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Die himmlischen Offenbarungen 
der heiligen Birgitta -
4.Buch Seite 2

   
   





  

4. Buch Seite 1

Der Inhalt des 4. Buches stammt teils aus der Zeit vor Birgittas Abreise aus Schweden im Jahre 1349, teils aus der Zeit ihres Aufenthaltes in Italien.  

Inhalt 4. Buch  Seite 2   Die Zahlen stehen für die Kapitel

Offenbarung in Schweden 1344-49.

73. Maria spricht mit Birgitta über einen schwedischen Ritter, von dem Birgitta glaubte, er sei tot. (Ausführlicher wird das Thema in Kap. 75 behandelt).
74. Birgitta sieht in einer Ekstase, wie Maria und verschiedene Heilige ihren Sohn Karl mit den verschiedenen Kleidungsstücken bekleiden, die zu einer Ritterrüstung gehören. Jedes Kleidungsstück stellt eine besondere Tugend dar, der sich Karl befleißigen soll. Maria spricht auch Gebete vor, die er benutzen soll.
75. Maria deutet Birgitta an, wie der Teufel versucht, den Neubekehrten Menschen vom Pfad der Tugend abzuziehen, aber wie Gottes Eingebungen auf die Dauer stärker als die Anschläge des Teufels sind. Sie kam in Kap. 73 auf den erwähnten Ritter zurück, von dem Birgitta vermutete, er sei tot, aber in Wirklichkeit war er nur geistlich tot. Offenbarungen, wahrscheinlich 1344-49 in Schweden eingegeben.
76. Maria erklärt Birgitta, dass sie sich nicht über die harte Gesinnung der Menschen beunruhigen soll, denen sie ihre Botschaft übermitteln soll. Weiter sagt Maria, dass keiner der jetzigen Stände, weder Fürsten, Ritter oder Priester, in Übereinstimmung mit den Verpflichtungen lebt, die für diese Stände gelten.
77. Birgitta bekennt Christus ihren Jubel über die Gnadengaben, die er ihr beschert hat. Christus schärft ihr die Verpflichtung ein, die sie hat, Gottes Wort an andere weiter zu vermitteln. Offenbarung, gegeben 1350 in Rom.
78. Maria macht den päpstlichen Legaten Annibaldo Ceccano durch Birgitta auf den kirchlichen Verfall in Rom in der Zeit vor dem Jubeljahr 1350 aufmerksam. Das Kapitel ist mit III, 10 so gut wie identisch. Offenbarungen, gegeben nach 1350 in Rom.
79. Ein Priester an einer der „Unserer Frau“ geweihten Basiliken in Rom (S. Maria Maggiore, S. Maria in Trastevere?) hat Birgitta um geistlichen Rat gebeten. Birgitta erklärt sich bereit, seiner Bitte zu entsprechen.
80. Birgitta entwirft für denselben römischen Priester ein Tagesprogramm.
81. Maria spricht mit Birgitta über einen Ritter aus Schonen, aus Halland und aus Schweden[3], lässt sie ermahnen und warnen und erklärt in diesem Zusammenhang, welche Tränen Gott wohlgefällig sind.

Undatierbare Offenbarungen.
82. Christus schärft Birgitta ein, wie wichtig eine reine Sehnsucht, Weltverachtung und eine ständige Betrachtung von Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist.
83. Christus erklärt, wie die Menschenseele als ein Diener, ein Sohn und eine Ehefrau vor Gott sein soll.
84. Christus schärft die Pflicht der Frau ein, dem Manne untertänig zu sein.
85. Christus spricht mit Birgitta über einen Mann, der seine Barmherzigkeit von sich abgewiesen hat, und stattdessen seine Gerechtigkeit erfahren muss.
86. Maria spricht mit Birgitta über ihre Macht, allen Menschen Gnade zu vermitteln.
87. Christus ermahnt Birgitta und alle seine Getreuen, alles um seinetwillen zu verlassen.
88. Christus vergleicht die Gesinnung der Frommen und der Weltmenschen mit gut ausgerüsteten oder schadhaften Schiffen. Offenbarung, 1350 oder später in Italien.
89.Christus verordnet verschiedene Tugenden, verglichen mit der Kleidung und den Waffen eines Ritters, und schreibt Gebete vor. Das Kapitel ist zu vergleichen mit IV, 74.

Undatierbare Offenbarungen.
90. Christus beschreibt, wie er seine Getreuen mit sich vereinigt hat, ihnen weltliches Begehren abgenommen hat und ihnen die Lust zum Guten eingegeben hat.
91. Christus ermahnt Birgitta zur Demut.
92. Christus beschreibt, wie seine Freunde mit ihm vereint sind, wenn sie seinen Willen befolgen.
Offenbarung, um 1345 in Schweden.
93. Christus spricht mit Birgitta über einen Mönch, der aus selbstsüchtigen Beweggründen ins Kloster gegangen ist und deshalb ein sehr mühsames Klosterleben bekommen hat. Aus dem Zusatz geht hervor, dass der Mönch sich infolge der Ermahnung Birgittas auf dem Totenbett gebessert hat. 

Undatierbare Offenbarungen.
94. Christus gibt Birgitta Gebete, die gelesen werden sollen, wenn sie sich ankleidet, wenn sie zu Tisch geht und wenn sie zu Bett geht.
95. Christus beschreibt die Sünden seiner Feinde und sagt ihre baldige Bestrafung voraus.
96. Christus spricht weiter über die Bestrafung, die seinen Feinden bevorsteht.
97. Christus ermahnt einen Prälaten durch Birgitta, Demut und Eifer zur Errettung der Seelen zu haben (Italienzeit?).
98. Christus ermahnt seine Freunde, fleißig an der Bekehrung der Bösen zu arbeiten.
99. Christus deutet an, wie die jetzt lebenden Menschen seine Pein erneuern.
100. Christus ermahnt Birgitta zur Demut.
101. Maria beschreibt die Liebe ihres Sohnes zu den Menschen. Offenbarung in Italien nach 1350.
102. Birgitta bezeugt das Urteil über die Seele eines verstorbenen Mönchs. Der Mönch wird wegen Mangels an Gehorsam und Gottesliebe zur Hölle verdammt. Offenbarungen in Schweden um 1345.
103. Der hl. Dionysius, Frankreichs Schutzheiliger[4] bittet die Jungfrau Maria um Hilfe für das von den Engländern bedrängte Frankreich. Die Situation ist die des Hundertjährigen Krieges. Birgitta hatte während ihrer Reise nach Westeuropa 1341-43 einen Eindruck von diesem Krieg bekommen und vergaß nie, was sie da erlebte. Um 1346 reiste Bischof Hemming von Åbo und Prior Petrus von Alvastra in ihrem Auftrag nach Frankreich, um Frieden zu vermitteln. Sie führten bei dieser Gelegenheit Abschriften von diesem und den beiden folgenden Kapiteln mit sich.
104. Die Jungfrau Maria beklagte sich vor Christus über die streitenden Könige von England und Frankreich und bittet ihn, sich über das arme Volk zu erbarmen, das vom Kriege heimgesucht wird.
105. Christus antwortet auf das Gebet seiner Mutter und spricht seine Befehle an die beiden Könige aus. 

Undatierbare Offenbarung.
106. Christus tröstet Birgitta in der Stunde der Versuchung und gibt Beispiele von Heiligen, die ihren Glauben und ihre Standhaftigkeit unter den Versuchungen bewahrt haben. Offenbarungen in Italien nach 1350.
107. Christus spricht mit Birgitta über einen sizilianischen Mönch, der sich allen göttlichen Eingebungen widersetzt hat, um stattdessen seinem eigenen Willen zu folgen. Er ermahnt ihn, sich zu bekehren und zu bessern. Aus dem Zusatz geht hervor, dass der Mönch wirklich die von Birgitta übermittelte Botschaft beherzigt hat. 

Undatierbare Offenbarungen.
108. Christus preist die kluge, maßvolle Enthaltsamkeit, die seine Mutter Maria, Johannes der Täufer und Maria Magdalena geübt haben.
109. Maria beschreibt, wie man unnütz verbrachte Zeit durch fromme Werke wieder gutmachen kann.
110. Christus lehrt Birgitta, gute und böse Eingebungen zu unterscheiden und letztere zu vertreiben.
111. Christus beschreibt Birgitta, was das geistliche Gesetz, d.h. sein Wille, in sich schließt, und welche Verpflichtungen und Belohnung es mit sich bringt.
112. Christus beschreibt die Hochmütigen und vergleicht sie mit Schmetterlingen. Offenbarungen 1344-49 in Schweden.
113. Christus tadelt einen schwedischen Ritter (Nikolaus Ingevaldsson) für seine Gewinnsucht. Aus dem Zusatz geht hervor, dass dieser Ritter, der Birgitta vorher verhöhnt hatte, sich später mit Birgitta versöhnte und einen frommen Tod in Rom starb.
114. Christus tadelt einen schwedischen Papst wegen seiner knechtischen Furcht. Im Zusatz wird von den Wallfahrten desselben Mannes in Italien erzählt.
115. Christus spricht mit Birgitta über eine Person, die lange vom Teufel beherrscht war, jetzt aber befreit werden soll. 

Undatierbare Offenbarungen.
116. Christus klagt über die Missachtung, die die Menschen ihm jetzt zeigen, und über die Sakramente, die er gestiftet hat.
117. Birgitta bezeugt, wie Gott einem Mann geistliche Gnadengaben verspricht, der mit frommer Gesinnung ein Vaterunser gelesen hat.
118. Christus spricht vom Zusammenwirken von Gottes Gnade und dem freien Willen des Menschen.
119. Maria beschreibt die Herrlichkeit und Erniedrigung ihres Sohnes.
120. Christus schreibt Gebete vor, die gelesen werden sollen, wenn die Seele eine Neigung für das Liebliche oder Natürliche verspürt. Offenbarungen in Schweden 1344-49.
121.Die Bekehrung des Alvastramönches Gerekinus wird Birgitta offenbart. Der Zusatz berichtet von einem ekstatischen Erlebnis dieses Mönchs und seinem Tod.
122. Christus tadelt und warnt den weltlichen Knut Folkesson einen Neffen von St. Brynolf, dem Bischof von Skara. Der Zusatz berichtet von der Feindschaft Herrn Knuts zu Birgitta und von seinem plötzlichen Tod.
123. Christus beschreibt, wie er Birgitta aus ihrer Liebe zur Welt und der Herrschaft ihres Eigenwillens zu sich gezogen hat. Offenbarung in Italien nach 1350.
124. St. Agnes beschreibt sieben Edelsteine in Birgittas Krone, die Kränkungen darstellen, die Birgitta geduldig ertragen hat. Offenbarungen, wahrscheinlich 1344-49 in Schweden.
125. Christus beschreibt sieben Bischöfe und vergleicht sie mit sieben verschiedenen Tieren. Der einzige von ihnen, der namentlich genannt wird, ist der siebente, Bischof Hemming von Åbo; der erste und zweite werden als Bischof Thomas von Växjö und Erzbischof Peter Tyrgilsson von Uppsala identifiziert, während man in dem dritten Bischof Ödgisl von Västerås vermuten kann.
126. Maria und Christus erteilen einem schwedischen Bischof ausführliche Ratschläge und Ermahnungen. Sie sind großenteils eine Wiederholung von denen, die in Buch III, 1-3 gegeben werden. Offenbarungen in Italien nach 1350.
127. Ein italienischer Eremit vom Benediktinerorden begehrt Klarheit in der Frage, wie weit die jetzige üppige Tracht der Benediktinermönche als übereinstimmend mit Gottes Willen und der Anordnung des hl. Benedikt bezeichnet werden kann. Birgitta fragt Christus um Rat, und dieser äußert sein Missfallen. Das Kapitel erzählt weiter vom Tode eines Mönchs und seinem baldigen Eintritt ins Himmelreich.
128. Auf Marias Ermahnung rät Birgitta einem Benediktiner-Eremiten, sein rein kontemplatives Leben manchmal zu unterbrechen, um die Frucht seiner Betrachtung auch anderen mitzuteilen, mit anderen Worten, ein apostolisches Werk zu vollbringen.
129. Christus ergänzt seine in Kapitel 2 gegebenen Anweisungen für die, die an der Bekehrung der schlechten Christen und der Heiden arbeiten wollen. Wenn diese Offenbarung vielleicht aus der schwedischen Zeit stammt, so gilt dies doch nicht von dem Zusatz, der von Birgittas Erlebnis in der italienischen Stadt Salerno erzählt, wohin sie eine Wallfahrt unternommen hatte, um die Reliquien des hl. Matthäus zu ehren.
130. Christus ergänzt seine in Kapitel 125 gegebene Beschreibung der schwedischen Bischöfe. Dazu beschreibt sie noch einen Bischof, Birger Gregersson, der 1366 Peter Tyrgilsson als Erzbischof von Uppsala folgte.
131. Bericht von Birgittas Erlebnis am italienischen Wallfahrtsort Monte Gargano, wo die Engel Gegenstand einer besonderen Huldigung bildeten. 

Undatierbare Offenbarungen.
132. Christus spricht über die großen Verpflichtungen, die er den Priestern auferlegt hat, und wie schlecht sie diese Verpflichtungen erfüllen. Durch ihren schlechten Lebenswandel kreuzigen sie ihn von neuem, sagt er.
133. Christus klagt über die Gewinnsucht, die Selbstsucht und die Liederlichkeit der Priester und über das schlechte Beispiel, das sie den Laien geben.
134. Birgitta bezeugt das Gericht über die Seele eines verstorbenen Priesters. Der Priester wird wegen seiner Ausschweifungen und seiner Verhärtung den Teufeln überlassen.
135. Christus erklärt weiter, warum der im vorigen Kapitel genannte Priester zur Hölle verurteilt wird. Er schildert die Weltlichkeit der jetzigen Priester und ihre Trägheit in Gottes Dienst. 

Offenbarungen in Italien nach 1350.
136. Christus sagt ein paar zustimmende Worte über Innocentius, Papst von 1352-62.
137. Birgitta legt Papst Urban V. (1362-70), der sich 1367-70 in Italien aufhielt, eine göttlich inspirierte Bittschrift um Anerkennung der Regel vor, die sie für die Mönche und Nonnen in Vadstena verfasste. Sie bittet auch darum, dass der Papst den Besuchern des neuen Klosters denselben Ablaß gewähren möge, d.h. den Nachlaß zeitlicher Sündenstrafen, wie er den Besuchern der Kirche S. Pietro in Vincoli in Rom bewilligt wurde.
138. Zu Anfang des Jahres 1370 hat Urban V. Pläne, nach Avignon zurückzukehren, wo die Päpste seit Beginn des Jahrhunderts residierten. Birgitta sucht ihn damals in Fontefiascone auf und legt ihm ein göttlich inspiriertes Schreiben vor, in dem der Papst gewarnt wird. Italien zu verlassen.
139. An Gregorius XI., Papst von 1370-78, der bis auf weiteres in Avignon residierte, sendet Birgitta – wahrscheinlich Anfang 1371 einen Brief. In dem Brief erzählt sie, dass Maria sich ihr offenbart habe und ständigen Schutz für Gregorius versprochen habe, wenn er seine Residenz nach Rom verlegte und mit der Reform der Kirche beginnen würde.
140. Birgitta sendet etwas später einen neuen Brief an Papst Gregorius XI. und wiederholt darin die früher ausgesprochene Ermahnung, die päpstliche Residenz zurück nach Rom zu verlegen, die Hauptstadt der Kirche von altersher. Ihr Beichtvater Alfons, früher Bischof von Jaen, und ihr Freund Graf Nikolaus Orsini von Nola, befördern den Brief zum Papst.
141. Nach ihrer Pilgerfahrt nach Jerusalem befindet sich Birgitta Anfang 1373 in Italien. Dort empfängt sie am 26 Januar eine Offenbarung über Papst Gregorius XI. Christus versichert ihr, dass es dem Papst möglich wäre, von Frankreich nach Rom überzusiedeln.
142. Im Februar 1373 schreibt Birgitta, die sich weiter in Neapel aufhält, einen Brief an Papst Gregorius XI. Sie mahnt erneut in Gottes Auftrag, seine Residenz nach Rom zu verlegen. „Komm also, und zögere nicht!“ Alfons fährt mit dem Brief nach Avignon und legt ihn dem Papst vor.
143. Birgitta ist von Neapel nach Rom zurückgekehrt. Von dort sendet sie im Juli 1373, ganz kurz vor ihrem Tod[5], einen Brief an ihren Freund Alfons, der sich noch in Avignon aufhält, und bittet ihn, dem Papst den Inhalt des Briefes mitzuteilen. Der Brief hat denselben Inhalt wie der vorige. „Da der Papst zweifelt, ob er nach Rom kommen müsste, um den Frieden wieder herzustellen und meine Kirche zu reformieren, so erkläre ich (Christus), es ist mein Wille, dass er jetzt bis zum Herbst kommt, und kommt um zu bleiben.“
144. Birgitta schaut einen verstorbenen Papst (Urban V.?) im Fegefeuer.

[1]. 1346-1378.
[2]. Steffen, S. 287 ff.
[3]. Schonen und Halland gehörten damals noch zu Dänemark.
[4]. Gemeint ist Dionysius v. Paris, 1. Bischof von Paris und Märtyrer; gest. wohl um 250.
[5]. Birgitta starb am 23.07.1373.

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Hier beginnt das vierte Buch Seite 2 der himmlischen Offenbarungen der hl. Birgitta von Schweden.


73. Kapitel

Ein lebender Ritter wurde für tot gehalten, und in einer geistlichen Vision bekam die Braut ihn als tot zu sehen, und wie er um Hilfe bat. Als diese Frau über seinen Tod betrübt war, sagte die Mutter der Barmherzigkeit zu ihr: „Tochter, wie weit dieser Ritter tot ist oder nicht, wirst du rechtzeitig erfahren, aber nun wollen wir dafür arbeiten, dass er besser leben soll.“

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74. Kapitel

Gottes Sohn sprach zur Braut und sagte: „Du hast heute ein Sprichwort in deinem Sprachunterricht zusammengesetzt, dass es besser ist, anderen zuvorzukommen, als dass andere einem zuvorkommen. So bin ich dir mit meiner lieblichen Gnade zuvorgekommen, damit nicht der Teufel die Herrschaft über deine Seele erlangt.“
Und gleich zeigte sich Johannes der Täufer und sagte: „Gesegnet seist du, Gott, der du vor allen Dingen da bist, du, neben dem kein anderer jemals Gott ist oder war oder sein wird, nachdem du in Ewigkeit der einzige Gott bist und warst! Du bist die von den Propheten verheißene Wahrheit, über die ich gejubelt habe, noch ehe ich geboren wurde, und die ich dann vollständiger kennenlernte und gezeigt habe. Du bist unsere Freude und Ehre, unser Verlangen und unsere Sättigung, denn dich zu schauen, erfüllt uns mit unaussprechlichem Entzücken, von dem keiner eine Vorstellung hat außer dem, der sie kostet. Du bist auch unsere einzige Liebe.

Es ist nicht verwunderlich, dass wir dich lieben. Denn es ist nicht genug damit, dass du – nachdem du selbst die Liebe bist – die liebst, die dich lieben, nein, nachdem du aller Menschen Schöpfer bist, beweist du deine Liebe auch denen, die nichts von dir wissen wollen. Aber nun bitten wir dich also, Herr, nachdem wir durch dich und in dir reich sind, dass du unsere geistlichen Reichtümer denen gibst, die keinen Reichtum haben, so dass – wie wir uns ohne unser Verdienst an dir freuen – auch andere an unserem Gut teilhaben.“
Christus erwiderte: „Du bist wahrhaftig das höchste Glied neben dem Kopf und daneben. Doch ist der Hals noch näher und vornehmer. So bin ich das Haupt von allen; meine Mutter ist der Hals, und danach kommen die Engel. Du und meine Apostel sind jedoch mit dem Rückgrat zu vergleichen, denn ihr liebt mich nicht nur, sondern ihr ehrt mich und nützt mir ebenso wie die, die mich lieben.

Daher steht es fest, was ich sagte: „Die Werke, die ich tue, die sollt ihr auch tun, und euer Wille ist mein Wille.“ Denn wie ein leibliches Haupt sich nicht ohne die Glieder rühren kann, so gibt es in eurem geistlichen Zusammenschluss und eurer Vereinigung nichts, was ihr zwar wollt, aber nicht könnt, sondern alles, was einer von euch will, das kann er auch, und deshalb soll es geschehen, was du begehrst.“
Nun führte Johannes einen fast halbtoten Ritter in ihre Mitte und sagte: „Siehe Herr, er, der hier steht, hat dir seine Ritterschaft gelobt und versucht, zu kämpfen, aber bringt es nicht fertig, weil er schwach und wenig bewaffnet ist. Ich bin aus zweifachem Grund verpflichtet, ihm zu helfen, sowohl für die Verdienste seiner Ahnen, wie auch für die Liebe und den Eifer, den er für meine Ehre hat. Gib ihm dafür um deiner selbst willen Rittergewänder, so dass nicht die Schande seiner Nacktheit sichtbar wird!“

Der Herr antwortete: „Gib ihm, was du willst, und kleide ihn, wie es dir gefällt!“ Da sagte Johannes: „Komm, mein Sohn, und nimm von mir das erste Kleidungsstück in deinem Rittergewand entgegen! Wenn du es genommen hast, kannst du die übrigen Ritterstücke leichter nehmen und tragen. Für einen Ritter ist es angebracht, nah am Körper etwas zu haben, was weich und sanft ist, nämlich ein Unterhemd. Damit will ich dich bekleiden, denn so gefällt es Gott. So wie das materielle Unterhemd weich und sanft ist, so bedeutet das geistliche Hemd, Gott in der Seele lieb zu haben, und lieb für das Gefühl. Liebevolles Verlangen nach Gott kommt von zwei Dingen, nämlich der Betrachtung von Gottes Wohltaten, und die Erinnerung an begangene Sünden. Diese beiden Dinge habe ich als Kleiner Kerl eingehalten. Ich dachte nämlich darüber nach, mit welch großer Gnade mir Gott schon zuvorgekommen ist, noch ehe ich geboren wurde, und welch großen Segen er mir nach meiner Geburt beschert hat.

Und als ich dies bedachte, seufzte ich und fragte mich, wie ich das in würdiger Weise meinem Gott wiedergutmachen könnte. Ich betrachtete auch die Vergänglichkeit der Welt und flüchtete so in die Einöde, wo mein Herr Jesus mir so lieb wurde, dass ich einen Widerwillen dagegen empfand, an alles Begehrenswerte auf der Welt zu denken, und fand es mühsam, danach zu trachten. Komm also, Ritter, und zieh dir das Hemd an; das Übrige wirst du zu gegebener Zeit bekommen!“

Danach zeigte sich der hl. Apostel Petrus und sagte: „Johannes gab dir das Unterhemd, aber ich, der schwer gefallen ist, aber mannhaft wieder aufgestanden ist, werde dir die Brünne anfertigen, d.h. die Liebe zu Gott. Denn so wie die Brünne aus vielen Eisenringen besteht, so verteidigt die Gottesliebe den Mann gegen Wurfspieße und setzt ihn instand, mit Gleichmut das Böse zu ertragen, das eintrifft, sie macht ihn eifriger und wirksamer, wenn es um Gottes Ehre geht, eifriger in göttlicher Arbeit, unüberwindlich bei Unglücksfällen, fest in Hoffnung, ausdauernd in dem, was er unternommen hat.

Diese Brünne wird glänzen wie Gold und stark wie Stahl und Eisen sein, denn jeder Mensch, der Liebe hat, soll in seiner Geduld bei Unglücksfällen geschmeidig sein wie Gold und glänzend in seiner Weisheit und Klugheit, so dass er Ketzerei nicht für den richtigen Glauben oder das Zweifelhafte für sicher hält.
Die Brünne wird stark sein wie Eisen, denn wie das Eisen alles unterwirft, so sollte auch der Mensch, der die Liebe anwendet, versuchen, die zu demütigen, die sich dem Glauben und den guten Sitten widersetzen, und er darf nicht vor lästerlichen Reden zurückweichen, soll sich um der Freundschaft willen nicht beugen lassen, nicht in seinem Eifer zum Nutzen zeitlicher Dinge ermüden, nicht eine Tat aus Bequemlichkeit unterlassen und den Tod nicht fürchten, denn keiner kann ihm ohne Gottes Zulassung das Leben rauben.

Aber obwohl die Brünne aus vielen Ringen besteht, so sind es doch vor allem zwei Ringe, durch die die Brünne der Liebe zusammengehalten wird. Der eine Ring der Liebe ist nämlich die Kenntnis von Gott und das fleißige Betrachten von Gottes Wohltaten und Geboten. Dadurch lernt der Mensch einzusehen, was er für Gott, für den Nächsten und die Welt tun soll.

Der andere Ring besteht darin, den eigenen Willen Gott zuliebe zu zügeln, denn jeder, der Gott vollkommen und von ganzem Herzen liebt, behält sich in seinem Willen nichts vor, was gegen Gott ist. Siehe, mein Sohn, diese Brünne gibt dir Gott, und ich habe sie für dich hergestellt, was aus Liebe zu Gott geschehen ist.“
Dann trat der hl. Paulus auf und sagte: „Mein Sohn! Petrus, der höchste Hirte der Schafe, hat dir die Brünne gegeben, aber ich werde dir aus Liebe zu Gott den Brustharnisch geben, was die Liebe zum Nächsten bedeutet, und dass man im Zusammenwirken mit Gottes Gnade bereit ist, zur Erlösung des Nächsten das Leben zu opfern.

So wie viele kleine Eisenplatten im Brustharnisch vereinigt und mit Nägeln zusammengehalten werden, so münden viele Tugenden in die Liebe zum Nächsten aus. Denn jeder, der den Nächsten liebt, sollte zu allererst darüber traurig sein, dass nicht alle, die mit Jesu Christi Blut erlöst sind, Gott seine Liebe erwidern.
Zweitens sollte er beklagen, dass sich die heilige Kirche nicht in einem lobenswerten Zustand befindet. Drittens, dass es nur wenige gibt, die sich mit Liebe und bitterem Schmerz an Gottes Leiden erinnern. Viertens sollte er darauf achten, dass nicht sein Nächster durch irgendein schlechtes Beispiel von ihm selbst verführt wird. Fünftens sollte er seine Habe froh und bereitwillig seinem Nächsten geben und für ihn bitten, dass er sich in allem Guten vervollkommnen wird.

Die Nägel, mit denen die Eisenplatten zusammengehalten werden, sind göttliche Worte. Denn wenn ein liebevoller Mann seinen Nächsten betrübt sieht, soll er ihn mit liebvollen Worten trösten; er soll den verteidigen, der zu Unrecht angegriffen wird, soll die Kranken besuchen, die Gefangenen freikaufen, keine Hemmungen vor den Armen haben, immer die Wahrheit lieben, nichts vor die Liebe Gottes setzen, nie vom Weg der Gerechtigkeit abweichen. Mit einem Brustharnisch war ich bekleidet, denn ich war krank mit den Kranken, ich scheute mich nicht, vor Königen und Fürsten die Wahrheit zu sagen, und ich war bereit, für die Rettung des Nächsten zu sterben.“

Nun zeigte sich Gottes Mutter und sagte zu dem Ritter: „Was fehlt dir noch, mein Sohn?“ Er antwortete: „Mein Haupt hat keinen Helm.“ Da sagte die Mutter der Barmherzigkeit zum Schutzengel seiner Seele: „Was hat dein Schutz dieser Seele genützt, und was hast du unserem Herrn zu bieten?“ Der Engel erwiderte: „Ich habe etwas, obwohl es klein ist. Er hatte nämlich manchmal Almosen gegeben und hat einige Gebete aus Liebe zu Gott gelesen, und manchmal hat er auf seinen eigenen Willen für Gott verzichtet, wobei er aufrichtig zu Gott betete, dass die Welt ihren Reiz für ihn verlieren möge, und dass Gott ihm lieber als alles andere würde.“

Die Mutter antwortete: „Es ist gut, etwas vorweisen zu können. Wir wollen nun etwas tun, was ein guter Goldschmied macht, wenn er eine große Arbeit aus Gold anfertigt, aber Mangel an Material hat. Er bittet gut situierte Freunde um Hilfe, und alle, die Gold zur Verfügung haben, helfen ihm dann, so dass seine Arbeit vollendet werden kann. Aber wer wird einem sein Gold abgeben, der eine Arbeit aus Lehm macht? Lehm ist ja nicht wert, mit Gold vermischt zu werden. Daher sollen alle Heiligen, die reich an Gold sind, mit mir den Helm für dich herstellen, den du tragen wirst.

Dieser Helm ist der Wille, Gott allein zu gefallen. Denn wie der Helm das Haupt gegen Schüsse und Schläge schütz, so verteidigt der gute und auf Gott allein gerichtete Wille die Seele, dass die Versuchungen des Teufels keine Macht über sie gewinnen, und er bringt Gott in die Seele hinein. Einen solchen Willen hatte der Gute Georg und Mauritius und mehrere andere, ja auch der Räuber am Kreuz.
In diesem Helm muss es auch zwei Bohrlöcher für die Augen geben, so dass das, was eintrifft, vorausgesehen werden kann. Die Öffnungen bezeichnen Klugheit bei dem, was getan werden soll, und Vorsicht bei dem, was unterlassen werden soll, denn ohne Klugheit und Überlegung ist vieles, was anfangs gut aussah, zum Schluss schlecht geworden.“

Weiter fragte die Mutter den Ritter: „Was fehlt dir noch weiter, mein Sohn?“ Er antwortete: „Meine Hände sind noch bloß und haben keine Bewaffnung.“ Die Mutter sagte: „Ich will dir helfen, dass deine Hände nicht nackt zu sein brauchen. So wie der Körper zwei Hände hat, so gibt es auch zwei geistliche Hände. Die rechte Hand, mit der das Schwert gehalten werden soll, bezeichnet das Ausüben der Gerechtigkeit. Das soll sich durch fünf Tugenden auszeichnen, die mit fünf Fingern verglichen werden können.

Die erste besteht darin, dass in jeder Gerechtigkeit die Gerechtigkeit in erster Linie in sich selbst besteht, indem man darauf achtet, dass in seinem Reden, Tun oder Beispiel nichts auftritt, was den Nächsten verletzen könnte, und dass er mit seinen eigenen unordentlichen Sitten das bei anderen zerstört, was er auf den Wegen der Gerechtigkeit lehrt oder tadelt.

Die zweite besteht darin, dass er nicht auf Grund von Menschengunst oder weltlicher Gewinnsucht Gerechtigkeit oder Werke der Gerechtigkeit übt, sondern allein aus Liebe zu Gott. Die dritte besteht darin, niemanden zu fürchten, der gegen die Gerechtigkeit handelt, nicht unterlässt, Gerechtigkeit aus Freundschaft zu üben, oder sich verleiten lässt, für einen Armen oder Reichen, Freund oder Feind, von der Gerechtigkeit abzuweichen.

Die vierte besteht darin, bereit zu sein, sogar das Leben für die Gerechtigkeit zu opfern. Die fünfte besteht darin, nicht nur Gerechtigkeit zu üben, sondern Gerechtigkeit auch weise zu lieben, so dass das Urteil sowohl barmherzig als auch streng ist, und so dass der, der weniger sündigt, anders gezüchtigt wird als der, der schwerer sündigt, und der, der aus Unkenntnis sündigt, anders als der bestraft wird, der in bewusster Bosheit sündigt.
Wer diese fünf Finger hat, sollte darauf achten, dass er das Schwert nicht aus Ungeduld schärft und dass nicht weltliche Lust es stumpf macht, dass Gedankenlosigkeit es nicht aus der Hand fallen lässt, oder die Unbeständigkeit der Seele es schwarz macht.

Die linke Hand ist das göttliche Gebet. Auch das muss fünf Finger haben. Der erste ist, fest an die Glaubensartikel von der Göttlichkeit und Menschengestalt (Christi) zu glauben und das mit der Tat zu beweisen, sowie zu glauben, was die heilige Kirche, Gottes Braut, bekennt. Der zweite ist, nicht bewusst gegen Gott sündigen zu wollen und all das mit Reue wieder gut machen zu wollen, was man verbrochen hat.

Der dritte ist, Gott zu bitten, dass die körperliche Liebe in geistliche Liebe verwandelt wird. Der vierte ist, zu keinem anderen Zweck auf der Welt zu leben, als Gott Ehre zu erweisen und die Sünden zu verringern. Der fünfte ist, sich nicht vermessen etwas zuzutrauen, sondern Gott stets zu fürchten, und zu jeder Stunde den Tod zu erwarten.
Siehe, mein Sohn, dies sind die beiden bewaffneten Hände, die du haben sollst. Mit der rechten sollst du das Schwert der Gerechtigkeit gegen die schwingen, die die Gerechtigkeit übertreten, und die linke bezeichnet dein Gebet zu Gott um Hilfe, so dass du niemals nur auf deine Gerechtigkeit vertraust, oder dich gegen deinen Gott erhebst.“

Wieder zeigte sich die heilige Maria und sagte zu dem Ritter: „Mein Sohn, fehlt dir immer noch etwas?“ Er erwiderte: „Ja, Fußbekleidung.“ Da sagte sie: „Hör du, der du vorher ein Ritter der Welt warst, aber jetzt meiner bist – alles, was im Himmel und auf Erden ist, hat Gott geschaffen, aber unter all dem ist die Seele das edelste und schönste Geschöpf, - sie, die wie der gute Wille in ihren Eingebungen ist. Denn so, wie viele Zweige von einem Baum ausgehen, so geht jede Vervollkommnung der Tugenden durch Übung und Wirksamkeit aus der geistlichen Seele hervor, und so sollte der gute Wille durch Gottes Gnade der Anfang sein, wenn man eine geistliche Fußbewaffnung erhält.

Sie sollte sich durch eine doppelte Betrachtung auszeichnen, was mit zwei Füßen auf goldenen Sohlen verglichen werde kann. Der erste Fuß der vollkommenen Seelen ist eine solche Betrachtung, nämlich dass man nicht gegen Gott sündigen will, auch wenn er das nicht bestrafft. Der zweite Fuß ist, auf Grund von großer Geduld und Liebe zu Gott gute Werke zu tun, auch wenn man wüsste, dass man verdammt würde. Das Knie der Seele ist die Fröhlichkeit und Kraft des guten Willens. Denn wie die Knie zum Nutzen der Füße gebeugt und gebogen werden, so muss der Wille der Seele gebeugt und nach dem Verstand nach Gottes Willen zurückstehen.
Es steht geschrieben, dass Geist und Fleisch miteinander streiten. Daher sagt auch Paulus: „Ich tue nicht das Gute, das ich will.“ Das ist, als wollte er sagen: „Manches Gute will ich ja, denn das gebietet meine Seele, aber ich vermag es auf Grund der Schwachheit des Fleisches nicht auszuführen. Und wenn ich es tun kann, so geschieht das nicht mit freudiger Bereitschaft.“

Aber vielleicht kam der Apostel doch um seinen Lohn, weil er wollte und nicht konnte, oder weil er zwar das Gute tat, aber ohne Freude? Keineswegs – stattdessen vergrößerte sich seine Krone um das Doppelte. Erstens, weil er mit seinem äußeren Menschen ein mühevolles Werk zu erledigen hatte, weil das Fleisch gegen das Gute so widerspenstig war. Zweitens, weil er für seinen inneren Menschen nicht immer geistlichen Trost genoss.
Viele Weltmenschen arbeiten im Zeitlichen, aber dafür werden sie nicht belohnt, da sie nach dem Wunsch des Fleisches tätig sind. Wenn ihre Arbeit von Gott befohlen wäre, würden sie keineswegs so eifrig dabei sein.

Diese beiden Füße der Seele, nämlich nicht gegen Gott zu sündigen und gute Werke tun zu wollen, auch wenn eine Verurteilung folgen sollte, müssen mit einer doppelten Bewaffnung versehen werden, nämlich einem verständigen Gebrauch der zeitlichen Dinge, und einer vernünftigen Sehnsucht nach dem Himmlischen. Ein verständiger Gebrauch des Zeitlichen ist es, Güter zu einem maßvollen Lebensunterhalt zu besitzen, aber nicht zu einem Leben im Überfluss. Eine verständige Sehnsucht nach dem Himmlischen ist es, den Himmel mit guten Werken und Arbeit verdienen zu wollen.

Durch Undank und Leichtsinn hat der Mensch sich von Gott abgewandt, deshalb muss er durch Arbeit und Demut zu Gott zurückkehren. Nachdem du dies nicht gehabt hast, mein Sohn, so sollten wir die heiligen Märtyrer und Bekenner bitten, die übergenug von diesen Reichtümern besaßen, dir zu helfen.“
Gleich zeigte sich der Heiligen und sagte: „Gesegnete Frau, du hast den Herrn in deinem Schoß getragen, und du bist die Herrscherin von allen – was gibt es, das du nicht kannst? Was du willst, ist ja schon getan; dein Wille ist allzeit auch der unsere. Du bist mit Recht die Mutter der Liebe, denn du besuchst alle in Liebe.“

Wieder zeigte sich die Mutter und sagte zu dem Ritter: „Mein Sohn, noch fehlt uns der Schild. Zu einem Schild gehören zwei Dinge, nämlich Stärke und das Zeichen des Herrn, für den man kämpft. Der geistliche Schild bezeichnet das Betrachten von Gottes bitteren Leiden; es muss am linken Arm am Herzen hängen, so dass die Seele, so oft des Fleisches Lust sie erfreut und weltliche Verachtung und Unglück sie sticht und betrübt, sich an Christi Wunden erinnern sollte, und so oft sie Ehre und langes Leben auf Erden lockt, sollte sie Christi bitteres Leiden und seinen Tod bedenken.

Ein solcher Schild muss als Stärke Ausdauer im Guten und als Breite die Liebe haben. Das Abzeichen des Schildes muss aus zwei Farben bestehen, denn nichts sieht man klarer und länger als das, was aus zwei leuchtenden Farben besteht. Die beiden Farben, mit denen der Schild der Passionsbetrachtung geschmückt sein muss, sind Enthaltsamkeit von unordentlichen Begierden, Reinheit und das Unterdrücken der Triebe des Fleisches. Von diesen beiden Farben wird der Himmel erleuchtet, und wenn die Engel sie sehen, freuen sie sich und sagen: „Sieh die Zeichen der Reinheit und unserer Gesellschaft! Wir müssen dem Ritter beistehen!“

Aber wenn die Teufel den Ritter mit diesen Zeichen auf dem Schild geschmückt sehen, rufen sie aus: „Was sollen wir tun, Kameraden? Dieser Ritter ist gefährlich im Kampf und hat schöne Waffen. An seinen Seiten hängen die Waffen der Tugenden. Im Rücken hat er die Heerschar der Engel. Auf der linken Seite hat er den wachsamsten Beschützer, nämlich Gott. Er ist ringsum voller Augen, und damit betrachtet er unsere Bosheit. Ihn bekämpfen können wir sicher, aber nur zu unsere eigenen Schande, denn wir können in keiner Weise Macht über ihn gewinnen.“

O wie glücklich ist doch ein solcher Ritter, den die Engel ehren, und vor dem die Teufel zittern! Aber weil du diesen Schild noch nicht bekommen hast, mein Sohn, so lass uns die heiligen Engel bitten, die in geistlicher Reinheit glänzen, dass sie dir helfen!“
Die Mutter sagte weiter: „Mein Sohn, noch fehlt uns das Schwert. Zu einem Schwert gehören zwei Dinge: Erstens, dass es zwei Schneiden hat, zweitens, dass es gut geschliffen ist. Das geistliche Schwert ist das Vertrauen auf Gott, für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Dieses Vertrauen soll zwei Schneiden haben, nämlich die Richtigkeit der Gerechtigkeit bei Glücksfällen wie auf der rechten Seite, und Danksagung unter Widrigkeiten, wie auf der linken Seite.

Ein solches Schwert hatte der Gute Hiob, der im Unglück Gott für seine Kinder Opfer brachte, er, der der Vater der Armen war, und dessen Tür für den Reisenden Offenstand. Er wanderte nicht ins Blaue hinein und begehrte kein fremdes Eigentum, sondern fürchtete Gott wie der, der auf den Wogen Meeres fährt. Er brachte auch im Unglück Danksagung dar, und als er seine Kinder und seine Güter verlor, als er von seiner Frau getadelt und mit den schlimmsten Geschwüren geschlagen wurde, ertrug er es geduldig und sagte: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt!“

Das Schwert soll auch gut gewetzt sein, so dass es die Bekämpfer der Gerechtigkeit schlägt, wie Mose und David es taten, dass es für das Gesetz eifert wie Pinhas, standhaft Gottes Wort spricht, wie Elias und Johannes. (O, wie viele haben jetzt ihr Schwert stumpf werden lassen! Auch wenn sie verschwenderisch mit Worten umgehen, rühren sie keinen Finger.

Sie suchen die Freundschaft der Menschen und kümmern sich nicht um Gottes Ehre). Weil du ein solches Schwert noch nicht bekommen hast, sollten wir die Erzväter und Propheten bitten, die eine solche Zuversicht hatten, und es wird uns vertrauensvoll gegeben werden.“
Nochmals zeigte sich die Mutter und sagte: „Mein Sohn, du brauchst noch eine Decke über die Waffen, so dass sie gegen Rost geschützt werden und nicht durch Feuchtigkeit beschädigt werden. Diese Decke ist der liebvolle Wille, für Gott zu sterben, sogar wenn es möglich wäre, sich um der Rettung der Brüder willen von Gott zu trennen, ohne ihn zu kränken.

Diese Liebe bedeckt alle Sünden, bewahrt die Tugenden, mildert Gottes Zorn, macht alles möglich und erschreckt die Teufel. Sie ist die Freude der Engel. Diese Decke muss auf der Innenseite weiß und auf der Außenseite glänzend sein wie Gold. Wo sich der Eifer der göttlichen Liebe findet, da ist ja weder die eine noch die andere Reinheit vergessen. Die Apostel hatten Überfluss an dieser Liebe; lass uns sie deshalb darum bitten, dir zu helfen!“

Wieder zeigte sich die Mutter und sagte: „Mein Sohn, du brauchst ferner ein Pferd und einen Sattel. Mit dem Pferd ist – geistlich gesehen – die Taufe gemeint. Denn wie das Pferd auf seinen vier Füßen den Mann auf dem Weg führt, den er zurücklegen will, so führt die Taufe, die mit dem Pferd gemeint ist, den Menschen vor Gottes Angesicht.
Das hat vier geistliche Wirkungen. Die erste ist, dass die Getauften vom Teufel befreit werden und auf Gottes Gebot und zu seinem Dienst verpflichtet werden. Die zweite ist, dass sie von der Erbsünde gereinigt werden. Dir dritte ist, dass sie Gottes Kinder und erben werden. Die vierte ist, dass der Himmel für sie geöffnet wird. Aber auch, wenn viele ins Alter der Vernunft kommen, legen sie dem Pferd der Taufe einen Zaum an und lenken es auf einen falschen Weg.

Sicher, der Weg der Taufe ist richtig und wird in rechter Weise befolgt, wenn der Mensch schon vor dem reifen Alter unterrichtet und in guten Sitten gefestigt wird, und wenn er, nachdem er das Alter der Vernunft erreicht hat, fleißig bedenkt, was am Taufstein versprochen wurde, und dass er den Gottesglauben und die Gottesliebe ungeschmälert bewahrt. Aber man legt dem Pferd Zügel an und lenkt es vom rechten Weg ab, wenn man die Welt und das Fleisch über Gott stellt.

Der Sattel des Pferdes, d.h. der Taufe, bezeichnet die Wirkung von Jesu Christi bitterem Leiden und seinem Tod; dadurch erhält die Taufe ihre Wirkung. Was ist das Wasser anderes, als ein Element? Aber seit Gottes Blut vergossen ist, wurde Gottes Wort und die Kraft von Gottes vergossenem Blut dem Element beigefügt. So wurde das Wasser der Taufe durch Gottes Wort zu einer Versöhnung zwischen Mensch und Gott, eine Pforte der Barmherzigkeit, die Vertreibung des Teufels, der Weg zum Himmel, die Vergebung der Sünden.

Wer sich der Kraft der Taufe rühmen will, soll also zuerst die Bitterkeit der Stiftung bedenken, die der Taufe ihre Wirkung gab, so dass der Mensch, wenn er sich in seinem Sinn gegen Gott erhoben hat, bedenkt, mit welch bitterer Pein er erlöst worden ist, wie oft er gegen das Taufgelübde verstoßen hat, und welch Strafe er für seinen Rückfall in die Sünde verdient.
Damit der Mensch ständig im Sattel der Taufe sitzen kann, sind zwei Steigbügel notwendig, nämlich eine zweifache Betrachtungsweise unter Gebet. Zuerst soll er so beten: „O Herr, allmächtiger Gott, gesegnet seist du, der mich geschaffen und erlöst hat! Als ich wert war, verdammt zu werden, hast du trotz meiner Sünden Geduld mit mir gehabt und mich zur Buße zurückgebracht. Vor deiner Majestät bekenne ich, o Herr, dass ich in unnützer und verwerflicher Weise alles vergeudet habe, was du mir zu meiner Erlösung gegeben hast, dass ich die Zeit meiner Buße mit eitlen Dingen vergeudet habe, dass ich mich der Schwelgerei und übertriebenem Luxus hingegeben habe, und durch Hochmut die Taufgnade verwirkt habe.

„Alles habe ich mehr geliebt als dich, mein Schöpfer und Erlöser, mein Erzieher und Bewahrer, daher rufe ich deine Barmherzigkeit an, denn siehe, ich bin elend durch mich selbst. Ich habe deine milde Geduld nicht bemerkt, ich habe deine strenge Gerechtigkeit nicht gefürchtet, ich habe nicht daran gedacht, wie ich dir deine unzähligen Wohltaten vergelten könnte. Stattdessen habe ich dich Tag für Tag mit meinen schlechten Handlungen gereizt, und ich habe jetzt nur ein einziges Wort, mit dem ich komme, nämlich: „Gott, erbarme dich über mich nach deiner großen Barmherzigkeit!“

Das zweite Gebet soll so sein: „O Herr, allmächtiger Gott, ich weiß, dass ich alles von dir habe, und dass ich ohne dich nichts bin und vermag außer dem, was ich selbst getan habe, nämlich Sünde. Daher rufe ich in Demut deine Gottheit an, dass du nicht nach meinen Sünden mit mir handelst, sondern nach deiner großen Barmherzigkeit. Und sende mit deinen Heiligen Geist, der mein Herz erleuchten möge, und stärke mich auf dem Weg deiner Gebote, so dass ich im Guten beharre, das ich durch deine Eingebung verstanden habe, und nie durch irgendwelche Versuchung von dir getrennt werde.“ Weil du dies nicht hast, mein Sohn, wollen wir also die Menschen bitten, die Gottes Leiden am bittersten in ihrem Herzen befestigt haben, dass sie dir etwas von ihrer Liebe abgeben.“

Nachdem dies gesagt war, zeigte sich gleich etwas wie ein Pferd, das mit goldenen Verziehrungen ausgestattet war. Die Mutter sagte: „Diese Ausrüstung für das Pferd bezeichnet Gaben des Heiligen Geistes, die in der Taufe mitgeteilt werden. Ob die Taufe von einem guten oder einem schlechten Priester verrichtet wird, wird die Erbsünde jedenfalls ausgetilgt, wird die Gnade vermehrt, wird jede Sünde vergeben und wird der Heiligen Geist zum Pfand gegeben, die Engel zum Schutz und das Himmelreich zum Erbteil. Siehe, mein Sohn, das sind die Schmuckstücke eines geistlichen Ritters. Wenn er mit ihnen ausgerüstet ist, wird er den unaussprechlichen Lohn empfangen, mit dem ewigen Freude, Ehre und Ruhe, ewiger Überfluss und ein Leben ohne Ende erkauft werden.“ Dieser Ritter war Herr Karl, ein Sohn der hl. Birgitta.


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75. Kapitel

Gesegnet seist du, mein Gott, mein Schöpfer und mein Erlöser! Du bist das Lösegeld, wodurch wir aus der Gefangenschaft erlöst sind, womit wir zu allem hingelenkt werden, was gut und heilsam ist, und mit der göttlichen Einheit und Dreifaltigkeit vereinigt werden. Obwohl ich mich wegen meiner Erbärmlichkeit schäme, freue ich mich doch darüber, dass du, der einmal für unsere Erlösung gestorben ist, nun nicht mehr stirbst. Du bist der, der Macht hat über Leben und Tod. Du allein bist gut und gerecht, du allein bist allmächtig und zu fürchten. Daher seist du gesegnet in Ewigkeit.

