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Paul Badde fragt mit Recht und fast verzweifelt, warum das Wunder von Guadelupe noch nicht in das Bewusstein der Europäer gedrungen ist.
 

   
   




 

  

Denkbare Ursachen sind:
Der moderne Europäer, ob gläubig oder nicht, macht seine Bereitschaft, etwas außerhalb des üblicherweise sinnlich Erfahrbaren für wahr zu halten, von schwer erfüllbaren Bedingungen abhängig.

Die Ereignisse müssen möglichst gegenwärtig stattfinden. Sie sollten auch bereits die Hürde einer interessierten Öffentlichkeit genommen haben, also durch wohlwollende Schlagzeilen eines Massenmediums geadelt worden sein.
Idealerweise hat bereits eine gewisse Prüfung auf Authentizität stattgefunden. Sendungen wie "Galieleo Mystery" bedienen zur Zeit dahingehende Bedürfnisse.

Überlieferte Wunder mit christlichem Hintergrund, die, anders als Guadelupe, nicht gegenständlich in die Gegenwart fortwirken, haben es da besonders schwer, freilich zu Unrecht;

Achtbare Disziplinen wie die Geschichts- und Rechtswissenschaften akzeptieren seit jeher Personenaussagen als Beweis für Geschehensabläufe, wenn es weder Gegenbeweisen noch Glaubwürdigkeitsdefizite gibt.
So gesehen ist etwa das leere Grab Jesu, worauf auch Papst Benedikt XVI. Ostern 2009 hinwies, geschichtliche Realität, nicht etwa Mythos.

In einer Berichterstattung wären also etwa Faktizität leugnende Worte wie "soll" oder "angeblich" nicht korrekt.
Gleiches gilt für die Erscheinungen des verklärten Jesus. Es gab zu viele unverdächtige Zeugen, und es gibt bis heute keine Anhaltspunkte für Wahrnehmunsstörungen, die einer Prüfung auf medizinische oder statistische Wahrscheinlichkeit standhielten. Die oft bemühten Halluziationen sind nicht ansteckend, um ein Beispiel zu nennen.
Die Glaubwürdigkeitsanforderungen steigen verständlicherweise, sobald das Bezeugte anerkannten naturwissenschaftlichen Gesetzen wiederspricht.
Der "Glaube" nimmt hier gegenüber dem Wissen überdurchschnittlich an Bedeutung für Überzeugungsbildung zu, je mehr Zeit seit dem Ereignis verstrichen ist.
Wir sind eben nicht in der Situation der Jünger.
Doch sind "Leichtgläubige" auch hier nicht ganz allein gelassen. Denn nun kommen diejenigen Wunder ins Spiel, die um mit Badde zu sprechen, in die Gegenwart "fortdauern".
Sie sind aktuell gegenständlich erfassbar, jeder Mensch kann sie in Augenschein nehmen und die wissenschaftlichen Expertisen studieren.
Dazu gehören etwa "Guadelupe" und das Hostienwunder in Lanciano.

Doch der moderne europäische Mensch - spätestens hier versteht man Baddes Kummer - zweifelt noch unbelehrbarer als seinerzeit der ungläubige Thomas und verschließt sich der Information.
Er möchte das zugängliche Beweismaterial nicht einmal prüfen. Warum nicht?

Die Ungeheuerlichkeit der offenbarten Botschaft kann innere Widerstände erzeugen: Wer nicht an das von Jesus Christus Offenbarte glauben möchte, wird konsequenterweise bestätigende Wunder leugnen müssen.
Wer glaubt, aber Furcht hat, seine Sinne dem ungewohnt Mystischen auszusetzen, wird sich ähnlich verhalten.

Wer hingegen Agnostiker ist und sich jedenfalls darin sicher ist, Übersinnliches prinzipiell zu verneinen, macht es sich in scheinrationalen Erklärungen des Wunderlichen bequem.
Er muss sich allerdings vorhalten lassen, zu Widerlegungen Zuflucht zu nehmen, die ihrerseits Unvereinbarkeiten mit Naturgesetzen und statistischen Erfahrungssätzen implizieren.

Der gläubige Zweifler kann sich nicht auf der begründeten Skepsis der Kirche gegenüber Privatoffenbarungen ausruhen, wenn es um die äußeren Umstände des Wunders geht.

Frei steht es zwar jedem, an den Inhalt des Offenbarten zu glauben (KKK 1993, 5. 64.). Ist aber das äußere Geschehen, also das eigentliche Wunder, als solches bewiesen, ja wirkt es sogar fort wie der Fotoabdruck auf dem Mantel von Juan Diego aus dem Jahre 1531 oder das seit dem 8. Jahrhundert nicht verweste Fleisch der Lanciano-Hostie, obliegt dem Zweifler die Darlegungslast für eine naturgesetzkonforme Erklärung - nicht umgekehrt.

Die Naturgesetze sind Schöpfung und geben uns ein existentiell wichtiges Ordnungsgefühl.
Sie banden aber weder Gottes Sohn damals, und sie binden, wie es Kardinal Ratzinger 2000 im Interview mit Peter Seewald mit einem Schuss seines feinen Humors ausdrückte ("Gott und die Welt", Neuausgabe 200r, S. 67), Gott auch heute nicht.
Ob man hier dramatisch von einem "Durchbrechen" der Naturgesetze sprechen sollte oder diese, systemimmanenter, als von vornherein nur als mit einer Art "Wunder-Vorbehalt" gültig betrachte (vgl. Ratzinger a.a.O.), ist wieder jedem selbst überlassen.

Die Offenkundigkeit naturgesetzlich nicht erklärbarer Geschehen im Verlauf der Jahrhunderte muss Folgen für das Auftreten der Kirche in der modernen Gesellschaft haben. Dabei geht es natürlich nicht um Entschlüsselungsversuche oder gar Modifikationen der kanonisierten Offenbarung. Es geht schlicht um mehr Ernst und gegebenenfalls
Ehrfurcht gegenüber einer für jeden Menschen sinnlich erfahrbaren Realität, die den aktuellen wissenschaftlichen Gesetzmässigkeiten trotzt.
Denn auch nicht-innovatives Geoffenbartes verdient Aufmerksamkeit.
Es geht um mehr Bereitschaft, das Wunder als wichtige, vermittelnde Komponente in der Dichtomie "Glaube und Vernunft" zu sehen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kirchliche Würdenträger dürfen diese Ereignisse folglich ohne Scham erklären, sie sollen sie sogar offensiv und möglichst mit Hinweisen auf zitierfähige Untersuchungsberichte gerüstet, referieren.
Als Bestandteil konkreter Aufklärung könnten Beziehungen zu Medien wie "Pro 7" mit seiner Galileo-Mysteriy-Sendung genutzt werden, statt der gewohnten Verschwörungs-Esoterik und Zauberkünstlerei auch christliche Wunder zur Aufbereitung anzuempfehlen. Hier mag evtl. Paul
Badde doch einmal sein Glück versuchen.

Ferner könnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft
in einer Aufsehen erregenden Aktion als renommierteste Wahrerin naturwissenschaftlicher Gütesiegel auf fortdauernde Wunder wie Guadelupe "angesetzt" werden.

Für Jesu Offenbarung spielten Wunder als begleitendes "Medium" eine zentrale Rolle, nämlich als Hilfe für Schwachgläubige und Chance für Nichtgläubige; (bei Johannes heißt es verständnisvoll: "Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht" (4, 48), nicht aber für sich prinzipiell verschließende Herzen ("Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht" ( 16, 31).
Versuchen lässt sich der Herr nicht.

Dr. Dieter Floren
DER FELS 7/2009 223


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