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Predigten von Prof. Dr. Georg May

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Das auserwählte Volk
Ein neues Jahr in Verantwortung vor Gott
Das Gleichnis vom Sämann
Arbeiten für das Reich Gottes
Das Vorbild der heiligen Familie

Freude über die Vorsehung Gottes

Jesus auf dem Weg zu seinem Leiden
Das große Glück des Bußsakramentes
Der verklärte Herr im Sakrament
Die gottgesetzte Ordnung der Geschlechtlichkeit
Von Sünde, Schuld und Gericht
„Warum glaubt ihr mir nicht?“
Die Ausreden der Leugner des Ostergeschehens
Der Sieg, der die Welt überwindet
Ostern – ein geschichtliches Ereignis
Wie Schafe, die keinen Hirten haben
Das Antlitz des Gottmenschen
Gott, Ursprung und Ziel des Lebens
Der Himmel – eine transzendente Wirklichkeit
 
Georg May wurde am 14. September 1926 in Liegnitz in Schlesien geboren. Am 1. April 1951 empfing er von Bischof Heinrich Wienken von Meißen (der seinerseits vom sel. Kardinal von Galen zum Bischof geweiht worden war) die Priesterweihe. Er wurde geweiht für die Diözese Breslau. In München wurde er summa cum laude zum Doktor der Theologie promoviert. Sein Lehrer war der berühmte Kanonist Klaus Mörsdorf. Nach seiner Habilitation lehrte er zuerst in Freising, ab 1960 an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

„In kanonistischen Fachkreisen fand May hohe Anerkennung“, schrieb das Bistum Mainz 2001 anläßlich seine Goldenen Priesterjubiläums. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Tatsache, daß ihm bereits zwei umfangreiche Festschriften gewidmet wurden, einmal zu seinem 65., dann zu seinem 80. Geburtstag.

Prof. Dr. Georg May

In der ersten Festschrift „Fides et Ius“, die auf 639 Seiten 30 Beiträge vereint, u.a.. von Matthäus Kaiser, Audomar Scheuermann, Heinz Maritz, Konrad Repgen und dem späteren Kardinal Leo Scheffczyk, schreiben die Herausgeber Winfried Aymans, Anna Egler und Joseph Listl: „Georg May ist ein von seinen Hörern geschätzter, erfolgreicher akademischer Lehrer. In den Jahren 1965 und 1968 an ihn ergangene Rufe an die neugegründeten Universitäten Bochum und Regensburg lehnte er ab. Seine Standfestigkeit hat ihn nicht davor bewahrt, gelegentlich ungerecht behandelt zu werden und Zurücksetzung zu erfahren. Seine grundfeste Art, manche Erscheinungen in der heutigen Kirche kritisch zu hinterfragen und an den Maßstäben des Glaubens und der Tradition der Kirche zu messen, hat in der nachkonziliaren Ära nicht selten Mißfallen erregt und Ablehnung hervorgerufen. Nach seinem Verständnis von Pflichten eines Professors der katholischen Theologie konnte er sich diesem Einsatz nicht entziehen. Die Aufgabe des Theologieprofessors versteht er als Dienst an der Wahrheit des katholischen Glaubens. Daß mutiger Widerspruch und ein dem Zeitgeist entgegengesetztes Auftreten ihren Preis fordern und zu einem Hindernis der akademischen Laufbahn werden können, hat Georg May aus Treue zu seiner Glaubensüberzeugung in Kauf genommen“ (Fides et Ius, Regensburg 1991, S. 10).

Die zweite Festschrift, unter dem Titel „Dienst an Glaube und Recht" herausgegeben von Anna Egler und Wilhelm Rees, enthält auf 861 Seiten 32 Beiträge, darunter solche von Bruno Primetshofer, Anton Ziegenaus und Georg Schwaiger.

Quantität und Qualität seiner Werke lassen auf eine unglaubliche Schaffenskraft schließen. Die Herausgeber von "Fides et Ius" schreiben im erwähnten Vorwort, daß seine Veröffentlichungen auf intensiven Forschungen in Archiven beruhen und daß er hierin "vielen seiner Kollegen ein unerreichbares Vorbild“sei.

Im Laufe seiner wissenschaftlichen Tätigkeit beschränkte er sich nicht auf sein kanonistisches Fachgebiet, sondern schrieb z.B. ein viel beachtetes Werk über die Kirche im Nationalsozialismus, dessen Auszug auf kath-info die meistbesuchte Seite dieser Website ist. Darüberhinaus publizierte er immer wieder Artikel (etwa im FELS und in „Theologisches“) und Bücher zur Diagnose der kirchlichen Lage, z.B. "Glaube und Seelsorge in unserer Zeit", "Echte und unechte Reform", "Demokratisierung der Kirche. Möglichkeiten und Grenzen“, „Die Krise der nachkonziliaren Kirche und wir“. Die Liturgiereform analysierte er in „Die alte und die neue Messe“ und hielt als Konsequenz, die er aus seinen Erkenntnissen zog, an der überlieferten Messliturgie fest.

Alltäglich, mit nur sehr wenigen Ausnahmen, zelebriert er in einer Mainzer Kirche das heilige Meßopfer im überlieferten Ritus und erfreut sich in seiner Gemeinde eines hohen Zuspruchs. Seine Predigten sind Lehrstücke katholischer Glaubensfragen und für unsere Zeit unentbehrlich, bestechend klar und im höchsten Maße hilfreich für die Wahrheit im Vermächtnis des einen wahren Glaubens.
 

Aktueller Nachtrag:

Erst jetzt wurde Prof. May hohe päpstliche Ehrung zuteil, die sein hervorragendes Lebenswerk und seinen Kampf gegen die nachkonziliaren Missstände in der katholischen Kirche würdigt. Er wurde in den Prälatenstand erhoben mit dem Ehrentitel „Apostolischer Protonotar“. Wir danken Gott und dem Heiligen Vater, dass dieser Priester nun doch noch Ehre und Anerkennung erfährt. Gott gebe ihm noch viele Jahre!

 

Das auserwählte Volk

Am 29.3. 1987 begann Prof. Dr. Georg May seine Sonntagspredigt: «Am vergangenen Sonntag haben wir die Verheissungen, die GOTT, ergehen liess über die Ankunft des Erlösers, über sein Werk, über sein Leiden und Sterben betrachtet. Diese Verheissungen sind eingebettet in die Vorbereitung auf das Kommen des Erlösers.

GOTTES Plan

Die Vorbereitung des Erlösers geschah vorzüglich in der Weise, dass Gott sich ein Volk auserwählte,

das er als Priestervolk für die anderen Völker zu benutzen gedachte, um auch allen Heidenvölkern das Heil zuzuwenden. Dass GOTT ein auserwähltes Volk schuf, bedeutet also nicht die Verwerfung der übrigen Völker, sondern im Gegenteil, es bedeutet, dass er das Heil für alle Völker bereiten wollte, indem er ein Volk auserwählte, das priesterlich, also vermittelnd für andere Völker tätig werden sollte. Dieses Volk hat GOTT in vierfacher Weise für die Ankunft des Erlösers vorbereitet.

1. Indem er es schweren Prüfungen unterwarf. Dieses Volk war sinnlich und sinnenhaft, es verlangte mehr nach den Fleischtöpfen Ägyptens als nach dem gelobten Land. Deswegen liess Gott schwere Prüfungen über das Volk kommen. Die Knäblein in Ägypten sollten getötet werden, Bedrückungen ohne Zahl, Fortführung in Gefangenschaft, grausame Könige. So und auf diese Weise wollte Gott dieses Volk heiligen, sein Vertrauen anfachen, seine Liebe zu Gott erwecken.

2. Die zweite Weise der Vorbereitung waren strenge Gesetze, die GOTT ihm gab. Unter Donner und Blitz erfolgte die Gesetzgebung auf dem Berge Sinai, und sie war begleitet von vielen Verheissungen und Drohungen.

3. Die dritte Weise, wie Gott das Volk vorbereitete, waren Wunder, die er vor den Augen des Volkes durchführte. Denken wir nur an den Durchzug durch das Rote Meer, an die Ernährung in der Wüste, an das Wasser, das Moses aus dem Felsen schlug. Alle diese Wunder sollten im Volk den Glauben an den erlösenden GOTT festigen und erhalten.

4. Die letzte Weise, wie Gott dieses Volk vorbereitete, war die Sendung von Propheten. Etwa 70 insgesamt zählen wir, gotterfüllte Männer, die gesandt waren, den Glauben an Gott und das Vertrauen auf IHN zu erhalten und zu festigen.

Die Vorbereitung des auserwählten Volkes begann mit der Berufung des Abraham. Abraham lebte in Chaldäa, später in Mesopotamien. Eines Tages erhielt er die Weisung, seine Heimat, seine Verwandtschaft zu verlassen und in ein anderes Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen werde. Abraham gehorchte.

 

So wurde er der Stammvater aller Gläubigen. Sein Sohn war lsaak, den er auf dem Berge opfern sollte. Sein Sohn war Jakob. Jakob ist der Vater von zwölf Söhnen. Einer von ihnen, Josef, wurde nach Ägypten verkauft. Dort stieg er zum Vizekönig auf und berief seine Verwandten nach Ägypten. Dort vermehrte sich das Volk, wurde stark und erregte den Neid und die Eifersucht der Ägypter, so dass sie dieses Volk bedrückten und quälten. In ihrer Not berief Gott den Moses, der das Volk aus Ägypten führte. In einem langen Wüstenzug kamen die Israeliten in die Nähe des gelobten Landes. Moses durfte wegen seines Zweifels das Land nur von dem Berge Nebo aus schauen, einziehen durfte er nicht. Das war seinem Nachfolger Josue vorbehalten, der das Land Israel, das heutige Palästina, aufteilte unter die zwölf Stämme. Es folgten ihm die Richter, der letzte war Samuel. Samuel musste dem Volk auf dessen Begehren hin einen König geben. Der erste König war Saul, ein grausamer Mann, der sich töten liess. Ihm folgte der König David, unter dem das Land und das Volk eine Blütezeit erlebte. David war ein frommer Mann. Wir verdanken ihm viele Psalmen, die wir Priester noch heute jeden Tag im Brevier beten dürfen. Er war auch ein reuiger Mann. Als er zwei schwere Sünden begangen hatte, tat er Busse. Den Tempel durfte er nicht bauen.

Am Jordan. In der Nähe taufte Johannes Jesus. Landnahme (Gen 13): Von Ägypten zog Abram den Negev hinauf, mit allem, was ihm gehörte, und mit ihm auch Lot. Abram hatte einen ansehnlichen Besitz an Vieh, Silber und Gold. Sie wanderten von einem Lagerplatz zum anderen bis zu dem Ort, an dem anfangs ihre Zelte standen, wo er den Altar erbaut hatte. Dort rief Abram den Namen GOTTES an. Auch Lot besass Schafe und Ziegen, Rinder und Zelte. Das Land war aber zu klein, als dass sich beide nebeneinander hätten ansiedeln können. Zwischen den Hirten Abrams und den Hirten Lots kam es zum Streit. Da sagte Abram zu Lot: «Zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten soll es keinen Streit geben, wir sind doch Brüder. Trenn dich also von mir! Wenn du nach links willst, gehe ich nach rechts; wenn du nach rechts willst, gehe ich nach links. Lot brach nach Osten auf, und sie trennten sich voneinander. Abram liess sich in Kanaan nieder.

Das war erst seinem Nachfolger Salomon vorbehalten. Salomon war ein Mann von Weisheit und Reichtum, ein Mann, dem wir eines der heiligen Bücher des Alten Testamentes verdanken, nämlich das Buch der Sprichwörter. Zum weisen König Salomon kam die Königin von Saba, um seine Weisheit kennenzulernen.

Zerstreuung und Sammlung

Nach dem Tode Salomons verfiel sein Reich. Es entstanden das Nordreich Israel und das Südreich Juda. Sein Sohn vermehrte die Steuern. Da erhoben sich zehn Stämme im Norden und fielen von ihm ab. Es blieben nur zwei Stämme im Süden treu: Juda und Benjamin. So sind die beiden Reiche jahrhundertelang getrennt gewesen und haben verschiedene Schicksale erlitten. Das Nordreich Israel wurde schon 722 vom assyrischen König erobert. Der grösste und wertvollste Teil dieses Volkes wurde in Gefangenschaft weggeführt. Das Südreich konnte sich länger halten. Aber auch ihm machte der babylonische König Nabuchodonosor ein Ende. 588 v. Chr. wurde auch hier der grösste Teil des Volkes in die Gefangenschaft nach Babylon abgeführt. So waren beide Reiche zugrunde gegangen durch die eigene Schuld. Die Propheten haben es immer wieder betont: weil sie GOTT nicht treu waren, weil sie von GOTT abgefallen waren, weil sie in Sinnlichkeit und Gottvergessenheit sich fremden Göttern zugewandt hatten. In der Gefangenschaft blieben die Israeliten, bis das babylonische Reich durch die Perser zerstört wurde. Als der persische König Cyrus 538 das babylonische Reich eroberte, entliess er die Juden in ihre Heimat. 536 zogen sie wieder in ihr Land zurück. Es wird die Zahl von 42'000 angegeben. Sie bauten das zerstörte Jerusalem wieder auf. König Artaxerxes erlaubte ihnen im Jahre 453, die Stadt neu zu befestigen.

Unter persischer Herrschaft hatten die Juden nichts zu leiden. Aber auch die persische Herrschaft fand ein Ende, was wir noch aus der Schule wissen: Alexander der Grosse, König von Mazedonien, eroberte und zerstörte das Perserreich. Die Juden kamen jetzt unter die griechische Herrschaft der Seleukiden, der Nachfolger Alexanders des Grossen. Unter diesen waren böse Könige, z.B. Epiphanes IV., der die Juden grausam unterdrückte. Er zwang sie, ihre eigenen Gesetze zu übertreten. Gegen diesen Druck erhoben sich die Juden unter Führung der Makkabäer und warfen das syrische Joch ab. Es kamen wieder Könige an die Regierung aus der Sippe des Mattathias und Simon. Unter ihrer Regierung wurde das Religionswesen wieder aufgerichtet. Aber 64 v. Chr. erschien der römische Feldherr Pompeius in Palästina und unterwarf das Land Rom. Der letzte König aus der Sippe des Mattathias wurde abgesetzt. Mit Herodes dem Grossen wurde ein Fremdling und Nichtjude zum König eingesetzt. Er regierte von 39 v. Chr. bis 4 n. Chr. Das ist der Mann, unter dessen Regierung Jesus Christus, unser Heiland, geboren wurde. Er erhielt den Beinamen «der Grosse», weil er ein bedeutender Herrscher war. Ihm folgte sein Sohn Herodes Antipas. Dieser König liess Johannes den Täufer enthaupten und Jesus im Spottgewand vorführen. Auf ihn folgte Herodes Agrippa. Agrippa ist jener König, der Petrus einsperren und Jakobus den Älteren enthaupten liess. Im Jahre 70 n. Chr. endlich erschien der römische Feldherr Titus mit einem Riesenheer und umzingelte Jerusalem. Er zerstörte die Stadt im Feuerbrand und zerstreute das Volk über die ganze Erde.

 

Alle sind auserwählt

Das ist das Schicksal des auserwählten Volkes, das den Tag seiner Heimsuchung nicht erkannte. Auch die Völker, die nicht zum auserwählten Volk gehörten, erfuhren eine Vorbereitung. Zunächst durch das auserwählte Volk selbst. In der weltweiten Zerstreuung wurden die Gedanken der jüdischen Religion auch anderen Völkern bekannt. Die Hl. Schrift des Alten Testamentes wurde übersetzt. Wir haben eine syrische und eine griechische Übersetzung. (die Septuaginta) So wurden die fremden Völker mit dem Glauben an den einen GOTT bekannt, wie er in Israel einzigartig bewahrt wurde. Manche von ihnen waren davon so angetan, dass sie zum Judentum übertraten (= Proselyten). Die Zerstreuung des jüdischen Volkes erlaubte die Bekanntmachung des wahren Glaubens an den einen GOTT. Deshalb preist Tobias einmal die Gefangenschaft: «Lobet Gott, ihr Israeliten, dass er euch zerstreut hat, denn dadurch war es uns möglich, die Wundertaten GOTTES zu erzählen und den Heiden, die Gott nicht kennen, den allmächtigen GOTT bekannt zu machen.»

Auch unter den Heidenvölkern gab es edle Persönlichkeiten, die sich, vom Tau der Gnade berührt und ihrem Gewissen gehorsam, zu einer wunderbaren Höhe der Auffassung von der Religion erhoben. Ich erwähne aus Griechenland nur Sokrates, diesen weisen Mann. Er legte den Götterglauben ab, vertrat den Ein-Gott-Glauben, predigte Enthaltsamkeit, Sanftmut, Demut, Mässigkeit. Er wurde wegen seiner Auffassungen im Jahre 399 v. Chr. zum Tode verurteilt.

Auch durch Wundertaten bereitete GOTT die ausserisraelitischen Völker auf die Ankunft des Erlösers vor. Denken wir an die Wandschrift, die der König Balthasar während eines Gelages an der Wand erscheinen sah: «Mene - Tekel - Phares», eine furchtbare Ankündigung, dass sich seine Tage erfüllt hätten und sein Reich zerstört würde. Noch andere Wunder wirkte GOTT unter den Heidenvölkern. Durch Träume oder durch Zeichen -wie Daniel in der Löwengrube- machte er sie aufmerksam, dass nur EIN wahrer, allmächtiger GOTT ist. Alle diese Ereignisse machten die besten unter den Völkern bereit für die Sehnsucht nach dem Erlöser. Im Judenvolk herrschten Spaltungen. Es gab drei Parteien. Die Sadduzäer glaubten als Rationalisten nicht an die Auferstehung. Die Pharisäer waren sehr fromm, aber verknöchert und verhärtet. Die Essener zogen sich von der Welt zurück und verurteilten die Ehe. Das war der Zwiespalt im jüdischen Volke: drei Parteien, drei Sekten. Unter den Heiden war es noch schlimmer. Sie versanken in Unwissenheit und Sittenlosigkeit. Der Geschichtsschreiber Hesiod sagt: «Man kann die Götter gar nicht zählen, so viele Götter gibt es.» So erhob sich unter den besten der Heiden die Sehnsucht nach dem Erlöser. Der bekannte römische Dichter Horaz ruft in einer Ode aus: «0 komm, du Sohn der hl. Jungfrau, komm zu deinem Volke, bleibe lange bei ihm, kehre spät in den Himmel zurück und lass es dein Gefallen sein, von uns hier Vater und König genannt zu werden!» Diese ergreifende Sehnsucht hat in den besten der Heidenvölker Fuss gefasst. Diese Sehnsucht, die sie mit den Juden teilten, wurde in einzigartiger Weise erfüllt durch das, was unser GOTT in Jesus Christus zum Heile der Menschheit gewirkt hat. Amen.»

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Ein neues Jahr in Verantwortung vor Gott

01.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Jahreswende Versammelte!

Die meisten von Ihnen werden schon einmal eine Bergwanderung mitgemacht haben, wo Sie nach einem schwierigen Aufstieg auf dem Gipfel des Berges standen und dann zurückschauten auf den Weg, den Sie zurückgelegt hatten. Sie mochten denken an die Wälder, die Sie durchschritten hatten; es mag Ihnen die Steilheit des Weges zum Bewusstsein gekommen sein, die Quelle, die da gerauscht hat und an der Sie sich vielleicht erquickt haben. Man hält, wenn man auf einem Gipfel angekommen ist, Rast und schaut zurück und schaut auch vorwärts.

So ist es auch am ersten Tag eines neuen Jahres. Wir denken zurück an das, was das vergangene Jahr uns abverlangt hat an Kraft, an Dulden und Leiden, aber auch vielleicht an Freuden, an Erfolgen, an schönen Erlebnissen. Eines ist sicher: Am Beginn eines neuen Jahres tritt ein Gedanke mit beherrschender Gewalt vor unsere Seele, und der lautet: Vergänglichkeit. Alles ist vergänglich. Wieder ist ein Jahr versunken. Von der Mitternachtsstunde des vergangenen Jahres an bis heute, wie rasch sind die Monate, die Wochen und die Tage verflogen. Vergänglichkeit! Niemals steht uns das Bewusstsein der Vergänglichkeit deutlicher vor Augen als am Beginn eines neuen Jahres.

Und doch ist nicht alles vorbei. Es bleibt etwas, was uns in das neue Jahr folgt, ja was uns bis zur letzten Stunde unseres Lebens begleitet, nämlich die Verantwortung, die Verantwortung vor Gott. Im Buch der Apokalypse des Apostels Johannes steht der folgenschwere Satz: „Ihre Werke folgen ihnen nach.“ Alle Werke, die guten und die schlimmen. Sie folgen uns nach bis in die Ewigkeit. Nie berühren uns die Schauer der Ewigkeit deswegen auch so dringlich wie am Beginn eines neuen Jahres. Hier reichen sich tatsächlich Vergänglichkeit und Ewigkeit die Hand. Flüchtig wie ein Traum ist das Erdenleben, aber es birgt in sich das Schicksal der Ewigkeit. Alles ist ein Wandern und Vergehen, aber einmal wird die Wanderung zu Ende sein, und am Ende steht der Herr des Lebens und wird fragen: Was hast du mitgebracht? Was hast du in deinen Händen? Hast du deine Hände gefüllt mit wertlosem Tand oder mit Schätzen, die in die Ewigkeit hinüberdauern? Darauf kommt es an. „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden“, sagt der Herr, „die Rost und Motten verzehren, wo ein Dieb kommt und sie wegnimmt. Sammelt euch Schätze vielmehr in der Ewigkeit, die Rost und Motten nicht verzehren und wo kein Dieb kommt, einbricht und stiehlt.“ Wahrhaftig, unsere Verantwortung ist groß. Auf dem Zifferblatt einer Schule habe ich die Worte gelesen: „Transeunt et imputantur.“ Das heißt: Sie gehen vorüber und sie werden angerechnet. Die Stunden nämlich; sie gehen vorüber, aber sie werden angerechnet.

So soll, so muss die Stunde der Jahreswende auch eine Rechenschaft für uns sein. Der Kaufmann macht am Ende des Jahres Inventur über Soll und Haben, und auch wir müssen Inventur machen und uns fragen: War es wert, dass wir das vergangene Jahr gelebt haben? Dürfen wir mit seinem Gewinn und Verlust zufrieden sein – zufrieden vor Gott? Denn was die Menschen über uns sagen, das ist wenig belangreich. Sie schauen ja nicht in unser Inneres. Aber Gott, er ist der Allwissende, der Allsehende, der Unentrinnbare, und um sein Urteil dreht sich alles, über sein Urteil kommt niemand hinweg. Eine ernste Frage stellt sich uns also: War es Weizen oder war es Streu, was wir im vergangenen Jahr in die Scheuern Gottes eingeführt haben? Im großen Hauptbuche Gottes ist alles eingetragen, Gewinn und Verlust, Verdienst und Schuld. Und wir müssen den Mut haben, uns Rechenschaft zu geben, nicht um zu klagen, obwohl Klagen auch eine Form der Reue sind, sondern um Antrieb und Wegrichtung zu gewinnen für das neue Jahr. Wir müssen wissen, was wir im neuen Jahr unternehmen sollen und wie wir uns vor Gott verhalten sollen.

Im 16. Jahrhundert lebte in England der Kardinal Wolsey. Wolsey war Kanzler des englischen Reiches, also der Erste Mann nach dem König, und er hatte seinem despotischen Herrn – und Heinrich VIII. war ein despotischer Herr! – treu gedient. Zum Schluß sollte er noch die Scheidung des Königs in Rom betreiben. Aber es ging dem König nicht schnell genug, und so fiel der Kardinal in Ungnade. Er wurde als Hochverräter an den Hof nach London zitiert. Schwer krank machte er sich auf den Weg, und mitten auf der Reise erreichte ihn das Ende. Seine letzten Worte waren: „Hätte ich Gott so eifrig gedient, wie ich dem König gedient hatte, er hätte mich nicht verlassen in meinen alten Tagen. Aber das ist der Lohn, dass ich bei allen meinen Bemühungen nicht meinen Dienst gegen Gott, sondern nur den Dienst gegenüber meinem Fürsten im Auge hatte.“

Das ist die entscheidende Frage, meine Freunde. Was habe ich im Auge? Wem diene ich? Ich habe einmal das furchtbare Wort gelesen: „Willst du wissen, wer dich lohnen wird, dann frage dich, für wen du deine Werke tust.“ Denn der ist es, der dich lohnen wird. Willst du wissen, wer die lohnen wird, dann frage dich, für wen du deine Werke tust.

Noch einmal gibt uns Gott eine Chance in diesem neuen Jahr. Ich halte es nicht für falsch, wenn Menschen ihre Wünsche aussprechen; denn Wünsche sind ja nichts anderes als Äußerungen des Wohlwollens, die wir freilich über die große Brücke, die Gott ist, geleiten müssen. Wenn die Wünsche nicht in Gottes Macht und Liebe einmünden, sind sie leerer Schall und Rauch. Aber Wünsche, die aus dem Herzen kommen und die sich an Gott wenden, die dürfen wir aussprechen, die sollen wir aussprechen. Meistens wünschen wir uns Glück, und das ist auch nicht falsch. Glück ist ein Zustand, in dem wir befriedet sind, wo Hoffnungen und Erwartungen in Erfüllung gegangen sind. Man spricht vom Glück auf zwei Weisen, nämlich Glück haben und glücklich sein. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge. Glück haben, das heißt im äußeren Leben, bei den Unternehmungen Erfolg haben, reüssieren und die Aufgaben erfüllen können, die einem gesetzt sind. Glücklich sein dagegen heißt im Inneren befriedet sein, im Inneren die Ruhe gefunden haben und jetzt tatsächlich in Einklang mit sich selbst sein.

Das Glück ist aber nicht alles. Wir sind nicht auf Erden, um hier glücklich zu werden, sondern wir sind auf Erden, um unser Glück in der Ewigkeit zu bereiten. Wir sollen uns so verhalten, dass wir einmal eine ganze Ewigkeit bei Gott glücklich sein können, und deswegen muss eigentlich unser höchster und wichtigster Wunsch sein, dass Gott uns Gnade gibt und Kraft, Gnade, damit wir von ihm gehalten und geführt werden, Kraft, damit wir auf seinen Willen eingehen und ihm treu bleiben können. Das ist es: Gnade und Kraft. Das sollten wir wünschen, meine lieben Freunde, für das neue Jahr. Die Schicksale, die uns treffen werden, Erfolg oder Misserfolg, Erfüllung oder Enttäuschung, Glück oder Leid, das alles ist verborgen in Gottes Weisheit und Macht. Aber eines wissen wir: Was auch immer über uns kommen mag, aus allem können wir für Gott Werte schaffen, können wir Gold bilden, wenn wir es in der rechten Gesinnung tragen. Es kommt nicht darauf an, was wir tun und was wir leiden, sondern wie wir es tun und wie wir es leiden.

„Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten“, heißt es in der Heiligen Schrift im Römerbrief. Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Besten. Weil sie eben durch die Liebe alles, was über sie kommt, verwandeln, weil sie alles, was ihnen aufgetragen ist und was ihnen widerfährt, in das Gold der Liebe zu Gott verwandeln.

Unser schlesischer Dichter Joseph von Eichendorff hat einmal die schönen Verse geschrieben: „Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich, ein Pilger, froh bereit betreten nur als eine Brücke zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.“ Wie schön hat dieser fromme Edelmann es beschrieben! Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich, ein Pilger, froh bereit betreten nur als eine Brücke zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.

Wir wollen diese Brücke betreten, meine lieben Freunde, im Namen Jesu. Nicht umsonst feiern wir heute das Fest der Beschneidung, wo Jesus der Name gegeben wurde,  der über alle Namen ist, der Name unseres Heilandes und Erlösers. Vor einigen Jahren musste sich ein Mann einer schweren Operation unterziehen. Es wurde ihm die Zunge abgeschnitten. Der Operateur sagte zu ihm: „Bald werden Sie nicht mehr sprechen können. Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, dann tun Sie es jetzt, denn das wird Ihr letztes Wort sein.“ Da sah der Kranke seine Angehörigen, die bei ihm waren, an und sprach: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Das war das letzte Wort, das er sprechen konnte. Ähnlich ist es bei dem großen Volksschriftsteller Hansjakob gewesen. Als er zum Sterben kam, da sagte er zu seiner Umgebung: „Ich habe manches gesagt und geschrieben, was ich besser nicht gesagt und geschrieben hätte. Aber was ich jetzt sage, das brauche ich nicht zu bereuen.“ Und er sagte sein letztes Wort: „Gelobt sei Jesus Christus!“ Beide Männer standen vor dem Schweigen für immer, der eine vor dem erzwungenen, lebenslangen Schweigen, der andere vor dem Schweigen der Ewigkeit. Beide wussten in diesem Augenblick kein besseres Wort zu sagen als „Gelobt sei Jesus Christus!“ Denn dieses Wort kann ein ganzes Leben erfüllen. Dieses Wort füllt auch die ganze Ewigkeit. Und die Kirche weiß uns kein besseres Wort am Anfang des Jahres zu geben als den Namen Jesu, denn kein anderer Name ist unter dem Himmel gegeben, in dem die Menschen selig werden können, als der Name Jesus.

Das ist natürlich nicht nur ein Name, sondern mit dem Namen Jesu verbindet sich seine Gesinnung. Im Namen Jesu sollen wir alles tun, d.h. in seiner Gesinnung. Die Gesinnung Jesu aber ist uns bekannt. Sie lautet: „Mein Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.“ Der Name Jesu soll uns auch in der Treue zu ihm befestigen. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Er soll uns auch im Vertrauen festigen, denn er hat uns verheißen, und er steht zu seinen Verheißungen: „Bittet, und ihr werdet empfangen. Alles, um was ihr den Vater in meinem Namen – in meinem Namen! – bitten werdet, das wird er auch gewähren.“

Das soll unsere gute Meinung im beginnenden Jahre sein. Gott soll mit uns gehen, Gott soll uns helfen. „Näher, mein Gott, zu dir, näher zu dir!“ Das muss unsere Devise sein. Wenn wir unser aufrichtiges Wollen mit der Kraft Gottes verbinden, dann sind wir stark, dann bleiben wir auf dem rechten Wege, dann mag uns Sonnenschein oder Gewittersturm begegnen, wir werden unerschütterliche Menschen sein. Gott ruft uns in dieses Jahr hinein, und wir sollen ihm antworten: Paratum cor meum, paratum cor meum – Mein Herz ist bereit, mein Herz ist bereit, o Gott. Und mit dieser Bereitschaft wollen wir ein unerschütterliches Vertrauen auf Gottes Vaterhilfe verbinden, ein unerschütterliches Vertrauen, das spricht: „Herr, dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!“

Amen.

 

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Das Gleichnis vom Sämann

27.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Unser Heiland saß am Bug eines kleinen Fischerbootes auf dem See und predigte dem Volke. Das Volk hatte sich auf den Hügeln, die ringsum aufragen, gelagert, und der Herr beobachtete, was um ihn herum sich begab. Da sah er die breite Uferstraße, die festgetreten war von den Füßen der Menschen und der Tiere und den Rädern der Wagen. Dann erblickte er die Felshänge, die mit leichtem Boden nur bedeckt waren, den der Wind verwehte und den die Sonne durchglühte. Und dann sah er die kleinen Felder, die abgegrenzt waren durch Dornenhecken als lebendige Zäune, und vermutlich erblickte er auch die Sperlinge, die in der Luft sich bewegten und auf die Erde niederstießen, wenn sie etwas Essbares fanden. Dann hob er an, sein Gleichnis zu sprechen mit der Meisterschaft, die wir an ihm gewähnt sind: „Der Sämann ging aus, zu säen…“

Dieses Gleichnis hat eine große Bedeutung, denn, meine lieben Freunde, es kommen die Menschen immer wieder mit demselben Einwand: Die Kirche hat versagt. Sie herrscht jetzt 2000 Jahre, und sie hat es nicht fertiggebracht, die Menschen zu verwandeln. Immer noch toben Kriege, auch unter christlichen Völkern. Immer noch beuten die Menschen sich gegenseitig aus. Immer noch wahren sie die Gesetze der Sittlichkeit nicht, sondern fallen übereinander her. Da ist dieses Gleichnis wie eine Antwort auf diesen Vorwurf; denn es schildert uns, was die Kirche seit 2000 Jahren tut. Sie wirft den Samen des Wortes Gottes aus. Es ist guter Same, aber der Same benötigt zum Wachstum auch ein gutes Erdreich. Und so schildert der Herr die erste Gruppe von Menschen, deren Verhalten dem Samen gleicht, der auf den harten Weg fällt. Wenn Sie auf Asphalt oder auf Beton den Samen auswerfen, dann ist jede Hoffnung verloren, dass dieser Same jemals aufgehen könnte. Er kann keine Frucht bringen, denn er kann ja nicht Wurzeln schlagen; er kann ja nicht aufgehen. Und so kommen die Vögel des Himmels und picken ihn auf. So gibt es Menschenherzen, deren Herz hart ist wie eine Betonstraße. Es gibt Menschenherzen, die hart sind wie Stein, wo keine göttliche Anregung, kein Wort des Priesters, kein Glockenläuten die harte Schicht durchstoßen kann. Kein äußeres Ereignis kann diese Herzen erreichen. Sie sind verschlossen für Gott und sein Wort. Sie hören nicht das Flüstern der Gnade, aber auch nicht das Grollen des göttlichen Zornes. Sie sind, so scheint es, gottunfähig geworden.

