Verteidigung der Kirche
angesichts der
Missbrauchsskandale

   
   




 

  

Auszug aus "Die Stunde des Papstes"
Von Peter Seewald

Weltweit gibt es über 400.000 Priester, über eine Million Ordensleute, und Millionen katholischer Laien, die sich für Arme, Kranke, für eine bessere Gesellschaft engagieren und sogar bereit sind, dafür ihr Leben zu geben. Die Kirche unterhält über 70.000 Krankenhäuser, Krankenstationen, Leprastationen, Behindertenheime, Waisenhäuser und Kindergärten. Weltweit besuchen 40 Millionen Schüler katholische Schulen (in Deutschland 370.000 bei steigender Nachfrage).

In Deutschland sind nach Angaben des Kriminologen Christian Pfeiffer 0,1 Prozent der Missbrauchstäter Mitarbeiter der katholischen Kirche. Wer den Missbrauch dann jedoch nur auf eine bestimmte Gruppe begrenzt und 99,9 Prozent der Täter außen vor lässt, macht ein riesiges gesamtgesellschaftliches Thema nicht nur klein, er unterstreicht damit, dass es ihm nicht um die Opfer geht, sondern um die Instrumentalisierung ihrer Fälle.

Der vollständige Text von Peter Seewald:
http://www.kath.net/detail.php?id=26430

 

Nichts gegen eine Presse, die über die Missbrauchsverbrechen berichtet und sich darüber empört. Auch nichts gegen eine Presse, die kritische Fragen an die Kirche richtet.

Aber alles gegen eine Presse,
die Missbrauch mit dem Missbrauch treibt.



Ein jüdischer Autor verteidigt den Papst und die Kirche angesichts des Missbrauchsskandals

Der spanische jüdische Dichter, Romanautor, Kolumnist und Essayist Jon Juaristi veröffentlichte am Ostersonntag einen Artikel in der spanischen Tageszeitung ABC (Tageszeitung mit der dritthöchsten Auflage in Spanien), in dem er schreibt, dass „die Meute weiter aufheult und viele Journalisten und freie Blogger jetzt nach dem Rücktritt des Papstes trachten.“ Und weiter: „[…] die von Priestern verübten Akte der Pädophilie oder Ephebophilie“ stellen „sich zusehends als reiner Vorwand“ heraus, „um Benedikt XVI. einzukreisen.“

Während sich selbst Katholiken heutzutage häufig auf die Seite der Kirchengegner stellen und mit der Masse lauthals „Skandal!“ schreien, nimmt sie ausgerechnet ein mutiger Jude in Schutz. Jon Juaristi stimmt nicht mit ein in die Diffamierungskampagne gegen die katholische Kirche, sondern setzt sich für eine gerechte Beurteilung von Papst und Kirche angesichts der Missbrauchsfälle an katholischen Einrichtungen ein.

In seinem Artikel heißt es desweiteren, dass „es nur der Papst und die Kirche“ seien, „die das Thema ernst genommen“ hätten. „Die Yellow Press will nur verkaufen, indem sie den Skandal ausschlachtet, die progressive Journaille ihrerseits will die Katholiken aus dem öffentlichen Raum verbannen, oder zumindest, falls die Kampagne nicht so viel hergäbe, wenigstens den Ruf des Klerus am Boden zerstört lassen.“

Juaristi erinnert daran, dass, „falls ich es noch nicht oft genug gesagt habe, ich kein Katholik bin, aber nicht einmal mir das gewaltige moralische Format des derzeitigen Papstes entgeht, im Vergleich zu seinen derzeitigen und sprießenden Widersachern, einer wahrhaft hetzenden Meute.“

„Es ist nicht nötig, katholisch zu sein, um klar sehen zu können, wo dieses Medien-Kesseltreiben hinführt […], wenngleich ich zugeben muss, dass es hierbei hilfreich ist, Jude zu sein, um es zu erahnen“.

„Das Schlimme ist, dass, wie es immer passiert, die falsche Münze die wahre vom Markt verdrängt und der richtende Jammerer am Schluss den Schmerz der wahren Opfer überdeckt“.




