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Luthers Lebensende
Buch 2:  Eine historische Kritik über Luthers Lebensende

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Luthers Lebensende von Paul Majunke 1890/1891

Kurzbiographie Paul Majunke

Buch 1  Luthers Lebensende. Eine historische Untersuchung.   Orginal (Alte Schrift)
Von Paul Majunke. Buch aufgelegt 1891    Seite 1-100

Anhang Buch 1

Buch 2  Eine historische Kritik über Luthers Lebensende.           Orginal (Alte Schrift)
Von Paul Majunke. Buch aufgelegt 1890    Seite 101-208


Buch 3  Ein letztes Wort an die Luther-Dichter.                              Orginal (Alte Schrift)
Von Paul Majunke. Buch aufgelegt 1890    Seite 209-260

Alle 3 Bücher in einem Pdf:   Orginal (Alte Schrift)

 

Ergänzungen unsererseits: Lateinische Übersetzungen und zusätzliche Erklärungen (Wörter, Personen) sind in dieser Farbe gehalten.

Buch 2 -
Die historische Kritik über Luthers Lebensende.
 
Inhalt
Vorbemerkung

Die Kritiker auf katholischer Seite

Die Kritiker auf protestantischer Seite

Die Gegenschrift des Professor Kolbe

Die Stellung Kawerau's

Synoden und Versammlungen
Das preußische Abgeordnetenhaus

Schlusswort

Buch 2
(Seite 101 bis 206 )


Die historische Kritik
über
Luthers Lebensende.

Von
Paul Majunke.

Zweite, unveränderte Auflage.
Mainz,
Druck und Verlag von Florian Kupferberg


 

Vorbemerkung

Wenn meine Schrift über „Luthers Lebensende“ allerdings dem äußeren Umstande ihre Entstehung verdankt, dass ich in der Volks-Ausgabe meiner „Geschichte des Kulturkampfes“ von Luthers gewaltsamen Ende als feststehende Tatsache gesprochen und deshalb vielfachen Interpellationen zu begegnen hatte, so würde ich doch unredlich sein, wenn ich nicht frei gestehen wollte, dass mir dieser äußere Anlass ein ganz erwünschter war, um damit zugleich einem inneren Drange gerecht zu werden.

Je mehr ich mich nämlich mit dem Gegenstande beschäftigte, desto mehr wurde mir klar, dass wir es hier mit einer historischen Tatsache zu tun haben, welche durch zwei Jahrhunderte hindurch von den bewährtesten katholischen Schriftstellern festgehalten wurde und welche, nachdem sie schon in Folge der Wirren des 30-jährigen Krieges zum Teil verdunkelt, durch den Hereinbruch des Josephinismus* und Febronianismus* und der von ihnen gehandhabten Bücher-Zensur in fast völlige Vergessenheit geraten war.

*Josephinismus, abgeleitet von Kaiser Joseph II., bezeichnet die Unterordnung gesellschaftlicher Angelegenheiten unter die staatliche Verwaltung Österreichs nach den Prinzipien des aufgeklärten Absolutismus (Fürstenherrschaft mit europaweiter Übernahme der Ideen der Aufklärung) durch das Maßnahmen-Bündel einer staatlich gelenkten religiösen Autarkie (Selbstbestimmung).
* Febronianismus ist eine aufklärerisch orientierte innerkatholische Reformbewegung des 18. Jhdts. - ausgelöst durch J. Febronius, die die päpstliche Jurisdiktion (Vollmacht) zugunsten einer Nationalkirche mit staatlicher Hilfe zurückzudrängen versuchte, zur Wiedervereinigung der christlichen Kirchen auf der Basis der Kirchenverfassung des 1. Jahrtausends.

Es war darum hohe Zeit, dass jenes Faktum wieder in Erinnerung gebracht wurde.

Die Konsequenzen, welche sich daraus ergeben, möge sich jeder selbst ziehen.

Gerade jetzt ist es wieder zeitgemäß, eine solche demonstratio ad oculos zu liefern (Veranschaulichung / Nachweis vor Augen zu führen), nachdem in den letzten beiden Jahrzehnten die katholische Kirche in Deutschland – nach dem einmütigen Geständnis aller ihrer Gegner – den abermaligen Beweis ihrer Unbesiegbarkeit gegeben hat, während die protestantische „Kirche“ – wiederum nach dem Zeugnis ihrer eigenen Bekenner – im Kampfe unterlegen, ja im Zerfall begriffen ist.
„In fünfzig Jahren wird ganz Pommern katholisch sein,“ sagte unlängst ein hervorragender und vielgenannter pommerischer Reichstag-Abgeordneter zu mir.
Ähnlich sprach sich ein hannoverischer Abgeordneter bezüglich Hannovers aus.
Ob das eintreffen wird, ob die Rückkehr in den Schoss der Mutterkirche in Deutschland ebenso wie in England größere Dimensionen annehmen wird – Gott allein kann es wissen.
Aber soweit er Menschen zu Mitwirkenden an seinen Heilswerken bestimmt hat, wollen und dürfen wir nichts unterlassen, was zur Verherrlichung der stets bekämpften, aber stets siegenden Una Sancta Catholica et Apostolica Ecclesia (die eine heilige katholische und apostolische Kirche = großes Glaubensbekenntnis) beitragen kann.

Zu diesem Zwecke allein sollen auch meine Lutherschriften geschrieben sein.
Es gibt eine Zeit zu schweigen und eine Zeit zu reden.
Bei der gegenwärtigen kirchenpolitischen Situation zu schweigen,
würde Verrat an der heiligen Sache sein.

So ergreife ich auch gern noch einmal das Wort,
um den zahlreichen Kritikern Rede zu stehen, welche zum Teil sehr eingehend meine Lutherbroschüre beurteilt haben.

Alles aber sine ira et studio !
Alles aber ohne Zorn (Hass) und Eifer !

Hochkirch bei Glogau, 29. März 1890.
Der Verfasser.

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Die Kritiker auf katholischer Seite.

Die erste Auflage von „Luthers Lebensende“ war noch gar nicht den Sortiments-Buchhändlern zugegangen, als bereits in der „Kölner Volkszeitung“ (vom 21. Dezember 1889) eine „Rezension“ (lateinisch: recensio = Musterung, Kritik und schriftliche Bewertung eines Buches) erschien, welche wörtlich folgendermaßen lautete:

Luthers Lebensende. Eine historische Untersuchung von Paul Majunke. (Mainz, Florian Kupferberg, 1890. Seite 80.) In der neuesten Auflage (soll heißen: Volksausgabe) seiner „Geschichte des Kulturkampfes“ schreibt Herr M. Seite 3: „Luthers geistiger Zustand wird noch immer zu wenig beachtet; ebenso wenig Beachtung findet die u.a. in den „Hamburger Briefen“ mitgeteilte Tatsache, dass Luther durch Selbstmord, durch Erhängen am Bettstollen (Holz-Pfosten des Bettgestells) geendet hat.“

Es ist vorab ein großer Irrtum, wenn M. Gottlieb (= Pater Tilmann Pesch / Berliner Zeitung „Germania“) den Selbstmord Luthers annehmen lässt. Gottlieb (vergleiche die von M. Seite 79 unvollständig angeführte Stelle) verwahrt sich gegen die Zumutung, den von Luthers Freunden gegebenen Bericht über sein Lebensende „ohne Weiteres als die Darlegung eines wirklichen Vorganges hinzunehmen“, und fährt dann fort: „Ich besitze ebenfalls eine Erzählung über Luthers Hinscheiden, für deren Glaubwürdigkeit ich eine Gewähr (Sicherheit, Garant, Bürgschaft) habe, welche mir wenigstens viel mehr gilt, als die „Augenzeugen“ Jonas und Coelius.“

Folgen zwei kurze Sätze: man habe Luther am Bettstollen (Pfosten) erhängt gefunden, aber den wahren Hergang verheimlicht, dann aber – und dies fehlt fast unglaublicherweise in M. Zitat: „Was mich betrifft, so lege ich auf diese Erzählung kein Gewicht.“ (vergleiche Briefe aus Hamburg, Ausgabe von 1883. Seite 362.)

Wie man sieht, lässt Herr M. Gottlieb das Gegenteil von dem sagen, was er wirklich gesagt hat, und ebenso irrig lässt er jetzt im ersten Satze seiner Vorbemerkung Gottlieb direkt „behaupten, dass Luther keines natürlichen Todes gestorben sei“. Soweit ich sehe, spricht M. selbst jetzt nicht mehr von einer „Tatsache“, aber er findet es (Seite 36) auch aus inneren Gründen „wahrscheinlich, dass Luther so geendigt hat, wie es von seinem Famulus (Hausdiener) erzählt wurde und wie es als glaubhaft von hervorragenden Theologen und Historikern dreier Länder der Nachwelt überliefert ist.“ der von ihm angetretene Wahrscheinlichkeits-Beweis ist vollständig gescheitert.

M. hat eine Menge von Zitaten über Luthers Tod zusammengetragen, aber die erste Notiz über den Selbstmord ist erst 47 Jahre* nach dem Tode geschrieben.

In sehr unbestimmter Wendung (Audivi haud ita pridem compertum testimonio sui familiaris = Ich habe vor nicht allzu langer Zeit eine zuverlässige Zeugenaussage seines Hausdieners gehört / durch das Zeugnis des Famulus sichere Erkenntnis erlangt) erwähnt Bozius das Zeugnis eines Dieners Luthers, derselbe habe sich erhängt.

* Die Möglichkeit, der Reformator habe Selbstmord begangen, verbreitete zuerst Thomas Bozius 20 Jahre später. Quelle: http://www.einsicht-aktuell.de/index.php?svar=2&ausgabe_id=114&artikel_id=1226

Wie M. (Seite 19) „diese Mitteilung aus äußeren Gründen authentisch nennen kann, verstehe ich nicht. 13 Jahre später (vergleiche den Wortlaut Seite 75) wurde der schwulstige Wortlaut der angeblichen Erklärung des Dieners veröffentlicht. Jede Beglaubigung fehlt, nicht einmal der Name des Dieners* wird genannt. * Rudtfeld

Mit einem solchen Zeugnis ist einfach nichts anzufangen; mit ihm aber steht und fällt die ganze Geschichte. Herr Majunke hat Seite 77 eine lange Reihe von „Äußerungen katholischer Schriftsteller des 19. Jhdts. über Luthers Tod“ angeführt. Mit einziger Ausnahme von „Gottlieb“ haben sie samt und sonders die Selbstmord-Version nicht einmal erwähnt, und wenn Majunke Seite 27 in Sperrschrift verkündet, die neuesten Luther-Biographien seien dem Diener Luthers „alle aus dem Wege gegangen, inklusive Julius Köstlin“, so muss er in dieses Urteil auch die katholischen Historiker inklusive Johannes Janssen einschließen. – Der Rest der Schrift liegt größtenteils neben der Sache – nicht weniger als 34 Seiten werden mit einem Abdruck der Historia (Historie) über Luthers Tod und mit der Leichenpredigt des Coelius gefüllt – und lässt die Elemente der Kritik in bedauerlicher Weise vermissen. Nebenbei sei bemerkt, dass der angebliche Ausspruch Luthers: Nos hic persuasi sumus - ad papatum decipiendum omnia licere (Wir sind davon überzeugt - um das Papsttum zu täuschen / zu hintergehen, ist alles erlaubt) ein sehr ungenaues Zitat aus einem Briefe von 1520 ist, dessen irrige Übersetzung Janssen (ein zweites Wort an meine Kritiker, 73) längst zurückgenommen hat. – Majunke hat keine Schrift mit einem Hinweis auf die Angriffe des „Evangelischen Bundes“ eingeleitet. Man kann nur bedauern, dass er demselben eine Waffe in die Hand gedrückt hat. – Ich bin weit entfernt, die Darstellung, welche Luthers Freunde von seinem Tode gegeben haben, gläubig als bare Münze anzunehmen; aber der Versuch, aufgrund eines sehr späten, gänzlich unbeglaubigten Zeugnisses – das muss ich wenigstens nach Majunke's eigener Darstellung annehmen – die Wahrscheinlichkeit eines Selbstmordes zu konstruieren, wird auch auf katholischer Seite wenig Anhänger finden.“

Was zunächst den aus der Volks-Ausgabe meiner „Geschichte des Kulturkampfes“ zitierten Passus (Textstelle) betrifft, so sollte damit gesagt sein, dass ich es für eine Tatsache halte, was „Gottlieb“ über Luthers Selbstmord sagt.

„Gottlieb's“ Darstellung ist eben in diesem Punkte nicht klar. Einmal sagt er, er habe „eine Gewähr“ für die Richtigkeit der Nachricht, dass Luther durch Selbstmord geendet, dann gibt er wieder breiten Zweifeln darüber Raum.

Hätte der Rezensent (Kritiker / Begutachter) der „Kölner Volkszeitung“ sich mit der einschlägigen Literatur vertraut gemacht und hätte er „Gottlieb's“ Ausführungen näher geprüft, so würde er dessen Unsicherheit bald begriffen haben.

„Gottlieb“ zitiert nämlich als einzigen Gewährsmann für seine Darstellung Floremund Raemund, von dem ich nachgewiesen habe, dass er die Quelle, nach welcher er berichtet, ganz entstellt wiedergegeben und damit schon einzelne katholische Historiker des vorigen Jahrhunderts in die Irre geführt hat.

Trotzdem behält „Gottlieb“ das große Verdienst, dass er die Frage über Luthers Ende in unserer Zeit wieder aufgeworfen hat. Ohne ihn würde auch ich nicht dem Thema näher getreten sein.

Ich werde über dieses Thema ausführlich handeln, wenn ich unten zu meinen protestantischen Gegnern kommen werde; deren Einwürfe werden sehr detaillierte Erörterungen nötig machen. Protestieren muss ich aber dagegen, wenn der Zensor (amtlich beurteilender Prüfer) mich in Gegensatz zu Johannes Janssen stellt. So wenig ich den katholischen Kirchenhistorikern Johann Adam Möhler oder Johannes Baptist Alzog einen Vorwurf mache, dass sie sich nicht näher über Luthers Tod ausgesprochen haben, so wenig oder noch weniger kann ich es bei Janssen tun.

Was dann die weitere Behauptung des Rezensenten der „Kölner Volkszeitung“ betrifft, dass der von mir angetretene „Wahrscheinlichkeits-Beweis vollständig gescheitert“ sei, so muss ich zunächst bestreiten, dass ich einen „Wahrscheinlichkeits-Beweis“ liefern wollte. Dieser bezog sich höchstens auf die Prüfung der inneren Gründe, welche den auf unanfechtbaren Quellen beruhenden äußeren Wahrheits-Beweis zu unterstützen hatten.

Unser hochverehrter und hochverdienter Herr Prälat (Würdenträger bzw. höherer Amtsträger der römischen Kirche mit Jurisdiktion: Aufsicht und Rechtsprechung) Janssen hatte und hat eine Aufgabe zu lösen, welche es gar nicht erforderlich machte, dass er sich eingehender mit dem Drama über Luthers Tod befasste. Er hat die Geschichte des deutschen Volkes zu schreiben und würde durch detaillierte Behandlung von Spezialfragen nur der Gesamtbehandlung seines Riesenwerkes Eintrag tun. Und in der Tat, wenn man die Quellen beachtet, welche als primäre (ursprüngliche) wie als sekundäre (zweitrangige) bei unserem Thema einzusehen sind, so wird man von den ersteren keine einzige, von den letzteren noch nicht drei finden, welche in den langen Quellen-Verzeichnissen bei Janssen angegeben sind.

Endlich wolle man erwägen, dass Janssen den hauptsächlich über Luther handelnden Band seines Geschichtswerkes zu einer Zeit veröffentlichte, als der moderne „Kulturkampf“ auf seiner Höhe stand – zu einer Zeit, in welcher auch ich nicht mit meiner Lutherschrift vor die Öffentlichkeit getreten wäre.

Im Übrigen ist die vermeintliche „Zurücknahme“ Janssen's Sache der subjektiven Auffassung. Viele werden finden, dass Janssen gar nichts „zurückgenommen“, im Gegenteil seine Behauptung durch neues Beweismaterial erwiesen hat.

Es ist ja doch auch mehr als hinreichend bekannt, dass in Luthers Briefen, soweit dieselben unverfälscht im Druck erschienen sind, noch zahlreiche ähnliche Stellen, als diejenige lautete, bezüglich deren Janssen retraktiert (darauf eine erwidernde schriftliche Abhandlung als Antwort gegeben) haben sollte, sich vorfinden. Schließlich muss konstatiert (festgestellt) werden werden, dass bis auf eine einzige Ausnahme die Auffassung des Kölner Blattes innerhalb der katholischen Presse des In- und Auslandes gänzlich isoliert dasteht1.
1 Zwei katholische Blätter des Ostens reproduzierten anfänglich den Artikel der „Kölner Volkszeitung“, verstanden sich aber bald darauf zum Widerruf. Auch die „Augsburger Postzeitung“ entlehnte der „Rezension“ einige Stellen, ließ aber gerade die Hauptsätze derselben weg, wie z.B. den, dass „der Wahrscheinlichkeits-Beweis vollständig gescheitert“ sei.

Diese einzige Ausnahme bildete die „Trierische Landeszeitung.“ Kaum war meine Schrift in Trier angelangt, als auch schon am nächstfolgenden Tage (Nummer 1 vom 2. Januar) nachstehendes Referat (Untersuchungs-Bericht) darüber in der „Trierischen Landeszeitung“ erschien:

Literarisches.
Paul Majunke, Luthers Lebensende.
Eine historische Untersuchung.
Mainz. Druck und Verlag von Florian Kupferberg. 1890. 80 Seiten.

In der vorliegenden Schrift glaubt der Verfasser als „Historiker“ „möglichst objektiv und unter absoluter Fernhaltung einer auf die Volksmassen berechneten Tendenz“ „historische Kritik geübt“ zu haben. Doch in Wirklichkeit ist ihm dies durchaus nicht gelungen. Den Beweis, dass und inwiefern die beiden ältesten Berichte über Luthers Tod unglaubwürdig seien, hat der Verfasser nicht geliefert; bei Besprechung beider passiert ihm noch das doppelte Missgeschick, dass er irrigerweise den jüngeren und weiteren Bericht als den älteren auffasst, und dass er eine wichtige Stelle des älteren Berichtes (Seite 60) ganz missverstehend, dieselbe in freilich unabsichtlicher, aber

durchaus gefälschter Form mit Anführungszeichen (!) wiedergibt (Seite 5).

Der Beweis, dass Luther durch Selbstmord geendet habe, ist ihm ganz und gar misslungen und musste misslingen, da die desfallsigen (bezüglich dieses Falles) Nachrichten alle Kriterien der späteren Erdichtung und der Unglaubwürdigkeit an den Tag legen; dabei begeht denn noch der Verfasser die arge Übereilung, dass er den „Bettstollen“ (Pfosten des Bettgestells), welchen die lebhafte Phantasie des Verfassers der „Hamburger Briefe“ in den überlieferten Bericht über den angeblichen Selbstmord Luthers hineingezaubert hat, und an welchem Luther nun angeblich sich erhängt haben soll, allen Ernstes als „Wahrheit“ übernimmt und damit gegen einen Hamburger Prediger argumentiert (Seite 80)1.

1 Die Zahl der Seiten ist hier wie den meisten Besprechungen nach der ersten Auflage meiner Schrift angegeben.

Es kann gar nicht fehlen, dass die Eiferer des „Evangelischen Bundes“ sich mit innerem Behagen und zur Schau getragener Entrüstung über die Schrift hermachen werden und die freilich argen Schnitzer (Pannen) ihres Verfassers als Agitationsmittel (propagandistisch betriebene Meinungsmache) gegen die katholische Kirche zu verwerten versuchen werden. Und so ist es auf Seiten der katholischen Presse Deutschlands ganz angemessen, jede Solidarität mit den in der Schrift vertretenen Behauptungen über Luthers Ende entschieden abzulehnen. Es ist in der Tat bedauerlich, dass der Verfasser, dessen Fähigkeit und Leistungen auf einem anderen Gebiete ja unbestreitbar und unbestritten sind, sich mit der vorliegenden Schrift auf ein Gebiet begeben hat, für welches ihm augenscheinlich Veranlagung und Vorbildung abgehen.

Da im Vorstehenden gar von „Fälschung“ die Rede war, so glaubte ich mit Rücksicht auf meine ehemaligen Reichstags-Wähler in Trier ein kurzes Wort der Abwehr an deren Organ einsenden zu sollen.

Ich schrieb:
„Eine kürzlich in Ihrem Blatte erschienene Besprechung meiner Schrift über „Luthers Lebensende“ nötigt mich zu nachstehender Erwiderung:

Der Herr Rezensent (schriftlicher Kritiker) meint zuvörderst (allen voran), dass mir bei der Erörterung der „beiden ältesten“ Berichte über Luthers Tod das doppelte „Missgeschick“ passiert sei, dass ich „irriger Weise den jüngeren und weiteren Bericht als den älteren aufgefasst und eine wichtige Stelle des älteren Berichtes (Seite 60) ganz missverstehend, dieselbe in freilich unabsichtlicher, aber durchaus gefälschter Form mit Anführungszeichen wiedergebe (Seite 5).

Ich bedaure, konstatieren zu müssen, dass hier dem Herrn Rezensenten ein dreifaches Missgeschick begegnet ist. Zunächst ist ihm unbekannt, dass der älteste Bericht über Luthers Tod in einem Briefe bestand, welchen Justus Jonas sogleich, nachdem die Wiederbelebungsversuche an Luthers Leichnam erfolglos blieben, an den Kurfürsten von Sachsen durch expressen Kurier (Express-Post-Bote) absandte.

Dieser Brief ist später im Druck erschienen, da er aber im Wesentlichen mit der „Historia“ übereinstimmte, deren Inhalt vielfach bezweifelt wurde, so entstanden auch darüber Zweifel, ob der Brief im Original so gelautet habe, wie im Druck. Aus diesem Grunde habe ich von dem Schriftstück überhaupt keinen Notiz genommen.

Einen ferneren (weiteren) Irrtum begeht der Rezensent, wenn er mich die beiden nächstälteren Berichte – strenggenommen sind diese wiederum nicht, wie er meint, die Leichenrede des Coelius und die „Historia“, sondern die Rede des Jonas und die „Historia“ – dem Alter nach miteinander verwechseln lässt. Durch Hinweis auf die Seitenzahl 60 gibt der Kritiker zweifellos zu verstehen, dass er die Rede des Coelius für älter hält, als die „Historia“. Ich genau ebenso. Ich sage Seite 10 ausdrücklich, dass Coelius „seine Unvorsichtigkeit bald bereut“ habe, denn in der „Historia“, die er „mit dem schlaueren Jonas und dem gewandteren Aurifaber unterzeichnet“, finde sich nicht die geringste Andeutung mehr von den Gerüchten, die er in seiner Rede erwähnt. Im Übrigen hatte man auch die „Historia“ noch vor der Coelius'schen Rede zu schreiben begonnen, im Druck erschien sie erst später, und es lässt sich nicht mehr kontrollieren, ob und was im Manuskript oder im gedruckten Satz daran geändert worden ist.

Ich habe davon über zwanzig der ältesten Drucke verglichen, aber nur die Typen zeigten einen verschiedenen Charakter, der Inhalt war überall derselbe. Als ihr Hauptverfasser galt Jonas, und Coelius brauchte am Tage, an welchem er die Rede hielt, noch gar keine Kenntnis von ihren Einzelheiten zu haben.

Wenn ich endlich bei den Zitaten aus der Coelius'schen Rede zum besseren Verständnis für den Leser mich dem modernen Sprachgebrauch nähere, dagegen zuletzt im Anhange das altdeutsche Original abdrucken lasse, so ist es wohl nicht gerechtfertigt, mir wegen der Zitate den Vorwurf der „Fälschung“ zu machen.

Ich setze ja jeden Leser in den Stand (biete die Möglichkeit), die „Fälschung“ zu kontrollieren.

Im Übrigen führe ich zum Beweise meiner Thesis (Forschungsarbeit, These: wissenschaftliche Behauptung) eine große Anzahl gefeierter katholischer Schriftsteller der damaligen Zeit an. Der Rezensent erwähnt auch nicht einen einzigen derselben, dagegen meint er, dass „die desfallsigen (diesbezüglichen) Nachrichten alle Kriterien der späteren Erdichtung und der Unglaubwürdigkeit an den Tag legen.“

Ich würde zu Dank verbunden sein, wenn mir wenigstens eins dieser „Kriterien“ bezeichnet würde. Damit würde die ganze Streitfrage auch allein auf die richtige Basis gestellt werden. Denn nicht darum handelt es sich, was ich für eine Ansicht von Luthers Lebensende habe, sondern darum, was und mit welchem Recht die großen Theologen und Historiker des 16. und 17. Jhdts. darüber geurteilt haben.

Hochkirch bei Glogau, 8. Januar 1890.

Dr. Majunke.“


 

Wie ein mit Sachkenntnis urteilender Leser bemerken wird, habe ich noch manches übergangen, was zu Einwendungen Veranlassung gegeben hätte.

Insbesondere hätte ich noch auf den drastisch wirkenden Gegensatz verweisen können, in welchen sich das -r- (recto folio = Titelblatt) der „Trier'schen Landeszeitung“ zu dem Referate (Vortrag, Bericht) der „Kölner Volkszeitung“ bezüglich des Verfassers der „Hamburger Briefe“ stellt.

Während die „Kölner Volkszeitung“ mit übel angebrachtem Eifer sich und anderen einzureden versuchte, dass „Gottlieb“ gar nicht die Selbst-Entleibung Luthers behaupte, hält sich der Gelehrte in Trier über „Gottlieb's“ „lebhafte Phantasie“ auf, mit der er jene Behauptung aufgestellt habe.

Keiner von beiden „Rezensenten“ hat „Gottlieb“ richtig verstanden, keiner von beiden hat eine Ahnung davon, dass „Gottlieb“ zu seiner Stellungnahme durch Floremund Raemund verleitet worden ist; aber trotz ihrer mangelhaften Kenntnis der in Betracht kommenden Literatur haben beide sich nicht gescheut, ein öffentliches Verdikt (Verurteilung, Verdammungsurteil) zu fällen – hoffentlich nicht zum sonderlichen Schaden der Sache, die sie bekämpfen, und nur zum zeitweiligen Nachteil der Leser, die sie auf eine falsche Fährte führen.

Trotzdem meine Erwiderung mild in der Form und inhaltlich rein sachlich gehalten war, wollte der „Rezensent“ der „Trier'schen Landeszeitung“ dennoch Recht behalten und sandte eine spaltenlange Duplik (Gegenerklärung auf eine Replik / Erwiderung) der „Landeszeitung“ zu.

Auch in dieser wurde keinerlei tatsächliche Berichtigung beigebracht. Ich sehe deshalb von einer Reproduktion (Wiedergabe) derselben ab.

Die Redaktion der „Trier'schen Landeszeitung“ schickte ihrerseits folgende Bemerkung hinterher:

„Mit Rücksicht auf die Person des Herrn Verfassers von „Luthers Lebensende“ haben wir uns veranlasst gesehen, dieser rein literarischen Frage in unserer Zeitung diese große Stelle einzuräumen. Wir schließen aber hiermit die Akten. Sollten Verfasser und Rezensent geneigt sein, sich weiter über die streitigen Fragen zu verbreiten, so werden historische Zeitschriften für die weitere Behandlung derselben wohl gerne ein Plätzchen einräumen.“

Hieraus ersieht man, dass die Redaktion nicht mit derselben Leidenschaft und Parteilichkeit die obschwebende (vorher erwähnte unentschiedene) Frage beurteilt, wie ihr Mitarbeiter.

Letzterem werde ich aber auch nicht in einer historischen Zeitschrift des Weiteren antworten. Ein eingehendere Diskussion mit ihm über unser Thema ist erst dann möglich, nachdem er seine Vorbildung bezüglich der einschlägigen Fragen von Grund aus erweitert hat.

Überhaupt ist weniger von Interesse, was er sagt, als vielmehr wie er's sagt.

Die Hast, mit der er gleich dem „Rezensenten“ der „Kölner Volkszeitung“ zu Felde zog, lässt vermuten, dass die Absicht bestand, mein Buch noch bevor es zum Leben kam, tot zu machen.

Wie schon erwähnt, ist dieser Plan gescheitert.

Er fand bei den anderen katholischen Blättern keine Billigung.

Diese schwiegen entweder in der Absicht, den Ausgang des Streites abzuwarten, oder brachten, wie die „Deutsche Reichszeitung“, das „Märkische Kirchenblatt“ des Luther-Kenners Geistlicher Rat Müller (Müller Eduard: katholischer Geistlicher und Politiker) und andere, objektiv gehaltene Inhalts-Angaben der Schrift oder ergingen sich (wie es insbesondere bei österreichischen1, bayrischen, französischen und englischen Organen (Fachblättern) der Fall war) in direkt zustimmenden Erklärungen.

1 Vorzugsweise beschäftigten sich mit der Frage die wissenschaftlichen katholischen Organe Österreichs. Gegenüber der Tendenz-Kritik des Kölner Blattes scheint es mir angemessen, hervorzuheben, dass Professor Dr. Mathias Hiptmair in der Linzer „Quartal-Schrift“ die Broschüre „äußerst objektiv geschrieben“ nannte.

Nur einigen fanatisch-protestantischen Blättern hatte insbesondere die „Rezension“ der „Kölner Volkszeitung“ große Freude gemacht. Diese protestantischen Organe hätten aber daraus lernen sollen, dass katholischerseits eine viel größere Freiheit und Variation der Diskussion besteht, als auf ihrer angeblich der „Freiheit“ dienenden Seite !

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Die Kritiker auf protestantischer Seite.

Die Zahl der protestantischen Zeitungen und Zeitschriften, welche sich mit „Luthers Lebensende“ befassten, belief sich schon vier Wochen nach Veröffentlichung der Schrift auf mehr als achtzig und täglich wächst noch die Flut dieser Literatur. Es ist mir daher kaum möglich, mich mit allen diesbezüglichen Referaten zu befassen; ich muss mich vielmehr darauf beschränken, nur die hervorragenderen Organe der protestantischen Presse hier vorzuführen.

Es mag von ihnen ein jedes ebenfalls in extenso (im Erweiterten ausführlich) zu Wort kommen.

Die erste Ruferin im Streit war die „Magdeburgische Zeitung“, welche sich unterm 10. Januar c. (calendario = im Kalender) also vernehmen ließ:


 

Römische Geschichtslügen.

Höchst merkwürdig ist die Art und Weise, wie die soeben ausgegebene Schrift des bekannten ehemaligen Redakteurs der „Germania“ und jetzigen Pfarrers von Hochkirch, Paul Majunke, „Luthers Lebensende“, von der Verlagshandlung Florian Kupferberg in Mainz, beim literarischen Publikum eingeführt wird. Selbst die ultramontane (streng päpstlich gesinnte) „Kölnische Volkszeitung“ hat sie als geschichtlich leichtfertig bezeichnet. Es heißt in dem Rundschreiben der Verlagshandlung vom 27. Dezember v. J. (vorigen Jahres): „Die Frage, ob Luther eines natürlichen Todes gestorben sei, ist aus Anlass des Luther-Jubiläums im Jahre 1883 von Neuem vielfach erörtert worden. Es entspann sich über dies Thema ein literarischer Streit zwischen dem Prediger D. Hermann Terlinden zu Duisburg und der dortigen katholischen „Volkszeitung“: eine Polemik, die zu keinem sicherem Ergebnis führen konnte, weil man auf beiden streitenden Teilen die einschlägigen Quellen nicht aufzufinden vermochte. Majunke fördert nun diese Quellen zu Tage. Aus denselben ergibt sich in überraschender und unwiderleglicher (?!) Weise, dass Luther in der Tat ein überaus trauriges Ende genommen hat.“ – Majunke wärmt lediglich die niederträchtige Hypothese des den

Protestantismus mit allen Mitteln der Bosheit bekämpfenden Thomas Bozius auf, die 1593 das Licht der Welt erblickte, wonach Luther sich nach einer überreichliche Mahlzeit am Vorabend in der Nacht des 18. Februar 1546 selbst erhängt haben soll !!! Keinen anderen Zeugen für diese dem Protestantismus in frevelhaftester Weise ins Gesicht schlagende Hypothese kann Majunke Bozius ins Treffen führen, als die angebliche Aussage eines angeblichen, namenlosen* Dieners Luthers, „der sich noch in jugendlichem Alter befand, als sein Herr starb, und nach dessen Tode in die katholische Kirche zurücktrat“ !

* Rudtfeld, dessen Alter sicher nichts über seine Glaubwürdigkeit aussagt.

So etwas nennt sich „historische Untersuchung“ und wendet sich mit Pathos (Leidenschaft / Nachdruck) an die „wissenschaftlichen Kreise“ ! Die von der Verlagshandlung Florian Kupferberg gewagte Behauptung, Majunke habe Quellen zu Tage gefördert, die bei der Duisburger Kontroverse unbekannt geblieben seien, steht mit der Tatsache im Widerspruch, dass Bozius eben so gut wie seine dunklen Helfershelfer in dem Verleumdungswerk wider Luther in der Terlinden'schen Schrift Berücksichtigung erfahren hat.

Nach dem Vorworte von Majunke ist die vorliegende Frucht seiner Studien speziell auch an die Adresse des Evangelischen Bundes gerichtet als Antwort auf die angeblichen „gehässigen Geschichtslügen“ gegen die Katholiken.

Es werden als solche lediglich die protestantischen Behauptungen von „schlechten Päpsten“, vom „römischen Übermut“, von „römischer Tücke“ angeführt.

Auf diesen Klotz will Majunke den römischen Keil setzen.

Und damit vergleiche man nun die friedfertigen Auslassungen (Äußerungen) des Fuldaer Hirtenbriefes !“

Ich bin mir bewusst, dass meine Schrift manche protestantische Kritiker in Aufregung versetzen kann. Ich will darum auch dem Verfasser des Vorstehenden sowie den meisten der im Nachfolgenden vorzuführenden Rezensenten manches zugutehalten, umso mehr, als bei allen die Tatsache in die Augen springt, dass sie durch einen Schwall von Schimpfreden die Schwäche ihrer wissenschaftlichen Position zu vertuschen suchen.

Hat wohl der Kriticus (Kritiker) der „Magdeburger Zeitung“ auch nur einen einzigen positiven Beweis gegen meine Darstellung erbringen können ?

Er hat meine Quellen wohl verdächtigt, aber er hat seine Verdächtigung nicht bewiesen.

Und wie ungeschickt verfährt er noch in der Verdächtigung !

Er behauptet, dass Bozius „den Protestantismus mit allen Mitteln der Bosheit bekämpfe“.

Demgegenüber behaupte ich, dass der Autor noch nicht eine halbe Zeile von Bozius gelesen hat.

Wenn auch die Tatsachen, welche Bozius als Historiker nicht verschweigen konnte, manchen unbequem sein mochten, so trat er doch zugleich als dogmatischer Polemiker in der Form so milde auf, dass wir an ihm heute noch die Ruhe und Objektivität bewundern müssen.

Aber nicht einmal die Terlinden'sche Schrift hat der Kritiker genau gelesen, geschweige denn den Bozius !

Er sagt, Bozius und seine Helfershelfer hätten in der Schrift des Pastor Terlinden „Berücksichtigung erfahren“.
 

Wie verhält sich die Sache ?

Pastor Hermann Terlinden hatte in Duisburg im Jahre 1885 einen Vortrag gehalten, worin er u.a. die Geschichtslüge für diskutierbar hielt, dass der Kapuzinermönch Quiroga, der

Beichtvater der spanischen Infantin und Gemahlin Ferdinand's III., einem von einem Verbrecher ihm gemachten Plane zugestimmt habe, wonach der Schwedenkönig Gustav Adolf für den Preis von 30 000 Dukaten ermordet werden sollte.


Hierauf erwiderte die katholische „Duisburger Volkszeitung“:

„Dass solches den Katholiken keineswegs gefällt, empfindet der Herr Pastor vielleicht einigermaßen, wenn wir in Folge dieser Provokation einer wohl mehr beglaubigten Erzählung Erwähnung tun, wonach Luther nicht eines natürlichen Todes gestorben sei, sonder sich selbst erhängt habe.“

Nachträglich hatte die „Duisburger Volkszeitung“1 – in ihrer Nr. 254 vom 6.