Solche Menschen gibt es, und sie finden sich vor allem unter Gebildeten und Halbgebildeten. Sie haben in den Büchern von Friedrich Nietzsche oder Gotthold Ephraim Lessing gelesen. Sie haben die oberflächlichen Weisheiten aus dem Spiegel geschöpft oder aus den Büchern von Drewermann. Und sie meinen, sie hätten es nicht mehr nötig, den Kirchenglauben, den Kinderglauben zu bewahren. Es sind hochmütige, wissensstolze, selbstgefällige Menschen, die ihren Glauben abgeworfen haben. Ihre Seele ist wie ein festgetretener Boden, den die Saat des Gotteswortes nicht mehr durchdringen kann.

Das Verhalten der zweiten Gruppe gleicht dem Samen, der auf den Felsen fiel. Der Fels trägt eine leichte Humusschicht; der Regen durchweicht sie und die Sonne durchwärmt sie, und so geht der Same rasch auf. Aber er schlägt keine Wurzeln. Der Humus ist zu dünn, und dann glüht die Sonne, und dann peitscht der Regen, und das zarte Pflänzlein geht zugrunde. Auch das ist wieder ein Bild für eine bestimmte Schicht von Menschen. Es sind jene, die auch die Botschaft vom Reiche Gottes gehört haben: in der Kindheit oder in der Jugend. Aber sie hat in ihnen keine Wurzeln geschlagen; sie ist an der Oberfläche geblieben. Der Glaube ist in ihnen nicht zur Überzeugung geworden. Sie haben sich von der Gnade und von der Wahrheit Gottes nicht durchdringen lassen. Es sind das häufig Menschen, die gar nicht unreligiös sind. Sie schätzen das religiöse Erlebnis, das religiöse Gefühl. Sie fühlen sich erbaut, wenn sie manche Werke von Johann Sebastian Bach hören. Aber, meine lieben Freunde, religiöse Stimmung ist kein christlicher Glaube! Religiöse Stimmung genügt nicht, um den Fährnissen von außen und den Versuchungen von innen zu begegnen. Die Religion darf nicht an der Oberfläche bleiben, sie muss die Tiefe der Seele durchdringen. Die Religion darf nicht ein Teil des Lebens sein, sondern das Leben muss ein Teil der Religion sein. „Alles, was ihr tut in Werk oder Wort, tut alles zur Ehre Gottes!“ mahnt der Apostel Paulus.

Das Verhalten der dritten Gruppe wird dem Samen verglichen, der unter die Dornen fiel. Das passiert, wenn der Sämann ausgeht, sehr leicht. Sie haben vielleicht nicht mehr erlebt, wie ein Sämann mit der Hand den Samen ausstreut; wir haben jetzt die Sämaschinen, nicht wahr. Aber in früherer Zeit, auch noch im 20. Jahrhundert, bevor es die Sämaschinen gab, hatte der Sämann eine Schürze umgebunden, und in dieser Schütze war der Samen, und dann warf er ihn rechts und links aus. Da konnte es passieren, dass ein paar Körner auch neben das Ackerfeld fielen, auf den Weg fielen, auf den Rain, wo die Dornen sind. Und die Dornen wachsen auf, aber sie sind stärker als der Samen; sie ersticken ihn. So ist es mit Menschen, die das Wort Gottes hören, aber dem Wort Gottes nicht Raum geben. Der Herr nennt drei Weisen, wie man den guten Samen des Wortes Gottes ersticken kann, nämlich durch die Sorgen, die Freuden und den Reichtum.

Die Sorgen. Wen von uns begleiten die Sorgen nicht? Wir alle sind von Sorgen eingehüllt. Mehr oder weniger trägt jeder ein gerütteltes Maß an Sorgen mit sich herum: die Sorgen um die Gesundheit, um das Einkommen, um das Fortkommen, Sorgen um das Wohnen, Sorgen um das Essen, Sorgen um die Zukunft. Das alles ist ja berechtigt. Aber wir sollten uns an das schöne Wort erinnern, das ich als Knabe in der Wohnung meiner Eltern gelesen habe. Da stand an der Wand: „Sorg’, aber sorge nicht zuviel, es kommt doch, wie Gott es haben will.“ Ein wunderbares Wort. Sorg’, aber sorge nicht zuviel, es kommt doch, wie Gott es haben will. Man kann auch zuviel um seine Gesundheit besorgt sein. Man nennt solche Menschen Hypochonder, die fortwährend um sich kreisen, um ihre Gesundheit, und damit auch den größten Teil ihres Lebens verpassen. Man soll sich um eine Wohnung, um eine schöne Wohnung bemühen, aber wenn ich erlebe, wie manche Menschen gewissermaßen für ihr Haus leben und sterben, wie das ihre Hauptsorge ist und wie sie über dieser Sorge alles andere hintansetzen, dann kann ich nur sagen: Die Dornen dieser Sorge überwuchern den religiösen Keim. Oder die Sorgen um die Nahrung. Selbstverständlich müssen wir um Essen und Trinken besorgt sein. Aber es gibt Menschen, die sind fortwährend auf der Jagd nach Spezialitäten, die machen das Essen zu einer Art Kult. Das sind die Dornen, die das Religiöse ersticken. Wegen dieser Sorgen haben sie keine Kraft und keine Zeit und keine Muße mehr für das Reich Gottes. Die Religion erstickt, weil sie keine Luft zum Atmen hat.

Die zweiten Dornen sind die Freuden. Der Mensch benötigt Freuden, meine lieben Freunde. Der Mensch kann ohne Freuden nicht recht leben. Ein freudloser Mensch ist ein zutiefst unglücklicher und lebensunfähiger Mensch. Der Mensch benötigt Freuden. Aber die Jagd nach der Freude, die Sucht nach der Freude, die Jagd nach dem Genuß und die Sucht nach dem Genuß, das sind die Dornen, die die Religion ersticken. Wer fortwährend nur an Fahrten und Reisen, an Ausflüge und Urlaube denkt, der ist unfähig geworden, den Samen Gottes in seinem Herzen wachsen zu lassen. Wir stehen jetzt mitten in der Fastnacht. Ich bin skeptisch. Ich gönne einem jeden die wirklichen oder vermeintlichen Freuden, die er dort sucht. Aber sind es immer reine Freuden? Freuden müssen aus reinen Quellen fließen. Und wird bei diesen Freuden das Maß eingehalten? Freuden müssen mit Maß genossen werden. Für andere ist der Sport die Freude. Aber auch er kann zum Dornstrauch werden. Ich werde nie vergessen: In meinem ersten Priesterjahr hatte ich einen jungen Mann in meiner Jugend, der zunächst eifrig mitmachte unser Jugendleben, aber dann entdeckte er das Kanufahren. Er war ein begeisterter, ein leidenschaftlicher Kanufahrer, und da das meistens am Sonntag geschah, vernachlässigte er die Sonntagsmesse und fiel schließlich ganz ab. Die Freuden auch des Sporterlebnisses können die Religion ersticken. Freuden dürfen die Religion nicht ersetzen. Die Religion ist nicht billig zu haben; sie kostet etwas, und sie muss von den Menschen bezahlt werden.

Die dritten Dornen sind der Reichtum. Es ist dem Menschen nicht verboten, Reichtum zu erwerben. Wendelin Wiedeking, so war gestern zu lesen, Wendelin Wiedeking, der Vorstandsvorsitzende von Porsche, verdient im Jahre 50 – 60 Millionen Euro. Ich habe mich nicht versprochen. Er verdient 50 – 60 Millionen Euro im Jahre. Was tut er mit dem Vermögen? Wie verwendet er es? Das Vermögen, das so anwächst, kann eher zur Gefahr werden als die Dürftigkeit oder die Armut. Die Wohlhabenheit ist gewöhnlich für den Menschen eine größere Gefahr als die Bescheidenheit des Besitzes. Und deswegen warnt der Herr vor den Gefahren des Reichtums: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (also das größte Tier des Orients), eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr (durch das kleinste Loch, das man sich denken kann), als dass ein Reicher ins Himmelreich eingeht.“ Er kennt die Gefahren des Reichtums, und er hat auch das andere schöne Wort gesagt: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ So ist es.

Die Dornen können leicht den Samen des Wortes Gottes ersticken. Alle diese drei Gruppen haben das Wort Gottes gehört, aber alle haben es entweder nicht aufgenommen oder nicht gehegt.

Und doch war die Arbeit des Sämanns nicht umsonst. Es gibt ein Ackerfeld, wo der Samen aufgeht, wächst und Frucht trägt, hundertfältige Frucht. So ist es auch unter den Menschen, die den Samen Gottes aufnehmen, die ihn mit gutem und wackerem Herzen festhalten und Frucht bringen in Geduld. Mir soll niemand sagen, die Gläubigen, die Kirchgänger, sind nicht besser als die anderen. Das stimmt nicht. Dem widerspreche ich, und ich habe Erfahrung aus 57 Jahren Seelsorge. Die Kirchgänger, die Gläubigen, sie sind besser! Sie bringen Frucht. Sie mühen sich. Sie sind gewiß nicht frei von Sünde und von Schuld, aber sie geben ihre Sünde und ihre Schuld nicht als Tugenden aus.

Die Menschen, die Frucht bringen, zeigen, dass das Christentum nicht versagt hat. In ihnen hat es sich bewährt. Sie haben es angenommen, sie haben es gelebt, sie haben es bezeugt. Sie sind nicht schuld daran, dass andere das Christentum missachten, schmähen und schänden. Es ist auch ganz falsch, zu sagen, das Christentum habe seit 2000 Jahren geherrscht. O, meine Freude, wann hat das Christentum jemals geherrscht? Hat man nicht vielmehr unaufhörlich erlebt, wie die Menschen das Christentum benutzen, ausnutzen und wie sie das Christentum unterdrücken? Ist nicht der Satan seit 2000 Jahren unterwegs, Unkraut unter den Weizen zu streuen? Und ist er nicht unterwegs, den Samen aus den Herzen zu reißen? Welche anderen Mittel hat die Kirche, als den Samen auszustreuen, d.h. zu verkünden, zu bitten, zu mahnen, zu warnen? Wie kann man der Kirche vorwerfen, sie habe versagt, wenn ihre Verkündigung nicht gehört, vergessen oder unterdrückt wird?

Christentum vererbt sich nicht. Auch in 2000 Jahren gibt es keine Vererbung des Christentums, sondern das Christentum muss in jedem Menschen neu aufgebaut werden. Die Kirche muss ihre Sämannsarbeit ständig neu beginnen, bei jeder Generation, bei jedem Menschen. Jeder einzelne ist verantwortlich dafür, dass er den Samen des Wortes Gottes aufnimmt. Jeder einzelne ist auch verantwortlich dafür, ob der Samen zerdrückt, ob er fortgetragen oder ob er erstickt wird. Achten wir darauf, meine Freunde, dass der Samen des Wortes Gottes in uns keimt, aufwächst und Frucht trägt, Frucht trägt hundertfältig in Geduld und Liebe.

Amen.

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Arbeiten für das Reich Gottes

20.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die zentrale Verkündigung Jesu ist das Reich Gottes. Immer und immer wieder hat er vom Reiche Gottes gesprochen, hat in Bildern und Gleichnissen den Jüngern zu erklären versucht, was das Reich Gottes ist und wie es um das Reich Gottes bestellt ist. Einmal sagte er: „Das Reich Gottes gleicht einem Sämann, der Samen streut.“ Oder: „Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn, das in den Boden gelegt wird.“ Oder: „Das Reich Gottes ist einer Frau gleich, die Sauerteig unter das Mehl mischte.“ Alle diese Bilder wollen etwas aussagen vom Reiche Gottes. Die Jünger haben sich um das Verständnis bemüht, auch wenn es ihnen manchmal schwer gefallen ist. Sie hatten ihren Vater und ihre Mutter, ihren Beruf und ihren Besitz verlassen, und sie erhofften sich dafür Lohn. „Was wird uns dafür zuteil werden?“ fragt Petrus einmal den Herrn. „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet, wenn der Menschensohn mit seiner Herrlichkeit kommt, auf zwölf Thronen sitzen und die Stämme des Volkes Israel richten.“ Lohn ist also angesagt. Freilich haben die Jünger auch in dieser Hinsicht oft mehr irdischen Vorstellungen nachgehangen. Die Mutter des Jakobus und des Johannes trat vor den Herrn und sagte: „Herr, sage, dass meine beiden Söhne in deinem Reiche auf den Ehrenplätzen sitzen, rechts und links von dir!“ Der Herr entgegnete ihr: „Ihr wisst nicht, um was ihr bittet.“ Ihr wisst nicht, um was ihr bittet! „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“

Nun hat uns der Herr das Gleichnis von dem Weinberg und den Arbeitern im Weinberg erzählt. Wir können das Gleichnis relativ leicht deuten. Der Weinbergsbesitzer ist zweifellos Gott, und die Arbeiten im Weinberg, nun, das sind eben die Anstrengungen im Reiche Gottes. Aber das Gleichnis hat eine Reihe von Merkwürdigkeiten. Zunächst einmal fällt auf, dass sich die Arbeiter nicht nach der Arbeit drängen. Sie sind dort, wo damals das Arbeitsamt arbeitete, nämlich auf dem Marktplatz, dort stehen sie herum. Aber sie drängen sich nicht zur Arbeit. Sie warten, bis sie gerufen werden. Und das scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass alle, die im Reiche Gottes, also auch in der irdischen Gestalt dieses Reiches, in der Kirche sind, warten, warten müssen, bis der Ruf an sie ergeht. Die Theologie und dann auch das Lehramt haben das so ausgedrückt, dass man sich die erste Gnade, also die Gnade der Berufung, nicht verdienen kann. Sie wird ungeschuldet dem Menschen gegeben. Der Mensch muss auf den Ruf warten, und dann kann er den Eintritt ins Gottesreich vollziehen. Freilich ist er dafür verantwortlich, dass er dem Rufe folgt. Das ist die erste Merkwürdigkeit: Man muss auf die Gnade warten, man muss sich für die Gnade bereiten, aber man ist verantwortlich dafür, dass die Gnade in unserem Leben wirksam wird.

Aber dann geht es noch merkwürdiger zu. Es kommt nämlich der Abend, und da beginnt die Auszahlung. Die Auszahlung findet in umgekehrter Reihenfolge wie die Einstellung statt, nämlich zuerst kommen die, die nur eine Stunde gearbeitet haben, von 5 bis 6 Uhr. Und sie erhalten 1 Denar. Dann kommen die anderen, die der Herr um 3 Uhr eingestellt hat, um 12 Uhr, um 9 Uhr. Und erst zum Schluß kommen die, die schon um 6 Uhr früh angefangen haben zu arbeiten. Auch sie erhalten 1 Denar. Ein Denar, das sind etwa 87 Pfennige; davon konnte man damals einen ganzen Tag leben. Alle erhalten das gleiche, ohne Rücksicht auf die Dauer der Arbeit. Kein Wunder, dass die zuerst Eingestellten zu murren beginnen: „Wir haben die Last und Hitze des Tages getragen, und du hast uns denen gleichgestellt, die nur 1 Stunde gearbeitet haben.“ Das ist doch empörend! Der Herr fasst einen dieser unwilligen Arbeiter ins Auge: „Freund, ich tue dir kein Unrecht. Sind wir nicht über 1 Denar übereingekommen? Ich will aber dem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder darf ich nicht tun, was ich will? Ist vielleicht dein Auge neidisch, weil ich gut bin?“ Man wird sagen können, Unrecht ist den Arbeitern der ersten Stunde nicht geschehen, denn der Vertrag lautete: 1 Denar für die Arbeit von 6 Uhr bis 18 Uhr. Aber freilich, unser moralisches Empfinden ist verletzt, weil der Lohn ungleich scheint. Er scheint deswegen ungleich, weil die einen, die so viel gearbeitet haben, nicht bevorzugt werden gegenüber jenen, die so wenig getan haben.

Wir müssen hier auf ein einziges Wörtchen achten, nämlich: „Ich will“. Der Herr will es, und sein Wille ist für uns verbindlich. Unter seine Willensmacht müssen wir uns unterwerfen. Es ist der menschliche Stolz und der menschliche Neid, der nicht ertragen will, dass einem anderen Gutes geschieht, dass ein anderer ebenfalls mit einem Lohn bedacht wird, den er, wie uns scheint, eigentlich nicht verdient hat.

Meine lieben Freunde, wir haben es uns, zumal in der nachkonziliaren Kirche, angewöhnt, Gott nur als den gütigen Vater anzusehen. Das ist er zweifellos. Und das ist auch sicher ein Hauptinhalt der Frohen Botschaft des Neuen Testamentes: Gott ist unser Vater, zu dem wir im Vaterunser rufen. Aber Gott hört deswegen nicht auf, der Herr und Schöpfer zu sein. Wenn wir das Bild des Herrn und Schöpfers verdecken mit dem Bilde vom Vater, dann kommen wir zu falschen Schlussfolgerungen. Gott bleibt der souveräne Herr. Durch seine Vaterschaft verliert er nichts von seinem Herrentum, von seinem göttlichen Herrentum, von seiner göttlichen Herrenhoheit. Wir denken oft zu menschlich von Gott. Im Kriege haben die Leute gesagt: Warum ist aus dieser Familie der Vater zurückgekehrt, und aus meiner Familie ist er nicht zurückgekommen? Und in den Bombennächten haben die Menschen gesagt: Ja, warum ist unser Haus zerstört worden und nicht das Haus des anderen? Und noch heute sagen die Menschen: Warum wird der mir vorgezogen, warum wird der befördert, und ich werde hintangesetzt? Meine lieben Freunde, wir haben keine Ansprüche gegen Gott. Der Gott des Alten Bundes hat das einmal dem Propheten Jeremias klargemacht. Er schickte den Jeremias in eine Töpferwerkstatt. In dieser Töpferwerkstatt sah er, wie der Töpfer an der Drehscheibe Gefäße formte, Tongefäße, und wenn sie missrieten, da warf er sie weg. Als Jeremias die Töpferwerkstatt verließ, hat Gott zu ihm gesprochen und ihm gesagt: „Kann ich nicht wie der Töpfer mit dem Haus Israel verfahren?“ Natürlich kann er das. Er ist der Herr, und alles muss sich ihm beugen.

Das gilt auch für die Arbeit im Reiche Gottes. Meine lieben Freunde, es ist nicht unser alleiniges Verdienst, wenn wir für Gott arbeiten, für Gott arbeiten dürfen. Es ist auch zugleich und noch viel mehr Gottes Gnade und Gottes Kraft. Er hat uns die Fähigkeit gegeben, für ihn zu arbeiten. „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ So schreibt einmal der Apostel Paulus. Was hast du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest? Also: Die Arbeit im Weinberg ist gewiß Arbeit im Reiche Gottes, und die Seligkeit des Himmels ist der Lohn für diese Arbeit. Aber es ist nicht nur, nicht zuerst die eigene Leistung, die hier gelohnt wird, es ist Gottes Kraft, die uns diese Arbeit verrichten lässt. „Wenn Gott unsere Verdienste krönt, krönt er seine Gaben.“ Das ist ein ehernes Wort des heiligen Augustinus. Wenn Gott unsere Verdienste krönt, die wir ja haben, das sei nicht geleugnet, dann krönt er seine Gaben. Das Zusammen von Verdienst und Gnade ist freilich schwer aufzuhellen. Es wird uns im Himmel einmal klar werden. Aber es besteht ein solcher Zusammenhang. Der Apostel Paulus wusste, dass er ein tüchtiger Arbeiter im Reiche Gottes ist. „Ich habe mehr gearbeitet als alle anderen.“ Nanu. Gleich nachher aber sagt er: „Nein, nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir.“ Das ist die katholische Haltung. Ich habe mehr gearbeitet als alle anderen, aber nicht ich, sondern die Gnade Gottes in mir.

Wie der Ruf zum Eintritt in das Gottesreich, so ist auch das Leben- und das Arbeitendürfen im Gottesreich unverdiente Gnade. Der eine wird früh gerufen, der andere später. Der eine darf schon im Kindesalter im Glück des katholischen Glaubens aufwachsen, ein anderer findet erst nach einem irrenden Leben, nach einem verirrten Leben den Weg zum Glauben. Meine Freunde, ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass man sagt: Ja, im Alter, da werden sie fromm, die Christen. Ja, warum denn nicht? Ja, Gott sei Dank, dass sie wenigstens im Alter fromm werden! Oder sollen sie das Lotterleben auch im Alter fortsetzen? Das ist kein rechter Vorwurf. Gott sei Dank, wenn einer im Alter sich besinnt und zu Gott zurückkehrt. Gott sei gedankt dafür. Niemand konnte eher im Gottesreiche stehen, als bis Gottes Gnade ihn rief. Und niemand konnte mehr arbeiten und leisten als das, was Gottes Gnade ihm an Kraft und Streben gab.

Ich meine, damit ist auch die Frage des Lohnes einigermaßen beantwortet. Die Apostel erhofften sich von ihrer Arbeit den entsprechenden Lohn, und das ist richtig so. Im 1. Korintherbrief, wie wir ja heute gehört haben, steht der Satz: „Jeder aber wird seinen eigenen Lohn erhalten nach dem Maß der angewandten Mühe.“ Es gibt also doch Gerechtigkeit, auch für die Arbeiter. Jeder wird den eigenen Lohn erhalten nach dem Maß der angewandten Mühe. Die sogenannten Reformatoren haben die Verdienstlichkeit unserer Werke geleugnet. Sie wollten von Verdienst nichts wissen. Alles macht Gott, der Mensch macht gar nichts. Ganz falsch! Ganz falsch! Dagegen ist das Konzil von Trient aufgestanden: „Wenn einer sagt, die guten Werke des gerechtfertigten Menschen seien so die Geschenke Gottes, dass sie nicht auch zugleich Verdienste des Gerechtfertigten selber seien, oder der Gerechtfertigte verdiene durch die guten Werke, die er verrichtet, nicht in Wahrheit selbst die Vermehrung der Gnade, das ewige Leben und die Erreichung des ewigen Lebens und die Vermehrung der Glorie, der sei ausgeschlossen!“ Das ist die Sprache des Konzils von Trient. Alles ist Gottes Geschenk, und alles ist unsere Leistung, wenn auch in je verschiedener Hinsicht. Wir arbeiten in der Kraft der Gnade, aber wir arbeiten, und wir haben nach Gottes Willen, nach seiner gnädigen Verordnung Anspruch auf Lohn. „Wenn jemand sagt, die Gerechten dürften für die guten Werke, die sie in Gott getan, wenn sie im Gutestun und der Beobachtung der Gebote Gottes bis zum Ende ausgeharrt haben, von Gott keinen ewigen Lohn erwarten noch hoffen, der sei im Banne!“ So ist es.

Die Seligkeit des Himmels wird allen zuteil, die von der Gnade gerufen sich ihrem Rufe angeschlossen und für Gott gearbeitet haben, ohne Rücksicht darauf, wann der Eintritt in das Reich Gottes erfolgt ist. Aber die Seligkeit kann verschieden sein. Es kann einer im Himmel mehr von Gottes Herrlichkeit durchdrungen sein als der andere. Auch im Himmel gibt es die Möglichkeit, dass Gott in der verliehenen Herrlichkeit die Verdienste des Menschen berücksichtigt. Das ist katholische Lehre.

Wir wollen also in unserer Zuversicht nicht nachlassen, dass unsere Arbeit nicht vergeblich ist. Wenn wir in der Gnade arbeiten, dann dürfen wir nach Gottes Willen Lohn erwarten. Im letzten Buch der Heiligen Schrift wird das noch einmal bekräftigt. Da sagt Gott dem Apokalyptiker Johannes: „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn kommt mit mir, einem jeden zu vergelten nach seinen Werken.“

Amen.

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Das Vorbild der heiligen Familie

13.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wir begehen heute das Fest der heiligen Familie. Es ist und bleibt eine Tatsache: Als Christus die Welt erlösen wollte, hat er mit der Heiligung einer Familie begonnen. In der Epistel des vorigen Sonntags wird uns der Zweck seines Kommens unterbreitet. Da heißt es nämlich: „Er war dem Gesetze untertan, um die zu erlösen, die unter dem Gesetze standen.“ Er war dem Gesetze untertan, um die zu erlösen, die unter dem Gesetze standen. So hat er das alttestamentliche Gesetz erfüllt in der Beschneidung, wo er das Bundeszeichen empfing, in der Darstellung im Tempel, wo die Erstgeburt ausgelöst wurde und wo Maria die Reinigung erfuhr. Er hat aber auch den Gehorsam bewiesen in der Unterordnung unter seinen Pflegevater Joseph und seine Mutter Maria. „Er zog mit ihnen hinab nach Nazareth und war ihnen untertan.“ Um dieses einen Satzes willen sind die Texte der heutigen Messe entstanden. Der ewige Gottessohn dient seinen Eltern, dient in einem verborgenen Leben seinem Pflegevater und seiner Mutter.

Das Fest der heiligen Familie stellt uns das schlichte Heim zu Nazareth vor die Augen. Es ist ein Abbild des Gotteshauses, so wie jede Familie ein Abbild des Gotteshauses sein soll. „Wie lieblich sind deine Wohnungen, o Herr der Heerscharen.“ So haben wir am Eingang dieser Messe gesungen, weil eben ein jedes Haus, ein jedes Heim ein Abbild des Gotteshauses sein soll. „In Freude frohlockt der Vater des Gerechten, sein Vater freut sich und seine Mutter.“

In der Epistel wird es dann ernster, denn in der Epistel des heutigen Tages, die ich ja eben vorgetragen habe, werden uns die Tugenden genannt, die ein christliches Haus nach dem Vorbild von Nazareth auszeichnen sollen. „Ziehet an, Brüder, herzinniges Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut. Ertraget einander und verzeihet einander, seid dankbar!“ Achten wir darauf, welche Tugenden der Apostel Paulus für unerlässlich hält, damit ein jedes Haus ein Abbild von Nazareth werden kann. Ziehet an herzinniges Erbarmen, Güte. Erbarmen ist die Liebe zu der gefallenen, zu der schuldbeladenen, zu der elenden Kreatur. Ja, meine lieben Freunde, ohne Erbarmen wäre die Welt eine Hölle. Erbarmen wendet sich dem zu, der sich selbst nicht helfen kann. Erbarmen wird dem gezeigt, der nicht liebenswürdig ist. Das ist Erbarmen. Güte, das ist das Wohlwollen, das wir jedem Menschen beweisen wollen. Wenn wir uns nicht bemühen, wohlwollend gegen jeden zu sein, dann werden wir unwillkürlich grausam. Wir müssen wohlwollend gegen jeden sein.

Und dann heißt es weiter: Demut, Sanftmut, Langmut. Demut, das ist die Tugend, mit der wir uns hinten anstellen, die Tugend, die zufrieden ist mit dem letzten Platz, die Tugend, die sich nicht hervortun will und nicht vorgezogen werden will. Sanftmut, das ist jene Tugend, mit der wir den Zorn besänftigen. Der Zorn, der so viel Unheil anrichtet im Herzen des Zornigen und in der Familie. Sanftmut ist Milde, ist Ausgleich, ist Duldsamkeit. Langmut, Langmut ist ein anderes Wort für Geduld. Wir müssen warten können. Wir müssen mit den Menschen Geduld haben. Wir dürfen unsere Forderungen nicht übers Knie brechen. Geduld erträgt auch schwierige und komplizierte Menschen. Und dann wird uns auch gleich wieder gesagt: „Ertraget einander!“ Ja, das ist es, meine lieben Freunde, einander ertragen, das wäre das allerwichtigste in der Familie. Jeder Mensch will ertragen werden, jeder Mensch. Jeder Mensch hat sogar etwas Unerträgliches an sich. Ertraget einander. Verzeihet einander. Jeder weiß, dass es ohne Anstöße, ohne Schmerz in den menschlichen Beziehungen nicht geht, aber die Sonne nicht untergehen lassen über den Zorn! Das heißt, bevor es Abend wird, sich versöhnen. Verzeihet einander! Nicht nachtragen, nicht immer wieder darauf zurückkommen, wie das Menschen machen. Seid dankbar! Dankbar auch für das Selbstverständliche. Wie tut es den Menschen wohl, wenn man ihnen für ein Lächeln, für ein gutes Wort Dankbarkeit bezeigt! Seid dankbar!

Wenn wir diese Tugenden erwerben, meine lieben Freunde, dann kann auch unsere Familie eine heilige Familie werden, dann können wir vertrauensvoll die Fürbitte der heiligen Familie für uns erbitten und um die Kraft beten, sie nachzuahmen. Wir haben am Eingang gesungen: „Jesus, Maria und Joseph.“ Ja, das ist ein ganz ergreifendes Gebet. Es ist vor allem ein Gebet für die Sterbestunde. Jesus, Maria und Joseph, euch vertraue ich meinen Leib und meine Seele. Jesus, Maria und Joseph, lasst meine Seele in Frieden scheiden. Jesus, Maria und Joseph, steht mir bei im letzten Kampfe. Ja, das ist es. Jesus, Maria und Joseph sollen unser Leben, aber auch unser Sterben geleiten. Wenn wir die Tugenden erwerben nach dem Vorbild von Nazareth, dann wird der Friede in unsere Familien einziehen, der Friede, nach dem alle verlangen und für den viele so wenig tun. Eine Stätte des Friedens soll unser Heim sein, ein friedvolles Heiligtum eine jede christliche Familie. Die schlichte Mutter und der treue Arbeitsmann sind Vorbild für unsere Eltern. Wenn wir diese Menschen uns zum Vorbild nehmen, dann wissen wir, was wir als Eltern zu tun haben. „Wo jeder Mann ein Joseph ist, Maria jedes Weib und jedes Kind wie Jesus Christ gedeiht an Seel’ und Leib, da ist, mein Christ, o glaub mir dies, ein jedes Haus ein Paradies.“ Wahrhaftig, ein gutes Elternhaus ist der beste Start für das Leben. Wenn die Kinder aus einem guten Elternhaus kommen, können sie das zeitliche und das ewige Glück viel leichter erringen als jemand, der aus einem friedlosen Elternhaus auszieht in die Welt. Die ganze Geschichte gibt Zeugnis davon, wie segensreich die religiöse Festigung der Familie ist. Dort, wo das Ehesakrament feste Bande um die Gatten schlingt, eine Mauer aufrichtet, so dass sie nicht darüber hinausschauen und nicht aus der Ehe ausbrechen, da hat das Kind seinen kostbaren Schutz im Schoße einer solchen Familie, das Kind, die kostbare Frucht ehelicher Gemeinschaft.