New Yorks früherer jüdischer Bürgermeister Ed Koch verteidigt Papst und Kirche

Der ehemalige Bürgermeister der Stadt New York, Ed Koch, kritisierte in der „Jerusalem Post“ die Angriffe gegen Papst Benedikt XVI. „Ich meine, dass die ständigen Medienangriffe auf die römisch-katholische Kirche und Papst Benedikt XVI. Ausdruck eines Antikatholizismus geworden sind.“
Koch, selbst Jude, erklärte in der israelischen Zeitung, dass er in verschiedenen Punkten mit der katholischen Kirche oder auch mit dem orthodoxen Judentum nicht übereinstimme, dass die Kirche aber das Recht habe, ihren Glauben zu leben und ihn zu verkünden. Die aufgeheizte antikatholische Stimmung in den Medien erklärt sich der ehemalige New Yorker Bürgermeister damit, dass in den Redaktionen Journalisten tätig sind, die die katholischen Positionen zu den Themen Abtreibung, Scheidung, Schwangerschaftsverhütung oder Homosexualität ablehnen.
„Viele von denjenigen in den Medien, die gegen die Kirche und den Papst einhämmern, tun dies mit innerer Genugtuung und einige sogar mit Böswilligkeit“, schreibt Koch. Koch schließt seine Stellungnahme in der Jerusalem Post mit den Worten: „Genug ist genug. Ja, schreckliche Taten wurden durch Mitglieder des katholischen Klerus begangen. Die Kirche hat in den Vereinigten Staaten Milliarden an die Opfer bezahlt und wird wahrscheinlich weitere Millionen, vielleicht Milliarden an die Opfer zahlen. Ich will dazu aber ein Wort Jesu zitieren: ‚Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.‘“
Ed Koch war von 1968 bis 1977 Abgeordneter im amerikanischen Kongress und von 1978 bis 1989 Bürgermeister von New York.




Die Heuchelei mancher Medien

In einem Beitrag für die Welt vom 6. März 2010 machte der Psychiater Manfred Lütz auf einen Vorfall aufmerksam, der ein bezeichnendes Licht auf die Mentalität wirft, von der die missbrauchsbedingte Kampagne gegen Zölibat, Kirche und Papst zu großen Teilen geprägt ist: “Als in der Sendung ‘Hart aber fair’ reflexhaft der Zölibat thematisiert wurde, verbat sich das anwesende Opfer, das längst aus der Kirche ausgetreten war, mit Empörung diese Ablenkung vom Thema.” Doch der Moderator überging dieses Anliegen mit einer Bemerkung, die “in den Ohren eines Opfers von sexuellem Missbrauch (...) wie glatter Hohn geklungen haben” musste (Regina Einig in der Tagespost vom 27. Februar 2010).


Kritik an der Medienberichterstattung

Ingo Fock von "Gegen Missbrauch e.V." zeigt sich kritisch über die Medienberichterstattung und erinnert daran, dass Missbrauch in Deutschland vor allem in Familien stattfindet und dass Internate nichts anderes als "ausgelagerte Familien" seien. "Kirche ist das Thema, das die Medien interessiert. Die "normalen Fälle" sind einfach nicht so spannend", betonte Fock.



Angriffe auf den Papst

Am 13. März 2010 sprach Matthias Drobinski, kirchenkritischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung, Papst Benedikt XVI. noch vom Vorwurf des Vertuschens frei. Vier Tage später brachte dieselbe Zeitung einen Gastbeitrag von Hans Küng, der den Papst für dessen Zeit in der Glaubenskongregation geschickt als Vertuscher hinstellte, indem er die vom Heiligen Stuhl geforderte “päpstliche Geheimhaltung” dem kirchenrechtlich nicht bewanderten Leser als einen Akt des Vertuschens präsentierte, als verhängnisvolle Praxis, die Ratzinger auch als Papst nicht geändert habe. Kein Wort davon, dass die päpstliche Geheimhaltung, das “Secretum pontificium”, so wenig etwas mit einer Vereitelung staatlicher Strafverfolgung zu tun hat wie etwa das polizeiliche Dienstgeheimnis.
Seitdem Hans Küng auf diese Weise die Wahrheit verdreht hat, schließen sich weitere Priester wie Rudolf Schermann der Verleumdung des Papstes an und schießt sich die Kritik der Medien an der Kirche ironischer weise immer mehr auf jenen Mann ein, der die Null-Toleranz-Politik gegen Kindermissbrauch in der Kirche durchsetzte.