Aber was soll ich von dir sagen, gesegnete Maria, die ganze Rettung der Welt? Du bist wie die, die ihren Freund, der traurig über eine Sache ist, die er verloren hat, plötzlich das Verlorene sehen lässt, so dass sein Schmerz gelindert wird, die Freude von neuem geboren und der ganze Sinn von Freude entzündet wird. So hast du, allerliebste Mutter, der Welt ihren Gott gezeigt, den die Menschen verloren hatten; du hast ihn in der Zeit geboren, der vor aller Zeit geboren war, und über dessen Geburt sich die Bewohner des Himmels und der Erde freuten. Daher bitte ich dich, huldreichste Mutter, hilf mir, so dass sich mein Feind nicht über mich freut und durch seine Ränke nicht Macht über mich gewinnt.“

Die Mutter erwiderte: „Ja, ich werde dir helfen. Aber warum bist du betrübt darüber, dass das eine dir geistlich gezeigt wurde, und du das andere körperlich hören konntest – ich meine, dass der Ritter, der körperlich lebt, die in geistlicher Weise tot gezeigt wurde und geistlicher Hilfe bedarf?
Aber höre nun die Wahrheit! Alle Wahrheit ist von Gott, und alle Lüge ist vom Teufel, denn dieser ist der Vater der Lüge. Obwohl die Wahrheit von Gott ist, wird dich durch die Bosheit und Lüge des Teufels, was Gott manchmal durch einen geheimen Beschluss zulässt, Gottes Tugend offenbarer.

Ich will dir das deutlicher durch ein Gleichnis zeigen. Es war eine Jungfrau, die ihren Verlobten zärtlich liebte; ebenso liebte der Verlobte sie, und durch deren Liebe wurde Gott verherrlicht und bekamen ihre Eltern Freude. Ihr Feind sah das und dachte: „Ich weiß, dass Bräutigam und Braut auf drei Arten zusammenkommen, nämlich durch Briefe, durch Gespräche und durch Vereinigung ihrer Körper. Also will ich, damit die Briefträger nicht hinkommen können, den Weg mit Baumstämmen, Dorngestrüpp und Schlingen füllen.

Damit sie nicht miteinander reden können, werde ich Donner und Unwetter herstellen, so dass sie im Gespräch gestört werden. Und damit sie nicht nackt im Bett zusammenkommen können, werde ich Späher anstellen, die jeden Ritz bewachen werden, so dass sie keine Gelegenheit erhalten, zusammenzukommen.
Der Bräutigam, der listiger war als der Feind, begriff das aber und sagte zu seinen Dienern: „Mein Feind stellt mir an den und den Plätzen eine Falle. Gebt daher auf sie Acht, und wenn ihr findet, dass es sich so verhält, lasst ihn so lange arbeiten, bis er die Fallen gestellt hat; dann sollt ihr aufstehen, aber ihn nicht umbringen, sondern ihn mit lauten Rufen beschimpfen, so dass eure Mitdiener, die die List des Feindes sehen, umso gewissenhafter werden, Wache zu halten.“

In ähnlicher Weise verhält es sich auch im geistlichen Leben. Denn die Briefe, durch welche der Bräutigam und die Braut, d.h. Gott und die gute Seele in Verbindung stehen, sind nicht anderes, als die Gebete und Seufzer der Guten. Denn wie die wirklichen Briefe den Willen und das Verlangen dessen deutlich machen, der sie abgeschickt hat, so steigen Gebete guter Menschen zu Gottes Herzen auf und vereinen die Seele in einem einzigen Liebesband mit Gott.
Aber der Teufel hindert manchmal das Menschenherz, so dass sie nicht darum beten, was die Erlösung der Seele fördert oder im Streit mit der fleischlichen Lust steht. Er stellt es auch an, dass sie nicht erhört werden, wenn sie für andere Sünder beten, da sie nicht für sich selbst um das bitten, was nützlich für die Seele ist oder sie zum ewigen Wohlergehen führt.

Und was ist das gegenseitige Gespräch, womit der Bräutigam und die Braut ein Herz und eine Seele werden, anderes, als Reue und Buße? Da stellt der Teufel manchmal so viel Unwesen an, dass sie einander gar nicht hören. Was ist das Unwesen anderes, als seine bösen Eingebungen? Dem Herzen, das fruchtbare Buße tun will, flüstert er ja zu: „O du verwöhnte Seele, es wird dir schwer, mit dem Ungewohnten zu beginnen, was du bisher ja nicht versucht hast. Es können dich nicht alle vollkommen sein? Für dich reicht es aus, eine von den vielen zu sein. Warum willst du etwas auf dich nehmen, was mehr ist? Warum tust du etwas, was kein anderer tut? Du kannst ja nicht auf deinem Beschluss beharren. Du wirst von allen verspottet werden, wenn du dich demütigst und dich zu sehr zurücksetzt.“

Von solchen Eingebungen betört, denkt dann die Seele: „Es ist schwer, das Gewohnte zu verlassen. Daher will ich meine vergangen Sünden beichten. Für mich reicht es aus, den Weg zu gehen, den die meisten anderen gehen. Ich bringe es nicht fertig, vollkommen zu sein. Gott ist Barmherzigkeit. Er hätte uns nicht erlöst, wenn er gewollt hätte, dass wir vergehen sollen.“

Mit solchen Rufen hindert der Teufel die Seele, dass Gott sie hört. Nicht so, als ob Gott nicht alles hört, aber er findet keinen Gefallen daran, so etwas zu hören, nachdem die Seele mehr der Versuchung zustimmt, als ihrer eigenen Vernunft. Und dass Gott und die Seele nicht zusammenkommen – was bedeutet das anders, als die himmlische Sehnsucht und die reine Liebe, mit der die Seele stetig brennen soll?

Diese Liebe wird jedoch auf vierfache Art behindert. Erstens stachelt der Teufel die Seele dazu an, irgendetwas gegen Gott zu tun, was – obwohl es nicht als ernsthaft angesehen wird – doch der Seele Vergnügen macht, und dieses Vergnügen ist Gott verhasst, weil man es für unbedeutend hält und sich nicht weiter darum kümmert.

Zweitens gibt der Teufel der Seele ein, etwas Gutes zu tun, um Menschen zu gefallen, und manchmal, das Gute zu unterlassen, das sie tun könnte, und das aus der Lust heraus, weltliche Ehre zu gewinnen, oder aus Furcht vor der Welt. Drittens lässt der Teufel das Gute vergessen, was sie tun sollte, oder dass sie Abneigung dagegen empfindet, so dass die Seele es leid wird, Gutes zu tun. Viertens macht der Teufel der Seele damit Mühe, dass sie sich um das Weltliche müht, belämmert sie mit unnötiger Freude und Kummer, oder mit anstrengender Furcht.

Durch solche Dinge werden die Briefe zwischen Bräutigam und Braut (d.h. Gebete der Gerechten) und ihr wechselseitiges Gespräch behindert. Aber obwohl der Teufel listig ist, ist Gott doch weiser und stärker und vermag die Schlingen des Teufels zu zerreißen, so dass die Abgesandten Briefe den Bräutigam erreichen können. Die Schlingen werden zerrissen, wenn Gott der Seele eingibt, an das zu denken, was gut ist, und das Herz verlangt danach, den Willen zu erhalten, dem zu entfliehen, was schlecht ist, und das zu tun, was Gott gefällt. Der Ruf des Feindes verhallt wirkungslos, wenn die Seele klug in sich geht und willens ist, ihre gebeichteten Sünden nicht zu wiederholen.

Du sollst auch wissen, dass der Teufel nicht nur Rufe an die Richtet und ihnen Unwesen bereitet, die Gottes Feinde sind, sondern auch an Gottes Freunde. Du kannst das besser durch ein Gleichnis verstehen. Es war eine Jungfrau, mit der ein Mann redete. Während das Gespräch vor sich ging, hing ein Bettvorhang zwischen ihnen, und das sah der Mann, aber nicht die Jungfrau. Als das Gespräch zu Ende war, hob die Jungfrau die Augen, sah den Bettvorhang und dachte mit Beben: „Gott gebe, dass ich nicht von der Hinterlist des Teufels betrogen bin.“

Aber als der Bräutigam begriff, dass die Jungfrau niedergeschlagen war, zog er den Bettvorhang herunter und zeigte ihr die ganze Wahrheit.
So passiert es auch vollkommenen Menschen, wenn sie von göttlichen Eingebungen erfasst werden, dass der Teufel ihnen Unheil bereitet, so dass sie von plötzlichem Hochmut ergriffen werden oder von maßloser Furcht niedergedrückt werden, dass sie mit unberechtigter Gefügigkeit die Sünden anderer dulden, ohne sie zurechtzuweisen, oder dass sie sich übermäßiger oder unvernünftiger Freude oder Schwermut hingeben.
Etwas Ähnliches ist dir passiert. Der Teufel hat nämlich ein paar Leute gereizt, dir zu schreiben, dass er tot sei, der aber tatsächlich lebte, so dass du von großem Schmerz ergriffen wurdest. Aber Gott zeigte dir seinen geistlichen Tod, und dass der körperliche falsch war, das wurde dir so von Gott gezeigt, der dich ja auch getröstet hat.

Daher ist es wahr, wenn man sagt, dass Trübsale Anlass zu etwas zeitlich Gutem geben, denn wenn du nicht auf Grund von Lügen betrübt worden bist, so wäre dir eine solche Tugend und Schönheit der Seele nicht gezeigt worden. Deshalb hing es, damit du Gottes heimliche Anordnung verstehen sollst, wie ein Bettlaken zwischen deiner Seele und dem redenden Gott, denn die Seele zeigt sich in gestalt eines Mannes, der Hilfe brauchte, und Gott schloss alle seine Aussprüche damit, dass du zu seiner Zeit wissen solltest, wie weit er tot war oder lebte.
Aber nachdem du die Schönheit der Seele und den Schmuck gesehen hast, womit sie vollkommen gemacht werden muss, um in den Himmel eintreten zu können – wurde das Bettlaken weggezogen, und du bekamst die Wahrheit zu sehen, nämlich dass dieser Mann körperlich lebte, aber geistlich tot war, und dass jeder, der in das himmlische Vaterland eintreten will, sich mit solchen Tugend bewaffnen soll.

Die Absicht des Teufels war jedoch, dich mit seiner Lüge zu betrügen, so dass du in Trauer über den Verlust eines so lieben Freundes in deiner Liebe zu Gott erkalten solltest. Aber nachdem du gesagt hast: „Gebe Gott, dass es kein Betrug ist“ und „Gott hilf mir“, so wurde der Vorhang heruntergezogen, und die Wahrheit wurde dir geistlich und körperlich von Gott gezeigt. So wird es dem Teufel erlaubt, auch die Gerechten zu betrüben, auf dass ihre Krone noch größer werde.“

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76. Kapitel

Die Mutter sprach zur Braut Christi: „Warum fühlst du dich unruhig Tochter?“ Sie (Birgitta) antwortete: „Weil ich fürchte, zu Menschen mit einem harten Herzen geschickt zu werden.“ Die Mutter: „Wie kannst du erkennen, ob Menschen hartherzig oder Gottes Freunde sind?“ Die Braut: „Ich kann das nicht unterscheiden und ich wage nicht, über manche zu urteilen, denn früher wurden mir zwei Menschen gezeigt, von denen der eine nach menschlichem Ermessen sehr demütig und fromm war, aber der andere verschwenderisch und ehrgeizig war. Doch stimmte ihre Absicht und ihre Wille nicht mit ihrem Tun überein, und das verwirrte mich und schüchterte mein Urteilsvermögen ein.“

Die Mutter erwiderte: „Im Hinblick auf das, was offen als Böse zutage tritt, ist es der Seele erlaubt, zu urteilen, indem sie Mitleid hegt und zu bessern sucht. Aber über das zu urteilen, was zweifelhaft ist und wobei die Seele nicht sicher werden kann, das zu beurteilen ist nicht ratsam. Daher will ich dir zu erkennen geben, welche Menschen Gottes Freunde sind.

Du sollst also wissen, dass diejenigen Gottes Freunde sind, die beim Empfang von Gottes Gaben gottesfürchtig sind und zu jeder Stunde Gott dafür danken; die nicht nach Überfluss trachten, sondern mit dem zufrieden sind, was sie haben, aber wo findet man solche Menschen? Lass uns erst unter der Allgemeinheit suchen! Gibt es jemanden, der sagt, dass er genug hat und nicht mehr begehrt? Lass uns unter den Rittern und anderen Herren suchen! Wer von ihnen denkt so: „Das Eigentum, das ich besitze, habe ich durch Erbschaft bekommen, und davon will ich meinen angemessenen und standesgemäßen Lebensunterhalt haben, wie es mit vor Gott und Menschen zusteht; das Überflüssige will ich Gott und den Armen geben. Aber wenn ich wüsste, dass dieses Erbgut schlecht erworben ist, so würde ich es zurückerstatten oder mich nach dem Rat von Gottes auserwählten geistlichen Dienern davon trennen.“

O Tochter, eine solche Einstellung ist selten auf Erden. Lass uns auch unter den Königen und Herzögen suchen, wer lobenswert in seinem Stande lebt! Der ist ein wahrer König, der in seinen Sitten ist wie Hiob, in seiner Demut wie David, in seinem Eifer für das Gesetz wie Pinhas, und wie Mose an Milde und an Langmut. Der ist (ein wahrer) Herzog, der das Kriegsheer des Königs führt und es die Kriegskunst lehrt, der Zuversicht auf Gott und Gottesfurcht hat wie Josua, der den Nutzen seines Herrn mehr als seinen eigenen sucht, wie Joab es tat, und der wie Judas Makkahäus das Wohlergehen seiner Mitmenschen liebt.

Ein solcher Herzog ist wie ein Einhorn, das ein spitzes Horn an der Stirn und einen wertvollen Stein unter dem Horn hat. Was ist das Horn des Herzogs anderes, als sein mannhaftes Herz, womit er tapfer kämpfen und die Glaubensfeinde schlagen soll? Der Stein unter dem Horn des Herzogs ist die göttliche Liebe, die stets in seinem Herzen bleiben soll und ihn flink und unüberwindlich stark zu allem machen soll. Aber jetzt sind die Herzöge mehr wie wilde Ziegen als Einhörner, denn sie kämpfen überall nur für das Fleisch, weder für die Seele noch für Gott. Lass auch unter den Königen suchen, wer von ihnen seine Untertanen nicht in seinem Übermut bedrückt, wer seinen Hofstaat nach den Einkünften der Krone hält, das zurückgibt, was die Krone zu Unrecht innehat, und sich frei von anderen Betätigungen macht, um für Gott Gerechtigkeit zu üben! Ach meine Tochter, wenn man solche Könige auf Erden fände, so dass Gott verherrlicht würde!

Lass uns auch unter den Priestern suchen, denen es doch zukommt, Enthaltsamkeit, Armut und Frömmigkeit zu lieben! Gewiss, auch sie sind vom rechten Wege abgewichen. Was sind die Priester, wenn nicht Gottes arme Leute und Almosenempfänger? Sie sollten von Gottes Opfern leben und umso demütiger und eifriger im Dienste Gottes sein, je mehr sie sich von weltlichen Sorgen gelöst haben, die Kirche ist aus ihrer Drangsal und ihrer Armut aufgestiegen, damit Gott das Erbe der Priester sei, und sie nicht auf der Welt oder im Fleisch geehrt sein sollen, sondern in Gott.

Meine Tochter, hätte Gott nicht Könige und Herzöge zu Aposteln auswählen können, so dass die Kirche auf die Weise durch ein irdisches Erbe reich geworden wäre? Ja, das hätte er gekonnt, aber der reiche Gott kam arm auf die Welt, um mit seinem Beispiel zu zeigen, wie vergänglich das Irdische ist, damit der Mensch eine Lehre daraus ziehen und sich nicht seiner Armut schämen soll, sondern zu den wahren, den himmlischen Reichtümern eilen soll.
Daher begann er auch die herrliche Einrichtung der Kirche mit seinem armen Fischer und setzte diesen an seine Stelle, damit er auf der Welt vom Anteil seines Herrn und nicht von einem (seinem) Erbe leben soll.

So rührte der Anfang der Kirche von drei guten Dingen her: Erstens aus Glaubenseifer, zweitens aus Armut, drittens aus Krafttaten und Wunderwerken. Diese drei Dinge gab es beim hl. Petrus. Denn der hatte Glaubenseifer, als er mit freier Stimme seinem Gott bekannte und nicht zögerte, für ihn zu sterben. Er war auch arm, indem er umherging und bettelte und sich mit seiner Hände Arbeit ernährte. Doch war er reich im geistlichen Bereich, was doch mehr ist, denn dem Lahmen, dem er kein Gold und Silber zu geben hatte, gab er doch das Gehvermögen, was kein Fürst gekonnt hätte.

Hätte Petrus, der einen Toten auferweckte, kein Gold bekommen, wenn er gewollt hätte? Ja gewiss, aber er warf die Last des Reichtums von sich ab, damit er leichter in den Himmel kommen könnte und als Hirte der Schafe ein Beispiel der Demut dafür geben könnte, dass geistliche oder leibliche Demut und Armut in den Himmel gelangt sind.
Drittens zeichnete er sich durch die Kraft zu Wundertaten aus, denn abgesehen von größeren Wundern wurden Kranke sogar von Petri Schatten geheilt. Während die Vollkommenheit der Tugenden, die darin besteht, sich mit dem Notwendigen zu begnügen, also bei ihm wohnte, wurde seine Zunge zum Schlüssel des Himmelreichs, und sein Name ist gesegnet im Himmel und auf Erden. Aber die, die ihren Namen auf Erden erhöht haben und Dreck geliebt haben, nämlich was irdisch ist, die sind auf Erden vergessen und im Buch der göttlichen Gerechtigkeit schrecklich beschrieben.

Aber Gott wollte beweisen, dass die Armut von Petrus und anderen Heiligen nicht erzwungen, sondern freiwillig war, und deshalb gab er vielen ein, ihnen mit Gaben zu helfen. Doch setzen sie größere Ehre in die Armut, als in die Dornen des Reichtums, und je ärmer sie waren, desto mehr nahm die Frömmigkeit bei ihnen zu.
Und das war nicht verwunderlich; sie hatten ja ihr Los und ihre Freude in Gott – wie hätte Gott da von ihnen fern sein können? Aber wie hätte Gott den Menschen lieb sein können, die nach den Genüssen der Welt trachteten?

Er war in ihren Augen eher ein armer Pilger, Aber mit der Zeit geschah es (es war unter Silvester und anderen Päpsten), dass man der Kirche zeitliche Güter schenkte, damit Gottes Freunde desto eifriger und bereitwilliger sein sollten, Gottes Wort zu predigen, und dass das Volk wissen sollte, dass nicht Reichtümer ein Übel sind, sondern deren Missbrauch. Diese Geschenke wandten heiligen Männer lange Zeit nur zu ihrem notwendigen Lebensunterhalt und zu dem der Gottesfreunde und zum Unterhalt der Armen an.

Wisse also, dass die, die sich mit Gottes Vorkehrung abfinden und sich damit begnügen, Gottes Freunde sind. Vielleicht sind sie dir nicht bekannt, aber mein Sohn hat es leichter, sie zu entdecken, denn oft findet sich Gold in hartem Metall, und aus dem harten Feuerstein wird ein Funke hervorgelockt. Geh daher in Sicherheit, denn erst soll man rufen und dann erst handeln. Mein Sohn hat ja, als er leibhaftig lebte, nicht das ganze Land Juda auf einmal bekehrt – es erfordert längere Zeit, um Gottes Wort zu vollenden.

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77. Kapitel

Birgitta betet: „Ehre sei dem allmächtigen Gott für alles, was er geschaffen hat! Lob sei ihm für alle seine Tugenden! Ehre und Dienst sei ihm gewidmet für all seine Liebe! Ich unwürdiger Mensch, der seit meiner Jugend viel gegen dich, mein Gott, gesündigt hat, ich danke dir, mein liebster Gott, und am allermeisten dafür, dass keiner so frevelhaft ist, dass du ihm deine Barmherzigkeit verweigerst, wenn er nur mit Liebe und wahrer Demut darum bittet, und mit dem Vorsatz, sich zu bessern.

O liebster Gott, der du lieblicher als alles andere bist, wunderbar für alle die, die davon reden hören, ist das, was du mit mir getan hast. Denn wenn es dir gefällt, lässt du meinen Leib einschlafen, nicht mit körperlichem Schlaf, sondern mit geistlicher Ruhe, und dann weckst du meine Seele wie aus einem Winterschlafe auf, um auf geistliche Art zu sehen, zu hören und zu fühlen.
O Herr mein Gott, wie lieblich sind doch die Worte aus deinem Munde! Es scheint mir wahrhaftig, dass meine Seele, so oft ich Worte deines Geistes höre, sie mit einem Empfinden von unaussprechlicher Süße verschluckt, als wäre sie die schönste Kost; ja, sie scheinen ins Herz meines Leibes zu großer Freude und unbeschreiblichem Entzücken hinab zu fallen.

Aber seltsam scheint es zu sein, dass ich, wenn ich deine Worte höre, Sättigung und Hunger spüre; Sättigung deshalb, weil mir nichts anderes gefällt als sie; Hunger deshalb, dass mein Begehren nach ihnen ständig zunimmt. Dafür seist du gesegnet, mein Gott Jesus Christus; gib mir also deine Hilfe, so dass ich alle Tage meines Lebens imstande bin, das zu tun, was dir wohlgefällt!“

Christus antwortete und sagte: „Ich bin ohne Anfang und ohne Ende. Alles ist von meiner Macht geschaffen und von meiner Weisheit eingerichtet, und alles wird von meinem Belieben gelenkt. Deshalb ist das Herz sehr hart, das mich nicht lieben oder fürchten will, mich, der ich Ernährer und Richter aller Menschen bin. Aber der Teufel, der mein Büttel und Verräter der Menschen ist, nach dessen Willen handeln sie. Er gab der Welt ein so Pestverursachendes Getränt zu trinken, dass die Seele, die sie begierig kostet, nicht mehr leben kann, sondern tot in die Hölle stürzt, um dort in ewigem Elend zu leben.

Dieses Getränk ist die Sünde, die – obwohl sie vielen einen lieblichen Geschmack zu haben scheint, am Ende etwas schrecklich Bitteres erhält. Gewiss wird dieses Getränk mit Lust aus der Hand des Teufels getrunken. Wer hat jemals etwas Seltsameres gehört: Den Menschen wird das Leben angeboten, aber selbst wählen sie den Tod, ja eilen ihm freiwillig entgegen.

Ich, dessen Macht alles übersteigt, habe Mitleid mit ihrer Not und ihrer Drangsal. Ich habe wie ein reicher und liebvoller König gehandelt, der seinen vertrauten Dienern einen Kostbaren Wein schickte und sagte: „Lasst auch andere als euch selber diesen Wein trinken, denn er ist sehr gesund. Er gibt den Kranken Gesundheit, den Betrübten Trost und jungen Menschen ein mutiges Herz.“

Der Wein wurde auch nicht ohne ein Gefäß geschickt. Wahrhaftig, so habe ich es in diesem Reich gemacht. An meine Diener sandte ich meine Worte, die mit dem Wein von erlesenster Güte zu vergleichen sind, und sie sollten sie an andere weitergeben, da sie doch gesund sind. Mit dem Gefäß meine ich dich, die meine Worte hört. Du hast ja meine Worte gehört und sie ausgerichtet, denn du bist mein eigenes Gefäß, das ich fülle, wann ich will, und aus dem ich schöpfe, wenn es mir gefällt. Daher wird mein Geist dir zeigen, wohin du gehen sollst und was du reden sollst, und du solltest keinen anderen fürchten, als mich. Geh froh dorthin, wohin ich will, und sage unerschrocken, was ich dir befehle, denn mir kann nichts widerstehen, und ich will bei dir bleiben.“

Ich, der ich diese Stimme hörte, antwortete weinend: „O Herr mein Gott, ich bin wie die kleinste Mücke in deinem Reich, ich bitte dich, dass du mir erlaubst, dir zu antworten.“ Die Stimme antwortete und sagte: „Ich wusste deine Antwort, ehe du sie dir ausgedacht hast. Doch gebe ich dir die Erlaubnis, zu reden.“ Da sagte die Braut: „Ich frage, warum du, König aller Herrlichkeit, du Spender aller Weisheit, der alle Tugenden, ja selbst die Tugend bewirkt, mich zu einem solchen Auftrag ausersehen willst, mich, der sie ihren Leib von Sünden hat verzehren lassen, mich, der wie ein Esel an Weisheit und unfähig zu tugendhaften Taten ist.

Lieblichster Gott, Jesus Christus, sei nicht zornig, dass ich dich danach fragte. Man sollte sich ja nicht über etwas wundern, was von dir ausgeht, denn du kannst alles tun, was du willst, aber das bin ich selbst, der ich darüber so verwundert bin, denn ich habe dich auf vielfache Weise gekränkt und mich nur wenig gebessert.“

Die Stimme antwortete und sagte: „Ich will dir mit einem Gleichnis antworten. Wenn man einem reichen und mächtigen König verschiedene Arten von Münzen geben würde, und er würde sie dann einschmelzen lassen und daraus anfertigen ließe, was er will, wie Kronen und Ringe aus Goldmünzen, Schüsseln und Trinkschalen aus Silbermünzen, Kessel und Pfannen aus Kupfermünzen, und wenn der König dies alles zu seinem eigenen Nutzen und zu seiner Ehre nutzen würde – würdest du dich da wohl nicht wundern, dass er so verfahren ist?

Ebenso wenig darfst du dich darüber wundern, dass ich mit den Herzen meiner Freunde, die sie mir selber angeboten haben, und die ich fein entgegn nehme, das tue, was mir gefällt. Und wenn manche größeren Verstand und manche weniger haben, so verwende ich doch, wenn sie mir ihre Herzen anbieten, manche zu einem und andere zu einem anderen Zweck, aber alle zu meiner Ehre, denn das Herz der Gerechten ist mir eine überaus wohlgefällige Münze, und deshalb kann ich das, was mir gehört, so verwenden, wie es mir gefällt.
Nachdem du also mein bist, darfst du dich nicht darüber wundern, was ich mit dir machen will, sondern sei unerschütterlich standhaft, auszuhalten und willig sein, das zu tun, was ich dir befehle. Ich bin ja doch imstande, dir überall all das zu geben, was du brauchst.“

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78. Kapitel

Hochverehrter Vater! Ich, eine Witwe, bekunde, dass einer Frau, die in ihrem Vaterland lebte, viele höchste wunderbare Dinge offenbart worden sind, die von Bischöfen, Lehrern in Klöstern und Weltpriestern einer genauen Prüfung unterzogen sind und bezeugt wurden dass sie durch Erleuchtung, heiligen und übernatürliche Erleuchtung durch den Heiligen Geist und nicht anders hervorgegangen sind, was auch der König und die Königin in diesem Reich durch vernünftige Gründe eingesehen haben.

Dieselbe Frau hat eine Wallfahrt nach Rom gemacht, und als sie eines Tages in der Kirche Santa Maria Maggiore betete, wurde sie in einer geistlichen Vision entrückt, wobei der Körper wie in eine Betäubung versank, doch nicht in die Betäubung des Schlafs. In der Stunde zeigte sich ihr die höchste verehrungswürdige Jungfrau (Maria). Die Frau wurde über die wunderbare Vision erschreckt, dachte an ihre eigene Gebrechlichkeit, fürchtete, dass es ein Betrug des Teufels sei und betet innerlich, dass Gott in seiner Milde sie nicht den Anfechtungen des Teufels zum Opfer fallen lassen sollte.

Aber da sagte die Jungfrau, die sich ihr offenbarte: „Fürchte nicht, dass das, was du jetzt siehst oder hörst, von dem bösen Geist herrührt. Wenn die Sonne aufgeht, kommen Licht und Wärme, und diese folgen ja dem dunkeln Schatten nicht. In derselben Weise vernimmt das Herz des Menschen beim Kommen des Heiligen Geistes die Glut der göttlichen Liebe und die vollständige Erhellung des katholischen Glaubens. Diese spürst du nun in dir selbst, denn du liebst nichts so sehr wie Gott, und du zweifelst nicht in einem einzigen Punkt an der katholischen Glaubenslehre. Aber das kann nicht eine Folge des bösen Geistes sein, der mit einem dunkel Schatten zu vergleichen ist.“

Weiter sagte dieselbe Jungfrau zur Frau (Maria): „Du sollst auf meinen Wegen meine Worte an diesen Kirchenfürsten senden.“ Tief betrübt erwiderte die Frau: „O ehrenwerte Jungfrau, er wird mir nicht glauben, sondern – wie ich vermute – wird er die Worte eher zum Besten halten, als sie für göttliche Wahrheit anzusehen.“

Die Jungfrau antwortete ihr: „Obwohl ich die Beschaffenheit seines Herzens, die Antwort, die er dir geben wird und sein Lebensende sehr gut kenne, sollst du ihm doch meine Worte schicken. Ich will ihn darauf aufmerksam machen, dass der Bau der hl. Kirche auf der rechten Seite so zerfallen ist, dass das höchste Gewölbe viele Risse bekommen hat, die Anlass zu so einem so gefährlichen Einsturz geben, dass viele, die darunter gehen, ihr Leben verlieren. Mehrere von diesen Pfeilern, die sich in die Höhe erheben müssten, sogar dass die, die klar sehen, zusammen mit den Blinden auf Grund der gefährlichen Löcher in diesem Boden schwer hinfallen.

Deshalb ist Gottes Kirche in einer sehr gefährlichen Lage. Und was ihr daher passieren kann, das wird man bald sehen, dass es sehr nahe bevorstehe. Sie wird nämlich sicher umstürzen, sofern sie keine Hilfe zum Wideraufbau bekommt. Und ihr Sturz wird so groß sein, dass es in der ganzen Christenheit widerhallt.
Das ist in geistlicher Weise zu verstehen. Ich bin die Jungfrau, in deren Mutterlieb Gottes Sohn gewürdigt wurde, mit der Gottheit und dem Heiligen Geist zusammen Platz zu nehmen, wobei aber die ansteckende körperliche Lust vollständig fern war. Und dieser Gottessohn wurde aus meinem verschlossenen Schoß mit der Gottheit und Menschengestalt und dem Heiligen Geist geboren – zur größten Freude und ohne Schmerz.

Ich stand dann an seinem Kreuz, als er mit wahrer Geduld das Todesreich besiegte und den Himmel mit seinem Herzblut öffnete. Ich war mit auf dem Berge, als derselbe Gottessohn, der auch mein Sohn ist, gen Himmel fuhr. Ich kenne den ganzen katholischen Glauben ganz genau, den er verkündete und all denen lehrte, die ins Himmelreich eingehen wollen. Ich stehe über der Welt mit meinem eindringlichen Gebet zu meinem geliebten Sohn, wie sich der Regenbogen über die Wolken des Himmels über die Erde zu senken und sie mit seinen beiden Enden zu berühren scheint.

Mit dem Regenbogen meine ich mich selbst. Denn ich senke mich herab zu den Einwohnern der Erde und berühre die Guten und die Schlechten mit meinem ständigen Gebet. Ich beuge mich herab zu den Guten, damit sie beständig bleiben, das zu tun, was die heilige moderne Kirche bietet, und zu den Schlechten, damit sie nicht mit ihrer Schlechtigkeit fortfahren und womöglich noch schlechter werden.

Dem, an den ich diese Worte sende, will ich kundtun, dass von der einen Richtung dunkle, schreckliche Wolken aufziehen, um die Klarheit des Regenbogens zu verdecken. Mit diesen meine ich solche, die in ihrem Fleisch ein unzüchtiges Leben führen, die in ihrer Geldiger maßlos sind, und ohne Boden wie die Meerestiefe sind und ihre Güter für weltlichen Pomp und Hoffart auf unvernünftige und verschwenderische Weise weggeben, wie der rauschende Strom sein Wasser vergießt.

Diese drei Sünden werden jetzt von vielen Vorstehern der hl. Kirche begangen, und sie steigen hässlich und abscheulich zum Himmel vor Gottes Augen auf und verdecken mein Gebet, wie die dunklen Wolken den klaren Regenbogen. Und die, die stattdessen Gott zusammen mit mir besänftigen sollten, wecken also seinen schweren Zorn gegen sich selber. Solche Menschen dürften in der hl. Kirche nicht erhöht, sondern erniedrigt werden.

Wenn also jemand daran arbeiten will, dass das Fundament der Kirche bestehen und ihr Boden glatt bleibt, und der den gesegneten Weingarten wieder herrichten möchte, den Gott selbst gepflanzt und mit seinem Blut bewässert hat, sich aber diesem Auftrag nicht gewachsen fühlt, so will ich, die Königin des Himmels, ihm mit allen Engelscharen zu Hilfe kommen, um die angegriffenen Wurzeln auszureißen und die unfruchtbaren Bäume ins Feuer zu werfen, um im Feuer zu verbrennen, und an ihrer Stelle frische und fruchtbare Schösslinge zu pflanzen. Mit dem Weingarten meine ich Gottes heilige Kirche, in der die Demut und Liebe zu Gott erneuert werden müssen.“

All dies befahl die ehrenreiche Jungfrau, die sich der Frau (Birgitta) offenbarte, es euch schriftlich zuzusenden. Deshalb sollt ihr wissen, Hochverehrter Vater, dass ich, der euch diesen Brief sendet, bei Jesus, dem wahren und allmächtigen Gott, und bei seiner würdigsten Mutter Maria schwöre, dass ich den Brief nicht aus Verlangen nach weltlicher Ehre, nach Geld oder menschlicher Gunst sende, so wahr sie mir an Leib und Seele helfen mögen. Sondern ich tue das alles, was in diesem Schreiben enthalten ist (unter mehreren anderen Worten, die dieser Frau in der geistlichen Offenbarung gesagt wurden), weil mir befohlen wurde, es euer Hochwürden zur Kenntnis zu bringen.

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79. Kapitel

(An einen Priester in Rom)
Lob und Ehre sei dem allmächtigen Gott für alle seine Werke! Ewige Ehre sei auch ihm, der begonnen hat, dir Gnade zu erweisen! Wir sehen, dass – wenn die Erde von Schnee und Frost bedeckt ist und ein paar Samenkörner darin ausgesät sind, so ist es doch sicher, dass sie nur an den wenigen Stellen wachsen können, die von den Strahlen der Sonne erwärmt werden, und wo Blätter, Stängel und Blumen glücklich sprießen können. An diesen kann man erkennen, von welcher Art die Gewächse sind, oder welche Tugend sie besitzen.

In gleicher Weise scheint mir die ganze Welt fast bedeckt vom Frost des Hochmuts, von Gier und Lüsternheit, und es scheinen sehr wenige zu sein, in deren Herzen (so weit man das aus ihren Worten und Taten beurteilen kann) die vollkommene Gottesliebe wohnt. Daher sollte man wissen, dass – wie Gottes Freunde sich freuten, als sie Lazarus zu Gottes Ehre vom Tode auferweckt sahen, so können Gottes Freunde sich nun freuen, wenn sie jemanden aus den drei genannten Lastern auferstehen sehen, die in Wahrheit den ewigen Tod bedeuten.

Weiter ist zu bemerken, dass Lazarus, nachdem er auferstanden war, sich zweifachen Hass zugezogen hat. Denn er hatte ein paar persönliche Feinde, nämlich Menschen, die Gottes Gegner waren, und diese hassten den Lazarus leibhaftig. Er hatte auch ein paar geistige Feinde, nämlich die Teufel, die niemals Gottes Freunde werden wollen, und diese hassten ihn auf geistliche Weise.
So ziehen auch die, die jetzt von Todsünden auferstehen, und die Keuschheit bewahren und den Hochmut und die Begierde fliehen, einen zweifachen Hass auf sich. Denn die Menschen, die Gottes Feinde sind, wollen ihnen auf zweifache Art schaden, und ebenso suchen die Teufel ihnen auf zwei geistige Arten zu schaden und sie zu verderben.

Erstens schmähen die weltlichen Menschen sie mit ihren Worten, zweitens bereiten sie ihnen Verdruss mit ihren Taten, um sie in ihrem Leben und ihren Taten wie sich selbst zu machen und sie von dem Guten abzubringen, das sie begonnen haben. Aber der Gottesmann, der kürzlich zu einem geistlichen Leben bekehrt ist, kann solche bösartigen Menschen sehr gut überwinden, wenn er geduldig ihre feindseligen Worte erträgt und während sie das auch sehen, oft und eifrig geistliche und göttliche Werke ausübt.
Auch die Teufel suchen ihn auf doppelte Weise zu Fall zu bringen. Erstens, weil sie dringend wünschen, dass dieser neue Gottesfreund in seine alten Sünden zurückfallen möchte. Können sie das nicht erreichen, so arbeiten die Teufel eifrig, darauf hin, dass er seine guten Werke unvernünftig und unklug ausführen soll, nämlich dadurch, dass er in unvernünftiger Weise über das richtige Maß hinaus wacht oder fastet, so dass seine Kräfte auf die Weise erschöpft werden und er selbst im Dienste Gottes schwächer wird.

Gegen das erste ist das beste Heilmittel das fleißige und ehrliche Beichten seiner Sünden und die wahre innere Zerknirschung über die Sünden. Gegen das zweite ist das beste Heilmittel, sich zu demütigen, nämlich einem weisen alten Mann lieber gehorchen zu wollen, als sich selbst zu leiten, wenn es die Taten und Bußübungen betrifft, die geplant werden sollen.
In Wahrheit, dieses Heilmittel ist sehr nützlich und so gut, dass man – auch wenn der Berater noch unwürdiger als der Empfänger des Rates sein sollte – doch ganz sicher darauf hoffen kann, dass die göttliche Weisheit, nämlich Gott selbst, durch seine Hilfe mit dem Ratgeber zusammenwirkt, um die Ratschläge zu erteilen, die für den Empfänger am nützlichsten sind, falls beide den festen Willen haben, Gott zu ehren und zu verherrlichen.

Aber nun, geliebter Freund, nachdem du und ich von unseren Sünden auferstanden sind, wollen wir Gott bitten, dass er geruht, uns beiden seine göttliche Hilfe zu gewähren – mir, um zu reden, und dir, um zu Gehrochen. Und wir wollen Gott noch inniger darum bitten, nachdem ihr, der reich, weise und gütig ist, geruht hat, mich Unwürdige, Unkluge und Unbekannte zur Beraterin zu nehmen. Und ich hoffe in Wahrheit, dass Gott auf eure Demut sehen wird und das, was ich Euch ihm zu Ehren schreibe, Euch zum Gewinn des Leibes und der Seele gereichen lasse.

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80. Kapitel

(An einen Priester)
Zuerst rate ich dir, dass du in deiner Wohnung bei deiner der hl. Jungfrau Maria geweihten Kirche bleibst und nur einen einzigen Diener bei dir hast, so dass du gleich all das zurücklässt, was über deine Einkünfte hinausgeht, nachdem die notwendigen Ausgaben an deine Gläubiger abgezogen sind, und du ihnen deine Schulden vollständig bezahlst. Es ist nämlich weder zulässig noch klug, den Armen oder vermögenden Freunden und Verwandten viel Geld zu geben, bevor alle Schulden ganz und gar bezahlt sind.

Wenn alle deine Schulden bezahlt sind und die für dich und deinen Diener notwendigen Ausgaben abgezogen sind, magst du zu Gottes Ehre den Armen und Bedürftigen das geben, was übrig geblieben ist. Du solltest genau darauf achten, dass du eine ehrbare und nützliche Priestertracht hast, so dass man am Stoff und Aussehen deiner Kleider keine Prunk oder eitles Zeug bemerken kann, sondern nur das ehrbare Notwendige und den Nutzen für den Körper.

Du solltest dich auch auf zwei Kleider beschränken, eines für Feiertage und eines Werktage. Du solltest auch nicht mehr als zwei Paar Schuhe und Strümpfe haben; wenn du etwas mehr an Kleidung besitzt, solltest du sie zu etwas anderem verwenden, wovon du Nutzen hast, oder auch Schulden damit begleichen. Während des laufenden Jahres solltest du ganz von Leinenkleidern absehen, sowohl bei Nacht als auch bei Tage.

Deine Marienkirche solltest du dieses Jahr als Klosterkirche halten, und das aus drei Gründen. Erstens deshalb, dass – wenn du früher aus etwas Hochmut dort residiert hast, so solltest du fortan dort in göttlichem Gehorsam zu Ehren der tief demütigen Jungfrau Maria Dienst tun. Und wenn die Kanoniker und Präbendepriester dieser Kirche dich vielleicht durch leichtfertige Worte von Gottes Dienst zu bösem Begehren abgelenkt haben, so solltest du jetzt mit Gottes Hilfe versuchen, manchen durch fromme und geistliche Worte vom bösen Begehren zu der Freude bringen, Gott zu lieben. Und wenn du vielleicht durch ein unzulässiges Auftreten manchen, die dich gesehen haben, ein schlechtes Beispiel gegeben hast, so solltest du dich stattdessen darum bemühen, ihren Seelen durch deine guten Taten und ehrbare Sitten ein nützliches und tugendhaftes Beispiel zu geben.

Weiter sollst du, lieber Freund, in kluger und verständiger Weise Nacht – und Tageszeiten zu Gottes Lob einrichten. Ich habe bemerkt, dass die Glocken in eurer Kirche ordentlich zu festgesetzten Zeiten läuten. Deshalb rate ich, dass du, sobald du sie des Nachts hörst, aus dem Bett aufstehst, fünfmal die Knie beugst und fünf Vaterunser und Ave Maria liest und an die fünf Wunden Jesu Christi und an den Schmerz seiner hochwürdigen Mutter denkst. Dann sollst du die Matutin zu Ehren der hl. Jungfrau beginnen und andere Gebete lesen, die dir gefallen, bis die Kanoniker sich im Chor versammeln, um zu singen.

Und es ist besser, dass du mit den Ersten zur Kirche kommst, als mit den Letzten. Du sollst die Tagesmatutin andächtig und würdig singen, bis zum Schluss stehen und zwischendurch sitzen, wenn es passt. Aber du solltest keinesfalls reden, sofern du nicht nach etwas gefragt worden bist – in diesem Fall solltest du mit so wenigen Worten wie möglich antworten, nicht mit sehr lauten Worten und ohne eine erzürnte oder ungeduldige Gebärde, wenn das zu vermeiden ist.

Du sollst dich ja sehr höflich benehmen, wenn du in Gegenwart eines zeitlichen und irdischen Herrn bist – wie viel mehr musst du dich dann mit aller Würde, Artigkeit und demütiger Verehrung, innerlich und äußerlich, in Gegenwart und im Dienst des ewigen Himmelskönigs verhalten, der immer und überall gegenwärtig ist und alles sieht!
Und wenn du vielleicht aus irgendwelchen wichtigen Anlässen, die dich oder einen anderen betreffen, gezwungen bist, mitten während des laufenden Stundengebets zu sprechen, so solltest du den Chor verlassen und draußen mit einigen und leisen Worten das beantworten, was du für notwendig hältst, wonach du unverzüglich zu deinem Chorstuhl zurückkehrst. Und wenn du kannst, so veranlasse, dass die Erledigung dieser Angelegenheit an einen anderen Ort und eine andere Zeit verschoben wird, so dass nicht der Gottesdienst und Gottes Verehrung Abbruch leidet oder gar verhindert wird.

Lass es auch bleiben, in der Kirche herumzuspazieren, während die Stundengebete gesungen werden, denn das zeugt von einem unsteten und flüchtigen Sinn und einem lauwarmen Geist und beweist wenig Liebe und Andacht. Während der Stundengebete magst du beten oder etwas lesen, was nützlich, fromm oder sonst wie nützlich für die Seele ist, wobei du stets beachten musst, dass du von der Stunde, da du das Bett verlässt, um die Matutin zu singen, und bis zum Abschluss der Hochmesse, nicht gern jemand anderes dich in Anspruch nehmen lässt, als Gesang, Lesen, Gebet oder Studium, sofern ihr in eurem Kapitel zwischendurch Angelegenheiten oder Verbesserungen der Kirche behandeln müsst, die in ihrem Schoß erfolgen müssen.

Wenn die Hochmesse gehalten ist, passt es sehr gut, sich über leibliche Erfordernisse und Angelegenheiten zu unterhalten und sich eine ehrbare und tugendhafte Zerstreuung zu gönnen. Wenn du zu Tisch gehst, sollen die Tischgebete gelesen werden. Und wenn du Gast bei einem anderen bist oder selber Gäste hast, solltest du beim Essen zuerst von Gott oder seiner hochwürdigen Mutter oder von etwas Heiligen sprechen – zur Erbauung und zum Nutzen für die Tischnachbarn oder auch die Bedienung, wenigstens ein oder zwei Worte, oder auch die anderen etwas über Gott, seine Mutter oder über Gottes Heiligen fragen. Auch wenn du allein zu Tisch sitzest und dein Diener dabeisteht, sollst du das tun, und als Tischlerung sollst du das haben, was in den Klöstern gelesen wird, wenn die Brüder essen.

Wenn die Mahlzeit beendet ist und du Gott und deinen Gastgebern gedankt hast, kannst du eine kurze Zeit mit ein paar ehrenwerten Leuten, die du gern hast, über Sachen und Angelegenheiten sprechen, die dich betreffen. Dann magst du in deine Kammer gehen, fünfmal die Knie beugen und fünfmal das Vaterunser und Ave Maria lesen, um der Wunden unseres Herrn Jesus Christus und des Schmersez seiner Mutter willen.
Die Hälfte der Zeit, die bis zur Vesper übrig ist, magst du zum Lesen, zum Studium und zur Ruhe verwenden, sofern du nicht von deinen Freunden wegen etwas aufgehalten wirst, was sie betrifft; die andere Hälfte magst du zu einem Spaziergang zur ehrbaren körperlichen Erquickung verwenden, so dass du umso mehr Kraft zu Gottes Lob hast.

Wenn es zur Vesper läutet, solltest du dich gleich zum Chor der Kirche begeben, um das Offizium zu singen, und du solltest dich so im Chor verhalten, wie oben beschrieben ist. Jeden Tag solltest du, nachdem das Kompletorium gelesen ist, und bevor du Abendbrot gegessen hast, die Matutin mit drei Lesestücken für die Toten verrichten.
Die Zeit nach dem Abendessen kannst du in derselben Weise wie nach dem Mittagessen verbringen. Nach der Danksagung kannst du spazieren gehen und nützlichen und erfreuliche Worte reden, bis du gehen und dich legen willst. Ehe du zu Bett gehst, solltest du vor dem Bett auf die Knie fallen und fromm fünf Vaterunser und fünf Ave Maria zum Gedächtnis an Jesu Christi Leiden lesen.

Dann magst du zu Bett gehen und deinem Körper so viel Schlaf und Ruhe gönnen, dass du nicht während der Wachzeiten auf Grund von allzu kurzem Schlaf und zu kurzer Ruhe gezwungen wirst, zu schlafen.
Jeden Freitag solltest du fromm die sieben Basspsalmen und die Litanei lesen. An diesem Tage magst du auch aus Verehrung für die fünf Wunden Jesu Christi fünf bedürftigen Armen fünf Silbermünzen geben.

Weiter rate ich dir, liebster Bruder und Freund, dass du dieses Jahr diese Abstinenz um deiner eigenen Sünden willen einhältst. Jeden Tag während des ganzen Vierzig tage Fastens und im Advent solltest du dich mit einer einzigen Fischmahlzeit begnügen. Alle Nachtwachen bis zu den … (Vårfrudagar) solltest du bei Brot und Wasser fasten, und alle Apostelvigilien bei Fisch. Am Mittwoch magst du Käse, Eier und Fisch zur Mahlzeit haben. An den Freitagen solltest du nur Brot und Wein genießen, so rate ich davon nicht ab. An den Samstagen magst du Fisch und Öl zum Mittagessen haben. Am Sonntag, Montag, Dienstag und Donnerstag kannst du zweimal am Tage Fleisch essen, wenn die Kirche da nicht gerade Fasten vorschreibt.
Merke, lieber Bruder, dass ich aus drei Gründen beschlossen habe, zu schreiben und dir dies zu raten.

Erstens, damit dich nicht der Neid und die List des Teufels dahin bringe, dass du dich selbst so schnell verausgabst und deine Sinneskräfte so ermatten lässt, dass du für den Rest deines Lebens Gott weniger dienst, als du solltest. Zweitens deshalb, dass die Weltmenschen, wenn sie einen Mangel an deinen seelischen oder körperlichen Kräften bemerken, die durch zu viel Arbeit veranlasst sind, oder dich in der Arbeit, mit der du begonnen hast, ermüden sehen, sich davor scheuen, selbst eine göttliche Arbeit zu übernehmen. Drittens deshalb, weil ich hoffe, dass deine Taten Gott mehr gefallen, wenn du dich lieber demütig nach dem Rat eines anderen richten willst, als dich selbst nach eigenem Gutdünken zu lenken.

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81. Kapitel

Dieser Mann ist wie ein Sack, der voller Grannen ist, und in den zehn neue Grannen gelegt würden, wenn eine weggenommen wird. So ist der Mann, für den du bittest, denn wenn er eine Sünde aus Furcht unterlässt, so begeht er zehn andere um weltlicher Ehre willen. Was den zweiten Mann betrifft, für den du bittest, will ich dir antworten, dass es nicht üblich ist, verfaultes Fleisch teuer einzupökeln.
Du bittest darum, dass er zum Nutzen seiner Seele körperliche Beschwerden erleiden soll, aber sein Wille steht im Streit mit deinem Begehren. Er trachtet nämlich nach weltlicher Ehre und trachtet mehr nach Reichtümern als nach geistlicher Armut, und die Wollust ist ihm lieb. Deshalb ist seine Seele für mich verrottet und stinkt, und deshalb kommt ihm das teure Einsalzen nicht zu, was für den Gerechten Mühe mit sich bringt.