Der französische Staatspräsident, meine lieben Freunde, Sarkozy, ist ein katholischer Christ, und er will es sein. Er bekennt sich als katholischer Christ. Aber er ist den Forderungen des katholischen Lebens offenbar nicht gewachsen. Er ist zweimal geschieden und zieht mit einer dritten Frau herum. Aus der ersten Ehe sind zwei Kinder da, aus der zweiten auch zwei. Man nennt so etwas eine Patchwork-Familie heute, also eine Familie, die aus Flickwerk besteht. Wie ist das schmerzlich! Ein solcher Mann, der katholisch sein will und es auch ist, aber der den elementaren Forderungen des Glaubens nicht genügt. Das ist kein Vorbild für Frankreich. Nein, wenn die Kirche den Lebensbund zweier Menschen vor den Stufen des Altares segnet, dann will sie damit, dass das eheliche Leben durchgehalten wird bis zum Ende, in guten wie in bösen Tagen! Und sie will auch, dass das eheliche Leben nicht ein Ausleben der Sinnlichkeit ist, sondern ein Gottesdienst, ein ehrfürchtiges Teilnehmen an Gottes geheimnisvollem Schöpferplan. Kindersegen ist keine unerwünschte Last, Kindersegen ist ein Gottesgeschenk, ein tiefes Glück und eine ernste Verpflichtung. Eine Ehe, meine Freunde, lässt sich nicht auf Geschlechtlichkeit aufbauen. Der Trieb erschöpft sich bald, und wenn er sich nicht erschöpft, dann schaut er nach anderen aus. Was die Ehe trägt, ist Achtung und Ehrfurcht, ist Wohlwollen und Dienstwille. Auch da haben wir zum Glück das Vorbild einer edlen Frau Die Familienministerin Ursula von der Leyen, eine gläubige evangelische Frau, ist Mutter von sieben Kindern, und wie man hört, nimmt sie sich der Kinder an trotz ihres hohen Amtes. Ich spreche nicht von ihrer Politik, sondern von ihrem Privaten Leben. Und das ist vorbildlich. Sie hat jeden Tag Zeit für ihre Kinder, und sie widmet sich auch der religiösen Erziehung der Kinder. Da haben wir ein wirkliches Vorbild einer Mutter, die als Priesterin in ihrer Familie waltet.

Und dazumahnt uns ja die Kirche: „Hütet den Tempelbezirk der Familie!“ Das einzige Ereignis, das wir aus dem verborgenen Leben Jesu erfahren, ist ein Gang zum Tempel – das einzige Ereignis! Und das wird uns offenbar nicht ohne Absicht enthüllt. Es soll uns gezeigt werden, dass die Religion die Seele jeder Familiengemeinschaft sein muss, eine gesunde Frömmigkeit, die Eltern und Kinder zu einer gesegneten Einheit verbindet. Die ganze Erziehung muss religiös geprägt sein. Das heißt für die katholische Familie: Kein Sonntag ohne heilige Messe, kein Tag ohne Gebet, kein großes Fest ohne Beicht und Kommunion. Das sollen die eisernen Grundsätze werden, die wir uns selbst aneignen und die wir unseren Kindern vermitteln: Kein Sonntag ohne heilige Messe, kein Tag ohne Gebet, kein großes Fest ohne Beicht und Kommunion.

Die Religion muss aber lebendig sein. Ich halte nichts von einer Häufung der Frömmigkeitsübungen, die nicht von einer wirklichen Überzeugung getragen sind. Das ist das Entscheidende, meine lieben Freunde, dass wir die Kinder nicht dressieren zu bestimmten Frömmigkeitsübungen, sondern dass wir ihnen Überzeugungen vermitteln. Sie müssen begreifen, dass die Frömmigkeit lebensnotwendig ist wie das Atmen und wie die Nahrung, dass es ohne Religion nicht gut geht. Sie müssen sich die Religion verinnerlichen, internalisieren, wie man das heute nennt. Wenn wir keine Überzeugung begründen, die Dressur hält nicht durch. Die Kinder müssen Grund und Zweck und Sinn der Religion und der religiösen Übungen begreifen. Die Religion muss in ihnen Wurzeln schlagen. Das ist es: Sie muss in ihnen Wurzeln schlagen. Dann wird sie auch halten. Sie müssen die Religion als unentbehrlichen Bestandteil ihres Lebens begreifen.

Das wird nur möglich sein, wenn die Eltern auch ihre Autorität wahren. Eltern sind Autoritätspersonen. Sie haben das Recht und die Pflicht, zu führen und zu befehlen, erforderlichenfalls auch zu strafen. Die Kinder haben die Pflicht des Gehorsams. Aber man kann die Autorität auch verlieren. Wie verliert man die Autorität? Indem man sich gehen lässt, indem man unbeherrscht ist, indem man widersprüchlich ist im Handeln und im Befehlen. Das sind die Weisen, wie man die Autorität verspielt: Unbeherrschtheit, Sich-Gehen-Lassen, Widersprüchlichkeit im Handeln und Befehlen. Wenn dagegen die Eltern ihre Autorität durch die Tugenden stützen, die sie erwerben sollen, dann können die Kinder auch das den Eltern erweisen, was unerlässlich ist, nämlich Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam. Ehrfurcht, also diese heilige Scheu, den anderen zu kränken, dem anderen weh zu tun. Achtung und Wertschätzung, das ist Ehrfurcht. Liebe, das ist unbegrenztes Wohlwollen und Wohltun. Die Liebe hört nie auf. Sie hört auch nicht auf, wenn Eltern sich vergessen und sich verfehlen. Und Gehorsam, das heißt Einordnung, Unterordnung, Verzicht auf den eigenen Willen. Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam sind die Tugenden, die die Kinder den Eltern erweisen müssen. Wenn die elterliche Autorität begründet ist durch ein vorbildliches Leben und wenn die kindliche Einordnung sich zeigt in den erwähnten Tugenden, dann wird wahrhaftig die Familie ein Heiligtum. Dann steht der Vater wie ein Priester in der Familie und die Mutter wie eine Tempelhüterin, dann kann man hoffen, dass die Eltern am Ende ihres Lebens einmal sagen können: „Keinen von denen, die du mir gegeben hast, habe ich verloren.“

Ein solches Familienleben, meine Freunde, verlangt viel sittliche Kraft und hohen Opfergeist, Geduld und vor allem Selbstverleugnung. Das ist ein Wort, das man heute nicht gern hört: Selbstverleugnung, und es ist vielleicht das Wichtigste, was in der Familie gelebt werden muss, dass man eben auf eigene Wünsche, Pläne, Vorlieben verzichtet, wenn höhere Werte auf dem Spiele stehen. Selbstverleugnung spricht: Nicht ich, sondern du, nicht dass es mir gut geht, sondern dass es dir gut geht. Das ist Selbstverleugnung. Die Selbstverleugnung bringt großen Segen in die Familie. Sie ist die Bürgschaft wahren irdischen Glückes und die Verheißung ewigen Glückes. Wir beten ja heute im Kirchengebet so ganz ergreifend: „Herr, du hast durch deine Tugenden das häusliche Leben geheiligt, da du Maria und Joseph untertan warst. Gib auf die Fürbitte beider, dass wir uns das Beispiel der heiligen Familie zur Lehre nehmen und dass wir einst die ewige Gemeinschaft mit dir erlangen.“

Amen.

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Freude über die Vorsehung Gottes

06.01.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Erscheinung des Herrn Versammelte!

Das Fest der heiligen drei Könige, wie wir es nennen, hat sich tief in unsere Herzen eingegraben. Schon als Kinder standen wir gern vor der Krippe und beobachteten, wie die Könige, wie die Weisen mit ihren orientalischen Tieren in das Gelände einziehen, wo das Kind mit seiner Mutter zu finden war. Die heiligen drei Könige sind unsere Freunde von Jugend auf. Uns zieht aber nicht nur das Äußere an, sondern auch das Geheimnisvolle. Sie kommen, aber man weiß nicht, woher; sie gehen, aber man weiß nicht, wohin; sie folgen einem Stern, aber der Stern entzieht sich wieder unseren Blicken. Doch sie werden geführt. Ein Stern ruft sie aus ihrer Heimat, ein Stern, der zunächst verschwindet, aber sich dann wieder zeigt und ihnen den Weg weist zu dem Kinde. Es ist verständlich, wenn es in der Heiligen Schrift heißt: „Als sie den Stern sahen, hatten sie eine überaus große Freude.“

Meine lieben Freunde, wir brauchen nicht dem anglikanischen Erzbischof von Canterbury zu folgen, der die Weihnachtsgeschichte als Legende erklärt. Wir halten uns lieber an die großen Astronomen wie Tycho de Brahe und Johannes Kepler, die fest überzeugt waren, dass ein solcher Stern die Weisen zur Krippe geführt hat.

Der Stern kann uns zu der Überlegung führen, daß auch über uns eine höhere Macht steht und unser Leben leitet. Wir wollen heute nur einem einzigen Gedanken folgen, nämlich der Freude über die Vorsehung Gottes, die uns führt. Der Katechismus sagt: Gott erhält und regiert die Welt. Gott erhält und regiert alles, was da besteht. Manche Menschen haben halb unbewußt die Meinung, die Welt ist ein großes Uhrwerk, der Herrgott hat es geschaffen, aber jetzt überlässt er dieses Uhrwerk seinem eigenen Gesetz. Es läuft ab, ohne dass sich Gott darum kümmert. Diese Meinung wurde seit dem 18. Jahrhundert vom Deismus vertreten, einer Irrlehre. Nein, Gott wirkt und schafft dauernd in der Welt. Er ist kein unparteiischer Zuschauer. Wenn Gott nur einen einzigen Augenblick seine Kraft entziehen würde, dann würde das All in das Nichts zurückfallen, dann wäre das die Vernichtung alles Geschaffenen.

Die Theologie hat über diese Wahrheit nachgedacht und uns manches Erhellenswertes beschert. Sie spricht vom „concursus generalis und universalis“, d.h. von der allgemeinen Mitwirkung Gottes mit allem, was an geschöpflichem Tun geschieht. Gott gibt nicht nur die Fähigkeit zum Tun, nein, er tut bei jedem menschlichen Tun mit, er wirkt bei jeder menschlichen Tätigkeit mit. Gott wirkt alles, aber er wirkt es nicht allein, und der Mensch wirkt mit, aber er wirkt es in der Kraft Gottes. Das ganze Tun, das wir verrichten – und wenn ich hier am Ambo stehe – das ganze Tun, das wir verrichten, ist von Gott getragen. Gott wirkt alles, und wir wirken alles, aber in jeweils verschiedener Weise, er nämlich in übergeordneter und wir in untergeordneter Weise.

Da höre ich den Einwand: Ja, sind es nicht die Naturgesetze, die alles Geschehen in der Welt bestimmen? Wo bleibt da noch Platz für die Vorsehung? Naturgesetze, meine lieben Freunde, sind Geschöpfe Gottes. Er hat sie geschaffen, und die Naturgesetze sprechen seine Sprache. Das ist es ja, dass alles, was auf Erden sich bewegt und was auf Erden geschieht in der Macht der Naturgesetze, auf Gottes Willen zurückzuführen ist. Er hält die Welt im Dasein, er lässt die Sterne kreisen, und wenn er einmal aufhören wird, sie kreisen zu lassen, dann fallen die Sterne vom Himmel, wie es Jesus vorausgesagt hat. Der Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat, ist auch der Herr der Naturgesetze; sie sind der Ausdruck seiner Weisheit und seiner Macht.

Da höre ich einen anderen Einwand: Ja, aber wie ist es mit dem Zufall? Wo ist denn die Vorsehung bei den Zufälligkeiten meines Lebens und deines Lebens? Zufälle, die so eigenartig, so schmerzlich, aber auch manchmal beglückend in unser Leben eingreifen? Da löst sich oben am Berge durch ein flüchtiges Tier ein Steinchen, es rollt zu Tale, der Schnee ballt sich um das Steinchen zusammen und ein furchtbare Lawine verschüttet ganze Dörfer und Straßen und zerstört, was ihr in den Weg kommt. Zufall? Zufall gibt es nicht. Die Macht der Naturgesetze ist auch hier wirksam, und die Macht der Naturgesetze ist die Sprache Gottes, daran ist nicht zu rütteln. Und auch die Naturgesetze müssen Gott gehorchen. Auch sie müssen seiner Vorsehung dienen. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her.

Vor Jahrtausenden schon, ach, was sage ich, vor Anbeginn der Zeit hat der Herr gewusst, wie es kommen wird und hat es doch nach seinem unerforschlichen Willen zugelassen, dass die Kräfte zusammenwirken, und in der Stunde oder in der Sekunde, da er es wollte, löste sich das Steinchen, und die Lawine donnerte ins Tal. Ich gebe zu, wir stehen vor Rätseln, wir können es nicht begreifen. Aber in all den dunklen Geheimnissen gibt es doch den Trost: Gott weiß alles, er weiß auch, warum das geschehen musste. Der Zufall ist nichts anderes als die in Schleier gehüllte Notwendigkeit. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her.

Und so hat er auch vor Anbeginn der Zeit unser Leben geplant. Er hat einen Entwurf gemacht für unser Leben, und diesem Entwurf wird es folgen, was immer auch geschieht. Kein Künstler kann ein Kunstwerk mit solcher Liebe schaffen, wie Gott unser Leben geplant hat. Auch unser Leben ist ein Kunstwerk, ein Kunstwerk in der Hand Gottes. Und wir müssten dankbar sein, dass Gottes Vorsehung über uns waltet.

Doch gibt es noch einen letzten Einwand, nämlich: Wie steht es mit dem freien Willen des Menschen? Gibt es überhaupt einen freien Willen? Das ist der Gipfelpunkt der Vorsehung Gottes, dass die Vorsehung sogar den freien Willen des Menschen einbegreift in ihre Pläne. Gott lässt dem Menschen seinen Willen, aber dennoch lässt er seine Pläne nicht durchkreuzen. Er hat alle, auch unsere freien Handlungen in seine Pläne einbezogen. All unsere Gebete, all unsere Leiden, all unsere Tätigkeiten sind in seine Vorsehung aufgenommen. Er lässt dem Menschen nicht nur die Freiheit, er wirkt sie sogar. Wir sind nur frei, weil Gott uns frei macht. Gott zwingt den Menschen nicht, er lässt ihm seinen Willen. Das war der Irrtum der Jansenisten, dass sie meinten, die Gnade sei unwiderstehlich. Nein, die Gnade ist nicht unwiderstehlich, es gibt eine abgelehnte Gnade, für die wir Rechenschaft legen müssen. Der menschliche Wille bleibt auch unter dem Einfluß der Gnade frei. Die Gnade ist nicht unwiderstehlich. Wie freilich der menschliche Wille und die Vorsehung Gottes zusammenwirken, das bleibt ein undurchdringliches Geheimnis.

Sie kennen die Geschichte vom ägyptischen Josef. Die Brüder haben ihn verkauft an Händler, die nach Ägypten zogen. Sie wollten ihn unschädlich machen; er war ihnen lästig, weil ihn der Vater besonders liebte und weil er merkwürdige Träume hatte, die ihm eine führende Stellung einräumten. Sie haben ihn also verkauft und dachten: Jetzt haben wir ihn losgebracht. Aber was geschah? In Ägypten stieg er zum Vizekönig des Pharao auf. Gerade diese Missetat benutzte Gott, um seine Pläne mit Josef durchzuführen. Ja, alle Geschöpfe müssen ihm dienen, ob belebt oder unbelebt, ob mit oder ohne ihren Willen. „Ich bin der Herr, dein Gott!“

Und wir dürfen uns das Wort des heiligen Apostels Paulus zu eigen machen: „Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten.“ O meine lieben Freunde, ein furchtbares Wort! Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten, auch die Leiden und die Qualen, auch die Misserfolge und die Enttäuschungen, auch der Betrug und die Verleumdung, die wider uns aufstehen. Denen, die Gott lieben, gereicht alles zum Besten, ohne Ausnahme. Auch das Leid, auch die schweren Stunden haben ihren Platz im Plane Gottes, meine lieben Freunde. Es wird wenige unter uns geben, die nicht schon manchmal gedacht haben: Ich kann nicht mehr, es geht nicht mehr, es ist zu viel, ich bin am Ende meiner Kraft. Und dann ist es doch wieder gegangen, dann hat doch wieder die Kraft Gottes uns gestützt, und dann sind wir doch weitergegangen. Es ist in Wahrheit so: Der Herrgott schickt uns soviel Leid, wie wir brauchen, um nicht in die Irre zu gehen. Er schickt uns soviel Leid, wie wir brauchen, um nicht in die Irre zu gehen.

Als ich im Priesterseminar war 1950, erschien unser Bischof und hielt uns einen Vortrag. Der Vortrag hatte zum Thema: „Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast.“ Das ist ein Wort aus dem 118. Psalm. „Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast.“ Es ist gut für mich, dass du mich geschlagen hast. Es ist gut für mich, dass du mir das Leid geschickt hast. Es ist gut für mich, das heißt, es ist nützlich für die Ewigkeit.

Wir sollten also unser Vertrauen zur Vorsehung Gottes erneuern am Beispiel der Könige, der Weisen, die aus dem Morgenlande zum Krippenkinde kamen. Nichts geschieht von ungefähr, alles kommt vom Höchsten her. Ein Student besuchte einmal einen frommen Pfarrer, und ein böses Wetter überraschte ihn. Als er beim Pfarrer ankam, da schimpfte er über das Wetter nach Kräften. Der Pfarrer hörte ihm zu, und nach einer Pause sagte er: „Junge, was schimpfst du denn? Es ist Gottes Wetter!“ Das ist wie ein Blitz in seine Seele eingezogen: Es ist Gottes Wetter. Ja, das Wetter ist Gottes, und unser Leben ist Gottes, und unsere Arbeit ist Gottes, und unsere Freude ist Gottes, unser Erfolg ist Gottes, und unser Misserfolg ist Gottes, und unser Leid ist Gottes. Alles ist Gottes. Gott ist weiser, er sieht weiter, er schaut tiefer, als wir es vermögen. Er regiert die Welt, und er hat am Anfang gesprochen. Als Gott sah, was er gemacht hatte, da erkannte er: Es war alles gut. Und wenn die Welt zu Ende geht, wird er wieder sagen: Er erkannte, was er gemacht hatte mit seiner Vorsehung, und es war alles gut.

Der große englische Theologe und Kardinal Newman hat einmal ein schönes Gebet verfaßt, das ich schon seit vielen Jahrzehnten auswendig kann. Dieses schöne Gebet lautet: „Führe, du mildes Licht, im Dunkel, das mich umgibt, führe du mich hinan! Die Nacht ist finster, und ich bin fern der Heimat, führe du mich hinan! Leite du meinen Fuß, sehe ich auch nicht weiter, wenn ich nur sehe jeden Schritt. Einst war ich weit zu beten, dass du mich führest, selbst wollt ich wählen, selbst mir Licht trotzend dem Abgrund dachte ich meinen Weg zu bestimmen, setzte mir stolz das eigene Ziel. Aber jetzt laß es vergessen sein. Du hast mich so lang behütet, wirst mich auch weiter führen über sumpfiges Moor, über Ströme und lauernde Klippen, bis vorüber die Nacht und im Morgenlicht Engel mir winken. Ach, ich habe sie längst geliebt, nur vergessen für kurze Zeit.“

Amen.

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Jesus auf dem Weg zu seinem Leiden

03.02.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Jetzt wirbeln noch einmal die Massen durch die Säle der Gastwirtschaften und der Rathäuser. Die Menschen suchen noch einmal Vergessen von dem grauen Alltag. Sie wollen sich Glück und Freude verschaffen, Seligkeit, wenigstens für gewisse Stunden. Zu diesem lustigen Kehraus passt das Evangelium des heutigen Tages gar nicht. Wir treffen den Herrn auf seinem Schicksalsweg nach Jerusalem. Dieser Weg führt von der Höhe des Taborberges auf den Golgothahügel, denn kurz nach der Verklärung lesen wir beim Evangelisten Lukas: „Und es geschah, dass sich die Tage seines Heimgangs erfüllten. Da wandte sich sein Angesicht stracks gegen Jerusalem.“

Der Herr weiß genau, was über ihn kommen wird. Doch mit keinem Schritt weicht er dem Willen seines Vaters aus. Der Weg nach Jerusalem ist noch weit, es sind noch einige Wochen bis zum Osterfest, aber unverrückbar folgt er seinem Ziele. Was wird aus den Jüngern geschehen? Wie werden die Jünger dieses schreckliche Geschehen ertragen, diese ahnungslosen Jünger? Da muss er sie vorbereiten. Und so spricht er einmal, zweimal dreimal seine Leidensweissagung. „Er aber nahm die Zwölf beiseite und sprach zu ihnen: ,Siehe, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und alles wird erfüllt werden, was durch die Propheten über den Menschensohn geschrieben worden ist.’“

Was über Jesus kommt, ist also nicht das Werk eines augenlosen Schicksals, ist auch nicht nur das Werk der gehässigen Juden, ist auch nicht nur das Werk der Heiden, und es ist auch nicht nur das Werk des Verräters. Nein, was ihm geschieht, das ist von Gott verordnet und durch seine Propheten vorherverkündet. Er wird den Heiden ausgeliefert, er wird misshandelt, er wird beschimpft, er wird angespuckt, er wird gegeißelt werden, und dann werden sie ihn kreuzigen. Diesem Schicksal geht er entgegen. Der Prophet Isaias hatte dieses Schicksal vorausverkündet: „Verachtet war er, der Letzte der Menschen; wir mochten ihn nicht ansehen.“ Und im Psalm 22 hatte der prophetische Dichter schon vorangekündigt: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch, von den Menschen verspottet, von allen verachtet.“ Und doch ist es derselbe, den Daniel auf den Wolken des Himmels hat machtvoll kommen sehen. Beide Prophezeiungen gehören zusammen, die Prophezeiung über die Niedrigkeit und das Todesschicksal des Herrn und die andere über seine Erhöhung, über seine Macht, über sein Kommen mit den Wolken des Himmels. Und daran erinnert sie der Herr, an beide Propheten. Sie sollen nicht nur an den himmlischen Menschensohn beim Propheten Daniel denken, wenn sie an ihn als den Messias glauben. Sie müssen auch an den Gottesknecht bei Isaias denken. Aber die Jünger wollen so was nicht hören. Dreimal, dreimal sagt der Evangelist: Sie verstanden ihn nicht, es war ihnen dunkel, es war ihnen unbegreiflich, was der Herr ihnen sagte. Sie scheuchten diesen Gedanken von sich weg.

Der Mensch sträubt sich gegen zwingende Einsichten, wenn sie seinen Wünschen und seinen Plänen widersprechen. Der Mensch sträubt sich. Er will nicht wahrhaben, was doch vor aller Augen liegt. Ich erinnere mich, meine Freunde, es war im Jahre 1944. Die Rote Armee stand an der Weichsel. Die Katastrophe unseres Landes, der Zusammenbruch unseres Staates war abzusehen. Die Rote Armee sammelte sich zu ihrem letzten Todesstoß, und zuallererst musste er meine Heimat treffen, musste er Schlesien treffen, denn wir lagen im Osten. Da unterhielt ich mich mit einem meiner Lehrer über die Lage. Der Lehrer, ein Geschichtslehrer, sagte zu mir: „Ja, meinen Sie nicht, May, dass sich noch etwas Gutes herauskristallisieren wird?“ Im Jahre 1944, umgeben von einer wütenden Welt, die gegen das Großdeutsche Reich aufgebracht war, sollte sich noch etwas Gutes herauskristallisieren! Er wollte sich nicht eingestehen, was doch vor aller Augen lag, nämlich dass ein furchtbarer Zusammenbruch bevorstand. Das Menschenherz wehrt sich gegen das Leid. Es will nicht wahrhaben, was über uns kommen kann, und das ist in gewisser Hinsicht verständlich, denn der Mensch ist ja nicht für das Leid, sondern für das Glück geschaffen. Ursprünglich hat Gott den Menschen für die Freude geschaffen. Er hat ihm ein Paradies der Wonne bereitet. Er sollte in die Seligkeit des Himmels ohne den schmerzlichen Prozeß des Sterbens eingehen. Das Leid, der Tod, das sind Wirklichkeiten, die nach Gottes Willen nicht da sein sollten. Aber der Mensch hat sein Paradies verspielt, und so ist das Leid, so ist der Tod über ihn gekommen. Und jetzt steht Gott vor dem Menschen und fragt ihn: Wie willst du das Leid tragen? Willst du es tragen wie die Heiden, die es verwünschen und verfluchen, wenn es sie überfällt? Wehrst du dich dagegen in allen deinen Gedanken und mit deinem ganzen Herzen? Trägst du Groll und Verbitterung im Herzen und machst du Gott bittere Vorwürfe? Oder denkst du gar daran, sich dem Leid zu entziehen durch den selbstgewählten Tod?

Gott steht vor uns und fragt uns: Wie trägst du das Leid? Trägst du das Leid wie die Juden, die in allem Leid nur den Fluch und die Strafe Gottes sahen? Nein, das ist es nicht! Es ist nicht alles Leid nur Fluch und Strafe Gottes. Es gibt auch Leid, das über den Unschuldigen kommt. Das ist das Leid der Prüfung; das ist das Leid, in dem Gott seine Auserwählten auf ihre Treue, ihre Liebe und ihre Selbstlosigkeit prüft. Wir sollen das Leid tragen, wie es der Herr getragen hat. Er hadert nicht, er sträubt sich nicht, er grübelt nicht. Er weiß, der Vater will es, und so ist es gut. Das haben ja letztlich auch seine Jünger verstanden. Zwar sind sie noch einmal geflohen, als die Übermacht im Ölgarten den Herrn ergriff. Aber dann haben sie verstanden, was sein Leid bedeutete, dass es erlöserische Qualität hatte. Endlich haben sie begriffen, dass der Menschensohn sterben musste, damit die Menschheit leben konnte. Wie schwer war ihm der Weg nach Jerusalem hinauf! Und niemand war, der ihn tröstete. Die Jünger verstanden ihn nicht, sie wollten ihn nicht verstehen. Er musste allein diesen Opfergang auf sich nehmen.

Und ähnlich wie die Jünger dachte auch das Volk, das ihn in immer stärkeren Scharen begleitete, es stand ja das Osterfest bevor. Sie drängten sich zur heiligen Stadt, und am Wegesrande, am Stadtrande, da saßen Bettler, unter ihnen auch ein Blinder. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wie schrecklich es ist, meine Freunde, blind zu sein. Als junger Priester hatte ich die Aufgabe, eine Blindenanstalt zu betreuen, also ein ganzes Haus voller Blinder, junge und alte, die diesem furchtbaren Schicksal unterworfen waren. Nicht sehen können ist ein früher Tod. Da saß nun ein Blinder am Wege und bettelte. Er sah die Scharen, die vorüberzogen, und er fragte, was das sei. Sie sagten ihm, Jesus von Nazareth ziehe vorbei. Von dem hatte er schon gehört, und er hatte auch vernommen, dass er mächtig sei, dass er Heilungskraft besitze, ja dass er Blinden das Licht gegeben hatte. Und da bricht es aus ihm aus: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Achten Sie bitte darauf, dass er nicht sagt: Jesus von Nazareth, denn so sprachen von ihm seine Gegner. Nazareth, dieser verrufene Ort im heidnischen Galiläa. Was kann aus Nazareth Gutes kommen? Er sagt nicht: Jesus von Nazareth, er sagt: Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner! Das heißt, er weiß, Jesus ist der Messias; Jesus ist der Heilige Gottes, Jesus ist der von Gott gesandte Erlöser. Und deswegen, auch wenn ihn die Vorausgehenden abhalten wollen: er schreit: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ Und der Herr fragt ihn: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ „Herr, dass ich sehe.“ Und der Herr erbarmt sich seiner. Er wirkt sein letztes Wunder auf dieser Erde. „Ich will, sei sehend!“ Und der Blinde konnte sehen. Er jauchzte und jubelte zu Gott. Und das Volk, das es sah, war ergriffen und pries Gott. Jetzt hatte Jesus von Nazareth seine messianische Würde, seine messianische Fähigkeit bewiesen, zum letzten Mal bewiesen.

Die körperliche Blindheit ist ein unsagbares Leid. Aber noch schlimmer ist die geistige Blindheit, die Unkenntnis Gottes, die Verschlossenheit gegenüber dem Evangelium. Und noch immer gibt es Menschen, viele, allzu viele Menschen, die von dieser Blindheit befallen sind. Meine lieben Freunde, wir haben mit unseren schwachen Kräften die Aufgabe, die Blindheit der Menschen zu lösen. Wir sollen alles tun, um sie zu Gott, dem Heiland, unserem Herrn und Meister, zu führen. Sagen wir ihnen: Wenn dir keine Ewigkeit leuchtet, dann bist du auf ewig verloren!

Amen.

 

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Das große Glück des Bußsakramentes

10.02.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Als ich vor 57 Jahren den priesterlichen Dienst antrat, setzte mit dem Beginn der Fastenzeit eine besondere Aktivität ein, denn die Fastenzeit war auch gleichzeitig die österliche Zeit. Ein Kirchengebot, das auf das Konzil vom Lateran aus dem Jahre 1215 zurückgeht, bestimmte: „Du sollst wenigstens einmal im Jahre deine Sünden beichten, und du sollst wenigstens einmal im Jahre die heilige Kommunion empfangen!“ Dieses Gebot wurde damals sehr ernst genommen. Von den Priestern ausgehend, hat man in den Familien sich bemüht, alle ohne Ausnahme zum Beichtstuhl zu bringen, die Frau ihren Mann, die Kinder ihren Vater, die Verwandten ihre Angehörigen. Denn die österliche Zeit ist die Zeit des Heiles, das sind die Tage des Heiles. An jedem Tage in der Fastenzeit, an dem wir in den Beichtstuhl gingen, hatten wir ein Päckchen mit Bildern neben uns liegen, und ein jeder, der seine Osterbeicht ablegte, empfing ein Bild. Auf diese Weise konnten wir zahlenmäßig genau feststellen, wie viele Glieder einer Gemeinde die Osterbeicht abgelegt hatten. Es war auch damals nicht leicht, alle Menschen, alle Christen, alle katholischen Christen zum Bußsakrament zu führen. Es bedurfte der Anstrengung. Aber wir konnten erstaunliche Erfolge erzielen. Es gab Gemeinden, in denen 60-70 Prozent der Gläubigen die Osterbeicht empfingen.

Heute ist das Bild ein anderes. Sie wissen, meine lieben Freunde, dass das Bußsakrament ein verlorenes Sakrament geworden ist. Aber verloren nur bei denen, die sich um Gottes und der Kirche Gebote nicht kümmern. Nicht so bei uns, die wir uns bemühen, diesen Geboten nachzuleben.

Es gibt Widerstände gegen das Bußsakrament. Der Mensch will selbständig sein. Der Kaufmann sieht sein höchstes Ziel darin, ein eigenes Geschäft aufzumachen; der Handwerker will seinen eigenen Betrieb haben, und niemand soll ihm etwas zu sagen haben; er will ein kleiner König in seinem Bereich sein. Und da kommt die Kirche und sagt: Du sollst niederknien und deine Sünden nach Art, Zahl und Umständen bekennen. Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie, und das heißt, für uns gibt es immer nur Vorgesetzte auf Abruf. Jeden kann man wählen und abwählen, jeden kann man kritisieren, jeden kann man beurteilen und verurteilen, und das wird in reichem Maße getan. Aber sich selbst wollen viele nicht beurteilen oder gar verurteilen. Und so ergeben sich die Schwierigkeiten gegenüber dem Beichtgebot.

Es ist aber zu überlegen, dass das Bußsakrament auch eine andere Seite hat. Es liegen gewaltige soziale Ideen in diesem Sakrament. Was ist es denn, was draußen in der Welt den Gegensatz zwischen arm und reich so schmerzlich und schroff macht? Nun, es ist das bohrende Gefühl in dem Armen: Ich werde immer mit gebeugtem Rücken einhergehen, und ein anderer wird mir die Last auferlegen. Ich werde immer zu Fuß gehen, und ein anderer wird im Auto an mir vorbeirauschen. Das werde ich nicht ändern können, und so wird es bleiben. Warum haben es die anderen immer besser und ich es so schlecht? Man mag über diese Stimmung denken, wie man will, sie ist vorhanden, und sie ist nicht von heute, sie ist Jahrtausende alt. Nun sehen Sie, meine lieben Freunde, wie die Kirche in geradezu grandioser Weise diesen Zwiespalt überwindet. Sie tritt hin vor den einfachen Mann und sagt: Du sollst bekennen, du sollst beichten! Vor wem? Vor dem Priester, vor demselben, den du in goldgewirkten Gewande am Altare stehen siehst. Aber dann tritt sie mit demselben Verlangen vor den Beichtvater hin und sagt: Du musst beichten! Auch du musst bekennen. Vor wem? Vor dem Priester, vor deinem Mitbruder. Ob diese Forderung leichter ist? Und sie verlangt vom Priester nicht eine einmalige Beicht, sie verlangt vom Priester die häufige Beicht, „frequenter“, so steht es im Gesetzbuch der Kirche, „häufig“ müssen die Priester beichten, das heißt also wenigstens alle 4 Wochen. Und je höher wir aufsteigen in der Rangordnung der Kirche, um so ernster wird ihr Gebot. Auch vor den Bischof und vor den Papst tritt die Kirche hin und legt ihnen die Beichtpflicht auf die Seele. Vor wem? Wenn du keinen Gleichgestellten hast, dann eben vor dem, der unter dir steht. Auch der Papst mit seinen Vollmachten muss niederknien und sprechen: Vater, ich habe gesündigt vor dem Himmel und vor dir.