Wissenschaftler: Zölibat nicht schuld an Missbrauchsfällen

Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover, widersprach der These, der Zölibat sei eine Ursache für sexuellen Missbrauch in katholischen Einrichtungen wie die „Stuttgarter Nachrichten“ berichten. „Wir sehen das als Wissenschaftler eher anders“, so Pfeiffer. „Denn pädophil ist man bereits mit 15, 16. Aber das Gelübde, keusch zu bleiben, legt man als Priester erst mit 25 oder 30 ab. Da ist also von der sexuellen Identität her alles gelaufen.“ Auf N24 meinte der Kriminologe schließlich, dass es für ihn nicht nachvollziehbar sei, was Leute zu der Aussage motiviere, der Zölibat sei schuld an sexuellem Missbrauch.“


Die Zölibatsdiskussion

Kritik an der in einigen Medien stark verbreiteten These, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Zölibat und den Missbrauchsfällen gibt, hat jetzt auch der Berliner Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber geäußert. In einem Heute.de-Beitrag betonte der Professor für forensische Psychiatrie an der Berliner Charité mit Verweis auf die Statistiken, dass Männer, die nicht im Zölibat lebten, mit einer 36mal höheren Wahrscheinlichkeit zu Missbrauchstätern werden als katholische Priester. Natürlich könne man über das Zölibat streiten, aber man werde nicht mit 25 Jahren "plötzlich pädophil, weil man keine Frau mehr hat." Das passiere in der Zeit der sexuellen Prägung, in Kindheit und Pubertät.
"Hier können Kirchengegner ihr Mütchen kühlen", sagt er. Die katholische Kirche werde als reaktionär und rückständig verurteilt, ihre Sexualmoral als verbiestert. "Was die katholische Lehre zur Sexualität so richtig sagt, das weiß doch keiner so genau.", erklärt Kröber und zeigt sich verärgert, dass hier "verstaubte Geschichten aus den 70er Jahren hervor gezerrt" würden und mit ihnen vor allem von einem Thema abgelenkt werde. Die Frage des sexuellen Missbrauchs interessiere eigentlich niemanden so richtig. Doch da müsse laut dem Kriminalpsychologen angesetzt werden. Und nicht nur ein Blick auf die Kirche helfe weiter. Kröber verwies dann auch auf ein anderes Problemgebiet: "Man muss nur einmal zum Deutschen Fußballbund gehen, die haben viele kleine Jungs."




Der Journalist Alexander Kissler meint: „Der Zölibat ist im 21. Jahrhundert das am deutlichsten sichtbare Zeichen, dem die Welt widerspricht; schließlich bezweifelt er deren gesamte Logik.“ Und weiter: „Der zölibatär lebende Priester kränkt, allein weil er ist, die Gegenwart fundamental. Sie vergilt es ihm mit Generalverdacht, Sippenhaft, Schuldvermutung.“ Der enthaltsame Widerspruch gegen die Moderne entlädt sich in Ausgrenzung, Lächerlichmachung und Hass.


In den USA – dort nahm der Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche ja seinen Anfang – wurde eine nationale Studie durchgeführt, die im „Christian Science Monitor“ veröffentlicht wurde. Diese Studie ergab, dass der Anteil protestantischer Priester, die als Kinderschänder entlarvt wurden, höher ist, als der Anteil katholischer Priester. Die protestantischen Priester kennen aber kein Zölibat. Auch der Anteil pädophiler ehrenamtlicher Mitarbeiter der Kirchen, die ja ebenfalls nicht dem Zölibat unterliegen, liegt über jenem der Pastoren. Doch im Vergleich verzeichnen nicht nur die protestantischen Konfessionen mehr Missbrauchsfälle als die katholische Kirche, sondern auch die jüdischen Gemeinden der USA. In einem Cicero-Interview erklärte der bekannte deutsche Kriminalpsychiater, Hans-Ludwig Kröber: „Man wird eher vom Küssen schwanger, als vom Zölibat pädophil.“


Zu den Kirchenaustritten aufgrund des Skandals

Der hl. Josemaría Escrivá de Balaguer sagt uns: „Der Sturm der Verfolgung ist gut. – Was geht verloren? . . . Es geht nichts verloren, was nicht schon verloren ist. – Wenn der Baum der Kirche nicht mit der Wurzel ausgerissen wird – es gibt aber keinen Sturm und keinen Orkan, der ihn ausreißen könnte –, dann fallen nur die trockenen Äste . . . Und das ist gut so.“