November 1885 – der in den vorstehend angeführten Worten enthaltenen Mitteilung die nachfolgende nähere Formulierung respektive (beziehungsweise) Begründung gegeben:

1 Der Auffassung der „Duisburger Volkszeitung“ traten auch noch andere katholische Blätter in Rheinland-Westfalen bei.


„Als Luther am folgenden Morgen – nachdem er nämlich am Abend vorher „heimlich guter Dinge“ gewesen war – gar zu lange schlief, schickte der Graf (Luther befand sich, als er starb, am Hofe des Grafen von Mansfeld) einen Diener, um zu sehen, warum der Mann Gottes so lange schliefe. Als der Diener in die Kammer kam, fand er den Luther an der Bettstatt hängen und erschrak so sehr, dass er vermeinte, in Ohnmacht zu fallen. Nach erholten Kräften lief er ganz todbleich hinab und sprach:

Ach, Ihre gräflichen Gnaden, was für ein Elend ist diese Nacht unserm Haus entstanden, dergleichen sich kein Mensch eingebildet hätte.

Der Graf erschrak hierüber und sprach:

Was ist denn das für ein Elend ?

Der Diener antwortete:

Ihre Gnaden kommen und sehen es selbst !

Also gingen diese beiden zum Zimmer und fanden zu ihrem größten Herzeleid den teuren Mann ganz schwarz und braun im Gesicht an der Bettstatt hängen.

Ach, wer will allhier (eben hier an diesem Ort) den gewaltigen Schrecken beschreiben, welcher dem Grafen urplötzlich zum Herzen schlug, der vor großem Jammer mehr tot als lebendig zu sein schiene. Er führte auch eine so lebendige Klage, welche kräftig genug zu sein schiene, den verstorbenen Luther wieder zum Leben zu erwecken. Nach langem Leidwesen bat er den Diener wegen der Ehre des lutherischen Glaubens und versprach ihm auch eine reiche Belohnung, dass er den Körper ablösen und zierlich ins Bett legen und bei den Leuten angeben sollte, dass der Mann selbige (in derselben) Nacht eines jähen Todes verschieden sei;

bedrohte ihn auch hoch und teuer, dass, wofern (insofern / falls) er den unglücklichen Tod offenbaren werde, er ihn hart strafen, ja aus dem Hause vertreiben wolle.

Der Diener kam allem Gemeldeten getreulich nach und schwieg auch von dem unseligen Tode des Luther, bis er zu den Leuten kam.

Alsdann erzählte er etlichen vertrauten Freunden, was für ein schreckliches Ende Luther genommen und wie er sich selbst an der Bettstelle erhängt hätte.

Auf diese Weise kam das verborgene Geheimnis an den Tag und verursachte ein großes Leid und Ärgernis unter allen, die es hörten.

Der Graf, nachdem der Leichnam gewaschen und sauber ins Bett gelegt war, ging ganz zerschlagen zu seinen Hausgenossen und verkündigte ihnen mit sehr betrübten Worten und Gebärden, dass ihr großer Prophet und neuer Evangelist selbige Nacht verschieden sei.“
 

Die „Duisburger Volkszeitung“ berief sich dabei auf einen „alten, halb vermoderten Codex (Sammlung von Handschriften), anscheinend aus dem 16. Jahrhundert, dessen Autor (Verfasser) sage, dass seine Beschreibung des Todes Luthers herstamme von Kardinal Stanislaus Hosius, Joannes Haren, Laurenz Surius, Heinrich Sedulius, Thomas Bozius und etlichen anderen.“1

1 Auf nähere Erkundigung wurde mir seitens der „Duisburger Volkszeitung“ mitgeteilt, dass der „Codex“ ein „gedrucktes Buch“ sei, bei dem das Titelblatt herausgerissen sei.


Wie man sieht, war das Duisburger katholische Blatt ganz auf richtiger Fährte;

aber die eigentlichen Quellen: Bozius, Sedulius usw. waren ihm ebenso wenig, wie dem Verfasser der „Hamburger Briefe“ zugänglich.

Da machte sich denn der Prediger Terlinden auf, um den Bozius und seine „dunklen Helfershelfer“ zu erhaschen.

Aber auch ihm gelang es nicht.

Er berichtet darüber in der eigens von ihm herausgegebenen Schrift:

„Luthers Tod“ (Duisburg 1886):

„Wir haben uns, um die von der „Duisburger Volkszeitung“ angeführten Quellen näher zu untersuchen, mit vier Universitäts-Professoren – Kirchenhistorikern von gutem Klang – drei evangelischen und einem katholischen –, sowie mit einem hauptsächlich die Reformationsgeschichte bearbeitenden Staatsarchivar (Betreuer einer staatlichen Dokumentensammlung) in Verbindung gesetzt. Diese fünf mit der Literatur des Reformations-Zeitalters hervorragend vertrauten Herren erklärten übereinstimmend, dass ihnen die von der „Duisburger Volkszeitung“ genannten Werke sämtlich (gänzlich) unbekannt seien !

Nicht zufrieden damit, recherchierten wir darauf in den Bibliotheken dreier berühmter deutscher Hochschulen; auch da war das Ergebnis: nicht vorhanden und unbekannt !“

Nun vergleiche man mit Vorstehendem, was der Kritiker der „Magdeburger Zeitung“ sagt !

Nach ihm hätte „Bozius ebenso gut wie seine dunklen Helfershelfer in der Terlinden'schen Schrift Berücksichtigung erfahren“ !

Nach der Ansicht des Autors scheint das keine Lüge zu sein, nach seiner Meinung gibt es ja nur – „Römische Geschichtslügen“ !

In dem von ihm redigierten (verfassten / bearbeiteten) „Rheinisch-Westfälischen Gustav-Adolf-Blatt“ vom 1. Februar c. brachte er über „Luthers Tod“ einen Artikel, an dessen Spitze zunächst Luthers Portrait prangte.

Wie stellte sich nun aber Herr Terlinden selbst zu meiner Schrift ?

Dann hieß es wörtlich:
„Mit dankbarer Freude blickt das deutsche evangelische Volk wieder und wieder zu dem Manne empor, dessen vertrauenerweckende, Jung und Alt liebgewordene Züge aus vorstehendem Bilde uns grüßen. Sollte man es für möglich halten, dass, nachdem erst die Bischöfe feierlich erklärt haben: „Deutschland bedarf sowohl wegen seiner konfessionell gemischten Bevölkerung, wie wegen der politischen Weltlage mehr als irgendein anderes Land des konfessionellen Friedens, weshalb jetzt am wenigsten die Zeit ist zu gehässigen Glaubensstreitigkeiten“, alsbald schon wieder ein „Simei“ (2. Sam. 16, 5.6) sich findet, welcher das Andenken des dem evangelischen Deutschland teueren Gottesmannes Dr. M. Luther mit den Steinen schmutziger Verdächtigung bewirft ?

Dieser Mann ist der frühere Herausgeber der Berliner „Germania“, jetzige Pfarrer von Hochkirch in Schlesien, Paul Majunke. In einer bei Kupferberg in Mainz herausgegebenen Schrift „Luthers Lebensende“ (1 Mark 20 Pfennig) wärmt dieser Mann unter dem Vorgeben, er beabsichtige nur eine „historische Untersuchung“ für „wissenschaftliche Kreise“ die alte, ebenso alberne wie frevelhafte Erfindung der Schriftsteller der Gegenreformation auf, Luther habe sich nach einer überreichlichen Mahlzeit am Vorabend in der Nacht des 18. Februar 1546 selbst erhängt.

Majunke muss zugeben, dass diese Verleumdung erst 1593 – volle 47 Jahre nach Luthers seligem Ende ! – und zwar zuerst bei dem Oratorianer Thomas Bozius (Gründer des Oratoriums – der betenden Priestergemeinschaft - ist der Heilige Philipp Neri) aufgetaucht ist, der gar keinen anderen Gewährsmann hat als einen jungen Burschen, der bei Luther gedient habe wollte, nach dessen Tode aber zur katholischen Kirche zurückkehrte !

Mit Behagen gibt Majunke die unflätigen Berichte der geschworenen Feinde des großen Reformators wieder, derselbe habe, ehe er sich mittels eines Handtuchs am Bettstollen erhängt habe, 5 bis 6 Quart (1 Quart ist ca. 1 Liter) starken Weines getrunken, auch habe die Leiche wegen ihres „pestilenzialischen Gestankes“ die Träger verscheucht, Hunderte von Raben aber angezogen !

Die Verlagshandlung nennt in ihrem buchhändlerischen Rundschreiben solches Gebaren (Verhalten) ein Herabsteigen zu den „Quellen“.

Unter anständigen Leuten wird kein Zweifel darüber bestehen, dass in diesem Falle der Ausdruck „Kloake“ sachgemäßer sein dürfte. Wir möchten nur wissen, da ein katholischer Priester bei seinen Veröffentlichungen vermutlich doch der Genehmigung seines Vorgesetzten bedarf, ob Fürstbischof Dr. Kopp zu einer so unerhörten Beleidigung des evangelischen Volkes seine Zustimmung gegeben hat.

Da die Verlagshandlung der Majunke'schen Schrift dieselbe ausdrücklich in Gegensatz gegen die vor einigen Jahren erschienene Broschüre des Herausgebers dieses Blattes gestellt hat, so werden die Leser es verzeihen, wenn wir ihnen die Verbreitung unseres Schriftchens (kurzen Schriftstücks) unter dem evangelischen Volke aufs Neue dringend ans Herz legen. Es ist in demselben alles berücksichtigt, was Majunke ins Feld führt. Man bestelle bei Johann Ewich in Duisburg:

H. Terlinden, „Luthers Tod“, ein Schutz- und Trutzwort (gegenseitiger Schutz und gemeinsame Abwehr von Angriffen / Trutz = Widerstand) wider seine Verlästerer., Preis 25 Pfennig.“

Vorab hat sich Herr Terlinden einer Entstellung meiner Beweisführung dadurch schuldig gemacht, dass er mich die Mitteilung des Bozius in der Weise darstellen lässt, als hätte damit der Welt etwas wesentlich Neues – 47 Jahre nach Luthers „seligem“ Ende – kundgetan werden sollen.

Demgegenüber glaube ich wohl deutlich genug angedeutet zu haben, welchen Inhalt die sofort nach Luthers Tode kursierenden Gerüchte hatten, und deutlich genug war wohl auch die Sprache der Kardinäle Hosius und Bellarmin von mir wiedergegeben worden.

Die beiden Kardinäle sagten bekanntlich (ebenso wie Claudius de Sainctes und andere), Luther sei „vom Teufel“ erwürgt worden.

Kennt denn nun der Prediger Terlinden nicht den Brief Luthers an Anton Lauterbach vom „Sankt Jakobstag 1542“ ?

Dort schrieb der „Reformator“:
Was Ihr mir, mein bester Anton, von des Teufels Gewalt über jene drei Männer, die sich selbst erhingen (erhängten), schreibet, las ich ich nicht ohne Schrecken durch.

Dieses sind wahrlich die Vorboten der herannahenden Strafgerichte Gottes über uns undankbare Verächter, da Satan mitten in unserer Gemeinde solche Gräuel verübet. Was für ein Ende wartet derer, die dem Evangelium nicht glauben ?

Dergleichen Beispiele sind dem Volke vorzulegen, damit sie lernen, Gott fürchten und Satans Macht nicht mit solcher Sorglosigkeit verachten.

Er ist der Fürst der Welt, der höhnend uns vorspiegelt, diese Männer hätten sich selbst erhänget, da doch er sie erwürgte, indem er sie in der Täuscherei ihrer heiß entflammten Phantasie glauben machte, sie hätten sich selbst erdrosselt.“

Wie sind nun gerade bei dieser lutherischen Interpretation jenes dreifachen Selbstmordes die Mitteilungen von Hosius usw. aufzufassen ?

Nicht anders als so:
Lutherus per diabolum extinctus est -- sed per medium manuum ipsius Lutheri.
Luther ist vom Teufel ausgelöscht worden – aber (auch) mittels der eigenen Hände von Luther selbst.

Den letzteren Zusatz haben Hosius, Bellarmin, Claudius de Sainctes usw. gewiss auch für zutreffend gehalten, aber sie glaubten auch ohne denselben eine hinreichende Erklärung von Luthers plötzlichen Tod zu geben.

Mit den konkreten Angaben des Augenzeugen trat erst Bozius, eingehender Sedulius hervor. Aber nicht in der Art, als hätten sie etwas wesentlich Neues enthüllt.

Auf ihre Mitteilungen war die Welt schon längst nicht allein durch die Darstellung des Hosius usw., sondern noch weit mehr und schon viel früher durch die Leichenrede des Coelius und die von ihr erwähnten Gerüchte vorbereitet.

Dass aber die Bestätigung der längst für wahr gehaltenen Gerüchte in diesem Falle noch immer viel Aufsehen machte, lag lediglich an dem – leider herostratischen (aus Ruhmsucht und Geltungssucht irrationale oder verbrecherische Taten begehenden) – Ruhme Luthers, der von sich selbst sagte:

„Notus sum in coelo, in terra et inferno.“ (Seckendorf, Historia Lutheranismi, librum III. pagina 651.)

„Ich bin im Himmel, auf der Erde und in der Hölle bekannt (berühmt-berüchtigt).“ (Ludwig von Seckendorf, Geschichte des Luthertums, Buch III. Seite 651.)

Wenn ferner Herr Terlinden meint, die hier in Betracht kommenden Quellen seien richtiger gesagt (vielmehr) „Kloaken“ zu nennen, so hat er übersehen, dass die „Kloake“ ausschließlich auf seinem Terrain gelegen ist.

Der Luther gehört ihm und seinen Freunden, nicht uns; bei uns war er einst.

Und wenn eine nähere Untersuchung mit Luthers Leben und Sterben in die Atmosphäre der Kloake führt, so mag Terlinden dies mit seinem „Heiligen“ selbst ausmachen. Wir können ihm die Versicherung geben, dass wenn wir uns mit dem Tode eines unserer Heiligen beschäftigen, uns ein sehr angenehmer Duft entgegenweht.

Weiß denn überdies der „Geschichtsforscher“ Terlinden nicht, dass wie der Arzt vor den Giftpflanzen, so auch der Historiker vor Quellen nicht zurückschrecken darf, die ihm persönlich zuwider sind ?

Und hat er denn ganz und gar vergessen, dass er in seiner Schrift über „Luthers Tod“ uns erzählt hat, wie er sich alle Mühe gegeben hat, in jene von ihm so übel beleumundeten (in Verruf gebrachten) Quellen einzudringen, dass er aber hierzu weder durch seine eigene Gelehrsamkeit noch durch die von vier Universitätsprofessoren, „Kirchenhistorikern von gutem Klang, drei evangelischen und einem katholischen“, sowie eines „hauptsächlich die Reformationsgeschichte bearbeitenden Staats-Archivars“ und der Bibliothekare „dreier berühmter deutscher Hochschulen“ – gelangen konnte.

Aber Herr Terlinden weiß sich Rat (weiß sich zu helfen) !

Geht’s mit der „Wissenschaft“ nicht, dann gibt es ja noch Gewaltmittel !

Wir möchten nur wissen,“ schreibt er in seinem welschen (fremdländischen / lateinisch romanisierten) Deutsch, „da ein katholischer Priester bei seinen Veröffentlichungen vermutlich doch der Genehmigung seines Vorgesetzten bedarf, ob Fürstbischof Dr. Kopp zu einer so unerhörten Beleidigung des evangelischen Volkes seine Zustimmung gegeben hat.“

Man beachte zunächst die Taschenspielerei (Taschenspieler-Kunststück / Taschenspieler-Trick), mit der eine historische, für ausschließlich wissenschaftliche Kreise berechnete Untersuchung über die Person eines abgefallenen Mönches zu einer Beleidigung des ganzen evangelischen Volkes in allen seinen verschiedenen Parteischattierungen (Lagern / Interessengruppen) gestempelt wird !

Hat denn Herr Terlinden gar keine Ahnung davon, was er aus seiner „Kirche“ macht, wenn er sie so völlig (gänzlich) mit den Lehren und dem Leben jenes abgefallenen Mönches identifiziert ?

Wie ist denn Gustav-Adolph, dessen Portrait an der Spitze jeder Nummer des Terlinden'schen Organs (Zeitung) steht, mit den katholischen Bischöfen umgegangen ?

Wie haben die Freunde des Herrn Terlinden während des letzten „Kulturkampfes“ gejubelt, wenn ein Bischof ins Gefängnis zog !

Wie haben die Herren seit den Tagen des Syllabus (päpstliche Auflistung kirchlich verurteilter religiöser, philosophischer und politischer Lehren) geschrien über „hierarchische Anmaßung“, über „Index“ (Index Librorum Prohibitorum, das Verzeichnis der verbotenen Bücher, auch „Römischer Index“ genannt , war ein Verzeichnis der römischen Inquisition seit 1559, das ca. 6000 Bücher auflistete, deren Lektüre als schwere Sünde galt, bei manchen dieser Bücher war als kirchliche Strafe die Exkommunikation vorgesehen, abgeschafft nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil) und „Inquisition“ – und nun soll der verhöhnte „Krummstab“ (Stab des Hirten / Bischofsstab) auf einmal der protestantischen „Wissenschaft“ zu Hilfe kommen, nachdem ihr der Atem ausgegangen ist !

Nein – ihr Herren, im Katholizismus herrscht eine andere Freiheit, als sie Luther und die „Reformatoren“ eingeführt haben !

Ohne zu befürchten, bei einem Bischof oder beim Papste anzustoßen, darf jeder katholische Priester in der ganzen Welt schreiben, was ihm beliebt, sobald (solange) er nicht gegen die Glaubens- und Sittenlehre der Kirche verstößt und nicht das Ansehen der von Gott eingesetzten Autoritäten verletzt.

Herr Terlinden mag sich nur den vielberufenen (oft genannten) Fulda'er Hirtenbrief, vor allem die letzte Enzyklika Leo's XIII. über die Pflichten des christlichen Bürgers sorgfältiger durchlesen ! –-

Das Ärgste aber leistet Herr Terlinden am Schlusse seines Artikels, wo er seine Schrift nach dem Vorgange der „Magdeburger Zeitung“ mit dem Bemerken (mit der Bemerkung) anpreist, dass er in derselben „alles berücksichtigt“ habe, was in dieser Sache vorzuführen (anzuführen) sei.

Also Herr Terlinden, der nach eigenem Geständnis trotz größter Anstrengung von seiner und fremder Seite die einschlägigen Quellen nicht hat auffinden können, behauptet kurzweg, dass er dieselben „berücksichtigt“ habe !

Bei einem solchen „Geschichtsstudium“ kann man sich allerdings nicht wundern, wenn Herr Terlinden die beiden ärgsten Verwüster (Zerstörer - im Sinne von Chaos schaffend) des deutschen Vaterlandes, Luther und Gustav-Adolph, als hochverdiente Heroen (Helden / Halbgötter) hinstellt !

Doch verlassen wir den armseligen Pastor und „Geschichtsforscher“ am Rheine, um uns einem klangvolleren Namen zuzuwenden. Sein Träger ist Adolf Stöcker.

Da innerhalb des Protestantismus jeder Pastor eine eigene Kirchenzeitung haben möchte, weil jeder etwas anderes glaubt, als der einen Kilometer von ihm entfernte Nachbar, so hat auch Herr Hofprediger Stöcker in Berlin vor vier Jahren das Bedürfnis gefühlt, sich ein besonderes Organ (Zeitungsmagazin) zu gründen.
Er nennt dasselbe „Deutsche evangelische Kirchenzeitung“. „Wochenschrift zur Pflege evangelischen Gemeindelebens und zur Förderung kirchlicher Selbstständigkeit“.

Als „verantwortlicher Redakteur“ des Blattes zeichnet ein Dr. Otto Pohl.
Abgesehen von der Person des Begründers dieser Zeitschrift konnte man gespannt darauf sein, wie ein Organ der „kirchlichen Selbstständigkeit“ über „Luthers Lebensende“ sich auslassen würde.

In der Tat ließ sich auch die „Deutsche evangelische Kirchenzeitung“ bald – in Nr. 5 vom 1. Februar – vernehmen.

Aber – oh Überraschung !
Statt einer „selbständigen“ Rezension brachte sie wortwörtlich den oben mitgeteilten Artikel der „Magdeburger Zeitung“ ohne jeden Zusatz und noch obendrein (überdies) ohne alle Quellen-Angabe !

Es kommt häufig vor, dass politische Tagesblätter wissenschaftlichen Zeitschriften Artikel über ein wissenschaftliches Thema entnehmen – selbstverständlich soll es immer unter Angabe der Quelle geschehen; – dass aber das umgekehrte Verhältnis stattfindet, gehört zu den größten Seltenheiten.

Ich weiß nicht, ob im vorliegenden konkreten Falle Herrn Stöcker oder Herrn Pohl persönliche Schuld beizumessen ist. Aus anderen Artikeln aber ersieht man allerdings, dass Herr Stöcker seinem Organ eine sehr große Aufmerksamkeit schenkt. Jedenfalls hat Herr Stöcker mir die Sache sehr leicht gemacht; ich bin mit ihm schon fertig.1

1 In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 18. März kam Herr Stöcker noch einmal auf die Sache zurück, ohne irgendetwas Sachliches vorzubringen.
Siehe unten das betreffende Kapitel.)

Wörtlich wie Stöcker respektive (beziehungsweise) Pohl hatte auch die „Göttinger Zeitung“ (vom 14. Januar c. calendario = im Kalender) ihr Referat (Bericht / Vortrag) aus der „Magdeburger Zeitung“ abgeschrieben, ebenfalls ohne Quellenangabe.

Eingehender mit der Sache befasste sich die „Jena'er Zeitung.“
Dieselbe brachte (am 16. Januar) einen Artikel folgenden Inhalts:

Über Luthers Lebensende“
Die Aufwärmung der aus jesuitischer Quelle geflossenen Lüge durch den Pfarrer Paul Majunke, Dr. Martin Luther habe kein natürliches Ende gehabt, hat in allen evangelischen Kreisen die tiefste Entrüstung erregt. Die große Lüge ist schon wiederholt als solche gekennzeichnet worden, trotzdem ist sie jetzt wiedererstanden und deshalb soll ihr auch wieder mit geschichtlichem Material entgegengetreten werden. Solches Material übermittelt uns heute in dankenswerter Weise ein Leser unserer Zeitung aus den auf Quellenstudien beruhenden „Müllers Annalen des Kur- und Fürstlichen Hauses Sachsen“. In diesen Annalen wird über Luthers letzte Lebenstage das Folgende mitgeteilt:

1546.

17. Januar hielte (hielt) D. Luther zu Wittenberg seine letzte Predigt, und reisete (reiste) darauf mit seinen dreyen (drei) Söhnen von dar (von hier weg), am 23. eiusdem (desselben Tages) uff' (auf) vorher von dem Grafen zu Mansfeld an denselben abgelassenes (erlassenes / eingereichtes) Ersuch-Schreiben (schriftliches Ansuchen / Antrag), nach Eisleben, um denen (deren) gütlichen (einvernehmlichen / einträchtigen / friedlichen) Traktaten (Vertrags-Abhandlungen), welche wegen der unter ihnen über der Gräntze (Grenze) und dem Bergwerke entstandenen Irrungen (Uneinigkeiten / Streitfälle) angestellt waren (ausgelöst wurden), mit beizuwohnen, wiewohl (obwohl) er es sonst nicht gewohnt war, sich in weltliche Händel (Vorgänge / Geschäfte) zu mischen (einzumischen), weiln (weil) es aber sein Vaterland mit betraff (betraf), so übernahm er solchen Auftrag um so viel desto (umso mehr viel) willicher (williger / entschlossener) über (auf) sich, ohnerachtet (ungeachtet) er sich über dieses (dabei) dazumahl (dazumal / zu dieser Zeit) nicht allerdings (wirklich / völlig) wohlauff (wohlauf / bei guter Gesundheit) befand, indem er mit (wegen) Flüssen (Wasserscheu) und Schwindel (Schwindelgefühlen) sehr beladen (belastet) gewesen war, sich auch deshalben (deshalb) in Fontinell (mittelalterlicher Kurort mit Brunnenhaus, oder: Ort mit röm. Heiligtum namens Porta Fontinalis - das „Quelltor“ im Süden des Marsfeldes) sitzen lassen (niedergelassen / nach Fontinell hat versetzen lassen).

24. eiusdem (desselben Tages). Kam er in Halla (Stadt Halle) an, kehrte bei D. Justo Jona (Dr. Justus Jonas) Superintendenten daselbst ein, und musste wegen der ergossenen (hoch wasserführenden / über die Ufer tretenden) Saale (Fluss bei Halle) 3. Tage stille liegen (sich 3 Tage zur Erholung und Ruhe niederlegen).

26. eiusdem (desselben Tages). Dienstags nach Pauli-Bekehrung (Bekehrung von Saulus zu Paulus) predigte er zu Halla (Halle) in der Frauen-Kirche, aus der Apostel-Geschichte von Pauli-Bekehrung.

28. eiusdem (desselben Tages). Satzte (setzte) D. Luther seine Reise fort, und fuhr mit seinen dreyen (drei) Söhnen, und mit gedachtem (dem erwähntem) D. Jona, nicht ohne augenscheinliche (offensichtliche / unverkennbare) Lebens-Gefahr, auf einem Kahn (Boot) über die Saale, bey (bei) dieser Überfahrt sagte Er zu D. Jonaßen:

Mein lieber D. Jonas, wäre das dem Teuffel (Teufel) nicht ein feiner Wohlgefalle (Wohlgefallen), wann (wenn) ihr und ich mit meinen dreyen (drei) Söhnen itzo (jetzt) in dem Wasser ersöffen (ertrinken würden).“

Auff der Eißlebischen Gräntze (an der Grenze von Eisleben) wurde derselbe mit 113 Pferden angenommen (von 113 Reitern in Empfang genommen), befand sich aber, ehe er noch in die Stadt kam, ziemlich schwach, dass man sich auch wegen seines Lebens befahrte (fürchtete / Sorgen machte), als er aber in seinem Logirzimmer (Logierzimmer) mit warmen Tüchern gerieben wurde, ward (ging) es Ihm besser, dass er uffen (am) Abend seine Mahlzeit zu sich nehmen konnte, von welcher Zeit an Er drey ganzer Wochen (während drei Wochen) denen (den)Traktaten alltäglich mit beygewohnet (beiwohnte), und nichts destoweniger (trotzdem) inzwischen vielmahl (mehrmals) geprediget (gepredigt hat), auch das heilige Abendmahl zweymal (zweimal) genossen und einen Priester ordinirt (ordinierte / geweiht hat).

17. Februar. Mittwochs nach Valentini (Valentinstag) entschläget (befreite) Er sich, uff (auf) des Grafen Veranlassung hin, weiln (weil) Er sich etwas schwach befunden (befand), die Handlung (von der Verhandlung), bleibt in seinem Studir-Stüblein (Studier-Stube) halb angekleidet, und thut (verrichtet) sein Gebet gantz ernstlich (ganz ernsthaft), stellet (gebar / stellte) sich auch immer hurtig (lebhaft beschwingt / fleißig und flink) und frisch (munter), saget (sagte) aber zu D. Jonaßen (Doktor Jonas), und M. Celio (Michael Cölius), Ich bin hier zu Eißleben (Eisleben) geboren und getaufft (getauft), werde auch wohl da sterben, des Abends speisete (speiste) Er mit in der großen Tafel-Stube (Speisesaal mit großem Tafeltisch), wobey (wobei) er viele herrliche Sprüche göttlicher Schrift erklärte, und endlich (am Ende) sagte:

Wenn ich zwischen denen (den) Grafen, den Herren meines Vaterlandes, Einigkeit gestiftet habe, will ich nach Hause, mich in den Sarg legen, und meinen Leib den Würmern zu verzehren geben, sich darbey frölich erzeiget (dabei zeigte er sich fröhlich) und mit unter gescherzet (scherzte mitunter). Nach geendigter Abend-mahlzeit wird Er wiederum sehr schwach, klaget (klagte) über Engbrüstigkeit (Kurzatmigkeit / Atembeschwerden durch Brustverengung), will aber keinen Medicum (Arzt) holen lassen, und begehrt nur, dass man Ihn mit warmen Tüchern sollte reiben, darauff (daraufhin) Er in (an) die zweieinhalb Stunden sanfft (sanft) geschlaffen (geschlafen hat).

18. Februar. Donnerstag früh Morgens um 1 Uhr sagt Er zu D. Jona (Doktor Jonas), wie übel wird mir, Ich fühle großes Hetzbeklemmen (Schmerzen durch Herzverengung), Ich werde wohl zu Eißleben sterben, läßet (lässt) sich wieder vom Bette in das Gemach bringen, und da (während) Er über die Thür-Schwelle (Türschwelle) schreitet, spricht Er:

Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist, du hast mich erlöset (erlöst), du treuer Gott. Worauff (worauf) zwey (zwei) Medici (Ärzte) in aller Eyl geholet (in aller Eile geholt wurden), auch Graff (Graf) Albrecht mit seiner Gemahlin gewecket werden (aufgeweckt wurden), welche eylends (eilig) kommen, und ihm Krafft-Wasser (heilkräftiges Tee-Gebräu) und andere Stärck-Artzeneyen (stärkende Arzneien) beybringen (ohne sein Wissen verabreichen / darbringen / herbeischaffen / darin unterweisen), Er fähret aber fort, und spricht wieder (er aber fährt damit fort, wieder zu sprechen:), Vater in deine Hände usw., sincket darauff abermahl (sank darauf abermals) in eine starke Ohnmacht, und da Ihm die Gräfin wiederum Krafft-Wasser einflößete (heilkräftiges Lebenskraft-Wasser einflößte), auch D. Jonas, und M. Celius ihm zurufften (laut zuriefen / ihn anspornten), und sprachen: Habt Ihr auch Euern HErrn JEsum (euren Herrn Jesus), den Sohn Gottes, euern Heyland (euren Heiland) und Seligmacher (seligmachenden) in euern Hertzen (in eurem Herzen), und wollet (wollt Ihr) auf sein Verdienst hin (zu seinem Ruhm) sterben ?

Antwortet Er mit lauter Stimme, Ja, Ja, worauff (worauf) seine Stirn und das gantze (ganze) Gesicht erkaltete, und ob (als) sie Ihn wohl sodann schüttelten, auch mit Nahmen, D. Martin, zurufften (mit seinem Namen Doktor Martin laut anredeten), antwortete Er weiter (des Weiteren) nichts, sondern gab mit zusammen-gefalteten Händen sanfft (friedlich / sanftmütig) und stille (lautlos still), und ohne die geringste Regung eines Fingers noch Beines, gegen Morgen zwischen zwey (2) und drey (3) Uhr, seinen Geist auff (auf). Nachdem er sein Alter gebracht auff (auf) 63 Jahre, 3 Monate und 10 Tage.

Der eine Medicus (Arzt), Doktor Ratzenberger, hat gemeynet (meinte), weil er der selige Mann, Doktor Luther, das nicht gar lang gehabte Fontinell (Kurort mit Brunnenhaus) zu warten (in Stand zu halten / zu reparieren) und offen (geöffnet / zugänglich) zu halten vergessen hat, und es zugefallen (zusammengefallen / verfallen ist), so sey (sei auf diese Weise) die schädliche Materie (Inhalt an Körpersäften z.B. Eiter / Stoffe / körperliche Widerstandskraft) auf ihn zurückgetreten, Ihme (ihm) in den Leib geschlagen (eingedrungen / zu Leibe gerückt), und dadurch der Tod beschleunigt worden ist.

Den todten (toten) Leichnam hat man in einen neuen Schwebischen (schwäbischen) langen Sterbe-Kittel (weites mantelartiges Totenhemd) gekleidet, und auf dem Stroh so lange liegen lassen, biß der Sarg gefertiget (fertig gestellt wurde), und Er darinn (darin hinein) gelegt worden ist.

Inzwischen haben Ihn viele 100 Leute und unter diesen Fürst Wolff zu Anhalt, Graf Hanß Heinrich zu (von) Schwarztburg, die sämmtlichen Graffen zu Manßfeld (sämtliche Grafen von Mansfeld), nahmentlich (namentlich aufgelistet):

Philipp, Johann Georg, Gebrüder, Hanß und Wolff, auch Gebrüder, Hoyer und Vollrad, ingleichen (desgleichen ebenfalls) Gebhardt mit seinen zweyen (zwei) Söhnen, Georgen und Christoffen, wie auch verschiedener (unterschiedlichen Ranges) von (vom) Adel, sowohl uff (auf) obberührtem (obgenanntem) Stroh, als auch nachgehends (danach) in dem Sarge liegen gesehen haben, und männiglich (jedermann) heiße Thränen (leidenschaftlich bittereTränen) über sein Absterben vergossen hat.

19. Februar. Nachmittag um 2 Uhr wurde die Leiche in Begleitung obenbenanndter (oben genannter) Fürsten, Grafen und Herren, wie auch vieler von Adel, und einer großen Menge Volcks (des Volkes), an Mannes- und Weibes-Personen (bestehend aus Männern und Frauen) in die Haupt-Pfarr-Kirche zu Sankt Andreas getragen, und von Doktor Jona eine Leichpredigt abgelegt (Leichen-Predigt gehalten). Nach u.s.w. (und so weiter)

Diese Annalen (geschichtlichen Aufzeichnungen) umfassen die Zeit von 1400 bis 1700 und sind herausgegeben von „Johann Sebastian Müllern, F. S. Geheimm- und Lese-Secretarium (Fürstentum Sachsen / Geheim- und Lehns-Sekretär / Verwaltungsbeamter für schriftliche Lehns-Angelegenheiten ), auch gemeinschafftlicher Archivarium (Staats-Archivar / Betreuer der Dokumenten-Sammlung) zu Weimar“, im Verlag von Johann Ludwig Gleditsch, Buchhändlers in Leipzig anno 1701.
Dieser Autor bekundet gleich in seiner Einleitung seine wissenschaftliche Qualifikation. Schon im ersten Satze gibt er sich die Blöße, zu behaupten, dass die „Lüge“ über Luthers Ende „aus jesuitischer Quelle“ geflossen sei.

Bekanntlich figuriert (angeführt / beziffert) ist unter den hier in Betracht kommenden Quellen-Schriftstellern nicht ein einziges Mitglied des Jesuiten-Ordens.

Was der Verfasser dann aus den „auf Quellenstudien beruhenden Müller'schen Annalen des Kur- und Fürstlichen Hauses Sachsen“ vorführt, ist eine in Form eines Tagebuchs zusammengebrachte, aus der „Historia“ (Historie), aus Luthers „Tischreden“ und aus eigener Phantasie des Schreibers entnommene Kompilation (Zusammenstellung / aus verschiedenen Werken zusammengeschrieben).

Die von Jonas in der „Historia“ niedergeschriebene Lüge, dass Luther noch ein paar Minuten vor seinem letzten Atemzuge auf die Frage, ob er das lutherische Evangelium anerkenne, mit „Ja“ geantwortet habe, wird hier durch ein doppeltes „Ja“ verstärkt.

Mit welchem Mangel an Kritik der Verfasser geschrieben hat, geht schon daraus hervor, dass er den einen der beiden Eislebener Ärzte, welche man zu Wiederbelebungs-Versuchen zu Luthers Leichnam geholt hat, den damals gar nicht in Eisleben anwesenden, zu Wittenberg wohnhaften kurfürstlichen Leibarzt Dr. Ratzenberger sein lässt.

Und solches unwissenschaftliches Zeug (unsinniges Machwerk) wagt sich in der protestantischen Musenstadt Jena ans Tageslicht !

Zwei Tage nach der „Jena'er Zeitung“, am 18. Januar, ließ sich die „Augsburger Abendzeitung“ vernehmen.

Dieselbe schrieb:
Die Lorbeeren Johannes Janssen's haben Herrn Majunke nicht schlafen lassen.
Der bekannte ehemalige Reichstags-Abgeordnete und Redakteur der „Germania“, der nun irgendwo Seelsorge treibt, ist auch unter die Historiker gegangen.
Er hat sich veranlasst gesehen, eine „historische Untersuchung“ über „Luthers Lebensende“ anzustellen und dieselbe zu veröffentlichen. Und was selbst Janssen nicht entdeckt hat, oder vielmehr was ihm denn doch aus zu verdächtigen und unsauberen Quellen zu stammen schien, um es zur „historischen Wahrheit“ zu rechnen, das verkündigt nun Majunke zuversichtlich und laut als solche.

Er hat nämlich gefunden und glaubt es „unwiderleglich“ (unwiderlegbar) bewiesen zu haben, dass Luther – keines natürlichen Todes gestorben sei, sondern, nachdem er am Abend reichlich gegessen und getrunken, in der Nacht sich am Bettstollen erhängt habe. Aber wie beweist der Mann das ?

Sehr einfach ! Es gibt bekanntlich einen Bericht über Luthers Tod, der alsbald nach demselben von dreien seiner Freunde, die an seinem Sterbebett gestanden hatten, verabfasst (verfasst) wurde.

Dieser Bericht hat nach Majunke keine Beweiskraft, denn er rührt ja von Freunden Luthers her. Dagegen hat ein katholischer Schriftsteller, nachdem schon vorher allerlei Gerüchte umgelaufen waren (zirkulierten), im Jahre 1593 zum erstenmal die obige Darstellung veröffentlicht, unter der Angabe, dieselbe von einem früheren Diener Luthers erfahren zu haben, der später zur katholischen Kirche zurückgetreten sei. Diese angebliche Aussage eines namenlosen Dieners Luthers, 47 Jahre nach dem Tode des Reformators von einem fanatischen katholischen Polemiker ans Licht gefördert, gilt nun im Gegensatz zu jenem authentischen Berichte der Augenzeugen für Majunke als zuverlässige und zweifellos sichere Geschichtsquelle.

Man muss es wirklich selber lesen, um es glaublich zu finden.

Die Sache ist eigentlich zu ernst, um darüber zu scherzen; aber ich kann mir nicht helfen, es kommt mir die bekannte Beweisführung aus der Einleitung zum Märchen von „Swinegel“ (Der Hase und der Igel – von Wilhelm Schröder, Grimm-Märchen) in den Sinn:

Disse Geschicht ist lögenhaft to vertellen, Jungens, aber wahr mutt se doch sien, anners kunn (sonst könnte) man se jo nich vertellen.“ Diese Geschichte ist lügenhaft zu erzählen, Jungens, aber wahr muss sie doch sein, (denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn er sie mir vorgesponnen hat, dabei zu sagen: Wahr muss sie doch sein, mein Junge), sonst könnte man sie ja nicht erzählen.“

Dieser Grundstock der Schrift ist nun noch mit allerlei Zierwerk umkleidet. So erfährt man z.B., ohne dass allerdings eine „historische“ Untersuchung über die Glaubwürdigkeit der Tatsache angestellt, aber auch ohne dass dieselbe angezweifelt würde, dass Luthers Leiche einen „pestilenzialischen Gestank“ verbreitet habe, durch den Hunderte von Raben angezogen worden seien. Ja, der Tod Luthers wird – und damit spricht Majunke nicht bloß die Auffassung eines früheren Berichterstatters, sondern ausdrücklich seine eigene Meinung aus – direkt auf den Teufel zurückgeführt, insofern dieser ihn zum Selbstmord gereizt habe; denn Luther sei damals ohnedem (ohnehin) in äußerst trüber Gemütsstimmung gewesen und „diesen Moment schien der Feind des Menschengeschlechts für geeignet gehalten zu haben, um ihn zur Verzweiflung zu bringen“. – Was soll man dazu sagen ?

Man kann es begreiflich, ja sogar entschuldbar finden, dass im 16. Jahrhundert in der Aufregung des Kampfes allerlei unsinnige und gehässige Gerüchte verbreitet und geglaubt wurden. Aber dass in unserer Zeit ein gebildeter Mann, ein Geistlicher, der sich zu den Führern seines Standes und seiner Partei zählt, in solchem Kot umherwühlen und damit das Andenken eines großen Mannes bespritzen kann, und dass er hoffen darf, damit Erfolg zu erzielen, das hätte man doch nicht für möglich halten sollen, das ist doch ein überaus trauriges Symptom. – Dass es irgendeiner Entschuldigung bedürfe, warum er gerade jetzt mit solch einer „Nachweisung“ (Nachweis) komme, das hat auch Herr Majunke gefühlt. Aber er war nicht verlegen, sie zu finden. Hier ist sie. In der Vorrede liest man:

Erst in der jüngsten Zeit sprachen die Anhänger des „Evangelischen Bundes“ wieder von den „schlechten Päpsten“, vom „römischen Übermut“, von „römischer Tücke“, – so mögen in specie (in bar) den Mitgliedern jenes „Bundes“ im Nachfolgenden aus der Geschichte ihrer „Kirche“ einige Blätter gewidmet werden.“

Da sehen wir, was wir uns noch erlauben dürfen. Wenn wir es wagen, von „schlechten Päpsten“ zu reden, deren Vorhandensein doch von den ernstesten und treuesten Gliedern der katholischen Kirche selbst oft schmerzlich beklagt wurde, wenn wir es wagen, auch nur über die Politik der römischen Kurie und ihrer Anhänger, nicht über die religiösen Gesinnungen unserer katholischen Mitbürger, ein tadelndes Urteil zu fällen, so wird man uns mit allem Schmutz bewerfen, den man aus der Vergangenheit hervorsuchen kann.

Damit soll die Erwartung des Fuldaer Hirtenbriefes (Bischofskonferenz in Fulda) erfüllt werden, wohl dass es den Bischöfen gegönnt sein werde, bei ihren Diözesanen „Zeugen jener christlichen Nächstenliebe zu sein, die sich nie eine Linie breit von dem heiligen Gesetze entfernt, das uns der Gottmensch durch Wort und Beispiel gepredigt hat, Böses mit Gutem zu vergelten“. Nun, uns kann's recht sein. Wer solche Polemik betreibt, schadet nur sich selbst. Aber man muss doch die Produkte derselben etwas niedriger hängen, damit man von der Sanftmut der vom Evangelischen Bund so schnöde (verachtenswert / gemein) angefallenen Lämmer die rechte Vorstellung bekommt. Und davon soll uns auch die heuchlerische Versicherung der Vorrede nicht abhalten, dass die Schrift nicht fürs Volk, sondern nur für wissenschaftliche Kreise berechnet sei.
Saubere „wissenschaftliche Kreise“, für die ein solches Opus (Werk) berechnet ist !“

Wie man sieht, steckt in allen diesen, zum Teil komisch wirkenden Entrüstungs-Phrasen auch nicht eine Spur von dokumentarischem Gegenbeweis gegen meine Behauptungen. Es wird darum genügen, wenn ich diese Leistung ebenfalls „niedriger hänge“.

Zu noch größerem Humor regte das Verhalten des Berliner „Reichsboten“ an.
Die Verlagshandlung von Florian Kupferberg hatte dieser, wohl am meisten von der protestantischen Geistlichkeit gelesenen täglich erscheinenden theologisch-politischen Zeitung ein Inserat über die Schrift „Luthers Lebensende“ zugehen (zukommen) lassen, welches auch bald unter den übrigen Annoncen (Anzeigen) im Druck erschien. Aber schon einige Tage nachher, am 26. Januar, entschuldigte sich dieserhalb (deshalb) die Redaktion des Blattes im „Briefkasten“ mit nachstehenden Worten:

Professor Dr. G. Wir haben erst erfahren, dass jenes Inserat über das Buch Majunke's im „Reichsboten“ stand, als uns ein Leser darauf aufmerksam machte.
Wir (die Redaktion) sind so mit Arbeit überhäuft, dass wir unmöglich die Inserate (Zeitungsanzeigen) kontrollieren können und die Herren der Expedition (Versand-Abteilung) sind Kaufleute, die jenes Inserat ganz unbefangen aufnahmen.
Wir haben, sobald wir davon erfuhren, die Sistierung (Rücknahme / Aufhebung) angeordnet. (Die Redaktion)“

Damit der schon (bereits) wegen einer bloßen Annonce geängstigte „wissenschaftliche“ Sinn des Professors noch mehr sich beruhige, brachte der „Reichsbote“ am 30. Januar nachstehende Zuschrift:

In Nr. 23 entschuldigt sich der „Reichsbote“, dass in dem Inseraten-Teil die Schrift Paul Majunke's: „Luthers Lebensende“ angezeigt wurde. Meiner Meinung nach kann die Verbreitung dieses Machwerks in evangelischen Kreisen nur angelegentlichst (nachdrücklich / gelegentlich) empfohlen werden.

Die Lüge ist zu plump, um gefährlich zu sein.

Als bereits ein Jahr vor Luthers Tode eine ähnliche Lüge („Welsche Lügenschrift“) über sein Lebensende verbreitet wurde, ergötzte sich der Reformator darüber und äußerte sich folgendermaßen:

Ich Martinus Lutherus D. bekenne und zeige mit dieser Schrift, dass ich solches zornige Gedichte vor meinem Tode empfangen habe und fast gern und fröhlich gelesen, ausgenommen die Gotteslästerung, da solche Lügen der hohen göttlichen Majestät wird zugeschrieben: Sonst tut mir's sanft auf der rechten Kniescheibe und an der linken Fersen, dass mir der Teufel und seine Schupen (Haut-Schuppen), Papst und Papisten (Papstanhänger), so herzlich feind sein, Gott bekehre sie vom Teufel. Ist's aber beschlossen, dass mein Gebet für die Sünde zum Tod vergeblich ist, wohlan so gebe Gott, dass sie ihre Maß voll machen und nicht anders denn solche Büchlin (Büchlein) zu ihrem Trost und Freuden schreiben.“

Dieselbe Taktik möchte noch heute zu empfehlen sein.

Ich habe mir aufgrund des Inserats die „historische Untersuchung“ von Paul Majunke kommen lassen und bin überzeugt, dass sie jedem Evangelischen die Augen öffnen kann darüber, wie man auf gegnerischer Seite „Historie“ macht.

Zum Ausgangspunkt dient die vorgebliche Aussage eines ehemaligen Dieners Luthers, die aber, wie Majunke selbst angibt, im Jahre 1589, d.h. also 43 Jahre nach Luthers Tode, noch nicht bekannt war. Erwähnt wird sie erst 1593 bei einem katholischen Schriftsteller. Die Berichte der Augenzeugen, wie sie unmittelbar bei Luthers Tode veröffentlicht wurden, sind natürlich nach Majunke lügenhafte Erdichtung. Jene Nachricht aus dem Jahre 1593 ist ihm das erste authentische Zeugnis von Luthers Lebensende. Er erhärtet dasselbe durch Gründe innerer Wahrscheinlichkeit und man kann ihm dabei allerdings nicht jene „vielleicht übertriebene Rücksichtnahme auf protestantische Zeitgenossen“, wie sie nach Majunke seit 100 Jahren von der katholischen Kirche geübt wird, vorwerfen.

Zur Ehre der katholischen Kirche sei erwähnt, dass nach Majunken's eigenem Zeugnis keiner der neueren katholischen Schriftsteller jene Lüge über Luthers Ende wieder hervorgezogen hat mit Ausnahme des Verfassers der Hamburger Briefe (Berlin 1883). Aber während letzterer sich wohlweislich (aus gutem Grund / bewusst) in Anonymität gehüllt hat, hat Herr Majunke den anerkennenswerten Mut, jene Geschichtslüge mit seiner vollen Autorität zu vertreten.

Wie wird erst unsere evangelische Kirche zittern müssen, wenn dieser „Historiker“ seine Drohung wahr macht und uns ein ganz naturgetreues Luther-Bild vor Augen führt ! Man könnte lachen, wenn nicht der Ekel vor der Gehässigkeit solcher Geschichtslügen überwöge.“

Wie schon oben bemerkt, betrachten wir diese Auslegung lediglich vom Standpunkte des Humors. Dieser scheint allerdings dem „Reichsboten“ und seinen Freunden ausgegangen zu sein, wenn sie es schon für eine Gefahr für ihre Sache halten, sobald die Schrift über „Luthers Lebensende“ nur unter den buchhändlerischen Annoncen steht !

Soweit im Vorstehenden sachliche Ausführungen enthalten sind, werden sie mit im Folgenden berücksichtigt werden.

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Die Gegenschrift des Professor Kolde.

Wir zählen gegenwärtig drei Haupt-„Luther-Forscher“:

Gustav Kawerau, Professor in Kiel, Theodor Kolde, Professor in Erlangen, und Julius Köstlin, Professor in Halle.

Während letzterer mehr für Volkskreise geschrieben hat, gaben sich die beiden ersteren mehr dem spezifischen Quellen-Studium hin und haben in dieser Beziehung schon mehrfache an und für sich recht dankenswerte Arbeiten geliefert.

So gab Kawerau u. A. (unter anderem, z.B. Luthers Lebensende in neuester ultramontaner Beleuchtung) den urkundlichen Briefwechsel des Justus Jonas heraus, in welchem sich zahlreiche Stellen befinden, die wie mit Schwefelsäure den Heiligenschein entfernen, den Köstlin um die Häupter Luthers und der übrigen „Reformatoren“ gemalt hat.

Kolde hatte sich schon in seiner Habilitations-Schrift *, (die er seinem „lieben Vater“, dem „Geistlichen und Theologen“, Herrn Karl Adolph Kolde, gewidmet hatte) mit Luther-Studien beschäftigt.

* Verfahren an der Universität zum Erwerb der Venia Legendi (Erlaubnis zu lesen = Berechtigung, an wissenschaftlichen Hochschulen zu lehren)

Jene Schrift führte den Titel:

„Luthers Stellung zu Konzil und Kirche bis zum Wormser Reichstag 1521.“

Außerdem schrieb er ein größeres Werk: „Analecta Lutherana“ (Briefe und Aktenstücke zur Geschichte Luthers, analecta: Brocken, im scherzhaften Doppelsinn Brockensammler, welche die entfallenen Brosamen oder die entfallenen Verse sammeln sollten), sodann:

„Friedrich der Weise und die Anfänge der Reformation“,

Loci communes rerum theologicarum Philipp Melanchtons“

(Allgemeine Grundbegriffe der Theologie / Gemeinsame Standpunkte in theologischen Angelegenheiten, von Melanchton:

Systematische Darstellung der reformatorischen Theologie bzw. der Dogmatik der evangelischen Kirche. Im Mittelpunkt der „Loci communes" steht die Frage nach dem freien Willen, den Melanchthon dem Menschen abspricht, während für Gott der freie Wille als Geschenk an den Menschen unantastbar ist.) usw.

Als ich erfuhr, dass Professor Kolde eine Gegenschrift zu meiner Publikation bearbeite, erfüllte mich ein Gefühl lebhafter Befriedigung.

Ich sagte mir: Wenn ein Mann wie Kolde, der unter seinen Fach- und Glaubensgenossen als hervorragender Luther-Forscher anerkannt wird – für unterrichtete katholische Leser hat ja Kolde schon durch Janssen und durch die quellenmäßige, ihrem demnächstigen (baldigen) Ende entgegengehende Luther-Biographie von Georg G. Evers sehr an Ansehen eingebüßt – sich mit meiner Sache befasst, so muss sie wenigstens für diejenigen spruchreif werden, welche bisher zögernd und zweifelnd in der aufgeworfenen Frage sich verhalten haben.

Und spruchreif ist die Angelegenheit nunmehr in der Tat geworden – wenigstens für diejenigen, welche sehen wollen.

Denn Kolde vermag 1) auch nicht einen einzigen Beweis gegen die Glaubwürdigkeit der von mir vorgeführten Quellen vorzubringen; 2)  verdeckt er die Schwäche seiner Deduktion (abgeleitetes Wort / Schlussfolgerung) durch Scheinmanöver, welche von dem quod erat demonstrandum (was zu beweisen war) ablenken, indem er sich dabei nicht schämt, zu trivialen, in der Tages-Journalistik niedriger Gattung gebräuchlichen Blendwerken zu greifen; 3) beweist er eine Ignoranz selbst in Dingen, die ihm nahe liegen, dass man sich die Frage vorlegen muss, wie ein solcher Mann es wagen konnte, mit seiner Arbeit überhaupt vor die Öffentlichkeit zu treten.1

1 Der Titel seiner Schrift lautet:
Luthers Selbstmord. Eine Geschichtslüge Paul Majunke's, beleuchtet von Dr. Theodor Kolde, ordinierender Professor der historischen Theologie in Erlangen.“
Erlangen und Leipzig 1890. Andreas Deichert. – Schon der Titel verrät zum Mindesten eine – Ungeschicklichkeit.

Ich gebe seine Argumentation hier Punkt für Punkt mit größtmöglicher Ausführlichkeit wieder.

Zunächst verschwendet er drei volle Seiten mit der Besprechung des bekannten lutherischen Grundsatzes: „ad Papatum decipiendum omnia licere“ (um das Papsttum zu täuschen / zu betrügen / zu hintergehen, ist alles erlaubt).

Er wirft hierbei mir oder vielmehr Janssen und dessen Vorgängern eine „Fälschung“ des Textes vor.

In einem Briefe an Johannes Lang in Erfurt vom 18. August 1520 schreibt Luther:

„Nos hic persuasi sumus, papatum esse veri et germani illius Antichristi sedem, in cuius deceptionem et nequitiam ob salutem animarum nobis omnia licere arbitramur.“
„Hier an dieser Stelle (unter diesen Umständen) sind wir davon überzeugt, dass das Papsttum der wahre und leibhaftige Thron jenes Antichristen ist, und wir glauben wahrlich daran (vertreten die Meinung), uns wegen (gegen) dessen Täuschung (Betrug) und Nichtsnutzigkeit (Gemeinheit) zum Heil der Seelen alles zu erlauben.“

Franz Wilhelm Kampfschulte (Die Universität Erfurt in ihrem Verhältnisse zu dem Humanismus und der Reformation, Trier, 1858), Janssen usw. übersetzten, als wenn dagestanden hätte: „ad papatum decipiendum omnia licere“ (zur Täuschung des Papsttums ist alles erlaubt) und Johannes Baptist Alzog (Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichte) stellte in dieser lateinischen Form einen der Grundsätze Luthers hin.1

1 Es ist Kolde natürlich unbekannt, dass in dieser Form die Stelle bei Alzog, bei Alzog-Kraus (Kirchengeschichte - neu bearbeitet von Franz Xaver Kraus) usw. wiedergegeben wird. – Von Georg Evers behauptet Kolde, derselbe habe „wenigstens den Mut gehabt, auf Vorhalten (Vorhaltung / auf den Verweis hin) sein Versehen (in der Übersetzung) anzuerkennen.“
Da ich diese „Anerkennung“ nirgends in Evers' Werk über Luther (Martin Luther - Lebens- und Charakterbild, von ihm selbst gezeichnet in seinen eigenen Schriften und Korrespondenzen) entdecken konnte, fragte ich bei ihm an, ob er sein „Versehen“ etwa anderswo oder privatim (nicht offiziell / vertraulich) anerkannt habe. Herr Evers antwortet darauf:
Ich habe Band 2 Seite 1 die Übersetzung, welche Janssen und vor ihm Kampfschulte gegeben, ohne weitere Bemerkungen fallen lassen. Im Übrigen gebraucht Luther das „in“ mit dem Akkusativ (4. Fall: Wen ? den, dich, mich usw.) zuweilen auch in der Bedeutung: „zu“. Auch gibt es ja Stellen genug, welche zeigen, dass Luther sowohl zur Hintergehung als auch zur Vernichtung seiner Gegner, speziell des Papsttums, alles für erlaubt hielt. – Aber express (eigens / nachdrücklich / absichtlich) „anerkannt“ habe ich jenes „Versehen“ nicht, weder öffentlich, noch privatim.“

Herr Kolde ereifert sich nun sehr darüber, dass es im Original nicht „ad“, sondern „in“ (ad / in cuius deceptionem – zur / wegen dessen Täuschung) heiße – wobei er gänzlich übersieht, dass es sich weniger um das „ad“ oder „in“, sondern hauptsächlich um das „omnia licere“ (alles zu erlauben) handle. Dass dieses „omnia licere“ aber im Original steht, kann Kolde nicht leugnen. Die christliche Moral wird ihn belehren, dass selbst dem erklärten Feinde gegenüber non omnia licent (nicht alle Dinge erlaubt sind).


Denselben unchristlichen Grundsatz spricht Luther noch viel deutlicher und zynischer aus in dem Briefe, den er unterm (am) 28. August 1530 an Melanchthon gerichtet hatte.

Im Jahre 1530 fand bekanntlich in Augsburg ein Reichstag statt, auf welchem Luther wegen der über ihn verhängten Reichsacht (Reichsächtung, Reichsbann) nicht erscheinen durfte.*

* Im Jahre 1520 drohte Papst Leo X. dem Luther mit dem Kirchenbann und deren Folgen.
Darauf reagierte Luther voller Wut, indem er öffentlich das päpstliche Gesetzbuch verbrannte - das war sein Bruch mit Rom. Wenige Wochen später wurde der Kirchenbann über Luther ausgesprochen und im April 1521 musste Luther zum Reichstag nach Worms, um sich vor dem Kaiser Karl V. zu verantworten und erhielt die Gelegenheit zu widerrufen. Doch er widerrief nicht und so wurde die Reichsacht über ihn ausgesprochen. Luthers Kurfürst Friedrich der Weise ließ Luther auf seiner Rückreise von Worms überfallen, um ihn auf der Wartburg in Sicherheit zu bringen.

Aber von dem nahen Coburg (Residenzstadt der Herzöge von Sachsen-Coburg) aus intrigierte er gegen eine Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten und schrieb dabei unter anderem folgende Worte an Melanchthon:
„Si vim evaserimus, pace obtenta, dolos, mendacia ac lapsus nostros facile emendabimus.“

„Wenn wir mit Gewalt entkommen sind, werden wir - durch den erhaltenen Frieden – die Täuschungsmittel / Arglist, die Lügen und unsere Fehler leicht wiedergutmachen.“


So steht die Stelle wörtlich in dem bei David Chyträus* (Historia Augustanae Confessionis, pagina 295, Geschichte des Augsburger Bekenntnisses - 1530, Seite 295) im Jahre 1578 erschienenen Abdrucke.

* eigentlich D. Kochhafe, griechisch: chytra, Kochtopf

In den in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts von Wilhelm Martin Leberecht de Wette herausgegebenen Briefen Luthers ist das Wort „mendacia“ (Lügen) bereits zur größeren Ehre des „Reformators“ (unter Hinweis auf die Vertuschungsversuche von Georg Veesenmeyer und Johann Karl Ludwig Gieseler) weggelassen.

Das Wort „dolos“ (Täuschungsmittel) kann aber auch de Wette nicht wegbringen.
Wer das Leben Luthers, von seinem Zeitgenossen Kaspar Ulenberg geschildert, nur zum dritten Teile (ein Drittel) gelesen hat – Professor Kolde kennt das als „Lutherforscher“ natürlich wieder nicht – der wird sich freilich über solche Briefe* nicht wundern können.

* Beispiel: Sendbrief an Papst Leo X. vom Jahr 1520

Um indessen Herrn Professor Kolde und Leuten seines Schlages nicht weiterhin Gelegenheit zur Silbenstecherei (Wortklauberei / Haarspalterei) zu geben, hatte ich schon in der zweiten Auflage meiner Schrift – die schon vor der Kolde'schen Sophisterei (Wortklauberei / Spitzfindigkeit / Haarspalterei) erschien – den Satz „ad papatum decipiendum omnia licere“ weggelassen und dafür die Worte geschrieben, dass Luther „von Intrigen durch und durch zusammengesetzt war.“ – Sollte dies Herrn Kolde besser gefallen, so steht ihm die Wahl frei.1

1 Evers nennt Luther einen „aalartigen, unverbesserlichen, in allen Lügen und Winkelzügen und in jeder Art von Heuchelei bewanderten Demagogen“. (Evers, Martin Luther, Mainz 1883 IV, Seite 353.)
Übrigens druckt Kolde selbst in seinen „Analecta Lutherana“ (Briefe und Aktenstücke zur Geschichte Luthers) /Seite 356) das Protokoll in Sachen der Doppelehe Philipps von Hessen ab, wo Luther den Rat gibt, Philipp solle „ein lugen thun umb der Christenheit und aller welt nutz willen“ (Philipp solle um der Christenheit willen und zum Nutzen aller Welt Lügerei betreiben / Betrug ausführen / Heuchelei ausüben). – Selbst dem unmoralischen Philipp war diese Art „Moral“ zuwider und Luther musste wohl oder übel durch das „Wort Gottes“ ihm das zweite Weib „zusprechen“.

Nachdem Kolde seinen Lesern auf diese Weise beigebracht hat, was für ein schlimmer Fälscher ich sei, geht er endlich zur Sache selbst über.

Leider aber dokumentiert er dabei gleich in den ersten Zeilen wieder ein großes, für einen Professor unverzeihliches Maß von Unwissenheit.

Er schreibt wörtlich:
„Es soll uns (durch meine Schrift) eine neue Quelle über Luthers Tod geboten werden, und zwar eine solche, die alles bisher Überlieferte als Unwahrheit und Trug, ja als bewusste Täuschung darstellen soll.“ Also Kolde hat keine Ahnung davon, dass die Quellen, welche er als die allein zuverlässigen über Luthers Tod hält, von katholischer Seite stets angefochten worden sind; er ist in seinem Parteieifer so blind geworden, dass ihm ganz entgangen ist, wie schon im 16. Jahrhundert katholischerseits positive Behauptungen dem Mythos des Jonas und Genossen entgegengestellt wurden !
Meine Schrift soll eine „neue Quelle“ sein, was ich selbst fast in jeder Zeile ablehne !


Da wird ja der Professor von der Gelehrsamkeit selbst vieler protestantischer Zeitungsschreiber übertroffen, welche – in ihrer Art – ganz richtig sagten, dass ich „lediglich alten Kohl wieder aufwärme“ !

Aber wenn auch schließlich die Unwissenheit des Professors bezüglich der katholischen Literatur nicht überraschen kann, so sollte man doch bei ihm als einem „Lutherforscher“ – und einem „berühmten“ noch dazu – wenigstens die Kenntnis der protestantischen Luther-Literatur voraussetzen.

Kolde hat wieder keinen Schimmer von Kenntnis davon, dass die protestantischen Luther-Biographen noch bis zum Jahr 1846 sich sehr lebhaft jener katholischen Literatur erinnerten. Da zeigt sich doch der Kollege Kolde's, Professor Kawerau, viel kenntnisreicher.

Er hat noch im Jahr 1883 in Magdeburg einen Vortrag gehalten, in welchem er von der Existenz jener bis ans Ende des vorigen Jahrhunderts hineinragenden katholischen Literatur sprach. (Vergleiche unten das betreffende Kapitel.)

Gar zu naiv klingt es doch, wenn Kolde (Seite 6) gesteht:

Ich erwartete von Majunke's Schrift eine gewaltige Rabulisterei (Haarspalterei) und die kleinen Fechterkünste (Fechtkünste), die ich in meiner Beurteilung Janssen's zur Genüge charakterisiert habe:1

1 Thelologische Literaturzeitung 1882, Number 22 und 23.

Aber nichts von alledem. Diese „historische Untersuchung“ enthält die bodenloseste Beweisführung, die man sich denken kann, und hätte der Verfasser nicht selber verraten, dass er die Absicht hat, damit die noch immer nicht mundtot gemachte evangelische Wahrheit zum Schweigen zu bringen, so wäre sie nicht zu begreifen.
Käme seine Schrift in der Tat nur in „wissenschaftliche Kreise“, für die sie bestimmt sein soll, so wäre es wirklich nicht nötig, sich mit ihr zu beschäftigen.
Sie würde sehr bald den Weg des meisten Papieres (Altpapier) gehen.
Indessen soll Herr Majunke doch nicht glauben, dass wir uns vor seinen Drohungen fürchten.“

Also weil ich durch den Titel meiner Schrift nicht in geschmackloser Weise wie er2 den Vorhang von der Bühne weggezogen habe, vielleicht auch weil ich nicht durch ein entsprechendes Titelbild den Inhalt des Dramas veranschaulicht habe, hat der Professor nicht gewusst, was er von dem Thema „Luthers Lebensende“ zu erwarten hatte !

2 Auch in protestantischen Kreisen muss man Kolde den gewählten Titel:
Luthers Selbstmord“ sehr verübeln, trotz des Zusatzes: „Eine Geschichtslüge“ usw.

So unbekannt ist ihm das von mir betretene Gebiet gewesen – obgleich es zu seinem Spezialstudium gehörte – dass er es gar nicht geahnt hat, wie jemand den Beweis für Luthers gewaltsames Ende überhaupt nur versuchen könne !
Aber auch hier bewahrheitet sich der alte Satz:

Je größer die Unwissenheit, desto größer die Dreistigkeit !

Nachdem Kolde durch Vorstehendes seine Qualifikation bewiesen hat, in der Frage nach den Quellen über Luthers Tod mitzureden, geht er dazu über, mir den Vorwurf zu machen, dass ich nicht alle Quellen angegeben habe, welche über das Ableben des „Reformators“ berichten.

Er sagt darüber:

Der erste Bericht, den wir über Luthers Tod besitzen, ist ein ziemlich ausführlicher Brief des Justus Jonas vom 18. Februar an den Kurfürsten, der kaum anderthalb (eineinhalb) Stunden nach dem Ableben Luthers „vier hore frue“ (um 4 Uhr früh) an den Kurfürsten abging.


Zugleich mit diesen Berichte gingen zwei Briefchen des Grafen Albrecht von Mansfeld und des Fürsten Wolfgang zu Anhalt an den Kurfürsten Johann Friedrich ab, in denen sie nur kurz von Luthers Abscheiden berichteten, im Übrigen aber auf den Bericht des Jonas verwiesen, da sie in ihrem Schmerz und der nötigen Eile wegen nicht mehr schreiben könnten.1

1 Das Schreiben des Grafen lautete: „Genedister her (gnädigster Herr) !
Mytt betrawbten hertzen (mit betrübtem Herzen) geb eur kurf. gn. jch underthenigk zu erkennen (gebe ich eurer kurfürstlichen Gnaden untertänig zu erkennen), dass der almechtigk doctor Leuter (dass der Allmächtige den Doktor Luther) von dissem jammer tal (von diesem Jammertal) hyndt jn disser nacht (heute in dieser Nacht) ungeferlich fast umb drey oren (ungefähr um fast drei Uhr) jn gott vorscheyden jst (in Gott verschieden ist). (In der Eile verschrieben für statt „abgerufen hat“.)
Der almechtigk sey unß allen genedigk (der Allmächtige sei uns allen gnädig) und kan jetzt jch nit meher schreyben (jetzt kann ich nicht mehr schreiben). am 18. Februarii jm 46 (am 18. Februar im Jahr 46). Albrecht grave zu Mansfelt (Graf Albrecht von Mansfeld).“ –

Der Brief des Fürsten Wolfgang lautet:
Genad und Frid (Gnade und Frieden) durch Kristum Jeßum (durch Jesus Christus) sampt erbitung meins willigen dinstes (samt / mit der Erfüllung meines willigen / gehorsamen Dienstes) zw vorn hochgeborner Furst genediger her (zwar vornan hochgeborener Fürst und gnädiger Herr), ich wyl e.g. (exempli gratia) dienstlicher meynung nicht bergen (will ich beispielsweise meine amtliche Meinung dazu nicht verbergen), doch mit betruptem gemut (doch mit betrübtem Gemüt),
das doctor Martinus iczunt zcwischen ij und iij frue seliklich (dass Doktor Martinus jetzt zwischen zwei und drei Uhr früh seliglich) yn beysein doctor Jonas und sonst eczlicher perschon gancz sanft yn got vorschiden (im Beisein von Doktor Jonas und sonstiger etlicher Personen ganz sanft in Gott verschieden ist), der her wol der selen wy ich dan nicht zcweiffel genedigt sein (der Herr wolle / möge der Seele - wie ich, sodann zweifle ich nicht - gnädig sein) und der barmherczige got wol uns armen Kristen und Kristenheit yn sein fetterliche gutte (und der barmherzige Gott wolle in seiner väterlichen Güte) durch Kristum Jeßum befoln sein lassen (durch Jesus Christus befohlen sein lassen).
Ich kan e.g. yn eyl iczt nicht weitter schreiben (ich zum Beispiel kann jetzt in der Eile nicht weiterschreiben) aber doctor Jonas wirtz e.g. weitter vormelden und anzceigen (aber Doktor Jonas zum Beispiel wird es weitermelden und ankündigen) hyr myt thun ich mich e.g. dinstlich befeln yn ganczer eyle (hiermit anbefehle ich mich beispielsweise dienstlich in ganzer Eile).
Datum dornstags umb 4 ore frue nach Falentin anno 46. W. f. z. A. (Datum: Donnerstag, um 4 Uhr früh, nach dem Valentinstag im Jahr 46. Wolfgang, Fürst zu Anhalt).
Und wy wol sich der doctor gester frue etwas gen myr der schwachheit halber geklaget (und wenn auch sich der Doktor gestern früh mir gegenüber wegen der Schwachheit beklagt hatte), so ist er doch nechten gancz gutter dinge gewest (so ist er doch nachts noch ganz guter Dinge / fröhlich gewesen) got helf ym und uns allen (Gott helfe ihm und uns allen). Amen.
Man hat vyl fleis bey ym gethan (man hat sich bei ihm viel Mühe gegeben) da ist aber kein menczlich hulf gewest (da war aber keine menschliche Hilfe mehr möglich) beßunderen der wille des hern ist bey ym ergangen (bei ihm ist der besondere Wille des Herrn ergangen) und ganz sanft mit gutten spruchen entschlaffen yn got (und ganz sanft ist er mit guten Sprüchen entschlafen in Gott) der hilf uns myt gnaden hyrnach amen etc. (der helfe uns mit Gnaden danach - Amen usw).“


Die chronologisch nächste Nachricht ist viertens ein ebenfalls unmittelbar nach dem Tode am 18. Februar von Johann Aurifaber (Jonas, Coelius und Aurifaber sind die drei Weggefährten Luthers) an Michael Gutt in Halle geschriebener Brief:

Eylents, Eylents zu eigen handen (in großer Eile, unverzüglich mit eigenen Händen verfasst). Ach wie ist mirs so hertzlich leidt (ach, wie tut mir das so herzlich leid), das ich Euch mit betrubten hertzen sol den groszen vnfhal zu erkennen geben (dass ich euch mit betrübtem Herzen den großen Unfall / das große Unglück / das Trauma bekannt geben soll). das leider gott geklagt, der Ehrwirdigk herr doctor Martinus Luther alhier zu Eisleben heutt zwischen 2 und 3 in gott Christlichen verschieden (dass Gott leider klagte, der ehrwürdige Herr Doktor Martinus Luther ist hier in Eisleben heute zwischen 2 und 3 Uhr im christlichen Gott verschieden), nachdem ehr gestern abents gesse, getrunke, sehr frohlich gewesen (nachdem er gestern abends gegessen, getrunken und sehr fröhlich gewesen ist), aber nach essens Jn die krankheit der Maasz angestoszen (aber nach dem Essen hat ihn die Krankheit dermaßen angeschlagen / mitgenommen), vnd als ihm heutt yhn der nacht vmb eins widder ankham (und als sie ihn heute in der Nacht um ein Uhr wieder heimsuchte), versuchten wir an ihm alle menchliche hulffe (versuchten wir an ihm allemögliche menschliche Hilfe anzuwenden), aber gott hatt Jn also gnediglichen von diesem Jamerthal nemen wollen (aber Gott hat ihn also darauf gnädig von diesem Jammertal nehmen wollen), darbey ist furst Wolff von anhaldt (dabei ist: Fürst Wolfgang von Anhalt), Graff Albrecht von mansfeldt (Graf Albrecht von Mansfeld), philips vnd hans Jorg (Philipp und Hans Jörg), graff vnd volrath (Graf und Volrath zu Mansfeld), graff heinrich von schwarzburgk (Graf Heinrich von Schwarzburg), graff albrechts gemahl (Graf Albrechts Gemahlin), des von schwarzburgks gemahl (die Gemahlin von Schwarzburg) Doktor Ludwig vnd Magister Simon Wilde (Doktor Ludwig und Magister Simon Wilde). der her doctor Jonas (der Herr Doktor Jonas). herr Michel Celius vnd viel von Adel gewesen (Herr Michael Coelius und viele vom Adel sind dagewesen) ist christlich vnd wohl verschieden (er ist christlich und wohlbehalten verschieden). des selen gerugen vnd vns allen gott der almechtig gnedig vnd barmhertzigk sein wol (über dessen Seele geklagt und uns allen Gott der Allmächtige gnädig und barmherzig sein wolle / möge). Ehr ist ein kindt der ewigen seligkeit (er ist ein Kind der ewigen Seligkeit), wie ich euch gegenwertigk sagen will (wie ich euch gegenwärtig sagen will). den 18. February anno 1546 (am 18. Februar, im Jahr 1546).

E. W. Johannes Aurifaber.


 

(Am Rande). Ach das Gott erbarm Jm hohen himel (ach, auf dass sich Gott im hohen Himmel erbarme), das ich so ein traurig Bottschaft euch anzeigen sol (dass ich euch eine so eine traurige Botschaft mitteilen soll / muss)“.


Der fünfte Brief, der von Luthers Tode noch an demselben Tage berichtet, ist von dem in dem vorigen Briefe als Augenzeugen genannten Grafen Hans Georg von Mansfeld an den Herzog Moritz von Sachsen geschrieben. Es heißt darin nach Mitteilungen über Luthers fruchtbare Tätigkeit bei den Ausgleichsverhandlungen zwischen ihm und seinen Brüdern: „Als ime aber dise negst vergangne nacht (als ihm aber diese nächst / zuletzt vergangene Nacht) plötzlichen durch schickung des Allmächtigen ein krangkheit zugefallen (plötzlich durch die Schickung / Vorsehung des Allmächtigen eine Krankheit zugefallen war), das es inen vmb die brust heftig getrugket (sodass es ihm um die Brust herum / im Brustbereich heftig gedrückt hat), ist er diselbige nacht vmb zwo vhr christlich, seliglich vnd wol verschieden (ist er in derselben Nacht um 2 Uhr christlich, selig und wohl / angenehm / wie es sein soll verschieden) vnd hat also sein leben beschlossen (und hat also damit sein Leben beschlossen).“

Hieran schließt sich ein sechster noch am Todestage Luthers geschriebener Brief des Eislebener Ratsherrn Johann Friedrich an seinen Onkel, den bekannten Johann Agricola, damals in Berlin. Derselbe war nicht beim Tode persönlich zugegen und erzählt nur, was er von der nächsten Umgebung Luthers gehört hat;

seine Mitteilungen sind aber insofern wertvoll, als er zuerst über die Meinung der Ärzte, was als Todesursache anzunehmen sei, berichtet.

Demnach wäre er an einem Schlagflusse (Schlaganfall), der sich aufs Herz geworfen hat, gestorben, was man damit in Verbindung brachte, dass die langjährige Schenkelwunde (die man künstlich offen zu erhalten suchte) geheilt war.

Und an Vorboten hatte es nicht gefehlt. Noch ehe er Eisleben betrat, war er kurz vor der Stadt von einer schweren Ohnmacht befallen worden.

Er schob es auf sein Alter ab, „jetzt bin ich wieder wohl,“ schrieb er an Melanchthon, „aber wie lange, weiß ich nicht, denn dem Greisenalter ist nicht zu trauen.“

Man wusste, dass man einen kranken und schwachen Mann in die Stadt brachte, weshalb der Kurfürst nicht mit Unrecht in dem Briefe an den Grafen Albrecht von Mansfeld, in welchem er die Überführung der Leiche nach Wittenberg erbittet, sagt, dass Luther „als ein alter abgearbeiteter Mann besser mit jener Reise nach Mansfeld verschont geblieben wäre.“

Am 20. Februar hielt dann Michael Coelius die erste Leichenrede über Luther.

Sie enthält auch die Sterbens-Geschichte Luthers und es wird als bei seinem Ende gegenwärtig darin neben den übrigen noch die Frau seines Wirtes Albrecht erwähnt. Dazu kommt dann endlich die auf Erfordern (auf Verlangen) des Kurfürsten von Justus Jonas und Michael Coelius zusammengestellte „Historia“ (Historie) oder „Bericht vom christlichen Abschied Luthers,“ welche Luthers letzte Lebenstage von seiner Abreise von Wittenberg bis zu seiner Beisetzung in schlichten, einfachen Worten erzählt. Daraus erfahren wir unter anderem, dass bei dem ersten Anfall Luthers am Abend mit seinem Herren, dem Grafen Albrecht, auch noch einer seiner Räte, Konrad von Wolframsdorf, bei dem kranken Luther war und ihm Arznei eingab, und dass, wie begreiflich, gegen Morgen, als die Todesnachricht bekannter wurde, eine Menge Leute seine Leiche besichtigte.“

Nunmehr fährt Kolde pathetisch – mit gesperrtem Druck – fort:

Sieht man auch von den sekundären (zweitrangigen / späteren) Quellen ab, so wird man sagen dürfen, dass wir über wenige Ereignisse so viele und von so vielen glaubwürdigen Personen bezeugte Berichte haben, als über die Einzelheiten von Luthers frommen Abscheiden (Hinscheiden / Tod).

Aber was macht Herr Majunke daraus ?

Die sämtlichen von mir aufgezählten Briefe, die uns über Luthers Tod berichten, werden unterschlagen.

Unter ausdrücklichem Hinweis auf Köstlin, der in seiner, Luther-Biographie jene erwähnten Berichte nicht nur verarbeitet, sondern deutlich zitiert, was dem gewissenhaften Historiker doch nicht entgangen sein kann, hat er die Stirn, zu behaupten, dass die zuletzt erwähnte „Historia“ sämtlichen protestantischen Luther-Biographen bis auf den heutigen Tag als einzige Geschichts-Quelle über Luthers Tod gedient hat. Und diese Quelle, die, wie Köstlin mit Recht bemerkt, bisher in ihrer Glaubwürdigkeit noch nicht in Zweifel gezogen ist, wenigstens nicht von solchen, die etwas von Quellen-Kritik und Geschichte verstehen, und jedem Historiker genügen würde, ist nach Majunke keine Geschichts-Quelle, sondern eine Fiktion.“

So wörtlich Herr Kolde.

Also nicht weniger als sechs primäre „Quellen“ soll ich „unterschlagen“ haben.

Sehen wir zu, wie es sich damit verhält.

Was zunächst den Brief des Justus Jonas vom 18. Februar „vier hore frue“ (vier Uhr früh) anlangt, so hatte ich denselben in späteren Auflagen meiner Schrift kurz erwähnt; nicht aber deshalb, weil er eine „neue Quelle“ wäre, sondern weil in ihm von mehreren Dienern Luthers, nicht nur von Ambrosius, den die „Historia“ erwähnt, die Rede war. (Vergleiche auch oben meine Antwort auf das Referat der „Trier'schen Landeszeitung.“)

Da in dem Briefe eben im Wesentlichen dasselbe steht, wie in der von seinem Absender verfassten weit ausführlicheren „Historia“ – deren Wortlaut ich ja mitgeteilt habe – so war das Schriftstück schon deshalb nicht der Reproduktion (Wiedergabe) hier wert. Bestanden zudem schon bezüglich der Angaben der „Historia“ Zweifel, so mussten bei dem in Rede stehenden Briefe noch Zweifel darüber entstehen, ob er wirklich so im Original gelautet hatte, wie er später im Druck veröffentlicht wurde.

Aber nehmen wir mit Ludwig von Seckendorf, Lothar Kreyssig und Gustav Kawerau an, dass das Schreiben wirklich so gelautet hat, wie es gedruckt war, wozu brauchte ich, nachdem ich auf 14 Druckseiten die „Historia“ wiedergegeben habe, noch einen eineinhalb-seitigen Auszug derselben mitzuteilen ?

Seckendorf teilt das Dokument mit, „unterschlägt“ aber den Wortlaut der „Historia“.

Müller im „Lutherus Defensus“ (Verteidigungsrede für Luther) druckt die „Historia“ zum großen Teile ab, „unterschlägt“ aber den Brief des Jonas. Die neueren Luther-Biographen haben das Aktenstück erst recht „unterschlagen“.

Aber Herrn Kolde muss ich fragen:

Warum unterschlägt er das genaue Datum dieses Briefes ?

Er gibt dasselbe vom 18. Februar „vier hore frue“ (vier Uhr früh) an. Weiß er denn nicht, dass in dem Original, wie es von Lothar Kreyssig und Gustav Kawerau mitgeteilt wird, statt „vier“ Uhr zuerst „fünf“ gestanden hatte und dass das Wort „fünf“ später ausgestrichen und und durch „vier“ ersetzt wurde1 ?

1 Kawerau, Geschichtsquellen der Provinz Sachsen, Briefwechsel des Justus Jonas, Halle 1884, Band II. Seite 180.


Zur Fabel des Jonas passte eben die „vier“ besser als die „fünf“.

Mit dieser „Quelle“ hätte also Professor Kolde nicht nur nichts ausgerichtet, sondern er hat sich damit noch selbst eine Grube gegraben.

Sehen wir uns nun nach den anderen „unterschlagenen“ Quellen um !

In den beiden „Briefchen“ des Grafen Albrecht von Mansfeld und des Fürsten Wolfgang zu Anhalt wird von den Absendern ausdrücklich gesagt, dass sie jetzt mehr nicht schreiben können usw. Der Fürst Wolfgang – nicht auch Graf Albrecht, wie Kolde wieder irrtümlich behauptet – beruft sich dabei auf die Mitteilungen des Jonas.

Es hat also zwischen ihm und Jonas eine Verabredung stattgefunden. Damit wird ein Beweis mehr für meine Behauptung geliefert, dass der Brief des Jonas respektive (beziehungsweise) die „Historia“ ein verabredetes Aktenstück war.

Was ist aber inhaltlich in den beiden „Briefchen“, wie sie Kolde selber nennt, enthalten, was nicht in der „Historia“ mitgeteilt wäre ?

Absolut nichts, weshalb sie wiederum sowohl von den älteren als auch neueren Lutherbiographien ignoriert wurden.

Dasselbe gilt von dem Briefe Aurifabers, einer der drei Mitarbeiter an der „Historia“.

(Kolde macht wiederum nur Jonas und Coelius zu Verfassern respektive Mitarbeitern der „Historia“.)

Auch aus dem einen von Kolde mitgeteilten Satze des fünften Briefes (des Grafen Hans Georg von Mansfeld) ist nichts von Bedeutung zu entnehmen und der sechste Brief rührt von keinem „Augenzeugen“ her.1

1 Die Behauptung Kolde's von der von mir begangenen „Unterschlagung“ erweiterte der Privatdozent Dr. Kneuker zu Heidelberg in einem öffentlichen Vortrage bereits dahingehend, ich hätte „die ältesten und wichtigsten Quellen unterschlagen“ !

Dass aber die „Augenzeugen“, nachdem Luther angeblich schon in den Tagen vorher zum Tode krank war, so überrascht waren, dass sie in solcher Eile schrieben, dass sie sich wiederholt verschrieben und einer auf den anderen sich beriefen, kann für die Unbefangenheit ihrer Aussagen kein Zeugnis ablegen. Da enthält die später zu Protokoll gegebene Erklärung eines der Diener Luthers doch eine viel bessere Explikation (Erklärung / Darlegung) der Verwirrung, welche der unvermutet hereingebrochene Tod des „Reformators“ unter den „Augenzeugen“ hervorgerufen hatte.2

2 Man beachte auch die Ungenauigkeit und den Widerspruch der Angaben über die Todesstunde Luthers. Graf Albrecht von Mansfeld schreibt, derselbe sei „ungeferlich fast umb drey oren“ (ungefähr um fast drei Uhr) gestorben; Graf Hans Georg dagegen sagt, es sei „umb zwo vhr“ (um 2 Uhr) geschehen. – Bei Sterbenden pflegen Augenzeugen sogar die Minute des Ablebens anzugeben.
Auch die Verfasser der „Historia“ hatten Luthers Todesstunde anzugeben „vergessen“, obschon (obwohl) sie sonst sehr genau selbst mit „Viertelstunden“ rechneten.


Die lutherischen Prediger und Adeligen hatten natürlich mehr als einen Grund, dem Volk über das Ableben Luthers Sand in die Augen zu streuen !

Johannes Dantiscus, der Bischof von Ermland (und des Bistums Kulm, Diplomat und Dichter, vom Kaiser in den Adelsstand gehoben), meldet uns in einem Berichte über eine Reise, die er 1523 durch die – von der Elbe weithin überschwemmte – Umgegend von Wittenberg machte, dass schon damals das Volk auf Luther und seine Neuerungen sehr aufgebracht gewesen war.

Ich hörte,“ sagt der Bischof, „auf dem Wege von den Landleuten viele Schmähworte und Verwünschungen gegen Luther und seine Mitschuldigen. Denn man glaubte allgemein, weil die meisten die ganze Fastenzeit hindurch Fleisch gegessen haben, darum suche jetzt Gott die ganze Provinz dafür heim1.“

1 Franz Hipler, Nikolaus Kopernikus und Martin Luther,
Verlag Braunsberg 1868. Seite 54.
Die Überschwemmung durch die Elbe hatte insbesondere den Saaten großen Schaden zugefügt.

Gerade der Fürst Wolfgang von Anhalt und die Grafen von Mansfeld, deren „Briefchen“ von Kolde als Haupt-Geschichtsquellen laudiert (gelobt) werden, hatten einen dermaßen frechen Diebstahl an Kirchengütern getrieben, dass der Erzbischof von Mainz, der sonst so vieles durchgehen ließ, Beschwerde darüber bis beim Papste führen musste2.

2 Georg G. Evers I c. V, 625. (Band I, Kapitel 5, Seite 625, Martin Luther - Lebens- und Charakterbild von ihm selbst gezeichnet in seinen eigenen Schriften und Korrespondenzen, Verlag von Franz Kirchheim, 1887)

Sie mussten lügen über Luthers Tod, wenn anders sie noch drei Tage im Besitze ihres schimpflichen Raubes bleiben wollten !

Aber selbst wenn die Aussagen solcher Personen wie der meineidigen Priester Jonas usw. (und dergleichen) glaubwürdig wären, hätte Kolde ein Recht, von „Unterschlagungen“ zu reden, wo selbst die sonst in alle Details eingehenden protestantischen Luther-Biographen diese „Quellen“ für zu unbedeutend halten, um sie auch nur zu erwähnen, während für sie alle – wie ich behauptet hatte – die „Historia“ die „einzige Geschichtsquelle“ bleibt ?

Seckendorf z.B. in seiner großen „Historia Lutheranismi“(Geschichte des Lutheranismus - Reformations-Geschichte) hatte dem Kapitel über Luthers Tod 19 (neunzehn) Folioseiten (das ganze Blatt Papier wird anstelle der Seiten mit der Vorder- und Rückseite gezählt, also 19 x 2 = 38 Seiten, Papiergröße in Din A 3) gewidmet. Davon hatte er von den oben als „unterschlagen“ bezeichneten sechs „Quellen“ trotz seiner Parteinahme für den „Reformator“ vier „unterschlagen“.

Von den beiden von ihm mitgeteilten Dokumenten hat er obendrein nur das eine, den Brief des Jonas, in extenso (sehr ausführlich) reproduziert (wiedergegeben), von dem anderen (dem Briefe des Fürsten von Anhalt) ganze drei Zeilen drucken lassen !

Er trägt sonst wohl eine Anzahl sekündärer (zweitrangiger) „Quellen“ zusammen, fußt aber natürlich immer allein auf der „Historia“, von der er indessen, wie schon bemerkt, den Wortlaut nicht wiedergibt.

Ist aber das keine „Unterschlagung“, wenn Kolde seinen Lesern verschweigt, dass ich nicht nur die „Historia“, sondern auch die Leichenrede des Coelius, beide in ihrem vollen Umfange, die „Historia“ auf vierzehn, die Rede des Coelius auf zwanzig Seiten mitgeteilt habe ? ---

Schließlich dokumentiert Kolde auch bei diesem Kapitel wieder eine grobe Unwissenheit und ein arges Versehen.

Er sagt: „Am 20. Februar hielt Coelius die erste Leichenrede über Luther.“ – Der Erlanger „Luther-Forscher“ weiß also nicht einmal, dass die erste Leichenrede über Luther bereits am 19. Februar von Jonas gehalten worden war.

Sodann sagt Kolde, Köstlin habe in seiner Luther-Biographie jene von mir „unterlassenen“ Berichte „nicht nur verarbeitet, sondern deutlich zitiert“. – Infolgedessen habe ich noch einmal ganz genau Köstlin's Bericht über Luthers Ableben kontrolliert. Ich finde, dass er lediglich nach der „Historia“ gearbeitet hat und dass er die Briefe, welche er nach Kolde „deutlich zitiert“ haben soll, nicht im Einzelnen zitiert, sie überhaupt gar nicht besonders erwähnt – weder in der ersten, noch in der späteren Auflage ! Ich kann nicht wissen, was hier Herrn Kolde vor den Augen geflimmert haben mag.

Die Terlinden'sche Schrift , in welcher, wie oben dargetan, auch nicht eine Spur von Wissenschaftlichkeit sich findet, nennt Kolde eine „treffliche“ Schrift !

Im Übrigen scheint ihm in der Kawerau'schen Briefsammlung eine sehr wichtige Stelle entgangen zu sein, über welche Aufklärung dringend notwendig ist.

Nämlich am Begräbnistage Luthers, am 22. Februar 1546, berichtet Luthers Tischgenosse Hieronymus Besold zu Wittenberg (ehemaliger Mitbewohner Luthers an der Universität Wittenberg) an seinen Freund Veit Dietrich zu Nürnberg (Vertrauter Luthers) unter anderem Folgendes:

„Nuncius a principe electore missus est qui literas ad d. Pomeranum et d. Philippum attulit quibus epistola d. Jonae adiuncta fuit. Mox igitur conjugi indicata res est postea eadem hora, qua enarraturus erat d. Philippus epistolam Pauli ad Romanos, publice in collegio mortem d. Lutheri significavit toti auditorio, et ne falsae fabulae spargerentur aut crederentur, recitavit ex litteris d. Jonae dictas ante mortem precationes et placidi exitus historiam1.“

1 Kawerau 1. c. (Kapitel) II. Seite 183.

„Der Bote wurde vom Kurfürsten gesendet, welcher das Sendschreiben an Doktor Pomeranus und Doktor Philipp Melanchthon überbracht hat, durch welche der (vorangehende) Brief des Doktor Jonas (an den Kurfürsten) beigefügt wurde. Bald darauf wurde die Sache hernach in derselben Stunde der Gemahlin (Luthers) bekannt gemacht, in welcher Philipp (Melanchthon) gerade im Begriff war, den Brief des (heiligen) Paulus an die Römer auszulegen, hat er (Philipp) den Tod des Doktor Luther an der Schule dem gesamten Hörsaal öffentlich verkündet, und auch damit nicht falsche Fabeln verbreitet oder geglaubt würden, hat er aus dem Brief des Doktor Jonas vor dem Tod gesprochene Gebete und die Geschichte des sanften Hinscheidens vorgelesen.“


Der Kurfürst befand sich in Torgau, als ihm Jonas die Nachricht von Luthers Ableben zusandte. Diesen Brief oder eine Kopie desselben schickte der Kurfürst nach Wittenberg und sogleich wird – nachdem der Gattin Luthers Anzeige gemacht wurde – das Schreiben durch Melanchthon den Studierenden bekannt gegeben, vor allem werden die rührenden Gebete mitgeteilt, welche Luther in seinen letzten Augenblicken gesprochen haben sollte, „damit nicht falsche Fabeln verbreitet oder geglaubt würden.“

Hier muss man fragen: Warum diese Sorge vor „falschen Fabeln“ ?

Wo in aller Welt ist es jemals vorgekommen, dass man beim Tode eines wahren Dieners Christi, eines echten christlichen Bekenners, wie es Martin Luther nach der Aussage seiner Freunde gewesen sein sollte, Vorsorge hätte treffen müssen, dass nicht Gerüchte „verbreitet oder geglaubt“ würden, welche ein unchristliches Ende des Bekenners behaupteten ?

 

Hier stellen uns die Luther-Dichter vor ein neues Rätsel.

Die Lösung desselben ist aber nicht sehr schwierig.

Es haben die meineidigen Priester und gottesräuberischen Fürsten, welche an Luthers Leiche standen, gefürchtet, dass bald schlimme Gerüchte sich in Eisleben verbreiten – nach dem Zeugnis des Coelius war ja das auch sofort eingetroffen – und ihren Weg nach Wittenberg nehmen würden.

Darum sorgte Jonas in einem an den Kurfürsten gerichteten, aber in usum publici (für den öffentlichen Gebrauch) bestimmten Briefe dafür, dass diese Gerüchte bald zerstreut würden. (Vielleicht ging ein geheimes Schreiben, in welchem die Wahrheit berichtet wurde, nebenher.)

Andererseits waren die meineidigen Priester zu Wittenberg und ihr gottesräuberischer Fürst schon längst auf ein gewaltsames Ende Luthers vorbereitet1, sodass sie für alle Fälle gerüstet waren.

1 Luthers Lebensende, 1. Auflage Seite 35. In 2. Auflage Seite 37, 3. Seite 41, 4. Seite 52.

Sie würden auch ohne den Brief des Jonas den Studierenden und dem Volke die schönen Sprüche hergesagt haben, welche der „heiligmäßige Mann“ vor seinem „seligen“ Ende rezitiert haben sollte. Hatten sie doch – falls es nicht Luther in seiner obsessio (Besetztsein, Blockade, Zwangsvorstellung) selbst getan hat – schon im Jahre vorher das „italienische“ Falsifikat (Fälschung eines angeblichen Briefes aus Rom) über Luthers Tod zur Täuschung des Publikums erfunden2,

2 Um die Echtheit, d.h. die italienische Provenienz (Herkunft) dieses Falsums (Betrug, Fälschung) zu erweisen, meint Kolde nebst anderen, es lägen noch die Schreiben derer vor, welche die Schrift aus Italien übermittelt hätten. -- Diese grundgelehrten (gründlich, von Grund auf gelehrten) Leute !
Wissen sie denn gar nicht, wie Friedrich II. sogar päpstliche Breven (päpstliche Erlasse oder Schreiben) in Berlin erdichtete und seine Dichtungen den Marquis d' Argens ins Lateinische übersetzen ließ ? Wissen sie nicht, wie während des letzten „Kulturkampfes“ Reptile (franz.: Kriechtiere, Schleichen) in der katholischen Presse Unterschlupf fanden und ihre Giftpillen gerade bei arglosen italienischen katholischen Blättern unterbrachten ! – Luther aber übertraf alle diese Intriganten noch bedeutend an Verschlagenheit und Rührigkeit (Unternehmungsgeist, Lebhaftigkeit).
Nachdem z.B. „seine“ Rosina, die als „pudens virgincula“ (schüchternes Mädchen) in sein Haus gekommen war, daselbst (an diesem Ort) schlecht geworden, meint er, „die Papisten“ (Papstanhänger) hätten sie ihm „zugefügt“(untergeschoben).
(Wilhelm Martin Leberecht de Wette, V, Seite 395 und 625.) Vergleiche unten Seite 70.

um, wenn einmal die traurige Wahrheit über sein gefürchtetes wirkliches Hinscheiden sich verbreiten sollte, sagen zu können, dass wie früher, so auch jetzt Unwahrheiten über Luthers Tod verbreitet würden1.

1 Nach dem Corp. Ref. (Corpus Reformatorum - Schriften-Sammlung der Reformatoren, Halle / Saale, 1834) VI, 8, leitete Philipp Melanchthon auf der Universität seine Mitteilung über den „erbaulichen“ Tod Luthers mit folgenden Worten ein:
Optimi adolescentes, Scitis nos suscepisse enarrare grammaticam explicationem epistolae ad Romanos, in qua continetur vera doctrina de filio dei, quam Deus singulari beneficio hoc tempore nobis per Reverendum Patrem et Praeceptorem nostrum amantissimum, Doctorem Martinum Lutherum patefecit.
Verum hodierno die tam tristia huc sunt scripta, quae ita auxerunt dolorem meum, ut nesciam an possim posthac in hisce scholasticalibus pergere. Haec autem consilio aliorum Dominorum ideo volo vobis commemorare, ut sciatis, quo modo res vere se habeat, ne vel ipsi falsa de hoc casu spargatis, neve aliis fabellis hinc inde, ut solet fieri, sparsis fidem habeatis.“
Hochgeschätzte junge Herren, Sie wissen, dass wir (damit) begonnen haben, die sprachwissenschaftliche Erläuterung (Erklärung) des Briefes an die Römer auszulegen (zu beschreiben), in welchem die wahre Lehre vom Sohn Gottes enthalten ist, welche Gott mit einer einzigartigen Gnade uns in dieser Zeit durch den ehrwürdigen Vater (Hochwürden) und unseren liebreichsten Lehrer, Doktor Martin Luther, offenbart hat (ans Licht gebracht hat).
Wahrlich jedoch (allerdings) sind am heutigen Tag hierzu so traurige (schmerzliche / unglückliche) Ereignisse geschrieben worden, welche meinen Schmerz so sehr vergrößern (verstärken), sodass ich nicht weiß, ob ich hier in diesen scholastischen Studien (schulischen Angelegenheiten) hernach (in Zukunft) fortfahren kann. Diese Dinge jedoch möchte ich euch durch die Ratsversammlung (durch den Ratsbeschluss) der anderen Herren deswegen in Erinnerung rufen (erwähnen), damit ihr versteht, auf welche Weise sich die Sache tatsächlich (in Wahrheit) verhält, und auch damit ihr selbst über diesen Fall nicht Unwahrheiten verbreiten würdet und damit ihr von nun an auch nicht anderen verbreiteten Geschichten (gestreuten Fabeln) daraus (hier und dort), wie es zu geschehen pflegt (wie es üblich ist), Glauben schenkt.“

Das „ut solet fieri“ (wie es üblich ist) ist natürlich eine ebensolche Lüge wie die, dass Gott erst durch Luther die wahre doctrina de filio dei (Lehre vom Sohn Gottes) geoffenbart haben sollte, nachdem er die Menschheit durch 15 Jahrhunderte hierüber (darüber) im Irrtum belassen hat. – Die „allii Domini“, (die anderen Herren) auf deren Rat hin Melanchthon den „fabellis“ (Fabeln) vorbeugen wollte, konnten sowohl die in Wittenberg, als auch die in Eisleben weilenden Freunde Luthers gewesen sein.


Veit Dietrich hatte übrigens ebenfalls einen Brief von Jonas (vom 9. März 1546) erhalten, worin dieser betreffs des Leichenzuges aus Halle mitteilt:

„Monachi et papistae finxerunt in feretro Lutheri evanuisse corpus, vacuum huc nos advexisse feretrum. Senatus etiam severe animadvertit in quosdam.“
„Die Mönche und Papstanhänger haben erfunden (erdichtet), dass der Leichnam Luthers auf der Totenbahre verschwunden ist, die leere Bahre uns hierher gebracht (hergetragen) wurde. Auch (sogar) der Senat (Ältestenrat) hat das bei einigen gewissenhaft beobachtet (ernstlich wahrgenommen).“

(Kawerau I. c. = 1. Kapitel Seite 186).

Wenn wirklich diese Version verbreitet wurde, so würde sie nur eine Bestätigung dafür sein, dass auch das Gerücht verbreitet war, „Lutherum a Cacodaemone sublatum fuisse .“ (Luther sei von einem bösen Geist / Dämon beseitigt worden.)

Die „Monachi et papistae“ (die Mönche und Papstanhänger) zu Halle werden wohl aber die Ansicht des Hallenser Mönches Helmesius gehabt haben, der uns die Tatsache verbürgte, dass der Leiche Luthers eine Unzahl Raben gefolgt waren, welche gewiss nicht hinter einem leeren Sarge hergeflogen wären.

(Näheres darüber in der zweiten und den folgenden Auflagen von „Luthers Lebensende“.)

Herr Kolde würde also der historischen Wissenschaft einen besseren Dienst erwiesen haben, wenn er statt vier Seiten lang über „in“ (auf / nach / bei) oder „ad“ (zu / nach / bei) zu streiten, oder statt der „Briefchen“ von Leuten, die vor Schreck nicht schreiben konnten, die beiden von Kawerau mitgeteilten Briefe kommentiert hätte, welche Veit Dietrich über Luthers Tod und Begräbnis von Hieronymus Besold und Justus Jonas erhalten hatte1.

1 Kolde erwähnt nur mit einem kurzen „Witz“ das Schreiben des Jonas aus Halle. Der Brief Besolds und die Erklärung Melanchthons vor den Studierenden (Studenten) sind ihm entweder unbekannt, oder er geht ihnen aus dem Wege.


Auch noch auf ein weiteres Fechter-Kunststückchen des Herrn Kolde möchte ich bei dieser Gelegenheit aufmerksam machen.

Ich hatte unter Anderem darauf hingewiesen, dass noch im Todesjahr Luthers Christophorus Longolius eine „Oratio ad Lutheranos“ (Rede an die Lutheraner) publiziert habe, in welcher es hieß:

„Nostis hominem altero crure claudum, humero strumosum, oculo captum, ac morbo tum comitiali, tum eo, qui libidinem eius obscoenis pustulis indicet, foede misereque confectum.“
„Ihr habt den Menschen gekannt, an einem Bein lahm, an der Schulter geschwollen (skrofulös / entzündet), am Auge blind, und außerdem sowohl von der Krankheit der Epilepsie behaftet (durch einen epileptischen Anfall) als auch (noch dazu) durch diese - welche die Wollust (Leidenschaft) dessen durch Bläschen an den Genitalien (Syphilis / Hautausschlag im Intimbereich) anzeigen soll - grauenhaft (entsetzlich) und auch bemitleidenswert (erbärmlich) gänzlich erschöpft (am Boden zerstört).

Meiner Gewohnheit gemäß hatte ich die Stelle nicht übersetzt, sondern bemerkt, dass „hier die verschiedenen körperlichen Gebrechen, an denen Luther bei Lebzeiten, insbesondere in Folge seiner Leidenschaften litt, kurz aufgezählt“ seien.

Ich kann versichern, dass ich mir unter den „Leidenschaften“ keine andere gedacht hatte, als die doppelte Unmäßigkeit im Essen und Trinken. So erklärte ich mir auch die „obscoenae pustulae“ (Syphilis / Hautausschlag im Intimbereich) genügend aus den fünf Quart (ca. 5 Liter) Wein, deren der „feiste Doktor“ – wie der „Gottesmann“ sich selber nannte – bei jeder Mahlzeit bedurfte.

Nicht so Herr Kolde. Er meint, die „obscoenae pustulae“ (Genitalien-Bläschen) müssten sich auf etwas anderes beziehen und bezeichnet dabei eine Krankheit, die nach dem Rate des heiligen Paulus unter Christen nicht genannt werden soll.

Und dann fährt er fort:

Ich weiß nicht, ob man jemals etwas Gemeineres gelesen hat.“


Hier bedaure ich aufrichtig, Herrn Kolde sagen zu müssen, dass die „Gemeinheit“ ausschließlich auf seiner Seite liegt, dass er mir einen Gedanken imputiert (anrechnet / andichtet), den ich nicht im Ernstesten gehegt habe, der aber entweder seinem protestantischen Ideenkreise näher liegen oder dessen Applikation (Anwendung) an die Person Luthers ihm angebracht erscheinen muss. In jedem Falle hat er Recht:

„Etwas Gemeineres“ als er niedergeschrieben hat, kann man nicht lesen !

Nach all diesen Proben (Stücken) wird man sich nicht wundern können, wenn Kolde auch mit den Berichten des Bozius und Sedulius in seiner Art fertig wird.

Ich will ihm auch hierbei in alle Einzelheiten folgen.

Er schreibt bezüglich des Bozius:

In seinen großen polemischen Werken De signis ecclesiae (Über die Merkmale der Kirche) will Thomas Bozius in lib. XXIII. Cap. III. (Buch 23, Kapitel 3) an dem üblen Ausgang des Häresiarchen (Anführer der Ketzer) dartun (deutlich machen), wie sich der Satz bewahrheite, dass sich an dem Tode erkennen lasse, ob jemand zur Kirche Gottes oder zur Kirche derer gehöre, welche Gott hasse.

Zu dem Ende wird von dem entsetzlichen Tode des Simon Magus (Simon der Magier, Simon von Samarien, Simon von Gitta; † 65 in Rom, gilt als erster Häretiker der Kirche) an die ganze Kirchengeschichte durchgegangen (durchgehend berichtet), wobei jeder Kirchenhistoriker einen Schatz neuer Nachrichten finden wird.

Dann wendet sich der Autor zu seiner Zeit hin, um das schreckliche Ende Luthers, Johannes Oecolampads (Oecolampadius), Martin Bucers, Johannes Calvins (eigentlich Jean Cauvin) und Ulrich (Huldreich) Zwingli's zu schildern.

Oecolampad wurde stranguliert (erwürgt), Calvin starb nach längeren Leiden an den verschiedensten Krankheiten, letztendlich an der Läusesucht (massenhafter Befall durch Läuse oder Krätzmilben, größere Beulen auf der Haut mit starkem Brennen und Juckreiz; auch Philipp II. von Spanien, Herodes und der Römer Sulla sollen daran gestorben sein, wobei die Insekten das Fleisch Sullas zerfraßen).

Ganz arg soll es Bucer ergangen sein, an dessen Totenbette ein schrecklicher Teufel stand, der alle Dabeistehenden zum Tode erschreckte und der ihn dann, um seine Seele zu holen, niederschlug, so dass er, indem seine Eingeweide im Schlafzimmer allenthalben sich hierhin und dorthin ergossen, unter schrecklichen Qualen seinen Geist aufgab.

Von Luther aber berichtet Bozius, er habe, nachdem er des Abends herrlich gespeist und sich fröhlich schlafen gelegt hat, in derselben Nacht seinen Tod durch Erstickung gefunden. Indessen fügt er hinzu, dass er vor kurzem durch das Zeugnis eines Vertrauten Luthers, der als Knabe sein Diener gewesen war, vor längerer Zeit (superioribus annis = in den letzten / älteren Jahren) sich aber zur katholischen Seite gewendet hat, in Erfahrung gebracht, dass Luther sich durch Erhängen getötet habe, aber allen Dienern, die um die Sache gewusst haben, ein Eid auferlegt worden wäre, es nicht zu verraten.“

Nach diesem Referate (Bericht / Vortrag) aus Bozius schreibt Kolde mit gesperrter Schrift:

Von allen diesen schönen Dingen teilt nun Majunke seinen Lesern wohlweislich bloß die Stelle über Luther mit, und dass Bozius selbst deutlich unterscheidet zwischen seinem positiven Bericht (suffocatus interiit = er ist erwürgt zugrunde gegangen / erstickt umgekommen) und dem, was er weiter gehört hat, bleibt unbeachtet.

Diese Mitteilung, deren Form die eigene Unsicherheit des Berichterstatters deutlich erkennen lässt, und die sich schon durch den Zusammenhang, in dem sie sich findet, als tendenziöse (politisch oder religiös beeinflusste / nicht objektive) Erfindung verrät, ist für Majunke aus äußeren Gründen authentisch (glaubwürdig), aus inneren nicht unwahrscheinlich.“


 

Zunächst ist zu konstatieren (bemerken / festzustellen), dass Kolde sich zwei grobe Übersetzungsfehler hat zu Schulden kommen lassen.

Schon als Gymnasiast (Schüler) hätte er wissen müssen, dass das Wort „puer“ nicht nur Knabe, sondern auch Jüngling (junger Mann) heißt, dass Cicero speziell so den 19-jährigen Octavius nennt (Cic. Fam. 12, 25 - Cicero, epistulae ad familiares = Briefe an Familienmitglieder und Freunde), dass das Wort aber auch häufig im Sinne von „Diener“ (franz. Page, Knappe) bei den Römern gebräuchlich war.

Und als Theologe, wenn auch als protestantischer, hätte Kolde wissen sollen, dass in der letzterwähnten Bedeutung „puer“ in der Vulgata (Umgangssprache und allgemein übliche Textfassung / Bibeltext-Übersetzung) fast allgemein gebraucht wird und dass Bozius sich hier dem Sprachgebrauch der Vulgata anschließt.

Der „Knabe“ kann also sehr wohl schon seine 20 Jahre gezählt haben, als er Luthers Leichnam liegen sah. Man liest auch nirgends, dass Luther sich hätte von Knaben im gewöhnlichen Sinne des Wortes, also von Schulknaben, bedienen lassen.

Bozius nennt auch den „puer“ („Bub“) ausdrücklich „familiaris“, d.h. einen zum Hauswesen Luthers gehörigen Diener.

In den Worten: „Audivi testimonio sui familiaris, qui tum puer illi serviebat, et superioribus annis ad nostros se recepit“ (Ich habe durch das Zeugnis seines Hausdieners vernommen, welcher jenem damals als junger Mann diente und sich in den letzten Jahren zu den Unsrigen zurück begab . . .) soll also ausgedrückt werden, dass der betreffende Diener in jüngeren Jahren zu Luthers Hauswesen gehörte, in älteren Jahren (superioribus annis) dagegen zur katholischen Kirche zurückgekehrt war.

Die genaue Übersetzung jenes Satzes muss somit lauten:

Ich habe erfahren durch das Zeugnis eines Dieners Luthers, der damals im jugendlichen Alter ihm diente, in seinen späteren Jahren aber zu den Unsrigen sich zurückzog.“ Daraus macht nun Kolde, Bozius habe durch das Zeugnis eines „Vertrauten“ Luthers, der als „Knabe“ sein Diener gewesen ist, „vor längerer Zeit“ sich aber zur katholischen Kirche gewendet hat, in Erfahrung gebracht usw.

In den Worten „Vertrauten“ und „Knabe“ stecken zwei kleinere, in den Worten „vor längerer Zeit“ steckt aber ein sehr grober Übersetzungsfehler. Der Zusammenhang zeigt deutlich, dass unter den „superioribus annis“ die späteren Lebensjahre von Luthers Diener zu verstehen sind im Gegensatz zu „puer“ respektive (beziehungsweise) „tum“ (damals), nicht aber wie Kolde annimmt, die Jahre des allgemeinen Zeitalters.

Durch die Worte „superioribus annis“ bezeichnete Bozius einen ihm näher gelegenen Zeitpunkt, Kolde dagegen macht einen entfernter gelegenen – „vor längerer Zeit“ – daraus. Dabei besitzt Kolde noch die Naivität, bei seiner falschen Übersetzung: „vor längerer Zeit“, den lateinischen Text „superioribus annis“ hinzuzufügen ! – Und dieser Mann will sich über die Übersetzungen anderer lustig machen !

Gelegentlich spottet er auch einmal über den „römischen Doktorhut“. – Ich kann ihm die Versicherung geben, dass er mit seinen lateinischen Kenntnissen niemals in Rom das Doktorexamen bestanden haben würde ! Für einen deutschen „Universitätsprofessor“ scheint aber Kolde noch zu verwerten zu sein !

Weiter:

Kolde beschuldigt mich, dass ich „von allen diesen schönen Dingen“ – nämlich von dem, was Bozius über das Ende auch anderer Irrlehrer sagt – „wohlweislich bloß die stelle über Luther“ mitteile.

Hier wurde mir eine „Weisheit“ imputiert (angerechnet / untergeschoben), auf die ich keinen Anspruch erheben kann.


 

Die Stelle aus Bozius wurde von mir mit den Worten eingeleitet:

Bozius berichtet in dem Kapitel, welches über das traurige Ende aller Häresiarchen handelt: Lutherus cum vespere laute coenasset“ (als Luther am Abend herrlich gespeist hätte) usw.


 

Nun folgte wörtlich der Passus (die Textstelle) über Luther. Von dem, was Bozius über Oecolampadius und die folgenden sagt, habe ich nichts mehr mitgeteilt.
Kolde meint nun, ich hätte auch dies wiedergeben sollen.
Wir wollen sehen, ob das nötig war.

In dem von Kolde gewünschten Umfang würde das Zitat aus Bozius wie folgt lauten:

„Veniamus ad auctores haeresum nostri temporis. Lutherus cum vespere laute coenasset, ac laetus somno se dedisset, ea nocte suffocatus interiit. Audivi haud ita pridem compertum testimonio sui familiaris, qui tum puer illi serviebat et superioribus annis ad nostros se recepit, Lutherum sibimet ipsi laqueo iniecto necem miserrimam attulisse; sed datum protinus cunctis domesticis rei consciis iusiurandum, ne factum divulgarent, ob honorem adiecere Evangelii.

Oecolampadius ante Lutheri interitum nocte dum dormiret, improvisa morte est strangulatus. Id cum percepisset Lutherus, Oecolampadio infensissimus, quod ab ipso discessisset, haeresimque novam protulisset, editis scriptis exclamabat sibi esse exploratissimum, Oecolampadium ignesis diaboli telis confossum.

Eundem casum subiit Carolostadius, ut affirmat minister quidam Lutheranus in epistola typis excusa. Bucero dicunt animam pene (= paene) agenti astitisse daemona horrendum, qui cunctos astantes timore exanimarit, a quo ut aninam aveheret secum, fuerit perculsus: nam lecto deturbatus effusis per cubiculum passim huc illuc visceribus multisque cruciatibus exanimatus exspiravit.

Iam Calvinus totos quatuor annos novem morbis dirissimis (id Beza discipulus eius primarius ac studiosissimus scriptum reliquit) miserrime excruciatus interiit:

cholica, dolore articulorum, calculo, haemorroidibus, febri, asthmate, hemicranio, pituita, vomitione, demum pediculis undique scatentibus, ut testatur, qui ipsius vitam Gallico sermone scripsit, exesus, infelicissime ac turpissime obiit.“

Zu deutsch:
„Lasst und zu den Urhebern (Gründern) der Ketzerei (der Irrlehren) unserer Zeit übergehen. Als Luther am Abend vortrefflich gespeist hätte und sich darauf gut gelaunt zur Ruhe begeben hätte, ist er in dieser Nacht erwürgt zugrunde gegangen.

Ich habe vor nicht allzu langer Zeit durch die zuverlässige Zeugenaussage seines Hausdieners vernommen, welcher jenem damals als junger Mann (Bursche) diente und sich in den späteren (seinen letzten) Jahren zu den Unsrigen begab (zurückgezogen hat), dass Luther sich durch einen sich selbst angelegten Strick einen unglücklichen gewaltsamen Tod beigebracht haben soll; indessen wurde jedoch von allen in die Angelegenheit eingeweihten Hausbewohnern (zum Haus gehörigen Mitwissern) sogleich (unverzüglich) ein eidliches Versprechen gegeben (ein Schwur geleistet), dass sie die Tatsache keinesfalls veröffentlichen sollten, zur Ehre des Evangeliums, haben sie hinzugefügt.

(Johannes) Oecolampad ist (lange) vor dem Umkommen Luthers - währenddessen er in der Nacht schliefe - durch einen unerwarteten Tod erdrosselt worden.

Als Luther das wahrgenommen hätte, durch Oecolampad völlig aufgebracht (verbittert / verfeindet), weil er von selbst auseinandergegangen (weggegangen) wäre und eine neue Irrlehre hervorgebracht hätte, schrie er wegen der veröffentlichten Schriftstücke aus voller Brust laut, sich sehr sicher zu sein, dass Oecolampad durch die feurigen (glühenden) Geschosse des Teufels durchbohrt worden ist.

Auf denselben Unglücksfall ist Carolostadius (Andreas Karlstadt) gefolgt, wie ein Diener, ein gewisser Lutheraner, in einem schriftlich ausgearbeiteten Brief anhand von Bildern (Figuren) bestätigt (bekräftigt / behauptet). Mit Rinderhörnern - sagt man (= sagen sie) - sei bei dem fast (so gut wie) ausgehauchten Leben (in den letzten Atemzügen Liegenden) ein Dämon zum Fürchten dabeigestanden (hinzugetreten), der alle Dabeistehenden durch Angst des Atems beraubt hätte, von welchem er (Carolostadius) – damit er (der Teufel) die Seele mit sich fortschaffen kann - erschüttert worden sei (wohl erschüttert worden ist): Er hat nämlich - ins Krankenbett

geworfen (als ins Bett Gestürzter) - durch die überall im Schlafzimmer nach allen Seiten hin (hierhin und dorthin) zerstreuten (hervorgequollenen) Gedärme und durch die vielen Qualen als des Lebens Beraubter (als Halbtoter) den Geist aufgegeben (das Leben ausgehaucht).

Ferner ist Johannes Calvin (= Jean Cauvin) sogar ganze vier Jahre lang an neun besonders grauenvollen Krankheiten (darüber hat Theodor Beza – dessen Schüler - als einer der ersten / ansehnlich und außerdem sehr sorgfältig ein Schriftstück hinterlassen) jämmerlich (elendig) gemartert (gequält) umgekommen:

An Koliken (krampfartige Schmerzen) / Cholica passio = Gallenbrechruhr (bakterieller Brechdurchfall) = Cholera, Dolore articulorum = Gicht-Schmerzen, Calculus = Blasenstein (Steinleiden), Hämorrhoiden (Blutfluss / Darmblutungen), Fieberanfälle, Asthma (Brustkrampf / Engbrüstigkeit / Atemnot), Hemicrania = Migräne (Kopfschmerz durch Durchblutungsstörung), Pituita = Hypophyse-ACTH-Hypersekretion (eitrige Verschleimung der Atemwege) / Nasenkatarrh / Schnupfen / und an Erbrechen (bakterieller Brechreiz), schließlich an haufenweise von überall (aus Kalvins Körper) hervorkommenden Läusen*, wie er bezeugt (versichert), welcher seinen Lebenslauf aufgrund eines Gesprächs mit einem Gallikaner (Anhänger des Gallikanismus) niedergeschrieben hat, von innen heraus zerfressen (ausgehöhlt), äußerst unglücklich (besonders unselig) und auch wirklich schändlich (entstellt) verschieden (gestorben) ist.“

* Läusesucht = massenhafter Befall durch Insekten


 

Ich will nun getrost jeden Historiker fragen, ob es für mein Thema nötig war, dass ich mehr aus dem Vorstehenden angab, als ich zitiert hatte, nämlich den Passus (Textabschnitt) über Luther, zumal ich in der Einleitung zu meinem Zitat den Inhalt des ganzen Bozius'schen Kapitels angegebene hatte.

Oder findet sich etwa in den Sätzen von „Oecolampadius“ (Johannes Oecolampad) an eine Stelle, welche mein Zitat irgendwie einschränkt ? Wäre Letzteres der Fall gewesen, so hätte ich allerdings eine Unehrlichkeit begangen, wenn ich nicht auch wenigstens die einschränkende Stelle mitgeteilt hätte.

Nun sieht aber jedermann, dass das weitere Zitat eher das, was über Luther gesagt ist, zu bestätigen geeignet ist, zumal Bozius bei allen einzelnen Fällen die Belege angibt.

Ein gerader, ehrlicher Sinn, der nicht wie Kolde an alle möglichen Schliche und Kniffe denkt, wird auch begreifen, warum ich mich nur auf Luther beschränkt und die meiner Beweisführung günstigen weiteren Ausführungen des Bozius weggelassen habe. Ich wollte eben nicht zu viele Scandala (Skandale) dem Leser bieten; es war und ist doch mit Luther gerade des Skandals genug !

Einer weiteren „Weisheit“ rühme ich mich in diesem Punkte nicht.

Auch so weit reicht meine Weisheit nicht, dass ich gleich Kolde „beachtet“ hätte, wie Bozius „deutlich unterscheidet zwischen seinem positiven Bericht (suffocatus interiit = erwürgt umgekommen, Tod durch Fremdverschulden) und dem, was er weiter gehört hat.“ Jedermann, der des Lateinischen mächtig ist, sieht doch, dass Bozius durch die Anführung dessen, was er gehört hat, den Beweis von dem geben will, was er positiv behauptet hatte. Eine „Unterscheidung“ wird hierbei dem Autor nur von Kolde imputiert (angerechnet / vorgeworfen), der, weil er mit einer ungekünstelten Auslegung nicht zum Ziele kommen kann, etwas unterlegen muss.

Dass die Historiker des zeitungslosen 16. Jahrhunderts eine von ihnen zuerst an die Öffentlichkeit gebrachte Nachricht allgemein mit „Audivi“ (ich habe gehört) einleiteten, weiß natürlich Kolde wieder nicht.

Dass er naiver Weise bemerkt, Bozius habe „einen Schatz neuer“ Nachrichten (außer der auf Luther bezüglichen Mitteilung) enthüllt, daran ist natürlich nur seine Unwissenheit, oder sagen wir, da es sich hier um die Kenntnis der gegnerischen Literatur handelt, seine Einseitigkeit schuld.

Irgendeinen positiven Beweis gegen die Glaubwürdigkeit des Bozius'schen Berichtes vermag Kolde mit keiner Silbe vorzubringen !

Aber die geradezu erstaunlichen Verrenkungs-Versuche, die er am Zitat des Bozius erprobte, sind wieder einmal ein Beweis dafür, was die Geschichtsquellen unter den Händen solch' „frei forschender Geister“ sich gefallen lassen müssen.

Was würde wohl aus dem „Worte Gottes“ werden, wenn Kolde den zukünftigen Seelenhirten „dogmatische Theologie“ (Glaubenswahrheiten der katholischen Kirche, Teilgebiet der Systematischen Theologie) vorzutragen hätte ?!


Sehen wir nun, wie er sich mit Heinrich Sedulius abzufinden sucht.

Die Erklärung von Luthers Diener nennt er eine „schwülstige“ – was man ja zugeben kann – und meint dazu:

„Dieses jeder Beglaubigung entbehrende, von einem Unbekannten zu unbekannter Zeit „zur Ehre Christi und zur Erbauung der ganzen christlichen Kirche“ abgelegte Bekenntnis, welches Sedulius von einem gleichfalls nicht genannten Manne erhalten hat, soll die 60 Jahre nach Luther bekannt gewordene authentische Nachricht von Luthers scheußlichen Tode sein, mit der Majunke die Aussagen der oben namhaft gemachten zahlreichen Augenzeugen einfach werfen will.“

Nun schweift Kolde von der Sache ab, erzählt des Langen und Breiten die Rabengeschichte, von der Heinrich Sedulius nach Tilmann Bredenbach berichtet und frägt, warum ich nicht desgleichen getan habe.

Es freut mich, ihm sagen zu können, dass sein Wunsch längst erfüllt ist. Von der zweiten Auflage meiner Schrift an – ich musste erst den Bericht des Helmesius haben, den ich nicht eher erhielt – findet er die Rabengeschichte mit allem, was dazugehört, ausführlich erörtert.

Aber lassen wir uns nicht Sand in die Augen streuen, sondern beachten wir, was Kolde über das von Heinrich Sedulius veröffentlichte Dokument sagt.

Er legt zunächst großen Wert darauf, dass der Name Rudtfeld des Dieners nicht genannt ist.

Als ob er dem Aktenstücke mehr Glauben beimessen würde, wenn der Name Schulze oder Müller darunter stände !

Als Professor, zumal (insbesondere) als Geschichts-Professor, wird Kolde wohl wissen, dass es in solchen Fällen weniger auf die Persönlichkeit desjenigen ankommt, welcher solche Erklärungen zu Protokoll gibt, als vielmehr auf die Glaubwürdigkeit desjenigen Schriftstellers, welcher derartige Aussagen in die Öffentlickeit bringt. Dessen Sache ist es zu eruieren, ob die betreffende Enunziation (Aussage / Erklärung) so viel Garantien der Zuverlässigkeit bietet, dass er sie auf seine Autorität hin der Nachwelt verbürgen kann. Aufgrund einer derartigen Prozedur sind bekanntlich hunderte und tausende von Vorgängen in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden und bis auf den heutigen Tag in unbestrittener Geltung geblieben, sowohl in der weltlichen Profan- wie in der Kirchengeschichte.

Nun ist aber Sedulius ein Autor, dem ebenso wie dem Bozius auch von protestantischer Seite das Lob eines gewissenhaften und dabei vielerfahrenen Schriftstellers zuteil wird. (Vergleiche den Artikel „Sedulius“ im Universallexikon von Zedler, Leipzig 1733.) Sedulius war, wie kein zweiter Schriftsteller seiner Zeit weit in Deutschland herumgekommen, weil er an vielen Orten (Franziskaner-)Guardian (wörtlich: Wächter / Vorsteher der Klostergemeinschaft) war. Ihm war darum die ausgiebige Gelegenheit zu gründlichen Recherchen (Nachforschungen) auch in unserer Frage geboten. Nun meint aber Kolde, die betreffende Nachricht sei erst „60 Jahre nach Luther bekannt“ geworden.

Das ist aber nur richtig, soweit es sich um den Wortlaut der Erklärung handelt.

In der Sache selbst war die Aussage des Dieners schon dem Bozius bekannt, dessen Buch 1593 erschien. Dieser konnte aber seine Kenntnis schon viel früher erlangt haben; 1593 hatte er sie erst durch den Druck bekannt gegeben.

Und das große Werk, welches er drucken ließ, konnte nicht in einem Jahr fertiggestellt werden.

Ebenso konnte der Wortlaut der Erklärung des Dieners schon längst handschriftlich vervielfältigt gewesen sein, als ihn Sedulius im Jahre 1606 durch den Druck ins Publikum brachte. Wahrscheinlich war er auch schon vor der Publikation des Bozius vorhanden.


Kolde vermag denn auch hier wiederum nicht mit positiven Beweismitteln anzukämpfen. Er muss sich schließlich hinter die Phrase (nichtssagende Aussage / Schlagwort) verschanzen:

„Es nicht nötig, an diesem Bericht (des Sedulius) noch irgendwelche Kritik zu üben,

selbst unter Majunke's Gesinnungsgenossen sind schon Stimmen laut geworden, dass „mit einem solchen Zeugnis einfach nichts anzufangen sei1.“

1 Kolde beruft sich hierbei auf die „Augsburger Volkszeitung“, welche jenen Satz der „Kölner Volkszeitung“ nachgeschrieben hatte – bekanntlich unter Wegstreichung anderer Stellen des Kölner Blattes.

Oder sollte es wirklich“, fährt er fort, „auch abgesehen von allen übrigen Berichten und dem völligen Mangel der äußerlichen Beglaubigung jemand für wahrscheinlich halten, dass man von einem unter diesen Umständen erfolgten Selbstmord Luthers, von dessen Leiche seine Diener in ihrer Bestürzung forteilen, um den verschiedenen in Eisleben versammelten Fürsten die Schreckenskunde zu bringen, über 40 Jahre (oben sprach Kolde vorher von 60 Jahren) kein Sterbenswörtchen verlauten konnte ?

Im Nu, noch ehe die Diener zurück waren, noch ehe die Fürsten sich überhaupt besannen, wie die Sache zu vertuschen wäre, hätte die Geschichte bekannt sein müssen.“

Nun, das ist ja gerade der große Irrtum Kolde's und seiner Gesinnungsgenossen, dass sie fortwährend voraussetzen, es habe vor Bozius und vor Sedulius niemand „ein Sterbenswörtchen“ über Luthers wahres Lebensende verlauten lassen.

Das ist eben ganz und gar nicht der Fall gewesen. Gerade das Gegenteil war wahr.

Er ist nicht mehr denn einen Tag tot gewest (gewesen),“ sagte der Prediger Coelius (Schlossprediger von Mansfeld und einer der drei treuesten Gefährten Luthers) in der Leichenrede vom 20. Februar 1546, „und schon fanden sich Leute, die, durch den bösen Geist getrieben, ausgebracht (vorgebracht) haben sollen, als habe man ihn tot im Bette gefunden. Ja, ich trage nicht Zweifel, dass der, so von Anbeginn ein Lügner ist, noch mancherlei mehr und schlimmere Dinge erfinden wird.“

Aus den Diener-Kreisen heraus verbreiteten sich sofort die schlimmsten Gerüchte und wenn zwar auch keiner der Diener in Bezug auf die Hauptsache eine positive Äußerung fallen ließ, so erkannte doch das Publikum aus der allgemeinen Bestürzung und Verwirrung, zu welcher sich die bedenkliche Geheimtuerei der Beteiligten mengte, zur Genüge, was vorgefallen sein musste.

Einzelne ins Publikum gedrungene Nachrichten über Nebenumstände, z.B. dass die Ärzte erst nach dem Tode Luthers hinzugekommen waren, dass die Wiederbelebungsversuche vorgenommen wurden, dass man die Leiche außerhalb des Federbettes gefunden hatte – das Bekanntwerden aller dieser Nebenumstände, welche die „Historia“ vergeblich teils zu leugnen, teils harmlos zu deuten suchte, musste natürlich die Aufregung im Publikum noch mehr befördern.

Schon am nächsten Tage suchte man in Wittenberg den schlimmen Gerüchten vorzubeugen und so setzt sich der Dementierungs-Eifer (das gewissenhafte Abstreiten) der Lutheraner fort bis nach Königsberg1 !

1 In der schon erwähnten Schrift Dr. Franz Hiplers: „Nicolaus Kopernikus und Martin Luther“, Braunsberg 1868, wird auf Seite 59 mitgeteilt, dass der Herzog Albrecht von Preußen an den Bischof Johannes Dantiscus (eigentlich: Flachsbinder) vom Bistum Kulm und von Ermland die „Historia“ über Luthers Tod gesendet hat, damit der Empfänger „der Unwahrheit so vyl (viel) weniger sich zu besorgen habe.


In eine Druckschrift durfte sich im Sachsenlande bei der eisernen Zensur die Wahrheit nicht wagen, aber noch im Todesjahr Luthers lässt Christophorus Longolius in Köln die Worte drucken:

„Nostis hominem foede misereque confectum !“
„Ihr habt den Menschen (Mann) gekannt, grauenhaft und auch bemitleidenswert gänzlich erschöpft (am Boden zerstört) !“


Trotzdem dann unmittelbar nach Luthers Tode der Schmalkadische Krieg (1546 bis 1547, Kaiser Karl V. siegte gegen den Schmalkaldischen Bund, ein Bündnis protestantischer Landesfürsten und Städte unter der Führung von Kursachsen und Hessen) begann und die innere Zerrüttung Deutschlands größere Dimensionen annahm, behielt man katholischerseits Luthers Ende im Auge und die Kardinäle Hosius und Bellarmin, sowie Claudius de Sainctes ergingen sich darüber in Andeutungen, die bei dem Mangel eines öffentlich vorzubringenden Augenzeugen bestimmt genug auftraten.

Unter diesen Umständen zu behaupten, dass man vor der bei Sedulius erschienenen Erklärung „kein Sterbenswörtchen“ über Luthers wirkliches Ende verlautet hätte, kann wohl auch nur einem Kolde möglich sein.


Das von Heinrich Sedulius publizierte Dokument würde sowohl bei der Mitwelt wie bei der Nachwelt wenig Eindruck gemacht haben, wenn nicht eben dadurch eine Bestätigung dessen erfolgt wäre, was die Gegner Luthers seit 60 Jahren behauptet und seine Freunde bestritten hatten.

Aber selbst wenn auch durch jenes Dokument etwas absolut Neues bekannt geworden wäre – ist denn etwas so Seltenes, dass eine Tatsache erst 40 – 60 Jahre, nachdem sie sich zugetragen hat, in der Öffentlichkeit bekannt wird ?

Sind nicht in unserem Zeitalter durch die Geschichtswissenschaft Geheimnisse entschleiert worden, die Jahrhunderte, Jahrtausende alt waren ?

Sind nicht die römischen Katakomben vom 12. Jahrhundert bis 1578 der Welt gänzlich unbekannt geblieben ?

Weiß denn Kolde nicht, dass die Staats-Archive, soweit sie Aktenstücke zur Geschichte der Gegenwart enthalten, in der Regel erst nach 50 Jahren geöffnet werden ?

Und gerade der Chronist der Gegenwart findet die Geschichte der nächsten Vergangenheit fast durch täglich ihm zuströmende neue Nachrichten bereichert.


Ich für meine Person habe bereits zweimal die „Geschichte des Kulturkampfes“ geschrieben, aber ich habe in den letzten Wochen wieder so viel neues und interessantes Material von noch am Leben befindlichen Persönlichkeiten zu diesem Thema erfahren, dass ich sogleich zum dritten Male meine Aufgabe ab ovo (vom Ei an = von Anfang an)
aufnehmen könnte.1

1 Schon ein Vergleich zwischen meiner 1886 und 1887 erschienenen ersten und umfangreicheren Ausgabe der „Geschichte des Kulturkampfes“ mit der 1890 erschienenen Volks-Ausgabe beweist, dass in letzterer eine große Anzahl neuer Mitteilungen enthalten ist. – In der (unvollendet gebliebenen) 1881 herausgekommenen „Geschichte des Kulturkampfes“ von Franz Xaver Schulte sind z.B. gar nicht einmal die berühmten Poschinger'schen Enthüllungen erwähnt, weil sie eben damals noch nicht bekannt waren.


Ich will ein hierher gehöriges Beispiel ähnlicher Art kurz erzählen.

In Nr. 48 der Berliner Zeitschrift „Gegenwart“ (vom 30. November 1889) findet sich ein Artikel des bekannten „Heine-Forschers“ Gustav Karpeles, in welchem derselbe mitteilt, dass es im Jahr 1848 zum Bruch zwischen Heinrich Heine und Ferdinand Lasalle wegen dem Hatzfeldt-Prozess gekommen sei.

Es ist dies,“ bemerkt dazu der Verfasser, „bis jetzt noch nicht bekannt geworden, aber ich habe authentische Beweise dafür.“ Als solche führt der Autor an einige Briefe und eine noch lebende Person. Bis zu dem Tage, an welchem er dieses schrieb, hatte Karpeles sechs verschiedene Schriften (von 1868 bis 1888) über Heine verfasst. In allen diesen war das obige Faktum (Tatsachen-Material) nicht erwähnt worden, sei es absichtlich, sei es unabsichtlich; auch andere Heine-Biographen haben nichts davon mitgeteilt; aber ist die Enthüllung deshalb minder (weniger) wahr, weil die ihr zugrunde liegende Tatsache erst 41Jahre, nachdem sie sich vollzogen hat, in der Öffentlichkeit bekannt wurde1?

1 Dabei blieb der Bruch zwischen Heine und Lasalle ein dauernder.
Am 30. April 1850 schrieb Heine an den Vater Ferdinand Lasalle's die auch in anderer Hinsicht sehr charakteristischen Worte: „Von Ihrem Sohne habe ich keine Nachricht und bin sehr begierig, etwas von ihm zu erfahren. Ich möchte sein Gesicht sehen, wenn ihm zu Ohren kommt, dass ich, aller atheistischen Philosophie satt, wieder zu dem demütigen Gottesglauben des gemeinen Mannes zurückgekehrt bin. Es ist in der Tat wahr, was das Gerücht, obgleich mit Übertreibung, von mir verbreitet hat. Hat Ferdinand noch etwas innere Geistesruhe, so dürfte auch bei ihm diese Nachricht ein heilsames Nachdenken hervorbringen.“


 

Ich eile nunmehr zum Schlusskapitel Kolde's, in welchem er abermals Proben von einem für einen „Lutherforscher“ bedenklichen Mangel an Orientierung an den Tag legt.

Hier gleich die erste davon.

In der ersten Auflage meiner Schrift war infolge eines Druckfehlers die Seitenanzahl von der Stelle, in welcher Luther gesteht, dass er es „wohl erfahren habe, wie es zugehe, dass man zu Morgen die Leuthe im Bette Tod find (tot auffindet)“ falsch angegeben worden. Es musste statt fol. (Folio-Blatt Nr.) 479 heißen fol. 444.

Das hatte sofort zur Folge, dass Professor Kolde die Stelle nicht auffinden konnte.

Er bemerkt darüber:

Dass Luther oft und vielmals über Anfechtungen des Teufels geklagt und wohl auch des Glaubens sein konnte, dass der Teufel jemanden plötzlich töten könne – denn das ist doch wohl an jener Stelle gemeint – ist bekannt. Wo und wann Luther jenen Ausspruch getan, ist nicht zu ersehen, denn an der von Majunke zitierten Stelle (Wittenberger Ausgabe Tomus = Band VII folio = Blatt 479) findet sie sich nicht.“

Der Herr Professor möge einmal loc. cit. fol. 444 (loco citato = an schon zitierter Stelle, Blatt 444) aufschlagen: dort wird er das Gesuchte finden ! – Der „Lutherforscher“ kennt also aus sich heraus nicht einmal jene signifikante Stelle aus der jedem katholischen Primaner (Schüler der obersten Klasse eines Gymnasiums) bekannten Schrift Luthers über die „Winkelmesse“ (Privatmesse) !

Ähnlich lässt sich der „gelehrte“ Professor durch einen Schreibfehler in die Irre führen. Ich hatte aus der Schrift des Prager Jesuiten-Paters Johann(es) Krause die Stelle zitiert, in welcher mitgeteilt wird, dass Luthers Freunde in den letzten Jahren seines Lebens einen besonderen Bedienten bei ihm angestellt hatten, „der diesfalls (damit er sich kein Leid zufüge) auff ihn Hutt haben sollen“(der für diesen Fall auf ihn Acht geben – ihn hüten – solle).

Krause schrieb nach dem Muster seines Ordens-Genossen Conrad (Vetter, 1622 verstorben) über den „wundertätigen“, „wunderbaren“ usw. Luther.

Bis zum Tode Luthers war Conrad (Vetter) nicht gekommen, wohl aber ein Jahrhundert später Johann Krause und so ist ihm die obige Stelle zu danken.

Ich hatte nun für jenen Passus (Textabschnitt) die Quelle also angegeben:
„Conrad (Vetter), der wundertätige Luther, 1716, Seite 74.“

Vollständig hätte aber der Titel heißen sollen:
Krause, alias (auch genannt bzw. eigentlich als) Conrad (Vetter) redivivus (wiedererstanden = an dessen Werk anknüpfend), der wundertätige Luther,
Prag 1716, Seite 74.“

Was macht nun Kolde daraus ? – Er sagt:

Dass dies (nämlich dass man Luther einen besonderen Bedienten zu bewusstem Zweck gegeben hat) einfach erlogen ist, ergibt schon Majunke's Quelle Conrad (Vetter), der wundertätige Luther, 1716, Seite 74. Der Autor dieser (leider weder hier noch in München oder Würzburg noch in einem bibliographischen Verzeichnis aufzufindenden) Schrift muss der 1622 verstorbene Ingolstädter Jesuit Conrad Vetter sein, der, um mit seinen Schmähungen Luthers Glauben zu finden, bis zu der Lüge fortschritt, sich im Titel mehrerer Schriften, als den Bruder des bekannten Lutheraners Jacob Andreae (auch Schmiedjakob, Schmiedlein, Faber Fribricius, Vulcanus genannt), M. (Magister) Conradum Andreae, Jacobi Andreae seligen Gedächtnis leiblichen Bruder (!!) auszugeben. Vergleiche Zedler s.v. (sub verbo = unter diesem Stichwort).“

Wenn der Pater Conrad (Vetter) „bis zu der Lüge fortschritt, dass er sich als den Bruder Jacob Andreae's ausgab“, so hatte er nur Andreae's, sowie anderer „Reformatoren“ Kämpfermethode nachgeahmt; im Übrigen jedem Kundigen seine „Lüge“ sofort zu erkennen gegeben hat. Trotzdem wurde sein Verfahren nicht von allen seinen katholischen Zeitgenossen gebilligt und noch neuerdings von Johannes Janssen (Kapitel V. Seite 405 ff. = und folgende Blätter) getadelt. Aber seine Methode fand im Volke einen solchen Anklang, dass ein Jahrhundert später sein Ordensgenosse Johann Krause dieselbe wiederholte und auch die früheren Titel beibehielt.

Das sind alles Dinge, die wiederum einem Luther-Forscher hätten bekannt sein müssen und selbst wenn Kolde auch Krause's Schriften niemals zu Gesicht bekommen hätte, so musste ihm der Inhalt derselben wenigstens zum Teil bekannt sein aus dem protestantischen „Curieusen-Geschichts-Kalender“ (merkwürdige Ereignisse), Leipzig 1717, der hauptsächlich gegen Krause zu Felde zieht.1

1 Bezeichnend ist es wieder, dass dieser „Geschichts-Kalender“ alle Lappalien (nebensächliche Bedeutungslosigkeiten), welche Krause gegen Luther vorbringt, aufgreift; dagegen die Nachricht vom „Erhencken“ (Erhängen) einfach zitiert, ohne sie zu widerlegen und die Mitteilung über den mehrmals erwähnten eigens bestellten Diener ganz ignoriert.


Aber Kolde macht es hier, wie Terlinden mit Bozius, Sedulius usw.

Weil Terlinden der letzteren Schriften auf keiner Bibliothek erlangen konnte, so sollte alles unwahr sein, was andere daraus zitierten. Weil Kolde den Krause nicht selbst eingesehen hat, darum ist „einfach erlogen“, was dieser vorbringt.

„Quod non est in meis actis, non est in mundo !“
„Was nicht in meinen schriftlichen Akten steht, existiert auch nicht in der Welt !“

Was nicht zu den Akten gelangt ist, wird bei der Beurteilung nicht berücksichtigt, weil der Schriftlichkeitsgrundsatz einen Gegensatz zum Mündlichkeitsprinzip darstellt.

Will er aber vielleicht auch die Stelle aus den „Tischreden“ Luthers für „erlogen“ erklären, wo Luther auf die Bemerkung des Pfarrers von Guben (polnisch: Gubin), dass er, wenn er ein Messer in die Hand genommen hat, versucht worden sei, sich zu erstechen, oder wenn er Zwirnsfäden gesehen hat, diese hätte zu einem Stricke zusammendrehen wollen, um sich zu erhängen – wo Luther erwiderte:

Das ist mir auch offt begegnet (passiert), das, wenn ich ein Messer habe in die Hand genomen, so sind mir dergleichen böse Gedanken eingefallen ?“
(Tischreden, Eisleben 1569, Blatt 277 a.)

Gehen wir nun zur letzten Blöße über, die sich Kolde gegeben hat.

Ich hatte behauptet, dass Luther, nachdem ihm fast alles, was er im Leben unternommen hat, misslungen ist, so dass er in den letzten Jahren seines Lebens unstet umhergewandert ist, zuletzt dadurch – bei seinem mangelnden Gottvertrauen – zur Verzweiflung getrieben worden sei, dass ihm das Einigungswerk, zu dessen Zustandekommen er nach Eisleben gereist ist, fehlgeschlagen sei.

Das soll nach Kolde alles unwahr und das Gegenteil wahr sein.

Um zunächst Luthers „Gottvertrauen“ zu beweisen, zitiert er folgende Stelle aus Luther Briefen an seine „Frau“:

Meiner lieben Hausfrauen Katherina Lutherin (Frau Luthers), Selbstmärtyrin (Märtyrerin) zu Wittenberg, meiner gnädigen Frauen zu Henden (Händen) und zu Füssen, Gnade und Friede im Herrn. Liese, du liebe Kethe den Johannem (das Johannes-Evangelium) und den kleinen Catechismum (Katechismus), davon du zu dem Mal sagetest (von dem du einmal gesagt hast), Es ist doch alles in dem Buch von mir gesagt. Denn du willst sorgen für Deinen Gott (anstelle deines Gottes), gerade als wäre er nicht allmächtig, der da könnte zehen (10) Doktor Martinus schaffen, wo (wenn / falls) der einige alte ersoffe (der eine Alte ertrinke) in der Saale oder im Ofenloch (Kamin-Öffnung) oder auf Wolfes Vogelheerd1 umkäme.
Lass mich in Frieden mit Deiner Sorge, ich habe einen besseren Sorger
(Fürsorger), denn (als) du und alle Engel sind.

Der liegt in der Krippen und hänget an einer Jungfrau Zitzen (Brust); aber sitzet gleichwohl (dennoch) zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters.

Darumb (darum) sei in Frieden (zufrieden). Amen.“

1 Anspielung auf einen Vogelherd (Vogelfangplatz mit Fallen), den einer von Luthers Dienern, namens Wolf, eingerichtet hatte.

 

Und drei Tage später am 10. Februar schreibt er wieder der allzu besorgten Gattin:

Ich sorge, wo du nicht aufhörest zu sorgen, es möchte uns zuletzt die Erde verschlingen, und alle Elemente (Naturgewalten, 4 Elemente als stoffliche Urkörper mythologisch personifiziert, Wesen oder Gläubiger) uns verfolgen. Lehrest du also den Katechismus und den Glauben ? Bete du, und lass Gott sorgen, es heißt:

Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der sorget für dich. Psalm 55.

Am 14. Februar kündigt er seine baldige Heimkehr an, „ob Gott will, Gott hat große Gnade hier erzeigt (gezeigt).“ Der Vergleich (ausgleichende Vertrag) unter den Mansfeldischen Grafen, um dessentwillen er (weswegen er denen zuliebe) nach Eisleben gekommen war, sei beinahe fertig. „Also muss man danach greifen (es annehmen / ergreifen / begreifen), dass Gott ist exauditor precum (Erhörer der Gebete).“

Dass hier ein wahrhaft christliches Gottvertrauen sich ausspricht, muss man zunächst bezweifeln. Jedenfalls fehlt dasselbe gänzlich in dem Briefe, den der „Reformator“ im Juli des vorangehenden Jahres (am 28.Juli von Zeitz aus) an seine „Frau“ gerichtet hatte, als er ihr auf und davongelaufen war.

Caspar Cruciger der Ältere (= Kreutzer), der nach Wittenberg zurückkehrte, nahm folgenden Brief an Katharina mit:

Er schreibt da auf einer unsteten Reise an sie:

G. u. F. (Gnädigste und Frau) Liebe Käthe, wie unsere Reise ist gegangen, wird dir Hans (unser Sohn Johannes) alles wohl sagen (erzählen); wiewohl (obwohl) ich noch nicht gewiss bin, ob er bei mir bleiben solle, so werdens (werden das) doch D. (Doktor) Caspar Creuziger und Ferdinandus wohl sagen. Ernst von Schönfeld hat uns zu (in) Lobnitz schon (schön) gehalten, noch viel schoner (schöner) Heinz Scherle zu Leipzig. Ich wollts (wollte es) gerne so machen, dass ich nicht durft wieder gen (nach) Wittemberg komen (kommen). Mein Herz ist erkaltet, sodass ich nicht gern mehr da (hier) bin, wollte auch, dass du verkauftest Garten und Hufe, Haus und Hof; so wollte ich M.G.H. (meinem gnädigen Herrn) das große Haus wieder schenken, und es wäre dein Bestes, dass du dich gen Zulsdorf setzest (in Zulsdorf niederlässt), weil (während) ich noch lebe, und kunnte (könnte) dir mit dem Solde (Entgelt) wohl helfen, das Gutlin (Gütlein / kleiner Landbesitz) zu verbessern, denn ich hoffe, M.G.H. (mein gnädiger Herr) soll (möge) mir den Sold verabfolgen (zukommen) lassen, zum wenigsten ein Jahr meins letzten Lebens (wenigstens für mein letztes Lebensjahr).

Nach meinem Tode werden dich die vier Elemente (Martin Luthers Gläubiger) zu Wittemberg doch nicht wohl leiden, darumb (darum) es besser bey meinem Leben gethan (wäre es bei meinem Leben besser getan), was denn doch zu thuen (tun / gemacht) sein will. Vielleicht wird Wittemberg, wie sichs anlässt (wie es sich gehört), mit seinem Musik-Regiment nicht den S. Veits Tanz (Sankt Veits-Tanz: auf Rat der Ärzte beteten die Kranken während des Tanzes unaufhörlich den Heiligen St. Veit an, er möge sie vor dem schwarzen Tod retten / Tanzwut - bis Schaum aus dem Mund quoll und die Kranken tot umfielen), noch den S. Johannis Tanz (Sankt Johannis-Tanz am Johannistag = Mittsommerfest zur Sommersonnenwende: die Tanzwut hatte, ähnlich dem italienischen Tarantel-Tanz, eine gewisse Ventilfunktion, wurde aber darauf als Ketzerei, später als Krankheit unterdrückt), sondern den Bettler-Tanz (Also ist der Rausch eben ganz, sich soll bald heben der Bettlertanz. Sprichwort: Da erhebet sich der Bettlertanz – Theatrum Diabolorum) oder Belzebubs-Tanz (Beelzebub: „Herrscher der Dämonen“. Beinamen des Gottes Baal. Baal Zebub wird übersetzt mit Herr der Fliegen) kriegen (bekommen wollen), wie sie angefangen haben, die Frauen und Jungfrauen zu bloßen hinten und vornen (hinten und vorne zu entblößen), und niemand ist da, der da strafe oder sich dagegen wehre, und auch wird Gottes Wort dazu gespottet (verspottet). Nur weg und aus dieser Stadt Sodoma raus !

(Das) Ist Leck's Bachscheiße (Kanal-Gülle / im Mittelalter wurde der Bach als Toilette benutzt), unsere andere Rosina1 und Deceptor (Satan, der Betrüger), noch nicht eingesetzt (eingekerkert), so hilf was du kannst, dass der Bosewicht (Bösewicht) sich selbst bescheissen musse (muss).

1 Hiernach (demnach) musste sich Luther schon wieder über eine „Rosina“ ärgern.
Die erste diente bei ihm als Hausmädchen.
Über diese schrieb er am 9. November 1542 an Anton Lauterbach, Pastor (Hirte) in Pirna:
Von der garstigen . . . . Rosina, die mein Haus mit jeder Schande besudelte, glaub ich werdet Ihr schon gehört haben (ich glaube, dass ihr von ihr schon gehört habt). Weder geht sie in sich, sondern zieht herum bei den Predigern, lügt und betrügt und stiehlt, wie sie's bey mir that (wie sie es auch bei mir getan hat). Aber ich Beklagenswürdiger ! Ich wusste nicht, dass die Metze (Mädchen geringeren Standes / Schlampe / Prostituierte) auch einen Sohn gebar, und sich auch noch mit ihrer Schande brüstet. Wäre ich nicht ein Diener des Wortes, ich hätte sie schon lange (längst) in den Sack stecken (überwältigen und nach Willkür behandeln) lassen. Verbreitete Foltermethode, Hexen in einen Sack zu stecken, der aufgehängt und ins Schwingen gebracht wurde. Noch bin ich unentschlossen, ob ich's thun soll (ob ich das machen soll), so sehr brennt mich dieser Schimpf Satans (so sehr belastet mich diese Schande Satans als dringendes Anliegen).“ (Dr. Gottfried Schütze, Luthers bisher ungedruckte Briefe. Deutsch bei Christian Friedrich Wappler in Leipzig. 1783, Seite 117.)
Die Rosina muss den „Gottesmann“ auch in der Stadt Wittenberg arg ausgetragen (ausgerichtet / ausgeplaudert) haben, denn, wie Johann Christoph Pannichs „Katechismus zur Warnung aller Verführten“, Prag 1781, Seite 148, erzählt, kam „die Sache unter die Wittenberger Studenten, welche deswegen Luther mit allerley (allerlei) spitzigen (spitzzüngigen / versteckt höhnischen) Gratulationen (doppeldeutigen Anspielungen) beehrten, auch öffentlich allerley schändliche Lieder über ihn absangen.“ – Darin wird wohl mit ein Grund gelegen haben, dass Luther Wittenberg wiederholt verließ. Dabei hatte er die unqualifizierbare (unverschämte) Frechheit, das Mädchen, welches unschuldig in sein Haus gekommen war, den „Papisten“ (Papstanhängern) in die Schuhe zu schieben. Vergleiche oben Seite 52.
Der entsprechende Absatz von Seite 52: Um die Echtheit, d.h. die italienische Provenienz (Herkunft) dieses Falsums (Betrug, Fälschung) zu erweisen, meint Kolde nebst anderen, es lägen noch die Schreiben derer vor, welche die Schrift aus Italien übermittelt hätten. -- Diese grundgelehrten (gründlich, von Grund auf gelehrten) Leute !
Wissen sie denn gar nicht, wie Friedrich II. sogar päpstliche Breven (päpstliche Erlasse oder Schreiben) in Berlin erdichtete und seine Dichtungen den Marquis d' Argens ins Lateinische übersetzen ließ ? Wissen sie nicht, wie während des letzten „Kulturkampfes“ Reptile (franz.: Kriechtiere, Schleichen) in der katholischen Presse Unterschlupf fanden und ihre Giftpillen gerade bei arglosen italienischen katholischen Blättern unterbrachten ! – Luther aber übertraf alle diese Intriganten noch bedeutend an Verschlagenheit und Rührigkeit (Unternehmungsgeist, Lebhaftigkeit).
Nachdem z.B. „seine“ Rosina, die als „pudens virgincula“ (schüchternes Mädchen) in sein Haus gekommen war, daselbst (an diesem Ort) schlecht geworden, meint er, „die Papisten“ (Papstanhänger) hätten sie ihm „zugefügt“(untergeschoben). (Wilhelm Martin Leberecht de Wette, V, S. 395 und 625.)


 

Ich habe auf dem Lande mehr gehört, als ich zu Wittemberg erfahren habe, darumb (daher) ich der Stadt mude (müde) bin und nicht wieder hierher kommen will (zurückkommen will), da mir Gott zu helfe (wozu mir Gott helfe).

Übermorgen werde ich gen (nach) Merseburg fahren, denn Fürst George hat mich sehr darumb lassen bitten (darum bitten lassen). Will also umbherschweifen (umherschweifen) und ehe (lieber / eher) das Bettelbrod (Bettelbrot) essen, ehe ich meine armen alten letzten Tage mit dem unordigen (unordentlichen) Wesen zu Wittemberg martern und verunrugigen (mich beunruhigen) will, mit dem Verlust meiner sauren theuren Erbeit (Arbeit). Magst (mögest du) solches (wo du willst) Doktor Pomeranus und Mag. Philipps Melanchthon wissen lassen, und ob D. Pomeranus wollt hiermit Wittemberg von meinenwegen gesegenen (meinetwegen möge segnen); denn ich kann des Zorns und Unlust (den Zorn und die Unlust) nicht länger leiden (ertragen).

Hiemit Gott befohlen, Amen. Dienstag Knoblochstag * (Pantaleonistag am 28. Juli), 1545. Martinus Luther."

Aus der Weimarer Ausgabe - Briefe 11, 4139.
* Knoblochstag = Knoblauchs-Tag:
A: Fest des Schutzheiligen St. David mit Lauch-Verzierungen am 1. März in London.
Die Kirche setzte den Davidstag auf den 30. Dezember.
B: Der Knoblauchstag bezieht sich auf Hermann von Luxemburg, Graf von Salm, dem sogenannten Knoblochskönig, der 1082 in Eisleben zum Gegenkönig erwählt wurde, gefeiert am Mittwoch nach Pfingsten.
C: Maria Himmelfahrt am 15. August.
D: Dieser Brief vom 28. Juli fällt wahrscheinlich eher mit dem Pantaleonistag am 28. Juli - in Thüringen am 27. - zusammen, Sankt Pantaleon ist einer der 14 Heiligen Nothelfer.


Wo verlässt ein auf Gott vertrauender guter Hirte seine Schafe ? – Wo liegt das Gottvertrauen, wenn Luther bei anderen Gelegenheiten erklärt, er könne nicht beten, ohne zu fluchen ?

In völlig unrichtiger Weise behauptet sodann Kolde, dass Luthers Tätigkeit behufs (zwecks) Schlichtung der Streitigkeiten zu Eisleben eine erfolgreiche gewesen sei.

Der Vergleich (Vertrag durch Verhandlungen) unter den Mansfeldischen Grafen1, um dessentwillen er (weswegen er denen zuliebe) nach Eisleben gekommen war,“ sei „am 16. Februar zustande gekommen“.

1 Es ist vielfach bestritten worden, dass auch Luthers Anverwandte in dem Streit beteiligt gewesen seien. Julius Leopold Pasig, Luthers letzte Lebenstage (Tod und Begräbnis), Verlag von Friedrich Wilhelm Grunow - Leipzig 1846, Seite 1 gibt das indessen ausdrücklich zu und nennt speziell die Verwandten, Luthers Schwager Paul, Mackenrodt, kurfürstlicher Beamter zu (in) Niederroßla bei Weimar und Luthers jüngere Schwester Dorothea Luder. Luther habe sich, wie Pasig weiter erzählt, wiederholt für diese bei den Mansfelder Grafen schon früher verwendet, aber stets vergeblich.

Martins Luthers zweite Schwester Margarethe war mit Heinz Kaufmann (Hüttenmeister) verheiratet und die dritte Tochter mit dem Hüttenmeister Klaus Polner (Kupfer-Mine Mansfeld).
Vater Hans Luder (Luther) finanzierte das Studium seines Sohnes M. Luther durch das Kupfer (darauf viele Hütten im Raum Mansfelder Schlossberg und Eisleber Berg).
Laut H. Freydank sagt Mathesius (Tischgenosse und Biograph Luthers):
Sein lieber Vater, Hans Luder, hat ihm auch von seinem ehrlichen Berggute und dem Ertrage zweier Feueröfen zu Erfurt studieren lassen".
1501 bezog Luther die Universität (Juristen-Fakultät), 1505 ging er bereits ins Kloster.
Luther und der Bergbau: Dr. Rudolf Mirsch, 1996 / Dr. Hans Freydank: Martin Luther und der Bergbau.


 

Es ist wirklich interessant, dass ich hier wieder dem „Lutherforscher“ sagen muss, dass es sich in dem von ihm erwähnten Falle nur um einen Teil des Vergleichs (Vertrags) gehandelt hat, und zwar um ein römisches Patronats-Verhältnis (ein auf Gegenseitigkeit beruhender Gehorsam gegenüber dem Patron, d.h. der Schutzherr steht im Verhältnis zu den bedürftigen Klienten) der Grafen über ein Kirchen- und Schulsystem; dass aber der Hauptpunkt des Streites, betreffend die Besitzverhältnisse bei den Bergwerken und deren Ausnutzung gänzlich unerledigt blieb.

Luther, der überhaupt nirgends mehr Ruhe hatte, war schon anfangs Februar, als er die Aussichtslosigkeit seiner Bemühungen erkannte, bereit, unverrichteter Sache nach Wittenberg zurückzukehren.

Hinter dem Rücken der Grafen schrieb er dem Philipp Melanchthon am 6. Februar, er möge ihm beim Kurfürsten ein Schreiben auswirken (bewirken), in welchem er „propter necessarias causas“ (wegen dringender Angelegenheiten / aus zwingenden Gründen) nach Hause zurückberufen würde (Wilhelm Martin Leberecht De Wette V. Seite 785)1 und der Kurfürst, den er so wieder zur Intrige und Lüge verleitete, ging auf den Plan ein, so dass Luther unterm (vor dem) 14. Februar an Melanchthon schreiben konnte:

„Accepi gratissimas literas hodie Principis vocantis me domum, mi Philippe, et festino abire, satur plus quam satis istarum rerum.“ (De Wette V. 791.)
„Ich habe heute einen überaus angenehmen Brief vom Fürsten erhalten, der mich nach Hause (zurück) gerufen hat, mein (lieber) Philipp, und ich beeile mich wegzugehen, (all) dieser Angelegenheiten mehr als genug satt."


Wenn er „satur plus quam satis istarum rerum“ (all dieser Angelegenheiten überdrüssig) nicht sofort abreiste, so war es eben nur die Regelung jener Patronats-Angelegenheit (Schutzherr-Sache), die ihn noch abhielt.


1 Er motivierte (begründete) seinen Wunsch mit den Worten: „Hic sedemus et iacemus otiosi et negotiosi, mi Philippe: otiosi, dum nihil efficimus, negotiosi, dum infinita patimur, exercente nos nequitia Satanae. Inter tot vias tandem pervenimus ad viam, quae spem ostendit: hanc rursus impedivit Satan. Aliam subinde ingressi, ubi iam confecta omnia putavimus: hanc rursus impedivit Satan. Tertia coepta est, quae videtur certissima et non posse fallere, sed exitus acta probavit.
Vellem et oro te, ut cum Doctore Pontano agas apud Principem, ut me literis revocet domum propter necessarias causas, si forte hoc modo queam extorquere, ut maturent concordiam. Sentio enim, eos non posse ferre abitum meum, infectis rebus. Dabo illis adhuc hanc hebdomadam;
post minari eis volo literis Principis.“
d.d. (lateinisch: de dato = vom Tag des Datums an) 6. Februar 1546, De Wette V., Seite 785.
Zu Deutsch übersetzt:
Hier sitzen wir (herum) und liegen (träge) darnieder – untätig und tätig, mein (lieber) Philipp: untätig, währenddessen wir nichts bewirken, tätig, indem wir endlos leiden, durch die (an) uns verübte Gemeinheit Satans. Auf so vielen Wegen gelangen wir letztendlich auf den Pfad, welcher Hoffnung weckt: (doch) diesen hat wiederum Satan behindert. Unmittelbar darauf einen anderen (Weg) beschritten, wo wir bereits geglaubt haben, dass alles vollendet (geschafft) ist: hat diesen Satan abermals verhindert. Wenn der dritte (Weg) begonnen ist, welcher als der sicherste und (auch) nicht täuschen zu können scheint, jedoch der Ausgang (das Ende dieser Geschichte) bestätigt die (vorangegangenen) Taten.
Ich würde mir wünschen und ich bitte dich, dass du bei dem Fürsten (zusammen) mit Doktor Pontano zustande bringst, dass er mich durch einen Brief wegen dringender Angelegenheiten nach Hause zurückberufen möge, falls ich vielleicht auf diese Weise (es) herauszudrehen (zu erzwingen) vermag, auf dass sie (die zerstrittenen Grafen) die Eintracht (untereinander) beschleunigen könnten.
Denn ich denke, dass diese nicht imstande sind, meinen Weggang - unverrichteter Dinge - zu ertragen. Ich werde jenen bis dahin eine Woche (Zeit) geben;
darauf will ich diesen (den Grafen) mit dem Brief des Fürsten drohen.“


Dass aber in der Hauptsache nichts erreicht war, sollte doch Kolde aus Ratzeberger wissen, der mitteilt, dass die „vorwirreten Grafen noch heutiges tages“ (dass die verworrenen Grafen noch heutigen Tages) d.h. mehrere Jahre nach dem Tode Luthers „nicht eins (einig) sind und daruber (wegen dem) von tage zu tage abnehmen und vorderben (verderben)“.

Und wenn dies Kolde nicht bei Medicus Ratzeberger (Leibarzt des sächsischen Kurfürsten, Lutherbiograph) gelesen hat, so musste es ihm aus Seckendorf bekannt sein, der darüber (lib. III, 133 / Buch 3, Seite 133) schreibt:

De negotio, quod una cum Wolffgango Principe Anhaltino, Johanne Henrico, Comite Schwarzburgensi, et Consiliariis Comitum, per dies viginti, magno quidem, sed irrito cum labore tractavit dicere nihil attinet. Iureconsultis imputabat, quod transactio non sequeretur; quapropter, ut Razebergius annotavit, P. (Professor) Melchiorem Klingium, Professorem tunc Wittenbergensem, qui Comitibus a Consiliis erat, et Islebiam eo tempore venerat, statim permovit, ut abiret.
De uno tamen litigiorum capite, de iure scilicet patronatus, opera Lutheri et Jonae conventum fuit, ut refert Michael Emmerlingus, Superintendens Mansfeldensis, in dissertatione alibi allegata qui et instrumentum transactionis d. (die) 17. Febr. 1546 subscriptum adhuc pro norma servare dicit.“

Zu Deutsch übersetzt:
„In Hinsicht auf das Staatsgeschäft (Verhandlung), welches zusammen mit dem Fürsten Wolfgang von Anhalt, mit Johann Heinrich, Graf von Schwarzburg und mit den Beratern der Grafen-Gefolgschaft, 20 Tage lang hindurch, gewiss mit großer, aber auch mit vergeblicher Mühe verhandelt wurde, ist es ohne Belang (darüber) zu sprechen. Er hat den Rechtsgelehrten die Schuld gegeben, dass die Geschäfts-Abwicklung (der Verhandlung) nicht erfolgen würde, weshalb er - wie Ratzeberger schriftlich vermerkte - den (Juristen) P. Melchior Kling, zu dieser Zeit Professor an der Universität Wittenberg (und Schüler Philipp Melanchthons), welcher durch die Grafen unter den Ratgebern war und zu dieser Zeit nach Eisleben gekommen war, unverzüglich auf der Stelle dazu veranlasst hat, dass er weggehen würde.
Trotz der Zänkereien hat es in einem Hauptpunkt (wichtigen Streitpunkt), nämlich dem Patronatsrecht (über die Rechts-Gewalt des Patrons, des Schirmherrn = von Rechts wegen das Patronat), durch die Hilfe (Mühe) Luthers und des Jonas eine Übereinkunft gegeben, wie Michael Emmerling berichtet, Superintendent von Mansfeld - in der (schriftlichen) Erklärung an anderer Stelle angeführt - welcher versichert, auch weiterhin auf das aufgeschriebene (aufgenommene) Beweismittel (= den urkundlichen Beleg) der Verhandlung am Tag des 17. Februar 1546 gemäß der Vorschrift Acht zu geben.“


Auch Dr. Gottfried Schütze erklärt in der Einleitung zu seinen „bisher ungedruckten Briefen Luthers“ (von der Stadtbibliothek Hamburg - aus dem Latein übersetzt), dass dieser in der Hauptsache in Eisleben nichts ausgerichtet hat.


Das alles aber ist dem „Lutherforscher“ Kolde unbekannt !

Ich will hier nicht noch einmal die psychologischen Momente zusammenstellen, welche die düsterste Stimmung des „Reformators“ gerade in Eisleben hervorrufen mussten, aber die Tatsache wird jetzt niemand mehr leugnen können, dass derselbe „satur plus quam satis“ (all dessen mehr als satt) nicht nur der dortigen Händel wegen (Auseinandersetzungen / Zankereien), sondern auch – des Lebens satt war.

Kolde übrigens scheint selbst die Schwäche seiner gesamten Beweisführung gefühlt zu haben, denn er schreibt am Schlusse seiner Schrift:

„Unser evangelischer Glaube beruht, was die Gegner doch endlich wissen sollten, auf dem Leben und Sterben Christi; nicht Luthers.“

Leider ist auch das nicht ganz richtig. Der „evangelische Glaube“ beruht für eine sehr große Anzahl von Protestanten auf einem derartigen „Leben und Sterben Christi“, wie es Luther geschildert und ausgelegt hat.

Auch der katholische Glaube beruht auf dem Leben und Sterben Christi, aber auf einem solchen, wie es die Kirche Jesu Christi schildert und auslegt.

Und so sehr auch der Subjektivismus* im Protestantismus um sich greifen mag, so ist doch noch für die Mehrzahl der protestantischen Bevölkerung Luther das, was für den Katholiken die Kirche ist.

* Erkenntnistheoretische Positionen, nach denen alle Begriffe, Urteile und Erkenntnisse wesentlich durch den einzelnen Mensch bestimmt werden. Seit der Aufklärung hat sich der Mensch zum Maß allen Seins und aller Dinge erhoben und so seine Subjektivität (Ich-Bezogenheit jeder Wahrnehmung) an die Stelle von Gottes Offenbarung gesetzt. Zitat Lutz von Padberg.
Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, sagt Protagoras schon vor Sokrates. Vertreter dessen: Kant und Descartes. Kann die individuelle Wahrnehmung die Wahrheit ersetzen ? Antwort: Pferde sehen angeblich alles in Schwarz-Weiß.


 

Die Mehrzahl der Protestanten hält den „Reformator“ tatsächlich für unfehlbar, feiert seine Feste, verehrt seine Reliquien (seine sterblichen Überreste) und setzt ihm Denkmäler in Stein und Erz (Metall).

Das alles aber würde man unterlassen, wenn man den Luther der Geschichte, nicht den Luther der Dichtung kennen würde. Die Kunst dieser Dichtung besteht zunächst darin, alles aus den Schriften des „Reformators“ wegzustreichen, was den um sein Haupt gemalten Heiligenschein1 erblassen lassen könnte, und dasjenige, was man stehen lassen musste, so zu deuten, dass auch der größte Gestank2 zum lieblichsten Geruche wird.

1 Das ist auch buchstäblich zu nehmen. Nach Luthers Tode hat man zahlreiche Bilder von ihm mit Heiligenschein verbreitet.
2 Auch das ist wieder wörtlich zu nehmen. Luther verhöhnte im Voraus seine Anbeter:
Adorabunt stercora nostra“ (Sie werden unseren Kot anbeten / unserem Mist huldigen) sagte er von ihnen. – Andererseits lobte z.B. Johannes Mathesius geradezu die unbeschreibbar unsauberen Bilder, welche Luther zur Verhöhnung des Papsttums verbreiten ließ.


 

Einer der größten Luther-Dichter ist Professor Kolde. Neben einer ungemessenen (unermesslichen) Verehrung für sein Idol besitzt er den nötigen Grad von Unwissenheit, um wenigstens subjektiv nicht mit den Forderungen der Moral in Zwiespalt zu geraten.

Aber mit seiner neuesten Mohrenwäsche (Reinwaschen eines offensichtlich Schuldigen durch Scheinbeweise) hat er seiner Sache einen schlechten Dienst erwiesen. Es ist gar nicht möglich, dass seine Freunde darüber Genugtuung empfinden können, trotz der an sich nicht ungeschickten Kulissen-Malerei, mit der er die Augen des Publikums von dem Drama, um welches allein es sich handelte, abzuziehen (abzulenken) versuchte.

Ich meinerseits bin ihm im Interesse der katholischen Sache gern dankbar für seine Leistung. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass diejenigen Katholiken, welche bisher noch abwartend in ihrer Stellungnahme zur Frage über Luthers Lebensende sich verhielten, nunmehr (von jetzt an), nachdem sie das Debüt (erste öffentliche Auftreten) eines so berühmten Lutherforschers gesehen haben, ihre Reserve (Zurückhaltung / distanziertes Verhalten) aufgeben und die alte katholische Tradition in dieser Angelegenheit nicht mehr unterbrechen werden.

Ich scheide von Herrn Kolde, indem ich ihm für seine späteren Kämpfe das Wort des Cochläus an Luther zurufe:

Si vir es, armis pugna non conviciis. Gladium sume Spiritus sancti, quod est verbum Dei. Muliebre est, rem tantam conviciis, ludis, scenis, scommatibus imaginibusve fictis agere; viros arma decent1 !“
„Wenn du ein Mann bist, (dann) kämpfe mit Waffen, nicht mit Spottrufen / Lästerungen. Zieh (doch) das Schwert des Heiligen Geistes, welches das Wort Gottes ist. Es ist weibisch, eine so bedeutend große Sache (das Wort Gottes) mit Schimpfreden, Schaukämpfen / Kinderspielen, Maskeraden, mit Witzen oder mit erlogenen (erheuchelten) Bildern zu betreiben; (wahren) Männern stehen Waffen wohl an !“

1 Welche Grundanschauung Kolde vom Katholizismus hegt, hat er offen ausgesprochen in seiner Schrift: „Der Methodismus* und seine Bekämpfung“, Erlangen 1886.
* Teil der evangelischen Kirchenbünde und religiöse Erweckungsbewegung, die aus der anglikanischen Kirche hervorgegangen ist. 1729 durch eine Gruppe von Studenten an der Universität von Oxford entstanden. Ziel ist es, sich dem gemeinsamen Gottesdienst, dem Studium und der Nächstenliebe zu widmen.
Merkmale: Bibelfrömmigkeit, Betonung der persönlichen Glaubensbindung und auch Laienmitarbeit.
Er sagt daselbst (Seite 8): „Das Urteil aller Unparteiischen geht dahin, dass der Segen und die Bedeutung des Methodismus für England und Amerika sich nicht ausreden lässt; er ist ein unermesslicher (überaus groß / uferlos). Nach menschlichem Urteil wäre ohne ihn und die von ihm ausgegangene Bewegung das englische Staats-Kirchentum einer vollständigen Ethnisierung (Personen werden wegen ihrer Herkunft, ihres Aussehens oder ihrer Lebensgewohnheiten einer vermeintlich gleichartigen Gruppe zugeordnet) oder, was nach meiner Auffassung keinen großen Unterschied macht, schon längst dem Romanismus (Römertum - Bezeichnung für die „Befangenheit“ und Anhänglichkeit an die Römisch Katholische Kirche, auch: Papismus oder Ultramontanismus, d.h. die einzige Zentrale ist jenseits der Berge nur in Rom) verfallen.“ – Bekanntlich lehrt die katholische Kirche, dass jeder von einem gläubigen Christen, gleichviel (gleichgültig) ob dieser Katholik oder Protestant ist, getaufte Mensch dem Heidentum entrissen und dem Christenbunde eingereiht wird, gleichviel (gleichgültig) ob er dem katholischen oder einem der protestantischen Bekenntnisse sich angliedert (anschließt). Anders der Erlanger „Luther-Forscher“. Nach ihm macht es „keinen großen“, also wohl keinen wesentlichen „Unterschied“, ob jemand ein Heide oder ein Katholik ist. Und dieser Mann, der sonst nicht wenig über die „Unduldsamkeit“ (Intoleranz / Unnachgiebigkeit) der Katholiken sich ereifert, will ein Erzieher von Predigern sein ! Hoffentlich verleugnen diese alle ihren Meister und tragen nicht seine Grundsätze auf ihren Kanzeln vor – sonst wäre nicht abzusehen, wo wir in Deutschland mit dem konfessionellen Frieden (Friede unter den Gläubigen des Katholizismus und Protestantismus) hinaus sollten !


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Die Stellung Kawerau's.

Viel männlicher, als Kolde, hat sich in der schwebenden Streitfrage auch Professor Gustav Kawerau nicht erwiesen.

Derselbe, früher Inspektor „am Kloster U. L. Fr.“ (Unser lieben Frauen) zu Magdeburg, jetzt Professor in Kiel, veröffentlichte über die Schrift „Luthers Lebensende“ in der „Magdeburgischen Zeitung“ vom 18. Februar c. (calendario = im Kalender) einen längeren Artikel, welcher folgenden Wortlaut hatte:


Luthers Lebensende.
Eine wieder ausgegrabene Geschichtslüge

Vor sieben Jahren hatte ich die Ehre, im städtischen Verein zu Magdeburg mit einem Vortrag über katholische Luther-Polemik weitere Kreise unserer Bürgerschaft auf das damals bevorstehende Luther-Jubiläum aufmerksam machen zu können.

Ich wies damals darauf hin, dass das katholische Deutschland, namentlich aus dem 17. Jhdt., eine meist von Konvertiten (aus dem evangelischen Lager) oder von Jesuiten verfasste Luther-Literatur besitze, deren man sich glücklicherweise heutigen Tages wegen des Schmutzes und der Verlogenheit, die in dieser sich breit machen, ziemlich allgemein schäme und die man gern verdienter Vergessenheit überlasse.

Als Probe führte ich u.a. auch an, dass jene Lügenschriften kein Bedenken tragen, Luther zum Stricke greifen und sich selbst ins Jenseits befördern zu lassen.

Beim Abdruck jenes Vortrages in der „Magdeburger Zeitung“ unterließ ich nicht, auch den literarischen Nachweis für dieses Pröbchen (Versuch) jesuitischer Dreistigkeit zu liefern. In der Tat, man durfte hoffen, dass jene Schandliteratur des 17. Jhdts. nur noch ein kulturhistorisches Interesse in Anspruch nehmen werde. Freilich tauchten damals bereits Schriftsteller, wie der Konvertit Georg G. Evers (Buch: „Martin Luther, Lebens- und Charakterbild, von ihm selbst gezeichnet“) und der Hamburger „Gottlieb“ (= Pater Tilmann Pesch) der Berliner Zeitung „Germania“ auf, welche dem Kundigen nur zu deutlich verrieten, dass sie bei jenen sauberen Pamphletisten (Verfasser von Schmähschriften) des 17. Jhdts. in die Schule gegangen waren.

Und nun steht Paul Majunke da und bringt siegesgewiss die wieder ausgegrabene Lüge von Luthers Selbstmord zu Markte; sein Buchhändler posaunt die „unwiderlegliche“ (unwiderlegbare), aus sicheren „Quellen“ geschöpfte Entdeckung in die Welt hinaus, und in wenigen Tagen sind zwei Auflagen dieser Schmähschrift vergriffen ! Herr Majunke gibt sich noch dazu das vornehme Air (Aussehen / Anschein), nur eine „wissenschaftliche“ Schrift für die Kreise der Fachleute geschrieben zu haben; aber er hat dafür gesorgt, dass die, welche von „Quellen“ und deren Wert und wissenschaftlicher Benutzung nichts verstehen, deutlich genug die hassglühende und religiösen Fanatismus aufstachelnde Sprache seiner Brandschrift verstehen können, und je weniger sie die gelehrte Ausstaffierung (Ausschmückung) seines Pamphlets in ihrer Windigkeit (Haltlosigkeit) und Fadenscheinigkeit durchschauen können, umso größeren Respekt vor der „gelehrten“ und „quellenmäßigen“ Beweisführung erhalten werden.

Mundus vult decipi, ergo decipiatur (Die Welt will betrogen / getäuscht werden, also soll sie betrogen werden, Luther-Zitat) – das ist das einfache Rezept, nach dem hier gearbeitet wird. Denn um nichts anderes als um eine Täuschung der Menge handelt es sich hier – das hat mit dankeswerter Schnelligkeit der Antwort und mit erfreulicher Klarheit und Deutlichkeit soeben der Erlanger Kirchenhistoriker Professor Dr. Kolde in seiner Gegenschrift: „Luthers Selbstmord. Eine Geschichtslüge P. Majunkes“, Erlangen und Leipzig, 1890, nachgewiesen.

Er beginnt damit, Herrn Majunke mit aller Evidenz (unwiderlegbare Beweiskraft) zunächst eine – harmlose Urkunden-Fälschung nachzuweisen. Die Sache ist es wert, weitesten Kreisen bekannt gemacht zu werden. Am 18. August 1520 verteidigte Luther in einem Briefe an einen Freund die Schärfe der Polemik (Feindseligkeit) in seiner Schrift „An den christlichen Adel“ mit dem Ausspruch: er sei überzeugt, dass das Papsttum der Sitz des Antichristen sei, „gegen (wegen) dessen Trügerei (Täuschung) und Nichtswürdigkeit (in cuius deceptionem et nequitiam) uns meiner Meinung nach um des Heiles der Seelen willen alles (nämlich auch der schärfste Ton der Polemik) erlaubt ist.“ Der ehrenwerte katholische Historiker Franz Wilhelm Kampfschulte hatte einst in schwacher Stunde sein Latein so weit vergessen, dass er bona fide übersetzte: „zu dessen Hintergehung und Verderben uns alles erlaubt ist.“ Jannsen eignete sich begierig diese Übersetzung an, und nun wurde sie eiligst von einem um den anderen herum nachgeschrieben, und lauter Jubel im ganzen Lager !

War doch nun erwiesen, dass nicht der Jesuitenorden, sondern Luther den Satz gemünzt hatte, dass der Zweck die Mittel, auch Lug und Trug, heilige !

Nun kamen freilich die bösen Protestanten und erinnerten daran, dass schon ein Tertianer (Schüler der 4. oder 5. Klasse eines Gymnasiums) diese Worte richtig werde zu übersetzen wissen. In der Tat gab auch Janssen als der Kluge nach und änderte die Stelle in späteren Auflagen; nur einer der Triarier (Elite der römischen Legion) der ultramontanen (jenseits der Alpen = in Rom = streng päpstlich) Literaten-Gesellschaft verlangte pathetisch (feierlich / hochtrabend) einen Philologen-Kongress (Sprachwissenschaftler-Versammlung), der diese Tertianerfrage entscheiden sollte1!

1 Gemeint ist der Passauer Domherr Dr. Johann Baptist Röhm, der in seiner Schrift: „Konfessionelle Lehrgegensätze“ (Hildesheim 1883) I. Seite 1 die Ansicht aussprach, dass man erst noch abwarten müsste, ob die Übersetzung Janssens respektive (beziehungsweise) Kampfschulte's vor dem „unparteiischen Richterstuhl der Philologen“ für falsch erklärt werden würde.


Was macht aber nun Herr Majunke ?

Er ändert, gottesfürchtig und dreist, den lateinischen Wortlaut und zitiert jetzt:

ad Papatum decipiendum (um das Papsttum zu täuschen) !

Wie nennt man das ? Urkunden-Fälschung ?

O was ist die deutsche Sprache für eine arme Sprache ! für ein plumpe Sprache !