Das ist die großartige Idee des Ausgleichs aller Rangunterschiede im Bußsakrament. Die Kirche kennt keine Lieblingskinder und keine Stiefkinder der Beichte. Je höher das Amt, um so tiefer muss die Seele sich beugen. Vor der Schranke des Bußgerichtes gibt es kein Ansehen der Person und keine doppelte Wahrheit. Wenn also, meine lieben Freunde, Ihnen das Beichten schwer fallen sollte, dann denken Sie daran: Derjenige, vor dem Sie die Beichte ablegen, der kniet genauso wie Sie vor einem anderen Priester nieder und sagt: Vater, ich habe gesündigt. Wir könnten also, meine ich, Vertrauen in dieses Sakrament haben. Welche Gemeinschaft auf Erden wagt es, ihren Führern solche Lasten aufzuerlegen wie die katholische Kirche? Keine. Das hat uns noch keine Gesellschaft nachgemacht und kann auch keine nachmachen. Das hat der Heilige Geist erfunden. Darum ist es für Sie die geringste Demütigung, wenn Sie vor dem Priester knien und Ihre Sünden bekennen.

Wir können diesen Gedanken noch vertiefen, idem wir einen zweiten Satz prägen, nämlich: Die Kirche legt ihren Vertretern nicht nur die gleiche Last auf, sie legt ihnen bedeutend mehr auf die Schultern. Und das mit Recht. Wer die Würde hat, der soll auch die Bürde tragen. Erinnern wir uns an die biblische Erzählung vom Patriarchen Jakob. Er rang einst mit Gott und flehte ihn an, erzwang sich seinen Segen: „Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!“ Und Gott segnete ihn, aber zuvor berührte er seine Hüfte, und er war sein ganzes Leben lang lahm. Ein dauerndes Opfer sollte ihn an Gottes Segen erinnern. Seitdem ist es ein Gesetz im Gottesreich geblieben: Wer den Segen hat, der muss auch den Preis dafür bezahlen. Wer den Vorzug hat, der muss das Opfer bringen. Gewiß, es ist ein großes Amt, das dem katholischen Priester im Bußsakrament anvertraut ist, aber Gott fordert dafür seinen Preis.

Als wir am Weihealtar standen zur Priesterweihe, da war eine Zeremonie besonders ergreifend, nämlich wir mussten unsere Hände darreichen, und dann umwand sie der Bischof mit einem weißen Tuch, und dabei sprach er: „Denke, dass ihr von nun an gebunden seid in Gott!“ Denke, dass ihr von nun an gebunden seid in Gott. Was da in dem jungen Priester vorgeht! Priesterkleid, Priesterberuf, Priesteraufgaben, tägliches Breviergebet, regelmäßige Beicht, alles Bindungen in Gott. Ihr habt den Vorzug, aber ihr sollt auch doppelt und dreifach verpflichtet sein. Und noch eines muss ich erwähnen, nämlich den Zölibat, die Verpflichtung, allein durch das Leben zu gehen. Er ist nur zu begreifen in Verbindung mit dem Bußsakrament und mit dem Altarsakrament. Es war kein Freund der Kirche, der einmal das Wort geprägt hat: „Es ist die tiefste Nützlichkeit des katholischen Priesters, ein heiliges Ohr, ein verschwiegener Bronnen, ein Grab für Geheimnisse zu sein.“ Ich wiederhole noch einmal diesen schönen Satz von Friedrich Nietzsche: „Es ist die tiefste Nützlichkeit des katholischen Priesters, ein heiliges Ohr, ein verschwiegener Bronnen, ein Grab für Geheimnisse zu sein.“ Und wegen dieser Nützlichkeit legt die Kirche dem Priester den Zölibat auf. Das Vertrauen, das er von den Menschen erwartet, das soll er keinem anderen Menschen gewähren. Er soll allein durch die Welt gehen, einsam und allein, nimmer gebunden an einen Menschen. Der als Vertreter der Kirche im Bußsakrament das Vertrauen aller anderen verlangt, der darf selbst keinem Menschen sein innerstes und völliges Vertrauen schenken. Das ist sein Preis.

Wir wissen, meine Freunde, aus der russischen Kirche, auch aus der griechischen Kirche, dass dort die Menschen, wenn sie beichten wollen, zu den Ordenspriestern gehen, die nicht verheiratet sind. Sie gehen nicht zu ihren Weltpriestern, die verheiratet sind, sie gehen zu den Ordenspriestern, die nicht verheiratet sind. Es ist sicher: Die Beichtpraxis lässt sich auf die Dauer ohne den Zölibat nicht oder höchstens in verkümmerter Form halten. Und deswegen geht es beim Zölibat um deine Sache, mein Christ, nicht nur um die Sache des Priesters, damit du mit allem Vertrauen sagen kannst, was dich drückt, damit du es begraben kannst im Herzen des Priesters, in einer Seele, die ewig verschwiegen ist. Deswegen die Notwendigkeit des Zölibats. Es ist rührend, diese Fürsorge der Kirche zu betrachten. Keine Forderung ist ihr zu groß, um ihren Kindern zu helfen. In jeder anderen Gemeinschaft würde diese Forderung abgewiesen werden; die Kirche wagt es, seit Jahrtausenden Tausenden und Abertausenden diese Forderung aufzuerlegen. Und warum? Um auch das letzte ihrer Kinder zu schützen und ihm den Weg freizumachen zum Sakrament der Buße. Die Beichte schwer, die Beichte demütigend? Von wem verlangt die Kirche mehr in der Beicht, vom Beichtkind oder vom Priester?

Und noch einen dritten Gedanken möchte ich vortragen, nämlich, meine lieben Freunde, was ist der Sinn der Beichte? Nicht Demütigung, sondern Befreiung, nicht Knechtung, sondern Lösung. Die Beicht ist keine Tyrannei der Gewissen, sie ist die Befreiung des Gewissens von der Tyrannei der Schuld. Beicht macht leicht. Hier wirft man die Last der Schuld ab. Irgendwo war einmal eine Versammlung angesetzt von Leuten der verschiedensten Richtungen. Man wollte ein sogenannte Antiselbstmordbüro einrichten, also eine Beratungsstelle für Lebensmüde. Nach verschiedenem Hin und Her kam man allgemein zu der Ansicht, dass eine Notwendigkeit bestehe für ein solches Antiselbstmordbüro. Aber da trat ein katholischer Priester vor, der auch eingeladen war, und sagte: „Wir Katholiken machen da nicht mit. Wir brauchen nicht mitzumachen. Wir haben ein von Gott gesetztes Mittel, um die inneren Spannungen zu lösen: die heilige Beicht. Und deswegen haben wir auch in unserem katholischen Volk erfahrungsgemäß die wenigsten Selbstmörder.“ Da war man still und wusste nichts mehr zu sagen.

Das Bußsakrament, meine Freunde, ist ein Ventil für Lebensunlust und Lebensüberdruß, für den furchtbaren Druck der Schuld. Solange es Menschen gibt, die am Leben verzagen, und solange sich Menschen gegen Menschen stellen, und solange Menschen zu kämpfen und zu ringen haben um Frieden und Reinheit, solange brauchen wir die heilige Beicht, solange sollten wir dem Herrgott auf den Knien danken, dass wir das Bußsakrament haben. Der tiefste Sinn der Beicht ist Befreiung und Lösung.

Das ist auch der tiefste Grund des Priesterglücks im Beichtstuhl. Manche quälen sich mit dem Gedanken: Was wird der Beichtvater denken? Was wird er von mir denken? Ach, meine lieben Freunde, er ist glücklich. Er ist glücklich, wenn die Menschen kommen und ihre Schuld bekennen. Er denkt nichts Arges, er denkt nichts Niedriges, sondern er dankt Gott für diejenigen, die ihm ihr Vertrauen schenken und ihre Sünden vor ihm ausbreiten. Es gibt ein Priesterglück im Beichtstuhl. Ein erfahrener Priester wurde einmal gefragt, welches der schönste Tag in seinem Leben gewesen sei. Der Tag der heiligen Kommunion? „Gewiß ein schöner Tag, aber nicht der schönste.“ Der Tag der Priesterweihe? „Ein schöner Tag, aber nicht der schönste.“ Der Tag der Primiz? „Ein schöner Tag, aber nicht der schönste.“ Und dann fing dieser Priester an zu erzählen. Er hatte lange, lange im Beichtstuhl gesessen und war eben dabei, ihn zu verlassen, als ihn noch ein Herr ansprach, der beichten wollte. Jahrzehntelang war er Gott und der Kirche fern geblieben, hatte schweres Ärgernis gegeben der ganzen Gemeinde. Aber jetzt kam er und schüttete seine Sünden aus vor dem Priester. Und der Priester fuhr fort: „Als die Uhr vom Turme Mitternacht schlug, da wandte ich noch einen Blick zurück zum Tabernakel und wusste: Das war der schönste Tag in meinem Leben.“

Ich weiß nicht, ob Sie, meine lieben Freunde, verstehen können, sich hineindenken können: Wir Priester sind doch eigentlich die glücklichsten Menschen auf Erden. Wer kann helfen und lösen wie wir? Gewiß, wenn Stunde um Stunde vergeht und die Nerven zum Zerreißen gespannt sind, denn die Dienst im Bußsakrament ist ein schwerer Dienst, dann fühlt man die Freude vielleicht nicht äußerlich, aber man spürt die Pflicht. Und es ist eine Pflicht, die glücklich macht. Es war in den 60er Jahren, etwa 1964 oder 1965, da saßen wir, der Pfarrer und ich, im Beichtstuhl, am Heiligen Abend, vor Weihnachten. Stunde um Stunde verging, und immer noch kamen Beichtkinder. Um 8 Uhr tat der Pfarrer etwas, was ich nicht verstanden habe: Er schloß die Kirche ab. Er wollte auch etwas vom Heiligen Abend haben, die Krippe aufstellen, unter dem Christbaum sitzen. Ich war tief betroffen. Ich war so betroffen, dass ich das nie vergessen habe. Wie kann man am Heiligen Abend das Schönste zu tun aufhören, was man tun kann, nämlich Menschen von der Sünde zu befreien?

Als wir das erste Mal in den Beichtstuhl gingen, da geschah es mit dem Schauer heiliger Verantwortung. Als wir Hand zur ersten Absolution erhoben, da hätten wir hinausjubeln können: Ich kann lossprechen, ich kann lösen. Das vergisst man nie und nimmermehr. Und Sie, meine lieben Freunde, sollten die Worte dieser heutigen Predigt, beherzigen und sich sagen: Es gibt ein Sakrament, das ein Sakrament des Ausgleichs ist, vor dem alle gleich sind und wo sich keiner erhaben dünken darf. Das ist das Bußsakrament. Zu diesem Sakrament wollen wir eilen, es befreit meine Seele, es löst mich von der Fessel der Schuld, es macht mich glücklich, und ich kann meinem Herrgott wieder offen in die Augen schauen.

Amen.

 

 

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Der verklärte Herr im Sakrament

17.02.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie der Schnee. Kein Wunder, dass die Jünger diese Tabor-Herrlichkeit festhalten wollten, indem sie zum Bau von Hütten schreiten wollten. Die Tabor-Herrlichkeit ist vergangen, aber was an ihr wesentlich war, nämlich die Gegenwart des verklärten Herrn, ist geblieben, ist geblieben im Gezelt unserer Tabernakel. Der Herr hat tatsächlich sein Zelt – und Tabernakel heißt ja „Zelt“ – unter uns aufgeschlagen und will bei uns wohnen. Wir suchen den Altar, wir sehen die strahlende Monstranz, und wir erblicken die kleine weiße Hostie. Der Glaube sagt uns: Gott und Mensch ist hier. So wie der Herr in der Seligkeit des Himmels lebt und wirkt, so wie dort seine heiligen Wunden strahlen, so ist es auch in unseren Tabernakeln in der Gegenwart des Herrn in der heiligen Hostie. Unser geistiges Auge, unser Glaubensauge schaut ihn hier im Sakrament. Hier weilt derselbe, der Mensch wurde und für uns am Kreuz verblutete, um uns zu retten. Seine Liebe lebt hier weiter mit unverminderter Kraft, mit unverkürztem Arm. Und so singt das gläubige Volk: „Preiset, Lippen, das Geheimnis dieses Leibs voll Herrlichkeit und des unschätzbaren Blutes, das zum Heil der Welt geweiht, Jesus Christus hat vergossen, er, der aller Welt gebeut.“

Die Kirche hat immer um das Geheimnis der Gegenwart Christi gewusst, und sie hat stets mit wechselnden Formen versucht, es den Gläubigen nahezubringen. Ursprünglich hat man das Allerheiligste in Gefäßen aus Elfenbein, Silber oder Gold aufbewahrt. Später, als die Kirche frei wurde, als sie aus den Katakomben stieg, hat man das Allerheiligste in der Gestalt einer Taube über dem Altar aufgehängt. Da wurde der Herr, da wurde der Herrenleib geborgen. Man setzte sie auch im heiligen Grab unter dem Altare bei. Schließlich hat man Wandnischen geschaffen in den Wänden der Kirche, wo man das Allerheiligste barg, und daraus entwickelten sich die wunderbaren Sakramentshäuschen, die freistehend das kostbarste Gut bargen, welches die Kirche ihr eigen nennt. Schließlich hat man den Tabernakel errichtet, auf den Altar gestellt, und das Barock hat wunderbare Girlanden, Baldachine und Kronen – denken Sie nur an die Augustinerkirche in Mainz – über diesen Tabernakel gestellt, um zu zeigen: Hier wohnt der König der Könige.

Die christlichen Dome sind nicht zu erklären, wenn man sie nur als Versammlungsstätten der gottesdienstlichen Gemeinde ansieht. Nein, diese Dome haben einen weit höheren Zweck. Sie wollen ein Haus, ein würdiges Haus für den sein, der in Brotsgestalt unter uns gegenwärtig ist. Deswegen konnten sie nicht hoch genug, nicht weit genug sein, viel mehr Platz bieten, als Menschen waren. Aber es ging ja eben gar nicht darum, nur Menschen zu versammeln, es ging darum, den in der Brotsgestalt gegenwärtigen Gott zu ehren, ihn zu preisen. Und die Kirche hat auch die anderen Künste in den Dienst des Allerheiligsten, unseres Herrn, gestellt. Denken wir nur an die Meisterwerke der Tonkunst, die die hohen Dome durchhallen. Wer kennt nicht das Ave verum von Mozart oder die 14 Meßkompositionen von Joseph Haydn? Wer kennt nicht die Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven? Und auch andere Künste wurden in den Dienst der Gegenwart unseres Herrn gestellt. Die kostbarsten Stoffe hat man verwendet, um Mäntelchen zu erzeugen, die um den Speisekelch gelegt wurden. Die Sage vom heiligen Gral hat den Herrn und seine Gegenwart verherrlicht. Unter dem Gral stellte sich das Mittelalter die Schale vor, die der Herr beim Abendmahl, beim Letzten Abendmahl, benutzt hatte, und in die Joseph von Arimatäa das Blut des verblutenden Heilandes aufgefangen hat. Das ist die Sage vom heiligen Gral.

Die katholische Religion kennt nichts Kostbareres als den Herrenleib, als den Fronleichnam. Als der große Papst Leo XIII. zum Sterben kam, da hat er noch eine Enzyklika geschrieben über das allerheiligste Sakrament. „Das ist mein innigster Wunsch“, schreibt er in dieser Enzyklika, „bevor ich dahinscheide, dass alle Herzen entzündet werden in Dankbarkeit und Ehrfurcht gegen das heilige Sakrament.“ Im 19. Jahrhundert lebte ein geschichtsforscher, Albert von Ruville. Dieser protestantische Gelehrte äußerte vor seiner Konversion das heiße Verlangen: „Ich möchte der Kirche angehören, in der Jesus Christus am höchsten verehrt wird.“ Und da wurde er katholisch.

Vor einiger Zeit, es ist schon eine Reihe von Jahren her, war in einer katholischen Kirche eine Volksmission. Am Abend war die feierliche Andacht mit Aussetzung des Allerheiligsten und Beichtgelegenheit. Nachdem die Andacht vorüber war, ging der Priester noch einmal durch die Kirche, und da sah er in der letzten Bank einen Herrn knien. Er fragte ihn: „Möchten Sie noch beichten?“ „Nein“, sagte er „beichten kann ich nicht. Ich bin der evangelische Superintendent.“ Aber dann fügte er hinzu unter Tränen: „Dass man uns den genommen hat!“ Er meinte damit den Herrn im Sakrament. „Dass man uns den genommen hat!“ Ein anderer evangelischer Theologe, Lavater, hat einmal das schöne Wort gesagt: „Könnte ich an die Gegenwart Christi im Sakrament glauben, ich würde mich vor Anbetung nicht mehr von den Knien erheben.“ Aber er konnte es nicht glauben, denn sein Glaube war durch Zwingli und Calvin geprägt.

Gewiß, dieser Glaube ist schwer, wir stehen vor einer unsagbaren Großtat Gottes. Es ist nicht Menschenwerk, es ist Gottes Tat. Wenn wir die Möglichkeiten durchdenken, die Gott gehabt hätte, um uns seiner dauernden Gegenwart zu versichern, meine lieben Freunde, ich glaube, wir kommen immer wieder zu dem Ergebnis: So wie er es gemacht hat, ist es richtig, ist es das einzig Mögliche, ist es das wahrhaft Göttliche. Dass er uns in Brotsgestalt nahe sein wollte, das ist seine göttliche Tat. Sie haben vielleicht einmal von der Stadt Skutari gehört in Albanien. Dort leben Mohammedaner, hauptsächlich Mohammedaner mit Christen zusammen. Eines Tages fragt ein Mohammedaner einen christlichen Jungen: „Wie kannst du nur glauben, dass dein Christus in der Hostie gleichzeitig zu jedem Christen kommen kann?“ Einen Augenblick stand der Junge verblüfft, dann warf er den Kopf zurück: „Sage mir, wie viele Fenster gibt es in Skutari?“ „Meinst du, ich habe sie gezählt?“ entgegnete der Mohammedaner. „Und wie viele Sonnen gibt es?“ „Eine einzige.“ „Gut“, schloß der Junge, „wenn eine einzige Sonne so viele Fenster, wie es in Skutari gibt, erhellen kann, dann kann auch mein Heiland, der allmächtige Gott, zu einem jeden Christen ins Herz kommen.“

Wegen dieser Gegenwart des Herrn sind unsere katholischen Kirchen nicht nur Versammlungsorte für den sonntäglichen Gottesdienst, nein, unsere christlichen, unsere katholischen Kirchen sind Heimstätten für jeden Tag, und deswegen sollten sie auch jeden Tag offen stehen. Man kann auch in protestantischen Kirchen sich sammeln und andächtig sein und sich zu Gott erheben. Aber man kann in protestantischen Kirchen nicht den Heiland finden, der im Tabernakel gegenwärtig ist. Und deswegen ist es notwendig und vom Kirchenrecht vorgeschrieben, dass jede Kirche täglich geöffnet ist, geöffnet ist für die, die dort beten wollen und die der Herr zu sich ruft. In den letzten Jahren ist der Unfug eingerissen, auch katholische Kirchen geschlossen zu halten. Man sagt, es könnte etwas gestohlen werden. In der Tat ist es möglich, dass Vandalismus einreißt. Und tatsächlich ist ja allerhand vorgekommen; man hat Beichtstühle als Bedürfnisanstalten benutzt. Aber gegen diese Mißbräuche gibt es Mittel. Wenn Sie die herrlichen Barockkirchen in Bayern besuchen, da sehen Sie, dass sie immer geöffnet sind, aber freilich im hinteren Teil ist ein Gitter angebracht, an dem man niederknien und beten kann, anbeten kann. Die Kirche selbst aber ist zur Besichtigung nur zu bestimmten Stunden geöffnet. Das ist eine Möglichkeit, die Kirchen offenzuhalten zum Gebet, zum einladenden Gebet vor dem Herrn. Aber es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. In meiner Heimat war ein eifriger Pfarrer, der hatte in seiner Kirche die Tabernakelehrenwache eingerichtet. Was ist die Tabernakelehrenwache? Er hatte die Gläubigen seiner Pfarrei aufgerufen, sich zu melden. Ein jeder möge eine Stunde in der Woche übernehmen, in der er in der Kirche anwesend ist und vor dem Herrn betet und auf diese Weise auch den erforderlichen Wachdienst leistet. Das haben die Gläubigen angenommen und getan. Zu jeder Stunde war ein Glied der Gemeinde anwesend und betete für die Anliegen der Gemeinde. Meine Großmutter am Montag von 9 bis 10 Uhr, ich weiß es noch ganz genau.

Die Kirche hat für die Anbetung besondere Einrichtungen getroffen. Ich erwähne nur die „Heilige Stunde“. Im Jahre 1674 hatte Margareta Maria Allacoque eine Vision. Der Heiland sprach zu ihr: „Jede Nacht von Donnerstag auf Freitag werde ich dich teilnehmen lassen an der Todesangst im Ölgarten.“ Daraus entstand die Übung der „Heiligen Stunde“, und sie ist in vielen Pfarreien eingeführt worden. Am Donnerstagabend vor dem Herz-Jesu-Freitag, da wird in Gemeinschaft mit dem Herrn am Ölberg vor dem Allerheiligsten gebetet. Und in dieser „Heiligen Stunde“ und in den anderen Stunden, die wir vor dem Allerheiligsten knien, da haben wir ja so viel zu tun, meine lieben Freunde, da haben wir zu beten um das eigene Wohlergehen. Das dürfen wir. Das sollen wir. Wir dürfen für unser Wohl und Wehe beten. Denn wir haben die Pflicht der Eigenliebe, der gesunden, der normalen, der von Gott gewünschten und befohlenen Eigenliebe. Wir gehen zum Guten Hirten, auf dass er uns bewahre und führe. Wir haben aber auch zu beten für unsere Wohltäter. Wir dürfen nie vergessen, von wie vielen Menschen wir leben, von der Güte, von der Geduld, von der Nachsicht so vieler Menschen, von denen wir leben. Und für die sollen wir beten. Es ist ein wunderbarer Gedanke, dass wir unsichtbar und ohne Wissen der anderen ihnen Wohltaten durch das Gebet verschaffen können. Dazu dient die Besuchung des Allerheiligsten. Wir sollen sodann beten für die Anliegen der Leidenden in der ganzen Welt. Kein Leid der Kranken, der Sterbenden, der Behinderten, der Ratlosen, der Hilflosen, der Zweifelnden und Verzweifelten, der Irrenden und der Suchenden, kein Leid soll uns fremd sein. Wir sollen diese Menschen in unser Herz nehmen und sie dem Herrn im Tabernakel vortragen. Und schließlich noch eine letzte Intention: Wir dürfen unsere Verstorbenen nicht vergessen. Beten wir für sie, die sich selbst nicht mehr helfen können, aber denen wir durch unser Gebet Hilfe bringen können. „Lieber Heiland, sei so gut, lasse doch dein teures Blut in das Fegefeuer fließen, wo die Armen Seelen büßen. Ach, sie leiden große Pein; wollest ihnen gnädig sein!“

Der Gedanke, und da ist auch eine wichtige Anregung, an unsere reiche Begabung, an den Reichtum, den Gott uns geschenkt hat, sollte uns zur Dankbarkeit ermutigen. Wir haben so viel an Wahrheit und Gnade empfangen, dass wir verpflichtet sind, Gott zu danken. Gott hat uns auch in unserem natürlichen Leben immer wieder geführt, gerettet, beschützt und seine Hilfe gezeigt. Er hat uns seinen Willen geoffenbart; er hat uns seine Gebote gegeben. Das ist ein ganz besonderer Grund, um dankbar zu sein. Dankbarkeit sollen wir auch dem Herrn im Tabernakel erweisen. „Nie kann ich danken dir genug. Es soll dir danken jeder Atemzug. Es soll dir danken jeder Herzensschlag, bis zu dem letzten Schlag am Letzten Tag.“

Wenn wir also unsere Kirchen betreten, von denen wir wissen, der Herr ist anwesend, dann soll das in großer Ehrerbietung geschehen. Im Hause Gottes ist heiliges Verhalten gefordert; da wohnt die höchste Majestät, der König der Könige. Hier sollen wir unseren Schritt mäßigen, hier sollen wir uns nicht darum bekümmern, wer noch anwesend ist und ob wir von allen auch gesehen werden. Nein, hier sollen wir ehrerbietig und gesammelt und eingezogen uns verhalten. Innere und äußere Ehrerbietung sind unbedingt erforderlich. Wo die Ehrfurcht fällt, da fällt bald der Glaube hinterher. Unser lieber Heiliger Vater hat nicht umsonst wiederholt gesagt: „Die Krise der Kirche ist hervorgegangen aus der Krise des Gottesdienstes.“ Und er hat recht. Wir müssen deswegen mit Sorge sehen, wie sich manche heute im Gotteshaus verhalten, wie das eingerissen ist, das Schwätzen und Erzählen, das Lachen und das Klatschen und andere Dinge. Sie gehören in den Konzertsaal, aber nicht in die Kirche!

Der edle König Ludwig IX. von Frankreich, der heilige, hat einst einen Kreuzzug geführt. Aber auf dem Kreuzzug wurde er gefangen genommen, und er musste ein riesiges Lösegeld versprechen, um wieder freigelassen zu werden. Der Sultan, der die hohe Loskaufsumme bestimmt hatte, wollte sich ihrer Entrichtung versichern, indem er sagte: „Ich begehre eine konsekrierte Hostie zum Pfand.“ Er begehrte eine konsekrierte Hostie zum Pfand. Er hatte nämlich beobachtet, wie die Christen vor der Hostie niederknien und wie der König selbst einer Messe beiwohnte, in Ehrfurcht vor dem allerheiligsten Sakrament in die Knie sank, und daraus schloß er mit Recht, dass die Eucharistie, dass der Leib des Herrn das höchste Gut der Christen sein müsse.

Erinnern wir uns, meine lieben Freunde: Der Herr ist im Tabernakel gegenwärtig. Besuchen wir ihn. Er wartet auf uns. Es ist ein schmerzliches Warten. Lassen wir ihn nicht umsonst warten! Eilen wir zu ihm, lassen wir keine Gelegenheit unbenützt, in eine Kirche einzutreten, an der wir vorbeigehen, und beten wir vor ihm: „In Demut bet ich dich, verborgen Gottheit, an, die du den Schleier hier des Brotes umgetan. Mein Herz, das ganz anschauend sich in dich versenkt, sei ganz dir untertan, sei ganz dir hingeschenkt!“

Amen.

 

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Die gottgesetzte Ordnung der Geschlechtlichkeit

24.02.2007

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

In der heutigen Epistel aus dem Brief an die Christen in Ephesus ist an mehreren Stellen die Rede von der Unzucht, und wir erschrecken über das Urteil, welches der Apostel, vom Heiligen Geist belehrt, über dieses Laster fällt. „Unzüchtige“, sagt er, „sind Götzendiener.“ Sie können das Reich Gottes nicht erben, das heißt, sie werden die ewige Verwerfung erfahren. Ephesus war eine Hafenstadt, und Hafenstädte sind bekannt für lockere Sitten. Aber es war nicht nur diese geographische Lage, die Ephesus zu einer Stätte des Lasters machte, sondern auch die Verfallsmoral des Heidentums. Das Heidentum hatte die Unsittlichkeit und die Unzucht weitestgehend freigegeben. Wir wissen von bedeutenden griechischen Philosophen, die die Knabenliebe pflegten. Es gab Tempel, in denen Unzucht getrieben wurde. So war also die Umgebung der Christen denkbar ungünstig, von Unzucht betroffen. Und jetzt sollten sie ein ganz neues Leben beginnen. In der Taufe war ihnen das neue Gnadenleben geschenkt worden. Jetzt wurden die höchsten sittlichen Leistungen von ihnen gefordert: Beherrschung der Sinne, Zucht der Triebe, jungfräuliche Lebensweise und Treue in der Ehe.

Meine lieben Freunde, die Geschlechtlichkeit des Menschen ist eine gottgegebene Tatsache. Sie ist gut, weil sie aus der Hand Gottes hervorging. Die Sexualität ist ein Trieb, dessen sich niemand zu schämen braucht. Aber er muss in der gottgewollten Ordnung verbleiben. Der Geschlechtstrieb mit seiner Lust ist vom Schöpfer zu einem erhabenen Zweck in den Menschen gelegt worden, nämlich die Art soll so erhalten werden, die Kinder sollen in der Familie von den durch rechtmäßige Ehe verbundenen Eltern erzogen werden. Und niemand kann etwas an diesem ehernen Gesetz ändern. Ehe und eheliche Liebe sind ihrem Wesen nach auf die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft hingerichtet, wie zuletzt das Zweite Vatikanische Konzil gelehrt hat. Gleichzeitig sind die ehelichen Akte dazu bestimmt, die Verbundenheit der Gatten zum Ausdruck zu bringen und zu bestärken. Die beiden Sinngehalte, Fortpflanzung und liebende Vereinigung, sind nach Gottes Bestimmung unlösbar verknüpft.

Der Sexualtrieb hat also zwei große Funktionen. Er soll durch seine bebende Lust die Menschen immer wieder zur Zeugung, zur Erhaltung des Menschengeschlechtes, bringen. Er soll aber auch dann in den langen Jahren der Ehe und der Kinderaufzucht die naturhafte Basis der ehelichen Liebe sein. Er soll den beiden Gatten das Kreuz des Lebens, das Kreuz der Ehe, das Kreuz der Kinder tragen helfen. Ich sage noch einmal: Der Sexualtrieb ist ein Trieb, dessen sich niemand zu schämen braucht. Aber er muss in der gottgewollten Ordnung verbleiben. Und diese Ordnung fassen wir in einem einzigen Worte zusammen, nämlich Keuschheit. Keuschheit ist der Gebrauch des Geschlechtstriebes nach der gottgesetzten Ordnung. Da gibt es zwei Möglichkeiten: entweder die dauernde oder zeitweilige Enthaltsamkeit oder der geschlechtliche Verkehr in der Ehe nach dem Willen Gottes. Darüber hinaus gibt es nichts, was von Gott erlaubt wäre. Entweder zeitweilige oder dauernde Enthaltsamkeit üben oder im geschlechtlichen Verkehr handeln nach dem Willen Gottes.

Keuschheit zeigt uns den Vorrang des Geistes vor dem Körper. Mich fragte einmal eine Dame: „Warum ist denn der Geschlechtstrieb so stark?“ offenbar an ihr auch. Ich sagte ihr: „Weil wir die Vernunft bekommen haben.“ Wir haben nicht nur den Trieb, sondern wir haben auch das Regelungsprinzip für den Trieb, das ist die Vernunft. Der Vorrang des Geistes vor dem Körper muss im geschlechtlichen Bereich gewahrt bleiben. Darüber kommt die Tatsache, die Paulus im 1. Korintherbrief immer wieder einschärft: „Der Leib gehört nicht dir, der Leib gehört Christus. Du bist ein Glied am Leibe Christi. Du bist ein Tempel des Heiligen Geistes. Also halte den Tempel heilig!“ Die Gottgehörigkeit des Leibes ist der entscheidende Grund, warum wir die Geschlechtlichkeit nach Gottes Willen zu verwalten haben. Denn die Sünde der Unkeuschheit, der Unzucht, besteht in der Verletzung, die sich aus dem Ziel des Geschlechtstriebes ergibt. Sie besteht im ungeordneten Streben nach Geschlechtslust. Jede außerhalb der Ehe unmittelbar gewollte sexuelle Lust ist Sünde. Ich wiederhole noch einmal diesen fundamentalen Satz: Jede außerhalb der Ehe direkt gewollte sexuelle Lust ist Sünde. Die Ehe, die gültige Ehe ist der einzige legitime Ort geschlechtlicher Betätigung.

Und auch innerhalb der Ehe muss die eheliche Keuschheit herrschen. Das heißt: Der erlaubte Geschlechtsverkehr in der Ehe ist an sittliche Forderungen gebunden, die alles verbieten, was den Aufgaben der ehelichen Gemeinschaft und der ehelichen Treue widerspricht. Außerhalb der Ehe, noch einmal, sowohl vor der Ehe als auch nach der Ehe ist volle Enthaltsamkeit geboten. Jede freiwillig gesuchte Befriedigung des Geschlechtlichen ist Sünde.

Die Sünden sind freilich sehr vielartig. Es gibt Sünden ohne die Vereitelung der Fortpflanzung und Sünden mit Vereitelung der Fortpflanzung. Sünden ohne Vereitelung der Fortpflanzung sind der unerlaubte Geschlechtsverkehr etwa mit Prostituierten, Geschlechtsverkehr zwischen ungültig Verheirateten. Mir erzählte einmal eine Mutter, eine ihrer Töchter lebe mit einem Manne zusammen. Sie wollen es ausprobieren, ob es geht. Sie haben es zwölf Jahre ausprobiert, und dann sind sie auseinander gegangen. Die Sünden mit Vereitelung der Fortpflanzung sind ebenfalls schlimm und folgenreich. An erster Stelle die Selbstbefriedigung. Sie ist vor allem eine Sünde, die in der Pubertät auftritt, aber sie kann Menschen bis ins hohe Alter verfolgen. Es ist die Sünde der Einsamkeit. Sie kommt nicht nur bei Unverheirateten vor, sondern auch bei Verheirateten. Die eheliche Onanie besteht darin, dass der eheliche Zweck der Fortpflanzung vereitelt wird. Man kann sich in zweifacher Weise gegen die eheliche Keuschheit verfehlen. Einmal, wenn man dem Partner einen Verkehr aufnötigt, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt. Ein solcher aufgenötigter Verkehr ist kein wahrer Ausdruck der Liebe. Er widerspricht der sittlichen Ordnung. Ebenso widerspricht aber auch ein Akt gegenseitiger Liebe dem göttlichen Plan, wenn er der Eignung, zur Weckung neuen Lebens beizutragen, abträglich ist. Wer einerseits Gottes Gabe genießen will und andererseits Sinn und Zweck dieser Gabe ausschließt, stellt sich gegen Gottes heiligen Willen.

In den letzten Jahren ist viel die Rede von der gleichgeschlechtlichen Betätigung. Früher nannte man das Sodomie nach dem, was in der Stadt Sodoma sich zugetragen hatte. Sodomie ist widernatürlich, weil sie dem Hauptzweck des Geschlechtsverkehrs, der Erhaltung der Art, zuwider ist. Sie ist ein schweres sittliches Vergehen; sie ist eine himmelschreiende Sünde. Sie ist ein Greuel vor Gott, todeswürdig und widernatürlich, der gesunden Lehre widerstreitend. Wegen dieser Sünde wurden Sodoma und Gomorrha mit Feuer und Schwefel ausgetilgt. Die Homosexualität wird häufig durch Verführung weitergetragen. Sie ist auch oft die Folge äußerer Umstände, etwa wenn viele Jungen in einem Internat zusammen sind oder viele Männer in der Kaserne, auf einem Schiff, im Gefängnis. Auch der noch nicht deutlich entwickelte Geschlechtstrieb junger Menschen kann vorübergehend zu Homosexualität führen. Besonders verwerflich ist die gleichgeschlechtliche Unzucht, wenn sie auftritt in der Knabenliebe. Immer wieder lesen wir und hören wir davon, dass Päderastie, das ist der Fachausdruck dafür, betrieben wird, also Unzucht mit Kindern, etwas vom Schrecklichsten, was sich auf diesem Gebiete zutragen kann.

Nun, meine lieben Freunde, ist man heute sehr nachsichtig gegenüber der Unzucht geworden. Wir wissen, dass Unzucht bis in die höchsten Kreise hinein üblich geworden ist. Wir wissen, dass gleichgeschlechtliche Unzucht nicht abhält, höchste Regierungsämter zu übernehmen. Es war nicht immer so. Also die geschlechtliche Unordnung ist weit verbreitet. Und es ist auch wahr: Für die meisten Menschen gibt es zeitweise ein geschlechtliches, ein sexuelles Problem in ihrem Leben, sei es als Heranwachsende, sei es als Kinder oder in der Jugendzeit, sei es in der Ehe. Die Versuchung macht sich gebieterisch geltend, und die Anfälligkeit gegen die sexuelle Verführung ist bei den meisten Menschen vorhanden. Sie fehlt bei wenigen ganz; bei den meisten wird sie schmerzlich fühlbar.

Aber auch wenn es so ist, wenn die geschlechtliche Unordnung weit verbreitet ist, ist daraus nichts zu entnehmen gegen ihre Sündhaftigkeit. Auch andere Verhaltensweisen sind weit verbreitet, wie zum Beispiel der Mangel an Liebe, und niemand wird daran denken, das Liebesgebot aufzuheben. So ist auch, wie stark der Geschlechtstrieb sein mag, die Verantwortlichkeit und die Freiheit des Menschen nicht aufgehoben. Es gibt keinen Zwang zur geschlechtlichen Betätigung. Das ist die Irrlehre von Luther gewesen, und die wollen wir uns nicht aufreden lassen. Es ist völlig fehl am Platze, die geschlechtliche Verfehlung als normal, den Trieb als unwiderstehlich zu bezeichnen. Und es ist auch Unsinn, zu behaupten, die geschlechtliche Betätigung sei für die Gesundheit notwendig. Es ist etwas ganz anderes mit dem Nahrungstrieb und mit dem Geschlechtstrieb. Der Nahrungstrieb ist tatsächlich für einen jeden zu befriedigen, aber der Geschlechtstrieb braucht nicht befriedigt zu werden, weil daran niemand zugrunde geht.

Die Folgen der Unzucht sind für den Einzelnen und für die Gesellschaft verheerend. Der heilige Hieronymus schreibt einmal: „Usu crescit, numquam satiatur.“ Also der Geschlechtstrieb, er wächst dadurch, dass man ihm nachgibt, er wird niemals satt. Usu crescit, numquam satiatur. Er wächst durch das Nachgeben, er wird niemals satt. Es ist also ganz falsch, wenn man meint, man könne sich Ruhe verschaffen, indem man dem Trieb nachgibt. Der Trieb gibt nicht nach, er verlangt immer stärkere Dosen. Die Nachgiebigkeit gegen den Trieb führt zur Unbeständigkeit und zur Übereilung. Wer sich vom Triebe leiten lässt, der wird getrieben. So kommt es zu geschlechtlichen Handlungen unter Jugendlichen, zu vorehelichem Geschlechtsverkehr, zum Ehebruch. Die Nachgiebigkeit gegenüber dem Geschlechtstrieb führt zur Gleichgültigkeit gegen Ehre, Hab und Gut. Um zur unerlaubten Befriedigung des Triebes zu gelangen, setzen Menschen Beruf, Stellung, Fortkommen aufs Spiel. Wir haben es soeben erlebt, wie der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates von Volkswagen, der Herr Volkert, fast drei Jahre ins Gefängnis gehen muss, weil er den Trieb ausgelebt hat, weil er u. a. einer brasilianischen Geliebten Scheinverträge von 400.000 Euro zugeschanzt hat. Jetzt muss er für seine Untreue drei Jahre im Gefängnis büßen.

Der Geschlechtstrieb, dem man nachgibt, führt zu Unlust und Verdrossenheit. Weil der Sinn fixiert ist auf die Geschlechtlichkeit, ist der Mensch verstimmt und gereizt, wenn er ihn nicht befriedigen kann, wenn er darauf verzichten muss. Das Schlimmste freilich, und das deutet der Apostel Paulus an, das Schlimmste ist, dass der Trieb zur Furcht vor der Ewigkeit führt, zur religiösen Unempfänglichkeit, zum Unglauben, zum Haß gegen Gott. „Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre“, hat einmal der heilige Augustinus geschrieben. Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre. Und wir Seelsorger haben es so manches Mal erlebt, wie ein Jugendlicher oder auch ein Verheirateter zunächst religiös praktizierte, eifrig und fromm war, aber als dann die Fäulnis der Unzucht in diesem Herzen sich ausbreitete, hat er alle religiöse Praxis aufgegeben und ist zum Götzendienst gekommen. Tatsächlich: Die Unzucht führt weg vom Dienste Gottes. Sie ist vielleicht die Hauptursache dafür, dass so viele unserer Jugendlichen nicht mehr beten, nicht mehr die Sakramente empfangen, nicht mehr zum Gottesdienst kommen. Der Unzucht hängt ein dämonisches Moment an.

Dazu kommen die sozialen Folgen der Unzucht. Wir lesen davon, dass durch Geschlechtskrankheiten immer mehr Menschen erkranken, manche tödlich erkranken durch Aids. Das ist ja jetzt die neue Seuche geworden. Diese Geschlechtskrankheiten können auch auf die nachkommende Generation sich auswirken und zur erblichen Belastung werden. Sie gefährden also die Nachkommenschaft. Durch Unzucht wird das Familienleben zerrüttet. Am Übermaß und am Missbrauch der geschlechtlichen Betätigung stirbt die Liebe! Achtung und Rücksicht, Schonung und Verzicht haben keine Stelle mehr. Wer sich dem Geschlechtstrieb überlässt, der kommt leicht zur Verrohung und zur Grausamkeit. Um zum Geschlechtsgenuß zu kommen, werden alle Regeln des Anstandes, der Treue, der Nächstenliebe über den Haufen geworfen.

Unsere Kirche kämpft gegen Unzucht, für Reinheit und Beherrschung. Sie kämpft fast allein. Die anderen Religionsgemeinschaften verlassen sie mehr oder weniger. Es ist das Ruhmesblatt unserer Kirche, dass sie in einer Welt der Verderbnis die Gebote Gottes über der geschlechtlichen Sittlichkeit hochhält. Der Staat, ach, der Staat verlässt uns. Er hat immer mehr abgebaut die Gesetze, die die geschlechtliche Sittlichkeit schützen sollten, vor allem seit der sozial-liberalen Koalition. Dann hat das Unheil sich weitergefressen. Der Staat hat sich aus der Bestrafung der Unkeuschheit zurückgezogen. Die so genannten Volksvertreter haben eine Gesetzgebung geschaffen, die es ihnen, jedenfalls vielen von ihnen, gestattet, die gottgesetzte Ordnung der Sittlichkeit ungestraft zu übertreten. Sie haben den Ehebruch freigegeben, sie haben die Ehescheidung freigegeben, sie haben die Homosexualität freigegeben, sie haben homosexuelle Partnerschaften anerkannt. Der Staat lehrt die Kinder, wie man die Folgen geschlechtlicher Betätigung vermeiden kann. Er lehrt sie, wie man die Kondome gebraucht. Das wird heute in der Schule gelehrt.

Der Apostel Paulus ruft uns heute zu: „Einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht. Wandelt als Kinder des Lichtes!“ Was in der Taufe strahlend begann, das muss im Leben des Alltags kräftig betätigt werden. Eine neue Welt ist in dem entstanden, der das Taufbad hinter sich gebracht hat, eine neue Welt, in der die Schöpfungsordnung Gottes vollauf beachtet wird, in der der rechte Sinn der geschlechtlichen Betätigung erfüllt wird. Und so höre ich, meine lieben Freunde, heute die Mahnungen: Habe Ehrfurcht vor die selbst! Mißbrauche nicht die Kräfte, die Gott dir zu hohen Zwecken gegeben hat! Wünsche nie etwas, was durch Mauern oder Vorhänge verborgen werden muss! Bete: Durchglühe mein Herz und meine Nieren mit dem Feuer des Heiligen Geistes, auf dass wir keuschen Leibes dir dienen und mit reinem Herzen dir gefallen! Ich höre den Ruf der Engel und der Heiligen: Hüte das Edelweiß auf den Bergen! Pflege die Lilie in den Tälern!

Amen.

 

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Von Sünde, Schuld und Gericht

02.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Nachdem der verlorene Sohn die Becher ausgetrunken und alle sieben Hauptsünden kennengelernt hatte, erhoben seine Kumpane den Stock und prügelten ihn davon. So geht es zu im Wirtshaus der Welt. Wenn einer alles genossen hat und fertig ist, wie man so sagt, dann ruft der Wirt nach dem Hausknecht und lässt den fertigen Gast hinaussetzen. Es könnte nämlich sein, dass neue Gäste kommen und, an seinem Beispiel erschreckend, sehen, wohin die Trunksucht führen kann, und das darf nicht vorkommen. Der Betrieb muss weitergehen.

Aber der verlorene Sohn war schuldig geworden. Während er den Vater verließ, um alles zu gewinnen, hat er alles verloren. Schuld verlangt Gericht oder Gnade. Es ist nicht gleichgültig, was der Mensch tut, Gutes oder Böses. Er hat die wunderbare Gabe, zu wählen, zu wählen zwischen dem Guten und dem Bösen. Er hat die freie Entscheidung, das Rechte oder das Unrechte zu tun. Aber er hat nicht mehr die Freiheit, sich von seinen Taten oder Untaten zu trennen. Sie folgen ihm nach. Und jede Tat trägt in sich den Keim des Gerichtes. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass sich zur Strafe wird jeder ungeordnete Geist.“  Das prägt sich in seine Seele ein und auch in sein Gesicht. Eine alte Volksweisheit hat das ausgedrückt in dem Vers: „In deinem Gesichte steht deine Geschichte, dein Hassen und Lieben deutlich geschrieben.“

In einem berühmten Roman eines englischen Schriftstellers wird erzählt von einem jungen Mann, der sich ein Bild malen ließ, und diesem Bilde wohnte eine Zauberkraft inne. Es konnte nämlich alle Veränderungen, die in seinem eigenen Leben auftreten würden, in sich aufnehmen. Der junge Mann verfiel dem Laster, der Ausschweifung, dem Verbrechen. Sein körperliches Antlitz blieb jugendlich, frisch und rein, aber auf seinem gemalten Bildnis wurden alle diese Veränderungen, die sich in seiner Seele in seinem Leben zugetragen hatten, sichtbar. Entsetzliche Veränderungen entstellten dieses gemalte Bild, verzerrten die einstige Schönheit. Der junge Mann verbarg das Bild vor fremden Blicken und betrachtete es nur selten. Wenn er es ansah, erschrak er, denn sein wahres, vom Laster zerstörtes Antlitz wurde auf dem Bilde sichtbar, blickte ihn an als sein eigener Richter, dem er zu entfliehen trachtete, zu dem ihn aber eine unentrinnbare Macht immer wieder zurücktrieb. Ein grauenvoller Haß gegen das Bild wuchs in ihm. Eines Tages zog er den Dolch und durchbohrte es, und blutüberströmt brach er zusammen, denn das Bildnis war er selbst. Er hatte sich selbst gerichtet. Das ist der berühmte Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ von Oscar Wilde. Ein Roman, also erdichtet. Aber, meine Freunde, das Leben erzählt genau so. Wo hört die Sünde auf? Wo gibt es Umkehr?

In einer Schweizer Zeitung war vor einiger Zeit zu lesen: An den Ufern der Seine in Paris fand man die Leiche einer 29-jährigen Frau, Louise Cranson. Im Alter von 18 Jahren war Louise nach Paris gekommen, schön und stolz, ehrgeizig und eigensinnig, eine moderne Mona Lisa mit zweideutig lächelndem Munde. Sie mischte sich unter die Figuranten in den Musikhallen, unter die Statistinnen beim Film. Dann entdeckten sie die Maler. Sie verewigten ihre Gesichtszüge und ihren Körper, jeder auf seine Weise. Aus der Unbekannten wurde das berühmteste und gesuchteste Pariser Modell, Lise vom Montparnass. Lise liebte es, fröhlich zu sein, auszugehen, zu lachen, zu tanzen, zu trinken und zu diskutieren. Nachdem sie den Gipfel erreicht hatte, begann der Abstieg. Sie trank eines Abend zu viel. Es begann ihr an materiellen Mitteln zu fehlen. Sie, die als erste die Bücher von Sartre gelesen hatte, war zu alt, um vom Juniorenclub  der Existentialisten aufgenommen zu werden. Sie versuchte ihre Schwierigkeiten zu verbergen. Sie suchte Trost im Alkohol und im Rauschgift. Nun fand man ihre Leiche. Sie hinterließ ein fünfjähriges Mädchen. Das ist keine erdichtete Geschichte, meine lieben Freunde, das ist eine Geschichte, die das Leben geschrieben hat, und sie lehrt uns Schuld, immer tiefere Schuld, zuletzt Gericht ohne Gnade. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“

Es ist nicht gleichgültig, ob wir Gutes tun oder Böses. Die Sünde ist eine furchtbare Wirklichkeit des inneren Lebens. Wenn sie nicht abgefangen wird, wächst sie. Aus kleinen Sünden werden große, aus großen Sünden wird das Laster. Die Sünde trägt ihre Folgen in sich. Es müssen nicht immer Folgen für das äußere Leben sein, obwohl sie sehr häufig sind. Es müssen nicht immer Lebenskatastrophen sein, obwohl sie vorkommen. Auch die Folgen der Sünde für das innere, seelische Leben sind zerstörend. Die Sünde macht die Seele hart, unempfänglich für das Gute, unempfänglich für die Gnade Gottes. Sie fesselt den Sünder. In einem Faustfragment von Lessing sagt Faust: „Es gibt keinen Gott. Wenn es einen Gott gäbe, könnte er nicht zuschauen und mich weiter sündigen lassen.“ Da vernahm er eine Stimme, die sprach: „Gerade dass ich dich sündigen lasse, ist deine Strafe.“ Gerade dass ich dich sündigen lasse, ist deine Strafe. Das ist das schlimmste Gericht über die Sünde, dass Gott den Sünder sich selbst überlässt. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“

Vor einiger Zeit wurde vor einem Landgericht ein Prozeß geführt. Eine Frau klagte gegen die Witwe eines Mannes. Und warum? Der Herr, ein wohlhabender Herr, hatte eine Schiffsreise gemacht. Auf dem Traumschiff lernte er eine entzückende Frau kennen. Er drang in sie, dass sie sich ihm schenke. Er hat auf den Knien vor ihr gelegen. Aber sie verweigerte sich ihm. Dann sprach er: „Ich lasse mich scheiden und heirate Sie.“ Dann hat sie sich ihm hingegeben. Als die Schiffsreise vorbei war, hat der Mann Gewissensbisse bekommen. Er wollte sich nicht von seiner Frau trennen. Aber seine Geliebte verfolgte ihn und erinnerte ihn an sein Versprechen. Sie trafen sich in Hotelzimmern. Schließlich, ein Getriebener und Gehetzter, starb der Mann an zerbrochenem Herzen. Jetzt klagte die Geliebte gegen die Witwe auf Schadensersatz. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“ Gott will seine Feinde nach Gerechtigkeit und Schuld strafen. Deswegen überlässt er sie ihren jeweiligen Gelüsten, auf dass sie, ihren Begierden hingegeben, im Übermaß der Freiheit sch selbst zugrunde richten.

Noch einmal Oscar Wilde. Er schrieb einmal eine Vision nieder, die das Gericht Gottes über die Menschenseele spiegeln sollte. Die Seele erscheint vor dem Richterstuhl des Herrn. „Ich muss dich verurteilen“, spricht Gott. „Du hast die anderen ausgebeutet, die Mitmenschen verachtet, die Eltern gekränkt, fremde Habe dir angeeignet.“ „Ja, Herr, das alles habe ich getan.“ „Du hast deine Sinne und Triebe herrschen lassen, bist blind deinen Leidenschaften gefolgt, hast dir alle Lust der Erde gegönnt.“ „Ja, Herr, das alles habe ich getan.“ „Ich muss dich also verurteilen.“ „Ja, Herr, das musst du.“ „Ich muss dich verstoßen zur Hölle!“ „Herr, das ist nicht möglich; mein Herr, das kannst du nicht tun. In der Hölle bin ich schon gewesen!“

Der Mensch, der in der Todsünde lebt, befindet sich im Zustand der Verdammnis. Der Sünder hat keinen Frieden, sondern er lebt in der Unruhe. Er ist nicht mit sich geeint, denn er ist zerrissen. Der Apostel Paulus drückt es so aus: „Wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleische Verderben ernten. Wer aber auf den Geist sät, wird vom Geiste ewiges Leben ernten.“ Gott weiß die Sünde so einzufügen, dass gerade das, was dem Menschen beim Sündigen Genuß verschafft, ein Werkzeug der Bestrafung wird. Sünde fordert Strafe. Wer in verkehrter Weise durch Sünde Unordnung anrichtet, wird durch die Strafe wieder in die Ordnung eingerückt. Einem jeden Menschen erwächst die Züchtigung aus seiner eigenen Sünde, und sein eigenes Vergehen schlägt auf ihn zurück. „Du hast es befohlen, o Gott, und so ist es, dass seine Strafe sich wird jeder ungeordnete Geist.“

Fastenzeit ist Bußzeit, meine lieben Freunde. Buße tun heißt sich bekehren und Genugtuung leisten für die Schuld. Sich bekehren besagt, eine Wende vornehmen, umkehren auf einem irrigen, auf einem falschen Wege, das Gegenteil von Sünde tun, also gute Werke vollbringen, Gottesliebe und Nächstenliebe üben, beten, fasten, Almosen geben. Es gibt Christen, die in der Fastenzeit jeden Tag die heilige Messe besuchen. Verzeihen, Feindschaften abbauen, Frieden halten, Hilfe leisten, das sollen wir tun als Zeichen unserer Bekehrung. Und gleichzeitig auch Genugtuung leisten. Das heißt, dass wir uns Strafen auferlegen: Enthaltung von Speisen, Verzicht auf Genüsse des Gaumens, Verzicht auf Alkohol, Verzicht auf Rauchen, Verzicht auf Fernsehen. Der neue Erzbischof von München, Marx, hat erklärt, dass er in der Fastenzeit auf das Rauchen verzichte. Nun, immerhin, für einen Raucher ein recht ansehnliches Opfer. Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich. Wir haben zwei Möglichkeiten: entweder uns selbst zu schonen, dann schont Gott uns nicht, oder uns selbst nicht zu schonen, dann schont uns Gott. „Willst du, dass Gott dich schone, so schone dich selbst nicht“, schreibt einmal der heilige Augustinus.

Schwebt nicht eine Wolke der Angst über unserer Welt? Diese Angst ist nicht von den Sternen herabgestiegen, sie ist aus den Herzen der Menschen aufgestiegen. Es ist die Angst vor dem Gericht, das wir heraufbeschworen haben. Das Heil vor dem Gericht müssen wir in uns selbst suchen. Jetzt ist der Tag des Heiles, jetzt ist der Tag der Umkehr. Jetzt müssen wir flehen: „Richter du gerechter Rache, Nachsicht üb’ in meiner Sache, eh ich zum Gericht erwache!“

Amen.

 

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„Warum glaubt ihr mir nicht?“

09.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Passionssonntag ist heute. Das heißt, wir beginnen mit ihm die Zeit des Kirchenjahres, die in besonderer Weise dem Gedächtnis des Erlöserleidens geweiht ist. Die Kirche trauert. Sie hat den Witwenschleier angelegt, das Kreuz ist verhüllt. Unser Blick soll ganz nach inner gerichtet sein auf unseren Erlöser und auf seinen Leidensweg, er, der jetzt als Lamm Gottes, als das Sühnopfer Gottes den Weg nach Golgotha nimmt. Und so tritt das Kreuz stark in unser inneres Bewusstsein. Es ist das Königsbanner, vexilla regis. „Die Königsbanner flattern voran“, so heißt es in einem wunderbaren Hymnus; und es ist der Baum der Erlösung. Ich lade Sie immer wieder ein, meine Freunde, in dieser Passionszeit das zu betrachten, was uns besonders nahe steht, nämlich das Kreuz. In der Präfation der Passionszeit heißt es: „Der am Holze gesiegt hat, (nämlich der Satan im Paradiese), der sollte auch am Holze besiegt werden“ (nämlich durch Jesus und sein bitteres Leiden). Am Holze ist Satan Sieger gewesen, am Holze hat Christus ihn besiegt.

Wir sehen den Erlöser, wie er den Weg zum Kreuze nimmt. Aber ehe die Kirche ihn uns zeigt, wie er wehrlos seinen Feinden ausgeliefert wird, bringt sie uns noch einmal zu Bewußtsein, wer das ist, der hier leidet. Ein Gerechter ist es, ein Gerechter, der unschuldig in den Tod geht, der Hohepriester des Neuen Bundes, der ewige Gottessohn. Im Eingangsgebet der heutigen Messe heißt es mit den Worten des 42. Psalms: „Schaff Recht mit Gott gegen ein unheiliges Volk. Entscheide meinen Rechtsstreit wider meine Feinde.“ Und die Epistel schildert uns den Hohenpriester: Nicht mit dem Blut von Böcken und Stieren, wie im Alten Bunde, trete er in das Zelt des Allerheiligsten ein, sondern mit seinem eigenen Blut als makelloses Opfer des Neuen Bundes. Und im Evangelium, da offenbart sich der Herr noch einmal selber: „Wer aus euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ Antwort: Niemand! Und: „Ehe Abraham ward, bin Ich!“ Damit ist seine Ewigkeit als der Sohn Gottes ausgesagt. Opfergabe und Priester zugleich, das ist der Herr, das ist das Thema der Passionszeit.

Die Worte des Evangeliums künden uns auch die Auseinandersetzung des Herrn mit den Juden. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Das ist die Frage, die er an sie richtet. Sie hätten doch allen Anlaß gehabt zu glauben. Niemals ist ein Zeuge so beglaubigt worden wie er. In ihm sind die Verheißungen der Propheten in Erfüllung gegangen. Er hat Wunder gewirkt, die kein Mensch wirken kann. Seine Lehre ist von erhabener Vollkommenheit; sein Wandel ist von äußerster Reinheit; sein sittliches Leben ist makellos. „Wer von euch kann mich einer Sünde beschuldigen?“ Niemals hat ein Bote solche Zeugnisse aufweisen können wie unser Herr und Heiland. Und doch stößt er auf eine Mauer des Unglaubens. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Das ist die Schicksalsfrage, die der Messias an die verblendeten Führer seines Volkes richtet. Die Antwort gibt der Herr selber: „Weil ihr nicht aus Gott seid.“ Sie glauben nicht, weil sie nicht glauben wollen. Sie verharren in ihren menschlichen Lehren, in ihren Wünschen, in ihren Ansprüchen, in ihrem Dünkel. Sie wollen sich nicht vom Throne stoßen lassen durch die Wahrheit. Sie wissen, dass im Gottesreiche kein Raum ist für Pharisäer. Deswegen darf seine Lehre nicht wahr sein, deswegen greifen sie zum letzten und niedrigsten Mittel: sie beschimpfen ihn. Sie heben Steine auf, um ihn zu töten.

„Warum glaubt ihr mir nicht?“ Diese Frage, meine Freunde, ist stehen geblieben. Sie ist die Frage, die Christus an alle Zeiten richtet: „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Am Glauben hängt alles, und ohne Glauben ist alles nichts. „Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen, denn wer Gott naht, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter wird.“ So fasst der Hebräerbrief den Inhalt des Glaubens zusammen: „Er muss glauben, dass Gott ist und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.“ An einer anderen Stelle heißt es: „Nur wenn wir glauben, gehen wir in die Ruhe ein.“ Und wieder an einer anderen Stelle: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube.“

Wenn auch die äußeren Verhältnisse heute andere sind als zur Zeit Jesu, das Menschenherz hat sich nicht geändert. Immer aufs neue wiederholt sich, was der Apostel Johannes schrieb: „Das Licht leuchtete in der Finsternis, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“ Das Licht leuchtete in der Finsternis, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. So schreibt der Apostel Johannes vor 2000 Jahren. Und in unserer Zeit hat ein englischer Schriftsteller, Bruce Marshall, sich in einem Roman ähnlich ausgedrückt. Da unterhalten sich ein Geistlicher und ein anderer über die Glaubensunwilligkeit des Menschen. Es werden Gedanken ausgetauscht zwischen ihnen, aber schließlich sagt der Geistliche zu dem Gegenüber: „Die Menschen glauben nicht, weil sie sich nicht wollen in ihren Vergnügungen stören lassen.“ O wie recht hat er! Sie glauben nicht, weil sie sich nicht wollen in ihren Vergnügungen stören lassen.

Der Glaube ist eine Gnade, aber er ist auch zugleich eine Tugend, ein Werk des Willens. Fast stets entspringt der Unglaube nicht dem Verstande, sondern dem Willen, dem Herzen. Da hat er seinen Ursprung. Der Menschengeist, der viele Geheimnisse der Natur durchforscht hat, will sich nicht beugen vor jenen Wahrheiten, die immer ein Geheimnis bleiben. Man ruft, meine lieben Freunde, die Wissenschaft an, eine Scheinrechtfertigung für den Unglauben. Man missbraucht die Wissenschaft zu diesem Zweck. Man spricht davon, dass die Wissenschaft, die Naturwissenschaft, gegen den Glauben stehe. Selbstverständlich gibt es ungläubige Wissenschaftler, aber es gibt ebenso viele gläubige. Ich hatte in meiner Schulzeit zwei Lehrer in Physik, also in Naturwissenschaft. Der eine war untüchtig, er war Atheist. Der andere war tüchtig, er war jeden Sonntag um 8 Uhr in der heiligen Messe. So also sieht es mit dem Glauben und mit dem Unglauben der Wissenschaftler aus. Es ist lächerlich, die Wissenschaft für den Unglauben in Anspruch zu nehmen. Der Glaube ist nicht wider die Vernunft, er ist über der Vernunft. Er klärt uns das, was die Wissenschaft nicht klären kann. Wer glaubt, braucht nicht der Wissenschaft den Abschied zu geben, er schreitet vielmehr weiter in Gefilde, die der Wissenschaft nicht zugänglich sind. Der Glaube ist nicht dagegen, er ist darüber. Glaube ist dem Wesen nach die Annahme einer Wahrheit, die unsere Vernunft nicht erreichen kann, einfach auf das Zeugnis hin. Noch einmal der Hebräerbrief: „Der Glaube ist das feste Vertrauen auf das, was man erhofft, das Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.“ Der Glaube ist das feste Vertrauen auf das, was man erhofft, das Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.

In der letzten Zeit wird häufig die Evolutionstheorie, die Entwicklungstheorie gegen den Glauben angeführt. Es gebe eine Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen über verschiedene Stufen in überaus langen Zeiten. Im Laufe von Jahrmillionen habe sich das Leben von einfachsten Formen über zahllose Zwischenstadien zu der heutigen Höhe emporgeschwungen, und deswegen sei die Lehre von der Schöpfung überholt. Es brauche keinen Gott, um das Leben und seine Entwicklung zu erklären. Ich gebe darauf eine doppelte Antwort: 1. Der Beweis für die behauptete Entwicklung fehlt. Niemand hat erlebt, wie eine Art aus der anderen hervorginge. Die behauptete Entwicklung beruht nur auf Rückschlüssen aus fragmentarischen Funden. Diese Rückschlüsse gehen außerordentlich weit auseinander. Was der eine Forscher vor 5 Millionen Jahren verlegt, für das braucht der andere 7 Millionen. Die Gelehrten sind sich nicht einig; und wo sie einig sind, spricht der eine dem anderen nach. Der Konsens der Gelehrten ist kein Beweis für die Wahrheit. Wir wissen, wie solche Einigkeiten zustande kommen. 2. Selbst angenommen, es habe eine solche Entwicklung gegeben, dadurch wird Gott nicht überflüssig. Es muss doch erst einmal etwas da sein, was sich entwickeln kann. Es muss eine Wirklichkeit geben, die etwas aus dem Nichts schafft, das sich dann entwickeln kann. Es muss eine übermächtige, unendlich mächtige Wirklichkeit geben, die aus dem Nichts etwas hervorbringt. Wir nennen sie Gott. Es muss auch jemand leben, der die Entwicklung lenkt. Die Gesetze entstehen ja nicht von selbst. Von selbst entsteht überhaupt nichts. Es muss jemand da sein, der diese Gesetze gibt. Es muss einen Gesetzgeber geben. Wir nennen ihn Gott. Die Entwicklungstheorie, meine lieben Freunde, die ich schon als Kind in der Schule gelernt habe, zerstört nicht den Glauben, sie bestätigt ihn. Die Vernunft steht nicht wider den Glauben, sie ist über dem Glauben. Und deswegen kann man auch die Vernunft nicht anrufen gegen den Glauben.