Ausdehnung des Begriffs „Missbrauch“

Mittlerweile geht es nicht nur um sexuellen Missbrauch, auch Gewalt und körperliche Züchtigung werden angeprangert. Diese stammen meistens aus der Zeit, in der die Prügelstrafe in den Schulen üblich und erlaubt war, und man kann feststellen, dass auch Schüler in öffentlichen Schulen in jenen Jahren darunter gelitten hatten.
Auch der Begriff des Missbrauchs weitet sich aus. Nun wird für die Beaufsichtigung beim gemeinsamen Duschen und für ein „Ansichdrücken“ bereits Schmerzensgeld verlangt und gezahlt.

Klaus Peter Kuhn, Informationsblatt der Priesterbruderschaft St. Petrus vom April 2010


Hintergrund: Die Null-Toleranz-Strategie der Kirche

"Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger sich unermüdlich für eine systematische kirchenrechtliche Aufklärung und Behandlung der Missbrauchsfälle eingesetzt", urteilt Dr. Gero P. Weishaupt in einem Beitrag, der Ratzingers Kampf gegen pädophilen Missbrauch beschreibt und das Urteil belegt. Der Kampf Ratzingers war in den vergangenen Jahren von der weltlichen, auch von der kirchenkritischen Presse vielfach anerkannt worden. Doch jetzt ist das alles wie weggefegt, weil es einigen wenigen Presseorganen (New York Times mit dem Fall Murphy, Süddeutsche Zeitung mit dem Fall Peter H. und den Verleumdungen von Hans Küng) gelungen ist, durch tendenziöse Darstellung einzelner Fälle die gesamte Berichterstattung ins Gegenteil zu verdrehen.
Das Unrecht, das dadurch der integeren Persönlichkeit von Papst Benedikt XVI. angetan wird, ist ungeheuerlich.


Debatte um Missbrauch:
Die katholische Kirche und die Transparenz


Politiker zweifeln am Aufklärungswillen der katholischen Kirche, andere Kritiker glauben gleich an Strafvereitelung durch den Vatikan. Wie steht es um den Umgang mit Missbrauch durch katholische Priester? Ein Überblick.

Norbert Leygraf gehört zu den renommiertesten psychiatrischen Gutachtern in Deutschland. Der 56-Jährige leitet das Institut für Forensische Psychiatrie an der Universität Duisburg-Essen; seit 2003 arbeitet er auch für die katholische Kirche: Nachdem die Deutsche Bischofskonferenz als Reaktion auf eine Tagung in Rom Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch erlassen hatte, betraute sie Leygraf mit der Aufgabe, verdächtige Priester zu begutachten.

"Diese Leitlinien", sagt Leygraf am Dienstag in Freiburg vor Journalisten, "müssen offenbar funktionieren, denn unter den bekannt gewordenen Fällen ist keiner als Rückfall aufgetreten." Seit 2003 hat der Experte 19 Geistliche begutachtet, 17 Fälle fielen in den Bereich sexuellen Missbrauchs. Straffällig relevant waren zwölf, die übrigen wurden gemeldet, weil Saunabesuche mit Jugendlichen Misstrauen erregt hatten oder – in einem Fall – eine Psychotherapeutin den vagen Verdacht hatte, der Priester könne eine pädophile Neigung haben. "Der Umgang der Kirche mit diesen Fällen ist doch sehr sorgfältig und fast schon etwas übervorsichtig", sagt Leygraf. Vier Opfer wollten unbedingt nur die Kirche von ihrem Verdacht informieren. "Die Forderung nach einer generellen Anzeigepflicht bei der Staatsanwaltschaft ist daher auf jeden Fall falsch, weil sie die Hemmschwelle für die Opfer erhöht. Das sagen auch die Kinderschutzverbände. Nicht mal die Jugendämter haben eine solche Regelung."

Bei den strafrechtlich relevanten Vorwürfen sei es sechsmal um den Besitz von Internetpornografie gegangen. Bei fünf Verdächtigungen habe es sich um tatsächliche Missbrauchshandlungen gehandelt, davon dreimal um Altfälle. In einem Fall ging es um Masturbation vor einem Kind. Schlussendlich hat Leygrafs Institut zehnmal von Tätigkeiten mit Kontakt zu Jugendlichen abgeraten. "In sieben Fällen konnten wir sagen, das ist problemlos."