Was den dritten Mann betrifft, in dessen Augen du Tränen siehst, will ich dir antworten, dass du nur den Leib siehst, während ich ins Herz sehe. Du siehst ja manchmal, dass eine dunkle Wolke von der Erde aufsteigt, zum Himmel schwebt und unter der Sonne hängen bleibt, und dass diese Wolke drei Arten von Niederschlag hervorbringt, nämlich Regen, Schnee und Hagel. Dann verschwindet die Wolke aber, denn sie stammte von der Unreinheit der Erde.
Mit einer solchen Wolke ist jeder Mann vergleichbar, der sich bis ins Alter von Sünde und Wollust nährt. Wenn das Alter kommt, fängt er an, den Tod zu fürchten und bedenkt seine Gefahr, und doch gefällt die Sünde seiner Seele. Wie sich die Wolke von der Unreinheit der Erde zum Himmel erhebt, so begibt sich das Gewissen eines solchen Mannes von der Unreinheit des Leibes, d.h. der Sünde, zur Betrachtung seiner selbst und bringt drei Arten von Tränen hervor.

Die erste ist mit dem Regenwasser zu vergleichen, und sie betrifft das, was der Mann körperlich liebt. Wenn er z.B. Freunde, zeitliche Güter oder körperliche Gesundheit verliert, dann wird er gegen Gottes Verordnung und Zulassung bitter gestimmt, und vergießt so viele unkluge Tränen.
Die zweiten Tränen sind mit dem Schnee zu vergleichen, denn wenn der Mann anfängt, die Gefahren zu bedenken, die seinem Körper drohen, die Qual des Todes und das Elend der Hölle, da fängt er an zu weinen, aber nicht aus Liebe, sondern aus Angst, und deshalb werden solche Tränen schnell verdunsten und zu Nichts werden wie der Schnee.

Die dritten Tränen sind mit Hagel zu vergleichen, denn wenn der Mann bedenkt, wie schön die Wollust des Fleisches für ihn ist und war, dass er sie verlieren wird, und welche Freude im Himmel geboten wird, dann fängt er an, über das Unglück der Verdammnis und seinen eigenen Verlust zu weinen, kümmert sich aber nicht um die Schande, die es Gott bereitet, wenn er eine Seele verliert, die er mit seinem Blut erlöst hat.

Er kümmert sich auch nicht darum, wie weit er nach dem Tod Gott sehen darf oder nicht, wenn er nur eine Wohnung im Himmel oder auf Erden bekommt, wo er keine Plagen leiden muss, sondern auf ewig seine Lust genießen kann. Daher kann man solche Tränen zu Recht mit Hagel vergleichen, denn das Herz eines solchen Menschen ist sehr hart und ist nicht von irgendeiner Liebe zu Gott erwärmt. Solche Tränen können die Seele auch nicht zum Himmel ziehen. Aber nun will ich dir zeigen, welche Tränen die Seele zum Himmel ziehen. Sie können mit Tau verglichen werden. Manchmal steigt ein Dunst von der Süße der Erde auf, schwebt zum Himmel und verweilt unter der Sonne. Von der Wärme der Sonne wird er feucht, steigt wieder zur Erde nieder und macht alles fruchtbar, was auf Erden wächst. Das heißt bei euch „Tau“. Man sieht auf Rosenblättern, die der Wärme ausgesetzt sind, wie sie erst Feuchtigkeit absondern, und wie diese dann herunter tropft.

So verhält es sich auch mit dem geistlichen Menschen. Jeder, der an die gesegnete Erde denkt, die der Leib Christi ist, an die Worte, die Christus mit seinem eigenen Munde sprach, an die große Gnade, die er der Welt bewiesen hat, und an die bittere Pein, die er aus Liebe für unsere Seelen gelitten hat, der spürt mit großer Freude, wie die Liebe, die er zu Gott hat, zum Hirn steigt, das mit dem Himmel zu vergleichen ist.

Sein Herz, das mit der Sonne vergleichbar ist, wird von göttlicher Wärme erfüllt, und sein Auge füllt sich mit Tränen, indem er darüber betrübt ist, dass er einen so unendlich guten und milden Gott gekränkt hat, und lieber alle Qual zu Gottes Ehre leiden will, als alle möglichen Genüsse zu haben, aber Gott verliert. Diese Tränen sind mit Recht mit fallendem Tau vergleichbar, da sie Kraft verleihen, gute Werke zu tun und in Gottes Augen Frucht bringen. Und wie sprießende Blumen den fallenden Tau in sich aufsaugen, und der Tau im Blumenkelch eingeschlossen wird, so schließen die Tränen, die aus göttlicher Liebe vergossen werden, Gott in die Seele ein, und Gott zieht die Seele in sich hinein.

Es ist aber dich gut, Gott aus zwei Gründen zu fürchten. Erstens können so große, gute Taten aus Furcht getan sein, damit sie dann einen Funken Gnade ins Herz ziehen, damit die Liebe gewonnen werden kann. Du kannst dies besser durch ein Gleichnis verstehen. Es war ein Goldschmied, der reines Gold auf die Waage legte. Ein Köhler kam zu ihm und sagte: „Herr, ich habe die Kohle, die du für deine Arbeit brauchst. Gib mir, was sie wert sind!“

Der Goldschmied antwortete: „Es steht fest, wie hoch der Preis der Kohle ist.“ Er gab ihm etwas Gold und verwendete die Kohle bei seiner Arbeit, während der Köhler sich für das Geld sein Essen besorgte. So ist es auch im geistlichen Bereich. Werke, die ohne Liebe getan sind, gleichen der Kohle, aber die Liebe dem Gold. Wenn ein Mensch gute werke aus Furcht tut, aber doch die Erlösung seiner Seele damit gewinnen will, wenn er sich nach Gott im Himmel sehnt, sondern nur fürchtet, in der Hölle zu landen, so hat er sicher gute Taten vollbracht, aber sie sind kalt und nehmen sich in Gottes Augen wie kalt aus.

Gott ist mit einem Goldschmied zu vergleichen, der in seiner geistlichen Gerechtigkeit weiß, in welchem Maß die guten Werke belohnt werden sollen, oder mit welcher Gerechtigkeit die Gottesliebe zu gewinnen ist. In seiner Vorsehung ordnet er auch an, dass der Mensch für die guten Taten, die er aus Furcht vollbracht hat, von einer Gottesliebe entzündet wird, die er dann zur Gesundung seiner Seele anwendet. So wie der gute Goldschmied die Kohle zu seiner Arbeit verwendet, so benutzt Gott kalte Werke zu seiner Ehre.

Zweitens ist es gut, sich aus dem Grund zu fürchten, dass der Mensch ebenso viele Sünden aus Furcht unterlässt, von ebenso vielen Strafen er in der Hölle befreit wird. Doch hat er nicht das Recht, zum Himmel aufzufahren, nachdem er keine Liebe gehabt hat. Denn wessen Wille so ist, dass er ewig auf Erden leben wollte, wenn er könnte, in dessen Herzen gibt es keinesfalls Gottesliebe; Gottes Werke sind gleichsam tot für ihn, und daher begeht er Todsünden und wird zur Hölle verdammt werden.

Sicher wird er nicht an diesem Ort der Plage brennen, sondern sich im Dunkeln aufhalten, nachdem er die Sünde nur aus Furcht unterlassen hat, aber er wird auch nicht die Freude des Himmels spüren, nachdem er sich nicht danach gesehnt hat, so lange er lebte. Er wird also wie ein Blinder und Stummer und wie ein Mann ohne Hände und Füße dasitzen, nachdem seine Seele die Pein der Hölle versteht, aber wenig von der Freude, die im Himmel herrscht.

Erklärung
Diese Offenbarung handelt von drei Rittern. Der erste war aus Schonen, und von ihm handelt folgende Vision. Frau Birgitta sah eine Seele, die gleichsam zweimal in Scharlachfarbe getaucht, aber mit einigen wenigen schwarzen Tropfen bespritzt war. Nachdem sie die Seele gesehen hatte, verschwand diese gleich aus ihrem Gesichtsfeld. Nach drei Tagen sah sie dieselbe Seele ganz rot, aber mit einigen Edelstein geschmückt, die wie Gold strahlten.
Als sie sich darüber wunderte, sagte Gottes Geist: „Diese Seele war von weltlichem Kummer gefesselt, hatte aber wahren Glauben. Sie kam zu den Ablassstellen in Rom mit der Absicht, Liebe zu Gott zu gewinnen und zu dem Entschluss zu kommen, nicht mehr bewusst sündigen zu wollen.

Dass du die Seele in einem Scharlachgewande gesehen hast, das bedeutet, dass sie vor dem leiblichen Tode Gottesliebe empfangen hat, wenn auch eine unvollkommene. Dass du sie mit schwarzen Tropfen bespritzt gesehen hast, das bedeutet, dass sie von einer fleischlichen Sehnsucht nach ihrer leiblichen Verwandten und von der Sehnsucht beherrscht wurde, ihr Land wieder zu sehen. Doch hat sie mir ihren ganzen Willen anvertraut, und deshalb hat sie verdient, gereinigt und für das Höhere vorbereitet zu werden.

Dass du Edelsteine auf der roten Farbe gesehen hast, das bedeutet, dass sie auf Grund ihres guten Willens und der Wirkung dieser Ablässe der ersehnten Krone nahe gekommen ist. Sieh also, meine Tochter, und betrachte, wie viel Gutes der Ablass in Rom den Menschen verleiht, die dafür in heiliger Absicht hierher kommen! Denn auch wenn einem Menschen tausend und abertausend Jahre vergönnt sein würden (wie es auch denen, die hierher kommen, für ihren Glauben und ihre Frömmigkeit vergönnt wird), so wäre das doch kein genügend hoher Preis, um ohne Gottes Gnade die Gottesliebe zu erlangen. Aber diese Liebe, die meine Heiligen mit ihrem Blut erwirkt haben, wird um der Ablässe willen gegeben, und man verdient sie auch in Wahrheit.“

Der zweite Ritter in derselben Offenbarung war aus Holland. Über ihn sagte Gottes Sohn: „Was hat dir dieser großsprecherische, mit leerem Geschwätz gefüllte Mann gesagt? Etwa deshalb, dass man zweifelt, wie weit mein Schweißtuch echt ist oder nicht? Sage ihm deshalb standhaft die vier Dinge, die ich dir jetzt sage. Erstens, dass viele Leute Schätze sammeln, aber nicht wissen, für wen. Zweitens, dass jeder, der nicht froh das Pfund ausgibt, das der Herr ihm anvertraut hat, sondern es zu keinem Nutzen aufhebt, sich ein Gericht zuziehen wird. Drittens, dass der, der die Welt und das Fleisch mehr liebt als Gott, nicht in die Gesellschaft derer kommen wird, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten.

Viertens, dass jeder, der nicht die Menschen hört, die (um Hilfe) rufen, selber wird rufen müssen, ohne gehört zu werden. Was mein Schweißtuch betrifft, mag er wissen, dass – wie der Blutschweiß aus meinem Körper drang, als ich vor meinem Leiden zum Vater (in Getsemane) betete, dieser Schweiß um ihretwillen, die zu mir betet, und zum Trost für spätere Geschlechter von meinem Gesicht niedertropfe. Der dritte Ritter in derselben Offenbarung war aus Schweden, und von ihm handelt folgende Offenbarung. Gottes Sohn spricht: „Es steht geschrieben, dass ein Mann von seiner treuren Ehefrau gerettet wurde.

Sie sprang nämlich vor und zerrte ihren Mann mit beiden Händen aus den Klauen des Teufels. Mit der einen Hand riss sie ihn mit Tränen, Gebeten und Taten der Liebe aus der Hand des Teufels. Mit der anderen Hand zog sie ihn durch ihre Ermahnungen, ihr Vorbild und ihre Unterweisung zu sich, so dass er sich nun dem Wege der Erlösung nähert.
Deshalb sollte er drei Dinge überdenken, die im allgemeinen Gesetzbuch stehen. Da gibt es nämlich drei Stücke: Eines handelt vom Besitzen, ein zweites vom Verkaufen, ein drittes vom Kaufen. Im ersten Stück, das vom Besitzen handelt, wird gesagt, dass nichts zu Recht besessen wird, wenn es nicht auf ehrliche Weise erworben wurde, aber dass ein Erwerb, der durch betrügerische Kniffe, durch schlaue Überrumpelung oder unter Wert erfolgt ist, Gott nicht wohlgefällig ist.

Das zweite Stück handelt vom Verkauf. Manchmal wird etwas verkauft, weil man Mangel leidet oder etwas fürchtet, manchmal auf Grund von Gewalt und ungerechten Urteilen. Der Käufer muss da sein Gewissen fragen, um zu sehen, ob er mitleidig und liebevoll mit dem gewesen ist, dem er etwas abgekauft hat.
Das dritte Stück handelt vom Kauf. Wer etwas kaufen will, muss untersuchen, ob das, womit er kauft, rechtmäßig erworben ist.

Denn gesetzlich ist das nicht erworben, was man durch unrechtmäßig einkassierte Gelder erhalten hat. Dieser Mann sollte also diese drei Punkte genau überlegen, und er kann gewiss sein, dass er vor mir über alles Rechenschaft ablegen muss – und auch über das, was ihm seine Eltern hinterlassen haben, falls er das mehr als angebracht für die Welt als für Gott ausgibt. Er sollte auch wissen, dass er einmal vor mir Rechenschaft über seine Ritterschaft ablegen wird, in welcher Absicht er sie angenommen hat, wie er sie eingehalten hat, und wie er das Gelübde eingehalten hat, das er mir gegeben hat.“
 

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82. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Als Braut musst du einen angenehmen Mund, saubere Ohren, keusche Augen und ein beständiges Herz haben. So muss auch die Seele beschaffen sein. Ihr Mund ist nämlich der reine Sinn – nichts darf durch ihn gehen außer dem, was mir gefällt. Der Mund, d.h. der Sinn, sollte durch den Wohlgeruch guter Gedanken und die ständige Erinnerung an mein Leiden angenehm sein. Der Sinn sollte auch rot sein wie der Mund, d.h. brennend vor göttlicher Liebe, so dass er das Gute tut, wie er es kann. Denn niemand sehnt sich danach, einen bleichen Mund zu küssen, und so gefällt mir die Seele gar nicht, wenn sie nicht allein aus gutem Willen gute Werke tut.

Der sinn muss auch ebenso wie der Mund zwei Lippen haben, d.h. zwei Neigungen: Mit der einen soll er sich nach dem Himmlischen sehnen, mit der anderen alles Irdische verachten. Der untere Gaumen der Seele soll Furcht vor dem Tode sein, wenn die Seele vom Körper geschieden wird, und der Gedanke daran, wie sie dann beschaffen sein muss. Der obere Gaumen muss die Furcht vor dem gefährlichen Gericht sein.

Zwischen diesen beiden soll sich die Zunge der Seele rühren. Was ist die Zunge der Seele anders, wenn nicht das fleißige Betrachten meiner Barmherzigkeit? Betrachte also meine Barmherzigkeit, wie ich dich erschaffen und erlöst habe, und wie ich noch immer Nachsicht mit dir habe. Bedenke auch, welch strenger Richter ich bin, und dass ich nichts ungestraft lasse; bedenke, wie unsicher die Todesstunde ist.

Das Auge der Seele soll einfältig wie das der Taube sein, die am Wasser den Raubvogel erblickt. Das bedeutet, dass dein Gedanke ständig um meine Liebe und mein Leiden und die Werke und Worte meiner Auserwählten kreisen sollte, durch die du lernen solltest, zu verstehen, wie der Teufel dich betrügen kann, so dass du niemals deiner selbst sicher sein kannst. Deine Ohren sollten sauber sein, so dass du keine leichtfertigen oder albernen Worte hören möchtest. Dein Herz sollte beständig sein, so dass du den Tod nicht fürchtest, nur bewahre dir den Glauben, fürchte dich nicht vor weltlicher Schmach und sei nicht betrübt über einen körperlichen Schaden, den du für mich, deinen Gott, erleidest.“

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83. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich liebe dich, wie ein guter Dienstherr seinen Diener, ein Vater seinen Sohn und ein Mann seine Ehefrau. Der Dienstherr sagt nämlich zu seinem Diener: „Ich werde dir Kleider, ausreichend Kost und maßvolle Arbeit geben.“ Zu seinem Sohn sagt der Vater: „Meine Ruhe ist deine Ruhe, und meine Erquickung ist die deine.“

Was sollen diese drei auf eine solche Liebenswürdigkeit antworten? Sicher wird der Diener, wenn er gut ist, zum Dienstherrn sagen: „Da mein Stand der eines Dieners ist, will ich lieber dir, als einem anderen dienen. Der Sohn wird zum Vater sagen: „Weil ich alles Gute von dir habe, will ich mich niemals von dir trennen.“ Die Ehefrau wird zu ihrem Mann sagen: „Weil ich meinen Unterhalt durch deine Arbeit habe, Wärme an deiner Brust und Süße von deinen Worten, will ich lieber sterben, als mich von dir trennen.“

Ich, der Herr, bin dieser Mann. Die Seele ist meine Braut. Sie soll sich in meiner Ruhe erquicken, von der Kost meiner Gottheit ernähren und lieber alle Plagen ertragen, als sich von mir trennen, denn ohne mich hat sie weder Freude noch Ehre. Aber zwei Dinge gehören zu einem guten Haushalt (?hjonelag). Erstens das Hab und Gut, wovon die Ehegatten ihren Unterhalt bestreiten. Zweitens ein Sohn, der das Erbe nach ihnen übernehmen wird. (Es heißt ja von Abraham, dass er darüber trauerte, dass er keinen Sohn hatte). Der Diener soll dazu da sein, um ihnen zu dienen.

Die Seele hat das für den Unterhalt notwendige Gut, wenn sie voller Tugenden ist. Sie hat auch einen Sohn, wenn sie den Verstand besitzt, die Tugenden von Lastern zu unterscheiden, und sie so unterscheidet, wie Gott will. Sie hat auch einen Diener, nämlich ein körperliches Verlangen, das sie aber nicht nach der Begierde des Fleisches leben lässt, sondern wie es dem Körper nützt und so, dass die Seele dadurch vervollkommnet wird.

Daher liebe ich dich, wie der Mann seine Ehefrau, denn meine Ruhe ist deine Ruhe. Deshalb musst du lieber mit Freunden alle Trübsal ertragen, als mich zum Zorn reizen. Ich liebe dich auch, wie ein Vater seinen Sohn, denn ich habe dir Unterscheidungsvermögen und einen freien Willen gegeben. Ich liebe dich auch wie ein Hausvater seinen Diener, dem er alles Notwendige und maßvolle Arbeit angeboten hat. Aber dieser Diener, d.h. der Körper, ist so unvernünftig, dass er lieber dem Teufel dienen will, der ihm niemals Ruhe vom Kummer der Welt gibt, statt mir.“

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84. Kapitel

Der Sohn spricht: „Von drei Männern wird erzählt, dass sie durch Frauen umgarnt sind. Der erste war ein König, dem seine Geliebte ins Gesicht schlug, als er sie anlog. Er war nämlich dumm, züchtigte sie nicht und kümmerte sich nicht um seine Ehre. Er war wie ein gekrönter Esel: Ein Esel auf Grund seiner Dummheit, und ein gekrönter auf Grund seiner hohen Würde.

Der zweite war Simson, der – obwohl er der stärkste Mann war – doch von einer Frau besiegt wurde. Er hatte das Herz eines Hasen, weil er eine Frau nicht bändigen konnte. Der dritte war Salomo, der wie ein Basilisk war, der mit seinem Blick tötet, aber (durch sein Spiegelbild) selbst von einem Spiegel getötet wird. Salomos Weisheit überstieg die von allen, und doch brachte ihn das Antlitz einer Frau zu Fall. Daher muss die Frau dem Manne untertänig sein.“

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85. Kapitel

Der Sohn spricht zur Braut: „Ich bin der Schöpfer aller Dinge. Vor mir liegt etwas wie zwei Blätter eines Buches. Auf dem einen steht „Barmherzigkeit“ geschrieben, auf dem anderen „Gerechtigkeit.“ Über den, der seine Sünden bereut und der sich vornimmt, nicht mehr zu sündigen, sagt daher die Barmherzigkeit, dass mein Geist ihn entzünden wird, gute Werke zu tun. Den, der sich von der Eitelkeit dieser Welt trennen will, den wird mein Geist noch brennender im Guten machen. Aber den, der sogar bereit ist, für mich zu sterben, wird mein Geist so entflammen, dass er ganz in mir und ich ganz in ihm sein werde.

Auf dem anderen Blatt steht dagegen „Gerechtigkeit“ geschrieben, und die sagt: „Wer sich nicht bessert, wenn er Zeit hat, sondern sich bewusst von Gott abwendet, den wird der Vater nicht verteidigen; der Sohn wird sich seiner nicht erbarmen, den wird der Heilige Geist nicht entzünden.“ Betrachte daher genau, so lange es Zeit ist, das Blatt der Barmherzigkeit, denn ein jeder, der erlöst werden soll, muss entweder durch das Wasser (der Taufe) oder durch Feuer gereinigt werden, d.h. entweder durch angemessene Buße in dieser Welt, oder durch das Fegefeuer nach dem Tode, bis er gereinigt worden ist.

Wisse auch, dass ich diese Blätter der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit einem Mann gezeigt habe, den du kennst, aber er macht sich nun über das Blatt meiner Barmherzigkeit lustig und meint, es sei rechts, was links ist. Und wie der Falke über die Vögel, so möchte er hoch über alle anderen aufsteigen. Daher muss man fürchten, dass er – wenn er sich nicht sehr in Acht nimmt – lachend stirbt und zusammen mit krakeelenden und trinkenden Menschen aus der Welt weggenommen wird.“
Das traf auch später ein, denn er stand fröhlich vom Tisch auf und wurde nachts von seinen Feinden umgebracht.

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86. Kapitel

Die Mutter spricht: „Ich bin die Königin des Himmels und die Mutter der Barmherzigkeit. Mein Sohn, der Schöpfer aller dinge, hatte eine solche Süße der Liebe zu mir, dass er mir geistliche Einsicht über alles gab, was geschaffen ist. Daher gleich ich am meisten der Blüte, aus der die Biene den meisten Süßstoff saugt, und in der die Süße trotzdem bleibt, wie viel man auch daraus holt. So kann ich allen Gnade vermitteln, und ich habe Überfluss daran.

Aber meine Auserwählten sind wie Bienen, die mir mit aller Hingehung Ehre erweisen. Sie haben wie die Biene zwei Füße, denn teils haben sie ständig das Verlangen, meine Ehre zu vermehren, teils arbeiten sie daran, so gewissenhaft sie können. Sie haben auch zwei Flügel, indem sie sich teils für unwürdig halten, mich zu loben, teils fügen sie sich an alles, was zu meiner Ehre dient. Bienen haben auch einen Stachel, und sie sterben, wenn sie den verlieren. So haben Gottes Freunde Trübsal auf der Welt, und die wird ihnen nicht vor Ende ihres Lebens abgenommen werden, denn dann würden sie nicht in den Tugenden bewahrt werden, doch werde ich, die überreich an Trost ist, sie trösten.“

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87. Kapitel

Der Sohn spricht zur Braut: „Ich habe dir früher gesagt, dass du klare Augen haben musst, so dass du das Böse schauen kannst, was du getan hast, und das Gute, was du unterlassen hast. Dein Mund, d.h. dein Sinn, soll rein von allen Flecken sein. Deine Lippen sind zwei Wünsche, die du haben sollst, nämlich der Wunsch, alles meinetwegen zu verlassen und den Willen, bei mir zu bleiben, und diese Lippen sollten von roter Farbe sein, weil Rot die schönste Farbe ist und auf lange Entfernung zu sehen ist.

Die Farbe bezeichnet jedoch die Schönheit, und alle Schönheit liegt in den Tugenden, denn es gefällt Gott am meisten, wenn man ihm das anbietet, was der Mensch am meisten liebt, und wovon andere in ihrer Seele am meisten erbaut werden. Deshalb sollte der Mensch im Willen oder im Tun Gott das geben, was er am liebsten hat.

Man liest ja, dass Gott sich freute, als er sein Werk beendet hatte. So freut sich Gott auch, wenn der Mensch sich ihm ganz opfert und in Not und Freude Gottes Willen folgen will. Die Arme wiederum müssen leicht und biegsam zu Gottes Ehre sein. Der linke Arm ist also das Betrachten des Guten und der Wohltaten, die ich dir erwiesen habe, als ich dich schuf und erlöst, und deine Undankbarkeit gegen mich. Aber der rechte Arm ist eine so brennende Liebe zu mir, dass du lieber Not leiden, als mich verlieren und mich zum Zorn reizen willst.

Zwischen diesen beiden Armen ruhe ich gern, und dein Herz soll mein Herz sein, denn ich bin wie ein Feuer der göttlichen Liebe, und deshalb will ich geliebt werden, wie ich dort brenne. Die Rippen, die das Herz schützen, sind deine Eltern, nicht die leiblichen, sondern meine Auserwählten, die du zu lieben hast wie mich, und mehr als deine leiblichen Eltern. Deine Eltern sind in Wahrheit die, die dich zum ewigen Leben neugeboren haben.

Die Haut der Seele sollte so schön sein, dass sie keine Flecken hat. Mit der Haut ist jeder deiner Nächsten gemeint; wenn du ihn so liebst wie dich selbst, so wird die Liebe zu mir und meinen Heiligen unbeschadet bewahrt, aber wenn du ihn hasst, schadet das dem Herzen, und die Rippen werden bloß, die Liebe meiner Heiligen wird bei dir geringer. Daher sollte die Haut auch keine Flecken haben, denn du darfst deinen Nächsten nicht hassen, sondern alles für Gott tun. Wenn du das tust, ist nämlich mein Herz ganz und unversehrt mit deinem Herzen vereint.

Weiter sagte ich dir vorher, dass ich mit brennender Liebe geliebt werden möchte, denn ich bin das Feuer der göttlichen Liebe. Mein Feuer hat drei wunderbare Eigenschaften. Die erste ist, dass es brennt und nie entzündet wird. Die zweite ist, dass es nie verlöscht. Die dritte ist, dass es immer brennt und nie verzehrt wird. So habe ich den Menschen in meiner Gottheit von Anfang an geliebt, und seit ich Menschengestalt annahm, brannte diese Liebe noch mehr und brennt so stark, dass sie nie verlöscht und die Seele brennend macht, aber sie nicht verzehrt, sondern ihr ständig neue Stärke schenkt.

Das kannst du dadurch verstehen, dass du an den Vogel Phönix denkst, wenn er durch Alter belastet wird, der auf dem höchsten Berg Holz sammelt, und nachdem das Holz von der Sonnenhitze angezündet ist, sich ins Feuer wirft, um – nachdem er im Feuer gestorben ist – von neuem aufzuleben. So wird die Seele, die vom Feuer der göttlichen Liebe entzündet worden ist, daraus als ein schönerer und stärkerer Phönix wieder auferstehen.

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88. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich bin der Schöpfer aller guten und bösen Geister. Ich bin auch der Lenker und Führer aller Geister. Ich bin auch der Schöpfer all der Tiere und Dinge, die es gibt und die Leben haben – und ebenso derer, die es gibt, aber kein Leben haben. Daher befolgt all das, was im Himmel, auf erden und im Meer ist, meinen Willen – außer allein der außer allein dem Menschen.

Du sollst wissen, dass manche Menschen wie ein Schiff sind, das Steuer und Mast verloren hat und unter den Wogen des Meeres hin und her geworfen wird, bis es an den Strand der Insel des Todes kommt. Auf diesem Schiff sind die Verzweifelten und die sich jeder Wollust hingegeben haben. Andere sind wie das Schiff, das noch Mast und Steuer sowie einen Anker mit zwei Taue hat. Aber der Hauptanker ist geborsten, und das Steuer versagt bald, wenn sich die Wogen zwischen das Steuer werfen.
Daher muss man genau Acht geben, dass das Steuer und das Schiff sich nicht voneinander trennen, sondern zusammenhängen, als ob sie eine Wäre zwischen sich hätten. Das dritte Schiff hat all seine Ausrüstung und ist bereit zu segeln, wenn die Zeit kommt. Und der erste Anker oder Hauptanker, den ich eben erwähnte, ist die Zucht des reinen Lebenswandels, geschmiedet und geglättet durch Geduld und den Eifer göttlicher Liebe.

Das ist nun verloren gegangen, denn den Lebensstill der Väter hat man unter die Füße getreten, und ein jeder hat das als reines Leben, was er selbst für nützlich hält, und so treiben sie hin und her, wie ein Schiff zwischen den Wellen. Der zweite Anker, von dem ich sagte, dass er ganz sei, ist der Wille, Gott zu dienen, und der ist mit zwei Tauen verbunden, nämlich der Hoffnung und dem Glauben, denn sie glauben, dass ich Gott bin und hoffen auf mich, dass ich sie erlösen will, und ich bin ihr Steuer. Und so lange ich im Schiff bin, dringen auch die Sturzwellen nicht ein, und es ist wie eine Wärme zwischen mir und ihnen.

Ich, Gott, bin bei ihnen auf ihrem Schiff, wenn sie nicht irgendetwas so sehr lieben, wie mich, und ich bin mit ihnen befestigt wie mit drei Nägeln, nämlich der Furcht, der Demut und der Betrachtung meiner Werke. Aber wenn sie etwas anderes mehr lieben als mich, so dringt das auflösende Wasser ein, und da lockern sich die Nägel, nämlich Furcht, Demut und das göttliche Betrachten; Da wird der Anker des guten Willens zerstört, und da reißen die Taue, nämlich der Glaube und die Hoffnung. Die auf diesem Schiff an Bord sind, schweben in großer Gefahr und steuern deshalb auf gefährliche Plätze zu. Auf dem dritten Schiff, von dem ich sagte, dass es bereit zu fahren ist, sind meine Freunde.“
 

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89. Kapitel

Der Sohn spricht: „Wer streiten will, muss Mannesmut haben; er sollte sich wieder erheben, wenn er fällt, und sich nicht auf seine eigenen Kräfte verlassen, sondern auf meine Barmherzigkeit. Wer auf meine Güte nicht vertraut, denkt nämlich bei sich selbst: „Wenn ich etwas Schweres versuche oder meinen Leib mit Fasten zügele oder mich mit Wachen anstrenge, so kann ich nicht ausdauernd sein und mich von Sünden fernhalten, denn Gott hilft mir nicht.

Ein solcher Mann fällt mit Recht. Wer geistlich streiten will, sollte sich also auf mich verlassen und hoffen, dass er es mit Hilfe meiner Gnade vollbringen kann. Ferner muss er den Willen haben, das Gute zu tun und das Böse zu unterlassen, und wieder aufzustehen, so oft er fällt, indem er dieses Gebet spricht: „Allmächtiger Herr Gott, der du alle zum Guten leitest, ich Sünder habe mich durch meine Verfehlungen weit von dir entfernt, aber ich danke dir dafür, dass du mich auf den rechten Weg zurückgeführt hast. Daher bitte ich dich, mildester Jesus, dass du dich meiner erbarmst, der du blutend und gepeinigt am Kreuz gehangen hast. Und ich bitte dich durch deine fünf Wunden und den Schmerz, der aus deinen durchstochenen Adern ins Herz drang, dass du mich heute gnädig bewahrst, so dass ich nicht in Sünde falle. Gib mir auch die Kraft, den Pfeilen des Feindes zu widerstehen und mutig wieder aufzustehen, wenn es geschehen sollte, dass ich in Sünde falle.“

Aber damit der Kämpfende im Guten beharren kann, sollte er auf folgende Weise beten: „Herr Gott, für den nichts unmöglich ist und der alles kann, gib mir Kraft, gute Werke zu tun und im Guten zu beharren.“ Dann mag er das Schwert in die Hand nehmen, d.h. die reine Beichte, und das Schwert soll wohlgeschliffen und glänzend sein; geschliffen, so dass er sein Gewissen genau prüft, wie, wie viel es war, und aus welchem Grunde er gesündigt hat; glänzend, so dass er sich nicht vor nichts schämt oder etwas geheimält, oder die Sünde anders erzählt, als wie es zugegangen ist.

Dieses Schwert soll auch zwei scharfe Kanten haben, nämlich den Willen, nicht mehr zu sündigen, und den Willen, für die begangenen Sünden Besserung zu leisten. Die Spitze des Schwertes soll die Reue sein, womit der Teufel totgeschlagen wird, wenn der Mensch, der sich vorher über die Sünde gefreut hat, nun Zerknirschung und Trauer darüber empfindet, dass er mich, Gott, zum Zorn gereizt hat. Das Schwert muss auch einen Schaft haben, nämlich das Betrachten von Gottes großer Barmherzigkeit. Diese Barmherzigkeit ist ja so groß, dass es keine Sünder gibt, der so elend ist, dass er nicht Vergebung findet, wenn er darum bittet und den Willen hat, sich zu bessern.

Mit deren Beachtung (nämlich dass Gottes Barmherzigkeit alles übersteigt) sollte das Schwert der Beichte gehalten werden. Aber damit nicht die Hand von den Kanten verletzt wird, ist ein Eisen zwischen der Schneide und dem Schaft, und der Schwertknauf hindert das Schwert, aus der Hand zu fallen. So sollte der, der das Schwert der Beichte hat und hoffen darf, dass er um Gottes Barmherzigkeit willen seine Sünden vergeben bekommt und von ihnen gereinigt wird, sich hüten, dass er nicht wegen einer vermessenen Hoffnung auf Vergebung zu Fall kommt. Daran sollte ihn der Schwertknauf (d.h. die Furcht vor Gott) hindern, indem er fürchtet, dass Gott ihm seine Gnade entzieht und wegen seiner allzu großen Vermessenheit auf ihn zornig wird.

Aber damit die arbeitende Hand nicht verletzt wird und ihre Kraft wegen allzu vieler und unkluger Arbeit verliert, das wird durch das Quergestellte Eisen verhindert, das zwischen den Hand und der Schwertschneide ist, d.h. die Betrachtung von Gottes Geduld – wie ich, obwohl ich so gerecht bin, nichts ungestraft und ungereinigt lasse, doch so barmherzig und nachsichtig bin, dass ich nichts über das hinaus verlange, was die Natur gut ertragen kann, und um des guten Willens wegen erlasse ich die größte Strafe, ja vergebe eine große Sünde für kleine Bußtat.
Die Brünne des Ritters ist Enthaltsamkeit, denn wie die Brünne aus vielen Ringen besteht, so besteht die Enthaltsamkeit aus vielen Tugenden, nämlich der Versicht darauf, böse dreinzuschauen (ond syn) und auf das Böse, das die anderen Sinne bieten können, der Verzicht auf Schwelgerei, Wollust, überflüssige Kleidung und vieles andere, was der hl. Benedikt gebietet, dass man es nicht tun soll.

Aber nun kann man sich diese Brünne nicht selber anlegen, sondern man braucht dazu die Hilfe eines anderen. Daher muss man meine Mutter, die Jungfrau Maria, anrufen und ehren, denn sie ist das Beispiel für alle Arten eines guten Lebensstils und das Muster aller Tugenden, und wenn sie beständig angerufen wird, wird sie die vollkommene Enthaltsamkeit für den Sinn des Menschen kundtun.
Der Helm ist die vollkommene Hoffnung. Er hat gleichsam zwei Bohrlöcher, durch die der Ritter schaut. Das erste ist der Gedanke an das, was getan werden soll, das zweite ist die Betrachtung dessen, was zu unterlassen ist. Jeder, der auf Gott hofft, sollte nämlich stets bedenken, was er zu Gottes Ehre tun, und was er unterlassen soll. Der Schild sollte die Geduld sein, womit er sich alles gefallen lassen soll, was ihm passiert.

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90. Kapitel

Der Sohn spricht: „Meine Freunde sind wie mein Arm. Im Arm sind fünf Dinge, nämlich Haut, das Blut, der Knochen, das Fleisch und das Mark. Aber ich bin wie ein weiser Arzt, der zuerst alles unnütze wegschneidet und dann Fleisch mit Fleisch und Knochen mit Knochen vereint und danach die Heilmittel hinzufügt.
So habe ich es mit meinen Freunden gemacht. Zuerst nehme ich ihnen alle weltliche Lüsternheit und unzulässiges fleischliches Begehren fort. Danach fügte ich mein Mark zu ihrem Mark. Was ist mein Mark anderes, als die Macht meiner Göttlichkeit? Denn wie jeder Mensch stirbt, wenn er kein Knochenmark hat, so stirbt auch der, der nicht an meiner Gottheit teilhat. Die habe ich also mit ihrer Krankheit verbunden, wenn meine Weisheit ihnen schmeckt und in ihnen Frucht trägt, und wenn ihre Seele versteht, was getan und was unterlassen werden muss.

Die Knochen bezeichnen meine Stärke; die habe ich mit ihrer Stärke vereint, wenn ich sie stark mache, Gutes zu tun. Das Blut bezeichnet den Willen; den habe ich mit ihrem Willen verbunden, wenn ihr Wille sich nach meinem Willen richtet, und sie nichts anderes begehren und suchen, als mich allein. Das Fleisch bezeichnet meine Geduld; die habe ich mit ihrer Geduld vereint, wenn sie geduldig sind, wie ich es war, als ich vom Scheitel bis zur Sohle verwundet war. Die Haut bezeichnet die Liebe; die habe ich mit mir vereint, wenn sie nicht anderes lieben so wie mich, und mit meiner Hilfe gern für mich sterben würden.“
 

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91. Kapitel

Der Sohn sagt zur Braut: „Du musst dich auf vierfache Art demütigen. Zuerst vor den Mächtigen der Welt, denn nachdem der Mensch verachtet hat, Gott zu gehorchen, ist es gerecht, dass er dem Menschen gehorcht. Und da der Mensch keinen Bestand ohne Steuermann haben kann, muss man sich der Macht beugen. Zweitens vor den geistlich Armen, d.h. vor den Sündern, indem du für sie betest und Gott dankst, dass du kein solcher geworden bist oder noch bist. Drittens vor den geistlich Reichen, d.h. vor Gottes Freunden, indem du bedenkst, dass du unwürdig bist, ihnen zu dienen und mit ihnen umzugehen. Viertens vor den Armen der Welt, indem du ihnen beistehst, sie kleidest und ihnen die Füße wäschst.“

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92. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich sagte dir vorher, dass meine Freunde mein Arm sind. Ja, so verhält es sich in Wahrheit, denn in ihnen sind der Vater, der Sohn und der Heiligen Geist samt meiner Mutter mit der ganzen himmlischen Heerschar. Die Gottheit ist gewiss wie das Mark, ohne das niemand leben kann. Die Knochen sind meine Menschengestalt; die war stark genug, um zu leiden. Der Heiligen Geist ist wie das Blut, denn er erfüllt und erfreut alles. Meine Mutter ist wie das Fleisch, denn in ihr wohnte die Gottheit und Menschlichkeit und der Heilige Geist. Die Haut ist die ganze himmlische Heerschar. So wie die Haut, so überragt meine Mutter alle Heiligen an Tugend.

Denn obwohl die Engel rein sind, ist sie doch noch reiner, und obwohl die Propheten von Gottes Geist erfüllt waren und die Märtyrer viele Leiden ausgestanden haben, war doch der Geist in reicherer und wärmerer Weise in meiner Mutter, und sie war mehr als ein Märtyrer. Und wenn sich die Bekenner auch von allem zurückhielten, besaß doch meine Mutter eine noch vollkommenere Enthaltsamkeit, denn in ihr war meine Gottheit mit der Menschengestalt.

Wenn meine Freunde mich haben, ist also die Gottheit in ihnen, durch die die Seele lebt – die Kraft meiner Menschlichkeit, wodurch sie stark bis zum Tode werden, und das Blut meines Geistes, wodurch ihr Wille zu allem Guten bewegt wird. Und ihr Fleisch ist erfüllt mit meinem Blut und meinem Fleisch, wenn sie sich unbefleckt halten wollen, und wenn sie ihre Keuschheit unter Mitwirkung meiner Gnade bewahren. Und meine Haut ist mit ihrer Haut vereint, wenn sie dem Leben und den Sitten meiner Heiligen nacheifern.
So werden also meine Heiligen mit Recht mein Arm genannt, und du musst durch deinen Willen, dich im Guten zu verbessern und ihnen nachzueifern, so viel du kannst, ein Glied darin bleiben. Denn wie ich sie mit mir durch die Vereinigung Menschengestalt vereine, so musst auch du mit ihnen und mir durch diesen meinen Leib vereinigt werden.

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93. Kapitel

Der Sohn spricht: „Drei Dinge gebiete ich dir. Erstens, dass du nicht begehrst, außer Kost und Kleidung. Zweitens, geistliche Dinge nicht ohne meinen Willen zu begehren. Drittens, über nichts anderes betrübt zu sein, außer über deine eigenen Sünden und die von anderen. Denn wenn du trauern willst, so solltest du die Strenge meines Gerichts betrachten: Die kannst du erwägen und fürchten im Gedanken an den Mann, der jetzt verurteilt ist.
Als er ins Kloster ging, hatte er drei Dinge im Sinn, nämlich dass er ohne Arbeit leben könnte und seinen Lebensunterhalt ohne Sorge hätte. Drittens dachte er so: „Wenn mich die Versuchung des Fleisches anficht, kann ich leicht eine Gelegenheit finden, ohne die Einmischung von jemanden fortzulaufen.“

Deshalb wurde er dreifach geplagt. Denn nachdem er ohne Arbeit sein wollte, wurde er mit Worten und Schlägen zur Arbeit gezwungen. Zweitens musste er Mangel an Essen und Kleidung leiden. Drittens wurde er von allen so verachtet, dass er sich nicht in seiner Geilheit amüsieren konnte. Aber als er dann die Gelübde ablegen sollte, dachte er so: „Nachdem ich auf der Welt nicht ohne Arbeit leben kann, ist es besser für mich, im Kloster zu sein und für Gott zu arbeiten.“

Weil er einen solchen Willen hatte, kam meine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zu ihm, dass er, nachdem er gereinigt wurde, zur ewigen Ehre gelangen könnte. Denn nachdem er die Gelübde abgelegt hatte, wurde er gleich von einer schweren Krankheit ergriffen und bis zu dem Grad geplagt, dass die Augen voller Schmerz waren, die Ohren nichts mehr hörten, und alle Glieder ihre Kraft verloren – so ging das, weil er ohne Arbeit sein wollte.

Er litt auch an größerer Nacktheit als draußen in der Welt, und als er gutes Essen hatte, konnte er es nicht essen, und als der Körper das verlangte, hatte er das nicht. So wurde sein Leib vor dem Tode aufgezehrt, ja er wurde wie ein unnützer Stock.
Nach dem Tode kam er vor das Jüngste Gericht wie ein Dieb, nachdem er das Klosterleben nach seinem eigenen Willen hatte leben wollen, nicht um seinen Wandel zu verbessern. Doch sollte er nicht wie ein Dieb verurteilt werden, denn obwohl er kindisch und töricht im Verstand und im Gewissen war, hatte er doch an mich geglaubt und auf mich, seinen Gott, gehofft, und deshalb wurde er barmherzig beurteilt.

Da er seine Sünde nicht völlig durch die körperliche Pein abwaschen konnte, so wurde seine Seele im Fegefeuer weiter so schwer geplagt, als ob die Haut abgezogen würde und die Knochen in eine Presse gesetzt würden, damit das Mark herausgezogen würde. Was sollen da erst die leiden, die allen Erfolg haben, während sie sündigen, und kein Unglück leiden oder leiden wollen? Wehe ihnen! Sie sagen ja zu mir: „Warum ist Gott gestorben, und welchen Nutzen hat denn nur sein Tod?“

So vergelten sie mir, dass ich sie erlöst habe, dass ich sie bewahre und ihnen Gesundheit und alles Notwendige schenke. Und deshalb werde ich Rechenschaft von ihnen verlangen, denn sie haben den Glauben aufgegeben, den sie mir in der Taufe gelobt hatten. Und weil sie täglich sündigen und meine Gebote verschmähen, werde ich nicht das Geringste ungestraft lassen, wozu sie nach der Klosterregel verpflichtet waren, aber doch gebrochen haben.“

Erklärung
Dieser Bruder hatte eine verborgene Sünde, die er nie beichten wollte. Auf Christi Gebot hin ging die hl. Birgitta zu ihm uns sagte: „Sei genauer in deiner Buße, denn du hast etwas in deinem Herzen verborgen, und solange du es dort verbirgst, kannst du nicht sterben.“ Er antwortete ihr, dass er nichts habe, was er nicht in seiner Beichte offenbart habe. Da sagte sie: „Denk nach, mit welcher Absicht du ins Kloster gegangen bist und mit welcher Absicht du bis jetzt gelebt hast, und du wirst die Wahrheit in deinem Herzen finden.“

Da brach er in Tränen aus und sagte: „Gesegnet sei Gott, der dich zu mir gesandt hat! Nachdem du mit deiner Rede bis in die Heimlichkeiten meines Herzens eingedrungen bist, will ich denen, die darauf hören, die Wahrheit sagen. Ich habe nämlich etwas in meinem Herzen verborgen, was ich nie gewagt habe, es zu verraten, und es auch nicht konnte, denn so oft ich andere Sünden beichtete, war meine Zunge wie gefesselt, wenn es um diese Sünde ging, und eine gewaltige Scheu ergriff mich, so dass ich die verborgene Qual meines Herzens nicht bekennen konnte.

So oft ich meine Herzensbeichte ablegt, fand ich deshalb immer einen neuen Abschluss für meine Worte, indem ich sagte: „O Vater, ich bekenne vor Euch meine Schuld im Hinblick auf all das, worüber ich für Euch geredet habe und auch für das, worüber ich nicht gesprochen habe, und durch diesen Abschluss glaubte ich, dass all meine heimlichen Sünden vergeben würden. Aber jetzt, meine Frau, will ich, wenn es Gott gefällt, gern der ganzen Welt das offenbaren, was ich eine so lange Zeit in meinem Herzen verborgen habe.“ Unter Tränen bekannte er dem herbeigerufenen Beichtvater vollständig all diese Sünden, und in derselben Nacht starb er.

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94. Kapitel

Gottes Sohn spricht zur Braut und sagt: „die äußere Schönheit bezeichnet die innere Schönheit, die der Mensch haben muss. Daher solltest du, wenn du dein Kopftuch umbindest, womit die Haare zusammengebunden werden, sagen: „O Herr Gott, ich danke dir dafür, dass du Nachsicht in meiner Sünde mit mir hattest! Nachdem ich wegen meiner mangelnden Enthaltsamkeit nicht würdig bin, dich zu sehen, verhülle ich meine Haare.“

Und der Herr sagte weiter: „Mangel an Enthaltsamkeit ist mir so verächtlich, dass nicht einmal eine Jungfrau, wenn sie willens ist, unzüchtig zu leben, in meinen Augen eine reine Jungfrau ist, sofern sie diesen Willen nicht bereut und sich bessert. Und wenn du nun die Stirn verhüllst, sollst du sagen: „O Herr Gott, der du alles so wohl geschaffen hast und den Menschen vornehmer als aller andere geschaffen hast, nämlich zu deinem Abbild, erbarme dich über mich! Nachdem ich die Schönheit meines Gesichts nicht dir zu Ehren bewahrt habe, verschleire ich meine Stirn.“
Wenn du dir die Schuhe anziehst, sollst du sagen: „Gesegnet seist du, mein Gott, der mir befiehlt, Schuhe zu besitzen, damit ich in deinem Dienst stark und nicht träge bin! Stärke mich, damit ich in deinen Angelegenheiten gehen kann!“

Bei all deinen übrigen Kleidern sollte Demut vorherrschend sein, und in all deinen Gliedern ein maßvoller Anstand. Wenn du zu Tisch gehst, sollst du sagen: „O Herr Gott, wenn du willst, (wie du es ja tatsächlich kannst), halte mich auch ohne Nahrung am Leben, so würde ich gern darum bitten, aber nachdem du uns anbietest, mit kluger Mäßigkeit Nahrung zu uns zu nehmen, so bitte ich dich: Gib mir Enthaltsamkeit im Essen, dass ich mit deiner Gnade nach der Erfordernis meiner Natur und nicht nach dem Begehren der Fleischeslust essen kann.“
Wenn du dich schlafen legst, sollst du sagen: „Gesegnet seist du Gott, der uns den Wechsel der Stunden zur Freude und Erquickung der Seele und des Leibes beschert, ich bitte dich: Gib meinem Körper Ruhe diese Nacht, und bewahre mich unbeschadet vor der Macht und Hinterlist des Feindes.“

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95. Kapitel

Gottes Sohn spricht: „Ich stehe wie ein König da, der zum Streit gefordert ist. Wahrhaftig, meine feste Absicht und mein Vorsatz ist so, dass – bevor ich an einem Punkt von der Gerechtigkeit abweiche, würden Himmel und Erde und alles, was darin ist, zusammenstürzen. Aber die Absicht des Teufels ist so, dass er lieber als sich zu demütigen, haben wollte, dass es ebenso viele Höllen wie Sonnenkörnchen geben würde, und dass er ewig in ihnen alle zusammen gepeinigt würde

Sieh, nun kommen ein paar von meinen Feinden zum Gericht, und es gibt keinen größeren Abstand zwischen uns, als zwei Schritt. Ihr Banner ist aufgerichtet, ihr Schild hängt am Arm, und ihre Hand ruht auf dem Schwert, aber das ist noch nicht gezückt. Und meine Geduld ist so groß, dass ich nicht zuschlage, wenn sie nicht zuerst schlagen
Auf dem Banner des Feindes stehen drei Dinge: Schwelgerei, Gier und Geilheit. Ihr Helm ist ihre Herzenshärte, denn sie achten nicht auf die Pein der Hölle und auch nicht darauf, wie abscheulich die Sünde für mich ist. Die Öffnungen des Helmes ist die Wollust des Fleisches und der Wille, der Welt zu gefallen, denn wegen solcher Dinge laufen sie umher und sehen das, was sie nicht sehen sollte.