Der zweite Grund, warum die Menschen nicht glauben, liegt in ihren unbeherrschten Trieben und Begierden. Sie wollen nicht Wahrheiten annehmen, die ihnen schwere Pflichten auferlegen. Die Selbstüberwindung, der beharrliche Kampf, das Opfer, das wollen sie fliehen, und deswegen nehmen sie den Glauben nicht an. Jeder echte Glaube muss die Wiedergeburt des Lebens bewirken. Und davor versuchen sich die Menschen zu drücken. Sie leben weiter in ihrer Fäulnis, in ihrem Schlamme; sie wollen nicht ablassen von ihren Begierden und Leidenschaften. Die Welt will weiter in ihren Vergnügungen bleiben, die gegen die Religion gerichtet sind. Der unvergessliche Münchener Erzbischof Faulhaber hat einmal den schönen Satz geschrieben: „Wenn das Einmaleins und der pythagoräische Lehrsatz die gleichen Forderungen an das sittliche Leben stellten wie die Artikel des Glaubensbekenntnisses, sie würden ebenso ungläubig wie diese aufgenommen werden.“ Wie wahr! Wenn das Einmaleins und der pythagoräische Lehrsatz die gleichen Forderungen an das sittliche Leben stellten wie die Artikel des Glaubensbekenntnisses, sie würden ebenso ungläubig wie diese aufgenommen werden. Schon die edlen Denker des Heidentums wussten um den Zusammenhang von Unglauben und Unsittlichkeit. Cicero schreibt einmal: „Viele denken schlecht von den Göttern, das bewirken ihre schlechten Sitten.“ Und der große Plato hat den schönen Satz geschrieben: „Wer ungerecht ist, ist immer Gott feind. Der Gerechte kommt leicht mit ihm zurecht.“

Der häufigste Grund, weshalb Gläubige vom Glauben lassen, ist der Aufstand gegen die geschlechtliche Sittlichkeit. „Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre!“ Dieses Wort des heiligen Augustinus hat bis heute seine Gültigkeit behalten. Die Welt wäre nicht ungläubig, wenn sie nicht unkeusch wäre! Wir dürfen die Religion nicht nach unseren sittlichen Maßstäben formen. Wir dürfen sie nicht nach unserem sittlichen oder unsittlichen Verhalten formen, sondern wir müssen unser sittliches Verhalten nach der Religion formen. Und wenn wir daran schuldig werden, dann müssen wir eben bereuen. Aber wir dürfen nicht die sittlichen Normen nach unserem Versagen formen wollen.

„Warum glaubt ihr mir nicht?“ fragt der Herr, fragt er die Juden seiner Zeit, fragt er auch unser Volk, fragt er auch uns heute. „Warum glaubt ihr mir nicht?“ Am Glauben hängt alles, meine lieben Freunde. Ohne Glauben ist alles nichts. Unser Glaube muss vollständig sein, keine Abstriche, keine Verkürzungen. Nein, keine Auswahl; ganz integral muss der Glaube sein. Unser Glaube muss fest sein, unerschütterlich, wahrhaftig, ohne Schwanken, ohne Zweifel. Und unser Glaube muss lebendig sein. Er muss Taten aufweisen. Wenn man nämlich das tut, was der Glaube sagt, dann wird man auch inne, dass er stimmt. Taten der Gottesliebe, Taten der Nächstenliebe befestigen unseren Glauben. Beten wir um die Kraft, zu glauben, für uns und für unsere ungläubigen Mitmenschen. Wir wollen nicht über sie richten. Wir wollen sie bedauern. Es muss uns schmerzen, dass sie den Glauben nicht finden, dass sie ihn noch nicht gefunden haben. Beten wir für die, denen der Herr heute die Frage entgegenhalten muss: „Warum glaubt ihr mir nicht?“

Beten wir für sie, dass sie die Kraft und den Mut zum Glauben finden, denn dazu braucht es Kraft und Mut. Beten wir, dass der Herr sich nicht vor ihnen verbirgt, wie er sich vor seinen Feinden verborgen hat, sondern dass er sich ihnen mit seiner Wahrheit und mit seiner Gnade offenbart, dass er Wohnung in ihnen nimmt und dass sich an ihnen erfüllt das Wort: „Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“

Amen.

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Die Ausreden der Leugner des Ostergeschehens

24.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der Unglaube ist um Ausreden nicht verlegen. Er versteckt sich hinter unverständlichen Ausdrücken und hinter harmlos klingenden Ausreden. So erklärt er, die Auferstehung Jesu sei nicht eine historische, sondern eine metahistorische Wirklichkeit. Ich habe alle Lexika, die mir zur Verfügung stehen, durchgesehen, um zu finden, ob dort das Wort „metahistorisch“ enthalten ist. In keinem einzigen Lexikon taucht das Wort auf. Soviel aber ist sicher: Diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen, wollen damit die Historizität, also die Geschichtlichkeit der Auferstehung Jesu bestreiten. Nicht eine historische, sondern eine „metahistorische“ Wirklichkeit sei sie.

Der Unglaube erklärt weiter, die Auferstehung Jesu sei nicht ein Ereignis, sondern ein Interpretament. Was ist denn das wieder? Ein Interpretament ist eine Erklärung. Man habe die Auferstehung erfunden, um damit etwas anderes zu erklären. Was denn? Dass die Sache Jesu weitergeht. Also hier soll erklärt werden, wie die Sache Jesu weitergeht, obwohl er tatsächlich nicht auferstanden ist! Das ist der Sinn, wenn man sagt, die Auferstehung Jesu sei ein Interpretament. Meine lieben Freunde, ich habe diese ungläubigen Bücher gelesen, damit Sie sie nicht zu lesen brauchen, und um Ihnen die Sicherheit zu geben, wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen: „Auferstanden von den Toten am dritten Tage.“

„Die Sache Jesu geht weiter.“ Ja meinen Sie, die Sache Jesu wäre weitergegangen, wenn er im Tode geblieben wäre? Kein Mensch hätte sich um die Sache Jesu geschert, wenn er im Grabe verblieben wäre. Wie soll denn die Sache Jesu weitergehen, da sie doch am Karfreitag zu Ende gegangen ist? Der Karfreitag ist doch das Fiasko der Sache Jesu. Kein Mensch hätte sich auf die Sache Jesu eingelassen, kein Finger wäre für ihn gerührt worden, wenn er nicht aus dem Grabe erstanden wäre. Die Verleugnung des Petrus, die Flucht der Jünger, der Emmausgang der beiden Jünger, alles das bezeugt, wie niedergeschlagen und wie trostlos die Jünger waren, dass die Sache Jesu eben nicht weiterging. Nein, es muss etwas geschehen sein, damit sie weiterging, und das ist die Auferstehung Jesu; das ist die Auferstehung gemäß der Schrift. Das ist die Auferstehung, die wirklich und leibhaftig geschehen ist und von der die Apostel sagen: „Wir haben mit ihm gegessen und getrunken nach seiner Auferstehung.“ Sie berufen sich nicht auf eine Vision, sie berufen sich auf die Tischgemeinschaft mit dem Auferstandenen. Das ist die Wirklichkeit der Auferstehung.

Wir stehen deswegen unverbrüchlich zu dem, was 2000 Jahre lang geglaubt worden ist, und zwar so, wie es dasteht. Wir freuen uns, den Glauben bekennen zu dürfen, den die Apostel mit ihrem Blute besiegelt haben. Da höre ich einen Einwand, nämlich: Auch andere, sagt man, auch andere sind für eine Idee, für eine Ideologie, für eine Weltanschauung gestorben. Ohne Zweifel. Aber das ist es ja gerade, das ist ja gerade der Unterschied: Die Jünger sterben nicht für eine Ideologie, sie sterben für eine Tatsache. Und sie sind für eine Tatsache in den Tod gegangen, die sie nicht vom Hörensagen kannten, sondern die sie selbst erlebt haben. Das ist der Unterschied. Und deswegen berufen sie sich vor dem Hohen Rate nicht auf eine Lehre, sondern auf eine Tatsache. „Wir können nicht aufhören zu reden von dem, was wir gesehen und gehört haben.“ Eine Tatsache. Der heilige Irenäus, Bischof von Lyon im 2. Jahrhundert, also 1800 Jahre näher heran am Tode und an der Auferstehung Jesu, hat ein Buch geschrieben: „Gegen die Häresien“. In dem 5. Buche der „Häresien“ kommt er dann auf die Auferstehung Jesu zu sprechen, und er wird nicht müde, herauszustellen, dass derjenige, der aufersteht, derselbe ist wie der, der am Kreuze gehangen hat. Ja, es ist dasselbe Fleisch, sagt er, das wir nach der Auferstehung berührt sehen wie das, was er während seines irdischen Wandels getragen hat. Und so kann Jesus zu Thomas sagen: „Reich deinen Finger her und sieh meine Hände, leg deine Hand in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“

Der Unglaube, meine Freunde, kennt noch einen anderen Trick, um sich zu verbergen. Er spricht von dem historischen vorösterlichen Jesus und dem nicht historischen nachösterlichen Christus. Der Jesus, der vor Ostern gelebt hat, ist historisch, aber der Jesus, der nach Ostern angeblich gelebt hat, der sei nicht historisch. Das heißt, er ist ein Produkt der Gemeindetheologie, ein Phantasieprodukt der Jünger. Ostern bedeutet nach dieser Meinung einen Einschnitt zwischen Geschichte und Nachgeschichte. Und das ist ganz falsch. Der Einschnitt liegt nämlich nicht zwischen Karfreitag und Ostern, der Einschnitt liegt zwischen dem ersten Auftreten Jesu am Jordan und der Himmelfahrt. Was nach der Himmelfahrt kommt, das ist nicht mehr Geschichte, das ist Ewigkeit. Aber alles, was vor der Himmelfahrt liegt, das ist Geschichte. So verstehen die Jünger, so verstehen die Apostel, so verstehen die Evangelisten das Leben Jesu. Petrus verlangt nämlich von dem neu zu erwählenden Apostel, dass er Zeuge sein muss von allem, was Jesus getan hat von der Taufe des Johannes, „bis er von uns weg aufgenommen wurde“. Also der Einschnitt liegt nach der Himmelfahrt. Und ebenso ist es im Evangelium des heiligen Lukas. Er will in seinem Evangelium sprechen von all dem, was Jesus von Anfang an tat bis zu dem Tage, an dem er von uns aus in den Himmel aufgenommen wurde. Das heißt, die Geschichte, die Geschichte Jesu reicht vom Auftreten am Jordan bis zum Tag der Himmelfahrt. Und die Auferstehung gehört in diese Geschichte hinein; sie ist ein Bestandteil dieser Geschichte. Sie gehört zum historischen Jesus und nicht zum nachösterlichen. Die Sache Jesu geht weiter, gewiß. Aber nur weil der, der sie angefangen hat, nach seinem Tode wieder lebendig geworden ist und diese Sache vorantreiben konnte.

Warum, meine lieben Freunde, ereifere ich mich, um die Irrlehren über die Auferstehung Jesu zurückzuweisen? Weil an der Auferstehung buchstäblich alles hängt! Das ganze Christentum ist auf die Auferstehung aufgebaut. „Wäre Christus nicht auferstanden“, sagt der Apostel Paulus, „dann sind wir noch in unseren Sünden, dann sind wir falsche Zeugen.“ Aber weil er auferstanden ist, deswegen sind wir erlöst. Getrost, jetzt sind wir erlöst durch die Auferstehung Jesu. Jetzt haben wir Zuversicht auf das ewige Leben. Freilich hindert das nicht, dass wir österlichen Menschen auch jetzt noch das Leiden Christi an unserem Leibe herumtragen müssen. Von Jesus gilt das ja auch: „Mußte er nicht alles das leiden, um so in seiner Herrlichkeit einzugehen?“ Und sagt nicht Paulus: „Allezeit tragen wir das Todesleiden Jesu an unserem Leibe herum, damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe sichtbar werde“? Also, das Leiden, das Mit-Leiden mit Jesus wird auch uns österlichen Menschen nicht abgenommen. Wir gehen als österliche Menschen durch die Welt, aber das hindert nicht, dass wir auch am Leiden Jesu Anteil gewinnen müssen. Anders kann man nicht in die Herrlichkeit, die Christus uns bereitet hat, eingehen. Wir singen an Ostern: „Christus erstand wahrhaft vom Tod.“ Aber wir fügen gleich hinzu: „Du Sieger, du König, sieh unsere Not!“ Die Ewigkeit hat mit der Auferstehung Jesu begonnen. Er ist der Erstling der Entschlafenen, und das ist eben der Anfang der Ewigkeit. Die große Auferstehung am Jüngsten Tage nimmt ihren Anfang mit Jesus. Die anderen kommen später dran. Aber sie werden so gewiß auferstehen, wie Jesus vom Tode erweckt wurde. Die Ewigkeit hat bereits begonnen, aber auch das Gericht. Auch das Gericht hat bereits begonnen. Das ist das Gericht, dass Christus in die Welt kam und dass die Welt ihn nicht annahm. „Wer nicht glaubt, der ist schon gerichtet.“

Die Auferstehung Jesu gibt dem ganzen Leben Jesu einen besonderen Sinn. Alles in seinem Leben konvergiert auf die Auferstehung Jesu. Alle Wunder erfüllen ihre Bedeutung, indem sie auf die Auferstehung Jesu hinweisen. Das Wunder der Brotvermehrung zeigt, dass es einmal eine Wirklichkeit geben wird, in der aller Hunger verbannt ist. Das Wandeln auf dem See zeigt, dass der Leib Jesu nicht mehr an die Gesetze der Schwerkraft gebunden ist. Und das Verwandlungswunder zeigt, dass der Leib einmal in Unverweslichkeit verwandelt werden wird. „Dieses Verwesliche“, sagt Paulus, „muss die Unverweslichkeit anziehen.“ Wir dürfen also ausschauen auf die Ewigkeit. Wir dürfen unsere große Hoffnung auf die Auferstehung Jesu setzen, dürfen freilich auch nicht vor unserer Verantwortung in dieser Zeit fliehen. Diese Zeit ist ein Provisorium. Wir sind auf das Definitivum, auf das Endgültige hin unterwegs. Aber in diesem Provisorium fällt die Entscheidung für das Definitivum. In dieser Zeit müssen wir das bewirken, was uns vor dem ewigen Tode rettet.

Theologie der Hoffnung wird heute großgeschrieben, und warum nicht? Wir haben eine solche Theologie der Hoffnung. Christus hat sie uns geschenkt mit seiner Auferstehung. Einer der führenden sowjetischen Literaturwissenschaftler hat vor einiger Zeit in einem Artikel geschrieben, er sei besorgt um die Zukunft seiner, nämlich der kommunistischen Weltanschauung. Die Nacht breche herein, die Nacht der heraufkommenden Christentums. Was er fürchtet, ist unsere Hoffnung. Die Nacht, vor der bangt, ist die Osternacht, in der das Leben über den Tod gesiegt hat. Für uns Christen ist es schon Morgen geworden, und nun schreiten wir in der Tageshelle der Ewigkeit zu, hoffend, liebend und glaubend, wie wir es jetzt gleich im Glaubensbekenntnis der heiligen Messe aussagen werden.

Amen.

 

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Der Sieg, der die Welt überwindet

30.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In der Epistel des heutigen Sonntags steht der Satz: „Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube.“ Von drei Dingen ist in diesem Satz die Rede: vom Glauben, von der Welt und vom Sieg des Glaubens über die Welt. Der Glaube, von dem hier die Rede ist, ist der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Wenn wir eine Ahnung davon gewinnen wollen, welche Kraft der Glaube besitzt, dann müssen wir uns das Beispiel der Apostel vor Augen führen, die in der Kraft dieses Glaubens hinausgingen in eine feindliche Welt, eine ganz kleine Schar in eine unermessliche, reiche Welt des römischen Imperiums, und die dort begannen, den Glauben zu verbreiten, getrieben von der Kraft des Heiligen Geistes, der in ihnen wirksam war. Sie haben das Wort des Herrn verstanden: „Gehet hin in alle Welt und kündigt das Evangelium allen Geschöpfen!“ Die Wurzel des Erfolges der jungen Kirche war der Glaube der Apostel. Sie haben den festen Punkt gefunden, von dem Archimedes, der große Physiker und Mathematiker des Altertums, einmal sagte: „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe die ganze Welt aus den Angeln.“ Archimedes ist ja der Erfinder des Hebelgesetzes. Diesen festen Punkt haben die Apostel gefunden: Es ist die Auferstehung Jesu. Es ist die leibhaftige Auferstehung unseres Herrn. „Wer ist es, der die Welt überwindet, wenn nicht der, der glaubet, dass Jesus der Sohn Gottes ist?“

Die Gottessohnschaft, meine Freunde, ist Kern und Stern der Botschaft, die wir auszurichten haben. Die Gottessohnschaft Jesu besagt: Jesus ist wahrer Gott und wesenhafter Gottessohn. Behutsam hat der Heiland die Jünger an diese Wahrheit herangeführt, an die Wahrheit seines göttlichen Ursprungs und seines gottmenschlichen Wesens. Bis Thomas demütig vor ihm niederfiel und sagte: „Mein Herr und mein Gott!“ Von diesem Augenblick an beginnt für die Jünger eine neue Welt, eine Welt, die nicht von dieser Erde stammt. Drei Jahre lang hatte sich der Herr um sie gemüht. Sie hatten mit ihm gegessen und getrunken, sie waren mit ihm gewandert, sie hatten seine Predigten gehört und seine Unterweisungen, sie hatten seine Wunder erlebt. Aber das alles war noch nicht genug, um den festen und unerschütterlichen Glauben an ihn zu begründen. Erst in der Auferstehung wurde das Tor weit aufgestoßen, das Tor, das aus dieser Welt in die Welt Gottes führt. Erst da haben sie ihn erkannt als den Eingeborenen vom Vater.

Die Kirche hat diese Lehre aufgenommen und tiefer zu durchdringen, mit philosophischen Kategorien zu erklären versucht. Sie hat im Konzil von Nizäa festgestellt: Jesus ist wahrhaftig der Gottmensch. Er besitzt eine göttliche und eine menschliche Natur, die in der göttlichen Person ihren Einheitspunkt findet. Die menschliche Natur ist in die Einheit und in die Herrschaft der göttlichen Person aufgenommen. Die göttliche Person wirkt in der menschlichen Natur und durch die menschliche Natur.

Das Verhältnis Jesu zum Vater im Himmel wird als Sohnschaft bezeichnet. Es ist eine wahre und wesenhafte Sohnschaft, nicht eine Adoptivsohnschaft. Wir sind ja in einem gewissen Sinn Adoptivkinder Gottes. Er hat uns durch die Erlösung zu Söhnen und Töchtern angenommen. Nicht so Christus. Er ist der wahre und wesenhafte Gottessohn, er besitzt eine natürliche Gottessohnschaft. „Gezeugt, nicht geschaffen“ bekennen wir im Glaubensbekenntnis. Es wird also zunächst einmal die Geschöpflichkeit abgelehnt. Jesus ist nicht ein Geschöpf, wie wir Geschöpfe sind, sondern er ist „gezeugt“. Das hat natürlich nichts zu tun mit Geschlechtlichkeit, denn die Geschlechtlichkeit ist von Gott unendlich weit entfernt. Gott ist kein geschlechtliches Wesen. Die Geschlechtlichkeit ist bei den Menschen und bei den Tieren angesiedelt, aber nicht bei Gott. Gott ist über alle Geschlechtlichkeit erhaben. Der Ausdruck „gezeugt“ soll nichts anderes ausdrücken, als dass Jesus wesenhaft mit dem Vater verbunden ist, dass er ihm wesensgleich ist. Das ist das entscheidende Wort: Er ist ihm wesensgleich. Er hat dasselbe Wesen wie der Vater. Das drückten die Menschen, die griechisch sprachen, mit dem Wort aus: homoousios. Homoousios, gleich wesentlich mit dem Vater.

Wir wissen, dass diese Aussagen das Wesen Christi nicht erschöpfen, denn es ist unerschöpflich. Keine menschliche Redeweise kann auch nur annähernd das wiedergeben, was Christus ist. Aber diese Aussagen geben etwas Richtiges, ja etwas Unaufgebbares wieder. Deswegen müssen wir an ihn festhalten. An der Gottessohnschaft Jesu, meine lieben Freunde, hängt buchstäblich alles, seine Lehre und unser Glaube, seine Machttaten und ihre Wirklichkeit, sein Erlöserleiden und unsere Befreiung. Nur als der Sohn Gottes ist Jesus der verbindliche Lehrer, ist er der Herr der Zeiten, ist er der Richter der Menschen. Weil er der Sohn Gottes ist, überragt er unendlich alle Religionsstifter, ob sie Buddha oder Mohammed heißen. Er ist in einem wahren Sinne konkurrenzlos.

Das ist unser Glaube. Es scheint aber, dass er nicht mehr von allen, die ihn verkünden sollen, geteilt wird. Soeben bezeichnete der Münsteraner Theologe Stefan Schreiber den Sohn Gottes-Titel als „Metapher“, als Metapher! Was ist eine Metapher? Eine Metapher ist das sprachliche Ausdrucksmittel der uneigentlichen Rede. Das eigentlich gemeinte Wort wird ersetzt durch ein anderes, das eine gewisse Ähnlichkeit aufweist. Ich erinnere mich, dass der Sportlehrer eines Tages über mich sagte: „Das ist ein famoser Hund.“ Ich war ein „famoser Hund“, weil ich beim Fußballspielen viel lief, viel rannte. Natürlich war ich kein Hund, es sollte ein Beispiel, ein Bild sein. So ähnlich, meint Stefan Schreiber in Münster, ist es, wenn Jesus als Sohn Gottes bezeichnet wird. Er ist nicht wirklich der Sohn Gottes, sondern er besitzt lediglich eine besondere Nähe und Unmittelbarkeit zu Gott, er ist der erwählte und vollmächtige Repräsentant Gottes. Er vertritt Gott, er tritt für ihn ein, aber er ist nicht Gott. Also der Glaube, als metaphysische Gottessohnschaft Christi verstanden, ist eine nachträgliche Konstruktion der Kirche. Das ist die Lehre, die Stefan Schreiber in Münster seinen angehenden Priestern und Religionslehrern verkündet.

Damit ist er bei Hans Küng angelangt. Sie kennen alle den Schweizer Theologen Küng. Jeder kennt ihn, denn er ist der meistgelesene Theologe unserer Zeit. Die Menge seiner Bücher ist kaum zu zählen. Einige stehen auf der Liste der Bestseller. Er schreitet von Ehrung zu Ehrung; zuletzt haben ihn die Freimaurer geehrt. Er behauptet, Millionen Menschen den christlichen Glauben nähergebracht zu haben. Es fragt sich nur, welchen Glauben. Gewiß nicht den Glauben der katholischen Kirche, sondern das, was er davon übrig gelassen hat. Und was hat er übrig gelassen? Für Küng ist ähnlich wie für Schreiber Jesus der „Sachwalter Gottes“. Der Sachwalter. Das heißt: Er verwaltet die Sache Gottes; er tritt für die Sache Gottes ein; er nimmt sich der Sache Gottes an. Das haben Moses und die Propheten auch getan. Wenn Jesus nur Sachwalter Gottes ist, dann gehört er in die Reihe von Moses und den Propheten, dann überragt er nicht Menschenmaß. Der Glaube der Kirche sagt anderes: Sachwalter Gottes ist Jesus nur deswegen, weil er der wesensgleiche Sohn Gottes ist. Jesus kann nur deswegen in seinem Leben und Handeln die Sache Gottes vertreten, weil er vom Vater stammt und wiedergibt, was er vom Vater gehört hat. So muss man ganz klar feststellen: Küng bestreitet die metaphysische Gottessohnschaft Jesu. Metaphysische Wesensaussagen sind nach ihm unangemessen, um die Wirklichkeit Jesu zum Ausdruck zu bringen. Aber diese metaphysischen Wesensaussagen hat das Konzil von Nizäa verbindlich für alle Zeiten vorgeschrieben. Jesus, so heißt es dort, ist der wahre Sohn Gottes, aus dem Wesen des Vaters hervorgegangen, gleichen Wesens mit dem Vater. Diese metaphysischen Wesensaussagen stehen unter der Garantie des Heiligen Geistes! Sie sind keine Verfremdung des Evangeliums durch die griechische Philosophie; sie sind der sachgemäße Ausdruck – in  Kategorien der griechischen Philosophie – für das Wesen Jesu.

Wer nicht mit dem Konzil von Nizäa bekennt: Jesus von Nazareth ist wahrer Gott und wahrer Mensch, der hat um Jesus herumgeredet. Der Christusglaube der Kirche ist die sachgemäße Wiedergabe der biblischen Aussagen über Jesus, und wir müssen Herrn Küng sagen: Lassen Sie die Finger vom Konzil von Nizäa! Bischof Lehmann meinte vor einiger Zeit, man könne Küng nicht als einen Aussätzigen behandeln. Gewiß nicht. Aber man muss ihn behandeln als das, was er ist, nämlich als einen Abgefallenen.

Dem Glauben der Kirche steht die Welt gegenüber, die Welt, von der Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, sagt, dass sie im argen liegt. Die Welt ist das Reich der Sünde und des Todes, das Reich des Untergangs und der Finsternis. Das Licht Gottes ist durch die Sünde in der Welt erloschen. Der Fürst dieser Welt – das ist der Satan – übt seine Herrschaft über die Kinder der Finsternis aus. Das Licht kam in die Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht ergriffen. Er kam in die Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht worden, aber die Welt hat ihn nicht erkannt. Und so sucht auch die Welt uns, die Kinder des Lichtes, in ihre Macht hineinzuziehen, uns, die wir aus der Macht der Finsternis errettet und in das Reich des geliebten Sohnes versetzt sind. Das ist unsere Lebensaufgabe, dem Reiche der Welt das Reich Gottes entgegenzusetzen. Und so ist unser Leben ein ständiger Kampf. Das Leben des Christen kann nur ein Kampf sein, weil es in den Gegensatz zwischen Gott und die Welt hineingestellt ist.

Die Welt lockt, meine lieben Freunde, sie lockt mit ihren Genüssen und mit ihrer Lust. Sie hat allerhand zu bieten, und sie lädt ein, zuzugreifen. Die Welt schmeichelt: Nur nicht sich anstrengen. Nach dem Konzil, sagt man mir heute, ist alles nicht mehr so schlimm. Jawohl, es ist alles nicht mehr so schlimm, weil man den Glauben auf Sparflamme gedreht hat. Die Welt verführt. „Mach dir’s auf der Erde schön, kein Jenseits gibt’s, kein Wiedersehn.“ Ich höre den Philosophen des Diesseits rufen: Meine Brüder, ich beschwöre euch, bleibet der Erde treu. Diese Beschwörung ist unnötig, die Masse der Menschen bleibt dieser Erde treu. Die Welt droht. Sie droht dem, der sich ihr nicht anpasst mit Entzug von Vorteilen und Annehmlichkeiten. Sie droht mit Isolierung und Ausschluß aus der Gesellschaft. Wehe dem, der sich als gläubiger, unversehrter, integraler Katholik bekennt! Die Welt straft. Sie straft mit Missachtung und Geringschätzung. Der gläubige Katholik ist nach wie vor eine Zielscheibe der Massenmedien in Deutschland. Die Welt straft auch mit Zurücksetzung und Benachteiligung. Ein überzeugter katholischer Gelehrter hat es schwer, an der Universität einen Lehrstuhl zu erringen.

Die Welt ist also im Gegensatz zu uns, und wir müssen ihr widerstehen. Aber wir haben ein Mittel, ihr zu widerstehen, nämlich unseren Glauben. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube. Der Glaube vermag uns in den Angriffen der Welt zum Sieger zu machen. Freilich nur dann, wenn wir den Glauben unversehrt bewahren. Als Paulus den Gläubigen in Korinth die Auferstehungsbotschaft verkündete, hat er ernste Mahnungen daran geknüpft: „Ich mache euch, Brüder, aufmerksam auf die Heilsbotschaft, die ich euch verkündet habe. Ihr habt sie angenommen; ihr steht in ihr fest. Durch sie werdet ihr gerettet, wenn ihr sie genauso festhaltet, wie ich sie euch verkündet habe. Sonst hättet ihr ja vergebens geglaubt.“ Man muss also am Glauben festhalten. Weil viele an diesem Glauben nicht festhalten, weil sie sich nach den Irrlehrern, die ich vorhin genannt habe, richten, deswegen sehen wir selten, dass der Glaube die Welt überwindet. Wir sehen vielmehr, wie die Gläubigen vor der Welt kuschen, wie sie sich ihr anpassen, wie sie selbst weltförmig werden. Unter dem Vorzeichen des Ökumenismus gehen viele katholische Christen zu nichtkatholischen Religionsgemeinschaften über. In Lateinamerika nimmt der Abfall von der katholischen Kirche erschreckende Ausmaße an. In Brasilien fällt jedes Jahr 1 Prozent der Katholiken zum Protestantismus ab. Und auch in unseren Breiten wissen wir, dass unermeßliche Verluste entstehen. Vor wenigen Tagen schreibt mir ein Pfarrer aus der pfälzischen Diaspora, dass in seiner Pfarrei die Katholiken durch die Mischehen wegschmelzen wie der Schnee in der Sonne. Dazu kommt der Abfall zu nichtchristlichen Religionen, in Deutschland jedes Jahr 4000 – viertausend! – Abfälle zum Islam!

Warum wird die Welt nicht überwunden? Weil der Glaube fehlt oder schwach ist. Ach wenn ich diese schwächlichen Allerweltsreden vieler Bischöfe schon höre und das mitmenschliche Gerede zahlloser Priester und die feige Zurückhaltung so vieler Christen! Sieghaft ist nur der ganze und unverkürzte Glaube. Nur auf den vollen und ganzen wahren Glauben kann man sich einlassen. Sieghaft ist nur der lebendige, ein in der Tat bewährter, ein im Leben sich zeigender Glaube, keine schwächliche Anpassung an die Welt, kein Kompromiß mit dem Zeitgeist, meine lieben Freunde, kein Ausweichen vor den klaren Forderungen Gottes. Denn im Glauben, im vollen, im wahren, im unverkürzten Glauben überwinden wir die Welt. Wieso? Weil er uns die Wahrheit gibt. Er lehrt uns, was die Welt ist, was sie wert ist und was sie nicht wert ist. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele? Im Glauben überwinden wir die Furcht. „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten können, fürchtet vielmehr den, der Leib und Seele in die Hölle stoßen kann. Ja, den sollt ihr fürchten!“ Im Glauben überwinden wir auch die Versuchungen, denn der Glaube verbindet uns mit dem Sieger über die Sünde, mit Christus. Er verbindet uns mit Christus, dem Sieger über die Höllenmacht. Und Gott ist stärker als alle Versuchungen.

Meine lieben Freunde, an der Spitze unserer Kirche steht ein Mann, welcher der Hydra des Zeitgeistes machtvoll auf die Häupter schlägt, der mit den Feinden Gottes und der Menschheit ringt, der dem Ungeist der Häresie furchtlos entgegentritt, der den Schlinggewächsen des Bösen an die Wurzel geht, unser Heiliger Vater Benedikt. An ihn wollen wir uns anschließen. Sein Gaube soll unser Glaube sein, und wenn unser Glaube der seine ist, dann sind wir auch des Sieges gewiß. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet, unser Glaube!

 

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Ostern – ein geschichtliches Ereignis

23.03.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, in heiliger Osterfreude Versammelte!

