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Luthers Lebensende
Buch 3:  Ein letztes Wort an die Luther-Dichter

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Luthers Lebensende von Paul Majunke 1890/1891

Kurzbiographie Paul Majunke

Buch 1  Luthers Lebensende. Eine historische Untersuchung.   Orginal (Alte Schrift)
Von Paul Majunke. Buch aufgelegt 1891    Seite 1-100

Anhang Buch 1

Buch 2  Eine historische Kritik über Luthers Lebensende.           Orginal (Alte Schrift)
Von Paul Majunke. Buch aufgelegt 1890    Seite 101-208


Buch 3  Ein letztes Wort an die Luther-Dichter.                            
 Orginal (Alte Schrift)
Von Paul Majunke. Buch aufgelegt 1890    Seite 209-260

Alle 3 Bücher in einem Pdf:   Orginal (Alte Schrift)

 

Ergänzungen unsererseits: Lateinische Übersetzungen und zusätzliche Erklärungen (Wörter, Personen) sind in dieser Farbe gehalten.

 

Buch 3 -
Ein letztes Wort an die Luther-Dichter.
 
Inhalt
Vorbemerkung

Professor Kawerau

Professor Kolde

Was Kolde verschweigt

Schlusswort

Nachträge
Man wagte endlich, die Aussage von Luthers Diener zu kommentieren
Eine Äußerung Döllingers

Eine Äußerung Janssens

Buch 3
(Seite 209 bis 260 )

 

Ein letztes Wort

an die

Luther-Dichter.


 

Nebst neuen Nachträgen

von

Paul Majunke.

     

     

    Es gibt solche, die von der Furcht befallen sind, dass durch offene, rückhaltlose Darstellung mancher geschichtlichen Tatsachen Ärgernis gegeben werden könnte und die daher zu Verschweigungen, Vertuschungen und Beschönigungen greifen, anstatt, wie es Pflicht des ehrlichen Mannes wäre, die ganze Wahrheit ungeschminkt zu sagen.

Kardinal Newman.


 

Mainz,

Druck und Verlag von Florian Kupferberg.

1890.


Luthers Sterbehaus in Eisleben

 

Vorbemerkung.


Wenn ich noch einmal – ich hoffe zum letzten Male – in der vorliegenden Frage das Wort ergreife, so geschieht es nicht allein deshalb, weil Professor Kolde eine Duplik (Gegenerklärung des Beklagten auf eine Widerrede) hat erscheinen lassen und ich die Gegenschrift des Professor Kawerau in meiner „Historischen Kritik“ usw. nicht mehr berücksichtigen konnte, sondern vor allem auch darum, weil ich wiederum neues Material nachzutragen habe, welches teils von mir selbst gesammelt, teils von befreundeter Seite mir zugestellt wurde.

Damit ist meines Erachtens der Gegenstand in erschöpfender Weise behandelt und dem unparteiischen Leser Gelegenheit geboten worden, sein definitives pro aut contra (dafür oder dagegen) zu sprechen.

Eine Kritik der katholischen Presse habe ich in diese Arbeit nicht mehr aufgenommen, teils weil überhaupt nur noch zwei katholische Blätter – mehr habe ich mit Unterstützung von Seiten einiger Freunde nicht auffinden können, – sich abfällig zur Sache äußerten, teils weil ich es für besser halte, wenn eine Anzahl Katholiken über Luthers Tod glaubt, was die Protestanten glauben, als wenn überflüssiger Streit im eigenen Parteilager genährt wird.

Zur besseren Orientierung des Lesers ist dem Titel diesmal ein Bild von Luthers Sterbehaus zu Eisleben beigefügt worden. Eine nähere Erläuterung darüber findet sich unten im Anhange unter Nr.14.

Hochkirch bei Glogau, 10. August 1890.

Der Verfasser.


 


 

Professor Kawerau.

Derselbe hat, wie ich in meiner „Historischen Kritik“ (Seite 82) noch kurz erwähnen konnte, eine besondere Gegenschrift1 erscheinen lassen, in der er sich zwar im Wesentlichen an Kolde anlehnt, dennoch aber selbstständig einige Punkte vorbringt, welche hier einer näheren Beleuchtung unterzogen werden sollen.
1
Luthers Lebensende in neuester ultramontaner Beleuchtung. Von Dr. Gustav Kawerau, Professor der Theologie in Kiel. Barmen (Wuppertal) 1890, Verlag Hugo Klein.

Kawerau geht von dem Satze aus, dass es bei den Katholiken die „Dogmatik“ erfordere, dass jeder „Ketzer“ ein unheilvolles Ende gehabt habe; darum sei dies katholischerseits a priori (von vornherein) auch von Luther angenommen.

Ich habe diesem Satze schon in der ersten Auflage meiner Schrift über „Luthers Lebensende“ vorgebeugt, wo ich sagte, die Kirche verdamme niemanden und überlasse das Gericht auch über die „Ketzer“ Gott allein.

Ich wiederhole daher: Bei den Irrlehrern gehört nur die Lehre ins dogmatische Gebiet, über ihren Tod respektive (beziehungsweise) die äußeren Umstände desselben redet nicht mehr die Dogmatik, sondern nur noch die Geschichte.

Dazu kommt, dass z.B. über den Tod Carlstadts (Andreas Rudolf Bodenstein von Karlstadt = Carolstadius) und Johannes Oekolampads (= Oecolampadius) zuerst Luther Schlimmes berichtet hat; dann erst haben katholische Schriftsteller die Äußerungen Luthers wiedergegeben. Über den Tod Luthers selbst haben zuerst die Eislebener Protestanten „Teuflisches“ – um mit Michael Coelius (Mansfelder Schlossprediger) zu reden – erzählt; dann erst sind ihnen die katholischen Autoren gefolgt, die anfänglich auch noch die schlimmsten Gerüchte verschwiegen und mit der Diskreditierung (Herabwürdigung) der „Historia“ des Jonas und Genossen sich begnügt hatten. Dass aber sehr schlimme Gerüchte nicht nur in Deutschland, sondern allerwärts (überall) verbreitet waren, bestätigt außer Paul Sarpi (siehe den Anhang) indirekt Kawerau selbst, der (Seite 17) mitteilt, dass „auch der heutige italienische Landmann noch harmlos dem Reisenden zu erzählen weiß,“ wie Luther – geendet hat.

Wie Kolde legt auch Kawerau ein Hauptgewicht darauf, dass Luthers Tod schon 1545 „von Italien aus“ fälschlich gemeldet worden sei.

Indes abgesehen davon, dass „heute noch der italienische Landmann“ den Tod Luthers ganz anders erzählt, – er erzählt ihn wie Bozius – als er in jener angeblich in Italien „ausgegangenen“ Schrift geschildert wird, so habe ich bereits darauf hingewiesen, dass schon Seckendorf mitteilte, die Katholiken jener Zeit wären der Meinung gewesen, dass das Libell (die Schmähschrift) Luther selbst „vel aliquem ex suis“ (oder jemanden von den Seinen) zum Verfasser habe. Auch der Pater Schreiner bemerkte 1626 in seiner „Apologie“ = Verteidigungsschrift (gegen Andreas Keslers „Lutherisches Franckenthal“, wo dieselbe Behauptung aufgestellt war):

Dass selbige Zeitung von einem Katholischen erdicht worden / wirstu Keßler nimmer mögen darthun (darlegen). Vielmehr ist zu vermuthen / dass sie von einem Lutherophylo vnd Sektischen Fuchsschwentzer (Fuchsschwänzer = Heuchler / Schmeichler / Speichellecker / Kriecher) sey erdacht vnd geschmidt worden / damit Luthero vnd seinem fünfften Evangelio desto bass auff die Bein zu helffen1.“
Dass dieselbe Nachricht von einem Katholiken erfunden wurde, wirst du, Kesler, nicht mehr beweisen können. Vielmehr ist jedoch zu vermuten, dass sie von einem Freund Luthers und sektiererischen / ketzerischen Heuchler erfunden und geschmiedet worden sei, um Luther und seinem 5. Evangelium* umso besser auf die Beine zu helfen.“
* Luther neben den einzigen 4 Evangelisten (= 4 Apostel) als der neue 5. Evangelist.
1
Schreiner, Apologia, Bamberg 1626. Seite 254.


Dass die Leute, welche dies erdachten, auch dafür gesorgt haben werden, dass ihre Nachricht für die kritiklose Menge in glaubhaften äußeren Formen auftrete, dass sie darüber zuerst dem Landgrafen Philipp von Hessen berichten – falls dieser nicht ins Geheimnis gezogen (eingeweiht) war – der es Luther meldete, worauf Luther in Wittenberg „Abdrücke“ (Drucke / Abschriften = Kopien) veranstaltete (veranlasste), das ist ja erklärlich. Nur hätten dieselben Leute auch für eine genügende Anzahl „italienischer“ Exemplare sorgen sollen, von denen sich merkwürdiger Weise kein einziges weder in Deutschland noch in Italien noch in Frankreich usw. vorfindet1 !
1
Für den tiefer Blickenden erweist sich sofort schon die äußere Form des Machwerks als ein Falsifikat (Fälschung). Dasselbe gibt sich als „Copia de una litera delo imbasciatore del re christianissimo de uno stupendo miraculo visto in la infelicissima morte de Martino Lutero.“
Gesandtschaftsberichte pflegen sich nicht mit so albernem Zeuge zu befassen, wie es hier erzählt wird. Auch schreibt der Gesandte in der Sprache seines Landes respektive seines Herrschers.
Das Original hätte also, da es sich um einen Bericht an den französischen König, den „re christianissimo“, handelte, französisch lauten müssen. – Der noch im Klosterschloss El Escorial (im Raum Madrid: Bibliothek, Palast und zugleich Museum) befindliche Gesandtschaftsbericht über Luthers Tod ist in spanischer Sprache abgefasst, (siehe unten Seite 39) obschon (obwohl) der damalige spanische König der deutsche Kaiser war und der Gesandte an dessen Hofe sich in Deutschland aufhielt.

     

Es wird dem „rege christianissimo“ (Rex Christianissimus = Allerchristlichster König ist der Titel für französische Könige und Herrscher seit Papst Pius II. und Paul II.) zugemutet, Folgendes zu glauben:


Copey eines Brieffs des aller Christlichsten Königs Gesandten / von einem erschrecklichen Wunderzeichen / welchs geschehen ist in dem Schendlichen Tod Martini Luthers.
Kopie eines Briefs des Gesandten des allerchristlichsten Königs von einem erschreckenden Wunderzeichen, welches beim hässlichen / unehrenhaften Tod Martin Luthers geschehen ist.


Erschrecklich / vnd unerhört wunderzeichen / welchs der gebenedeiet Gott hat erzeiget in dem Schendlichen Tod des Martini Luthers / verdampt mit Seel und Leib / wie man in einem Capitel des Brieffs / des aller Christlichen Königs gesandten / klerlich begreifen kan / zu ehre vnd preis Jhesu Christi / vnd zu einer besserung vnd trost der fromen.
Ein erschreckendes und unerhörtes Wunderzeichen, welches der gebenedeite (= gesegnete / gepriesene) Gott in dem hässlichen Tod Martin Luthers gezeigt hat, verdammt mit Leib und Seele, wie man in einem Textteil des Briefes - des Gesandten des allerchristlichsten Königs – deutlich erkennen / nachempfinden kann, zur Ehre und Preisung (= zum Ruhm / zur Ehrerbietung) Jesu Christi und zu einer Besserung und zum Trost der Frommen.

 

Copey des Capitels.

Martin Luther als er kranck war / begert er das heilig Sacrament / des Leibs unsers Herrr Jhesu Christi / welchs als er empfangen hatte / ist er als bald gestorben.
Vnd in seiner kranckheit / als er sahe das sie gar hefftig war vnd gentzlich sich zum Tod neiget / hat er gebeten / das sein Leib auff den Altar solt gesetzt vnd angebet werden als ein Gott. Aber die Göttliche güte vnd fursichtigkeit / als sie hat wollen einem so grossen jrthum ein ende machen / vnd ein ewig stillschweigen / hat sie nicht abgeschlagen / solche wunderzeichen zu eröffen / welche sehr von nöten waren / auff das das Volck abstünde von solchem grossen jrthum / zerstörung vnd verderbnis / welche obgenanter Luther in dieser Welt hat angericht / Darumb / als bald sein leib ins Begrebnis ist gelegt worden / ist als bald ein erschrecklich rumor vnd gethümel gehört worden / als fiele Teufel vnd Helle in einander / durch welche alle die jenigen / so gegenwertig waren / kamen in ein gros erschrecken / entsetzen vnd furcht / Vnd als sie die augen gen Himel huben / sahen sie klerlich die aller heiligste Hostia vnsers Herrr Jhesu Christi / welche ein solch vnwirdig Man / also vnwirdig hat dürffen empfahen. Ich sage auch / das alle die / die da bey sind gewest / scheinbarlich gesehen haben / die aller heiligste Hostia in der Lufft hangen. Derhalben mit grosser andacht vnd ehre erbietung / haben sie die aller heiligste Hostia / mit grosser ehre vnd andacht zu den heiligthumen ehrlich gethan.
Da das geschehen ist / hat man den selbigen tag nicht mehr ein solch gethümel vnd ein Hellisch rumpeln gehört. Aber die folgende nacht an dem selbigen ort / da der Leib Martini Luthers war begraben / hat jederman gemeinlich gehört ein grösser vngestüm denn das erste. Darumb auch das Volck auffgestanden / vnd kam in eine grosse furcht vnd entsetzung. Derhalben / als es tag ward / giengen sie hin / auff zuthun das Grab / da der Gottlose Leib des Martini Luthers hingeleget ward / welchs Grab / als es auff ward gethan / sahe man klerlich / das da weder Leib oder Fleisch noch Bein / noch einige kleider waren / Aber es war voll solchs geschweblichs gestanks / das es alle / die da vmbher stunden / kranck machte / Dadurch viel jr leben haben gebessert zu dem heiligen / Christlichen Glauben / zu ehre / lob vnd preis Jhesu Christi / vnd befestigung vnd bekreftigung seiner heiligen Christlichen Kirchen / die da ist ein pfeiler der warheit.

 

 

Kopie des Textabschnitts.

Martin Luther verlangte – als er krank (= schwach) war - das heilige Sakrament des Leibes unseres Herrn Jesus Christus; als er welches empfangen hatte, ist er bald darauf gestorben. Und in seiner Krankheit (= Schwachheit) - als er sah, dass sie heftig (= sehr stark / schwer) war und sich gänzlich hin zum Tod neigte, hat er darum gebeten, dass sein Leib auf den Altar gesetzt (= gelegt) und als ein Gott angebetet werden soll. Aber die göttliche Güte und Fürsorglichkeit (= Vorsichtigkeit, Umsicht) - als hätte sie einem so großen Irrtum (= Irrglauben / Fehler) ein Ende machen wollen - und ein ewiges Stillschweigen hat sie nicht abgeschlagen (= verweigert, davon abgehalten), solche Wunderzeichen zu eröffnen (= ermöglichen), welche insofern sehr nötig waren, auf dass das Volk von solch einem großen Irrglauben Abstand nehme. Zerstörung und Verderbnis, welche der oben genannte Luther in dieser Welt angerichtet hat - darum ist sein Leib bald darauf ins Grab gelegt worden, alsbald (= bald darauf) ist ein schreckliches Rumoren (= Lärm, Unruhe) und ein Getümmel gehört worden, als fiele Teufel und Hölle in einander zusammen, durch welche alle diejenigen, die da so anwesend waren, in einen großen Schrecken, in Entsetzen und Furcht gerieten und als sie die Augen gegen den Himmel erhoben, sahen sie klar und deutlich die allerheiligste Hostie unseres Herrn Jesu Christi, welche ein solch unwürdiger Mann - also unwürdig - empfangen hat dürfen. Ich sage auch, dass alle die, die dabei gewesen sind, scheinbar (= offensichtlich) die allerheiligste Hostie in der Luft hängen gesehen haben, deshalb haben sie mit großer Andacht und Ehrerbietung die allerheiligste Hostie mit großer Ehre und Andacht zu den Heiligtümern ehrlich (= brav, anständig) dazugelegt. Als das geschehen ist, hat man noch am selben Tag nicht mehr einen solchen Tumult (= Poltern, Wirrwarr, Getöse) und solch einen höllischen Lärm gehört.
Aber in der folgenden Nacht am selben Ort, wo der Leib Martini Luthers begraben war, hat jedermann - alle gemeinsam - eine noch größere wilde Raserei gehört, als die erste vorhergehende. Darum war das Volk aufgebracht und geriet in große Furcht und Entsetzen. Als es Tag wurde, gingen sie deshalb hin, um das Grab zu öffnen, wo der gottlose Leib des Martin Luther hineingelegt wurde. Als welches Grab geöffnet wurde, sah man deutlich, dass da weder Leib oder Fleisch noch Bein noch einige Kleider (darin) waren, aber es war voll von solch einem schwefelartigen Gestank, dass es alle, die da herum standen, ganz krank (= schwach / kraftlos) machte; dadurch haben viele ihr Leben gebessert hin zu dem heiligen Christlichen Glauben - zur Ehre, Lob und Preis Jesu Christi und (auch) zur Festigung und Bestärkung seiner heiligen Christlichen Kirche, die da ist eine Säule der Wahrheit.


Philipp von Hessen „übersandte“ diese „Copey“ (Kopie) an Luther mit der Bemerkung, dass daraus zu ersehen sei, „wie man das verdächtige parteiische Concilium (Konzil) anfehet (anfängt).“

Es handelte sich also um eine Agitation (Hetze / Propaganda) gegen das zusammentretende Konzil von Trient (1545 bis 1563).

Philipp wollte das Schriftstück durch einen „ehrlichen Mann aus Augsburg“ erhalten haben; gibt also selbst nicht einmal eine amtliche Quelle an ! –

Dass Bozius, von Geburt ein Italiener, konstant Beziehungen mit Deutschland unterhielt, ignoriert Kawerau; nach ihm ist Bozius nur ein „italienischer Streittheologe“; dass derselbe gleich Sedulius, den Kawerau zu einem „belgischen (!) Mönche“ macht, noch im vorigen Jahrhundert bei den protestantischen Schriftstellern in Ansehen stand, will er gleichfalls nicht wissen.

Trotzdem ist ihm der von Sedulius mitgeteilte Bericht von Luthers Diener wichtig genug, um an ihm Kritik zu üben.

Er meint, dass während die „Historia“ die Diener und Freunde Luthers schon die Nacht respektive von 1 Uhr ab beschäftigt sein ließe, wären nach der bei Sedulius abgedruckten Erklärung die Diener erst „am Morgen“ gekommen.


 

Sehen wir näher zu, wie es sich damit verhält.

Zunächst muss mir Kawerau erlauben, dass ich von der „Historia“ halte, was unter anderen ihr Zeitgenosse Cochläus von ihr hielt, dass sie „mendax et futilis“ (verlogen / falsch und unzuverlässig / eitel) sei, d.h. dass sie für mich als Geschichtsquelle vollständig ausscheidet.

Sodann ist hervorzuheben, dass in dem Bericht bei Sedulius überhaupt keine Angabe der Stunden enthalten ist; es heißt einfach, „postridie“ (tags darauf) wären die Diener bei Luther erschienen. Da sie ihren Herrn nicht nur anzukleiden, sondern auch Feuer anzuschüren hatten, wird es wohl nicht zu spät gewesen sein.

Um 6 Uhr ist es am 18. Februar noch dunkel und wenn der von Jonas respektive den Grafen von Mansfeld an den Kurfürsten gesandte Bote um 8 Uhr abritt (abgeritten ist), so konnte er recht gut gegen Abend in Torgau, wo sich der Kurfürst gerade aufhielt, eintreffen. Dem Jonas freilich, der schon „fünf“ Uhr früh auf seinen Brief geschrieben hatte, dann eine „vier“ daraus machte, war an dieser „vier“ mehr gelegen, als an einer „sechs“ oder „sieben“.

Die Gerüchte, welche sich sogleich ausbreiteten, sind Herrn Kawerau natürlich äußerst unbequem; er meint, ich hätte dieselben „höchst geschickt“ benutzt, um für meine „Fabel Stimmung zu machen“.

Hierzu gehört nun absolut keine „Geschicklichkeit“; im Gegenteil, Coelius stößt ja selbst den Ungeschicktesten auf das, was er zu suchen hat.

Ich kann Herrn Kawerau auch dies verraten: Durch die von dem bekannten Superintendenten und Schriftsteller Wilhelm Meinhold (sein Sohn Aurel war als katholischer Pfarrer mein Vorgänger am hiesigen Orte Hochkirch) auf mich übergegangene Bibliothek bekam ich vor allen katholischen Quellen über Luthers Tod die Rede des Coelius zuerst zu Gesicht: ich habe mir daraus allein den richtigen Vers gemacht, den ich erst später durch Bozius, Sedulius usw. bestätigt gefunden habe. Die Rede des Coelius mag am 20. Februar 1546 in Eisleben nötig gewesen sein; in Druck hätten sie aber die Lutheraner niemals ausgehen lassen oder wenigstens bald verbrennen lassen, wie sie es mit katholischen Büchern zu machen pflegten1 !
1
Auffällig ist es, dass in der Wittenberger Gesamt-Ausgabe von Luthers Werken die Leichenrede des Coelius nicht enthalten ist, während sie in anderen Gesamt-Ausgaben, auch bei Johann Georg Walch usw. sich vorfindet. Diese Rede scheint auch nicht im ursprünglichen Leichenfeier-Programm gelegen zu haben. Wie aus Bergers „Merkwürdigkeiten Eislebens“, Eisleben 1827 Seite 163 hervorgeht, wurde sie auf spezielle Veranlassung der Grafen von Mansfeld gehalten, wahrscheinlich allein zu dem Zwecke, um den in der Stadt zirkulierenden Gerüchten entgegenzutreten. – Übrigens wendet sich Christian Gottlieb Berger noch im Jahre 1827 gegen die von den katholischen Schriftstellern des 16. und 17. Jahrhunderts verbreitete Mitteilung von Luthers gewaltsamen Ende; aber auch er kann als Gegenbeweis nur die – „Historia“ anführen !

Kawerau soll mir mir nur ein einziges Beispiel aus der ganzen Welt- und Kirchengeschichte von selig im Herrn entschlafenen großen Männern anführen, an deren Bahre man es nötig gehabt hat, nach Art des Coelius vorzugehen ! –

Das „Widerwärtigste“ in meinem ganzen Buch hat Kawerau in dem Schlusskapitel gefunden, in welchem von der „Gemütsstimmung“ Luthers gegen Ende seines Lebens die Rede ist.

Da ich in diesem Abschnitt alles ganz wortgetreu aus Luthers Schriften und Tischreden mitgeteilt habe, so ist das Urteil Kaweraus geradezu ein erschreckender Beweis dafür, wie weit es die Lutherdichter in der Idealisierung ihres Idols und in der Hintergehung der armen Protestanten bereits gebracht haben.

Selbst ein „Lutherforscher“ wie Kawerau findet die wörtliche Wiedergabe von des „Reformators“ eigensten Geständnissen „widerwärtig“ !

Es sind mir in dieser Beziehung in neuester Zeit zwei Arbeiten zu Hilfe gekommen, welche noch viel ausführlicher das in Rede stehende Thema behandeln.

Sie führen den Titel: „Zur Beurteilung und Würdigung Martin Luthers:

1) Luthers Selbstbekenntnisse über sich und sein Werk.

2) Protestantische Zeugnisse über Luthers Ansehen in Deutschland im ersten Halbjahrhundert nach seinem Tode.“ Frankfurt am Main 1890. – Ferner die Schrift: „Die Segnungen der Reformation. Geschildert von Dr. Martin Luther.“ Berlin 1890.


Ich empfehle Professor Kawerau angelegentlichst (nachdrücklich) die Lektüre dieser beiden Schriften, damit er doch endlich einmal den geschichtlichen Luther kennen lernt.

Was er sonst noch vorbringt, stützt sich, wie er auch bemerkt, lediglich auf die Schrift des Professor Kolde, dem ich schon früher ausführlich geantwortet habe und dessen neuester Schrift ich jetzt noch ein kurzes Schlusswort widmen will.


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Professor Kolde.

Um gleich mit der Hauptsache zu beginnen, so hat diesmal Professor Kolde in seiner neuen Gegenschrift1 oder vielmehr schon in der dritten Auflage seiner ersten Schrift2 mich wirklich eines nennenswerten Irrtums überführt.
1
Noch einmal Luthers Selbstmord. Erwiderung auf Majunkes neueste Schrift von Dr. Theodor Kolde, ordentlicher Professor in Erlangen. Erlangen und Leipzig, Verlag Deichert 1890.
2
Kolde bemerkt in einer Note: „Herr Majunke wird sich schwerlich darauf hinausreden können, dass er meine dritte Auflage nicht gekannt hat. Sie ist Mitte März erschienen; er berichtet noch über die Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 18. März und seine Vorrede, welche dieselbe Paginierung (Gesamtheit der Seiten-Zahlen) hat, wie die Schrift selbst, also nicht etwa hinterdrein (im Nachhinein) gedruckt worden ist, sie trägt das Datum vom 29. März.“ – Ich muss zunächst protestieren dagegen, als könnte ich mich auf etwas „hinausreden“. Eine solche Sprachweise vermag ich weder für akademisch, noch überhaupt für christlich zu halten. – In der Sache selbst kann ich Kolde die Versicherung geben, dass ich von der Existenz seiner dritten Auflage erst durch die Broschüre Kaweraus etwas erfahren habe, die ich erhielt, als ich bereits die letzte Korrektur meiner „Historischen Kritik“ las. Letztere wurde schon an die Buchhändler verteilt, als mir Koldes dritte Auflage zuging.


Derselbe ist, sage ich, nennenswert; aber zum Glück nicht wesentlich, denn er betrifft keine primäre (erstrangige), sondern nur eine sekundäre (nebensächliche nicht ursprüngliche) Quelle.

Kolde weist nämlich darauf hin, dass Christophorus Longolius, von dem ich behauptet, er habe in seiner „Oratio ad Lutheranos“ (Rede an die Lutheraner) „im Todesjahre Luthers“ ausgerufen:

Nostis hominem altero crure claudum, humero strumosum, oculo captum, ac morbo tum comitiali, tum eo qui libidinem eius obscoenis pustulis indicet, foede misereque confectum.“
Ihr habt den Menschen gekannt, an einem Bein lahm, an der Schulter geschwollen (skrofulös entzündet), am Auge blind, und außerdem sowohl von der Krankheit der Epilepsie behaftet (= durch einen epileptischen Anfall) als auch durch diese noch dazu - welche die Wollust dessen durch Bläschen an den Genitalien (Syphilis = Hautausschlag im Intimbereich) anzeigen soll - grauenhaft (entsetzlich) und auch bemitleidenswert (erbärmlich) gänzlich erschöpft (am Boden zerstört).“

nicht von Luther, sondern von Ulrich von Hutten gesprochen habe, denn Longolius sei schon 1522 gestorben.

Nun starb zwar auch Hutten später als Longolius (1523) und dass die obige Personalbeschreibung ganz genau und durchweg (ausnahmslos) auf Luther passte, wird Kolde zugeben müssen. Auch hatte ich ein Exemplar des Longolius von 1546, dem „Todesjahre Luthers“ vor mir gehabt, – aus einer Dom-Bibliothek; – indes Kolde hat ein solches von 1545 aus der Berliner Königlichen Bibliothek bezogen – woselbst auch ich es viermal erbat, nur stets vergeblich, da es immer „verliehen“ war.

Aus einem anderweitig bezogenen dritten Exemplar ersah ich zudem, dass Longolius jenen Satz in der Tat schon 1522 niedergeschrieben hatte. Man wird also wohl das „confectum“ (gänzlich erschöpft / geschwächt) nicht im Sinne von „gestorben“, sondern von „bei Lebzeiten aufgerieben“ zu verstehen haben, so dass ich ebenfalls glauben möchte, unter dem Apostrophierten (angeführten Namen) sei nicht Luther, sondern Hutten zu verstehen, obschon ich selbst in den ausführlichsten Hutten-Biographien keine Personalbeschreibung gefunden habe, welche sich vollständig mit den obigen Angaben deckt.

Immerhin aber will ich zugeben, dass ich den Passus (Textabschnitt) aus Longolius zu Unrecht herangezogen habe; – was ist nun damit für mich verloren, was für Kolde gewonnen ?

Kolde hat etwas von der Ornamentik (Gesamtheit der sprachlichen Verzierungen) meines Baues entfernt, damit aber nur bewiesen, dass er den Bau selbst nicht erschüttern konnte. Ja dieses Resultat ist mir geradezu erwünscht, weil dadurch die Solidität (gut fundierte Beschaffenheit) des ganzen Baues gewonnen hat.

Alles andere, was Kolde sonst noch in seiner zweiten (wie schon in seiner ersten) Schrift vorbringt, beruht entweder auf einem Splittergericht (Urteil über kleine unbedeutende Fehler / nach Mt. 7,3: Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht ?), über formale Inkorrektheiten (Unrichtigkeiten der äußeren Form nach), welche mit breitester Dialektik (Sprachgewandtheit) und Sophistik (Rhetorik der Haarspalterei und Wortklauberei) zu einem Scheinwesen herausphantasiert (gesponnen) werden, oder geradezu auf Unrichtigkeiten.

Gerade die Unrichtigkeiten mehren sich diesmal in einer bedenklichen Weise.

Um gleich wieder die Hauptsache vorwegzunehmen, so versteigt sich (vermesst sich auf kühne Weise) Kolde jetzt zu dem Satze:

Es gibt keinen „Historiker“ der römischen Kirche im 16. Jhdt., der die von der „Historia“ berichtete Art von Luthers Sterben oder diese selbst als unglaubwürdig hingestellt hätte.“

Gerade das genaueste Gegenteil ist wahr. Es gibt nicht einen einzigen Schriftsteller der katholischen Kirche aus dem 16. Jhdt., der die „Historia“ des Jonas und Genossen für glaubwürdig gehalten hätte !

Cochläus nennt sie, wie schon oft erwähnt, „mendax et futilis“ (verlogen und unzuverlässig / eitel) und meint, dass sich Jonas mit ihr auch bei den Protestanten keinen Ruhm erworben hat; ebenso der Kartäuser-Mönch Laurentius Surius; Caspar Ulenberg (katholischer Theologe, Bibelübersetzer) hält sie für ein verabredetes Schriftstück und bemerkt, dass nach anderer Aussage Luther „a diabolo suffocatum“ esse (von einem Dämon erstickt / erwürgt worden ist); Johannes (Nasus) Nas (siehe den Anhang) nennt sie ein „greiflich erdichts ding“ (eine offensichtlich und augenfällige erfundene Sache) und will „sein derhalben geschweigen“ (daher seiner erst gar nicht sprechen);“ Hosius und Bellarmin schweigen über sie und stellen ihr positive Behauptungen entgegen; Gabriel Prateolus Marcossius1 folgt Hosius und hebt ausdrücklich hervor, dass dessen Angaben mehr Glauben beizumessen ist, als der „Historia“; noch positiver als Hosius und Bellarmin schreibt Claudius de Sainctes1.
1
Vergleiche 4. Auflage von „Luthers Lebensende“ Seite 20.

Aller deren Reigen beschließt am Ende des 16. Jhdts. Bozius, der der „Historia“, ohne sie zu erwähnen, die positivste Behauptung entgegensetzt.

In der Tat, es gibt keinen einzigen Schriftsteller der katholischen – oder wie Kolde zu sagen beliebt, der „römischen“ – Kirche des 16. Jhdts., gleichviel (gleichgültig) ob er „Historiker“, oder Dogmatiker oder beides zugleich war, welcher die „Historia“ als glaubwürdig hingestellt hätte !

Aber Kolde treibt es noch ärger. Er macht den beharrlichen Versuch, den Bericht des anonymen „Mansfelder Bürgers“, den Cochläus abdrucken ließ, als der „Historia“ nicht widersprechend hinzustellen. Er sagt, dieser Bürger „denkt nicht daran, die Glaubwürdigkeit der Historie in Frage zu ziehen.“

Nun muss man den Bericht des Bürgers vor sich haben, um zu sehen, wie derselbe in vielen und ganz wesentlichen Fragen der „Historia“ widerspricht:

Nach dem Bericht des Bürgers treffen die herbeigerufenen Ärzte Luther bereits tot an, nach der „Historia“ war er noch am Leben.

Die Wiederbelebungs-Versuche werden vom „Bürger“ ganz ausführlich geschildert – die „Historia“ sucht sie zu vertuschen.

Der Bürger erzählt von der grässlichen Unmäßigkeit Luthers im Essen und Trinken – die „Historia“ schweigt darüber.

Der „Bürger“ erzählt, warum man in Wittenberg die Leiche nicht vom Stadttor bis zur Mansfelder Schlosskirche tragen konnte, die „Historia“ schweigt darüber.

Ich habe hier nur vier Haupt-Gegensätze zwischen der „Historia“ und dem Bericht des „Civis Mansfeldensis“ (des Mansfelder Bürgers) erwähnt, um nicht zu breit zu werden, breche ich ab. Das Gesagte genügt.

Einzelne Umstände werden ja naturgemäß in der „Historia“ ebenso erzählt, wie vom Bürger1; aber der Widerspruch zwischen beiden Berichten lag so sehr auf der Hand, dass Cochläus das Referat (den Bericht) des Bürgers schon 1548 seinem Kompendium (kurzgefassten Lehrbuch) einverleiben ließ2.
1
Vergleiche den in der 4. Auflage zu „Luthers Lebensende“ neu eingeschalteten Artikel: „Wahrscheinliches und Unwahrscheinliches der Historia“, Seite 70.
2 Zu haben in der 1548-er Ausgabe auf der Mainzer Stadtbibliothek.

Und da soll weder der Bürger noch Cochläus, weder Surius noch Ulenberg, weder Nas noch Claudius de Sainctes, weder Hosius noch Bellarmin, weder Marcossius noch Bozius die „Historia“ als unglaubwürdig hingestellt haben ! –

Das nennt Kolde „historische Kritik“ !

Der Gang seiner Beweisführung, fährt Kolde dann fort, sei ihm „durch die Regeln der historischen Kritik vorgeschrieben“ gewesen. Er habe zuerst fragen müssen, was die „Augenzeugen“ über Luthers Tod berichtet hätten.

Ganz gut. Aber erfordert nicht die historische Kritik zu allererst, dass man nach der Qualifikation (Bewertung der Glaubwürdigkeit und die Frage der Befähigung) der „Augenzeugen“ fragt ?

So wenigstens hat es das gemeine (gewöhnliche allgemeine) Recht von jeher vorgeschrieben und in jedem Prozessverfahren ist die Frage der Zulassung der Zeugen diejenige, von welcher jede weitere Prozedur abhängig ist.

Ich will ganz abgesehen davon, dass nach gemeinem deutschen Recht, wie es damals noch galt, die Jonas, Coelius, Fürst von Anhalt und Genossen von der Ablegung jedes gültigen Zeugnisses vor Gericht, (das noch das kirchliche Recht zu schützen hatte) ausgeschlossen waren; ich habe schon gesagt, dass das Volk an ihnen einfach Wiedervergeltung geübt haben würde, wenn sie über Luthers Tod anders ausgesagt hätten, als sie in der „Historia“ ausstreuen ließen.

Übrigens ist Kolde in diesem Punkte jetzt schon recht kleinlaut geworden.

Er scheint begriffen zu haben, dass mit „Augenzeugen“, welche bezüglich ihrer Angaben über die Todesstunde Luthers sich selbst widersprechen, welche das Datum ihrer eigenen Briefe verändern, welche vor Schreck und Bestürzung sich verschreiben oder nur wenig schreiben können, so dass sie (nach Verabredung) sich alle auf Einen berufen, um Widersprüche zu vermeiden, (die sie schließlich doch nicht vermieden haben) – dass mit solchen „Augenzeugen“ die „historische Kritik“ nichts anfangen kann.


 

Einen dieser Augenzeugen hat zudem Kolde, ohne es zu ahnen, durch Mitteilung des Originals des betreffenden Briefes selbst als Schwindler entlarvt:
es ist Wolfgang von Anhalt.

Kolde teilt in seiner ersten Schrift (1. Auflage Seite 12, 3. Auflage Seite 10) mit, Wolfgang habe an den Kurfürsten von Sachsen u.a. geschrieben, „Doktor Martinus“ sei „iczunt zcwischen ij und iij frue seliklich yn beysein Doctor jonas und sonst eczlicher perschon gancz sanft yn got vorschiden.“
Doktor Martinus sei gerade jetzt zwischen 2 und 3 Uhr früh seliglich (= von allen irdischen Übeln erlöst) im Beisein von Doktor Jonas und weiteren etlichen Personen ganz sanft (= friedlich) in Gott verschieden.“

Also „jetzund zwischen 2 und 3 Uhr“ sagt der Briefschreiber und gibt sich damit als „Augenzeuge“ des Todes Luthers, wofür er auch von Kolde gehalten wird.

Nun wird er allerdings auch von Aurifaber (in dem „eylendts“ = eiligst abgefassten Briefe an Michael Gutt) als solcher aufgeführt, der „darbey“ (mit dabei) war;
aber nach der später von Aurifaber mitverfassten „Historia“ ist er nicht „darbey“ gewesen, wie ihn denn auch Jonas in dem am 18. Februar an den Kurfürsten abgesandten Briefe nicht zu denen zählt, welche beim „Abschiede“ Luthers zugegen gewesen sein sollen.

Und ein solches Lügengewebe, das in Eisleben selbst so wenig Glauben unter den Protestanten fand, dass Coelius unter Toben und Schimpfen an geweihter Stätte es zu retten versuchte – das soll die „historische Kritik“ als geschichtlich verbürgte Wahrheit hinnehmen; noch mehr, dem sollen alle katholischen Historiker des 16. Jhdts. geglaubt haben, von Cochläus bis Bozius !

Auf die nähere Prüfung solcher Zeugnisse lässt sich Kolde gar nicht ein.

Er verschwendet dagegen einen weiten Raum in seiner neuesten Schrift mit dem Nachweis einer formalen Inkorrektheit (Unrichtigkeit), die ich begangen habe, welche ich aber schon vor Monaten von selbst in der vierten Auflage von „Luthers Lebensende“ korrigiert hatte.

Es handelt sich hierbei um die Schrift von Johann Kraus, – ich schrieb irrtümlich: Krause – Der wunderbare usw. (, wundertätige und wundersame) Luther, Prag 1716.

Darin war die bekannte Stelle enthalten, dass man für Luther in seinen letzten Lebensjahren einen eigenen Bedienten hielt, der ihn überwachen sollte, damit er sich kein Leid zufüge. Das aus Privatbesitz mir geliehene Exemplar dieser Schrift hatte ein gänzlich defektes (beschädigtes) Titelblatt; ich glaubte aber aus der Vorrede sowie aus dem ganzen Inhalt schließen zu müssen, dass es ein aus Anlass des „Reformations“-Jubiläums von 1717 neu aufgelegter und nur entsprechend veränderter Abdruck des „wunderbaren etc. Luther“ des bekannten Conrad Vetter von 1606 sei.

Aus dem später mir zugegangenen protestantischen „Curieusen Geschichtskalender“ (geschichtliches Verzeichnis an Kuriositäten = seltsamen Merkwürdigkeiten bzw. besonderen Begebenheiten) von 1717 ersah ich indes, dass meine Annahme irrig sei und ich nannte deshalb sogleich (in der 4. Auflage) den Autor so, wie ihn der „Geschichtskalender“ bezeichnete: Krause (nicht Kraus, wie er wirklich hieß, was ich erst aus einem mir vor Kurzem zugegangenen intakten = unbeschädigten Exemplar ersah) und ließ den Zusatz „1606, neu aufgelegt“ 1716 weg; nur die Beziehung zu Vetter ließ ich stehen, (indem ich hinter „Krause“ das Wort „Vetter“ in Parenthese = in Klammer stellte), weil Kraus, wie jeder sich gleich überzeugen wird, in der Tat nach dem Muster von Vetter gearbeitet hat. Sonst aber war alles genau nach Jahreszahl und Seitenzahl zitiert.

Hierüber schreibt nun Kolde einen mehrere Seiten langen Entrüstungs-Sermon (langatmiger Vortrag der Entrüstung), der wiederum in der Form unakademisch und im Inhalt unchristlich ist, da er mir allerlei Täuschungskünste insinuiert (ohne Beweise unterstellt). Ich hätte, meint er, die „Lüge“ des Pater Kraus „um 110 Jahre älter“ gemacht, um sie glaubwürdiger erscheinen zu lassen.

Dieses ganze Trugbild, welches Kolde hier zeichnet, fällt eben durch die bloße Tatsache zusammen, dass ich schon längst vorher, noch ehe ich von ihm darauf aufmerksam gemacht wurde, die entsprechende Selbstkorrektur an mir vorgenommen hatte. Aber noch mehr: Da Kolde von mir verlangt, dass ich sogleich von seinen neuen Auflagen Notiz nehmen solle, die vierte Auflage von „Luthers Lebensende“ aber schon mehrere Wochen vor seiner neuesten Schrift erschien, so fällt der auf mich gezielte Pfeil nur auf ihn selbst zurück.

Wie steht es nun aber mit der „Lüge“ selbst ? Kolde führt einen längeren Passus (Textabschnitt) des betreffenden Zitates an, indes teilt er nicht die ganze in Betracht kommende Stelle mit, obschon er mir bei derselben Gelegenheit den Vorwurf macht, dass ich zu wenig zitiert hätte !

Ich werde nunmehr (= von jetzt an) den ganzen in Rede stehenden Abschnitt aus Kraus hier folgen lassen.

Der Autor wendet sich gegen den Lutherdichter Matthias Hoë von Hoënegg († 1645), welcher seinem Idol sogar die Gabe Wunder zu wirken zugeschrieben hatte.

Unter der Überschrift: „Luthers eylfftes (elftes) Wunderwerk“ sagt Kraus:


Wie hoch Luther geachtet wird, spricht Mathis Hoë, ist unter andern auch darauß zu sehen / da er zum letztenmahl zu Eyßleben kranck war / daß nicht nur etliche Doctores der heiligen Schrift ihm auff den (zum) Dienst / Tag und Nacht warteten (wahrten = beschützten / versorgten) sondern Grafen / und Gräfin seyn bey ihm gewesen / ihm Artzney gebracht / gegeben / ihn gerieben / gewärmet / und andere Handreichung gethan.
Nach diesem beschreibet Hoë, was für eine stattliche Leich-Begängnüß (Leichen-Begängnis = feierliche Begehung eines Begräbnisses) der Luther gehabt habe:
Welches alles von ihme für ein grosses Wunder außgedeutet (ausgelegt) wird.“

Wie hoch Luther geachtet wird, spricht Matthias Hoë von Hoënegg, ist unter anderem auch daraus zu sehen, als er zum letztenmal in Eisleben krank (und schwach) war, dass nicht nur etliche Doktoren der heiligen Schrift ihn zu seinem Dienst Tag und Nacht beschützten (versorgten), sondern auch der Graf und die Gräfin seien bei ihm gewesen, haben ihm Arzneien gebracht und verabreicht, ihn damit eingerieben, gewärmt und andere Hilfe geleistet.
Nach diesem beschreibt Hoë, was für ein stattliches Leichen-Begängnis der Luther gehabt habe: Welches von ihm alles für ein großes Wunder ausgelegt wird.“


 

Hierauf gibt nun Pater Kraus nachstehende „Illumination“ (Beleuchtung):

ICh habe von der Kranckheit deß Luthers / und seiner Begräbnüß (vom Begräbnis) verschiedene Authores (Verfasser), auch von den Luthrischen (Luther-Anhängern) durchgesehen / und habe bey (bei) allen eine grosse Variation (unterschiedliche Abwandlung) der Geschichten / und kein Mirackel (Wunder) gefunden. Einige sagen / wie bey Cochlaeus zu lesen / von Florim. Raem. (Florimond de Raemond) Liber (Buch) 3 c. (Kapitel) 11. / der Werten (der Werte) habe sich selber gehencket (erhängt) / und weilen (weil) ihm solche Anfechtung* (eine derartige Versuchung) biß in die drey Jahr (über drei Jahre lang) den Kopf verwirrter gemacht (den Kopf noch mehr verwirrte = den Verstand trübte) / so habe man ihm einen gewissen Bedienten bestellet (zugeteilt) / der dißfalls (diesbezüglich für diesen Fall) auff ihn Hutt haben sollen (auf ihn Acht geben sollte).
* Anfechtung hat neben Angriff mehrere Bedeutungen: Versuchung - durch Zweifel und Trübsal, Anreizung zum Bösen oder Missetaten, krankheitsbedingter Anfall im Zustand der Geistesabwesenheit, d.h. Verlust der Selbstkontrolle. Zeichen der Präsenz von Dämonen.


Einige sagen / er seye von dem bösen Geist erwürget worden / welches ihm der leydige Sathan / wie Luther selbst bekennet / zum öfftern gedrohet; und setzen darzu / daß er nach seinem Heimtritt mit umgedräheten Halse / und schwartzen Gesichte seye gefunden worden. Damit aber solches nicht zum Nachtheil / und Schande deß Anhaltischen Hauses / da solches vorgegangen / gereichen möchte / so hat man vorgeben müssen / als wär der Mann gantz sanfft und seelig in dem Herren verschieden: Auß welcher Ursache man ihm auch eine stattliche Begräbnüß angestellet habe. Andere sagen / es seye der Werten stattlich besoffen von der Welt geschieden / darbei zwar Jonas und Coelius gewesen / so aber keine besondere (besonders hilfreichen) Doctores waren: Und daß er diesen zweyen befohlen / daß sie sollten für unsern HErren Gott bitten / daß ihm nichts Uebels auß Trient wiederfahren solte.

Noch andere sagen / daß seine sehr aufferbauliche / und trostreiche Hertzbrechende letzte Wort gewesen: Wir müssen lang leben / daß wird den Teuffel S.H. (Seine Hoheit) in Hintern hinein gucken können.

In Tisch-Reden pagina 46. 2. Endlich schreibet Amsdorffer, daß die Anhaltische Gräfin seye zugeloffen / und habe den theuren Mann gerieben / und mit allerhand Specereyen (Spezereien = gewürzartige exotische Pflanzenstoffe für Salben) eingeschmieret: Darauff der Luther seinen Geist auffgegeben. Aus diesen allen / weiß ich nicht / was außzuklauben (auszulesen) seye: Sage dieß allein / daß bey diesem allen kein Wunderwerk zu ersehen; es mag den Luther der Teuffel erwürget / oder er sich selbst erhencket haben / oder auß Trunckenheit ersticket seyn:

Viel weniger auß dem Grund / daß ihn etwan ein Weibs-Person gerieben / und beschmieret / und aso die letzte Luthrische Oelung gegeben hat. Hätten aber die Lutheraner was wundersames vom Luther sagen wollen / so hätten sie beybringen sollen / wie daß der Cörper deß Wertens kurtz nach seinem Tode dergestalt gestunkcken / daß sich alles von ihm retiriret (retirierte = zurückzog / flüchtete) / und bei ihm kaum jemand / mit offner Nase bestehen können: Da wir doch in den Historien lesen / welcher Gestalt die Cörper der Verstorbenen Catholischen Heiligen / als S. Didaci (Sankt Didacus von Alcalá = Diego de San Nicolás ), S. Mariae Magdalenae de Pazzis* (unverweste Unbeschuhte Karmelitin), Josephi de Copertino* (= Joseph von Cupertino, Franziskaner-Minorit „Fliegender Bruder“) und viel hundert anderen / einen Himmlischen Geruch von sich gegeben / der viel Tag / und Wochen / ja bey einigen auch viel Jahr außgedauert (angedauert) hat.
*  Hl. Maria Magdalena von Pazzi   Hl. Josef von Copertino
 

So hätten sie auch erzehlen können / welcher Gestalt bey der Begräbnüß deß Luthers sich eine Menge der Raben eingefunden / die über der Leiche fast durch den gantzen Weeg von Eyßleben biß nacher Witterberg hergeflogen / und schwerlich (wohl kaum) ein Symbolum (Richtschnur / Kennzeichen / Glaubensbekenntnis), und Vorbild (Fürbild / Zeichen) der lieben heiligen Engel gewesen seyn.

Endlich hätten sie auch erzehlen können / was ein böser Geist außgesagt / daß sich bey der Begräbnüß-Feier deß Luthers eine unbeschreibliche Menge der Teuffeln einfinden müssen; so daß sie zu derselbigen Zeit keine andere Operation (Tätigkeit / Handlung) haben thun können. Die Sache ist folgender Weise bey Florim. Raemund p. 1. L. 3. c. 11. zu lesen. Petrus Tyraeus, spricht der Author (Verfasser), erzehlt in seinem Buch de Daemoniacis (über von Dämonen besessene Menschen), was gestalt eben in derselben Nacht / als Luther gestorben / in Brabant (in Belgien) / in einem Dorf Gheel, oder Geehle genannt / ziemlich viel von dem bösen Geist besessene Personen sich befunden / die da durch Fürbitt S. Dympnae (Santa Dympna) verhofften von ihren bösen Gästen loß zu werden; gleichwie es in vorigen Jahren anderen geglücket: Diese wurden selbe Nacht unvermutheter Weise von den bösen Geistern auff eine Weile frey; bald aber wiederum eingenommen / und besessen / und als sie den fünfftigen Tag wiederum von ihnen geplagt / und die Geister befragt werden / wo sie sich bei verflossener Nacht auffgehalten hätten / gaben sie zur Antwort / daß sie auß Befelich ihres Obristen Fürstens berufen worden / die Seel deß grossen Propheten / und ihres Mitgesellens Lutheri zu begleiten. Dieses bestettigte seiner Diener einer / und erzehlte hernacher / daß / als er in derselben Nacht / da Luther gestorben / das Kammer-Fenster / darinn der todte Leib lag / auffgethan / gesehen habe / daß allerley erschröckliche Gespenster (Schreckgestalten, abgeleitet von althochdeutsch gispanst = Trugbild) um den Leib herum gesprungen / und getantzet hätten.


 

Als auch der todte Leib von Eyßleben gegen Wittenberg geführt wurde / liessen sich unzehlich viel Raaben sehen / welche um die Leiche herum flogen / und kracketzten; darauß erscheint / wahr zu seyn / daß sich die böse Geister bey der Sache werden eingefunden haben: Deme gleichförmig (übereinstimmend / ähnlich) eines übern Tisch gesagt:

Humanum genus (das Menschengeschlecht) ist nichts anders / (verstehe, so viel es die Ketzer betrifft) dann als ein Schafstall / da die Leuthe vom Teuffel erwürget / gemetzelt / und geschlachtet werden. In Tisch-Reden von Luther. fol. (Blatt) 46. p. i.“

Diese Passage nun in unsere heutige Sprache übersetzt lautet >
Hierauf gibt nun Pater Kraus nachstehende „Beleuchtung der Sachlage“:
Ich habe von der Krankheit Luthers und von seinem Begräbnis verschiedene Verfasser - auch von den Luther-Anhängern - durchgesehen und habe bei allen eine große unterschiedliche Abwandlung der Geschichten und kein Wunder vorgefunden.

Einige sagen, wie bei Cochläus zu lesen (von Florimond de Raemond, Buch 3, Kapitel 11): der Werte (Luther) habe sich selbst erhängt und weil ihm eine derartige Versuchung über drei Jahre lang den Kopf noch mehr verwirrte (= Selbstmord-Gedanken den Verstand trübten), so habe man ihm daher einen gewissen Diener zugeteilt, der diesbezüglich extra für diesen Fall auf ihn Acht geben sollte.
Einige sagen, er sei von einem bösen Geist erwürgt worden, was ihm der leidige Satan - wie Luther selbst bekennt - öfter angedroht hatte; und sie fügen hinzu, dass er nach seiner Heimreise mit einem umgedrehten Hals und schwarzem Gesicht vorgefunden worden sei. Damit aber so etwas nicht zum Nachteil und zur Schande des Hauses Sachsen-Anhalt gereiche, weil Derartiges vorgegangen ist, so hat man eben vorgeben müssen, als wäre der Mann ganz sanft und seelig im Herrn verschieden: Aus welcher Ursache man ihm auch ein stattliches Begräbnis bereitet habe. Andere sagen, es sei der Werte stattlich besoffen (= anständig betrunken) von dieser Welt geschieden; es sind zwar Dr. Jonas und Coelius dabei gewesen, waren aber keine besonders hilfreichen Doktoren und er habe diesen zweien befohlen, dass sie unseren Herr Gott bitten sollen, dass ihm nichts Übles (bzw. keine üble Nachrede) aus Trient widerfahren soll.
Das Konzil von Trient (1545 – 1563) wurde von Kaiser Karl V. als Reaktion auf die Reformation Martin Luthers einberufen.
Luther hatte zur Vorbereitung auf dieses Konzil seine Schmalkaldischen Artikel erarbeitet.

Wiederum andere sagen noch, dass seine sehr erbaulichen und trostreichen wie auch herzbrechenden letzten Worte gewesen sein sollen: Wir müssen möglichst lang leben, sodass wir dem Teufel, Seiner Hoheit, in den Hintern hineingucken (hineinsehen) können. Tisch-Reden Seite 46. 2.
Letztendlich schreibt Amsdorffer, dass die Gräfin von Anhalt hinzugelaufen sei und den teuren Mann gerieben und mit allerhand Spezereien (= gewürzartige exotische Pflanzenstoffe für Salben) eingeschmiert habe:
Darauf habe der Luther seinen Geist aufgegeben.
Aus diesen allen Geschichten weiß ich nicht, was da (als glaubwürdig) auszulesen sei: Ich kann nur sagen, dass bei diesen allen keinerlei Wunderwerk zu ersehen ist; es mag den Luther der Teufel erwürgt oder er sich selbst erhängt haben oder wegen Betrunkenheit erstickt sein:
Viel weniger aber aus dem Grund, dass ihn etwa eine weibliche Person gerieben und beschmiert und so die letzte „Lutherische Ölung“ gegeben hat.
Hätten aber die Lutheraner etwas Wundersames vom Luther sagen wollen, so hätten sie nahebringen (erklären) sollen, wie es möglich war, dass der Körper des Werten kurz nach seinem Tod derartig gestunken hat, dass sich alles von ihm zurückzog (flüchtete) und bei ihm in seiner Nähe kaum jemand mit einer offenen Nase bestehen konnte: Da wir doch in den geschichtlichen Schriften lesen, welcher Gestalt die Körper der verstorbenen katholischen Heiligen waren, als Sankt Didacus (von Alcalá), Santa Maria Magdalena de Pazzis (unverweste Karmelitin), Joseph von Cupertino (Franziskaner-Minorit „Fliegender Bruder“) und viele hundert andere einen himmlischen Geruch von sich gegeben haben, der viele Tage und Wochen - ja bei einigen auch viele Jahre - angedauert hat.

So hätten sie auch erzählen können, welcher Gestalt sich eine Menge an Raben bei der Begräbnisfeier Luthers eingefunden haben, die über der Leiche fast den ganzen Weg hindurch von Eisleben bis nach Wittenberg hergeflogen sind und wohl kaum ein Kennzeichen (Symbolum = Richtschnur / Glaubensbekenntnis) und Fürbild (Zeichen) der lieben heiligen Engel gewesen sind.

Letztendlich hätten sie auch erzählen können, was ein böser Geist ausgesagt hat, nämlich dass sich bei der Begräbnis-Feier des Luther eine unbeschreibliche Menge an Teufeln (Dämonen) hat einfinden müssen; so dass sie zu derselbigen Zeit keine andere Tätigkeit (Handlung) haben tun (ausführen) können. Die Sache ist folgenderweise bei Florimond de Raemond Seite 1, Buch 3, Kapitel 11 zu lesen: Petrus Tyräus, spricht der Verfasser, erzählt in seinem Buch über „von Dämonen besessene Menschen“, dass Gestalt eben in derselben Nacht, als Luther gestorben war, in Brabant (in Belgien) in einem Dorf namens Gheel, oder auch Geehle genannt, sich ziemlich viele von bösen Geistern besessene Personen befunden haben, die sich da durch die Fürbitte der heiligen Dympna verhofften, von ihren bösen Gästen befreit zu werden; gleichwie es in vorigen Jahren anderen geglückt ist: Diese wurden in derselben Nacht (der Todesnacht Luthers) für eine Weile auf unvermutete Weise von den bösen Geistern befreit, bald aber von denselben wiederum eingenommen und besessen und als sie am fünften Tag von ihnen wiederum geplagt wurden und die Geister befragt wurden, wo sie sich denn in der vergangenen Nacht aufgehalten hätten, gaben sie zur Antwort, dass sie auf Befehl ihres obersten Fürsten dazu berufen wurden, die Seele des großen Propheten und ihres Mitgesellen Luther zu begleiten. Dieses bestätigte einer seiner Diener (Rudtfeld) und erzählte hernach, dass - als er in derselben Nacht, als Luther gestorben war - das Kammer-Fenster, darin der tote Leib lag, geöffnet war und er gesehen habe, dass allerlei erschreckliche Gespenster (abgeleitet von althochdeutsch gispanst = „Trugbild“ / Schreckgestalten) um den Leib herum gesprungen seien und dazu getanzt hätten.

Auch als der tote Leib von Eisleben nach Wittenberg geführt wurde, ließen sich unzählbar viele Raben sehen, welche um die Leiche herumflogen und krächzten; daraus erscheint wahr zu sein, dass sich die bösen Geistwesen (Dämonen) bei der Sache (des Begräbnisses) werden eingefunden haben:
Mit dem übereinstimmend eines über den Tisch hinweg gesagt:
Das Menschengeschlecht ist nichts anders (bitte zu verstehen, so viel es die Ketzer betrifft) denn als ein Schafstall, wo die Leute vom Teufel erwürgt, niedergemetzelt und geschlachtet werden. Zitat aus Tisch-Reden von Luther. fol. (Blatt) 46. p. i.“


Ich hatte bisher dieses Zitat in seinem ganzen Umfange nicht wiedergegeben; einmal weil ich nicht erst Bemerkungen über darin enthaltene Ungenauigkeiten machen wollte, sodann aber auch aus Gründen der Dezenz (Taktgefühl, Zurückhaltung).

In Bezug auf den letzteren Punkt kann jetzt jeder selbst sehen, dass Kraus nach dem Muster Konrad Vetters verfuhr, der im „nüchternen Lutherus“ (Buch) nach dem Motto schrieb:

Erhalt uns Herr bei Deiner Wurst

Sechs Maaß (Bier), die löschen einem den Durst.“


Die Ungenauigkeiten, welche im Hinweis auf Cochläus und Floremund Raemund liegen, kann jetzt auch ein Leser meiner früheren Schriften selbst korrigieren.

Es kommt hier vor allem auf die von Kraus gemachte Mitteilung an, dass man Luther während der letzten Jahre seines Lebens einen „gewissen Bedienten“ bestellet, der dißfalls auff ihn Hutt haben sollen.“
. . . . einen „gewissen Bedienten“ bestellte, der für diesen Fall auf ihn Acht geben soll, ihn diesbezüglich behüte.


Kraus nennt keine besondere Quelle für diese Angabe; aber aus dem, was er sonst vorbringt, ist zu ersehen, dass er den Inhalt von dem, was er in „verschiedenen Authores“ (bei verschiedenen Verfassern) gelesen hat, sich gut gemerkt hat, dass er nur deren Namen nicht gut im Gedächtnis behalten hat.

Ich selbst habe bis jetzt eine ältere Quelle für jene Mitteilung nicht auffinden können; ich würde mich aber gar nicht wundern, wenn das betreffende Buch längst vernichtet worden wäre* – wenigstens in öffentlichen Bibliotheken.
* Wie Majunke bereits feststellte, fielen katholische und lutherfeindliche Bücher dem Feuer zum Opfer.

Kolde macht es sich nun sehr bequem; er sagt einfach, die Geschichte sei „erlogen“.

Er würde aber dasselbe sagen, wenn auch eine zeitgenössische Quelle aufzufinden gewesen wäre; denn „erlogen“ ist bei ihm alles, was nicht Luther fromm leben und selig sterben lässt. Wer zumal (besonders da) der „Historia“ des Jonas etc. nicht glaubt, der ist ein „Lügner“ – das ist die „historische“ Dogmatik (Darstellung der Glaubenslehre und das Festhalten) von Kolde und Genossen.

Kolde legt auch ein großes Gewicht darauf, dass Kraus sagt, er wisse nicht, was „aus diesen allen außzuklauben seye.“
. . . . . was aus diesen allen Geschichten auszuklauben = auszulesen sei.

Dieses Geständnis von Kraus ist aber leicht erklärlich:

Wer auf Floremund Raemund basiert (aufbaut / sich darauf stützt), der muss so verwirrt werden, dass er wirklich nicht mehr weiß, was er „auszuklauben“ hat.

Zum Glück steht aber von jenem „gewissen Bedienten“ nichts bei Floremund Raemund; Kraus muss also die Mitteilung darüber einem anderen, wohl auch zuverlässigeren Schriftsteller entnommen haben1.

1 Es möge hier noch einmal im Zusammenhange mitgeteilt werden, was Floremund Raemund über Luthers Tod berichtet. Nachdem er einige Stellen aus dem Briefe des „Civis Mansfeldensis“ (des Bürgers von Mansfeld) zitiert, fährt er fort:
A quibusdam proditū(m) invenio, eodē(m) modo illū(m), quū (= quum = cum) e lectulo ventris exonerā(n)di caussa (= causa) surrexisset, quo Arriū (= Arium) intestina effudisse. At Steidanus & Justus Jonas, pectoris dolore correptū(m), post coenā(m) & pauxilli tē(m)poris quietē(m), animam reddidisse dicunt, quū(m = cum) iam climactericum aetatis annum attigisset. Inter alia quae ille Justus de Lutheri obitu scribit, ait, cum morti iam vicinum, circumstantes amicos his verbis monuisse:
Orate pro* Domino Deo nostro & Evangelio eius, ut ei cum Ecclesiae suae caussa (= causa) bene succedat.*
* Johannes Sleidan = Joannes Sleidanus fälschte später das pro Domino Deo in ein „Orate deum“ (Betet zu Gott)

O novam & inauditam precationis formulam ! Addidisse deinde:
Quia ei Pontifex & Concilium Tridentinum vehementer adversantur.“
Ecce tibi Testamentum ! Ecce convicia & imprecationes, quas iam moriens impurus hic homo contra supremum Ecclesiae caput effudit ! Ecce extrema eius vota ! – Alius Lutheri discipulus scribit, eum aliquot annis ante, quam Smalcaldiae ex calculi doloribus gravissime decumberet, & a morte parum abesset, sublatis in coelum oculis & levatis manibus, ad circumstantes amicos & discipulos seu (= sive) valedicturum, his usum fuisse verbis:
Deus vos, fratres, omni benedictione impleat, & Papam maledictione !“
Quibus non minus insatiabile suum contra S. Sedem (= sanctam sedem) odium testatus est. Quin (= qui non) etiam sanctus hic homo e tā (tam) gravi morbo recreatus, publicum scriptum de resurrectione sua promulgavitcuius initium est: „Post(ea) quam (= postquam) resurrexi a mortuis.“
Thomas Bozius non incelebris saeculi nostri scriptor, in II parte II tomi quae est de Notis Ecclesiae, scribit visum a se hominem, qui tum inter Lutheri domesticos seu (= sive) famulos fuerit & asseverarit, herum suum in ultimo agone illo, manus sibi ipsi violentas afferre conatum esse, sed a familiaribus propere accuretibus (= accurantibus) fuisse prohibitum; qui ut hoc prophetae sui infelicissimi probrum tegerent, omnes domesticos iureiurando super sancta Evangelia, obstrinxerint; ne quisquam eius rei vel minimum quid propalaret. Quod fortasse tum factum fuit, quum (= cum) extremis oppressus calculi doloribus mortem vehementer optavit.“

 

 

Zufällig stoße ich auf (finde / entdecke ich) eine Überlieferung von gewissen Leuten, dass jenem (Luther) auf die gleiche Weise, als er aufgrund der Entleerung (= zur Erleichterung) des Bauches aus dem Bettlager aufgestanden wäre, wie bei Arius* die Gedärme hervorgequollen sind.
* Der Ketzerkönig Arius starb eines grausamen Todes, indem sein Darm unerklärlicherweise zerriss. Der Heilige Athanasius überliefert die Geschichte von Arius und dessen mysteriöse Todesursache (Sprengen des Darms). Arius aus Alexandria (Ursprung der Ormus-Rosenkreutzer-Gesellschaft: 46 n. Chr.) war ein geheimer Häretiker und Feind der Kirche, der sich als Scheinchrist tarnte (Anführer der 5. Kolonne = jüdische Geheimagenten innerhalb der Kirche), Papst werden wollte und den Arianismus sowie die arianischen falschen Bischöfe hervorbrachte.

Andererseits sagen aber Joannes Sleidanus und Justus Jonas, dass er - von einem Schmerz in der Brust ergriffen / dahingerafft - nach dem Essen und nach kurzer Zeit Schlaf die Seele zurückgegeben (= das Leben ausgehaucht) habe, als das zur gefährlichen Lebensepoche gehörige (= kritische) Jahr des Alters erreicht worden wäre. Welches unter anderem jener Justus über das Hinscheiden Luthers schreibt und er sagt / behauptet, als er (Luther) dem Tod schon nahe war, die umstehenden Freunde mit diesen Worten gemahnt zu haben: „Betet für * unseren Gott dem Herrn und dessen Evangelium (= gute Nachricht), damit (als dass) es diesem um seiner Kirche willen gut gelingen möge.*
* Johannes Sleidan = Joannes Sleidanus fälschte später das pro Domino Deo in ein „Orate deum“ (Betet zu Gott).

Oh (welch) neuartige / ungewöhnliche und noch nicht gehörte Glaubensformel des Gebets !
Um darauf hinzugefügt zu haben = dann hat er hinzugefügt:
Weil ihm der Papst und das Konzil von Trient heftig Widerstand leisten.“
Siehe, dir gehöre der letzte Wille (das Testament) ! Seht, was für Lästerreden / Hohnrufe und Verwünschungen, welche dieser unreine / gemeine Mensch noch im Sterben gegen das oberste Haupt der Kirche ausgegossen / verbreitet hat ! Siehe - dessen letzter Wunsch ! – Ein anderer Schüler Luthers schreibt, dass er einige Jahre vorher, als er in Schmalkalden (Ort der Schmalkaldischen Schriften Luthers gegen das Konzil) wegen einem Steinleiden (Niere, Galle oder Harnwege) unter Schmerzen sehr schwer krank darniederlag und vom Tod wenig entfernt war, mit zum Himmel erhobenen Augen und mit emporgehobenen Händen zu den umstehenden Freunden und Schülern - oder um Lebewohl zu sagen - von folgenden Worten Gebrauch machte:
Euer Gott, Brüder, möge euch mit jedweden Segen erfüllen und den Papst mit einem Fluch !“
Von welchen nicht minder (= ebenso) sein unersättlicher / grenzenloser Hass gegen den Hl. Stuhl bezeugt worden ist. Ja, dieser heilige Mann hat sogar - von einer so schweren Krankheit wiederbelebt / wiederhergestellt - auch ein öffentliches Schriftstück über seine Wiederauferstehung verkündigt, dessen Anfang lautet:
Später nach dem (= darauf) bin ich von den Toten wiederauferstanden.“
Thomas Bozius – der nicht zu den Unbekannten zählende Schreiber unseres Jahrhunderts - schreibt im 2. Teil = Tomos 2, welcher von den Wesensmerkmalen der Kirche handelt, dass ein Mann von ihm (von Luther) gesehen hat, welcher damals unter den Familienmitgliedern und Hausdienern Luthers gewesen sei und im Ernst versichert habe, dass sein Herr im jenem äußersten Todeskampf versucht hat, an sich selbst gewaltsam Hand anzulegen, was jedoch von den besorgten Hausdienern eiligst verhindert worden war; welche – damit sie diese Schande ihres unglücklichsten Propheten verbergen können - alle Hausgenossen in Bezug auf das heilige Evangelium durch einen Eid verpflichtet haben; damit nicht irgendjemand etwas oder auch nur das Geringste über diesen Fall offenbar macht:
Das ist möglicherweise deshalb so geschehen, weil er wegen des Steinleidens von schlimmsten Schmerzen niedergedrückt / überwältigt nachdrücklich / heftig den Tod eingefordert / gewünscht hat.“

Wie man sieht, gibt Floremund Raemund gar nicht einmal den Titel aus Thomas Bozius richtig an.
Die Hauptstelle daraus ist gänzlich unrichtig wiedergegeben und musste alle diejenigen, welche nur auf Floremund Raemund fußten, ohne das Original bei Bozius zu vergleichen, in die Irre führen. – Nach dem 30-jährigen Krieg wurde das sonst verdienstvolle Werk des Floremund Raemund unter den Katholiken ein Modebuch; indes haben einzelne Schriftsteller (wie z.B. Georg Seiser S. J. Calendarium politico-christianum perpetuum = Buch-Verzeichnis vom politischen Christen auf immer, Verlagsort: Oenipontum - Innsbruck 1659, ferner Martin von Cochem und weitere), obschon sie dasselbe oft zitieren, bezüglich Luthers Tod nicht sich täuschen lassen.


 

Ich hatte insbesondere aus inneren Gründen die Wahrheit der Kraus'schen Angabe nachzuweisen gesucht und Kolde muss natürlich alle Mühe aufwenden, diese meine Argumentation zu entkräften.

Zu den Zeugnissen, welche für die düstere Gemütsstimmung Luthers in seinen letzten Lebensjahren sprechen, hatte ich in der dritten Auflage meiner Schrift noch Folgendes hinzugefügt:

Als einst bei Tisch der Pfarrer von Guben erzählte, er sei oft, wenn er ein Messer in die Hand genommen hat, vom Teufel versucht worden, sich zu erstechen, oder wenn er Zwirnsfäden gesehen hat, diese zu sammeln und zu einem Strick zusammenzudrehen, um sich damit zu erhängen, – erwiderte der „Reformator“:

Das ist mir auch offt begegnet, das, wenn ich ein Messer habe in die Hand genomen, so sind mir dergleichen böse gedancken eingefallen.“ (Tischreden, Eisleben 1569, Blatt 277 a).“
Das ist mir auch oft passiert, dass, wenn ich ein Messer in die Hand genommen habe, so sind mir die gleichen bösen Gedanken eingefallen.“

 

Darauf erwidert Kolde (schon in der 3. Auflage seiner ersten Schrift):

Majunke verschweigt, dass in seiner Quelle das Jahr 1541 steht; er verschweigt auch den Namen des Pfarrers, durch den wir die Zeit der Tischrede feststellen können. Es ist Magister Leonhard Beyer. Da nun feststeht, dass derselbe bis Anfang 1532 Pfarrer in Guben, dann aber in Zwickau war (De Wette Buch IV, Seite 356), so kann die Äußerung nicht später als 1532 gefallen sein. Dagegen schreibt Majunke:

In solcher Gemütsverfassung kam nun Luther 1546 nach Eisleben.“

Was zunächst das „Verschweigen“ des Jahres 1541 anlangt (betrifft), so findet Kolde die betreffende Angabe wieder in meiner vierten Auflage, welche noch vor seiner dritten hergestellt wurde.

Die hier in Rede stehende Äußerung Luthers aber bis hinter 1532 zurückzudatieren, ist für die historische Kritik nicht zulässig.

Aurifaber hatte zunächst chronologisch für sich selbst aufgezeichnet, was in seiner Gegenwart der „heilige Mund Lutheri über Tische geredet“ (was der „heilige Mund Luthers“ über den Tisch hinweg geredet hat); sodann hatte er auch von anderen Tischgenossen gesammelt, was in seiner Abwesenheit (von Luther) gesprochen worden war.

Er gibt oft das Jahr an, wann der „heilige Mund“ die betreffenden Äußerungen hatte fallen lassen; im Übrigen ordnete er seinen Stoff nicht chronologisch, sondern nach der Materie (Thema des Stoffes); er brachte ihn, wie er in der Vorrede sagt, in Locos communes“ (allgemeine Stellen / Grundaussagen); d.h. in Kapitel geordnet (eingeteilt in thematische Hauptpunkte).
 

So lautet das 24. Kapitel: „Vom Teufel und seinen Werken“.

(Dasselbe ist in den neueren Ausgaben der Tischreden fast gänzlich weggelassen.) Luther spricht darin auch von den Anfechtungen (Angriffe / Versuchungen / Anreizung zum Bösen / Zweifel und Trübsal / Anfall), die der Teufel ihm selbst verursacht hat und bemerkt u.a., dass er einmal nach einer längeren Disputation (Auseinandersetzung) zum Teufel gesagt habe:

Hastu aber nicht genug daran [an seinen Argumenten] du Teufel / so hab ich auch geschmissen und gepinkelt / daran wische dein Maul / vnd beisse dich wol damit.“
Solltest du aber von meinen Argumenten immer noch nicht genug haben, du Teufel, sodann habe ich auch darauf geschissen und gepinkelt, „wische dir daran dein Maul“ (zerbrich dir darüber den Kopf) und du kannst dir gerne daran die Zähne ausbeißen.“

Der Teufel aber hielt nicht das Maul, sondern fragte den Ex-Mönch, wo er „die Klöster in der Welt hingethan“ habe (wie es um das Klosterleben in der Welt steht).

Darauf erhielt er die Antwort:

Da schlage Bley zu* / Du magst sehen / wo Dein Gottesdienst [nämlich der Gottesdienst in den Klöstern] und Gotteslesterung bleibt.“
Dessen kannst du dir schwerlich sicher sein, du wirst sehen, wo und wie dein Gottesdienst (in den Klöstern) und die Gotteslästerung bleiben.“

* da fahre wilde Bleischlacke (unreines Blei) ins Silber ! = alter Fluch oder Kraftwort der Bergleute, Verunreinigung des Silbers. Heute würde man sagen: Darauf kannst du Gift nehmen, dass . . . .

Luther schildert dann wieder, wie ihn der Teufel in der Nacht oft aufwecke, vexiere (ärgere und quäle) und traurig mache, letztendlich dass der Teufel die Musik fliehe, weil diese traurige Menschen fröhlich mache.

Handgeschriebene Originaltexte – Sathan fleuhet die Musica (aus den Tischreden):
Colloquia oder Tischreden Doctor Martini Lutheri >


 

Unmittelbar hierauf heißt es dann:

D.M.L. (Doktor Martin Luther) sagte Anno M.D. xlj. (im Jahr MDXLI = 1541) Das die Musica ein herrlich vnd Göttlich Geschenk vnd Gabe were / welcher gantz feind sey der Teufel / vnd man könne viel Tentationes (Angriffe / Versuchungen) und Cogitationes (Gedanken) damit vertreiben / denn der Teufel erharret (verharrt) der Musica nicht gerne. Vnd kerete sich D. Luth. zu seiner Tischgenger (Tischgenosse) einem / vnd sprach / Habt jr gedanken zuverkeuffen (anzubieten) !

Lieber schlagt sie aus (lehnt ab / verzichtet besser) / vnd legt euch nicht in streit und kampff ein mit dem Teufel / vnd disputiret mit jme (ihm) nicht vom (über das) Gesetze / denn er ist ein Tausentkünstiger (einer mit 1000 Tricks) / der die leute wunderbarlicher weise plaget.

Darauff sagte M. Leonhard Pfarherr von Guben / Da er were gefangen gewesen / hette jn der Teufel vbel geplaget / vnd hette dem Teufel in seinem Hertz gelachet / wenn er nur hette ein Messer in die hand genomen / denn er hette offt zu jm gesagt / Ey erstich dich / darumb hette er offt müssen das Messer von sich werffen. Item (ebenso) / wenn er einen Zwirnsfaden hette an der erden ligen gesehen / so hett er jn auffgehoben / vnd hette so viel gesamelt das er hette mögen einen Strick daraus machen / daran er sich hinge / Ja / er hette jn dahin getrieben / das er auch das Vater vnser nicht hette beten / noch die Psalmen lesen können / die jme doch sonst gar wol waren bekannt gewesen.

Da antwortet D. Luth. Das ist mir auch offt begegnet / das / wenn ich ein Messer habe in die Hand genomen / so sind mir dergleichen böse Gedancken eingefallen / vnd das ich offt nicht habe beten können / vnd mich der Teufel drüber (darüber hinaus = noch dazu) aus der Kammer gejagt hat / Denn wir haben die grossen Teufel / welche Doctores Theologiae sind. Die Türcken und Papisten haben schlechte geringe Teufel (Dämonen) / welche nicht Theologische sind / sondern nur Juristische (richterliche) Teufel sind.

Der Teufel kans nicht lassen / er muss vns anfechten (angreifen / versuchen) / vnd er hat ein grossen vorteil darzu / ja eine starcke Pastey (Bastei) vnd Bolwerck (Festung) wider vns / nemlich vnser fleisch vnd Blut / das im balde beyfellet (uns schnell einfällt) / wenn dasselbige thete / so wollten wir jme wol einen Zorn entsitzen (entsetzen > fürchten / zürnen). Aber was schadets vns / das er vns gleich plaget vnd martert / Der HErr Christus spricht / Meine krafft sol in euwer schwachheit starck sein. Der Herr Christus ist der jenigen Gott / die betrübtes hertzens sind / vnd einen zerknirschten (reuevollen) Geist haben. Vnd saget der Doctor Lutherus / wenn er mich dahin bringet / das ich von Gott wegfliege (abfalle) / vnd nicht beten kan / vnd er mir einbildet (vorgaukelt) / Gott sey ferne von mir / So sage ich / Nu (nun) so wil ich schreien / vnd jn anruffen / Vnd stelle mir denn für die augen der welt vndanckbarkeit / vnd das Gottlose wesen der Könige / Fürsten und Herrn / item (gleichfalls) / der ketzer toben vnd wüten / Darüber erhitzet denn mein Gebet / das ich anfange / vnd sage / Ey / Vnser Vater / der du bist im Himel / Geheiliget werde dein Name / Zukome dein Reich / Dein wille geschehe etc.“

Dieser Abschnitt „Satan flieht die Musik“ aus den Tischreden Luthers in unseren heutigen Sprachjargon übertragen:

Doktor Martin Luther sagte im Jahr 1541, dass die Musik ein herrliches und göttliches Geschenk und eine Gabe wäre, welcher der Teufel gänzlich ein Feind sei und man könne viele Angriffe (Versuchungen) und Gedanken damit vertreiben, denn der Teufel verharrt der Musik nicht gerne (hält sie nicht aus). Und Doktor Luther wandte sich einem seiner Tischgenossen zu und sprach: Wenn ihr Gedanken zu verkaufen (anzubieten) habt, so schlagt sie lieber aus (so unterlasst diese und verzichtet besser) und legt euch nicht mit dem Teufel an in Streit und Kampf und streitet mit ihm nicht über das Gesetz, denn er ist einer mit 1000 faulen Tricks, der die Leute auf „wunderbare Weise“ (mit Heimsuchungen und Teufelswundern) plagt.

Darauf sagte Magister Leonhard, der Pfarrer von Guben, da er gefangen gewesen wäre, indem ihn der Teufel übel geplagt hätte und es hätte dem Teufel in seinem Herz gelacht, wenn er nur ein Messer in die Hand genommen hätte, dann hätte er oft zu ihm gesagt: Ei, erstich dich doch ! Darum hätte er oft das Messer von sich wegwerfen müssen. Ebenso wenn er einen Zwirnsfaden auf der Erde liegen gesehen hatte, hätte er ihn sodann aufgehoben und so viel davon gesammelt, dass er daraus einen Strick machen wollte, um sich daran zu erhängen. Ja, er (Satan) hätte ihn so weit dazu getrieben, dass er auch das Vater Unser nicht mehr hätte beten noch die Psalmen hätte lesen können, die ihm doch ansonsten gar wohl bekannt gewesen waren.

Da antwortet Doktor Luther: Das ist mir auch oft passiert, dass, wenn ich ein Messer in die Hand genommen habe, so sind mir die gleichen bösartigen Gedanken eingefallen und dass ich oft nicht habe beten können und darüber hinaus hat mich der Teufel noch dazu aus meiner Kammer gejagt. Denn wir haben die großen Teufel, welche Theologie-Doktoren sind. Die Türken und Papstanhänger haben schlechte Teufel (Dämonen) von geringerem Rang, welche nicht theologische, sondern nur juristische (richterliche) Teufel sind.

Der Teufel kann es einfach nicht lassen - er muss uns angreifen (versuchen) und er hat dazu noch einen großen Vorteil, ja eine starke Bastei (Festung) und ein Bollwerk wider uns, nämlich unser eigenes Fleisch und Blut, das uns schnell in den Sinn kommt (einfällt), wenn dasselbige tätig ist, so fordern wir wohl zu unserem Entsetzen seinen Zorn heraus. Aber was soll es uns schaden, dass er uns daraufhin sogleich plagt und martert, denn der Herr Christus spricht:

Meine Kraft soll in eurer Schwachheit stark sein.

Der Herr Christus ist der Gott derjenigen, die betrübten Herzens sind und einen zerknirschten (reuevollen) Geist haben. Und Doktor Luther sagt:

Wenn er mich so weit bringt, dass ich von Gott abfalle und nicht mehr beten kann und er mir vorgaukelt, Gott sei von mir fern, so sage ich: Nun, so will ich es hinausschreien und ihn anrufen und stelle mir dann die Undankbarkeit der Welt vor Augen und das gottlose Wesen der Könige, Fürsten und Herrn. Gleichfalls das Toben und die Wutraserei der Ketzer, denn genau darüber erhitzt sich mein Gebet, sodass ich zu beten anfange und sage: Ei, Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe etc.“


 

Ich habe den ganzen vorstehenden Passus wörtlich mitgeteilt, damit jeder Leser sich selbst ein Urteil bilden kann. Auf eine dogmatische respektive (bzw.) psychische Würdigung des Zitates gehe ich nicht ein. Kolde will aus dem Umstande, dass Leonhard Betzer [nicht Beyer, wie er bei Kolde heißt] seit 1532 nicht mehr Pfarrer von Guben war, schließen, dass das Gespräch mit demselben vor 1532 stattgehabt (stattgefunden) haben müsse.

Dem widerspricht aber die bestimmte Angabe Aurifabers, dass die Unterredung 1541 geschehen ist. Unter diesem Jahre war sie in dem ersten chronologischen Verzeichnis Aurifabers eingeschrieben; eher mag sich der Schreiber darin geirrt haben, dass er Leonhard B. noch für den Pfarrer von Guben hielt – ein Irrtum, der bei der großen Zahl von „Pfarrern“, welche sich an Luthers Tisch einfanden, leicht erklärlich ist.

Ich bin durchaus nicht zweifelhaft, dass jeder ruhig abwägende Historiker dieser Argumentation zustimmen wird und habe die ganze Sache nur deshalb hier zur Sprache gebracht, um zu zeigen, wie Kolde nach jedem Strohhalm greift, um sich vor dem Ertrinken zu retten.

Er würde übrigens, selbst wenn ihm dieser Vorstoß gelungen wäre, die Tatsache nicht leugnen können, dass Luther in den letzten Jahren seines Lebens nirgends mehr Ruhe fand, dass er wiederholt von Wittenberg heimlich entfloh, dass er sich unstet von einem Freunde zum andern begab und kaum in Eisleben angekommen, auch dort entfliehen wollte.

Mit gewohnter Sophistik sucht Kolde freilich auch diese letztere Tatsache zu leugnen; ich will ihm aber, nachdem ich ihm schon mitgeteilt habe, was Matthäus Ratzeberger, Ludwig von Seckendorf und Dr. Gottfried Schütze darüber äußerten1, jetzt noch Aurifabers Zeugnis aus den „Tischreden“ vorführen.
1
Auf meine Bemerkung hin, dass nach Ratzeberger „die vorwirreten (verworrenen = verstrittenen) Grafen noch heutigen tages“, d.h. mehrere Jahre nach dem Tode Luthers „nicht eins sind und daruber (darüber hinaus) von tage zu tage an Vermögen und Ansehen abnehmen und vorderben (verkommen / korrumpieren)“, erwidert Kolde schriftlich: „das ist ebenso schlagend, als wenn jemand behaupten wollte, der Tilsiter Friede von 1807 (Napoleon, Zar und Preußenkönig ordnen Europa neu) ist niemals geschlossen worden, weil im Jahre 1813 der Krieg wieder ausbrach.“ – Unmittelbar nach dem Zitate aus Ratzeberger hatte ich ein solches aus Seckendorf und einen Hinweis auf Schütze folgen lassen, welche beiderseitig zugaben, dass Luther zu Eisleben in der Hauptsache gar nichts ausgerichtet hatte. Hierüber schweigt Kolde vollständig.
So lässt sich freilich leicht „Geschichte“ machen !

Es handelt sich um die letzten Aufzeichnungen Aurifabers; es lässt sich also wohl annehmen, dass derselbe sie mit besonderer Sorgfalt vor dem Drucke kontrolliert haben wird.

Das Zitat steht nicht am Ende der „Tischreden“, sondern im Kapitel, welches von der „Uneinigkeit“ handelt (Eislebener Ausgabe von 1569 fol. 442 ff. = Blatt 442 f.).

Der Sammler (der Zitate der Tischreden) beginnt das Kapitel mit Äußerungen, welche Luther am 10. Februar 1546 hatte fallen lassen; es folgen dann Reden, die „nach wenig tagen“ geschahen und zuletzt heißt es:

Und als Dr. M. Luther gantzer drey (ganze 3) Wochen zu Eisleben gelegen war / vnd zwischen den Graffen zu Mansfeld seinen Lands-Herrn gehandelt (verhandelt) / vnd sie gern mit einander vertragen hette / Aber wenig fruchthbares ausgerichtet / hat er am 16. tag Februarij Anno 1546. mit Kreiden in seiner Schlaffkammer an die Wand geschrieben diese wort /

Wir können nicht thun / was jederman wil /

Wir können aber wol thun / was wir wollen.

Damit hat er beklagen wollen / das die Parten wol haben wollen von den Richtern / das sie jren Sachen beyfallen / vnd sie recht sprechen vnd billichen solten / Aber die Parten gleichwol sich auch an Gleich vnd Recht nicht wolten gnügen lassen / Sondern allen mutwillen treiben / vnd dennoch wolten from vnd gerecht sein.“

Und als Dr. Martin Luther ganze 3 Wochen in Eisleben war, um zwischen den Grafen zu Mansfeld, seinen Landes-Herren, zu verhandeln und für diese gerne eine vertragliche Einigung untereinander hätte erreichen wollen, aber wenig Fruchtbares ausrichten konnte, hat er am 16. Februar im Jahr 1546 in seiner Schlafkammer folgende Worte mit Kreide an die Wand geschrieben:

Wir können (zwar) nicht tun, was jedermann will,

wir können aber sehr wohl (das) tun, was wir wollen (= verlangen).

Damit hat er beklagen wollen (= bemängelt), dass die (Streit-)Parteien von den Richtern das Wohlwollen haben wollten, indem sie ihren Angelegenheiten Beifall leisten (= zustimmen), Recht sprechen und diese billigen sollten, aber die Parteien wollten sich dessen ungeachtet auch mit dem Gleichheits-Grundsatz und der Rechtsprechung trotzdem nicht zufrieden geben, sondern trieben jeden erdenklichen (auf den eigenen Vorteil bedachten) Mutwillen und dennoch wollten sie dabei als fromm und gerecht gelten.“


 

Am 28. Januar war Luther in Eisleben angekommen; die „gantzer drey Wochen“ (ganzen 3 Wochen) füllen somit genau die Zeit seines ganzen dortigen Aufenthaltes aus. Es ist auch anzunehmen, dass er am 16. Februar die beiden obigen Verse an die Wand geschrieben hat und nicht, wie Ratzeberger meldet, die Worte:
Pestis eram vivus.“ „Als Lebender war ich die Pest.“ etc., denn diese letzteren Worte hatte er nachweislich schon früher geschrieben.

Aurifaber, der als Sekretär Luthers mit an der Verhandlung beteiligt war, berichtet also ausdrücklich und zwar in seinem abschließenden Urteil, dass Luther in Eisleben „wenig fruchtbares“ ausgerichtet hat, was auch mit der Angabe Seckendorfs, den Kolde ignorierte, übereinstimmte.
Wenn Kolde dagegen einen Brief Luthers an seine „Frau“ vom 14. Februar anführt, worin er sagt, dass „fast alles verglichen“ (beigelegt *) sei, so ist schon das „fast“ bedenklich; aber dem „Manne, der wiederholt seine „Frau“ verlassen hatte, und seinen Freunden den ausdrücklichen Rat gab, zu lügen und zu betrügen (vergleiche „Historische Kritik“ Seite 39 / Buch 2), wird es wohl auch auf eine Lüge mehr oder weniger nicht angekommen sein, zumal er der Verlassenen damit ein Trosteswort zu sagen glaubte1.
* Vergleich = Einigung in einem Streitfall, gütlicher Ausgleich

1 Kolde wird schwerlich wagen, alle die Briefe, welche Luther an oder über seine Frau „Käthe“ geschrieben hat, im Druck zu veröffentlichen, obwohl man früher manche derselben dem Druck anzuvertrauen sich nicht gescheut hat. – So weit ich sehe, war der letzte, welcher katholischerseits in unserem Jahrhundert sich mit diesem Thema befasste, der Pater Augustin Theiner (deutscher Kirchenrechtler und Historiker). Derselbe wies insbesondere auf die aftermystischen * Momente hin, welche in den Worten und Werken Luthers in eigentümlicher Weise zu Tage treten.

* Aftermystik: Vortäuschung mystischer Erlebnisse oder Nachahmung mystischer Verhaltensformen in Ermangelung echter mystischer Erfahrung. Spirituelle Heuchelei mit der imaginären Schaffung eines konstruierten Gottesbildes. Bei einseitiger Herzensbildung, sentimentaler Gemütsstimmung und religiös erhitzter Phantasie schwelgten die Aftermystiker (z.B. Xaver Bayer) auf protestantisch-pietistische Weise in dem - durch die sogenannte „Erweckung“ - erlangten Fiduzialglauben (fiducia = Vertrauen), durch welchen sie der erlangten Sündenvergebung und des „süßen Einwohnens Christi in der Seele“ schlechthin gewiss zu sein glaubten. Dabei wollten sie auch des heiligen Geistes speziell zu dem Zwecke teilhaft geworden sein, dass sie die heilige Schrift als die einzige Quelle des Glaubens richtig verstehen und genussreich betrachten könnten. Indem sie den Fiduzialglauben an die Versöhnung durch das Kreuzesopfer einseitig betonten, leugneten diese Aftermystiker entschieden die Verdienstlichkeit der guten Werke und den Sühneopfer-Charakter der heiligen Messe, auf welche sie überhaupt nicht viel hielten; sie waren Gegner der Marien-Verehrung, betrachteten sich als die alleinige wahre, unsichtbare, innere Kirche, erwarteten die baldige Wiederkunft des Herrn, hielten unter sich häufige Konventikel (religiöse Zusammenkünfte), verbreiteten eifrigst verschiedene aftermystische Schriften, waren aber gegenüber den „Nichterweckten“, besonders gegenüber den kirchlichen Behörden, in Beziehung auf das Spezifische ihrer Lehre äußerst zurückhaltend. Bischof Johann Maria von Augsburg sagte in einem Warnungsschreiben 1823 an seine Diözesanen, dass er Lüge und Heuchelei, Ränke und Verstellung, Meineid, Glaubens- und Sittenstolz nicht nur an den Häuptern der aftermystischen Sekte, sondern auch an den irregeführten Jüngern im Volk wahrgenommen habe. Theiner macht darauf aufmerksam, dass Luther seine „Schandtaten“ absichtlich an gewissen Festtagen der Kirche beging; dass er zum Hohn auf die heilige Jungfrau seine „Käthe“ einen „Morgenstern“ nannte, eine „huldreiche Kaiserin“, zu der er sich mehr Gutes versehe (vorhersehe = vermute, erhoffe, erwarte / vertraue), „als zu meinem Herrn Christo, obschon (obwohl) ich weiß, dass sie nicht für mich gelitten hat“. (Theiner, Schweden und seine Stellung zum Hl. Stuhl, Augsburg 1838, Seite 170.) – Der Autor druckt dann ohne Kommentar folgende Stelle aus Luthers Briefen an Amsdorf ab: „Vale et pinguem maritum Melchiorem saluta, cui opto coniugem obsequentem, quae per diem septies eum . . . . [Es stehen hier drei Worte, welche sich auch lateinisch nicht wiedergeben lassen.] ducat et per noctem ter bene obtundat verbis connubialibus.“
Lebe wohl und grüße den fetten Ehemann Melchior (Meirisch, der dicke Augustiner aus Dresden, der am 6. Februar geheiratet hatte), dem ich eine gefügige Ehefrau wünsche, welche ihn sieben Mal den Tag hindurch . . . . . verführe / hinziehe und während der Nacht drei Mal - mit ehelichen Worten gut / angenehm in den Ohren liege.“ (Brief an Nikolaus von Amsdorf vom 10. Februar 1525.) Meines Erachtens liegt hier das Aftermystische nicht nur in der Scheußlichkeit, welche der „heilige Mann“ – wie ihn Amsdorf nennt – ausspricht, sondern auch in den Zahlen. Das ter (= drei Mal) ist eine Verhöhnung der Dreifaltigkeit, das septies (= sieben Mal) ein Hohn auf die sieben Tagzeiten des Breviers (tägliches kirchliches Stundengebet - Gebetbuch), des Psalmenwortes: „Septies in die laudem dixi tibi.“ = Psalm 118:164: Siebenmal am Tag habe ich dir das Lob verkündet. (Vergleiche Joseph von Görres Mystik IV, Seite 300 ff.) Es soll dem denkbar Höchsten und Heiligsten der Kult des denkbar Niedrigsten und Unheiligsten nach diabolischer Methode erwiesen werden. (Vergleiche in Maibel's Mystik das Kapitel von der Aftermystik, Luther, Zwingli etc. Seite 300 ff.)

Ein Luther-Dichter freilich hält eher alles Andere für möglich, als dass er seinem „Heiligen“ einen sittlichen Makel zutraute. Da habe ich doch in meiner Dogmatik und Psychologie, obgleich ich nicht, wie Kolde sagt, ein „Jesuitenschüler“ bin – ich habe den ersten Jesuitenpater nicht eher vor Augen bekommen, als nachdem ich bereits ein Staatsgymnasium und eine Staats-Universität absolviert hatte – eine bessere Erklärung für das widerspruchsvolle Reden und Verhalten Luthers, als sie Kolde besitzt. Freilich, wenn er Vorgänge, wie sie von glaubwürdigen Zeugen hinsichtlich Luthers Begräbnisses geschildert werden, für prinzipiell unmöglich hält, so tut sich eine unüberbrückbare Kluft auf nicht nur zwischen seiner und meiner Dogmatik, sondern auch zwischen unserer ganzen Weltanschauung. Ich meinerseits bestreite auch für die Gegenwart nicht die Möglichkeit des Hineinragens einer übernatürlichen Weltordnung in die natürliche; konsequenter Weise muss aber Kolde nicht nur dies bestreiten, sondern er muss auch die Wunder leugnen, welche in der heiligen Schrift berichtet werden.

Es zeigt sich eben auch hier wieder, dass ein absolut voraussetzungsloser Standpunkt für keinen Historiker, auch nicht für den Profan-Geschichtsschreiber, möglich ist.

Kolde schreibt denn auch mit einer Menge von Voraussetzungen, nur sind sie fast alle entgegengesetzt den meinigen.


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Was Kolde verschweigt.

Zur Beurteilung der Gesamtleistung Kolde's ist es nicht allein erforderlich, das zu prüfen, was er sagt, sondern vor allem das, was er nicht sagt.

Denn bei seinem außergewöhnlichen Bedürfnis, selbst dort viel zu reden, wo nicht viel oder gar nichts zu sagen ist, muss sein Schweigen als doppelt beredtes Zugeständnis gedeutet werden.

So ist denn zunächst zu konstatieren (festzustellen), dass er keinen Versuch mehr macht, den bekannten lutherischen Grundsatz: Contra papatum omnia licere (gegen das Papsttum ist alles erlaubt) – durch Interpretationskünste (Deutungs-Versuche) hinwegzuleugnen. Er vermag auch nicht mehr Luthers Aufmunterung zu „dolos et mendacia(Listen und Lügen = böswillige Täuschungen) zu vertuschen.

Er spricht einfach nicht mehr davon.

Er muss ferner schweigend den Vorwurf hinnehmen, dass ihm, dem „Lutherforscher“ nicht bekannt war, dass die erste Leichenrede an Luthers Bahre am 19. Februar von Jonas und nicht wie er behauptet hatte, am 20. Februar von Coelius gehalten wurde.

Er geht drittens wiederum auf den Inhalt der Coelius'schen Leichenrede mit keiner Silbe ein.

Er verschweigt viertens auch den Vorgang aus der Melanchthon'schen Vorlesung, wo Melanchthon schon am 19. Februar vor „Fabeln (erfundenen Geschichten) warnte, die über Luthers Tod würden ausgesprengt (verbreitet) werden.

Er unterdrückt fünftens (wie er es schon in seiner ersten Schrift getan hat) eine Stelle in dem als „Quelle“ von ihm zitierten Briefe des Eislebener Ratsherren Johann Friedrich an seinen Onkel, den Prediger Agricola (= Bauer) in Berlin, wo der Briefschreiber (der natürlich Luthers Tod nach Art des Jonas schildert) erklärt, er habe sich beeilt zu schreiben, „ut non prius fama praeveniente primus in vestro Marchionatu de hac re certior fieres.“
Er habe sich beeilt zu schreiben, „damit du nicht (schon) vorher durch ein zuvorgekommenes Gerede / Gerücht als erster in eurer Markgrafschaft über diese Angelegenheit benachrichtigt wirst.“ (Studium und Kritiken, 1884, Seite 161 ff.)

Er verschweigt sechstens abermals seinen Lesern, dass ich den vollen Wortlaut der „Historia“ sowie der Leichenrede des Coelius mitgeteilt habe1.
1
Dafür sucht er sich wieder an einen „Strohhalm“ anzuklammern. Ich hatte in der „Historischen Kritik“ u.a. geschrieben: „Wozu brauchte ich, nachdem ich auf 14 Druckseiten die „Historia“ wiedergegeben habe, noch einen eineinhalb-seitigen Auszug derselben (nämlich den Brief des Jonas an den Kurfürsten) mitzuteilen ?“
Kolde verschweigt wiederum zunächst, dass ich in späteren Auflagen in der Tat diesen Brief erwähnt hatte und bemerkt, dass der Brief nicht als ein „Auszug“ aus der „Historia“ betrachtet werden könne, weil diese „vier Wochen später erschienen“ sei. – Der „Lutherforscher“ übersieht nur wieder, dass Coelius in der Leichenrede u.a. sagte:
Wir bezeugen, dass es mit seinem Abschied also und nicht anders ergangen sey.
Wie man dasselbige in einer Historia zusammen getragen, im Druck freylich wird reichlicher ausgehen lassen.“
Wir bezeugen hiermit, dass es mit seinem Abschied so und nicht anders zugegangen ist.
So wie man das in einer Historie zusammengetragen hat, wird man das im Druck freilich noch reichlicher (häufiger) ausgehen (herausgeben / verbreiten) lassen.“ – Also die „Historia“ war schon am 20. Februar im Manuskript fertig; ihr Haupt-Verfasser ist unbestritten Jonas, derselbe der den Brief an den Kurfürsten schrieb und da die „Historia“ eine ausführlichere Umschreibung des Briefes mit Zutaten (Ergänzungen) in usum publici (für den öffentlichen Gebrauch) ist, so ist der Brief tatsächlich ein Auszug aus der „Historia“, wie eine Inhaltsangabe vor einem Kapitel.


Er weiß siebentes kein Wort zu erwidern auf den von mir erbrachten Nachweis, dass er die wichtige Stelle aus Bozius ganz falsch übersetzt und demgemäß ganz verkehrt interpretiert hatte.

Dass er endlich auch das Zitat aus Seckendorf, welches keine These, Luther habe zuletzt in Eisleben mit Erfolg vermittelt, umstieß, einfach ignorierte, habe ich schon oben erwähnt.

Ich schließe hiermit die Verlustliste meines Gegners. Auf Vollständigkeit macht sie keinen Anspruch. Ich habe nur wesentliche Dinge zur Sprache gebracht.

Wollte ich, wie Kolde, zu Strohhalmen greifen, müsste ich ein ganzes Buch schreiben.

Auch verschmähe ich es, gleich ihm mit Fettdruck zu operieren (verfahren), um durch äußeren Lärm zu ersetzen, was an innerem Gehalt fehlt.

Dass er auch Luthers „Rosina“ (Hausmädchen) aus dem Weg geht, billige ich aus Dezenz (Taktgefühl / Rücksicht).

Sonst habe ich nur noch Mitleid mit ihm. Bedauerte ich früher stets diejenigen Journalisten, welche am Fürsten Bismarck alles loben mussten, so habe ich mich jetzt überzeugt, dass die bedauernswürdigsten Menschen diejenigen „Historiker“ sind, welche einen Luther zu einem Heiligen machen, oder vielleicht gar nach ihrer vom Staate ihnen übertragenen Berufsstellung machen müssen.

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Schlusswort.

Kolde erzählt, dass mit ihm „eine Reihe von Gelehrten alle nur zugänglichen Bibliotheken durchstöbert“ hätten, um die Schrift von Kraus, von der ich den Titel unrichtig angegeben habe, aufzufinden.

Es ist anzunehmen, dass „die Reihe von Gelehrten“ ihren Freundschaftsdienst nicht auf jenes einzelne Buch beschränkt haben wird.

Wenigstens war es mir auffällig, dass ich seit den letzten Monaten aus manchen Bibliotheken Bücher nicht so (ungehindert) wie früher beziehen konnte; das von mir Erbetene war meist „verliehen“.

Ich begreife die Mühe, welche sich meine bekannten und unbekannten Gegner gegeben haben, um mein Beweismaterial zu entkräften; es handelte sich für sie um keine Kleinigkeit.

Mit einem hundertfachen Vergrößerungsglas hat diese Gelehrten-Kommission jeden Buchstaben, den ich hatte drucken lassen, sorgfältigst kontrolliert und was ist nun das Endresultat ihrer Untersuchung ?

Bis auf einige kleine formale Verstöße, die ich selbst schon in der vierten Auflage zu „Luthers Lebensende“ korrigiert hatte, ist der einzige nennenswerte, aber nicht wesentliche Irrtum die Applikation, welche ich von dem Satze des Longolius gemacht hatte. Kolde selbst und seine Gehilfen haben diesen Irrtum erst spät,

in der 3. Auflage, entdeckt.

Ich bin wirklich erfreut darüber, dass ich nun endlich der rasenden See ein Opfer zuwerfen kann; ein Opfer, welches mir umso weniger schwer wird, als (wie aus dem unten folgenden Anhange hervorgeht) ich durch bedeutenden Ersatz, den ich teils selbst gewonnen, teils ebenfalls durch freiwillige Mitarbeiter erlangt habe, zehnfach entschädigt bin.

Sollte ich darum in der Lage sein, eine nochmalige Auflage von „Luthers Lebensende“ und der „Historischen Kritik“ drucken zu lassen, so brauche ich von meinen Belegstellen nur wegzustreichen die von Longolius; alles andere dagegen hat sich als unanfechtbar erwiesen.

Dies ist das schließliche Resultat der achtmonatlichen literarischen Fehde.

Damit ist dafür gesorgt, dass der wahre Hergang bei Luthers Ende nicht mehr für die Zukunft wird verschleiert werden können !


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Nachträge.

Schon in der zweiten Auflage zu „Luthers Lebensende“ sind neue Beweisstellen für das thema probandum (das zu prüfende Thema = Beweis-Thema ) enthalten und die späteren Auflagen, sowie die „Historische Kritik“ über „Luthers Lebensende“ brachten deren in noch reicherem Masse. Inzwischen haben sich zahlreiche Freunde im In- und Auslande, bekannte und unbekannte, für die Angelegenheit interessiert,

und mir umfassendes, neues Material zugeführt, von welchem ich das wichtigste in Verbindung mit dem von mir selbst neu gewonnenen hier folgen lasse.
 

1.

Das neue Evangelium machte so geringe Fortschritte und rief bei Luther sogar bezüglich seiner materiellen Existenz so große Besorgnisse hervor, dass er in der Verzweiflung schon im Jahre 1526 beschloss, ein Handwerk zu erlernen,

um sich und die Seinigen dadurch zu ernähren.

Er ließ sich von Link aus Nürnberg Geräte zur Anfertigung von Drechsler-Waren (Holz-Produkte) schicken und motivierte dies also (begründete dies so):

Wenn die Welt durchaus nicht mehr um des Wortes willen uns nähren mag, wollen wir lernen, mit unserer Hände Arbeit uns zu erhalten und wollen den Unwürdigen und Undankbaren nach dem Vorbild unseres Vaters im Himmel dienen.“

(De Wette, III, 59. 178. 186.)

Diese Stelle wird auch von Köstlin (II, 169) zitiert, der zugeben muss, dass der „Gottesmann“ nicht bloß zur „Erholung“ drechseln wollte, sondern „als Zweck“ den vorerwähnten Passus (Textabschnitt) aus dem Briefe an Link angegeben habe.


 

2.

Nach dem Corp. Reformat. VI, 8 (Corpus Reformatorum = Sammlung bzw. Sammelwerk der Reformatoren, Halle - Saale, 1834, Band 6, Seite 8) hatte derjenige, welcher die Ansprache Melanchthons an seine Zuhörer, betreffend den Tod Luthers, nachgeschrieben hat, seinerseits folgende Bemerkung gemacht:

Haec sequentia D. Philippus Melanchthon hora nona ante prandium cum convenissemus ad auscultationem Epistolae Pauli ad Romanos publice recitavit, commemorans, se hoc ex consilio aliorum Dominorum facere, eam ob causam, ut nos admoniti de rei veritate, quia scirent, multas fabellas hinc inde de morte Lutheri vagaturas esse, figmenta illa sparsa non amplecteremur.“
Martin Luther starb am 18. Februar 1546. Bei der Beerdigung bot Philipp Melanchthon am folgenden Tag in der Aula (im Versammlungssaal) der Schule von Wittenberg am 19. Februar 1546 eine Laudatio (Lobesrede).
Diese Textfolge hat Dr. Philipp Melanchthon in der neunten Stunde vor der Mahlzeit, als wir zur Anhörung des Briefes des Paulus an die Römer zusammengekommen waren, öffentlich vorgelesen, erwähnend, das durch den Ratsbeschluss der anderen Herren zu machen, aus dem Grund, damit wir uns an die Wahrhaftigkeit der Sache erinnern (= wie sich die Sache wirklich verhält), weil sie wissen / merken würden, dass von hier und dort viele Lügengeschichten über den Tod Luthers im Begriff sind verbreitet zu werden, damit wir jene ausgestreuten Erfindungen / Phantasien nicht annehmen / glauben.“


Wie es auch aus seinen eigenen Worten hervorging („Historische Kritik“ Buch 2: Seite 52), „wusste“ Melanchthon im Voraus, dass „multae fabellae de morte Lutheri“ (viele Lügengeschichten über den Tod Luthers) verbreitet werden würden.

Da sich Melanchthon sonst in allen Stücken als falscher Prophet erwiesen hat, ist nicht anzunehmen, dass diese richtige Prophezeiung übernatürlichen Ursprungs gewesen war.


 

3.

In dem Sammelwerk „Supplementum historiae Gothanae tertium Joannis Dinchelii etc. Jenae 1716“ (3. Ergänzung zur Gotischen Geschichte, von Johannes Dinckel, Jena 1716) findet sich Seite 105 ein Brief von Johann Lang aus Erfurt an Myconius in Gotha d.d. „ad nonam in nocte diei Dominicae“ (i.e. 21. Februar) 1546
= de dato: vom Tag des Datums an „zur römischen neunten Stunde in der Nacht = 3 Uhr nachts, am Tag des Herrn, sonntags“ (id est = das ist der 21. Februar) 1546 abgedruckt, worin Lang seinem Schmerze über den Tod Luthers Ausdruck gibt, in Heuchelei oder Unwissenheit frägt, wer den Melanchthon1 trösten würde und dann wörtlich bemerkt:
1
Melanchthon war der „Tyrannei“ Luthers zuletzt dermaßen überdrüssig geworden, dass er sich über seinen Tod freute. (Gottfried Arnolds Ketzergeschichte II, Seite 367.) Der auf Luthers Tod bezügliche Vers, welchen einzelne Melanchthon-Dichter diesem zuschrieben: „Nulla ferent talem secla futura virum“ („Keine zukünftigen Zeitalter werden jemals einen solchen Mann hervorbringen“) – rührt nicht, wie aus dem oben zitierten Sammelwerk (Seite 99) hervorgeht, von Melanchthon, sondern von Basilius Monner (= Basilius Vimariensis) in Torgau her.

Ego curavi ut in omnibus templis pro concione (= contione) significaretur, D. Lutherum esse liberatum ex carne et hac ratione: et illud quidem propter calumniatores et ut fideles agant Deo pro hoc organo gratias ac orent, ut Deus custodiat Ecclesiam suam spiritumque S. (= sanctum) suum ne auferat ab ea.“
Ich habe dafür gesorgt, dass in allen Kirchen vor der Volksversammlung / Predigt verkündet wird, dass Doktor Luther aus dem Fleisch / Leib befreit worden ist und zwar aus diesem Grund: jenes sowohl gerade (gewiss) wegen der Verleumder / böswilligen Ankläger als auch damit die Gläubigen / die Getreuen für dieses Werkzeug (Orgel-Pfeifenwerk) dem Gott Dank sagen mögen und auch beten mögen, auf dass Gott seine Kirche hüten / bewahren möge und seinen Heiligen Geist von ihr nicht wegnehmen möge.“


Der Schreiber dieses Briefes, der, wie man sieht, noch den Vulgata-Text (382 n. Chr. beauftragte Papst Damasus I. den Theologen Hieronymus mit der Herstellung einer einheitlichen lateinischen Übersetzung der Bibel, genannt Vulgata = die allgemein verbreitete und übliche, die Volkstümliche) zum 50. Psalm kennt, wehrt sich also auch in Erfurt gegen die „calumniatores“ (Verleumder / böswillige Ankläger).

Die Erzählungen derselben mussten somit gleichzeitig mit dem Briefe, welchen Lang (aus Eisleben) erhalten hatte, angekommen sein1.

1 Der Wortlaut des Schreibens ist folgender:

Optimo Viro Domino Friderico Myconio, apud Gotham Pastori primori, in Christo suo.
Gratia et pax a Deo patre propter Christum. Acceptis literis Sabbato, mi Frederice, ex Islebio, de obitu Reverendi et optimi patris nostri D. (= Divus / Dominus) Doct. Lutheri, mox convocatis Symmystis, tristissimum hoc nuncium illis significavi. Principio nobis quidem est dolendum, qui tanto interprete et Episcopo in hac calamitate destituimur, ubi periculum est, ut olim in aedibus meis D. Philippus Melanchthon dixit, quod multi sint futuri, qui velint esse Lutheri, non tantum Agricola, Pincerna et Osiander, sed et mori etc.
Ab quanto moerore afficietur noster Philippus ? Quis illum consolabitur ? An eam gratiam habet Pomeranus apud Philippum ? Si tu bona valetudine esses, vellem te cum eo esse. Sed verum et illud quoque est, D. Doct. Luthero bene esse factum, qui ex his calamitatibus est ereptus, et huc usque non venit in manus inimicorum et hostium suorum, sed est in lectulo ac quiete in Christo mortuus.
Videor mihi operae pretium facturus, si ad te Simonis Islebiensis conciliatoris Epistolam ad me perscriptam transmisero. Ego curavi ut in omnibus templis pro concione significaretur, D. Lutherum esse liberatum ex carne, et hac ratione: et illud quidem propter calumniatores, et ut fideles agant Deo pro hac organo gratias, ac orent, ut Deus custodiat Ecclesiam suam spiritumque suum ne auferat ab ea. Vale, et boni consule. Scripsi haec ad nonam in nocte diei Dominicae, 1546.

Johan,. Langus T.(= Theologus)

 

An Herrn Friedrich Myconius (Reformator von Thüringen), mein Bester, dem ersten Pastor zu Gotha – dem Seinen in Christus.
Gnade und Friede von Gottvater (sei mit dir) durch Christus. Habe am Samstag einen Brief erhalten, mein Friedrich, aus Eisleben, über das Hinscheiden von Hochwürden und unseres besten Vaters, des seligen / göttlichen* / Herrn Doktor Luther, bald darauf - als die Miteingeweihten zusammengerufen wurden - habe ich jenen diese äußerst traurige Nachricht mitgeteilt.
* Divus = Name der nach dem Tode vergötterten Menschen
Grundsätzlich müssen wir gewiss trauern, welche in diesem Unglück von einem so großen Übersetzer und Bischof (hilflos) zurückgelassen werden, worin eine Gefahr besteht, nämlich dass in Zukunft in meinen Gotteshäusern, hat Doktor Philippus Melanchthon gesagt, viele sein werden, welche anstelle von Luther sein wollen, nicht so sehr Agricola, Pincerna und Osiander, aber auch sterben etc. Von welch großer Trauer wird unser Philipp erfüllt werden? Wer wird jenen trösten? Oder ob diese Gnade Pomeranus in der Gegenwart von Philipp aufweist? Wenn du bei guter Gesundheit bist, würde ich Wert darauf legen, dass du mit ihm zusammen bist. Aber es ist wahr und jenes ebenfalls, dass es dem seligen / göttlichen / Herrn Doktor Luther gut ergangen ist, welcher aus diesen Unglücksfällen entrissen / entronnen ist, und er ist sogar dazu / hier heraus immerwährend nicht in die Hände seiner Feinde und Widersacher geraten, sondern im Bett und dazu im Schlaf gestorben. Es scheint mir / ich habe den Eindruck, etwas Dankenswertes zu tun, wenn ich den Brief des Vermittlers Simon von Eisleben - an mich ausführlich aufgeschrieben - an dich hinübergeschickt haben werde. Ich habe dafür gesorgt, dass in allen Kirchen vor der Volksversammlung / Predigt verkündet wird, dass Doktor Luther aus dem Fleisch / Leib befreit worden ist und zwar aus diesem Grund: jenes sowohl gerade (gewiss) wegen der Verleumder / böswilligen Ankläger als auch damit die Gläubigen / die Getreuen für dieses Werkzeug (Orgel-Pfeifenwerk) dem Gott Dank sagen mögen und auch beten mögen, auf dass Gott seine Kirche hüten / bewahren möge und seinen Geist von ihr nicht wegnehmen möge. Leb wohl und gib dich (des Guten) zufrieden. Ich habe dies zur neunten Stunde am Tag des Herrn (= Sonntag) geschrieben, 1546.

Johann Lang T. (= Theologe).


An Herrn Friedrich Myconius (Reformator von Thüringen), mein Bester, dem ersten Pastor zu Gotha – dem Seinen in Christus.
Aus diesem Briefe geht auch noch der Umstand hervor, dass Luthers Freunde von lebhafter Furcht erfüllt waren, ihr Meister könne „in die Hand seiner Feinde“ fallen. Luther selbst gab in den letzten Monaten seines Lebens dieser Besorgnis wiederholt Ausdruck, namentlich, als der Kaiser sich Sachsen näherte. Der „Reformator“ wusste eben zu gut, welche Strafe das Staatsgesetz auf sein revolutionäres Verhalten gesetzt hatte.



 

4.

Aus dem Escorial in Spanien (Kloster-Palast mit Bibliothek bei Madrid) wird mir geschrieben:

En el códice del Escorial: ij. V. 4 (= 2. 5. 4) que tiene por titulo: „Relaciones de cosas sucedidas en la Christiandad desde el anno de 1510 hasta el anno de 1558,“ al fol. CCLXXVIII (= folium 278) que se encabeza: „Resolución y Memoria de cartas llegadas a la corte en Madrid fechas a diez dias de abril. 1546“ se lee de Martin Lutero lo siguiente:

Martin lutero murió a los 14. de hebrero (= febrero) de una enfermedad furiosa y repentina. dexo (= dejó) siete hijos y huuo (= hubo) en una abadesa que avia (= había, lat.: habere) cotorze (= catorce) annos (= años) que era profesa y era noble de la casa del duque de saxonia annq (Anna) bastarda. Pocos dios (= dias) antes y murese (= que morrese) avia (= habia) escrito ona exortasió (= una exhortación) a los principes luteranos.“

 

Im Urkunden-Verzeichnis der Escorial-Bibliothek: Nummer 2. V. 4, steht unter dem Titel: „Zusammenhang von Tatsachen, die sich in der Christenheit ab dem Jahr 1510 bis ins Jahr 1558 ereignet haben“, auf dem Blatt Nr. 278, welches die Überschrift führt: „Beschluss- und Berichte-Verzeichnis der eingelangten Zuschriften (Dokumente) am Königshof in Madrid, Datum:10. Tag im April 1546“ ist über Martin Luther folgendes zu lesen:

Martin Luther starb am 14. