere
Beweise als andere für die Liebe meines Sohnes
erfahren, die Pein meines Sohnes war für dich
bitterer als für die anderen, denn du sahst ihn näher
als sie, und nachdem du länger als deine Mitbrüder
gelebt hast, bist du sozusagen durch ihrer aller
Tod zur Märtyrerin geworden. Deshalb hat es Gott
gefallen, dich mit dem leichtesten Tod nächst mir
von der Welt abzurufen, denn die Jungfrau wurde
damit einer Jungfrau anvertraut. Daher soll es
ohne Verzögerung so gehen, wie du es gewünscht
hast.
Doch will ich meiner Tochter zeigen, wie dieser
Mann[2], vom dem wir sprechen, beschaffen ist. Er
ist sicher wie ein Diener bei einem Münzschmied.
Mit letzterem ist der Teufel gemeint, der seine Münzen
umschmelzt und hämmert – d.h. den, der ihm mit
seinen Eingebungen und Versuchungen bearbeitet,
bis er ihn so bekommt, wie er will. Und wenn er
den Willen des Menschen verdorben hat und ihn zur
Fleischeslust und Weltliebe erniedrigt hat, so drückt
er ihm gleich sein Bild und seine Inschrift auf,
denn dann geht aus den äußeren Zeichen allzu gut
hervor, wen der Mensch mit seinem ganzen Herzen
liebt.
Aber wenn der Mensch das Begehren seiner Sinne in
der Tat vollkommen macht und sich mehr in
weltliche Dinge einmischen will, als es seiner
Stellung zukommt, ja wenn er noch mehr tun würde,
wenn er nur könnte, da zeigt sich, dass die Münze
des Teufels vollkommen ist. Gottes Münze ist von
Gold und glänzend, biegsam und kostbar. So glänzt
jede Seele, die Gottes Stempel trägt, von göttlicher
Liebe, biegsam durch ihre Geduld, und kostbar
durch ihre ständigen guten Taten.
Eine gute Seele wird also durch Gottes Güte
„umgeschmolzen“ und unter vielen Heimsuchungen
geprüft, durch die die Seele ihren Ursprung und
ihre Anfälligkeit und Gottes Milde und Geduld mit
ihr kennenlernt. Und sie wird Gott umso
wertvoller, je demütiger, geduldiger und
gewissenhafter sie erfunden wird.
Die Münze des Teufels ist dagegen aus Kupfer und
Blei. Sie ist aus Kupfer, denn das hat eine
gewisse Ähnlichkeit mit Gold; sie ist biegsam,
aber nicht wie Gold, sondern härter. So scheint
die Seele des Ungerechten ihr selbst gerecht zu
sein. Er verurteilt alle, stellt sein eigenes Ich
vor alles andere und ist nicht bereit zu Werken
der Demut, aber weichlich bei seinen eigenen
Taten, schwer von dem abzubringen, was ihm
eingefallen ist, wichtig für die Welt, aber verächtlich
vor Gott.
Von der Münze des Teufels kann man auch sagen,
dass sie aus Blei ist, denn sie ist hässlich,
weich und biegsam sowie schwer. So ist die Seele
des Ungerechten hässlich mit ihren unkeuschen
Begierden, schwer in weltlicher Gewinnsucht, und
biegsam wie ein Strohhalm für alles, was der
Teufel dem Sinn eingibt, ja manchmal auch noch
rascher, zu sündigen, als der Teufel mit seinen
Versuchungen.
So ist dieser Diener des Münzschmieds beschaffen,
denn er ist es müde geworden, die Klosterregel zu
beachten, wie er es doch gelobt hat, und er dachte
sich aus, den Menschen durch eine vorgespielte
Heiligkeit zu gefallen, um heimlich sein Fleisch
lecker mästen zu können. Und rasch betörte der
Teufel dann auch seine Seele mit lügnerischen Träumen,
so dass er seinen Glauben daran setzte, was unmöglich
ist und nicht geschehen wird. Nun wird sein Leben
verkürzt werden, und die Ehre, nach der er
verlangte, wird er nicht gewinnen.
Wenn man irgendeine neue Münze findet, soll man
sie aber zu einem weisen Mann schicken, der wiegen
kann und genügend Kenntnis vom Aussehen einer Münze
hat. Aber wie finden wir den? Und wenn wir ihn
finden werden, kümmert er sich wenig oder gar
nicht darum, wieweit die Münze unecht oder echt
ist. In einem solchen Fall gibt es einen einzigen
Ausweg, wie ich dir durchein Gleichnis erklären
will.
Wenn man einem Hunde einen Gulden vorlegen würde,
so würde er sich nicht darum kümmern, ihn zu
nehmen, aber wenn man ihn mit einem Fett
einschmieren würde, so würde er es ohne Zweifel
tun. So verhält es sich auch hier. Wenn man zu
einem weisen Mann geht und sagt: „Der da ist ein
Ketzer, so befasst er sich nicht damit, denn seine
Gottesliebe ist ganz erkaltet. Aber wenn man
sagte: „Er hat viele Gulden“, so würden alle
gleich dahin eilen. Daher wird es bald so gehen,
wie Paulus sagt: „Ich will die Weisheit der
Weisen zunichte machen und demütigen, aber die
Demütigen will ich erhöhen.“
Doch kannst du, meine Tochter, den Heiligen Geist
an sieben Dingen von dem unreinen unterscheiden.
Zum ersten bewirkt Gottes Geist, dass die Welt
ihren Wert für den Menschen verliert, der in
seinem Herzen dann dies alles für Luft ansieht.
Zweitens macht er Gott für die Seele lieb und
wird jede fleischliche Lust zum Verlöschen
bringen. Drittens gibt er Geduld und die Lust,
Gott allein die Ehre zu geben. Viertens erweckt er
den Sinn, die Mitmenschen zu lieben und auch mit
Feinden Mitleid zu haben. Fünftens schenkt er
Keuschheit und Enthaltsamkeit auch von erlaubten
Dingen. Sechstens lässt er den Menschen in allen
Widerwärtigkeiten auf Gott vertrauen und sich
deren rühmen. Siebtens schenkt er das Verlangen,
erlöst zu werden und lieber bei Christus zu sein,
als auf der Welt Erfolg zu haben und von ihr
befleckt zu werden.
Der böse Geist bewirkt dagegen sieben andere
Dinge. Erstens macht er, dass der Mensch die Welt
schön findet und das Himmlische verachtet.
Zweitens macht er, dass der Mensch sich nach
Ehrenbezeugungen sehnt und sich selbst vergisst.
Drittens erweckt er Hass und Ungeduld im Herzen.
Viertens bringt er den Menschen dazu, Gott zu
trotzen und auf seinen eigenen Vorsätzen zu
bestehen. Fünftens lässt er den Menschen seine Sünden
für unbedeutend halten und sie entschuldigen.
Sechstens macht er das Herz unstet und das Fleisch
unrein. Siebtens macht er dem Menschen Hoffnung
auf ein langes Leben und flößt ihm Scham ein, zu
beichten. Gib daher genau Acht auf deine Gedanken,
so dass du nicht von diesem Geist betrogen
wirst.“
|
| Erklärung |
Dieser
Mann war Priester des Zisterzienserordens. Nachdem
er 18 Jahre abtrünnig war, bereute er das und
kehrte zum Kloster zurück. Er behauptete, es sei
unmöglich, dass einer verdammt werden könne,
dass Gott mit einem Mensch auf dieser Welt reden könne,
und dass jemand Gottes Angesicht vor dem Jüngsten
Gericht sehen kann.
Als Frau Birgitta dies hörte, sagte der Heiligen
Geist zu ihr: „Geh zu diesem Bruder und sag zu
ihm: „O Bruder, du siehst nicht, was ich sehe, nämlich
dass der Teufel noch in deinem Alter deinen Sinn
und deine Zunge gebunden hält. Gott ist ewig, und
ewig ist seine Vergeltung. Wende dich daher
schleunigst mit deinem ganzen Herzen zu Gott und
dem wahren Glauben, denn du wirst sicher nicht von
diesem Bett aufstehen, sondern sterben. Aber wenn
du glaubst, wirst du ein ehrenvolles Gefäß
Gottes werden.“
Er brach in Tränen aus, dankte Frau Birgitta und
besserte sich vollständig, dass er bei seinem
Heimgang die Brüder zusammenrief und sagte: „O
meine Brüder, ich bin gewiss, dass der
barmherzige Gott meine Reue angenommen hat und mir
Verzeihung schenken wird. Betet für mich! Ich
glaube alles was die Heiligen Kirche glaubt.“
Und nachdem er das Sakrament[3] empfangen hatte,
entschlief er.
[1]. So wörtlich, doch
unverständlich.
[2]. Wie später gesagt wird, war es ein Priester
im Zisterzienserorden.
[3]. Die letzte Ölung.
|

| 24.
Kapitel |
|
Maria ermahnt Birgitta zur Geduld, wenn sie auch andere ungeduldig sieht.
Die Mutter
spricht: „Wenn ein Ölkrug aufgewärmt wird und
das Öl sich ausbreitet und wächst, steigen Dampf
– und Schaumbildungen auf, manchmal kleinere,
und sinken wieder schnell herunter. Alle die, die
um das Ölfass herumstehen, wissen, dass solche Dämpfe
rasch abnehmen, und dass es an der Stärke und
Erhitzung des Öls liegt, dass so etwas daraus
aufsteigt. Sie warten daher geduldig auf das Ende
und auf die abschließende Bereitung des Öls. All
denen, die um den Krug herumstehen und die Nase zu
nah an das siedende Gebräu halten, geschahen zwei
Sachen: Entweder niesen sie heftig, oder sie
bekommen starke Kopfschmerzen[1].
So ist es auch im geistlichen Leben. Denn es
passiert manchmal, dass das Herz mancher Leute
aufschwillt und sich auf Grund von Übermut und
Ungeduld seines Sinnes überhebt. Anständige Männer
geben darauf Acht und sehen ein, dass so etwas
entweder von der Unbeständigkeit des Sinnes oder
von einer fleischlichen Regung herrührt. Daher
ertragen sie geduldig die Wort und warten auf das
Ende, denn sie wissen ja, dass nach dem Sturm
wieder Ruhe eintritt, und dass die Geduld größer
ist als der, der Städte einnimmt, denn diese
Tugend überwindet der Mensch in sich selbst, was
am allerschwersten ist.
Aber die, die sehr ungeduldig sind und harte Worte
wiedergeben und nicht auf den ehrenvollen Lohn der
Geduld achten, oder darauf, wie verächtliche die
Gunst der Welt ist – bei denen wird die
Sinnesruhe schwach, und sie geraten wegen ihrer
Ungeduld in Versuchungen, denn sie halten die Nase
zu dicht an den dampfenden Krug, d.h. sie lassen
ihr Herz sich zu sehr über Worte bekümmern, die
bloß leeres Wetter sind.
Wenn ihr daher manche seht, die ungeduldig sind,
solltet ihr mit Gottes Hilfe euren Mund bewachen,
so dass ihr wegen ungeduldiger Worte nicht das
Gute aufgebt, das ihr begonnen habt, sondern es
auf sich beruhen lasst, als ob ihr es nicht gehört
habt – bis die, die eine Gelegenheit dazu finden
wollen, mit Worten ausdrücken, was sie im Herzen
meinen.“
[1]. Das Gleichnis ist vom
Ölbrauen in einem mittelalterlichen schwedischen
Haushalt genommen und ist typisch für seine
Verfasserin, die Frau eines Großbauern in Östergötland. |

| 25.
Kapitel |
|
Maria ermahnt Birgitta zur Askese, aber in maßvoller Weise.
Die Mutter
spricht: „Du sollst wie eine Braut sein, die am
Bettvorhang steht, und die bereit ist, auf den
Willen des Bräutigams zu hören, sobald er sie
ruft. Dieser Bettvorhang ist der Körper, den die
Seele umgibt, und der ständig gewaschen, erprobt
und gezüchtigt werden muss. Der Körper ist ja
wie ein Esel, der mäßige Kost braucht, damit er
nicht in Geilheit gerät und die Arbeit vernünftig
abwägt, damit er nicht hochmütig wird und ständig
Schläge bekommt, damit er nicht widerspenstig
wird.
Steh also am Bettvorhang, d.h. am Körper und
nicht im Körper und kümmere dich in deinem
Begehren nicht um das Fleisch, sondern versorge
den Leib mit maßvollem Lebensunterhalt, denn der
Mensch steht am Körper, nicht im Körper, der
seinen Leib vom wollüstigen Überfluss an Nahrung
fernhält – aber nicht von dem, was notwendig
ist.
Steh auch hinter dem Bettvorhang, indem du den
Genuss des Fleisches verschmähst, fördere Gottes
Ehre und widme dich Gott ganz. So standen die, die
ihre Leiber wie Kleider vor Gott niederlegten, und
die jede Stunde bereit für Gottes Willen waren,
wenn es Gott gefiel, sie zu berufen – für sie
war ja der Weg zu ihm, den sie immer gegenwärtig
hatten, auch nicht lang, und ihre Hälse drückten
keine schwere Lasten, denn sie verschmähten
alles, und nur doch ihre Körper waren auf der
Welt.
Deshalb schweben sie leicht und ungehindert auf
zum Himmel, da sie das abgelegt hatten, gewannen
sie, was sie ersehnt hatten. So tat dieser einen
gefährlichen Fall, stand klugerweise wieder auf,
verteidigte sich mannhaft, kämpfte standhaft und
hielt tapfer aus. Deshalb sollst du nun auf ewig
gekrönt werden, und er ist dabei, Gott zu
schauen.“
|

| 26.
Kapitel |
|
Maria erklärt, dass die guten Werke, die man aus Pflicht zu Gehorsam tut, doppelt wertvoll sind.
Der Baum hat
viele Blüten, aber alle kommen nicht zur
Vollendung. Ebenso gibt es viele tugendhafte
Taten, aber doch verdienen nicht alle himmlischen
Lohn, sofern sie nicht mit Klugheit geschehen.
Denn fasten, beten und Plätze der Heiligen zu
besuchen, das sind tugendhafte Taten, aber wenn
sie nicht mit der Gesinnung getan werden, dass der
Mensch glaubt, mit seiner Demut in den Himmel zu
kommen und sich alles in allem für einen unnützigen
Diener hält und Klugheit in allem hat, was er
tut, so haben sie wenig Wert für die Ewigkeit.
Stell dir zwei Männer vor. Der eine steht unter
Gehorsam, der andere hat seinen freien Willen.
Wenn der, der frei ist, fastet, wird er einen
einfachen Lohn empfangen. Aber wenn der, der unter
Gehorsam steht, an einem Fastentage nach der
Verordnung der Regel Fleisch isst, aber auf Grund
des Gehorsams doch lieber fasten sollte, sofern
die Gehorsamspflicht nicht dagegen spricht, so
soll dieser doppelten Lohn empfangen, einen für
seinen Gehorsam und einen dafür, dass er auf
seinen eigenen Wunsch verzichtet und seinen Willen
nicht erfüllt bekam.
Deshalb solltest du wie eine Braut sein, die das
Hochzeitshaus in Ordnung bringt, ehe der Bräutigam
kommt; zweitens sollst du sein wie eine Mutter,
die die Kleider fertig macht, ehe das Kind geboren
wird; drittens wie ein Baum, der Blüten trägt,
bevor die Früchte kommen; viertens wie ein reines
Gefäß, das ordentlich geputzt wird, bevor der
Trank eingegossen wird, um ihn aufzunehmen.“
|

| 27.
Kapitel |
|
Maria spricht mit Birgitta über eine scheinheilige Person.
Die Mutter
spricht: „Dieser Mann sagt, er würde mich
lieben, aber er kehrt mir den Rücken zu, wenn er
mir dient. Und wenn ich mit ihm spreche, sagt er:
„Was sagst du?“ Er wendet seine Augen von mir
ab und sieht darauf, was ihm besser gefällt. Er
ist seltsam bewaffnet – wie der, der in einem
leibhaftigen Kriege stand, aber die Öffnung des
Helmvisiers im Nacken hatte, der den Schild, der
am Arm hängen sollte, an den Achseln hängen
hatte, dessen Mantel, der dazu bestimmt war, Körper
und Brust zu schützen, unter ihm im Sattel lag,
und dessen Sattelriemen auch nicht festgebunden
waren, wie es sein müsste, sondern lose auf dem
Pferde hingen.
So ist dieser Mann geistlich vor Gott bewaffnet.
Und deshalb kann er nicht zwischen Freunde und
Feind unterscheiden und kann dem Feind auch keinen
Schaden zufügen. Der andere, der mit ihm kämpft,
ist so wie der, der schlau überlegt: „Ich will
im Kampf bei den Letzten sein, so dass ich mich in
den Büschen verstecken kann, wenn die Vordersten
die Schlacht verlieren, aber wenn sie die Schlacht
gewinnen, will ich so schnell herbeikommen, dass
ich zu den Vordersten gerechnet werde.“ Daher
handelte er, der in den Krieg zog, nach
menschlicher Weisheit und nicht aus göttlicher
Liebe.“
|

| 28.
Kapitel |
|
Maria erklärt Birgitta, worin die rechte Trübsal besteht.
Die Mutter
spricht: „Wer einen Brotteig hat, muss kräftig
kneten und daran arbeiten. Aber der Herrschaft
wird Weizenbrot vorgesetzt, während das Volk ein
etwas weniger gutes Brot erhält, und eine dritte
Art von Brot, das noch schlechter ist, wird den
Hunden gegeben. Unter der Teigarbeit verstehe ich
die Trübsal, denn der geistlich gesinnte Mensch
ist hochbetrübt darüber, dass Gott von seiner
geschaffenen Welt nur wenig Ehre erhält, und dass
diese wenig Liebe spürt.
All die, die auf diese Weise betrübt sind, die
sind der Weizen, worüber sich Gott und die ganze
Heerschar des Himmels freut. All die, die über
weltliches Unglück betrübt sind, die sind
gleichsam das geringere Brot, und doch reicht das
für viele, das Himmelreich zu erhalten. Aber die,
die darüber betrübt sind, dass sie nicht all das
Böse tun können, das sie wollen – die sind
Brot für die Hunde, die es in der Hölle gibt.“
|

| 29.
Kapitel |
|
Maria mahnt Birgitta und ihre Freunde, nicht ihre strenge Lebensführung aufzugeben.
Die Mutter
spricht: „All diese, die du um euch herum stehen
siehst, das sind eure geistlichen Feinde und
Geister des Teufels. Denn die, die (….? stänger)
haben, in denen Schlingen sichtbar sind, das sind
die, die euch in Todsünden stürzen wollen. Die
von denen du siehst, dass sie Haken in Händen
haben, sind die, die euch vom Dienst für Gott zurückhalten
wollen, damit ihr ermüden sollt, Gutes zu tun.
Aber die, die gezackte Werkzeuge wie Gabeln haben,
mit denen der Mensch das hervorzieht und betreibt,
was er sich wünscht, das sind die, die euch überreden,
dass ihr irgendwelche Werke über eure Kräfte
unternehmt, ob es nun Wachen, Fasten, Gebete,
Arbeiten sind, oder unverständiges Ausgeben eurer
Gelder.
Da diese Geister also so versessen darauf sind,
euch zu schaden, sollt ihr an diesem Willen
festhalten, nämlich Gott nicht beleidigen zu
wollen, und ihr sollt Gott um Hilfe gegen ihre
Grausamkeiten bitten, denn dann werden ihre
Drohungen euch keinen Schaden zufügen.
|

| 30.
Kapitel |
|
Maria erklärt, dass man nicht sündigt, wenn man feine und kostbare Kleider trägt, wenn das notwendig ist.
Es steht
geschrieben, dass der gute Apostel Paulus von sich
sagte, ein kluger Mann vor dem Kaiser zu sein, der
Petrus gefangen genommen hatte, und der Petrus
einen armen Mann genannt hat. Und damit hat Paulus
nicht gesündigt, denn seine Worte dienten zu
Gottes Ehre.
So ist es auch mit denen, die Gottes Wort hören
und davon reden wollen. Denn wenn sie nicht zu den
Herrn kommen können, weil sie nicht genug feine
Kleider haben, so sündigen sie nicht, wenn sie
sich in die Gewänder kleiden, die sie besitzen.
Sie sollen nur in ihrem Willen und in ihrem Herzen
das Gold, die feine Kleidung und die teuren Steine
nicht für kostbarer als die Altgewohnten Kleider
halten, denn alles, was kostbar aussieht, ist nur
Staub.
|

31.
Kapitel
Gottes Mutter sagt:
„Wenn jemand einen Arbeiter mietet, um zu arbeiten, und
zu ihm sagt: „Bring Sand vom Strand und untersuche jede
Bürde, ob du vielleicht darin ein Goldkorn entdecken
kannst, so wird der Lohn des Arbeiters nicht geringer,
wenn er nichts findet, als wenn er viel entdecken würde.
So ist es auch mit dem, der mit göttlicher Liebe mit
Wort und Tat zum Nutzen der Seelen arbeiten: Sein Lohn
wird nicht geringen, wenn es ihm auch nicht gelingt,
manche zu bekehren, als wenn er viele bekehrt. Der
Lehrer hat ja dieses Gleichnis vorgebracht: „Der
Krieger, der auf Befehl seines Herrn in den Krieg zog
und den Willen hatte, tapfer zu kämpfen, aber verwundet
und ohne einen Gefangenen zurückkehrte, der soll, wenn
er auch im Krieg verloren hat, für seinen guten Willen
nicht weniger Lohn erhalten, als wenn er den Sieg
errungen hätte.“
So ist es auch mit Gottes Freunden. Denn für jedes Wort
und jede Tat, die sie für Gott tun und dafür tun, dass
die Seelen gebessert werden sollen, und für jede Stunde
der Trübsal, die sie für Gott leiden, werden sie die
Krone empfangen, ob sie viele bekehren oder keinen.

32. Kapitel
Die
Mutter sagt: „Es gibt ein Sprichwort bei auch, das
lautet: „Mit so etwas kannst du mich aus dem Lande
jagen.“ So sage ich jetzt auch. Es gibt keinen so großen
Sünder auf der Welt, dass ich nicht gleich bereit bin –
wenn er nur in seinem Herzen spricht, dass mein Sohn,
der Schöpfer und Erlöser aller, von ihm im Herzen innig
geliebt wird – wie eine liebvolle Mutter zu ihrem Sohn
zu kommen, ihn zu umarmen und zu sagen: „Was gefällt
dir, mein Sohn?“
Und mag er sich auch bis zur tiefsten Pein der Hölle
schuldig gemacht haben – wenn er nur gewillt sein würde,
sich nicht um die Ehre der Welt oder um die Begierde und
Lust des Fleisches zu kümmern, was die Kirche
verurteilt, und nichts anderes begehrte, als allein
seinen Lebensunterhalt, so würden er und ich und bald
gut vertragen.
Sag ihn also, der den Lobgesang auf mich schreibt, nicht
zu seinem eigenen Ruhm oder für seinen eigenen Lohn,
sondern zum Lobe dessen, der für seine Taten alles Lob
verdient – dass, wie die Fürsten der Welt ihren
Lobrednern eine zeitliche Belohnung geben, so will ich
ihn geistlich belohnen. Denn so wie eine einzige Silbe
viele Noten über sich hat, so gefällt es Gott, ihm für
jede Silbe im Gesang Kronen zu schenken, und es wird ihm
gesagt werden: „Sieh, der Lobsänger kommt, der einen
Gesang komponiert, ohne an ein zeitliches Gut zu denken,
nur für Gott allein.“
Erklärung
Dieser Mann wurde
versucht, an der heiligen Dreieinigkeit zu zweifeln. In
einer Ekstase sah er etwas wie drei Frauengesichter. Die
erste sagte: „Viele Ehen habe ich mit angesehen, aber
nie habe ich eine dreifache in einer einzigen gesehen.“
Die andere erwiderte: „Wenn drei eins sind, so muss das
eine vorher und das andere nachher, oder zwei in einem
sein.“ Die dritte äußerte: „Die können sich nicht selbst
gemacht haben – wer hat sie dann gemacht? „Da sagte der
Heilige Geist offen: „Lasst uns zu ihm gehen und Wohnung
bei ihm beziehen.“ Und beim Erwachen war er von der
Versuchung befreit.
Dann sagte Christus zu Frau Birgitta: „Ich bin
dreifaltig und einer. Ich will dir zeigen, was des
Vaters Macht, die Weisheit des Sohnes und die Kraft des
Heiligen Geistes ist.“ Und diese Offenbarung ist da
abgeschlossen, wo sie von der Kanzel gesprochen wird.
Weiter sagte Christus: „Sag zu ihm, dass er bei mir ein
größeres Verdienst mit seiner Krankheit als mit seiner
Gesundheit erwerben wird. Denn Lazarus wurde edler durch
sein Leiden, und Hiob wurde mehr geliebt wegen seiner
Geduld. Doch missfallen mir die von meinen Auserwählten
nicht, die gesund sind, denn deren Herz ist immer bei
mir, und ihr Leib übt immer kluge Enthaltsamkeit und
fromme Arbeit.“

33. Kapitel
Verehrter Herr! Verkünde dem Papst unter anderen Dingen,
in welch bedauernswerter Lage sich Rom, das früher
körperlich und geistlich so glücklich war, sich jetzt
befindet! Jetzt ist es unglücklich, körperlich und
geistlich. Körperlich, weil die weltlichen Fürsten, die
seine Verteidiger sein sollten, seine wildesten Räuber
geworden sind. Deshalb sind seine Häuser niedergebrochen,
und viele Kirchen ganz verlassen, die Gebeine von
gesegneten Heiligen bewahren, die durch ehrenreich,
wunderbare Kunstwerke strahlen, und deren Seelen in
Gottes Reich herrlich gekrönt werden.
Diese Tempel der Heiligen haben ihre Dächer und Tore
verloren und sind in heimliche Häuser von Menschen,
Hunden und wilden Tieren verwandelt.
Geistlich ist diese Stadt unglücklich, denn viele
Bestimmungen, die heilige Päpste durch Eingebung des
Heiligen Geistes zu Gottes Lob und zur Erlösung der
Seelen in der Kirche erlassen haben, sind nun
aufgehoben, und stattdessen hat man durch Eingebung des
bösen Geistes leider viele neue Unsitten angenommen, um
Gott zu verschmähen und die Seelen zu verdammen.
Es gab eine Verordnung in der heiligen Kirche, dass
Kleriker (Priesterkandidaten), die die heiligen Weihen
empfangen wollten, ein heiliges Leben führen sollten,
fleißig und fromm Gott dienen und anderen durch ihre
guten Werke den Weg zum himmlischen Vaterland zeigen
sollten – denen gab man die Einkünfte der Kirche.
Aber anstelle dieser Gewohnheit der Kirche ist ein
schwerer Missbrauch aufgekommen, indem man die Güter der
Kirche Laien gibt, die sich keine Ehefrauen nehmen,
während sie den Namen „Domherrn“ führen, die aber
ungescheut in ihren Häusern Mätressen am Tage und nachts
in ihren Betten haben, wobei sie frech erklären: „Es ist
uns nicht erlaubt, in einer Ehe zu leben, weil wir
Domherren sind.“
Auch Priester, Diakonen und Subdiakone haben früher die
Schmach eines unkeuschen Lebenswandels tief verabscheut,
aber nun freuen sich manche von ihnen offen, dass ihre
Mätressen mit schwellendem Mutterleib unter andere
Frauen gehen. Ja sie schämen sich nicht einmal, wenn
ihre Freunde zu ihnen sagen: „Sieh, Herr, bald wird euch
ein Sohn oder eine Tochter geboren werden.“ Solche Leute
müssten mit größerem Recht Kupplerknechte des Teufels
als geweihte Priester des höchsten Gottes genannt
werden.
Die heiligen Väter, Benedikt und andere, haben mit
Zulassung der Päpste Ordensregeln gestiftet und Klöster
gebaut, wo die Äbte mit den Brüdern zu wohnen pflegten,
fromm die nächtlichen und täglichen Stundengebete
verrichteten und die Mönche gewissenhaft unterwiesen,
ein züchtiges Leben zu führen. Es war sicher schön, zu
der Zeit Klöster aufzusuchen, wo die Mönche Gott Tag und
Nacht mit ihrem Gesang Lob und Ehre erwiesen.
Lasterhafte Menschen besserten sich dadurch, dass sie
ihr schönes Leben sahen, die guten wurden durch die
göttliche Unterweisung der Väter gestärkt, und die
Seelen im Fegefeuer erhielten durch ihre frommen Gebete
die selige Ruhe. Da wurde der Mönch in größten Ehren
gehalten, der seine Regel am besten einhielt, ja er war
von Gott und Mensch geehrt. Aber wer sich nicht daran
kümmerte, die Regel zu halten, der konnte sicher sein,
Scham und Schande zu erfahren. Damals konnte jeder
Mensch von der Tracht her unterscheiden, wer Mönch war.
Aber als Ersatz für diese höchst ehrenwerte Ordnung ist
jetzt vielerorts eine verwerfliche Unsitte aufgekommen.
Die Äbte weilen nämlich sehr oft in ihren Schlössern und
wo immer es ihnen gefällt, innerhalb und außerhalb der
Stadt. Daher ist es jetzt beschwerlich, Klöster zu
besuchen, denn nur sehr wenig Mönche scheinen zur Zeit
des Gottesdienstes im Chor zu sein, ja manchmal
überhaupt keine. Deshalb wird dort jetzt wenig gelesen,
manchmal wird nichts gesungen, und an vielen Tagen wird
keine Messe gehalten.
Durch ihren schlechten Ruf werden gute Menschen betrübt,
und die schlechten werden durch den Umgang mit ihnen
noch schlechter. Es ist zu befürchten, dass sehr wenige
Seelen durch die Gebete solcher Mönche wenig Freude in
ihren Qualen finden. Und viele Mönche haben auch ein
eigenes Haus in der Stadt, und wenn ihre Freunde zu
Besuch kommen, umarmen sie ihre eigenen Kinder und sagen
fröhlich: „Schau her, mein Sohn!“
Jetzt kann man kaum noch einen Mönch an seiner Tracht
erkennen, denn der Rock, der früher bis hinunter zu den
Füßen reichte, kann jetzt kaum die Knie bedecken. Ihre
Ärmel, die früher ordentlich genäht und weit waren, sind
jetzt eng und zugeknöpft, und ein Schwert statt einem
Griffel und Schreibtafel hängt an ihrer Seite. Ja, man
kann beim Mönch kaum ein einziges Kleidungsstück finden,
das auf seinen Stand hinweist, sondern ein Skapulier,
das übrigens oft verdeckt wird, so dass man es nicht
sieht, ganz als ob es eine Schande wäre, ein
Mönchskleidungsstück zu tragen. Manche schämen sich
nicht einmal, Panzer und andere Waffen unter dem Rock zu
tragen, damit sie nach Einbruch der Dunkelheit machen,
was sie wollen.
Es hat heiligen Männer gegeben, die ihre großen
Reichtümer aufgegeben und angefangen haben, nach der
Ordensregel in Armut zu leben, ja die alle Gewinnsucht
verschmäht haben und dafür nichts eigenes mehr haben
wollten. Sie verabscheuten die Hoffart und den Prunk der
Welt, kleideten sich in die ärmlichsten Gewänder, legten
alle fleischliche Lust ab und führten ein reines Leben.
Sie und ihre Mitbrüder wurden Bettelmönche genannt, und
ihre Regeln wurden auch von den Päpsten bestätigt, die
sich darüber freuten, dass es manche gab, die zu Gottes
Ehre und zum Nutzen der Seelen eine solche Lebensweise
auf sich nehmen wollten. Aber jetzt ist es traurig zu
sehen, wie sogar diese Regeln in verwerfliche Unsitten
verwandelt worden sind und keineswegs so gehalten
werden, wie Augustinus, Dominicus und Franziskus sie
durch Eingebung des Heiligen Geistes diktiert haben –
diese Regeln, die viele Reiche und Vornehme lange Zeiten
treu eingehalten haben.
Jetzt trifft man wirklich viele, die reich genannt
werden, und die doch ärmer an Geld und Kostbarkeiten
sind als die, die gelobt haben, in Armut zu leben. So
erzählte das Gerücht von ihnen. Daher haben die meisten
von ihnen Eigentum, was ihnen ihre Regel doch verbietet,
und sie freuen sich mehr über ihren verwerflichen
Reichtum als über heilige, ehrenvolle Armut. Und sie
prahlen damit, dass ihre Tracht aus ebenso teurem Stoff
gemacht ist, wie die von reichen Bischöfen.
Der heilige Gregorius und andere Heilige bauten
Nonnenklöster zu dem Zweck, dass Frauen dort streng
eingeschlossen werden sollten, dass sie kaum noch am
Tage zu sehen waren. Aber jetzt herrscht an diesen
Stellen eine sehr schwere Unsitte, indem die Tore ohne
weiteres für Priester und Laien geöffnet werden, die die
Schwestern gern einlassen – ja sogar des nachts. Daher
gleichen diese Stellen mehr Bordellen, als heiligen
Nonnenklöstern.
Es gab auch eine Bestimmung in der heiligen Kirche, dass
keiner dafür Geld annehmen sollte, dass er die Beichte
hörte. Jedoch war es Penitentiariern erlaubt, Geld für
Schreibarbeiten anzunehmen, wie es auch gebührlich ist,
wenn es Personen betrifft, die Bescheinigungen brauchen.
Aber stattdessen hat sich nun die Unsitte
eingeschlichen, dass reich Menschen bezahlen, so viel
sie wollen, wenn sie gebeichtet haben, und Arme
gezwungen werden, ein Übereinkommen mit dem Beichtvater
zu treffen, ehe sie gehört werden. Und wenn die
Beichtväter die Absolution mit dem Munde ausgesprochen
haben, schämen sie sich nicht, das Geld mit ihren Händen
in die Börse zu stopfen.
Es wurde weiter in der Kirche festgelegt, dass jeder
Mensch mindestens einmal im Jahre seine Sünden beichten
und den Leib Christi (in der Kommunion) empfangen
sollte. Das betraf Laien; Priester und Ordensleute
sollten es mehrmals im Jahre tun. Ferner war es
bestimmt, dass die, die nicht enthaltsam leben konnten,
in der Ehe leben sollten. Drittens, dass alle Christen
(außer die, die schwer krank waren oder sich in schwerer
Bedrängnis befanden), während des Vierzig-Tage-Fastens
fasten sollten, an den Quatembertagen und an den
Vigilien an großen Feiertagen; diese Fastentage sind
immer noch fast allen sehr gut bekannt.
Viertens war es bestimmt, dass alle sich an Feiertagen
von weltlicher Arbeit enthalten sollten. Fünftens war
bestimmt, dass kein Christ Geld oder dergleichen durch
Wucher erwerben sollte. Aber gegen diese fünf guten
Bestimmungen haben sich fünf schändliche und äußerst
schädliche Unsitten eingeschlichen. Die erste ist, dass
es für jeden Menschen, der Beichte ablegt und Christi
Leib empfängt, hundert andere Personen gibt, die das
Alter der Vernunft erreicht haben und in Rom sterben,
oder dass jemand in Rom stirbt, ohne jemals Beichte
abgelegt oder Christi Leib empfangen zu haben…
Die zweite Unsitte ist, dass viele zwar gesetzliche
Ehefrauen nehmen, aber wenn sie in irgendeine
Uneinigkeit mit ihren Frauen geraten, so verlassen sie
sie für solange Zeit, wie es ihnen behagt, ohne eine
kirchliche Zustimmung einzuholen, und anstelle der
Ehefrauen nehmen sie Mätressen, die sie auch in Ehren
halten und lieben. Manche haben nicht einmal Hemmungen,
in ihrem Haus eine Geliebte zusammen mit der Ehefrau zu
haben, und freuen sich, zu hören, dass sie gleichzeitig
Kinder im selben Haus zur Welt bringen.
Die dritte Unsitte ist, dass viele gesunde Menschen
während des Vierzig-Tage-Fastens Fleisch essen, und es
sind sehr wenig, die sich mit einer Mahlzeit am Tag
begnügen. Und es gibt manche, die am Tage auf Fleisch
verzichten und solches Essen zu sich nehmen, was während
des Fastens erlaubt ist, aber nachts essen sie in
heimlichen Lokalen doch Fleisch. Ja das tun sowohl
Priester als auch Laien, und sie gleichen so den
Mohammedanern, die am Tage fasten, aber nachts Fleisch
essen.
Die vierte Unsitte ist, dass – obwohl manche Handwerker
auf Arbeit an Feiertagen verzichten – doch manche Reiche
ihre Tagelöhner auch an Feiertagen in die Weingärten
schicken, um zu arbeiten, auf den Feldern zu pflügen, in
den Wäldern Holz zu schlagen und Sachen Heimzuschaffen,
und auf diese Weise genießt armes Volk an Feiertagen
nicht mehr Ruhe, als an Werktagen. Die fünfte Unsitte
ist, dass Christen so wie Juden Wucher betreiben, ja die
christlichen Wucherer sind geradezu gieriger, als die
Juden.
Es war ferner in der Kirche bestimmt, dass solche
Menschen, die nun beschrieben sind, in den Bann getan
werden sollen. Aber jetzt ist stattdessen die Unsitte
aufgekommen, dass sich viele nicht mehr vor dem Bann,
als vor dem Segen fürchten. Auch wenn sie wissen, dass
sie öffentlich im Bann stehen, so verzichten sie nicht
auf den Kirchenbesuch oder den Verkehr und das Gespräch
mit anderen Menschen. Es gibt wenige Priester, die
Gebannten verbieten, zur Kirche zu gehen: Wenige sind
es, die es unterlassen, mit Gebannten zu verkehren und
mit ihnen zu sprechen, wenn sie mit ihnen durch
irgendein Freundschaftsband verbunden sind. Und wenn sie
reich sind, so verweigert man den Gebannten kein
kirchliches Begräbnis.
Daher solltet Ihr Euch nicht darüber wundern, Herr, dass
ich Rom unglücklich nenne, nachdem dort solche Unsitten
und vieles andere, was in scharfem Widerspruch zu den
kirchlichen Bestimmungen steht, dort im Schwange sind.
Es ist infolgedessen zu befürchten, dass der katholische
Glaube binnen kurzem untergeht, sofern nicht jemand
kommt, der Gott ungeheuchelt über alles liebt und seinen
Nächsten wie sich selbst, um alle Missbräuche
abzuschaffen. Habt deshalb Mitleid mit der Kirche und
mit denen in ihrer Priesterschaft, die Gott von ganzem
Herzen lieben und alle schlechten Sitten verabscheuen;
sie sind durch die Abwesenheit des Papstes sozusagen
vaterlos geworden, aber haben doch wie Söhne die
Residenz des Vaters verteidigt, haben den Verrätern klug
widerstanden und haben trotz vieler Leiden ausgeharrt.

34. Kapitel
Es
scheint mir, als hätte ich Menschen stehen sehen und
Riemen in Ordnung bringen. Andere standen und befassten
sich mit Pferden; andere schmiedeten Zangen, anderen
bauten einen Galgen. Als ich dies sah, zeigte sich eine
Jungfrau, die aussah, als wäre sie betrübt, und sie
fragte, ob ich dies verstünde. Ich antwortete, dass ich
es nicht verstehe.
Da sagte sie: „All das, was du hier gesehen hast, ist
die geistliche Strafe, die für die Seele dessen bereitet
wird, den du kennst. Die Riemen sind dazu da, das Pferd
anzubinden, die seine Seele wegschleppen sollen. Die
Zangen dienen dazu, seine Nase, seine Augen, Ohren und
Lippen zu verstümmeln, und der Galgen, um ihn
aufzuhängen.“
Als ich darüber betrübt war, sagte die Jungfrau: „Sei
nicht betrübt! Noch ist es nämlich Zeit: Er kann, wenn
er will, die Riemen zerreißen, die Pferde umwerfen, die
Zangen wie Wachs zerschmelzen und den Galgen abbrechen.
Und wenn er eine richtig brennende Liebe zu Gott
bekommt, werden ihm diese Plagezeichen zur größten Ehre
dienen.
Der Riemen, womit er verächtlich gebunden werden sollte,
sollen dann in goldene Gürtel verwandelt werden; anstatt
der Pferde, mit denen er durch die Straßen geschleppt
werden sollte, sollen ihm Engel zugesandt werden, die
ihn vor Gottes Angesicht führen; anstatt der Zangen, mit
denen er schmachvoll verstümmelt werden sollte, wird
seiner Nase ein lieblicher Wohlgeruch geschenkt werden,
seinem Mund ein herrlicher Geschmack, seinen Augen der
schönste Anblick, und seinen Ohren die lieblichste
Melodie.“
Erklärung
Dieser Mann war
Marschall des Königs. Er kam mit einer solchen Demut und
Zerknirschung nach Rom, dass er mit entblößtem Haupt
eifrig zu den Stationskirchen herumging und Gott und
andere bat, für ihn zu beten, dass er nicht in sein
Vaterland zurückkehren wollte, wenn es ihm passieren
würde, in seine früheren Sünden zurückzufallen.
Gott hörte seine Stimme, denn als er Rom verlassen hatte
und nach Montefiascone kam, wurde er dort krank und
starb. Von ihm handelt eine andere Offenbarung: „Siehe,
Tochter, was Gottes Barmherzigkeit tut, und was der gute
Wille tut! Diese Seele war im Maul des Löwen, aber der
gute Wille hat ihn den Zähnen des Löwen entrissen, und
jetzt ist er schon auf dem Weg zum Himmel und wird an
all dem Guten teilhaben, was in Gottes Kirche
geschieht.“

35. Kapitel
O
liebster Jesus, Schöpfer von allem, was geschaffen ist!
„O dass diese Menschen die Glut deines Heiligen Geistes
erkennen und verstehen würden! Dann würden sie umso mehr
nach dem Himmlischen trachten und das Irdische umso
eifriger verabscheuen.“ Und gleich wurde mir im Geist
geantwortet: „Ihre Ausschweifungen und ihre Maßlosigkeit
stehen den Besuchen des Heiligen Geistes entgegen. Denn
Unmäßigkeit im Essen und Trinken und bei Gastmählern mit
Freunden verhindern, dass der Heilige Geist ihnen lieb
wird und dass sie die weltlichen Genüsse satt werden.
Eine zu große Fülle von Gold und Silber, Gefäßen,
Kleidern und Einkünften verhindern, dass der Geist
meiner Liebe ihr Herz entzündet. Eine zu große Menge an
Bediensteten, Pferden und Vieh verhindert, dass der
Heilige Geist ihnen nahe kommt. Daher wissen sie nichts
von der Süßigkeit und dem lieben Besuch, womit ich, der
Gott ist, heiligen Seelen und meine Freunde besuche.

36. Kapitel
Hör
nun, was meine Feinde tun, und wie sie sich von dem
trennen, was meine Freunde früher getan haben. Meine
Freunde, die gingen aus kluger Furcht und göttlicher
Liebe ins Kloster. Aber die, die jetzt in den Klöstern
sind, die gehen aus Hochmut und Gewinnsucht in die Welt
hinaus; sie folgen ihrem eigenen Willen und tun, was
ihrem Leib behagt. Daher ist es auch gerecht, dass die,
die in einem solchen Willen sterben, die himmlische
Freude nicht kennenlernen und empfangen, sondern
stattdessen die ewige Pein in der Hölle.
Du sollst auch wissen, dass die Klostermenschen, die
gegen ihren eigenen Willen gezwungen werden, Vorsteher
zu werden, das aber nur aus göttlicher Liebe werden,
nicht zu dieser Zahl gerechnet werden sollen. Und die
Ritter, die früher Waffen trugen, waren bereit, ihr
Leben für die Gerechtigkeit hinzugeben und ihr Blut für
den heiligen Thron (Gottes) zu vergießen; sie verhalfen
denen, die es brauchten, zu ihrem Recht und
unterdrückten und demütigten die Bösen.
Aber höre nun, wie verkehrt sie geworden sind. Jetzt
gefällt es ihnen mehr, aus Übermut, Gewinnsucht und Neid
nach den Eingebungen des Teufels im Krieg zu sterben,
als nach meinen Geboten zu leben, um die ewige Freude zu
gewinnen. Daher sollen alle, die in einem solchen Willen
leben, ihren Lohn durch ein gerechtes Urteil erhalten,
d.h. zum Lohn sollen sie dem Teufel übergeben und auf
ewig mit ihm vereint werden. Aber die, die mir dienen,
sollen ihren Lohn mit der himmlischen Heerschar in
Ewigkeit erhalten.

