Jesuskindverehrung

Überarbeitet und neu herausgegeben
von Klemens Kiser © Copyright

  
  





 
Die Jesuskindverehrung im Karmel     Sr. Joanna a Cruce O.C.D.
INHALT

Einleitung

Die Andacht zum Jesuskind im Karmel

Das Jesulein in der Theresianischen Reform

Die hl. Theresia von Jesus (Avila)

Die ehrw. Anna vom hl. Augustinus

Die sel. Anna vom hl. Bartholomäus

Die ehrw. M. Anna von Jesus

Der hl. Johannes vom Kreuz

Bruder Franziskus vom Kinde Jesu

Bruder Johannes von Jesus und vom hl. Joachim

Das Jesuskind im italienischen Karmel

Der ehrw. P. Johannes von Jesus Maria

Die ehrw. Paula-Maria von Jesus

Advent im Zeitalter des Barock

Die Andacht zum Jesuskind im italienischen Barock

Das Jesulein von Beaune

Die ehrw. Sr. Margarete vom heiligsten Sakrament

Ein «Wegweiser» zur geistigen Kindheit

Die Bedeutung der Andacht zum Jesulein von Beaune

Das Prager Jesulein

Das wunderbare Prager Jesulein

P. Cyrillus und das gnadenreiche Jesulein

Die Kapelle des Prager Jesulein

Zwei Karmeliten und das Prager Jesulein

Das Prager Jesulein in der Neuzeit

Das Jesulein im deutschen Karmel

Die ehrw. M. Maria Anna Josepha Lindmayr

Die ehrw. M. Isabella vom Hl. Geist

Die hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein)

Das Geheimnis der Kindheit Jesu im französischen Kamel

Schwester Maria vom hl. Petrus - Der goldene Pfeil

Mutter Theresia von Poitiers

Die hl. Theresia vom Kinde Jesu

Der «Kindheitsgedanke» nach dem Evangelium»

Geheimnis heiliger Kindheit

Die Verehrung des Kindes Jesu in den Niederlanden

Bethlehem und der Geist des Karmel

Kleiner Rosenkranz zum Jesuskind

 


Das Prager Jesulein

 

 

Die Jesuskindverehrung
im Karmel

Sr. Joanna a cruce O.C.D.
Überarbeitet und neu herausgegeben von Klemens Kiser


Der kleine Noviziatskönig
mit der sel. Anna vom hl. Bartholomäus

Gottes Sohn ist Mensch geworden, damit wir Kinder Gottes werden können.

Das Geheimnis von Bethlehem wiederholt sich immer wieder, auch heute.

Der Herr klopft auch an unsere Herzen. Öffnen wir IHM. Denn es gilt, was der hl. Apostel
Johannes im 1. Kapitel seines Evangeliums schreibt:
“Allen, die IHN aufnahmen, gab er (Voll)Macht Kinder Gottes zu werden.”

In Bethlehem sangen die Engel das Gloria mit den Worten ‘Frieden auf Erden den Menschen, die guten Willens sind.’

Die hl. Sr. Theresia Benedicta - Edith Stein schreibt dazu:

“Friede auf Erden denen, die guten Willens sind. Aber nicht alle sind guten Willens.
Und:
Vor dem Kind in der Krippe scheiden sich die Geister.”

Jesus sagt: “Wenn ihr euch nicht bekehrt und werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Reich Gottes eintreten.” Mt 18. Dies ist einer der ultimativsten Sätze des Evangeliums.

Was meint bekehren? - Sich zu Gott hinwenden und von der Sünde abwenden.

Gott dienen und ihn von ganzem Herzen lieben, nicht nur gelegentlich, je nach Laune.

Was heißt Kind sein? Auf Gott hören, Ihm vertrauen, Ihm folgen und dazu gehört auch ein reines Herz haben. Selig, die ein reines Herz haben Mt 5. Früher hat man daher in Notzeiten Kinder beten lassen!

Es ist das Erhabenste Kind Gottes sein zu dürfen, zu Gott Vater sagen zu dürfen und damit auch Erbe des Himmels, des ewigen Lebens werden zu können.

Das Buch ‘Das Jesulein im Theresianischen Karmel‘ von Sr. Johanna von Kreuz O.C.D. erschien 1965 mit Imprimatur im Verlag Gegenbauers Erben in Wil. Den Verlag gibt es nicht mehr. 1990 habe ich in Wil den Auftrag und das Recht erhalten es neu herauszugeben. Sr. Johanna vom Kreuz wurde 1901 als Ida Josefa van Weersth geboren, 1926 trat sie in den Karmel von Echt ein, wo später die hl. Sr. Teresia Benedicta (Edith Stein) war. Ihr Karmel in Beek, den sie gegründet hatte, ist inzwischen leider aufgelöst. Sie starb 1971.
                                                                                                                      Klemens Kiser


An Hand von Texten aus vier Jahrhunderten der Geschichte des reformierten Karmels will dieses Buch in das Geheimnis der Spiritualität des Ordens einführen. Von der Verehrung des göttlichen Kindes im Karmel ausgehend möchte es zeigen, wie das Geheimnis des menschgewordenen Sohnes Gottes von jeher gewirkt hat, und wie es im Leben einzelner Karmeliten und Karmelitinnen als beglückende Wirklichkeit aufleuchtet.

Sicher ist es für viele nicht leicht, eine innere Beziehung zu diesem schlichten und doch so inhaltsschweren Geheimnis des christlichen Glaubens zu finden oder zurückzugewinnen. Der heutige Mensch ist nicht mehr einfach genug, um seinen Sinn zu verstehen und um in ihm befruchtende Werte für das eigene religiöse Leben zu entdecken. Er muß es wieder lernen, im inneren Offenstehen die Botschaft vom Kindsein aus jener Gemeinschaft göttlichen Lebens zu empfangen, die der Herr auf Erden gestiftet hat. Vielleicht ist es daher dem Karmel vorbehalten, die tiefe Bedeutung dieser Botschaft zu erschließen und wieder zu einer vertrauensvoll hingebenden Andacht zum menschgewordenen Gottessohn in Kindsgestalt zu führen, wohl wissend, daß echte Andacht nicht beim Äußerlichen stehen bleibt, sondern sich nur aus einer gnadenvollen Verbundenheit mit dem im Bild Dargestellten erklären läßt. Wenn sie als Gnadengeschenk in das Innerste der Menschen einzudringen vermag, dann wird sie sich nicht weniger erleuchtend und umwandelnd offenbaren als alle anderen Wahrheiten der Kirche, die man nur dann erfährt, wenn man sie glaubend und innerlich offen in sich aufzunehmen versucht.

Im Bild, der Ikone, ist die Person gegenwärtig. Im alten Rom mußte dem Bild des Kaisers gehuldigt werden.

Alles Große ist einfach, Gott ist einfach. Er ist einfach die LIEBE und diese Liebe ist Mensch geworden in Jesus Christus. Lernen wir wieder an der Krippe niederzuknien wie die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland, die Könige, die dem König der Könige die Ehre gaben und IHN anbeteten. Das Göttliche Kind will auch uns die Freude und den Frieden des Herzens schenken.

             Inkarnation = Menschwerdung
             Mysterium = Geheimnis

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EINLEITUNG
«Je mehr ihr Mich verehrt, umso mehr werde Ich euch segnen»
(Worte des Jesuleins an P. Cyrillus, O.C.D.)

Am 26. Dez. 1936 starb in Beek in Holland eine glühende Verehrerin des göttlichen Jesuskindes. Lange Jahre hatte sie den sehnlichen Wunsch gehegt, sich dem Herrn im Karmel zu weihen. Aber Krankheit und mangelnde Körperkräfte hinderten sie diese Absicht zu verwirklichen. So wurde sie das Weizenkörnlein, das in die Erde fiel. Ihrem letzten Willen gemäß entstand nach ihrem Tod - sie war erst 33 Jahre alt -, an ihrem Sterbeort ein neuer Karmel, der zu einem Zentrum der Verehrung des Jesuskindes wurde.

Wenige Wochen vor der Gründung am 17. Sept. 1938 hatte der holländische Provinzial P. Timotheus a S. Teresia den Stifterinnen ein kleines Bildchen des Prager Jesulein geschenkt und ihnen die Weisung gegeben, das Prager Kind eifrig zu verehren. Dann würde es ihnen nicht an Nachwuchs fehlen. Als die Schwestern sich zur Abreise in die neue Heimat rüsteten, war - wie zu Zeiten der hl. Mutter Theresia - in ihrem Gepäck auch eine holzgeschnitzte Statue des gnadenreichen Jesuleins als teures Andenken an das Mutterkloster. In der Neugründung angekommen, ließen die Schwestern eine Meßnovene zu Ehren des kleinen Königs lesen, der darüber sichtliches Wohlgefallen zeigte. Es war gerade so, als ob Er alle zu seiner weiteren Verehrung aufmuntern wollte. Aber bevor die Andacht zum göttlichen Kind tiefe Wurzeln schlagen konnte und Allgemeingut wurde, sollte noch geraume Zeit vergehen.

Im Mai 1940 kam die Vikarin des kleinen Karmels (wohl Sr. Joanna selbst?) ins Krankenhaus.
Hier brachte eine Krankenschwester, die das Jesuskind innig liebte und verehrte und alles von Ihm zu erhalten wußte, ohne irgendeinen äußeren Anlaß ihr Prager Jesulein ans Bett der Kranken. In den langen Wochen der Einsamkeit und der Kriegswehen fand in ihr, die bisher wenig Sinn für die Bilderverehrung gezeigt hatte, eine tiefe innere Wandlung statt. Wunderbar öffnete sich ihr ein geheimnisvolles Verstehen des bildlich Dargestellten, und das Prager Jesulein wußte in kurzer Zeit ihr Herz zu gewinnen. Von nun an vertraute sie Ihm alle Ihre Sorgen an: um die mutterlosen Schwestern daheim, um das Kloster und um die notleidende und durch die Besatzung hart bedrängte Heimat, und versprach, an jedem fünfundzwanzigsten des Monats eine hl. Messe zu seiner Ehre feiern zu lassen, sowie nach Kräften seine Verehrung zu verbreiten. Wie dies geschehen sollte, würde die Zukunft lehren.

Ein bescheidener Anfang wurde mit der kurzen Erklärung der Geschichte des Prager Jesuleins
gemacht. Die kleine Broschüre «Het Heilig wonderdoende Kind Jezus van Praag» und zahlreiche Bildchen gingen zu Tausenden in alle Teile des Landes. Bald wurden Gebetserhörungen gemeldet. Es ereigneten sich ganz wunderbare Fälle und dies besonders dort, wo man sich an der Verbreitung der Andacht beteiligte.

Ein Gefängnisgeistlicher, der sich in größter Lebensgefahr befand, wurde durch die Broschüre angespornt, seine Zuflucht beim Jesuskind zu suchen. Infolge der falschen Anklage eines Gefangenen war er den Nachstellungen der SS ausgesetzt und mußte stundenlange Verhöre über sich ergehen lassen. Er versprach, falls alles gut ausgehen sollte, jede Woche zu Ehren des Jesuleins eine Kerze anzuzünden. Nach einem Monat peinigender Belastungen, die seine Gesundheit zermürbten, hatte sich alles zum Guten gewendet! Trotz der strengen Maßnahmen seitens der Besatzungsmacht war es dem Drucker der Broschüre immer wieder gelungen, eine neue Ausgabe anzufertigen. Eines Tages erhielt er seinen Stellungsbefehl, um von neuem als Soldat eingezogen zu werden. In seiner äußersten Not flehte er das göttliche Kind um Hilfe an und bat um eine Sturmnovene. Bereits am folgenden Tag, als er zur Zentralstelle beordert wurde, sah er sich nach Verlauf einer halben Stunde im Besitz der nötigen Papiere, die ihm eine gänzliche Befreiung garantierten. Menschlich unfaßbar, sowohl für ihn wie für jeden, der es erfuhr. Er schrieb es einzig dem sichtbaren Eingreifen und der übernatürlichen Macht des Jesuleins zu.

«Wissen Sie, ehrwürdige Mutter», schrieb eine Benediktinerin der Ewigen Anbetung, «daß
das Jesuskind unser Noviziat so herrlich segnet? Wir haben augenblicklich neun Novizinnen und erwarten noch zwei Postulantinnen... Einen besonderen Fall, in dem die Hilfe des göttlichen Kindes ganz sichtbar wurde, möchte ich Ihnen noch mitteilen. Als damals in «De Betuwe» so schrecklich gekämpft wurde, sollte der Bruder einer unserer Schwestern, der von den feindlichen Soldaten gefangen genommen worden war, als Spion erschossen werden. Schon standen die Soldaten schußbereit hinter ihm und erwarteten nur noch das Kommando des Offiziers. Doch dieser läßt sich erst seinen Personalausweis geben. Als er ihn öffnet, findet er darin ein Bild des Prager Jesulein. Er liest das Gebet von Anfang bis zu Ende und... kommandiert den Abmarsch der Soldaten. Der Verurteilte war frei und konnte ungestört seine Wege gehen. War das nicht ein augenscheinlicher Schutz des göttlichen Kindes?»

Die vielen Gebetserhörungen in Krankheitsfällen, der wunderbare Schutz des hl. Kindes bei Fliegerangriffen und seine sichtbare Hilfe in vielen anderen Situationen und Bedrängnissen hatte bewirkt, daß das Vertrauen und die Liebe zu Ihm nicht nur im Karmel, sondern auch in seiner weiteren Umgebung grenzenlos wuchs. In der Klosterkapelle wurde regelmäßig am fünfundzwanzigsten des Monats eine heilige Messe zu seiner Ehre gelesen und am Nachmittag eine Andacht zu den Geheimnissen seiner heiligsten Kindheit gehalten. Am darauf folgenden Sonntag fehlte nie eine Segensandacht mit Predigt zu Ehren des kleinen Königs. Im Sommer 1941 und im Frühjahr 1942 fanden sogar öffentliche Triduen statt. Bald wurde das Jesulein der hell leuchtende Stern, auf den die schwergeprüften Menschen in der dunklen Nacht des Krieges hoffnungsvoll blickten. Mit unbeschreiblichem Vertrauen nahmen Priester, Ordensleute und Gläubige in Not und Verfolgung ihre Zuflucht zum göttlichen Kind. Klostergemeinden, denen Gefahr drohte, vertrieben zu werden, zum Tode verurteilte Grubenarbeiter, junge Leute, die eine Arbeitsstätte oder Anstellung suchten, Männer, die zur Fronarbeit in Feindesland verbannt wurden, Verfolgte, die sich vor den Nachstellungen der Besatzungsmacht in Sicherheit bringen mußten, Beamte und Unglückliche am Rande des Grabes, Mütter und Kinder, die ihrer Stütze und ihres Ernährers beraubt waren, Menschen in Seelennot und tiefem Leid, sie alle erfuhren in auffallender Weise, wie das hl. Kind ihnen liebevoll seine helfende Hand entgegenstreckte.

Es war ergreifend zu sehen, wie ein zum grausamen Tod verurteilter Familienvater, der
sich im Dienst der Nächstenliebe eingesetzt hatte, im Vertrauen auf das Prager Jesulein innerlich ruhig das Urteil entgegennahm und seine Frau und die Kinder unter den Schutz des göttlichen Kindes stellte, und nicht weniger rührend waren die Beweise der Dankbarkeit, die diese dem menschgewordenen Gottessohn darbrachten. Überall traf man auf Bittsteller, die Ihm etwas zu seiner Ehre versprachen und dann sicher sein konnten, von Ihm erhört zu werden.

Aber nach dem Krieg und der dadurch erfolgten, heißersehnten Befreiung trat eine Wendung ein. Wohl ging die Andacht zum göttlichen Kind ihren Weg; doch Satan war sie ein Dorn im Auge. Nur zu bald tauchten große, unüberwindbare Schwierigkeiten auf. Die Gewalten der Tiefe schienen entfesselt zu sein und warfen ihren Schatten über Kloster und Land. An einem hellen Sommermorgen im Juli 1945, als alles verloren schien, als es dunkel wurde und undurchdringbar die Zukunft, wurde das Gelöbnis gemacht, ein Werk über die Verehrung des Jesulein zu verfassen. Es sollte eine Sammlung von Texten aus vier Jahrhunderten der Geschichte des Karmeliterordens sein, die tief in den Geist des Karmels einführen und von seiner traditionellen Liebe zum menschgewordenen Gott in Kindesgestalt zeugen wollte.

Im ersten Augenblick schien es etwas Unmögliches. Wie hatte nur ein derartiger Gedanke
aufkommen können?... Und doch war es das Jesulein selbst, das sich im Innern bemerkbar gemacht und die Anregung gegeben hatte.

Von dieser Zeit an wurden die Schwierigkeiten ständig größer. Der Böse suchte das zu verderben, was menschliche Liebe gepflanzt hatte. Das hl. Kind hüllte sich in Schweigen. Wenn Es bisher immer die Gebete erhört hatte, so schien Es jetzt taub geworden zu sein für alles Bitten und Flehen. Und doch hatte Es einstmals versprochen: «Je mehr ihr Mich verehrt, umso mehr werde Ich euch segnen

Auch diese bitteren Jahre waren vom Plan der göttlichen Vorsehung vorgezeichnet. Das
Kindlein wies darauf hin, daß sein Weg von der Krippe nach Kalvaria geführt hatte. Langsam kehrte der Friede in die geprüften Herzen zurück. Tiefer und lebendiger war ihr Glaube geworden, größer und felsenfester ihr Vertrauen, inniger und glühender ihre Liebe und zielbewußter ihre Opferbereitschaft.

Ein Jahrzehnt ging vorüber. Gottes weise Fügungen hatten die Möglichkeit geboten, sich immer mehr vom Geist des Ordens forttragen zu lassen und in seinen unermeßlichen Reichtum einzudringen. Immer mehr formte sich ein abgerundetes Bild der Spiritualität des Karmels, seiner Ordenseltern und der vielen Karmeliten und Karmelitinnen, in denen die mystische Liebe zum menschgewordenen Gotteskind aufgeleuchtet war und nicht aufgehört hat, bis in unsere Gegenwart ein beglückendes Licht zu werfen. Ihre Liebe zum Gotteskind erschließt eine der großen Realitäten, die ihr Leben ausfüllte.

Viele alte Werke und Handschriften des Ordens zeugen von diesem, mit so viel Wärme durchglühten religiösen Leben auserwählter Menschen. Man muß sie in dem Geist lesen, in dem sie geschrieben wurden: kindlich einfach und fromm. Sehr zu bedauern ist es, daß diese Schätze bis heute nur sehr wenigen zugänglich sind.

Vielleicht kann daher die vorliegende Textsammlung dazu beitragen, einen Einblick in den schlichten und lebendigen Glauben des Karmels zu gewinnen, der sich im Lauf der Jahrhunderte unter dem Licht der Gnade zu so reicher Blüte entfalten konnte und auch in der Zukunft noch manches Schöne erschließen wird, wenn die Beziehungen der Verehrung des göttlichen Kindes zum Orden und ihre Stellung in der karmelitischen Spiritualität tiefer ergründet sein werden. Wir beschränken uns hier ausschließlich auf karmelitische Andachten zum Jesuskind. (Es gibt noch viele andere Jesuskinddarstellungen.)

Es soll hier ein Wort aufrichtigen, herzlichen Dankes meiner Mitschwester Sr. Giovanna della Croce (Mailand) und allen denen ausgesprochen werden, die in irgendeiner Weise bei dieser Arbeit behilflich waren und zu ihrer Förderung beigetragen haben. Möge das göttliche Kindlein alles und jeden einzelnen reichlich belohnen!

Karmel «Regina Pacis», Beek, Holland, Sr. Joanna a Cruce, O.C.D. (van Weersth)

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DIE ANDACHT ZUM JESUSKIND IM KARMEL

Die Andacht zum menschgewordenen Gott in Kindesgestalt, die Verehrung der Kindheit unseres göttlichen Erlösers, war eine Gabe des Himmels, die dem reformierten Karmel schon zu Anfang seines Bestehens verliehen wurde. Nicht als ob diese Andacht nicht schon früher bestanden hätte und nicht von vielen Heiligen geübt worden wäre. Bekannt sind die Erscheinungen des göttlichen Kindes an den greisen Kirchenvater Hieronymus oder im Leben der hl. Katharina von Alexandrien, sowie die Erzählungen von dem vertrauten Verkehr des hl. Antonius von Padua mit dem Gotteskindlein. Jedoch dürfen wir ohne Übertreibung behaupten, daß diese Andacht im Karmel von jeher mit besonderer Innigkeit geübt und im christlichen Volk verbreitet wurde.

Die Überlieferung berichtet, daß die Muttergottes mit dem hl. Kind im Arm die ersten Einsiedlerbrüder auf dem Berg Karmel besuchte. Nicht selten geschah es dabei, daß das göttliche Kind sein kleines Händchen erhob und den «Brüdern Unserer Lieben Frau» seinen Segen erteilte. Als die hl. Theresia von Avila ihre Reform in Spanien begonnen hatte, kam es mit der Wiederbelebung des elianischen Ideals des Ordens auch zu einer neuen Begeisterung für die Andacht zum göttlichen Kind, die sich nicht nur durch die aus einer starken Gefühlsweichheit hervorquellenden Vorliebe des spanischen 16. Jahrhunderts für bildliche Darstellungen der Geburt des Herrn oder des Jesuskindes erklären läßt, sondern deren Wurzeln tiefer liegen und unmittelbar in das Wesen der christozentrischen Mystik der hl. Reformatorin führen.

Das Karmelkloster in Haifa ist über der Grotte des Propheten Elias errichtet. Nach der
Überlieferung kam auch die hl. Mutter Anna dorthin.

Theresia gehörte zu jenen wenigen auserwählten Menschen, deren religiöses Bewußtsein sich in einer echten, persönlichen Begegnung mit dem Herrn geformt hatte. Sie hatte Christus gesehen, war von Ihm innerlich berührt und durchdrungen worden, und in einem lebendigen Ergriffenwerden von dem Geheimnis seines Gott- und Menschseins hatte sie Ihn erkannt. Mächtig wirkte Er in ihrem Inneren als Freund, Bruder, Vorbild, Meister, barmherziger Helfer und liebender Bräutigam. In seiner gottmenschlichen Person hatte sie den Mittler zwischen Gott und Menschen gefunden. «Ich befliß mich, so gut ich konnte, Jesus Christus, unser höchstes Gut und unseren Herrn, in mir zu vergegenwärtigen; dies war meine Weise innerlich zu beten.» So bestimmte sein Mysterium immer mehr ihr Leben. Sie wollte Ihn lieben, sich Ihm bedingungslos ausliefern, um in unlösbarer Vermählung sein Eigentum zu werden, Ihm ähnlich im Leiden und täglichem Sterben.

Getragen von seiner Gnade suchte sie Ihn im Geheimnis seiner heiligsten Menschheit.
Und der Herr erschien ihr und prägte das Bild seiner Schmerzen wie ein brennendes Siegel in ihre Seele. Sie durfte seine Gegenwart in wirklich wissender Liebe erfahren. Und jenes tiefe Bedürfnis nach Freundschaft und Liebe, das für Theresias Temperament eine innere Notwendigkeit bildete, fand im geistigen Schauen und im beglückenden Liebesaustausch mit dem Menschgewordenen höchste, durch Leiden geläuterte Befriedigung.

Die große Mystikerin liebte mit dem glühenden Herzen der Heiligen und mit den zartesten Gefühlen einer liebenden Frau. So wie die Gegenwart guter Freunde sie stets beglückt hatte und wie sie gern ihre Gesellschaft aufsuchte, so sehnte sie sich auch danach, in den vielfältigen Begebenheiten des täglichen Lebens das Antlitz Christi zu sehen und seine Gegenwart zu fühlen. Sie wollte mit Ihm ein Freundschaftsverhältnis pflegen, für das sie die gleichen Prinzipien rein menschlicher Freundschaft anwendete, die ihrer Natur entsprachen. Dieser zutiefst in ihr ausgeprägte Sinn der Freundschaft führte sie zum Bild. Wir wissen, daß sie in allen von ihr gegründeten Klöstern Bilder und Statuen aufstellen ließ und durch diese Gestalten zu einer immer größeren Gottesnähe getragen und in eine Atmosphäre inniger Gottesliebe gezogen wurde. Oft genügte ihr ein einfacher Blick auf das bildlich Dargestellte, und ihr Inneres erbebte erneut unter der Berührung des Göttlichen, und sie wurde durch seine Anwesenheit wundersam entrückt!

So lebte sie in der Gegenwart des Herrn. Ihr Tag war von seinem Bild durchwaltet und geheiligt. Und es war nicht nur das Bild des Gekreuzigten oder des leidenden Herrn, das sich ihres Innersten durchgreifend bemächtigte. Es war ebenso das Bild des unschuldigen Gotteskindes, dem sie sich im tiefen Glauben an das Inkarnationsmysterium näherte, frei von Sentimentalität oder subjektiven Frömmigkeitsgefühlen.

Die hl. Theresia von Avila besaß einen gesunden Realismus für alle äußeren Formen des übernatürlichen Lebens. Sie liebte Andachten und Frömmigkeitsübungen, die sich auf die Hl. Schrift zurückführen ließen oder von der Kirche gutgeheißen wurden. Dagegen wehrte sie sich gegen jene Privatandachten, die übertriebener oder abergläubischer Schwärmerei entsprangen. «Es ist etwas Großes um die Wissenschaft», schreibt sie in ihrem Leben, «denn diese unterweist uns, die wir wenig wissen; sie erleuchtet uns; und sind wir durch sie zur Kenntnis der Wahrheit der Hl. Schrift gelangt, so tun wir auch, was wir schuldig sind. Vor albernen Andachten aber bewahre uns Gott»". Und sie berichtet, daß sie während ihrer Krankheit «durch Meßandachten oder sonstige gutgeheißene Gebetsübungen Hilfe in ihrem Anliegen suchte.

«Andere, mit gewissen Zeremonien verbundene Andachten, deren sich einige Personen, besonders aus dem weiblichen Geschlecht, bedienten, hatte ich nie geliebt. Zwar fühlten sich jene durch diese Zeremonien zur Andacht gestimmt, mir aber sagten sie nicht zu. Später wurde es auch bekannt gegeben, daß diese Andachten, weil abergläubisch, sich nicht geziemten.» Diese eindeutige Haltung der Heiligen erklärt sich aus einer gesunden Reaktion gegenüber den unzähligen, an Aberglauben grenzenden Privatandachten, die die Volksfrömmigkeit im 16. Jh. in Spanien und in ganz Europa unter den verschiedensten Formen von Bilderverehrung und zeremoniellen Bräuchen hervorgebracht hatte. Sie entbehrt aber auch nicht einer polemischen Note gegenüber dem damals sich in Spanien ausbreitenden Gegensatz zwischen den Anhängern und Gegnern der «erasmischen Bewegung», deren verschiedene Meinung über religiöse Andachten und Bilderverehrung nicht selten zu offener Polemik führte.

Theresia wollte die Grundsätze des inneren Lebens auf die Prinzipien der Theologie aufbauen und suchte in der katholischen Lehre eine Offenbarung der lebendigen Wirklichkeit. Das führte sie dazu, die Auffassung der sogenannten «Spiritualen» zu bekämpfen, die der Theologie der «Letrados» mißtrauten, jener, die die theologische Wissenschaft hochschätzten. Nicht selten gründeten die Spiritualen ihre Maßstäbe auf recht willkürlichen Anschauungen und versuchten, wohl meist unbewußt, das theologisch Gegebene mit dem subjektiv Hinzugefügten zu vermischen, wodurch sie dem von Gefühl und Aberglauben beeinflußten religiösem Leben des Volkes ein weites Tor öffneten. Die Heilige suchte durch entschiedene Trennung von Echtem und Unechtem das religiöse Leben von allen Vorstellungen und Darstellungen zu säubern, die im letzten ja nur aus der Unfähigkeit entstanden, die Werte einer wahren biblisch-theologischen Frömmigkeit zu erfassen.

Aus dieser inneren Überzeugung und Haltung ist die Andacht zum Jesuskind, so wie Theresia sie liebte und pflegte, zu verstehen. Wenn sie sich in ihren Werken nicht eingehend mit diesem Thema beschäftigt, so darf man daraus keineswegs den Schluß ziehen, sie sei ihr nicht aus dem ganzen Herzen zugetan gewesen. Ganz im Gegenteil! Die Tatsache, daß sie ihre Mitschwestern und geistlichen Töchter aufforderte, ihrem Beispiel zu folgen und das Jesuskind innig zu verehren, ist ein genügender Beweis, daß diese Andacht für sie nicht in die Reihe jener «albernen» und «abergläubischen Andachten» gehört, deren sich manchmal «das weibliche Geschlecht bedient» und die sich in äußeren, aus einem bloßen Gefühlsüberschwang hervorgehenden Zeremonien verlieren, sondern daß es sich vielmehr um eine biblisch-theologisch begründete Andacht handelt, deren sich kein «Letrado» und kein Gebildeter zu schämen braucht. Darum ist es durchaus berechtigt, mittels bildlicher Darstellungen des Gotteskindes tiefer in das Geheimnis der Inkarnation einzudringen und in eine immer innigere Beziehung zu Christus in seiner heiligsten Menschheit zu gelangen. «Mein ganzes Leben lang hatte ich eine so große Andacht zu Christus getragen, (daß)... ich jetzt sein Bild immer vor meinen Augen haben möchte, da ich es doch nicht so fest, als ich gewünscht, meiner Seele eindrücken konnte», betont die Heilige, nachdem sie Christus in zahlreichen Visionen und Verzückungen geschaut hatte. Sie wollte sein Bild vor Augen haben, damit es sie ständig erinnere, mit dem Herrn ein vertrautes Zwiegespräch zu führen, und alle Handlungen mit Ihm und durch Ihn zur Ehre seines göttlichen Vaters zu vollenden.

Die ersten Karmelitinnen übernahmen die Christusliebe ihrer hl. Mutter als teures Vermächtnis.
Gleich ihr wollten sie niemals auf die Gesellschaft einer Jesuleinstatue verzichten. Und wie das göttliche Kind für Theresia Bruder, Freund, Vorbild und Helfer gewesen war, so fühlten auch sie, wie ein mächtiger Schutz von seiner Gegenwart ausging und wie Es sie unentwegt aufforderte, den Weg der Vollkommenheit in demütigem Gehorsam, in schlichter Kindesliebe und in großer Treue im Kleinen zu beschreiten.

So wurde die Andacht zum Jesuskind bald Gemeingut des reformierten Karmels. Jede Seele aber, und vielleicht noch mehr jedes Volk hatte sie ihren Umständen angepaßt, je nach seiner Geistesverfassung und Geistesausrichtung, oder entsprechend der besonderen Gnadenvorzüge einzelner durch Heiligkeit und Auserwählung bevorzugter Mitglieder. Wenn sich das Weihnachtsfest näherte, wurden zu Ehren des Gotteskindleins kleine Gedichte,  «Villancicos» oder «Couplets» verfaßt, und wer sich auf das Handhaben von Pinsel oder Meißel verstand, der fertigte Bilder des göttlichen Kindes an. Theresia von Jesus und Johannes vom Kreuz, ja selbst die ruhige Anna von Jesus tanzten im Übermaß der Liebe mit dem Jesuskind im Arm, das man in feierlicher Prozession durch die Klostergänge getragen hatte.

Aber auch während des ganzen Jahres suchte man dem Jesulein kindliche Liebe und Hingabe zu zeigen. In Avila erneuerten die Nonnen ihre Gelübde vor einer Statue des hl. Kindes, gleichsam als wollten sie ihre Ganzhingabe in seine göttlichen Hände legen.
In allen Noviziatskapellen thronte Es auf dem Altar und bei Schleierfesten führte Es als «kleiner König» den Vorsitz.

Die große Liebe zum Jesuskind, so wie sie in allen Karmelklöstern gepflegt wurde, kann man bei näherer Erwägung der geschichtlichen Tatsachen nicht anders als ein Wunder göttlicher Gnadenführung bezeichnen. Es gab Karmeliten und Karmelitinnen, die bereits von früher Jugend an in der Liebe zum Jesuskind erglühten: die selige Anna vom hl. Bartholomäus, die ehrwürdige Anna vom hl. Augustinus, ein schlichter Laienbruder, Franziskus vom Kinde Jesus, Schwester Margareta von Beaune und Schwester Maria vom hl. Petrus von Tours, und nicht zuletzt die kleine Heilige von Lisieux und noch viele andere. Doch sobald sie das Land des Karmels betreten hatten und sich in seinem Geist in die Betrachtung der Glaubenswahrheiten vertieften, nahm dieser Gnadenvorzug durch besondere Erleuchtung des Hl. Geistes und manchmal unabhängig von einem direkten Einfluß der hl. Theresia auffallend zu. Ist das nicht ein Beweis, daß die Andacht zum Jesuskind nicht von der Spiritualität des Karmels getrennt werden kann und einen ihr charakteristischen Wesenszug darstellt, und daß sie dem Orden als eine besondere Gnadengabe Gottes geschenkt wurde, ähnlich wie die Andacht zum heiligsten Herzen Jesu der Heimsuchung Mariens anvertraut wurde?

Daraus ergibt sich die Sendung des Karmels, die Verehrung des göttlichen Kindes in alle Welt zu verbreiten. Wie stark dieses Sendungsbewußtsein einzelne Seelen erfüllte, werden wir in den folgenden Seiten sehen. Vor allem war es das Prager Jesulein, das sich die europäischen Länder und dann die übrigen Erdteile in einer Art Triumphzug eroberte. Wenn man heute einen Karmel in den Missionsgebieten aufsucht, so wird man dort fast immer dein «Kleinen König von Prag» begegnen. Aber auch das Jesulein von Beaune erwarb sich bald die Sympathie und die Liebe des gläubigen Volkes, und nicht wenige Gebetserhörungen waren der Lohn ihres vertrauensvollen Flehens. Alle anderen Jesuleinstatuen, von denen es in den spanischen Klöstern manchmal drei bis vier verschiedene gibt, die oft von außerordentlicher Schönheit sind, und von denen eine jede seine Geschichte hat, wie P. Silverio a S. Teresa schreibt, sind bis heute der Öffentlichkeit unbekannt geblieben.

Mit umso größerer Liebe und Verehrung umgaben sie die Söhne und Töchter der hl. Theresia.
In kindlicher Einfalt glaubten sie zu sehen, wie ihr Jesulein auf Gängen und Stiegen einherlief oder ihre Klosterzellen segnete. Obwohl vieles von dem, was die alten Dokumente des Ordens an wundersamen Begebenheiten mit dem hl. Kind überliefern, nur den Wert lieblich-frommer Legenden hat, so bleibt ihnen dennoch eine grundlegende Wahrheit eigen: Sie zeugen von der innigen Christusliebe des Karmels und von seinem glühenden Verlangen, tiefer in das Geheimnis der Menschheit und Menschwerdung des Herrn einzudringen, um unausgesetzt in seiner beglückenden Gegenwart zu leben.

Mehr als ein Kirchenvater betonte, daß die hl. Kirche in Bethlehem geboren ist. Der Karmel hat von je her tiefer in dieses Geheimnis eindringen wollen, genau so, wie man von einer Christuszentrik des Ordens sprechen kann, die nicht zuletzt in der Andacht zum menschgewordenen Gott in Kindesgestalt einen genuinen Ausdruck gefunden hat.

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DAS JESULEIN IN DER THERESIANISCHEN REFORM

Das spanische 16. Jh., «das goldene Jahrhundert», ist eine der interessantesten Erscheinungen der europäischen Geistesgeschichte. Es war ein Zeitalter, das einen Ignatius von Loyola, eine Theresia von Avila und einen Petrus von Alcantara mit einem Don Quichote, einem Sancho Pansa, einem Murillo oder einem el Greco zu vereinen wußte. Seit 1556 Philipp II. den Thron bestiegen hatte und die Ereignisse der «neuen Welt» ganz Spanien mit Begeisterung für ein an das Ritterideal erinnerndes Soldatentum erfüllte, wurde ein einmaliger Höhepunkt des politischen, kulturellen und religiösen Lebens erreicht. Neben Palästen, Kirchen und Kunstdenkmälern entstanden die Universitäten und Kollegien in Alcala, Toledo, Avila und Valladolid. Die Alma Mater von Salamanca erlebte eine geistige Neugeburt und wurde zum Zentrum der die intellektuellen und religiösen Kreise beherrschenden Strömungen, die als Humanismus, Erasmismus und Aristotelismus bezeichnet wurden, je nach ihrer Herkunft und geistigen Ausrichtung. Im kulturellen Bereich begegneten sich das Selbstbewußtsein und die fruchtbare Kraft des Renaissancemenschen mit dem Prachtbedürfnis und dem Drang nach Äußerlichkeit des aufbrechenden Barock und führten zu Schöpfungen, in denen sich Realismus in Form und Ausdruck mit einem zarten Idealismus der Konturen vereinte. Im religiösen Leben machten sich zwei Tendenzen geltend, die durch ihre entgegen gesetzte Ausrichtung als Aszetismus und als Illuminismus oder Quietismus der Alumbrados (Erleuchteten) bezeichnet wurden. Beide trugen wesentlich zu einer Reform des katholischen Glaubens und der Sitten bei.

In allen sozialen Klassen traf man auf «Heilige». Überall herrschte ein ernsthaftes Streben nach Vollkommenheit und nicht selten nach heroischen Tugenden. Ein jeder fühlte sich angetrieben, die «oracion», das innere Gebet zu pflegen, und seine Praxis vermochten selbst die Maßnahmen eines Melchior Cano nicht zu unterbinden. Ganz Spanien war von Erbauungsliteratur in der Landessprache überschwemmt, so daß der Inquisitor Valdes 1559 ein Indexverbot erlassen mußte, um den Büchermarkt etwas zu säubern. Doch bald entstanden neue Devotionsschriften. Bezeichnend ist, daß selbst Theresia von Avila nur wenige Jahre nach dem Verbot der Inquisition, Bücher über die oracion in kastillanisch zu verfassen, ihren «Weg der Vollkommenheit» schrieb, ein Werk, das ausschließlich vom inneren Gebet, wie man es erlernen und üben kann, handelt.

In dieser Zeit begegnen wir einer eigentümlichen Erscheinung. Das Spanien des 16. Jh. begnügte sich nicht damit, die schlichte Holzstatue als Andachtsbild in den Kirchen aufzustellen. Das Prunkgefühl des angehenden Barockmenschen verlangte nach rauschenden Gewändern und kostbaren Goldornamenten. So begann man Statuen mit Seidenbrokat zu bekleiden, auf dem zahlreiche Edelsteine und Perlen im Lichterglanz blitzten.

Der reformierte Karmel, und an seiner Spitze die Heilige von Avila, machten von dieser
Tendenz keineswegs eine Ausnahme. Theresias zärtliche Liebe zum Jesuskind wurde Anlaß, daß bald eine Reihe reizender Jesuleinstatuen in kostbaren Gewändern in die einzelnen Klöster Einzug hielt. In Avila zeigt man noch heute den «Mayorazgo», den Haushofmeister, als Reliquie der Heiligen. In Beas und Granada erinnern Statuen des göttlichen Kindes an den hl. Johannes vom Kreuz. In Toledo scheint noch immer das weinende Jesuskind, «el Lloroncito», über die Abreise der Theresia zu trauern, und in Valladolid grüßt der kleine Pilger, «el Peregrinito..., den Theresia bei ihrer Gründung Anna vom hl. Joseph schenkte.

Sevilla zeigt voller Stolz «el Nino de la Santa», das Kind der Heiligen, und in Brüssel hat eines der Jesulein des ehrw. Bruder Franziskus vom Kinde Jesu, das er einst Anna von Jesus schenkte, und das diese mit sich nach Flandern nahm, nicht aufgehört Wunder zu wirken. Selbst in den Einsiedeleien des Karmels hielt ein himmlischer «Eremit» Einzug, während Franziskus vom Kinde Jesu mit seinen Statuen Altkastilien durchquerte.

Bis in unsere Tage hat sich in den meisten Karmelklöstern der Brauch erhalten, bekleidete Jesuleinstatuen andächtig zu verehren. Man sieht das göttliche Kind im Prunkgewand eines königlichen Prinzen oder als Guter Hirte mit einem langen Stab in der Hand. Eine reiche Ikonographie ist der sprechendste Beweis, in welchem Ausmaß seit der hl. Theresia von Avila und dem hl. Johannes vom Kreuz die Andacht zur Kindheit Jesu in der Reform gepflegt und welche Bedeutung ihr im Lauf der Jahrhunderte eingeräumt wurde.

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Die hl. Theresia von Jesus - Die große Theresia von Avila

Als die hl. Theresia von Jesus in großen, geschlossenen Wagen, die fahrenden Klöstern zu vergleichen waren, in Begleitung einiger Schwestern die steinigen Wege Kastiliens und Andalusiens durchkreuzte, uni neue «Taubenschläge der allerseligsten Jungfrau» zu gründen, sah man sie manchmal unter dem Zeltdach, auf das die glühende Sonne unbarmherzig ihre Strahlen senkte, mit einer Art Puppe auf dem Schoß. Es war eine kleine Statue des Jesulein, das ein liebevoll gesticktes Kleidchen trug. Dabei schien es, daß sie das Kindlein auf den unebenen Wegen, auf denen die Wagen hin und her schaukelten, sanft wiegen wollte. Sein Bildnis lenkte ihren Blick zu dem Geheimnis der unendlichen Liebe des Ewigen Wortes, und ihr bräutliches Herz sehnte sich danach, sich dieser menschgewordenen Liebe ganz und gar hinzugeben und aufzuopfern. So sang sie in diesen oft endlosen Stunden das Wiegenlied der Entsagung, das Lied vom Todo-Nada, vom Alles und Nichts, dasselbe Lied, das einer ihrer ersten Söhne in unsterblichen Versen niedergelegt hatte.

«Nein, die Menschheit Christi steht der Beschauung keineswegs im Wege; sie erweckt sie vielmehr...» Darum «suchet stets irgendein Bildnis unseres Herrn, das nach eurem Geschmack ist, bei euch zu haben, aber nicht, uni es bloß verborgen auf der Brust zu tragen und es nie anzusehen, sondern um in diesem Bilde recht oft den Herrn anzureden, der euch selbst die Worte eingeben wird, die ihr zu Ihm sprechen sollt! Wenn ihr mit anderen Personen reden könnt, warum sollte es euch an Worten fehlen, um mit Gott zu reden...?»

Diese mütterliche Ermahnung der Heiligen ist das Echo eigenster Erfahrung. Von der
bildlichen Darstellung ausgehend war ihr Christus als innere, geistige Wirklichkeit entgegengetreten und hatte sie tief im Herzen berührt. Immer mehr hatte Er sie für sich in Besitz genommen, bis sie seine Gegenwart ununterbrochen an ihrer rechten Seite fühlte. In ihren Visionen sah sie Ihn in seinem Bildnis, in menschlicher Gestalt*, und aus seiner heiligsten Menschheit floß ihr ein Strom unvergleichlicher Gnaden zu. Gerade diese Schau des «lebendigen Christus», der «Mensch und Gott ist», übte eine unvergleichliche Anziehungskraft auf ihr Innenleben aus, die nur mit der Wirkung der Worte des Herrn zu vergleichen ist. Christus in seiner Menschheit, in der sich seine Gottheit verbirgt, war das Eigentliche im mystischen Aufstieg der hl. Reformatorin. Er war die entscheidende Wirklichkeit, die in ihr waltete und von der ihre Gedanken immer tiefer durchdrungen wurden. Darum war sie glücklich, wenn sie sein Bild vor Augen hatte, und es ist zu verstehen, «daß sie auf allen Reisen immer eine kleine Statue des Jesuskindes mit sich trug», wie ihr erster Biograph, P. Ribera, berichtet; denn sie half ihr, das Gemüt stets zu Gott zu erheben, gerade so, als ob sie in ihrem Hause oder Kloster gewesen wäre»º. Mit Ihm hielt sie vertraute Zwiesprache. Das beweist das «redende Jesulein» zu Toledo, «el Parlero», so genannt, weil Es mit der Heiligen sprach.

Die mündliche Überlieferung will, «daß das ganze Klosterinventar der hl. Theresia auf ihrer Gründungsreise nach Sevilla aus einer Statue des Jesuskindes, einem größeren Vorrat an Weihwasser und einigen Gebetbüchern bestanden habe». Und Anna von der Menschwerdung gibt in ihrer Zeugenaussage beim Seligsprechungsprozeß der Heiligen an, daß die Mutter Stifterin gesagt habe: «Um ein Kloster zu gründen brauche ich nur ein kleines Glöcklein, ein Miethaus, das Jesuskind und den hl. Joseph. Die eigentlichen Gründer der Karmelklöster müssen für alles übrige Sorge tragen»". Noch heute zeigt man in Toledo «el Lloroncito» das «weinende Jesuskind», das so genannt wurde, weil es beim letzten Abschied von der hl. Mutter Theresia bitterlich weinte. Es schien zu wissen, daß die Heilige niemals mehr zurückkehren würde.

Ein eigenartiger Zufall ereignete sich bei der Stiftung von Villanueva. Es war ein Samstag, der 13. Febr. 1580, als sich die hl. Mutter mit ihren Gefährtinnen auf den Weg begab. «Wir mußten am Kloster Unserer Lieben Frau del Socorro (Maria-Hilf-Kloster) vorbei reisen», schreibt sie selbst in ihren Klostergründungen, das drei Meilen von Villanueva entfernt ist. Dort stiegen wir ab, um von da unsere Ankunft anzumelden, denn so hatten es die beiden Väter, die uns begleiteten, angeordnet, und es war billig, daß wir ihnen in allem gehorchten. Dieses Kloster liegt einsam in einer unbewohnten Gegend, inmitten einer anmutigen Einöde. Als wir uns nun dem Kloster näherten, kamen die Brüder in schönster Ordnung heraus, um ihren Prior zu empfangen. Der Anblick ihrer bloßen Füße und ihrer armseligen Mäntel aus grobem Wollstoff stimmte uns alle zur Andacht. Auf mich machte es einen besonderen Eindruck, da ich mich in die Blütezeit der hl. Väter unseres Ordens zurückversetzt glaubte».

Der Bericht der hl. Reformatorin findet in einer mündlichen Überlieferung seine Fortsetzung.
«Die unbeschuhten Patres des Klosters Unserer Lieben Frau del Socorro waren der hl. Mutter entgegengekommen. Der Weg vom Kloster bis nach Villanueva strahlte im Blumenschmuck zahlreicher Girlanden. Man hatte viele Segensaltäre errichtet, denn die Mutter Stifterin sollte ja mit einer Sakramentsprozession abgeholt werden. Die Mönche hatten Theresia ein liebreiches Jesuskind mitgebracht. Nun geschah es, daß Anna vom hl. Augustinus während der Prozession sah, wie plötzlich Leben in diese Statue kam. Das Jesulein lief zwischen der Mutter und der Monstranz hin und her. Die Züge der hl. Theresia verrieten darüber kein Erstaunen. Auch Anna vom hl. Bartholomäus, die ebenfalls dieses wundersame Ereignis bemerkt hat, verlor kein Wort darüber. Als sich aber Anna vom hl. Augustinus einer Äußerung nicht enthalten konnte, erwiderte ihr kurzweg die Mutter: «Sei doch still, du Törin!»

«Zu Villanueva angekommen», setzt Anna vom hl. Augustinus die Erzählung fort, «stiegen
wir in der Pfarrkirche ab, von wo man uns zu jener Kirche bringen wollte, die zur Stiftung des Klosters dienen sollte. (Wieder) fand eine sehr feierliche Prozession mit dem Allerheiligsten Sakrament statt. Im selben Augenblick, als man den Traghimmel nahm, um die göttliche Majestät zu begleiten, sah ich das Jesuskind, das ganz jenem glich, welches man uns im Maria-Hilf-Kloster geschenkt hatte. Es nahm an der Prozession teil, und ich verlor es nicht aus dem Auge. Da sah ich, wie Es vom heiligsten Sakrament aus zu unserer hl. Mutter Theresia ging und sich ihr fröhlich zeigte. Wie es schien, war Es über die Errichtung dieses Klosters außerordentlich erfreut. Dann sah ich, wie Es uns mit seiner heiligen Hand den Segen gab. So geschah es während der ganzen Dauer der Prozession, bis zum Augenblick, wo wir das Haus betraten. Dann verschwand Es...»

Die hl. Reformatorin übergab die Statue des Jesuskindes, später "el Fundador» genannt, den Beatinnen mit der Bemerkung, daß sie in ihr immer «ein sehr einträgliches Gut haben würden»". Anna vom hl. Augustinus kann es nicht unterlassen, noch eine Einzelheit hinzuzufügen.
«Unsere hl. Mutter hatte dieses Kloster einzig und allein im Vertrauen auf Gott errichtet. Sie ernannte mich zur Pförtnerin, Sakristanin und Schaffnerin und ermahnte mich, gut für die Kommunität zu sorgen. Um alles, was uns fehlen würde, solle ich das Kindlein bitten, das man uns im Maria-Hilf-Kloster gegeben hatte. Ich bat deshalb um Erlaubnis, Es an der Winde behalten zu dürfen,... und das himmlische Kind ließ seine Barmherzigkeit über das Kloster erstrahlen, das ohne diese niemals hätte bestehen können.»

Welchen Platz das Jesuskind in den Gedanken der hl. Reformatorin einnahm, beweist
eine kleine Episode aus der ersten Zeit der Stiftung in Burgos. P. Petrus von der Reinigung Mariens hatte zu Anfang des Jahres 1582 einige Monate als Reisebegleiter der Heiligen in Burgos verbracht. Infolge der vielen Schwierigkeiten, die ihr der Erzbischof bereitete, hatte sie die Klausur nicht gleich schließen können. Eines Tages erhielt nun Theresia Besuch von einer hübschen, jungen Dame, die äußerst geschmackvoll gekleidet war. Am Hals trug sie eine Kette von kostbaren Perlen und wertvollen Diamanten in herrlicher Fassung, die ihren Liebreiz erhöhten. Als sie sich verabschiedet hatte, wandte sich die Heilige an P. Petrus und fragte ihn: «Fray Pedro, haben Sie Dona... gesehen?» «Ja, Mutter. Aber warum fragen Sie das?»

Etwas nachdenklich fuhr die hl. Mutter fort: «Was meinen Sie, ist sie nicht eine schöne Frau mit wunderbaren Juwelen?» «Darauf habe ich nicht weiter Acht gegeben. Aber ein jeder sagt wohl, daß sie hübsch sei und sich geschmackvoll zu kleiden versteht.»

Theresia lächelte, dann meinte sie etwas schelmisch: «Die Diamanten würden besser zu meinem Jesulein passen, denn alles, was von dieser Welt ist, erscheint mir häßlich.» Und sie zog P. Petrus am Ärmel einige Schritte in den Gang hinein: «Glauben Sie mir, lieber Pater, seit Unser Herr Jesus Christus mir die Gnade geschenkt hat, sich mir zu zeigen und auch der ewige Vater und der Hl. Geist in göttlicher Gestalt und mit soviel Glanz und Schönheit vor den Augen meiner Seele stehen, kann mich nichts mehr auf dieser Erde befriedigen. Alles kommt mir häßlich und wie Abfall vor. Nichts gibt mir mehr Befriedigung, nur wenn ich Seelen sehe, die mit den Gaben Christi bekleidet sind. Deshalb sagte ich, daß ich diese Dienerin Gottes wirklich nicht hübsch finde".

Eines Tages ereignete sich im St. Josefskloster ein kostbarer Zwischenfall. Es war wohl
in den Jahren 1564-1566, als es an einem Fronleichnamsfest «im Kloster nichts anderes zu essen gab, als ein wenig Brot», wie die Cousine der Heiligen, Maria Baptista de Ocampo, beim Seligsprechungsprozeß niedergelegt hat. «Ich erinnere mich nicht, daß wir etwas anderes zu essen hatten. Mutter Theresia empfand darüber eine solche Freude, daß sie uns nach der Danksagung in Prozession zu einer Statue des Jesuskindes führte - wahrscheinlich "el Mayorazgo» - zu der wir eine große Andacht pflegen. Sie sang sein Lob und improvisierte einige Strophen, um für die Gnade zu danken, die wir empfangen hatten.»

In allen Klöstern der theresianischen Reform in Spanien gab es kleine Statuen des Jesuskindes, wertvolle Andenken an die hl. Mutter, berichten die Annalen des französischen Karmels". Weshalb beschenkte die hl. Theresia ihre Töchter gerade mit Statuen des Jesuskindes? Um eine Antwort dafür zu finden, braucht man nur die Gedichte der Heiligen zu durchblättern, in denen sie ihrer ganzen Liebe zum Geheimnis der Kindheit des Herrn Ausdruck gibt. In zarten Farben tiefstempfundener Lyrik schildert sie die Armut und Demut des göttlichen Kindleins, das um das Heil der Menschen willen selbst Mensch wurde.

            «Voll Gnade hat Gott uns Die Liebe geschenkt
            Und den einz'gen Sohn, der im armen Stall In die Welt heut kam...
            welch große Freude! Gott ward Mensch für uns...
            Wer kann mir's erklären, Daß der Herr der Welt Hier im kalten Stall
            Heut Geburtstag hält? Allen Reichtum ließ Er,
            Wählt die Armut sich; Wenn ich Ihm drin folge, Läßt die Sorge mich...»
(Weihnachtslied)

Die Menschwerdung des Herrn führt in eine Atmosphäre innerer Losschälung und Entsagung,
die charakteristisch für die Spiritualität des theresianischen Karmels ist. Nichts zu eigen haben, einsam und allein zu leben und seinem Willen in allem zu entsagen: das lehrt die Karmelitin das Jesuskind in der Krippe, und darum wollte die hl. Reformatorin, daß sein Geburtsfest mit besonderer Feierlichkeit begangen werde.

Eine Begebenheit aus Salamanca offenbart das innige Verhältnis der Heiligen zum Kind in der Krippe. Man hatte in der Rekreation ein kleines «Bethlehem» errichtet und die jüngste Novizin, Sr. Isabella von Jesus, sang mit ihrer melodischen Stimme einige Verse des bekannten Liedes: «Veante mis ojos Dulce Jesus bueno: Veante mis ojos Muerame yo luego» «Es sehen Dich meine Augen, Süßes, gutes Jesulein:

            Es sehen Dich meine Augen, Und ich möchte jetzt sterben»

In ekstatischer Schau betrachtete Theresia das hl. Kind. Eine ungeheure Fülle inneren Erlebens brach geheimnisvoll in ihr auf und ließ sie Umgebung und alles vergessen. Ganz tief erfaßte sie Gottes Liebe im menschgewordenen Wort und schien sie mit neuem Feuer zu durchglühen. War es nicht genauso an anderen Weihnachtsfesten gewesen, als sie das Jesulein im Übermaß der Liebe in ihre Arme nahm, mit Ihm tanzte und mit jubelndem Herzen sang?"

Einmal geschah es, daß Theresia das Geburtsfest des Herrn ohne äußere Feierlichkeiten und ohne Prozession mit dem hl. Kind begehen mußte. Es war ihr ein nicht geringer Schmerz, und sie bemühte sich, durch innere Sammlung und mystisches Eindringen in das Menschwerdungsgeheimnis die fehlende äußere Freude zu ersetzen. Dabei wurde sie innerlich so tief ergriffen, daß man an ihr sogar eine körperliche Veränderung feststellte. Ihr Gesang war so schön und wohlklingend, daß es gar nicht mehr sie selbst zu sein schien, denn sie hatte keine besonders gute Stimme. Nur die tiefe Durchdringung ihres Geistes durch die hl. Weihnachtsfreude vermochte diese wundersame Veränderung hervorzubringen.

Theresia schien vom Fest der Beschneidung des Herrn ganz besonders berührt worden zu sein. Sicher erinnerten sie die ersten Blutstropfen des Herrn an seine Passion und den bitteren Kreuzestod. In einem ihrer Gedichte ruft sie klagend aus:

  «Ach, warum, so muß ich fragen, Leidet dieses Kindlein hier?
Braucht nicht Schuldenlast zu tragen, Hat nichts Böses noch getan,
Welchen Grund mag das wohl haben?» Große Lieb' ist's, die Es drängt,
Die Es zu uns Sündern trägt. «Ach, dies Kindlein blutet ja!»
Ach, so früh schon, kaum geboren, Quält man dieses Kindelein!
Ja, zu sterben ist's gekommen Und zu tilgen unsre Schuld.
Meiner Treu, welch guter Hirte Wird Er seiner Herde werden!
Ach, dies Kindlein blutet ja, Und ich weiß doch nicht warum.
Hast du's denn noch nicht vernommen, Wer dies holde Kindlein ist?
Mir kam von des Kindes Freunden Frohe Kunde wohl zu Ohren:
Gott ist dieses kleine Kind. Wahrlich groß der Undank wäre,
Liebten wir dies Kindlein nicht, Das so früh schon für uns blutet.»

Ohne Zweifel hat sich Theresia in ihren Gebetsstunden mit der Kindheit des Herrn beschäftigt.
«Weinend ist dies Kind gekommen, Gib wohl acht, Es ruft nach dir.»

Sie hatte sein Rufen gehört, und Es war in ihr liebendes Herz eingedrungen. Und hatte ihr Jesus nicht auf der Stiege des Inkarnationsklosters gesagt, wenn «Du Theresia von Jesus bist», dann «bin ich Jesus von Theresia»? Wie ist es nur zu verstehen, daß diese lieblichen Züge ihres schlichten, demütigen Glaubens in den verschiedenen Lebensbeschreibungen der Heiligen nur so selten oder gar nicht berührt worden sind? Geschah es aus Mangel an Einfühlung? Oder war es die Folge des eisigen Hauches einer anders denkenden Umgebung, von der man mehr oder weniger beeinflußt ist? Gewiß bleibt, daß ihre geistlichen Töchter, die Karmelitinnen aller Jahrhunderte, diesen kindlich frommen Geist ihrer hl. Mutter verstanden und sich zu eigen gemacht haben. Es hat sogar im Orden nicht an geheimnisvollen Offenbarungen gefehlt, in denen Gott einer Karmelitin das gnadenhafte Erfassen des Menschwerdungsgeschehens der hl. Theresia erschlossen hat.

Im Karmel von Beaune gibt es ein bisher unveröffentlichtes Dokument, das dafür ein beredtes
Zeugnis gibt. Eines Tages sah die ehrw. Sr. Margareta vom hlst. Sakrament «unsere hl. Mutter Theresia vom Ewigen Wort ganz durchdrungen und erfüllt und in göttlicher Weise in Besitz genommen. Sie sah das göttliche Wort als das Wort des Vaters, das sich unserer hl. Mutter eröffnete und sich ihr vollkommen hingab, um ihr Leben zu sein, ihr Verstand, ihr Lehrmeister und ihr Wort. Es hatte sich diese Heilige erwählt, damit sie einzig und allein sein Organ wäre, durch welches Es viele Wunder wirken wollte. Sie erkannte dabei, wie unsere hl. Mutter Theresia durch das WORT belehrt worden war und daß sie in Ihm und durch Es zahlreiche Erleuchtungen empfangen und himmlische Erkenntnisse geschöpft habe. Und sie verstand, daß sie von Ihm auch den Geist des Ordens erhalten habe, der ein Geist der Zurückgezogenheit, des Stillschweigens, des innerlichen Gebets und der Trennung von der Welt ist.

So sah sie das göttliche Wort fleischgeworden und als kleines Kind in der Krippe liegend. Es gab ihr zu erkennen, daß in Ihm der Geist und die Gnade unseres hl. Ordens wohne und daß Es dessen Quelle und Herkunft sei. Dieses Wort hat unserer hl. Mutter geoffenbart, daß der Orden nur im Geist der Krippe bestehen könne, im Geist der Demut und der gänzlichen Vernichtung seiner selbst, abgeschieden von der Welt und vom Geiste der Welt, im Stillschweigen und im beschaulichen Gebet. Die Großen und Stolzen (der Welt) würden dies niemals begreifen, sondern nur die Kleinen, jene, die sich für gering halten wie unsere hl. Mutter,... auf die in Wahrheit die Worte des Evangeliums anwendbar sind: ‘Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß Du diese vor den Weisen und Klugen verborgen hast.’

Dann erblickte die Seherin «das Jesuskind, wie Es seinem Vater Dank darbrachte, daß
Er diese großen und tiefen Geheimnisse seiner Heiligen mitgeteilt habe,... und Es gab ihr zu erkennen, daß Es sich diese Heilige auserwählt habe, um durch sie in ihrem Orden und in dessen Häusern den Geist und die Gnade seiner Krippe und des Standes seiner hl. Kindheit zu erneuern

Man darf sich keineswegs wundern, daß die hl. Theresia nichts von alldem in ihren Schriften
erwähnt hat. Anna vom hl. Bartholomäus sagt sehr richtig in ihrer Autobiographie, daß die hl. Mutter nur einen sehr geringen Teil von dem niedergeschrieben hat, was sie über ihre Leiden - und gewiß auch über manches andere - hätte sagen können". Es entsprach nicht den Zeitströmungen, derartig feinen Empfindungen religiösen Lebens Ausdruck zu geben, und Theresia hatte schon mit ihrem offenen Bekenntnis zur Menschheit Jesu Christi und deren Bedeutung im inneren Aufstieg der Seele zur Vereinigung mit Gott genug gewagt. Man hätte sie nicht verstanden, wenn sie über die Andacht zur Kindheit Jesu anläßlich eines Bildnisses geschrieben hätte! Aber sind nicht die Kapitel des «Wegs der Vollkommenheit», die über die Demut und Armut handeln, ein Echo und zugleich eine Aufforderung zum Kind-Werden? «Wer unter euch der erste sein will, der sei euer Diener.» Ist dies nicht die «Botschaft, die der Karmel gleich einem Zeichen der Erwartung der Lehre der geistlichen Kindheit an die Menschen der heutigen Zeit richtet und dadurch die Einladung zur Rückkehr zum Evangelium an sie ergehen läßt?»" «Die heute so gepriesene christozentrische Lehre wurde von der hl. Mutter und den Unbeschuhten von der Wiege der Reform an geübt.»" Und die Liebe zu Jesus Christus ging von der hl. Mutter als Erbgut und heiliges Vermächtnis in ihre geistlichen Töchter und Söhne über, unter denen es immer wieder Seelen gegeben hat, die nach ihrem Beispiel das Menschwerdungsgeheimnis tief erfaßt haben.

Bis heute wird im Karmel von Avila «el Mayorazgo», das «Jesulein der hl. Mutter», hoch verehrt. Das altspanische Wort «mayorazgo» weist darauf hin, daß es sich bei dieser Statue um «den Ältesten unter Brüdern», also um das älteste Jesulein der Reform handelt. Die bemalte Holzstatue ist 60 cm hoch und hat als besondere Eigenart, daß auf den Füßen des hl. Kindes die Wundmale sichtbar sind. Die Nonnen erzählen, daß man Es hie und da im Haus angetroffen habe, als Es in die Zellen der Schwestern eintrat und sie segnete. Angeblich soll Es nachher der hl. Mutter Theresia alles erzählt haben, was Es an Gutem und Erbaulichem und auch... an kleinen Untugenden gesehen hat! Von einer Laienschwester, Sr. Marianne vom Kreuz, wird berichtet, daß sie ganz besondere Gnaden von «el Mayorazgo» empfing, vor allem im Augenblick der Gelübdeerneuerung, denn im St. Josephs-Karmel war es bis fast in unsere Gegenwart Brauch, vor seiner Statue die Gelübde zu erneuern. Ging dieser Brauch auf die hl. Theresia zurück? Wir wissen es nicht. Aber die Gewohnheit, am 31. Dezember mit dem Jesulein eine Prozession zu halten und Ihm ein kleines Säckchen in die Hand zu geben, damit Es im folgenden Jahr für das Nötige sorge, kann leicht einer Anregung der Heiligen entsprechen, deren Vertrauen auf die Hilfe des göttlichen Kindes grenzenlos war.

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Die ehrw. Anna vorn hl. Augustinus

Wenn man der Frühgeschichte der theresianischen Reform nachgeht, kommt man bald zu einer der anziehendsten Gestalten des Karmels, deren Leben in unverfälschter, kindlicher Frömmigkeit dahin geflossen ist und in seiner entzückenden Einfachheit fast wie eine mittelalterliche Legende anmutet. Es ist Anna vom hl. Augustinus", die Begleiterin der hl. Theresia bei der Stiftung von Villanueva und später selbst Priorin und Gründerin des Klosters von Valera de Abajo.

Sie gehört zu den vielen «unbekannten Heiligen», hinter denen sich die Pforten des Klosters geschlossen haben, weil sie sich für die Welt opfern wollten. Vielleicht war sie auch dazu erwählt worden, mit ihrem Leben die geheimnisvolle Gegenwart des mensch- und kindgewordenen Gottes zu bezeugen. So sehen wir sie in schlichter Einfalt die Gaben des Jesuskindes entgegennehmen: dunkelrote Kirschen zur Winterszeit, die ihr Herz in glühender Liebe entflammen, und blitzende Goldmünzen, die unerwartet in einem Körbchen liegen, das sie ihrem Jesulein, mit duftenden Blumen angefüllt, darzubringen pflegte.

Ihre Ordensoberen hatten ihr angeordnet, ihre «Erlebnisse mit dem Jesuskind» aufzuschreiben. Auf diese Weise entstand zwar keine «Autobiographie», die mystische Erkenntnisse über das Inkarnationsgeheimnis enthält, aber eine Reihe anmutsvoller Berichte über das Verhältnis eines liebenden Herzens zum göttlichen Kindlein, das sein Geheimnis aus dem Band innigster Vertrautheit, welches sein und des Kindes Leben umschloß, verstanden hatte. Empfänglich für den Gnadenstrahl, der vom Bild eines Jesulein ausgehend in ihr inneres drang und dort zum tragenden Inhalt wurde, hatte sich dieser kleinen Karmelitin das lebendige, gottmenschliche Sein des Herrn erschlossen und in ihr eine solche Glaubensstärke erweckt, daß sie bis an das Wunderbare grenzende Gebetserhörungen fand.

Wenn auch ihre Erzählungen unter der Feder des Chronisten hie und da vom Rankenwerk der Phantasie umflochten zu sein scheinen, so entbehren sie doch keineswegs einer zarten Natürlichkeit, die so recht widerzuspiegeln versteht, wie das Jesuskind sie immer tiefer in die Arme seiner unendlichen Liebe geschlossen hat. Lassen wir der Chronik das Wort: «Schon im Alter von 11 Jahren hatte die fromme Anna vom hl. Augustinus Gott dem Allmächtigen ihre Keuschheit dargebracht. Wie sehr dies dem Herrn gefallen hatte, wurde ihr nicht lange darauf deutlich.

Eines Tages war sie in den Garten gegangen, um einige Lilien zu pflücken. Da erschien ihr ein überaus liebreiches Knäblein und bat sie um eine Lilie. Freundlich sagte sie Ihm, es möge sich doch selber eine abbrechen. Aber das Knäblein blieb bei seiner Bitte und wollte, daß Anna Ihm eine pflücke, was sie dann schließlich auch tat. Lächelnd und mit großer Freude nahm das Knäblein die Blume zu sich. Gleichzeitig hatte Anna etwas Übernatürliches an diesem Kind bemerkt und fragte es, ob es vielleicht das Jesuskind sei, was ihr bejaht wurde. Voll innerer Glückseligkeit drehte sie sich eilfertigst um, denn sie wollte Ihm noch eine andere Lilie pflücken. Das Kindlein war aber verschwunden. So lief Anna in kindlicher Unbefangenheit im Garten hin und her. Sie meinte, daß sie Es doch finden würde. Doch alles Suchen blieb vergeblich. Diese Begebenheit hatte zur Folge, daß in ihrer Seele eine heiße Liebe zum Jesuskind erwachte. Sie wollte Es überall verehren und baute Ihm deshalb kleine Altäre und wünschte, all ihr Tun und Lassen zu seiner Ehre aufzuopfern. So vergingen einige Jahre, ohne daß sie das Jesulein wieder gesehen hätte, was ihr großen Kummer bereitete.

Als sie älter geworden war und treu in ihrer Frömmigkeit und innigen Andacht zum Jesuskind
ausgeharrt hatte, erwachte in ihr ein heiliges Verlangen, Gott dem Allmächtigen im Ordensstand zu dienen. Da sie aber zu keinem Orden eine besondere Neigung verspürte, bat sie den Herrn inständigst, Er möge ihr doch den Orden zeigen, in dem sie Ihm nach seinem Wohlgefallen dienen solle.

Als sie einmal während der Oktav des Fronleichnamsfestes in der Kirche der Augustinerinnen betete, sah sie inmitten der Prozession... das Jesuskind, das aber jetzt etwas größer war als damals, wo sie Es im Garten erblickt hatte. Es hob seine gebenedeite Hand empor und wies auf die Karmeliten, die an der Prozession teilnahmen, und sagte: «Du bist zu diesem Orden berufen.» Darauf verschwand es.

Dank der Gnade Gottes trat Anna 1577 in den Karmel von Malagon ein. Einige Jahre nach
ihrer hl. Profeß kam die hl. Mutter Theresia, die sich auf der Reise nach Villanueva befand, nach Malagon und nahm Anna und drei andere Karmelitinnen zur Gründung mit, ...wo sie die hl. Mutter Theresia zur Windnerin, Sakristanin und Prokuratorin ernannte". Diese drei Ämter mußte sie zu gleicher Zeit versehen. Die Heilige befahl ihr, in allen ihren Nöten zum Jesuskindlein Zuflucht zu nehmen und alles mit großem Vertrauen von Ihm zu
begehren.

Die erste Priorin dieses Klosters war M. Maria von den Martyrern. Gleich am Anfang ihres Priorates erwies sich eine Anschaffung für die Sakristei als notwendig, die ungefähr 6 Dukaten kosten sollte. Aber nach vollendeter Arbeit verlangten die Arbeiter 11 Dukaten. Die Mutter Priorin, die nicht soviel Geld besaß und auch nicht wußte, wie es bekommen könne, da es in dieser Stadt keine reichen Leute gab, war darüber nicht wenig betrübt. Doch Anna vom hl. Augustinus kam zu ihr und tröstete sie, indem sie sagte, sie wolle diese Not dem Jesuskindlein anvertrauen. Ohne Zweifel würde Es helfen.

Sie begab sich zu ihrem Jesulein und klagte Ihm im festen Vertrauen auf seine Hilfe die Not des Klosters. Kaum hatte das Kindlein ihre klagende Bitte gehört, als Es von seinem Platz herabstieg und der ehrw. M. Anna bedeutete, Ihm zu folgen. Es lenkte seine Schritte in einen kleinen Garten und zeigte ihr ein Loch, in dem sie so viel Silbergeld fand, als man brauchte, um die Schuld zu begleichen und außerdem um noch einiges Notwendige für das Haus anschaffen zu können. Dann kehrte das Jesuskind an seinen gewohnten Platz zurück. Solche und ähnliche Gnaden, die die ehrw. M. Anna selbst niedergeschrieben hat, geschahen oft, und ohne diese Hilfe von oben wäre es unmöglich gewesen, in diesem Kloster zu leben.

