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Marie Lataste (1822-1847)

Leben und Werke

Buch aus dem Jahre 1868 - Fraktur Schrift von ZDW digitalisiert.

   
   





  

Original Buch 1868

Vorrede
Einleitung
Leben der würdigen Marie Lataste
Kurzer Abriss über das Klosterleben der Schwester Quitterie Lataste
Briefwechsel

Leben und Werke

der würdigen Marie Lataste,

Laienschwester im Kloster des hl. Herzens

 veröffentlicht von Hochw. Abbe Pascal Darbins.

Mit der Approbation des hochwürdigsten Bischofs von Aire,

Nach der zweiten französ. Auflage.

1868

 

Deutsche Approbation.

Augsburg, den 11. Juli 1868.

Das bischöfliche Ordinariat Augsburg.

Nachdem die vorliegende, ursprünglich in französischer Sprache verfasste Schrift: „La vie et les oeuvres de Marie Lataste, religieuse coadjutrice du sacre coeur, deuxieme edition, 3 tomes --- Paris 1866'' bereits die Approbation vom hochwürdigsten Herrn Bischofe von Aire und Dax unterm 15. April 1866 erhalten, und die ge­genwärtige Übersetzung dieses Werkes in die deutsche Sprache in getreuer Übereinstimmung mit dem französischen Originale von uns befunden worden ist, so nehmen wir keinen Anstand, der gegenwärtigen deutschen Ausgabe unter dem vom oben genannten Hochwürdigsten Herrn Bischofe ausdrücklich gesetzten Vorbehalt die oberhirtliche Gutheißung zu erteilen.

Der Generalvikar:

Dr. Gratz.
                                   (L. S.)                                                                                       Lense.
 


 

Vorrede zur deutschen Ausgabe.

Das Werk, welches hiermit dem deutschen Publikum vorgelegt wird, ist die getreue Übersetzung des Lebens und der Werke der ehrwürdigen Schwester Marie Lataste, ein Werk, das in seinem Urtexte --- in der französischen Sprache --- von der obengenannten Schwester aus Gehorsam geschrieben wurde. Sie war ein reichbe­gnadigtes Werkzeug in der Hand Gottes, dessen Er Sich bediente, um in unserer glaubensarmen, liebeleeren Zeit den Seelen, die da ihr Heil wirken wollen, den reichen Schatz christlicher Wahrheit mitzuteilen. Zwar enthält dieses Buch nichts anderes, als was die heilige Kirche uns lehrt und wieder lehrt, allein die Verfasserin dessel­ben, das demütige Landmädchen, dessen ganzes mensch­liches Wissen sich auf Lesen und mangelhaftes Schreiben beschränkte, schrieb eben nur nieder, was sie von Jesus gehört hatte, Der Seine Dienerin Selbst belehren wollte. Es ist dies kein Glaubensartikel, und müssen auch, wie die Einleitung zu diesem Buche es klar auseinandersetzt,  die Privatoffenbarungen sehr vorsichtig ausgenommen wer­den. Wenn indessen Etwas für die Wahrheit der Schrif­ten der Marie Lataste eine Bürgschaft geben könnte, so wäre es eines Teils die tiefe Demut des einfachen Landmädchens, die uns fast auf jeder Seite versichert, dass sie aus sich selbst Nichts vermöchte, und die nur das sagt, was die Stimme, die zu ihr spricht, und die sie für des Heilands Stimme hält, sie lehrt; nirgends ver­harrt sie auf ihrer Meinung, sondern unterwirft Alles demütig dem Urteile ihres Seelenführers. Andernteils sind die Belehrungen trotz ihres reichen, tiefen, kernigen und salbungsvollen dogmatischen, wie moralischen und asketischen Inhalts wiederum so einfach, für Jeden ver­ständlich und sprechen so sehr den ganzen Menschen – Geist, Herz, Gemüt und Willen – an, dass die einfach gläubige Seele unwillkürlich sich denken muss: So hat unser Erlöser gewiss gesprochen, als Er aus Erden wan­delte. Jedem gebildeten und frommen Katholiken möchte somit dieses Werk zusagen, wie dies bereits in Frankreich sich gezeigt, wo es großes Aufsehen gemacht.

Was nun die Übersetzung anbelangt, so waren wir bemüht, das Werk aus das treueste wiederzugeben, soweit es die Eigentümlichkeit der deutschen Sprache ge­stattete, und dies besonders deshalb, weil bereits auf die Korrektheit des Originals so viel Sorgfalt verwendet wor­den, und weil es gewiss jedem Leser erwünscht sein dürfte,  die Worte Jesu, der Heiligen Jungfrau und der Marie Lataste so genau als möglich zu erfahren. Außerdem waren wir bestrebt, die Übersetzung noch praktischer und wertvoller zu machen durch Noten, Erklärungen von schwierigen, dunkeln Ausdrücken und Sätzen und durch Beifügung der biblischen Stellen, worauf im Texte Bezug genommen ist. In Bezug auf die dogmatische und theo­logische Korrektheit der Übersetzung sei noch bemerkt, dass dieselbe nicht nur von einem katholischen Theologen durch­gesehen, sondern überdies, wie der Urtext, auch der kirch­lichen Obrigkeit zur Approbation unterbreitet worden ist.

Somit hoffen wir, das Werk werde auch in Deutschland den weitesten Leserkreis finden, zumal für alle Lagen des Lebens, für jedes Alter und Geschlecht sich gewiss etwas Anziehendes und höchst Belehrendes darin finden wird. Der kleine Kreis derer, die es unter den Deutschen bereits kennen, äußerte sich sehr befriedigt darüber. Vorzüglich werden der zweite Band und einige Briefe des dritten Bandes ansprechen, so z. B. die Belehrungen über Christus und Maria, über die Engel, den Priester, den Christen, die heilige Kommunion und das Herz Jesu, über Mariä Verkündigung; dann die Briefe über Jesus am Kreuze, über die Verbindung der Seelenkräfte. Doch es ist schwer, einzelne schöne Partien aus einem Werke herauszuheben, das des Schönen so viel enthält; will man da eine Wahl treffen, so steht man unschlüssig vor dem  so reichen Inhalt, wie das Kind unschlüssig vor einem mit Blumen geschmückten Gartenbeete steht, es möchte der Mutter einen Strauß winden und weiß nicht, welche Blumen es wählen soll, weil der Reichtum und die Pracht der Blumen ihm die Wahl erschwert.

Mögen darum recht Viele an diesem reichen Inhalte sich erquicken und beleben, in ihrem Glauben sich erwecken und zu opferwilliger und tatkräftiger Liebe sich entzün­den lassen.

Dillingen am Feste des heiligen Herzens Jesus l868.


 

 

Approbation des hochwürdigsten Bischofs von Aire und Dax.

Wir Ludwig Maria Epivent, Bischof von Aire und Dax, haben auf das Ansuchen, eine neue Auflage der Werke über Marie Lataste, die bereits einmal mit unserer Approbation gedruckt erschienen waren, gut zu heißen, befohlen, dass diese neue Ausgabe genau mit den Manuskripten verglichen werde, und dass mit Ausnahme der unumgänglichsten stilistischen Verbesserungen, dieselben treu wiedergegeben würden, und dass überdies erläuternde Noten dem Texte beigefügt würden zur Beleuchtung jener Punkte, die einer solchen bedürftig erscheinen.

Da diese Bedingungen dem uns abgestatteten Berichte zu Folge treulich erfüllt wurden, so erteilen wir dieser neuen Ausgabe unsere Gutheißung, ohne jedoch damit über die Wahrheit oder die Natur der Offenbarungen, welchen diese Schriften ihren Ursprung verdanken, uns aussprechen zu wollen, indem wir vielmehr dieselben nur als erbauliche Schriften ansehen, deren Lehre mit der hl. Schrift und der Lehre der Kirche übereinstimmt, und die wohl geeignet sind, die Frömmigkeit jener Seelen zu nähren, welche sie mit Einfalt und Bescheidenheit lesen.

Gegeben zu Aire am Sonntag des guten Hirten
den 15. April 1866.

Louis Marie,
Bischof von Aire und  Dax.

 

 

 

Zeugnis  des Herrn Pfarrers von St.-Paul-les-Dax

Ich Unterzeichneter, Peter Harbins, Pfarrer von St-Paul.- les-Dax (Departement der Landen), ehemaliger Seelenführer der Marie Lataste, erkläre hiermit, dass ich meinem Neffen, dem Priester Pascal Darbins die eigenhändig geschriebenen Manuscripte ausgeliefert habe, welche mir das fromme Mädchen, zur Zeit als ich noch Pfarrer in Mimbaste war, überlassen und gegeben hat. Diese Manuskripte stimmen vollkommen mit der von Hrn. Brah veröffentlichten zweiten Auflage überein, mit Ausnahme der in der Vorrede zum ersten Bande dieser zweiten Auflage angegebenen Modifikationen.

Zur Beglaubigung dessen St.-Paul-les-Dax, den 1. Febr. 1866.

                                                                          Darbins, Priester.

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Vorrede

Drei Jahre sind verflossen, seitdem wir zum ersten Male die Werke von Marie Lataste, dem demütigen und vom Heilande so reich begnadeten Landmädchen aus unserm Departement der Landen veröffentlicht haben. Die günstige Ausnahme, welche diese Schriften gefunden, und der gute Eindruck, den ihre Lektüre hervorgebracht, die zahlreichen Beglückwünschungen, die uns deshalb zugegan­gen, mit einem Worte Alles legte uns die Pflicht auf, bei Veranstaltung dieser neuen Ausgabe, die wir hiermit dem Publikum darbieten, mit der größten Sorgfalt zu Werke zu gehen. Hierfür haben wir Nichts vernachlässigt, vielmehr alle Mußestunden geopfert, welche uns die Ge­schäfte des hl. Dienstes noch übrig gelassen. Die Aufgabe wurde uns andererseits wieder erleichtert durch die wertvollen Ratschläge, welche verschiedene angesehene, dazu berechtigte Personen uns zu geben die Güte hatten. Ihre Bescheidenheit verbietet uns dieselben zu nennen; aber es wird uns wenigstens erlaubt sein, an eine bedeutende Arbeit zu erinnern, welche die von den hochw. Vätern der Gesellschaft Jesu herausgegebene Revue der Prüfung unserer ersten Ausgabe gewidmet. Nach einer langen kri­tischen Untersuchung über die Schriften von Marle Lataste endigte der Verfasser damit, dass er uns noch einige nach seinem Dafürhalten nützliche Verbesserungen vorschlug.

Wir unsrerseits machten es uns zur Pflicht, diesen und noch andern Winken Folge zu leisten.

Vor Allem haben wir uns denn bemüht, dass die Echtheit dieser Schriften in den Augen des Publikums vollkommen gewährleistet sei. Deshalb haben wir, dem von dem hochw. Bischof von Aire ausgesprochenen Wunsche gemäß, mit Zustimmung des Hrn. Pfarrers von St.- Paul-les-Dax, welcher der Seelenführer der Marie Lataste gewesen, die Manuskripte mehreren Vätern der Gesellschaft Jesu übergeben, welche dieselben mit gewissenhafter Sorgfalt untersuchten und mit dem bereits Gedruckten verglichen. Nach dieser mühevollen Arbeit konnten sie be­zeugen, dass mit Ausnahme der wenigen, nicht in die Lehre eingreifenden Änderungen, die wir unten angeben werden, die gegenwärtige Ausgabe, sowohl was den Inhalt als auch was den Stil anbelangt, die treue Wieder­gabe des Originaltextes sei.  Diese ernstliche Untersuchung der Manuskripte, welche in der uns von dem hochw. Bischof von Aire erteilten Approbation angeführt ist, lässt keinen Zweifel mehr zu über die Echtheit der Werke von Marie Lataste; diese Echtheit wird aber überdies noch bestätigt durch das Zeugnis ihres Seelenführers, das wir der gegenwärtigen Ausgabe beigefügt haben.

Für die Abteilung des Stoffes haben wir so ziemlich die gleiche Ordnung beibehalten, wie in der ersten Aus­gabe. Wie wir bereits damals in der Vorrede zu dieser ersten Ausgabe gesagt, befolgte Marie Lataste in ihren Heften durchaus keine Ordnung: sie schrieb die empfan­genen Belehrungen, wie sie sich deren erinnerte, ohne darauf zu achten, welche Gegenstände sie betrafen, ohne ein tiefes Studium, dessen wenige fähig sind. Dieses Durcheinander hätte indessen dem Guten sehr schaden können. Wir haben deshalb die verschiedenen in dem Manuskripte zerstreuten Auszüge nach den Gegenständen von denen sie handeln, zusammengefügt; die von uns darin gemachten Modifikationen sind nur einfache Besetzungen. So haben wir das, was sich auf die Tu­genden und die Gaben des hl. Geistes bezieht, gesondert und in zwei verschiedenen Büchern aufgeführt, indem wir diese, nämlich die Gaben des hl. Geistes mit dem ver­banden, was über die Gnade gesagt ist. Nichts desto weniger müssen wir bemerken, dass nachher Aussage der Marie Lataste und nach der Andeutung des Textes selber die Erklärung von den Tugenden der von den Gaben vorausgegangen ist. Ebenso bilden die Belehrungen über ­das Gebet ein für sich bestehendes Buch. Endlich schienen uns noch einige andere Versetzungen notwendig, um ein leichteres Erfassen des Zusammenhangs der in dieser wertvollen Sammlung enthaltenen Lehren zu ermöglichen.

Die Einbildungskraft und die Empfindsamkeit haben heut zu Tage selbst auf die Frömmigkeit einen so großen Einfluss, dass wir einige Ausdrücke und einige seltene und überdies nur kurze Sätze auslassen zu müssen glaub­ten. Drei oder vier Briefe schienen uns unnötig, weil sie entweder zu wenig Interesse boten, oder weil sie weder zu den geschichtlichen, noch zu den Lehrbriefen geordnet werden konnten.

Diese wenigen Auslassungen gestatten dafür, das Werk einer größeren Anzahl von Personen in die Hände zu geben. In der Absicht, einige Redensarten, die uns nicht gut Französisch zu sein schienen, zu beseitigen, hatten wir einige Stellen abgeändert; nach reiflicherer Überlegung jedoch schien uns der Text dadurch wiederhergestellt werden zu können, dass wir nur einige Wiederholungen strichen, welche den Redefluss hinderten.

Der wohlwollende gütige Leser möge sich erinnern, dass die Werke von einem ganz ungelehrten Landmädchen geschrieben wurden, und dass sie dazu nur die wenigen Augenblicke benutzte, welche ihr nach Beendigung ihrer häuslichen Geschäfte blieben. Wenn man etwas Mangelhaftes darin findet, so wird dies wenigstens ein neuer Beweis sein, mit welch' ängstlicher Genauigkeit wir be­strebt waren, den Originaltext sowohl dem Inhalt als der Form nach wiederzugeben. Damit indessen unsere worttreue Wiedergabe der Schriften nicht der Reinheit ihrer Lehre schaden könne, sind einige erläuternde Noten unerlässlich geworden.

Auf Befehl des hochw. Bischofs von Aire hatte der Vorsteher des Klerikal-Seminars der Diözese bereits meh­rere verfasst, welche am Schluss des ersten Bandes sich befanden. Die für diese gegenwärtige Ausgabe verfertigten Noten wurden jedoch auf den betreffenden Seiten unten angebracht, gleich nach den Stellen, welche als un­genau erschienen, und welche, wenn getrennt gelesen, zur Kritik Veranlassung geben könnten. Jedermann weiß, wie wichtig es ist, beim Lesen eines jeden Werkes sich den Zusammenhang ins Gedächtnis zu rufen, um wie viel notwendiger wird dies bei den Schriften eines einfachen Landmädchens sein, das die Kunst gut zu schreiben und gut zu sprechen nicht verstand und überdies erst 3 Jahre nachher die empfangenen Lehren niederschrieb.

Was wird man dazu sagen, wenn wir beteuern, dass man in mehr als 1200 Seiten, welche das Manuskript umfasst, kaum 30 Mal etwas Ausgestrichenes findet?

In einem Jahrhundert, wo^ die Wunder des über­natürlichen Lebens so wenig gekannt sind, und wo ihnen so viele Vorurteile und so viel Unglauben von Seite ge­wisser Geister begegnen und Andern wiederum zu beklagenswerten Irrtümern Veranlassung geben, war es doppelt notwendig, dem Leser eine Abhandlung vorzulegen über die Beweggründe, auf welche die katholische Lehre bei Feststellung der Wirklichkeit von Privat-Offenbarungen sich stützt; dem Leser dadurch die Regeln anzu­geben, welche die Kirche aufstellt, um die wahren Offen­barungen von jenen zu unterscheiden, die keinen Glauben verdienen, und um endlich zu bestimmen, welches Ansehen man ihnen zuerkennen und welchen Grad von Vertrauen man ihnen schenken darf: dies ist der Zweck der Abhand­lung, welche der Vorrede folgt. Der hochw. P. Toulemont hat versucht, diesen wichtigen und schweren Gegenstand jeder Fassungsgabe anzupassen, und wir können ihm nicht genug dafür danken, dass er uns die Mitwirkung seines Talentes gewähren wollte.

Was das Leben der Marie Lataste anbelangt, so hielten wir es für nützlich zu zeigen, wie der Heiland zuerst gesucht hatte, Alles, was Mangelhaftes in Seiner treuen Dienerin war, zu verbessern, und ihr erst dann die Geheimnisse Seiner Wissenschaft und Seiner Weisheit mitteilte. Dadurch wollten wir dem uns kundgegebenen Wunsche entsprechen, den fortschreitenden Gang der Gnade in dieser Seele aufzuzeichnen, wozu wir die Hilfe ihres Seelenführers in Anspruch nahmen. Bei Erstrebung dieses Zieles stießen wir indessen auf unausweichliche Wieder­holungen und Ausführlichkeiten, die wir zu vermeiden wünschten. Deshalb haben wir uns entschlossen, dieses erste Leben durch biographische Notizen zu ersetzen, worin uns das demütige Landmädchen zuerst in ihren äußeren Beziehungen vorgeführt würde, indem wir es dem Leser überlassen, ihr inneres Leben oder ihre wunderbaren Be­ziehungen zu unserm Herrn nach ihren Briefen selber zu würdigen.

Da der Zeitabschnitt, welchen Marie Lataste im Kloster verlebte, in einer Beziehung der wichtigste wurde, so glaubten wir, es würde jenen, die mit ihr unter der gleichen Regel gelebt haben, am leichtesten werden, ihre eigenen Eindrücke zu schildern. Aus unsere Bitte war denn auch eine Klosterfrau des hl. Herzens so gütig, die Bio­graphie zu verfassen, wozu wir ihr die von Augenzeugen gesammelten Dokumente zur Verfügung stellten. Die von uns geschichtlich genannten Briefe, worin die Dienerin Gottes ihrem Seelenführer von den ihr gewordenen über­natürlichen Gnaden Rechenschaft gibt, folgen gleich darauf und bilden gewissermaßen eine Ergänzung derselben. Jene Briefe aber, welche von einigen besonderen Lehrpunkten handeln, haben wir an den Schluss des Buches gesetzt. Marie Lataste scheint selbst diesen Gedanken nahezulegen, wenn sie sagt: „Wahrscheinlich hat Er (der Heiland) noch mehrere Belehrungen mir gegeben, die ich nicht in meinen Heften angeführt habe. Ich habe versucht, dies durch die Briefe zu ergänzen, welche ich an meinen Seelenführer geschrieben habe, und welche nichts Anderes sind, als eine Fortsetzung der in den Heften enthaltenen Lehren."


 

Es erübrigt uns jetzt nur noch, unsern aufrichtigen Dank all jenen auszudrücken, die uns ihre wohlwollende Mithilfe zu Teil werden ließen. Die erklärenden Noten, welche wir einem gelehrten Jesuiten verdanken, werden durch Aufhellung einiger dunklen Stellen die Schwierig­keiten erleichtern, welche diesen Schriften gegenüber ge­macht wurden, und werden ebenso wie die von uns eben erwähnte Abhandlung sehr viel zum Erfolg von Marie Latastes Werken beitragen, ein Erfolg, welcher von Tag zu Tag wächst und damit in Erfüllung bringt jenes Wort, das unser Herr zu Seiner treuen Dienerin gesprochen: ,,Meine Tochter, eine Stimme wird sich in der Wüste vernehmen lassen und das Echo wird in der Ferne wiederholen, was diese Stimme ausgesprochen."

               Mont-de-Marsau den 21. Febr. 1866.
                  Am Geburtstag der Marie Lataste.

Abbé Pascal Darbins.                      

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Einleitung

Die Privat-Offenbarungen, Prinzipien und Hauptbegriffe.

I.

In der Ordnung der Gnade sowohl, als in der Ordnung der Natur kann man sagen, dass Gott Alles nach Zahl, Gewicht und Maß gemacht habe. Im wirklichsten und strengsten Sinne lässt sich behaupten, dass auch die übernatürliche Welt nach allgemeinen und beständigen Gesetzen regiert werde. Innerhalb dieser göttlichen Ökonomie herrscht keine launenhafte Veränderlichkeit, keine Willkür, kein widerlicher Missklang; sondern immer Weisheit, Ein­heit, Harmonie; eine Harmonie, die wenn auch verschie­denartiger und einigermaßen geschmeidiger als jene der physischen Welt, nur umso schöner, vortrefflicher und vollkommener ist.

Betrachten wir z. B., wie in der Kirche die geoffenbarte Wahrheit sich erhält und verteilt. Jesus Christus legt Teils selbst, Teils durch Seinen Geist Seine Offenbarungen in die Hände des Apostolats nieder, auf dass dieser sie wiederum unversehrt der Gesamtheit der Hirten, die da Nachfolger der Apostel sein sollen, übermittle. Nun ist diese göttliche Offenbarung festgestellt, ein für alle Mal bestimmt. Sie wird in Folge der allmählichen Verarbeitung der Geister eine gewisse Evolution erleiden; die Menschheit wird sich dieselbe immer mehr aneignen und im Laufe der Jahrhunderte ein deutlicheres Bewusstsein, einen bestimmteren und wissenschaftlicheren Begriff davon gewinnen; aber die himmlische Hinterlage selber wird keine Veränderung, keine wesentliche Entwicklung erleiden; das Dogma in seiner göttlichen Unveränderlichkeit bleibt und wird immerdar bleiben wesentlich, identisch: Veritas Domini manet m aeternam (die Wahrheit des Herrn bleibt in Ewigkeit). Ebenso werden die von Jesus Christus festgesetzten regelmäßigen Wege zur Überlieferung der Lehre ewig unwandelbar bleiben; immer werden die Menschen, um diese Lehre zu empfangen, sich an die vom Menschen­sohne gegründete Autorität wenden müssen, eine Autorität, deren Fülle dem Oberhaupte der Kirche innewohnt und durch dieses allen Rangordnungen der Hierarchie, allen Stufen des Priestertums, ohne sich zu zerteilen, mit­teilt. So findet sich im Schoße der Kirche die Ein­heit der Lehre und des Glaubens verwirklicht, so wird die göttliche Lehre von den Obern auf die Untergebenen über­tragen, wie der heil. Thomas sagt, und dies immer durch äußere, menschliche, soziale Mittel, so dass alle Ringe der katholischen Menschheit, so zu sagen durch ein Gesetz gegenseitiger Abhängigkeit miteinander verbunden und an­einander festgeheftet sind, ähnlich dem Gesetze, welches be­wirkt, dass alle himmlischen Sphären zumal sich bewegen.

Nun aber behält derjenige, welcher diese wunderbare Ordnung festgestellt hat, sich auch vor, teilweise davon abzuweichen, wenn es Ihm gefällt. Und in der Tat dürfen wir nicht vergessen, dass, wenn Gott die äußere und sichtbare Kirche zur Vermittlerin zwischen Sich und den Menschen festgestellt, Er Sich auch Seine direkten und persönlichen Mitteilungen den Seelen gegenüber vorbehalten hat.

Ja, genau betrachtet, ist die sichtbare Gemeinschaft der Menschen unter einander nur eine Bedingung, eine Art Einweihung zur präzisen Herstellung dieser innigen und unaussprechlichen Gemeinschaft der Seelen mit Gott. Und das ist in der Tat das eigentliche Leben der Kirche, ihr übernatürliches und göttliches Element; das Übrige ist so zu sagen nur Schale, Kleidung, körperliche Hülle. Obwohl nun aber Gott bei diesen innigen und geheimnisvollen Beziehungen gewöhnlich eine regelmäßige Handlungsweise befolgt --- was man den gewöhnlichen Gang der Vorsehung nennt --- so teilt Er nichts desto weniger, weil immerdar Herr Seiner Gaben, diese nach Seiner Weisheit und zuweilen in einem Maße aus, das ganz ausnahmsweise und recht eigentlich wunderbar wird. So z. B. erleuchtet Er gewisse Seelen auf wunderbare Weise, indem Er sie in Seine eigensten, Sich allein vor­behaltenen Geheimnisse einweiht, indem Er ihnen den ver­borgenen Schatz dieser Seiner Geheimnisse enthüllt und dies tut Er entweder selbst oder durch Seine Engel ohne sich der Menschen oder Seiner Kirche zu bedienen, außer um nötigenfalls diese göttlichen Mitteilungen zu über­wachen und zu beaufsichtigen und deren Wahrheit zu bestätigen, damit nicht Irrtum oder Täuschung in diesel­ben sich einmische. Hier sei beiläufig bemerkt, dass dadurch diese wunderbaren Abweichungen von der Regel gerade wie alle außerordentlichen Missionen, welcher Art sie sein mögen, in einer gewissen Weise doch wieder an die allgemeinen Gesetze geknüpft und denselben untergeordnet werden, denn das von uns so oft wiederholte Wort: die Ausnahme bestätigt die Regel, findet nirgends eine höhere und auffallendere Anwendung als in der Harmonie, welche in dem Walten der Vorsehung herrscht.

Diese Erleuchtungen, mit denen Einzelne besonders be­gnadigt sind, bilden das, was wir Partial- oder Privatoffenbarungen heißen, um sie dadurch zu unterscheiden von der großen allgemeinen Offenbarung, die durch das Organ der lehrenden Kirche ermittelt wird. Diese ist höchst amtlich (offiziell und im strengen Sinne rechtsgültig (authentisch); sie fordert von allen Menschen mit Autorität Glauben. Jene dagegen sind übergebührlich, rein ausnahmsweise und haben nur einen beziehungsweise und offiziösen Charakter, und können zu keinem Falle katholische Glaubensregel werden.

Nichts ist aber gewisser, als dass es in der katholischen Kirche häufig derartige Offenbarungen gegeben hat. Beim ersten Anblick scheint es sogar, dass in der apostolischen Zeit die Ausnahme fast die Regel, das Vorrecht fast all­gemeines Recht gewesen sei. Und wirklich sehen wir, dass die ersten Gläubigen die Gabe der Weissagung, die Gabe der Sprachen, und andere dergleichen, so regelmäßig empfingen, als ob diese eine gewöhnliche Wirkung der Sa­kramente der Taufe und der Firmung wären. Man befand sich eben damals in der Periode des Entstehens. Der himmlische Gärtner musste, nach dem Gleichnisse des heil. Augustinus, die noch zarte und schwächliche Pflanze reichlich begießen, bis sie, groß und kräftig geworden, sich mit dem Regen des Himmels begnügen konnte.

Die Ausgießung der außergewöhnlichen Gaben wurde nach und nach seltener, ohne indessen jemals ganz aufzu­hören. Im zweiten Jahrhundert bezeugt der hl. Irenäus, dass es zu seiner Zeit Menschen gab, welche mit himmli­schen Visionen begnadigt waren. Dasselbe Zeugnis legt der heil. Justinus ab, und er sah in diesen wunderbaren Gnaden eine so beständige und sicher vorkommende Tatsache, dass er keinen Anstand nahm, sie den Heiden als einen Beweis für die Göttlichkeit des Christentums entgegen zu stellen. Origenes seinerseits versichert in seinem gegen Celsus geschriebenen Buche aus das bestimmteste, dass mehrere Un­gläubige in Folge der Erleuchtung durch göttliche Visionen Christen geworden und aus diesen Glauben hin aus freien Stücken in den Martertod gegangen seien. ­Eine große Anzahl von Kirchenvätern, wie der heilige Cyprian, der heil. Ambrosius, der heil. Augustinus, betätigen in nicht weniger bestimmten Ausdrücken das Dasein der Privatoffenbarungen und manchmal sogar gestützt auf ihre persönliche Erfahrung.') .

Übrigens bieten uns alle Kirchengeschichten in dieser Beziehung die unverwerflichsten Zeugnisse. Es gibt bei­nahe keinen Heiligen, von welchem man nicht erzählt, dass er in irgend einem Grade oder in einem gewissen himm­lischen Maße Visionen oder Offenbarungen erhalten habe.

Man erinnere sich nur an die Akten der Märtyrer, nament­lich an jene der heil. Perpetua, oder an das so außer­ordentliche Leben der Väter in der Wüste, sowie an das Leben der großen Ordensstifter und so vieler Andern.

Etwas ist hierbei sehr wohl der Beobachtung wert, nämlich dass die meisten dieser Privatoffenbarungen und gerade jene, welche diesen Namen am meisten rechtfertigen, häufiger Frauen als Männern zu Teil wurden. Man darf hierin keine Beeinträchtigung der Worte des hl. Paulus finden, welcher den Frauen verbietet in der Kirche zu lehren, denn dieses Verbot, wie es durch die kirchliche Überlieferung seine Bestätigung und Erklärung gefunden, darf durchaus nur von dem öffentlichen und mit amtlicher Au­torität bekleideten Unterricht verstanden werden. Was den Privat- und nur aus Nächstenliebe erteilten (offiziösen) Unterricht betrifft, so scheint es, als ob die göttliche Vor­sehung, weit entfernt, die Frauen davon auszuschließen, gerade ihnen speziell denselben anvertraut hätte. Oder haben wir nicht von den verehrten Lippen unserer Mütter Alle den ersten Keim des Glaubens empfangen? Hat nicht der Eifer einiger frommen Fürstinnen, ja zuweilen einfacher christlicher Sklavinnen als Werkzeug zur Bekehrung ganzer

Völker gedient? Die Privatoffenbarungen gehören, wie wir schon bemerkt haben, keineswegs zum Lehramt der Kirche. Es besteht darum kein Hindernis, dass Frauen solche außerordentliche Gnaden nicht sollten mitgeteilt wer­den. Mehrere Gottesgelehrte haben sogar durch Schick­lichkeitsgründe erklärt, wie ein solches Privilegium ihnen noch reichlicher und gerade ihnen vorzugsweise erteilt werden könnte.

Welche Erklärungen oder Gründe wir indessen immer für die von uns festgestellte Tatsache anführen mögen, die Wirklichkeit derselben kann nicht in Zweifel gezogen werden. Es genügt, eine heil. Hildegard, eine hl. Gertrude, eine hl. Brigitta, eine hl. Katharina von Siena, eine hl. Franziska Romana, eine hl. Katharina von Bo­logna, eine hl. Theresia, eine hl. Rosa von Lima, eine hl. Magdalena von Pazzi, eine hl. Katharina von Ricci, und die gottselige Margaretha Maria zu nennen, ohne von vielen andern aus neuerer Zeit zu sprechen, deren Offenbarungen, wenn auch einzeln weniger sicher gestellt und bestätigt, dennoch in ihrer Gesamtheit unzweideutige Zeichen eines göttlichen Ursprungs ausweisen.

Wir dürfen also behaupten, dass es seit den ersten Jahrhunderten eine ununterbrochene Reihe von Privat­Offenbarungen gegeben habe. In diesem Punkte stimmen alle katholischen Gottesgelehrte mit einander überein. ---  Überdies haben dieselben Schriftsteller aus der Wahr­nehmung, dass diese göttlichen Mitteilungen zu allen Zei­ten sich erneuerten, ohne Zögern den Schluss gezogen, die­selben müssten sich mehr oder weniger auch in der Zeit, in welcher sie lebten, wiederholen. Wir unsrerseits dür­fen denselben Schluss wiederum auf die jetzige Zeit an­wenden; denn Gottes Arm ist niemals verkürzt. Tausend beurkundete Tatsachen, die in all den verschiedenen Prozessen der Seligkeitssprechung außer allem Zweifel ge­setzt sind, nachdem sie durch das Sieb der strengsten Kritik, die es auf der Welt geben kann, der Kritik der Congregation der Riten gegangen, beweisen mehr als genug, dass die Wunder auch in unsern Tagen sich erneuern. Nun aber kann die Ouelle der Privat- Offenbarungen eben so wenig erschöpft sein, als die der andern außerordentlichen Gnaden, welche Gott Seiner Kirche verheißen. Es wäre also ein unbestreitbar verwegenes Untersangen, eine sehr tadelnswerte Ausschreitung, wenn man alle übernatürlichen Mitteilungen dieser Art, die in letzter Zeit statt­gefunden haben, schlechthin leugnen, in Bausch und Bogen verwerfen wollte. Eine solche Stimmung würde ratio­nalistische Bestrebungen bekunden, die sicherlich von dem wahren Geiste des Christentums sehr weit abweichen.

II.

Da es nun aber unzweifelhaft ist, dass es Privatoffenbarungen gibt, die wirklich von Gott kommen, so beeilen wir uns auch zu sagen, es sei nicht weniger gewiss, dass es auch viele andere gibt, die rein mensch­lich oder teuflisch sind. Jedermann kennt die lange Geschichte von Lügen oder Täuschungen, die als überna­türliche Eingebungen ausgegeben wurden von den unechten (apokryphischen) Apokalypsen und unechten Evange­lien an bis zu den Gaukeleien der Mormonen oder der gleichzeitigen Spiritisten, wenn er da durchgeht die un­zähligen Sekten der Erleuchteten, der Geisterseher, der After-Mysitker, der vorgeblich Entzückten, die man in allen Jahrhunderten überhand nehmen sah; die Montanus und Priscillen, die Palamiten oder die Mönche vom Berge Athos, die Begharden und die Beghinen, um unter Vielen nur einige anzuführen. Hierin, wie fast in Allem, worin Menschen beteiligt sind, finden sich Irrtümer, Nachäffungen, Missbräuche aller Art, Böses unter allen Formen neben der Wahrheit und dem Guten. Soll man es sagen, dass man selbst bei jenen Seelen, welche sich angelegen sein ­lassen, die höchste Tugend auszuüben, nicht selten die beklagenswertesten Täuschungen in Betreff der übernatür­lichen Mitteilungen findet und der hl. Alphons von Ligouri keinen Anstand genommen hat, zu sagen, dass die falschen Offenbarungen viel allgemeiner sind, als die wahren?')

Deshalb schrieb der Apostel Johannes, der selber Zeuge von den Missbräuchen und Unordnungen war, welche die falschen Offenbarungen zu seiner Zeit in der Kirche hervor­riefen, an die Gläubigen: „Glaubet nicht jedem Geiste, sondern prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen." Der hl. Paulus empfiehlt den Thessalonichern dasselbe an; denn nachdem er gesagt hat: „Weissagungen verachtet nicht," fügt er unmittelbar daraus bei: „Alles aber prüfet, was gut ist, behaltet," wodurch er sehr klar zu verstehen gibt, dass alles, was auf außerordentliche Gaben Bezug hat, der Gegenstand einer strengen Unterscheidung sein müsse, --- doch wie kann man das Wahre vom Fal­schen unterscheiden, das, was Werk Gottes ist, von dem, was nicht Sein Werk ist? Das ist eine besonders kitzliche Frage, wenn auch nicht in den Allgemeinheiten der Theorie, so doch in den besonderen Anwendungen der Praxis. Doch wir wollen versuchen, sie soviel wie möglich zu beleuchten, indem wir die von den Gelehrten und den Lehrern des geistlichen Lebens gegebenen Regeln auf ihre einfachsten Aus­drücke zurückführen.

Erstens: Man muss alle jene vorgeblichen Offenbarungen für schlechthin falsch halten, welche im Widerspruche mit dem Glauben stehen, ­oder die Sittenlehre verletzen, oder welche irgend einen andern Charakter an sich tragen, der offenbar die göttliche Vermittlung ausschließt. Folg­lich ist es unnötig zu einer anderweitigen Prüfung fort­zuschreiten, sobald man in denselben klare Dinge erkannt, welche der hl. Schrift, den von der Kirche entschiedenen Wahrheiten oder der einstimmigen Lehre der heil. Väter und Kirchenlehrer widersprechen. Ebenso muss man als reine Erdichtung Alles das verwerfen, was dahin zielen würde, Gott Handlungen oder Absichten zuzuschreiben, die lächerlich und Seiner höchsten Weisheit unwürdig wären. Ebenso ist kein Zweifel mehr möglich über die Falschheit der Offenbarungen, wenn sie die Verletzung der natürlichen und göttlichen Gesetze eingeben oder anbefehlen; wenn sie etwas Unanständiges oder gar Fleischliches enthalten; wenn sie Eigendünkel, Stolz oder etwa eine gewisse Unruhe ver­ursachen, welche die Seele entnervt, überdrüssig macht und erschlafft. Alle diese Zeichen sind unfehlbar, und so oft man nur Eines von denselben wahrnimmt, darf man mit Bestimmtheit sagen: Hier ist nicht Gottes Hand! Es ist kaum nötig noch beizufügen, dass von jenen Privat-Offenbarungen Nichts zu halten sei, welche ungeduldige, geschwätzige, lügenhafte oder eigensinnige Menschen zu ihren Werkzeu­gen haben; gerade dies sind genau die charakteristischen Züge, woran der Betrug erkannt wird.

Zweitens: Man muss alle Offenbarungen als mehr oder weniger zweifelhaft und verdäch­tig ansehen, welche neue, sonderliche Behauptun­gen enthalten, und deren Gegenstand seltsame und unnütze Dinge sind und endlich solche, welche Personen erteilt werden, deren Leben, Charak­ter und Gesinnungen nur mittelmäßige Gewähr leisten. Wir verstehen hier unter neu und sonder­lich Alles, was weder in der heil. Schrift, noch in der Erblehre begründet ist, und Alles das, was von der un­ter den Kirchenvätern und Gottesgelehrten allgemein an­genommenen Meinung abweicht. Dasselbe kann man von jeder Behauptung sagen, welche gewisse streitige Meinun­gen als geoffenbarte ausgäbe, wie z. B. die Frage, ob das Wort Fleisch geworden wäre, unter der Voraussetz­ung, dass Adam nicht gesündigt hätte. Was nun aber auch einige Schriftsteller hierüber gesagt haben mögen, so dürfen die Privat -Offenbarungen nicht schlechthin ver­worfen werden, aus dem einen Grunde schon, dass sie derartige Sätze enthalten. Hieße es nicht willkürlich den Kreis der göttlichen Vermittlung beschränken, wenn man Ihm untersagen wollte, durch eine besondere Fügung die Lösung dieser oder jener bisher frei in Streit gezogenen Frage bekannt zu geben. Wer möchte sich widersetzen, wenn der Erlöser der Menschen einigen Seelen offenbart, was Sein Leben oder jenes der allerseligsten Jungfrau betrifft, gewisse Einzelheiten und Umstände, die geeignet sind, die Frömmigkeit anzuregen oder wohl auch andere Dinge, die den hl. Vätern und Kirchenlehrern durchaus unbekannt geblieben oder selbst der gewöhnlichen Meinung entgegen sind? Denn die gewöhnliche Meinung --- ich sage nicht die einstimmige --- ist deshalb noch nicht gewiss, und oft kann man wichtige und achtbare Gründe für das Gegenteil finden. Wir wiederholen es also, einzig und ausschließlich deshalb dürfte man noch nicht diese oder jene Privat-Offenbarungen verwerfen. Übrigens sagen wir mit Benedikt XIV., dass zu befürchten steht, sie möch­ten nicht von aller Beimischung frei sein. Die Seele, welche sie vom Himmel erhalten zu haben glaubt, hat viel­leicht nur Erinnerungen und vorgefasste Meinungen mit­einander verbunden und umgestaltet; Mutmaßungen oder mehr oder minder wahrscheinliche Vernunft-Urteile sich gebildet. In einem derartigen Falle tut man darum am besten, sein Urteil sich vorzubehalten, zu zweifeln, wofern nicht die Verdachtgründe mehr als hinreichend auf­gehoben sind durch entgegengesetzte Gründe von ganz außer­ordentlichem Gewicht.

Was die Offenbarungen betrifft, welche die Befriedigung der Neugierde zu ihrem Zwecke zu haben scheinen, so ist klar, dass sie noch verdächtiger sind. Man dürfte so­gar nicht anstehen, dieselben für reine Erfindungen zu hal­ten, wenn es bewiesen wäre, dass sie keinen wirklichen Nutzen haben; denn es hieße Gott beleidigen, wollte man Ihm eine Handlung zuschreiben, die, wie die Philosophie sagt, ihres hinreichenden Grundes entbehrt.

Hierbei ist indessen eine Gefahr zu vermeiden: die Ratschlüsse und Wege Gottes dürfen nicht nach unsern so beschränkten Anpassungen gemessen werden. Manche Offenbarungen könnten sehr wohl uns vollkommen unnütz erscheinen, ohne ernsten Zweck, und dennoch den Grund ihres Daseins, wie Bossnet sagt, in den undurchdringli­chen Geheimnissen der „Politik des Himmels" haben. Gerade deshalb hütet sich Benedikt XIV., sogleich die scheinbar unnützen und einfach nur die Neugierde befrie­digenden Offenbarungen zu verwerfen. Er glaubt nur, dass dieses Kennzeichen sie zweifelhaft und verdächtig mache, und dass man mit viel mehr Vorsicht verfahren müsse, bevor man sich über dieselben erkläre. Diese so verständige und vernünftige Meinung scheint uns die einzige Regel zu sein, die man allgemein aufstellen kann.

Hinsichtlich der Personen selbst, die behaupten, mit Offenbarungen begnadigt zu sein, gibt es auch mehr oder minder wichtige Verdachtsgründe, wenn nämlich diese Per­sonen noch Neulinge im geistigen Leben sind; wenn sie sich innerlich nicht zur Abtötung angetrieben fühlen; wenn sie gegen die gewöhnlichen Wege Widerwillen haben und damit eine gewisse Neugierde verbinden, welche sie zu dem Verlangen nach außerordentlichen Mitteilungen verleitet, und vorzüglich, wenn sie diese in der Folge gerne ausbreiten. Wir wollen bemerken, dass diese letztgenannten Neigungen manchmal sogar sichere Anzeichen von Verblendung (Halluzination) oder Lüge werden. Ebenso werden alle Klugen solchen Personen sehr stark mistrauen, die ein krankhaftes und unregelmäßiges (ab­normales) Temperament haben, wie auch jenen, die eine sehr lebhafte Einbildungskraft, ein sehr ausgebildetes Ge­fühl besitzen. Es ist gewiss, dass bei den Täuschungen der berühmtesten Seher und Erleuchteten die Einbildungskraft die Hauptrolle spielte. Übrigens zeigt uns die Erfahrung alle Tage zuweilen sehr sonderbare Wirkungen dieser launenhaften Fähigkeit.

Großenteils sehen denn auch übereinstimmend alle Schriftsteller aus diesem Grunde die Gesichte oder Offen­barungen der Frauen im Allgemeinen als falsch und ver­dächtig an.  Dadurch widersprechen sie keineswegs der oben von uns angeführten Tatsache, dass die wirklich übernatürlichen Offenbarungen öfter Frauen als Männern zu Teil wurden; sie beweisen dadurch nur eine nicht weniger unzweifelhafte Tatsache, nämlich dass die Frauen hierin auch viel mehr den Täuschungen und Irrtümern unterworfen sind. Die Geschichte des mystischen Lebens bezeugt dieses durch unzählige Beispiele, welche mehr als hinreichend sind, um in Betreff dieser Personen das größte Mistrauen anzuempfehlen, da oft sie nicht die sichersten Bürgschaften bieten.

Drittens: Um die Wahrheit der Privat­Offenbarungen zu erkennen, kann man sich im Allgemeinen nicht an ein einzelnes Zeichen halten, sondern man muss aufmerksam alle die Umstände betrachten, welche die in Frage stehende Person betreffen, die Art, wie die Offenbarungen gegeben worden und die Wirkungen, die sie zur Folge gehabt haben.

Hier folgt die Art und Weise, wie der Kardinal Bona in dieser Beziehung verfährt. Nach ihm kann man zum Vor- und Musterbilde die Offenbarungen der hl. Theresia nehmen, welche nach dem Zeugnisse der glaubwürdigsten Männer mit ganz besonderem Ansehen bekleidet sind. --- Welches sind nun, fährt der gelehrte Kardinal fort, die hauptsächlichsten Kennzeichen, welche uns über den übernatürlichen Ursprung der, dieser Heiligen zu Teil ge­wordenen Offenbarungen und Visionen Sicherheit geben? Sie fürchtete stets die Täuschungen des Teufels und deshalb begehrte und wünschte sie niemals Visionen, sondern bat Gott vielmehr, sie aus dem gewöhnlichen Wege zu führen, indem sie nur Eines wünschte, dass nämlich Gottes Wille an ihr in Erfüllung gehe. Wie der Teufel (über das, was er offenbart) den Seelen, die er täuschen will, Stillschweigen auferlegt, so wurde die heil. Theresia von dem zu ihr sprechenden Geiste stets aufgefordert, sich hier­über gelehrten Männern aufzuschließen, und sie unterwarf sich wirklich der Untersuchung jener berühmten Persönlich­keiten, die damals in Spanien in ausgezeichnetem Rufe der Wissenschaft und Heiligkeit standen, wie eines heil. Petrus von Alcantara, eines hl. Franziskus von Borgia, eines Johannes von Avila, eines Balthasar von Alvarez, eines Dominikus Bannez und Anderer. --- Ihren Seelenführern gehorchte sie sehr pünktlich, und nahm in Folge ihrer Visionen in der Liebe und Demut zu. Sie suchte lieber jene Personen auf, welche ihr am wenigsten Vertrauen bewiesen, und liebte vorzugsweise jene, von denen sie Verfolgung zu erdulden hatte. --- Ihre Seele empfand tiefe Ruhe und außerordentliche Befriedigung,

In dem Leben der heil. Theresia von den Bollandisten kann man die ihrer Lehre gegebenem ausgestellten einzig lautenden Zeugnisse nachsehen. belehrte Kritiker verwerfen indessen die Meinung gewisser Schriftsteller, welche diese Heilige unter die Wahl der Kirchenväter aufgenommen wissen wollte. ihr Eifer für das Heil der Seelen war sehr lebendig; ihre Gedanken sehr rein; ihre Herzenseinfalt sehr groß und ihr Verlangen nach Vollkommenheit sehr heiß. --­Wenn sie Unvollkommenheiten und Fehler beging, so wurde sie immer darüber von Dem bestraft, der innerlich zu ihr redete. --- Es wurde ihr gesagt, dass sie alles Gute, was sie von Gott erbitten würde, unzweifelhaft erhalten solle, und wirklich, so oft sie um Etwas bat, wurde sie allezeit erhört. Alle Jene, welche mit ihr verkehrten, fühlten sich durch ihren Umgang zur Bescheidenheit, Frömmigkeit und Gottesliebe angetrieben, wenn anders deren böse Stimmung es nicht verhinderte. Ihre Visionen fanden gewöhnlich nach langem und inbrünstigem Gebete statt, oder nach der hl. Kommunion, und dieselben entzündeten in ihrer Seele ein brennendes Verlangen, für Gott zu leiden. --- Sie züchtigte ihren Körper durch Fasten, Geißeln und raue Bußkleider, und streute sich in Trübsalen, Widerwärtigkeiten und Krankheiten. --- Sie liebte die Einsamkeit, floh den Umgang mit den Menschen und riss sich von aller Neigung zu den irdischen Dingen vollkom­men los. --- Sowohl im Glücke wie im Unglücke be­wahrte sie dieselbe Stimmung und dieselbe Gemütsruhe. --- Endlich haben die gelehrten Männer in ihren Offen­barungen und in den sie begleitenden Umständen nie etwas gefunden, was von den Regeln des Glaubens und der christlichen Vollkommenheit abwiche, oder was irgend­wie tadelnswert wäre.

Nachdem der Kardinal Bona alle diese Zeichen auf­gezählt hat, schließt er also: „So oft ähnliche Beding­ungen bei einer Person vereinigt sind, ist es unzweifel­haft, dass ihre Offenbarungen von Gott kommen." --­Und in der Tat bilden diese Regeln ein dergestalt zu­sammengesetztes Ganzes, dass sie selbst die Möglichkeit einer Täuschung oder eines Irrtums ausschließen, d. h. einer erheblichen Täuschung oder eines bedeutenden Irrtums. Wenn dem nicht so wäre, so könnte es den Anschein ge­winnen, als ob die göttliche Vorsehung ihren Verheiß­ungen untreu würde. Wenn es vorab gewiss ist, dass den Offenbarungen die Gesinnungen wahrer und probehaltiger Demut vorausgehen, sie begleiten und auf sie folgen, so hat der Zweifel keinen vernünftigen Grund mehr. ---,,Die Demut, so sagen die besten Schriftsteller, ist das sicherste Zeichen, der vorzüglichste Prüfstein, um alle gött­lichen Wirkungen, wie: innerliche Regungen, Wunder, Offenbarungen, Visionen, Ekstasen oder Entzückungen zu unterscheiden.

Der heil. Chrysostomus gibt uns noch einen andern, sehr wichtigen Grundsatz an die Hand, um die Wahrheit der Privat-Offenbarungen darzutun, wenn er sagt: „So oft Etwas geschieht, was über und weit über die Natur geht, so dass sie durch Schicklichkeit und Nützlichkeit sich auszeichnet, so ist es klar, dass es durch göttliche Kraft geschieht." --- So z. B. wenn jemand Mysterien und Geheimnisse entdeckt, die augenscheinlich in keinem Ver­hältnisse mit seiner erworbenen Wissenschaft und seiner Fassungskraft stehen, so ist sofort gewiss, dass sie diese Kenntnisse nur entweder von Gott oder vom Teufel er­langt haben können. Weiterhin ist es aber ebenso gewiss, dass sie auch vom Teufel nicht kommen können, wenn sie in ihrem Gegenstand, in ihren Umständen und ihren Wirkungen nichts enthalten, was nicht wahr, untadelig, voll Auserbauung und geeignet wäre, zur Verherrlichung Gottes und zum Heile der Seelen zu dienen.

Dieser Beweis hat einen unbestreitbaren, zuweilen sogar entscheidenden Wert. Es ist jedoch wohl zu merken, dass der böse Geist, wenn er eine Seele umso sicherer verderben will, häufig damit beginnt, dass er ihr die schönsten und heiligsten Dinge eingibt. Man würde sich also gröblich täuschen, wollte man alle frommen Offenbarungen, einzeln für sich genommen und ohne Rücksicht ans die anderen Kennzeichen, immer Gott zuschreiben. Deshalb haben wir gesagt, dass man nicht einem einzelnen Zeichen trauen dürfe. Ebenso hätte man Unrecht, wenn man diesem oder jenem Umstand, welcher die zu beurteilenden Offenbarungen begleitet, schlechthinigen Wert beilegen würde, als:  Ekstasen, die mit Erhebung des Leibes verbunden sind, Enthüllungen gewisser Geheimnisse, Prophezeiungen, die in Erfüllung gegangen, erhabene Visionen,  Regungen außerordentlicher Inbrunst, heldenmütigen Vorhaben und Entschlüssen. Streng gesprochen kann dies Alles das Werk des Teufels, einige können sogar auch nur natürliche Erscheinungen sein.

Endlich ist es noch höchst wichtig, zu bemerken, dass wie heilig, demütig und erfahren eine Person sei, man dennoch beinahe nie sicher schließen kann, dass unter ihren zuverlässigsten und in ihrem Wesen und im Ganzen un­bestreitbaren Offenbarungen nicht in den Einzelnheiten mehr oder weniger Täuschung oder persönliche Erfindung sich eingeschlichen habe. Dieser Hauptgrundsatz erfordert einige Auseinandersetzungen. Die ganze Frage über die Privatoffenbarungen ist darin enthalten.

III.

Obwohl es sehr schwer zu verstehen und noch schwerer zu erklären ist, was bei den Entzückungen, Gesichten und Offenbarungen vorgeht, so bleibt doch Eines sicher, nämlich dass Gott, wenn Er auch einer Seele außergewöhnliche Gnaden erteilt, Er ihr deshalb nicht die Gabe der Unfehlbarkeit verleiht, eben so wenig den besonderen Beistand, welcher das Privilegium der vom heiligen Geiste erfüllten Schriftsteller oder der lehrenden Kirche ist. Gewöhnlich und besonders vielleicht in mehr oder minder kurzen oder längeren Zwischenräumen, behält die, in den erhabensten, übernatürlichen Zustand erhobene Seele dennoch bis zu einem gewissen Grade den Gebrauch ihrer Freiheit, ihrer Einbildungs- und Urteilskraft. --- Daher ist es nicht zweifelhaft, dass die Seele, selbst ohne ihr Wissen, der göttlichen Einwirkung einige Wirkungen beimischt, die aus­schließlich von ihrer eigenen Tätigkeit herrühren, und folglich bis zu einem gewissen Grade sogar die Natur dieser Wirkungen abändern und umgestalten.

Übrigens muss man nicht nur den Augenblick selbst betrachten, in welchem Gott der Seele eine Mitteilung macht, man muss auch den unmittelbar darauf folgenden ins Auge fassen. Die Seele fühlt sich dann noch ganz erhitzt und wie schaudernd und zitternd in Folge der empfangenen Berührung. In dieser Übergangsperiode sind die Täuschungen besonders zu fürchten; denn nach der Ansicht, welche der hl. Ignatius in seinen wunder­baren Regeln über die Unterscheidung der Geister ausspricht, geschieht es häufig, dass die Seele, sei es aus Gewohnheit, sei es durch persönlichen Verunsicherung oder eignes Urteil, Gefühle hat, Beschlüsse fasst, die nicht direkt von Gott herrühren und welche eine sehr genaue Untersuchung erfordern, ehe man seine Zustimmung geben kann.  Ferner ist zu bemerken, dass die Personen, welche göttliche Mitteilungen erhalten haben, neuen Irrtümern ausgesetzt sind, wenn sie dieselben mündlich oder schriftlich erzählen. Bald fehlen ihnen die Ausdrücke, um ihre ­Gedanken wieder zu gebend, bald sind auch ihre Erin­nerungen nicht mehr getreu. Und wirklich, wenn wir annehmen, dass längere oder kürzere Zeit verflossen ist, seitdem die Offenbarungen stattfanden, so begreift es sich leicht, dass während dieser Zwischenzeit die verschiedenen Fähigkeiten, die erhaltenen Eindrücke oder Begriffe in etwas sich haben abändern können durch Verminderung derselben und besonders durch Beifügen fremdartiger Umstände.

Man sieht also, dass Ungenauigkeiten, Täuschungen aus verschiedene Weise bei den Privatoffenbarungen sich einschleichen können. Gott lässt es also zu zur Belehrung der Seelen, denen diese besonderen Gnaden zuteil geworden sind. Er will sie lehren, allzeit auf ihrer Hut zu sein, dass sie den Stolz und Eigendünkel vermeiden.  Ebenso will Gott dadurch alle Christen, die vielleicht versucht sein könnten, diesen außergewöhnlichen Mitteilungen über die Maßen zu trauen, belehren, dass die Kirche allein das rechtmäßige Organ Seines Wortes, die unfehlbare Auslegerin Seines Gesetzes und die immer sichere Führerin unseres Gewissens sei.

Wenn man die Offenbarungen mehrerer heiliger Personen, selbst jener, welche die Kirche auf den Altar erhoben hat, genau untersucht, so findet man in der Tat viel wenigstens Zweifelhaftes und zuweilen sogar Falsches.

Es ist auch wirklich nicht selten, dass diese Offenbarungen sich gegenseitig widersprechen, und dass sie unerfüllte Prophezeiungen oder vermiedene Anzeichen von Verblendung enthalten. Der beherzte Bollandist Papebroch ­nimmt, nachdem er verschiedene Offenbarungen des gott­seligen Hermann Joseph untersucht hat, keinen Anstand, mit Bestimmtheit zu sagend: „Ich würde lieber alles, was man wollte, leiven, als solche Dinge für eine himmlische Mitteilung annehmen." --- In gleicher Weise ver­werfen die Bollandisten viele andere Offenbarungen, unter andern die der hl. Elisabeth von Schönau über das Martyrium der hl. Ursula und ihrer Gefährtinnen. Mehrere gelehrte Kritiker haben gleichfalls ernste Einwend­ungen erhoben gegen einige von der Kirche bis zu einem gewissen Grade gutgeheißenen Offenbarungen, wie die der hl. Hildegard, der hl. Brigitta, der hl. Katharina von Siena.

Man sage auch nicht, schon die Äußerung eines Zweifels oder einer ungleichen Meinung in einem derar­tigen Falle sei ein Verstoß gegen die dem Andenken dieser heiligen Seelen schuldige Ehrfurcht. Die Ehrfurcht bleibt vollkommen unverletzt, so lange man kein Gefühl von Verachtung beweist und so lange man seine Meinung nicht verwegen und ohne irgendeinen vernünftigen Beweg­grund ausdrückt. Innerhalb dieser Grenzen lässt uns die Kirche immer große Freiheit in Beurteilung der Privatoffenbarungen. ---„Es liegt ihr wenig daran, sagt Melchior Eanus, ob man die Visionen der hl. Brigitta und Andrer der Art glaube oder nicht; diese Dinge be­ziehen sich durchaus nicht aus den Glauben."

Die Person, welcher diese Offenbarungen vom Himmel gegeben werden, kann und muss mit übernatürlichem Glauben daran glauben, wenn sie nur, nicht eine einfache Wahrscheinlichkeit, sondern eine wirkliche Sicherheit über deren ­göttlichen Ursprung hat.  Was aber die andern Gläubigen betrifft, so sind sie sicherlich keineswegs verpflichtet, ihre Beistimmung dazu zu geben. Wenn die Kirche die Offenbarungen einiger Heiligen speziell gutheißt, so will sie damit in keiner Weise uns zum Glauben daran ver­pflichten. Sie erklärt nur, dass sie darin nichts finde, was dem Glauben und den guten Sitten geradezu wider­spreche, und dass man sie, wenigstens in gewissen Ländern mit Nutzen und ohne Gefahr lesen könne. Im Übrigen bürgt sie nicht für die Wahrheit jedes einzelnen Satzes und gestattet vollkommen, darin zu widersprechen unter der einzigen Bedingung, dass man die von uns so eben angegebenen Grenzen nicht überschreite.

Welches ist also zuletzt das Ansehen der Privat- Offenbarungen?

Ihr Wert entspricht dem Werte der Personen, die sie mitteilen, er ist nicht größer und nicht kleiner. Diese Person ist nie unfehlbar; es ist also offenbar, dass die von ihnen behaupteten Dinge nie durchaus sicher sind mit Ausnahme des einzigen Falles, wenn ein direkt ge­wirktes Wunder diese Behauptung bestätigt. Um alles in einem Worte zu sagen, so haben die Privat-Offenbarungen nur ein rein menschliches und mögliches Ansehen.

Daraus geht hervor, dass man im Allgemeinen gesprochen sie nicht zur Entscheidung einer Streitfrage der Gottesgelehrtheit, noch weniger zur Lösung eines Streit­punktes der Philosophie, der Geschichte oder was immer für einer Wissenschaft anführen könne.  Ebenso wäre es, gewisse, ganz besondere Fälle ausgenommen, ein Missbrauch, die Privat-Offenbarungen auf der Kanzel zu erwähnen. Höchstens darf man sie in Vorträgen an einige fromme Personen als Nahrung geistlicher Erbauung bieten; und auch da noch ist um jeden Preis zu vermeiden, dass diese Personen sich nicht täuschen lassen und die solchen Offen­barungen schuldige Achtung nicht übertreiben. Es ist wichtig für die Ehre und die Würde einer göttlichen Religion, dass ihre Jünger keine leichtgläubigen Seelen seien, und dass sie ihren Glauben hoch genug zu schätzen .wissen, um ihn allezeit unendlich über all das zu stellen, was nicht zu ihm gehört.

Was die Seelenführer solcher außerordentlich begnadigten Personen betrifft, so müssen sie mehr noch als die andern auf sich die Vorschrift des Apostels anwenden: „Nolite omni spiritui credere.“ (Glaubet nicht jedem Geiste.) Wer Gesichte und Offenbarungen leicht an­nehmen würde, würde dadurch eine Unvorsichtigkeit be­weisen, die sich nicht mehr bezeichnen ließe und unfehlbar die traurigsten Folgen haben müsste. Die einzige Verhaltensregel, welche der alltäglichste, gesunde Menschen­verstand eingibt, besteht darin, die Dinge lange und von allen Seiten zu prüfen, sich hinter ein Mißtrauen zu verschanzen, das niemals zu groß sein kann, wenn es nur nicht bis zu grundsätzlich durchgeführtem Unglauben geht. Und gewiss ist diese Vorschrift wohl gerechtfertigt durch all das, was wir oben auseinander setzten, da, wo wir einen Abriss der Regeln gaben für die Unterscheidung der wahren und falschen Offenbarungen. Denn wenn sich aus diesen Grundsätzen ein Schluss klar ergibt, so ist es sicherlich der, dass die Würdigung der übernatürlichen Tatsachen dieser Art außerordentlich schwer ist, so schwer, dass sie zuweilen die Kräfte aller Wissenschaft und alles menschlichen Scharfsinns übersteigt.

Schließlich bleibt uns noch ein Wort zu sagen über die Stimmung, mit welcher man Schriften lesen soll, die Gesichte oder Privatoffenbarungen enthalten. Selbstverständlich reden wir nicht von jenen, die nicht durch dazu befugte Männer geprüft worden, mit keiner kirchlichen Gutheißung versehen sind; solche verdienen durchaus kein Vertrauen und die Gläubigen sollen sich der Lesung derselben enthalten. Es handelt sich ausschließlich um zwei Arten von Büchern: erstens, um solche, welche seit langer Zeit durch die große Heiligkeit ihrer Verfasser und durch die Gutheißung des hl. Stuhles ausgezeichnet sind; zweitens um solche, welche von Personen herrühren, deren Frömmigkeit anerkannt ist und aus Grund reiflicher Untersuchung verlässiger Männer, die dargetan, dass die darin enthaltene Lehre gesund und ersprießlich sei, bereits von einem oder mehreren Bischöfen gutgeheißen ist.

Wenn nun auch billig ist, einen großen Unterschied zwischen diesen beiden Arten von Schriften zu machen, so kann man dennoch behaupten, dass für beide hinlängliche Gründe vorliegen, ans welchen die Gläubigen mit Nutzen sie lesen können. Die Bücher, welche Privat -Offenbarungen enthalten, zeichnen sich oft durch einen besonderen Duft von Frömmigkeit aus, durch Klarheit der Lehre, durch eindringliche Salbung, die man in gewöhnlichen geistlichen Werken vergebens suchen würde. Eine gerade und ausrichtige Seele wird unstreitig darin die kostbarsten Elemente zur Erbauung finden, wenn sie dieselben im Geiste bescheidener, verständiger Einfachheit betrachtet, ohne vorhergefasste Feindseligkeit, ohne Beanspruchung über­triebener Kritik; wie andrerseits auch ohne kindische Leicht­gläubigkeit, ohne übertriebene Achtung für die wunder­baren Tatsachen: zwei Übertreibungen, deren Ver­meidung im Punkte der Privatoffenbarungen gleich wichtig ist.

P. Toulemont                  


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Leben der

würdigen Marie Lataste,

Laienschwester im Orden des heil. Herzens Jesu

von

einer Klosterfrau desselben Ordens.


 

Vorrede.

Was wir dem Leser mit diesem Werke bieten, ist keine eigentliche Lebensbeschreibung, denn um das Leben der Marie Lataste zu beschreiben, müsste man den größten Teil ihrer Schriften anführen; erst in diesen entfaltet sich so ganz ihr Bild und offenbart sich zugleich die Güte des Herrn gegen seine Dienerin. Wenn man ihre Schriften bei Seite lässt, so kann man nur wenige Einzelheiten sammeln; es bleiben uns dann nur die Er­innerungen der Klosterfrauen des heil. Herzens, deren Genossenschaft die auserwählte Seele drei Jahre lang angehörte.

Aus diesen Quellen mussten wir also schöpfen und zwar suchten wir Marie Lataste vorzüglich ans ihren Briefen kennen zu lernen. Dort erzählt sie die ihrem Kloster-Eintritt vorhergehenden besonderen Umstände ihres Lebens, jedoch ohne bestimmte Ordnung, wie eben die Fragen ihres Beichtvaters sie auf Dieses oder Jenes hin­führten; deshalb wurde es für nötig befunden, die zer­streuten Tatsachen zu einem Ganzen zu ordnen. Wir haben diese Sammlung noch durch Dokumente vervollständigt, welche wir glaubwürdigen Augenzeugen verdan­ken, und wir ließen es uns angelegen sein, Alles dem hochw. Pfarrer von St.-Paul-les-Dax vorzulegen, dessen Zeugnis uns sehr kostbar war. Er war mehr als jeder andere im Stande darüber zu urteilen, da ihm vergönnt war, diese Seele zu führen und ihre tiefsten Geheimnisse zu ergründen.

Vielleicht wird man einwenden, wir hätten zu oft Mariens eigne Worte angeführt; allein wir glaubten nicht dem Wunsche entsagen zu sollen, sie durch sich selbst zu schildern, vorzüglich da wir so viel Anmut und Herzenseinfalt in ihrer Sprache fanden. Wir vermögen indes, auch wenn wir, gegen unsern früheren Vorsatz, weitläufiger wurden, doch nur eine sehr unvollständige Skizze dieses so kurzen und dennoch so verdienstlichen Lebens zu entwerfen.

Die folgenden kurzen Notizen werden nur wenige Tatsachen anführen, welche die Neugierde wecken und befriedigen; allein man kann daraus wenigstens abneh­men, wie man durch Übung der verborgensten Tugenden das Auge Gottes auf sich zieht, wie man dadurch das Wohlgefallen Gottes erwirbt, der die Schwachen und Demütigen ganz besonders liebt, und wie man mit Seiner Gnade zur höchsten Vollkommenheit gelangen kann.

Ferner glauben wir noch erwähnen zu müssen, dass wir uns nicht anmaßen, bezüglich des Ursprungs und Charakters der im Leben Marie Latastes vorkommenden außerordentlichen Erscheinungen und Offenbarungen dem Urteile der katholischen Kirche irgendwie vorzugreifen, und dass wir alles in diesem Buche Erzählte so genommen wissen wollen, wie man das nimmt, was nur aus mensch­licher Autorität beruht. Deshalb zogen wir es vor, bei Erzählung der genannten Erscheinungen und Offenbarungen stets die eigenen Worte Mariens zu gebrauchen; es ist dadurch Jedem überlassen, sich selber ein Urteil zu bilden.

 

 

Erstes Kapitel

Mariens Geburt und Erziehung, ihre erste Kommunion,
ihre innerlichen Kämpfe.

 

Marie Lataste wurde den 21. Februar 1822 in Mimbaste, einem kleinen Dorfe im Departement der Landen geboren. Mimbaste liegt einige Meilen von Dax und nicht weit von dem durch die Geburt des hl. Vincentius von Paul geheiligten Orte.    

Dieses Dorf, oder besser dieser Weiler, besteht nur aus einigen zerstreut liegenden Häusern. Die Bewohner dieser höchst malerischen Gegend kommen wenig oder gar nicht zusammen und sehen sich fast nur in der armen entlegenen Kirche.

Durch ihre topographische Lage dem Getriebe der Welt fremd, wissen die Landleute dieses Departements Nichts von dem, was sich in den großen Städten zuträgt; Handel und Industrie sind ihnen unbekannt; deshalb sind sie noch einfach, fromm und arbeitsam. Sie hören auf die Stimme ihres Hirten und da die Grundsätze und Irrtümer des Jahrhunderts nicht in ihre Einsamkeit zu dringen vermögen, so leben sie dort meist friedlich und treu im Dienste des Herrn.               .

Marie Latastes Eltern waren solch' einfache fromme, arbeitsame Landleute. Der Vater hieß Franziskus Lataste und der Familienname der Mutter war Elisabeth Pourlet. Beide besaßen ein kleines Gut, das in der Gegend unter dem Namen der großen Eiche bekannt war. Der Er­trag dieses Gutes genügte zum Unterhalt der Familie, und Vater und Mutter sahen es als ihre erste Pflicht an, ihre Kinder in der Furcht des Herrn und Seiner Gebote zu erziehen. Schon in ihrem zehnten Jahr Waise, hatte die Mutter die Schule verlassen müssen, um ihr Brot zu verdienen; selbstverständlich erhielt sie unter diesen Umständen keine vollendete Erziehung, daher konnte sie später ihre Töchter nur das Wenige lehren, was sie selbst gelernt, nämlich: lesen, schreiben, nähen und spinnen. Wenn somit ihre weltlichen Kenntnisse höchst beschränkt waren, so verstand es jedoch die fromme Mutter umso besser, den Keim der Tugend in die Seelen ihrer Kinder zu pflanzen und deren Herz zu bilden, und zwar weniger durch Worte als durch das Beispiel, womit sie ihren Kindern voranleuchtete. Bei ihren beiden ältesten Töchtern: Margaretha und Quitterie erntete sie bald die Früchte ihrer Sorgfalt; schwerer wurde ihr diese Aufgabe bei ihrer dritten Tochter Marie, bei welcher die gewöhnlichen Fehler der Kinder ausfallender hervortraten. Hingerissen durch ihre große Lebhaftigkeit, war sie ungehorsam und eigensinnig; trotz aller Mühe ihrer Mutter, welche ihr mit unerschöpflicher Geduld den Katechismus erklärte, wollte sie denselben nicht lernen. Die ältere Schwester Mar­garetha, welche Marie später selbst ihren guten Engel nannte, widmete sich der jüngeren Schwester mit dem zärtlichsten Eifer; ihre Ermahnungen fanden zuweilen ein williges Ohr, waren aber ebenso schnell wieder vergessen. Obwohl hierüber tief bekümmert, wankte indessen die Mutter nicht im Vertrauen auf Gott und war umso eifriger in ihrem Gebete.

Bereits nach vollendetem achten Jahre verminderte sich indessen Mariens allzu lebhafte Ungebundenheit; ja in dem Maße als ihre Geisteskräfte sich mehr entwickelten, bemächtigte sich ihrer sogar ein finsterer Ernst. Noch hatte sie ihr elftes Jahr nicht erreicht, als eine Art Instinkt die gewöhnliche Frucht des Stolzes bei gewissen großen, ­zu Erhabenem bestimmten Seelen, sie unwillig darüber machte, dass sie in Folge ihrer niedrigen Stellung verurteilt sei, vergessen und verachtet zu werden von einer Welt, in der sie ihr Glück suchte. Dieser Stolz musste erst in der Schule Christi gebrochen und ihm ein edles, hohes Ziel gegeben werden. Gott legt in uns gewisse Neigungen, die seine Güte befriedigen will, und zu diesem Zwecke hilft Er uns durch Seine Gnade sie zu heiligen und auf übernatürliche Güter zu richten. Der Teufel jedoch, dem Menschen seine Glückseligkeit missgönnend, er­niedrigt ihn, indem er strebt, seine Blicke und Wünsche nach dem Irdischen zu richten. So wollte er auch Mariens Drang nach Größe und Genuss benützen, und zeigte ihr die Lockungen der Welt im schönsten Lichte, um sie an sich zu ziehen.

Begabt mit einem durchdringenden Verstand und einer lebhaften Einbildungskraft, entwickelte sich frühzeitig ihr Geist; die mangelhafte Erziehung, der wenige Unterricht genügten ihr nicht, und sie fühlte eine gewisse Leere in sich, woraus eine Befangenheit, eine Verlegenheit entstand, die ihr selbst als linkisches Wesen erschien. Dies wurde für sie eine Quelle neuen Kummers: Die liebenswürdigen Eigenschaften anderer betrübten sie, weil ihr dieselben mangelten; die Armut ihrer Eltern war ihr lästig, weil sie dadurch gezwungen war, zurückgezogen zu leben und die Freuden und Vergnügungen nicht genießen konnte, die sie mit dem Reichtum notwendig vereint glaubte. Alles missfiel ihr und reizte ihren Stolz, selbst ihr kleines, heimatliches Dorf. Diese bitteren Gedanken waren es, welche sie finster und schweigsam machten; jedoch verschloss sie damals Alles in sich und ohne ihr späteres Geständnis hätte man nie die Ursache dieser ausfallenden Veränderung bei einem Kinde so zarten Alters geahnt. Ihr Benehmen befremdete Jedermann, Margaretha ver­doppelte ihre Sorgfalt und die tiefbetrübte Mutter setzte all ihre Hoffnungen auf die Hilfe von Oben, und fuhr fort zu beten. Auf Gott aber übt das mütterliche Gebet, wie so viele Tatsachen beweisen, eine unwiderstehliche Gewalt aus, auch Elisabeth empfand dies: sie wurde erhört.

Marie wuchs heran, sie litt, sich selbst unbewusst, immer mehr unter dem Einfluss des Feindes der Seelen; aber mit dem zwölften Jahre begann sie die Wichtigkeit der ersten Kommunion zu empfinden, zu welcher sie zugelassen werden sollte, sie fasste deshalb den Entschluss, sich auf dieselbe mit aller möglichen Sorgfalt vorzubereiten. Von nun an lernte sie den Katechismus mit großem Eifer und hörte die Auslegung desselben aufmerksam an. Bald zeigte sich die Wirkung dieser Stimmung; sie lernte den Wert dieser Lehren kennen und die natürliche, glückliche Folge davon war, dass sie ernstlich daran dachte, ihre Fehler abzulegen und so konnte man bald wahrnehmen, dass unter dem belebenden Hauch der göttlichen Gnade die Keime der in ihr schlummernden Tugend sich entwickelten. In dem Gebete fand sie bis dahin ungeahnte Genüsse und es nährte nicht lange, so offenbarte sich aus ihrer wieder heiter werdenden Stirne die Veränderung ihres Innern. Als sie unsern Heiland zum ersten Mal empfing, fühlte sie lebhaft Seine allerheiligste Gegenwart und äußerte zu wiederholten Malen ihre kindliche und ruhige Freude darüber mit den Worten: „Wie süß ist es, Jesus zu empfangen und Ihn im Herzen zu haben !" --- „Du hast Recht, Tochter, antwortete ihre Mutter, strebe da­nach, von jetzt an immer so brav zu sein und so zu leben, dass du das Glück verdienst, oft zu kommunizieren."

Diesen Rat treu befolgend und durch die göttliche Speise gestärkt, wich das fromme Kind nie von seinen festen Entschlüssen ab. Durch Gebet und Wachsamkeit bereitete sie sich später auf das hl. Sakrament der Firm­ung vor, welches bald nachher in der benachbarten Pfarrkirche von Pouillon durch den hochwürdigsten Bischof Savy von Aire gespendet wurde. Sie erschloss ihr Herz gänzlich ­den Einsprechungen des hl. Geistes, daher wurden ihre Fortschritte täglich fühlbarer: ihre Bescheidenheit, ihre zu­vorkommende Aufmerksamkeit für alle, ihr pünktlicher, rascher Gehorsam, ihre Emsigkeit bei der Arbeit erbaute Jeden. Besonders aber erstaunte man über den heiligen Ernst, den sie bei der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten an den Tag legte; ihr lebendiger Glaube an den im Sakra­mente gegenwärtigen Gott spornte sie zu großer Andacht und Geistessammlung, wenn sie das Glück hatte, ihn be­suchen zu dürfen. .

Ungefähr ein Jahr nach ihrer ersten Kommunion glaubte sie im Augenblick der heiligen Wandlung aus dem Altar ein glänzendes Licht zu bemerken; während ihre Augen es bewunderten, wurde ihr Herz von Liebe zu dem eucharistischen Gott entstammt. Je mehr diese Liebe zu­nahm, desto glänzender wurde das Licht; es war dies gleichsam die Morgenröte der Sonne der Gerechtigkeit, die später ihren Glanz vor ihr entfalten sollte. Mit folgenden Worten beschrieb sie die damaligen Unterredungen ihrer Seele mit dem göttlichen Heilande: „Lange, sagte sie, habe ich mit ihm geredet; ich sagte ihm nur wenig, ich konnte nur die Worte hervorbringen: Jesus, ich liebe Dich, oder: Jesus, ich gebe Dir mein Herz, oder: Herr Jesus, vermehre meine Liebe zu Dir! --- Dann, als ich Ihn verließ, sagte ich zum Abschied zu Ihm: Mein Heiland, segne Deine demütige Magd! --- Der göttliche,, Erlöser hörte mir lange zu, ohne mich Seine Stimme auf fühlbare Weise vernehmen zu lassen; aber ich hörte dennoch eine innere Stimme, die zwar keine Worte aussprach; allein diese sanfte und süße Stimme sagte mir: „Meine Tochter, ich liebe dich; meine Tochter, ich nehme das Opfer deines Herzens an; meine Tochter, ich segne dich." --- Woraus ich zufriedengestellt, mich zurückzog." Und in der Tat, wie hätte dieses Gebet einer reinen und geraden Seele den göttlichen Meister nicht rühren sollen? Seine Augen sahen mit Wohlgefallen aus dieses auserwählte Kind herab, Er fand Gefallen an ihr und so bestätigte sich bei ihr, was Er ehemals einem Seiner treuesten Diener durch einen himmlischen Boten gesagt hatte: „Weil du angenehm vor Gott warst, musste die Versuchung dich bewähren." --- Dadurch, dass Gott also die Verdienste Seiner Auserwählten vermehrt, reinigt Er sie und macht sie empfänglich für Seine auserlesenen Gnaden; auch Marie sollte in dem Schmelztiegel der Leiden geläutert werden, deshalb hatte sie um diese Zeit die härtesten Prüfungen des geistigen Lebens zu bestehen. Mit großer Energie kämpfte sie fortwährend gegen ihren Stolz; dazu gesellten sich nun auch Gewissensskrupel. Die großen Wahrheiten der Religion machten auf sie tiefen Eindruck; ihre lebhafte Einbildungskraft steigerte die aus denselben sich ergebenden Forderungen und der böse Feind, diese ihre Stimmung benützend, umdüsterte ihren Verstand und ließ ihr fast all ihre Handlungen als mit der Sünde befleckt erscheinen. Trotz dem aufrichtigen Geständniss ihrer Fehler gelangte sie nicht zur Ruhe; denn sie glaubte keine Verzeihung derselben zu erlangen, weil sie keinen fühlbaren Schmerz über ihre Sünden empfand. In ihrer noch wenig erleuchteten Frömmigkeit hielt sie die süßen Gefühle für notwendig; sie glaubte sich von Gott verworfen und dies betrübte sie auf's Tiefste, da sie Ihn mit so großem Eifer suchte.

Ihr Beichtvater, ein gelehrter und weiser Mann, ver­folgte aufmerksam die Wirkungen der Gnade in der Seele seines Beichtkindes, und da dieses sich mit unbedingtem Gehorsam seinem Rate unterwarf, fand sie hierin bald das wirksamste Mittel.

Auf die Skrupel folgten Versuchungen wider die zar­teste aller Tugenden; dieselben waren heftig und beinahe ununterbrochen, so dass ihre von Erschöpfung und Trocken­heit ermüdete Seele nirgends Erleichterung fand; auch ihr Äußeres verriet das innere Leiden, und Mutter und Schwester, welche die Ursache ihrer Leiden nicht kannten, suchten vergeblich sie zu lindern.

In dem Maße jedoch als die Arglist des Teufels zunahm, verdoppelte auch das junge Mädchen ihre Wachsamkeit, um den Schatz zu bewahren, welchen er ihr rauben wollte: „Gott, schrieb sie, suchte mein Herz in einem noch zarten Alter durch fürchterliche Prüfungen zu bilden. Er flößte mir dagegen aber auch Neigungen ein, die der Welt wenig günstig waren; Er zeigte mir die Gefahr der nicht beherrschten Leidenschaften und vermehrte täglich meine Liebe zur Jungfräulichkeit. Sie übte auf meinen Geist einen geheimen Zauber aus, der mich immer mehr an sie fesselte und mich fürchten ließ, sie zu verlieren.“1 Diese Gefühle erregten in ihr den Wunsch, sich durch das Ge­lübde der Keuschheit zu binden; ihr vorsichtiger Beichtvater erlaubte ihr indessen nur dasselbe immer für die Dauer eines Jahres abzulegen; sie gehorchte und von dieser Zeit an verringerte sich allmählich die Unruhe ihrer Seele.

1 Vollständiges Werk 1. Bd. Marie Lataste's Briefe an ihren Beichtvater.

Gleichwohl empfand sie im Gebete und im Empfang der hl. Sakramente nur wenig Trost; ihre monatliche Kommunion verdoppelte ihre Leiden und ihre Traurigkeit, und bald hatte sie noch andere Kämpfe zu bestehen.

Als sie 17 Jahre alt war, waren diese Versuchungen, unter denen sie so viel gelitten, verschwunden; aber ihrem eignen Ausdruck zufolge: „alle ihre Leidenschaften empörten sich und begannen den heftigsten Krieg: Der Stolz ihrer Kindheit erhob sich stärker und mächtiger denn je; der Zorn verbitterte ihr Herz, so dass sie wie betäubt war und fast jeden Augenblick zu sterben wähnte; ihre Empfindlichkeit stieg auf's Höchste: ein Wort, ein Blick, eine Bewegung war hinreichend, um ihr Missfallen gegen Andere hervorzurufen. Sie wusste nicht was beginnen, wohin fliehen?

Aber gerade als die Wut des Satans zu ihrem Ver­derben entfesselt schien, warf unser Heiland einen Seiner mitleidigen und erbarmungsvollen Blicke auf Seine Magd. Der Tabernakel wurde der vorherrschende Gedanke ihres Geistes; dort fand ihre Seele die wahre Stütze in diesem Lande der Verbannung, und wenn der Kampf auch noch nicht aufhörte, so wusste sie, wo sie Waffen und Kraft zum Siege suchen musste, und wenn sie auch noch zu leiden hatte, so liebte sie doch dieses Leiden und war glücklich, dasselbe Jesu, dem Opferlamme, darbringen zu können. --- Diese Gnade rechnete Maria unter die her­vorragendsten, die ihr zu Teil geworden; sie beschreibt deshalb mit großer Anmut ihre Gefühle für den im allerheiligsten Sakramente weilenden Gott: „Zu Jesu im Tabernakel ziehe ich mich am liebsten zurück, dort ver­berge ich mich und suche Ruhe. Dort finde ich ein Leben, das ich nicht zu beschreiben vermöchte, eine Freude, die ich Niemand begreiflich machen könnte, einen Frieden, wie wir ihn nur unter dem gastlichen Dach unseres besten Freundes finden können. Jesus im Tabernakel schützt mich gegen alle meine Feinde, gegen den Teufel, gegen die Welt, gegen meine Leidenschaften und gegen meine ungeordneten Neigungen; Er ist mir Stütze in meiner Schwäche, Trost in meinen Schmerzen, Waffe im Kampfe, Erfrischung in der Hitze, Speise für meine hungernde Seele, Erholung, wenn ich ermüdet, der Himmel auf Erden. Jesus im Tabernakel ist mein Reichtum in der Armut, mein Schatz im Elende, meine Krone im Jammer. Jesus im Tabernakel ist mein Gott und mein Alles, mein Jesus und mein Erlöser !"

Von diesem Zeitpunkt datiert für Marie wie ein neuer Lebensabschnitt. Die Andacht zur hl. Eucharistie wurde noch mehr als früher das auszeichnende Kennzeichen ihrer Frömmigkeit.

 

 

Zweites  Kapitel.

Außergewöhnliche Gnaden, die Marie empfängt; der Heiland belehrt sie; Prüfungen, denen ihr Seelenführer sie unterwirft.

Am Ende des Jahres 1839 empfand Maria eines Tages einen unwiderstehlichen, sich ihres ganzen Wesens bemächtigenden Drang, und demgemäß verfügte sie sich in die Kirche. Ganz eingenommen von dem einzigen sie be­schäftigenden Gedanken gewahrte sie nichts an ihrem Wege: Gärten, Felder, Wiesen, Menschen, alles war ihren Augen entschwunden. Als sie endlich in die Kirche eintrat, sah sie unsern Heiland auf dem Altar. Er war von Seinen Engeln umgeben, aber wie mit einer glänzenden Wolke verschleiert, wodurch sie verhindert war, Ihn vollkommen zu unterscheiden. Das fromme Mädchen fühlte sich unaussprechlich glücklich; sie kam mehrmals wieder und be­trachtete demütig bei Seite stehend den göttlichen Meister, wagte aber nicht, sich zu nahen. Er selbst nahte sich ihr und zeigte sich deutlich ihren Augen unter einer Gestalt voll Sanftmut und Majestät. Seit diesem Augenblick missfiel dieser von Liebe zu dem wahren Gute erglühenden Seele die Gesellschaft der Geschöpfe; sie hätte ziehen, oder sich in die Einsamkeit, oder noch lieber mit Jesus sich in den Tabernakel ver­schließen mögen! Wenn Er verschwand, oder wenn sie ihren gewöhnlichen Geschäften nachgehen musste, legte sie, so zu sagen, ihr Herz im Tabernakel nieder, und wachend und schlafend, bei der Arbeit und bei der Ruhe blieb sie mit Jesus im Sakramente der Liebe vereint.

Die Andauer dieser ausgezeichneten Gnade sollte Marie indessen durch Opfer und Kämpfe verdienen. Wenige Zeit darauf sah sie, wenn sie zum Gebete kam, weder den Heiland noch Sein Licht. Ihr Schmerz darüber war empfindlich; sie klagte sich an, durch ihre Gleichgültigkeit und ihre Sünden Veranlassung zu dieser sie so tief be­trübenden Entziehung der Gnade gegeben zu haben. Schwäche und Mattigkeit bemächtigten sich ihrer Seele; ihr Herz war voll Traurigkeit und immerwährender Ungeduld; ihre bösen Neigungen regten sich und ließen sie befürchten, sie werde denselben unterliegen. Bald jedoch errötete sie über ihren Kleinmut und sprach zu sich selbst: „Wie feig und furchtsam bin ich. Ich warf mich, fügt sie bei, auf die Knie und rief mit lauter Stimme:  „Herr, dein Wille geschehe! Hab' Erbarmen mit mir!"

 Es scheint, dass der Heiland nur diesen Akt vollkom­mener Ergebung erwartet hatte, um Seiner treuen Dienerin zu Hilfe zu kommen. Schon bei Beginn des Jahres 1840, am Dreikönigsfeste, erschien Er ihr wieder auf dem Altar, und drei Jahre lang, bis zu Ende 1842 begnadigte Er Marie mit dem Anblicke Seiner hl. Menschheit, so oft sie der hl. Messe beiwohnte. Im Augenblick der hl. Wand­lung sah sie einen hellen Schein sich am Altare verbreiten, woraus der göttliche Erlöser sich ihr zeigte, auf einem Throne sitzend und strahlend von Glorie und Majestät. Seine linke Hand ruhte gewöhnlich auf Seinem Herzen. Scheint es nicht, als ob der Heiland Marien die Gnadenquelle andeuten wollte, aus welcher ihr die reichlichsten Gnaden zufließen sollten? Scheint es nicht, als ob Er sie einladen wollte, aus Seinem hl. Herzen, dem sie sich einst weihen sollte, zu schöpfen?

In diesen fast täglichen Erscheinungen wurde das demütige Mädchen in die Geheimnisse des übernatürlichen Lebens eingeweiht und hörte von den Lippen Jesu die erhabensten Lehren. Es war dies wirklich eine Art Er­ziehung, wobei der göttliche Meister auf fühlbare Weise zeigen wollte, was er jener Seele ist, die Ihn zu hören versteht und die sich Seiner Führung überlässt. Statt wie früher von Ruhm und Größe zu träumen, erkannte sie nun durch ihn die Eitelkeit der irdischen Dinge, die Torheit Jener, die sich derselben hingeben und dem gegen­über das Glück, das man im Dienste Gottes findet und die Notwendigkeit, sich Ihm ganz zu weihen. Mit unaussprechlicher Güte ließ sich der Heiland herab, und be­diente sich der einfachsten und vertraulichsten Sprache, um ihr die Heilswahrheiten zu erklären. Zuweilen sprach Er zu ihr durch symbolische Erscheinungen, zuweilen in Parabeln; er befragte sie und wiederholte, wenn es nötig, dieselben Lehren.

In dem Maße als das Licht der Gnade diese glück­liche Schülerin durchdrang, offenbarte ihr der Heiland die erhabensten Wahrheiten der Religion. Er sprach mit ihr von verschiedenen Geheimnissen, von Seinem Leiden, von der wunderbaren Verbindung zwischen Gott, den Engeln und den Menschen. Er machte sie nicht nur mit den ausgezeichneten Vorrechten der allerseligsten Jungfrau bekannt, sondern die göttliche Mutter erschien ihr und sprach mit ihr. „Ihre Stimme," sagt Marie, „war immer sanft, gütig und zärtlich, während der Ton Jesu zuweilen streng, und nicht selten drohend war, was ich bei Maria nie wahrnahm."

Ist es zu verwundern, wenn sie in einer solchen Schule schnelle Fortschritte in der Wissenschaft des Heiles machte? Nach ihrem eignen Ausdruck entzündete sich das Licht in ihrer Seele, wie die Flamme aus dem Herd, auf den man Holz und immer wieder Holz legt, und die überdies noch von heftigem Winde angefacht wird.

Doch das Wirken unseres Heilandes in Marie Lataste beschränkte sich nicht darauf, ihren Verstand zu erhellen, sondern Er führte sie, gleich einer zärtlichen und klugen Mutter, Schritt für Schritt auf dem Pfade der Vervoll­kommnung: Er hielt sie aufrecht, wenn sie strauchelte; Er erhob sie, wenn sie gefallen und behandelte sie je nach Umständen, bald mit milder Güte, bald mit unbeugsamer Strenge. Sie selbst gibt solche Beispiele mit der ihr eigentümlichen Einfalt an und erzählt die Vorwürfe, welche unser Heiland ihr einst machte, als sie ihn mit Gleichgültigkeit und Leichtsinn angehört hatte: „Ich sah, sagt sie, wie Sein Antlitz strenge wurde; Seine Blicke auf mich haftend sprach Er mit rügendem Tone: „Wer bist du, dass du die an dich gerichteten Worte so nachlässig aufnimmst? Stolzes Mädchen, kennst du dich selbst? Du bist ein Nichts, nur Sünde und Verderben und den­noch leihst du meinen Worten kein Gehör? Glaubst du, ich redete mit dir wegen deines Verdienstes? Nur aus Barmherzigkeit unterrichte ich dich, ich schulde dir keine Belehrung. Hüte dich, dieselbe zu verachten; hüte dich, stolz zu werden; hüte dich deshalb, über andere dich zu erheben. Mein Wort allein macht dich nicht selig, du musst mitwirken. Meine Worte werden dir kein Verdienst erwerben, sondern nur durch Befolgung derselben wirst du Verdienst erlangen. Mein Wort kehrt nicht unnütz zurück. Was ich dir sage, würde hinreichen, Millionen Heiden zu bekehren. Wehe dir, Unglückliche, wenn du keinen Nutzen daraus ziehst! Wisse, dass du dich immer vor mir demütigen musst, denn du bist nur Staub und Asche, nur Sünde und Verderben, und Ich bin der allmächtige Gott, der unendlich vollkommene Gott, der dreimal heilige Gott, der Heilige der Heiligen, die Heiligkeit selbst! Ich er­wähle die Könige, vor Mir erzittern die Monarchen und die Mächtigen aus ihren Thronen. Ich durchforsche die Herzen und Nieren. Nichts, was unter den Menschen geschieht, entgeht mir; ich kenne ihre geheimsten Gedanken. Sei also treu und merke auf meine Worte." --- Also sprach der Heiland auf strenge Weise zu mir, Seine Worte gingen mir tief zu Herzen." --- Sie fügt hinzu, dass Er jedesmal also verfuhr, wenn Er es gut und zu ihrem Heile zuträglich fand.

Wenn jedoch Anfangs zuweilen auch fremdartige Empfindungen und Gedanken diese noch so unerfahrene Seele abzogen, und sie vom göttlichen Meister gerechte und strenge Verweise erhielt, so hörte sie dennoch gewöhnlich mit hl. Begierde, mit kindlicher Ehrfurcht auf die Stimme Jesu, und wenn sie schüchtern und furchtsam, verlegen und mutlos war, so kam der göttliche Heiland ihr mit der Güte, der Sanftmut und der Zärtlichkeit eines Vaters entgegen, indem er sprach: „Komm, mein Kind, nahe dich mir vertrauensvoll, erhebe dich. Ich bin dein Vater, liebe mich, wie ein Kind. Sprich voll Vertrauen zu Mir, fürchte Nichts, entdecke Mir deine Leiden, Ich will sie lindern. Komm zu Mir, Ich will deine Trübsale in Freuden, deine Seufzer in Jubelgesänge verwandeln, deine Peinen und Schmerzen werden vergehen, sie dauern nur kurze Zeit und in dem Himmel wirst du nur Glück und Seligkeit finden." --- Und Marie fand Ruhe und Freude; es schien ihr, als ob sie diese Gefühle aus dem göttlichen Herzen schöpfe, oder als ob sie den göttlichen Lippen gleich einem fruchtbaren Tau entströmten und ihr ganzes Wesen durchdrängen. Im Laufe des ersten Jahres prüfte der Heiland mehrmals den Gehorsam und die Liebe Seiner Magd, indem Er ihr für Augenblicke Seine hl. Gegen­wart entzog, oder sich ferne von ihr hielt. Er fand sie unterwürfig und Seinem hl. Wohlgefallen ergeben, woraus Er dann Seiner Freigebigkeit keine Schranken mehr setzte. In derselben Zeit hatte Er sie beten und betrachten ge­lehrt. Er weihte sie nach und nach in die verschiedenen Stufen des innerlichen Gebetes ein und lehrte sie das Wesen und die Ausübung aller Tugenden.

Auch der Anblick der hl. Engel wurde dieser auserwählten Seele bewilligt; besonders erschien ihr oft ihr hl. Schutzengel und half ihr in Augenblicken des Kampfes ihre Feinde überwinden.

Das willig aufgenommene Wort Gottes kann nicht unfruchtbar bleiben; daher kam es, dass Alles, was an der vielgeliebten Schülerin Jesu noch mangelhaft war, bald verbessert wurde. Beim Betrachten ihres göttlichen Meisters, beim Hören Seiner Stimme empfand sie eine bis dahin unbekannte Kraft und Stärke. Sie wurde mehr und mehr losgeschält von der Welt, hatte weniger Eigenliebe, war gefälliger gegen ihre Mitmenschen, fühlte sich mehr zu Gott hingezogen, und diese gute Stimmung nahm mit dem himmlischen, die Finsternisse ihres Verstandes zerstreuenden Lichte zu. Sie schien sich selbst ein Frucht­baum zu sein, dem der Morgenthau und die Sonne, ohne sein Verdienst, Früchte entlocken. Trotzdem fand sie Kraft, jeden Tag den heldenmütigen Akt zu verrichten: „Mein Gott, ich Opfere dir, wenn es dein hl. Wille ist, Deine süße Gegenwart." --- Im Anfang hielt das fromme Mädchen, wie sie seit­dem selbst gesagt, sich nicht für besonders begnadigt; sie glaubte, viele andere genössen dieselben Gnaden; dennoch sprach sie nur mit ihrem Beichtvater darüber und dies nur im Allgemeinen. Dieser jedoch, der den ganzen Umfang ihrer Unschuld und Geradheit kannte, schien ihr gegenüber wenig Gewicht auf die ihr erteilten Gnaden zu legen.

Im Jahr 1840 wurde dieser würdige Geistliche auf eine andere Pfarrei berufen, und Hr. Abbe Pierre Darbins ersetzte ihn in Mimbaste. Marie fühlte wohl, wieviel sie der klugen Sorgfalt des Pfarrers verdanke, der sie seit ihrer Kindheit geleitet hatte und war daher über seine Abreise tief betrübt. Auch war es ihr schwer, dem neuen Seelenhirten alles anzu­vertrauen, was in ihr vorging und dessen sie sich für unwürdig hielt; daher sah er anfänglich in ihr nur ein Mädchen von geordneten, guten Sitten. Allein durch die Lehren unseres Heilandes hatte sie einen hohen Begriff von der Mission des Priesters: sie sah in ihm den Stellver­treter des göttlichen Meisters, der uns Seinen hl. Willen verkündigt. Bei dieser Gelegenheit hatte ihr Jesus auch gezeigt, wie notwendig es für jede Seele auf dieser Welt sei, einen Führer aus dem Wege des Heils zu haben. Diese Notwendigkeit war bei ihr, um sie vor Täuschung zu bewahren, noch notwendiger und der Heiland befahl ihr, dem gewählten Führer Nichts zu verbergen. Eingedenk dieser ihr so hl. Belehrung sah Marie in ihrem Widerwillen nur einen Fallstrick des Teufels; sie überwand diese Scheu mit ihrer gewöhnlichen Hochherzig­keit und entdeckte sich vollständig dem Abbe Darbins. Dieser war höchlich erstaunt über das, was er hörte; allein er war keiner dieser oberflächlichen Geister, die Alles verwerfen oder annehmen, ohne es zu prüfen. Er war von Natur nachdenkend und zurückhaltend, daher sprach er sich nicht über das Wesen dieser Offenbarungen aus, und entschloss sich, sein Beichtkind durch Gehorsam und Demütigungen zu prüfen. Er untersagte ihr alle Abtötungen, die sie sich auferlegt hatte und entzog ihr die häufige Kommunion; sie jedoch gehorchte ohne sich je die geringste Bemerkung zu erlauben.

Der würdige Pfarrer wollte indessen nicht allein handeln und beratschlagte sich noch mit dem, durch Alter, Erfahrung und Frömmigkeit erleuchteten Abbe Dupérier, dem Direktor und Professor der Theologie am Priester­seminar in Dax, der durch seine Gelehrsamkeit und Weis­heit allgemein bekannt war. Beide fassten den Entschluss, das junge Mädchen dahin zu bringen, dass sie Alles nie­derschreibe, was sie bis jetzt gesehen und gehört habe, und in Zukunft hören oder sehen werde; gewiss war dieser Gedanke ihnen vom hl. Geiste eingegeben, welcher die einer einzigen Seele mitgeteilten Belehrungen auf meh­rere Seelen ausdehnen wollte. Ein solches Unternehmen war indessen schwierig; denn wie sollte es einem einfachen Dorfmädchen, das kaum schreiben konnte, gelingen, die Worte Gottes über ernste und erhabene Gegenstände niederzuschreiben? Hätten nicht selbst Gelehrte daran scheitern können? Wie sollte ihr, bis dahin so wenig gepflegtes Gedächtnis sie an Alles das erinnern, was sie seit bei­nahe zwei Jahren gehört hatte? Wie sollte sie überdies Zeit zu einer so langen Arbeit finden, da alle ihre Stunden durch Beschäftigungen sowohl im Hause als auf dem Felde ausgefüllt waren? Denn sie teilte sich mit Mutter und Schwestern alle Arbeiten; endlich, wie wird es möglich sein, sich allen Blicken zu entziehen, um ihre Aufgabe zu lösen? --- Man sieht, an Entschuldigungen würde es nicht gefehlt haben, wenn sie sich dem ihr gewordenen Befehl hätte entziehen wollen; allein Gott hatte durch Seinen Diener gesprochen, und Maria unterwarf sich, indem sie auf die dem Gehorsam verheißene Hülfe von Oben hoffte.

Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht; sie erzählt selbst in ihren Briefen, auf welche Weise ihr der Heiland zu Hilfe gekommen, um die Erinnerung an die Vergangen­heit in ihrem Gedächtnisse wieder aufzufrischen. Überdies stand sie auf Seinen Befehl sehr frühe auf, um sich mit Aufschreiben zu beschäftigen und verwendete dazu auch noch einen Teil ihrer Nächte. Des Tages über bereitete sie sich darauf vor und benützte dazu die Zeit des Hütens bei der Herde. So gelang es ihr, im Verlauf von zwei Jahren mit unbegreiflicher Schnelligkeit die erhabenen Lehren des göttlichen Meisters niederzuschreiben. Man darf jedoch nicht glauben, dass ihr dies keine Mühe verursachte, im Gegenteil empfand sie oft großen Widerwillen, so dass sie später gestand, sie hätte viel lieber gegraben oder Un­kraut gejätet. Als gehorsames und vertrauendes Kind klagte sie sich bei Jesus darüber an, der dann zuweilen ihren Kleinmut strenge rügte, zuweilen auch sie freund- lich ermutigte, und dann fand sie ihre Ausgabe leicht und angenehm.

Damit Niemand ihr Geheimnis erfahre, verschloss sie sorgfältig alles, was beendigt war, bis zu dem Augenblicke, wo sie es ihrem Seelenhirten einhändigen konnte.

Einmal jedoch bemerkte Margaretha einige dieser Blätter und durchlas sie; Marie überraschte sie dabei, und auf's Äußerste bestürzt, bat sie ihre Schwester inständig, ihr eid­lich ein immerwährendes Stillschweigen zu geloben über alles, was sie gesehen habe und von nun an Nichts mehr zu lesen, was ihr unter die Hände kommen könnte. Marie sprach dies mit solchem Ernste und solcher Kraft, dass ihre Schwester ganz ergriffen wurde und Alles versprach, was sie auch stets getreu erfüllte.

In Seinen Unterredungen mit Seiner treuen Dienerin hatte der Heiland ihr auch gesagt, dass Er sie zu Seiner Braut erwähle; Er hatte ihr angekündigt, dass Er sie aus der Welt führen und ihr einen Platz in der Seinem hl. Herzen geweihten Gesellschaft anweisen würde. Glücklich und dankbar über diesen Ruf hätte sie ohne Aufschub sich dahin begeben mögen; sie hatte auch nicht unterlassen, ihrem Beichtvater davon zu sprechen; allein Hr. Darbins wollte vor der Entscheidung einer so wichtigen Sache, wie es der Beruf ist, zuerst noch klarer unterscheiden, welcher Geist seine geistliche Tochter belebe, und unterstützt durch den Rat des Hrn. Dupérier unterwarf er sie einer sorgfältigen, zweijährigen Prüfung. Nicht zufrieden mit dem von ihnen geforderten Bericht, den sie sich, mit Mariens Erlaubnis gegenseitig mitteilten, nahmen sie Einer nach dem Andern mündliche Besprechungen über Alles, was in ihr vorging, mit ihr vor, und suchten sie durch spitzfindige und feine Einwürfe zu verwirren; sie stellten ihr zu wie­derholten Malen und aus verschiedene Weise dieselben Fragen, um sich zu überzeugen, ob ihre Worte immer das Gepräge der Wahrheit hätten. Maries Antworten waren stets einfach, genau, dem Inhalt nach immer voll­kommen gleich. Oft schrieb sie dieselben nieder, entweder weil sie fürchtete, sich nicht deutlich genug erklären zu können, oder auch, weil ihr Beichtvater dieselben schriftlich verlangte, daher kommt es, dass wir deinen ganzen Band ihrer Briefe sammeln konnten, welche nach ihren eigenen Worten bestimmt sind, die in ihren Werken vorkommenden Lücken auszufüllen. Sie hatte den Befehl erhalten, Alles zu offenbaren, und der Heiland hatte ihr diesen Befehl selbst ausdrücklich wiederholt, indem Er sagte: „Berichte stets getreu sowohl meine Worte, als deine Gefühle; sei es nun für oder gegen dich, möge es dir außergewöhnlich oder ungereimt erscheinen, oder weise und klug, verbirg Nichts, ich befehle es dir." --- Sie gehorchte und das Gepräge der Offenheit und Einfalt ihres Stiles beweist klar, dass ihre einzige Absicht nur dahin ging, Jenem, den sie als ihren Vater und Führer ansah, die geheimsten Regungen ihrer Seele zu entdecken, damit er sie beurteilen und leiten könne. Mochte das, was sie schrieb ihr zum Tadel oder zum Lobe gereichen, sie gab sich immer demselben Freimut hin: „Ich teile Ihnen mit, was ich empfunden habe; Sie können darüber denken, was Ihnen beliebt . . . Das ist, mit voller Wahrheit gesagt, was der Herr Jesus mir geoffenbart hat; denken Sie darüber, wie Sie es für gut halten. . . . Diese Dinge müssen Sie wenig interessieren; allein es ist das Leben ihres Kindes. Leiten Sie dasselbe, zeigen Sie ihm die Wahrheit; ich verlasse mich auf Sie. ... So lange Sie mir befehlen, werde ich alles schreiben, wie ich ebenso schnell aufhören und weder schriftlich noch mündlich mehr Etwas sagen werde, wenn Sie es mir verbieten." . . . Diese hier und dort aufgehobenen Sätze, welche alle in verschiedenen Ausdrücken denselben Sinn enthalten, beweisen hinlänglich Marie Latastes Losschälung, ihre Unterwürfig­keit und ihren Glauben. In ihren Briefen findet man nichts ihrem einzigen Ziele Fremdartiges, und immer sind sie ehrfurchtsvoll und demütig geschrieben. Ja, es kam eine Zeit, wo die Zweifel, die man über ihren Zustand absichtlich äußerte, sie so ängstlich machten, dass sie nicht mehr, wie sonst, zu sagen wagte: „Der Heiland hat also zu mir gesprochen", sondern „die Stimme, die zu mir spricht" oder: „Jesus sagte mir, denn ich glaube wohl, dass Er mit mir gesprochen etc."


 

 

Drittes Kapitel.

Mariens Lebensweise, ihr Charakter, ihre Tugenden, Einfluss den sie auf ihre Gefährten ausübt. Achtung und Verehrung, die man ihr zollt.

Herr Abbe Darbins beobachtete den Lebenswandel seines Beichtkindes mit großer Sorgfalt und bis in die geringsten Einzelheiten, konnte aber in demselben nur Erbauendes finden. In dem Äußeren des jungen Mäd­chens nahm man nichts Besonderes und Außergewöhnliches wahr; nur durch Eines machte sie sich bemerkbar, durch ihre große Andacht im Hause des Herrn. Sie selbst gibt uns mit folgenden Worten Rechenschaft von den Em­pfindungen, die sie beseelten, wenn ihr die Gnade zu Teil wurde, den in der hl. Eucharistie verborgenen Gott zu betrachten: „Ich liebe den Heiland! Ihn mehr und mehr zu lieben ist der innigste Wunsch meines Herzens; deshalb besuche ich Ihn, so oft es mir möglich ist, im allerheiligsten Sakrament des Altars . . . Seitdem Er mir gnädigst gestattet, Seine Stimme zu hören, war es immer an hl. Stätte ... Wenn ich Ihn höre, sehe ich Ihn auch jedesmal von Angesicht zu Angesicht. Dann geht in mir eine unbeschreibliche Veränderung vor. Ich meine dann ganz allein mit Jesus zu sein; ich sehe nichts Anderes mehr, ich habe weder Aug' noch Ohr für die mich umgebenden Gegenstände, ich fühle nichts Anderes. Meine Augen sehen nur den Erlöser; meine Ohren hören nur den Erlöser; mein Herz liebt nur den Erlöser; mein ganzes Wesen hat für nichts Anderes Empfindung als für den Erlöser." --- An einer anderen Stelle sagt sie, dass es ihr vorkomme, als ob der Gebrauch ihrer Sinne und deren ganze Tätigkeit sich in ihrer Seele konzentrierten. --- Seitdem sie dieser Erscheinungen gewürdigt wurde, sah ­man sie in der Kirche immer auf den Knien, unbeweglich, mit gefalteten Händen und die Augen gewöhnlich auf den Tabernakel oder den Altar geheftet. Wenn sie sich in die Kirche zum Gebet begab, war ihre Freude stets so groß, dass ihre Züge davon widerstrahlten, und wenn sie, nach einer ihrer Unterredungen mit dem Erlöser aus der Kirche trat, fiel allen ihre heitere, strahlende Miene aus. Eine ihrer Freundinnen machte ihr eines Tages eine Bemerkung darüber und sagte ihr: „Marie, du scheinst immer außer­gewöhnlich glücklich, wenn du die Kirche betrittst oder ver­lässt! Ich weiß nicht, antwortete das fromme Mädchen, ob dies sich äußerlich kund gibt; allein ich gestehe offen, dass es in meinem Innern also ist. Die Ursache davon ist ganz einfach: Die Kirche ist das Haus Gottes, wenn ich hineintrete, scheint es mir, als ob ich näher bei Gott, bei unserm Heiland, bei der hl. Jungfrau, den Engeln und Heiligen sei. Wenn ich hinausgehe, bin ich glücklich, dass ich mich Gott, unserm Heiland, der hl. Jungfrau, den Engeln und Heiligen habe nähern können, und be­sonders darüber, dass ich mich einige Augenblicke mit ihnen unterhalten konnte. Ich weiß ihnen nicht viel zu sagen, aber ich sage eben, was ich weiß. Hier auf Erden ist die Lehrlingszeit für den Himmel, dort werden wir besser zu reden verstehen, als auf Erden. Jetzt kann ich nur stammeln; aber ich tue es mit großem Vergnügen."

Man sieht, wie erfinderisch sie war, um die ihr gewordene Gnade zu verbergen, ja selbst ihre vertrauteste Gefährtin erfuhr nie Etwas darüber.

Sie hatte sich eine einfache und ihrer Stellung angemessene Tagesordnung gemacht, die sie, soviel es die Umstände erlaubten, pünktlich einhielt. Sie stand sehr frühe auf und ihr erster Akt war, sich im Geiste vor das allerheiligste Sakrament zu begeben und Jesu ihr Herz und alle Handlungen des Tages aufzuopfern; hierauf ver­richtete sie ihr Morgengebet und machte eine halbstündige Betrachtung. Ihre übrigen Andachtsübungen waren: die hl. Messe, wenn sie derselben beiwohnen konnte, der Rosenkranz, verschiedene Bruderschaftsgebete, eine geistliche Lesung, das Partikular-Examen um die Mittagszeit und Abends das Nachtgebet mit Gewissenserforschung. Sie legte sich nie nieder, bevor sie Alles im Hause geordnet und ihre Arbeit beendet hatte, außer wenn sie ein dringendes Bedürfnis nach Ruhe fühlte. Oft jedoch schlief sie nur auf dem harten Boden, bis diese Bußübung ihr untersagt wurde. In der Schule des gekreuzigten Erlösers hatte sie gelernt, dass, seitdem der Mensch durch Auflehnung gegen Gott zur Buße verurteilt ward, jene Buße, die er freiwillig übernimmt, doppelt verdienstlich ist; ebenso wusste sie auch, dass die Abtötung eine der mächtigsten Waffen gegen den Teufel sei.

Am Morgen und öfters unter Tags vereinigte sie sich durch die geistliche Kommunion mit unserm Heilande. Jesus hatte ihr diese Übung selbst gelehrt und angeraten. Wenn ihr Beichtvater, in der Absicht sie zu prüfen, ihr nur die monatliche Kommunion gestattete, so schöpfte sie in der geistlichen Kommunion Trost und Kraft. Mit Bewilligung ihres Beichtvaters fastete sie zweimal in der Woche; einmal zu Ehren der allerseligsten Jungfrau und das andere Mal zu Ehren des leidenden Herzens Jesu. Der Heiland hatte ihr gesagt, dass ihm diese letztere Mein­ung vorzüglich angenehm sei. Ebenso hatte der Heiland sie auch darüber belehrt, dass sie sich stets ihren Standes­pflichten unterziehen und ihre Gewohnheiten und ihren Geschmack denselben unterordnen müsse.

Ihr Charakter war von Natur ernst, wie hätte sie daher Geschmack an der ausgelassenen Freude finden können, der die leichtsinnige und unbedachte Jugend nur zu oft sich überlässt. Ihre Prüfungen und die Lehren Jesu hatten sie überdies frühzeitig in eine Stimmung versetzt, die sonst nur dem reiferen Alter eigen ist; sie selbst be­schreibt ihre Gefühle, die ihr die Welt schon als Kind einflößte: „Die Welt, sagt sie, verlangt Freiheit im Handeln, ­und da ich schüchtern war, so hasste ich die Welt; die Welt verlangt Reichtum und da ich arm war, so hasste ich die Welt. Ich hatte Nichts von Allem, was mir die Welt angenehm gemacht hätte und sprach deshalb zu mir selbst: „Hasse die Welt, die dich verachtet und dich mit Füßen tritt.“ Später sah sie aus den schweren Kämpfen, die sie mit sich selbst und dem Teufel zu bestehen hatte, welch' große Gefahren der Reichtum und die Vergnügungen für sie gehabt hätten. Sie hasste nun die Welt umso mehr; allem ihr Hass entsprang jetzt einem ganz andern viel edleren Grunde. Nachdem sie den göttlichen Meister und Seine Plane hatte kennen lernen, hegte sie den be­ständigen Wunsch, die Welt zu fliehen, sie zu verlassen, um sich Gott ganz zu weihen.

Sie betrachtete das Leben in dem Lichte, wie es ihr Jener, dessen Wort die ewige Wahrheit ist, gezeigt hatte, nämlich als das Ringen eines vernünftigen Wesens, wel­ches sich dadurch entweder die ewige Glorie oder die Ver­dammung verdient ... als eine Verbannung, als einen Übergangsort, als ein in der Wüste nur für einen Tag aufgerichtetes Zelt. Daher vermochte Nichts auf Erden ihren Geist und ihr Herz zu fesseln. „Jesus allein," sagt sie, „könne ihren Durst nach Glück und Seligkeit stillen," und bereits mit 20 Jahren, in jenem Alter der Täusch­ungen, schrieb sie: „Um Jesu für immer und sogleich zu besitzen, würde ich gerne mein Leben dahingeben; ich würde mit Freuden für Ihn in der Blüte meiner Jahre sterben, wenn ich dadurch meine ewige, fortwährende Vereinigung mit diesem treuen Freunde, mit diesem liebenden Vater, mit diesem zärtlichen Bräutigam, mit diesem erbarmungsvollen Erlöser, mit diesem so unendlich heiligen und voll­kommenen Gott beschleunigen könnte.

In Folge ihrer inneren Leiden war sie überhaupt nur wenig mitteilsam; ihre Zurückhaltung war manchmal so groß, dass Hr. Darbins versucht war, sie für Traurigkeit zu halten, und die Ursache davon wissen wollte. Er und ­Hr. Duperrier kamen darin überein, sie noch in Unkenntnis über den Ursprung ihrer Gnaden zu lassen, daher kam es, dass sie während ihrer Unterredungen mit dem Heilande oft fürchtete, der Spielball ihrer Einbildungskraft oder der List des Teufels zu sein; sie sprach dann zu sich selbst: „Was geht in mir vor? Wo komme ich hin? Bin ich in der Hand Gottes? Oder bin ich ein Opfer von Teufelstrug, der die Gestalt eines Engels des Lichtes angenommen hat“?

Es gab Augenblicke, wo sie sich verlassen, schwach und kraftlos fühlte; sie litt alle erdenklichen Versuchungen, war von tausend Feinden umgeben; sie lag im Kampfe mit ihrem eigenen Ich, fühlte sich gedemütigt durch die sie verfolgenden Täuschungen. In diesen Verwirrungen nahm sie ihre Zuflucht zu Jesus; Er beruhigte und tröstete sie wie eine zärtliche Mutter; daher vermochten auch all diese Stürme nicht die höheren Kräfte ihrer Seele zu erschüttern, und wenn ihr Seelenführer sie hierüber befragte, konnte sie ihm mit voller Wahrheit antworten: „Ich überlasse mich unbedingt dem Willen Gottes, meines himmlischen Vaters! Ich weiß, dass Alles, was mir geschieht, Sein hl. Wille ist, und dass es so zu Seiner Ehre und zu meinem Heile gereicht, daher danke ich Ihm dafür! Ein Vater tut Nichts, was seinem Kinde nachteilig wäre, wenn er ein wahrer Vater ist, d. h. wenn er ein gutes, zärtlich liebendes Herz hat. Wie könnte aber je die Güte eines Vaters mit der Güte Gottes verglichen werden? Deshalb fürchte ich Nichts, ich bin nicht unruhig, ich bin voll Vertrauen und meine Seele ist immer friedlich und mein Herz freudig, wenn es sich auch äußerlich nicht kund gibt.

Ein besonders hervorragendes Merkmal ihrer Tugend war eben diese Unterwürfigkeit und kindliche Hingabe an Gottes hl. Willen. Ein Gegenstand der besonderen Vor­liebe Jesu, hatte sie empfunden, --- soviel dies einem Geschöpfe möglich, --- welche Schätze der Erbarmung und Güte das allerheiligste Herz Jesu enthält; ihre, den Lehren des göttlichen Meisters folgsame Seele, hatte sich geläutert und von Allem, was nicht Gott war, losgeschält, somit war ihr Vertrauen unerschütterlich. Gleichgültig für die Dinge dieser Welt, nahm sie Leiden und Widerwärtigkeiten als Hilfsmittel an, die sie mehr und mehr dem einzigen Gegenstand ihrer Liebe vereinigen sollten. Bei einer sol­chen Stimmung konnte sie weder traurig noch strenge und herb sein: auf ihrem Antlitze malte sich Ruhe und Heiter­keit, ein sanftes und bescheidenes Lächeln schwebte auf ihren Lippen, wenn man mit ihr sprach; allein mit zärtlichen Beweisen von Liebe war sie sehr zurückhaltend. In ihrer Familie erwies sie sich immer emsig und arbeitsam; gegen ihre Eltern war sie stets voll Rücksichten, Ehrfurcht und Gehorsam. Da sie jedoch ihren Beruf kannte und wusste, dass sie ihre Eltern verlassen müsse, so erlaubte sie sich nie, ihnen in dem Maße ihre kindliche Zärtlichkeit zu zeigen, wie sie dieselbe empfand; und zwar lag dieser Handlungs­weise die zarte Rücksicht zu Grunde, ihren teueren Eltern dadurch den bevorstehenden Abschied und das damit ver­bundene Opfer zu erleichtern. Vater und Mutter wusste sie für die Tage des Alters geborgen, da ihre Schwester Margaretha mit ihrem reichen Herzen ihnen verblieb.

Ihre, eine Viertelstunde von Mimbaste entfernte Wohn­ung war nur von wenigen Häusern umgeben; dies, nebst ihrem Hang zur Einsamkeit, war die Ursache, dass sie wenig Umgang mit jungen Mädchen ihres Alters hatte. Demungeachtet war sie ihnen ein Vorbild und eine Stütze. Auch stimmen alle in der Behauptung überein, dass sie der Gemeinde stets zur größten Erbauung war, und dass ihre Tugend, ihre engelgleiche Sanftmut über Alle eine  Gewalt ausübte, der man nicht widerstehen konnte. Sie  verstand es, ihr Ansehen mit solchem Takt, mit solcher Umsicht, mit so zarter Liebe und Wohlwollen zu benutzen, dass Alles, was die „Marie von der großen Eiche" --- so pflegte man sie zu benennen --- sagte, gut aufge­nommen wurde. Mit ihr musste man durchaus immer nur von Gott oder von frommen Dingen reden; allein man tat es stets gerne, so gut verstand sie es, die Unter­haltung darauf hinzulenken und dieselbe interessant zu machen; es wurde ihr dies leicht, weil sie aus ihrem vollen Herzen schöpfte und andere daran Teil nehmen lassen wollte.

Alle Zeit der Wochentage war für die Arbeit bestimmt, daher entschädigte sie sich am Sonntag, den sie größten- Teils zum Gebete und zum Besuch des Gottesdienstes verwendete. Den übrigen Teil des Tages vereinigte sie sich mit ihren Gefährtinnen, und unter diesen wählte sie vorzugsweise Jene, welche die erste hl. Kommunion mit ihr gemacht hatten. In diesen Stunden war es besonders, wo sie die Lehren .des Heilandes über die Art und Weise die Freundschaftsverbindungen zu heiligen befolgte, wo­durch auch ihre Freundinnen an dem Segen dieser Lehren Anteil hatten.

Von mehreren sie genau kennenden Personen sind uns einige Züge mitgeteilt worden, welche beweisen werden, was wir so eben aussprachen. Vielleicht findet man, dass wir zu sehr ins Einzelne eingehen; allein entschleiert sich nicht der Charakter vorzüglich im Umgange mit der Familie und den Freunden, und kann man nicht gerade hierin die Persönlichkeiten am besten beurteilen? Die Um­wandlung, die mit Mariens Charakter vorgegangen war und die Eigenschaften ihres Herzens zeigten sich auffallend in den vertrauten Gesprächen mit Jenen, die sie liebte und in jenen Handlungen, die, so zu sagen, nur Gott zum Zeugen haben.

Ein junges Mädchen, dessen Familie arm war und durch mühsame Arbeit sich ihr Brot verdienen musste, hatte sich entschlossen, in Dax in einen Dienst zu treten, um, wie sie sagte, auf leichtere Art ihren Unterhalt zu erwer­ben. Marie Lataste erfuhr davon und --- die Gefahren befürchtend, welchen das junge, unerfahrene Mädchen in einer Stadt ausgesetzt wäre, entschloss sie sich, dieselbe von ihrem Vorhaben abzubringen. Als sie diesem Mädchen daher zufällig begegnete, entspann sich folgende Unterhaltung zwischen ihnen:

 --- „Meine liebe Freundin, sagte Marie zu ihr, in einigen Tagen willst du mir also einen großen Kummer bereiten?"

 --- „Wieso, ich liebe dich zu sehr, als dass ich dich betrüben möchte!"

 --- „Ich weiß, dass du mich liebst, und dennoch, ich wiederhole es, wirst du mir bald großen Kummer berei­ten und zwar nicht nur mir, sondern ebenso deiner Mutter, die du doch auch liebst."

 --- „Um Gotteswillen erkläre dich, sei versichert, dass ich Nichts tun möchte, was dich oder meine Mutter betrübt."

 --- „Versprichst du mir dies?"

 --- „Ich verspreche es dir!"

Hieraus entdeckte ihr Marie, was sie in Betreff ihrer Pläne und Entschlüsse gehört habe, stellte ihr vor, wie notwendig sie ihrer Mutter sei, in welche Verlegenheiten dieselbe durch ihr Weggehen käme und endlich wie schmerz­lich es dieser guten Mutter sollen müsse, sich vereinsamt zu sehen; zuletzt wies sie aus ihren eignen Vorteil hin und fügte bei: „ Glaubst du in Dax glücklicher zu sein, als du .jetzt bist? Dort wird es noch mehr Arbeit geben als hier; man wird dir strenge Befehle erteilen; du musst deinen Kummer in der Stille ertragen, während du hier deine Mutter und deine Gefährtinnen zum Troste hast. --­Hältst du unsere Freundschaft und die Genüsse des Fa­milienlebens für Nichts? Glaube mir, bleibe in Mimbaste; wenn du viel Arbeit hast, und recht müde bist, so sage es mir; meine Mutter wird mir gewiss erlauben, dir zu helfen und ich tue es mit tausend Freuden."

In diesen Bemerkungen lag so viel Liebe und Zartheit, dass sie mit vollem Erfolg gekrönt wurden.

 An einem Sonntag trat Marie Lataste Nachmittags eben in die Kirche ein, um der Vesper beizuwohnen, als zwei junge Mädchen lachend und plaudernd aus derselben herauskamen. Dies betrübte sie tief, und als sie, wenige Tage später einer derselben begegnete, sprach sie mit jener Sanftmut, die sie durch ihre Selbstüberwindung erlangt hatte, zu ihr:

,,Du bist mir teuer, liebe N., und ich gedenke mit Freuden daran, dass du meine Gefährtin bei der ersten heiligen Kommunion warst, deshalb möchte ich dir heute einen Beweis meiner Liebe geben; allein ich getraue mir nicht!"

 --- „Warum getraust du dir nicht? Ich werde ihn, sei dessen überzeugt, mit Dank hinnehmen!" --- ---„Ich fürchte eben, dass der Beweis von Freundschaft, wie ich ihn verstehe, dir missfällt."

--- ,,Fürchte das nicht, ich werde alles mit Freuden annehmen." --- „Da dem so ist, so will ich eine so gute Gelegen­heit nicht verlieren. Erinnerst du dich, was am letzten Sonntage, einige Augenblicke vor der Vesper geschehen ist? Das unbedachte Mädchen hatte es vergessen; bald jedoch gestand sie, mit Hilfe ihrer Freundin ihren Fehler: „Ich verstehe, was du sagen willst, ich habe dir ein Ärgernis gegeben, und ich verdiene sicher die Vorwürfe, die du mir zu machen gedenkst. Ich habe schon daran gedacht, mich bei dir zu entschuldigen; aber ich habe bis jetzt keine Ge­legenheit dazu gefunden."

--- „Nein, antwortete Marie, ich will nicht, dass von Vorwürfen die Rede sei und da du von Entschuldigung sprichst, so musst du dieselben nicht mir, sondern dem lie­ben Gott vorbringen; die Kirche ist nicht fern, lass uns gleich hineingehen und Gott um Verzeihung bitten!" „Gerne, da du mir indessen keine Vorwürfe machen willst, so wirst du wenigstens für mich beten."

--- „Es sei, sagte Marie, und wenn ich nicht ver­nünftig bin, wirft du für mich das Gleiche tun!

­An einem anderen Sonntag waren mehrere Landmädchen nach der Vesper bei einander und unterhielten sich mit Marie; Eine unter ihnen war auffallend vergnügt; man befragte sie nach der Ursache ihrer Freude und sie sagte:

--- „O, mein Vater hatte mit einem benachbarten Hauseigentümer einen Prozess, wenn er denselben ver­loren hätte, wären wir in große Verlegenheiten geraten; allein glücklicher Weise hat unser gutes Recht gesiegt und deshalb bin ich heute fröhlicher als gewöhnlich. Ich habe dem lieben Gott heute von Herzen dafür gedankt und Ihn gebeten den Unternehmungen meiner Familie Glück zu ver­leihen, unsere Ernte zu segnen, und unsern Wohlstand und unser kleines Vermögen zu vermehren."

Als Marie Lataste diesen einfachen Freudenausdruck hörte, lächelte sie zuerst darüber und da die Andern Nichts erwiderten, so ergriff sie das Wort und sagte:

--- „Du möchtest also reich werden, liebe N.?" --­Aus die bejahende Antwort fügte sie bei: „Wenn ich durch Reichtum mehr zur Ehre Gottes beitragen und besser an meiner Vervollkommnung arbeiten könnte, so würde mein Wunsch mit dem deinigen übereinstimmen, allein, also ist es nicht immer der Fall und wir könnten oft die Worte unseres Heilandes im heutigen Evangelium auf uns an­wenden: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Ich gestehe Euch offen, es gab eine Zeit, und sie ist noch nicht ferne --- ich nenne sie die Zeit meiner Täuschungen und unvernünftigen Träume --- wo auch ich wünschte, reich, verständig, gut unterrichtet, fein gebildet zu sein; ich hätte mir mehr Thaler gewünscht, als ich je Sous besitzen werde, und hätte ein reineres, besseres Französisch sprechen mögen, als ich jetzt gascognisch rede. Mein Wunsch steigerte sich so, dass ich Schlaf und Appetit darüber verlor, und dass ich nie Jemand gegenüber stehen wollte, der vornehmer als ich war. Ich wusste wirklich nicht, was ich wünschte, doch -- Gott sei Dank! dieser Zustand hat nicht lange ge­dauert; jetzt wünsche ich nur Eines: nämlich immer eine gute Christin und hier in Eurer Einsamkeit Eure Freun­din zu sein. In acht Tagen wird N. eben so denken, nicht wahr?"

Mariens Gefährtin errötete; allein die soeben erhaltene Lehre war mit so großer Güte gegeben worden, dass dieselbe sogleich die gewünschte Wirkung hervorrief.

--- „In acht Tagen? rief das junge Mädchen aus, das wäre zu spät; ich denke schon jetzt so, und ich sehe jetzt vollkommen ein, dass ich auch nicht wusste, um was ich gebetet habe; ich bete nie mehr darum. --- Ich will Schlaf und Appetit nicht einbüßen und noch weniger Eure Freundschaft, dadurch, dass ich ein vornehmes Fräulein werde.“  --­ Marie hätte, als sie auf diese stolzen Träume von ehemals zurückkam, beifügen können, was sie später schrieb: „Noch immer liebe ich Größe, Hoheit, Ruhm; aber ich liebe die Größe Gottes, die Hoheit Gottes, den Ruhm Gottes. Ich verlange nicht nach Reichtum, Gott allein genügt mir; ich verlange nicht nach Berühmtheit, mein Ruhm besteht darin, unbekannt und verborgen im liebenswürdigen Herzen Jesu zu wohnen! Ein Thron, eine Krone vermögen mich nicht zu reizen, ich ziehe die Armut Jesu, das Kreuz Jesu, die Dornenkrone Jesu, den Dienst Jesu allen irdi­schen Dingen vor! --- Doch diese Gefühle waren ihr Geheimnis! --- Ihr göttlicher Meister und Sein Stellver­treter konnten es allein ergründen; allen Andern zeigte sie sich als ganz einfach und gar nicht außergewöhnlich.

Eine ihrer angenehmsten Zerstreuungen war es, die keine Schule besuchenden Kinder und solche, die nicht lesen konnten, um sich zu versammeln und sie in den Hauptwahrheiten der heil. Religion zu unterrichten. Sie lockte sie Abends zu sich und suchte ihrem Gedächtnisse den kleinen Diözesan-Katechismus einzuprägen. Unter diesen Kindern war ein Knabe, der, trotz der eifrigen Lehrerin nach Ver­lauf eines Jahres noch nicht mehr wusste, als in den erstem Tagen; kaum hatte er „Vater Unser und Gegrüßt seist Du, Maria" behalten können; daher sagte Elisabeth eines Tages zu ihrer Tochter „Wirklich du hast unge­heuer viel Geduld vonnöten, wenn du fortfährst, dieses arme Kind zu unterrichten!“ --- --- O mein Gott, antwortete Marie, Sie liebe Mut­ter mussten nicht viel weniger Geduld mit mir haben! Und ich bin froh, dass ich durch ein wenig Ausdauer für dieses arme Kind deinen damaligen bösen Willen gut­machen kann. Sie werden sehen, dass er mit Gottes Gnade nach und nach das durchaus Notwendige lernen wird, und wenn er zur erst zur hl. Kommunion geht, wird er sicherlich für uns beten --­So verstand sie es, allen alles allen zu sein, und die See­len Jesu zu gewinnen. Ihr Herz gut und gefühl­voll, und schon seit ihrer Kindheit hatte sie stets großes Mitleid für die Armen gezeigt. Man erzählt einen Zug, der bis in jene Tage zurückgeht, wo sie anfing, sich zu überwinden. Um sie zu ermutigen, gaben ihre Eltern und deren Freunde ihr zuweilen etwas Geld, das sie dann sorgsam aufbewahrte.

Als Elisabeth eines Tages mit ihrer Tochter aus der hl. Messe kam, begegneten sie einem Armen, der sie um Almosen ansprach. Sie hatte Nichts bei sich und wollte sich eben darüber, betrübt, entfernen, als Marie ihren klei­nen Schatz aus der Tasche hervorholte und ihrer Mutter mit den Worten gab: „Sie haben Nichts, Mutter, da, geben Sie für mich“

Die Mutter nimmt den Beutel und öffnet ihn „Aber, Tochter, sagt sie, er ist ja gar kein kleines Geld darin." „Das tut Nichts, antwortet das Kind, geben Sie ihm ein größeres Stück; ich will es durch mein Be­tragen bald wieder verdienen.“ „Nun wohlan, so gib es ihm selbst; es wird dei­ner, allerdings sehr wünschenswerten Besserung Glück bringen."

Marie ließ sich dies nicht zweimal sagen, schnell nahm sie einen halben Franken und ließ ihn in die Hand des Bettlers gleiten, indem sie zu ihm sagte: „Beten Sie für mich, damit Gott mich bräver werden lässt!" und ohne des Bettlers Antwort abzuwarten, eilte sie ihrer Mutter nach und rief freudig: „O gewiss, Mutter, ich will mich bessern; der liebe Gott wird mir meine kleine Münze reich­lich vergelten!“ Und wirklich, es dauerte nicht lange bis Elisabeth bemerkte, wie reichlich diese rührende und frühzeitige Großmut belohnt wurde. Diese glücklichen An­lagen wuchsen und entfalteten sich in dem Maße als die göttliche Liebe ihr Herz erfüllte; die leidenden Glieder Jesu Christi wurden der besondere Gegenstand ihrer Vorliebe und nie entging ihr eine Gelegenheit, dieselben zu unter­stützen.

Einst führte sie die Ochsen ihres Vaters nach Hause zurück; es war schon etwas spät geworden, und sie be- gegnete einem Bettler, welcher kaum zu gehen vermochte. „Woher kommt ihr denn, mein armer Mann," sagte sie. „Ich komme von Elermont .. einem kleinen be­nachbarten Dorf.“ ---

--- Habt Ihr zu Mittag gegessen?

Ach nein, ich habe heute Früh nur ein wenig Maisbrot gegessen; allein ich hoffe, dass irgend eine gute Seele in Mimbaste mir ein wenig Suppe geben wird.

--- Ja gewiss, man wird Euch welche geben; kommt mit mir, ich will Euch zu essen geben."

Der Arme gehorchte und man kam bald bei der großen Eiche an; als die Ochsen im Stalle waren, ging das junge Mädchen zu ihrer Mutter und sagte, ob sie nicht ein wenig Suppe oder Fleischbrühe habe.

---,,Du weißt wohl, sagte Elisabeth zu ihr, dass ich stets sorgfältig deinen Anteil aufbewahre, wenn du nicht bei unserm Essen bist; er steht beim Feuer."

Ich richte diese Bitte nicht wegen meiner an dich, sondern wegen eines Armen, der vor der Türe steht und heute noch Nichts als ein wenig Maisbrot gegessen hat. Nun so fange nur immer mit dem Essen an; ich will ihm mit der übrigen Fleischbrühe eine gute Suppe kochen. --­Nein, nein, Mutter, ich habe ihn eingeladen, ich muss ihn also auch bedienen. --­Mit diesen Worten legte sie Hand ans Werk, berei­tete die Suppe und legte noch obendrein das für sie auf­bewahrte Fleisch bei, was der Bettler dann mit großem Appetit und herzlichem Dank verzehrte. Nachdem derselbe fort war, aß Marie ihre Suppe und war bald mit ihrer Mahlzeit zu Ende. Ihre Mutter bemerkte dies und fragte sie:

---,,Warum isst du nicht dein beim Feuer stehen­des Fleisch?"

,,Es ist nicht mehr dort, Mutter, antwortete Marie, der Arme hat es statt meiner gegessen. Der Unglückliche hat nie etwas Anderes als Suppe und Maisbrot; ich hatte Mitleid mit ihm und habe ihm meine Portion Fleisch überlassen, das tut ihm gut und mir schadet es nicht. Ein gutes Stück Brot und ein Apfel, den ich mir im Garten holen will, sind hinreichend, um bis zum Nacht­essen warten zu können.“ --- Elisabeth billigte es vollkommen und freute sich darüber, dass ihre Tochter es verstand, mit so viel Einfalt und Wohlwollen sich für An­dere Entbehrungen auszulegen.

Dieselbe Liebe machte sie erfinderisch, die Fehler anderer zu entschuldigen. In einem benachbarten Dorfe war ein 40-jähriger Mann bedenklich erkrankt. Seit vielen Jahren hatte derselbe die hl. Sakramente nicht mehr em­pfangen und man fürchtete, er werde unbußfertig dahinsterben. Zwei oder drei, Marien befreundete junge Mäd­chen sprachen eines Tages davon und eine derselben sagte mit verächtlichem Ton:

 ---,,Es ist ein gottloser Mensch, der sterben wird, wie er gelebt hat.

---,,O! erwiderte Marie, wir sollten ihn lieber be­klagen, als ihn verachten. Wenn er vielleicht nur einen Teil jener Gnaden gehabt hätte, die wir missbrauchten, so wäre er wahrscheinlich ein großer Heiliger. Wer weiß? Vielleicht ist er nicht gut über seine Pflichten unterrichtet; vielleicht hatte er große Versuchungen zu bekämpfen, und ist in den Augen Gottes nicht so strafbar, wie in den Augen der Menschen. Wir täten besser daran, für ihn zu beten und Gott um seine Bekehrung anzurufen. Viel­leicht wartet Gott nur auf die Gebete einiger frommen Seelen, um die seinige zu retten; verweigern wir ihm dies nicht, und beten wir wenigstens alle Abend das „Gedenken zur hl. Jungfrau." --- Der Vorschlag wurde an­genommen, und der Kranke gab bald Anzeichen von auf­richtiger Reue und empfing mit vollem Bewusstsein und großer Andacht die hl. Sterbesakramente.

Nachdem, was wir bis jetzt vorgebracht haben, ist es nicht mehr zu verwundern, dass das fromme Mädchen al­len, welche ihr nahten, Verehrung einflößte. Schon ihre Gegenwart erweckte Ehrfurcht, und noch ist das Andenken daran lebendig unter den Bewohnern von Mimbaste. Sie haben noch nicht vergessen, mit welcher Höflichkeit Marie jedesmal aufgenommen wurde, so oft sie, im Namen ihrer Eltern die Steuern bezahlte. Die guten Landbewohner, die wenig an dergleichen Rücksichten gewohnt sind, sagten: „Die Beamten erhoben sich und nahmen den Hut vor ihr ab." --- .

Ein Freund des Steuereinnehmers, Zeuge dieser Tatsache, drückte seine Verwunderung darüber aus, und wollte ­nach Mariens Weggehen die Ursache der ihr erwiesenen Ehrfurcht erfahren. „Ich weiß nicht, antwortete der Be­amte, wie mir geschieht, wenn dies Mädchen bei mir ein­tritt, allein ich kann sie nicht ansehen, ohne mich besser zu fühlen. . . Ein gar naiver Zug aus ihrem Leben lässt ebenso die beinahe patriarchalische Einfalt der Sitten, wie die Acht­ung erkennen, welche man der Dienerin Gottes zollte. --­Angeregt durch ihre Tugenden hatte ein junger Mann aus einer der besten Familien des Landes den heimlichen Wunsch, sie zur Lebensgefährtin zu erhalten. Er begegnete ihr, redete sie mit einer gewissen Verlegenheit an und teilte ihr ohne lange Umschweife seinen Wunsch mit. „Hier ist ein Hindernis, sagte sie ihm; ich habe einen ganz entgegengesetzten Entschluss gefasst.“ ---„Was, rief der Fragende betrübt ans, Ihr wollt also immer wie ein Engel leben?"

„Ja, ja, antwortete Marie, sich entfernend, Ihr habt es erraten, das ist es, wie ein Engel möchte ich leben." --­Ein Greis aus demselben Dorfe legt folgendes Zeugnis ab: „Es gibt wohl kein junges Mädchen, über das mit Recht oder Unrecht nicht gesprochen wird; aber Nie­mand wird hier anders als lobend über Marie Lataste sich äußern können, und dies zwar von ihren frühesten Jahren an."

Ein Geistlicher, aus der Umgegend von Dax, befand sich eines Tages bei dem Pfarrer von Mimbaste. Er las eben in den Schriften des tugendhaften Bauermädchens die Stelle, worin sie über die Würde des geistlichen Stan­des sich ausgesprochen, und war voll Bewunderung dafür. Plötzlich klopft es an der Türe des Pfarrhofs; es war M. Lataste selbst. Der Geistliche bat Hr. Darbins sie eintreten zu lassen. Nachdem sie den Pfarrer und seinen Kollegen ehrfurchtsvoll begrüßt, ersuchte sie den Ersteren ­gütigst, einen Kranken besuchen zu wollen, dessen Namen sie angab. Hieraus beantwortete sie mit bewunderungswürdiger Einfalt alle Fragen, die ihr Beichtvater an sie richtete und zog sich dann grüßend zurück. --- Später äußerte sich der bei dieser Unterhaltung gegenwärtige Geistliche folgendermaßen: „Nie habe ich vergessen, was ich damals sah und empfand. Ich sah, wie dieses junge Mädchen alle Vorschriften, welche ihr der Heiland in Betreff ihres Verhaltens gegen die Priester gegeben hatte, gewissenhaft erfüllte, was aus mich einen umso tieferen Eindruck machte, als ich soeben ihre eigenen Worte darüber gelesen. Ich sah in ihr eine glaubensvolle Ehrfurcht für den Geistlichen, der mit ihr sprach. --- Ich darf sagen, dass ich einen ziem­lich klaren Begriff über ihre Unterredungen mit dem Hei­lande bekam, als ich hörte, wie sie ihrem Beichtvater antwortete. Seit diesem Ereignis ist lange Zeit verflossen; ich habe Marie nie wiedergesehen; allein ihr von engel­gleicher Sanftmut strahlendes Gesicht ist mir noch ebenso in der Erinnerung, als ob sie vor mir stünde."

 

 

Viertes Kapitel

Parabel vom Ölbaum; neue Prüfungen. Marie wird des Anblickes des Heilandes beraubt, und hört seine Stimme nicht mehr. Ihre Fortschritte in der Losschälung und im Gebete. Ihr Seelenführer beruhigt sie in Betreff ihrer Visionen.

Das untadelhafte Betragen der Dienerin Gottes und ihre Tugenden mussten, so sollte man glauben, jeden Schat­ten von Zweifel hinsichtlich des Geistes, der sie leitete, ent­fernen. Dennoch wollte Hr. Dupérier noch einen Versuch machen sie zu prüfen. Ehe wir uns über die Art und Weise desselben aussprechen, scheint es uns notwendig wenigstens teilweise mitzuteilen, was die Veranlassung dazu gab.

Im Monat Februar 1843 glaubte Marie nach der hl. Kommunion aus dem Munde des Heilandes eine Para­bel zu hören, deren Hauptinhalt folgender ist: „Ein König durchreiste seine Staaten und fand in einer Wüste eine Pflanze, die er für einen Ölbaum vorzüglicher Art er­kannte. Er ließ sie in seinen Garten verpflanzen und übergab sie der Sorge eines seiner Diener. Dieser pflegte die Pflanze sorgfältig, entfernte das Unkraut, welches ihr hätte schaden können, düngte sie gut und begoss sie mit klarem Wasser. Die anderen Diener verspotteten ihn, in­dem sie ihm versicherten, er irre sich in Betreff der Art der Pflanze; er jedoch als treuer Diener gehorchte dem Be­fehl seines Herrn, dessen Ansicht überdies auch die seinige war. Auf den Befehl des Herrn versetzte er die Pflanze abermals und zwar diesmal in noch fruchtbareres Garten­land, umgab sie mit einem goldenen Käfig, damit Nie­mand ihrer Schönheit durch Berührung schaden könne. --- Indessen mehrere Personen näherten sich ihr in unvorsichtiger Weise, wurden aber durch ihren Glanz geblendet und durch die Stärke ihres Geruchs fast betäubt; der Tod war die Folge ihrer Verwegenheit. Der Ölbaum wuchs und er­starkte; seine Blüten verbreiteten einen lieblichen, köstli­chen Wohlgeruch; seine Früchte gaben ein auserlesenes Öl, und seine sich im ganzen Garten ausbreitenden Wurzeln schienen die andern Blumen zu nähren und zu veredeln.

Als Marie ihrem geistlichen Vater diese Erzählung vor­trug, schloss sie mit den Worten: „Sie mögen hierüber denken, was Ihnen gefällt; ich bin für dies, wie für alles andere vollkommen gleichgültig. Ich verlange nur nach Gott; ich halte mich nur an Gott, ich will Nichts als Ihn!" ---

- Im Juni desselben Jahres schrieb nun Hr. Dupérier an den Pfarrer von Mimbaste einen Brief mit der Bitte, seinem Beichtkinde denselben mitzuteilen und genau den ­Eindruck zu beobachten, welchen derselbe auf sie machen werde. Er schreibt, wie folgt: „,Nachdem ich reiflich über alles, was Sie mir von Marie Lataste sagen, nachgedacht habe, nachdem ich ihre Schriften gelesen und mich zwei bis dreimal mit ihr unterhalten habe, kann ich nicht mehr zweifeln, dass sie eine Geisterseherin, eine Träumerin ist, die weiter durchaus keiner Beachtung wert ist; oder auch, dass sie eine Person ist, die uns zu täuschen sucht. Sie wün­schen meine Meinung über sie zu kennen und Marie Lataste möchte es auch wissen; Sie finden dieselbe in obi­gen Worten ausgesprochen; ich bitte, ihr diesen Brief mitzuteilen. Und zwar gründe ich meine Ansicht auf die in ihren Schriften enthaltenen kleinlichen Einzelheiten, aus der Parabel vom König, seinem Diener und vom Ölbaum; diese Parabel scheint mir von ihr nach Belieben erfunden; dann auf die Falschheit ihrer Prophezeiungen über Paris; auf ihren angeblichen Beruf, dem nur ihre, durch lange Nachtwachen gereizte Einbildungskraft zu Grunde liegt; auf ihre beabsichtigte Abreise und ihre vorgebliche Auf­nahme im Sacre- Coeur, was ganz unausführbare Dinge sind."

Hr. Abbe Darbins las Marie diesen Brief vor. Als sie die, den ersten Teil schließenden Worte hörte, zeigte sich ein Ausdruck tiefen Schmerzes auf ihrem Antlitze und Tränen entströmten ihren Augen.

---„Warum weinen Sie, meine Tochter?" fragte ihr Beichtvater.

„Ich weine, hochwürdiger Herr, weil ich weinen muss, Sie wissen, dass ich nicht leicht weine; aber was vermöchte meine Tränen in diesem Augenblick zurückzuhalten?"

Und als der Pfarrer sie gütig ermutigte sich zu äußern, fuhr sie fort:

,,Ach, Herr Pfarrer, Sie sind nicht die Ursache mei­ner Betrübnis, es ist auch nicht das über mich gefällte Urteil, das mir Tränen entlockt. Wenn ich weine, so weine ich über mich selbst. Ich muss wahrhaftig eine große Sünderin sein, wenn man mich für eine solche Be­trügerin hält, dass ich fähig wäre zwei Priester, die mir stets so großes Wohlwollen bewiesen, und mich immer mit so viel Liebe behandelt haben, zu betrügen. Wenn Herr Dupérier mich so beurteilt, so muss ich es also verdient haben; nicht durch Lügen und Betrug; denn ich versichere Sie, ich wollte nie lügen und betrügen, wohl aber durch meine Sünden, wodurch ich Gott erzürnt habe. Ich bin eine große Sünderin, deshalb weine ich!"

„Beruhigen Sie sich, sagte Hr. Darbins zu ihr, Gott kennt die Neigungen Ihres Herzens; Er wird Sie gütig ausnehmen, seien Sie ruhig und fahren Sie fort sich dem Willen Gottes zu unterwerfen."

Im Laufe der nächstfolgenden Woche riet er ihr den ihr mitgeteilten Brief zu beantworten.

Gleich am nächsten Morgen, nachdem das fromme Mädchen tags zuvor Hrn. Dupériers Urteil gehört hatte, war sie zu den Füßen Jesus geeilt, um vor Jesu, ihrer gewöhnlichen Zuflucht, ihr Herz auszugießen; sie sagte Ihm: „Herr ich weiß nicht, wie die Dinge gehen werden; aber es mag geschehen, was da will, ich setze mein ganzes Ver­trauen auf dich; ich unterwerfe mich Allem, und bin zu Allem bereit, was du von mir verlangen wirst.

Jesus kündigte ihr hierauf au, dass sie noch andere, viel schwerere Prüfungen werde zu bestehen haben, ver­sicherte ihr jedoch, dass Er ihr immer beistehen werde, da­mit sie siegreich aus denselben hervorgehen könne. Dann widerlegte Er alle gegen sie erhobenen Bedenken eines nach dem Andern, so dass sie nur die Worte ihres göttlichen Meisters ausführen durfte, um den von ihrem Beichtvater gewünschten Brief zu schreiben.

Es würde uns für den Umfang dieses Werkes zu weit führen, wollten wir diesen Brief vollständig mitteilen; er ­findet sich im 1. Band ihrer Schriften unter Nummer 17; wir wollen hier nur die Hauptstellen anführen, welche Jenen genügen, die ihre Schriften nicht gelesen haben. Auf die erste Einwendung erwiderte der Heiland: „Wo Gottes Hauch weht, ist Nichts klein oder unbedeutend; Er weht, wo es Ihm gefällt und eine scheinbar ganz und gar unbedeutende Sache hat oft die wichtigsten Folgen." Jesus erklärte ihr die Parabel folgendermaßen: „Derjenige, welcher ein Urteil über dich gefällt, hat dieselbe teilweise richtig aufgefasst, d. h. er hat richtig gefolgert, dass du durch den König Gott, durch den Diener deinen Seelenführer und durch den Ölbaum dich selbst bezeich­nen wolltest. Er hat sich aber darin getäuscht, dass er glaubte, du selbst habest diese Parabel verfasst. Diejenigen, welche des Königs treuen Diener ver­spotteten, und den Ölbaum für einen Weinstock ansahen, sind Jene, welche von dir und deinen Schriften gehört haben, und wissen, dass dein Beichtvater dieselben für wahr hält, die ihn aber deshalb tadeln oder seinen Eifer und seine dir erwiesene christliche Liebe ins Lächerliche ziehen. Jene aber, welche durch den Geruch der Pflanze vergiftet werden, find solche, die zu dir und deinen Schriften ihre Zuflucht nehmen; aber Nichts von dem ausüben, was du ihnen durch deine Worte und in deinen Briefen sagst." ---

„Das neue Gartenland, in das ich dich versetzen will, ist das Herz Jesu Sacre-Coeur, wo du nach meinem Ratschlusse dich veredlen wirst. Der goldene Käfig, in welchen du gestellt wirst, bedeutet meinen Schutz, der dich immer behüten wird."

In Bezug aus den neunten Brief des ersten Bandes, der als eine nicht eingetroffene Prophezeiung bezeichnet wird, sagt der Heiland: Ist dies denn eine Prophezeiung? Und wenn es eine wäre; weiß man nicht, dass es Prophezeiungen gibt, deren Eintreffen an Bedingungen geknüpft ist, besonders, wenn diese Prophezeiungen sich auf Gottes Gerechtigkeit beziehen?" ­Hierauf beruhigt sie der Heiland noch in Betreff ihrer Aufnahme ins Sacre Coeur und versicherte neuerdings die Wahrheit alles dessen, was sie hörte; dann fügte Er noch bei:

„Fürchte Nichts, die Kraft wird sich in deiner Schwäche offenbaren, die Weisheit in deiner Torheit und die Wahrheit in deinen Visionen.“

„Die Worte, welche du hörst, sind nicht deine Worte, es sind die Meinigen, du schreibst sie nur nieder; du bist Nichts, du kannst Nichts durch dich selbst, allein Ich bin Alles, ich kann Alles, Ich ordne Alles, Ich trage Sorge für Alles und die größten wie die kleinsten Dinge dienen meinen Absichten und dem Walten meiner Weisheit, meiner Vorsehung und meiner Erbarmung." ---,,Allein man versuche nicht die Absicht meiner Vor­sehung zu ergründen, dies wird nie gelingen!"

Nachdem Marie all dieses wieder erzählt hatte, fügte sie bei: „Er schwieg und hatte Seine Rede beendet: ich aber sagte sogleich zu Ihm: „Mein Heiland, die Stim­mung meines Geistes ist in dieser Stunde vollkommen gleichgültig für Alles, was man mir vorgeworfen hat, es kann also nicht meine Einbildungskraft sein, die mir das eingegeben hat, was ich ans Deinem Munde gehört habe." ---

„Nein, meine Tochter, Ich bin es, Der diese Worte an dich richtet. Gehe hin in Frieden und bewahre die­selben sorgfältig in deinem Herzen!"

„Dies, hochwürdiger Herr, habe ich gehört und wie es mir scheint, hat es mir der Heiland gesagt. Aus mir selbst und ohne Ihren Befehl hätte ich mich nie unter­standen, also zu schreiben, ich hätte es auch nicht gekonnt.

Ich versichere Ihnen, dass ich mein eignes Ich Gott ganz zum Opfer gebracht habe. In welcher Lage ich auch sei, welche Prüfung mich auch treffen, welche Betrübnis mich auch niederbeugen möge, so fehlt mir Nichts, und ich bin glücklich, wenn ich Jesus habe, wenn ich mit Jesus ver­einigt bin, wenn ich Ihn lieben, wenn ich zu den Füßen Seines Kreuzes knien, wenn ich Teil nehmen kann an Seiner Erniedrigung und Demütigung!" --­Diese wenigen Bruchstücke aus jenem Briefe zeigen uns, wie sehr die treue Schülerin des Heilandes in der wahren Liebe wuchs und wie sie auch mitten im Leiden in Ihm Kraft und Frieden fand.

Durch Entbehrungen war diese Seele gekräftigt wor­den; denn gegen das Ende des Jahres 1842 hatte Jesus ihr die Gnade Seiner fühlbaren Gegenwart entzogen. Er hatte sie darauf vorbereitet, indem Er ihr gesagt, dass Er sie von nun an nicht mehr als Kind behandeln und ihr nicht mehr wie bisher Milch, sondern kräftigere Nahr­ung reichen werde. Bei dieser Nachricht vergoss Maria reichliche Tränen: der göttliche Heiland tröstete sie, indem Er ihr versprach, dass Er immer, wenn auch aus unsicht­bare Weise, bei ihr bleiben wolle, und dass sie von nun an noch kostbarere Gnaden als bisher empfangen, und endlich, dass sie Seine Stimme noch für einige Zeit hören werde. Nach kurzer Zeit der Entbehrung, werde sie Ihn abermals sehen und hören. Dann streckte Er seine Hand segnend über sie aus; sie aber fühlte wie die Gnade und ein ungewohntes Glück gleichsam in Strömen sich über sie ergoss; sie fühlte sich von aller Sorge und Unruhe befreit, und ihre Seele war voll Kraft und Energie.

Sie selbst spricht über diesen herrlichen, in ihrem Leben Epoche machenden Augenblick und gesteht, dass sie zuerst ganz erstaunt und so zu sagen fremd aus diesem neuen Wege war: „Ich hatte nicht den Anblick Jesu; aber ich hörte dennoch Seine Stimme, ich genoss nicht mehr Seine wirkliche Gegenwart, wohl aber empfand ich die Süßigkeit Seiner Gnade!" --­Jesu Wort tröstete sie, stärkte und schützte sie; er war ihr eine Leuchte nicht nur für sie selbst, sondern auch für andere; denn oft machte Jesus sie mit den geheimsten Gedanken verschiedener Personen bekannt, und wie man oben gesehen, gab Er ihr die Antworten ein, die sie auf die Einwürfe und Zweifel anderer Personen geben solle. Gleich den Aposteln nach der Himmelfahrt des Heilandes verlor auch sie Nichts durch das ihr auf­erlegte Opfer; sie hatte im Gegenteil mehr Kraft, Muth und Erleuchtung; sie erhob ihre Seele mit mehr Ruhe, Freiheit und Eifer zu Gott, und vertiefte sich mit Ent­zücken in Seine Unendlichkeit: „Selbst wenn man mir, sagte sie, jeden Trost, jede Befriedigung, jede Glückselig­keit raubt, so wünsche und verlange ich Nichts; denn mein Glück und meine Seligkeit bestehen darin, kein anderes Glück zu kennen als nur allein den Besitz Gottes." Ihre Fortschritte in der Losschälung und der gänz­lichen Hingabe an Gottes heil. Willen waren denn auch augenscheinlich.

Wenige Zeit nach der von uns mitgeteilten Prüfung, schrieb sie an Herrn Darbins: „Seit 5–6 Monaten habe ich die Erscheinungen nicht mehr vor Augen, von denen ich Ihnen so oft gesprochen habe. Wenn sie vom Teufel kamen, so danke ich dem Herrn, weil Er nicht länger zulässt, dass ich betrogen werde; wenn sie von meiner Einbildungskraft herrührten, so danke ich Ihm für meine Ruhe, und kamen sie von Ihm, so danke ich Ihm abermals, und weit entfernt dieselben von Neuem zu wünschen, erkenne ich mich derselben unwürdig und verlange Nichts als mehr und mehr Ihm anzugehören!" „Ich wünsche Nichts. Ich sehe Nichts mehr; allein ich höre die an mich gerichteten Worte mit Misstrauen. Dennoch bleibe ich ruhig; dem Willen Gottes mich über­lassend, wünsche ich nur Ihn zu lieben: Er wird täglich mehr und mehr mein Alles in diesem Lande der Ver­bannung. Ach Herr, Du allein kannst mein Herz befriedigen!"

Hat der Geist der Finsternis je solche Früchte her­vorgebracht? und führt er eine solche Sprache? Muss man nicht in der gänzlichen Verleugnung seiner selbst fest begründet sein, um also zu fühlen und also sich auszudrücken?

Marie war nicht weniger rasch auf dem Wege des innerlichen Gebetes vorangeschritten. In Seinen ersten Unterweisungen hatte unser Heiland sie gelehrt die ver­schiedenen Umstände Seines Lebens und Todes zu erwägen, und dieses Sein Leben wie ein Bild zu betrachten, das sie ihrem Alter und ihrem Stande gemäß darzustellen suchen müsse. Später zeigte Er ihr eine noch voll- kommenere Art, wobei sie gleichsam Zuschauerin der Szenen Seines heil. Leidens wurde. Endlich, nachdem die Liebe  in ihrem Herzen und das Licht in ihrem Geiste zuge­nommen hatten, vereinte sie sich noch inniger mit Jesus und erhob sich bis in Gottes Schoß. Sie sagt, dass sie damals durch eine unaussprechliche, ihre ganze Seele erfüllende Süßigkeit wie verzückt war, was sie am Lesen und Beten verhinderte; es war dies gleichsam wie ein Ruhepunkt, worin Gottes Anblick und Seine Liebe sie versetzte, ein Vorgeschmack des Zustandes der Seligen im Himmel.

Wie sich aus Mariens Bericht über ihr inneres Leben ergibt, hörte sie seit dem August 1843 keine Worte mehr; dafür aber erleuchtete ein lebhaftes überirdisches Licht Ihren Verstand, so dass sie die erhabensten Wahrheiten verstehen und gleichsam verdauen konnte; besonders war sie in das Geheimnis des Kreuzes eingeweiht. Sie nennt diese Gnadenergüsse einen Unterricht ohne Worte; daher kam es, dass, als ihr Beichtvater von ihr verlangte sich hierüber auszusprechen, sie eingestand, dass ihre Feder stille stehe, dass die Ausdrücke ihr fehlten und ihre Zunge wie ­gelähmt sei, obwohl sie den ernstlichen Willen hätte zu gehorchen; sie fügt bei: „Man kann nicht eine im Glanze des Lichtes aus dem Kreuze hervorgegangene Lehre durch jene von den Menschen erfundenen angenommenen Zeichen, durch Sprache und Worte ausdrücken."

Das jedoch, was ihr zu schreiben erlaubt wurde, reicht hin uns einen Blick zu gestatten, welche Stufe der Erhebung zu Gott und der Vereinigung mit ihrem Schöpfer sie bereits erreicht hatte, und mit welch heil. Leidenschaft ihr Herz Jesum und Sein Kreuz liebte. Neben diesen erhabenen Stellen, welche der Gehorsam ihr so zu sagen entlockt hatte, finden wir jedoch stets ruhige und nüchterne Einfalt, ohne irgendwelche Anmaßung oder den Wunsch sich geltend zu machen, diese Hauptmerkmale einer vom heil. Geiste geleiteten Seele. Im November desselben Jahres drückt sie sich folgen­dermaßen in Betreff ihrer Betrachtung aus: “Meine Betrachtung ist nur eine einfache Erhebung des Geistes zu Gott, ohne Überlegen, ohne Nachdenken, ohne Entschluss ... Ich erhebe meinen Geist zu Gott, ich ver­einige mich mit Ihm; Er ist mein Anfang und mein Ende. All mein Streben geht dahin mich einfach und schlicht mit Ihm zu vereinigen, friedlich in Seiner Un­endlichkeit zu ruhen und die verschiedenen Wirkungen Seiner Gnade zu empfangen. Indessen endige ich nie meine Betrachtung ohne mich selbst Gott zu opfern, ohne Ihm meine Nebenmenschen im Allgemeinen und im Besondern zu empfehlen, und für sie und für mich Gottes Gnade und Segen zu erflehen." ---,,Jeden Morgen, fügt sie bei, ergreife ich meine Maßregeln, um die mich allenfalls im Laufe des Tages treffenden Versuchungen und Prüfungen zu überwinden.

Treu den Ermahnungen des göttlichen Meisters über­ließ sie sich bei ihren Betrachtungen dem Zuge der Gnade; bemühte sich aber den Fallstrick des Teufels zu ent­gehen; deshalb unterließ sie nie die mündlichen Gebete, obwohl dieselben sie oft ermüdeten. Sie vergaß nicht die Worte des Heilandes: „Bewaffne dich stets mit Wach­samkeit und Demut; denn sonst würde es mit dir rück­wärts statt vorwärts gehen, und du würdest jenen Seelen gleichen, welche, nachdem sie sich gleich dem Adler in die Lust erhoben haben, zur Erde zurückfallen und mit den gemeinsten Tieren verglichen werden können." --­So ergriff unser Heiland jede Gelegenheit, um sie in der Demut zu bestärken. Sie erzählt uns Seine Worte mit voller Aufrichtigkeit.

Während das junge Mädchen also festen Schrittes auf dem Wege der Vollkommenheit voraneilte, setzten Herr Abbe Darbins und Herr Dupérier die ausmerksame Durchlesung ihrer Schriften fort, wobei ihre Bewunder­ung immer zunahm; aber in dem Maße als sie in den­selben ein wunderbares Ganzes von dogmatischer, morali­scher und mystischer Theologie fanden, erblickten sie in denselben auch die Hand Gottes. Andrerseits konnten sie in Marie Latastes ganzem Benehmen und Wesen kein Zeichen von Täuschung entdecken. Die Offenherzigkeit, Geradheit und Einfalt, mit welcher sie über alles, was in ihrer Seele vorgegangen war, Rechenschaft ablegte, die demütige und unbedingte Beobachtung der geringsten Vorschriften ihrer Seelenführer, die gänzliche Unterwerf­ung in den göttlichen Willen ließen zu deutlich erkennen, von welchen Beweggründen sie bei ihren Handlungen geleitet wurde, als dass man sich hätte täuschen können, deshalb beruhigten sie denn jetzt auch unsere Marie.

In derselben Zeit verlangte Herr Darbins von seinem Beichtkinde, ihm zu sagen, was sie selbst von ihren Schriften dächte: sie tat es mit einer heil. Freiheit, da sie nicht mehr durch die Furcht zurückgehalten war, ihrem Seelenführer zu widersprechen. Wollte sie sich --- so sagt sie selbst --- die erhaltenen Belehrungen klar machen, so erwog sie dieselben in ihrem Ursprung, in ihrem End­ziel und in sich selbst.

 --­Wenn sie sich bestrebte, Gott, über dessen Wesen sie schon als Kind belehrt worden war, zu erkennen, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen, so empfand sie Alles das, was ihre Schriften enthielten. Sie hätte sich von Gott trennen müssen, um anders zu fühlen: also war Gott der Ursprung derselben.

Sie erkannte ferner deutlich, dass dieselben dahin zielten, die Ehre Gottes und sowohl ihr eignes als auch das Seelenheil Anderer zu befördern; daraus zog sie den Schluss, dass der Teufel nach keinem solchen Ziele streben könne.

Endlich fand sie in denselben nur Gutes, Reines und Vollkommenes. Es schien ihr, der böse Geist könne so Etwas nicht vollbringen; denn den Baum erkennt man an seinen Früchten, und ihr richtiges Urteil führte sie dahin, wenn es nötig sein sollte, offen zu erklären, dass somit Gott allein durch sie habe sprechen können. Als jedoch derjenige, der zu ihrem Richter bestimmt war, Zweifel ausgestellt und gezögert hatte, sich auszusprechen, hatte sie sich bemüht, trotz Leiden und Qualen auf ihre eigene Überzeugung zu verzichten. Auf diese Weise war sie stets unterwürfig geblieben, wie es der Herr von ihr verlangte; dafür wurde sie aber auch jetzt durch eine Entscheidung ihrer Seelenführer belohnt, die sie vollkom­men beruhigte.

Bis dahin hatte der Pfarrer von Mimbaste die ihm anvertrauten Hefte Niemanden mitgeteilt, als Herrn Dupérier. Jetzt glaubte er sie auch seinem Bischof Lanneluc vorlegen zu müssen, der zur Zeit seiner Pastoral-Reisen seine Residenz gewöhnlich im Seminar in Dax aufschlug. Der hochwürdigste Bischof verwendete all seine freie Zeit zum Lesen dieser Aufzeichnungen, die auf ihn den günstigsten Eindruck machten. Er beantragte Herrn Dupérier und mehrere andere Professoren, die Schriften zu prüfen; sämtliche Geistliche bestätigten in ­ihrer Erwiderung: „dass die Werke Nichts gegen den Glauben enthielten, und dass sie geeignet seien, viel Gutes in den Seelen zu wirken." Es wurde der Vorschlag gemacht, dieselben zu veröffentlichen; man vereinigte sich jedoch dahin, damit noch zuzuwarten.

Diese Untersuchungen hatten in Dax den Namen des demütigen Landmädchens bekannt gemacht, und wie es bei dergleichen Gelegenheiten gewöhnlich der Fall ist, hatte dies verschiedene Ansichten hervorgerufen. Ihre Schriften wurden mit mehr oder weniger Wohlwollen beurteilt, ihre Worte nicht stets genau wiedergegeben und einige Personen erklärten sich gegen Marie. Andere hingegen und unter diesen ausgezeichnete Priester wen­deten sich an das fromme Mädchen, um sich über Gewissensfälle oder auch über ihr eigenes Seelenheil zu beraten. Marie holte sich zu den Füßen Jesu die Ant­worten auf diese Fragen, und beauftragte Herrn Darbins mit der Mitteilung derselben. In ihren Briefen finden sich mehrere dieser Antworten; dieselben sind klar, genau und immer voll Demut. In einigen derselben finden wir die geringe Meinung, die sie von sich selbst hatte, und ihre hohe Verehrung für die Diener Jesu Christi. Da sie einmal Einem derselben große Lobsprüche erteilte, so wurde dies als Schmeichelei bezeichnet. Sei dem nun wie immer, wir finden darin nur eine Bestätigung dessen, was wir schon angeführt haben, nämlich ihre Gabe, die Gesinnungen und Handlungen Anderer zu kennen. Wenn uns nicht zarte Rücksichten abhielten, wären wir im Stande, mehrere Beispiele der Art anzuführen.

Diese neue Begünstigung beunruhigte Marie; sie fürch­tete voreilig zu urteilen und wie immer, so befragte sie auch hierin ihren göttlichen Meister: „Herr Jesu, sagte sie, würdige Dich, ich bitte Dich, mich zu erleuchten und zu lehren, auf welche Weise ich mich benehmen soll und wie ich die Kenntnisse und Erleuchtungen hinnehmen muss, ­die mein Geist über gewisse Personen und die Handlungen ihres Lebens erhält.

„Mein Herz ist von dem Verlangen nach Deiner Ehre erfüllt und meine Seele brennt vor Liebe zu Dir und zu den Nächsten. Herr, wie soll ich mich benehmen bei diesen Empfindungen? Du hast die Gnade gehabt, mich bis jetzt zu unterrichten, lass mich nicht in Unwissenheit über diesen Punkt; ich will Dir meinen Dank dafür durch größere Liebe und noch vollständigeren Gehorsam beweisen." --­Jesus gab ihr hieraus Verhaltungsregeln; Er empfahl ihr den Ursprung und die Wirkungen dieser Offenbarungen zu prüfen; dieselben zu verwerfen, wenn sie von der Eigenliebe oder irgend einem Vorteil herrührten, oder wenn die Nächstenliebe dadurch in ihr geschwächt werde; jedoch solle sie dieselben für wahr halten, so oft sie im Gegenteil für den Nächsten Mitleid fühle und der Wunsch, Gottes Ehre zu bewirken, sich damit verbinde. Überdies empfahl Er ihr tiefes Stillschweigen über diese Mitteilungen, ausgenommen wenn Er ihr das Gegenteil befehlen würde; und wirklich vertraute der Heiland ihr zuweilen zarte und schwere Missionen an; für sie war dies umso schwerer, da sie im Voraus wusste, welche Beschämung für sie daraus erwachsen werde; indessen gehorchte sie nichts desto weniger, indem sie immer die Vorschriften ihres göttlichen Meisters befolgte.

 

 

 

Fünftes Kapitel

Belehrung des Heilandes über den Beruf. Hindernisse, die Mariens Beruf entgegengesetzt werden. Betrachtungen über die Offenbarungen im Allgemeinen. Marie gibt ihrem Beichtvater ihre Manuskripte. Abreise nach Paris; ihr Eintritt ins Kloster des heiligen Herzens.

Je mehr man sich mit Marie Lataste beschäftigte, je mehr ihr Ruf sich verbreitete, desto größeres Bedürfnis empfand sie nach Einsamkeit. Sie hatte nicht vergessen, was Jesus ihr öfters und zu verschiedenen Zeiten über den Beruf gesagt hatte. Eines Tages unter anderem, nach einer dieser Visionen, wo es schien, als ob Er ihren Gehorsam und ihre Liebe prüfen wollte, hatte Er ihr die Würde, das Glück und den Vorteil erklärt, den Herrn des Himmels und der Erde zum Bräutigam zu haben und beigefügt: „Ich verleihe diese Gnade inniger Ver­einigung mit mir nach meinem Wohlgefallen. Wenn ich meine Blicke auf eine Seele geworfen habe, und sie an mich ziehen will, so flöße ich ihrem Herzen einen Gedan­ken ein, welcher Gedanke sich dann gleich einem geheimnisvollen Keim mehr entfaltet und bestimmter wird, bis jene Seele diesen Gedanken kund gibt, und sagt: „Ich will eine Braut des Herrn sein.“ --- Sie hat meine Stimme gehört und beantwortet dieselbe. Glücklich die Seelen, die meinem Rufe folgen; wehe aber Jenen, die sie von mir abwendig machen, sie aushalten oder den ihnen verliehenen Beruf ersticken wollen!" --­ Nachdem der Heiland sich noch mehr über diesen Punkt verbreitet hatte, zeigte Er Seiner treuen Schülerin, wie Er durch die verschiedensten Neigungen und Mittel die Seelen an Sich zieht; wie Er die Einen in der Welt lässt, um dort tapfer für ihn zu kämpfen; wie Er die

andern in die Einsamkeit ruft, um dort im Geheimen und vertraut mit ihnen zu sprechen .... um sie beständig durch Seine Gnade, Seine Worte und Seine Blicke zu beleben.

Es gebe Einige, sprach der Heiland zu ihr, welche Er einzig und allein durch Liebe an sich zöge, und die Ihm folgten, um Ihn durch ein vollkommenes Leben mehr zu verherrlichen; Andere folgen dem Rufe Gottes beim Anblick der ihnen in der Welt drohenden Kämpfe und Gefahren, und aus Furcht auf ewig von Gott ge­trennt zu sein: diese letzteren Beweggründe seien zwar weniger rein, als die ersteren; aber sie seien zu einem guten Beruf hinreichend. „Indessen, fügte der Heiland noch bei, muss man sich wohl hüten, den Ruf von Oben durch Eigenwillen ersetzen zu wollen, indem man sich einer falschen Frömmigkeit hingibt, oder Widerwillen empfindet gegen die von Gott angewiesene Lebensstellung, welche man nicht länger ertragen will; denn dadurch würde man sich der Gefahr aussetzen, sich selbst und andern im Klo­sterleben zu schaden. Endlich nachdem der Heiland noch von der Notwendigkeit gesprochen hatte, sich durch große Reinheit des Herzens, durch hochherziges Streben und durch vollkommenen Gehorsam gegenüber den Vorschriften des geistlichen Führers auf den, als wahr erkannten Beruf vorzubereiten, gab Er Marie drei Waffen an, durch welche die von ihm auserwählten Seelen die Welt, den Teufel und die Hoffart des Lebens überwinden können, nämlich durch die Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit. Die Wichtigkeit dieser Gelübde und die Notwendigkeit, dieselben nicht leichtsinnig abzulegen, hob er besonders hervor; hieraus pries Er jene selig, die wirklich berufen diese ihre Verpflichtungen getreu erfüllen und schloss mit den Worten: „Ich werde in der Ewig­keit ihr Reichtum sein; ich werde in der Ewigkeit ihr Ruhm sein; in Mir werden sie ihre Seligkeit finden. Unsere Vereinigung hat in der Zeit begonnen und wird ­fortdauern durch Jahrhunderte der Jahrhunderte. Ver­traue, meine Tochter, du wirst Alles überwinden. Ich werde dich gleich einer Taube in die Spalten des Felsens verbergen." --­Damals war es, dass der Heiland ihr angegeben hatte, in welchen geistlichen Orden sie treten solle, um sich dort ganz Ihm zu weihen. Voll dieser Gedanken und durch diese tröstlichen Ver­sprechungen ermutigt, hatte Marie dieselben zur Richtschnur ihrer Handlungen gemacht, und ihre Neigung zum heil. Herzen wurde unwiderstehlich. Seit ihrem 19. Jahre wusste sie überdies, dass ihr Leben nur von kurzer Dauer sein würde; der Heiland hatte ihr selbst gesagt, dass sie das Ende ihres 26. Jahres nicht erleben werde. Sie verlangte deshalb nach ihren eigenen Worten unbekannt und verbor­gen in dem liebenswürdigen Herzen Jesu zu leben."

Von allen Seiten schienen sich indessen Hindernisse zu erheben; wir haben oben gehört, dass Herr Dupérier selbst ihren Beruf zum Sacre-Coeur als unausführbar erklärte.

Schon hatte die Familie Lataste sich große Opfer auf­erlegt, um Mariens Schwester Quitterie eine Aussteuer zu geben, da dieselbe bereits seit 14 Jahren barmherzige Schwester war. Nun war man in der ganzen Gegend irrtümlicher Weise der Meinung, dass auch im Sacre-Coeur eine Aussteuer, und zwar eine bedeutende, unumgänglich notwendig sei. Auch Marie hatte dieser Gedanke anfäng­lich viel beschäftigt; denn sie fühlte, dass sie ihre Eltern durch die Forderung einer solchen Aussteuer in große Verlegenheit setzen würde; allein schon im Monat Juni hatte der Heiland sie beruhigt und ihr gesagt, dass sie nicht aus Interesse, sondern aus christlicher Liebe aufgenommen werde. Sie beruhigte daher auch ihre Mutter, als dieselbe in sie drang, eine für die Lage ihrer Eltern beträchtliche Summe anzunehmen, welche die gute Mutter hingeben wollte, weil sie fürchtete, ihre Tochter würde sonst nur als Magd auf- genommen. Doch die Tochter befürchtete dies nicht, da sie nach Nichts strebte, als nach Erfüllung des göttlichen Willens. Nur ein Gedanke beunruhigte sie: sie kannte die zärtliche Liebe ihrer Eltern und fühlte lebhaft den Schmerz, welchen ihr Weggehen ihnen bereiten musste, da­her fürchtete sie, es möchte die Losschälung, welche der Hei­land von Seiner Braut fordert, ihr noch fehlen. Doch der gütige Erlöser selbst beruhigte sie darüber, indem Er ihr sagte, dass diese Gefühle Ihm sogar wohlgefällig seien, da sie ihre Unterwürfigkeit in den göttlichen Willen nicht beeinträchtigten: Man kann, setzte Er hinzu, Gott und die Seinigen zugleich lieben, nur darf uns die Liebe zur Familie nicht vergessen lassen, was wir Gott schulden.

Und in der Tat, der klösterliche Beruf macht uns nicht gefühllos, und schließt diese Liebe, die Gott ja selbst befohlen hat, nicht aus; aber er läutert und veredelt die­selbe, indem er die Eigenliebe entfernt, welche uns so häufig täuscht und uns glauben macht, wir liebten die Unsrigen, während wir nur Gegenliebe und Genuss suchen. Marie Lataste erfasste dies, und so zog sie durch ihr großmütiges Opfer gewiss große Segnungen auf die Ihrigen herab.

Zu den soeben von uns beschriebenen Hindernissen gesellten sich noch die Schwierigkeiten einer Reise nach Paris, wohin Marie sich begeben musste. Der Verkehr war damals weder so leicht, noch so rasch, wie er heutigen Tages ist; verbot daher nicht selbst die Klugheit, dass Marie mit 22 Jahren, unerfahren wie sie war, einen solch weiten Weg zurücklegte? Dann durch wen würde sie im Sacre-Coeur eingeführt, durch wen empfohlen werden, da der hochwürdigste Bischof von Aire sich weigerte, einen solchen Schritt zu unterstützen? Endlich, gesetzt den Fall, man versagte ihr die Aufnahme, was sollte sie in dieser großen, so viele Gefahren bergenden Stadt beginnen? Diese Ge­danken, und viele ähnliche beschäftigten alle Personen, die für Marie sich interessierten, oder die sie leiteten; sie forderten sie auf, lieber in eines der Klöster ihrer Diözese ­einzutreten, und so kam es, dass die Erteilung der Erlaubnis zur Abreise immer verschoben wurde.

Die treue Dienerin Gottes musste also sehen, wie ein Monat nach dem andern vorüberging; allein ihr Hoffen war auf Jenen gerichtet, welcher sie seit ihrer Kindheit so zu sagen an der Hand geführt und ihr Seine Hilfe bis zum Ende versprochen hatte. Eines Tages, als sie mehr als gewöhnlich niedergebeugt war, legte sie ihre Leiden in das heilige Herz Jesu nieder; besser, als wir es vermöch­ten, drücken ihre eigenen Worte die Ergüsse ihrer Seele aus; sie zeigen uns ihre Beängstigungen sowohl, als ihre Unterwerfung bei diesen letzten Kämpfen; wir lassen deshalb hier ihre eigenen Worte folgen: „O Jesus, mein süßer Erlöser, erbarme Dich meiner! O mein zärtlicher Vater, gestatte, dass ich mein Herz mit dem Vertrauen und der Einfalt eines Kindes in den Schoß Deiner Barmherzigkeit ergieße. Du allein, o mein Gott, kennst Alles, was ich fühle und empfinde. Der Kummer, die Trübsal, die Angst meiner Seele sind groß, doch Du wirst meine Seele trösten, stärken und beschützen. Tausendfältiger Dank sei Dir dafür in Ewigkeit, o Du unendlich gütiger und großmütiger Gott!

„Herr, sieh das, was ich Dir sagen will, nicht als Murren der Empörung gegen Dich an, sondern als die Klage eines Kindes, das voll Liebe seine Zuflucht zu Dir nimmt. Warum, süßer Erlöser, lässt Du mich all dieses erleiden, was ich erleide; meine Leiden sind oft so außer­gewöhnlich und so befremdend, dass sie für mich die Quelle fürchterlicher Prüfungen und der verschiedensten Demütigungen werden. Um Dir zu gefallen und Dir zu gehor­chen, habe ich stets Alles aufgeopfert; ich bin aus Liebe zu Dir gerne in den Augen der Menschen als eine Närrin und Törin erschienen, und habe mich nie beleidigt ge­fühlt über die Art, mit welcher sie das, was ich ihnen sagte, aufnahmen. Aber, Herr, wie lange noch willst Du mich in dieser Lage lassen? Ich lebe nicht mehr, und den­noch finde ich keinen Tod in meinem Leben! Ich schmachte dahin, wie eine Pflanze, die vertrocknet, aber sich dennoch erhält. Wann, o Herr, werde ich die Erfüllung Deiner Vesprechungen erleben? Wann wirst Du zeigen, dass Du mein Gott, mein Beschützer und Verteidiger bist? Ach! lass nicht zu, dass ich in meinen auf Dich gesetzten Hoffnungen getäuscht werde. Ja, mein Gott und Heiland, ich hoffe auf Dich, ich hoffe auf Deine Barmherzigkeit, ich hoffe auf Deine Liebe und Milde, ich hoffe auf Deine Vorsehung, ich hoffe auf Deine Kraft und Deine Stütze, ich hoffe auf Deine Worte und Deine Versprechungen, ich hoffe, weil Du mir gesagt und befohlen hast, auf Dich zu hoffen. Mein Hoffen kann nur auf Dich gerichtet sein; denn Du bist mein Gott, Du bist mein Erlöser, Du bist der Freund der Schwachen, der Tröster der Betrübten, das Leben der Sterbenden, die Seligkeit der dich Lieben­den. Ja, ich hoffe aus Dich und mein Hoffen wird nicht getäuscht werden. Mag aber dem ungeachtet geschehen, was da will, so werde ich stets sagen: „Herr Jesus, Dein Wille geschehe und nicht der meine." --­Solche Worte bedürfen keiner weiteren Auslegung. Wie hätte das so liebevolle, mitleidige Herz Jesu nicht da­von gerührt werden sollen? Jesus erhörte Seine treue Schülerin; Er erleuchtete sie in ihren Zweifeln und erfüllte sie mit neuer Kraft. Deshalb vermochte nun auch Nichts mehr sie auszuhalten: auf alle ihr gemachten Einwendun­gen erwiderte sie, dass Jesus es also entschieden habe, dass Er ihr bis auf die geringsten Umstände eingegeben habe, wie sie sich bei den verschiedenen Veranlagungen und Ge­legenheiten zu benehmen habe.

Es möchte vielleicht hier am Platze sein, eine kurze Betrachtung beizufügen, in Betreff einiger Stellen, die sich in Marie Latastes Werken finden, worin sie mitteilt, was sie von ihrem göttlichen Meister zu hören glaubte. Diese Stellen sind in der ersten Ausgabe ihrer Werke und waren mehr als Einem Leser anstößig. ­Die Offenbarungen einzelner Personen sind verschie­den von den allgemeinen Offenbarungen; die letzteren sollen und müssen von Allen geglaubt und angenommen werden; sie setzen deshalb außer der göttlichen Eingebung noch eine ganz besondere Hilf des heiligen Geistes vor­aus, vermöge welcher das von Gott hierzu auserwählte Werkzeug vor jedem Irrtum bewahrt ist, so war es z. B. der Fall mit den Evangelisten.

Die ersteren Offenbarungen, d. h. die besonderen, haben nur das Wohl oder den Nutzen dessen zum Ziel, welchem sie zu Teil werden, beziehen sich daher nur nebenbei auf Andere. Die mit denselben begünstigte Seele bedarf keiner besonderen Beihilfe, und wäre es auch nur, um sie in der Demut zu erhalten, so schützt Gott sie nicht immer vor der Gefahr, zu irren. Er erleuchtet diese Seele; Er legt ihr so zu sagen einige Wahrheiten vor, die sie dann mit den verschiedenen Fähigkeiten ihrer Seele gleichsam. verarbeiten muss. Mau darf annehmen, dass auch die sichersten himmlischen Eingebungen gewöhnlich das Spiel der natürlichen Fähigkeiten nicht ausschließen; besonders ist dies bei den Visionen der Fall; die menschliche Einbildungskraft kann immer daran Teil haben und Etwas zu dem, was von Gott kommt, beifügen, und wirklich ge­schieht dies sehr häufig. Wenn wir uns so ausdrücken dürfen, so ist dies gleichsam ein menschliches Werk, das am göttlichen Werke fortwirkt, und ohne den besonderen Schutz, von dem wir oben gesprochen, ist es zuweilen sehr schwer zu unterscheiden, wo das ursprüngliche Werk Gottes aufhört, wo also das Werk des Geschöpfes beginnt, und bis zu welchem Grade das Geschöpf dabei mitwirkt.

Übrigens ist kein Mensch, wie begnadigt er auch sein möge, immerwährend unter dem Einfluss außergewöhnlicher Eingebungen des heiligen Geistes; und der Teufel, so erfinderisch, die Gestalt eines Engels des Lichtes anzunehmen, unterlässt nicht, so oft als möglich seine Einflüsterungen selbst in die heiligsten Dinge zu mischen. Die Seele ­ist also der Gefahr ausgesetzt, ihre eigenen Gedanken, ja selbst die Einflüsterungen des Teufels für Eingebungen Gottes zu halten. Deshalb nahm der Papst Benediktus XIV. auch keinen Anstand, die Frage, ob die Heiligen falsche Offenbarungen haben können, die sie für wahr halten, bejahend zu beantworten.

Nachdem wir dies vorausgesetzt und angenommen haben, wird man begreifen, dass ihre Seele sich über alle Maßen mit den sich ihrem Berufe entgegensetzenden Schwierigkeiten beschäftigte, was umso natürlicher wird, wenn man bedenkt, wie diese Schwierigkeiten ihr als unüberwindliche Hindernisse hingestellt wurden; welche Schwierigkeit man namentlich ihrer Aufnahme ins Sacre-Coeur bereitete; wie groß ihre gänzliche Unerfahrenheit in dergleichen Din­gen, aber auch wie fest sie entschlossen war, dem Rufe des Herrn zu folgen. Ist es bei einem solchen Zustande der Aufgeregtheit nicht denkbar, dass sie die Pläne und Entwürfe ihrer Einbildungskraft für Pläne Gottes angesehen habe? Sie war, wie wir bis jetzt gesehen, stets gewohnt, in allen ihren Anliegen vertrauensvoll sich dem Heilande zu nahen; sie hielt deshalb die Pläne, die sie entwarf, auch jetzt für Eingebungen Gottes, und täuschte sich dies­mal; ihre Einbildungskraft war die einzige Ouelle dieser Entwürfe, und wir finden den besten Beweis für diese unsere Behauptung darin, dass diese Pläne sie nicht zum Ziele führten, während bei ihren wirklichen Eingebungen wir jedesmal einen andern Erfolg sehen.