Ihr Schild ist der falsche Glaube, womit sie die Sünde entschuldigen und sie der Schwachheit des Fleisches zuschreiben, und es deshalb nicht für lohnend halten, für die Sünden um Vergebung zu bitten. Ihr Schwert ist der Wille, in der Sünde zu verharren, und das Schwert ist noch nicht gezückt, weil ihre Bosheit noch nicht vollendet ist. Aber das Schwert wird gezückt, wenn sie sündigen wollen, solange sie noch zu leben haben.

Und sie schlagen zu, wenn sie mit der Sünde renommieren und im Zustand der Sünde bleiben wollen. Wenn ihre Bosheit so vollkommen ist, wird eine Stimme in meiner Heerschar rufen: „Nun schlag zu!“ Da wird das Schwert meiner Strenge sie vernichten, und ein jeder wird Pein erleiden, nachdem er bewaffnet war. Ihre Seelen werden von den Teufeln ergriffen werden, die wie Raubvögel nicht das zeitlich Gute, sondern die Seelen suchen, die sie in Ewigkeit zerfleischen werden.“

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96. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich sagte dir vorher, dass zwischen meinen Feinden und mir nur ein Abstand von zwei Schritten besteht. Nun nahen sie mit einem Fuße dem Gericht. Der eine dieser Füße ist der Lohn für ihre guten Werke, die sie meinetwegen getan haben. Daher wird sich von dem Tage an ihre Schande vermehren, ihre Lust bitterer werden, ihre Freude ihnen genommen werden, ihre Trauer und Trübsal zunehmen.

Der andere Fuß ist dagegen ihre Bosheit, die noch nicht vollkommen ist. Wie man zu sagen pflegt, wenn ein Fass voll ist, läuft es über, so werden sie, wenn Seele und Leib sich (im Tode) trennen, vom Richter verdammt werden. Das Schwert ist der Wille, zu sündigen. Es ist zur Hälfte gezückt, denn wenn die Ehre vermindert wird und Feinde zusammenstoßen, so haben sie mehr Angst und werden schon zur Sünde aufgereizt. Erfolg und Ehre haben ihnen nämlich nicht viel Zeit gelassen, über die Sünde nachzudenken. Aber nun möchten sie gern lange leben, um ihre Last vervollkommnen zu können, und sie fangen an, noch freier zu sündigen. Wehe ihnen, denn wenn sie sich nicht bessern, nähert sich nun deren Untergang.“

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97. Kapitel

Der Sohn spricht zu einem Prälaten und sagt ihm: „Du bist wie ein Mühlrad, das sich nicht bewegt; wenn es still steht und sich nicht rührt, so wird kein Korn gemahlen. Dieses Rad bezeichnet deinen Willen, der beweglich sein sollte – nicht nach deinem Wunsch und deinem Begehren, sondern nach meinem; du müsstest dich ja ganz meinen Händen überlassen.
Aber dieses Rad bewegt sich ziemlich wenig nach meinem Willen, denn das Wasser der weltlichen Gedanken beunruhigt deinen Sinn, während das Betrachten meiner (sic) eigenen Taten und meiner Pein gleichsam tot in deinem Herzen ist. Daher schmeckt dir auch die Nahrung der Seele nicht, und du spürst sie nicht. Deshalb solltest du das aufbrechen, was die Wasserzuführung verhindert, so dass das Wasser einfließen kann, das Rad sich bewegen und das Korn leicht zermahlen werden kann.

Das Hindernis, das das Wasser zurückhält, ist der Hochmut des Sinnes und der Ehrgeiz, wodurch die Gnade des Heiligen Geistes und alles Gute abgesperrt wird, und alles Gute, wodurch die Seele fruchtbar werden sollte, verhindert wird. Dein Sinn sollte also die wahre Demut annehmen, denn durch die fließt die Seligkeit meines Geistes in deine Seele, und die weltlichen Gedanken aus.

Dadurch wird auch dein Wille nach meinem Willen beweglich und vervollkommnet. Und dann fängst du an, deine Werke zu beurteilen und abzuwägen wie Korn, und einzusehen, dass meine Taten etwas Grosses sind. Was ist die wahre Demut anders, als sich um die Gunst der Menschen oder ihren Tadel nicht zu kümmern, meinen Weg zu wandern, der vergessen und versäumt ist, keinen Überfluss zu suchen und so zu werden, wie das einfache Volk.

Wenn du diesen weg liebst, dann werden dir die geistlichen Dinge schmecken, dann werden meine Pein und der Wandel meiner Heiligen für deinen Sinn lieblich sein. Dann wirst du auch verstehen, wie viel du den Seelen schuldig bist, die du dir vorgenommen hast, zu lenken. Weil du nu mit beiden Füßen hoch oben auf das Rad gestiegen bist, nämlich mischt Macht und Ehre, bist du durch die Macht herrschsüchtig und durch die Ehre hochmütig geworden

Aus diesem Grunde sollst du nun herabsteigen, indem du dich in deinen Sinn demütigst und die Demütigen bittest, für dich zu beten. Sonst werde ich dir meine Gerechtigkeit wie den reißend Sten Strom senden und bis zum letzten Scherflein Rechenschaft für deine Begierden, deine Gedanken und dein Tun verlangen, und ich werde auch von dir die Seelen fordern, die ich deiner Obhut anvertraut habe, und die ich selbst mit meinem Blut erlöst habe.“

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98. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich werde meinem Freund vier Pfeile geben. Mit dem ersten sollte der beschossen werden, der auf einem Auge blind ist, mit dem zweiten der, der auf einem Fuße lahm ist, mit dem dritten der, der auf einem Ohre taub ist, mit dem vierten der, der niedergeworfen am Boden liegt. Der ist auf einem Auge blind, der sehen kann und die Gebote Gottes und die Werke meiner Heiligen kennt, aber nicht darauf achtet, sondern die Genüsse der Welt sieht und sie begehrt.

Der muss derartig beschossen werden, dass man ihm sagt: „Du bist wie Luzifer, der Gottes höchste Schönheit sah, der aber sich unrechtmäßig danach sehnte, was er nicht durfte, und deshalb hinab zur Hölle fuhr, wohin du auch niederfahren wirst, wenn du dich nicht besserst, denn du verstehst Gottes Vorschriften, und dass alles in dieser Welt vergänglich ist, aber du beachtest das nicht. Daher ist es am ratsamsten für dich, an dem festzuhalten, was sicher ist, und das Vergängliche zu verlassen, so dass du nicht zur Hölle niederfahren musst.

Der ist auf einem Fuße lahm, der begangene Sünden bereut, aber danach strebt, weltliche Vorteile und Gewinne zu erzielen. Der muss in der Weise beschossen werden, dass man ihm sagt: „Du arbeitest zum Nutzen deines Leibes, der doch bald von Würmern verzehrt wird. Arbeite lieber fleißig für deine Seele, die in Ewigkeit leben wird.“
Der ist auf einem Ohr taub, der sich danach sehnt, meine Worte und die meiner Heiligen zu hören, aber das eine Ohr für das Leichtfertige und Weltliche offen hat. Zu ihm sollte deshalb gesagt werden: „Du bist wie Judas, der mit einem Ohr Gottes Wort hörte und es durch das andere wieder herausgehen ließ, weshalb er keinen Nutzen von dem hatte, was er hörte. Schließe deine Ohren vor eitlen Dingen zu, so dass du dahin kommen kannst, wo du den Gesang der Engel hören kannst.“

Der liegt ganz und gar am Boden, der in weltliche Dinge eingebunden ist und doch daran denkt und gern wissen möchte, wie er sich bessern könnte. Ihm muss gesagt werden: „Diese Zeit ist kurz wie ein Augenblick, aber die Pein der Hölle ist ewig, und die Ehre der Heiligen ewiglich. Daher solltest du, wenn du zum wahren Leben kommen willst, es nicht für beschwerlich halten, etwas Schweres und Bitteres auf dich zu nehmen, denn ebenso milde wie Gott ist, ebenso gerecht ist er auch.“
Wenn jemand in dieser Weise beschossen wird, und wenn der Pfeil blutig aus seinem Herzen heraus kommt, d.h. wenn er wirkliche Reue empfindet und sich vornimmt, sich zu bessern, so wird er das Öl meiner Gnade empfangen, mit dem alle seine Glieder geheilt werden sollen.“

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99. Kapitel

Die Mutter spricht: „In dieser Zeit wurde mein Sohn gepeinigt. Als Judas, sein Verräter, sich ihm nahte, beugte er sich zu ihm nieder (denn Judas war kleingewachsen) und sagte: „Freund, warum bist du hergekommen?“ Und gleich packten ihn andere; manche zogen ihn an den Haaren, andere spuckten ihn an.“
Danach sprach der Sohn und sagte: „Ich werde wie ein Wurm geachter, der im Winter wie tot daliegt, und auf den die Vorbeigehenden spucken und auf seinen Rücken trampeln. Die Juden haben mich heute behandelt wie einem Wurm, denn sie hielten mich für das schmählichste und elendste Geschöpf.

So verachten mich sogar die Christen, denn alles, was ich aus Liebe für sie getan und ausgestanden habe, das halten sie für eine Nichtigkeit. Sie trampeln auch meinen Rücken, wenn sie einen Menschen mehr fürchten und verehren, als mich, ihren Gott, und wenn sie meine Gerechtigkeit für nichts halten und nach ihrem Gutdünken die Zeit und Art für mein Erbarmen bestimmen wollen.
Weiter schlagen sie mich sozusagen auf die Zähne, wenn sie – nachdem sie meine Gebote und mein Leiden gehört haben, sagen: „Lasst uns in diesem Leben tun, was uns Vergnügen macht, das Himmelreich werden wir auf alle Fälle erhalten, denn wenn Gott uns vergehen lassen oder in Ewigkeit strafen lassen wollte, so hätte er uns nicht geschaffen und uns auch nicht mit einer so bitteren Pein erlöst.“

Daher werden sie meine Gerechtigkeit Kennen lernen, denn ebenso wie nicht einmal das kleinste Gute unbelohnt bleiben wird, so wird auch das geringste Böse nicht ungestraft bleiben. Sie verachten mich auch und trampeln sozusagen auf mir herum, wenn sie die Urteil der Kirche, nämlich denn Bannfluch, nicht beachten. Ebenso wie die Gebannten öffentlich von allen anderen gemieden werden, so werden sie deshalb auch von mir getrennt, denn wenn ein Mensch weiß, dass er gebannt ist, sich aber nicht darum schert, schadet er dem Bannfluch mehr, als ein leibhaftiges Schwert. Deshalb will ich, der nun einem Wurm gleicht, durch mein schreckliches Gericht zum Leben erwachen, und ich werde so schrecklich kommen, dass die, die mich sehen, zu den Bergen sagen werden: „Fallt über uns und verbergt uns vor dem Anblick von Gottes Zorn!“

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100. Kapitel

Gottes Sohn spricht zur Braut: „Du musst sein wie eine Geige, auf der der Spieler liebliche Töne hervorruft. Wer die Geige besitzt, versilbert sie außen, so dass sie kostbarer aussehen soll, und vergoldet sie ihnen mit echtem Gold. So musst auch du mit guten Sitten und menschlicher Weisheit versilbert sein, so dass du verstehst, was du Gott und deinem Nächsten schuldig bist, und was deiner Seele und deinem Leibe zur ewigen Erlösung dienlich ist. Inwendig musst du mit Demut vergoldet sein, so dass du nicht darauf aus bist, jemandem zu gefallen außer mir und auch nicht fürchtest, den Menschen meinetwegen zu missfallen.

Die Spieler macht weiter drei Sachen mit seiner Geige. Zuerst hüllt er sie in (?sindal), dass sie keine Flecken bekommt. Zweitens macht er ein Futteral, in dem sie verwahrt werden kann. Drittens macht er ein Schloss ans Futteral, dass sie nicht von einem Dieb weggetragen werden kann.

In derselben Weise musst du in Reinheit eingehüllt werden, so dass du nicht mehr weder von Begierde noch Lust befleckt wirst. Strebe gern danach, einsam zu sein, denn der Umgang mit Schlechten Menschen verdirbt gute Sitten. Das Schloss bezeichnet die gewissenhafte Aufsicht über deine Sinne und dein ganzes Innere, so dass du bei all dienen Handlungen darauf achtest, dass du nicht durch die Hinterlist des Teufels betrogen wirst. Aber der Schlüssel ist der Heilige Geist, der dein Herz zu meiner Ehre und zum Wohl der Menschen öffnet, wie es mir gefällt.“

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101. Kapitel

Gottes Mutter spricht: „Das Herz meines Sohnes ist so süß, so süß wie Honig und so rein, so rein wie die allerklarste Quelle, denn alles, was Tugend und Güte heißt, geht von da aus wie von einer Quelle. Es ist auch am allerlieblichsten. Denn was ist für einen weisen Menschen lieblicher, als seine Liebe in seiner Schöpfung und Erlösung zu betrachten, in seinem Tun und seiner Lehre, in seiner Huld und Geduld?
Seine Liebe ist gewiss nicht flüssig wie das Wasser, sondern um fassende und wahrhaftig, denn seine Liebe bleibt beim Menschen bis zum Ende, so dass der Sünder, wenn er auch an den Pforten der Verdammnis stünde, davor gerettet werden würde, wenn er (mich) anrufen würde und sich bessern wollte.

Nun gibt es zwei Wege, zu Gottes Herz zu kommen. Der erste ist die Demut der wahren Reue, und sie lenkt den Menschen hin zu Gottes Herz und dem geistlichen Gespräch mit ihm. Der andere Weg ist die Betrachtung der Pein meines Sohnes. Die nimmt die Härte des Menschen fort und bewirkt, dass er froh zu Gottes Herzen eilt.

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102. Kapitel

Gottes Mutter sprach zum Sohn und sagte: „Mein Klage ist groß. Obwohl du alles weißt, will ich es doch ihretwegen vorbringen, was hier steht.“ Der Sohn erwiderte: „Mir ist alle richterlich Vollmacht gegeben, und mir kommt es zu, über alles zu urteilen. Zu einem gerechten Richter gehören jedoch neun gute Dinge, Erstens, aufmerksam zuzuhören. Zweitens, das vorgebrachte zu erwägen und zu beurteilen.
Drittens der Wille, gerecht zu urteilen. Viertens, die Ursache zum Rechtsstreit zu erforschen. Fünftens, herauszufinden, wie lange Zeit der Streit schon erfolgt ist, denn durch Aufschieben des Gerichts kann ein schwerer Schaden entstehen. Sechstens zu ergründen, wie die Zeugen sind, sie zu verhören und zu untersuchen, ob sie übereinstimmen, sowie zu sehen, ob der eine der Streitenden mehr Zeugen als der andere hat.

Siebtens, im Gericht nicht übereilt oder ängstlich zu sein und keine Gewalt, Schaden oder Schande um der Wahrheit willen zu fürchten. Achtens, keine Rücksicht auf Bitten oder Geschenke von Menschen zu nehmen. Neuntens, unparteiisch im Urteilen zu sein, den Reichen ebenso wie den Armen zu beurteilen, den Bruder und den Sohn ebenso wie den Fremden, und nicht um irgendeines weltlichen Vorteils willen gegen die Wahrheit zu handelt. Sag nun, liebste Mutter, was du auf dem Herzen hast!“

Die Mutter erwiderte: „Zwei streiten miteinander. Sie haben zwei verschiedene Geister: In dem einen wohnt ein guter, in dem anderen ein böser Geist. Sie streiten um das, was du mit deinem Blut erkauft hast, der eine um zu töten, der andere, um Leben zu spenden. Bei dem einen wohnt Liebe und Gehorsam, bei dem anderen Hass und Hochmut. Fäll daher das Urteil!
Der Sohn fragte: „Wie viele Zeugen hat dein Freund, und wie viel hat der andere?“ Die Mutter erwiderte: „Mein Freund hat wenige, aber mein Gegner hat viele Zeugen, die wohl die Wahrheit kennen und es doch verschmähen, sie zu hören.“ Der Sohn antwortete: „Ich werde ein gutes Urteil fällen.“

Die Mutter sagte: „Mein Freund klagt nicht an, denn für ihn reicht es, nur seinen Körper zu erhalten, aber ich, die seine Herrscher in bin, erhebe Anklage, damit die Bosheit nicht überhand nimmt.“ Der Sohn antwortete: „Ich werde tun, was du willst. Aber wie du weißt, muss das leibliche Gericht dem geistlichen vorausgehen, und keiner darf verurteilt werden, wenn die Sünde nicht vollkommen ist.“

Die Mutter fragte: „Mein Sohn, obwohl wir alles wissen, frage ich doch um ihretwillen, die hier steht, welches leibliche und welches geistliche Urteil über diesen gefällt werden soll.“ Der Sohn erwiderte: „Das liebliche Urteil ist, dass seine Seele schleunigst vom Leibe getrennt wird, und dass seine Hand sein Tod sein wird. Das geistliche Urteil ist, dass seine Seele am Galgen der Hölle hängen soll, das nicht aus einem Strang besteht, sondern aus einem heißen, brennenden Feuer, denn er ist ein Schaf, das sich von seiner Herde verlaufen hat.“
Da sprach einer von den Mönchen Sankt Augustin’s mit dem Richter und sagte: „Herr, du hast nicht mit ihm gemeinsam. Du hast ihn zur letzten Ruhe gerufen, und er hat das vergessen; sein Gehorsam ist geschwunden, sein Name ausradiert, und seine Werke sind nichts.“

Der Richter sagte: „Seine Seele ist beim Gericht nicht anwesend, um zu antworten. Der Teufel fiel ein: „Ich will antworten. Wenn du ihn vor den Sturmwogen der Welt zur (letzten) Ruhe gerufen hast, so habe ich ihn vom höchsten Berggipfel in das tiefste Grab gerufen. Er ist ganz willig, mir zu gehorchen, und sein Name ist ehrenvoll vor mir.“
Der Richter sagte: „Erkläre näher, was du meinst! „Der Teufel erwiderte: „Das werde ich tun, aber ungern. Du hast ihn von den Sturmwogen der weltlichen Kümmernisse zur Ruhe des geistlichen Lebens wie zu einem guten Hafen gerufen, aber er hält das für nichts und sehnt sich mehr nach den weltlichen Sorgen. Der hohe Berggipfel bedeutet die aufrichtige Reue und Beichte. Der (Mensch), der diese vollkommen verwirklicht, der spricht mit dir, dem Allmächtigen, und naht sich deiner Majestät.

Von diesem höchsten Berggipfel stürze ich ihn herab, so dass er weiter bis zum Ende sündigt, die Sünde für nichts und deine Gerechtigkeit für nichtig hält. Die tiefe Gruft bezeichnet seine Schwelgerei und Gewinnsucht, denn wie ein tiefes Grab nicht leicht wieder gefüllt werden kann, so ist seine Gewinnsucht unermesslich.

Sein Name ist “Mönch“, und der Name „Mönch“ heißt, sich auch vom Zugelassenen zu bewahren und darauf zu verzichten, aber dies alles ist bei ihm ausgetilgt, und nun wird er Saul genannt. So wie Saul ist er vom Gehorsam abgewichen. Sein Gehorsam ist zerbrochen, denn wie die beiden Teile eines gespaltenen Baumes nicht wieder zusammengefügt werden können, weil der Baum morsch ist, so können auch die Sehnsucht nach dem Himmel und die Liebe zu Gott, die wie die beiden Teile und Vereinigungspunkte des Gehorsam sind, in seinem Gehorsam vereinigt werden, denn er gehorcht nur wegen des weltlichen Nutzens und wegen seines eigenen Willens, und seine Taten stimmen mit meinen überein.

Denn obwohl ich keine Messe lese oder singe, oder alles tue, was er tut, so führt er doch meine Werke aus, wenn er all das nach meinem Willen tut – ja sie können meine Taten genannt werden. Denn wenn er die Messe verrichtet, tritt er in seiner Vermessenheit vor dich hin, und auf Grund dieser Vermessenheit wird er noch mehr meiner Bosheit erfüllt. Er singt zum Lob der Menschen. Wenn ich ihm den Rücken kehre, wendet er mir seinen Rücken zu, und wenn ich will, wendet er seinen Bauch dem meinen zu, d.h. er vollendet seine ganze Lust nach meinem Willen, und alles, was er tut, das tut er für dieses Leben und für seinen eigenen Willen.
Deshalb sind seine Taten meine Taten.“

Danach zeigte sich dieselbe Seele blind und zitternd. Ein Neger folgt ihr, bis sie zum Richter gekommen waren, den man auf einem Thron sitzen sah, umgeben von einer großen Schar. Der Neger sagte: „Richter, weise mit diese Seele zu! Sie ist ja jetzt selbst anwesend, und das Urteil über ihren Leib hast du gefällt.“ Und der Neger fügte hinzu: „Du sagtest, dass seine Hand tot sein sollte, und das ist ein getroffen.“

Der Richter sagte: „Das kann man auf zwei Arten verstehen: Entweder so, dass eine schlechte Tat der Anlass zu seinem Tod war, oder so, dass seine leibliche Hand das Leben seines Leibes verkürzt hat.“ Der Neger erwiderte: „Beides ist wahr. Denn sein schamloses Leben hat seine Seele umgebracht, und seine Ungeduld öffnete die Wunde seines Fleisches, woran er starb.“

Der Richter sagte: „Du hast früher diese Seele angeklagt, weil sie in allem deinen Willen befolgte, damit du sie von dem höchsten Berggipfel herunterstürzen würdest, und sie dir ihren Bauch zukehrt. Lasst uns nun hören, was die Seele selber sagte: „O Seele, du hattest den Verstand, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Warum hast du da den ehrbaren Namen der Priesters unter deine Füße getreten?“
Die Seele erwiderte: „Ich hatte gewiss Verstand, aber ich folgte lieber meinem eigenen Willen, denn ich konnte nicht glauben, dass sich eine so große Macht unter einer so geringen Gestalt verbarg.“ Der Richter fragte weiter: „Du hast gewusst, dass die Durchführung des Klosterlebens Demut und Gehorsam ist. Warum hast du dich wie ein Wolf im Schafskleid angeschlichen?“ Die Seele erwiderte: „Damit ich die Schmach der Welt vermeiden, und ein ruhigeres Leben führen könnte.“

Der Richter stellte eine dritte Frage: „O Bruder, und doch nicht meiner – du hast das Beispiel frommer Brüder gesehen und hast die Worte heiliger Männer gehört; warum hast du diese nicht befolgt?“ Die Seele erwiderte: „All das Gute, was ich hörte und sah, war mir verhasst und mühsam, denn ich hatte in meinem Herzen beschlossen, lieber meinem Willen und meinen Sitten zu folgen, als den Sitten der Heiligen.“

Der Richter fragte zum vierten Mal: „Hast du wohl fleißig die Fastenzeiten, die Gebete und Beichten eingehalten?“ Die Seele erwiderte: „Ja, ich habe die Fasten und Gebete ausgeübt, aber ich habe das getan wie der, der das wenigste sagt, damit er gedeckt wäre, und das meiste verheimlicht, damit er kein Missfallen erregt.“

Der Richter fragte: „Hast du wohl nicht gelesen, dass jeder Mensch Rechenschaft über das kleinste Scherflein ablegen muss?“ Da brach die Seele in lauten Jammer aus: „Ja Herr, ich habe das gelesen und habe es in meinem Gewesen gewusst, aber ich glaubte, dass deine Barmherzigkeit so groß wäre, dass du nicht in Ewigkeit strafen willst. Daher war es mein Wille, im Alter Besserung zu üben, aber Schmerz und Tod kamen so hastig über mich, dass ich, als ich beichten wollte – das Gedächtnis verloren hatte und meine Zunge wie gefesselt war.“

Da rief der Teufel: „O Richter wie seltsam! Die Seele richtet sich selbst. Sie bekennt nun furchtlos ihre Sünde, und doch wage ich nicht, ohne dein Urteil meine Hand an sie zu legen.“ Der Richter sagte: „Das ist bereits getan und ausgeführt.“ Da verschwand der Neger und die Seele wie zusammengebunden und fuhren mit großem Donner in die Hölle.

Der Richter sagte zuletzt: „All dies ist in einem Augenblick geschehen, aber damit du das verstehen kannst, hat es sich gezeigt[1]…, damit du Gottes Gerechtigkeit siehst und kennen lernst und fürchtest.“

[1]. Har det visat sig såsom havande ägt rum i tiden; mir unverständlich.

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103. Kapitel

Als ich betete, sah ich, wie der hl. Dionysios zur Jungfrau Maria sprach und sagte: „Du bist die Königin der Barmherzigkeit. Der ist alle Barmherzigkeit gegeben, und du bist Gottes Mutter zur Erlösung der Elenden geworden. Erbarme dich deshalb über dein und mein Frankreich! Es ist deines, weil seine Bewohner dich im Maße ihrer Kräfte ehren. Es ist meines, weil ich ihr Schutzpatron bin und sie vertrauen zu mir haben. Du siehst ja, wie Seelen jede Stunde in Gefahr schweben wie Menschenleiber zu Boden geworfen werden, wie Wildbret, und was schlimmer ist: Wie Seelen wie Schneeflocken hinunter zur Hölle fahren. Sende ihnen daher Trost und bitte für sie, denn du bist die Herrscherin und Helferin von allen.“
Gottes Mutter erwiderte: „Begib dich zu meinem Sohn und lass uns um ihretwillen, die hier steht, hören, was sie antwortet.“

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104. Kapitel

Die Mutter spricht zum Sohn und sagt: „Gesegnet seist du, mein Sohn! Es steht geschrieben, dass ich „gesegnet“ genannt wurde – ich, die ich dich im Schoß getragen habe. Aber du hast geantwortet, dass auch der gesegnet ist, der deine Worte hört und bewahrt.
Also, mein Sohn, ich bin die, die sich an deine Wort erinnert und sie in meinem Herzen bewahrt hat. Deshalb rufe ich mir ein Wort in Erinnerung, das du gesagt hast – nämlich zu Petrus, als dieser fragte, wie weit man bis zu sieben Mal dem, der gefehlt hat, verzeihen sollte. „Man muss ihm bis zu 77 Mal verzeihen“, hast du geantwortet. Du wolltest damit sagen, dass so oft sich jemand demütigt mit dem Willen, sich zu bessern, so bist du bereit, Barmherzigkeit zu üben.“

Der Sohn antwortete: „Ich bezeuge dir, dass meine Worte in dir Wurzel geschlagen haben wie das Korn, das in fetten Boden gesät wird und hundertfache Frucht bringt. Ebenso bringen deine ehrbaren Taten Früchte der Freude für alle. Erbitte deshalb, was du willst!“

Da sagte die Mutter: „Ja bitte dich mit Dionysius und deinen anderen Heiligen, deren Leiber in der Erde dieses französischen Königreiches liegen, aber die Seelen im Himmel: Erbarme dich über dieses Reich! Denn (um ihretwegen im Gleichnis zu sprechen, die hier im Geist anwesend ist) – ich sehe so etwas wie zwei sehr wilde Tiere, ein jedes in seiner Art.
Das eine ist äußerst begierig, alles zu verschlingen, was es haben kann, und je mehr es bekommt, desto hungriger wird es, und nie wird sein Hunger gestillt.

Das andere wilde Tier versucht, über alle andere hinaus zu steigen. Diese wilden Tiere haben drei böse Dinge an sich. Erstens haben sie eine Furcht einflößende Stimme. Zweitens sind sie voll von einem gefährlichen Feuer. Drittens möchte jedes von ihnen das Herz das anderen verschlingen, und das eine sucht mit seinen Zähnen im Rücken des anderen Tieres herum, um einen Weg zu seinem Herzen zu finden, so dass es beißen und es töten kann.
Das andere hat den Mund vor der Brust des anderen aufgesperrt und will dort einen Zugang zum Herzen suchen.

Die Furchteinflößende Stimme dieser wilden Tiere hört man schon von weitem, und alle Tiere, die mit offenem Maule kommen, fangen vom Feuer dieser wilden Tiere an zu brennen und fallen deshalb tot zu Boden, während die Tiere, die mit geschlossenem Maule kommen, alle ihre Wolle verlieren und nackt fortgehen.
Unter diesen beiden wilden Tieren sind zwei Könige zu verstehen, nämlich die von Frankreich und England. Der eine König ist nicht satt zu kriegen, denn er führt Krieg um seiner Gier willen. Der andere König versucht aufzusteigen, und also sind beide voll vom Feuer des Zornes und der Gier.

Die Stimme der wilden Tiere ist so: „Nimm Gold und die Reichtümer der Welt entgegen, damit du nicht das Blut der Christen verschonst.“ Jedes dieser wilden Tiere wünscht den Tod des anderen, und daher sucht ein jedes den Platz des anderen, um ihm zu schaden. Es wünscht, dass sein Unrecht wie Gerechtigkeit lauten soll, und dass die Gerechtigkeit des anderen Unrecht genannt wird.
Die anderen Tiere, die mit offenem Maul ankommen, das sind die, die auf Grund von Gier zu ihnen kommen. Ihre offnen Mäuler werden von denen gefüllt, die zwar Könige genannt werden, aber in Wirklichkeit Verräter sind.

Sie werfen nämlich Geld und Gaben im Überfluss in ihr Maul und machen sie auf diese Weise derart kriegslüstern, so dass sie dadurch tot niederfallen. Ihre Güter bleiben übrig, aber ihre Leiber werden von der Erde aufgenommen, die Würmer nagen an ihrem Herz, und die Teufel nehmen ihre Seelen. Und so rauben diese beiden Könige meinem Sohn viele Seelen, der sie doch mit seinem Blut erlöst hat.
Aber die Tiere, die ihrer Wolle beraubt werden, sind einfältige Menschen, die sich mit ihrem Hab und Gut begnügen. Sie gehen in dem Glauben in den Krieg, dass sie das Recht auf ihrer Seite haben, und dass der Krieg gerecht ist, und daher verlieren sie ihre Wolle, nämlich ihre Leiber, durch den Tod. Aber ihre Seelen werden in den Himmel aufgenommen. Deshalb, mein Sohn, erbarme dich ihrer!“

Der Sohn erwiderte: „Weil du alles in mir siehst, magst du sagen, während diese anwesende Braut zuhört: Was für eine Gerechtigkeit ist das, dass diese Könige erhört werden?“ Und die Mutter antwortete: „Ich höre drei Stimmen. Die erste Stimme ist die von diesen Königen. Einer von ihnen denkt so: „Wenn ich das Meine hätte, würde ich mich nicht darum kümmern, etwas anderes zu haben, aber ich fürchte, alles zu verlieren.“ Und aus dieser Furcht heraus (er fürchtet nämlich die Schmach der Welt) wendet er sich an mich mit den Worten: „O Maria, bitte für mich!“ Aber der andere König denkt so: „O dass ich in meiner früheren Stellung wäre! Ich bin müde.“ Deshalb wendet auch er sich an mich.

Die andere Stimme ist die des Volkes, das mich Tag für Tag um Frieden bittet. Die dritte Stimme ist die deiner Auserwählten. Diese rufen: „Wir beweinen nicht die Leiber der Toten, nicht die Schäden, nicht die Armut, sondern die gefallenen Seelen, die täglich in Gefahr schweben. Bitte daher, unsere Frau, deinen Sohn, dass die Seelen gerettet werden mögen!“
Deshalb, mein Sohn, erbarme dich ihrer!“ Der Sohn erwiderte: „Es steht geschrieben, dass dem, der anklopft, geöffnet werden soll, dass der, der ruft, Antwort erhalten soll, und dass der, der bittet, es bekommen soll. Aber so wie jeder, der anklopft, draußen vor der Tür steht, so stehen auch diese Könige draußen vor der Tür, denn mich haben sie nicht in sich. Dennoch soll um deinetwillen denen, die bitten, geöffnet werden.“

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105. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich bin ein König, den man fürchten und ehren soll. Deshalb werde ich ihnen um der Gebete meiner Mutter willen meine Worte senden. Ich bin der wahre Frieden, und wo Frieden ist, da bin ich gewiss. Wenn also diese beiden Könige von Frankreich und England Frieden haben wollen, so werde ich ihnen den ewigen Frieden geben. Aber wahrer Frieden ist nicht zu gewinnen, wenn man nicht die Wahrheit und die Gerechtigkeit liebt.

Deshalb gefällt es mir, weil der eine von den Königen Gerechtigkeit besitzt, dass Frieden durch eine Hochzeit zustande kommt; auf diese Weise kann das Reich dem rechtmäßigen Erben zufallen. Zweitens will ich, dass sie ein Herz und eine Seele sind, indem sie den heiligen christlichen Glauben vermehren, wo das in passender Weise zu meiner Ehre geschehen kann.

Drittens sollen sie die unleidlichen Steuerabgaben aufheben und mit ihren heimtückischen Gedanken (?funder) aufhören und die Seelen ihrer Untertanen lieben. Aber wenn der König, der jetzt das Reich innehat, nicht gehorchen will, so soll er wissen, ja dessen sicher sein, dass er mit seinen Taten keinen Erfolg haben wird: Im schmerz wird er sein Leben beenden und sein Reich in Elend und Not zurücklassen, und sein Sohn und sein Geschlecht werden dem Zorn, der Schmach und Schande anheim fallen, so dass sich alle wundern.

Wenn aber der König, der Gerechtigkeit besitzt, gehorchen will, so will ich ihm helfen und für ihn streiten. Aber wenn er nicht gehorcht, wird er das Ziel seiner Wünsche nicht erreichen, sondern stattdessen das verlieren, was er bekommen hat, und ein schmerzensreiches Ende wird den freudevollen Beginn verdunkeln. Doch wird das französische Reich, wenn seine Männer wahre Demut angenommen haben, den rechtmäßigen Erben und glücklichen Frieden erhalten.“

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106. Kapitel

Der Sohn spricht: „Warum fürchtest du dich? Auch wenn du viermal am Tage essen würdest, würde dir das nicht als eine Sünde angerechnet, wenn du es nur mit der Erlaubnis dessen tun würdest, dem du gehorchen sollst. Sei deshalb stark und standhaft! Du musst wie ein Ritter sein, der im Kampf mehrere Wunden erhalten hat, aber seinen Gegner viel schlimmere Wunden zufügt und umso eifriger kämpft, je heftiger ihm die Feinde zusetzen. So musst auch du deinen Gegner zurückschlagen und standhaft sein, und du musst einen vernünftigen Willen haben, im Guten zu verharren.

Aber du schlägst den Teufel, wenn du der Versuchung nicht nachgibst, sondern ihr mannhaft widerstehst, indem du Demut gegen Hochmut setzt, Enthaltsamkeit gegen Schwelgerei. Du bist standhaft, wenn du in der Heimsuchung nicht gegen Gott murrst, sondern alles froh erträgst; sieh es als eine Folge deiner Sünden an und danke Gott. Dein Wille ist vernünftig, wenn du nicht auf Belohnung aus bist, sondern auf meinen Willen, und dich ganz in meine Hände gibst.

Das erste Gute – nämlich den Gegner zurückzuschlagen – besaß Luzifer nicht, denn dieser folgt gleich seiner Eingebung, und so tat er einen Fall, von dem er sich nicht wieder aufrichten kann. Denn wie er niemanden hatte, der ihn zu seiner Bosheit anstachelte, so wird er auch niemanden finden, der ihn aufrichtet. Das andere Gute, nämlich die Standhaftigkeit, hatte Judas nicht, sondern er verzweifelte und ging so und erhängte sich. Das dritte Gute, nämlich den guten Willen, hatte Pilatus nicht, denn der hatte einen eifrigen Willen, den Juden zu gefallen und seine eigene Ehre zu bewahren, als mich zu befreien.

Aber das erste Gute, nämlich den Feind zurückzuschlagen, hatte meine Mutter, die all die Versuchungen abwies, mit der der Teufel sie heimsuchte, und schlug ihn zurück. Das andere Gute hatte David, der geduldig unter Misserfolgen war und nicht in Verzweiflung geriet, als er hinfiel. Das dritte Gute, nämlich den vollkommenen Willen, hatte Abraham, der sein Vaterland verließ und sogar seinen einzigen Sohn opfern wollte. Diesem sollst du also im Maße deiner Kräfte nacheifern.“

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107. Kapitel

Ein Engel von wunderbarer Schönheit zeigte sich. Andere Engel sprachen mit ihm und sagten: „Freund, warum bietest Du unserem Gott eine leere Nuss an?“ Er antwortete: „Wenn ihr auch alles wisst, spreche ich doch um ihretwillen, die hier steht. Ich empfinde niemals Trübsal, da ich ständig die Nähe unseres Gottes genieße. Seinen Willen erfülle ich zur Vervollkommnung der Seelen so, dass ich nie seine Nähe entbehre. Auch wenn ich ihm keine wohlschmeckende Nuss anbiete, bringe ich doch etwas Liebliches und Angenehmes, nämlich einen Schlüssel von reinstem Gold, ein Silbergefäß und eine Krone von kostbaren Steinen.

Der Schlüssel bezeichnet eine aufrichtige Reue über die Sünden; eine solche öffnet Gottes Herz und leitet den Sünder zu Gottes Herz. Das Gefäß ist das göttliche Vergnügen und die Liebe, in der Gott lieblich mit der Seele weilt. Die Krone ist der beständige und frohe Gehorsam. Diese drei Dinge fordert mein Gott von der frommen Seele. Aber wenn auch diese Seele, die meiner Obhut anvertraut ist, sie verachtet hat, gebe ich Gott doch das zurück, was die Seele ihm angeboten hat; Gottes Ehre, und darum doch nicht weniger.

Der Schlüssel der Reue erscheint dieser Seele leidet so mühsam, dass sie nicht einmal daran denken will. Das Gefäß der Gottesliebe ist ihr so bitter, dass sie seinen Wohlgeruch absolut nicht vertragen kann. Denn wie könnte die geistliche Süße ihr lieblich vorkommen, wenn die Wollust des Fleisches in ihr so tief verwurzelt ist? Zwei Entgegengesetzte Dinge können sich ein und demselben Gefäß nicht vertragen. Die Krone des Gehorsams fällt ihr schwer zu tragen, denn ihr Eigenwillen gefällt ihr so gut, dass es ihr behaglicher scheint, ihm statt Gottes Willen zu folgten.“

Danach wandte sich der Engel an Gott und sagte: „Herr, sieh hier das Gefäß, den Schlüssel und die Krone, deren sich diese Seele unwürdig gemacht hat. Wenn die Schale zerbricht, wird sichtbar, dass sie innen voll von Schmutz ist, obwohl sie voll von süßestem Honig hätte sein sollen. Aber in der Schale liegt eine Schlange. Die Schale ist das Herz, und wenn sie im Tode bricht, zeigt sie sich voll von weltlichem Begehren, das wie Schmutz ist. Die Schlange ist die Seele, die klarer als die Sonne leuchten und heißer als die Flamme glühen sollte, aber die jetzt eine Schlange geworden ist, gefüllt mit Gift und schädlich und Verderben bringend für sich selbst allein.“

Nun sprach der Herr zur Braut und sagte: „Ich will dir durch ein Gleichnis sagen, wie dieser Mann beschaffen ist. Es war ein Mann, der stand, und ein anderer, der ihm entgegenkam. Beide hatten das Gesicht einander zugewandt. Der, der sich nahte, sagte: „Herr, es ist ein Zwischenraum zwischen uns. Zeig mir den Weg, auf dem ich gehen soll! Ich sehe ja, dass du der unvergleichlich Mächtigste bist, der ohne alles Erwägen Lieblichste und der Beste von allen bist, ja der, von dem alles Gute stammt, und ohne den nichts gut ist.“

Der andere erwiderte: „Freunde, ich erde dir einen dreifachen Weg zeigen, der aber in einen mündet. Folge dem! Er ist zu Anfang steinig, aber am Ende ganz eben. Er ist dunkel, wenn du anfängst, ihn zu gehen, aber er wird weiter hin sehr hell. Er ist eine Zeitlang bitter, wird aber zu guter letzt höchst lieblich.“ Er sagte: „Zeig mir nur den Weg, so werde ich ihm willig folgen! Ich sehe nämlich, dass es gefährlich ist, zu zögern, und schlimm, vom Wege abzuirren, aber äußerst nützlich, ihm zu folgen. Erfülle daher mein Begehren und zeigte mir den richtigen Weg!“
Ich, der Schöpfer aller Dinge, ist der, der unveränderlich und unerschütterlich steht. Dieser Mann kam auf mich zu, als er mich liebte und nichts anderes so sehr begehrte, wie mich. Ich wandte ihm mein Antlitz zu, als ich göttlichen Trost in seiner Seele erweckte, und als ihm die Freude der Welt und alle fleischlich Lust verhasst wurde.

Ich zeigte ihm einen dreifachen Weg, indem ich nicht mit menschlicher Stimme sprach, sondern heimlich seine Seele in derselben Weise inspirierte, wie ich jetzt deine Seele offen inspiriere. Erstens zeigte sich ihm nämlich, dass er nur seinem Gott und seinem Vorgesetzten gehorsam sein soll, aber er antwortete mir im Stillen, indem er so in seinem Sinn dachte: „Das tue ich nicht, denn mein Vorgesetzter ist hart und nicht liebvoll, und deshalb kann ich ihm nicht mit frohem Willen gehorchen.“

Ich zeigte ihm den anderen Weg, der darin besteht, vor der Lust des Fleisches zu fliehen und meinem göttlichen Willen zu folgen, die Schwelgerei zu fliehen und Enthaltsamkeit zu üben. Diese Wege führen nämlich zum wahren Gehorsam. Er antworte mir jedoch: „Auf keinen Fall! Meine natur ist schwach, und deshalb muss ich so viel essen und schlafen, wie ich brauche, muss reden, um dadurch Freude zu haben, und lachen, um meinen Sinn zu erleichtern.“

Ich zeigte ihm auch den dritten Weg, der darin besteht, um meinetwillen, seinen Gott, gute Geduld zu haben. Geduld führt nämlich zu Enthaltsamkeit und frommen Gehorsam. Aber er antwortete mir: „Das tue ich nicht. Wenn ich den Schimpf ertrage, der mir widerfährt, so komme ich dazu, als dumm angesehen zu werden. Wenn ich einfacher gekleidet bin als andere, werde ich für dumm angesehen. Und wenn es eine Unvollkommenheit in meinen Gliedern gibt, so ist es doch notwendig, dass ich etwas tue, um den Menschen zu gefallen, so dass dieser Mangel ausgeglichen wird.“

„So kämpften wir“, sagte der Herr, „ich und sein Gewissen, bis er sich von mir entfernte und mir den Rücken zuwandte und nicht das Gesicht. Das tat er, als er nur in dem gehorchen wollte, was ihm behagte, und geduldig nur unter der Bedingung sein wollte, dass er nichts von der Freundschaft der Welt verlöre. Nun arbeitet der Teufel darauf hin, ihn völlig blind und stumm zu machen, und versucht, seine Hände und Füße zu fesseln, und ihn ins Dunkel der Hölle zu führen.

Der Teufel macht den Mann blind, wenn dieser denkt: „Gott hat mich mit seinem Leiden erlöst. Er will mich nicht verloren gehen lassen, denn er ist barmherzig. Auch wenn der Mensch ihn jede Stunde kränkt, untersucht Gott die Sünde nicht so streng.“ Daraus geht hervor, dass sein Glaube nicht stetig ist. Er kann ja in meinem Evangelium finden, dass ich Rechenschaft über jedes Wort verlange – wie viel mehr dann über Taten! Und da kann er auch finden, dass der reich Mann sein Grab in der Hölle bekam, nicht weil er geraubt hat, sondern weil er das, was ihm verliehen ist, schlecht benutzt hat. – Der Teufel macht diesen Mann stumm, wenn er das Beispiel und die Worte meiner Freunde hört, aber sagt, dass jetzt niemand mehr so leben kann. Daraus geht hervor, dass er nur eine geringe Hoffnung hat. Denn ich, der meinen Freunden vergönnt hat, ein gutes und keusches Leben zu führen, ich wäre auch imstande, ihm das zu gönnen, wenn er auf mich hoffen würde. Der Teufel bindet ihm die Hände, wenn er etwas anderes mehr liebt als mich und inniger mit der Welt verbunden ist, als mit meiner Ehre.

Er soll also darauf achten, dass der Teufel ihn nicht zu Fall bringt, wenn er nach weltlichen Dingen trachtet, denn dieser legt seine Schlinge aus, wo man am wenigsten vorsichtig ist. Der Teufel fesselt seine Füße, wenn er nicht auf seine Gedanken und Gefühle Acht gibt oder die Art und Weise bedenkt, in der er versucht werden kann, und wenn er so nach seinem eigenen Nutzen und nach dem seines Nächsten trachtet, dass er nicht mehr aus das Wohlergehen seiner Seele achtet.

Deshalb sollte er bedenken, was ich im Evangelium gesagt habe, dass der Mann, der seine Hand an den Pflug legt, nicht zurückblicken soll, und dass der, der etwas sehr Nützliches begonnen hat, nicht zu dem zurückkehren soll, was weniger nützlich ist. Der Teufel legt ein Band um sein Herz, wenn er den Willen des Menschen geneigt zum Bösen macht, dass er daran denkt, die Ehre der Welt zu genießen und sie ausnutzen will, ja dass er weiter auf diese Art leben will.

Der Teufel führt ihn schließlich ins Dunkel, wenn er denkt: „Ich kümmere mich wenig darum, wie weit mein Los auf die Herrlichkeit oder die Straße fällt.“ Wehe ihn, wenn er in einem solchen Dunkel landet! Wenn er sich zu mir umwenden will, werde ich ihm jedoch wie ein Vater entgegeneilen. Aber dann wird nun auch verlangt, dass er den Willen hat, selbst das zu tun, was er kann. Denn so, wie es dem Sohn des Mannes nicht erlaubt ist, jemand gegen seinen eigenen Willen zur Frau zu nehmen, so ist dies auch für den Sohn der Jungfrau nicht möglich.

Der Wille ist nämlich das Werkzeug, mit dem die göttliche Liebe in die Seele geleitet wird. Denn wie ein Müller, der Mühlsteine spalten will, Risse in den Steinen aufsucht, wo er erst die feineren Instrumente und dann die gröberen ansetzt, bis der Stein mitten durchbricht, so suche ich den guten Willen, in den ich meine Gnade eingieße. Dann, wenn die Taten größer werden und der Wille Fortschritte macht, erhöht sich auch die Gnade, bis sich sein Herz aus Stein in ein Herz aus Fleisch und Blut wandelt, und das Herz aus Fleisch und Blut in ein geistliches Herz.“

Erklärung
Dieser Man war Prior auf Sizilien nahe dem Ätna. An ihn wurde folgende Offenbarung gerichtet.
Zusatz
Gottes Sohn spricht: „Dieser Bruder wundert sich, warum meine Apostel Petrus und Paulus so lange Zeit in den Katakomben weilten, fast vergessen. Ich gebe dir folgende Antwort: „Die goldene Schrift sagt, dass die Kinder Israel so lange in der Wüste weilten, weil das Böse bei den Heiden, deren Land sie besitzen sollten, noch nicht aufgehört hatte.
So verhielt es sich auch mit meinen Aposteln. Noch war die Zeit der Gnade nicht gekommen, da die Leiber meiner Apostel erhöht werden sollten, denn erst sollte die Zeit der Prüfung und dann erst die der Krönung kommen, und noch waren die nicht geboren, die das Glück der Erhöhung der Apostel erleben sollten.

Aber nun kannst du fragen, wie weit ihre Leiber während der Zeit, da sie unter der Erde ruhten, irgendeine Ehre genossen. Ich antworte dir, dass meine Engel ihre seligen Leiber bewachten und ehrten. Denn so wie ein Mann den Platz, an dem Rosen und andere Kräuter wachsen, sorgsam pflegt, so wurden lange im voraus diese Katakomben angelegt und geehrt, über die sich Engel und Menschen freuen sollten.

