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Predigten von Prof. Dr. Georg May

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Christus gestern, heute und in Ewigkeit
Das rechte Geschenk für den Gottessohn
Die Geschichtlichkeit der Weisen aus dem Morgenland
Über die rechte Erziehung der Jugend
Die hohe Bedeutung der katholischen Soziallehre
Christlich leben in der alltäglichen Welt
Das Verhältnis der Kirche zu Geist und Wissenschaft
Die Staatslehre der katholischen Kirche
Die Kirche, mit dem Volk verbunden
Das Evangelium der Arbeit
Die Sünde und die Freude
Das Christusbild des Irrlehrers Hans Küng
Christi Anspruch der Wesensgleichheit mit Gott
Die Eucharistie, Quelle der Freude und der Kraft
Gründe für den Niedergang der Religion

Christus gestern, heute und in Ewigkeit

04.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Vor wenigen Tagen haben wir das neue Jahr begrüßt, und es ist von tiefer Bedeutung, dass die Kirche an den Beginn des neuen Jahres das Fest des Namens Jesu stellt. Im Namen Jesu sollen wir alles beginnen, im Namen Jesu alles durchführen und im Namen Jesu alles beschließen. Denn unsere Hilfe ist im Namen des Herrn, und es ist kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, in dem wir das Heil erlangen können. Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Wir wollen deswegen am heutigen Fest des Namens Jesu nachsinnen, was es heißt, wenn der Apostel Paulus im Brief an die Hebräer schreibt: „Christus gestern, heute und in Ewigkeit.“

Christus gestern, heute und in Ewigkeit. Christus gestern, also auch im vergangenen Jahr. Wir alle wissen, wie viel Schweres über uns und andere Menschen in diesem vergangenen Jahr gekommen ist, wie wir dem Weinen manchmal näher waren als dem Lachen. Manchmal haben wir gedacht: Wenn es nur erst vorüber wäre, und gelegentlich ist uns der Gedanke gekommen: Es geht nicht mehr, ich schaffe es nicht mehr, ich halte es nicht mehr aus. Und dann haben wir es doch geschafft, wir haben es doch ausgehalten. Da war Gott mit im Spiele. Wir haben im vergangenen Jahr geklagt, wie wir in allen Jahren geklagt haben. Aber hat es nicht auch manches Gute gegeben in diesem Jahre? Wir haben gebetet in der Angst unseres Herzens, aber sind wir nicht auch erhört worden? Es gibt wenig Menschen, die zurückdenken. Vor einiger Zeit las ein Priester die heilige Messe, und da fiel ihm ein junger, schmächtiger Mann auf, der der Messe beiwohnte. Es traf sich, dass er nach der heiligen Messe mit ihm ins Gespräch kam. Er fragte ihn nach seinem Beruf. Der junge Mann erklärte, er sei seit 5 Jahren arbeitslos. Er habe mit seiner Familie Schweres durchgemacht. Der Priester wollte ihm ein Trostwort geben, aber der Mann wehrte ab: „Ach, wissen Sie“, sagte er, „anderen geht es noch schlimmer, und ich habe mich immer noch satt essen können.“ Dieses Wort hat der Priester nicht vergessen. Immer wenn er frohe Stunden hatte, dachte er an diesen Mann und sagte sich: „Andere haben es schlimmer.“ Und wenn er anfangen wollte zu klagen, da hörte er das Wort: „Ich habe mich immer noch satt essen können.“ Und das ist ja viel, denn Millionen und Abermillionen können sich nicht satt essen. Gestern ging die Meldung durch die Presse, daß ein Sechstel der Menschheit sich nicht einmal satt trinken kann. Ein Sechstel der Menschheit hat kein gutes Trinkwasser.

Der Herrgott überschüttet uns mit Wohltaten, aber wer dankt ihm? Im Gegenteil, die Menschen tun oft, als wären sie die Beleidigten, als wäre ihnen Gott etwas schuldig geblieben. „So viel ist er mir in den 12 Monaten schuldig geblieben!“ O, meine Freunde, was ist er uns schuldig geblieben? Wieso ist er uns schuldig geblieben? Weil wir Sorgen, Kummer, Ungemach, Unbill erlitten haben? Ja, wann hat uns denn Gott jemals ein angenehmes und leichtes Leben versprochen? Wie lauten die Verheißungen, die er uns gegeben hat? „Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ „Der Jünger ist nicht über dem Meister.“ „Haben sie mich verfolgt, dann werden sie auch euch verfolgen.“ Und als es zur Abschiedsstunde kam, in seinen Abschiedsreden, da sagte er: „In der Welt habt ihr Drangsal.“ Also das hat uns der Herr verheißen: „In der Welt habt ihr Drangsal.“

Was sind denn wir im vergangenen Jahr Gott schuldig geblieben? Haben wir wenigstens einen Fehler abgelegt? Haben wir eine Tugend dazugewonnen? Sind wir bessere, edlere, feinere Christen geworden? Schmücken wir mit unserer Persönlichkeit die Kirche? Ein englischer Konvertit hat einmal geschrieben: „Das ist Christus, mein Freund. Ich habe viel von ihm gehört, aber ich kümmerte mich nicht um ihn. Täglich erhielt ich seine Geschenke, aber niemals dankte ich ihm. Oft schien er meine Freundschaft zu wünschen, aber ich blieb kalt. Das ist Christus, mein Freund. Ich blieb ihm viel schuldig.“ Daran sollen wir denken, an das denken, meine Freunde, was wir unserem Herrn in der Vergangenheit, im vergangenen Jahr schuldig geblieben sind.

Christus gestern. Christus heute. Unser Heiland ist keine Gestalt der Vergangenheit. Er ist der Herr der Gegenwart. Er ist gewiß gestorben und begraben worden, aber er ist auch auferweckt worden. Der Tod konnte ihn nicht festhalten. Wir wissen, daß Christus nach seiner Auferstehung nicht mehr stirbt, dass der Tod über ihn fürder nicht herrschen wird. Er lebt. Er lebt in der Herrlichkeit des Vaters. Und er ist nicht untätig. Die Vergangenheit mit uns Menschen hat ihn nicht müde und mürbe gemacht, wie wir müde und mürbe werden, wenn wir erfolglos arbeiten. Christus ist auch nicht verzagt wegen des Undanks der Menschen, wie wir verzagt sind, wenn wir erleben, dass die Menschen unsere Guttaten mit Undank vergelten. Wie oft habe ich schon gehört: Es hat alles keinen Zweck, wir geben unsere Bemühungen um diesen Menschen, um diese Kinder auf. So verhält sich der Herr nicht. Er gibt seine Bemühungen um uns nicht auf. Er lebt, um als Fürbitter beim himmlischen Vater für uns einzutreten. Sein Mittlerdienst hört nicht auf. Er wird auch nicht unterbrochen und steht nicht auf Abruf. Er tritt immerfort für uns ein. Immer, meine lieben Freunde, wenn wir beten innerhalb und außerhalb der heiligen Messe: „durch Christus, unseren Herrn“, appellieren wir an seinen Mittlerdienst. Durch ihn soll unser Bitten, unser Flehen, aber auch unser Lob und unser Dank zum Vater im Himmel strömen.

Christus heute. Da müssen wir natürlich auch fragen: Wie findet uns das Heute? Ist Christus wirklich ganz in uns und mit uns? Leben wir im Stande der heiligmachenden Gnade? Das ist eine Frage, die uns durch Mark und Bein gehen muss. Die ganze Fülle der Gnade und der Vorsehung ergießt sich eigentlich nur auf den, der im Stande der Gnade ist. Warum? Weil nur er die Türen offen hält für das Eintreten Gottes, weil er nur allein imstande ist, die Gnade aufzunehmen, so dass der Herr wirklich sie in uns hineinschütten kann. Gott ist gut gegen alle Menschen, aber besonders gegen die, die im Stande der Gnade sind. Fragen wir also: Gehören wir Gott? Gehören wir der Vorsehung? Auf einem Kreuze las ich einmal die Inschrift: „Das tat ich für dich! Was tust du für mich?“ Diese Frage muss in unserem Herzen brennen. Sie darf uns keine Ruhe lassen. Was tun wir für ihn? Was tun wir für seine Ziele, für sein Reich? Was tun wir in diesem Jahre? Im Buch von der Nachfolge Christi steht der ergreifende Satz: „Jene arbeiten geschäftiger an ihrem Verderben als du an deinem ewigen Heil.“ Ist es nicht so? Jene arbeiten geschäftiger an ihrem Verderben als du an deinem ewigen Heil.

Christus gestern, Christus heute, Christus in Ewigkeit. Wir wissen nicht, was das Jahr 2009 in seinem Verlaufe bringen wird. Es läßt sich ja unsicher an. Wir denken an die Finanzkrise, an die Wirtschafskrise, an die Immobilienkrise, an die Arbeitsplatzkrise. Dunkle Schatten stehen auf und machen uns Sorgen. Aber freilich, die größte Sorge ist nicht, ob unsere Männer und Frauen Arbeit haben. Die größte Sorge ist, dass Millionen in Gefahr stehen, den Glauben zu verlieren. Es ist so wie in der Nachkriegszeit, wo ich oft gehört habe, dass die Menschen sagten: „Wie kann Gott das zulassen?“ Meine lieben Freunde, darüber wollen wir ein wenig nachsinnen. Wie kann Gott das zulassen? Bedenken wir: Gott läßt zu, dass Menschen ihn leugnen; Gott läßt zu, dass Menschen sich nicht um ihn kümmern; Gott läßt zu, dass Menschen ihn verspotten; Gott läßt zu, dass Menschen seine Gebote mißachten. Aber niemand fragt: Wie kann Gott das zulassen? Er hat seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben. Er, der Wohltaten spendend durch die Lande ging, wurde ans Kreuz geschlagen. Diejenigen, die seine Wohltaten empfange hatten, riefen: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“  Wenn Gott das zulassen kann, weshalb wundern wir uns, dass er zuläßt, dass Arbeitslosigkeit und Hungersnot entstehen? Warum soll Gott nicht zulassen, was die Menschen zu verantworten haben? Wer ruft denn die Krisen in der Welt herbei? Wer hat denn die Bankenkrise und die Wirtschaftskrise zu verantworten, Gott oder die Menschen? Und wollen die Menschen nicht die Wirtschaft und die Politik nach ihrem Gutdünken gestalten? Gott läßt es zu, er läßt sie ihre Wege gehen. Würden sie sich nicht heftig wehren, wenn Gott dauernd eingreifen würde, wenn sie ihre Bilanzaktionen und Transaktionen planen? Sie wollen doch frei sein. Sie wollen doch tun, was sie auf der Universität und in ihrem bösen Herzen gelernt haben. Wenn Gott die Menschen nicht hindert, Gewinne zu machen, warum sollte er sie hindern, Verluste zu erleiden? Gott läßt zu, dass die Menschen ihren Vergnügungen gegen seinen Willen nachgehen. Wie würden sie ihn anklagen, wenn er sie hindern würde, Unzucht zu treiben, Steuern zu hinterziehen, schludrige Arbeit zu leisten? Dass dann die Folgen für ihr Verhalten eintreten, ist folgerichtig. Die Menschen tragen Verantwortung für ihr Tun und Lassen. Gott kann und will sie ihnen nicht abnehmen. Die Menschen müssen für ihre Sünden bezahlen mit Aids und Herzinfarkt, mit gerichtlichen Anklagen und Verurteilungen, mit Zusammenbrüchen und Unfällen. Warum sollte Gott nicht zulassen, dass die Menschen die Wirkung ihrer eigenen Taten spüren? Wie sollen sie denn zur Besinnung kommen, wenn Gott verhindert, dass sie erfahren, was sie angerichtet haben? Und noch eines. Ich höre die Anklagen gegen Gott, aber, meine lieben Freunde, haben sie einen Sinn und einen Zweck? Was wird denn besser, wenn wir Gott anklagen? Welchen Nutzen hat es, Gott zu beschuldigen? Wird nicht dadurch alles noch schlimmer? Gilt nicht das Wort aus der Nachfolge Christi: „Wenn du dein Kreuz unwillig trägst, legst du auf dein Kreuz ein zweites Kreuz, machst die Bürde noch einmal so schwer und wirst sie doch tragen müssen.“ Wenn du dein Kreuz unwillig trägst, so legst du auf dein Kreuz ein zweites Kreuz, machst die Bürde noch einmal so schwer und wirst sie am Ende doch tragen müssen.

Vor einiger Zeit sagte mir ein junger Freund: „Kann man denn von den Menschen in ihrer Not verlangen, dass sie an Gott glauben? Ist es überhaupt noch möglich, dass sie glauben?“ Ob es möglich ist, meine lieben Freunde? Wollen wir den Herrgott nur dann lieben, wenn wir satt gegessen haben? Wollen wir nur dann an ihn glauben, wenn wir aufstehen vom Mahle, ihn nur lieben wegen des warmen Rockes und des guten Essens? Ich kann Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, keine erfundene, sondern eine wahre Geschichte. Ein Vater hatte drei Söhne, und er begab sich immer wieder in Abständen zu ihnen, und in den Taschen hatte er immer etwas mitgebracht. So wurde er freudig und jubelnd begrüßt. Aber einmal dachte er: Ich will einmal sehen, wie sie mich aufnehmen, wenn ich mit leeren Händen komme. Er ging also zu dem ersten Sohn. Die Kinder stürmten heran und suchten in seinen Taschen, fanden nichts und waren enttäuscht. Ebenso erging es ihm bei dem zweiten Sohn. Beim dritten Sohn aber nahm man ihn voll Freude auf und fragte nicht: Was hast du mitgebracht, sondern sagte: Gut, dass du gekommen bist. Da wurde es dem Vater warm ums Herz. So ähnlich verhalten wir uns gegenüber dem Herrgott wie der erste und der zweite Sohn. Wir suchen nicht ihn, sondern seine Gaben. Wer jetzt die Liebe aufsagt, der hat ihn nie geliebt.

Noch einmal zitiere ich aus dem Buch der Nachfolge Christi: „Die Liebe fühlt keine Last. Die Liebe scheut keine Arbeit.“ Das muss man sich oft vorsagen, wenn man die Last fühlt, wenn man die Arbeit scheut. Da habe ich ja keine Liebe. Die Liebe fühlt keine Last, die Liebe scheut keine Arbeit. Irgendwo lebte ein Priester, ein frommer Priester. Er hatte einen Spruch, der ihm immer half: „Mit Jesus zu zweit.“ Er sagte: „Ich bin nie allein. Ob ich glücklich bin oder unglücklich, wir sind immer zwei. Mit Jesus zu zweit. In der Arbeit, im Leid, im Gebet, mit Jesus zu zweit.“ Und auf diese Weise ist er gestorben, mit Jesus zu zweit.

Das sollten auch wir im neuen Jahr uns angewöhnen. Wir sind nicht allein. Jesus ist bei uns. Mit Jesus zu zweit ins neue Jahr. Unsere Väter haben das Jahr – jedes Jahr – als annus Domini, als Jahr des Herrn bezeichnet. Und so haben wir es ja an unsere Häuser geschrieben. Und auch das Jahr 2009 ist ein Jahr des Herrn. Mit Jesus zu zweit sei der Anfang; mit Jesus zu zweit sei jede Stunde; mit Jesus zu zweit wollen wir gehen bis zum Ende.

Amen.

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Das rechte Geschenk für den Gottessohn

06.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Wir haben soeben vernommen, welches ein wesentlicher Inhalt des heutigen Festes ist. Wir kennen den Bericht des Evangelisten Matthäus über das Erscheinen der Weisen aus dem Morgenlande, die gekommen sind, dem neugeborenen König zu huldigen. Sie waren die Erstberufenen aus der Heidenwelt. Die Hirten gehörten zum Volke Israel und waren, wenn man so will, die Vertreter des schlichten, innigen Glaubens. Die Weisen sind die ersten Gebildeten an der Krippe. Die Heilige Schrift nennt sie „Magoi“. Es sind verschiedene Übersetzungen für dieses Wort vorgeschlagen worden, aber am wahrscheinlichsten ist es, dass es sich um weise Männer handelt, die sich mit Astronomie beschäftigten und, wie das damals üblich war, mit der Astronomie auch mit der Astrologie. Diese beiden Wissenschaften beherrschten sie, und deswegen vertrauten sie sich der Führung eines Sternes an. Sie kamen, so nimmt man an, aus dem Partherreich. Das war ein gewaltiges Imperium, umfaßte etwa das heutige Persien, Medien, Assyrien, also den Iran und das Zweistromland, den Irak. Sie hatten also eine lange Reise hinter sich, waren monatelang unterwegs.

Wann kamen sie? Als Zeit wird ungefähr ein Jahr nach der Geburt Jesu angenommen. Also wenn Sie an der Krippe die Weisen neben den Hirten sehen, so ist das historisch gesehen nicht richtig. Sie kamen nicht an die Krippe, sie kamen in ein Haus, „oikia“ heißt es im griechischen Text. Die heilige Familie war umgezogen aus der Höhle in ein Haus. Wahrscheinlich hatte Josef Verwandte in Bethlehem, und dann haben sie ihn, nachdem der Trubel vorüber war, aufgenommen, und so fanden die Weisen das Jesuskind in einem Hause mit Maria. Merkwürdigerweise ist von Josef nicht die Rede.

Könige werden die Weisen zum erstenmal von dem Kirchenschriftsteller Tertullian genannt im 3. Jahrhundert. Wie kommt man darauf, dass diese Weisen Könige gewesen sein könnten? Nun, man hat eben im Alten Testament gelesen, dass die Könige von Tarsis und von Saba kommen und Geschenke bringen. Die Könige von Saba und Seba erscheinen. Und man hat dann die Erfüllung dieser Weissagung im Kommen der Magier gesehen. So kommen sie zu dem Namen Könige. Drei Könige. Ja, warum drei? Man nimmt an, dass jeder ein Geschenk brachte, und da es drei Geschenke waren, so vermutet man, dass es auch drei Weise waren.

Das Kommen, das Verweilen und das Gehen dieser Männer aus dem Morgenlande lehrt uns, wie wir mit dem Kinde Mariens, das ja der auf Erden erschienene Gott ist, umgehen sollen. Die Weisen kamen in das Haus, in dem das Kind sich befand, und das erste, was sie taten: Sie fielen nieder und beteten es an. Meine lieben Freunde, das allein ist die Haltung, die dem göttlichen Kinde angemessen ist: vor ihm niederfallen und es anbeten. Wer sich weigert, das zu tun, der gibt damit zu verstehen, dass er Herkunft und Wesen des Kindes entweder nicht kennt oder ablehnt. Eine andere sachgemäße Haltung als Niederfallen und Anbeten gibt es gegenüber diesem Kinde nicht. Entweder ist das Kind der menschgewordene Gott, oder es ist uninteressant. Wenn es der Logos ist, der Fleisch geworden ist, dann müssen sich vor ihm die Knie beugen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde, und dann muss jede Zunge bekennen: „Jesus Christus ist der Herr.“

Die Weisen brachten dem Herrn Geschenke, kostbare Geschenke: Gold, Weihrauch, Myrrhe. Ich bin überzeugt, das war das Kostbarste, was sie besaßen. Und darin liegt eine Lehre für uns: Verschenken, meine Freunde, darf man nur das Beste. Nicht, was man loswerden will, sondern das, von dem man sich nur schwer trennen mag. Das gilt schon für das Schenken unter Menschen, und erst recht gilt es gegenüber Gott. Wir sollen ihm also unsere Jugend schenken, nicht bloß das Alter. Wir sollen ihm unsere Kraft übergeben, nicht bloß unsere Hinfälligkeit. Die Weisen zeigen uns, wie man zum Herrn kommen soll: nicht mit leeren Händen und vor allem nicht mit leerem Herzen. Wir sollen ihm also darbringen unsere guten Werke: Gebet, Fasten, Almosen. Irdische Güter können wir ihm eigentlich nicht schenken, er ist ja der Herr von allem. Er hat alles gegeben, und er ist ja der Obereigentümer. Aber wenn er unsere materiellen Schätze nicht braucht, so benötigen sie doch die Menschen, seine Geschöpfe, und ihnen können wir irdische, wertvolle Dinge geben.

Das ist auch übrigens der Grund, warum die Kirche festliche, feierliche, kostbare Gotteshäuser baut. Sie dienen natürlich zuerst der Verherrlichung Gottes, aber danach auch der Freude und der Erhebung der Menschen. Die Anglikaner haben in London ihre teuersten und kostbarsten Kirchen in die Arbeiterviertel gebaut; sie wollten dadurch die Menschen zu Gott erheben. Das Wichtigste freilich, was wir dem Herrn schenken können, ist ein williges, ein bereites, ein reines Herz. Ich sagte schon, in einem gewissen Sinne kann man ihm nichts Irdisches schenken, aber das Herz können wir schenken, denn das hat er noch nicht, das müssen wir ihm geben. Also schenken wir ihm unsere Gedanken, unser Gedächtnis, unser Gemüt und unseren Willen.

Aber auch der Herr ließ die Weisen nicht ziehen, ohne sie in reichem Maße zu beschenken. So arm er äußerlich war, so reich war er, der Herr der Welt. Und was schenkte er seinen Besuchern? Er schenkte ihnen die Schätze der Gnade und Barmherzigkeit. Das waren vor allen Zeiten und sind auch heute noch die Gaben, die der Herr seinen Dienern schenkt. Und Gott läßt sich an Freigebigkeit nicht übertreffen. Wenn wir ein gutes Herz hätten und wenn wir all das Flitterwerk abwürfen, das uns von ihm abhält, so würde unsere Seele von seinen Schätzen erfüllt werden. Denn das ist das Gesetz bei der Mitteilung der Gnade: Gott gibt nach dem Maße unserer Empfänglichkeit. Ein eiserner Grundsatz, der für das Gebet und für die Sakramente und für das Meßopfer gilt: Gott gibt nach dem Maße unserer Empfänglichkeit. Gewiß, die Sakramente wirken kraft ihres Vollzuges, ex opere operato, wie die Theologie sagt, also sie wirken kraft der vollzogenen sakramentalen Handlung, nicht kraft des Glaubens, wie die Protestanten meinen. Nein, die Sakramente wirken kraft ihres Vollzuges. Aber diese Wirksamkeit ist weder mechanisch noch magisch. Die Mitwirkung des Empfängers wird ausdrücklich gefordert. Im Konzil von Trient heißt es: „Er gibt die Gnade denen, non ponentibus obicem, die kein Hindernis entgegensetzen. Non ponentibus obicem. Die subjektive Disposition des Empfängers ist also unerläßlich für die wirkliche Mitteilung der Gnade. Wer nicht will, der hat schon. Es ist eine Lehre der Kirche, dass die Sakramente wirken nach der Disposition des Empfängers, dass das Maß der empfangenen Gnade abhängt von der subjektiven Disposition.

Aber einmal abgesehen von diesem kleinen Exkurs: An himmlischen Segnungen reich verließen die Weisen das arme Haus, in dem sie Maria und Josef gefunden hatten. In einem Traum – und Gott bedient sich der Träume zur Mitteilung; Träume sind keine Schäume – in einem Traum erhielt die Weisen den Befehl, nicht mehr zu Herodes zurückzukehren. Darum zogen sie auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Die Weise hätten ja ebenso gut wie Petrus auf dem Berge Tabor sagen können: „Herr, hier ist gut sein, hier wollen wir bleiben, laß uns eine Hütte bauen.“ Nein, so sagten sie nicht. Es drängte sie, das erste Gotteshaus auf Erden wieder zu verlassen und die Apostel desjenigen zu werden, dessen Höflinge sie gewesen waren. Der weitere Lebensweg der Weisen ist uns nicht bekannt, aber wir dürfen vermuten, dass sie von ihrem Erlebnis nicht geschwiegen haben, dass sie davon berichtet haben und dass auf diese Weise die erste Kunde von dem neugeborenen König in den Orient gedrungen ist.

Welche Lehre ist das für so viele Seelen, die in Ruhe und Schweigen vor Gott verweilen möchten, die Gott aber zu apostolischer Arbeit ruft? Die Ehre und die Sache des Herrn muss vor den Neigungen zurücktreten: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Der Mensch, jeder Mensch ist versucht, sich die leichte, bequeme Tätigkeit herauszusuchen und die schwere, anstrengende, ungesehene Arbeit zu fliehen. Aber gerade das verwehrt uns das Beispiel der Weisen. Keine Flucht in eine Nische, kein Aufsuchen einer Idylle. Wenn es auf unsere Wahl ankommt, sollen wir die beschwerliche Arbeit, die Gottes Ehre mehr fördert, der leichten vorziehen. Das heißt missionarisch sein und sich nicht im Kreise frommer Seelen erquicken. Erobern und nicht sich von den guten Schäflein verwöhnen lassen. So viele unter uns lieben den Frieden mehr als das Kreuz. So viele suchen sich einen ruhigen Platz statt die Walstatt des Kampfes. Diese Haltung entspricht nicht dem Willen des Herrn. Er will, dass wir um seinetwillen harte Arbeit leisten und den Kampf nicht scheuen. Hier auf Erden ist weder der Ort noch die Zeit der Ruhe und des Genießens. Hier müssen wir wirken aus Liebe zu Gott. Er bereitet jenen, die für ihn gewirkt haben, einen unendlichen Lohn im Himmel.

Herodes wartete vergeblich auf die Rückkehr der Weisen. Sie waren längst wieder nach Osten unterwegs. So vereitelte Gott das Vorhaben der Bösen durch die Einfalt der Gerechten. Auch wir kommen niemals in das himmlische Vaterland zurück, wenn wir nicht einen anderen Weg einschlagen als den, auf dem wir es verlassen haben. Auf welchem Wege haben wir uns vom Himmel entfernt? Nun, auf dem Wege der falschen Freuden, auf dem Wege der ungeordneten Genüsse, die wir durch schlechten Gebrauch der Geschöpfe und unserer Freiheit uns geleistet haben. Wir müssen gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen und uns zur Bekehrung und Selbstverleugnung gewöhnen. Bekehrung, das heißt Umkehr in religiöser und sittlicher Hinsicht, nicht immer vom schlimmsten Sündenzustand, aber von einem geringeren Zustand zu einem höheren. Wir alle haben die Bekehrung nötig. Ich habe einmal gelesen: „Das Geheimnis aller großen Prediger ist das Erlebnis ihrer immerwährenden eigenen Bekehrung.“ Das Geheimnis aller großen Prediger ist das Erlebnis ihrer immerwährenden eigenen Bekehrung. Bekehrung und Selbstverleugnung. Selbstverleugnung ist die Haltung, die dem natürlichen Streben entgegengesetzt ist. Der Herr hat sie verlangt: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst.“ Selbstverleugnung bedeutet also Neinsagen zu eigenen Wünschen, zu eigenen Plänen, zu eigenen Neigungen. Selbstverleugnung besagt Entwöhnung vom Angenehmen, Übung des Harten. Selbstverleugnung verlangt Enttäuschungen, Geringschätzung, Mißachtung, die uns treffen, dankbar aus der Hand Gottes entgegennehmen.

Der täuscht sich, der noch an Vergnügungen, an eigenen Ehren und am eigenen Willen hängt. Das ist der Weg, auf dem wir zugrunde gehen. Das ist der Weg, der uns in den Irrtum führt. Das ist der breite Weg, der ins Verderben lenkt. Nein, unser Streben nach Bequemlichkeit, unsere Empfindlichkeit in bezug auf unsere Ehre, das Sich-Aufbäumen gegen jede Abhängigkeit, sind das nicht sichere Zeichen dafür, dass wir den neuen Weg noch nicht betreten haben? Erkennen wir unsere Verirrung! Bitten wir den Herrn: „Gib mir, o Gott, die Gnade, die gefährlichen Wege zu verlassen, die ich bisher gewandelt bin. Laß mich den geraden Weg betreten, der zum Himmel führt. Laß mich Bekehrung und Abtötung üben. Laß mich ein rechter Jünger der Weisen sein, die zum Jesuskind gekommen sind.“

Amen.

 

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Die Geschichtlichkeit der Weisen aus dem Morgenland

11.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

In Freiburg im Breisgau ist ein zehnbändiges Lexikon erschienen, das „Lexikon für Theologie und Kirche“. Dieses Lexikon will den gesamten Wissensstoff, der die Theologie und benachbarte Gebiete berührt, darbieten, zuverlässig darbieten. Das Werk ist von der Deutschen Bischofskonferenz mit hohen Summen bezuschußt worden. Der Hauptherausgeber ist Walter Kasper, früherer Rottenburger Bischof und jetzt Kardinal. Das Lexikon ist, wie der Name sagt, für Theologie und Kirche bestimmt, also für die Wissenschaft und für das Leben. Wer dieses Lexikon in die Hand nimmt, der erwartet, darin sorgfältig und wissenschaftlich einwandfrei über Glaube und Lehre der Kirche unterrichtet zu werden. In der jüngsten Auflage nun vom Jahre 1995 schreibt der Verfasser des Artikels  „Drei Könige“: „Die Historizität der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet.“ Ich wiederhole: „Die Historizität (also die Geschichtlichkeit) der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet.“ Das heißt nicht mehr und nicht weniger als: die Kirche und die Gläubigen haben 2000 Jahre lang eine Legende, eine fromme Erfindung für Geschichte gehalten. Jetzt endlich, im Jahre 1995, ist das Licht aufgegangen und, so wird formuliert: Die Historizität der Magiergeschichte wird heute kaum noch behauptet.

Wir sehen, der Unglaube hat Weihnachten erreicht. Aufschlußreich ist die Feststellung des Verfassers, die Geschichtlichkeit des Berichts von den Weisen werde „heute“ kaum noch behauptet. Was heißt „heute“? Das heißt, früher wurde die Geschichtlichkeit sehr wohl behauptet, aber heute ist es anders. Wenn wir in der 1. Auflage dieses Lexikons nachschauen aus dem Jahre 1931, so lesen wir dort, dass überhaupt kein Zweifel besteht an dem Erscheinen der Magier und dass alle Ableitungen, etwa aus dem hellenistischen Mitraskult, fehl am Platze sind. In der 2. Auflage von 1959 heißt es: „Die Kirche hat immer an der Geschichte von den Magiern als einem historischen Ereignis festgehalten.“ Heute, sagt der Verfasser des erwähnten Artikels, ist es anders. Ich frage: Seit wann ist für unser Verständnis der Heiligen Schrift und somit für unseren Glauben maßgebend, was heute behauptet wird? Wir gläubigen Christen sind nicht von heute, wir sind 2000 Jahr alt. Was heute behauptet wird, das kann morgen verworfen werden. Der Wind der Meinungen dreht sich schnell. Wir halten uns an das, was immer bleibt, und das ist die Wahrheit. Die Wahrheit veraltet nicht.

Ich frage weiter: Was besagt es, dass die Geschichtlichkeit heute „kaum noch“ behauptet wird? Kaum, das heißt, es gibt doch noch welche, die die Geschichtlichkeit behaupten. Und seit wann entscheiden über Geschichtlichkeit und Ungeschichtlichkeit Behauptungen von Theologen? Wir nehmen unseren Glauben doch nicht von Theologen entgegen, sondern vom Heiligen Geist durch die Vermittlung der Kirche. Das ist die Glaubensquelle.

Der Abfall zum Unglauben ist zwar erschütternd groß in unserer Zeit, aber er hat keineswegs alle berufenen Verkünder des Glaubens erfaßt. Und Gott sei es gedankt, auch im Bereich des Protestantismus gibt es gläubige Theologen. Ich ziehe die „Theologische Realenzyklopädie“ heran, ein gewaltiges Werk der evangelischen Wissenschaft. In diesem Lexikon „Theologische Realenzyklopädie“ vom Jahre 1982 schreibt der Verfasser des Artikels „Drei Könige“: „Nichts hindert daran, in dem Bericht ein historisches Ereignis zu erkennen.“ Ich wiederhole: „Nichts hindert daran, in dem Bericht ein historisches Ereignis zu erkennen.“ Wir freuen uns über diese Feststellung, denn sie entspricht unserer wissenschaftlichen Überzeugung und unserem Glauben.

Wenn die Weisen nicht nach Bethlehem gekommen sind, gibt es natürlich auch keinen Stern, der ihnen den Weg gewiesen hat. Dann sind alle Überlegungen darüber, was für ein Stern es gewesen sein könne, müßig. Aber siehe da, die Naturwissenschaftler früherer Zeiten und unserer Zeit sind anderer Meinung als die ungläubigen Theologen. Sie halten nach wie vor daran fest, dass ein Stern den Weisen den Weg nach Bethlehem gewiesen hat. Das hat schon Johannes Kepler im 16. Jahrhundert getan, der große Astronom und Physiker, und das tun heutige Astronomen und Astrophysiker. Sie sind von dem Geschwätz irrlichternder Theologen unbeeindruckt. Sie sind überzeugt, dass Matthäus Geschichte berichtet, wenn er erzählt, dass ein Stern die Männer aus dem Orient zu Christus führte.

Nun hat man freilich Überlegungen angestellt, was für ein Stern es gewesen sein könne. Es kommen drei verschiedene Möglichkeiten in Frage. Es könne ein Komet gewesen sein. Ein Komet ist ein Himmelskörper, der in der Sonnennähe große Mengen flüchtiger Gase und auch feste Teilchen freisetzt. Es könne, so sagt man, auch eine Nova gewesen sein. Eine Nova ist ein alter Stern – der Name ist eigentlich nicht richtig. Eine Nova ist ein alter Stern, der aber plötzlich einen gewaltigen Lichtesausbruch zeitigt, tausend- bis millionenfach mehr Licht wird auf einmal von diesem Stern ausgestrahlt. Das wäre eine  Nova. Die wahrscheinlichste Lösung liegt darin, dass sich der Königsstern Jupiter und der Judenstern Saturn im Sternbild der Fische getroffen haben. Ein Treffen von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische scheint die wahrscheinlichste Lösung zu sein für den Stern von Bethlehem. Warum? Jupiter galt als der Königsstern, also als der hervorragendste unter den Sternen. Saturn galt als der Judenstern. Noch heute gebrauchen ja die Engländer für den Samstag den Ausdruck „saturday“, d.i. Saturnstag. Beide Planeten kreisen um die Sonne. Der Jupiter in 12 Jahren, der Saturn in 30 Jahren. Und dabei überholen sie sich und stehen manchmal in einer Linie, und das nennt man Konjunktion, Verbindung. Kepler hat als erster auf diese Konjunktion aufmerksam gemacht. Er sagte: Die große Konjunktion hat sich im Jahr 7 v. Chr. ereignet, und er meinte, dass diese Konjunktion etwas mit dem Stern der Weisen zu tun habe. Aber jetzt wird man freilich fragen: Wie stimmt denn das mit dem Jahr 7? 7 v. Chr. soll Christus geboren sein? Ja, warum nicht? Unsere Zeitrechnung ist nämlich falsch angesetzt. Sie stammt von dem Mönch Dionysius Exiguus, und dieser Mönch hat im Jahre 525 willkürlich das Jahr 1 mit der Geburt Christi angesetzt. Es bestehen also gar keine Bedenken, die Geburt Jesu in das Jahr 7 (oder auch 6) zu verlegen.

Man hat Forschungen angestellt nach den Bewegungen der Planeten und ist dabei auf Keilschrifttafeln in Sippar gestoßen. Sippar liegt im heutigen Irak. In diesen Keilschrifttafeln von Sippar am Euphrat, wo eine Ausbildungsstätte für Astronomen sich befand, in diesen Keilschrifttafeln ist die große Konjunktion vom Jahre 7 v. Chr. verzeichnet. Die Weisen aus dem Morgenlande, die nach unserer Annahme sternkundig waren, wußten darum, dass sich Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische begegnen. Und dreimal, dreimal dicht aneinander vorübergingen. Sie hatten neben ihrem astronomischen Wissen auch astrologische Tendenzen. Sie haben also aus den Sternbewegungen Geschicke auf Erden abgeleitet. Das Sternbild der Fische stand für sie für Wasser, für Länder am Wasser, also Syrien und Palästina. Jupiter deutete auf den König, auf den Weltherrscher, und Saturn auf die Juden. So haben sie also angenommen, dass ein König der Juden erscheinen werde, und das war der Anlaß für die Weisen aus dem Morgenlande, aufzubrechen, um dem Stern zu folgen. Sie hatten erfahren, dass die Juden auf einen Messias hoffen und von ihm Befreiung von dem doppelten Joch erwarten, das ihnen durch Herodes und die römischen Besatzer auferlegt war. Es schien, als ob mit dem dreimaligen Zusammentreffen der beiden Planeten die Geburt eines neuen Königs angezeigt werde.

Tatsächlich gibt es drei solche Konjunktionen von Jupiter und Saturn. Die erste Ende Mai des Jahres 7, die zweite im Juli des Jahres 7 und die dritte im November des Jahres 7. Man nimmt an, dass sie bei der zweiten Konjunktion im Juli aufgebrochen sind, sich auf den Weg gemacht haben, um zu prüfen, ob ihre Deutung der Himmelserscheinung sich bewahrheitete. Es ist besonders bedeutsam und bemerkenswert, dass Jupiter und Saturn vom 12. bis 14. November stillstanden, weniger als eine Vollmondbreite von einander entfernt waren. Und wer in diesen Tagen in der Abenddämmerung von Jerusalem nach Bethlehem ging, dem wiesen die zwei Planeten am Südhimmel den Weg. Ja, kurz vor dem Ziel standen sie direkt über dem Ort still, glänzten sie direkt über dem Ort. Es scheint also, dass diese astronomischen Beobachtungen und Berechnungen den Bericht des Matthäus vollgültig bestätigen.

Es ist also nichts mit der Unwissenschaftlichkeit, die zugleich Unglaube ist, die uns der Verfasser des Artikels „Drei Könige“ in dem berühmten „Lexikon für Theologie und Kirche“ vorsetzen will. Wir sind überzeugt: Der Stern von Bethlehem hat wirklich geleuchtet. Die Weisen aus dem Morgenlande sind ihm wirklich gefolgt. Sie haben wirklich Jesus und seine Mutter gefunden; sie sind auf die Knie gefallen und haben das Krippenkind angebetet. Wir können nur hoffen und bitten, dass die Gnade des Jungfrauensohnes auch den Verfasser dieses Artikels im „Lexikon für Theologie und Kirche“ erreiche und sein Herz anrühre, damit auch er komme, niederfalle und anbete.

Amen.

 

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Über die rechte Erziehung der Jugend

18.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft.“ So sagt ein Wort, das seit jeher einen großen Wahrheitsgehalt für sich gehabt hat. Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. Wer hat die Jugend? Sie kennen alle in Ihrem Umkreis Jugendliche und wissen, wie es in ihnen und um sie aussieht. Die Gefahren der Jugend sind ungeheuer, und viele, zu viele Jugendliche gleiten ab, erliegen den Gefahren und gehen Gott und seiner Kirche verloren. Ein Kommunist hat einmal höhnend gerufen: „Die alten Leute überlassen wir euch; die Jugend ist unser. Mit uns zieht die neue Zeit!“ Und ein Mann namens Joseph Goebbels, Propagandaminister des Dritten Reiches, hat das Wort geprägt: „Früher sagte man: Wer die Jugend hat, der hat die Zukunft. Wir drehen das Wort um und sagen: Wer die Zukunft hat, der hat die Jugend!“

Wer, meine lieben Freunde, wird die Jugend haben? Welcher Anteil wird unserer Kirche daran beschert sein? Wir wissen, die Kirche ist die von Gott berufene Erzieherin der Jugend. Sie hat ein Erziehungsrecht, sie hat eine Erziehungsaufgabe, sie hat ein Erziehungsziel, und sie hat die Erziehungsmittel. Die Kirche hat ein Erziehungsrecht. Der Herr selbst hat es ihr gegeben, als er sprach: „Gehet hin, zieht zu allen Völkern, lehret sie und macht sie zu meinen Jüngern.“ Das ist die Erziehungsurkunde, die Gott selbst der Kirche ausgestellt hat. Und er hat ihr verheißen: „Ich bin bei euch alle Zeit bis ans Ende der Welt.“ Mit dieser Urkunde hat Christus die übernatürliche Mutterschaft der Kirche begründet. Denn wer die Taufe spendet und dadurch aus Geschöpfen Gotteskinder macht, und wer die Lehre Christi vermittelt an Menschen, die vorher an andere Götter geglaubt haben, der ist wahrhaftig mit einer geistlichen Mutterschaft ausgestattet. Die Kirche hat ein Erziehungsrecht, weil sie die geistliche Mutter der Kinder, der Menschen ist.

Die Kirche hat ein Erziehungsziel. Man muss wissen, wohin man die Menschen führen will. Es muss eine Richtung angegeben werden. Und das Erziehungsziel der Kirche liegt fest. Es ist das erlöste Gotteskind. Aus Adam sind wir, aus Christus zu sein ist unsere heilige Berufung. Die Kirche will die Menschen dazu führen, dass sie ihr Knie vor Christus beugen, dass sie dem Gekreuzigten ähnlich werden, dass sie Christus in sich ausbilden. Vor einiger Zeit kam einmal ein junger Mann in ein Kartäuserkloster. Die Kartäuser sind bekanntlich der strengste Orden der katholischen Kirche. Der Prior fragte ihn: „Was suchen Sie hier? Was wollen Sie werden?“ Der junge Mann antwortete: „Ich möchte Christus nachfolgen und ein guter Kartäuser werden.“ Der Prior entgegnete: „Sie sollen Christus werden! Sie sollen ein zweiter Christus werden. Sie sollen so werden, wie Christus war.“ Das ist eigentlich nicht nur Aufgabe eines guten Kartäusers; es ist die Sendung einer jeden Christen. Er soll ein Christus werden. Das ist das Erziehungsziel der Kirche.

Die Kirche besitzt aber auch die Erziehungsmittel. Das erste und oberste Erziehungsmittel der Kirche ist die Gnade. Gnade ist jede geistliche Gabe, die Gott uns zu unserem übernatürlichen Ziele verleiht: die heiligmachende Gnade und die helfende Gnade. Der Mensch ist schwach, aber in der Gnade wird er stark. „Alles“ – alles! – sagt der Apostel, „alles vermag ich in dem der mich stärkt.“ Man kann nur staunen, wenn Menschen sagen und klagen: Ich schaffe es nicht, ich kann die Gebote nicht halten. Sie sind zu schwer für mich. Du kannst, wenn du willst! Du kannst, weil du mußt! Und die Gnade ist bei dir. Alles kann ich in dem, der mich stärkt.

Die Gnade Gottes wird von uns aufgenommen, und sie vermag uns zu Helden zu machen. Es ist tatsächlich richtig, wenn Friedrich Nietzsche uns zuruft: „Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg!“ Heldenverehrung ist uns aufgegeben. Wir sollen keine Kaninchenseelen sein, sondern großherzige, weitherzige Menschen, die nach hohen Zielen streben, die sich nicht mit Billigem zufrieden geben, keine Schleimer, keine Angeber, sondern Menschen, die nach dem heldischen Ideal streben, das Christus ihnen vorgelebt hat. Dieses Ziel müssen wir im Auge behalten. Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! Unser Ziel muss sein die Ehre Gottes und das Heil der Menschen. Das ist das höchste Ziel, das einem Menschen gesetzt werden kann.

Die Kirche ist Erzieherin mit ihrer Lehre. Meine lieben Freunde, auf die letzten Fragen, die dem Menschen gestellt sind, weiß die Kirche eine Antwort. Mit ihrer Lehre gibt sie eine abschließende, eine befriedigende, eine den Menschen wahrhaft erfüllende Antwort. In ihrer Lehre von Gott, dass Gott existiert, dass er der allmächtige Schöpfer, dass er der barmherzige Vater ist, dass er rettet und richtet, dass unser Leben in seiner Hand ruht, dass wir geschaffen sind, ihm zu dienen und ihn zu lieben, dass wir ihn  aber auch fürchten wegen seiner Heiligkeit und wegen seiner Gerechtigkeit. Das alles vermittelt uns die Kirche. Sie belehrt uns über den Menschen, dass er nicht eine sinnlose Leidenschaft ist, dass er nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, dass er unsterblich ist, dass Gott ihm die Welt anvertraut hat zu treuen Händen, dass er einst Rechenschaft legen muss von seiner Verwaltung, das lehrt uns die Kirche. Sie lehrt uns auch, wie wir sittlich handeln sollen, dass unser Handeln nur gut ist, wenn es drei Bedingungen gehorcht, wenn es drei Kriterien erfüllt. Die Handlung selbst muss erstens sittlich einwandfrei sein, es müssen zweitens ihre Umstände sittlich einwandfrei sein, und es muss drittens der Zweck sittlich einwandfrei sein. Handlung, Umstände, Zweck . „Bonum ex integra causa, malum ex quolibet defectu.“ So haben wir in unserem Studium gelernt. Das Gute ist nur dann vorhanden, wenn alle drei Elemente zusammenkommen. Wenn nur eines fehlt, ist die Handlung nicht mehr gut. Um ein Beispiel zu bilden: Wer einen Todkranken zu Hause hat, der in jedem Augenblick betreut werden muss, der muss eben von seinen Angehörigen verlangen, dass sie bei ihm bleiben. Und wenn sie darüber die Messe versäumen, dann ist das keine Sünde. Die Umstände gebieten eben in einem solchen Falle, dass man bei dem Sterbenden bleibt. Bonum ex integra causa, malum ex quolibet defectu. Die Kirche lehrt uns auch, dass es in sich schlechte Handlungen gibt, die durch keinen noch so guten Zweck geheiligt werden. Gott verspotten ist immer schlecht, auch wenn man dadurch sein Leben retten kann. Es gibt in sich schlechte Handlungen, die durch keinen noch so guten Zweck geheiligt werden.

Die Kirche ist Erzieherin in ihrem Gottesdienst. Mancher von uns denkt mit Freude an Gottesdienste in seiner Jugend zurück, an feierliche, an erhebende Gottesdienste, an ergreifende Prozessionen. Mir sagte einmal eine alte Dame: „Ich freue mich immer schon auf das Fronleichnamsfest, auf die schöne Prozession, die in meiner Jugend einen unauslöschlichen Eindruck in mir hervorgerufen hat.“ Und der Sonntag, meine lieben Freunde, dass die Kirche uns den Sonntag schenkt, was ist das ein erzieherischer Gut, der Sonntag, der geheiligt werden muss, der nicht nur von Arbeit freizuhalten ist (von Erwerbsarbeit), sondern der auch durch Gebet und Gottesdienst geheiligt werden muss. Das ist es, was Sie Ihren Kindern von Jugend auf einerziehen müssen, dass sie den Sonntag heiligen. Der Sonntagsgottesdienst muss dem jungen Menschen zu einer lieben und selbstverständlichen Gewohnheit werden, ohne Ausnahme, ohne Auswahl. Jede Nichterfüllung des Sonntagsgebotes schwächt die Kraft, das Gebot am nächsten Sonntag zu erfüllen. Die Gründe für das Fernbleiben vom Gottesdienst werden immer schwächer. Der katholische Christ geht religiöse zugrunde, wenn er den Sonntagsgottesdienst ausfallen läßt. Der Mensch verkommt, wenn er keine Feierkleider mehr anzieht.

Die Kirche erzieht durch die heilige Beicht. O meine Freunde, welches wichtige, welches unersetzliche Erziehungsmittel ist die gute Beicht! Welch ein Glück ist es, beichten zu dürfen, denn Beicht macht leicht. Dass das Kind sich seiner Fehler bewußt wird, dass es sie bereuen lernt, dass es sie ausspricht, das ist ein ganz elementares Erziehungsmittel. Der erfahrene Jugendseelsorger weiß, was durch die Beichte an Werten geschaffen und an Unheil verhindert worden ist. Gutes wecken, Anlagen fördern, das ist die Kraft und die Wirkung der heiligen Beicht. Wieviel Mut wird Jugendlichen gemacht, wenn sie in der Beichte das wunderbare Wort hören: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Welche Not wird ihnen abgenommen. O meine lieben Freunde, ich halte es für eines der verderblichsten Ergebnisse der nachkonziliaren Entwicklung, dass die Beicht zum verlorenen Sakrament geworden ist. Ich habe andere Erfahrungen. Ich habe als Seelsorger eine große Schar von Jugendlichen gehabt, von Jungen und Mädchen, die alle vier Wochen treu, redlich, vollständig und aufrichtig ihre Sünden gebeichtet haben. Ich habe es erlebt. Das ist tröstlich. Aber natürlich Beichte als sakramentales Geschehen, nicht Bußandacht. Die Bußandacht ist der Abtreiber des Bußsakramentes. Persönliches Bekenntnis, nicht allgemeine Geständnisse; Einzelabsolution, nicht Kollektivabsolution. Wer sich nicht regelmäßig von der Schuld befreien läßt, meine lieben Freunde, verhärtet im Gewissen. Die Beichte schafft zu ihrem Teil den katholischen Menschen, demütig, ehrfürchtig, einsichtig, schuldbewußt.

Und was soll ich sagen über die heilige Kommunion als Erziehungsmittel? Hier tritt der göttliche Erzieher selber an, um den Menschen zu erziehen. In der frühen und häufigen und würdigen heiligen Kommunion nimmt er die Erziehungsaufgabe in seine Hände. Wir wissen von Tarcisius, der als Christusträger in den Tod gegangen ist in der Kraft des heiligen Sakramentes. Die heilige Kommunion ist ein unüberbietbares Heilmittel – richtig angewendet! Das heißt: mit gehöriger Disposition, mit Vorbereitung, mit Selbstprüfung, mit vorhergehender Beicht, mit ehrfürchtigem Empfang. Mir graut, wenn ich sehe, daß die heilige Kommunion ausgeteilt wird, wie man im Kino die Kinokarten austeilt. In der heiligen Kommunion wächst die lebendige persönliche Beziehung zu Christus. Da wird Zweisprache gehalten mit dem Herrn, der in unser Herz kommt. Da wachsen wahrhaftig Christus und Christ zusammen.

Die Kirche hat ein Erziehungsrecht, sie hat ein Erziehungsziel, sie hat eine Erziehungsaufgabe und die Erziehungsmittel. Aber sie ist nicht die einzige Erzieherin. Neben sie treten zwei andere, nämlich die Familie und der Staat. Die Familie ist nach Gottes Willen ein unersetzlicher Erzieher. Diejenigen, die dem Kind das Leben schenken, sind auch berufen, berechtigt und befugt, dem Kinde die Erziehung zu vermitteln. Es gibt ein natürliches Erziehungsrecht der Eltern und der Familie. Und wenn die Eltern und die Familie auf dem Stande sind, den Gott von ihnen haben will, dann sind die die wichtigste Erzieherin neben der Kirche. Freilich, wir müssen Familien haben, die dieser Aufgabe gewachsen sind. Wir wissen alle, dass die Familie in die Krise geraten ist. Verbindungen ohne Dauer. Der Fußballspieler Lothar Matthäus, so spottete eine Zeitung, „der Lothar Matthäus hat seinen vierten Bund für das Leben geschlossen.“ Den vierten Bund für das Leben! Und wie sieht es mit dem Herrn Sarkozy aus? Solche Patchwork-Familien, wie man heute sagt, sind kaum berufen, die Erziehungsarbeit zu leisten, die man Familien zumuten muss. Wir haben so viele Familien, wo die Kinder abgeschoben werden. Die Eltern haben keine Zeit für sie; sie müssen Geld verdienen. Wir haben so viele Familien, wo deswegen nicht erzogen wird, weil die Eltern selber nicht erzogen sind. Wie soll man andere erziehen, wenn man selbst nicht erzogen ist? Viele wissen auch nicht, wie man Kinder erziehen soll. Dressur ist keine Erziehung. Dressur ist für Tiere angemessen, aber nicht für Menschen. Erziehung ist nur dann vorhanden, wenn in den Zöglingen heilsame Gewohnheiten und Überzeugungen gebildet werden, Überzeugungen, also fest verwurzelte Lebensanschauungen, die niemals erlöschen. In den Seelen der Kinder muss die Gewißheit und die Berechtigung der Religion und der Gebote Wurzeln schlagen. Die Kinder müssen die Einsicht gewinnen, die Einsicht, dass Gebet und Gottesdienst unerläßlich sind. Sie müssen geführt werden, dass sie die Gebote als Schutz und als Fürsorge Gottes begreifen. Grundsätze müssen die Kinder vermittelt erhalten. Kein Tag ohne Gebet, kein Sonntag ohne Messe, kein Fest ohne sakramentale Beicht. Und den Willen muss man in ihnen üben, den Willen. Denn der Wille entscheidet über unser Schicksal. Ein fester Wille tut überall Wunder. Wir müssen also den Willen bilden, den Willen stählen, den Willen üben, indem man Ziele setzt und nicht nachläßt, bis sie erreicht sind. Ziele müssen erreichbar sein, aber erreichbare Ziele muss man auch erreichen. Man muss sich Überwindungen vornehmen und darf nicht aufhören, bis es geschafft ist. Die Eltern müssen den Kinder Eigenschaften vorleben, die sie an ihnen sehen möchten. Sie müssen die Tugenden erziehen, die sie den Kindern anerziehen möchten. Sie müssen vorleben, nicht bloß vorsagen.

Ich habe vor mir, meine lieben Freunde, eine Todesanzeige um einen Vater. In dieser Todesanzeige heißt es: „Wir trauern um den Menschen, der uns warmherzig umsorgt hat, der uns Werte vermittelt und sie gelebt hat, der uns immer ein Vorbild war.“

Zur Familie tritt ergänzend der Staat hinzu. Er soll das Gemeinwohl fördern, und dazu gehört eben auch, dass er die Familie schützt, dass er Maßnahmen ergreift, um die Familien in den Stand zu setzen, die Erziehungsarbeit zu leisten. Dass er auch die Familie überwacht, denn wie wir wissen, ist der Mißbrauch und das Unrecht an Kindern weit verbreitet. Die Kinder müssen nach menschenwürdigen Grundsätzen erzogen werden. Im Notfall muss der Staat einer Familie die Kinder entziehen. Er muss über die öffentliche Sittlichkeit wachen, im Fernsehen, im Internet. Meine lieben Freunde, das ist unsere westliche Welt: In England, Schottland und Wales fahren 600 Omnibusse durch die Straßen, und auf ihnen sind Schilder angebracht: „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Mach dir keine Sorgen mehr, genieße das Leben.“ 600 Omnibusse mit dieser Aufschrift! Und in Spanien macht man es nach. In Barcelona fahren sie herum, in Madrid fahren sie herum, und bald werden sie in Genua herumfahren. Das ist unsere westliche Welt. Mit der wollen wir den Osten und den Islam überzeugen. Da kann man nur lachen!

Der Staat ist auch verantwortlich für die Schule. Die Schule ist notwendig, denn Bildung ist unentbehrlich. Bildung ist die Fähigkeit, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Nicht die Bildung ist dem Glauben feind, sondern die Halbbildung. Nicht das Wissen ist eine Gefahr, sondern das ungenügende Wissen. Nichts sitzt so tief wie die Oberflächlichkeit. In diesen Tagen haben 68 Schulleiter in Berlin-Mitte einen Brief an den Bürgermeister geschrieben, an den Herrn Wowereit, über die unhaltbaren Zustände in ihren Schulen. Kriminalität, Angriffe auf Lehrer, Schmierereien, das ist die Wirklichkeit der Schulen in Berlin-Mitte. Der Staat hat sich bei der Erziehung einer Sache besonders angenommen, nämlich der Sexualerziehung. Es ist nicht falsch, Kinder über das Geheimnis der Geschlechtlichkeit aufzuklären, Kindern zu vermitteln, was es um Zeugung und was es um Geschlechtslust ist. Aber es genügt nicht, ihnen Praktiken für die Empfängnisverhütung beizubringen, sondern sie müssen auch über die sittlichen Normen unterrichtet werden, denen die Sexualität untersteht. Bloße Kenntnisse über die Vermeidung der Empfängnis sind keine geeignete Sexualerziehung. Die Sexualerziehung muss zur Enthaltsamkeit führen, zur Beherrschung des Triebes. Auch die Erholung, meine lieben Freunde, ist eine Notwendigkeit. Die Freizeit muss sein, aber sie muss der Menschenwürde entsprechen und mit der Sittlichkeit übereinstimmen. Die Erholung darf nicht Gelegenheit zum Abgleiten ins Böse bieten. Sie darf nicht Gelegenheit für die Sünde bieten. Wer mit dem Teufel scherzen will, der wird sich nicht lange freuen können mit Christus. Mit der Schlange spielt man nicht ohne Gefahr. Und ich halte nichts davon, die Parole auszugeben, zu genießen. Die Genußsucht frißt alles, am meisten das Glück. „Genießen macht gemein“, sagt einer, der es verstehen mußte, nämlich Goethe. Genießen macht gemein. Genießen ist ein gefährliches Wort. „Wir leben, um uns auszubilden“, schreibt einmal der Dichter Theodor Storm. Jede Freude, die gegen Gott streitet, verwandelt sich in eine Plage.

 Meine lieben Freunde, die Zöglinge sind unser kostbarstes Gut. Was wir ihnen vermitteln, das ist das Pfand, das wir in ihre Seelen legen, mit dem wir einmal vor Gott treten sollen. Wir sollen ihm sagen können: „Keinen von denen, die du mir gegeben hast, habe ich verloren. Alle habe ich zu dir geführt, mein Gott.“ Wir können nicht abwarten, bis später das Leben für die Religion erzieht. Nein, die Religion muss für das Leben erziehen. Meine lieben Freunde, laßt den Kindern das Himmelreich der Religion!

Amen.

 

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Die hohe Bedeutung der katholischen Soziallehre

25.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Alle Welt spricht von der Finanzkrise, und sie wächst sich aus zu einer Wirtschaftskrise. Die Wirtschaftskrise droht in eine Rezession einzumünden, und es gibt Fachleute, die aus der Rezession einen wirtschaftlichen Zusammenbruch befürchten. In einem gewissen Sinne kann man sagen: Die Wirtschaft ist unser Schicksal.