Anders ließe sich die Schrift nicht erklären, die sie verfasste, um sich im Kloster einzuführen: dieselbe enthält geheime Vorbehalte, die mit dem Geiste der Wahrheit sich nicht vereinbaren lassen; ebenso auch zu unrichtige, auf das Klosterleben bezügliche Dinge, als dass Gott der Urheber derselben sein könnte! So z. B. bestimmt nicht das Vermögen die verschiedenen Rangstufen und Klassen in einer Klostergemeinde. Nach der Anordnung der göttlichen Vorsehung müssen dieselben überall bestehen: im Sacre-Coeur ­z. B. bilden Erziehung und Unterricht eine Unterscheidungslinie zwischen den Chorfrauen und den Laienschwe­stern; jedoch sind Letztere keine Mägde und Jene nehmen oft Anteil an den Arbeiten dieser. Wie hätte der Hei­land in einem anderen Sinne sprechen können? Der Erz- Bischof von Paris hatte bei der Aufnahme Nichts zu ver­mitteln, aus welchem Grunde hätte also die Postulantin ihm anempfohlen werden müssen? Trotz alldem können wir jedoch keinen Schatten von Verdacht aus Mariens Absichten werfen, ebenso wenig können wir voraussetzen, dass Stolz sie antrieb, wenn sie sich vorteilhaft über sich selbst äußerte; denn die Demut besteht nicht darin, das in uns befindliche Gute nicht zu kennen, sondern darin, dass wir Alles auf Gott, als dessen einzigen Urheber be­ziehen. Was wir bis jetzt von diesem frommen Mädchen mitgeteilt haben, würde schon hinreichend sein, solche Ge­danken auszuschließen und ihr späteres demütiges und verborgenes Klosterleben, das gleich Anfangs höchst voll­kommen war, wird jedem vorurteilsfreien Geiste auch den leisesten Schatten von Misstrauen in dieser Beziehung be­nehmen, selbst dann, wenn die Schriften dieser Magd des Herrn nicht so sichtlich und so klar das Gepräge eines guten Geistes trügen.

Überdies darf man nicht vergessen, dass sie den ausdrücklichen Befehl erhalten hatte, alles zu offenbaren, was sie empfände: sie gehorchte deshalb und überließ denen, welchen dies zukam, den Ursprung ihrer Gestühle zu un­tersuchen. Wir folgten in dieser von uns angeführten kurzen Abhandlung nur dem Urteil dazu befugter Personen; aus uns selbst würden wir uns nicht anmaßen, ein Urteil zu fällen. Was Marie Lataste selbst anbelangt, so fand sie in allen Mitteln, die ihr einfielen, um zu ihrem Ziele zu gelangen, nur einen neuen Liebesbeweis ihres göttlichen Meisters; daher kannte sie auch keine Furcht und Angst in Betreff ihrer Aufnahme ins Sacre-Coeur und verfolgte eifrig das Projekt einer baldigen Abreise.

­Der Pfarrer von Mimbaste wollte, dass sie ihm aus­einandersetzte, was sie selbst über ihren Beruf dächte: „Mein Beruf, sagte sie, ist, Nonne in dem Kloster des heiligen Herzens zu werden. Dieser Beruf kommt nicht von mir, sonst wäre es kein Beruf. Es ist Derjenige, Der so sanft, so süß, so heilig mit mir sprach, Der mich in diese zu Ehren Seines heiligen Herzens errichtete geistliche Genossenschaft berufen hat. Ich bin dazu bestimmt, und habe auch einen entschiedenen Hang zu dieser Lebensart. Ich kenne dieses Kloster zwar weder im Ganzen, noch im Einzelnen; allein es genügt mir, zu wissen, dass es die Ordensgesellschaft des heiligen Herzens ist. Ich will in ihr meinem Gott und meinem Erlöser leben, um Ihn immer vollkommener und immer inniger zu lieben. Das ist der Beweggrund, weshalb der Heiland mich berufen hat. Es ist also weder Eitelkeit, noch Ehrgeiz, noch Ver­langen nach einem angenehmen, bequemen Leben, nein, hochwürdiger Herr, Gott kennt meine Gefühle; sie sind frei von jedem persönlichen Interesse. Prüfungen erwarten mich dort wie hier. Ich werde viel leiden, das weiß ich; denn Jesus hat es mir gesagt; allein ich fürchte weder Arbeit, noch Demütigungen, noch Widerwärtigkeiten, noch Kummer, noch Prüfungen, welcher Art sie auch seien; ich fürchte weder Gefängnis, noch Ketten, noch den Tod!" Hierauf zählte Marie alle ihr entgegengehaltenen Be­denken aus, widerlegte dieselben und folgerte daraus die Notwendigkeit, ohne längeres Zögern dem ihr so klaren göttlichen Willen zu folgen. Schließlich fügte sie noch bei: „Erlauben Sie mir nun, Sie nochmals flehentlich zu bit­ten, mir um Gotteswillen zu sagen, ob sie meine Abreise gutheißen. O, wie werde ich glücklich sein, Ihre Einwil­ligung nebst der meines Jesu zu haben! O, sprechen Sie, mein Vater, und möge Ihr Wort ein Wort des Segens und gleichlautend mit Jesu Wort sein!" --­Herr Darbins fand es nun an der Zeit, sich nicht länger einem Vorhaben zu widersetzen, das so reinen Ab­sichten entstammte und so gänzlich frei von menschlichen Rücksichten war. Er gab also seine Einwilligung; dies geschah im Januar 1844.

Sobald Marie durch ihren geistlichen Vater über die ausgezeichnete Gnade, deren sie teilhaftig wurde, beru­higt war, bat sie den Heiland, ihr Seinen göttlichen Wil­len in Betreff der Schriften, worin ihre Offenbarungen und Belehrungen enthalten, kund zu tun. Der Heiland willfahrte ihren Bitten und sagte ihr, dass dieselben nebst ihren Briefen einst gedruckt würden, um viele Seelen zu belehren. Mehrmals hatte Jesus ihr angegeben, wie viel Gutes dieselben bewirken würden; diese Versprechungen sind in ihren Schriften angeführt; wir wollen nur eine einzige daraus bezügliche Stelle anführen:

,,Alles, was ich dir gesagt habe, wird in der Welt verbreitet werden, und wird Vielen zum Nutzen gereichen. Jene, welche Kummer haben, werden in Meinen, von dir wiedergegebenen Worten Frieden finden; die Lauen wer­den Kraft und Stärke darin finden; die Ungläubigen den Glauben, die Verzweiflungsvollen Bestätigung der Wahr­heit, endlich Jene, welche tot sind, das Leben . ." Und weiter: „Ich werde deinen Namen unter denen, die das Sakrament Meiner Liebe andächtig verehren, berühmt ma­chen; ich werde ihnen zeigen, auf welche Weise Mein Er­barmen gegen dich sich offenbarte, und sie werden Gott für die dir erwiesene Gnade danken." Und endlich fügte Jesus noch bei: „Bleibe immer in der Demut und in der Furcht des Herrn, auf dass du nicht, nachdem ich dich mit den auserlesensten Gnaden überhäuft habe, zur ewigen Verdammnis gelangst."

So sorgte der göttliche Meister durch strenge und ernste Ermahnungen dafür, Seine vielgeliebte Schülerin vor eitler, vom Stolze eingeflößter Selbstgefälligkeit zu bewahren. Getreu Seinen Lehren beobachtete sie dieselbe Losschälung in Betreff ihrer, diese Lehren enthaltenden Schriften und sagte deshalb noch am selben Tage zu ihrem Seelenführer: „Sie mögen beurteilen, wie, auf welche Weise und wann Sie meine Schriften benutzen, um Gutes damit zu bewirken, oder ob es nicht besser fei, sie zu verbrennen." Vier Monate später, als sie auf dem Punkte stand, ihren teuersten Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, gab sie ihre Schriften dem Abbé Darbins als Zeichen ihrer Dankbarkeit: „Ich gebe sie Ihnen nicht nur zum Aufbe­wahren, sondern ich überlasse Ihnen dieselben, damit Sie als Herr und Eigentümer mit ihnen verfahren können. Benutzen Sie dieselben nach Gutdünken wie eine Ihnen ungehörige Sache, die man Ihnen nicht nur anvertraut, sondern ganz und gar überlassen hat." --­Das demütige Mädchen besaß sonst Nichts, hätte sie diesen kostbaren Schatz nicht gebrauchen können, um sich ein Ansehen vor denjenigen zu geben, vor welchen sie bald mit leeren Händen und ohne irgend eine Em­pfehlung erscheinen sollte? Sieht man nicht in diesem Akt ein unbestreitbares Zeichen des sie leitenden Geistes?

Am 15. April schrieb sie ihrem Pfarrer, dass die Ab­reise auf den 21. festgesetzt sei. Sie dankte ihm für alle ihr bewiesene christliche Liebe und bat ihn flehentlich, ihr doch alles zu verzeihen, wodurch sie ihn vielleicht belei­digt haben könnte. Sie fügte noch die Bitte bei, Hrn. Dupérier dieselben Gefühle auszudrücken, und sie seinem Gebete zu empfehlen. Doch vor ihrer Abreise wollte sie noch einmal die Ermahnungen ihres Beichtvaters hören, deshalb suchte sie ihn auf und wiederholte nochmals münd­lich die Bitte, ihr zu verzeihen und sie zu segnen.

Am 20. nahm sie von ihrem schon im Alter vorge­rückten Vater, von ihrer kränkelnden Mutter und ihrer zärtlich geliebten Schwester Abschied. Alle hatten ihr Mög­lichstes getan, um ihr die Reise zu erleichtern. Elisabeth verlangte durchaus, dass ihre Tochter das beste Leinenzeug des Hauses mitnehme, und ihr Vater nötigte sie, für die Kosten der Reise und ihres Aufenthaltes in Paris die Summe von 500 Francs von ihm anzunehmen. ­Dem vom Heiland selbst erteilten Rat zufolge hatte sie ihr Vorhaben nur wenigen Personen mitgeteilt. Ihr Vater und ihre Schwester begleiteten sie eine Strecke weit, Viktoria B., eine ihrer vertrautesten Freundinnen gesellte sich zu ihnen. Der Augenblick der Trennung war schmerz­lich; als Marie das Schluchzen ihres alten Vaters hörte, und die Tränen ihrer Schwester sah, konnte auch sie ihren lebhaften Schmerz nicht zurückhalten. Doch alle schöpften in ihrem lebendigen Glauben Kraft.

Viktoria begleitete sie noch eine Strecke weiter, doch bald musste auch sie Marie verlassen, die sich jetzt ganz allein befand. „Von diesem Augenblick an, sagte sie, be­trachtete ich mich als ein Fremdling auf dieser Welt; ich warf mich voll Vertrauen in die Arme Gottes." --- Ihre Reife, deren Einzelheiten sie in einem Briefe an Hrn. Darbins mitteilt, bot nichts Bemerkenswertes dar: sie hatte ihr ganzes Vertrauen auf den Schutz des Himmels gesetzt, der ihr denn auch nicht fehlte, und ihr Herz genoss tiefen Frieden.

Nach ihrem bisherigen Leben hätte man voraussetzen müssen, dass sie mit der Welt und ihren Forderungen gänzlich unbekannt wäre; allein ihr göttlicher Lehrmeister hatte sie auch hierüber belehrt. Durch ihr bescheidenes und zurückhaltendes Benehmen flößte sie Achtung ein, und vermied so die Gefahren, die ihrer Unerfahrenheit hätten drohen können.

Am 25. April kam sie in Paris an, und begab sich alsbald in das Spital der Findelkinder, in welchem ihre älteste Schwester wirkte. Quitterie bewies, als würdige Tochter des hl. Vincenz von Paul, die Wahrheit dessen, was der Heiland Seiner Schülerin über den Beruf gesagt hatte. Er hatte sie erwählt, um Ihm in Seinem öffentlichen Leben nachzufolgen, um die körperlichen Leiden der Menschen zu erleichtern und sie in ihren geistigen Bedürfnissen zu unterstützen. Die fromme Schwester erfüllte mit heiligem Eifer diese doppelte Mission, und entfaltete be­sonders in der Folge große Tugend und auffallende Fähig­keit zu den Pflichten ihres Berufs. 1

Als Quitterie das elterliche Haus verlassen hatte, war Marie noch Kind. Deshalb wusste Quitterie nichts von den in der Seele ihrer Schwester gewirkten Wundern der Gnade; seit einigen Tagen nur war ihr die bevorstehende Ankunft Mariens angezeigt worden, und sie glaubte da­her ihrer Schwester einige Vorwürfe machen zu müssen. Ihre Sorge vermehrte sich noch, als sie deren Absicht erfuhr, ins Sacre-Coeur eintreten zu wollen; vielleicht hegte auch sie einige der im Lande verbreiteten Vorurteile, und die ihr eigentümliche Sorglichkeit ließ sie be­fürchten, die Reise und das Vorhaben ihrer Schwester möchten nur die Wirkung einer tadelnswerten überreiz­ten Einbildungskraft sein. Demungeachtet bewies sie ihr die liebevollste Sorgfalt und ebenso bewiesen ihr alle Hausbewohner die herzlichste Liebe. Die Oberin versicherte ihr sogar, dass der hl. Vincenz sie in sein Haus aufneh­men würde, wenn sie im Sacre-Coeur nicht zugelassen würde. Marie dankte ihr auf demütige Weise, fügte jedoch bei: Ich werde nicht zur Familie des hl. Vincenz gehören, so sehr ich auch tu und seine Töchter verehre, und durch Ihre Güte mich angezogen fühle; allein Gott will mich in der Genossenschaft Seines hl. Herzens, und ich werde nicht zurückgewiesen." --- Durch ihre Überzeugung gestärkt, verlor Marie keinen Augenblick und tat sogleich die zur Erreichung des Zieles nötigen Schritte.

1Schwester Quitterie starb im Jahr 1863 sehr erbaulich. Sie wurde 52 Jahre alt und hat 33 Jahre ihres Lebens als barmherzige Schwester Gott gedient. Wir haben so viel Ähnlichkeit in dem Wesen der beiden Schwestern gefunden, dass wir einige Züge aus authentischen Quellen gesammelt haben, die wir am Ende dieses  Werkes beifügen. Sie werden nochmals die Wahrheit der Offenbarungen Mariens zeigen, sowie die Vorliebe des Heilandes für diese Familie.

Der Pfarrer von Mimbaste und Hr. Dupérier hatten ihr Empfehlungsbriefe an den Abbé Dupanloup gegeben.

Sie kannten niemand in Paris; allein der Ruf des liebe­vollen und eifrigen Direktors des Knabenseminars von St. Nicolaus war bis zu ihnen gelangt und sie verspra­chen sich Gutes für Marie von seinem Schutz. Zweimal ging Marie hin und bat um eine Audienz; allein seiner zahllosen Beschäftigungen wegen konnte sie nicht bis zu ihm gelangen; daraus schloss sie, dass der liebe Heiland ihre einzige Stütze sein wollte, und sie begab sich daher unverzüglich ins Kloster des hl. Herzens in der Straße Varennes.

Die ehrwürdige Mutter E. v. Grammont, damals Oberin daselbst, kam nicht selbst, sondern ihre Assistentin, die ehrwürdige Mutter A. du Boisbaudry. Die Postulantin wurde auf eine Weise ausgenommen, die derjeni­gen, die man ihr vorausgesagt hatte, ganz entgegengefetzt war. Ermutigt durch das liebevolle Wohlwollen, beant­wortete sie die an sie gestellten Fragen mit Einfalt, er­zählte in Kürze ihr Leben und gab an, in welcher Lage sie sei. Die ehrw. Mutter du Boisbaudry setzte voraus, Marie wolle Chorfrau werden, und da sie von ihr gehört hatte, dass ihre Erziehung und ihr Unterricht nur sehr oberflächlich gewesen seien, so bemerkte sie ihr nur, dass es ihr in ihrem Alter schwer sein würde, sich noch solche Kenntnisse anzueignen, wodurch sie fähig wäre, die der Genossenschaft anvertrauten jungen Mädchen zu bilden; sie würde deshalb besser tun, einen Orden zu wählen, wo man sich nicht mit der Erziehung beschäftigte. Eine gewisse Würde in Mariens Wesen und ihre Kleidung, welche einen gewissen Wohlstand bewies, drängten den Gedanken zurück, ihr anzubieten, Laienschwester zu werden. Marie jedoch, der unser Heiland keinen andern Befehl gegeben hatte, als ins Sacre-Coeur einzutreten, rief so­gleich aus: „Ach, Madame, ich will lieber Schwester oder Magd in Ihrem Hause sein, als Chorfrau in einem andern Kloster."

Gerührt über diese Ausdauer, gab ihr die Mutter Assistentin einen allgemeinen Überblick über die Organi­sation der Gesellschaft des hl. Herzens. Obwohl die Mit­glieder aus zwei verschiedenen Klassen bestehen, wovon die Eine sich mit Erziehung und Unterricht, und die andere mit Hausarbeiten beschäftigt, so sind dennoch die Mitglie­der beider Klassen wirkliche Nonnen. Mit Gott und mit der Gesellschaft durch die Gelübde der Armut, des Ge­horsams und der Keuschheit verbunden, denselben Regeln unterworfen, haben sie an den geistlichen Gütern auch glei­chen Anteil und streben nach Einem Ziele, nämlich die Ehre des heiligen Herzens und das Heil der Seelen zu befördern.

Die also belehrte Postulantin flehte um die Gnade, als Laienschwester aufgenommen zu werden. Aber man wusste nichts von ihr, als was sie selbst gesagt, deshalb war die schriftliche Bestätigung des Pfarrers von Mimbaste unerlässlich. Marie beeilte sich deshalb in einem Briefe darum zu bitten.

Bis dahin hielt die ehrwürdige Mutter du Boisbaudry es für ratsam, die Postulantin aufzufordern, sich an einen Pater der Gesellschaft Jesu zu wenden; sie nannte ihr mehrere, unter andern den außerordentlichen Beichtvater des Klosters, - dieser hochwürdige Pater war nicht der gewöhnliche Beichtvater und Aumonier des Klosters, wie Marie Lataste glaubte und in ihren Schriften sagt; die Jesuitenpatres übernahmen nie ein derartiges Amt. Da derselbe mit allem bekannt war und Mariens Wunsch besser als sonst jemand unterstützen könnte, wenn er sie berufen glaube. Die Mutter Assistentin fand es auch ratsam, dass Marie durch einen erfahrenen und unterrichteten Ordensmann geprüft werde, da die Wege, aus denen sie geführt worden, ganz außerordentlicher Art waren.

­Marie unterwarf sich allem, und ins Spital zurück­gekommen, teilte sie ihrer Schwester ihre Hoffnungen mit; diese jedoch billigte ihren Schritt nicht; es wäre ihr lie­ber gewesen, wenn ihre Schwester nochmals versucht hätte, die Stütze des Hrn. Abbe Dupanloupe zu erlangen. Das junge Mädchen hörte ihr stillschweigend zu; allein ihr Ver­trauen auf den göttlichen Schutz gab sie nicht auf.

Sie schrieb an den ihr von Mutter du Boisbaudry bezeichenten hochw. Pater und hatte hieraus zwei Unterredungen mit ihm. Die Einfalt und die Klarheit ihrer Antworten auf die Fragen des frommen Paters überzeug­ten denselben, dass sie wirklich vom Heiland besonders be­gnadigt sei, und er fasste deshalb den Entschluss, mit all seinem Ansehen ihre Aufnahme zu befördern. Er ging einige Tage darauf nach Conflans, wo sich die General­Oberin eben befand und sprach mit ihr über die Postulantin. Auf sein Zeugnis hin, das mit dem Briefe des Pfarrers übereinstimmte, entschloss sich die ehrw. Mutter Barat jene in ihre Gesellschaft aufzunehmen, welche das Herz Jesu auf so merkwürdige Weise ihr zugeführt hatte. Marie war in der Zwischenzeit zweimal im Kloster zu Paris gewesen und beantwortete alle Fragen der Mutter Assistentin auf das offenherzigste, erhielt auch die Versicherung, dass die Oberin ihrer Ausnahme kein Hindernis entgegensetze. Ihre Freude stieg aufs Höchste, als sie am 10. Mai auch die günstige Antwort der General-Oberin erhielt. Sie entschloss sich, dem Pfarrer von Mimbaste dies mitzuteilen, sie schrieb ihm: „Preisen Sie, ich bitte, die göttliche Vorsehung, die mich so sichtlich beschützt. Ich habe mich mit kindlichem Vertrauen in die Arme der Vorsehung geworfen, die mir die Güte und Zärtlichkeit einer Mutter beweist; sie hat mich gleichsam an der Hand geführt; sie hat für mich gewirkt, dadurch, dass sie die Einen erleuchtete und die Herzen der Andern mir zuwendete. Beten Sie für mich, damit ich stets an Gottes Willen ­festhalte und dass Er mir die Gnade gebe, denselben so treu als möglich auszuüben."

Aus obiger Erzählung ersieht man, dass Marie Latastes Aufnahme so einfach war, wie es sein soll; es er­hoben sich keine andern Umstände gegen ihre Aufnahme, als jene, die notwendig waren, um sie kennen zu lernen; denn der außerordentliche Weg, auf welchem sie bisher ge­wandelt, erheischte dringend einige Vorsicht.

Während ihres Aufenthaltes bei den barmherzigen Schwestern hatte sie allen Schwestern zur Erbauung ge­dient. Sie versuchte ihren Dank für die ihr gewährte, großmütige Gastfreundschaft dadurch zu beweisen, dass sie sich nützlich machte; sie nahm Teil an der Verpflegung der Kinder und bekümmerte sich wenig darum, Merkwür­digkeiten von Paris zu sehen. Nur Eines beschäftigte sie: ihr Beruf, und außer den Ausgängen, zu welchen dieses ihr Anliegen sie veranlasste, ging sie nur in einige Kirchen; alles andere war ihr ziemlich gleichgültig. Den guten Schwestern fiel besonders ihre Bescheidenheit und ihre beständige Geistessammlung aus. Sahen sie aber Marie vor dem allerheiligsten Sakramente, so erbauten sie sich doppelt durch ihr sichtliches Durchdrungensein von der Gegenwart Gottes. Jeden freien Augenblick verwendete sie zu einem Besuche des hl. Sakramentes, und mehrere der Schwestern, die sie damals kennen lernten, erinnern sich noch lebhaft ihres heiligen Eifers.

Am 15. Mai endlich 1844, am Vorabend des Himmelfahrtsfestes, nahm sie Abschied von den Schwestern und verließ sie mit innigem Danke für die ihr bewiesene Liebe; ihre Schwester begleitete sie nach der Straße Varennes, wo das Kloster und Pensionat des heil. Herzens sich be­findet und übergab sie daselbst ihrer neuen Familie.

 

 

Sechtes Kapitel

Mariens Aufenthalt in der Straße Varennes; sie wird nach Conflans geschickt; ihr Postulat, ihre Einkleidung; Abreise nach Rennes.

Mariens teuerster, liebster Wunsch war nun erfüllt; sie sollte jetzt, wie sie selbst sagte, unter den Augen Got­tes durch die Ausübung der einfachsten Tugenden an ihrer Heiligung arbeiten. Der himmlische König hatte Seine vielgeliebte Pflanze in eines Seiner Gartenbeete versetzt; sie sollte indessen dort nur für Ihn leben, deswegen lag es in den Plänen Seiner geheimnisvollen Vorsehung, dass nur wenige Einzelheiten über das von nun an ganz ver­borgene Leben gesammelt werden konnten.

Mehrere Oberinnen leiteten und beobachteten Marie im Laufe der drei Jahre, die sie im Sacre-Coeur verlebte; allein einige von ihnen sind gestorben, so dass nur zwei uns Mitteilungen über sie machen konnten. Was die anderen Klosterfrauen und die Laienschwestern betrifft, die sie gekannt und mit ihr im Verkehr waren, so wurde es diesen nicht schwer, sich Marie ins Gedächtnis zurückzurufen. Dennoch darf man nicht erwarten, bemerkenswerte Tatsachen in dem beschränkten Kreis zu finden, in welchem das Leben einer Novizin sich bewegt, obgleich gerade in der beständigen, treuen Beobachtung der Regeln, die so zu sagen das ganze Wesen des Menschen umwandeln und in den nur Gott bekannten kleinen Opfern die gänzliche, unbeschränkte Hingabe seiner selbst besteht, welche die hl. Väter das Martyrium des Klosterlebens nennen.

Wie schwer musste es ihr nicht werden, sich so zu sagen gänzlich vergessen zu sehen, nachdem ihr so auserlesene Gnaden zu Teil geworden; nach den großen Verheißun­gen, die Jesus ihr gemacht; nachdem sie bis jetzt so viel Achtung, Vertrauen und Ehrfurcht genossen; nachdem sie so viel Einfluss ausgeübt hatte? Wie schwer müsste es ihr werden, ihre Zeit, ihre Kräfte und den sie beseelenden Eifer zu den niedrigsten und gemeinsten Arbeiten zu ver­wenden; in diesen Arbeiten so zu sagen allen Geist, alle Erleuchtung und alle in der Schule Jesu erlangten Kennt­nisse zu vergraben und zu vernichten? Dieses verborgene und unbekannte Leben war für ihre Natur sicherlich ein langsames, schweres Martyrium. Oberflächliche Geister, oder solche, welche das Wunderbare lieben, wird ein sol­ches Ende befremden; allein wir sehen darin nur eine Bestätigung und Vollendung des göttlichen Werkes. -- ­Diese unsere Meinung wird gewiss von Jedem geteilt, der in das geistige Leben eingeweiht ist; und man wird uns Recht geben, wenn wir behaupten, dass diese auser­wählte Seele großer Willenskraft und einer festen Tugend bedurfte, um so ganz und dauernd den Weg der Selbst­überwindung und Selbstverleugnung zu betreten, auf wel­chem wir sie von nun an wandeln sehen.

Vom ersten Tage ihres Eintrittes an bemühte sich Marie, die Regeln und Gebräuche des Klosters gut kennen zu lernen, um ihr Benehmen danach einzurichten. Eine andere Novizenschwester wurde beauftragt, ihr in den ihr zugewiesenen Arbeiten Anleitung zu geben; dieselbe fand stets rücksichtsvollen Gehorsam für ihre geringsten Belehrungen; diese gute Schwester war ganz beschämt darüber; denn sie glaubte, Marie sei von besserer Familie, weil ihre ganze Haltung und Kleidung das Gepräge einer sorgfältigen Erziehung trugen. Dieses Äußere war indessen nur die Wirkung der Unterweisungen des Heilandes und der immerwährenden Achtsamkeit dieser Seele, sich in der Ge­genwart Gottes zu erhalten. Alle mit ihr verkehrenden Nonnen machten dieselbe Bemerkung und obwohl der Auf­enthalt Mariens in der Straße Varennes nur von kur­zer Dauer war, so blieb die Erinnerung an ihre Tugend dort in regem Andenken.

Schon nach 20 Tagen wurde Marie nach Conflans geschickt, woselbst das bedeutendste Noviziat der Gesellschaft ist. Die ehrwürdige Mutter Mathilde Garabis beschreibt mit folgenden Worten den Eindruck, welchen die junge Postulantin auf sie machte: „Ihr friedlicher, einfacher und bescheidener Ausdruck fiel mir sogleich aus. Ihre Gesichts­züge trugen indessen Spuren von tiefen, aber mutig ertragenen Leiden; man hätte sie für 30 Jahre gehalten, obwohl sie erst 22 alt war. In ihrem ganzen Wesen und Benehmen lag Etwas, was weit über ihre Stellung ging. Da ich für unsere guten Laienschwestern zu sorgen hatte, so sah ich sie einzeln alle acht Tage; Marie Lataste eröffnete mir ihr Inneres mit unbeschränktem Vertrauen. Ich bewunderte die Absichten der Vorsehung; allein mir bangte davor, eine Seele zu leiten, die auf ungewöhnli­chen Wegen, wo die Grenzen zwischen Täuschung und Wirk­lichkeit so schwer zu finden sind, geführt wurde. Unsere ehrwürdige General-Oberin hatte die Güte, mir einige Anweisungen zu erteilen, wodurch meine Ausgabe erleichtert wurde. Alles, was Marie mir über die Unterredungen, deren der Heiland sie würdigte, mitteilte, trug das Gepräge eines guten Geistes; gewöhnlich beschränkte ich mich dar­auf, ihr stillschweigend zuzuhören, wobei ich den Takt und die Zartheit bewunderte, womit sie mir ihr Inneres erschloss. Wenn ich an dem, was sie mir erzählte, zu zweifeln schien, oder wie dies in den ersten Tagen häufig geschah, es missbilligte, so unterwarf sie sich demütig, ohne auf ihrer Meinung zu beharren, wenn ihr dieselbe auch noch so teuer war."

Ihre Sanftmut, die Gleichförmigkeit ihres Charakters und ihre herzliche Liebe gewannen ihr bald die Her­zen ihrer neuen Schwestern, und die Heiligkeit, von wel­cher ihr ganzes Wesen strahlte, flößte Jedermann Ehrfurcht ein. Bei der den Laienschwestern gehaltenen geistlichen Lesung, der stets eine General - Assistentin der Gesellschaft beiwohnte, examinierte dieselbe zuweilen Marie; sie ­antwortete dann stets mit solcher Leichtigkeit und auf so praktische Weise, dass es auf Alle tiefen Eindruck machte. Oft, am Schlusse der Lesung, fragten sie einander, wer wohl diese Postulantin sein müsse, deren Worte eine so große Frömmigkeit bekundeten? und hatten deshalb einen hohen Begriff von ihrer Tugend. Mehrere von ihnen wähnten, Marie müsse schon in einer anderen geistlichen Genossenschaft gelebt haben, indem sie meinten, dass sie auf keine andere Art eine solche Kenntnis des Klosterlebens hätte erlangen können.

Die demütige Schwester ahnte indessen nicht, welche Gefühle sie einflößte; ihr vortrefflicher Geist und die niedrige Meinung, die sie von sich selbst hegte, offenbarten sich in einem, zwei Monate nach ihrem Eintritt in Conflans, an den Pfarrer von Mimbaste gerichteten Brief; sie schrieb: „Ich bin glücklich und zufrieden; diese Worte enthalten Alles, was ich Ihnen zu sagen wüsste. Ich bin beschämt über die Güte, die man mir beweist, und über die Liebe, mit welcher man meine fortwährenden, obwohl unfreiwilligen Fehler gegen die hl. Regeln erträgt. Ach, Hochwür­den! ich will unterwürfig und Gehorsam sein und Gott und meinen Oberinnen meinen Dank durch gänzliche Hin­gebung beweisen. Ich will meinen Willen ganz dem gött­lichen unterwerfen; Er wird tun mit mir, wie es Ihm gefällt; Er ist mein Vater und mein Meister und ich bitte Ihn, mich als eine Ihm angehörige Sache zu behandeln." „Ich hoffe, mehr und mehr von dem Geiste des er­habenen und heiligen Standes, den ich ergreifen will, durchdrungen zu werden, damit ich alle Pflichten desselben er­füllen kann. Beten Sie für mich, damit ich eine dem hl. Herzen Jesu angenehme Klosterfrau werde."

Die Fehler, welche sie sich vorwarf, kamen nur von ihrer Unkenntnis der Regel, und nie war es nötig, sie zweimal zu mahnen. So z. B. bemerkte eine Schwester, dass sie im Anfange ihres Noviziats Abends bei dem Zeichen der Glocke knien blieb, statt sich zu Bette zu begeben. Sie fragte deshalb Marie, ob sie die Erlaubnis dazu er­halten habe, und sagte ihr, dass sie außerdem ihre fromme Übung nicht fortsetzen dürfe. Die Ermahnung wurde mit Dank angenommen und pünktlich beobachtet.

Marie sprach über die von Gott erhaltenen Gnaden nur mit der ehrw. Mutter Garabis, der ihre Leitung an­vertraut war. Nichts desto weniger beobachteten sie auch die andern Oberinnen aufmerksam, da auch sie im Allge­meinen von den außergewöhnlichen Wegen wussten, welche sie bis dahin gewandelt war. Wachsamkeit und Vorsicht machten ihnen dies zur Pflicht; sie erkannten jedoch gleich in den ersten Monaten ihre solide und schon geprüfte Tugend und beschlossen deshalb, sie einzukleiden. --- Die Festlichkeit fand am 27. Dez. statt, und so wurde der Lieblingsjünger Jesu ein besonderer Schutzpatron für jene, welche der Gegenstand der besonderen Vorliebe des heiligen Herzens war.

Ein Übermaß himmlischer Freude erfüllte an diesem Tage die junge Novizin; ihr Herz, sagte sie, konnte diese hl. Freude kaum fassen, und das sie belebende wonnevolle Gefühl der Gegenwart ihres göttlichen Meisters zeigte sich auch im Äußern durch eine mehr als gewöhnlich friedliche und gesammelte Miene, die man an ihr wahrnahm.

Durchdrungen von Dank gegen den Heiland, der so treu in seinen Versprechungen gewesen, und gegen ihre Oberinnen, welche für sie das Werkzeug der göttlichen Barmherzigkeit waren, fasste sie den Vorsatz, mit festem und raschem Schritte in der klösterlichen Vollkommenheit voranzuschreiten. Die Stimmung ihrer Seele ist in einem Schreiben ausgedrückt, worin sie sich dahin ausspricht, dass sie nach der höchsten Heiligkeit streben wolle, ohne sich je Etwas zu erlauben, was gegen das gemeinschaftliche Leben sei. Es endigte mit den Worten: „Mein Gott, ich will also handeln, nicht aus Furcht vor den Strafen der Hölle oder des Fegfeuers; auch nicht um meinen Vorteil dabei zu suchen, sondern einzig und allein aus Liebe zu Dir, zu Deiner Ehre!"

Verschiedene Ämter wurden ihr nacheinander anvertraut. Als sie für das Resektorium zu sorgen hatte, zeich­nete sie sich durch ihre Pünktlichkeit für die geringsten Auf­träge aus; denn Nichts war klein in ihren Augen; ihr lebendiger Glaube ließ sie den Willen des himmlischen Vaters in dem Willen Aller über ihr stehenden Personen er­kennen. So verwendete sie z. B. die größte Sorgfalt dar­auf, alles genau aus seinen bestimmten Platz zu stellen, und wenn es vorkam, dass irgend Etwas in Unordnung geraten war, so beeilte sie sich, es wieder zu ordnen, ohne darüber verstimmt zu sein. Eine Schwester drückte ihr gegenüber zuweilen ihr Erstaunen über ihre außerordent­liche Pünktlichkeit aus; allein sie antwortete dann einfach, indem sie auf die gute Belehrung hinwies, die sie erhalten habe. Mit gänzlicher Hingebung übernahm sie die ihr angewiesenen Arbeiten, welche die Novizen gewöhnlich zu verrichten haben; allein diese Arbeiten beeinträchtigten keineswegs ihre Vereinigung mit Gott: „Ich sehe sie noch, sagte uns eine Schwester, wie sie den Vorplatz vor der Kirche putzte; ihre andächtige Miene dabei fiel mir auf; ich blieb stehen und verbarg mich, um sie zu betrachten, was übrigens unnötig war; denn sie war so in Gott versenkt, dass sie mich nicht gesehen hatte. O ! ich werde nie ihren Ausdruck vergessen; er hatte etwas Seraphisches.

Auf das Amt im Refektorium folgte eine Beschäftigung, wodurch sie fast den ganzen Tag allein war. Auf die Frage einer Schwester, ob es ihr nicht langweilig sei, sich so vereinzelt zu sehen, erwiderte sie: „Ich bin nie glücklicher, als wenn ich mich durch die Einsamkeit in Ge­sellschaft unseres Heilandes befinde." ^

In Conflans konnte man sie, wie ehemals in Mimbaste in tiefer, ehrfurchtsvoller, andächtiger Stellung vor. dem heil. Sakramente sehen; immer auf den Knien, mit gefalteten Händen und regungslos, ohne sich zu stützen; ­sie schien ganz in Betrachtung der Gottheit vertieft. Die Stunden verstrichen ihr so rasch, und wenn nicht ein be­sonderes Zeichen ihr verkündete, dass es Zeit war die Kirche zu verlassen, so geschah es zuweilen, dass sie es vergaß. Mehrmals erhielt sie einen Verweis darüber, denn sowohl um sie in der Tugend zu üben, als auch um sie zu prüfen, musste man aufmerksam jede Gelegenheit benutzen. „Es war schwer, sagte die ehrw. Mutter Gara- bis, etwas Tadelnswertes an einem so tugendhaften We­sen zu finden. Unbedeutende Vergesslichkeiten oder kleine Ungeschicklichkeiten, die sie übertrieb oder ihrer Eigenliebe zuschrieb, waren fortwährend ein Gegenstand der Anklage für sie." --- Sie demütigte sich sogleich über ihre Feh­ler, es lässt sich daraus schließen, mit welcher Unterwür­figkeit sie die Vorwürfe und Ermahnungen hinnahm, die man ihr zu erteilen für nötig fand.

Gleich im Beginn ihres klösterlichen Lebens hatte sie auch dessen Wichtigkeit und Pflichten erkannt. „Ich bin immer glücklich und zufrieden, schrieb sie an Hr. Darbins im Januar 1845, ich liebe meinen Beruf immer mehr, je mehr ich ihn kennen lerne. Ich bin noch eine junge Novizin; allein ich strebe durch die aufrichtigsten Wünsche meines Herzens nach der Vollkommenheit einer Braut Christi; ich bin noch weit davon entfernt; doch, was liegt daran; mit Gottes Gnade verzweifle ich nicht, noch dahin zu kommen, und der Heiland wird mir diese Gnade gewiss nicht entziehen. Und wirklich, Er hat mich nicht hierhergeführt, um mich mit einem Schleier und einem Mantel zu bedecken, sondern damit ich hier die Tugend vollkommener ausübe."

Früher hatte sie alle innerlichen Leiden kennen gelernt, der göttliche Meister wollte sie Sich noch gleicharmiger machen, indem Er nun auch ihren Körper mit dem Kreuze bezeichnete. Ihre Gesundheit wankte und in den ersten Monaten des Jahres 1846 riet der Arzt eine Luftveränderung und ein tätigeres Leben an; er hoffte dadurch die allgemeine Schwäche, die sich in ihrer Konstitution zeigte, zu entfernen.

Die Gesellschaft des hl. Herzens stand auf dem Punkt, ein Haus in Rennes, der Hauptstadt der Provinz Bre­tagne zu gründen; Marie Lataste wurde dahin bestimmt. Sie nahm diese Entscheidung als Ausdruck des göttlichen Willens auf und unterwarf sich mit Freuden, trotz ihrer herzlichen Zuneigung für das Noviziat, für ihre Mütter und Schwestern, die sie verlassen musste.

Im Mai reiste die kleine Kolonie, welche die Kenntnis und die Liebe des hl. Herzens Jesu verbreiten sollte, nach Rennes ab, unter der Anführung der ehrwürdigen Mutter von Charbonnel, General-Assistentin des Ordens und eines der ältesten Mitglieder desselben; sie hatte einige Jahre vorher ein Haus in Laval gegründet, da­her hielt sie sich dort mit ihren Gefährtinnen auf der Durch­reise zwei Tage auf und machte diese zwei Tage zu den angenehmsten für den ganzen Konvent durch die interes­santen Erzählungen verschiedener Zufälle, woran der Auf­enthalt sie erinnerte. Alle beeilten sich, zu diesen fröhlichen Zusammenkünften zu kommen. Schwester Marie jedoch verstand es, dabei zu verschwinden ohne etwas Be­sonderes zu suchen oder gleichgültig zu erscheinen. Ihre Schwäche diente ihr als Vorwand, allein ihre eigentliche Absicht war, den andern Schwestern Gelegenheit zu geben, an diesen außergewöhnlichen Erholungen Teil zu nehmen; denn Marie war nicht zu schwach dazu, den Schwestern bei ihren Arbeiten zu helfen! Die ehrw. Mutter von Letemps, damals Oberin in Laval, sagte uns: „Ich beobachtete sie von ihr unbeachtet; sie benutzte jeden freien Augenblick, um in die Kapelle zu gehen, wo sie mir wie ein das allerhl. Sakrament anbetender Engel vorkam. Ihre Bescheidenheit, ihre Andacht und der Friede, welcher auf ihren sanften, jungfräulichen Zügen thronte, fielen mir auf, sie hatte etwas so Geistreiches und Würdevolles, ­dass ich voraussetzte, ihre Demut habe sie zur Wahl des verborgensten und unbekanntesten Lebens veranlasst. Ich gestehe, ich wäre glücklich gewesen, wenn ich sie hätte in Laval behalten können; jedoch sprach ich diesen Wunsch nicht aus, da ich das neu zu gründende Haus nicht die­ses Schatzes berauben wollte. Eine Schwester, die in diesen Tagen mit Marie in einige Verbindung kam, hat gleichfalls den auf sie gemachten erbaulichen Eindruck nicht vergessen. Sie sprach mit ihr über das soeben gebrachte Opfer, nämlich von Conflans wegberufen worden zu sein, worauf die Novizin erwiderte: „Der Heiland hat viel größere Opfer für mich gebracht; ich vereinige mein Opfer mit dem Seinigen." Diese rasche, fromme Erwider­ung entsprang einem mit dem gekreuzigten Heiland innig verbundenen und von Liebe zu Ihm durchdrungenen Her­zen; deshalb brachten sie auch eine Wirkung hervor, an welcher die Zeit Nichts schwächte.

Samstag, am 9. Mai, kamen die Reisenden unter dem Schutze der hl. Jungfrau in Rennes an, und nahmen das Haus in Besitz, das sie von nun an bewohnen sollten; dasselbe lag in kleiner Entfernung von der Stadt und bot daher alle Annehmlichkeiten des Landlebens: hohe Linden umgaben das Haus, und machten es nebst dem mit Platanen, beinahe hundertjährigen Kastanienbäumen und schattigen Laubgängen gezierten Garten und einer großen Wiese sehr angenehm; aber die Mauern des Hau­ses fielen in Trümmer und das Haus selbst war klein und baufällig, ja der untere Stock nicht einmal gepflastert. Die dringendsten Ausbesserungen waren vorgenommen wor­den; dennoch musste man noch immer zahlreiche Arbeits­leute beschäftigen, und noch mehrere Monate hindurch störte das Geräusch ihrer Arbeit die Ruhe dieser friedlichen Einsamkeit. Marie empfand große Freude über diese ländliche Gegend, die sie an ihre Heimat erinnerte, besonders erfreute es sie auch, bei den guten Bewohnern der Bretagne den Glauben ihrer Landsleute zu finden, wie sie dies ihrem geistlichen Vater schrieb.

Hier in Rennes fand Marie jedoch nicht die Ruhe des Noviziats, sondern zahlreiche Beschäftigungen folgten einander, welche leicht zerstreuend auf sie hätten einwirken können, wenn sie nicht so viel Gewalt über sich selbst ge­habt, nicht gewohnt gewesen wäre, beständig in Gottes Gegenwart zu wandeln.

Die Klostergemeinde bestand anfänglich nur aus 7 Personen, unter diesen 4 Laienschwestern, welche beinahe alle häuslichen Arbeiten zu verrichten hatten; denn man hatte dem Eifer der Eltern entsprochen und schon einige Zöglinge aufgenommen, bei denen sich die Chorfrauen beständig aufhalten mussten. Das Amt einer Jeden war noch durch die, mit der Gründung eines neuen Hauses unvermeidlichen Verlegenheiten erschwert; denn hier muss alles erst angeschafft werden.

Schwester Lataste musste für das Refektorium, für die Kranken und für die Beleuchtung sorgen; dazu war sie noch Pförtnerin. Freudig unterzog sie sich allem und fand in ihrer Hingebung nicht nur die Kraft, alles zu verrichten, sondern sie leistete sogar oft noch den andern Schwestern eifrige Hilfe.

Es ist indessen jetzt an der Zeit, die Tugenden dieser Novizin kennen zu lernen, welche gleich Anfangs den Vollkommensten als Beispiel dienen konnte. Wir werden hier nicht von den, jedem Christen notwendigen Tugen­den sprechen; denn wir haben bereits gesehen, in welchem Grade diese auserlesene Seele dieselben besaß; wir werden uns vorzüglich mit jenen Tugenden beschäftigen, die zum Wesen des klösterlichen Lebens gehören.

 

 

Siebentes Kapitel

Mariens österliche Tugenden:  ihr Gehorsam, ihre Demut, ihre Liebe zur Armut, ihre Sittsamkeit und Geistessammlung, ihre Pünktlichkeit in Beobachtung des Stillschweigens, ihr Eifer für das Heil der Seelen, ihre Santmut, Geduld, Liebe und Abtötung. Schwester Latastes Krankheit

Ihr Gehorsam. Wir haben gesehen, wie Schwester Marte gleich nach ihrem Eintritt den Gehorsam ausübte, und zwar einer jungen Schwester gegenüber, die ihr zur Anweisung in den Arbeiten beigegeben wurde. Sie fragte sie nach den kleinsten Sachen; aber immer mit wenig Worten und leiser Stimme, weil ihnen Stillschweigen auferlegt war. Ihre Gefährtin suchte sie auch außer dieser Zeit zu sehen, um sich an ihr zu erbauen, und zur Erholungszeit hätte sie gewünscht, Persönliches von ihr zu erfahren, um inne zu werden, wer sie sei; aber sie ihrer­seits getraute sich nicht, sie auszufragen, und andernteils beobachtete Marie zu pünktlich die vorgeschriebene Regel, welche verlangt, dass man an der allgemeinen Unterhaltung Teil nimmt, sie vermied daher sich mit ihrer näheren Umgebung zu unterhalten.

Im Jahr 1844 hatte die Gesellschaft des hl. Herzens drei abgesonderte Anstalten in Conflans, nämlich: das Noviziat, das Pensionat und eine Anstalt für die Waisenkinder. Im Innern verkehrten sie miteinander, und bei gewissen Arbeiten, wie z. B. bei der Wäsche halfen die Laienschwestern und die Novizen der Chorfrauen sich gegen­seitig. Bei einer dieser Gelegenheiten traf Marie mit der Schwester zusammen, die sie in die Gebräuche des Hauses eingeführt hatte; diese näherte sich ihr sogleich, um sich nach ihrem Wohlbefinden zu erkundigen, Marie empfing sie mit anmutigem Lächeln und mit einem Aus­druck, der ihre Freude bezeugte; allein sie sprach kein Wort, da sie keine Erlaubnis dazu hatte.

Ein anderes Mal hatten mehrere ältere Schwestern sich nach jahrelanger Trennung wieder gefunden und benutzten auf die fröhlichste Weise die ihnen verliehene Freiheit, sich einige Augenblicke zusammen zu unterhalten. Marie ging mehrmals mit niedergeschlagenen Augen an ihnen vorüber, ohne sich aufzuhalten und ohne sich nach der, diese außergewöhnliche Erholung veranlassenden Ursache zu erkundigen. Alle erbauten sich daran, weil sie begriffen, dass nur der Gehorsam sie verhinderte an ihrer Freude Teil zu nehmen.

In Rennes sah man ebenso Marie mit derselben Pünkt­lichkeit den geringsten Anordnungen der Vorgesetzten nach­kommen. Die Oberin hatte befohlen, sich mit guter Fußbekleidung zu versehen, so oft man über den, die Küche vom Refektorium trennenden feuchten Hof schreite; Schwe­ster Marie, die ihr Geschäft unaufhörlich aus diesen Weg führte, unterließ nie, grobe und schwere Holzschuhe anzuziehen; obgleich diese Vorsicht bei ihrer Schwäche und den Gegenständen, die sie zu tragen hatte, ihr oft lästig und zeitraubend war.

Aus ihrem lebendigen Glauben entsprang eine tiefe und kindliche Ehrfurcht vor den ehrw. Müttern, welche in ihren Augen für sie die Verkünderinnen des göttlichen Willens waren; deshalb nahm sie alle Handlungen und Entscheidungen derselben stets mit zuvorkommender Freundschaft aus und brachte auch andere zu denselben Gesinnungen.

Eine junge Novizenschwester sagte uns: Als Schwester Marie aus Befehl der Ärzte vollständige Ruhe ange­ordnet wurde, beauftragte man mich, sie in einem ihrer Ämter zu ersetzen. Da ich keinen Begriff von dieser Art Arbeit hatte, so suchte ich sie in ihrem Zimmer auf, um mir die nötigen Belehrungen zu holen. Sie erklärte mir alles mit unerschütterlicher Sanftmut und Geduld, ­obwohl sie schon sehr leidend war, und da ich mich zuweilen durch die Schwierigkeiten einschüchtern ließ, so sagte sie mir mit der ihr eigenen Ruhe und Güte, die ihren Worten so viel Kraft verliehen: „Seien Sie über­zeugt, Schwester, man kann alles, was die Oberinnen befehlen." Diese Worte offenbaren uns auf das Augen­scheinlichste, welcher Geist den aufopfernden Gehorsam und die Unterwürfigkeit der Schwester Lataste hervorrief. Überhaupt tadelte sie nie die Worte und Handlungen anderer; wenn eine unpassende Äußerung vor ihr gemacht wurde, so fand die Strafbare eine heilsame Lehre in Mariens Stillschweigen und Zurückhaltung. .

Sie verstand es indessen nicht nur, ihr äußeres Be­nehmen dem Gehorsam zu unterwerfen, sondern sie opferte auch ihre teuersten Empfindungen demselben auf. „Sie hatte den höchsten Grad der Betrachtung erreicht, sagte die ehrw. Mutter Garabis von ihr, dennoch hörte sie mit der größten Aufmerksamkeit den Unterricht an, den man den Novizen hierin erteilte, und bemühte sich, wenn auch ohne Erfolg, täglich die angegebenen Punkte für die Betrachtung einzuhalten. Der Heiland entschädigte sie für diese Kämpfe dadurch, dass sie mitten in ihren Beschäftig­ungen auf fühlbare Weise Seine göttliche Gegenwart wahrnahm.

Es ist nicht notwendig zu sagen, dass sie fortwährend das Beispiel der genauesten Beobachtung der Ordensregel gab: sie fand viel Geschmack an den über dieselben den Schwestern gemachten Erklärungen. „Bei dieser Gelegen­heit, sagte die Mutter Garabis, sprach ich absichtlich be­sonders über den Geist der Demut und der Einfalt, welchen die Regel von uns verlangt, sowie über die Gefahren, die uns auf außergewöhnlichen Wegen drohen. Hierauf suchte sie mich auf und versprach mir, wie ein gehorsames Kind, alle Mittel anzuwenden, um den ihr gezeigten Weg zu betreten." ­Und wirklich war sie immer eine der ersten bei den gemeinschaftlichen Übungen, selbst bei der Betrachtung des Morgens um 5 Uhr, und zwar noch zu der Zeit, als ihre schon geschwächte Gesundheit ihr leicht Veranlassung hätte geben können sich eine Dispens zu erwirken. Wenn Etwas sie äußerlich vor Andern ausgezeichnete, so war es eben wiederum nur die vollkommene Art, mit welcher sie die kleinsten Vorschriften beobachtete. Daher sagte eine der mit ihr in Conflans lebenden Schwestern auf naive Weife: „Schwester Lataste tat alles, wie jedermann, aber niemand tut etwas wie sie!" Diese Worte enthalten ein sehr ausdrucksvolles Lob, dasselbe wurde uns oft wiederholt und die Tragweite desselben wird auch dem Leser nicht entgehen. Eben durchs eine solche sich auf alle Augenblicke ausdehnende Treue wird die Natur unter­worfen und vollständig hingeschlachtet. Marie erfuhr dies an sich selbst; denn im Nov. 1846 schrieb sie an Herrn Dupérier: „Die Ordensregel ist im Sacre-Coeur nicht sehr strenge, denn man bedarf seiner Kräfte um zur Ehre Gottes zu arbeiten; aber nichts destoweniger lässt sie die Natur durch Kreuzigung der Eigenliebe ersterben, wenn man sorgfältig alle Vorschriften derselben erfüllt."

Später wird man noch sehen, bis zu welchem Punkte sie sich andern unterwarf und von deren Willen abhängig war in Betreff ihrer Gesundheit; sie hatte so gänzlich aus ihren eigenen Willen verzichtet, dass sie keinen andern Willen mehr zu haben schien, als jenen ihres göttlichen Meisters, und dass sie denselben ohne Weiteres ausnahm, durch wen immer er ihr verkündet wurde. Ihre Demut war nicht weniger bemerkenswert. Diese Tugend schien ihr zur zweiten Natur geworden zu sein, und dennoch wird man sich erinnern, welcher Stolz schon in den Tagen der Kindheit sich bei ihr zeigte. Durchdrungen wie sie war von tiefer Verachtung gegen sich selbst, hätte sie gewünscht, dass ihre Oberinnen und ihre Mitschwestern dieselbe Meinung von ­ihr hegten. Wenn man sie hörte, so war nur sie die Schuldige, wenn im Allgemeinen über Verstöße gegen die Ordnung und die Regel geklagt wurde. Eine Kloster­frau, die durch ihr Amt veranlasst war, die Arbeit Mariens zu untersuchen, fand dieselbe eines Tages mangel­haft und machte sie mit großer Schonung darauf auf­merksam, worauf Marie ihr antwortete: „Fürchten Sie nicht, mir die verdienten Vorwürfe zu machen, ich bitte Sie inständigst, mich nicht zu schonen." Als die betreffende Klosterfrau uns diesen Zug mitgeteilt, fügte sie bei: „Man sieht, sie lechzt nach Demütigungen." --­Wenige Tage nach ihrer Ankunft in Conflans trat sie in ein Zimmer ein, in welches die Postulantinnen gewöhnlich nicht zugelassen wurden. Mehrere glauben sich zu erinnern, dass nach ihrem eignen Geständnis sie auf besondere Eingebung hineingegangen war. Sei dem, wie ihm wolle, ihr Zweck war, sich über eine bei Verrichtung ihres Amtes begangene Ungeschicklichkeit anzu­klagen, worin sie einen Fehler gegen die heil. Armut erblickte. Die Oberin drückte ihr ihre Unzufriedenheit darüber aus, ohne Erlaubnis eingetreten zu sein, worauf Marie um Verzeihung bat und zwar so, dass die ganze Klostergemeinde von Bewunderung ergriffen war über solche Demut und Einfalt. Bei der nächsten Erholungszeit schien sie noch ruhiger und fröhlicher als gewöhnlich.

,,O wie süß ist es, Demütigungen zu verkosten, schrieb sie während ihres Aufenthaltes im Noviziate, wie köstlich ist der Genuss derselben! Ohne sie zu wünschen, ohne sie zu suchen, treffen mich viele, Gott sei Dank! sie sind noch köstlicher als die freiwilligen!"

Und wirklich wurden sie ihr auch nicht erspart, denn Nichts ist mehr geeignet, die wahre Frömmigkeit von der falschen zu unterscheiden. Gott wollte ohne Zweifel die Tugend Seiner treuen Dienerin mehr hervorheben, deshalb ließ er es geschehen, dass sie hintereinander unter die Leitung von 5 oder 6 Oberinnen kam, welche alle ­sie prüfen mussten, um sie kennen zu lernen. Jene, die noch neu und unerfahren im geistlichen Leben waren, verwunderten sich oft darüber, wenn sie sahen, mit welcher Strenge ihr Verweise erteilt wurden; Marie aber sprach nie ein Wort der Entschuldigung oder der Klage aus. Erst auf ihrem Sterbebette gestand sie einer Klosterfrau, wie viel sie gelitten habe, als sie von den Händen jener Oberin, die sie empfangen und der sie ihr ganzes Vertrauen geschenkt hatte, andern Händen übergeben wurde, die Nichts unterließen, um ihre Tugend auf die Probe zu stellen; schmerzlich bewegt, sagte sie: „Man hat mich für stolz gehalten, ich hatte deshalb recht schwere Stunden; allein der Herr hat es so zugelassen, und meine Oberin tat es nur zu meinem Besten." --­Es möchte notwendig sein hier beizufügen, dass diese selbe Oberin, die Marie Lataste so strenge behandelte, ihren Wert wohl erkannte; denn später führte sie immer Marie als Beispiel an. Sie wollte sich durch ihr Ver­fahren eben nur überzeugen, dass Alles, was in Marie vorging, von Gott und nicht von einer durch die Eigen­liebe aufgeregten Phantasie kam.

Dasselbe war auch der Fall mit dem Beichtvater des Klosters in Rennes: er führte diese Seele auf dem Wege des nüchternen Glaubens, welcher der Natur gewöhnlich so herbe scheint; daher sagte Marie öfters zu ihren Mitschwestern: „Suchet nur Gott im Beichtstuhl, denn anderes findet man hier nicht."

Und dennoch hatte dieser Priester einen so hohen Be­griff von dem vollkommenen Leben seines Beichtkindes, dass er sie nach ihrem Tode den Schwestern zum Vorbild aufstellte mit den Worten: „Bestrebet Euch, Schwester Lataste nachzuahmen, das war eine Heilige!"

Jedoch die ihr im Sacre-Coeur auferlegten Prüfun­gen waren nicht die ersten dieser Art. Im Anfange ihres Noviziats schrieb sie der Mutter Garabis: „Drei Jahre der Prüfungen haben mich besser in Allem unterrichtet als 10 Jahre Studium. Ich habe verstehen ge­lernt, was der Mensch und was Gott ist. Ach! Wie gelehrt, wie heiligmäßig ein Mensch auch sein möge, er bleibt immer Mensch; Du aber, mein Gott, bist immer Gott, und unendlich erhaben über Alles, was es Großes gibt!" --­Die Oberin, welche nach der ehrwürdigen Mutter Charbonnel die Führung des Hauses in Rennes über­nahm, wusste, dass Marie besondere und übernatürliche Gnaden empfangen hatte; allein ebenso wusste sie auch, dass dieselbe unbekannt zu bleiben wünschte; denn Marie hatte ihr gesagt: „Ich bitte Gott täglich nach meinem Tod und auch im Leben den Menschen unbekannt zu bleiben. Die Mutter Kerouartz unterstützte diesen Wunsch, indem sie Marie ganz auf gleiche Stufe mit den andern Schwestern stellte und ihr nie Gelegenheit gab, auf die Vergangenheit zurückzukommen. Aus einem von uns schon angeführten Briefe lernen wir die Gefühle der guten Schwester über diesen Punkt kennen; sie schrieb: „Meine Seele ist an einem Ort der Ruhe und des Friedens; in dem Herzen des Erlösers; Er führt mich auf einem Weg, den Er selbst mir gezeigt hat, und welchen ich hoffentlich nie verlassen werde. Es ist mir bestimmt, ein demütiges verborgenes, unbekanntes Leben zu führen und für Gott in Jesu zu leben; das ist auch Alles, was ich verlange. Kummer und Leiden gibt es überall; Gott aber hat meinen guten Willen gesehen und hat voll Güte die Dornen in Blumen verwandelt." --- Würde eine Seele, welche der Spielball der Einbildung gewesen wäre, also gesprochen haben? Und offenbaren diese Worte nicht die vollkommenste Demut und Losschälung?

Dieses verborgene, unbekannte Leben war nach ihrem Geschmack. Niemals verriet sie ihren Mitschwestern gegenüber die auserlesenen Gnaden, deren sie teilhaftig ge­worden; nur die sie leitende Oberin wusste darum; ebenso gab sie nie andern zu der leisesten Vermutung Anlass, ­dass sie noch immer ein Gegenstand der Vorliebe des Erlösers war; gleichwohl bestätigen viele Tatsachen, dass Er nicht aufhörte auf fühlbare Weise ihr Mitteilungen zu machen. Die ehrw. Mutter Garabis berichtet uns: „Die Kenntnis der Zukunft, oder solcher Dinge, die sie auf natürlichen Wege nicht wissen konnte, wurde ihr häufig verliehen; allein sie sprach mit mir hierüber nur auf aus­drücklichen Befehl des Heilandes. So eröffnete sie mir Verschiedenes auf unsere Häuser oder auf Mitglieder unserer Gesellschaft Bezügliches, und die Ereignisse bewiesen die Wahrheit ihrer Voraussage." Unter Anderem sagte sie derselben Klosterfrau voraus, dass ihr die Bürde einer Oberin aufbewahrt sei; und dass sie ins Ausland geschickt werde, um dort ein neues Kloster des heil. Herzens zu gründen, das bestimmt sei, reichliche Früchte zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen zu tragen; dass das allerheil. Sakrament dort ganz besonders verehrt werde. Zehn Jahre später waren beide Ereignisse in Erfüllung gegangen.

Weiter erzählt uns noch die ehrw. Mutter Garabis: „Gegen das Ende des Jahres 1844 verließ uns unsere ehrw. General-Oberin, damals 65 Jahre alt, um nach Rom zu reisen; unterwegs erkrankte sie in Aix, und die uns mitgeteilten Nachrichten waren höchst beunruhigend. Unsere Oberin empfahl uns dringend für deren Genesung zu beten. Eines Tages kam Marie beim Herausgehen aus der Kapelle, wo sie eben das allerheil. Sakrament besucht hatte, zu mir, und sagte mir, der Heiland habe ihr befohlen zu sagen, ich solle mich nicht länger ängstigen, denn unsere ehrwürdigste Mutter müsse noch lange Jahre zur Ehre des göttlichen Herzens arbeiten. „O, erwiderte ich, Sie verstehen unter vielen Jahren fünf bis sechs Jahre? --- Nein, ehrw. Mutter, antwortete sie, Sie können auf einige zwanzig Jahre rechnen. Als ich diese Worte hörte, war es mir nicht länger möglich zu zweifeln." ­Erst vor drei Jahren wurde uns diese Unterredung bis ins Einzelne mitgeteilt, wir hatten sie in unser Manuskript niedergeschrieben, damit man nicht Argwohn schöpfen könne, dies sei erst nach dem Ereignis vervoll­ständigt worden. Anfangs Mai 1865 sprach man davon, eine zweite Auflage von Marie Latastes Werken zu ver­anstalten, und wir beratschlagten unter einander, ob wir diese Stelle drucken lassen sollten. Wir befürchteten die Wirkung, die es in unsrer Gesellschaft hervorbringen könnte; denn wenn der Ausdruck „einige zwanzig Jahre" eine weitere Auslegung zuließ, so konnte er doch jetzt in Anbetracht des Zeitpunktes, wo er ausgesprochen wor­den war, Veranlassung zu schmerzlicher Besorgnis für ein uns allen so teures Leben werden. Kein Anzeichen deutete indes auf eine baldige Erfüllung des Ausspruchs hin. Nach langem Leiden hatte die ehrw. Mutter Barat einen Teil ihrer Kräfte wieder erlangt und mit staunens­werter Tätigkeit ihre gewöhnlichen Beschäftigungen wieder aufgenommen, als sie Montags den 22. Mai gegen 8.30 Uhr morgens, da sie eben aus der hl. Messe kam, eine schlagartige Betäubung erlitt, deren schnellen Fort­schritt Nichts zu hemmen vermochte. Donnerstag den 25. Mai, am Feste der Himmelfahrt starb sie, ruhig und friedlich, wie eine Heilige. Als somit Gott diese unsere Mutter der Gesellschaft, die sie gegründet und 63 Jahre lang mit solcher Einsicht und Weisheit geleitet hatte, entriss, bestätigte Er wiederum die Wahrheit dessen, was die treue Schülerin des Heilandes gesagt hatte.

Wir könnten noch andere Tatsachen anführen, sowie mehrere Aufträge, welche der Heiland ihr öfters an unsere Mütter gab, die alle ein besonderes ihr verliehenes Licht kundgeben; allein dieselben sind zu zarter Natur, als dass wir uns erlauben dürften sie zu veröffentlichen. Wir können jedoch eine sehr merkwürdige Erscheinung nicht ver­schweigen, deren Mitteilung wir auch der Mutter Garabis verdanken: sie schreibt: „Marie Lataste war noch Postu­lantin, als ihr eine Seele in Gestalt einer Klosterfrau des heil. Herzens erschien. Ich gab mir den Anschein an der Wahrheit dieses Ereignisses zu zweifeln und sagte, ihre Einbildungskraft habe sie vermutlich getäuscht. Sie schwieg und suchte nicht mehr mich zu überzeugen. Ich fügte noch bei:

„Wie war denn Jene, die Sie zu sehen glaubten?" Sie beschrieb mir mit solcher Genauigkeit    ihre Züge, ihre Haltung und ihr Äußeres, dass ich vollkommen eine der unsrigen erkannte, welche ein höchst erbauliches Leben geführt und wenige Wochen vor Marie Latastes Eintritt im Geruch der Heiligkeit gestorben war. Ich nannte sie indessen nicht und sagte nur: ---„Hat diese Seele vielleicht Bitten an Sie gestellt?" ---„Ich vernahm, antwortete sie mir, folgende Worte: „Ich bin Jene, die unter Euch die Mutter E. v. B. genannt wird       --- es war dieselbe, die ich an der Beschreibung erkannt hatte --- Gott schickt mich in Seiner Güte zu dir, Maria, du kannst durch deine Gebete meine Leiden vermindern und abkürzen. Ich genieße die ewige Seligkeit noch nicht: 1) wegen gewisser Nachlässigkeiten in der Übung der Liebe Gottes, was ein großer Fehler, besonders für eine Klosterfrau ist, und 2. wegen meiner Steifheit und Trockenheit im Umgange mit einigen meiner Untergebenen, wodurch ich die christ­liche Liebe verletzte." (Des letzten Grundes, sagte Mutter Garabis, erinnere ich mich nicht mehr so genau, um ihn hier angeben zu können.) --- Das Leiden, das diese Seele verzehrte, war beinahe ausschließlich durch ihren unaufhörlichen Wunsch sich mit Gort zu vereinigen, hervorgerufen." Marie Lataste fügte noch bei: „Ich erkannte, dass der heil. Michael sie aufs kräftigste unterstützte, und es wurde mir gesagt, dass die hohe Stufe, welche sie im Himmel einnehmen solle, so zu sagen eine noch vollkom­menere Läuterung erfordere.“

Es wird hier am Platze sein beizufügen, dass wir in den von M. E. v. B. hinterlassenen Schriften eine Beteuerung in Form  eines Gelübdes gefunden haben, wodurch sie sich verpflichtete, in allen Dingen nach der höchsten Vollkommenheit zu streben, beständig in Gottes Gegenwart zu wandeln und immer nur aus reinster Liebe zu Gott zu handeln. Dieses Gelöbnis, welches zu glei­cher Zeit die Hochherzigkeit jener Seele beweist, sowie die erhabene Heiligkeit, zu welcher Gott sie berufen hatte, erklärt uns die strenge Sühne, sonst möchte es uns bei­nahe zu hart für so kleine Nachlässigkeiten erscheinen; denn, wenn das Gelübde das Verdienst der Tugendakte erhöht, so erschwert es ebenso auch die gegen diese Tugen­den begangenen Fehler.

Marie, fährt M. Garabis fort, bat mich im Namen der Mutter von B., unsern Schwestern 10 Tage lang gänzliches Stillschweigen und Liebesakte aufzuerlegen. Ich empfahl dies auch den Schwestern, ohne einen Beweggrund anzugeben. Nach Verlauf weniger Tage zeigte sich die Verstorbene der guten Schwester abermals bei der heil. Kommunion; diesmal jedoch mit Glorie umgeben, sie dankte Marie, die mir seitdem öfters wiederholte: „O, wie wird diese Seele von Gott geliebt! Wie erhaben ist der ihr im Himmel bestimmte Platz!"

Es ist nicht zu verwundern, dass der göttliche Mei­ster, ehemals so freigebig gegen seine Dienerin, ihr auch jetzt noch außerordentliche Gnaden erwies, da sie, um Ihm wohlgefälliger zu werden, sich gleichsam begraben und dem Vergessen aller Geschöpfe preisgegeben hatte. Die Sorgfalt jedoch, welche die demütige Schwester darauf verwendete, ihrer Umgebung Nichts davon merken zu lassen, scheint uns wahrhaft groß und liefert uns den sichern Beweis, dass ihre Erscheinungen von Gott kamen.

Ihre Liebe zur Armut. Wenn Marie in ihrer Kindheit den Reichtum gewünscht und geschätzt, so hatte die Betrachtung der Lehren und Beispiele des Heilandes ihr eine aufrichtige Liebe zur heil. Armut eingeflößt. Dieselbe wuchs noch durch die geringe Meinung, welche ­sie von sich selbst hatte, daher konnte man gleich bei ihrer Ankunft ihre Losschälung von allem beobachten. Nach­dem sie ins Kloster eingetreten war, hatte sie der mit der Besorgung des Linnenzeugs beauftragten Schwester alles übergeben, was sie an Linnenzeug und Kleidung besaß, indem sie ihr die Bestimmung jedes Stückes angab; einige Tage darauf bat die Schwester, da sie sich zu irren fürch­tete, noch um einige Aufklärungen darüber, worauf die Postulantin ihr zur Antwort gab: „Machen Sie damit was Sie wollen !" Schon damals wollte Marie kein Eigen­tum mehr haben. --- .

Die Kleider, die sie am Tage ihrer Einkleidung er­hielt, waren dem Gebrauche gemäß neu. Alle bemerkten, dass sie mit Wohlgefallen die Kleidung derjenigen Schwe­ster betrachtete, welche für den Hühnerhof zu sorgen hatte, und deren Kleider daher mehr abgenützt, somit mehr das Gepräge der Armut trugen. Als eine derselben lächelnd bemerkte, sie sei ja so vertieft in diese Kleidung, dass sie ihre Arbeit darüber fast vergesse, zitierte sie eine Stelle der Ordensregel, welche man im Refektorium vorgelesen hatte: „Jede muss mit heil. Freude im Herrn sehen, wenn bei der Verteilung des Notwenigen sie das Hässlichste und Gröbste erhält." --- Der Ausdruck ihrer Züge bewies, dass sie das Glück der Schwester beneidete, bei welcher diese Worte wirklich ausgeführt waren und immer hatte sie eine Art Vorliebe für dieselbe wegen ihres unterge­ordneten Amtes.

Später konnte man sie glücklich und dankbar sehen, wenn sie etwas Abgetragenes bekam, auch fand sie oft Mittel, andern das zuzuwenden, was sie für sich nicht nötig hielt. Aus demselben Geiste der Armut entsprang ihre große Sorgfalt, nichts von all dem zu verderben, was man ihr anvertraut hatte, und mit großer Demut suchte sie die geringsten derartigen Fehler wieder gut zu machen. Als sie Conflans verließ, wollte man ihr, wie dies bei den Novizen gebräuchlich ist, ihre ganze Aussteuer mitgeben, umso mehr, da dieselbe bedeutend und sehr gut war; sie aber bat flehentlich nur das Schlechtere mitnehmen zu dürfen; die mit der Wäsche beauftragte Schwester glaubte zuerst, eine baldige Rückkehr oder sonst ein ähnlicher Grund veranlasse sie zu dieser Bitte; allein Marie hatte keine andere Absicht als den Wunsch, die Ärmste unter den Mägden Christi zu sein.

Ihre Sittsamkeit. Die engelgleiche Sittsamkeit, welche Marie Lataste von zarter Jugend an ausgezeichnet hatte, war auch noch unter jenen, deren schönstes Kleid und reichster Schmuck sie sein muss, bemerkenswert. Ihr ganzes Äußeres war vollkommen geordnet, doch ohne Zwang. Die ehrw. M. Kerouartz sagte, als sie in Marie Latastes Schriften über die Tugend der Bescheidenheit gelesen, habe sie geglaubt Maries Porträt zu sehen, so treu stimmte ihr ganzes Benehmen damit überein. Diese Worte glei­chen übrigens beinahe buchstäblich jenen Worten, welche die Regeln der Gesellschaft des heil. Herzens in Betreff der Bescheidenheit geben, so dass Marie in diesem Punkte nichts au ihren Gewohnheiten zu ändern hatte.

Am Tage ihres Eintritts im Kloster in der Straße Varennes begleiteten die Oberin, die Assistentin und die eben anwesende Novizenmeisterin von Conflans sie in die Kapelle; eine Schwester, die sie vorübergehen sah, und der ihre jungfräuliche und gesammelte Miene auffiel, blieb stehen, um sie zu betrachten, später sagte sie, dass noch nie Etwas auf so fühlbare Weise sie an das Bild der heil. Jungfrau erinnert habe. Wenige Tage nachher führte die M. du Boisbaudry Marie zu derselben Schwester, um ihr bei einer dringenden Näh-Arbeit zu helfen. Der Ort, wo die Letztere sich aushielt war ein Gang, auf welchem nur für eine Person Raum war; vergeblich suchte die Schwester zu rücken, um ihrer neuen Gefährtin Platz zu machen; Marie litt es nicht, sie nahm einen Stuhl  und setzte sich auf den Treppen-Absatz, und nachdem sie ihre Arbeit in Empfang genommen hatte, beschäftigte sie sich mehrere Stunden damit, ohne dass irgend Etwas sie veranlagte die Augen zu erheben. Man durfte sie bei dieser Gelegenheit nur ansehen, um zu verstehen, dass es nicht die, mit Eifer und Ausdauer verrichtete Arbeit war, welche ihre Gedanken so ganz einnahm.

Eine andere Gelegenheit hatte schon die Bescheidenheit und die Geistessammlung der Postulantin augenscheinlich bewiesen: am Tage nach ihrem Eintritt, am Feste der Himmelfahrt, empfingen einige Zöglinge die erste heil. Kommunion; abends begab sich die Klostergemeinde und das Pensionat in Prozession zu der in dem Garten ge­legenen Kapelle der heil. Jungfrau. Weder die feierliche Zeremonie, noch die ihr neuen Orte vermochten auch nur auf Augenblicke sie zu zerstreuen. Mehrere sie beobachtende Schwestern sahen sie beständig mit niedergeschlagenen Augen in tiefer Andacht. Als man bei der Kapelle angekommen war, beeilten sich Alle in dieselbe einzutreten, um die dem Weihegebet der ersten Kommunikanten vorausgehende An­rede zu hören. Man gab Marie zu verstehen, das Gleiche zu tun; aber ihre Bescheidenheit hatte sie bald entdecken lassen, dass nicht Platz für Alle sei, sie dankte deshalb und blieb der Türe gegenüber in der Linden-Allee stehen. Eine Klosterfrau bemerkte uns hierüber: „Ich sah sie dort stehen, unbeweglich, mit strahlenden Zügen, den sanften Blick nach der Kapelle gewendet; sie erschien mir da ganz in Gott entzückt. Dies machte mir einen so lebhaften Ein­druck, dass mich noch lange nachher, so oft ich an dem Baume vorüber kam, wo ich sie hatte stehen sehen, ein unbeschreibliches Gefühl erfasste.

Eine andere Schwester, welche sich ein wenig zurück­gezogen hatte, um sie besser betrachten zu können, machte dieselbe Bemerkung; Beide ahnten nicht, dass in diesem Augenblick der Heiland sich Seiner treuen Schülerin zeigte und sie mit Licht und Trost erfüllte. Später hat sie es ­ihrer Oberin und einem hochw. Pater der Gesellschaft Jesu anvertraut, der es uns nach ihrem Tode mitteilte; der­selbe befand sich eben kurze Zeit vor Marie Latastes Ab­reise nach Rennes in Conflans, und man hätte sie zu ihm geschickt, um in einem Augenblicke innerlicher Leiden seinen trostvollen Rat zu erhalten. Der hochw. Pater hotte sie gefragt, ob der Heiland ihr, seitdem sie im Sacre-Coeur sei, erschienen wäre, worauf Marie ihm die eben erwähnte Erscheinung erzählte. Er war erstaunt über die Offenheit und Einfalt, mit welcher sie ihm den Zu­stand ihrer Seele offenbarte und auf seine Fragen ant­wortete; man hätte glauben können, sie spräche von jemand andern, und man sah wohl, dass es ihr nur darum zu tun war, durch die Worte des Dieners Gottes erleuchtet zu werden.

Im Noviziat zeigte Marie eine musterhafte Bescheidenheit und alle stimmen überein, dass sie nie die Farbe ihrer Augen entdecken konnten, so sehr hatte sie die Ge­wohnheit dieselben zu senken. Auch in Rennes mitten unter ihren zahlreichen und oft zerstreuenden Beschäftig­ungen bewahrte sie diese Ruhe und denselben himmlischen und jungfräulichen Ausdruck, welcher ein Abglanz ihrer reinen Seele war. Alles bewies eben, dass die Gnade vollkommen sie beherrschte und die Natur in ihr erstorben war, daher kam es, dass man sich zu dieser guten Schwe­ster unwiderstehlich hingezogen fühlte und durchs sie zu Gott.

Auch die Weltleute suchten sich ihr zu nähern, und mehrere gebrauchten zuweilen eine List, indem sie Fragen an sie stellten, auf welche, wie sie im Voraus wussten, Marie nicht eingehen würde; nur in der Absicht, um mit ihr sprechen zu können; sie wollten sich erbauen und einige von ihren sanften und liebreichen Worten hören, mit welchen die Pförtnerin eine abschlägige Antwort begleitete.

Die Oberin wurde öfters von einer ihrer Nichten besucht: Diese, jetzt auch Klosterfrau des heil. Herzens, gesteht unumwunden, dass ihre häufigen Besuche zwar ihrer Tante galten, allein häufig auch durch den Wunsch veranlasst waren, Schwester Lataste zu    begegnen, deren friedliches  Äußere sie entzückte. Wenn sie dann nach Hause zurückkam, sagte sie fröhlich zu den Ihrigen: „Ich habe im Sacre-Coeur eine Schwester ge­sehen, die so aussieht, wie ich mir die Jungfrauen im Himmel vorstelle.

Ein anderes Kind, dem Gott auch später die Gnade des Berufs gab, bestätigt, dass sie sich hauptsächlich durch die Bescheidenheit und Heiligkeit Schwester Latastes zu dem Hause habe hingezogen gefühlt.

Diese Bescheidenheit war die Wirkung der immerwäh­renden Vereinigung ihrer Seele mit Gott. Nichts ver­mochte sie von dem Gedanken an die Gegenwart Gottes abzuziehen; wenn   daher auch ihre               Beschäftigungen ihr nicht gestatteten der Betrachtung und andern frommen Übungen mehr Zeit zu widmen, als die Regel vorschreibt, so wurde doch ihr lebendiger Glaube und ihr Eifer dadurch nicht beeinträchtigt. In Rennes begünstigte ein besonderer Umstand ihre Andacht zum hl. Sakramente. Die provi- sorische Kapelle stieß an das Zimmer, in welchem sich ge­wöhnlich die Pförtnerinnen aufhielten; sobald nun Schwe­ster Marie einen freien Augenblick hatte, kniete sie an der sie von der Kapelle trennenden Mauer nieder und ver­richtete ihre demütige Anbetung. Eine Schwester, hier­auf Bezug nehmend, sagte einst zu ihr: „Der liebe Hei­land hat Sie recht verwöhnt, denn sie verlassen beinahe nie das allerheiligste Sakrament." ---„Ich nehme, was man mir gibt, lautete Maries einfache Antwort.  --­Und wirklich sprach sie nie einen Wunsch aus, bat nie um eine Vergünstigung; aber sie wusste alles zu ihrem geistigen Fortschritt zu benutzen.

Ihre Pünktlichkeit im Stillschweigen. Wirk­samkeit ihrer Worte. Die Beobachtung des Still­schweigens konnte einer an vertraute Unterredungen mit Jesu gewöhnten Seele nicht schwer werden; nie hat sie sich dagegen verfehlt. Dennoch war sie weder düster, noch ver­schlossen; an den Erholungen nahm sie mit ruhiger Hei­terkeit Teil und wusste ihren Unterhaltungen immer etwas Erbauliches beizufügen. Außer dieser Zeit jedoch konnte nur die Liebe sie veranlassen, vom Buchstaben der Regel, deren Bedeutung sie vollkommen erfasste, abzugehen. Wenn sie trösten oder aufmuntern wollte, so geschah dies durch kurze, belehrende Worte, aber dieselben waren so salbungs­voll und atmeten so den Geist inniger Liebe, dass sie Kraft verliehen und Balsam auf die Wunde gossen. ---„Wenn man Kummer hatte, sagte eine Schwester, und ihr den­selben mitteilte, so pflegte sie zu antworten: „Legen Sie alles zu den Füßen des Kreuzes nieder." Man fühlte, dass sie selbst also handelte und man war augenblicklich gestärkt". ---

Eine andere ihrer Mitschwestern, deren schlechte Ge­sundheit sie oft mit Marie, damals Krankenschwester, in Verbindung brachte, gestand erst vor Kurzem, dass das Zusammentreffen mit Marie für sie, bei ihren großen Schmerzen, jedesmal eine Erleichterung war. Wenn Marie den Blick zum Himmel warf und die Worte aussprach: „Alles für Gott, Schwesterchen," und dies mit dem ihr eigenen frommen Ausdruck, so sah die Kranke, dass man ihre Schmerzen mitfühlte und wurde mit frischem Mut und neuer Kraft belebt, dadurch, dass sie Herz und Geist zu Dem erhob, der Nichts unbelohnt lässt.

Die ehrw. Mutter Garabis empfand eines Tages selbst den himmlischen Eindruck, den Maries Worte machten. Sie zeigte ihr ein ziemlich hübsches Bild unseres Heilan­des auf Leinwand gemalt mit der Inschrift: Wahre Ab­bildung Jesu Christi, indem sie zu ihr sagte: „Da ist die wahrhaste Abbildung des Heilandes; da Sie Jesus sehen, so müssen Sie finden, dass es Ihm gleich sieht." --- Schwester Lataste betrachtete dieses Bild ohne zu antworten, und ich verstand, dass sie sich nicht getraute, mir zu sagen, dass das Bild nicht Dem ähnlich sei, das sich ihr zeigte. Diese Stille genügte mir nicht und ich bat sie, mir unsern Herrn zu schildern. Sie sprach jedoch Nichts über Seine Züge; allein das, was sie mir sagte, machte mir einen solchen Eindruck, dass meine Seele ganz davon durchdrungen war. Ich hätte den ganzen noch übrigen Tag und die Nacht vor dem Tabernakel knien mögen, wo ich die Gegenwart Jesu im allerheiligsten Sakrament auf vollkommenere Art empfand.

Die Assistentin in Rennes, welche im geistigen Leben sehr vorgeschritten war, behandelte zuweilen bei ihren, den Schwestern erteilten Belehrungen, Gegenstände, die nicht Alle fassen konnten; sie nahm dann ihre Zuflucht zu Marie Lataste, wenn eine Andere ihr nicht antworten konnte und nie wurde sie in ihrer Erwartung getäuscht; worin auch immer sie befragt wurde, so fand die Schwester eine Er­klärung und sprach dabei mit solcher Frömmigkeit, dass alle sich erbauten und sich zum Guten angetrieben fühlten. Ihr Eifer. Der Eifer, für die Ehre Gottes zu wirken, der Marie belebte, konnte nicht untätig bleiben. Nachdem sie ins Sacre-Coeur eingetreten war, war es für sie jetzt doppelte Pflicht, denn die Ehre Gottes ist ja das einzige Ziel, welches die Gesellschaft verfolgt. Sie übte diesen heiligen Eifer vor allem durch ihr Beispiel, dessen heilsamer Einfluss sich auf ihre ganze Umgebung er­streckte. Lange noch, nachdem sie Conflans verlassen hatte, sprach die Schwester, welche mit ihr zugleich Pförtnerin war, zu Mariens Nachfolgerin ihr Bedauern aus, dass diese Marie Lataste nicht gekannt hätte, und fügte öfters bei: „In ihrem ganzen Wesen war Etwas, wovon ich keine Rechenschaft ablegen kann, das aber zu Gott hinführte. Schon ihr Anblick war hinreichend, den Wunsch zu erregen, besser zu werden." --­Bald nach ihrer Entkleidung jedoch musste sie sich dem Befehl des Heilandes zufolge diesem heiligen Eifer noch mehr widmen, indem Er ihr verschiedene Seelen zeigte, für ­die sie leiden und beten sollte, um ihnen die Gnade des Heils zu erwirken. Einmal unter anderem fühlte sie sich angetrieben, sich als Opfer darzubieten für eine berühmte Persönlichkeit, auf welche, wie ihr gezeigt wurde, die stra­fende göttliche Gerechtigkeit hereinbrechen sollte. Sie bat ihre Oberin um die Erlaubnis dazu, und nachdem man es ihr einige Tage verweigert hatte, wurde es ihr unter der Bedingung gestattet, Nichts in ihrer Tagesordnung und ihren Beschäftigungen zu ändern. Es ist unmöglich zu sagen, wie die gute Schwester nun die Beute eines namenlosen Schmerzes wurde; sie bezeichnete selbst ihre Leiden als Folge des gerechten Zornes Gottes. Drei Wochen lang konnte ihr Magen nicht die geringste kräftige Nahr­ung ertragen; einige Gläser Wasser waren die einzige Linderung für das sie verzehrende innere Feuer, dennoch ver­richtete sie mit gewohnter Sorgfalt alle ihre Geschäfte. Ihre Oberin, welche sah, dass sie unter einenden Peinen des Fegfeuers ähnlichen Qual litt, befahl ihr, um das Aufhören derselben zu beten; Marie gehorchte und im Augenblick erlangte sie ihre gewöhnlichen Kräfte wieder; ihre verstörten Züge erhielten ihre frühere Heiterkeit, und der Heiland, der sie mit innerem Entzücken erfüllte, ver­sprach ihr, dass der Sünder nicht im Stande der Un­gnade sterben würde. An ihm selbst ging jedoch mehrere Jahre darauf in Erfüllung, was Marie gezeigt worden war, und zwar unter solchen Umständen, die keine Täusch­ung zuließen. Man kann aber hoffen, dass die Trübsale und Leiden ihm nicht unnütz waren, und dass, als der Diener Gottes zu seinen letzten Augenblicken herbeigerufen wurde, sein Herz der Reue zugänglich war, wodurch er die Barmherzigkeit des himmlischen Vaters erlangte.

Wie früher, so hatte Schwester Marie auch jetzt Of­fenbarungen über die geistigen Bedürfnisse einiger ihrer Mitschwestern; sie teilte dies jedoch nur der mit ihrer Leitung betrauten ehrw. Mutter mit, und dies geschah jedesmal mit staunenswerter Genauigkeit und mit zarter Liebe, wobei sie jedesmal Sorge trug, die guten Eigenschaften jener hervorzuheben, von welcher der Heiland ein Opfer oder Besserung erwartete.

In Rennes boten ihr die öftern Beziehungen mit den Zöglingen als Krankenschwester, sowie mit den Weltleuten als Pförtnerin tausend Gelegenheiten, dem Nächsten nütz­lich zu sein und die Ehre des heiligen Herzens Jesu zu befördern; sie benutzte diese Gelegenheit mit seltenem Takt und seltener Vorsicht und die Verehrung, die sie genoss, verlieh ihren Worten die größte Wirksamkeit. Man darf jedoch nicht glauben, dass sie sich hervorzutun suchte; sie hatte vollkommen erfasst, auf welche Weise man, ohne di­rekt mit der Leitung der Seelen betraut zu sein, ein stummes Apostolat an ihnen ausüben könne. „Jene unter uns, schrieb sie, vermag dies am besten, welche das Herz des göttlichen Meisters am meisten liebt, welche ein heiliges Leben führt, und welche am eifrigsten nach dem ein­zig wahren Ziel ihres Berufes strebt.

Ihre Sanftmut, Geduld und Liebe, welche sie gegen jedermann ohne Unterschied ausübte, erwarben ihr eine unwiderstehliche Gewalt über alle. Oft hörte man sie sagen; „O, wie schön ist die christliche Liebe!" Dies bewies sie auch in ihrem ganzen Benehmen, indem sie sich stets selbst vergaß, dagegen für andere voll Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Zuvorkommenheit war. Die geringsten ihr geleisteten Dienste wusste sie hervorzuheben und ihre Selbstverleugnung für Nichts rechnend, sagte sie zu einer Schwester, die mit ihr dieselbe Arbeit teilte: „Sie lassen mir Nichts zu tun übrig!" während doch sie es war, welche die Hauptarbeit verrichtete.

Da sie stets bereit war, andere zu entschuldigen, so gab ihre Liebe ihr die geistreichsten Erwiderungen ein, um deren Fehler zu beschönigen. Die Klosterfrau, welche die Oberaufsicht über das Krankenzimmer führte, beklagte sich einmal vor ihr über die Unregelmäßigkeit, mit welcher eine der Schwestern kam, um ihre verordnete Arznei einzunehmen, woraus Marie plötzlich ausrief: „O, wie erbaut es mich, dass sie sich so ver­gisst! was mich anbelangt, so denke ich nur zu sehr an das, was ich bedarf!" --- Es ist wahr, sie dachte an sich, allein nur um sich abzutöten und um zu gehorchen; da­her unterließ sie nie eine Verordnung des Arztes, trotz des großen Abscheus, den sie von Natur aus dagegen empfand. In dem Innern einer Gemeinde und beson­ders bei der Gründung eines Klosters, wo oft noch Vie­les fehlt, entstehen durch das Zusammengreifen verschiede­ner Verrichtungen oft Anforderungen, welche schwer zu vereinen sind. „Ich kann versichern, sagte eine Schwester, welche häufig in Verkehr mit ihr war, nie sah ich ihre Tugend oder ihre Geduld im Mindesten erschüttert!" --­Eine andere Schwester teilt uns Folgendes mit: „Es war damals noch keine eigentliche Küche in dem Hause, die Speisen wurden an einem Kamin zubereitet, und die Krankenschwester musste, wenn sie für die Kranken Tee oder dergleichen zu machen hatte, denselben Herd benutzen. Hier verstand es Schwester Marie zu warten, und den­noch alles zur rechten Zeit zu bereiten, ohne dass sie je die christliche Liebe durch ein Wort oder auch nur durch eine ungeduldige Bewegung verletzt hätte. Die Ökonomin des Hauses war in Folge einer Irrung in ihrer Rech­nung auf die Meinung gekommen, der Bäcker der Anstalt halte nicht immer das festgesetzte Gewicht ein. Schwester Lataste betrübte der gegen diesen Mann gehegte Argwohn und sie unternahm es, seine Unschuld zu beweisen. Sie erhielt die Erlaubnis, ihm, von einer Schwester unterstützt, nachzuwiegen: man hatte indessen noch keine Waage und die Art und Weise, wie man verfuhr, um sie zu ersetzen, war schwer und mühsam. Nichts desto weniger wurde die Aufgabe freudig unternommen und einen Monat lang fortgesetzt, und der ehrliche Lieferant verdankte es Schwe­ster Lataste, dass er vollständig gerechtfertigt wurde.

Eines Tages gab sie, wie dies gewöhnlich geschah, einem an der Pforte erscheinenden Bettler einen Sou; dieser empfing das Almosen murrend und sagte barsch und drohend: „Was ist das? --- Alsbald begibt sich die gefällige Pförtnerin zur Oberin, die ihr erlaubt, das Al­mosen zu verdoppeln; der Unbekannte nimmt es mit der­selben Klage. Ohne sich durch die Anmaßung dieses Man­nes aus der Fassung bringen zu lassen, wiederholt Marie 7- 8 Mal denselben Gang, obwohl sie jedesmal eine Stiege steigen musste, was ihr bei ihrer schwachen Gesund­heit sehr beschwerlich fiel. Hierauf sagte sie in sanftmütiger Weise zum Bettler: „Nun, sind Sie jetzt zufrie­den ?" --- „Soviel Gänge, antwortete dieser barsch, wären gar nicht nötig gewesen; Sie hätten es mir gleich geben können." Die demütige Schwester erwiderte solche Grob­heit nur mit Lächeln und freundlichen Worten.

Die Zöglinge bewunderten ihre Güte und sahen es als eine große Begünstigung an, wenn sie Gelegenheit hat­ten, mit ihr in irgend eine Berührung zu kommen; die Aufopferung und große Sorgfalt, die ihnen Marie bei ihren Krankheiten oder Unwohlsein bewies, machte sie sehr beliebt bei ihnen und ihre Tugend flößte ihnen Achtung und Ehrfurcht ein. Ihr Anblick allein war hinreichend, sie zum Guten aufzumuntern und ihre Frömmigkeit zu beleben; oft hörte man sie sagen: „O, wie gut, wie sanft ist Schwester Lataste! Wir find so gerne bei ihr, das ist eine Heilige!"