Ein andermal hatte die ehrw. M. Anna nur zwei Geldstücke zum Unterhalt des Klosters.
Sie legte sie mit großem Vertrauen zu Füßen des Jesulein nieder und bat, Es möge sich doch ihrer Not annehmen und ihnen helfen, denn der Gehorsam hätte ihr anbefohlen, in aller Not bei Ihm Zuflucht zu nehmen. Darüber zeigte sich das Kind sehr erfreut und gab ihr zu verstehen, welch ein großes Wohlgefallen Es an der Übung des Gehorsams habe. Doch eine Zeitlang hatte die ehrw. M. Anna nichts mehr vom Jesulein begehrt. Sie fürchtete nämlich, nicht würdig zu sein, so oft vor Ihm zu erscheinen. Das Jesulein dachte aber anders. Von herrlichem Glanz umgeben trat Es in ihre Zelle und beklagte sich, daß sie in ihrer Not nicht allzeit ihre Zuflucht zu Ihm genommen habe. Die hl. Mutter Theresia hätte es ihr doch anbefohlen. Und dabei streckte Es seine Händchen aus und gab ihr ein reichliches Almosen zum Zeichen, daß Es gern in allen Nöten helfen wolle. Und so ist es seitdem auch immer gewesen.

Einmal hatte der Teufel den Schlüssel zum Kommunionfenster versteckt, als die Schwestern kommunizieren wollten. Die ehrw. M. Anna, die als Sakristanin für das Öffnen und Herrichten zu sorgen hatte, ging still zu ihrem Jesulein und klagte Ihm ihre Not. Da gab Es ihr zu verstehen, wo der Schlüssel verborgen war, so daß sie ihn noch rechtzeitig finden konnte und nicht alle auf die hl. Kommunion verzichten mußten.

Da sie drei Ämter zu versehen hatte, war sie oft verhindert, mit den anderen Schwestern das Brevier im Chor zu beten. In solchen Fällen pflegte sie die Horen allein vor ihrem Jesuskind zu rezitieren. (Horen = Stunden d.h. bestimmte Teile des Stundengebetes = Breviers wie Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet) Einmal hielt sie mit Ihm nach verrichtetem Gebet ein vertrautes Zwiegespräch, während dessen Es ihr zur Winterszeit einen schönen Blumenstrauß schenkte. Dabei schien es ihr, daß es dieselben Blumen waren, die sie Ihm vor vielen Jahren im elterlichen Garten gepflückt hatte. Tiefe Freude erfüllte sie und in ihrer Seele empfand sie großen Trost.

In einer Nacht war vor dem Tabernakel das «ewige Licht» erloschen. Da sie aber nichts
hatte, um es wieder anzuzünden, suchte sie ihrer Gewohnheit gemäß beim Jesuskind Zuflucht. Ihr Vertrauen blieb nicht unbelohnt. Eine unsichtbare Hand - sicher das göttliche Kind selbst
- hatte das Licht wieder angezündet!

Zur selben Zeit war es geschehen, daß sie vergessen hatte, die Pforte der äußeren Klausur zu schließen, wie es damals üblich war. Sie hatte sich bereits zur Ruhe begeben, als ihr mitten in der Nacht das Jesulein mit den Schlüsseln erschien und ihr sagte, daß Es alle Tore verriegelt habe. Darüber erfüllte sie selige Freude und mit neuem Eifer begann sie Gott aus ganzem Herzen zu dienen.

Von guten Freunden hatte die ehrw. Anna ein zweites Jesulein geschenkt bekommen,
das ihr gleich dem ersten in aller Not half. Seit langem hatte sie den großen Wunsch, für das heiligste Sakrament eine Monstranz anfertigen zu lassen. Dazu brauchte sie aber viel Geld. Nun hatte das Jesulein ein Körbchen in der Hand, in das die ehrw. M. Anna bisweilen einige Blumen legte. Als sie einmal ins Körbchen hineinschaute, fand sie dort viele spanische Duplonen, genug, um eine Monstranz anfertigen zu lassen.»

In ihrer unendlichen Liebe zum göttlichen Kind trug sie dieses des Nachts in ihre Zelle. Aber einmal hatte sie es vergessen. Als sie nun ihre Zelle betrat, sah sie auf ihrem Bett ein schlafendes Kindlein. Einige Zweifel, ob es wirklich ihr Kind wäre, ließen sie ihr Herz zu Gott erheben. «Herr, wenn dieses Kindlein nicht das meinige ist», flehte sie inständig, »so bitte ich Dich demütig, daß es von dannen weiche.» Im gleichen Augenblick war das Kind verschwunden und der Herr offenbarte ihr, es sei der Teufel gewesen, der sie betrügen wollte.

Eines Tages wurde im Maria-Hilf-Kloster ein Fest begangen, und die Patres der Reform baten die ehrw. M. Anna, ihnen doch für einige Tage ihr Jesulein überlassen zu wollen. Es blieb eine ganze Woche lang bei den Patres, und die ehrw. M. Anna empfand diese Abwesenheit ihres Kindes recht schmerzlich. In einigen Versen, die sie durch ihren Beichtvater, P. Johannes vom hl. Joseph, dem Jesuskindlein überreichen ließ, beklagte sie sich liebevoll über sein Fernsein:

  «O liebes Kindlein, vergiß doch nicht
Eines Herzens, das Du verwundet hast.
Mit Deiner Liebe hast Du es geteilt,
Mit Deiner Lieb will es auch sein geheilt».

Am Abend des folgenden Tages, als sie im Gebet weilte, erschien ihr das liebe Jesulein von herrlichem Glanz umgeben. Gar schön und freundlich sagte Es zu ihr, daß Es gekommen sei, um sie zu besuchen und ihr Herz zu heilen. Es blieb dann eine gute Weile bei ihr und redete vertraulich und in zarter Liebe. Dann kehrte Es zum Kloster der Patres zurück.»

Das Manuskript endet mit den Worten, daß dies alles die ehrw. M. Anna vom hl. Augustinus selbst niedergeschrieben habe und drei Jahre darauf selig im Herrn entschlafen ist.

Es sind sicher nicht die einzigen Gnadenbeweise dieser auserwählten Seele gewesen, die ihr ganzes Leben in inniger Zweieinsamkeit mit dem göttlichen Kind verbracht hat. Ihre Verehrung des Jesuskindes hat in der Tradition des Klosters von Villanueva fortgelebt, wo man stets eine Jesulein-Statue in Erinnerung an die Ehrwürdige aufbewahrt hat.

Im übrigen war es unter den Töchtern der hl. Theresia keine seltene Erscheinung, daß die eine oder andere Schwester den Herrn in seiner heiligsten Menschheit erblickte oder mystische Gnaden empfing. Man braucht nur an Anna vom hl. Joseph zu denken, die die hl. Reformatorin auf ihre Stiftungsreise nach Valladolid mitnahm.

Theresia hatte bald die tiefe Andacht und innige Liebe der jungen Nonne zum Geheimnis
der Kindheit des Herrn erkannt und erlaubte ihr deshalb, in der Zelle eine kleine Statue des
Jesuskindes aufzustellen. So verbrachte Anna vom hl. Joseph viele Stunden im beglückenden
Zwiegespräch mit dem göttlichen Kind, dessen Gegenwart sie bei allen Arbeiten mit unaussprechlichem Trost erfüllte. Aber einmal war es geschehen, daß sie in ihrer Zelle mit einer Näharbeit saß und sich dabei in allerlei Gedanken zerstreute. Das Jesuskind war darüber nicht wenig betrübt. Ganz leise flüsterte Es ihr ins Ohr: «Aber paß doch auf! Du läßt mich ja allein!» Anna bat das Kindlein demütig uni Verzeihung und versprach, von nun an wachsamer zu sein. Viele Gnadenbeweise waren das Zeichen, daß das göttliche Kind sie mit besonderem Wohlgefallen umgab.

Noch heute verehrt man im Kloster von Valladolid die kleine Statue, die die hl. Theresia Anna vom hl. Joseph geschenkt hatte. Sie ist bekannt als das «Pilgerkind», «el Peregrinito», und wird entsprechend der liturgischen Farben gekleidet.

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Die sel. Anna vom hl. Bartholomäus

Wenn die alte Hansastadt Antwerpen mit berechtigtem Stolz Anna vom hl. Bartholomäus als ihre Patronin und Schutzfrau verehrt, so geschieht dies nicht, weil sie ihre außergewöhnlichen Eigenschaften hoch eingeschätzt hat, sondern weil sie die übernatürliche Wirksamkeit ihres Gebetes erfahren hatte, eines Gebetes, das in der unendlichen Kraft Jesu Christi Stadt und Festung vor dem Einfall und der Einnahme seitens des kalvinistischen Prinzen von Nassau bewahrt hat."

Anna vom hl. Bartholomäus ist uns überliefert als eine Nonne, auf deren Weg sich charismatische Gnaden und härteste Bußübungen mit jungfräulicher Lieblichkeit und mütterlicher Güte verseinten. Wir sehen sie, wie sie aus Gehorsam, ohne zu zittern, ihren Finger auf das glühende Kohlenfeuer legt und wie sie wenig darauf der inständigen Bitte einer kleinen Laienschwester nachgibt und alle ihre Pläne ändert. Schon als Kind hatte sie verstanden, daß das Geheimnis der Heiligkeit in einem Sich-in-Christus-Verlieren besteht. Das Hirtenmädchen von Almedral suchte die einsamsten und stillsten Orte auf, uni sich ungestört dem Zwiegespräch mit dem kleinen Jesus hingeben zu können, der ihr nicht selten in Gestalt eines wunderschönen Knäbleins erschien und mit ihr zusammen heranwuchs.

Als sie noch sehr klein war und kaum auf den Füßen stand, ohne richtig reden zu können,
geschah es einmal, daß sich der Himmel vor ihr öffnete und sie Christus unseren Herrn in unbeschreiblicher Herrlichkeit sah. Sie gesteht in den Aufzeichnungen ihres inneren Werdeganges, die viele Jahre später im Gehorsam entstanden, daß sie noch jetzt, d.h. im hohen Greisenalter, unter dem Eindruck dieser Vision stehe, die in jenem Augenblick ihre Seele mit glühender Begierde, Christus zu lieben, durchflutet habe. Sie wollte Ihm dienen, um selig zu werden, und ihr Herz zitterte in heiliger Furcht, Ihn zu beleidigen. Die Gestalt des geschauten Herrn blieb unvergeßlich in ihre Seele geschrieben.

Eines Tages, als sie die Herden ihrer Brüder weidete, kam das Jesuskind, über alle Maßen schön und mit langem, auf die Schultern herabhängenden Haar, und setzte sich auf den Rand ihres Kleides. Mit unsagbar zärtlichen Worten führte Es seine kleine Auserwählte in das Geheimnis seiner heiligsten Kindheit. Sie war so glücklich über seine Gegenwart, daß sie Ihm in aller Einfalt den Vorschlag machte, nicht mehr zu den Menschen zurückzukehren zu müssen, sondern hier bei Ihm zu bleiben, wo ihr doch nichts mangeln würde. Wahrscheinlich hat sie sich in einem ihrer Gedicht an diese seligen Jahre erinnert, wenn sie schreibt:

  «Wo gehst du hin, o göttlich Kind Von Lieb so ganz entzündet? -
Zu suchen mir ein Hirtenmägdelein, Das mich von Herzen liebt
Und das auch liebe ich im Herzen mein.»

Das Hirtenmägdelein, welches das Jesuskind suchte und dem Es sein Herz schenken wollte, das ist sie selbst. Seit ihrem neunten Jahr fühlte sie ein heißes Verlangen nach dem Ordensstand. Doch ihre Geschwister setzten alles ans Werk, um sie zu verheiraten. Sie war inzwischen fünfzehn Jahre alt geworden. Da die Schwierigkeiten unüberwindbar schienen, nahm sie ihre Zuflucht zu Maria, die sie sich zur Mutter erwählt hatte. Gleichzeitig verdoppelte sie ihre Bußübungen. Da erschien ihr eines Tages der Herr, so wie sie Ihn als kleines Mädchen in übergroßer Herrlichkeit in dem von Wolken freien Himmel gesehen hatte. Ein Strahl seiner göttlichen Liebe drang tief in ihr erwähltes Herz: «Ich bin es, den Du suchst. Ich will Dein Bräutigam sein und ich werde Dich behüten, so wie Du es verlangst».

Diese Versicherung erfüllte sie mit neuem Vertrauen. Kurz darauf geschah es, daß man sie zur Ruhe schickte, ohne daß sie ihren täglichen Rosenkranz gebetet hatte. Um das Vergessene nachzuholen, beschloß sie, die Nacht auf einem dreieckigen Stein zu verbringen, um auf diese Weise dem Schlaf zu wehren. Aber vergeblich kämpfte sie gegen die Müdigkeit. Sie schlief mit dem Rosenkranz in den Händen ein. Da schien es ihr zu träumen, und doch war es mehr als ein bloßer Traum, daß im Glanz unzähliger Lichter die allerseligste Jungfrau mit dem Jesuskind zu ihr kam. Und das Kindlein - war es Spiel oder Wahrheit - zog so stark an ihrem Rosenkranz, daß sie darüber erwachte. Sie öffnete verwundert die Augen. Die heiligste Jungfrau bedeutete ihr aber mit sanfter Stimme: «Fürchte Dich nicht und sei unbekümmert. Ich werde Dich an einen Ort bringen, wo Du mein Kleid trägst und Ordensfrau sein wirst».

Am 2. Nov. 1570 schloß sich die Klausurpforte des Sankt Josefsklosters in Avila hinter seiner ersten Laienschwester. Als die Mutter Stifterin, die zur Zeit abwesend war, im folgenden Frühjahr die junge Postulantin kennenlernte, unterließ sie es nicht, diesen ihr von Gott geschenkten Edelstein zu schleifen, damit Anna zu einem vollkommenen Vorbild in allen jenen Tugenden werde, die zum Stand einer Laienschwester unerläßlich sind. Und sie war entzückt über ihre Demut und Sanftmut, über ihren vollkommenen Gehorsam und ihre große Arbeitsliebe, die mit Klugheit und seltener Anpassungsfähigkeit verbunden war. Ihre feine, stille und erfinderische Art gefiel der Heiligen so sehr, daß sie sich Anna als ihre Krankenwärterin und ständige Begleiterin erwählte.

So verbringt sie viele Jahre an der Seite der hl. Reformatorin des Karmel, mit ihr Freud und Leid teilend. Eine wunderbare Innigkeit verbindet bald die beiden Frauen. Während Theresia die junge Nonne auf dem Weg der Entsagung und Selbstverneinung zu den Mysterien des am Kreuz Erhöhten führt, damit sie sich ganz von Ihm ergreifen und zum dreifaltigen Gott hin formen lasse, neigt sich der Herr liebend über sie und trägt sie zu den unaussprechlichen Gnaden seiner Menschheit und Gottheit empor. Doch wo besser als im Bild seiner Kleinheit, in der Gestalt des Kindes, hätte das schlichte Gemüt des einstigen Hirtenmägdleins den tiefen Sinn der Menschwerdung begreifen können? Ihre Erlebnisse mit dem Jesuskind haben etwas unsagbar Zartes, das wie ein leiser Windhauch dahinzieht und im Schatten der ersten Blutstropfen im Kreuzesmysterium versinkt.

Sicher hat auch die geistliche Leitung des hl. Johannes vom Kreuz auch dazu beigetragen, daß ihre christozentrische Frömmigkeit immer mehr in einem vertrauten Umgang mit dem Herrn gipfelte. Es ist bezeichnend, daß Anna Jahre später, als sie sich in Antwerpen dem Ziel ihrer irdischen Laufbahn näherte, die Strophen des «geistlichen Gesangs», des Hohenlieds der Liebe zwischen Christus und der Seele, aus dem Gedächtnis aufgeschrieben und zu ihrer Verbreitung beigetragen hat".

Die Vorsehung hatte sie erwählt, die theresianische Reform nach Frankreich und in die Niederlande zu bringen. In Paris zur Priorin ernannt, nachdem sie im Gehorsam den weißen Schleier der Laienschwester mit dem schwarzen der Choristin vertauscht hatte, erfuhr sie, daß Bruder Franziskus vom Kinde Jesu gestorben war und es erwachte in ihr der glühende Wunsch, eins seiner Jesulein bei sich zu haben. Sicher hoffte sie, daß durch dieses Kind, das durch seine «Wundertaten» bekannt war, der äußerst schwierigen Lage abgeholfen werden könne.

Der General der spanischen Kongregation konnte es ihr nicht verwehren. So klopfte im
Jahr 1605 ein Bote an die Pforte des lnkarnationsklosters in Paris und überreichte ihr das ersehnte Kind. «Il fut si bien conserve dans sa petite caisse, et en tel lustre qu'il ne recut aucune tare, durant un si long chemin», heißt es in den Annalen der Unbeschuhten Karmeliten. Und dann folgt eine Beschreibung des Kindes: Das Kleidchen aus weißem Samt und Goldschmuck war von einem Gürtel umgeben, auf dem in weißer Stickerei die Worte zu lesen waren: Ich bin der Gute Hirte. Ein zartes Gesichtlein mit einem bezaubernden Blick, ein goldener Stab in der Hand und perlengezierte Sandalen vollendeten das Bild des Jesulein, das auf einem vergoldeten Holzuntersatz stand."

Und wirklich schien dieses Kind mit einer Liebe, die weit über Zeit und Menschen herausreichte, die junge Stiftung zu segnen. War es sein Bild oder ein anderes Jesulein, das M. Anna im Herzen trug, als wieder die schlecht gefederten Wagen über die holprigen Landstraßen gen Flandern zogen und Entbehrungen aller Art die Reisenden peinigten? An seinem Bilde fand sie Trost und Kraft zum Opfer.

In Antwerpen beauftragte sie bald darauf einen berühmten flämischen Künstler, für das Josefskloster in Avila drei Statuen anzufertigen: eine der Muttergottes, eine des hl. Josef und eine des Jesuskindes. Als nun die Statuen zum Versand eingepackt werden sollten, bat eine Laienschwester, die von der Lieblichkeit des Jesuskindleins tief berührt worden war, M. Anna möge Es doch in Antwerpen behalten. Das mütterlich warm schlagende Herz der Seligen konnte nicht anders, als dieser Bitte zu willfahren, und das Jesulein wurde im Kapitelsaal aufgestellt.

Sr. Maria vom hl. Joseph, so hieß die Bittstellerin, hatte schon als Novizin in nicht unberechtigter Angst, daß man sie nicht zur Profeß zulasse, ihr ganzes Vertrauen auf die Hilfe des göttlichen Kindes gesetzt. Seitdem schien es, daß sie sich innerlich mit nichts anderem mehr beschäftigte, als an ihren kleinen Heiland zu denken, Ihm zu gefallen und Ihm Freude zu bereiten. Als nun seine Statue im Kapitelsaal grüßend zur Andacht einlud, kannte ihre Liebe keine Grenzers mehr. Alles brachte sie Ihm, alles wollte sie mit Ihm teilen und nichts hielt sie vor Ihm verborgen. Sie wußte Ihm Überraschungen aller Art zu bereiten: heute schrieb sie Ihm ein Brieflein mit selbstverfaßten Reimen, morgen überreichte sie ihm ein Blumensträußlein, das sie in ein Körbchen steckte oder in seine gebenedeiten Händchen drückte, wobei sie Ihm einige Strophen eines Liedchens vorsang, das sie für Ihn gedichtet hatte. Man sah sie Tag und Nacht dem hl. Kind ihre Besuche abstatten. Die Schwestern nahmen wahr, daß sie trotz ihres Dienstes in der Küche fünf- bis sechsmal in einer Stunde zum Jesulein ging und außerdem noch hie und da in den Garten eilte, um Ihm frische Blumen zu pflücken, die am frühen Morgen noch nicht voll erblüht waren. Niemand konnte es begreifen, wie es möglich war, daß sie in so wenig Zeit und mit so viel innerer Ruhe das Essen pünktlich und wohlschmeckend zu bereiten verstand, genau so, als ob sie viel Zeit darauf verwendet hätte. In den letzten Monaten ihres Lebens fesselte sie eine schwere Krankheit ans Bett. Sie bat daher, ihr das hl. Kind am Fußende des Bettes aufstellen zu wollen, was auch geschah. Nun hielt sie viele Stunden innigster Zwiesprache, bis Es selbst kam, um sie zu sich ins Paradies zu führen. Es war am Vortag des hl. Weihnachtsfests 1637. Wollte das göttliche Kind damit nicht bestätigen, wie wohlgefällig Ihm die Andacht dieser demütigen Laienschwester gewesen war?"

M. Anna hinderte ihre geistlichen Töchter in keiner Weise daran, das Jesuskind zu verehren.
Im Gegenteil, mit der ihr eigenen Herzensgüte und Zartheit verfaßte sie «Betrachtungen über die Geburt des Herrn»" und schrieb Gedichte, aus denen sich eigenes Erleben widerspiegelt. An einem Weihnachtsfeste hatte sie einmal die gebenedeiten Füße des neugeborenen Kindes betrachtet. Da kam ihr der Gedanke: «O Herr, Du bist kaum geboren, und doch sehe ich Dich schon am Kreuz: Was kann ich tun, o liebes Kindelein?» Im selben Augenblick erscheint ihr die allerseligste Jungfrau mit dem Jesuskind in den Armen. Sie zeigte Es ihr, so wie sie Es ganz klein in ihrem jungfräulichen Schoß getragen hatte. Auf seinen heiligsten Füßchen leuchteten die Wundmale, gleich als wären sie mit Blutstropfen benetzt und als wollten sie die Stelle der Nägel andeuten. Und die allerseligste Jungfrau gab ihr innerlich zu verstehen, sie solle sich allezeit bei der Betrachtung der Wunden seiner allerheiligsten Füße aufhalten.

Anna griff zur Feder und es reihte sich Vers an Vers:

  O Kind, wie tust uns lieben! Was wird geschehen, wenn Du größer bist,
Da Du schon in der Wiegen Dein Blut für uns vergießt?
Mein liebes, süßes Kindlein, Laß waschen mich die Füße Dein
Und trocknen sie mit einem Tüchlein. Es wird vonnöten sein.
O Kind, wie tust uns lieben...

Über siebzig Jahre waren Anna vom hl. Bartholomäus auf Erden zugemessen. Daher ließe sich noch vieles über ihre Andacht zum göttlichen Kind sagen. Mehr als einmal, wenn sie in das Chor ging, schaute sie Maria mit dem Jesuskind oder das hl. Kind allein, das einmal statt ihrer die Profeß einer jungen Schwester entgegennahm. Was ihr Inneres erfüllte, das offenbarte sie ihrem Beichtvater, P. Gracian, oder schrieb es zum Teil in ihrer Autobiographie nieder. Leider erschließen uns diese Seiten nur wenig über die kostbaren Geheimnisse der Kindheit Jesu, denen sie ein Leben lang gelebt hat. Doch das wenige genügt, um zu beweisen, daß sie diese Andacht als treues Vermächtnis der hl. Reformatorin über die Grenzen Spaniens getragen hat und wollte, daß sie sich unter ihren Töchtern lebendig fortentwickle.

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Die ehrw. M. Anna von Jesus

In dem Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen in Brüssel wird noch heute eine Statue des Jesuskindes verehrt, die von so seltener Schönheit ist, daß sie einen jeden Betenden in ihren Bann zieht. Unwillkürlich wird sich ihm, wenn er sie sinnend betrachtet, ein Wort Reinhold Schneiders ins Gedächtnis drängen: Es ist keine Weisheit, die nicht der Gaben des Kindes bedürfte. Die Geschichte dieser Statue des Jesuleins, von dessen wundersamem Wirken vieles, oft Unbegreifliches zu sagen wäre, bleibt eng an das Leben einer der größten Karmelitinnen der theresianischen Reform gebunden: Anna von Jesus«, die Stifterin der Karmelklöster in drei europäischen Hauptstädten, in Madrid, Paris und Brüssel. Geistliche Tochter des hl. Johannes vom Kreuz und selbst Mystikerin, wurde sie von Theresia von Avila «ihre Krone und Tochter« genannt. Wie ein unermüdlicher Apostel hat sie sich unvergeßliche Verdienste erworben für die Verbreitung und Verteidigung der theresianischen Reform gegenüber den allzu bald erwachten Tendenzen, die nach einer Mäßigung des ursprünglichen Geistes zielten.

Anna von Jesus war am Fest Petri Kettenfeier in das beinahe acht Jahre früher gegründete
St. Josefskloster in Avila eingetreten. Sie wurde am 25. Nov. 1545 in Medina del Campo geboren. Früh hatte sie ihren Vater verloren, und drei Jahre später ließ ihre Mutter Anna und ihr Brüderlein als Vollwaisen zurück. Ihre ganze Kindesliebe wandte sie daher der Muttergottes zu, und sie wollte durch Nachahmung ihrer Tugenden der himmlischen Mutter Freude bereiten. Keinen Tag ließ sie vorübergehen, ohne den Rosenkranz zu beten und sich anderen Andachtsübungen hinzugeben. Vielleicht erwachte schon damals in ihrer kindlichen Seele jene Vertrautheit, die sie ihr Leben lang mit dem Jesuskind pflegte.

Der Jesuitenpater Petrus Rodriguez leitete sie mit heiligem Eifer an, auf dem Weg der christlichen Vollkommenheit voranzuschreiten. Ohne Bedenken erklärte er, daß Anna mehrere große Heilige an Tugenden übertreffe und verglich sie mit der hl. Jungfrau und Märtyrerin Katharina, die durch die Erhabenheit ihres Geistes und ihrer Wissenschaft die Gaben der Natur mit denen der Gnade in sich vereinigt hatte.

In der Leidensschule schwerer Krankheiten geprüft, die sie lange zwischen Leben und Tod schweben ließen, reifte ihr Wunsch, in einen der strengsten und vollkommensten Orden einzutreten. Pater Rodriguez war nach Toledo versetzt worden, wo er den reformierten Karmel kennenlernte. Er schien ihm der von Anna so heiß ersehnte Orden zu sein, und ihrem Verlangen gemäß setzte er sich mit der hl. Theresia in Verbindung. Die Heilige erkundigte sich nach den Eigenschaften des jungen Mädchens. Gleichzeitig erhielt sie aber durch göttliche Offenbarung den Auftrag, Anna de Lobera aufzunehmen, da diese ihr im Reformwerk wesentliche Dienste leisten würde. Und zwar «solle sie sie nicht als Novizin oder Untergebene aufnehmen, sondern als Gefährtin und Helferin».

Ende Oktober desselben Jahres (1570) verließen Anna von Jesus und die hl. Theresia
von Avila, um sich zur Stiftung von Salamanca zu begeben, wo ihr das Amt der Novizenmeisterin übertragen wurde, obwohl sie selbst die Ordensprofeß noch nicht abgelegt hatte. In den Monaten ihres Zusammenseins gab die hl. Mutter der jungen Schwester zahlreiche Beweise ihrer Zuneigung und Liebe, was sie allerdings nicht hinderte, Annas Demut und Gehorsam auf harte Proben zu stellen. Doch mehr als durch diese Maßnahmen suchte sie durch Liebe und Vertrauen auf sie einzuwirken, wohl wissend, daß diese auserwählte Seele dazu bestimmt war, das Reformwerk in Spanien und über seine Grenzen hinaus zu verbreiten.

Nach mehr als vierjährigem Aufenthalt in Salamanca sehen wir Anna von neuem in den
von Maultieren gezogenen Wagen, die die Schwestern nach Beas brachten, wo Theresia eine neue Stiftung plante. Am 18. Febr.1575 ernannte sie Anna zur Priorin des neuen Klosters und leistete ihr als erste aller Nonnen «Gehorsam».

In Beas war es, wo beide P. Gracian kennenlernten. Als sich die Heilige im Mai 1575 von
ihrer vielgeliebten Tochter verabschiedete, wollte sie ihren weißen Mantel mit ihr wechseln.
«Meine Tochter! Nehmen Sie meinen Mantel, der ganz neu ist und für Ihr Alter paßt. Mir hingegen steht Ihr abgenützter und alter Mantel besser.» Tat sie es in Erinnerung an Elias, der seinem Nachfolger im Prophetenamt, Elisäus, seinen Mantel überließ? Wer möchte zweifeln, daß die Erbin des Mantels der Heiligen nicht auch zugleich den doppelten Geist des «neuen Elias» übernommen hat, so wie er in der Geschichte der Reform des Karmels in Theresia vor uns steht?

Anna von Jesus besaß außergewöhnliche Fähigkeiten, um den Reformgedanken im ursprünglichen Eifer aufrecht zu erhalten. Dabei verlangte sie Gehorsamsproben, die ans Unwahrscheinliche grenzten. So ereignete sich einmal am Weihnachtsabend, daß eine schwerkranke Schwester bat, man möge sie doch ans obere Gitter bringen, damit sie sich wenigstens teilweise an der Festfeier beteiligen könne.

«Ach», erwiderte die sie pflegende Laienschwester Katharina, «das wage ich nicht. Der
Arzt hat sogar verboten, Sie zu heben, um Ihr Bett zu machen. Aber ich will unsere Mutter
Priorin um Erlaubnis fragen.»

«Gut, meine Tochter», meinte Mutter Anna, als sie den Wunsch der Kranken vernommen hatte, «tragen Sie Schwester Luise unverzüglich ans Gitter, doch vergessen Sie nicht meinen Befehl, mir die Kranke vollkommen gesund zurückzuführen.»

«Aber wie kann ich so etwas fertig bringen», wendete Katharina schüchtern ein.
Anna blieb jedoch bei ihrem Befehl. «Nehmen Sie eine Matratze, breiten Sie dieselbe vor dem Gitter aus und dann legen Sie die Kranke darauf. Dabei bitten Sie das Jesuskind recht vertrauensvoll, Es möge der Schwester als Weihnachtsgeschenk die Gesundheit wiedergeben. Seine göttliche Majestät hat eine viel größere Sehnsucht, uns seine Gaben mitzuteilen, als wir sie aufzunehmen.»

Und dann geschah das Wunderbare: Während man in der Kirche das Lob Gottes sang,
wurde dem kranken Körper und den schwachen Gliedern von Psalm zu Psalm neue Kraft geschenkt. Als die Mette beendet war und Schwester Katharina ihren Schützling auf die Arme nehmen wollte, rief diese aus: «Halt ein! Es geht mir besser als Dir!», worauf sie sich mit Leichtigkeit von den Kissen erhob und mit ihrer Begleiterin, die voller Erstaunen und außer sich vor Freude war, in das Chor ging, um der lobwürdigen Mutter und den Schwestern, Gott dankend, glückliche Feiertage zu wünschen.

Anna von Jesus fühlte eine besondere Andacht zum Fest der Geburt des Herrn und des Allerheiligsten Sakramentes. Unermüdlich forderte sie ihre Schwester auf, diese Tage mit der größten Feierlichkeit zu begehen. Der Herr wollte ihren Liebeseifer belohnen, indem Er ihr einmal zu Weihnachten im Geiste das Geschehen in Bethlehem zeigte. Sie schaute den Stall, die Krippe, die allerseligste Gottesgebärerin, ihren Bräutigam, den hl. Joseph, die Hirten und Engel in Menschengestalt, die ehrerbietig anbeteten, und endlich sah sie Gott selbst als ein kleines, holdseliges Knäblein. Damit sie nicht an dieser Vision zweifle, empfand sie ihre Wirkung während der ganzen Weihnachtsoktav und genoß große Süßigkeit und innere Freude.

Um jene Zeit hielt die Statue eines wunderbaren Jesuskindes ihren Einzug in das Noviziat von Beas. Die Überlieferung will, daß sie ein Geschenk des ehrw. Bruders Franziskus vom Kinde Jesu war, der damals noch keinen Ordenshabit trug, sondern das Krankenhaus von Alcala leitete. Es handelt sich um ein Jesulein, das ganz ähnlich wie die spanischen Infanten mit der Königskrone und einem hermelingeschmückten, weit herabfallenden Mantel bekleidet ist. Die unvergleichlich gütigen Züge seines lieblichen, aber ernsten Gesichtleins werden nur durch ein leichtes, kaum zu bemerkendes Lächeln der Lippen in ihrem gleichmäßigen Rhythmus unterbrochen. In der linken Hand trägt Es einen in Kreuzform endenden Stab, wie man ihn gewöhnlich in der Hand des Auferstandenen sieht. Der rechte Arm mit der leicht geöffneten Hand ist dem Besucher zugestreckt, gerade als ob das Kind durch diese Geste sagen wollte: «Kommt alle zu mir. Ich will euch an mein liebendes Herz ziehen. Ich bin ja der Weg, die Wahrheit und das Leben.»

Als Anna von Jesus fast dreißig Jahre später die Reform nach Frankreich und Belgien brachte, reiste das Jesulein mit ihr und blieb in Brüssel. Daß es sich wirklich um dieselbe Statue handelt, ergibt sich aus einem kostbaren Dokument, aus einem autographischen Brief der M. Franziska von der Muttergottes aus Beas an M. Margareta von Jesus, Priorin in Brüssel, der das Datum des 28. Aug. 1634 trägt. In diesem Brief bestätigt M. Franziska, daß sie ein Bild des Jesulein erhalten habe und daß dieses in allem der früher sich in Beas befindlichen Statue gleiche. Ja, sie habe Es sofort wiedererkannt.

Diese Aussage hat völlige Glaubwürdigkeit, denn Franziska hatte schon als Novizin dieses
hl. Kind in ihr Herz geschlossen und es mit besonderer Liebe verehrt. Zwei oder drei Tage nach ihrer Einkleidung hatte sie bereits seinen außerordentlichen Schutz spüren können. M. Anna hatte ihr den Befehl erteilt, sie solle ihren neuen Ordenshabit ausziehen und einen anderen, ganz geflickten anziehen, dessen Geruch ihr zum Ekel gereichte. Tief betrübt, doch voll Unterwerfung, zog sie sich in ihre Zelle zurück. Ihre Tränen flossen reichlich, und ihr schwer bedrücktes Herz suchte beim göttlichen Kind Erleichterung:

«Liebes kleines Jesulein, Du Gott meines Lebens, siehe mein Leid und den unüberwindlichen
Widerwillen, den ich habe, diesen Habit anzuziehen.»

Da öffnete das Jesuskind seinen Mund und sprach: «Wie, Du solltest Widerwillen empfinden, aus Liebe zu mir diesen Habit anzulegen, wo ich, der ich Dein Gott bin, keinen Widerwillen gehabt habe, mich mit Deinem Fleisch zu bekleiden?»

Ein helles Licht durchzuckte die Seele der Novizin. Sie fühlte in sich eine glühende, zu allem bereite Liebe aufsteigen. Seit diesem Augenblick hätte sie es sich zur Ehre angerechnet, einen noch tausendmal schlechteren Habit anlegen zu dürfen, als der, den ihr M. Anna gegeben hatte. Ohne zu zögern trug sie ihn bis zum Ende ihres Noviziates.

Mit rührend kindlicher Naivität suchte sie ihrem kleinen Heiland Beweise ihrer Liebe darzubringen. In demselben Brief erzählt sie: «Jeden Tag brachte ich dem Jesuskind einen Blumenstrauß, den ich folgendermaßen zusammenstellte: Rote Blumen, uni mein Verlangen nach Leiden und den Vorsatz zum Ausdruck zu bringen, das Allerbeschwerlichste, das ich im Haus tun könne, auf mich zu nehmen. Weiße Blumen als Symbol der Reinheit, um damit kundzutun, daß die Liebe zu Gott in mir über jedwede Liebe herrschen würde. Gelbe Blumen als Zeichen der tiefen Trauer, die mir die Beleidigungen Gottes verursachen. Blaue Blumen als Sinnbild der Tränen, die ich vor meinem Gott für die Bekehrung der Sünder vergoß. Und wenn ich mich mit diesem Blumenstrauß zu meinem kleinen Jesus begab, dann nahm Er ihn mir aus den Händen und bot ihn seinem ewigen Vater dar

In der Weihnachtszeit verließ das Jesulein seinen gewöhnlichen Platz im Noviziat und
wurde von der ganzen Kommunität verehrt. Einmal geschah es, daß M. Anna am Vorabend des Festes der Beschneidung des Herrn ihre Töchter aufforderte, durch wiederholte Liebesakte vom neugeborenen Kindlein ein Tröpflein seines kostbaren Blutes zu erbitten, das Es an diesem Tage zum erstenmal für die Menschen vergossen hatte. Als sie am folgenden Tag mit inbrünstigem Verlangen zur hl. Kommunion schritt, da sah sie in der heiligen Hostie das Jesuskind, das sich liebevoll zu ihr wandte: «Nicht allein ein Tröpflein meines Blutes, wie Du es wünschest, will ich Dir geben, sondern meinen ganzen Leib und meine ganze Seele».

Wie ein zweischneidiges Schwert drangen diese Worte in ihre Seele. Ihr Inneres wurde
von solch einer übernatürlichen Süßigkeit erfüllt, daß sie den ganzen Tag wie außer sich zu sein schien. Am Abend erwachte von neuem in ihr ein glühender Durst nach dieser göttlichen Erquickung und sie wollte, daß ihre Töchter daran teilnehmen oder wenigstens diese Labung mit den Lippen verkosten möchten. Sie ließ im Rekreationsraum einen kleinen Altar mit einem Thron errichten, auf den die Statue des Jesuskindleins gestellt wurde. Mutter Franziska von der Muttergottes erzählt nun das Folgende in einem Brief nach Brüssel:

«Mutter Anna sagte uns, wir sollten alle niederknien und folgendes Gebet an unseren
Herrn und Heiland richten:

,O mein Gott, ich möchte Dich lieben mit der Liebe und der Ehrfurcht der hl. Engel, der Erzengel, Cherubinen und Seraphinen. Ich wünsche Dich zu lieben und Dir mit allen meinen Kräften, aus meinem ganzen Herzen und mit meiner ganzen Seele zu dienen. Gib mir, o Herr, ich bitte Dich darum, durch Deine hl. Verdienste einen kleinen Tropfen des kostbaren Blutes, das Du am heutigen Tag vergossen hast'.

Darauf begab sich die ehrw. Mutter als erste mit viel Ehrfurcht und Liebe zum Jesuskind, kniete nieder und sprach oben genanntes Gebet. Dann gebot sie der Mutter Subpriorin und den anderen Schwestern, das Gleiche zu tun. Als ich an die Reihe kam und mich dem kleinen Altar näherte, da kam es mir vor, daß das göttliche Kindlein einen Pfeil in mein Herz und in meine Seele schoß, der mich mit seiner Liebe entzündete. Ich fühlte mich bereit, in seinem Dienste mit der allergrößten Freude alle Qualen der Welt zu ertragen. Diese fromme Begeisterung dauerte den ganzen Tag und während der folgenden Nacht.

Am nächsten Morgen, als wir das Chor verließen, suchte ich unsere ehrw. Mutter auf und sagte ihr: Möge der liebe Gott Euer Ehrwürden den herrlichen Tag vergelten, den Sie uns gestern geschenkt haben. Was mich betrifft, so werde ich ihn niemals in meinem Leben vergessen. Jetzt wundert es mich gar nicht mehr, daß die Heiligen mit so viel Freude litten und selbst ihr Leben für Jesus Christus hingaben. Wenn ich die Wirkungen betrachte, die seine göttliche Majestät in meiner Seele hervorgebracht hat, dann muß ich wohl annehmen, daß das Jesuskind gestern wirklich unter uns geweilt hat!

‘Ja, Es war bei uns, gab sie mir zur Antwort. ,Es war dort ganz genau so wie einst in der Grotte von Bethlehem, und Millionen heiliger Seraphine umgaben Es in tiefer Anbetung. Haben es Euer Lieb denn nicht gesehen?' ,Nein', mußte ich gestehen.

,Was mich betrifft', fügte die Mutter hinzu, ,so habe ich Es sehr gut gesehen, und zwar
nicht nur am Morgen, im Augenblick der hl. Kommunion, sondern auch nach dem Mittagessen, während der Rekreation. Ich bin darüber dermaßen außer mir selbst, daß ich es als ein Wunder betrachte, noch leben zu können. Und ich war Zeuge, wie die göttliche Majestät jeder einzelnen Beweise seiner innigsten Liebe gab, je nach dem Maß des Glaubens und der Liebe, mit der sie sich Ihm nahte. Beeilen Sie sich, liebe Tochter, Jesus zu lieben und Ihm zu dienen, dann werden Sie sehen, mit welchen Gütern Er Sie überschütten wird. Übrigens weiß ich nicht, wie es kommt, daß ich zu Euer Lieb von diesen wunderbaren Dingen spreche. Der liebe Heiland schließt mir gewöhnlich gegenüber den anderen Schwestern den Mund!»

Es ist wahr, daß Anna von Jesus nur selten über ihre mystischen Gnaden gesprochen
hat. Als sie 1582 die Gründung in Granada unternahm und dort im hl. Johannes vom Kreuz einen Beichtvater fand, der sie zutiefst verstand, stellte ihr dieser im Prolog zum «Geistlichen Gesang», dessen Kommentar er für sie schrieb, ein unvergleichliches Lob aus. «Unser Herr hat ihr die Gnade geschenkt, sie... tief in den Schoß seiner göttlichen Liebe hineinzuziehen.»
«Die Übung der mystischen Theologie (d. h. der eingegossenen Beschauung), die man durch
die Liebe erlernt... und auch genießt, ist ihr keineswegs fremd.» Und im Zentrum dieser Liebe stand ohne Zweifel das Mysterium Christi. Sie lebte in Ihm, Er war ihr überall gegenwärtig und im Geheimnis seiner heiligsten Kindheit hatte sie den Weg zum «ganzen Christus» entdeckt.

Im Jahr 1586 sehen wir Anna von Jesus von neuem auf den Landstraßen Kastilliens. Der Weg führte sie nach Madrid, um dort die von Theresia seit langem erwünschte Gründung vorzunehmen. Die Heilige hatte sie zu Lebzeiten nicht mehr verwirklichen können. Jetzt sollte Anna, die «zweite Theresia», ihre Stelle einnehmen.

Obwohl sie am Anfang mit Jubel empfangen wurde und es nicht an sichtbarer übernatürlicher Hilfe fehlte, zogen bald schwere Gewitterwolken auf. Zum zweitenmal mußte die Reform einen harten Kampf um die Aufrechterhaltung ihres Geistes und Ideals führen. Das Kreuz erwartete die Mutter Stifterin. Eine kanonische Visitation des Madrider Klosters traf die Bestimmung, Anna für drei Jahre in eine enge Zelle zu «verbannen», ihr jedes aktive und passive Stimmrecht zu nehmen und ihr die tägliche Kommunion zu verbieten. Nach Beendigung dieser Zeit schickte man sie nach Salamanca, das Kloster, wo sie ihre Ordensprofeß abgelegt hatte. Doch schon zwei Jahre später wählten sie die dortigen Nonnen zur Priorin. Inzwischen hatte ihr Gott eine neue, verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet.

Schon wenige Jahre nach dem Tod der hl. Theresia hatte man sich auf französischer
Seite bemüht, von Spanien Schwestern für die Verbreitung der Reform in Gallien zu bekommen. Diese Versuche hatten jedoch zunächst unüberwindlichen Widerstand gefunden. Im Jahr
1602 wurden die Verhandlungen neuerdings aufgenommen. Die hl. Reformatorin war Madame Acarie (Maria von der Menschwerdung) erschienen und hatte sie angespornt, alles ins Werk zu setzen, damit die Gründung Wirklichkeit werde. Gleichzeitig erleuchtete Gott Mitglieder des reformierten Karmels über das gute Ausgehen dieser Angelegenheit, unter denen besonders der bereits erwähnte Laienbruder Franziskus vom Kinde Jesu sich für das Unternehmen einsetzen wollte.

Eines Tages begegnete einer der französischen Herren, die in Spanien wegen der Stiftung Unterhandlungen pflegten, dem frommen Bruder und bat ihn, doch die ganze Angelegenheit dem lieben Gott sehr warm zu empfehlen, was ihm dieser auch versprach. Kurze Zeit darauf bemerkte er dem Herrn de Berulle: «Das Kind Jesu will, daß Sie gute Schwestern (für die Stiftung) bekommen». Diese Worte hatte ihm das Jesulein, dessen wunderbare Statue er immer bei sich trug, zugeraunt und noch hinzugefügt: «Anna von Jesus und Anna vom hl. Bartholomäus seien für dieses Werk von Gott bestimmt», wie man später erfuhr.

Um Herrn de Berulle Mut und Vertrauen einzuflößen, schrieb er selbst einen vom Feuer
göttlicher Liebe erfüllten Brief an M. Anna von Jesus, der mit den Worten beginnt:

«An meine teuerste und in der Seele des Jesuskindes vielgeliebte Schwester Anna von Jesus, die das Kind Jesus auserwählt hat, für die Seelen in Frankreich viel Gutes zu tun... Jesus! - Maria! - Joseph! Gelobt sei das Kind Jesu und seine hl. Mutter Maria! Unsere Mutter Anna von Jesus!

Möchte doch das Unternehmen, das Ihnen das Jesuskind anvertrauen will, einen glücklichen Erfolg haben und Sie Ihm dadurch noch mehr dienen! Bedenken Sie, wie viele Klosterfrauen Gott hätte auserwählen können, um Ihm diese Ehre zu verschaffen. Aber keine andere hat Er ausersehen. Nur Ihnen will er diese Gunst erweisen. Zeigen Sie Ihm Ihre Dankbarkeit, indem Sie das Unternehmen vollkommen zu Ende bringen! Das Jesuskind hat sich dafür eine Frau auserwählt, wo selbst mehrere Männer zurückschrecken würden. Welch eine große Tat ist es! Vergessen Sie nicht, Sie sind für Frankreich das, was unsere hl. Mutter Theresia für Spanien gewesen ist! Also, meine Schwester, gehen Sie mutig ans Werk um des Jesuskindes und seiner hl. Mutter willen und um unsere hl. Mutter nachzuahmen...

Bleiben Sie stets der frommen Gebräuche unserer hl. Mutter, die Ihnen wohlbekannt sind,
eingedenk. Erinnern Sie sich, wie das Jesuskind zu ihr geredet hat und wie Es sie lehrte, was sie tun sollte. Da Sie ein Teil unserer hl. Mutter sind und mehrere Jahre in ihrer Gesellschaft zugebracht haben, werden Sie auch ihrer Tugenden eingedenk bleiben und in diesem Unternehmen ihren Fußstapfen folgen...

Also Mut, meine Schwester! Die Welt schaut auf Ihr Werk. Die Augen aller Ordens- und
Weltleute sind auf Sie gerichtet. Unterlassen Sie es nicht, Gott zu Rate zu ziehen! Nur so wird es gelingen. Bitten Sie Ihn, Sie mit seiner Hand zu stützen und in Ihnen die Liebe zum Jesuskind zu entzünden! Wie Er unserer hl. Mutter Kraft und Stärke verliehen hat, so wird Er sie auch Ihnen geben. Vertrauen Sie auf Ihn und danken Sie Ihm, denn Dankbarkeit ist Ihm immer wohlgefällig. Danken Sie Ihm, und Er wird Ihnen neue Wohltaten erweisen, wie es seiner Natur entspricht. Je mehr man Ihm für seine Gaben dankt, um so reichlicher teilt Er sie aus. Befolgen Sie diesen Rat und Sie werden es selbst erfahren, daß Gott die Liebe ist. Nun leben Sie wohl, Schwester Anna von Jesus!

Wenn Sie auch jetzt für vieles sorgen müssen, so vergessen Sie sich selbst nicht dabei.
Der Herr in seiner Macht wird Ihnen in allem zu Hilfe kommen. Also, noch einmal, leben Sie wohl, Schwester Anna! Möchten wir uns im Himmel in der seligen Gesellschaft des Jesuskindes und seiner hl. Mutter Maria wiedersehen!

              Bruder Franz vom Kinde Jesus, unwürdig dieses Namens.»

Das Jesuskind schien wirklich mit seinem wunderbaren Schutz dafür Sorge zu tragen, daß die Reise gut vonstatten ging. Im Jahr 1604 kamen Anna und fünf spanische Karmelitinnen in Paris an, um das erste Haus der Reform zu gründen. Anna nahm selbst die Leitung in die Hand. Unvergleichlich rasch entstanden neue Niederlassungen in Pontoise und Dijon. Am 30. Dezember 1606 begab sie sich mit zwei Schwestern nach Brüssel. Bevor sie Dijon verließ, schenkte sie der jungen Kommunität einen Stock, den die hl. Theresia bei ihren Reisen bei sich getragen und mittels dessen sich wunderbare Heilungen ereignet hatten und einige hölzerne Statuen des Jesulein, die sie aus Spanien mitgebracht hatte. Eine von ihnen nahmen die Schwestern 1619 zur Gründung des Karmels von Beaune mit, wo sich noch eine zweite Jesuleinstatue befindet, die ebenfalls von den spanischen Gründerinnen stammt. Das Jesuskind aber, das sie von Bruder Franziskus vor vielen Jahren erhalten hatte, nahm sie auf alle Stiftungsreisen mit und folgte damit dem Beispiel der hl. Mutter Theresia.

Es fehlen uns weitere Berichte über ihre Begegnung mit dem Jesuskind. Aber wir können
sicher annehmen, daß Es sich ihr auch in Brüssel gezeigt hat oder daß sie wenigstens innerlich, im Herzen und im Geiste, seine Gegenwart erfahren durfte. War es nicht das Jesuskind, das sie ständig anrief, in den geheimnisvollen Strom der Gnade zu treten, der ihre Seele mit immer reicheren und wunderbareren Bildern durchzog? In seinem Anblick enthüllte sich ihrem schauenden Innern tiefer und umgestaltender das Geheimnis Christi, in dem sie den Sinn ihres Lebens gefunden hatte. Und war es nicht das Lächeln des hl. Kindes, das die Leiden und Mühen ihrer letzten Jahre tröstete und linderte? In Ihm öffnete sich ihr die Ewigkeit. In Ihm fand sie die Erfüllung ihres Lebens.

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Der hl. Johannes vom Kreuz

Die Andacht zum Jesuskind wurde nicht nur von den Karmelitinnen als heiliges Vermächtnis ihrer Mutter und Gründerin übernommen, sie bestand von Anfang an auch unter den Unbeschuhten Karmeliten und zwar mehr oder weniger unabhängig von einen) direkten Einfluß der Heiligen, ein Zeichen, daß es sich um einen typischen Ausdruck karmelitischer Spiritualität handelt. Ähnlich wie die Knospe in ihrer Frische und Anmut in sich die Schönheit des Blütenkelches schließt, bildete das Geheimnis der Kindheit des Herrn für den Karmel das verborgene Gefäß, das in sich bereits das Mysterium des ganzen Christus enthält. Nur der Glaube vermag seinen ganzen Inhalt zu erfassen, und dieser schlichte, kindliche Glaube ist von jeher im theresianischen Karmel zu finden gewesen.

Es kann kein Zweifel bestehen, daß für Johannes vom Kreuz Christus in) Mittelpunkt des inneren Lebens stand. «Pater Johannes», bezeugt P. Martin vom hl. Josef, «war unaufhörlich mit Unserem Herrn beschäftigt, denn seine Liebe zu Ihm war übergroß». Mutter Anna vom hl. Albert erhielt von ihm die einzigartige Zusicherung: «Meine Tochter, ich trage immer im Innersten meiner Seele das Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit und dort ist es, wo mein Herr Jesus Christus will, daß ich Sie hinführe.» Das Leben des Herrn, einschließend seine heiligste Kindheit, war für ihn ein unerschöpfliches Thema des liebeglühenden Herzens.
«Il est frappant de voir avec quelle verite il ne se contentait pas de mediter ces mysteres,
mais les realisait en lui-meme. Bien des nuances sont fournies, à cet égard, par les temoins.»" An jenem Weihnachtsfest erneuerte sich in ihm der Gedanke an die Menschwerdung Gottes in so erhabener und wunderbarer Tiefe, daß er diese Tage wie außer sich vor Freude und in innerer Seligkeit verbrachte, ohne seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten als auf die Geburt des göttlichen Kindes.

Entsprechend dem Geschmack des spanischen 16. Jahrhunderts veranstaltete er Prozessionen durch die Kreuzgänge oder von Zelle zu Zelle, und nicht selten wurden sie von Tamburinen, Geigen, Flöten, Kastagnetten und Schalmeien begleitet. Er wollte, daß ihn die Brüder dabei nachahmten, um sich mit ganzer Seele der Feier der Geburt des Jesuskindes hinzugeben. Einer der ersten Biographen des Heiligen, P. Alfons von der Muttergottes, hat uns ein sprechendes Zeugnis der Weihnachtserwartung und Weihnachtsfeierlichkeiten im Konvent von Granada hinterlassen. Er schreibt, daß der Heilige «diese Nacht immer in einem geistigen Entzücken feierte. Aus dem, was er einmal in Granada tat, als er dort Prior war, kann man schließen, was er sonst bei diesem Anlaß zu tun pflegte. Wenn die Nacht der hl. Geburt herangekommen war, ließ er (eine Statue) der Muttergottes auf eine Trage heben und sie auf den Schultern durch das Kloster tragen, wobei sie von dem Diener Gottes und den ihm folgenden Brüdern begleitet wurde. An den Türen baten sie um Herberge für ihre Herrin, die nahe daran war, ein Kindlein zu gebären, und für ihren Bräutigam, denn beide kamen von der Reise. Als sie an der ersten Tür haltgemacht hatten, sangen sie folgende, vom Heiligen selbst verfaßte Strophe:

             «Das göttliche Wort, trägt die Jungfrau im Schoß,
             sie kommt von der Reise und bittet um Obdach.»

Dieser Vers wurde an einer jeden Tür gesungen. Die Religiosen, die dort verteilt warteten, hatten darauf abweisend zu antworten. Der Heilige erklärte ihnen dann mit den zartesten Worten, wer die Fremden seien, die um Aufnahme baten und sprach von der jungen Frau, die nahe war, ein Kindlein zu gebären, vom schlechten \Vetter, von der späten Stunde. Seine Worte verrieten eine abgrundtiefe Liebe, die die Herzen aller, die ihn hörten, rührten. Auf diese Weise prägte er ihren Seelen dieses Geheimnis ein und zugleich eine große Gottesliebe». Es schien, daß er ihnen wie der Evangelist Johannes das mitteilen wollte, «was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und mit unseren Händen berührt haben vom Wort des Lebens».

Johannes vom Kreuz liebte aus ganzem Herzen die Statue des Jesuskindes im Konvent von Granada, und nicht selten sprach er über dieses Kind zu den Unbeschuhten Karmelitinnen, wie uns Maria vom Kreuz, die spätere Stifterin des Klosters von Ubeda, überliefert hat". Sie erzählt außerdem, daß der Heilige einmal im Sprechzimmer das Jesuskind in seine Arme nahm und in ekstatischer Seligkeit mit Ihm zu tanzen begann. Dabei sang er auf die Melodie eines Volksliedes:

«Mein süßes, zartes Jesulein: Wenn Lieb mich töten soll, so mög' es jetzt geschehen».
Noch heute wird in dem kleinen hl. Johannes-vom-Kreuz-Museum in Ubeda diese Statue des Jesuskindes gezeigt, die mit ihrem lieben Lächeln das Herz des mystischen Doktors so tief berührte, daß ihm die Wirklichkeit entschwand und er bereits die Freuden des ewigen Lebens zu kosten schien.

Aus der Zeit seines Rektorats in Baeza wird berichtet, daß er das göttliche Kindlein und die Jungfrau-Mutter zur Weihnachtszeit besonders verehren wollte. Auch dort führte er feierliche Prozessionen ein, die das hl. Kind zur Weihnachtskrippe trugen, die in der Klosterkirche hergerichtet worden war. Sicher begnügte er sich bei diesen Gelegenheiten nicht nur damit, eines oder mehrere der noch heute überall in Spanien erklingenden «villancicos» zu singen. Sein von Glaube, Liebe und Anbetung durchlichteter Blick war so tief in das Inkarnationsmysterium gedrungen, daß er seinem Empfinden nur durch das Gedicht Ausdruck verleihen konnte. Ein Beweis dafür sind neun eindrucksvolle Romanzen aus seiner Kerkerhaft in Toledo, in denen er die «Geburtsgeschichte Jesu» in ihrer inneren, göttlichen Entwicklung darzulegen versuchte, bis in der letzten Romanze die historische Realität aufbricht:

  »Da nun die Zeit war, daß der hehren Frucht der Jungfrau Schoß genese,
Trat gleich einem Neuvermählten Er aus seinem Schlafgemache
Seine Braut am Arme hebend.
Und die hochbeglückte Mutter Legt ihn dort im kalten,
engen Stall in eine Krippe nieder, Wo der Tiere Hauch Ihn wärmet.
Menschen singen Freudenpsalmen, Und es tönt das Lied der Engel
Zu des hohen Tages Feier, der die Braut dem Sohn vermählt.
Während in der harten Krippe Gott als Kindlein weint und wimmert,
Weil die Braut zur Morgengabe Weh Ihm mitgebracht und Tränen.
Und die Mutter staunt, entsetzt sich Ob des unerhörten Wechsels,
Daß Gott weint des Menschen Tränen, Da in Himmelslust der Mensch schwebt,
Was dem einen und dem anderen Sonst so fremd zu bleiben pflegte.»

Vielleicht wird man verwundert fragen, wie eine solch schlichte Frömmigkeit mit der hohen mystischen Theologie des Doktors «de las nadas» zu vereinen ist. Hatte Johannes vom Kreuz nicht immer wieder betont, daß sich die Seele von allen sinnlich wahrnehmbaren Bildern loslösen muß, um der Tätigkeit des reinen Geistes freie Bahn zu lassen?

Man darf den Heiligen in diesem Punkt nicht falsch verstehen. Ein sich innerlich Freimachen vom Bild ist nicht mit einem grundsätzlichen Ablehnen des Bildes gleichzusetzen. Darum betont er im Aufstieg zum Berg Karmel, daß er nicht zu jenen «Bilderstürmern» gehöre, «die den Augen der Gläubigen den heiligen und notwendigen Gebrauch und die andächtige Verehrung der Bilder Gottes und der Heiligen entziehen wollen. Im Gegenteil, unsere Doktrin ist von der ihren sehr verschieden, denn wir behaupten durchaus nicht, daß keine Bilder bestehen dürfen und diese nicht verehrt werden sollen... (Doch) wir wollen, daß sich die Gläubigen der gemalten Bilder in der Weise bedienen, daß sie ihnen kein Hindernis bilden, um sich dem lebendig Dargestellten zuzuwenden, und daß sie sich bei ihnen nicht mehr als notwendig aufhalten, um sich zu den Dingen des Geistes zu erheben».

Der Heilige hebt damit deutlich hervor, daß die bildliche Darstellung ein Mittel sein soll, um sich Gott zuzuwenden, Ihn zu ehren und zu lieben, weil beim Betrachten des Bildes leicht Gefühle der Andacht in der Seele erwachen können. Es wäre aber falsch, wenn man diese Andacht auf das Bild selbst beziehen würde. Das Entscheidende ist die Weise, wie man das Bild betrachtet.

«Alle Dinge erfüllen ihren Zweck nur, wenn durch sie Gott besser gekannt und mehr geliebt
wird». Diese Norm gilt auch für die bildliche Darstellung, des Jesulein, da durch sie der Zugang zum Geheimnis der Menschwerdung Gottes offen steht.

So wollte Johannes vom Kreuz durch Beispiel und Belehrung den ersten Unbeschuhten Karmeliten dazu helfen, das geheimnisvolle Glück auszukosten, das in das gläubige Herz dringt bei der Betrachtung des Jesuskindes in Bild oder Statue. Sie lernten sich der süßen Erfahrung hinzugeben, daß im Weihnachtsgeschehen alles einfache, schlichte Liebe ist und daß alles von beglückender Armut und wahrer Innigkeit getragen wird. Und sie fühlten, daß vom Bild des Jesuskindes ausgehend sich sanft ein unsagbarer Friede in ihr Inneres senkte, in dem sie immer mehr von der wunderbaren Liebesmacht Gottes umfangen wurden. Nicht umsonst wurde schon sehr bald in den Noviziatshäusern der Brauch eingeführt, an jedem Freitag die Namen-Jesu-Vesper zu beten, um dadurch dem göttlichen Kind kindliche Liebe darzubringen. In der Instructio Novitiorurium heißt es: «Freitags, am vier Uhr nachmittags, vereinigen sich die Brüder in ihrem Oratorium, das besser als gewöhnlich hergerichtet und geschmückt sein soll. Sie beten dort die Vesper des allersüßesten Namens Jesu, wobei der Pater Novizenmeister den Vorsitz führt. Falls er durch eine dringende Verpflichtung verhindert sein sollte, hat er für einen Vertreter zu sorgen. Es ist üblich, daß diese Vesper in geruhsamer Andacht gebetet werde, damit sie ungefähr eine halbe Stunde dauere».

Auf diese Weise sollte den jungen Novizen Gelegenheit geboten werden, über die Geheimnisse
der Kindheit Jesu nachzudenken. «Am Fest der Beschneidung des Herrn wird diese Vesper gesungen», fügt die Instructio Novitiorum hinzu, «und die Assistenten tragen die festtäglichen Paramente.» Die Andacht zum allerheiligsten Namen Jesu «ist ganz besonders jenen Seelen eigen, die erst kürzlich zum geistlichen Leben geboren wurden, ,Dein Name', sagt die Braut, ,ist wie ausgegossenes Salböl'. Es ist die Heilsalbe, die in die Wunden
- die sie aus der Welt mitgebracht haben - gegossen wird, um sie zu heilen und vernarben zu lassen Sicher ist in diesen Zeilen ein Echo der Belehrungen und der Geistigkeit des hl. Johannes vom Kreuz zu hören, so wie die ganze Instructio irgendwie seine Normen zum innerlichen Leben wieder spiegelt.

Auch im Traktat von Pastrana oder dem Traktat über das innerliche Leben lesen wir: «Im
Gefühl einer immerwährenden Dankbarkeit müssen wir die Geburt, das Leben und den Tod unseres Herrn Jesu Christi verehren und uns bemühen, Ihn in allem nachzuahmen und uns in seine Fußstapfen zu begeben.» Und an anderer Stelle: «Inmitten heftiger Stürme, ja im Wirbelwind der Leiden, sowie auch bei allen anderen Gelegenheiten ist es gut, mit frommem Gemüt den süßesten Namen Jesu anzurufen. Er wird die stürmischen Wogen der Traurigkeit und der Angst besänftigen. Er wird die Härte glätten, die sich scheinbar unserer Herzen bemächtigt. Und Er wird die Finsternis vertreiben, die unseren Verstand verdunkelt.

,Oleum effusum nomen tuum', ruft die Braut im Hohenlied aus. Das Öl besitzt wahrhaftig
die drei Eigenschaften, die wir dem allerheiligsten und süßesten Namen Jesu zuschreiben. Ich bitte euch und ich befehle euch sogar, dieser Andacht sehr zugetan zu sein.»

Wir möchten hier noch kurz auf P. Hieromymus Gracian von der Muttergottes hinweisen, der ebenfalls im Noviziat von Pastrana ein christozentrisches Fundament erhalten hat, das später im Kontakt mit Theresia von Avila mit eigenen Gedanken und neuen Erfahrungen bereichert und bewußter vertieft wurde. In den schweren Jahren seiner Sklavenschaft in Tunis wurde ihm die Gnade zuteil, die selige Jungfrau mit dem Jesuskind auf den Armen zu sehen und wunderbaren Trost aus dieser Vision zu empfangen. Immer mehr verstand er die Bedeutung der heiligsten Menschheit Christi im übernatürlichen Leben. Als er später seine Erfahrungen in seinem Werk Vida del alma niederlegte, bekennt er sich zu einer Gegenwart Christi in der Seele in allen Stadien des übernatürlichen Aufstiegs, und zwar nicht nur einer Gegenwart seiner Gottheit, sondern ; "viel höher und herrlicher ist die Beschauung der Menschheit (Christi) mit seiner Gottheit verbunden... Diese ist die höchste Kontemplation der Seele, solange sie sich in diesem Leben befindet, und um diese müssen wir uns bemühen.»

Es ließen sich noch andere Beispiele anführen. Wir wollen aus ihnen aber nur den bereits
erwähnten Laienbruder Franziskus vom Kinde Jesus auswählen, der durch seine Verehrung des Jesuskindes schon zu Lebzeiten in Spanien berühmt war, und einen kurzen Blick auf Bruder Johannes vom hl. Joachim werfen.

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Bruder Franziskus vom Kinde Jesu

Das ganze Leben des ehrw. Bruder Franziskus vom Kinde Jesu ist von dem Verlangen nach Innerlichkeit im Vertrauen auf die alles heilende und wunderbare Kraft des göttlichen Kindes gekennzeichnet. Er wurde 1544 in Villacpalacios im Erzbistum Toledo geboren. Seine Eltern waren arme, aber rechtschaffene Leute, die ihm eine christliche Erziehung gaben. Ungefähr bis zu seinem 24. Lebensjahr blieb er im Elternhaus. Obwohl er fromm und gehorsam war, fiel er seinem Vater doch recht zur Last infolge seiner Ungeschicklichkeit und langsamen Auffassungsfähigkeit. Alles, was ihm angeordnet wurde, verstand er falsch, so daß man nur sehr wenig Hilfe von ihm erwarten konnte.

Eines Tages nahm ihn einer der Hirten seines Vaters nach Alcala mit, wo er lange Stunden
vor dem Allerheiligsten verbrachte. Als der Küster seine Frömmigkeit sah, erbat er sich ihn als Gehilfen, und Franziskus, den man zu dumm gehalten hatte, um mit Meißel und Hebel zu hantieren, konnte sich jetzt eines Amtes rühmen, das scheinbar seinen natürlichen Fähigkeiten zu entsprechen schien. Aber leider dauerte es nicht lange. Bald mußte der Küster feststellen, daß sein Gehilfe untauglich war. Da inzwischen eine Stelle im Krankenhaus frei geworden war, blieb Franziskus nichts anderes übrig, als die hl. Stille der Kirche mit den Mühen eines harten Lebens im Dienst der Kranken und Armen zu vertauschen.

In der ersten Zeit hatte er die gröbsten Arbeiten auszuführen. Aber bald erkannte man die reichen übernatürlichen Gaben des Jünglings, der zu einem wahren Segen für das Krankenhaus wurde. So legte man nach und nach die ganze Verantwortung auf seine Schultern.

Franziskus hatte dafür zu sorgen, daß das Hospital mit Geld und Lebensmitteln versorgt wurde. So ging er mit einer großen Kiste auf Almosenreisen. Auf die Kiste hatte er eine Holzstatue des Jesuskindes anbringen lassen, die er im Krankenhaus gefunden hatte. Er wollte damit zum Ausdruck bringen, daß das göttliche Kind seine ganze Hoffnung und Zuversicht sei. Bevor er die Reise antrat, hielt er eine andächtige Zwiesprache mit diesem Jesulein, bat es um seinen Segen und um die Gnade, sein Amt gut auszuführen. Wenn er dann heimkam, legte er alles zu Füßen des Jesulein und flehte Es an, die Almosen doch verdoppeln zu wollen. Alles, was er erhalten hatte - und das war oft ein reiches Ergebnis -, nannte er das Erbe oder den Schatz des göttlichen Kindes.

Jedes Jahr, wenn sich das Weihnachtsfest näherte, wollte er dem Jesuskind einen besonderen
Beweis seiner Liebe und seines Vertrauens schenken. Er lud alle Armen der Stadt Alcala und der Umgebung zu einem festlichen Mittagessen ein, für das das hl. Kind alles Notwendige zu besorgen hatte. Mit kindlicher Unschuld kniete er vor seiner Statue nieder und sagte seinem kleinen Heiland:

«Mein lieber Herr. Dein Geburtstag ist nahe und wir wollen Deinen Armen ein gutes Mittagessen bereiten. Die Verkäufer haben mir versprochen, daß sie mir alles geben wollen, was dazu notwendig ist. Aber es liegt in Deiner Hand, dafür Sorge zu tragen, daß alles regelrecht bezahlt werden kann...» Tatsächlich schickte das Jesuskind auch immer die erwünschten Geldmittel, so daß Franziskus einen Teil davon den armen Klöstern zukommen lassen konnte.

Dabei ereigneten sich nicht selten ans Wunderbare grenzende Zwischenfälle. Einmal
hatte Franziskus am Vorabend des Weihnachtsfestes nicht einen Groschen in der Tasche. Mit aller Inbrunst betete er in der Kirche zum Jesuskind. «Herr, unser Fest ist nahe», beklagte er sich bei seinem himmlischen Schatzmeister, «und die Schar Deiner Armen wartet auf ein gutes Essen. Diesmal hat mir niemand etwas gegeben. Es kommt mir vor, daß mich alle vergessen haben». Dann gab er sich vertrauensvoll den üblichen Vorbereitungen hin, als ob er steinreich wäre.

Es dauerte nicht lange, daß er an der Pforte des Hospitals heftig klopfen hörte. Er eilte hin, um zu öffnen. Von draußen hörte er die Stimme eines Unbekannten: «Gelobt sei das Jesuskind. Nimm dieses Almosen und stehe nicht davon ab, das Mittagessen zu bereiten». Noch bevor ihm Franziskus danken konnte, war der Wohltäter verschwunden. Im Paket fand er viele wertvolle Goldmünzen, die er voller Dankbarkeit den anderen zeigte.

Eines Tages, kurz vor Weihnachten, kehrte Franziskus aus Madrid zurück und begegnete auf der Landstraße einem Bauern mit zwei Ochsen und fragte ihn, ob er ihm einen der beiden Ochsen verkaufen wolle. Der Bauer willigte ein und Franziskus händigte ihm die geforderte Summe aus. Dann ersuchte er ihn, den Ochsen zum Krankenhaus nach Alcala zu bringen, ohne den geringsten Zweifel zu hegen, daß der Mann ihn betrügen könnte. Das Jesuskind sorgte aber dafür, daß alles zum guten Ende kam, wie es anschaulich ein Bericht aus dem Jahr 1726 darlegt:

«Nach empfangenem Geld lachte der Bauer heimlich den einfältigen Bruder aus, daß er einem unbekannten Menschen das Geld gegeben und doch keinen Ochsen bekommen hatte. Er beschloß ihm weder den Ochsen noch das Geld zurückzugeben. Da aber die Zeit, den Ochsen zu brauchen, herangekommen war, hat selbiger sich mit Gewalt losgerissen und ist von freien Stücken nach Complut geraden Wegs zum Bruder Franziskus gelaufen. Der Bauer ist zwar nachgefolgt, hat ihn aber nicht wiederbekommen als an der Schlachtbank. Er bekennt dort seine Schuld, wird aber von Bruder Franziskus alsbald mit in die Kirche vor das Hochwürdige Sakrament geführt, allwo er Franziskus demütigsten Dank gesagt wegen des geschehenen Wunders. Der Bauer hat sich aber reumütig angeklagt und Besserung versprochen. Hieraus ist unschwer anzunehmen, wie artig genannter großer Diener Gottes gewußt hatte, vorgesagter Maßen die zweifache Andacht zu vereinbaren: und wie er recht verstanden, wo das wahre Jesuskindlein jetzt von uns zu suchen und anzutreffen sei, nämlich im Heiligsten Sakrament. Daher finde er sich vor diesem mit so lebhaftem Glauben und Vertrauen ein, als sähe er seinen Jesum mit leiblichen Augen.»"

Franziskus blieb 27 Jahre in Alcala und opferte sich ganz dem Dienst der Armen und Kranken. Doch fühlte er in seinem Herzen einen geheimen Drang nach einem vollkommeneren Leben. Innig flehte er zu Gott um Erleuchtung. Und der Herr erhörte sein Gebet und offenbarte ihm, daß er in den Orden Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel eintreten werde.

Doch zunächst mußte ein großes Hindernis aus dem Weg geräumt werden. Franziskus
stand in hohem Ansehen am königlichen Hof und erhielt reiche Almosen von Philipp III. und seiner erlauchten Gemahlin. Wie sollte er also dem König seinen Entschluß mitteilen?