Die Krise ist von Menschen gemacht. Sie haben entweder fahrlässig oder gar vorsätzlich gehandelt. Wo Menschen handeln, gibt es Handlungsanweisungen, gibt es Normen. Die Trägerin der Normen muss auch auf diesem Gebiete die Kirche sein. Die Kirche ist Normträgerin für alle Bereiche des menschlichen Handelns. Keiner ist ausgenommen. Es gibt ein Evangelium für die Wirtschaft. Es gibt eine katholische Wirtschaftsethik. Es gibt eine katholische Soziallehre.

Erster und oberster Punkt dieser Lehre ist, dass die Menschen die irdischen Dinge im Lichte der ewigen Werte betrachten müssen. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele?“ Die Wesensaufgabe des Menschen ist, auf Erden sein Heil zu wirken für die Ewigkeit. Dieser Wesensaufgabe kommt er nur nach, wenn er mit einer gewissen Gelassenheit die irdischen Dinge betrachtet. Er muss über den Dingen stehen. Den Himmel kann man gewinnen, ob man reich oder arm ist. Vielleicht hat schon der heilige Joseph gedacht: Warum muss der Gottessohn in einer Höhle zur Welt kommen? Warum muss er jahrelang, jahrzehntelang schwere Handarbeit leisten? Wäre es nicht viel rationeller, viel nützlicher, wenn er frühzeitig seine Lehrtätigkeit und seine Heilungstätigkeit aufnähme?

Die Kirche weiß, dass die Güter der Erde für alle Menschen da sind. Jeder Mensch soll das Lebensnotwendige haben. Darüber hinaus aber darf ein jeder sich durch Fleiß und Sparsamkeit etwas an Eigentum erwerben. Das Eigentum ist ein Grundrecht des Menschen. Die Kirche hat das Privateigentum immer als ein natürliches Recht der Menschen verteidigt. Wenn nämlich das Privateigentum ungebührlich belastet oder leichtfertig bedroht wird, dann liegt darin eine Beeinträchtigung der Schaffensfreude, des Unternehmungsgeistes und der Selbstverantwortung. Eigentum muss sein. Aber es gilt auch das, was im Artikel 14 unserer deutschen Verfassung steht: „Eigentum verpflichtet.“ Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Das Privateigentum hat Schranken. Das Gemeinwohl steht höher als das Wohl des Einzelnen. Dieser muss bereit sein, mit Rücksicht auf das Gemeinwohl die nötigen Opfer an Hab und Gut zu bringen. Diese echt christlich-katholische Soziallehre hat in Deutschland ihren Probierfall bestanden, als nach dem Kriege Millionen Menschen in das Restdeutschland strömten, die ihren Besitz, die ihr gesamtes Eigentum verloren hatten. Der Lastenausgleich war eine Tat der christlich-katholischen Soziallehre, dass diejenigen, die ihren Besitz gerettet haben, denen mitteilen, die ihren Besitz verloren haben. Die Kirche mahnt auch zu ernstem Wirtschaftsstreben. Es heißt nicht nur: Bete, es heißt auch: Arbeite! Wer das Gebet versäumt, begeht einen Fehler, aber auch der, der die Arbeit versäumt. Die Kirche will, dass der Mensch schafft, dass er arbeitet und dass er die Arbeit zur Ehre Gottes verrichtet. „Alles meinem Gott zu Ehren.“ Arbeit im Dienste Gottes nach dem Maß der Anlagen ist ein göttliches Gebot. Die Kirche lehrt auch das Ethos der Arbeit. Man soll die Arbeit nicht nur als „verfluchte Maloche“ ansehen, sondern soll sie als einen Dienst an der Gestaltung der Schöpfung begreifen, man soll sie zur höheren Ehre Gottes verrichten.

Noch ist diese Wahrheit nicht überall durchgedrungen. Vor einiger Zeit hat man eine Untersuchung vorgenommen, wie die Arbeitnehmer zur Arbeit stehen. Da ergab es sich, dass 87 Prozent, dass 87 Prozent keine echte Verpflichtung gegenüber ihrer Arbeit verspüren. 69 Prozent arbeiten lediglich nach Vorschrift, und 18 Prozent haben die innere Kündigung schon vollzogen. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass durch dieses Verhalten der Arbeitnehmer in Deutschland jährlich ein Schaden von 245 Milliarden Euro entsteht.

Besonders leidvoll sind die Verhältnisse im öffentlichen Dienst. Auch darüber liegen Untersuchungen vor, genaue Untersuchungen. Nach diesen Untersuchungen sind die Vollzeitkräfte im öffentlichen Dienst nur zu 53 Prozent ausgelastet und die Teilzeitkräfte nur zu 47 Prozent. Diese Zahlen geben zu denken. Sie zeigen, dass wenig Engagement in die Arbeit und Drückebergerei weit verbreitet sind. Klar ist das Ziel jeder Wirtschaftsordnung: Es muss das Gesamtwohl sein. Die Wirtschaft muss dem Volke dienen. Sie darf nicht einigen wenigen nützen. Die Wirtschaft muss dem Volke zum Leben verhelfen. Nicht nur an den eigenen Vorteil denken, nicht mit einem mörderischen Mammonismus und Raubtierkapitalismus darf man leben, sondern mit einer Haltung, die sich aus der christlichen Soziallehre ergibt. Das Wort von der „sozialen Marktwirtschaft“ ist ein gutes Wort. Es vereint nämlich die Vorteile des Strebens (Marktwirtschaft) mit der Rücksicht auf den Schwachen (soziale Marktwirtschaft). Sie steht in der Mitte zwischen dem menschenverachtenden Kapitalismus und dem mörderischen Sozialismus.

Der christliche Sozialethiker weiß, dass die Träger des Wirtschaftslebens immer nur die freien schaffenden Persönlichkeiten sind: der Unternehmer. Das Unternehmertum ist eine Auswirkung der freien schaffenden Persönlichkeit. Der Unternehmer gründet und leitet ein Unternehmen. Er unternimmt etwas, und dadurch geschieht etwas. Das Unternehmertum ist der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung. Der dynamische Unternehmer setzt Innovationen, Neuerungen am Markte durch. Diese Neuerungen werden später nachgeahmt und schaffen für eine ganze Millionenschar von Menschen Werte, werden also in breiter Form verwertet. Ein solcher Unternehmer ist – und Sie kennen ihn alle – Heinz Horst Deichmann, der größte Schuheinzelhändler in Europa. Er fing nach dem Kriege mit einem Geschäft in Essen an. Heute hat das Unternehmen 2.200 Filialen, verkauft jährlich 112 Millionen Paar Schuhe, beschäftigt 25.000 Mitarbeiter und hat einen Umsatz von 2,71 Milliarden Euro. Deichmann ist ein Unternehmer, dem selbst Gewerkschaften nichts Nachteiliges nachreden können. Er sagt von sich selbst: „Wir haben eine gute und motivierte Mannschaft, die eine überdurchschnittliche Pro-Kopf-Leistung erwirtschaftet.“ Und er sagt: „Wir möchten, dass es den Mitarbeitern gut geht und sie sich im Unternehmen wohlfühlen.“ Er erklärt weiter: „Für uns gilt der Satz: Das Unternehmen muss den Menschen dienen. Das bezieht sich gleichermaßen auf die drei Bereiche Kunden, Mitarbeiter und Menschen, die in Not geraten sind. Wir geben das, was wir können.“ Das ist ein vorbildlicher Unternehmer. Er ist auch ein religiöser Mensch.

Die Frage des Lohnes, des Gehaltes, der Bezahlung, steht unter bestimmten Postulaten. Es soll die Wertschöpfung durch die Arbeit vergolten werden. Deswegen fordert die Kirche den „gerechten Lohn“. Wann ist ein Lohn gerecht? Nun, zunächst einmal muss der Lohn der Arbeitsleistung entsprechen. Für ein größeres Maß von Arbeit gebührt ein höherer Lohn. Der Lohn soll auch einem genügsamen, rechtschaffenen Menschen zum Unterhalt dienen. Es muss ein Mindestmaß an Lohn bezahlt werden, damit das zum Leben Erforderliche damit beschafft werden kann. Wir haben jetzt diese Debatte um den Mindestlohn. Beide Seiten bringen berechtigte Überlegungen in die Debatte ein. Die einen sagen: Der Lohn muss dem Menschen und der Arbeit würdig sein. Die anderen sagen: Der Lohn darf einen Betrieb nicht überfordern, denn wenn der Betrieb überfordert wird, geht er pleite, und dann verlieren wir Arbeitsplätze. In diesem Spagat muss eine Lösung gefunden werden, eine Lösung, die beiden Forderungen entspricht. Die Kirche hat ein soziales Evangelium. Sie hat die Lohnunterdrückung, den Lohnraub, die Lohnvorenthaltung als „himmelschreiende Sünde“ bezeichnet, als himmelschreiende Sünde, das heißt als eine Sünde von solcher Bosheit, dass sie zum Himmel um Rache ruft. Es ist also eine Sünde, den Arbeiter, den Arbeitnehmer auf seinen Lohn warten zu lassen, ihm den Lohn unter allerhand Vorwänden zu schmälern. Ausbeutung und Unterdrückung des Arbeitnehmers sind dadurch ausgeschlossen. Im Mittelalter, meine lieben Freunde, im geschmähten Mittelalter, gingen die Klagen um Lohn allen anderen Klagen im Gerichte vor. Sie mußten innerhalb von drei Tagen erledigt werden.

Es liegt im Interesse des Arbeitgebers, dass die Arbeitnehmer gut und ausreichend entlohnt werden, weil nur so auf Arbeitswilligkeit und Fleiß der Arbeitnehmer zu rechnen ist. Besondere Gaben und Fähigkeiten, die in den Arbeitsprozeß eingebracht werden und die einen Vorsprung gegenüber vergleichbaren Arbeitnehmern begründen, dürfen besonders entlohnt werden. Schließlich ist auch die Frage der Ersetzbarkeit oder der Unersetzlichkeit zu bedenken. Damit wird ja heute das hohe Einkommen von Managern gerechtfertigt. Aber es ist eine wohl gerechtfertigte Überzeugung, dass die Schere zwischen hohen und niederen Einkommen zu groß ist. Managergehälter in zweistelliger Millionenhöhe bringen sozialen Unfrieden in unser Land. Solche Gehälter sind aber, wie Sie wissen, an der Tagesordnung. Herr Ackermann bezieht 14 Millionen, Herr Zetsche bezieht 10 Millionen, Herr Reizle bezieht 8 Millionen im Jahr.

Unter den gegebenen Bedingungen ist es nicht zu vermeiden, dass Menschen sich unterscheiden in der Anlage, in den Fähigkeiten, aber auch natürlich im Fleiß. Und so gibt es im Wirtschaftsleben solche, die führen, und andere, die geführt werden, die mitschaffen. Das ist unaufhebbar. Wie immer Sie die Wirtschaft gestalten wollen, der Unterschied zwischen führenden Persönlichkeiten und geführten läßt sich nicht ausschalten, und es wäre ungerecht, wenn der Führung nicht der entsprechende Lohn würde. Aber freilich, diese unvermeidlichen Gegensätze sollten nicht in einen Klassenkampf ausarten. Der Klassenkampf ist der Krieg der einen gegen die anderen. Die Kirche hat immer dem Ständewesen das Wort geredet. Das heißt, die in einem bestimmten Beruf, in einer bestimmten Berufssparte arbeiten, sollen sich als solidarisch spüren, sollen diese Berufssparte als ihr Eigentum ansehen, für die sie sich mit besten Kräften einsetzen ohne mörderische Gegensätze.

Ausdruck des Klassenkampfes ist der Streik. Der Streik ist die gemeinsame Arbeitsniederlegung als Kampfmaßnahme, um eine Forderung durchzusetzen oder um sich gegen eine Benachteiligung zu wehren. Der Streik ist ein schweres Übel für die Streikenden selbst, für die bestreikten Arbeitgeber und für die unbeteiligten Dritten. Deswegen kann der Streik nur zulässig sein, wenn er als letztes Mittel eingesetzt wird, um ein wertvolles Ziel zu erreichen. Es müssen die üblen Folgen gegenüber dem Ziel, das erstrebt wird, abgewogen werden. Und das ist, so scheint es, nicht immer der Fall. Wir haben den langen Streik der Lokomotivführer erlebt, die mit hohen Lohnforderungen sich durchsetzen wollten und sich auch durchgesetzt haben. Meine lieben Freunde, wer eine Monopolstellung besitzt wie die Lokomotivführer und wer diese Monopolstellung ohne Rücksichtnahme auf die Öffentlichkeit ausnutzt, der handelt unrecht. Die Bahn hat eine Monopolstellung und mit ihr die Lokomotivführer. Ihr Streik schädigt nur sekundär den Arbeitgeber, er schädigt die Allgemeinheit. Millionen- wenn nicht Milliardenwerte sind durch diesen Streik zugrunde gegangen. Das war nicht immer so. Bis 1993 waren die Lokomotivführer Beamte. Beamte dürfen nicht streiken, und durch die Beamteneigenschaft wurde dieser Streik 143 Jahre vermieden. Dann hat man meines Erachtens übelberaten die Beamteneigenschaft abgeschafft. Nicht die Lokführer haben die Beamteneigenschaft aufgegeben, sondern der Staat wollte es so. Und was ist die Folge davon? Nun erheben die Lokführer eigene Forderungen, jetzt schon wieder 6,5 Prozent, nicht wahr, und suchen diese Forderung mit Streikdrohung oder mit Streikführung durchzusetzen.

Der Staat kann die Wirtschaft nicht sich selbst überlassen. Er muss dazu beitragen, dass die Menschen zu sozialer Gesinnung erzogen werden. Er soll dafür sorgen, dass die Angehörigen des Volkes in die Lage versetzt werden, sich das zum Leben Erforderliche ungestört zu erwerben. Der Staat kann freilich die private Anstrengung und Bemühung und Sorge nicht abnehmen. Die Selbstverantwortung, die Eigeninitiative und die persönliche Freiheit sind dem Menschen aufgegeben. Der Staat muss aber dort eingreifen, wo die Kräfte des Einzelnen versagen und wo es das Gemeinwohl fordert. Der Staat muss den wirtschaftlich Schwachen stützen. Er muss ihn vor Schaden bewahren, z.B. ungemessene Arbeitszeit verbieten, übertriebene Inanspruchnahme der Arbeitskraft untersagen, die Sonntagsarbeit einschränken, die Arbeit in gesundheitsschädlichen Räumen zumindest in Grenzen halten, die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen überwachen. Der Staat muss auch den wirtschaftlich Schwachen sicher stellen gegen Krankheit, Unfall, Arbeitsunfähigkeit. Seit 1883 sind in Deutschland vorbildliche Sozialgesetze geschaffen worden. Sie verbinden sich mit dem Namen Bismarck, aber Bismarck war ja nur der Kanzler der damaligen Zeit. Ausgearbeitet wurden die Gesetze von Parlamentariern, und darunter spielten die katholischen Parlamentarier der Zentrumspartei eine maßgebende Rolle.

Im Jahre 1941, meine lieben Freunde, nahmen wir in der Schule die Sozialgesetzgebung durch. Ich meldete mich und sagte: „Daran hat der katholische Abgeordnete Graf von Galen einen führenden Anteil.“ Da wurde der Lehrer wild: „Hier betreiben wir deutsche Geschichte und keine konfessionelle“, sagte er. „Wenn dir das nicht paßt, mußt du dir eine andere Schule suchen.“ Es stimmte aber, was ich sagte. Graf von Galen war der führende Parlamentarier, der die Sozialgesetzgebung durchgesetzt hat. Und in der Weimarer Republik war es ebenso. Acht Jahre lang, von 1920 bis 1928, war ein katholischer Priester Sozialminister, Heinrich Brauns. Ihm ist die Sozialgesetzgebung der Weimarer Republik zu verdanken.

Es gibt eine Wirtschaftsmoral. Die Wirtschaft, das wirtschaftliche Handeln stehen unter moralischen Gesetzen. Was sittlich unzulässig ist, das muss auch wirtschaftlich verfehlt sein. Auch hier wurde eine Umfrage unter den Managern getätigt, und die kam zu interessanten Ergebnissen. Jeder dritte Spitzenmanager vertritt die Haltung, nach der Moral nicht teilbar ist. Wenn man sich auf unmoralische Aktivität einläßt, korrumpiert man nicht nur sich selbst, sondern auch das Unternehmen. Ich zitiere einen Vorstand: „Sie können kein guter Kaufmann sein, wenn Sie nicht moralisch sauber sind. Das geht nicht, das kriegen Sie nicht hin. Sie machen kurzfristig Geschäfte, aber auf lange Sicht nicht.“ Aber nur ein Drittel, nur ein Drittel der Manager teilt diese Ansicht. Zwei Drittel sind der gegenteiligen Ansicht, man könne in der Wirtschaft nicht nach ethischen Gesichtspunkten handeln. Ich zitiere einen dieser Manager: „Die großen Konzerne wissen auch, dass Schmiergeld und Bestechung etwas ganz Normales außerhalb der Bundesrepublik sind. Ob es die feine Art ist? Ich halte es nicht gerade für das Optimum, aber es ist etwas, was in der globalen Welt möglich ist und vielleicht sogar erwartet wird.“ Ein anderer sagt: „Es gibt Länder, da müssen Sie entscheiden, ob Sie Business machen oder ob Sie nicht Business machen. Wenn Sie Business machen, dann gibt es einfach Praktiken, die für unsere moralischen Begriffe nicht in Ordnung sind.“

Dass solche Praktiken nicht nur in den arabischen Ländern üblich sind, sondern auch in Deutschland, erfahren wir durch die großen Wirtschaftsprozesse. Ich erinnere Sie an den bedeutenden Prozeß gegen die Manager vom Volkswagenwerk. Die Vorstände des Volkswagenwerkes haben den Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates, Volkert, mit knapp zwei Millionen Euro – ja wie soll ich sagen – gekauft oder bestochen oder beschenkt. Sie haben einem ihrer Manager gesagt: „Erfüllen Sie Volkert jeden Wunsch ohne Grenzen!“ Und das ist geschehen. So hat Volkert also knapp zwei Millionen Euro eingestrichen, ihm wurden Lust- und Luxusreisen bewilligt, er erhielt einen Scheinvertrag für seine brasilianische Geliebte. Das Motto war: „Geht es Volkert gut, geht es Volkswagen gut.“ Sie sehen, dass es mit der Moral auch in unseren Breiten vielfach nicht weit her ist.

Aber zum Schluß will ich noch auf das Entscheidende zu sprechen kommen, nämlich auf das christliche Liebesgebot. Denn das ist ja nun die Seele aller Tätigkeit im wirtschaftlichen Bereich. Die Kirche erzieht zu wahrer Nächstenliebe, und sie veranlaßt uns, dem Nächsten zu helfen. Wer nicht nach seinem Vermögen dem notleidenden Nächsten hilft, der sündigt gegen die Liebe, unter Umständen schwer. Die Menschen denken, es gäbe nur die Sünden gegen das 6. Gebot. Nein, es gibt sehr viele, es gibt unzählige Sünden gegen das Liebesgebot. „Was ihr meinem Nächsten nicht getan habt, das habt ihr mir nicht getan.“ Das Gericht erfolgt nach dem Maß der Liebe. Wer Vermögen besitzt in dieser Welt und seinen Bruder in Not sieht, ihm aber das Herz verschließt, wie kann in dem die Liebe Gottes wohnen? „Meine Kinder“, sagt der Apostel Johannes, „laßt uns lieben, nicht mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit.“

Amen.

 

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Christlich leben in der alltäglichen Welt

01.01.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Silvester und Neujahr sind zunächst einmal ein astronomisches Ereignis. Die Drehung der Erde um die Sonne vollendet sich in 365 Tagen, etwas mehr, so dass wir in 4 Jahren ein Schaltjahr haben. Diese Drehung hat sich jetzt wieder einmal vollendet, so dass wir bürgerlich ein neues Jahre beginnen. Kirchlich haben wir längst das neue Jahr begonnen, nämlich am 1. Adventssonntag. Das Kirchenjahr beginnt am 1. Sonntag im Advent; aber das bürgerliche Jahr fängt heute an, und das ist nicht unbeachtlich für uns. Wir wollen auch mit unseren Mitbürgern in Frieden und in Gemeinschaft leben, deswegen auch ihnen von Herzen den Segen Gottes, den Schutz Gottes und das Geleit Gottes im Neuen Jahr wünschen.

Wir sind Passagiere, Passagiere auf der Erde, die sich als Trabant um die Sonne dreht. Es ist keine Chance, dass wir aus diesem Erdball aussteigen könnten. Die Astronauten versuchen zwar fortwährend neue Wege zu finden zu den Gestirnen, die außerhalb der Erde kreisen, aber es besteht keine Aussicht, dass wir jemals auswandern könnten auf einen anderen Stern. Die Erde ist unser Schicksal, und sie bleibt unser Schicksal für die ganze Dauer unseres Lebens. Wie lange ist das? 20, 40, 60, vielleicht auch in dem einen oder anderen Fall 100 Jahre. Der große Planer und Schöpfer hat es so gefügt, dass wir Passagiere in diesem Kreis, den die Erde um die Sonne – eigentlich ist es ja eine Ellipse – vollzieht, dass wir Passagiere in diesem Kreise sind. Passagiere eines Flugzeugs müssen untereinander verträglich sein. Wenn sie sich nämlich nicht vertragen untereinander und mit den Piloten, dann kann das zu einer Katastrophe führen. So bändigen sie also ihren Egoismus und fügen sich in die Fahrt- und Sitzordnung. Auch wir Passagiere auf der Erde müssen uns zusammenfügen und müssen uns vertragen. Wie wenig das geschieht, wissen wir alle aus der Geschichte, wie die Nationen und die Stämme streiten um Ölfelder, um Erdgasfelder, um Weidegründe, um Goldvorkommen. Diese Streitereien haben mit einfachen Kampfmitteln begonnen, mit Keule und mit Speer, und sie haben zu modernen Kampfmitteln geführt, zu Raketen, zu Bomben, ja zu der schrecklichen Möglichkeit, unseren Planeten zu vernichten mit Wasserstoffbomben.

Der Herr und Schöpfer hat es deswegen angeordnet, dass wir gut zueinander sein sollen, dass wir uns vertragen sollen. Aber er hat auch die Möglichkeit, die Freiheit uns eingeräumt, böse zu sein, niederträchtig, hochmütig, anmaßend. Und wahrhaftig, es gibt genügend Bosheiten im kleinen Bereich und genügend Bosheiten im großen Bereich. Dennoch, die Guttaten müssen doch wohl größer sein als die Bosheiten, denn sonst wäre die Erde längst in ein Tohuwabohu zurückgesunken, sonst wäre längst die Erdbevölkerung ausgerottet. Sie ist aber dauernd gewachsen, und sie nimmt laufend zu, was doch ein Zeichen ist, dass die furchtbaren Möglichkeiten der Zerstörung bisher jedenfalls gebannt wurden.

Und nicht nur das. Der ewige Sohn Gottes wirkt ein auf die Erde mit seiner Macht. Er hat uns nicht allein gelassen. Er schickt uns seinen Geist, damit wir unter seiner Führung auf dieser Erde einen gedeihlichen Verlauf nehmen. Mit Feuerzungen ist er am Pfingstfesttag herabgekommen, und er hört nicht auf, die Herzen zu entflammen, dass die Menschen einander vertragen und gut zueinander sind. Wir können an dieser Stelle auch einmal von den vielen großen Hilfeleistungen sprechen, welche die Völker dieser Erde einander gewähren, vor allem die Völker des christlichen Europas. Wenn irgendwo eine Katastrophe ist, zuerst an der Stelle sind immer die europäischen Völker mit ihren Hilfslieferungen, mit ihren Menschen, die den Bedrängten zu Hilfe eilen. Ich meine, das ist ein Zeichen Gottes, daß so viel Hilfsbereitschaft immer noch unter uns ist. Es ist erstaunlich, was auch unser Vaterland immer wieder an Hilfe leistet in aller Welt, ob es im Kosovo ist oder am Hindukusch oder jetzt am Horn von Afrika, wo unsere Seeleute die Piraten, die Seeräuber, zu bekämpfen versuchen. Jedes Jahr werden aus Deutschland Milliarden Euro an Entwicklungshilfe an die Völker in Asien und Afrika entrichtet. Ärzte, Agronomen, Techniker eilen in diese Länder und suchen die Lebensverhältnisse zu bessern. An der Spitze natürlich unsere Missionare, Männer und Frauen, die den Menschen das Wertvollste bringen, was sie bringen können, nämlich die Botschaft von unserem Gott und Heiland.

Er ist erschienen, um uns das Heil zu schenken. Er ist gekommen, um die Bosheit von der Erde wegzunehmen. Wir sind nicht verlassen, denn er ist geblieben. Das ist es ja, meine lieben Freunde, er ist geblieben. Er hat sich nicht zurückgezogen; er will unter uns weilen, bei uns verharren. Und wir sollen von seiner Wärme erwärmt, von seinem Licht erleuchtet, von seiner Kraft gestärkt werden, auch im neuen Jahr. Denn wir sollen ja unser Leben so gestalten, dass wir würdig werden, in seine Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Unsere Aufgabe auf Erden ist es doch, Gott zu dienen, Gott zu lieben, seinen Willen zu erfüllen und dadurch in den Himmel zu kommen. Das ist unsere Aufgabe auf Erden, durch die Befolgung seiner Gebote würdig zu werden, in seine Herrlichkeit aufgenommen zu werden.

Wir wissen nicht, wie lange unser Leben noch dauert. Es kann in diesem Jahre zu Ende gehen. Alle Menschen müssen sterben, unweigerlich. Und deswegen sollten wir uns drei Gedanken im neuen Jahr zueigen machen. 1. Der Gedanke an den Tod sollte uns nicht entmutigen. Wir gehören zu dem, der den Tod überwunden hat. Wir sind mit ihm in der Taufe zusammengewachsen, und er verläßt uns nicht, wenn der Körper seinen Dienst versagt. Wir gehören zu ihm im Leben und im Sterben. Im Leben versinken wir nicht, weil wir gehalten werden vom Kreuzesholz, und im Sterben gehen wir nicht unter, weil wir hineinsterben in Gott, weil wir in die Hände Gottes fallen. Und deswegen sich nicht entmutigen lassen durch den Gedanken an den Tod. Die heilige Theresia von Lisieux hat einmal das schöne Wort gesagt, als man sie fragte, ob sie sich vor dem Stern fürchte: „Nein“, sagte sie, „vor dem Sterben fürchte ich mich nicht. Zum Sterben braucht es keinen Mut, aber zum Leben braucht es Mut.“ Was ist das eine Auffassung! So wollen wir also heute beten, wie der Kardinal Newman gebetet hat: „O Herr, laß mich sterben zu der Zeit und auf die Weise, die am meisten zu deiner Ehre und am besten für mein Heil ist.“ Laß mich sterben zu der Zeit und auf die Weise, die am meisten zu deiner Ehre und am besten für mein Heil ist. 2. Der Gedanke an den Tod soll uns ermutigen. Er soll uns Mut geben zu arbeiten, tätig zu sein, die Frist zu nutzen, die uns Gott bereitet hat. Immer daran denken, dass die Zeit nicht wiederkehrt, also nützlich die Zeit verbringen, die Zeit auskaufen, wie der Apostel Paulus sagt. Das heißt, keine Zeit verlieren, keine Zeit vergeuden. Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben. Und sich nicht wundern, wenn unser Lebensweg über Ströme und lauernde Klippen führt. Einen anderen Weg gibt es nicht. „Du hast die Reise zu Himmel angetreten, um dort ein Reich in Empfang zu nehmen, und da fragst du, ob es auch Unannehmlichkeiten auf dieser Pilgerreise gibt. Schämst du dich nicht?“ hat einmal der heilige Johannes Chrysostomus gepredigt. Deswegen also mit Mut in das neue Jahr gehen, das Beste hoffen, aber auf das Schlimmste gefaßt sein. In allem auf den Herrn vertrauen. 3. Der Gedanke an den Tod soll uns trösten. Wir sind ja nicht Gefangene, die nach Sibirien geschleppt werden. Wir gehen heim, wir gehen zu Gott. Auf uns wartet der himmlische Vater. Sein Sohn hat uns Quartier bereitet, eine Wohnung, die dann bezogen wird, wenn der Leib des Todes zerfällt. Und so meine ich dürfen wir am 1. Tage des neuen Jahres mit dem schlesischen Dichter Joseph von Eichendorff sprechen: „Die Welt mit ihrem Glanz und Glücke will ich ein Pilger froh bereit betreten nur wie eine Brücke zu dir, Herr, überm Strom der Zeit.“

Amen.