37. Kapitel
Der
Sohn (Jesus Christus) spricht: „Tochter, wie verhält die
Welt sich jetzt?“ sie antwortet: „So wie ein offener
Sack, zu dem alle laufen, und wie ein Mann, der läuft,
sich aber nicht darum kümmert, was hernach geschehen
wird.“
Der Herr erwiderte: „Daher ist es gerecht, dass ich mit
meinem Pflug über die Welt gehe, über Heiden und
Christen. Ich werde weder Alt noch jung, Arme und Reich
schonen, sondern jeder wird beurteilt werden, wie er
verdient hat, und ein jeder wird in seiner Sünde
sterben, und sein Haus wird leer ohne Bewohner dastehen.
Und doch werde ich es noch nicht zur Ausführung
bringen.“
Sie (Birgitta) entgegnete: „O Herr, zürne nicht, wenn
ich spreche. Sende einige deiner Freunde, um sie zu
ermahnen und sie vor der Gefahr zu warnen!“ Und der Herr
sagte: „Es steht geschrieben, dass der reiche Mann in
der Hölle, der an seiner eigenen Erlösung verzweifelte,
darum bat, dass jemand geschickt werden sollte, um seine
Brüder zu warnen, damit sie nicht auch umkämen. Aber er
bekam die Antwort: „Keinesfalls wird das geschehen. Sie
haben ja Mose und die Propheten; von denen können sie es
lernen.“
Ebenso sage ich jetzt: Sie haben die Evangelien und die
Aussagen der Propheten, sie haben das Wort und Beispiel
der Kirchenlehrer, sie haben Verstand und Vernunft, all
das sollen sie also anwenden, dann sollen sie erlöst
werden. Denn wenn ich dich schicken würde, könntest du
nicht so laut rufen, dass du gehört würdest. Wenn ich
meine Freunde schickte, sind es so wenige, dass man sie
kaum hören würde, wenn sie riefen. Ich werde aber meine
Freunde zu denen senden, zu denen es mir gefällt, und
sie sollen den Weg für Gott bereiten.“

38.
Kapitel
Der Sohn spricht:
„Warum wirst du von frohen Träumen so munter, und von
traurigen Träumen so bedrückt? Habe ich dir nicht
gesagt, dass der Teufel missgünstig ist, und dass er
ohne Gottes Zulassung nicht mehr tun kann, als ein
Strohhalm vor deinen Füßen? Ich habe dir auch gesagt,
dass er der Vater und Erfinder der Lüge ist, und dass er
in all seine Unwahrheiten etwas Wahrheit mischt. Deshalb
sage ich, dass der Teufel nicht schläft, sondern
umhergeht, um eine Gelegenheit zu finden, dich zu Fall
zu bringen.
Deshalb sollst du dich vorsehen, dass der Teufel dich
nicht betrügt, der durch sein feines Wissen das Innere
des Menschen durch die äußeren Bewegungen erforscht.
Denn manchmal sendet er deinem Herzen frohe Träume,
damit du eitle Freude spüren sollst, damit du in deinem
Missmut etwas Gutes unterlässt, was du tun könntest, und
unglücklich und sorgenvoll wirst, ehe noch die Trübsal
kommt.
Manchmal gibt der Teufel auch dem Herzen des betrogen
ist und der Welt gefallen möchte, viele falsche Dinge
ein, wodurch viele sich betrügen lassen, wie es mit den
falschen Propheten gegangen ist. Und das passiert dem
Menschen, der etwas anderes mehr liebt, als Gott. So
geschieht es, dass vieles Wahre unter vielen falschen
Worten steckt, denn der Teufel könnte nie betrügen, wenn
er nicht Wahres mit Falschem mischen würde.
Dass das so der Fall ist, darüber bekam man ja ein
Zeugnis durch den vom Teufel Besessenen, den du gesehen
hast: Wenn er auch bekannte, dass nur einer Gott ist,
zeigten doch seine schamlosen Gebärden und seine übrigen
Aussprüche, dass der Teufel in ihm steckte.
Aber nun könntest du fragen, warum ich dem Teufel
erlaube, zu lügen. Ich antworte: Das habe ich zugelassen
und lasse ich wegen der Sünden des Volkes und der
Priester zu; sie wollen nämlich wissen, was Gott nicht
will, dass sie es wissen sollen, und sie wollten Erfolg
haben, als Gott sah, dass dies nicht zu ihrer Erlösung
dienen würde. Deshalb lässt Gott der Sünden wegen vieles
zu, was nicht passieren sollte, wenn der Mensch nicht
die Gnade und seine Vernunft missbrauchen würde.
Aber die Propheten, die nichts anderes als Gott
begehrten und Gottes Wort nicht anders als Gott zuliebe
sprechen wollten, die ließen sich nicht betrügen,
sondern sprachen Worte der Wahrheit und liebten sie.
Aber wenn auch nicht alle Träume beachtet werden sollen,
sollen doch auch nicht alle verschmäht werden. Denn
manchmal gibt Gott auch den bösen Menschen gute Dinge
ein und offenbart ihnen ihren Heimgang, damit sie mit
ihren Sünden aufhören. Manchmal gibt er auch die guten
Dinge im Traum ein, damit sie sich in der Liebe zu Gott
vervollkommnen.
Daher sollst du, so oft dir so etwas passiert, dein Herz
nicht darauf achten lassen, sondern überdenke und
beurteile es mit Hilfe deiner klugen, geistlichen
Freunde oder schließe es aus deinem Herzen aus, als
hättest du es nicht gesehen, denn wer an so etwas
Vergnügen hat, wird ständig nur betrogen und betrübt.
Steh also fest in deinem Glauben an die heilige
Dreieinigkeit, liebe Gott von ganzem Herzen, sei
gehorsam im Glück und Unglück, überhebe dich in Gedanken
nicht über jemanden, fürchte dich, auch wenn du Gutes
tust, glaub nicht, dass du klüger seist als andere,
stelle deinen ganzen Willen Gott anheim und sei bereit
zu allem, was Gott will!
Dann brauchst du keine Träume zu fürchten, denn wenn sie
froh sind, solltest du ihnen nicht glauben oder sie
begehren, sofern du nicht merken kannst, dass sie Gottes
Ehre bezeichnen. Und wenn sie traurig sind, solltest du
dich nicht betrüben, sondern dich ganz deinem Gott
anvertrauen.“
Dann sprach die Mutter: „Ich bin die Mutter der
Barmherzigkeit, die Kleider für die schlafende Tochter
bereitet, Essen für die Tochter, die sich kleidet, und
die Krone und alles Gute für die Tochter, die arbeitet.“

39.
Kapitel
Die Mutter sprach zu
ihrem Sohn Jesus und sagte: „Unsere Tochter ist wie ein
Lamm, das sein Haupt ins Maul des Löwen legt.“ Der Sohn
antwortete ihr: „Es ist besser, dass das Lamm das Haupt
ins Maul des Löwen legt, so dass es ein Fleisch und Blut
mit dem Löwen wird, als dass das Lamm Blut aus dem
Fleisch des Löwen saugt. Dann würde der Löwe zornig
werden, und das Lamm, das sonst Gras zu fressen hat,
würde krank werden. Aber weil du, liebste Mutter, die
vollkommene Weisheit und alle Klugheit in deinem
Mutterleib getragen hast, kannst du sie verstehen
lassen, was der Löwe, und was das Lamm ist.“
Die Mutter erwiderte: „Gesegnet seist du, mein Sohn, du
der ewig beim Vater bleibt und, obwohl du zu mir
herabgestiegen bist, dich nie vom Vater getrennt hast.
Du bist gewiss der Löwe aus dem Stamme Juda. Du bist
aber auch das unbefleckte Lamm, auf das Johannes mit
seinem Finger zeigt. Also legt der Mensch sein Haupt ins
Maul des Löwen, der all seinen Willen Gott anvertraut
und der auch, wenn er könnte, ihn nicht vollenden würde,
sofern er nicht weiß, dass er dir gefällt.
Aber der Mensch saugt das Blut des Löwen, der ungeduldig
über deine Gerechtigkeit und deine Verordnung ist, der
wünscht und danach strebt, etwas anderes zu erhalten,
als was du ihm bestimmt hast, und der in einem anderen
Stand und einer anderen Stellung leben will, als was dir
gefällt, und was für ihn möglich ist. Durch solche
Menschen wird Gott nicht besänftigt, sondern zum Zorn
gereizt. Denn wie das Gras das Futter des Lammes ist, so
sollte der Mensch sich mit bescheidenen Dingen und einem
bescheidenen Stand begnügen.
Und deshalb lässt Gott wegen der Undankbarkeit und
Ungeduld der Menschen vieles geschehen, was nicht gegen
das Wohlsein der Menschen geschehen würde, wenn sie
geduld wären. Gib daher, meine Tochter, Gott deinen
Willen anheim, und wenn du manchmal weniger geduldig
bist, solltest du zu Reue und Buße aufstehen, denn die
Buße ist gleichsam eine gute Wäscherin von fleckigen
Kleidern, und die Reue bleicht die Kleider aus.“

40. Kapitel
Gottes Sohn sprach:
„Fürchte dich nicht, meine Tochter! Diese kranke Frau
wird nicht sterben, denn ihre Werke gefallen mir.“ Als
sie starb, sagte Gottes Sohn nochmals: „Sieh, Tochter,
es ist wahr, was ich dir sagte. Sie ist nicht tot, denn
ihre Ehre ist groß. Die Trennung von Leib und Seele bei
den Gerechten ist nämlich nur ein Schlaf, denn sie
wachen zum ewigen Leben. Dagegen kann man vom Tode
sprechen, wenn die Seele vom Körper geschiedenist, in
einem ewigen Tode lebt.
Sicher geben nicht viele Acht auf das kommende und
möchten einen christlichen Tod sterben. Was ist nun ein
christlicher Tod, wenn nicht, so zu sterben, wie ich
gestorben bin – unschuldig, willig und geduldig? Bin ich
etwa deshalb wert, verachtet zu werden. Weil mein Tod
verächtlich und schwer war? Oder sind meine Auserwählten
töricht, weil sie verächtlich Dinge ertrugen, oder
wollte das Glück oder der Lauf der Sterne das?
Keineswegs. Sondern ich und meine Auserwählten, wir
ertrugen schwere Dinge, um durch Wort und Beispiel zu
zeigen, dass der Weg zum Himmel schwer ist, und damit
man fleißig denken sollte: Was für eine Reinigung müssen
die Bösen erhalten, wenn die Auserwählten und
Unschuldigen so schwer gelitten haben?
Du solltest also wissen, dass der Mensch verächtlich und
schlimm stirbt, der zügellos gelebt hat und mit dem
Willen zur Sünde stirbt, der auf der Welt Erfolg hat und
länger leben möchte, aber vergisst, Gott zu danken. Aber
wer Gott von ganzem Herzen liebt und unschuldig mit
einem verächtlichen Tod geplagt wird, oder von einer
langen Krankheit belastet wird, der lebt und stirbt
selig, denn ein bitterer Tod vermindert die Sünde und
die Sündenstrafe und erhöht die Krone der Belohnung.
Sieh, ich erinnere dich nun an zwei, die nach
menschlichem Ermessen eines schmählichen und bitteren
Todes starben, die aber nicht erlöst worden wären, wenn
sie nicht durch meine große Barmherzigkeit einen solchen
Tod erhalten hätten. Aber weil der Herr die im Herzen
Zerknirschten nicht zweimal straft, daher gelangen sie
nur Krone.
Deshalb brauchen Gottes Freunde nicht betrübt zu sein,
wenn sie zeitlich geplagt werden oder eines bitteren
Todes sterben, denn es ist am seligsten, eine Stunde zu
trauern und auf der Welt Trübsal zu haben, damit man
nicht in ein schweres Fegefeuer gerät, woraus es kein
Entrinnen gibt, und wo keine Zeit mehr ist, zu wirken.“

41. Kapitel
Die Mutter spricht:
„Geh zu dem hin, der das Amt des Sündenerlasses hat. Wie
aussätzig der Türhüter auch sein mag, kann er die Tür
doch ebenso gut wie ein Gesunder öffnen, sofern er die
Schlüssen hat. So verhält es sich auch mit dem Ablass
und dem Sakrament des Alters: Wie der Priester auch sein
mag, kann er doch von den Sünden lösen, wenn er
rechtlich das Amt des Sündenerlasses innehat. Daher soll
niemand verschmäht werden.
Doch ich sage dir zwei Dinge voraus. Das eine ist, dass
er nicht erhalten wird, was er leiblich liebt und
begehrt. Das zweite ist, dass sein Leben rasch enden
wird. Und wie die Ameise, die sich Tag und Nacht mit
einem Korn abmüht, manchmal, wenn sie den Ameisenhaufen
erreicht, hinfällt und am Eingang stirbt, wobei das Korn
dann draußen bleibt, so wird der sterben, wenn er
anfängt, die Frucht seiner Arbeit zu erlangen, und er
wird für seine vergebliche Arbeit entehrt und bestraft.“

42. Kapitel
Die Mutter spricht: „Gottes Freunde sollen wie zwei
Türpfosten sein, durch die andere eintreten sollen.
Deshalb soll genau beachtet werden, dass kein scharfer
oder harter Gegenstand den Eintretenden Widerstand
leistet, so dass sie dadurch eingeklemmt werden. Was
bezeichnen nun die Türpfosten, wenn nicht ehrbare
Sitten, gerechte Taten und erbauliche Worte, die bei
Gottes Freunde täglich auftreten sollen? Daher soll
genau beachtet werden, dass nicht etwas Hartes, d.h. ein
Schimpfwort oder leichtfertiges Wort, im Mund von Gottes
Freunde angetroffen wird, oder in ihren Werken etwas
Weltliches festzustellen ist, weswegen die, die
hineingehen wollen, zurückweichen und sich scheuen,
einzutreten.“

43.
Kapitel
Die Mutter spricht: „Diese Leute sind wie ein Wurm, der
die schönste Frucht sieht und sich nicht darum kümmert,
ob die Frucht verdirbt oder herunterfällt, wenn er nur
die Wurzeln oder das, was dem Boden am nächsten ist,
anknabbern kann. So ist es auch mit diesen: Sie kümmern
sich nicht darum, dass die Seelen vergehen, wenn sie nur
ihren Verdienst und ihr zeitliches Gut gewinnen. Daher
wird die Gerechtigkeit meines Sohnes über sie kommen,
und sie werden schnell dahingerafft werden.“
Sie (Birgitta) antwortete: „Alle Zeit ist ja vor Gott
nur wie ein Augenblick, wie lang sie uns auch scheinen
mag. Daher ist die Geduld deines Sohnes auch mit den
Ungerechten groß.“ Die Mutter erwiderte: „Ich sage dir
in Wahrheit: Ihr Gericht soll nicht aufgeschoben werden,
sondern kommt mit Schrecken über sie, und sie sollen von
ihren Genüssen getrennt und in Scham und Schande
versenkt werden.“

44. Kapitel
Gottes Sohn spricht: „Höre du, die sich nach den Stürmen
der Welt nach dem Hafen sehnt! Keiner, der auf dem Meer
ist, braucht sich zu fürchten, wenn der mit ihm ist, der
den Winden verbieten kann, zu rasen und abzuziehen, und
den harten Schären, aufzuweichen, und der den Sturmwogen
befehlen kann, dass sie das Schiff in den ruhigen Hafen
führen. Manche Menschen auf der Welt sind wie ein
Schiff, indem sie ihren Leib über die Wogen der Welt
führen – zum Trost für manche und zur Betrübnis für
andere, denn der freie Wille des Menschen lenkt manche
Seelen zum Himmel und andere in die Tiefe der Hölle.
Der Wille, der nichts inniger zu hören wünscht, als
Gottes Ehre, und der für nichts anderes zu leben
wünscht, als Gott zu dienen – der Wille gefällt Gott,
und bei einem solchen Willen bleibt Gott gern, indem er
alle Gefahren der Seele abwehrt und die Schären
unschädlich macht, unter denen die Seele oft in Gefahr
schwebt. Aber was sind die Schären, wenn nicht das böse
Begehren? Es ist ja angenehm, die Reichtümer der Welt zu
betrachten und zu besitzen, sich über die Ehre seines
Leibes zu freuen und das zu schmecken, was dem Fleisch
Vergnügen macht. Durch so etwas schwebt die Seele oft in
Gefahr.
Aber wenn Gott im Schiff ist, da weicht dies alles auf
und löst sich auf, und die Seele verschmäht das alles,
denn alle leibliche und irdische Schönheit ist wie ein
Glas, das außen bemalt ist, aber innen voll von Erde
ist, und das, wenn es zerbricht, keinen größeren Nutzen
als die schwarze Erde hat, die nur geschaffen ist, dass
der Mensch sie zu keinem anderen Zweck besitzen soll,
als sich den Himmel dafür kaufen zu können. Jeder
Mensch, der… alle Glieder seines Körpers kasteit und die
niedrige Lust seines Fleisches verabscheut, kann also
sicher ruhen und mit Freuden erwachen, denn Gott ist zu
jeder Stunde bei ihm.“

45. Kapitel
Ich klage eurer kaiserlichen Majestät nicht nur in
meinem Namen, sondern auch im Namen vieler von Gottes
Auserwählten, dass es vier Schwestern gab, Töchter eines
mächtigen Königs, die alle auf ihren väterlichen Gütern
ihren Sitz und Macht besaßen. Und alle, die die
Schönheit dieser Schwestern sehen wollten, erhielten
Trost von ihrer Schönheit und gute Beispiele von ihrer
Frömmigkeit.
Die erste Schwester hieß Demut bei der Anordnung aller
Dinge, die getan werden sollten. Die zweite Schwester
hieß Enthaltsamkeit von allem sündigen Umgang. Die
dritte Schwester hieß Genügsamkeit ohne allen Überfluss.
Die vierte Schwester hieß Liebe beim Leiden des
Nächsten. Diese vier Schwestern werden jetzt auf den
Gütern ihrer Väter unterdrückt, von fast allen
ausgebeutet und verachtet. An ihren Plätzen sind vier
unecht Schwestern eingesetzt; sie leiten ihre Herkunft
von einer sündhaften Verbindung her, und sie werden
jetzt Frauen genannt.
Die erste Frau heißt Hochmut, um die Welt zu beherrschen
(? täckes) Die zweite Frau heißt Lust – nach allem
fleischlichen Begehren. Die dritte Frau heißt Überfluss
über alles Notwendige hinaus. Die vierte Frau heißt
Simonie, und vor ihrer Falschheit vermag fast niemand
sich zu schützen, denn ob das, was sie erhält, nun zu
Recht oder Unrecht erworben ist – sie nimmt doch alles
begierig an. Diese vier Frauen widersprechen Gottes
Gebot und wollen es ausschalten, und viele Seelen
bringen sie in ewige Verdammnis.
Aus diesem Grunde, Herr, um der Lieb willen, die euch
Gott bewiesen hat, hilf den vier oben genannten
Schwestern, die „Tugenden“ genannt werden. Die aus der
Tugend selbst, Jesus Christus, dem nächsten König,
hervorgegangen sind, und die in der heiligen Kirche, die
Christi Erbgut ist, unterdrückt werden. Hilf ihnen, dass
sie bald wieder erhöht werden, und die Laster
unterdrückt werden, die auf der Welt „Frauen“ heißen,
denn diese sind Verräterscharen der Seelen und sind aus
Laster, dem Verräter Teufel geboren.“

46. Kapitel
Herr, ich warne Euch vor der Gefahr für Eure Seele,
indem ich Euch daran erinnere, wie von einem König im
Alten Testament erzählt wird, dass er den Weinberg eines
Mannes haben wollte und ihm den vollen Wert für den
Weingarten anbot. Aber weil es dem Besitzer nicht
gefiel, den Weinberg zu verkaufen, bemächtigte sich der
erzürnte König des Weinbergs mit Unrecht und Gewalt.
Dann sprach der Heilige Geist durch den Mund eines
Propheten zu ihm und urteilte, dass der König und die
Königin zur Strafe für dieses Unrecht den
schmachvollsten Tod sterben würden. Das ging für sie
auch in Erfüllung, und ihre Kinder hatten auch keine
Freude am Besitz dieses Weinberges.
Nun sollt ihr, die ihr Christen seid und vollständigen
Glauben habt und sicher wisst, dass Gott jetzt wie
damals derselbe ist und ebenso mächtig und gerecht wie
damals ist, ohne jeden Zweifel wissen, dass – wenn ihr
zu Unrecht etwas besitzen wollt, indem ihr den Besitzer
zwingt, gegen seinen Willen zu verkaufen oder ihm nicht
den Wert dafür gebt, so wird euch dieser mächtige und
gerechte Richter strafen.
Ihr sollt auch fürchten, dass ein ebenso schmerzhaftes
Gericht über euch kommt wie das, von dem erzählt wird,
dass es diese Königin betroffen hat, und dass eure
Kinder durch das zu Unrecht Erworbene nicht reich werden
sollen, sondern eher mit Armut geplagt werden. Daher
ermahne ich dich um des Leidens Jesu Christi willen, der
deine Seele mit seinem teuren Blut erlöst hat, dass du
deine Seele nicht selbst wegen irgendwelcher
vergänglicher Dinge verderben sollst, sondern allen, die
durch dich oder deinetwegen zu Unrecht Schaden erlitten
haben, vollständige Wiedergutmachung leistest und ihnen
wiedererstattest, was du zu Unrecht erworben hast –
ihnen zum Trost, die jetzt Kummer leiden, und anderen
zum Vorbild, wenn du Gottes Freundschaft gewinnen
willst.
Gott ist mein Zeuge, dass ich dies nicht von mir selbst
aus schreibe, denn ich kenne dich ja nicht, sondern das,
was einer gewissen Person passiert ist, hat mir
göttliches Mitleid mit deiner Seele eingegeben und mich
getrieben, dies zu schreiben. Dies Person hörte nämlich
– nicht im Schlaf, sondern im Wachen und während sie
betet – die Stimme eines Engels sagen: „Björn, Björn, du
bist sehr vermessen gegen Gott und die Gerechtigkeit. Du
willst dein Gewissen in dir betäuben, so dass dein
Gewissen völlig schweigt, und der Wille redet und
handelt. Daher wirst du bald vor Gottes Richterstuhl zum
Gericht geladen werden, und da wird dein Wille still
sein und dein Gewissen reden und dich nach Recht und
Billigkeit verurteilen.“

47.
Kapitel
Der Sohn spricht: „Wenn der Feind an die Tür klopft und
schlägt, sollt ihr nicht sein wie die Ziegen, die gegen
die Mauer laufen, und auch nicht wie Schafböcke, die
sich auf ihre Füße stellen und sich mit den Hörnern
stoßen, sondern sollt wie Küken sein, die, wenn sie
einen Raubvogel in der Luft sehen, der ihnen schaden
will, unter die Federn ihrer Mutter flüchten, um sich
darunter zu verstecken.
Und wer ist euer Feind, wenn nicht der Teufel, der gegen
alle guten Taten missgünstig ist und sozusagen an die
Tür klopft und schlägt, wenn er mit Versuchungen auf den
Sinn des Menschen einwirkt, manchmal ihn durch Zorn
beunruhigt, manchmal mit herabsetzenden Reden, manchmal
mit Ungeduld und Missvergnügen gegen Gottes Gerichte,
wenn nicht alles nach dem Wunsch des Menschen geht? Er
schlägt und beunruhigt euch auch fleißig mit zahllosen
Gedanken, damit ihr von Gottes Dienst abgelenkt werdet,
und eure guten Taten vor Gott verdunkelt werden.
Daher sollt ihr – was eure versuchenden Gedanken es auch
sein mögen – euren Platz nicht verlassen und nicht wie
Ziegen sein, die gegen die Mauer laufen, d.h. kein
hartes Herz haben oder anderer Leute Taten in euren
Herzen verurteilen, denn oft ist der, der heute schlecht
ist, morgen gut. Stattdessen sollt ihr eure Hörner
senken und stille stehn und lauschen, d.h. demütig sein
und euch fürchten, indem ihr Geduld habt und betet, dass
das, was schlecht begonnen hat, zum Besseren gewendet
wird.
Ihr sollt auch nicht wie Böcke sein, die ihre Hörner
schwenken, d.h. ihr sollt nicht ein Wort auf das andere
und ein Schimpfwort auf das andere geben, sondern sollt
geduldig still stehen und still sein, d.h. die Begierde
des Fleisches kräftig zurechtweisen, so dass ihr euch
bedenkt, wenn ihr redet und antwortet, und euch zur
Geduld zwingt, denn ein rechtschaffener Mensch soll sich
selbst besiegen und auch auf zulässiges Reden
verzichten, um Schwätzereien zu vermeiden, und es
unterlassen, anderen zu kränken.
Denn wer mit seinen Seelenregungen zu sehr ausdrückt,
was er empfindet, scheint sich gewissermaßen selbst
gehemmt zu haben und die Unbeständigkeit seines Sinnes
gezeigt zu haben, und deshalb wird er die Krone nicht
erlangen, nachdem er nicht eine Zeitlang Geduld haben
wollte. Hätte er Geduld gehabt, hätte er seinen Bruder
gewinnen können, der ihn kränkte, und hätte sich selbst
eine größere Krone bereitet.
Was sind die Flügeln der Henne, wenn nicht Gottes Macht
und Weisheit? Ich bin sicher wie eine Henne, denn die
Küken, die meiner stimme nachlaufen, d.h. sich unter
meinen Flügeln bergen wollen, verteidige ich gegen die
Hinterlist des Teufels kräftig und rufe sie mit meinen
Eingebungen klug zur Erlösung. Und was sind die Federn,
wenn nicht meine Barmherzigkeit, denn wer sie empfängt,
kann ebenso sicher wie das Küken sein, das unter den
Schwingen seiner Mutter Schutz findet.
Seid also wie die Küken, die nach meinem Willen laufen,
und sagt in allen Versuchungen und Unglücksfällen mit
Wort und Tat: „Gottes Wille geschehe!“, denn ich
verteidige die mit meiner Macht, die sich auf mich
verlassen. Ich erquicke sie mit meiner Barmherzigkeit,
erhalte sie mit meiner Geduld, besuche sie mit meinem
Trost, erleuchte sie mit meiner Weisheit und belohne sie
hundertfach in meiner Liebe.