Da das Personal des Klosters noch sehr klein war, so hatte die ehrwürdige M. Charbonnel ein weltliches Mäd­chen als Köchin angenommen, obwohl dieselbe noch nicht die Absicht hatte, im Sacre-Coeur zu bleiben. Später wurde sie jedoch noch Laienschwester und äußerte sich fol­gendermaßen über Marie Lataste: „Ich habe vier Monate mit dieser guten Schwester verlebt, unsere Beziehungen waren mehr äußerlich als innerlich; denn ich wurde zu den gemeinschaftlichen Übungen nicht zugelassen. Ich war Ausgeherin und Köchin, Schwester Lataste war Pförtnerin, Krankenschwester und besorgte das Refektorium; wir ­trafen daher oft zusammen; indessen fand zwischen uns nie die geringste Unannehmlichkeit statt, während ich jeder andern leicht dazu hätte Veranlassung geben können; denn ich war noch weltlich und kannte die Gebräuche des Klo­sters durchaus nicht. Nach den vielen durch die Kom­missionen verursachten Ausgängen hatte ich zuweilen ein Bedürfnis nach Ruhe, und ich erklärte, dass es mir schwer sei, noch an den Herd zu gehen, um die Mahlzeit zu bereiten. Schwester Lataste erwiderte mir dann lächelnd: „Arbeiten wir, so lange wir leben, in der Ewigkeit können wir ausruhen." --- Ich sagte einst zu ihr, dass ich vor hätte, mir einen Dienst zu suchen, indem ich weder Lust noch Mut in mir fühlte, ein Leben des Opfers und der Selbstverleugnung zu führen, wie es im Sacre-Coeur ver­langt wird, worauf sie mir erwiderte: „Gehen Sie nur, Sie gleichen den Zugvögeln; Sie werden auf kurze Zeit fortfliegen, allein doch wieder ins Sacre-Coeur zurückkommen.“ --- Diese Voraussage hat sich bewahrheitet; denn der Anblick dieser tugendhaften Schwester zerstreute nach und nach meine Abneigung und mein Herz neigte sich allmählich zu diesem Berufe hin, der mich anfänglich erschreckte." Mariens wohlwollende Sanftmut, ihre unerschütterliche Geduld, die ihr gar keine Überwindung mehr zu kosten schienen, waren, dies dürfen wir nicht vergessen, die Frucht ihrer langen und energischen Kämpfe; sie hatte diese Tugenden im Herzen Jesu kennen gelernt, auch ihre unerschöpfliche, sich bei der geringsten Veranlassung offenbarende Liebe hatte sie aus diesem Urquell der Liebe geschöpft. Wenn sie in ihrer neuen Familie allen teuer war, so lohnte sie reichlich Allen durch Gegenliebe; diese Gefühle spricht sie in einem an Herrn Dupérier im Jahre 1846 gerichteten Briefe aus. Derselbe hatte einige Fragen über die Gesellschaft des Herzens Jesu an sie gestellt. Nach­dem sie ihm mit wenig Worten erklärt hat, was die Chor­frauen und die Schwestern sind, fügt sie bei: „Dieser Unterschied zwischen uns ist nur äußerlich; wir sind alle Schwestern im heiligen Herzen Jesu und bilden alle nur ein Herz und eine Seele in diesem heiligen Herzen. Das Herz Jesu ist ein Körper; jedem Gliede ist eine besondere Tätigkeit angewiesen, um dadurch nach dem gleichen Ziele zu streben, nämlich: Die Ehre des heiligen Herzens, die Ausbreitung Seiner Verehrung und das Heil der Seelen; es ist ein gut eingeschulter Chor, dessen einzelne Stimmen ein melodisches Konzert aufführen. Marie vergaß im Kloster jedoch weder ihre Familie, noch ihre Freunde, besonders auch jene nicht, welchen sie durch die Bande der Dankbarkeit und des Glaubens verbunden gewesen war. Sie bewies dies durch ihre, zwar nicht häufigen Briefe, in denen aber ein seltener Takt, tiefes Gefühl und Frömmigkeit sich äußerten. So schrieb sie zwei Briefe an den Pfarrer von Mimbaste, in denen sie ihre Dankbarkeit stets wiederholt, und sie ihm auch aus vollem Herzen, jedoch ohne Exaltation das Glück aus­drückt, dessen sie in dem von ihr gewählten Stande genoss. Nichts bekundet darin ein Streben, ihrerseits sich bemerkbar zu machen; im Gegenteil kann man daraus ersehen, dass sie wenig Wert darauf legte, ob andere ihrer gedächten oder nicht; wir finden hierfür einen Beweis, dass sie so wenige Briefe schrieb. Herr Dupérier schrieb ihr zuerst; in den zwei ihm gegebenen Antworten bemerkt man ihre Demut, ihr Selbstvergessen, und zu gleicher Zeit findet man darin, wie wir oben gesehen, ein zartes Streben, alles anzuführen, wodurch sie die Genossenschaft, der sie sich angeschlossen, in ein besseres Licht bringen könnte. Ihrem alten Vater gibt sie einige äußerliche Ein­zelheiten über ihr Leben, die geeignet sind, ihn, wie auch ihre Mutter zu interessieren und über ihre Lage zu beru­higen. Ihrer Schwester Margaretha, die sie so zärtlich geliebt hatte, schreibt sie sanfte und zärtliche, ganz von Andacht zum heiligen Herzen durchdrungene Worte. Marie hatte wohl gefühlt, wie vereinzelt ihre Schwester sich nach ihrer Abreise fühlen musste; sie schreibt ihr unter anderem: „Ich bin sicher, dass Du in Deinen Mühseligkeiten glücklich bist, oft den göttlichen Trost an seiner Quelle zu suchen; Du kennst diese Quelle, die Weltleute leider nicht. Man hält uns für unglücklich, wenn wir mit Gott allein sind! Ist denn nicht Gott allein unsere Seligkeit, die einzige Freude unserer Seele? Vereinen wir uns daher, meine liebe Schwester, Du in der Welt und ich im Klo­ster, um das anbetungswürdige Herz Jesu mehr und mehr zu preisen und zu lieben. Es ist so wenig gekannt und so wenig geliebt! Welches Glück, mit diesem Herzen ver­einigt zu sein, mit diesem Heiligtum aller Tugenden, mit diesem Herzen, welches das Glück der Seligen im Himmel ausmacht und welches die Zuflucht, die Stütze, die Kraft und der Trost der Seelen aus dieser Welt ist!"

Kurze Zeit vor ihrem Tode schrieb sie an ihre Schwe­ster Quitterie; diese jedoch konnte ihr nicht antworten, da sie ein Leiden an der Hand hatte, welches so bedeutend war, dass man glaubte, eine Amputation vornehmen zu müssen. Gott selbst heilte indessen Seine hochherzige Die­nerin auf wunderbare Weise, so dass sie ihre gewöhnlichen Beschäftigungen wieder aufnehmen konnte. Wir bedauern, nicht im Stande zu sein, etwas von den gegenseitigen Gefühlen dieser beiden heldenmütigen Seelen anzuführen; sie liebten und verstanden sich so vollkommen.

Viktoria B. erhielt, als Jugendfreundin, auch ihren Anteil: sie macht sie zuerst mit dem Glücke bekannt, des­sen sie im Noviziat genießt, wünscht, sie möge dasselbe mit ihr teilen und endigt mit einer Herzensergießung, in welcher sich ihr tiefes Gefühl offenbart, sie schreibt: „Jetzt haben meine geistigen Leiden aufgehört; Ruhe und Friede sind in meinem Herzen; ich bin glücklich, dir dies sagen zu können. Mut und Vertrauen, liebe Freundin, hoffen wir auf den Erlöser Jesus." --­Wie man sieht, zerreißt die im Kloster für Gott le­bende Seele dadurch nicht die Bande, die Er selbst geschaffen hat; Marie Lataste gibt uns dafür einen um so­gewichtigeren Beweis, da eben sie so gänzlich von allem Natürlichen losgeschält war.

Ihre Abtötung. Es wäre schwer, die Abtötung in der ganzen Bedeutung des Wortes weiter zu führen, größeres Missfallen an sich selbst zu finden, als Marie Lataste es tat. Sie hatte zu eifrig das Leiden Jesu be­trachtet, um nicht zu wünschen, es an sich selbst zu veranschaulichen. Im Anfange ihres Noviziats gab sie der ehrw. Mutter Garabis von ihrer inneren Stimmung mit folgenden Worten Rechenschaft: „Ich kann dem großen Verlangen, mich für meinen Gott hinzuopfern, nicht genugtun. Muss man denn all die große Liebe, welche Er Seinem schwachen Geschöpfe zu bezeugen sich würdigt, so schlecht erwidern? Ach! wenn man all die Güter kennete, welche einer Seele aus der Liebe zum Kreuz und der Demütigung erwachsen! Unser Heiland hat es mir gnä­digst gezeigt, aber ach! wie wenig habe ich Seine göttli­chen Belehrungen benutzt!"

Dies war ihre Überzeugung; denn je mehr man den gekreuzigten Heiland zu kennen und zu verstehen sucht, desto mehr erkennt man seine eigene Unvollkommenheit. Dieser heilige Feuerherd hatte sie so mit Licht erfüllt, dass sie die geringsten Flecken gewahrte und voll Scham dar­über war. Daher entsprang das Bedürfnis sich durch Leiden zu reinigen und ihre Treue, mit der sie keine Ge­legenheit zu verlieren strebte, um ihren Geschmack, ihre Anhänglichkeit an die erlaubtesten Genüsse aufzuopfern, damit sie dem himmlischen, ihr stets vor Augen schweben­den Vorbild ähnlicher werde. Sie hätte ihr Blut als Be­weis ihrer Liebe und ihres Glaubens vergießen mögen, und oft hatte unser Heiland diese frommen Wünsche ihres Herzens aufrechterhalten, indem Er ihr das Martyrium ankündigte. „Ich habe Hunger und Durst nach Leiden und Mühseligkeiten, schrieb sie schon im Jahre 1842. Werden sie kommen? Ich weiß es nicht. Wenn ich keine Leiden habe, so soll mein Leiden darin bestehen, kein Leiden zu haben, und meine Marter darin, dass ich nicht gemartert werde!"

Ihr Martyrium, obwohl langsam und geheim, war deswegen nicht weniger wirklich und vielleicht war es eben durch seine lange Andauer nur umso verdienstlicher. Bei solchen Gefühlen ist es begreiflich, dass der Gedanke irgend einer Entbehrung sie erfreute. „Welches Glück!" sagte sie sogleich zu einer ihr begegnenden Schwester, als diese über eine kleine Beschwerde sich aussprach, wenn man dem Herrn ein Opfer darbringen kann!"

Da sie ohne Erlaubnis die Strengheiten, zu denen ihr Verlangen nach Abtötung sie veranlasst hätte, nicht ausüben konnte, so war sie erfinderisch, Mittel zu suchen, um sich dafür zu entschädigen. So konnte man in Conflans, als sie das Refektorium zu besorgen hatte, öfters sehen, dass sie die unappetitlichsten Überreste der Mahl­zeit für sich aufbewahrte. Durch ihre große Aufmerksamkeit, alle derartigen Akte den Augen anderer zu entzie­hen, sind uns gewiss viele derselben entgangen; indessen die Art und Weise, wie sie ihre schwache, gestörte Gesund­heit ertrug, zeigte vorzüglich, wie sie sich selbst abgestor­ben war.

Die Luftveränderung, sowie die Veränderung ihrer Lebensart hatten nicht den gewünschten Erfolg: die Ärzte fanden zuerst in ihrem Zustand nur eine allgemeine Schwäche, welche durch kräftige Nahrung, verbunden mit gemäßigter Bewegung leicht besiegt werden würde, und Marie unter­warf sich auf das Gewissenhafteste ihren Anordnungen. Sie überwand ihren großen Widerwillen für jede Nahr­ung und sagte oft mit sanfter Heiterkeit: „Ich tue es für Gott." --- Sie musste drei- bis viermal am Tage kal­tes Fleisch essen; die Köchin hatte ihr angeboten, dasselbe auf verschiedene Art zuzubereiten; allein sie weigerte sich dessen, indem sie antwortete: „Der Arzt hat es so angeordnet, man darf an seinen Vorschriften nichts ändern."

Das Leiden trübte indessen durchaus nicht die Ruhe und Heiterkeit dieser tugendhaften Schwester; ein aus der Kreuzesliebe geschöpfter Mut hielt sie aufrecht mitten unter ihren Beschäftigungen, welche sie in gänzlicher Selbst­vergessenheit noch beibehielt, weil die Klostergemeinde sehr wenig zahlreich und in Folge dessen mit Geschäften über­laden war. ---„Ich befand mich," sagt eine Klosterfrau, „in diesem Jahr in Rennes und bin Monate lang mit der schon sehr kranken Schwester Lataste Pförtnerin gewesen; ich kann nicht sagen, welchen heiligmäßigen Eindruck sie machte. Alles in ihr atmete Liebe zu unserm Heiland, und ihre Demut erhöhte in meinen Augen noch ihre Voll­kommenheit. Mehr als einmal staunte ich über die Tiefe ihrer Betrachtung göttlicher Dinge, und mir selbst unbe­wusst fühlte ich mich zu ihr hingezogen. Meine Seele fand Ruhe und Erbauung, wenn sie mir von dem Wert der Leiden sprach, die sie so gut kannte. An ihrem schwa­chen Körper zeigten sich die Spuren mehrerer Krankheiten, demungeachtet schwebte stets ein Lächeln des Friedens auf ihren Lippen. Ich sah es als eine große Gunst an, mich mit dieser trefflichen Schwester unterhalten zu dürfen; sie schien nur mehr ein übernatürliches Leben zu führen und sich und ihre Leiden gänzlich zu vergessen. Ich verließ sie gestärkt und von dem Wunsche beseelt, sie nachahmen zu können!"

Das sich täglich verschlimmernde Übel nahm plötzlich im Laufe der Fasten 1847 einen ernsten, drohenden Cha­rakter an: eine allgemeine Geschwulst des ganzen Körpers ließ eine beginnende Wassersucht befürchten. Ruhe und Diät wurden Marie Lataste auferlegt; sie unterwarf sich auch hierin mit demselben Gleichmut und derselben Sanftmut, wie den bisher ganz entgegengesetzten Vorschriften, und erst in ihren letzten Augenblicken wurde die Oberin inne, wie viel sie darunter gelitten hatte; bis dahin hatte ihre gänzliche Selbstverleugnung es nicht ahnen lassen. Auf diese verschiedenen Verordnungen anspielend, sagte sie ­mit Einfalt und ohne Bitterkeit, dass zur Zeit, als sie einen ausgesprochenen Widerwillen für jede Nahrung ge­habt, sie der Arzt täglich vier- bis fünfmal hätte essen lassen, und als sie großes Bedürfnis nach Nahrung ge­habt, habe er sie fast verhungern lassen. Sie erkannte übrigens hierin eine ganz besondere Zulassung Gottes, und in demselben Sinne gestand sie auch, dass alles, wo­durch ihre Oberinnen ihr das Leiden hätten erleichtern wollen, ihr nur größere Schmerzen verursacht hätte. Der göttliche Meister wollte diese hochherzige und Seinem Wohlgefallen so treu alles opfernde Seele bald zu sich nehmen, sie bald belohnen, und setzte daher ihrer Verbannung ein frühes Ziel. Die ihr gewidmete Sorgfalt schien anfäng­lich den gewünschten Erfolg zu haben denn nach Ostern glaubte man sie in der Genesung begriffen. Sie ging von Zeit zu Zeit in den Garten, wo sie die Blumen mit Vorliebe betrachtete. Die Zöglinge, glücklich, sie wieder zu sehen, beeilten sich, ihr Blumen zu bringen und sich ihrem Gebete zu empfehlen; die wenigen Worte, mit wel­chen sie die Blumen hinnahm, waren so von Frömmig­keit und Dank gegen den Urheber so vieler Pracht durch­haucht, dass die Kinder davon durchdrungen wurden und ihr Glaube sich neu belebte. Dies war das einzige Ge­fühl, was in Marie Lataste durch die Schönheiten der Natur hervorgebracht wurde. Das letzte Mal, als sie spazieren gehen konnte, machte eine junge Postulantin, die sie im Gehen unterstützte, auf die Frische und Reinheit der Luft aufmerksam, und sagte, wie angenehm es sei, den süßen Wohlgeruch einzuatmen: „Das ist Sinnlichkeit," antwortete die Schwester, dadurch beweisend, wie weit ent­fernt sie sei, das zu suchen, was den Sinnen schmeichelte. Immer dem Willen ihres anbetungswürdigen Erlösers ergeben, wünschte sie weder das Leben noch den Tod. Als eine Schwester in sie drang, ihre Genesung zu erflehen, antwortete sie: „Alles, wie Gott will, und Nichts als das, was Er will; bei unserm Tode werden wir glücklich sein, etwas für Ihn gelitten zu haben." --- Im Laufe des Aprils schrieb Herr Dupérier an sie, um ihr Bitten verschiedener Personen mitzuteilen, welche durch ihre Vermittlung Belehrung und Rat wünschten. Die demütige Schwester war beunruhigt bei dem Gedan­ken, die ihr so teure Verborgenheit und Dunkelheit ver­lassen zu sollen. Sie brachte diesen Brief ihrer Oberin und bat flehentlich um die Erlaubnis, ihn zerreißen und keine Antwort geben zu dürfen: sie sprach ihre Befürchtungen mit so viel Kraft und Lebendigkeit aus, dass die ehrw. M. Kerouartz ganz erstaunt darüber war; sie glaubte sie auffordern zu müssen, einfach den Brief zu beantwor­ten und darin ihre Absichten anzugeben. Marie unterwarf sich wie immer. Ihre vom 30. desselben Monats datierte Antwort ist voll Takt und endet wie folgt: „Unser Hei­land hat Seine Güte gegen mich nicht geändert, obwohl Sein Verfahren ein anderes ist. In meiner Vereinigung mit Ihm herrscht nichts Zweifelhaftes und nichts Fühlba­res. Er führt mich auf einem einfachen und gewöhnli­chen Wege, auf welchem ich den tiefsten Frieden genieße." Andere Mitteilungen über ihren damaligen inneren Zustand kennt man nicht und der letzte Brief, den sie bald darauf an ihre Schwester Margaretha schrieb, ist nicht wiedergefunden worden. Als sie denselben der Oberin übergab, bat sie, ihn nach ihrem Tode abzuschicken, was auch pünktlich beobachtet wurde.


 

Achtes Kapitel

Letzter Krankheits-Anfall; Schwester Marie legt ihr Gelübde ab, empfängt die hl. Wegzehrung und die letzte Ölung; ihr Tod; die Hinscheidende wird mehr bewundert als betrauert. Eine Bekehrung an ihrem Totenbette.

Indessen nahte der Augenblick heran, wo das lange, schwere Martyrium der treuen Dienerin Gottes durch die letzten großen Schmerzen sein Ende finden so!lte. Bald sollte sie von neuem die Stimme ihres Geliebten hören und Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen.

Sonntag den 9. Mai war sie ziemlich wohl, so dass sie in der Konventmesse kommunizieren, und selbst der Messe um 9 Uhr beiwohnen konnte. Den Rest des Vormittags verbrachte sie im Garten, in der Nähe der Kapelle sitzend, und hoffte auch nachmittags die Vesper anhören zu können. Ihre Züge trugen noch mehr als gewöhnlich den Ausdruck von Andacht und Friede; die Zöglinge suchten unter allerlei Vorwänden ihr zu nahen; mehrere brachten ihr in dieser Absicht Blumen; sie wechselte dann, indem sie mit sanften Worten die Blumen annahm, einige freundliche, liebevolle durch ihre Vereinigung mit Gott belebte Worte mit ihnen.

Um halb ein Uhr ging sie in ein kleines Zimmer ebe­ner Erde, um dort zu Mittag zu essen, und treu und ge­horsam bis zum Ende versuchte sie es, ihren Widerwillen zu überwinden und etwas Nahrung zu nehmen; es gelang ihr kaum, und mit dem Ausdrucke voller Ergebung blickte sie die eben gegenwärtige Oberin an und sagte: „Ehrwürdige Mutter, ich kann nicht!" --- Die ehrw. M. Kerouartz beruhigte sie, indem sie sie aufforderte, sich nicht Gewalt anzutun, worauf sie die Kranke verließ, um bei der Erholung der Nonnen gegenwärtig zu sein. Schwester Marie drang in das junge Mädchen, das mit ihrer Verpflegung beauftragt war, auch dahin zu gehen und sagte ihr: „Sie sind lange nicht dabei gewesen, Louise, es wird ihnen gut tun, und ich kann recht gut allein bleiben." --- Glücklicherweise willigte Louise nicht ein, denn es dauerte nicht lange, so stellten sich bei der Kranken hef­tige Leibschmerzen ein, welche sie in wenig Stunden ihrem Ende nahe brachten. Sie stieg mit großer Beschwerde in ihr Zimmer hinauf und dort bekam sie einen so heftigen Anfall, dass ihre Gefährtin glaubte, es sei ihr Ende nahe. Und dennoch beschäftigte sich Marie, mitten unter ihren furchtbaren Schmerzen mit der Mühe, die sie ihrer Pflegerin verursachte. Sobald Mutter Kerouartz benachrich­tigt werden konnte, eilte sie herbei, und die sogleich gerufenen Ärzte erklärten den Zustand als höchst gefährlich.

Bei einer so reinen und von allem Irdischen losgeschälten Seele war die Vorbereitung zum Tode leicht, da­her konnte ihr auch die Oberin ohne Besorgnis sagen, dass sie die heiligen Sterbesakramente empfangen, um ihre Gelübde ablegen werde.

Seit mehreren Monaten schon hatte Schwester Lataste die für das Noviziat vorgeschriebene Zeit überschritten; allein man hatte die Gelübde-Ablegung verschoben, weil man hoffte, sie werde noch dahin gelangen, die vor dieser Feier vorgeschriebenen geistlichen Übungen machen zu kön­nen. Ihrerseits hatte sie lebhaft gewünscht, sich mit ihrem göttlichen Bräutigam zu vereinigen; allein sie hielt sich einer solchen Gnade unwürdig, und ergab sich hierin wie in allem Andern; daher stiegen ihre Freude und ihr Dank auf's Höchste, als sie das ihr zu Teil werdende Glück erfuhr.

Die Zelle der Sterbenden war 7 Fuß lang und 5 1/2 breit, es war die anständigste im Hause, weshalb man sie ihr gegeben hatte; dorthin wurde also der Heiland ihr als letzte Wegzehrung gebracht. Es wäre unmöglich, die Seligkeit der Sterbenden zu beschreiben, als Jesus im hl. ­Sakramente zu ihr kam; ihre Schwäche war aber so groß, dass man fürchtete, sie werde die Gelübde nicht aussprechen können und mau überlegte sogar, ob man ihr nicht zu­erst die letzte Ölung geben solle. Allein Marie nahm mit großer Energie ihre letzten Kräfte zusammen und nahm selbst die Kerze in die Hand. Hierauf bat sie den ganzen Convent um Verzeihung über das schlechte Beispiel, das sie gegeben habe, und fügte bei: „Ich habe viele Fehler begangen; aber ich habe immer alles getan, was ich tun konnte." Dann sprach sie mit klarer und deutlicher Stimme ihre heiligen Gelübde und empfing die heilige Kommunion. Nun ließ sie den Gefühlen ihres von Liebe überfließenden Herzens freien Lauf, indem sie dieselben durch kurze Ausrufe voll Liebe und Andachtsglut ausdrückte und sie mit Stellen aus den Psalmen und andern frommen Werken vermischte: „Gibt es, rief sie aus, ein Glück, das dem meinigen gleicht? Ich gehöre Jesus ganz an und für immer! Ich habe immer nur Ihn geliebt! O! alte und immer neue Schönheit!" --- Sie wiederholte diese Worte des heil. Augustinus noch mehr­mals, ohne jedoch die Worte beizufügen, mit welchen er fortfährt und die nicht auf sie passten. Der Aumonier, Herr Abbé Lemot, fürchtete, dieses Entzücken möge sie er­müden und forderte sie deshalb aus, sich zu mäßigen. Sie schwieg augenblicklich, um einen Akt des Gehorsams zu verrichten, aber bald begann sie wieder mit Lebhaftigkeit: „Nein, nein, fürchten Sie Nichts, das ermüdet mich nicht, denn nicht ich spreche, sondern Gott spricht in mir, und ich kann nicht schweigen." --- So setzte sie denn ihr lautes Gebet fort. Einige Augenblicke schien sie wie in Gott vertieft und versenkt, sie erhob die Augen und sprach lang­sam und mit kleinen Pausen: „O Gottheit, o Dreieinig­keit, o Einheit, o Jesus!" --- Drei Schwestern glaubten noch die Worte zu hören: „ich sehe Dich!" was in ihnen den Gedanken hervorrief, dass sie in diesem Augen­blicke in etwas das tiefe Geheimnis der allerheiligsten

Dreieinigkeit ergründet habe. Ihr ganzes Danksagungsgebet war übrigens nur ein Entzücken der Liebe: „O, sagte sie, wie glücklich ist man, wenn man Gott von Ju­gend aus geliebt hat! Ich gehöre ganz Dein, o Jesus! Ja, mein Gott, ich bin Dein Eigentum! O! welches Glück, zu sterben als Dein Eigentum! O! welches Glück, als Braut des heiligen Herzens zu sterben! Welche Gnade! ich verdiente sie nicht . . . Doch Du, mein Gott, weißt, dass ich immer in Allem nach Deinem Willen verlangt habe. Ja, ich gehöre Dir, o Jesus, Dir ganz allein!" Sie wiederholte diese Worte mit unbeschreiblichem Ausdruck, und fügte dann noch bei: „O immer alte und neue Schönheit! Wie der Hirsch nach der Wasserquelle schmachtet, so sehnt sich meine Seele nach Dir, o Jesus! O komm und nimm meine Seele in Empfang ! Das ist schon der Vor­geschmack des Himmels! ..." --- Ihr Antlitz strahlte, ihre Kraft konnte nur eine übernatürliche und aus der sie verzehrenden Liebe geschöpft sein. Die Zeugen dieses glückseligen Todes sagen: „Wir hatten nicht nur ein wunder­bares und rührendes Schauspiel vor Augen, sondern ein heiliger Schauer ergriff uns beim Anblick einer Seele, die schon jetzt Gottes Anschauung zu genießen schien." --­Wir sind nicht im Stande, genau Alles wiederzuge­ben, was in diesem Augenblick dem Herzen der Schwester Lataste entschlüpfte, das gleich einer sprudelnden Ouelle sich von ihren Lippen ergoss und sie so zu sagen der Na­tur entriss. Bis jetzt hatte man sie immer so ruhig ge­sehen, so aufmerksam darauf bedacht, nichts Besonderes nach außen erscheinen zu lassen, daher verursachte ihr Herzenserguss tiefes Erstaunen. Nach den Worten der M. Kerouartz waren es vorzüglich ihr Ausdruck und ihr Blick, wie sich nicht beschreiben lassen, alles war so spre­chend an ihr. Es ist begreiflich, dass alle trachteten, im Laufe des Nachmittags und des Abends wenigstens bis zur Tür der engen Zelle vorzudringen, um die teuere Sterbende noch einmal zu sehen und zu hören. Der Herr ­ließ es zu, dass dieser verborgene Schatz sich klar offen­barte in dem Augenblick, wo er der Erde entrückt werden sollte!

Die Zerstörung des Körpers schritt indessen rasch voran, nach der Aussage der Ärzte waren die Schmerzen so schauderhafter Art, dass sie gewöhnlich nach 5 – 6 Stun­den töteten; daher kam es, dass Marie mehreren Nonnen zu verschiedenen Malen die Bitte aussprach, für sie zu beten, damit sie die Geduld nicht verliere. In den schwer­sten Augenblicken bestanden ihre Klagen nur in den Wor­ten: „O ehrwürdige Mutter, wie leide ich! . . ." oder: „Ach, wie viel muss man leiden, um zu sterben!" --­Wenn sie in Schwäche verfiel, so ließ man sie kölnisches Wasser riechen und rieb ihr die Schläfe damit; sie bat einige mal darum, fügte aber dann bei: „Wie sinnlich bin ich! ich muss mich noch recht abtöten, um es abzubüßen."

Man fragte sie, ob sie keinen Kummer darüber habe, ster­ben zu müssen: „Leben oder Sterben! das ist mir gleich,"  antwortete sie.

Die Anfälle kamen immer häufiger; sie verlor dann die Besinnung, aber gleich darauf hatte sie wieder ihre volle Geistesgegenwart und sprach ruhig, ja mit Heiterkeit. So sagte sie lächelnd: „Jetzt, wo ich meine Gelübde abgelegt habe, kommt mir der Gedanke, ich würde noch nicht sterben; nun, sie sind dennoch abgelegt, und wenn ich wieder besser werde, bin ich eine eingeschmuggelte Klo­sterfrau." Einmal rief sie ihre Oberin zu sich und sagte erschreckt zu ihr: „Ehrwürdige Mutter, wird der Heiland mir vielleicht gar einen Streich spielen? --- Und welchen?

--- Den, dass ich nicht sterbe." --- Nach einem andern Anfall sagte sie zu derselben: „Ich habe Ihnen großen Schrecken gemacht, Sie glaubten, ich würde sterben . . .

Doch nein! Er wi!l mich noch nicht!" --- Sich an die M. Keronartz wendend, sagte sie: „Nicht wahr, Sie ver­hindern den Teufel, mir zu nahen?" --- Jedoch empfand sie weder Furcht noch die leiseste Verwirrung, so bewahrheiteten sich die Worte, die sie ihren Schutzengel hatte sagen hören, als der Teufel sie als Beute verlangte: „Ihr Tod wird Dich vertreiben." Da gegen 10 Uhr ihre Lei­den sich ein wenig vermindert hatten, zog der Herr Abbé sich zurück, indem er glaubte, die gute Schwester werde die Nacht noch überstehen. Dieser würdige Priester, der zum ersten Male am Sterbebette einer der Unsrigen stand, war von Bewunderung ergriffen und wiederholte öfters: „O es ist schön, es ist tröstlich, solchen Tod zu sehen. Wenn man im Sacre- Coeur so stirbt, so lohnt es sich wohl der Mühe, darin zu leben!" --­Die Ruhe war nicht von langer Dauer, die Anfälle erneuten sich und man erwartete jeden Augenblick ihr Ende. Die grausamen Foltern, welche die Kranke erlitt, zeigten sich zuweilen in ihren verstörten Zügen; allein kaum war ein Anfall überstanden, so erschien wieder der ihr eigne Ausdruck wunderbarer Sanftmut und ruhiger Hei­terkeit; ihre Geduld verleugnete sich nicht einen Augen­blick. Nach den empfindlichsten Schmerzen sagte sie sogar zuweilen: „O, wie süß ist der Tod! Mein Herz vergeht vor Liebe!" --- In ihren Zügen zeigte sich dann ein unendlich seliger Ausdruck. Einmal, als sie vor Schmerzen stöhnte, fürchtete die Oberin, die Zöglinge, deren Schlafsaal nahe bei der Zelle war, möchten es hören; zugleich erinnerte sie sich, welche Gewalt der Gehorsam stets über die Sterbende gehabt habe, sie sagte daher zu ihr: „Schreien Sie nicht, liebes Schwesterchen, Sie würden sonst die Kleinen unsers Heilandes, die jetzt schlafen, aufwecken!"

Obwohl Marie kein Lebenszeichen von sich gab, so schwieg sie augenblicklich, und stieß keine weitere Klage aus. Eine der sie pflegenden Klosterfrauen war einige Minuten mit ihr allein und beeilte sich, Marie ihre Aufträge für den Himmel zu geben, worauf ihr die Sterbende mit großer Klarheit antwortete. In dieser vertrauten Unterredung war es, dass Marie jene Eröffnungen über ihre inneren Leiden machte, von denen wir weiter oben gesprochen haben. ­Alle Jene, denen die Erlaubnis erteilt wurde, bei der teueren Schwester zu wachen, betrachteten dieses Vor­recht als eine der größten Gnaden, die man ihnen hätte bewilligen können, und noch nach 17 Jahren ist die Er­innerung daran ihrem Gedächtnisse ebenso vollkommen ge­blieben, wie ihren Herzen die in ihnen erweckten Gefühle; daher konnten sie uns auch genau alle Umstände angeben, die wir übrigens auch schon in dem Jahresberichte von Rennes im Jahre 1847 finden.

Wir glauben die Erzählung ihres Todes nicht besser beendigen zu können, als durch die Worte, welche die ehrw. M. Kerouartz am 10. Mai 1864 an uns richtete: „Heute am Jahrestag des Todes von Marie Lataste hat mich ihr Andenken noch nicht verlassen: jeder Augen­blick führt mich im Geiste zu ihr; ich wähnte wiederum bei diesen rührenden und tröstenden Stunden ihrer To­desangst zugegen zu sein. Gefühle, wie ich sie bei diesem Todesbette empfunden habe, hatte ich nie mehr, obwohl ich seitdem mehrere unserer Klosterfrauen auf sehr erbau­liche Art habe sterben sehen. Was im Jahr 1847 dar­über geschrieben wurde, gibt einen genauen Begriff von dem, was sich zugetragen hat; die Herzensergüsse unsrer lieben Sterbenden sind mitgeteilt worden; man darf jedoch nicht vergessen, dass sie ihr Leben durch einen heftigen Tod endete, dessen schreckliche Anfälle viel länger dauerten als die dazwischen fallende Ruhezeit, wodurch indessen ihre große Gewalt über sich selbst nur noch mehr hervorleuchtete. Ich war lebhaft bewegt von der Heiligkeit dieser Seele, deren heldenmütige Tugend mir jetzt so klar war; daher fühlte ich mich angetrieben, sie um Verzeihung zu bitten, wenn ich ihr vielleicht Leiden verursacht hätte; ebenso bat ich dringend um ihr Gebet für unsere ehrw. General­oberin, für unsere Gesellschaft und für mich. Meine ersten Worte beantwortete Marie mit einem ausdrucksvollen Blick, worin sich Erstaunen ausprägte; sie schien mir in ihrer tiefen Demut sagen zu wollen: „Warum sagen Sie ­mir das?" Hierauf versprach sie mir, dass sie mich nicht vergessen würde, dass sie im Himmel all Jener gedenken werde, die sie ans Erden so mit Wohltaten überhäuft hätten. In dem Maße, als sie sich dem Ende nahte, gelangte Marie Lataste allmählich wieder in die ihr zur zwei­ten Natur gewordene tiefe Sammlung. Wir sprachen mit ihr von dem Himmel, aus den sie loszusteuern schien; wir hielten es indessen nicht für nötig, ihr wie andern Sterbenden jene Anrufungen Gottes anzugeben, wodurch ihr Mut, ihr Vertrauen und ihr Glaube belebt wird. Wie hätten wir sie zur Geduld ermahnen können, da sie uns hierin das erhabenste Beispiel gab. Ihre Vereinigung mit dem Heiland war sichtlich, und ihre Liebe zu Ihm hatte sich ja aus jede Art geoffenbart.

Gegen 4 Uhr des Morgens schienen ihre Augen mit einem Ausdruck, der meinem Geiste noch gegenwärtig ist, Etwas zu suchen; sie sprach nicht, allein alles in ihr atmete Gottes Gegenwart. Ich bemühte mich, ihren Ge­danken zu erraten ... Um das, was in diesem Augen­blick geschah, zu verstehen, ist es gut, beizufügen, dass das Zimmer der Kranken mit großen Bäumen umgeben war und daran zu erinnern, dass in dieser frühen Morgenstunde, besonders im Frühjahr das Erwachen der Natur einen gewissen Zauber hat, der uns zum Schöpfer aller Dinge erhebt. Eine große Menge Vögel der verschiedensten Art ließen die Lust von ihrem Gesang erschallen und bildeten ein melodisches, entzückendes Konzert. Mir fiel ein, was wir über das Glück gesprochen hatten, den Herrn in Ewigkeit zu loben, und mir kam der Gedanke, zu der guten Schwester zu sagen: „Sie hören den Vögeln zu, die Gottes Lob singen?" --- Ein anmutiges Lächeln war ihre Antwort, etwas Unaussprechliches lag in ihrem Blick --- ich hatte sie verstanden. Wenn wir diesen an sich kleinen Umstand angeben, so geschieht es, weil er uns ein neuer Beweis der Reinheit und der Einfalt dieser auser­wählten Seele war; ihre süße Gewohnheit, ihren göttliche ­Meister überall zu sehen, in der Blume wie in der gan­zen Natur, verließ sie auch nicht bei dem Übergang der Zeit in die Ewigkeit, als sie so zu sagen der Erde kaum mehr angehörte.

Und wirklich, beinahe gleichzeitig, küsste sie ihr Kruzifix und entschlief der Himmel öffnete sich um sie aufzunehmen, das ist unsere innigste Überzeugung. Sie tauschte die Bitterkeiten der Verbannung gegen die Freu­den des Vaterlandes, es war der 10. Mai 1847. --­Herr Abbé Lemot war zwar sehr frühzeitig gekommen; allein dennoch zu spät um Zeuge dieses bewunderungs­würdigen Todes zu sein, worüber er untröstlich war; er ging in die kleine Zelle und fand Louise dort. --- Man hatte ihr nicht erlaubt die Nacht dort zuzubringen; allein jetzt war sie herbeigeeilt und rief die Dahingeschiedene um ihre Fürbitte an, so tief war der Eindruck, den ihr Bei­spiel auf sie gemacht. Der würdige Priester war selbst so ergriffen, dass er sich nicht enthalten konnte, die Postulantin an dies heilige Leben zu erinnern, indem er sie er­mahnte, dieser Seele nachzuahmen, um auch eines Tages ihre Seligkeit zu teilen. Himmlische Ruhe und himm­lischer Friede verbreiteten sich über unser Haus, fährt M. Kerouartz fort. Jede von uns ließ sowohl der Bewun­derung, womit Mariens Tugend uns erfüllte, als auch der Trauer, die teuere Schwester nun verloren zu haben, freien Lauf. Alle eilten soviel wie möglich in das Sterbezimmer, um sie zu betrachten. Die Spuren der großen Schmerzen, welche sie erduldet, waren von ihrem Antlitze verschwunden; sie hatte nicht die gewöhnliche Blässe des Todes und ihre Züge schienen fast belebt; eine engelgleiche Unschuld lag aus ihrer Stirn und es schien als ob sie friedlich schliefe. Diejenigen, welche ihr die letzten Liebes­dienste erwiesen, haben sogar versichert, dass ihre Glieder ihre Beweglichkeit beibehalten hatten.

„Wegen unsers kleinen Lokals hatte ich den Einfall, unsere teure Verstorbene in mein eigenes Zimmer brin­gen zu lassen, da der Zutritt zu demselben bequemer war. Ich habe bei ähnlichen Gelegenheiten immer eine unange­nehme Empfindung und eine Art Schauer bei den Leichen gehabt, und dieser Eindruck blieb mir dann jedesmal einige Zeit; diesmal jedoch fühlte ich keine Angst und überließ mich den meinem Amt obliegenden Beschäftigungen, wäh­rend ich nur durch eine spanische Wand von der Leiche getrennt war. Von Zeit zu Zeit unterbrach ich meine Arbeit, um zu Schwester Marie zu gehen, mir war als schliefe sie nur, ja ich selbst ruhte sogar einige Stunden auf meinem, ihrem Paradebett gegenüberstehenden Lager."

So weit gehen die Berichte von M. Keronartz, Andere versicherten uns gleichfalls, dass ihre Furcht gänzlich verschwunden war, dass sie vielmehr gleichsam die Seligkeit fühlten, welche die treue Braut des gekreuzigten Jesus jetzt genoss.

Auch die Zöglinge teilten dieses Gefühl mit den Klostersfrauen; das Lob der Schwester Marie bildete den Ge­genstand all ihrer Unterhaltungen und öfters wiederholten sie, dass sie nun bei Gott eine neue und mächtige Fürbitterin hätten. Weit davon entfernt den ihrem Alter so natürlichen Schauer zu empfinden bei dem Gedanken, dass eine Leiche im Hause sei, beeiferten sie sich, die Erlaubnis zu erhalten, die Tote zu besuchen und einige Augen­blicke vor diesen gesegneten Überresten, aus welchen himmlischer Friede ruhte, zu beten. An einer aus ihnen ge­schah ein Wunder der Gnade; wir finden es schon in dem oben erwähnten Rundschreiben vom Jahr 1847 aus Rennes angeführt. Fräulein A., sechszehn Jahre alt, hatte bisher aller für sie verwendeten Sorgfalt nicht entsprochen. Der sanfte Einfluss der Frömmigkeit hatte die Fehler ihres Charakters noch nicht überwunden und man hatte alle Ursache, Schlimmes für ihre Zukunft zu be­fürchten. Sie hatte Marie Lataste kennen und schätzen gelernt; wir werden ihre eigenen Worte anführen und daraus entnehmen, wie sie selbst über Marie Lataste urteilte; ebenso erzählt sie auch selbst den obengenannten Um­stand. Jetzt ist sie verheiratet und schreibt im Juli 1862 an die hochw. M. Kerouartz einen Brief, dem wir fol­gende Stelle entnehmen:

„Während der nur zu kurzen Zeit, die ich im Sacre- Coeur mit dieser Heiligen verlebte, fand ich in ihr ein Bei­spiel aller Tugenden, unter welchen mir indessen besonders auffielen: ihre große Demut, ihre zärtliche Andacht zum Herzen Jesu, ihre außerordentliche Sanftmut und engel­gleiche Herzenseinfalt. Ich hegte für diese Schwester aufrichtige Liebe und noch größere Verehrung; ich war ihr wohl Dank schuldig, da sie mir so viel Sorgfalt gewid­met hatte.

„Seit langer Zeit war sie leidend, dennoch zeigte sie sich immer ebenso geduldig und ergeben. Ich begegnete ihr eines Tages und sagte zu ihr: „Gute Schwester, Sie leiden viel?" ---„Doch nicht, Fräulein, ich bin glücklich darüber, zu leiden, was ich leide. Bald, so hoffe ich, werde ich zu meinem Jesus kommen. Es ist sehr süß zu sterben, wenn man Alles für Gott verlassen hat und Ihn allein liebt!" --- Diese Worte machten mir einen tiefen Eindruck, und veranlassen mich zu ernstem Nachdenken; auch ich hätte, wie diese heil. Schwester, ganz Gott ange­hören mögen. --­Diese Unterredung war die letzte, die ich mit ihr hatte, ich sah sie erst als Leiche wieder. Es würde mir schwer sein auszudrücken, was ich damals empfand; das sind Dinge, die man fühlen aber nicht beschreiben kann. Auf mein dringendes Bitten erlaubten Sie mir, ehrw. Frau und gute Mutter, die vielgeliebte Schwester noch einmal zu ­sehen; mich zog ein unbestimmtes Etwas zu ihr. --- Ich meine sie noch vor mir aus dem Totenbette zu sehen, mit Blumen umgeben, mit gefalteten Händen und dem Ausdruck himmlischer Freude auf ihren Zügen. In diesem Augenblick hatte ich so zu sagen einen Vorgeschmack des Glückes, das uns im Himmel zuteilwird; ich sah sie im Geiste vor ihrem Je­sus in verklärter Liebe, Fürbitte für mich einlegend, wäh­rend ich sie als Heilige anrief. Ich hing an Nichts mehr auf dieser Welt und war geneigt zu jedem Opfer; fühlte mich auch voll guten Willens und voll Muth, um dies in Ausführung zu bringen. Sie werden sich erinnern, dass ich von diesem Tage af ernstlich an der Besserung meines Charakters arbeitete und auf Fürbitte dieser teuren Schwester habe ich auch Kraft und Gnade dazu erlangt. Ihr verdanke ich meine Bekehrung."

Es wird nicht unnütz sein beizufügen, dass dieses junge Mädchen große Furcht vor den Toten hatte; sie trat zu­erst zitternd und mit geschlossenen Augen ein; nach einem kurzen Gebet warf sie einen Blick auf die Verstorbene, und nun blieb sie unbeweglich lange Zeit in andächtige Be­trachtung versenkt, nicht mehr auf das achtend, was um sie vorging. Den empfangenen guten Eindrücken getreu, beendigte sie den Monat Mariens mit rührender Andacht, gab demütige und aufrichtige Beweise ihrer Reue und wurde bald ein Beispiel für andere. Ihre über die plötzliche Änderung erstaunten und erbauten Gefährtinnen gaben ihr einstimmig die Auszeichnung des blauen Bandes. Diese gänzliche Besserung war eine dauernde. --- Später führte die M. Keronartz diese Tatsache einmal an, um zu beweisen, welch glücklichen Einfluss die Tugend auf junge Gemüter habe. Eine junge, erst später nach Rennes gekommene Klosterfrau gestand, dass nur das für ihre Oberin gehegte Vertrauen sie zu dem Glauben habe bestimmen können, dass die Pensionärin, die sie als so fromm, so bescheiden, so höflich, so aufopfernd kannte, jemals so schwierig zu behandeln gewesen sei, wie man es ihr schilderte: „Ich erinnere mich, dass ich sie Tugendakte habe ausüben sehen, zu denen mir, obwohl schon Novizin, der Mut gefehlt hätte!"

 

 

Neuntes Kapitel.

Aussagen über Marie Latastes  Tugend und Heiligkeit. Die ihr vom Heiland gemachten Versprechungen beginnen sich zu erfüllen. Schluss.

Wie sehr auch Maria stets besorgt gewesen war, verborgen zu bleiben, die Vollkommenheit ihrer Handlungen verriet sie. Schon als sie das Haus in der Straße Varennes verließ, hatte die M. du Boisbaudry gesagt: „Da geht eine Heilige ins Noviziat." Als dieselbe Mutter später nach Conflans als Novizenmeisterin berufen wurde, sagte sie zu einer Schwester, indem sie ihr Marie Lataste zeigte: „Sehen Sie, diese junge Novizin, sie wird einst eine große Heilige sein." --­Als die Mutter von Gramont sich nach Conflans begab, fragte sie die Mutter Garabis nach der von ihr geschickten Postulantin und sagte mit dem Tone inniger Überzeugung: „Was mich anbelangt, so halte ich sie für eine Heilige." Wer aber die M. v. Gramont gekannt hat, ihre Erfahrung, ihr ruhiges Urteil, ihre kluge Behutsamkeit, wenn es sich um Außergewöhnliches handelte, weiß, was dieses einfache, von ihr ausgesprochene Lob bedeutet. Es hat von ihren Lippen umso mehr Wert, als diese Schwester ihr im Austrage des Heilandes, betrübende Mitteilungen machen und ihr schmerzliche Prüfungen ankündigen musste.

Die ehrw. Mutter v. Charbonnel, General-Assistentin der Gesellschaft, welche Marie zur Gründung des Hauses in Rennes mitgenommen hatte, behielt sie im erbaulichsten Andenken. Wenn sie zuweilen ihre Befürchtungen aus­sprach über die Ereignisse, die über die Kirche und über Frankreich hereinzubrechen drohten, und die auch im Jahre 1848 eintrafen, so sagte sie jedesmal mit Nachdruck, dass sie dieselben von Marie Lataste habe voraussagen hören und gab dann jedesmal ihre Verehrung für die Tugend dieser Schwester, sowie ihr unbedingtes Vertrauen in deren Worte zu erkennen.

Als man daran war, die Werke Mariens herauszu­geben, wurden alle Nonnen, die sie gekannt hatten, über Schwester Lataste befragt; Aller Aussagen gingen über­einstimmend dahin, dass Marie eine Heilige gewesen sei. Wir haben alle diese Aussagen getreulich im Laufe dieser Lebensbeschreibung wiedergegeben, wenn auch nicht immer wörtlich, um eine zu große Weitläufigkeit zu vermeiden. Obwohl die Nonnen in den verschiedenen Gegenden zer­streut waren, wo die Gesellschaft Klöster besitzt, obwohl sie sich also nicht mit einander besprechen konnten, so hatten dennoch alle nur eine Stimme, um nach mehr als 15 Jahren von der großen Erbauung zu sprechen, welche ihr Verkehr mit Marie Lataste ihnen gewährt hatte. Dieser allgemeine Eindruck ist ein Beweis ihrer Heiligkeit.

Was die Klostergemeinde in Rennes betrifft, so war die Erinnerung an Marie Lataste noch lebhaft, als selbst ihre sterblichen Überreste schon lange dem Schoß der Erde anvertraut waren. Oft wurden die Worte wieder­holt: „Ich will eine Schwester Lataste werden!" und allgemein fühlte man sich zur Ausübung der klösterlichen Tugenden angeregt und mit Mut erfüllt. Eine noch sehr junge Schwester, die schon lange ernstleidend war, ­war einst sehr fröhlich und heiter; man schrieb diese Hei­terkeit einer in ihrem Gesundheitszustand eingetretenen Besserung zu; sie aber erwiderte: „Sie irren sich, wenn man aber eine Schwester Lataste werden will, so muss mau sein Kreuz mit Freuden tragen. O! wenn ich so wie sie sterben könnte!" . . .

Man las den Laienschwestern zuweilen die Vorsätze der Verstorbenen vor, von denen wir schon gesprochen, um dieselben anzuregen sich zu erneuen oder in ihrem heil. Beruf auszuharren; sie fanden darin eine vollendete Heiligkeit, wie man sie in dem Leben des heil. Aloysius und anderer Heiligen beschrieben findet, welche früh vollendet gleichwohl viele Jahre erreicht haben. Die Schwächsten fragten sich zuweilen, ob es ihnen möglich sein werde, ein so vollkommenes Vorbild zu erreichen. Alle sprachen gerne von ihr und wetteiferten, sich an die Beispiele, deren Zeugen sie gewesen, zu erinnern. Diese Beispiele mussten sehr auffallend sein, denn im ersten Jahre der Gründung in Rennes waren so wenige Nonnen daselbst, der Arbeit aber gab es so viele, und zwar eine Körper und Geist beschäftigende Arbeit, dass sie sich kaum Etwas mitteilen konnten, sich kaum sahen, ja man möchte sagen, kaum kennen lernen konnten.

Eine Klosterfrau, die drei Jahre nach dem Tode Marie Latastes nach Rennes geschickt wurde, sagte: „Ich hörte in den Erholungen immer und immer wieder von Lataste reden, besonders die Erzählung ihrer letzten Stunden; ich gestehe, dass ich dies einer frommen Begeisterung zu­schrieb, welche durch die Zeit geschwächt würde. Geraume Zeit ist indessen verflossen, der Eindruck jedoch ist nicht schwächer geworden, im Gegenteil bestätigte sich der Ausspruch der heil. Schrift:  „Das Andenken des Ge­rechten besteht in Ewigkeit."

Am 19. Mai hatte der Abbe Dupérier Marinus Tod erfahren; er schrieb darauf an die M. Kerouartz einen Brief, dessen Haupt-Inhalt wir hier wieder geben wollen, da er uns würdig schien, als Zeugnis für die Heiligkeit derjenigen zu gelten, die derselbe Priester einst als Träumerin und Geisterseherin behandelt hatte: Madame!

Ich habe die Nachricht von dem Tode einer Ihrer Schwestern, der Marie Lataste erhalten. Ich weiß nicht, soll ich Ihnen bei dieser Gelegenheit kondolieren oder gratulieren, da Sie nun eine Beschützerin mehr im Himmel haben; denn ich habe die feste Überzeugung, dass Schwester Marie eine Heilige war.

Ich lernte dieses Mädchen zwei bis drei Jahre vor ihrem Eintritt ins Noviziat des heil. Herzens kennen. In ihrer Pfarrei war sie stets das Muster der Tugend. Obwohl sie nie Unterricht erhielt, und nie in die Schule ging, nur einiges von ihrer Mutter lernte, die selbst nicht viel wusste, hat sie dennoch in klarer, genauer und wunderbarer Weise sehr Vieles über Reli­gion, über die Frömmigkeit und das mystische Leben geschrieben. Ihre Schriften wurden meiner Prüfung unterworfen; auch ließ ich sie noch durch Andere beurteilen; Alle, welche dieselben lasen, fanden sie wunderbar. Sie enthalten einige Prophezeiungen, unter anderen Eine, die ihren nahen Tod anzukünden scheint. .... Ich würde Ihnen sehr verbunden sein, Madame, wenn Sie die Güte hätten, mir einige Mitteilungen zukommen zu lassen über den frühen Tod dieser jungen Schwester sowohl, als auch über das Urteil, das über sie im Noviziate und in Rennes gefällt wird. Ich werde diese Mitteilungen nur nach Ihrem Wunsche gebrauchen, vielleicht können dieselben jedoch eines Tages zur Förderung der Ehre Gottes und zum Heile der Seelen dienen. Ich bin mit der tiefsten Ehrfurcht c.. Dupérier, Professor der Theologie in Dax.

­So war das Leben und der Tod dieser demütigen Schwester; ihre Schriften werden diese unsere Skizze ver­vollständigen. Es ist erlaubt zu glauben, dass, wenn bis jetzt Gott in Seinen undurchdringlichen Absichten das Gebet Seiner treuen Dienerin erhörte, indem Er sie unbekannt ließ, dennoch jetzt der Augenblick gekommen sei, wo die Versprechungen, die sie aus Seinem Munde hörte, in Erfüllung gehen werden: „Ich werde deinen Namen unter den Verehrern meines heil. Sakramentes berühmt machen!" ---„Alles, was ich dir gesagt, wird in der Welt ver­breitet werden, und dies wird Vielen zum Heile dienen !" --­Diese Worte sollten indessen nicht während ihres kur­zen Lebens in Erfüllung gehen; das Licht musste unter den Scheffel gestellt werden, um später seinen Glanz noch mehr leuchten zu lassen. Und wirklich, wäre Marie gleich anfänglich besser gekannt und als Chorfrau angenommen worden, und hätte sie das ihren Kenntnissen mangelnde noch durch Studium ersetzt, was ihren seltenen Geistes­gaben ein Leichtes gewesen wäre, so wäre sie eines der ausgezeichnetsten und hervorragendsten Mitglieder der Gesellschaft geworden; dann aber hätte man sicher nicht er­mangelt ihre Werke ihren natürlichen Kenntnissen zuzuschreiben; man hätte wenigstens behauptet, dass sie die­selben nach ihrem Eintritt durchgearbeitet und verbessert habe, während man jetzt gezwungen ist Gottes Hand darin zu finden.

Beim Lesen dieser Schriften haben schon Personen aller Länder und jeden Standes sich in dem Streben nach Lebensbesserung gekräftigt; sie fassten den Entschluss denjenigen mehr zu lieben, dessen Herz sich mit solcher Güte Seiner treuen Dienerin offenbarte, den Entschluss, Ihm hingebender zu dienen. Andere, die vom Wege der Pflicht abgeirrt waren, sind dem Rufe der Gnade gefolgt; Einige sogar haben in Folge davon zur Ausübung der evange­lischen Räte sich entschlossen. ­Wären nicht gewisse Rücksichten zu beobachten, so könnten wir mehr als ein Beispiel anführen; allein wir finden ein, von Herrn Darbins in der ersten Ausgabe ausgezeichnetes Beispiel, das wir hier niederschreiben wollen. Der Herr Pfarrer hatte Marie Latastes erste Hefte einer in der Stadt Dax wohnenden Magistratsperson mitgeteilt, der ihm seinen Dank dafür ausdrückte und folgende Worte beifügte:

,,Das Lesen dieser Schriften hat mir großes, ganz unaussprechliches Vergnügen gemacht; einen schwachen Begriff dieses Eindruckes kann ich Ihnen indessen geben: Gott hat mir meine an schwerer, lebensgefährlicher Krankheit daniederliegende Tochter wieder geschenkt; hätte ich sie jedoch verloren, so glaube ich kaum, dass ich den Schmerz damals überlebt hätte. Doch jetzt, nachdem ich dies ge­lesen, bin ich zu jedem Kampfe bereit; ich glaube den Mut zu haben alles zu ertragen, und dabei zu sagen: „Herr, Dein Wille geschehe!" Mit Freuden würde ich sogar mein Leben opfern und gerne sterben." --­Ebenso können wir die Versicherung geben, dass viele Personen sich angezogen fühlten, das demütige Landmäd­chen von Mimbaste, welches die Braut des Königs der Könige geworden, anzurufen, und ganz besondere Gnaden auf ihre Fürbitte erlangt haben. Unglücklicherweise kennt man bis auf den heutigen Tag den Platz ihres Begrabnisses nicht. Wenige Tage nach ihrem Tode erkundigte sich die Oberin, ob man auf ihr Grab ein Kreuz, mit der in der Gesellschaft üblichen Aufschrift gepflanzt habe; da dies nicht geschehen war, so wollte sie ohne Zögern diese Nachlässigkeit gut machen, und ließ den Aufseher des Kirchhofes bitten das Grab zu bezeichnen. Dieser antwortete jedoch, dass es unmöglich sei eine genaue An­gabe des Grabes zu machen, da an diesem Tage mehrere Begräbnisse stattgesunden hätten. Die Mutter Kerouartz erinnerte sich nun daran, wie oft die gute Schwester ihr wiederholt hatte, dass sie Gott bitte nach ihrem Tode ­ebenso unbekannt bleiben zu dürfen, wie sie es im Leben gewesen war; sie glaubte in diesem Umstande eine besondere Zulassung von Oben zu erblicken, und ver­zichtete darauf, weitere Schritte zu tun, welche damals leicht zum Ziele geführt hätten. Diese Unachtsamkeit ist bei einem Begräbnis unerklärlich und wir können uns darüber nur durch den Gedanken trösten, dass die Vorsehung es so gewollt, sowie durch die Hoffnung, dass der göttliche Heiland dereinst in Seinem unerforschlichen Rat­schlüssen vielleicht noch Seine Macht offenbaren wird und die flehentlichen, von so Vielen an Ihn gerichteten Bitten um Auffindung der sterblichen Überreste Seiner treuen Dienerin erhören wird.

In Erwartung des Augenblicks, wo das heil. Herz die einstimmigen Bitten erhören wird, wurde die kleine Zelle, wo diese reine und heldenmütige Seele ihr Opfer vollendete, in ein bescheidenes, dem heil. Herzen Jesu geweihtes Oratorium verwandelt. Geistliche und Welt­liche bitten oft um Zutritt zu diesem Heiligtum, und die Mitglieder der Gesellschaft beten und betrachten oft daselbst und gedenken der frommen sich an diesen Ort knüpfenden Erinnerungen, indem sie Gott danken, ihnen ein solches Vorbild gegeben zu haben, und sich bestreben, den Fußstapfen jener zu folgen, die Er in Seiner Liebe ihnen auf Erden zur Schwester gegeben und deren mäch­tige Fürsprache im Himmel sie schon mehr als einmal erfahren haben. Voll Dankes hatten sie die Wahrheit der Worte des Heilandes erfahren, mit denen Er die Seiner Dienerin mitgeteilte Parabel schloss: .

,,Glücklich wird das Gartenland sein, wohin der König die Pflanze der Wüste versetzen wird."

 

 

Zehntes Kapitel.

Allgemeiner Üeberblick über Marie Latastes Schrlsten, Meinungen mehrerer Personen in Anbetracht derselben. 

Nachdem wir bis jetzt gezeigt haben, wie dieses demütige und einfache, von unserm Heilande so reich begnadigte Landmädchen gelebt hat, halten wir es für passend, dem Leser einen allgemeinen Überblick über ihre hinterlassenen Schriften zu geben, in welchen die Belehrungen ausgezeichnet sind, die sie zur Richtschnur ihres Lebens gemacht hatte. Wir beschränken uns darauf, in Kürze mitzuteilen, was Geistliche darüber sagen, die befähigt sind darüber ein maßgebendes Urteil zu fällen.

Marie Latastes Werke, wie sie von Herrn Abbe Pascal Darbins, Neffen des ehemaligen Pfarrers von Mimbaste veröffentlicht wurden, bilden zwei für sich selbst bestehende Teile. Ein Teil enthält ihre Briefe, welche mit Ausnahme von sieben vor ihrem Eintritt ins Sacre-Coeur geschrieben wurden. Sie beantwortet in denselben mehrere Fragen ihres Seelenführers über ihr Leben und über die von unserm Heilande empfangenen Gnaden. Sie spricht in denselben auch über verschiedene Gegenstände der Dogmatik, der Moral, oder des frommen Lebens; entweder um Etwas, über das sie schon geschrieben zu ergänzen, wie sie selbst sagt, oder auch um Rechenschaft zu geben über neue ihr erst mitgeteilte Offenbarungen. Mehrere dieser Briefe wurden besonders merkwürdig gefunden. Unter andern zitiert man den 1., 2. und 3. des dritten Bandes, die sich auf die Notwendigkeit einen Seelenführer zu haben beziehen und auf die Art, wie man sich ihm gegenüber zu verhalten hat, und welche Eigenschaften der Seelen­führer haben muss; ferner die Briefe aus demselben Bande, welche von der Vereinigung des Körpers mit der Seele handeln, von den Fähigkeiten der Seele, und der Auf­gabe, die jeder einzelnen Fähigkeit zukommt; dann der 13. Brief, welcher Jesus am Kreuze zum Gegenstande hat. Übrigens haben wir im Laufe unsrer Lebens­beschreibung ziemlich viel Stellen aus den Briefen ange­führt, so dass der Leser einen Begriff davon haben wird. Der andere, viel wichtigere Teil der Schriften enthält die Reihenfolge aller Belehrungen, welche Marie Lataste vom Heilande empfangen hatte. Diese Belehrungen umfassen in ihren Hauptumrissen die ganze katholische Lehre: Dogmatik und Moral. Hier folgen die darin entwickelten Hauptlehren:

  Gott und die Schöpfung.
   
  Allgemeine Beziehungen Gottes zu den Menschen. Jesus Christus, Sein Wirken in der göttlichen Heilsordnung.
   
  Die hauptsächlichsten Geheimnisse Seines Lebens.
   
 

Die heil. Jungfrau, ihr Mittleramt, ihre Geheimnisse. Die heil. Engel; die Teufel und ihr Verhältnis zu  den Menschen. Das priesterliche Amt.

   
  Der Christ und seine Pflichten.
   
  Die Religion im Allgemeinen und die großen Handlungen in derselben.
  Die Kommunion, die Beichte und das Gebet.
   
  Die Pflicht der Selbstverleugnung und der Abtötung. Die Gnade, ihre Einteilung, ihre Wirkungen.
   
  Die theologischen und Haupttugenden. Die Gaben des heil. Geistes.
   
  Die Sünden, ihre Ursachen, ihre Arten.
   
  Die vermiedenen Beziehungen der Menschen zu einan­der, oder die Pflichten der vermiedenen Stände. Der Klosterberuf.
   
  Die letzten Dinge des Menschen.
   
  Die Vergangenheit, ein Bild der Zukunft oder allegorische  Erklärung einiger Tatsachen des Alten Testamentes.

­Diese Gegenstände sind zwar in vielen Werken abge­handelt; indessen befindet sich vielleicht darunter nicht Eines, welches in einem so engen Raume ein reicheres und vollständigeres Ganzes der Religionswahrheiten ent­hält. Man findet darin eine weitläufige Darstellung aller dogmatischen Wahrheiten, mit den verschiedensten morali­schen Anwendungen, sowie die ersten Grundsätze des geistlichen Lebens.

Dieses Buch hat das seltene Verdienst, Reichtum des Inhalts mit Bestimmtheit und Klarheit im Ausdruck zu verbinden. Trotz der außerordentlichen Anhäufung von Gegenständen ist der Stil desselben leicht, klar und fließend. Die erhabensten Geheimnisse sind in demselben mit großer Kühnheit des Ausdrucks und beinahe immer mit besonders glücklich gewählten Worten gegeben. Die Worte sind klar, bestimmt, treffend und zuweilen staunenswert genau. Diese letzte Eigenschaft bemerkt man auch vorzüglich an jenen Bildern und Beschreibungen, welche man geneigt sein könnte für Wirkungen der Einbildung zu halten; Alles ist in einem maßvollen und ruhigen Tone geschrieben; keine Spur von Überschwenglichkeit oder Exaltation; im Gegenteil trägt jede Seite das Ge­präge eines didaktischen, ich möchte sagen eines in seiner Denk- und Redeweise positiven Geistes. Der Stil wird zwar zuweilen ziemlich erhaben, und hat eine außergewöhnliche Kraft, demungeachtet ist die Einfachheit und zwar eine edle, leichte, salbungsvolle Einfachheit die her­vorragendste Eigentümlichkeit desselben.

Einige kurze Stellen aus diesen Schriften werden nicht überflüssig sein, um obige Aussprüche zu rechtfertigen. Hier folgt zuerst eine Stelle über die christliche Seelenlehre:

„Wenn der Verstand über eine Sache geurteilt hat, so stellt er dies dem Willen als dem König und dem Obern der andern Fähigkeiten vor. Wenn das, was dem Willen vorgeschlagen ist, ihm gefällt, so genehmigt er es; ­wenn es dem Willen nicht gefällt, oder wenn er misstrauisch ist, so verlangt er von dem Verstande eine wie­derholte Untersuchung. Der Verstand forscht von Neuem mit Hilfe des Gedächtnisses und der Phantasie, und sucht das, was sich darbietet dem Willen genehm zu machen. --­Der Teufel beeilt sich indessen jedesmal an den Berat­ungen der Seelenkräfte Teil zu nehmen; er sucht seine Finsternisse zu verbreiten und einen den von ihm vorgebrachten Gründen und seiner Absicht entsprechenden Er­folg zu erzielen. Der Wille indessen hat einen scharfen Beurteiler, einen Zeugen seiner Handlungen, eine Stimme, die ihm sagt, ob dieselben gut oder schlecht sind, ob er das ihm Vorgeschlagene genehmigen oder verwerfen soll, nämlich das Gewissen. Wenn der Wille gegen das Gefühl des Gewissens handelt, so erhebt er seine Stimme, und dies ist die Stimme Gottes und diese Stimme ist voll bitterer und unaufhörlicher Vorwürfe. Wenn der Wille indessen nach den Eingebungen des Gewissens han­delt, so bleiben die Seelenkräfte in guter Harmonie und im Frieden, weil sie ihrem Zwecke gemäß geordnet sind. Die Vernunft ist die Leuchte des Willens, das Gewissen aber die Stimme, die ihm sagt, diesem Licht gemäß zu wandeln." (3. B.)

Was kann rührender sein, als folgende Worte. „Meine Seele strömt über vor Freude, wenn Jesus mit mir über Sich selbst spricht, oder wenn Er sich mir zeigt, und meine Freude ist nicht geringer, wenn Er von Seiner Mutter redet, oder wenn sie meinen Augen sich zeigt, oder selbst zu mir spricht. Wenn Jesus mir von Maria spricht, so spricht Er von sich selbst; wenn ich Maria sehe, so sehe ich Jesus; wenn Maria sich mit mir unterhält, und mich ihre Stimme hören lässt, so scheint es, als ob Jesus zu mir spräche. Ich mache keinen Unterschied zwischen den Stimmen Jesu und Marias. Wenn die Augen meiner Seele oder meines Körpers geschlossen wären, und ich Jesus und Maria hören würde, ohne sie zu sehen, so ­könnte ich die Stimmen nicht unterscheiden. Ich habe indessen bemerkt, dass Marias Stimme immer voll Sanftmut, Güte und Zärtlichkeit ist; die Stimme Jefu ist aber zuweilen strenge und hat einen gerechten, drohenden Klang, den ich bei Maria nie hörte. Die Stimme Marias ist immer dieselbe, voll unbeschreiblicher Sanftmut gegen die Gerechten, wie gegen die Sünder. Warum wohl das? Ich weiß es nicht; was ich aber weiß, ist, dass Maria die Mutter des am Kreuze gestorbenen Sohnes Gottes, und dass sie unsere Mutter ist. O Maria! Mutter Jesu und meine Mutter, ich liebe Dich, ich preise Dich, ich lobe Dich, ich gebe mich Dir ganz hin." (2. Band.)

Endlich welche Kraft in der Schilderung der Qualen der Verworfenen:

„O mein Gott! Welcher Hass gegen Dich herrscht in ihren Seelen, welcher Hass gegen sich selbst, welcher Hass gegen jene, die sie zur Sünde fortgerissen haben! Ent­strömen nicht gleichsam aus der tiefsten Seele dieser Un­glücklichen Verwünschungen, Flüche, Beleidigungen und Drohungen, welche die Hölle durchfurchen und die Flammen derselben von Neuem aus ewig beleben!" --­Wir haben diese Stellen angeführt ohne lang auszu­wählen; viele andere nicht weniger bemerkenswert, boten sich uns dar.

Schließlich glauben wir in voller Wahrheit und ohne von übertriebener Begeisterung hingerissen zu sein, sagen zu dürfen, dass M. Latastes Schriften einen großen Wert haben, sowohl durch den Reichtum des Inhaltes, als auch durch die Eigenschaften der äußeren Form.

Herr Darbins und Andere nach ihm nehmen keinen Anstand zu sagen, dass der Stil dieses Werkes an den Stil der Bibel erinnert. Es ist sicher, wenn man diese Arbeit auch nur in Bezug aus den literarischen Wert betrachtet, so wäre dieselbe für ein Landmädchen mit ihren natürlichen Fähigkeiten ganz unmöglich. Die geistige Aus­bildung des Verstandes aber, welche Marie durch ihre ­Mutter erhielt, konnte unmöglich den Grund zu einem solchen Stile legen; eben so wenig konnte sie denselben durch Lesen sich erwerben; denn sie hatte nur sehr wenig Werke und meistens ganz gewöhnliche in Händen. Bedenkt man überdies, dass ihre gewöhnliche Sprache den Gascogner Dialekt hatte, so kann man sich solche Schriften unmöglich ihre besondere übernatürliche Hilfe erklären! --­Was wird man aber erst sagen, wenn man den Reichtum des Inhaltes betrachtet? Marie Lataste gibt in ihren Werken die heilsamsten und erhabensten Lehren in Bezug auf Gott. Wie erhaben sind die Gedanken über die Allmacht, die Weisheit, die Barmherzigkeit, die Ge­rechtigkeit, die Heiligkeit, endlich über alle göttlichen Voll­kommenheiten! Sie spricht über die Geheimnisse der Drei­einigkeit, der Menschwerdung und der Erlösung mit einer Tiefe der Anschauung und mit einer Kenntnis, die der Art und Weise gleich kommt, in welcher die größten Ge­lehrten in der Kirche gesprochen haben. Sie wirft die schwersten Fragen auf, z. B. jene der Vorherbestimmung und löst dieselben mit solcher Klarheit und Einfachheit, dass sie den wenigstbegabtesten Geistern verständlich wer­den. Auf wenigen Seiten hat sie vereinigt, was die besten Theologen Wichtiges über die Gnade, über die Tugend und über die Sünde geschrieben haben. Alles ist mit der eines Gelehrten würdigen Ordnung, Methode und Klarheit dargestellt.

Indessen ist es wahr, dass man in dem dogmatischen Teil dieser Schriften einige nicht ganz genaue Ausdrücke findet, in welchen gewisse Kritiker eine Ketzerei haben ent­decken wollen. Mit Rückficht darauf befinden sich in der zweiten Auflage Notizen, welche wir ausgezeichneten Theo­logen verdanken, in welchen diese Stellen hervorgehoben, verbessert oder aus andern Texten ihrer Schriften erklärt werden. Der größte Teil dieser Widerlegungen befand sich überdies schon in der von dem P. Toulemont redigierten Zeitschrift: „La Révue périodique“. Die Ab­handlung darin über Marie Latastes Schriften schließt mit den Worten: „Die kleine Anzahl mangelhafter Texte ist in einer großen Sammlung von Lehren zerstreut, welche alle korrekt und genau sind; ja die meisten dieser schein­baren Irrungen verschwinden, wenn man die Lehren im Ganzen studiert. Es ist daher, fügt er bei, keine Ver­wegenheit zu sagen, dass Marie Latastes Gedanke niemals irrig ist: es ist nur der Ausdruck, dem es, wie der hochw. Bischof von Aire sagt, zuweilen an Ge­nauigkeit fehlt."

„Es ist klar, sagt wiederum derselbe P., dass diese Worte nicht von unserm Heilande angegeben wurden; allein Marie Lataste ist gleich im Anfange ihrer Werke sorgfältig darauf bedacht zu erklären, dass sie nicht Alles so ausdrücken könne, wie sie es gehört habe. An einer anderen Stelle sagt sie: „Ich habe nicht so gesprochen wie der Heiland, sondern so, wie ich konnte, und wie Er es mir erlaubte;" weiter fügt sie bei, dass sie Jesus nicht immer hört, wenn Er spricht; aber dass sie ihn durch Seinen Blick, durch Seine Halt­ung versteht, dass sie deshalb keinen Ausdruck findet für das, was ihr ohne Worte gezeigt wurde ....

Ist es daher zu verwundern, wenn ihr die richtigen Ausdrücke zuweilen gefehlt haben? Ist es endlich über­raschend, dass ein armes Landmädchen nicht immer die strenge, theologische Sprache führt, wenn sie nach zwei Jahren Zwischenzeit eine Sammlung von Lehren nieder­schreibt, welche mehr als einen Band umfassen und die zartesten und schwierigsten Fragen behandeln?

Wir verweisen unsere Leser auf die Grundsätze, die wir, dem Urteile ausgezeichneter Theologen folgend, in unserm Werke schon ausgesprochen haben, nämlich über die besonderen Offenbarungen einzelner Personen. Wenn der Leser das dort Gesagte hier anwendet, so wird er nicht mehr staunen, dass eine Person, welche Gott nicht zu Seinem authentischen Werkzeug machen wollte, zuweilen-­im Ausdrucke gefehlt habe, wie dies bei mehreren Heiligen in ihren Schriften über dieselben Gegenstände der Fall ist. Der moralische Teil der Werke ist nicht weniger empfehlenswert, als der dogmatische: die Moral ist nur das in Anwendung gebrachte Dogma, sie ist die unver­meidliche Folgerung desselben.

Nachdem Marie die Wahrheit offen dargelegt, weiß sie Liebe zu derselben einzuflößen: sie erfasst so zu sagen die Seele und stellt sie auf den einzig guten und wahren Weg. Sie reißt dieselbe fort, trotz der von der gefallenen Natur entgegengesetzten Hindernisse; denn ihr Wort ist so überzeugend, sie verbindet mit großer Kraft eine solche Salbung, dass es fast unmöglich ist, ihr zu widerstehen. Sie wendet sich nicht nur an fromme, gläubige Seelen, um sie mit den Tugenden und Pflichten des geistigen Lebens mehr vertraut zu machen, sondern sie scheint sogar die Hauptwunden unseres Jahrhunderts erkannt zu haben, und gibt die Mittel an, um dieselben zu heilen; sie zeigt die heut zu Tage verbreiteten lügneri­schen Grundsätze und gibt an, was vor den schlimmen Folgen derselben schützen kann. Ist dies, menschlich gesprochen, nicht unerklärlich von einem in der größten Zu­rückgezogenheit lebenden jungen Mädchen?

So z. B. würde es schwer sein, die traurigen Folgen der religiösen Gleichgültigkeit oder den Undank der ihren Leidenschaften sich überlassenden Menschen, das Unglück  in den Familien, in den Städten, in den Staaten, welche sich von Gott entfernen, mit ergreifenderen Zügen zu zeichnen; sie ruft Alle mit sanften und überzeugenden Worten zur Pflicht zurück.

Der ungeordneten Leidenschaft unsrer Tage für Wissenschaft und Kunst, wodurch nur zu oft die einzig notwendige Wissenschaft vergessen wird, setzt sie die Notwendigkeit entgegen, Gott, Seinen Willen, Seine Gebote und endlich die Mittel zu kennen, welche uns zum einzigen und wahren Gute führen. Sie bekämpft den unersätt­lichen Durst nach Reichtum und Genuss, den daraus ent­springenden Luxus, des Ehrgeiz, den man zuweilen sogar bei dem größten Elend findet; für den Reichen, wie für den Armen hat sie Belehrung und Aufmunterung. --­Marie Lataste hat sogar Worte für Jene, denen gesagt wurde: „Gehet hin und lehret alle Völker." Sie stellt die Größe und Würde des Priestertums dar, die erhabene Mission derjenigen, die damit bekleidet sind; sie legt besonderen Nachdruck darauf, dass ihnen Ehrfurcht und Dank gebührt, wofür ihnen nur zu häufig Undank und Verachtung zu Teil wird.

Ferner findet man in ihren Schriften mehr als einen Beweis von der dieser auserwählten Seele verliehenen Kenntnis der inneren Stimmung anderer Menschen sowohl, als auch gewisser Ereignisse, die sie auf natürlichem Wege nicht wissen konnte. Wir weisen nur auf die Stelle hin, wo sie davon spricht, dass die Lehre von der unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau zum Dogma er­hoben werde (2. Bd.), obwohl sie vor 1844 schrieb, als unser hl. Vater Pius lX. noch nicht auf dem päpstlichen Stuhle saß.

Eine vollständige Übersicht all dessen zu geben, was dieses vortreffliche Werk enthält, würde uns zu weit führen; es ist kein Stand, keine Lage, für welche nicht Verhaltensmaßregeln gegeben wären: die Jugend und das reife Alter, der Priester und der Laie, der Familienvater und die Familienmutter für das schwere und so wichtige Werk der Kindererziehung, die zum Klosterleben berufenen Seelen, die Witwen sogar, mit einem Worte alle finden in diesen Schriften Belehrung, Trost und Aufmunterung zum Guten. Welche Belehrung z. B. können die mit der Führung andrer Seelen Betrauten in der Art finden, wie der Heiland Seine demütige Schülerin leitete. Und jene, welche sich der Erziehung widmen, welche Erfahrung können sie nicht dadurch erlangen! Wenn sie diese Belehrungen betrachten und in Ausführung bringen, so ­werden sie reichliche Früchte von ihren Arbeiten und Mühen ernten. Endlich mögen die dem inneren Leben sich widmen­den Seelen an Marie Lataste lernen, was sie ihren gött­lichen Meister gegenüber sein sollen, und sie werden begreifen, dass Sein göttliches Herz Gnade und Erleuchtung für jene hat, die sich Ihm hingeben und überlassen.

Was wir hier behaupten ist kein frommer Traum der Phantasie. Der hochw. Bischof von Aire sagt in der den Schriften erteilten Approbation, dass wenn dieselben in einem bescheidenen und frommen Geiste ge­lesen werden, sie den Seelen sehr nützlich sein und ge­segnete Früchte hervorbringen würden. Beispiele beweisen uns bereits, dass mehrere Personen das erfahren haben. Wir wollen nun auch noch die Meinungen verschiedener Personen bezüglich dieser Schriften anführen.

Einer der hervorragendsten Priester der Diözese von Aire, welchen der hochw. Bischof mit der Untersuchung ihrer Werke beantragte, schrieb an den Herrn Abbe Darbins: „Ich kann nicht ausdrücken, was meine Seele bei dem wiederholten Lesen des mir geschickten ersten Heftes empfunden hat. Ich schätze es als eine große, mir von Gott erwiesene Gnade, dass mir dieselben vorgelegt wur­den. Wenn man ganz absieht von dem wunderbaren Verkehr des Heilandes mit dem demütigen Mädchen von Mimbaste, so weht in ihren Schriften ein solcher Hauch göttlicher Eingebung, ein solcher Friede, eine so zarte Einfalt, eine so tiefe Salbung, dass sie meines Erachtens aus die Seele den Eindruck machen, man entdecke Gott und Seinen hl. Geist darin."

Am 21. Febr. 1862 schrieb derselbe Priester wieder: „Der bei mir durch Marie Latastes Schriften hervorgebrachte Eindruck wird immer wirksamer.. Wenn ich diese große Menge von Wahrheiten sehe, die alle gleich erhaben sind, so staune und bewundere ich, und ich kann nicht anders, als auf jeder Seite Gottes Eingebung erkennen."

--- Später fügt er noch bei: „Je öfter man diese schönen Stellen liest, desto mehr bewundert man sie. Es weht daraus eine vollständige Erziehung der Seele durch den göttlichen Meister. Ich betrachtete diese Schriften und mein  Geist wie mein Körper findet Ruhe darin." --­Ein anderer Theologe drückt seine Meinung folgen­dermaßen aus: „Ich kenne heut zu Tage keinen Mann, wie gelehrt er auch in der Theologie sein möge, der fähig wäre, in vielen Jahren ein solches Werk zu schreiben, während dieses Landmädchen dasselbe in nicht ganz drei Jahren vollendete, und dazu nur einige dem Schlafe und  den häuslichen Arbeiten entzogene Stunden verwendete!"

Ein Anderer sagt, nachdem er die Schriften gelesen und untersucht hatte, dass sie den hervorragendsten und der Frömmigkeit nützlichsten Schriften der Art zur Seite gestellt werden dürfen! --­Die Karmeliterinnen von Aire, welche unter den Ersteren waren, die die Werke lasen, waren ganz durchdrungen davon und die Oberin schrieb an Herrn Darbins ihre Gedanken und Empfindungen darüber; sie schloss mit den Worten: „O! wie wunderbar ist Gott! Er hat sich die­ses armseligen Geschöpfes, in welchem Er allein tätig sein konnte, bedient, um durch sie über die großen Wahr­heiten der Religion zu sprechen, und dadurch gleichsam alles zu bestätigen, was unsere hl. und gelehrten Kir­chenväter gesagt haben, deren erhabene Gedanken man indessen ihrem Genie oder ihrem persönlichen Scharfsinn zuschreiben könnte. Hier kann man nichts Anderes sehen als Gottes Geist. Das Lesen dieser Werke kann nur die beste Wirkung haben."

In der Gesellschaft des hl. Herzens sind diese Schriften erst nach ihrer Veröffentlichung bekannt worden; der Ein­druck, welchen sie allenthalben in derselben hervorriefen, sowohl in Frankreich als in andern Ländern, kann in folgenden Worten zusammengefasst werden: „In diesen wunderbaren Werken sind die Wahrheiten mit solcher Kraft, solcher Erhabenheit und solcher Klarheit ausgedrückt, dass der Geist ganz davon ergriffen und der Glauben umso lebendiger wird. Die salbungsvolle Frömmigkeit dieser Werke geht zum Herzen und erregt den Wunsch, Gott, der sich gegen Seine demütige Magd so freigebig gezeigt, besser zu dienen, und Ihm eine reinere Liebe zu weihen. Es zieht sich durch die Schriften ein süßer Wohlgeruch, den man, mit Ausnahme der hl. Schrift, vergeblich anderswo suchen würde. Auch wird man nicht müde sie zu lesen; man kehrt immer wieder zu ihnen zurück und kann sich nicht losreißen. Es ist eine reichhaltige Mine, wo man immer wieder neue Schätze entdeckt. Die Seele nährt sich voll Wonne damit und schöpft daraus tiefere Kenntnis des Heilandes; denn diese Kundgebung Seiner unend­lichen Güte bringt Ihn so zu sagen Seinem Geschöpfe näher und ladet dasselbe ein, sich rückhaltlos Seinem hl. Herzen, der Quelle so vieler Gnaden zu nahen. Es ist unmöglich diese Werke zu lesen ohne von ihnen einge­nommen zu werden und ohne die Einwirkung Gottes dabei wahrzunehmen; und zudem sind nicht schon die Eindrücke, die sie hervorgerufen, und die Früchte der Buße, die sie bewirkt, unverwerfliche Zeugnisse ihres übernatürlichen und göttlichen Ursprungs?

Wir haben auch noch mehrere Briefe vor uns liegen, in welchen hochgestellte Geistliche oder solche, die durch ihre Wissenschaft und Frömmigkeit bekannt sind, uns ihr Urteil über diese Schriften gütigst mitgeteilt haben; es sind dies Generalvikare, Vorstände und Professoren von Seminarien, hervorragende Theologen und erfahrene Or­densmänner. Wir würden die uns vorgeschriebenen Gren­zen überschreiten, wenn wir Alles hier anführen wollten.

Das Urteil der Meisten stimmt indessen mit dem des hochw. P. Tonlemont überein, weshalb wir das letztere ausführlicher mitteilten. Wir wollen dennoch einige Urteile anführen, sei es in einzelnen Stellen oder im Ganzen.

„Die Werke von Marie Lataste, schrieb der Anmonier eines der Klöster vom hl. Herzen, haben mir sowohl der Form als dem Inhalt nach wunderbar geschienen. Dieses Buch mit seinen energischen Warnungen und fürchterlichen Drohungen gegen die Sünder ist frei von jeder Übertreibung. Es spornt zur Liebe der Tugend an durch ergreifende frische Bilder, und ebenso erzeugt es Hass gegen das Laster durch wahrheitsgetreue Schilderungen. Mag es nun zum Sünder oder zur frommen Seele sprechen, immer atmet Salbung, Weisheit und Sanftmut darin, diese unterscheidenden Merkmale der von Gott gebilligten oder eingegebenen Schriften. Ich halte das Werk für sehr geeignet, die besten Wirkungen in jenen Seelen her­vorzubringen, welche so glücklich sind den Glauben selbst bei ihren Verirrungen sich erhalten zu haben; ebenso wird es auch treue und eifrige Christen zum Guten anspornen.

Dieses Buch ist besonders wunderbar, wenn man es in theologjscher Beziehung betrachtet. Man kann ihm zwar einige Ungenauigkeit in den Ausdrücken vorwerfen, allein diese Ungenauigkeiten sind immer wieder durch wun­derbare Auseinandersetzungen ausgeglichen. Marie Lataste spricht von der Vorherbestimmung wie ein hl. Augustinus, über die Tugenden, über die Gnade, über die Gaben des hl. Geistes wie ein hl. Thomas. Wenn man dieses Werk in die Hände eines in der Theologie gut bewan­derten Mannes legen würde, ohne ihm den Namen der Verfasserin zu nennen, so würde er, wie ich glaube, das Urteil fällen: „Dieses Werkest die Frucht vollendeter Wissenschaft.“

Ein ehemaliger Vorsteher des Seminars in Rennes hat uns einen Brief geschrieben, dem wir folgende Stellen entnehmen, indem wir aber jene auslassen, die nur eine Wiederholung der vorhergehenden Urteile wären: „Marie Latastes Buch ist einzig in seiner Art. Es gleicht keinem von Menschen geschriebenen Buch; wenigstens beschäftigte mich dieser Gedanke immerwährend, so oft ich es öffnete, und so lange ich dasselbe las; was meiner Meinung nach ­dieses Buch charakterisiert, ist, dass man es liest, ohne jener zu gedenken, die es geschrieben, so sehr fühlt man die Eingebung Gottes, weil die göttlichen Geheimnisse und die göttlichen Werke so vorzüglich darin abgehandelt sind. Jeder Absatz, ich möchte sagen jede Zeile bereitet neue Überraschungen; es sind gleichsam Strahlen eines leb- haften und sanften Lichtes, welche den Verstand unter­jochen und entzücken; es ist ein neuer Zauber, welcher das Herz rührt und fesselt.

Man darf sich nicht täuschen, das Buch des demütigen Mädchens von Mimbaste ist eine Abhandlung über die Religion in ihrem ganzen Umfange. Alles wird darin besprochen: das Dogma mit seinen erhabenen Geheim­nissen, die evangelische Moral in ihrer wichtigsten und praktischen Anwendung, das geistliche Leben mit seinen Grundregeln, und dazu welche Kraft, welche Fülle, welche Einfachheit und welche Heiterkeit sogar ist darin enthalten!

Wo kann man in so wenig Seiten eine reichhaltigere und vollständigere Darstellung erhabener und praktischer Lehren finden? Was soll ich von ihren Unterredungen mit dem Heilande und den Belehrungen sagen, deren Er sie würdigte? Wie erfüllten sich hier in rührender Weise die den Kleinen und Demütigen gegebenen Ver­sprechungen! Welche entzückende Innigkeit! Glaubt man nicht mit ihr zu sehen, mit ihr zu hören, mit ihr sich an der Liebe Jesu zu erquicken? Wer kann solche Briefe schreiben, wie Marie Lataste? Welche Einfachheit und dabei welcher Adel! welche Höflichkeit und welches seine Gefühl für Schicklichkeit! Überall wird diese auserlesene Seele durch Sanftmut, Liebe und Ehrfurcht geleitet und wird dadurch liebenswürdig." Nachdem der hochw. Prie­ster noch an die, von dem hochw. Bischof von Aire ver­liehene Approbation erinnert hat, fährt er fort: „Ja, Gott wird dieses Seinem Sohne wohlgefällige Buch mehr und mehr segnen; es wird den einfachen und geraden Seelen auf ihrer irdischen Pilgerfahrt zur Nahrung dienen.

--­Herr Honet, Kanonikus in Rennes, hat gütigst unserem Verlangen entsprochen, uns schriftlich sein Urteil über Marie Latastes Schriften geben zu wollen:

„Wenn ich auch jetzt, sagt er, die Schriften und Werke von Marie Lataste nicht vor Augen habe ich habe sie gleich nach ihrer ersten Veröffentlichung gelesen --- so ist mir dennoch der überaus vorteilhafte Eindruck, den sie aus mich gemacht, geblieben. Ich habe die der Kritik am meisten ausgesetzten Punkte bemerkt, und sie sind mir gut im Gedächtis; indessen scheint mir keiner dieser Punkte von der Art zu sein, dass man dadurch die dieser auserwählten Seele gemachten Mitteilungen verdächtigen könnte. Wenn man ihr hl. Leben voraussetzt und die Echtheit ihrer Schriften --- was Beides für mich eine unbestreitbare Tatsache ist --- so sehe ich keinen Grund ein, welcher uns veranlassen sollte, an ihren Offenbarungen zu zweifeln: weder der Wert, welchen sie aus ihre Schriften legt, noch die Lobeserhebungen der Gesellschaft des hl. Herzens, noch die ganze Anlage ihrer oft sonder­baren Visionen, noch die, übrigens sehr seltenen Unrichtig­keiten der Sprache, noch endlich ein oder zwei, man könnte sagen nahezu förmliche Irrtümer, obwohl es nicht unmöglich wäre, dieselben dennoch in Übereinstimmung mit den Lehren der Theologie zu bringen, wie man es bei zwei Stellen in den Offenbarungen der hl. Brigitta und mit andern ebenfalls approbierten Offenbarungen getan.

Wenn mehrere bestimmte Beweggründe mich veranlassten Marie Latastes Offenbarungen für wahr zu halten, so waren es vorzüglich folgende Momente, die mir besonders auffielen:

1) Die Vorhersagungen in Betreff der Festsetzung des Dogmas der unbefleckten Empfängnis in der ungewöhnlichen Form, in welcher sie geschah, und mit ihren, alle Befürchtungen zu Schande machenden Folgen;

2) die so buchstäblich eingetroffene Vorhersagung ihres eignen Todes;

3) ihr hohes Verständnis der christlichen Lehre, selbst in den erhabensten Dogmen;

4) die hl. Moral und die Heiligkeit der von ihr aufgestellten Regeln.

Doch, ich ende aus Mangel an Zeit." P. S. Herr Guilton, (Generalvikar, ehemaliger Professor der Theologie) mit dem ich viel über die genannten Schriften gesprochen, der mir dieselben auch zuerst verschafft hat, Urteilt nicht weniger günstig darüber und beauftragt mich es Ihnen zu sagen. Für ihn indessen, wie für mich wird das ent­scheidende Merkmal die Erfüllung jener Prophezeiung sein, welche sich aus den Triumph des jetzigen Papstes und die glückliche Befreiung Roms bezieht." --­Wir zitieren noch in Folgendem die Zustimmung eines andern General-Vikars von Rennes: „Was mir in Schwe­ster Latastes Werken besonders auffällt, ist ihre Wahr­heit, ihre Aufrichtigkeit und Einfachheit; sie erzählt demütig ohne Furcht und ohne Umschweif die vom Himmel erhal­tenen Lehren und Unterweisungen; sie spricht ohne irgendwelche Anmaßung, ohne schöne Worte zu suchen. Dieses Werk trägt ein solches Gepräge von Wahrheit, dass es schwer ist, davon nicht ergriffen zu werden, wenn man es ohne Vorurteil liest; deshalb finden auch alle ein­fachen Herzen Gedanken darin, die ihren Verstand an­sprechen und ihrem Herzen wohltun. Das Werk erfüllt sie mit Wonne und ihre Andacht weiß daraus eine kräftige Nahrung zu ziehen, wie aus der hl. Schrift, oder eine süße und eindringliche Nahrung wie aus der Nachfolge Christi. Ich muss noch beifügen, dass Solche, welche mit den höchsten Fakten der Theologie vertraut sind, über die Genauigkeit erstaunen, mit welcher sie die erhabensten und schwierigsten Dogmen behandelt, wie z. B. die Gnade, die Prädestination und alle die verschiedenen Geheimnisse Gottes, unseres Heilandes und der allerseligsten Jungfrau. Die vollendetsten Theologen hätten nur schüchtern diese Fragen berührt, nach ernsten Studien und langen Ent­wickelungen hätten sie sich erst zugetraut, ihre Gedanken ­auszusprechen. Aber dieses junge Mädchen, deren Er­ziehung nach den Ansichten der Welt keine glänzende war, ohne Wissenschaft und ohne Ausbildung, deren einzige Erzieherin ihre fromme und wachsame Mutter war, spielt gleichsam mit diesen Schwierigkeiten und entscheidet die schwierigsten Punkte mit einer ihr nur sehr selten fehlen­den Genauigkeit und mit der ihr eigentümlichen Ausdrucksweise. Indessen ist ihr so gedrängter Stil zuweilen erhaben in seiner Einfachheit, immer klar und treffend, wie nur die Wahrheit sprechen kann.