 

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Das Verhältnis der Kirche zu Geist und Wissenschaft

01.02.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Die Kirche, so haben wir am vergangenen Sonntag gehört, hat ein Evangelium für die Wirtschaft. Es gibt ein Wirtschaftsevangelium, eine Wirtschaftslehre der Kirche, es gibt ein soziales Evangelium, eine Soziallehre der Kirche. Die Kirche hat aber auch ein Evangelium für das Geistesleben. Die Anwürfe und die Einwände gegen die Kirche als Geistesmacht sind bekannt. Die Sozialisten sprachen von der „Macht der Verdummung“, und noch heute hört man, dass die Kirche ein Hindernis der Geistesfreiheit, der freien Forschung und der freien Lehre sei. Das Wort Dogma weckt bei manchen Erregung und Widerstand. Wir wollen deswegen, meine lieben Freunde, heute uns über das Verhältnis der Kirche zum Geist, zur Wissenschaft Klarheit verschaffen. Wir wollen fragen, wie die Kirche zum Wissen steht, wie sie uns zum Glauben führt und wie sich Wissen und Glaube zueinander verhalten.

Es ist eine offenkundige Tatsache, dass der Mensch nach dem Wissen strebt. Er will im Bilde sein, er will hinter die Dinge kommen, er will sich Klarheit verschaffen, er will in seinem Geiste ein treues Abbild der Wirklichkeit vorfinden; dann nur findet er seinen Wissensdurst gestillt. Aber es gibt viele Menschen, die nicht wissen wollen, die sich gegen das Wissen sperren. Warum? Aus welchen Gründen? Weil Wissen auch eine Last sein kann. Wer weiß, kann nicht mehr so tun, als ob er nicht wüßte. Das Wissen stellt Forderungen an den Menschen, vor allem das Wissen um die sittlichen Grundsätze. Und da kann es geschehen, dass jemand, um der Konsequenz des Wissens zu entgehen, das Wissen madig macht. „Was ist Wahrheit?“ sagte Pilatus im Gespräch mit Jesus. Man will der Konsequenz der Wahrheit ausweichen.

Leider ist auch die Lehre, die von Martin Luther in die Welt gebracht wurde, an der Abneigung gegen die Wissenschaft nicht unschuldig. Nach ihm ist ja der Mensch ganz und gar verderbt, sein Erkennen und sein Wollen ist derart geschwächt, dass er nichts mehr wissen und nichts mehr wollen kann. Er sprach von der „Hure Vernunft, die nach dem Bock Aristoteles stinkt“. Die „Hure Vernunft, die nach dem Bock Aristoteles stinkt“. Und diese Haltung ist keineswegs erloschen. In der Französischen Revolution wurde eines Tages der berühmte Chemiker Lavoisier zur Hinrichtung geführt. Und was sagte ein Revolutionär dazu? „Die Revolution braucht keine Gelehrten.“

Gegen diese irrigen Meinungen hat die Kirche immer am Wert des Wissens und der Wissenschaft festgehalten, hat sie die Kraft des Geistes verteidigt, das Weltall und Gott zu erkennen. Sie hat an dem Licht und der Kraft des Geistes festgehalten, die uns Sicherheit verschaffen kann über viele Gegenstände. Gott hat ja den menschlichen Geist als Abbild seines Geistes geschaffen, nach seinem Ebenbild, so dass er über die Erkenntnisfähigkeit verfügt, dass er die Dinge nach ihrem Wesen erfassen kann, dass er sie so erkennen kann, wie der göttliche Künstler sie erdacht hat. Die Kirche hat eine Fülle von Gelehrten hervorgebracht, angefangen von Justin dem Martyrer aus dem 2. Jahrhundert, über Augustinus, Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Duns Scotus und wie sie alle heißen, diese großen Theologen. Aber auch auf dem Gebiet des profanen Wissens hat die Kirche viele, viele Gelehrte, die sie hervorgebracht hat. Von dem französischen Gelehrten, der die Hygiene erfunden hat, dessen Name mir im Augenblick entglitten ist, von ihm stammt das schöne Wort: „Ich bin gläubig gewesen wie ein bretonischer Bauer, und wenn ich noch mehr geforscht hätte, wäre ich gläubig geworden wie eine bretonische Bäuerin.“ Pasteur heißt der Gelehrte, Pasteur, von dem ja das Wort pasteurisieren herkommt. Er hat dieses schöne Wort von der Versöhntheit von Glauben und Wissenschaft gesprochen. Die Kirche hat Schulen errichtet. Lange, lange, bevor der Staat daranging, an das Schulwesen zu denken, gab es kirchliche Schulen in den Klöstern, in den Domstiften, in den Stiftskapiteln. Sie hat die Universitäten errichtet. Die Universitäten sind eine Schöpfung der Kirche, und sie wurden in den Zeiten des Mittelalters alle mit einer päpstlichen Bulle eröffnet und gegründet.

Die Kirche weiß allerdings auch um die Gefährdung des menschlichen Verstandes. Sie weiß, dass er in die Irre gehen kann, und sie wendet sich gegen einen törichten Wissensstolz, der als Ergebnis der Wissenschaft ausgibt, was in Wirklichkeit gar kein Ergebnis ist. Es gibt viele Irrtümer in der Wissenschaft. Jahrtausendelang haben die Menschen gemeint, die Sonne drehe sich um die Erde. Erst der Domherr, jawohl, der Domherr Kopernikus in Frauenburg in Ostpreußen hat im Jahre 1543 die These ausgestellt, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Den Beweis konnte er nicht bringen. Den Beweis hat erst Johannes Kepler erbracht mit den Keplerschen Gesetzen. Seitdem ist dieser Irrtum korrigiert.

Es gibt aber nicht nur Irrtümer der Wissenschaft, es gibt auch Fälschungen. Im britischen Naturhistorischen Museum in London wurde lange ein Bernstein gezeigt, in dem eine Fliege eingelassen war, und man behauptete, dieser Bernstein mit der Fliege sei 38 Millionen Jahre alt. Ein Student – ein Student – hat den Bernstein untersucht und entdeckte einen feinen Haarriß. Man ging dann daran, diesen Gegenstand näher zu betrachten. Es stellte sich heraus, dass es eine Fälschung war. Man hatte ein Stück Bernstein zersägt und die Fliege darin eingefügt. Im Jahre 1912 wurde in Piltdown in England ein Knochen gefunden, den man als den ältesten Engländer ansah. Diesem Knochen, oder dem Mann, der ihn getragen hatte, getragen haben sollte, wurde sogar ein Denkmal gesetzt: Der älteste Engländer. Im Jahre 1955 kam man darauf, dass es sich um eine raffinierte Fälschung handelte. Mit der Fluoranalyse hat man erkannt, dass der Knochen aus dem 20. Jahrhundert stammte.

Das sind bedauerliche Vorgänge, die uns skeptisch machen können gegen voreilige Angaben, es handle sich um Ergebnisse der Wissenschaft. Vor wenigen Jahren flog ein Deutscher, nämlich Jan Hendrik Schön, aus einem amerikanischen Laboratorium heraus. Warum? Er hatte lauter Meßdaten gefälscht. Die Amerikaner waren ihm auf die Spur gekommen, weil die Meßdaten zu schön aussahen, und sie waren ohne Ausnahme frei erfunden. Aber nicht genug damit, meine lieben Freunde. Vor kurzer Zeit mußte in Frankfurt an der Universität der Professor für Anthropologie seinen Hut nehmen und die Universität verlassen. Es handelt sich um Professor Potsch. Warum? Er hatte bewußt falsche Knochen angegeben, Mißbrauch mit geistigem Eigentum betrieben, behauptet, er könne mit seiner Methode das Alter von Knochen bestimmen. Er war aber gar nicht fähig dazu. Er mußte mit Schimpf und Schande die Universität Frankfurt verlassen. Die Wissenschaft, die ehrlich betrieben wird und ihre Grenzen erkennt, ist unserer Achtung gewiß. Aber die Wissenschaft, die den Mund zu voll nimmt, die sogar zu Fälschungen greift, um ihre angeblichen Ergebnisse zu beweisen, verdient unsere Verachtung.

Die Kirche hat die Irrtumsfähigkeit des Menschen erlebt in den vielen Irrlehren, die sie 2000 Jahre lang erlebt und bekämpft hat. Der weise griechische Philosoph Plato hat einmal gesagt: „Wir müssen warten, dass irgend einer kommt und uns unterrichtet über die Art und Weise, wie wir im Hinblick auf die Götter und die Menschen zu handeln haben. Nur ein Gott kann uns Aufklärung geben.“ Plato wußte offenbar um die Grenzen des menschlichen Erkennens, und so erwartete er, dass ein Gott den Weg zu den übersinnlichen, zu den metaphysischen Wirklichkeiten uns erschließt. Und so ist es tatsächlich geschehen. Gott selbst hat sich aufgemacht, den Menschen zu belehren. Er wollte dafür sorgen, dass wir ohne Irrtum und sicher die Wahrheit in den grundlegendsten Fragen des Lebens besitzen, dass wir die tiefsten Geheimnisse ahnend begreifen. Er schenkt uns seine Offenbarung und erhält sie lebendig und unverfälscht durch seine Kirche. Auf dem Weg des Glaubens finden wir zu dieser Wahrheit. Gott ist ein Geist, und ein Geist kann sich mitteilen, so kann Gott seine Wahrheit einem Geschöpf schenken. Er tut es zunächst einmal, indem er uns unsere Denkfähigkeit verleiht. Aber er kann auch in der Seele des Menschen Erkenntnisse hervorrufen. Er kann unmittelbar zu uns reden. Er kann unseren Geist befruchten und belehren. Er kann dem Empfänger der Offenbarung das Licht geben, dass er Wahrheiten aufnimmt, die von oben stammen, auf die er selbst nie gekommen wäre. So wird die Offenbarung der Weg zur Wahrheit. Auf dem Weg der Offenbarung gewinnen wir untrügliche Sicherheit über Gegenstände, die wir mit unserem natürlichen Vermögen nicht erreichen können. Wir nennen diese Erkenntnisse Glaubenswahrheiten, und der Weg zu ihnen ist der Glaube, also eine Annahme von Wahrheiten auf die Autorität Gottes hin, der nicht irren und nicht täuschen kann. Gott hat zu wiederholten Malen zu uns geredet durch die Propheten. Ihr Wort ist Wahrheit, ihre Verkündigung ist von Gott eingegeben. Zuletzt aber hat er zu uns geredet durch seinen Sohn. Er ist der Inbegriff der Wahrheit. Er kann von sich selber sagen: „Ich bin die Wahrheit.“ Und er konnte uns Kunde bringen von Gott, weil er am Herzen des Vaters geruht hat. Das Wort ist Fleisch geworden. „Durch Jesus Christus kam die Wahrheit“, schreibt Johannes in seinem Evangelium. Er, der eingeborene Sohn, der am Herzen des Vaters geruht hat, er hat uns geoffenbart. Und dem Nikodemus, der ihn des Nachts besuchte, sagt unser Heiland: „Ich sage dir: Wir reden, was wir wissen und tun kund, was wir gesehen haben.“ Es gibt eine Offenbarung durch den Sohn Gottes, der unter uns erschienen ist. Auf eine solche Offenbarung kann der Mensch nur antworten mit der vorbehaltlosen Hingabe des Glaubens.

Den Weg der Offenbarung gehen wir an der Hand der Kirche. Meine lieben Freunde, wenn die Kirche nicht wäre, wäre die Offenbarung längst verfälscht, nach den Gelüsten der Menschen gemodelt, wäre sie längst mit Irrtum vermischt worden. Nein, dass trotz der menschlichen Irrtumsfähigkeit die Wahrheit erhalten bleibt, das besorgt durch Gottes Heiligen Geist die Kirche. Durch die heilige Kirche halten wir an der Wahrheit fest. Dieser Geist erinnert uns an alles, was Jesus gesagt und gelehrt hat. Paulus kann mit Recht sagen: „Ich weiß, wem ich geglaubt habe.“

Glaube und Wissen sind keine Gegensätze, denn sie stammen beide aus dem Vater des Lichtes. Es sind zwei Wege, die zur Wahrheit führen, die menschliche Wissenschaft mit der Leuchte des Verstandes, die göttliche Wissenschaft mit dem Licht der Offenbarung. Kirche und Verstand haben beide denselben Ausgangspunkt und dasselbe Ziel, denn ihr Ausgangspunkt ist Gott und ihr Ziel ist Gott. Es ist unmöglich, dass zwischen Wissen und Glauben ein Widerspruch entstehen könnte. Wenn sich irgendwo Glaube und Wissen stoßen, dann kann das zwei Ursachen haben, entweder weil die Kirche ihre Schranken überschritten hat oder weil die Wissenschaft ihre Grenzen nicht eingehalten hat. Scheinbarer Widerstreit zeigt sich immer nur dann, wenn etwas als geoffenbarte Wahrheit ausgegeben wird, was keine solche ist, oder wenn etwas als sichere Wissenschaft hingestellt wird, was keine solche ist. Der christliche Glaube ist nicht blind. Die Rede vom blinden Glauben ist keine katholische Aussage. Unser Heiliger Vater wird nicht müde, die Notwendigkeit der Vernunft für den Glauben aufzuzeigen. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen, dass sich Glaube und Vernunft ergänzen. Er wird nicht müde, die Zusammengehörigkeit von Glaube und Wissen hervorzuheben. Wir müssen das Erforschbare, auch im Glauben, zu erforschen suchen. Wir dürfen nicht vorzeitig die Geistestätigkeit, die Verstandestätigkeit einstellen.

Einer der Vorgänger des Heiligen Vaters, nämlich der Apostel Petrus, hat das schon in seinem ersten Briefe geschrieben: „Seid allezeit zur Verantwortung bereit einem jeden gegenüber, der von euch Rechenschaft über eure Hoffnung fordert.“ Wir sollen in der Lage sein, denen, die uns Fragen stellen, denen, die uns verspotten, Antwort zu geben, begründete Antwort, so dass sie auch zum Glauben finden können. Der Glaube bewahrt den Verstand vor Irrtümern und vervollkommnet ihn mit reichen Erkenntnissen. Als Papst Pius XII. noch Nuntius in Berlin war, unterhielt er sich einmal mit Albert Einstein, dem Begründer der Relativitätstheorie. „Ich achte die Religion“, sagte Einstein, „aber ich glaube an die Mathematik. Und bei Ihnen, Eminenz, wird es umgekehrt sein.“ Pacelli antwortete: „Sie irren. Religion und Mathematik sind für mich nur verschiedene Austragsformen derselben göttlichen Exaktheit.“ Einstein war erstaunt: „Aber wenn die mathematische Forschung nun eines Tages ergäbe, dass gewisse Erkenntnisse der Wissenschaft denen der Religion widersprechen?“ Pacelli antwortete lächelnd: „Ich schätze die Mathematik so hoch, dass Sie, Professor, in diesem Falle nicht aufhören würden, nach dem Rechenfehler zu suchen.“

Es ist keine Mauer aufzurichten zwischen dem religiösen und dem wissenschaftlichen Leben. Wir brauchen Gott nicht zu vergessen, wenn wir in die Lehrsäle gehen. Das Evangelium stützt die Vernunft, die Vernunft verneint das Evangelium nur, wenn sie sich selber untreu wird. Der große Münchener Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg hat einmal gesagt: „Der erste Trunk aus dem Becher der Wissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“

Amen.

 

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Die Staatslehre der katholischen Kirche

08.02.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der Staat ist eine Herrschaftsordnung, durch die ein Volk auf abgegrenztem Gebiet durch hoheitliche Gewalt zur Wahrung gemeinsamer Güter verbunden wird. Die Kirche hat auch ein Evangelium für den Staat. Sie hat eine eigene Staatslehre ausgebildet, über die wir uns heute Gedanken machen wollen. Wir wollen drei Fragen stellen und sie zu beantworten versuchen, nämlich

1. Was lehrt die Kirche über den Staat?

2. Was gibt die Kirche dem Staat?

3. Was erwartet sie vom Staat?

Die Lehre der Kirche vom Staat hob an im Neuen Testament. Da wurde nämlich Jesus von den Juden die verfängliche Frage gestellt: „Meister, ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen?“ Verfänglich deswegen: Wenn Jesus sagte: „Ja“, dann schien er die römische Knechtschaft über das jüdische Volk anzuerkennen. Wenn er sagte: „Nein“, konnten sie ihn bei der römischen Macht verklagen. Der Herr durchschaute ihre Arglist und sagte: „Zeigt mir die Steuermünze! Wessen Bild und Aufschrift ist es?“ Sie antworteten: „Des Kaisers.“ Der Herr folgert daraus: Wenn ihr im römischen Reiche lebt, wenn ihr seine Vorteile in Anspruch nehmt, z.B. das Geldwesen, dann müßt ihr auch die Pflichten erfüllen. Gebt also dem Kaiser, was des Kaisers ist. Selbstverständlich auch: Gebt dem Tempel, was dem Tempel gehört, gebt Gott, was Gottes ist.

Die Urkirche hatte es nicht leicht, denn sie wurde 300 Jahre, wenn auch mit Unterbrechungen, verfolgt. Und was hat die Urkirche über den Staat gelehrt? Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom, die ja unmittelbar unter der Unterdrückung des römischen Staates leben mußte: „Jeder sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott stammt. Wer sich demnach gegen die Gewalt auflehnt, ist ein Aufrührer gegen die Anordnung Gottes. Der Aufrührer aber zieht sich das Strafgericht Gottes zu.“ Das schrieb Paulus, als in Rom Nero regierte! Diese Grundlehre ist dann von der Kirche durch ihre großen Theologen entfaltet worden, durch Augustinus, durch Thomas. Sie hat alle die falschen Staatsauffassungen abgelehnt, der Staat sei nur ein Notbehelf oder der Staat beruhe auf einem Gesellschaftsvertrag oder der Staat sei überflüssig. Nein, die Kirche lehrt: Der Staat ist Gottes Anordnung. Der Mensch ist zur Gemeinschaft berufen, er hat den Trieb zur Geselligkeit, er hat auch die Schwäche, die nach Hilfe ruft. Und deswegen muss eine Zusammenfassung des Volkes im Staat erfolgen. Es ist notwendig, dass die Gemeinschaft durch eine staatliche Gewalt zusammengehalten wird. Nicht die Nützlichkeit allein oder das Diesseits erklären den Staat, begründen seine Autorität. Nein, der Ursprung des Staates ist in Gott, dem Schöpfer und Ziel aller Dinge.

Aber freilich, man darf den Staatsbegriff auch nicht überspannen. Es gibt kein ausschließliches Recht des Staates über die Bürger. In der Zeit des Dritten Reiches haben wir gelernt: „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ Nicht ganz. So stimmt es nicht. Nein, der Mensch besitzt auch eine Selbständigkeit, einen Eigenstand, ein eigenes Wesen, einen eigenen Wert, denn er ist von Gott als Einzelwesen geschaffen und zur Ewigkeit berufen. Die Selbständigkeit des Einzelmenschen darf auch vom Staate nicht angetastet werden. Der Mensch ist berufen, durch sein eigenes Bemühen sein Heil zu wirken.

Der Staat hat seinen Stand unter Gottes Gesetz. Gott hat nicht nur den Sternen ihre Bahnen angeordnet, und er hat nicht nur dem Einzelmenschen seine Gebote gegeben, sondern auch der Staat steht unter den Geboten Gottes. Er steht unter den Geboten des Naturrechtes, und das Naturrecht hat seinen Ursprung in Gott, dem Schöpfer der Natur. Der Staat wie der Einzelne steht vor Gott, ist ihm verantwortlich. Er ist gebunden an Gerechtigkeit und Recht. Seine eigenen Gesetze sind eigentlich nur Anwendungen der Urrechte, die Gott ihm zugesprochen hat. Wenn er Gesetze erläßt, dann ist er verpflichtet, sich an das Naturrecht zu halten. Also beispielsweise was die Familie angeht, was die Ehe betrifft. Die Familie mit ihrem Recht ist dem Staat vorgegeben und nicht bloß aufgegeben.

Der Staat ist souverän. Das ist eine richtige Aussage. Souverän heißt: Der Staat hat keine irdische Gewalt über sich. Er ist der Höchste in seinem eigenen Bereich. Die Souveränität hat Gott ihm gegeben. Das Recht des Staates, souverän zu entscheiden, stammt von Gott. Aber nicht die Staatsform. Die Staatsform dürfen die Menschen bestimmen. Es gibt keine von Gott verpflichtend vorgeschrieben Staatsform. Die Kirche und ihre Lehre sind nicht auf eine bestimmte Staatsform festgelegt. Die parlamentarische Demokratie ist kein Dogma. Wenn die Gerechtigkeit nicht verletzt wird, ist den Völkern die Wahl der Regierungsform überlassen. Es kann durchaus sein, dass manche Völker der Ansicht sind: Für uns paßt die parlamentarische Demokratie nicht. Es ist ein Irrtum zu meinen, die Übertragung der Macht an eine gewählte Mehrheit könne die Gefahr von Unrecht und Gewalt bannen. Nein, meine Freunde, Mehrheiten können genauso diktatorisch sein wie ein einzelner Despot. Schauen Sie nach Berlin! Der rot-rote Senat weigert sich, den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach zuzulassen. Er weigert sich. Wenn sich aber ein Volk für eine bestimmte Staatsform entschieden hat, muss man sich ihr unterordnen. Eine Grenze gibt es nur da, wo die Gesetze des Staates gegen Gottes Gesetze verstoßen. Wo die Gesetze eines Staates mit den Geboten Gottes in Widerspruch stehen, da gilt der Satz: Gottesrecht bricht Staatsrecht.

Welches sind nun vom Naturrecht die Aufgaben des Staates? Nun erstens, er soll für Recht und Gerechtigkeit sorgen. Es muss also jedem das Seine geschehen. Die Erdengüter müssen richtig und gerecht verteilt werden, so dass jeder zu leben hat. Es darf keine Bürger zweiter Klasse geben. Mein Großvater hat noch das Kaiserreich erlebt, und er sagte mir eines Tages: „Junge, im Kaiserreich fing der Mensch erst beim Reserveoffizier an.“ Etwas übertrieben, aber nicht viel. Etwas übertrieben, aber nicht viel. In der Zeit des Kaiserreiches konnte man in einer satirischen Zeitschrift einmal ein Bild sehen. Da stand ein Leutnant vor einem gemeinen Soldaten und fragte ihn: „Wo gehst du hin?“ „Ich gehe zum Speisen.“ Da belehrte ihn der Leutnant: „Merke dir, Majestät, der Kaiser, speist, ich esse  und du frißt.“ Noch schlimmer war es im Dritten Reich. In der Zeit des Nationalsozialismus war der Katholik von vorneherein verdächtig, ein Bürger zweiter Klasse. Vor 40 Jahren traf ich einmal einen Rechtsprofessor aus Bonn namens Hermann Josef Conrad. Wir kamen ins Gespräch. Ich sagte: „Ich habe einmal eine Doktorarbeit aus dem Jahre 1934 in der Hand gehabt von einem Hermann Conrad.“ Da sagte er: „Das bin ich auch. Aber ich habe damals das „Josef“ weggelassen, weil ein gläubiger Katholik von vorneherein keine Aussicht hatte, die akademische Laufbahn mit Erfolg zu beschreiten.“ Der Staat ist zur Gerechtigkeit gegenüber allen seinen Staatsbürgern verpflichtet. Aber vergessen Sie nie, meine Freunde: In Deutschland ist das Vorurteil gegen die katholischen Christen unausrottbar.

Die zweite Aufgabe des Staates ist bezeichnet mit dem Wort Kulturstaat. Jeder einzelne muss durch den Staat die Möglichkeit erhalten, eine Kulturleistung zu erbringen. Es müssen Schulen bereitgestellt werden, es muss die Geistigkeit gepflegt werden, es müssen aber auch Wissenschaft und Kunst gefördert werden. Die öffentliche Sittlichkeit muß hochgehalten werden. Der Staat muss dafür sorgen, das die Atmosphäre nicht vergiftet wird, dass die sittliche Verseuchung des Volkes nicht um sich greift. Wir alle wissen, dass die Bundesrepublik Deutschland gegenüber dieser Aufgabe versagt. In unserem Staate vollzieht sich seit Jahrzehnten ein beispielloser sittlicher Niedergang. Ein großer Teil der Jugend ist geradezu verwahrlost. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn ich behaupte: Unser Staat versagt vor der Aufgabe, die Sittlichkeit zu schützen.

Die dritte Aufgabe des Staates ist, das materielle Wohlergehen der Bürger auf seine Weise zu besorgen, also gesunde Lebensverhältnisse zu schaffen, Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten, das Verkehrswesen, die Post, Straßen und Bahnen, also kurz gesagt: das Gesamtwohl des Volkes zu befördern. Das ist die katholische Staatslehre.

Die zweite Frage lautet:  Was gibt die Kirche dem Staat? An erster Stelle gibt sie ihm die besten Bürger, die es überhaupt gibt. Es gibt keinen besseren Bürger als den gläubigen, praktizierenden Christen. Der Christ ist immer ein pflichtbewußter Bürger gewesen. Er betet nicht nur für sich, sondern auch für die Staatslenker. Er ist bereit, in der Notzeit Hilfe zu leisten. Er zahlt seine Steuern. Er bemüht sich nach Kräften, am Gemeinwesen teilzunehmen, wählen zu gehen, in den kommunalen oder anderen Vertretungen mitzuarbeiten. Katholische Christen sind auch immer zufriedene Untertanen gewesen. Sie sind nicht ständig unruhig und gierig, nicht mißmutig und verdrossen. Sie stellen nicht laufend höhere Forderungen an den Staat. Katholische Christen sind regelmäßig bescheiden und genügsam. Ja, das ist unser gläubiges Volk, von dem ich so angetan bin, das ich liebe und für das ich arbeite. Das ist unser gläubiges Volk. Katholische Christen wissen, dass das irdische Leben nicht endgültig ist, dass es Vorbereitung für das ewige Leben ist. So sehen sie im Besitzen und Genießen nicht das höchste Gut. Katholische Christen sind auch dienstwillig. Die Arbeit für andere ist ihnen ein Bedürfnis, eine Pflicht. Sie wissen sich dem höchsten Herrn zur Rechenschaft verpflichtet. Sie haben ein Gespür für Verantwortung. Ich habe meine ersten Jahre in der ostdeutschen Diaspora als Priester zugebracht. Mir ist immer aufgefallen, dass in den Krankenhäusern die meisten Krankenschwestern katholisch waren, obwohl die Katholiken nur etwa 6 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Das will auch etwas heißen.

Zweitens: Die Kirche stützt die Staatsautorität. Indem sie sie im Willen Gottes verankert, sorgt sie dafür, dass diese Autorität respektiert wird. Die Kirche stützt die Staatsautorität. Der heilige Petrus, der erste Papst, mahnt: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um Gottes willen. Seid untertan aller menschlichen Ordnung um Gottes willen. Sei es dem König als dem obersten Herrn, sei es den Statthaltern, die von ihm gesandt sind.“ Wenn es besser werden soll im Staate, dann müssen wir bessere Menschen schaffen.

Die dritte Frage lautet: Was erwartet die Kirche vom Staat? Nun, sie erwartet an erster Stelle die Anerkennung ihrer Selbständigkeit. Die Kirche ist eine vollkommene Gesellschaft. Das heißt: Sie ist von Gott mit allen Mitteln ausgestattet, um ihr Ziel zu erreichen, um ihr Werk zu vollbringen. Sie ist kein Teil des Staates, sie ist auch keine Dienerin des Staates. Sie steht nicht unter dem Staat, sie steht ihm gegenüber.

Zu allen Zeiten der Kirchengeschichte hat es Versuche gegeben, die Kirche dem Staat dienstbar zu machen. Denken Sie an die Kirche in Byzanz. Die Kaiser in Byzanz haben den sogenannten Cäsaropapismus begründet, d.h. sie wollten gleichzeitig Kaiser und Papst sein. Diesem Cäsaropapismus hat die katholische Kirche sich niemals gebeugt. Deswegen ihre Kämpfe im Mittelalter mit den deutschen Kaisern. Denken Sie an Heinrich IV. Er wollte alle Bischofsstühle und alle Abtsstühle besetzen mit seinen Kreaturen. Er achtete nicht auf Würdigkeit und Frömmigkeit, sondern darauf, dass sie tapfere Kriegsmänner waren. Man kann sich denken, was für Kerle von ihm auf die Bischofsstühle gesetzt wurden. Dagegen haben sich die Päpste, vor allem Gregor VII., entschieden gewandt. Anders die nichtkatholischen Religionsgemeinschaften. Die protestantischen Religionsgemeinschaften waren stets willige Lakaien der Landesherren, ihrer „Oberbischöfe“. Die russische Kirche war immer eine Dienerin des Staates. Sie hat den Zaren gedient, den Bolschewiken, und sie dient jetzt dem Putin und dem Medwedjew. Sie ist nichts anderes als der verlängerte Arm der russischen Politik. Das muss einmal ausgesprochen werden. Und der Staat gibt ihr Privilegien im Zigarettenhandel und im Alkoholhandel. Das sind Tatsachen.

Die Kirche, unsere Kirche wehrt sich dagegen, die Gläubigen, das Volk Gottes, in den Dienst des Staatszweckes zu stellen, die Kirche zum verlängerten Arm des Staates zu machen. Den Versuch hat es immer wieder gegeben – in Frankreich unter dem König genauso wie unter der Französischen Revolution. Die Französische Revolution hat der Kirche bekanntlich das ganze Eigentum genommen und sich zur Besoldung – zur Besoldung! – der Geistlichen verpflichtet. Und als die Geistlichen nicht taten, was sie wollte, hat sie ihnen die Besoldung entzogen. Wehe, wenn die Kirche vom Staat abhängig wird! Dann muss sie so tanzen, wie der Staat pfeift.

Kirche und Staat sind unterschieden, können nicht in eins gesetzt werden. Sie sind unterschieden, aber sollen einträchtig zusammenarbeiten, denn es sind dieselben Menschen, die ihnen anvertraut sind. Also ist die Eintracht zwischen Kirche und Staat erwünscht. Darüber hinaus hat die Kirche einen Öffentlichkeitsauftrag, wie man das heute nennt, einen Öffentlichkeitsauftrag. Das heißt: Sie hat dem Staat die Gebote Gottes vorzuhalten. Sie muss den Staat an seine Aufgabe, die er vor Gott hat, erinnern. Sie muss ihn erinnern, dass er an Rechte gebunden ist, die er nicht erfindet, sondern die er vorfindet. Der Staat muss dem Evangelium die Wege ebnen. Er muss die Gottlosigkeit bannen, und auch die Staatslenker müssen ihre Knie vor Gott beugen. Es ist ein Frevel, wenn Staaten sich verhalten, als ob es keinen Gott gäbe. Die Oberherrlichkeit Gottes gilt auch für den Staat. Die Sorge für die Religion ist nach Aristoteles die erste Aufgabe des Staates. Man täusche sich nicht, meine lieben Freunde. Der religionslose Staat wird, wenn er sich auswirkt, notwendig zum sittenlosen Staat. Wo die Zehn Gebote nichts mehr gelten, da werden zehntausend Staatsgesetze keine Rechtsordnung begründen.

Die Kirche ist auch der Anwalt der Menschen, wenn der Staat sich Übergriffe leistet. Der Staat ist irrtumsfähig, und die Kirche hat die heilige Aufgabe, ihm zu sagen: Es ist dir nicht erlaubt! Und sie hat es getan. Es ist ganz unwahr, wenn behauptet wird, die Kirche habe in der Zeit des Nationalsozialismus geschwiegen oder der Papst habe geschwiegen. Die Kirche hat geredet, deutlich; ich habe die Zeit miterlebt, bewußt, und ich kann es bezeugen: Die Kirche hat nicht geschwiegen! Sie ist dem Staat entgegengetreten mit seinem Unrecht. Die Kirche hat das Recht und die Freiheit, für Leib und Leben, für Ehre und Gewissen der Untertanen einzutreten, damit sie nicht dem Staat, dem entarteten Staat, dem „kältesten aller Ungeheuer“, wie Friedrich Nietzsche sagt, ausgeliefert sind.

Der demokratische Staat ist in gewisser Hinsicht ebenso gefährdet wie der autoritäre Staat. Wieso? Bei ihm hängt alles ab von Wahlen und Mehrheiten. Da wird man gewählt, wenn man den Menschen viel verspricht und wenn man den Gegner verteufelt. Das ist die Weise, wie man Wahlen gewinnen muss. Die Regierungen und die Parteien sind darum ständig in Gefahr, das zu tun, was eingängig, beliebt und leicht ist, und nicht das, was notwendig, aber schwer ist. So kommt es, wie wir es ja erlebt haben, zum Abbau aller Gesetze, welche die Sittlichkeit schützen sollen. Die Menschen wollen eben diese Gesetze nicht, also schafft man sie ab. Die Kirche mahnt, aber sie wird nicht gehört. So wird der Weg weitergehen. Ich fürchte, es ist der Weg in den Abgrund.

Amen.

 

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Die Kirche, mit dem Volk verbunden

15.02.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!


 

Kirche und Volk. Wenn ich dieses Thema nenne, dann schallt mir ein vielgestaltiger Chor entgegen. Das Wort Volk und Volkstum können manche nicht ertragen. Ihr eigenes Ich ist das einzig Wahre und Interessante: Fortschritt, Genuß, Moderne. Das sind ihre Schlagworte, und danach leben sie. „Was habe ich vom Volk?“ so sagen sie. Ihnen genügt die Gesellschaft Gleichgesinnter zu Vergnügen und Geschäft. Sie wissen auch nichts mit der Vergangenheit anzufangen. Was früher war, das interessiert sie nicht. Ja, viele Deutsche glauben sich jetzt dadurch modern zu machen, dass sie das Volk als Spucknapf benutzen.

Was sagt uns die Kirche zu dem Thema „Kirche und Volk“? Zunächst: Was heißt Volk? Volk ist eine Gruppe von Menschen, die eine ideelle Einheit bilden, die durch Geschichte, Sprache, Kultur und vielleicht auch manchmal Religion zu einer Einheit zusammengeschlossen werden, die also durch Blut und Umwelt, durch Sprache und Kultur, Schicksal und Aufgabe verbunden werden, die bilden das Volk. Und dieses Volk zu lieben, ist eine heilige Pflicht, ist Pietät, ist Auftrag Gottes. Die Liebe zum eigenen Volk ist eine sittliche Pflicht, und zwar Liebe in Gesinnung und Tat. Wir sollen unser Volk durch unser Verhalten lieben, ihm Ehre machen. Wir sollen uns zu unserem Volk bekennen. Ich kann die Rede nicht mehr hören: „Ich schäme mich für unser Volk.“ Ich kann sie nicht mehr hören! Schämen kann ich mich nur für mich selbst und für meine eigenen Untaten und Missetaten, aber nicht für die Untaten und Missetaten anderer. Was Einzelne oder viele getan haben, das ist nicht das deutsche Volk. Es gibt keine Kollektivschuld.

Der menschgewordene Gottessohn hat uns das beste Beispiel für die Liebe zum Volk gegeben. Er spricht die Sprache seines Volkes, das Aramäische. Er versteht es, die Umwelt und die Beschäftigung seiner Zuhörer in seine Reden hineinzunehmen. Er beschränkt seine Wirksamkeit nur auf dieses Volk. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, so weist er die fremde Frau ab. Und was soll ich sagen, als er auf den Halden vor Jerusalem saß mit seinen Jüngern am Palmsonntag und hinunterschaute auf die Stadt, die in der Abendsonne vor ihm lag, da war der Tempel, der vor Marmor und Gold glänzte, da waren die Paläste, da waren die vielen Häuser. Aber der Heiland legte die Hand vor seine Augen und weinte. Er weinte über sein Volk: „Ach, wenn du es doch erkannt hättest, was dir zum Frieden dient! Jetzt aber ist es verborgen vor deinen Augen. Deine Feinde werden kommen, dich mit einem Wall umgeben, sie werden von allen Seiten dich bedrängen, sie werden deine Kinder zu Boden schmettern und keinen Stein auf dem anderen lassen.“ So sehr liebte Jesus sein Volk, dass er über es weinte.

Und Paulus war ein Jude durch und durch. Er leidet unter der Verblendung seines Volkes. „Groß ist meine Trauer“, schreibt er im Römerbrief, „unaufhörlich der Kummer meines Herzens. Gern wollte ich selber mit dem Fluch beladen sein, fern von Christus statt meiner Brüder, meiner Stammesgenossen.“ Er redet nicht einer Aufgabe der völkischen Eigenart das Wort, sondern jeder soll so leben, wie er geboren ist. „Der Jude soll sich als Jude bekennen, er soll es nicht verbergen, und der Heide soll Heide bleiben insofern, als er nicht beschnitten werden soll.“ Das schreibt er an die Korinther in dieses Völkermischmasch, in diese Hafenstadt. Dankbar das Überkommene pflegen, es sorgsam weitergeben, das ist Gottes Wille, so denkt Paulus.

Die Kirche hat das Volk und die völkische Eigenart immer geschützt und gepflegt. Im Jahre 1215, meine lieben Freunde, im Jahre 1215 hat das IV. Laterankonzil verordnet, dass jedem Volk der Glaube in seiner Sprache nahegebracht werde. Die Bischöfe sollen darauf achten, dass den verschiedenen Stämmen in ihrer Sprache gepredigt wird. Schutz völkischer Minderheiten in fremden Staaten, Recht auf Muttersprache und Sitte, dafür setzt sich die Kirche im Rahmen des Naturgesetzes ein. Volk und Volkstum stehen bei ihr in hohem Ansehen. Katholisch sein und seinem Volke in Treue ergeben sein, das ist kein Gegensatz, sondern heilige Pflicht. In meiner Heimat, im Erzbistum Breslau, gab es in Oberschlesien Gemeinden, in denen die Bevölkerung auch polnisch sprach. Der Bischof von Breslau hat immer dafür gesorgt, auch in der Verfolgungszeit des Dritten Reiches, dass diesen Menschen das Evangelium auch in polnischer Sprache gelehrt wurde. Als im Jahre 1939 Tausende, Abertausende polnische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter nach Deutschland kamen, wurde den katholischen Priestern verboten, Seelsorge an ihn auszuüben. Die Priester haben sich an dieses Verbot nicht gehalten. Viele haben diese Übertretung mit Haft bezahlen müssen, auch in der Diözese Mainz. Der Pfarrer von Alzey namens Nau wanderte ins Gefängnis, weil er den Polen die Beichte abnahm.

Was tut die Kirche für das Volk? O sehr viel, meine lieben Freunde. Sie lehrt das Volk die heiligen Gesetze Gottes, sie lehrt das Volk Verantwortung für das kommende Geschlecht. Wo im Lichte des katholischen Glaubens das Leben verstanden wird, wo das Gewissen geschärft wird, wo das Kreuz anerkannt wird, da ist auch der Wille zum Kind, da stirbt ein Volk nicht. Es war immer der Ruhm des katholischen Volksteils, dass sein Kinderreichtum größer war als bei den Nichtkatholiken. Es war so, meine lieben Freunde, aber es ist nicht mehr so! Wenn es heute nicht mehr so ist, dann ist das eine Schande und ein verräterisches Zeichen, wie sehr das katholische Volk sich der Umwelt angepaßt hat. Heute haben die nichtkatholischen Schweden mehr Kinder als das katholische Italien und als das katholische Spanien.

Das Volk wächst geistig auch aus seiner Umwelt. Wer da den Einfluß der Kirche schildern wollte, der müßte auf ihre Tätigkeit im sozialen Bereich hinweisen, auf ihre Kulturarbeit, Pflege der Sprache. In welcher Sprache haben denn unsere Vorfahren von Christus gehört? Ja, in der deutschen Sprache, in der altdeutschen oder mitteldeutschen Sprache, den Heliand, den sie in der sächsischen Sprache gelesen haben, oder die Evangelien von Otfried, die Dichtungen Notkers. Es ist eine Legende, dass erst Luther die Heilige Schrift den Deutschen zugänglich gemacht habe. Man rechnet mit einem Bestand von 3.600 Handschriften deutschsprachiger Bibeln vor Luther, 3.600 Handschriften deutschsprachiger Bibeln vor Luther. Und die Druckwerke nehmen es auch damit auf. Von 1466, wo die Buchdruckerkunst erfunden wurde, bis 1521 gab es 14 hochdeutsche und 4 niederdeutsche Bibeln, 14 hochdeutsche Drucke, 4 niederdeutsche Drucke, außerdem zahlreiche Drucke von einzelnen Büchern. Man soll aufhören mit dem Märchen, dass erst Luther dem deutschen Volke die Bibel gegeben habe.

Freilich muss ein Volk auch in der Notzeit zusammenhalten. Es muss eine innere Verbindung bestehen, und die Solidarität muss sich in der Notzeit zeigen. Immer wider hat es in solchen Zeiten des Druckes und der Not Hunderttausende, Millionen gegeben, die sich bewährt haben. Es ist nicht wahr, dass unser Volk in der Notzeit versagt habe. Hunderttausende haben den durch Bombenkrieg um ihre Heimat, um ihr Heim gebrachten Menschen ein Asyl geboten. Nicht alle. Es gab auch unrühmliche Ausnahmen. In Garmisch lebte ein Mann, den Sie alle kennen, der Komponist Richard Strauss. Er hatte in Garmisch eine Villa mit 19 Zimmern. Richard Strauss weigerte sich, auch nur einen Ausgebombten aufzunehmen. Er war vom katholischen Glauben abgefallen, das sei nur dazugesagt. In Notzeiten lehrt die Kirche die Menschen das Dulden, das Helfen, die Nächstenliebe. Sie lehrt in dem Volksgenossen den Menschenbruder erkennen, den Bruder auch in Christus, und das überwindet die Not.

Aber das Volkstum gibt auch der Kirche etwas. Das Christentum ist so reich, die Offenbarung ist so unerschöpflich, dass es gewissermaßen aller Stämme auf dieser Erde bedarf, um die letzten Feinheiten aus dieser Fülle herauszuarbeiten. Wir brauchen die Slawen, wir brauchen die Neger, wir brauchen die Indianer, wir brauchen die Völker Europas und Asiens, wir brauchen alle, damit der Reichtum der Offenbarung zutage gefördert wird. Auch unser Volk hat der Offenbarung etwas zu geben. Unser Volk hat viel dazu getan, um die Offenbarung, um das Christentum zu erschließen. Die mittelalterliche Mystik, die Kunst des Mittelalters, das fromme deutsche Gemüt hat der Kirche viel gegeben. Welches Volk hat Kirchenlieder von solcher Fülle und Innigkeit wie unser deutsches Volk? Deutsche Tatkraft hat mehr als einmal in schwerster Zeit das Papsttum frei gemacht von unwürdigen Fesseln. Die deutschen Päpste waren immer eine Zierde auf dem Stuhl Petri. Deutsche Missionare haben das Christentum hinausgetragen in die weiten Afrikas, Asiens und Amerikas. Es war ein schwerer Schlag, der die Kirche traf, als die unselige Glaubensspaltung einen großen Teil des Volkes losriß von der Kirche. Kein Freund des Christentums war es, nämlich Friedrich Nietzsche, der einmal gesagt hat: „Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die Deutschen werden daran schuld sein.“ O wie richtig! Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die Deutschen werden daran schuld sein.

Aber die Kirche sieht freilich auch die Schwächen. Sie kann ja vergleichen zwischen den verschiedenen Völkern, und sie sieht die Stärken und die Schwächen eines jeden Volkes. Sie weiß auch, zu welcher Höhe die Völker geführt werden sollen. Wir können nicht leugnen, dass es unserem Volk leicht an Klarheit fehlt, dass Leidenschaftlichkeit schnell das ruhige Urteil trübt. Wir wissen um unsere Kritiksucht, um unsere Besserwisserei, die uns das demütige, kindliche Glauben schwer macht. Wir pflegen so sehr das Eigene und Persönliche, dass wir die objektive Wahrheit nur schwer finden und festhalten. Da muss die Kirche uns erziehen und vor Einseitigkeiten bewahren. Wir neigen auch zu Übertreibungen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Errichtung von Initiativkreisen, von unternehmerischen Gruppen, von missionarischen Verbindungen angeregt. Was hat man in Deutschland daraus gemacht? Das ebenso lächerliche wie gefährliche, anmaßende und aufmüpfige Rätesystem, eine Bürokratie mit Sitzungen und Protokollen, eine andere Hierarchie, die neben die Hierarchie göttlichen Rechtes tritt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Liturgiekonstitution Art. 36 § 1 gelehrt: „Der Gebrauch – der Gebrauch! der Gebrauch! – der lateinischen Sprache ist in den lateinischen Riten beizubehalten.“ Das ist ein Jussiv, ein Befehlswort. Was haben die Deutschen daraus gemacht? Der Gebrauch der lateinischen Sprache muss verschwinden, und er ist verschwunden.

Unsere deutschen Denker haben oft unserem Volke einen Spiegel vorgehalten. Friedrich Nietzsche hat einmal geschrieben: „Der Deutsche versteht sich auf die Schleichwege zum Chaos.“ Wie richtig! Und Goethe: „Die Deutschen gehen jeder seinem Kopfe nach, jeder sucht sich selbst genugzutun, er fragt nicht nach dem anderen.“ Wie richtig! Und Görres: „Immer haben die Deutschen mehr Erbitterung gegeneinander als gegen den wahren Feind gezeigt.“ Wie richtig! Der Geist der Zwietracht ist in unserem Volke wahrhaftig zu Hause. Der deutsche Papst wird seit Wochen von allen Seiten angegriffen, beschimpft, verdächtigt, verunglimpft. Aber die deutschen Katholiken stellen sich nicht wie ein Mann hinter ihn, sondern ein Teil fällt ihm in den Rücken, heult mit den Wölfen. Dabei tun sich die Räte unrühmlich hervor. Und die Herren Bischöfe? Ein Teil von ihnen distanziert sich vom Papst, kritisiert den Papst, läßt ihn im Regen stehen. Das ist die deutsche Zwietracht!

Die Kirche tritt auch jeder Vergötzung des eigenen Volkes entgegen, jeder Überheblichkeit, die man mit dem Fremdwort Chauvinismus zusammenfaßt. Es ist doch so, dass alle Völker ihre spezifischen Begabungen haben, dass man von jedem Volke etwas lernen kann, dass sich Stärken und Schwächen eines jeden Volkes durch Lernen von anderen Völkern ausgleichen lassen. Wir können von Franzosen und von Italienern manches uns aneignen. Mir sagte einmal ein Kellner, ein Kellner in Mainz, der weit herumgekommen war: „Wenn ich in Sizilien auf der Straße umkippe, da strömen die Menschen herbei, um mich zu retten. In Deutschland gehen sie vorbei.“ So sagte mir ein deutscher Kellner.

Es muss eine Gemeinschaft zwischen den Völkern sein, ein Verstehen, eine Achtung. Die Kirche Christi pflegt diesen Geist, schon deswegen; weil sie ein gemeinsames Oberhaupt hat. Polnische Bischöfe, italienische Bischöfe haben sich demonstrativ hinter unseren Heiligen Vater gestellt. Es sei ihnen gedankt.

Wir haben aber auch ein Gnadenleben, das in allen der Kirche Zugehörigen lebt und das sie miteinander verbindet. Im Geiste der Verbundenheit haben die europäischen Völker sich dem Islam entgegengestemmt und ihn ferngehalten. Was wäre aus Europa geworden, wenn der Islam es überrannt hätte? Nur die Reichsidee und die gemeinsame Abwehrpflicht haben jahrhundertelang den Erbfeind Europas ferngehalten. Aber die Reichseinheit zerfiel, als die Reformation die Einheit des Glaubens zerrissen hat. Der Schaden, den die Religionsänderung über unser Volk gebracht hat, kann überhaupt nicht übertrieben werden. Die sogenannte Reformation war ein Verhängnis für unser Vaterland. Der Protestantismus hat das Deutsche Reich ruiniert. Luther ist der Zerstörer der deutschen Reichsnation. Das sage nicht ich, das sagt der Lutherforscher Josef Lortz. Wenn die deutschen Bischöfe heute überlegen, wie sie sich an der Feier des Reformationsjubiläums im Jahre 2017 beteiligen wollen, so sage ich ihnen: Wir haben da nichts zu feiern! Wir wissen, was aus der Kirchenspaltung kam: der Dreißigjährige Krieg, der Nationalismus, Nationalitätenüberhebung, Nationalitätenstolz, Nationalitätenhaß. Sie taumelten hinein, die Völker, in den Ersten Weltkrieg. Ein furchtbarer Gewaltfrieden wurde geschlossen. Die Demütigung und die Ausplünderung des deutschen Volkes durch den Frieden von Versailles haben die Keime für das Heraufkommen des Nazitums gelegt. Der katholische Politiker Ludwig Kaas hat das richtige Wort geprägt: „Hitler ist nicht in Braunau am Inn, Hitler ist in Versailles geboren.“ Dann kam der Nationalsozialismus mit seiner Gewaltbereitschaft, mit seiner Verachtung anderer Völker, mit seiner Irrlehre von den Herrenmenschen und dem Untermenschen. Die Kirche hat gemahnt und gewarnt, sie hat die Verfolgung Unschuldiger als Unrecht gebrandmarkt, aber sie wurde nicht gehört, sie wurde verdächtigt. Man hat sie als die „überstaatliche Macht“ neben das Judentum und die Freimaurerei gestellt. Überstaatliche Macht, also staatsfeindlich. Die Nazis wollten unser Land mächtig und groß machen. Sie haben es zugrundegerichtet wie niemand je zuvor. Sie versprachen, unser Volk zur Blüte zu führen, sie haben es in ein namenloses Elend gestürzt. Jetzt ist man dabei, Europa zu bauen. Wir bejahen den Europagedanken, aber wir haben Bedenken, die wir nicht verbergen können: die vielen, die unglaublich vielen Behörden und Beamten, die Kommissare und Abgeordneten, dieser Aufwand von Milliarden Euro, das macht mich skeptisch. Ich halte es für kindlich, Europa nur durch Änderung von Regierungen und Wirtschaftsordnungen und Strukturen bauen zu wollen. Nur eine wirkliche Wandlung der Gesinnung, eine Bekehrung kann Europa schaffen, kann Europa retten. Ich sehe eine solche Wandlung nicht. Ich sehe mit Sorge nach Brüssel und Straßburg. Dort sind dieselben Kräfte und Strömungen am Werke, die wir ja aus unserer Heimat kennen: Parteigunst, Parteigeist, Parteigegensatz. Daraus soll ein einiges Europa werden? Die Religion wird ausgegrenzt, der Katholizismus niedergehalten. Woher will das verwaltete Europa seine Grundsätze und seine Grundwerte beziehen, wenn nicht aus der Religion?

Meine lieben Freunde, ein Genesen der Völker aus ihren Krisen ist nur möglich, wenn sie über Grenzen und Meere sich die Hand reichen und in christlichem Verstehenwollen, im Geiste christlicher Gerechtigkeit und Liebe eine Einheit werden, wenn Christus Herr wird und König im Bunde der Völker.

Amen.

 

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Das Evangelium der Arbeit

22.02.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!


 

Das Christentum hat auch die Arbeit erlöst. Es gibt ein Evangelium der Arbeit. Im Heidentum ist ein Schwanken zwischen Geringschätzung der Arbeit und Verachtung der Arbeit festzustellen. Das hatte seinen Grund darin, dass die schweren, die körperlichen, dir schmutzigen Arbeiten den Sklaven überlassen wurden, und die Sklaven waren eine verachtete Volksklasse. Sie mußten die schweren Arbeiten verrichten, damit die anderen der Muße und dem Müßiggang sich überlassen konnten.

Das Christentum hat die Würde der Arbeit hergestellt. Die christliche Lehre hat die Ehre und die Erhabenheit der Arbeit ins Bewußtsein der Menschen gehoben; denn sie hat Arbeit und Tugend verbunden. Sie hat so der Freiheit der Arbeit, also der Aufhebung der Sklaverei, den Weg bereitet. Wenn einmal die Arbeit eine Würde hat, dann kann sie nicht als verächtliches Geschäft, das nur für Sklaven geeignet ist, gelten. Die Kirche ist so tatsächlich die Urheberin der Aufhebung der Sklaverei geworden. Der Herr selber hat ja Handarbeit verrichtet, jahre-, jahrzehntelang. Und sein Apostel Paulus war ein Intellektueller, aber er hat das Gewerbe des Zeltmachers gelernt, und er hat es ausgeübt. In seinem 2. Brief an die Thessalonicher schreibt er: „Wir haben Tag und Nacht hart und schwer gearbeitet, um keinem von euch zur Last zu fallen. Nicht als ob wir kein Recht dazu hätten, nämlich von euch unterhalten zu werden, sondern um euch ein Beispiel zu geben, dem ihr folgen sollt.“ Paulus hat die Handarbeit nicht verschmäht, sondern sich damit seinen Lebensunterhalt verdient. Die Kirchenväter haben sein Beispiel und seine Lehre aufgenommen, etwa der heilige Augustinus, der ein eigenes Buch über die Arbeit der Mönche geschrieben hat. In diesem Buche spricht er davon, dass die Christen eine große Gemeinschaft bilden, in der jeder einzelne arbeiten muss, nicht nur für sich, sondern auch für die anderen.

Im Mittelalter sind die großen christlichen Ideen von der Arbeit in bewundernswerter Weise verwirklicht worden. Im Mittelalter war jede ehrliche Arbeit angesehen und verbürgte ein entsprechendes Auskommen. Die Arbeit galt als Gottesdienst, und sie wurde als ein sozialer, also für die Gesellschaft geleisteter Dienst, als ein Amt im Dienste Gottes angesehen. Es gab eine vorbildliche Organisation der Arbeiter in den Zünften, in den Bruderschaften. Die Kirche hat stets den Schutz des Arbeiters sich angelegen sein lassen. Daher kommt das Zinsverbot. Im Mittelalter war es den Christen, nicht den Juden, aber den Christen verboten, Zins zu nehmen, weil das Zinsnehmen als arbeitsloses Einkommen galt, und arbeitsloses Einkommen war verpönt. Den Päpsten der beiden letzten Jahrhunderte verdanken wir die großen Enzykliken, Rundschreiben über die Arbeit. Im Jahre 1891 bahnbrechend – bahnbrechend! – das große Evangelium der Arbeit von Papst Leo XIII., „Rerum Novarum“, ein Dokument von überragender Weisheit. Ich kann mich erinnern, wie ich als Knabe in der Zeit des Dritten Reiches mir diese Enzyklika besorgt habe und besorgen konnte; sie war tatsächlich noch zu haben. Dann kam die große Enzyklika „Quadragesimo Anno“ von Pius XI. im Jahre 1931 und schließlich die Enzyklika „Mater et Magistra“ von Johannes XXIII. im Jahre 1961. Es gibt eine christliche, eine katholische Soziallehre, die auf drei Prinzipien aufruht: auf dem Personalprinzip, auf dem Subsidiaritätsprinzip und auf dem Solidaritätsprinzip – Personalprinzip, Subsidiaritätsprinzip und Solidaritätsprinzip.

Arbeit ist die mit persönlicher Anstrengung, mit persönlichem Kräfteaufwand verbundene, sozial nützliche Betätigung. Unter Arbeit im wirtschaftlichen Sinne versteht man die Betätigung zum Zwecke der Güterherstellung. Es gibt eine vorethische, eine wirtschaftliche Bedeutung der Arbeit. Jedermann sieht ein, dass man, um sich zu erhalten, arbeiten muss. Die Pflicht, sich zu erhalten, bedingt die Pflicht, zu arbeiten, sonst kann man das Leben nicht fristen, sonst kann man die nötigen Bedarfsmittel nicht erwerben. Die Arbeit soll wirtschaftlich sein, d.h. man soll mit dem möglichst geringsten Mittel den größten wirtschaftlichen Erfolg herausholen. Das ist kein unchristliches Prinzip, das Prinzip der Wirtschaftlichkeit.

Die Kirche ist immer eine Feindin des Müßigganges und der Trägheit gewesen. Papst Leo XIII. schreibt in seiner Enzyklika „Rerum Novarum“: „Die Kirche ist inimica inertiae desidiaeque“, eine Feindin der Trägheit und des Müßigganges. Sie sieht vor allem die sittliche Bedeutung der Arbeit. Sie sieht den Wert der Arbeit für die Entwicklung der sittlichen Persönlichkeit. Die Arbeit ist die große Erzieherin der Menschen. Sie führt sie zu Tugenden, die den meisten fremd wären, wenn sie nicht arbeiten würden. Also: Sie erzieht zur Selbstzucht, zur Selbstverleugnung, zur Selbstbescheidung; sie erzieht zur Gewissenhaftigkeit, zur Ordnungsliebe, zur Pünktlichkeit. Die Arbeit erzieht zur Umsicht, zur Energie, zur Beharrlichkeit. Die Arbeit lehrt uns Sparsamkeit, Verantwortungsgefühl, Sinn für Autorität, denn bei der Arbeit muss man sich unterordnen. Vollendet wird die sittliche Betrachtung der Arbeit durch die religiöse. Die religiöse Auffassung der Arbeit lehrt uns die Arbeit als ein Mittel erkennen, das wir nötig haben, um das letzte Ziel zu erreichen. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Das steht in der Heiligen Schrift. Angesichts dieser Bedeutung der Arbeit ist es schwer zu verstehen, dass Menschen die Arbeit fliehen, dass sie die Arbeit verwünschen, dass sie sich der Arbeit entziehen. In den letzten Jahrzehnten hat man beobachten müssen, dass manche, vielleicht viele Menschen ohne durchschlagenden Grund aus der Berufsarbeit frühzeitig, vorzeitig ausscheiden. Sie entziehen sich damit einer Pflicht, die ihnen von Gott und der Gesellschaft auferlegt ist. Sie tragen nicht mehr zum Gemeinwohl bei durch ihre Berufsarbeit, wozu sie doch bestimmt sind.