Corriger l'histoire, l'enchaîner sous ces doigts, être sûr de son fait (die Geschichte korrigieren, die Kette unter den Fingern = sie fortsetzen, sich seiner Sache auch sicher sein), das nennen die Deutschen Urkunden-Fälschung ?“

Herr Majunke „korrigiert“ denn nun die Geschichte in der unglaublichsten Weise weiter. Der amtliche urkundliche Bericht über Luthers Lebensende, der sich auf eine ganze Schar von Augenzeugen beruft, von drei Augenzeugen verfasst ist, ist für ihn das abgefeimte (raffiniert durchtriebene) Lügengewebe protestantischer Theologen, die Wahrheit enthält allein ein Bericht, den in den letzten Jahren des 16. Jhdts. ein italienischer Mönch und bald danach im 17. Jhdt. ein belgischer Mönch uns überliefert haben. Denn man höre und staune ! auf wen berufen sich diese ehrenwerten Mönche ? Auf einen Diener Luthers, dessen Namen (Rudtfeld) sie klüglich (wohlweislich aus Vernunft) verschweigen; der hat ein Bekenntnis abgelegt vor einem katholischen Herrn, dessen Name wiederum in Dunkel gehüllt wird, und zwar an einem Ort und zu einer Zeit, über welche diese verschwiegene Art von Historikern gleichfalls ein bedeutsames Schweigen beobachten. Was soll man zu der Dreistigkeit sagen, solch ein Machwerk von „Zeugnis“ gegen das Zeugnis von Männern, die mit offenem Visier dastehen, auszuspielen ? Was soll man zu dem Verfahren dieses trefflichen Historikers sagen, der an Luthers Leichnam noch gern Heldentaten verüben möchte, und dabei ganz vergisst oder verschweigt, dass wir von Luthers Sterbetage, ja sogar noch aus der Nacht seines Todes eine ganze Reihe von Briefen aus Eisleben besitzen, die uns alle die Richtigkeit des später abgefassten offiziellen Berichtes verbürgen ? Ebenso wenig offenbart Herr Majunke seinen Lesern, aus was für einer einfältigen und mit Geschichtslügen angefüllten „Quelle“ er jenes Dokument über Luthers Selbstmord gezogen hat. Kolde erinnert ihn mit Recht daran, was für weitere, tolle Spukgeschichten im engsten Zusammenhange mit dem Bericht über den famosen (glorreichen / hervorragenden) Selbstmord und mit dem gleichen Ernste, als handle es sich um sicher beglaubigte Geschichte, dort vorgetragen werden. Diese Teufels-Geschichten – denn das ganze höllische Heer spielt nach dem mönchischen „Zeugen“ eine große Rolle bei Luthers Tode – sind denn doch Herrn Majunke als zu grobe Lügen erschienen, um sie seinem gläubigen Publikum aufs Neue aufbinden zu können; aber aalglatt windet er sich durch diese fatalen Nebenumstände hindurch – wer wird denn auch so altfränkisch (altmodisch) sein, und selber die Quellen nachschlagen, die der gelehrte „Historiker“ zitiert hat und sich davon überzeugen wollen, ob auch gewissenhaft zitiert und referiert (berichtet) und geprüft sei ? O, es ist ein erbauliches Pröbchen (Schauspiel / Versuch) von dem Aufschwung, den die neukatholische historische Schule jetzt unter der Ägide (Führung / Schutzherrschaft) des Friedenspapstes (Papst Leo XIII., später: Benedikt XV. und XVI.) in Deutschland nimmt. Wir werden, wenn's so weitergeht, bald noch Besseres in dieser Art erleben. Doch – man muss es ja extra als eine erfreuliche Erscheinung registrieren – eine ultramontane Zeitung hat

wirklich schon den Mut gefunden, den Kopf zu diesem neuesten Ergebnis der nach dem Dogma die Geschichte verbessernden Geschichtsschreibung zu schütteln.

Hoffen wir, dass bald andere nachfolgen und den Mut gewinnen, diese Art von Helfern und Hetzern energisch von sich abzuschütteln. – Gewiss, als Historiker ist Herr Majunke nicht ernst zu nehmen, beansprucht es auch wohl vor sich selber gar nicht einmal – aber als Symptom für die schriftstellerische Verrohung des deutschen Ultramontanismus ist sein Pamphlet sehr ernst zu nehmen !

Majunke richtet seine Arbeit direkt gegen den „Evangelischen Bund“.

Er droht diesem, man werde jetzt „Repressalien“ gegen dessen Aktion ergreifen und dem erstaunten Deutschland den echten Luther zeigen, wie ihn dasselbe seit 200 Jahren nicht mehr geschaut habe. Wohlan, er rufe die Lügengeister des 17. Jhdts. wieder wach ! Vielleicht hilft er dann dazu, dass ihrer immer mehrere erkennen, dass ein Zusammenschluss aller evangelischen Männer zum Schutz unseres Erbes und zur Verteidigung unserer Heiligtümer notwendig ist. Ich bitte alle, welche ein Urteil über die Zeichen der Zeit gewinnen wollen, Koldes kräftigen Kommentar zu diesem Kriegs-Manifest (Kriegs-Erklärung) des wiederauflebenden Lügengeistes des 17. Jhdts. zu lesen. Man vergesse aber auch nicht, dass dieser Geist es gewesen ist, der den blutigen Fanatismus des 30-jährigen Krieges herangezogen hat – „unsers Herrgotts Kanzlei“ weiß ein Lied davon zu singen.

Kiel.

G. Kawerau.


 

Ich gestehe offen, dass ich von Kawerau mehr erwartet hätte.

Seine einzige selbstständige Leistung, durch die er allerdings vorteilhaft vor der mangelnden Kenntnis Kolde's sich auszeichnet, besteht in dem eingangs gemachten Hinweise, dass ich mit meiner Schrift keineswegs etwas Neues in die Welt gebracht habe. Ich will ihm deshalb gern die Inkorrektheit zugutehalten, dass die frühere ähnliche Literatur „meist von Konvertiten oder Jesuiten“ verfasst sei und dass man sich heutzutage dieser Literatur „ziemlich allgemein schäme“.

Sonst begibt sich Kawerau vollständig in den Bann Koldes. Ja er übertrifft diesen sogar in Unterstellungen und Inkriminationen (Anschuldigungen) bezüglich der Stelle:

in cuius deceptionem et nequitiam“ (wegen dessen Trügerei und Nichtswürdigkeit).

Dass er in dem „omnia licere“ (es ist alles erlaubt) das „omnia“ (alles) interpretiert: „nämlich auch der schärfste Ton der Polemik“, dass er also von „dolos et mendacia“

(Listen und Lügen), die Luther an einer anderen Stelle den „Papisten“ (Papstanhängern) gegenüber für erlaubt hielt, nichts weiß oder nichts wissen will, ist wieder einmal ein Beweis dafür, was die Luther-Dichter aus dem geschichtlichen Luther zu machen verstehen.

Dass Bozius ein „italienischer Mönch“ war, ist an sich richtig; aber Kawerau übersieht, dass Bozius Verbindungen mit Deutschland unterhielt, wie er denn auch in Köln drucken ließ und dort seine Bücher mit kaiserlich deutschem Privileg (Vorrecht) erschienen. Übrigens war man schon damals in Rom über manche Vorgänge in Deutschland besser unterrichtet, als an vielen Orten Deutschlands selbst. – Dass aber Sedulius ein „belgischer Mönch“ gewesen sei, ist ganz unrichtig. Derselbe stammte aus der urdeutschen Stadt Cleve (= Kleve) und hat in Antwerpen, wo er sich damals aufhielt, die bewusste Erklärung drucken lassen, nachdem er dieselbe, wie er ausdrücklich sagt, zu Freiburg im Breisgau eingesehen hat.


Über die Verschweigung des Namens des Dieners sowie seines Vermittlers ist oben bereits das Nötige gesagt worden, sowie über die „Verschweigung“ – Kolde sagte „Unterschlagung“ – „einer ganzen Reihe von Briefen aus Eisleben“. Auch habe ich schon bezüglich der Raben-Geschichte erklärt, dass ich sie von der zweiten Auflage an, nachdem ich das Zeugnis des Helmesius aufgefunden hatte, ausführlich mitgeteilt habe. Wäre sie mir, wie mir Kawerau imputiert (unterstellt), als „zu grobe Lüge“ erschienen, so hätte ich sie für die erste Auflage ganz ignoriert; ich habe sie dort aber schon zweimal kurz erwähnt, ohne sie irgendwie in Zweifel zu ziehen.

Der „Friedenspapst“ (Leo XIII.) steht mir zu hoch, als dass ich ihn hier in die Polemik hineinziehen sollte.

Das Lob, welches Kawerau „der einen ultramontanen Zeitung“, der „Kölner Volkszeitung“ wegen bewiesenen „Mutes“ erteilt, wird dieser schwerlich angenehm sein.

Ich selbst habe mir während des „Kulturkampfes“ den genügenden Grad von Gleichmut (Selbstbeherrschung / Gelassenheit) angeschafft und bin nicht nervös geworden, auch wenn ich noch schlimmer als „roh“ von meinen Gegnern gescholten wurde, sobald ich ihnen einen Spiegel vor ihre Augen hielt.

Im Übrigen kann ich Herrn Prof. Kawerau nur dankbar dafür sein, dass er mir die Antwort so leicht gemacht hat.

Da er auch nicht ein einziges sachliches Moment (ausschlaggebender Umstand / Gesichtspunkt) gegen die Glaubwürdigkeit meiner Argumente vorzuführen vermag, so kann ich auch von diesem „Lutherforscher“ scheiden (weggehen), indem ich zu konstatieren (bemerken) habe, dass er nur gesprochen hat, ut aliquid dixisse videatur (damit es so erscheine - um es so aussehen zu lassen, dass etwas gesagt worden sei).


Naturgemäß blieb Kawerau's Artikel ein Monolog1.

1 Soeben hat Prof. Kawerau noch eine besondere Gegenschrift erscheinen lassen. Dieselbe ist aber nichts weiter als eine Umschreibung des vorstehenden (vorhergehenden) Artikels, d.h. eine Anlehnung an die Kolde'schen Schein-Argumente unter Weglassung der gröbsten Kolde'schen Absurditäten.

Die protestantischen Zeitungen und Zeitschriften, welche nach ihm sich mit unserem Thema befassten, schöpften lediglich aus der Kolde'schen Quelle. Das taten sogar die „Deutsch-evangelischen Blätter“ des Hallenser Professor Willibald Beyschlag, der wahrscheinlich auch für seinen Kollegen und Mitarbeiter Köstlin gesprochen hat.
Da eben das Organ (Zeitung) der Herren Beyschlag und Köstlin nichts vorgebracht hat, was nicht eingehender schon in der Kolde'schen Schrift gesagt worden wäre, so kann ich mich der näheren Berücksichtigung dieser Zeitschrift ebenso wie aller übrigen Nachsprecher Kolde's enthalten.

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Synoden und Versammlungen.

Am 26. Februar c. (im Kalender) wurde in Darmstadt die 4. Sitzung der ordentlichen evangelischen (hessischen) Landes-Synode (Versammlung von Laien und Geistlichen) abgehalten, in welcher ein Bericht des Großherzoglichen Ober-Konsistoriums (evangelisches Kirchengericht bzw. Behörde) über die Zustände der evangelischen Landeskirche in de Jahren 1885 – 1890 verlesen wurde.

In diesem Berichte findet sich u.a. folgende Stelle:
„Die maßlosen Verunglimpfungen der Person Martin Luthers haben wesentlich dazu beigetragen, das Interesse an der Vorführung seiner geschichtlichen Person zu steigern, die in künstlerischer Form mit durchschlagendem Erfolg in der Darstellung des Herrig'schen Luther-Festspiels in Gießen und Darmstadt versucht wurde.
Der gehässigen und tendenziösen (parteiisch voreingenommen) Ausbeutung zugestandener Schwächen und Missgriffe reformatorischer Persönlichkeiten zur Verunglimpfung der evangelischen Kirche überhaupt sind wir, soweit es mit der Würde einer evangelischen Kirchenbehörde verträglich ist, die nicht nur vor dem Forum der Journalistik (wissenschaftlicher Journalismus), sondern vor dem Gewissen der auf die Bibel sich gründenden evangelischen Christenheit ihre Sache führt, berichtigend entgegenzutreten.“


Ein Synodale (Teilnehmer der Synode), der Abgeordnete Brand, gab hierzu nachstehenden Kommentar:

Diese mannhaften Worte des Kirchen-Regiments, glaube ich, werden im Herzen der evangelischen Bevölkerung des Großherzogtums freudigen Widerhall finden. Die maßlosen Angriffe, welche seit dem Jubiläum des Geburtstags Dr. Martin Luthers teils in den ultramontanen Journalen, teils in besonderen Broschüren gegen die evangelische Kirche erschienen sind, können und dürfen nicht unwidersprochen bleiben, wenn auch weder das Kirchen-Regiment noch die Landessynode die richtigen Faktoren sind, um derartige tendenziöse Lügen, welche, indem sie gegen die Person Luthers gerichtet sind, indirekt die evangelische Kirche selbst treffen, in ihrer Unwahrheit zu kennzeichnen. Wie das Oberkonsistorium, wie der Bericht ganz richtig bemerkt, nicht vor das Forum (Versammlungs-Platz) der Journalistik treten darf, ebenso wenig darf die Landessynode in die Arena der Zeitungs- und literarischen Polemik sich begeben; doch glaube ich, dass es am Platze sei, wenn wenigstens im Anschluss an den verlesenen Bericht über die Kampfes-Weise der Gegner und ihre eventuelle Abwehr hier einiges Wenige gesagt werde.

Das Oberkonsistorium ist einmal genötigt gewesen, gegen das „Mainzer Journal“, welches innerhalb des Großherzogtums erscheint, aufzutreten, da es mehrere Angriffe gegen Luther und seine Beziehungen zur Ehe enthalten hat. Die maßvolle Entgegnung, welche im Auftrag und unter dem Namen des Oberkonsistoriums damals veröffentlicht worden war, hat den bekannten katholischen Schriftsteller, den Sammelmann für alles Gewöhnliche und Niedrige, was geschrieben wird, „Gottlieb“ (= Pater Tilmann Pesch), nicht abgehalten, darauf eine für 10 Pfennig käufliche Broschüre zu veröffentlichen, die in der bekannten Manier gegen das Oberkonsistorium Front macht. Der Inhalt dieses Schriftchens (kleinen Schriftstücks) ist entsprechend dem Geldwerte, um den es zu kaufen ist, nämlich so gut wie nichts, und ich freue mich, dass das Oberkonsistorium sich nicht veranlasst gesehen hatte, auf eine derartige Beschimpfung zu reagieren.

Außer dem genannten Werkchen soll noch ein anderes kürzlich erschienenes Büchlein Erwähnung finden, welches an Schamlosigkeit alles übertrifft, was in neuerer Zeit gegen Luther erschienen ist, nämlich das von Paul Majunke verfasste Schriftchen: „Luthers Lebensende, eine historische Untersuchung“.

Wer sich die Mühe nimmt, dieses Werk zu lesen, bekommt sofort eine wahre Scheu vor der Art und Weise, wie diese Sorte von Leuten die Geschichtsforschung oder vielmehr Nicht-Geschichtsforschung auffasst. In der Schrift ist die schamlose Behauptung aufgestellt, Luther habe sich in einem Zustande nicht vollständiger Nüchternheit wegen des Misserfolges seiner neuen Lehre, mit sich und der Welt zerfallen, am Bettstollen erhängt. Majunke tut so, als sei die Geschichte etwas ganz Neues. Merkwürdiger Weise kann ihm aber authentisch nachgewiesen werden, dass dieses Märchen noch bei Lebzeiten Luthers erfunden, in italienischer Sprache erschienen und von Luther selbst unter dem Titel:

Ein Wellische (welsche) Lügenschrift von Doctoris Martini Luthers Todt, zu Rom ausgegangen“ veröffentlicht worden ist. Auf diese Schrift begründet Majunke seine ganze Beweisführung. Diejenigen, welche sich für das Nähere der Sache interessieren, verweise ich auf ein von Professor Kolde in Erlangen erschienenes Gegenschriftchen, welches mit wahren Keulenschlägen den Pseudohistoriker (Möchtegern-Historiker) zu Boden schmettert. Gegen das Märchen von Luthers Selbstmord wendet sich auch das Schriftchen von Pastor Terlinden in Duisburg.

Auch in der katholischen Presse, in der, wie ich hier mit Freuden konstatiere (feststelle), doch auch noch anständige Leute tätig sind, hat das zitierte Werk Majunkes eine scharfe Kritik erfahren. So schreibt die „Kölnische Volkszeitung“ am 21. Dezember 1889 über diesen Gegenstand unter anderem folgendes:

(Folgt Mitteilung der Hauptstellen aus der „Kölnischen Volkszeitung“)

Eine vernichtendere Kritik hätte selbst der beste Protestant nicht schreiben können.

Ich habe mich veranlasst gesehen, die Sache hier ausführlicher zur Sprache zu bringen, da in den Angriffen Methode bemerkbar ist. Man geht den Reformatoren zu Leibe, um die evangelische Kirche zu schädigen. Daher müssen die evangelischen Männer zusammenstehen, um die Beschimpfung ihrer Reformatoren nicht zu dulden und nicht das große Werk des 16. Jhdts., das nicht allein für die evangelische, sondern auch für die katholische Kirche, ja für die ganze Welt eine Kulturtat ist, schmähen zu lassen. Ich glaube, im Sinne der Anwesenden zu reden, wenn ich sage:

Wir werden trotz dieser Angriffe, vielmehr durch diese Angriffe in der Verteidigung der teueren evangelischen Kirche, und der übrigen Errungenschaften der Reformation immer mehr gekräftigt, und wenn Luther in seinem großen Liede sagt:

Das Wort sie sollen lassen stahn !“ = Sie sollen das Wort (Gottes) stehen lassen !

so sagen wir in Anwendung dieses Verses:

Den Mann sie sollen lassen stahn !“ = Sie sollen den Mann (Luther) stehen lassen !

Die Evangelischen beanspruchen für ihre Reformatoren, speziell für Luther, nicht die Unfehlbarkeit. Luther ist in Wandel und in Lehre ein Mensch gewesen wie alle anderen, aber doch wird sein Glanz strahlen, solange es denkende und gebildete Männer gibt. Dafür zu sorgen, dass sein Bild rein und unverfälscht der Nachwelt erhalten bleibe, ist mit (dazu) die Pflicht einer Landessynode. Ich freue mich, aussprechen zu können, dass die Synode dem Kirchen-Regiment treu zur Seite stehen wird, wenn es gilt, die höchsten und ersten Güter zu verteidigen.“

(Lebhafter Beifall.)


 

Ich würde diesem Bericht (der „Darmstädter Zeitung“) misstraut haben, wenn nicht in den „Neuen Hessischen Volksblättern“ ein ähnliches Referat enthalten gewesen wäre.

Also der Synodale Herr Brand lässt mich wirklich „so tun“, als sei „die Geschichte etwas ganz Neues“. Nach ihm ist in dem 1545 erschienenen „italienischen“ Falsifikat (schriftliche Fälschung) „Luthers Selbstmord“ berichtet gewesen – und ich soll darauf meine „ganze Beweisführung gründen“.


Wahrscheinlich glaubt der Synodale Herr Brand mit diesen seinen Bemerkungen mich zum zweiten Male zu töten, nachdem ich schon durch die „Keulenschläge“ Koldes „zu Boden geschmettert“ bin.


Es wird niemand erwarten, dass ich diesem Herkules Rede stehe und die „Kölnische Volkszeitung“, welche sich von demselben sagen lassen muss, dass sie die Rolle des „besten Protestanten“ gespielt hat, mag sich mit ihm allein abfinden.


Von den verschiedenen Gustav-Adolph-Vereins-Versammlungen, welche sich mit „Luthers Lebensende“ beschäftigten, mag nur über eine kuriose Versammlung, welche in Görlitz stattgefunden hat, nach dortigen Blättern berichtet werden:

 

Luthers Lebensende“, die Schrift des Pfarrers P. Majunke, welche in evangelischen Kreisen so viel Staub aufgewirbelt hat, gab auch dem hiesigen Gustav-Adolph-Verein

Veranlassung, Stellung gegen dieselbe zu nehmen, und zwar hielt gestern Abend (23. Februar) im Saale des Vereinshauses Herr Superintendent Siegmund Schultze einen Vortrag, in welchem er die Behauptung von dem unnatürlichen Tode des großen Reformators widerlegte. Der Lehrer-Gesangsverein leitete den Vortrag mit dem Gesange des Chorals „Eine feste Burg ist unser Gott (Luther-Lied) ein. Herr Superintendent Schultze motiviert in der Einleitung die Berechtigung des Gustav-Adolph-Vereins, welcher oft schon gegen Unduldsamkeiten des Katholizismus Front gemacht hat, auch gegen die Schrift Majunke's Widerspruch zu erheben, in der ausgesprochen sei, dass Dr. Martin Luther sich am Bettstollen erhängt habe. Der evangelische Glauben, meint der Redner, beruht nicht im Leben und Sterben Luthers, sondern im Leben und Sterben des Heilandes, aber es darf nicht geschehen und geduldet werden, dass man das Andenken des Stifters der evangelischen Kirche beschimpfe. Der Redner weist an der Hand (anhand) von 6 Berichten von Augen- und Ohrenzeugen, von Dokumenten, welche über den Tod Luthers Kunde geben und heute noch erhalten sind, nach, dass der Reformator in der Nacht zum 18. Februar 1546 gegen 2 Uhr selig entschlafen ist und die Behauptung des P. Majunke, der sich auf eine hinterlassene Schrift von Sedulius in Antwerpen stützt, das Luther durch Selbstmord geendet, falsch sei. In seinem interessanten Vortrage führt der Redner noch eine Rezension (Beurteilung) der Majunke'schen Schrift aus der ultramontanen Augsburger Volkszeitung an, welche u.a. sich dahingehend ausspricht:

„Jede Beglaubigung fehlt. Mit solchem Zeugnis ist nichts anzufangen.“

Herr Superintendent Schultze schließt mit der Aufforderung, fest zu stehen in diesem Verteidigungskampfe. Nach dem vom Lehrer-Gesangsverein vorgetragenen Liede „Wie selig sind die Toten“ macht Redner auf die Bestrebungen des Gustav-Adolph-Vereins aufmerksam und fordert zum Beitritt in denselben auf.“


 

Aus dem Referat (Vortrag) ist zu ersehen, dass der Superintendent Schultze die „Keule“ Kolde's geschwungen hat. Der Lehrer-Gesangsverein hat Musik dazu gemacht. Mit dem Liede: „Wie selig sind die Toten“ ist schließlich die ganze Aktion eingeschlummert.


Selbstverständlich mussten sich auch Mitglieder des „Evangelischen Bundes“ mit der Affäre befassen. Es wurde zu diesem Zwecke in Berlin für den 4. März eine „große protestantische Volksversammlung“ einberufen, zu welcher, wie die Zeitungen meldeten, auch der Kultusminister Gustav von Goßler erschienen war.

Es ist möglich, dass das Interesse des Ministers mehr durch den ersten Gegenstand des Versammlungs-Programms: Bericht einer Speyer'schen Deputation (politische Gesandtschaft) über den Stand der Protestkirchen-Frage, angeregt wurde, da jene Deputation am nächsten Tage auch eine Audienz bei Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin hatte.

Über den Verlauf der Versammlung berichtete das „Berliner Tagesblatt“ vom 6. März:

Der Evangelischen Bund hatte am Dienstag in der Tonhalle eine Volksversammlung veranstaltet. Gymnasialprofessor Ludwig Gümbel, der erste Schriftführer des Vereins zur Erbauung der Gedächtniskirche der Protestation von 1529 zu Speyer, wies sodann in längerem Vortrag auf die Ehrenpflicht hin, das Werk des genannten Vereins zu fördern. Die Protestation zu Speyer sei der Akt der Konstituierung (Gründung) des Protestantismus gewesen, wäre er nicht geschehen, so wäre das Licht, welches Luthers starke Hand unter dem Scheffel* hervorgeholt hat, wieder erloschen.
*Scheffel = schaufelförmiger Getreidemaß-Behälter aus Mt 5, 14-16:
Matthäus bezieht dieses Bild auf die guten Taten eines Menschen.

Der Redner berichtete zugleich über den bisherigen Fortgang des 1868 zuerst angeregten Werkes. Bisher sind für den Kirchenbau 700 000 Mark zusammengebracht, darunter 100 000 Mark aus der Pfalz, mehr als noch einmal so viel ist noch erforderlich, um die Kirche zu einem würdigen Bau im gotischen Stil zu gestalten. Die Versammlung beschloss folgende Resolution (schriftliche Erklärung):

„Die heute in der Tonhalle versammelten evangelischen Bürger Berlins erklären es für eine Ehrensache des evangelischen Deutschlands und der Reichshauptstadt der Protestation zu Speyer, jener heldenmütigen Glaubenstat unserer Väter, durch welche die Glaubens- und Gewissensfreiheit für die Nachwelt gerettet ist, ein würdiges Denkmal zu setzen. Sie werden daher nach Kräften für den Bau einer Gedächtnis-Kirche der Protestation zu Speyer eintreten.“ – In einem zweiten Vortrag wandte sich Professor Scholz gegen das Majunke'sche „Pamphlet“, in dem Luthers Tod als ein unnatürlicher dargestellt ist. Wie Redner ausführte, würde das Schweigen zu einer solchen Darstellung von Rom als Zugeben und als Zeichen eines schlechten Gewissens betrachtet werden, und daher müsse man sich eingehender, als es sonst vielleicht erwünscht sei, mit der Sache beschäftigen, obgleich die Majunke'sche Behauptung auf überaus schwachen Füssen stehe.

Die darüber vorhandenen unbeglaubigten Schriften und Aktenstücke seien erst 47, bzw. 60 Jahre nach Luthers Tode aufgetaucht, die historisch feststehenden Tatsachen aus der Zeit unmittelbar vor dem Tode Luthers; namentlich die beiden letzten Briefe an seine Frau bezeugen dagegen klar, dass Luther nichts weniger wie Selbstmordgedanken hegte. Unter Beifall erklärte sodann Superintendent Wegener, dass die Resolution (Stellungnahme) auf das Pamphlet einfach „Pfui“ laute.

Aus der Versammlung heraus wurde dann noch der Vorschlag laut, die Quellen der Majunke'schen Schrift durch eine Kommission auf ihren historischen Wert prüfen zu lassen, ein Vorschlag, der aber nicht weitere Beachtung fand.“

 

Über den zweiten Verhandlungs-Gegenstand berichtete noch ausführlicher das „Deutsche Tagesblatt“ (vom 6. März). Dasselbe meldete:

An zweiter Stelle1 sprach Professor Scholz über „Luthers Tod und die neueste ultramontane Geschichtsschreibung“. Während die katholische Tagespresse an unsterblicher Langeweile gestorben sei, habe die katholische Literatur zur Bekämpfung der evangelischen Kirche sich mächtig entfaltet. Da sei zuerst Johannes Janssen zu nennen, dem folgten Baumgarten und Brunner (Verleger). Und zu ihnen habe sich jetzt Herr Paul Majunke gesellt, der eine Schrift herausgegeben habe: „Luthers Lebensende, eine historische Phantasie“.

Redner bespricht nun dieses Buch, das voller Lügen ist. Alles, auch die einfachsten Dinge werden in den Schmutz gezogen; selbst die Barmherzigkeit der Frau Ursula Cotta (Patrizierfamilie, Frau des Ratsherrn Konrad Cotta), die sich Luthers in seiner Kindheit erbarmte, wird begeifert (gehässig beschimpft)2.

1 Während der Pause wurde ein vom Vorstande des „Evangelischen Bundes“ herausgegebener „Offener Brief an die römisch-katholischen Erzbischöfe und Bischöfe im deutschen Reich“ verteilt. Von diesem Schriftstück meint der Berichterstatter des „Deutschen Tagesblattes“, dass dasselbe „die evangelische Antwort bringt auf den bekannten Fuldaer Hirtenbrief, der die evangelische Kirche als den Wolf bezeichnet, der das katholische „Lamm“ nicht in Frieden lasse.“
2 Dass die Frau Cotta dadurch, dass sie den heranwachsenden Jüngling Luther in ihr Haus aufnahm, eine wesentliche Mitschuld an dessen Falle trägt, ist allerdings meine Überzeugung, ich erinnere mich aber nicht, dieser irgendwo Ausdruck geliehen zu haben.


 

Ein Mann freilich, der so gelebt hat wie Luther, der einen solchen Charakter hatte wie er u.s.w., der kann nach Herrn Majunke keines natürlichen Todes gestorben sein.

Und so bestreitet er denn mit mehr als Kühnheit die historisch wahrlich genug beglaubigten Mitteilungen über Luthers Tod, wie sie allgemein bekannt sind.

Bald vier Jahrhunderte haben jene Mitteilungen unangefochten bestanden, bis Herr Majunke kam. In echt jesuitischer Weise versteht er die Wahrheit zu verdrehen, dabei aus einem Quellenmaterial schöpfend, wie es nicht dunkler sein kann.

Denn 47 Jahre nach Luthers Tod, 1593, schreib zuerst der katholische Priester Bozius, Luther sei am Bettstollen erhängt gefunden worden. Und erst 13 Jahre später, 1606, erklärte der Katholik Sedulius, er besitze das von einem Unbekannten erhaltene Aktenstück, nach welchem Luther in der Nacht zum 18. Februar 1546, seiner Todesnacht, betrunken zu Bette gegangen und dann erhängt gefunden worden sei. Gegen solche Geschichtsschreibung, wie sie Majunke betreibe, der sich auch noch auf die Gerüchte bald nach Luthers Tod stützt, die sich als solche nur zu klar herausstellen, müsse protestiert werden; denn das Stillschweigen der Evangelischen gegen solche Behauptungen würden als Zugeständnis, als böses Gewissen ausgelegt werden. Es sei nicht angenehm, in solche Bücher zu steigen, aber es müsse geschehen, um einen Blick in die Rezepte (Mittel) zu tun, nach welchem jesuitische Geschichts-Schreiber Geschichte machen. Zuletzt stütze sich Majunke auf Luthers innere Kämpfe kurz vor seinem Tode, die ihn dazu getrieben hätten, seine Gattin zu verlassen. Wie es damit stehe, das beweise am besten, wie Luther kurz vor seinem Tod an seine Frau geschrieben habe. In Rom gebe es einen Index (Liste) verbotener Bücher.

Setze Rom dieses Majunke'sche Buch auf den Index, dann wolle man an Roms Friedensliebe glauben. Solange dieses nicht geschehe, müssten die Evangelischen immer auf dem Plan sein und angesichts der großen Erfolge, die die Römischen wieder bei den Wahlen erfochten haben, umso fester zusammenstehen.

Der evangelische Bund sei eine dringend notwendige Macht. Wäre er noch nicht da, dann wäre es jetzt höchste Zeit, ihn ins Leben zu rufen. (Lebhafter Beifall.)

Superintendent Wegener bemerkt, es sei leicht, gegenüber dem Majunke'schen Buch eine Resolution (Beschluss) zu fassen. Sie heiße: Pfui ! (Laute Zustimmung.)

Nachdem noch Oberlehrer Schmidt zum Eintritt in den Bund aufgefordert hat, wurde die Versammlung mit dem Gesang des letzten Verses aus:
„Eine feste Burg ist unser Gott“ geschlossen.“


 

Nach der katholischen „Märkischen Volkszeitung“ ist in der Versammlung noch der Antrag gestellt worden: „ein Komitee (Ausschuss) wissenschaftlicher Männer zu bilden, das an der Hand (anhand) der Psychiatrie untersuchen und feststellen sollte, ob Dr. Martinus Luther wirklich ein normal angelegter Mensch oder ob er wahnsinnig gewesen sei. Dem Laien sei es schwer, sich darüber ein Urteil zu bilden.“ – „Der zeitgemäße Antrag wurde aber von den Männern der „freien Forschung“ abgelehnt“ – bemerkt das katholische Blatt dazu.

Überall scheine ich es hier mit Leuten zu tun zu haben, welche meine Schritte gar nicht vor Augen gehabt haben, sondern höchstens die Kolde'sche Anti-Kritik (griechisch: anti = gegen) durchblättert haben.

Es wäre sonst unmöglich, dass Behauptungen aufgestellt werden konnten, wie die:

Bald vier Jahrhunderte haben jene Mitteilungen (die „Historia“ der drei Weggefährten Luthers: Jonas, Coelius, Aurifaber) unangefochten bestanden, bis Herr Majunke kam.“

Dass mein Buch nicht auf den Index (röm. Verzeichnis verbotener Ketzerei-Bücher) kommen wird, kann ich den Herren mit Bestimmtheit versichern, selbst auf die Gefahr hin, dadurch mich fernerhin (weiterhin) den „Keulenschlägen“ der „Evangelischen Bundesbrüder“ auszusetzen.

Bedauern kann ich es nur, dass man auf den von der „Märkischen Volkszeitung“ erwähnten Antrag nicht eingegangen und man dem Thema über Luthers psychischen Zustand und seine dämonischen Kundgebungen nicht näher getreten ist. Durch eine gründliche und ohne Vorurteil geführte Untersuchung dieser Frage im Lichte der von der Kirche tradierten Dogmatik (altüberlieferten unabänderlichen Glaubenswahrheiten) würden alle scheinbaren im Leben und Sterben des Bedauernswerten sofort gelöst, nicht minder (weniger) aber zahllosen Deutschen ein untrüglicher Glaube im Leben und eine unerschütterliche Hoffnung im Sterben wieder genährt werden !

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Das preußische Abgeordnetenhaus.

Ich übergebe alle Zuschriften – meist schmähenden Inhalts – die mir privatim (nicht öffentlich - vertraulich) von protestantischer Seite zugestellt wurden1, und wende mich zu den Verhandlungen, welche im preußischen Abgeordnetenhause am 18. März c. (im Kalender) gelegentlich wegen der Beratungen über den Kultus-Etat (Kultur-Haushalt) stattgefunden hatten.

1 Auch Herr Pastor Thümmel hat mir eine Aufmerksamkeit erwiesen. Er sandte mir seinen im vorigen Jahre erschienenen „Offenen Brief an den Herrn Erzbischof Philippus Krementz“ – unter Streifband (herumgelegter Post-Papierstreifen) und ohne weitere Bemerkung – zu.
Die Adresse lautete: „An den römischen Priester“ usw.


Der Abgeordnete Peter Reichensperger hatte u.a. Beschwerde geführt über die konfessionellen Verhetzungen, welche in neuerer Zeit in den Versammlungen des „Evangelischen Bundes“ durch F. Wilhelm Thümmel und Genossen verübt worden waren.


Obgleich nicht selbst Mitglied dieses Bundes glaubte doch als Anwalt desselben gegenüber der katholischen Kirche sich gerieren (aufführen) zu sollen der Abgeordnete Hofprediger Adolf Stöcker, welcher in einer längeren Replik (Gegenrede) dem Abgeordneten P. Reichensperger antwortete und darin nach den bei ihm üblichen Ausfällen (abfälligen Bemerkungen) auf Papst und Bischöfe u.a. bemerkte:

Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen; ich will nur an eine Broschüre (kurze Druckschrift) erinnern, die ein früheres Mitglied des Abgeordnetenhauses, Herr Majunke, kürzlich veröffentlicht hat. Was kann den Katholiken daran liegen, die verruchte Lüge wieder zu erneuern, dass Luther ein Selbstmörder gewesen sei ? Und doch ist das etwas, was uns von der anderen Seite in der heftigsten und beleidigendsten Weise immer wieder entgegengeschleudert wird.“

So Herr Adolf Stöcker.


 

Von Seiten eines katholischen Volksvertreters wäre hierauf etwa Folgendes zu erwidern gewesen:

Wenn der Abgeordnete Stöcker es für gut befunden hat, dieses Thema hier zur Sprache zu bringen, so muss ihm bemerkt werden, dass es sich dabei um eine rein wissenschaftliche Angelegenheit handelt, die zu erörtern das Abgeordnetenhaus nicht kompetent (sachverständig) sein kann. Wenn übrigens die Diskussion der Frage über Luthers Lebensende für die Protestanten „beleidigend“ sein soll, so würde es für sie ebenso beleidigend sein, wenn man eine Anzahl gewisser Stellen aus Luthers Briefen und Tischreden dem Original-Wortlaute nach publizieren (veröffentlichen) wollte.“

Mit diesen Worten hätte man sich nach keiner Seite hin engagiert (betätigt); aber auch der katholischen Sache wäre damit nichts vergeben worden.