Im Vertrauen auf sein Jesulein begab er sich unverzüglich nach Madrid. Als er zur Audienz zugelassen wurde, legte er sein Anliegen dar: «Unser großer Bruder - so pflegte er gewöhnlich den König zu nennen -, mit Eurer gütigen Erlaubnis sage ich Euch, das Jesuskind hat mich erkennen lassen, daß Ihm besser gedient wird, wenn wir den Habit der Unbeschuhten Karmeliten Unserer Lieben Frau vom Karmel anlegen.»

«Das ist eine Versuchung des bösen Feindes», gab ihm der König zur Antwort, «denn er will das viele Gute verhindern, das Ihr den Armen tut.»

«Ich bin aber überzeugt, daß meine Absicht dem Jesuskind wohlgefällig ist. Darum habe ich das Gelübde abgelegt, Ordensmann zu werden», erwiderte Franziskus.

Doch der König ließ den Einwand nicht gelten. Er solle keine Skrupel wegen des Gelübdes haben, denn er würde es vom Papst lösen lassen. Und um ihn von allen Befürchtungen zu befreien, ordnete er den angesehensten Theologen an, sich des Falls anzunehmen. Der Entscheid fiel natürlich zugunsten des Königs aus, und Franziskus blieb nichts anderes übrig, als sich diesmal demütig zu unterwerfen.

War es wirklich der Wille seines Jesuskindes, daß er Ihm in den Armen diene? Eines Tages, als er sich mit Ihm im innerlichen Gebet unterhielt, fühlte er einen unwiderstehlichen Drang nach dem Leben im Karmel. Immer glühender wurde sein Wunsch, der Welt zu entsagen. In seiner inneren Bedrängnis nahm er Zuflucht bei seinem kleinen König. Sollte es wirklich nicht der Wille Gottes sein, daß er Laienbruder im Karmel werde, so möge das Jesuskind doch wenigstens dafür sorgen, daß in seine geplagte Seele wieder der Friede einziehe. Aber die Stimme Gottes ließ sich klar hören: sein Schicksal war, in den reformierten Karmel einzutreten.

Er erschloß seinen Seelenzustand dem Pater Prior in Madrid. Man hätte ihn gern aufgenommen, doch sein Alter - er hatte die Fünfzig überschritten - schien ein neues Hindernis zu bilden. Eine Vision der Muttergottes und ihres göttlichen Sohnes beseitigte aber bald die letzten Schwierigkeiten. Am 8. April 1598 öffnete sich ihm die Pforte des Madrider Konvents und er erhielt den Namen Franziskus vom Kinde Jesu, was sicher kein bloßer Zufall war. Die Oberen kannten seine Verehrung des göttlichen Kindes und seine Vorliebe für das Geheimnis der heiligsten Kindheit des Herrn. Da ihm der Hl. Geist diese Andacht eingegossen hatte, um durch sie sein Leben zu heiligen, wollten seine Oberen, daß er durch seinen Namen dieser Liebe seines Herzens Ausdruck verleihe und daß dieser ihn stets daran erinnere, seine Liebe zum Jesuskind möge ständig wachsen. Bis zu seiner Profeß, die er im folgenden Jahr in die Hände des Hochw. Pater Generals ablegte, hörte er nicht auf, dem Jesuskind für die Gnade zu danken, ihn in den sicheren Hafen des Karmels geführt zu haben.

Seine Liebe zum Jesuskind war so tief und lebendig eingewurzelt in seinem Herzen, daß dies aus all seinen Worten und Werken ersichtlich wurde. Es kam fast niemals vor, daß er in seinen Gesprächen nicht das Jesulein erwähnte und Es mit den zärtlichsten Ausdrücken seiner Liebe pries. Er erzählte von den wunderbaren Gunstbezeugungen, die er von dem hl. Kind empfangen hatte, oder er spornte an, das Jesuskind inniger zu lieben und fest auf seine Hilfe zu vertrauen.

Weihnachten war für ihn eine Reihe von Tagen allerseligster Freude und Süßigkeit. Zu seiner Zeit war es noch nicht allgemeiner Brauch, ein Kripplein aufzustellen. Aber Bruder Franziskus wartete nicht, bis es allgemein üblich wurde. Bereits im Krankenhaus von Alcala hatte er in der Kirche eine Krippe hergerichtet und zahlreiche arme Leute um sich versammelt, um mit ihnen, die er die Soldaten des Jesuskindes nannte, ein Freudenfest zu veranstalten. Man sang fromme Lieder und tanzte, wie es in Spanien Brauch ist. Als Karmelsnovize kannte seine Weihnachtsfreude keine Grenzen. Am Kripplein sang er nicht nur Lieder zu Ehren des göttlichen Kindes und seiner gebenedeiten Mutter oder des hl. Josef und der Hirten. Auch Ochs und Esel wurden in frommen Liedern begrüßt, als ob er sie um das Glück beneidete, beim neugeborenen Kind Wache zu halten.

Im Noviziat hatte er einen Mitbruder, Johannes vom Elend, der mit ihm um den Erwerb
der karmelitischen Tugenden eiferte. Bald entspann sich ein heiliger Wettstreit zwischen beiden. Sie forderten sich gegenseitig heraus, das Jesuskind oder seine heiligste Mutter tiefer zu lieben. Bruder Franziskus wandte sich natürlich zum göttlichen Kind. Aber durch den Anblick des Jesulein fühlte er sich gezwungen, auch dessen seligste Mutter zu lieben und zu verehren. Bruder Johannes ging zu Maria, und Maria erinnerte ihn daran, daß sie uns Jesus geboren hatte und wir uns dem Herrn durch sie nähern müssen. So hatten beide im Grunde genommen die gleiche Liebe, die sich nur in verschiedener Weise äußerte.

Am Anfang seines Ordenlebens hatte Franziskus im Auftrag der Oberen ein Haus für bekehrte Sünderinnen in Valencia gestiftet. Von allen Seiten kamen diese armen Unglücklichen und suchten ein Heim, wo sie ihr Elend vergessen konnten. Das Jesulein sorgte auch hier wunderbar für den notwendigen Lebensunterhalt. Es hatte seinem treuen Diener die Versicherung gegeben, solange die Stadt diesem Haus mit Lebensmitteln und Geldspenden helfe, werde sie von der Pest bewahrt bleiben. Und so geschah es auch wirklich. In einer Versammlung des Stadtrates, bei der Franziskus um eine Gunst bat, konnte er die Herren an diese Versicherung erinnern: «Brüder, das Jesuskind hat sein Wort gegeben, daß die Stadt von der Ansteckung frei bleibe... Sein Wort kann nicht lügenhaft genannt werden...» Und er erhielt das Gewünschte, denn gegen die Autorität des Jesuleins wagte niemand einzuschreiten.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Madrid. Sie waren ausgefüllt mit Danksagungen und Lobpreisungen des göttlichen Kindes. Wenige Tage vor Weihnachten mußten die Ärzte feststellen, daß Franziskus infolge von Seitenschmerzen stark aufgeschwollen war. Er hatte immer gewünscht, an einer derartigen Krankheit sterben zu dürfen und auch das himmlische Kind um diese Gnade gebeten. «Auf diese Weise», sagte er, «bleibt man bei Verstand und kann bis zum Ende mehr leiden für das Jesuskind.»

Am Weihnachtsabend sah man, daß sich seine letzte Stunde näherte, und er empfing die hl. Sterbesakramente. Dann bat er P. Prior, seinen besten Freunden, dem König und der Königin, sowie dem Patriarchen von Valencia und dem Nuntius einen Abschiedsbrief schreiben zu lassen. Der Brief an den König und die Königin beginnt mit den Worten:
«Jesus, Maria, Josef.
An unsere vielgeliebten Brüder in der Liebe des Kindes Jesu: Unseren ältesten Bruder (den König) und Margareta, unsere Schwester (die Königin), die ich beide wahrhaftig liebe und für die ich innig zum Jesuskind bete, damit Es sie zu großen Heiligen mache.»

Und dann folgt der Text, in dem er den König ermahnt, «mit dem Jesuskind vereint zu bleiben», das ihn wohl «in diesen Feiertagen holen wird». Darauf bittet er ihn: «Vergiß niemals unseren hl. Orden und unterstütze ihn, so wie es Dein Vater (Philipp II.) getan hat. Hilf ihm in jeder Not und in allen Schwierigkeiten und beschütze ihn im Verein mit unserem Hl. Vater, dem Papst, zu aller Zeit. Tue ein Gleiches, mein ältester Bruder, auch für die Seligsprechung unserer hl. Mutter Theresia von Jesus, sowie für alles übrige, um das Dich unsere Oberen hilfesuchend anflehen...

ich bitte Eure Majestäten, auch für dieses Haus Sorge tragen zu wollen und meinen Mitbrüdern
in allen ihren Bedürfnissen beizustehen, selbst dann, wenn ich nicht mehr sein werde; denn es ist viel besser, dies aus Liebe zum (Jesus)Kind zu tun als aus Liebe zum Bruder Franziskus. Ich bin ja nichts anderes als ein wenig Asche, ein Nichts, und als solches stelle ich mich beim Jesuskind vor...

Mein ältester Bruder, ich muß es Dir jetzt bereits sagen, denn nachdem mich Gott von dieser Welt heimgeholt hat, kann ich nicht mehr zurückkommen, um Dich zu ermahnen... immer bedacht und mildtätig zu den Armen zu sein, denn Gott der Herr will Dich durch sie in den Himmel führen. Ich vertraue aufs Jesuskind, daß Es mich dorthin bringt, wo ich für Deine Majestät und für unsere Schwester Margareta, für die hl. Kirche und das Königreich, das Du zu lenken hast, beten kann...

Lebt wohl, meine Brüder!                  Madrid, am Tag vor Weihnachten, 1604
               Bruder Franziskus vom Kinde Jesu dieses Namens unwürdig»

Der König empfand einen süßen Trost, als er den Brief des demütigen Bruders las. Die Königin erhielt eine hölzerne Statue des Jesulein, die Franziskus lange Zeit verehrt hatte. Inzwischen hatte die letzte Agonie des armen Kranken begonnen. Er litt entsetzliche Schmerzen, und sein Herz wurde von bitterster Verlassenheit beklemmt. Doch in diesen Todesleiden fühlte er eine wunderbare innere Freude. Er sang dem Jesulein, dessen Statue man ihm gebracht hatte, und seiner gebenedeiten Mutter fromme Lieder oder gab mit zärtlichen Liebesrufen Empfindungen seines kinderreinen Herzens Ausdruck. Am Sonntag, den 26. Dezember, gab er seine unschuldige Seele Gott zurück. Er war 60 Jahre alt. Bald drang der Ruf seines einzigartigen, heiligmäßigen Lebens in alle Welt. Der hl. Alphons von Liguori weist auf den stillen Bruder als ein Vorbild der Liebe zu Jesus im allerheiligsten Sakrament.

Bruder Franziskus gehörte nicht zu den Menschen, die eine reiche natürliche Begabung mit sich bringen. Im Gegenteil, der Mangel an Talenten und Geistesgaben war die Ursache vieler Leiden und Mißverständnisse. Aber er war großmütig und rechtschaffen, und daraus entstand eine solche liebenswürdige Einfachheit, daß er die Herzen aller eroberte. Männer von hohem Ansehen kamen zu ihm, um seinen Rat zu erbitten und waren oft zutiefst erstaunt über die Weisheit und Einsicht dieses schlichten Laienbruders. Der Patriarch von Valencia besprach oft mit ihm seine persönlichsten Angelegenheiten und schätzte seinen Rat weit höher ein, als die Meinung aller seiner Prälaten. Ganz ähnlich urteilte der päpstliche Nuntius in Madrid, Camillus Cajetanus, und behandelte ihn wie seinen besten Freund.

Bruder Franziskus war es gleich, ob er mit einem Fürsten oder mit einem Bettler zu tun
hatte. Doch galt seine Vorliebe den Kleinen und Unwissenden, deren Nähe er aufsuchte, um sie zu unterrichten und anzuspornen, aus Liebe zum Jesuskind gerne die Last ihres Standes zu tragen. Schon zu Lebzeiten wirkte er viele «Wunder», die ihn zu einer der populärsten Gestalten des spanischen 16. Jahrhunderts machten. Mit seiner schlichten Frömmigkeit und seinem unbegrenzten Vertrauen auf die Hilfe des göttlichen Kindes ist er eine typisch karmelitische Figur, die in sich den Geist der hl. Reformatorin verkörpert. Seine Heiligkeit ist ganz in der Schule des göttlichen Kindes gereift. Damit führt von ihm eine direkte Linie zu Theresia vom Kinde Jesu, die mit ihrem Weg der geistlichen Kindheit die heutige Welt von neuem für die Spiritualität des Karmels zu gewinnen wußte.

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Bruder Johannes von Jesus und vom hl. Joachim

Überall wo unter dem grenzenlosen südlichen Himmel Spaniens ein reformiertes Kloster gegründet wurde, begegnen wir einer Statue des Jesuskindes. Selbst in die hl. Zurückgezogenheit der Einsiedeleien hatte Es seine Schritte gelenkt. In «Las Nieves» und in «Bolarque», den beiden ersten «heiligen Wüsten» des reformierten Karmels, gab es neben silberhell plätschernden Quellen kleine Eremitenhäuser, von denen ein jedes seinen eigenen Patron besaß. So traf man auf eine Eremitage des hl. Josef, Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel, des Jesuskindes, des hl. Propheten Elias, usw. und jeder Eremit pflegte seinen Patron mit besonderer Liebe und Hingabe zu verehren. Wie viele Gnaden mag das hl. Kind wohl an diesen Stätten fast ununterbrochenen Schweigens und gottinnigen Gebetes ausgestreut haben! Sie bleiben im Schweigen des Geheimnisses verborgen!

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte sich das göttliche Kind wiederum ein karmelitisches Herz erobert, das für Es in selbstvergessener Hingabe schlagen wollte. Es war Johannes von Jesus und vom hl. Joachim - letzteres Prädikat hatte er sich aus besonderer Zuneigung zum Großvater des Jesuskindes selbst gewählt -, der als einfacher Laienbruder viele Jahre unermüdlich die staubigen Landstraßen Navarras durchzog und zur Verehrung des Jesuskindes aufforderte.

Er hatte 1590 in Anorbe, unweit von Pamplona, im Norden Spaniens, das Licht der Welt erblickt. Schon früh verlor er seinen Vater und die Mutter übergab ihn seinem Onkel. Don Juan Beltran de Leoz zur Erziehung, der ihn mit wahrer väterlicher Liebe umsorgte.

Der kleine Johannes bewies bald einen Zug zur Frömmigkeit. Besonders die Andacht zum Jesuskind hatte ihn ergriffen, so daß er oft an das göttliche Kind dachte und ihm alle seine kleinen Wünsche anvertraute. Da geschah es an einem Neujahrstag, als er sinnend die Felder durchwanderte und die Herden seines Onkels betrachtete, daß ihm ein wunderschönes Knäblein erschien und ihm sagte: «Heute mußt Du mir ein großes Fest bereiten!» Diese Vision hinterließ einen so tiefen Eindruck in seinem kindlichen Gemüt, daß er die Worte des holdseligen Kindes einfach nicht vergessen konnte. Obwohl er erst 10 Jahre alt war, beschloß er auf die Verehrung des Jesuskindes unter den Gläubigen zu drängen. Bis zu seinem Tod blieb er diesem Vorsatz treu, und «er selbst wurde zu einem der schönsten Beispiele der geistigen Kindschaft, die wir bis heute kennen und die durch die kleine Blume (Theresia vom Kinde Jesus) von Lisieux unsterblich gemacht wurde», bemerkt einer der größten Geschichtsschreiber des Karmeliterordens.

Kaum daß Johannes zum Jüngling herangewachsen war, als sein guter Onkel an eine
Vermählung mit seiner, ihm gleichaltrigen Tochter dachte. Johannes war ihr immer herzlich zugeneigt gewesen, und die beiden jungen Leute schienen so recht für einander geschaffen zu sein. Aber Johannes war weit davon entfernt, an eine Heirat zu denken. Er hatte in ihr immer nur die Gefährtin seiner kindlichen Spiele gesehen. Und zudem hörte er eine innere Stimme, die ihn zum Ordensstand rief. Darum bat er seinen Onkel, vorerst nach Pamplona gehen zu dürfen, ohne ihm einen klaren Entscheid zu geben. Er fügte nur hinzu, daß er eine gründliche Beichte vor der Hochzeit ablegen wolle.

Als er in Pamplona angelangt war, spürte er deutlich, daß Gott ihn in den Karmel rief. Nach einem kurzen, aber heftigen inneren Kampf läutete er an der Klosterpforte. Dem Pförtner sagte er schlicht und entschieden, er sei gekommen, um Karmelit zu werden. Es folgte ein langes, prüfendes Gespräch mit dem Novizenmeister, dem die ehrliche, einfache Art des jungen Mannes so gut gefiel, daß er ihn gleich dabehielt und ihm den Namen Johannes von Jesus gab. Obwohl diese Nachricht seinen Oheim nicht ganz unerwartet erreichte, löste sie in ihm doch eine starke innere Erschütterung aus, die ihn ans Krankenbett fesselte. Die Verwandten versuchten durch Drohungen und Gewalt den Schritt rückgängig zu machen. Aber alles war vergeblich. Johannes blieb im Orden und wurde ein vorbildlicher Novize und Religiose.

Viele Stunden der Nacht verbrachte er vor dem Allerheiligsten, denn der Tag mit der Küchenarbeit ließ ihm keine freie Zeit. Seinem von der Arbeit ermüdeten Körper gönnte er nur eine sehr beschränkte Ruhe auf einem harten Lager, ohne sich jemals auszukleiden. Er fühlte sich besonders zum hl. Joachim hingezogen, der einen Altar in der Karmelitenkirche von Pamplona besaß. Er wünschte, daß seine sterblichen Reste dereinst zu dessen Füßen ihre letzte Ruhestätte finden möchten. Durch die Fürsprache dieses Heiligen wirkte er wahre Wunder, so daß sich der Ruf seiner Gebetskraft bald verbreitete. Von allen Seiten kamen Bittsteller, Leidende und Betrübte, die sich seinem Gebet anempfahlen.

Es wird berichtet, daß eines Tages Don Duarte Fernandez von Toledo und Portugal, Graf von Oropesa, mit seiner erlauchten Gemahlin Dona Anna Monica von Cordoba, sich bei ihm vorstellte. Trotz ihres inständigen Verlangens hatte ihnen Gott bisher keine Kinder geschenkt. Die Ärzte hatten der Gräfin jede Hoffnung genommen, daß ihre Gesundheit die Geburt eines Kindes möglich machen würde.

Aber Fray Johannes, der die Gabe der Prophetie besaß, flößte den Gatten neuen Mut ein und forderte sie auf, eine Novene zu Ehren des Großvaters des Jesulein zu halten. Er selbst bat dann seinen Prior, das Alabasterjesuskind, das er im Konvent oft innig verehrt hatte, ins gräfliche Schloß tragen zu dürfen. Dort wurde das hl. Kind in einem Oratorium aufgestellt, gewissermaßen als Unterpfand des Versprechens des Grafen, das so sehnlichst erwartete Kind Joachim zu nennen. Tatsächlich schenkte die Gräfin genau neun Monate später einem gesunden Jungen das Leben.

Um die Andacht zum Jesuskind zu fördern und zu verbreiten, verteilte Bruder Johannes kleine Bildchen des hl. Kindes, was ihm eine besondere Freude bereitete. Seinem Eifer ist es auch zu verdanken, daß die Andacht bald begeisterte Anhänger fand. 1633 konnte er den lang gehegten Wunsch verwirklichen, in seinem Heimatdorf Anorbe am 1. Januar das Fest des göttlichen Kindes einzuführen, wozu er die bischöfliche Erlaubnis erhielt. Noch heute wird es in Anorbe in Erinnerung an den Diener Gottes gefeiert.

Bruder Johannes starb im September 1669, hochbetagt an Jahren und reich an Verdiensten.
Er war ein echter Sohn der hl. Theresia gewesen. Man brachte den offenen Sarg in die Klosterkirche, wo ihn eine unzählige Menge erwartete, die Gegenstände an seinem Körper berühren wollte. Wer sich etwas auf Malerei verstand, fertigte auch kleine Bilder des Diener Gottes an, von denen sich einige bis auf unsere Tage erhalten haben. Er ist eine der bekanntesten und beliebtesten Persönlichkeiten Navarras gewesen.

Mit diesem demütigen Karmelitenbruder endet die Reihe der Söhne und Töchter der hl. Theresia in Spanien, die vom Jesuskind besondere Gnaden empfingen und sich das Geheimnis der Kindheit Jesu zum Lebensinhalt gemacht hatten. Wir wollen deshalb unsere Schritte nach Italien, Frankreich und in die deutschen Länder lenken, um dort weiter zu verfolgen, wie sich die Andacht zum Jesuskind in der theresianischen Reform entfaltet hat und fruchtbar geworden ist.

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DAS JESUSKIND IM ITALIENISCHEN KARMEL

Die religiöse Lage und Stimmung des angehenden 17. Jahrhunderts in Italien war eine gute Vorbedingung, um den Zugang zu den geistigen Idealen des reformierten Karmels zu öffnen. Aus Spanien war der Ruf der großen hl. Theresia von Avila und damit eine Begeisterung für Mystik und mystische Probleme in alle Kreise gedrungen, und begnadete Seelen, wie Maria Magdalena de Pazzi, Katherina de Ricci oder hl. Philipp Neri hatten dazu beigetragen, daß sich das allgemeine Interesse an der Mystik erhöhte. Dazu kam, daß der Theatiner Lorenzo Scupoli (1530-1610) eine Art Manual für das innerliche Gebet verfaßt hatte, der berühmte
Geistliche Kampf’, das den hl. Franz von Sales tief beeinflußte. Die Orden waren zu einer
neuen Blüte durch Belebung ihrer alther gekommenen Ideale erwacht. Gleichzeitig eroberten sich neue Institute und Gründungen einen berechtigten Platz im katholischen Leben.

Mit der Gründung eines Konventes in Genua (1584) durch P. Nicolaus Doria hatte die theresianische Reform zum erstenmal die Grenzen der Iberischen Halbinsel überschritten und damit den Wunsch der hl. Theresia erfüllt, die ursprüngliche Regel des Karmels auch dort zu verbreiten, wo sie bisher unbekannt geblieben war. Bald erhoben sich jedoch auf spanischer Seite Stimmen, die sich einer Ausdehnung der Reform auf die anderen europäischen Länder und auf die Missionsgebiete widersetzten. Man befürchtete, daß eine Berührung mit anderen Lebensgewohnheiten und vor allem mit der lutherischen Irrlehre seiner Geistigkeit schädlich sein könne. Um den ständigen Schwierigkeiten ein Ende zu bereiten, stellte Klemens VIII. mit dem Breve «Sacrarum religionum» 1597 den Konvent in Genua und das dort 1590 gegründete Karmelitinnenkloster sowie die bevorstehende Stiftung in Rom, Santa Maria della Scala, unter die Jurisdiktion des Hl. Stuhles. Gleichzeitig erteilte der Papst den Patres die Vollmacht, Novizen aufzunehmen und betonte, daß sie auch weiterhin aller Gnadenprivilegien des Ordens teilhaftig blieben. Zu einer endgültigen Trennung kam es erst 1600 durch das Breve «In apostolicae dignitatis culmine» mit der Errichtung der Kongregation des hl. Propheten Elias. Damit standen dem italienischen Karmel alle Möglichkeiten zur Ausbreitung der Reform offen. 1604 reisten die ersten Missionare nach Persien, 1605 wurde der erste reformierte Konvent in Krakau eröffnet, 1608 in Avignon, 1610 in Brüssel und 1613 in Köln.

In den in Genua und Rom errichteten Noviziatshäusern suchte man mit strenger Genauigkeit
den in den spanischen Noviziaten üblichen Gebräuchen zu folgen. Als erster Novizenmeister wirkte ein Spanier, P. Johannes von Jesus Maria. Seinen außer-gewöhnlichen Fähigkeiten als Erzieher und geistlicher Lehrer war die Heranbildung des Ordensnachwuchses anvertraut, der die Verantwortung trug, den theresianischen Geist auf fast ganz Europa auszudehnen.
Wir wissen wenig darüber, wie sich das Leben der ersten italienischen Novizen gestaltet hat, aber sicher ist, daß mit den aszetischen Normen, die die Disciplina Claustralis des ehrw. Johannes vom Jesus Maria widerspiegeln, auch die Andacht zum Jesuskind Einzug hielt und sich den einzelnen Mitgliedern mit dem ganzen Reichtum ihrer Schönheit und Tiefe enthüllte. Bald versuchte man, das Wesentliche der Verehrung der Kindheit des Herrn herauszuarbeiten. Bezeichnend ist, daß man zur Feder griff, um Anleitungen zu frommen Übungen zu schreiben, die dieses Geheimnis in den Mittelpunkt des inneren Lebens stellten.

So verfaßte P. Johannes von Jesus Maria fünf «Fromme Übungen für das Weihnachtsfest», von denen das erste in lateinischer Sprache geschrieben wurde; P. Johannes Maria vom hl. Josef (Centurioni) widmete den zweiten Teil seiner «besonderen Übungen, damit das Jesuskind im Herzen geboren werde», und die sel. Maria von den Engeln gab ihren inneren Empfindungen gegenüber dem Mysterium der Menschwerdung Ausdruck, indem sie «Innerliche Tugendakte und fromme Anmutungen zum menschgewordenen Sohn Gottes» aufzeichnete, die bis heute im Leben des Karmels nicht an Geltung verloren haben.

Die Statue des Jesuskindes blieb Ausgangspunkt zahlreicher mystischer Gnaden und
wurde in hohen Ehren gehalten. Katharina Farnese brachte bei ihrem Eintritt in den Karmel vom Hof ein Jesulein mit, das in einem kunstvoll geschnitzten Barockbett schlief, und Theresia Margareta Redi erbat sich von ihrem Bruder einen kleinen Weihnachtssermon, den sie der erstaunten Kommunität vor der Statue des Jesulein vorlas. Überall stand das hl. Kind im innersten Raum des übernatürlichen Lebens und forderte die Seelen zu großmütigem Opfer auf. Überall strahlte Es wohltuend Liebe und Licht in die Dunkelheit des Alltags. Und überall bezeugte seine Gegenwart, daß Es das 17. und 18. Jahrhundert Italiens mit wahrem Karmelsgeist zu durchdringen und befruchten vermochte.

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Der ehrw. P. Johannes von Jesus Maria

Im Jahr 1585 hatte P. Nikolaus Doria den erst einundzwanzigjährigen Frater Johannes von Jesus Maria, der 1564 in Calahorra (Spanien) geboren und 1582 nach einem dreijährigen Studium an der Universität von Alcala in das Noviziat von Pastrana eingetreten war, in die Neugründung nach Genua gerufen. Er war der Sohn eines berühmten Doktors der Künste und der Medizin. Seine Mutter, Anna Ustarrez, stammte aus einem uralten adeligen Geschlecht des Königreichs Navarra. Als der Knabe kaum fünf Jahre alt war, sah seine sterbende Tante in einer Vision die Zukunft des kleinen Johannes und bemerkte seiner Mutter: «Frohlocke, Anna, denn ich habe Dein liebes Söhnchen Johannes in Rom unter den Unbeschuhten Karmeliten gesehen, mit ihrem Ordenskleid angetan und von der herrlichen Glorie der Heiligkeit umstrahlt.» Dies war 1569. Die Reform zählte etwa drei oder vier Männer, und niemand dachte an ihre Ausbreitung in Italien und wohl gar in Rom. Doch alles trug sich später so zu, wie vorausgesagt.

Johannes hatte im Alter von 18 Jahren den wissenschaftlichen Studien entsagt. In Genua setzte er nun mit großem Eifer sein theologisches Studium fort und empfing die Priesterweihe. Gleichzeitig widmete er sich den Novizen, bis ihn der Gehorsam 1598 in den neuen Konvent S. Maria della Scala führte, wo ihm 1601 das Amt des Novizenmeisters übertragen wurde.
1608 wurde er zum Generalprokurator der italienischen Kongregation erwählt, und von 1611 bis 1614 steuerte er das Schifflein des Ordens als sein dritter General.

Schon in der Zeit seines Aufenthaltes in Genua schrieb er die ersten aszetischen und mystischen Schriften. Es entstand als Erstlingswerk 1594 Via Vitae. Dann folgten die beiden mystisch-exegetischen Erklärungen zum Hohenlied: Cantici Canticorum brevior explanatio und Cantici Canticorum interpretatio. Die bedeutendsten Werke aus dieser Zeit sind aber seine Disciplina Claustralis und seine Instructio Novitiorum, die bis heute das goldene Buch aller karmelitischen Noviziate bilden. In ihnen legt er seine reiche Erfahrung als Novizenmeister in sachlich-prägnanten Worten und Kapiteln dar. In der Instructio Novitiorum finden wir auch die uns bereits von Spanien her bekannte Vorschrift, am Freitag die Vesper zu Ehren des Namens Jesu zu beten. «Freitags nach der Vesper, wenn der Sakristan des Oratoriums das Zeichen gegeben hat, rezitieren die Brüder im Oratorium langsam und andächtig die Vesper vom süßesten Namen Jesu.» Er fügt hinzu: «Am Vorabend der Beschneidung des Herrn wird die Vesper vom süßesten Namen Jesu gesungen. Für die Brüder ist dieses Fest das größte.» Beide Vorschriften werden im Zusammenhang mit den wöchentlichen und jährlichen Übungen angeführt.

Als echter Sohn der hl. Theresia hat P. Johannes die Novizen immer wieder angeleitet,
den Ausgangspunkt und die Kraft zur Verwirklichung ihres Ordensideals in Christus zu suchen. Hinweise auf eine bewußte Beziehung zu Christus werden in allen Kapiteln seiner aszetischen und pädagogischen Schriften deutlich. Um sich aber von Christus in seinen Geheimnissen ergreifen und durchformen zu lassen, und zwar in dem Maß, daß Christus an Stelle des Menschen tritt, schien ihm eine Annäherung an den Herrn durch ein tieferes Eindringen in den Kreis der liturgischen Feste des Erlösers der geeignetste Weg zu sein. Er wollte deshalb, daß sich die Novizen gut auf die Feste Jesu Christi vorbereiteten.

«Die Weise, sie feierlich zu begehen, hat im Verhältnis zu den Mysterien zu stehen, die in ihnen dargestellt sind. Dies betrifft besonders die inneren Akte. Wenn sich z.B. die Geburt des Herrn nähert, muß alles, was man vor dem Fest tut, mit der Absicht geschehen, das Herz bereitzuhalten, damit der Herr geistig in unseren Seelen geboren werde. Diese Gnade muß man mit vielen Stoßseufzern und einem aus dem Herzen quellenden Verlangen erbitten.»" Weist nicht die zeitliche Geburt des Herrn in das unergründliche Geheimnis der ewigen Zeugung des Sohnes und damit auf die Gottesgeburt in unserem Herzen?

Johannes von Jesus Maria scheute sich deshalb nicht, seine Novizen in jeder Weise für ein bewußtes Eindringen in das Weihnachtsmysterium zu gewinnen. Er verfaßte kleine Gedichte zu Ehren des göttlichen Kindes oder schrieb geistliche Übungen, um sich auf seine Ankunft vorzubereiten. In einem der drei sich in der Gesamtausgabe seiner Werke befindenden Weihnachtsgedichten begrüßt er das Jesuskind mit den Worten:

  Jesus, kehre ein,
Nimm des kalten Winters Kleid,
Damit durch Deine Glut,
Setz' die Schneeschmelz ein.
Liebe, auf, und eile,
Damit Südwind hauche Wärme
Und des Winters Strenge
Um die Mitternacht zerbreche.
Neigt euch, Himmel, jetzt,
Damit der Tau herabträufle,
  Und durch Deine Glut,
Setz' die Schneeschmelz ein.
Göttliche Majestät, um uns zu lieben,
Steig herab und biete uns zum Trunke
Himmlisch Süßigkeit
Und der Flamme leuchtend Licht
Verzehre alles Schmachten,
Daß durch Deine Glut
Setz' die Schneeschmelz ein.

Um zu verstehen, wie tief Pater Johannes von Jesus Maria im eigenen Herzen vom Geheimnis des Jesuskindes berührt war, muß man den Widerhall seiner Belehrungen und der eigenen Erfahrung im Leben seiner ersten Novizen suchen, in deren Seelen unter seiner Leitung ein wunderbarer Reichtum inneren Begegnens mit dem Jesulein erblühte. So wird von Frater Johannes Paulus vom hl. Michael, der 1601 sein Noviziat in Rom bei P. Johannes begann, erzählt, daß «er eine besondere Andacht zur allerseligsten Jungfrau, zum hochwürdigen Sakrament des Altars und zum Jesuskind kannte und sich sehr sorgfältig auf ihre Festtage... durch langes Gebet und andere erlaubte Abtötungen vorbereitete. Nichts war ihm beschwerlicher, als daß die Pflege des Jesuskindes, dessen Bild im Oratorium unserer Fratres nach löblichem Kongregationsbrauch aufbewahrt wird, einem anderen als ihm aufgetragen wurde. Wenn es ihm aber oblag, dasselbe zu schmücken, dann verrichtete er dieses Amt mit einer so inbrünstigen Liebe und innigen Andacht, daß er jedermann erbaute.»

Nachdem der Geschichtsschreiber ausführlich seine anderen Tugenden dargelegt hat, kommt er auf seine Sterbestunde zu sprechen. «Als er in seinen letzten Zügen lag,... reichte man ihm das Bild des Jesuskindes, das er mit unsäglicher Zärtlichkeit umfing und sich dabei in wunderbaren, inbrünstigen Akten der Liebe und Dankbarkeit ergoß. Dabei bat er Es, ihn aus diesem Elend zu sich nehmen zu wollen. Darüber gab er seinen glückseligen Geist auf und schied zu dem hin, den er allzeit so treu, so eifrig, so inniglich geliebt, gesucht und verlangt hatte. Glücklich in Wahrheit, der also gelebt hat! Noch glücklicher, der also gestorben ist! Am allerglückseligsten, der also, wie wir hoffen, zu der ewigen, nie abnehmenden Seligkeit gekommen ist.»

Wenn auch P. Johannes von Jesus Maria über sein inneres Leben geschwiegen hat, so können wir doch ruhig annehmen, daß eine innig-zarte Frömmigkeit und Andacht zum Jesuskind auch sein Herz erfüllt hat. Seine Werke der mystischen Theologie lassen vermuten, daß ihm mystische Gnaden nicht unbekannt waren. Und warum sollten unter ihnen nicht auch Erleuchtungen im übernatürlichen Erfassen des Inkarnationsmysteriums gewesen sein?

Seine Verehrung des göttlichen Kindes wurde von seinen ersten Novizen in die neugegründeten Ordenshäuser getragen. Ein Bericht aus dem Noviziatsleben in dem 1608 durch P. Angelus von Jesus Maria und P. Caesarius vom hl. Josef gegründeten Konvent in Avignon gibt darüber sprechenden Aufschluß. P. Angelus ist einer der ersten Novizen des Ehrwürdigen in Genua gewesen, wo er 1595, kaum sechzehnjährig, seine Ordensprofeß abgelegt hatte. In Avignon wurde der Brauch eingeführt, daß die Novizen viele Stunden dem inneren Gebet widmeten und diese «entweder vor dem hochwürdigsten Sakrament des Altars oder vor dem Bildnis des allersüßesten Jesuskind zubrachten, also daß sich an einem bestimmten Ort immerzu jemand in dieser heiligen Übung beschäftigt befinde».

Außerdem wurden die Novizen angehalten, «mit Erlaubnis besagten Novizenmeisters die Advent- und Fastenzeit hindurch, so oft sie (nachts) aufwachten, kniend einige Akte des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe und anderer Tugenden zu machen, um sich dadurch für die Geburt und das Leiden unseres Herrn Jesu Christi besser vorzubereiten». Zu den täglichen Übungen der Novizen gehörte, beim ersten Glockenschlag die Arbeit zu unterbrechen und zu den gemeinsamen Übungen zu eilen, wobei sie «jenen Spruch der Heiligen Drei Könige, als diese dem neugeborenen Heiland zueilten, im Herzen und im Mund führen sollten: Dies ist das Zeichen des großen Königs. Laßt uns hingehen und Ihm unser Opfer bringen.»"

Von einem anderen Novizen, P. Alexander vom hl. Franziskus, der später sein ganzes Leben lang Novizenmeister gewesen ist, wird ebenfalls eine kindliche Verehrung des Jesulein berichtet. Schon in der Welt hatte der kleine Lelio das Jesuskind innig geliebt. Einmal geschah es zur Weihnachtszeit, daß ihm seine Mutter einige Quadrini (Münzen) schenkte, damit er sich etwas dafür kaufe. Aber Lelio, der am Tag zuvor in der Kapuzinerkirche eine kunstvolle Krippe gesehen hatte, eilte unverzüglich dorthin, und ohne der Mutter etwas zu sagen, brachte er seine Quadrini dem Jesuskind, das in einer wundervollen Wiege schlief. Dabei flüsterte er andächtig: «Mein süßes Jesulein, ich schenke Dir alles, was ich besitze und was ich Dir geben kann. Gern will ich Dir meine Freuden opfern, jedoch unter der Bedingung, daß Du mir, wenn die Zeit herangekommen ist, dieses Eine mit dem Hundertfachen vergeltest, so wie Du es versprochen hast.»

Als nach langem Warten und Bangen sein Wunsch, Unbeschuhter Karmelit zu werden, in Erfüllung ging, zeichnete er sich durch den besonderen Eifer aus, mit dem er das Fest der Geburt des Herrn begehen wollte. Und dieser Eifer nahm von Jahr zu Jahr zu und zeigte sich in allerhand Liebesausbrüchen. Sein erster Biograph, P. Philipp vom hl. Paulus, erzählt, daß «der Pater in jenen Tagen ganz außer sich geriet und seine Freude überströmte, denn sein Herz konnte sie nicht in sich behalten, so daß sie sich auch nach außen hin verbreiten mußte.» P. Johannes von Jesus Maria gehört in die Reihe der großen Marienverehrer des Ordens. Seine marianische Frömmigkeit führte ihn aber stets zu einer wunderbar tiefen Vereinigung mit dem Menschgewordenen. In einer Würdigung der kostbaren Dokumente, die uns die Instructio Novitiorum bietet, hebt P. Petrus Thomas hervor: «Durch Maria können wir die Wunder der Erlösung betrachten: die uns Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, unser ErIöser und unser Vorbild. Alle Geheimnisse der Erlösung sind in ihr und durch sie erfüllt. Von der Menschwerdung bis zur Geburt, von Nazareth bis Jerusalem, von Kalvaria bis zur Auferstehung, von der Himmelfahrt bis zum Pfingstfest, immer und überall finden wir Maria In und durch Maria können wir Gott und Jesus, unseren Erlöser lieben. Sie ist die „Mutter der schönen Liebe". Ihr Beruf ist es, uns Jesus zu geben, uns Ihm zuzuführen und uns zu helfen, Ihn zu lieben. Deshalb gilt als Grundsatz: Je mehr wir Maria lieben, umso mehr werden wir auch Jesus lieben.»

In dieser Überzeugung hat uns P. Johannes eine der schönsten Seiten seiner Instructio
Novitiorum geschenkt. Es heißt dort: «Unsere Brüder sollen nicht glauben, daß es genüge, die schönste und über alle Himmel erhabene Königin und besondere Zierde unseres Ordens mit einer nur gewöhnlichen Andacht zu verehren. Das tun auch die Weltchristen und selbst die Sünder! Nein! Sie sollen ihr wie Kinder ergeben sein... Sie sollen die Herrin der Welt immer im Herzen tragen und ihr und ihrem göttlichen Sohn alles Tun und Lassen, alle Gedanken, Worte und Werke, täglich und wenigstens frühmorgens aufopfern... Es ist ein heilsamer Rat, daß man, um die christliche Vollkommenheit zu erlangen und um alles Böse auszurotten oder zu verhüten, die Gegenwart der seligsten Jungfrau mit jener unseres Herrn Jesu Christi verbinde und sie beide zugleich übe. Sie sollen sie häufig, oder, wenn es geschehen kann, unaufhörlich im Herzen tragen, denn jene, die Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.»

In Rom hatte P. Johannes das Glück, den ehrw. P. Dominikus von Jesus Maria, gleich ihm ein Spanier, kennen zu lernen. Bald verband beide eine heilige Freundschaft, in der sicher P. Dominikus dem ihm einige Jahre jüngeren P. Johannes seine wunderbare Berufung durch das Jesuskind erzählt hat. Als er, noch ein Jüngling, daran dachte, sich Gott im Karmel zu schenken, war ihm die Muttergottes erschienen und hatte das Jesuskind in seine Arme gelegt, welches ihn ermunterte, sein Vorhaben recht bald auszuführen. Diese Vision bestimmte seinen Eintritt in Zaragossa. Seither lebte in seinem Herzen eine unendlich große Liebe zum Jesulein. Während der hl. Messe kam es mehr als einmal vor, daß er das göttliche Kindlein in der hl. Hostie sah. In einer Weihnachtsnacht, wenige Jahre bevor er nach Italien kam, konnte er krankheitshalber nicht die hl. Messe zelebrieren. Bevor man zur Christmette läutete, ließ er sich in ein Oratorium nahe des Chors tragen, wo P. Franziskus «der Unwürdige» das hl. Opfer darbrachte. Bruder Franziskus vom Kinde Jesu diente ihm. Nach der hl. Wandlung ließ sich zum Erstaunen aller statt der Hostie das Jesuskind auf dem Altar sehen. Bruder Franziskus begann voller Jubel im Oratorium zu tanzen und zu singen:

              «Willkommen, Du schönstes Jesulein!
              Willkommen, Du süßestes Kindelein.»

Die beiden Patres waren ebenfalls von der Macht der Liebe so ergriffen, daß sie sich selbst vergaßen. Der eine sang im Übermaß der Glückseligkeit am Altar, der andere in seinem Bett, und dies dauerte so lange, bis das Kindlein vor ihren Augen verschwand. Es vergingen 10 Stunden, um die drei Weihnachtsmessen zu feiern und um andere Andachten zum göttlichen Kind zu halten, ohne daß einer der drei Karmeliten sich dieser langen Zeit auch nur im geringsten bewußt geworden wäre."

Johannes von Jesus Maria vollendete seine irdische Laufbahn in einer von der Gegenwart
Christi durchglühten Umgebung. Er starb am 28. Mai 1615. In den letzten zehn Jahren seines Lebens widmete er sich vorwiegend mystischen und pädagogischen Studien, die ihn zu einem der größten mystischen Schriftsteller des Ordens gemacht haben. 1607 entstand sein bedeutendstes Werk, die Theologia Mystica, und vier Jahre später die Scuola di orazione e contemplazione, die er den «geliebten Patres, Brüdern und Schwestern des theresianischen Karmels» widmete. Christus hatte ihn von früher Jugend her erfaßt und immer mehr zu den höchsten Geheimnissen Gottes emporgezogen. So konnte er in den letzten Jahren seines Wirkens sagen, daß seine Welt von Christus erfüllt war und sich sein innerer Aufstieg in der Vereinigung mit Ihm vollendet hatte.

Man braucht nur das Werk Soliloquia animae fidelis ad Jesum Christum dulcissimum Redemptorem (Gespräch der treuen Seele mit Christus dem süßesten Erlöser) durchzublättern, das er kurz vor seinem Tod verfaßte, um sich ein Bild seiner tiefen Umgestaltung in Christus zu machen. Vielleicht ist es gerade dieses Werk, das am meisten sein inneres Leben offenbart, denn was die einzelnen Seiten ausdrücken, ist nichts anderes als ein Widerhall innersten Erlebens und Empfindens. So gilt ein Wort Guardinis: In ihm vollzog «Christus sein eigenes, gottmenschliches Leben als das von Gott kommende ewige Leben dieses in der Zeit dahingehenden Menschen. Er machte in ihm das Kindsein durch, das Wachstum, die Reife, die Vollendung.»

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Die ehrw. Paula Maria von Jesus

Am 5. Dez. 1590 hatten sich vier Karmelitinnen in Barcelona eingeschifft. M. Hieronyma vom Hl. Geist, Marcella vom hl. Josef, Maria vom hl. Hieronymus und Hieronyma vom hl. Petrus, alle vier aus Malagon kommend, wo sie der Befehl erreicht hatte, die Gründung in Genua zu unternehmen. In ihrer Gesellschaft reiste eine italienische Dame von hohem Adel, Donna Magdalena Centurioni, verwitwete Spinola, die ebenfalls das Karmelkleid trug. Nach dem Tod ihres erlauchten Gemahls in Madrid hatte sie auf Anraten P. Nikolaus Dorias beschlossen, ihr Vermögen zur Stiftung des ersten reformierten Karmels in Italien zu verwenden. So begleitete sie die Stifterinnen auf der dreimastigen Galeere, deren Heck mit großen Segeltüchern verhängt war, so daß die Nonnen sich ungestört und ungesehen ihren religiösen Übungen hingeben konnten. Am 13. Dezember kamen sie in Genua an, wo sie in verschlossenen Wagen in ihr neues Heim gebracht wurden. «Unverzüglich begaben sie sich ins Chor, und während sie Gott im Schweigen dankten, daß Er sie sicher in dieses Haus geführt hatte, stimmten die Patres in der Kirche das «Te Deum laudamus» (Großer Gott, wir loben Dich) mit Musikbegleitung an. Am Abend wurde die Klausur geschlossen und das gewöhnliche Ordensleben begann.»

Mit den vier spanischen Karmelitinnen, alles echte Töchter der hl. Theresia, war wohl auch eine Statue des Jesulein nach Genua gereist, und wir dürfen vermuten, daß sie bald nicht die einzige blieb.

In einem Bericht, der das 1607 von M. Maria Dorothea von der hl. Anna gestiftete Karmelitinnenkloster in Neapel betrifft, ist die Rede von einem Jesulein, das die Nonnen aus Genua mitgebracht hatten und als ihren eigentlichen Stifter verehrten und bezeichneten. M. Maria Dorothea war eine der ersten Novizinnen in Genua; es ist anzunehmen, daß sie die Andacht zum Jesulein von den spanischen Müttern übernommen hat. Die Historia Generalis erzählt außerdem, daß die Schwestern kleine Jesuleinstatuen in ihren Zellen aufstellten, ein Brauch, der sicher auf die hl. Mutter zurückging. Man braucht nur daran zu denken, daß sie Schwester Anna vom hl. Josef erlaubt hatte, ein Jesuskind in ihrer Zelle zu behalten. M. Hieronyma, die eine der auserlesensten Töchter der hl. Theresia war, hat sicher den jungen genuesischen Novizinnen von diesem frommen Brauch erzählt, der bald freudige Nachahmung fand.

Allerdings verlor sich im Karmel von Neapel dieser Brauch, der dort mit südländischer Begeisterung aufgenommen wurde, bald in allerlei Äußerlichkeiten, die eine allzu menschliche Liebe und Anhänglichkeit zeigten und sogar das Herz mit stolzen Gefühlen erfüllten. Die Nonnen fingen an, die Zeit mit dem Schmücken und Verzieren ihrer Jesulein zu vertändeln, anstatt Es in schlichter Andacht zu grüßen. So mußte das Jesuskind selbst eingreifen und die Schwestern zur Demut ermahnen, um sie daran zu erinnern, daß Ihm kostbar gestickte Deckchen oder zierliche Blumenornamente nicht die vertrauensvolle Hingabe des Herzens und die Nachahmung seiner Tugenden ersetzen konnten.

Es wird überliefert, daß Schwester Baptista vom hl. Josef, die in der Nacht ihr Gebet bei dem aus Genua mitgebrachten Jesulein verrichtete und mit Ihm oft ein herzliches Zwiegespräch führte, eines Tages merkte, daß das Jesuskind eine ganz traurige Miene machte. Was bedeutete das? War sie schuld an dieser Veränderung? Da sah sie, daß das unter seinen Füßen liegende, höchst kostbar gestickte Kissen kohlschwarz geworden war und all seine Schönheit verloren hatte. Voller Bestürzung zeigte sie es ihrer Mutter Priorin, die sich von der Wahrheit des Sachverhaltes überzeugte. Es kam ihr der Gedanke, daß eine solche Arbeit (nämlich ein kunstvoll gesticktes Kissen) den Satzungen widerspreche, und daß diese auch zu anderen Unvollkommenheiten Anlaß gegeben hatte. Kurz entschlossen nahm sie das Kissen weg und verbot jede Arbeit dieser Art. Dadurch sollte ein Beispiel gegeben werden, daß Gott alles mißfällt, was den Satzungen widerspricht.

Nicht weniger bezeichnend ist eine andere Begebenheit aus dem Karmel von Neapel.
Während der Exerzitien fragte einmal eine Schwester das Jesulein: «Sag mir, Du mein Geliebter, wie kann ich Dir am besten dienen? Was ist in Deinen Augen das wohlgefälligste Werk?» Unmittelbar darauf hörte sie die Antwort: «Übe Dich in der Demut!» Diese Ermahnung genügte, daß sie sich fortan immer einer großen Demut befleißigte. Stets war sie um die verächtlichsten Arbeiten bemüht, so daß sie mit dem Apostel sprechen konnte: «Wir sind Toren um Christi willen» (1. Kor. 4,10) und: «wenn jemand unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, so werde er ein Tor, damit er weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott» (1. Kor. 3,18-19).

Ein andermal kniete eine Schwester zu Füßen des Allerheiligsten nieder, um den Herrn
im Sakrament anzubeten. Da sah sie das holdselige Jesulein. Ihr Herz war darüber so entzückt, daß sie ausrief: «O mein Allerliebster, was willst Du, daß ich Dir zuliebe tue?» Da war es ihr, als ob das Jesulein ihr ganz deutlich sagte: «Verachte Dich selbst!»

M. Hieronyma war es nur vier Jahre vergönnt, das neu gegründete Kloster in Genua zu leiten. Unter ihrem Priorat hatten sich die Nonnen am 7. Febr. 1594 endlich in ihr
«Jesus-Maria-Klösterlein» begeben können. Nur wenige Monate darauf kam ein Befehl vom General der spanischen Kongregation, P. Elias vom hl. Martin, unverzüglich in die Heimat zurückzukehren. Doch hatten diese Jahre genügt, um den Grundstein zu einer neuen Generation echter Karmelitinnen zu legen, denen es bestimmt war, den theresianischen Geist in alle Welt zu tragen.

Eine der ersten Novizinnen neben der uns bereits bekannten M. Maria Dorothea war M. Paula Antonia von der hl. Maria, Gründerin des Klosters von Avignon (1613), die bereits nach drei Jahren Ordenslebens zur Novizenmeisterin ernannt wurde. Unter ihrer mütterlichen Leitung wuchs eine der größten Karmelitinnen heran, die bestimmt war, zum erstenmal die Alpen zu überschreiten, um den Karmel von Wien zu gründen: M. Paula Maria von Jesus". Bereits
1669 erschien die erste Biographie dieser großen edlen Frau", die mit ihrem männlichen
Mut und Festigkeit eine zweite Theresia für Österreich wurde.

Paula Maria war am 6. Okt. 1586 in Neapel geboren. Ihr Vater, Statthalter von Melfi, entstammte dem edlen genuesischen Geschlecht der Centurioni. Zur Erinnerung an den glorreichen Sieg von Lepanto erhielt sie bei der Taufe den Namen Maria Viktoria.

Schon als Kind hatte sie die Muttergottes gesehen, die sie wunderbar beschützt und auf den rechten Weg geleitet hatte, als sie sich bei einer Reise von Melfi nach Neapel von der Reisegesellschaft getrennt und nicht mehr zurückzufinden wußte. Im Alter von 12 Jahren fühlte sie den Ruf zum Ordensstand. Doch Natur und Gnade rangen in ihrer Seele, ohne daß sie den alten Menschen zu überwinden verstand, aber auch ohne durch die Sünde das weiße Taufkleid des neuen Menschen zu beflecken.

Hie und da fühlte sie mächtig das Eingreifen Gottes durch außergewöhnliche Gnaden. Sie sah den Himmel offen und die Engel herabsteigen, die vom ganzen Erdkreis Besitz nahmen, während ihre Seele entrückt war und der heiligsten Jungfrau Gesellschaft leistete. Oder sie erkannte mit übernatürlichem Eindringen in die geheimnisvolle Gnadenführung Gottes, was ihr der Herr als Gott und Mensch mitgeteilt hatte. Dann zog sie wieder ein fast leidenschaftliches Begehren nach der Freiheit und den Vergnügungen des weltlichen Lebens. In ihr waren starke, religiöse Kräfte, die sie mit Begeisterung für hohe Ideale durchglühten. Aber diese Kräfte waren durch Unbeständigkeit, Eitelkeit und ungezügelte Selbstsucht gefesselt, so daß sie die in ihr vorhandene Sehnsucht nach Gott und einem heiligen Leben lange Zeit erstickten.

Um diese Zeit kehrte Stefano Centurioni mit seiner Familie nach Genua zurück, ein Umstand, der für Maria Viktoria von üblen Folgen begleitet war. Der Verkehr mit ihren Verwandten und weltlich gesinnten Menschen untergrub bald die Bescheidenheit und Sittsamkeit des jungen Mädchens, das allzu rasch die guten Vorsätze vergaß und anfing, prunkvolle Kleider zu tragen und in jeder Hinsicht auf ihre Schönheit bedacht zu sein. Dabei wollte sie aber den Entschluß, ins Kloster zu gehen, nicht aufgeben; denn es schien ihrer Ehre verletzlich, als wankelmütig zu gelten. Aus rein menschlichen Beweggründen dachte sie, bei den Augustinerinnen zu St. Sylvester in Genua einzutreten, weil dort bereits zwei ihrer Schwestern, die sie innig liebte, den Schleier genommen hatten.

Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege und seine Gedanken nicht unsere Gedanken. Viktorias Entschluß war nicht von jener heiligen Losschälung begleitet, die ein so ernster Schritt erfordert. Und doch hatte der Herr gerade sie, die bei der Wahl eines Klosters die Liebe zu den Verwandten in die erste Reihe stellte, unter Tausenden auserwählt, nicht nur ihre Familie, sondern auch ihr Vaterland zu verlassen. Das eitle Mädchen, das wie ein Schilfrohr hin- und her schwankte, sollte durch Gottes Gnade zu einer Säule werden für einen der strengsten und von der Welt am meisten losgetrennten Orden der hl. Kirche.

Infolge der allgemeinen Reform des katholischen Lebens war auch in Genua der schöne
Brauch eingeführt worden, das Allerheiligste ständig in einer Kirche auszusetzen, wo es vom gläubigen Volk und den Edlen der Stadt häufig besucht und angebetet wurde. Einmal fand die Aussetzung auch in der Kirche der Unbeschuhten Karmelitinnen statt, und Maria Viktoria begleitete ihre Mutter dorthin. Doch tat sie es weniger aus Andacht, als um ihrer Mutter einen Gefallen zu erweisen. Im übrigen freute sie sich über die Gelegenheit, ihren Schmuck zur Schau zu tragen.

Mit allerhand eitlen Gedanken betrat sie die Kirche. Doch hier erwartete sie der Herr, und sie erfuhr, was einst Paulus vor Damaskus erfahren hatte. Die Schuppen fielen ihr von den Augen. Sie erkannte, daß Christus hier auf sie wartete und sie von den Fesseln ihres unbeständigen Herzens lösen wollte. «Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir!» Das war es, was sie als neue, erlösende Wirklichkeit erfuhr. Er war es, der nur mehr ihr Inneres ausfüllte, der in ihr wirkte und sie für ihre große Aufgabe vorbereitete. Paula Maria bat um die Gnade, Er möge bewirken, daß keine irdische Neigung mehr in ihr aufkomme. Wurde sie erhört?

Am 2. Mai 1601 empfing sie das Kleid des Karmels. Neue, furchtbare Stürme erhoben
sich in der Seele der jungen Nonne, nachdem sich ihr die Pforte des Karmels geöffnet hatte. Entschieden kämpfte sie gegen den Widerspruch der Natur und die Angriffe des bösen Feindes. Alles in ihr schien sich zu empören. Je mehr Gewalt sie sich antat, umso hartnäckiger durchwühlten die Regungen der Natur ihr Inneres. In einem Zustand des Entsetzens und der Todesangst legte sie ihre Gelübde ab. Erst als sie in Kreuzesform vor dem Altar lag und ihr Opfer vollbracht hatte, ließ sich der Herr mit seiner Gnade fühlen. Christus erschien ihr und wunderbarer Frieden durchdrang ihre Seele. Sie war wie zu einem neuen Leben erwacht. Freude und Heiterkeit strahlte von ihr aus. Sie schien keine Last mehr zu spüren, sondern alles war in helles Licht gebadet.

Aber bald nach ihrer Gelübdeablegung verlangte der Herr einen Beweis ihrer Treue. Er
hatte ihr den Pfad des Kreuzes bereitet. Krankheiten und Leiden aller Art schlichen sich ein, die sie jedoch mit großer Geduld ertrug. Ihr Vater hatte sich Gott zum Opfer für die Gesundheit seiner Tochter angeboten. Tatsächlich genas Paula Maria, aber ihr Vater wurde derartig von der Gicht befallen, daß er bis zum Ende seines Lebens gelähmt blieb.

Voller Freude über die wiedererlangte körperliche Kraft begann Paula Maria ehrlich nach
der Vollkommenheit zu streben. Doch dürfte ihr Eifer trotz außergewöhnlicher Gunstbezeugungen Gottes noch viel Menschliches an sich getragen haben. Eine übermäßige Sorge für die Erhaltung ihrer Gesundheit bewirkte, daß bald Nachlässigkeiten auftraten, deren sie sich wohl bewußt war; aber sie fand nicht den Mut, sie zu überwinden. So beschlich sie oft eine gewisse Niedergeschlagenheit und Trauer über sich selbst. Sie mußte erst lernen, daß sie nur »in dem, der sie stärken wollte, alles könne».

Während zehntägiger Exerzitien, die sie mit vielen Stunden des Gebets und unter harten Bußwerken verbrachte, erblickte sie eines Tages mit den Augen des Geistes Christus im Tabernakel, der dort auf sie mit unendlicher Liebe wartete. Er zeigte ihr sein Herz, aus dem ein Strahl hervorbrach, der tief in ihr Herz hinein drang und es in das Seine zog. Sie schien unter der Macht der Gnade zu wanken. Ihre Armseligkeit und Schwäche bäumte sich turmhoch zwischen ihr und Christus. »Um zwei Herzen zu vereinen», flüsterte sie, «bedarf es einer Ähnlichkeit zwischen beiden. Wie kann man aber an eine solche zwischen Dir und mir denken?»

Da öffnete ihr Christus sein liebeglühendes Herz. «Verbirg Dich in dieses Feuer und reinige Dich daselbst.» Und die Liebesglut des Herzens Jesu durchleuchtete wundersam ihr innerstes Wesen. Sie fühlte, wie ihr Herz rein wurde, gleichsam wie ein Gefäß, das man mit einem alkoholischen Getränk auf das Feuer setzt und in dem durch die Hitze des Feuers alles das verdunstet, was nicht geistiger Natur ist. Gott gab ihr zu erkennen, daß Er sie von nun an ganz für sich besitzen wolle. Zum Zeichen dafür solle sie sich nicht mehr Paula Maria vom hl. Josef, sondern Paula Maria von Jesus nennen.

Das Leben dieser auserwählten Karmelitin war ein steter Wechsel von schmerzlichen inneren und äußeren Leiden. Aber Schmach und Verachtung öffneten ihr den Zugang zu den höchsten mystischen Gnaden. Gott ließ sie in den unerschöpflichen Abgrund seiner ewigen Weisheit hineinblicken. Wunderbar enthüllte sich ihr das Mysterium der hlst. Dreifaltigkeit, und sie schaute, wie der dreifaltige Gott in der Einheit der Liebe im Herzen Jesu ruhte.

Je mehr sie von der Gnade berührt wurde, umso mehr suchte sie, sich selbst zu erniedrigen und sich von den kleinsten irdischen Neigungen loszuschälen, was ihr nicht wenig kostete. Dieser Kampf gegen sich selbst war manchmal so heftig, daß sie der Herr sanft ermahnen mußte: «Siehe, ich bin allen alles geworden und habe mich für alle so leicht hingegeben. Du aber hast noch so viele Schwierigkeiten, um mir Dein Nichts zu geben?»

So war Paula Maria unter Krankheiten und Leiden zu immer tieferer, hingebender Liebe zu Christus gelangt. Sein Bild hatte sich wie ein Siegel in ihre Seele gegraben, so wie Er sich ihr geheimnishaft und unfaßlich groß in der Herrlichkeit seiner Auferstehung und Verklärung gezeigt hatte. Aber sie sah Ihn auch in seiner heiligsten Menschheit. Eine alte Handschrift berichtet, daß sie am Feste des hl. Josephs im Jahr 1614 den zwölfjährigen Jesusknaben erblickte «über die Maßen schön. Er umarmte und küßte den hl. Josef mit einer unaussprechlichen Freundlichkeit und Ehrerbietung, um damit anzuzeigen, wie sehr Er ihn liebte und (wie hoch Er) die Ehre und den Dienst schätzte, welcher seinem gemeinten Vater, dem hl. Josef, bewiesen werden.» Gleichzeitig gab ihr der Jesusknabe zu verstehen, «daß Er diejenigen liebe, welche Ihn lieben, und daß Er jene, die Ihm dienten, mit göttlichen Gnaden belohnen werde».

P. Franziskus von der hl. Maria fährt einige Seiten später in dem gleichen Bericht fort:
«Im Jahr 1614, in der Christnacht, dachte die ehrw. Mutter innig an das Christkindlein, daß es also armselig auf dieser Welt verstoßen worden war und keine Herberge in dem Wirtshaus hat finden können. Sie bereitete Ihm deshalb ihr Herz und ihre Seele vor mit einer sonderlichen Andacht, mit inbrünstiger Liebe und herzlichem Mitleid. Da Es auf dieser Welt von den Weltlichen also verworfen wurde, so möge es Ihm doch gefallen, Wohnung in ihrem Herzen zu nehmen. Alsobald wurde sie darüber entrückt und sah im Geist das Christkindlein. Es war über die Maßen schön und holdselig, lag aber nur auf ein wenig Stroh. Es kam in ihr Herz und nahm in demselben Wohnung mit vielen lieblichen Zeichen, daß es Ihm daselbst wohlgefalle.»

Eines Tages hatte ihr Augustinus, ihr Bruder und späterer Doge von Genua, ein überaus schönes Jesuskind geschenkt, eine wertvolle Holzschnitzerei, die nur den einen Nachteil hatte, daß das Antlitz des hl. Kindes tief herabgesenkt war. Augenscheinlich war die Statue für einen Platz angefertigt, wo man das Jesulein von unten her betrachtete. Paula Maria war darüber ein wenig traurig, «weil sie ihrem Geliebten nicht füglich ins Angesicht sehen, noch von Ihm gesehen werden konnte. Das sagte sie ihrem Bruder, welcher antwortete, daß zu Genua wohl ein Bildschnitzer sein würde, der den Mangel zu verbessern verstehe. Man könne leicht das Häuptlein abnehmen und es nach zurecht gerichtetem Hals wiederum anleimen und dann den Schnitt mit Farbe überstreichen. Bei diesen Worten erschauderte die fromme Jungfrau und erklärte ihrem Bruder: «Gott verzeihe Dir den so grausamen Vorschlag!» Sie trug also das Bild wieder in ihre Zelle. Nach etlichen Tagen legte sie Ihm die Hand unter das Kinn, als wollte sie Ihm das Häuptlein heben und sagte: «Wie wäre es, Du mein allerschönstes Jesulein, wenn Du jetzt Dein Angesicht aufrichtetest, damit es nicht durch Abschneidung Deines Hauptes geschehe?» Kaum hatte sie dieses Wort gesprochen, da hob sie das Haupt bis zur gebührenden Proportion auf, nicht anders als wäre es von weichem Wachs gewesen, und es ist fortan so geblieben.»"

Paula Marias Leben ist eine Kette mystischer Gnaden gewesen, die sie zur Braut des
Herzens Jesu gemacht haben. In einer ihrer Visionen kam der Herr zu ihr und nahm ihr Herz, um es mit dem Seinen zu vereinen. Ein andermal neigte Er tief sein Haupt über sie, so daß sie fühlte, wie sein warmes Blut ihre Stirn benetzte. Mit diesem kostbaren Blut hatte Er überreiche Genugtuung für ihre Sünden geleistet. An einem Pfingstfest schaute sie den HI. Geist in Form einer Taube und hatte eine wunderbare Offenbarung über das Mysterium des Dreifaltigen Gottes. Ein andermal fragte sie Christus, die zweite göttliche Person und den Erlöser der Menschheit: «Welches Zeichen willst Du noch mehr, daß ich Dich liebe?» Geheimnisvoll schloß sich in ihrem Inneren der Ring der Zeiten des Kirchenjahres. Sie sah das Jesuskind an der Mutterbrust, den zwölfjährigen Jesus im Tempel und das Jesuskind mit den Zeichen der Passion. Wie sehr litt sie beim Anblick der großen Nägel, die die zarten Händchen und Füße grausam durchbohrt hatten! Dann kniete sie mit Christus im Garten von Gethsemani, und erschüttert warf sie sich vor dem entblößten Herrn am Kreuze zu Boden. Mit einem glühenden Eisen brannte sie sich den Namen Jesu auf dem Herzen ein, damit er dort wie ein Siegelabdruck leuchte.

Mehr als fünfundzwanzig Jahre waren seit ihrer Ganzhingabe an Christus in der heiligen
Ordensprofeß vergangen. Jetzt war der Tag gekommen, wo Er sie zu dem großen Opfer ihres Lebens rief, zu dem Schritt ins Ungewisse, zum Wagnis, ja zu etwas, das für ihre Zeit ans Ungeheure grenzte.

Kaiser Ferdinand II. von Österreich hatte zum Dank für den Sieg am Weißen Berg vor Prag den ersten Konvent der theresianischen Reform in Wien gegründet. Seither hegte seine Gemahlin, die Kaiserin Eleonora, den glühenden Wunsch, daß dort auch ein Karmelitinnenkloster entstehe. 1629 war es nun so weit, daß die ersten Unbeschuhten Karmelitinnen die Reise antreten sollten. Die Oberen in Rom hatten Paula Maria zur Priorin bestimmt. Obwohl sie immer ein heißes Verlangen nach dem Martyrium für Christus gekannt hatte, so schreckte ihre südländische Natur doch vor dem Gedanken einer Abreise nach dem Norden zurück, wo zu jener Zeit die Glaubenskämpfe tobten und viele Klöster zerstört wurden. Aber trotz allem inneren Widerstrebens reiste sie am 22. Sept. in Begleitung ihres Bruders, des Dogen von Genua, und seiner Gemahlin nach Bologna ab, wo sie mit zwei anderen Karmelitinnen aus Terni, die ebenfalls für die Stiftung in Wien auserwählt waren, zusammentraf. Es waren M. Katharina vom hl. Dominikus und M. Maria Electa von Jesus, die am 5. Okt. ihr Heimatkloster verlassen hatten.

Die Reise ging gut vonstatten, so daß sie bereits am 2. Nov. in Wien eintrafen. Als Paula Maria die Stadt erblickte, die von nun an der Schauplatz ihres Lebens und Wirkens sein sollte, erbebte ihr Herz in heiliger Freude. Sie dankte Gott, daß sie hier angelangt war, um seinen Willen zu erfüllen, für Ihn zu leiden und für Ihn zu arbeiten. Sie versicherte Ihn, daß sie keinen anderen Wunsch habe, als zur Verbreitung der theresianischen Reform beizutragen. Nur eine Bitte hätte sie: daß man sie mit keiner Würde bekleiden möge. Doch da erschien ihr der Herr und gab ihr zu verstehen, sie solle sich ganz seinem Willen überlassen: »Hier will ich Dich zur Offenbarung meiner Barmherzigkeit haben».

Schon bald hatte Ferdinand II. seine Absicht kundgetan, in seiner Vaterstadt Graz, ein zweites Karmelitinnenkloster zu errichten. Aber Gott rief ihn zu sich, ehe er dieses Vorhaben verwirklichen konnte. Inzwischen hatten sich zahlreiche Postulantinnen gemeldet, so daß die Kaiserinwitwe Eleonora darauf drang, über die von der hl. Theresia in den Konstitutionen festgelegte Zahl aufzunehmen. M. Paula Maria wollte jedoch den Vorschriften der hl. Reformatorin treu bleiben. Darum erinnerte sie die Kaiserin an das von Ferdinand II. gegebene Versprechen. Sein Sohn, Ferdinand III. und Kaiserin Eleonora gingen darauf ein und erklärten sich bereit, für die Neugründung in Graz Sorge zu tragen. Die Ordensoberen gaben ihre Zustimmung und wählten Paula Maria und zwei andere Schwestern aus, das Kloster einzurichten. Als fünf Novizinnen eingekleidet worden waren, bestimmte sie M. Maria Electa zur Priorin und kehrte nach Wien zurück."

Anfang Oktober 1645 wurde sie von einer schweren Krankheit heimgesucht, die ihr nach
Aussage berühmter Ärzte, die die Kaiserin ihr schickte, unerträgliche Schmerzen verursachte. Am 15. Jan. 1646 entschlief sie um 1 Uhr nachts in den Armen des Herrn. Drei Jahre später kam die Kaiserin ins Kloster und verlangte, den Leichnam zu exhumieren. Der Anlaß dazu war ihre wunderbare Heilung durch die Fürsprache der Heimgegangenen. Sie war fast vollständig erblindet, und die Ärzte hatten keine Hilfe gewußt. Da suchte sie alle ihre Zuflucht bei der heiligmäßig gestorbenen Karmelitin. Und tatsächlich hatte sich ihr erneut das Licht des Tages geöffnet. Als man das Grab öffnete, wurde der Körper der Verstorbenen unversehrt gefunden und es entströmte ihm ein frischer Wohlgeruch. Außerdem schwitzte er eine Art Öl aus, das in reinen Tüchern aufgefangen wurde. Noch zahlreiche wunderbare Heilungen wurden durch ihre Fürbitte von Gott gewährt. Ihr unverwester Leib ruht jetzt in der Karmelitinnenkirche von Gmunden in Oberösterreich.

Als Paula Maria noch in Genua war, hatte sie auf Befehl ihrer Oberen begonnen, ihre reichen
Gnaden und mystischen Erlebnisse aufzuzeichnen. Aber es waren nicht diese Gnadenprivilegien, die sie zu einer «Heiligen», die zwar noch nicht von der Kirche zur Ehre der Altäre erhoben wurde, gemacht haben. In der demütigen Erfüllung ihrer Pflichten hatte sie sich zur Vollkommenheit durchgerungen. Durch ihre Treue im Kleinen und vor allem durch ihre selbst vergessende Liebe und Vernichtung des eigenen Ichs war sie zur Heiligkeit des Lebens gereift. Es ist nicht zuletzt ihr Verdienst gewesen, daß die Andacht zum hl. Josef in Wien eingeführt wurde. Und mit dem hl. Josef hielt auch das Jesuskind seinen Einzug in die Karmelitinnenkirche.

Es ist anzunehmen, daß von hier aus seine Verehrung seitens des Hofes und besonders
der Hofdamen ihren Anfang nahm. Das kaiserliche Paar schenkte den Karmelitinnen ein Bild des Jesuskindes, und als sich 1656 eine kleine Karawane zur Stiftung nach Prag auf die Reise begab, trug es eine ehemalige Hofdame der Kaiserin, Schwester Euphrasia, mit besonderer Liebe die ganze Zeit bei sich. Auch eine Statue des Jesuskindes fehlte nicht bei der Reise. Es war ein Jesulein, das die Infantin Margareta vom Kreuz der Kaiserin mit der Bitte geschenkt hatte, es dem Prager Karmel zu übergeben. So wiederholte sich auf den Landstraßen der österreichischen Erbländer, was Theresia und ihre Töchter auf den unermüdlichen Stiftungsreisen getröstet hatte: Das Jesulein reiste segnend und liebespendend mit ihnen, und sie sangen in seiner Gegenwart das unvergängliche Lied des Karmel vom
«Nichts und vom Alles», das sie in der Schule des göttlichen Kindes gelernt hatten.

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Advent im Zeitalter des Barock

Der Anfang des 17. Jahrhunderts ist durch eine ungeheuer rasche Verbreitung der theresianischen Reform in Italien gekennzeichnet. «Seitdem das erste Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen errichtet worden war», schrieb ein Jahrhundert später ein Karmelit aus Florenz, «verbreitete sich derart der Ruf ihrer Heiligkeit, daß von weither und von allen katholischen Nationen Europas Fragen zur Ausdehnung des Institutes ergingen. Unter allen zeichneten sich besonders die Karmelitinnen von Genua aus, die so zahlreiche und ständige Berufe von jungen, adeligen Mädchen hatten, daß sie mehr als einmal Unterhandlungen zur Gründung eines zweiten Klosters innerhalb ihrer Stadtmauern betrieben, da das erste Jesus-Maria-Kloster nicht allen Bitten zur Aufnahme entsprechen konnte.»

So entstand 1619 durch M. Hieronyma von der hl. Maria, die die erste Novizin in Genua war, ein zweiter Karmel in der ligurischen Hauptstadt. Bald darauf wurde ein Kloster in Savona durch M. Anna Maria von der hl. Theresia errichtet. Schon 1613 hatte M. Maria von Jesus, ebenfalls eine der ersten Karmelitinnen von Genua, in Cremona eine Gründung vorgenommen, und nur sechs Jahre später sehen wir sie in Bologna. Die uns bereits von der Stiftung in Neapel bekannte M. Maria Dorothea verpflanzte 1628 die theresianische Reform nach Sizilien und errichtete einen Karmel in Palermo. Diesen Neugründungen folgten in kurzer Zeit weitere Töchterklöster in Florenz, Rom, Mailand, Parma usw., so daß in fast allen Städten, wo der hohe italienische Adel sich im Umkreis eines Hofes scharte und um die Wiederbelebung seiner zur Zeit der Renaissance verloren gegangenen Ideale und religiösen Werte bemüht war, ein theresianischer Taubenschlag entstand.

Diese Karmelitinnenklöster übten allgemein einen wohltuenden Einfluß auf das katholische
Leben aus und dienten zur Hebung des sittlichen Niveau. Es fehlte keineswegs an Berufen aus den besten Gesellschaftskreisen. Selbst Prinzessinnen wurden von der geheimnisvollen Gegenwart Gottes im Karmel angezogen und vollendeten ihr Leben hinter undurchdringlichen Klausurmauern. Elenora d'Este wurde zur demütigen Schwester Maria Franziska vom Hl. Geist und starb im Ruf der Heiligkeit, nachdem sie den Karmel in Reggio gegründet hatte. In Parma erstieg Katharina Farnese als Schwester Theresia Margarita von der Menschwerdung den Gipfel der christlichen Vollkommenheit. Ihr erster Biograph, P. Massimo della Purificazione, bemerkt am Ende seines Buches, das wenige Jahre nach ihrem Tod erschien: «Möge (dieses Leben) den Prinzessinnen, die die Welt verlassen, als Beispiel dienen. Jene die an Höfen Befehle erteilen, mögen jetzt im heiligen Claustrum gehorchen und groß werden, indem sie sich zur Kleinsten von allen machen. Mögen sie das Kapital einer genauen Observanz mitbringen und nicht den Rauch der Welt

An der Seite von Fürstentöchtern waren es Gräfinnen und Baronessen, die sich Gott im
Karmel ganz zum Opfer geben wollten. Noch heute lebt in Turin das Andenken an die sel. Maria von den Engeln, und in Florenz scheint in unvergänglicher Frische Theresia Margarita vom Herzen Jesu zu blühen, die gleich ihrer kleinen heiligen Schwester in Lisieux nach wenigen Jahren irdischen Daseins die Krone des Lebens empfing.

An eine jede dieser Karmelitinnen war der Auftrag der ewigen Liebe ergangen, für Christus
allein zu leben. Sie hatten durch die mystischen Werke der hl. Theresia, die oft ihre einzige geistige Nahrung bildeten, und vor allem durch die Autobiographie der Heiligen den Weg zu einer tieferen Beziehung zur heiligsten Menschheit des Herrn gefunden. Es war Christus, der Gekreuzigte, aber auch das hl. Kind in der Krippe, das ihre glühenden Herzen bis in die letzten Fasern erfüllte. Elenora d'Este war sich ihrer Berufung zur Braut des Gekreuzigten bewußt: Hatte ihr nicht der Herr im Inneren zu verstehen gegeben:

            Meine wahre Braut bist du, Und da du diese bist, so will ich
            Dich für mich, und Mich für Dich, Jesus Christus, Sohn Gottes.

Der Gedanke an den Gekreuzigten durchzieht daher alle ihre Briefe und geistlichen Schriften. Daneben finden wir aber auch Ausdrücke inniger Erwartung auf die Geburt des Herrn. Sie wollte, daß sich ihre Mitschwestern mit großer Sorgfalt auf das Weihnachtsfest vorbereiteten.
«Rufen Sie oft das hl. Kind an, damit Es komme», schließt sie einen Brief an M. Maria Laura vom hl. Josef, Priorin in Reggio, «uud indem ich Sie seiuem Herzen anvertraue, will ich dort mit Ihnen vereint bleiben».

Katharina Farnese kannte nur einen einzigen Wunsch, der ihr ganzes inneres Leben bestimmte. «Mein Herr, ich liebe Dich, aber Dich, meinen gekreuzigten Herrn»! «Ich habe kein anderes Verlangen, als mich in allem zu kreuzigen, vor allem meinen eigenen Willen. Um nichts anderes bitte ich Gott, als alles zu verlassen, damit auch ich von allen verlassen werde und mit dem Kreuz allein bleibe.» Und dabei «war sie immer weit entfernt von allem äußeren Schein, von Visionen, Verzückungen oder Ekstasen», bemerkt P. Massimo dazu, der jahrelang ihr Beichtvater war. «Sie wollte einzig mit ihrem Herrn auf dem Kalvarienberg und nicht auf dem Tabor verklärt werden... Wenig sagte sie über die Liebe, aber viel tat sie als glühend Liebende.»

Katharina war am 5. Sept. 1637 als Tochter des Herzogs von Parma und Piacenza geboren. Von frühester Jugend an fühlte sie einen verborgenen Zug zur Heiligkeit. Sie las gern erbauliche Bücher und wäre am liebsten Einsiedlerin geworden, wozu sich ihr allerdings keinerlei Möglichkeit bot. Aber Katharina war deswegen durchaus kein stilles und frommes Kind; im Gegenteil! Stolz und Eigensinn bereiteten ihr nicht geringe Schwierigkeiten, in der Tugend voranzuschreiten. Voller Stolz wies sie die Hand des um sie werbenden Herzogs Maximilian zurück. Einen nicht regierenden Fürsten wollte sie nicht heiraten! Aber genau so wenig wollte sie von einer Vermählung mit dem König von England etwas wissen. «Diesen werde ich ganz gewiß ausschlagen», versicherte sie. «Es wäre mir unmöglich, einen Mann zu lieben, der im Kirchenbann ist, und Kinder für die Hölle zu erziehen

Oft waren ihr Gedanken an ein Kloster gekommen, die sie aber immer sogleich von sich
gewiesen hatte. Ja, gegen ihre sonstige Gewohnheit unterließ sie es absichtlich, das Kreuzzeichen zu machen, damit Gott ihr mit solchen Gedanken fern bleibe. Schließlich konnte sie sich aber dem Wirken der Gnade nicht mehr widersetzen. Als sie ihren Entschluß zur Ausführung brachte, gaben ihr mehr als 200 Edelleute der Stadt und eine unzählige Schar von auswärts das Geleit. Mit den Worten: «Auf Wiedersehen im Paradies», verabschiedete sie sich von der Welt. Dann warf sie sich nieder und flehte: «Herr, lehre mich Demut und Unterwürfigkeit, damit ich meinen Kopf beuge,... alles andere muß vor der Tür bleiben». Fünftausend Gewehrschüsse verkündeten, daß sich hinter einer Prinzessin Farnese die Klausurpforte geschlossen hatte.

Und dann begann sie ihren Weg zu Christus emporzusteigen, um sich immer mehr der
Kreuzesliebe auszuliefern. Im Inneren erlebte sie geheimnisvoll die Passion. Doch ihre Natur schreckte noch vor dem letzten Opfer ihrer Freiheit zurück. Sie zweifelte, daß ihre Kraft ausreiche, sich durch das Gelübde, immer das Vollkommenere zu tun, zu binden. Vor einer Ecce-Homo-Statue brach ihr letzter Widerstand. «Siehe, meine Tochter», schien ihr der Dornengekrönte zu sagen, «wie ich hier gebunden bin, um Dich zu lieben! Und Du willst, um Deine verderbliche Freiheit zu genießen, die Fesseln dieses Gelübdes zurückweisen?»

Am 15. Okt. 1672 versprach sie Gott, immer das zu tun, was sie als das Vollkommenere erkenne. «Mit diesen Nägeln gekreuzigt, will ich mit meinem Herrn am Kreuz sterben.» Sie war 46 Jahre alt, als sie am 27. April 1684 ohne Todeskampf und mit einem Lächeln auf den Lippen in die ewige Heimat ging. In ihrer Lebensbeschreibung finden wir einen interessanten Bericht, wie man zu ihrer Zeit den Advent beging und wie stark in ihrem Herzen die Liebe zum Jesuskind glühte, weil sie dieses unmittelbar zum eucharistischen Herrn führte.

Bei ihrem Eintritt in den Karmel hatte sie vom Hof ein Jesulein mitgebracht, das in einem holzgeschnitzten Bettlein unter einem brokatenen Himmel schlief. Zur Adventszeit pflegte man nun im Kloster dieses Kindlein (oder ein anderes) in ein kleines Körbchen zu legen und es von Zelle zu Zelle zu tragen, so daß es eine jede Schwester einen Tag und eine Nacht bei sich behalten konnte. Sie durfte diesen Tag im Stillschweigen verbringen und es wurde ihr erlaubt, die hl. Kommunion zu empfangen. Gleichzeitig erhielt sie eine Gefährtin, die dasselbe Vorrecht genoß. In der Mittagsrekreation wurde durch das Los bestimmt, wer am folgenden Tag die «Ehrendame» des Jesulein sein sollte.

Katharina Farnese, die ein heißes Verlangen nach der hl. Kommunion trug, bemühte sich nun eifrig darum, zur Gefährtin ernannt zu werden. P. Massimo erzählt, daß «sie sich inmitten der Rekreation auf die Knie warf und mit der ihr gewöhnlichen Anmut die Mutter Priorin anflehte, die Gefährtin sein zu dürfen».

«Mutter», sagte sie, «die Ehrendame des hl. Kindes braucht eine Hofdame
Aber die Priorin, die die Rekreation heiter gestalten und die Nonnen erbauen wollte, bestimmte eine andere zur Hofdame. Die eifrige Schwester Theresia Margarita fügte darauf hinzu: «Mutter, das hl. Kind bedarf auch einer Tafeldeckerin

Doch wieder wurde eine andere dazu ernannt. Schwester Theresia verlor deswegen durchaus nicht die Hoffnung und kam zu dem Schluß: «Liebe Mutter, zu diesem hl. Mahl ist auch eine Küchenmagd notwendig.» Und mit diesem Titel, der ihrer demütigen Selbsteinschätzung am meisten entsprach, siegte sie fast immer.

Der Brauch, im Advent das Jesuskind in die Zellen der einzelnen Schwestern zu tragen und der Auserwählten eine Gefährtin zu geben, ist bis heute in vielen italienischen Karmelsklöstern erhalten geblieben. Um den Nonnen zur Vorbereitung auf das Kommen des Herrn zu helfen, ist es gleichzeitig üblich, die von der sel. Maria von den Engeln verfaßten Anmutungen und Gebete zu verwenden, die sicher zu dem Tiefsten und Schönsten gehören, was karmelitische Spiritualität über das Geheimnis der Menschwerdung und der dazu erforderlichen inneren Disposition zu sagen gewußt hat.

Maria von den Engeln war am 7. Jan. 1661 in Turin als jüngstes Kind des Grafen Johannes Donatus Fontanella geboren und erhielt in der hl. Taufe den Namen Marianna. Mit großem Vergnügen hörte sie den Erzählungen über die Wundertaten der hl. Wüstenväter zu, mit denen das Dienstmädchen das lebhafte Kind zu unterhalten suchte. Das Leben dieser Heiligen nachzuahmen erschien ihr das Edelste und Höchste. Es gelang ihr auch tatsächlich, sich eine Tasche voll Brot und etwas Wein zu beschaffen; sie wollte heimlich mit ihrem kleinen Bruder in die Wüste ziehen und dort für Christus, den Gekreuzigten, leiden. Der Entschluß konnte trotz aller Vorbereitungen nicht ausgeführt werden, da die beiden Kinder am Morgen, der für die Flucht vorgesehen war, selig in ihren Bettlein schliefen!

Nicht ohne Schwierigkeiten seitens der Familie gelang es Marianna, in das Karmelitinnenkloster der hl. Christine in Turin einzutreten. Es blieb ihr nicht erspart, den Kampf mit der Natur und dem bösen Feind, der sie stark belästigte, aufzunehmen. Aber sie kämpfte im Vertrauen auf den Herrn, der ihr einmal ein großes Kreuz gezeigt hatte: «Meine Tochter, hast Du den Mut, es zu umfassen?» Sie glaubte sich mit seiner Hilfe stark genug. Doch mußte sie einwenden:
«Mein Herr, Du bist aber nicht auf diesem Kreuz?» Darauf erwiderte ihr der göttliche Erlöser:
«Das ist ein Zeichen, daß Du von nun an meine fühlbare Gegenwart nicht mehr kosten wirst und mich nicht anders als auf dem Weg des Glaubens zu finden vermagst.»

Und doch sehnte sich ihre zarte, gefühlsbetonte Natur danach, Ihn zu sehen. Einmal, am
22. Aug. 1688, war ihr die Gnade zuteil geworden, Ihn als Kind in der hl. Hostie zu erblicken, bevor sie kommunizierte, wo sie ihrem Beichtvater, P. Lorenz Maria vom hl. Michael schrieb. Ihr Verlangen, seine Gegenwart beglückend zu spüren, war danach immer größer geworden. Aber statt dessen umhüllte sie tiefe Nacht. Diesem inneren Martyrium, entrangen sich wunderbar tiefe Gedanken, um sich auf sein Kommen vorzubereiten. Und sie erwartete Ihn im Geheimnis seiner heiligsten Kindheit.

Sie war ganz und gar vom Mysterium der Menschwerdung Christi, durchdrungen. Schon
in ihren Briefen trifft man immer wieder auf Anspielungen an die Geburt des Herrn in der Seele.
«Bemühen Sie sich, in Ihrem Inneren eine heilige Krippe zu bereiten», schrieb sie wahrscheinlich an die Karmelitinnen von Moncalieri, «indem Sie sie mit hl. Betrachtungen errichten...»" Und in einem Fragment eines Briefes heißt es: «Ich will mein demütiges Gebet dem Jesuskind in der Grotte zu Bethlehem zu Füßen legen, damit Es durch das Übermaß seiner Gnade den Mangel meiner Verpflichtungen ersetze. Möge Es meine Andacht immer mehr erwärmen, während ich Ihnen von der Güte des himmlischen Kindes die Fülle jener Gnaden wünsche, die Sie bereits jetzt auf Erden glücklich machen und die dereinst im Himmel Ihre ewige Glückseligkeit sein werden.»

Wie gesagt hatte Maria von den Engeln eine Reihe von Frommen Erwägungen und Anmutungen für die Adventszeit verfaßt, die das warm pulsierende Leben des Karmels widerspiegeln. Als Zeugnisse der vom Glanz der Liebe überschatteten Erfahrung einer Nonne führen sie unsagbar reich, beglückend und umformend in das Mysterium der Menschwerdung hinein.

Sie beginnt mit den Bedingungen, die für das Kommen des Herrn notwendig sind, und nennt an erster Stelle die Reinheit des Herzens. «So sehr gefällt Gott die Reinheit, daß Er, als sich unter Mitwirkung des HI. Geistes das Geheimnis der Menschwerdung erfüllen sollte, von einer jungfräulichen Mutter geboren zu werden verlangte. Jedermann weiß, mit welcher Gnadenfülle und mit welcher vorzüglichen Reinheit Gott den Leib und die Seele Mariens ausstattete, um sie zu einer würdigen Wohnung des Wortes, das in ihrem keuschen Schoß Fleisch werden sollte, vorzubereiten. Wenn wir daher Gott bitten wollen, daß Er geistigerweise auch in unseren Seelen geboren werde, so gibt es kein besseres und geeigneteres Mittel, als nach der Reinheit des Gewissens zu streben, jede Sünde aus dem Herzen zu bannen und es für die Tugend zu öffnen. Wir wollen uns deshalb in diesen heiligen Tagen um die Abtötung unserer Sinne bemühen, um eingezogen zu leben. Das wird uns in Stand setzen, auch die innere Sammlung zu bewahren, damit das heiligste, göttliche Kind in unseren Herzen geboren werde. Wir dürfen nicht zulassen, daß unseren Geist irgendeine Leidenschaft beunruhige. Bei der Geburt Jesu wurde der Friede verkündigt. Das menschgewordene Wort feiert seine Geburt nur in einer Seele, die eine Wiege der Gottinnigkeit und eine Stätte der Tugend ist.»

Die Adventszeit soll darin bestehen, sich in die Stille innerer Sammlung zurückzuziehen, um dort, wo heiliger Friede herrscht, sich auf die Gottesgeburt im Herzen vorzubereiten. Nur in eine reine Seele wird der Herr einziehen, denn solange noch eine Anhänglichkeit an sich selbst oder die Dinge der Welt den Menschen ausfüllt, ist kein Platz für den göttlichen Erlöser. Darum soll aufrichtige Reue das Herz bewegen, sich ganz der Güte und Barmherzigkeit des göttlichen Kindleins hinzugeben.

«Wie groß ist doch Deine Güte, o mein Jesus», ruft sie aus! «Obwohl ich Dich so sehr
beleidigt habe, wolltest Du doch den menschlichen Leib annehmen und alle meine Sünden auf Dich laden und mir die vollständige Verzeihung erlangen. Da ich so viele Fehler begangen habe, verdiente ich, Dich auf dem Thron der Gerechtigkeit als meinen strengen Richter zu erblicken. Statt dessen sehe ich Dich im Schoß Mariens als einen Herrn voller Nachsicht für meine Sünden... O göttliches Kindlein. Wie wünsche ich, Dich aufs höchste zu lieben! Äh, könnte ich doch einen tiefen und wahren Schmerz empfinden über alle Beleidigungen, die ich Dir zugefügt habe! Würdige Dich, meinem Herzen eine so innige Reue zu verleihen, daß ich lieber sterben will als noch einmal zu sündigen.»

Maria von den Engeln stellt als Beispiel zur Nachahmung den Glauben des hl. Josef vor, der von der Sehnsucht der Patriarchen genährt und von der Liebe der Muttergottes erfüllt sein muß. Sie läßt darum zuerst das Sehnen der alttestamentlichen Hoffnung auf den Messias erklingen:

«Heilige Patriarchen! Mit eurem heißen Flehen vereinige ich meine Tränen und rufe aus der Tiefe meiner Seele mit aller Inbrunst: Öffnet euch, ihr gütigen Himmel! Sendet mir von der Höhe den erfrischenden Tau des Paradieses! Segenspendende Wolken! Regnet mir im goldenen Naß meinen Herrn herab, der der Gerechte ist. Tu dich auf, o Erde! Eile dem Frühling voraus und gib mir den Erlöser! O Berge, träufelt Süßigkeit! O Hügel, Milch und Honig möge euch entquellen, damit auf euren lieblichen Pfaden das Lamm Gottes hernieder steige, um uns sein holdes, unendliches Erbarmen zu bringen. O Sonne der Gerechtigkeit, komm, erleuchte die Finsternis, die meinen Geist umnachtet.»

Unserem heutigen religiösen Empfinden sind derartige Liebesanrufungen durch ihre barocke Weitschweifigkeit fremd geworden. Man muß deshalb versuchen, sie aus der Geistigkeit ihres Zeitalters her zu verstehen. Schließlich ist einem jeden Jahrhundert eine charakteristische Anthropologie des übernatürlichen Lebens eigen. Der barocke Mensch fühlte das Bedürfnis, seine Gedanken in kunstvoll dahin gleitenden, oft kein Ende findenden Sätzen zum Ausdruck zu bringen und sich dem Spiel eines prunkvollen Wortschatzes hinzugeben, der wie der Goldrausch der Ornamente das marmorne Weiß seiner Altäre bedeckt. Aber hinter allem diesen verbirgt sich ein tiefes Eindringen in die Glaubenswahrheiten und ein echtes Bemühen, ihrem Inhalt gemäß zu leben. In diesem Sinn sind die Adventsanmutungen der seligen Maria von den Engeln zu interpretieren. Richtig verstanden enthalten sie viel Schönes, das einen jeden zur religiösen Nachahmung anregen kann. Warum sollte man nicht mit ihr «den lebendigen Glauben und die großmütige Hoffnung des hl. Josef, mit dem er auf die Geburt des menschgewordenen Sohnes harrte», teilen?

«Er wußte, daß der Messias der erwartete Erlöser der Völker sei. Mit welcher Inbrunst und Ehrfurcht redete er mit der seligsten Jungfrau über das unaussprechliche Geheimnis der Menschwerdung des Wortes! Und doch konnte er davon nicht sprechen, ohne Tränen herzinniger Rührung zu vergießen. Mit den Augen des Glaubens und in Ehrfurcht und Anbetung betrachtete er das göttliche Kind, das seine jungfräuliche Braut Maria unter dem Herz barg. Er bekannte Es als das Wort des Vaters, als das Ebenbild seiner Güte, als die Gestalt seines Wesens, als den Abglanz seiner Herrlichkeit.

Immer heißer seufzte er nach der Geburt des Heilandes, der aus Maria geheimnisvolle Strahlen entsandte, die sein Herz mit tausend Gefühlen der Andacht und Liebe durchdrangen. O wie sehr mußte sich bei diesen verborgenen Gunstbezeugungen im Bräutigam Mariens der Wunsch steigern, auch mit leiblichen Augen in das hoheitsvolle Antlitz des Jesuskindes, des Friedensfürsten zu schauen, der die ganze Erde beglücken wollte! Wie ward er im Geiste gedrängt, einen Gott anzubeten, der seine unermeßliche Majestät in Windeln einhüllen wollte und in die Welt kam, um sie zu erlösen und durch seine Geburt allen Menschen das ewige Heil zu bringen!

O würdiger Bräutigam der Jungfrau! Wie sehr wünsche ich, so glühend wie Du im Herzen zu empfinden und von dem Verlangen entflammt zu werden, daß mein sehnlichst erwarteter Bräutigam komme, um mich mit seiner Geburt heimzusuchen! o getreuester Beschützer Jesu! Teile mir etwas von Deinem Glauben mit, auf daß ich das hochheilige Geheimnis der Menschwerdung so innig wie Du umfasse!... Ach komme, mein geliebtester Jesus! Komm und laß nicht länger auf Deine gnadenreiche Geburt warten!»

Noch wärmer und drängender werden die Worte der großen Karmelitin, wenn sie mahnt, Maria zu betrachten, wie sie «vom Engel als Mutter des menschgewordenen Wortes begrüßt wurde und der Gnade entsprach. Mit der Zärtlichkeit einer Mutter war sie für das Heil der Menschen besorgt. Wer vermag es auszudrücken, mit welch glühenden Anmutungen, reichlichen Tränen und unausgesetzten Seufzern sie um die Ankunft des Sohnes Gottes flehte, den sie in ihrem Schoß empfangen hatte! Ganz in das große Geheimnis versunken, das sie in sich barg, sprach sie mit dem hl. Josef von nichts anderem als von Gott, der sie erfüllte, und von ihrer Sehnsucht nach dem Erlöser. Sie seufzte nach der Vollendung der Tage und sah mit höchstem Jubel der Stunde entgegen, an der sie, ein Geschöpf, den Schöpfer auf die Welt bringen sollte. Mit heißem Verlangen harrte sie des Augenblickes seiner Ankunft, wo die in Sklavenketten schmachtende Welt das unermeßliche Glück genießen sollte, ihren Befreier mit so unendlicher Barmherzigkeit auf Erden einziehen zu sehen.

Du Braut des HI. Geistes! Wie viele Gnaden verdanke ich deiner makellosen Reinheit, deiner erhabenen Heiligkeit und dem Verdienste Deines Gehorsams, als du dich dem Worte des Engels unterwarfst und dich in deiner Demut bereit erklärtest, daß sich in dir das hohe Geheimnis der Menschwerdung des Wortes erfülle... Ich sage dir Dank, daß du Ihn zum besten meiner Seele durch neun Monate beherbergt und behütet hast. Dir waren die Freuden einer Mutter mit den glorreichen Vorzügen einer Jungfrau beschieden. Ich erkenne und bekenne, daß du voll zärtlichsten Erbarmens gegen mich bist. Alle Gedanken deines Geistes zielen darauf hin, mich der glückseligen Ankunft des Allerhöchsten teilhaftig zu machen... Komm, du Gnadenvolle, meinem demütigen und gerechten Verlangen zu Hilfe, damit es mir bald vergönnt sei, meinen geliebten Jesus in mein Herz zu schließen.»

Es war schon seit der Zeit der hl. Theresia von Avila Gewohnheit des Karmels, sich durch
«Akte» auf das Weihnachtsfest vorzubereiten. Maria von den Engeln hatte nun diese frommen Anmutungen für ihre Mitschwestern und geistlichen Töchter in Turin und in der jungen Stiftung in Moncalieri verfaßt, um die bereits lieb gewonnene Gewohnheit mit einem neuen Sinn zu durchdringen und sie mit neuer Frische zu beleben. Sie wollte, daß eine jede ihrer Karmelitinnen empfänglicher für den Lichtstrahl von oben her werde und sich der Gnade der Gottesgeburt im Herzen immer mehr erschließe. Jesus war in die Welt gekommen, um den himmlischen Vater zu verherrlichen. Darum hielt sie die Schwestern an, sich zu bemühen, «Ihm in allen Handlungen zu gefallen und seine Tugend nachzuahmen». Das Schweigen des lebendigen Wortes im Schoß der Jungfrau sollte sie daran erinnern, die «Zunge abzutöten» und aufzumerken, «kein Gott beleidigendes Wort» auszusprechen. Die Menschwerdung Christi sollte sie lehren, daß Gott sich nicht die Freuden, sondern das Leid erwählte. Darum sollten sie seinem Beispiel folgen und «nicht mehr so nachgiebig gegen sich selbst und gegen die eigene Bequemlichkeit sein». Sie sollten von der unendlichen göttlichen Majestät, die sich nicht scheute, Fleischgestalt anzunehmen, die Demut lernen. Und die Einsamkeit des Jesuskindes sollte sie dazu anspornen, «alle überflüssigen Gespräche und Unterhaltungen zu fliehen».

Nur ein gesunder Wirklichkeitssinn, der nichts mit religiöser Romantik und süßlicher Schwärmerei zu tun hat, konnte diese Zeilen hervorbringen. Die Geburt des Herrn nimmt im Karmel einen zentralen Platz ein. Wenn sich auch zur Advents- und Weihnachtszeit Kripplein und Jesuskindlein in Bildern und Statuen häufen, so sind sie doch nur ein äußeres Symbol für die große Wirklichkeit der Gottesgeburt in jenem unsichtbaren Reich der Seele, das allein vor Gottes Augen offen liegt. Alle äußeren Akte und Gebräuche dienen dem Ziel, die Liebe zu vollenden, mit der die Ankunft des Herrn erwartet werden soll.

Im Karmel von Florenz lebte eine Heilige, Schwester Theresia Margarita vom heiligsten Herzen, die sich zum Zeichen ihrer Liebesbereitschaft eine kleine Wachsstatue einer Karmelitin angefertigt hatte, die auf einen von Kreuzen bedeckten Weg dem Jesuskind entgegeneilte. Sie wollte in dieser Statue ein Bild ihrer Seele sehen, die unentwegt dem Herrn entgegen schritt und mutig den Pfad des Kreuzes einschlug. Mit ihrem eigenen Blut hatte sie den Vorsatz geschrieben: «Jesus, mein Vielgeliebter, ich verspreche Dir, ganz Dein zu sein, und möge dies noch so viel Widerwillen kosten.» Und das versuchte sie zu verwirklichen, indem sie das einzige Motiv ihrer Handlungen in der Liebe sah.

Das erste Weihnachtsfest, das sie im Karmel verbringen durfte, bedeutete für sie eine
Reihe unvergeßlicher Freuden. Schon der Advent war im Karmel zu Florenz von einer wundersamen Vorbereitung auf das Kommen Jesu erfüllt. Wie erzitterte ihr Herz in heiliger Erwartung, wenn an jedem Abend eine Schwester, der sogenannte «Prophet», in einer geistlichen Sentenz der Sehnsucht der Menschheit nach dem Messias Ausdruck verlieh, oder wenn an den Adventssonn- tagen eine andere Schwester, als Hirtin bezeichnet, einige Gebete zur Muttergottes sprach, die tiefe Gedanken über das Menschwerdungsgeheimnis enthielten! Und wie ergriffen war sie, als sie in der Stille der Weihnachtsnacht durch freudigen Hirtengesang aufgeweckt und zur Matutin gerufen wurde! Als in der Hl. Nacht die Weihnachtslieder am Kripplein erklungen, kannte ihre Seligkeit keine Grenzen, und ihre silberhelle Stimme jubelte voll innerer Glückseligkeit, die ihr Herz erfüllte. Hatte sie nicht mit den anderen Novizinnen das Kripplein bereitet? Und nun lag das neugeborene Kind da, und sie durfte Es anbeten und lieben!

«Der Gedanke, daß Gott sich um unserer Liebe willen verdemütigt hatte, bewegte tief ihr Inneres; das zarte Kind auf dem rauhen Stroh übte eine so starke Anziehungskraft auf ihr unschuldiges Herz aus, daß sie oft in glühende Ausrufe unbeschreiblicher Zärtlichkeit ausbrach.» Noch heute zeigt man das Jesulein, das die Heilige so innig geliebt hatte. Es ist eine in Brokat gekleidete Wachsstatue mit goldenen Locken und einer Krone, die auf einer kleinen Matratze ruht. Die Großherzogin Vittoria della Rovere hatte sie einige Jahre nach der Gründung, etwa zwischen 1630-1647, dem Kloster geschenkt.

Die Chronik des Florenzer Karmels erzählt, daß dieses Jesulein 1717, als Es die Novizin
Schwester Anna Teresa von der hlst. Konversation glühend gebeten hatte, heilig zu werden, bitter geweint habe. Auch in späteren Jahren, wenn der Kirche Gefahr drohte, sahen die Nonnen das hl. Kind weinen.

Als sie 1918 die Weihnachtsnacht im «Exil» verbrachten, da die Regierung das Kloster
für Kriegsbeschädigte in Beschlag genommen hatte, weinte Es ebenfalls, und 1930, während eines Triduums zu Ehren der hl. Theresia Margarita, sahen viele Leute Tränen in seinen Äuglein. Allen sichtbar trocknete sie Msgr. Pierazzoli mit einem Tüchlein ab.

Wie oft hatte die Heilige in die großen, Erstaunen und Erwartung verratenen Augen dieses Jesulein geschaut! Was mag dieses Kindlein nicht alles der nach hohen Idealen strebenden Novizin gesagt haben! Sicher hatte sie bei Ihm gelernt, nur der Liebe und Hingabe zu leben. Und was hätte sie nicht alles für dieses Kindlein tun wollen!

An einem Weihnachtsfest ließ sich kein Prediger finden, der den Karmelitinnen das Menschwerdungsgeheimnis dargelegt hätte. Theresia Margarita bat daher ihre Mutter Magistra um Erlaubnis, ihren Bruder Franz Xaver, der sich damals im Kollegium Cicognini in Prato befand, zu bitten, ihr eine kleine Weihnachtspredigt zu verfassen. Sie schrieb ihm, daß sie beabsichtige, diese am Weihnachtsabend ihren Mitschwestern vorzulesen. Ihr Bruder war gern bereit, ihr die Gefälligkeit zu erweisen, wofür sie ihm mit zwei selbstgemalten Bildchen dankte. Dann wurde der Kommunität verkündigt, daß man eine Weihnachtspredigt am HI. Abend erwarten dürfe. Sie hatte sich mit ihrem weißen Mantel bekleidet vor dem Kripplein niedergekniet. Nach einem kurzen Gebet begann sie die Predigt vorzulesen.

Es war eine Einladung an ihre Mitschwestern, sich in Gedanken zur Grotte zu begeben, wo die «Güte des Herrn» erschienen war und wo sich das Wort Gottes derart verdemütigt hatte, daß Es unsere menschliche Gestalt annahm und uns in allem gleich wurde. Dann sprach sie von der Muttergottes und ihrem Leid, daß sie dem armen kleinen Körper nur ein wenig Heu bieten konnte und daß sie der großen Kälte, die das Kindlein bitter fühlte, nicht abzuhelfen vermochte. Welch ein Beispiel der Armut, des Opfers, der Losschälung von allem hat uns das Jesuskind gegeben! Und welch ein Vorbild ist Es uns in seiner Demut! Sie war so tief bewegt von diesen Gedanken, daß heiße Tränen sich mit ihrer himmlischen Freude vermischten. Wie tief verstand sie doch ihren Herrn und Heiland zu lieben!

Im Karmel von Florenz befindet sich noch ein zweites barockes Jesulein, das ungefähr um 1721 von der Prinzessin Violente Beatrix von Bayern, der unglücklichen Gemahlin Ferdinand II. de Medici, Großherzog von Toscana, dem Kloster geschenkt wurde. Kindliche Liebe hat Ihm den Namen «il Celeste Fratellino», das himmlische Brüderlein, gegeben. Obwohl die Statue keinen besonderen künstlerischen Wert hat, bietet sie dennoch dem Historiker einen interessanten Beweis, daß sich gerade im Karmel von Florenz die spanische Tradition am reinsten weiterentwickelt hat.

Viele der Advents- und Weihnachtsgebräuche, wie sie im Zeitalter des Barock im italienischen
Karmel gepflegt wurden, sind bis in unsere Gegenwart erhalten geblieben. So wie die hl.
Theresia Margarita hat eine jede Karmelitin in Florenz ein Jesulein in ihrer Zelle, um ständig an das Mysterium der Gottesgeburt und den Weg des Kindseins erinnert zu werden. In Oberitalien und in Rom lebt der Brauch fort, zur Adventszeit das Jesulein von Zelle zu Zelle zu tragen, und Ihm durch das Los eine Ehrendame und eine Gefährtin zu erwählen. Selbst im Internationalen Kolleg der Unbeschuhten Karmeliten in Rom war es üblich, daß der P. Rektor während der Novene einem der jüngsten Studenten, der vor der geöffneten Zellentür kniend wartet, ein Jesuskind in die Arme legte. Alle diese Bräuche zeigen die Liebe, mit der der Karmel für das Geheimnis der Menschwerdung offen stehen will, um vom göttlichen Kind die Reinheit und Unschuld zu erlernen.

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Die Andacht zum Jesuskind im italienischen Barock

Wir sind der Andacht zum Jesuskindlein im italienischen Karmel im17. und 18. Jh. nachgegangen, wie sie unmittelbar am Beispiel einiger auserwählter Gestalten sichtbar wurde. Doch um ein vollständiges Bild zu gewinnen, müssen wir wenigstens einen flüchtigen Blick auf die Werke zweier typischer Vertreter des Karmelitenordens aus jener Zeit werfen, so weit sich diese unserem Thema zugewendet haben.

Wie bereits am Anfang dieses Abschnittes erwähnt wurde, verfaßte P. Johannes Maria hl. Josef (Centurioni) in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Werk in sechs Bänden, die Essercitii spirituali, welche er der Serenissima Donna Margherita di Toscana, Madama di Parma, gewidmet hatte. Der zweite Band, der sich mit Übungen zur Vorbereitung auf die Geburt des Herrn im menschlichen Herzen oder mit Übungen um die Gegenwart des Jesuskindes nicht zu verlieren beschäftigt, offenbart eine feine Gabe, in das Geheimnis des Inkarnationsgeschehens einzuführen und es in seiner vollen Schönheit auf das Innenleben einwirken zu lassen. Ungefähr ein Jahrhundert später wurde in Mailand eine Sammlung von Meditationen zu allen Tagen und Festen des Kirchenjahres gedruckt, die ebenfalls aus der Feder eines Karmeliten, P. Johannes Thaddäus vom hl. Johannes Baptista" stammte und bis heute einmalig in ihrer Art geblieben ist.

P. Johannes Maria vom hl. Josef hatte 1605 sein Noviziat in Rom unter der Leitung des ehrw. P. Johannes von Jesus Maria beendet und von diesem eine authentisch theresianische Bildung erhalten. Als P. Johannes zum Ordensgeneral erwählt worden war, schickte er den begabten jungen Ordensmann als Theologieprofessor nach Polen. Später wirkte er als Prior in Köln und erwarb sich als Provinzial und Generalvisitator der deutschen Provinz außergewöhnliche Verdienste für die Verbreitung der Reform. Nicht nur seine Ordensoberen, sondern auch Kaiser Ferdinand II. wußte ihn mit Hochschätzung zu umgeben. 1632 ernannte ihn das Generalkapitel zum Generalprokurator des Ordens. Zwei Jahre später starb er in Rom.

Als Verfasser zahlreicher theologischer und aszetischer Schriften gehört P. Johannes Maria vom hl. Josef in die für das beginnende 17. Jh. charakteristische religiös-geistige Strömung, der es um eine praktische Hilfsleistung im übernatürlichen Leben ging und die das Gebot der Nachfolge Christi in ihren, für alle erreichbaren Möglichkeiten herauszustellen versuchte. Schon in diesem soziologischen Ziel mag zum Teil eine Begründung liegen, warum er in seinem «Exerzitienbuch», wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, das Kind Jesu und die Nachahmung seiner Tugenden so eingehend behandelt. Aber es ist sicher nicht der entscheidende Grund gewesen. Es scheint uns wahrscheinlicher, daß er ein inneres Zeugnis zu der ihm über die Belehrungen des ehrw. Johannes von Jesu Maria zugekommenen theresianische Tradition ablegen wollte, die sich zwar zu seiner Zeit in Italien weniger durch «Dokumente» als durch
«Monumente» ausdrückte, d. h. durch zahlreiche Statuen des Jesulein und besondere Andachtsformen und Bräuche in der Weihnachtszeit.

P. Johannes Maria hat in dem inneren Offensein für das Kommen des göttlichen Kindes eine wesentliche Disposition zur Entfaltung des religiösen Lebens und zur Vertiefung der individuellen, christozentrischer Frömmigkeit gesehen. Das wird schon durch einen Vergleich mit den Themen der geistlichen Übungen in den anderen fünf Bänden deutlich. In Vorbereitung auf das Fest der Himmelfahrt Mariens spricht der erste Band von Übungen, die die Seele in der Liebe und Nachahmung der seligsten Jungfrau erneuern sollen. Der dritte Band will eine Anleitung zu Profeßexerzitien geben, der vierte, um sich in der Demut zu vervollkommnen, der fünfte ist für Ordensobere geschrieben und der sechste wurde ausschließlich Übungen zur Erwerbung des Stillschweigens zugedacht.

Charakteristisch für die persönlich gestaltende Begabung dieses Karmeliten ist der äußere Aufbau seiner Exerzitien, der sich in allen sechs Bänden auf gleiche Weise wiederholt. Das Thema wird auf 10 Tage mit jeweils 4 Betrachtungen oder «Stunden» verteilt. So handelt es sich etwa in der ersten Stunde um «Anregungen, die das Herz aufflammen lassen, um das Jesuskind zu empfangen», in der zweiten geht es um die «Früchte, die mit der Ankunft des Jesuskindes verbunden sind», in der dritten wird eine «Erneuerung der Seele» angestrebt und in der vierten sollen alle Bemühungen unter einem bestimmten Patronat ausklingen, sei es des hl. Josef, der sel. Jungfrau, des Hl. Geistes, des Gottessohnes oder des Vatergottes selbst.

In den einzelnen «Stunden» begegnen wir in unzähligen Variationen der liebenden Sehnsucht
der Seele nach dem Kommen des göttlichen Kindes, das mit einzigartiger Innigkeit des Gefühls in der Fülle seiner göttlichen Schönheit, Liebenswürdigkeit, Güte und Barmherzigkeit geschildert wird. «Du bist in deiner Schönheit lieblicher als die Menschenkinder, denn deine Gnade ist ausgegossen auf deine Lippen.» «Gott hat in diesem Kind alle seine Güte und Barmherzigkeit zu den Menschen gezeigt.» «Der Reichtum himmlischer und ewiger Güter kennt im Kind Jesu keine Grenzen, denn Es ist die unerschöpfliche Quelle aller Güter. Wenn das kleine Kind sie austeilt, wird Es deswegen nicht ärmer. Es besitzt sie immer unzählig und überströmend.»

Von diesen Gedanken ausgehend, folgert P. Johannes Maria: Bei seiner Geburt hat Jesus
nun das Verlangen verwirklicht, seinen Reichtum mitzuteilen. Noch ein kleines Kind, unfähig zu sprechen und die Seelen anzurufen, ist Er zu uns herabgestiegen und hat sich an einem Ort geoffenbart, der allen leicht zugänglich ist, damit sie seinen Reichtum in sich aufnehmen und aus ihm Nutzen ziehen können. „Ich habe mich von denen finden lassen, die mich nicht gesucht haben» (Rom. 10,20). «Sein Kommen genügt ein einziges Mal, damit dich das Jesuskind in einem Augenblick so reich macht, daß du in aller Ewigkeit nicht mehr zu deiner bisherigen Armut zurückkehrst.»

P. Johannes Maria fragt: «Mein liebes Kind, weshalb bist Du von so weit hergekommen und was willst Du hier bei uns? Muß man da nicht wie Joseph antworten: „Ich bin gekommen, um meine Brüder zu suchen; sag mir, wo sie ihre Herden weiden"?»

  «Wer ist dieses Kind?
- Ein unendlich großer Gott.»

«Für wen ist Es gekommen?
- Für die Schuldbeladenen, undankbaren und schlechten Menschen.»

«Welcher Beweggrund hat Es zu einem solchen Opfer veranlaßt?
- Einzig die reinste Liebe und die allergrößte Selbstverleugnung.»

Um zu einer wahren, hingebenden Liebe zu dem göttlichen Kindlein anzuregen, schildert
Es uns P. Johannes Maria in verfeinerten Bildern, die etwas unsagbar Zartes aushauchen.
«Betrachte die alle Maße übersteigende Liebenswürdigkeit deines Geliebten. Bewundere seine kleinen Äuglein, die sich kaum dem Lichte geöffnet haben. Wenn aus ihnen auch nur ein einziger Blick auf dich fällt, wird er dich mit Trost und himmlischer Seligkeit erfüllen. Ein Blick dieses Kindes genügt, um aus einem Verbrecher einen Gerechten zu machen. Die Süßigkeit seines Blickes ist derart, daß keiner je seinen Freund mit so viel Liebe angeschaut hat, wie Jesus, wenn Er sein Auge auf einem seiner Kinder und Diener ruhen läßt.

Betrachte sein Antlitz. Es sind so zart, so fein, so wohlgeformt, so strahlend von dem lieblichen
Lächeln, das auf seinen Purpurlippen spielt, daß alles an Ihm, selbst sein erstes Weinen, anbetungswürdig wird.

Gehst du einem jeden dieser Schätze seiner Liebenswürdigkeit nach, so wirst du, voller Entzücken über so viel Anmut, ihnen nicht lange widerstehen können. Du wirst versuchen, Jesus zu lieben, weil Er so unendlich liebenswürdig ist.»

Die zeitliche Geburt Jesu ist nur ein schwacher Abglanz seiner ewigen Geburt im Schoß des dreifaltigen Gottes. «Die verlassene Grotte, in der Er auf Erden erschienen war, bildet nicht seine erste Wohnstätte.» Sein wahrer und unergründbarer Wohnsitz ist in den Flammen der Gottheit verborgen. Dort, in einem für unser Auge unwahrnehmbaren Lichte, geht der Sohn auf dem Weg der Zeugung aus dem Vater hervor als der von Ewigkeit her gedachte Gedanke des Vaters.

Vor diesem unfaßbaren Geheimnis müssen wir in tiefer Anbetung niederfallen und den himmlischen Vater, der uns nach seinem Bilde geschaffen hat, bitten, Er möge uns verleihen, Ihm nachfolgen zu dürfen, indem wir Jesus unser Herz zu seiner Geburt öffnen und Ihn zum fortwährenden Gegenstand unserer Gedanken und unserer Liebe machen. Und P. Johannes Maria betont:

... Allein dort, in dem Heiligtum deiner Gedanken, in dem absoluten Schweigen, wirst du das feine Murmeln des ewigen Wortes hören. In jener Atmosphäre des Schweigens wird sich wie in der stillen Nacht von Bethlehem ein großes Licht entzünden und der Gott der Wahrheit wird in deinem Herzen geboren werden.

«Du hast dabei nur eines zu tun, und das ist: dich über dich selbst und über alles Existierende zu diesem höchsten Gut zu erheben. Jesus gegenüber bleibt alles geschaffene und mögliche Sein nur ein reines Nichts. Lasse also das Nichts, um das Alles zu besitzen

Nicht weniger tiefe Gedanken erschließen die Meditationen des P. Johannes Thaddäus. Sie beginnen mit der Mahnung, «vom Schlaf aufzustehen, um das göttliche Licht zu empfangen. Die Sonne der Gerechtigkeit ist ihrem Aufgang nahe und will das Herz durchlichten und den Geist entflammen. Gott will... in der Liebe eines zarten und holdseligen Kindleins in dein Herz einziehen und dir das Heil bringen. Lebst du fromm und gerecht, dann wirst du nicht enttäuscht werden in deiner Erwartung der Geburt des Gottessohnes in deinem Herzen. Rorate caeli desuper; et nubes pluant Justum. [Tauet Himmel, Wolken regnet den Gerechten.]

Jeder Atemzug sei dir ein sehnsuchtsvoll einladender Ruf zum himmlischen Kind. Aber um seine Ankunft wirklich von Herzen zu verlangen, muß dein Herz immer bei Ihm sein. Es ist ja das wesenhafte Bild des Vaters, die Fülle der göttlichen Weisheit, und du darfst in deinem Herzen eine solche Weisheit und Majestät geistig geboren empfangen! Wiederhole darum tausendmal am Tag: Regnet ihr Himmel in mein so trockenes Herz einen fruchtbaren Regen. Wünsche und wiederholte Bitten genügen nicht, um Gaben vom Himmel zu erhalten, wenn nicht zugleich alle Hindernisse beseitigt werden, die ihnen entgegenstehen. Überdenke deshalb deine Unvollkommenheiten und suche ihren Ursprung.

Veni Domine! Das geistige Kommen Jesu Christi in die Seele verwirklicht sich als zarte Vereinigung mit Ihm. Der Herr des Friedens soll in der Seele geboren werden. Seine Geburt bringt den Frieden mit sich, von dem ein Übermaß der Gnade ausgeht. Komm, eingeborener Sohn Gottes und suche Dir eine Wohnstätte in diesem Sünder! Befreie meine Seele von allem, was sich gegen Deine Güte und Weisheit auflehnt.»

Je näher das Weihnachtsfest rückt, umso drängender sollen die Bitten werden, daß Gott mit seinem Kommen unser Inneres tiefer erfasse und in die Innigkeit seiner Liebe tauche. Wieder ist es eine Reihe von Meditationen, die diesem Verlangen Ausdruck verleihen. Am besten wird es sein, wenn sich der Betende «geistig in das Herz Mariens versetzt, um dort mit ihr ganz zart das göttliche Wort einzuladen, als unser Erlöser geboren zu werden». Wenn die Hl. Nacht angebrochen ist, betrachte «die seligste Jungfrau, wie sie in sich eingeht, da sie ihre Stunde nahe weiß. Sie erhebt ihren Geist zu Gott. In tiefe Beschauung versunken, schenkt sie zur Mitternacht auf wunderbare Weise dem Eingeborenen des Vaters das irdische Leben. Unverzüglich kniet sie vor Ihm nieder, küßt demütig seine Füße und betet Ihn als ihren Gott an. Darauf nimmt sie Ihn in die Arme, wickelt Ihn in Windeln und legt Ihn in die Krippe auf's Heu.

Bete auch du das Kind in der Krippe an, das dir als Erlöser und Meister gegeben wurde, wie Isaias sagt: Parvulus natus est nobis, et filius datus est nobis. [Ein Kind ist uns geboren ein Sohn ist uns geschenkt!] Betrachte Jesus, um von Ihm zu lernen, wie du in seiner Liebe wachsen kannst. Wenn du nicht Tag für Tag Fortschritte machst, darfst du nicht glauben, Ihm zu folgen oder Ihn nachzuahmen. Eile darum zum göttlichen Kind und bitte Es voller Schmerz über deine Nachlässigkeiten, deinen Willen mit seinem kostbaren Blut zu stärken.» P. Johannes Thaddäus zeigt nun das Jesuskind, wie Es als Spender aller Gnaden in unser irdisches Dasein eintritt und in den Menschen, «die guten Willens sind», ein neues Verhältnis der Liebe entzündet.

«Am Fest der Beschneidung sollst du dich fragen, ob dir das göttliche Kind einen wirksameren Ausdruck seiner zärtlichen Liebe geben konnte, als jetzt, da Es kaum geboren war? Schau, wie Es dich liebt! Seine Liebe zu dir kostet Es sein Blut. Sie verlangt daher von dir nichts anderes als dein Herz. Dieses erwartet das Jesuskind von dir, doch nicht nur mit liebevollen Worten, sondern mit Beweisen eines wahrhaft Liebenden, der beginnt, Ihm entschlossen seine menschlichen Freuden aufzuopfern.

Du darfst also keine Gelegenheit zurückweisen, sei sie auch noch so schmerzlich für dich, um Jesus seine Liebe zu vergelten. Da Er so große Eile hatte, zu leiden, und schon acht Tage nach seiner Geburt für dein Heil Wunden empfing, so nimm auch du dir vor, es nicht mehr zu verweigern, etwas für Ihn zu erdulden. Wende dich unverzüglich zum Jesuskind und bitte Es um seines kostbaren Blutes willen, deinen Geist zu erleuchten und deinen Willen zu stärken, um mit Ausdauer Verdemütigungen und die gewöhnlichen Leiden auf dich zu nehmen. Sie werden dir ewige Freude und Herrlichkeit bringen.»

Eine besonders feine Art der Beobachtung beweist P. Johannes Thaddäus, wenn er vom
Einfluß der göttlichen Kindheit auf unser Leben und dem Beispiel des Jesusknaben spricht. Vor allem will er zu einer Vervollkommnung in der Liebe führen, die die Bedingung für einen jeden Fortschritt im übernatürlichen Leben bildet. Wenn dann «das Kreuz auf deine Schultern geladen wird, sei es von liebender oder gleichgültiger Hand, dann wirst du es immer als vom Herrn kommend empfangen und aus Liebe zu Ihm leiden, der für dich unendlich Schwereres ausgestanden hat. Besonders am Fest der Beschneidung des Jesuskindes, das mehr als ein jedes andere Kind den Schmerz des Schnittes gefühlt hat, wirst du lernen, immer die Erfüllung des göttlichen Willens über alle anderen Dinge zu stellen, mögen sie dir auch noch so lieb sein. Der himmlische Vater will von dir um den Preis einer jeden Selbstgenügsamkeit geehrt werden.»

Das Beispiel «der Hl. Drei Könige wird dich zu eilfertigem und schlichtem Gehorsam der göttlichen Stimme gegenüber anspornen. Vidimus et venimus. [Wir sahen den Stern und sind gekommen IHN anzubeten.] Aber sie trafen das göttliche Kind nicht außerhalb des Stalles an, sondern darin, nachdem sie eingetreten waren. Willst du Jesus finden, so gehe also in dich selbst ein, wo Er gegenwärtig ist. Er erwartet dich dort, in dir, nicht außerhalb von dir, wenn auch deine Seele noch so arm und nackt ist, ganz unwürdig, um Jesus als Herberge zu dienen. Hier wirst du Ihn jedesmal antreffen, wenn du Ihn in Demut und im Glauben suchst.»

Das «Wachsen und Reifen» des Jesuskindes soll daran erinnern, daß das Wunder der
Gottesgeburt im Herzen sich in einem Geschehen vollzieht, das in der Stille des Inneren verborgen bleibt. P. Johannes Thaddäus weiß, daß man bei Jesus, wenn auch die Schrift sagt, daß «er an Alter, Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen zunahm», nicht von einer Entwicklung im Sinn eines schrittweisen Zunehmens und Wachsens zu etwas Vollkommenerem hin sprechen kann. Darum deutet er dieses Wachsen und Reifen des Herrn in seiner innersten Beziehung zum Vatergott. Und hier nimmt er den Ausgangspunkt für seine Meditation, die zu einer «Heiligkeit auffordert, die ganz im Inneren ist. Um sie mußt du dich vor allem bemühen. Wie der Sohn Gottes, der in seinem Äußeren sich nicht von den Ihm gleichaltrigen Kindern unterschied, sollst auch du allen äußeren Sonderlichkeiten entfliehen, die gewöhnlich der Eitelkeit entspringen. Der Fortschritt Christi vollzog sich erst vor Gott und dann vor den Menschen. Gib acht, diese Ordnung nicht umzustellen, indem du versuchst, zuerst den Geschöpfen und dann dem Schöpfer zu gefallen.»

Das menschliche Auge wird ein solches Wachsen im Inneren zunächst kaum erfassen.
Aber Gott, dem nichts verborgen bleibt, sieht in das Herz und erkennt, wie sich dort das lebendige Kindsein Jesu eingeprägt hat und zu einem neuen Dasein führt. Das Leben in Jesus Christus ist Zunehmen in seiner Gnade und Reifen in seiner Liebe.

P. Johannes Thaddäus will mit seinen Meditationen, die alles enthalten, was die Spiritualität des italienischen Karmels im 17. und 18. Jahrhundert über die Gottesgeburt im Herzen zu sagen wußte, zu einem befruchtenden Nachdenken und lebendigen Erfassen des Inkarnationsmysteriums anleiten. In innerem Offenstehen für das Eigentliche soll der einzelne es nicht unterlassen, das Jesuskinds unentwegt zu bitten, zu Ihm zu kommen und in Ihm zu walten, damit sich das Leben immer mehr in der Nachfolge des seinigen erfülle.

Er darf überzeugt sein, sagt uns P. Johannes Thaddäus, daß das göttliche Kind nicht auf sich warten läßt, sondern sich bald innerlich bemerkbar machen wird, wenn Es im Glauben und in der Liebe gesucht und um seine Ankunft angefleht wird. Seine Meditationen haben mehr als zwei Jahrhunderte als Betrachtungsanleitung für das geistliche Leben der Karmeliten gedient. Auch heute werden sie durch ihren Reichtum und in ihrer Schönheit wesentlich dazu beitragen können, das Geheimnis der Kindheit so zu verstehen, wie es das Gebet des Karmels durchzieht und in seinem kontemplativen Leben stets neu aufleuchtet.

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DAS JESULEIN VON BEAUNE

«Vielleicht ist die Tatsache nicht bekannt genug, daß die ersten 60 Jahre des 17. Jahrhunderts für die Kirche eine Zeitspanne seltener Schönheit und Fruchtbarkeit bedeuten, nicht weniger reich als die großen Bewegungen der mittelalterlichen Christenheit, eine Ära der Verjüngung und der herrlichsten Erneuerung.»

Wenn diese Worte Daniel-Rops vor allem die Initiativen zur Erneuerung des inneren Lebens in Frankreich betreffen, - während zur gleichen Zeit in den deutschen Ländern der dreißigjährige Krieg mit seinen Nachwehen eine völlig andere geistige Situation auslöste -, so bleibt ihnen doch die allgemein gültige Wahrheit eigen, daß die Frömmigkeit des heutigen Menschen noch ständig seine Wurzeln in das Zeitalter von Franz von Sales und Vinzenz von hl. Paul streckt und sich aus seinen großen Traktaten nährt.

Die genialste Leistung des anbrechenden 17. Jahrhunderts war ohne Zweifel die Gründung
der «französischen Schule» mit seinem unvergeßlichen Meister Berulle und dessen Schülern Condren, Olier und Johannes Eudes. Berulle, den Bossuet «einen wirklich hervorragenden Menschen» genannt hat, «dessen Würde selbst der Kardinalspurpur nichts mehr hinzufügen konnte», eröffnete den Zugang zu einem theozentrischen Leben, das auf der Alternative aufbaute: Der Mensch ist ein Nichts, aber ein Nichts, das fähig ist, in sich Gott aufzunehmen und sich anbetend zu Gott zu erheben. Die Erkenntnis des eigenen Nichts gegenüber dem absoluten Alles Gottes löst eine Haltung tiefster Ehrfurcht und Anbetung aus. Aber dieser scheinbar so unendlich ferne Gott neigt sich liebend über das arme Nichts, wenn es Ihn um seine Barmherzigkeit anfleht, wie Olier betont, und wenn es auf seine Liebe vertraut, wie Johannes Eudes hinzufügt.

In der Mitte steht Christus, der durch seine Menschwerdung die Menschheit erlöst und
geheiligt hat. Durch Christus betet der Mensch Gott an, und im Mysterium seiner Inkarnation findet er die überbrückende Lösung, die den Abstand zwischen Gott und Mensch verringert. Darum gibt es für ihn nichts anderes als «sich mit Unserem Herrn zu bekleiden und nach dem Beispiel Jesu Christi in sich ein jedes andere Interesse außer Gott zu vernichten». Dieser Gedanke durchzieht als Leitmotiv die christozentrischen Werke Berulles, die Elevations a Jesus sur ses principaux etats et mystères, seine 1623 gehaltene Rede; Etat et la grandeur de Jesus und sein leider unvollendetes Werk: Vie de Jesus. Bei seinem Tod (1629) waren die wichtigsten Elemente festgelegt, die die traditionellen Grundsätze der französischen Schule bestimmen sollten.

Ihre christozentrische Ausrichtung beeinflußte bald auch die geistlichen Strömungen der
Orden in Frankreich. P. Chardon (1595-1651), P. Lallemand (1588-1635), P. Surin (1600-63), u. a. sind sprechende Zeugen dafür. Zutiefst in jenes geheimnisvolle Wasser getaucht, das den Quellen des Erlösers entspringt, wollten sie durch den Mittler Christus, und zwar durch den Menschen Christus, der zur Nachfolge aufgefordert hatte, zu Gott emporsteigen. Sie folgten damit bewußt den Spuren Berulles, der betont hatte, daß der Mensch Christus nicht nur der Lehrer, Wundertäter und Gekreuzigte war, sondern daß Ihn das Inkarnationsmysterium auch als kleines Kind gezeigt hat, äußerlich einem jeden anderen Kinde gleich. Konformität mit Christus heißt daher nicht nur Christus am Kreuze ähnlich werden, sondern mit Ihm auch ein Kind des himmlischen Vaters zu sein und aus dem Beispiel seiner Kindheit das eigene Leben zu gestalten.

Kard. Berulle hatte in seinen geistlichen Briefen und Konferenzen im Pariser Karmel im Faubourg Saint-Jacques versucht, das Mysterium der Kindheit Jesu für das praktische Leben der Karmelitin auszuwerten. Wenn auch seine Belehrungen keine wesentliche Hinzufügung oder womöglich einen neuen Aspekt der karmelitischen Spiritualität bedeuteten - und man darf nicht vergessen, daß die Nonnen gerade hier, soweit es sich um eine Verwirklichung der Lehre des berühmten Kardinals handelte, nicht immer seine Auffassung teilten -, so trugen sie doch zur Vertiefung des christozentrischen Lebens im Faubourg St. Jacques bei und dienten immer mehr der Achtsamkeit auf das Geheimnis der Menschwerdung.

Es war vor allem M. Magdalena vom hl. Josef (1578-1637), auf die Berulle einen starken Einfluß ausübte und die er zur Verehrung der Kindheit Jesu anregte. Sie selbst fühlte seit langem einen inneren Zug, sich ganz der Andacht zum Jesuskind hinzugeben und ihre Mitschwestern dazu zu beeinflussen. «Donnez-vous entierement à la sainte enfance de Notre Seigneur», hatte sie ihnen gesagt.

«Verehren Sie sie [die Kindheit Jesu] aus ganzem Herzen und mit allen Fähigkeiten Ihrer Seele. Die Gnade, Töchter der Jungfrau zu sein, verpflichtet Sie dazu. Es ist ja gerade dieser demütige Stand ihres Sohnes, dem sie ihre göttliche Mutterschaft verdankt, und in diesem Stand hat sie die größte Macht über Ihn.»

Wenn sich auch nicht mit Sicherheit sagen läßt, ob diese Aufforderung in Abhängigkeit
von Berulle geschah, so bleibt doch bestehen, daß er bis zum Ende seines Lebens in dieser Richtung auf sie einzuwirken versuchte. Noch bei seiner letzten Begegnung mit M. Magdalena ließ er sich «in eine ernste Unterredung in dieses Thema ein», wie die Geschichte des ersten Pariser Karmels überliefert, und «bat sie, an alle Klöster zu schreiben, um entschieden zu dieser Andacht zu ermahnen». «La Mere s'en acquitta tres soigneusement tant pour executer l'ordre qu'elle en avait receu de luy que pour suivre l'instinct de la propre grace et le succes en fut si heureux que l'on vit alors la devotion de l'enfance s'etablir plus que jamais et dans un culte et une veneration singuliere en toutes ses maisons.» - Die Mutter erfüllte sehr sorgfältig den Befehl, den sie von ihm erhalten hatte, um dem Impuls ihrer eigenen Gnade zu folgen, und der Erfolg war so glücklich, daß man dann sah, wie sich die Andacht zum (Jesus)Kind, mehr als je zuvor mit einer einzigartigen Verehrung und Ehrfurcht in all seinen Häusern etablierte.

In dieser Atmosphäre tief empfundenen christozentrischen Lebens der französischen Karmelitinnenklöster hat auch die «kleine Lehre» - wenn dieser Ausdruck erlaubt ist - der sel. Margareta vom hlst. Sakrament im Karmel zu Beaune ihren geistesgeschichtlichen Ausgang gefunden, obwohl sie von einer direkten Beeinflussung völlig unabhängig ist. Ihre Lehre verfolgte nur ein heiliges Ziel: Sie wollte, daß «sich viele Herzen dem hl. Kind zu Füßen werfen. Möchten doch alle Geschöpfe seine höchste Macht anerkennen»!

Margarete von Beaune bat Tag und Nacht das göttliche Kind, ihr doch den Weg zu zeigen, der zu seiner Verehrung in der ganzen Welt beitrüge. Sie verteilte viele Jesuleinbilder, verfaßte ein Rosenkränzlein zu seiner Verehrung, feierte jeden 25. des Monats in besonderer Weise und vergoß in der Hl. Nacht Ströme von Tränen der Freude in zärtlichster Liebe. Viele Stunden verbrachte sie auf den Knien im Gebet, im Winter oft mit bloßen Füßen, notdürftig bekleidet und ohne auf Schlaf und Kälte Rücksicht zu nehmen. Ohne eigene Mittel gelang es ihr auf fast wunderbare Weise eine Kapelle zu Ehren des Jesuskindes erbauen zu lassen. Krankenheilungen und Bekehrungen von Sündern geschahen durch ihre heißen Gebete zum göttlichen Kind. Im Krieg 1636 versprach ihr Gott, die Stadt Beaune und die ganze Provinz Burgund, ja sogar ganz Frankreich zu schützen. Selbst einen Thronerben wollte Er Frankreich schenken.

Äußerlich gesehen ist Margarete von Beaune in ihrer Frömmigkeit, in deren Zentrum das
Mysterium der Menschwerdung stand, den wesentlichen Linien dem Geist der französischen Schule gefolgt, der sie den Primat des theresianischen «alles aus Liebe zu Jesus tun», hinzufügte. Innerlich blieb sie jedoch völlig unabhängig. Für die Geschichte der Verehrung des Jesulein im Karmel ist sie nicht weniger bedeutend als Theresia von Lisieux durch ihren «kleinen Weg« der geistigen Kindschaft. Leben und Lehre dieser kleinen Karmelitin, die sich organisch in die allgemeine Erneuerungsbewegung des französischen 17. Jahrhundert einreiht, vermag
«dem nüchternen Menschen des 20. Jahrhunderts, der mit der Psychologie des Kindes, das zugleich Gott ist, nicht zurecht kommt, wieder die unendliche Liebe Gottes, das große Mysterium, zu offenbaren».» Sie hat mit ihrem Weg des «christlichen Kindsein» einen unerschöpflichen Brunnen der Heiligung und Gnade auf die Menschheit überquellen lassen. Die auf sie zurückgehende Andacht zum Jesulein von Beaune hat für den französischen Karmel eine gleichwertige Bedeutung mit der Andacht zum Prager Jesulein, wenn sie auch vielen unbekannt geblieben ist.

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Die ehrw. Schwester Margareta vom heiligsten Sakrament

Am 25. Juli 1619 verließen sechs Karmelitinnen Dijon, um in einem alten Benediktinerkloster in Beaune einen Karmel zu gründen. Am 7. Februar des gleichen Jahres war in dieser Stadt ein kleines Mädchen geboren, das nur wenige Jahre später dem neuen theresianischen Taubenschlag zur Zierde gereichen sollte: Margarete vom hlst. Sakrament.

Die Eltern, Pierre Parigot und Jeanne Battaille, waren angesehene und wohlhabende
Bürger, die das Kind schon früh zu einem echt christlichen Leben anleiteten. Im Alter von
11 Jahren verlor Margarete ihre Mutter, und ihr geistlicher Onkel, der den Karmelitinnen das Kloster überlassen hatte, wußte nichts Besseres, als seine kleine Nichte der Obhut der Schwestern zu übergeben und ihnen die Erziehung des frommen Kindes anzuvertrauen. So trat sie mit einer besonderen Erlaubnis am 24. September in den Karmel ein und empfing am selben Tag aus der Hand ihres Onkels die erste hl. Kommunion. Nach Ordensbrauch gab man ihr einen neuen Namen, dem man zur Erinnerung an eine wundersame Gnade, die ihr an diesem Tag zuteil wurde, das Prädikat «vom heiligsten Sakrament» hinzufügte.

Wenn man das geistige Bild dieser kleinen Karmelitin, die bereits im Alter von 29 Jahren die Erde mit dem Paradies vertauschte, zu zeichnen versucht, so kann es wohl keinen Zweifel geben, daß unter den Schwestern und Brüdern des Ordens, die dem Kindheitsgeheimnis gelebt haben, wohl keine in so auffallender Weise die Züge des göttlichen Kindes widerzustrahlen wußte, wie Margarete von Beaune. Schon zu einer Zeit, wo andere Kinder sich ihren unschuldigen Spielen hingeben, wurde sie von einer wunderbaren, heiligen Begierde angetrieben, die Einfachheit und Demut des Jesuskindes nachzuahmen. In der Schule des göttlichen Kindes, bei dem ihre Gedanken unentwegt weilten, hatte sie früh die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit des Irdischen erkannt und war zu einer Reife gelangt, die nur in einem tiefen Ergriffensein von dem Übernatürlichen eine Erklärung findet.

Von der Zeit ihres Noviziats an fühlte sie mit wunderbarer Klarheit, daß Gott sie mit einer Sendung beauftragt hatte. Sie sollte «die Schätze der göttlichen Kindheit und das schmerzhafte Leiden des Erlösers in der Welt bekannt machen». In ihrer kindlichen Unschuld gestand sie ihrer Novizenmeisterin, daß das göttliche Kind sie unausgesetzt mit den Geheimnissen seiner Geburt und der ersten zwölf Jahre seines Lebens wie mit einer schützenden Mauer umgeben werde. Aus diesem Umkreis dürfe sie sich niemals entfernen. Und Margarete beeilte sich, der Weisung des göttlichen Meisters zu entsprechen. Hatte Er ihr nichts versprochen, sich ihr ganz zu schenken unter der Bedingung, daß sie so klein wie Er in der Krippe werde?

Margarete fand im Karmel von Beaune nicht nur weitgehendes Verständnis für ihre Andacht und Liebe zum Jesuskind, sondern auch ein wohl bereitetes Erdreich, in dem das göttliche Samenkorn sich kräftig entwickeln konnte. Von Dijon hatten die Stifterinnen eine Jesuleinstatue mitgebracht und mit ihr jene zarte Verehrung der Kindheitsgeheimnisse, welche die ehrw. Mutter Anna von Jesus, die Gründerin von Dijon, gelehrt hatte. Dazu kam, daß der Einfluß der Spiritualität des Kardinals Berulle in jeder Hinsicht eine Vertiefung des Geheimnisses der Menschwerdung begünstigte.

Damit ist aber zugleich gesagt, daß die Weise, in der Margarete das Kindheitsmysterium lebte und erlebte, nicht die gleiche ist, wie wir sie von den ersten spanischen Karmelitinnen her kennen. In den ersten Jahren ihres Ordenslebens litt sie unsagbar unter den oft heftigen Angriffen des bösen Feindes. Manchmal schien es, daß das arme Kind mit den «Mächten und Gewalten, den finsteren Weltherrschern und den bösen Geistern in den Himmelshöhen» (Eph. 6,12) zu ringen hatte. Doch alles diente nur dazu, ihre Liebe zu läutern, damit sie ihre einzige Zuflucht bei dem kleinen Jesus nehme.

«Ich will in Dir die Wunder meiner Kindheit sichtbar machen», hatte Er ihr eines Tages
gesagt und ihre Augen erblickten seine liebliche Gestalt. Seitdem wurde sie oft durch Erscheinungen des Jesuskindes begünstigt, die sie von aller seelischen Pein befreiten und mit unaussprechlicher Glückseligkeit erfüllten.

«Ich habe Dich erwählt, um durch Dich meine Kindheit zu ehren und meine Unschuld,
als ich in der Krippe lag... Du sollst die Stimme sein, die in Deinem Stand, in Deinem Leben die Größe meiner Kindheit verkündet.» Immer wieder vernahm sie den geheimnisvollen Auftrag des göttlichen Kindes. Aber auch unsagbar innige Worte hörte sie Es in ihrem Inneren flüstern:
«Welche Gnaden sollte ich nicht der Braut meiner Kindheit erweisen? Ich werde sie immer liebhaben und ihr nichts verweigern, um das sie mich bittet... Bitte Du und es wird Dir gegeben werden, damit Deine Freude vollkommen werde.»

Margarete wollte, daß die Andacht zum Jesuskind nicht innerhalb der Mauern ihres Karmels
stehen bleibe, sondern vielmehr ihre Vaterstadt und die ganze Welt umfasse. Ein erster Anfang dazu war die Gründung eines frommen Vereins. 1638, in der Weihnachtsnacht, hatte ihr das göttliche Kind zu verstehen gegeben, daß Es sich einen Ihm geweihten Ort wünsche, wo man Es als König anerkenne und verehre. Bereits am 24. August des folgenden Jahres konnte sie Ihm eine kleine Kapelle darbieten, wo sie Ihm unentwegt die vielen Bitten und Anliegen, die man ihrem Gebet empfahl, zu Füßen legte. Dort stand eine Statue des Jesulein, das von seiner heiligsten Mutter in den Armen getragen wurde. Der eigentliche «Roi de Grace» oder «Roi de Glorie» [König der Gnade bzw. Glorie], wie später das Volk die vom Baron de Renty g eschenkte wundertätige Statue nannte, hielt seinen Einzug in Beaune im November
1643 und wurde zunächst in einer Nische des Kreuzgangs aufgestellt, bis sie 1873 von der
Klausur in die Kirche kam.

Dieses Jesulein bleibt eng mit dem Leben der ehrw. Margarete von Beaune verbunden. Baron de Renty hatte von der begnadeten Karmelitin gehört und trug den sehnlichen Wunsch, einmal mit ihr sprechen zu dürfen. Tatsächlich wurde ihm auch dieses Glück der wenigen Bevorzugten zuteil. Nach Paris zurückgekehrt, ließ er eine 58 cm hohe Holzsfigur nach Beaune senden, die ein reizendes Kind darstellt, das in der linken Hand das Zepter hält und auf dem Kopf eine fein gearbeitete Krone trägt. Mit großen, offenen Augen schaut Es freundlich den Besucher an und scheint ihm seine rechte Hand zum Kuß zu reichen. Ein kostbares Samtkleidchen bedeckt den zerbrechlichen Körper. Alles an diesem Kind ist lieblicher Ernst und gütiges Verstehen.

Jeden Morgen und jeden Abend verbrachte Margarete lange Zeit im Gebet vor diesem Jesulein. Als sie schwer erkrankte und sich der letzten Stunde näherte, bat sie inständig, man möge ihr doch die Freude bereiten, den geliebten «König der Gnaden» in der Nähe der Krankenwärterei aufzustellen, damit sie Ihn sehen könne und sich unter seinem Blick ihr Opfer vollende. So schloß sie ihre Augen unter seinem gütigen Lächeln, das im Glanz der brennenden Kerzen der um ihr Bett herum knienden Schwestern einen Vorgeschmack des Paradieses verbreitete.

Wenn auch das kurze irdische Leben der ehrw. Schwester Margarete von Beaune ganz
und gar nach innen gerichtet gewesen und in äußerster Weltferne dahin geflossen ist, so blieb es dennoch nicht der Welt verborgen. Schon bald kamen Priester und Ordensleute, um von ihr Anleitungen zu einer Nachahmung der Kindheitstugenden zu empfangen. Eines Tages fragte ein Ordensmann, was man tun müsse, damit das Jesuskind im eigenen Herzen lebe und es mit seiner Gegenwart durchforme.

«Man muß in Nachahmung des Jesuskindes und nicht nach der eigenen Natur leben», gab sie ihm zur Antwort, «ohne etwas außer Ihm sehen oder hören zu wollen, gerade so, als ob auf dieser Welt nichts anderes bestünde als Sie und das hl. Kind».

«Und wie gestaltet sich ein solches Alleinsein mit dem göttlichen Kind?»,
wollte der Besucher erfahren.

«Es will, daß Sie eine beständige innere und äußere Ausgeglichenheit bewahren, die zur Folge hat, daß Sie sich weder im Glück überheben, noch beim Mißerfolg oder in der Trostlosigkeit verzagen. Sie müssen sich seinen göttlichen Händen ganz überlassen, damit Es über Sie verfügen kann, sei es im Leben oder im Tod, bei Gesundheit oder bei Krankheit, bei Hochschätzung oder bei Verachtung, kurz bei allem, so wie es Ihm gefällt und als ob Sie sein Eigentum wären, das keinen Widerspruch erheben will... Sie müssen Ihm alles übergeben, alles, was Sie sind und was Sie betrifft, in Zeit und in Ewigkeit. Träumen Sie von nichts anderem als von Ihm und von seiner Herrlichkeit.»

«Wenn ich aber einen Fehler begehe, was kann ich dann tun?» «Dann haben Sie sich vor dem Jesuskind zu verdemütigen, sich unverzüglich zu bessern und von neuem anzufangen, das hl. Kind zu lieben, Ihm zu dienen und Es anzubeten, als ob Sie niemals gefallen wären. Es ist weitaus besser, an das Jesuskind und an seine göttlichen Vollkommenheiten zu denken, als an uns selbst, an unsere Fehler und an unser Elend!...»

«Bleiben Sie ein für allemal in den Händen des Jesulein und denken Sie nicht mehr an
sich; beschäftigen Sie sich mit Ihm und lassen Sie sich von seiner Liebe erfassen. Sie verlieren viel zu viel Zeit, wenn Sie an sich und an ihre Fehler denken!... Das Herz zu Füßen des hl. Kindes, damit alle Geschöpfe seine höchste Macht anerkennen und alle Geister von Ihm abhängig werden. Jene, die noch etwas auf dieser Welt suchen und sie genießen wollen, werden den Sohn Gottes nicht finden. Das Jesuskind will ganz allein in der Herzenseinfalt gesucht werden».

Was Margarete von Beaune, die kleine Karmelitin, deren Gestalt nicht größer als die eines
zwölfjährigen Kindes war, so anziehend macht, ist nicht ihr außergewöhnliches Leben, in welchem sich Ekstasen und Erscheinungen zu folgen schienen, sondern ihre Botschaft von der geistigen Kindheit, von der Nachahmung und Umgestaltung in das Jesuskind, bis zu
«jener Freude, etwas für das hl. Kind zu leiden, um dadurch mit Ihm vereint zu sein», wie sie es einmal P. de Bonnefay, dem Superior von Troyes, erklärte.

Sie wollte, daß das göttliche Kind wahrhaftig «die Zuflucht der Armen, der Trost der Betrübten und die Stärke der Schwachen» werde. Wo sie nur konnte, suchte sie deshalb die Tugenden des Jesuskindes und die Nachahmung der Einfalt seiner heiligsten Kindheit als die unversiegliche Quelle aller Tugenden des religiösen Lebens darzustellen. Wenn man ihre Worte und Belehrungen unter den verschiedenen Gesichtspunkten in einzelne Themen aufteilt, dann wird man leicht in ihnen einen «Wegweiser zur geistigen Kindheit» finden, der nicht weniger überzeugend ist als der «kleine Weg» der hl. Karmelitin von Lisieux.

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Ein «Wegweiser» zur geistigen Kindheit

Wenige Tage vor ihrem Tod, als das Gespräch auf den Stand der Paradiesesunschuld kam, beklagte sich eine Schwester bei Margarete, daß wir Menschen infolge des Sündenfalls der ersten Menschen eines so reinen Lebens beraubt worden seien. Aber die heiligmäßige Karmelitin dachte anders und zögerte keinen Augenblick, eine sichtbar aus dem Reichtum ihres Innenlebens hervorbrechende Antwort zu geben: «Die hl. Kirche wird vom HI. Geist geführt. In der Osternacht singt sie in der so ergreifenden Liturgie: O felix culpa - o glückliche Schuld. Da sie diese Schuld als glücklich bezeichnet, müssen auch wir die (Erlösungs-)Gnade Unseres Herrn Jesu Christi hoch einschätzen. Auch die kleinste Gnade, die Er uns darbietet, vermag uns die große Gnade der Unschuld zu schenken. Wir haben also keinen Grund, uns zu beklagen. Wir haben den eingeborenen Sohn des ewigen Vaters zu unserem Erlöser. Er versäumt es nicht, uns reich mit seiner Gnade zu beschenken.»

Sie wollte damit sagen, daß das Leben des «neuen Menschen», das langsam durch die umformende Kraft der Gnade die Seele zur Unschuld und Reinheit zurückführt, von Christus ausgeht. Seine Kraft ist es, die wirksam wird im Bemühen der Ihm gehörenden Seele. Und seine Gnade ist es, die ihrem Wollen die Kraft gibt, in Herzensreinheit und Unschuld zu leben. In ihr findet der einzelne das Jesuskind und geht wirklich den Weg der geistigen Kindheit:

«Glückselig jene, die ein reines Herz besitzen, denn in ihnen wohnt der kleine Jesus!» rief sie aus. «Jesus will meiner Schwester diese Gnade erweisen... Darum möge sie nichts mehr betrüben. Sie soll sich in die Liebe des Herzens des kleinen Jesus verlieren.» Unschuld und Reinheit bedeutet ja nichts anderes als «im Herzen einzig die Liebe zum kleinen Jesus zu tragen».

Dies ist die Grundhaltung, um den Weg der geistigen Kindheit einzuschlagen. Er verwirklicht sich in der Demut, im Gehorsam, in der Geduld und Abtötung, in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der vertrauensvollen Hingabe an das göttliche Kind, um sich so immer mehr von Ihm ergreifen und durchdringen zu lassen.

«Wir sind alle unnütze Knechte», pflegte sie zu sagen. «Wenn das hl. Kind nicht alle unsere Handlungen mit seinem göttlichen Blick begleiten und ihnen seine Hilfe hinzufügen würde, wären sie Gottes unwürdig. Ohne seine Gnade würde ich in eine jede Sünde fallen. Darum muß ich unentwegt um sie bitten und ohne Aufhören für den mir erteilten Schutz danken.» Ihr ganzes kurzes Leben lang flehte sie so mit aller Inbrunst zu Gott um wahre Herzensdemut. Sie wußte, daß sich «Satan in stolzen Seelen eine Festung erbaut... Oh, mein Herr, mach mich deshalb würdig, die Verdemütigung zu ertragen! Oh, heiliges Kind, überhäufe Dein Geschöpf mit Schmähungen... und erlaube mir, Dir in der Verachtung zu folgen.»

Nicht weniger als die Demut suchte Margarete beim Jesulein den Gehorsam zu erlernen.
«Ich finde den Sohn Gottes nur im Gehorsam», stellte sie eines Tages fest. «Es ist das göttliche Kind, das uns im Gehorsam unterweist, dieser göttliche Meister, der uns mit seinem Schweigen lehrt, keine Einwendungen zu erheben und einfach und klein wie Er zu sein. Nur in dieser Haltung leben wir im vollständigen Gehorsam.»

Wenn sich Schmerz und Leid auftürmen oder Niedergeschlagenheit das Innere bedrückt, dann - sagt uns die kleine Karmelitin von Beaune - hat man nur «unmittelbar sein Herz dem kleinen Jesuskind zu öffnen, damit Es (komme und) dieses mit göttlicher Kraft und mit seiner Gegenwart erfülle. Wenn das hl. Kind dort zuerst eintritt, zieht der Schmerz vorüber, ohne irgendwelche schädlichen Wirkungen auszuüben. Wenn aber zuerst der Schmerz seinen Einzug hält, dann ist es schwer, ihn wieder fortzuweisen». Im übrigen «genügt es, daß man sich nicht mit dem eigenen Elend abgibt. Was ich leide ist wenig... Ja, alles ist süß, wenn man dem kleinen Jesus begegnet. Er läßt mich mit Geduld leiden und zwar alles das, wozu ich ohne seine Liebe niemals fähig wäre!»

Diese Überzeugung trieb Margarete ständig neu an, zu vertrauensvoller Hingabe an das
göttliche Kind aufzufordern. Alle sollten an seine Güte und Liebe glauben und sich seiner Barmherzigkeit überlassen. «Der kleine Jesus will, daß Sie zu Ihm wie zu Ihrem Vater, und zwar zu Ihrem wahren Vater gehen», schrieb sie einer Mitschwester auf einen Zettel. Als sie einmal mit einem Ordensmann sprach, gestand ihr dieser, daß er sich schäme, sich beim Gebet an die Heiligen zu wenden, weil er sich so vieler Sünden bewußt sei. Margarete wußte aber einen unfehlbaren Rat: «Oh, das Jesuskind, das ja Gott ist, nimmt alle gut auf», sagte sie ihm lächelnd und forderte ihn auf, all sein Vertrauen in das göttliche Kind zu setzen. Wo sich aber eine Seele durch eigene Schuld und Untreue dem Vertrauen verschloß, zögerte sie keinen Augenblick, ernsthaft zu ermahnen: «Sie machen es wie jemand, der die Sonnenstrahlen vom Fenster aus genießen will und der, wenn sie sichtbar werden, vor ihnen das Fenster schließt und ihnen den Eintritt verwehrt.»

Jeder Gedanke, jede Ermahnung und Aufforderung in der «kleinen Lehre» der ehrw. Margarete von Beaune wird so von einer reinen, unbefangenen und vertrauensvollen Liebe getragen, die dem Jesuskind entgegeneilen und sich Ihm in froher, selbstvergessener Zuversicht schenken will, hoffend und betend, daß Es sich der Seele auf unlösbare Weise bemächtige und ihr das eigene, erdgebundene Leben nehme, um es ganz mit seiner göttlichen Liebe zu erfüllen. Ist sie nicht selbst diesen Weg gegangen und ist nicht alles, was sie geschrieben und gelehrt hat, ein Echo ureigenster Erfahrung? Man braucht nur an die Gnade zu denken, die ihr am Tag ihrer Gelübdeablegung, dem 15. Juni 1634, zuteil wurde. Es war der Tag ihrer mystischen Vermählung mit dem göttlichen Kind. Christus, «das menschgewordene Wort», heißt es in den «Memorialen» von Beaune, «ging mit ihr noch einen engeren Bund ein (als den der Ordensprofeß). Er teilte ihr seinen Geist der Kindheit und des Kleinseins mit und schenkte ihr -im rein geistigen Erfassen - glühende Beweise seiner Zärtlichkeit, wie einer Braut, die Er unendlich liebte. Zum sicheren Unterpfand seiner göttlichen Liebe steckte Er ihr den goldenen Ring seiner himmlischen Vermählung an den Finger und schmückte ihr Haupt mit der Krone des Lebens, die nichts anderes als Er selbst ist, und versichert sie, Er würde in Zeit und Ewigkeit ihr Ruhm sein. Dann bekleidete Er sie mit einem lichten Gewand, nämlich der Teilnahme an der Herrlichkeit der Heiligen und strahlte sein eigenes Leben in ihre Seele.
«Empfange dieses Gewand wie eine Festung der Reinheit, sagte Er ihr, Du wirst Macht haben über Seelen, die mit dem entgegen gesetzten Laster befleckt sind, und die Erde wird eines Tages die Kraft des Lichtes und der Reinheit, die ich Dir gegeben habe, erkennen.»

Engel und Heilige stimmten darauf eine köstliche Musik an und dankten in einer mit Liebe vereinten Freude dem Geliebten für die Beweise der Auserwählung, mit denen Er seine keusche
Braut überschüttete.»

Seit diesem Tag war das Mysterium (Geheimnis) des kindgewordenen Gottes der alleinige Inhalt ihres täglichen Lebens geworden. «Warum sprechen Sie immer vom Jesuskind?», erkundigte sich anläßlich einer Visitation P. de Bonnefoy. «Weil Er (Christus) mich unentwegt an dieses Mysterium denken läßt.» Nach einigen anderen Fragen versprach ihr P. de Bonnefoy, am folgenden Morgen die Messe von der Geburt des Herrn für sie zu lesen und fragte sie, mit welcher Intention er das hl. Opfer begleiten solle. Nach einigem Zögern gab sie ihm zur Antwort: «Da Sie es wünschen, Pater, daß ich Ihnen meine Intention sage, so bitten Sie für mich das hl. Kind, daß ich jeden Augenblick meines Lebens seine Geburt anbete

Jeden Augenblick das Mysterium der Geburt des Herrn anbeten! Ohne Zweifel bildet dieses
hohe Ziel das Zentrum der Spiritualität der ehrwürdige Karmelitin. Von hier aus ist ihre Vorstellung der Kindheitsnachahmung zu verstehen. Von hier aus auch ihre wiederholte Aufforderung, sich innerlich für die Geburt des Herrn zu bereiten. Große Einfachheit, Unschuld, Trennung von allem Irdischen, in sich ein heiliges Leersein schaffen und vor allem «immer das Jesuskind anschauen und alle Handlungen den seinen angleichen», das ist die notwendige Disposition für die Gottesgeburt im Herzen und für das Leben in der geistigen Kindheit. Dann wird schon diese Erde «zum Garten des Jesuskindes», wie sie einmal sagte.

Mit ihren wegweisenden Worten will sie die Überzeugung erwecken, daß das innere Leben seine Kraft und seine Wurzeln im Inkarnationsgeheimnis und in der Gottesgeburt im Herzen hat. Ähnlich wie die Erlösung der Menschheit bei dem armen und schwachen Jesuskind in der Krippe von Bethlehem ihren Anfang nahm, so beginnt durch die Gottesgeburt im Herzen eine Art «zweite Erlösung», nämlich die Befreiung vom «alten Menschen», von der Anhänglichkeit an die Geschöpfe und der ungeordneten Sorge für das Irdische, und damit ein neues Leben in heiliger Einfachheit, Demut und Unschuld, in Gottverbundenheit und Gottinnigkeit.

Margarete hatte in diesem Sinn gelehrt, daß das Gebot des Herrn: ,Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel' sich nicht besser als durch die Nachahmung der Kindheitstugenden verwirklichen kann. «Die Vollkommenheit unseres himmlischen Vaters können wir nicht nachahmen», betonte Margarete mehr als einmal. «Aber wir vermögen das Jesuskind in der Krippe zu betrachten, das sein wahres Abbild ist. Es hat alle seine Vollkommenheiten. Es ist genau so groß, weise und mächtig wie Er. Wir sehen seine heilige und gotterfüllte Menschheit, in der alle Schätze seiner Gottheit ruhen. Doch obwohl der kleine Körper des Jesuskindes alle Vollkommenheiten sein eigen nennt, ist er schwach und untertan. Er läßt alles mit sich geschehen, was man will; er wehrt nichts ab und trägt alle Bedürfnisse seiner Kindheit, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt, wo Jesus so klein und uns ähnlich ist, wird es uns leicht sein, Ihn nachzuahmen.»

Die kleine Karmelitin von Beaune hat auf diese Weise in ihrem Leben das evangelische Wort von der Vollkommenheit verwirklicht. Bis zur letzten Stunde hat sie das Jesuskind in der Krippe nachgeahmt. Aber sie sah immer mehr ihre Aufgabe darin, ihre Umwelt in den Kreis des vom göttlichen Kind ausstrahlenden Lichtes einzubeziehen. Geistige Kindheit hatte sie auf den Weg zur Angleichung an den menschgewordenen Gottessohn geführt. Er hatte sie gerufen, sich mit ihr vermählt und sie durch Gnaden und Visionen für dieses Leben in Ihm, in seinem Mysterium, vorbereitet. «Mihi vivere Christus est... in mir lebt wahrhaftig das göttliche Kind», konnte sie seit dem Tag ihrer Ordensprofeß ausrufen. Doch das Jesuskind hatte sie zugleich mit der Sendung betraut, andere Seelen zu einer ähnlichen Transformation in Christus und zu einem Leben im Kindheitsmysterium anzuleiten. Ihre Sendung begann bereits zu ihren Lebzeiten. Sie ist der eigentliche und wertvollste Inhalt dieser wunderbaren Karmelexistenz gewesen, und sie weitet sich bis auf unsere Zeit aus.

Margarete erlebte bereits die Freude, in ihrem Karmel von Beaune dem Jesulein ein zweites Bethlehem bereitet zu sehen. Nach Beendigung einiger Restaurationsarbeiten des Dormitoriums hatten die Nonnen den Wunsch geäußert, es dem göttlichen Kind zu weihen. Jede Schwester hatte ihre Zelle auf das sorgsamste vorbereitet, damit das göttliche Kind dort einziehe. Als nun am Weihnachtstag eine feierliche Prozession zur Einweihung gehalten wurde, sah Margarete, wie das Jesulein in eine jede Zelle trat und sie mit seiner kleinen Hand segnete, während die Schwestern das Magnifikat und die Weihnachtsantiphon: Heute ist Christus geboren, sangen. Und ganz leise vernahm die Seherin die wundersamen Worte:

«Seit meiner Krippe in Bethlehem habe ich mich an keinem Ort meiner Kindheit so lange aufgehalten wie hier. Ich habe das Geschenk entgegengenommen, das mir alle von ihren Zellen gemacht haben und ich werde mit ihnen hier wohnen und aus ihnen mein Bethlehem machen, das meinem Vater und mir lieb ist.»

Mehr als dreihundert Jahre sind seither vorüber gezogen. Margaretes geistliche Lehre und vor allem die Statue des Jesulein sind aber in Beaune lebendig und gegenwärtig geblieben. Nicht nur in den Zellen des Karmels hat das Jesuskind Einzug gehalten, sondern in viele Herzen, die der Botschaft seiner kleinen Braut offen standen. Ihr verborgenes Leben ist mit dem Beauner Jesulein in die Geschichte des Karmels eingegangen und weist auf das große, geistige Ziel des Ordens: Klein werden wie jenes Kind in Bethlehem, um im Geist des Kindseins den hohen Gipfel des Berges Karmel zu ersteigen.

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Die Bedeutung der Andacht zum Jesulein von Beaune

Kurz nachdem Margarete vom hlst. Sakrament ihre «Familie du Saint Enfant Jesus» gegründet hatte, erhielt sie vom göttlichen Kind selbst eine Unterweisung, auf welche Art Es am besten in seiner Geburt und in den ersten zwölf Jahren seines Lebens geehrt werden könne. Das Jesuskind bedeutete ihr, man soll den 25. Tag eines jeden Monats zum Gedächtnis seiner Geburt und die Feste seiner hlst. Kindheit von den übrigen Tagen des Jahres durch eigene Andachten unterscheiden. Außerdem wünschte Es sich, daß alle den kleinen Rosenkranz zu seiner Ehre beteten. Aber noch wichtiger war es Ihm, daß sich alle Mitglieder sein verborgenes und demütiges Leben in Nazareth zum Vorbild nähmen.

Die «Familie des Kindes Jesu» fand in Beaune begeisterte Aufnahme und zählte bald
in der ganzen Provinz eine stattliche Reihe von Mitgliedern. Sogar am Hof Ludwig XIV. wurde sie heimisch: seine Mutter Anna von Österreich gehörte zu ihren treuesten Anhängern. Ihr ist es zu verdanken, daß die Karmelitinnen von Beaune die Erlaubnis erhielten, den 25. Tag eines jeden Monats in ihrer Kapelle feierlich zu begehen. Um Mitglied zu werden, brauchte man nur seinen Namen und seine Adresse im Karmel von Beaune anzugeben. Zahlreiche Ex-Votos in Gold und Silber, die leider in der Revolution verloren gingen, und kostbare Stickarbeiten zeugen von der Dankbarkeit vieler Menschen, über die das Jesulein seine gütige Hand ausgestreckt hatte.

Im Jahr1661, als die «Familie des Jesuskindes» durch Papst Alexander VII. ein kanonisch errichteter Verein wurde, der mit Ablässen versehen war, verließ der kleine «König der Gnade» zum erstenmal die Verborgenheit der Klausur. Doch seine öffentliche Verehrung sollte kaum mehr als ein Jahrhundert dauern. Die Revolution machte allem ein plötzliches Ende. Zum Glück gelang es, die Statue bei Verwandten der damaligen Priorin zu verbergen. Doch die
«Familie des Kindes Jesu» lebte nur mehr in der Erinnerung der wenigen überlebenden Karmelitinnen und einiger treuer Mitglieder fort. Erst als sich in Frankreich alle Sturmwolken verzogen hatten, kehrte das Jesulein in den Karmel zurück und wurde in einem Oratorium im Kreuzgang aufgestellt. Manchmal geschah es auch, daß Es vorübergehend den Außenschwestern anvertraut wurde, wenn Besucher aus Stadt und Umgebung kamen, die Es sehen wollten. 1821 konnte auch die «Familie vom Kinde Jesu» als Bruderschaft neu errichtet und 1855 von Pius IX. zur Erzbruderschaft erhoben werden. Aber die Statue blieb trotz allem noch vielen, selbst den Stadtbewohnern unbekannt und entbehrte des ihr schuldigen Kultes. Es fehlte an einem Apostel, der die Andacht zum Beauner Kind verbreitet hätte.

So verging fast ein halbes Jahrhundert, bis die göttliche Vorsehung Abbé Chocarne, den Pfarrer von Saint-Nicolas in Beaune, zu dieser Aufgabe erwählte. Abbé Chocarne hatte 1873 eine Pilgerfahrt nach Lourdes unternommen. Als er dort im Halbdunkel der Grotte in andächtiges Gebet versunken kniete, näherte sich ihm ein unbekannter junger Mann, zeigte ihm ein Bildchen des Beauner Jesulein und sprach in heiliger Begeisterung von den vielen Gnaden, die auf Anrufung dieses Jesuskindes geschehen waren. Abbé Chocarne mußte zu seiner Schande gestehen, von all dem nichts zu wissen. Bei seiner Rückkehr nach Beaune galt sein erster Besuch der Priorin des Karmels. Er fand weitestgehende Bestätigung des bereits Gehörten. Gleichzeitig fühlte er aber in sich einen geheimnisvollen Ruf zu einem neuen Apostolat. Er wollte sich mit seinem ganzen priesterlichen Eifer für die Erneuerung der Andacht zum Jesuskind von Beaune einsetzen.

Seine Bemühungen erweckten zunächst in seinen Pfarrkindern einen Strom der Begeisterung. Bald aber sprach die ganze Stadt von ihrem neu entdeckten «König der Gnade». Alle wollten Ihn lieben und verehren. Als das Weihnachtsfest herankam, bedeckte ein Blumenregen den Boden der Kapelle, wo ein kleiner Altar aufgestellt worden war, auf dem das göttliche Kind am 28. Dezember, Tag der Unschuldigen Kinder, der «kleinen Brüder», wie sie Margarete zu nennen liebte, bei der feierlichen Prozession thronen sollte. Die ganze Stadt kam zusammen. Aus Dijon war Bischof Rivet gekommen, um mit eigenen Händen die Statue von der Klausurpforte in die Kapelle zu tragen. Bis zum Fest Maria Lichtmeß sollte von nun an das Jesulein allen Hilfesuchenden, Kranken, Leidenden und Betrübten zugänglich sein, umsie mit seinem himmlischen Trost zu stärken. Seine Überführung in die Kapelle glich einem Triumphzug. Mgr. Rivet beschloß diesen unvergänglichen Tag mit dem bischöflichen Segen und stellte Stadt und Land unter den Schutz des kleinen Königs.

Seit 1897 blieb die Statue ständig in der Kapelle des Karmels. Sie war das Ziel zahlreicher Pilger, deren vertrauensvolles Gebet nicht enttäuscht wurde. «Schöpfe aus den Verdiensten meiner hl. Kindheit, und nichts wird Dir verweigert werden», hatte das Jesuskind einst Margarete von Beaune verheißen. «Durch dieses Versprechen gestärkt kommen wir zu Dir mit all dem Vertrauen, das uns Deine Liebe eingibt, die, nachdem sie uns alle ihre Güter geschenkt hat, sich selbst uns ungeteilt hingeben will.» «Mein Erlöser, wir haben es nötig, daß Du uns die Kraft Deiner Kindheit und die Macht Deiner Krippe zeigst.»

Noch heute ist es Brauch, das Jesulein von Beaune mit dem von Margarete verfaßten
Rosenkränzlein zu grüßen. Wie sehr Ihm einst dieses fromme Gebet wohlgefällig war, geht aus einer alten Chronik des Karmels von Dieppe hervor. Man hatte der Priorin, M. Franziska von der Muttergottes, aus Beaune ein Rosenkränzlein geschickt. Als sie es zum erstenmal zu Ehren des göttlichen Kindes betete, erblickte sie das Jesulein in unvergleichlicher Schönheit. Es gab ihr zu verstehen, wie sehr Es dieses Gebet erfreue. Gleichzeitig versprach Es ihr, sie an den Tugenden seiner hl. Kindheit teilnehmen zu lassen und versicherte sie, daß diese Andacht einen unvergleichlichen Vorteil für das Heil der Seelen bedeute.

Vielleicht war es diese Erscheinung, die M. Franziska anregte, sich in Beaune eine Wachsstatue
des kleinen Königs zu erbitten. Sie ließ Ihm eine Einsiedelei erbauen, die festlich geschmückt auf seine Ankunft wartete. Als nun die Schwestern die Statue in feierlicher Prozession dorthin trugen und die Litanei vom Kinde Jesu sangen, erschien das Jesuskind M. Franziska und zeigte sich äußerst zufrieden über die Ihm erwiesene Ehre. M. Franziska bat Es, der Kommunität seinen Segen zu erteilen, und das hl. Kind, das eine unwahrscheinliche Ähnlichkeit mit der Wachsstatue aus Beaune aufwies, erhob sein Händchen und zeichnete ein großes Kreuz über die vor Ihm knienden Schwestern.

Die Verehrung des Jesulein von Beaune hat sich in ihrer äußeren Form genau so erhalten,
wie sie von Margarete von Beaune eingeführt worden war. Sicher entstand sie in einer Zeit, die weniger von dem Bedürfnis beseelt war, mit dem zarten Kind, das hilflos, auf menschliche und mütterliche Sorge angewiesen in den beschützenden Armen der Mutter schlummert, in liebende Beziehungen zu treten, sondern vielmehr dem Verlangen lebte, Gottes Majestät, die sich um des Menschen willen erniedrigt hat, mit tiefer Ehrfurcht anzubeten. Im 17. Jh. bestimmte die Frömmigkeit weniger das Gefühl als die Ehrfurcht vor dem Göttlichen und unsagbar Großen, das sich vor allem im Geheimnis der Menschwerdung enthüllt. Aus diesem Geist ist es auch zu verstehen, daß die Verehrung des Kindes in der Krippe zur Verehrung des leidenden Christus am Kreuz führt. Von der Inkarnation zur Erlösung, von der Kindheit zum Kreuz. «Wer das Jesuskind wirklich verehrt, in Ihm den Erlöser der Welt anbetet, kann ja nicht anders als Ihn auch in seiner Passion zu verehren. Die großen Verehrer seiner hl. Kindheit sind uns in dieser Hinsicht leuchtende Vorbilder. Und zudem, das Jesuskind verehren, ohne seines Leidens - vom ersten Augenblick seiner Empfängnis bis zum letzten Seufzer am Kreuz - zu gedenken, ist ausgeschlossen.»

Dieser Gedanke, der im übrigen auch im Werk des Kard. Berulle seinen festen Platz einnimmt, bricht immer wieder in der kleinen Lehre der ehrw. Margarete vom hlst. Sakrament hervor und ist grundlegend für die Andacht zum Jesulein von Beaune.

Wenn man aber annehmen wollte, daß im französischen Karmel des 17. Jahrhunderts einzig die Andacht zum Jesulein von Beaune existiert habe, so wäre das eine Überschätzung ihrer Ausbreitung. Unabhängig von ihr gab es Karmeliten und Karmelitinnen, die in ihrem inneren Leben tief berührt worden waren vom Geheimnis der Menschwerdung. Es genügt hier auf Franziska von Bona, Karmelitin in Avignon, oder Katharina von Jesus aus dem ersten franz. Karmel in Paris, hinzuweisen. Schon als kleines Mädchen war Franziska das Jesuskind, nicht größer als ein fünfjähriges Knäblein erschienen und hatte ihr wundersam erklärt, mit welcher Ehrfurcht und inneren Teilnahme sie dem hl. Meßopfer folgen solle. Auch lehrte Es sie, welche Gebete sie dabei zu sprechen habe.

Viele Jahre später geschah es an einem Weihnachtsmorgen, als sie dem neugeborenen
Kindlein ihr Herz zur Wiege angeboten hatte, daß sie nach der hl. Kommunion vor den Augen der Nonnen die Ekstase erlitt und ihr Geist in eine wunderbare Erkenntnis des menschgewordenen Wortes getaucht wurde. Im Geistesflug «befand sie sich in einem kleinen Stall, wo sie die hl. Jungfrau in Anbetung ihres göttlichen Kindleins schaute. Sie sah, wie sie Es auf ihre Arme nahm und Es in Gegenwart vieler Engel, die das tiefe Mysterium und den Beweis der Güte Gottes bewunderten, in Windeln wickelte. Das Licht, das leuchtender als die Sonne vom Antlitz Jesu strahlte, erhellte den Stall und ergoß sich in einem solchen Übermaß auf die hl. Jungfrau, daß diese in seinem Glanz weißer als der Schnee erschien. Auch das Gesicht des hl. Josef, der das Kind anbetete, wurde ganz licht. Alles vollzog sich im tiefen Schweigen. Aber dennoch war alles, bis zur kleinsten Einzelheit, sprechender als jeder menschliche Ausdruck. Schwester Franziska erkannte, daß dieses Geschehen, wie tief auch immer die Erniedrigung Gottes war, der Größe Gottes würdig sei...

Das Herz der Dienerin Gottes war von so überströmendem Trost und von Freude erfüllt, daß es ihr vorkam, das Glück des Himmels könne nicht größer sein. Sie machte zahlreiche Akte der Anbetung, des Lobs und der Dankbarkeit und rief aus: «Oh mein göttlicher Erlöser, Du bist sowohl in der Zeit wie in der Ewigkeit, als Kind wie in Deiner göttlichen Majestät anbetungswürdig. Du wolltest in einem Stall geboren werden, um mich von dem Stand zu befreien, in den mich die Sünde geführt hat. Ich habe Grund genug, mich in Deiner Gegenwart zu verdemütigen und mein Elend in dem Stand zu erkennen, den du aus Liebe zu mir angenommen hast. Ich verberge mich, mein Erlöser, in mein Nichts. Schenke mir die Gnade, aus Deiner hl. Geburt einen Vorteil zu ziehen.»

Eine Woche lang konnte sie gnadenhaft das in der Vision Erkannte im Geist schauen
und ihm in innerer Sammlung leben.

Im Vergleich zu der schlichten Andacht zum göttlichen Kind, wie wir sie bei Margarete von Beaune gesehen haben, weist Form und Inhalt der Erfahrung des Geheimnisses der Menschwerdung bei Franziska von Bona allerdings nicht geringe Unterschiede auf. Aber gerade diese helfen uns, sowohl das Einmalige und wenig Berührte der christozentrischen Frömmigkeit der kleinen Karmelitin von Beaune wie die Form der auf sie zurückgehenden Andacht zum Beauner Jesulein in seiner ganzen Schönheit zu werten. Obwohl diese nicht aus der spanischen Tradition erwachsen ist, darf sie dennoch als eine typisch karmelitische Andacht bezeichnet werden, die in ihrer Eigenart von der Weite der karmelitischen Spiritualität zeugt, die zur Erreichung des gleichen Ziels und in der äußeren Form seiner Verwirklichung verschiedene Wege kennt, die aber keineswegs ihr harmonisches Ganze stören oder ihm auch nur eine falschklingende Note aufdrücken könnten.

Zu einem ähnlichen Ergebnis führt ein Vergleich mit Sr. Katharina von Jesus, eine «authentische Mystikerin», wie sie die Geschichte des ersten Pariser Karmels nennt, deren Leben von einer großen Liebe zum göttlichen Kind durchglüht war. Katharina de Nicolas wurde 1589 in Bordeaux geboren und hatte im Pariser Karmel Saint-Jacques 1608 das Ordenskleid empfangen. Nur 33 Jahre alt starb sie 1623 im Karmel in der Rue Chapon im Ruf der Heiligkeit.

M. Magdalena, die ihr Leben beschrieben hat, berichtet, daß sie keinen 25. März vorübergehen ließ, ohne bis nach Mitternacht wach zu bleiben, um das göttliche Wort anzubeten, das im Herzen der Nacht in Mariens Schoß Fleisch angenommen hatte. Während ihrer Adventsexerzitien pflegte die junge Karmelitin täglich neun Stunden im inneren Gebet zu verbringen, um dadurch die neun Monate zu verehren, die das Jesuskind in Maria verborgen gelebt hatte. Jede Stunde warf sie sich einmal tief zu Boden und sprach andächtig die Worte: Et Verbum caro factum est - Und das Wort ist Fleisch geworden -, wobei sie sich mit der Anbetung der neun Engelchöre vereinen wollte."

In einem Brief an Kard de Berulle, der ihr geistlicher Führer war, gesteht sie: «Seit einiger
Zeit scheint es mir, ein Zeichen von Jesus Christus empfangen zu haben: seine hl. Kindheit, die sich in mir wie das Siegel eingeprägt hat, das man auf das Wachs drückt. Genau so weilt das Bild der Kindheit Jesu in mir.» M. Magdalena erklärt dazu, daß es «sich um ein besonderes Wirken Gottes in ihrer Seele handelte», dessen Ursprung das Kind Jesu war, und daß der Herr «ihr im Geheimnis seiner heiligsten Kindheit angehören wollte». Sr Katharina hatte sich ihr am 27. Juni 1615 geweiht und den Vorsatz gemacht, ihr nach seinem heiligen Willen zu dienen. Ihr Entschluß wurde am gleichen Tag durch eine außergewöhnliche Gnade belohnt.

Voller Bewunderung stand sie vor «der Selbsterniedrigung, vor der Allmacht Gottes, die im Kind unmächtig geworden zu sein schien». Hatte sie nicht in die Hingabe der göttlichen Freiheit auch ihre eigene Freiheit einbeziehen wollen? Sie verlangte, sich ganz tief vor «der unvergleichlichen Selbsterniedrigung Jesu in seiner Kindheit zu neigen». Sie bat deshalb den «kleinen Jesus», in ihrem Herzen eine jede Neigung des Eigenwillens zu vernichten und sie durch seinen göttlichen Willen zu ersetzen, um sie auf diese Weise zu Ihm, «dem Zentrum unseres Seins und dem Leben unseres Lebens zu erheben». Ich möchte meine Gedanken dem Jesuskind schenken und Es statt deren um die Seinen bitten, und ich möchte die Weisheit und alle göttlichen Vollkommenheiten anbeten, die in dieser hl. Kindheit verborgen sind.»

Endlich forderte Katharina in einem Brief eine ungenannt gebliebene Person auf, «der heiligsten Kindheit (Jesu) besondere Ehre zu erweisen und zu wünschen, von ihr jene inneren Fähigkeiten zu empfangen, die vor Gefahren bewahren, und um durch die Entbehrungen, die das hl. Kind ertragen hat, oder besser durch die Liebe, mit der Es sich diese auflud, die Gnade zu erhalten, an ihnen teilzunehmen... und keinen anderen Geschmack zu finden, als die Erkenntnis göttlicher Dinge.»

Es ist nicht schwer, aus diesen Anforderungen und Gedanken zur Verehrung des göttlichen Kindes ein Echo der Belehrung Berulles oder M. Magdalenas vom hl. Joseph herauszuhören. Wenn ein Vergleich mit der ehrw. Margareta von Beaune auch zu manchen Ähnlichkeiten führen könnte, so bleibt doch der Tenor beider Karmelitinnen ein völlig anderer. Das gilt auch dann, wenn Katharina oder M. Magdalena zu ganz schlichten Frömmigkeitsübungen auffordern, wie «die Füßlein, den kleinen Mund, die Augen oder die zarten Glieder des Jesuskindes zu verehren und sich mit den Engeln, den Hirten oder sogar den Sündern zu vereinen, um mit ihnen zum Kripplein zu eilen und das neugeborene Kind anzubeten.

Margareta ist in ihrer Andacht viel ungezwungener, lebenswärmer und inniger. Dazu kommt, daß im Karmel zu Beaune das Jesuskind selbst in seinem wunderwirkenden Bild zur Liebe und Verehrung aufforderte, während im Pariser Karmel unter dem Einfluß Berulles oft ein mehr theologisches Eindringen in das Inkarnationsgeheimnis vorherrschte." Schon aus diesem Grund kann man auf keinen Fall von einer Abhängigkeit der Verehrung des Beauner Jesulein vom Pariser Karmel mit seiner «berulleschen Spiritualität» sprechen, wenn sich auch die
«kleine Lehre» Margaretens organisch in die geistigen Strömungen des franz. 17. Jahrhunderts einreiht.

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DAS PRAGER JESULEIN

Nur zwei Jahre nach der Geburt der hl. Theresia von Avila hatte Martin Luther in Wittenberg vollständig mit Papst und Kirche gebrochen. Mit reißender Gewalt, einem Wildbach zu vergleichen, wälzte sich die neue Lehre über Deutschland und verbreitete sich in raschem Lauf über Schweden, Dänemark, Norwegen, die Niederlande und einen großen Teil der Schweiz. Auch in den österreichischen Staaten, in Ungarn und in Frankreich hielt sie Einzug, während England durch den Ehebrecher Heinrich VIII. von der Kirche losgerissen wurde. Selbst Schottland fiel vom wahren Glauben ab.

Hunderttausende, ja Millionen von Menschen wurden der Kirche entzogen. Ein furchtbarer Krieg, in dem die Söhne desselben Volkes sich mit Feuer und Schwert bekämpften, sollte beginnen. Unzählige Opfer wurden gefoltert, andere dem Elend preisgegeben. Kirchen, Burgen, Klöster, Dörfer und Städte wurden eingeäschert, Altäre gestürzt, Bilder und Statuen geschändet oder vernichtet, liturgische Bücher und Gewänder zerrissen oder verbrannt. Unbeschreibliches wurde an Heiligtümern verübt. Man entwendete die Ziborien aus den Tabernakeln, streute die hl. Hostien auf den Boden, um sie mit Füßen zu treten und entehrte die hl. Gefäße durch Verwendung zu profanen Zwecken. Messe und Sakramente wurden abgeschafft, die Verehrung der Muttergottes und der Heiligen untersagt. Selbst Toten in den Gräbern gönnte man keine Ruhe und schändete ihre Leiber. Alle Ehrfurcht vor den hl. Gebeinen der von der Kirche verehrten Toten war verschwunden...

Dazu kam, daß protestantische Fürsten zu Verrätern an Kaiser und Reich geworden waren. Sie hatten die Feinde ins Land gerufen, die in Deutschland und in seinen Nachbarländern
wie die Vandalen hausten. Ruinen verbrannter Dörfer und Städte, verwüstete Felder und geplünderte Vorräte zeugten vom Durchzug der feindlichen Soldaten, die die unglücklichen Bewohner in einem Übermaß von Elend und Hunger zurückließen. Pest und eine entsetzliche sittliche Verwilderung zerstörten das, was noch übrig geblieben war.

Besonders hart wurde die Hauptstadt Böhmens von den Glaubenskämpfen heimgesucht. Der kalvinistische Kurfürst Friedrich von der Pfalz hatte sich zum König von Böhmen krönen lassen und Kaiser Ferdinand II., der von den protestantischen Fürsten Deutschlands, Schwedens und Frankreichs schwer bedrängt wurde, schwebte in Gefahr, alle Länder zu verlieren, die bereits der Irrlehre anheim gefallen waren. In dieser äußerst schwierigen Lage bat der Kaiser, der mehr auf Gott als auf das Glück der Waffen vertraute, Papst Paul V., er möge ihm den ehrwürdigen Pater Dominikus von Jesus Maria, den dritten Ordensgeneral der Unbeschuhten Karmeliten, von Rom nach Deutschland senden, damit er durch sein Gebet dem katholischen Heer zum Sieg verhelfe.

Paul V. zögerte keinen Augenblick, den ehrw. Diener Gottes als päpstlichen Legaten «a
latere» zum Kaiser zu schicken. Er wurde wie ein Gottgesandter in Deutschland und in Österreich empfangen. Kurz vor dem Auszug der Truppen versäumte er es nicht, den Herzog Maximilian von Bayern, Tilly und die übrigen Heerführer mit dem hl. Skapulier des Karmels zu bekleiden und Tausende von kleinen Skapulieren an die Soldaten zu verteilen. Schon am 20. Juli 1620 sagte er den Sieg der katholischen Truppen über die Andersgläubigen voraus. Als die Kaiserlichen sich in der Nähe von Prag befanden, besichtigte er das stark verwüstete Schloß Strakonitz und fand im unteren Geschoß einige fromme Bilder, die mit Schmutz und Kot bedeckt waren. Als er sich anschickte, eines von ihnen zu reinigen, fand er zu seiner größten Freude ein liebliches Bild der seligsten Jungfrau, die vor dem Jesuskindlein kniete. Ihr zur Seite stand der hl. Josef und im Hintergrund sah man einige Hirten. Doch nicht weniger groß war sein Schmerz, als er feststellen mußte, daß allen Personen, mit Ausnahme des Jesuskindes, die Augen ausgestochen waren. Dominikus wurde geoffenbart, daß diese Schandtat durch die Hand eines wütenden Kalvinisten geschehen war. Inständig bat er den allmächtigen Gott, Er möge doch die Feinde seiner heiligsten Mutter zu Schanden machen und bewirken, daß die Verehrung Mariens durch dieses Bild sich neu ausbreite und erhöht werde. Seinerseits machte er das Gelübde, alles zu tun, um die Freveltat zu sühnen.

Kaum hatte er das Versprechen abgelegt, als er von Gott prophetisch erleuchtet wurde und die Zusicherung des Siegs erhielt. Und in seinem Herzen verstand er, daß durch die Fürsprache der Gottesmutter dieses Bildes viele Wunder und Gnadenzeichen geschehen sollten. Es ist das Bild «Maria vom Siege», das später in Rom hoch verehrt wurde. Während der Schlacht am Weißen Berg hatte es Dominikus sichtbar an seiner Brust befestigt. In der Hand hielt er das Kruzifix und feuerte im Namen Mariens unentwegt die Kaiserlichen zur Standhaftigkeit an, so daß diese wider alles Erwarten den viel stärkeren und in günstiger Stellung verschanzten Feind in die Flucht schlugen. Der Sieg am Weißen Berg vor den Toren Prags am 8. Dez. 1620 entschied die Sache des Kaisers und rettete die böhmischen Länder dem katholischen Glauben. Ferdinand selbst schrieb die unerwartete Wendung dem persönlichen Eingreifen des ehrwürdigen Karmeliten zu und stiftete zum Dank gemeinsam mit Herzog Maximilian von Bayern das erste reformierte Karmelitenkloster auf österreichischem Boden (Wien, 1622), dem einige Jahre später die Gründung von Prag und Graz folgen sollten.

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Das wunderbare Prager Jesulein

Am 22. Sept. 1624 hatten die ersten Unbeschuhten Karmeliten ihren Einzug in das von Ferdinand II. gestiftete Kloster von Prag gehalten. Es waren zunächst nur zwei aus Spanien gebürtige Patres: P. Josef vom Kreuz und P. Marzellus von der Muttergottes. Der Kaiser und der Stadtrat übergaben ihnen die ehemalige protestantische Dreifaltigkeitskirche mit den anliegenden Gebäuden, deren Namen die Karmeliten in «Unsere Liebe Frau vom Sieg» umänderten.

Die Situation war für die Neuangekommenen äußerst schwierig. Prag war zu jener Zeit zum größten Teil lutheranisch, und die Andersgläubigen, die sich unter dem «Winterkönig» Friedrich von der Pfalz gegen ihren rechtmäßigen Kaiser Ferdinand II. aufgelehnt hatten und durch die Schlacht am Weißen Berg zur Unterwerfung gezwungen worden waren, schauten mit scheelen Augen auf das neue Kloster, dessen Name «Maria vom Siege» sie nur all zu sehr an ihre Niederlage erinnerte. Dazu kam, daß die Patres, der neuen Verhältnisse unkundig, darauf beharrten, daß der Konvent ohne feste Einkünfte bleibe und ganz auf die Almosen guter Wohltäter angewiesen sein sollte. Der Vorschlag Kaiser Ferdinands, dem Konvent sichere Einkünfte zu verschaffen, wurde mit Berufung auf die Ordensvorschriften entschieden abgewiesen.

Trotz seiner Hochachtung für eine so gewissenhafte Beobachtung der Ordensregeln konnte
sich der Kaiser nicht enthalten, ihnen zu bemerken: «Meine Väter, das wird schwer gehen, da fast ganz Prag vom Irrglauben angesteckt ist, und es hier nur wenige Katholiken gibt, die Eure Armut durch Almosen beheben können. Nehmen Sie daher die von uns angebotenen Einkünfte an, denn einen Ferdinand II. werden Sie nicht immer haben».

Solange der Kaiser in Prag weilte, fehlte es der neuen Niederlassung nicht am notwendigen Unterhalt. Doch als er seinen Wohnsitz in Wien aufschlug, begann eine bitter harte Notzeit für das Kloster. Die spärlichen Almosen, die hie und da eingingen, vermochten nicht einmal die äußersten Bedürfnisse zu decken. «Viele Tage mußten sich die Patres mit Brot und etwas Obst zufrieden geben», heißt es in der Chronik der österreichischen Provinz, und die Lage besserte sich auch nicht, als 1624 weitere Karmelitenpatres, unter ihnen P. Johannes Ludwig von der Himmelfahrt Mariens, der zukünftige Prior und erste «Apostel» des Prager Jesulein, eintrafen.

P. Johannes Ludwig suchte seine Zuflucht im Gebet, um der bitteren Armut des Klosters abzuhelfen. Als ihm anfangs Oktober 1628 die Leitung des Konventes übergeben worden war, kam eines Tages Polyxena Fürstin Lobkowitz, eine große Wohltäterin des Klosters, und schenkte ihm und den Patres eine Statue des Jesuskindes. Dabei sagte sie:
«Mein Vater, ich übergebe Ihnen hier, was mir am teuersten ist. Verehren Sie dieses Bildnis, und es wird Ihnen an nichts mangeln».

Alte Quellen und eine Familientradition des Hauses Lobkowitz berichteten, daß Polyxenas
Mutter, Maria Mantiquez de Lara, geb. Fürstin Pignatelli, dieses Gnadenbild aus Spanien mitgebracht und es ihrer Tochter als Hochzeitsgeschenk vermacht habe. Die Entstehung des Jesulein, das bereits in Spanien verehrt wurde, ist an eine reizende Legende gebunden, die wir wenigstens in großen Zügen wiedergeben möchten.

«Zwischen Cordoba und Sevilla, südlich vom Guadalquivir, stand einmal ein berühmtes Kloster, das aber von den Mauren fast völlig zerstört wurde. Zu den wenigen Überlebenden, die sich in den Ruinen aufhielten, gehörte ein frommer Bruder, der allgemein durch seine Liebe zum Geheimnis der Kindheit Jesu bekannt war. Als er eines Tages eifrig mit dem Kehren beschäftigt war, erschien ihm ein kleines Kind von seltener Anmut und schaute ihm aufmerksam zu.

Du kannst wirklich gut kehren, Bruder Josef', sagte es ihm nach einer Weile. ,Der Boden ist blitzblank. Aber kannst Du auch ein Gegrüßt seist Du Maria beten?' ‘Ja.'

,Oh, so bet' es unverzüglich...'

Bruder Josef stellte den Besen zur Seite, sammelte sich einen Augenblick und sprach dann andächtig, mit gefalteten Händen und gesenkten Augen den Engelsgruß. Als er bei den Worten: Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes ankam, unterbrach ihn das Kind mit den Worten: ,Das bin ich' und verschwand.

Voller Sehnsucht schaute ihm Bruder Josef nach: ,Oh, kleines Jesuskind, komm, kehr zurück, denn sonst werde ich an dem Verlangen, Dich zu sehen, sterben!' Aber Jesus kam nicht.

Es vergingen Monate und Jahre und das Sehnen des stillen Bruders wurde immer größer. Tag und Nacht dachte er an das Jesulein, das ihm so lieb zugelächelt hatte. Da vernahm er eines Tages eine feine Stimme, die ihm den Auftrag gab, eine Wachsstatue anzufertigen, die in allem der Erscheinung gleichkäme.

Unverzüglich eilte er zu seinem Prior und bat ihn um das Notwendige zu dem so heiligen
Werk. Während nun seine Hände das weiche Wachs formten und sein Herz von der Rückkehr des zarten Kindes träumte, entstand ein Jesulein nach dem anderen, und ein jedes war schöner als das Vorhergehende, so daß er immer wieder von neuem begann.

Und dann wurde das sehnlichst Erwartete Wirklichkeit. Von einer Schar lieblicher Engel
umgeben trat das hl. Kind in seine Zelle und schien ihm zu sagen: Ich bin gekommen, damit Du mich anschaust und Deine Statue mir ganz gleich werde. In ekstatischer Seligkeit machte er sich an die Arbeit. Noch einmal modellierten seine Hände das reine Bienenwachs. Dann ein prüfender Blick... Das Werk war gelungen. Sein Jesulein war dem himmlischen Gast zum Verwechseln ähnlich. Zutiefst bewegt fiel er auf die Knie, und heiße Dankestränen entströmten seinen Augen. Dann verbarg er das Haupt in beide Hände: Die ewige Liebe hatte ihn sanft geküßt, und dieselben Engel, die das hl. Kind begleitet hatten, trugen seine Seele mit sich ins Paradies.

In der gleichen Nacht erschien Bruder Josef seinem Prior, der das Jesulein in feierlicher Prozession in die Kirche überführt hatte. ,Diese Statue', sagte er ihm, ,die ich Unwürdiger angefertigt habe, ist nicht für euch bestimmt. Heute in einem Jahr wird euch Donna Isabella Manriquez de Lara besuchen, und ihr werdet sie ihr abtreten. Donna Isabella wird sie dann ihrer Tochter Maria zur Trauung schenken, und sie wird das Jesulein mit sich nach Böhmen forttragen. In der Hauptstadt jenes Reiches wird sie dann als ,Das Jesuskind von Prag' von Völkern und Nationen angerufen werden. Gnade, Frieden und Barmherzigkeit werden sich auf das Land herabsenken, das Es sich zu seiner Wohnstätte erwählt hat, und das Volk jenes Reiches wird sein Volk sein und Es wird sein König heißen.»

Was die Legende berichtet, geschah auch wirklich. P. Johannes Ludwig bereitete dem
kleinen König einen festlichen Empfang. Er hatte nämlich gleich bei seinem Amtsantritt, einer inneren Anregung folgend, dem Novizenmeister den Auftrag erteilt, eine Statue des Jesuskindes zu besorgen und diese im Oratorium des Konventes aufzustellen, damit vor allem die Novizen angeeifert würden, die heiligste Kindheit Jesu zu verehren und sich nach dem Vorbilde des menschgewordenen Gottessohnes in den klösterlichen Tugenden zu üben. Nun stellten die Patres das neu angekommene Jesulein im Oratorium auf, trugen Ihm mit kindlichem Vertrauen die große Not des Hauses vor und flehten Es inständigst um seine Hilfe an. Sie sollte ihnen bald zuteil werden.»

Kaiser Ferdinand, den ernste Gedanken und schwere Sorgen um das Zeitgeschehen bedrückten, hatte seine Schützlinge im Prager Karmel aus dem Aug verloren. Jetzt erinnerte er sich wieder an ihre große Not und bestimmte im Jahr 1628, daß den Patres eine monatliche Rate zum Ausbau des Klosters und eine reichliche Zufuhr von Lebensmitteln angewiesen würden. Dazu kam, daß der Weinberg des Klosters zum größten Staunen aller im Jahr 1630 neu aufblühte und nicht weniger als 140 Fäßlein besten Weines lieferte, wobei ein jedes Fäßlein 7 Eimer enthielt. Gottes Güte hatte sichtbar die Andacht zum Jesulein belohnt.

Doch die Verehrung des gnadenreichen Kindes sollte nicht lange währen. Infolge der andauernden Kriegsunruhen sahen sich die Oberen gezwungen, die Novizen, die treuesten Verehrer des Jesulein, nach München zu versetzen. Zur gleichen Zeit hielt Gustav Adolf seinen Einzug in Deutschland. Wohin er auch immer mit seinem siegreichen Heer kam, erfüllte er die Bevölkerung mit Angst und Schrecken und hinterließ rauchende Trümmer und Tausende von Leichen. Deutschland schien für die römisch-katholische Kirche verloren zu sein, denn Gustav Adolf beabsichtigte, ein protestantisches Kaiserreich zu gründen. Während er den Westen eroberte, fiel der Kurfürst von Sachsen mit seiner Armee in Böhmen ein und belagerte am 15. Nov. 1631 Prag. Am 1. Jan. 1632 drangen protestantische Prediger aus Sachsen, die sogenannten Prädikanten, in die Kirche Maria vom Sieg ein und begannen dort ihren Gottesdienst zu halten. Außer dem Subprior und einem Laienbruder waren alle Karmeliten geflohen. Sie vermochten sich nicht der einstürmenden Gewalt zu widersetzen. Die Häretiker plünderten Kirche und Kloster und kerkerten überdies die beiden tapferen Karmeliten ein. Später fand man die Statue des Jesulein mit abgeschlagenen Händchen in einem Winkel unter allerhand Schmutz und Gerümpel.

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P. Cyrillus und das gnadenreiche Jesulein

Seitdem die Andacht zum gnadenreichen Jesuskind, die so viel versprechend begonnen und sich so segensreich gezeigt hatte, fast gänzlich im Konvent aufgehört hatte, schien auch aller Segen Gottes von der Stiftung geschwunden zu sein. Die von Ferdinand II. bestimmte jährliche Unterstützung zur Vollendung des Klosterbaus wurde aufgehoben. Bitteres Elend war im Kloster eingezogen und allerlei Mißgeschick hatte seine Bewohner getroffen. Kein Prior und kein Novizenmeister waren imstande, drei Jahre lang das Amt zu verwalten, denn Beschwerden und Unannehmlichkeiten aller Art veranlaßten sie, ihre Tätigkeit niederzulegen und sich von ihrem Posten zurück zuziehen. Die Patres verlangten in andere Klöster versetzt zu werden. Aber niemand ahnte, warum Gottes Segen so augenscheinlich von ihnen gewichen war.

Im Jahr 1637 - nach siebenjähriger Abwesenheit - kam P. Cyrillus von der Muttergottes, der als Novize das Jesulein so innig verehrt hatte und so oft seine Gnadenhilfe erfahren durfte, auf Befehl der Oberen nach Prag zurück. Kaum daß er in der böhmischen Hauptstadt eingetroffen war, als auch schon wieder die Schweden anrückten und die Stadtmauern belagerten. Brennende Dörfer und Schlösser, die ihren Weg zeichneten, ließen keinen Zweifel über das, was die Bevölkerung erwartete. In dieser allgemein großen Not ermahnte der Prior des Klosters seine Untergebenen, sie möchten durch Gebet und Buße Gottes Zorn besänftigen und das drohende Unheil abwenden.

Dies war für P. Cyrillus die beste Gelegenheit, um sein heiß geliebtes Jesulein, das er nach langem Suchen endlich hinter einem Altar voll Staub und Schmutz wieder gefunden hatte, zu Ehren zu bringen. Er bat Pater Prior, das Kindlein an seinem vorigen Platz im Oratorium aufstellen zu dürfen, was ihm auch gern bewilligt wurde. Vertrauensvoll empfahlen Ihm die Ordensbrüder das Wohl des Klosters, der Stadt und des ganzen Landes. Und siehe, das hl. Kind erhörte ihr Gebet. Prag blieb vom Feinde verschont, und ins Kloster kehrten Gottes Segen und mit ihm Ruhe und Frieden zurück.

P. Cyrillus fühlte in seinem Herzen tiefe Dankbarkeit. Immer mehr wollte er sein Jesulein verehren und sich zu seinem Apostel machen. Als er eines Tages wieder in vertrauter Zwiesprache vor Ihm kniete, glaubte er aus seinem Mund die vorwurfsvollen Worte zu hören:

«Erbarmt euch meiner und ich werde mich euer erbarmen! Gebt mir meine Händchen wieder, die mir die Ungläubigen abgeschlagen haben. Je mehr ihr mich verehrt, desto mehr werde ich euch segnen!»

Erst jetzt bemerkte der gute Pater, daß dem hl. Kind beide Händchen abgebrochen waren. In seiner Freude hatte er ganz übersehen, daß er sein Jesulein ohne Händchen auf den Altar gestellt hatte. Unverzüglich eilte er zu seinem Prior und zeigte ihm das verstümmelte Kind. Doch als er ihm seine Bitte vortrug, dem Jesulein neue Händchen anfertigen zu lassen, erhielt er eine abweisende Antwort. Die Klosterkasse war leer, und man hatte an dringendere Ausgaben zu denken.

Tief betrübt wandte sich P. Cyrillus an Gott um Hilfe, und diese ließ nicht lange auf sich warten. Ein frommes Mitglied der Skapulierbruderschaft, ein gewisser Herr Mauskönig aus Aussig, war nach Prag gekommen und wollte bei P. Cyrillus beichten. Nachdem er sein Sündenbekenntnis beendigt hatte, sagte er: «Hochwürdiger Pater, ich bin überzeugt, daß mich der liebe Gott nach Prag geführt hat, damit ich mich hier bei meinen Mitbrüdern vom Skapulier Unserer Lieben Frau auf den Tod vorbereite und ihnen Gutes erweise. Ich bitte deshalb Euer Hochwürden, mich Gott zu empfehlen, und sollte ich hier sterben, so mögen die Patres meinen Leichnam in ihrer Gruft bestatten.» Darauf gab er P. Cyrillus hundert Gulden, ein für jene Zeit beträchtliches Geschenk.

Freudestrahlend brachte P. Cyrillus das Almosen seinem Oberen. Sicher würde er ihm
seine Bitte zur Ausbesserung des Jesulein nicht abschlagen, denn mehr als einen Gulden brauchte er wohl kaum, um die Reparaturkosten zu bezahlen. Aber wider alles Erwarten erhielt er auch jetzt eine abschlägige Antwort. Traurig kehrte er zu seinem kleinen Liebling zurück und fand im Gebet die Kraft zu demütiger Unterwerfung.

Im Oberen vollzog sich aber eine merkwürdige Wandlung. Pater Vinzenz vom Kreuz hatte
bisher immer in den verschiedenen Konventen, in denen er als Prior gewirkt hatte, eine segensreiche Tätigkeit ausgeübt. Als er 1637 das Schifflein des Prager Karmels steuern sollte, ging zunächst auch alles gut vonstatten. Nachdem er sich aber geweigert hatte, die verstümmelte Statue des Jesulein wiederherstellen zu lassen, schien aller Segen von ihm gewichen zu sein. Er wurde melancholisch, behandelte seine Untergebenen hart und verständnislos, so daß bald eine allgemeine Unzufriedenheit herrschte und mehrere Patres sogar um Versetzung in andere Ordenshäuser baten.

So geschah es, daß der kleine König aus dem Oratorium entfernt wurde. P. Cyrillus trug Ihn in seine Zelle, wo er viele Stunden zu seinen Füßen verbrachte und Ihn für das Unverständnis seiner Mitbrüder um Verzeihung und Nachsicht anflehte. Zugleich nahm er sich vor, alles was in seinen Kräften lag zu tun, damit das Jesulein wieder zu Ehren gelange.

Als er einmal kurz vor der Mitternachtsmette des Festes der Unbefleckten Empfängnis
die Gottesmutter inständig bat, sie möge doch für eine würdige Unterkunft des Bildes ihres heiligen Sohnes sorgen, trieb ihn ein innerer Drang zum Fenster seiner Zelle, die der Kirche gegenüber lag. Da sah er im lichten Mondschein, wie sich eine kleine Wolke langsam über das Chor senkte. Immer mehr nahm sie die Gestalt einer Jungfrau an, die von vielen Sternen, wie von einem Rosenkranz umgeben war. Die Jungfrau breitete ihre Arme über das Chor aus, als wolle sie den Ort bezeichnen, wo die Statue ihres göttlichen Kindes von nun an verehrt werden solle. Diese Erscheinung dauerte etwa eine Viertelstunde, bis die Glocke zur Mitternachtsmette läutete. Als P. Cyrillus am anderen Tag Nachschau hielt, welchen Platz wohl die allerseligste Jungfrau bestimmt habe, fand er über dem Betchor einen Raum, den man schon früher als Oratorium einrichten wollte, ohne aber diese Absicht jemals ausgeführt zu haben.

Unter der Leitung des neuen Hausoberen, P. Dominikus vom hl. Nikolaus, schien sich das Blatt zu Gunsten des hl. Kindes zu wenden. Kurz nach seinem Amtsantritt versuchte es P. Cyrillus von neuem und trug ihm seine Bitte vor, ihm doch zu erlauben, das verstümmelte Jesulein wiederherstellen zu lassen. P. Dominikus zeigte sich nicht abgeneigt, wies aber auf die leere Kasse des Konventes hin. Schließlich sagte er ihm zum Trost: «Wenn das Jesulein uns seinen Segen gibt, so will ich sein Bild wiederherrichten lassen.»

Vertrauensvoll flehte P. Cyrillus zu seinem kleinen König. Da wurde er plötzlich in die Kirche gerufen: Am Marienaltar erwartete ihn eine Dame, die ihm ein Almosen übergab und dann, ohne ein Wort hinzuzufügen, verschwand. Wer war diese Unbekannte? Alle Nachforschung zeigte sich ergebnislos, so daß der gute Pater fest glaubte, seine Wohltäterin sei die Muttergottes selbst gewesen.

Überglücklich brachte er seinem Prior das Almosen und mahnte ihn an sein Versprechen.
Tatsächlich erhielt er auch die Erlaubnis zur Reparatur, aber nur unter der Bedingung, daß die Kosten nicht mehr als einen halben Gulden betragen dürften.

Ein Laienbruder wurde beauftragt, das Jesulein zu einem geschickten Meister zu bringen. Doch er kam unverrichteter Dinge zurück. Ein halber Gulden war viel zu wenig. Der Meister wollte für seine Arbeit einen ganzen Gulden haben.

Wieder einmal nahm P. Cyrillus seine Zuflucht zum Gebet. Und da hörte er eine leise Stimme, die ihm zuzuflüstern schien: «Stelle mich in die Sakristei, neben die Tür, und es wird jemand kommen, der sich meiner erbarmt.» Er ließ sich das nicht zweimal sagen. Kaum war eine Stunde vergangen, als auch wirklich ein Herr kam, der das verstümmelte Bild sah und sich anbot, das hl. Kind auf eigene Kosten wiederherstellen zu lassen.

Der fremde Herr hieß Daniel Wolf. Er war früher kaiserlicher Generalkommissar gewesen
und hatte in guten Verhältnissen gelebt. Jetzt aber befand er sich in großer Not, so daß er seine Gläubiger nicht zahlen konnte. Dazu kam, daß er seit einiger Zeit mit seiner Frau ständig Streit hatte und schon an Scheidung dachte. Als er nun die Jesulein-Statue mit sich nach Hause brachte, fand er ein Schreiben der kaiserlichen Kammer vor, das ihm für früher geleistete Dienste 3000 Gulden bewilligte. Mehr als einmal hatte er diese Summe angefordert, ohne aber jemals eine Antwort zu erhalten. Auch der Streit mit seiner Frau hörte auf, und die Ehegatten lebten von nun an im besten Einvernehmen.

Als das Jesulein fertig war, trug er Es in großer Dankbarkeit ins Kloster zurück. Er übergab es dem Sakristan, der Es an einem Ehrenplatz aufstellte. Aber bald darauf ließ Es der gute Frater aus Unachtsamkeit fallen. Im selben Augenblick drang ein Irrsinniger in die Sakristei und stürzte sich voller Wut auf den armen Sakristan, um ihn zu erwürgen. Und er hätte seine Absicht auch wirklich ausgeführt, wenn nicht zufällig P. Cyrillus hinzugekommen wäre und ihn aus den Händen des rasenden Narren befreit hätte. Zutiefst betrübt schaute P. Cyrillus auf sein Jesulein, das vor ihm aufs neue verstümmelt am Boden lag. Glücklicherweise trat zur selben Stunde Daniel Wolf in die Sakristei, und als er sah, was geschehen war, bot er sich großzügig an, die Statue abermals ausbessern zu lassen.

Er nahm sie also wieder mit sich fort. Zu Hause angelangt, wartete auf ihn ein Beamter,
der ihm die versprochenen 3000 Gulden auszahlen wollte. Am nächsten Morgen brachte Daniel Wolf das Jesuskind zu einem geschickten Kunsttischler in der Nachbarschaft. Er bestellte gleichzeitig einen wertvollen Schrein aus Glaswänden, damit die Statue in Zukunft besser geschützt sei, und kaufte außerdem noch vier Leuchter und einige Blumenvasen. Für alles zusammen sollte er 25 Gulden zahlen, was eine beträchtliche Überforderung war. Dieser war nämlich Protestant, und er hatte mit dem ihm helfenden Schlosser, der ebenfalls Lutheraner war, ausgemacht, den «dummen Papisten», wie er seinen Auftraggeber verächtlich nannte, fest übers Ohr zu hauen, wobei sich beide in gotteslästerlichen Schmähungen über das «papistische Götzenbild» ergingen.

Daniel Wolf zahlte die verlangte Summe, ohne ein Wort des Widerspruchs zu erheben. Die beiden Lästerer wurden aber innerhalb von drei Tagen von der damals in Prag wütenden Pest hinweggerafft. Kurz darauf sollte Daniel Wolf den besonderen Schutz des göttlichen Kindes spüren. Er hatte seine 3.000 Gulden mit einigen Wertgegenständen in einen gut verschlossenen Kasten gelegt. Eines nachts schlichen sich Diebe in sein Haus, die den Kasten fanden und ihn mit sich fortschleppten. Aber noch bevor sie das Haus verlassen hatten, wurden sie plötzlich durch ein starkes Geräusch so sehr erschreckt, daß sie alles stehen ließen und eiligst die Flucht ergriffen. So belohnte das Prager Jesulein die Großzügigkeit jenes Mannes, der sich seiner Statue erbarmt hatte.

Inzwischen hatte sich der Ruf des wundertätigen Kindes in der Stadt und Umgebung verbreitet. Die sterbenskranke Baronin Kolowrat war zum Leben zurückgekehrt, als man ihr das Jesulein zum Kuß gebracht hatte. P. Cyrillus schlug deshalb der Kommunität vor, die Statue der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie in der Kirche zur allgemeinen Verehrung aufzustellen. Sein Vorschlag fand die Zustimmung der Patres und so konnte man den kleinen König im Advent 1639 zum erstenmal über dem Altar der allerseligsten Jungfrau erblicken. Zu den vielen Verehrern, die dem hl. Kind ihre Sorgen und Wünsche anvertrauten, gehörte eine reiche Dame, deren Name taktvoll in der Chronik verschwiegen bleibt, weil sie wohl eine Wohltäterin des Klosters war. Sie hatte sich so sehr in das Jesuskind verliebt, daß sie Es um jeden Preis bei sich haben wollte. So geschah es, daß sie eines Tages zu einer stillen Mittagsstunde, als niemand in der Kirche war, ihren beiden Kammerzofen befahl, zum Altar hinaufzusteigen und das Jesulein heimlich mitzunehmen.

Als P. Cyrillus kurz darauf den Verlust bemerkte, erfüllte ihn von neuem tiefer Schmerz. Alles Suchen und Nachforschen erwies sich als vergeblich. Sein geliebtes Kind war verschwunden. Wo sollte er nur seine Spur entdecken?... Und siehe da, plötzlich hörte er eine tröstende Stimme, die ihm leise zuraunte: «Bleib ruhig! In kurzer Zeit wird das Jesulein wieder gefunden sein und das Sakrileg entsprechend bestraft werden.» Und so geschah es auch.

Wieder einmal hatte der schwarze Tod seine Geißel über Prag geschwungen, und die
beiden Kammerzofen gehörten zu seinen ersten Opfern. P. Cyrillus war zu ihnen gerufen worden, um ihre letzte Beicht zu hören. Die eine Zofe bekannte voller Reue ihre begangene Missetat und wurde auch wieder gesund. Die andere dagegen verweigerte die Sakramente und starb unter entsetzlichen Qualen. Die Dame erkrankte an einem schweren Gichtleiden und verlor all ihren Besitz. P. Cyrillus brachte aber sein Jesuskind ins Kloster zurück und sorgte dafür, daß Es von nun an ständig bewacht würde.