Die christliche Auffassung wirkt der materialistischen Wertung der Arbeit entgegen. Für den Materialisten ist die Arbeit nur Lohnquelle und Mittel, um sich dem Genuß widmen zu können. Da büßt die Arbeit ihre Würde ein und wird zum erniedrigenden Joch, das man angeblich nur für andere schleppen muss. Da wird die Arbeit zur Ware, die man verkauft an den Arbeitgeber. Nein, Arbeit ist niemals bloße Ware, meine lieben Freunde. Das heißt, ihren unzertrennlichen Zusammenhang mit der Persönlichkeit des Menschen verkennen. Sie ist ein Stück der menschlichen Identität. Sie soll ihm nicht nur den Unterhalt gewähren, sondern sie adelt ihn auch. Es ist tatsächlich ein Adel in der Arbeit.

Manche überschätzen die Handarbeit. Da kann ich Ihnen ein eigenes Erlebnis erzählen. Nach dem Kriege waren in meiner Heimat die Bahnstrecken unbrauchbar gemacht worden durch deutsche Pioniere, die Weichen waren gesprengt, die Brücken zerstört. Der Verkehr lief nicht mehr. Alles, was Hände hatte, mußte antreten zur Arbeit, um die Verkehrswege wieder herzustellen. Auch die Inspektoren und die Sekretäre am Bahnhof mußten arbeiten, mußten mit der Hand arbeiten. Und ein Gleisbauarbeiter, der das ganze Leben nichts anderes getan hatte als Gleise zu bauen, sagte voll höhnischer Genugtuung. „Jetzt müssen die Herren Beamten auch einmal arbeiten.“ Für ihn war also Arbeit nur die Bemühung mit Hacke und Schaufel. Andere Arbeit vermochte er nicht anzuerkennen. Das ist ganz falsch. Es muss Arbeit mit den Händen getan werden, sonst könnte keiner von uns leben. Es muss aber auch Arbeit mit dem Gehirn getan werden, sonst wäre unser Leben nicht lebenswert. Meistens kann nicht derselbe Mensch beides zugleich leisten; deswegen muss eine Arbeitsteilung stattfinden. Auch die Arbeit des Seelsorgers ist notwendig, und sie ist schwere Arbeit. Das zeigt sich z.B. darin, dass die Lebenserwartung der katholischen Priester um 10 Jahre geringer ist als die der evangelischen Geistlichen.

Die christliche Auffassung der Arbeit wehrt der materialistischen Überschätzung der ruhelosen Betriebsamkeit. Die Kirche ist auch für die Erhebung der Seele und für die Arbeitsruhe eingetreten. Welch ein Segen ist der christliche Sonntag! Als die Französische Revolution den Sonntag abschaffte und die Zehn-Tage-Woche einführte, da haben selbst die ungläubigen Arbeiter dagegen protestiert und sich geweigert, dieser obrigkeitlichen Maßnahme nachzukommen. Der Sonntag schlägt die Tore auf zur Erhebung der Seele und zur Erholung.

Die Arbeit ist eine Pflicht. Sie ist ein verpflichtendes Gebot Gottes, und zwar jede mit persönlichem Kräfteaufwand verbundene nützliche Betätigung im sozialen Interesse. In diesem weiteren Sinne ist ein jeder Mensch zur Arbeit verpflichtet. Im Sinne der Berufsarbeit und der Erwerbsarbeit ist auch die Menschheit zur Arbeit gehalten, denn ohne diese Tätigkeiten gibt es keine Erhaltung der menschlichen Gesellschaft. Es müssen alle notwendigen und nützlichen Tätigkeiten körperlicher und geistiger Art berufsmäßig besorgt werden. Die Gesellschaft kann ohne sie nicht bestehen.

Auch für den einzelnen ist die Arbeit eine unbedingte Notwendigkeit. Gott hat ihn zur Arbeit geschaffen. Er hat in ihn den Drang, sich zu betätigen, hineingelegt. Er hat zu diesem Zwecke seine Glieder gebildet. Der Träge vereitelt die Bestimmung des Menschen und das Ziel seiner Erschaffung. Die Arbeit ist auch ein Mittel zur sittlichen Selbstveredelung. Ohne die recht getane Arbeit verkümmert die menschliche Persönlichkeit. Vom sozialen Gesichtspunkt aus ist immer das Mitwirken an den Segnungen der Kultur, aber auch an den Aufwand der Arbeit gefordert. Wir haben das Beispiel des Herrn, der selbst gearbeitet hat. Wir haben das Vorbild des Apostels, der den Anspruch auf Unterhalt nicht wahrgenommen hat, um selbst zu arbeiten.

Wir sehen die Arbeit freilich auch als Strafe und Buße, denn die Arbeit ist mühsam. Die Arbeit kann auch erfolglos sein. Die Arbeit kann auch mißlingen. Da sieht man, dass die Arbeit auch Strafe und Buße ist, dass sie Mühsal mit sich bringt und dass sie uns den Schweiß auspreßt. Dennoch bleibt Würde und Segen der Arbeit gewahrt. „Arbeit ist das Zauberwort, Arbeit ist des Glückes Seele“, so hat ein Dichter einmal geschrieben. „Arbeit ist des Friedens Hort, nur die Arbeit kann erretten, nur die Arbeit sprengt die Ketten. Arbeit macht die Völker frei.“

Wir Christen haben noch ein besonderes Motiv für die Arbeit, nämlich wir wissen, dass wir einmal Rechenschaft ablegen müssen über unser Leben. Wir wissen, dass wir dem Herrn auch einmal die Verantwortung zurückgeben müssen, die wir für unseren Körper und für unseren Geist gehabt haben. Wir müssen Rechenschaft ablegen, wie wir unsere Kräfte gebraucht haben, wie wir gearbeitet haben. Der Gedanke an die Ewigkeit macht nicht arbeitsscheu, sondern er macht arbeitsfroh und arbeitswillig. Die Lebensaufgabe des Menschen schließt die Erwerbsarbeit ein. Nur so kann man normalerweise den Lebensunterhalt gewinnen, nur so kann man sich vor dem schädlichen Müßiggang bewahren, nur so kann man die niederen Leidenschaften zügeln, nur so kann man den Verbindlichkeiten, die wir gegenüber anderen haben, nachkommen. Es ist eine beliebte Floskel, die Mönche zu verspotten, dass sie angeblich Faulenzer seien. Eine solche Rede kann nur von denen kommen, die niemals Klöster kennengelernt haben. Auch in den Klöstern wird gearbeitet. Die Ordensleute sind keine Faulenzer. Die Menschen, die das beschauliche Leben gewählt haben, gehen nicht müßig. Sie arbeiten, sie arbeiten viel, sie arbeiten unermüdlich. Sie müssen die Bedürfnisse ihres Hauses und ihrer Gemeinschaft befriedigen, sie müssen auch um Mildtätigkeit besorgt sein. Noch immer klopfen die Bettler an die Türen der Klöster und nicht an die Büros der Parteien. Die Trappisten in Mariawald stellen den beliebten Klosterlikör her, die Kapuzinerinnen in Mainz backen die Hostien für die heilige Messe. Auch das Gebet ist Arbeit, ist anstrengende, ist mühsame Arbeit. Deswegen beten die Menschen so ungern, weil diese Arbeit so schwer ist. Die dem geistlichen Leben hingegebenen Personen nehmen diese schwere Arbeit auf sich, bei Tage und manche auch in der Nacht.

Die Arbeit bedingt eine bestimmte Ordnung. Sie bedarf der Ordnung. Hinsichtlich des Gegenstandes der Arbeit muss man dem Notwendigen den Vorzug geben, dann dem Nützlichen und zum Schluß erst dem Angenehmen. Der gesamten Arbeit muss ein Plan zugrunde liegen. Nur so kann die Arbeit gelingen. Es ist eine Arbeitsorganisation notwendig, nicht nur im Betrieb, sondern auch im Leben des Einzelnen. Das Christentum veredelt die Arbeit. Das Christentum hält nichts von dem Slogan: „Wer Arbeit kennt und sich nicht drückt, der ist verrückt.“ Das ist ein elendes Wort, das wir abweisen. Das Christentum erkennt alle berechtigten, natürlichen Motive, um zu arbeiten, an, also die Sorge für den Unterhalt, die Entfaltung der Persönlichkeit, die Förderung der Kultur. Aber sie hat auch noch höhere Motive. Sie lehrt uns mitarbeiten mit dem Schöpfer Gott, der nicht aufhört zu arbeiten, indem er die Welt erhält. Mitarbeit mit dem Schöpfer Gott. Sie lehrt uns, die Arbeit im Geiste der Buße gebrauchen. Wenn die Arbeit mühsam ist, wenn uns etwas mißlingt, dann denken wir: Ich habe es verdient, Gott hat mich mit Recht etwas mißlingen lassen. Die Arbeit ist auch ein Opfer, das wir Gott darbringen, und es ist ein Werk, das er uns anschafft und das er einmal lohnen wird. Der Apostel Paulus mahnt uns, alle Arbeit zur Ehre Gottes zu verrichten. „Was ihr tut, das tut von Herzen gern, weil es für den Herrn und nicht für die Menschen geschieht.“ Weil es für den Herrn und nicht für die Menschen geschieht.

Ein Problem, ich weiß es, ist die mangelnde Arbeitsfreude. Die Freudigkeit der Arbeit ist ein kräftiges Mittel, gern zu arbeiten. Wer an seiner Arbeit Freude hat, der liebt die Arbeit, der schätzt sie. Aber freilich, die mechanische Teilarbeit, der viele nachgehen müssen, wo die Befriedigung fehlt, wo man den Erfolg nicht sieht, die Hemmnisse der Arbeit, z.B. die eingeschränkte Möglichkeit aufzusteigen, sondern immer nur auf derselben Stufe verharren muss, die fehlende Mitbestimmung bei der Arbeit, die harte oder verächtliche Behandlung bei der Arbeit, die ungenügende Entlohnung, die mangelnde Schätzung der Arbeit, das viele Reglementieren, das alles kann die Arbeitsfreudigkeit hemmen. Auch die zu lange Arbeitszeit. Im Jahre 1944, meine lieben Freunde, mußte ich in die Fabrik gehen, in die Rüstungsfarbrik. Wir hatten einen Arbeitstag von 12 Stunden, von früh um 6 bis abends um 7, in der Woche 72 Stunden, mit einer Stunde Mittagspause. Und am Sonntag fuhren wir an die Grenze und mußten Panzergräben ausheben. Da kann Arbeitsfreudigkeit schwerlich gedeihen. Entscheidend ist, dass dem Arbeiter, dem Arbeitnehmer Gerechtigkeit widerfährt, dass zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine wahre christliche Gemeinschaft herrscht, dass die natürlichen Mittel auf diese Weise erhoben werden in eine höhere Sphäre und die Menschen zur Arbeit nicht nur veranlaßt, sondern auch motiviert werden. Arbeit und Pflichterfüllung sind das Fundament jedes wahren inneren Glückes. Es ist ein Glück, meine lieben Freunde, arbeiten zu dürfen. Arbeitslosigkeit ist ein Unglück, Arbeitsunfähigkeit ist ebenfalls ein Unglück, und auch Flucht vor der Arbeit ist ein Unglück. Arbeit ist das einzige, aber auch das ausreichende Mittel gegen alles Weh des Lebens. Wer nach einem großen Leid viel arbeiten muss, der hat den schwersten Teil desselben schon überwunden. Arbeit ist ein Mittel zum Tragen des Kreuzes. Meist tut uns im Leid keine Trostarznei not, sondern Arbeit, Bewegung, Betätigung. Wir sollen jeden Tag – jeden Tag! – am Morgen beten: „O Herr, laß mich arbeiten zu deiner Ehre, zum Heile meiner Seele und zum Segen für meine Mitmenschen.“

Amen.

 

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Die Sünde und die Freude

01.03.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

 

Geliebte im Herrn!

Soeben haben wir vernommen, wie der Versucher an den Herrn herantrat, um ihn zu Fall zu bringen. Auch der Herr ist dem Kampf unterworfen geblieben. Die Angriffe Satans blieben ihm nicht erspart. Und so ist auch uns wie ihm der Kampf aufgegeben, der Kampf gegen den bösen Feind. Und wir wollen an diesem 1. Fastensonntag uns zum Thema wählen: Die Sünde und die Freude. Ja, paßt das zusammen? werden Sie sagen, Sünde und Freude? Ist die Sünde nicht die Freudenmörderin? Ja, das ist sie. Gott ist die Freude, die absolute Freude, die wesenhafte Freude, und wer sich ihm widersetzt, der kann – metaphysisch ausgeschlossen – nicht in der Freude leben. Es ist metaphysisch ausgeschlossen, dass jemand, der sich Gott widersetzt, in der Freude leben kann. Vielmehr erwächst jedem Menschen aus der Sünde seine eigene Züchtigung. Sein Vergehen schlägt zugleich in seine Strafe um. Neben dem Lustbecher sinnlicher Genüsse liegt der Revolver der Verzweiflung. So ist es immer gewesen, und so ist es auch heute. Die Sünde kann nicht froh machen. Die Sünde, so sagt der heilige Pfarrer von Ars, ist der Henker des lieben Gottes in unserem Herzen und der Mörder der Seele. Sie reißt uns aus dem Himmel und versetzt uns in die Hölle. Es ist klar, keine Sünde kann uns glücklich machen, und keine Krankheit ist so schlimm wie die Sünde.

Und dennoch möchte ich heute die Sünde und die Freude miteinander in Verbindung bringen und möchte sagen: Die Sünde ist nicht das Schlimmste, sondern das, was nach ihr kommt. Nicht das, was der Mensch im Augenblick der Sünde tut, ist das Gefährlichste, sondern das, was nachher in seiner Seele vorgeht. Überlegen wir einmal, wie es zur Sünde kommt. Erst lockt sie die Seele mit ihrem gleißenden Glanz, der Mensch gibt nach, und nachher ergreift ein tiefes Unbehagen seine Seele. Was hast du getan! Es ist ein Mürrischwerden der Seele, ein Mürrischwerden gegen sich selbst, gegen Gott und gegen alles. Gleichzeitig zieht die Mutlosigkeit in die Seele ein. Es ist verständlich: Vor jeder Sünde gibt es einen Kampf. Wenn noch ein Funke von Religion in der Seele lebt, dann wehrt sie sich gegen die Sünde, und wenn sie doch fällt, kommt gleich der Gedanke: Wozu aller Kampf? Wozu aller Widerstand? Es ist doch alles umsonst. Die Opfer, die ich gebracht habe, das Gute, das ich getan habe, alles ist dahin, denn ich habe mich von Gott losgesagt.

Was geschieht, wenn der Mensch sündigt? Er verfällt in einen Zustand, der Gott mißfällt. Es ist der Zustand der Sündenschuld. Ihm folgt die Strafschuld. Sündenschuld und Strafschuld sind die beiden unmittelbaren Folgen der Sünde. Dazu kommt: Wer immer Gott durch eine schwere Sünde beleidigt, verliert im gleichen Augenblick alles, was er aus Christi Kreuzestod an Verdiensten erhalten hat. Es wird ihm jede Möglichkeit genommen, in den Himmel zu kommen. Es ist eine Stimmung, wie wir sie in der Inflation erlebt haben. Da hat mancher brave Mann gesagt: Nun habe ich mein ganzes Leben geschafft, aber jetzt bin ich am Ende und stehe wie ein Bettler da. Ein Bankrott. Aber noch schlimmer als der irdische Bankrott ist der himmlische Bankrott, der seelische Bankrott, die Ermattung, die Mutlosigkeit, die sich in der Seele ausbreitet nach der Sünde. Welches ist die tiefste Quelle der Mutlosigkeit? Der zerbrochene Stolz. Der Mensch kann und will sich nicht daran gewöhnen, dass er ein armes, gebrechliches Wesen ist. Es sagte mir einmal ein Mann: „Seit 31 Jahren begehe ich diese Sünde, immerfort und immer wieder. Ich komme nicht davon los. Ich schaffe es nicht.“ Ist das wahr? Kann er wirklich nicht davon loskommen? Nein und tausendmal nein. Er kann, wenn er will. Er kann, weil er muss. Das ist das Furchtbarste, wenn jemand meint, es gebe für ihn keine Möglichkeit der Umkehr. Es gibt eine solche Möglichkeit. Dem Menschen, der tut, was in ihm ist, versagt Gott nicht seine Gnade. Der Mensch muss nur einen Entschluß fassen; er muss ihn durchhalten, er muss ihn erneuern. Er muss, wenn die Versuchung kommt, sich daran erinnern. Er muss wirklich aufstehen von der Sünde und einen entschiedenen Willen haben, die sündhafte Neigung zu überwinden. Er muss die Gelegenheit – die Gelegenheit! – zur Sünde meiden. Er muss die Mittel – die Mittel! – zur Überwindung der Sünde anwenden. Also nicht mutlos werden aus falschem Stolz, aus Trotz.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund der Mutlosigkeit, nämlich man kennt die Barmherzigkeit Gottes nicht. Wohl hat der Herr alles für uns getan. Überall hängt sein Kreuz, und überall steht der Tabernakel. Jedes Kreuz und jeder Tabernakel erzählt von der Liebe Gottes. Und was erzählt das Kreuz? Was erzählt der Tabernakel? Die Sünde gibt wohl einen Grund zur Reue, aber nicht einen Grund zur Mutlosigkeit. Es ist schlimm, wenn man zugeben muss: Es war alles umsonst, alle Opfer, alle Gebete, alle Taten der Liebe. Es gilt das furchtbare Wort, das beim Propheten Ezechiel steht: „Wenn sich der Gerechte von seiner Gerechtigkeit abwendet und Böses tut, aller seiner Gerechtigkeit wird nicht mehr gedacht werden.“ Es ist schrecklich, eine Todsünde zu begehen. Aber jetzt geschieht das andere. Der Sünder geht in sich, er legt eine reuige Beicht ab, er bekehrt sich. Es wird über ihn das „Absolvo te“ gesprochen. Da geschieht ein Wunder, ein Wunder in der Seele, ein himmlisches Wunder, viel zu wenig bekannt im gläubigen Volke, nämlich alle die guten Werke, die Gebete jeder angstvollen Stunde, die Hilfe für einen entfernten Verwandten, all das lebt in der Seele wieder auf. Die im Stande der Gnade verrichteten guten Werke, die durch die Sünde unwirksam gemacht wurden, leben wieder auf, wenn der Sünder sich bekehrt. Das ist eine Wahrheit, die in jedem guten Katechismus steht, nämlich: „Zugleich mit der heiligmachenden Gnade werden alle Verdienste wiedergegeben, die durch die schweren Sünden verlorengegangen sind.“ Und das ist unser Glück, meine lieben Freunde, denn wir brauchen Verdienste. Es ist nicht gleichgültig, ob wir Verdienste haben. Nach den Verdiensten werden wir gerichtet. „Ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist. Ich war durstig, und ihr habt mich getränkt. Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters und nehmt in Besitz das Reich!“

Es ist eine herrliche Totenerweckung in der Seele, wenn der Mensch sich bekehrt. Und da ist es ganz falsch, zu sagen: Jetzt muss ich wieder von vorn anfangen. Nein, du fängst nicht von vorn an, du fängst da an, wo du standest, ehe du die Sünde begingst. Machen wir uns das einmal an einem Beispiel klar. Es war einer ein gutes Kind, ein frommes Kind, ein unschuldiges Kind, und die Reinheit hat aus seiner Seele geleuchtet und aus seinen Augen. Dann ging das Kind in das Leben hinaus, und seine Seele ist verlumpt und verkommen. So hat das Kind, der Junge, das Mädchen, der Mann, die Frau die Jahre zugebracht, aber in seinem letzten Stündlein sagt er sich aufrichtig los von seinem Sündenleben und ergreift Gott. Auch dieser Mensch fängt nicht von vorn an. Er fängt da an, wo er als Kind stehengeblieben ist. All die Gebete, die Werke der Kindesliebe wachen wieder auf in seiner Seele, gehen mit der scheidenden Seele vor seinen Richter und fordern ihren Lohn. „Die Gottlosigkeit“, auch das steht beim Propheten Ezechiel, „wird dem Gottlosen nicht schaden an dem Tage, da er sich bekehrt von seiner Gottlosigkeit.“ Ach, was ein Trost, ach, was ein Glück! Ein Gedanke von unbegreiflicher Schönheit. Wer kann vergeben, wie Gott vergibt, so alles vergessen, was man ihm angetan. Gott will nicht, dass jemand verlorengeht, sondern dass alle zur Sinnesänderung kommen. „Wahrhaftig“, so heißt es noch einmal beim Propheten Ezechiel, „ich habe kein Wohlgefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose sich von seinen Sünden bekehrt und lebt. Bekehret euch, bekehret euch von eurem bösen Herzen!“

Wenn ein Priester zu einem Kranken kommt und dieser legt eine lange, schwere Beicht ab, dann fragt der Kranke manchmal: „Ist jetzt wirklich alles gut?“ Es ist alles gut. Auch wir dürfen das annehmen, nein: wir wissen, wenn wir gut gebeichtet haben, wenn wir uns wahrhaft bekehrt haben. Gott ist wieder gut. Er ist so gut, wie er vorher zu mir gewesen ist, als ich ohne Sünde lebte. Die Gottlosigkeit wird dem Gerechten nicht schaden an dem Tage, da er sich bekehrt von seiner Gottlosigkeit.

Ein Heiliger hat einmal in einem Briefe an eine vertraute Person geschrieben, was er wohl tun würde, wenn er, der Heilige, in eine schwere Sünde fällt. Wir horchen auf. Ein Heiliger eine schwere Sünde? Er müßte doch verzweifeln, wenn er sieht, wie sein ganzes jahrelanges Streben durch einen Fehltritt vernichtet wird. Und was schrieb der Heilige? „Ich würde bereuen und dann wieder anfangen, dem Herrgott zu dienen mit derselben Ruhe, als hätte ich ihn niemals beleidigt.“ Wie kann ein Heiliger so reden? Wie ist das möglich? Weil er die Barmherzigkeit Gottes kennt, viel besser als wir. Was wissen wir von Gottes Barmherzigkeit? Jetzt verstehen Sie, meine lieben Freunde, warum ich sagte: Nicht die Sünde ist das Gefährlichste, sondern das, was nachher in unserer Seele vorgeht; dass wir nicht an die Barmherzigkeit Gottes glauben, dass wir wie ein törichtes Kind sind, das nicht zurückkommen will. Eine Ordensschwester, die in einem Waisenhaus arbeitete, wo auch verwahrloste Kinder aufgenommen wurden, erzählte einmal: „Wir hatten ein solches Kind, einen Knaben aus einer verwahrlosten Familie bei uns. Eines Tages lief er fort. Wir suchten ihn, wir fanden ihn nicht. Der Knabe blieb verschwunden. Nach 14 Tagen hatte ich im Garten zu tun. Da hörte ich meinen Namen rufen. Da stand der Knabe in völlig verwahrlostem Zustand.“ Von weitem nur rief er den Namen der Schwester. Die Schwester sagte: „Ich werde das Bild nie vergessen. Ich ging hin und nahm ihn bei der Hand.“ „Komm, Kind“, sagte sie, „komm. Es ist gut, dass du wiederkehrst. Wir haben schon lange auf dich gewartet.“ Sie führte ihn ins Haus, die Schwestern tadelten ihn nicht, sie straften ihn nicht, sie taten so, als wäre nichts gewesen. Wie dieses törichte Kind ist unsere Seele. Äußerlich scheint sie trotzig, aber schauen wir nur tief hinein, dann sehen wir die Mutlosigkeit. Wenn es wirklich einmal vorkäme, dass eine Verirrung nie gesühnt wird und dass sie auch im Tode nicht bereut wird, dann hat das seinen Grund in der Angst vor Gott, in der Angst vor der eigenen Schwäche.

So mancher scheint ein erklärter Feind des Glaubens zu sein. So mancher abgefallene Priester weiß so entschieden zu reden, um seinen Abfall zu vereidigen. Aber seine Seele ist doch nur wie ein Kind, das am Tor steht und nicht wagt hineinzukommen. Das ist der größte Fehler, dass man nicht an die Barmherzigkeit Gottes glaubt. Aber Gottes Barmherzigkeit ist glaubwürdig, sie ist glaubwürdig gemacht worden durch das Opfer von Golgotha. Im Buche des Propheten Isaias steht geschrieben: „Den ganzen Tag halte ich meine Arme ausgestreckt.“ Wir wissen, von wem das gesagt ist. Wir wissen, wer der ist, der die Arme ausgestreckt hält. Es ist unser Heiland am Kreuze. Warum hält er sie ausgesteckt? Um uns einzuladen, zu ihm zu kommen, um uns einzuladen, an sein Herz zu gelangen, um uns einzuladen, aus seinen Wunden das Heil zu schöpfen, um uns einzuladen, uns in seine Arme schließen zu lassen.

Amen.

 

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Das Christusbild des Irrlehrers Hans Küng

08.03.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Seit Wochen sind wir Zeugen, Beteiligte und Leidende eines aufwühlenden Streites innerhalb und außerhalb unserer Kirche. Es geht um die Aufhebung einer Kirchenstrafe, um eine unangebrachte Äußerung, um Beschimpfungen des Heiligen Vaters und um Verdächtigungen unserer Kirche. Von allen Seiten treten die alten Feinde der heiligen Religion zum Sturme an. Nur vordergründig wird uns eingegeben und vorgemacht, dass es um den Gnadenakt des Papstes geht. In der Tiefe ist es ein Kampf um den christlichen, um den katholischen Glauben. Die Feinde der Kirche wollen, etwas vereinfacht dargestellt, nichts anderes, als unsere Kirche in eine weitere protestantische Denomination verwandeln. Bei diesem Bemühen muss zuerst und zuoberst die Gestalt Jesu ihrer göttlichen Hoheit entkleidet werden. Wenn sie fällt, stürzt alles andere hinterher!

So setzen die ungläubigen Theologen unserer Zeit dort an, wo die ungläubigen Theologen des 19. Jahrhunderts aufgehört hatten. Im Jahre 1835/36 ließ der protestantische Theologe David Friedrich Strauß in Tübingen sein Buch erscheinen: „Das Leben Jesu“. In diesem Buche wird Jesus als eine mythische Gestalt dargestellt. Das heißt, was in den Evangelien geschrieben steht, ist eine Verklärung eines bloßen Menschen, ist eine künstliche Aufsteigerung eines Menschen wie du und ich. Die Gestalt Jesu ist nach Strauß von verblendeten Anhängern Jesu erfunden worden. Diese Verirrungen haben bis heute ihre Nachahmer gefunden.  Neben mir in Mainz hat der protestantische Theologe Herbert Braun gelehrt. Und was lehrte er? „Jesus ist ein jüdischer Lehrer und ein Vorbild mit prophetischen Zügen.“ Ein jüdischer Lehrer und ein Vorbild mit prophetischen Zügen. Mehr nicht, das ist alles. Die Verfehlungen gegen die Wirklichkeit Jesu haben auch im katholischen Lager ihre Anhänger gefunden. In Saarbrücken lehrte jahrzehntelang der Irrlehrer Ohlig Katholische Theologie. Und was lehrte er von Jesus? „Jesus ist ein archetypisches Modell wahrer Menschlichkeit.“ Ein archetypisches Modell wahrer Menschlichkeit. Also ein echter Mensch, aber ein bloßer Mensch.

In diese Reihe gehört auch der Schweizer Theologe Hans Küng. Es wird wenige Bestandteile der katholischen Glaubens- und Sittenlehre geben, die Küng nicht anzweifelt oder ablehnt. Aber davon soll heute nicht die Rede sein. Ich beschränke mich darauf, seine Ansicht über Jesus Ihnen vorzutragen. Seine Irrlehre fängt damit an, dass er den dreieinigen Gott leugnet. Er unterschiebt den Christen – den Christen! – den Glauben an drei Götter. Gleichzeitig zeigt er Sympathie für die Gotteslehre des Islam. Aus der Leugnung des dreieinigen Gottes ergibt sich die Zerstörung der Lehre von Christus. Jesus ist für Küng ein persönlicher Botschafter, Vertrauter, Freund Gottes. Botschafter, Vertrauter, Freund Gottes. Ja, meine lieben Freunde, das sind sehr viele gewesen, das sind alle Heiligen gewesen, Botschafter, Freunde und Vertraute Gottes! Er nennt ihn auch einen „Sachwalter“. Sachwalter ist auch Moses gewesen und sind die Propheten gewesen. Die Apostel und die Bischöfe sind ebenfalls Sachwalter Gottes. Offen geredet: Für Küng ist Christus nicht mehr als ein Mensch. Er entkleidet den Heiland seiner göttlichen Würde. Die Folge dieser Leugnung zeigt sich im Inhalt der Predigt Jesu. Sie geht über eine Sache, nicht über eine Person. „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“ Über diesen Satz wollen wir heute nachdenken. Über diesen Satz von Küng: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“ Ja, was verkündet er denn nach Küng? Den Vater im Himmel, das Reich Gottes, aber nicht sich selbst verkündet Jesus. Küng leugnet damit einen fundamentalen Glaubenssatz unserer Kirche. Wer auch nur einen Glaubenssatz leugnet, verfällt der Exkommunikation. Küng ist der Exkommunikation wiederholt, immer wieder verfallen. Aber kein Mensch kümmert sich darum. Kein Bischof spricht davon, dass Küng ein Exkommunizierter ist. Über die armen Kerle, die unerlaubt die Bischofsweihe empfangen haben, fällt man her. Der Theologe Küng leugnet grundwesentliche Wahrheiten des christlichen Glaubens und wird nicht als Exkommunizierter angesehen. Er eilt von Ehrung zu Ehrung. Die Freimaurer geben ihm einen Preis und viele andere.