Auf der Welt gibt es viele Plätze, wo Leiber der Heiligen ruhen, aber keine solche wie dieser Platz. Denn wenn man die Heiligen aufzählen würde, deren Leiber da bestattet sind, würde man das kaum glauben. Daher sollen, so wie ein kranker Mensch durch guten Duft und Nahrung erquickt wird, die Menschen, die mit aufrichtigem Sinn an diesen Platz kommen, geistlich erquickt werden und wahre Vergebung für ihre Sünden erhalten, ein jeder nach seinem Leben und seinem Glauben.“

Derselbe Bruder wurde bei den Worten Birgittas von tiefer Reue ergriffen. Er hörte drei Nächte hintereinander eine Stimme sagen: „Eile dich, eile dich, komm, komm!“ Am vierten Tage wurde er krank, nahm das Sakrament und starb. Das geschah in Rom.
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108. Kapitel

Der Sohn spricht: „Es waren drei Heiligen, die mir mehr gefielen als andere, nämlich meine Mutter Maria, Johannes der Täufer und Maria Magdalena. Als meine Mutter geboren wurde und danach, war sie so schön, dass es keinen Flecken an ihr gab. Das verstanden die Teufel, und sie trauerten darüber so bitter, dass es (um im Gleichnis zu sprechen) war, als ob eine Stimme von Teufeln aus der Hölle gerufen und gesagt hätte: „Eine Jungfrau wird so tugendhaft und wunderbar geboren, dass sie sich über alles im Himmel und auf Erden erhebt und bis zu Gottes Sitz vordringt.

Aber wenn wir mit allen unseren Schlingen gegen sie vorgehen, bricht sie sie alle entzwei, und sie zerreißen wie Leinen, ja gehen entzwei wie alte Bindfäden. Wenn wir ihr mit all unserer Bosheit und all unserer Unreinheit entgegen treten, schneidet sie das all zusammen entzwei, wie die Sense das Gras abschneidet. Und wenn wir alle Wollust und die Vergnügungen der ganzen Welt über sie ausschütten, so wird alles zusammen schneller ausgelöscht, als ein Feuerfunken von einem Wasserstrom.“

Als Johannes der Täufer geboren war, missfiel auch er den Teufeln, so dass es war, als ob eine Stimme in dieser Stunde aus der Hölle rief und sagte: „Jetzt ist ein seltsamer Junge geboren. Was sollen wir machen? Wenn wir ihm mit Übermut begegnen, verachtet er es, uns zu hören und will unseren Eingebungen auf keinen Fall gehorchen. Wenn wir Reichtümer vor seinem Blick ausbreiten, so wendet er uns den Rücken zu und weigert sich, zu sehen, und er ist für die Wollust wie tot und kann sie nicht empfinden.“

Als Maria Magdalena bekehrt war, sagten die Teufel: „Wie sollen wir sie zurückholen? Nun haben wir ein gutes Wildbret verloren. Sie wäscht sich so eifrig mit dem Wasser der Tränen, dass wir nicht wagen, unseren Blick auf sie zu richten. Sie umhüllt sich so mit guten Taten, dass keine Ansteckung ihr nahen kann. Sie ist so glühend und heiß im Dienst und der Heiligkeit Gottes, dass wir nicht wagen, ihr zu nahen.“
Bei diesen dreien war die Seele der Herrscher und der Leib der Diener. Ihre Seele hatte drei Eigenschaften: Erstens liebte sie nichts so sehr wie mich, ihren Gott. Zweitens wollte sie nichts gegen mich tun. Drittens wollte sie nichts unterlassen, was Gott gehörte.

Aber obwohl diese Menschen eine solche Seele hatten, verachteten sie doch ihren Leib nicht und gaben ihm kein Gift zu essen oder Dornen zur Bekleidung, und legten sich nicht in einem Ameisenhaufen zur Ruhe, sondern gönnten sich zu meiner Ehre und zum Nutzen ihrer Seele einen maßvollen Lebensunterhalt, Kleider zum Bedecken des Körpers und nicht zur Hoffart, ausreichend Schlaf zur Ruhe und ein Bett zur Erquickung.

Doch hätten sie, wenn sie gewusst hätten, dass mir das gefiel und wenn ich ihnen meinen Segen dazu gegeben hätte, gern das Allerbitterste als Nahrung genommen, Dornen zur Kleidung und einen Ameisenhaufen als Bett. Aber weil sie daran dachten, dass ich in allem gerecht und barmherzig bin, waren sie teils dadurch, dass sie unzulässige Neigungen zügelten, gerecht gegen ihren Körper, teils barmherzig und verständig genug, den Leib zu pflegen, so dass er nicht durch zu harte Arbeit zu Grunde gehen und durch zu gewaltige Mühe zerstört werden sollte.

Aber nun kannst du fragen: Wenn die heiligen Eremiten und die alten Väter eine so große Gnade hatten, dass manche von ihnen nicht mehr als einmal in der Woche außen und andere von dem Essen lebten, das ihnen die Engel brachten, warum hast du diesen dann keine so große Gnade gegeben? Ich antworte dir: Diese heiligen Väter hielten ein solches Fasten aus drei Gründen. Erstens, um meine Gnade und Macht zu offenbaren, damit die Menschen wissen sollten, dass – wie ich die Seele ohne leibliche Nahrung unterhalte, so kann ich auch, wenn es mir gefiele, den Leib ohne Nahrung am Leben erhalten.

Zweitens, um ein Beispiel zu zeigen: Die Menschen sollten durch ihr Vorbild lernen, dass körperliche Mühe und Trübsal die Seele zum Himmel zieht. Drittens, um der Sünde auszuweichen, denn wenn die Lust des Fleisches nicht gebändigt wird, zieht sie den Menschen zur ewigen Pein. Damit die Menschen also Enthaltsamkeit und die rechte Art zu leben lernen sollen, gebrauchte ich, Gott und Mensch, obwohl ich auf der Welt ohne Nahrung hätte leben können, doch Nahrung und leibliche Notwendigkeiten, damit der Mensch mir, seinem Gott in allen Dingen danken solle, und maßvolle Freude auf dieser Welt und vollkommene Freiheit bei den Heiligen im Himmel haben soll.“
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109. Kapitel

Maria spricht: „Wenn man einem vornehmen Herrn Nüsse anbietet, passiert es manchmal, dass ein paar von ihnen leer sind, und diese sollen dann gefüllt werden, dass sie angenehmer sind. So verhält es sich auch mit geistlichen Taten. Viele vollbringen viele gute Taten, um deretwillen sich die Sünde verringert, so dass sie nicht in die Hölle kommen. Doch gab es vor diesen guten Taten und unter ihnen viele leere und nichtige Zeiten. Es ist notwendig, dass all diese ausgefüllt werden, wenn es Zeit gibt, um zu arbeiten. Aber wenn die Zeit nicht reicht, so mag Reue und Liebe alles ersetzen.

So bot Maria Magdalena Gott Nüsse, d.h. gute Taten an. Unter diesen Nüssen waren manche leer, denn lange Zeiten hatte sie gesündigt, aber diese füllte sie mit der Zeit alle mit Geduld und Arbeit aus. Johannes der Täufer opferte Gott sozusagen viele Nüsse, denn er hatte von Jugend auf Gott gedient und ihm seine Zeit geopfert. Die Apostel wiederum opferten Gott halbvolle Nüsse, denn vor ihrer Bekehrung waren viele von ihren Zeiten auf unvollkommene Weise angewandt.
Aber ich, die Gottes Mutter bin, habe Nüsse geopfert, die voll und süßer als Honig waren, denn ich war von Jugend auf voll von Gnade und war in Gnaden bewahrt. Daher sage ich, dass – obwohl dem Menschen die Sünde vergeben ist, müssen doch die vorhergehenden leeren Zeiten, in denen der Mensch Zeit hat, durch Geduld und Liebesarbeit wieder gutgemacht werden.
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110. Kapitel

Der Sohn spricht: ”Wie soll man meinem Geist wieder erkennen? Es gibt ja zwei Geister, einen guten und einen bösen. Ich will es dir sagen. Mein Geist ist warm und bewirkt zwei gute Dinge. Erstens bewirkt er, dass man nichts anderes ersehnt als Gott. Zweitens verleiht er größte Demut und Weltverachtung. Der böse Geist dagegen ist kalt und warm: Kalt, weil er all das, was von Gott ist, bitter für den Menschen macht; warm dadurch, dass er den Menschen geneigt zur Wolllust und Hoffart der Welt macht und ihn anreizt, seinen eigenen Ruhm zu suchen. Er kommt einschmeichelnd wie ein Freund, aber er ist wie ein bissiger Hund. Er kommt wie ein liebreicher Tröster, aber er ist der schlimmste Verräter.

Deshalb sollst du ihm sagen, wenn er kommt: „Ich will nicht von dir wissen, denn dein Ende ist schlecht.“ Aber wenn der gute Geist kommt, sollst du sagen: „Komm, o Herr, wie ein Feuer und entzünde mein Herz, denn obwohl ich unwürdig bin, dich zu haben, brauche ich dich doch auf meiner Seite, denn du wirst durch mich nicht besser und brauchst mich nicht, aber ich werde besser durch dich, und ohne dich bin ich nichts.“

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111. Kapitel

Der Sohn spricht zur Braut und sagt: „Es gibt drei Gesetze. Das erste ist das der Kirche, das zweite das des Kaisers, das dritte das des Volkes. All diese Gesetze werden auf die Haut von toten Tieren (d.h. auf Pergament) geschrieben. Aber es gibt noch ein anderes Gesetz, ein geistliches Gesetz, das nicht auf Pergament geschrieben wird, sondern im Buch des Lebens, das nie verloren geht oder durch Alter verzehrt wird, niemals zum Überdruss führt und das man nie mit Schwierigkeiten besitzt.

Jedes gute Gesetz muss auf die Erlösung der Menschenseele gerichtet sein, und darauf, dass Gottes Gebot beachtet wird, dass man die schlechten Begierden flieht und nach den guten Taten trachtet – nach diesen muss man in kluger Weise trachten. Aber nun gibt es in dem Gesetz, das auf Pergament geschrieben wird, das davon handelt, etwas zu erhalten. Dafür, dass jemand etwas erhält, ist eins von diesen vier Dingen notwendig. Entweder soll eine Gabe jemanden geschenkt werden, um Liebe und Freundschaft zu beweisen, oder es mag durch Erbe oder durch Verteilung gegeben werden, oder als Belohnung für demütig vollbrachten Dienst.
Ebenso verhält es sich mit dem geistlichen Gesetz, denn das geistliche Gesetz besteht darin, Gott zu verstehen und zu lieben und sich bei ihm Wohlzufühlen, und in diesem Gesetz liegt Ehre und geistliche Reichtümer, nämlich alles Geschaffene gegen den Schöpfer einzutauschen, den eigenen Willen Gott zu übergeben, die Tugenden zu lieben und der Welt für das Himmelreich zu entsagen.

Diese Reichtümer werden auf vierfache Weise gewonnen. Erstens durch Liebe. Denn wie ein irdischer Herr jemandem aus Liebe Geschenke macht, ohne dass der Empfänger es verdient hat, so habe ich in meiner Güte den Menschen geschaffen und erlöst und habe Tag für Tag mit ihm Geduld; trotz seiner Undankbarkeit erweise ich ihm Ehre. Dazu soll der, der mich von ganzem Herzen liebt und nichts begehrt außer mir, auf Erden die Tugend gewinnen, die mit Gottes Finger im Herzen geschrieben steht, und im Himmel die Ehre, die im Buch des Lebens geschrieben steht, nämlich das ewige Leben.

Zweitens wird geistliche Ehre durch Erbe erworben. Ich habe ja dadurch, dass ich Menschengestalt angenommen habe und durch mein Leiden dem Menschen das Himmelreich erkauft und habe es ihm mit Erbrecht aufgelassen. Denn wie der Mensch sozusagen sein göttliches Erbrecht dem Teufel verkauft hat und als Ersatz einen kleinen Apfel gegen die ewige Freude bekommen hat, eine verbotene Speise anstatt des Lebensbaumes und Falschheit statt Wahrheit, so habe ich im Gehorsam gegenüber meinem Vater die Schrift des Ungehorsams zerrissen; durch die bittere Pein meines Herzens habe ich die Süßigkeit des Apfels aufgewogen, durch meinen Tod habe ich dem Menschen den Baum des Lebens erworben, und durch den Glauben an meinen Menschwerdung habe ich den Menschen zurückgebracht und alle Wahrheit gestiftet.

Daher soll ein jeder, der dem Wort meiner Wahrheit glaubt und mir nachfolgt, durch Erbrecht geistliche Reichtümer und meine Gnade gewinnen. Drittens erhält man geistliche Ehre durch einen Wechsel, d.h. wenn der Mensch sich von all den Vergnügen trennt, die fleischliche Lust schenkt, und die Wollust des Fleisches gegen Enthaltsamkeit eintauscht, Reichtümer gegen Armut, Ehre gegen Schmähung, irdische Verwandte gegen den Umgang mit Gottes Freunden und das Betrachten der Welt gegen das Schauen Gottes.

Viertens erwirbt man geistliche Ehre auf Grund von demütig geleistetem Dienst, d.h. wenn der Mensch geduldig im Dienste Gottes streitet, wie ein tapferer Ritter im Krieg, in Demut und Treue wie ein treuer Diener dient, das ihm Anvertraute barmherzig und gerecht beschützt wie ein guter Verwalter, und wie ein guter Wächter auf Wacht gegen die Versuchungen steht. Ein solcher Mensch ist würdig, die Ehre und die geistlichen Reichtümer zu besitzen, die nicht auf Pergament geschrieben sind, sondern in die Seele. Denn wie das dreifach geschriebene Gesetz dazu dient, die Gerechtigkeit zu vervollkommnen, so dient das geistliche Gesetz dazu, Frucht zu bringen.

Also, meine Tochter, strebe danach, die geistliche Ehre durch Liebe zu gewinnen, indem du nichts so sehr liebst wie mich, durch das Erbe, indem du fest an all das glaubst, was die Kirche anbietet, durch Werke der Demut, indem du alles um meiner Ehre willen tust. Du bist ja in mein Gesetz berufen, und deshalb musst du mein Gesetz auch halten. Aber mein Gesetz besteht darin, nach meinem Willen zu leben. Denn wie ein guter Priester nach dem Gesetz der Kirche lebt, so sollst du nach meinem Gesetz der Demut leben und dich nach meinen Freunden gestalten. Jedes zeitliche Gesetz ist ja teils auf die Ehre der Welt ausgerichtet, teils darauf, sie zu verschmähen. Mein Gesetz ist dagegen nur auf das Himmlische ausgerichtet, denn vor mir und nach mir hat niemand voll verstanden, wie und wie ehrenreich die Lieblichkeit des Himmels ist, nein – niemand mehr als ich und der, dem ich es habe offenbaren wollen.“

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112. Kapitel

Der Sohn spricht zur Braut: „Sei nicht empört über die Hoffart dieser Menschen, die bald verschwinden wird. Es gibt nämlich eine Art Insekten, die Schmetterling genannt wird. Er hat breite Flügel und einen kleinen Leib. Ferner hat er mannigfache Farben. Drittens fliegt er hoch auf Grund seiner Dünnheit und Leichtigkeit. Aber weil er nur wenig Kraft im Leibe hat, fällt er schnell herunter auf das, was am nächsten liegt, auf Steine oder Stöcke.

Diese Art von Insekten bezeichnen die Hochmütigen. Sie haben breite Flügel und einen kleinen Körper, denn ihr Sinn schwillt von Hochmut wie ein mit Luft gefüllter Blasebalg. Sie glauben nämlich, alles durch ihre eigenen Verdienste zu besitzen, halten sich für besser und würdiger als andere und würden gern ihren Namen über die ganze Welt verbreiten, wenn sie könnten, aber da ihr Leben kurz ist wie ein Augenblick, stürzen sie, wenn sie es nicht denken.

Zweitens haben die Hochmütigen mannigfache Farben wie der Schmetterling, denn sie sind hochmütig auf die Schönheit ihrer Glieder, auf ihre Reichtümer und ihre Herkunft, und sie verändern ihr Benehmen nach den Gedanken ihres Hochmuts – aber wenn sie sterben, sind sie nichts anderes als Staub.
Drittens passiert es den Hochmütigen, das sie, wenn sie auf die höchste Stufe des Hochmuts gestiegen sind, schrecklich und in einem Augenblick herabfallen und sterben. Hüte dich deshalb vor Hochmut, denn er verdrängt das Schauen Gottes von den Menschen, und meine Gnade kann den nicht aufsuchen, der vom Hochmut besessen ist.“
 

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113. Kapitel

Der Sohn spricht: „Wer es will, mag die Schriften lesen, und er wird dort finden, dass ich aus einem Hirten einen Propheten machte, und dass ich Jünglinge und Ungebildete mit dem Geist der Prophetie erfüllte. Aber wenn auch nicht alle meine Erlösungsworte empfangen haben, so haben meine Worte doch die meisten erreicht, damit meine Liebe offenbar werden sollte. Ebenso habe ich keine gelehrten Männer, sondern Fischer ausgewählt, um das Evangelium zu verkünden, damit sie sich nicht mit ihrer Weisheit grosstun, und damit alle verstehen sollten, dass – so wie Gott wunderbar und unerforschlich in sich selber ist, so sind auch seine Taten unergründlich, und im Kleinsten wirkt er das Größte.

Jeder Mensch, der hinter der Welt herläuft, um ihre Ehre zu ergattern und seine Wollust zu befriedigen, legt sich eine große Bürde auf. Sieh, ich will dir ein Gleichnis von einem Mann erzählen. Er lief mit all seiner Sehnsucht hinter der Welt her, erwarb sich einen großen Namen auf der Welt und lud die größte Sündenlast auf seinen Rücken. Deshalb hat er jetzt einen großen Namen in der Hölle; er hat zur Belohnung eine große Bürde und einen hervorragenden Platz am Wohnsitz der Plagen.

An diesem Platz sind schon manche vor ihm hinab gefahren, manche mit ihm, manche nach ihm. Die fahren vor ihm hinunter, die ihn mit Rat und Hilfe darin bestärkten, seine Bosheit zu verbreiten. Der Lohn für seine Taten fuhr mit ihm hinab. Aber die seinem Beispiel folgten, stiegen mit ihm hinunter. Daher rufen die Erstgenannten ihm wie aus einem Kampfe mit den Worten zu: „Weil du unseren Ratschlägen gefolgt bist, brennen wir durch deine Anwesenheit in noch einer heißeren Flamme. Deshalb seist du verflucht und wert, da aufgehängt zu werden, wo der Strick nicht reißt und das Feuer ewig bleibt. Die schlimmste Schande treffe dich für deinen Übermut und deinen Ehrgeiz!“

Seine Taten rufen und sagen: „Elender, die Erde konnte dich mit ihren Früchten nicht ernähren; deshalb hast du alles haben wollen. Gold und Silber konnte deine Gier nicht sättigen; daher hast du nun alles verloren, lebende Raben sollen deine Seele zerfleischen, die in Stücke gerissen wird und doch nicht vergeht, aufgelöst wird und doch beständig lebt.“

Aber die, die nach ihm hinab fuhren, rufen: „Weh dir, dass du geboren wurdest! Deine Lust soll dir in Hass gegen Gott verwandelt werden, so dass du nicht ein einziges Wort reden willst, woran sich Gott erfreuen könnte. So wie alle Erquickung, alle liebliche Labsal und unaussprechliche Freude in der Liebe zu Gott und in seiner Verehrung besteht (eine Freude, die wir unwürdig sind, zu genießen, weil wir dir gefolgt sind), so soll dich Trauer und Missgeschick durch die Gesellschaft der Teufel heimsuchen.

Scham und Unehre für deine Ehre, Feuer für deine Begierde, Kälte für deinen Egoismus und ständige Ruhelosigkeit für deine fleischlichen Genüsse. Und für den großen Namen, den du unwürdig getragen hast, treffe dich Verfluchung, und für deinen ehrenvollen Platz sollst du auf den verächtlichsten Platz verwiesen werden.“ Siehe, solche Dinge verdienen die, die sich gegen Gottes Verordnung in so etwas einwickeln lassen, um nun in einem Gleichnis zu sprechen.“

Zusatz
Ein Ritter versuchte ständig, neue Arten zu finden, und zog durch Wort und Beispiel viele ins Verderben. Er war gegen Frau Birgitta feindlich eingestellt, und da er selbst nicht wagte, sie zu schmähen, veranlasste er dazu einen anderen, der sich stellte, betrunken zu sein um Schimpfworte gegen Frau Birgitta auszustoßen.
Als sie zu Tische saß, sagte er zu ihr, so dass die Großen es hören konnten: „Meine Frau, du träumst zuviel, du wachst zuviel; es würde dir gut tun, mehr zu trinken und zu schlafen. Hat Gott etwa die Menschen mit einem reinen Leben verlassen und redet jetzt mit vornehmen Weltmenschen? Es ist dumm, deinen Worten Glauben zu schenken.“

Als er das sagte, wollten die Anwesenden ihn strafen, aber Frau Birgitta verhinderte das und sagte: „Lasst ihn reden, denn Gott hat ihn gesandt. Warum sollte ich, die ich in meinem ganzen Leben meinen eigenen Ruhm gesucht und Gott gekränkt habe, keine gerechten Worte hören? Er sagt mir nur die Wahrheit.“ Als dieser Herr das hörte, wurde er von Reue ergriffen, versöhnte sich mit Frau Birgitta und nahm ein lobenswertes Ende.

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114. Kapitel

Der Sohn spricht: „Hüte dich vor den Braten des Teufels, die er im Feuer der Geilheit und Begierde anrichtet. Wenn man etwas Fett ins Feuer bringt, muss etwas davon herabtropfen. So rühren Sünden auch vom Umgang und der Gesellschaft mit Weltmenschen. Auch wenn du nicht die Gewissen von allen kennst, verraten doch die äußeren Zeichen, was sich drinnen in der Seele verbirgt.“

Weiter sagt die Mutter: „Jede Handlung von dir soll vernünftig und deine Absicht richtig sein, so dass du alles mit der Absicht tust, dass Gottes Ehre vollkommen werde, und der Nutzen für die Seele vor den Genuss des Leibes gesetzt wird. Viele dienen nämlich Gott mit ihrem Tun, aber die verkehrte Absicht verdunkelt all das Gute.
Du kannst das besser durch ein Gleichnis verstehen.

Es gibt ein Tier, das heißt Bär. Wenn er von Hunger geplagt wird und die ersehnte Beute sieht, setzt er seinen eigenen Fuß auf die Beute und sucht, wo er den anderen Fuß fest und sicher aufsetzen kann, so dass ihm die gefangene Beute nicht entgeht, sondern er sie fressen kann und damit tun kann, was er will. Der Bär sieht unverwandt auf seine Beute und kümmert sich nicht um Gold oder wohlriechende Kräuter und Bäume, sondern nur um einen verborgenen und sicheren Platz oder ein Versteck, so dass er die Beute, die er mit Beschlag belegt hat, sicherer und zuverlässiger behalten kann.

So dienen mir viele mit Gebeten und Fasten, aber nur aus Furcht, denn sie denken an die gefährliche Strafe und meine große Barmherzigkeit. Sie suchen mir mit äußerlichen Werken zu gefallen, aber mit ihrem Willen handeln sie gerade gegen das Gebot meines Sohnes. Denn ebenso, wie es beim Bären der Fall ist, besteht ihr ganzes Tun und Trachten aus der Lust des Fleisches und weltlicher Gewinnsucht, aber da sie den Verlust des Lebens und die kommende Strafe fürchten, dienen sie mir deshalb, dass sie nicht die Gnade verlieren und der Pein anheim fallen.

Und das tritt sehr deutlich hervor, denn sie betrachten nie die Pein meines Sohnes, die wie das kostbare Gold ist, und ahmen nicht das Leben der Heiligen nach, das wie kostbare Steine ist, sie betrachten nicht die Gaben des Heiligen Geistes, die wie duftende Kräuter sind, und sie verzichten nicht auf ihren eigenen Willen, um den Willen meines Sohnes zu tun, sondern stützen sich nur auf mich, um desto sicherer sündigen zu können und auf der Welt Erfolgt zu haben.

Ihre Belohnung wird kurz werden, denn ihr Tun ging aus einem kalten Herzen hervor. Und wie der Bär, nachdem er die Beute aufgefressen hat, nicht nach dem festen Platz für seinen Fuß fragt, so wird auch – wenn die Stunde des Endes kommt und die Wollust des Fleisches aufgehört hat, mein fester Platz ihnen wenig nützen, denn sie haben ihren Willen nicht aufgegeben, um meinen zu tun, und sie haben mich nicht aus Liebe, sondern aus Furcht gesucht. Aber wenn ihr Wille sich vollständig gebessert hat, so wird ihr Tun auch schnell erneuert werden, und wenn das Handeln fehlt, wird ihnen der gute Wille als Tat angerechnet werden.“

Zusatz

Dieser war Propst und lebte nach seinem eigenen Wohlgefallen, aber als er nach Rom gekommen war, besserte er sehr lobenswert sein Leben. Als er Monte Gargano und die Reliquien des hl. Nikolaus besucht hatte, kehrte er zur Frau Birgitta zurück, deren Rat er strengt befolgte. Er sagte u.a., dass er sich sehr wunderte, warum die große und berühmte Stadt Sipontum, wo so viele Leiber der Heiligen begraben liegen, zerstört wurde.

Am folgenden Tag offenbarte sich Gottes Sohn und sagte zu ihr: „Dein Freund wundert sich über die Stadt, die zerstört worden ist. Wahrlich, meine Tochter, dies ist wegen der Sünden der Einwohner geschehen; vielleicht, dass auch andere Städte eine solche Strafe verdient haben. In Sipontum wohnte ein Freund von mir, der eine vollkommene Liebe zu mir hatte, ständig die Unsitten der anderen tadelte und bekämpfte und, als er ihre Verhärtung sah, mich unter Tränen bat, dass der Platz lieber veröden sollte, als dass so viele Seelen täglich in Gefahr schwebten.
Ich sah sein Weinen, und dass niemand sich aufrichtig bemühte, mich zu besänftigen, und deshalb ließ ich es zu, dass das geschah, wovon man jetzt reden hört.“ Sie sagte: „O Herr, es ist beklagenswert, dass auch die Gebeine und Leiber vieler guter Menschen dort wie unrein und ohne Schutz liegen.“

Christus antwortete: „So wie ich die Seelen meiner Auserwählten in mir selbst habe, so sorge ich mich auch um die Reliquien meiner Freunde, die mein Kleinod sind, bis sie einst die doppelte Kleider empfangen werden, die ihnen versprochen sind.“
Frau Birgitta fragte weiter: „O mein liebster Herr, ich glaube, dass die Päpste Sipontum viele Gnadengaben und Sündenerlasse verliehen haben. Sind nun auch diese Gnadengaben ausgelöscht, wenn die Mauern abgerissen sind?“ Christus erwiderte: „Welcher Platz ist heiliger als Jerusalem, wo ich, Gott selbst, meine Spuren eingedrückt habe? Und welcher Platz ist nun mehr verachtet?

Es ist ja von den Ungläubigen bebaut und zertreten. Doch finden die, die nach Jerusalem kommen, dieselbe Gnade und Sündenvergebung wie früher. Ebenso ist es mit diesem Platz; alle, die mit Liebe und vollkommenem Willen dahin kommen, sollen an derselben Gnade und demselben Segen teilhaben, wie ihn diese Stadt zur Zeit ihrer Blüte hatte, auf Grund ihres Glaubens und ihrer Liebe und der Mühe, die sie sich gemacht haben, um dorthin zu kommen.“
 

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115. Kapitel

Der Sohn spricht: „Du bist wie ein Rad, das dem vorgehenden folgt. So musst du meinem Willen folgen. Ich sprach vorher mit dir von einem, dessen Seele der Teufel besitzt. Nun werde ich dir sagen, in welchem Gliede er gefangen ist. Ich bin wie ein Mann, der zu seinem Scharfrichter sagt: „Es gibt drei Verwahrungsräume in deinem Haus. Im Ersten befinden sich die, die es verdienen, das Leben zu verlieren, im zweitens die, die ein Glied verlieren sollen, im dritten die, die gegeißelt und ausgepeitscht werden sollen.“

Der Scharfrichter sagt zu ihm „Herr, wenn einige das Leben verlieren sollen, andere verstümmelt und gegeißelt werden sollen – warum wird dann das Gericht aufgeschoben? Ihr Schmerz würde vergessen werden, wenn sie schneller verurteilt würden.“ Der Hausherr antwortet: „Das, was ich tue, mache ich nicht ohne Grund. Die, die das Leben verlieren sollen, sollen ihre Hinrichtung eine Zeitlang aufgeschoben bekommen, damit die Guten ihr Unglück sehen und noch besser werden, und die Bösen von Furcht ergriffen und sich fortan in Acht nehmen.

Die, die verstümmelt werde sollen, müssen notwendigerweise erst Trübsal empfinden, so dass sie in ihrem Herzen das Böse spüren, das sie getan haben, und über ihre Verbrechen trauern. Und die, die gegeißelt werden sollen, müssen auch durch Trauer geprüft werden, so dass sie sich selbst in der Trauer erkennen, nachdem sie sich zur Zeit der Freude vergessen haben, und sich umso gewissenhafter davor hüten, so etwas in Zukunft wieder zu begehen, je schwerer es für sie war, aus der Gefangenschaft frei zu werden.“

Ich bin dieser Hausherr. Ich habe den Teufels als Strafrichter, um die Bösen zu bestrafen, je nach Verdienst eines jeden. Er hat Macht über die Seele dieses Mannes bekommen, und in welchem Glied, das werden ich dir nun zeigen. Denn so wie der Körper äußerlich in Gliedern geschaffen ist, so muss die Seele – geistlich gesehen – inwendig beschaffen sein. So wie der Körper Knochenmark, Knochen und Fleisch hat, Blut im Fleisch und Fleisch im Blut, so muss die Seele drei Dinge haben, nämlich Gedächtnis, Gewisse und Verstand.

Es gibt manche, die hohe Dinge in den Schriften verstehen, aber keine Vernunft haben, ihnen fehlt ein Glied. Es gibt andere, die ein vernünftiges Gewissen haben, aber keine Einsicht. Andere haben Einsicht, aber keine Erinnerung, und diese sind schwer krank. Aber eine gesunde Seele haben die, deren Vernunft, Gedächtnis und Einsicht gesund sind.
Der Körper hat ferner drei Verwahrungsräume. Der erste ist das Herz, über dem ein dünnes Häutchen liegt, das verhindert, dass irgendetwas Unreines ins Herz hineinkommt. Denn wenn die kleinste Infektion das Herz erreicht hat, würde der Mensch sofort sterben. Der andere Verwahrungsraum ist der Magen. Der dritte sind die Eingeweide, wo die Schadstoffe ausgeschieden werden.

So muss auch die Seele in geistlicher Hinsicht drei Verwahrungsräume haben. Der erste ist die Sehnsucht nach Gott; sie muss so brennend sein, dass die Seele nichts inniger ersehnt als mich, ihren Gott. Sonst wird die Seele gleich angesteckt, wenn irgendeine böse Begierde, sie mag noch so unbedeutend sein – in sie eindringt. Der zweitens, der dem Magen entspricht, ist das kluge Einrichten der Zeiten und der Taten. Denn so wie das Essen im Magen verdaut wird, so soll jede Zeit, jeder Gedanke und jede Tat nach göttlicher Anordnung geordnet, nützlich und weise geplant werden. Der dritte Verwahrungsraum, der den Eingeweiden entspricht, ist die göttliche Zerknirschung. Dadurch wird aus Unrein fortgespült, und die Kost der göttlichen Weisheit schmeckt besser.

Ferner hat der Leib drei Dinge, mit denen er sich hilft, nämlich den Kopf, die Hände und die Füße. Das Haupt bezeichnet die göttliche Liebe. Denn wie sich im Kopf alle fünf Sinne befinden, so schmeckt der von göttlicher Liebe entzündeten Seele all das lieblich, was von Gott gesagt, gehört und gesehen wird, und das, was von ihm befohlen wird, das wird treu erfüllt. Ja, wie der Mensch ohne Haupt tot ist, so ist die Seele ohne Liebe tot für Gott; Gott ist ja ihr Leben.

Die Hände der Seele bezeichnen den Glauben. Denn so wie es mehrere Finger an der Hand gibt, so gibt es im Glauben mehrere Artikel, obwohl der Glaube nur ein einziger ist. Durch den Glauben wird jeder göttliche Wille (des Menschen) vervollkommnet, und er muss mit jeder guten Tat zusammenwirken. Denn wie die Tat nach außen hin mit den Händen verwirklicht wird, so wirkt der Heilige Geist inwendig durch den Glauben. Dieser Glaube ist gewiss die Basis aller Tugenden, denn wo kein Glaube ist, da ist die Liebe und die gute Tat auch nichts.

Die Füße der Seele ist die Hoffnung, womit die Seele zu Gott hindrängt. Denn wie der Körper mit Hilfe der Füße voranschreitet, so naht sich die Seele durch die göttliche Sehnsucht und die Schritte der Hoffnung. Aber die Haut, die alle Glieder bedeckt, bezeichnet den göttlichen Trost, der die Seele tröstet, den nichts in seiner Ruhe erschüttern kann. Und wenn der Teufel auch manchmal Erlaubnis erhält, das Gedächtnis und manchmal die Hände und Füße zu beunruhigen, so verteidigt Gott doch immer die Seele wie ein Kämpfer und tröstet sie wie ein liebvoller Vater und heilt sie wie ein Arzt, damit sie nicht sterben soll.

Die Seele des Mannes, über den ich zu dir sprach, war in Gefangenschaft, denn sie verdiente es, die Hände wegen ihres unbeständigen Glaubens zu verlieren; sie hatte nämlich nicht den rechten Glauben. Aber jetzt ist die Zeit des Erbarmens gekommen, und das aus zwei Gründen. Erstens um meiner Liebe willen, zweitens um der Gebete meiner Auserwählten willen. Daher soll mein Freund die vorher genannten Worte über ihn lesen, und drei Dinge mag er selber tun: Erstens das zu Unrecht erworbene Gut zurückzugeben, zweitens sich von der römischen Kurie Sündenerlass für seinen Ungehorsam zu verschaffen, drittens es unterlassen, meinen Leib im Altarsakrament für gewonnen Ablass zu empfangen.

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116. Kapitel

Der Sohn spricht: „Ich rede zu dir in einem Gleichnis. Es ist so wie drei Männer. Der erste sagt: „Ich glaube, dass du weder Gott noch Mensch bist.“ So spricht der Heide. Der zweite, d.h. der Jude, glaubt, ich sei Gott, aber nicht Mensch. Der dritte, d.h. der Christ, glaubt, ich sei Gott und Mensch, aber glaubt nicht an meine Wort.

Ich bin der, über den man dir Stimme des Vaters hörte: „Dies ist mein geliebter Sohn“ usw. Deshalb klage ich im Namen meiner Göttlichkeit darüber, dass die Menschen mich nicht hören wollen. Ich habe gerufen und gesagt: „Ich bin der Anfang. Wenn ihr an mich glaubt, sollt ihr das ewige Leben haben,“ aber sie haben mich verachtet. Sie haben die Macht meiner Göttlichkeit gesehen, als ich Tote auferweckte und viele andere Zeichen tat, und doch haben sie nicht darauf geachtet.

Ich habe auch im Namen meiner Menschlichkeit darüber geklagt, dass sich niemand darum kümmert, was ich in der heiligen Kirche gestiftet habe. Ich habe sozusagen sieben Gefäße in der Kirche eingesetzt, und in denen sollten sie alle gereinigt werden. Ich habe nämlich die Taufe zur Reinigung von den Erbsünden gestiftet, die Konfirmation als Zeichen der Versöhnung mit Gott, die letzte Ölung zum Schutz gegen den Tod, die Buße zur Vergebung aller Sünden, ferner die heiligen Worte, mit denen das Sakrament das Alters geheiligt und geweiht wird, die Priesterweihe zur Würdigung, zur Kenntnis von Gott und zur Erinnerung an die göttliche Liebe, die Ehe zur Vereinigung der Herzen. Diese (Zeichen) müssen mit Demut empfangen werden, mit Reinheit bewahrt und ohne Gewinnsucht gegeben werden.

Ich klage auch über dies: Ich bin um der Erlösung der Menschen willen geboren und gestorben, so dass der Mensch, wenn er mich nicht deshalb lieben will, weil ich ihn geschaffen habe, mich zu mindesten deshalb lieben soll, dass ich ihn erlöst habe. Aber jetzt vertreiben mich die Menschen aus ihrem Herzen wie einen Aussätzigen und verabscheuen mich wie ein unreines Gewand.

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117. Kapitel

Als ein Mann das Paternoster las, hörte die Braut, wie der Geist sagte: „Mein Freund, ich antworte dir im Namen der Gottheit, dass du mit deinem Vaters das Erbe haben sollst. Zweitens sage ich dir im Namen der Menschengestalt (Christi), dass du mein Tempel werden sollst, drittens im Namen des Geistes, dass du keine Versuchung über das hinaus haben sollst, was du tragen kannst. Der Vater wird dich nämlich verteidigen, die Menschengestalt Christi wird dir beistehen, der Geist wird dich entzünden.

Denn wie die Mutter, wenn sie die Stimme ihres Sohnes hört, ihm froh entgegen springt, und wie der Vater, wenn er seinen Sohn arbeiten sieht, ihm auf halben Wege entgegeneilt und seine Bürde erleichtert, so eile ich meinen Freunden entgegen und mache ihnen das, was schwer ist, leicht, so dass sie es frohen Mutes tragen können. Und wie jemand, der etwas Angenehmes sieht, keinen Trost findet, wenn er ihm nicht näher kommt, so nahe ich mich denen, die sich nach mir sehnen.“

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118. Kapitel

Der Sohn spricht: „Wer sich mit mir vereinen will, muss seinen Willen nach mir richten und seine Sünden bereuen. Dann wird er von meinem Vater zur Vollkommenheit gelenkt. Der Vater zieht ja den zu sich, der seinen bösen Willen zu einem guten Willen wandelt und gerne Besserung für seine Sünden tun möchte. Aber wie zieht der Vater (den Menschen zu sich)? Sicher dadurch, dass er dessen Willen im Guten vervollkommnet, denn wenn das Gemüt nicht gut wäre, hätte der Vater nichts, was er zu sich ziehen könnte.

Doch bin ich für manche so kalt, dass ihnen mein Weg in keiner Weise behagt. Für andere bin ich dagegen so heiß, dass es ihnen vorkommt, als ob sie in einem Feuer stecken, wenn sie etwas Gutes tun sollen. Aber für andere bin ich so lieblich, dass sie nichts anderes begehren, als mich. Denen will ich meine Freude schenken, die niemals enden wird.“

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119. Kapitel

Die Mutter sagt: „Mein Sohn hat sieben gute Dinge. Er ist nämlich am allermächtigsten, ja so mächtig wie das Feuer, das alle verzehrt. Zweitens ist er am allerweißesten, und seine Weisheit kann niemand ergreifen oder zusammenfassen, ebenso wenig, wie man das Meer ausschöpfen kann. Drittens ist er am Hallerstärksten, ja so stark, wie ein unbeweglicher Berg. Viertens ist er am allertugendhaftesten, wie die Blume, aus der die Biene Honig saugt Fünftens ist er am allerschönsten, wie die strahlende Sonne. Sechstens ist er am Hallergerechtesten, wie der König, der einen schont, wenn das gegen die Gerechtigkeit ist. Siebentens ist er am allermildesten, wie ein Herr, der sich selber für das Leben seines Dieners opfert.

Im Gegensatz hierzu duldete er sieben andere Dinge. Wegen seiner Macht wurde er nämlich zu einem Wurm gemacht. Wegen seiner Weisheit wurde er als der Törichtste angesehen, wegen seiner Stärke als ein Wickelkind, wegen seiner Schönheit als ein Leprakranker. Wegen seiner Tugend stand er nackt und gefesselt da. Wegen seiner Gerechtigkeit wurde er als ein Lügner angesehen. Wegen seiner Milde erlitt er den Tod.“

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120. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Zwischen mir und ihm ist ein Häutchen, und daher gefällt ihm meine Lieblichkeit nicht, denn er sehnt sich nach etwas anderem mehr als nach mir.“ Die Braut, die das hörte, sagte zum Herrn: „Ob er jemals irgendein Vergnügen hatte?“
Der Herr erwiderte: „Es gibt ein zweifaches Vergnügen, nämlich ein geistliches und ein körperliches.

Das körperliche oder natürliche Vergnügen ist das, wenn der Mensch für seinen Lebensunterhalt Nahrung zu sich nimmt, wobei er so denken soll: „O Herr, du hast uns angeboten, Nahrung allein für unseren Lebensunterhalt zu uns zu nehmen; Lob sei dir!“ Schenk mit Gnade, dass mich jetzt, wo ich Nahrung zu mir nehme, keine Sünde überkommt!“ aber wenn ein Vergnügen an weltlichem Gut entsteht, dann soll der Mensch so denken: „O Herr, alles Irdische ist nur Staub und Vergänglichkeit; schenk mir daher Gnade darüber zu verfügen, dass ich mir dessen bewusst bin, vor dir Rechenschaft über alles abzulegen.“

Geistliches Vergnügen ist, wenn die Seele sich an Gottes Wohltaten erfreut und die zeitlichen Dinge benutzt und sich damit nur gezwungen und des Lebensunterhalts wegen befasst. Aber das Häutchen verschwindet, wenn Gott der Seele lieb ist, und wenn die Furcht vor ihm ständig im Gemüt ist.“

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121. Kapitel

Ein Teufel zeigte sich und sagte: ”Sieh, der Mönch ist weggeflogen, und nur der Schatten bleibt zurück.“ Der Herr sagte zu ihm: „Erkläre was du meinst!“ Der Teufel antwortete: „Das werde ich tun, wenn auch ungern. Ein wahrer Mönch ist sein eigener Wächter; seine Kleidung ist Gehorsam und die Beachtung der Klosterregel. Denn wie der Leib von den Kleidern bedeckt wird, so die Seele von den Tugenden.

So hat die äußere Kleidung keinen Wert, wenn die innere nicht bewahrt wird, denn es ist nicht die Kleidung, sondern die Tugend, die den Mönch ausmacht.
Dieser Mönch ist fort geflogen, als er dachte: „Ich kenne meine Sünde; ich will mich hinfort bessern und mit Gottes Hilfe nie mehr sündigen.“ Mit diesem Vorsatz ging er von mir fort und ist jetzt dein.“ Der Herr sagte: „Wieso bleibt der Schatten übrig?“ Der Teufel antwortete: „Wenn er sich nicht an seine begangenen Sünden erinnert und sie nicht so vollkommen bereut, wie er sollte.“

Erklärung
Dieser Bruder sah in der Hand des Priesters, als Christi Leib (in der Kommunion) erhöht wurde, unseren Herrn Jesus Christus in Gestalt eines Knaben, der zu ihm sagte: „Ich bin Gottes Sohn und der der Jungfrau.“ Er sah auch ein Jahr im voraus die Stunde für seinen Heimgang, worüber in vielen Kapiteln der Lebensbeschreibung der hl. Frau Birgitta zu lesen steht. Er führte das enthaltsamste Leben. Als er sterben sollte, sah er eine goldene Schrift mit drei Goldbuchstaben: P, O und T. er erzählte das seinen Brüdern und sagte: „Komm Petrus; beeile dich, Olov und Tord!“ Und nachdem er nach diesen gerufen hatte, starb er. Die genannten Brüder starben in derselben Woche und folgten ihm.
Von demselben Bruder handelt auch Kap. 55 in den beigefügten Offenbarungen: „Ein Mönch von heiligen Wandel“ usw.
 

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122. Kapitel

Dieser ist mein Todfeind, denn er macht sich mit seinem Spott über mich lustig. Er setzt seinen Willen durch und frönt seiner Lust, so weit er kann. Er ist so wie der, der auf einer schmalen Brücke liegt, und an dessen linker Seite die größte Tiefe ist, aus der er sich nie mehr erheben kann, wenn er darein fällt, und an dessen rechten Seite ein Schiff ist, in das er hinabsteigen kann, denn dann kann er, wenn auch nur mit Mühe, davonkommen, und es besteht Hoffnung auf sein Leben.

Diese Brücke ist sein Leben, traurig und kurz; er steht da nicht wie ein mannhaft kämpfender Mann und auch nicht wie ein Pilger, der jeden Tag auf dem Wege weiter schreitet, sondern er liegt da ganz bequem und möchte das Wasser der Lust trinken. Deshalb stehen ihm zwei Dinge bevor, wenn er sich von der Brücke erhebt. Wenn er sich nach links wendet, d.h. sich den Werken des Fleisches zuwendet, landet er im Abgrund, d.h. in der Tiefe der Hölle. Wenn er aber ins Schiff hinunter springt wird er, wenn auch nur mit Mühe, davonkommen, denn es ist mühsam für ihn, die Strenge der Kirche und ihre Verordnungen zu akzeptieren, aber er wird dadurch erlöst werden.
Also soll er sich schleunigst umdrehen, so dass ihn nicht der Feind von der Brücke stürzen kann, denn dann wird er rufen, sondern nicht gehört und in Ewigkeit gepeinigt werden.“

Zusatz
Als dieser Mann sah, dass der König sich geändert hatte und dass er nicht wie früher bei ihm Gehör finden konnte, wurde er gegen Frau Birgitta feindlich gestimmt. Als sie einmal durch eine enge Straße ging, schüttete er aus einem Fenster Wasser über sie. Sie sagte da zu den Anwesenden: „Möge Gott ihn schonen und ihm dafür nicht in einem kommenden Leben vergelten.“

Darauf zeigte sich Christus Frau Birgitta während einer Messe und sagte: „Der Mann, der aus Bösewilligkeit aus dem Fenster Wasser auf dich geschüttet hat, er dürstet nach Blut und hat Blut vergossen; ersehnt sich nach der Welt und nicht nach mir. Er redet frech gegen mich, ehrt sein Fleisch statt mich, seinen Gott, und schließt mich von sich und seinem Herzen aus. Er soll sich vorsehen, dass er nicht in seinem Blute stirbt.“
Dieser Mann lebte dann nur noch kurze Zeit und starb an Nasenbluten, wie Birgitta vorausgesagt hatte.
 

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123. Kapitel

Der Sohn (Christus) spricht zur Braut: „Ich bin wie der Bräutigam, der sich mit einer Braut verlobt hat, die aber der Vater, die Mutter, die Schwester und der Bruder wieder zurück haben möchte. Der Vater sagt nämlich: „Gib mir meine Tochter zurück, denn sie ist aus meinem Blut geboren.“ Die Mutter sagt: „Gib mir meine Tochter zurück, denn sie ist mit meiner Milch genährt.“ Die Schwester sagt: „Gib mir meine Schwester zurück, denn sie ist mit mir zusammen aufgewachsen.“ Der Bruder sagt: „Gib mir meine Schwester zurück, denn es steht mir zu, über sie zu befehlen.“

Der Bräutigam antwortet ihnen: „O Vater, wenn sie aus deinem Blut geboren ist, soll sie jetzt mit meinem Blut gefüllt werden. O Mutter, wenn du sie mit deiner Milch genährt hast, werde ich sie jetzt mit meiner Freude erfüllen. O Schwester, wenn sie nach deiner Sitte erzogen ist, soll sie jetzt meine Sitte einhalten. O Bruder, wenn du bisher über sie befohlen hast, so kommt es mir nun zu, über sie zu befehlen.“

So ist es mit dir geschehen. Denn wenn dein Vater, d.h. die Fleischeslust, dich zurück haben möchte, so kommt es mir zu, dich mit meiner Liebe zu erfüllen. Wenn deine Mutter, d.h. die weltliche Sorge, dich zurück haben möchte, so kommt es mir zu, dich mit der Milch meiner Freude zu nähren. Wenn deine Schwester, d.h. die Gewohnheit des weltlichen Umgangs, dich zurückhaben will, so sollst du lieber meiner Sitte folgen. Wenn dein Bruder, d.h. dein Eigenwille, dich zurück haben will, so bist du verpflichtet, meinen Willen zu tun.“

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124. Kapitel

Agnes spricht zur Braut (Birgitta) und sagt: „Komm, Tochter, und setz dich auf diese Krone, die aus sieben kostbaren Steinen gemacht ist. Was ist die Krone, wenn nicht die Prüfung der Geduld, die aus Kümmernissen geschmiedet wird und von Gott mit Schmuck geziert wird? Der erste Stein in der Krone ist ein Jaspis. Der wird von dem in deine Krone gesetzt, der dir verächtlich sagte, er wüsste nicht, aus welchem Geist heraus du sprechen würdest, und dass es nützlicher für dich wäre, dazusitzen und zu spinnen wie andere Frauen, als mit der Stütze auf die Schriften zu disputieren.

Deshalb: Wie der Jaspis das Sehvermögen schärft und Freude in der Seele entzündet, so wird Gott durch Trübsal Freude in deiner Seele entzünden, den Verstand durch geistliche Dinge erleuchten und die Seele von ungebührlichen Neigungen reinigen. Der andere Stein ist der Saphir und der wird von dem in deine Krone gesetzt, der in deinem Beisein gut von dir sprach, aber dann hinter deinem Rücken anders von dir redete. Wie der Saphir dir Farbe des Himmels hat und die Glieder frisch hält, so prüft also die Bosheit der Menschen den Gerechten, dass er sich nach dem Himmel sehnt und die Glieder der Seele bewahrt, dass sie nicht hochmütig wird. Der dritte Stein ist der Smaragd. Er wird von dem in diene Krone eingesetzt, der sagte, dass du gesagt hättest, was du in Wirklichkeit weder gedacht noch gesagt hast.