Nun höre man, in welcher Weise der Abgeordnete Julius Bachem, Advokat und Journalist, dem Hofprediger Stöcker antwortete. Er sagte:

Wenn der Abgeordnete Stöcker Beschwerde erhoben hat über eine Publikation aus letzterer Zeit, die von einem früheren Mitgliede dieses Hauses ausgegangen ist, so muss ich darauf aufmerksam machen, dass gerade hervorragende Organe (Zeitschriften) der katholischen Presse zuerst Kritik und zwar eine sehr entschiedene Kritik geübt haben. Ich sollte meinen, wenn diese Tatsache vorliegt, die doch Herrn Stöcker nicht unbekannt sein kann, so hätte er keine Veranlassung gehabt, seinerseits diese Publikation, mit der wir uns doch nicht solidarisch erklärt haben, zu Rekriminationen (Anschuldigungen) gegen uns zu benutzen.“


Die hier erwähnten „hervorragenden Organe“ der katholischen Presse reduzieren sich auf die einzige „Kölnische Volkszeitung“, ein Blatt, an welchem Herr Julius Bachem Mitarbeiter ist, und welches seinem Vetter Josef Peter Bachem gehört.

Dass ein paar katholische Blätter, welche anfänglich der „Kölnischen Volkszeitung“ beipflichteten, bald nachher widerriefen, sowie dass die „Augsburger Volkszeitung“ bei der Reproduktion (beim Druck) des Referates (Berichtes) aus dem Kölner Blatte gerade die Hauptstellen weggestrichen hat, dass auch die Redaktion der „Trierschen Landeszeitung“ eine andere Stellung einnahm, als ihr Rezensent (Verfasser), ist oben bereits mitgeteilt worden. Es bleibt also die „Kölnische Volkszeitung“ tota sola (ganz allein übrig), welche in dieser Sache als der „beste Protestant“ sich geriert (gezeigt) hat1.

1 Nachträglich hat sich noch ein zweites rheinisches Blatt gefunden, welches meine Publikation bedauerte und zwar hauptsächlich deshalb, weil dadurch der „konfessionelle Frieden“ (zwischen Protestanten und Katholiken) beeinträchtigt würde. Wenn wir auf den „konfessionellen Frieden“ bei Behandlung kirchengeschichtlicher Fragen Rücksicht nehmen wollten, so würde dies bei uns zum Kirchhofs-Frieden, bei den Protestanten zu weiterer Ausbildung des Geschichts-Monopols führen.

Die Protestanten können nicht einmal auf kirchengeschichtlichem Gebiete den konfessionellen Frieden wahren, ja nicht einmal im praktischen Leben. Sie drohen mit einem neuen „Kulturkampfe“, wenn der Staat den Katholiken auch nur volle Parität (Gleichstellung) gewährt, und sie fahren fort, selbst in Städten aufzuführen, die zu einem Drittel Katholiken zählen. Diese Friedensstörer können allein zur Mäßigung gebracht werden durch den Hinweis auf – Luthers Lebensende.

Nach dem Bericht der Zeitung „Germania“ hat der Abgeordnete Bachem sogar gesagt, dass der Abgeordnete Stöcker „nicht mit Unrecht“ Beschwerde erhoben habe über eine Publikation usw.

In dem oben mitgeteilten „stenographischen“ Bericht (in Kurzschrift) finden sich die Worte: „nicht mit Unrecht“ nicht mehr. Herr Bachem hat sie also bei der Korrektur des Stenogramms ausgestrichen – ein Beweis für die Sicherheit, mit der er sich in dieser Frage bewegt.

Woher er das Recht nimmt, das pathetische (übertrieben feierliche) „wir“ zu gebrauchen und anscheinend im Namen der ganzen Zentrumsfraktion (katholische Zentrumspartei) zu reden, will ich nicht weiter untersuchen. Ich meinerseits kann ihm die Versicherung geben, dass nachdem er in den letzten Jahren seine Urteilskraft an einigen Artikeln der „Historisch-politischen Blätter“, gegen die er wiederholt eine durch und durch unreife Polemik (Feindseligkeit) vom Zaune brach, das vor aller Welt bekundet hat, ich Bedenken tragen würde, in einer wissenschaftlichen Frage mich mit ihm „solidarisch“ zu wissen.

Ich zweifle auch sehr, dass der Mangel an Wissenschaftlichkeit und der – einem Volksvertreter doppelt unziemliche (nicht gehörige) – Mangel an Mut, mit welchem er vor dem Fanatiker Stöcker den Rückzug antrat, von seinen katholischen Wählern – Geistlichen wie gebildeten Laien – gebilligt werden wird.

Dass man jedenfalls in der Zentrumsfraktion mit seinem Vorgehen nicht durchweg (ausnahmslos) einverstanden war, beweisen die Worte des Abgeordneten Ludwig Windthorst, der sich bei der Erklärung des Herrn Bachem nicht beruhigte, sondern als späterer Redner noch einmal auf die Sache zurückkam.

Er bemerkte:
Über die von Herrn Stöcker erwähnte neue literarische Produktion („Luthers Lebensende“) habe ich mich nicht gefreut. Inzwischen, man kann sich der Wissenschaft nicht wehren, wenn sie sich überall zu betätigen sucht, und davon bin ich überzeugt, dass der Verfasser dieser von mir nicht gewünschten Schrift sicherlich wissenschaftliche Interessen dabei gehabt hat.“


Im weiteren Verlaufe seines Vortrages äußerte dann noch der Redner:

Lesen Sie die Schriften Luthers, hören Sie seine Tischreden und extrahieren (herausziehen) Sie alle die schönen Epitheta (schmückenden Beiwörter), die der Papst, die Kirche usw. von ihm bekommen.

Ich wage nicht, in dieser Gesellschaft diese Epitheta zu wiederholen.“

Nunmehr entschuldigte sich Herr Stöcker, dass er um seiner „Freunde“ willen so wie er es getan, dem Abgeordneten Reichensperger hätte antworten müssen. Zu diesem Rückzuge hätte schon Herr Bachem den Herrn Stöcker bringen sollen, statt vor ihm die Waffen zu strecken !

Im Übrigen war die ganze Diskussion von keinem besonderen Belang. Die Schwalbe Julius Bachem macht noch keinen febronianischen* Sommer.

* Febronianismus: durch „J. Febronius“ aufklärerisch orientierte innerkatholische Reformbewegung im 18. Jahrhundert = Frontalangriff auf die Institution des Papsttums und seinen Anspruch auf den Jurisdiktions-Primat (vorrangige, höchste und universale Gewalt des Papstes als alleiniger Stellvertreter Jesu) zugunsten der Bischöfe = Episkopalismus

Sogar Herr Ernst von Eynern, der auf historischem Gebiet schon Entdeckungen gemacht hat, wie sie noch keinem Gelehrten gelungen waren, – er hat ja einen „geweihten Degen“ für den Marschall Daun* entdeckt und den „Erasmus von Amsterdam“ studiert – ließ, obschon er in derselben Sitzung dreimal das Wort ergriff und allerlei Klagen über „Gottlieb“ usw. vorzubringen hatte, die günstige Gelegenheit vorübergehen, um der Welt zu offenbaren, was die „Amsterdamer“ Archive über Luthers Lebensende zu enthüllen haben.

* Graf von Daun erhielt vom Papst einen geweihten Hut und Degen

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Schlusswort.

Dem Leser ist in den vorstehenden Kapiteln das gesamte zur Beurteilung unserer Frage erforderliche Material unterbreitet worden.

Ich habe die Gegner meiner Auffassung überall in extenso (ausführlich bzw. weitestgehend) zu Wort kommen lassen; bei Kolde, dessen ganze Schrift abdrucken zu lassen, mir das Pressegesetz verbot, sind wenigstens die Hauptquellen wörtlich mitgeteilt.

So hat nun ein jeder das Pro und Contra (Für und Wider) vor Augen und ich bin nicht zweifelhaft, auf welche Seite der vorurteilsfreie Leser sich neigen wird.

Wie schon gelegentlich hervorgehoben wurde, besteht das Charakteristische der aufgeworfenen Frage darin, dass man protestantischerseits von derselben stets und bis in die unmittelbarste Gegenwart hinein Kenntnis gehabt hat – bemerkte doch Herr Stöcker eben noch am 18. März c. (im Kalender) im Abgeordnetenhause, dass diese Frage „immer wieder“ auftauche – während man katholischerseits von ihr selbst als „Frage“ seit mehr als hundert Jahren nichts mehr wusste.

Der letzte katholische Schriftsteller, welcher sich mit ihr befasste, war der Prager Jesuitenpater Johannes Krause, der seinen Conrad redivivus (der wiederauferstandene Conradus*) im Jahre 1716 erscheinen ließ.

* A: Abt von Mondsee (Monscanus) im Salzburgischen, wurde im Jahre 1145 wegen standhafter Verteidigung der Rechte seines Klosters von seinen Bauern ermordet.
B: Bischof von Utrecht, der bei einigen den Titel heilig und Märtyrer hat.
C: Stifter des Gotteshauses Engelberg in der Schweiz und Märtyrer
D. erwählter Erzbischof von Trier und Märtyrer

Von da an herrscht in der katholischen Literatur Stillschweigen bis zum Luther-Jubiläum von 1883, wo „Gottlieb“ in der „Germania“ das alte Thema wieder aufnahm.

In der protestantischen Literatur aber behielt man, wie gesagt, den fraglichen Punkt lebhaft im Auge, wenn man auch – nach dem Vorgange Seckendorfs – jeder näheren Untersuchung scheu aus dem Wege ging.

So auch D. Carl Gottlob Hofmann im Jahre 1746, so Keil anno 17641.

1 Beide Schriften eingehend besprochen in der 3. und den folgenden Auflagen von „Luthers Lebensende“.

Als dann Dr. Gottfried Schütze im Jahre 1780 seine, „noch ungedruckten Briefe Luthers“ herausgab, schilderte er (Seite 3) die Ausstellungen, welche katholischerseits seinem Heros (heldenhaften Idol) gemacht würden, wie folgt:

Luther ist in Gestalt eines Wechselbalges (einer Wöchnerin - von Dämonen oder Trollen - untergeschobenes hässliches, missgestaltetes Kind) vom Teufel gezeuget und von einer Bademagd (spärlich bekleidete Hilfskraft des Baders in einer mittelalterlichen Badestube)* geboren worden; den Teufel hat er zum Lehrmeister gehabt und auf dessen Eingeben hat er alle Ketzereien des Altertums erneuert.

Er ist ein aufrührerischer Rumor-Geist (Unruhestifter) und dabei der Völlerei und dem Saufen ergeben gewesen; als ein Meineidiger (unter falschem Eid) hat er sein Gelübde gebrochen, als ein Weichling hat er mit einer entlaufenen Nonne (Katharina von Bora) Unzucht getrieben; als ein Idiot (Ärger machender törichter Mensch) hat er allen hohen Schulen und Wissenschaften Spott gesprochen und als ein zweiter Judas Iskarioth hat er sich zuletzt selbst erhencket und die höllischen Poltergeister haben über seinem Grabe erschrecklich getobet.“

* Wormser Edikt 1521: „Der böse Feind in Gestalt eines Menschen mit angenommener Mönchskutte.“
1533: Laut dem Dominikaner Petrus Sylvius ist er ein „diabolus incarnatus“ (fleischgewordener Teufel), denn eine gottesfürchtige Zeugin berichtete: Luthers Mutter wurde als Bademagd in Eisleben (Badehaus Möhra) mehrmals von einem wunderschönen Jüngling in roten Kleidern (Gewand-Farbe des Teufels) besucht.
1577: Dasselbe sagt der Franziskaner und spätere Kapuziner Noel Taillepied in „Vies de Luther“ (das Leben Luthers).
1535: Cochläus schwächt das ab, indem er sagt, dass dieser zumindest mit dem Teufel einen Pakt auf der Wartburg hatte. Luther ist das Ende aller Sakramente, die Vernichtung aller sakralen Rituale, der schlimmste aller Häretiker, dieser lässt selbst den Arius, den König der Häretiker, verblassen:
Er ist die Summe aller alten und die Ursache aller neuen Häresien, um nicht zuletzt als ein den Aufstand predigender „Barrabas“ bäuerliche Unruhen anzufachen.


 

So im Jahre 1780 der Protestant Schütze über die Vorwürfe, welche von Seiten der Katholiken der Person Luthers gemacht würden. Er bemerkt dazu, dass dies „alles feine Verleumdungen“ seien, „die man erst nach vorhergegangenen näheren Prüfungen, obgleich mit leichter Mühe entkräften kann“. – Aber auch er hat sich der „leichten Mühe“ nicht unterzogen.

Im Jahre 1846 meinten bereits die Lutherbiographen Julius Leopold Pasig und Moritz Meurer2, dass jene Vorwürfe teils sich „von selbst“ widerlegten, teils seien sie schon „widerlegt“, so dass es verlorene Mühe sei, sich weiter damit zu befassen.

2 Erwähnt in der 4. und den folgenden Auflagen von „Luthers Lebensende“.

Es steht somit fest, dass außer dem verunglückten Versuch, den Johannes Müller im Jahre 1635 im „Lutherus Defensus“ (Luther-Verteidigungsrede) zur Widerlegung der katholischerseits verbreiteten Behauptungen unternommen hat, niemand mehr unter den Protestanten auch nur einen Anlauf dazu genommen hat, den „Reformator“ wegen seines Abschiedes von dieser Welt zu rechtfertigen. Nur das böse Gewissen blieb im Protestantismus wach und erinnerte sich seiner Schuld und Unterlassung.


Die Gründe, weshalb man katholischerseits seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts nicht mehr auf die Sache zurückkam, habe ich früher schon angedeutet, es dürfte aber gut sein, sie noch einmal im Zusammenhange zu erörtern.

Die Hauptursache lag in dem auf Vertuschung aller konfessionellen Gegensätze hinarbeitenden Josephinismus* und Febronianismus.

*Josephinismus, abgeleitet von Kaiser Joseph II., bezeichnet die Unterordnung gesellschaftlicher Angelegenheiten unter die staatliche Verwaltung Österreichs nach den Prinzipien des aufgeklärten Absolutismus (Fürstenherrschaft mit europaweiter Übernahme der Ideen der Aufklärung) durch das Maßnahmen-Bündel einer staatlich gelenkten religiösen Autarkie (Selbstbestimmung).
* Febronianismus ist eine aufklärerisch orientierte innerkatholische Reformbewegung des 18. Jhdts. - ausgelöst durch J. Febronius, die die päpstliche Jurisdiktion (Vollmacht) zugunsten einer Nationalkirche mit staatlicher Hilfe zurückzudrängen versuchte, zur Wiedervereinigung der christlichen Kirchen auf der Basis der Kirchenverfassung des 1. Jahrtausends.

Der Hof-Bücher-Zensor (amtlicher Prüfer) Kaiser Josephs und K. K. (kaiserlich-königlicher) Ober-Kirchenhistoriker Matthias Dannenmayer würde z.B. ein Buch, welches die vielerwähnten Stellen aus Bozius und Sedulius hätte reproduzieren wollen, gar nicht erst in die Öffentlichkeit haben gelangen lassen1.

1 Zur Beurteilung der Grundsätze, nach denen Dannemayer seine Kirchengeschichte schrieb, genügt es, seine Charakteristik Pallavicini's und Paolo Sarpi's zu lesen. „Pallavicini“, sagte er, „war Jesuit, Kardinal und schrieb auf Rom's Befehl, in der Absicht, die Sarpi'sche Geschichte (des Konzils von Trient) zu widerlegen – Gründe genug, die ihn verdächtig machen.“
(Leitfaden in der Kirchengeschichte nach Matthias Dannenmayer's lateinischem Lehrbuch. Zweite verbesserte Auflage, Rotweil 1827, Seite 93)
Bevor Dannenmayer als Professor der Kirchengeschichte von Joseph II. nach Wien gerufen wurde, diente daselbst die Kirchengeschichte des Protestanten Johann Matthias Schröckh als Grundlage für die Behandlung dieser Wissenschaft. Mehr zugunsten des Lutheranismus, als es bisweilen Dannenmayer getan hat, hätte auch „der beste Protestant“ nicht wirken können.


 

Wie in Wien so verfuhren auch die Zensoren der romfeindlichen Erzbischöfe und Kurfürsten in den westlichen und südlichen Ländern Deutschlands.

In Preußen wurde die Zensur (Informationskontrolle) noch rigoroser (strenger) gehandhabt.

Friedrich II. hielt jedes Mittel zum Angriff gegen dem Katholizismus für erlaubt, gestattete aber nicht die geringste Freiheit zur Verteidigung desselben.

Unter Friedrich Wilhelm III. wurde die Sache nicht viel besser.


 

Noch am 3. April 1821 wurde an die Zensoren folgende Kabinetts-Ordre (Order = Anordnung) betreffend die Umänderung des Namens „Protestanten“ in „Evangelische“ erlassen:

Die Benennung: Protestanten, protestantische Religion, für die Bekenner und das Bekenntnis der evangelischen Lehre ist mit stets anstößig gewesen; sie gehört der Zeit an, in welcher sie aufkam. Das evangelische Glaubensbekenntnis gründet sich lediglich auf die Heilige Schrift. Der Name muss also davon ausgehen. Im gemeinen (gewöhnlichen) Leben lässt sich eine altgewordene Benennung schwer vertilgen;

im Geschäftsstil aber, bei der Zensur von Druckschriften und der öffentlichen Blätter soll darauf gehalten (geachtet) werden, die Benennung evangelisch statt protestantisch, Evangelische statt Protestanten zu gebrauchen, weil eben dadurch der alte unpassende Name nach und nach verschwinden wird.

Das Staatsministerium hat demgemäß, jeder Departements-Minister (Abteilungsminister) in seinem Ressort (Bereich), diese Anweisung zu befolgen und befolgen zu lassen, hauptsächlich aber die Zensoren der Druckschriften und der öffentlichen Blätter danach zu instruieren.“


Am 16. Mai 1827 erschien sogar eine Verfügung, welche selbst die dogmatischen (christlichen Grundwahrheiten betreffenden) und historischen Kontrovers-Predigten (Gegen-Predigten) der Geistlichen beider Bekenntnisse verbot.

Erst die in Folge der (revolutionären und demokratischen) 1848-er Bewegung entstandenen konstitutionellen Verfassungen (= Staatsform der konstitutionellen Monarchie) hoben die Zensur auf 1.

1 Wie streng in Österreich die Zensur noch Ende der 1850-er Jahre gegenüber den aus dem Auslande kommenden Büchern gehandhabt wurde, geht u.a. aus folgender Mitteilung hervor, welche die „Historischen politischen Blätter“ (Band 105, Seite 242) in einem dem verstorbenen Ignaz von Döllinger gewidmeten Nekrologe (Nachuf) machten. Dr. Josef Edmund Jörg, der ehemalige Amanuensis (Schreibgehilfe eines Gelehrten) Döllingers, berichtet dort:

Döllinger kehrte (im Jahre 1857) mit einem Verdruss von der italienischen Reise zurück.
Überallhin hat er die Sorge für seine auserlesene Bibliothek mitgenommen, überall waren die großen Antiquariats-Handlungen (Geschäfte mit alten Büchern) sein häufigster Besuch. So hatte er von der Nationalversammlung in Frankfurt große Kisten voll Bücher, zur Bestürzung seines Finanzverwalters in München, Major Seyfried, nach Hause geschickt und auch jetzt wieder hatte er zwei Schäffelsäcke (Getreide-Säcke) voll alter Bücher von Florenz aus mit auf die Reise genommen. Als er an die österreichische Grenze kam, erfolgte die zollamtliche Erklärung, dass die zwei Büchersäcke erst die Zensur in Wien passieren müssten. Seine ohnehin nicht sehr warmen Sympathien für Österreich sanken um mehrere Grade.“

In Preußen wurde noch im Jahre 1855 die katholische Zeitung „Deutsche Volkshalle“ zu Köln durch einfachen Machtanspruch der Verwaltung trotz der Verfassung unterdrückt – ein Vorkommnis, dessen Wiederholung zum Teil erst durch die Gewerbeordnung von 1869, gänzlich erst durch das Reichs-Pressegesetz von 1874 unmöglich gemacht wurde.


 

Während die in katholischen Ländern ans Staatsruder gelangten Josephinisten und Febronianer den Protestanten halfen, jede dieser feindlichen Regung in der Presse mittelst der Zensur zu unterdrücken, so zwar, dass die Protestanten von selbst das Geschichts-Monopol erhielten, trieb man protestantischerseits die Rigorosität (unerbitterliche Härte) so weit, dass man jede Spur von katholischer Literatur zu vernichten suchte.

Schon Luther unterhielt zu diesem Zweck ein umfassendes Spionier-System (Spionage) und übte mittelst des weltlichen Armes, der ihm hierbei zu Gebote (zur Verfügung) stand, eine eiserne Strenge aus.


Wo immer ein Fürst, ein Graf, ein Gutsherr das Evangelium der „Freiheit“ angenommen hatte, da war es aus mit der Freiheit der Presse, und wenn je einmal ein katholisches Buch von jenseits der Grenze sich in den von der „Freiheit“ interdizierten (entmündigten) Raum gewagt hatte, so wurde es sofort von Luthers Spionen zum Flammentode verurteilt.


Als nach dem Tode des Herzogs Georg zu Sachsen und durch die Thronfolge seines Bruders des Herzogs Heinrich in Leipzig die „Reformation“ eingeführt wurde, ließ daselbst der vom Protestantismus zum katholischen Glauben zurückgekehrte Gelehrte Georg Wizel gerade seine Postille (Sammlung von Predigten) drucken.

Der Verfasser musste sofort sich in ein anderes Land flüchten, seinem Verleger wurde untersagt, das begonnene Werk weiter drucken zu lassen und als er diesem Verbote zuwiderhandelte, wurde er ins Gefängnis gesetzt, die vorhandenen Exemplare konfisziert (beschlagnahmt) und bis auf das letzte Blatt dem Feuer überantwortet1.

1 Auf Betreiben des Luther-Spions Jonas wurde sogar das Manuskript vernichtet, damit Wizel dasselbe nicht in einem anderen Lande drucken lassen konnte.


Ähnlich scheint man es auch mit einer Schrift gemacht zu haben, die Wizel später über Luthers Lebensende geschrieben hatte. Allerdings muss diese Schrift außerhalb des Bereiches des Protestantismus erschienen sein – in Mainz oder Köln – ; aber da heute nirgends mehr eine Spur derselben zu finden ist, scheint sie bei dem späteren Umsichgreifen des Protestantismus aufgetaucht und gleich der Leipziger Postille vernichtet worden zu sein.


 

In Melchior Adami: Vitae germanorum theologorum, Francofurti 1633 pagina 261 (Lebensläufe deutscher Theologen, Frankfurt 1633, Seite 261 wird in der Biographie des Justus Jonas erwähnt, dass letzterer eine besondere Schrift:

De morte Lutheri“ (Über den Tod Luthers) gegen Wizel verfasst habe.

Diese Schrift des Jonas wird auch bei Heinrich Wilhelm Rotermund, Geschichte der Augsburgischen Konfession, Hannover 1829, Seite 415 als im Jahre 1546 zu Wittenberg in Quartformat (4 Blätter-Papier) erschienen aufgeführt, aber selbst Kawerau, der die Geschichte des Jonas am eingehendsten studiert hat, bemerkt, dass er das Buch nicht nachzuweisen vermag.

(Briefwechsel des Justus Jonas, II. Einleitung Seite XLVIII = 48).


Wahrscheinlich hat man also mit der Wizel'schen Schrift über Luthers Lebensende die Gegenschrift des Jonas zugleich exstirpiert (entfernt) – vielleicht weil die Widerlegung nicht recht gelungen erschien und man fürchtete, damit erst recht Öl ins Feuer zu gießen.

Ebenso scheint eine Schrift von Christophorus Walther über Luthers Tod samt einer Gegenschrift von Aurifaber gänzlich verschwunden zu sein1.

1 Bei Beginn des letzten „Kulturkampfes“ haben die National-Liberalen in ähnlicher Weise die Selbstbiographie eines ihrer Koryphäen (Fachgrößen) – der in naiver Weise erzählt hatte, dass er beim Freien dreimal den Korb bekommen hat (beim Werben um Frauen abgewiesen wurde) – aufgekauft und vernichtet.


 

Ganz sicher ist auf diese Weise vernichtet worden das Buch des Jesuitenpaters Karl von Kreutzen, welches gegen Müllers „Lutherus Defensus“ (der verteidigte Luther) gerichtet war.


Dieses Buch ist auf keiner öffentlichen preußischen Bibliothek mehr zu haben, nicht einmal mehr an dem Orte, an welchem es (1635) erschienen war, in Braunsberg.

Übereinstimmend wurde mir auch von zwei Universitäts-Bibliothekaren des Auslandes versichert, dass es von den Protestanten völlig aus der Welt geschafft sei.

Bei der sehr großen Seltenheit des Sedulius scheint es diesem Werke ähnlich ergangen zu sein – kurz, was der 30-jährige Krieg nicht vernichtete, was die Schweden nicht raubten und versengten, das wurde, sobald es für den Protestantismus unheilvoll werden konnte, im Frieden den Furien (den wütenden Frauen, der Rachegöttin) geweiht.

Da kann es allerdings nicht Wunder nehmen, wenn die Katholiken nach dem 30-jährigen Kriege zu einer im Auslande erschienenen dogmatisch-historischen Apologetik (logische rationale Rechtfertigung des Glaubens), nach dem Werke des Franzosen Floremund Raemund griffen, so dass dann dessen ungenaue Berichte über Luthers Tod zu der Vergessenheit, in welche das Ereignis nach und nach sinken musste, noch die Verwirrung hinzufügten.

In der Tat, wenn wir uns alle die Hemmnisse vergegenwärtigen, welche sich der Verbreitung wahrheitsgemäßer Nachrichten über Luthers Tod entgegenstellten: auf protestantischer Seite der Terrorismus der Machthaber, die Bücher-Scheiterhaufen, zuletzt das einseitige Geschichts-Monopol; auf katholischer Seite die Machtlosigkeit auf dem Gebiete der Literatur, dann die Irreleitung durch Floremund Raemund und zuletzt noch der Josephinismus und Febronianismus mit seiner bis in das gegenwärtige Jahrhundert hineinragenden drakonischen (sehr strengen und rücksichtslosen) Bücher-Zensur – wenn man alle diese Momente in Erwägung zieht, so wird man gewiss noch sich darüber verwundern müssen, dass es noch möglich gewesen war, die Wahrheit über Luthers Ende in ein Zeitalter hinüberzuretten, in welchem man sie nicht mehr durch Feuer und Schwert unterdrücken kann.


 

Si magnis parva componere licet (Wenn es erlaubt ist, kleine Dinge mit großen Dingen zu vergleichen), so ist es in Deutschland ähnlich mit der Frage der lehramtlichen Infallibilität (Unfehlbarkeit = Irrtumslosigkeit, Fehlerlosigkeit, Perfektion im Handeln) des Papstes gegangen.

Die „Reformatoren“ kämpften gegen diesen Lehrsatz ganz besonders an, weil er damals von den deutschen Katholiken allgemein für wahr gehalten wurde.

Noch im 17. Jhdt. traten für ihn die katholischen Apologeten (Verteidiger) ein;

aber die Josephiner des 18. Jhdts. und die Febronianer des 18. und 19. Jhdts. leugneten ihn, und da sie mit der Zeit wie für die historische, so auch für die dogmatische Richtung des katholisch gebliebenen Deutschlands maßgebend wurden, so vergaßen die deutschen Katholiken immer mehr auf jenen Satz, bis sie im Jahre 1870 die Geschichte der Theologie in ihrem Vaterlande genauer studierten und zu ihrem Erstaunen bemerkten, dass man in Deutschland seit den Zeiten des Heiligen Bonifacius* an die lehramtliche Infallibilität des Papstes (Stellvertreter Jesu auf Erden) geglaubt hatte, während zugleich die Verhandlungen des Vatikanischen Konzils offen darlegten, dass man in der katholischen Welt von jeher sich zu dem so viel bestrittenen Satze bekannt hatte.

* anno 754: Der Legende nach soll der Hl. Bonifatius - „der gutes Geschick Verheißende" - bei seiner Ermordung (zusammen mit 52 Gefährten) zum Schutz sein Evangelienbuch über den Kopf gehalten haben. Als Christen den Leichnam fanden, sahen sie auch das Buch, durch das das Schwert gedrungen war:
Es war dabei jedoch kein Wort der Heiligen Schrift zerstört worden.


 

Nicht anders verhielt es sich in Deutschland mit der Frage nach Luthers Lebensende. Bald nach des „Reformators“ Tode war jedem Katholiken die Wahrheit darüber bekannt. Anfänglich war sie durch mündliche Überlieferung, später durch die Schrift verbreitet worden. Da trat eine Verdunkelung ein. Sie währte beinahe ebenso lange, wie die Verdunkelung der Infallibilitäts-Frage.


 

Aber wenn auch lange Zeit der Himmel sich verfinstern kann –

die Sonne bringt doch wieder einmal Alles an den Tag !


 

 

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Kurzbiographie Paul Majunke

Paul Majunke (* 14. Juli 1842 in Groß-Schmograu bei Wohlau; † 21. Mai 1899 in Hochkirch bei Glogau) war ein deutscher katholischer Priester, Publizist und Politiker der Zentrumspartei.

Majunke studierte von 1861 bis 1866 Theologie und Rechtswissenschaften in Breslau und promovierte zum Dr. theol. in Rom. Anschließend unternahm er Reisen durch Europa. Im Jahr 1867 wurde Majunke zum Priester geweiht. Danach war er als Kaplan in Neusalz an der Oder und in Breslau tätig. Später war er Redakteur der Kölnischen Volkszeitung von Julius Bachem. Im Jahr 1870 wurde er entlassen, weil sein Schreibstil als zu scharf erschien. Anschließend war er vorübergehend Pfarrer in Glogau.

Seit 1871 war er der erste Chefredakteur der neu gegründeten Zeitung Germania. Dieses Blatt stand der Zentrumspartei sehr nah. Unter der Leitung von Majunke wurde die Germania zu einer der führenden katholischen Tageszeitungen. Im Kulturkampf schrieb Majunke zahlreiche scharfe Artikel zur Verteidigung der katholischen Sache gegenüber der preußischen Regierung.

Seit 1874 bis 1884 war Majunke Abgeordneter der Zentrumspartei im Reichstag und von 1878 bis 1884 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.

 


 

Majunke war Pfarrer in Hochkirch bei Glogau (polnisch Wysoka / Niederschlesien).
Der Ort ist ein besonderer >

 
DIE WALLFAHRTSKIRCHE ZU HOCHKIRCH (bei Glogau) UND IHR MARIENBILD

Hochkirch, drei Viertelmeilen südöstlich von Glogau, ward in früheren Jahrhunderten, wo es zum benachbarten Gräditz gehörte, Hohenkirchen offen Berge genannt. Es hat eine Wallfahrtskirche mit dem 1856 neugebautem Turme und ein wunderbares Marienbild auf dem Hochaltare, zu dem von weit her aus Schlesien und Polen gewallfahrtet wird. Die größten Wallfahrten finden statt am Sonntage Trinitatis (Dreifaltigkeitsfest), wo auch eine Prozession von der Probstei Seitsch aus dem Guhrauschen ankommt, und dann am Feste Maria Geburt.

An die Kirche und das darin befindliche Muttergottesbild knüpft sich folgende Geschichte:

Als die Kirche vor uralten Zeiten erbaut werden sollte, hatte der Gutsherr eine andere Anhöhe in der Nähe derjenigen, auf der heute die Kirche steht, als Platz dazu bestimmt. Fromme Spenden waren zu ihrer Erbauung reichlich eingegangen, und der Gutsherr lieferte das Bauholz. Er ließ dieses auf die von ihm ausersehene Anhöhe schaffen. Die Geistlichen des Sprengeis wünschten sie zwar dort nicht, aber sie fügten sich, als der Gutsherr außer dem Bauholze noch reiche Gaben versprach. Dennoch kam es anders, denn es trat ein seltsames Ereignis ein.

Am andern Morgen nämlich war das Holz von der Anhöhe verschwunden. Erst dachte man an einen Raubfrevel, aber man fand das gesamte Holz in bester Vollständigkeit und Ordnung auf einem benachbarten Hügel. Der Gutsherr hielt dies für einen mutwilligen Streich und ließ das Holz auf den früheren Platz zurückschaffen und noch mehr dazubringen. Am andern Morgen war es wieder fort und lag wieder auf jenem ändern Hügel. Das brachte eine große Bewegung in der Gemeinde hervor, und viele gingen zum Gutsherrn und erklärten, das gehe nicht mit richtigen Dingen zu und sei ein Wunder, das etwas zu bedeuten habe. Aber der Gutsherr ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, er wolle doch sehen, meinte er, ob das Holz zum dritten Male seinen Platz verändern werde. Der Herr ließ von seinen Leuten das Holz wieder zurückschaffen. Für die Nacht stellte er zwei Wächter daneben auf. Doch wieder lag es am nächsten Morgen auf dem ändern Berge. Die Wächter hatten nichts bemerkt und sagten aus, ein unwiderstehlicher Schlaf habe sie befallen. Nun stürmten alle auf den Gutsherrn ein, er möge doch gestatten, daß die Kirche dort gebaut werde, wohin schon in dreien Nächten das Bauholz von unsichtbaren Händen geschafft worden sei; es sei sicher Gottes Wille so. Da sagte der Gutsherr: „Nun in Gottes Namen, baut dorthin die Kirche zu seiner Ehre." Mit Jubel ward diese Entscheidung aufgenommen, und der Bau ward behende in Angriff genommen, schien es doch allen ein heilig Werk. Die Teilnahme für das Gotteshaus wuchs weit über den Sprengel hinaus. Die Kirche war fertig, auch die innere Ausschmückung war fast vollendet. Aber noch fehlte ein würdiges Bild für den Hauptaltar. Da griff wiederum eine wunderbare Macht ein.

In einer Nacht, als alle Einwohner Hochkirchs längst schliefen, rief der Wächter eben die Mitternachtsstunde aus. Zufällig schweifte sein Blick nach der Höhe hinauf, wo die Kirche stand. Wunderbar! Das Innere des Gotteshauses strahlte in hellem Lichterglanz. Es war keine Feuersbrunst, aber dennoch rief er die Bewohner aus ihrem Schlafe. Staunend scharte sich die ganze Gemeinde zusammen und wie zur ersten Wallfahrt geordnet schritt sie dem neuen Gotteshause entgegen. Schon war die Menge bis zum Fuße der Anhöhe gelangt, da ereignete sich ein zweites Wunder. Herrliche Töne erklangen aus der Kirche, bald schmelzend und bald brausend wie im vollen Chor, Posaunen und Orgelton und Priestergesang dazwischen, über dem ganzen schwebend aber ein Klang wie von Engelsharmonien. Wer waren die nächtlichen Musiker dort oben? Die Gemeinde sank am Fuße des Hügels auf ihre Knie und wohnte dem Gottesdienste dort oben in andächtiger Ferne bei. Das war das erste Hochamt, ehe noch das Gotteshaus die kirchliche Weihe erhalten hatte. Plötzlich erloschen Licht und Gesang; stumm und finster lag das Gebäude wieder auf seiner einsamen Höhe. Tief ergriffen aber kehrten die Leute zurück; was sich da oben zugetragen hatte, war ihnen ein unerklärliches Rätsel. Als aber der Morgen anbrach, sendete der Gutsherr den Gemeindevorstand in die Kirche, um den Ursachen des nächtlichen Geschehnisses nachzuspüren. Ganze Scharen von Menschen schlössen sich an, und als die Türe der Kirche geöffnet wurde und die Blicke auf den Hochaltar fielen, da prangte dort ein Bild der Mutter Gottes in schönster Farbenpracht. Das Staunen löste sich in ein stilles Gebet auf, das der wunderbaren Macht den heißen Dank der Gemeinde aussprach für die herrliche Gabe.
Quelle: Sagen aus Schlesien, Herausgegeben von Oskar Kobel, Nr. 23


 

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