Gegen die Verirrungen dieser bodenlosen Theologie halten wir uns an die historischen Zeugnisse. Mit geht es darum, zu zeigen, dass der Satz „Nicht sich selbst verkündet Jesus“ grundfalsch ist. Er verfehlt das Wesen Jesu. Wir wollen fragen: Wie hat sich Jesus von Nazareth verstanden? Der Anspruch Jesu begegnet im Evangelium an vielen Stellen. Zunächst bei der Heilung des Gelähmten. Sie kennen die Geschichte. Vier Männer bringen einen Gelähmten zu Jesus, lassen ihn durch das abgedeckte Dach des Hauses vor ihn hin, und als Jesus ihren Glauben sieht, da sagt er zu dem Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Schriftgelehrten, die dabeistehen, sind entsetzt und denken im Stillen: Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer Gott? Wie reagiert Jesus auf diese Einrede? Er sagt zu den Schriftgelehrten: „Ihr sollt erkennen, dass der Menschensohn Macht hat, auf Erden Sünden zu vergeben.“ Und er beweist diesen Anspruch, indem er zu dem Gelähmten sagt: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!“ Und der Mann stand auf, nahm sein Bett und ging nach Hause. Jesus hat Vollmacht. Das Wort Vollmacht begegnet mehrfach im Zusammenhang mit Jesus. Als die Zuhörer seine Predigt hörten, da sagten sie: „Das ist eine Rede in Vollmacht. Er spricht nicht so wie unsere Schriftgelehrten.“ Und als ihn eine Sünderin bei einem Gastmahl salbt und ihr Jesus sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben“, da denken die Geladenen: Wer ist denn der, dass er sogar Sünden vergibt? Jesus, so sehen wir, ist Inhaber einer Vollmacht. Er beansprucht diese Vollmacht, er bejaht sie. Es ist eine doppelte. Es ist die Vollmacht im Tun, und es ist die Vollmacht im Reden. Sündenvergebung und Glaubensgesetzgebung sind Gottes Sache. Jesus nimmt sie für sich in Anspruch. Er stellt sich damit an die Seite Gottes.

Bei den drei ersten Evangelisten findet sich die Erzählung von dem öffentlichen Auftreten Jesu in seiner Heimatstadt, in Nazareth. Er läßt sich eine Schriftrolle geben. Es ist der Prophet Isaias. Und da liest er vor: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe“ und schließt: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr gehört habt, in mir erfüllt.“ Die Zuhörer staunen. Ist das nicht der Sohn des Joseph? Als Jesus dann weiterspricht, und zwar provozierend, da geraten sie in Wut, wollen ihn den Abhang hinunterstürzen, auf dem ihre Stadt erbaut war. Er aber schritt mitten durch die Menge hindurch und ging weg. Hier begegnet wieder der Anspruch Jesu: Heute – heute! – ist dieses Schriftwort in Erfüllung gegangen, nämlich in ihm. In ihm, in seinem Reden, in seinem Auftreten ist dieses Schriftwort erfüllt. Er ist der von Gott Gesalbte und Gesandte Wenn er redet, dann redet Gott. Wenn er auftritt, dann erscheint Gott. Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Jesus weist darauf hin, dass er eine Stelle beim Endgericht einnimmt. „Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gottes verleugnet werden.“ Jesus bringt mit diesen Worten das Bekenntnis zu ihm mit dem Urteil am Letzten Gericht zusammen. Er erhebt einen Anspruch, der alle gängigen Kategorien von Rabbis und Propheten übersteigt. So hat noch niemand geredet in Israel.  Das Verhalten zu ihm entscheidet über das endzeitliche Schicksal des Menschen. Die Engel Gottes sind hier gemeint als die Boten und Diener und Helfer beim Letzten Gericht. Sie führen die Befehle Gottes aus über die zu richtenden Menschen, aber wer ihnen die Aufträge gibt, das ist Jesus. In der Stellung zu ihm entscheidet sich, ob sie, die Gerichteten, auf die  rechte, die gerettete Seite oder auf die linke, die untergehende Seite gestellt werden. Jesus ist der Weltrichter. Von ihm hängt das ewige Schicksal der Menschen ab. Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Die Sprüche über die Nachfolge Jesu künden ebenfalls sein Selbstbewußtsein, das in dieser radikalen Weise kein Prophet Israels in Anspruch genommen hat. „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“ Da kommt einer und sagt: „Herr, laß mich zuerst heimgehen und meinen Toten begraben, meinen Vater.“ Jesus entgegnet ihm: „Laß die Toten ihre Toten begraben, du komm und folge mir nach!“ So kann nur sprechen, wer Herr ist über alle irdischen Bindungen und familiären Verhältnisse. Diese Souveränität kommt nur einem zu, Gott. Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Niemals hätte ein Jude sagen können: „Größeres als der Tempel ist hier.“ Das sagt Jesus. Größeres als der Tempel ist hier, nämlich in ihm. Der Tempel ist das Heiligtum in Israel, ist das größte Heiligtum. Er ist der Ort der besonderen Gegenwart Gottes. Jesus bestreitet die Heiligkeit des Tempels nicht, aber er ist dem Tempel weit überlegen. Der Tempel ist Menschenwerk, er aber ist Gottes Sohn. Er ist Gott in menschlicher Gestalt, und deswegen: „Mehr als der Tempel ist hier.“ Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Der unerhörte Anspruch Jesu gipfelt in seinem Bekenntnis vor dem Hohen Rat. Da wird er gefragt: „Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“ Jesus antwortet: „Ich bin es. Ihr werdet den Menschensohn zur Rechten Gottes sitzen und kommen sehen mit den Wolken des Himmels.“ Wer zur Rechten Gottes sitzt und mit den Wolken des Himmels kommt, das ist nicht ein irdischer, nicht ein menschlicher Messias, das ist der Gottessohn, der am Herzen des Vaters ruht. Er ist der einziggeborene Sohn Gottes. Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Der unerhörte Anspruch Jesu begegnet selbstverständlich auch im Johannesevangelium. Ich erinnere an die vielen Ich-Aussagen im Johannesevangelium. „Ich und der Vater sind eins.“ „Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat.“ „Keiner kommt zum Vater, es sei denn durch mich.“ „Ich bin die Auferstehung und das Leben.“ „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ „Ich bin das Brot des Lebens.“ Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Zum Anspruch Jesu gehört auch sein Zäsur- und Erfüllungsbewußtsein. Sein Erscheinen, sein Wirken macht einen Einschnitt aus, eine Zäsur in der Weltgeschichte und in der Heilsgeschichte. Was vorher war, ist Vorbereitung, was in ihm ansetzt, ist Erfüllung. Das Vorhergehende ist zu Ende, das Endgültige nimmt seinen Anfang. Dieser Anfang ist niemand anderes als Jesus selbst. Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Hierher gehört auch die Anfrage des Täufers. Er schickt zwei Jünger zu Jesus. Sie sollen ihn fragen, ob er es ist, auf den sie warten oder ob ein anderer kommen soll. „Meldet dem Johannes, was ihr seht und was ihr hört: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird die Heilsbotschaft verkündet, und Heil dem, der sich an mir nicht ärgert.“ Das Harren, das Warten, das Ausschauen nach Gottes Kommen ist zu Ende. Christ, der Retter, ist da! In ihm sind die unerhörten Ankündigungen der Propheten erfüllt. „Wenn ich – wenn ich! – die Dämonen mit dem Finger Gottes austreibe, ist folglich das Reich Gottes bei euch angelangt.“ Also Christus verkündet nicht nur das Reich Gottes, er bringt das Reich Gottes. In ihm ist es gegenwärtig. „Wenn cih die Dämonen mit dem Finger Gottes austreibe, ist folglich das Reich Gottes bei euch angelangt.“ Der Satan und seine Dämonen sind mächtig, aber ein Mächtigerer ist über sie gekommen. Er entreißt dem Satan die von ihm geplagten Menschen. Er erscheint in Macht und Herrlichkeit. In Jesus, in seinem Erscheinen, in seinem Wirken bricht Gottes Reich an. Er ruft es nicht nur aus, er bringt es in seiner Person zur Gegenwart. Aber Küng sagt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“

Das eigentliche Thema der Predigt Jesu ist seine eigene Person. Mit dem Heroldsruf: „Erfüllt ist die Zeit und nahe gekommen die Herrschaft Gottes“, eröffnet das Evangelium das Wirken Jesu. Es ist ein typischer Eröffnungstext, der das Zäsur- und Erfüllungsbewußtsein Jesu klassisch zum Ausdruck bringt. Die Verheißungs- und Wartezeit ist vorbei. Ein Neues beginnt: „Kehrt um und glaubt dem Evangelium!“

Ich hoffe, meine lieben Freunde, Sie haben begriffen, wie falsch der Satz ist, den der Irrlehrer Küng schreibt: „Nicht sich selbst verkündet Jesus.“ Das Gegenteil ist richtig. Sich selbst verkündet Jesus als den wahren Sohn Gottes. Jesus predigt nicht bloß das Heil, er ist das Heil. Er ist der Heiland der Welt.

Amen.

 

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Christi Anspruch der Wesensgleichheit mit Gott

15.03.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

 

Geliebte im Herrn!

Am vergangenen Sonntag haben wir erkannt, dass Jesus von Nazareth den höchsten Anspruch erhebt, den ein Mensch überhaupt erheben kann, nämlich den Anspruch, Gott gleich zu sein. Er sagt von sich, dass er der wesenhafte Sohn Gottes ist. Wir wollen am heutigen Sonntag fragen, welche Folgerungen sich aus diesem Anspruch Jesu ergeben.

Erstens die Folgerung für sich selbst. Jesus wirkte im Lande und Volke der Juden. Er selbst war ein Jude, seine Mutter war eine Jüdin. Er war in die Erwerbsgesellschaft seines Volkes eingegliedert. Er war ein „Tekton“, wie das griechische Wort heißt, also ein Bauhandwerker, ein Zimmermann vielleicht. Und sein Vater, sein Pflegevater, der heilige Joseph, war ebenfalls ein „Tekton“, ein Bauhandwerker, ein Zimmermann. Und dieser Mann aus Galiläa, den sie alle kannten und dessen Familie ihnen nicht unbekannt war, erhebt nun den Anspruch, nicht bloß ein Prophet, nicht bloß der Messias, sondern der wesenhafte Sohn Gottes zu sein. Diesen Anspruch hat er untermauert durch zwei Vorgänge. Einmal, indem er erklärte: „Ich bin der Herr über den Sabbath.“ Der Sabbath ist die Ordnung Gottes, und wer die Ordnung Gottes auslegt und bestimmt, der steht an der Seite Gottes. Und zum anderen war er ein Mensch, der Sünden vergab. „Damit ihr wißt, dass der Menschensohn auf Erden die Macht hat, Sünden zu vergeben“, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause!“ Und er stand auf, nahm sein Bett und ging nach Hause. Vor dem Prozeß Jesu schon gab es keinen Zweifel, welchen Anspruch er erhob. Aber in dem Prozeß vor dem Hohen Rat hat er diesen Anspruch noch einmal vor der jüdischen Obrigkeit bekräftigt. „Ich beschwöre dich beim lebendigen Gott: Bist du der Messias, der Sohn des Hochgelobten?“ Der Herr antwortet: „Du sagst es, ich bin es!“ Und damit war der Schuldgrund geliefert, um ihn zu verurteilen. Die Juden haben begriffen, welchen Anspruch Jesus erhob. Herr Küng hat es nicht begriffen. Die Gottessohnschaft Jesu war der Grund seiner Verfolgung bis zum Tode. Er wurde als ein anmaßender, als ein angemaßter Sohn Gottes zum Tode verurteilt, als Verführer. Zweimal kommt im Lukasevangelium das Wort „Verführer“ vor. „Er verführt das Volk.“ Und diese Bezeichnung ist Jesus geblieben. Noch heute findet sich im jüdischen Talmud die Rede davon. „Jesus hat gezaubert und das Volk verführt und es abtrünnig gemacht.“ Da steht heute noch im jüdischen Talmud. Was an Jesus Anstoß erregte, das war, dass er sich an die Seite des lebendigen Gottes stellte. Wer diesen Anspruch zerstört, der zerstört die Wirklichkeit unseres Herrn und Heilandes. Wenn, wie gewissen Kathederchristen behaupten, Jesus über sich nichts Besonderes und nichts Unerhörtes gedacht hat, wenn seine Hoheitsansprüche nur kirchlich nachösterlich sind, wie diese Herren Theologen behaupten, dann fehlt dem christlichen Glauben jeder Anspruch auf Hoheit und auf Maßgeblichkeit. Der Anspruch Jesu kann nur dann anerkannt werden, wenn er so gefaßt wird, wie er ihn selbst erhoben hat.

Eine zweite Folgerung aus dem Anspruch Jesu ist die Lehre von Jesus. Es gibt im Christentum nicht nur eine Lehre vom Reiche Gottes, die Jesus vorgetragen hat. Nein, es gibt eine Lehre über Jesus, die von ihm selbst stammt, eine Christologie, wie man es nennt. Und diese Lehre über Jesus beginnt sich zu erheben von Anfang an. Er hat nämlich seinen Anspruch untermauert und bekräftigt durch seine Worte und seine Taten. Als er in der Synagoge von Nazareth predigte, da wunderten sich die Zuhörer und sagten: „Woher hat er denn dies? Was ist das für eine Weisheit, die ihm verliehen wurde?“ Mit dieser Frage fängt die Lehre über Jesus an. Die Zeitgenossen Jesu begriffen, dass menschliche Kategorien nicht ausreichten, um sein Wesen zu beschreiben. Und Jesus hat keinen Deut nachgegeben. Er sagt den Juden: „Ihr seid von unten, ich bin von oben. Ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt.“ Kein Wunder, dass sie fragten: „Wer bist du?“ Sie begriffen, dass hier eine Wirklichkeit vor ihnen stand, die alle menschlichen Kategorien weit, weit überstieg. Dazu kamen die unerhörten Wunder, die Jesus wirkte. Sie riefen erst recht die Frage wach, wer er sei. Als er den Gelähmten heilte, da gerieten alle außer sich und sprachen: „So etwas haben wir noch nie gesehen.“ Das unerhört Neue, das die Menschen an Jesus wahrnahmen, rief nach einer Erklärung. Als er den Taubstummen geheilt hatte, gerieten sie ganz außer sich vor Staunen und sagten: „Er hat alles wohl gemacht. Die Tauben macht er hören und die Stummen reden.“ Das waren Taten, die sie noch nie erlebt hatten. Da mußte sich das Nachdenken regen: Was ist denn das für einer, der diese Taten vollbringt? Als Jesus einen Besessenen heilte, fragten die Leute: „Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht. Er gebietet sogar den unreinen Geistern, und sie gehorchen ihm.“ Das Aufsehenerregende an Jesus war, dass er bei seinen Machttaten keine schamanischen Praktiken anwendete, sondern allein durch sein Wort hat er die mächtigen Dämonen vertrieben. Die Dämonen gehorchten ihm. Wenn die unreinen Geister ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrieb: „Du bist der Sohn Gottes!“ Sie hatten eben ein höheres Wissen als die Menschen. Auch die Gegner Jesu mußten sich mit seinem Anspruch befassen. Denken wir an die Heilung des blindgeborenen Mannes. Sie selbst, die Pharisäer und Schriftgelehrten, waren schnell fertig mit ihrem Urteil: Der Mann hält den Sabbath nicht. Der ist nicht von Gott. Doch das erstaunliche Wunder ließ ihnen keine Ruhe. So fragten sie den Geheilten: „Was sagst du von dem Manne, der dir die Augen geöffnet hat?“ Er antwortete: „Er ist ein Prophet.“ Das war nicht falsch, denn Jesus war ein Prophet, aber er war mehr als ein Prophet.

Die Heilungswunder und erst recht die Naturwunder haben Jesu Wesen den Angehörigen, den Jüngern und der Volksmenge geoffenbart. Als er über den See wandelte und zu ihnen ins Schiff stieg, da gerieten sie außer sich vor Staunen: Wie ist so etwas möglich? Wer kann so etwas? Wer vermag das? Im Seesturm riefen die Jünger um Hilfe. Er stand auf, gebot dem Wind und den Wellen: „Schweige! Verstumme!“ Und da legte sich der Wind, und das Seebeben ließ nach. Es entstand eine große Stille. Da sprachen die Jünger zueinander: „Was ist denn das für einer, dass ihm Wind und See gehorchen?“

Zum Nachdenken über Jesus zwingt die Zeitgenossen sein Auftreten. Es zwingen sie seine Worte, seine Taten. Es zwingen sie sein Anspruch und seine Persönlichkeit. Man mußte sich Gedanken machen, wer er ist und woher er gekommen war. Aus der Offenbarung Jesu und aus dem Nachdenken über die Offenbarung Jesu entstand die Christologie, die Lehre von Jesus. Selbstverständlich kam die Auferstehung dazu. Jetzt erst hatte Gott sein Ja zum Leben, Leiden und Sterben dieses Mannes gesprochen. Die Auferstehung ist das Ja Gottes zu dem Anspruch Jesu. Aber die Christologie, das Nachdenken über Jesus, setzte schon während seines irdischen Lebens ein.

Die dritte Konsequenz ist der Ursprung der Kirche. Da kommen Theologen her und sagen: Der Ursprung der Kirche liegt beim Pfingsttag. O nein, meine Freunde, o nein. Pfingsten war ein wichtiges Ereignis für die Gemeinde Jesu. Da erfüllte sich ja die Verheißung Jesu, dass er den Geist senden werde, wenn er zum Vater gegangen sein würde. Aber diese Aufsehen erregende Geistausgießung schafft nicht die Kirche, sie macht sie in besonderer Weise lebendig. Die Kirche wird am Pfingsttag nicht erzeugt, sondern der Menschheit vorgestellt. Pfingsten ist nicht die Geburt der Kirche, sondern ihr Erscheinen in der Öffentlichkeit. Der Ursprung der Kirche liegt in der Lebenszeit Jesu. Wenn Jesus der Messias ist, dann gehört zu ihm unweigerlich eine Gemeinde, denn der Messias ward ja gesandt, um ein Volk zu sammeln und zu Gott zu führen. Ein Messias ohne Volk ist eine absurde Vorstellung. Sein Wirken war von der Art, dass es die Menschen anzog. Sie wollten ihn hören und von ihren Krankheiten geheilt werden. „Alle Leute versuchten ihn anzurühren“, schreibt der Evangelist Lukas, „denn eine Kraft ging von ihm aus und heilte alle.“ Viele, die ihn hörten, wurden für ihn gewonnen. Manche von den Geheilten wurden seine dankbaren Gefolgsleute. Der Herr selber hat Menschen aufgefordert, sich ihm anzuschließen. Er bestellte Jünger, er sammelte Apostel. Wer das leugnet, verfehlt sich gegen die Wahrheit. Seine Apostel machte er zu Menschenfischern, d.h. sie sollten hinausgehen und Anhänger für ihn werben. Sie waren die Kirche des Anfangs. Und es haben sich viele zu Jesus gehalten. Mögen ihn auch manche nach der Kreuzigung verlassen haben, so sind ihm doch viele auch über das Kreuz hinaus treu geblieben. Das zeigt sich nach seiner Auferstehung. Paulus schreibt, dass er fünfhundert Brüdern auf einmal erschienen ist. Das ist eine gewaltige Menge, fünfhundert Brüdern auf einmal. Und als der Apostel Matthias gewählt wurde, da waren 120 Männer beisammen. Also: Die Kirche ist ein Produkt Jesu. Aber schon in seiner irdischen Wirklichkeit, in seinem Wandeln in Galiläa und in Judäa hat er sie gesammelt.

Die vierte Folgerung aus dem Anspruch Jesu ist das Wort vom Kreuz. Der Anspruch, Sohn Gottes zu sein, brachte ihm den Tod. Es war der Tod am Kreuze. Aber weil der Gekreuzigte wieder lebendig wurde, sahen die Christen im Kreuz ihr Heil beschlossen. Der Herold des Kreuzes ist vor allem der Apostel Paulus. „Das Wort vom Kreuz“, schreibt er einmal, „ist denen, die verloren gehen, Torheit, uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. Wir verkündigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Heiden eine Torheit, uns aber, den Berufenen, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“

Die Kreuzigung war kein vermeidbarer Unfall. Sie war auch nicht bloß „Prophetenschicksal“, wie Walter Kasper meint. Nein, sie war der Gipfelpunkt seines Wirkens, wie es der himmlische Vater beschlossen hatte. Christus mußte leiden. So wird immer wieder im Evangelium und in der Apostelgeschichte gesagt. Er mußte leiden, um durch sein Sterben stellvertretende Genugtuung für die Sünden der Menschen zu leisten. Er mußte leiden, um durch seinen Gehorsam den Ungehorsam der Menschen zu sühnen. Er mußte leiden, um durch seinen Opfertod die Menschen loszukaufen und mit Gott zu versöhnen. Aber durch seinen Gehorsam im Leiden hat er sich die Erhöhung verdient. Das ist einer der zentralen Begriffe in der Christologie, der Begriff der Erhöhung. Er besagt die Erweckung Jesu aus dem Tode, seine Aufnahme in den Himmel und sein Leben in Herrlichkeit zur Rechten des Vaters. Das nennt die Heilige Schrift Erhöhung. Und von dieser Erhöhung hat Paulus uns einen wunderbaren Hymnus hinterlassen im Philipperbrief: „Er war Gott gleich. Er hielt aber nicht an seiner Gottgleichheit fest wie an einem Raube, sondern er entäußerte sich, wurde im Äußeren erfunden wie ein Mensch. Er erniedrigte sich, er wurde gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Darum (wegen des Gehorsams) hat Gott ihn auch erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, auf dass im Namen Jesu alle Knie sich beugen im Himmel, auf der Erde und unter der Erde und alle bekennen: Jesus Christus ist der Herr in der Herrlichkeit Gottes des Vaters.“

Eine fünfte Folgerung ergibt sich aus dem Anspruch Jesu für die Juden. Das Judentum ist Vorbereitung, Mutterschoß und Zeugnis für das Christentum. Die Vorbereitung lag in dem Bund, den Gott mit dem Volke Israel schloß, damit es Empfänger und Hüter der übernatürlichen Offenbarung sei und den Kult des wahren Gottes erhalte, vor allem in der Prophetie, die den Messias verkündet. Und auch darin war es eine Vorbereitung für das Christentum, dass es feste Gebetsriten ausbildete. Das Judentum war Mutterboden für das Christentum, denn Jesus stammt dem Fleische nach aus den Juden. Und die Heilige Schrift des Alten Testamentes ist auch das heilige Buch der Christen geblieben. Die Psalmen wurden das Gebetbuch der Kirche. Wir Priester dürfen jeden Tag aus diesem Buch beten.

Zeuge wurde das Judentum für das Christentum durch das Evangelium aus den Propheten, aus der Prophetie und durch den alttestamentlichen Schriftbeweis. Wie oft heißt es im Evangelium und in der Apostelgeschichte und in den Briefen der Apostel: „So steht geschrieben.“ Er wurde hingerichtet, er wurde begraben, er stand auf  „gemäß der Schrift“. Auch die immer fortdauernde Existenz des Judentums ohne Tempel und ohne Opfer ist ein Zeugnis für das Christentum. Doch das jüdische Volk als ganzes hat sich dem Messias nicht angeschlossen. Es hat ihn in der Mehrheit abgelehnt. Jesus wurde von ihm verworfen, Das hat zur Folge, dass der Weinberg ihm weggenommen wurde. Das Weinberg-Gleichnis ist das Zeugnis dafür, dass das Volk Israel seinen Anspruch, das auserwählte zu sein, verloren hat. Israel ist nicht mehr Träger der göttlichen Privilegien und Verheißungen. Der Alte Bund ist zu Ende; Jesus begründet den Neuen Bund. Der Alte Bund war vorläufig, vergänglich. Charakteristisch für ihn war der tötende Gesetzesbuchstabe. Der Neue Bund ist endgültig, unvergänglich. Charakteristisch für ihn ist der lebendigmachende Geist. Der Alte Bund war nur ein Schattenbild des Neuen. Der Neue Bund ist der bessere, der fehlerlose, der ewige. Der Alte Bund war mangelhaft, unvollkommen, der Neue Bund ist vollkommen. Wir singen mit vollem Recht beim Tantum ergo: „Laßt uns tief gebeugt verehren ein so großes Sakrament. Dieser Bund wird ewig währen, und der Alte hat ein End.“

Der Träger des Neuen Bundes ist Jesus. In keinem anderen ist das Heil zu finden. Durch ihn wird jeder, der glaubt, gerechtfertigt. Der Christusglaube allein verschafft Anteil am messianischen Heil. Die Kirche trägt die Verheißungen des Herrn weiter. Sie ist die Kirche aus Juden und Heiden. Sie ist das neue Israel nach dem Geiste. Der Christusglaube ist die Vollendung des Judentums. Und zum Christusglauben wollten die Apostel die Juden führen. Die Urkirche hat sich um die Juden gemüht. Sie hat sich bei ihrer Mission immer zuerst an die Juden gewandt. Aber diese wollten die Trennung. Sie steinigten den Stephanus, sie verfolgten die Christen, sie stießen Paulus aus der Synagoge. Sie zeigten sich in jener Gesinnung verhärtet, über die Jesus geweint und sein Wehe gerufen hat. Von den ungläubig gebliebenen Juden wurden die zum Christentum übergetretenen seit etwa dem Jahre 100 im täglichen Synagogengebet verflucht. Die Christen wurden aus den Synagogen verbannt und gestoßen. Jeder Verkehr mit ihnen wurde verboten. In aller Welt machten die Juden gegen die Christen Stimmung. Während des Bar-Kochba-Aufstandes im Jahre 132 wurden die Christen in Palästina blutig verfolgt, weil sie sich von der Revolte fernhielten. Die Christenverfolgungen im römischen Reich gingen teilweise auf Anzeigen von Juden zurück.

Die Kirche freilich hat niemals gleiches mit gleichem vergolten. Nach dem Vorbild Christi, Petri und Pauli hat die Kirche die Juden entschuldigt. In der Apostelgeschichte heißt es schon: „Sie haben es aus Unwissenheit getan.“ Das ist eine Entschuldigung. So betet die Kirche für die Juden; sie schützt sie und sie missioniert sie. Die Kirche hat stets Recht und Pflicht festgehalten, die Juden zu dem gekommenen Messias Jesus zu bekehren. Wenn heute von vielen protestantischen und manchen katholischen Christen die Judenmission abgelehnt wird, so ist das eine Mißachtung des Missionsbefehls Christi.

Paulus freilich hat eine Hoffnung. Er hofft auf die endliche Wiedervereinigung von Kirche und Synagoge. In den Kapiteln 9-11 im Römerbrief spricht er davon, dass sich am Ende die Judenschaft zu Christus bekehren werde. Das ist eine ungeheuerliche Hoffnung. Wir können uns nicht vorstellen, wie das geschehen soll. Wir wissen nicht, wann dieser Vorgang seinen Anfang nimmt und wann er beendet ist. Aber eines wissen wir: Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Amen.

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Die Eucharistie, Quelle der Freude und der Kraft

22.03.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Unser Heiland hat Verständnis für die irdischen Bedürfnisse der Menschen. Die Massen, die zu ihm gekommen waren, hatten Hunger, und er stillt diesen Hunger mit einem unaussprechlichen Wunder. Die Menschen waren zweifellos dankbar, und deswegen haben sie gleich am nächsten Morgen sich wieder zu ihm begeben, weil sie hofften, erneut von ihm gesättigt zu werden. Aber der Herr denkt nicht nur an die irdischen Bedürfnisse der Menschen, sondern auch an ihre himmlische Berufung. Und deswegen sagt er zu ihnen: „Ihr seid gekommen, weil ihr gestern von dem Brot, von dem guten Brot, gegessen habt. Ich aber bitte euch, ich mahne euch: Kümmert euch um die Speise, die für das ewige Leben fortwirkt und von der man nicht mehr hungrig wird.“ Das ist ja immer die Gefahr, in der wir Menschen uns befinden, nämlich über den irdischen Bedürfnissen die himmlische Ausrichtung zu vergessen. Der Herr kennt die irdischen Bedürfnisse, aber er verpflichtet uns auf das himmlische Ziel. Er sagt zu den Massen: „Sorgt euch nicht um die Dinge, die immer wieder hungrig machen, sondern kümmert euch um das Brot der Seele, um das Brot vom Himmel, das ich selbst bin und das ich euch darreiche.“ Denn dieses Brot macht das wahre Glück des Menschen aus. Und das soll das Thema unserer heutigen Überlegung sein, nämlich das Glück, das die wunderbare Seelenspeise, die heilige Kommunion, uns verschafft. Denn die Kommunion ist eine Quelle der Freude, ein Geheimnis der Kraft und ein Unterpfand der künftigen Herrlichkeit.