Deshalb: Wie der Smaragd in seiner Natur zerbrechlich ist, aber doch schön und von grüner Farbe, so wird die Lüge schnell zunichte, aber er macht die Seele doch schön durch die Belohnung für ihre Geduld. Der vierte Stein ist die Perle. Sie wird von dem in deine Krone eingesetzte, der in deiner Gegenwart einen Gottesfreund schmähte, über dessen Schimpfen du dich mehr betrübtest, als über das Schimpfen über dich selbst.

Deshalb: Wie die Perle weiß ist und schön ist und die Not des Herzens leichter macht, so lenkt Gott die Trauer der Liebe in die Seele und mildert die Leidenschaften des Zornes und der Ungeduld.

Der fünfte Stein ist der Topas. Er wird von dem in deine Krone eingesetzt, der dir bittere Dinge sagte, und dem du als Entgelt Segensworte sagtest. Deshalb: wie der Topas die Farbe des Goldes hat und die Keuschheit und Schönheit bewahrt, so ist für Gott nichts schöner und wohlgefälliger, als dass man den liebt, der einen kränkt, und dass man für seinen Verfolger betet.

Der sechste Stein ist der Diamant. Er wird von dem in deine Krone eingesetzt, der dir körperlichen Schaden zufügte, den du geduldig getragen hast, indem du den, der dir geschadet hat, nicht verunehren willst. Daher: Wie der Diamant nicht von Hammerschlägen zertrümmert wird, sondern nur vom Blut der Böcke, so gefällt es Gott, dass der Mensch um seinetwillen seinen körperlichen Schaden vergisst und immer daran denkt, was Gott um des Menschen Willen getan hat.

Der siebente Stein ist der Karfunkel. Er wird von dem in deine Krone eingesetzt, der dir falsche Neuigkeiten brachte, dass nämlich dein Sohn Karl tot sei, was du geduldig getragen hast und deinen Willen Gott übergeben hast. Deshalb: Wie der Karfunkelstein im Hause leuchtet und der schönste in einem Ring ist, so weckt der Mensch, der geduldig ist, wenn er etwas Liebes verliert, Gott zur Liebe, und leuchtet und glänz in den Augen der Heiligen, wie ein Kostbarer Stein.
Bleibe daher standhaft, meine Tochter, denn noch sind ein paar Steine erforderlich, um deine Krone zu vergrößern. Denn Abraham und Hiob wurden durch ihre Prüfungen besser und bekannter und berühmter, und Johannes wurde heiliger durch das Zeugnis, das er für die Wahrheit ablegte.“

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125. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Es gibt sieben Tiere. Das erste hat große Hörner, wegen derer es hoffärtig ist, und die es veranlassen, mit anderen Tieren Krieg anzufangen. Es stirbt jedoch bald, denn auf Grund der gewaltigen Hörner kann es nicht rasch springen, sondern wird durch Büsche und Gestrüpp gehindert. Das zweite Tier ist klein. Es hat ein einziges Horn und darunter einen kostbaren Stein. Dieses Tier lässt sich nicht fangen, denn wenn es eine Jungfrau sieht, läuft es ihr gleich in die Arme und wird so von ihr getötet.

Das dritte Tier hat keine Glieder, und deshalb steht es ständig und ruht an einem Baum. Wenn der Jäger es sieht, haut er den Baum in der Mitte durch. Das Tier sucht seine Ruhe wie gewöhnlich, aber wenn der Baum darauf stürzt, kann es nicht eingefangen werden. Das vierte Tier sieht höchst harmlos aus und schadet niemandem, weder mit den Füßen noch mit den Hörnern. Aber jeder, der seinen Atem kennt, wird aussätzig, denn dieses Tier ist von Natur aus innen vollkommen leprakrank.

Das fünfte Tier ist überall ängstlich und fürchtet eine Hinterlist. Das sechste Tier fürchtet nicht anderes als sich selbst. Wenn es sein Schattenbild sieht, springt es sich fast zu Tode. Es möchte sich ständig an dunklen und verschwiegenen Plätzen aufhalten. Das siebente Tier fürchtet nichts, nicht einmal den Tod, denn es weiß nichts vom Tod, bevor er kommt. Dieses Tier hat vier besondere Eigenschaften. Erstens spürt es innerlich eine unaussprechliche Freude. Zweitens kümmert es sich nicht ums Fressen, denn es frisst einfache Dinge von der Erde. Drittens steht es niemals still, sondern springt ständig herum. Viertens ruht es, sogar wenn es sich anderswo hinlegt, und bewegt sich mit mäßiger Geschwindigkeit.

Das erste Tier ist mit einem Mann zu vergleichen, der sich über seine Würde erhebt, aber der, wenn er sich nicht in Acht nimmt, schnell ergriffen wird, da er mit guten Taten spät und langsam ist. Das zweite Tier, das stolz ist auf den kostbaren Stein, den es unter dem Horn hat, bezeichnet einen Mann, der sich auf Grund des kostbaren Steins der Keuschheit auf sich selbst verlässt und vermessene Gedanken über sich selbst hat, der nicht auf Ermahnungen hören will, sondern sich für mehr als andere hält, und der sich deshalb sehr davor hüten soll, dass er nicht von Hochmut eingeschnürt wird, der das Antlitz einer Jungfrau hat, aber tödliche Stiche austeilt.

Das dritte Tier, das keine Glieder hat, ist mit einem Mann zu vergleichen, der die Glieder des geistlichen Begehrens nicht besitzt und der deshalb, wenn er glaubt, in Sicherheit zu leben, in dem gefangen wird, was ihn belustigt. Das vierte Tier, das inwendig ganz voll Aussatz ist, bezeichnet einen Mann, der ganz aussätzig von Hochmut ist und der deshalb alle ansteckt, die zu ihm halten.

Die Eigenschaften der drei folgenden Tiere sollen zu seiner Zeit offenbart werden. Denn das erste dieser Tiere ist wie Thomas fromm und zweifelnd, und kann mit einem geglätteten, geputzten Quaderstein verglichen werden. Das zweite Tier ist wie Gold im Feuer und wie eine vergoldete Flöte, die im kostbarsten Futteral verwahrt wird. Das dritte Tier ist wie eine bemalte Tafel, die mit edleren Farben bemalt werden könnte.

Wenn sich nun die lasterhaften Männer, die mit den vier erstgenannten Tieren gemeint sind, zu mir bekehren, so werde ich ihnen entgegeneilen und ihre Bürde erleichtern. Warum nicht – ich werde ihnen ein Tier zusenden, das schneller als der Tiger ist und sie verzehren wird. Und, wie geschrieben steht, ihre Tage sollen kurz werden, ihre Kinder sollen vaterlos bleiben und ihre Ehefrauen Witwen, und ihre Ehre soll in Schande und Unehre verwandelte werden.“

Erklärung
Das erste Tier, d.h. der erste Bischof, war hochmütig wegen seiner vornehmen Herkunft, wurde aber durch Worte des Heiligen Geistes umgewandelt. Er kam nach Rom und folgte Frau Birgitta bis Neapel. Als sie in Benevent waren, erkrankte er schwer an Nierenstein. Dem Kranken sagte der Heilige Geist durch Frau Birgitta: „Dem kranken König von Israel wurde befohlen, einen Verband um seine Wunde zu legen. Das soll auch dieser tun: Er soll nämlich in seinem Herzen wahre Liebe zu Gott erwecken, denn das ist das beste Heilmittel. Er wird sich dann gleich wieder gesund fühlen.“ Als er das hörte, legte er ein Gelübde ab und wurde an Leib und Seele wieder gesund. Über diesen Bischof steht in Buch III. Kap. 12 zu lesen. Das zweite Tier, d.h. der andere Bischof, zeichnete sich durch große Reinheit aus. Über ihn steht in Buch III, Kap. 13 zu lesen.

Das dritte Tier, d.h. der dritte Bischof, der mit einem Elefanten verglichen wird, veränderte sich zum Besseren. Christus sagt: „Wozu hat dieser Bischof geraten? Ja, er machte den Vorschlag, dass eine Vermählung illegal gehalten werden sollte, so dass die gemachten Ausgaben nicht vergebens sein sollten, und er sagte, dass ein Dispens vom Papst leicht zu erhalten sein würde.

Aber nun höre, was ich sage! Ein jeder, der bewusst und vorsätzlich gegen Gott sündigt, zieht sich Gottes Gericht und Trübsal auf Erden zu, wenn er nicht tief bereut. Aber der, der die Sündenlast eines anderen auf seinem Rücken legt, sündigt schlimmer, denn er hat keine Furcht und kümmert sich nicht um die Erlösung seiner Seele. O welche Vermessenheit und welcher Mangel an Liebe ist es doch, die Schlüssel des Rechts in der Hand zu haben, aber wegen einer geringen und vergänglichen Angelegenheit sich etwas gegen die Schlüssel und das Recht vorzunehmen!

Er soll also versuchen, Gott gnädig zu stimmen und die echten Ehegatten zu fruchtbarer Buße und gebührender Absolution zu veranlassen. Sonst werden seine Tage verkürzt werden und er selbst wird vor mein Gericht kommen, und der Fall seiner Kirche wird so groß werden, dass sie kaum wieder aufgebaut werden kann. Das, was die Vermählten haben möchten, wird zunichte werden, und sie selbst werden verachtet werden.
Du, meine Tochter, schreibe an die echten Gatten, die du kennst, dass ihre Kinder – wenn sie sich nicht bessern und Absolution begehen – nicht lange leben, werden, und das, was sie gesammelt haben, in andere Hände gelangt.“

Weiter sagt er über denselben Bischof: „Dieser Bischof kam demütig zu mir wie der, der sein Erbteil vergeudete und Baumfrüchte essen musste, demütig zu seinem zurückkam. Wahrlich, meine Tochter, das Weltliche ist wie eine Treber, wenn der Kern, d.h. Gott, aus dem Herzen vertrieben wird und man sich unnötige und fruchtlose Arbeit machen will und die Welt mehr liebt als Gott.

Aber weil dieser Bischof nun anfängt, mich und sich selber kennen zulernen, werde ich ihn wie einen guten Vater behandelt, indem ich vergesse, was gewesen ist, ihm auf halbem Wege entgegeneile, ihm einen Ring an seine Hand stecke und ihm Schuhe an die Füße ziehe und ihm das gemästete Kalb zu essen gebe. Denn von diesem Tage an, werden seine Werke von einer Brennendären Liebe zu mir gekennzeichnet sein; die göttliche Geduld und die göttliche Weisheit werden ihm besser als vorher helfen, seine Mitmenschen zu gewinnen, und er wird auch eifriger und gewissenhafter werden, meinen Leib (in der Kommunion) zu nehmen und zu ehren. Diese Gabe hat meine liebste Mutter ihm erwirkt – sie, die Schutzpatronin für seine Domkirche ist.

Das vierte Tier, d.h. der vierte Bischof, der weiter mit seinem Aussatz behaftet blieb, wurde plötzlich ohne Sakrament abgerufen. Über diesen steht in Buch VI, Kap 17 zu lesen. Das fünfte Tier war wie ein Quaderstein, ein in allen Dingen kluger und maßvoller Mensch. Über diesen steht in Buch III, Kap. 33 zu lesen. Das sechste Tier, d.h. der sechste Bischof, war ein gottesfürchtiger Mann, der ständig gewissenhaft sein Herz erforschte. Er leitete weise seine Kirche und befreite sie von vielen Auflagen.
Als er tot war, sagte Christus über ihn: „Die goldene Schrift sagt, dass Gottesfurcht der Weisheit Anfang ist. Das ist wahr, aber ich sage, dass Gottesfurcht auch das Ziel der Vollkommenheit ist. Weil dieser Bischof diese Tugend hatte, kam er auf einem klugen Richtweg auf den Weg der Erlösung.“

Das siebente Tier, d.h. der siebente Bischof, war gekennzeichnet durch größte Enthaltsamkeit und Eifer für Gott. Weder aus Furcht vor Unannehmlichkeiten und Verlusten oder aus Freundschaft verschwieg er die Wahrheit. Als er einmal im Gebet versunken war, gab er den Geist auf. Von diesem Bischof handeln mehrere Offenbarungen in der Biographie Birgittas. Es war Herr Hemming, Bischof in Åbo (Turku), und er war ein Freund der hl. Birgitta, wie aus Kap. 104 in den beigefügten Offenbarungen hervorgeht.

Eine Offenbarung über den Bischof, der der Nachfolger des zweiten Tieres ist. Gottes Sohn spricht: „Schreib an den Bischof, dass raubgierige Vögel das Land überfallen haben, um ihre Nester dort aufzuschlagen. Daher soll dieser Bischof und seine Freunde daran arbeiten, dass ihre Krallen abgewetzt werden, dass sie keinen Zugang zu hohen Stellen erhalten und ihre Schwingen nicht in der Gesellschaft ausbreiten. Sonst werden sie mit ihren Schnäbeln und Klauen die Saat der Erde ausrotten, über die Bergeshöhen fliegen und das Land in eine Einöde verwandeln.“
 

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126. Kapitel

Die Mutter der Barmherzigkeit sprach mit der Braut Christi (Birgitta) und sagte: „Was sollen wir mit diesem blinden Bischof machen? Er hat ja drei Eigenschaften: Er arbeitet dafür, den Menschen mehr zu gefallen als Gott, er liebt den Schatz nicht, den die Engel bewachen, sondern den, den Diebe stehlen können, und er liebt schließlich sich selber mehr als seinen Nächsten, und mehr als seinen Gott.“

Und siehe, im selben Augenblick sah die Braut so etwas, wie sechs Waagen, von denen drei niedrig herunterhingen, da sie von seiner Bürde belastet waren, während drei andere so leicht waren, dass sie hoch oben hingen, weil man nichts auf ihnen sehen konnte außer etwas Leichtem, das einer Flaumfeder glich. Und die Mutter sagte: „Siehe, obwohl dieser Bischof die drei vorher genannten schlechten Eigenschaften hatte, lebt er doch ständig in Angst, und wegen dieser Furcht, die einen Ansporn zur Liebe in sich birgt, ist es dir vergönnt, seine Lage zu sehen.

Denn die schweren Waagschalen bezeichnen seine gegen Gott gerichteten Taten, die seine Seele bedrücken. Sie erscheinen dir als drei, da er durch seine Gier, seine Reden und sein Tun wie eine Waage zu der Welt hin heruntergedrückt wird. Die anderen drei Waagschalen scheinen dir auf Grund seiner Leichtfertigkeit hoch zu hängen, denn bald steigt er durch Gedanken, bald durch seinen Willen, bald durch sein Tun hinauf zu Gott, doch hat das Irdische das Übergewicht gegenüber dem Geistlichen, denn mit Ersten beschäftigt er sich eifriger und fleißiger, so dass ihn schon der Teufel an den Füßen zieht und die Schlinge schon bereit ist.“

Die Braut erwiderte: „O du Frau der Milde, leg etwas auf die Waagschalen!“
Die Mutter sagte: Agnes und ich haben gewartet, um zu sehen, ob der Bischof sich an unsere Liebe erinnern würde, aber er kümmert sich nicht besonders um unsere Liebe erinnern würde, aber er kümmert sich nicht besonders um unsere Fürsorge. Doch wollen wir mit ihm verfahren wie drei Freunde, die am Wege saßen und ihn, da sie ihn kannten, ihrem Freunde zeigten. Der erste von Ihnen sagte: „O Freund, der Weg, den du gehst, ist weder gerade noch sicher; wenn du ihn weitergehst, werden dir die Räuber schaden, und wenn du dich sicher glaubst, wirst du sterben.“

Der zweite sagte: „Der Weg, den du wanderst, scheint dir angenehm zu sein, aber was nützt dir das, wenn der am Ende Bitterkeit im Herzen verursacht?“ Der dritte sagte: O Freund, ich sehe deine Krankheit, und deshalb soll es dir nicht missfallen, wenn ich dir einen Rat gebe, und du sollst nicht undankbar sein, wenn ich dir eine besondere Liebe erweise.“ So wollen ich und Agnes mit diesem Bischof umgehen. Wenn er auf den ersten hört, wird der zweite ihm den Weg zeigen, und der dritte wird ihn ins Land des Lichtes führen.“

Darauf zeigte sich der Braut das, was von oben zur Unterweisung desselben Bischofs gesandt wurde, und dies wird nun mitgeteilt.
Die Mutter spricht: „So soll dem Bischof gesagt werden: Obwohl Gott alles tun kann, muss der Mensch doch selber dabei mitwirken, dass man der Sünde ausweicht und man die göttliche Liebe empfängt. Es gibt drei Mittel, um der Sünde auszuweichen, und drei Mittel, die Liebe zu empfangen. Die drei Mittel, um der Sünde auszuweichen, bestehen darin, all das aufrichtig zu bereuen, was das Gewissen belastet, das nicht mehr freiwillig begehen zu wollen und das Begangene und die begangenen und gebeichteten Sünden auf den Rat derer, die die Welt verschmäht haben, standhaft zu bessern.

Die drei Mittel, die zum Erwerben der Liebe zusammenwirken, sind folgende: Erstens, Gott um Hilfe zu bitten, so dass die böse Begierde verschwindet und dem Willen Raum gibt, das zu tun, was Gott gefällt. Denn die Gottesliebe ist nicht zu erlangen, wenn man sich nicht danach sehnt, und diese Sehnsucht ist nicht vernunftgemäß, wenn sie nicht durch die Liebe zu Gott Stetigkeit gewinnt.

Daher gibt es beim Menschen drei Dinge, ehe die Liebe Eintritt gewinnt, und drei andere kommen hinzu, wenn die Gottesliebe eingegossen wird. Vor dem Eingießen der Gottesliebe beunruhigt sich der Mensch wegen der Ankunft des Todes, vor der Verminderung seiner Güter und der Freundschaften, vor weltlichen Unglücksfällen und körperlicher Krankheit. Aber wenn er die Liebe empfängt, tritt in der Seele Freude über die irdischen Widrigkeiten ein, man leidet, und die Sinne ängstigen sich davor, die Welt zu besitzen, aber freuen sich darüber, Gott ehre zu erweisen und darüber, für Gottes Ehre zu leiden.

Das zweite Mittel, wodurch die Liebe erworben wird, besteht darin, Almosen von seinem Überfluss zu geben. Denn wenn der Bischof Hausgerät und Gewänder hat, wie es einem demütigen Prälaten zukommt, - zum notwendigen Lebensunterhalt, aber nicht zur Prahlerei und zum Überfluss, so soll er sich damit genügen lassen und den Rest für Almosen verwenden. Wenn sich die armen Diener der Prälaten durch zeitliche Güter und Besitztümer anderer bereichern und sich damit hervortun, dann sollen andere, wirklich Arme lauthals „Rache!“ über sie rufen.
Das dritte Mittel, Liebe zu erwerben, ist das Bemühen der Liebe. Z.B. wenn jemand nicht mehr als ein einziges Vaterunser liest, um Liebe zu gewinnen, so wird er Gott gefallen, und die Gottesliebe wird ihn schneller erreichen.“

Weiter sagte die Mutter zu ihrem Sohn Christus: „Gesegnet seist du, Jesus Christus, vornehmster Kämpfer, der du so schnell gewesen bist, den Weg zu laufen, und so stark und ausdauernd im Streit. Es steht geschrieben, dass David ein großer und starker Kämpfer war, aber er war keineswegs so wie du. David kam aus weitem Abstand angesprungen und schleuderte einen Stein gegen den Feind, aber du nahtest dich dem Feind auf deinen Füßen und zerschlugst ihm den Rücken.

David zog das Schwert des gefallenen Feindes und schlug ihm den Kopf ab, aber du nahmst dem stehenden Feind das Schwert ab, besiegtest ihn, als er lebte, mit deiner Geduld und nahmst dem Starken seine Kraft mit deiner Demut. Deshalb bist du der Kämpfer der Kämpfer; keiner war oder wird dir gleich sein. Aus dem kraftvollen Vater ging nämlich der stärkste Sohn hervor, und dieser befreite seinen Vater und seine Brüder.

Ich bitte dich also, du huldreichster Kämpfer, dass du diesen Bischof lehrst zu kämpfen, und Kraft, auf der Rennbahn (? vädjoband) der Kämpfer zu laufen, so dass er seinen Platz unter den wahren Kämpfern einnehmen kann, die ihr Leben für das wahre Leben hingaben und ihr Blut für deines geopfert haben.“
Der Sohn erwiderte: „Das Gebet der Liebe soll man nicht gering achten. Die Schrift sagt ja, dass niemand zu mir kommt, wenn der Vater ihn nicht zieht. Wenn der, der zieht, stark ist, aber das, was gezogen wird, übermäßig schwer ist, wird die Arbeit rasch vergeblich und wird zunichte. Wenn das, was gezogen wird, angebunden ist, kann dem, der zieht, nichts helfen oder ihm beistehen, wenn er fällt. Wenn es unrein ist, ist es widerlich, es noch zu ziehen.

Deshalb muss der, der gezogen werden soll und sich ziehen lassen möchte, erst gereinigt werden und sich in passender Weise vorbereiten, so dass es angenehm wird, ihn mit den Händen zu ziehen. Aber um der Gebote meiner Mutter willen soll diesem Bischof der rechte Weg gezeigt werden, wenn er ihn sucht.“

Danach sagte die Mutter zur Braut: „Höre, denn es ist dir vergönnt, geistliche Dinge zu vernehmen. Ich sagte dir vorher, dass, wenn der Bischof den Weg sucht, soll er ihm gezeigt werden. Deshalb werde ich ihm jetzt den Weg zeigen. Wenn dieser Bischof den Weg wandern will, von dem das Evangelium spricht, und einer von den Wenigen sein Will, muss er drei Dinge haben, ehe er den Weg einschlägt. Er muss zuerst die Last ablegen, die auf ihm liegt und ihn bedrückt, d.h. die weltliche Lust und den Geldbeutel, so dass er nicht die Welt liebt, so dass er ihn nicht zum Überfluss und Hochmut anwendet, sondern nur zu seinem notwendigen Lebensunterhalt – nach den ehrbaren und demütigen Erfordernissen, und so dass er alles, was er nicht benötigt, zu Gottes Ehre verwendet.

Das hat nämlich der gute Matthäus getan: Er legte die schwere Bürde der Gewinnsucht ab, von der er doch nicht verstand, wie schwer sie war, bevor er Gottes leichtes und liebliches Joch auf sich nahm. Zweitens muss er gegürtet und bereit sein, abzureisen, wie die Schrift erzählt, dass Tobias, als er von seinem Vater geschickt wurde, um Geld zu holen, einen zur Reise gekleideten Engel am Weg fand.

Was bezeichnet diese Engel anderes, wenn nicht den Priester und Bischof des Herrn, der rein im Fleisch und im Begierden ist? Nach der Prophetie ist ja der Priester der Engel des Herrn der Heerscharen, da er den Gott empfängt und weiht, den die Engel sehen und anbeten. Was bedeutet es, dass der Engel sich dem Tobias umgürtet am Wege zeigte, wenn nicht, dass jeder Priester und Bischof mit dem Gürtel der göttlichen Gerechtigkeit sein muss – bereit, seine Seele für seine Schafe hinzugeben, bereit, die Wahrheit mit Worten auszusprechen, bereit, den Weg der Gerechtigkeit mit Taten zu veranschaulichen, bereit, für Gerechtigkeit und Wahrheit zu leiden und sie nicht auf Grund von Drohungen und Schmähungen zu verkleinern, sie nicht auf Grund von falscher Freundschaft zu verschweigen und nicht zu unterlassen, sie in die Tat umzusetzen, weil ein paar Menschen ihm abraten.

Zu jedem Bischof, der in dieser Weise in Gerechtigkeit gekleidet ist und nicht auf sich selbst vertraut, sondern auf Gott – zu dem wird Tobias kommen, d.h. der gerechte Mensch, und gerechte Menschen werden ihm folgen, denn gute Beispiele und Taten nützen mehr, als bloße Worte.

Drittens soll er Brot und Wasser verzehren, wie man, über Elia liest, dass er an seinem Kopfende Brot fand, und dass er von einem Engel ermahnt wurde, zu essen, da er einen weiten Weg vor sich hatte. Was ist das Brot, das Elia aß, und durch das er solche Kraft erhielt, wenn nicht das leibliche und geistliche Gut, das ihm gegeben wurde?

Das leibliche Brot wurde nämlich als Beispiel für andere zubereitet, so dass man wissen sollte, dass es Gott wohlgefällig ist, wenn man den maßvollen Lebensunterhalt zur Erquickung des Leibes hat. Es wurde ihm auch prophetische Eingebung und geistliche Stärke verliehen, als er seinen 40 Tage langen Weg machte, so dass man wissen sollte, dass der Mensch nicht vom Brot allein, sondern von jedem Worte Gottes lebt.

Denn wenn Gott nicht den Trost der Prophetie in ihn eingegossen hätte, wäre er sicher in Folge seiner eigenen Schwachheit zu Grunde gegangen, denn er war an sich ein schwacher Mann, aber stark durch Gott. Jeder, der aufrecht steht und stark ist, hat Stärke und Manneskraft durch Gott. Weil dieser Bischof nun schwach ist, verordnen wir ihm ein Stück Brot, d.h. Gott über alle Dinge zu lieben, wohlgeordnet, rein, wahrhaftig und vollkommen.

Wohlgeordnet, so dass er nicht das Weltliche liebt, um es im Überfluss zu besitzen; rein, so dass er keine Sünde an sich oder am Nächsten liebt und keine schlechte Angewohnheit nachäffen will; wahrhaftig, so dass er sich keine Sünde im Vertrauen auf seine guten Werke erlaubt, sondern mit seinen Kräften haushält und so der Gefahr entgeht, auf Grund von allzu großem Eifer zusammenzubrechen und zu Sünde und Kleinmut verleitet zu werden, - oder dadurch, dass er die Bösen nachahmt und ein Versehen für unbedeutend hält – vollkommen, so dass ihm nichts so lieb ist wie Gott.

Weiter ermahnen wir ihn, Wasser bei dem Brot der Liebe zu haben. Was ist dieses Wasser, wenn nicht das, ständig die Bitterkeit des Leidens Jesu Christi zu bedenken. Wer kann die Pein von Christi Menschengestalt in vollem Maß bedenken, die er litt, als er darum bat, dass ihm der Kelch des Leidens erspart bleibe, und als Bluttropfen aus seinem Körper drangen?

Mit Recht war dieser Schweiß blutig, denn das Blut von Gottes Menschengestalt wurde von der natürlichen Furcht hervorgerufen, die er litt, so dass er zeigen konnte, dass er ein wirklicher, nicht unscheinbarer Mensch war, und nicht frei von Leiden. Der Bischof soll also dieses Wasser trinken, wie Gott vor Herodes und Pilatus stand, wie geplagt und verachtet er am Kreuz hing, und wie seine Seite von einem Speer geöffnet wurde, so dass Blut und Wasser daraus hervordrang.
Wenn der Bischof die drei genannten Dinge besitzt, ist es für ihn weiter nützlich, zu wissen, wie er seine Zeit vom Tagesbeginn bis zur Abenddämmerung einrichten soll. So bald der Bischof aus dem Schlaf der Nacht erwacht, soll er Gott für seine Liebe bei der Schöpfung danken, für sein Leiden bei der Erlösung und für die Geduld, mit der er seine Sünden und Unarten ertragen hat.

Wenn er aus dem Bett aufsteht und sich anzieht, soll er sagen: „Die Erde muss einmal mit seiner Erde bekleidet werden, und die Asche muss mit seiner Asche sein. Aber da ich mit Gottes Vorsehung ein bischöfliches Amt bekleide, um für andere ein Spiegel zu sein, bekleide ich dich, deinen Esel, der mein Leib ist, mit Asche und Erde, nicht aus Hochmut, sondern um dich zu bedecken, so dass deine Nacktheit nicht zu sehen ist. Ich kümmere mich nicht darum, falls deine Kleidung besser oder dürftiger ist, nur dass sie so ist, dass das Bischofsgewand zu Gottes Ehre zu erkennen ist und die bischöfliche Amtsgewalt von anderen durch die Tracht zu unterscheiden ist – zur Zurechtweisung und Unterrichtung der Schwachen.

Daher bitte ich dich, mildester Gott, der mich in deiner Gnade berufen hat: Gib mir einen Sinn, so dass ich durch den großen Wert der „Asche“ nicht hochmütig werde oder töricht mit der Farbe prahle, und gib mir die Stärke der Tugenden, so dass – wie das Bischofsgewand auf Grund der göttlichen Amts voll macht ehrwürdig vor anderen ist, auch das Gewand der Seele in dir tugendreicher ist, und ich nicht zur Strafe für einen unklugen Gebrauch der Amts würde umso tiefer sinken muss, oder zur Strafe dafür, dass ich eine ehrwürdige Tracht unwürdig getragen habe, umso schimpfliger entkleidet und verdammt werde.“

Dann soll der Bischof seine Stundengebete lesen oder sie singen, wenn er kann, denn eine je höhere Würde ein Mensch erreicht hat, umso größere Ehre ist er verpflichtet, Gott zu erweisen. Doch gefällt ein reines und unbeflecktes Herz Gott ebenso im Schweigen wie im Gesang. Wenn er dann die Messe gelesen hat (oder auch vorher), mag der Bischof seine Tätigkeit ausüben, sei es körperlich oder geistlich, und in allen seinen Werken soll er Barmherzigkeit üben und an Gottes Ehre denken, so dass es für die Schwachen nicht so aussieht, als ob er sich mehr um das zeitliche als um das geistliche Gut kümmern würde.

Wenn er zu Tisch geht, soll er so sprechen: „O Herr Jesus Christus, der du willst, dass der Leib mit leiblicher Speise ernährt wird, ich bitte dich, schenk mir Hilfe, meinen Körper mit dem Notwendigen so zu versehen, dass er durch unmäßiges Essen keinen Widerwillen empfindet und auch nicht wegen allzu knapper Kost verkümmert, und gib mir richtige Mäßigkeit, so dass – wenn das, was von der Erde ist und vom Irdischen lebt – der Herr der Welt nicht durch sein irdisches Geschöpf zum Zorn gereizt wird.“

Wenn er dann zu Tische sitzt, mag er mit seinen Tischnachbarn eine maßvolle Erquickung haben, aber so, dass Verleumdung und Leichtfertigkeit vermieden werden. Er soll sich auch davor hüten, dass man nicht so etwas redet, wodurch andere in ihren Lastern befestigt oder zur Sünde verleitet werden. Wer anderen zuhört, muss nämlich bedenken, was sich schickt und was vor Gott zulässig ist, was andere erbaut, und was zur Erlösung dient. So wie alle Speise an einem irdischen Tisch keinen Geschmack hat, wenn Brot und Wein fehlen, so ist an einem geistlichen Tisch alles für die Seele geschmacklos, wenn der Wein der Geistlichen Freude und das Brot der Lehre Gottes fehlen.

Deshalb soll der Bischof bei Tisch etwas zu Gottes Ehre reden, wodurch die, die mit ihm zusammensitzen, in ihren Seelen gestärkt werden können, oder er soll etwas Erbauliches vorlesen lassen, so dass bei ein und derselben leiblichen Erquickung der Körper Nahrung erhält, und die Seele geistlich unterwiesen wird.
Wenn die Mahlzeit beendet ist und man Gott für das Essen dankt, soll der Bischof etwas reden, was von Nutzen ist, und etwas verrichten, was sein Bischofsamt erfordert, oder eine Weile schlafen, wenn dies für die Natur nützlich ist, oder Bücher studieren, durch die er zum Geistlichen gelenkt werden kann.

Nach dem Abendessen kann er sich mit den Freunden seines Umgangs auf ehrbare Weise erfreuen und sich mit ihnen trösten, denn wenn der Bogen allzu straff gespannt ist, bricht er schneller. So gefällt Gott eine maßvolle Freude um der Schwachheit des Fleisches willen. Aber wie eine Mutter, wenn sie ihr Kind entwöhnen will, erst den Busen mit Asche oder etwas Bitterem bestreicht, bis sich das Kind an eine festere Nahrung gewöhnt hat, so soll auch der Bischof mit den Seinen sein, so dass er in der Freude Gemessenheit und bei der Enthaltsamkeit Milde walten lässt, soweit er die Seinen durch Worte der Gottesfurcht und Demut zu Gott hinlenkt.

Er kann sie dadurch lehren, Gott zu verehren und zu lieben, und so wird er durch seine göttliche Amtswürde sowohl ein Vater für seine Hausgenossen, als auch durch wohlwollende Unterweisung ihre Mutter und Pflegerin. Wenn er weiß, dass einer seiner Hausgenossen bis zum Tode der Seele sündigt und sich weder durch strenge oder milde Worte bessern lässt, soll er sich von diesem trennen und ihn wegjagen. Er wird nämlich durch seine Sünde auch nicht unbefleckt, wenn er ihn aus Nützlichkeitserwägungen oder aus irdischer und zeitgebundener Rücksicht behält.

Wenn er dann zu Bett geht, soll er sein Herz auf Gott hin lenken und darüber nachdenken, wie seine Gedanken und sein Begehren, seine Taten und Urteile während des Tages gewesen sind, und er soll um Gottes Hilfe und Erbarmen bitten und den festen Willen haben, sich zu bessern, wenn er kann. Wenn er ins Bett geht, soll er beten: „O Herr mein Gott, der du meinen Leib geschaffen hast, sieh auf mich in deiner Barmherzigkeit und schenk mit deine Hilfe, so dass ich nicht durch überlanges Schlafen träge in deinem Dienst werde, und auch nicht durch allzu kurzes Schlafen in deinem Dienst ermatte, sondern lehre mich, den maßvollen Schlaf zu haben, den du uns zur Erholung des Leibes verordnet hast, so dass der böse Feind dem Leib nicht schaden soll oder durch dein heimliches Gericht über die Seele Herr wird.“

Wenn er aus dem Bett aufsteht, mag er – wenn ihm des Nachts etwas Unzulässiges passiert ist – es mit der Beichte abwaschen, so dass der Schlaf der folgenden Nacht nicht mit den Sünden der vorhergehenden begonnen wird. Es steht ja geschrieben: „Die Sonne soll nicht über eurem Zorn untergehen“, und sie soll auch nicht über euren Gedanken und falschen Vorstellungen untergehen. Manchmal wird nämlich die Sünde, die lässlich und gering ist, in Folge von Versäumnis oder Missachtung zu einer Todsünde. Ich sage auch, dass er jeden Freitag Buße tut, indem er einem Priester demütig beichtet – mit dem Willen, sich zu bessern, sonst dient die Beichte zu gar nichts.“

Danach sagte Gottes Mutter: „Wenn der Bischof diesen Weg geht, will ich ihn vor drei Dingen warnen. Erstens, dass der Weg schmal wird, zweitens, dass es stechende Dornen darauf gibt, drittens, dass er uneben und steinig ist. Gegen diese drei Dinge will ich ihm aber drei Hilfsmittel geben. Das erste ist, dass er sich Kleider anzieht. Das zweite ist, dass er sich seine zehn Finger vor Augen hält, durch die er wie durch ein Gitter schauen soll, so dass nicht die Dornen seine bloßen Augen leicht und schnell durchbohren. Das dritte ist, dass er seine Füße vorsichtig auf den Boden setzt und bei jedem Schritt genau darauf achtet, ob der Fuß einen festen Halt hat, und dass er nicht übereilt beide Füße auf einmal aufsetzt, wenn er sich nicht vorher überzeugt hat, wie weit der Weg unsicher oder eben ist.

Was bezeichnet den schmalen Weg anders, wenn nicht die Bosheit und weltliches Unglück verkehrter Menschen, das den Gerechten auf seinem Weg der Gerechtigkeit hindert und beunruhigt? Dagegen soll sich der Bischof mit den Gewändern der Geduld und der Standhaftigkeit bekleiden, denn es ist eine große Ehre, für Gerechtigkeit und Wahrheit Schmach zu leiden.

Was bedeuten die zehn Finger, die er sich vor die Augen halten soll, wenn nicht die zehn Gebote, die der gerechte Mensch täglich als Spiegel benutzen soll, so dass er, so oft ihn der Dorn der Schmähung sticht, die Liebe zum Nächsten anwendet; so oft ihm die Liebe zur Welt und des Fleisches Vergnügen macht, bedenkt, was geschrieben steht: „Du sollst nicht begehren, sondern du sollst deine Begierde zügeln und beherrschen.“ Wo immer sich die göttliche Liebe findet, da gibt es ja Geduld in Trübsal, Freude in Krankheiten, Trauer über das, was überflüssig ist, Furcht vor Ehre, Demut in der Macht und Sehnsucht danach, die Welt zu verlassen.

Was bedeutet es, dass er bei jedem Schritt nachprüfen soll, wieweit die Füße einen festen Stand haben, wenn nicht dies, dass er überall eine verständig Furcht haben soll? Das Gerechte muss ja zwei „geistliche Füße“ haben, nämlich die Sehnsucht nach dem Ewigen und den Widerwillen gegen das Weltliche. Aber bei der ersteren soll Klugheit herrschen, so dass er das Ewige nicht mehr zu seiner eigenen Ehre, als zur Ehre Gottes ersehnt; er soll stattdessen all seine Sehnsucht nach Gottes Willen und Ehre richten. Bei der zweiten soll Vorsicht herrschen, so dass nicht der Widerwille gegen die Welt auf Grund von Überdruss am Leben und über eingetroffene Missgeschicke oder Müdigkeit bei der Arbeit für Gott unvernünftig wird. Ja, hier ist Vorsicht geboten, so dass der Widerwille gegen die Welt auf der Sehnsucht nach einem besseren Leben und Ekel an den Sünden beruht.

Wenn der Bischof diese beiden „Füße“ hat, indem er sogar fürchtet, dass das, was gebessert ist, nicht genug gebessert ist, und er auf diesem schmalen und Dornbewachsenem Wege fortschreitet, da will ich ihn weiter vor drei Widersachern warnen, die auf dem Wege sind. Der erste Feind zischt ihm etwas in die Ohren. Der zweite steht vor ihm, bereit, ihm ins Auge zu stechen. Der dritte liegt vor seinen Füßen, ruft mit lauter Stimme und hat eine Schlange zur Hand, um seine Füße zu umgarnen, wenn die sich bei seinem Ruf erheben.

Der erste Feind sind die Menschen oder die teuflischen Eingebungen, die auf den Bischof in dieser Weise einwirken wollen: „Warum gehst du so demütig und auf einem so schmalen Weg einher? Warum bürdest du dir so viel Arbeit auf? Geschieht das deshalb, dass du heiliger als alle anderen sein willst, wenn du tust, was kein anderer tut? Schlage lieber den Weg ein, an dessen Rande Blumen blühen, auf dem so viele wandern, so dass du nicht Gefahr läufst, verächtlich zu versinken!

Was geht’s dich an, ob die Menschen ein gutes oder schlechtes Leben führen? Was nützt es dir, denen Vorwürfe zu machen, von denen du Ehre und Liebe gewinnen kannst? Sie gehen ja weder dir oder den Deinen zu nahe! Was berührt es dich, wenn sie Gott erzürnen? Tausche stattdessen Geschenke mit ihnen aus! Nutze deine Ehre und die Freundschaft der Menschen aus, so dass du in gleichem Maße Ehrenbezeugungen der Menschen empfangen kannst und das Himmlische erhältst! Sieh, ein solcher Feind zischt und hat schon in vielen Ohren gezischt! Er ist schuld daran, dass so viele Lampen, die im Dunkel leuchten müssten, selbst dunkel geworden sind, und dass das schönste Gold in Dreck verwandelt ist.

Der zweite Feind, der die Augen besticht, ist die Schönheit der Welt und die Besitztümer der Welt, die Pracht der Kleider und der Sachen, die Gunst und Ehrenbezeugungen von Menschen. Wenn man all das ersehnt und es einem angeboten wird, blendet dies das Auge der Seele und des Verstanden bis zu den Grade, dass es angenehmer scheint, mit Simson an der Mühle der weltlichen Sorge zu stehen, als mit der Braut – der Kirche – die Fürsorge eines Hirten auszuüben.

Und da erkaltet die Liebe zu Gott (wenn es sie überhaupt gegeben hat), man begeht dreist Sünde, und das begangene Vergehen wird gering geachtet, da man sich auf die Macht verlässt, die man innehat. Deshalb soll der Bischof, wenn er die nötige und vorgeschriebene Anzahl Diener hat, was die Würde und Autorität seines Standes ermöglicht, zufrieden sein – wie geschrieben steht: „Mögt ihr ohne Gewinn und mit maßvollen Dingen zufrieden sein.“ Denn niemand, der mit ganzem Herzen für Gott kämpft, verwickelt sich in weltliche Angelegenheiten, wenn nicht gegen seinen Willen und zu Gottes Ehre.

Der dritte Feind hat eine Schlinge und ruft: „Warum demütigst du dich so, der du vor anderen geehrt werden kannst? Strebe danach, höher aufzusteigen; da kannst du in größerem Überfluss leben und auch mehr geben! Sei Priester, um unter den Ersten sitzen zu können! Sei Bischof (und dann Erzbischof oder etwas noch Höheres), um mehr Ruhe zu bekommen, mehr Dienstpersonal zu haben und größere Ehre zu genießen! Dann kannst du anderen helfen, wirst von anderen mehr gefürchtet und von vielen anderen erfreut.“

Wenn die Seele von solchen Gedanken betrogen wird, streck sich der „Fuß“ – unvorsichtig genug – gleich nach Gewinnsucht aus, und man sucht nach einer Art und Weise, zu einer höheren Stellung aufzusteigen, und die Seele verfängt sich so in den Schlingen der Gier und der zeitgebundenen Sorge, dass sie sich kaum wieder erheben kann.

Das ist gar nichts Besonderes. Die Schrift sagt ja, dass der, der ein Bischofs – oder Priesteramt anstrebt, ein gutes Werk begehrt. Was ist dieses Gute? Sicher, für die Seele und zu Gottes Ehre zu arbeiten, für das Ewige und nicht für das Vergängliche zu arbeiten. Aber nun sehnen sich alle nach Ehre und nicht nach Arbeit, die eben keine Ehre ist, sondern eine schwere Prüfung. Wo es nicht die Mühe der Arbeit für Gott gibt, da gewinnt die Seele auch keine Ehre vor Gott.

Deshalb soll der Bischof keine höhere Stellung oder eine andere erstreben, als er sie hat, denn die Schlinge liegt in der Erde versteckt, und die Falle ist auf dem Weg des Wandernden aufgestellt. Es ist also nützlich für ihn, in der Stellung zu verbleiben, die er hat, bis es Gott gefällt, in anderer Weise für ihn zu sorgen, oder ein höherer Kirchenprälat etwas anderes zu Gottes Ehre verordnet.

Das nun Gesagte ist ein Rat und eine liebevolle Warnung. Aber nun wollen wir sagen, was der Bischof nach Gottes Willen tun soll. Er muss die Bischofsmitra wohl verwahrt in seinen Armen haben, sie nicht für Geld verkaufen, sie nicht anderen aus Freundschaft überlassen und sie nicht aus Nachlässigkeit oder Gleichgültigkeit verlieren. Was bedeutet die bischöfliche Krone oder die Mirta anderes, als die bischöfliche Macht, nämlich Priester zu weihen, die Irrenden Zurechtzubringen und die Ungebildeten mit seinem Wort und Beispiel zu unterweisen?

Was bedeutet es, die Mirta gut zu verwahren, wenn nicht dies, fleißig zu bedenken, wie er diese Macht empfangen hat, zu welchem Zweck er sie erhalten hat, wie er sie getragen hat, und was ihm zukommt, zu tun. Wenn er nun bedenken will, wie er sie erhalten hat, soll er erst darüber nachdenken, ob er sie um seiner selbst willen oder für Gott hat haben wollen.
Wenn es für sich selbst gewesen ist, soll es verständige Furcht hegen, aber wenn es um Gottes willen geschah, war es verdienstvoll und geistlich. Wenn er sich dann fragt, zu welchem Zweck er die Macht und Würde erhalten hat, werde ich ihm sicher sagen, dass es dafür war, dass er durch seine Verdienste ein Tröster und Retter der Seelen sein soll; er lebt ja von deren Almosen, um der Ernährer der Armen sein zu können, der Vater der Reichen, Gottes Gehilfe im geistlichen Bereich und ein Eiferer für Gott.

Will er wissen, was die Frucht der Macht ist, so erklärt Paulus das gut. Wer ein guter Verwalter ist, sagt er, soll eine doppelte Ehre empfangen, nämlich eine irdische und eine geistliche. Aber der, der eine bischöfliche Tracht besitzt und kein bischöfliches Leben führt, soll sich doppelt schämen.
Was bedeutet es, dass die Macht nicht verkauft werden soll, wenn nicht dies, dass der Bischof nicht bewusst Simonistisch sein darf und das nicht bei anderen duldet, wenn er es erfährt, dass er nicht irgendwelche Leute für Geld weihen oder befördern soll, sein Amt nicht ausüben soll, um Ehre und Gunst von Menschen zu gewinnen, dass er die nicht wegen menschlicher Bitten befördern soll, von denen er weiß, dass sie unwürdig sind und ein schlechtes Leben führen.

Was ist es anderes, dass er seine Macht nicht anderen aus Freundschaft überlassen soll, wenn nicht dies, dass er die Sünden anderer auf Grund von falscher Barmherzigkeit nicht übersehen darf, sie nicht aus Freundschaft verschweigt, sich nicht mit den Sünden anderer wegen irgendwelcher menschlichen Schwachheit belastet, statt sie zu verurteilen, wie er kann und tun muss? Der Bischof ist ja ein Wächter des Herrn, und deshalb soll das Blut der Erschlagenen aus der Hand des Wächters gefordert werden, wenn er die Gefahr gesehen, aber nicht gerufen hat, oder wenn er schlief und sich nicht darum gekümmert hat.

Dass der Bischof nicht die Krone oder die Mitra aus Unachtsamkeit verlieren darf, das bedeutet, dass der Bischof nicht anderen etwas überlassen soll zu tun, was er selber tun muss und tun kann und es nicht aus Bequemlichkeit unterlässt, was er selbst auf bessere Weise als andere vollbringen kann, dass er über das Leben derer auch Bescheid weiß, denen er seine Aufträge erteilt, sondern ihr Leben versteckt und offen unter die Lupe nimmt, denen er die Aufträge anvertraut, und darauf achtet, wie sie Gerechtigkeit walten lassen, denn das Bischofsamt bedeutet keine Ruhe, sondern Fürsorge und Arbeit.

Wenn nun der Bischof, wie ich schon sagte, gelernt hat, die Mitra gut zu verwahren, ist es auch angebracht, dass er unter seinen Armen eine Blütendolde trägt, mit der er von nah und fern die Schafe zu sich lockt, denn ein guter Hirte pflegt seine Schafe mit Blumen und Gras hinter sich her zu locken. Was ist diese Blütendolde anderes, als die göttliche Verkündigung, die einem Bischof zukommt? Was sind die beiden Arme, wenn nicht das doppelte Werk, d.h., offen gute Taten zu tun und aus Gottesfurcht und als Vorbild für die nächste Umgebung im Verborgenen Gutes zu tun?

Wenn die Verkündigung also mit diesen beiden Taten vereint ist, wird sie eine herrliche Blütendolde, hinter der die Schafe, die ihm in seinem Bistum nahe sind, froh nachlaufen, und die fern wohnenden Schafe, wenn sie sein Lob hören, eifrig begehren – auf Grund der guten Worte und der Liebestaten, die den Worten folgen. Denn das bildet die lieblichsten Blumen, die Schafe anzulocken: Tugendhafte Werke zu tun und andere zu lehren, sie zu tun – nicht mit wortreicher Wissenschaft, sondern mit wenigen und liebvollen Worten. Es ist nämlich nicht angebracht, dass Gottes Herold stumm ist und auch nicht dass der Wächter über Gottes Haus blind ist.

Noch etwas fehlt dem Bischof. Wenn er ans Tor (der Kirche) gekommen ist, gehört sich es für ihn, dem höchsten König etwas zu überreichen. Deshalb raten wir ihm, dass er dem König ein für ihn höchst wertvolles Gefäß überreicht, rein und verziert. Das für den Bischof höchst wertvolle Gefäß ist sein Herz, und das soll er Gott ganz und gar mit Tugenden verziert darbringen, aber leer von Eigenwillen und weltlicher Liebe.
Wenn der Bischof dem Tor auf diese Weise naht, wird ihn eine strahlende Heerschar empfangen. Der Gottmensch (Christus) wird ihn empfangen, und die Engel werden sagen: „O Herr Gott, sieh hier einen Bischof, der unbefleckt am Fleisch war, rein im Priesteramt, mannhaft in der Tat, demütig in der Macht! Wir haben ihn um seiner Reinheit willen ersehnt, und deshalb stellen wir ihn dir vor, denn nach der hat er sich wegen deiner Liebe gesehnt.“

Da werden die heiligen Seelen im Himmel sagen: „Siehe, Herr Gott, unsere Freude ist in dir. Doch freuen wir uns auch über diesen Bischof. Denn er hat eine Blume im Mund getragen, mit der er viele Schafe gerufen hat; eine Blume hat er in der Hand getragen, mit der er die Schafe erquickte, die zu ihm kamen; Blumen schickte er zu denen, die weit weg wohnte, und hat so schlummernde Schafe aufgeweckt.