48.
Kapitel
Gottes Sohn spricht: „Wenn dieser König mich ehren will,
so sollte er erstens meine Verunglimpfung vermindern und
meine Ehre erhöhen. Meine Verunglimpfung besteht gewiss
darin, dass meine Gebote, die ich vorgeschrieben habe,
und meine Worte, die ich persönlich geredet habe,
verachtet und von vielen für nichts gehalten werden.
Wenn er mich lieben will, soll er also hinfort größere
Liebe zu den Seelen aller Menschen haben, denn für sie
habe ich den Himmel mit meinem Herzblut aufgetan.
Ja, wenn er die Ruhe, die bei Gott ist, mehr begehrt,
als sein väterliches Erbe zu erweitern, dann wird er
wahrhaftig größere Lust und Hilfe von Gott erhalten, den
Ort Jerusalem, wo mein toter Leichnam ruhte,
wiederzuerhalten.
Du, der dies hört, solltest ihm weiter sagen: Ich war
es, Gott, der ihn hat krönen lassen. Daher kommt es ihm
auch zu, meinem Willen mehr zu folgen und mich über
alles zu ehren und zu lieben. Wenn er das nicht tut, so
sollen seine Tage verkürzt werden, und die, die ihn
Fleisch lieben, sollen mit Trübsal von ihm getrennt
werden, und sein Reich wird in mehrer Teile
zerstückelt.“

49. Kapitel
Es schien einem Menschen, als wäre er in einem großen
Kirchenchor. Und es erschien eine große und strahlende
Sonne, und es waren wie zwei Kanzeln im Chor, die eine
zur Rechten und die andere zur Linken, beide in weitem
Abstand von der Sonne, und zwei Strahlen gingen von der
Sonne zu den beiden Kanzeln aus.
Da hörte er eine Stimme von der Kanzel, die auf der
linken Seite war, und die Stimme sagte: „Heil dir, König
in Ewigkeit, Schöpfer und Erlöser sowie gerechter
Richter! Sieh, dein Statthalter, der auf deinem Stuhl in
der Welt sitzt, hat nun seinen Stuhl auf den alten,
früheren Platz zurückverlegt, wo der erste Papst, der
Apostelfürst Petrus, gesessen hat.“
Eine Stimme antwortete von der hohen Kanzel und sagte:
„Wie kann man die heiligen Kirche betreten, wenn die
Bohrlöcher der Tür voller Rost und Erde sind? Die Tür
ist ja deshalb zur Erde geneigt, weil es keine Stelle in
den Bohrlöchern gibt, wo man die Scharniere befestigen
kann, die die Tür oben halten würden. Ferner sind die
Scharniere ganz ausgedehnt und nicht gebogen, so dass
sie die Tür oben halten können. Der Boden ist vollkommen
aufgegraben und in tiefe Löcher verwandelt, die wie die
tiefsten Brunnenschächte sind und keinen Boden haben.
Das Dach ist mit Teer bestrichen, lodert von
Schwefelfeuer und tropft von dichtem Regen. Von dem
schwarzen und dichtem Rauch, der aus den tiefen Löchern
und vom tropfenden Dach aufsteigt, sind alle Wände
befleckt, und ihre Farben sehen aus wie Blut, mit
fauligem Eiter gemischt. Deshalb geziemt es sich für
einen Freunde Gottes nicht, in einem solchen Heiligtum
zu wohnen.“
Die Stimme von der linken Kanzel antwortete: „Lege nun
geistlich aus, was du leiblich gesagt hast.“ Da sagte
die andere Stimme: „Der Papst wird mit der Tür
verglichen und so bezeichnet. Mit den Bohrlöchern der
Tür ist die Demut gemeint, die ebenso frei von allem
Hochmut sein muss, wie das Bohrloch von Rost, so dass
nichts darin zu sehen ist, das nicht zu dem demütigen
Amt das Papstes gehört. Aber jetzt sind die Bohrlöcher,
d.h. die Demut, so voll von Überfluss, Reichtümern und
Vorrat, das für nichts anderes aufbewahrt wird, als den
Hochmut, dass nichts demütig aussieht, den alle Demut
ist in weltlichen Prunk verwandelt.
Daher ist es kein Wunder, dass der Papst, der mit der
Tür gemeint ist, zu weltlichen Dingen geneigt ist, die
mit Rost und Erde bezeichnet werden. Der Papst soll
daher mit der wahren Demut bei sich selbst beginnen, und
zuerst mit seinem Prunk an Kleidern, Gold, Silber und
Silbergefäßen, Pferden und anderem Zubehör, indem er von
all dem nur das behält, was notwendig ist, aber das
andere den Armen und besondern denen schenkt, von denen
er weiß, dass sie Gottes Freunde sind.
Dann sollte er sich maßvoll mit seinem Personal
beschränken und nur die Diener haben, die notwendig
sind, nämlich die sein Leben schützen. Denn obwohl es in
Gottes Hand steht, wann er ihn zum Gericht rufen will,
so ist es doch berechtig, dass er Diener hat, die die
Gerechtigkeit aufrecht halten, so dass er die demütigen
kann, die sich gegen Gott und gegen die heiligen Bräuche
der Kirche auflehnen.
Mit den Scharnieren, die in die Tür eingesetzt werden,
sind die Kardinäle gemeint, die so hingegeben an alle
Hoffart, Gewinnsucht und fleischliches Begehren sind,
wie möglich. Daher soll der Papst Hammer und Zange in
die Hand nehmen und Kardinäle nach seinem Willen
zurechtbiegen, indem er ihnen nicht gestattet, mehr an
Kleidern und Personal und Zubehör zu haben, als was die
Notwendigkeit und der Lebensunterhalt erfordert. Er mag
sie zuerst mit der Zange biegen, d.h. mit milden Worten,
göttlichem Rat und väterlicher Liebe, aber wenn sie
nicht gehorchen wollen sollte er zum Hammer greifen,
indem er ihnen seine Strenge zeigt und tut, was er
vermag (jedoch nicht gegen die Gerechtigkeit), bis sie
nach seinem Willen zurechtgebogen sind.
Mit dem Boden sind jedoch die Bischöfe und Weltpriester
gemeint, deren Gewinnsucht keine Grenzen hat, und von
deren Übermut und lasterhaftem Leben Rauch aufsteigt,
vor dem alle Engel im Himmel und alle Freunde Gottes auf
Erden Abscheu empfinden. Das kann der Papst in vielen
Punkten bessern, wenn er einem jeden erlaubt, das
Notwendige zu haben, aber keinen Überfluss, und jedem
Bischof befiehlt, auf den Lebenswandel seiner
Priesterschaft zu achten, so dass jeder, der seinen
Wandel nicht bessern und Enthaltsamkeit üben will, seine
Einkünfte ganz verliert. Denn es ist Gott lieber, dass
an dem Platz (des Altars) gar keine Messe gelesen wird,
als dass unzüchtige Hände Gottes Leib berühren.

50.
Kapitel
Es schien mir, als ob ein König auf dem Richterstuhl
sitzen würde, und jeder lebende Mensch vor ihm stünde.
Jeder Mensch hatte zwei Personen, die bei ihm standen:
Der eine von diesen schien ein bewaffneter Ritter zu
sein, und der andere ein schwarzer Neger. Vor dem
Richterstuhl stand ein Büchergestell, und auf diesem lag
ein Buch, so beschaffen, wie ich es früher gesehen hatte
(Buch 8, kap. 48).
Es kam mir so vor, als ob die ganze Welt vor dem
Büchergestell stehen würde, und ich hörte den Richter zu
diesem bewaffneten Ritter sagen: „Und gleich fielen all
die, die genannt waren, nieder. Manche von ihnen lagen
eine längere Zeit, andere eine kürzere, bevor die Seelen
vom Körper getrennt wurden.
Aber all das, was ich da sah und hörte, das vermag ich
nicht zu fassen, denn ich hörte auch Gerichte über
viele, die noch leben, aber bald abgerufen werden
sollten. Doch sagte mir der Richter dies: „Wenn die
Menschen Besserung für ihre Sünden leisten, so werde ich
das Urteil mildern.“ Ich sah auch viele verurteilt
werden; manche zum Fegefeuer, andere zu ewiger Qual.

51. Kapitel
Es kam mir vor, als ob eine Seele von dem Ritter und dem
Neger, den ich vorher schon gesehen hatte, vor den
Richter geführt wurde. Und es wurde mir gesagt: „All
das, was du jetzt siehst, das geschah mit dieser Seele
zu der Stunde, als sie vom Körper geschieden wurde.“ Als
die Seele vor den Richter geführt wurde, stand sie
allein, denn sie war nicht in den Händen von einem von
denen, die sie vorgeführt hatten. Sie stand nackt und
traurig da und wusste nicht, wohin sie gehen sollte.
Dann schien es mir, als ob jedes Wort in dem Buch auf
all das antworten würde, was die Seele sprach. Als nun
der Richter und seine ganze Heerschar zuhörte, redete
zuerst der bewaffnete Ritter und sagte: „Es ist nicht
gerecht, dass die Sünden die Seele veranlassen sollten,
sich zu schämen, die ja mit der Beichte gebessert worden
sind. (Ich, der dies sah, wusste da sehr genau, dass der
Ritter, der da redete, schon alles in Gott wusste; er
sprach nur, damit ich es verstehen konnte).
Da wurde aus dem Buch der Gerechtigkeit geantwortet:
„Wenn diese Seele ihre Beichte abgelegt hat, folgte ihr
keinerlei Zerknirschung, die solche Sünden aufwiegen
würde, und auch keine richtige Wiedergutmachung. Daher
soll sie jetzt über das trauern, was sie nicht gebessert
hat, als sie es noch konnte.“
Als das gesagt war, brach die Seele in so bitteres
Weinen aus, dass sie fast zu zerbrechen schien. Die
Tränen sah man, obwohl die Stimme nicht zu hören war.
Dann sprach der König zur Seele und sagte: „Dein
Gewissen soll nun die Sünden offenbaren, auf die keine
Wiedergutmachung erfolgte.“ Da erhob die Seele ihre
Stimme und rief so laut, dass man sie über fast die
ganze Welt hören konnte: „Weh mir! Ich habe nicht nach
Gottes Gebot gehandelt, das ich hörte und gekannt habe.“
Und sich selbst anklagend, fügte sie hinzu: „Ich habe
Gottes Gericht nicht gefürchtet.“
Es wurde ihr aus dem Buch geantwortet: „Daher sollst du
dich nun vor dem Teufel fürchten.“ Und sogleich begann
die Seele sich zu fürchten und zu zittern, als ob sie
sich auflösen würde, und sie sagte: „Ich hatte fast
keine Liebe zu Gott, und deshalb habe ich nur wenig
Gutes getan.“
Da wurde ihr gleich aus dem Buch geantwortet: „Deshalb
ist es auch gerecht, dass du dem Teufel näher kommst,
als Gott, denn der Teufel hat dich mit seinen
Versuchungen zu sich gelockt.“ Die Seele erwiderte: „Ich
verstehe nun, dass alles, was ich getan habe, nach den
Eingebungen des Teufels geschah.“
Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Die Gerechtigkeit
gebietet, dass es das Recht des Teufels ist, dir all
das, was du getan hast, mit Trauer und mit Trübsahl zu
vergelten.“ Die Seele sagte: „Es gab bei mir vom
Scheitel bis zur Sohle nichts, was ich nicht mit Hoffart
kleidete. Manche eitle und hochmütige Kleidungsstücke
habe ich selbst erfunden, und mit anderen folgte ich der
Landessitte, und ich habe meine Hände und mein Gesicht
nicht bloß deshalb gewaschen, dass sie sauber sein
sollten, sondern auch, dass Menschen sie als schön loben
sollten.“
Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Die Gerechtigkeit
sagt, dass es das Recht des Teufels ist, dir zu
vergelten, was du verdient hast, denn du hast dich so
geschmückt und geputzt, wie er es dir eingab und
vorschrieb.“ Wieder sagte die Seele: „Mein Mund hat sich
oft zu leichtfertigen Worten geöffnet, da ich anderen
gefallen wollte. Und mein Begehren hat all das ersehnt,
was der Schande und Schmähung der Welt nicht folgte.“
Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Dafür soll dir sie
Zunge ausgezogen und deine Zähne verkrümmt werden; all
das, was dir missfällt, soll auf dich gesetzt werden,
und all das, was dir behagt, soll dir genommen werden.“
Die Seele sagte: „Ich habe mich sehr darüber gefreut,
dass sich viele an dem, was ich tat, ein Beispiel
genommen haben, und dass viele meine Sitten nachahmten.“
Es wurde aus dem Buch geantwortet: „Deshalb ist es
gerecht, dass ein jeder, der bei einer solchen Sünde
ertappt wird, für die du bestraft wirst, dieselbe Pein
wie du erleiden sollst und dir Gesellschaft leistet. Und
deine Plage soll mit der Ankunft eines jeden erhöht
werden, der das Böse nachgeahmt hat, was du ausgedacht
hast.“
Nachdem dies gesagt war, schien es mir, als würde eine
Fessel wie eine Krone an das Haupt der Seele gebunden
und so fest zusammengeschnürt, dass der Nacken und das
Antlitz eins wurden, die Augen fielen aus ihren Höhlen
und hingen mit ihren Sehnen auf die Wangen herunter, das
Haar vertrocknete, als wäre es vom Feuer verbrannt, das
Hirn zersprang und floss durch die Nasenlöcher und Ohren
aus, die Zunge wurde ausgestreckt und die Zähne
eingedrückt, die Armknochen wurden zerschlagen und wie
Stricke zusammengeschnürt, die Hände wurden …. (?fläddes)
und um den Hals gebunden, die Brust und der Bauch wurden
so hart gegen den Rücken gedrückt, dass die Rippen
brauchen und das Herz mit allen Eingeweiden herausfiel,
die Hüften hingen an den Seiten herunter, und die
Brustbeine wurden ausgezogen, wie ein dünner Draht aus
einem Knäuel heraus ausgewickelt wird.
Da sagte der Neger: „O Richter, nun sind die Sünden der
Seele bestraft, wie es gerecht war. Vereinige uns nun
beide, mich und die Seele, so dass wir nie getrennt
werden!“ aber der bewaffnete Ritter antwortete: „Höre,
Richter! Du, der alles weiß, sollst nun den letzten
Gedanken und die Letzte Sehnsucht hören, die diese Seele
am Ende ihres Erdenlebens hatte. Sie dachte nämlich in
ihrer allerletzten Stunde: „O, wenn Gott mir noch ein
wenig Zeit zu leben ließe, so würde ich gern Besserung
für meine Sünden tun, ihm bis zum Lebensende dienen und
ihn niemals mehr erzürnen!“
Das, o Richter, dachte und wollte sie. Erinnere dich
auch, o Herr, dass dieser Mensch nicht mehr so lange
lebte, dass er zur vollkommenen Einsicht und zum
Bewusstsein dessen kam, was er getan hatte. Deshalb, o
Richter, bedenke seine Jugend und erweise
Barmherzigkeit!“ Da wurde aus dem Buch der Gerechtigkeit
geantwortet: „Wenn sie zuallerletzt solche Gedanken
hegte, verdient sie nicht die Hölle.“
Der Richter sagte: „Um meines Leidens willen soll der
Seele der Himmel Offengelassen werden, nachdem sie erst
so lange Zeit im Fegefeuer gereinigt ist, wie sie leiden
müsste, sofern sie durch die Werke lebender Menschen
keine Hilfe erhält.“
Erklärung
Diese Frau gelobte vor
einem Priester Jungfräulichkeit. Sie verheiratete sich
dann und starb im Kindbett.

52. Kapitel
Ich sah einen Mann, dessen Augen ausgerissen waren, aber
doch an zwei Sehnen auf die Wangen herunterhingen. Er
hatte Ohren wie ein Hund, eine Nase wie ein Pferd, einen
Mund wie der wildeste Wolf; seine Hände waren wie die
größten Elch klauen und seine Füße wie Klauen eines
Geiers.
Ich sah auch eine Frau neben ihm stehen. Ihre Haare
waren wie ein Dorngestrüpp, ihre Augen befanden sich im
Nacken, ihre Ohren waren abgeschnitten, ihre Nase war
voller Eiter und Fäulnis, ihre Lippen waren wie
Schlangenzähne in der Zunge war ein Giftstachel, die
Hände waren wie zwei Fuchsschwänze, und die Füße wie
zwei Skorpione.
Als ich das sah (ich war da nicht in einen Traum
versenkt, sondern wach) sagte ich: „O, was ist das?“ Und
gleich sprach eine lieblich klingende Stimme zu mir, die
so trostreich war, dass all meine Furcht verschwand. Sie
sagte: „Du, die dies sieht – was glaubst du, was das
ist?“ Ich antwortete: „Ich weiß nicht, wie weit die, die
ich sehe, Teufel oder wilde Tiere sind, die zu einem
solchen Stamm von Wildtieren gehören, oder Menschen, die
so von Gott geschaffen sind.“
Da antwortete mit die Stimme: „Es sind keine Teufel,
denn die Teufel haben keine Leiber, wie du siehst, dass
diese sie haben. Es sind keine wilden Tiere, sondern
sind aus Adams Stamm hervorgegangen. Aber sie sind auch
nicht in dieser Weise von Gott geschaffen, sondern sie
treten vor Gott in dieser entstellten Weise auf, die der
Teufel ihren Seelen gegeben hat, und für deine Augen
nimmt sich das körperlich aus. Ich werde dir jedoch den
geistlichen Gehalt davon verraten.
Die Augen des Mannes scheinen dir ausgerissen und an
zwei Sehnen zu hängen. Unter den zwei Sehnen sollst du
zwei Dinge verstehen: Erstens, dass er zwar glaubte,
dass Gott in Ewigkeiten lebt, zweitens, dass er aber
auch glaubte, dass seine eigenen Seele nach dem Tode des
Körpers auf ewig leben würde, entweder im Guten oder im
Bösen.
Mit den beiden Augen sollst du zwei andere Dinge
verstehen: Erstens, dass er überlegt haben sollte, wie
er die Sünde vermeiden sollte, zweitens, wie er gute
Werke verwirklichen sollte. Diese beiden Augen sind
ausgerissen, denn er tat seine guten Werke nicht aus
Verlangen nach der himmlischen Herrlichkeit und ging der
Sünde auch nichts aus Angst vor der Pein der Hölle aus
dem Weg.
Er hat auch Hundeohren, denn wie der Hund nicht auf den
Namen seines Herren oder auf den von jemand anderes so
sehr wie auf seinen eigenen Namen achtet, wenn er diesen
nennen hört, so kümmerte sich dieser Mann auch nicht so
sehr um die Ehre von Gottes Namen, wie um die Ehre
seines eigenen Namens.
Er hat auch eine Nase wie ein Pferd, denn wie das Pferd
gern an dem Dreckt riecht, den es ausgeworfen hat, so
fand es dieser Mann sehr angenehm, nachdem er eine Sünde
begangen hatte, die für Gott ein abscheulicher Dreck
ist, an ihren Gestank zu denken.
Er hat weiter einen Mund, wie der Wildeste Wolf. Denn
obwohl der Wolf seinen Magen und sein Maul mit dem
gefüllt hat, was er sah, möchte er doch auch noch das
verschlingen, von dem er mit seinen Ohren vernimmt, dass
es lebt. So war es auch mit diesem Mann, denn wenn er
all das besessen hätte, was er mit den Augen sah, so
hätte er doch auch noch das begehrt, von dem er hörte,
dass es anderes besitzen.
Er hat auch Hände, wie die stärksten Elch klauen. Wenn
der Elch wütend wird, zerreißt er mit seinen Klauen das
Tier, wenn er es kann, und in seinen heftigen Zorn
kümmert es ihn nicht, wohin die Eingeweide oder das
Fleisch geraten, wenn er nur dem anderen Tier das Leben
nehmen kann. So war es auch mit diesem Mann, denn als er
zornig war, scherte es ihn nicht, ob die Seele seines
Feindes zur Hölle fuhr oder wie sein Leib im Tode
geplagt wurde – wenn er ihm nur das Leben nehmen konnte.
Er hat schließlich Füße wie ein Geier. Wenn der Geier
etwas in den Klauen hält, was er fressen will,
umklammert er es mit seinem Fuß so kräftig, dass der Fuß
seine Kräfte vor Schmerz verliert, und so lässt er das,
was er gehalten hatte, fallen, als ob er davon nichts
gewusst hätte. So war es auch mit diesem Mann, denn das,
was er zu Unrecht besaß, das wollte er bis in den Tod
behalten, als er alle seine Kräfte verlor und gezwungen
wurde, es loszulassen.
Das Haar der Frau sah aus wie ein Dornengestrüpp. Mit
dem Haar, das auf dem Scheitel wächst und das Gesicht
das Menschen schmückt, wird der Wille bezeichnet, der
sich innig danach sehnt, dem höchsten Gott zu gefallen.
Ein solcher Wille schmückt die Seele auch vor Gott. Aber
da es der Wille dieser Frau ist, in erster Linie dieser
Welt zu gefallen, ja noch mehr als dem höchsten Gott,
sieht ihr Haar aus wie ein Dornengestrüpp.
Ihre Augen befinden sich im Nacken, denn sie wendet die
Augen ihres Sinnes von dem ab, was Gott ihr in seiner
Güte doch bewiesen hat, als er sie erschuf, sie erlöst
und mannigfacher Weise treu für sie sorgte, aber sie
betrachtete immer nur das Vergängliche, von dem sie sich
doch jeden Tag mehr und mehr entfernen muss, bis es
ihrem Blick ganz entschwindet.
Ihre Ohren sehen – geistlich gesehen – abgeschnitten
aus, denn sie kümmert sich überhaupt nicht darum, die
Lehre des heiligen Evangeliums oder die Predigt zu
hören. Ihre Nase ist voller Fäulnis, denn wie der
liebliche Wohlgeruch in angenehmer Weise durch die Nase
zum Gehirn zieht, damit das Hirn dadurch gestärkt wird –
so bringt diese Frau durch ihre Begierde all das, was
dem Körper gefällt und ihn stärkt, gierig zur
Verwirklichung.
Ihre Lippen sahen aus wie Schlangenzähne, und in der
Zunge war ein Giftstachel. Wenn die Schlange ihre Zähne
fest zusammenpresst, um den Stachel zu schützen, so dass
er nicht durch irgendeinen Zufall zerbrochen wird, so
fließt Schmutz von ihrem Maul herunter auf die Zähne, da
das Maul und die Zähne an verschiedenen Stellen sind.
Ebenso verschließt diese Frau ihre Lippen vor der
aufrichtigen Beichte, damit sie das Vergnügen der Sünde
nicht aufgeben müsste, das ein giftiger Stachel für ihre
Seele ist, und doch tritt der Sündenschmalz vor Gott und
seine Heiligen offen ans Licht.
Ich sprach vorhin mit dir über das Verdammensurteil über
eine Ehe, die gegen die Verordnungen der Kirche
eingegangen ist. Nun werde ich dich genauer über diese
Gatten unterrichten. Du hast die Hände der obengeannten
Frau in Form von Fuchsschwänzen und ihre Füße in Form
von Skorpionen gesehen. Denn so wie sie mit all ihren
Gliedern und Begierden falsch gerichtet war, so weckte
sie mit ihren leichtfertigen Händen und dem Gang ihrer
Füße die Lust des Fleisches und stach die Seele ihres
Mannes schlimmer als ein Skorpion.
Und siehe, zur selben Stunde zeigte sich ein Neger, der
einen Dreizack in der Hand hielt und an einem Fuß die
schärfsten Klauen hatte, und er rief und schrie:
„Richter, nun ist meine Zeit gekommen! Ich habe gewartet
und war still, aber jetzt ist es Zeit, zu handeln!“ Und
gleich bekam ich zu sehen, wie ein Mann und eine Frau,
beide nackt, sich vor dem Richter zeigten, der mit
seiner unzähligen Heerschar auf dem Thron saß.
Der Richter sagte zu ihnen: „Sagt, was ihr gehört habt,
obwohl ich alles weiß!“ Der Mann erwiderte: „Wir standen
unter dem Ehebann der Kirche, aber wir kümmerten uns
nicht darum und haben es verachtet.“ Der Richter sagte:
„Nachdem ihr dem Herrn nicht habt gehorchen wollen, ist
es gerecht, dass ihr die Grausamkeit des Henkers
erfahrt.“
Und gleich steckte der Neger eine Kralle in beider
Herzen und drückte sie so hart zusammen, dass sie wie in
eine Presse gesetzt schienen. Der Richter sagte: „Siehe,
Tochter, so etwas verdienen die, die sich bewusst von
ihrem Schöpfer wegen dem, was er geschaffen hat,
entfernen.“ Weiter sagte der Richter zu den beiden: „Ich
gab euch einen Sack, damit ihr mir leckere Früchte
sammelt; was habt ihr nun zu bringen?“
Die Frau erwiderte: „O Richter, wir haben die Genüsse
des Bauches gesucht, aber nichts anderes als Schande
geerntet.“ Da sagte der Richter zum Henker: „Vergilt
ihnen, was gerecht ist!“ Dieser steckte gleich seine
andere Kralle in beider Mägen und verletzte sie so
schwer, dass alle Eingeweide durchstochen schienen.
Der Richter sagte: „Sieh, so etwas verdienen die, die
das Gesetz übertreten und die Durst auf Gift statt auf
Medizin haben.“ Weiter sagte der Richter zu den beiden:
„Wo ist mein Schatz, den ich euch anvertraut habe, damit
ihr ihn vermehrt?“ Beide antworteten: „Wir haben ihn
unter unsere Füße gelegt, denn wir suchten den irdischen
und nicht den ewigen Schatz.“
Da sagte der Richter zum Henker: „Vergilt ihnen, was du
kannst und sollst!“ Dieser steckte gleich seine dritte
Klaue in ihr Herz, ihre Mägen und Füße, so dass alles
wie ein einziger Ball aussah. Und der Neger fragte:
„Herr, wohin soll ich mit ihnen gehen?“ der Richter
antwortete: „Es kommt dir nicht zu, aufzusteigen oder
dich zu freuen!“ Nach diesen Worten verschwanden der
Mann und die Frau gleich unter großem Gejammer aus den
Augen des Richters. Der Richter sagte: „Freue dich,
Tochter, dass du mit solchen Leuten nichts zu tun hast!“