In Deutschland gibt es zwei Lehrstühle zur forensischen Psychiatrie: Neben Norbert Leygraf arbeitet auch Hans-Ludwig Kröber für die Kirche. Kröber ist Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Freien Universität Berlin. Außerdem prüfen Max Steller und Renate Volbert (beide FU Berlin) sowie Friedemann Pfäfflin vom Universitätsklinikum Ulm katholische Geistliche. Ausgewählt hat sie der Kölner Theologe und Psychiater Manfred Lütz. Er hat den bereits erwähnten Kongress im Vatikan zum Missbrauch durch katholische Geistliche organisiert und schon damals weltweit Experten eingeladen: "Die Kirchlichkeit der Fachleute darf keine Rolle spielen."

Schulen sind heute anders

Wenn ein Gutachter zum Ergebnis komme, dass von einem Geistlichen keine Gefahr ausgehe, sei der Bischof damit noch nicht aus der Verantwortung entlassen, betont Lütz. "Der Bischof muss strenger sein als das Gutachten." Aber er sagt auch: "Das kommt nicht selten vor."

Schließlich schildert Direktor Dietfried Scherer von der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg seine Sicht der Dinge. Die Stiftung ist Träger aller 28 kirchlichen Schulen im Bistum mit Ausnahme des Jesuitenkollegs in St. Blasien. Die Schatten lang zurückliegender Fälle holten die Institutionen derzeit zu Recht ein, sagt Scherer. Aber er bemerkt auch: "Die Schulen sind heute anders als vor 30 Jahren." Nicht erst auf der Stufe des Missbrauchs seien Schüler und Lehrer heute sensibilisiert, schon viel früher werde der Komplex der Grenzverletzung thematisiert. Es gebe Vertrauenslehrer und unabhängige sozialpädagogische Berater. Die Sexualerziehung ziele darauf ab, Bedürfnisse, Grenzen und Unbehagen auch verbalisieren zu können. Und ohne polizeiliches Führungszeugnis werde niemand im pädagogischen Bereich beschäftigt.

In den mehr als zehn Jahren seiner Tätigkeit hat Scherer nur einen Fall sexuellen Missbrauchs erlebt. "Niemand kann garantieren, dass nie etwas vorkommt. Aber wenn etwas vorkommt, muss professionell und sofort reagiert werden." Professionell, das bedeute aber auch: sorgsam. "Denn mit nichts können Sie einen Menschen so fertig machen wie mit dem Vorwurf des Kindesmissbrauchs."

Inzwischen spürt Scherer eine Verunsicherung im Kollegium darüber, welche Formen des normalen pädagogischen Kontakts derzeit noch möglich sind, und der Trierer Bischof Stephan Ackermann pflichtet ihm bei. Scherer plädiert deshalb eindringlich für Sachlichkeit, gerade auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen: "Wir müssen keinen Sumpf trockenlegen. Die Quantitäten liegen in der Vergangenheit."

http://www.badische-zeitung.de/


Die Sittlichkeitsprozesse im Dritten Reich

1936/37, also zur Zeit der Hitlerdiktatur, kam es im Deutschen Reich zu zahlreichen Sittlichkeitsprozessen gegen katholische Ordensangehörige und Priester. Der Historiker Michael F. Feldkamp, einer der anerkanntesten Fachleute für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, schreibt dazu: „Bei diesen Prozessen ging es um die strafrechtliche Ahndung homosexueller Sittlichkeitsdelikte. Ausgang waren die Vorkommnisse in einer franziskanischen Laienkongregation, die von der NS-Propaganda so dargestellt wurden, als ob sie typisch für den gesamten katholischen Klerus seien. In der künstlich gesteigerten öffentlichen Erregung in Folge dieser Prozesse kam es zu zahlreichen Denunziationen von zwar unbescholtenen, aber unliebsamen Geistlichen. Diese Denunziationen erfolgten zum Teil durch unzufriedene oder brüskierte Laien, die die Gelegenheit zur Abrechnung mit einem Geistlichen suchten.“ Der Erzbischof von Chicago, George William Kardinal Mundelein, bezeichnete die Sittlichkeitsprozesse, die den Nazis als Maßnahme im Kampf gegen die katholische Kirche dienten, als ein Mittel zur Entfremdung der Deutschen von der Kirche.
Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels sprach in einer Hetzrede, geprägt durch maßlose Übertreibung und Verunglimpfung, am 28. Mai 1937 von den Sexualprozessen, „die in diesen Wochen und Monaten in vielen Städten des Reiches gegen eine Unzahl von Mitgliedern des katholischen Klerus durchgeführt werden und fast ausnahmslos für die Angeklagten zu schweren Gefängnis- und Zuchthausstrafen geführt haben.“ Goebbels versicherte, dass es sich dabei „nicht, wie von kirchlichen Kreisen durch Ausstreuung unkontrollierbarer Gerüchte glauben zu machen versucht wird, um bedauerliche Einzelerscheinungen, sondern um einen allgemeinen Sittenverfall, wie es in diesem erschreckenden und empörenden Ausmaß kaum einmal in der gesamten Kulturgeschichte der Menschheit festzustellen ist“, handelt. Die Kirche würde den angeblichen Sittenverfall der heutigen Zeit beklagen, so Goebbels, sie würde über angebliche Missstände klagen, obgleich sich in ihren eigenen Kreisen eine himmelschreiende sittliche Verwilderung breitgemacht hätte.