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Die Kapelle des Prager Jesulein

Die vielen Gebetserhörungen und allerhand Ereignisse hatten die Patres zur Überzeugung gebracht, man müsse dem Kind eine eigne Kapelle errichten. Ein Wohltäter hatte dem Kloster 3000 Gulden vermacht und gebeten, einen Altar zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit in der Kirche bauen zu lassen. Es wurde daher beschlossen, über diesem Altar eine Wandnische einzulassen, in der man die wundertätige Statue zur öffentlichen Verehrung aussetzen konnte. Damit war wohl ein weiterer Schritt getan, aber es fehlte immer noch eine eigene Kapelle für das Jesuskind.

Wieder einmal kam die göttliche Vorsehung zu Hilfe. Eines Tages, es war im Jahr 1642,
wurde P. Cyrillus zum Baron von Lobkowitz gerufen, der ebenfalls der Kommunität viel Gutes getan hatte. Bei seinem Besuch fragte ihn die Baronin, ob er nicht irgendeinen Wunsch für sein Jesulein habe und fügte hinzu: «Ich möchte so gern etwas für das hl. Kind tun». P. Cyrillus fühlte, daß der Augenblick gekommen war, um für seinen Liebling eine Kapelle zu erbitten. Der Baron war von dem Gedanken begeistert. Noch im selben Jahr begannen die Arbeiten an dem von der Muttergottes bezeichneten Platz, und am 14. Januar 1644, am Fest des heiligsten Namens Jesu, feierte P. Prior die erste hl. Messe im «Eremitorium Dulcis Pueri Jesu», wie die neue Kapelle getauft wurde. Am 3. Mai 1648 wurde sie durch Kardinal Ernst Adalbert von Harrach, Erzbischof von Prag, feierlich eingeweiht. Gleichzeitig erteilte der Oberhirte eine allgemeine Erlaubnis, in der «heiligen Einsiedelei des Jesuskindes» das Meßopfer darzubringen.

Der Kult des Gnadenbildes hatte damit seine offizielle Bestätigung durch die Kirche erhalten. Mit allen Sorgen und Nöten eilten die Prager Bürger zu ihrem kleinen Wundertäter, der niemand ungetröstet fortgehen ließ. Selbst die schwedischen Eroberer, die am 26. Juli 1648 in die böhmische Hauptstadt eingedrungen waren, konnten sich dem Eindruck dieser Andacht nicht ganz entziehen. Sie hatten im Kloster 160 Verwundete untergebracht, und keiner von ihnen wagte es, das Gnadenbild zu verspotten. Im Gegenteil, sie empfanden eine uneingestandene Ehrfurcht und waren von der Verehrung so vieler Menschen, die das göttliche Kind vertrauensvoll in ihrem Elend anflehten, zutiefst beeindruckt.

Selbst der Generalleutnant und spätere schwedische König Karl Gustav stattete bei einer Besichtigung des Karmelitenspitals der wundertätigen Statue einen Besuch ab. Obwohl er Protestant war, hatte ihn der Anblick der Gnadenstatue so ergriffen, daß er dem göttlichen Kind 30 Dukaten opferte und Ihm zu Liebe versprach, das Kloster bei der nächsten Möglichkeit von der Einquartierung zu befreien.

Im Jahr 1651 kam der Ordensgeneral der Unbeschuhten Karmeliten, P. Franziskus vom
heiligsten Sakrament, zu einer kanonischen Visitation nach Prag. Er hatte bereits in den österreichischen Konventen viel von den Wundertaten des Jesulein gehört und wollte nun von P. Cyrillus und den anderen Patres alle Einzelheiten erfahren. Er war von den Erzählungen tief bewegt. Am 26. Juli ließ er ein später berühmt gewordenes, offizielles Schreiben ausfertigen, das die volle Approbation der Jesuleinverehrung seitens des Ordens enthielt und außerdem alle gegenwärtigen und zukünftigen Patres aufforderte, die für das Kind bestimmten Almosen ausschließlich zu diesem Zweck zu verwenden. Dieses Dokument wurde mit Siegeln versehen in der Gnadenkapelle aufgehängt.

Vier Jahre später wurde die Gnadenstatue mit einer kostbaren Goldkrone geschmückt, und 1656 konnte der kleine Wundertäter dank des großzügigen Entgegenkommens des Barons von Tallemberg in eine eigene, Ihm in der Kirche errichtete Kapelle gebracht werden. Er hielt dort am 19. März unter jubelnden Zurufen der Volksmenge und von vielen Priestern begleitet seinen feierlichen Einzug.

Was sich P. Cyrillus seit langer Zeit erwünscht und erträumt hatte, war nun endlich Wirklichkeit geworden. In der langen Wartezeit war er immer tiefer in das Geheimnis der Kindheit Jesu hineingereift, das sich ihm so wunderbar in der in alle Menschenherzen dringenden Liebesfülle Gottes geoffenbart hatte. Wie oft hatte ihm die Statue des Jesuskindes nicht gesagt, wie unendlich liebenswürdig Gott in der Kleinheit eines Kindes ist, das sich alle Herzen erobert! Wenn jetzt sein Blick den von schimmernder Pracht umgebenen kleinen König traf, konnte er da nicht aus ganzer Seele begreifen, welchen unbeschreiblichen Reichtum Gottes Liebe in sich birgt, die sich um der Menschen willen so tief erniedrigt hatte?...

P. Cyrillus hatte seine Mission auf Erden noch nicht beendet. Im Namen seines Jesulein sollte er Ungläubige bekehren, Teufel austreiben und sogar sterbenskranke Menschen wieder gesund machen. Die Chronik ist hier überreich an Berichten, alles Ereignisse, die dazu beitrugen, den Ruhm des kleinen Jesuskindes zu verbreiten.

Die unermüdliche Arbeit dieses eifrigen Karmeliten hatte allmählich ihre Spur in seiner
an sich kräftigen Konstitution hinterlassen. Die Stunde seiner Reise in die ewige Heimat hatte geschlagen. Durch eine Erkältung war er gezwungen, seine Zelle nicht mehr zu verlassen. Dazu kam ein hartnäckiger Katarrh, der seinem Leben am 4. Februar 1675 ein Ende bereitete. Von seinen Mitbrüdern umgeben und mit den hl. Sakramenten versehen, erwartete er ruhig das Kommen seines Jesulein. Er war 85 Jahre alt.

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Zwei Karmeliten und das Prager Jesulein

Die Geschichte des Prager Jesulein ist mit dem Tod seines treuesten Dieners durchaus nicht beendet. Fast hundert Jahre herrschte Es mit seinem milden Zepter und eroberte sich immer mehr die Herzen der Menschen. Schon zu Lebzeiten P. Cyrillus hatte Es sich in Pater Bonaventura von der hl. Maria Magdalena einen anderen Apostel erwählt, der mit viel Klugheit und Taktgefühl den Schaden wieder gut zu machen verstand, den sein Vorgänger, P. Michael von den Engeln, angerichtet hatte. Es kam ihm die glückliche Idee, ein zweites Prager Jesulein für die Pfarrkirche von Solnitz anfertigen zu lassen, wodurch der erste Schritt zur Verbreitung des Jesuleinkultes außerhalb der böhmischen Hauptstadt getan war.

Von ganz besonderer Bedeutung für die Entwicklung und Propagation des Prager Jesuleinkultes ist das Wirken zweier österreichischer Karmeliten gewesen. Unter P. Emmerich vom hl. Stephan und P. Ildephons von der Opferung Mariens begann das hl. Kind seinen Triumphzug durch die europäischen Länder und hielt in allen Karmelitenklöstern seinen Einzug. P. Emmerich setzte zunächst sein schriftstellerisches Talent in den Dienst des Prager Kindes. Alles, was er nur über seine Geschichte auftreiben konnte, stellte er in einem Buch zusammen, das 1737 in Prag unter dem Titel «Pragerisches Groß und Klein» erschien. Nur wenige Jahre
später wurde es in tschechischer und dann in italienischer Übersetzung herausgegeben und ist bis heute eine der wichtigsten Quellen für die Prager-Jesulein-Forschung geblieben.

Als ihm 1736 die Leitung des Prager Konventes anvertraut worden war, hatte er den Patres vorgeschlagen, das Namen-Jesu-Fest besonders feierlich zu begehen und sich durch eine eigene Novene dafür vorzubereiten. Gleichzeitig hatte er bestimmt, daß am Mittwoch und Freitag ein Hochamt am tallembergschen Altar gefeiert werde, das nicht selten mit Orchestermusik begleitet wurde. Auf diese Weise wurde die Karmelitenkirche in Prag mit ihrem Gnadenbild ein Nationalheiligtum, in dem Tausende von Notleidenden und Bedrängten Zuflucht suchten.

Um die wunderbare Geschichte des hl. Kindes allen zugänglich zu machen, hatte er an der Pforte dreißig Bilder aufhängen lassen, die die berühmtesten Gnaden und Wundertaten des Jesuskindes darstellten. Außerdem versuchte er, die von allen Seiten eintreffenden Bitten um Bilder vom Prager Jesulein zu befriedigen, so daß in kurzer Zeit in allen österreichischen Karmelitenklöstern ein Prager Jesulein thronte.

Zur gleichen Zeit suchte P. Ildephons von der Opferung Mariens, der 1737 zum General der Unbeschuhten Karmeliten gewählt worden war, das Wohl des ganzen Ordens unter den Schutz des kleinen Wundertäters zu stellen. Wo er es nur immer konnte, sei es in Unterredungen, bei Besuchen oder in Briefen, immer war er darauf bedacht, das Prager Kind bekannt zu machen und von Ihm kleine Bilder oder Statuen zu verteilen. Seine Initiative wurde überall gut aufgenommen, ein Beweis, daß «die Verehrung des Prager Jesulein nur ein Ausläufer dieser im Karmel schon bestehenden Verehrung war»".

P. Ildephons konnte den wunderbaren Schutz des hl. Kindes bei einer stürmischen Überfahrt
von Palermo nach Milazzo erfahren. Er schreibt darüber in einem Brief an P. Emmerich, mit dem ihn eine herzliche Freundschaft verband. «Kaum hatten wir die Seefahrt begonnen, als die entfesselten Wellen das Schiff gegen die Felsen schleuderten. Ich rief im selben Augenblick mein Jesulein aus Prag um Hilfe an und konnte mich und meine Gefährten auf ein Felskliff retten... Und da ereignete sich ein einzigartiger Fall: Ich hatte in meinem Gepäck ein sehr wertvolles Missale, das ich für die Kapelle des Prager Jesulein bestimmt hatte. Es wurde mir von den Religiosen in Palermo geschenkt... Im Augenblick des Schiffbruchs war es nur in ein gewöhnliches Papier gewickelt, und der Koffer, in den ich es gepackt hatte, blieb lange Zeit ein Spiel der Wellen des Meeres. Als ich nun den besagten Koffer öffnete,
fand ich natürlich alle sich darin befindenden Gegenstände völlig durchnäßt. Nur das Missale,
das schöne Meßbuch, das ich dem Prager Jesulein bringen wollte, war trocken und unversehrt geblieben. Nicht einmal das Papier, in das es eingewickelt war, war naß geworden.»

Als P. Ildephons nach Beendigung seines Generalates als General Visitator nach Österreich
zurückkehrte, stellte er fest, daß der tallembergsche Altar viel zu klein war für die ungeheure Menschenmenge, die sich oft zu Füßen des Jesulein scharte. Er sorgte deshalb dafür, daß inmitten der Kirche, rechts von der Kanzel, ein prächtiger Altar errichtet werde, der es allen ermöglichte, das hl. Kind ungehindert zu sehen.

Am 13. Jan. 1741 erfolgte die feierliche Übertragung. P. Ildephons ließ sich nicht nehmen,
das Kind mit eigenen Händen auf seinen neuen Thron zu stellen und den kostbaren Glasschrein zu schließen, der eigens angefertigt worden war. Mit einer unvergeßlich gebliebenen Predigt schloß er den Festtag ab. Wenn er noch manchmal vor dem Jesulein die hl. Messe zelebrierte, benützte er das schöne Missale, das ihm in Sizilien geschenkt worden war. Auf der ersten Seite stand von seiner Hand geschrieben: «Ex-Voto, das wir, P. Ildephons a Praesentatione, Praepositus Generalis Ordini B.M.V. de Monte Carmelo, unserem kleinen, liebreichen Jesulein dargebracht haben. Annus 1739.

1742 zog sich P. Ildephons ganz nach Prag zurück. Als Prior des Konventes war er unentwegt bedacht, die Ehre des kleinen Königs zu mehren. Er versäumte es daher nicht, die Kaiserin Maria Theresia, die in Prag zur Königin von Böhmen gekrönt wurde, zu einem Besuch des Jesulein einzuladen. Die erlauchte Herrscherin kam auch wirklich und schenkte Ihm ein kostbares Kleidchen und einen Mantel aus grünem Samt, den sie mit eigenen Händen genäht und gestickt hatte.

Als 1744 die preußischen Truppen vor der böhmischen Hauptstadt standen, wandte sich
die Stadtobrigkeit an P. Ildephons mit der Bitte, eine Prozession mit dem Gnadenkind zu halten, damit Prag vor dem Schlimmsten bewahrt bliebe. Es kam auch tatsächlich ohne Angriff zu einer Kapitulation. Doch die preußischen Soldaten drangen in die Stadt und wählten sich die Klöster zu Kasernen. Auch der Karmelitenkonvent blieb nicht verschont. Glücklicherweise dauerte die Besetzung nur wenige Monate. Die Pest war im preußischen Heer ausgebrochen, und König Friedrich II. gab Befehl zum Rückzug der Truppen. Nachdem die alles in Brand steckenden Truppen endlich die Stadt verlassen hatten, eilten die befreiten Prager zum Thron ihres kleinen Wundertäters. Mit nie gesehener Festlichkeit wurde eine Dankesnovene abgehalten, bei der selbst die Königin von Polen zu sehen war.

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Das Prager Jesulein in der Neuzeit

Bis zum 3. Juli 1784, als die Maßnahmen des Josephinismus auch den Prager Konvent ereilten und der Verehrung des Prager Jesulein ein Ende bereiten wollten, war das hl. Kind eines der beliebtesten und bekanntesten Gnadenbilder. Nach der Vertreibung der Patres wurde die Kirche dem Malteserritter P. Johannes Raimond, übergeben, während das Konventgebäude in ein Gymnasium umgewandelt und der Besitz des Klosters als Staatseigentum erklärt wurde. Alles Übrige, einschließlich der kostbaren Ex-Votos, wurde auf öffentlichem Markt versteigert oder vernichtet. Die Jesulein-Statue wagte aber niemand anzutasten, denn der Kaiser fürchtete eine allgemeine Empörung.

Solange P. Johannes Raimond die Kirche verwaltete, blieb die traditionelle Verehrung
erhalten. Er selbst suchte in seinen Predigten aufzufordern, auch weiterhin hoffend und vertrauend das Jesulein anzuflehen. Nach seinem Tod (1808) geriet die Kirche aber langsam in Verfall. Niemand hatte mehr für das hl. Kind Interesse, und die einst so begeisterte Prager Bevölkerung schien es ganz vergessen zu haben.

Erst unter P. Johannes Slansky änderte sich die Lage. Es war ihm gelungen, 1878 die Kirche restaurieren zu lassen und für das Jesulein einen neuen Altar aufzustellen. Das Geld dazu hatte sich das hl. Kind selbst «erbettelt», denn Es war von Kloster zu Kloster gewandert, wo es allen in einem schlichten Bettlergewand, ohne Krone und Goldschmuck, seine leere Tasche zeigte. Langsam begann auch seine Verehrung wieder zu erwachen. Ein Redemptorist, P. Josef Mayer, hatte 1883 ein geschichtliches Werk über «Das gnadenreiche Jesuskind in der Kirche Sancta Maria de Victoria zu Prag» verfaßt, und bald darauf gründete der Prager Erzbischof Kardinal Franz Schonbron die «Bruderschaft vom Prager Jesulein», deren Statuten schon am 13. Mai 1895 ihre päpstliche Approbation erhielten.

Während die Bemühungen der Karmeliten um Wiederbelebung des Prager Jesulein-Kultes
infolge eines hartnäckigen Widerstandes von Seiten der Malteserritter, die ihnen ihre einstige Kirche nicht zurückgeben wollten, keinerlei Erfolg hatte, gelang es dem Prager Erzbischof Kardinal Karl Kaspar, die Prager Bevölkerung von neuem und in gewissem Sinn die ganze Welt für das wundertätige Kind noch einmal zu begeistern. Er selbst hatte in Rom als Theologiestudent die schmerzvolle Feststellung machen müssen, daß man das Jesulein überall und nur nicht in seiner eigentlichen Heimat kannte. «Oh, in dieser Stadt - in Prag - befindet sich das Heiligtum des wunderbaren Jesulein», hatte ein Mitseminarist bemerkt und hinzugefügt: «Nicht wahr, man hat es dort sehr lieb?» Zu seiner tiefsten Beschämung mußte Kaspar sich eingestehen, daß... er es nicht einmal kannte!

Zum Erzbischof von Prag ernannt, machte er es sich zur hl. Pflicht, die Wichtigkeit der
Jesulein-Verehrung zu betonen und vor allem auf die Bedeutung des «Kleinen Wegs» des geistigen Kindseins nach dem Beispiel des göttlichen Kindes im innerlichen Leben hinzuweisen. Seine Aufsätze «Od Prazskeho Jezulatka» (Über das Prager Jesulein) fanden selbst im Ausland gute Aufnahme. Seiner Initiative ist es zu verdanken, daß 1935 der kath. National-Kongreß in der Kirche Unserer Lieben Frau vom Sieg stattfand und als Thema «Die Funktion des hl. Kindes im "restaurare omnia in Christus" wählte. Bei dieser Gelegenheit wurden drei Pontifikalämter vor dem Schrein des Jesuskindes gefeiert.

Von besonderer Bedeutung ist es, daß der Kardinal im folgenden Jahr, als in Spanien die Revolution tobte, die Bevölkerung um Gebetsnovenen zu Füßen des wundertätigen Kindes bat, damit die Heimat des kleinen Königs vom Kommunismus befreit würde. Zum Dank dafür wurde er in Spanien «El Cardinal del Nino de Praga», der Kardinal vom Prager Jesulein genannt; diesen Titel hatte er mit Recht verdient.

Als sein Nachfolger, Kard Joseph Beran, 1945 vom Konzentrationslager in Dachau heimkehrte, war sein erster Gedanke, eine hl. Messe am Jesulein-Altar zu feiern. Zum Dank für seine Befreiung änderte er den Titel der Karmeliterkirche in Unsere Liebe Frau vom Prager Jesulein. Seit 1948, dem Beginn der kommunistischen Herrschaft, die Kard. Beran mit anderen Bischöfen und Priestern internierte, ist es wieder still um das hl. Kind geworden. Aber es fehlt in Prag nicht an Gläubigen, die in ihren Leiden und Sorgen bei Ihm Zuflucht suchen. Umso mehr wird das Prager Jesulein heute in aller Welt verehrt.

In der Kapelle des Flugplatzes von New York grüßt seine Statue die Neuankömmlinge.
In Arenzano [bei Genua] in Italien wurde dem kleinen Wundertäter eine eigene Basilika
errichtet. In vielen Kirchen und Kapellen kann man heute das Gnadenbild sehen" und sich in die Bruderschaft des Prager Jesuskindes einschreiben lassen."

Wenn auch der Kult des Prager Jesulein seinem Ursprung, Wesen und seiner Bedeutung
zufolge ein Ausdruck der böhmischen Gegenreformation ist, deren Schicksal und innere Schichtung er treu widerspiegelt, so ist er deswegen nicht «unzeitgemäß» und deshalb abzulehnen. Vielleicht lächeln wir heute über die Barockfrömmigkeit und die strahlenden Schätze religiöser Kunst, die uns diese Zeit in reicher Fülle hinterlassen hat, die uns wie die Ausstattung zu einem längst vergessenen geistlichen Schauspiel anmuten. Und doch verbirgt sich hinter ihnen eine erschütternde Aufrichtigkeit, die uns die Seele der damaligen Menschheit im Ringen mit dem Fürsten dieser Welt erschließt.

Die Entwicklung der Jesuskindverehrung ist in das Zeitgeschehen einzureihen und aus diesem zu verstehen. Mit dem Auftreten der böhmischen Bilderstürmer (1619) setzte gerade in diesem Land auf katholischer Seite eine gesteigerte Verehrung der Andachtsbilder ein. Das gläubige Volk fühlte sich tief verletzt durch die vielfache Schändung ihrer heiligsten Werte und bäumte sich in mächtiger Abwehr auf. Als eine natürliche Reaktion auf die bilderfeindlichen Tendenzen der Reformation erwachte in ihm ein gesteigertes Bedürfnis nach äußerem Ausdruck seiner Frömmigkeit, nach einem Festhalten seiner religiösen Symbole, nach rauschenden geistlichen Festen und goldglänzenden Heiligtümern und Gnadenbildern. Ein Zeichen des gesunden Erwachens der beleidigten Lebenskräfte ist in der Verehrung des Prager Jesulein zu finden, in der die Menschen der Gegenreformation dem göttlichen Erlöser in Kindsgestalt ihre ganze Liebe entgegenbringen wollten.

Es entsprach besonders der Gemütsverfassung des Barockmenschen, Gott und den Mysterien
Christi im Geheimnis der Kindheit des Herrn zu begegnen. Er jubelte sein stolzes Gloria über die neu gewonnenen Herrlichkeiten des vorher altklug geleugneten Glaubens immer wieder in die Welt hinaus. Es war Weihnachtsstimmung im Herzen dieser Epoche. Gott war gleichsam noch einmal auf diese Welt gekommen, und man wollte mit Ihm das Antlitz der Erde erneuern. Die sinnige Bewegtheit der bildenden Künste, wie die frische Heiterkeit der klassischen Tonsätze sind auf anderem Gebiet Ausdruck derselben Grundstimmung. Aber mitten in dieser Freude zitterte das Entsetzen. Der Riß war doch schon da...

Der Mensch wehrte sich jener Tage mit seiner letzten Kraft. Darum wirkt auch manches Gebet jener Zeit so dringlich, so flehentlich bettelnd..., als ob es sagen wollte: «Liebes Gotteskinderl, bleib da». So ist die Frömmigkeit des Barock und mit ihr die Andacht zum Jesuskind von erschütternder Aufrichtigkeit.

Ist das Ideal und die Seelenstimmung des heutigen Menschen wesentlich davon verschieden? Auch für uns wurde das Wort vom Kindsein gesprochen; auch uns mahnt das Jesulein, zu Kindern des himmlischen Vaters zu werden. Darum zeigt uns das Prager Kind den Weg, den ein jeder von uns einschlagen muß, und seine Andacht reiht sich organisch in die geistliche Linie unseres Jahrhunderts ein.

Gegner des Prager Jesulein-Kultes hat es bereits im 17. Jh. gegeben, wo man in pietistischen
Kreisen glaubte, derartige Erfindungen und «kindische Neuigkeiten» kritisieren zu müssen. Sie hätten nichts mit einer wahren Frömmigkeit zu tun und bedeuteten für vernünftig denkende Menschen lediglich einen unwürdigen und lächerlichen Zeitvertreib. Selbst innerhalb des Karmelitenordens fehlte es nicht an Stimmen, die in seinem Kult etwas Neues und Ungewohntes für die Spiritualität des Karmels zu sehen glaubten und daher fürchteten, damit der Tradition zu widersprechen. Daß derartige Äußerungen einzig der Unkenntnis entsprangen, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Die Geschichte hat gezeigt, daß alle gegenteiligen Auffassungen in kurzer Zeit zum Schweigen gezwungen waren und daß sich die Jesulein-Verehrung trotzdem entfaltet hat.

Die Andacht zu dem kleinen Prager Wundertäter ist für alle von Anfang an «ein Weg zum wahren, lebendigen Jesuskind im Tabernakel gewesen. Zeugnis davon geben die vielen hl. Messen, die am Gnadenaltar gelesen wurden». Besonders in Spanien blüht die Andacht zum göttlichen Kind, wo in jeden der zahlreichen Karmelitenkonvente eine Bruderschaft vom Prager Jesulein besteht. Jeden Monat findet an einem Sonntag eine besondere Andacht mit Prozession in der Kirche statt, wobei die Statue des göttlichen Kindes von Knaben getragen wird und woran zahlreiche Kinder, Fähnchen und Blumen tragend, teilnehmen. Wenn heute in jenen Ländern, in denen die Treue zum katholischen Glauben sich nicht in gleicher Frische bewahren konnte, die Jesuskindverehrung weniger spürbar ist, so erklärt sich das nicht nur aus den verschiedenen Temperamenten und Charakteranlagen, sondern vor allem aus dem Zeitgeist, der verlernt hat, ein Kind vor Gott zu sein. Um die ganze, tiefe Bedeutung der Verehrung des Prager-Jesulein zu verstehen, muß man erst lernen, schlicht und einfach wie das göttliche Kind zu werden. Das ist aber zugleich die Botschaft des Karmels an die Welt. Wo sie in offene Herzen dringen kann, da vermag auch das Prager Jesulein und damit ein Stück echtester karmelitischer Spiritualität in das Innerste der Menschen zu dringen.

[Nach der Wende sah die Kirche schlecht aus. Inzwischen ist sie renoviert und italienische Karmeliten aus Genua betreuen die Kirche. Sie liegt unterhalb der Prager Burg nicht weit
von der berühmten Karlsbrücke.]

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DAS JESULEIN IM DEUTSCHEN KARMEL

Wenn man die geistigen Linien der Spiritualität des deutschen Barockzeitalters verfolgt, wird man zwei Entwicklungsstufen unterscheiden müssen.

Das 17. Jh. war sowohl von einer bewußten Aufnahme der Frömmigkeitsformen des Mittelalters wie einer nicht zu leugnenden Vorliebe für das Visionäre und Außergewöhnliche beseelt. Man hat daher auch seine geistigen Tendenzen und ihre einzelnen Erscheinungsformen im Bereich der Kirche als Neumystik bezeichnet, ein Titel, der zu Recht besteht, wenn man von der spekulativen Mystik absieht und die Mystik in ihrer charakteristischsten Ausprägung als Liebesmystik im bernhardinischen Sinn faßt.

Liebessehnsucht und das Verlangen nach Vereinigung mit Christus und Gott durchzieht als immer wieder aufklingendes Grundmotiv die religiösen Dichtungen Friedrich von Spee’s (1591-1635), Jacob Baldes (1604-1668) oder Johann Schefflers (1624-1677). «Wie kan ich deiner so lang entrathen? / Wie kan ich jmmer rasten / und ruhen bisz ich dich vmfange?
/ bisz du mich in dich verzehrest, bisz ich lauter dein / vnnd du pur lauter mein in ewigkeit
bleiben müssest?» schreibt Friedrich von Spee in seinem 1649 in Köln gedruckten «Güldenem Tugendbuch», während der gleiche Gedanke seine «Trutznachtigall» wie eine Liebesklage durchzieht: «Ach wan doch Jesu liebster mein, / wan wirst dich mein erbarmen: / wan wider zu mir kehren ein, / wan fassen mich in armen?...»

Mit dem aufstrebenden 18. Jahrhundert war eine Wendung eingetreten. Rationalismus und philosophische Spekulation waren auch ins religiöse Gebiet eingedrungen und hatten bewirkt, daß das reine Erlebnis einer persönlichen Gottbegegnung seine Frische und Ursprünglichkeit verlor. Trotz allem beherrschte aber weiterhin in katholischen Kreisen ein nicht geringer Hang zur Erbauung und zum mystischen Phänomen den geistigen Horizont. Es ist daher leicht verständlich, daß Schriften wie die «Täglichen Geschichten von denkwürdigen Begebenheiten, welche sich sonderlich an einem jeden Tag des ganzen Jahres mit der hl. Jungfrau und Theresia de Jesu zugetragen haben», die 1718 in Wien von dem Jesuiten P. Marckhovitsch verfaßt wurden, einen guten Erfolg hatten, und daß man auch sonst das Leben und die Werke der hl. Theresia mit großem Interesse begrüßte.

In diesem geistigen Klima haben wir die Andacht zum Jesuskind im deutschen Karmel zu suchen. Die gefühlsbetonte Stimmung, die durch die zarte Lyrik Spees aufgerufen worden war, begünstigte das Verständnis und damit die Möglichkeiten ihrer Entfaltung. Dazu kam, daß diese Andacht dem deutschen Menschen durchaus nicht etwas Wesensfremdes bedeutete, wie Volksgebräuche und mittelalterliches Schrifttum beweisen. Vielleicht behauptet man nicht zu viel, wenn man in ihr einen Ausdruck typisch deutschen Gemütes sieht, das im übrigen die Geburt des Herrn mit anmutigen Legenden umgeben wollte.

Als daher am Anfang des 17. Jahrhunderts unbeschuhte Karmeliten und Karmelitinnen die Alpen überschritten, konnten sie voraussetzen, daß der Jesulein-Verehrung in der neuen Heimat nichts im Wege stehen würde. Es war zunächst der kleine König von Prag, der im süd-ostdeutschen Sprachraum mit lebhafter Begeisterung aufgenommen wurde, und es ist interessant, daß es bald auch außerhalb des Karmels nachgeahmt wurde. Zu seinen Füßen hatte M. Maria Anna Josepha Lindmayr unzählige Stunden vertrautester Zweieinsamkeit verbracht. Es wird wohl dieses Jesuskind gewesen sein, das sie zur mystischen Vermählung rief.

Das Prager Jesulein ist aber nicht die einzige Statue des hl. Kindes im südostdeutschen
Sprachraum geblieben. In der Karmelitenkirche von Wien-Döbling trifft man noch heute, gegenüber dem Gnadenaltar Unserer Lieben Frau mit dem geneigten Haupt, im rechten Seitenschiff auf das sogenannte Mannersdorfer Jesulein. Es ist dem Prager Jesulein ähnlich. Die Chronik der österreichischen Provinz erzählt, daß Es 1740 in der Einsiedelei von Mannersdorf am Leithagebirge aufgestellt wurde. Dort soll Es, als der Provinzial P. Alexander von Jesus Maria auf Visitationsreise verweilte, den vor Ihm knienden Pater gesegnet und dabei folgende Worte gesprochen haben: Ich werde diesen Ort immer beschirmen. Als der Klostersturm die Aufhebung der Einsiedelei forderte, wurde das Jesulein nach Wien gebracht. Zuerst fand Es in der Leopoldstadt liebende Aufnahme. Nach Erbauung der neuen Karmelitenkirche in Döbling wurde Es dahin überführt.

Leider ist Es fast vergessen worden, obwohl Es einst Wunder bewirkt hat, wie die 1748
erfolgte Heilung des gelähmten Karl Edtinger.

Welches Jesulein wurde nun in den westdeutschen Karmeliterklöstern verehrt? Wir müssen die Frage unbeantwortet lassen. Nur einige Vermutungen weisen auf Statuen, die das Brüsseler Jesulein nachzuahmen suchten. Dem Prager Jesulein blieb lange der Eingang verschlossen. Erst in der Gegenwart finden wir seine Statuen in den von Köln aus gegründeten Karmelklöstern. Wir haben auch keinerlei Berichte über das innige Liebesverhältnis auserwählter Karmeliten oder Karmelitinnen, wie wir es von anderen Ländern her gewohnt sind. Obwohl das Leben der ehrw. M. Isabella vom Hl. Geist in das Licht einer großen Christusliebe und Verehrung des göttlichen Kindes getaucht ist, so wissen wir nichts von außergewöhnlichen Gnaden. Umso mehr Material ist uns aber überliefert, das von dem heiligen Verlangen spricht, durch getreue Nachahmung der Kindheitstugenden den inneren Anruf des Jesuleins im Herzen laut aufhallen zu lassen. Der Tag des Karmeliten sollte sich mit dem schlichten Leben in Bethlehem verschmelzen, damit ein jeder von dem wunderbaren, umformenden Blick getroffen werde, der vom menschgewordenen Gottessohn ausging und ihn der Gebundenheit seines Selbst entreißen wollte. Mit seiner Gegenwart sollte das Jesuskind dazu beitragen, daß alle Handlungen, auch die gewöhnlichsten und bescheidensten täglichen Beschäftigungen, eine tiefe Liebe zu Ihm ausstrahlten. Das hl. Kind war damit für das religiöse Leben des deutschen Karmels wahrhaft «der Weg, die Wahrheit und das Leben».

Es ist interessant, daß man in den Westdeutschen Ländern von Anfang an den Zugang zum Mysterium der Kindheit Jesu im Mysterium selbst suchte, ohne der Berührung mit dem sichtbar Dargestellten eine wesentliche Bedeutung zuzumessen. Das soll nicht heißen, daß der Karmel Deutschlands die Jesuleinstatuen gering schätzte oder ihnen mit weniger Verehrung begegnete, als es in den romanischen Ländern der Fall war. Nur sein Verhältnis zum Bild des göttlichen Kindes war ein anderes geworden.

Man könnte es aufgelockerter und unabhängiger bezeichnen, da sich der Sinn des bildlich Dargestellten gewandelt hatte. Daraus folgte, daß man sich wenig um Anfertigung eigener Statuen sorgte. Umso mehr begegnen wir aber den Spuren tief gefühlten Andacht und bereitwilligen Lauschens auf die Belehrung des göttlichen Kindes.

Im 19. Jahrhundert war es wieder eine Karmelitin, Schwester Teresia von Jesus, geborene Gräfin Sofie Stolberg-Stolberg, die unentwegt seine Verehrung förderte und zu einem Leben nach seinem Beispiel anregte und im 20. Jh. stellte sich Edith Stein von neuem in die Tradition des theresianischen Karmels. Ihr kleines «Weihnachtsmysterium» bildet ein sprechendes Bindeglied im Rahmen karmelitischer Christussuche und Christusliebe.

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Die ehrw. M. Maria Anna Josepha Lindmayr

Das Leben der M. Maria Anna Josepha von Jesus, geb. Lindmayr, schreitet über alle Schranken menschlichen Seins hinaus in ein völliges Sich-verlieren in Christus, das die unaussprechliche Gnade der Vereinigung mit dem himmlischen Bräutigam nicht weniger erfüllend ausströmt, als es im mystischen Leben der seraphischen Heiligen des Karmels der Fall gewesen ist. Beide waren von einer Christusliebe durchglüht, die alle Grenzen menschlicher Liebe bei weitem überstieg, und beide lebten ihr eigentliches Leben tief verborgen im Mysterium Christi, das sie unmittelbar zum dreifaltigen Gott führte.

Maria Anna Lindmayr hatte ihre geistliche Vermählung am Vorabend des Festes Mariä Geburt gefeiert, «An diesem Abend», so berichtet sie selbst, «war ich bis nach Mitternacht im Chor. Während ich betete, erschien mir die Muttergottes mit dem Jesuskind. Ganz nahe hielt sie mir das göttliche Kindlein hin, das nach mir verlangte und mir zu erkennen gab, daß Es sich mit mir vermählen wolle. In seinen Händen hielt Es den Ring. Ich war über dieses Gesicht nicht wenig erschrocken. Aber es stand nicht in meiner Gewalt, die Gnade abzuweisen, denn Christus ist Herr über meine Seele und über meinen Leib. So mußte ich die Vermählung geschehen lassen...», und Maria Anna vermählte sich mit dem göttlichen Kind unauflöslich, in höchster Seligkeit und Liebe.

Sie hatte am 23. Sept. 1657 in München das Licht der Welt erblickt. Lange Zeit war sie Terziarin des Karmeliterordens. Erst1712, als das Dreifaltigkeitskloster in München gegründet wurde, konnte sie als Unbeschuhte Karmelitin im zweiten Orden eingekleidet werden. Dort starb sie am 6. Dez. 1726 «nicht an einer Krankheit, sondern aus Übermaß der Liebe», wie sie einen Tag vorher ihren Mitschwestern gestanden hatte.

Schon als kleines Kind wurde Maria Anna auf dem Weg des Außergewöhnlichen geführt. Erscheinungen und wunderbare Ansprachen, sowie ein inneres Erspüren der Nähe der Armen Seelen begannen bald ihre kleine Welt zu erfüllen. Später wurde den ihr von Gott geschenkten Visionen die Prophetengabe hinzugefügt. Der Kapuziner Albert von Rosenheim versichert eidlich, daß sie ihm nicht weniger als sieben Ereignisse seines zukünftigen Lebens vorausgesagt habe. Ihre Frömmigkeit stand ganz in der Linie der dem barocken Empfinden eigenen religiösen Spannungen, die sich in ihr zum Bewußtsein einer von Gott erhaltenen Aufgabe steigerten.

Man hatte sie die «Retterin Bayerns in schwerer Zeit» genannt. Am 8. Juli 1704 verbürgte sie sich anläßlich einer Vision der HIst. Dreifaltigkeit für die Stadt München, die sich der Plünderung und Zerstörung durch die feindliche Armee ausgesetzt sah. Ihr Gebet und Opfer wurde erhört und München blieb verschont. Die Stadt erfüllte ihrerseits das Gelübde und erbaute die Dreifaltigkeitskirche.

In den Jahren, die Maria Anna in der Welt verbrachte, zeichnete sie sich durch eine opferbereite
Nächstenliebe und großen Seeleneifer aus. Sie wurde von hoch und niedrig als Zuflucht der Betrübten, Trösterin der Bedrängten und himmlische Ratgeberin in zweifelhaften Fällen aufgesucht und geehrt. Allenthalben pflegte man sie die «fromme Jungfrau» zu nennen. Sie ermahnte alle jene, die zu ihr kamen, eifrigst um göttliches Licht zu beten, in dem sie Gott und ihre Fehler erkennen würden. Ihre Aussprüche, Ermahnungen und Worte über göttliche Dinge hinterließen einen solchen Nachdruck in den Herzen der Zuhörer, daß niemand zweifeln konnte, aus ihr rede der Geist Gottes.

Maria Anna war Mystikerin. Wenn sie am Sonntag das Geheimnis der Hlst. Dreifaltigkeit betrachtete, fühlte sie in sich die unmittelbare Nähe Gottes, aber zugleich den unermeßbaren Abstand zwischen Mensch und Gott. Eine ihrer Visionen zeugt von dem leidvollen Überwinden der Dimensionen der Nähe und des gleichzeitigen Abstandes Gottes, was in ihr eine tiefe Erkenntnis ihres Nichtsseins auslöst. «Mir wurde gezeigt», schreibt sie, «wer Gott gegenüber den Menschen ist. Ich erkannte, wie Christus in seiner heiligsten Menschheit den himmlischen Vater verehrte, wie Er sich vor Ihm verdemütigte, wie Er zu Ihm betete, wie Er wachte und fastete, wie Er den Vater über alles hochschätzte und nur bestrebt war, seinen hl. Willen zu erfüllen. Ich erkannte auch, daß niemand dem himmlischen Vater größere Ehre erwiesen hat als Christus, und daß sich niemand mehr vor Ihm verdemütigt hat, als Jesus Christus, sein menschgewordener Sohn...

Wie, groß muß daher Gott sein, wenn Christus, der heiligste Sohn Gottes, seinen Vater so hochschätzte, nur seine Ehre suchte und sich selbst als Mensch so erniedrigt hat! Und was soll der sündige Mensch tun? In der Erkenntnis Gottes erscheint ihm seine Güte und Barmherzigkeit so unendlich groß, daß sich die arme Seele in diesem Lichte kaum mehr zu erblicken vermag.... Durch die Allmacht Gottes bin ich aus dem Nichts hervorgegangen. Durch die Güte Gottes bin ich etwas geworden, ohne aus mir etwas dazu getan zu haben. Durch die Sünde bin ich durch mich selbst wieder zu nichts geworden, aber noch weniger und noch schlimmer als ein Nichts.»

Diese Vision, in der Gott zu ihr gesprochen hatte, ist charakteristisch für die innere Grundhaltung der zukünftigen Karmelitin. Sie fühlte sich Gott ganz eigen, aber gleichzeitig wußte sie um ihr Nichts, das sie den Weg der Kleinen und Demütigen einschlagen ließ. Hatte ihr Christus nicht eines Tages gesagt: «Ich will, daß du leidest, ohne es zu verraten, daß du lebest wie ein Kind und liebest wie ein Seraph?»

Im Leiden erlebte sie das Einssein göttlichen und menschlichen Seins. Im Kindsein erklomm
sie den steilen Pfad zu unauflöslicher Vereinigung, der von den Flammen seraphischer Liebe gezeichnet war. So suchte Maria Anna Kraft und Stärke beim göttlichen Meister in Gestalt eines Kindes. In der Karmelitenkirche von München gab es einen herrlichen Altar mit einem Prager Jesulein, das Polyxena Lobkowitz den Patres geschickt hatte. Es war eine getreue Reproduktion des kleinen Königs von Prag. Unzählige Gläubige scharten sich zu seinen Füßen im vertrauensvollen Gebet, und es fehlte auch nicht an außergewöhnlichen Gnaden und Krankenheilungen, so daß das Münchener Kindl seit 1697 als «wunderbar» bezeichnet wurde.

Hier war es, wo Maria Anna in vertrauter Zwiesprache mit dem menschgewordenen Gottessohn
verweilte. Wir wissen, daß sie Andachten zu Ehren der neun Monate hielt, in denen Maria Christus, das Licht, das in die Welt gekommen ist, um die Menschen zu erleuchten, unter ihrem Herzen getragen hat. Wir sehen sie vierzig Tage zu Ehren des Jesuskindleins im Stall von Bethlehem fasten, und einmal wurde ihr die armselige Grotte gezeigt, die Jesus in den ersten Monaten seiner Kindheit bewohnt hatte. Erscheinungen der Muttergottes mit dem göttlichen Kind im Arm waren durchaus nicht selten, und sicher hat sie das hl. Kind wunderbar in das Geheimnis seiner Demut und Liebe eingeführt.

Maria Anna war 1691 in der Karmelitenkirche Terziarin geworden. Man darf annehmen, daß sie in vielen Stunden das himmlische Kind gebeten hat, treu in ihrem Vorsatz zu bleiben, so gut als es ihr nur möglich war, die Karmelregel in der Welt zu halten. Am 25. April 1709 feierte sie ihr mystisches Verlöbnis mit Christus, der ihr einen einfachen Ring an den kleinen Finger der rechten Hand steckte. «Ich verspreche dir meine Liebe und Treue auf ewig. Du bist jetzt ganz mein und ich bin Dein. Du bist zwar meiner Liebe unwürdig, aber ich habe mein Auge auf Dich in meiner Gnade und Liebe gerichtet.»

Als sie die Schwelle des Karmels überschritten hatte, steigerte sich der christozentrische
Zug ihres Innenlebens. In Erinnerung an den 23. Okt. 1714 schreibt sie: «Es hat sich mir heute Christus im Chor als ein kleines Kind gezeigt. Nur ein wenig von mir entfernt hat Er seine allerheiligsten Arme gegen mich ausgestreckt, um mich zu umfassen und sich mit mir zu vereinigen. Dabei richtete Er seine göttlichen Augen auf mein Herz, wodurch Er mir zu erkennen geben wollte, daß Er sich noch nicht ganz mit meiner Seele vereinigen könne, weil ich Ihm noch sehr unähnlich und mein Herz nicht nach seinem Herzen war.

Darauf erklärte Er mir den Grund für diese Verschiedenheit. Ich war noch nicht klein genug,
noch kein Kind, und ich hatte es noch nicht gelernt, Ihm so nachzufolgen, wie Er es gelehrt hatte (Mt. 18,3 und 19,4).

Ich habe seine Unterweisung wohl verstanden, meine Fehler erkannt und mir vorgenommen, mich zu bessern. Ich will darauf achten, in der (Nachfolge seiner) Kindheit zu wirken, meinen eigenen Willen und mein Urteil, an dem ich noch gar stark hänge, zu verleugnen, so wie mich Christus gar oft ermahnt hat. Es wurde mir klar, daß es nicht genügt, einfach zu sagen: ich vereinige mich mit Christus, und auch nicht: ich möchte mich mit Christus vereinigen, sondern die Hauptsache besteht darin, daß Christus sich mit uns vereinen kann. Ich muß also derart sein, daß meine Tugenden den Eigenschaften Christi gleichförmig sind. Seine Demut kann sich nicht mit meiner Hoffart vereinigen, und seine Geduld nicht mit meiner Ungeduld...»

So waren die ersten Jahre ihres Karmellebens mit dem ernsten Bemühen ausgefüllt, vor
Gott ein Kind zu werden, gleich dem göttlichen Kinde, das sich im Jahr 1716, als sie zur Priorin des Klosters gewählt worden war, mit ihr vermählte. Mit inniger Liebe und in glühender Andacht suchte sie ihrem kleinen Bräutigam zu gefallen, und das Jesulein offenbarte ihr mehr als einmal, wie sehr Gott die Verehrung seiner Kindheit angenehm sei. An einem Tag im Advent
1718 hatte sie eine Vision, in der eine Person zu ihr kam und ihr ein Schächtelchen mit Geld als Schadenersatz für einen zerbrochenen Gegenstand brachte. «Als ich es aufmachte», berichtet sie, «fand ich anstatt des Geldes eine kleine Wiege mit einem allerliebsten Kindlein darin. Sehr verwundert darüber bat ich Gott, mir die Bedeutung dieses Bildes zu erschließen.

Ich erfuhr alsbald vom Herrn, daß man durch die Verehrung der Kindheit Jesu alle Sündenschuld beim himmlischen Vater abtragen könne. Mithin solle ich mir die heiligste Menschwerdung recht tief in das Herz einprägen.»

Oft wurde Maria Anna durch die Nachstellungen des bösen Feindes belästigt. Sie suchte dann beim heiligsten Namen Jesu Hilfe, den sie immer mit tiefer Ehrfurcht auszusprechen pflegte. Ganz besonders liebte sie es, das Namen-Jesu-Fest feierlich zu begehen, wozu sie wohl schon durch die Novenen und äußerlichen Feierlichkeiten in der Karmelitenkirche angeregt wurde. Eine große Gnade wurde ihr an einem Freitag nach dem Namen-Jesu-Fest geschenkt. Gleich der hl.Theresiavon Avilasahsie, wie sich ihr «ein Engel in himmlisch-schönem Kleid, einen Pfeil in der Hand haltend näherte und denselben in ihr Herz schoß» Später vertraute sie ihrem Beichtvater an: «Ich verspürte einen großen Schmerz am Herzen,... der mir stets ein Antrieb zur göttlichen Liebe blieb, dann seit jener Zeit hat mich die Liebe Gottes nicht mehr ruhen lassen und große Wirkungen in mir hervorgebracht.»

Wenn auch Maria Anna Josepha Lindmayr nicht durch ihre Verehrung Gottes in Kindsgestalt
in die Geschichte des Karmels eingegangen ist, sondern man eher auf ihre Verdienste am politisch-religiösen Leben ihrer Zeit hinweist (die Rettung München vor der Zerstörung) und ihres geheimnisvollen Umgangs mit den armen Seelen im Fegfeuer gedenkt, so schließt das nicht aus, daß sie eine der wenigen Vertreterinnen der Verehrung zum Jesulein in Deutschland ist, und daß sie wahrhaftig durch die Nachahmung der Kindheitstugenden den Gipfel christlicher Vollkommenheit und die Vereinigung mit Gott erreicht hat.

Maria Anna war es dabei nicht so sehr um Vorstellung und Verwirklichung der Gottesgeburt im Herzen zu tun, als um die Verwirklichung der Gotteskindschaft, um durch sie zur Vereinigung mit Christus aufzusteigen. Es ist schwer zu sagen, wie weit ihre Andacht zum Jesuskind in einer Übernahme theresianischen Erbgutes gründet und wie weit sie auf eigenes, mystisches Erleben zurückzuführen ist. Aber sicher hat sie das Geschaute und geistig Erlebte durch ein gewolltes Eindringen in das Kindheitsmysterium weiterzubilden versucht und sich damit in den Rahmen der theresianischen Spiritualität gestellt, um sich von ihr durchformen zu lassen, wozu sie das ihr charakteristische antithetische Bewußtsein ihres Nichts gegenüber dem Alles in Gott anregte. Das Jesuskind hat ihr den Zugang zum höchsten Glück der Vermählung mit Christus geöffnet. Ist es nicht bezeichnend, daß gerade sie, der es verwehrt blieb, in jungen Jahren den Schleier zu nehmen, als reife Frau auf göttliche Mahnung hin zum Kind werden mußte und durch das Kindsein zur letzten Entfaltung ihrer Persönlichkeit gelangte?

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Die ehrw. Maria Isabella vom Hl. Geist

Trotz der Unruhen des Dreißigjährigen Krieges rollte 1637 ein verschlossener Wagen über die holprigen Landstraßen Flanderns gen Osten. Das Ziel war Köln, wo nicht unweit der alten Basilika St. Severin, die der Volksmund den «Dom des Südens» genannt hat, ein theresianischer Taubenschlag entstehen sollte. Die Stifterinnen, M. Theresia von Jesus aus Brüssel und M. Isabella vom Hl. Geist aus Antwerpen, waren gekommen, um endlich den langgehegten Wunsch der sel. Anna vom hl. Bartholomäus zu verwirklichen, die in prophetischer Schau die Stiftung in der alten Stadt am Rhein bereits vorausgesehen hatte: «Die Stiftung der Klosterfrauen Barfüßigen Karmelitinnen zu Cöllen wird eine glorwürdige Fundation sein». Der Tod hatte Anna vom hl. Bartholomäus an ihrem Vorhaben gehindert. So war es zehn Jahre später ihren Töchtern vergönnt, die theresianische Reform nach Deutschland zu verpflanzen.

Maria Isabella vom Hl. Geist erblickte am 28. Juli 1606 in Flandern das Licht der Welt. Ihr Vater, der Großkanzler König Philipps III., Mateo de Urquine, war während des niederländischen Krieges nach Brüssel gesandt worden. Sie war 22 Jahre alt, als sie im Kloster von Antwerpen das Kleid des Karmels empfing. Noch war das Leben und der Tod der seligen Stifterin Anna vom hl. Bartholomäus in frischem Andenken. Kaum drei Jahre waren verflossen, seit die Nachricht von ihrem Hinscheiden nach Brüssel gelangt war. Carlota erinnerte sich gut daran, wie verödet die Stadt erschien, weil alles, hoch und niedrig, nach Antwerpen geeilt war, um die heilige Leiche noch einmal zu sehen, bevor sie begraben wurde. Die Landstraßen waren mit Menschen angefüllt, und eine unabsehbare Reihe von Wagen des Adels schlängelte sich wie ein buntes Band durch die sommerlichen Wiesen Flanderns.

Am 12. Januar 1630 legte Isabella ihre Ordensprofeß ab. Am folgenden Tag fand das Schleierfest statt. Bei dieser Feierlichkeit ließ man sie den weißen Mantel der verstorbenen Stifterin tragen, um so anzudeuten, sie solle zur Erbin ihrer Tugenden werden. Nur wenige Jahre später wurde ihr bereits die Aufgabe übertragen, mit Maria Theresia von Jesus zur Gründung des ersten reformierten Klosters nach Deutschland zu reisen.

Am 30. Oktober begaben sich die beiden Nonnen nach Köln, wo Maria Isabella mit ihrem außerordentlichen Organisationstalent und ihrem feinen Kunstsinn persönlich den Bau des Klosters leitete und Vorbereitungen für die Errichtung der Kirche traf. Selten hat es wohl eine Karmelitin gegeben, die eine ihr gleiche architektonische Begabung besaß. Diese ermöglichte es ihr, mit gewisser «Sachkenntnis» die Bauarbeiten zu überwachen und mit konkreten Anordnungen und praktischem Rat tatkräftig einzugreifen.

Ein altes Manuskript, das nach ihrem Tod von einer ihrer Töchter verfaßt wurde, gibt uns
reichen Aufschluß über ihr gottverbundenes und fruchtbares Leben. Aus ihm erfahren wir, wie sie lange Jahre der Klostergemeinde als liebende Mutter und treue Fürsorgerin vorstand. In ihm lesen wir von ihrer großen Liebe und Verehrung des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau vom Frieden, das über Maria de' Medici den Karmelitinnen zugekommen war. Maria de' Medici hatte die Statue der Muttergottes mit dem Jesuskind aus dem Holz einer wundersamen Eiche schnitzen lassen, die in Scherpenheuvel bei Brüssel stand und mit einem Marienbild geschmückt war. Als der Baum unter der Last der Jahre zusammenzustürzen drohte, war das «heilige Holz» in die Schatzkammer des Kardinal-Infanten gebracht worden. Während ihres Aufenthaltes in Brabant hatte sie es dort erhalten und einem geschickten Meister übergeben, der es in eine große und mehrere kleine Marienstatuen verwandelte. In dem gleichen Manuskript finden sich aber auch einige Gedichte, die ein lebendiges Zeugnis ihrer innigen Liebe zum Jesuskind bilden.

Sie sind zum Teil in spanischer und zum Teil in französischer Sprache verfaßt und verraten
ein tiefes Einfühlen in das Wunder der Hl. Nacht. Obwohl sie in ihrer Art recht verschieden sind, so bleibt ihnen doch immer die gleiche Bitte um Vervollkommnung in der Tugend eigen. Und gerade diese Bitte ist charakteristisch für den Zeitgeist und für den Wandel, den die Andacht zum Jesuskind im deutschen Karmel vollzieht.

Ihr «Villancico para el dia de la Navidad» (Weihnachtslied für den Tag der Geburt des Herrn) plätschert schlicht und einfach wie ein echtes Volkslied dahin. In seinem ungezwungenen, kindlichen Reim erinnert es an die zahlreichen Villancicos ihrer fernen spanischen Heimat:              
               «Dieses Gotteskind ist gut.
               Laßt uns seine Güte nachahmen,
               Und das Weihnachtsfest wird froh sein.

      In der zweiten Strophe heißt es dann:
               «Dieses Kind ist demütig,
               Laßt uns seine Demut nachahmen:
               Und das Weihnachtsfest wird froh sein.»

Und so werden in sieben Strophen die Tugenden des hl. Kindes besungen, seine Sanftmut, Heiligkeit, Großmut, Milde und Armut, und gleichzeitig erklingt die Mahnung zur Nachahmung, um ein wahrhaft freudiges Weihnachtsfest zu feiern.

Ein anderes Gedicht, das an Jesus, den König der Herrlichkeit gerichtet ist, - und sicher hatte sie dabei den kleinen König von Brüssel vor Augen - bringt in ähnlicher, aber weitaus gemessener Reihenfolge fast die gleichen Bitten:

               O süßer Jesus, König der Herrlichkeit, Du Quelle aller Tugenden,
               Damit wir dir gefallen können, Uns allen gib, so bitt' ich Dich,
               Die wahre Liebe Und völlige Selbstentblößung!
               Inständig bitt' ich Dich Für diese Kommunität,
               Um echten Ordensgeist Und gut fundierte Vollkommenheit,
               Die wahre Liebe gib uns Und völlige Selbstentblößung.»

Dann fleht sie den kleinen König der Gnade an, ihre Klostergemeinde durch «pünktlichen Gehorsam und vollkommene Demut» zu «beständigem Gebet in seiner Gegenwart» anzuleiten, ihr «den großen Reichtum eines wahren Geistes der Armut» zu schenken und jeder einzelnen durch «vollkommene Abtötung die Kraft zu verleihen, ihre Leidenschaften zu beherrschen»,

               «Damit wir so bereitet, Den Hl. Geist empfangen,
               Und uns, gestärkt in seiner Kraft, Nur mehr in Ihm bewegen.
               Gib wahre Liebe uns Und völlige Selbstentblößung.»

Auch M. Isabella gehört zu jenen Karmelitinnen, die in der Schule Christi zur vollkommenen Gottesliebe herangereift sind. Wie stark sie Christus, das ewige Wort, im Inneren berührt hat, zeigt eine ihrer Visionen der «Herzbücher». Während das geistige Auge ein Herz schaut, das inmitten einer Wolke ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch betrachtet, schreibt ihre Feder: «Siehe, allhie wird der Seele gezeigt die Person des ewigen Wortes in seiner göttlichen Eigenschaft, welche da ist die ewige Weisheit, so aus dem Mund des Allerhöchsten ausgegangen; es ist das Wort des Vaters, in welchem vollkommentlich ausgesprochen wird die göttliche Natur, samt allen ihren Großheiten und Eigentümlichkeiten. So ist also dieses göttliche Wort wahrhaftig das verschlossene Buch, darin alle Geheimnisse des göttlichen Wesens verzeichnet sind. O selig, wer das Wort aus diesem Buch anhöret und von diesem Brunn der Weisheit ersättigt wird. »

M. Isabella hatte in den ersten Jahren ihres Ordenslebens in Antwerpen verschiedene
fromme Bräuche in Vorbereitung auf das Weihnachtsfest kennen gelernt, die sie im Kölner Karmel treu weiterführen wollte. Am ersten Adventssonntag, am Tag der Erwartung Mariens (18. Dez.) und am Weihnachtstag herrschte die Gewohnheit, kleine Zettel zu ziehen, die eine bestimmte Tugendübung zu Ehren des göttlichen Kindes oder einen Segenswunsch des Jesulein enthielten. Ein solcher Zettel aus dem Jahr 1637, der sich heute im Archiv des Karmel in Echt befindet, sagt z. B.: Der kleine Jesus schenkt Ihnen einen liebenden Blick, mit dem er Ihr liebendes Herz segnen will und bewirken möchte, daß Sie immer mit ihm vereinigt leben.

Wir können uns sehr leicht eine Vorstellung machen, welcher Art die Zettel für den ersten Adventssonntag waren, da im Karmel von Lüttich-Potay bis heute die gleiche Übung aufrechterhalten geblieben ist. Es heißt dort: Advent des Herrn. Denk daran, warum Er kommt. Und dann folgt eine Reihe je verschiedener Anmutungen anstatt des «warum Er kommt». Man liest z. B.: Denk' daran, mit welchem Gehorsam Er kommt, oder mit welcher Unterwerfung. Auf den Zetteln für den 18. Dezember erfolgt das Spiel in umgekehrter Reihenfolge. Eine jede Tugend wird in Beziehung zum Jesuskind gesetzt: Der Glaube wird Es anbeten, die Hoffnung wird Es finden, die Geduld wird Es besitzen, usw.

Es sind alles rührend einfache Übungen, die vom liebenden Suchen des Karmels nach
einer Antwort auf seine Sehnsucht zur Vereinigung mit Christus zeugen. Die einzelne Karmelitin hatte sich bewußt dem Mysterium Verehrung zugewandt, weil sie überzeugt war, so am leichtesten die Möglichkeit des Verbleibens in den von Christus vorgezeichneten Tugenden während des täglichen Lebens zu finden. In Antwerpen und Lüttich ist es noch heute Brauch, jeden Monat vom 16. bis 25. eine Novene zu Ehren des Jesuskindes abzuhalten. Welch anderem Zweck dient sie, als im Herzen eine ständige Adventsstimmung aufrechtzuerhalten?

Damit beginnt bereits am Ende des 17. Jahrhunderts sich eine Form des karmelitischen
Lebens anzubahnen, die später als der «kleine Weg» bezeichnet worden ist. Nicht mehr so sehr das Außergewöhnliche und Wunderbare des Jesuskindes und seiner Statuen war es, das den deutschen Karmel erfüllte. Er wollte vielmehr durch Nachahmung der Kindestugenden des Herrn zu einer neuen inneren Haltung heranwachsen, die ihn eine Art Lebensnorm bedeutete. Ihre Ausgestaltung blieb aber erst dem 19. Jahrhundert und vor allem der großen Heiligen der modernen Zeit, der kleinen hl. Theresia von Lisieux, vorbehalten.

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Die hl. Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein)

«Weihnacht im Karmel! Man könnte auch sagen: Himmel auf Erden! Edith feierte sie zum erstenmal mit, diese selige Nacht, die einzige im ganzen Jahr, wo im Karmel das Stillschweigen aufgehoben ist, wo es in allen Gängen und Räumen, auf allen Treppen und Stiegen musiziert und jubiliert, in allen Ecken und Winkeln die Kripplein aufgebaut sind, eins schöner und lieblicher als das andere. Diese Hl. Nacht, wo man statt mit der schnarrenden Ratsche mit silbernen Glöcklein und Engelsliedern geweckt wird, daß man wirklich meint, auf den Fluren Bethlehems geschlafen zu haben und nun eilt, schneller als die Hirten, ins Präparatorium zu kommen. Da stehen schon die Schwestern in weißen Mänteln und warten darauf, daß die Glocken zum drittenmal läuten und das Zeichen gegeben wird zum Einzug in das lichterstrahlende Chor.

NiewirddieMatutin schöner gesungen als in dieser gesegneten Nacht vordem ausgesetzten Allerheiligsten. Leise Geräusche, die durch das weitgeöffnete, wenn auch verschleierte Gitter dringen, verraten, wie draußen das Kirchlein sich füllt. Es ist ja fast Mitternacht. Das jubelnde Te Deum laudamus verklingt. Die Schwestern ziehen sich zurück ins Präparatorium, wo sie brennende Kerzen empfangen. Dort vor dem Altar liegt auf seidenem Kissen das Christkindlein. Sorgsam erhebt es die Mutter Priorin, zeigt es der Kommunität, und nun zieht diese, die Jüngsten voran, unter klingendem Spiel wieder ins Chor zurück. In der Kirche herrscht Totenstille. Alles lauscht dem Gesang der Schwestern: «Bethlehem hörst den Heiland du? Laß Ihn ein...» In zwei Chören stehen die Schwestern, während das Christkind auf den Armen der Priorin zur Grotte getragen und in die Krippe gelegt wird. Nun schlägt es zwölf. Die Orgel braust, die Priester ziehen an den Altar. Der Sängerchor setzt ein, urewig schön: «Dominus dixit ad me: Filius meus es tu... - [Der HERR sagt zu mir: MEIN Sohn bist DU]»

Was im Chor der Schwestern symbolhaft angedeutet wurde, soll nun Wirklichkeit werden. Das Christkind kommt auf die Welt. Es kommt herab auf den Altar. Es kommt herein in die Krippe unseres Herzens. Ave Jesus! Der Priester erteilt den Weihnachtssegen mit dem hochwürdigsten Gut. Die Leviten verlassen den Altar. Die zweite und dritte Messe folgen. Jetzt darf das Volk zu Wort kommen und die alten trauten Weisen anstimmen... Nach dem letzten Amen leert sich die Kirche.
Nun regt es sich wieder im Schwesternchor. Die Laudes beginnen im hohen Sangeston. Die Bräute des Herrn können es an der Krippe nicht mehr erwarten, bis die erhabene Liturgie beendet ist und sie in ihrer deutschen Muttersprache die Liebe ihrer Herzen aussingen können. Flöten und Lauten bilden die Begleitung. Wer denkt an Schlaf? Wer an Erquickung des Leibes? Bis zuletzt die ehrwürdige Mutter mit der Aufforderung: «Ihr Kinderlein kommet...» das Zeichen zum Aufbruch gibt»".

Diese tiefergreifenden Weihnachtsbräuche, die im letzten ja nur dem Ziel des Karmels, das Leben Christus immer gleichförmiger zu gestalten, dienen, hatten einen tiefen Eindruck auf Sr. Teresia Benedicta a Cruce, wie Edith Stein mit ihrem Ordensnamen hieß, hinterlassen. Einige Jahre später schrieb sie: «Das innere Leben ist die tiefste und reinste Quelle des Glückes für die ihre Karmelitin. Aber die hl. Mutter hat ihre Töchter noch mit anderen Freuden beschenkt. Ihre Liebe zum Heiland war Liebe zum Gottmenschen, und sie hat die Andacht zur heiligsten Menschheit in den mannigfachsten Formen ausgebaut und im Karmel heimisch gemacht. Nirgends kann die Hl. Nacht und die ganze Weihnachtszeit schöner und freudenreicher begangen werden.»

Wie ein gewaltiger Spiegel hatte das äußere Symbol der Weihnacht, seine mannigfache Gestaltung in alten Formen und Bräuchen, das Licht des inneren Geschehens des Inkarnationsmysteriums in ihre Seele zurückgeworfen und sich in ihr immer mehr in Wort und Bild gedrängt: Das Kind in der Krippe hatte sich ihr als der eigentliche König der Welt enthüllt. So regte sie ein Bild des Prager Jesulein an, den Gedanken der Weltherrschaft des hl. Kindes zu formulieren.

«Gestern kam mir vor dem Bildchen des Prager Jesulein auf einmal der Gedanke», schreibt sie in einem Brief, «daß es ja den kaiserlichen Krönungsstaat trägt und sicherlich nicht zufällig gerade in Prag mit seiner Wirksamkeit zum Vorschein gekommen ist. Prag ist ja doch Jahrhunderte hindurch der Sitz der alten deutschen bzw. römischen Kaiser gewesen und macht einen so majestätischen Eindruck, daß sich keine andere Stadt, die ich kenne, damit messen kann, auch Paris und Wien nicht. Das Jesulein kam gerade, als es mit der politischen Kaiserherrlichkeit in Prag zu Ende ging. Ist es nicht der «heimliche Kaiser», der einmal aller Not ein Ende machen soll? Er hat ja doch die Zügel in der Hand, wenn auch die Menschen zu regieren meinen.»

Gott hatte Edith Stein ein befruchtendes Eindringen und gnadenhaftes Erkennen des
Inkarnationsmysterium geschenkt. In einem Vortrag, den sie 1930, also vor ihrem Eintritt in den Karmel, verfaßte und «Weihnachtsgeheimnis» nannte, wird das leise Vibrieren ihrer vor der Geburt Christi zutiefst erfaßten Seele offenbar und verbirgt sich das demütige Bekenntnis eines vom göttlichen Kind empfangenden und erwählten Menschen. Sie kannte die Werke der hl. Theresia von Avila und war von ihrer christozentrischen Mystik innerlich stark berührt. Doch läßt sich wohl kaum von hier aus ein Einfluß suchen. Es war vielmehr die Erfüllung der Messiashoffnung des Alten Bundes, die ihr in der Menschwerdung Christi entgegen leuchtete. Das «Jerusalem, frohlocke mit großer Freude, denn Dein Heiland kommt zu Dir!» war ihr beglückende Wirklichkeit geworden. Und von der Geburt des Gottessohnes ging sie zur Gotteskindschaft über.

Sie beginnt mit dem Antagonismus von Licht und Dunkel oder von Gut und Böse. «Wo ist der Friede auf Erden? Friede auf Erden denen, die guten Willens sind. Aber nicht alle sind guten Willens. Darum mußte der Sohn des Ewigen Vaters aus der Herrlichkeit des Himmels herabsteigen, weil das Geheimnis der Bosheit die Erde in Nacht gehüllt hatte. Finsternis bedeckte die Erde und Er kam als Licht, das in der Finsternis leuchtet, aber die Finsternis hat Ihn nicht begriffen. Die Ihn aufnahmen, denen brachte Er das Licht und den Frieden; den Frieden mit dem Vater im Himmel, den Frieden mit allen, die gleich ihnen Kinder des Lichtes und Kinder des Vaters im Himmel sind, und den tiefen inneren Herzensfrieden; aber nicht den Frieden mit den Kindern der Finsternis. Ihnen bringt der Friedensfürst nicht den Frieden, sondern das Schwert. Ihnen ist Er der Stein des Anstoßes, gegen den sie anrennen und an dem sie zerschellen. Das ist eine schwere und ernste Wahrheit, die wir uns durch den poetischen Zauber des Kindes in der Krippe nicht verdecken lassen dürfen. Das Geheimnis der Menschwerdung und das Geheimnis der Bosheit gehören eng zusammen. Gegen das Licht, das vom Himmel herabgekommen ist, sticht die Nacht der Sünde um so schwärzer und unheimlicher ab.

Das Kind in der Krippe streckt die Händchen aus und Sein Lächeln scheint schon zu sagen, was später die Lippen des Mannes gesprochen haben: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Und die Seinem Ruf folgen, die armen Hirten, denen auf den Fluren von Bethlehem der Lichtglanz des Himmels und die Stimme des Engels die frohe Botschaft verkündeten, und die darauf treuherzig ihr: ,Laßt uns nach Bethlehem gehen sprachen und sich auf den Weg machten; die Könige, die aus fernem Morgenland im gleichen schlichten Glauben dem wunderbaren Stern folgten, ihnen floß von den Kinderhänden der Tau der Gnade zu und sie ,freuten sich mit großer Freude'. Diese Hände geben und fordern zugleich: ihr Weisen, legt eure Weisheit nieder, und werdet einfältig wie die Kinder; ihr Könige, gebt eure Kronen und eure Schätze und beugt euch in Demut vor dem König der Könige; nehmt ohne Zögern Mühe und Leiden und Beschwerden auf euch, die Sein Dienst erfordert. Ihr Kinder, die ihr noch nichts freiwillig geben könnt, euch nehmen die Kinderhände euer zartes Leben, ehe es noch recht begonnen hat: es kann nicht besser angewendet werden, als aufgeopfert zu werden für den Herrn des Lebens. ,Folge mir nach', so sprachen die Kinderhände...

Vor dem Kind in der Krippe scheiden sich die Geister.

Er ist der König der Könige und der Herr über Leben und Tod. Er spricht Sein ,Folge mir', und wer nicht für Ihn ist, ist wider Ihn. Er spricht es auch für uns und stellt uns vor die Entscheidung zwischen Licht und Finsternis.»

In der Nachfolge des göttlichen Kindes sieht Edith Stein den Weg zum «Einssein mit Gott»
und zum «Einssein in Gott» in der Einheit des mystischen Leibes.

«Legen wir unsere Hände in die Hände des göttlichen Kindes, sprechen wir unser ,Ja' zu Seinem ,Folge mir', dann sind wir Sein, und der Weg ist frei, daß Sein göttliches Leben auf uns übergehen kann.

Das ist der Anfang des ewigen Lebens in uns. Es ist noch nicht seliges Gottschauen im Glorienlicht; es ist noch Dunkel des Glaubens, aber es ist nicht mehr von dieser Welt, es ist schon Stehen im Gottesreich... Das göttliche Leben, das in der Seele entzündet wird, ist das Licht, das in die Finsternis gekommen ist, das Wunder der Hl. Nacht. Wer es in sich trägt, der versteht, wenn davon gesprochen wird. Für die anderen aber ist alles, was man darüber sagen kann, ein unverständliches Stammeln. Das ganze Johannes-Evangelium ist ein solches Stammeln von dem ewigen Licht, das Liebe und Leben ist. Gott in uns und wir in Ihm, das ist unser Anteil am Gottesreich, zu dem die Menschwerdung den Grund gelegt hat.»

Gotteskindschaft ist für sie «das ganze Christusleben durchleben», das in Bethlehem beginnt und auf Golgotha endet. Gott ist ja Mensch geworden, «um uns aufs neue teilhaben zu lassen an Seinem Leben». «Nun ist das göttliche Kind zum Lehrer geworden und hat uns gesagt, was wir tun sollen. Um ein ganzes Menschenleben mit göttlichem Leben zu durchdringen, genügt es nicht, einmal im Jahr vor der Krippe zu knien und sich von dem Zauber der Hl. Nacht gefangen nehmen zu lassen. Dazu muß man das ganze Leben lang in täglichem Verkehr mit Gott stehen, auf die Worte hören, die Er gesprochen hat und die uns überliefert sind, und diese Worte befolgen.