53. Kapitel
Hör du,“ sagte Gottes Mutter, „die du von ganzem Herzen
Gott bittest, dass deine Söhne Gott gefallen mögen. Ein
solches Gebet ist Gott in Wahrheit wohlgefällig. Denn es
gibt sonst keine Mutter, die meinen Sohn über alles
liebt, und die für ihre Söhne dasselbe wie du begehrt,
wozu ich nicht bereit wäre, zur Verwirklichung ihrer
Bitten zu helfen. Es gibt auch sonst keine Witwe, die
Gott ständig um Hilfe bittet, zu Gottes Ehre bis zum Tod
in ihrem Witwenstand zu bleiben – deren Willen ich nicht
gleich bereit sein würde, zu erfüllen, denn ich war
gleichfalls eine Witwe, nachdem ich einen Sohn auf Erden
hatte, der keinen leiblichen Vater hatte.
Es gibt auch sonst keine Jungfrau, die ihre
Jungfräulichkeit für Gott bis zu ihrem Tod bewahren
möchte, die ich nicht bereit wäre, zu schützen und zu
stärken, denn ich bin in Wahrheit Jungfrau. Du brauchst
dich nicht zu wundern, warum ich dies sage. Es steht
nämlich geschrieben, dass David Saul’s Tochter begehrte,
als sie noch Jungfrau war, aber er nahm sie zu sich, als
sie Witwe war.
Weiter hatte er Uria’s Frau, als ihr Mann noch lebte.
Doch war Davids Lust nicht ohne Sünde. Aber die
geistliche Lust meines Sohnes, er, der Davids Herr ist,
die ist ohne alle Sünde. So wie diese drei Lebensweisen,
nämlich Jungfräulichkeit, Witwenstand und Ehe, David auf
körperliche Weise gefielen, so gefällt es meinen Sohn,
sie in geistlicher Weise in seiner allerkeuschesten Lust
zu haben. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ich sie
mit meiner Hilfe dazu bringe, meinen Sohn geistlich zu
lieben, denn seine Lust steht zu ihnen.“

54.
Kapitel
Worte einer Mutter an die Tochter über die glückliche
geistliche Wiedergeburt eines Sohnes, der vorher in den
hässlichsten Sünden steckte; eine Geburt, die sie durch
die Gebete und Tränen von Gottes Dienern bewirkte).
Sieh den Sohn der Tränen, der nun geistlich neu von der
Welt geboren ist, er, der vorher auf fleischliche Weise
von seiner Mutter auf der Welt geboren ist. Denn wie die
Hebamme, die das Kind aus dem Schoß der Mutter zieht,
zuerst den Kopf herauszieht, dann die Hände, und dann
den ganzen Körper, so habe ich es mit ihm um der Tränen
und Gebete meiner Freunde Wille gemacht. Ich habe ihn
gewiss aus der Welt gezogen, so dass er nun – geistlich
gesehen – wie ein neugeborenes Kind ist.
Daher muss er geistlich und körperlich erzogen werden.
Der, zu dem ich dich gesandt habe, muss ihn nämlich mit
seinen Gebeten aufziehen und ihn mit seinen guten Werken
und Ratschlägen schützen. Aber die Frau, über die man
mit dir gesprochen hat, wird für ihn beten und ihn
geistlich beschützen und auch darauf achten, dass er
körperlich das Lebensnotwendige hat, denn er ist so tief
in Todsünden geraten, dass alle Teufel in der Hölle vom
ihm sagten: „Lasst uns den Mund auftun, so dass wir ihn
mit unseren Zähnen beißen und verschlingen können, falls
er kommen sollte.
Lasst uns auch die Hände ausstrecken, um ihn zu
verletzen und zu zerreißen, und wollen wir auch die Füße
bereit halten, um auf ihn zu trampeln und ihm Tritte zu
versetzen.“
Deshalb wurde dir gesagt, dass er nun geistlich neu
geboren ist, denn er ist jetzt aus der Gewalt der Teufel
befreit, wie du wohl aus den Worten, die du gehört hast,
verstehen kannst, dass er mit Herz und Leib Gott über
alles liebt.“

55. Kapitel
Worte einer Mutter an die Tochter, wie sie um der Bitten
von Dienern Gottes einen gewissen Knirps lieben und ihn
mit geistlichen Waffen bewaffnen will.)
Erinnere dich, dass über Mose geschrieben steht, dass
die Tochter des Königs ihn im Wasser fand und ihn wie
ihren Sohn liebte. Es steht in der biblischen Geschichte
auch geschrieben, dass derselbe Mose ein Land durch die
Vögel gewann, die die giftigen Schlangen verzehrten. Ich
bin die Tochter des Königs von Davids Stamm, und ich
will dieses Kerlchen lieben, den ich in Wogen der Tränen
fand, die für seine Seele vergossen wurden, die im
Schrein seines Körpers eingeschlossen war.
Die Menschen, von denen ich gesprochen habe, sollen ihn
erziehen, bis er in das Alter kommt, da ich ihn
bewaffnen will und senden, um das Land des Himmelskönigs
zu gewinnen. Denn ich will ihn so ausrüsten, dass von
ihm gesagt werden kann: „Dieser hat gelebt wie ein Mann
und ist gestorben wie ein Krieger, und ist als ein guter
Ritter zum Gericht gekommen.“
Zusatz
Gottes Sohn
spricht: „Wenn ein hungriges Tier von der Beute
ferngehalten wird, wartet es im Abstand, eine
Gelegenheit zu finden, um zu seiner Beute
zurückzukehren. Wenn sich eine solche Gelegenheit nicht
bietet, kehrt es in seine Höhle zurück. So bin ich mit
dem Fürsten dieses Landes verfahren. Ich habe ihn durch
meine Wohltaten ermahnt, ich ermahnte ihn mit Worten und
mit Schlägen, aber er wurde desto undankbarer und
vergesslicher, je milder ich mich ihm zeigte.
Deshalb werde ich ihn jetzt unter die Krone und auf den
(? Fotapallen) legen, nachdem er nicht in der Krone
stehen wollte. Ich will einen ekligen Wurm zu ihm und zu
seinen Augendienern schicken, einer, der von einer
Kreuzotter und einem verschlagenen Fuchs geboren ist,
und der wird das Land und seine Einwohner in Unfrieden
stürzen und den Einfältigen an den Federn zupfen; er
wird die Spitzen erklettern und die Hochmütigen
niederwerfen und zertrampeln. Aber das Kerlchen, das
meine Freunde aufgezogen haben, werde ich auf einen
anderen Weg führen, bis er einen Platz erreicht hat, der
ehrenvoller ist.“
Weiter spricht Gottes Sohn: „Es wird von diesem Kerlchen
gesagt werden, dass er wie ein Mann gelebt und wie ein
tapfer Ritter gekämpft hat, und er wird wie ein
Gottesfreund gekrönt werden. O Tochter, was glauben die
Frauen, die damit grosstun, dass ihre Kinder immer
übermütiger werden? Das ist ja doch keine Ehre, sondern
eine Schande, denn sie ahmen den König des Übermutes
nach. Aber eine Ehre ist dies, und der ist ein
ehrenvoller Ritter, der sich rühmt, dass er Gott all die
Ehre bereitet, die er kann, und versucht, noch mehr
zustande zu bringen, und der bereit ist, all das zu
leiden, was Gott will, dass er leiden soll. Ein solcher
Mann ist ein Ritter Gottes, und er wird mit dem Ritter
des Himmels gekrönt werden.“

56. Kapitel
Die Mutter Maria spricht: „Warum ist diese (Frau)
betrübt? Der Vater schlägt den Sohn ja manchmal mit
einer leichten Rute. Deshalb brauchte sie nicht betrübt
zu sein.“
57.
Kapitel
Die Mutter (Maria) spricht: „Rom ist wie ein Acker, über
dem Disteln aufgewachsen sind. Daher muss er zuerst mit
einem scharfen Eisen gereinigt werden, dann mit Feuer,
und darauf mit ein paar Ochsen umgepflügt werden. Ich
werde mit euch so verfahren, wie der, der Gewächse an
einen anderen Platz verpflanzt. Denn dieser Stadt soll
eine solche Strafe bereitet werden, als ob ein Richter
sagen würde: „Zieh die ganze Haut ab, press alles Blut
aus dem Fleisch heraus, schneide alles Fleisch in Stücke
und zerschlage die Knochen, so dass alles Mark
herausfließt.“

58. Kapitel
Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Ich bin wie ein
Herr, der in dem Lande treu gekämpft hat, wohin er zur
Wallfahrt gezogen ist, und mit Freunden in sein
Vaterland zurückkehrte. Dieser Herr besaß einen sehr
kostbaren Schatz. Indem er ihn betrachtete, wurde seine
Augen hell entflammt, wurden Traurige getröstet und
wurden Kranke genesen, und Tote wurden in seinem Beisein
auferweckt.
Damit der Schatz ehrenvoll und sicher verwahrt werden
sollte, wurde ein herrliches, prachtvolles Haus gebaut
und vollendet, das eine stattliche Höhe und sieben
Treppen hatte, auf denen man zum Hause und dem Schatz
aufstieg. Der Hausherr überließ diesen Schatz seinen
Dienern, um ihn zu betrachten und zu betreuen, damit er
sicher und hübsch verwahrt würde, so dass die Liebe des
Hausherrn zu seinen Dienern und die Treue der Diener
gegen ihren Herrn gesehen werden sollte.
Die Zeit verging. Der Schatz begann verachtet zu werden,
das Haus wurde nur noch selten aufgesucht, die Wächter
wurden lau und gleichgültig, und die Liebe des Hausherrn
geriet in Vergessenheit. Der Hausherr beratschlagte mit
seinen vertrauten Freunden, wie man einer solchen
Undankbarkeit begegnen solle.
Einer von ihnen antwortete: „Es steht geschrieben, dass
die Richter und Wächter des Volkes, wenn sie säumig
sind, im Sonnen schein gehenkt werden sollen. Aber dir
gehören die Barmherzigkeit und das Gericht; du schonst
alle, denn alles ist dein, und du erbarmst dich über
alle.“
Ich bin dieser Herr, von dem das Gleichnis erzählt. In
meiner Menschengestalt trat ich als Pilger auf Erden
auf, während ich doch in meiner Göttlichkeit im Himmel
und auf Erden mächtig war. Aus Eifer für die Rettung der
Seelen habe ich auf Erden einen so schweren Kampf
ausgestanden, dass alle Sehen in meinen Händen und Füßen
zerrissen.
Als ich die Welt verließ und zum Himmel auffuhr, von dem
ich doch in göttlicher Weise nie entfernt war, gab ich
der Welt das alleredelste Gedenken, nämlich meinen
hochheiligen Leib. Wie das alte Gesetz sich der Arche
rühmen konnte, des Mannes, der Gesetzestafeln und
verschiedener Hochzeitsbräuche, so sollte sich der neue
Mensch über das neue Gesetz freuen – nicht wie früher
über einen Schatten, sondern über die Wahrheit, d.h.
über meinen gekreuzigten Leib, der sein Vorbild im
Gesetz hatte.
Damit mein Leib in Ehren gehalten werden sollte,
richtete ich ein Haus ein, d.h. die heiligen Kirche;
dort sollte er verwahrt und benutzt werden. Zu seinen
Wächtern bestimmte ich die Priester, die im Amt noch
über den Engeln stehen, denn ihn, den die Engel in ihrer
Verehrung fürchten und berühren, den berühren die
Priester mit den Händen und dem Mund.
Ich habe auch die Priester mit einer siebenfachen Ehre
geehrt, das wird mit den sieben Treppen angedeutet.
Erstens sollten sie meine Bannerträger und durch die
Reinheit des Sinnes und des Leibes meine besonderen
Freunde sein, denn die Reinheit nimmt den ersten Platz
bei Gott ein; ihm darf kein Befleckter nahen.
Wenn den Priester im alten Bund erlaubt wurde, in der
Zeit, da sei nicht opferten, wie Verheiratete zu leben,
so war dies nicht verwunderlich, denn sie hatten nur die
Schale, nicht den Kern der Nuss. Aber da nun die
Wahrheit gekommen ist und die früheren Bilder gewichen
sind, muss man sich auch im höchsten Grad um seine
Reinheit bemühen, umso mehr, als ja der Nusskern so viel
süßer als die Schale ist. Zum Zeichen für diese
Enthaltsamkeit lassen sich die Kleriker ihre Tonsur
schneiden, so dass die Last nicht Herr über ihre Seele
oder ihr Fleisch wird.
Auf der zweiten Treppe werden die Kleriker so geformt,
in aller Demut wie Engel zu werden, denn durch die Demut
der Sinne und des Leibes gewinnt man Eintritt in den
Himmel und bändigt den hochmütigen Teufel. Zum Zeichen
dafür wird den Klerikern verordnet, Dämonen
auszutreiben, denn der demütige Mensch wird zum Himmel
erhoben, von dem der arrogante Teufel durch seinen
Übermut herabgefallen ist.
Auf der dritten Treppe wird den Klerikern befohlen,
durch ihr ständiges Lesen der heiligen Schriften Gottes
Schüler zu sein. Dafür legt der Bischof ihnen ein Buch
in die Hände, wie der Ritter ein Schwert erhält, damit
sie wissen, was sie tun sollen, nämlich durch Gebet und
Betrachtung zu versuchen, Gottes Zorn auf sein Volk
abzuwenden.
Auf der vierten Treppe werden die Kleriker zu Wächtern
von Gottes Tempeln und zu Leitern der Seelen eingesetzt.
Deshalb gibt der Bischof ihnen Schlüssel, damit sie
Sorge um die Errettung ihrer Brüder tragen und sie durch
Wort und Beispiel die, die schwach sind, dazu bringen,
vollkommener zu werden.
Auf der fünften Treppe werden sie zu Aufsehern und
Betreuern des Alters bestimmt, so dass sie, nachdem sie
dem Altere dienen, von dem leben können, was zum Alter
gehört, und sich nie mit irdischen Dingen befassen,
außer wenn dies ihr Amt erfordert.
Auf der sechsten Treppe werden sie bestimmt,
apostolische Männer zu sein, die evangelische Wahrheit
zu verkünden und ihre Sitten in Übereinstimmung mit
ihrer Verkündigung zu bringen.
Auf der siebenten Treppe werden sie eingesetzt, Mittler
zwischen Gott und den Menschen zu sein, indem sie meinen
Leib opfern: Dieser Auftrag hilft den Priestern
sozusagen zu mehr Würde als den Engeln.
Aber jetzt klage ich darüber, dass diese Treppen
zerbrochen sind, denn man liebt den Hochmut statt der
Demut, die Unreinheit anstatt der Reinheit, die Lesungen
des Gotteswortes beachtet man nicht mehr, sondern
stattdessen das Buch der Welt. Die Altäre sehen
verlassen aus. Gottes Weisheit wird als Dummheit
angesehen, um das Wohler gehen der Seelen kümmert man
sich nicht.
Und damit nicht genug – sie werfen meine Kleider weg und
vernichten meine Waffen. Auf dem Berge habe ich Mose
gezeigt, welche Gewänder von den Priestern des Alten
Bundes getragen werden sollten. In Gottes himmlischer
Wohnung gibt es gewiss nicht irgendetwas Materielles,
aber das Geistliche kann nur durch körperliche
Gleichnisse erfasst werden, und deshalb zeigt sich auch
das Geistige in körperliche Form, damit man wissen
sollte, welch große Ehrfurcht und Reinheit die beachten
sollten, die selbst die Wahrheit besitzen – nämlich
meinen Leib. Denn die, die die schattenhaften Vorbilder
verwaltet haben, haben eine so große Reinheit und
Ehrfurcht gehabt.
Aber warum habe ich Mose eine solche Kleiderpracht
gezeigt? Doch dafür, dass der Schmuck und die Schönheit
der Seele dadurch gelehrt und gezeigt werden sollen.
Denn wie es sieben Gewänder des Priesters gibt, so soll
die Seele, die zu Gottes Leib hintritt, sieben Tugenden
besitzen, ohne die es keine Erlösung gibt. Das erste
Kleidungsstück der Seele ist Reue und Beichte. Damit
wird das Haupt bedeckt.
Das zweite ist das Verlangen nach Gott sowie Keuschheit.
Das dritte ist die Arbeit zu Gottes Ehre und Geduld in
Widrigkeiten. Das vierte besteht darin, nicht am Lob
oder Tadel der Menschen zu hängen, sondern nur an Gottes
Ehre. Das fünfte ist die Enthaltsamkeit des Fleisches
sowie aufrichtige Demut. Das sechste ist das Nachdenken
über Gottes Wohltaten und die Furcht vor seinen
Gerichten. Das siebente besteht darin, Gott über alles
zu lieben und in dem Guten fortzufahren, das man
begonnen hat.
Jetzt sind aber diese Kleider abgelegt und verachtet.
Anstatt zu beichten, möchte man die Sünde gern
entschuldigen und sie für leicht ansehen, an Stelle von
Keuschheit liebt man ein loses Leben, an Stelle von
Arbeit zum Wohl der Seele Arbeit zum Wohl des Leibes,
statt Gottes Ehre liebt man weltliche Ehrsucht und
Hoffart, statt preiswerter Sparsamkeit Überfluss an
allem, an Stelle von Gottesfurcht vermessene
Geringachtung von Gottes Gerichten. Statt Gott über alle
Dinge zu lieben, zeigen die Priester eine grenzenlose
Undankbarkeit. Deshalb werde ich sie mit meinem Zorn
heimsuchen, wie ich durch den Propheten gesagt habe, und
die Heimsuchungen werden ihnen Verstand verleihen.“
Da sagte die Mutter der Barmherzigkeit, die dabei war:
„Gesegnet seist du, mein Sohn, für deine Gerechtigkeit!
Zu dir, der alles weiß, spreche ich wegen dieser deiner
Braut. Du willst ja, dass sie das Geistliche verstehen
soll, und das kann sie nur durch Gleichnisse erfassen.
Ehe du durch mich Menschengestalt annahmst, sagtest du
in deiner Göttlichkeit, dass du – wenn du zehn gerechte
Männer in der Stadt finden könntest, dich um ihretwillen
über die ganze Stadt erbarmen würdest.
Aber jetzt gibt es unzählige Priester, die dich durch
das Opfern Deines Leibes besänftigen. Um deretwillen
solltest du dich also über die erbarmen, die sich nur
auf wenig Gutes berufen können. Darum bitte ich dich,
die dich in deiner Menschengestalt geboren hat, und all
deine Auserwählten bitten dich mit mir darum.“
Der Sohn erwiderte: „Gesegnet seist du, und gesegnet
seien die Worte deines Mundes! Du siehst, dass ich sie
in dreifacher Weise auf Grund eines dreifachen Gutes
schone, das im Opfer meines Leibes liegt. So wie der
freche Übergriff des Judas bewirkte, dass drei gute
Dinge bei mir zutage traten, so kommen den Seelen durch
die Darbringung dieses Opfers drei Dinge zugute.
Erstens ging meine bewundernswerte Geduld daraus hervor,
dass ich – obwohl ich wusste, dass Judas mich verraten
wollte – ihn nicht aus meiner Gesellschaft verstieß.
Zweitens zeigte ich meine Macht, als der Verräter und
alle, die bei ihm waren, auf ein einziges Wort von mir
zu Boden fielen. Drittens offenbarte sich die göttliche
Weisheit und Liebe, als ich seine Bosheit und die des
Teufels in die Erlösung der Seelen umwandelte.
In der selben Weise kommen durch das Opfer der Priester
drei gute Dinge. Erstens wird von der ganzen Heerschar
des Himmels meine Geduld gepriesen, dass ich in den
Händen eines guten und schlechten Priesters derselbe
bin. Ich achte ja nicht auf die Person, und es sind
keine Verdienste der Menschen, die dieses Sakrament
bewirken, sondern meine Worte.
Zweitens nützt dieses Opfer allen, von welchem Priester
es auch dargebracht wird. Drittes kommt es auch den
Opfernden selbst zugute, wie schlechte sie auch sein
mögen, denn wie meine Feinde bei einem einzigen Wort,
das ich sagte, „Ich bin’s!“ körperlich zu Boden fielen,
so fliehen auch die Teufel mit ihren Versuchungen von
den Seelen der Opfernden, wenn meine Worte „Das ist mein
Leib“ ausgesprochen werden, und sie wagen auch nicht,
sie so heftig zu versuchen, sofern die Opfernden nicht
wieder sündigen möchten.
So schont meine Barmherzigkeit alle und erträgt alles,
aber meine Gerechtigkeit ruft doch nach Rache. Ja, sie
ruft täglich, aber du siehst sehr gut, wie viele es
sind, die mir Antwort geben. Doch werde ich noch weiter
Worte meines Mundes aussenden, und die, die darauf
hören, sollen ihre Tage in einer Freude beschließen, die
so leiblich ist, dass sie weder ausgesprochen noch zu
denken ist.
Aber die, die nicht darauf hören, die werden, wie
geschrieben ist, sieben Plagen in der Seele und sieben
am Körper erfahren. Sie werden sie erleben, wenn sie
lesen und bedenken, was geschehen ist, damit sie nicht
überrascht werden, wenn sie sie erfahren.“