Eine Quelle der Freude ist die heilige Kommunion. Sie stillt den Glückshunger der Menschen nach Gott. Ich höre die Mahnung aus dem Buche der Nachfolge Christi: „Was der Zeit unterworfen ist, das gebrauche. Was ewig ist, danach strebe! Es kann dich doch kein zeitliches Gut sättigen, denn du bist nicht geschaffen, das Zeitliche zu genießen.“ Ist es wirklich so, meine Freunde, was hier in der Nachfolge Christi steht: „Es kann dich doch kein zeitliches Gut sättigen, denn du bist nicht geschaffen, das Zeitliche zu genießen“? Stimmt es, dass die Menschen nach Gott verlangen? Ist es wahr, dass jedes Herz unruhig ist, bis es ruht in Gott? Es sieht nicht so aus. Viele Menschen scheinen ohne Gott, ohne Gebet, ohne Gottesdienst, ohne Glauben auszukommen. Sie falten die Hände nicht, und sie betreten das Haus Gottes nicht. Sie trachten nicht nach dem Himmel, sondern sie begnügen sich mit der Erde. Es hat den Anschein, sie sehnen sich nicht nach Gott; sie brauchen Gott nicht. Die Geschöpfe reichen aus, um sie glücklich zu machen. Wie kommt es, dass es Menschen gibt, die allein in den Genüssen der Erde ihre Befriedigung suchen, die nicht nach Gott ausschauen? Wie kommt es? Der Grund ist darin gelegen, dass die Menschen ihre natürliche Verwiesenheit auf Gott mißachten, übergehen, unterdrücken. Wer sich mit Essen und Trinken, mit Arbeit und Vergnügen ausgefüllt vorkommt, der hat seine Seele systematisch verkümmern lassen. Der Mensch hat eine religiöse Anlage, aber er kann sie unterdrücken. Es ist möglich, dass die Menschen ihre religiöse Anlage nicht pflegen. Sie entfernen sich von jeder religiösen Praxis. Ich habe einmal einen Fleischermeister getroffen, der sagte, er könne nicht mehr das Vaterunser beten. Sie sind der Religion entwöhnt, sie haben Gott vergessen. Sie sind fertig mit Gott. Aber Gott ist nicht fertig mit ihnen! Der Mensch bleibt auf seinen Schöpfer und sein Ziel hingerichtet, und diese Ausrichtung macht sich unweigerlich bei der einen oder anderen Gelegenheit bemerkbar. Diese Menschen wehren sich gegen die Erinnerung an Gott, aber Gott läßt sich immer wieder erinnert werden. Ich habe einmal erlebt in einer Bank in Mainz, wie ein Herr die Angestellten rügte, weil sie an ihrem Arbeitsplatz eine Adventskerze aufgestellt hatten. Ihn störte die Adventskerze. Sie störte sie, weil sie ihn an Gott erinnerte. Ich war auch einmal Zeuge beim Mittagessen in einem Gasthaus, wie ein Mann in Erregung geriet, als die Glocken der benachbarten Kirche anfingen, zum Engel des Herrn zu läuten. Das Glockengeläut störte ihn. Der Ruf zum Gebet war ihm lästig. Der Mensch mag fertig sein mit Gott, aber Gott ist nicht fertig mit dem Menschen. Wenn die Atheisten angeblich glücklich sind in ihrer Gottlosigkeit, warum lassen sie dann die Gläubigen nicht in Ruhe? Warum wollen sie ihnen den Glauben nehmen, den sie ja angeblich abgeschüttelt haben?

Während der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution drangen die Gotteshasser auch in die Bretagne vor, das katholische Kerngebiet von Frankreich. Sie haben dort alles zu zerstören versucht, was sie als Denkmäler des Aberglaubens ansahen. Da fragten sie einen der Bretonen, wann er endlich von seinem Aberglauben lassen werde. Der Bretone antworte: „Wir hören erst auf zu beten, wenn ihr die Sterne vom Himmel holen könnt.“

Dieser Gott, an den wir glauben, ist nicht fern von uns. Damit wir ihn ganz nahe wissen, hat er das Sakrament des Altares in seiner unscheinbaren Brotsgestalt eingesetzt. Wer den eucharistischen Heiland in der rechten Gesinnung in sein Herz aufnimmt, der ist gefeit gegen Unfrieden und innere Zerrissenheit, gegen Seelenangst und Trostlosigkeit. Der heilige Laurentius, der bekanntlich auf einem Rost zu Tode gebracht wurde, auf einem glühenden Rost, der heilige Laurentius verlor in diesen Qualen seine Heiterkeit nicht. Augustinus hat sich gefragt, woher er die Heiterkeit nahm. Er gab zur Antwort: „Dieser Märtyrer war trunken vom Kelche der Eucharistie.“ Er war trunken vom Kelche der Eucharistie.

Immer wieder jubelt die Kirche: „Brot vom Himmel hast du ihnen gegeben, das alle Süßigkeit in sich enthält.“ Wahrhaftig, wer mit ungetrübtem Glauben dieses Sakrament empfängt, der hat eine tiefe, eine heilige, eine edle Freude, die ihm niemand nehmen kann. Als der berühmte spanische Theologe Franz Suarez die heiligen Sterbesakramente empfangen hatte, da rief er verklärten Blickes aus: „Ich hätte nie gedacht, dass Sterben so süß sein kann.“

Die Eucharistie, eine Quelle der Freude, aber auch ein Geheimnis der Kraft. Meine lieben Freunde, wovon haben sich denn unsere Missionare, die bis zum Tode gerackert haben, womit haben sie sich denn aufrecht erhalten in den Eiswüsten der Arktis, bei den Eskimos, wo sie von einem Lager ins andere mit Hundeschlitten geeilt sind, wovon haben sie denn gelebt? Sie lebten von der Eucharistie. Sie lebten von der heiligen Kommunion. Sie lebten vom Meßopfer. Oder gedenken wir jener Männer und Frauen, die sich der Aussätzigen gewidmet haben, damals zu der Zeit, wo es kein Mittel gegen Aussatz gab. Da ging der junge, starke, stämmige Flame Damian Deveuster nach Molokai auf die Insel der Aussätzigen und hat dort für seine Aussätzigen gewirkt, bis die Krankheit ihn ergriffen und verzehrt hatte. Am 8. Dezember 1881 schrieb Damian Deveuster in einem Briefe: „Ohne das heiligste Altarsakrament würde ich das Dasein hier nicht aushalten. Aber jetzt, da Jesus bei mir ist, bin ich immer aufgeräumt und wohlgemut und arbeite gern für das Wohl meiner Aussätzigen.“ Sie alle sind Nachfolger der Blutzeugen Christi, die in den Jahrhunderten der grausamen Unterdrückung durch heidnische Cäsaren der Kirche die Freiheit errungen haben, nicht dadurch, dass sie Schlachten schlugen, sondern dadurch, dass sie sich zum Opfer brachten. Wir wissen, dass sie die heiligste Eucharistie mit sich nahmen in ihre Häuser, damit sie im Augenblick der Gefahr sich mit dem Leibe des Herrn kräftigen konnten. Tarcisius, Pankratius, das sind die Heiligen der Eucharistie. Und auch die Bekenner, die den inneren Kampf ausfechten mußten, haben sich aus der heiligen Eucharistie genährt. Jede Nation hat ihre heiligen Bekenner, Italien den heiligen Aloisius, Polen den heiligen Stanislaus Kostka, Ungarn den heiligen Stephan, Deutschland den heiligen Johannes Berchmans. Sie sind Bürgen der formenden Kraft des eucharistischen Herrn. Die Erfahrung lehrt, dass es kein wirksameres Mittel gegen die Gefahren und die Schwächen der Jugend gibt als den regelmäßigen Empfang der heiligen Eucharistie. Sie ist tatsächlich das Brot der Starken; sie ist der Wein, der reine Menschen ersprießen läßt. Vor dem Empfang der heiligen Kommunion stärkt uns, die wir ringen, der Gedanke: Ich will den Herrn in mein Herz aufnehmen, also muss ich lauter wandeln. Nach dem Empfang der heiligen Kommunion festigt uns die Erinnerung: Ich habe den Herrn in mein Herz aufgenommen, ich will, ich darf ihn nicht verlieren. Die eigene Leistung ist mit der heiligen Kommunion unlöslich verbunden. Aber die eigene Leistung geschieht in der Kraft Christi. Sie ist nur möglich mit der helfenden Gnade. Wenn wir aufnahmefähig sind für das Kraftgeschenk des Herrn, dann überströmt uns die Gnade. So wie die Kraft einer Senders von der Feinheit des Empfängers abhängt, so kann auch im innersten Leben der Seele nur die eigene Empfänglichkeit die unendliche Segenskraft des Herrn aufnehmen. Es ist ein eherner Grundsatz der katholischen Sakramentenlehre: Die Sakramente wirken nach Maßgabe der Disposition des Empfängers. Die Sakramente wirken nach Maßgabe der Disposition des Empfängers. Disposition ist die Empfänglichkeit, die Willigkeit, die Bereitschaft. Sie ist die Frucht der eigenen Anstrengung und der Gnade. Wenn also Jesus uns fragt: Was willst du, dass ich tun soll? dann antworten wir eben: Herr, dass ich sehe, wenn mich Zweifel bedrängen. Herr, dass ich rein werde, wenn die Versuchung gegen mich anstürmt. Herr, dass ich gerettet werde, wenn mich der Abscheu über meine Sünde verzehren möchte.

Die heilige Kommunion, eine Quelle der Freude, ein Geheimnis der Kraft, aber auch ein Unterpfand der künftigen Herrlichkeit. Von dem russischen Dichter Dostojewski stammt das schöne Wort: „Nur durch den Glauben an seine Unsterblichkeit erfaßt der Mensch den ganzen vernünftigen Sinn seines Daseins auf Erden.“ Der Glaube an die Unsterblichkeit ist für ein Gelingen unseres irdischen Lebens unentbehrlich. Es gibt ein ewiges Leben, meine Freunde. Gott hat es verheißen, Christus hat es versprochen, die Vernunft bestätigt es. Dieses ewige Leben aber wird schon im zeitlichen Leben grundgelegt. Es wird ein Keim in uns eingesenkt für das ewige Leben, und das ist die heilige Kommunion. Der Martyrerbischof Ignatius von Antiochien nannte die heilige Kommunion in seinen Abschiedsbriefen ein „pharmakon taes athanasias“. Das ist ein griechisches Wort und heißt: ein Heilmittel der Unsterblichkeit, ein „pharmakon taes athanasias“. Hier wird also begonnen, was nach dem Tode aus diesem Keim entsprießen soll, nämlich das ewige Leben. Hier schon vergöttlicht das himmlische Brot den Menschen auf eine geheimnisvolle, tiefinnere Weise. Hier ist wahrhaftig der Gott der Liebe, der uns verbindet mit Jesus. „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben – der hat das ewige Leben – und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.“ Die Kommunion ist tatsächlich ein Vorauskosten des ewigen Lebens. „Wir haben den Himmel in uns“, sagt die heilige Theresia, „denn der Herr des Himmels wohnt in uns.“ Johannes Chrysostomus, der Prediger und Lehrer der Eucharistie, hat einmal geschrieben: „Jesus Christus ist der Herr. Durch seinen eucharistischen Leib bin ich nicht mehr Staub und Asche. Durch seinen Leib werde ich den Himmel erwerben und alle seine Güter des ewigen Lebens, das Los der Engel und den Umgang mit Christus.“

Im Kriege wurde einmal ein adeliger junger Mann von einer tödlichen Seuche ergriffen. Ein Kamerad stand an seinem Lager, als er starb. Er konnte der Frau des Verstorbenen melden, dass er ganz selig gewesen sei, als der Priester ihm die heilige Kommunion reichte, ja, dass er gerufen habe mit erstickender Stimme: „Das ist das Leben!“ Wahrhaftig, das ist das Leben. So frohlockt der Gläubige, und so muss der Ungläubige erschaudern: Das ist der Tod.

O meine Freunde, halten wir uns an den eucharistischen Heiland, dann werden wir gehalten. Halten wir gläubig fest, was das Buch von der Nachfolge Christi einmal schreibt: „So steht denn keine Heiligkeit fest, wenn du, Herr, deine Hand zurückziehst. So nützt denn keine Weisheit, wenn du nicht regierst. So hilft denn keine Tapferkeit, wenn du nicht beistehst. So dauert denn keine Keuschheit, wenn du sie nicht schützest. So nützt denn keine eigene Wachsamkeit, wenn dein heiliges Auge nicht wacht. Denn wenn uns deine Hand losläßt, dann versinken wir und gehen wir unter. Wenn uns aber deine Hand anfaßt, dann kommen wir ans Land und leben.“

Amen.

 

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Gründe für den Niedergang der Religion

29.03.2009

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

 

Geliebte im Herrn!

Die Religion ist keine Macht mehr im öffentlichen Leben. In der Politik, in der Kunst, in der Literatur spielt die Religion so gut wie keine Rolle. Welches ist der Grund für diese klägliche Lage der heiligen Religion? Ich will zwei Gründe namhaft machen, erstens die Feindschaft der Ungläubigen, zweitens die Gleichgültigkeit der Gläubigen.

Der erste Grund für die unbedeutende Rolle, die unsere Religion in der Öffentlichkeit spielt, ist der Unglaube, ist die Feindschaft der Ungläubigen. Es sind Einzelpersonen, oft in einflußreicher Stellung, und Vereinigungen von Personen, die den Kampf gegen die Religion auf ihre Fahne geschrieben haben. Es gibt Menschen, die eine unbegreifliche Freude daran haben, anderen die Religion zu entreißen. In Mastershausen im Hunsrück lebt Herr Herbert Steffen. Er hat seine Firma Steffen-Möbel verkauft und das dafür gewonnene Geld in eine Stiftung eingebracht, die Giordano-Bruno-Stiftung. Mit dieser Stiftung finanziert er antichristliche, antikatholische Unternehmungen. Die Atheisten und Religionsfeinde haben sich eigene Organisationen geschaffen. Das Zentrum dieser Organisationen ist diese Stiftung von Herrn Steffen in Mastershausen. Verbunden haben sich die Freidenker, der Bund für Geistesfreiheit, die Humanistische Union und der Humanistische Verband. Auf allen Ebenen und mit allen Mitteln bekämpfen sie die Religion, natürlich und immer an erster Stelle die katholische Kirche; denn der Teufel hält sich an die Profis, nicht an die Amateure.

Der Kampf wird geführt einmal durch Schriften, Broschüren, Bücher. Aus der Fülle der Druckwerke nenne ich nur einige wenige. Der Autor Karlheinz Deschner schreibt im Augenblick den 10, Band – den 10. Band! – seiner „Kriminalgeschichte des Christentums“, wo er also zu Gerichte sitzt über das Christentum in seiner zweitausendjährigen Geschichte. Vor kurzem erregte großes Aufsehen das Kinderbuch von Schmitt-Salomon. „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel.“ So heißt das Buch: „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel.“ In diesem Buche werden alle Religionen, also nicht nur die christliche, sondern auch das Judentum und der Islam radikal niedergemacht. Man kann sich die schlimme Wirkung dieses Buches vorstellen, wenn man daran denkt, was es bedeutet, wenn etwa ein Kommunionkind davon Kenntnis nimmt, dass es darin als „Menschenfresser“ bezeichnet wird, weil es den Leib des Herrn empfängt. Menschenfresser! Seit Monaten ist ein Bestseller das Buch „Sakrileg“ von Dan Brown. In diesem Buche wird das Bild Jesu systematisch verzeichnet, ein Geflecht von kulturellen, künstlerischen und esoterischen Legenden. Hier wird eine antichristliche Lehre verkündet, die vielen Lesern Verdächtigungen und schwere Vorwürfe gegen das Christentum und die katholische Kirche einredet. Das Buch ist auch verfilmt worden, und dieser Film, der 100 Millionen – 100 Millionen! – Dollar gekostet hat, dieser Film wird in allen Ländern gezeigt, von den USA angefangen bis nach Singapur. Jesus Christus, so heißt es dort, hatte ein Verhältnis mit Maria Magdalena; seine Nachfahren leben heute noch.

Auch das Musiktheater wird in den Dienst der antikatholischen Kampagne gestellt. Seit 200 Jahren gibt es antichristliche, vor allem antikatholische Theaterstücke. Sie erinnern sich vielleicht, dass die Oper „Don Carlos“ von Giuseppe Verdi gern dazu hergenommen wird, gegen die katholische Kirche zu agitieren, obwohl jedermann weiß aus der Geschichte, aus der wahren Geschichte, dass Carlos ein verhängnisvoller Mann war, den sein Vater, König Philipp II., mit Recht so behandelt hat, wie er ihn behandelt hat. Aber in der Gegenwart ist es wieder noch massiver gekommen. In Berlin, in der Staatsoper, wird die Oper „Faust“ von Charles Gounod aufgeführt. Diese Oper wird von den Inszenierenden als ein antikatholisches Machwerk dargestellt. Faust und Mephisto tragen Mönchskutten, und im 3. Akt ist Mephisto ein Priester. In England läuft seit Monaten die Oper „Jerry Springer“. In dieser Oper werden achttausend Obszönitäten und Flüche gezählt. Achttausend Obszönitäten, also geschlechtliche Anspielungen, und Flüche. Adam und Eva, Jesus, Maria und Joseph treten in der Hölle auf. Jesus selbst nennt sich in der Oper „ein bißchen schwul“. Auch das Kabarett, und das ist seit langem bekannt, tritt in den Dienst der antikatholischen Hetze. In Mainz das Unterhaus! Dort wird häufig gegen die katholische Kirche gegeifert. Im Augenblick tritt dort Volker Pispers auf. Von ihm wird unserer Kirche fälschlich unterstellt eine Schutzgelderpressung, indem sie nämlich Kirchensteuer einzieht. Dort fällt unter anderem der Satz: „Man muss nicht unbedingt den Holocaust leugnen, um in den Himmel zu kommen.“ Ein solcher unglaublicher Unsinn und Quatsch wird von diesem Herrn auf die Bühne gebracht. Die katholische Kirche, so behauptet er, ist die Erfinderin der Angst. Das sehen jeden Abend in der ausverkauften Phönixhalle Hunderte von Leuten.

Auch die Schule wird zum Kampfplatz gegen die Religion gemacht. Immer neu wird von den Religionsfeinden darauf hingearbeitet, die Religion aus der Schule zu vertreiben. Wenn Lehrer oder Eltern von Schülern es fordern, muss das Kreuz aus dem Schulsaal entfernt werden. Es wird offene Propaganda für die Abmeldung vom Religionsunterricht gemacht. In Berlin wird von mutigen Christen versucht, Religion als ordentliches Schulfach einzuführen, aber ich gebe der Kampagne keine Aussicht. Der Senat und alle Kirchenfeinde werden es verhindern, dass Religion ordentliches Schulfach in Berlin wird. Dafür hat der Humanistische Verband in Berlin eine atheistische Schule eingerichtet. Das ist möglich! Und Sie wissen ja auch, wie es in Rundfunk, Fernsehen, Presse, Internet aussieht. Die Sendungen und Meldungen über Religion und Kirche sind fast nur mit Reizthemen besetzt: Zölibat, Frauenordination, Empfängnisverhütung, Verfehlungen von Priestern. Vom Papst wissen die Menschen eigentlich nur eines, nämlich dass er gegen Kondome ist. Dass die Kirche jahraus, jahrein den Weg Christi lehrt, dass sie sein Evangelium verkündet, dass sie das Opfer Christi feiert, dass sie den Willen Gottes den Menschen unterbreitet, dass sie Gottesliebe und Nächstenliebe lehrt, das alles fällt unter den Tisch. Die Feinde suchen der Kirche unaufhörlich Abbruch zu tun. Wer alle diese Lästerungen, Schmähungen, Verleumdungen und Anwürfe hört und sieht, wie soll der in seinem Glauben froh bleiben?

Die Kirche in Deutschland ist schutzlos und wehrlos. Ihre Proteste verhallen ungehört, ihre Richtigstellungen der Lügen und Verleumdungen werden nicht zur Kenntnis genommen. Uns schützt kein Gesetz, kein Gericht, keine Bundesprüfstelle für jugendgefährdendes Schrifttum. Die Folgen dieser Verhältnisse sind offensichtlich: Der Glaube ist keine Macht mehr im öffentlichen Leben.

Der erste Grund ist die Feindschaft der Ungläubigen. Der zweite Grund ist die Gleichgültigkeit der Gläubigen. Gläubige sollen Überzeugung für ihren Glauben haben, sie sollen Eifer für ihn bezeigen, sie sollen begeistert von ihm sein. Aber es sind Unzählige, allzu Viele, die weder Überzeugung noch Eifer noch Begeisterung und keine Liebe zur Religion haben. Woher kommt diese Gleichgültigkeit? Nun, sicher auch aus dem Hasten und Jagen, aus dem Treiben, das die Menschen so in Anspruch nimmt. Man braucht sich ja nur einmal an eine Großstadtstraße zu stellen am Abend, um zu sehen, wie die Menschen an einem vorbeihasten. Die Menschen, die so in diesem Treiben aufgehen und untergehen, die können gar keine religiösen Gedanken mehr fassen. Der Kampf um das Goldene Kalb nimmt sie vollkommen in Beschlag. Das zehrt alle höheren Kräfte im Menschen auf. Religion braucht Ruhe, braucht Stille, braucht Besinnung. Noch niemals in der deutschen Geschichte ist die Arbeitszeit so niedrig wie heute gewesen. Aber die dadurch gewonnene Muße wird nicht zum Gebet und zur religiösen Bildung benutzt. Die Menschen wissen wenig oder nichts von der Schönheit, vom Reichtum, vom Glück der Religion. Was man nicht kennt, das kann man auch nicht schätzen. Tragen wir dazu bei, meine lieben Freunde, dass die Menschen unsere Religion kennen lernen, dass sie sie schätzen lernen, dass sie sie lieben lernen.

Dazu kommen die vielen lockenden Stimmen, die aus dieser Welt heraustönen, die uns entgegenrufen von den Plakaten oder vom Fernsehen, die heraustönen aus den Vergnügungslokalen, aus den Diskotheken. Alles predigt Lust, Vergnügen, Eitelkeit. Fortwährend werden die Menschen aufgefordert zu genießen, sich auszuleben, sich nichts entgehen zu lassen, ob das Essen oder Trinken oder Geschlechtslust ist. Die Lust regiert das Leben allzu vieler Menschen. Vor kurzem wurde eine Untersuchung angestellt über den Zusammenhang zwischen sexuell aggressiver Musik und dem Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs. Es besteht ein solcher Zusammenhang zwischen sexuell aggressiver Musik und dem frühen, allzu frühen Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs. Unter dem Ansturm der Verlockungen und Versuchungen wird die leise Stimme des Gewissens, aber auch der laute Ruf der Glocken nicht mehr gehört. Die Religion fällt aus dem Blickfeld der Menschen heraus.

In anderen Ländern tobt eine blutige Verfolgung, aber bei uns gibt es auch eine Verfolgung, wenn auch vorläufig noch unblutig. Nicht mit blutigen Waffen wird gekämpft, sondern mit schmeichelndem, süßem Gift. Gott wird häufig überhaupt nicht mehr erwähnt, um so mehr aber die Kirche. Und wer die Kirche madig macht, der trifft Gott, denn die Kirche ist der Herold Gottes. Wer den Herold verunglimpft, der entwertet die Botschaft.

Die Menschen haben fast nichts mehr im Sinne als Sport und Putz, den Tarif und den Beruf. Diese Verfolgung entreißt der Kirche Hunderttausende, ja Millionen. Wir haben in Deutschland kaum noch 15 Prozent praktizierende katholische Christen. Hunderttausend gehen jedes Jahr verloren durch Mischehen, und die Abfälle gehen in die Zehntausende. Dazu kommt der Mangel an religiöser Erziehung im Elternhaus. Er läßt sich schwer nachholen. Was das Elternhaus einmal versäumt hat, das ist kaum wieder einzubringen. Vor einiger Zeit kam ein Kind aus der Religionsstunde nach Hause und sagte zum Vater: „Vater, ich bin gar nicht so fromm erzogen wie die anderen Kinder. Die anderen Kinder wissen viel mehr von der Religion als ich.“ Der Vater hat darüber gelacht; er hat es scherzweise am Biertisch erzählt. Der Vater weiß nicht, was es heißt, verantwortlich für eine Kinderseele zu sein. Es ist die furchtbare Verantwortung für die Menschen, die uns anvertraut sind.

Es gibt ein Wort der Heiligen Schrift, das die ganze Tragik des gleichgültigen Menschen in sich faßt: „Ich weiß, spricht der Heilige Geist, dass du weder kalt noch warm bist. O wärest du doch kalt oder warm. Da du aber lau bist und nicht kalt oder warm, so bin ich daran, dich aus meinem Munde auszuspucken. Du sprichst: Wohlhabend bin ich und reich. Ich brauche nichts. Du weißt nicht, dass du elend bist und arm, blind und nackt.“ Mit einer Sprache, die man nicht wieder vergißt, hat hier der Heilige Geist die ganze Armut des im Glauben erkalteten Herzens geschildert. Es ist, als würde der Heiland heute hintreten zu der ungezählten Schar der Menschen, die ganz zufrieden ist, wenn sie am Ersten ihr Gehalt bekommt, abends ins Theater geht und alle Jahre einmal oder mehrmals in Urlaub fährt. Es ist, als würde der Herr zu ihnen sprechen: „Ihr denkt, ihr seid reich und braucht nichts. Ihr wißt nicht, dass ihr elend seid und erbärmlich.“ Und es ist, als ob der Heiland durch unsere Kaufhäuser ginge und dort die Menschen sähe, die ihre Lust im Kaufen und Verkaufen finden, für die Erwerben und Besitzen das höchste Glück bedeutet. Es ist, als ob er zu ihnen spräche: „Ihr sprecht: Wohlhabend bin ich und reich, und ihr wißt nicht, dass ihr arm und blind seid.“ Und zu den Leuten, die den Sonntag auf dem Sportplatz verbringen, würde der Herr wohl heute sagen: „Ihr meint, ihr braucht sonst nichts, und wißt nicht, dass ihr elend seid und arm, blind und nackt.“

Meine lieben Freunde, die im Glauben gleichgültige Seele ist und bleibt eine Seele ohne Heimat und Vaterhaus, eine Seele, die nicht weiß, wohin sie gehört. „O dass ihr doch warm oder kalt wäret. Doch weil ihr lau seid, will ich euch ausspucken aus meinem Munde.“ Das ist das Los der Menschen, die nicht wissen, wem sie gehören. In der Welt können sie nicht aufgehen, denn ihre Gottgehörigkeit läßt sich nicht abschütteln. Das Glück der Kinder Gottes kennen sie nicht, weil sie sich nicht darum gemüht haben. Vor einiger Zeit erzählte in einer kleinen Gesellschaft eine brave katholische Frau ihre Lebensgeschichte. Sie sagte: „Es gab eine Zeit in meiner Jugend, in der ich zu großer Gleichgültigkeit und Lauheit neigte. Da besuchte ich eines Tages einen nahen Verwandten, einen bekannten Künstler. Er hatte bereist die Schwelle des Alters überschritten. Im Glauben war er fast völlig erstorben. Ich fragte ihn in meinem Leichtsinn: Sag mal, wie soll ich’s mit der Religion halten? Ich fühle mich beengt durch alle die Vorschriften des Glaubens. Da sah mich der alte Herr schweigend mit einem langen Blick an, und dann sagte er mit eigenartiger Betonung: Maria, behalte, was du hast, denn du hast nichts an dessen Stelle zu setzen. Die Frau schloß ihre Erzählung: Diese Worte habe ich nicht vergessen.“ Vielleicht hat es dem alten Mann auch gedämmert, was er verloren hat, als er seinen Glauben preisgab. Was hat er eingetauscht dafür, als er den Glauben hingegeben hat? „Du hast nichts an dessen Stelle zu setzen!“ Keine Wärme, keine Liebe, keine Heimat.

Darum, meine Lieben Brüder und Schwestern, behaltet, was ihr habt. Haltet euren Glauben fest mit ganzem, starkem Herzen. Betet, dass Gott euren Glauben bewahre und behüte, und betet für eure gleichgültigen Brüder und Schwestern!

Amen.

 

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