Wird sie nicht erhaben, wenn sie das Bild des Todes entwirft, woran Nichts fehlt, weder der fließende Stil, noch der reiche Ausdruck: „Der Tod rückt an und zer­stört alle Freuden des Lebens, Reichtum, Ehre, Lebens­kraft; er lässt vom Menschen nur einen Leichnam zurück, nur eine Nahrung für die Würmer lässt er von ihm übrig." --­Wir hatten dem Generalvikar der Diözese Amiens den Wunsch ausgesprochen, schriftlich sein Urteil zu be­sitzen; er hat uns gütigst folgenden Brief gesendet, indem er uns auch zugleich erlaubte, davon Gebrauch zu machen: „Ich habe eben erst die Werke von Marie Lataste und einige ihrer Briefe gelesen. Noch ist der in mir dadurch hervorgerufene Eindruck mächtig, und ich frage mich erstaunt, wie ein armes Mädchen, dem man nie etwas Anderes als Lesen, Schreiben, Spinnen und Nähen gelernt hat, sich bis zu so hohen Gedanken erschwingen konnte, und auch zuweilen zu einem so erhabenen Stile, dass man denselben bei den größten Dichtern bewundern würde. Marie Lataste mag wohl mit großen natürlichen Fähigkeiten begabt gewesen sein, und ich gebe auch zu, dass sie bei ihrer südlichen Einbildungskraft die ihr auf­fallenden Gegenstände sich lebhaft vorzustellen vermochte; aber selbst dieses vorausgesetzt, bin ich dennoch höchlich erstaunt, sie die erhabensten und schwierigsten Punkte der ­dogmatischen, moralischen und mystischen Theologie be­rühren zu sehen; dabei ihre erhabenen Ansichten, ihre richtige Sprache, ihre nüchternen Ausdrücke, ihr Anstand, ihr richtiges Maßhalten und bei all dem ihre Klarheit, die nichts zu wünschen übrig lässt! Ich staune darüber, dass unter so vielen Sätzen, die von einer ungeübten Feder herrühren, nur einige Ungenauigkeiten zu finden waren, welche überdies, wie mir scheint, beinahe immer auf einen orthodoxen Gedanken zurückgeführt werden können, und gewiss ihre Erklärung und Entschuldigung durch das, gleich im Anfang ihrer Schriften abgelegte demütige Geständnis der Schreiberin finden: „Ich muss gleich hier im Anfang bemerken, dass ich nicht alles sagen kann, was Er mir gesagt, alles, was Ihm gefiel mir zu zeigen, alles, was Er mich wollte empfinden lassen." --­Bei dieser Beschränkung ist es wunderbar, ein Land­mädchen mit solcher Einfachheit und Sicherheit von der Prädestination, von dem übernatürlichen Leben, von dem Reiche Jesu Christi, von der Größe der hl. Jungfrau, von dem christlichen Leben und der christlichen Vollkommen­heit, von der Versuchung und den Skrupeln, von dem Gebete und den andern Heilsmitteln, von dem Priester­stande, von dem Klosterleben und den verschiedenen Stän­den der Weltleute reden zu hören. Und, da ich vom Priesterstand rede, so muss ich Ihnen sagen, dass ich nie etwas über meinen Stand gelesen habe, was mir mehr Trost verliehen hätte. Als einer meiner Kollegen die Stelle, auf die ich anspiele, gelesen, konnte er nicht genug seine Bewunderung ausdrücken; und erst vor einigen Tagen sagte mir eine hervorragende Persönlichkeit einer Kloster­gemeinde aber kein Mitglied des Sacre-Coeur: „Ich lese in diesem Augenblick die Werke Marie Latastes, o! wie ist die Stelle so schön, wo sie von den Priestern spricht. Gewiss, ich verehrte immer die Priester; aber es scheint mir jetzt, dass ich seitdem eine noch höhere Achtung und tiefere Verehrung für ihre Würde habe!"

­Was mich in ihrer kühnen und zuverlässigen, so erhabenen und doch so praktischen Lehre besonders anspricht, ist die vollkommene Einfachheit und tiefe Demut der Schreiberin. Sie ist nie mit sich selbst beschäftigt, noch weniger von sich eingenommen. Als sie im Gehorsam schrieb, hatte sie keinen andern Wunsch als den Willen Gottes zu erfüllen, und so viel es von ihr abhinge, dadurch die Ehre und das Lob Jesu Christi im aller­heiligsten Sakramente zu vermehren.

Sie wissen übrigens, Madame, besser als ich, wie auf das demütige und verborgene Leben von Marie Lataste in ihrem heimatlichen Dorfe ein noch demütigeres und verborgeneres Leben in jener Gesellschaft folgte, der sie so glücklich war anzugehören, und wie es ihr gelang selbst dort sich zu verbergen und unter den Schwestern zu ver­schwinden. Ich habe großes Vertrauen in die Heiligkeit jener Seelen, die in der Demut ihre Freude finden, ich liebe vorzugsweife die Kleinen der Erde, welchen der Herr sich offenbart, und ich höre ihnen gerne zu, denn ihre Worte erleuchten die Seele und erfüllen dieselben mit Wonne." --­Ein ehrwürdiger Klostergeistlicher, der erst vor einem Jahre im Geruch der Heiligkeit starb, drückte seine Ansicht über Marie Latastes Schriften in Folgendem aus: „Diese Bände enthalten wirklich eine wunderbare  Lehre; man erkennt in jeder Zeile derselben wir möchten sagen den Griffel des fleischgewordenen Wortes, und fühlt, wie das Geschöpf, das nur empfangen hat um zu geben, so ganz dabei zurücktritt. Es bleibt zu wünschen, dass dieses Werk viel verbreitet und gelesen werde, denn es ist nicht nur für eine einzige Klasse der Gesellschaft geschrie­ben, sondern für alle; beim Lesen desselben wird man von dieser Wahrheit überzeugt. Ich hoffe, dass man das Hindernis des hohen Preises beseitigen wird; denn noch ist der Preis zu hoch, als dass es unter alle Klassen der Gesellschaft kommen könnte. Möchten recht Viele die Hand nach diesem Baume ausstrecken, nach diesem in das Para­dies des hl. Herzens gepflanzten Baum des Lebens." --­Noch viele andere Zeugnisse könnten wir anführen, allein wir haben schon genug über diesen Gegenstand gesprochen. Es erübrigt uns nur noch beizufügen, dass die handschriftlichen Aufzeichnungen der Dienerin Gottes sorgsam von ihrem ehemaligen Seelenführer, dem jetzigen Pfarrer von St. Paul in Dax, der als einer der würdigsten Geistlichen der Diözese Aire bekannt ist, aufbe­wahrt werden.

 

Ende von Marie Latastes Leben.

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Anhang.

Kurzer Abriss über das Klosterleben der Schwester Quitterie Lataste.

( Der Name der hl. Quitteria, Jungfrau und Martyrin in Spanien findet sich im römischen Marthrologium am 22. Mai.)

Am Ende des Jahres 1844, wenige Monate nach Marie Latastes Eintritt ins Sacre-Coeur, wurde ihre Schwester von ihren Obern nach Turin geschickt. Dort hatte sie heftige Stürme zu bestehen; allein sie verstand es, die Augen nach dem Kalvarienberg gerichtet, aufrecht beim Kreuze zu stehen, ohne sich je von ihm zu trennen. Schwere und vielseitige Sorgen begleiteten sie nach Genua, wo sie ein neues Kloster gründen sollte, sie übte dort unzählige Akte tiefer Demut aus, und die ihr Verdienst anerkennenden Verwalter sagten von ihr: „Wir haben noch keine Frau solchen Schlags gekannt." --- Im Jahr 1859 war sie Oberin im Spital von Perugia, und die Klosterfrauen des Herzens Jesu, welche daselbst ein Pensionat hatten, hörten oft von der Achtung sprechen, die sie genoss, sowie von dem Ansehen, in dem sie stand, ja wir müssen sagen von der Gewalt, welche ihre heldenmütige Tugend und ihr Ruf von Heiligkeit ihr über die Herzen verlieh. Diejenigen, welche der Kirche und Allem, was einen religiösen Charakter hatte, feindlich gesinnt waren, erfuhren gegen ihren Willen diesen Einfluss, ja mehrere von ihnen konnten ihr weder Ehrfurcht noch Bewunderung versagen, als sie nach der Einnahme der Stadt genötigt waren ihre sorgende Pflege in Anspruch zu nehmen. Sie pflegten von ihr zu sagen: „Sie hat nichts in die Augen Fallendes, und dennoch erregt sie Wohlgefallen; alle ihre Worte sind gerecht und was sie sagt, ist gut." --Jene, welche damals die Gewalt an sich gerissen, und die Stelle der päpstlichen Regierung eingenommen hatten, hätten gerne alle frommen Anstalten säkularisiert. Von einem Augenzeugen haben wir gehört, dass man alle Mittel versuchte, Fehler bei den guten Schwestern zu finden, indem man hoffte, durch Nachforschungen und Quälereien aller Art irgend etwas zu entdecken, wodurch es möglich wäre, ihnen eine Schuld aufzuhalsen und demgemäß zu verabschieden; dies war jedoch vergeblich, denn die Oberin verstand es mit seltener Geistesgegenwart, von allem, was ihr anvertraut war, Rechenschaft abzulegen, so dass selbst die durch ihren Unglauben sich vorzüglich auszeichnenden Männer beschämt wurden und sich zu dem Bekenntnisse gezwungen sahen, dass diese Schwester eine große Frau sei.

Sogar die angesehensten Damen der Stadt misstrauten zu dieser Zeit den barmherzigen Schwestern und fürchteten, dieselben möchten die verwundeten Piemontesen weniger gut pflegen. Ihr frommer Eifer trieb sie daher selbst in die Spitäler, um die Verwundeten zu pflegen; als sie jedoch Schwester Latastes Handlungsweise und Anordnungen sahen, erkannten sie ihren Irrtum und beruhigten sich vollkommen. Jede Einzelne von ihnen bewarb sich um die Ehre mit ihr zu verkehren. Alsbald hörte denn auch alles Geschrei gegen die ehrw. Schwestern auf und niemand dachte mehr daran sie zu vertreiben.

Schwester Quitterie zeichnete sich auch vorzüglich durch ihre große Andacht zum allerhl. Sakrament aus: wenn sie vor demselben betete, so glich sie einer Statue; nichts zerstreute sie und ihr Antlitz hatte jedesmal, so oft sie das Heiligtum verließ etwas Seraphisches. Zu wiederholten Malen suchten die Schwestern zu ergründen, was in ihrem Herzen vorginge, wenn sie so in Andacht versenkt vor dem Altare kniete; sie beantwortete alle dahinzielenden Fragen nur durch ein demütiges und bescheidenes Lächeln. Nur einmal entschlüpften ihr die Worte: „Jesus und ich, wir verstehen uns."

Ihre Pünktlichkeit und ihre tiefe Ehrfurcht für alles, was den Dienst Gottes betraf, ließen nicht minder ihren lebhaften Glauben erkennen; ihre zarte Gewissenhaftigkeit erschien andern zuweilen als skrupulös, denn sie war untröstlich darüber, wenn sie etwas vergaß, oder sich die unbedeutendste Nachlässigkeit hatte zu Schulden kommen lassen. Aus Ehrfurcht und Liebe zu dem hl. Sakramente ließ sie es sich auch nicht nehmen, selbst die Ordnung und Reinigung der Kapelle zu besorgen; dies war ihr Lieblingsgeschäft, und sie verrichtete dasselbe mit solcher Sorgfalt und Frömmigkeit, dass man ein Bild der hl. Jungfrau in dem Hause zu Nazareth zu sehen meinte.

Schon in den ersten Jahren ihres Eintrittes ins Kloster hatte Schwester Quitterie sich durch ihre Liebe zum Gehorsam ausgezeichnet, sowie auch durch ihren Hang zum innerlichen Leben und durch ihre Demut. Diese letzte Tugend trat besonders hervor, als sie Oberin wurde. Sie benutzte ihre Vorrechte nur dazu, um für sich selbst die schwersten und abstoßendsten Arbeiten zu wählen. Immer war sie bereit, sich als schuldig zu bekennen und sich vor ihren Untergebenen zu erniedrigen oder sogar deren Fehler wieder gut zu machen. Einer der Beamten, dem sie statt einer Schwester ihre Entschuldigung ausdrückte, sagte, als er diesen Zug erzählte: „Ich hegte immer schon große Hochachtung vor der Oberin; aber jetzt erkenne ich in ihr eine Heilige." Man sah sie bei verschiedenen Gelegenheiten mehreren Personen zu Füßen fallen, bald um solche, die mit einander Streit hatten, flehentlich zu bitten, Gott doch nicht länger zu beleidigen und sich mit einander zu versöhnen, bald um einen 60-jährigen Kranken zu beruhigen, den eine andere Schwester geärgert hatte. Als Magd eines demütigen Gottes, glaubte sie nie genug zu tun, um ihren göttlichen Meister in Seiner Demut nachzufolgen. Nie strebte sie nach der Achtung der Welt, im Gegenteil war sie stets daraus bedacht, sich zu verbergen und gleichsam zu verschwinden; so kann man es z. B. nur diesem Beweggrunde zuschreiben, dass sie nie über ihre Schwester Marie sprach, selbst zu der Zeit nicht, als bereits deren Leben und Werke veröffentlicht wurden. Man fragte sich gegenseitig, ob sie verwandt mit einander seien, und nachdem man Gewissheit über den Grad der Verwandtschaft erlangt hatte, erkannte man nur umso mehr die tiefe Demut der guten Schwester, da man dann wohl den Grund ihres Stillschweigens begriff.

Ein Priester, der Schwester Quitterie genau kannte und wohl fähig war sie zu beurteilen, sagte von ihr, dass er wenig Seelen gefunden habe, die einen solchen Grad von Vollkommenheit erlangt hätten, wie sie; er fügt bei, dass sie in beständiger Vereinigung mit ihrem göttlichen Bräutigam gewesen und keine andern Fehler begangen habe, als solche, welche bei der menschlichen Schwäche unvermeidlich sind: „Selbst der Gerechte, sagt der hl. Geist, fällt des Tages siebenmal.

Ganz durchdrungen von Gott und von den Geheimnissen Seiner Liebe sprach sie mit seltener Salbung hierüber. In der Erholungszeit waren ihr erbauliche Unterhaltungen die liebsten; Unbedachtsamkeit und Zerstreuung war aus denselben verbannt und wurde als unwürdig für eine Versammlung Gott geweihter Jungfrauen angesehen; sie verstand es, diese Augenblicke den Schwestern nützlich und kostbar zu machen, indem sie dieselben mit heiterer Miene belehrte, deren Fragen beantwortete und sie so mit Liebe und Güte zu den Werken ihres Berufes heranbildete. Ihr Eifer belebte Alle und riss zum Guten hin. Die Gefühle, die sie kundgab, ihre Kenntnisse und ihre Sprache hatten übrigens nichts Ausfallendes mehr, wenn man ihre Handlungen betrachtete; sie war stets gleichmütig, friedlich und stille und ließ sich durch kein natürliches Gefühl beherrschen; ihr Äußeres war ebenso geordnet wie ihr Inneres; nie hörte man sie mit erhöhter Stimme reden, ihr stets gemäßigter Ton erinnerte an die Gegenwart des göttlichen Bräutigams, den sie immer sah und hörte.

Wenn man sich in ihrer Nähe befand, so glaubte man, es sei nun die Zeit des Stillschweigens, so wenig und so leise sprach sie, besonders aus den Gängen und nahe bei der Kapelle. Ihre Hinneigung zur Geistessammlung, ihr Streben nach himmlischen Dingen entsprang ihrer innigen Vereinigung mit Gott und eben durch diese Vereinigung liebte sie all' ihre Pflichten. Sie wollte und suchte nichts anderes und wies die Schwestern in allem aus Gott allein hin und aus die Liebe zum Opfer, wodurch wir unserm Heiland näher kommen. Die Betrachtung des Erlösers war Nahrung für ihre Seele; sie kräftigte sich durch das Andenken an Seine Geheimnisse; aus Seinem Herzen schöpfte sie jenen Geist der Standhaftigkeit, der sie in ihrem Kummer ausrecht erhielt; jenen für das Heil der Seelen sie verzehrenden Eifer und die heilige Weisheit, die es versteht, zur rechten Zeit heilsame Ermahnungen und gutem Rat zu geben. Sie hatte ein so richtiges Urteil, eine so gerade und offene Handlungsweise, dass man sich glücklich schätzte, unter ihrer Leitung zu stehen. Nach den Worten einer Schwester, welche dieses Glück genoss, sprach Schwester Quitterie wenig Worte, aber dafür gab sie ein leuchtendes Beispiel der Demut, der Liebe und aller Tugenden, welche die Töchter des hl. Vincenz auszeichnen sollen.

Ihre Liebe zu dem anbetungswürdigen, göttlichen Willen bewirkte ihre vollkommene Ergebung bei den unangenehmsten und ärgerlichsten Gelegenheiten, und oft sagte sie: „Alles ist Zulassung von Oben.“ --- Bei allem, was ihr Unangenehmes oder Schweres begegnete, schwieg sie, nahm es ruhig hin, und unterwarf sich, indem sie mit tiefer und frommer Verdemütigung die verborgenen Absichten der Vorsehung anbetete.

Schwester Quitterie wäre keine barmherzige Schwester gewesen, wenn sie sich nicht durch ihre Liebe zu den Armen ausgezeichnet hätte. Ihr lebendiger Glaube ließ sie ihren Jesus in denselben erblicken und daher war sie ihnen mit inniger Liebe zugetan. Die Unglücklichen kannten ihre Gefühle wohl, sie waren glücklich, wenn sie die gute Schwester sahen und ein freundliches Wort von ihr erhielten; oft setzten sie sich deshalb aus die Stufen^ der Treppe, um sie zu erwarten, indem sie sagten: „Wenn wir unsere Mutter gesehen haben, dann gehen wir". Wurde ihnen bemerkt, es sei jetzt nicht möglich sie zu sehen, so antworteten sie: „Nun so wollen wir geduldig warten, bis sie vorüber kommt." Für die Schwester selbst war es ein süßer Trost, unter den Armen und Unglücklichen zu weilen, und an den Arbeiten, die ihre Bedienung erheischten, Teil zu nehmen. Sie flickte ihre elenden Lumpen, trat zu ihren Betten und widmete ihnen die mütterlichste Sorgfalt, und dies mit derselben Aufopferung und Ehrfurcht, als ob sie Jesum selbst verpflegte. Dann half sie den Schwestern beim Reinigen der Säle und gab sich dieser Beschäftigung mit solcher Selbstverleugnung hin, dass ihre müden Füße oft kaum mehr die Schuhe zu tragen vermochten.

Trotz der zahlreichen Sorgen ihres Amtes wusste sie noch Zeit zu finden, um die niedrigsten und schwersten Arbeiten zu verrichten. Wenn man sie am Samstagnachmittag suchte, so war man sicher, sie entweder in dem Steinkohlenkeller oder aus den großen Speichern der Gebäude zu finden. Wenn sie diese Orte wieder verließ, so war sie oft so mit Staub und Spinnengeweben bedeckt, dass man sie kaum mehr kannte, und so von Ermüdung erschöpft, dass sie nicht aufrecht zu stehen vermochte. Sie unterließ diese anstrengenden Arbeiten erst, als das Übermaß ihrer Leiden sie zwang das Bett zu hüten; bis dahin waren alle Vorstellungen der Schwestern vergeblich, und wenn diese ihr zu beweisen suchten, sie müsse ihre schon erschöpften Kräfte für wichtigere Dinge aufbewahren, so antwortete sie, dass die barmherzigen Schwestern nicht bedient werden dürften, und dass die Erste unter ihnen auch das Vorrecht genießen müsse, mehr als die andern zu dienen. Von diesem Vorrechte machte sie besonders Gebrauch, um die armen Kranken zu bedienen; es gab kein Opfer, keine Ermüdung, die sie nicht für sie erduldete. Sie unterließ nie, ihre geistigen Töchter immer und immer wieder zu ermahnen, die Armen eifrig im Geiste des Glaubens zu bedienen, und forderte von ihnen die pünktlichste Genauigkeit bis ins Kleinste und dies bei allem; was zur Austeilung unter die Armen und Kranken bereitet wurde.

Bis zu den letzten Tagen ihres Lebens, als sie schon die größten Schmerzen erduldete, prägte sie allen, die ihr nahten, Liebe zu den Armen ein, indem sie ihnen versicherte, dass sie dadurch eines sanften und seligen Todes sterben würden. ---„Nein, nein," hörte man sie auf ihrem Schmerzenslager ausrufen, „Gott wird mich nicht verstoßen, denn ich habe Ihn in meinem Leben nie von mir gestoßen, und ich suchte nur Ihn und die Armen."

Die Mitschwestern dieser tugendhaften Frau hatten einen reichlichen Teil der Liebe, von welcher ihre Seele überfloss. Sie bemühte sich dieselben zu unterrichten, sie über ihre Pflichten zu belehren, sie zur Ausübung der Tugend anzueifern und all' ihre Neigungen und Wünsche aus den Himmel zu richten.

Wenn aber auch die Erde und ihre eitlen Vorurteile ihr nur als Dunst und Nichts erschienen, so beeinträchtigte diese gänzliche Losschälung die Empfindungen ihres zarten und gefühlvollen Herzens nicht im Mindesten. Sie kam den geringsten Bedürfnissen der Schwestern zuvor, pflegte sie mit Liebe und Güte in ihren Krankheiten, hatte Geduld mit ihren Schwächen, und wusste immer, auch unter den schwierigsten Umständen, trotz der angehäuftesten Arbeit jenen Ruhe zu verschaffen, die ohne ihre zarte Wachsamkeit vielleicht unterlegen wären.

Viele physische und moralische Leiden hatten die Geduld und die hochherzige Treue Schwester Quitteries schon auf die Probe gestellt, dennoch blieb sie stets erfinderisch, um jede Gelegenheit zur Abtötung zu ergreifen. Bei den Arbeiten ihres heiligen Berufes wählte sie für sich stets Dasjenige, was der Natur am widerwärtigsten war. Nachdem sie sich bei den Kranken ermüdet hatte, zog sie sich auf die Speicher zurück, wo sie zu ihrer Erholung die schmutzigen Kompressen der Kranken zusammensuchte, die dort aufbewahrt wurden. Die Ausdünstung war an diesem Orte wegen der dort angehäuften großen Menge von Wäsche, die zum Verbinden aller Arten von Wunden gedient hatte, der Art, dass man nicht lange daselbst bleiben konnte. Ein junges Mädchen aus dem Hause ging einmal dort vorüber und war ganz betroffen, ihre Oberin an einem solchen Orte mit solcher Arbeit beschäftigt zu sehen. Trotz ihres großen Widerwillens dagegen bot sie sich sogleich an, ihr zu helfen; allein die eifrige Schwester untersagte es ihr, indem sie behauptete, diese Arbeit sei jungen Leuten nicht zuträglich, während sie ihr durchaus nicht schädlich sei.

Sie war in der Beherrschung der natürlichen Abneignug bis zu dem Punkte gelangt, dass sie sich allem, und wenn es ihr noch so schwer war, mit Leichtigkeit unterzog. Im Spital war eine Kranke, die bereits von den Ärzten aufgegeben war; der Krebs verzehrte ihren ganzen Körper, so dass die Schulterknochen und die Knochen des Rückgrats und der Ellenbogen bloßgelegt waren; die Unglückliche roch so stark, dass die Krankenwärterinnen sie nicht mehr bedienen wollten. Schwester Quitterie nahm das Amt auf sich, und widmete der Kranken länger als einen Monat ihre Sorgfalt. Jede Verbindung kostete ihr mehr als eine Stunde, und während die mit der armen Unglücklichen in demselben Saale Befindlichen laut forderten, sie zu entfernen, da sie die Ausdünstung nicht länger ertragen könnten, so schien die tugendhafte Schwester ihre Wonne darin zu finden, die Elende mit tausend zarten Aufmerksamkeiten zu überhäufen, indem sie sich bemühte den Andern glauben zu machen, dass sie gar nicht darunter litte.

Ein anderes Mal blieb sie eine ganze Nacht aufrecht stehen, ohne ihre Stellung zu wechseln, weil der Zustand eines Kranken fortwährenden Beistand verlangte. Obwohl sie gewöhnlich schwach und leidend war und voraus wusste, dass sie sich am folgenden Tage keine Ruhe werde gestatten können, so hatte sie doch diese schweren Stunden aus sich genommen, um ihre Mitschwestern zu schonen.

Indess glänzte ihre heldenmütige Tugend und ihre Selbstbeherrschung vorzüglich bei dem Leiden, wodurch sie ihr tätiges Leben enden sollte. Ihre Leiden waren lang, schwer und unerklärlich; sie aber folgte ihrem Heilande mutig nach Golgatha. Wie wir schon gesagt haben, sprach sie wenig über sich selbst, nur ihr Benehmen offenbarte ihre innige Vereinigung mit dem göttlichen Heilande. Dennoch ließ Gott es zu, dass sie in ihrer letzten Krankheit ihrem Beichtvater folgendes Geständnis machte: „Unser Heiland wollte, dass ich Ihm in meinem Leben durch Werke der Barmherzigkeit gegen den Nächsten nachahmen sollte, und jetzt, am Ende meines Lebens, will Er, dass ich Ihm in Seinem Leiden nachfolge." --- Dann fügte sie bei: Ich sehe meinen süßen Jesus hier gegenwärtig, il mio caro Iesu, der mich erwartet; Seine hl. Schultern mit dem Kreuze beladen, fordert Er mich auf Ihm zu folgen, ich sehe Ihn hier vor meinen Augen." --- Diese Worte sind eine Bestätigung dessen, was ihre Schwester Marie mehrere Jahre vorher geschrieben hatte, und was auch in ihren Werken sich findet - allein Schwester Quitterie hatte diese Werke nie in Händen und konnte sich nur durch eine übernatürliche Anregung also ausdrücken.

Die guten Töchter des hl. Vincenz sparten nichts, um ein ihnen so teures Leben zu erhalten; man versuchte daher eine Luftveränderung, wodurch eine kurze Besserung bewirkt wurde. Schwester Quitterie konnte in ihre geliebte Familie zurückkehren und ihrem Eifer neuen Aufschwung geben; jedoch die Ruhe währte nicht lange, und da jetzt jede Hoffnung auf Genesung aufgegeben werden musste, so wurde die Kranke aus dem allgemeinen Krankenhaus in das Militärspital gebracht. Dort wurde sie wie eine Segnung des Himmels aufgenommen; die schöne Lage dieser Anstalt gefiel ihr; allein sie erkannte vollkommen die Gefahr ihres Zustandes und wollte, wie sie sagte, sich nur noch damit beschäftigen, sich gut daraus vorzubereiten, vor Gott zu erscheinen." Die Anfälle wurden häufig und sehr schmerzlich, und entlockten ihr zuweilen herzzerreißende Klagelaute, die sie indessen öfters unterdrückte, indem sie sich den Mund mit einem Tuche verstopfte. Dieser schmerzliche Zustand dauerte 14 Tage beinahe ohne Unterbrechung; die Ärzte waren äußerst betroffen darüber, da sie der Kranken keine Linderung zu verschaffen vermochten, und sie teilten die allgemeine Bewunderung, wenn sie sie mitten unter ihren Qualen sagen hörten: „Herr, da Du willst, dass ich diese Übel erdulde, so vermehre meine Geduld, denn ich fürchte Dich zu beleidigen". --- Hierauf küsste sie zärtlich ihr Kruzifix, das sie gewöhnlich in Händen hielt. Obwohl sie nach jedem Anfalle wie gebrochen und ganz vernichtet war, so hatte sie dennoch einen sanften Blick, liebevollen Rat und Dankesworte für die ihr geleistete Sorgfalt. Ihre Mitschwestern beeilten sich alle an dieses Schmerzenslager zu kommen, und mit hl. Begierde bis zum Ende dieses hl. Beispiel zu beobachten. Wenn sie zu ihrer Erleichterung ihre Lage ändern wollten, so erwiderte sie ihnen, dass der Heiland am Kreuze aller Änderung beraubt gewesen sei, und dass auch sie so bleiben müsse. Wenn man sie zuweilen fragte, wie es ihr ginge, so gab sie zur Antwort: „Ich erwarte die Stunde meiner Befreiung." --Die damals Perugia beherrschenden Behörden gestatteten keinem anderen Priester, als dem von ihnen ernannten Pfarrer des Spitals den Zutritt zu letzterem; die Sterbende weigerte sich aber mit ihm zu verkehren, und als die Schwestern ihr ihren Kummer darüber äußerten, sie in ihrer letzten Stunde des Beistandes jenes Missionars beraubt zu sehen, der ihr Vertrauen genoss, beruhigte sie dieselben durch die Worte: „Der Herr hat es so zugelassen, Ihr könnt mir beistehen und der Heiland selbst wird, so hoffe ich, mir beistehen." --Nichts störte ihren Frieden und ihre innige Vereinigung mit dem Heiland; auf ihren Lippen schwebten nur Anrufungen Gottes und der hl. Jungfrau; ihre fast immerwährend geschlossenen Augen schienen zu sagen, dass sie dieser Welt nicht mehr angehöre; auch öffnete sie dieselben nur, um sie auf das Bild des gekreuzigten Heilandes zu heften. Als sie ihre letzten Augenblicke herannahen fühlte, verlangte sie die Sterbegebete. Die Schwestern beteten sie mehrmals und Schwester Quitterie folgte ihnen ruhig, indem sie ihr Leiden mit dem des Heilandes vereinigte. Als man die Worte an sie richtete: „Schwester, setze Dein Vertrauen auf Gott, so erwiderte sie: „Ich bin in Seinen Händen!" Bald darauf trat die Agonie ein, wenn man die ihrem letzten Atemzuge vorangehenden, ruhigen drei Stunden also nennen darf; denn eigentlich glichen sie mehr einem sanften Schlaf, während dessen die Seele ihre Bande brach und ihren Aufschwung zum Himmel nahm. Die Augenzeugen dieses seligen Todes sagten: „Sie starb wie eine Auserwählte, nachdem sie wie eine Heilige gelebt hatte!"

Wir können diese kurzen Notizen nicht besser schließen, als durch Anführung einer Stelle aus dem Briefe, welchen der obenerwähnte Missionar an jene Schwestern schrieb, welche so glücklich gewesen waren unter der Leitung der Schwester Quitterie zu stehen:

„Diese hl. Seele hat, so hoffe ich, ihr Fegfeuer beendet, und genießt jetzt im Schoße Gottes den Lohn für ihre Liebe und ihr vollkommenes Opferleben. Ihr seid glücklich, meine lieben Schwestern, ihre Beispiele gesehen und ihren Unterricht gehört zu haben. Ach! seid versichert, dass sie alle, Euch erteilten Lehren aus den Wunden des Gekreuzigten, den sie allein liebte, geschöpft habe. O! wenn Ihr wüsstet, was sie alles zu den Füßen Jesu gelernt! Wenn Ihr einige Augenblicke in ihr Inneres hättet eindringen können, wie würde Eure Hochachtung und Verehrung sich gesteigert haben! In der letzten Unterredung, die wir mit einander hatten, erkannte ich besser als je diese reich begabte Seele, sowie mir auch klar wurde, dass der Heiland in Seiner Liebe sie auserwählt und als Seine Braut geschmückt hat." Wir glauben genug gesagt zu haben, um das uns vorgesteckte Ziel zu erreichen; wir wollten zeigen, mit welcher Treue Schwester Quitterie die ihr vom Heilande auferlegte Mission erfüllte, was er auch Seinem vielgeliebten Kinde Marie Lataste geoffenbart hat.

Die würdigen Töchter des hl. Vincenz werden uns nicht zürnen, dass uns daran lag, diese beiden Seelen hier zusammenzustellen, die, wie sie bestimmt waren, aus Erden mit einander verbunden zu sein, wohl auch im Himmel für ewig vereinigt sind.

Ende des Anhangs

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Briefwechsel.


 

I. Brief.

Marie Lataste gibt ihrem Seelenführer Nachrichten über ihre Familie, ihre Kindheit, ihre erste Kommunion und die Gnaden, die sie vom Heilande Jesus empfangen. Sie gibt ihre Tagesordnung an.

Herr Pfarrer!

Da ich Sie als den Seelenhirten dieser Pfarrei anerkenne, als meinen Vater in Jesus Christus, als den Führer meiner Seele auf dem Wege des Heils, so will ich Ihnen vor Allem die Gefühle der Ehrfurcht, der Unterwürfigkeit und des Dankes, den ich Ihnen schulde und den Sie mit Recht von mir erwarten dürfen, ausdrücken.

In dieser Eigenschaft als ihr Kind und als eine ihrer Sorge anvertraute Seele eröffne ich Ihnen, Ihrem Wunsche gemäß, mein Herz und mache Sie mit den verborgensten Geheimnissen desselben bekannt.

Möge es Gott gefallen, dass dies zu Seiner größeren Ehre und zum Heile meiner Seele geschehe! Dadurch wird es Ihnen leichter sein, mich auf dem Wege des Guten zu führen, mir Ihren weisen Rat zu geben, mir Ihre väterliche Meinung zu sagen; ich werde also mit der Einfalt eines armen Mädchens und ohne Verstellung zu Ihnen sprechen. .

Ich bin geboren zu Mimbaste, in der Pfarrei, wohin der Wille des Himmels Sie seit Kurzem berufen hat.

Meine Familie ist nicht reich an Gütern dieser Welt; aber sie liebt Gott, übt die Pflichten der Religion und arbeitet für ihren Lebensunterhalt. Meine Erziehung ist nicht glänzend gewesen; ich habe nie eine andere Lehrerin gehabt als meine Mutter, die nur wenig wusste und mir auch nur wenig lehren konnte. Ich kann lesen und schreiben, das ist alles. Da es notwendig war, dass ich meinen Eltern nach Kräften half für meinen Unterhalt zu sorgen, so lehrte meine Mutter mich auch spinnen und nähen, um mich zu beschäftigen und damit ich nicht müßig sei. Sie versäumte nicht, mich in den Hauptwahrheiten des Heils zu unterrichten, sie tat die mit staunenswerter Geduld, die mir jetzt deutlich zeigt, dass ihr Wunsch mehr dahin ging, ich möchte eine gute Christin, eine treue Dienerin Gottes sein. Arme Mutter, wie viel Mühe habe ich dir verursacht, da ich mich oft weigerte zuzuhören oder das erste Buch, das ich zu meiner Verfügung hatte, den Katechismus, zu lernen und zu studieren!

Zur Zeit meiner ersten Kommunion wurde ich gehorsamer und fleißiger. Als ich das Glück hatte, zum ersten Male mich Jesu zu nahen, wusste ich den ganzen Katechismus. Ich war 12 Jahre alt, und ich wurde einige Zeit nachher in der Kirche von Pouillon geformt. Als ich gegen dreizehn und ein halbes Jahr alt war, wurde ich sehr ängstlich. Ich erfuhr sehr heftige und beinahe beständige Versuchungen gegen die Keuschheit. Meine Seele war überhäuft mit Kummer, Ermüdung und Trockenheit. Ich fand nirgends Trost: weder bei Gott, noch bei meiner Mutter, die wegen meines Leidens litt, das sie nicht begreifen konnte, aber doch wohl bemerkte. Nur meine Schwester Margaretha war mir ein tröstender Engel, den der Himmel an meine Seite gestellt hatte; doch, da sie nicht wusste, was in mir vorging, wie hätte sie mir trotz ihrer Liebe die nötige Stütze sein können?

Gott suchte mein Herz durch so schreckliche Prüfungen schon im zarten Alter zu bilden. Er flößte mir Neigung gen ein, die mich wenig zur Welt hinzogen und lehrte mich, wie gefährlich es sei, wenn man sich seinen Leidenschaften überlasse und machte, dass ich mehr und mehr die Jungfräulichkeit liebte.

Die Jungfräulichkeit übte auf meinen Geist einen geheimen Zauber aus, der mich immer mehr an sie fesselte und mich fürchten ließ, sie zu verlieren. Dieser Kampf gegen meine Leidenschaften, diese Furcht und Verwirrung haben lange fortgedauert. Meine Sorge, den kostbaren Schatz der Reinigkeit mir zu bewahren, nahm beständig zu, und Gott half mir bis zu dem Tage, an welchem mein Seelenführer Hr. Abbe F. mir erlaubte, das Gelübde der Keuschheit auf ein Jahr abzulegen. Mit seiner Erlaubnis erneuerte ich dieses Gelübde jedes Jahr.

Von da an verringerte sich die Verwirrung und die Unruhe meiner Seele um Vieles. Aber ich fand wenig Trost in dem Gebet und in dem Empfang der hl. Sakramente. Ich kommunizierte alle Monate und jedesmal fühlte ich mich von einem außerordentlichen Leide darniedergedrückt.

Ich erfuhr zwar keine Versuchungen mehr gegen die Reinigkeit; allein der Kampf hörte deswegen doch nicht auf. Im Jahre 1839 war ich 17 Jahre alt; ich fühlte, dass alle andern Leidenschaften der Seele wider mich sich erhoben und mich zu einem Kampfe auf Leben und Tod herausforderten. Der Stolz meiner Kindheit schien stärker und mächtiger denn je sich zu erheben; der Zorn drang in mein Herz wie Galle, der es aufkochen ließ und jeden Augenblick dem Tode nahe brachte. Meine Reizbarkeit und Empfindlichkeit stiegen aufs Höchste: ein Wort, ein Blick, eine Bewegung, eine Kleinigkeit, Alles missfiel mir an andern und reizte mich zur Ungeduld. Was war das für ein Leiden! Was war das für ein Leben! Damals, wo ich nicht wusste, was ich tun, wohin ich gehen sollte!

Doch, o Vorsehung und Erbarmen Gottes! der liebe Vater im Himmel warf einen mitleidigen Blick auf mich; Er hatte Erbarmen mit meinem Elende; Er zog mein Herz in die Nähe des göttlichen Altarssakramentes; Er nahm es mir, um es so stark an dieses hl. Sakrament zu fesseln, dass es mir nicht leicht wurde mich davon zu entfernen, nämlich geistiger Weise. Ob ich schlief oder nicht, ob ich arbeitete oder nicht, ob ich allein oder in Gesellschaft war, ob ich mit Gott oder mit den Menschen sprach, immer blieb mein Geist und mein Herz bei Jesus. Ich hätte mich für verloren gehalten, wenn ich sie auch nur einen Augenblick von Ihm abgewendet hätte. Und wie viel Qual und Pein, wie viel Trübsal und Leiden aller Art habe ich selbst damals empfunden! Aber ich war bei Jesus und es war für meine Seele ein Glück, bei Ihm zu leiden, mich Ihm als Opfer anzubieten, wenn ich Ihn in der hl. Eucharistie sah, als Opfer Seiner Liebe zu mir.

Ich darf Ihnen gestehen, der Heiland hat mich in diesem hl. Sakramente mit den ausgezeichnetsten Gnadengaben überhäuft. Er hat sich mir in der Wirklichkeit Seines göttlichen Leibes gezeigt; Er ließ mich zu Seinen Füßen knien; manchmal aber durfte ich Ihm auch wieder nicht nahen. So machte Er Seine Gnaden selbst zu einer Prüfung für meine Seele. Dieser Verkehr mit Ihm diente mir am meisten dazu, dass ich von meinen inneren Feinden frei wurde und über sie herrschte. Was hätte ich sonst getan? Denn neue Feinde erhoben sich wider mich und zwar von außen.

Diese neuen Feinde waren die Welt und die Gefahren, die sich bei jedem Schritt einfinden und die Fallstricke, welche sie den Seelen legt; die Welt und die Reize, welche sie uns durch unsere äußeren Sinne vorhält.

Mein Leben, hochwürdiger Herr, ist, wie ich voraussetze, wie das Leben aller Seelen, ein beständiger Kampf, eine tägliche Arbeit. Ich klage nicht über mein Schicksal; denn Gott hat mir vielleicht mehr Gnaden erwiesen, als jedem andern, Er hat mich bis zu diesem Tage mit ganz väterlicher Liebe geführt und geleitet, selbst in der größten Trübsal und Gefahr. Was mir am schmerzlichsten fällt ist, dass ich mich zuweilen ganz allein befinde, beinahe verlassen von Gott, ohne Kraft, Mut, Hoffnung und Gefühl mitten unter meinen inneren und äußeren Feinden, die mich mit umso größerer Kühnheit angreifen, je mehr ich ihnen voll Schwäche und zum Widerstand unfähig erscheine. Dann bin ich in tiefer Betrübnis: Alles erschreckt mich, beugt mich nieder, ekelt mich an, macht mir das Leben langweilig, unerträglich, weil ich in der beständigen Furcht bin, Gott, den gütigsten Vater zu beleidigen, und Jesus, den ich von ganzem Herzen liebe und immer lieben möchte, zu missfallen.

Jesus ist das Glück meines Lebens in meiner Betrübnis und in meiner Trostlosigkeit; ich sage es, und es ist die Wahrheit. Wie sollte Er in der Tat mich nicht glücklich machen? Denn in dem Augenblick, wo ich versucht wäre, Alles für verloren zu halten, kommt Er zu mir und zeigt Sich meinen Feinden, welche dann entfliehen gleich Kindern, die davonlaufen vor einem Riefen, der ihnen droht.

Jesus ist das Glück meines Lebens in meiner Betrübnis und in meiner Trostlosigkeit, ich sage es, und es ist die Wahrheit. Wie sollte Er mich nicht glücklich machen? Denn, wenn Er sieht, wie meine Seele betrübt, trostlos, bestürzt ist, niedergebeugt von Versuchung, von meinen Feinden bis zum Erliegen verfolgt, gequält von den Vorwürfen meines Gewissens, das mir vorwirft, was. ich Böses getan, was ich Gutes unterlassen, wie viele Gnaden, die Er mir verliehen, ich missbraucht oder unbenützt gelassen, und es begegnet mir dieses oft ohne hinreichenden Grund in Folge meiner Skrupel d. h. in Folge der Finsternisse, mit welchen der Teufel mich umgibt, und die mich hindern, die Wahrheit und ihre Erfüllung zu schauen : dann sehe ich Ihn, wie Er in mein ganzes Wesen Friede, Stille und Ruhe bringt.

Jesus ist das Glück meines Lebens in meiner Betrübnis und in meiner Trostlosigkeit; ich sage es und es ist die Wahrheit. Wie sollte Er in der Tat mich nicht glücklich machen? Da Er mir als das einzig wahre Gut erscheint, dessen Besitz der Treue verheißen ist, als das einzige Wesen, das die Unendlichkeit meiner Wünsche und meines unersättlichen Durstes nach Glück und Seligkeit erfüllen kann. Glück und Seligkeit sind nur in Jesus. Um Jesus auf ewig und sogleich zu besitzen, würde ich gerne mein Leben hingeben, würde ich gerne es in seinem Frühling welken, vertrocknen und enden sehen, um dadurch meine ewige Vereinigung mit diesem so ergebenen Freunde, mit diesem so liebreichen Vater, mit diesem so zärtlichen Bräutigam, mit diesem so mitleidigen Erlöser, mit diesem so heiligen und vollkommenen Gotte zu beschleunigen! Sterben und Jesus besitzen, sterben und das stürmische Meer des Lebens verlassen, um in den Hafen einzulaufen, sterben und von diesem traurigen Orte der Verbannung in das wahre Vaterland, in den Himmel gehen; sterben und Gott sehen; sterben und Gott erkennen; sterben und Gott lieben eine ganze Ewigkeit hindurch, das, Euer Hochwürden, ist mein höchstes Verlangen zu dieser Stunde, das ist der innigste Wunsch meines Herzens. O! wer wird mir geben, dass ich sehe diesen glücklichen und beglückten Tag, an dem meine Seele sich von meinem Leibe trennt, und sich mit meinem Jesus vereint!

Dann werde ich versenkt sein in die unendliche Liebe meines Gottes; hier auf Erden fühle ich mich versenkt in die Unendlichkeit meines Stolzes und meiner Eigenliebe. Der Stolz ist in meiner Seele, er sucht, sie zu beherrschen, sie zu fesseln, über sie Herr zu werden. Wer bin ich denn? Ich, Stolze! wer bin ich, um mich für Etwas zu halten? Sollte ich mich nicht jeden Augenblick erinnern, dass ich Alles von Jesu habe, von Seiner Barmherzigkeit, von Seiner Güte und Seiner Liebe? Wie schwer ist es, den Stolz zu unterdrücken, diesen Todfeind meiner Seele, meiner Ruhe und meines Friedens!

Hier folgt nun meine Tagesordnung: des Morgens beim Aufstehen versetze ich mich im Geiste vor das allerheiligste Sakrament; ich opfere Jesu mein Herz und alle Handlungen meines Tages. Für mein Aufstehen und Niederliegen habe ich keine festgesetzte Stunde. Ich stehe morgens zu gleicher Zeit mit meinen Eltern auf, oder wenn ich aufwache. Ich lege mich nieder, wenn alles in dem Hause gut bestellt ist, wenn es nichts mehr zu tun gibt, und ich das Bedürfnis fühle, mich dem Schlafe zu überlassen, um mich von meiner Ermüdung zu erholen. Nach dem Aufstehen mache ich jeden Tag, wenn ich die Zeit dazu habe, eine halbe Stunde Betrachtung, zu der ich mich durch mündliches Gebet vorbereite. Untertags nehme ich eine fromme Lesung vor, bete den Rosenkranz und spreche dreimal des Tags sieben: „Ehre sei Gott dem Vater“. Als Mitglied der Bruderschaft zu Ehren der allerhl. Dreifaltigkeit, und dann einige Gebete zur hl. Jungfrau als Mitglied der Skapulierbruderschaft. Diese verschiedenen Gebete und Übungen verrichte ich zur ersten freien Zeit im Laufe des Tags. Abends bete ich mein Nachtgebet, mache meine Gewissenserforschung und die geistliche Kommunion, um mich mit Jesu zu vereinigen. Die geistliche Kommunion nehme ich auch am Morgen vor, und einige Mal im Laufe des Tages werfe ich einen Blick auf den Vormittag, um mich bis zum Abend noch inniger mit Gott zu verbinden, um Ihn nicht zu beleidigen und Ihn aus dem innersten Grunde meines Herzens zu lieben.

Ich faste zweimal in der Woche, das erste Mal zu Ehren Mariens, und das zweite Mal zu Ehren des leidenden Herzens Jesu. Ich tue es jedoch nur mit Erlaubnis meines Seelenführers.

Hier folgt, wie ich meine Betrachtung anstelle. Ich versetze mich in die Gegenwart Gottes, indem ich mich im Geiste zu den Füßen des Altars verfüge. Bei irgendeinem Umstande des Leidens Christi halte ich mich auf. Nach einigem Nachdenken und einigen Anmutungen, höre ich Jesu Wort; gewöhnlich höre ich Ihm mit Vergnügen und Lust zu; ich sage gewöhnlich, denn meine Nachlässigkeit ist so groß, dass ich Ihm nicht immer meine Aufmerksamkeit schenke.

Seit ungefähr zwei Jahren lässt Er mich Seine Stimme hören, und zeigt mir die Eitelkeit der irdischen Dinge, die Torheit und das Unglück jener, die sich an dieselben hängen, hinwiederum die Beständigkeit der ewigen Güter, was für ein Glück es sei, Gott zu dienen, und wie notwendig es sei, dass wir uns ganz Ihm weihen. Er hat mit mir gesprochen: von der Einheit der drei göttlichen Personen, von der Größe, Allmacht, Heiligkeit, Barmherzigkeit und höchsten Vollkommenheit Gottes. Er hat mich, soviel es mir möglich war, die Heftigkeit der Schmerzen Seiner Leiden begreifen lassen; Er hat mir die verschiedenen Geheimnisse derselben erklärt. Er hat mich einen Blick werfen lassen in die innige Verbindung, die zwischen den Geheimnissen Seines Lebens und den Geheimnissen des Lebens der hl. Jungfrau besteht, so wie in die wunderbaren Beziehungen zwischen Gott, den Engeln und den Menschen. Er hat mir die Hauptwahrheiten des Heils und der Religion erklärt, Er hat mir die verschiedenen Mittel gezeigt, die Er uns verleiht, um uns zu erlösen und so oft Er Seinen hl. Mund öffnet, um mit mir zu sprechen, findet meine Seele darin eine neue Nahrung, die sie auf ihrem Wege zur Wahrheit aufrecht erhält. Wie viel guten Rat, wie viele liebevolle Anweisungen gibt Er mir! Mit welcher Güte und Zärtlichkeit tröstet Er mich, mit welcher Ausdauer lehrt Er mich bei jeder Gelegenheit mein Kreuz tragen, mit welcher Sanftmut macht Er mir Vorwürfe, mit welcher Festigkeit bessert Er, was an mir mangelhaft ist, mit welch überzeugenden Worten fordert Er mich auf, meinem Willen zu entsagen, meinen Neigungen abzusterben, meine Sinne zu bekämpfen, alles zu tun, um Gott zu gefallen, nichts für die Welt zu tun, alles im Gegenteil zu wirken aus Liebe zu Seinem Vater, der da herrscht im Himmel.

Wenn Er mir eine Lebensregel meines Verhaltens vorgezeichnet hat, so fürchte ich immer, ich möchte sie übertreten. Und wirklich übertrete ich sie auch zuweilen, alsbald aber hält Er mir es vor und verlangt von mir, dass ich künftig getreuer sei.

Seit einiger Zeit macht Er mir keine Vorwürfe mehr, Er behandelt mich mit Sanftmut, Liebe und Vertraulichkeit. Er fährt fort, mich zu unterrichten und zu belehren, und dann beruhigt Er mich, besänftigt meine Aufregung, zerstreut alles, was meinen Frieden stören könnte, sagt es mir im Voraus, wenn der Teufel mich zu verwirren sucht und verbietet mir seine Stimme zu hören. Er legt mir die Verpflichtung auf, mich Seiner Vorsehung zu überlassen, mich mit dem Vertrauen eines Kindes in Seine Arme zu werfen, all meinen Kummer, all meine Betrübnis in Sein Herz niederzulegen; dann spricht Er zu mir über die schönsten Tugenden: Er lässt mich deren Wesen und Wirkung erkennen; Er fordert mich auf, dieselben in meiner Seele zu bewahren, wenn Gott sie daselbst niedergelegt habe und sie durch größeren Eifer zu verdienen, wenn sie ihr noch abgehen. Aber auch mitten in diesem süßen Verkehre mit dem Heilande bin ich nicht ohne Furcht und ohne Besorgnis, und oft frage ich mich, ob nicht alles eine Wirkung meiner Einbildungskraft oder des Teufels sei, ob ich ihm Glauben beimessen dürfe, oder nicht.

Alsdann benimmt Er mir meinen Irrtum und versichert mir, dass es keine Täuschung sei; Er trägt mir auf, alles meinem Seelenführer zu sagen, und mich auf denselben zu verlassen. Ich habe dies oft getan ohne mich jedoch in viele Einzelheiten einzulassen. Seitdem Sie unter uns weilen, fordert Er mich noch stärker dazu auf, Sie mit Allem bekannt zu machen, und zu tun, was Sie mir befehlen.

Sie haben von mir verlangt, dass ich Sie mit meinem vergangenen Leben bekannt mache. Da haben Sie es, wie es ungefähr ist, soweit ich es erkenne.

Ich vergaß noch, Ihnen mitzuteilen, dass der Heiland mir öfters gesagt hat, Er bestimme mich zum Klosterleben und Er habe mit mir Dinge vor, die noch verborgen seien. Sein Wille geschehe! Ich will bestrebt sein, Ihm dabei kein Hindernis in den Weg zu legen.

Ich muss Ihnen noch zu wissen machen, dass ich seit ungefähr einem Jahr alle 14 Tage kommuniziere. Ich hatte das Verlangen mich dem allerheiligsten Sakramente häufiger zu nahen, ich habe es aber sehr oft unterdrückt, weil ich dachte, es käme dieses Verlangen vielleicht aus meiner Eigenliebe. Dieses Verlangen wurde indessen so heftig, dass ich vor 4 oder 5 Monaten den Heiland bat, Er möge mir das Wahre an der Sache erkennen lassen; Er antwortete mir: „Meine Tochter, ich wünsche nicht nur, sondern ich befehle dir, dass du alle acht Tage kommunizierst. Ich berufe dich zu einem vollkommeneren Leben, und nur durch meine Sakramente wirst du diese Vollkommenheit erreichen." Seit diesem Augenblicke verschwand dieser Wunsch. Jesus sprach noch öfters mit mir auf dieselbe Weise, indem Er mich aufforderte, meinem damaligen Seelenführer Seinen Willen kund zu geben und dann zu tun, was er mir befehlen würde. Er gab mir große Verheißungen, wenn ich mein Herz meinem damaligen Seelenführer eröffnen würde und drohte mir ernstlich für den Fall, dass ich Seine Gnade missbrauchen oder durch eigne Schuld unbenützt lassen würde.

Ich redete darüber mit meinem Beichtvater, der mir im Sinne der Worte Jesu, des Erlösers, antwortete, nämlich, dass er glaube, in mir die Seelenstimmung zu finden, welche zur wöchentlichen Kommunion bei einer Beichte von 14 zu 14 Tagen notwendig oder hinreichend wäre.

So weit war ich gekommen, als die Vorsehung meinen ersten Hirten aus der Pfarrei wegnahm und Sie an dessen Stelle zu setzen. Seitdem habe ich meine wöchentliche Kommunion fortgesetzt.

Ach! hochwürdiger Herr, ich weiß es, meine Eigenschaft als Christin legt mir die Verpflichtung auf, ein vollkommenes Leben zu führen: aber ich will es Ihnen nicht verbergen, ich bin noch sehr ferne von dieser Vollkommenheit. Meine Schwäche ist sehr groß, meine Feinde sind mächtig, über ungeheure Gefahren wandeln meine Schritte hin; ich zittere für mein Heil, wenn nur Gott nicht ganz spezielle und ganz besondere Gnaden gibt.

Ich beschwöre Sie, Hochwürden, und ich bitte Sie demütig, mir doch diese notwendigen Gnaden von Gott zu erflehen; Sie werden es sicher tun, da Gott Sie zu meinem geistlichen Vater bestellt hat. Was mich betrifft, mein Herr, so werde ich als Ihr Kind in der Demut meiner Seele Gott bitten, Er wolle die Fülle Seiner Segnungen auf den ergießen, der sie durch seinen erhabenen Dienst jeden Tag über die ganze Pfarrei herabzieht. Gott segne die Herde und den Hirten, und der Hirt erbarme sich meiner, des elendesten Schäfleins seiner Herde. Verzeihen Sie, hochw. Herr, den Mangel an Zusammenhang in meinem Briefe; ich habe nie eine andere Erziehung gehabt, als die meiner Mutter, einer armen Waise, die, wie sie mir oft sagt, schon in einem Alter von 10 Jahren die Schule für immer verlassen hatte. Ich hoffe, Ihre Nachsicht werde groß genug sein, um die Einfalt, mit der ich Ihnen schreibe, gütig aufzunehmen. Ich habe diesen Brief heute Nacht geschrieben, in der Eile und so gut ich konnte, um von niemanden gesehen zu werden. Genehmigen Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

Ihre                                                                             
demütigste und ehrfurchtvollste Dienerin
Marie Lataste.

Mimbaste den 13. Februar 1842.



 

II. Brief.

Verschiedene Gnaden, die Jesus der Marie Lataste gewährt. Sie sieht Ihn zum ersten Male. Die drei Arten des Gebetes, welche sie von dem Erlöser gelernt hat.
 

Herr Pfarrer!

Ich habe nichts, was vor Ihnen verborgen wäre,

Sie sind mein Seelenführer und müssen also auch der Herr meiner Seele sein. Ich möchte in einer Art auf den Besitz meiner Seele verzichten können, um dieselbe Ihnen zu überlassen. Ich weiß nicht, wie ich sie führen soll; Sie aber wissen es. Ach! dass ich meine Seele nehmen und Ihnen sagen könnte: Ich lasse sie in Ihren Händen, tun Sie damit, was Ihnen gefällt; befehlen Sie ihr, sie wird Ihnen gehorchen; verfügen Sie über dieselbe, wie über Ihre eigene Seele; ich will, dass sie Nichts tue, außer was Sie wollen, weil Sie immer nur das wollen können, was Gottes Wille ist.

Wenn ich Ihren Befehlen folge und Ihre Verordnungen vollstrecke, so werde ich mich niemals irren; aber was soll aus mir werden, wenn ich mir selbst überlassen bin? Was geht dann in mir vor? Wo gehe ich hin?

Bin ich in Gottes Hand oder ich bin ein Opfer der Arglist des Teufels, der sich in einen Engel des Lichtes verwandelt? Sie allein können mich aufklären, Sie allein können mich führen, Sie allein können mich auf dem guten Wege erhalten, wenn ich aus demselben bin und mich vom bösen Wege wieder zurückbringen, wenn ich dem Abgrunde zulaufe. Sie sind mein Vater, Sie sind der sichtbare Engel meiner Seele; seien Sie also mein Beschützer und mein Führer, ich überlasse mich Ihnen. Ich bleibe in mir, aber nur um nach Ihren Wünschen zu wandeln, um nach Ihrem Willen zu handeln.

Ich habe Ihnen von den Gnaden gesprochen, die ich von dem Heilande Jesus erhalten zu haben glaube. Nun rechne ich unter die größten, die mir geworden, die Gnade, dass mein Geist und mein Herz zum allerhl. Sakrament des Altars hingezogen wird. Der Tabernakel Jesu ist der Ort, wohin ich mich am liebsten zurückziehe, verberge und ausruhe. Da finde ich ein Leben, das ich nicht zu beschreiben vermöchte, eine Freude, die ich niemand begreiflich machen kann, einen Frieden, wie man ihn auch unter dem gastlichen Dache der besten Freunde nicht findet. Der Tabernakel Jesu ist ein Schutzdach wider alle meine Feinde, wider den Teufel, wider die Welt, wider meine Leidenschaften, wider meine ungeordneten Neigungen; Jesus ist eine Stütze meiner Schwäche, ein Trost im Schmerze, eine Waffe im Kampfe, eine Erfrischung in der Hitze, eine Nahrung im Hunger, eine Erholung in der Müdigkeit, ein Himmel auf Erden. Der Tabernakel Jesu ist mein Reichtum in meiner Armut, mein Schatz in meiner Dürftigkeit, mein Kleid in meiner Nacktheit, meine Krone in meinem Elende; der Tabernakel Jesu ist mein Gott und mein alles, mein Jesus und mein Erlöser ! O Tabernakel meines Gottes, o mein Gott im Tabernakel des Altars! O Altar mit dem Tabernakel meines Gottes!

Wie groß war mein Glück an jenem Tage, wo ich meine Seele mit einem innerlichen Licht erleuchtet und mein ganzes Wesen zu dem allerhl. Sakramente des Altars hingezogen fühlte! Ich konnte diesem Zuge nicht widerstehen. Meine Füße trugen mich so zu sagen von selber und ohne Anstrengung hin. Ich bemerkte nichts auf meinem Wege; ich sah weder Gärten, noch Felder, noch Wiesen, noch Männer, noch Frauen; ich sah nur den Tabernakel an allen Orten, überall. Ich wandelte hin und glaubte vor dem Tabernakel zu sein. Ich sah Ihn nicht mit den Augen des Leibes, wohl aber mit denen der Seele. Endlich trat ich in die Kirche ein. O Freude! o Glück! O Seligkeit! Ich erblickte Jesus auf dem Altare von Seinen Engeln umgeben. Ich sah Ihn jedoch nur auf unvollkommene Weise. Es schien mir, als ob eine unmerkliche Wolke mich hinderte Ihn zu sehen, wie Er wirklich war. So kam ich wieder zu Ihm. Mein Herz heftete sich mehr und mehr an Ihn, und auch meine Augen sahen Ihn immer klarer. Ich hielt mich bescheiden in einem Winkel der Kirche, indem ich Jesus betrachtete, aber nicht wagte Ihm zu nahen. Da näherte Er sich mir, rief mich voll Güte zu sich und segnete mich. Alsdann sah ich Ihn deutlich. Ein glänzenderes Licht erschien vor meinen Augen. Ich erblickte Jesus unter der Gestalt eines Mannes voll Majestät und Milde. Er flößte mir Liebe, Güte und Zärtlichkeit ein. Seit diesem Augenblicke missfällt mir die Gesellschaft der Menschen unaufhörlich; ich möchte sie auf immer fliehen und mich mit Ihm in den Tabernakel verschließen. Ich hätte immer bei Ihm bleiben mögen; allein, wenn Er vor meinen Blicken verschwand, wenn ich Sein Licht nicht mehr sah, so nahm ich mein Herz, verschloss es in den Tabernakel und zog mich zurück.

Eines Tages erschien mir Jesus nach Seiner Gewohnheit, Er rief mich in Seinen Tabernakel; dann verschwand plötzlich der Glanz Seines Lichtes und ich hörte Seine Stimme zu mir sagen: „Meine Tochter, ziehe dich zurück." Ich zog mich zurück, die Seele erfüllt mit Kummer und Schmerz.

Ich kam mehrere Tage hintereinander wieder und sah Ihn nicht mehr. Wie schwer fiel mir dieser Verlust des Anblickes Jesu! Ich sagte zu mir selbst: Deine Sünden sind es, welche den Verlust dieser Gnade verschuldet, und ich demütigte mich vor dem Herrn, indem ich als Sühne für meine Sünden und Missetaten meine vollkommene Unterwerfung unter Seine Wünsche Ihm darbrachte. Doch einige Zeit darauf bemerkte ich Jesus auf dem Altare. Der Priester feierte die hl. Messe und nach der Kommunion sagte mir der Heiland: „Meine Tochter, bleibe bei dem Geländer; du wirst nie weiter vordringen, wenn ich dir nicht das Recht dazu gebe." ---„Herr“, sagte ich zu Ihm, „ich werde dies immer nach Deinem Willen tun." --Um mich zu prüfen, jagte Er mich sogleich aus der Kirche; ich blieb außerhalb auf den Knien, indem ich wartete, ob Er mir nicht von neuem öffnen wolle. Nach einem langen Augenblick rief Er mich und erlaubte mir, mich vor Ihm niederzuwerfen und Seine Füße zu umfangen.

Ungefähr ein Jahr lang war mein Platz am Geländer. Ich hatte nicht das Recht, weiter vorzudringen. Nur manchmal zeigte sich Jesus mir in meinem Herzen, welches dann wie ein prächtiger Tempel war, wozu der Eintritt mir nie untersagt war. Ich sah Ihn dann wirklich wie in einer Kirche und ich brachte Ihm meine Huldigung und schuldige Anbetung dar. In meinem Herzen war ein Altar, ein Tabernakel, ein Thron, ein Geländer. Der Altar war von Gold der Tabernakel von Gold, der Thron von Gold, das Geländer von Gold. Auch eine prachtvolle Lampe war darin, deren Licht glänzender als die Sonne war. Mein Schutzengel zündete dieselbe an, bevor Jesus in mein Herz eintrat.

In diesem ersten Jahre, wo Jesus mich entweder zu Sich rief, oder mich von Sich fern hielt, wo Er sich mir zeigte oder Sich vor meinen Blicken verhüllte, lernte ich meine Betrachtung machen.

Er selbst hat mir das Betrachten gelehrt; er lehrte es mich auf dreierlei Arten in drei verschiedenen Zeiten und an drei verschiedenen Orten. Anfangs, oder vielmehr damals, als Er mir befahl bei dem Geländer zu bleiben, lehrte mir der Heiland, wie wenn Er mich dafür entschädigen wollte, dass ich Ihm nicht mehr nahen durfte die erste Art der Betrachtung: „Meine Tochter", sagte Er zu mir, „Ich habe zuerst den Menschen ein Beispiel gegeben, damit sie handeln, wie ich gehandelt habe. Ich diene dir, wie allen andern Menschen als Musterbild. Sieh Mich an und folge Meinen Fußstapfen. Denke an Mein demütiges und verborgenes Leben in Nazareth, an Mein öffentliches Leben in Judäa und Galiläa, an Mein Leiden, an Meinen Tod. Betrachte Mein Leben wie ein Gemälde und bilde dieses Gemälde in dir nach durch das Verlangen deines Herzens und deiner Seele.

So habe ich angefangen, das Betrachten zu lernen. Ich betrachtete das Leben Jesu und bat Gott, Er möge mir die Gnade geben, es so vollkommen als möglich nach meinem Alter und Stand nachzuahmen.

Einige Zeit nachher verlor ich diese Art der Betrachtung gänzlich aus den Augen und ich war vor dem Heiland wie ein Wesen ohne Vernunft und Verstand. Ich, bat Jesu, Er möge mir zu Hilfe kommen, mich unterstützen, mir das Betrachten lehren. Durch diese Worte Jesu kam wieder Licht in meinen Geist, Er lehrte mir eine noch vollkommenere Art des inneren Gebetes.

Seit dieser Zeit habe ich auf folgende Weise betrachtet. Ich begann damit, dass ich mich in Gedanken an die Stufen des Altars versetzte und daselbst mich vorbereitete. Ich entfernte jeden fremdartigen Gedanken und erfüllte mich mit dem Gedanken an die Gegenwart Gottes und mit dem Gegenstande meiner Betrachtung.

Gewöhnlich wählte ich einen Umstand aus dem Leiden Jesu, und wenn ich Alles gesehen hatte, wie wenn ich zugegen gewesen wäre, kehrte ich zu Jesus im Altare zurück, um meine Anmutungen zu machen und sie Ihm darzubringen. Dann bat ich Ihn, Er möge Seine Gnaden über meine Seele ergießen, und endete meine Betrachtung. Ich vergaß, zu sagen, dass ich mich dabei immer im Geiste entweder in den Ölgarten, oder in dem Vorhof, oder an den Kalvarienberg, oder an das in den Felsen gehauene Grab versetzte.

Diese Art zu betrachten, habe ich ungefähr ein Jahr lang geübt. Der Heiland lehrte mich dieselbe eines Tages, als Er mir erlaubte vor das Geländer und bis zum Altare zu gehen, wo Er aus einem Throne saß.

Eines Tages nun fand ich den Erlöser in meinem Herzen. Er erschien mir lächelnd. Ich warf mich auf die Knie und sagte zu Ihm: „Ich liebe Dich, Herr, erbarme Dich Deiner demütigen Dienerin." In diesem Augenblick lehrte Er mich eine neue Art der Betrachtung, sie scheint mir die vollkommenste von diesen drei Arten zu sein und ich habe sie seitdem immer geübt.

Nach diesen neuen Belehrungen meines Erlösers mache ich meine Betrachtung auf folgende Art. Ich beginne damit, dass ich mich in die Gegenwart Gottes versetze durch Übungen des Glaubens und der Anbetung: ich erwecke in mir Gesinnungen der Demut und der Reue. Ich vereinige mich mit Jesus durch die brennendste Liebe meines Herzens.

Nachdem ich so meinen Geist mit dem Heilande vereinigt, erhebe ich ihn zu Gott dem Vater, indem ich Ihn bitte, dass Er mir zu meiner Betrachtung Seinen hl. Geist senden möge. Hierauf unterhalte ich mich mit Jesus über igrendeinen Umstand Seines Lebens, Seines Leidens oder Seines Sterbens. Ich höre Seine Worte; ich empfange die Eingebungen, welche die Gnade Gottes mir zugehen lässt; ich ergreife mein Herz und opfere es Ihm auf zum Danke für all das, was Er für mich getan. Ich schließe meine Betrachtung damit, dass ich Gott allen Kummer, allen Widerspruch, alle Leiden meines Lebens in Vereinigung mit denen des Lebens Jesu aufopfere; ich stelle Ihm alle Verdienste Jesu vor zur Sühne für meine Sünden; ich beschwöre Ihn, mit mir Erbarmen zu haben, mir Seine Gnade zu gewähren, mich als Sein Kind anzunehmen, alle meine Handlungen, alle Augenblicke meines Lebens zu segnen. Endlich falle ich nieder zu den Füßen Jesu, übergebe mich Ihm von neuem und bitte Ihn, Er wolle mich segnen und über mich wachen. Alle meine Betrachtungen sind nicht gleich fruchtbringend.

Ich fühle mich nicht immer auf dieselbe Weise zu Jesus hingezogen. Ich bin oft ohne Gefühl, ohne Liebe zu Ihm. Meine Gleichgültigkeit geht über jeden Ausdruck. Wie bin ich elend, undankbar und sündhaft! Wie viel Ursache habe ich mich zu verdemütigen!

Beten Sie für mich, Herr Pfarrer, haben Sie Mitleid mit Ihrem Kinde. Sie kennen mein Elend und mein Nichts. Helfen Sie mir, halten Sie mich aufrecht, unterstützen Sie mich, führen Sie mich, stärken Sie mich, retten Sie mich, ich übergebe mich in Ihre Hände und ich erneuere Ihnen die Versicherung der tiefsten Ergebung, mit welcher ich verbleibe

Ihre                                                 
demütige Dienerin
Marie Lataste.

Mimbaste den 10. März 1842.

 

 

III. Brief.

Marie wählt zwischen Jesus und Satan



Herr Pfarrer!

An einem Sonntag vor der hl. Messe habe ich Folgendes erfahren.

Der Heiland hatte vor dem Anfang des hl. Messopfers Seine Stimme den Gläubigen vernehmen lassen;

Er hatte ihnen die Eitelkeit der irdischen Dinge und die Nichtigkeit der weltlichen Vergnügungen gezeigt. Nicht Eines Seiner Worte ist mir entgangen. Plötzlich wendete Sich Jesus zu mir und sagte in ernstem Tone und mit großer Festigkeit:

Welcher Partei willst du angehören, der Welt und dem Teufel, oder deinem Erlöser und deinem Gotte? Wenn du die Partei der Welt und des Teufels ergreifst, so erwartet dich ewiges Unglück, aber dagegen wirst du diesem entgehen, wenn du Meine Partei ergreifst. Unter Meiner Fahne wirst du alle Arten von Kummer, Trübsalen und Kämpfen zu erdulden haben; allein das Kreuz wird dich zum Himmel führen; wähle also"! --- In diesem Augenblicke war ich mir selbst überlassen; Gott ließ mich allein und vollkommen frei über meinen Willen verfügen. Ich blieb einen Augenblick wie jemand, der nachdenkt und überlegt; dann führte mich ein sanfter Zug zu Gott hin. Ich konnte diesem Zuge nicht widerstehen, und mein Wille fühlte sich glücklich, sich für die Partei Jesu aussprechen zu dürfen.

Der Erlöser sagte mir hierauf: „Meine Tochter, es ist noch nicht genug, dass du Meine Partei ergriffen hast; du musst dieselbe auch niemals aufgeben und musst Mir immer treu bleiben. Versprich Mir, dass du niemals freiwillig und vorsätzlich eine Sünde begehen und alle Gelegenheiten zur Sünde vermeiden wollest." ---

Ich war in diesem Augenblick in der Nähe des Altars, weil der Heiland mich zu Sich gerufen hatte. Ich fühlte nicht die Kraft, dieses Versprechen zu machen. Alsdann machte Jesus statt meiner dieses Versprechen: „Ich verspreche, die Sünde zu vermeiden, selbst die kleinste, und von nun an wird nichts im Stande sein, mich zu einer vorsätzlichen Sünde zu verleiten. Ich verspreche, Gott treu zu sein. Ich nehme zum Zeugen für mein Versprechen den Altarstein, auf welchem Sich Jesus Christus täglich zur Tilgung der Sünden der Welt opfert. Dieser Altar sei somit das sichtbare Zeichen meines Versprechens, und er möge mich jedesmal daran erinnern, so oft meine Augen ihn erblicken." Ich gab dieses Versprechen ab, nachdem ich es aus dem Munde Jesu gehört. ---„Endlich, meine Tochter“, sagte Er zu mir, „versprich noch, Du wollest dich niemals schämen, Mir anzugehören." ---„Herr", sagte ich sogleich, „mit Deiner Gnade verspreche ich es von ganzem Herzen." ---„Da dem also ist," fuhr Er fort, „so trage Mein Kreuz immer frei und offen, zum Beweise für die Aufrichtigkeit deines Versprechens." --Seit diesem Augenblick habe ich neue Kraft und Stärke in mir gefühlt; seit diesem Augenblick habe ich mich Gott aufrichtig hingegeben. Diese Ausopferung meiner selbst habe ich durch Jesus vollbracht; und durch Ihn dauert sie auch immerdar fort. --Könnte ich Etwas aus mir selbst? Nein, nein, ich weiß es und Sie wissen es auch, mein Herr, aber ich setze mein Vertrauen auf Jesus und überlasse mich Ihm.

Wachen Sie über meine Seele, wachen Sie über das Leben Ihres Kindes, mein verehrter Vater; durch Sie bleibe ich in Jesus, durch Jesus bleibe ich in Gott.

Ich bitte für Sie bei Gott, um die Gnaden, die Ihnen notwendig sind zur Leitung der Seelen überhaupt und zur Leitung meiner Seele insbesondere; ich bitte ihn, dass er Sie segne, beten Sie auch viel für eine arme Sünderin, wie ich eine bin.

Ich bringe Ihnen, Herr Pfarrer, den Ausdruck meiner ergebensten Gesinnungen dar,

Ihre                                                                        
demütige Dienerin
Marie Lataste

Mimbaste den 23. März 1842.



 

IV. Brief

Die dreifache Einsamkeit der Marie Lataste.



Herr Pfarrer!

Derjenige, welcher zu mir spricht, sprach als die Einsamkeit: „Meine Tochter, ich habe drei Arten von Einsamkeit für dich ausgewählt; ich habe dich mit denselben bekannt gemacht, indem ich dich dort einführte. Die erste ist die Wohnung deiner Familie, welche in einem kleinen Dorfe, fern von dem Geräusche der großen Städte liegt, und folglich eine wahre, wirkliche Einsamkeit, weil sie dort einsam und unter den Augen Gottes leben. Die zweite ist die Kirche deiner Pfarrei, in welche du kommst, um dich von Allem zu trennen, was nicht Gott ist, um Gott anzubeten, Ihn um Seine Gnaden und Gaben zu bitten. Die dritte ist dein Herz, eine innere Einsamkeit, zu der nie Jemand Zutritt erhält, wenn du dasselbe ganz deinem Heilande aufbewahrst, der allein Herr und Meister desselben sein will.

Die andern Arten der Einsamkeit sind äußerlich, diese ist innerlich, verborgen, allen Blicken verhüllt; sie ist auch vollkommener als die beiden andern. Man kann die Einsamkeit des Herzens genießen, ohne in der ersten Einsamkeit zu leben, ohne in einer Wüste eingeschlossen oder an einem entlegenen Orte zu sein. Man kann die Einsamkeit des Herzens genießen, ohne vor dem geweihten Heiligtum sich zu befinden; aber man wird die beiden ersten Arten der Einsamkeit nicht genießen, wenn man nicht die Einsamkeit des Herzens besitzt.

„Und wirklich, meine Tochter, vergeblich würdest du dich Tag und Nacht in meine Tempel einschließen, wenn du nicht die Einsamkeit des Herzens besäßest, so wärest du durchaus nicht einsam; vergeblich würdest du dich tief in eine Wüste zurückziehen, fern von den Menschen und von der ganzen Welt, wenn du nicht die Einsamkeit des Herzens besäßest, d. h. wenn dein Herz nicht losgerissen wäre von dem, was in der Welt zugeht, von den Festen, von den Vergnügungen und Torheiten der Welt, wenn dein Herz von den irdischen Dingen, welche so schnell vergehen und verschwinden, ganz eingenommen wäre, so würdest du durchaus nicht einsam sein. „Wenn du andrerseits in der Welt und mit der Welt verkehrtest, wenn du mit dem Verkehre der Welt in Verbindung ständest, so könntest und würdest du auch wahrhaft einsam sein, wenn dein Herz in der Welt wäre, als wäre es nicht darin, weil es dann vollständig losgerissen von allem und innig verbunden mit Gott sein würde. „Die wahre Einsamkeit besteht also in der Entfernung von allem, was irdisch ist, in der Entfernung von der Wett, von den Menschen, und in der Annäherung zum Himmel und zu Gott."

„Du kannst die Herzenseinsamkeit nicht aus dir selbst erwerben. Sie ist eine Gabe Gottes, um indessen sie zu haben und zu besitzen, genügt es, Gott darum zu bitten mit einem großen Verlangen nach ihrem Besitze. Gott verweigert sie niemals; denn Er wünscht sehnlichst, dass Alle ihr Leben in der Einsamkeit des Herzens zubringen möchten."

„Die äußerlichen Arten der Einsamkeit, die Klöster, die Einöden, die hl. Stätte sind so zu sagen nur der Weg zur Einsamkeit des Herzens. Wie viele Seelen hätten niemals diese Herzenseinsamkeit gefunden, wenn sie dieselbe nicht in der äußerlichen Einsamkeit gesucht hätten. Wenn man indessen, wie es wirklich vorkommen kann, nicht in der Lage ist, die Einsamkeit des Herzens durch äußere Einsamkeit zu suchen, so verweigert sie Gott auch jenen nicht, die sich in solchen Verhältnissen befinden.

„Die Einsamkeit des Herzens ist eine Gabe Gottes. Gott lässt sie zukommen, so wie es Ihm gefällt, und durch die Mittel, die ihm als die wirksamsten erscheinen, als: großes Verlangen nach dieser Einsamkeit, beharrliche Anstrengungen der Seele, in dieser Einsamkeit zu leben, Losreißung von den Gütern und dem Geräusche der Welt, eifriges und beständiges Gebet."

„Ich habe dir die drei Arten der Einsamkeit angegeben; die erste hat dich zur zweiten geführt. Wenn man die Welt nicht kennt; wenn man ihre Worte nicht hört; wenn man durch ihre Feste und Vergnügungen nicht gestört wird: so kennt man Gott; so hört man Sein Wort und lebt friedlich in Seinem Dienste. Man kennt Gott und um Ihn noch mehr kennen zu lernen, naht man Seinem Tempel, Seinem Altare, man kommt in die Einsamkeit, die Ich dir an zweiter Stelle geoffenbart und angegeben habe, nämlich an die hl. Stätte. Dort lernt man durch die Ehrfurcht, die man der göttlichen Majestät schuldet, sich von Allem zu trennen, nur an die göttliche Majestät selber zu denken, und wenn dieser Gedanke allein in der Seele wohnt, so ist sie wahrhaft einsam. Diese zeitweilige augenblickliche Einsamkeit des Herzens führt zu der fortgesetzten, immerwährenden Einsamkeit, weil die Seele sehr schnell begreift, dass, wenn auch die Kirche der Tempel Gottes und die Stätte ist, wo man besonders Ihn verehren und Seine Gegenwart anbeten soll, doch auch das Weltall ein prächtiger Tempel Gottes sei, den Er sich mit Seinen eigenen Händen erbaut hat, und der überall Seine Allmacht und Seine Ehre verkündet. Deshalb denkt die Seele, die sich von allen Seiten von Gott umgeben sieht, nur mehr an Ihn und lebt vollständig einsam in ihrem Herzen. Hast du nicht selber dies erfahren, meine Tochter? ---,,Eine einsame Seele hat beständig das Auge auf sich selbst, auf ihre Feinde und auf Gott gerichtet."

,,Sie hat das Auge auf sich selbst gerichtet, sie untersucht immer, ob ihr Leben ein entschiedenes Hinwandeln zu Gott ist; ob sie mit den Gaben Gottes entsprechend mitwirke, ob ihr Eifer sich mehre oder erschlaffe; sie sieht die Ursachen und die Beweggründe davon, und ist darauf bedacht, sie zu entfernen.

„Sie hat das Auge auf ihre Feinde gerichtet; sie überraschen sie niemals. Die Einsamkeit ist für diese Seele ein erhöhter Ort, von wo aus sie alle umliegenden Gegenden beherrscht. Die Einsamkeit ist für diese Seele ein geschickter Kundschafter, der ihr alle Bewegungen, alle hinterlistigen Nachstellungen, alle Vorbereitungen des Teufels, der Welt und der Leidenschaften angibt. Darum ist auch für eine solche Seele der Sieg nicht schwer. Da ihre Feinde sich entdeckt wissen, so suchen sie häufig nicht zu kämpfen und fliehen beschämt und verwirrt davon.

„Sie hat das Auge auf Gott gerichtet, um Seinen Willen bis ins Kleinste zu erfüllen. Gott spricht zu ihr, und weil sie einsam ist, so hört sie Seine Stimme, welche ihr Herz durchdringt. Gott gibt ihr Seine Gnaden und weil sie einsam ist, so ist sie stets bereit, dieselben zu empfangen, sie zu benützen, und Dem zu danken, Der ihr dieselben gibt. Gott naht ihr, sie nimmt Ihn eifrig und ohne Zögern auf, und zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpfe entsteht eine innige Vertraulichkeit, welche das Glück der Seele bildet und das Herz Gottes, ihres Vaters, erfreut."

All die großen Heiligen im Himmel haben in dieser Einsamkeit des Herzens gelebt. Diese Einsamkeit war ihre Wonne; sie fanden in ihr Kraft und Mut in den Kämpfen des Lebens, Trost in ihren Leiden und Trübsalen, Licht in ihren Arbeiten und in ihrem apostolischen Wirken, Schutz gegen alle Gefahren, eine sichere und gewisse Auffahrt zur ewigen Seligkeit.

„Die Einsamkeit des Herzens gefällt Mir und Ich liebe sie vor Allem. Die ganze Ewigkeit hindurch habe Ich in dem Schoße meines Vaters geruht, Ich ruhe noch darin, und werde ewig darin ruhen, getrennt von allem, um nur das Leben Meines Vaters zu leben und kein anderes Leben zu haben, als das Seinige. Die Einsamkeit des Herzens in dem Leben der Seelen ist das Abbild von der ewigen Einsamkeit, die Ich in dem Schoße Gottes finde, weil Ich Sein Wort bin, und das ist der Grund, warum Ich die Herzenseinsamkeit so sehr liebe.

Als Fleisch gewordenes Wort Gottes hatte Ich, wie du, Meine Tochter, eine dreifache Einsamkeit: Die Einsamkeit Meiner Wohnung in Nazareth, die Einsamkeit in der Welt, die da war der Tempel, in welchem Ich Gott Meinen Vater anbetete; die Einsamkeit Meines Herzens, in welcher Ich von dem Beginne Meines Lebens an bis zu Meinem letzten Seufzer am Kreuze Ihm das Opfer der Versöhnung für die Sünde des Menschen darbrachte.

„Mein ganzes Leben war ein Leben in der Einsamkeit. Ich bin einsam gewesen, d. h. getrennt von den Menschen, schon bei Meiner Geburt. Ich bin einsam gewesen, d. h. getrennt und zurückgestoßen von den Menschen bei Meiner Flucht nach Ägypten. Ich bin einsam gewesen, d. h. ungekannt von den Menschen, losgeschält von den Dingen der Welt, während Meines verborgenen Lebens zu Nazareth. Ich bin einsam gewesen, mitten unter Meinen Aposteln, welche Gottes Sache nicht begriffen, und die Mich im Angesichte Meiner Feinde verließen."

Ich habe 40 Tage lang in der Einsamkeit der Wüste gelebt. Ich zog mich oft in die Einsamkeit zurück, um Gott, Meinem Vater, die Ihm gebührende Huldigung darzubringen. Wenn Ich die Menschheit mit Verbrechen belastet und die Empörung gegen Meinen Vater sah, so fand Ich Mich einsam, d. h. allein im Stande, der göttlichen Gerechtigkeit hinreichende Genugtuung zu geben.

„Die ganze Welt war eine ungeheure Einsamkeit; Ich war, wie der Prophet sagt, der Pelikan in dieser Einsamkeit.

„Meine Tochter, liebe die Einsamkeit des Herzens, lass dich durch Meine Gnade in die Einsamkeit führen; verschönere dieselbe durch all meine Tugenden, mache sie dadurch mehr und mehrwürdig, Mich aufzunehmen. Dorthin in diese Herzenseinsamkeit, will Ich kommen, um dich zu unterrichten, dir die Wahrheit zu zeigen, dich Gott kennen zu lernen und das, was von Ihm kommt; dort will Ich dich mit den Wohltaten Meiner Liebe und Zärtlichkeit überhäufen; dort will Ich dich einen Bick werfen lassen in die Seligkeit des Himmels und einen Vorgeschmack davon dir geben.

„Die Einsamkeit des Herzens wird für dich die wunderbare Arche Noahs sein, in welche Ich will, dass du eintrittst, um dich aus dem stürmenden Meere der Welt zu retten. Ich werde diese Arche führen, und sie wird nicht auf dem Berge des Fluches und der Furcht ankommen, sondern auf dem Berge des Segens und der Liebe."

Dieses, Hr. Pfarrer, habe ich gehört. Ich bitte Sie jedoch zu glauben, dass ich durchaus nicht auf meiner Meinung bestehe. Es scheint mir, dass Jesus diese Worte an mich gerichtet habe, wenigstens ist es jemand, der in Seinem Namen spricht. Es wird Ihnen leicht sein, zu sehen und zu unterscheiden, wer derjenige ist, der so zu mir redet. Ich werde mich in allem und überall Ihrer Entscheidung und Ihrem Willen unterwerfen.

Wollen Sie gütigst fortfahren, Herr Pfarrer, Ihre wohlwollende Sorgfalt mir allezeit zuzuwenden, und mich durch Ihre Belehrungen und liebevollen Rat zu unterstützen, dass ich Gott immerdar liebe und niemals von Ihm mich trenne.

Empfangen Sie die Versicherung meiner tiefsten Erkenntlichkeit und ehrfurchtsvollsten Gesinnungen, mit welchen ich verbleibe,

Herr Pfarrer,

Ihre                                                                                 
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 3. April 1842.



 

V. Brief.

Wirkungen, welche der leibliche Anblick Jesu auf Marie Lataste hervorbrachte. Ihre Gefühle dabei.


Herr Pfarrer!

Sie haben mir anbefohlen, Sie von allem dem in Kenntnis zu setzen, was in mir vorgeht, seitdem ich Jesus Christus äußerlich wahrnehmbar vor meinen Augen gegenwärtig hatte und Ihm meine Huldigung darbringen durfte. Ich werde Ihnen Nichts verbergen von dem Zustande, in welchem ich mich befinde. Ich werde Sie zu gleicher Zeit mit den Neigungen meiner Seele bekannt machen. Verzeihen Sie mir, wenn ich in meiner Erzählung zu weitschweifig bin; vielleicht werde ich, ohne es zu wollen, Unnützes sagen; ich will nur Eines, ich will Sie mit Allem bekannt machen, und Ihnen Alles enthüllen, was in mir vorgeht.

Bis zu dem Tage, wo es mir gegönnt war, Jesus Christus leibhaftig gegenwärtig vor mir zu haben und Ihn anzubeten, habe ich nur das Leben eines Kindes gelebt. Als der Heiland Jesus mir zum ersten Male erschien, fühlte ich plötzlich mehr Festigkeit, mehr Kraft und mehr Mut in mir; ich fühlte mich mehr zu Gott hingetrieben und mehr von der Welt losgerissen, mir selber mehr Feind, nachgiebiger gegen den Nächsten und strenger gegen mich selbst, und dieses fast ohne die geringste Anstrengung von meiner Seite. Diese Gesinnungen meiner Seele nehmen täglich zu in dem Maße, als meine Augen mehr und mehr den Heiland betrachteten und meine Ohren Seine Stimme hörten, und die Finsternisse meines Geistes sich zerstreuten. Ich betrachtete mich wie einen Obstbaum, den der Morgentau und die Tagessonne befruchten, ohne dass er es verdient, und gerne würde ich tausend Jahre auf diese Weise leben. Gott aber denkt nicht, wie wir arme Geschöpfe, die wir nicht wissen, was uns gut tut und was uns das Zuträglichste ist. Er entzog mir Seine leibliche Gegenwart und ich fiel in Schwäche, Mattigkeit und Schlaffheit. Ich fühlte eine sehr starke Müdigkeit und konnte nirgends Ruhe finden; mein Herz war voll Kummer, Traurigkeit und beständiger Ungeduld. Bald wäre ich mutlos geworden. Ich fühlte, wie in mir meine Leidenschaften und verkehrten Neigungen ihre Stimme erhoben; ich fürchtete, zu Grunde zu gehen und das traurige Opfer der Sünde zu werden.

Eines Tages jedoch überwand ich mich und sagte zu mir selbst: „Wie feig und furchtsam bin ich! O, Gott wird mich gewiss nicht verlassen! Ich warf mich auf die Knie und rief mit lauter Stimme zum Himmel: „Herr, Dein Wille geschehe! und erbarme Dich meiner!" Jesus, der Heiland wartete wahrscheinlich nur auf diesen Beweis meiner vollkommenen Ergebung, denn Er zögerte nicht lange mehr, bis Er Sich von Neuem meinen Augen zeigte. Welch sanftes Licht umfloss Seinen Thron und Ihn selber! Wie glücklich war ich wieder in diesem Augenblicke! Das Licht fiel auf mich, durchdrang mich, erleuchtete mich, stärkte mich und entzündete mich mit Liebe zu Gott. Dennoch hatte ich, hochwürdiger Herr Pfarrer, täglich so viel Kraft, um zu Jesus sagen zu können: Herr, wenn es Dir gefällt, so bringe ich Dir auch die Süßigkeit Deiner Gegenwart zum Opfer." --- Bis jetzt fährt Er zwar noch fort mir zu erscheinen; bald aber werde ich Ihn nicht mehr sehen; schon hat Er es mir angekündigt! Sein Wille geschehe!

Ich will Sie auch mit meinen natürlichen Gefühlen bekannt machen. Seit meiner Kindheit fühlte ich mich immer zu Großem und Hohem hingezogen, weit über das, was ich beanspruchen durfte. Ich glaubte nicht, dass ich dazu erschaffen sei, ein verborgenes Leben in einem so kleinen Dorfe, wie Mimbaste, zu führen. Wie oft habe ich gewünscht einer reichen und vornehmen Familie anzugehören, die mir eine glänzende Erziehung hätte geben, und so mir den Weg zur Auszeichnung hätte erleichtern können. Ich verbarg jedoch dieses Alles im Grunde meines Herzens, und teilte meine Gedanken niemandem mit. Ich unterhielt diese geheimen Vorstellungen in meiner Seele und litt darunter, dass ich sie nicht verwirklichen konnte. Ich sage es Ihnen ohne Hehl, so groß war der Stolz meiner Seele!

Wie notwendig war es, dass mit meinem Innern eine Umänderung vorgehe! Ich weiß nicht, ob Jesus, der Heiland, durch Seine Gnade all das, was in mir Mangelhaftes war, vollständig umgearbeitet habe. Ich weiß nicht, ob ich hoffen darf, dass ich immer nach der Vollkommenheit streben werde; aber es scheint mir doch, dass Jesu Werk in mir nicht vergeblich gewesen sei. Ich liebe noch die Größe, die Erhabenheit, den Ruhm, die Ehre; aber Gottes Größe, Gottes Erhabenheit, Gottes Ruhm, Gottes Ehre. Ehemals liebte ich nur mich selbst, nur meine Person, nur alles, was mir gehörte. Jetzt möchte ich nur lieben, und liebe auch, wie mir scheint, nur Gott allein. Ich wünsche keinen Reichtum, Gott genügt mir. Ich wünsche nicht berühmt zu sein; mein Ruhm besteht darin, unbekannt und verborgen in dem liebenswürdigen Herzen Jesu zu wohnen. Ein Thron, eine Krone würden mich nicht reizen, ich ziehe die Armut Jesu, das Kreuz Jesu, die Dornenkrone Jesu, den Dienst Jesu all diesen Dingen auf Erden vor.

Niemals, Herr Pfarrer, war mein Herz, mein Geist und meine Seele inniger mit Gott verbunden und Ihm mehr ergeben, als in diesem Augenblick; nie liebte ich die Tugenden mehr, welche der Heiland mir gelehrt, nie liebte ich meinen Beruf mehr, nie hasste ich die Welt mehr. Diese Welt habe ich gehasst und zwar von ganzem Herzen beinahe mein Leben lang.

Im Anfang hasste ich jedoch die Welt, weil ich sie nicht lieben konnte; hätte ich aber gehabt, was zur Liebe der Welt notwendig gewesen wäre, so muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich Unglückliche sie geliebt hätte, weil ich sie nicht kannte. Ich hasste sie also, weil sie meine Eigenliebe kränkte. Die Welt verlangt Freiheit im Handeln, und weil ich schüchtern war, so hasste ich die Welt; die Welt liebt Geist und Verstand, und weil ich unwissend und dumm war, so hasste ich die Welt; die Welt will Reichtum, und weil ich arm war, so hasste ich die Welt. Ich hatte Nichts von dem, was mir für die Welt nötig gewesen wäre, und ich sagte deshalb zu mir selbst: „Hasse die Welt, die dich verachtet und mit Füssen tritt. Dieser Hass war nicht gut; denn er hatte keinen andern Grund als meine Eigenliebe.

Später habe ich die Welt gehasst und habe Widerwillen gegen sie empfunden, wegen der vielen Hindernisse, die ich beim Wirken meines Heiles fand, und wegen der vielen Gefahren, denen man in ihr bei jedem Schritt begegnet, und ich wünschte mich von ihr zu trennen, um inniger mit Gott vereint zu leben und leichter mein Heil zu wirken.

Wenn ich jetzt aber ins Kloster gehen will, so geschieht es nicht aus Furcht vor dem ewigen Verderben; denn ich glaube, dass Gottes Gnade immer mit mir sein werde, sondern bloß deshalb, um mich von allem loszumachen, um mich ganz Gott hinzugeben und Ihn unaufhörlich und auf ewig zu lieben.