59.
Kapitel
Der Sohn spricht: „Drei Dinge kommen einem Priester zu.
Erstens Gottes Leib zu weihen, zweitens, die Reinheit
des Fleisches und des Geistes zu besitzen, drittens, für
seine Gemeinde zu sorgen. Aber jetzt kannst du fragen,
was es nütz, eine Kirche zu haben, wenn man keine
Gemeinde hat. Ich antworte dir, dass der Priester, der
den Willen hat, allen zu nützen und aus Liebe zu Gott zu
predigen, eine so Weitreichende Gemeinde hat, als ob er
die ganze Welt besäße, denn wenn er zur ganzen Welt
sprechen würde, würde er sich diese Mühe keinesfalls
ersparen.
Daher soll der gute Wille ihm als Tat angerechnet
werden. Denn Gott erspart seines Auserwählten wegen der
Undankbarkeit der Hörer oft die Mühe des Predigens, und
doch gehen sie ihres Lohnes nicht verlustig, denn ihr
Wille ist ja gut gewesen.
Es steht dem Priester auch zu, ein Buch und Öl zu haben:
Das Buch, um die Ungelehrten zu unterrichten, und
heiliges Öl, um die Kranken zu salben. Denn so wie
leibliche und geistliche Weisheit im Buch enthalten ist,
so sollte der Priester die Weisheit haben, sich selber
zu beherrschen, damit das Fleisch nicht zügellos wird
und seine Gemeindeglieder daran Anstoß nehmen.
Und er sollte auch der Begierde der Welt aus dem Wege
gehen, weswegen die Ehre der Kirche verachtet wird, und
soll die Sitte der Weltmenschen vermeiden, durch die die
Würde der Priesterschaft verunehrt wird. Geistliche
Weisheit ist es, die Ungebildeten zu unterweisen, die
Ungezogenen zu tadeln und die anzuspornen, die
Fortschritte im Guten machen.
Mit dem Öl wird jedoch die Süße des Gebetes und gute
Beispiele bezeichnet. Denn wie das Öl fetthaltiger als
das Brot ist, so ist das Gebet der Liebe und das
Beispiel des guten Lebenswandels erfolgreicher, die
Menschen zum Guten zu bewegen, und ihre Fettigkeit ist
kräftiger, Gott zu besänftigen. Ich sage dir wahrhaftig,
meine Tochter, dass der Name des Priesters groß ist,
denn er ist der Engel und der Mittler des Herrn, aber
sein Amt ist noch größer, denn er berührt den
unfassbaren Gott mit seinen Händen, und die niedrigeren
Dinge werden in seiner Hand mit den himmlischen
vereint.“

60.
Kapitel
Birgitta spricht): „Gesegnet seist du, mein Schöpfer und
Erlöser! Zürne nicht, wenn ich mit dir spreche, wie ein
Verletzter zum Arzt, ein Betrübter zum Tröster, ein
Armer zum Reichen und einem, der im Überfluss lebt. Der
Verletzte sagt ja: „O Arzt, empfinde keinen Ekel vor
mir, der ich verletzt bin, denn du bist mein Bruder. O
bester Tröster, verschmähe mich nicht, denn ich bin
bedrückt und geplagt, sondern schenk meinem Herzen Ruhe
und meinen Sinnen Freude.“
Der Arme sagt jedoch: „O du reicher Mann, der an nichts
Mangel leidet, schau auf mich, denn ich schwebe durch
Hunger und Entbehrung in Gefahr. Betrachte mich, denn
ich bin nackt, und schenk mir Kleider, damit ich mich
wärmen kann.
So sage ich: „O allmächtiger und bester Herr, ich sehe
die Wunden meiner Sünden und bin mir deren bewusst,
durch die ich von Kindheit an zerrissen bin, und ich
seufze, weil ich Zeit unnütz vergeudet habe. Die Kräfte
reichen nicht mehr zur Arbeit, denn sie sind durch eitle
Dinge erschöpfte. Daher bitte ich dich, der die Quelle
aller Güte und allen Erbarmens ist, erbarme dich über
mich! Berühre mein Herz mit der Hand deiner Liebe, denn
du bist der beste Arzt; tröste meine Seele, denn du bist
ein guter Tröster.“

61. Kapitel
Als Christi Leib erhöht wurde, zeigte sich der Braut
(Birgitta) die allerhässlichste Gestalt und sagte:
„Glaubst du wirklich, du beschränktes Wesen, dass diese
Brotscheibe Gott ist? Er wäre ja schon vor langer Zeit
aufgegessen, auch wenn er der größte Berg wäre. Keiner
von den weisen Juden, die von Gott Weisheit empfangen
haben, glaubt das. Nein, niemand kann glauben, dass Gott
sich herablässt, von dem unreinsten Priester berührt und
geliebt zu werden, der ein Hundeherz besitzt. Und damit
du einsehen kannst, dass er wahr ist, was ich sage,
sollst du wissen: Dieser Priester gehört mir; wenn ich
will, kann ich ihn zu mir nehmen, und das in einem
einzigen Augenblick.“
Da zeigte sich gleich ein guter Engel, und der sagte: „O
Tochter, gib dem Toren in seiner Torheit keine Antwort!
Er, der sich dir gezeigt hat, ist der Vater der Lüge.
Aber nun sei bereit, denn unser Bräutigam naht.“ Und der
Bräutigam Jesus kam, und er sagte zum Teufel: „Warum
beunruhigst du meine Tochter und Braut? Ich nenne sie
Tochter, weil ich sie geschaffen habe, und Braut, weil
ich sie erlöst habe und sie mit mir in meiner Liebe
vereinigt habe.“
Der Teufel erwiderte: „Ich rede, weil ich Erlaubnis dazu
bekommen habe, und damit sie in deinem Dienst erkalten
soll.“ Der Herr sagte: „Das musste sie letzte Nacht
erleben, als du ihre Augen und übrigen Glieder
zusammendrücktest und mehr getan hast, wenn du Erlaubnis
gehabt hättest. Aber so oft sie deinen Einflüsterungen
widersteht, wird ihre Krone vergrößert werden.
Aber weil du, Teufel, gesagt hast, dass ich schon seit
langem aufgegessen wäre, auch wenn ich ein Berg wäre, so
sollst du mir etwas sagen, während diese Tochter, die ja
leiblich ist, zuhört. Die Schrift sagt. Als es dem Volke
schlecht ging, wurde eine Kupferschlange erhöht, und
jeder, der von der Schlange gebissen war, wurde geheilt,
wenn er sie ansah. Ob diese heilende Macht von Kupfer
ausging, von der Schlangengestalt, von der Güte Moses,
oder von Gottes heimlicher Kraft?“
Der Teufel entgegnete: „Diese heilende Macht stammte
einzig und allein von Gottes eigener Kraft und vom
Glauben des gehorsamen Volkes – es glaubte nämlich fest,
dass Gott, der alles aus Nichts gemacht hat, auch alles
tun konnte, was vorher nicht da war.“
Weiter sagte Gott: „Sag mir, Teufel, als der Stab eine
Schlange wurde – geschah das, weil Mose das befahl, oder
weil Gott es befahl? Geschah das, weil Mose heilig war,
oder weil Gottes Wort so sprach?“ Der Teufel erwiderte:
„Was war Mose anderes als ein Mensch, von sich aus
schwach, aber von Gott gerechtfertigt? Auf sein Wort,
das Gott befahl und aussprach, wurde der Stab zur
Schlange. Es war Gott, der es in Wirklichkeit befahl,
und Mose war ein geduldiger Diener. Denn vor Gottes
Befehl und Wort war der Stab ein Stab, aber als Gott es
befahl, wurde der Stab tatsächlich eine Schlange, so
dass sogar Mose Angst bekam.“
Da sagte der Herr zur Braut, die das sah: „So ist es
auch jetzt auf dem Altar. Vor den Worten des Sakraments
ist das Brot, was auf den Altar gelegt wird, Brot – aber
wenn die Worte „Hoc est corpus meum“ ausgesprochen
werden, wird es Christi Leib, den sowohl die Guten als
auch die Schlechten in Wirklichkeit nehmen und
empfangen, einer ebenso wie tausend, aber doch nicht mit
derselben Wirkung, denn der gute Mensch empfängt es zum
Leben, aber der schlechte zum Gericht. Der Teufel sagte,
dass Gott durch die Unreinheit des opfernden Priesters
befleckt wurde, aber das ist sicher falsch. Denn wenn
ein aussätziger Diener die Schlüssel seinem Herrn
übergibt, oder wenn ein Kranker die Arzneien der
stärksten Kräuter verlangt, so schadet das dem nicht,
dem sie gereicht werden, weil dieselbe Kraft darin ist,
wer sie auch verlangt. So wird auch Gott durch die
Schlechtigkeit eines schlechten Dieners nicht schlecht,
und durch einen guten Diener auch nicht besser, denn er
ist unwandelbar und immer derselbe.
Der Teufel sagte, dass der Priester schon bald sterben
würde, und das weiß er durch die Schlauheit seiner Natur
und aus äußeren Ursachen. Doch kann er ihn nicht
festnehmen, wenn ich es nicht erlaube. Jedoch gehört
dieser Priester ihm, sofern er sich nicht bessert, und
das drei Gründen. Der Teufel sagte ja, dass er stinkende
Glieder und ein Hundeherz habe, und er ist wirklich
stinkend und fieberkrank, denn er hat äußere Wärme und
innere Kälte, unerträglichen Durst und Müdigkeit in
allen Gliedern, Überdruss gegen Brot und Abscheu vor
allem Süßen.
Er ist nämlich warm für die Welt, aber kalt gegenüber
Gott, durstet nach Fleischeslust, hat aber Abscheu gegen
die Schönheit der Tugenden, träge, wenn es um Gottes
Gebete geht, aber eifrig zu allem, was von Fleisch ist.
Daher ist es nicht verwunderlich, dass mein Leib ihm gar
nicht anders schmeckt, als Brot, das im Ofen gebacken
ist, denn ihm schmeckt keine geistliche Nahrung, sondern
fleischliche.
Wenn er das Agnus Die gelesen und meinen Leib in seinem
aufgenommen hat, weicht deshalb auch die Macht des
Vaters und die höchst liebliche Gegenwart des Sohnes von
ihm, und wenn er die heiligen Gewänder abgelegt hat,
weicht auch die Milde des Heiligen Geistes, die das Band
der Verbindung ist, so dass ihm nur die Form des Brotes
und die Erinnerung daran verbleibt.
Doch darfst du nicht denken, dass er oder irgend ein
anderer schlechter Mensch ohne Gott ist. Obwohl Gott vom
ihm weicht und ihm keinen größeren Trost schenkt, fährt
er doch damit fort, ihn zu ertragen und ihn gegen den
Teufel abzuschirmen.
Der Teufel sagte, dass keiner von den weisen Juden das
glauben wird. Darauf erwidere ich: Diese Juden sind wie
die beschaffen, die das rechte Auge verloren haben und –
geistlich gesehen – mit beiden Füßen hinken. Daher sind
sie auch unweise und werden bis zum Ende so verbleiben.
Es ist also nicht verwunderlich, dass der Teufel ihr
Herz blind macht und verhärtet und sie zu schamlosen
Dingen und zu dem verlockt, was gegen den Glauben
verstößt.
Daher sollst du, sooft dir ein solcher Gedanke über
Christi Leib (im Abendmahl) in den Sinn kommt, das
deinen geistlichen Freunden erzählen und standhaft im
Glauben sein, denn du kannst dessen ganz gewiss sein,
dass der Leib, den ich aus dem Leib der Jungfrau
angenommen habe, der gekreuzigt wurde und der im Himmel
herrscht, derselbe ist, der sich auf dem Altar befindet,
und den gute und schlechte Menschen empfangen.
Denn wie ich mich den Jüngern in einer fremden Gestalt
gezeigt habe, die nach Emmaus gingen, obwohl ich doch
wahrer Gott und wahrer Mensch war und durch
verschlossene Türen zu den Jüngern hineingingen, so
zeige ich mich auch den Priestern in einer fremden
Gestalt, damit der Glaube Verdienst hat und die
Undankbarkeit der Menschen offenbar werden soll. Das ist
nicht verwunderlich, denn ich bin jetzt noch derselbe
wie damals, als ich die Macht meiner Gottheit durch
schreckliche Zeichen zeigte. Aber da sagten die Menschen
trotzdem: „Lasst uns Götter machen, die vor uns hergehen
können“.
Ich zeigte den Juden auch meine wahre Menschengestalt,
und die haben sie gekreuzigt. Ich bin täglich derselbe
auf dem Altar, und doch wird gesagt: „Diese Kost
bereitet uns Ekel und Versuchungen.“ Kann eine
Undankbarkeit größer sein als die, Gott mit der Vernunft
fassen zu wollen und zu wagen, seine heimlichen Gerichte
und Mysterien zu beurteilen, die er in seiner eigenen
Hand hat?
Deshalb will ich mit unsichtbarer Wirkung und in
sichtbarer Form den Ungelehrten und Demütigen zeigen,
was die sichtbare Form des Brotes ohne Brot und ohne
Substanz ist, was die Substanz in ihrer Form ist, und
was die Teilung in der Form ohne Substanz ist, und warum
ich so viel Unwürdiges und Hässliches in meinem Leib
ertrage, damit die Demütigen erhöht und die Hochmütigen
zu Schaden werden sollen.“

62. Kapitel
Als ein Priester einen Toten begrub, der dreieinhalb
Jahre bettlägerig gewesen war, hörte die Braut
(Birgitta), wie der Geist zum Priester sagte: „Mein
Freund, was tust du? Wie kannst du dich erdreisten, den
Toten zu berühren, wenn deine Hände voller Blut sind?
Warum rufst du seinetwegen zum Allmächtigen, wenn deine
Stimme wie die der Kröten ist? Wie kannst du dich
erdreisten, den Richter seinetwegen zu behelligen, wenn
dein Verhalten und deine Sitten mehr denen eines
Taschenspielers gleichen, als denen eines frommen
Priesters? Deshalb soll die Kraft von meinen Worten dem
Toten helfen, aber nicht dein Tun, und sein Glaube und
seine lange Geduld werden ihm die Krone verschaffen.“
Weiter sagte der Geist zur Braut: „Dessen Hände sind
blutig, denn alle seine Werke sind fleischlich. Er kann
den Toten mit ihnen nicht berühren, denn er kann ihm
nicht mit seinen Verdiensten helfen, sondern nur mit der
Würde des Sakraments. Gute Priester helfen den Seelen
nämlich auf zwei Arten: Teils mit der Kraft von Gottes
Leib (in der Kommunion), teils mit der Liebe, von der
sie entzündet sind. Seine Stimme ist wie die von Kröten,
denn sie ist voll von schmutzigen Taten und ganz und gar
auf die Wollust des Fleisches ausgerichtet.
Daher steigt sie nicht zu Gott empor, der durch die
Stimme der Reue und der Beichte des Demütigen besänftig
werden möchte. Seine Sitten sind wie die eines
Taschenspielers. Denn was tut der Gaukler anderes, als
sich nach den Sitten der Weltmenschen zu richten? Was
singt er anders als dies: „Lasst uns essen und trinken,
und gute Tage in diesem Leben haben?“
So handelt dieser, denn er ahmt alle in Tracht und Taten
nach, um allen zu gefallen, und mit dem Beispiel seines
ausschweifenden Lebens mahnt er alle zur Unmäßigkeit,
indem er sagt: „Lasst uns essen und trinken, denn unsere
Kraft ist des Herren Freude.“ Es reicht uns, wenn wir an
die Ehrenpforte kommen. Wenn ich daran gehindert werde,
einzutreten; es ist genug für mich, wenn ich an der
Pforte sitze; ich will gar nicht vollkommen sein.“
Eine solche Einstellung und Lebensweise ist eine schwere
Verirrung, denn niemand kommt in die Ehrenpforte, ohne
vollkommen oder vollkommen gereinigt zu sein, und
niemand wird die Ehre außer dem, der sie voll und ganz
begehrt und fleißig dafür arbeitet, wenn er kann. Doch
gehe ich, der Herr von allen, zu diesem Priester ein,
aber ich werde doch nicht eingeschlossen und auch nicht
befleckt. Ich gehe hinein wie ein Bräutigam, und ich
gehe hinaus als Richter, um den zu richten, der mich
verachtet hat, als er mich (in der Kommunion) verzehrte.
Deshalb werde ich, wie ich sagte, mit sieben Plagen über
die Priester kommen: ihnen soll all das genommen werden,
was sie geliebt haben, sie sollen von Gottes Augen
verwiesen und in seinem Zorn gerichtet werden, sie
sollen überlassen und ohne Unterlass gepeinigt werden,
von allen verachtet werden, alles Gute verlieren, aber
Überfluss an allem Bösen haben. Ebenso wie die Kinder
Israel sollen sie von sieben anderen leiblichen, bösen
Sachen geplagt werden.
Deshalb brauchst du dich nicht wundern, wenn ich
Nachsicht mit den Bösen habe, oder wenn etwas Unwürdiges
mit meinem Sakrament zu geschehen scheint, denn um meine
Geduld und die Undankbarkeit der Menschen zu zeigen,
ertrage ich alles bis zum Ende. Und du sollst nicht
denken, dass eine solche Unwürdigkeit, wie du sie von
dem gehört hast, der (die Hostie) ausspuckte, mit meinem
Leib geschieht, sondern so etwas geschieht, um die
Undankbarkeit der Menschen zu offenbaren und zu zeigen,
dass sie unwürdig sind, etwas so Heiliges zu empfangen.
Weiter sagte der Geist zu der Seele des Toten: „O Seele,
freue dich und juble, denn dein Glaube hat dich vom
Teufel geschieden, deine Einfalt hat den langen Weg
durchs Fegefeuer für dich abgekürzt, und deine Geduld
hat dich zur Ehrenpforte geführt. Meine Barmherzigkeit
wird dich hineinführen und dich krönen.“