Weil er also mit den Blumen seiner Worte unseren Chor erweiterte, freuen wir uns über ihn. Freue dich auch du, Herr Gott, über diesen Mann und über seine Ehre, denn er hat sich über alles nach dir gesehnt.“ Und da wird der Herr, der Geber der Herrlichkeit, zum Bischof sagen: „O mein Freund, du bist gekommen, um mir das Gefäß deines Herzens zu überlassen, das leer von dir selbst ist, und das du von mir füllen lassen wolltest. Komm deshalb, so will ich dich mit mir selber füllen. Du wirst in mir sein und ich in dir, denn es wird nie ein Ende mit deiner Ehre und deiner Freude nehmen.“

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127. Kapitel

Die Braut (Birgitta) bat für ihren Freund, einen alten Priester und Eremiten, der ein vortreffliches Leben führte und ein Mann von großen Tugenden gewesen war; er war gerade eben gestorben und lag auf dem Totenschrein in der Kirche, um begraben zu werden. Da zeigte sich ihr die Jungfrau Maria und sagte: „Höre, meine Tochter: Du sollst wissen, dass – sobald die Seele dieses Eremiten, der mein Freund war, den Leib verlassen hatte, sollte sie in den Himmel kommen, wenn er nur im Augenblick des Todes die vollkommene Sehnsucht hatte, in Gottes Nähe zu kommen und seinen Anblick zu genießen. Weil er das aber nicht hatte, wird er jetzt im Fegefeuer der Sehnsucht festgehalten, wo es keine Qual gibt, nur die Sehnsucht, heim zu Gott zu kommen. Doch sollst du wissen, dass – bevor sein Leib unter die Erde kommt, seine Seele in die ewige Herrlichkeit geführt werden wird.“

Zusatz
Sage dem alten Mönch von neuem, der lange als Einsiedler gelebt hat und mir eine Frucht gebracht hat, die mich erfreut, indem er wilde Tiere in Schafe und den Löwen zum Lamm verwandelt hat: „Bleib nun standhaft in Rom, wo die Straßen mit dem Blut meiner Heiligen bedeckt sind, denn du wirst das Gericht zu hören bekommen und deine Vergeltung sehen!“ Nachdem er das gehört hatte, wurde er gleich krank, und er schlief nicht lange danach in Frieden ein.

Dieser Benediktinermönch bat Frau Birgitta, dass sie Gott fragen solle, wie er Sicherheit in Bezug auf seine Tracht erhalten könne, denn die vielen Missbräuche in Kleidung machten ihm schwer zu schaffen, deren sich die Mönche des hl. Benedikt schuldig gemacht hatten.
Als sie dann in Ekstase war, sagte Gottes Sohn zu ihr: „Ich habe dir früher gesagt, dass mein Diener Benedikt seinen Leib wie einen Sack ansah, der fünf Kleidungsstücke hatte. Das erste war die straffe Kordel, die den Körper und die ungeordneten Begierden bändigte, damit sie nicht zügellos würden und ihre gebührenden Grenzen nicht überschritten. Das andere Kleidungsstück war eine schlichte Kutte, weder verkürzt noch voller Falten; sie sollten den Körper einhüllen, schmücken und den Leib wärmen, so dass die, die ihn in dieser Kleidung sahen, keinen Anstoß daran nehmen sollten.

Das dritte war ein Skapulier, wodurch er geneigter und bereitwilliger zu körperlicher Arbeit sein sollte. Das vierte Kleidungsstück war Schuhwerk, das ihn schneller und demütiger machen sollte, auf Gottes Weg zu wandern. Das fünfte war der Gürtel der Demut, mit dem umgürtet, sollte er den Überfluss verschmähen und die übliche und ihm auferlegte Arbeit fleißiger ausführen.

Aber jetzt trachten seine Klosterbrüder nach Kleidern, die Sinnenlust erwecken; sie ekeln sich vor Strenge und suchen sich Kleider, die dem Geschmack der Menschen entsprechen und das Fleisch zur Sinnlichkeit reizen. Denn statt einer Kutte nehmen sie sich einen faltenreichen, breiten und langen Mantel, so dass sie eher wie hoffärtige Prahlhänse aussehen, als wie demütige Ordensmänner.
Anstelle eines Skapuliers haben sie nur ein kurzes Tuch vorn und hinten, und den Kopf bedecken sie mit einer weltlichen Kappe, um sich nach den Weltmenschen zu richten. Aber auf diese Art und Weise werden sie weder wie Weltmenschen, noch arbeiten sie mit Gottes demütigen Dienern zusammen. Sie bedecken die Füße und legen sich Gürtel an wie die, die drauf und dran sind, auf eine Hochzeit zu gehen – und nicht, um auf der „Rennbahn der Arbeit“ zu kämpfen.

Deshalb soll der Mönch, der erlöst werden will, bedenken, dass die Regel des hl. Benedikt ihm wohl erlaubt, das Notwendige in maßvoller Weise zu haben, das Nützliche, aber nicht das Überflüssige, das Ehrbare und Vorteilhafte insgesamt in demütiger und nicht in hochmütiger Weise. Denn was bedeutet die Kutte, wenn nicht dies, eine größere Demut als andere zu haben? Und was bezeichnet die einfache Kapuze der Kutte, wenn nicht das, Abscheu vor Weltlichen Sitten zu haben?

Aber warum tragen die Mönche nunmehr eine weltliche Kapuze, wenn nicht deshalb, weil sie sich vor der Demut scheuen und sich nach den Weltmenschen richten wollen? Welchen Schmuck oder Nutzen hat die Tütenform der Kapuze? Trägt man die nicht eher, um damit zu prahlen und Aufsehen zu erregen, statt den schönen Brauch des Klosterlebens zu befolgen? Welchen Vorzug hat der gefaltete Mantel gegenüber der Kutte, wenn nicht den, dass er den wandernden Mönch stattlicher und vornehmer aussehen lässt?

Wenn man aus irgendeinem lobenswerten Zweck einen demütigen und schlichten Mantel trüge, würde das sicher nicht den guten Sitten schaden, aber die Kutte der Demut wäre passender, damit man an der Tracht sehen könnte, welchen Ordensmann man vor sich hat. Wenn der Mönch Kopfweh bekommen oder von Kälte geplagt ist, so würde er nicht sündigen, wenn er eine passende und demütige Kopfbedeckung unter der Kapuze hätte – aber nicht außerhalb von dieser, denn das würde von Eitelkeit und Äußerlichkeit zeugen.“
Frau Birgitta fragte: „O Herr, zürne nicht, wenn ich frage: „Sündigen Klosterbrüder, die eine solche Tracht mit Erlaubnis ihrer Oberen oder nach einer Sitte tragen, die von der Einrichtung deren Vorgänger herrührt?“

Gott sagte: „Der Dispens ist gültig, wenn er aus einer guten Absicht hervorgeht. Manche geben Dispens aus gerechtem Eifer, aber andere aus falschem Mitleid und auf unkluge Weise, andere wegen Leichtfertigkeit ihrer eigenen Sitten und ihrem Begehren, Menschen zu gefallen, während andere das Gerechte vortäuschen, da sie leer an Liebe zu Gott sind. Mir ist nur der Dispens wohlgefällig, der nicht im Streit mit der Demut steht. Und der Dispens ist gültig, der das Notwendige in kluger Weise zulässt, aber den Überfluss auch in seinen allergeringsten Äußerungen verurteilt.“

Frau Birgitta stellte noch eine Frage: „O Herr mein Gott, wenn manche in Unkenntnis darüber schweben, was am besten oder passend Sten in der Klosterregel ist, sündigen die auch?“ Christus erwiderte: „Wie kann ein Ordensmann über die Regel nicht Bescheid wissen, die täglich gelesen und gehört wird, die Regel, die bestimmt, dass der Mönch sich demütigen und gehorchen soll, eine Tracht tragen, die dürftig und nicht weichlich ist, mustergültig und nicht prahlerisch ist? Und wessen Gewissen ist so abgestumpft, dass er nicht versteht, sich zur Demut und alle Arten von Armut zu bekennen?

Ein Benediktinermönch ist der, der der Regel mehr als dem Fleisch gehorcht, der weder mit seiner Tracht noch seinen Sitten jemandem anders als Gott gefallen will, der täglich bereit ist, zu sterben und sich zum Heimgang aus dieser Welt vorbereitet, und der genau bedenkt, wie er Rechenschaft über sein benediktinisches Leben wird ablegen können.“
 

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128. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „Sage diesem alten Priester und Einsiedler, meinem Freund: „Wer gegen seinen Willen und seinen Seelenfrieden , von seinem Glauben und seiner Liebe zu seinen Mitmenschen verpflichtet, manchmal seine einsame Zelle und seine stille Betrachtung verlässt, aus Liebe von seiner Eremitenwohnung zu den Menschen herabsteigt, um ihnen geistliche Ratschläge zu erteilen, und durch dessen Beispiel und heilsame Ratschläge viele Seelen sich zu Gott bekehren, und die sich schon bekehrt haben, zur Vervollkommnung der Tugenden weiter fortschreiten – der möchte nun demütig wissen, wieweit hier etwa die heimtückische Schlauheit und ein Betrug des Teufels vorliegen kann und hat deshalb einen demütigen Rat von dir begehrt und gebeten, dass du für ihn beten sollst.

Im Hinblick darauf – nämlich ob es Gott mehr gefällt, dass er die Schönheit seiner Kontemplation mehr für sich selbst genießt, als dass er diese Liebe seinen Mitmenschen angedeihen lässt – sollst du ihm also in meinem Namen sagen, dass es Gott wahrlich mehr gefällt, dass er – wie gesagt – manchmal von seiner Eremitenklause heruntersteigt und hingeht, seinen Mitmenschen das genannte Liebeswerk zu beweisen, indem er sie an den Tugenden und Gnadengaben teilhaben lässt, die er selbst von Gott empfangen hat, so dass sie sich dadurch bekehren und inniger an Gott festhalten und an der eigenen Ehre dieses Eremiten teilhaben, als dass er in seiner einsamen Klause seine Sinnesfreude für sich selbst genießt.

Und sage ihm, dass er im Himmel eine größere Belohnung und einen größeren Verdienst für diese seine Liebe erhalten wird, wenn er stets in Übereinstimmung mit dem Rat und Willen seines älteren geistlichen Vaters handelt. Sage ihm auch, dass ich will, dass er alle Eremiten und auch alle Nonnen und einzeln lebende Frauen, die früher geistliche Kinder des Eremiten waren, der mein Freund war und jetzt tot ist, zu seinen geistlichen Kindern macht und sie nach seinem Rate lenkt.

Ja, er soll sie alle in geistlicher und tugendreicher Weise mit seinem liebvollen Rat lenken, wie dieser sie lenkte, als er lebte, denn das ist Gottes Wunsch. Und wenn sie ihn als ihren Vater nehmen und ihm in ihrem geistlichen und ihrem Eremitenleben demütig gehorchen, dann wird er ihnen Vater und ich ihre Mutter sein. Aber wenn einer von ihnen ihn nicht zu seinem geistlichen Vater nehmen oder ihm gehorchen will, dann wäre es für diesen Ungehorsam besser, dass er sich gleich von den anderen zurückzöge, als dass er länger unter ihnen bleibt. Mein Freund, der Eremit, soll aber zu ihnen hingehen und in seine Klause zurückkehren, so oft es ihm notwendig scheint, dich immer nach dem Rat und Willen seines älteren Vaters.“

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129. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht zur Braut: „Ich sagte dir vorher, dass ich das Herz des Tieres und das Blut des Fisches haben möchte. Was ist das Herz des Tieres anderes, als die unsterbliche Seele der Christen, die ich so liebe, und die mir mehr gefällt als alles, was auf der Welt begehrenswert erscheint? Was ist das Fischblut anderes, wenn nicht die vollkommene Liebe zu Gott? Daher muss das Herz mir von den reinsten Händen und das Blut in einem hübsch verzierten Gefäß angeboten werden, denn die Reinheit ist Gott und den Engeln wohlgefällig.

Ja, wie der Edelstein in einem Ring ist die Reinheit bei jeder geistlichen Tat das Allerbeste. Die Gottesliebe muss in einem schön verzierten Gefäß dargebracht werden, denn die Seele der Heiden muss in der brennend Sten Liebe zu Gott leuchten und brennen, und in der Liebe müssen die Gläubigen und Ungläubigen wie in einem Leib mit Gott, ihrem Haupt, vereinigt werden. Wer mir das in der Sünde verhärtete Herz des Christen anbieten will, der wie ein Tier ohne das Joch des Gehorsams ist, mit Lastern herumläuft und in seinen Lüsten lebt, muss einen spitzen Bohrer durch seine Hände treiben, denn dann können ihm weder Schwert noch Pfeile etwas anhaben.

Was sind die Hände des gerechten Mannes, wenn nicht seine Taten, die weltlichen und die geistlichen? Die leibliche Hand, das heißt, zum Bedarf und Unterhalt des Leibes zu arbeiten. Die geistliche Hand ist, zu fasten, zu beten und dergleichen. Aber damit jede Handlung eines Menschen maßvoll und klug ist, muss sie mit Gottesfurcht durchbohrt sein. Denn der Mensch muss zu jeder Stunde bedenken, dass Gott immer gegenwärtig ist, und er muss fürchten, die Gnade zu verlieren, die ihm verliehen ist, denn ohne Gottes Hilfe kann der Mensch nichts tun, aber mit seiner Liebe kann er alles.

Wie der Bohrer Löcher in die Sachen bohrt, auf die er angesetzt wird, so macht die Gottesfurcht alle Taten fest, bereitet den Weg für die Gottesliebe und ruft Gott zu Hilfe. Daher soll der Mensch in allen seinen Taten gottesfürchtig und klug sein, denn wie beide Arten von Arbeit, die geistliche wie die weltliche, notwendig sind, können sie doch ohne Gottesfurcht und Klugheit nichts nützen, denn Mangel an Klugheit und Vermessenheit zerstört und verwirrt alles und macht auch die Ausdauer zunichte.

Wer das harte Tier besiegen möchte, soll also unbeugsam fest in Handlungen der Klugheit sowie standhaft in der Gottesfurcht und in der Hoffnung auf Gottes Hilfe sein, und so versuchen, das harte Herz aufzubrechen, so weit er es vermag und Gott seine Hilfe dazu gibt.
Mein Freund soll auch seine Augen mit dem Augenlid eines Walfischs schützen, befestigt mit dem stärksten Pech, denn sonst stirbt er durch den Blick des Basilisken. Was ist das Auge des gerechten Mannes, wenn nicht die doppelte Betrachtung, die er täglich üben muss, nämlich das Betrachten von Gottes Wohltaten und die Selbsterkenntnis? Wenn er Gottes Wohltaten und seine Barmherzigkeit bedenkt, soll er seine eigene Hinfälligkeit und seine Undankbarkeit gegenüber dem Gott beachten, der ihm so viele Wohltaten erwiesen hat.

Und wenn seine Seele einsieht, dass er ein strenges Gericht verdient, so soll er das Auge seiner Betrachtung mit dem Augenlid eines Walfisches versehen, d.h. mit dem Glauben an Gottes Güte und der Hoffnung auf ihn, so dass er nicht dadurch ermattet, dass er an Gottes Barmherzigkeit denkt, oder die Hoffnung aufgibt, indem er an sein Gericht denkt. Denn wie die Augenlider des Walfischs nicht so weich wie Fleisch und auch nicht hart wie Knochen sind, so soll der Mensch den Mittelweg in seiner Betrachtung von Gottes Barmherzigkeit und seinem Gericht einhalten, indem er standhaft auf die Barmherzigkeit hofft und klug das Gericht fürchtet.
Er soll sich auch über die Barmherzigkeit freuen und in Gerechtigkeit von Tugend schreiten. Wer in dieser Weise täglich mit Furcht und Hoffnung an die Barmherzigkeit und Gerechtigkeit denkt, der braucht das Auge des Tieres nicht zu fürchten.

Und was ist das Auge des Tieres anderes, wenn nicht die weltliche Weisheit und der zeitliche Fortschritt? Die Weisheit der Welt, die mit dem ersten Auge des Tieres verglichen werden kann, ist wie der Blick des Basilisken, denn der hofft auch nur auf das, was er sieht, und seine Belohnung ist gering, da er nur nach dem Vergänglichen trachtet. Die göttliche Weisheit hofft dagegen auf das, was sie nicht sieht, kümmert sich nicht um weltlichen Erfolg, liebt Demut und Geduld und sucht keine andere Belohnung, als die ewige.

Das zweite Auge des Tieres ist der Erfolg in der Welt; der wird von den Bösen angestrebt, so dass sie das Himmlische vergessen und sich gegen Gott verhärten. Jeder Mensch, der sich um die Erlösung seines Mitchristen kümmert, soll also seine Augen klug mit denen des Tieres, d.h. mit den Augen des Mitchristen, verbinden, indem er ihm die Wohltaten des barmherzigen Gottes und seine strengen Gerichte vor Augen hält, die Worte der Weisheit Gottes den weltlichen Worten entgegenhält, den nicht enthaltsam Lebenden einen Wandel in ständiger Enthaltsamkeit zeigt, der aus Liebe zu Gott den Reichtum und die Ehre des Augenblicks verachtet, häufig predigt und das, was er predigt, durch die Tat vervollkommnet, denn ein geistliches Leben bekräftigt die gesprochenen Worte, und heilige Vorbilder nützen mehr als schöne Worte, die nicht durch die Tat verwirklicht werden.

Die, welche stets Gottes Wohltaten und seine Gerichte im Sinn haben, die ständig Gottes Wort im Munde führen, sie mit der Tat vollenden und eine feste Hoffnung auf Gottes Güte haben, die werden nicht vom Schwert des bösen Feindes, d.h. von den trügerischen Gedanken verwundet, sondern werden immer besser und besser und bringen in ihrer Liebe die Irrenden zur wahren Gottesliebe. Aber die, die mit der Gnade, die sie empfangen haben, prahlen und sich durch ihre Weisheit und Beredsamkeit zu bereichern suchen, die sind tot, obwohl sie leben.

Er muss auch eine Stahlplatte an seinem Herzen festbinden, denn er muss ständig Gottes Liebe vor Augen haben, indem er bedenkt, wie Gott sich gedemütigt hat und Mensch geworden ist, wie er bei seiner Predigttätigkeit Hunger, Durst und Mühe ertrug, wie er am Kreuz aufgehängt wurde, von den Toten auferstand und zum Himmel aufgefahren ist.

Diese Stahlplatte, d.h. die Liebe, ist breit und flach, wenn der Sinn bereit ist, willig die Trübsale zu tragen, die kommen, wenn der Mensch nicht über Gottes Gerichte murrt und sich nicht über Missgeschicke aufregt, sondern seinen Willen nach dem Willen Gottes richtet und seinen ganzen Leib Gott zur Verfügung stellt. O Tochter, ich war der stärkste Stahl, als ich – am Kreuze ausgestreckt – gleichsam mein Leiden und meine Wunden vergaß und für meine Feinde betete.

Weiter muss man die Nasenlöcher schließen und mit geschlossenem Mund auf das Tier losgehen, denn so wie der Atem durch die Nasenlöcher ein und ausgeht, so gehen Leben und Tod durch die Begierden des Menschen in die Seele ein. Daher soll der Mensch sich vor schlechten Begierden wie vor dem Tod in Acht nehmen, so dass sie keinen Eingang in die Seele gewinnen oder dort verbleiben, wenn sie schon Eingang gefunden haben.

Wer sich vornimmt, mit dem Schweren fertig zu werden, soll also Acht auf seine Versuchungen geben und sich vorsehen, dass nicht die ungeordneten Begierden seinen Eifer für Gottes Sache vermindern, denn mit allem Eifer, mit göttlicher Liebe und großer Geduld soll man, ob es passend oder unpassend ist, auf den Sünder zugehen, so dass er sich bekehrt, und wo der Gerechte durch Reden und Ermahnen nichts erreicht, da soll er seinen Eifer durch ständige, inständige Bitten ausüben. Das Tier muss mit beiden Händen gepackt werden. Nun hat das Tier ja zwei Ohren. Mit dem einen hört es willig auf das, was für es angenehm ist; das andere hält es sich zu, um nicht zu hören, was für seine Seele nützlich ist.

So ist es für einen Freund Gottes nützlich, auch zwei geistliche Hände zu haben, wie er vorher zwei körperliche hat, aber er soll sie in durchbohrtem Zustand haben. Die eine Hand soll die göttliche Weisheit sein, womit er dem Sünder zeigt, dass alles auf dieser Welt unbeständig uns vergänglich ist, und dass der, der daran sein Vergnügen findet, betrogen und nicht erlöst wird, weil alles nur zum notwendigen Lebensunterhalt und nicht zum Überfluss gegeben ist.

Die andere Hand soll das gute Beispiel und die gute Tat sein, denn ein guter Mensch muss tun, was er lehrt, so dass die, die ihn hören, durch sein Vorbild gestärkt werden. Viele unterweisen andere wohl, aber gehen nicht mit gutem Beispiel voran, und diese gleichen denen, die in ihrer Herzenskälte Steine ohne Mörtel errichten; die Folge ist, dass die Steine sich gleich lösen, wenn der Sturm kommt.
Der Haut eines Tieres, die hart wie Feuerstein ist, soll man Hammer und Feuer zu Leibe rücken. Mit der Haut ist Prahlsucht und Scheinheiligkeit gemeint.

Obwohl die Bösen nicht gut sein wollen, möchten sie so scheinen, was sie gar nicht sind. Und obwohl sie rühmenswert genannt werden möchten, aber nicht lobenswert leben wollen, zeigen sie eine Scheinheiligkeit und täuschen eine Gerechtigkeit vor, die sich keineswegs in ihrem Herzen findet. So überheben sie sich zum Schein aus ihrer vorgetäuschten Heiligkeit und werden hart wie Feuerstein, so dass sie sich nicht durch Zurechtweisungen oder offenbare Gründe erweichen lassen.

Deshalb sollen Gottes Diener gegen solche Leute den Hammer des harten Tadels und das Feuer des göttlichen Gebots benutzen, so dass die Bösen vom Wort der Wahrheit besiegt werden, ihre Härte allmählich verschwinden lassen, in ihren Gebeten warm werden und entzündet werden und sich selber kennen lernen. Das tat Stephanus. Der sprach nämlich keine angenehmen Worte, sondern wahre Worte, keine sanften, sondern schroffe Worte. Außerdem betete er für sie zu Gott, und deshalb stiftete er Nutzen, und viele haben sich seinetwegen gebessert.

Wenn jemand also die Werke seiner Hände mit Gottesfurcht durchbohrt, das Auge der Betrachtung durch Mäßigkeit schütz, sein Herz mit einer Stahlplatte bewehrt, sich die Nasenlöcher zuhält und mir so das Herz des Tieres anbietet, so werde ich Gott damit den herrlichsten Schatz schenken, durch dessen Lieblichkeit das Schauen nicht ermüden soll, dessen Freude das Ohr nicht überdrüssig werden soll, durch dessen Genuss der Geschmack nicht satt werden soll, und dessen Berührung dem Gefühl niemals Schmerz bereitet, sondern die Seele mit Freude und ewigem Überfluss erfüllt.

Der Fisch bezeichnet die Heiden. Dessen Schuppen sind sehr stark, denn die Heiden sind in Sünden und Bosheit verhärtet. Wie die dicht sitzenden Schuppen verhindern, dass der Wind eindringt, so prahlen die Heiden mit ihren Sünden, leben in vergeblicher Hoffnung, verschanzen sich gegen meine Freunde und weisen sie zurück, tragen Irrlehren vor, schüchtern andere ein und bedrohen sie. Wer mir das Blut des Fisches anbieten will, soll also das Netz über ihn werfen, d.h. seine Verkündigung, die nicht aus den spröden Drähten der Philosophen und aus den mit findiger Beredsamkeit ausgerüsteten Rednern bestehen, sondern aus schlichten Worten und demütigen Taten.

Die einfache Verkündigung von Gottes Wort erklingt nämlich mit klarem Erzklang vor Gott und ist mächtig genug, Sünder zu Gott zu führen. Daher begann und vervollkommnet sich meine Kirche nicht durch wortgewandte Meister, sondern durch ungebildete, aber demütige Männer. Der Prediger soll auch darauf achten, dass er nicht weiter als bis zu den Knien ins Wasser hinausgeht, und dass er nur Dort den Fuß hinsetzt, wo der Sand fest ist, denn wenn die Wellen höher als bis zu den Knien gehen, können die Füße ausrutschen.

Was ist das gegenwärtige Leben anderes, als bewegliches und unstetiges Wasser? Das Knie der geistlichen Stärke soll sich dazu nicht weiter beugen, als notwendig ist. Der Mensch soll also den Fuß seiner Sehnsucht in festen Sand setzen, d.h. in der Beständigkeit der Gottesliebe und in der Betrachtung des Zukünftigen. Die, welche die Füße ihres Begehrens und ihre Kraft aus das Zeitliche setzen, die haben nämlich nicht genügend Festigkeit und Stetigkeit, Seelen zu werben, sondern versinken in den Wogen der zeitlichen Sorgen.

Der Gerechte muss auch das Auge schließen, das er dem Fisch zuwendet, denn das menschliche Auge ist teils geistlich, teils körperlich. Das menschliche Auge wird von Schreck ergriffen, wenn die Seele, nachdem sie die Macht und Grausamkeit der Tyrannen gesehen hat, ihre eigene Schwachheit einsieht und sich scheut, zu sprechen.

Dieses Auge der Furchtsamkeit muss von der Seele durch das Betrachten von Gottes Güte geblendet und eingedrückt werden, indem sie bedenkt und fest glaubt, dass jeder Mensch, der seine Hoffnung auf Gott setzt und einen Sünder für Gott zu gewinnen sucht, Gott selber als Beschützer hat. Der Sünder oder der, der sich zu Gott bekehrt hat, muss mit dem Auge des Verständnisses betrachtet werden, indem man genau berücksichtig, wie viel er kann und welche Hemmnisse er hat, mitgezogen zu werden, so dass er, wenn er sich an das ungewohnte (neue Leben) macht, nicht womöglich unter den neuen Mühen niedersinkt oder wegen seiner Bedrängnis bereut, dass er sich eine strengere Lebensführung vorgenommen hat.

Der Gerechte soll, wer er auch ist, untersuchen, wie der zum Glauben bekehrte Heide irdisch gesehen – gestellt ist, so dass er nicht zu betteln braucht, durch Knechtschaft bedrückt wird, oder seiner lobenswerten Freiheiten und Rechte beraubt wird, und dass er gewissenhaft dafür sorgt, dass der Neubekehrte regelmäßig in dem heiligen katholischen Glauben unterwiesen wird und heilige Beispiele der Tugenden zu sehen bekommt.
Es ist mir nämlich wohlgefällig, dass die bekehrten Heiden heilige Sitten zu sehen bekommen und Worte der Liebe hören.

Viele Christen kommen ja mit wilden, zügellosen Sitten zu den Heiden und rühmen sich, dass sie ihre Leiber töten und ihre zeitlichen Güter rauben. Das gefällt mir ebenso, wie damals, als man dem goldenen Kalb in der Wüste opferte. Wer mir dadurch gefallen will, dass er zu den Heiden zieht, soll sich also zuerst von dem „Auge“ der Gewinnsucht und der weltlichen Furcht befreien, aber das Auge des Mitleids und der Einsicht offen haben, um ihre Seelen zu gewinnen, so dass er nichts anderes mehr begehrt, als für Gott zu sterben oder für Gottes Ehre zu leben. Ferner muss der Gerechte einen Schild aus Stahl besitzen, d.h. wahre Geduld und Ausdauer, so dass er sich weder durch Worte noch durch Taten von der Liebe zu Gott abbringen lässt und auch nicht – durch Missgeschicke ermattet – irgendwie über Gottes Gerichte murrt.

Denn wie der Schild seinen Träger schütz und die Schläge auffängt, so schütz die wahre Geduld in den Versuchungen. Sie lindert auch die Sorgen und macht den Menschen geschickt zu allem Guten.
Dieser Schild der Geduld darf nicht aus Dingen angefertigt sein, die von Fäulnis befallen sind, sondern aus dem stärksten Kupfer bestehen. Die wahre Geduld muss nämlich durch die Betrachtung meiner Geduld geschaffen sein und bestärkt werden, denn ich war wie der stärkste Stahl, indem ich lieber den Tod erleiden wollte, als auf die Seelen verzichten, und lieber alle Arten von Schmähungen hören wollte, als von Kreuz herabzusteigen. Wenn ich unschuldig litt, ist es dann ein Wunder, wenn der Mensch leiden muss, der das Gericht verdient hat?

Wer in dieser Weise mit Geduld gewappnet ist, sein Netz über den Fisch wirft und es zehn Stunden über Wasser hält, der wird das Blut des Fisches erhalten. Was bedeuten diese zehn Stunden, wenn nicht zehn Ratschläge, die der bekehrte Mensch befolgen muss. Der erste ist, an meine zehn Gebote zu glauben, die ich dem Volke Israel vorgeschrieben habe. Der zweite ist, die Sakramente meiner Kirche anzunehmen und zu ehren. Der dritte ist, über begangene Sünden zu trauern und den festen Willen zu haben, sie nicht mehr zu begehen.

Der vierte Ratschlag ist, meinen Freunden zu gehorchen, auch wenn sie ihm etwas befehlen, was gegen seinen Willen ist. Der fünfte ist, alle täglichen Gewohnheiten aufzugeben, die gegen Gott und die guten Sitten verstoßen. Der sechste ist, den Wunsch zu haben, so viele wie möglich zu Gott zu führen. Der siebente ist, in seinen Taten wahre Demut zu zeigen und schlechten Beispielen aus dem Wege zu gehen. Der achte ist, Geduld bei Unglücksfällen zu haben und über Gottes Gerichte nicht zu murren.

Der neunte ist, nicht auf solche Leute zu hören oder mit ihnen zu verkehren, die Feinde des heiligen christlichen Glaubens sind. Der zehnte ist, zu Gott zu beten, in seiner Liebe zu bleiben und diese selber zu versuchen. Jeder, der sich vom Bösen abgewandt hat und diese zehn Ratschläge befolgt und sie einhält, der soll der Liebe zur Welt absterben und in Gottes Liebe lebendig werden.
Aber wenn der Fisch, d.h. der Sünder, aus dem Wasser der Lust herausgezogen ist und sich vornimmt, diese zehn Ratschläge einzuhalten, muss er am Rücken aufgeschnitten werden, wo er das meiste Blut hat. Was Bedeutet der Rücken anderes, wenn nicht das vom guten Willen eingegebene gute Handeln? Dieser Wille soll sich dem Wunsche Gottes beugen, denn oft erscheint eine Tat den Menschen gut, obwohl die Absicht und der Wille des Handelnden nicht gut sind. Der Gerechte, der einen Sünder bekehren will, muss also herausfinden, in welcher Absicht dieser zu seiner guten Tat schreitet, und in welcher Absicht er damit fortfahren will.

Und wenn er in einem geistlichen Werk ein weltliches Empfinden hat, z.B. die Anhänglichkeit an Verwandte oder den Wunsch, zeitliche Güter zu erwerben, soll er sich beeilen, dies aus seinem Herzen zu entfernen, denn so wie schlechtes Blut Krankheit hervorruft, den Gang behindert, den Zufluss zum Herzen hindert und den Appetit nimmt, so unterdrückt der böse Wille und die verehrte Absicht, die Liebe zu Gott, ruft Niedergeschlagenheit hervor, verschließt das Eingangstor des Herzens für Gott und macht alles geistliche Gut für den Menschen verabscheuungswert. Das Blut, das ich haben möchte, ist jedoch frisch und schenkt den Gliedern Leben. Dieses Blut ist der gute Wille und die geordnete Liebe zu Gott. Dadurch wird der Zutritt für den Glauben bereitet, wird der Sinn für das Verstehen und die Glieder zum Handeln geschult und Gott um Hilfe angerufen. Dieser Wille wird mit meiner Gnade kundgetan und eingegeben, wird durch Gebete und meine Güte vermehrt und wird durch das gute Handeln und meine Süßigkeit vervollkommnet.

Sieh an, in dieser Weise soll mir das Blut des Fisches angeboten werden. Wer es mir so anbietet, der soll den besten Lohn erhalten, denn in seinem Mund soll der Strom aller Lieblichkeit fließen, der ewige Strahlenglanz wird seine Seele erleuchten, und seine Erlösung soll sich ohne Ende erneuern.“

Erklärung
Im 4. Buch dieser Offenbarungen, Kap. 2, fängt Christus an, seltsame Dinge, über einen Fisch und ein Tier zu sprechen, und in diesem Kapitel erklärt er, was sie bedeuten.
 

Zusatz
Die folgende Offenbarung erfolgte in Amalfi, wo der Evangelist Matthäus begraben liegt. „Gesegnet seist du, heiliger Apostel Matthäus! Du hast den besten Tausch gemacht. Du hast nämlich das Irdische eingetauscht und hast das Ewige gefunden. Du hast dich selbst verneint und hast Gott gewonnen, du hast die nichtige Klugheit verlassen, du hast die Ruhe des Fleisches verschmäht und hast schwere Arbeit auf dich genommen. Daher bist du jetzt mit Recht in Gottes Augen ehrenreich.“

Der hl. Matthäus antwortete: „Gesegnet sei Gott, der dir diesen Gruß eingegeben hat! Aber wenn es Gott gefällt, werde ich dir zeigen, wie ich vor meiner Bekehrung war, wie ich war, als ich das Evangelium schrieb, und wie ich jetzt bin, da ich meine Belohnung genieße. Ich hatte ein öffentliches Amt, das ich ohne offenen Verdienst nicht ausüben konnte. Doch war es zu der Zeit mein Wille, dass ich niemanden betrügen wollte, und ich sehnte mich danach, den Weg zu finden, auf dem ich mich von dieser Tätigkeit zurückziehen konnte, so dass ich mit meinem ganzen Herzen Gott allein folgen konnte.

Als daher mein Freund Jesus Christus predigte, entzündeten die Worte seines Rufes gleichsam ein Feuer in meinem Herzen, und seine Worte empfand ich so lieblich, dass ich nicht mehr an Reichtümer und Ehrenstellungen dachten als an Streu und Spielt; ich wollte lieber vor Freude darüber weinen, dass mein Gott einen so großen Sünder hat zur Gnade rufen wollen. Als ich nun an meinem Herrn festhielt, begann ich, mir seine Worte immer brennender in meinem Herzen einzuprägen; Tag und Nach dachte ich darüber nach, und sie schmeckten mir wie die herrlichste Kost.

Und nachdem das Leiden vollendet war, schrieb ich das Evangelium nach dem, was ich gesehen und gehört und bezeugt hatte – nicht zu meinem eigenen Ruhm, sondern zur Ehre meines Erlöser und zur Vervollkommnung der Seelen. Als ich es schrieb, spürte ich eine solche Glut der göttlichen Inspiration in mir, dass – wenn ich hätte schweigen wollen, so hätte ich das wegen der starken Glut nicht gekonnt.

Aber das, was ich liebvoll und demütig geschrieben habe, das versuchen viele nun umzustoßen und auf bösewillige Weise zu deuten, indem sie damit prahlen, das Hohe und Himmlische zu kennen, wenn sie auf strittige Angaben stoßen, und so wollen sie lieber über das Evangelium disputieren, als nach seinem Willen leben. Deshalb werden die Kleinen und Demütigen in den Himmel kommen, aber die Klugen und Hochmütigen draußen bleiben.

Wie kann der vermessene und übermütige Mensch glauben, dass der Gott aller Weisheit seine Worte nicht so hätte abwägen können, dass die Menschen an seinen Worten nicht Anstoß nehmen würden? Aber es ist gerecht, dass Verführungen kommen, und dass die, die des Himmlischen überdrüssig sind, im Irdischen verstrickt werden. Was meine Belohnung betrifft, sollst du wissen, dass es wahr ist, was geschrieben steht, dass das Herz sie nicht fassen kann, und die Zunge sie nicht an den Tag bringt.“
 

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130. Kapitel

Der Sohn (Jesus Christus) spricht: „Ich habe vorher mit dir von sieben Tieren gesprochen, von denen eines wie ein Elefant war, der noch an einen Baum gelehnt steht und weder auf die Fäulnis des Baumes noch auf die Kürze der Zeit achtet, weshalb er auch mit dem Baum umkippen wird, wenn er glaubt, fest zu stehen. Die Mauern seiner Kirche sollen nämlich von Hitze und Wasser aufgelöst werden, so dass sich keiner findet, der sie aufbaut, denn sie sind von gottlosen Menschen erbaut worden. Die Erde soll zerstückelt werden, die Einwohner werden sich den Tod wünschen, und er wird vor ihnen fliehen, und die Gottlosen werden über die Gerechten herrschen (All dies ist eingetroffen).

„Du sollst auch wissen, dass das zweite Tier, das stolz auf den Stein der Keuschheit war, nun das Horn des Lammes angenommen hat, und deshalb werde ich ihn lehren, wie er über die Mauern springen muss, und wie er sich in seiner ehrenvollen Stellung verhalten muss. Die Demut seiner Seele gefällt mir sehr, und daher sage ich ihm, dass seine Kirche jetzt auf die höchste Treppenstufe gestiegen ist und lange im Hochmut verharrt hat. er soll deshalb daran arbeiten, dass die Priesterschaft enthaltsamer leben soll, ihr übermäßiges Trinken vermindern soll, die Gier ablegen und Demut und Gottesfurcht annehmen soll, denn sonst wird seine Kirche durch Heimsuchungen gedemütigt werden, und ihr Fall wird so groß und schwer werden, dass es auch in anderen Ländern gehört werden wird.“

Aber nach dem Tode dieses Bischofs und der Ernennung seines Nachfolgers sprach der Herr zu mir: „Du sollst wissen, dass dieser Bischof, der der Nachfolger des letztgenannten Bischofs ist, und der jetzt zur Bischofswürde aufgestiegen ist, einer der fünf Diener war, auf die der König nicht hören wollte, sofern sie nicht klarere Augen bekämen.

Ja, dieser Bischof ist nun aufgestiegen, aber er soll genau Acht geben; so wird er in meinem Gericht stehen, wie er aufgestiegen ist. Ich warne ihn vor Joab’s Fall. Dieser hegte nämlich Neid gegen die, die besser waren als er; er stützte sich auf eigenen Rat, seine Verwegenheit war groß, und daher überstieg seine Vermessenheit seine Kräfte, und er zog den vor, den er selber ausgewählt hatte, vor dem, den Gott auserwählte.
Aber ein Rat ist für diesen Bischof nützlich, nämlich dass er sich klug benimmt und stets beachtet, nicht was er kann, sondern was sich für ihn passt.

Als er wissen wollte, wie weit es zur Vergebung seiner Sünden nützlich wäre, sich nach Rom zu begeben, befragte er mich, und während ich betete, antwortete mir die Mutter Gottes: „Wenn dieser Bischof in seiner Seele spürt, dass er die Hilfe der Heiligen braucht, so mag er nach Rom kommen, um Ablass gewinnen, denn die Zeit kommt, da ihm dies nützen wird. Er soll auch darauf achten, dass die Klauen der überaus gierigen Raubvögel, die sich schon eingedrängt haben, abgeschnitten werden, so dass sie nicht mehr auf den höchsten Klippen wohnen, denn dann werden sie dem Volke noch mehr schaden, und er selber wird nicht frei von Trübsal gehen.“

Deshalb sollst du wissen, dass das Tier, über das ich mit dir gesprochen habe und das sich fürchtete, wenn es seinen Schatten sah – das ist der, der für die Seelen eifert und seinen Mut bei ihren Worten, die ihn tadeln, nicht sinken lässt oder sich bei ihren Worten, die dem zustimmen, was er sagt und ihm schmeicheln, nicht überheblich wird. Er ist bereit, zu sterben und sich aus der Welt zurückzuziehen, und auch bereit, zu meiner Ehre zu leben, wenn mir das gefällt. Ich werde ihm deshalb auf halbem Weg wie ein Vater seinem Sohn entgegeneilen und ihn wie ein barmherziger Richter aus seinem Gewahrsam herausnehmen, so dass er das Böse in der Zukunft nicht zu sehen braucht.
Aber der, der in seinem Aussatz verharrt, wird mit denen sterben, die den Bauch Vollhaben, und mit den Aussätzigen begraben und gerichtet werden, und er wird nicht bei denen sitzen dürfen, die die Welt richten.“

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131. Kapitel

Frau Birgitta sah eine Menge Engel, die auf dem Monte Gargano Loblieder sangen und sagten: „Gesegnet seist du, unser Gott, der ist und sein wird und ohne Anfang und ohne Ende gewesen ist. Du hast und Geister zu deinem Dienst geschaffen, und auch zur Freude und zum Schutz der Menschen. Wenn wir gesandt werden, um den Menschen zu helfen, verlieren wir doch nicht deine Süße, deinen Trost, und dass wir dich schauen.

Aber während man von uns dachte, den Menschen gleichsam unbekannt zu sein, hast du an diesem Ort deinen Segen und unsere Würde zeigen wollen, die wir von dir empfangen haben, auf dass der Mensch lernen sollte, dich zu lieben und außerdem unsere Hilfe zu begehren. Aber jetzt ist dieser Ort, der lange Zeit in Ehren gehalten wurde, von vielen verachtet, und die Bewohner des Landes nähern sich eher den unreinen Geistern als uns, denn sie befolgen eifrig deren Einflüsterungen.“

Frau Birgitta antwortete: „O Herr, mein Schöpfer und mein Erlöser, hilf ihnen, mit der Sünde aufzuhören und dich von ganzem Herzen zu ersehnen!“ Gott sagte zu ihr: „Sie sind an Schmutz gewöhnt und müssen mit Ruten erzogen werden. O dass sie sich züchtigen ließen, so dass sie sich selber kennen lernen und ein besseres Leben beginnen!“

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132. Kapitel

Ich bin wie der Mann, der aus der Welt scheiden sollte, und der das Beste, was er hatte, seinen liebsten Freunden überließ. So übergebe ich, wenn ich aus der Welt verscheiden werde, das, was mir am liebsten war, nämlich meine irdische Hülle, den Priestern, die ich vor allen Engel und Menschen ausgewählt habe, und habe ihnen fünf gute Dinge gegeben.

Erstens meinen Glauben, zweitens zwei Schlüssel – zur Hölle und zum Himmel, drittens, dass sie aus meinem Gegner einen Engel machen, viertens, dass sie meinen Leichnam weihen sollen, etwas, was kein Engel tun kann, fünftens, dass sie mit meinem reinsten Leichnam mit den Händen umgehen.
Jetzt dagegen handeln sie gegen mich wie die Juden, die abstritten, dass ich Lazarus auferweckt habe und andere Wunderwerke tat, aber mir stattdessen unterstellten, dass ich König werden wollte, dass ich verboten habe, Steuern zu zahlen und von mir sagten, ich könne den Tempel in drei Tagen wieder aufbauen.

So handeln jetzt die Priester. Sie sprechen nicht von meinen Wundertaten und verkünden nicht meine Lehre, sondern predigen die Liebe zur Welt und zu ihrer eigenen Wollust und rechnen das, was ich für sie getan habe, für nichts. Zweitens haben sie den Schlüssel verloren, mit dem sie den Elenden das Himmelreich öffnen sollten; aber den, mit dem die Hölle geöffnet wird, den lieben sie, und den bewahren sie in einem reinen Leinentuch.

Drittens machen sie aus dem Gerechten einen ungerechten Mann, aus dem Einfältigen einen Teufel und aus dem, der wohlbehalten ist, einen zerfetzten Menschen, denn jeder, der mit drei Wunden zu ihnen kommt, bekommt von ihnen eine vierte, und wenn man mit vieren zu ihnen kommt, geht man mit fünfen von ihnen weg. Wenn er die schlechten Beispiele der Priester gesehen hat, erhält der Sünder nämlich Mut, noch mehr zu sündigen, und er fängt an, mit der Sünde noch zu prahlen, von der er vorher meinte, er müsse sich dafür schämen. Daher ziehen sie sich eine größere Verdammnis zu als andere, denn sie stürzen sich mit ihrem Lebenswandel ins Verderben und schaden anderen mit ihrem Beispiel.

Viertens müssten sie mich ihrem Munde ehren, aber stattdessen verkaufen sie mich. Sie sind schlimmer als Judas. Der sah ja seine Sünde ein und bereute sie, wenn auch zu keinem Nutzen, denn diese Leute sagen und geben vor, gerecht zu sein. Judas brachte die Sünde zu den Käufern zurück, aber diese Leute behalten sie zu ihrem eigenen Gebrauch. Judas verkaufte mich, bevor ich die Welt erlöst hatte, aber diese, nachdem ich die Welt erlöst hatte, und sie fühlten kein Mitleid mit meinem Blut, das lauter nach Rache schreit, als Abels Blut.
Judas verkaufte mich nur für Pfennige, aber diese für allerlei Handelswaren, und sie treten nicht zu mir hin, wenn sie nicht hoffen, dadurch Gewinn zu erlangen. Fünftens gehen sie mit mir um, wie die Juden. Was haben die Juden gemacht? Sie haben mich an den Stamm des Kreuzes gehängt, aber diese setzen mich in eine Presse und pressen mich grausam.

Aber jetzt könntest du mich fragen, wie das geschehen kann, wenn meine Göttlichkeit nicht leiden kann, und Gott keine Trauer oder Plage treffen kann. Ja, durch ihren Willen, in der Sünde zu verharren, fügen mir die Priester solche Trauer und Bitterkeit zu, als ob ich in eine Folterpresse gesetzt würde, wenn das möglich wäre. Diese Priester haben nämlich zwei Sünden an sich, nämlich Liederlichkeit und Gewinnsucht, und zwischen diese setzen sie mich in die Presse. Ja, die drücken mich so hart, wie eine Folterpresse, wenn sie – nachdem sie vielleicht bereut haben, und nachdem sie den Gottesdienst vollendet haben, wieder den festen Willen haben, zu sündigen.
Sie versorgen gebannte Frauen und versetzen sie an einen sicheren Platz, damit sie ihrer Begierde frönen können, aber mich weisen sie zurück. Die liebkosen sie, und mit denen amüsieren sie sich, aber mich, von dem sie stammen, wollten sie nicht sehen.

Seht, meine Freunde, wie die Priester sind! Seht, meine Engel, wie die sind, denen ihr dient! Wenn ich vor euch läge, so wie ich auf dem Alter vor ihnen liege, würde keiner von euch wagen, mich zu berühren, sondern ihr würdet erschrecken. Aber diese verraten mich wie Diebe und Verräter; sie berühren mich wie die Dirnen. Sie sind unreiner als Teer, und doch schämen sie sich nicht, mir zu nahen, der ihr Gott und Herr der Ehre ist. Deshalb werden – wie dem Volk Israel gesagt wurde: ‚Sieben Plagen werden über euch kommen’, diese sieben Plagen wahrhaftig über die Priester kommen.“

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133. Kapitel

Die Mutter (Maria) spricht: „So lüstern waren die Feinde meines Sohnes nach seinem Blut, dass sie ihn sogar noch verletzten, nachdem er tot war. Halte dich nun bereit, denn mein Sohn kommt mit einer großen Heerschar, um mit dir zu sprechen.“

Danach kam er und sagte: „Ich habe mich vorher in einem Gleichnis mit Mose vergleichen. Als dieser das Volk hinausführte, stand das Wasser zur Rechten und zur Linken wie eine Mauer. Ich bin gewiss dieser Mose im Gleichnis, denn ich habe das Christenvolk hinausgeführt, d.h. ihm den Himmel aufgetan und ihm gezeigt, welchen Weg sie gehen sollten, und habe sie vom Pharao befreit, d.h. vom Teufel, der sie unterdrückte.

Sie gingen wie zwischen zwei Meeresmauern zur Rechten und zur Linken, von denen die eine nicht weiter vorrücken sollte und die andere nicht zurückweichen sollte, sondern beide sollten in dieser Weise in einer festen und unbeweglichen Lage bleiben. Diese beiden Mauern waren die zwei Gesetze. Die erste war das alte Gesetz, das nicht länger gelten sollte, die zweite war das neue Gesetz, das nicht zurückgewiesen werden sollte.

Zwischen diesen beiden Mauern, nämlich den Gesetzen, die fest und unbeweglich standen, ging ich zum Kreuz wie durch das Rote Meer, denn von meinem Blut wurde mein ganzer Körper rot gefärbt. Das Holz, das vorher weiß war, färbte sich rot, und auch der Speer wurde rot. Ich habe mein gefangenes Volk erlöst, damit es mich lieben sollte. Jetzt dagegen verachtet mich Israel, d.h. die schlechten Priester, und sie lieben einen anderen Gott.

Sie lieben nämlich, wie ich vorhin sagte, durch Verlangen nach der Welt, die ihnen lieb ist, ein goldenes Kalb, das ihre Wollust erweckt und die Flamme des Begehrens in ihnen entzündet. Die steht mit den Füßen und dem Haupt und der Gurgel der Schwelgerei fest und unbeweglich da. Sie haben mich auch als Abgott und schließen mich ein, so dass ich nicht hinausgehen kann. Sie opfern mir Weihrauch, aber der gefällt mir nicht, denn sie tun das nicht für mich, sondern für sich selber. Sie beugen die Knie ihres Gehorsams und ihres Willens für mich, aber doch für ihr Begehren, indem sie wünschen, dass ich ihnen etwas von zeitlichem Gut bescheren möge. Sie rufen auch, aber meine Ohren hören es nicht, denn sie rufen nicht in Frömmigkeit und rechter Absicht.