Herr Feldkamp legt dar, dass der Klerus seit diesen Sittlichkeitsprozessen „in einer zuvor nicht dagewesenen Weise einer Generalverunglimpfung ausgesetzt“ war. „Die vermeintliche moralische Verkommenheit des Klerus wird gerne von Gegnern der Kirche vorgebracht, um dieser zu schaden. In diesem Falle hat sich die NS-Propaganda langfristig bis in unsere heutige Zeit als Vorurteil gehalten.“


Feldkamp, Michael. 2009. Mitläufer Feiglinge Antisemiten? Katholische Kirche und Nationalsozialismus, Augsburg: Sankt Ulrich Verlag


Die Kirche als der Sündenbock der modernen Menschen

S. Ex. Bischof Algermissen von Fulda schrieb in einem Hirtenbrief: „Das bittere Thema muss nun seit Wochen dazu herhalten, Abneigung gegen die Kirche zu schüren. Sogar die Bundesjustizministerin stellte wider besseres Wissen die Behauptung auf, die Kirche wolle nicht hinreichend aufklären. Und da ist auch noch die Scheinheiligkeit bestimmter Medien, die die Kirche als ‚Sündenbock‘ (vgl. Levitikus 16, 8-10) brauchen, um eine grundsätzliche gesellschaftliche Debatte über Gründe und Hintergründe zu umgehen.“

Der Historiker Karl-Joseph Hummel, Direktor der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn, stellte allgemein fest: „Die katholische Kirche ist als Sündenbock besonders geeignet, weil es keine andere Institution gegeben hat, die eine vergleichbare moralische Fallhöhe gehabt hätte. Deswegen werden an sie zuweilen moralische Maßstäbe angelegt, die sich in wissenschaftlichen Kategorien schwer bis gar nicht fassen lassen“(in einem Interview mit der Münchner Kirchenzeitung, Nr. 5, 2010).

Die Menschen, vor allem und in erster Linie die Nicht-Katholiken und die Katholiken, die sich bereits von der Kirche abgewandt haben, erwarten zu viel von der Kirche. Die Kirche ist zwar heilig, weil von Christus eingesetzt, aber dennoch – wie sie im Laufe ihrer Geschichte immer wieder bewies – unvollkommen in ihren Gliedern. Die Kirche ist und wird immer sein eine Gemeinschaft von Sündern . . . die nach Heiligkeit strebt. Der Heiland hat die Kirche selber eingesetzt, gegründet auf den Felsen Petrus, auf das Papsttum. Jesus sprach: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde Ich Meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18). Und an Pfingsten, 50 Tage nach seiner Auferstehung, dem Geburtstag der Kirche, hat Jesus ihr den Heiligen Geist gesandt, damit sie Seine Lehre unverfälscht bewahre und im Laufe der Geschichte immer tiefer erfasse, auch damit Seine Nachfolger aus der Kraft dieses Geistes leben. All das macht die Kirche aber nicht in ihren Mitgliedern vollkommen. Im Gegenteil, immer wieder finden sich auch Verbrecher in ihren eigenen Reihen. Dies wird auch nie zu vermeiden sein, dass einige Menschen die Kirche für ihre eigenen Ziele und Pläne missbrauchen.
 

 

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