63. Kapitel
Der Braut (Birgitta zeigte sich ein Teufel mit langem
Bauch und sagte: „Was glaubst du, Frau, und an welche
großen Dinge denkst du? Ich weiß viel, und ich will
meine Worte mit offenkundigen Gründen bekräftigen, Ich
rate dir, damit aufzuhören, an das Unglaubliche zu
denken und stattdessen an das zu glauben, was deine
Sinne dir bezeugen. Siehst du nicht mit deinen Augen und
hörst mit deinen leiblichen Ohren den Laut, wenn die aus
leibhaftem Brot gemachte Hostie gebrochen wird? Hast du
nicht gesehen, wie sie ausgespuckt wurde, unsanft
berührt und auf die Erde geworfen wurde? Ja, vieles
andere, was ungehörig ist, geschieht damit, was ich
nicht dulden würde, wenn es gegen mich verübt würde. Und
auch wenn es möglich wäre, dass Gott im Munde des
Gerechten sein könnte – wie könnte er zu den Ungerechten
eingehen, deren Gewinnsucht ohne Boden und Maß ist?“
Unmittelbar nach dieser Versuchung zeigte sich Christus
in menschlicher Gestalt, und sie sagte zu ihm: „Herr
Jesus Christus, ich danke dir für alles, und besonders
für drei Dinge: Erstens dafür, dass du meine Seele
bekleidest, indem du ihr Reue und Buße eingibst, wodurch
jede Sünde, wie schwer sie auch sein mag, ausgetilgt
wird.
Zweitens dafür, dass du meine Seele am Leben erhältst,
indem du ihr die Liebe zu dir und die Erinnerung an dein
Leiden in sie eingießt; dadurch wird sie erfreut, wie
von der besten Kost.
Drittens dafür, dass du alle tröstest, die dich in
deiner Trübsal anrufen. Erbarme dich daher über mich, o
Herr, und hilf meinem Glauben, denn obwohl ich es
verdient hätte, dem Betrug des Teufels zum Opfer zu
fallen, glaube ich doch, dass er nichts ohne deine
Zulassung vermag, und dass deine Zulassung nicht ohne
Trost ist.“
Da sagte Christus zum Teufel: „Warum sprichst du mit
meiner neuen Braut?“ Der Teufel antwortete ihm: „Weil
sie mit mir verbunden war und ich immer noch hoffe, sie
in mein Netz zu verstricken. Sie war mit verbunden, als
sie mit meinen Ratschlägen einverstanden war und mehr
danach strebte, mir zu gefallen, als dir, ihrem
Schöpfer. Ich gab Acht auf ihre Wege, und die sind mir
niemals aus dem Sinn gekommen.“
Der Herr sagte: „Du bist ein Ränkeschmied und
kundschaftest aller Menschen Wege aus.“ Der Teufel
sagte: „Ja, ich bin ein Späher, aber im Dunkel, denn
dunkel hast du mich gemacht.“ Der Herr fragte: „Wann
hast du das gesehen, und wie bist du dunkel geworden?“
„Ich sah“, erwiderte der Teufel, „als du mich
wunderschön geschaffen hast, aber weil ich unbedacht in
deinen Strahlenglanz drängte, wurde ich wie der Basilisk
davon geblendet. Ich habe dich gesehen, als ich deine
Schönheit begehrte. Ich habe dich in meinem Gewissen
gesehen und kannte dich, als du mich verwarfst. Ich
kannte dich auch, als du Menschengestalt annahmst, und
ich tat, was du mir erlaubtest. Ich kannte dich, als du
bei deiner Auferstehung meine Gefangenen berührtest. Ich
spüre täglich deine Macht, womit du mich verhöhnst und
mich beschämst.“
Der Herr sagte: „Wenn du mich kennst und die Wahrheit
über mich weißt, warum lügst du da meinen Auserwählten
etwas vor, wenn du die Wahrheit über mich weißt? Habe
ich nicht gesagt, dass der, der mein Fleisch isst, in
Ewigkeit leben wird? Und dennoch sagst du, dass es
unwahr ist, und dass niemand mein Fleisch isst. Also
würde mein Volk ja eine schlimmere Abgötterei betreiben,
als der, der Steine und Holzstücke verehrt. Aber nun
sollst du, obwohl ich alle Dinge weiß, mir auf diese
Frage antworten, so dass sie, die hier steht, und die
das Geistliche nur durch Gleichnisse verstehen kann, es
hört: Thomas berührte mich ja nach meiner Auferstehung –
war der Leib, den er da berührte, geistlich oder
körperlich? Wenn er körperlich war, wie konnte er dann
durch verschlossene Türen kommen? Und wenn er geistlich
war, wie konnte er dann für körperliche Augen sichtbar
sein?“
Der Teufel erwiderte: „Es ist schwer, zu reden, wenn ihm
von allen misstraut wird und er gegen seinen Willen
gezwungen wird, die Wahrheit zu sagen. Dennoch werde ich
– wenn auch gezwungen – reden und bekennen, dass du nach
deiner Auferstehung geistlich und körperlich vorhanden
warst. Deshalb kannst du auf Grund der ewigen Kraft
deiner Gottheit und des geistlichen Vorrangs des
verherrlichten Fleisches überall eintreten und überall
sein.“
Gott sagte weiter: „Als Moses Stab in eine Schlange
verwandelt wurde, war sie da nur wie eine Schlange, oder
war sie ganz und gar eine Schlange, inwendig und
äußerlich? Und diese Körbe mit Brot und Brotstücken –
enthielten die richtiges Brot oder nur etwas, das wie
Brot aussah?“
Der Teufel antwortete: „Der ganze Stab wurde eine
Schlange, alles in den Körben war Brot, und alles
geschah durch deine Kraft, alles durch deine Macht.“
Der Herr sagte: „Sollte es wohl schwerer für mich sein,
ein solches Wunder jetzt zu wirken, als damals, ja ein
noch größeres Wunder, wenn es mir gefiele? Wenn der
verherrlichte Leib damals durch geschlossene Türen zu
den Aposteln treten konnte, warum kann er da nicht auch
jetzt in den Händen der Priester sein? Sollte es meiner
Gottheit irgendwelche Mühe bereiten, das Unterste mit
dem Himmlischen, das Irdische mit dem Höchsten zu
vereinen? Keineswegs.
Nein, so wie deine Bosheit, du Vater der Lüge, die
allergrößte ist, so übersteigt meine Liebe alles und
wird es immer tun. Auch wenn einer dieses Sakrament (die
Hostie) zu verbrennen scheint und ein anderer es unter
die Fußte tritt, so kenne ich doch allein den Glauben
von allen und richte alles mit Maß und Geduld ein. Ich
der etwas aus Nichts macht und das Sichtbare aus dem
Unsichtbaren, ich kann auch etwas Sichtbares in einem
Zeichen und einer Form zeigen, obwohl es in Wahrheit
unter dem Schleier eines Zeichens ist, aber etwas
anderes zu sein scheint.“
Der Teufel entgegnete: „Dass dies wahr ist, erfahre ich
täglich, wenn die Menschen, die meine Freunde sind, sich
von mir trennen und deine Freunde werden. Was soll ich
noch mehr sagen? Der Diener, der sich selbst überlassen
wird, zeigt in seinem Willen deutlich, was er tun und
lassen sollte, wenn er nur könnte.“
Wieder sprach Gottes Sohn: „Glaube, meine Tochter, dass
Christus der Erneuerer und nicht der Verderber des
Lebens ist; wahr, ja selbst die Wahrheit, und kein
Lügner; die ewige Macht, ohne die nichts gewesen ist und
nichts werden wird! Wenn du den Glauben hast, dass ich
in den Händen des Priesters bin, so kannst du wissen,
dass ich – auch wenn der Priester zweifelt – doch
wirklich in seinen Händen bin, auf Grund Glaubens der
anwesenden Gläubigen und auf Grund der Worte, die ich
selbst gesagt und bestimmt habe. Ein jeder, der mich
annimmt, nimmt die Gottheit und die Menschengestalt
sowie die Form des Brotes an.
Was ist Gott anderes, wenn nicht das Leben und die
Lieblichkeit, das strahlende Licht, die erquickende
Güte, die urteilende Gerechtigkeit und erlösende
Barmherzigkeit? Was ist meine Menschengestalt anderes,
wenn nicht der flinkeste und geschmeidigste Körper, die
Vereinigung von Gott und Mensch, das Haupt aller
Christen? Also empfängt ein jeder, der an Gott glaubt
und seinen Leib annimmt, die Gottheit selbst, denn er
empfängt das Leben. Er empfängt auch die
Menschengestalt, in der Gott und Mensch vereinigt sind,
mit der Gestalt des Brotes, denn der, der in seiner
eigenen Gestalt vorborgen ist, wird unter einer anderen
zur Prüfung des Glaubens empfangen.
Auch der schlechte Mensch empfängt dieselbe Gottheit,
aber zu seinem Gericht und nicht zu seiner Freude. Er
empfängt auch die Menschengestalt, die doch wenig
wohlwollend gegen ihn gestimmt ist, sowie die Gestalt
des Brotes, denn mit der sichtbaren Gestalten empfängt
er die verborgene Wahrheit, die ihn aber nicht mit ihrer
Süße erquickt. Denn wenn er mich an seinem Mund und
seine Zähne führt, ist das Sakrament vollendet, und ich
weiche mit meiner Göttlichkeit und Menschengestalt von
ihm, so dass nur die Form des Brotes bei ihm bleibt.
Nicht so, dass ich auf Grund der Stiftung des Sakraments
bei den Schlechten nicht ebenso wie bei den Guten
anwesend bin, sondern so, dass die schlechten Menschen
nicht dieselbe Wirkung wie die Guten erfahren. Im Opfer
selbst wird dem Menschen das Leben, nämlich Gott selber,
dargeboten, und das Leben tritt auch bei den Bösen ein,
aber bleibt nicht bei ihnen, weil sie das Böse nicht
aufgeben. Für sie bleibt nur eine Wahrnehmung der
Brotgestalt mit ihren Sinnen, aber das Brot bringt ihnen
keinen Nutzen, denn sie denken über dieses Verzehren
nichts anderes, als dass sie die Gestalt von Brot und
Wein gesehen und gespürt haben, ganz so, als ob ein
mächtiger Herr in das Haus von irgend jemandem getreten
sei, und man sich zwar an seine Gestalt erinnert, aber
die Anwesenheit seiner Güte vergessen hat.“

64. Kapitel
Die Mutter (Maria) spricht: „Mein Sohn ist wie ein armer
Bauer, der weder Ochsen noch Esel hatte, selbst sein
Holz und anderen Geräte aus dem Walde holte, die zur
Verrichtung der Arbeit notwendig waren, und der unter
anderen Geräten auch Ruten nach Hause brachte, die für
zwei Dinge nützlich sind: Einen ungehorsamen Sohn damit
zu strafen, und die vom Frost Erstarrten aufzuwärmen.
So ist mein Sohn, der Herr und Schöpfer von allen, am
allerärmsten geworden, um alle mit den ewigen,
unvergänglichen Reichtümern reich zu machen. Er hat auf
seinem Rücken die schwerste Last, nämlich das bittere
Kreuz, getragen, und mit seinem Blut hat er die Sünden
aller gereinigt und ausgelöscht.
Unter seinen übrigen Werken wählte er auch das Gerät der
Tugenden; d.h. tugendhafte Männer, durch die unter
Mitwirkung des Heiligen Geistes das Herz vieler Menschen
zur Gottesliebe entzündet und der Weg der Wahrheit
offenbart wurde. Er wählte auch die Rute aus, und damit
sind die Liebenden der Welt gemeint, durch die Gottes
Söhne und Freunde zu ihrer Erziehung und Reinigung
gezüchtet werden, und damit sie sich besser in Acht
nehmen und besser belohnt werden.
Ferner wärmen die Rutenzweige die erstarrten Kinder, und
Gott wird durch ihr Feuer auch erwärmt. Aber wie? Ja,
wenn weltlich eingestellte Menschen Gottes Freunde und
die betrüben, die Gott nur aus Furcht vor Strafe lieben.
Und wenn die, die da betrübt werden, sich immer eifriger
zu Gott hinwenden und die Nichtigkeit der Welt
begreifen, so hat Gott Mitleid mit ihrer Trübsal und
beschert ihnen Freude und Liebe.
Aber was soll mit den Rutenzweigen geschehen, nachdem
die Kinder gezüchtigt worden sind? Ja, die sollten ins
Feuer geworfen werden, um zu verbrennen. Gott verschmäht
nämlich auch dann nicht sein Volk, wenn er es den Händen
der Bösen überlässt, sondern wie ein Vater seinen Sohn
erzieht, so benutzt Gott die Bosheit der Gottlosen für
die Krönung und Belohnung seiner Freunde.“

65. Kapitel
Die Mutter (Maria) spricht: „Du sollst sein wie eine
leere Schale, die geeignet ist, gefüllt zu werden –
nicht so flach, dass das, was darin enthalten ist,
ausfließt, und auch nicht so voll, dass man den Boden
nicht mehr sieht. Diese Schale ist dein Körper, der leer
ist, wenn er vor dem Begehren der Wollust frei ist. Er
ist mäßig weit, wenn das Fleisch vernünftig in Zucht
gehalten wird, damit die Seele imstande bleibt, um den
geistigen und körperlichen Menschen stark genug zum
Arbeiten zu erhalten. Die Schale ist ohne Boden, wenn
das Fleisch nicht durch irgendeinen Verzicht in Zucht
gehalten wird, sondern der Körper alles bekommt, was er
begehrt.
Aber höre, was ich sage! Mein Diener brachte ein
unbedachtes Wort vor, als er sagte: „Was kommt es mir
zu, etwas zu sagen, was nichts mit meiner Stellung zu
tun hat?“ Ein solcher Ausspruch gebührt sich für einen
Diener Gottes nicht. Denn jeder, der die Wahrheit hört
und sie kennt, ist frevelhaft, wenn er sie verschweigt –
sofern er nicht ganz abgewiesen wird.
Es gab nämlich einmal einen Herrn, der eine starke Burg
besaß, in der es vier gute Dinge gab: Frisches Essen,
das allen Hunger vertreibt, frisches Wasser, das allen
Durst löscht, lieblichen Duft, der alle giftigen Dünste
vertreibt, und notwendige Waffen, die geeignet waren,
jeden Feind niederzuschlagen.
So verging die Zeit, und während der Burgherr auf etwas
anderes achtete, wurde die Burg belagert. Als er das
merkte, sagte er zu seinem Herold: „geh und rufe mit
lauter Stimme meinen Rittern zu: „Ich, der Herr, werde
meine Burg befreien, und jeder, der mir freiwillig
folgt, wird mit mir in der Herrlichkeit sein und ebenso
wie ich in Ehren stehen. Aber wer im Kampfe fällt, den
werde ich zu dem Leben erwecken, das weder Mangel noch
Sorge hat, und ich werde ihm bleibende Ehre und nie
versiegenden Überfluss schenken.“
Als der Diener diesen Befehl erhalten hatte, rief er
auch, aber er rief weniger kräftig, als er sollte, so
dass der Ruf nicht bis zu dem tapfersten Ritter drang
Dieser ließ deshalb den Kampf bleiben. Was soll der Herr
nun mit dem Ritter tun, der gern gekämpft hätte, aber
die Stimme des Herolds nicht gehört hat? Sicher wird er
ihn für seinen Willen belohnen. Aber der säumige Herold
wird nicht ohne Strafe davonkommen.
Diese Burg ist die heilige Kirche, erbaut mit dem Blute
meines Sohnes. Dort ist sein Leib (die Hostie), die
allen Hunger vertreibt, das Wasser der evangelischen
Weisheit, der Wohlgeruch des Beispiels seiner Heiligen
und die Waffen seines Leidens. Diese Burg ist jetzt von
Feinden belagert, denn in der heiligen Kirche gibt es
viele, die mit ihrer Stimme meinen Sohn verkünden, ihm
aber mit ihren Sitten widersprechen, ja die mit ihrem
Willen dem widersprechen, was sie mit dem Munde sagen,
indem sie sich nicht im das himmlische Vaterland
kümmern, wenn sie nur ihre Lust befriedigen können.
Daher dürfen Gottes Freunde nicht ermüden, damit Gottes
Feinde sich vermindern, denn ihre Belohnung wird nicht
zeitlich sein, sondern eine solche, die kein Ende hat.“

66. Kapitel
Die
Mutter (Maria) spricht: „Welchen Schaden leidet man,
wenn man einen Stich von einer Nadel oder einem Eisen in
den Kleidern bekommen hat, aber das Fleisch selbst
nichts abbekommen hat? Ebenso wenig schaden zeitliche
gute Dinge, wenn sie mit Klugheit gehandhabt werden und
die Einstellung des Besitzers nicht fehlgerichtet ist.
Beobachte deshalb dein Herz, dass deine Absicht gut ist,
denn durch dich sollen Gottes Worte anderen vermittelt
werden.
Denn wie der Mühlteich manchmal das Wasser behält und es
manchmal fließen lässt, wenn es gebraucht wird, so musst
du, wenn verschiedene Gedanken und Versuchungen kommen,
genau Acht geben, dass das, was nichtig und rein
weltlich ist, abgetan wird, aber das, was göttlich ist,
ständig bedach wird. Es steht ja geschrieben, dass die
unteren Wasser abflossen, aber die oberen fest wie eine
Mauer standen. Die unteren Wasser sind Gedanken des
Fleisches und der unnützen Begierden, die Fortschwimmen
müssen und nicht beachtet werden sollen, aber die oberen
Wasser sind Gottes Eingebungen und Worte heiliger
Männer, die fest wie eine Mauer in deinem Herzen stehen
sollten, so dass sie nicht irgendwelche Versuchungen aus
deinem Herzen entfernt werden.“

67. Kapitel
Der Sohn spricht zur Braut: „Ich bin ein Gott mit dem
Vater und dem Heiligen Geist. In der Vorausschau meiner
Gottheit sind alle Dinge von Anfang an und seit
Jahrhunderten vorausgesehen und bestimmt. Und alle
Dinge, die körperlichen und geistlichen, haben ihre
bestimmte Struktur und Anordnung, und alles steht und
läuft, nachdem es in meinem Vorherwissen angeordnet und
bestimmt ist.
Da kannst du von drei Dingen her verstehen. Wenn du auf
die achtest, die leben, so findest du, dass es die Frau
ist, die gebärt, und nicht der Mann. Wenn du auf die
Bäume achtest, so findest du, dass die süßen süße
Früchte und die bitteren bittere Früchte bringen. Was
die Himmelskörper betrifft, legen Sonne, Mond und alle
Sterne ihre Bahn so zurück, wie es in meiner
Göttlichkeit vorherbestimmt ist. So sind auch die
vernunftbegabten Seelen meiner Göttlichkeit bekannt, und
ich weiß im voraus, wie sie werden sollen. Aber mein
Vorherwissen schadet ihnen doch in keiner Weise, denn
ich habe ihnen die Bewegung des freien Willens gegeben,
d.h. den freien Willen und die Macht, zu wählen, was
ihnen gefällt.
So wie die Frau gebärt und nicht der Mann, so muss also
auch die Seele, Gottes gute Frau, mit Gottes Hilfe
gebären, denn die Seele ist dazu erschaffen, dass sie
sich in Tugenden vervollkommnet und durch die Aussaat
der Tugenden fruchtbar wird, so dass sie in die Arme der
göttlichen Liebe geschlossen werden kann. Aber jetzt ist
die Seele in ihrem Ursprung aus der Art geschlagen und
bringt ihrem Schöpfer keine Frucht; sie handelt gegen
Gottes Verordnungen und ist daher unwürdig, Gottes Süße
zu schmecken.
Zweitens tritt Gottes unveränderliche Anordnung in den
Bäumen hervor, von denen die süßen süße Früchte bringen,
aber die bitteren bittere. In der Dattel gibt es zwei
Dinge, nämlich Süßigkeit und einen harten Kern. So ist
es von Ewigkeit vorhergesehen, dass – wo immer der
Heilige Geist wohnt – da verliert alle weltliche
Belustigung ihren Wert, und da wird alle weltliche Ehre
mühevoll. Und der Heilige Geist verleiht diesem Herzen
so große Stärke und Härte, dass es nicht von irgendeiner
Ungeduld zerbricht, nicht von irgendeinem Unglück
niedergeworfen wird und sich nicht durch irgendeinen
Erfolg überhebt.
Ebenso ist es von Ewigkeit her vorausgesehen, dass – wo
immer der Dorn des Teufels ist – da gibt es eine Frucht,
die außen rot ist, aber inwendig voll Unreinheit und
Stacheln. Die flüchtige Lust, die der Teufel bereitet,
scheint nämlich lieblich zu sein, ist aber voller Dornen
und Trübsal. Denn je mehr einer im Irdischen verstrickt
ist, durch eine umso größere Bürde der Rechenschaft wird
er belastet. So wird – wie jeder Baum nach der
Beschaffenheit der Wurzel und des Stammes Frucht bringt
– jeder Mensch nach der Absicht seines Tuns gerichtet.
Drittens haben alle Elemente die Ordnung und Bewegung,
die ihnen von Ewigkeit her bestimmt ist, und sie bewegen
sich nach dem Willen ihres Urhebers. So muss sich auch
jedes vernunftbegabte Wesen nach der Bestimmung seines
Schöpfers bewegen und seinen Willen danach richten. Aber
wenn der Mensch das Gegenteil tut, ist es offenbar, dass
er seinen freien Willen missbraucht, und wo die
Unvernunft herrschen darf, da entartet der
vernunftbegabte Mensch und verschlimmert sein Gericht,
weil er nicht die Vernunft gebraucht.
Deshalb soll der Mensch auf seinen Willen achten, denn
ich will dem Teufel kein größeres Unrecht tun, als
meinen Engel. So wie Gott von seiner keuschen Braut die
unaussprechliche Süße fordert, so will ja der Teufel von
seiner Braut Stacheln und Dornen haben. Aber der Teufel
kann keine Macht über den Menschen gewinnen, wenn dessen
Wille nicht verdorben wird.“

68. Kapitel
Die Mutter (Maria) spricht: „Es gibt ein kleines Tier,
das „Fuchs“ genannt wird, und das eifrig ist, all seinen
Lebensunterhalt zu beschaffen, und voller Falschheit
ist. Er stellt sich manchmal an, als ob er schliefe und
tot wäre, damit die Vögel sich auf ihn setzen, und er
sie umso leichter fangen und fressen kann, je
unvorsichtiger sie dasitzen. Er gibt auch auf den Flug
der Vögel Acht, und die er vor Müdigkeit auf dem Boden
oder unter einem Baum sitzen sieht, die fängt er und
frisst sie auf. Aber die mit beiden Flügeln fliegen,
beschämen ihn und machen seine Arbeit vergeblich.
Dieser Fuchs ist der Teufel, der ständig Gottes Freunde
verfolgt, und vor allem die, die die Bitterkeit seiner
Bosheit und das Gift seiner Ungerechtigkeit nicht haben.
Er stellt sich manchmal, als schliefe er und wäre tot,
denn manchmal lässt er den Menschen von schwereren
Versuchungen frei, damit er vergessen soll, auf die
kleineren zu achten, so dass er ihn umso leichter
betrügen und umgarnen kann. Manchmal lässt er auch das
Laster wie eine Tugend und die Tugend wie ein Laster
aussehen, damit der verwirrte Mensch sich etwas
unvorsichtig verhält und verloren geht, sofern die
Klugheit ihm nicht zu Hilfe kommt.
Das kannst du auch durch ein Gleichnis verstehen.
Barmherzigkeit ist nämlich manchmal eine Sünde, d.h.
wenn sie geübt wird, um den Menschen zu gefallen. Die
Kraft der Gerechtigkeit ist ungerecht, wenn sie aus
Gewinnsucht und aus Ungeduld ausgeübt wird. Die Demut
ist Hochmut, wenn sie darauf zielt, dass man auf sich
aufmerksam macht und von Menschen gesehen wird. Die
Tugend der Geduld scheint vorhanden zu sein und ist es
doch nicht, wenn der Mensch sich für ein Unrecht rächen
könnte, es aber bleiben lässt, weil er noch nicht den
geeigneten Zeitpunkt findet, sich zu rächen.
Manchmal schickt der Teufel auch Trübsale und
Anfechtungen, damit der Mensch über die Maßen
schwermütig und betrübt werden soll, und manchmal lässt
er das Herz sich mit Angst und Kummer füllen, so dass
der Mensch im Dienste Gottes erschlafft, oder
unvorsichtig wie er ist – von kleinen Sünden in große
fällt.
Auf diese Weise wurde dieser Mann, von dem ich spreche,
vom Fuchs betrogen. Denn in seinem Alter hatte er alles,
was er sich wünschte, er sagte, er sei glücklich und
wollte lange leben, aber so wurde er ohne Sakrament
abgerufen, und ohne dass er Rechenschaft über seine
Werke und Sachen abgelegt hatte. Wie die Ameise sammelte
er Tag und Nacht, aber nicht für das Vorratshaus des
Herrn. Und als er zum Eingang des Schobers kam, wohin er
das gesammelte Korn bringen wollte, da starb er und
überließ anderen die Frucht seiner Mühe.
Denn wer zur Erntezeit nicht fleißig für mich sammelt,
der bekommt keine Gelegenheit, sich über die Saat zu
freuen. Selig sind daher die Vögel des Herrn, die nicht
unter den Bäumen der weltlichen Genüsse schlafen,
sondern auf den Bäumen der himmlischen Sehnsucht, denn
wenn sie die Versuchung des bösen Fuchses, des Teufels,
packt, fliegen sie schnell mit ihren beiden Flügeln
davon, nämlich mit der demütigen Beichte und der
Hoffnung auf die Hilfe des Himmels.“
Erklärung
Christus, Gottes Sohn, spricht: „Dieser Propst ist ein
Bischofsamt. Daher soll der, der in den lieblichen
Obstbaum steigen will, um köstliche Früchte zu ernten,
befreit von aller Bürde sein, umgürtet und stark genug
sein, um zu pflücken, und ein reines Gefäß haben, in dem
er die Früchte niederlegen kann. So soll sich dieser nun
bemühen, seinen Leib mit Tugenden zu schmücken, indem er
ihm das Notwendige gibt, aber keine Überfluss, indem er
Gelegenheiten zur Zuchtlosigkeit und Gewinnsucht aus dem
Wege geht und sich als ein reiner Spiegel und als
Vorbild für unvollkollkommene Menschen zeigt. Sonst wird
er von einem schrecklichen Fall, einem plötzlichen Ende
und Plage von meiner Hand betroffen.“ All dies ist
eingetroffen.