Ostern ist heute, das Fest der Auferstehung unseres Herrn und Heilandes aus dem Tode. Vor wenigen Tagen standen wir unter dem Kreuz, an das ihn seine Feinde gebracht hatten. Wir sahen zu, wie der entseelte Leib in eine Grabkammer gelegt und ein Stein davor gewälzt wurde. Wir beobachteten, wie eine Wache aufzog, um den Toten zu behüten. Aber heute, am ersten Wochentag, ist alles anders. Heute gilt das Wort: „Erfreue dich, o Christenheit, der Tod ist überwunden; die Welt von Sünd’ und Schmach befreit, sie hat das Heil gefunden. Denn eh der dritte Tag erwacht’, erhob sich aus des Grabes Nacht, der uns am Kreuze freigemacht.“

Ostern ist keine Idee. Ostern ist ein Ereignis. An Ostern geht es um ein wirkliches Geschehen, um eine Tatsache, nicht um Gedankengebilde. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Menschen, die sehen an Ostern nichts anderes als das Frühlingserwachen, als den Sieg der Natur über den Winter, über die Kälte, über den Frost, eine Phase im Rhythmus des Naturlebens. Dem Sterben folgt das Wiederauferstehen in der Natur, die Knospen und Blüten besiegen den Schnee und das Eis und die erstarrte Umwelt. Wer Ostern in dieser Sache zu deuten versucht, der hat es gründlich missverstanden. An Ostern ist etwas geschehen, an Ostern hat sich etwas ereignet. Ostern ist ein Vorgang nicht in der Natur, sondern in der Geschichte. Es geht um die Ostertatsache. Was wird uns davon berichtet? Was wird behauptet, was sich an Ostern zugetragen hat? Diese Behauptung ist allerdings so ungewöhnlich und so unerhört, ja geradezu aufregend, dass sie vom ersten Augenblick an heftige Opposition ausgelöst hat, zu einer Scheidung der Geister zwischen Glauben und Unglauben geführt hat.

Die Osterkunde lautet: Der bekannte Wanderprediger Jesus von Nazareth, der auf der Seite Gottes zu stehen behauptete, der durch das Kreuz hingerichtet wurde, derselbe ist am dritten Tage aus dem Tode wieder auferstanden, hat sich als der Lebendige gezeigt, mit seinen Jüngern gesprochen, und sein Felsengrab ist leer geworden.

Diese Behauptung ist so ungeheuerlich, dass man ein gewisses Verständnis dafür haben kann, dass immer wieder Leute behauptet haben, es sei das eine Phantasie, eine fromme Einbildung derer, die meinten, den Auferstandenen gesehen zu haben. Man erklärt sich das so: Die Jünger wollten nicht wahrhaben in ihrer erregten Phantasie, dass Jesus tot, endgültig tot war, und so steigerten sie sich in den Wahn hinein, er sei nicht tot. Und so hatten sie dann in diesem Wahn Halluzinationen, das sind Trugvorstellungen, in denen sie meinten, den Auferstandenen zu sehen. Für die Ungläubigen – auch unter den Theologen – ist Ostern eine persönliche Täuschung und Einbildung. In Marburg, meine lieben Freunde, lehrte ein weltbekannter evangelischen Theologe, und von ihm stammt das Wort: „Ein toter Leib kann nicht wieder lebendig werden.“ Das sagen auch die Fleischer. Aber weil das einmal geschehen ist, deswegen gibt es ja das Christentum!

Diese psychologische Erklärung scheitert an zwei Tatbeständen. Einmal fehlte bei den Jüngern nach dem Zusammenbruch am Kreuze jede Spur einer Erwartung, es könne sich die Lage doch noch verändern, oder der ins Grab gelegte Gekreuzigte müsse wieder lebendig werden. Die seelische Erschütterung der Jünger war total. Ihre Lage war hoffnungslos, so dass überhaupt kein Raum vorhanden war, sich an derartige zuversichtliche Gedanken zu klammern. In ihren verwüsteten Seelen fanden keine hoffnungsvollen Ideen Eingang. Für eine solche Einbildung fehlte bei den Jüngern jeder Erwartungshorizont. Es existierte keine seelische Grundlage für das Hervortreiben einer derartigen Phantasie. Auch Phantasien brauchen eine Wurzel; bei den Jüngern Jesu existierte keine derartige Wurzel. Sodann aber kann die radikale Umwandlung, die in den Jüngern geschehen ist, durch die Annahme einer Selbsttäuschung niemals verständlich gemacht werden. Es bleibt ein Rätsel, wie die in Schmerz und Trauerniedergebrochenen Menschen mit einem Schlage zu freudeerfüllten starken Persönlichkeiten wurden, wie die durch Menschenfurcht verängstigten Jünger zu tapferen Bekennern und Zeugen vor der Weltöffentlichkeit umgewandelt wurden. Es ist widersinnig, zu glauben, dass eine Illusion derartige umwandelnde Kräfte besitzen könnte; eine Illusion wandelt niemanden um. Durch Einbildung wird man nicht zuversichtlich und todesmutig. Und diese Umwandlung vollzog sich nicht in einem längeren Zeitraum, sondern sie geschah in wenigen Stunden. Sie erhob sich auch nicht aus anfänglicher Unsicherheit, sondern sie war mit einem Male da und mit absoluter Sicherheit.

Damit wird die Frage, was an Ostern geschah, doppelt brennend. Vertiefen wir uns in die Berichte, die das Ostergeschehen bezeugen. Ich habe gestern noch einmal die Synopse in die Hand genommen, also die Zusammenstellung aller Berichte aus den Evangelien und aus den Briefen des Neuen Testamentes, die sich mit der Auferstehung befassen. Da sind Unterschiede. Da werden die Zeitangaben, die Ortsangaben unterschiedlich dargestellt. Die Namen derer, die Jesus gesehen haben, unterscheiden sich. Ja, meine lieben Freunde, warum denn nicht? Verschiedenheiten sind keine Gegensätze. Wer nicht den bösen Willen hat, diese Verschiedenheiten zu Gegensätzen aufzubauschen, der ist in der Lage, diese angeblichen Widersprüche aufzulösen und zu erklären. Fragen Sie einmal die Besucher des Gottesdienstes am Karfreitag, wer an dem Gottesdienst teilgenommen hat. Da werden die verschiedenen Besucher verschiedene Namen angeben. Jeder hat eben den und jenen gesehen, ein anderer hat wieder andere gesehen. Und trotzdem haben sie alle recht. Jeder beschreibt eben das, was in seinen Gesichtskreis getreten ist. Das sind keine Gegensätze, das sind Unterschiede, die selbstverständlich und unvermeidlich sind.

Ein ganz besonderes Interesse an dem österlichen Geschehen hat der älteste urchristliche Bericht von der Auferstehung, der uns vorliegt im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Wer hier von der Auferstehung spricht, das ist ein Mann, der Augen- und Ohrenzeuge der Ereignisse gewesen ist. Vor 20 Jahren sind sie geschehen, denn der erste Korintherbrief ist etwa im Jahre 50 geschrieben worden – vor 20 Jahren! Und deswegen, er blickt nicht weiter zurück als wir auf die Wiedervereinigung Deutschlands, die auch vor 20 Jahren geschehen ist. Und wenn wir heute die Menschen in Berlin fragen, wie das war, dann können uns viele Auskunft geben, und sie können uns zuverlässige Auskunft geben. So steht auch außer Zweifel, dass Paulus Erlebtes berichtet. Aber er steht nicht allein. Er hat andere, die dasselbe bezeugen können. Er kann sich auf Menschen berufen, die zur Zeit der Abfassung seines Schreibens noch lebten und die, wie Paulus, Augenzeugen des Erscheinens des Auferstandenen waren. Und es waren nicht wenige. Wir werden gleich hören: Es waren 500 Brüder auf einmal.

Es kommt nun Paulus alles darauf an, eine Aufzählung der Zeugen zu bringen, die den auferstandenen Christus gesehen haben. Das ist eine Art juristischer Beweisführung. Bei Gericht muss man Zeugen anführen. Und Paulus ist in der Lage, solche Zeugen anzuführen. Nach dem damaligen Recht galten nur Männer als zeugnisfähig, und so ist es nicht zu verwundern, dass Paulus als seine Zeugen nur Männer anführt. Das hindert aber nicht, dass auch Frauen vollgültige Zeugen der Auferstehung des Herrn, der Erscheinungen des Auferstandenen geworden sind. Der Herr macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Seine Erscheinungen vor den Frauen waren genauso real wie jene vor den Männern. Er hat sich Maria Magdalena, Johanna und der anderen Maria ebenso gezeigt wie dem Petrus und den Emmausjüngern. Auch die Reihenfolge der Auferstehungszeugen ist nicht willkürlich oder gleichgültig. Es werden Namen genannt, die in der damaligen Kirche eine Rolle spielten, an erster Stelle Petrus. Es besteht in den neutestamentlichen Berichten Übereinstimmung, dass der erste männliche Zeuge des Auferstandenen Petrus war. Eines der ältesten urchristlichen Überlieferungsworte lautet: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und dem Petrus erschienen.“

Aber Petrus steht nicht allein, denn der Herr erschien danach den Zwölfen. Eigentlich waren es ja nur noch elf, aber der Name „die Zwölf“ hat sich eben durchgehalten. Der Herr hatte zwölf auserwählt, und so trugen auch die übriggebliebenen elf den Namen von den Zwölfen. Dann ist der Herr 500 Brüdern erschienen, nicht nacheinander, sondern auf einmal. Sie waren alle beisammen, also eine Riesenmenge, vor der sich der Herr gezeigt hat. Dann erschien er dem Jakobus, ein besonders wichtiger Zeuge, ein Verwandter des Herrn, einer, der seinen Verwandten kannte. Und schließlich erschien er sämtlichen Aposteln, das heißt dem weiteren Jüngerkreis, den man eben auch als Apostel, weil sie in die Welt gesandt wurden, bezeichnete. Zuletzt aber erschien er dem Paulus. Die ihm gewordene Erscheinung gehört in die Reihe der einmaligen kirchenbegründenden Erscheinungen hinein, wenn auch als letzte. Er ist derselben Offenbarung gewürdigt worden wie alle anderen Zeugen der Ostergeschichte. Ihm ist der Auferstandene erschienen.

Achten Sie bitte, meine lieben Freunde, auf diese sprachliche Wendung: „Er ist erschienen.“ Das „ist erschienen“ hat mit Vision, mit einem innerseelischen Vorgang nichts zu tun. Der auferstandene Christus wird von außen, nicht von innen gegenwärtig. Er tritt vor die Augen, vor die physischen Augen der Jünger, nicht als ein Hirngespinst im Gehirn. Der Ausdruck „ist erschienen“ bezeichnet das Offenbarungsgeschehen und die Begegnung mit dem auferweckten Jesus. Er ist als der Lebendige durch den Tod hindurchgeführt worden; er selbst ist der Inhalt dieser Erscheinung. Der Ton liegt auf dem, was Christus tut: Er zeigt sich, und allein dadurch wird das Sehen der Zeugen möglich gemacht. Das „ist erschienen“ aber wiederum ist nur möglich, zeitlich wie sachlich, weil Christus auferweckt worden ist. Nun hat ihn Gott sichtbar werden lassen, so dass Menschenaugen ihn sehen können.

Das Zeugnis von der Auferstehung Jesu ist gewiß ein Glaubenszeugnis, also ein Zeugnis von Männern und Frauen, die gläubig geworden sind. Aber dieses Zeugnis redet von einem tatsächlichen Geschehen. Was sie bezeugen, ist das Heil in der Geschichte, ein wirkliches Geschehen, das aber, was es ist, nur vom Glaubenden erkannt wird. Da höre ich den Einwand des Unglaubens: Die Jünger, die von der Auferstehung Jesu berichten, sind keine neutralen Beobachter, sondern Männer, deren ganzes Leben durch die Begegnung mit dem Auferstandenen umgewandelt worden ist. Ganz richtig. Sie sind keine neutralen Beobachter, aber dass sie durch den Auferstandenen umgewandelt worden sind, das verhindert nicht die Wahrhaftigkeit ihres Zeugnisses, das verstärkt sie. Dass sie von dem Auferstandenen umgewandelt wurden, zeigt die Realität, die Macht und die Wirkkraft des Auferstandenen. Wem er begegnet, und wem die Begegnung mit ihm wichtig ist, der wird von seiner Gnade erfaßt und umgewandelt. Ja, gerade weil die Jünger umgewandelt wurden, sind sie glaubhafte Zeugen. Der Auferstandene hat sie nicht kalt gelassen.

Dieses unerhörte Ereignis ist der Inhalt von Ostern. Selbstverständlich, meine Freunde, kann man immer wieder Ausreden erfinden. Das ist ja schon in der Urkirche so gewesen. Für die Heiden war die Kunde von der Auferstehung eine Torheit, für die Juden war sie ein Ärgernis. Die Juden haben damals die Lüge verbreitet, die Jünger seien gekommen und hätten den Leichnam gestohlen. Und so wird es weiter bis heute in ihrem Talmud, in dem jüdischen Buch, verbreitet. Wir aber wissen: Der Herr ist wahrhaft auferstanden. Achten Sie bitte immer darauf, dass es in den Texten der Liturgie nicht heißt: Christus ist auferstanden, sondern dass es heißt: „Christus ist wahrhaft auferstanden.“ Das heißt, er ist dem Fleische nach auferstanden. Er ist nicht ins Kerygma, wie Herr Bultmann in Marburg verkündet, er ist nicht ins Kerygma auferstanden, in die Verkündigung. Nein, er ist mit seinem Leibe auferstanden!

Triumph! Der Tod ist überwunden, zum Leben der Unsterblichkeit ist selbst durchs Grab der Weg gefunden. Bekenner Jesu, singt erfreut: Alleluja, alleluja. Zersprengt sind nun des Todes Ketten auf Jesu mächtiges Gebot. Uns von des Todes Macht zu retten, besiegte Jesus selbst den Tod.

Alleluja! Alleluja!

 

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Wie Schafe, die keinen Hirten haben

06.04.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Wir waren einst wie Schafe, die keinen Hirten haben“, schreibt Petrus den Empfängern seines Briefes. Er spielt damit an auf die Verlorenheit der Menschen in der vorschriftlichen Zeit. Hier gibt er ihnen knapp und eindringlich eine Diagnose ihrer vorschriftlichen Vergangenheit. Wie Schafe, die keinen Hirten haben. In der Taufe und in der Bekehrung wurde dieser Zustand überwunden. Da haben sie den guten Hirten Jesus gefunden, den wahren Hirten ihrer Seelen, die Gemeinschaft der Heiligen und die Geborgenheit in der Liebe Gottes. Aber gilt dieses Wort nicht auch für die nachchristliche Zeit, für diejenigen, die das Christentum abgeworfen haben und deswegen wiederum sind wie Schafe, die keinen Hirten haben? Ist es nicht so, dass – vorchristlich oder nachchristlich – fern von Christus die Menschen richtungslos, haltlos und heimatlos sind?

Die Richtungslosigkeit unserer Zeit ist offensichtlich. Viele Philosophien und Heilslehren kommen und gehen; sie versprechen Befreiung des Menschen, Erlösung und Fortschritt. Die Sinne werden vernebelt und verwirrt; falsche Propheten buhlen lautstark um die Gunst der Massen. Die gesunde Lehre aber, das Wort Gottes, ist vielen fremd geworden. Hoffnungslos verwirrt stehen viele Menschen unserer Zeit vor dem Warenhaus der Meinungen und Ideen, der angeblichen Weisheiten und Torheiten, ausgeliefert dem Wirbelwind der Tagesmode. Da gibt es einen so genannten Wunderheiler, Reinhard Bonke. Er zieht durch die Lande, ja durch die Erdteile und behauptet, in den letzten 7 Jahren 44 Millionen Menschen bekehrt zu haben. Bis 2010 will er noch einmal weitere 56 Millionen Menschen bekehren. Und die Menschen laufen ihm nach, neulich in Stuttgart Tausende.

Eine merkwürdige Anziehung hat in den letzten Jahren der Dalai Lama, also der oberste Vertreter des tibetischen Buddhismus, gefunden. Er gibt sich als eine Reinkarnation Bodhisattvas aus. Die Lehre des Lamaismus, meine lieben Freunde, ist eine gigantische Verirrung. Der Lamaismus vertritt eine Vielgottlehre, einen Polytheismus. Manche Forscher sagen, man nehme dort 2 Millionen Götter an. Er verspricht Erlösung durch magische Praktiken. Durch Versenkung und Abschaltung und durch den Vollzug von bestimmten Ritualen könne man absolute Befreiung erhalten, würden alle Gegensätze in einer Vereinigung aufgehoben. Eine gigantische Verirrung. Wir wissen doch: In keinem anderen Namen ist Heil gegeben, in dem die Menschen selig werden können, als in dem Namen Jesu. Aber wir leben in einer Zeit der Auswahl. Die Menschen suchen sich aus den verschiedenen Heilslehren, Philosophien und Religionen das für sie (angeblich) Passende aus und lassen das andere beiseite. Was gefällt, wird angenommen, was missfällt wird fallengelassen.

Es gibt auch andere, die in ihrer Richtungslosigkeit zur vollendeten Skepsis gekommen sind. Sie geben das Suchen überhaupt auf, sie meinen, die Wahrheit sei unerkennbar, man müsse sich mit vorläufigen Meinungen bescheiden. Das erinnert an den deutschen Dichter Heinrich Heine. Er stand einmal in Antwerpen vor dem herrlichen gotischen Dom, und angesichts dieses Domes sagte Heinrich Heine: „Die Menschen, die dieses Dom gebaut haben, hatten Dogmen. Wir haben nur Meinungen. Mit Meinungen baut man keine Dome.“

Wahrhaftig, die Richtungslosigkeit ist den Menschen eigen, die fern von Christus sind. Unser Glaube gibt uns Richtung. Wir wissen, woher wir kommen, und wir wissen, wohin wir gehen. Wir wissen auch, an wen wir uns zu halten haben. Die Wahrheit ist uns geschenkt, und uns ist die Pflicht auferlegt, diese Wahrheit zu bezeugen. Wir wollen ,meine lieben Freunde, an der Wahrheit nicht irre werden. Wir wollen nicht gleichgültig sein gegen die Wahrheit, und wir wollen uns auch nicht trennen von der Wahrheit.

Wer richtungslos ist, ist auch gewöhnlich haltlos. Ich sage nicht, dass alle Atheisten sittlich verderbt sind. Nein, aber in der Regel führt die Gottlosigkeit auch zur sittlichen Haltlosigkeit. Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit: Eine Budenheimer Dame erklärte mir, dass ihr Schwiegervater sie zur Unzucht verführen wolle, und sie fügte hinzu: „Ohne Gott und ohne Gebot.“ Richtungslos im Geistigen, das ist auch in der Regel dann richtungslos und haltlos im Sittlichen. Das entspricht einander. Eine sittliche Ordnung, die allgemein anerkannt ist und für alle verpflichtend ist, gibt es praktisch nicht mehr. Unser Volk ist auch in grundwesentlichen Werten nicht mehr eines Sinnes. Denken Sie nur an die Weltanschauung der meisten Grünen. Man beobachtet einige Konventionen, man hält bestimmte Anstandsregeln ein, aber Gut und Böse, Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung sind keine festen Größen mehr. Die meisten Menschen wissen nicht mehr um den letzten und absoluten Maßstab der Sittlichkeit, nämlich um den heiligen Willen Gottes.

Und wie es immer ist, die schlimmsten Verirrungen zeigen sich auf dem Gebiete der geschlechtlichen Sittlichkeit. Lebenspartnerschaften zwischen Homosexuellen werden dem heiligen Bund der Ehe gleichgestellt. In München wurde eine Wohngemeinschaft für lesbische Seniorinnen geschaffen, und in diesem Jahre soll noch eine solche für homosexuelle Senioren dazukommen. Die Unzucht verbreitet sich immer weiter. Im Jahre 2007 zahlten die etwa 500 Prostituierten in Köln 877.000 Euro an das Finanzamt. In Afrika, südlich der Sahara, sind 28 Millionen Menschen aidskrank. Und der Staat Israel finanziert jeder weiblichen Soldatin während des zweijährigen Wehrdienstes zwei Abtreibungen. In Italien werden jährlich 300 Pornofilme gedreht, und 400.000 Porno-DVDs verkauft; über 400 Lokalsender strahlen nachts Pornoprogramme aus. Und was tun die Herren und Damen in Brüssel und in Straßburg? Sie denken darüber nach, die Abtreibung zu entkriminalisieren, d.h. die Abtreibung soll völlig freigegeben, aus den Strafgesetzbüchern herausgenommen werden. Das ist das Europa, von dem wir nichts wissen wollen! Von diesem Europa nehmen wir Abschied! Britische Stammzellenforscher haben Stammzellen eines Menschen und einer Kuh verbunden – eines Menschen und einer Kuh! – und ein solches Embryo erzeugt.

Gottlos, das heißt auch in der Regel sittenlos. Die Tafeln der beiden Gesetze gelten für die Menschen nicht mehr, und die größte Not liegt nicht darin, dass sie die Tafeln vergessen haben, sondern dass sie, wenn sie in den Schlamm gefallen sind, sich nicht mehr heraushelfen lassen. Es ist so schwer, sie von ihrem Unrecht zu überzeugen. Es ist so schwer, ihnen klar zu machen, dass Gott fordernd und verpflichtend vor ihnen steht. Sie müssen lernen, dass die Forderungen Gottes unabdingbar sind und dass die Forderungen Gottes unverfügbar sind für den Menschen. Daran hat er nichts zu deuteln, er hat sie zu erfüllen. Gottes Gesetz ist heilig und unantastbar. Der Mensch muss sich ihm beugen, er darf nicht daran rütteln. Wahrhaftig, der richtungslose Mensch ist in der Regel auch haltlos. Unsere Religion gibt uns Halt. Die Gebote Gottes sind der Wegweiser zum Heil. Einen anderen gibt es nicht.

Und schließlich sind diese Verirrten auch noch heimatlos. Die verirrten Schafe haben keine Heimat mehr, denn sie haben die Erde von der Sonne Gott losgekettet. Schuld und Irrtum führen den Menschen immer in die Isolierung und Einsamkeit. Das getäuschte und belastete Gewissen wird auf sich selbst zurückgeworfen. Die neurotischen Erkrankungen nehmen zu. Schuld und Unrecht werden nicht mehr bewältigt, weil eine gesunde, tragende Gemeinschaft fehlt, weil hervorragende Beispiele von Menschen ihnen abgehen. Es leuchtet ihnen nicht mehr das Licht einer unfehlbaren Wahrheit. Jeder ist mit seiner Schuld allein. Diese Verlorenheit, diese Heimatlosigkeit der gottlosen Menschen findet ihren Ausdruck in der Dichtung. Ich habe, meine lieben Freunde, aus den letzten Tagen folgende Bemerkungen zu diesem Zustand gesammelt. Vor wenigen Tagen ist der jüdische Dichter George Tabori gestorben. Dieser Dichter hat Stücke geschrieben, und in einem dieser Stücke heißt es: „Gott ist tot. Ich wusste gar nicht, dass der krank war. Heute sterben eben Leute, die früher nicht gestorben wären.“ So schreibt der jüdische Dichter George Tabori. Und der bekannte Liedermacher und Sänger Wolf Biermann tönt: „Die alten Götter, ja gerade die, die liegen auf dem Schrott. Na endlich auf dem Schrott. Mit neuen Göttern kommt uns nicht. Wir brauchen keinen Gott, auch keinen kleinen Gott.“ So singt Wolf Biermann. Und das Bundesfamilienministerium musste sich beschäftigen mit dem Buche „Wo, bitte, geht’s zu Gott?, fragte das kleine Ferkel“. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen. Autor: Michael Schmidt-Salomon. In diesem abscheulichen Produkt werden die Religionen nach Strich und Faden madig gemacht. Es gibt die drei monotheistischen Religionen der Lächerlichkeit preis. In Mannheim, im Mannheimer Nationaltheater, das einmal eine Berühmtheit im deutschen Theaterwald war, wird das Theaterstück „Jetzt und in Ewigkeit“ aufgeführt. In diesem Stück wird die Weihnachtsgeschichte widerwärtig persifliert, wird der Papst in unverschämter Weise angegriffen, wird das Priestertum geschmäht. Nach diesem Stück dient die Religion nur als Deckmantel für private Abgründe. Alle beruflichen Beziehungen beruhen auf sexueller oder monitärer Abhängigkeit.

Das, meine lieben Freunde, ist eine kleine Auswahl aus der Zerrissenheit der Dichtung, die heute auf unser Volk losgelassen wird. Christa Meves hat einmal die Frage gestellt: „Wieviel Verführung verträgt ein Volk?“ Ich bin überzeugt, dass dieses Maß längst überschritten ist. Unser Volk wird durch diese Verführung buchstäblich zugrunde gerichtet.

„Wir waren einst wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ So schrieb Petrus den Christen in bezug auf ihre vorchristliche Vergangenheit. Aber das Wort gilt auch heute in der Zeit des Nachchristentums, in einer Zeit, wo das Christentum für Millionen und Abermillionen seine bindende Kraft verloren hat. Wenn es eine Wende geben soll, dann kann sie nur dadurch erfolgen, dass unser Volk zum Christentum zurückfindet, dass er dort wieder die Richtung findet, wo sie allein zu finden ist, dass es dort wieder den Halt sucht, wo er allein vorhanden ist, und dass es dort seine Heimat gewinnt, wo allein eine Heimat zu finden ist, nämlich am Herzen Jesu.

Amen.

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Das Antlitz des Gottmenschen

13.04.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der heilige Augustinus hat einmal einen dreifachen Wunsch ausgesprochen, was er sehen möchte, nämlich 1. die Stadt Rom in ihrer kaiserlichen Pracht, 2. das Heilige Land, in dem der Herr gewandelt ist, und 3. das Antlitz des Herrn selbst. Diesen Wunsch, meine Freunde, haben wohl viele Christen schon gehabt: Ja, wenn ich ihn einmal sehen könnte! Ich erinnere mich, wie mir einmal in einer sächsischen Industriestadt ein Arbeiter sagte, indem er auf den Tabernakel verwies: „Ja, wenn er doch einmal herauskommen möchte!“ Ja, wenn er doch einmal herauskommen möchte!

Gott ist ein Mensch geworden, ein Mensch wie wir, so sagen wir. Das ist der Inhalt des christlichen Glaubens: Jesus Christus ist Gottes Sohn, der eine menschliche Natur angenommen hat. Er ist ein Mensch geworden, auf dass wir der göttlichen Natur teilhaftig werden. Wäre er nur Gott, dann könnte er uns kein Beispiel sein. Wäre er nur ein Mensch, so hätte er uns nicht erlösen können. Also ist der Gottmensch erschienen. Er war ein Mensch, aber nicht ein Mensch wie wir. Der Heiland war ein eigenartiger, ein einzigartiger Mensch. Es gibt keinen, der ihm gleichkommt. Wir haben von Kindheit an Bilder unseres Herrn betrachtet. Gewöhnlich wird er dargestellt als junger Mann – er war ja, als er aufzutreten begann, 30 Jahre alt – mit Bart, mit hoher Stirn, ein aufrechter, ein edler Mann, eine edle Erscheinung – das Idealbild eines Menschen. Und die Maler aller Zeiten haben versucht, uns sein Bild zu entwerfen. Im Grunde sind sie aber nicht über die Gemälde hinausgekommen, die uns die großen Italiener, Niederländer und Deutschen geschaffen haben: Leonardo da Vinci, Fra Angelico, Michelangelo, Raffael. Sie haben uns gezeigt, wie sie sich Christus vorgestellt haben in ihrer Phantasie. Denn das eine ist klar: Es gibt kein Bild Jesu, das ihn so wiedergäbe, wie er in der Wirklichkeit gewesen ist. Kein Pinsel und kein Malerwerkzeug hat den Herrn uns aufbewahrt, wie er war. Auch keine Schreibfeder hat es überliefert. Wir möchten den Evangelisten manchmal gram sein, dass sie uns nichts über die äußere Gestalt Jesu mitteilen; aber sie hatten gute Gründe, denn sie wussten: Die Gestalt des Herrn ist so beschaffen, dass das Äußere weit weniger wichtig ist als seine geistige Persönlichkeit. Und sie trugen ja sein Bild in ihrem Herzen. Wir sollten, das ist vielleicht auch eine Überlegung gewesen, innerlich ihm gleichförmig werden, nicht äußerlich.

Das Christusbild der großen Maler ist auch unseres. Was van Eyck oder Memling geschaffen haben, was Grünewald oder Dürer uns übermittelt haben, das ist auch unser Christusbild. Sie haben es nicht nur mit sicherer Hand gezeichnet, sondern auch mit glühendem Herzen. Von Fra Angelico ist bekannt, dass er jedes Mal betete, bevor er den Pinsel ansetzte, um ein Bild des Herrn zu malen. Und Leonardo da Vincis sichere Hand zitterte, wenn er daranging, das Bild des Herrn zu zeichnen. Was hätten sie dafür gegeben, wenn sie einmal hätten seine Gestalt sehen können, so wie die Apostel ihn gesehen haben, wie das Auge seiner Mutter ihn gesehen hat, wie die Kranken und die Siechen ihn geschaut haben, wie der rechte Schächer ihn angeblickt hat! „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“, verkündet Johannes, und das ist es, was wir jeden Tag am Schluß der heiligen Messe beten: Wir haben seine Herrlichkeit gesehen – freilich wir eine verborgene, aber ihm war sie ja auch verborgen. Und „Du bist wahrhaft der Sohn des lebendigen Gottes“, so haben sie ausgerufen. Sicherlich war der erste, unvergessliche Eindruck, den Jesus auf das Volk machte, von der gewaltigen Kraft seines Geistes getragen. Aber dieser Geist muss sich auch irgendwie in der äußeren Erscheinung ausgeprägt haben. Wir wissen doch, dass das Wort gilt: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Man kann am Gesicht eines Menschen viel ablesen. Das Gesicht prägt Züge aus, die den Menschen in seinem Leben bestimmen. Je stärker der Geist eines Berufes ist, desto ausgeprägter, unverwischbarer wird das Gesicht eines Menschen sein, desto ergreifender werden seine Züge predigen.

Das Beherrschende im Antlitz Jesu wird wohl sein Auge gewesen sein. Sein Auge strahlte. Er hat es selber einmal ausgedrückt mit den Worten: „Die Leuchte deines Leibes ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so wird dein ganzer Leib licht sein.“ Und so ist es wohl kein Zufall, wenn der Evangelist Markus immer wieder an bedeutsamen Stellen eines hervorhebt: „Er blickte ihn an und sprach…“ „Er blickte ihn an und rief…“ „Rede, damit ich dich sehe“, hat einmal ein Menschenkenner gesagt. An der Rede kann man tatsächlich den Menschen erkennen. Welche zündende Rede muss unserem Heiland zu eigen gewesen sein! Jedes seiner Worte war ein herrenhafter Befehl. In ihm war ja die Tatkraft Gestalt geworden, in diesem Führer aller Führer. Er ruft autoritativ, und Jakobus und Johannes lassen den Vater zurück und folgen ihm. Gegen sein „Komm und folge mir nach!“ gab es kein Widerstreben und keinen Augenblick der Unentschiedenheit. Einer wurde von ihm aufgefordert: „Folge mir nach!“ Doch dieser machte Einwände: „Herr, erlaube, dass ich vorher hingehe und meinen Vater begrabe!“ Jesus entgegnete ihm: „Laß die Toten ihre Toten begraben. Du komm und folge mir nach!“ Er treibt die Händler aus dem Tempel mit herrischen Worten, und keiner wagt eine Widerrede oder einen Widerstand. Er schleudert den Pharisäern sein achtmaliges „Wehe“ entgegen, und niemand wagt ihm zu entgegnen. Alle erblassen und verstummen. Wie glaubhaft wurde da seine großartige Prophezeiung, dass er auf den Wolken des Himmels wiederkommen werde mit großer Macht und Herrlichkeit! Wie anders sprach er zu den Frauen und Müttern: „Ihr Frauen von Jerusalem, weinet nicht über mich, weinet über euch und eure Kinder, denn es werden Tage kommen, da man sprechen wird zu den Bergen: Fallt über uns! und zu den Hügeln: Bedecket uns! Wenn das am grünen Holze geschieht, was wird dann am dürren geschehen?“ Und wie mag er zu den Kindern gesprochen haben, die er herzte und liebte? Wie mag er zu den Sündern geredet haben, wohlwollend, wenn auch ernst: „Sündige nicht mehr! Gehe hin und sündige nicht mehr!“

Seine Rede hat die Anhänger, aber auch das ganze Volk fasziniert. Der Herr sprach eben nicht wie die Pharisäer, sondern er redete wie einer, der Macht hat. Seine ganze hoheitsvolle Erscheinung zog die Menschen in seinen Bann. Die Jünger, die doch Tag und Nacht, jahraus und jahrein mit ihm zusammen waren, wagten es nicht, sich allzu vertraulich mit dem Herrn auf eine Stufe zu stellen. Sie gerieten vielmehr immer wieder in Staunen über sein Reden und Tun und fanden nicht den Mut, ihm eine Frage zu stellen. Die Nazarener, die ihn von dem Berge, auf dem ihre Stadt gebaut war, herabstürzen wollten, erschraken über seine Rede, und sie hatten nicht den Mut, an ihn eine Frage zu stellen. Er schritt gelassen durch sie hindurch, und als das Volk ihn zu einer Stunde, die der Vater nicht bestimmt hatte, zum König machen wollte, da verließ er die heilige Stadt Jerusalem, da ging er still durch die begeisterte Menge und begab sich auf einen einsamen Berggipfel, um zu beten. Und in der Stunde, da sich ihm der Verräter nahte, trat er der Rotte entgegen, die mit Schwertern und Prügeln gekommen war, um ihn gefangen zu nehmen. „Wen suchet ihr?“ „Jesus von Nazareth.“ „Ich bin es !“ Da wichen sie zurück und fielen zu Boden.