«Das Wort ist Fleisch geworden.» Das ist Wahrheit geworden im Stall zu Bethlehem. Aber
es hat sich noch erfüllt in einer anderen Form. «Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben.» Der Heiland, der weiß, daß wir Menschen sind und Menschen bleiben, kommt unserer Menschheit auf wahrhaft göttliche Weise zu Hilfe. Wie der irdische
Leib des täglichen Brotes bedarf, so verlangt auch das göttliche Leben in uns nach dauernder Ernährung. «Dieses ist das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.» Wer es wahrhaft zu seinem täglichen Brot macht, in dem vollzieht sich täglich das Weihnachtsgeheimnis, die Menschwerdung des Wortes.»

Menschwerdung Christi, Eucharistie und Erlösung am Kreuz. Auf dieser Linie bewegt
sich das Leben des Gotteskindes. «Die Opferhandlung prägt uns immer wieder das Zentralgeheimnis unseres Glaubens ein, den Angelpunkt der Weltgeschichte, das Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung... Die Mysterien des Christentums sind ein unteilbares Ganzes. Wenn man sich in eines vertieft, wird man zu allen anderen hingeführt. So führt der Weg von Bethlehem unaufhaltsam nach Golgotha, von der Krippe zum Kreuz.

Als die heiligste Jungfrau das Kind zum Tempel hintrug, da ward ihr geweissagt, daß ihre
Seele ein Schwert durchdringen werde, daß dieses Kind gesetzt sei zum Fall und zur Auferstehung vieler, zum Zeichen, dem man widersprechen würde. Es ist die Ankündigung des Leidens, des Kampfes zwischen Licht und Finsternis, der sich schon an der Krippe zeigte!

In manchen Jahren fallen Lichtmeß und Septuagesima [früher Beginn der Vorfastenzeit] fast zusammen, die Feier der Menschwerdung und die Vorbereitung auf die Passion. In der Nacht der Sünde strahlt der Stern von Bethlehem auf. Auf den Lichtglanz, der von der Krippe ausgeht, fällt der Schatten des Kreuzes. Das Licht erlischt im Dunkel des Karfreitags, aber es steigt strahlender auf als Gnadensonne am Auferstehungsmorgen. Durch Kreuz und Leiden zur Herrlichkeit der Auferstehung ist der Weg des fleischgewordenen Gottessohnes. Mit dem Menschensohn durch Leiden und Tod zur Herrlichkeit der Auferstehung zu gelangen, ist der Weg für jeden von uns, für die ganze Menschheit.»

Schwester Teresia Benedicta war diesen Weg gegangen. Eines ihrer letzten Worte aus dem Konzentrationslager in Westerbork war:

«Das liebe Jesuskind ist auch hier unter uns.» Begleitete sie geheimnisvoll seine Gegenwart auf der letzten Reise nach Osten, Gott entgegen? Wir wissen es nicht. Aber vielleicht dürfen wir es annehmen. Hatte nicht auch ihr Leben von Bethlehem nach Golgotha geführt und war nicht auch ihr Licht in der Todesnacht des Karfreitags verloschen, sehnsüchtig bangend nach dem Glockenschlag des Auferstehungsmorgens?

So reiht sich Edith Stein in die Schar «heiliger» Männer und Frauen des Karmels, denen sich im Geheimnis des Weihnachtslichtes Gottes weltüberwindende Liebe offenbarte. Nicht durch Erscheinungen oder wundersame Worte enthüllte sich ihr Gott in Menschengestalt als zartes Kind in der Krippe, aber in Gnadengaben, die das Innere erfaßten und ihr Denken in den Bereich des Übernatürlichen stellten. Und in schlichter Demut und glaubender Hingabe beugte auch sie sich mit den Hirten vor dem göttlichen Kind, um sich wie Theresia von Avila
«in den Dienst der Liebe zu begeben». Sie wurde 1999 heiliggesprochen.

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DAS GEHEIMNIS DER KINDHEIT JESU IM FRANZÖSISCHEN KARMEL

Das 19. Jh. ist in der Geschichte der Kirche ein Zeitabschnitt der Wiederherstellung zahlreicher Klöster, die die französische Revolution, die folgenden Jahre napoleonischer Herrschaft, in Österreich der josephinische Klostersturm und in Deutschland die Säkularisation unterdrückt und aufgehoben hatten.

Naturgemäß wirkte sich die allgemeine Restauration auch auf das geistliche Leben und seine Ideale aus und so ging es gerade im reformierten Karmel um eine bewußte Wiederbelebung seiner theresianischen Spiritualität. Wenn auch die Formen barocker Frömmigkeit verschwunden blieben und ein gesunder Realismus das religiöse Leben des Ordens zu bestimmen begann, so hieß das für den Karmel durchaus nicht, auf die Innigkeit seines Empfindens und auf den Willen, sich in der Einsamkeit und inneren Einkehr mit dem Geliebten zu vereinen, verzichten zu müssen. Im Gegenteil, unabhängig von allen in andere Richtung fließenden geistigen Strömungen lebte im Karmel die Liebesmystik in ungetrübter Frische fort und brachte Blüten reinster Christusliebe hervor, die sich nicht zuletzt im Geheimnis der Kindheit des Herrn konzentriert haben.

Die Reihe jener Gestalten des französischen Karmels im 19. Jahrhundert, die das Erlösungswerk des zum Kind gewordenen Gottes bis in die letzten Fasern ihres Seins erspürten, wird durch P. Augustin-Maria vom hlst. Sakrament eröffnet, der als Künstler und Komponist unter seinem weltlichen Namen Hermann Cohen bekannt ist. In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts bezauberte der «melancholische Putzi», wie ihn George Sand getauft hatte, als Lieblingsschüler des großen Franz Liszt das Pariser Publikum. Nach seiner Bekehrung von einem glaubenslosen und lockeren Künstlerleben, - er stammte aus einer jüdischen Familie, die in Hamburg ansässig war -, zog ihn die Gnade mit unwiderstehlicher Kraft zum Karmel. Und er, der selbst schon als ein Kind durch sein geniales Pianospiel die Welt zu seinen Füßen sah, kniete jetzt, nicht mehr als 15 Jahre später, als dreißigjähriger Mann und kleiner Novize vor einem Jesuskind in Broussay, in dem ersten, 1839 durch einen spanischen Pater in Frankreich wiederhergestellten männlichen Karmel.

«Verkoste nur einmal die Andacht zum Jesuskind», lesen wir in einem seiner Briefe an den Grafen Cuers, vom 30. Dez. 1849. «Sie bringt Glück und entreißt die Seele allen irdischen Gedanken. Unser Noviziat steht unter dem Schutz des Jesuskindes. Während des Adventes besucht eine kleine Statue des Jesuskindes täglich einen der Novizen und bleibt während vierundzwanzig Stunden in dessen Zelle. Jeder errichtet ihm ein Altärchen und bereitet sich so auf das Weihnachtsfest vor. Das Jesuskindlein wird Dir Glück bringen, wenn Du Ihm eine besondere Andacht weihest. Es ist reizend! Ich habe Ihm auch ein Weihnachtslied komponiert, das am Abend, in den außergewöhnlichen Rekreationen dieser Festzeit, gesungen wird.»

Was sein Herz aufjubeln machte, das formte sich in ihm zu Lied und Ton. Sein
«Weihnachtscanticum», das er für diese erste Hl. Nacht im Karmel komponierte, verrät die unaussprechliche Tiefe inneren Erlebens, die seine feinfühlende Künstlernatur mit glühender Liebe durchbebte. Sein Antlitz strahlte vor Freude, wenn er den Namen des Jesuskindes nennen hörte, berichtet sein Novizenmeister. Er war ein Tor der Liebe Jesu geworden. Und er wollte auf alle, die ihm nahestanden, diese Torheit der Liebe ausdehnen. «Ich wünsche, daß das Jesuskind Sie so sehr in Liebe entbrennen lasse, daß Ihr Herz zu Asche werde», schrieb er an Schwester Maria Pauline de Fougerais.

«Dieses liebenswürdige Kind hat uns in Wahrheit den Kopf verdreht; wir sind ganz närrisch mit Ihm geworden! Es ist ein kleiner, geschickter, listiger Jäger, der uns in seinen Netzen gefangen und uns das Herz gestohlen hat. Möge Er es niemals mehr zurückgeben!... Seien wir närrisch mit dem Jesuskind! Ist Es nicht um unseretwillen zum Toren geworden? Tun auch wir ein Gleiches!» Nicht weniger als zu P. Augustin hatte der Stall von Bethlehem mit seinem tiefen Schweigen und wunderbaren Geheimnissen unermeßlicher Liebe des menschgewordenen Gottes zu Schwester Maria vom hl. Petrus gesprochen. Von ihr führt ein direkter Weg zur kleinen Heiligen von Lisieux, die ein Kind Gottes sein wollte und als Kind Gottes gelebt hat, um der Welt die Botschaft vom Kindsein in einmaliger Schönheit zu vermitteln. Nicht zuletzt, um noch eine der vielen Karmelitinnen zu nennen, die nach Theresia vom Kinde Jesu den kleinen Weg geistiger Kindschaft eingeschlagen haben, war das Weihnachtsmysterium mit seinem wunderbaren Licht in Schwester Marie-Aimee von Jesus aufgeleuchtet und hatte mit seinen Strahlen ihr Inneres in gnadenhaftem Erkennen durchzittert. Sie wollte das große Angebot Gottes verkünden: Die Ihn aber aufnahmen, denen gab Er die Macht, Kinder Gottes zu werden.

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Schwester Maria vom hl. Petrus

Nachdem die sel. Mutter Anna vom hl. Bartholomäus am 14. Jan. 1605 den Karmel von Pontoise gegründet hatte, kehrte sie im September des gleichen Jahres wieder nach Paris zurück, wo sie zweieinhalb Jahre lang dem ersten Karmel als Priorin vorstand. Von dort aus lenkte sie 1608 ihre Schritte nach Tours, wo sie bis zum Jahr 1611, als man sie nach Flandern rief, als Priorin blieb.

Am 18. Mai 1608, also kaum vier Jahre nach der Gründung des ersten theresianischen Taubenschlags in Paris, hielten die Nonnen in dem neuen Klösterlein ihren Einzug, und am selben Tag, es war der Sonntag nach Christi Himmelfahrt, wurde das allerheiligste Sakrament in die Kapelle getragen. M. Anna vom hl. Bartholomäus bat den Herrn, Er möge über dieses Haus, über die Schwestern und über alle, die dieses Kloster bewohnen würden, seinen himmlischen Segen ausgießen. «Dieser anbetungswürdige Meister», sagte sie darauf, «versicherte mir ganz fest, daß Er meine Bitte erhören würde». Die Geschichte des Karmels von Tours sollte zeigen, daß es wahrhaft niemals an einem besonderen göttlichen Beistand gefehlt hat.

Von Anfang an ging von der Neugründung ein solcher Ruf von Heiligkeit aus, daß viele
junge Mädchen aus den höchsten Ständen und aus weiter Ferne um die Gunst baten, aufgenommen zu werden. Als M. Anna vom hl. Bartholomäus Tours verließ, gab sie den Schwestern ihren weißen Mantel und mit diesem, wie einst Elias seinem Schüler Elisäus, gewiß auch etwas von ihrem Geist, denn die Karmelitinnen von Tours zeichneten sich immer durch eine unverbrüchliche Treue im Gehorsam und durch ein sorgfältiges Bemühen aus, den Geist der hl. Theresia von Avila rein und unversehrt zu bewahren.

Trotz der verheerenden Wirkungen des Jansenismus, der überall in Frankreich die katholische Frömmigkeit bedrohte, hat der Karmel von Tours stets einen unverfälschten Glauben bewahrt und die Bestimmung der hl. Kirche in demütiger Unterwerfung angenommen. Auch die Revolution vermochte den Glaubensmut der neunzehn Profeßschwestern nicht zu schwächen. Nicht eine einzige zeigte sich ihres Berufes unwürdig. Allen Herausforderungen der Beamten zuwider beriefen sie sich auf Gott und ihre Ordensgelübde. Als diese feststellen mußten, daß ihre Drohungen und Schmähungen erfolglos blieben, vertrieben sie die Nonnen aus ihrem Kloster, um sie bald darauf zu verhaften und ins Gefängnis zu bringen, wo sie achtzehn Monate lang Unbeschreibliches erlitten. Als sich die Gewitterwolken der Revolution verzogen hatten, konnten sie wieder ihr Klosterleben aufnehmen. Aber erst 1822, also nach 24 Jahren, gelangten sie in den Besitz ihres alten Klostergebäudes, dessen Kirche 6 Jahre als Vorratsraum gedient hatte. Zum Glück war der Hochaltar mit seinem Gemälde, das das Geheimnis der Menschwerdung darstellte, unter dessen Titel der Karmel von Tours errichtet worden war, erhalten geblieben. Die allerseligste Jungfrau hatte über das ihrem Namen geweihte Gebäude sichtbar gewacht.

Als Schwester Maria vom hl. Petrus, Perrine (Petronella) Eluère, im Karmel von Tours eintrat, waren erst siebzehn Jahre verflossen, seitdem die Kommunität nach der Revolution in ihr Kloster zurückgekehrt war. Noch lebten unter ihnen die Erinnerungen an die Tugendbeispiele der Schwestern, und einige der alten Mütter konnten durch ihre Erzählungen von den Schreckensjahren mithelfen, daß der gute, alte Karmelgeist sich frisch und unangetastet erhielt und fortgepflanzt wurde.

Schwester Maria vom hl. Petrus war am 4. Okt. 1816 in der Rennes in der Bretagne geboren. Ihre Eltern, die einer gut katholischen Arbeiterfamilie angehörten, waren Christen vom «alten Schlag» und sorgten für eine gute Erziehung. In den zwei Jahren, in denen sie eine Schule besuchte, lernte sie ein wenig lesen und schreiben. Aber trotz guter natürlicher Anlagen kam sie nicht über den gewöhnlichen Bildungsgrad ihrer Zeit hinaus. Von zwei Tanten wurde sie ein wenig in weiblichen Handarbeiten unterwiesen, denn im Alter von zwölf Jahren war ihre Mutter gestorben. Sie flehte damals die allerseligste Jungfrau an, ihr fortan Mutter zu sein, wie sie es im Leben der hl. Theresia von Avila gehört oder gelesen hatte. Ihr kindliches Gebet blieb nicht unerhört. Ihr ganzes Leben lang durfte sie sich eines besonderen Schutzes Mariens erfreuen.

Maria vom hl. Petrus dachte schon als junges Mädchen, sich Gott in einem Orden zu schenken.
Aber es mußten erst Jahre der Prüfungszeit vergehen, in denen sie zu Füßen des Allerheiligsten um Kraft rang und in der Liebe zum Herzen Jesu reifte, zu dessen Verehrung sie ihre Umgebung unentwegt anspornte, bis sich ihr am 13. Nov. 1839 die Klausurpforte des Karmels von Tours öffnete. Sie war überzeugt, daß der hl. Martin, Bischof von Tours, ihr diese Gnade erfleht hatte.

Bald erkannte sie, zu welchem Zweck sie Gott in den Karmel gerufen hatte. Nicht nur um
ihrer Selbstheiligung willen hatte Er ihr die Wege zum Eintritt geebnet, sondern damit sie seine Ehre verteidige und für die Bedürfnisse der hl. Kirche und das Heil der Seelen sich hinopfere. «Eines Tages (nach der hl. Kommunion) zeigte Er mir eine Menge Seelen, die in die Hölle stürzten. Er äußerte den Wunsch, ich möge mich Ihm ganz schenken und Ihm alles überlassen, was ich mir an Verdiensten in meinem neuen Stande erwerben könne, um damit seine Absichten zu erfüllen. Er versicherte mir, daß Er für meine Interessen Sorge trage und mir von seinen eigenen Verdiensten mitteilen wolle... Ich hatte große Lust, mich Ihm gleich ganz zum Opfer zu bringen. Doch wollte ich diesen Akt nicht unmittelbar vornehmen, sei es, daß ich darin dem Rat meines göttlichen Meisters folgte oder weil ich fürchtete, gegen den Gehorsam zu fehlen, und so unterbreitete ich ihn erst unserer ehrwürdigen Mutter...

Da unsere ehrwürdige Mutter noch nicht wußte, wie mich der Herr führte, schenkte sie
der Mitteilung einer Postulantin nicht viel Glauben und verweigerte mir die Erlaubnis. Der Herr begnügte sich einstweilen mit meinem guten Willen. In der Folge gab Er mir aber öfters ein, die gleiche Bitte erneut an meine Vorgesetzten zu richten. Erst als ich die Erlaubnis
erhalten hatte, teilte Er mir das Werk der Sühne vollständig mit

Maria vom hl. Petrus hat diesen ersten Anruf Gottes immer als Grundlage ihres Sühnewerkes betrachtet.

Das Leben dieser kleinen Karmelitin war durch einen starken Willen zur Hingabe und Läuterung gezeichnet, ein Wille, der von der Liebe zu Christus durchglüht wurde und danach verlangte, sich dem ihr immer mehr offenbarenden Licht bereitzustellen. Der Weg der Novizin begann bei dem Geheimnis des göttlichen Kindes. Und als sie am Ende ihres Lebens die Höhen des mystischen Ergriffenseins von Gott erklommen hatte, schaute sie wiederum die Geheimnisse göttlicher Liebe im Mysterium der Menschwerdung.

Dank der Aufzeichnungen ihres inneren Aufstiegs, die sie trotz größtem Widerwillen im
Gehorsam und «mit Hilfe des Jesuskindes» machte, wissen wir, daß sie bereits im Noviziat
«das Jesuskind und die hl. Familie fand, die sie über alles liebte» und sich mächtig zu einer inneren Verehrung des göttlichen Kindes hingezogen fühlte. «Als ich im Karmel als Neuling, wie ein kleines Kind, aufwuchs, regte mich der Herr in ganz besonderer Weise zur Verehrung seiner hl. Kindheit an. Er gab mir zu verstehen, was ich zu seiner Ehre in diesem Stand tun könne. So wurde mir für alle Tage des Monats eine bestimmte Übung vorgeschrieben, die ich mit größter Freude und mit Nutzen für meine Seele auch ausführte. Ich betrachtete mich als die kleine Magd der Hl. Familie. Und ich verlangte sehnlichst, das Gewand der Muttergottes, das Kleid des Karmels zu tragen.»

Am 21. Mai 1840 empfing sie in unbeschreiblicher Seligkeit den weißen Schleier der Novizin.
«An diesem Tag», fährt sie in ihrem Bericht fort, «weihte ich mich ganz und gar der HI. Familie». Und sie bat inständigst um die Gnade, sich «in Wahrheit rühmen zu können, ihre Magd zu sein».

Seit dieser Ganzhingabe beseelte sie einzig die Absicht, in allem, was sie tat, der Hl. Familie
in Nazareth zu dienen. Der Gedanke des Dienens vermehrte in ihr das Bewußtsein jener Unwürdigkeit, die nur durch das Wirken göttlicher Gnade die Tiefe der Seele ausfüllen kann. Sie fühlte sich aber auch als empfangende Magd, die Gott ihre Dankbarkeit zu Füßen legen wollte. Darum hatte sie den Wunsch, das Eselein des Jesuskindes zu werden. Wenn der königliche Prophet sich vor Gott als Lasttier betrachtet hatte, so dürfte sie sich wohl mit Recht diesen Namen zulegen. Und wenn der Sohn Gottes aus Liebe zu uns so arm geworden war, daß Er bei seinem feierlichen Einzug in Jerusalem seine Jünger ausschickte, um ein so geringes Lasttier zu suchen, so wäre es ihr wohl erlaubt, sich Ihm in Zukunft für diesen Dienst anzubieten. «O mein Erlöser, ich möchte jetzt, da Du im Himmel bist, daß Du auf Erden ein Eselein Dein eigen nennst, das zu Deinem Dienst bereitsteht und Dir angehört, und das Du nach Deinem Belieben auf allen Wegen herumführen kannst.»

Entzückendes Spiel unschuldiger Liebe! Theresia von Lisieux wollte der Ball des kleinen
Jesus sein, den Er nehmen oder wegwerfen konnte, wie es Ihm gefiel. Maria vom hl. Petrus wollte das geduldige Lasttier sein, das Ihn auf seinen Reisen trug oder das göttliche Kindlein erwärmte.

Doch ihre Mutter Priorin wollte ihr nicht die Erlaubnis zu dieser Hingabe erteilen. Wohl war sie bereit, dem Jesulein den Esel zu «leihen», aber nicht, ihn ganz «abzutreten». So blieb Maria vom hl. Petrus nichts anderes übrig, als sich dem Herrn durch die Vermittlung Mariens und des hl. Josef als «geliehener Esel» vorzustellen. Diese Einfalt gefiel ohne Zweifel dem hl. Kind, denn Es begann sie geheimnisvoll in den Bereich des Wirkens von oben hineinzuziehen. Sie fühlte sich wunderbar von seiner Gnade erfaßt, so daß sie ihre Seele als den Stall von Bethlehem betrachtete, wo sie das göttliche Kind mit der allerseligsten Jungfrau und seinem Nährvater anbetete. Dort, in ihrem verborgensten Heiligtum, schenkte sie sich Ihm ganz als seine kleine Magd. Und das göttliche Kind leitete sie an, Es an jedem Tag des Monats durch eine Tugendübung zu verehren.

Doch schon in dieser Zeit begann sie erschreckend den Pesthauch Satans zu spüren.
«Als er sah, wie ich damit beschäftigt war, die Erniedrigung des menschlichen Wortes zu verehren, ergrimmte er darüber voller Neid. Eines Tages hatte ich eine Handlung verrichtet, die ihm sichtbar mißfiel. Er wollte sich dafür rächen. Als ich am Abend im Bett lag und einzuschlafen versuchte, spürte ich plötzlich über meinem Kopf ein dickes Tier, das mich zu ersticken drohte. Ich dachte sogleich, daß es der Teufel wäre. Seine Krallen durchwühlten meinen Kopf und ich rief mit aller Kraft die allerseligste Jungfrau um Hilfe an. Als ich ihren Namen aussprach, ergriff er die Flucht. In einem Dankgebet sang ich die anbetungswürdigen, Hölle so furchtbaren Worte: «Et Verbum Caro Factum Est - [Und das Wort ist Fleisch geworden]»... Obgleich ich den Teufel nicht mit den Augen des Leibes gesehen hatte, so spürte ich innerlich doch recht wohl, daß dies kein Traum gewesen war. Satan wollte ohne Zweifel das Eselein des göttlichen Kindes ersticken. Aber die allerseligste Jungfrau war ihm zu Hilfe geeilt.»

Die Andacht zum göttlichen Kind blieb Schwester Maria vom hl. Petrus bis zum letzten Augenblick ihres irdischen Daseins teuer. Um Es nicht aus dem Auge zu verlieren, hatte sie sich, so gut sie es vermochte, zwei kleine Statuen in sinniger Weise angefertigt. Die eine nannte sie ihren «Kleinen König», die andere ihren «Armen König». Eine dieser beiden Statuen trug sie immer bei sich, und noch auf ihrem Sterbebett wußte sie die Gnaden des «Kleinen Königs» treuherzig mit ihrer frommen und dankbaren Liebe gegen die Wohltäter des Klosters
zu verbinden.

Der Ordensbrauch verlangte, daß Maria vom hl. Petrus sich dreimal im Kapitel vorstellen mußte, um zu den hl. Gelübden zugelassen zu werden. «Da kam ich auf den Gedanken», erzählt sie ein wenig schelmisch, «jedesmal eine kleine Frömmigkeitsübung zu verrichten, um desto sicherer zum Ziel zu gelangen und das göttliche Kind als himmlischen Bräutigam zu bekommen». Dabei wandte sie sich an den himmlischen Vater, an die Muttergottes und an den hl. Josef. Ihr sehnliches Verlangen wurde auch wirklich erhört. Am 8. Juni 1841 legte sie ihre Gelübde ab. Die Entscheidung unauflöslicher Hingabe war besiegelt. Hatte sie ihr Opfer nicht dem des Herrn vereint, der um uns von der Sünde loszukaufen, alles dem Vater hingeben wollte?

Am Tag ihrer Profeß fügte sie ihrem früheren Namen das Prädikat «von der Hl. Familie» hinzu. Jesus hatte sie als seine geringe Magd angenommen und gab ihr zu verstehen, sie solle «seine Herden auf den Ländereien der göttlichen Kindheit hüten». Dazu half ihr ein Plan zu Ehren der zwölf Jahre des göttlichen Kindes.

Für Maria vom hl. Petrus hatte eine neue Phase ihres inneren Lebens begonnen. Nicht
mehr der eigene Wille, sondern einzig das Wollen des göttlichen Kindes sollte von nun an ihre Handlungen bestimmen. Trotz des Amtes der Windnerin, das leicht Ursache zu Zerstreuungen sein kann, beschloß sie ganz nach innen gerichtet zu leben. Sie bat deshalb, eine Statue des göttlichen Kindes nahe bei der Winde aufstellen zu dürfen, um ständig an seine göttliche Gegenwart erinnert zu werden. Als «ich das hl. Kind in unserem Pförtnerhäuschen hatte, war ich einfach überglücklich», lesen wir in ihren Aufzeichnungen.

«Alle kleinen Arbeiten opferte ich Ihm auf, und als Gegenleistung flehte ich Es um Seelen an. Trotz meiner Unwürdigkeit verlieh mir das göttliche Kind alle die zu meinem Amte notwendigen Gnaden, so daß nichts mein inneres Leben hinderte und mich auch nichts abhielt, so wie früher während des Gebetes mit Gott vereint zu bleiben. Während des Tages arbeitete ich für das Heil der Schäflein des göttlichen Kindes, und beim Gebet vergalt Es mir hundertfach meine Mühe. Manchmal, wenn ich seine Nähe fühlte, ließ ich meine Arbeit einen Augenblick ruhen, um Ihm in größerer Sammlung zuzuhören. Doch dann glaubte ich, dazu die Erlaubnis erhalten zu müssen und ich bat die ehrwürdige Mutter darum. In ihrer mütterlichen Liebe zu meiner Seele, die nichts unterlassen wollte, um mich in der Tugend zu üben, verbot sie mir jedoch, mich bei diesen inneren Gnadenwirkungen aufzuhalten und fügte hinzu: Nur wenn Du ganz zerstreut bist, erlaube ich Dir, Dich ein wenig zu sammeln.»

Dieses mütterliche Verbot war aber keineswegs ein Hindernis für Gott, sie immer mächtiger
mit seinem Geist zu durchdringen und sie drängender die Bitten des Herrn fühlen zu lassen, sich Ihm im Akt vollkommener Hingabe auszuliefern, so wie Er es von ihr kurz nach ihrem Eintritt in den Karmel gefordert hatte.

Er offenbarte ihr, was seinem Herzen am meisten mißfiel und seinen gerechten Zorn herausforderte. Wie sehr verlangte Er nach Sühne! Sie sollte sein göttliches Herz durch Akte und Gebete, die Er ihr selbst eingab, trösten.

Im August 1843 hörte sie Ihn bitterlich klagen: »Überall wird mein Name entheiligt. Selbst die Kinder lästern Gott! Viel tiefer und schmerzlicher verwundet mein göttliches Herz diese verabscheuungswürdige Sünde als ein jedes andere Verbrechen. Der Gotteslästerer flucht mir ins Antlitz. Er übt offene Feindschaft gegen mich. Er macht mein Werk der Erlösung zunichte und spricht sich selbst das Urteil der Verwerfung und ewigen Verdammnis. Die Gotteslästerung ist ein giftiger Pfeil, der immerdar in meinem Herzen haftet. Ich will dir daher einen goldenen Pfeil geben, mit dem Du Wunden der Liebe schlagen sollst, die jene Wunden heilen, die die Bosheit der Sünder (meinem Herzen) geschlagen hat». Und sie sah, wie aus dem Herzen Jesu, das der goldene Pfeil des Gebetes getroffen hatte, Ströme der Gnade zur Bekehrung der Sünder hervorquollen. Unentwegt wollte ihr Herz daher wie dieser goldene Pfeil erklingen:

«Es sei immerdar gelobt, gesegnet, angebetet und verherrlicht der allerheiligste, anbetungswürdige, und unaussprechliche Name Gottes, im Himmel, auf Erden und unter der Erde, von allen Geschöpfen, die aus Gottes Hand hervorgegangen sind und durch das allerheiligste Herz unseres Herrn Jesus Christus im hochheiligen Sakrament des Altares. Amen

Der Herr gab ihr zu verstehen, daß sie zu jeder Stunde des Tages den goldenen Pfeil des Gebetes zur Sühne der Gotteslästerungen abschießen solle. Dann erfuhr sie die Gnade häufiger göttlicher Mitteilungen, in denen sie mit dem furchtbar ernsten Werk der Sühneleistung für die Gotteslästerungen beauftragt wurde. Sie war auserwählt, die Sühneandacht unter ihren Schwestern und auch in der Welt zu verbreiten. Am 24. November hörte sie die Worte des Herrn: Bis jetzt habe ich dir die Absichten meines göttlichen Herzens nur teilweise geoffenbart. Heute sollst du sie ganz erfahren. Die Erde ist von Missetat überflutet. Der Frevel wider die drei ersten Gebote Gottes hat meinen Vater erzürnt. Lästerungen des allerheiligsten Namens Gottes und die Entheiligung des Sonntags machen das Maß der Verbrechen zum Überfließen voll. Die Sünden sind bis zum Thron Gottes emporgestiegen und fordern seinen ganzen Zorn heraus, der sich über die schuldbeladene Menschheit ergießen wird, wenn sie seiner Gerechtigkeit nicht Sühne leistet. Niemals war das Maß der Sünden so voll. Darum wünsche ich, daß ein kirchlich gutgeheißener und wohlgeordneter Verein gebildet werde, der den Namen meines Vaters ehren will.» Und am Schluß schien der Herr ihr in unbeschreiblicher Zärtlichkeit zu sagen: «An wen sollte ich mich denn wenden, als an eine Karmelitin, deren Lebensaufgabe darin bestehen muß, immerfort meinen Namen zu verherrlichen», wobei Er darauf hinwies, daß Er durch dieses Sühnewerk Barmherzigkeit an den Sündern üben werde.

Am Weihnachtsfest 1843 legte Maria vom hl. Petrus das langersehnte Gelübde in die Hände der allerseligsten Jungfrau, sich dem Herrn rückhaltlos zur Erfüllung seiner Absichten hinzugeben und bat sie, die Mutter aller Gnaden, es dem neugeborenen Kindlein in Bethlehem aufzuopfern.

«O heiliges und liebenswürdiges Jesuskind. Der heißersehnte Tag ist endlich angebrochen
und ich kann mich Dir, ohne gegen den Gehorsam zu fehlen, in aller Freiheit ganz schenken. Verfüge du frei über meine Seele, damit Deine Absichten verwirklicht werden. Zwar bin ich sehr unwürdig, Dir dieses Geschenk anzubieten, doch es scheint mir, daß Du, o göttliches Kind, es wünschest, und so reinige mein Opfer mit den Tränen Deiner Kindheit und durch Dein kostbares Blut. Zu Deinen Füßen, vor der Krippe, in dieser denkwürdigen Nacht Deiner gnadenreichen Geburt, o mein göttlicher Bräutigam, schenke ich mich Dir nun ganz in völliger Freiheit... Gib, daß ich von nun an, vereint mit Dir, mich mit dem beschäftige, was den Dienst Deines himmlischen Vaters betrifft, für die Ehre seines heiligsten Namens.

O heiligstes Kind, Gott und Mensch zugleich, ich verzichte auf alles, was ich bin und schenke mich dir ganz zu eigen. Mache mit mir und in mir, was Dir gefällt, zur Verwirklichung Deiner Absichten. Ich bin Dein Eigentum, nimm mich ganz zu eigen. Ja, mein göttliches Kind, aus ganzem Herzen, aus Liebe zu Dir, entäußere ich mich für immer von allem. Bekleide Du mich in Deiner großen Barmherzigkeit mit dem Gewand Deiner Verdienste, damit ich am Tage des Gerichtes den Segen Deines himmlischen Vaters empfange.»

Neue Mitteilungen des Herrn erfüllten die folgenden Jahre. Er verlangte nicht nur einen gewöhnlichen Sühneverein, sondern eine Erzbruderschaft, die den Mittelpunkt ähnlicher Bruderschaften in den verschiedenen Diözesen Frankreichs bilden sollte. Er machte ihr Mut, selbst mit dem Erzbischof darüber zu sprechen. Doch dieser gab ihr wenig Hoffnung, da er viele Schwierigkeiten voraussah.

Um so inständiger wurde das Drängen des Herrn. Er ließ sie die abgrundtiefe Wahrheit
verstehen, daß wir bei der Anbetung des heiligsten Altarssakramentes unsere Huldigungen gleichsamdemhier «sichtbaren» heiligsten Herzen Jesu zuwenden, dessen unendliche Erbarmungen aus dem Sakrament der Liebe quellen. In ganz ähnlicher Weise soll uns beim Sühnewerk der Anblick des heiligsten Antlitzes Abbild, Widerstrahl und sichtbarer Ausdruck des leidenden und gelästerten Gottmenschen sein und zu heiligem Liebeseifer anfachen. Durch die Kraft seines verehrungswürdigen Antlitzes, das wir dem Vater entgegenhalten, sind wir imstande, seinen gerechten Zorn zu besänftigen und die Bekehrung der Ruchlosen und Gotteslästerer zu erwirken.

Gleich Veronika empfing sie die Gnade, daß der Herr ihr sein heiligstes Antlitz zeigte:
«Ich gebe Dir mein göttliches Antlitz, damit Du es durch Deine Huldigungen abtrocknest und durch den Duft Deines Lobes verherrlichst. Je mehr ihr Sorge tragen werdet, mein durch
die Gotteslästerer verunstaltetes Antlitz wieder in seiner vollen Schönheit herzustellen, umso mehr werde auch ich für das eurige, das durch die Sünde entstellt ist, Sorge tragen. Ich werde ihm mein Bild aufdrücken und ihm jene Schönheit wiedergeben, die es einst in der hl. Taufe erhielt. Überlasse Dich ganz meinen Händen und sei bereit, alles, was zur Wiederherstellung dieses Bildes erforderlich ist, zu erdulden.»

Am 16. Juli 1847, am Fest Unserer Lieben Frau vom Berg Karmel, wurde das Sühnewerk
kanonisch errichtet. Wie der Herr vorausgesagt hatte, war es die Gottesmutter, durch deren Vermittlung sich die Wege geebnet hatten. Die Bestätigung erfolgte durch ein päpstliches Breve vom 27. Juli des gleichen Jahres, und drei Tage später erhob ein zweites Breve die Sühnebruderschaft zur Erzbruderschaft. Es war ein Werk, das den Bedürfnissen der Zeit entsprach. Hatte nicht kurz zuvor die Muttergottes in La Salette bittere Tränen geweint und Sühne gefordert? Unvergleichlich rasch verbreitete sich die Erzbruderschaft in der katholischen Welt, so daß sie im gewissen Sinn die Quelle aller Sühnewerke unserer Zeit wurde.

Neue geheimnisvolle Offenbarungen, die vom Lichtkreis des Sühnegedankens durchflutet waren, sollten die Opfer und Mühen belohnen, die Maria vom hl. Petrus die Erfüllung ihrer Aufgabe gekostet hatte. Die Mutter Jesu zog die demütige Karmelitin in jene wunderbare Innigkeit der ersten Kindheit des Herrn, die nur ein Mutterherz empfinden kann. Sie hatte das Flehen der treuen Magd des Jesulein erhört: «Liebe Muttergottes», hatte sie ausgerufen,

«erinnere Dich daran, daß Du meine Mutter bist und ich die kleine Schwester des Jesuskindes». Und Maria gab ihr zu erkennen, daß sie die «Tugenden seiner Kindheit nachahmen müsse». «Als ich mich einmal ein wenig davon entfernt hatte», gesteht sie. «verlor ich für acht Tage die Gegenwart der allerseligsten Jungfrau und des göttlichen Kindes. Aber dann habe ich mich vor Gott verdemütigt und an mein tiefes Elend gedacht. Er senkte ein lebhaftes Gefühl der Reue in mein Herz, und ich habe meine begangenen Sünden bitter beweint... Dann fand ich das Jesuskind an der Brust seiner heiligsten Mutter wieder.»

Einen Monat lang verbrachte sie in Vereinigung mit den Engeln zu, um sich ungetrübt
der Betrachtung dieses lieblichen Geheimnisses hinzugeben, das einen hl. Bernhard von
Clairvaux und einen Fulbert, den hl. Bischof von Chartres, so wunderbar tief berührt hatte.
«Aus Gehorsam gegen seinen himmlischen Vater liegt das Ewige Wort des Vaters schweigend an der Brust seiner Mutter. Um des Vaters unbeschränkte Macht anzuerkennen, ist Es sein kleines, hilfloses Kind geworden, das sich von einer Milch nährt, die sich bald in sein kostbares Blut verwandeln und für das Heil der Welt vergossen werden wird

Maria vom hl. Petrus sieht in der Milch, die die Nahrung der ersten Kindheit des Herrn ausmachte, ein Sinnbild der Gnade und Barmherzigkeit, die von der Mutter aller Gnaden
ausströmt.

Eines Tages, als sie die hl. Kommunion empfangen hatte, ermahnte sie das göttliche Kind, für die unreinen Seelen zu beten. «Ich habe Dich bereitet und rein gemacht. Jetzt gehe hin und suche mir die Seelen, damit ich über sie herrsche.» Das Jesuskind wollte von ihr, daß sie durch Nachahmung der Tugenden seiner heiligsten Kindheit und in seiner Gnade den Teufel des Hochmuts und der Unreinheit bekämpfe. Sie hatte zutiefst verstanden, daß das Geheimnis der Kindheit des Herrn, «so unbekannt es auch in der Welt sein mag, unsagbar groß, wunderbar und unaussprechlich ist. Seine Tiefe wird nur vom Jesuskind und von seiner lieben Mutter, der allerseligsten Jungfrau, ergründet werden... Ja, göttliches Kind, Du bist unserer Ehrerbietung und Anbetung genau so würdig, wenn Du an der Brust Deiner jungfräulichen Mutter (schlummerst), wie Du es im Schoß Deines ewigen Vaters bist. Du bist Gott in alle Ewigkeit und wirst es immer sein.»

Nicht nur zum Nutzen ihres eigenen religiösen Lebens war Maria vom hl. Petrus zur Teilnahme am lieblichen Geheimnis der Kindheit Jesu berufen. Wie ihre früheren übernatürlichen Erkenntnisse und Erfahrungen, so waren auch diese für das Wohl der ganzen Kirche bestimmt. Der himmlische Vater drohte der lästernden Welt mit Strafgerichten. Da trat zwischen Ihn und die Schuldbeladenen Maria, die Mutter der Barmherzigkeit. In La Salette hatte sie über die Verirrungen ihrer Kinder viele stille Tränen geweint. Die Stunde, um ihre gnadenspendenden Hände zu öffnen, war noch nicht gekommen. Jetzt aber, nachdem ein Anfang zur Sühneleistung gemacht worden war, erschien sie in Milde und Heiterkeit. Ihre Hände breiteten sich weit aus, um Fürbitte einzulegen und um die Menschheit zu segnen. Ein erquickender Gnadenstrom entquoll ihrer mütterlichen Brust.

«Der Herr hält mich immer dazu an, Ihn als Kindlein an der Brust seiner Mutter anzubeten. Dort erteilt Er mir wunderbare Belehrungen über die Mutterschaft der allerseligsten Jungfrau und ihre Beziehung zu den Menschen, die Er ihr zu Kindern gegeben hatte, als sie auf dem Kalvarienberg unter dem Kreuze stand... O Geheimnis der Güte und Liebe! Kaum daß Er uns unter den schrecklichsten Schmerzen am Kreuze geboren hatte, als Er uns alle als seine Kinder in die Arme Mariens legte, damit sie uns nähre und für das ewige Leben erziehe... Maria ist jener wunderbare Kanal, durch den seine unendlichen Verdienste der hl. Kirche, seiner Braut, zufließen.»

Immer neue Aspekte erschließen sich ihr im Kindheitsmysterium Jesu. Sie versteht, daß
«der Mensch, solange er auf Erden weilt, sich im Zustand der Kindheit befindet. Erst im Himmel erreicht er das volle Mannesalter. Er soll deshalb ohne Unterlaß wie ein kleines Kind bei seiner Mutter Zuflucht nehmen.» War es ihr nicht vorgekommen, daß der Herr ihr eines Tages zugeflüstert hatte: «Ich will, daß Du ganz klein seiest, aber daß Du ein großes Herz besitzest»? Sie war wirklich ganz klein vor Gott geworden. Darum erwählte Er sie, sich in beglückenden Erkenntnissen anbetend über «das ewige Wort in arme Windeln gewickelt» zu neigen, das «im tiefen Schweigen ruht. Alle die unendlichen Vollkommenheiten des lebendigen Gottes sind unter der Hülle der Menschheit verborgen. Der Allmächtige scheint in Ohnmacht versetzt zu sein. Seine Größe so klein! O, welche Ehre hat das Jesuskind seinem himmlischen Vater in diesem Zustand der Armut und Erniedrigung erwiesen!...Welch' glänzende Taten hätte Es vollziehen können schon bei seinem Eintritt in die Welt. Es hat sie sich versagt, um dem Vater zu gehorchen und um uns ein Beispiel tiefer Demut zu geben.»

Niemals hat das göttliche Kind eine vertrauensvolle Bitte abgewiesen. Auch Maria vom
hl. Petrus machte die gleiche Erfahrung:

«Eines Tages erkannte ich durch göttliche Erleuchtung, daß der himmlische Vater mir alles gewähren wird, wonach ich verlange, wenn ich Ihn im Namen des Jesuskindes an der Brust seiner Mutter darum bitten werde

Und wieder bricht es im Übermaß inneren Erkennens aus ihrer Seele: «O unaussprechliches Geheimnis! Derjenige, der ewig im Schoß des Vaters ruht, ist zugleich im Schoß einer demütigen Jungfrau zugegen. Auf diesem königlichen Lager, von Rosen und Lilien umgeben, bete ich Dich an, heiligstes Jesuskind. Meine Seele empfindet eine unsagbare Freude, wenn sie Dich in diesem goldenen Hause, das die ewige Weisheit gebaut hat, so wohl geborgen sieht.» «Da erwartet Dich das menschliche Geschlecht. Seit viertausend Jahren seufzte die ganze Natur nach Deiner glückseligen Geburt... Oh göttlicher Jesus, verlasse den jungfräulichen Kerker, in dem die Liebe Dich gefangen hält. Gib, daß ich Dich als kleines Kind umarmen kann...»

Unter verschiedenen Bildern und in immer neuen Wendungen kehrt Maria vom hl. Petrus stets auf das gleiche Thema zurück. Sie hatte gnadenhaft erkannt, daß das Muttersein Mariens sich als unerschöpfliche Quelle der Barmherzigkeit und Liebe auf alle Menschen erstreckt. Das Jesuskind, dem sie als demütige Magd gedient hatte und das sie manchmal ihren «kleinen Bruder» nannte, hatte ihr den Zugang zu diesem marianischen Geheimnis eröffnet, das zu dem Zartesten gehört, was Maria und ihr göttliches Kind betrifft. Ihre Liebe zum Jesuskind ließ sie jedoch niemals den Sühnegedanken vergessen. «Ich opfere Es dem himmlischen Vater in diesem Zustand der Schwäche und Erniedrigung auf, um Ihn in würdiger Weise zu verherrlichen», heißt es in ihren Aufzeichnungen.

Am letzten Weihnachtsfest, das sie auf Erden verlebte, beendet sie ihren Bericht mit einem Gebet zu ihrem kleinen Bräutigam: «O allerheiligstes und liebenswürdigstes Jesuskind! Ich danke Dir, daß Du mir geholfen hast, diesen kleinen Bericht zu Deiner Ehre und zur Ehre Deiner göttlichen Mutter zu verfassen. An diesem denkwürdigen Tag Deiner gnadenreichen Geburt lege ich ihn Dir zu Füßen und bitte Dich demütig, abermals von meiner Seele Besitz zu ergreifen. Ich will bis zum Ende meines Lebens Deine kleine Hirtin sein, die Deine Schafe hütet, und Deine kleine Magd, die Dir, wie Deine hl. Mutter dient. Ja, o göttliches Kind, himmlischer Bräutigam meiner Seele, ich verzichte auf alles, was ich bin und schenke mich Dir ganz. Verfüge Du über mich. Amen!»

Die letzte Mitteilung aus der Feder der kleinen Karmelitin aus Tours trägt das Datum 12. April 1848. Es sind ein paar schlichte Worte, die sie an ihre Mutter Priorin gerichtet hat. «Seit einigen Tagen habe ich mich von neuem in die Betrachtung der heiligsten Kindheit des menschgewordenen Wortes versenkt. Sie wissen, daß meine Seele sich diesem Geheimnis ganz hingegeben hat. Von Zeit zu Zeit führt mich Unser Herr zur Betrachtung der anderen Geheimnisse seines heiligsten Lebens. Aber der Stall von Bethlehem bleibt immer für mich ein Zentrum der Freude.

Am letzten Sonntag hat mir Unser Herr zu erkennen gegeben, daß sich viele gute Menschen mit der Betrachtung der Verdemütigungen seines Leidens beschäftigen, aber nur sehr wenige mit den Erniedrigungen seiner heiligsten Kindheit. Er möchte, daß ich mich ihr ganz hingebe, um durch seine Demut, seine Armut in der Krippe (...) den Geist des Hochmuts, des Ehrgeizes und der Unabhängigkeit zu bekämpfen. Auf diese Weise glaube ich, daß dem ewigen Vater das Antlitz des kleinen Jesus, um unserer Sünden willen mit Tränen bedeckt und in der Krippe verlassen, nicht weniger wohlgefällig sein wird als das Antlitz Jesu, mit Blut überströmt und am Kreuz verlassen. So opfere ich dieses göttliche Kind dem ewigen Vater auf...»

Eine Lungentuberkulose hatte Maria vom hl. Petrus Schritt für Schritt ihren Kalvarienberg
ersteigen lassen. Am 7. Juli begann die letzte Agonie. Am folgenden Morgen fragte sie ihre Priorin: «Wann ist es soweit?» «Bald, noch einige Augenblicke, mein Kind», war die Antwort. Bis zum letzten Augenblick blieb sie bei Bewußtsein. Gegen Mittag schloß sie ihre Augen für immer. Sie war 31 Jahre alt, von denen sie nur acht im Karmel verbracht hatte.

Sie hatte ihre Mission auf Erden vollendet. Das Werk der Sühneleistung war errichtet. Der Gedanke, durch die Verehrung des heiligsten Antlitzes Jesu die Gotteslästerungen wieder gutzumachen, hatte Verständnis gefunden und sollte auf die folgenden Jahrzehnte nachhaltig einwirken. Das Antlitz des Herrn fand sie aber nicht nur im Veronikabild. Es strahlte ihr in gleicher Weise im Stall zu Bethlehem entgegen, wenn sie die Tränen des Jesuskindes trocknen wollte, die über sein zartes Gesichtlein herab rannen. Von hier aus erklärt sich die innere Beziehung ihrer Andacht zur hl. Kindheit des Herrn. Gleichzeitig verwoben sie feine Fäden in den Schleier, der wundersam das mütterliche Verhältnis Mariens zum göttlichen Kind verbirgt. Nur die Unschuld eines reinen Herzens konnte unter diesen unsagbar zarten Harfenklängen vibrieren.

Damit hat der Weg der geistlichen Kindheit, den Theresia von Lisieux der Welt verkünden sollte, bereits im Leben Schwester Marias vom hl. Petrus eine vollständige Verwirklichung gefunden und wurde auch, wenigstens in seinen großen Linien, in den Berichten ihres inneren Lebens, dargelegt. Unsere Gegenwart kann in ihren Aufzeichnungen, in dem, was sie «Mitteilungen oder Erkenntnisse» nennt, vieles entdecken, was das Verständnis des Mysteriums der Kindheit Jesu befruchtend bereichern wird.

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Mutter Theresia von Poitiers

Im Noviziat des Karmels von Poitiers steht eine Statue des Jesuskindes aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die so schwer ist, daß eine Person allein sie wohl kaum zwei Schritte zu tragen vermag. Eines Abends, spät nach der Mette, als sich die Schwestern bereits zur Ruhe begeben hatten, schritt M. Theresia von Jesus, die vor kurzem zur Priorin erwählt worden war, lautlos den langen Korridor zu dem entfernt gelegenen Noviziat entlang, bis sie bei der Jesuleinstatue angekommen war. Durch besondere Umstände war sie gezwungen, einer zarten und weniger gesunden Schwester eine Zelle anzuweisen, in der diese den Härten des Klimas ausgesetzt war. Das tat ihrem mitfühlenden Mutterherzen weh. Um der Schwester nun über die ersten Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, war sie ins Noviziat geschlichen, um das schöne Jesulein in ihre Zelle zu tragen. Sie nahm alle ihre Kräfte zusammen, um sich die heilige Last aufzubürden. Und siehe da, «Liebe vermag alles!», wie Paulus sagt.

Sie erklomm die steile Stiege, und voll innerster Freude stellte sie das hl. Kind auf das kleine Zellentischlein, damit Es die neue Bewohnerin am folgenden Morgen begrüße. Zu seinen Füßen legte sie ein Brieflein, in dem sie geschrieben hatte: «Heiliges Kind Jesu, segne Du meine liebe Tochter, segne ihre Freuden und Leiden, die sie an diesem Orte haben wird. Wenn sie die Kälte fühlt, dann gib Du ihr die Gnade, daran zu denken, daß Du in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember für sie so viel Kälte erduldet hast und vermehre ihre Liebe durch die Deine. Wenn sie unter der Hitze leidet, weil Deine Sonnenglut auf sie scheint, dann erinnere sie daran, daß Du für sie die Last des Tages und Deiner Reisen getragen hast.»

Mutter Theresia von Jesus, oder Xaveria de Maistre, wie sie in der Welt hieß, zeichnete sich von früher Jugend an durch eine große Liebe zum Jesuskind aus. Sie war am 17. April 1838 als Enkelin des Grafen Joseph Marie de Maistre geboren, der als katholischer Denker, Diplomat und Publizist weithin bekannt war. Ihr Vater bekleidete hohe militärische Ehrenstellen und wurde zum Gouverneur von Nizza ernannt.

Obwohl Xaveria sich mit ihrem lebendigen und liebenswürdigen Wesen überall Freunde erwarb, hatte sie dennoch mit ihrem Charakter zu kämpfen, der allerhand Launen und Eigensinn unterworfen war. Sie hatte es ihrer älteren Schwester Franziska zu verdanken, daß sie lernte, ihre Fehler ernsthaft zu bessern. Allerhand innere Leiden und körperliche Schmerzen, die sie mit großer Geduld ertrug, so daß ihre Umgebung kaum etwas davon ahnte, ließen sie zum Ordensberuf heranreifen. Dreißigtägige Exerzitien und der Tod ihrer Schwester Franziska brachten die Entscheidung. Am 21. August 1862 erhielt sie den weißen Schleier der Novizin im Karmel von Poitiers.

Der Einfluß ihrer neuen Umgebung trug wesentlich dazu bei, daß ihre Liebe und Andacht
zum göttlichen Kind immer inniger wurde. Am Weihnachtsfest wurde sie auserwählt, den Weiheakt des Noviziates an das hl. Kind in der Krippe zu vollziehen. Kindlich schlicht, aber mit großer Andacht sprach sie die Hingabeformel in ihrem und ihrer Gefährtinnen Namen. Seither verließ sie Jesus in der Krippe nie mehr. Wenn sie sich von Bethlehem entfernte, so war es nur, um mit Jesus den Kalvarienberg zu ersteigen. In den stillen Stunden, in denen sie vor dem Tabernakel kniete, fand sie zugleich das Kindlein von Bethlehem und den Mann der Schmerzen.

Eine besondere Freude bereiteten ihr die kleinen sonntäglichen Feste, die die Novizinnen dem Jesulein veranstalteten. Dann war sie es, die einen von ihr selbst verfaßten Weiheakt vorbetete. Sie wollte die Züge des Jesuskindleins fest in sich einprägen. Aber sie wußte, daß sie nur durch das umgestaltende Wirken der Gnade sein wahres «Abbild» werden konnte. Und so bekämpfte sie unermüdlich ihre lebhafte italienische Natur, die sich nicht leicht an den französischen Ernst gewöhnen konnte und auf zahlreiche Schwierigkeiten stieß.

Am Tag ihres Schleierfestes schrieb sie: «Ich glaube, daß das Leben einer wahren Karmelitin
nicht nur ein Leben der Vereinigung mit Jesus ist, sondern in einer Umgestaltung in Ihn besteht. Das Ziel des Karmels bedeutet, Opfer der Liebe zu bringen und selbst zum Opfer zu werden. Solange sich eine Karmelitin damit begnügt, mit Jesus vereint zu bleiben, wird sie vielleicht viele Akte des Opfers vollbringen. Aber erst, wenn sie in Jesus umgestaltet sein wird, vermag sie wirklich Opfer zu werden und Tag und Nacht und zu jeder Stunde ihr ganzes Wesen Gott als Hostie zur Sühne und Danksagung darzubringen.» Diesen Vorsatz suchte sie bei den jährlichen Exerzitien, die sie in Gegenwart des göttlichen Kindes machte, zu vertiefen.

Sie fühlte sich geheimnishaft zu der «Verborgenheit der göttlichen Kindheit» hingezogen
und versuchte, im Glauben und in der Liebe in die innersten, unbekannten Empfindungen der Seele des Jesuskindes einzudringen und sich stillschweigend mit ihnen zu vereinen. Den ganzen Tag dachte sie an die ungekannte und verkannte Liebe Jesu, und ihr Herz schlug in tiefer Dankbarkeit, wenn sie Ihn der allerheiligsten Dreifaltigkeit für die Seelen aufopferte. Oft konnte sie sich nicht darüber hinwegtrösten, Ihn so wenig geehrt und geliebt zu sehen. Nur das Wohlgefallen, das Gott an der Anbetung und der so vollkommenen Liebe des Jesuskindes hatte, half ihr darüber hinweg und erfreute sie, da ja dieses Wohlgefallen für Jesus unendliche Freude und Dank bedeutete.

Ihre Vorsätze am Schluß der Exerzitien zeigen, wie weise ihr Beichtvater gehandelt hatte, als er sie aufforderte, in den Tagen der Einsamkeit und der Gnade Licht in der Betrachtung und in der Liebe zum Jesuskind zu suchen. Sie nahm sich vor, in einer geistigen Armut zu leben, die bereitwillig einen jeden inneren Zustand annehmen will, in den Gott eine Seele versetzt. Sie wollte immer zufrieden sein, auch dann, wenn sie nichts verstehen und nichts sehen würde, oder wenn sie die Geschöpfe vergessen und der Schöpfer sie selbst wie ein Ding behandeln würde, von dem man nicht weiß, was man mit ihm anfangen soll. Dann öffnete sie ihr Inneres dem Wort des Apostels: «Die Güte und Menschenfreundlichkeit unseres Gottes ist erschienen.» Inständig verlangte sie, daß in ihr diese Güte wie ein Widerschein des Kindes Jesu aufleuchte, und um dafür bereit zu sein, versprach sie Gott, sanft, liebevoll und zärtlich gegen ihre Mitschwestern, einfältig und offen gegen ihre Oberen zu sein.

Selten gründet das göttliche Kind sein Reich in einer Seele, ohne in ihr das Zepter seines Kreuzes aufzurichten. M. Theresia sollte es nur zu bald spüren. Krankheit und lange dauernde Rekonvaleszenz zwangen sie zu Ausnahmen, die ihrer Natur schwer fielen. Dann erfolgte der fast plötzliche Tod ihres Vaters. Man erwählte sie zur Subpriorin und einige Jahre später zur Priorin, was ihr durchaus nicht leicht war.

Ein Brief aus jener Zeit erschließt ihre innere Verfassung: «Ich schaue unseren Erlöser
auf den Armen Mariens, in kindliches Schweigen gehüllt, noch fast ohne Bewegung. Aber schon weiß Er vollkommene Akte der Liebe, der Anbetung und des Lobes hervorzubringen. Ich denke an den Schatz von Verdiensten, die dieses kleine Kind für die Seelen erworben und angehäuft hat. Sie waren Ihm von Anfang an immer gegenwärtig und werden es auch immer sein.»

Wenige Zeilen später fügt sie in einem fast mystischen Eindringen hinzu: «Es ist wunderschön, wenn man betrachtet, wie das innige Leben Jesu mit seinem Vater, und der Blick des Vaters und des Sohnes einer ewigen Kommunion gleicht. Der Sohn verlangt immer, sich seinem Vater hinzugeben, und der Vater will immer empfangen, was Ihm der Sohn gibt. Diese Vereinigung, dieser göttliche Kuß, dieses Eingehen des Sohnes in den Schoß seines Vaters bedeutet etwas so Unaussprechliches, Heiliges und Großes, daß man es nur anbeten kann und danach hungert, es anzubeten. Opfern wir es als Vorbereitung und als Danksagung auf! Es bringt der Seele tiefe Gnaden der Sammlung, des inneren Lebens und der Vereinigung mit Ihm.»

In einem Brief vom 25. Juni 1867 lesen wir: «Heute Morgen haben wir das Andenken an
die Menschwerdung und Geburt Jesu begangen. In der Weise, in der Jesus in unsere Natur eingehen wollte und in der Er Besitz von seiner heiligsten Menschheit genommen hat, in dieser Weise der Vereinigung habe ich ein Vorbild dessen gesehen, was eine Seele für Ihn sein muß, die Er sich zu seiner Braut erwählt hat. Oh, wie sehr verlange ich, Ihm, diesem kleinen Jesus, eine Braut mehr zu geben...»

Im Jahr 1868 wurde es M. Theresia klar, daß es ihre Aufgabe sein sollte, für die Heiligung priesterlicher Seelen zu leiden und zu beten. In langen Jahren hatte sie Gott langsam für diesen Beruf vorbereitet. In einer Betrachtung über die Menschwerdung verstand sie gnadenhaft, daß eine der edelsten und größten Gestalten, unter denen der Messias vorausverkündigt wurde, die des Priesters war. Auch Maria hatte Ihn als ewigen Priester erwartet, der durch die Darbringung des neuen Opfers das Opfer des Alten Bundes ablösen sollte. Als sie Ihn in ihrem jungfräulichen Schoß empfing, erkannte sie, daß ein Priester in ihr wohne. Und in der Seele der begnadeten Karmelitin leuchtete wunderbar das Bild der jungfräulichen Mutter auf, die das Priestertum Jesu anbetete und an ihm mitwirkte.

Erstaunt fragte sie nach dem Sinn der geheimnisvollen Schau. Betend fand sie die Antwort:
«Ich habe erkannt, daß Maria während der Passion Christi fortwährend gefleht hat, das göttliche
Wort, das sie vom Himmel herabgezogen hatte, möge jetzt offenbar und von den Menschen, zu deren Erlösung Es gekommen war, aufgenommen werden. In diesem Sinn stand sie Jesus als Gehilfin zur Seite... Sie löschte ihren Durst am selben Kelch und mit Ihm zusammen. Ich bin weit entfernt davon, zu glauben, daß sie in jenen Tagen der Bitterkeit unter der Last des Leidens ohnmächtig und schwach geworden sei. Vielmehr fühle ich, daß sie ihren Kelch geliebt und mit Freude getrunken hat... Wie für Jesus, so war der Kelch der Passion auch für Maria ein erwählter Kelch, ein mit Leiden, aber auch mit Freuden berauschender Kelch.» In Erinnerung ihrer Schau drängt es sich ihr dankbar auf die Lippen: «Ich wage zu sagen, daß Maria den Jungfrauen die Gnade bewirkt, hat, durch ihre Vereinigung, Hilfe und
Hingabe den Priestern einen nützlichen Dienst zu erweisen

Der Gedanke, eine Hostie zu sein, die «nur durch den Priester lebt», bemächtigte sich ihrer mit unwiderstehlicher Gewalt und zog sie ins Menschwerdungsgeheimnis: «Die erste Opferhostie, die der Hl. Geist bereitet hat, ist die heiligste Menschheit Jesu, und sie ist die Opferhostie des Vaters!» Auch sie wollte eine Opferhostie werden, die überall dort hingeopfert wird, wo es sich um die Ehre des höchsten Gottes handelt. Der Herr ließ ihre Bitte nicht unerhört.

Zur Zeit, als die Kirche das erste Vatikanische Konzil zusammengerufen hatte, war M.
Theresia Priorin. Sie litt unsagbar unter den äußeren Ereignissen, die nach der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes die Kirche bedrohten. In Rom waren die Piemontesen eingedrungen und hatten dem Hl. Vater den Kichenstaat geraubt. Das Kaiserreich war gefallen und Frankreich wurde die Beute der doppelten Geißel des Krieges und der Revolution. Das furchtbare Sakrileg, das ihre Landsleute begangen hatten, die Gefahr, in der Pius IX. ständig schwebte, die Leiden der Kirche, die Übel Frankreichs, das ihr ein zweites Vaterland geworden war, all das durchbohrte ihr Herz wie ein Schwert.

Einer göttlichen Eingebung zufolge weihte sie ihren Karmel dem Jesuskind. Bei dieser Gelegenheit schrieb sie: «Andenken an die Gnaden, die das Kind Jesu dem Kloster der Menschwerdung von Poitiers in den Jahren 1870 und 1871 erwiesen hat.» Die feierliche Weihe wurde am 1. September vorgenommen und eine Woche lang wiederholt. An einem Tag wurde auch das allerheiligste Sakrament ausgesetzt. Am 8. September gab der Herr M. Theresia zu verstehen, daß ihre Leiden ein Blitzableiter für das Kloster sein würden, und obwohl die Lage immer drohender wurde und man von Einfällen in viele Klöster erfuhr, blieb der Karmel in Poitiers verschont. Das göttliche Kind, auf das man all sein Vertrauen gesetzt hatte, belohnte sichtbar die Weihe der Kommunität und streckte seine schützende Hand aus.

Äußere und innere Leiden hatten die Gesundheit der guten Mutter zerrüttet. Die Hostie
war zum letzten Opfer bereit. Von Tag zu Tag nahm ihre Schwäche zu, ohne daß dem erschöpften Körper die Schmerzen erspart blieben. Wie ein kleines Kind war sie hilflos auf die anderen angewiesen, und geduldig, ohne eine Klage zu erheben, wie das hl. Kind im Tempel bei seiner Beschneidung, ließ sie alles geschehen. Sie starb am 6. Okt. 1871, Gott dankend, als Kind der heiligen katholischen Kirche geboren zu sein und gelebt zu haben.

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Die hl. Theresia vom Kinde Jesu

Es hat etwas Beglückendes an sich, in stillen Stunden die «Geschichte einer Seele» in ihrer letzten, ursprünglichen Fassung der «Manuscrits autobiographiques» in die Hand zu nehmen und den eigenartigen Zauber dieser schlichten Hefte mit den charakteristischen Schriftzügen der kleinen Heiligen auf sich wirken zu lassen. Wunderbarer Friede, Gottesnähe und Trost dringt in die Seele, wenn man vor sich das Bild der kleinen Theresia sieht, die ihr ganzes Leben nichts anderes tun wollte, als Jesus lieben und für Jesus existieren. «Nichts wollte sie Ihm verweigern, selbst dann nicht, wenn sie sich traurig und allein auf dieser Erde fühlte. Sie wußte ja, daß Er trotz allen - in ihr bleiben würde.» Darum verlangte sie danach, ganz und ohne jede Bedingung sein eigen zu sein, wie ein Ball, den der kleine Jesus zum Spiel in die Hand nimmt.

Gerade dieser Gedanke hielt ihre Vorstellungskraft während ihrer Romreise gefesselt.
Am 14. Nov. 1887 schrieb sie an ihre Schwestern Maria vom hlst. Herzen und Pauline, voller Hoffnung, daß ihr der Hl. Vater die gewünschte Erlaubnis zum Eintritt in den Karmel im Alter von 15 Jahren erteilte: «Es muß der kleine Jesus sein, der alles bereitet, damit sein kleine Ball nun dorthin rolle, wo Er ihn haben will.» Sechs Tage später, als sie am Morgen des 20. Nov. Leo XIII. ihre Bitte vorgetragen hatte und eine bittere Enttäuschung erfahren mußte, klagte sie Pauline: «Ich bin der kleine Ball des Jesuskindes. Wenn Er sein Spielzeug zerbrechen will, so ist Er frei, es zu tun. Ja, ich will alles, was Er will...» Dies schreibt sie auch im 6. Kapitel ihrer «Geschichte einer Seele»:

«Seit jener Zeit hatte ich mich dem Jesuskind als sein Spielzeug angeboten. Ich hatte Ihm gesagt, Es möge mich nicht wie ein kostbares Ding behandeln, das man nur sehen darf, ohne es anzurühren, sondern wie einen kleinen Ball ohne Wert, den die Kinder zu Boden werfen, mit den Füßen stoßen, durchbohren, in einem Winkel liegenlassen - ebensogut, wie Es mich an sein Herz drücken könne, wenn es Ihm gefalle. Mit einem Wort, ich wollte nur dem Jesuskind Freude machen und mich seinen kindlichen Einfällen überlassen. Nun hatte Es mein Gebet gehört. In Rom durchbohrte Es sein kleines Spielzeug; Es wollte zweifellos sehen, was darin sei, und von seiner Entdeckung befriedigt, ließ Es seinen kleinen Ball fallen und schlief ein...

Du begreifst, liebe Mutter, wie es dem kleinen Ball zumute war, da er sich am Boden liegen sah. Dennoch hörte er nicht auf, auch wider alle Hoffnung zu hoffen.»

Theresia fühlte sich als Spielzeug des Jesuskindes, «le petit jouet de Jesus», wie sie es Leonie in einem Brief vom 28. April 1895 gesteht: «Aber ich bin jetzt glücklich, es zu sein, nur habe ich gedacht, daß das göttliche Kind genügend andere Seelen habe, die - reich an hohen Tugenden - sich als seine Spielzeuge bezeichnen. Ich habe daher gedacht, daß sie seine schönen Spielzeuge wären und daß meine Seele nur ein kleines Spielzeug ohne Wert sei. Um mich zu trösten, habe ich mir gesagt, daß die Kinder oft mehr Freude an den kleinen Spielzeugen haben, die sie wegwerfen oder in die Hand nehmen, zerbrechen oder mit Küssen bedecken können, als an den anderen von größerem Wert, die sie kaum zu berühren wagen. Darauf habe ich mich gefreut, arm zu sein. Ich habe mir gewünscht, es jeden Tag mehr zu werden, damit Jesus jeden Tag größere Freude gewinne, mit mir zu spielen...»

Die kleine Heilige war zutiefst überzeugt, daß das Kleinsein und Nichts-Besitzen die liebenden
Arme des Jesuskindes öffnet. «Man ist umso fähiger, Jesus zu lieben, sein Opfer der Liebe zu sein, je armseliger und schwächer man ist... Halten wir uns von allem fern, was glänzt! Lieben wir unsere Kleinheit

Unter den wenigen, aber entscheidenden und grundlegenden Wahrheiten, die im Leben
Theresias immer wieder in neuen Wendungen und Ausdrücken auftauchen, muß an erster Stelle der Gedanke der Kindheitstugenden und damit die Nachahmung des Jesuskindes genannt werden. Sie wollte klein sein, wie das Jesuskind, das sie zärtlichst liebte. Als sie noch ein junges Mädchen war, hatte es ihr eine besondere Freude bereitet, den beiden Töchterchen einer armen Familienmutter, die sie ein wenig betreute, «vom ewigen Lohn (zu erzählen), den das Jesuskind guten Kindern geben wird. Die Ältere, deren Geist zu reifen begann, sah mich mit dem Ausdruck lebhafter Freude an und stellte allerliebste Fragen über das Jesuskind und den schönen Himmel.»" Wir können uns leicht vorstellen, mit welcher Begeisterung Theresia von dem göttlichen Kind gesprochen hat, das um der Menschen willen im armen Stall von Bethlehem geboren wurde.

Bei ihrem Eintritt in den Karmel am 9. April 1888 gab man ihr den Namen Theresia vom Kinde Jesu, und das geschah sicher nicht ohne göttliche Voraussicht, denn die ser Name trug das Symbol ihres Wesens und ihrer Sendung in sich. Im Kreuzgang fand sie eine Statue des Jesulein, die sie mit viel Liebe und Treue mit Blumen schmückte. Am Tag ihrer Einkleidung schien ihr das göttliche Kind ein ganz besonderes Lächeln zu schenken: «Als ich wieder die Klausurschwelle überschritt», erzählt sie selbst, «fiel mein Blick zuerst auf die hübsche Statue meines Jesuskindes, das mich zwischen Blumen und Kerzen anlächelte.»" Wie viele Stunden vertrauter Zwiesprache hat Theresia zu Füßen dieses hl. Kindes verbracht! Und hatte sie nicht bei Ihm ihren «kleinen Weg» gefunden?

Jahre später, als man ihr während ihrer letzten Krankheit eine Rose brachte, sah sie in
ihr das Symbol ihres Herzens, das sie dem göttlichen Kind schenken wollte:

             Der Rose Blätter, die als Kind ich streute wohl in den Wind,
             sie sind mein Herz: das opferte sich heute Dir, göttlich Kind.
             Auf den Altären blühn in tausend Farben viele Rosen Dir -
             ich träum' von jenen, die entblättert starben: zum Gleichnis mir.
             Für Dich, mein liebster Jesus, werd' ich sterben - welch schönes Los! -
             entblättert noch um Deine Liebe werben und lächeln bloß.»

Theresia hatte die Vollkommenheit in der Schule des Jesuskindes gelernt. «Die Vollkommenheit erscheint mir als etwas Einfaches: ich sehe, es genügt, sein Nichts zu erkennen und sich wie ein Kind in die Arme des lieben Gottes hinzugehen. Die schönen Bücher, die ich nicht verstehen, geschweige denn in die Tat umsetzen kann, lasse ich gerne den großen Seelen, den erhabenen Geistern, und freue mich, klein zu sein, da ja den Kindern und denen, die ihnen gleich sind, das himmlische Gastmahl vorbehalten ist.» (Mt 19,14)."

«Klein sein, heißt sein Nichts erkennen und alles vom lieben Gott erwarten, so wie ein kleines Kind alles von seinem Vater erwartet.»

Für das Kleinsein gibt es für sie ein sprechendes Vorbild: Nazareth, «das Königreich der Kindheit Jesu» und die Hl. Familie in ihrem demütigen und bescheidenen Leben. Die Heilige zeigt uns das Jesuskind, das Maria und Josef untertan war. «Wie einfach ist das!», ruft sie aus und zieht daraus den Schluß, daß auch «das wirkliche Leben Mariens in Nazareth und später ganz gewöhnlich gewesen sein muß».

             «Ich weiß, in Nazareth, o Jungfrau voll der Gnaden,
             lebst du ganz arm und schlicht und ohne Wunsch dahin;
             nicht von verzückten Schauern, Wundern fremd beladen,
             erglänzt dein Leben, auserwählte Königin!
             Der Kleinen Zahl, von keiner Schätzung zu erreichen,
             hebt frei den Blick zu dir und braucht zu fürchten nicht:
             denn auf bescheidenem Weg, o Mutter ohnegleichen,
             gingst ja auch du vor ihnen zu des Himmels Licht.»

Dieses schlichte, einfache Leben, das Maria und Josef in Nazareth an der Seite des Jesuskindes führten, kann ein jeder nachahmen, der den von Theresia vorgezeichneten «KleinenWeg» einschlägt. «Fürchte dich nicht», tröstet die Heilige, «je ärmer du bist, desto mehr wird Jesus dich lieben». Und sie ermahnt, «nie auf eigene Kraft zu bauen, die doch nur Schwäche ist. Ich versuche, mich gar nicht mehr mit mir selbst zu befassen. Was Jesus in mir zu wirken geruht, das überlasse ich Ihm ohne Vorbehalt.»"

Das Geschehen der Menschwerdung Gottes, «der durch das Wirken des HI. Geistes
Mensch und Sohn Mariens wurde», hatte nachhaltig auf Theresia eingewirkt. Hatte sie nicht am 8. September 1890, als sie ihre ewige Profeß ablegte, ihre mystische «Hochzeit mit dem Verbum, dem Sohn Gottes» feiern wollen? Im Archiv von Lisieux wird ein kostbares Autogramm der kleinen Heiligen aufbewahrt, das von großer Bedeutung für das Zentrum ihres Innenlebens ist und «eine Art Synthese ihrer geistigen Aspirationen bildet»." Es handelt sich um vier Gebete, die sie auf einen Karton, rund herum um ein Bildchen des zwölfjährigen Jesusknaben, geschrieben hatte, um es Schwester Maria von der hlst. Dreifaltigkeit zu schenken, die am 16. Juni 1894 in den Karmel von Lisieux eingetreten war. Die vier Gebetlein lauten:

«Alles, um was ihr meinen Vater in meinem Namen bitten werdet,
das wird Er euch geben
...»

   «Ewiger Vater, Dein eingeborener Sohn, das Süße Jesuskind, gehört mir...»
   «Ich bin Jesus von Theresia» (Worte des Jesulein an die hl. Theresia von Avila).
   «O göttliches Kind! Mein einziger Schatz...»Auf der Rückseite des gleichen Kartons zitiert sie die Worte des Herrn an Schwester Maria vom hl. Petrus." Bekannt ist auch das kleine Bildchen eines lilienpflückenden Jesusknaben. Auf eine der herab gefallenen Lilien hatte sie ihren Namen geschrieben, auf die andere den von Celine. In einer Ecke des Bildes bemerkte sie, daß es eine Erinnerung an die Weihnachtsnacht 1895 sei."

Mehr als einmal griff Theresia zur Feder, um das Jesuskind in Versen und Prosa zu begrüßen. Für den 25. Dez. 1894 hatte sie ein kleines religiöses Schauspiel verfaßt, so wie es in den Karmelklöstern anläßlich einiger Feste üblich ist. Es trug den Titel: Die Engel an der Krippe Jesu. Hauptperson war das göttliche Kind. Die anderen Rollen wurden auf fünf Engel verteilt: Der Schutzengel des Jesuskindes, die Engel des hlst. Antlitzes, der Auferstehung, der Eucharistie und des letzten Gerichtes. Im folgenden Jahr kam am Weihnachtstag Le petit Mendiant de Noel, der kleine göttliche Bettler, in die Rekreation der Schwestern zur Aufführung. Ein Engel trug ein Jesuskind im Arm und bot ein Körbchen mit Zetteln dar; eine jede Schwester zog einen; dann sang der Engel dessen Inhalt vor. Es sind kleine geistige Liebesgaben an das Kind von Bethlehem, das am Schluß durch den Mund des Engels jeder einzelnen dankt:

        Das göttlich' Kind, Es dankt euch! entzückt, ob euer Gaben!
        Mit euren Namen wird Es sie, in sein Buch des Lebens schreiben.

Am Namenstag von Mutter Agnes, dem 21. Jan. 1896, gelangte «Die Flucht nach Ägypten» zur Aufführung. Die erste Szene stellt das kleine Haus in Nazareth dar. Maria befindet sich allein in der Werkstätte des hl. Josef und ist mit einer Näharbeit beschäftigt. Auf ihrem Schoß hält sie ihr göttliches Kind. Die zweite Szene zeigt eine Räuberhöhle. Zuerst finden wir dort nur die Hl. Familie, dann werden legendäre Personen hinzu gelassen: Der Räuberhauptmann, seine Frau, sein Sohn usw.

Für das Weihnachtsfest 1896 dichtete Theresia «Das Vogelhaus des Jesuskindes:

       Jesus, unser kleiner Bruder, für uns verließest Du den schönen Himmel,
       doch, göttliches Kind, Du weißt es gut, Dein Vogelhaus ist der Karmel

Im Dezember des gleichen Jahres verfaßte sie für eine kranke Mitschwester, wahrscheinlich für Maria vom hl. Josef, ein kleines Gedicht «An das Jesuskind». Wenn auch diese Dichtungen vom literarischen Standpunkt aus gesehen keinen besonderen Wert haben, so sind sie doch zur Dokumentation ihrer Liebe zum göttlichen Kind wichtig. Es ist interessant, daß sie in ihnen mit einer gewissen Vorliebe vom «Verbum» spricht. In dem Gedicht: «Jesus, rappelle-toi», dessen erste Strophen vom Inkarnationsmysterium handeln, kommt der Ausdruck «göttliches Wort» und «ewiges Wort» vor: «Verbe Dieu, souviens-toi de ce mystère etrange...», und «Tu fus errant, toi, le Verbe eternel!» In ihrer Dichtung: Die Engel an der Krippe ist die Rede vom «Verbe-Dieu» und vom «Verbe adorable», und so ließen sich noch andere Beispiele nennen.

Es ist daher zu verstehen, daß die Liebe der kleinen Heiligen zu ihrem kleinen Jesus, der gekommen war, um die Welt zu retten, ihrer Umgebung nicht verborgen blieb. Vielleicht hat sich gerade im Karmel von Lisieux diese kindlich einfache Liebe Theresiens im inneren Leben der ihr dort nachfolgenden Karmelitinnen erhalten. Mutter Maria Angela vom Kinde Jesu, Mutter Isabella vom hlst. Herzen, Mutter Theresia von der Eucharistie und selbst Mutter Agnes von Jesus sind dafür Beispiele.

Mutter Maria Angela erzählt von einer Postulantin, die während der Prozession vom 5. August zu Ehren des Jesuskindes plötzlich von einem Hustenanfall und heftigen Halsschmerzen gepeinigt wurde. Sie bat daher das Jesulein, Es möge bewirken, daß man sie nicht vom Karmel wegschicke. Sie hatte sich selbst zum Opfer angeboten: «Der kleine Jesus braucht Opfer, und wie bin ich Ihm dankbar, daß Er mich erwählt hat», schrieb sie später. Tatsächlich hatte das Jesuskind sie zum Opfer angenommen.

Während ihrer letzten Krankheit betrachtete sie oft ein Bild des Jesulein in der Krippe.
«Dort liegt Es», wiederholte sie mehr als einmal, «und das gibt mir die Kraft, still zu liegen»! Man hatte in der Kommunität einen Gebetssturm zum Prager Jesulein um ihre Genesung entfacht. «Seine Statue in natürlicher Größe war auf das schönste hergerichtet. Mit ihr begannen wir unsere Prozession», berichtet die Chronistin des Karmels von Lisieux, «und sangen die Namen-Jesu-Litanei. In der Zelle der Kranken angekommen, wurde das göttliche Kind auf einen kleinen Altar gestellt. Mit tränenerstickter Stimme sangen wir unsere Flehrufe. Dann boten wir unserer lieben Mutter ein Körbchen mit Rosenblättern dar, die sie mit fast erstorbener Hand dem göttlichen Kind zu Füßen streute. Mit leiser Stimme fragten wir, ob wohl ein Wunder geschehen sei. «Nein!»... antwortete sie mit einem zarten Lächeln.

Wir ließen sie eine Stunde lang allein. Wie groß war unser Erstaunen, als wir sie bei unserer Rückkehr auf den Knien fanden, die gefalteten Hände und den Kopf auf die Füße des Jesuskindes gelehnt. «Meine Mutter», sagte sie, die Augen voller Tränen, «ich habe Es inständigst gebeten, mich wieder gesund zu machen, weil es die Kommunität so sehr wünscht.»

Die gleiche demütig-vertrauende Liebe zum Jesulein offenbart ein Weihnachtsbrief der M. Agnes, wenn auch die Form eine andere ist. Am 20. Dez. 1918 schrieb sie: «Dies ist der Augenblick, in sanfter Freude des Wortes der Engel an die Hirten von Bethlehem zu gedenken:
«Friede auf Erden den Menschen guten Willens.» Was aber kann ein solcher Friede für uns sein? Die gegenwärtigen Ereignisse könnten uns täuschen über den wahren Sinn des Friedens, den die Geburt Jesu der Welt gebracht hat... Und doch haben die Engel nicht gelogen, als sie über der Wiege des Jesuskindes den Frieden verkündeten. Der göttliche Friede ist also unser, wenn wir guten Willen haben, wenn wir einfältig sind wie die Hirten, sanft und demütig wie Jesus...

Das kleine Jesuskind, das wir in der Krippe wiedersehen werden, ist gekommen, um auch seinerseits zu kämpfen, und von seinem ersten Tag an bringt Es uns zugleich den Frieden und das Schwert. Dieser Friedensfürst ist zur selben Zeit der starke und mächtige Gott der Schlachten, auf dessen Schultern die Herrschaft ruht, die nichts anderes ist als die Standarte des Kreuzes. Laßt uns kämpfen in ihrem Schatten, und vergessen wir nicht, daß unter ihr durch das Blut Jesu der ewige Friede unterzeichnet wurde.»"

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Der «Kindheitsgedanke» nach dem Evangelium»

Als im Jahr 1863 in Frankreich Renans «Vie de Jesus» erschien, brach in allen katholischen Kreisen ein wahrer Sturm der Empörung los. Renan hatte in seinem Buch die Gottheit des Herrn geleugnet. Er hatte Jesus Christus als einen genialen Menschen, aber als einen bloßen Menschen dargestellt und an Ihm das allzu Menschliche in fast lächerlicher Weise betont. Die Antwort der Kirche war eine öffentliche Aufforderung zur Sühne, und in erster Linie war den Klöstern die Aufgabe zugefallen, mit ihrem Gebet und Opfer Genugtuung zu leisten.

Besonders tief hatte der allgemeine Schmerz eine Karmelitin in Paris, Schwester Marie-Aimee von Jesus, verwundet. Von Christus erwählt, die Geheimnisse seiner Liebe und Gnade tiefer und durchdringender zu begreifen, um durch sie immer mehr in seine Nähe getragen zu werden, litt sie unsagbar unter dem Geschehenen. Als sie zum erstenmal von Renans gotteslästerlichem Werk erfuhr, hatte sie die Feder in ihr eigenes Blut getaucht und die Worte des Johannes-Evangeliums:

«Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort» gezeichnet.
Dann hatte sie einen langen Blick auf die Menschheit des Sohnes Gottes geworfen und in ihr die Offenbarung der Fülle seiner Gottheit betrachtet. Eine eigenartige Unruhe bemächtigte sich ihrer dabei. Der Gedanke, Genugtuung zu leisten, durchzuckte sie wie ein glühender Funke. Erneut griff sie zur Feder, und fast ohne zu wissen, was sie tat, füllte sich Seite um Seite. «Ach, wenn man mir erlauben würde zu schreiben, wie würde ich jenen Unglücklichen beschämen« rief sie bei ihrer nächsten Begegnung mit P. Gamard, ihrem Beichtvater, aus."

Die Erlaubnis ließ nicht auf sich warten, und von geheimnisvoller Kraft getragen, die ihr ein Wissen schenkte, das sich jeder menschlichen Belehrung entzieht, entstanden zunächst vier Bände: N. S. Jesus-Christ etudie dans le Saint Evangile mit dem Untertitel: Sa vie dans l’ame fidele, die später auf sechs Bände erweitert wurden. Der erste Band, in dem deutlich die apologetische Note hervortritt, ist dem menschgewordenen Wort gewidmet. Von den Worten des Johannesprologs ausgehend hält sie fest, daß dieses Wort «Anfang ohne Anfang» war und in sich «Ewiges Sein vom Ewigen Sein» trägt. Daher kann das Wort, das Menschengestalt angenommen hat, keineswegs ein bloßer Mensch gewesen sein.

Im zweiten Band wird das verborgene Leben unseres Herrn von Bethlehem bis Nazareth behandelt. Er beginnt mit der zeitlichen Geburt Jesu Christi. «Wer ist dieses kleine Kind? Wer ist dieser Sohn? - Dieses kleine Kind ist der Erstgeborene, von dem der Vater, als Er Ihn in die Welt einführte, gesagt hat, daß Ihn die Engel anbeten würden.» Jetzt «ruht Er in einem Stall, liegt auf Stroh, da Gott die Himmel herabgesenkt hat und auf die Erde niedergestiegen ist (Ps. 17,11), um den sündigen Menschen zu retten. Darum eilt herbei, ihr Mächte des Himmels, um mit uns diesen Gott, das menschgewordene Wort, anzubeten.»

Die zeitliche Geburt des Herrn wird Ausgangspunkt zur geistigen Geburt Jesu in der Seele:
«Jesus naht spirituell in sie,... eine kostbare, unvergleichlich zarte Gnade», für die sich der einzelne durch Überwindung des eigenen Ichs und seiner egozentrischen Tendenzen vorbereiten muß. Aber eine solche «neue Gegenwart Jesu in der Seele erfordert keineswegs neue Entscheidungen und bedarf auch keiner neuen Frömmigkeitsübungen, sondern sie verlangt einzig ein Wachsamsein in der Liebe, durch das Jesus Christus langsam seine Braut umwandeln und ihr jeden Tag etwas mehr von seinem göttlichen Bild zu geben vermag». Dieses «Wachen in der Liebe» ist das Entscheidende, damit Jesus im Herzen geboren werde und dort sein Leben fortsetze.

Doch andere Fragen beschäftigen zunächst unsere Karmelitin: «Wer ist dieses Kind in der Krippe? Was hat Es der Welt zu verkünden?»

«Was am meisten am Jesuskind in der Krippe aufleuchtet und was Es dem menschlichen Geschlecht gebracht hat, das ist der Friede. In der Krippe ist alles von Frieden und Ruhe umgeben. Darum ist Es gerade dort der Friedensfürst. Wenn der Mensch das göttliche Kind dort betrachtet, dann wird etwas vom himmlischen Lächeln Gottes in Kindesgestalt in seiner Lebensführung, in seinen Unterhaltungen und in seinem Handeln sichtbar werden: er wird den Frieden um sich verbreiten.»

Beim Betrachten des Jesuskindes in der armseligen Krippe von Bethlehem, inmitten des
Schweigens der Nacht, erschließen sich Schwester Marie-Aimee wunderbar die Geheimnisse Gottes. Sie sieht das Kind, wie Es «seine kleinen Hände über seine Brust gekreuzt hat und seinen Blick gen Himmel richtet. Unsere Augen bemerken nur seine Kleinheit, Armut und Entblößung, aber der Glaube zeigt uns dieses kleine Kind in unvergleichlicher Herrlichkeit, in einer Herrlichkeit, von der der hl. Johannes sagt, ,daß sie jene des eingeborenen Sohnes des Vaters ist, voll von Gnade und Wahrheit' (Joh. 1,14). Und was macht das Jesuskind? Es betet! Es betrachtet!

Das Wort, welches unentwegt in Ihm weilt, setzt seine ewige Betrachtung des einen Gottes in drei Personen fort. Infolge der hypostatischen Union sieht seine menschliche Seele Gott, ohne aus sich selbst herauszugehen, und zwar sieht sie Ihn infolge dieses einzigartigen Privilegiums so, wie Er ist. Diese Seele wundert sich darüber, daß sie sich in einem Stall, in einer Krippe und auf Stroh befindet. Und das Herz des menschgewordenen Wortes versinkt in einen Abgrund der Zärtlichkeit und Liebe angesichts einer so großen Majestät, die sich so wunderbar herab gelassen hat. Der eingeborene Sohn des lebendigen Gottes stillt seinen Durst an den Quellen des Lebens, dort, im Schoß des Vaters, im Kuß des Hl. Geistes. Seine Seele kann und wird sich niemals auch nur einen Augenblick von dieser Schau (object) abwenden können, denn unvergleichlich mächtig ist die Anziehungskraft, die ihr bei dieser Beschauung mitgeteilt wird, einzigartig leuchtend das Licht, in welchem sie sieht, und unendlich glühend die Flamme, die in ihr brennt.

In Anbetracht eines derartigen Schweigens, eines solchen Lobens und Anbetens des menschgeworden Wortes auf Stroh, vermag das Geschöpf nichts anderes zu tun als sich niederzuwerfen und mit Ihm vereint zu schweigen, zu loben und anzubeten: O Jesus von Bethlehem! Du bist der Kleinste der Einsiedler, aber der Größte aller Beschaulichen. Du bist mein Vorbild, mein Meister und das Buch meines Lebens

Ein Blick auf das Kind in Bethlehem, auf seine Beschneidung, auf seine Flucht nach Ägypten,
auf seine ersten Jahre in der Fremde, auf sein verborgenes Leben in Nazareth! Wie viele Tugenden vermag der einzelne von diesem göttlichen Vorbild zu erlernen! Vor allem die Einfachheit, Demut, Bescheidenheit und das Kleinsein vor Gott. «Wie glücklich ist derjenige zu nennen, der ganz einfach den Weg des geistigen Kindsein einschlägt, für den Jesus Christus von Nazareth das vollkommene Beispiel ist, und wer, ohne zu sich selbst zurückzukehren, geradewegs seinem Ziel zuschreitet und dabei auf die Güte Gottes vertraut. Nichts wird sich seinem Weg entgegenstellen, denn die Liebe führt ihn und hilft ihn, über Hochmut und Leidenschaften zu triumphieren, die so viele auf dem Weg der Vollkommenheit anhalten.»

Was ihn auf diesem Weg lenkt, das ist die barmherzige Liebe Gottes in uns, die zu demütiger
Selbsterkenntnis und Ergebung in den Willen des Herrn hilft. Wenn es dann geschehen sollte, daß «die Seele fällt, so verwundere sie sich nicht darüber, sondern versuche so bald als möglich wieder aufzustehen und Gott zu danken, daß sie nicht tiefer gefallen ist». Nur möge sie ein Blick auf Gottes Barmherzigkeit daran erinnern, sich bei ähnlicher Gelegenheit besser in acht zu nehmen, damit sich nicht Ähnliches wiederhole. «Sollte sie den Fehler jedoch in der Öffentlichkeit begangen haben, so sei sie deswegen nicht bestürzt, sondern sie verdemütige sich und bemühe sich, ihr Unrecht großmütig und zugleich ganz einfach einzugestehen.»

Das wird ihr keine besonderen Schwierigkeiten bereiten, denn «sie hat ja die Demut in der Schule des hl. Kindes Jesus gelernt, das gegenüber den Menschen so sehr auf seine
eigene Herrlichkeit vergessen hat. Und sie verlangt ja danach, Ihm zu gleichen.»"

An anderer Stelle befaßt sich Schwester Marie-Aimee eingehend mit der Demut des göttlichen Kindes. Sie zeigt Es uns, wie Es demütig in der Werkstätte des hl. Josef arbeitet, ohne sich auch nur die geringste Mühe zu ersparen, und wie Es in vollkommener kindlicher Liebe Maria und Josef dient, um uns allen ein Beispiel wahrer Demut zu geben. Demütig erträgt es «Kälte, Hitze, Sonne und Schnee, und sieht in allem einen Ausdruck des Willens seines himmlischen Vaters». In seinen Reden und im Verkehr mit den anderen Menschen bleibt Es bescheiden im Hintergrund, erduldet schweigend Verdemütigungen, ungerechte Einschätzung und gleichgültige Behandlung. «Voilà l'humilte du Christ, notre Sauveur!»", ruft Marie-Aimee aus. Dort steht dieses Kind, wartend und bittend, daß wir Menschen endlich unseren Hochmut ablegen und wie Es ein demütiges Kind werden.

Vom Jesuskind kann ein jeder das Geheimnis der Heiligkeit erlernen, das für Schwester Marie-Aimee in jener Gefügigkeit besteht, sich in allem und zu jeder Zeit vom Hl. Geist lenken zu lassen. «Wenn ich mich dem Jesuskind nähere, wenn ich sehe, wie Es je nach den Anordnungen Marias oder Josefs forteilt oder zurückkommt oder handelt, dann verstehe ich durch einen Lichtstrahl von oben, daß seine äußere Gefügigkeit den Geschöpfen gegenüber nichts anderes als ein Abbild seiner inneren Gefügigkeit gegenüber dem Hl. Geist ist, und ich habe keinerlei Zweifel, daß dies alles um unsertwillen geschieht.

Wenn ich so in das Innere meines Jesus herabblicke, in sein heiligstes Herz hinein, und
wenn ich seine glühenden Eifer für die Herrlichkeit Gottes und das Heil der Menschen erkenne, dann finde ich Ihn, der jeden Augenblick unterwürfig und geduldig dem Willen seines Vaters folgt, und ich sage mir: Ich habe das Geheimnis der Heiligkeit gefunden

Schwester Marie-Aimee beschränkt die Nachahmung des göttlichen Kindes nicht nur auf
sein Tugendleben. Sie verlangt noch mehr. Auch die Empfindungen und Regungen seines Innenlebens, seine Schmerzen, Freuden und seine natürlich-kindliche Liebe zu Maria und Josef sollen dem einzelnen ein Vorbild werden, um alles gleich dem Jesuskind zu heiligen und es in den Bereich des Übernatürlichen zu erheben. «Jesus Christus ist uns in allem ähnlich geworden», schreibt sie, «und so hat Er seit seinem Eingang in die Welt durch alle Phasen der Kindheit und durch alle Verdemütigungen seines Alters gehen wollen. Wie wir hat auch Christus gelitten, geweint, seine Freuden gehabt und jenen, die seine Kinderjahre mit ehrfürchtiger Sorge umgaben, den zarten Trost seines liebenden Herzens erwiesen. Aber alle Handlungen des Christkindes tragen bereits das Siegel göttlicher Größe, denn sie sind immer die Handlungen eines Gottmenschen!

Jesus leidet und weint! Ein jedes Leid, das Er erträgt, eine jede Träne, die Er vergießt, ist auf Grund seiner Person ein unvergleichlich großes und göttliches Werk, denn Er ist der Sohn Gottes, und es ist es auch infolge der Liebe, die das Motiv seines Schmerzes und der Tränen seiner Augen ausmacht. Und warum vergießt Jesus Christus Tränen? Jesus weint, weil Gott beleidigt wird und der Mensch verloren geht: das ist das Mysterium eines weinenden Gottes...

Aber das Christkind hat auch seine Freuden gehabt. Natürliche Freuden, die mit seinem
unschuldigen Alter gegeben sind. Es freute sich über die beseelte und unbeseelte Schöpfung, die Ihn mit ihrem lieblichen Anblick, mit ihrer Schönheit und mit ihrem Duft umgaben. Es freute sich über die Zärtlichkeiten Marias und Josefs, die sein Herz über die Undankbarkeit der Menschen hinwegtrösteten. Es kannte geistige Freuden, die durch die Wirkungen seiner Annäherung an einfache und ehrliche Seelen entstanden, oder Freuden, wenn Es den Reichtum der tätigen Gnade erkannte, die, wenn es sein Wille war, bis in die letzte Tiefe der Herzen drang, und nicht zuletzt erfüllten seine Seele göttliche Freuden, die an seiner ganzen Person aufstrahlten,

Und wie konnten diese Freuden des anbetungswürdigen Kindes äußerlich in Erscheinung
treten? War es dem HI. Geist zuzuschreiben, daß sich auf seinen Lippen jenes selige Lächeln bildete, das man nur auf dem Antlitz Gottes zu erkennen vermag? Oder ließ Es sein Herz in einem Freudenausbruch überquellen, das seine Empfindungen verriet? Es ist uns erlaubt, das anzunehmen und das strahlende Gesicht des kleinen Jesuskindes anzuschauen...
Wenn das Christkind seine Freuden kannte, so wollen wir nicht schweigend jene übergehen, die Es Maria und Josef bereitete... Es ist unvergleichlich süß, im Glauben das hl. Kind Jesus in den Armen seiner Mutter zu betrachten, einen Blick des Wohlgefallens auf sie zu werfen, sich mit ihr über sein Lächeln und über seine Worte zu erfreuen und zu sehen, wie Es seine kleine Hände um den Hals dieser unvergleichlichen Mutter schlingt, sich eng an sie schmiegt, sie tröstet und ihr Beweise seiner Liebe gibt!...

Und ist es nicht weniger rührend, Josef zu betrachten, der nach einem mühsamen Tag, den er ohne Jesus verbracht hat, sich demütig seiner göttlichen Majestät nähert und von seinen Händen tausend Zärtlichkeiten empfängt, oder zu sehen, wie Jesus ihm den Kuß des Kindes aufdrückt, seinen Schweiß trocknet und vielleicht auch seine Tränen...?» So «menschlich» schildert Schwester Marie-Aimee das göttliche Kind, und doch zugleich so göttlich in seiner Menschlichkeit. Zeigt das nicht alles, daß es etwas wahrhaft Großes um das Kleinsein ist? Und daß sich unter dem Kleid der Demut und der Erniedrigung etwas unaussprechlich Erhabenes verbirgt?

Noch manches ließe sich über ihre Kindheitsgedanken hinzufügen. Es würde uns jedoch über die Grenzen dieses Buches hinausführen. Wir glauben, daß das Gesagte genügt, um eine lebendige Vorstellung von demtiefen Durchdrungensein dieser Karmelitin vom Kindheitsmysterium zu erwecken. Sie hat mit dem Jesuskind gelebt, gelitten und geliebt. Sein Denken und Handeln prägte sich wunderbar in ihrer Seele ab und umgab sie mit dem Licht der Unschuld und der kindlichen Reinheit. Am Schluß des zweiten Bandes ihres Werkes hat sie ein kleines Gebet an das göttliche Kind verfaßt, das ihre innere Haltung getreu wieder spiegelt. Sie schreibt dort:

«O heiligstes Kind Jesus! Laß mich Dir voller Beschämung und Liebe zugleich meine Dankbarkeit zu Füßen legen! Du hast für mich tausendmal mehr getan als die zärtlichste Mutter für ihr kleines Kind tut! Du hast mein Gewissen herangebildet, Du hast mir die schlechten Neigungen meiner Natur gezeigt und an ihrer Stelle die heiligen Neigungen Deiner Seele gesät. Du hast mir die Notwendigkeit der Abtötung und der Abhängigkeit in allen Formen enthüllt! Du hast mich die Vergänglichkeit der Dinge dieser Welt begreifen lassen und mich in die Schönheiten der Einsamkeit hineinschauen lassen, in jene süßen Freuden des Friedens, der Einfachheit und der Armut! Ich liebe nicht nur die Reinheit des Körpers und der Sinne, sondern weit mehr jene des Herzens und des Geistes.

Dank Deiner göttlichen Unterweisungen trage ich kein anderes Verlangen als Schweigen und Gebet. Nicht um der Süßigkeit, die man dabei kostet, sondern um Dich zu ehren, zu loben und zu benedeien. Du hast mich alles gelehrt und mir gezeigt, wie ich alles heiligen kann. Indem Du mir Deine Mutter und Dich selbst geschenkt hast, wußtest Du mich mit Gaben zu überschütten und ließest mich an Deiner Seite wachsen und groß werden. Es ist wahr, ich bin Dir nicht mehr gleichaltrig. Ich schaue nur noch aus der Ferne auf die glückseligen Gärten eines mystischen Edens, wo die reine Seele mit ihrem Gott lebt, auf jenen glücklichen Stand der ursprünglichen Einfachheit und Unschuld! Aber, dank Dir, göttliches Kind, bin ich wenigstens auf dem Weg, der dorthin führt... Oh, verlasse mich nicht, Du, der gesagt hat, wenn eine Mutter ihr Kind verlassen sollte, so verlasse ich ihn niemals

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Geheimnis heiliger Kindheit

Wenn wir eine Begegnung mit Karmeliten und Karmelitinnen suchen, die durch ihre Verehrung des göttlichen Kindes in die Geschichte des französischen Karmels eingegangen sind und die, getragen vom Offensein für das Geheimnis der Kindheit des Herrn, in unsere Zeit hineinleuchten, so können wir nicht ganz an vier Gestalten vorübergehen. Es sind M. Maria Theresia von den Engeln, hl. Elisabeth von der hlst. Dreifaltigkeit, Sr. Denyse von Jesus und Sr. Maria Johanna Angela vom Kinde Jesu. Vergessen wir aber nicht, daß neben ihnen eine unübersehbare Schar «ungenannt» gebliebener Mönche und Nonnen steht, die ganz im verborgenen dem Inkarnationsgeheimnis gelebt haben und die mächtig von seinen Wirkungen erfaßt, ihre Sendung nur Gott allein ersichtlich erfüllten. Es sind alle jene, die den «kleinen Weg» eingeschlagen haben und auf ihm das Ziel erreichen konnten. Unerschöpfliches wäre von ihnen zu berichten, wenn wir das Buch ihres Lebens kennen würden. Da es uns verwehrt bleibt, können wir uns nur Vermutungen hingeben, die dem umwandelnden Reichtum der Gnade des Jesuskindes keine Grenzen zu stellen vermögen. Eines ist aber sicher: Alle diese ungenannten «heiligen» Männer und Frauen des Karmels sind als vom göttlichen Kind «Erwählte» zu begrüßen.

In den «Erinnerungen» M. Maria Theresias von den Engeln lesen wir am Weihnachtsfest
1898: «Ich will versuchen, das wiederzugeben, was unaussprechlich ist. In einer Atmosphäre des Schweigens hat mir das Jesuskind gesagt, ich würde seine Braut von Bethlehem und noch mehr von Nazareth sein. Es hat sich mir als Meister, Bräutigam und Kind gezeigt. Nichts vermag zum Ausdruck zu bringen, was dieses Kind ist: ein absoluter Meister und zur gleichen Zeit so klein und ohnmächtig. Es hat sich mit mir im Gehorsam und in der Liebe vereint, ganz einfach und in tiefem Frieden. Es kam einem Ausgießen meines Herzens gleich, das zum Kind geworden in sein Kinderherz in einfacher Union einging. Das Jesuskind ist in meiner Seele, um alles im Geiste seiner Kindheit und Einfachheit zu leiten. Ich bin seine Hostie, die für Es in Bethlehem hingeopfert wurde. Ich habe die Vollkommenheit seines Lebens in Nazareth gesehen...» Im geistigen Nazareth vollendete sie ihr irdisches Dasein in unermüdlicher Dienstbereitschaft, in Leid und Entbehrungen, und nicht selten traf ein Widerschein göttlichen Lichtes ihr Inneres, wo sich ihr in unvorstellbarer Schönheit das göttliche Kind mit Maria und Josef enthüllte.

Von einem ganz zarten Hauch sind jene Karmelitinnen umweht, die vom Jesuskind zur mystischen Vermählung gerufen wurden. «Das göttliche Kind hat meiner Seele ein unendliches Glück vorbehalten», schrieb die Elisabeth von der hlst. Dreifaltigkeit am 25. Dez. 1902.
«An diesem schönen Weihnachtsfest hat Es mir gesagt, daß Es als mein Bräutigam kommen
würde, und am Sonntag von Epiphanie (Dreikönig) wird Es mich durch das Band der Ordensgelübde zu seiner Königin erwählen.» Si ist inzwischen heiliggesprochen.

«Ich bete Jesus im Schoß der hl. Jungfrau an», gab Sr. Denyse von Jesus zur Antwort, als man sie fragte, wie sie sich auf Weihnachten vorbereite. «Ich vereinige mich mit Ihm in diesem großen Geheimnis der Menschwerdung, das Er mir erschließen wird. Wenn ich die Worte ausspreche: Et Verbum caro factum est, fühle ich, wie meine Seele ganz davon erfaßt wird.» In Erinnerung an das erste Weihnachtsfest, das sie im Karmel erlebte, rief sie aus:
«Wenn wir die Geburt Jesus feiern, dann erfüllen sich unsere Herzen mit Freude!... Wir gehen oft zur Krippe, um die Tugenden Jesu zu erlernen, vor allem seinen Gehorsam, seine Demut und seine unendliche Liebe. Ach, möge Er uns doch sein Herz schenken, um Ihn zu lieben!" Und mit den Worten:

‘Göttlicher Erlöser durch die Hände deiner Mutter, was soll ich Dir an diesen neuen Weihnachten opfern? Nimm mich um auf Erden Cyrenenäer zu sein, o mein Emmanuel...’
   begann sie sechs Jahre später ein Weihnachtsgedicht,
   in dem die Hilfsbereitschaft und Liebe ihres Herzens überströmen.

Zur gleichen Zeit etwa, kaum nach Beendigung des ersten Weltkriegs, ging Sr. Maria Johanna Angela vom Kinde Jesu im Hl. Land, auf dem Berg Karmel, ihren Kreuzweg von der Krippe nach Kalvaria. Im Noviziat fand sie ein reizendes Jesulein, zu dessen Ehre sie jeden Tag ein selbstverfaßtes Gebet sprach: «Ich grüße Dich, mein göttliches Jesukind, als das schönste aller Menschenkinder. Du bist der Urheber der göttlichen Gnade, der anbetungswürdige Sohn des ewigen Vaters und der gesegnete Sohn der unbefleckten Jungfrau. O heiliges Jesuskind! Sei Du der König meines Herzens; ich nahe mich in Ehrerbietung den Geheimnissen Deiner heiligsten Kindheit. Ich bitte Dich inständig, mir alle Gnaden und Tugenden Deiner Kindheit zuzuwenden, damit ich zur Zahl jener glücklichen Kinder gehöre, denen Du das Königreich des Himmels versprochen hast.»

Und es gereichte ihr zur größten Freude, dieses Jesuskind in ihrer Zelle aufbewahren
zu dürfen, um Es mit aller Liebe und Sorgfalt zu umgeben, gerade so, als ob Es wirklich und lebendig gegenwärtig wäre.

Wenn man daher auch nur einen flüchtigen Blick auf den französischen Karmel des 19. Jahrhunderts wirft, so hat man den Eindruck, daß wahrhaft das göttliche Kind an seine Pforte getreten ist: «Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an» (Offb. 3, 20). Der französische Karmel hatte Ihm die Tür geöffnet und Es in sein innerstes Heiligtum eingelassen. Dort nahm Es wunderbar Besitz, und von dort wirkt Es bis heute in unzähligen Seelen, umgestaltend, heiligend und beglückend.

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DIE VEREHRUNG DES KINDES JESU IN DEN NIEDERLANDEN

Im Leben und in der Erfahrung eines großen belgischen Karmeliten der Gegenwart, P. Gabriel von der hl. Maria Magdalena, wird man deutlich ein progressives Ergriffenwerden vom Inkarnationsgeheimnis und vom Gedanken der evangelischen Kindheit und des Kind-seins vor Gott feststellen können. Immer wieder klingt in seinen Schriften und Briefen als dominierende Note das gleiche Motiv auf: Das Leben des Christen bedeutet im Grunde genommen nichts anderes als das sein zu wollen, was Jesu seiner Natur nach ist: ein Kind Gottes. Hatten P. Gabriel nicht schon die Ordenskirchen seiner Heimaterde, die so echt das religiöse Empfinden des niederländischen Karmeliten wiederspiegeln, mit ihren bildlichen Darstellungen des göttlichen Kindes zu einem tiefen Durchdrungenwerden vom Geheimnis der Kindheit Jesu geholfen und ihm die Augen für das unsagbar Große dieses Mysteriums geöffnet?...

Auf Bitten der ehrw. M. Anna von Jesus waren 1610 P. Thomas von Jesus, einer der bedeutendsten Theologen des Ordens, und einige andere Patres nach Brüssel gekommen. Von dort hatte sich die Reform auffallend rasch verbreitet. Nach seiner Rückkehr nach Rom (1623) ist es nicht zuletzt dem unermüdlichen Wirken P. Gratians vom Kreuz (^ 1654) zu verdanken, daß eine Stiftung nach der anderen entstand und man bereits 1665 die belgische Provinz in eine flandro-belgische und eine gallo-belgische Provinz aufteilen mußte, deren Territorien durch die Sprachgrenze festgelegt wurden. 1761 wurde dann Brabant mit Brüssel, Antwerpen, Mecheln, Löwen und Nethen als eigene Provinz von der flandrisch-belgischen Provinz abgetrennt, während bereits 1681 aus den zur gallo-belgischen Provinz gehörenden Klöstern in Lüttich, Huy, Jemeppe sur Meuse und Visa eine eigene wallonisch-belgische Provinz gebildet worden war. Gleichzeitig mit der Ausbreitung der Unbeschuhten Karmeliten vermehrten sich auch die Klöster der Schwestern, die sich mit Vorliebe dort niederließen, wo sie einen Konvent der Patres in der Nähe wußten.

Das religiös lebendige Wirken der Karmeliten wird durch eine aufschlußreiche Ikonographie in den einzelnen Provinzen bezeugt. Wenn man die Themenzyklen der Kirchen und Oratorien verfolgt, trifft man häufig auf bildliche Darstellungen des göttlichen Kindes, sei es in Einzel- oder vorwiegend in Gruppenbildern, in denen Ihm aber stets eine Vorzugsstellung zukommt, so daß man den Eindruck gewinnt, daß das Jesuskind eine unerschöpfliche Quelle für das künstlerische Schaffen gewesen ist.

Wie ist diese Erscheinung zu erklären? Kann man von seiten des Ordens mit einer bewußten Verbreitung dieses Themas und seiner religiös-geistigen Vertiefung rechnen? Es ist schwer, auf dieses Problem eine Antwort zu geben. Chroniken und Berichte aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind zum großen Teil in der Revolutionszeit zerstört worden oder verschwunden. Die uns erhalten gebliebenen Werke wie z. B. die Vinea Carmeli oder das Speculum Carmelitanum P. Daniels von der Jungfrau Maria oder der Lust-Hof der Karmeliten von Br. Oliverius vom hl. Anastasius geben uns keinerlei Aufschluß, und auch das Werk De Stralen der zonne P. Jakobs von der Passion weiß nicht viel über niederländische Karmeliten oder Karmelitinnen zu erzählen, die sich durch eine besondere Andacht zum Jesuskind auszeichneten.

Wohl wurde bereits 1704 die Bruderschaft vom Prager Jesulein in der Karmelitenkirche
von Gent eingeführt, und man kann annehmen, daß damit auch die Andacht zum kleinen König von Prag wuchs, die durch die Verbreitung des Lebens P. Franziskus vom Kinde Jesu im gewissen Sinn vorbereitet worden war. Dieses Werk P. Quirogas war 1628 in Köln in lateinischer Übersetzung erschienen. 1647 wurde es in Paris in französischer Sprache gedruckt und gleichzeitig fand eine Übersetzung ins Deutsche statt, die um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Deutschland und Österreich weit verbreitet war, wie ein altes Andachtsbuch aus Köln bezeugt. Außerdem wurde im Auftrag und Imprimatur vom 6. Dez. 1728 des Fürstbischofs von Köln ein deutsches Offizium zu Ehren des Kindes Jesu herausgegeben. Zwar liegt dem Text ein Bild des Salzburger Jesulein zugrunde, aber das dürfte kein Hindernis gewesen sein, daß dieses Offiziumbüchlein eventuell auch im Karmel der flandrischen Provinz benutzt werden konnte, jedenfalls so weit es die Sprachgrenze ermöglichte. (In Salzburg gibt es bei den Kapuzinerinnen in der Paris-Lodron-Strasse ein kleines, sehr verehrtes Loretokindl.)

Da uns das Schrifttum keine befriedigende Antwort geben kann, wollen wir uns den «bildlichen» Zeugen der Vergangenheit zuwenden. Es ist sehr richtig festgestellt worden, daß die bildliche Kunst in den Karmelitenkirchen der Niederlande den Geist und das Ideal des Ordens wieder spiegelt, oder besser wiedergespiegelt hat, denn nicht alles, was das 17. und 18. Jahrhundert an Kunstwerken herstellte, ist erhalten geblieben, und nur ein sehr kleiner Teil davon befindet sich heute an seinem ursprünglichen Platz.

Es ist bekannt, daß bereits seit Ende des Mittelalters in den Kunstwerkstätten von Brüssel und Mecheln Statuen des Jesulein mit der Weltkugel in der einen Hand und die andere zur Segensgeste erhoben aus Holz geschnitzt wurden, die sich durch seltene Lieblichkeit auszeichneten. Als daher die Karmeliten Maler und Bildhauer mit der Anfertigung von Bildern oder Statuen des göttlichen Kindes betrauten, bedeutete dies für sie nichts anderes, als ein bewußtes Aufnehmen ihrer ureigensten Tradition, was sicher wesentlich zu der charakteristischen Konzeption der Jesuskind-Darstellungen in den Niederlanden beitrug. Es waren zumeist Gruppendarstellungen der Hl. Familie und der Kindheitsgeheimnisse. Aber auch Bilder oder Holz- und Kupferstiche entstanden, die einen Heiligen des Karmels vor Maria mit dem Jesuskind kniend abbildeten, und gerade diese Darstellungen bewiesen, daß für den Maler das Jesuskind die Hauptperson war. So wird z. B. auf einem Bild Diepenbeekes die hl. Maria Magdalena de Pazzi in dem Augenblick gezeigt, wo sie von Maria das Jesuskind empfängt und dieses zärtlich in ihre Arme schließt. Darunter stehen folgende Worte in lateinischer, französischer und holländischer Sprache: Jesulum, in forma qua natus est, a Beatissima Virgine Maria recipit, et alloquitur.

Hieronymus Wierix zeigt uns eine Christus- und Muttergotteserscheinung des hl. Johannes vom Kreuz, die er durch eine, in keinem geschichtlichen Dokument bestätigten Einzelheit bereichert. Er zeigt nämlich das Jesuskind, das sich aus den Armen seiner heiligsten Mutter zu lösen scheint, um zu den Heiligen herabzusteigen. Dabei legt es liebevoll sein Händchen auf das Haupt des knienden Johannes und senkt seine halbgeschlossenen Augen in unendlicher Zärtlichkeit in die zu Ihm hinaufschauenden Augen des Karmelreformatoren. Eine derartige künstlerische Konzeption ist nur denkbar, wenn man annimmt, daß Wierix eine Kenntnis von der innigen Liebe des Heiligen zum göttlichen Kind besaß. Und wo anders, als bei den Karmeliten selbst, hätte er sich diese erwerben können?

Altarblätter mit Darstellungen des Jesuskindes gab es in fast allen Karmelitenkirchen des
17. und 18. Jahrhunderts. Wir brauchen nur an die Hl. Familie zu denken, die Abraham Janssens für da Patres in Brüssel anfertigte oder an die Werke der Maler Lukas Franchois, Van der Mandel und der Schüler Poussins für Mecheln, Gent und Mons. Nicht weniger charakteristisch sind die Geheimnisse der Kindheit Jesu, die Quellin der Jüngere für die Unbeschuhten Karmeliten von Antwerpen malte. Es handelt sich um die Anbetung der Engel, eine Anbetung der HI. Drei Könige, die Beschneidung des Herrn und die Flucht nach Ägypten. Noch heute kann man in der alten Kirche des hl. Andreas ein Bild des Malers Van Oost des Jüngeren" sehen, das die Karmeliten von Lille bestellten, wo das Jesuskind inmitten Marias und Josefs so dargestellt wird, daß das Blickfeld von dem kleinen Erlöser der Welt beherrscht zu sein scheint. Das Gleiche wiederholt sich auf einem alten Gemälde in Gent, «Le Maitre de la Religion carmelitaine» genannt, wo man eine Reihe von Karmeliten in weißen Mänteln sieht, die dem von Maria an der Hand geführten Jesusknaben folgen". Obwohl der kleine Jesus nicht im Zentrum des Bildes steht, so konzentriert sich dennoch die Szene um seine lichterfüllte Gestalt, die den inhaltlichen Mittelpunkt bildet. Ohne Zweifel ist es die Absicht des Künstlers gewesen, das göttliche Kind in seiner Kleinheit und Demut als den Meister des innerlichen Lebens des Karmeliten darzustellen. Ihm, diesem hl. Kind, folgen die «Söhne der Jungfrau». Vor Ihm neigten sie sich und bringen Ihm das Gebäude ihrer Kirche und ihres Klosters dar. Nur aus einer ganz tiefen, gläubigen Verehrung und Liebe zur Kindheit Jesu konnte ein solches Gemälde entstehen. Sollte es lediglich der Phantasie des Künstlers entsprungen sein? Wir glauben eher, daß seine Komposition der genauen Angabe eines Karmeliten zu verdanken ist, dessen Name uns die Geschichte verschweigt.

Nicht uninteressant ist es, daß auch in holzgeschnitzten Medaillons, wie an der Kommunionbank der Pfarrkirche von Aartselaar, die höchstwahrscheinlich aus der Karmelitenkirche von Antwerpen stammt, oder an den hölzernen Wandbekleidungen (Lambren) der Genter Kirche Christus als Kind wiedergegeben wird", was sicher ein Hinweis auf die dort bestehende Verehrung der Kindheit Jesu ist.

Aber nicht nur in Einzelbildern spiegelte sich das Geheimnis der Kindheit Jesu wieder. Eine ikonographische Analyse der Karmelitenkirchen in den Niederlanden hat zu dem Ergebnis geführt, daß dort in der Reihe ihres ikonographischen Programms durchaus nicht das Thema der Kindheit des Herrn fehlte, wie es in Brügge und in Lüttich der Fall gewesen ist". In der alten Kirche der Unbeschuhten Karmeliten zu Brügge konnte man, abgesehen vom Hauptaltarblatt, das zum Zeichen der Dankbarkeit während der Pest gestiftet wurde, also einem äußeren Anlaß zufolge in die Kirche gelangte, einen vollständigen Zyklus der Geheimnisse der Kindheit Jesu finden: Geburt, Anbetung der Engel, Anbetung der HI. Drei Könige, Beschneidung, Darbringung im Tempel, Flucht nach Ägypten, die Hl. Familie und den hl. Josef, der das auf einer Erdkugel stehende Jesuskind trug".

Die Karmeliten von Lüttich baten den Maler Walther Damery, für ihre Kirche einen vierbildrigen Zyklus zu malen, der ebenfalls die Kindheitsgeheimnisse zum Thema hatte: Geburt, Anbetung der HI. Drei Könige, Flucht nach Ägypten und der zwölfjährige Jesus im Tempel. Diese Gemälde, die heute in der Pfarrkirche des hl. Bartholomäus hängen, bildeten mit der HI. Familie des monumentalen Hochaltars ein harmonisches Ganzes.

Aus all diesem ergibt sich, daß die Karmeliten des 17. und 18. Jahrhunderts in den Niederlanden Wert darauf legten, daß neben elianischen und marianischen Zyklen auch das Thema der Kindheit Jesu in ihren Kirchen vertreten war. Und man darf wohl annehmen, daß sie es als zur typisch karmelitischen Spiritualität gehörend betrachteten und als solches verbreiten wollten.

Neben dem Kunstwerk fehlte nicht die schlichte Jesuleinstatue. Wohl ist es wahr, daß gerade in den Niederlanden das Prager Jesulein als das Jesuskind des Karmels verehrt wurde und dort seit Anfang des 18. Jahrhunderts Prager-Jesulein-Bruderschaften bestanden. Doch daneben gab es auch die eigene Jesuleinstatue, die aus dem Meißel des niederländischen Bildhauers geformt worden war.

Wie uns bereits bekannt ist, hatte Anna vom hl. Bartholomäus bald nach ihrer Gründung
in Antwerpen einen dortigen Bildschnitzer beauftragt, für ihr Heimatkloster, St. Josef in Avila, eine Hl. Familie herzustellen. Während Maria und Josef auch tatsächlich die Reise in das ferne Spanien antraten und glücklich ans Ziel gelangten - (noch heute zeigt man die Statue des hl. Josef im gleichgenannten Karmelitinnenkloster zu Avila), blieb das Jesulein auf Bitten einer kleinen Laienschwester im Kapitelsaal von Antwerpen, wo es seit 400 Jahren nicht aufgehört hat, zu tanzen und zu lächeln. Im Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen zu Brüssel thront noch heute dasselbe Jesulein, das Anna von Jesus aus Spanien mitgebracht hatte. Bald wurden von Ihm Kopien in freier Nachbildung hergestellt. Die am besten erhaltene dürfte wohl das Jesuskind vom Karmel in Löwen sein. Es handelt sich um eine Statue aus bemaltem Holz, 22,5 cm hoch, die auf einem 7 cm hohen Sockel steht. Der Typus ist derselbe des kleinen Königs von Brüssel. Wahrscheinlich stammt die Statue aus dem 17. Jahrhundert, oder spätestens aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Sie wurde bei der Stiftung aus Kortrijk mitgebracht, wo noch heute zwei kleinere «Brüderlein» desselben Jesuskindes vorhanden sind, über deren Ursprung man aber nichts sicheres weiß, da die Karmelchronik in der Revolutionszeit verloren ging. Die Überlieferung will jedoch, daß die erste dieser Statuen bereits vor 350 Jahren von Doornik, von wo aus der Karmel in Kortrijk gestiftet worden war, mitgebracht wurde.

Die Geschichte des Löwener Jesulein ist an eine reizende Begebenheit gebunden. Als die unter Joseph II. vertriebenen Karmelitinnen 1840 nach Löwen zurückkehrten, wollten sie sich auf ihrer Reise den Segen des Kardinal-Erzbischofs von Mecheln erbitten. Als dieser die Nonnen fragte, ob sie wohl einen Stifter hätten, der für sie bürgen würde, mußten sie sich eingestehen, daß sie niemand hatten. Doch einer plötzlichen Eingebung folgend legte die Mutter Priorin ihre Hand auf die Statue des Jesulein, die sich im Reisegepäck befand, und gab mit ruhiger Sicherheit zur Antwort: «Eminenz, wir haben einen sehr guten Stifter». Und seine Eminenz zeigte sich damit vollauf befriedigt. Seither hat man im Karmel das Jesulein «Notre Petit Fondateur» genannt, und bei vielen Gelegenheiten konnten die Schwestern seinen besonderen Schutz spüren.

Im Karmel Doornik (Tournai-Kain) befindet sich eine Jesuleinstatue, die der Sorge des Noviziats anvertraut ist. Vor der Revolution wurde sie in großen Ehren gehalten. Hie und da liehen sie die Nonnen zu Profeßfeierlichkeiten einem großen Internat der Stadt, wie die Annalen erzählen. So führte der kleine König des Karmels den Vorsitz bei der Selbsthingabe vieler geistlicher Schwestern. Aus den gleichen Annalen geht hervor, daß gerade in Doornik seit Jahrhunderten eine lebendige Jesuleinverehrung herrschte. Wohl wird dort vorwiegend von der Andacht zum Prager Jesulein gesprochen. Aber es kommt auch die Rede auf ein Jesuskind, das zusammen mit einem Korb von frischen Äpfeln aus dem Klostergarten der Königin Maria Theresia geschenkt wurde, die sich damals, zur Zeit des Krieges unter Ludwig XIV., in Doornik aufhielt. War es ein Prager Jesulein oder eine andere Jesuleinstatue? Die Chroniken wissen es nicht zu sagen, und die Geschichte hat diesen unbedeutenden Zwischenfall vergessen. Eines ist aber sicher, daß in Doornik stets eine heilige Liebe zum Jesuskind bestanden hat. Eine Priorin ließ in allen «Ämtern» des Klosters kleine Jesuleinstatuen aufstellen und zu Weihnachten Wachsjesulein für alle anfertigen.

Von den übrigen Karmelitinnenklöstern sind uns keine Einzelheiten überliefert. Doch dürfen
wir annehmen, daß es in ihnen nicht an einer innigen Liebe zum Jesuskind gefehlt hat. Noch weniger wissen wir über Karmeliten oder Karmelitinnen. Von der letzten Novizin der ehrw. Anna vom hl. Bartholomäus und mystisch begnadigten M. Maria Margarete von den Engeln wird zwar berichtet, daß sie als junge Schwester während ihres Noviziatsjahrs ein Kleidchen für das Antwerpner Jesulein stickte. Aber aus ihrem späteren Leben werden uns keine Episoden überliefert, die auf eine besondere Verehrung des göttlichen Kindes schließen lassen. Erst am Anfang des 19. Jahrhunderts begegnen wir in Gent einem Karmeliten, der von Gott zu einem Apostel des Prager Jesulein vorbestimmt worden war: P. Amatus von der hl. Familie.

Am 30. Mai 1704 war in der Kirche der Unbeschuhten Karmeliten in Gent die Bruderschaft vom Prager Jesulein eingeführt worden. Trotz rationalistischer Kritik und politischer Stürme hatte sich dort immer die Verehrung des göttlichen Kindes durchsetzen können. Zwar verlangte die Revolution 1796 die Aufhebung des Klosters. Doch schon 1802 kehrten die Patres zurück." Man darf sicher annehmen, daß P. Amatus im Genter Karmel eine besondere innere Beziehung zum Kindheitsmysterium gefunden hat. Die Chronik berichtet, daß er sowie seine Nachfolger kleine Bildchen des Jesulein verschenkten und wohl auch für seine Verehrung sorgten, denn allenthalben sprach man von Gnaden, die durch die Fürsprache des Prager Jesulein gewährt wurden.

Eines dieser Bilder sollte ausschlaggebend für die Gründung des Karmels in Brüssel werden. In der Chronik lesen wir, daß den Patres «der Gedanke kam, das liebe Jesuskind für die Gründung als Vermittler zu benützen. Es wurde also unser Bildchen an das ehrw. Provinzkapitel geschickt, das im Mai 1855 unter dem Vorsitz Seiner Exzellenz des apostolischen Nuntius Msgr. Genella, dem damaligen Oberen der Unbeschuhten Karmeliten in Belgien, in Gent versammelt war. Unser ehrw. General seligen Andenkens, P. Natalis von der hl. Anna, der in jener Zeit in unserem Land weilte, war auch beim Kapitel.

Das Jesuskind veranlaßte die Versammlung, sich mit der Gründung eines Klosters in Brüssel, wo es so viel Gutes zu tun gab, zu befassen. Ich habe durch unseren guten Pater Natalis erfahren, daß diese naive Kundgebung bestens aufgenommen sei. Die Bittschrift wurde laut vorgelesen und die Angelegenheit in Erwägung gezogen. Welch ein Erfolg auch immer durch sie erzielt worden sein mag, so bleibt doch bemerkenswert, daß kurze Zeit nachher ein Herr aus Gent sich in Brüssel niederließ und daß es... gerade diesem gelang, einen passenden (Bauplatz) zu finden. Er tat auch alle nötigen Schritte zu einem vorteilhaften Ankauf. Darf man da nicht sagen, daß der kleine göttliche Heiland selbst den Ort gewählt hatte, von dem Er wußte, daß dort seine erste Kirche erbaut wurde?»

Tatsächlich erlebte gegen Ende des 19. Jahrhunderts der PragerJesulein-Kult in Belgien einen ungeheuren Aufschwung. In Brüssel fand das göttliche Kind eine eigene Kapelle mit einem schönen Altar, auf dem die hl. Messe gefeiert werden konnte. Die Karmelitinnen in Audenaerde zeichneten sich als erste für seine öffentliche Verehrung aus. Drei Jahre später, 1889, wurde der neugegründete Karmel in Luxemburg dem «wunderbaren, heiligen Jesuskind von Prag» geweiht. Gleichzeitig sorgten allerhand Publikationen für die Verbreitung und Förderung seiner Verehrung.

Es würde uns in unserem Zusammenhang zu weit vom Thema wegführen, wenn wir die
weitere Geschichte des Prager Jesulein in den Niederlanden verfolgen würden, bis zu seinem letzten Heiligtum im Karmel von Beek. Wir möchten nur darauf hinweisen, daß in einigen holländischen Karmelklöstern auch die Verehrung des Jesulein von Beaune bekannt war. Alles dies beweist uns, daß der Karmel in den «nordischen» Ländern Europas nicht weniger für den Kindheitsgedanken und die Verehrung des Menschgewordenen in Kindesgestalt aufgeschlossen war, als die Brüder und Schwestern in den südlichen oder mitteleuropäischen Ländern.

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BETHLEHEM UND DER GEIST DES KARMELS

Wer sich auch nur ein wenig mit der Geschichte der Orden der hl. Kirche beschäftigt hat, dem ist es sicher nicht entgangen, daß einem jeden Orden eine eigentümliche geistliche Färbung anhaftet, die überall dort sichtbar wird, wo seine Mitglieder längere Zeit gewirkt haben. Auch im Karmeliterorden läßt sich etwas aufzeigen, das ihn von anderen religiösen Gemeinschaften abhebt und ihm sein eigenes Gepräge verleiht. Dieses Unterschiedliche ist der Geist von Bethlehem. An diesem Geist erkennt man unter Tausenden von Ordenspersonen den Karmeliten, den «Bruder der allerseligsten Jungfrau vom Berg Karmel» und den treuen Verehrer ihres göttlichen Kindes.

Schon rein äußerlich gesehen versucht der Karmel ein wahres Bethlehem zu sein. Alles soll einfach und arm aussehen. «Dem neugeborenen Gotteskind ist ja die Vielheit irdischen luxuriösen Lebens gänzlich fremd», schreibt P. Paulinus a S. Ther. in den Analecta der bayr. Provinz (1953). «Primitiv könnte man diesen Anfang und Beginn der Erlösung nennen. Es war alles so einfach und unauffällig abgelaufen, daß es der lauten Welt unbekannt blieb. Die einfachen Personen im Stall, die das göttliche Kind umgeben, die schlichten Hirten, die zur Anbetung kamen, runden noch das Bild der Einfachheit beim Wunder von Bethlehem ab, das in seiner letzten Auswirkung wie die vielfachen Strahlen der Sonne sich in Gnade und Segen allerwärts über die ganze Erde ergoß.»

Diese Einfachheit kommt im Leben des Karmeliten zum Ausdruck. Seine kleine Zelle birgt nur drei bis vier Möbelstücke aus weichen Brettern, die ganz einfach zusammengefügt sind und niemals gestrichen werden. Ein glänzendes, gut poliertes Möbelstück würde durchaus nicht in eine Karmelzelle passen, wo alles vom Geist der Armut getragen ist! Bei der Geburt des Herrn in Bethlehem fehlte es nicht nur an Luxus, sondern «es war dort bittere, entbehrende Armut», fährt P. Paulinus fort. «Es fehlten selbst die Dinge, die zum menschenwürdigen Leben gehören. Und doch: welche Fülle großen, herrlichen Reichtums, der mit der Geburt des Gotteskindes über die Erde ausgeschüttet wurde!»

Der Karmelit fühlt diesen Reichtum, wenn er sich in seiner kleinen Zelle der Betrachtung
des Gesetzes des Herrn hingibt. Aber er spürt auch die Armut. Nichts schützt ihn vor Kälte und Hitze, und sein oft von harter Arbeit ermüdeter Körper kennt nur sehr wenige Stunden Ruhe auf einem Strohsack, der ihn an das Stroh in der Krippe von Bethlehem erinnert, das dem neugeborenen Kind als erstes Lager diente. An der Zellenwand hängt gewissermaßen als Symbol der Armut und des Entsagens ein großes schwarzes Kreuz ohne das Bild des Gekreuzigten, das sich scharf von der weißgetünchten Mauer und dem übrigen Kolorit der Zelle abhebt. «Dieses Kreuz hat seine geheimnisvolle Bestimmung», lesen wir im «Skapulier» zu Weihnachten 1932. «Der Geist von Bethlehem - so kündet es - muß in Nazareth, im trauten Verkehr mit dem Heiland und seiner jungfräulichen Mutter, sich zum Geist von Golgatha auswachsen. Dort wird dann nicht mehr der Heiland gekreuzigt, sondern der Karmelit selber nagelt sich geistigerweise ans Kreuz. Darum ist der Platz darauf noch leer. Wie traut und wohnlich macht Bethlehem solch eine Klosterzelle! Nur wer Bethlehem nicht mehr versteht, erschrickt vor ihrer Nüchternheit und Armut!»

Und wie verwirklicht man im Karmel den Geist von Bethlehem? Indem man sich den einfachen, schlichten, demütigen, aber gottfrohen Sinn zu eigen macht, der von der kleinen hl. Theresia vom Kinde Jesu ausstrahlt. «Bei ihr können alle Ruhelosen und Gehetzten, alle Nervösen und Überarbeiteten Genesung finden, um dann in Ruhe an der Selbstheiligung zu arbeiten», betont ein Karmelitenpater (Skapulier, 1933). «Alles Fadsüße, alles Verzuckerte war dem Karmel jederzeit fremd und deshalb auch fremd sowohl der großen wie der kleinen hl. Theresia und einem hl. Johannes vom Kreuz, weil ganz und gar unvereinbar mit dem Geiste von Bethlehem. Dort wurde Opfersinn und Selbstverleugnung von allerhöchster Stelle gutgeheißen. Noch mehr: als Heilsbedingung aufgestellt. Da versagt alle Gefühlsduselei und muffige Frömmigkeit... Alle jene, die gewohnt sind, sich ihre Kost aus der Konditorei zu holen, müssen entweder umlernen, oder sie werden nie in den Geist des Karmels, der Bethlehems Geist ist, eindringen. Der göttliche Heiland selbst weiß auch mit solchen Seelen nichts anzufangen. Wie werden sie Ihm das Kreuz nachtragen?»

«Wie ist nun die Liebe, die Bethlehem uns lehrt, die unsere hl. Mutter Theresia von uns verlangt, geartet?» «Sie ist jene reine, unbefangene Liebe, wie sie nur aus ganz gesunden Seelen, aus bedingungslos edlem Gemüt kommt. Jene Liebe, die nichts sucht und nichts begehrt, als nützen zu können. Jene Liebe, die da mit froher Zuversicht sich hinschenkt, wo sie mit Anerkennung und Verständnis nicht rechnen darf. Diese Liebe ist jenes aufrichtige Wohlwollen, das nur aus vollständig gutem Herzen hervorquillt, aus einem Herzen, das nicht schmerzlich zusammenzuckt, das sich nicht krampfhaft schließt, weil aus den Niederungen menschlichen Innenlebens rohe Gemeinheit ihr Haupt erhoben hat. Jene Liebe zeigt uns das göttliche Kind von Bethlehem. Jene Liebe fordert Theresia von uns, die das Gute im Menschen freudig bejaht, jede Spur guten Willens anerkennt und jedes noch so schwache
Flämmchen Eifer zu mächtigem Brande anzufachen sucht.»

Der Karmel lebt in dieser Liebe, die ihm etwas ganz Natürliches geworden ist, da er sie im Umgang mit dem göttlichen Kind in Bethlehem erlernt hat. Sie erfüllt ihn Tag und Nacht, begleitet ihn auf allen seinen Wegen und leuchtet aus einem jeden seiner Worte, die in die Welt dringen. Besonders aber zur Weihnachtszeit, wenn in seinem Herzen das Verlangen stärker brennt, sich mit allen seinen Fähigkeiten in das «geistige Bethlehem» zu versenken, will er sein inneres Empfinden auch äußerlich durch eigene Zeremonien kundtun. So entstand im Lauf der Jahrhunderte ein reiches Brauchtum, in dem karmelitische Liebe zum Jesuskind, oft kindlich und naiv, ein freudiges Echo gefunden hat. Doch darf man dabei nicht vergessen:
«Daß dieses fromme Tun allein von dem gefühlsmäßigen Überschwang, den solch heilige Festtage mit sich bringen, getragen ist, kann man bei der tiefen religiösen Grundhaltung der Männer und Frauen unseres Ordens nicht annehmen», bemerkt P. Paulinus in den bereits erwähnten Analecta (1952).

«Es muß vielmehr bei diesen Andachts- und Gebetsformen auch an einen inneren Zusammenhang vom Geist unseres Ordens mit dieser frommen Eigenart gedacht werden. Die Innigkeit und Beschaulichkeit des Jugendlebens Jesu in der Idylle des Hauses Nazareth oder schon gleich in der Krippe von Bethlehem, müssen doch wohl auch das in harter Gebetsübung gereifte Herz des wahren Karmeliten und der Karmelitin rühren und die Affekte reichlicher und wärmer werden lassen. Nach manch trockener Gebetsperiode, einer leeren, öden Sandwüste gleich, wird die geistige Beschäftigung mit dem Jesukind oder dem Jugendleben Jesu wie eine liebliche, friedliche Oase mit erfrischendem Wasser empfunden werden.»

«Das Haus Nazareth in seiner Stille, seiner Einsamkeit, seiner Arbeit, seiner Gottinnigkeit und Beschaulichkeit, mit dem steten Mittelpunkt des göttlichen Kindes kann doch wohl ein wirkliches Vorbild echt karmelitischen Lebens in seiner beschaulich-tätigen Weise geben und muß schon deshalb in seinem Mittelpunkt, dem Jesuskind, jedem wahren Karmeliten verehrungswürdig bleiben.»

«Und kommt der Karmelit mit der Verehrung des Jesuskindes nicht auch seiner Herrin und Patronin Maria besonders nahe? Im göttlichen Kind und seinen Schicksalen umweht ihn geradezu fühlbar und spürbar die Liebe und Fürsorge der himmlischen Mutter, und ihre weiche Mütterlichkeit gibt jeder Jesuskindverehrung eine eigene liebliche Note. Wer die Mutter liebt und verehrt, kann an ihrem göttlichen Kind nicht vorübergehen.»

Seit dem ersten Atemzug seines Bestehens hat der Karmel die Muttergottes verehrt. So wie er Elias, den großen Einsamen und glühenden Gottesstreiter, der sich für die Ehre des Allerhöchsten verzehrte, als seinen Vater bezeichnet, so weiß er, daß Maria seine wahre Mutter ist, die ihm das göttliche Kind geschenkt hat. Von Maria führt ihn der Gedanke zum hl. Josef, den stillen Anbeter im Stall von Bethlehem. Gerade die schlichte, rührende Einfalt, mit der sich der keusche Bräutigam der seligsten Jungfrau Gottes Führung in widerspruchsloser Bereitschaft zur Verfügung gestellt hat, ist dem Karmel ein Vorbild für seinen Geist der Einfachheit und Bescheidenheit.

So lebt er in inniger Beziehung zur Heiligen Familie. Aber in ihrer Mitte steht immer das göttliche Kindlein, das ihn unentwegt ans Kleinwerden, an die Demut und den Gehorsam ermahnt. Aus dieser inneren Haltung des Karmels ist es zu verstehen, daß die Andacht zum menschgewordenen Gott in Kindesgestalt ein Wesenselement seiner Spiritualität werden mußte. Ohne eine solche betonte Verehrung des Jesuskindes, würde dem Karmel ein Stück seines Herzens fehlen, und seine Botschaft hätte sich wohl kaum die Welt erobert, wenn sie nicht im letzten aus dieser schlichten Liebe zum menschgewordenen Gott erblüht wäre.

Mit seiner Aufforderung zur Andacht zum Jesuskind will der Karmel etwas von der Freude, von dem überströmenden und beseligendem Glück mitteilen, das jene kosten, die sein Kleid in irgendeiner Weise tragen. Das hl. Kindlein ist ihr unversiegbarer Born, aus dem erquickende Labung fließt, und seine göttliche Liebe ist die Quelle, die sich in ihre durstenden Herzen verströmen will. Sie kann aber nur dann als wirkliche Freude Gottes in das Innerste dringen, wenn sie im Leben des einzelnen zur Wahrheit wird. «Wenn ihr das wißt, dann seid ihr selig» (Joh. 13,17), darum «geht den Weg, den ich euch weise, dann geht's euch gut» (Jer. 7,23).

Der Karmel fordert daher zu einer engen Lebensverbundenheit mit dem menschgewordenen Gott auf. Aber er verbirgt es niemanden, daß das göttliche Kind nicht nur schenkt, sondern auch ein Joch aufbürdet. Zwar ist dieses Joch «süß» für den, der es mit Liebe trägt. Aber es bleibt doch immer ein Joch, das auf den Schultern liegt.

Die Andacht zum göttlichen Kind will nun ein Mittel sein, um in diesem Joch, das die Pflichten des Christen versinnbildlicht, einen Weg zur Freude zu entdecken. Wenn man wirklich das Jesulein aus ganzer Seele liebt, dann wird man auch bereit sein, alles Schwere anzunehmen, das Gott schickt. Man wird sogar das Leid erwählen und nicht zuletzt die Kraft finden, um die Konflikte der Gegenwart im demütigen Glauben zu überwinden. Ja, gerade das Gegensätzliche des Lebens wird dazu dienen, um die innere Vertrautheit mit Christus zu festigen und um das Herz zu öffnen, damit das göttliche Kind sich immer erfüllender und «Wohltaten spendend» mitteilen kann. Dann wird der schmale Weg des Gesetzes Christi weit werden (Augustinus), weil durch die Gemeinschaft mit dem menschgewordenen Gott sich die beglückende Gewißheit des christlichen Bewußtseins vertieft, zur Wohnstätte des dreifaltigen Gottes erwählt worden zu sein, wohl wissend, daß es von der Treue im Kleinen abhängt, daß Gott immer mehr von der Seele Besitz ergreift.

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Der kleine Rosenkranz zum Jesuskind

Der Rosenkranz besteht aus 15 Perlen, drei am Anfang und dann zwölf.
Man betet dreimal: Und das Wort ist Fleisch geworden und je ein Vaterunser.

          Einmal: Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Zwölfmal: Ave Maria - Gegrüßt seist Du, Maria,
Einmal: Ehre sei dem Vater.

Die drei Vater Unser sind zu Ehren der drei Personen der Hl. Familie.
Die zwölf Ave Maria sollen an die zwölf Jahre der Kindheit Jesu erinnern.

Die sel. Karmelitin Margarete vom Allerheiligsten Sakrament empfahl bei den zwölf Ave
Maria folgende Geheimnisse der Kindheit Jesu zu betrachten:

              Die Menschwerdung
              Die neun Monate im Schoß der hl. Mutter
              Die Geburt Christi
              Die Anbetung der Engel und Hirten
              Beschneidung des Herrn
              Die Anbetung der Könige
              Die Darstellung im Tempel
              Die Flucht nach Ägypten
              Seine Rückkehr aus Ägypten
              Das verborgene Leben in Nazareth
              Die Wallfahrten mit Maria und Josef
              Sein Aufenthalt im Tempel mitten unter den Schriftgelehrten.

 

Ein altes Lied

O Du liebes Jesuskind, laß Dich vielmals grüßen! Alle Kinder, die hier sind, fallen Dir zu Füßen. All um Deine Liebe bitten, die so viel für uns gelitten. I:Schenk uns Deine Liebe!:I O Du süßes Jesuskind, in der Kripp im Stalle wehte gar so kalt der Wind, littst Du für uns alle. Aber jetzt sollst warm Du liegen, jetzt soll unser Herz Dich wiegen, I: komm in unsere Herzen! :I

Liebes Jesuskind, wie früh, in wie jungen Jahren hast Du schon so manche Mühe, manches
Kreuz erfahren. Kommt’s für uns in spätern Tagen, o so lehre uns es tragen I: treu Dir nachzufolgen. :I

So viel Himmelssegen hast Du gebracht der Erde; O daß unser Herz erfaßt Von dem Heile werde, Daß auch wir im frommen Lieben Unser Leben lang uns üben I: und Dich nie betrüben. :I

Öffne Deine Segenshand Auch für jene Kleinen Die im fernen Heidenland So verlassen weinen. Segen die Gebet’ und Spenden, Die wir gläubig ihnen senden; I: Laß Dein Heil sie finden. :I

O Du süßes Jesuskind, höre unser Flehen! Laß die Kinder, die hier sind, in den Himmel gehen, daß sie mit den Engeln droben Dich und Deine Mutter loben, I: Jesus und Maria!:I

 

 

König der Gnade
Jesuskind von Beaune

 

Das Jesuskind
der hl. Theresia von Avila

 

Das Münchner Augustiner Kindl in der Bürgersaalkirche
(hinter dem Grab des sel. P. Rupert Mayer)

 

 

 

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