Welches wird meine Zukunft sein? Ich weiß es nicht. Ich fühle in mir unbekannte Kräfte, die ich nicht verstehe und nicht erklären kann. Gott möge Mitleid mit mir haben. Ich bitte Ihn, aus mir zu machen, was Ihm gefällt; ich überlasse mich Seiner Vorsehung, möge Er nach Seinem Willen verfügen. Ich habe nur den einen Wunsch, Ihn zu lieben und Ihn immer zu lieben und Seinen heiligen Willen so vollständig und vollkommen zu befolgen und zu erfüllen, als es mir nur immer möglich ist. Ich fühle mich in der Verfassung, Alles zu tun, was Ihm gefällt und was Er, sei es persönlich oder durch Sie, Herr Pfarrer, Seinen Diener und Stellvertreter von mir verlangen wird. Ich weiß indessen, dass ich aus mir selber nichts vermag, wohl aber alles durch Seine Gnade, welche mich stärken und mir nichts versagen wird.

Ich weiß, dass Sie für mich beten; beten Sie fort, beten Sie ohne Unterlass für Ihr Kind! Ich werde Ihnen meine Erkenntlichkeit für Ihre Güte nicht bezeugen können, aber der Herr, der meine Stütze und mein Reichtum ist, wird Sie reichlich belohnen; ich bitte Ihn alle Tage darum.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, den Ausdruck meiner tiefsten Ehrfurcht und die Versicherung meiner größten Hochachtung!

Ihre                                                                        
demütigste, dankbarste und gehorsame
 Marie

Mimbaste, den 12. April 1842.



 

VI. Brief.

Die Art und Weise, wie Jesus mit Marie verfuhr.



Herr Pfarrer!

Sie wünschen zu wissen, auf welche Art und Weise der Heiland bei Seinem Verkehr mit mir verfährt. Ich will ihre Frage so einfach beantworten, als ich es vermag, indem ich alles ohne Hehl sage, damit Sie urteilen und mir angeben können, was ich zu tun habe, um nicht in der Täuschung, sondern in der Wahrheit zu wandeln.

Jesus, der Heiland, ist voll Güte gegen mich; Er hat mir gegeben und gibt mir noch oft Beweise Seiner Liebe, deren ich mich für unwürdig erkenne, die aber zu verdienen ich aufrichtigst bestrebt sein möchte. Und so scheint mir, dass Er mich in der gegenwärtigen Verfassung meines Herzens unterstütze, indem Er mich nach den Bedürfnissen meiner Seele behandelt und demgemäß mit mir verfährt. Bald wendet Er eine außerordentliche Sanftmut an, um mich an Sich zu ziehen, und bald eine Festigkeit, die wohl notwendig ist, damit ich mich nach dem Beispiel richte, das Er mir während Seines Lebens gegeben, und nach den Worten, die Er in Seinen Unterredungen zu mir gesprochen.

Zuweilen wendet Er auch Strenge an, die ich noch öfter verdienen würde. Als eines Tages mein Geist zerstreut, mein Herz vollkommen gleichgültig war, hörte ich die Worte Jesu ohne die ihnen gebührende Ehrfurcht an.

Da sah ich, wie Sein Angesicht ernst wurde und Seine Augen mich fest anblickten. Er hielt inne und sagte in erzürntem Tone: „Wer bist du, dass du mit solcher Nachlässigkeit die Worte aufnimmst, die Ich an dich richte? Stolzes Mädchen, kennst du dich selbst? Du bist nur ein Nichts, nur Sünde und Verderben, und dennoch leihst du Meiner Stimme solches Gehör? Glaubst du, dass ich um deiner Verdienste willen komme, um Mich mit dir zu unterreden? Nur aus Barmherzigkeit komme Ich, dich zu unterrichten. Ich schulde dir keineswegs solche Belehrung. Hüte dich dieselbe zu verachten, hüte dich darauf stolz zu werden und dich über Andere deshalb zu erheben. Mein Wort allein macht dich nicht selig, es ist auch deine Mitwirkung notwendig. Mein Wort wird dir kein Verdienst verleihen; dein Verdienst wird es nur sein, wenn du das befolgst, was Mein Wort dir sagt. Mein Wort soll nicht unnütz zu Mir zurückkehren. Was Ich dir sage, würde hinreichen, um Millionen von Heiden zu bekehren. Wehe dir, wenn du keinen Nutzen daraus ziehst. Wisse, dass du dich immer vor Mir demütigen musst, denn du bist nur Staub und Asche, nur Sünde und Verderben; und Jesus ist der allmächtige Gott, der unendlich vollkommene Gott, der dreimal heilige Gott, der Heilige der Heiligen, die Heiligkeit selbst. Ich setze die Könige ein. Ich mache, dass die Herrscher und die Machthaber auf ihren Thronen vor mir erzittern. Ich durchforsche Herzen und Nieren; Nichts, was unter den Menschen geschieht, entgeht Mir; Ich kenne die geheimsten Gedanken. Sei also treu und merke auf Mich."

Also sprach zu mir der Heiland in gestrengem Tone, der mir bis in das Innerste meines Herzens drang. Und so spricht Er jedesmal zu mir, so oft Er es für gut und zu meinem Heile zuträglich findet.

Manchmal wiederum wage ich nicht mich Ihm zu nahen; Verwirrung, Furcht, Kummer, Entmutigung und Traurigkeit bedrücken mein Herz. Da kommt Jesus der Heiland mit der Güte, Milde und Zärtlichkeit eines Vaters, und spricht zu mir: „Komm, Mein Kind, komm vertrauensvoll zu Mir, erhebe dich. Ich bin dein Vater, liebe Mich als Mein Kind. Sprich mit Vertrauen zu Mir, fürchte Nichts, entdecke Mir deine Sorgen, Ich werde sie hinwegnehmen. Komm zu Mir, Ich will Deinen Kummer in Freude, dein Seufzen und Stöhnen in Jubelgesänge verwandeln. Deine Leiden und Trübsale werden vorüber gehen, sie dauern nur kurze Zeit und im Himmel wirst du nur Glück und Seligkeit finden." --Alsdann kommt die Freude wieder in mein Herz zurück; es scheint mir, dass ich sie in reichlichem Maße aus dem Herzen Jesu schöpfe, oder dass sie Seinen Lippen entströme gleich einem fruchtbaren Tau, der meinen Durst stillt und mein ganzes Wesen durchdringt.

So, Herr Pfarrer, verfährt Jesus, der Erlöser, mit mir, indem Er bessert, was mangelhaft in mir ist, mich meine schlechten Neigungen erkennen lässt, und mir die Mittel angibt, sie zu bekämpfen.

Also tröstet Er mich in der Traurigkeit, hält mich aufrecht in der Schwäche und verleiht mir Seine Hilfe in der Not. Also überhäuft Er mich mit Seinen ausgezeichnetsten Gnadengaben, unterrichtet mich, und lehrt mich in die heil. Heilswahrheiten eindringen. Wie dankbar sollte ich für alle Seine Gnaden sein und doch bin ich es so wenig! Ach! Herr Pfarrer, danken Sie dem Erlöser für mich, leihen Sie mir den Beistand Ihres Herzens, weil das meinige sehr undankbar ist. Danken Sie Jesus an meiner statt, und sagen Sie Ihm, dass ich Ihn stets lieben will.

Ich bin in tiefster Ehrfurcht Herr Pfarrer!

Ihre                                                                         
demütige Dienerin
Marie Lataste

Mimbaste den 24. April 1842.



 

 

VII. Brief.

Der Heiland lässt Marie mit dem roten Gewande bekleiden und lässt sie einigermaßen erkennen, wie viel sie noch zu leiden haben werde. Ihre Leiden werden ein wahres Martertum sein.



Herr Pfarrer!

Ich will Ihnen ganz sonderbare Dinge mitteilen, woran ich mich in diesem Augenblicke erinnere, Sie mögen darüber denken, was Sie wollen.

An einem Sonntage bei dem Beginne der heil. Messe ließ Jesus, der Heiland, mich das Confiteor hersagen und Reue und Leid erwecken. Alsdann erteilte Er mir die Lossprechung von allen meinen Sünden und sagte hierauf: „Man bringe ein in einer Schale Meines Blutes gefärbtes Gewand, einen in das Wasser der Gottheit getauchten Schleier, eine von den Händen des heiligen Geistes gemachte Krone; Ich will, dass sie heute gekleidet sei nach dem Stande der himmlischen Fürstinnen." --Man gehorchte Seiner Rede. Man brachte ein rotes Kleid, einen blendend hellen (weißen) Schleier und einen Kranz von weißen Blumen, wie ich solche derartige niemals gesehen habe. Als man mich hiermit bekleidet hatte, wurde mein Gesicht, meine Hände und Füße ganz weiß und Jesus ließ mich auf einen kleinen Stuhl neben sich sitzen. Um die Hüften hatte ich einen goldenen Gürtel. Ich war überaus zufrieden. Bei der Auswandlung hörte ich wie der Heiland einige Worte an die Gläubigen richtete, und wie Er ihnen sagte, dass Er aus Liebe zu ihnen vom Himmel herabgestiegen sei, um auf dem Altare und in dem Tabernakel zu verweilen.

Nach der Kommunion öffnete ich die kleine Türe meines Herzens, das einem kleinen sehr schönen und sehr gefälligen Zimmer glich, Jesus trat hinein, nahm Platz auf Seinem Throne, von dem ich schon gesprochen habe. Ich blieb da bei Jesus mit meinem Schutzengel und der heiligen Jungfrau, die mit uns eingetreten waren.

Also geschmückt blieb ich den ganzen Tag über und lebte in dem Inneren meines Herzens.

An einem andern Tage wurde ich von einer heftigen Versuchung gegen die Reinigkeit befallen. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte, um vor deren Ringen geschützt zu sein. Ich versetzte mich im Geiste in den Saal, wo Jesus mit Dornen gekrönt wurde, ich sah Ihn also mit einem Rohre in der Hand und als ein Gegenstand des Spottes von Seite der Soldaten. Während ich Jesus aufmerksam betrachtete, verschwand die Versuchung. Da

wendeten sich die Soldaten zu mir, nahmen aus Jesu

Händen das Rohr und reichten es mir, damit ich Ihn

ebenso schlüge, wie sie. Ich weigerte mich ihren Willen zu tun, worauf sie alsbald anfingen, Gott zu lästern und mich zu beschimpfen, weil ich Jesus als Gott anerkannte: „Törin, sagten sie zu mir, wer hat dir solche Albernheiten gelehrt? Dein Leben ist in unseren Händen, schlage Ihn oder du wirst sterben." ---„Macht mit mir,

was Ihr wollt", sprach ich zu ihnen, „ich werde euch

nicht gehorchen.

Alsbald ließen sie mich bei einem Statthalter anzeigen; sie fesselten mich, jedoch ohne große Härte, und führten mich in ein finsteres und tiefes Gefängnis. Meine Hände und meine Füße ließen sie zwar frei, aber um meinen Gürtel legten sie eine lange Kette und befestigten dieselbe an einem Pfahle. Eine fast erloschene Lampe hing am Gewölbe. Bald wurde die Türe geschlossen, und ich blieb allein. Ich warf mich auf die Knie, um zu beten. Als Unterhalt für den Tag ließ man mir ein Stück Brot und ein wenig Wasser zukommen. Wie ich befreit worden bin, weiß ich nicht.

Ein anderes Mal hatte ich auch das Glück zu kommunizieren. Mein Herz war so, wie ich es geschildert habe; ich hatte mich mit Jesus dem Erlöser und meinem Schutzengel in dasselbe zurückgezogen. Bald bemerkte ich um mein Herz herum einen tiefen und finstern Graben, obwohl sonst alles blieb, wie ich es angegeben habe. Dies machte mich traurig, der Heiland sagte zu mir: „Du bist durch diesen Anblick betrübt, meine Tochter. Das, was du siehst, hat folgende Bedeutung: Ein Jahr lang wirst du, wie in einem Gefängnis eingesperrt sein, woselbst du viele Verhöre zu bestehen haben wirst, man wird Drohungen und Versprechungen anwenden, um Dich zu erschüttern, beruhige dich jedoch, deine Leiden und Trübsale werden durch die Süßigkeit und die Macht Meiner Gnade versüßet werden." Eines Tages endlich sah ich bei der Betrachtung Jesus ganz voll Freude, während Er zu mir sprach; ich schien darüber erstaunt: „lch, wenn du wüsstest, was Mich in diesem Augenblicke beschäftigt!" ---„Was denn Herr?" sagte ich. „Meine Tochter, es ist dein Martertum, du wirst dein Blut mit dem Meinigen vermischen. Wie verlange ich danach, meine Tochter, diese Verbindung mit dir einzugehen.“

Nun aber war ich in diesem Augenblicke in meinem Herzen mit Jesus und meinem Schutzengel. Ich fühlte mich angetrieben durch den tiefen und dunklen Graben zu schreiten und ich folgte diesem Antrieb. Ich verirrte mich und rief mehrmals: „Wo bin ich, Herr?" Endlich erreichte ich den Grund und sah eine Person, welche schrieb; ich sah Soldaten, die zu ihr sagten: „Was bedeutet diese Schrift?" --- Sie antwortete nichts, sie faltete einen Brief zusammen und übergab ihn einer anderen neben ihr stehenden Person, damit diese ihn an seine Adresse gelangen lasse. Die Soldaten nahmen diese mit sich und führten sie in einen großen Saal. Sie betete unterwegs. Ich folgte ihr. Als sie vor einem Richter angekommen war, fragte sie dieser, wer sie wäre. ---„Ich bin eine Christin!" antwortete sie. ---„Woher bist du? ---„Ich bin eine Christin." --- Entsage deiner Religion, welche das Gesetz verurteilt." ---„Ich bin eine Christin und zwar auf immer. ---„Ich werde dich enthaupten lassen." ---„Was liegt denn daran, Jesus ist meine Stärke!" ---„Ich werde dich a!le möglichen Qualen erdulden lassen." ---„Jesus ist meine Stärke." ---„Ich werde dich lebendig verbrennen lassen." ---„Jesus ist meine Stärke." ---„Entsage deiner Religion und du wirst reich und glücklich sein. ---„Jesus ist all mein Gut." --- Alsdann sprach der Richter das Urteil mit folgenden Worten: „Wir verurteilen Marie zum Tode, weil sie nicht hat entsagen wollen einer Religion, welche durch das Gesetz verboten ist." --- Die Soldaten ergriffen sie und führten sie auf den Richtplatz. Ich folgte ihr mit zufriedenem Herzen. Sieh da, sagte ich zu mir selbst, siehe da, was auf mich wartet. Sie starb, allein ich sah nicht, was für einen Todes. Ich sah ihren Körper leblos auf der Erde. Diese Person war als Klosterfrau gekleidet. Hieraus kam ich zu Jesus in mein Herz zurück; Er schien zufrieden zu sein; ich war es auch. Ich hatte mehrmals äußere Anzeichen und wie Vorhersagungen von schweren Leiden, die mich während meines Lebens auf Erden erwarteten. Was werden dieses für Leiden sein? Wie wird mein Martertum beschaffen sein? Es liegt wenig daran. Ich weiß, dass der Erlöser durch Sein Leiden und durch Seinen schmerzlichen Tod aus dem Kalvarienberge die Welt erkauft hat und so in Seine Herrlichkeit eingegangen ist; ich wusste, dass, wer Sein Schüler sein will, Ihm nachfolgen muss und nicht zurückweisen darf, was Jener freiwillig angenommen hat. Und der Anblick meines Erlösers wird mich aufrecht erhalten, wird mich stärken, wird mich die Trübsale, die Leiden und die Tränen lieben lernen. Ich werde nicht selber den Kelch der Bitterkeiten zurückweisen, sondern werde inmitten meiner Qualen sprechen: „Mein süßer Jesus, Dein Wille geschehe und nicht der meine. Du bietest mir diesen Kelch dar, ich nehme ihn an, um Dir zu gefallen und Dir zu bezeugen, wie sehr ich Dich liebe.“

Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, diese Dinge müssen Sie nur wenig interessieren; allein sie gehören zum Leben Ihres Kindes, führen Sie es, zeigen Sie ihm die Wahrheit. Ich verlasse mich auf Sie.

Ihre                                                                         
ehrfurchtsvolle Dienerin
 Marie.

Mimbaste den 30. April 1842.



 



 

VIII. Brief.

Ein Engel verkündet Marie ihre Leiden, Jesus bestätigt die Worte des Engels und tröstet Marie. Verlangen nach Leiden.


Herr Pfarrer!

Ich will mit Ihnen heute von den Leiden reden, die mich erwarten, die mir angekündigt worden find. Sie werden darüber entscheiden, ob ich denselben Glauben beimessen soll, oder nicht. Folgendes habe ich erfahren: Eines Tages war ich in der Kirche und betete vor dem Marien-Altare. Es schien mir, dass sich eine Person mir nähere. Ich wollte nicht darauf achten, da ich dachte, es könne eine Täuschung sein. Ich bat den Herrn, Er möge nicht erlauben, dass ich getäuscht würde, bekannte mich vor Ihm, wie Er mir dies gelehrt hatte, aller Gnaden und Gaben unwürdig und beschwor Ihn, Er wolle doch wenigstens mit mir Mitleid haben und mir Barmherzigkeit erweisen. Statt sich zu entfernen, näherte sich diese Person mir und überreichte mir ein weißes Papier. Ich redete sie mit folgenden Worten an: „Dürfte ich dich fragen, wer du bist?" ---„Lies", sagte die Person zu mir, „das Papier, das ich dir gegeben und dann gib es mir wieder zurück." --- Ich las die Worte: „Ich bin der Engel des Herrn, und ich vollstrecke Seinen Willen. Er hat mich zu dir gesendet, um dir mitzuteilen, dass du harte Prüfungen und große Leiden zu erdulden haben wirst, vielleicht dauert es nicht mehr lange."

--- Ich überreichte hierauf das Papier demjenigen, der es mir gegeben hatte und sagte zu ihm: „Kannst du mir angeben, wann meine Prüfungen und Leiden beginnen müssen? --- Ich bestimme dir die Zeit nicht, sondern ich sage es dir voraus, damit du dich vorbereiten kannst und deine Leiden, wenn sie kommen, leichter seien, weil du dich dagegen bereits gekräftigt hast. Um dir zu helfen, dass du dieselben mit noch mehr Geduld ertragest, will ich dich versichern, dass dir diese Leiden Gnade und Barmherzigkeit vor Gott erlangen werden.

Dann kniete der Engel vor dem Marien-Altare nieder. Sein Gesicht schien ganz erglüht von Andacht und einige Augenblicke später sah ich ihn nicht mehr.

Einige Tage nachher befand ich mich in tiefer Betrübnis. Der Heiland fragte mich in meinem Herzen: „Was hast du, Meine Tochter?" --- Ich antwortete Ihm: „Herr, ich bin unzufrieden und betrübt und weiß nicht warum." ---„Meine Tochter", sagte Er zu mir, „wisse, dass das menschliche Herz auf dieser Erde nicht zufrieden und glücklich sein kann. Erst im Himmel wird es wahre Seligkeit finden. Wahrlich, Ich sage dir, du wirst nicht glücklich sein, so lange du auf der Erde bleibst. Du wirst Vieles leiden. Ich sage es dir voraus, bereite dich darauf vor. Umfange mutig Mein Kreuz, sei eine treue Liebhaberin des Kreuzes. Könntest du dich weigern zu leiden, nachdem Ich selber für dich so viel gelitten habe? Könntest du dich weigern zu leiden, wenn du siehst, wie Meine Mutter so betrübt war, als sie Mich am Kreuze sterben sah? Du bist eine Tochter Adams, du hast gesündigt, du musst leiden. Das Leiden ist die Strafe für die Sünde. Nimm es also im Geiste der Abtötung, im Geiste der Buße an, sei in allem Gott unterwürfig. Sein Wille wird dir durch deinen Seelenführer geoffenbart werden. Tue alles, was er dir sagen wird, wie mühsam und beschwerlich es für dich auch sein möge. Tue alles nur auf feinen Befehl und mit seiner Erlaubnis. Kommuniziere nur so oft, als er es dir erlaubt. Bleibe in der Welt, wenn er es dir befiehlt; mache dich zur Abreise bereit, wenn er es dir erlaubt. Überlasse dich ganz Gott; Gott wird alles zu Seiner größeren Ehre und zu deinem Heile ordnen. Überlasse dich deinem Seelenführer; Ich werde dir Meinen Willen durch den seinigen kundgeben. Achte nicht auf dich selbst, auf deine Gedanken und dein Urteil; Opfere alles, um Mir zu folgen, opfere alles, um Mir zu gefallen, opfere alles Meinem Willen. Du wirft stets Meinen Willen erfüllen, Mir wohlgefällig sein und Mir nachfolgen, wenn du auf deinen Seelenhirten hörst.

„Er ist dir gegenüber das Werkzeug, dessen Ich Mich bediene, um dich zu leiten, dich zu prüfen, um dich leiden zu lassen, wenn Ich es so will, um deine Verdienste zu vermehren und deinen Willen gänzlich zu brechen.

Ich sage dir, was Ich einem Meiner Schüler sagte, der, ehe er Mir nachfolgen wollte, Mich erst bat, Ich möchte ihm gestatten, dass er zuerst hingehe und seinen Vater begrabe: Lass die Toten ihre Toten begraben. Ich bin das Leben, komm zu Mir und du wirst die Finsternis fliehen. Komm zu Mir und Ich werde dich trösten, Ich werde dir Meinen Engel schicken, um dich zu unterstützen. Liebe die Leiden, suche sie, schätze dich glücklich sie zu finden; vereinige deine Leiden mit den Meinigen. Dein Leben sei, wie das Meinige, ein immerwährendes Opfer für Meinen Vater. Bisher hast du wenig gelitten, nun aber werden die Tage der Trübsale kommen! Ja, sie sind schon da, weise sie nicht zurück!" An einem andern Tage kam Er auch, um meine Tränen zu trocknen und mir zu sagen: „Fasse Mut, Meine Tochter, der Himmel wird sich für dich mit Wolken der Trübsal und des Leidens bedecken. Du bist noch nicht in dem Zustande, in welchem Ich dich haben will, um dich in die Gesellschaft Meiner auserwählten Seelen zu ziehen. Ich will dich durch den Schmelztiegel der Leiden gehen lassen. Folge stets dem Rate deines Seelenführers; er wird dir sagen, wie du dich benehmen sollst. Wenn du den Kelch Meiner Bitterkeit an deine Lippen gesetzt hast, so musst du ihn bis aus die Hefe trinken. Das Martertum, Meine Tochter, erwartet auch dich. Du wirst fern von deiner Heimat sterben. Dein Tod wird grausam und nichts desto weniger voll Süßigkeit sein. Er wird schrecklich sein, und dennoch wird dein Herz ruhig und friedlich bleiben. Ich sage dir nicht, welchen Todes du sterben werdest, noch von welcher Art dein Martertum sein werde. Aber wahrlich, Ich sage dir, es wird ein wirkliches Martertum sein.

„Lerne von heute an deinen Willen zu opfern, und du wirst den Tod leicht ertragen lernen.“ Diese Worte des Engels und des Heilandes treten oft vor meinen Geist, und zuweilen erschrecke ich, wenn ich denke an die Gräuel des Gefängnisses, die ich werde erdulden müssen und an die Qualen meiner Hinrichtung.

Der Gedanke an meine Hinrichtung ist mir aber wirklich sehr nützlich, weil er mich dahin bringt, mich von aller irdischen Anhänglichkeit loszumachen, um nur Gott zu lieben und nach Ihm allein zu verlangen.

Eines Tages befand ich mich nach meiner Kommunion in dem Kämmerlein meines Herzens bei Jesus und überhäuft mit Tröstungen. Doch bald fand ich, dass ich mich ganz verloren; ich sah nichts; ich war aus meinem Herzen verjagt und konnte mich nirgends aushalten. Nach einigen Augenblicken glaubte ich, an einem unbewohnten Orte zu sein. Ich bemerkte einen kleinen Fußweg. Ich verfolgte denselben mit großer Vorsicht, denn von beiden Seiten zeigte sich nur ein Abgrund. Auf diesem Wege fortwandelnd, gelangte ich an ein

schönes Haus. Zwei Personen, welche auf der Türschwelle standen, luden mich ein, dass ich bei ihnen ausruhe. „Nein", sagte ich zu ihnen, ich trete nicht ein und ich setzte meinen Weg fort.

Der Fußweg war nicht mehr gefährlich, aber er war wild, er führte mich zu einem neuen Hause, in welchem mehrere Personen ein goldenes Kalb anbeteten: Sie luden mich ein, bei ihnen auszuruhen: „Nein, sagte ich wieder zu ihnen, ich trete nicht ein", und ich verfolgte meinen Weg.

Der Weg wurde breiter und bequemer; er führte mich zu einem sehr geräumigen Platze, in dessen Mitte ich den gekreuzigten Heiland sah.

Sobald Er mich bemerkte, rief Er mir und sprach: „Komm Marie und sieh in welchen Zustand Mich versetzt hat die Liebe zu dir. Sieh, wie Ich leide, und du wolltest nichts für Mich leiden, Meine Tochter?

Ach, Herr Pfarrer, ich kann Ihnen nicht sagen, was ich in diesem Augenblicke empfand, alle Qualen Jesu hätte ich zu meinem Leibe und in meiner Seele erdulden mögen. Ich warf mich Ihm zu Füßen und sprach zu Ihm: „Herr, ich umfange Dein Kreuz, ich hefte mich an dasselbe; ich verlange nur nach ihm; lass mich alles leiden, was Dir gefällt. Das Leiden sei die Hülle meines Lebens; der Schmerz das Ruhekissen meines Hauptes und die Trübsal mein Kleid."

„Willst du also, Meine Tochter, für Mich leben?"

---„Ja, Herr, für immer!" ---„Wirst du immer Zeugnis für Mich ablegen?" ---„Ja, Herr, selbst ein blutiges Zeugnis, wenn Du es verlangst." „Hoffst du denn dieses alles mit deiner Kraft zu ertragen?" ---„Nein, Herr, ich kann Nichts ohne Dich; aber mit Dir trotze ich der Wut aller bösen Geister in der Hölle, mit Dir mache ich die Unmenschlichkeit der wildesten und grausamsten Henker zu Schanden."

Dies, Herr Pfarrer, ist es, was ich glaube, gesehen, erfahren und vernommen zu haben.

In diesem Augenblick scheint es mir, ich wäre zu Allem bereit und fürchtete Nichts. Ich hungere und durste nach Leiden und Trübsalen. Werden sie kommen? Ich weiß es nicht. Wenn ich keine habe, so wird mein Leiden darin bestehen, dass ich nicht leide, und meine Marter darin, dass ich nicht gemartert werde. In Allem und immer geschehe der Wille Gottes.

Dieser Brief ist sehr lang; ich raube Ihnen, Herr Pfarrer, kostbare Augenblicke. Verzeihen Sie mir und glauben Sie an meine Dankbarkeit für all die Teilnahme, die Sie meinem Seelenheile schenken.

Ich wäre sehr undankbar, wenn ich Ihnen nicht meine Führung und Leitung dadurch erleichterte, dass ich Sie in mein Herz blicken lasse, und Ihnen alles bloß lege, was in dem Innersten meiner Seele vorgeht.

Beten Sie für meine Seele, beten Sie für Ihr Kind; bitten Sie, der Sie mein Vater sind, bitten Sie Gott, dass Er Sich meiner erbarme und mich durch treue Erfüllung Seines Willens schon hier auf Erden mit Sich vereinige, damit ich Ihn sehe, besitze und liebe im Himmel.

Ich bleibe am Fuße des Kreuzes, an welchem mein Heiland gehangen, um Ihnen in der Wahrheit und aufrichtigst meines Herzens die Gefühle meiner tiefen Verehrung zu erneuern.

Ich verbleibe                                                                                                                                     
     Herr Pfarrer,                                                                                                           
Ihre                  demütige Dienerin
                                    Marie.

Mimbaste den 16. Juni 1842.



 

IX. Brief.

Der Würgengel.

Herr Pfarrer!

Während ich eines Tages arbeitete, fühlte ich in meinem Herzen einen lebhaften unwiderstehlichen Zug; denn ich fand keinen Ort, um auszuruhen. Ich überließ mich diesem Zug und glaubte mich nun auf einem großen Platze in Paris zu befinden. Mitten auf dem Platze sah ich einen Jüngling auf einer kleinen Säule. Er war mit einem roten Kleide angetan; auf seinem Haupte trug er ein Diadem, sein Schwert hatte er in der Scheide und in seinen Händen trug er einen Bogen. Seine Blicke blitzten und sein Mund war bereit Drohungen zu schleudern. Über seinem Haupte sah ich mit feurigen Buchstaben geschrieben: Der Würgengel. ---Bei diesem Anblicke wurde ich von unaussprechlichen Gefühlen der Furcht, des Schmerzes und des Mitleidens ergriffen und ich rief mehrmals aus: „Herr, erhalte Paris, rette den König!"--- Also blieb ich lange niedergeworfen vor Gott und ließ Nichts von mir hören, als mein Seufzen und Flehen.

Dies, Herr Pfarrer, sah ich, da ich dem Zuge gefolgt und also habe ich gehandelt. Ich habe die Ehre zu sein, Herr Pfarrer, mit der tiefsten Ehrfurcht

Ihre demütige Dienerin
Marie

Mimbaste den 21. Juni 1842.

 

 

X. Brief.

Marie fürchtet, sie möchte getäuscht werden und aus Eitelkeit sündigen.

 

Herr Pfarrer!

Zwei Dinge machen mich traurig und betrüben mich gar sehr: erstens die Furcht getäuscht zu werden; zweitens die Versuchung stolz zu werden über das, was ich erfahre und was in mir vorgeht.

Dennoch werde ich mitten in meinem Kummer und meiner Betrübnis aufrecht gehalten durch eine unsichtbare Kraft, die ich nicht zu erklären vermag, und die ich nicht anders benennen kann, als mit dem Namen Jesu, des Erlösers.

Und wirklich, wenn ich in der Furcht bin, getäuscht zu werden, dünkt mich der Heiland komme und spreche zu mir: „Meine Tochter, übergib dich ganz deinem Gotte. Lass Ihn aus dir machen, was Ihm gefällt, du wirst nicht getäuscht, nicht hintergangen werden, wenn du deine Hoffnung auf Ihn setzest." --Ein anderes Mal fügt er bei: „Wenn du dich weder auf Mich, noch auf dein Urteil verlassen willst, so befrage deinen Seelenführer, er hat eine besondere Gnade, dich zu belehren." --- Endlich lehrt Er mich die Art und Weise, wie ich urteilen soll: „Meine Tochter, wenn der böse Geist dich täuschte, wenn er zu dir käme, um dich zu verführen, so würde er dir verbieten, seine Worte jemandem zu wiederholen, während Ich dir befehle, sie deinem Seelenführer mitzuteilen. Der böse Geist würde dir nur Falschheit und Lüge lehren, und um dich sicherer an sich zu ziehen und deine Enttäuschung zu verhindern, dich zum Stillschweigen auffordern. Dagegen ist Mein Wort ein Wort der Wahrheit; deshalb befehle ich dir, es deinem Seelenführer mitzuteilen, damit dieser dich beruhigen und befestigen könne in der Wahrheit, die Ich dir lehre. Nichtsdestoweniger würde der böse Geist dich vielleicht auffordern, von den wunderbaren Dingen, die du siehst, und die in dir bewirkt werden, zu sprechen, weil sein größtes Verlangen dahin geht, die Seele mit Stolz zu erfüllen, während Ich dir befehle, nur mit deinem Seelenführer davon zu sprechen, um dich in der größten Demut zu erhalten. Wie kannst du fürchten, du möchtest getäuscht werden? Man erkennt den Baum an seinen Früchten, sind diese schlecht, so ist der Baum auch schlecht. Satan wird dir nur Böses und Ich nur Gutes eingeben."

Wenn ich Versuchungen zur Eitelkeit und zum Stolze erfahre, wenn sie so heftig sind, dass ich am Morgen glaube, nicht den Abend zu erreichen, ohne zu unterliegen, und wenn ich dann flüchte zu dem Fuße des Tabernakels Jesu, so scheint es mir, ich höre Sein Wort also zu mir sprechen: „Meine Tochter, worauf willst du stolz sein? Du bist aus dir selbst nur Sünde und Nichts; das Übrige, was du besitzest, kommt nicht von dir, sondern von Gott. Wenn du ein Nichts bist, kannst du auf dein Nichts stolz werden? Wenn du nur Sünde bist, auf deine Sünde? Wisse, dass du als Nichts und Sünde nichts anderes verdienst, als dass du von jedermann gehasst und verabscheut werdest." --- Zuweilen sagte Er mir: „Betrachte dich, Meine Tochter, als das letzte aller Geschöpfe, als die Dienerin aller, als eine solche, der jedermann befehlen darf. Betrachte Gott als deinen höchsten Herrn." --- Oder er spricht etwa auf folgende Weise zu mir: „Gesetzt, Meine Tochter, du wärest sehr reich, besäßest ungeheurere Schätze. Ein Armer kommt und klopft an deine Tür und in Folge deiner Güte gibst du ihm eine beträchtliche Summe, die ihn dem Elend entreißt. Ein anderer kommt hinzu, und du gibst ihm nur ein gewöhnliches Almosen, er setzt daher sein Bettlerleben fort. Keiner der beiden Armen hatte mehr als der andere verdient; du hast gegeben, was du wolltest und wem du wolltest. Hätte der, welchem du eine große Summe gegeben, Ursache stolz zu sein auf diese Gabe, als ob er sie verdient hätte? Nein, Meine Tochter. Gott tut dasselbe, Er gibt wem Er will, Alle sind arm vor Ihm; Er allein ist wahrhaft reich, und Keiner darf stolz auf das sein, was Gott ihm gegeben."

Bei einer andern Gelegenheit sprach Er zu mir: Ich setze den Fall, es schenkte dir jemand ein prächtiges Buch. Wärest du nicht töricht, wenn du auf den Besitz dieses Buches stolz sein würdest, als ob du es selbst gemacht hättest, da du es doch nur aus der Hand eines andern bekommen hast? Größer noch wäre deine Torheit, wenn du stolz sein wolltest auf die Gnaden, die Ich dir gewähre, du verdienst sie nicht. Ich gebe sie dir, weil es Mir so gefällt und ohne ein Verdienst von deiner Seite.

Zum Schlusse, Herr Pfarrer, folgt hier noch, was mir eines Tages nach der heil. Kommunion begegnete. Ich bat Gott um Demut und hatte großes Verlangen sie zu erhalten. Ich ging in mein Herz und fand Jesus darin auf Seinem Throne sitzend.

Ich habe Ihnen schon mündlich und schriftlich von einem Abgrund gesprochen, den ich oft in meinem Herzen sehe; er erschien mir in diesem Augenblicke viel schrecklicher als jemals. Jesus ergriff mich bei der Hand und führte mich an den Rand desselben. Ich sah um diesen Abgrund herum Stufen, die bis aus den Grund hinabgingen. Diese Stufen waren von einander so weit entfernt, wie die Stufen einer Treppe; sie waren weder von Stein noch von Holz; sie waren nur durch eine Eisenstange gebildet, welche einen Zoll breit und dick war, alles andere war leerer Raum, so dass man notwendig in den Abgrund fiel, wenn man seinen Fuß nicht auf die Eisenstange setzte. Es war auch kein Geländer daran. Der Herr sagte zu mir: „Steig hinab, Meine Tochter.“ Ich wollte nicht ungehorsam gegen Ihn sein; aber ich sah klar ein, dass ich fallen würde. Deshalb ergriff ich Jesu Hand, um mich zu halten und stieg ohne Furcht hinab. Als ich so einige Stufen fortgegangen war, glitten meine beiden Füße zugleich aus. Wie groß war mein Schrecken! Ich hielt mich mit beiden Händen aus allen Kräften an Jesus fest, indem ich sagte: „Herr, halte mich, halte mich, Herr!" ---,,Was würde aus dir werden, Meinem Tochter, wenn Ich dich losließe ---„Ach, Herr, ich würde in den schrecklichen Abgrund fallen." --Hierauf sprach der Heiland zu mir: „Wir wollen zurück, Meine Tochter, sieh nun ein, dass du Nichts ohne mich vermagst, dass du ohne Meine Hilfe jeden Augenblick in den Abgrund stürzen würdest. Du vermagst Nichts ohne Mich, worauf könntest du also stolz sein?"

Dieses empfinde ich, dieses fühle ich, dies höre ich. Es ist ein großer Trost für mich. Sie werden mich auch Ihr Wort vernehmen lassen, wenn Sie einmal Alles beurteilt haben, und ich will mich darauf verlassen, als auf ein Wort der Wahrheit. Ich kann mich täuschen; ich kann mich irren in dem, was ich empfinde, in dem, was ich fühle, in dem, was ich höre. Für Sie ist die Täuschung unmöglich, Sie können ein gesundes Urteil fällen über das, was ich Ihnen mitteile. Sie haben die dazu notwendige Gnade wegen Ihres Amtes. Helfen Sie mir, erleuchten Sie mich, zeigen Sie mir die Wahrheit, zeigen Sie mir den rechten Weg, zeigen Sie mir das einzig wahre Leben; ich will dieses Leben lieben, auf diesem Wege wandeln und diese Wahrheit umfassen. Ich will mich an der Wahrheit festhalten und sie niemals verlassen; ich will auf dem Wege bleiben, der zu Gott

führt und ihn niemals verlassen; ich will bewahren das Leben, das Jesus, der Erlöser, mir durch Seine Verdienste auf dem Kalvarienberg gegeben und will es niemals verlassen. O Leben, ohne das es kein Leben gibt, sei mein

Leben! O Weg, außer dem es keinen gibt, der zu Gott

führt, sei mein Weg! O Wahrheit, die du einzig und unteilbar bist, sei meine Ruhe für Zeit und Ewigkeit.

Ich bin Ihnen, Herr Pfarrer, ganz ergeben und ich habe die tiefste Ehrfurcht vor Ihnen. Beten Sie für Ihr Kind und

Ihre
demütige Dienerin
Marie Lataste

Mimbaste den 25. Juni 1824.



 

XI. Brief.

Ermahnung an einen Geistlichen.


Herr Pfarrer!

Folgendes sind die Worte, welche der Heiland an den Ihnen bekannten Geistlichen gerichtet hat:

„Mein Sohn, Ich bin mit deiner Unterwürfigkeit zufrieden, mit welcher du Meine Gesetze und Meinen Willen vollbringst, deine Demut gefällt mir und deine Liebe ehret Mich. Schreite mehr und mehr vor, mein Sohn, in dieser deiner kindlichen Liebe zu dem besten der Väter und verdopple in dir diese Gesinnung brennender Liebe. Fasse Mut und stärke dich, um die Leiden und Betrübnisse zu ertragen, die im Laufe deines Lebens dich treffen werden. Die Prüfungen dauern nur kurze Zeit und sie erwerben ungemeines Maß von Glorie dem, der sie mit Geduld erträgt. Lass dich nicht beunruhigen durch den Rauch, der aus dem Herzen der Bösen sich erhebt. Ich werde Mich gegen sie erheben und ein leiser Hauch wird hinreichen, sie zu zerstreuen.

„Hange dich nicht an irdische Größe. Was ist sie im Vergleich mit der Größe desjenigen, der Mir angehört, und im Vergleiche mit der Süßigkeit Meiner Liebe? Gleicht Meine Liebe nicht dem auserlesensten Honig, der das Herz desjenigen erfreut, der ihn genießt? Das Menschenwort gleicht einer leichten Feder, die der Wind mit sich fortweht; aber Mein Wille bleibt beständig und fest in dem Herzen dessen, der mich fürchtet. Mein Sohn, erhöhe, befestige, vervollkommne das geistige Gebäude deiner Heiligung, damit derjenige, der den Grund dazu gelegt hat, es vollenden und krönen könne.

Mein Sohn, ziere, schmücke und beräuchere dein Haus, denn Ich bin entschlossen, ewig darin zu wohnen.

Mein Sohn, wie sind deine Gedanken, deine Wünsche, deine Anhänglichkeiten? Habe Vertrauen, Ich werde dich nicht verlassen. Ich weiß alles, was in dir vorgeht, sowohl deine Gefühle als die Wünsche, die du an Mich richtest, finden Mich nicht gleichgültig.

Mein Sohn, obwohl du noch auf Erden bist, versetze dich mit allen Gefühlen deines Herzens in den Himmel. Mein Sohn, es ist ein Zeichen Meiner Liebe zu dir, dass es Mir gefällt, diese Worte heute an dich zu richten. Ich schließe mit den Worten, welche ich ehemals an Meine Jünger richtete: „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet)!"

Sie können diese Worte dem betreffenden Geistlichen mitteilen, wenn Sie es für passend halten. Wenigstens werden Sie so gütig sein, mich seinem frommen Gebete zu empfehlen.

Was Sie anbelangt, Herr Pfarrer, so will ich mich begnügen, Sie daran zu erinnern, wie sehr ich des Beistandes des Herrn bedarf, weil ich weiß, wie sehr Ihnen das Heil meiner Seele am Herzen liegt. Empfangen Sie, ich bitte Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein in tiefster Ehrfurcht und innigster Dankbarkeit

Ihre
demütige Dienerin
Marie

Mimbaste den 13. Nov. 1842.



 

XII. Brief.

Der Heiland erklärt ein Gesicht, welches Marie Lataste soeben in ihrem Herzen gehabt.

Herr Pfarrer !

Ich unterbreite Ihnen heute, was mir an einem Sonntage vor der Kommunion begegnet ist.

Ich sah mein Herz in Form eines großen Saales; ich stand an der Türe und wartete aus die Ankunft Jesu. Die Engel schmückten den Ort, wo Er ruhen sollte. Sie stellten von der Türe bis zum Throne des Erlösers in zwei Reihen Blumensträuße und brennende Kerzen auf. Die Blumen und die Kerzen waren ebenmäßig und so aufgestellt, dass nach jedem Blumenstrauße eine Kerze angebracht war.

Jesu Thron war höher als gewöhnlich; ich zählte, wenn ich mich recht erinnere, vier oder fünf Stufen. Die Kerzen und die Blumen bildeten eine Art von lebendigem Zaun und bezeichneten den Weg, der zu Jesus führte. Die Engel hatten alles für den Augenblick der Kommunion hergerichtet, und Jesus stieg mit Herrlichkeit und Licht bekleidet in mein Herz hinab. Ich blieb immer an der Türe stehen, da ich seit dem Vorabend mit Scham und Verwirrung erfüllt war. Jesus rief mir; ich stieg zu Seinem Throne empor, warf mich zu Seinen Füßen und verblieb in dieser Haltung beinahe in dem Erlöser verloren, ohne irgendwelche Art von Gefühl, beinahe ohnmächtig. Einige Zeit darauf kam ich wieder zu mir und setzte mich zu den Stufen des Thrones nieder. Seine Gegenwart verbreitete in meinem Herzen, dessen Tür Er schließen ließ, ein Licht, das durch seinen Glanz jedes andere Licht übertraf. Ich heftete meine Augen auf Ihn, und bald richteten sich dieselben mit den Augen Jesu, der für mich zu beten schien, zum Himmel. Ich sah alsbald, wie Wasser in reichlichem Maße über mich ergossen werde, welches dann über meine Hände und meine Kleider floss und in einen unter mir stehenden Behälter fiel. Viele Personen näherten sich diesem Behälter und schöpften Wasser daraus; die Einen um es zu trinken, die Andern um sich damit zu waschen. Nachdem sie davon getrunken oder sich damit gewaschen hatten, warfen sie sich sogleich vor einem großen Kruzifix nieder, welches hinter dem Throne Jesu stand. Dort falteten sie die Hände, blickten zum Himmel und beteten voll Inbrunst; endlich zogen sie sich zurück.

Sie wurden durch eine so große Anzahl von Engeln ersetzt, dass man die Blumen und Kerzen wegnehmen musste, um ihnen Platz zu machen. Zwei der Engel, schöner als die andern, stellten sich neben mich und warfen sich vor dem Heilande auf die Knie nieder. Dann erhoben sie sich und stellten sich einer zur Rechten, der andere zur Linken Jesu; ich erhob mich auch und stellte mich wieder zu den Füßen Jesu, die ich liebreich umfasste. Die beiden Engel ergriffen mich einige Zeit darauf bei der Hand und wollten mich mit sich fortnehmen.

Ich wusste nicht, ob ich ihnen folgen sollte oder nicht. Ich überließ mich ihrem Wunsche; allein vergeblich. Eine geheime Kraft, die meine Kräfte und die der Engel übertraf, hielt mich an der Stelle zurück. Deshalb ließen sie mich stehen und verschwanden. Ich warf mich alsdann von Neuem zu den Füßen Jesu: „Meine Tochter", sprach Er zu mir, „Ich will dir das Gesicht, das du so eben hattest, erklären. Die Kerzen und die Blumen sind die Tugenden und die Tugendhandlungen, welche dich auf dem Wege wandeln lassen, der zu Mir führt. Die Kerzen und Blumen sind von den Engeln hingestellt worden; sie sind es auch in Wahrheit, welche über alle Christen wachen, damit sie mit ihrem Herzen an keiner Sünde anstoßen und die Tugend ausüben. Ich habe die Türe deines Herzens geschlossen, um dir zu zeigen, dass nichts Eitles und Unnützes in dasselbe eingehen dürfe. Das hinter Meinem Thron stehende Kruzifix zeigt dir an, dass das Andenken an Mein Leiden deinem Herzen tief eingegraben sein muss und die Personen, die von dem über dich ergossenen Wasser getrunken oder sich damit gewaschen haben, sind das Bild der Seelen, die da verzehrt von dem Verlangen Gott zu dienen, kommen werden, dieses bei dir zu lernen, und die da gerührt werden durch die Holdseligkeit und Salbung deiner Worte sich in dem Sakramente der Buße von ihren Sünden waschen werden. --- Endlich, hast du gesehen, wie sie sich zu den Füßen des Kruzifixes zurückzogen, sich sammelten, die Hände falteten und mit Inbrunst beteten; dies bedeutet, dass sie für die ihnen von Gott bewiesene Gnade dankbar sein werden. So, Meine Tochter, werde Ich durch dich verherrlicht werden, wenn du Mir treu bist.

„Ich erkläre dir nicht alles Übrige des Gesichtes, wisse nur, dass Ich dir deine Sünden vergebe; dass Ich in Meiner Vielgeliebten weder Runzeln noch Makeln will, sondern vielmehr, dass sie schön sei, wie die Morgenröte, rein wie ein Engel und heilig, wie Gott. Du bist Meine Vielgeliebte, und Ich liebe dich, Ich liebe dich mehr, als du es je begreifen kannst; preise und verherrliche immer Meine Barmherzigkeit und Meine Güte gegen dich!" - Das, Herr Pfarrer, glaube ich gesehen und gehört zu haben; Sie werden darüber urteilen, ob es von der Einbildung, oder vom Geist der Finsternis, oder von Gott komme. Ich überlasse es Ihnen, indem ich mich Ihrem Gebete empfehle und Sie meiner vollen Dankbarkeit und Verehrung versichere.

Ich bin mit der tiefsten Verehrung,

Herr Pfarrer!

Ihre
demütige Dienerin
Marie

Mimbaste den 18. Dez. 1842.



 

XIII. Brief.

Wie Marie verfährt, um das niederzuschreiben, was sie zwei bis drei Jahre vorher gehört hat.


Herr Pfarrer!

Ich habe bis jetzt noch nie daran gedacht, Ihnen zu sagen, wie ich die von Ihnen verlangten Schriften schreibe, und Ihnen zu erklären, wie mein Gedächtnis nach so langer Zeit sich an die Reden und Worte des Heilands erinnert, und zwar so getreu, als ob Er dieselben erst eben jetzt an mich gerichtet hätte. Hier folgt dies.

Eines Tages, vor ungefähr zwei Jahren, erschien mir Jesus und sagte zu mir: „Meine Tochter, komme zu Mir," ich näherte mich Ihm. Er hielt ein Buch und eine Schachtel in Seiner Hand und reichte mir dies dar mit den Worten: „Ich will, Meine Tochter, dass du die Erinnerung an Mein Wort und ebenso die heilsame Wirkung der tugendhaften Regungen, die Ich deinem Herzen einflößen werde, sorgfältig aufbewahrest. Dieses Buch enthält alle Worte, die Ich an dich richten werde. Ich verbiete dir, es jemals ohne Meine Erlaubnis zu öffnen. Öffne es nun!" --- Ich öffnete es: es war von der ersten bis zur letzten Seite beschrieben; ich schloss es sogleich wieder. ---„Diese Schachtel schließt in sich den Wohlgeruch, der ausgehen wird von den Worten, welche Ich an dich richten werde; öffne sie meine Tochter." --- Ich öffnete sie und erblickte die schönsten Blumen, die ich je gesehen habe. Sie verbreiteten in der Tat einen lieblichen und tröstlichen Wohlgeruch.

„Meine Tochter," sagte alsdann der Erlöser zu mir, „nimm dieses Buch der Wissenschaft und der Weisheit und diese Schachtel; verbirg sie in deinem Herzen, später wirst du sie ausmachen müssen, und sie werden dir von großem Nutzen sein." --Das ist wahr, hochwürdiger Herr, zu diesem Buche und zu dieser Schachtel nehme ich seit zwei Jahren meine Zuflucht, wenn ich das, was ich Ihnen in meinen Heften oder in meinen Briefen mitteile, schreiben will. Ich öffne das Buch aufs Geratewohl, und ich lese und schreibe. Zuweilen will Jesus mir nicht erlauben, das Buch zu öffnen; ich ergreife dann die Schachtel, atme den Wohlgeruch ihrer Blumen ein und schreibe dann, was mir in den Sinn kommt. Ich habe nun bemerkt, dass das Buch die verschiedenen Belehrungen enthält, welche der Heiland mir gegeben hat, für mich sowohl als für jene, die Kenntnis davon erlangen werden, und dass die Schachtel nichts anderes enthält und mir nichts anderes eingab, als was mich allein betraf.

Kaum vor einigen Tagen hat der Herr zu mir gesagt: „Das Buch und die Schachtel, die Ich dir gegeben, sind reichlich gefüllte Speicher, die dir zur Zeit der Hungersnot dienen sollen, d. h. für den Fall der Vergesslichkeit oder der Unzulänglichkeit des Gedächtnisses.

„Auch deine Schriften und Tugenden werden zwei reichlich gefüllte Speicher sein, woraus die Ägypter, d. h. die Sünder und die trauernden Seelen reichen Vorrat schöpfen werden.

„Versäume also Nichts, nimm Mein Wort auf, und bewahre es in deinem Herzen. Das Buch und die Schachtel, welche ich dir gegeben, werden dir nur insoweit dienen, als du es durch Achtsamkeit auf Mein Wort verdient hast." Wenn ich mich nicht mehr erinnere, was ich sagen soll, so nehme ich meine Zuflucht zu meinen reichlich gefüllten Speichern.

Ach! Herr Pfarrer, zuweilen finde ich die Türe dieser Speicher verschlossen. Ich fühle es wohl, es ist dann ein Fehler an mir, ich habe das Wort des Heilandes nicht immer gut angehört. Möge Er gnädigst Erbarmen mit mir haben und mir verzeihen.

Ich sage Ihnen nichtsdestoweniger immer das, woran ich mich erinnere, Alles, was sich meinem Geiste vorstellt, in dem aufrichtigen Wunsche meiner Seele, Ihnen Nichts zu verbergen und Ihnen die volle Wahrheit zu sagen. Denken Sie dann hierüber, wie es Ihnen beliebt; ich sage Ihnen Alles, was in mir vorgeht. Bitten Sie, hochwürdiger Herr und verehrter Vater meiner Seele, beim Heiland Jesus Christus für mich, damit ich mich heiligen und all den guten Unterweisungen, all den herrlichen Ratschlägen, die Sie mir geben werden, stets entsprechen möge.

Ich bin mit vollkommener Ergebenheit und tiefer Hochachtung

Ihre
untertänigste Dienerin
Marie Lataste


Mimbaste, den 28. Dez.1842.



 

XIV. Brief.

Von der nach Vollkommenheit strebenden Seele, von der Jubiläumsgnade, die Marie gewonnen.

Herr Pfarrer!

Eines Tages nach der heil. Kommunion glaubte ich, mich an einem Orte zu befinden, der sich ziemlich schwer beschreiben lässt; er war mit einer ungeheueren Mauer umgeben, die auf sehr festem Grunde stand. Diese Mauer erhob sich und je höher sie sich erhob, desto schmäler wurde sie. Ihr Anblick war sonderbar, ich wollte sie nach allen Seiten untersuchen.

Ich erstieg sie auf einer Seite, die mir von Gold zu sein schien; das Emporsteigen war ziemlich schwer, dennoch brachte ich es leicht zu Stande. Ich kam an eine kleine Tür; denn oben auf der Mauer war ein kleines Zimmer ohne Dach.

Ich klopfte an der Tür und ein ehrwürdiger Greis kam, um mir zu öffnen, und sprach voll Güte zu mir: „Guten Tag, mein Kind, tritt ein." --- Ich wusste nicht, wer es wäre, und ich sah wohl, dass es nicht der Herr war. Ich war erstaunt und fragte ihn also: „Mein Vater, wie sind Sie hierhergekommen? --- Und du, mein Kind, erwiderte er mir, wie bist du hierhergekommen? --- Ich bin, antwortete ich ihm, hierhergekommen, weil ich dem Zuge folgte, den ich in mir empfunden. Sie aber, mein Vater, werden Sie mir nun sagen, wer Sie sind?"

---„Meine Tochter," versetzte der Greis, ich will deine Frage beantworten: Ich bin ein geiziger Mann. Als ich jung war, war ich sehr arm, hatte aber in meinem Herzen ein ungeheures Verlangen nach Reichtümern. Mein Ehrgeiz war grenzenlos. Ich sprach mit dem Könige über diesen brennenden Durst nach Vermögen, der meine Seele erfüllte. Der König billigte mein Verlangen; er versprach mir große Reichtümer und eine Stelle bei Hof, vorher jedoch wollte er, dass ich einige Zeit an diesem hochgelegenen Orte eingeschlossen bliebe, von wo aus ich leicht meine Blicke über den ganzen Umfang seiner Staaten werfen könnte, nämlich zum Himmel, wo Gottes Thron ist.“

„Es ist das für mich, der ich getrennt bin von den übrigen Menschen, ein sonderbarer Anblick, die verschiedenen Bewegungen der Menschen zu sehen. Wie viel Torheiten, wie viel Niedrigkeit, wie viel Betrug, wie viel Lügen, wie viel Nichtswürdigkeit! Welcher Hang zur Erde, welch' Vergessen des Himmels durch Gedanken an das Zeitliche! Nein, meine Tochter, ich strebe nur nach Einem, und die Hoffnung meines künftigen Glückes ist die Stütze meines Lebens. --- Aber, mein Vater, sagte ich ihm, wie können Sie an diesem Orte leben? --- Meine Tochter, fügte er bei, ich erhalte mein Leben weniger durch die stoffliche Ernährung meines Leibes als durch die geistige Nahrung meiner Seele oder durch die Gnadengaben und Eingebungen von Oben. ---„Da Sie so zu Mir sprechen, mein Vater, so begreife ich, dass Sie den Herrn lieben, deshalb bitte ich Sie, richten Sie einige Worte an mich zum Heile meiner Seele. --- Meine Tochter, ich habe dir beinahe genug gesagt; fasse meine Worte in dem Sinne auf, den ich dir angeben will. Ich bin weder ein Mann, noch ein Greis, ich bin für dich das Bild der Seele, und das was du siehst, ist das Bild dessen, was jede Seele sein soll. Dieser hochgelegene Ort stellt die Vollkommenheit vor. Sieh', wie fest, breit und tief die Grundlagen sind. Die Mauern, die sich erheben und immer dünner werden, bis sie endlich diese Wohnung bilden und abschließen, zeigen dir an, dass du dich durch die Reinheit deiner Absichten, die alles in einem und demselben Ziele in Gott vereinigen, erheben musst. Lebe einsam in deiner Seele, wie du mich an diesem kleinen, abgesonderten Orte siehst, verbanne selbst eitle und unnütze Gedanken und beschäftige dich mit der Betrachtung der ewigen Wahrheiten." --Nachdem er diese Worte an mich gerichtet hatte, lud er mich zum Gebete ein. Während des Gebetes fand ich mich vor ein großes Haus versetzt, das sehr fest gebaut zu sein schien; ich schellte an der Glocke, welche sich an der Türe befand. Man öffnete. Ich trat ein und ging auf einem kleinen Weg weiter, der mich zu einer andern Türe führte; sie war geschlossen; ich schellte abermals und sie ward geöffnet. Ich trat in ein Gemach ein, das kotig und feucht sein musste, denn ich vermochte nur dadurch dasselbe zu durchschreiten, dass ich meine Füße auf kleine Pfähle setzte, die in kleinen Entfernungen von einander sich dort befanden. So ging ich durch zwei oder drei Gemächer, welche wie Abgründe aussahen. Endlich nach dem letzten bemerkte ich zwei Personen; ich stürzte mich eiligst auf eine derselben, denn der Weg wurde immer schwerer, weil er so glatt war.

Hierauf bemerkte ich einen Teich, über welchen ich setzen sollte. Man gab mir einen kleinen Kahn, den ich, mühsam rudernd, führte. Ich kam an das andere Ufer, woselbst ich zwei Engel mit großen Flügeln fand. Ihr Anblick regte zur Frömmigkeit an, so sehr waren sie selbst davon durchdrungen. Sie fassten meine beiden Hände und während sie mich hielten, fühlte ich mich ganz umgewandelt.

Ich wurde ganz weiß und strahlend von Klarheit; ich sah mich mit einem weißen Kleide bekleidet, ein weißer, sehr feiner Schleier umhüllte mein Haupt und eine schöne Krone umschloss meine Stirne. Dann führten mich die beiden Engel in ein Gemach, das einem Sprechzimmer glich.

Bald sah ich eine schöne Person und eine schöne Frau kommen. Ich kannte sie nicht recht. Es schien mir dennoch, dass es Jesus und Maria wären; aber ich war dessen nicht gewiss. Es dauerte indessen nicht lange, bis ich Maria erkannte, durch die Anziehung, die mich zu ihr trieb. Der Mann, welcher bei ihr war, stieß einen tiefen Seufzer aus, indem er mich anblickte; alsbald erkannte ich in Ihm Jesus und ich fühlte eine glühende Liebe zu Ihm.

Maria warf sich vor Jesus nieder; ich tat dergleichen; einen Augenblick darauf erhoben wir uns wieder. Jesus gab mir ein kleines Buch; ich öffnete es und sah, dass es beinahe ganz weiß war; dennoch bemerkte ich einige geschriebene Zeilen darin. Das machte mir kein Vergnügen und ich übergab das Buch Maria, welche es nahm und Jesu mit den Worten gab: „Mein Sohn, tue nach dem Wunsche deiner kleinen Dienerin Marie."

--- Jesus nahm das Buch und gab mir hierauf ein weißes Blatt Papier. Ich nahm es, untersuchte es aufmerksam und bemerkte abermals in der Ecke dieses Blattes einige geschriebene Zeilen. Ich gab es wiederum Maria, die es Jesus überreichte und von Neuem zu Ihm sagte: „Mein Sohn, erhöre die Bitten deiner kleinen Dienerin Marie." --Alsdann sagte Jesus zu mir: „Meine Tochter, Mein Wort wird die Stelle des weißen Blattes vertreten, das Ich dir gegeben hatte. Alle deine Sünden sind dir erlassen, aufgrund Meiner Verdienste, durch die Barmherzigkeit Gottes und aus Rücksicht auf Meine Mutter." Ich warf mich zu den Füßen Jesu und bat um Seinen Segen. Der Heiland machte das Zeichen des Kreuzes auf meine Stirne, auf meinen Mund, auf mein Herz und segnete mich.

Ich warf mich vor Maria nieder und bat auch um ihren Segen, und Maria segnete mich. Als ich den Segen Jesu empfing, fühlte ich meine Seele mit Gnade erfüllt; als ich Mariens Segen empfing, fühlte ich meine Seele überfließen von Süßigkeit und himmlischer Anmut.

Dieser Tag war ein Tag, wo ich den Jubiläumsablass gewann. Wie glücklich war ich an diesem Tage! Wie sehr bin ich es jedesmal, so oft ich das Glück habe, den zu empfangen, der die Ruhe und der Mittelpunkt meines Herzens ist: der einzige Gegenstand meiner Neigung und meiner Liebe; Derjenige, Den ich Allem vorziehe, selbst den ausgezeichneten Gaben und Gütern; Derjenige, welcher Alles für mich ist und mir Alles ersetzt; Derjenige, welcher der einzige Trost meiner Seele ist, ihr Reichtum, ihr Glück, ihr Leben und ihre Freude! Ergriffen von Seiner Schönheit, bezaubert von Seiner Gnade, die Lieblichkeit Seiner Gegenwart mit Wonne genießend, wie glücklich ist meine Seele, wenn sie Jesus besitzt! Gibt es Etwas, was diesem Besitze zu vergleichen wäre, der schon auf Erden den Himmel besitzen lässt? Wie reich ist man, wenn man Seine Liebe hat! Ja, ich bin glücklich, und mein Glück übersteigt jeden Ausdruck. Ich bin glücklich und würde mein Glück nicht vertauschen gegen alle Güter, alle Vergnügungen, alle Genüsse der Erde. Ich bin glücklich, weil Jesus mir genügt und weil ich mit Ihm nichts anderes mehr begehre.

Lob und Dank sei auf ewig dargebracht dem Herrn, dem Gotte meiner Seele!

Empfangen Sie gütigst, Herr Pfarrer, den Ausdruck meiner tiefsten Verehrung und meines vollkommenen Gehorsams,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 29. Dez. 1842.

 

 

XV. Brief.

Der Heiland zeigt Marie, dass sie ihre Gefährtinnen in Mimbaste erbauen soll. Früchte dieser Erbauung.

Herr Pfarrer!

Ich unterwerfe immer mit vollem Vertrauen Ihrem Urteile alles, was in mir vorgeht.

Eines Tages war Jesus in mein Herz eingetreten. Er saß auf Seinem Throne, und ich genoss Seiner Gegenwart. Ich fühlte einen lebhaften Zug, der mich mächtig von Ihm fortriss, und ich konnte mich dennoch nicht entschließen, Ihn zu verlassen. Endlich folgte ich diesem Zuge und erhob mich nach und nach und das Gewölbe meines Herzens schien mir viel höher. Als ich eine gewisse Höhe erreicht hatte, setzte ich mich auf einen Lehnstuhl, den ich an die Mauer meines Herzens angelehnt fand; man setzte mir eine Krone auf das Haupt. Dann erhob ich mich von Neuem, und ich sah mehrere unbekannte Personen vor mir erscheinen, die jedoch wieder verschwanden. Ich stieg noch höher und befand mich endlich in einer ungeheueren Wüste. Ich kniete auf dem Sande nieder, um ein Gebet zu verrichten und erhob mich hierauf.

Ich wollte den Ort betrachten, von dem ich mich erhoben hatte, da ich jedoch zu fallen fürchtete, so entfernte ich mich. Dann näherte sich aber mir, ich weiß nicht wer, und befestigte an meinen Gürtel ein Band, dessen Enden bis zum Himmel reichten. Dann sah ich ohne Furcht hin. Ich sah auf dem Grunde mehrere Personen, welche die Arme nach mir auszustrecken schienen, damit ich sie zu mir heranzöge. Ich bückte mich so sehr ich konnte, und hielt mich an dem Bande, das bis zum Himmel reichte, und wirklich gelang es mir, einige heraufzuziehen, aber da sie sehr schwer waren, so kostete es

mich sehr große Anstrengung. Ich konnte sie nicht mehr mit den Händen heraufziehen. Alsdann gab mir der, welcher das Band an meinen Gürtel befestigt hatte, eine Kette, die ich in den Abgrund warf, während ich das eine Ende derselben festhielt. Auf diese Art gelang es mir, noch eine große Menge derselben heraufzuziehen. Bald bedurfte ich selbst der Kette nicht mehr. Es schien mir, dass eine unbekannte Kraft sie aus dem Abgrund zog, und ich nahm deren gleich drei oder vier auf einmal heraus. Endlich sah ich eine Abteilung aus einen Lehnstuhl steigen; ich empfing sie und streckte ihnen die Arme entgegen, um sie freundschaftlich zu umarmen. Wir schritten dann in der Wüste voran; wir trafen eine Tür, die ich mit Leichtigkeit öffnete, und setzte mich zur Rechten, während jene, die ich umarmt hatte, zu meiner Linken Platz nahmen, und alle andern Personen vorwärts gingen. Dieser Türe gegenüber war eine andere; um aber dahin zu gelangen, musste man durch ein kleines Gitter von sehr dünnem Eisen gehen. Ich wagte mich durch dasselbe mit meiner Gefährtin durch; ich öffnete die Türe und setzte mich wieder rechts, sie links und ich sagte zu den Andern: „Gehet durch oder ziehet Euch zurück." --Sie wagten nicht durchzugehen, weil unter dem Gitter ein tiefer Abgrund war. Indessen einige gingen durch, die Andern folgten mit Ausnahme einer einzigen, die sehr schwer war. „Vorwärts, meine Schwester, Mut!" sprach ich gütig zu ihr, „komm, wenn du willst." --- Sie schritt bis zur Mitte vor und blieb stehen: „Komm doch," sagte ich abermals, „oder ziehe dich zurück." Ein neuer Eifer zeigte sich auf ihrem Gesichte, sie war bald bei mir. Wir schritten durch einen ungeheuer großen Gang, an dessen Ende ich ein Kruzifix fand. Am Fuße des Kruzifixes hing ein Schlüssel, mit welchem ich einen neuen Saal öffnete, der mir die Kirche von Mimbaste zu sein schien. Sie sagte: „Erbauet Euch gegenseitig, unterstützet Euch durch Ausübung der Frömmigkeit; du hast für sie gebeten, Maria, ich habe dich erhört. Ich befehle dir, ihnen allen ein gutes Beispiel zu geben und sie in der Ausübung der Tugend aufrecht zu halten. Diese werden deinem Beispiele treu sein. Die andern Personen, die du vor dir gehen sahest, werden von deiner Lebensweise nicht ergriffen werden; du aber wirft nichtsdestoweniger die Krone erhalten, auf dem Throne, der dir im Himmel vorbehalten ist, wenn du auf dem Wege durch die Wüste dieses Lebens jene rettest, welche deinen Fußtapfen folgen und die Tugend ausüben wollen. Alle riefen zu gleicher Zeit: „Ja, Herr, wir wollen es." --- Was mich betraf, so konnte ich nur die Worte sagen: „Herr, erbarme Dich meiner, ich bin eine arme Sünderin.

Ist es Täuschung, ist es Wahrheit? Ist's Betrug vom Geiste der Finsternis? Sie, mein Herr, mögen darüber urteilen, ich erzähle treulich, was ich erfahren und zu erfahren glaubte.

Beten Sie für mich, mein vielgeliebter Vater in Jesus Christus und halten Sie Sich meiner ehrfurchtsvollen Gefühle versichert,

Ihre
demütige Dienerin
Marie

Mimbaste den 3. Jan. 1843.



 

XVI. Brief.

Antwort auf zwei, von Herrn Dupérier gestellte Fragen: hat Marie Lataste die Heilige Schrift studiert? Was empfand sie körperlich vor und nach ihren Gesichten?


Herr Pfarrer!

Ich habe in Dax eine Unterredung mit dem ehrwürdigen Priester gehabt, an den Sie mich gewiesen haben. Ich habe seine an mich gerichteten Fragen so gut beantwortet, als es mir möglich war. Sie wissen aber, dass es mir immer schwer wird zu sprechen und dass ich eigentlich nur mit Ihnen über das reden kann, was ich empfinde. Sie haben geglaubt, zu meinem Besten mich veranlassen zu sollen, dass ich auch Herrn Dupérier zu Rate zöge. Ich habe es mit der Hingebung getan, die ich stets für Ihren Rat gehabt habe und immer haben werde; ich gestehe, ich habe auch nicht Ursache es zu bereuen. Nichtsdestoweniger habe ich mich vielleicht nicht klar und deutlich genug über zwei Fragen, die er an mich richtete, ausgesprochen, nämlich darüber: Lehrt mir der Heiland die Stellen der heil. Schrift, die in meinen Schriften vorkommen? Was empfinde ich körperlich, wenn Er mit mir spricht, oder wenn ich Ihn von Angesicht zu Angesicht sehe?

Ich möchte, wenn Sie es erlauben, dies heute gut machen und mit der größten Genauigkeit, deren ich fähig bin, beantworten.

Was die erste Frage anbelangt, so will ich zuerst daran erinnern, dass ich die ganze Bibel gelesen habe, mit Ausnahme gewisser Stellen, von deren Lesung mein erster Seelenführer und Sie mir abrieten. Ich erkläre ferner, dass es Stellen gibt, die ich nicht kannte, oder die ich gänzlich vergessen hatte, und endlich andere, an die ich mich noch erinnerte. Wenn ich sie nicht kannte, so befahl Jesus mir die Bibel oder mein Messbuch aufzuschlagen und Er legte mir dann den Vers oder die Stelle aus, die mir eben in die Augen gefallen war. Wenn ich es vergessen hatte, so erinnerte mich Jesus daran, und dann gab Er mir die Erklärung davon. Endlich, wenn ich es noch wusste, so legte es Jesus nur einfach aus, ohne auf die Stelle Nachdruck zu legen, um sie dadurch meinem Geiste einzuprägen.

Ich habe in Betreff der Stellen, die ich nicht kannte, und welche der Heiland zum Gegenstand Seiner Belehrungen machen wollte, nur eine Bemerkung zu machen. Sehr oft richtete ich meine Augen auf den Vers selber, ein anderes Mal musste ich deren mehrere lesen. Ich habe immer den erkannt, welcher den Gegenstand der Unterredung bilden sollte, an dem ganz eigentümlichen Reize, wodurch er meinem Geiste sich einprägte, während die andern keinen Eindruck auf mich machten.

Anderes habe ich auf diese erste Frage nichts mehr zu antworten.

Hier folgt meine Antwort auf die andere Frage; sie wird sehr einfach sein. Ich empfinde weder in dem Augenblick, wo Jesus mit mir spricht, noch vorher, noch nachher etwas Peinliches in meinem Körper. Mein Körper ist weder tätig, noch leidend; ich vermag nicht zu sagen, wie er ist. Es scheint mir, dass er unbeweglich ist und dass er nicht den Gebrauch seiner Sinne hat, und dass alle Tätigkeit in meiner Seele ist. Wenn Jesus mit mir sprechen oder Sich mir zeigen will, so fühle ich mich zu Ihm, zu Seinem Tabernakel hingezogen und ich gehe leiblich oder geistig dahin. Wenn ich mich in die Kirche begeben kann, so knie ich mich dort auf den Boden oder auf einen Stuhl; ich denke an Jesus, ich bete Ihn an, ich weihe Ihm mein Herz, ich richte meine Augen zum Tabernakel; dann verschwindet alles: Kirche, Altar, Tabernakel; ich sehe nur mehr Jesus und den Priester, wenn es während der heil. Messe ist. Es ist eine ganz neue Welt. Ich gehe, ich knie nieder, ich gehe zu Jesus. Ich stelle mich an Seinen Thron, ich höre Sein Wort an, und wenn Jesus zu sprechen aufgehört und ich selber nicht mehr mit Ihm spreche, so fühle ich mich angetrieben, Ihm zu danken; und finde mich in derselben Stellung wieder, auf dem Boden oder auf einem Stuhle kniend, wie in dem Augenblicke, wo ich mich vor Ihm niedergeworfen habe.

All dieses geschieht ohne irgendwelche körperliche Anstrengung; mein Körper empfindet nur eine gewisse Lieblichkeit, welche durch die vertrauten Beziehungen meiner Seele zu Jesus hervorgebracht sein muss.

Wenn ich allein zu Hause in meinem Zimmer bin und Jesus im Gebet mit mir redet, so bin ich noch nie von jemandem gesehen worden; allein oft wurde ich in dem Augenblick überrascht, wo Jesus zu sprechen aufgehört hatte. Nur dann bin ich zuweilen ein wenig unangenehm berührt gewesen. Doch jetzt, dem göttlichen Erlöser fei Dank dafür gesagt, habe ich gelernt, diese Empfindlichkeit zu beherrschen.

Ich muss indessen gestehen, dass ich nach diesen mit dem Heiland verlebten Augenblicken zum Arbeiten weniger aufgelegt bin. Ich denke noch lange an Jesus, nachdem ich Ihn gehört habe; ich möchte noch bei Ihm sein; ich möchte mich nur mit Jesus beschäftigen; diesen Hang finde ich in meinem Geiste; allein mein Körper verfällt in eine Niedergeschlagenheit, die mir die Arbeit schwerer und mühevoller macht. Weiteres habe ich auf diese zweite Frage nichts beizufügen.

Ich habe Ihnen soeben ohne Hehl und mit gänzlichem Vertrauen alles gesagt, was nach meinem Dafürhalten zur vollkommenen Beantwortung jener beiden Fragen dient, welche Herr Dupérier an mich gestellt hat.

Sie können von meinem Briefe nach Ihrem Belieben Gebrauch machen. Sie haben über mich und über Alles, was mich angeht, volle Gewalt. Wenn Sie glauben, denselben Hrn. Dupérier mitteilen zu sollen, so können Sie es ohne Bedenken tun.

Empfangen Sie, ich bitte Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner höchsten Verehrung und meiner innigsten Dankbarkeit, womit ich die Ehre habe zu sein

Ihre
demütigste Dienerin
Marie.

Mimbaste, den 3. Januar 1843



 

XVII. Brief.

Absichten Gottes hinsichtlich der Familie Marie Lataste.


Herr Pfarrer!

Ich war eines Tages bei Jesus, dem Erlöser in dem Tabernakel Seiner Liebe. Ich dachte an den Ruf, den ich aus Seinem Munde hatte ergehen hören; ich dachte an meine Familie, die ich mit Margaretha allein lassen sollte; ich dachte an meine Schwester Quitteria, die uns schon lange verlassen hatte und sagte zum Erlöser: „Ich werde dir überall hin folgen, wohin du mich führen willst. Sprich, mein Gott, zu der von dir bestimmten Stunde, werde ich Alles verlassen, um Dir allein anzuhängen.

Der Heiland ließ mich dann Seine sanfte Stimme hören: „Meine Tochter," sagte Er zu mir, „Ich habe auf Erden auf drei verschiedene Arten gelebt; Mein öffentliches Leben mit den Menschen, da ich lehrte und ihre Krankheiten heilte; Mein verborgenes Leben in Nazareth mit Meiner Mutter und dem heil. Joseph, denen Ich untertan war, und mein geheimes Leben mit Meinem himmlischen Vater. Ich habe nun Meine Augen auf deine Schwester Quitteria geworfen, dass sie Mich in Meinem öffentlichen Leben nachahme. Sie soll den Menschen die ihnen in ihren körperlichen und geistigen Gebrechen notwendige Hilfe bringen.

„Deine Schwester Margaretha habe Ich auserwählt zur Nachahmung Meines verborgenen Lebens zu Nazareth; sie soll bei deinen Eltern bleiben, um über sie zu wachen, sie zu pflegen und ihnen zu gehorchen. Dich habe Ich auserwählt und bestimmt zur Nachahmung Meines geheimen Lebens mit Meinem Vater im Himmel. Ich habe immer nur Einen Willen gehabt, den Willen Meines Vaters. Ich habe immer das getan, was Meinem Vater das Angenehmste war; Ich habe nie meine Ehre gesucht,. sondern die Meines Vaters; Ich habe Mich in jedem Augenblicke Meines Lebens hingeopfert zur Erkaufung und Erlösung der Menschen von ihren Sünden; Ich habe in nichts der von Meinem Vater bestimmten Stunde vorgegriffen. Endlich habe Ich Ihn der Welt zu erkennen gegeben, und Er hat Meinen Namen über alle Namen erhoben, und sowohl im Himmel als aus der Erde beugt sich jedes Knie vor Meinem Namen.

„Meine Tochter, der Gedanke an Gott war Mir immer gegenwärtig; Ich hörte Sein Wort, und Ich beurteilte alles nach dem Worte Meines Vaters, und tat es, nur eins mit Meinem Vater.

„Habe stets Mein geheimes Leben mit Meinem himmlischen Vater vor Augen, habe keinen andern Willen, kein anderes Verlangen, als den Willen und das Verlangen Meines Vaters. Suche immer in allem Seine Ehre. Opfere dich jeden Augenblick vor Ihm, sowohl um deine Sünden zu tilgen, als auch um für Andere Barmherzigkeit zu erflehen. Greife Seiner Stunde nie vor, erwarte sie unterwürfig und Er wird auch dich im Himmel verherrlichen.

„Der Gedanke an Ihn sei deinem Geiste stets gegenwärtig; höre Sein Wort, das Mein Wort ist; lebe aus Ihm, in Ihm und für Ihn, bleibe immer mit Ihm vereinigt. Nimm auf in dich die Ergießung Seines Lebens mittels der Gnade. Wenn du also handelst, so werde ich dir die allen andern unbekannten Geheimnisse enthüllen, wie Mein Vater Mir die ewigen Geheimnisse Seines göttlichen Lebens enthüllt hat; durch diese Mitteilungen wird unsere Vereinigung immer zunehmen und sich mehr entwickeln.

„Jetzt, da Ich dir Meine Absichten in Bezug auf dich kundgegeben habe, verbleibe Meinem Willen noch mehr ergeben. Lebe in größter Demut und fürchte dich Meiner Wohltaten unwürdig zu machen." --Ach, hochw. Herr, ich weiß wohl, dass ich Jesu Gunstbezeugungen nicht verdiene; ich weiß, dass Er alles aus Barmherzigkeit für mich tut. O ! könnte ich ihn ewig lieben und mich Seinem heiligen Willen überlassen!

Beten Sie für mich, bitten Sie den Heiland, dass Er mich von allen Feinden meiner Seele befreie und mich unter Seinem Schutze bewahre.

Genehmigen Sie gütigst, Herr Pfarrer, die Gefühle meiner tiefen Verehrung und meiner vollen Ehrfurcht,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 17. Januar 1843.



 

XVIII. Brief.

Unser Heiland erzählt Marie die Parabel vom König,
vom Knappen und vom Ölbaum.


Herr Pfarrer!

Ich will Ihnen etwas unterbreiten, was ich empfunden habe, Sie werden nach Ihrem Gutdünken darüber denken und urteilen. Eines Tages nach der Kommunion sagte Jesus zu mir --- denn es war wohl, wie ich glaube, Seine Stimme, die zu Mir gesprochen. „Ich werde Meine Stimme erheben und sprechen: Freue dich, Haus Juda, weil große Ehre dich erwartet.“

„Freuet Euch, Ihr, zu denen Ich gesagt habe :

„Wer Euch aufnimmt, nimmt Mich auf. Wer Euch hört, hört Mich, wer Euch verachtet, verachtet Mich".

„Freuet Euch, ihr Nachfolger derer, zu denen Ich gesagt habe: Gehet hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des hl. Geistes“.

„Freuet Euch Ihr, denen Ich Meinen Augapfel anvertraut habe.

„Freue dich, Jerusalem, weil du in deinem Schoße empfangen wirst eine Braut des Bräutigams, eine Tochter des Vaters, geschmückt mit der Gnade ihres Bräutigams und bereichert mit den Schätzen des Vaters." --Dann fügte Er bei: „Als ein König seine Staaten bereiste, fand er in der Wüste eine Pflanze. Sie gefiel ihm sehr; er pflückte sie und sprach: Diese Pflanze ist ein köstlicher Ölbaum, den ich in meinen Garten verpflanzen will; sie wird mir Öl geben zur Bereitung köstlicher Speisen, die ich meinen Dienern vorstellen werde. Er vertraute sie seinem Lieblings-Knappen an und sagte zu ihm: Gib wohl Acht auf diese Pflanze."

,,Der Knappe betrachtete diese Pflanze und erkannte in ihr wirklich einen Ölbaum, vortrefflicher Gattung.

Er pflegte sie sorgfältig, riss das nebenan treibende Unkraut aus, düngte sie von Zeit zu Zeit und bewässerte sie mit dem reinsten Wasser, das er aus des Königs Brunnen schöpfte.

Die andern Knappen verspotteten ihn und sagten: Tor, der du einer Weinrebe, die unser König in seinen Garten verpflanzt hat, und deren Flüssigkeit den Verstand rauben wird, so viele Sorgfalt widmest. Was uns anbelangt, wir werden uns wohl vor der scheinbaren Süße dieser Flüssigkeit hüten.

Die Spöttereien konnten wohl den König und die Pflanze, die er bebauen ließ, berühren; der Knappe wurde aber dadurch wenig aufgeregt; weit davon entfernt, betrachtete er die Pflanze nur noch genauer, und so oft er sich derselben nahte, atmete er einen so lieblichen Ölbaumsduft ein, dass er voll Überzeugung ausrief: Das ist kein Weinstock, dem ich meine Sorge widme, diese Pflanze ist ein Ölbaum, der meinem Herrn Öl zu köstlichen Speisen geben wird."

,,Als der König die andern Knappen so reden hörte, war er aufgebracht und sagte ihnen: Ihr Toren, für wen haltet Ihr mich, dass Ihr meint, ich pflanze einen Weinstock in mein Gartenbeet, um dadurch den andern . Blumen zu schaden ? Nein, das ist kein Weinstock, es ist ein sehr kostbarer Ölbaum. Sodann wandte er sich zu dem treuen Knappen und sagte zu ihm: Reiß die Pflanze aus und versetze sie in ein anderes Gartenbeet, das ich dir angeben werde, und dessen Boden noch fruchtbarer ist. Der König selbst machte ein goldenes Gehäuse, in Form eines Käfigs in welches er die Pflanze tun ließ, damit nichts ihrem frischen Grüne schade; und zu noch größerer Vorsicht befahl er seinem Knappen, dass dieser den goldenen Käfig mit einem Schleier bedecke, damit Niemand auch nur den Glanz der Pflanze betrachten könne. Der Knappe sagte zum König: „Warum soll ich darüber diesen Schleier breiten, die Pflanze kann ja keinen Schaden nehmen?"

„Bedecke sie mit einem Schleier, erwiderte der König, der alle Eigentümlichkeiten der Pflanze kannte, weil die Schönheit dieser Pflanze und der von ihr ausgehende liebliche Geruch, einigen meiner Untertanen, die in guter Gesundheit sich befinden, schaden könnte. Sie würden meine Pflanze beneiden und würden dadurch meine Gewogenheit verlieren, denn ich will die Pflanze für mich allein haben."

Aber der Knappe sprach zu sich selbst: „Wenn ich die Pflanze zudecke, so würde ich einem Schmuggler gleichen, und wenn man mich nötigt die Pflanze zu zeigen, so käme ich in Verlegenheit; ich werde den Schleier nicht darüber breiten, der goldene Käfig sichert die Pflanze des Königs vor jedem Schaden, desto schlimmer für jene; die den Geruch der Pflanze zu sehr einatmen und den König darum beneiden“.

Er riss die Pflanze aus, setzte sie in das goldene Gehäuse; aber ohne sie mit einem Schleier zu bedecken, und er verpflanzte sie in das neue Gartenbeet. Wirklich atmeten einige, die eine gute Gesundheit, aber ein schwaches Temperament hatten, den Wohlgeruch der Pflanze ein und wurden davon so entzückt, dass sie wenigstens ein Blatt derselben hätten berühren mögen. Der goldene Käfig hinderte sie daran. Indem sie sich nun der Pflanze mehr und mehr näherten, wurden sie von der Schönheit derselben geblendet und durch deren Geruch vergiftet; ehe sie starben, riefen sie aus: Verflucht sei der Tag unserer Geburt, der unser Unglück verursacht hat; verflucht sei der Tag, wo wir diese Pflanze gesehen haben, die uns den Tod bringt."

Die Pflanze wuchs und wurde in dem neuen Gartenbeet des Königs groß, sie trug Früchte und gab ein Öl von vortrefflichem Geschmacke.

Alsdann verspottete der treue Knappe die andern Knappen und sagte: „Ich wusste wohl, dass ich nicht einen Weinstock, sondern einen Ölbaum pflegte. Welch einen lieblichen Wohlgeruch verbreiten seine Blüten, wie reichlich sind seine Früchte und wie köstlich sein Öl! Sehet,

scheint es nicht, dass die Pflanze durch ihre Wurzeln, die

sich in dem ganzen Gartenbeet ausbreiteten, die andern

Blumen gedüngt und ihre Natur veredelt habe!"

Also freute sich der Knappe darüber, die Pflanze des Königs gut gepflegt zu haben. Eines Tages beschied ihn der König zu sich und überreichte ihm eine große Belohnung.“

„Meine Tochter, wahrlich Ich sage dir, glücklich ist das Gartenbeet, wohin der König die Pflanze aus der Wüste verpflanzt!“

Sie mögen, hochwürdiger Herr, hiervon denken, was Ihnen gefällig ist; ich bin für dies, wie für alles andere vollkommen gleichgültig. Ich verlange nur nach Gott; ich hänge mich nur an Ihn; ich will nur Ihn. Ich sage es in voller Aufrichtigkeit meines Herzens und Gott, der meine Gefühle sieht und kennt, wird am Tage der Wahrheit hierfür Zeugnis ablegen, ich wünsche nichts anderes.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner Hochachtung und der innigsten Dankbarkeit, von der ich gegen Sie durchdrungen bin und mit welcher ich mich zu nennen wage

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 23. Februar 1843.



 

XIX. Brief.

Gegenstand der Betrübnis Mariens.

Herr Pfarrer!

Ihre Güte und Liebe, all die Rücksichten, die Sie auf mich nehmen und die ungemein große Teilnahme, die Sie mir für mein Seelenheil bezeigen, erfüllt mich mit Beschämung und Verwirrung. Wie soll ich Ihnen meine Dankbarkeit beweisen? Gott allein sieht, wie groß und aufrichtig sie ist. Genehmigen Sie gütigst den Ausdruck und die Versicherung dieser meiner Dankbarkeit, die ich Ihnen nun wieder schriftlich erneuere.

Um Ihnen zu zeigen, welch volles Vertrauen ich auf Sie habe, will ich Ihnen heute alles sagen, was ich im Innersten meines Herzens entdecke in Hinsicht auf die Traurigkeit, die Sie in mir wahrzunehmen vermeinten, und welche nur sehr wenige hätten bemerken dürfen. Wenn ich Ihnen hiervon nie Etwas gesagt habe, so will ich Ihnen aufrichtig gestehen, es war kein Mangel an Vertrauen auf Sie. Ich habe Ihnen mehr als einmal beweisen müssen, wie vollständig ich mich ans Sie verlasse.

Es wäre sogar eine große Erleichterung für meinen Geist gewesen, mit Ihnen zu sprechen bei Gelegenheit der verschiedenen Prüfungen, die aufeinander folgen; allein ich sah ein, dass meine zahlreichen Leiden von meiner geringen Tugend herrührten und ich befliss mich deshalb, lieber Tugendakte auszuüben, als mir Tröstungen zu verschaffen.

Sie wünschen den Gegenstand und die Natur meiner Traurigkeit zu kennen, ich will es Ihnen in einigen Worten mitteilen. Die Traurigkeit, die Sie in meinem Äußern bemerkt haben, ist verschieden von der schwermütigen, niederdrückenden Traurigkeit, die zu allem unfähig macht. Dennoch bin ich zuweilen ganz niedergeschlagen und kraftlos; wenn ich aber dann mein Herz in den Schoß der Barmherzigkeit Gottes ergieße, würdiget Er Sich, dasselbe zu trösten und zu stärken, und es bleibt dann zufrieden, trotz allem, was es Schweres und Unangenehmes treffen mag.

Die Traurigkeit, welche Sie in mir wahrzunehmen glauben, ist weniger Traurigkeit als Charakter.

Als ich ein Kind von 10 bis 13 Jahren war, war mein ernster, düsterer Charakter, der das Gepräge der Dummheit hatte, ein Gegenstand großer Abtötungen für mich. Wenn ich Wesen sah, die mit angenehmen, von der Welt geliebten und geachteten Gaben ausgestattet waren, so hätte ich wie sie sein mögen, und da ich es nicht konnte, ohne Traurigkeit zu empfinden, so war ich natürlich ernst, um zu versuchen ebenso zu werden. Vergebliche Mühe, es gelang mir nicht.

Da ist der Heiland gekommen mich zu unterrichten und ich verlor diesen Wunsch nach natürlichen Eigenschaften, weil nach Seinem Urteil und Rat es besser sei, die Demut und Einfalt der List dem Talente und dem Weltgeiste vorzuziehen.

Ich habe jedoch weder diese Demut, noch diese Einfalt, aber ich verlange von ganzem Herzen nach ihr, ich suche sie und bis ich sie gefunden habe, glaube ich in mir diese Voreingenommenheit zu finden, die nicht verboten und nicht Traurigkeit ist.

Meine Mutter war bekümmert und betrübt, wenn sie mich stille sah, wo ich mit ihr hätte sprechen können und sollen. Es schmerzte mich selbst innig; aber ich weiß nicht, woher es kommt, so oft ich mich mit meiner Mutter und Schwester zusammenfinde, kann ich mich nicht leicht ausdrücken, habe viel Mühe Worte zu finden. Wenn ich allein bei fremden Leuten bin und die Unterhaltung führen muss, so habe ich mehr Mut und Leichtigkeit. Wenn ich aber von Religion sprecht kann und darf, wenn ich z. B. den Katechismus lehre, so tue ich es leicht und finde Überfluss an Worten. Es ist mir behaglich und ich bin keineswegs verlegen.

Heute bin ich in Bezug auf Worte weniger als je verlegen, es scheint mir, dass ich darin noch mehr Leichtigkeit erlangen werde.

Sie bemerken jedoch noch etwas in mir, was Sie Traurigkeit nennen, es ist keine; das was Sie an mir wahrnehmen, und was sich Ihnen auf meinem Antlitze in deutlichen Zügen zeigt, ist der Wunsch, mich mehr und mehr mit Gott zu vereinigen. Ich fühle, dass ich nicht an meinem Platze bin. Gott hat mir einen Beruf gegeben, und ich möchte schon im Stande sein, ihn erfüllen zu können.

Indessen habe ich, ich sage es Ihnen in voller Aufrichtigkeit, keinen Wunsch, außer den, Gottes Willen zu erfüllen. Ich erwarte Seine Stunde. In der Welt gefällt mir nichts und missfällt mir nichts. Ich suche ihren bösen Geist mit Demut zu ertragen und strenge alle meine Kräfte an, um darauf bedacht zu sein, dass ich nicht in ihre Schlingen falle.

Was mich vielleicht auch so in mich selbst gekehrt und gesammelt macht, ist etwas, was ich schon seit langer Zeit empfinde, und was ich still im Herzen bewahre, ohne es jemanden zu entdecken. Ich möchte davon sprechen und kann es nicht; Ihnen jedoch kann ich alles sagen und ich tue es ohne Schwierigkeit. Ich verstehe nichts von den natürlichen Wissenschaften; niemals hat mir jemand davon Etwas gelehrt, und wenn mein Geist bei der Betrachtung des Weltalls sich aufhält, so bekenne ich meine Unwissenheit, ohne mich äußerlich zu schämen und freue mich vielmehr in dem Innersten meiner Seele bei der Erinnerung an das Wort der ewigen Wahrheit: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.

Jesus, der Heiland, unterrichtet mich in der übernatürlichen Ordnung; Alles, was ich weiß, hat Er mir auf vollkommene Art gelehrt. Da ist es meinem Geiste und Herzen wohl, und sie wünschen nichts weiter. Wenn Jesus mit mir spricht, so scheint es mir, dass ich unbeweglich bin, wenigstens dann, wenn ich nicht so unglücklich bin, unachtsam auf Sein Wort zu sein.

Was mich ferner in mich selbst gekehrt und gesammelt macht, ist, dass ich mich zuweilen verlassen, hilflos, schwach, matt finde, allen Arten von Versuchungen ausgesetzt, von tausend Feinden umgeben und im Kampfe mit mir selbst; dann auch die Demütigungen, die ich empfinde, aus Furcht, ich möchte getäuscht werden. Nichts desto weniger, Euer Hochwürden, rauben alle diese Dinge, ich versichere Sie, mir weder den Frieden, noch die Ruhe meiner höheren Seelenkräfte. Die Gnade, welche der Heiland mir erweist, die Lieblichkeit Seines Wortes oder Seiner Gegenwart bewahren mich innerlich ruhig und stille.