Ohne jede reißerische Geste, ohne Sucht, zu glänzen, trat er vor das Grab des Lazarus, trat er vor das Sterbelager des Töchterleins des Jairus, trat er an den Sarg des Jünglings von Naim, und Tod und Leben verspürten die Macht des Imperators. Nie tat er auch nur einen Schritt, sprach er auch nur ein Wort, rührte er auch nur einen Finger, um angenehm und willkommen zu sein, um das Wohlgefallen der Menschen zu gewinnen. Er war kein Opportunist! Denn von ihm wurde gesagt: „Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und dich vor niemand scheust.“ Hier war kein Schein, hier war Echtheit und unbedingte Treue zu sich selbst. Nach dem übereinstimmenden Zeugnis der Evangelisten, meine lieben Freunde, muss Jesus ein überaus leistungsfähiger, abgehärteter und kerngesunder Mann gewesen sein. Schon dadurch unterscheidet er sich von anderen Religionsstiftern. Mohammed war ein kranker Mann, erblich belastet, in seinem Nervensystem zerrüttet, als er die Fahne des Propheten entrollte. Buddha war innerlich zerbrochen, verlebt, ausgelebt, als er die Welt verließ. Von Jesus hören wir niemals, dass er von irgendeiner Krankheit heimgesucht wurde. Alle die Leiden, die über ihn kamen, waren Berufsleiden, Entbehrungen und Opfer, die ihm seine messianische Sendung auferlegte.

Jesus versagte niemals und nirgends, selbst nicht in den aufregendsten und gefährlichsten Lagen, etwa im rasenden Sturm des Sees Genesareth. Da ruhte er auf einem Kissen und schlief. Als seine Jünger ihn weckten, aus tiefem Schlaf gerissen, da hat er sofort die Situation gemeistert: „Schweige! Verstumme!“ Und das Seebeben hörte auf, und der Sturm ließ nach. „Was ist denn das für einer“, sagten die Leute, „dass ihm sogar der Wind und das Meer gehorchen?“ Was ist denn das für einer? Er muss ein ganz innerlich gefestigter und beherrschter Mensch gewesen sein, der niemals ein fahriges, aufgeregtes Wesen zeigte. Er ist das Ideal des Menschen. In ihm sind alle gegensätzlichen Eigenschaften vereinigt: Erhabenheit und Liebe, Ernst und Helle, Kraft und Zärtlichkeit, das alles überstrahlt von der Würde seines göttlichen Wesens. Wir begreifen jetzt, wie die Jünger ihm sehnsüchtig nachschauten, als er gen Himmel fuhr. Und auch als der Tröster, der Geist, zu ihnen gekommen war, hat die Sehnsucht nach ihm sie nicht verlassen. „Er wird wiederkommen, und wir werden ihn sehen, und unsere Freude wird niemand von uns nehmen.“

Wie entrückt muss Stephanus ausgesehen haben, als er in seinem Todesleiden den Herrn zur Rechten Gottes stehen sah! Und auch tieffromme Menschen haben immer diese unaussprechliche Sehnsucht in sich getragen, den Herrn zu sehen, und sie waren von heiliger Begeisterung, wenn sie daran dachten, dass sie ihn einmal sehen werden. Der heilige Pfarrer von Ars, Johannes Vianney, hat einmal gepredigt: „Wir werden ihn sehen! Wir werden ihn sehen! Wir werden ihn sehen! O meine Kinder, wisst ihr: Wir werden ihn sehen!“ Eine Viertelstunde rief er nur aus: „Wir werden ihn sehen!“ Und die Tränen rollten über sein heiliges Antlitz: „Wir werden ihn sehen!“

Der heilige Augustinus hatte einmal ein Gespräch mit dem Heiland, und in diesem Gespräch, da hieß es: „Du kannst dir wählen, dass dir alle irdische Freude immer verbleibt oder dass du mein Antlitz sehen kannst.“ Da fiel der heilige Augustinus dem Herrn in die Arme und sagte: „Ich will nichts anderes als dich sehen. Lieber soll mir alles genommen werden, aber dein Antlitz will ich schauen.“

In diesen Tagen zieht in Mainz das Peter-Cornelius-Konservatorium um. Peter Cornelius war ein gläubiger katholischer Christ. Von ihm stammt, aus einem Briefe entnommen, der schöne Satz: „Ich weiß, dass wir ewig leben und dass der geringste Mensch eine unsterbliche Seele hat, welche zu derselben Herrlichkeit berufen ist wie der glänzendste Geist: Gott zu schauen.“ Und unser schlesischer Dichter Angelus Silesius hat so schön in seinem „Cherubinischen Wandermann“ geschrieben: „Das Antlitz Gottes sehen ist alle Seligkeit. Von dem verstoßen sein das größte Herzeleid.“ Das Antlitz Gottes sehen ist alle Seligkeit. Von dem verstoßen sein das größte Herzeleid. Der unvergleichliche Denker Aristoteles macht uns darauf aufmerksam, dass alles Erkennen darin besteht, dass der Erkennende eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Erkenntnisgegenstand gewinnt. Wenn es sich so verhält, dann kann ein Schauen Christi nur dem in Aussicht gestellt werden, der wirklich sich Christus zu verähnlichen strebt, in dem der Herr gleichsam seine himmlischen Züge herausgearbeitet hat.

Im 19. Jahrhundert gab es einmal einen Professor Arthur Drews. Dieser Herr verkündete, dass Jesus nie gelebt habe. Er leugnete die historische Existenz Jesu. Es gibt keinen Unsinn, meine lieben Freunde, den nicht schon ein Professor von sich gegeben hätte. Aber immerhin, Drews fand seine Anhänger. Und einer dieser Anhänger kam zu dem tiefreligiösen Maler Hans Thoma und sagte triumphierend: „Meister, jetzt brauchen Sie kein Christusbild mehr zu malen.“ Thoma antwortete ihm leuchtenden Auges: „Mein Christusbild kann mir niemand zerstören. Ich trage es im Herzen!“

Amen.

 

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Gott, Ursprung und Ziel des Lebens

20.04.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Jesus verstand sehr gut, dass seine Jünger traurig waren, als er von ihnen scheiden musste. Der Gedanke beherrschte sie: Jetzt verlässt er uns. Und da legte er ihnen eine Frage nahe, nämlich die Frage: Wohin gehst du? Die Antwort auf diese Frage konnte nur lauten: „Ich gehe zum Vater.“ Aber diese Frage: Wohin gehst du? ist eigentlich die Frage der ganzen Menschheitsgeschichte und eines jeden einzelnen Menschenlebens. Wohin gehst du?

Der große russische Dichter Graf Tolstoi hat ein erschütterndes Buch geschrieben, das den Titel trägt: „Meine Beichte“. In diesem Buche berichtet er, wie er sich, als Ungläubiger,  jahrelang fragte: Wozu alles? Ich bin Herr über 6.000 Morgen und 300 Pferde; ich habe eine Familie, ich habe Kinder. Ich bin ein Schriftsteller und kann berühmter werden als Gogol oder Puschkin oder Molière. Aber alles wozu? Wozu das alles? Und er fand keinen Ausweg aus dieser Verlorenheit, aus dieser Ungewissheit. Er schreibt an einer Stelle: „Ich legte alle Schnuren beiseite, damit ich nicht in die Gefahr geriete, mich mit einer zu erhängen.“ Lange Zeit hat er unter diesen Anfechtung gelitten, bis er eines Tages bei einem Spaziergang im Walde eine Stimme hörte, die ihm zuflüsterte: „Gott ist wirklich.“ Und diese Stimme hat ihn bekehrt. In diesem Augenblick, in dem er wusste: Gott ist wirklich, da wußte er auch: Gott kennen und leben, das gehört zusammen. Lebe, indem du Gott suchst!

Und so ist es, meine lieben Freunde, in einem jeden Leben. Ohne Gott ist alles Spott. Mit Gott hat alles Wert. Wir müssen drei Fragen wissen und die Antwort auf sie kennen, nämlich woher ich komme, wofür ich lebe und wohin ich gehe. Also woher? Wozu? Wohin? Das sind die drei Fragen, die unser Leben entscheiden. Die Frage: Woher kommst du? ist in unserem Glauben beantwortet. Wir wissen: Alles, was existiert, hat seinen Grund in Gott. Gott ist der Schöpfer von allem. Ach, was sind das für lächerliche Ausflüchte, welche die Ungläubigen haben: Die Welt ein Spiel des Zufalls. Ja, der Zufall erklärt nichts, meine lieben Freunde. Wer etwas mit dem Zufall erklärt, der lässt es unerklärt. Andere grewifen zu der Ausflucht der Evolution. Ja, warum denn nicht Evolution. Aber woher kommt denn die Evolution? Auch die Evolution hat doch den Grund nicht in sich selbst.

Gewiß handelt Gott durch Zwischenursachen. Wir sind entstanden durch das Wirken Gottes und unserer Eltern, aber diese Zwischenursachen müssen münden in einer Erstursache, und die nannten schon die Griechen den ersten unbewegten Beweger, das „ens a se“, dasjenige Sein, das seinen Grund in sich selbst trägt. Unser Glaube ist vernünftig. Wir sagen nicht: Gott hat wieder eine Ursache, nein, wir sagen: Gott ist der Grund seiner selbst. Er ist das „ens a se“, das Sein, das wegen seiner unendlichen Seinsfülle seinen Grund in sich selbst trägt. Unser Glaube ist vernünftig. Und wenn man auf jede Erklärung verzichtet, also sich auf das Nichtwissen zurückzieht, da müssen wir sagen: Wir sind klüger. Wir Christen, wir kennen den Grund von allem, was ist. Gott ist der Urheber der Welt, der Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, der geistigen und der körperlichen. Er hat mit seiner allmächtigen Kraft gleichzeitig zu Beginn der Zeit beide Schöpfungswelten aus dem Nichts erschaffen. Diese Wahrheit stammt aus dem 4. Laterankonzil vom Jahre 1215. In dieser Zeit, in der die Philosophie blühte und die Theologie einen ungeheuren Aufschwung nahm, ist diese Wahrheit vom Konzil für alle Zeit gültig festgelegt worden. Gott ist Schöpfer. Und die Schöpfung im ursprünglichen Sinne besagt das Hervorbringen aus dem Nichts. Das Nichts ist nicht ein Stoff oder eine Materie, aus der Gott geschaffen hätte. Nein, das Nichts besagt die Anfanglosigkeit alles Irdischen, alles Geschöpflichen. Aus seiner unendlichen Seinsfülle hat Gott das Irdische, das Geschöpfliche, hervorgebracht. Die Materie und die Form, die belebte und die unbelebte Welt, alles hat in ihm seinen Grund.

Auch der Mensch stammt von Gott. Er ist sogar ein Abbild Gottes, ein unendlich weit entferntes, gewiß, aber immerhin: Gott hat ihn nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen. „Er bildete“, so heißt es in kindlicher Redeweise, die vor Jahrtausenden den Menschen vorgelegt wurde, „den Menschen aus Lehm der Erde und blies in sein Angesicht den Odem des Lebens, und es ward der Mensch zu einem lebenden Wesen.“ Das Dogma sagt nichts, wie Gott dabei zu Werke ging. Hier wird nur in einer schlichten, für einfache Menschen bestimmten Redeweise erklärt, dass alles seinen Ursprung in Gott hat. Die Bibel spricht in bildhafter Weise, wie man eben zu Menschen auf einer niederen Kulturstufe sprechen musste, wenn man verstanden werden wollte.

Die Schöpfungsberichte wollen uns keine Auskunft geben über Naturkunde, über Biologie oder über Physik. Sie wollen uns die Herkunft alles Geschaffenen aus der Allmacht Gottes lehren. Was der Mensch mit seinem Verstande erforschen kann, das soll er erforschen. „Dass der Mensch von Gott erschaffen ist, das bezweifelt kein Mensch außer ein undankbarer“, hat einmal der heilige Augustinus geschrieben. Wir sind also zum Dank verpflichtet, dass wir geschaffen sind. Wir kommen nicht aus der Tiefe, wir kommen aus der Höhe. Wir entstehen nicht aus dem Niederen, sondern wir entstehen aus dem Erhabenen. Wir haben also, bildlich gesprochen, einen Adelsbrief, nämlich den Adelsbrief, den Gott durch seine Schöpfung ausstellt. Unser Leib und unsere Seele sind ein Abbild, ein unendlich fernes gewiß, und dennoch ein Abbild Gottes.

Dieses Abbild Gottes zeigt sich besonders in der Erkenntnis und in der Freiheit, die dem Menschen mitgegeben sind. Der Mensch kann erkennen, und er kann wollen. Er soll das Rechte erkennen, und er soll das Rechte wollen. Damit ist er weit über alle Natur erhaben. Die Sonnen und die Sterne, die Meere und die Kontinente, die Tiere und die Pflanzen, Wälder und Felder, alles, was sich bewegt, lobt Gott, ist kraft der Schöpfung Gottes ausgestattet mit Harmonie und mit Schönheit. Die Geschöpfe sind tatsächlich Fußspuren Gottes. Die Ordnung und die Harmonie der Dinge sind wie Buchstaben, die von ihrem Herrn und Schöpfer berichten. Jede Kreatur ist ein Strahl des Schöpfers. „Himmel und Erde“, so singen wir ja im Liede, „Luft und Meer sind erfüllt von deinem Ruhm. Alles ist dein Eigentum.“ Aber die Geschöpfe wissen nicht darum, dass sie Gott verherrlichen. Sie tun es, ohne es zu wissen. Nur der Mensch weiß es oder kann es wissen und ist deswegen aufgerufen, sich in den Dienst des höchsten Herrn zu stellen. Die erste Frage des Katechismus, den Sie vielleicht – vielleicht – noch gelernt haben, lautete: „Wozu ist der Mensch auf Erden?“ Die Antwort: „Der Mensch ist auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen.“ Das ist eine geradezu erschütternd tiefe und einfache Antwort. Der Mensch ist auf Erden, um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen. Das besagt nicht, dass man immerfort beten muss. Gebet ist gewiß höchste Verehrung Gottes und auch höchste Pflicht des Menschen. Aber alles andere soll ebenfalls in den Dienst Gottes gestellt werden. „Ihr möget essen oder trinken oder was immer tun“, sagt der Apostel Paulus, „tut alles zur Ehre Gottes!“ Durch die gute Meinung, die wir an jedem Morgen fassen, stellen wir den ganzen Tag, das ganze Tagewerk in den Dienst Gottes. Wir sollten jeden Morgen beten, meine lieben Freunde: „O Gott, laß mich diesen Tag zu deiner Ehre, zum Heil meiner Seele und zum Segen für meine Mitmenschen verbringen.“ Das ist der schönste Vorsatz, den man sich machen kann. Laß mich diesen Tag zu deiner Ehre, zum Heile meiner Seele und zum Segen für meine Mitmenschen verbringen. Dadurch wird das ganze Tagewerk Gott geweiht und übergeben. Und selbst ohne diese Absicht, wenn wir nur das Rechte tun, ehren wir damit Gott. Es lässt sich in einem richtigen Sinne sagen: Das Sachgemäße ist immer das Gott Wohlgefällige. Wer sachgemäß handelt, der handelt Gott wohlgefällig.

Also nicht nur unser Beten und unser Arbeiten, sondern unser ganzes Wesen rühmt die Ehre Gottes, ist ein wahrhaftiges Gotteslob. Es hat doch Menschen gegeben, meine lieben Freunde, um deretwillen man sich freuen konnte, dass es einen Schöpfer gibt. Und immer wieder gibt es solche Menschen, um deretwillen wir nicht nur die Erde lieben und das Leben preisen, sondern um deretwillen wir an den Himmel glauben und den Herrgott loben. Alles Starke in uns, alles Leuchtende, das ist Kraft von Gott, das ist Glanz von Gott. Und alles soll ihm dargebracht sein. Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem heiligen Namen gib die Ehre!

Weil Gott lebt, wissen wir, wie wir leben sollen. Er erwartet unsern Dienst, er gibt uns Weisung, wie dieser Dienst aussehen soll. Und damit wird auch das Leben in den schwersten Situationen erträglich. Wenn man das Leben als eine Aufgabe betrachtet, dann vermag man es immer zu tragen. Weil Gott lebt, wissen wir, dass jeder Tag, jede Stunde kostbar ist, dass wir die Zeit als Geschenk Gottes ansehen müssen. „Denke immer an das Ende und daran, dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt“, so heißt es im Buch von der Nachfolge Christi. Denke immer an das Ende und daran, dass die verlorene Zeit nicht wiederkehrt. Und der heilige Pfarrer von Ars lehrt uns: „Wenn die Verdammten die Zeit hätten, die wir so unnütz vertun, welch heilsamen Gebrauch würden sie davon machen! Hätten sie nur eine halbe Stunde Zeit, diese halbe Stunde würde die Hölle entvölkern.“ Wie recht hat er! Trage Gott in dein Leben, dann trägt dich dein Leben zu Gott. „Das Leben ist ein leerer Krug, du hast ihn anzufüllen, und was du dir gesammelt hast, wird dich im Jenseits stillen.“ „Wenn du nur willst, so ist der Himmel dein, wie unermesslich reich kann auch der Ärmste sein“, sagt unser schlesischer Dichter Angelus Silesius.

Wahrhaftig, meine lieben Freunde, die Erde ist eine Straße, die nur wichtig ist wegen des Zieles. Dieses Ziel liegt weit draußen in einer unermesslichen Ferne. Aber derselbe gütige Gott, der uns erschaffen hat, gibt uns die Gnade, dass wir seine Straße wandeln und sein Ziel erreichen. Wer in der Gnade lebt, wer in der Gnade glaubt und wirkt, dem liegt das Ziel schon nicht mehr weit draußen, sondern dem ist es schon in nächster Nähe. Er weiß sich in der Gottesnähe und in der Gottesfreundschaft. Was er jetzt im Glauben besitzt, das wird er einmal im Schauen erwerben. Er trägt ein Stück des Himmels wie ein Heiligtum in sich selbst. Und so konnte der Martyrerbischof Ignatius von Antiochien, als er auf dem Wege zur Hinrichtung war, schreiben: „Schön ist es, unterzugehen von der Welt zu Gott, damit ich in ihm meinen Sonnenaufgang habe.“

Wahrhaftig, wir sind Menschen, die eine Hoffnung haben. Ich habe vor Jahrzehnten einmal ein Buch in der Sowjetzone veröffentlicht, in der DDR. Und der Zensor, der staatliche Zensor beanstandete eine Stelle des Buches, weil ich nämlich geschrieben hatte: „Die Ungläubigen sind Menschen ohne Hoffnung.“ „Nein, nein, sie haben eine Hoffnung“, so meinte er, die Ungläubigen nämlich, „die Erde besser zu gestalten.“ Ich musste also diese Stelle im Buch ändern und schreiben: „Die Ungläubigen sind ohne Hoffnung auf das ewige Leben.“ Das ließ er dann durchgehen; denn an ein ewiges Leben glaubten die Marxisten nicht. Wir aber glauben daran. Wir beten in der Totenmesse: „In Christus ist uns die Hoffnung ewigen Lebens, seliger Auferstehung erschienen. Bedrückt uns auch das unabänderliche Schicksal des Sterbens, so tröstet uns doch die Verheißung der Unsterblichkeit. Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben nicht geraubt, sondern neu gestaltet. Bricht auch das Zelt, in dem wir hier auf Erden leben, ab, dann erwartet uns drüben eine unzerstörbare Heimat im Himmel.“

Diese Hoffnung ist der Grund, warum die Christen in den Katakomben in Rom und anderswo die Gräber ihrer Verstorbenen geziert haben mit Blumen, mit Fruchtgehängen, mit Weinlaub, denn sie wussten was auf ihren Inschriften stand: „in Frieden, in der Erquickung, in Gott.“ Es gibt einen letzten Sinn, der Welt, meine lieben Freunde, denn Gott existiert. So wahr Gott lebt, so wahr ist auch der unsterblichen Seele ewiges Leben bei Gott verheißen. Welche Bedeutung, welche Weihe, welches Glück strahlt aus diesem Leben, aus diesem ewigen Leben in unser irdisches Dasein! Kein Tag ist wertlos oder gleichgültig, auch kein Tag der Mühsal und der Leiden ist verloren. Verloren wäre nur ein Tag der Gottesferne. Darum lässt sich die Nutzanwendung auf die große Frage: Wohin gehst du? zusammenfassen in den beiden Sätzen: „Vergiß seinen Gott nicht! Sorge für seine Seele!“

Amen.

 

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Der Himmel – eine transzendente Wirklichkeit

01.05.2008

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier der Himmelfahrt unseres Herrn und Heilandes Versammelte!

Erfurt ist eine Patenstadt von Mainz. Die Hauptstraße von Erfurt trägt den Namen „Juri-Gagarin-Ring“. Juri Gagarin war ein sowjetischer Fliegermajor, der am 12. April 1961 als erster Mensch in einer Raumkapsel die Erde umkreiste. Nach seiner Rückkehr von der Weltraumfahrt stellte er fest, dass er im Weltraum „keine Spur von Gott, den Engeln oder dem Himmel entdeckt“ habe. Ähnliches hatte er schon während seines Fluges an die Bodenstation gefunkt. Darüber brach große Freude aus in der atheistisch ausgerichteten Sowjetunion. Jetzt endlich, so hieß es, ist wissenschaftlich bewiesen, dass das mit dem Himmel eine fromme Einbildung oder ein Schwindel der Kirchen ist. Ein Jahr später, im Februar 1962, schickten die Amerikaner ihren ersten Astronauten in den Weltenraum, John Glenn. Als John Glenn zurückkam, erklärte er, der Gott, an den er glaube, sei größer als das, was man durch die winzige Luke eines Raumschiffes sehen könne. Er fügte hinzu: „Von hier auf die Schöpfung zu schauen und nicht an Gott zu glauben, ist für mich unmöglich.“

Nicht nur Russen und Amerikaner beteiligten sich an der Raumfahrt, sondern auch Deutsche. Im Jahre 1997 blieb der aus Mönchengladbach stammende Kosmonaut Reinhold Ewald 18 Tage an Bord der russischen Raumstation Mir. Nach seiner Rückkehr hielt er in seiner rheinischen Heimat einen Vortrag, und in diesem Vortrag erklärte er wörtlich: „Der Himmel, in den ich als Raumfahrer fliege, nimmt mir nicht den Himmel des Kommunionunterrichts, in den unserem Glauben nach alle Menschen eine Chance haben, nach dem Tode zu gelangen.“ Ich wiederhole noch einmal diesen schönen Satz von Reinhold Ewald: „Der Himmel, in den ich als Raumfahrer fliege, nimmt mir nicht den Himmel des Kommunionunterrichts, in den unserem Glauben nach alle Menschen eine Chance haben, nach dem Tode zu gelangen.“ Wir sehen, der Glaube Ewalds wurde durch die Raumfahrt nicht erschüttert. Aber er war nicht nur gläubig; er besaß auch einen denkenden Glauben. Erfügte nämlich hinzu: „Für Gott bleibt allemal genug Raum, wenn er denn überhaupt welchen bräuchte.“ Ich wiederhole auch diesen schönen Satz: „Für Gott bleibt allemal genug Raum, wenn er denn überhaupt welchen bräuchte.“

Menschliche Himmelfahrten widersprechen dem Glauben nicht, den wir am heutigen Tage bekennen. Vierzig Tage nach Ostern ist Christus vor den Augen seiner Jünger in den Himmel aufgenommen worden. Die Apostelgeschichte berichtet davon: „Er wurde emporgehoben, und die Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg.“ Im Lukasevangelium, das ja derselbe Verfasser geschrieben hat wie die Apostelgeschichte, heißt es: „Hierauf führte er sie hinaus, Bethanien zu. Er hob seine Hände und segnete sie, und es geschah, während er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr in den Himmel hinauf.“

Die Zeit des vom Staate verordneten Atheismus ist vorbei. Aber der Himmel bleibt auch danach eine problematische Angelegenheit. Wenn man die Kinder im Kindergarten auffordert, den Himmel zu zeichnen, dann sitzt auf einem Thron ein alter Mann mit Bart, mit einem weißen Gewande angetan, umgeben von umher fliegenden Engeln. Wir lächeln über solche Vorstellungen; wir lächeln mit Recht. Aber man kann auch ein gewisses Verständnis dafür haben; denn wie soll man denn das Unsagbare aussagen? Wie soll man sich denn das Unvorstellbare vorstellen? Es liegt auch hier ein Missverständnis vor. Es wird nicht unterschieden zwischen dem Himmelsgewölbe, wo die Raumschiffe fahren, wo die Wolken ziehen und die Flugzeuge kreisen, und der Himmelsherrlichkeit, in welche die Vollendeten nach Gottes Willen eintreten und ihn schauen. Aber eine solche Unterscheidung ist unbedingt notwendig. Der Himmel, den wir sehen, ist eine materielle Angelegenheit; der Himmel, an den wir glauben, ist eine geistige Wirklichkeit. Das Deutsche besitzt leider für beide Gegenstände nur ein Wort, nämlich Himmel. Die Engländer haben zwei. Sie bezeichnen den Wolkenhimmel mit sky, und sie bezeichnen die Gott vorbehaltene Wirklichkeit mit heaven. Sky und heaven sind völlig verschiedene Wirklichkeiten. Das eine bezeichnet eine Quantität, das andere eine Qualität.

Der Himmel, von dem wir heute sprechen, als Bereich Gottes, ist eine transzendente Wirklichkeit. Transzendent heißt übersteigend. Das heißt, der Himmel übersteigt alles, was uns aus der Erfahrung bekannt ist. Er übersteigt alles, was wir mit den Mitteln der Erfahrung erkennen und erreichen können. Weder Satelliten noch Raumschiffe können in die Wirklichkeit vorstoßen, die wir mit dem Wort Himmel bezeichnen. Es wäre also ganz falsch, wenn man meinen würde: Ja, die Raumfahrer müssen halt weiter fliegen. Sie sind nicht weit genug vorgedrungen. Wenn sie weiter mit ihren Raumschiffen in den Weltraum vorgestoßen wären, dann hätten sie Gott doch gefunden. Nein, meine lieben Freunde, Gott ist nicht zu finden. Er ist mit Raumschiffen nicht zu erreichen. Der Himmel ist jenseits jeder Entfernung, und wäre sie noch so groß.

Der Himmel ist die Gott vorbehaltene Wirklichkeit. Das heißt nicht, dass diese Wirklichkeit nirgendwo ist. Sie muss irgendwo sein, denn die Seelen der Verstorbenen, die Seelen der Vollendeten müssen sich irgendwo aufhalten. Sie sind ja nicht zerstört, sie haben sich nicht aufgelöst; also müssen sie irgendwo sein. Aber wir können keinen Ort angeben, an dem sie sich befinden könnten. Und der Ort, an dem sich die vollendeten Seelen befinden, ist von anderer Art als alle Orte, die wir aus unserer Erfahrung kennen. Dieser Ort kann von keinem Menschen wahrgenommen werden. Dieser Ort ist jenseits der Ausdehnung, die wir mit jedem Ort verbinden. Örtlichkeit ja, aber Örtlichkeit anderer Qualität, als wir sie kennen.

Man kann also auch nicht sagen: Der Himmel, wo die Vollendeten sind, sei oben oder unten. Das alles sind Angaben, die uns verwehrt sind. Aber da könnte jemand fragen: Ja, warum ist denn dann der Heiland nach oben aufgefahren? Warum ist er nicht in die Erde versunken? Er hätte ja auch in die Erde eintauchen und darin verschwinden können. Er ist nach oben aufgefahren. Die Richtung nach oben ist von tiefer Symbolik. Wir Menschen verbinden mit „oben“, wo die Sonne ist, das Helle, das Lichte, das Freie, und mit dem Begriff „unten“ verbinden wir das Dunkle, das Finstere, das Gebundene. Und diesen Vorstellungen hat sich Gott angeschlossen; dieser Vorstellungen hat er sich bedient, um auszusagen, dass Jesus in die Welt der Herrlichkeit Gottes, in den Glanz seiner überirdischen Schönheit eingekehrt ist. Wenn wir sagen: Gott wohnt im Himmel, dann wollen wir damit nicht ausdrücken, Gott habe einen abgeschlossenen Raum, einen Palast oder ein Wohnhaus. Nein. Wenn wir sagen: Gott wohnt im Himmel, dann soll damit ausgesagt werden: Gott lebt in einer Wirklichkeit, die über alles Geschaffene unendlich erhaben ist. Gott übersteigt nicht bloß die Erde, er übersteigt nicht bloß das Weltall, er übersteigt auch den Himmel. Achten Sie bitte darauf, was wir jetzt in den nächsten 9 Tagen tun werden, was wir in der Pfingstnovene beten: „König der Glorie, Herr der Heerscharen, als Sieger bist du heute über alle Himmel – über alle Himmel – emporgestiegen.“

Gott wohnt in unzugänglichem Licht. Er ist unermesslich und absolut raumlos. Er erfüllt jeden Raum, denn er ist in jedem Raum gegenwärtig, aber er wird von keinem Raum umschlossen. Die Unermesslichkeit oder Raumlosigkeit Gottes besagt, dass jede räumliche Beschränkung von ihm ferngehalten werden muss. Die Heilige Schrift bezeugt die Erhabenheit Gottes über alle räumlichen Maße. Das Weltall reicht nicht aus, ihn zu fassen. Als König Salomon den Tempel, den herrlichen Tempel in Jerusalem gebaut hatte, da betete er: „Herr, siehe, der Himmel und die Himmel können dich nicht fassen, um wie viel weniger dieses Haus, das ich erbaut habe.“ Noch einmal: „Die Himmel der Himmel können dich nicht fassen, um wie viel weniger dieses Haus, das ich erbaut habe.“

 Meine lieben Freunde, so muss es sein. Es muss so bleiben, wenn Gottes Wirklichkeit für den Menschen unerreichbar und unangreifbar bleiben soll. Wenn Gott im Weltenraum anzutreffen wäre, dann wäre er von derselben Art wie die geschaffenen Dinge, dann wäre er nicht mehr Gott. Der Gott, der im Weltraum auffindbar wäre, hörte auf, Gott zu sein. Gott ist der ganz andere. Er ist anders als alles, was uns in der Erfahrung begegnet. Er ist anders als alles in der Welt. Er ist überweltlich. Deswegen tritt die Raumfahrt dem Glauben an Gott nicht zu nahe, und Gott wird durch die Raumschiffe nicht gestört. Der Himmel bleibt eine Wirklichkeit, auch wenn die Kosmonauten sie nicht erreichen können. Gott allein verfügt über den Eintritt in sein himmlisches Reich. Wer aus der Raumfahrt falsche Folgerungen für den Himmel und für Gott zieht, der hat Gott und den Himmel nicht verstanden; an dem wiederholt sich, was im 2. Psalm geschrieben steht: „Es toben die Volker, die Nationen machen vergebliche Pläne. Die Großen haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Gesalbten. Laßt uns ihre Fesseln zerreißen.“ Und was antwortet Gott auf diesen Aufstand? „Der im Himmel thront, lacht, er lacht ihrer und verspottet sie.“

Amen.

 

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