Hört nun, meine Heerschar und alle Engel! Ich habe die Priester vor allen Engel und Gerechten auserwählt; nur ihnen habe ich die Macht gegeben, meinen Leib mit den Händen anzufassen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich sehr wohl einen Engel zu diesem Amt auswählen können, aber ich habe die Priester so geliebt, dass ich ihnen diese große Ehre verlieh, und ich habe angeordnet, dass sie gleichsam in sieben Ordnungen vor mir stehen sollen. Sie sollen nämlich geduldig sein, wie Schafe, standhaft wie Mauern mit festem Fundament, mutig wie Ritter, klug wie Schlangen, keusch wie eine Jungfrau, rein wie ein Engel, brennend vor Liebe wie die Braut nach dem Lager ihres Gatten.

Nun haben sie sich dagegen auf niedrige Weise von mir abgewandt. Sie sind nämlich wild wie raubgierige Wölfe, die in ihrem Hunger und ihrer Raubgier vor niemandem zurückweichen, auf keine Rücksicht nehmen und vor nichts zurückscheuen. Zweitens sind sie unbeständig, wie ein Stein in einer losen Mauer, denn sie haben kein Vertrauen zu ihrem Fundament, d.h. zu Gott, dass er ihnen nicht das Notwendige geben kann und sie nicht versorgen will. Drittens wohnen sie im Dunkel wie Diebe; sie gehen im Dunkel der Lastern umher und sind nicht kühn wie Ritter, für Gottes Ehre zu streiten, oder ein mannhaftes Werk in Angriff zu nehmen. Viertens stehen sie da wie ein Esel, der seinen Kopf zu Boden senkt. Sie sind so dumm und unklug, denn sie denken immer nur an das Irdische und das Augenblickliche, aber niemals an das Kommende.

Fünftens sind sie unkeusch wie Huren; sie treten mit unzüchtiger Kleidung zu mir hin und haben alle ihre Glieder bereit zu einem unzüchtigen Leben. Sechstens sind sie unbedeckt mit Teer befleckt, und alle, die ihnen nahen, werden besudelt. Siebentens sind sie abscheulicher als Spucke, und es wäre für mich leichter und angenehmer, an ein Gespei heranzutreten, als mit ihnen Belustigungen zu haben.

Ja, sie sind so verabscheuenswert, dass die ganze Heerschar des Himmels sie verabscheut. Denn was ist abscheulicher, als wenn jemand seinen bloßen Mund an seine unteren Glieder wendet, seinen unreinen Dreck isst und sein unreines Wasser trinkt? So abscheulich sind sie in meinen Augen. Wenn sie sich in die Priestergewänder kleiden, die mit den Kleidern der Seele zu vergleichen sind, da diese Kleider bedeuten, dass die Seele so sein muss, so kleiden sie sich, wie es wirkliche Verräter tun.

Es passiert ja, dass der, der dem Gegner seines Herrn Treue gelobt hat, alle seine Waffen stumpf macht, wenn er mit seinem Herrn gegen diesen kämpfen muss, so dass die Waffen nicht dem Gegner schaden. So handeln diese Priester: Wenn sie sich die Priestergewänder anziehen, die mit den Kleidern der Seele zu vergleichen sind, und mit denen sie sich gegen den Teufel wehren sollten, so sind sie alle abgestumpft und kraftlos, so dass sie dem Teufel nicht schaden können, und er sie auch nicht fürchtet.

Aber nun kannst du fragen: Auf welche Weise? Ja, wenn sie sich die Waffen der Enthaltsamkeit anlegen, sind diese durch Lüsternheit abgestumpft, und deshalb verletzen sie den Teufel nicht. Wenn sie aber die Waffen der Liebe anlegen, schaden sie ihm damit auch nicht, denn die sind durch Bosheit abgestumpft. Diese Waffen, d.h. die Kleider, mit denen sie sich schmücken, dienen nicht zur Verteidigung ihres Herrn, sondern nur zum Anschauen, wie Verräter das eine tun und etwas anderes zeigen.

So, meine Freunde, treten die verdammten Priester heuchlerisch wie Verräter zu mir hin. Ich, der euer Gott und Herr bin und Herr aller geschaffenen Wesen im Himmel und auf Erden, ich komme doch zu ihnen und Liege vor ihnen auf dem Altar als wahrer Gott und wahrer Mensch, nachdem sie die Worte „Hoc est corpus meum“ ausgesprochen haben. Ich komme zu ihnen wie ein Bräutigam, damit ich die Freude meiner Göttlichkeit mit ihnen habe – aber ich finde den Teufel in ihnen. Deshalb gehe ich mit meiner Göttlichkeit und meiner Menschengestalt von ihnen fort, wenn sie mich an ihren Mund führen, und der Teufel, der bei der Gegenwart des Herrn erschreckt geflohen ist, wendet sich froh zurück.

Hört nun auch, meine Freunde, welche Würde ich den Priestern vor allen Engeln und Menschen beschert habe. Ich habe ihnen fünf Dinge gegeben. Erstens die Macht, im Himmel und auf Erden zu binden und zu lösen. Zweitens, dass sie aus einem schlimmsten Feinde meinen Freund machen sollen, und aus einem Teufel einen Engel von mir. Drittens die Macht, meine Worte zu predigen. Viertens die Macht, meinen Leib liturgisch zu weihen, was kein Engel tun kann. Fünftens meinen Leib mit Händen zu berühren, was keiner von euch wagen würde, wenn ich vor euch läge.

Aber nun klage ich darüber, dass sie fünf Dinge tun. Erstens, dass sie denen die Hölle auftun und den Himmel verschließen, in den sie doch kommen sollen. Zweitens, dass sie aus meinem Freund meinen Feind machen, und dass sie denen, die ihnen mit einer Wunde nahen, zwei Wunden zufügen, denn wenn jemand die dreiste Lebensart der Priester sieht, denkt er bei sich selbst: „Wenn die es so machen, kann ich es noch mehr so machen.“

Drittens, dass sie meine Worte zunichte machen, ihre Lüge noch befestigen und meine Wahrheit verneinen. Viertens, dass sie mich mit ihrem Mund verkaufen, mit dem sie mich heiligen sollten. Fünftens, dass sie mich noch grausamer kreuzigen, als die Juden. Sieh, wie meine Freunde, die ich auserwählt und geliebt habe, mir vergelten. Ich habe sie mit mir, ja mit meinem Leib vereinigt, und sie lösen unser Band. Daher sollen sie als Verräter, nicht als Priester verurteilt werden, sofern sie sich nicht bessern.“

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134. Kapitel

Maria sagte: „Bedenk die Pein meines Sohnes. Er kommt jetzt.“ Und siehe, der hl. Johannes der Täufer zeigte sich und sagte zur heiligen Jungfrau Maria: „In tausend Jahren ist Gottes Zorn auf die Welt nicht so groß wie jetzt gewesen.“

Als der Sohn kam, sagte er zur Braut (Birgitta): „Für mich ist die Zeit vom Anbeginn, als ob es eine Stunde wäre, und wie lange Zeiten es für euch noch geben mag – sind sie für mich nur wie eine Stunde. Ich sagte dir vorher von den Priestern, dass ich sie unter allen Engel und Menschen ausgewählt habe, und dass sie mir mehr Schmerzen bereiten, als alle anderen.“
Und sieh, nun zeigten sich auch Teufel. Sie hatten eine Menschenseele in Händen und sagten zueinander: „Sieh den Kämpfer!“ Der Richter antwortete: „Da die Erdenwesen das, was geistlich ist, nicht hören können, und kein leibliches Auge geistliche Dinge sehen kann, sollt ihr um ihretwillen, die hier steht und der ich das Auge des Verstandes öffnen will, sagen, mit welchem Recht ihr diese Seele habt.“

Sie antworteten: „Für ihre neun Übertretungen sollen wir die Berechtigung haben, sie zu besitzen. In drei Dingen war sie nämlich unter uns, in drei Dingen so wie wir, in drei Dingen über uns. Das Erste, wodurch sie unter uns stand und wodurch wir das Recht auf sie haben, bestand darin, dass sie nach außen hin gut und ihnen schlecht war.

Das zweite bestand darin, dass sie manchmal voll von Lüsternheit und Schwelgerei war, und manchmal zugunsten ihres Leibes oder wegen einer Krankheit Enthaltsamkeit übte. Das dritte bestand darin, dass sie manchmal hart mit Worten und in Taten war, aber dass manchmal ihre Härte und Bosheit aus irgendeinem für sie selber nützlichen Anlass unterschlagen wurde.
Wir dagegen sind nicht so, sondern wir sind innerlich und äußerlich gleich, und wir sind immer hart in unserer Bosheit und immer lüstern auf alles Böse. In drei Dingen war er so wie wir, denn durch drei Dinge sind wir gefallen, nämlich durch Hochmut, Lüsternheit und Neid. Diese drei Dinge besaß er.

In drei Dingen stand er über uns und war an Schlechtigkeit größer als wir, nachdem er Priester war und deinen Leib in Händen hatte. Das erste bestand darin, dass er nicht auf seinen Mund acht gab, mit dem er deine Worte vortragen sollte, sondern so, wie ein Hund bellt, so trug er deine Worte vor, wie ein Hund. Als er deine Worte vortrug, zitterten wir wie der, der irgend einen schrecklichen Laut hört, und erschreckt gingen wir gleich von ihm fort. Er dagegen blieb ohne Scham und Furcht stehen.

Das zweite bestand darin, dass er nicht auf seine Hände Acht gab, mit denen er deinen reinsten Leib berührte, sondern sie durch allerlei Lüste befleckte. Als er deinen Leib berührte, der nach dem Aussprechen der Einsetzungsworte derselbe ist wie der, der im Schoß der Jungfrau war und gekreuzigt wurde, zitterten wir wie ein Mann, dessen ganzer Leib mit Furcht vor deiner Macht und vor der Größe deiner Kraft geschlagen war. Er dagegen bleib unerschrocken stehen und kümmerte sich nicht darum.
Als er sich dir mit seinem Munde näherte, der wie das unreinste Gefäß war, voll von aller Unreinheit, da waren wir wie die Menschen, die alle ihre Kraft verloren haben, und wie der, dessen ganze Kraft geschwunden ist. Ja, wir waren vor Furcht wie tot, obwohl wir unsterblich sind, aber er fürchtete sich nicht und bebte nicht, dich zu berühren.

Aber da es sich für den Herrn der Majestät nicht zierte, in ein so unreines Gefäß einzugehen, bist du mit deiner Göttlichkeit und Menschengestalt von ihm gewichen, und er bleib allein übrig. Und wir, die gerade eben davongelaufen sind, wir sind jetzt mit großer Hast zurückgekommen. – In all dem übertraf er uns an Bosheit, und deshalb besitzen wir ihn mit Recht. Tu uns nun den Gefallen und fälle ein gerechtes Urteil über ihn, da du ein gerechter Richter bist.“
Der Richter antwortete: „Ich höre, was ihr begehrt. Aber jetzt, du elende Seele, sag im Beisein dieser Braut, welchen Wunsch du am Ende deines Lebens hattest, als du noch deinen Verstand und deine Körperkräfte hattest?“ Die Seele erwiderte: „Es war mein Wille, ohne Ende weiter zu sündigen und niemals damit aufzuhören, aber da ich wusste, dass ich ja nicht ewig leben würde, habe ich beschlossen, bis zum letzten Augenblick zu sündigen, und mit dieser Absicht bin ich vom Körper geschieden.“

Da sagte der Richter: „Dein Gewissen ist dein Richter. Sag also in deinem Gewissen, welches Urteil du verdienst.“ Die Seele erwiderte: „Mein Urteil ist die bitterste und schwerste Pein, die in Ewigkeit ohne alles Erbarmen dauern wird.“ Nachdem die Teufel das Urteil vernommen hatten, gingen sie mit der Seele weg.

Der Herr sagte nun zur Braut: „Siehe, meine Braut, was die Priester mir antun. Ich habe sie vor allen anderen geehrt. Aber jetzt zeigen sie mich schlimmer, als alle Juden und Heiden, und mehr als alle Teufel.“

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135. Kapitel

Christus Spricht): „Ich bin wie ein Bräutigam, der seine Braut mit aller Liebe in sein Haus führte. So habe ich die Priester mit meiner leiblichen Gestalt vereinigt, dass sie in mir und ich in ihnen sein sollte. Aber nun antworten sie mir, wie eine Ehebrecherin ihrem Gatten antwortet: „Deine Worte gefallen mir nicht, deine Reichtümer sind unnütz, deine Lust wie Gift. Ich habe drei, die ich lieber lieben und ihnen folgen will.“

Der sanftmütige Mann antwortete ihr: „Meine Braut, höre auf mich und warte lieber, denn deine Worte müssen auch die meinen sein, mein Wille dein Wille, meine Reichtümer deine Reichtümer, deine Lust meine Lust.“ Aber sie will durchaus nicht hören, sondern geht fort zu den drei anderen.

Als sie so weit fort gegangen war, dass der Bräutigam nicht mehr zu sehen war, sagte der erste der drei, nämlich die Welt: „Hier ist eine Waagschale. Nun kann ich ihr nicht länger folgen. Deshalb will ich alle ihre Reichtümer haben.“ Der andere, nämlich der Leib, sagte: „Ich bin sterblich und werde zum Fraß der Würmer werden, aber sie ist unsterblich, deshalb will ich sie hier lassen.“ Der dritte, nämlich der Teufel, sagte: „Ich bin unsterblich und werde ewig bleiben. Da sie nicht mit ihrem Mann zusammen sein will, soll sie mir auf ewig folgen.“

So gehen diese verdammten Priester mit mir um. Sie müssten meine Glieder sein und vor allem anderen so hervorragen, wie die Finger an der Hand, aber nun sind sie schlimmer als der Teufel. Daher sollen sie sich nicht bessern. Ich rufe sie ja, wie ein Bräutigam ruft. Alles, was ich kann, tue ich für sie, aber je mehr ich rufe, umso weiter gehen sie fort.

Meine Worte gefallen ihnen nicht, meine Reichtümer sind ihnen zu schwer, und meine liebenswürdigen Worte verabscheuen sie wie Gift. Ich laufe ihnen nach und ermahne sie wie ein milder Vater; Ich habe einen Vertrag mit ihnen wie ein guter Bräutigam, aber sie wenden sich immer weiter ab, je mehr ich sie rufe. Sie lieben drei Freunde mehr als mich. Zwei davon sind die Welt und der Körper. Deshalb soll der dritte, nämlich der Teufel, sie nehmen und nie mehr loslassen. Wehe ihnen deshalb, dass sie jemals Priester und meine Glieder geworden sind!

Der Priester, der jetzt gestorben ist, hatte drei Eigenschaften: Erstens Hochmut, denn er kleidete sich wie ein Bischof. Zweitens war er berühmt für seine Weisheit. Drittens richtete er seinen Willen auf das, was er begehrte, und was seinem Körper behagte. Er übte Enthaltsamkeit, als seine leibliche Gesundheit es erforderte, und tat, was ihm gefiel, aber nicht meinen Willen. Aber was nützt ihm das jetzt? Wegen seines Hochmuts ist er für mich wie ein halbverwester Mensch, stinkend voller Wunden und verdorbenem Fleisch. Wegen seines Ruhmes ist er nun für mich vergessen und vergessen von den Menschen. Wegen seines Eigenwillens haben die Würmer seinen Leib und die Teufel seine Seele genommen, um sie in Ewigkeit zu peinigen.

Sieh, die Elenden, was sie lieben und tun! Wo sind nun seine Freunde, seine Güter, seine Ehre und sein Ansehen? Für all das hat er jetzt eine ewige Scham. Sie erwerben eine geringe Sache, nämlich zeitliche Ehre, und verlieren eine große Sache, nämlich ewige Freude. Wehe solchen Menschen, dass sie jemals geboren sind! Sie werden nämlich tiefer hinab in die Hölle fallen, als irgendein anderer.“

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136. Kapitel

Der Sohn spricht zur Braut und sagt: „Dieser Papst Innocentius ist aus besserem Erz als sein Vorgänger, und er hat ein Thema, das geeignet ist, die besten Farben anzunehmen, aber die Bosheit der Menschen fordert, dass er sehr schnell aus ihrer Mitte fortgenommen wird. Sein guter Wille soll ihm als Krone und zur Erhöhung seiner Herrlichkeit angerechnet werden. Doch würde er besser werden, wenn er auf meine Worte hören würde, die dir gegeben sind, und die, die ihm diese Worte mitteilen, werden ehrenvoller gekrönt werden.“

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137. Kapitel

Gottes Sohn spricht zur Braut: „Wer einen Drahtknäuel hat, in dem das beste Gold und Silber verborgen liegt, hört nicht auf, es aufzuwickeln, bis er das Gold gefunden hat. Wenn er es gefunden hat, verwendet der Besitzer es zu seiner Ehre und zu seinem Nutzen. So ist dieser Papst Urban ein Goldstück, der zu guten Dingen neigt, aber er ist von weltlichen Sorgen umgeben (wie das Gold vom Drahtknäuel).

Geh deshalb hin und sage ihm in meinem Namen: „Deine Zeit ist kurz. Steh auf und gib Acht darauf, wie die Seelen, die dir anvertraut sind, erlöst werden sollen.
Ich habe dir die Klosterregel gesandt, die in Vadstena in Schweden gestiftet und eingeführt werden soll, und die aus meinem eigenen Mund hervorgegangen ist. Nun will ich, dass du, der mein Statthalter auf Erden ist, sie nicht nur mit deiner Autorität bekräftigst, sondern sie auch mit deinem Segen bekräftigst. Ich habe sie diktiert und habe dieses Kloster mit geistlichen Gaben ausgerüstet, indem ich ihm den Ablass verliehen habe, den man in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom gewinnen kann. Du magst also vor den Menschen bestätigen, was von meiner himmlischen Heerschar bestimmt ist.

Aber wenn du ein Zeichen begehrst, dass ich es bin, der dies sagt, so habe ich dir das schon gezeigt, denn als du zuerst meine Worte (durch Birgitta) hörtest, wurde deine Seele bei der Ankunft meiner Botschaft geistlich getröstet. Wenn du weitere Zeichen begehrst, soll dir das gegeben werden, aber nicht, wie dem Propheten Jona. Aber du, meine Braut, der ich diese Gnade bewiesen habe, sollst wissen, dass – wenn du den Brief und die Gunst des Papstes und sein Siegel auf der Bewilligung dieses Ablassen nicht erhalten kannst, wenn du nicht dafür bezahlst, so soll dir meine Gnade genug sein. Ich werde mein Wort nämlich bestätigen und bekräftigen, und alle Heiligen sollen Zeuge dafür sein. Meine Mutter soll dir ein Siegel sein, und mein Vater es bekräftigen, und mein Geist wird alle die trösten, die zu deinem Kloster kommen.“

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138. Kapitel

Als dieselbe Person nachts im Gebet wachte, schien es ihr, als ob eine Stimme sprechen würde. Sie ging von einer glänzenden, sonnenähnlichen Kugel aus, und sie sprach folgende Worte zu ihr: „Ich bin Gottes Mutter, denn so hat es ihm gefallen. Ich bin auch Mutter für alle, die in der himmlischen Freude sind. Obwohl die Kleinkinder nach ihrem Willen ihren notwendigen Unterhalt haben, wird ihre Freude doch über ihre Freude hinaus gesteigert, wenn sie das milde Antlitz ihrer Mutter sehen. So gefällt es Gott, allen am himmlischen Hof Freude und Jubel über meine jungfräuliche Reinheit und die Schönheit meiner Tugenden zu schenken, obwohl sie durch die Macht derselben Gottheit alles Gute in unendlicher Fülle haben.

Ich bin auch Mutter für alle die, die im Fegefeuer sind, denn all die Plagen, die sie leiden müssen, um von ihren Sünden gereinicht zu werden, werden jede Stunde in gewissem Ausmaß um meiner Gebete willen gemildert. Es gefällt Gott, dass manche der Plagen, die ihnen nach der Strenge der göttlichen Gerechtigkeit zukommen, gemildert werden.
Ich bin die Mutter all der Gerechtigkeit, die es auf Erden gibt, mein Sohn hat die Gerechtigkeit mit der vollkommensten Liebe geliebt. Und wie die mütterliche Hand stets bereit ist, vor Gefahren zu schützen, um das Herz des Sohnes zu verteidigen, so bin ich ständig bereit, die Gerechten, die auf Erden sind, zu verteidigen und sie vor jeder geistlichen Gefahr zu retten.

Ich bin auch Mutter für alle Sünder, die sich bessern wollen und den Willen haben, nicht mehr gegen Gott zu sündigen, und ich bin gewillt, den Sünder wie eine liebevolle Mutter in meine Verteidigung aufzunehmen, wenn sie sieht, dass ihr nackter Sohn von Feinden angegriffen wird, die scharfe haben. Sollte eine solche Mutter nicht gegen die Gefahren tapfer Widerstand leisten, um ihren Sohn aus den Händen seiner Feinde zu befreien und ihn froh in ihrem Schoß zu bewahren? So handele ich, und so will ich es mit allen Sündern tun, die durch meinen Sohn mit wahrer Reue und mit göttlicher Liebe um mein Erbarmen bitten.

Nun sollst du hören und genau Acht geben auf das, was ich dir von meinen beiden Söhnen sagen will, die ich dir nennen werde. Der erste ist mein Sohn Jesus Christus, der aus einem jungfräulichen Leib geboren wurde, damit er seine Liebe offenbaren und die Seelen erlösen sollte. Um ihretwillen hat er seinen Leib nicht vor Mühen geschont, und sein Blut nicht davor, dass es vergossen würde, und er hat es nicht verschmäht, Schmähungen anzuhören und sich der Qual des Todes zu unterwerfen. Er ist Gott selbst und ist allmächtig in der ewigen Freude.

Der zweite, den ich als meinen Sohn ansehe, ist der, der auf dem päpstlichen Stuhl thront, nämlich Gottes Sitz in der Welt, wenn er Gottes Gebote beachtet und ihn mit vollkommener Liebe liebt. Ich will dir jetzt etwas über den Papst sagen, der Urban heißt. Auf Grund meiner Fürbitte empfing er die Eingebung des Heiligen Geistes, dass er sich durch Italien nach Rom begeben sollte – zu keinem anderen Zweck, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben, den katholischen Glauben zu stärken, den Frieden sicherzustellen und so die heilige Kirche zu erneuern.

Wie eine Mutter ihren Sohn zu der Stelle führt, wo es ihr gefällt, indem sie ihm ihre Brüste zeigt, so habe ich den Papst Urban mit meiner Fürbitte und dem Wirken des Heiligen Geistes von Avignon nach Rom geführt, ohne irgendeine leibliche Gefahr. Aber was er gegen mich gemacht? Er wendet mir nun den Rücken und nicht das Gesicht zu und will mir ausweichen, und dazu veranlasst ihn der böse Geist mit seiner Falschheit. Denn er war mit Unlust bei göttlicher Arbeit und liebt seine körperliche Bequemlichkeit. Weiter lockt ihn der Teufel mit weltlichem Genuss, denn sein Vaterland ist ihm nach Art der Weltmenschen übermäßig begehrenswert.

Außerdem wurde er vom Rat weltlicher Freunde verleitet, die mehr auf seine Neigungen und seinen Willen als auf Gottes Ehre und den Nutzen und die Erlösung seiner eigenen Seele achten. Wenn es nun so geht, dass er in das Land zurückkehrt, in dem er zum Papst gewählt wurde, so wird er bald genug einen Schlaganfall oder einen (?Kindpust) bekommen, so dass seine Zähne knirschen und ausfallen. Sein Augenlicht wird trübe und dunkel werden, und die Glieder an seinem ganzen Körper werden zittern.

Die Glut des Heiligen Geistes wird binnen kurzer Zeit bei ihm erkalten und von ihm weichen; die Gebete aller Freunde Gottes, die beschlossen haben, unter Tränen und Rufen für ihn zu beten, werden ermüden, die Herzen werden in der Liebe zu ihm erkalten, und er wird genötigt werden, für zwei Dinge vor Gott Rechenschaft abzulegen: Erstens dafür, was er sich auf dem päpstlichen Thron vorgenommen hat, zweitens dafür, was er von all dem unterlassen hat zu tun, was er zu Gottes Ehre und seiner hohen Majestät hätte tun können.“

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139. Kapitel

Eine Person, die nicht schlief, sondern wachte und im Gebet verharrte, wurde im Geist entrückt. Und da schienen alle ihre Körperkräfte zu schwinden, aber ihr Herz wurde von der Glut der Liebe entzündet und jubelte, ihre Seele spürte Trost, ihr Geist wurde von einer göttlichen Kraft bestärk, und ihr ganzes Bewusstsein wurde mit geistlichem Verständnis erfüllt. Sie empfing da folgende Offenbarung.

Sie hörte nämlich eine lieblich klingende Stimme, die zu ihr sagte: „Ich bin die, die Gottes Sohn, den wahren Gott Jesus Christus, geboren hat. ich habe dir früher einige Worte gesagt, die dem Papst Urban mitgeteilt werden sollten, und jetzt will ich dir auch ein paar sagen, die an Papst Gregorius geschickt werden sollen. Aber damit sie besser verstanden werden, will ich sie dir in einem Gleichnis sagen.

Stell dir vor, dass eine sanfte Mutter ihren geliebten Sohn nackt und kalt auf dem Boden liegen sieht, ohne die Körperkräfte zu haben, sich zu erheben. Vor Sehnsucht nach der Fürsorge der Mutter und der Muttermilch weint er mit klagender und wimmernder Stimme. Sie eilt dann aus zärtlicher Liebe und Mitleid mit ihrem Sohn dorthin, und damit er nicht vor Kälte umkommt, hebt sie ihn gleich mit ihrer holden mütterlichen Hand hoch, streichelt ihn zart und erquickt ihn sanft mit der mütterlichen Wärme ihrer Brust und nährt ihn wonnig mit der Milch ihrer Brüste.

So will ich, die Mutter der Barmherzigkeit, mit Papst Gregorius verfahren, wenn er nach Rom und Italien mit dem Vorsatz zurückkehrt, dort zu bleiben und mit Seufzern des Mitleids und mit Tränen das ewige Verderben der Seelen der ihm anvertrauten Schafe und ihre Schäden und schmerzlichen Verluste beweint und sich vornimmt, mit Demut und der Liebe, wie sie für einen Hirten ziemt, den Zustand der Kirche zu erneuern.

Dann werde ich ihn wie eine gute Mutter wie einen kalten und nackten Sohn vom Boden aufheben, d.h. ihn und sein ganzes Herz von aller irdischen Liebe und aller weltlichen Neigung trennen, die gegen Gottes Willen ist, und ihn liebevoll mit mütterlicher Wärme erquicken, d.h. mit der Wärme der Liebe, die in meiner Brust vorhanden ist. Ich werde ihn auch mit meiner Milch, d.h. meiner Fürbitte sättigen, die mit Milch zu vergleichen ist.

O, wie unzählig viele gibt es doch, die von der Milch meiner Fürbitte genährt und lieblich gesättigt werden! Mit dieser Milch will ich ihn sättigen, denn ich will für ihn zum Herrn, meinem Gott, der mein Sohn ist beten, dass er geruht, sich zu erbarmen und seinen Heiligen Geist mit dem Herzblut des Papstes Gregorius zu vereinigen. Dann wird er von wahrer Sättigung so vollkommen erfüllt werden, dass er für nichts anderes auf dieser Welt mehr leben will, als mit all seinen Kräften Gottes Ehre zu erhöhen, so lange er das vermag.

Sieh, nun habe ich ihm die mütterliche Liebe gezeigt, die ich ihm beweisen werde, wenn er gehorcht, denn es ist Gottes Wille, dass er in aller Demut seine Residenz nach Rom verlegt. Und damit er sich nachher nicht mit Unkenntnis entschuldigt, so warne ich ihn mit mütterlicher Liebe und verkünde ihm, dass – wenn er diesem Befehl nicht gehorcht, so wird er ohne Zweifel die Rufe der Gerechtigkeit kennen lernen, d.h. den Zorn meines Sohnes, denn dann soll sein Leben verkürzt werden, und er wird vor Gottes Richterstuhl gerufen werden.

Da wird ihm keine Macht weltlicher Herren helfen können, und die Weisheit und das Wissen der Ärzte wird ihm nichts nützen, und die Luft in seinem Vaterland wird sein Leben nicht verlängern können, wie er sagt. Und wenn er nach Rom kommen sollte, aber das oben Gesagte nicht tut, so wird sein Leben verkürzt werden, und die Ärzte werden ihn nicht helfen können, und er wird nicht nach Avignon zurückkehren dürfen, wo ihm die Luft des Vaterlandes nützen kann, sondern er wird vielmehr sterben.“

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140. Kapitel

Lob sei Gott für all seine Liebe und seinen Dienst! Und Ehre sei der allerheiligsten Maria, seiner teuren, jungfräulichen Mutter, für das Mitleid, das sie für alle empfindet, die ihr Sohn mit seinem kostbaren Blut erlöst hat! Heiliger Vater, es geschah einem Menschen, den Ihr gut kennt, dass sie – als sie im Gebet wach lag – ihr ganzes Herz von göttlicher Liebesglut und von einem Besuch des heiligen Geistes entflammt fühlte.

Sie hörte da eine Stimme, die zu ihr sagte: „Höre du, die geistliche Dinge sieht, und trage das vor, was dir nun befohlen wird, und schreibe dem Papst Gregorius die Worte, die du jetzt hörst! Ich, die mit dir spricht, bin die, der es Gott gefallen hat, sie als seine Mutter auszuwählen; er nahm aus meinem Fleisch und Blut einen menschlichen Leib an. Dieser mein Sohn tat an dem Papst Gregorius ein Grosses Werk der Barmherzigkeit, als er ihm durch mich seinen allerheiligsten Willen sagen ließ, den ich ihm in der vorigen Offenbarungen, die ihm geschickt wurde, deutlich verkündet habe, und das ist eher auf Grund der Gebete und Tränen von Gottesfreunden geschehen, als durch einige seiner Verdienste.

Ich und der Teufel, sein Widersacher, haben einen schweren Kampf um ihn gekämpft. Denn ich habe denselben Papst Gregorius in einem anderen Brief ermahnt, dass er sich mit Demut und göttlicher Liebe schleunigst nach Rom oder Italien begeben soll, und dass er dort seinen Thron errichten soll und dort immer bis zu seinem Tode bleiben soll. Aber der Teufel und einige der eigenen Berater des Papstes haben ihm geraten, zu zögern und in den Gegenden zu bleiben, wo er jetzt ist, und dies auf Grund von irdischer Liebe und auch auf Grund von weltlichem Vergnügen und weltlicher Freude von Verwandten und Freunden.

Und deshalb hat der Teufel jetzt ein besseres Recht und Gelegenheit, ihn zu versuchen, denn er hat dem Rat des Teufels und menschlicher Freunde mehr gehorcht, als dem Willen Gottes und von mir. Aber da der Papst größere Gewissheit über Gottes Willen haben möchte, ist es richtig, dass dieser Wunsch von ihm befriedigt wird. Er soll also völlig überzeugt sein, dass das, was jetzt gesagt werden soll, Gottes Wille ist, nämlich dass er unverzüglich selber nach Italien oder Rom kommt und das ohne Aufschub tut, ja dass er sich beeilt zu kommen, und dass er im bevorstehenden März oder spätestens Anfang April persönlich in der genannt Stadt oder im Land Italien eintrifft, sofern er mich jemals als Mutter haben will.

Aber wenn er dieser Mahnung gehorcht, werde ich auch das einlösen, was ich in der Offenbarung versprochen habe, die ihm zuerst von mir geschickt wurde. Ich lasse denselben Papst auch wissen, dass der Friede in Frankreich nie so fest und sicher werden wird, dass seine Bewohner sich gewissermaßen über eine vollständige Sicherheit und Eintracht freuen können, bevor das Volk des Landes Gott, meinen Sohn, durch ein paar große Werke der Frömmigkeit und Demut besänftigt hat; es hat ihn ja bisher durch seine viele bösen Taten und Kränkungen zu Trauer uns zum Zorn gereizt.

Deshalb soll er wissen, dass die Reise oder Wallfahrt, die diese Knappen, die aus den bösen Schichten der Bösen stammen, zum Heiligen Grabe meines Sohnes unternehmen wollen, meinem Sohn, dem wahren Gott, nicht mehr gefällt, als das Gold, das das Volk Israel uns Feuer warf, und aus dem der Teufel einen Metallstier verfertigte, denn Hochmut und Gier sind bei ihnen zu Hause. Wenn sie den Willen haben, zu dem erwähnten Grab zu gehen, so ist das eher aus Hochmut und aus Geldiger, als aus Liebe zu Gott, und um ihn zu ehren.“ Nach diesen Worten verschwand die Vision.

Dann sagte Gottes Mutter weiter zu mir: „Sage meinem Bischof, dem Eremiten, weiter, dass er diesen Brief verschließt und versiegelt und dann auf ein anderes Blatt eine Kopie für den Abt davon schreibt, der der Nuntius des Papstes ist, und für den Grafen von Nola, so dass sie ihn lesen und wissen, was darin steht. Wenn wie ihn gelesen haben, soll er ihnen de genannten, mit einem Siegel versehenen Brief geben, den sie an Papst Gregorius senden sollen.

Aber die offene Kopie soll er ihnen nicht geben, wenn sie sie gelesen haben, sondern ich will, dass er sie vor ihren Augen in Stücke reißen soll. So wie der Brief, der ein einziger ist, in viele kleine Stücke zerrissen wird, so werden die Länder der Kirche, wenn der Papst nicht zur angegebenen Zeit und im genannten Jahr nach Italien kommt, die jetzt einem einzigen in Gehorsam unterworfen sind und diesem auch gehorchen, in mehrere Teile zerstückelt in die Hände der Feinde fallen.

Und du kannst versichert sein, dass er zur Erhöhung seiner Trübsal nicht nur hören, sondern auch mit seinen Augen sehen wird, dass es wahr ist, was ich sage, und er soll nicht mit der ganzen Macht seiner Hand die genannten Länder in den früheren Zustand von Gehorsam und Frieden zurückführen können. Diese Worte, die ich dir jetzt sage, sollen diesem Abt noch nicht mitgeteilt werden, denn das Saatkorn liegt solange in der Erde versteckt bis es als eine Ähre aufsprießen kann.“

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141. Kapitel

Christus offenbarte sich seiner Braut, Frau Birgitta, die für den Papst Gregorius XI. bat and sagte zu ihr: „Meine Tochter, gib Acht auf die Worte, die ich spreche. Du sollst wissen, dass dieser Papst Gregorius wie ein Lamm ist, das nicht die Hände rührt, um zu arbeiten, oder die Füße, um zu gehen. Denn wie die Krankheit des Verdammens von einem Fehler im Blut und von Nässe und von Kälte herrührt, so ist dieser Papst sozusagen von einem Hindernis gefesselt, nämlich einer unmäßigen Liebe zu seinem Blut und einer Gefühlskälte für mich.

Aber du sollst wissen, dass er mit Hilfe der Fürbitte meiner jungfräulichen Mutter Maria nun schon anfängt, Hände und Füße zu rühren, indem er meinen Willen tun will und mich dadurch ehren will, nach Rom zu kommen. Deshalb kannst du gewiss sein, dass er nach Rom kommen wird, und dort wird er ein neues Leben für etwas künftiges Gutes beginnen, aber es nicht vollenden.“

Da antwortete Frau Birgitta: „O Herr mein Gott, die Königin von Neapel und viele andere sagen mir, dass es unmöglich für ihn ist, nach Rom zu kommen, weil der König von Franreich, die Kardinäle und andere Personen dieser Reise viele Hindernisse in den Weg legen. Und ich habe gehört, dass viele vor ihn hintreten und angeben, Gottes Geist und göttliche Offenbarungen und Gesichte zu haben, was sie als Vorwand anführen, um ihm von der Reise abzuraten. Und deshalb fürchte ich sehr, dass seine Ankunft verhindert wird.“

Gott erwiderte: „Du hast gehört, dass man liest, dass Jeremia einst in Israel lebte und den Geist Gottes hatte, zu prophezeien, aber damals gab es viele, die den Geist der Träume und der Lüge hatten, und ihnen vertraute der böse König, weshalb er in Gefangenschaft geriet, und das Volk mit ihm. Denn wenn der König auf Jeremia allein vertraut hätte, so hätte ich meinen Zorn von ihm abgewandt.

So verhält es sich auch jetzt, denn wenn auch gelehrte Männer oder Träumer oder die, die dem Fleisch und nicht dem Geist nach Freunde des Papstes Gregorius sind, auftreten und ihm Entgegengesetzte Dinge raten, so bin ich, der Herr, doch mächtiger als sie, und ich werde diesen Papst nach Rom führen – aber nicht zu ihrem Trost. Aber ob du selbst ihn kommen sehen darrst oder nicht – das ist dir nicht erlebt, zu wissen.

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142. Kapitel

Heiliger Vater! Die Person, die Eure Heiligkeit gut kennt, wachte im Gebet, und als sie in einer ekstatischen Betrachtung war, sah sie im Geist einen Thron. Auf dem saß ein Mann von unbeschreiblicher Schönheit, ein Herr von unermesslicher Macht. Rund um den Thron herum stand eine große Menge Heiliger und eine unzählbare Schar von Engel. In einigem Abstand von dem, der auf dem Thron saß, stand ein Bischof, in ein bischöfliches Gewand und Schmuck gekleidet.

Der Herr, der auf dem Thron saß, redete mit mir und sagte: „Mir ist von meinem Vater alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben. Und obwohl es dir vorkommt, als ob ich mit einem einzigen Munde redete, so spreche ich doch nicht allein, sondern der Vater spricht wie ich, und ebenso der Heilige Geist; wir drei Personen sind eins in der Substanz der Gottheit.“

Dann sprach er zu dem Bischof und sagte: „Höre, Papst Gregorius XI., die Worte, die ich dir sage, und gib genau Acht auf das, was ich dir sage. Warum hasst du mich so? Warum ist deine Dreistigkeit und Vermessenheit gegen mich so groß? Deine weltliche Kurie plündert ja meine himmlische Kurie. Du Übermütiger beraubst mich meiner Schafe, und du nimmst unrechtmäßig die kirchlichen Güter, die meine eigenen sind, und die Güter derer, die meiner Kirche gehorchen, um sie deinen irdischen Freunden zu geben. Du bemächtigst dich auch in ungerechter Weise der Güter meiner Armen und schenkst und verteilst sie – unpassend genug – unter deine Reichen.

Deine Dreistigkeit und Vermessenheit ist allzu groß, wenn du so gedankenlos meinen Hof betrittst und keine Rücksicht auf das nimmst, was mein eigen ist. Was habe ich dir getan, Gregorius? Ich habe dich geduldig zur höchsten Bischofswürde aufsteigen lassen, und ich habe dir meinen Willen durch Briefe verkündet, die dir auf göttliche Offenbarung hin aus Rom geschickt wurden, und in denen ich dich zur Erlösung deiner Seele ermahnte und deinen großen Verlust voraussagte.

Wie belohnst du mich jetzt für so große Wohltaten? Warum lässt du in deiner Kurie den größten Übermut, eine maßlose Geldgier, eine mir verhasste Geilheit und das hässliche Verderben der abscheulichen Simonie herrschen? Außerdem raubst du mir noch unzählige Seelen. Denn fast alle, die an deinen Hof kommen, schickst du ins Feuer der Hölle, weil du nicht genau darauf achtest, was zu meinem Hof gehört – du, der du der Vorsteher und Hirte meiner Schafe bist.

Es ist deine Schuld, dass du nicht klug darauf achtest, was zu ihrem geistlichen Wohlergehen getan und gebessert werden soll. Und obwohl ich dich nach dem hier Gesagten nach meiner Gerechtigkeit verdammen könnte, so ermahne ich dich doch noch einmal zum Wohlergehen deiner Seele, ja ich ermahne dich, dass du sobald wie möglich an deine Residenz in Rom kommst. Die Zeit magst du selbst näher bestimmen. Du sollst aber wissen, dass – je länger du zögerst – umso mehr wird deine Seele darauf verlieren und alle deine Tugenden sich mindern. Und je schneller du nach Rom kommst, umso schneller wirst du an Tugenden und den Gaben des Heiligen Geistes wachsen und vom göttlichen Feuer meiner Liebe entflammt werden.

Komm also, und zögere nicht! Komm nicht mit deinem üblichen Hochmut und deinem weltlichen Staat, sondern mit Demut und brennender Liebe. Und wenn du so gekommen bist, sollst du alle Laster aus deiner Kurie ausrotten, vertreiben und verjagen. Weise auch die Ratschläge deiner fleischlichen und weltlichen Freund von dir ab und befolge in Demut die geistlichen Ratschläge meiner Freunde. Geh also voran und fürchte dich nicht, steh mannhaft auf und kleide dich vertrauensvoll mit Stärke, mach dich daran, meine Kirche zu erneuern, die ich mit meinem eigenen Blut erlöst habe, so dass sie erneuert werden mag und geistlich in ihren früheren heiligen Zustand zurückversetzt wird, denn jetzt wird eher ein Freudenhaus verehrt, als meine heilige Kirche.

Aber wenn du diesem meinem Willen nicht gehorchst, so kannst du überzeugt sein, dass du vor meinem ganzen himmlischen Hof mit einem solchen Urteil und einer solchen geistlichen Gerechtigkeit schuldig gesprochen wirst, mit der ein Prälat, der abgesetzt werden soll, zeitlich verurteilt und bestraft wird, indem er öffentlich mit Schimpf und Verdammung des heiligen, ehrenvollen Bischofsgewandes entkleidet wird und in Scham und Schande gehüllt wird.
So werde ich mit dir verfahren. Denn ich will dich dann vom himmlischen Hof verweisen, und alles, was nun zu Frieden und Ehre dein ist, wird dir zur Verdammnis und zu ewiger Schande werden. Und ein jeder von den Teufeln der Hölle soll ein Stück von deiner Seele packen obwohl sie unsterblich und unzerstörbar ist, und statt mit Segen, sollst du mit ewiger Verdammnis erfüllt werden.

So lange ich dich, der mir ungehorsam ist, ertrage, so lange sollst du Erfolg haben. Aber, mein Sohn Gregorius, ich ermahne dich noch einmal, dass du demütig zu mir zurückkehrst und meinem, deines Vaters und Schöpfers Rat, gehorchst. Denn wenn du mir in der genannten Weise gehorsam bist, so will ich dich wie ein milder Vater aufnehmen. Schreite also mannhaft auf dem Wege der Gerechtigkeit vor wärts, und es wird dir gut gehen.

Verachte den nicht, der dich liebt, denn wenn du gehorsam bist, werde ich dir Barmherzigkeit erweisen und dich segnen, und ich werde dich auch mit den kostbaren Bischofsgewändern des wahren Papstes bekleiden und schmücken, ja werde dich mit mir selbst bekleiden, so dass du in mir und ich in dir bleiben werde, und du wirst in Ewigkeit verherrlicht werden.“
Nach diesem Gesicht und diesen Stimmen verschwand die Vision.

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143. Kapitel

Unser Herr Jesus Christus sagte mir, o Herr Bischof, dass ich nachstehende Werke an Euch schreiben sollte, und dass Ihr sie dem Papst zeigen solltet. „Der Papst begehrt ein Zeichen. Sag ihm, dass auch die Pharisäer ein Zeichen haben wollten. Ich habe ihnen geantwortet, dass wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so lag ich, der Sohn der Jungfrau, drei Tage und drei Nächte tot in der Erde, bin aber von den Toten auferstanden und zu meiner Herrlichkeit aufgestiegen.

So soll dieser Papst meine Eramhung als Zeichen empfangen, damit er die Seelen erlöst. Er soll also das in die Tat umsetzen, was zu meiner Ehre dient, daran arbeiten, dass die Seelen erlöst werden, und dass meine Kirche in ihre frühere Gestalt zurückversetzt und in einen besseren Zustand kommt; dann wird er das Zeichen und die Furcht des ewigen Trostes erfahren dürfen.
Er soll auch noch ein anderes Zeichen erhalten: Wenn er meinen Worten nicht gehorcht und nach Italien kommt, so soll er nicht nur das Zeitliche, sondern auch das Geistliche verlieren und Herzenstrauer empfinden, so lange er lebt, und wenn auch sein Herz manchmal Erleichterung zu haben scheint, so werden ihm doch Gewissensbisse und innere Trübsal verbleiben.

Das dritte Zeichen ist, dass ich, Gott wunderbare Worte durch eine Frau spreche – zu welchem Zweck geschieht das, wenn nicht zur Erlösung und zum Nutzen der Seelen, und dafür, dass die Bösen gebessert und die Guten noch besser werden?
Was den Zwist zwischen dem Papst und Barnabo betrifft, so antworte ich, dass er mir über die Maßen verhasst ist, denn unendlich viele Seelen nehmen dadurch Schaden. Denn auch wenn der Papst von seinem Papsttum vertrieben werden sollte, so wäre es besser, wenn der Papst sich demütigte und Eintracht zustande bringen würde, als dass so viele Seelen zu Grunde gehen und von der ewigen Verdammnis betroffen würden.

Darüber, was die Verbesserung des französischen Königreichs betrifft, wird er nicht eher Bescheid erhalten, als bis er persönlich nach Italien kommt. So wie es sich mit einem Querbalken verhält, an dem ein Seil hängt, an dem unzählig viele nach einer Richtung ziehen, aber nur einer nach der anderen, so ist es mit der Verdammnis der Seelen – sie ist ja offenbar, und viele arbeiten daran.

Daher soll dieser Papst seinen Blick allein auf mich richten; wenn auch alle ihm abraten, nach Rom zu kommen und ihn behindern, soviel sie können, soll er allein auf mich vertrauen, und ich werde ihm helfen, und niemand soll Macht über ihn gewinnen. Aber wie die Vogeljungen sich im Nest aufrichten, rufen und sich freuen, wenn die Mutter naht, so werde ich ihm froh entgegenkommen, ihn aufrichten und an Leib und Seele ehren.“

Weiter sagte der Herr: „Obwohl der Papst zweifelt, ob er nach Rom kommen soll, um den Frieden wieder herzustellen und meine Kirche zu reformieren, so erkläre, ich es ist mein Wille, dass er nun bis zum Herbst kommt, und kommt, um zu bleiben. Und er soll auch wissen, dass er nichts tun kann, was mir lieber ist, als nach Italien zu kommen.“

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144. Kapitel

Die Braut sah etwas wie eine Bischofsgestalt, in Skapulier gekleidet und in einem Hause stehen, das mit Schmutz von den Straßen bespritzt war. Das Dach dieses Hauses drückte fast auf das Haupt dieser Person herunter. Und schwarze Neger, mit Haken und anderen schaden bringenden Werkzeugen versehen, umgaben das haus, aber, sie konnten die betreffende Person nicht berühren, obwohl sie ihm großen Schrecken einjagten.

Und da hörte ich eine Stimme, die zu mir sagte: „Dies ist die Seele des Papstes, den du kanntest. Das Haus bezeichnet seine geistliche Vergeltung. Denn er behandelte ein paar weltliche Dinge, und deshalb ist seine Vergeltung noch nicht leuchtend klar, so lange er im Fegefeuer geläutert und durch Geistliche Gebet und durch Gottes Liebe reingewaschen wird.

Dass das Dach beinah sein Haupt niederdrückt, das ist ein Zeichen für ein Mysterium, denn das Dach bezeichnet die Liebe zu Gott. Sie ist umso größer, je weiter und mehr die Seele für das Geistliche und den Eifer für Gott aufgeschlossen ist. Aber weil dessen Seele vor Liebe zu einigen weltlichen Dingen brannte und am liebsten ihrem eigenen Willen folgte, deshalb ist das Dach, das für Gottes Auserwählte hell und hoch ist, niedrig für ihn, bis es durch das Blut von Gottes Sohn und die Vermittlung des himmlischen Hofes erhört wird.

Dass die Seele mit einem Skapulier bekleidet ist, das ist ein Zeichen dafür, dass er das Leben der Mönche zu befolgen suchte, wohin ihn seine Berufung zog, aber er bemühte sich nicht so sehr, dass er denen als Beispiel hätte dienen können, die sich vervollkommnen. Aber nun ist es dir erlaubt, drei Dinge von den Taten zu wissen, die er in seinem Leben getan hat, und für die er jetzt Strafe leidet.

Das erste ist, dass er Gott und seinem Gewissen gegenüber ungehorsam war, worüber er Reue und Gewissensbisse spürte. Das Zweite ist, dass er manchen aus weltlicher Liebe Dispens ereilte, indem er seinem eigenen Willen folgte. Das dritte ist, dass er etwas unterließ, um Leute nicht zu verletzen, die er gern hatte, die er aber hätte zurechtweisen können. Du sollst aber wissen, dass diese Seele nicht zu denen gehört, die zur Hölle hinab gefahren sind, und auch nicht zu denen, die von den schwersten Fegefeuerstrafen betroffen sind, sondern zu denen, die täglich näher zur Schau der Majestät des allmächtigen Gottes eilen, um seine Gnade zu genießen.“

 

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