Ich ergebe mich ohne Unruhe in den Willen Gottes, meines himmlischen Vaters. Ich weiß, dass Er Alles, was mir begegnet, will, sowohl zu Seiner Ehre, als zu meinem Heile, und ich danke Ihm dafür. Ein Vater tut nichts, was dem Nutzen seines Kindes entgegen ist, wenn er wahrhaft Vater ist, d. h. wenn er ein gutes, zärtliches und liebevolle Herz hat; aber niemals wird seine Güte der Güte Gottes gleich kommen. Auch fürchte ich nichts, ich bin nicht unruhig, ich bin voll Vertrauen, ich bewahre die Ruhe meiner Seele und Freude in meinem Herzen, wenn sich auch äußerlich nichts davon offenbart. Was Sie in mir wahrgenommen haben, ist also keine eigentliche Traurigkeit. Auch liegt darin nichts, was meine Mutter und Familie beunruhigen könnte. Man ist nicht überrascht mich so ernst und zurückhaltend zu sehen, wenn nur ein Lächeln über meine Lippen kommt, wenn ich spreche oder wenn man mit mir spricht. Ich habe nie jemanden daran gewöhnt, in mir solche Äußerungen der Freude zu finden, wie man es bei andern findet. Ich begnüge mich, ein wenig zu lächeln, ohne Ziererei, ohne etwas Gesuchtes und jedermann ein freundliches, gutes Gesicht zu zeigen. Ich hüte mich auch meinen Eltern zuviel Liebe zu zeigen, um nicht ihr Herz an mich anhänglich zu machen. Ich umarme meine Mutter alle Tage, damit sie nicht an meiner Liebe zweifelt; aber ich bin nicht sklavisch an sie gebunden. Später, wie jetzt, würde ich zu sehr beengt sein. Dennoch würde ich, hochwürdiger Herr, wenn meine Schwester nicht bei meiner Mutter wäre, ihr alle meine Sorgen widmen; allein Sie erinnern sich, was der Heiland mir darüber gesagt hat. Empfangen Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner höchsten Verehrung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 5. März 1843.



 

XX. Brief.

Marie ist über ihren Beruf beruhigt. Unser Herr spricht ihr Sein Lob aus.

 

Herr Pfarrer!

Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich in einer ziemlich schweren Lage befinde. Mein Herz wird von zwei Seiten heftig angezogen. Die Vorstellungen und die Bedenklichkeiten, die man mir macht, erregen tausend Ängste in mir und dennoch empfinde ich einen solchen Hang, dass ich ihm nicht zu widerstehen vermag.

Soll ich mich durch diese Vorstellungen und Bedenklichkeiten aushalten lassen? Soll ich mich blindlings ihnen unterwerfen? Ohne Zweifel darf und muss ich nur gehorchen. Aber wie soll ich diesem Hang widerstehen, der mich fortreißt, der mich beherrscht, der Herr über mich wird? Welche traurige Verwirrung! Einesteils will ich gehorchen und mich unterwerfen; andererseits scheint es, dass der Gehorsam mir unmöglich ist, und dass ich notwendigerweise dem Antriebe oder der Stimme folgen muss, die mich zu einem andern Leben beruft. Deshalb, Herr Pfarrer, habe ich in dieser peinlichen und schwierigen Lage neuerdings in der Gegenwart Gottes, in der Einfalt und Aufrichtigkeit meiner Seele mein Herz untersucht und meine Gefühle geprüft. --- Wenn nun aber mein Gewissen nicht vollständig blind und eingeschlafen ist, so wirft es mir nicht vor, dass mein Widerstand gegen meine Obern hierin eine Wirkung stolzen Eigensinnes sei. Ich habe mehr und mehr die Kraft und Stärke des Zuges, der mich zum Eintritt in die Gesellschaft des hl. Herzens treibt, erkannt, und ich sehe, dass es mir unmöglich ist, diesem Zuge zu widerstehen, welcher mein Herz unumschränkt beherrscht. Um nun nicht länger mehr zu zweifeln, um mich gänzlich zu beruhigen, habe ich mich an Jesus, den Heiland, gewendet und habe zu Ihm gesagt: „Herr Jesus, ist es Dein unbeschränkter Wille und berufest Du mich wirklich dazu, dass ich Klosterfrau des heiligsten Herzens werde?" Jesus, der Heiland hat mir geantwortet: „Meine Tochter, höre aufmerksam Meine Worte an. Ich will sie an deinen Seelenführer richten, teile sie ihm pünktlich mit:

„Mein Sohn, die Teilnahme, mit der du dich der Maria annimmst, gefällt mir. Ich sehe, wie es im Evangelium berichtet wird, das, was du ihr tust, so an, als ob es Mir getan wäre. Ich liebe die Art und Weise, wie du sie behandelst, und wenn Ich für einen Trunk Wasser, den man den Armen gereicht, eine ewige Belohnung verleihe, um wieviel mehr werde ich das belohnen, was du für Marie tust.

„Widme Marie stets deine Sorgfalt, du weißt nicht wem du sie widmest. Marie wird eines Tages die geistige Mutter der armen Sünder sein, Marie wird die

Trösterin der Betrübten und das Licht der Unwissenden

sein. Mariens Stimme wird gleich der Stimme eines

großen Kirchenlehrers wiederhallen und ihre Stimme wird die Feinde Meiner hl. Religion bekämpfen. Marie wird wie ein glänzender Stern aus der Wolkenhülle hervorgehen, und ihrem Vaterland und den fernen Gegenden als Schauspiel dienen. Die Einwohner des Himmels werden sie betrachten, und von ihrer Schönheit geblendet sein. Marie wird der Schrecken der bösen Geister und ein Gegenstand des Hasses und der Beschämung für die Feinde Meiner Lehre sein. Marie wird verfolgt werden, sie wird alle Arten von Widerwärtigkeiten empfinden, alles aber wird zu ihrer Heiligung dienen. Sie ist am Vorabend ihres Eintritts in die tiefe Abgeschiedenheit, die ich ihr bestimme. Erlaube ihr abzureisen und du wirst mir angenehm sein." Das, Herr Pfarrer, ist in aller Einfalt, was der Heiland mir gesagt hat. Sie mögen darüber denken, was Ihnen passend scheint.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner tiefsten Ehrfurcht, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 29. März 1843.



 

XXI. Brief.

Der Heiland kündigt Marie an, dass sie am Montag in der ersten Woche des Monats erkranken werde und am vierten Tage genesen werde. Wie dieses Wort seine Erfüllung fand.


Herr Pfarrer!

Ich weiß, Sie wünschen, dass ich Ihnen nichts verberge und Ihnen in aller Aufrichtigkeit sage, was ich empfunden habe. Hier folgt nun, was Jesus, der Heiland, eines Tages zu mir gesagt: „Meine Tochter, du wirst am Montag der ersten Woche des Monats Mai erkranken um 8 Uhr morgens. Du wirst häufiges Erbrechen haben als Vorbote eines starken Fiebers. Ein geschickter Arzt wird kommen, er wird alle Art von Mitteln anwenden, jedoch erfolglos. Man wird sehr in Sorgen über dich sein, aber sei ruhig, du wirst erst zu der Zeit sterben, von der ich dir gesprochen. Du wirst in dieser Krankheit viel leiden, die ungelegene Liebe deiner Mutter wird für dich eine große Betrübnis sein. Hüte dich jedoch, sie oder die, welche dich besuchen werden, zurückzuweisen. Sei geduldig, entsage deinem Willen, beklage dich nie, am vierten Tage nach deiner Erkrankung wirst du genesen; aber die Genesung wird langsam gehen.

Ich erwartete mit Ungeduld den mir bestimmten Tag. Gott will dich da, sprach ich innerlich, versichern, dass du dich nicht getäuscht hast, dass nicht der böse Feind mit dir spricht und dich zum Besten hat, sondern Jesus. Wenn du an dem festgesetzten Tage zur bestimmten Stunde erkrankst, so hast du die Gewissheit, dass du nicht getäuscht worden bist; wenn du aber gesund bleibst, wirst du sehr klar sehen, dass du vom bösen Geiste hintergangen bist. Ich gestehe es, ich zweifelte sehr, ich fürchtete, betrogen zu sein. Dennoch wollte ich mich darauf vorbereiten, diese Prüfung mutig zu ertragen, im Falle ich vom Geiste der Finsternis betrogen wäre. Ich bat Gott, Er möge mich in dieser Prüfung, wenn ich nicht erkrankte, unterstützen und mir den Frieden und die Ruhe bewahren. Ich bat ihn auch, Er möge mir, wenn die Krankheit mich befiele, Kraft geben, dieselbe geduldig und auf die Art und Weise, wie Er es mir gesagt hatte, zu ertragen. Endlich brach der bezeichnen Tag an. Ich stand auf, und sagte mir: Das ist der Tag, an welchem du erkranken sollst. Ich ging in den Garten, um zu betrachten. Ich hörte 8 Uhr schlagen, und befand mich vollkommen wohl. Ich verließ alsbald den Garten, indem ich mir selber sagte: „Wozu länger warten, ich bin betrogen, ich brauche nicht mehr, daran zu zweifeln. Aber, was liegt daran? Ich will mich an Satan rächen, Ich will ihm nicht einmal das Vergnügen machen, mich in Verwirrung und Aufregung zu sehen. Von heute an, schwöre ich ihm ewig Hass. Ich werde sorgfältiger als je jede Art der Sünde vermeiden und suchen, in der Tugend immer mehr zu wachsen, wie an Jahren. Hierauf ging ich in mein Zimmer zurück und weinte nicht über das, was mir begegnet war, sondern über meinen Tod, der jetzt vielleicht auch nicht in meine Jugendzeit fallen würde. Denn, wenn ich hinsichtlich meiner Krankheit getäuscht bin, warum sollte ich es nicht auch hinsichtlich der Zeit meines Hinscheidens sein?

Alsbald glaubte ich, Jesu Stimme zu hören, die zu mir sagte: „Gott allein kennt den Tag und die Stunde deines Todes. Was dich anbetrifft, du kennst sie nicht, lebe jeden Tag so, als ob es der letzte deines Lebens wäre, und so wirst du alle Tage sterben." Er fügte bei: „Nimm alle Prüfungen mit voller und gänzlicher Unterwerfung unter Gottes Willen an." Wiederum sagte Er mir: „Hoffe auf Gott, deine Hoffnung wird nicht getäuscht werden. --Was geschah in den folgenden Tagen? Ach! hochwürdiger Herr, ich kann es Ihnen nicht sagen! Welch ein Ringen, welch ein Kämpfen, welch ein Leiden! Ich gehörte mir nicht mehr selbst an. Ich wusste nicht, was ich tun, was aus mir werden sollte. Dennoch trotz allem dem behielt ich zu meiner Verwunderung und Überraschung einen tiefen Frieden in meiner Seele. Ich liebte Gott von ganzem Herzen; in hätte Ihn noch mehr lieben, mich Ihm ganz hingeben, aus Ihm, für Ihn ewig leben mögen!

trösten wollte; aber Seine Worte waren verhüllte Worte; es waren Bilder und Gleichnisse.

All dieses kam mir höchst verdächtig vor; umso mehr, da, wenn gleich mein Geist, durch Jesu Einfluss sich leicht zu Gott erhob, er sich noch leichter von Gott losriss und zuweilen sogar das Andenken an Seine Gegenwart ganz verlor. Es dauerte nicht lange bis ich mich wieder besann und mich vor Gott demütigte, dabei aber vieles litt. Zuweilen war die Finsternis meines Geistes so groß, dass ich nichts mehr sah, und nicht wusste, woran ich mich halten, woraus ich bestehen sollte. Ich begriff nicht, was das für eine Stimme sein könnte, die zu mir sprach. Ich war versucht, den Mut zu verlieren, meinem inneren Leben zu entsagen, um ein ganz äußeres Leben zu führen. Alles erschien mir als Täuschung, und ich litt eine unaussprechliche Marter.

Da zeigte sich aber in meiner Seele ein Lichtstrahl und alsbald urteilte ich anders. Ich sagte zu mir selbst: Ich will warten und ich wartete. Der Friede in meinem Innern war noch nicht angegriffen; ich blieb fest und dennoch war ich äußerlich so aufgeregt, dass ich ganz abgeschlagen wurde. Kaum konnte ich mich fortschleppen. Am vierten Tage fand ich mich merkwürdiger Weise gänzlich befreit. Mein Erstaunen darüber war groß und tausend verschiedene Gedanken gingen mir im Kopfe herum; es dauerte nicht lange und in meinem Geiste wurde es heller und glänzender.

Mein Leib war in Wirklichkeit nicht krank gewesen, aber meine Seele hatte ein wirkliches Fieber gehabt, sobald darum dieses Licht in meinem Innern erglänzte, urteilte ich also: Die Krankheit, von welcher der Heiland mir gesprochen, ist keine leibliche, sondern eine Seelenkrankheit. Diese Seine Worte dürfen nicht leiblich, sondern müssen geistig verstanden werden. Was bedeutet in der Tat dieser Hass gegen den Teufel und dieser feste Entschluss, mit ihm auf immer zu brechen, wenn nicht das Erbrechen, wovon der Heiland mir gesprochen? Was bedeutet dieses heftige Fieber, das folgen sollte, wenn es nicht der Zustand ist, in welchem ich mich vier Tage lang befunden habe. Wer ist dieser geschickte Arzt und die Mutter, die da gekommen, um an mir vergeblich ihre Mittel und Sorgfalt anzuwenden, wenn nicht der Heiland selbst und Seine Worte und Tröstungen, die auf meine Seele keinen großen Eindruck machten und mich nicht zu heilen vermochten? Endlich bedeutete nicht die Langsamkeit meiner Genesung all die Leiden, all die Schmerzen, die ich bis zum Ende meines Lebens ertragen soll?

Dies, Herr Pfarrer, habe ich empfunden, dies habe ich gedacht. Ich habe diese Qualen in jenen Tagen empfunden, und es scheint mir, ich habe dadurch gelernt, das Leiden mit Mut und Kraft zu ertragen. Auch Licht ist mir geworden und zu meinem Troste bin ich hingerissen worden zu der Voraussetzung, dass der Heiland mir von einer geistigen Krankheit sprechen wollte. Was mich auch dahinführt so zu denken, das sind die Worte, die ich gehört zu haben glaube, und die Jesus an mich richtete:

„Der Mensch ist immer Mensch, und weil er Mensch, redet er wie ein Mensch, sieht er wie ein Mensch, urteilt er wie ein Mensch, hört und versteht wie ein Mensch; aber Gott ist Gott, und weil Er Gott ist, handelt Er wie Gott, redet wie Gott, urteilt wie Gott, sieht wie Gott, hört und versteht alles wie Gott.

Das alles indessen stelle ich Ihnen anheim als meinem Vater und Seelenführer. Denken Sie, mein Herr, darüber, was Sie wollen oder vielmehr, was der Geist Gottes Ihnen eingeben wird. Ich überlasse alles Ihrem Urteile und Ihrer Entscheidung. Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie mit Dingen unterhalte, die vielleicht bedeutungslos und nichtig find. So lange Sie mir befehlen zu schreiben, werde ich alles schreiben, wie ich auch sogleich aufhören und weder mündlich noch schriftlich etwas sagen werde, sobald Sie mir dieses befehlen. Ich beschwöre Sie viel für mich zu Gott zu beten, und ich bin in Jesus Christus unserm Herrn,

Ihre
ehrfurchtsvollste Dienerin
Marie Lataste.

Mimbaste den 30. April 1843 .



 

XXII. Brief.

Marie Lataste befragt unseren Herrn im Namen des Herrn Dupérier. Antwort des Heilandes an diesen Geistlichen.

Hochwürdiger Herr!

Da ich nur die Ehre habe, Sie aus dem Lobe zu kennen, das ich Ihren Tugenden spenden hörte und durch Ihre Verdienste, so bitte ich Sie, den Ausdruck meiner tiefsten Ehrfurcht und meiner Hochachtung zu genehmigen.

Mein hochwürdiger Pfarrer hat mich, mein Herr, mit Ihrem Wunsche bekannt gemacht, dass ich für Sie zu Jesus, dem Erlöser beten soll, und dass ich die Antwort des göttlichen Meisters niederschreibe, um dieselbe Ihnen zu überliefern. Ich habe getan, was mein geistiger Vater von mir für Sie verlangte, und ich will einfach hier berichtigen, was geschehen ist.

Tags darauf, als Ihr Wunsch mir ausgedrückt wurde, erwachte ich, gegen meine Gewohnheit, mit Tagesanbruch.

Ich war ganz erquickt nach der Ermüdung des vorausgehenden Tages; ich erhob mich, indem ich dachte, jetzt einen sehr günstigen Augenblick für meine Betrachtung zu haben. Ich versetze mich wie gewöhnlich im Geiste vor das allerheiligste Sakrament, und nachdem ich andächtig das schmerzliche Leiden Jesu betrachtet hatte, sprach ich also zu Jesus: „Mein Erlöser, Du kennst den Auftrag, den mein Seelenführer mir an Dich gegeben hat.

Ich weiß nicht, welches Gebet ich an dich richten soll; aber Du, der Du die Lage und die Bedürfnisse jeder Seele kennst, sage mir, was sich für den Priester, für den ich meine Zuflucht zu Dir nehme, am besten eignet. Verzeihe die Kühnheit, mit welcher ich diese Frage an Dich richte; ich würde mich hüten es aus mir selbst zu tun; allein Du hast mir anbefohlen, immer und in allem zu gehorchen. Herr! Um dir zu gehorchen spreche ich also : Ich bitte Dich darum, nicht aus mir, noch für mich selbst, sondern durch Deine Verdienste und zu Deiner größeren Ehre, und werde Dich so lange darum bitten, bis Du mich erhört hast!" --- Jesus, der Heiland hörte mich gütig an; ich lag vor Seinen Knien und Er redete also zu mir: „Meine Tochter, sage zu dem, der dich gebeten, du mögest für ihn an mich ein Gebet richten: „Das spricht Gott, der Allmächtige, der alle Dinge durch Seine Vorsehung ordnet." ---

In diesem Augenblicke verwirrte mich ein Gedanke, es war dieser. Wer bist du, sagte ich zu mir, dass du die Worte deines Gottes aufnimmst, um sie dann Seinem Diener zu übermachen? Wirst du dich derselben vollständig erinnern und wirst du in keiner Weise deine Worte darunter mischen? Der Heiland nahm dieses wahr und beruhigte mich, indem Er sprach: „Fürchte nichts, Meine Tochter, höre Mich au und sei im Frieden. Dann fügte Er bei: „Sage dem Priester: Dies sagt Gott der Allmächtige, der alles durch Seine Vorsehung ordnet: Habe Vertrauen, guter Diener! wirf deine Augen auf Mich, der Ich dein Vorbild bin und sieh, was Ich tun würde, wenn Ich an deiner Stelle wäre. Gehorche der Stimme deines Bischofs so vollkommen, als ob es Meine Stimme wäre. --- Meine Tochter, fügte der Heiland bei, der Gehorsam dieses Priesters wird belohnt werden. Er möge nicht handeln, wie viele andere, die er kennt, gehandelt haben; sie hätten besser getan, ohne Widerstand zu gehorchen; sie hätten sich dadurch viel Leiden erspart. Viele Gedanken gehen ihm im Kopfe herum, er verwirre sich nicht, und er höre Meine Stimme in dem Grunde seines Herzens. Hinsichtlich der Sache, die ihn jetzt beschäftigt und mit der Ich dich nicht bekannt zu machen brauche, ziehe er einen alten Priester zu Rate, der Erfahrung und ein richtiges Urteil besitzt, lege sein eignes Urteil ganz bei Seite und unterwerfe sich der Entscheidung, die er erhalten wird, und wenn er so handelt, wird er in Jesu Fußstapfen treten, Der da Maria und Joseph und sogar den Soldaten, die Ihn kreuzigten, untertan war. Wer gehorcht, kann sich trösten und sagen: Ich tue den Willen meiner Oberen, folglich den Willen Gottes. So sei dieser Priester dem Willen seines Bischofs untertan und Ich werde ihm Rosen an den Dornen pflücken lassen. In dem Amt, das er im Seminar ausübt, sei er voll Wachsamkeit, Festigkeit und Sanftmut. Seine Wachsamkeit komme den Missbräuchen zuvor, seine Festigkeit lasse sie verschwinden, seine Sanftmut gewinne ihm die Freundschaft all seiner Schüler. Er möge große Andacht zu Meiner Mutter haben und solche allen einflößen, die ihm nahen. Wenn er im Laufe seines Lebens dem Widerspruche von was immer für Menschen ausgesetzt ist, so möge er sich daran erinnern, was Ich ihm heute durch meine kleine Dienerin Marie sagen lasse, dass er nämlich Den nachahmen solle, Dessen Diener zu sein er die Ehre hat, und wohl wisse, dass er nie so viel leiden werde wie sein göttlicher Meister. Er möge sich trösten und Mut und Vertrauen fassen. Er gehört unter meine Vielgeliebten. Ich lobe seine Demut, womit er dich um ein Gebet anging und durch dich um die Gnade nachsuchte, Mein Wort zu vernehmen. Möge er dieses ebenso treu erfüllen, als wie er demütig darum gebeten; Meine Blicke werden mit Wohlgefallen auf ihm ruhen und meine Segnungen werden sich reichlich über seine Seele ergießen. Ich habe alles so getreu als möglich berichtet und niedergeschrieben, und bitte zum Schlusse Sie nur noch, Herr Pfarrer, die Güte zu haben, für mich zu beten, damit Gott mir die Gnaden verleihe, deren ich bedarf, um allezeit Seinen Willen zu erfüllen und über meine Feinde zu triumphieren, besonders über meinen hartnäckigsten Feind, der da, ich verberge es Ihnen nicht, der Stolz ist.

Empfangen Sie gütigst, Herr Pfarrer, ich bitte Sie, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie Lataste

Mimabste den 2. Mai 1843.



 

XXIII. Brief.

Gott erleuchtet die Seelen auf verschiedene Art.

Herr Pfarrer!

Am 10. dieses Monats warf ich mich nach der heil. Kommunion zu den Füßen Jesu nieder und sprach also zu Ihm: „Herr Jesus, wäre es Deiner Dienerin erlaubt, Dich zu fragen, warum du die Fragen nicht beantwortest, die ich für Herrn Dupérier an Dich gerichtet habe?"

Der göttliche Meister befriedigte mich nicht; deshalb flehte ich inständigst, damit ich eine günstigere Antwort und auch die Zusicherung erlangen möge, dass Jesus Hrn. Dupériers Fragen geradezu beantworte, indem Er nämlich zu ihm selber spräche, ohne meine Vermittlung.

Der Heiland hörte mich gütigst an: „Meine Tochter, sagte Er hierauf, da du darauf bestehest, so befehle Ich dir, dem, für welchen du Mich bittest, die Worte zu wiederholen, die Ich jetzt durch deine Vermittlung an ihn richten will. Hier find Seine Worte: „Mein Sohn,

sei nicht erstaunt, wenn Ich deine Wünsche nicht befriedigt habe. Es ist dieses nicht deshalb geschehen, weil Ich dich nicht unterrichten wollte zu deinem und deiner Nächsten Wohl, du wärest der Erste, der aufrichtig gewünscht, von mir unterrichtet zu werden, und nicht die notwendige Erleuchtung empfangen hätte; allein ich hatte Meine Absichten, dich nicht auf die Weise zu unterrichten, wie du es wünschtest. Ich unterrichte nicht jedermann auf dieselbe Art. Wenn ich dich. nicht so in fühlbarer Weise unterrichtet wie Marie, so geschieht es deshalb, weil zwischen dir und ihr ein großer Unterschied ist. Ich verlange mehr von dem, der mehr erhalten hat. Ich habe deinen Verstand erleuchtet, ihn mit Wissenschaft geschmückt, Ich habe ihn zu tiefem und ernstem Nachdenken fähig gemacht, dagegen habe ich Marie einen Stand angewiesen, in welchem es ihr unmöglich war, sich zu unterrichten, in welchem ihr Geist unfähig sein musste, viel nachzudenken; die Menschen konnten sie nicht so erziehen und unterrichten, dass es hinreichend gewesen wäre, für das, was Ich mit ihr vorhabe, deshalb bin Ich selbst ihr Lehrmeister geworden.

Was dich anbelangt, mein Sohn, erwarte nicht alles von Gott, mache das, was Er dir gegeben, geltend, lass deinen Geist in Gottes Gegenwart wirken, und Gott wird in dir wirken, indem Er deinem Geiste die Gedanken und Betrachtungen eingibt, die dir in der Lage, worin du dich befindest, notwendig sind. Wahrlich, Ich sage dir, stelle an Mich alle Fragen, die du willst, Ich werde alle beantworten; allein so, wie es Mir passend erscheinen wird. Wenn du Antwort von Mir bekommen hast, d. h. wenn es in deinem Geiste Licht geworden ist, so befrage deinen Seelenführer, und tue, was er dir sagen wird.

Suche allezeit, mein Sohn, die Belehrung, welche dir noch notwendig ist, und du wirst sie finden zur Bestätigung der Worte des heiligen Evangeliums: Bittet und ihr werdet empfangen; suchet und ihr werdet finden; klopfet an und es wird euch aufgetan werden. Mein Sohn, vermehre den Schatz Meiner Gnadengaben immer mehr in dir und schreite in der Ausübung des Guten voran." --Sie können nun von dieser Unterredung denken, was Ihnen beliebt. Ich überlasse alles der Barmherzigkeit Gottes, setze auf Ihn mein Vertrauen und nehme wahr, dass durch die Hilfe Seiner Gnade mein Mut und meine Kraft sich mehrt.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

Herr Pfarrer!

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 13. Mai 1843.



 

XXIV. Brief.

Marie dankt ihrem Seelenführer für seine Güte gegen sie und verspricht sich der größten Demut hinzugeben.

Herr Pfarrer!

Ich sehe mich in die Unmöglichkeit versetzt, für all die Güte, welche Sie gegen mich haben, je erkenntlich sein zu können. Ihr so gütiges, zuvorkommendes und liebevolles Benehmen gegen mich vermehrt täglich die Gefühle der Dankbarkeit, welche sich in meinem Herzen gebildet haben, seitdem ich das Glück gehabt, Sie zum Seelenführer zu haben.

Denken Sie nicht, dass ich Ihnen dies aus bloßer Förmlichkeit oder Höflichkeit sage; nein, Euer Hochwürden, ich sage es Ihnen ganz aufrichtig und in voller Wahrheit. Gewiss, ich bin sehr weit entfernt, mich über den zu beklagen, der zuerst die Leitung meiner Seele besorgt hat; denn ich war über seine Abreise sehr betrübt; aber ich habe dessen ungeachtet die Wahrheit der Worte erfahren, welche Jesus damals mir zum Troste sprach: „Betrübe dich nicht, meine Tochter, du wirst die göttliche Vorsehung für diese Änderung preisen und sehen, dass alles zu deinem Besten gereichen wird." --Es war mir ein Bedürfnis, Herr Pfarrer, Ihnen diese Gefühle meiner Seele schriftlich zu sagen und auszudrücken, da ich keine Gelegenheit gefunden habe, es mündlich zu tun. Nein, Herr Pfarrer, ich bin nicht im Geringsten erstaunt darüber, dass Sie mir so oft und so beharrlich die Demut anempfehlen. Ich will mich mit Ihnen vereinigen, den Herrn um dieselbe zu bitten und mich von neuem anstrengen, sie zu erwerben. Aber leider bin ich so schwach und so schlaff! Ich bin so, wie ich nicht sein möchte, und habe nicht die Kraft so zu sein, wie ich sollte und wollte. Ich bin bald ganz Feuer, bald ganz Eis. Heute fühle ich in mir die Kraft eines Löwen, und morgen bin ich die Schwäche selbst.

Wie unglücklich sind wir auf der Erde, all diesem Elend, all diesem Wechsel, all diesen Veränderungen unterworfen zu sein! Doch wir dürfen den Mut nicht verlieren. Unser Gott ist so gut und barmherzig! Wie glücklich werden wir mit Ihm im Himmel sein! Dort wird das Gute ohne Mischung mit dem Bösen sein, man wird Gott lieben mit Notwendigkeit, weil man Ihn schaut, und es unmöglich ist, Gott zu schauen, ohne Ihn zu lieben. Dort wird das Glück ohne Mischung mit Tränen oder Betrübnis sein; dort ist man im höchsten Grade glücklich, weil man Gott besitzt und dieser Besitz Nichts zu wünschen übrig lässt. Wahrlich, alles, was wir auf Erden leiden können, ist wenig, im Vergleich damit, dass wir dadurch dieses Glück erlangen können, und doch ist es genügend! Welcher Trost für uns, wenn unser Herz zuweilen auf Erden so tief betrübt ist; im Himmel wenigstens werden wir für alle unsere Leiden entschädigt werden. Ach! mein Gott, sind wir es nicht zuweilen selbst schon hier auf Erden?

Gestatten Sie mir, Herr Pfarrer, ich bitte Sie, diese meine Herzensergießung in den Schoß ihrer christlichen Liebe auszuschütten, und empfangen Sie gütigst meinen demütigsten Dank für Alles, was Sie für mich tun. Mein Dank wird ewig sein; ich werde es nie vergessen, darauf können Sie rechnen.

Ich kann meinen Dank nur durch meine Unterwürfigkeit und Gelehrigkeit beweisen, womit ich Ihren heilsamen Rat aufnehme und ausführe. Ich will suchen, es mit der Gnade Gottes und mit der Hilfe Ihres mächtigen Gebetes zu tun.

Genehmigen Sie gütigst, Herr Pfarrer, die Gefühle meiner tiefen Verehrung, meiner innigen Dankbarkeit und meiner vollkommenen Unterwürfigkeit, mit welchen ich die Ehre habe zu sein,

Ihre
ehrfurchtsvolle und gehorsamste Dienerin
Marie.

Mimbaste den 7. Mai 1843.



 

XXV. Brief.

Marie muss leiden, weil sie Jesus zum Bräutigam und König hat.

Herr Pfarrer!

Erlauben Sie mir, Ihnen Etwas mitzuteilen, was mir vom Heilande gesagt wurde, wenigstens scheint es mir, dass Er es war. Entscheiden Sie darüber, wie es Ihnen gefällt und Ihre Entscheidung wird stets die Richtschnur meiner Handlungsweise sein.

Eines Tages nach der Kommunion sprach Er also zu mir: „Meine Tochter, höre Meine Worte mit Ehrfurcht und Unterwürfigkeit an, weil Meine Worte nicht die Worte eines Menschen, sondern eines Gottmenschen sind. Wegen der hohen Bestimmung, die Ich dir vorbehalte, liebte Ich dich seit selbst vor Anbeginn der Welt; Ich liebte dich und du warst noch nicht, Ich liebte dich und bewahrte dir, wie Meinen übrigen Auserwählten besondere Gnaden auf.

„Ich habe dich vor dem Verderben der Welt bewahrt; Ich habe dir frühzeitig gelehrt, den Eingebungen des Teufels und deiner Feinde zu widerstehen; Ich habe dich die Wirksamkeit meiner Gnade fühlen lasten, welche in dir ein bildsames Herz fand und darum daselbst Etwas ausrichten konnte. Endlich habe Ich dich, trotz deiner Unvollkommenheiten, deines Elendes, deiner Schwäche, deiner Schlaffheit und deiner Nachlässigkeit Meine Worte auf fühlbare Weise hören und dadurch Meinen Willen und Meine Absichten in Bezug auf dich erkennen lassen. Ich habe dich zu Meiner Braut erwählt; nun musst du augrund dieses so ehrenvollen und glorreichen Titels zum Vorbild an Meinen Peinen und Trübsalen teilnehmen. Nein, dein Leben darf kein angenehmes, in Genüssen, Vergnügungen und Befriedigungen zugebrachtes Leben sein, sondern ein beschwerliches, mühevolles Leben. „Du hast Mich selbst zu deinem Könige erwählt, Ich habe also ein ganz besonderes Recht auf dich, weil du dich Mir zweifach geweiht, als Jungfrau und als Christin. Du hast Mir tausendmal das Opfer deiner selbst gebracht, dieses Opfer sei also auch ein wirkliches Opfer. Gewöhne dich an ein hartes, beschwerliches Leben; die Arbeit schrecke dich niemals ab; erfülle alles gutwillig, was die göttliche Vorsehung von dir verlangen wird. Härte deinen Körper ab und stärke deine Seele durch alle die Entbehrungen, die sich dir darbieten und die sich in kurzer Zeit noch beträchtlich vermehren werden. „Als Ich auf Erden war, habe Ich zu Meinen Aposteln gesagt: „Wachet und betet" --- diese Worte sollten auf die innere Wachsamkeit, auf das Wachen der Seele und des Herzens sich beziehen. Ich habe zu dir, Meine Tochter, gesagt : Wache und bete, und ich wollte, dass du darunter das körperliche Wachen verstehen solltest. Deshalb hatte Ich dir anbefohlen, mit Tagesanbruch aufzustehen, wenn du wach wärest, damit du zuerst deine Betrachtung machen und dann Meine Worte aufschreiben könntest. Deshalb habe Ich dir besohlen, zweimal in der Woche auf hartem Boden zu schlafen, nachdem du dazu die Erlaubnis von deinem Seelenführer erhalten hast. O ! die Abtötung des Körpers ist die Kraft der Seele. Ich wollte, dass in dir eine starke Seele sei, stark gegen sich selbst und stark gegen deine Leidenschaften, stark gegenüber deinem Nächsten und stark gegenüber deinen Vorgesetzten; stark in den Augen deines Schutzengels und stark in den Augen deines Vaters, der im Himmel regiert; nun findet man aber diese Kraft nur in Trübsalen und in der körperlichen Abtötung." --All dies ist der Natur nicht angenehm, aber Gott ist es angenehm; es ist besser die Natur zu unterdrücken und dem Herrn zu gefallen. Es scheint mir jedoch, dass mit der Gnade von Oben nichts mich abzuschrecken vermöchte, nichts mich zum Zurückweichen bringen könnte; überall und immer werde ich den Schmerz hinnehmen als eines der größten Güter, die Gott mir schicken könnte, weil das Himmelreich Gewalt leidet, und weil man wie Jesus und soviel wie Gott will, leiden muss, um eines Tages in die Glorie einzugehen.

Ich vergesse nicht, Herr Pfarrer, das, was Sie mir anbefohlen, nämlich für Ihren hochwürdigen Seelenführer zu beten. Ich tat es schon vorher, alle Tage; die Dankbarkeit legt mir diese Pflicht auf. Dürfte ich Sie bitten, ihm den Ausdruck meiner ehrfurchtsvollsten Gefühle und meines aufrichtigsten Dankes darzubringen? Sie, Herr Pfarrer, bitte ich, den Ausdruck meiner tiefsten Verehrung und ewigen Dankbarkeit zu genehmigen, mit welcher ich die Ehre habe zu sein. Herr Pfarrer!

Ihre
demütigste und gehorsamste Dienerin
Marie

Mimbaste den 25. Mai 1843.



 

XXVI. Brief.

Unser Heiland will, dass Marie Klosterfrau im Orden des heil. Herzens werde, Er wird alle Hindernisse beseitigen und sie wird Seinem Rufe folgen können.

Herr Pfarrer!

Es scheint mir, dass der Heiland eines Tages folgende Worte an mich richtete.

„Meine Tochter! höre mich an: Ich bin die unerschaffene Weisheit; Ich kenne die Größe, die Höhe, die Tiefe, die Ausdehnung aller Dinge, und Meine Worte sind keine Worte, die in den Wind gesprochen sind und keine leeren Worte. Ich will mit dir über das sprechen, was das Heil deiner Seele und das Anliegen Meiner Ehre betrifft. Sage deinem Seelenführer, der über die Wirklichkeit und Wahrheit deines Berufes in einer gewissen Unentschiedenheit ist, Ich wolle ihn und dich in dieser Beziehung durch meine eigne unerschütterliche Sicherheit vergewissern.

„Ich erkläre also ihm und erkläre auch dir, dass dein Beruf eben der ist, wie du ihn geoffenbart hast und wie du ihm denselben hast kennen lernen. Die Zeit, die ich ihm mit unumschränktem Willen zur Ausführung dessen, was ich mit dir vorhabe, festgesetzt, ist dein vierundzwanzigstes Jahr. Bis zu diesem Zeitraum ist Mein Wille nicht unumschränkt, Ich überlasse es dem Willen deines Seelenführers. Wenn du aber dein vierundzwanzigstes Jahr erreicht hast, so ist Mein Wille unumschränkt und nichts darf, nichts kann dich mehr aufhalten. Wenn Ich mit unumschränktem Willen Etwas will, so spreche Ich als Herr und mache mir alle Herzen unterwürfig.

„Alle Weisheit des Menschen ist im Vergleich mit Meiner Weisheit nur Torheit, und der gelehrteste und erleuchtetste Mann ist vor Mir nur Unwissenheit und Finsternis. Der Wille und das Urteil des Menschen sind fehlbar und der Veränderung unterworfen; aber Mein Wille und Mein Urteil sind voll Beständigkeit. Gott, Mein Vater, kann Mein Urteil nicht ändern, weil er Eines mit Mir ist und Ich selbst, Gott wie Mein Vater, habe das Urteil Seiner Gerechtigkeit den Menschen gegenüber nicht abwenden können, durch alles, was Ich getan habe, durch alles, was Ich noch tue, durch alles, was geschehen ist und noch geschehen wird. „Es gibt wohl ein Urteil in Mir, das in einer Art dem Willen des Menschen anheimgegeben ist, so dass es, wenn man die Dinge menschlich betrachtet, scheint, Mein Urteil sei der Veränderung unterworfen; dem ist aber nicht so, es sind dies nur Prüfungen, die Gott Seinen Dienern schickt, um ihren Glauben und ihre Treue kennen zu lernen. Also prüfte Gott den Abraham, indem Er von ihm verlangte, dass er Ihm seinen Sohn opfere; also prüft Er noch eine bedeutende Anzahl Seiner Diener und niemand nimmt es wahr; Gott aber lässt ihnen ihren Gehorsam und ihre Unterwerfung zum Heile gereichen.

„Der Gehorsam und die Unterwerfung unter Gottes Urteil erlangen ein barmherziges Gericht; der Mangel an Glaube und Unterwerfung ziehen ein gerechtes Gericht nach sich."

„Alles ist von Meinem Vater vorausgesehen, nichts ist Ihm neu." --- Handeln Sie, Herr Pfarrer, in allem, was mich betritt, nach Ihrem Gutdünken, mit der Gnade Gottes und mit Hilfe Ihres Gebetes bin ich zu Allem bereit und aufgelegt. Fürchten Sie besonders nie mir zu widersprechen, noch mir Kummer zu machen, worin und weshalb es auch sei.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, ich bitte Sie, die Versicherung der Gefühle der Verehrung, Dankbarkeit und Unterwerfung, von welchem ich durchdrungen bin, und mit welchen ich mich voll Ehrfurcht zu nennen wage, Herr Pfarrer!

Ihre
demütigste, obwohl unwürdigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 26. Mai 1843.



 

XXVII. Brief.

Antwort auf die Einwürfe des Herrn Dupérier.


Herr Pfarrer!

Der Brief, den Sie mir letzten Sonntag vorgelesen haben, hat mir keinen andern Kummer gemacht, als den, welchen ich in dem Augenblick, wo Sie ihn mir vorlasen, empfunden habe. Ihrem Rate gemäß, setzte ich all mein Vertrauen auf Gott, unterwarf mich vollkommen Seinem hl. Willen, und empfand in mir eine Freude und einen Mut, die alle Betrübnis überfliegen.

Sie sprechen mir den Wunsch aus, dass ich auf das, was Herr Dupérier veranlasst hat, mich als Geisterseherin und Betrügerin zu erklären, antworte. Ohne Ihren Befehl hätte ich es nie getan. Sie befehlen es mir, ich tue es Ihrem Willen gemäß, und das fällt mir nicht schwer. Ich darf nur berichten, was ich in dem Verkehr, den ich, wie es mir scheint, mit Jesus neuerdings hatte, empfunden habe.

Am Tage, nachdem ich Kenntnis von Herrn Dupériers Urteil hatte, wendete ich mich an den Heiland und sagte Ihm mit voller Hingebung: „Herr, ich weiß nicht, wie die Dinge gehen werden; aber möge geschehen, was da will, ich setze mein Vertrauen auf Dich, ich bin bereit, ergeben und zu allem aufgelegt, was Du von mir verlangen wirst. „Meine Tochter“, antwortete mir der Heiland, „sei ruhig und wappne dich mit Mut.

Ich hatte dir Prüfungen angekündigt; das ist nur eine; es werden noch andere kommen, die noch viel empfindlicher für dich sein werden; aber, möge, was immer geschehen, müsstest du auch dein Blut für Mich vergießen, sei ruhig, Ich werde mit dir sein. Wenn aber Ich mit dir bin, so muss das Übrige gering scheinen. Mögen innere oder äußere Prüfungen dich treffen, mögen sie auf dich einstürmen und dich darnieder zu beugen suchen, wenn Ich mit dir bin, so wird es Ihnen nicht gelingen.

Mit Mir wirst du alles überwinden; ohne Mich würde die Prüfung eines Augenblicks genügen, dich auf ewig niederzuwerfen, und wenn du auch mächtig wärst, wie alle Welten.

„Um jede Besorgnis, jede Furcht und jede Betrübnis in dir zu zerstreuen, folgt hier die Antwort auf alles, was in dem Briefe, den man dir vorgelesen hat, gegen dich eingewendet worden ist.

1. „Man hat, sagt man, in deinen Schriften kleinliche Einzelheiten gefunden: aber welche? Man bezeichnet keine. Warum sollen sie kleinlich sein? Nichts ist unbedeutend oder kleinlich in der Eingebung des göttlichen Geistes; er weht, wo er will und wann er will, und gibt dadurch ein, was er will und die anscheinend geringfügigste Sache hat oft die wichtigsten Wirkungen."

2. „Ein Gleiches sagt man von deinen Worten, wie von deinen Schriften, diese Behauptung ist nicht besser begründet. Man wird zu deinen Worten denselben Geist, wie in deinen Schriften finden. So lange man dir nichts Bestimmteres entgegenfetzt, gehe ruhig vorwärts."

3. „Man heißt dich eine Geisterseherin wegen der Parabel, welche Ich dir vom König, vom Knappen und vom Ölbaum vorgetragen habe. Um ihnen nun zu beweisen, dass dieselbe nicht die Wirkung deiner Einbildungskraft sei, so folgt hier die wirkliche Auslegung derselben. Der, welcher dich beurteilt hat, hat einen Teil davon erraten, d. h. er hat richtig geurteilt, dass du durch den König --- Gott, durch den Knappen --- deinen Seelenführer und durch den Ölbaum --- dich selbst bezeichnen wolltest. Darin hat er sich aber getäuscht, dass er glaubte, du selbst habest diese Parabel gemacht; allein er hat die wahre Erklärung dieser drei Punkte erraten, die andern sind ihm verborgen. Du kannst ihm dieselbe nach dieser Erklärung bekannt machen.

,,Die Knappen, welche den Knappen des Königs verspotten, und den Ölbaum für einen Weinstock ansehen, sind Jene, welche von dir, von deinen Schriften und dem glauben, welcher dein Seelenführer ihnen beimisst, haben reden hören und denselben darüber tadeln oder seinen Eifer und seine christliche Liebe zu dir ins Lächerliche ziehen, indem sie Alles, was du empfindest, für eine Wirkung des Geistes der Finsternis ansehen. Jene, welche durch den Geruch der Pflanze vergiftet werden, sind jene, welche zu dir und deinen Schriften ihre Zuflucht nehmen, aber das nicht ausüben, was du ihnen durch deine Worte und deine Briefe gesagt hast." .

„Das neue Gartenbeet, in welches Ich dich verpflanze, ist der Orden des hl. Herzens, wo du zunehmen wirst in der Vollkommenheit, zu der Ich dich zu führen beabsichtige. Das goldene Gehänge, in welches du versetzt werden sollst, ist mein Schutz, der dich beschirmen wird. Der Schleier, welchen der König über den Ölbaum zu werfen befiehlt, ist das Geheimnis, das über den geheimen Absichten, die ich mit dir und deinen Schriften vorhabe, ruht; damit nichts geschehe, was dir schädlich sein könnte.

Der Knappe legt den Schleier nicht darüber; aber er ist deswegen nicht ungehorsam, weil es mehr eine Anempfehlung, als ein Befehl war, der ihm gegeben wurde; dieser Schleier sollte jedoch den Ölbaum nicht verbergen. Ich brauche dir nicht zu sagen, wer jene sind, welche die Pflanze berühren und von ihrem Wohlgeruche berauscht sind und daran sogar sterben werden. Man wird es später sehen. Unter diesen sind einige bei dir, andere fern von dir, einige werden zu deinen Lebzeiten, andere nach deinem Tode sich finden. Man heißt dich eine Betrügerin, weil die Prophezeiung in Bezug auf Paris nicht in Erfüllung gegangen ist."

„Aber welcher Art ist denn diese Prophezeiung? Heißt es prophezeien, wenn du in deinen Schriften das Gesicht, das du hattest, erzählst? Du hast mitten auf einem großen Platze in Paris einen Jüngling auf einer Säule gesehen. Er war mit einem roten Kleide bekleidet und trug einen Kopfschmuck auf seiner Stirn, ein Schwert in der Scheide, einen Bogen in seinen Händen. Seine Blicke blitzten und sein Mund war bereit, Drohungen zu schleudern. Über seinem Haupte sahst du mit feurigen Buchstaben geschrieben: Der Würgengel.

Bei diesem Anblick wurdest du von Furcht ergriffen, das Mitleid bemächtigte sich deines Herzens und du richtetest deine Gebete und dein Flehen zu Gott, und Gott hörte, wie deine Stimme zu Ihm rief: „Herr rette Paris, rette den König!" --- Das hast du gesehen, und das hast du gesagt. Ist das denn eine Prophezeiung und wenn es eine Prophezeiung gewesen wäre, weiß man nicht, dass es bedingungsweise Prophezeiungen gibt, besonders wenn diese Prophezeiungen Gottes Gerechtigkeit verkünden! Man heißt dich eine Betrügerin, weil du vorgibst, den Klosterberuf zu haben, und man behauptet, dass dem Beruf keinen andern Grund habe, als deine durch langes Nachtwachen aufgeregte Einbildungskraft.

„Der Mangel an Schlaf also soll deine Einbildungskraft aufregen? Nein, dem ist nicht so. Du genießest eine für die Gesundheit deines Leibes hinlängliche Ruhe, Ich wache über deine leibliche Gesundheit ebenso, wie über die Gesundheit deiner Seele, und dieser Grund ist nur ein Grund für denjenigen, der keinen wirklichen Grund angeben kann.

Hat man denn deinen Beruf nicht oft genug auf die Probe gestellt, hat man dich nicht immer unterwürfig, folgsam, geduldig gesehen? Was will man mehr? Man sagt auch, deine Abreise und deine Aufnahme im Kloster seien nicht zu verwirklichen.

Warum könnte denn deine Abreise sich nicht verwirklichen? Hast du nicht wie jede andere die Macht, zu gehen und dahin zu gehen, wohin Gott dich ruft? Fürchtet man eine Gefahr für dich? Oder bin denn Ich nicht da, um dich unter meinen Schutz zu nehmen? Du könntest, sagt man endlich, im Orden des heil, Herzens nicht aufgenommen werden. Warum solltest du es nicht können? Habe ich nicht gesagt, dass der Bischof von Aire um deine Aufnahme bitten und mau es ihm nicht abschlagen werde? Habe ich nicht gesagt, dass, wenn er sich nicht für dich verwenden wollte, er nicht dazu verpflichtet wäre, und dass Ich dir einen sichern Eintritt in diese für dich bestimmte Abgeschiedenheit verschaffen werde? Wohl bist du arm; allein Ich bin der Reichtum des Ordens vom heil. Herzen. Die treuen Seelen, die sich dort der Verherrlichung Meines göttlichen Herzens weihen, kennen Meinen Willen und werden ihn nicht verwerfen, da Ich ihnen denselben noch bekannt machen werde. Andere Gründe, um dich eine Geisterseherin und Betrügerin zu heißen, gibt man keine an, weil man keine anderen dafür hat.

Aber, wahrlich, ich sage dir, meine Tochter, in diesem Umstand hat es geschienen, dass sich die Kraft in Schwäche, die Weisheit in Torheit verwandelt. Fürchte dich durchaus nicht, die Kraft wird sich in deiner Schwäche, die Weisheit in deiner Torheit und die Wahrheit in deinen Gesichten offenbaren.

Die Worte, die du vernimmst, sind nicht von dir, sie gehören Mir; du schreibst sie bloß. Du bist nichts, du kannst nichts aus dir selbst; aber Ich bin Alles; Ich kann Alles, Ich ordne Alles, Ich sorge für Alles, und die größten, wie die kleinsten Dinge werden aufgenommen in den Absichten und in der Anordnung Meiner Weisheit, Meiner Vorsehung und Meiner Barmherzigkeit.

Man untersuche alles aufmerksam an dir, in deinen Schriften und in deinem Berufe, und wenn man Falschheit oder Lüge darin sucht, so wird man nur Wahrheit darin finden. Man suche jedoch nicht, die Absichten Meiner Vorsehung zu erforschen, denn das wird nie gelingen.

Niemand wird erfahren, warum Ich Mich an dich wende, niemand wird erfahren, warum Ich dich unterhalte in der Weisheit, Tiefe, Lieblichkeit und Vollkommenheit Meines Wortes; Niemand wird erfahren, warum Ich dich in das Kloster des hl. Herzens zu Paris berufe und nicht zu den Ursulinerinnen in Aire, oder in ein anderes Kloster, das Ich nicht wählen wollte.

,,Ich tue dies alles, weil Ich es will und weil Ich niemanden Rechenschaft von Meinem Willen zu geben brauche." --Er schwieg, Er hatte Seine Rede beendet. Ich sagte sogleich zu Ihm: „Herr in dieser Stunde ist mein Geist vollkommen gleichmütig gestimmt gegen alles, was man mir vorgeworfen hat; es kann also nicht meine Einbildungskraft sein, die mir das eingegeben, was ich aus deinem Munde gehört habe: „Nein, Meine Tochter, Ich bin es, der diese Worte an dich richtet. Gehe hin in Frieden und bewahre sie tief in deinem Herzen."

Das ist, Herr Pfarrer, was ich gehört habe und was mir, wie mir scheint, der Heiland gesagt hat. Aus mir selbst hätte ich nie gewagt so zu antworten und es auch nicht gekonnt. Sie haben mir befohlen, den Brief zu beantworten, welchen Sie mir vorgelesen haben; aus mir selbst und ohne Ihren Befehl hätte ich es nicht getan, weil ich vollkommen gleichmütig bin gegen all das, was er enthält. Sie haben mir einen Befehl gegeben und ich folge demselben durch den Bericht dessen, was ich erfahren habe.

Sie werden mir meine Einfalt verzeihen, ich versichere Sie, Euer Hochwürden, dass ich das Opfer meiner selbst gebracht habe. Meine Seele, mein Geist, mein Herz, mein Leib sind Ihm geweiht. Ich will nicht mehr mir gehören, ich will ganz Jesu Christo angehören. Ich hoffe, dass Er mich erleuchten, dass Er mich nicht verlassen und von all meinen Feinden befreien werde, nämlich von meinen Leidenschaften, von der Welt und von dem Teufel. Jesus ist mir Alles, alles Übrige gilt mir Nichts.

In welcher Lage ich auch sein, welche Prüfung mich treffen, welche Betrübnis mich niederbeugen möge, wenn ich Jesus habe, wenn ich mit Jesus vereinigt bin, wenn ich Ihn liebe, wenn ich an dem Fuße Seines Kreuzes auf den Knien bleiben und mich demütigen und vernichten kann, so bin ich glücklich und es mangelt mir Nichts. Mit Ihm werde ich gut gestimmt sein und hinreichende Gnaden haben; mit Ihm werde ich Seiner Gnade mitwirken, mit Ihm werde ich leben, und der Tod kann mich nicht erreichen, oder wenn er mich trifft, wird das nur geschehen, um mir das Leben und die Ewigkeit zu geben.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, ich bitte Sie, die Gefühle meiner Ehrfurcht, meiner Unterwürfigkeit, meiner Dankbarkeit und meiner Hochachtung. Ich habe die Ehre zu sein,

Herr Pfarrer,

Ihre
demütigste und unwürdigste Dienerin
Marie.

Mimbaste den 13. Juni 1843



 

XXVIII. Brief.

Marie Lataste sieht den Heiland nicht mehr. Ihre Gefühle in dieser Hinsicht.

 

Herr Pfarrer!

Seit fünf oder sechs Monaten habe ich die Erscheinungen, von denen ich Ihnen so oft gesprochen habe, nichts mehr vor Augen. Wenn sie vom Teufel kamen, so danke ich dem Herrn dafür, dass Er nicht länger zulässt, dass ich getäuscht werde; wenn sie von meiner Einbildungskraft kamen, so danke ich dafür, dass sie mich jetzt in Ruhe lässt, wenn sie von Ihm kamen, so danke ich wieder, und weit entfernt, sie von Neuem zu wünschen, erkenne ich mich vielmehr derselben vollkommen für unwürdig und will nur immer mehr und mehr Ihm anhangen. Ich wünsche nichts, ich sehe nichts mehr, allein ich höre die an mich gerichteten Worte und misstraue denselben.

Ich bleibe dennoch ruhig, mich Gottes Willen überlassend; ich wünsche nichts, als Ihn zu lieben. Er wird mir täglich mehr und mehr mein alles in der irdischen Verbannung. Ach! Herr, Du allein kannst mein Herz befriedigen. Ich bitte Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung zu empfangen.

Ihre
ganz ergebene Dienerin
Marie

Mimbaste den 22. Juni 1843.



 

XXIX. Brief.

neue Mitteilungen über Mariens Gesichte seit 1842; sie sieht Jesus nicht mehr mit den leiblichen Augen; aber sie hört Sein Wort und ist nicht weniger glücklich.

Hochwürdiger, sehr verehrter Herr!

Sie wünschen zu wissen, auf welche Weise Jesus in Seinem Verkehre mit mir verfahren ist. Hier folgt der Wahrheit gemäß, was sich zugetragen hat.

Einige Zeit nach meiner ersten Kommunion fühlte ich mein Herz von einem sehr lebendigen Glauben an die Gegenwart Jesu Christi in dem allerheiligsten Sakramente des Altars ganz durchdrungen. Dieser Glaube trieb mich an zu einer größeren Sammlung an den Sonntagen und jeden Tag der Woche, wo ich das Glück hatte, in die Kirche zu kommen.

Ein Jahr später, d. h. ungefähr im Alter von 13 bis 14 Jahren, schien es mir, als ob ich nach der hl. Wandlung ein glänzendes Licht auf dem Altare sähe, aber ich unterschied noch nichts deutlich. Während diese Helle meine Augen traf, erwärmte sich meine Seele mit Liebe zu dem Gotte des Sakramentes, und ich hätte gewünscht, mich recht oft mit Ihm zu vereinigen, vorzüglich dann, wenn ich nicht das Glück hatte, zu kommunizieren.

In dem Maße, als ich merkte, dass meine Liebe zu Jesus zunehme, wurde das Licht heller und glänzender. Eines Tages endlich schien es mir, als ob ich Jesus wahrhaft auf dem Altare sähe. Ich sah Ihn; allem Er war wie mit einer Wolke von Licht oder Gnade umgeben, ich weiß nicht, was es war.

Wie groß war mein Glück; ich glaubte wohl an die wirkliche Gegenwart Jesu im Sakramente; allein Jesus zu sehen, Ihn mit meinen Augen zu betrachten, welch unaussprechliche Gnade, welche Seligkeit für meine Seele. Ich war damals 17 Jahre alt, es war im Jahre 1839. Eines Tages kam ich wieder in die Messe; ach! hochwürdiger Herr, wie groß war meine Pein, ich sah den Erlöser nicht mehr. Umsonst hefteten sich meine Augen auf den Altar, ich sah weder Jesus, noch Sein Licht, ich fühlte mein Herz nicht mehr zu Ihm hingezogen; es schien mir, dass ich Ihn nicht mehr so liebte. Wollte Jesus mich strafen für meine Gleichgültigkeit gegen Ihn oder mir entziehen diese Gnade, die ich auf keine Weise verdiente? Ich weiß es auch nicht. Welch ein Kummer war mir diese Prüfung! Ich suchte indessen mich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Bald wurde ich Herr über meine Betrübnis, und ich sagte zu Jesus in aller Aufrichtigkeit meines Herzens: „Herr, dein Wille geschehe und nicht der Meine." --- Im Anfange des Jahres 1840, am Feste der hl. drei Könige, hatte ich das Glück, die heilige Kommunion zu empfangen. Ich fühlte eine Seligkeit in mir, wie ich noch nie empfunden hatte. Ich wollte meine Augen auf den Altar richten; Jesus saß dort auf einem goldenen Lehnsessel voll Herrlichkeit und Majestät. Ich sah, wie Er mir gütig zulächelte, und ich sagte innerlich zu Ihm: „Herr Jesus, segne mich und habe Erbarmen mit einer armen Sünderin, wie ich bin." Ich habe das Glück gehabt, Ihn also jedesmal zu sehen, so oft ich der hl. Messe beiwohnte bis zum Ende des Jahres 1842.

Im Augenblick der Auswandlung, da der Priester die Kniebeugung machte, nachdem er die Worte der Wandlung ausgesprochen, sah ich, wie eine ungemeine Helle sich im Heiligtume verbreitete, und Jesus auf dem Altare erschien, woselbst Er bis zur Kommunion verblieb, Gewöhnlich war Sein Antlitz voll Güte und Sanftmut, zuweilen jedoch war Er streng und schien Er aufgebracht zu sein. Sein Glanz übertraf den Glanz der Sonne, Seine Majestät war mit nichts auf der Erde vergleichbar; Sein Thron war vom glänzendsten Golde; Sein Kleid war von keinem Stoffe, auch nicht von dem feinsten, oder, wenn es Stoff war, so habe ich nie einen solchen gesehen; es schien ganz durchsichtig zu sein und feurig strahlend wie ein Diamant oder ein anderer Edelstein. Er saß auf Seinem Throne. Seine linke Hand ruhte auf Seinem Herzen, und die rechte lag sanft aus Seinen Knien. Seine Augen waren gewöhnlich auf das Volk gerichtet und in gewissen Augenblicken z. B. während des Paternoster und des .Agnus Dei immer auf den Priester.

Unterdessen war es mir erlaubt, bis zur Kommunionbank mich zu nahen, und Jesus richtete an mich Sein Wort, wie ich es schon berichtet habe. Zuweilen erlaubte Er mir, mich Ihm ganz zu nahen. Dann gab es für mich weder Geländer, noch Stufen, noch Priester, noch Altar; ich sah nur Jesus, ich schritt Ihm entgegen und näherte mich Ihm wie auf festem Grunde. Ich warf mich Ihm zu Füßen, und Er sprach gütig zu mir.

Nach der Kommunion war Jesus nicht mehr auf dem Altare. Eines Tages suchte ich Ihn anderswo und fand Ihn in meinem Herzen. Sonderbarer Weise erschien mir nun aber mein Herz wie das Heiligtum und der Altar des Tabernakels. Es glich einem kleinen gewölbten Zimmer, in dessen Mitte ich einen goldenen Lehnsessel sah, gleich dem des Altars, und Jesus saß auf dem Sessel. Ein Geländer umgab Seinen Thron, wie im Heiligtum. Nur war dasselbe weder von Holz, noch von Stein, sondern vom feinsten Golde. Die Helle, die ich auf dem Altar der Kirche sah, sah ich auch in meinem Herzen. Das sah ich. Ich hätte in mein Herz eintreten mögen. Ich fühlte einen gewaltigen Zug, der mich antrieb, hinein zu dringen, ich folgte ihm: Ich setzte mich in Bewegung --- meinem Herzen zu, gleich als ob es von mir getrennt gewesen wäre, und ich trat in dasselbe ein, als ob ich ins Heiligtum der Kirche einträte.

Zuweilen hielt mich Jesus außerhalb zurück, kniend vor dem Geländer, das Seinen Thron umgab.

Dort sprach Jesus so mit mir, wie auf dem Altare, wie während der hl. Messe. Ich will hier nicht von der Art sprechen, wie ich mein Herz gesehen, noch von den Abgründen, denen ich dort begegnete, die ich oft daselbst bemerkte; die verschiedenen Berichte, die ich gegeben, berichten es getreulich.

Endlich gibt es noch einen andern Ort, wo ich Jesus mit den leiblichen Augen sah. --- Wenn ich betrachtete, so versetzte ich mich jedesmal im Geiste unten vor dem Tabernakel hin, um demselben meine Ehrfurcht zu beweisen. Wenn ich im Gebete war, so zog es mich immer an, in den Tabernakel einzugehen, und ich fand daselbst wieder Jesus, wie ich Ihn auf dem Altare und in meinen Herzen gefunden. Ich sah Jesus; ich war im Tabernakel bei Ihm; ich sprach mit Ihm; ich kniete zu Seinen Füßen oder stand vor Ihm, und Er sprach mit mir Seiner Gewohnheit gemäß.

Seit 1842 sehe ich Ihn nicht mehr mit den leiblichen Augen; aber ich höre Seine Stimme so deutlich wie früher. Er bereitete mich auf diesen Verlust vor, indem Er mir sagte: „Meine Tochter, du erinnerst dich, welche Betrübnis du empfandet, als Ich Mich einige Zeit lang vor deinen Augen verbarg, nachdem Ich Mich dir gezeigt hatte. Heute musst du mehr Stärke, mehr Lebens- und Tatkraft besitzen. Ich will dich nicht mehr als Kind behandeln. Ich will dir nicht mehr Milch zur Nahrung geben, sondern ein starkes und festes Fleisch. Noch eine kleine Weile und du wirst Mich nicht mehr sehen, aber du wirst dennoch Meine Stimme und Mein Wort vernehmen, und wieder eine kleine Weile und du wirst Mich sogar nicht mehr hören, und hierauf wirst du Mich wieder sehen und Mich von Neuem hören.

Jesus sagte mir, dass ich kein Kind mehr sein solle; allein ich war noch ein solches: denn ich weinte sehr, als Er mir mitteilte, dass ich Ihn nicht mehr sehen würde.

Er kam zu mir und tröstete mich mit den Worten:

„Meine Tochter, trockne deine Tränen und tröste dich, du wirst Mich nicht mit den leiblichen Augen sehen; aber Ich werde dir dennoch wirklich gegenwärtig sein in dem Tabernakel, auf dem Altare und auch in deinem Herzen. Du kannst Mir deine Anbetung dort darbringen und Ich werde sie wohlgefällig aufnehmen, wie früher; denn Ich werde dich noch lieben und immer lieben, wenn gleich du keine fühlbaren Kennzeichen Meiner Liebe durch den Anblick Meines Leibes mehr haben wirst. Ich werde dein Seufzen, deine Klagen, dein Beten und Bitten hören. Ich werde deine Hilfe, dein Halt und deine Stütze sein. Vertraue Mir, Meine Tochter, gehorche stets deinem Seelenführer, bleibe unterwürfig, opfere dich Gott jeden Tag; ahme Meine Handlungen immer getreulicher nach und ich werde dir noch kostbarere Gnaden verleihen als jene, die du schon erhalten hast. Meine Tochter, ich segne dich. --- In diesem Augenblick erhob Er Seine Hand über mein Haupt und ich fühlte, wie Fluten von Gnade und Glück meine Seele überschwemmten, sie von allem Kummer und aller Unruhe befreiten und sie stärkten, wie ein Schild, der mit ihr nur eines war.

Einige Tage lang war ich ganz betroffen und wie fremd in dieser neuen Lebensweise, obwohl ich weder Kummer noch Betrübnis im Herzen hatte. Ich genoss nicht mehr den Anblick Jesu; allein ich hörte wohl Seine Stimme; ich sah Ihn nicht mehr mit meinen leiblichen Augen; aber ich fühlte die Süßigkeit Seiner Gnade; ich ruhte mit Lust in der Unermesslichkeit Gottes.

Das Wort Jesu hatte nicht mehr diese fühlbare Süßigkeit, weder in dem Tone, noch in dem Ausdrucke, noch in der Bedeutung, wie ich solche in Seinen Worten fand, wenn ich Ihn sah; aber Sein Wort tröstete mich, hielt mich aufrecht, stärkte mich, verteidigte mich. Seine Stimme belehrte mich, aber meistens betraf diese Belehrung mehr die Verteidigung meines Lebens, als die Erziehung meiner Seele. Es war eine Belehrung oder vielmehr eine Verteidigungsrede für die Wahrheit unserer Beziehungen zur Zeit, wo ich so schwer geprüft wurde. Damals brachte Er mir auch die Antwort auf alle jene Schwierigkeiten bei, welche Herr Dupérier mir durch Sie vorlegen ließ. Seine Stimme ist seitdem nicht nur ein Licht in Bezug auf das, was mich betrifft, sondern auch in Bezug auf das, was andere betrifft. Seine Stimme sagt mir nicht nur, was in mir, sondern auch, was in andern vorgeht. Sie hat mich oft mit Ihren Gedanken und mit denen des Herrn Dupérier und des Herrn Bischofs bekannt gemacht, wie Sie es aus den Antworten entnehmen konnten, die ich Ihnen gab.

So habe ich denn, Herr Pfarrer, gemäß dem Worte Jesu, weit entfernt durch die Beraubung Seines leiblichen Anblickes etwas verloren zu haben, viel mehr dabei gewonnen. Ich habe dadurch mehr Festigkeit, mehr Mut, mehr Licht und mehr Mitteilungen von Wahrheit gewonnen. Seitdem opfere ich Gott beim Aufstehen mein Tagewerk, meine Handlungen und alles auf, was ich habe und was ich bin. Ich verhalte mich jeden Morgen nach Maßgabe des Widerstandes, den ich in den kommenden Prüfungen zu leisten habe. Ich nehme meine Betrachtung vor, während welcher ich Jesu Stimme höre, verbleibe immer in der Gegenwart Gottes, erweise Ihm im Laufe des Tages von Zeit zu Zeit die schuldige Anbetung und Liebe und halte mich in Vereinigung mit Ihm. Ich richte meine Gebete an Gott, und tue dieses, wie es mir scheint, mit mehr Ruhe und Freiheit, ich möchte fast sagen mit mehr Andacht. Ich erhebe mich zu Gott und verliere mich in Seine Unermesslichkeit. Wenn man mir dann jeden Trost, jede Befriedigung, jede Seligkeit nehmen würde, so wünschte ich dennoch nichts, wenn ich nur Gott besitze, und meine Seligkeit und mein Glück bestehen darin, nichts als Gott zu besitzen.

Was immer für eine Betrübnis mir begegnen möge, so spreche ich zu mir selbst: Noch eine kleine Weile und alles ist vorüber; den mit Galle und Bitterkeit gefüllten Becher will ich nicht zurückweisen, sondern ihn trinken in vollen Zügen; dieser Kelch schließt in sich den Keim des ewigen Lebens und der Vereinigung mit Jesus.

Also wird nichts im Stande sein, mich zu erschüttern; ich werde immer mit Jesus vereinigt bleiben, indem ich geduldig die Stunde erwarte, wo Er erfüllen wird, was Er mit mir vorhat. Ich bin nicht würdig, Ihm als Werkzeug zu dienen. Möge Er tun, was Ihm gefällt, ich bin zu allem bereit. Er sagte mir eines Tages: „Meine Tochter, Gottes Absichten sind wunderbar und den Menschen unbekannt. Du bist gleich einem Brunnen, gleich einem Wasserbehälter, den Gott mit eigenen Händen gebildet hat, und den Er mit Seinen Gnaden anfüllen will, auf dass viele Seelen kommen, um daraus zu schöpfen. Du bist gleich einem Wachse, das Ich durch mein Wort knete, durch Trübsal forme, und dann zubereiten werde zu einer prächtigen Fackel, die erleuchten soll all jene Seelen, welche Mich nach deinem Tode lieben werden. Diese Fackel wird Anfangs unter dem Scheffel bleiben, dann aber werde ich sie erscheinen lassen im hellen Tageslichte; sie wird die Finsternisse zerstreuen. So hat Er zu mir gesprochen, Sein Wille geschehe; ich habe nur einen Wunsch, nämlich die Erfüllung Seines Willens. Ich suche weder die Ehre noch den Beifall der Menschen, ich suche nur das Wohlgefallen Gottes.

Eine Zeit wird kommen, wo ich die Stimme Jesu wahrscheinlich nicht mehr hören werde. Dies wird die Ankündigung meines nahen Todes sein, da Er mich versichert hat, dass ich hiernach und nach einer kleinen Weile Ihn wieder hören und von Angesicht zu Angesicht sehen würde. Glückliche Zeit! denn ich hoffe, ich werde mit Jesus vereinigt sein, Er werde mir sowohl meine Sünden als meine Nachlässigkeiten verzeihen, und mir gestatten, dass ich Ihn immerdar liebe.

Das ist ein sehr langer Brief, Herr Pfarrer, ich habe Ihnen der Wahrheit gemäß meine Gedanken gesagt und mit der ganzen Freiheit, an die Sie mich gewöhnt haben.

Ich bitte Sie, die Gefühle der tiefen Verehrung zu genehmigen, mit welcher ich bin

Ihre
demütige Dienerin
Marie.

Mimbaste den 24. Juni 1843.



 

XXX. Brief.

Marie fürchtet den Heiland auf eine zu fühlbare Weise zu leiben; der Heiland beruhigt sie und zeigt ihr, dass sie sich in dieser Beziehung nichts vorzuwerfen habe.

Herr Pfarrer!

Ich unterbreite Ihnen hiermit meine Beziehungen zum Erlöser Jesus. Sie hatten mir schon mehrmals aufgetragen, dass ich Sie über diesen Gegenstand benachrichtige; glauben Sie nicht, dass es böser Wille von meiner Seite war, wenn ich es bis zu dieser Stunde noch nicht getan habe. Einige Fragen, die Sie mir gestellt haben, haben mich an etwas erinnert, an was ich nie gedacht hatte.

Die Betrachtungen, die ich in dieser Beziehung aufgestellt habe, haben in meiner Seele Bedenken erhoben, und ich habe mich selbst gefragt, ob meine Liebe zu Jesus auch ganz rein sei. Vor einigen Tagen brachte mich die Güte, die Er unablässig gegen mich beweist, dahin, Ihm von dem Kummer zu sprechen, den ich empfand. Ich näherte mich Ihm und sagte zu Ihm: „Ach! Herr, ich bin sehr betrübt." --- Er antwortete mir: „Was gibt's?" ---„Herr!" sagte ich Ihm, „ich fürchte, meine Liebe zu dir möchte nicht rein sein und dieser Gedanke ist sehr peinlich für mich. Sanft lächelte der Heiland und sprach zu mir: „Nun, meine Tochter, wer ist es, der eine reine Liebe zu Mir hat ?“ ---„Herr, mehr als irgend jemand habe ich mir darüber Vorwürfe zu machen; ich bin Sünde und Verderben: ich fühle die Unordnung und das Verderbnis in mir, Du bist die Heiligkeit und Reinheit selbst, darf ich mich Dir nur nahen? O Du Lamm ohne Flecken, Du vereinigst in Dir alle Vollkommenheit, Du besitzest alle Lieblichkeit, die im Stande ist, die Herzen zu entzücken und gefangen zu nehmen und die Seelen zu bezaubern; unmöglich ist es, Dich zu sehen, ohne Dich zu lieben. Mein Erlöser und mein Gott ! ist meine Liebe zu Dir makellos gewesen? Ich habe Dich mit den Augen der Seele und des Leibes gesehen, ebenso wirklich, wie jene Maria, von der das Evangelium spricht. Du bist heilig, und ich bin schuldig, mein Erlöser und mein Gott, ist meine Liebe zu Dir rein und ohne Makel gewesen? Ich habe jeder natürlichen und irdischen Neigung entsagt, ich würde mir Vorwürfe machen, wenn ich auch eine in meinem Herzen nähren würde; ich liebe nur Dich, ich habe nur zu Dir Zuneigung, ich liebe Dich so sehr, als mein Herz zu lieben fähig ist. Du selbst hast mir gesagt und ich fühle in mir die Wahrheit dieses Wortes, dass das menschliche Herz sich nicht selbst genüge; ich wollte deshalb mein Herz nicht auf Fleisch und Blut stützen, sondern auf Dich, den dreimal heiligen Gott; ich habe Dich erwählt zu meinem Anteile und zur Ruhe meines Herzens, um so viel, als ich es vermag, in Heiligkeit zu leben. Mein Erlöser und mein Gott, antworte mir, ist meine Liebe rein und makellos gewesen? Ist meine Liebe zu Dir, zu Deiner heiligen Menschheit, die sich mir offenbarte, nicht zu gefühlvoll und zu natürlich gewesen? Haben die Beweise Deiner Güte und Deiner Zuneigung, die Du mir gegeben hast, nicht eine Liebe hervorgebracht, die nicht Deinem Willen gemäß ist? O! mein Erlöser, unterrichte mich, erleuchte mich. Möchte ich entfernen, ausstoßen und verabscheuen alles, was Du entfernen, ausstoßen und verabscheuen willst, damit ich Deinen Namen preisen kann von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich hielt inne, und mein Engel antwortete: Amen. Dann richtete der Heiland folgende Worte an mich: „Meine Tochter, Ich liebe deine Einfalt, deine Kindlichkeit, deine Unschuld. Du wendest dich mit Vertrauen an Mich, der Aufforderung gemäß, die Ich dir so oft hierüber erteilt; fahre fort, immer so zu handeln, du wirst bei Mir Ruhe finden, weil Ich dir die Wahrheit offenbaren werde.

„Diejenigen, welche dich leiten, sind in ihrem Gewissen verpflichtet, alles, was in dir vorgeht, sorgfältig zu untersuchen und zu beobachten, damit sie dich vor den Fallstricken des Teufels zu bewahren vermögen. Es ist auch für dich eine Gewissenspflicht, dieselben mit allem bekannt zu machen, damit sie dich beurteilen und auf den rechten Weg führen können. Trotz deinem guten Willen gibt es Dinge, die. in dir verborgen blieben, weil du nie daran dächtest, sie zu offenbaren. Dann werde Ich zu Meiner Ehre und deinem Heile die Augen deines Seelenführers darauf lenken, damit er dich befrage und damit nichts unbemerkt bleibe. „Bleibe darum, meine Tochter, welche Fragen auch immer an dich gestellt werden, immer ruhig, bewahre deinen Frieden, bewahre ihn besonders in Bezug auf die besonderen Gnadenerweise, die Ich dir habe zu Teil werden lassen, in Bezug aus die Beweise von Zuneigung, die Ich dir gegeben habe. Darin ist Nichts, was du entfernen, ausstoßen oder verabscheuen müsstest.

Ich bin dein Vater, dein Bräutigam, dein Gott.

Ich habe ein Recht auf deine Liebe als Vater, als Bräutigam, als Gott; Ich habe ein Recht darauf, dass du Mir Beweise dieser Liebe gibst. Ich habe ein Recht darauf, dass du dein Herz an Mein Herz hängest und du es nie davon lostrennst. Ich habe dieses Recht als dein Vater; das Herz eines Vaters und das seines Kindes sollen nur Ein Herz bilden. Ich habe dieses Recht als dein Bräutigam; das Herz eines Bräutigams und das seiner Braut dürfen nur Ein Herz bilden. Ich habe dieses Recht als dein Gott; dein Herz muss so mit dem Meinigen vereinigt sein, dass es nicht mehr dir gehört und dass du es ganz den Bewegungen Meiner Gnade überlässt.

Nun aber, Meine Tochter, gebe Ich dir das Zeugnis: du liebst Mich wie deinen Vater, wie deinen Bräutigam, wie deinen Gott, und stets ist deine Liebe Meinem Willen gemäß, d. h. eine heilige Liebe gewesen. Warum solltest du doch fürchten, dass etwas zu Menschliches, etwas zu Natürliches an deiner Liebe sei? Sollte es deshalb geschehen, weil du überschwängliche Freude und Seligkeit in deinem Herzen gefühlt hast? Aber das ist ja gerade die Belohnung, die Ich allen Denen gebe, welche Mich lieben. Wäre es, weil du fühlst, dass deine Liebe zu Mir immer zunimmt, und dass du fürchtest, du möchtest nie den hohen Grad erreichen, auf den du dich erschwingen musst, um Mir wohlgefällig zu werden? Aber, Meine Tochter, die Erhaltung, das Leben, die Vermehrung, die Vollkommenheit der Liebe besteht ja darin, dass man nochmals liebt, immer liebt und unaufhörlich liebt. Und würdest du nicht die bittersten Vorwürfe von Mir verdienen, wenn du fühltest, dass dein Herz Mir anhängt, wenn Ich dich Mein Wort vernehmen lasse, wenn Ich Mich dir offenbare, wenn Ich dir erlaube, dich Mir zu Füßen zu werfen, wenn Ich dich in deiner Betrübnis tröste, wenn Ich dich mit den ausgezeichnetsten Gnaden überhäufe.

„Die Furcht, welche in deiner Seele ist, ist ein überzeugender Beweis, dass deine Liebe zu Mir so ist, wie sie sein soll, rein und heilig. Verachte die Kunstgriffe des Teufels, der dich nur zu verwirren sucht, um dich von Mir zu trennen. Vermehre stets deine Liebe zu Mir, und sie wird dann auch an Reinheit und Heiligkeit zunehmen.

„Verlasse dich darum nicht auf deine zärtlichen Gefühle gegen Mich, sondern auf die Zuneigung, welche Ich zu dir habe; verlasse dich nicht auf deine Liebe zu Mir, sondern auf Meine Liebe zu dir. Liebe Mich und vergiss deine Liebe zu Mir, um dich nur mehr Meiner Liebe zu dir zu erinnern; liebe Mich und lege deine Liebe zu Mir in Mein Herz nieder, damit Ich Meine Liebe zu dir in dein Herz lege.

Du hast noch viel zu tun, Meine Tochter, bis du Mich liebst, so wie Ich es wünsche; fürchte, Mir dadurch zu missfallen, dass du nicht folgst den Bewegungen, welche Ich deinem Herzen gebe. Nichts destoweniger unterbreite diese Bewegungen deinem Seelenführer; Ich will, dass er durch sein Wort jedes Meiner Worte bestätige, damit du das Verdienst eines zweifachen Gehorsams habest.“ Verzeihen Sie, Herr Pfarrer, meine Einfalt. Indem ich Ihnen diese meine Unterredung mit dem Heilande wieder erzähle, sage ich Ihnen die geheimsten Gefühle meines Herzens gegen den göttlichen Meister zur Zeit, wo Er sich mir offenbart.

Ich unterwerfe diese Unterredung Ihrer besseren Einsicht, urteilen Sie darüber zur größeren Ehre Gottes und zum geistlichen Wohle meiner Seele. Empfangen Sie gütigst, ich bitte Sie, den Ausdruck meiner tiefsten Ehrfurcht und meiner lebhaftesten Dankbarkeit. Ich habe die Ehre zu sein

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 30. Juni 1843.



 

XXXI. Brief.

Von der geistlichen Kommunion.

Herr Pfarrer!

Aus Gehorsam und aus Unterwürfigkeit gegen Sie, will ich Sie mit einer neuen Gnade, die der Heiland mir zu Teil werden lassen will, bekannt machen. Er will sich mir mehrmals im Tage durch die geistliche Kommunion schenken.

Ich habe also zu Ihm gesprochen: „Herr, wie oft willst du, dass ich Dich durch die geistliche Kommunion empfange?“ Der Herr antwortete mir: „Meine Tochter, du sollst Morgens beim Aufstehen geistlich kommunizieren und dann deiner Gewohnheit gemäß nach deinem Morgengebet; dann kommuniziere noch zweimal im Laufe des Tages und endlich nach deinem Abendgebet. Ich wünsche fünf Mal durch die geistliche Kommunion in dein Herz zu kommen."

Ich fügte bei: „Herr, welches sind die Vorbereitungen, die für diese Kommunion notwendig sind?" „Meine

Tochter, die Vorbereitung auf diese geistliche Kommunion ist nicht sehr schwer; es ist nicht notwendig, dass du alle Akte, wie bei der sakramentalen Kommunion erweckest, sammle dich einen Augenblick, versetze dich im Geiste vor Meinen Tabernakel und sage zu mir: „Herr Jesus, komm in mein Herz !" Dieses genügt. Aber bei jeder geistlichen Kommunion musst du dir einen Zweck vorsetzen, z. B. eine besondere Gnade oder Tugend zu erlangen. Du kannst auch in derselben Absicht geistlicher Weise kommunizieren, die Ich dir für deine sakramentale Kommunion angegeben habe, nämlich in der Absicht, dass du von Gott Meinem Vater, durch Meine Verdienste und durch deine Kommunion die notwendigen Gnaden erlangest, Seinen heiligen Willen vollkommen zu erkennen und zu erfüllen." Als der Heiland so zu mir gesprochen hatte, kam mir der Gedanke, Ihn zu fragen, wie ich mich verhalten sollte in Hinsicht der geistlichen Kommunion an den Tagen, wo ich das Glück hätte, Ihn durch die sakramentale Kommunion zu empfangen. Der Erlöser antwortete mir: „Meine Tochter, du wirst mir wohlgefällig sein, wenn du selbst au diesen Tagen auf die angegebene Weise die Kommunion geistlicher Weise empfängst. Du kannst niemals zuviel Kraft und Gnade aus dem Sakramente Meiner Liebe in dich aufnehmen." Meine Absicht war, Ihnen dieses mündlich zu erzählen; der Heiland hat mir aber gesagt, ich solle es Ihnen schriftlich mitteilen.

Ich sagte Ihnen schon vor Kurzem, ich bin sehr zufrieden; das Glück, das ich zuweilen empfinde, lässt sich nicht ausdrücken. Welch guter Vater ist Gott! Er beeilt sich, die Leiden, welche mein Herz betrüben und meinen Geist verwirren könnten, durch die Salbung Seiner heilenden, unterstützenden und stärkenden Gnade zu lindern und sogar zu zerstreuen.

Lieben Sie Ihn, preisen Sie Ihn, danken Sie Ihm in meinem Namen; ich bitte Sie, bitten Sie Ihn, dass Er mich vor Allem bewahren möge, was Ihm missfallen könnte.

Empfangen Sie gütigst, Herr Pfarrer, die Gefühle des Dankes, der Unterwürfigkeit, der Ehrfurcht, die ich Ihnen ausdrücke nebst der Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung

Ihre
demütigste und unwürdige Dienerin
Marie

Mimbaste den 6. Juli 1843.



 

XXXII. Brief.

Absichten Jesu mit den Schriften Maries


Herr Pfarrer!

Sie haben mir befohlen, alles zu schreiben, was ich empfände und ich habe es getan. Ich habe Ihnen erlaubt, von meinen Schriften einen solchen Gebrauch zu machen, wie es Ihnen passend scheint, nachdem Sie selbst Kenntnis von ihnen genommen haben, um zu sehen, aus welcher Quelle dieselben entsprungen sein mögen. Ich überlasse sie Ihnen. Ich fühle, dass ich das, was ich Ihnen überliefert habe, nicht aus eigner Kraft geschrieben habe, weil ich aus mir selbst Nichts weiß und weil das, was ich von meiner Mutter in meiner Kindheit oder von meinem ersten Seelenhirten gehört habe, weit unter dem ist, was meine Hefte enthalten. Alles, was darin ist, gehört dem Erlöser, oder dem, der es mir gelehrt hat, und den ich nicht kenne, wenn es der Erlöser nicht ist.

Mag es wer immer sein, ich urteile darüber nicht; aber Sie werden es selbst beurteilen. Folgendes hat Er mir gelegentlich in Betreff meiner Hefte gesagt: „Meine Tochter, die verborgensten Dinge werden eines Tages bekannt werden und was heute in der Stille Meines Heiligtums oder deines Herzens gesagt wird, das wird auf den Dächern der Häuser verkündiget werden. Was bei meinen Jüngern geschehen ist, das wird auch bei dir geschehen.

„Du, Meine Tochter, bist nicht die Einzige, die Mein Wort hört, andere werden es auch hören; aber Ich habe sie nicht erwählt, um es der Welt zu offenbaren, Meine Wahl ist auf dich gefallen.

Alles, was Ich dir gesagt habe, wird in der Welt verbreitet werden und wird Vielen zum Heile gereichen. Jene, die in Mühseligkeit leben, werden Frieden finden in Meinen Worten, die sie von dir wiedergegeben werden; jene, die lau sind, werden darin Stärke und Tatkraft finden; jene, welche ungläubig sind, werden darin den Glauben finden; jene, welche in Verzweiflung sind, werden darin die Bestätigung der Wahrheit, endlich jene, die tot sind, darin das Leben wieder finden.

„Sieh, Meine Tochter, wie viel Gutes du ausüben kannst durch deine Unterwerfung unter den Willen deines Seelenführers. Ich habe es Ihm eingegeben; Ich wiederhole es dir, dass er dir befehle zu schreiben, und wie er dir befohlen hat, so befehle Ich dir selbst, Nichts auszulassen, nichts zu vernachlässigen, alles zu schreiben. Befasse dich nicht mit der Art und Weise, wie du es sagen sollst. Meine Evangelisten waren nicht gelehrt, du bist es auch nicht. Ich werde es ersetzen.

„Hierzu bist du genötigt, dir Entbehrungen aufzuerlegen, während der Nacht zu schreiben, wenn man dich nicht sieht, oder auf dem Felde, wenn du die Herden hütest; aber halte dich nicht auf. Wenn Ich einen Trunk Wasser, einem Armen gereicht, belohne, um wieviel mehr werde Ich deine Entbehrungen und Mühen belohnen. Meine Unterredungen werde Ich auf diese Weise deinem Geiste viel besser einprägen, und du wirst andere an deinem Überflusse teilnehmen lassen.

„Ich werde deinen Namen berühmt machen unter denen, die das Sakrament meiner Liebe andächtig verehren, und Ich werde ihnen zeigen, aus welche Art Ich Meine Barmherzigkeit an dir werde erglänzen lassen, und sie werden Gott danken für die Gnaden, die Er dir erwiesen.

„Deine Bescheidenheit darf dich nicht veranlassen, diese Worte zu verschweigen. Ich habe sie erwogen, bevor Ich sie an dich gerichtet habe. Ich will, dass du deinem Seelenführer davon Kenntnis gibst, damit sie zu Meiner Ehre gereichen. Ich verbiete dir indessen, jedem Andern außer ihm etwas davon zu sagen. Lebe stets in Demut und fürchte, dass du, nachdem du mit Meinen auserlesensten Gnaden überhäuft worden bist, du nicht in den Abgrund des ewigen Verderbens fallest."

Herr Pfarrer, wenn es der Herr Jesus ist, der diese Worte an mich gerichtet hat, so bitte ich Sie zu glauben, dass mein größter Wunsch ist, Seinen heiligen Willen zu erfüllen und soviel als möglich zu Seiner Ehre zu wirken. Wenn Er es aber nicht ist, so werde ich nichtsdestoweniger Ihren Willen erfüllen; Ihnen kommt es dann zu, zu beurteilen, in welcher Art und zu welcher Zeit Sie meine Hefte benutzen werden, um damit Gutes zu wirken, oder ob es nicht besser sei, sie zu vernichten. Alles, was Sie tun werden, wird gut getan sein, weil ich gewiss bin, dass Sie es nur aus Eingebung des göttlichen Geistes tun werden.

Genehmigen Sie, Herr Pfarrer, mein zärtlicher Vater, den Ausdruck der vollsten Ergebenheit und Ehrfurcht von

Ihrer
demütigsten Dienerin
Marie Lataste.

Mimbaste den 22. Oktober 1843.



 

XXXIII. Brief.

Marie beklagt sich bei dem Heiland; Er tröstet sie.

Herr Pfarrer!

Seit einiger Zeit weiß ich nicht recht, wie ich bin. Zuweilen sehe ich die Dinge so klar, fühle sie so tief und dann wieder empfinde ich so heftige Gefühle von Furcht, dass es mir scheint, ich müsse sterben. Eines Tages legte ich also meinen Kummer in das Herz Jesu nieder: „O Jesus, mein liebenswürdiger Erlöser, erbarme dich meiner!" O mein zärtlicher Vater gestatte, dass ich mein Herz in den Schoß deiner Barmherzigkeit ausschütte, mit dem Vertrauen und der Einfalt eines Kindes. Du allein, o mein Gott, weißt Alles, was ich fühle und empfinde in meinem Innern. Die Leiden, die Trübsale, die Ängste meiner Seele sind sehr groß, Du aber kommst, meine Seele zu trösten, sie zu stärken, sie zu unterstützen, sie zu verteidigen. Tausendfältiger Dank sei Dir auf ewig dafür gesagt, Du unendlich gütiger und freigebiger Gott!

Herr, nimm das, was ich Dir sagen will, nicht als widerspenstiges Murren an, sondern als die Klage eines Kindes, das voll Liebe seine Zuflucht zu seinem Vater nimmt. Warum, mein süßer Erlöser, lässt Du mich alle Dinge empfinden, die ich empfinde, und welche zuweilen so außerordentlich, so erstaunlich sind, dass sie für mich ein Anlass zu fürchterlichen Prüfungen und den verschiedenartigsten Demütigungen werden? Um Dir zu gefallen und Dir zu gehorchen, habe ich immer alles geopfert, aus Liebe zu Dir habe ich stets eingewilligt, in den Augen der Menschen für eine Närrin und Unsinnige zu gelten und mich nie beleidigt zu fühlen durch die Art und Weise, wie sie das, was ich ihnen sagte, annahmen. Aber wie lange, Herr, wirst Du mich in der Lage lassen, in der ich mich jetzt befinde? Ich lebe nicht und dennoch finde ich auch nicht den Tod in meinem Leben. Ich verschmachte gleich einer Pflanze, die vertrocknet; allein dennoch stehen bleibt. Wann, Herr, werde ich die Erfüllung Deiner Verheißungen sehen? Wann wirst Du zeigen, dass Du mein Gott, mein Beschützer und mein Verteidiger bist? Ach! lass nie zu, dass ich in der Hoffnung, die auf Dir gründet, getäuscht werde. Ja, mein Erlöser und mein Gott, ich hoffe auf Dich, ich hoffe auf Deine Barmherzigkeit, ich hoffe auf Deine Liebe, ich hoffe aus Deine göttliche Vorsehung, auf Deine Stärke und Deine Unterstützung, ich hoffe auf Dein Wort und Deine Verheißungen, ich hoffe, weil Du mir gesagt und besohlen hast, dass ich hoffen soll. Meine Hoffnung kann nur in Dir ruhen, weil Du mein Gott bist, weil Du mein Erlöser bist,

weil du der Freund der Schwachen, der Trost der Betrübten, das Leben der Sterbenden und die Seligkeit derer bist, die Dich lieben. Ja, ich hoffe auf Dich und meine Hoffnung wird nicht getäuscht werden.

Mag indessen geschehen, was da will, ich werde stets sagen: „Herr Jesus, Dein Wille geschehe und nicht der meine." ---

Ich befand mich in der Kirche vor dem allerheiligsten Sakramente. Sobald ich diese Worte ausgesprochen hatte, wurde ich so mit Gnade erfüllt, dass ich wie unbeweglich wurde und so zu sagen ohne Gefühl war.

Der Heiland sprach alsdann voll Würde zu mir: „Eine Zeit ist vorüber und es bleibt nur mehr die Erinnerung an dieselbe. Eine andere Zeit wird kommen und Meine Barmherzigkeit wird zu Tage treten. O ihr Blinden! ihr habt die Fackel in der Hand und sehet das Licht nicht. Was werden denn jene ansangen, die ohne Licht sind! O ihr Unsinnige! ihr sehet die Dinge und versteht sie nicht. Könnte ich nicht zu euch sprechen, wie einst zu den Jüngern von Emmaus: „O ihr Unverständigen und von langsamer Fassungskraft". Euer so erhabener Geist kann sich mit solchen Hirngespinsten nicht befassen. Errötet, ihr Kinder Israels, denn die Kleinen werden groß werden, die Unwissenden gelehrt und die Blinden werden klarer sehen als ihr. Ihr tut, als ob ihr nichts hörtet, weil die Trompete, die da erschallt, von Ton ist. Sie wird aber wie eine goldene Trompete werden und der durchdringendste Ton ihrer Stimme wird bis in die kältesten und gefühllosesten Herzen dringen!" --- Ich verstand diese Worte des Heilandes wohl, andere werden sie vielleicht nicht verstehen; aber mein Herz war noch nicht beruhigt. Der Heiland fügte bei: „Meine Tochter, fürchte Nichts, verlasse dich in allem auf Mich; diese Dinge gehen Mich mehr an als dich. Ich werde sie leicht zu Meiner Ehre leiten, denn wenn du auch die Gedanken der Menschen nicht kennst, so kenne doch Ich sie und dringe ein bis in ihre Herzen. Unter den Menschen gibt es einige, welche die Dinge, die Ich in dir wirke, schätzen, andere, die sich damit begnügen, sie zu bewundern, und endlich einige, die sie verschmähen und verachten. Mögen die Menschen denken, was sie wollen, du bist, was du bist, und am Tage des Lichtes wird das, was Ich in dir wirke, in Seiner Wirklichkeit erscheinen. Sie mögen nach ihrem Sinne handeln, es ist nicht an dir, Mir Rechenschaft von ihren Handlungen abzulegen.

„Was dich betrifft, Meine Tochter, so berichte immer getreulich sowohl Meine Worte, als deine Gefühle; sei es für oder gegen dich, mögest du es für außerordentlich oder ungereimt, für weise oder klug halten, verbirg Nichts, Ich befehle es dir.

„Zeige dich in deiner weiblichen Schwäche stärker und mutiger, als die Männer. Gehe hin in Frieden, Meine Tochter."