69. Kapitel
Der Sohn (Jesus
Christus) spricht: „An drei Dingen kannst du beurteilen,
ob das Wasser einer Quelle nicht gut ist. Erstens, wenn
es nicht die rechte Farbe hat. Zweitens, ob es trübe
ist. Drittens, ob es stillsteht und nicht in Bewegung
ist, indem es allen Schmutz aufnimmt und ihn nicht
absondert.
Unter diesem Wasser verstehe ich die Sitten und das Herz
der Kleriker. Sie müssten auf Grund ihrer guten Sitten
köstlich zu trinken sein wie Quellen und sich dem
Schmutz der Sünden verschließen. Die rechte Farbe des
Klerikers ist ja wahre Demut; er müsste sich in Gedanken
und Taten umso mehr demütigen verhalten, je größere
Verpflichtung er sieht, um für Gott zu arbeiten. Denn wo
Hochmut ist, da ist die Farbe des Teufels, die das
Wasser ebenso abscheulich ansehen lässt, als ob eine
aussätzige Hand das Wasser aus der Quelle schöpfen
würde. So bewirkt der Hochmut, dass manche Werke des
Klerikers schmutzig aussehen.
Das Wasser ist trübe, wenn der Kleriker gewinnsüchtig
ist und sich nicht mit dem Notwendig begnügt. So wie er
sich selber unnütz ist und sich bloß Angst macht, so ist
er für andere durch das Beispiel seiner Gier schädlich.
Drittens ist das Wasser unrein, wenn es Schmutz
aufnimmt, ihn aber nicht abstößt, was daher kommt, dass
sein Abfluss versperrt ist, so dass das Waser
stillsteht. So ist der Priester unrein, der in seinem
Herzen und seinem Körper die Wollust des Fleisches
liebt, und nicht durch wahre Reue das Unreine abstößt,
mit dem er behaftet ist.
Denn wie ein Fleck am Körper überall hässlich und
unschön ist, aber am meisten im Gesicht, so muss die
Unreinheit allen verhasst sein, aber am allermeisten für
die, die zu höheren Würden berufen sind. Daher sollen
die Kleriker für mein Werk ausgewählt werden, die sich
nicht durch wortreiche Weisheit auszeichnen, sondern
durch Demut und Reinheit, die selbst tugendhaft leben
und andere mit Wort und Beispiel unterrichten, denn auch
eine aussätzige Hand kann nützlich für mein Werk sein,
wenn nur die Absicht gut ist, und die Hand des Geistes
nicht fehlt.“

70. Kapitel
Die Mutter (Maria)
spricht: „Als die Pein meines Sohnes bevorstand, waren
Tränen in seinen Augen und Schweiß auf seinem Körper,
aus Furcht vor dem Leiden. Und er wurde gleich aus
meinen Blicken entrückt, und ich sah ihn nicht wieder,
bevor er hinausgeführt wurde, um gegeißelt zu werden. Er
wurde da zu Boden gestoßen und erhielt einen so heftigen
und grausamen Stoß, dass sein Haupt schwankte und die
Zähne zusammenschlugen, und er wurde so hart auf den
Hals und die Wange geschlagen, dass der Laut des
Schlagens bis zu meinen Ohren drang.
Danach zog er sich auf Befehl des Henkers seine Kleider
aus, umfasste freiwillig die Geißelsäule, wurde mit
einem Riemen festgebunden und mit einer stacheligen
Geißel verletzt, deren Stacheln eingedrückt und
herausgezogen wurden, so dass sie seinen ganzen Körper
zerpflügten. Beim ersten Geißelhieb erhielt ich
gleichsam einen Stoß ins Herz und fiel in Ohnmacht.
Als ich nach einer Weile erwachte, sah ich seinen
zerschlagenen Körper. Er war ganz nackt gewesen, als er
gegeißelt wurde. Da sagte einer seiner Gegner zu den
diensthabenden Bütteln: „Wollt ihr diesen Mann ohne ein
Urteil töten und die Ursache zu seinem Tode werden?“ Und
mit diesem Worten schnitt er das Band ab.
Als mein Sohn von der Säule losgekommen war, wandte er
sich zuerst zu seinen Kleidern, aber man gönnte ihm
nicht einmal Zeit, sich anzukleiden, denn als man ihn
weiterschleppte, war er noch dabei, seine Arme in die
Ärmel zu stecken. Die Schritte, die er von der Säule
ging, an der er angebunden stand, waren mit Blut
gefüllt, so dass ich an dem Blut alle Schritte, die er
tat, sehr gut erkennen konnte. Er trocknete sein
blutiges Antlitz mit dem Mantel ab.
Nachdem er verurteilt war, wurde er hinausgeführt, wobei
er sein Kreuz trug. Aber als er es unterwegs trug, bekam
er einen Ersatzmann. So kam er an den Platz der
Kreuzigung, und dort lagen ein Hammer und vier spitze
Nägel bereit. Gleich zog er sich auf Befehl die Kleider
aus, und man reichte ihm ein kleines Leinenkleid, mit
dem er die Lenden bedeckte, und was er selbst, gleichsam
damit getröstet – mithalf, sich umzubinden. Das Kreuz
war aufgerichtet und sein Querbalken aufgerichtet, so
dass der Schnittpunkt des Kreuz unter seinen Achseln
war. Das Kreuz gab dem Haupt keinen Ruhepunkt, und die
Tafel mit der Inschrift war auffallend an beiden Armen
des Kreuzes oberhalb seines Hauptes befestigt.
Auf Befehl legte er sich mit dem Rücken auf das Kreuz,
und darum gebeten, streckte er erst die rechte Hand aus
und danach die andere, die nicht bis zum anderen Ende
des Querbalkens reichte, sondern grausam ausgedehnt
werden musste. Und die Füße wurden ebenso bis zu den
Bohrlöchern ausgespannt, übereinandergelegt und da, wo
die Knochen am härtesten waren, mit zwei Nägeln am Stamm
des Kreuzes befestigt, wie man es auch mit den Händen
gemacht hatte.
Beim ersten Hammerschlag wurde ich außer mir vor Schmerz
und feil in Ohnmacht, und als ich wieder zu mir kam, sah
ich meinen Sohn gekreuzigt. Ich hörte, wie Menschen
miteinander sprachen. Einige fragten: „Wieso hat er sich
schuldig gemacht? Diebstahl, Raub oder Lüge?“ Andere
antworteten, dass er ein Lügner war.
Man drückte die Dornenkrone fest auf sein Haupt, so dass
sie bis mitten über die Stirn ging, viele Blutströme
flossen von den Dornenstichen nieder auf sein Angesicht
und füllten die Haare, die Augen und den Bart, so dass
man fast nichts anderes sah, als Blut in seinem Antlitz,
und er konnte mich, die neben dem Kreuz stand, auch
nicht sehen, wenn er nicht das Blut dadurch entfernte,
dass er die Augenlider zusammendrückte.
Er vertraute mich seinem Jünger an, hob die Stimme
gleichsam aus der Tiefe der Brust, hob das Haupt, wandte
die weinenden Augen gen Himmel und rief: „Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die Stimme
konnte ich nie vergessen, bevor ich in den Himmel kam.
Sein Ausruf war mehr aus Rührung über meinen Schmerz
veranlasst, als über seinen eigenen.
Nun kam die Leichenblässe in die Glieder, die man am
Blut erkennen konnte; die Wangen sanken ein bis zu den
Zähnen, die Rippen wurden beinah bloß, und man konnte
sie zählen, die Brust sank zum Rücken hin ein, nachdem
alle Flüssigkeit ausgeflossen war, die Nase wurde dünner
und das Herz brach, wobei sein ganzer Körper bebte und
sein Kinn auf die Brust fiel.
Außer mir, sank ich zu Boden. Der Mund öffnete sich bei
ihm, als er starb, so dass man die Zunge, die Zähne und
das Blut darin sehen konnte. Die Augen waren halb offen
und nach unten gerichtet, und der tote Körper hing
schlaff und lose da. Die Knie bogen sich nach einer
Richtung, und die Füße bogen sich über den Nägeln wie
Türhaken in eine andere Richtung.
Ein paar Menschen, die da standen, sagten höhnisch: „Nun
ist dein Sohn tot, Maria!“ Aber andere, die größeren
Verstand besaßen, sagten: „O Frau, die Pein deines
Sohnes ist nun zu seiner ewigen Ehre beendet!“
Eine kurze Zeit später öffnete man seine Seite, und als
die Lanze herausgezogen wurde, zeigte sich an der Spitze
dunkles Blut, so dass man daran erkennen konnte, dass
das Herz durchstochen war.
Der Stich ging auch durch mein Herz, und es war
sonderbar, dass es nicht brach wie seines.
Andere gingen davon, aber ich konnte nicht fortgehen,
sondern mir war es wie ein Trost, als sein Leib vom
Kreuz abgenommen wurde, und ich konnte ihn berühren und
ihn in meinen Schoß legen, die Wunden abdecken und das
Blut abtrocknen. Dann schlossen meine Finger seinen
Mund, und ich drückte ihm ebenso die Augen zu. Aber
seine Steifgewordenen Arme konnte ich nicht biegen; sie
konnten also nicht über der Brust zusammengelegt werden,
sondern über dem Magen. Die Knie konnte ich auch nicht
ausstrecken, sondern sie standen hoch, wie sie am Kreuz
steif geworden waren.“
Weiter sagte die Mutter: „Du kannst meinen Sohn nicht zu
sehen bekommen, so wie er im Himmel ist. Aber du sollst
wissen dürfen, wie er in körperlicher Gestalt hier auf
Erden war. Er war so anmutig in seinen Gesichtszügen,
dass niemand, auch wenn er Herzenskummer hatte, sein
Antlitz sehen konnte, ohne durch seinen Anblick
getröstet zu werden. Die Gerechten hatten daran
geistliche Freude, und sogar die Schlechten vergaßen
ihre weltlichen Sorgen, so lange sie ihn betrachteten.
Und deshalb pflegten die Leidenden zu sagen: „Lasst uns
gehen und Maria’s Sohn sehen, so dass wir wenigstens die
Stunde Linderung verspüren.“
Im zwanzigsten Jahre seines Lebens war er vollkommen an
männlicher Größe und Kraft. Er hatte die
Durchschnittslänge der damaligen Menschen, war nicht
besonders füllig, sondern wohlgebaut mit Sehnen und
Knochen. Sein Haar, seine Augenbrauen und sein Bart
waren von hellbrauner Farbe, und der Bart war so lang
wie eine Handbreit. Die Stirn war weder vor – noch
zurückgesetzt, sondern gerade. Die Nase war von normaler
Größe, weder zu klein noch zu groß.
Seine Augen waren so klar, dass sogar seine Gegner
Freude daran hatten, ihn zu betrachten. Die Lippen, die
nicht dick waren, waren rot und klar. Das Kinn war nicht
vorgeschoben oder zu lang, sondern schön und von
männlicher Größe. Die Wangen waren ein wenig füllig.
Seine Hautfarbe war weiß, mit hellrot gemischt, und
seine Gestalt war gerade. Es gab keinen Fleck auf seinem
ganzen Körper; das konnten die bezeugen, die ihn ganz
nackt gesehen und ihn gegeißelt haben, als er an der
Säule festgebunden war. Niemals ist irgendein Wurm an
ihn gekommen, und auch keinerlei Unordnung oder
Unsauberkeit in seinem Haar.

71.
Kapitel
Gottes Sohn spricht
zur Braut: „Antworte mir auf vier Dinge, nach denen ich
dich fragen werde. Wenn jemand seinem Freunde einen
fruchtbaren Weinstock gäbe, den der Geber ebenso gern in
seinem Haus behalten würde, weil er Freude daran hätte,
ihn anzuschauen und daran zu riechen – was würde da der
Geber antworten, wenn der, dem der Weinstock geschenkt
wurde, ihn bitten würde, ihn an einen anderen Platz zu
pflanzen, wo er mehr Frucht bringen würde?
Sie antwortete: „Wenn der Geber ich aus Liebe geschenkt
hat und verständig wäre und seinem Freund etwas Gutes
gönnen würde, so würde er diesen mit dem Weinstock tun
lassen, was er will und zu ihm sagen: „Mein Freund,
obwohl ich Freude an dem Weinstock habe, würde ich mich
doch freuen, nachdem er mir jetzt nicht viel Frucht
bringt, dass du ihn, wenn du willst, an einen Platz
setzt, der fruchtbarer ist.“
Der Herr fragte wiederum: „Wenn ein Vater und eine
Mutter ihre junge Tochter einem jungen Mann geben würden
und die Jungfrau einverstanden wäre, ihn zu nehmen, aber
der Jüngling nicht auf ihre Frage antwortet, ob er sie
haben wolle oder nicht – wäre da die Jungfrau nicht
verlobt, nachdem der Jüngling seinen Willen nicht zu
erkennen gab?“
Der Herr sagte drittens: „Ein Edelgeborener Jüngling
stand zwischen drei Jungfrauen und sagte zu ihnen, dass
diejenige von den dreien, die das Wort aussprach, das
seine innigste Liebe erwecken könnte, die sollte das
Glück gewinnen, dass der Jüngling sie am meisten liebt.
Da sagte die erste Jungfrau: „Ich liebe diesen Jüngling
so warm, dass ich lieber sterben würde, als mich mit
einem anderen beflecken.“
Die zweite sagte: „Lieber als ein einziges Wort zu
sagen, das gegen seinen Willen ist oder ihn verletzen
würde, will ich alle Qualen leiden.“ Die dritte sagte:
„Lieber als die kleinste Beschimpfung oder den kleinste
Schaden zu sehen, der ihm widerfährt, will ich selber
allen Schaden und die bittersten Plagen erdulden.“ Sag
mir nun, sagte der Herr, welche von diesen drei
Jungfrauen hat den Jüngling am meisten geliebt, und
welche sollte den ersten Platz in seiner Liebe
einnehmen?“ Sie antwortete: „Es scheint mir, als ob sie
alle ihn gleich zärtlich lieben würden, denn sie hatten
alle dieselbe Herzenseinstellung für ihn, und deshalb
wären sie alle seiner Liebe gleichermaßen wert.“
Der Herr sagte viertens: „Es war eine Person, die ihren
Freund um Rat fragte: „Ich habe ein sehr fruchtbares
Weizenkorn. Wenn es in die Erde gesät wird, gibt es
vielen Weizen als Frucht. Aber jetzt bin ich sehr
hungrig; was scheint dir klüger – dass ich es aufesse,
oder dass ich es in die Erde aussäe?“ Der Freund
erwiderte: „Der Hunger kann auf andere Weise gestillt
werden. Es ist nützlicher für dich, dass das Korn gesät
wird.“ Und der Herr fügte hinzu: „O Tochter, scheint es
dir nicht auch so, dass der Hunger ertragen werden muss
und das Korn gesät wird, so dass es vielen nützt?
Weiter sagte der Herr: „Diese vier Aussagen betreffen
dich. Deine Tochter, die du versprochen hast, mir du
versprochen hast, mir zu geben und es auch getan hast,
ist nämlich wie ein Weinstock. Weil ich nun einen
geeigneteren Platz für sie weiß, will ich sie dort
empfangen, wo es mir gefällt. Und du solltest nicht
betrübt darüber sein, dass du mit diesem Wechsel
einverstanden warst. Du gabst mir deine Tochter, aber
ich habe dir nicht gezeigt, was mir am besten gefiel,
ihr Jungfrauenstand oder ihre Ehe, oder wie weit dein
Opfer mir gefiel oder nicht. Und da du deiner Sache
sicher bist, sollte das, was ungewiss geworden war,
verändert und verbessert werden.“
Weiter sagte der Herr: „Die Jungfräulichkeit ist gut und
steht am höchsten, denn sie ist wie die Engel, wenn sie
nur auf verständige und passende Weise eingehalten wird.
Aber wenn das eine ohne das andere da ist, d.h. die
Jungfräulichkeit des Fleisches, aber nicht des Sinnes,
so ist die Jungfräulichkeit entstellt. Denn eine
demütige und fromme Ehefrau ist mir lieber, als eine
hochmütige und unverschämte Jungfrau. Eine ehrbare
Hausfrau, die in Gottesfurcht nach ihrem Stande lebt,
kann ebenso große Verdienste sammeln, wie eine tüchtige
und bescheidene Jungfrau. Denn obwohl es groß ist, im
Feuer der Prüfung zu sein und doch nicht zu brennen, ist
es doch ebenso groß, außerhalb des Feuers der
Enthaltsamkeit zu sein, aber lieber im Feuer sein zu
wollen und in größerer Liebe zu Gott außerhalb des
Feuers zu brennen, als was der tut, der im Feuer steckt.
Siehe, ich lege dir ein Gleichnis von drei Frauen vor.
Susanna war verheiratet, Judith war Witwe, Thekla war
Jungfrau. Sie führte ein anderes Leben und hatte andere
Pläne, und doch erhielten sie alle auf Grund ihrer
verdienstvollen Werke denselben Lohn. Als Susanna von
den Priestern bedrängt wurde, wollte sie (so sehr liebte
sie Gott) lieber sterben, als gegen ihren ehelichen
Stand sündigen. Und weil sie mich immer so fürchtete,
als sei ich anwesend, so verdiente sie, sowohl gerettet
zu werden und ihrer Rettung wegen verherrlicht zu
werden.
Als Judith meine Verunehrung und die Bedrückung ihres
Volkes sah, regte sie sich so auf, dass sie sich aus
Liebe zu Gott nicht nur Schimpf und Schande aussetzte,
sondern bereit war, meinetwegen Plagen zu erdulden. Und
Thekla, die Jungfrau war, wollte lieber diese bitteren
Qualen leiden, als ein einziges Wort gegen mich zu
sprechen. Obwohl diese drei dieselbe Art von Werken
ausführten, sind sie doch gleich am Verdienst. Daher
können mir beide – Jungfrauen und Witwen – ebenso
gefallen, wenn nur ihre Sehnsucht nach mir steht, und
ihr Leben gut ist.“
Weiter sagte der Herr: „Ob deine Tochter im
Jungfrauenstand oder Ehestand lebt, das ist mir gleich
lieb, wenn sie sich nur nach meinem Willen richtet. Denn
was nützt es ihr, wenn sie ihren Leib verschließt, aber
mit ihren Sinnen draußen weilt? Und was ist ehrenvoller:
Nur für sich zu leben, oder anderen zu nützen?
Ich, der alles weiß und vorhersieht, tue jedoch nichts
ohne Grund, und daher wird sie durch die erste Frucht
nicht zu dem beabsichtigten Ziele kommen, denn die
Frucht stammt aus Furcht, und auch nicht die zweite,
denn die stammt aus Trägheit, sondern durch die
mittlere, denn die hat eine maßvolle Liebesglut und die
Frucht der Ehrbarkeit. Aber der, der sie nehmen wird,
sollte drei Dinge haben, nämlich ein Haus, Kleider und
Nahrung, um sie damit zu versorgen.“
Erklärung
Der Sohn spricht: „Du möchtest wissen, warum diese
Jungfrau nicht in der Weise zur Ehe gekommen ist, wie du
gehofft hast. Ich will dir mit einem Gleichnis
antworten. Ein vornehmer Mann beschloss, seine Tochter
einem zu geben, der arm war. Aber als dieser Arme kommen
sollte, um sich mit der Jungfrau zu verloben, hatte er
gegen die Gesetze des Staates verstoßen, und deshalb
wurde er mit Schande von den Mitbürgern vertrieben und
bekam die Jungfrau nicht, wie er ersehnte.
So bin ich mit dem Herrscher dieses Landes verfahren,
denn ich hatte ihm versprochen, dass er Großtaten
vollbringen würde. Aber er hielt mehr fest an meinen
Feinden, und daher bekam er nicht, was ich ihm
versprochen hatte.
Aber nun kannst du fragen, ob ich das Zukünftige nicht
vorausgesehen habe? Ja, ich habe es vorausgesehen, wie
man es auch über Mose und sein Volk liest, aber ich habe
es gezeigt, und ich zeige noch viel, damit die Menschen
sich zum Guten wenden, wissen, was zu tun ist, und
geduldig warten.
Doch sollst du wissen, dass ein Weh verschwunden ist,
aber ein anderes soll über die Undankbaren in diesem
Reiche kommen, und dann wird mein Segen über die kommen,
die demütig um mein Erbarmen bitten. Wisse auch, dass es
dieser Jungfrau nützt, sich nach meinem Rat und dem der
Klugen zu richten.“
Diese Jungfrau, glaubt an, ist Frau Cecilia gewesen,
eine Tochter der hl. Birgitta.

72. Kapitel
Der Sohn (Jesus
Christus) sagte zur Braut: „Es waren zwei Schwestern,
Martha und Maria, die einen Bruder hatten, Lazarus. Ich
weckte ihn für sie von den Toten auf, und er diente mir
dann mehr als vorher. So war es auch mit seinen
Schwestern: Obwohl sie schon vor der Auferweckung des
Bruders dienstbereit und eifrig waren, mir zu dienen,
waren sie doch viel eifriger und hingegebener als
vorher.
In ähnlicher Weise habe ich jetzt geistlich mit euch
gehandelt. Denn ich habe euren Bruder auferweckt, d.h.
eure Seele, der vier Tage tot gelegen hatte und schon
roch, und der sich von mir durch Übertretung meiner
Gebotsworte entfernt hatte; böse Lust, weltliche
Vergnügen und Gefallen an Sünde hatte er.
Es waren aber vier Gründe, die mich bewogen, Lazarus
aufzuwecken. Der erste war, dass er mein Freund war, als
er lebte. Der zweite war die Liebe seiner Schwestern.
Der dritte war, dass Maria durch ihre Demut, als sie
meine Füße wusch, verdient hat, dass sie sich so, wie
sie sich meinetwegen vor den Augen der Tischgäste
erniedrigt hatte, auch vor den Augen vieler freuen und
geehrt werden sollte.
Der vierte Grund war, dass die Ehre meiner Menschen
gestalt offenbart werden sollte. Diese vier Dinge waren
nicht in euch, denn ihr habt die Welt mehr als sie
geliebt. Deshalb ist meine Barmherzigkeit größer gegen
euch, die ihr nicht mit irgend welchen Verdiensten
Barmherzigkeit verdient habt, als gegen diese
Schwestern. Ja, sie ist ebenso viel größer, wie der
geistliche Tod gefährlicher ist, als der körperliche,
und die Auferstehung der Seele ehrenvoller ist, als die
des Leibes.
Daher müsst ihr, weil meine Barmherzigkeit größer ist
als eure Werke, mich mit der wärmste Liebe ins Haus
eures Sinnes aufnehmen, wie es diese Schwestern taten,
indem ihr nichts so sehr liebt wie mich, indem ihr all
eure Zuversicht auf mich setzt, auch demütigt wie Maria
und täglich eure Sünden beweint, euch scheut, demütig
unter den Hochmütigen und enthaltsam unter den
Zuchtlosen zu leben, und anderen nach außen zu zeigen,
wie sehr ihr mich im Inneren liebt. Ihr sollt auch so
wie diese Schwestern ein Herz und eine Seele sein, sollt
stark genug sein, das Weltliche zu verschmähen und
bereit zu Gottes Lob sein.
Wenn ihr das tut, werde ich, der euren Bruder – d.h.
eure Seele – auferweckt hat, ihn verteidigen, dass er
nicht von den Juden ums Leben gebracht wird. Denn was
hätte es Lazarus genützt, vom zeitlichen Tode auferweckt
zu werden, wenn er dann in diesem Leben nicht ehrenhaft
gelebt hätte, um desto ehrenvoller zum anderen und
ewigen Leben aufzuerstehen?
Aber wer sind die Juden, die Lazarus ums Leben bringen
wollen, wenn nicht die, die sich darüber ärgern, dass
ihr besser lebt als sie, die gelehrt haben, von hohen
Dingen zu reden, aber wenig Gutes tun und um der Gunst
der Menschen willen dir Werke ihrer Vorgänger desto
schändlicher verachten, je weniger sie das Wahre und
Hohe verstehen wollen?
Es gibt viele solche Leute, die verstehen, über die
Tugenden zu disputieren, aber sie nicht dadurch
beachten, dass sie zuchtvoll leben. Daher sind ihre
Seelen in Gefahr, denn es sind viele Worte, aber Taten
sieht man nicht. Haben meine Prediger so gehandelt?
Keineswegs. Sie haben die Sünder gewiss ermahnt, aber
nicht mit hohen Worten, sondern mit wenigen und
liebvollen, und sie waren bereit, ihr Leben für deren
Seelen hinzugeben. Daher empfingen andere Liebe um ihrer
Liebe willen.
Denn die Liebesglut des Lehrers unterrichtete die Seelen
der Hörer besser als Worte.
Aber nun reden viele Menschen hohe und schwer
begreifliche Worte über mich, aber keine Frucht folgt
daraus. Der wind allein kann ja kein Holz anzünden, wenn
das Feuer nicht mitwirkt. Deshalb werde ich euch vor
diesen Juden schützen und bewahren, so dass ihr nicht
durch deren Worte oder Taten verlockt werdet, von mir
abzufallen. Ich werde euch nicht in dem Maß verteidigen,
dass ihr nicht irgendein Unglück erleidet, aber so, dass
ihr nicht auf Grund von Ungeduld zu Grunde geht. Habt
also euren Willen bereit, so werde ich ihn mit meiner
Liebe entzünden.“
Die nachfolgenden Kapitel des 4. Buches sind auf Seite 2
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