Seitdem Jesus diese Worte an mich gerichtet hat, scheinen die Gefühle meiner Seele an Liebe, Vertrauen, Hoffnung auf Ihn zu wachsen, in dem Maße, als das Licht zunimmt, sich vermehrt und sich entfaltet. Was Er in mir wirken will, hat den Anfang genommen. Ich sehe es bereits sich entfalten und werde es enden sehen.

Ich will schließen, indem ich Ihnen noch von meiner Betrachtung spreche. Sie ist, so zu sagen, nur eine einfache Erhebung meines Geistes zu Gott, ohne Erwägung, ohne Nachdenken, ohne Anmutungen und ohne Entschlüsse. Hier folgt, wie ich meine Betrachtung vornehme, indem ich stets dem Zuge folge, den ich in mir erfahre. --- Ich erhebe meinen Geist zu Gott, ich vereinige mich mit Ihm als mit meinem Ursprung und Ende. Meine ganze Beschädigung besteht darin, mich rein und einfach mit Gott zu vereinen, friedlich in Seinem unendlichen Wesen zu ruhen und die verschiedenen Wirkungen Seiner Gnade zu empfangen.

Doch schließe ich meine Betrachtung nie, ohne mich selber Gott zum Opfer zu bringen, ohne Ihm alle meine Handlungen aufzuopfern, ohne Ihm meine Nächsten im Allgemeinen und im Besondern anzuempfehlen und ohne für sie, wie für mich um die Gnade und den Segen Gottes nachzusuchen. Das mündliche Gebet ermüdet mich, wenn ich auch zuweilen die Worte nur mit dem Herzen spreche, ohne sie mündlich auszudrücken. Ich verrichte indessen doch jene, zu denen ich verpflichtet bin; wenn ich aber meine Gebete an den Herrn richte oder Ihm meine Gefühle ausdrücke, so tue ich es meistens stillschweigend. Ich empfehle Sie Gott täglich ganz besonders, die Dankbarkeit macht mir dieses zur Pflicht. Ich vergesse auch Herrn Dupérier nie und bitte den Herrn, Er wolle über sie Beide Seine reichlichsten Segnungen ergießen.

Ich weiß, Herr Pfarrer, dass Sie mich in Ihrem Gebete nicht vergessen und dieses einrichten ganz nach den Bedürfnissen meiner Seele, die da so groß und so dringend sind. Fahren Sie fort, mir allezeit diese geistige Hilfe zu gewähren, hören Sie nicht auf, Gottes Barmherzigkeit zu erflehen und Ihn zu bitten, dass Er Sich meiner erbarmen möge. Sie werden dadurch bewirken, dass ich alle Leiden und Trübsale meines Lebens leicht ertrage. Verzeihen Sie, Hochwürden, meinen langen Brief, ich fühle, dass ich ihre Liebe oft missbrauche. Empfangen Sie die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

Herr Pfarrer,

Ihre demütigste,
untertänigste und dankbarste Dienerin
Marie.

Mimbaste den 1. Nov. 1843.




 

XXXIV. Brief.

Das Tier im Sumpfe mit einer Lanze durchbohrt und unschädlich gemacht.

 

Herr Pfarrer!

An einem Sonntage konnte ich mich während der heil. Messe weder mit dem Priester vereinigen, noch lesen, noch beten. Ich fühlte in mir ein ganz innerliches und geistiges Licht, das mir meinen Gott enthüllte und dadurch meine Seele als zu ihrem Ursprung hinzog, und Gott teilte Sich ihr mit und fesselte sie durch die süßen Bande Seiner Gnade.

Sie verlor sich in Seiner grenzenlosen Unermesslichkeit, in all dem, was wir nicht zu begreifen vermögen, in dem Ozean der Vollkommenheit.

Nachdem ich die heil. Kommunion empfangen hatte, öffnete ich die Türe meines Herzens; ich ließ meinen Schutzengel eintreten und ging Jesus entgegen, der ganz strahlend von Glorie herzukam. Ich warf mich vor Ihm nieder und bekannte mich unwürdig, Ihn in mein Herz aufzunehmen. Ich erhob mich und sagte zu Ihm: „Herr, wie wunderbar ist Deine Schönheit!" --Als wir an der Türe meines Herzens anlangten, sprach Er zu mir: „Willst du, dass Ich dir ein wunderbares Schauspiel zeige? Steige hinunter." --- Ich stieg eine Treppe hinunter, welche auf der rechten Seite angebracht war, und Jesus stieg nach mir hinab. Wir kamen bei einem Sumpfe an, dessen Tiefe nicht sehr bedeutend war, weil das Gras über dem Wasser erschien. Jesus stellte sich auf ein Brett, das sich dort befand; ich stellte mich auf ein anderes Brett. Ich sah nun über dem Wasser eine unzählige Menge kleiner Tiere, welche Schlangen, Skorpionen und andern mir unbekannten Tieren glichen. Ich sah mitten aus dem Schlamme ein ungeheures Tier hervorkommen, welches ein lautes Geschrei ausstieß. Alle anderen Tiere erhoben den Kopf und kamen aus dem Sumpfe heraus, dem schreienden Tiere nach. Auf einer den Sumpf beherrschenden Anhöhe sah ich einen ungeheuren Platz, auf welchem eine sehr zahlreiche Menge herumlief. Das aus dem Schlamme des Sumpfes heraufgekommene Tier hauchte durch seine Nasenlöcher und seinen Rachen schwarzen Rauch aus; es setzte sich mitten auf jenen Platz und die andern kleinen Tiere mischten sich unter die Menge.

Auf der Nordseite, wohin sich das Tier gewendet hatte, sah ich eine große Brücke, die mit dem einen Ende ein wenig nach Osten, mit dem andern nach Westen sich neigte. Mitten auf der Brücke war eine steinerne Treppe, ungefähr 10 Fuß breit und 30 hoch, welche auf den Platz führte.

Ich sah auf der Brücke eine Brustwehr, an welcher das von der andern Seite kommende Wasser mit Gewalt sich brach und auf den Platz zurückprallte.

Jedermann war bestürzt und ergriff die Flucht. Ich sah auf der Brücke eine beträchtliche Anzahl von Leuten nach allen Seiten gehen und ihre Schritte beschleunigen. Endlich sah ich von Westen her eine zahlreiche Prozession kommen, das Kreuz voran, von mehreren Personen geführt; ob Bischöfe darunter waren, weiß ich nicht. Eine andere Prozession kam von der aus der Brücke sich besoldenden Treppe her. Die Menge war ungeheuer. Man schritt nach dem Platze vor, von dem ich gesprochen habe, das Tier rührte sich nicht. Es war von Priestern umgeben und ich glaube auch von Bischöfen; allein sie trauten sich nicht, es zu berühren.

Dann sah man aus der Brücke einen Mann, auf einem Elefanten sitzend; dieser nahte sich kühn; er hielt in der Hand ein doppelschneidiges Schwert. Er sah äußerst kräftig aus und war mit einem Kleide angetan, das ihm nicht ganz bis zu den Knien reichte. Dasselbe war nicht von Stoff; allein es schien sehr hart zu sein, sowie auch das Diadem, das dieser Mann auf seinem Haupte trug. Er schritt durch die Menge und trat bis zum Tiere vor, in einer Hand seinen Degen, in der andern ein Kreuz haltend.

,,Da bist du, höllisches Ungeheuer", sagte er, „wir wollen sehen, wer von uns Beiden der Stärkere ist. Betrachte dieses Kreuz! wirst du es wagen, dich gegen dasselbe zu erheben? Deine ganze Macht wird vernichtet werden!" ---

Alsbald stürzte er sich auf das Tier, er stieß ihm seinen Degen in den Rachen so tief, dass die Spitze des Degens aus dem Rücken herauskam.

Das Tier zog sich in den Sumpf zurück, woher es gekommen war.

Dieser Mann wurde auf alle mögliche Weise von der in Freudenjubel ausbrechenden Menge beglückwünscht. Er pflanzte das Kreuz, welches er in der Hand hielt, an derselben Stelle auf, wo das Tier gesessen hatte, und jene, die von den andern kleinen Tieren, die ebenfalls aus dem Sumpfe hervorgekommen, an den Armen oder Füßen verwundet worden waren, gingen hin und warfen sich vor diesem Kreuze nieder und zogen sich geheilt zurück.

Aber ich sah auch eine große Anzahl, unter welcher sich Geistliche befanden, die leblos auf der Erde hingestreckt waren, weil diese Tiere sie am Herzen oder an der Zunge verwundet hatten.

Endlich ließ derjenige, welcher das Tier in den Morast zurückgejagt hatte, die Öffnung schließen, durch welche das Wasser sich auf den Platz ergoss. Er ließ daselbst eine große Mauer bauen und ein großes Bild aufhäugen, welches das mit der Lanze durchstochene Thier vorstellte. Hierauf zogen sich alle in Prozession nach der Seite der Brücke zurück, die nach Osten ging. Was mich betrifft, ich verrichtete meine Danksagung und zog mich zurück.

Sie können über diese Vision denken, Herr Pfarrer, wie sie es für gut halten. Ich habe Ihnen ganz getreulich erzählt, was ich gesehen habe.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, den Ausdruck meiner ausgezeichneten Hochachtung,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie.

Mimbaste den 3. Nov. 1843.



 

XXXV. Brief.

Unser Herr lehrt Marie, auf welche Art sie bei den ihr gemachten Mitteilungen handeln soll.


Herr Pfarrer!

Ich will Ihnen etwas unterbreiten und mitteilen, was mich sehr getröstet hat. Seit einiger Zeit hatte ich in meinem Innern verschiedene Kenntnisse und Erleuchtungen, die auf mich einen so lebhaften und tiefen Eindruck machten, dass ich sehr darunter litt.

Deshalb wendete ich mich eines Tages an unsern Herrn und sprach zu Ihm: „Erlöser Jesus, würdige Dich, ich bitte Dich darum, mich zu erleuchten und mich zu lehren, auf welche Art ich mich benehmen und wie ich diese verschiedenen Kenntnisse und Erleuchtungen aufnehmen soll, welche mein Geist erhält über andere Personen oder über die Handlungen ihres Lebens. Mein Herz ist von dem Verlangen nach Deiner Ehre verzehrt, mein Herz brennt vor Liebe zu Dir und meinen Brüdern; Herr, wie soll ich mich benehmen in dem, was ich empfinde? Du hast die Güte gehabt, mich in allem zu unterrichten, um was ich Dich bis heute gebeten habe, lass mich nicht in Unwissenheit über diesen Punkt. Ich werde Dir meinen Dank dafür durch größere Treue und durch einen blinden Gehorsam beweisen.

Der Heiland hat also zu mir gesprochen: „Meine

Tochter, du weißt wohl, dass ich diese Erleuchtungen deines Geistes kenne? „Ja, Herr, und ich glaube, dass

Du sie besser kennst als ich. „Diese Erleuchtungen

vermindern aber deine Liebe zu Gott und deinen Nächsten nicht?“ „Nein, Herr“. --- Nun, meine Tochter, welcher Art immer diese Erleuchtungen sein mögen, verwirf sie nicht; sie sollen dich belehren in weltlichen und religiösen Wissenschaften, über die Religion, die Tugenden, die Laster, oder über die Regierung der Völker, über die Nationen im allgemeinen, oder über einzelne Individuen und Personen; selbst wenn sie dir die Stimmungen, Gesinnungen und geheimen Absichten von Personen, die dir bekannt und nahe sind, zeigen, verwirf sie nicht; allein gebrauche große Vorsicht dabei. Nichts kann Gott verborgen sein, Er kennt den Herzensgrund aller Menschen, deshalb kann Er davon Kenntnis geben, wann Er will, wann Er es für gut findet und wem Er will. Wenn also Gott dir den innerlichen Zustand einer Person offenbaren wird und du denselben siehst, wie er ist, so denke nicht, dass du durch Erkenntnis dieses Zustandes ein vermessenes Urteil fällest. Es ist ein großer Unterschied zwischen den vermessenen Urteilen und diesen Arten von Erleuchtungen oder Erkenntnissen, die dir zu Teil werden.

Das vermessene Urteil entspringt einem schlechten Grunde, nämlich dem Stolze und der Eifersucht, es bringt schlechte Wirkungen hervor: die Verachtung und die Beschimpfung des Nächsten. Die Erleuchtungen und die Erkenntnisse, welche du erhältst, haben einen ganz andern Ursprung. Ihr Ursprung ist Gott, sie haben auch ganz andere Wirkungen, nämlich die Ehre Gottes und das Heil der Seelen.

„Wenn du solche Erleuchtungen erhältst, so untersuche, woher sie kommen und betrachte, wohin sie zielen. Wenn du siehst, dass sie von deiner Eigenliebe herrühren, oder von irgend einem schlimmen Vorurteile gegen die betreffende Person; wenn du siehst, dass sie dahin zielen, die ihr schuldige Liebe zu schwächen, so verwirf diese Erleuchtungen. Wenn sie hingegen in deinem Herzen liebreiches Mitleid, verbunden mit einem aufrichtigen Verlangen nach Verherrlichung Gottes, hervorrufen, so nimm sie an, welcher Art sie immer sein mögen. Deine liebreichen Gefühle, die durch die Erleuchtungen, die Er dir nach Seinem Wohlgefallen geben will, entstanden, seien indessen kein Hindernis für die Erfüllung des göttlichen Willens. Hänge dich weder an diese Erleuchtungen, noch an diese Erkenntnisse. Erhebe deinen Geist zu Gott und opfere Ihm ein Seinem Willen gänzlich ergebenes Herz.

Unter den Erleuchtungen, die du erhältst, sind einige klar und hell, andere haben weniger Klarheit und einige sind etwas verschleiert, nimm sie unbesorgt an und wisse, dass alles seiner Zeit sich erfüllen wird.

Großes habe Ich mit dir vor, und es ist notwendig, dass Ich dich lange vorher erleuchte und vorbereite, damit du, wenn der Augenblick kommt zur Ausübung des göttlichen Willens, bereit seiest.

Teile diese Erleuchtungen nie jemand ohne Meinen Befehl oder meine Erlaubnis mit. Du würdest dir durch deinen Ungehorsam und deine Unvorsichtigkeit tausenderlei Verlegenheiten und Leiden bereiten.

Du musst ein großes Herz haben, damit es alles fassen kann, was Ich darin einschließen will; einen starken und festen Geist, damit Er das Gleichgewicht der Wahrheit, Klugheit, Mäßigung und Umsicht bewahre. Begründe dich in tiefer Demut, diese Demut aber sei furchtsam und veranlasse dich nicht, das in deinem Leben zu verbergen, was sich darin nach Meinem Wohlgefallen offenbaren will. Lass deine Demut nicht in deinen Handlungen bestehen, sondern in deinen Gesinnungen, indem du dich befestigst gegen alles, was ganz geeignet wäre, dir dieselbe zu rauben. Bewaffne dich mit Mut: durch heilige Unerschrockenheit überwinde alles, was für dein Leben gefährlich, für dein Herz widerwärtig oder für deinen Geist beschwerlich werden könnte, wenn es sich darum handelt, Meinen Willen zu erfüllen. Setze dein Vertrauen immer auf Mich, und erwarte geduldig die Stunde deines Gottes!“ --Seitdem ich, Herr Pfarrer, diese mir so notwendigen Unterweisungen erhalten habe, befinde ich mich sehr wohl. Indem Jesus, der Erlöser, meinen Geist erleuchtet, hat Er zugleich mein Herz gekräftigt und meine Lage beträchtlich erleichtert.

Genehmigen Sie, ich bitte Sie, den Ausdruck meiner ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

 

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 9. Nov. 1843



 

XXXVI. Brief

Der Heiland kündigt durch Mariens Vermittlung einem der Seelenführer dieses heiligen Mädchens an, dass er viel zu leiden haben werde und fordert ihr auf, alle Tage für Frankreich zu beten.

Herr Pfarrer!

Ich habe getan, was Sie mir gesagt haben, und hier folgt, was Jesus mir geantwortet hat: „Meine Tochter, warum sollte Ich nicht zu jenen sprechen, die Mein Wort zu hören wünschen, da Ich Mich sogar an die wende, die sich nicht viel darum bekümmern!"

„Sage dem, der die Fragen an Mich gestellt, dass Ich ihn liebe, und dass er von Meinem Vater geliebt werde, und dann richte in Meinem Namen und um der Liebe willen, die Ich und Mein Vater zu ihm haben, folgende Worte an ihn: Freuet euch in dem Herrn, und frohlocket, ihr Gerechten, und rühmet euch in Ihm, ihr Alle, die ihr aufrichtigen Herzens seid!

Auf dich, mein Sohn, wende Ich diese Worte voll Lieblichkeit an, nimm sie auf als aus dem Munde deines Erlösers kommend. Erhole dich von deinem Erstaunen; das, was du gesehen, ist nichts im Vergleich mit dem, was du später sehen wirst. Leiden werden dich treffen und dann wirst du wenig Trost in den Geschöpfen finden. Ich handle gewöhnlich so, um die betrübten Herzen an Mich zu ziehen; was dich jedoch anbelangt, so ist dieses nicht der Beweggrund für die Trübsale, welche dich erwarten. Ich besitze dein Herz bereits, warum sollte Ich noch suchen Mich desselben zu bemächtigen, da es schon Mein Eigentum ist dadurch, dass du es Mir gegeben hast. Ich werde indessen diese Trübsal zulassen zu deiner größeren Vervollkommnung, denn dann wird unsere Vereinigung inniger und fester werden durch die gegenseitigen Herzensergießungen, welche zwischen deinem und Meinem Herzen stattfinden werden: dadurch, dass du Mir von deinen Leiden oder Trübsalen und Ich dir von meinen Tröstungen mitteilen werde. Mache es nicht wie die Unsinnigen, welche sich stützen auf Menschenarme, die selber zu schwach sind, sich aufrecht zu halten. Diese Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht, weil sie sich aus Schwäche und Nichtigkeit gestützt haben.

Du hast es erfahren, die Freunde dieser Welt verlassen Einen oft gerade in dem Augenblicke, wo man ihrer am meisten bedarf. Sei weise, mein Sohn, undlasse dich von deiner Weisheit bestimmen, in Mir deinen vertrautesten Freund zu suchen."

„Ich versichere dir, dass du noch viel zu leiden haben werdest, aber Ich verspreche dir auch, dass Ich dich unterstütze, aufrecht erhalte und trösten werde. Dein Geist wird vielleicht zu ergründen suchen, was das für Leiden sein könnten, die dich treffen werden; es sind solche, die du am wenigsten erwartest; aber, wenn du sie erfahren wirst, wirst du die Wahrheit Meiner Worte erkennen.

Dann wird dein Herz und dein Geist sich zu Mir wenden, und du wirst sagen: Ach! Herr, ich erkenne die Wahrheit dessen, was Du mir gesagt hast; hilf mir, tröste mich! Und Ich werde kommen, um dir zu helfen und dich zu trösten." --- Dann fügte Jesus, der Erlöser hinzu: „Mein Sohn bete für Frankreich; Ich habe es schon gesagt und will es dir wiederholen. Wenn die Schläge der Gerechtigkeit Meines Vaters noch nicht über Frankreich hereingebrochen sind, so ist es nur Maria, die Königin des Himmels, welche sie ausgehalten hat. Satan brüllt zuunterst in der Hölle vor Wut gegen ein Reich, das ihm wahrlich schon harte Schläge beigebracht hat; er zittert und tobt vor Wut beim Anblicke des Guten, das in dieser Gegend geschieht; er bietet alle seine Kräfte auf, um das Böse zu vermehren, und die göttliche Rache mehr und mehr zu erregen.

Aber eine Kette, welche er nicht zu brechen vermag, fesselt ihn; denn Meine Mutter hat ein besonderes Anrecht auf Frankreich, das ihr geweiht ist, und vermöge dieses Anrechtes hält sie den erzürnten Arm Gottes auf, und breitet aus über dieses Land, das ihr gewidmet ist, die Segnungen des Himmels, um dasselbe im Guten zu fördern. Deshalb höre Ich nicht auf zu warnen, um ungeheuren Drangsalen zuvorzukommen. O Frankreich, dein Ruhm wird sich weit ausbreiten; Deine Kinder werden ihn bis über die weithin sich erstreckenden Meere tragen, und jene, welche dich nur dem Namen nach kennen, werden für deine Erhaltung und deine Wohlfahrt beten.

Mein Sohn, Ich habe soeben mit der Vertraulichkeit eines Freundes und der Güte eines Vaters zu dir gesprochen. Staune nicht darüber, dass Ich so mit dir mich unterhalten habe, und Worte an dich gerichtet, die du nicht erwartet hast; oft enthalten die vertraulichen Mitteilungen eines Freundes Dinge, die man nicht erraten hätte.

„Vernimm nun noch Meine Ermahnungen: Jedesmal, wenn du die hl. Messe feierst, bete für das Wohl und die Erhaltung Frankreichs. Nimm mit Geduld und Ergebung alle Prüfungen hin, die Ich dir nach Meinem Wohlgefallen schicken werde. Schäle dich mehr und mehr von den Geschöpfen los und nimm Mich zum vertrautesten Freunde. Endlich bete für Meine kleine Dienerin Marie, durch welche Ich dir Meine Worte übermittle; sie braucht Gebete wegen der zahlreichen Leiden, die ihr bevorstehen. Empfange, mein Sohn, den Kuss, den Ich dir in Meiner Barmherzigkeit gebe."

Herr Pfarrer, ich weiß nicht, in welche Hände dieser Brief eines Tages kommen kann; da jedoch in demselben von Frankreich die Rede gewesen ist, so erlaube ich mir Folgendes beizufügen: In dem letzten Briefe, den ich Ihnen über denselben Gegenstand geschrieben habe, hörte ich nur die Worte, die ich wiedergegeben habe, d. i. ich erhielt keine innerlichen Erkenntnisse, während hier, wo der Heiland die in diesem Briefe von mir berichteten Worte an mich richtete, wie ein geistiges und himmlisches Licht in mir sich ausbreitete. Nun sah ich klar und deutlich -- wenigstens, wenn dieses keine Täuschung ist --- das, was ich etwa so ausdrücken kann: Es gibt in Frankreich viel Gutes und auch viel Böses. Wenn das Gute mit dem Bösen im Verhältnis stände, so dürften wir die strafende Gerechtigkeit Gottes nicht so sehr fürchten, weil sie ebenso sehr durch das Gute besänftigt, als durch das begangene Böse erzürnt würde. Dem ist aber nicht so, das Gute ist geringer als das Böse, und ist nicht hinreichend, um Gottes Rache abzuwenden; es muss noch mehr Gutes geschehen. Glücklicherweise bittet die heilige Jungfrau für uns und verhindert, dass Gottes Gerechtigkeit über unsere Häupter hereinbricht. Aber Maria will, dass man zu ihr flehe und seine Zuflucht zu ihr nehme. Sie stellt sich zwischen Gott und uns, sie sieht uns an und erwartet unsere Bitten und unser Flehen. Ihr Herz ist voll Güte und Zärtlichkeit. Ein einziges an Maria gerichtetes Wort erlangt uns unermessliche Gnaden. Gott wird sich bewegen lassen, wenn wir zu Maria flehen. Maria bettelt uns um unsere Gebete an, so sehr hat sie den Willen und das Verlangen, uns zu Hilfe zu kommen. Wir müssen auch zu Maria unsere Zuflucht nehmen, weil dieses Gottes Wille und das Mittel ist, Ihn gegen uns günstig zu stimmen. Empfangen Sie gütigst, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

Ihre
demütigste und dankbarste Dienerin
Marie.

Mimbaste den 22. Nov. 1843.



 

XXXVII. Brief.

Der Heiland offenbart Marie,
was in dem Herzen eines ihrer Seelenführer vorgeht.

Herr Pfarrer!

Ich sage Ihnen immer alles mit Vertrauen und Einfalt; ich verberge Ihnen nichts; ich erzähle Ihnen alles, was ich sehe und alles, was ich höre.

Eines Tages hörte ich den Heiland mit unaussprechlicher Güte folgende Worte sprechen:

,,O, Abbe Dupérier! Was hast du für Gedanken? Ich kenne dem Herz, Ich bin in das Innerste deiner Seelen eingedrungen; ich kenne deine geheimsten Gedanken. Ich habe dein Benehmen betrachtet und geprüft. Ich habe auf der Waage Meiner Gerechtigkeit deine guten, deine schlechten und deine gleichgültigen Handlungen gewogen. Nun aber hast du eine brennende und aufrichtige Liebe zu Gott, eine tiefe Demut, eine seltene und erhabene Herzensreinheit. Deine Kenntnisse in der Heilswissenschaft sind groß und deine Einsicht ausgedehnt. Du beobachtest das Gesetz auf vollkommene Weise, du unterlassest keine deiner Pflichten. Dein Herz ergießt sich vor Mir mit Vertrauen und Einfalt; dein Geist erhebt sich zu Gott voll Inbrunst; du entfernst aus deinen Gedanken nicht nur, möchte Ich sagen, was böse ist, sondern sogar alles, was eitel ist. Da du indessen Mensch bist, so entstehen in dir allerhand Gedanken; du trägst jedoch Sorge, alle die, welche strafbar sein würden, zu unterdrücken, sobald du sie bemerkest, und die Gnade kommt dir zu Hilfe, um dich in dieser Arbeit zu unterstützen. Die tägliche Aufopferung deiner selbst ist Gott sehr angenehm. Mein Sohn, nimm hin, dieses Mein Zeugnis, es ist voll Wahrheit.

Fahre fort, Mein Sohn, auf diese Art zu leben, schreite immer mehr und mehr in der Vollkommenheit voran, die kein Ende kennt. Hänge dich noch vollkommener und stärker an Gott. Dein Geist erhebe sich noch höher und werde immer reiner, um mehr und mehr Mir anzuhängen.

„Jetzt, Mein Sohn, lass uns ein wenig über den Gegenstand Meiner Sorgfalt, deiner und Meiner kleinen Dienerin Marie sprechen. Was denkst du von dieser?

Glaubst du, dass es ein armes, betrogenes, durch den bösen Geist getäuschtes Mädchen ist? Ist es eine Geisterseherin? Ist es ein anmaßender Geist, der in seinem Stolze sich geltend zu machen sucht? Hältst du sie wirklich für eine Närrin? Ist Marie ein Mädchen, welches immer Lügen auf den Lippen und Betrügereien im Herzen hat? Gleicht Marie einigen ihres Geschlechtes, die trotz ihrer Unwissenheit sich schmeicheln, alles zu wissen?

„Die Menschen haben zu einander gesagt: Wir wollen Stillschweigen beobachten, prüfen wir Marie von der empfindlichsten Seite, wir wollen tun, als ob wir das verachteten, was sie sieht, was sie hört, was sie innerlich empfindet; achten wir wenigstens äußerlich auf diese Dinge nicht und beobachten wir ihre Handlungsweise. Wird sie dabei auch so gleichgültig bleiben?

„Ja, beobachtet Stillschweigen! Aber könnte Ich, wenn es mir so gefällt, sie nicht mit allem bekannt machen und ihr zeigen, dass Ich die Absichten der Sterblichen verachte! Kann ich sie nicht euer Benehmen und eure Gesinnungen erkennen lassen, damit das, was euer Geist als die härteste Probe für sie ansieht, mit Hilfe Meiner Gnade für sie nur eine unschuldige Unterhaltung wird, und der sichere Beweis der menschlichen Schwäche, die gegen die menschliche Weisheit kämpfen will?

„Habe Ich euch nicht schon gesagt, dass Marie nicht betrogen werden wird durch das Benehmen, das man gegen sie beobachtet, und denkt ihr, sie werde nicht wahrnehmen die Urteile, welche man über sie fällt? Saget ihr nichts, wenn ihr es so wollt; wenn es Mir gefällt, so sage Ich ihr mehr, als ihr je ihr mitzuteilen vermöchtet. Sie wird eure Weisheit mit ihrer anscheinenden Einfalt vereiteln.

Ich habe ihr Abscheu vor Verstellung eingeflößt. Treu meinen Lehren wird sie daher, was sie einmal gesagt hat, zwei und dreimal und so oft sagend als es notwendig ist. Ihr werdet ihre Geduld nicht ermüden, sie wird euch stets überwinden. Prüfet sie auf jede Art, suchet irgendeine neue Art der Prüfung aus und richtet, wenn ihr es könnt, eure Prüfung so ein, dass sie ihrem Mute gleichkommen.

Mein Sohn, sei nicht nachlässig und sorge für Meine kleine Dienerin Marie.“ --Jesus, der Erlöser sprach diese Worte mit großer Sanftmut, jedoch von Zeit zu Zeit mit würdevoller Majestät. Empfangen Sie, Herr Pfarrer, ich bitte Sie, die Versichernd der ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

Herr Pfarrer,

Ihre
demütigste und dankbarste Dienerin
Marie.

Mimbaste, den 27. Nov. 1843.



 

XXXVIII. Brief.

Der Heiland kündigt Marie ihren Tod an.

Herr Pfarrer!

Jesus, der Erlöser, hat mir ein Versprechen gemacht, wovon ich Ihnen nie gesprochen habe. Erlauben Sie mir heute Sie davon zu unterhalten; es handelt sich um meinen Tod, welcher ohne langen Verzug eintreffen wird. Nachdem ich eines Tages die heilige Kommunion empfangen hatte, sprach der Herr also zu mir: „Meine Tochter, du wirst jung sterben, bereite dich also zum Sterben vor. Ich künde es dir im Voraus an, damit du nicht unversehens davon ergriffen wirst. Bemühe dich, dir Schätze von Verdiensten für die Ewigkeit zu erwerben." --Gerne hätte ich den Tag und die Stunde meines Todes erfahren mögen; aber ich brachte innerlich diese Befriedigung zum Opfer und fragte Jesus nicht. Ich war damals 19 Jahre alt. Nichts desto weniger hielt ich mich aus bei dem Gedanken, der in mir sich bildete: Wenn ich dieses Jahr sterben sollte! Der Heiland erkannte den Gedanken meiner Seele und sagte zu mir: „Nein, meine Tochter, dieses Jahr wirst du nicht sterben, du wirst auch noch nächstes Jahr leben, du wirst sogar dein 25. Jahr vollständig durchleben; aber vor Vollendung deines 26. Jahres wirst du sterben. Darum sollst du am Anfange und am Ende eines jeden Jahres, eines jeden Monats, einer jeden Woche, eines jeden Tages ernstliche Betrachtungen anstellen und zu dir sprechen: Verschwunden ist ein Jahr, ein Monat, eine Woche, ein Tag; ein Tag, eine Woche, ein Monat, ein Jahr beginnt wieder, das ich dem Herrn schenken muss. Bereite dich allezeit auf das Sterben vor, indem du dich mehr und mehr mit Gott vereinigst, dich von den Geschöpfen und allen irdischen Dingen losreißest. Wenn du so handelst, wird dein Tod süß, glücklich, still und ruhig sein, du wirst den Schlaf der Gerechten schlafen und bei deinem Erwachen wirst du Gott in der Ewigkeit sehen." --Nach diesen Worten fragte Er mich, ob ich es bedauere, dass ich jung sterbe: „Ach! Herr," antwortete ich Ihm, wie sollte ich es bedauern können, dass ich jung sterbe? Hast du mir nicht gesagt, dass der Tod ein Gut ist, dass man nach dem Tode Gott nicht mehr beleidigt, dass man nach dem Tode Gott vollkommen liebt und für immer mit Ihm vereinigt ist? Wenn dem so ist, wie sollte ich es bedauern können, dass ich sterben muss?" --Weit entfernt, Herr Pfarrer, dass der Gedanke, ich müsse bald sterben, mich traurig machte, erfüllt er mich in der Tat mit Freude. Dieser Gedanke macht mir die schwersten Dinge leicht; er lässt mich geduldig die härtesten Prüfungen ertragen; er schält mich von allem, selbst von meiner Familie los. Ich liebe meine Eltern, Sie wissen es, wohlan ich würde selbst in dieser Stunde ohne Tränen ihnen Lebewohl sagen, wenn ich sterben müsste. Wie wäre ich so glücklich, wenn ich weit von den Hütten der Sünder hinwegfliehen könnte! Sterben, d. h. allem entsagen, sich selber entsagen, seinem Leibe entsagen, um zu Gott zu gehen, welche Seligkeit, welches Glück ! Oft rufe ich mit dem Propheten: „Weh' mir, dass mein Aufenthalt in der Fremde so lange dauert; meine Seele seufzt, dass sie so lange leben muss, mitten unter den Zelten Cedars.

Ich hoffe, dass das Versprechen des Erlösers sich erfüllen werde. Wenn indessen Gott meine Prüfungen, Leiden und Trübsale noch verlängern wollte, so würde ich zu Ihm sprechen: Herr, Dein Wille geschehe, und nicht der meinige. Wenn es süß ist zu sterben, so ist es doch noch süßer, Gottes Willen zu tun. Wenn es süß ist bei Gott zu sein und wenn es kein Los gibt, das demselben zu vergleichen ist, so scheint mir doch das größte Glück darin zu bestehen, dass man für Gott leidet und Seinen Willen erfüllt.

Sie haben mir dieses sehr oft wiederholt, haben es in meine Seele eingegraben. Ich werfe mich Ihnen zu Füßen und bitte Sie demütig für mich beten zu wollen. Ich habe die Ehre zu sein,

Herr Pfarrer!

Ihre
gehorsamste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 12. Dez. 1843.



 

XXXIX. Brief.

Absichten Jesu in Hinsicht auf Marie. Jesus spricht mit der Oberin des Klosters vom Heiligen Herzen zu Gunsten der Marie Lataste.

Herr Pfarrer!

Mit gänzlichem Vertrauen will ich Ihnen mitteilen, was ich eines Tages empfunden habe. Denken Sie darüber, was Ihnen gutdünkt. Ich werde das Urteil, welches Sie darüber fällen, als den Ausdruck des göttlichen Willens ansehen und mich demselben demütig unterwerfen. Ich befand mich vor dem heiligen Sakramente, es schien mir, dass ich unsern Herrn in leiblicher Gestalt sähe, obwohl nur mit den Augen meiner Seele. Er richtete folgende Worte an mich: „Meine Tochter, fasse Mut, Ich bin dein Vater. Ich werde dich beschützen und aufrecht erhalten. Ja, Marie, Ich werde dich wie an der Hand führen, wohin Ich dich leiten will. Meine Tochter, du wirst der Ort Meiner Ruhe sein; in deinen Herzen will Ich wohnen, wie in einer wonnevollen Wohnung. Ich habe dich erwählt zu Meiner Dienerin, zu Meiner Braut, zur Verkünderin Meiner Worte an die Seelen, zu Meiner Stimme in der Wüste dieser Welt. Freue dich, dein Mund wird eine beredte Stimme werden, welche aus der tiefsten Einsamkeit, im Echo der ganzen Welt wiederhallen wird, um die frommen Seelen aufzufordern, Meinen Namen zu verherrlichen.

„Ich bestimme dich dazu, Klosterfrau im Orden des hl. Herzens zu werden. Was immer für Schwierigkeiten diesen Beruf zu hindern scheinen mögen, sie werden verschwinden. Dies sind die Worte, die Ich an die Oberin des hl. Herzens in Paris richten werde: „Meine Tochter, Ich habe die Blicke Meines Wohlgefallens auf dich geworfen, Ich, der Ich dein Herr bin, der dreimal heilige Gott, der dich mit Gnaden und Wohltaten überhäuft hat. Ein Beweis der Dankbarkeit, welche du Mir für alle Meine Wohltaten schuldest, besteht in der Unterwerfung unter Meinen Willen und in der Bereitwilligkeit deines Herzens die Worte Dessen aufzunehmen, Den du deinen Erlöser nennst."

„Nun, Ich will heute mit dir über deine Klostergemeinde sprechen: Es sind bei dir und unter deiner Leitung fromme und eifrige Seelen. Sie sind wahrhaft groß in Meinen Augen; sie erbauen und verbreiten durch ihre Tugenden den Wohlgeruch Meiner Gnade. Es gibt unter ihnen aber auch andere, welche die guten Regungen, die ich Ihnen einflößte, nicht gut benützen, eben so wenig die guten Beispiele, die sie vor Augen haben und die Sorgfalt, die du au ihnen verschwendest. Sie erfüllen zwar die Pflichten, welche die Regel ihnen auferlegt; sie gehorchen deinen Befehlen; aber gleichwohl herrscht in ihrem Innern eine Schlaffheit und Gleichgültigkeit, die ihnen schädlich werden kann. Sei darauf bedacht, dass Keine in diesen Zustand der Lauigkeit verfalle, wodurch sie verdienen würde, von Mir verflossen zu werden. Du wirst das, was Ich meine, an der Art und Weise erkennen, wie man dir gehorchen wird, und aus den Prüfungen, die du sie ausstehen lassen wirst. Beobachte eine Zeit lang, und du wirst die Wahrheit Meiner Worte entdecken. Sei darauf bedacht, dass die Sünde in deinem Hause nicht Eingang finde. Erhalte in demselben vor Allem Frieden, Einigkeit, Eintracht und Liebe. Deine Stelle ist wichtig und erhaben; sie legt dir aber auch bedeutende Verpflichtungen auf, vergiss dieses nicht.

„Ich will dir außerdem noch etwas mitteilen, was du nicht weißt, und was für dich von Wichtigkeit sein wird, höre Mich aufmerksam an.

„Ich kenne in der Diözese Aire ein junges Mädchen, welches unter einem gewöhnlichen, einfachen und schlichten Äußern und bei einer Lebensweise, die durch nichts ausgezeichnet ist, eine große Seele besitzt, eine Seele, die Ich mit den ausgezeichnetsten Gnadengaben überhäuft habe, eine Seele, die Ich liebe. Ihre Familie ist arm, allein sie beobachtet getreu Meine Gebote. Ich habe von aller Ewigkeit her dieses Mädchen auserwählt, um in ihr die Werke Meiner Barmherzigkeit und Meiner Liebe zu wirken. An dem Tage, wo Ich ihr gestattete, dass sie zum ersten Male kommunizierte, ließ Ich sie die Lieblichkeit Meiner Gegenwart in ihrem Innern empfinden, und ihr, Herz wird das Andenken daran niemals verlieren. „Seit ihrem dreizehnten Jahre, zog Ich sie noch stärker an Mich. Ich ließ sie aus dem Kelche der Bitterkeit trinken, um dieses junge Herz vorzubereiten und zu bilden, dieses Herz, aus welchem Ich ein Gefäß der Auserwählung machen wollte, durch welches die Allmacht Meiner Gnade sich offenbaren sollte.

Nach mehreren Jahren, die sie in Tränen, Leiden, Kämpfen, Trostlosigkeiten und Trockenheit verbrachte, habe Ich die Finsternisse ihres Geistes zerstreut, indem Ich sie durch Mein Wort erleuchtete, und in ihr Herz die Süßigkeit Meiner Tröstungen ergoss, welche sie noch mit Seligkeit überschwemmen und berauschen. „Ich selbst habe auf dieses junge Erdreich den Samen Meines Vaters ausgestreut. Ich habe sie auf erhabene und tiefe Weise über die ganze christliche Sittenlehre und Religion unterrichtet. Sie wird hundertfältige Frucht bringen.

„Marie, das ist der Name dieser Vielgeliebten deines Erlösers, Marie misstraute dem, was sie in sich empfand und da sie nicht wusste, woher diese Belehrungen, die ihr auf so fühlbare Weise erteilt wurden, kämen, und fürchtete, es möchte das eine Wirkung ihrer Einbildungskraft oder der Kunstgriffe des Teufels sein, so teilte sie ihrem Seelenführer mit, was sie erfuhr. Dieser beruhigte sie, indem er ihr sagte, dass dieses nur von Gott kommen könne, worauf sie fortfuhr, auf Mein Wort zu hören.

„Als sie 19 Jahre alt war, ließ ich es zu, dass sie ihren Seelenführer wechselte. Sie fiel nicht in die Hände eines schwachen, für jeden Eindruck leicht empfänglichen Mannes, sondern derselbe war ein zurückhaltender, überlegter Mann, der die Dinge ergründete und sie genau betrachtete, um sicher zu gehen, und die Seelen, welche er leitete, nicht irre zu führen."

„Von Anfang an hat ihn Mariens Leben in Erstaunen gesetzt; er beobachtete sie sorgfältig in ihren Worten, in ihren Beichten, in ihrer Haltung in der Kirche, in ihrer Kleidung. Er erkannte wirklich etwas Geheimnisvolles in ihr. „Meine Tochter, sprach er eines Tages zu ihr, ich befehle, Ihnen alles zu schreiben, was Sie erfahren haben und noch erfahren werden, damit ich Ihnen den Ursprung der Worte, die Sie hören, angeben kann."

Marie hat aus Gehorsam alles geschrieben Ihre Schriften werden sorgfältig aufbewahrt werden, und die Ehre, die sie Gott eintragen, wenn sie der Öffentlichkeit übergeben werden, wird auf die Genossenschaft des heiligen Herzens zurückfallen.

„Ich bestimme nämlich Marie in der Tat Klosterfrau in deiner Gesellschaft zu werden. Ich werde sie dir zur Probe schicken. Prüfe sie aus jede Weise, soviel du willst, wie du es verstehst; wenn sie gehorcht, wenn sie sich unterwirft, wenn du sie immer zufrieden und befriedigt siehst, wenn sie nichts abschreckt, so wirst du fest überzeugt sein, dass sie einen wahren Beruf hat. Nimm sie auf und behalte sie trotz ihrer Armut; sie wird dich durch ihre Arbeit, ihre Aufführung und ihre Frömmigkeit für die Opfer entschädigen, welche du ihr bringst. Nimm sie auf, wie sie sich vorstellt, mit dem, was sie hat, ohne von ihrer Familie etwas zu verlangen, da ihre Familie für sie die Opfer nicht zu bringen vermag, wie solche gewöhnlich die Familien sich auferlegen, aus denen ein Glied bei euch aufgenommen wird.

Ich erlaube dir, Marie mit Schimpf und Schande fortzuschicken, wenn sie diese von Mir angegebenen Eigenschaften nicht hat. Meine Tochter, versäume nicht die Befehle, welche Ich dir in Betreff deiner Genossenschaft und in Betreff Mariens gebe, zu befolgen und auszuführen. Du würdest sonst Meinen Unwillen und Meinen Zorn dir zuziehen. Gehe hin in Frieden, Meine Tochter, Ich segne dich!" --Das hat mir der Heiland gesagt, ich wiederhole Ihnen pünktlich Seine Worte. Dann fügte Er bei: „Marie, Meine liebe Tochter, hüte dich von all diesem deinem Seelenführer etwas zu verheimlichen, sage ihm alles genau, er wird dann für dich und deine Führung in einem noch höheren Maße Sorge tragen, und Ich werde ihm hundertfältig vergelten, was er für dich tut. Überlass dich ihm und befolge genau seine Vorschriften. Ich werde Zeugnis für dich ablegen vor den Menschen und vor Meinem Vater. Ich werde dich verherrlichen und für die ganze Ewigkeit setzen auf einen Thron, der von Glorie strahlt."

Herr Pfarrer, ich sage es nochmals, denken Sie und tun Sie hiermit, was Sie wollen. Ich lege es voll Vertrauen in ihre Hände nieder, indem ich mich schon im Voraus der Entscheidung Ihrer Weisheit und Klugheit unterwerfe.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

Ihre
demütige Dienerin
Marie

Mimbaste den 23. Dez. 1843



 

XL. Brief.

Mariens Gefühle über ihre Schriften und ihren Beruf.

Herr Pfarrer!

Sie befehlen mir, ich solle nach der Erkenntnis, welche die zu mir sprechende Stimme mir zu geben vermochte, Ihnen sagen, was ich von meinem Berufe und von meiner Abreise denke, wenn ich dieses erwäge mit Rücksicht auf die Art und Weise, wie Sie mit mir verfahren sind, und wie man Sie mit mir zu verfahren veranlasst hat. Ich will zu Ihnen mit meiner Ihnen bekannten Aufrichtigkeit und Offenheit sprechen. Ich habe Ihnen nie etwas verheimlicht, ich habe Ihnen nie meine Gesinnungen verhehlt, ich würde mich schämen zu lügen oder zu betrügen. Gott verbietet es mir, und der Dank, den ich Ihnen schulde für Ihre mir stets bewiesene Teilnahme, macht es mir zur Pflicht offenherzig mit Ihnen zu sprechen.

Sie haben mich beruhigt, als Sie mir bestätigt haben, Sie glaubten, dass all das, was ich erfahren, von Gott käme. Was mich anbelangt, Herr Pfarrer, so war dies von Anfang meine Überzeugung, d. h. von der Zeit an, als Sie nach Mimbaste kamen. Später, als ich sah, dass Sie zweifelten, habe ich mit Ihnen gezweifelt; und um mich nicht zu verirren, habe ich Ihnen treulich Alles gesagt, was in mir vorging, ich habe Ihnen nie etwas verheimlicht. Mein Zweifel wurde noch viel größer, als ich Herrn Dupérier gleich Ihnen zweifeln sah. Ach! welche Leiden und welche Schmerzen haben meine Seele gequält, besonders damals, als Herr Dupérier noch weiter ging und glaubte, dass ich ihn betröge und dass alle meine Worte lügenhaft seien. Meine Betrübnis ist deshalb noch größer gewesen, weil ich dachte, dass ich eine sehr unglückliche Sünderin sein müsse, dass man mich eines solchen Benehmens für fähig halten könne.

Jesus, der Erlöser, tröstete mich nach dieser harten Prüfung, und seitdem scheint es, nach und nach in meinem Geiste wieder licht zu werden.

Hier folgen nun schließlich meine natürlichen Erwägungen über die Worte, die ich hörte und Ihnen schriftlich berichtete. Nichts desto weniger hielt ich mich nicht bei diesen Gedanken auf, ich erwartete Ihre Entscheidung. Während ich in dieser Ihnen bekannten Verwirrung mich befand, und ich vergeblich suchte, die Wahrheit aus dem Munde der Menschen zu hören, hörte ich nicht auf, mich an Gott zu wenden und Ihn zu bitten, Er möge mich erleuchten, mich oder denjenigen, der mich leitete. Gott kam mir ohne Zweifel zu Hilfe, da meine Gedanken in dieser Sache ganz mit Ihrer Entscheidung übereinstimmten. Ich erwog die Unterweisungen, die ich empfangen habe, nach ihrem Ursprung, nach ihrem Endziele und in sich selber. Nun sah ich bei jeder dieser Betrachtungen klar, dass sie nur von Gott kommen könnten.

Seit meiner Kindheit hat man mich gelehrt, dass es Einen Gott gibt, dass ich Ihm anhängen, dass ich Ihn anbeten, Ihn lieben und Ihm dienen müsse. Ich habe gesucht Ihn zu erkennen, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen. Als ich nun Gott suchte, als ich Ihn liebte, habe ich all das empfunden, was ich Ihnen in meinen Heften und in meinen Briefen gesagt habe. Um dieses nicht mehr zu empfinden, müsste ich mich von Gott trennen. Darum ist alles von Ihm gekommen. Ich werde mich nun nie von Ihm trennen, wenn der Gott, Den man mir in meiner Kindheit kennen lernte, und in Dem ich alles empfunden, was ich Ihnen überliefert habe, nicht der wahre Gott ist und von der Kirche verworfen wird. Wenn dem also ist, dann verzichte ich auf diesen Gott und nehme den Gott der katholischen, apostolischen und römischen Kirche an. Dann will ich Jenem meine Anbetung versagen, und alles, was Er mir gesagt hat, als etwas ansehen, was noch nicht nach den Lehren der Kirche für meinen Glauben näher bestimmt ist. Ich will keinem anderen Gefühle folgen. Aber ich weiß wohl, Herr Pfarrer, dass es keinen andern Gott gibt, als den Gott meines Herzens, als den Gott, Den ich kenne und Den ich von ganzer Seele liebe. Er ist es, der mir alles gelehrt hat; Er ist der Ursprung dessen, was ich Ihnen überliefert habe, von Ihm habe ich es erhalten.

Diese Schriften müssen folglich gut sein, wie alles, was von Gott kommt.

Wenn ich dieselben in ihrem Zweck betrachte, so sage ich wieder, dass sie von Gott kommen, weil der Zweck dieser Schriften gut ist; dem wäre nicht so, wenn sie von dem bösen Geiste herrührten. Welches ist nun wirklich der Zweck der Ihnen übermittelten Schriften? Die Ehre Gottes, das Heil meiner Seele und das Seelenheil meiner Brüder. Alles darin spricht in der Tat von Gottes Ehre, von der Ergebung in Seinen Willen. Alles darin führt zu Ihm, fesselt an Ihn, fordert auf, Ihn zu lieben und Ihm treu zu dienen. Betrachten Sie endlich diese Schriften in sich selbst. Nicht wahr, sie suchen das Gute und zwar das vollkommene Gute zu bewirken? Nicht wahr, sie fesseln an Gott und flößen Hass ein gegen die Sünde?

Kann nun aber, Herr Pfarrer, der böse Geist jemals Werke dieser Art hervorbringen? Man erkennt den Baum an seinen Früchten, hat der Erlöser gesagt, und ein schlechter Baum kann keine guten Früchte hervorbringen. Wie hätte der böse Geist mir so gute und Gott wohlgefällige Dinge einflößen können?

So, Herr Pfarrer, urteilte ich beinahe, ohne es zu bemerken, und dieser Schluss tat mir wohl. Sobald ich jedoch diese Betrachtungen meines Geistes bemerkte, lenkte ich diesen auf andere Dinge, um in allem dem Wunsche des Erlösers gleichförmig zu werden, der Sie zu meinem Richter und Vater bestellt hat. Ich verzichtete auf meine Anschauungsweise und verließ mich gänzlich auf Sie.

Sie wünschen zu wissen, was ich von meinem Beruf denke.

Mein Beruf ist, Klosterfrau des heiligen Herzens zu werden. Dieser Beruf kommt nicht von mir, sonst wäre er kein Beruf. Derjenige vielmehr ruft mich in die zu Ehren seines heiligen Herzens gestiftete Gesellschaft, Welcher mich durch die Süßigkeit, Lieblichkeit, Heiligkeit und Tiefe Seiner Reden unterhalten hat. Zu dieser Lebensart bin ich berufen und fühle ich mich hingezogen. Ich kenne diese Lebensweise jedoch weder im Ganzen noch im Einzelnen, doch genügt mir zu wissen, dass es die Gesellschaft des heiligen Herzens Jesu ist. Ich will in ihr, wie in meinem Gotte und Erlöser leben, um Ihn immer vollkommener und aus ganzem Herzen zu lieben. Das ist der Beweggrund, warum ich Nonne werden will, das auch der Beweggrund, weshalb mich der Erlöser berufen hat. Es ist also weder Eitelkeit, noch Ehrgeiz, noch Hoffnung auf ein angenehmes, bequemes und leichtes Leben. Nein, Herr Pfarrer, Gott kennt meine Gesinnungen, sie sind frei von jeder persönlichen Anhänglichkeit. Prüfungen erwarten mich dort, wie hier. Ich werde viel leiden, ich weiß es, Jesus hat es mir gesagt; aber ich fürchte weder Arbeit, noch Demütigung, noch Widerspruch, noch Leiden, noch Prüfungen, welcher Art sie auch sein mögen; ich fürchte weder Gefängnis noch Ketten, noch den Tod. Die Ehre, wonach ich geize, ist das Martertum; ich werde nicht getäuscht werden, ich werde wirklich gemartert werden. Möge man mich loben oder tadeln, möge man mich achten oder verachten, möge man mich ehren oder beschimpfen. Alles ist mir gleichgültig; ich will auf immer Gott die Ehre geben, und in der tiefsten Verdemütigung meiner Seele leben, weil ich nur Sünde bin und Gott die allerhöchste Vollkommenheit ist. Gern mache ich mich von allem los; ich liebe die Armut und würde einwilligen, mein tägliches Brot zu erbetteln. Wenn man mich aus dem größten Elend auf den Gipfel der Größe, des Reichtums und der Ehre erhöbe und wieder in das tiefste Elend stürzte, so würde ich die Ruhe und den Frieden nicht verlieren. Ich will nur Eines: Jesus lieben, Ihn über Alles lieben, Ihn immer lieben, Ihn unaufhörlich lieben. Jesus ist mein Alles, Er ist meine Stütze, meine Kraft, meine Stärke, mein Leben; ohne Ihn ist Alles Nichts für mich, ohne Ihn lebe ich nicht, ohne Ihn bin ich tot. Und Ihm immer mehr anzuhängen, um mit Ihm nur Eines zu sein, muss ich dem Zuge folgen, mit dem Er mich an sich zieht. Er ruft mich; dahin muss ich eilen und mich zurückziehen, wohin Sein Wille mich weist. Ich fühle es wohl, ich könnte meinen Frieden mir in der Stellung, in der ich bin, nicht bewahren, wenn ich Seinem Zuge widerstände. Das Leben, das ich jetzt führe, ist kein Leben und auch kein Tod, es ist ein Todeskampf, härter als der Tod. Wenn dieses mein Beruf ist, Herr Pfarrer so denke ich, dass ich ihm folgen und hingehen darf, wohin Gott mich ruft. Ich muss dem Rufe folgen und zwar sobald als möglich. Dies veranlasst mich nun, mit Ihnen von meiner Abreise zu sprechen. Was könnte meine Abreise verzögern? Etwa die Notwendigkeit mich zu prüfen, oder Ihr Wunsch mich im Gehorsam zu üben, oder die Furcht vor den Gefahren auf meiner Reise, oder die Schwierigkeit meiner Aufnahme im heiligen Herzen?

Hat man aber, Herr Pfarrer, seit zwei Jahren mich nicht genug geprüft? Hat man mich nicht die härtesten und schwersten Prüfungen bestehen lassen? Niemand kann darüber besser urteilen als Sie, Herr Pfarrer, und diese Prüfungen haben Ihnen unzweifelhaft die Festigkeit meines Berufes klar beweisen müssen.

Wenn Sie meinen Gehorsam zu kennen wünschen, so kann ich mich dem nicht widersetzen, es ist dies Ihr Recht, es ist sogar sehr weise von Ihnen, denselben kennen lernen zu wollen. Allein worin war ich ungehorsam, seitdem ich unter Ihrer Leitung stehe?

Der Gehorsam! Ich finde ihn anderswo auch. Ich will nicht Nonne werden, um meinen Willen zu tun, sondern um den Willen Jesu zu erfüllen, der mir durch meine Oberen offenbart werden wird.

Man wird mir sagen, dass ich nicht strafbar sei, wenn ich den Willen meines Seelenführers tue! Für den gewöhnlichen Lauf des Lebens, für die gewöhnlichen Dinge, Herr Pfarrer, gebe ich dieses zu. Aber in dem außergewöhnlichen Zustande, in welchem ich mich ohne irgend ein Verdienst von meiner Seite, einzig und allein durch den Willen Jesu befinde, da ich die Dinge in dem klaren Lichte, das mir von Gott zu Teil geworden, ansehe, und ich klar erkenne, dass mein Gewissen dabei beteiligt ist, da glaube ich, dass es eine Pflicht sei, dieser Erleuchtung zu folgen. Man beweise mir, dass ich mich täusche, dass ich im Irrtum bin, dass mein Licht nur Finsternis ist, dann werde ich mich unterwerfen; ich tue es jetzt schon und mein Gehorsam wird weise und verständig sein.

Wenn Sie indessen, Herr Pfarrer, in meinen Schriften Gottes Einwirkung erkannt haben, warum sollten Sie dieselbe nicht auch in meinem Berufe und in meiner Abreise erkennen? oder vielmehr, warum wollen Jene, die Sie leiten, das nicht erkennen? Warum beharren sie darauf, Sie zu überzeugen, dass Sie mich nicht abreisen lassen sollen? Sie, Herr Pfarrer, müssen sich klug benehmen den Personen gegenüber, welche Sie leiten; aber diese müssen auch Vorsicht gebrauchen gegenüber ihren Seelenführern. Wäre ich nur Ihnen und mir überlassen, so müsste ich mich in Allem Ihnen unterwerfen, da ich aber zu Ihnen und zu Jesus in Beziehung stehe, gebietet mir da nicht die Klugheit, Ihre Worte und die Worte meines Erlösers zugleich zu beachten?

Ach! glauben Sie nicht, dass dieses Urteil mir von Fleisch und Blut oder etwa von der Eigenliebe eingegeben werde; es ist stärker als ich, es ist in mir, und ich weiß nicht wie; oder vielmehr ich weiß es wohl, es ist in mir hervorgerufen durch die Kraft des Wortes Jesu, der alles wirkt nach Seinem Wohlgefallen. Ich schreibe diese Zeilen wie alles Übrige, weil Sie es mir befehlen und wie mein durch Jesus erleuchteter Verstand es mir eingibt. Mit Einem Worte: wenn Gott mir den Beruf gegeben hat, so geschah es nicht, damit er ohne Wirkung bliebe.

Ich begreife es wohl, Sie sind besorgt und andere noch mehr als Sie wegen der Reise in meinem Alter, Sie befürchten, mich Gefahren ausgesetzt zu sehen.

Ach! Herr Pfarrer, hierin kann ich Sie versichern, dass ich lieber tausendmal mit Gottes Gnade sterben würde, als jemals, entweder sei es durch Worte, oder Handlungen, oder Blicke, oder Gedanken, etwas Böses zu tun. Das Leben gilt mir nichts, der Stand der Gnade aber alles, diesem würde ich meine Lebenstage und das Teuerste opfern, was ich in der Welt besitze.

Und überdies weiß ich, hochwürdiger Herr, gegen mich selber misstrauisch zu sein und auf Gott meine Hoffnung zu setzen. Er wird meine Stütze und mein Verteidiger sein. Er wacht über mich, wer möchte mich da noch zu verderben suchen? Endlich dürfen mich auch, Herr Pfarrer, die Schwierigkeiten, die sich meiner Aufnahme entgegenstellen könnten, nicht zurückhalten oder meine Abreise verzögern, denn diese werden immer die gleichen sein. Sie wissen, dass Jesus mir bereits die Art und Weise gezeigt, wie Er sie alle wegräumen werde. Auf sein Wort setze ich mein Vertrauen, Ihm will ich mich überlassen.

Sie werden sich meiner Abreise nicht widersetzen, ich bin dessen gewiss und Sie werden beten, dass Gottes Absichten sich an mir erfüllen. Gott weiß, wie sehr ich, Herr Pfarrer, in Sie mein Vertrauen setze, welche Ehrfurcht ich vor Ihnen habe, wie hoch ich Sie achte und verehre. Ich habe in diesem Briefe voll Vertrauen zu Ihnen gesprochen und habe es nur getan, weil Sie es mir befohlen haben.

Gestatten Sie, dass ich Sie fußfällig um Verzeihung bitte; sollte etwas in meinem Briefe vorkommen, was Sie beleidigen könnte, so wäre dies ganz gegen meine Absicht. Gestatten Sie, dass ich Sie demütig bitte, mir aus Liebe zu Gott sagen zu wollen, ob Sie meine Abreise gutheißen. O! wie glücklich wäre ich, wenn ich Ihre Einwilligung und die Einwilligung Jesu hätte! O! sprechen Sie mein Vater, und Ihr Wort sei ein Wort des Segens und der Übereinstimmung mit Jesus! Unterdessen unterwerfe ich mich Ihnen in Allem und erneuere Ihnen den Ausdruck meiner ehrfurchtsvollsten Gefühle,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 10. Jan. 1844.



 

XLI. Brief.

Jesus Christus beruhigt Marie über die Schwierigkeiten, welche wegen ihrer Abreise von Seite ihrer Familie erhoben werden könnten.

Herr Pfarrer!

Ich eröffne Ihnen immer mit kindlichem Vertrauen die verborgensten Geheimnisse meines Herzens. Trotz allen Gnadenerweisungen und allen Belehrungen Jesu, trotz Seinem Rat und Seinen Anempfehlungen bin ich weit davon entfernt, das zu sein, was ich sein sollte, nämlich losgeschält von allem und nur Gott ergeben. Ich bin nicht so; allein ich möchte so sein. Vor einiger Zeit hing ich noch viel mehr an mir selbst und an meiner Familie als zu dieser Stunde; ich sah die Dinge viel mehr mit den Augen des Fleisches, als mit den Augen des Glaubens an. Da stieg Jesus zu meiner größten Beschämung, zu meiner Niedrigkeit herab, um mich daraus zu ziehen.

Als Er mir gesagt hatte, dass Er mich beriefe, Nonne im heiligen Herzen zu werden, so freute ich mich anfänglich darüber. Diese Freude dauerte jedoch nicht lange; Folgendes störte sie. Ich sagte zu mir selbst: Um Nonne im heiligen Herzen zu werden, muss ich mich von meinen Eltern trennen; ich brauche eine beträchtliche Aussteuer; ich muss von jemanden eingeführt und vorgestellt werden; allein kann ich mich nicht nach Paris begeben und mir in dem Hause, wohin der Heiland mich beruft, Aufnahme verschaffen. Dann sagte ich noch zu mir: Meine Eltern werden sich nicht von mir trennen wollen; wenn sie mir. die nötige Aussteuer geben, so bringe ich sie ins Elend, wie werde ich jemals Klosterfrau des heiligen Herzens werden können?

So sah ich es mit den Augen des Fleisches an, so dachte ich nach den Gedanken des Fleisches, so stützte ich mich auf den Arm des Fleisches, statt auf Gott zu rechnen, aus Gott zu hoffen, alles mit den Augen des Glaubens anzusehen und mich vollkommen auf das Wort meines Erlösers zu verlassen. Ach! Herr Pfarrer, wie klein war mein Herz, wie blind mein Geist, wie wenig Glauben hatte meine Seele.

Nun aber, Herr Pfarrer, kam Jesus, mich zu stärken, mich zu erheben, mir Seine Barmherzigkeit sehen zu lassen. Und Sie werden sehen, wie tief, wie groß Seine Herablassung war. Er zeigte mir, wie Er das Herz meiner Eltern stimmen, wie Er mit meinen Seelenführern sprechen werde; Er hat mir gezeigt, wie leicht alle Hindernisse schwinden würden; Er hat mir gezeigt, wie leicht es Seiner Allmacht sei, meiner Aufnahme den Weg zu bahnen; Er hat mir gezeigt, wie ich selbst handeln müsse.

Hierauf hat mir der Heiland nichts mehr gesagt; aber ich habe wie eine innere Stimme gehört, welche zu mir sprach: „Hoffe nie auf die Menschen; aber hoffe immer auf deinen Erlöser. Sieh das Leben nicht an, wie es die Sünder und die Ungläubigen ansehen, sondern wie die Gerechten und die Kinder Gottes. Schreite vorwärts nach dem Wunsche Jesu, fürchte Nichts, Er wird dich in den Hafen geleiten. Lassen Sie mich Ihnen erzählen, was Jesus mir gezeigt hat und was Er mir zu Betreff meiner Eltern zu verstehen gab.

Als ich mit meiner Familie über meinen Entschluss, Nonne des heiligen Herzens zu werden, gesprochen hatte, widersetzte sie sich nicht. Da ich indessen ihre Traurigkeit mit ansah, so schien es mir, als ob ich sie sagen hörte: Was, du willst uns verlassen, Marie, und uns nicht unterstützen, wenn wir im Alter vorrücken? Was wird aus uns werden, wenn alle unsere Kinder sich von uns entfernen? So legte ich mir die Gefühle meiner Familie aus. War diese Auslegung der Wahrheit gemäß? Ich weiß es nicht. Wenn ich an die Traurigkeit meiner Familie gedenke, so halte ich sie für wahrheitsgetreu; ich halte sie aber für falsch, wenn ich an die Großmut der Meinigen denke und an den Wunsch, den sie mir aussprachen, dass sie sich von allem entblößen wollten, um mir die notwendige Aussteuer zu meinem Eintritt ins Kloster des heiligen Herzens zu geben. Ich wagte nicht, ihren Vorschlag anzunehmen: „Meine Tochter, sagte meine Mutter eines Tages zu mir, du bekommst von uns tausend Taler zum Einlegen ins Kloster des heiligen Herzens und tausend Franken zu deiner Reise, deiner Ausstattung und deinem Unterhalt bis zu deiner Aufnahme." --- Ich meinerseits wusste, dass ihre Verhältnisse dadurch sehr beschränkt würden, und sprach darum zu meiner Mutter: Geben Sie mir weniger, Mutter, man wird mich im heiligen Herzen dennoch aufnehmen. Ich werde dort sagen und man wird es auch wohl erfahren, dass ich arm bin, man wird mir den Eintritt ins Kloster deshalb nicht verweigern." „Nein", meine Tochter, erwiderte mir meine Mutter, „wie sehr wir uns auch nach deiner Abreise einschränken müssen, wenn wir dir diese Aussteuer geben, so werden wir es mutig ertragen, wenn wir bedenken, dass du dadurch in den Stand gesetzt wirst, im Kloster nicht die Magd der andern sein zu müssen." --- So dachte meine arme Mutter. Ich jedoch, Herr Pfarrer, dachte in dieser Beziehung nicht wie sie; ich wollte den Klosterberuf nicht deswegen ergreifen, um bequemer zu leben, sondern um den Willen Jesu zu erfüllen. Was liegt mir daran, die Magd aller zu sein, wenn dieses der Wille Gottes ist? Ach! könnte ich, indem ich die Welt verlasse, nicht das Kreuz fliehen, sondern mich mit Jesu mein ganzes Leben hindurch an dasselbe heften!

Ich gestehe Ihnen, hochwürdiger Herr, ich verlangte sehr nach einem stillen und ruhigen Augenblicke, um mich mit Jesu zu unterreden. Ich hatte nicht, wie es mir scheint, zu große Zärtlichkeit gegen meine Eltern; ich hätte sie gern verlassen; aber gegen meinen Willen fühlte ich in meinem Herzen einen sehr großen Kummer darüber, dass sie durch meine Abreise fast dem Elende preisgegeben würden. Ach! ich baute nicht genug auf die göttliche Vorsehung! Eines Tages machte ich meine Betrachtung: ich lag vor Jesus auf den Knien und sagte zu Ihm: „Herr, Du siehst mein aufrichtiges Verlangen, Deinen Willen zu erfüllen und auch meinen Kummer darüber, dass ich meine Familie durch meine Abreise in große Bedrängnis versetze, zumal wenn ich die Aussteuer, die sie mir geben wollen, annehme. Ach! Herr, erbarme Dich der Meinigen und verfüge über mich. Ich weiß nicht, ob meine Gefühle recht sind; aber ich liebe Dich, o Jesu, viel mehr als meine Eltern, befiehl und ich werde Alles tun, was Du begehrst." --- Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was ich zu Ihm gesagt habe, aber ich ergoss voll Aufrichtigkeit, wie ein Kind, mein Herz in das Seinige. Da sprach Er zu mir: „Meine Tochter, ich liebe deine Ergebung in Meinen Willen und auch deine Zuneigung gegen deine Familie. Man kann Gott und seine Familie zugleich lieben, wenn nur die Liebe zur Familie nicht vergessen lässt, was man Gott schuldig ist. Beschäftige dich von nun an nicht mehr mit deiner Familie wegen der Aussteuer, die sie dir zu geben wünscht. Meine Absicht ist, dass du sie nicht annimmst und dass deine Familie behalte, was sie hat. Du wirst in die Gesellschaft des heiligen Herzens durch die Wirksamkeit Meines Willens aufgenommen werden, nicht aus Eigennutz, sondern aus Liebe. Du bist arm, Meine Tochter, sei nicht traurig darüber; glücklich sind die Armen, sie haben eine Ähnlichkeit mit Mir, die Mir gefällt und Mein Herz rührt. Ich werde dich selbst unter Meine vielgeliebten Töchter des heiligen Herzens einführen." --- So nahm mir der Heiland die vorgefasste Meinung meines Geistes, und noch mehrere Male sprach Er auf dieselbe Art zu mir und ich blieb ruhig.

Hier folgt, wie Er mein Herz auch in Betreff der Einwilligung meiner Familie beruhigte; Ich wusste im Voraus, dass mir dieselbe nicht verweigert würde; allein ich wusste auch, mit welchem Schmerze man sie mir geben, und dass man mir diesen Schmerz verbergen würde, um mich nicht zu betrüben.

Nachdem ich kommuniziert hatte, erwartete ich Jesus an der Türe meines Herzens; bei Seinem Anblicke warf ich mich auf den Boden nieder. Er reichte mir die Hand und führte mich zu einem See, der heftig kochte. Ich sah rings um den See herum viele Personen beiderlei Geschlechtes, die sich unterhielten. Bald kamen fast alle herbei, um in den Gewässern des Sees ihren Durst zu stillen; es war aber in dem See eine unzählige Menge kleiner Schlangen, welche die Menschen mit dem Wasser tranken. Darum, als sie das Wasser getrunken hatten, war ihr Durst nicht nur nicht gelöscht, sondern es hatte vielmehr den Anschein, als ob ihre Eingeweide brennen würden, denn diese Menschen kamen ganz außer sich und in einen Zustand ungewöhnlicher Wut. Sie zerrissen sich gegenseitig und stürzten sich in den Abgrund. Jesus führte mich hierauf über Gebirge und so steile Orte, dass ich ohne Seiner Hilfe tausendmal in schreckliche Abgründe hinabgestürzt wäre. Er führte mich an das Ufer eines andern Sees, dessen Wasser sehr ruhig war. Über diesen See warf Er ein Brett, auf das wir beide fliegen und sehr schnell das gegenüberliegende Ufer erreichten. Einige Schritte weiter bemerkte ich einen dritten See, dessen reines Wasser von einem leichten Wind sanft bewegt war, so dass sich beständig kleine glänzende Wellen erhoben, welche wie Kristall in den Strahlen der Sonne glitzerten. Jesus tauchte mich in diesen See und mit Leichtigkeit schwamm ich darin. Es schien mir, dass die Gnade in mein ganzes Wesen sich ergieße, und ich wurde ebenso glänzend, wie das Wasser, worin ich mich befand. Viele Leute liefen herzu, von denen die einen in heiliger Freude zu sein schienen und die andern in Betrübnis, jedoch trotz ihrer Tränen voll Ruhe. Sie badeten sich entweder in den Gewässern des Seees oder löschten darin ihren Durst und zogen sich dann ruhig zurück.

Jesus erklärte mir nicht, was dieses bedeutete; allein ich verstand es wohl.

Dann führte mich Jesus vor ein großes Tor, welches mir das Tor einer Stadt zu sein schien; Er öffnete und schloss es wieder. Ich sah einen großen Platz und auf beiden Seiten eine solche Menge Leute, dass niemand im Stande gewesen wäre, sie zu zählen. Auf der einen Seite gingen, kamen und bewegten sich geschäftig Personen jeden Alters, jeden Geschlechtes, von jedem Gewerbe und jeden Standes. Auch auf der andern Seite waren Menschen von jedem Geschlechte, jedem Alter, jedem Gewerbe, jedem Stande; sie waren aber sanft, bescheiden, gesammelt, hatten Herz und Geist zu Gott erhoben und arbeiteten nach ihren verschiedenen Berufsarten; aber stille und ruhig, ohne Aufregung und Zerstreuung. Mitten unter diesen Personen hielt mich Jesus in der Hand. Ganz nahe bei mir erblickte ich meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester. Als meine Mutter mich sah, sprach sie in klagendem Tone zu mir: „Meine Tochter, warum willst du mich verlassen? Was fehlt dir bei uns? Sieh, in welchem Gesundheitszustand du mich verlässt; erwäge, dass dein Vater schon im Alter vorgerückt ist und dass deine Schwester allein zurückbleiben wird, um die Last aller ermüdenden Anstrengungen zu tragen. Meine Tochter, du wirst uns nicht verlassen." --- Hierauf ergriff Jesus das Wort und sprach: „O Weib, von wem glaubst du das Leben zu haben, von Mir oder von deiner Tochter? Auf wen stützest du dich mehr, aus Mich oder auf sie? Wenn Ich deine Tochter von dir fordere, so geschieht dies deshalb, weil sie dir nicht gehört und weil Ich sie dir nur für eine Zeit anvertraut habe. Wenn ich sie zurücknehme, so geschieht dieses also, weil sie Mein gehört. Glaubst du, dass Ich dir das Nötige entziehen wolle, wenn ich sie dir nehme? Nein, dies beabsichtiget Meine Vorsehung nicht! Ich habe schon eines deiner Kinder genommen und du bist dadurch nicht in Dürftigkeit geraten. Ich werde auch diese noch nehmen und Meine Vorsehung wird es dir an nichts fehlen lassen. Deine Blicke müssen sich nach Oben richten. Wie sehr solltest du dich vielmehr glücklich schätzen, dass Ich unter Tausenden deine Tochter zu Meiner Braut erwählt habe!

Hierauf wendete Er sich an meinen Vater und sagte ihm: „Du, Vater der Marie, bring das Opfer deines Kindes mit der Gesinnung des Glaubens; bringe es aus Liebe zu Mir und Ich werde Meine Segnungen über dein weißes Haupt ergießen." --Endlich wendete Er sich an meine Schwester und sprach zu ihr; „Meine Tochter Margaretha, Ich habe deine Schwester Mir auserwählt, urteile darüber vernünftig und richtig. Überlass dich Meiner Vorsehung.

Wenn Ich dir die Unterstützung deiner Schwester entziehe, so wird dir dafür die Meinige zu Teil werden.

Du wirst ihren Trost und ihre Stütze nicht mehr haben; aber Ich selbst werde dein Trost und deine Stütze sein.

Ich habe dich während deiner Kindheit und während deiner Jugend in der Zurückgezogenheit genährt, dich die Süßigkeit Meiner Liebe verkosten lassen. Ich habe dich mit meiner Gnade gestärkt, um dich zu kräftigen für alle Prüfungen, die du jetzt und künftig zu ertragen hast. Mein Wille ist, dass du bei deinen Eltern bleibst, sie in ihrem Alter und ihrer Gebrechlichkeit pflegst und dich mit ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigest. Durch diese Lebensart wirst du dich heiligen und groß wird deine Krone im Himmel sein, wenn du mit Meiner Gnade entsprechend mitwirkest und heilig lebst in dieser Einsamkeit, die Ich dir von Kindheit an bereitet habe.

Als der Heiland so zu den Meinigen gesprochen hatte, wendete Er sich zu mir und sprach: „Meine Tochter, das Andenken an deinen Vater, deine Mutter und deine Schwester beunruhige dich nicht. Ich werde über sie wachen. Sie sind bereit, dich abreisen zu lassen, verabschiede dich von ihnen." --- Ich gehorchte Jesu, ich umarmte meinen Vater, meine Mutter und meine Schwester Margaretha und ging fort.

Ich weiß nicht, wohin mich der Erlöser führte; allein ich befand mich unter frommen und heiligen Personen, welche das Lob Gottes sangen.

Dies, Herr Pfarrer, habe ich erfahren. Seit dieser Stunde hat mein Herz mehr Kraft und ich erwarte voll Festigkeit die Stunde meiner Abreise und seufze nach dem Augenblick, wo Sie mir erlauben werden, dem Rufe Jesu zu folgen.

Empfangen Sie, Hochwürden, die Versicherung meiner aufrichtigen Dankbarkeit und meiner ehrfurchtsvollsten Gefühle .

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 17. Jan. 1844



 

XLII. Brief

Dass Marie ihren Beruf ausführen kann,
hängt nicht von ihrem Bischof ab.

Herr Pfarrer!

Sie haben, glaube ich, verstanden, dass die Vollstreckung meines Berufes ganz von dem hochwürdigsten Herrn Bischof von Aire abhängen sollte. Dem ist nicht so. ... Hier folgt, wie ich die in diesem Punkte empfangene Mitteilung verstanden habe und noch verstehe.

Nicht er, sondern Sie, Herr Pfarrer, sind mit meinem Berufe beauftragt; er kann sich nur zu Gunsten desselben verwenden. Ich weiß, dass auf seine hohe Verwendung hin meine Aufnahme im heiligen Herzen keine Schwierigkeit haben würde. Seine Verwendung ist aber nicht das einzige Mittel, welches mir den Eintritt erleichtern könnte. Es ist auch nicht durchaus notwendig, dass der Herr Bischof sich darum annimmt, weil er mein Seelenführer nicht ist. Wenn er sich für mich verwendet, so wird es dem Erlöser angenehm sein; allein er kann mir diese Verwendung auch verweigern; er ist darin vollkommen frei. Die Ausführung meines Berufes hängt nicht von ihm, sondern von Ihnen ab. Sie sind der geistliche Vater meiner Seele, Sie müssen mich den Frauen des heiligen Herzens vorstellen oder empfehlen und auf Ihre Empfehlung werde ich ausgenommen werden. Genehmigen Sie, Herr Pfarrer, den Ausdruck meiner vollkommenen Hochachtung und meiner tiefsten Verehrung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

Herr Pfarrer,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste, den 22. Januar 1843.



 

XLIII. Brief.

Verzeichnis der von Marie gelesenen Bücher.

Herr Pfarrer!

Ich gebe Ihnen hier das Verzeichnis der Bücher, welche in unserm Hause sind und die ich sonst noch gelesen habe.

Ich habe gelesen: Das alte und das neue Testament; einen Band vom Auszug aus dem Leben der Heiligen; Anleitung zum frommen Leben vom hl. Franz v. Sales; die schriftliche Lehre; Abhandlung über die Freude der schriftlichen Seele vom P. Ambrosius von Lombey, Kapuziner, dem Verfasser des Buches vom inneren Frieden; die Nachfolge Christi; die Nachfolge Mariens; das goldene Buch; Umschreibung des Salve Regina; das Bild der Buße; der wahre Glaube der Kirche, der geistliche Kamps; das Leben der Väter in der Wüste vom ehrw. P. Michel-Ange Marin ans dem Orden der minderen Brüder; acht oder neun Bände von der Geschichte des Volkes Gottes die geschichtliche Abhandlung über die Vorsehung; zwei Bände der Predigten des Pater Bourdaloue. Alle diese Bände wurden mir von Herrn Farbos, meinem ersten Seelenführer, geliehen. Außerdem habe ich auch noch gelesen; ein kleines Betrachtungsbuch für alle Tage des Jahres; ein kleines Betrachtungsbuch für alle Tage in der Fasten; das Buch: Denke wohl daran; die Besuchungen des hl. Sakramentes; den Kreuzweg; den Monat Mariens; der Engel als Führer im christlichen Leben, mein Kirchengebetbuch, und ein anderes Buch, betitelt: Verschiedene Gebete und Belehrungen. All diese letzteren Werke haben wir in unserer Familie. Sie wünschten inne zu werden, welche Erbauungs- und Lehrbücher ich gelesen habe; ich habe Sie Ihnen hiermit alle ausgezeichnet.

Genehmigen Sie die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

demütigste und untertänigste Dienerin
Marie.

Mimbaste den 23. Jan. 1843.

 

 

XLIV. Brief.

Wie von dem Berufe der Marie Lataste ihre Familie dachte und fühlte.

Herr Pfarrer!

Sie wünschen zu wissen, auf welche Art meine Familie die Nachricht meines Berufes aufgenommen hat, und wie ihre Stimmung darüber ist. Ich will es Ihnen offen sagen.

Ich habe seit zwei Jahren meiner Familie mein Vorhaben mitgeteilt, dem Rufe des Herrn zu folgen und Nonne im heiligen Herzen Jesu zu werden. Sie wissen, Herr Pfarrer, wie glücklich ich mich schätzen muss, von so guten und zärtlichen Eltern, wie die meinigen sind, das Leben erhalten zu haben; Sie wissen, wie sie mich lieben und wie gerne alle und meine Schwester Margaretha vorzüglich mir ihre Liebe zuwenden. Ach! Herr Pfarrer, ich weiß es wohl, ich habe es öfter bemerkt, meine Abreise wird meine Familie tief betrüben, gerade, weil sie mich zu sehr lieben. Aber ich kann Sie versichern, sie wird sich der Erfüllung meines Willens nicht entgegensetzen. Ich habe gehört, wie der Vater, die Mutter und Margaretha mit einander über den ihnen bevorstehenden Verlust sprachen und ausriefen: Gottes Wille geschehe!

--- Ich habe sie zu einander sagen hören: „Wir könnten Marie unglücklich machen, wenn wir uns ihrer Abreise widersetzten; sie folge ihrem Berufe, wenn Gott sie ruft, und sie sei glücklich!“ Diese Worte gingen mir tief zu Herzen, und ich danke Gott, dass Er meinen Eltern und meiner Schwester solche Gefühle eingeflößt hat.

Seit einem Jahre hat mein Vater mich oft gefragt, wann ich vorhätte, mein Vorhaben auszuführen.

Das wird Ihnen vielleicht sonderbar scheinen. Ach! denken Sie nicht, dass er es kaum erwarten könnte, bis er von mir los wäre. Nein, Herr Pfarrer, so ist mein Väter nicht gesinnt. Da er sah, dass ich noch in Mimbaste bliebe, hat er nur gefürchtet, dass ich meinem Beruf nicht entspräche, oder dass einige seiner Worte auf mich einen solchen Eindruck gemacht und mich dahin gebracht hätten, meine gänzliche Hingebung an Gott zu verzögern. Ich habe ihn beruhigt, indem ich ihm sagte, dass ich mich ganz auf Ihre Entscheidung verließe, und dass ich abreisen würde, sobald Sie, nach hinlänglicher Prüfung meines Berufes es mir erlaubten. O, Herr Pfarrer, mein Vater liebt mich sehr, aber er will mich lieber fortgehen, als gegen Gottes Willen bei ihm bleiben sehen. Mein zärtlicher Vater hat große Liebe zu mir; allein er liebt mich nicht seinetwegen, sondern Gottes wegen und um meinetwillen Gottes Wohlgefallen, und das Glück seiner Tochter zieht er seinem eignen Vergnügen und Glücke vor. Ich kann Ihnen nicht besser die Liebe meines Vaters begreiflich machen, als wenn ich Ihnen sage, dass er es nicht über sich bringen kann, einen Tag und eine Nacht von seinem Hause sich zu entfernen, weil er, wie er sagt, zu lange des Genusses entbehren müsse, Margaretha und Marie zu sehen. Wieviele Lustbarkeiten hat er deswegen ausgeschlagen! Sein Vergnügen, sein Glück, sein Genuss, sein Trost hier aus Erden besteht darin, seine Kinder zu sehen und bei ihnen zu sein. O, wie sehr liebt er uns! Ich vermag es nicht auszudrücken. Aber seine Liebe ist großmütig und uneigennützig; er ist vor allem Christ. Er leidet bei dem Gedanken, sich von mir zu trennen, weil ich seine Tochter bin, allein er opfert Gott seinen Schmerz durch gänzliche Unterwerfung seines Herzens. Meine Mutter ergießt ihren Schmerz mehr nach Außen; aber sie ergießt auch ihre Ergebung in reicherem Maße. Sie besonders ruft, wenn sie ganz allein ist, oft aus: Herr! Dein Wille geschehe!

Meine Schwester Margaretha liebt mich auf das zärtlichste; ich brauche es Ihnen nicht zu sagen. Sie wissen, wie besorgt sie für mich war, als ich jung war, als ich eigensinnig war; Sie wissen, wie sehr sie litt, wenn ich litt, damals als Gewissensangst meine arme Seele folterte; Sie wissen, wie sie bei jeder Gelegenheit mir sich gefällig zu erweisen sucht, und wie ihr Herz mit dem Meinigen vereiniget ist. Ihre Liebe wird aber nicht weniger rein sein, als die Liebe meiner Eltern, und ich kenne sie gut genug, um sagen zu können, dass auch sie voll Glauben die Worte sprechen wird: „Mein Gott, Dein Wille geschehe!

Meine Familie möchte auch die Zeit meiner Abreise kennen, damit sie die nötigen Schritte tun kann, um mir alles zu besorgen, was ich mitnehmen muss. Mit aller Gewalt möchte sie sich alles dessen entäußern, was sie besitzt, um mir eine anständige Ausstattung zu geben, und es kostet mir viel Mühe sie zu überzeugen, dass ich keine Ausstattung nötig habe. Wenn wir auch nichts mehr hätten, sagten sie öfters zu mir, so hätten wir doch noch Gottes Schutz, Er wird uns niemals fehlen. Ach! wie viele Mädchen meines Alters und gleich mir von Gott berufen, haben durch ihre Eltern zu leiden und wie preise ich Gott für die Gesinnungen meiner Familie. Was mich anbelangt, Herr Pfarrer, so bin ich seit langem über meinen Beruf klar. Mein Entschluss ist gefasst; derselbe ist um so fester, als er nicht auf Überredung, sondern auf die vollkommenste Überzeugung gegründet, dass dieses Gottes Wille ist.

Niemand fühlt, so wie ich, was in mir vorgeht. Daher werden auch alle Vorstellungen, die man mir machen, alle Bedenken, die man mir entgegen halten, alle Prüfungen, die man mir bereiten wird, vergeblich sein, nichts wird mich erschüttern, und man verliert nur seine Mühe, wenn man mich prüft; die stärksten Prüfungen werden mich noch stärker finden, weil ich weder aus Laune, noch aus menschlichen Ursachen Klosterfrau im heiligen Herzen sein will, sondern einzig und allein um Gottes Willen zu folgen.

Ja, Herr Pfarrer, ich bin immer bereit alles zu ertragen, so fest ist meine Überzeugung, soviel Kraft und Stärke flößt sie mir ein; allein wie unerschütterlich ich auch in meinem Entschluss sein möge, ich bestehe doch nicht so sehr darauf, dass ich mich nicht großmütig und stark zu zeigen wüsste in Ertragung des Ausschubs, den Sie mir anzubefehlen belieben werden. Jesus, der Erlöser hat mir versprochen, dass die Verzögerung nicht über mein 26. Jahr hinausgehen werde. Ich will also warten und immer beharrlich sein, nicht durch mich selbst, sondern durch die Gnade des Erlösers. Ich will warten; aber meine Erwartung wird sogar vor dieser Zeit in Erfüllung gehen. Sie wird sich sogar in kurzer Zeit verwirklichen, ich habe die Hoffnung, fast die Gewissheit, darüber in meinem Herzen, weil ich von der festen Überzeugung durchdrungen bin, dass Sie werden keinen Grund finden können, mich zurückzuhalten.

Empfangen Sie, Herr Pfarrer, die Versicherung meiner Unterwerfung unter Ihren Willen und den Ausdruck der tiefsten Ehrfurcht, mit welcher ich bin,

Ihre
demütigste Dienerin
Marie

Mimbaste den 28. Jan. 1844.



 

XLV. Brief.

Was aus den Schriften der Marie Lataste werden soll.

Herr Pfarrer!

Seitdem es auf die Worte, die Sie an mich gerichtet haben, in meiner Seele ruhig geworden, bin ich glücklich mitten in den zahlreichen Prüfungen, denen ich täglich begegne. Ich will Ihnen mitteilen, um was ich Jesus den Erlöser gefragt habe. Ich sagte zu Ihm: „Herr, da ich nun durch die Stimme meines Seelenführers sicher weiß, dass Du es bist, Der mit mir gesprochen, und dass Du mit mir noch die leibliche Verbindung im hl. Abendmahle und in meinem Herzen unterhältst, so erlaube jetzt Deiner demütigen Dienerin Dich zu fragen, was aus den Heften werden soll, die ich geschrieben, so wie mein Gedächtnis sich noch der Worte erinnerte, welche Du an mich gerichtet hast."

„Meine Tochter," hat Er mir geantwortet, „Ich will dich in dieser Beziehung befriedigen. Dein Seelenführer weiß bereits wohl, dass das, was Ich dir mitgeteilt, nicht für dich allein ist. Er hat selbst viel daraus gelernt, was er nicht wusste, und andere, selbst sehr gelehrte Männer würden es ebenfalls tun, wie er, wenn sie deine Hefte in Händen hätten, weil sie Meine Belehrungen enthalten, und weil in Mir Schätze der Wissenschaft und Weisheit sind, die den weisesten und gelehrtesten Männern unbekannt sind.

„Meine Absicht ist nun, dass andere aus Meinen Worten Nutzen ziehen sollen. Ich will daher, dass man deine Schriften treulich ausbewahre.

„Dein Seelenführer wird deine Schriften, wie er es für gut findet, ordnen, um sie, wenn er Zeit dazu hat, drucken zu lassen; wenn er es nicht kann, so wird er diese Arbeit durch eine andere Hand besorgen lassen; er wird indessen Sorge tragen, dass der Diözesanbischof --dem Ich diese Arbeit, wenn sie einmal unternommen wird, besonders anempfehle, davon vorerst benachrichtigt werde. Wenn man dich fragt, warum du so geschrieben hast, und warum Ich dich auf diese Art handeln ließ, so antworte, dass Meine Absichten geheim und unbekannt seien, und dass Ich dich im Gehorsam, in gänzlicher Selbstverleugnung und Demut üben wollte.

Sei es nun dein Pfarrer oder sein Seelenführer, der keine Pfarrei hat, und sich leichter mit dieser Arbeit beschäftigen wird, oder jeder andere, so will ich, dass deine Schriften zu ihrer Verdeutlichung mit der Gutheißung des Diözesanbischofs versehen seien. Man wird deine Hefte und deine Briefe abgesondert drucken, und man wird deinen Namen darauf schreiben. Dein Seelenführer wird auch die notwendigen Belege liefern, damit dein Leben geschrieben werden kann, und der Verfasser desselben wird zu gleicher Zeit auch deine Schriften und deine Briefe benützen, die sorgfältig werden aufbewahrt werden. Wenn Ich, meine Tochter, so mit dir spreche, weiß ich, dass Mein Wort deine Bescheidenheit nicht verletzen wird, weil Mein Wort ein Licht ist, das dich folglich erkennen lässt, dass du aus dir selbst Nichts bist, dass du alles von Mir erhalten hast, das dich erkennen lässt, dass alles Geschaffene nicht aus sich selbst entstanden ist, sondern vom Schöpfer kommt, und dich erkennen lässt, dass deine Schriften weder dein Wort, noch deine Wissenschaft enthalten, sondern die Meinen.

„Das ist Mein Wille!"

Ich wiederhole Ihnen, Herr Pfarrer, so getreu als möglich die Worte, welche zu mir gesprochen wurden. Was mich anbelangt, so verlasse ich mich vollkommen auf Ihre Entscheidung. Ich habe keinen Willen, keinen Wunsch, tun Sie, was Ihnen gefällt.

Empfangen Sie die Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein,

Herr Pfarrer!

Ihre
untertänigste und ehrfurchtsvollste Dienerin
Marie

Mimbaste den 5. Februar 1844.



 

XLVI. Brief.

Die Stimme in der Wüste und ihre wunderbaren Wirkungen.

Herr Pfarrer!

Jesus, der Erlöser, richtete eines Tages folgende Worte an mich: „Meine Tochter, eine Stimme wird in der Wüste gehört werden, und das Echo wird in der Ferne wiederholen, was diese Stimme ausgesprochen hat.

Noch ist diese Stimme heiser, seiner Zeit wird sie aber einen scharfen und durchdringenden Ton haben, gleich dem Tone der Trompeten, die du in den Städten hörst. Diese Stimme ist wie eine Trompete, die von den Händen eines geschickten Arbeiters gemacht worden ist. Zuerst wird sie aus Ton gebildet, später wird sie in geschmolzenes Eisen getaucht, damit sie stärker und dauerhafter werde, noch später wird sie in geschmolzenes Silber getaucht, damit sie weiß und glänzend werde; endlich wird sie in geschmolzenes Gold getaucht und erscheint wie ein Wunderwerk aus der Hand Gottes. Sie wird mit der Gnade des hl. Geistes erfüllt werden.

Mehrere werden den Ton dieser Stimme hören!

Tief betrübte Unglückliche, welche am Rand des Abgrundes sitzen und im Begriffe stehen, aus Verzweiflung sich hinabzustürzen, werden den Ton dieser Stimme hören; sie werden sich erheben, ihre Tränen trocknen, weil die Stimme sie trösten wird, und sie werden fortleben, um den Herrn zu preisen.

Andere Unglückliche, am Strande des Meeres tief schlafend, und nahe daran, zu ertrinken, werden den Ton dieser Stimme hören, sie werden erwachen, sich aus der Gefahr begeben und Gott verherrlichen.

Gefangene, welche im finsteren Kerker in Ketten liegen, werden den Ton der Stimme hören. Sie wird ihre Ketten zerbrechen, die Türe ihres Gefängnisses öffnen, ihnen heilige Ratschläge, furchtbare Waffen gegen ihre Feinde geben, und sie werden sehen, wie ihre Feinde erschreckt werden und die Flucht ergreifen.

Mehrere werden, wenn sie sehen, welchen Namen diese Stimme sich erworben, weit herkommen, um sie zu hören, und werden besser zurückkehren, als sie gekommen sind.

Heute ist sie noch unter der Erde verborgen, sehr wenige vernehmen sie; aber wenn der Herr kommt, wird er sie offenbar machen.

Ich sehe glücklichere Tage für die künftigen Nationen anbrechen. Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem ihrem Wohlergehen, und dazu, dass die Hand des Herrn, die lange schwer auf der Menschheit lag, sich nach und nach erhebt.

Ich sehe, wie fahrlässige Menschen die Gnaden Gottes verachten, und wie diese Gnaden andern gegeben werden.

Ich sehe die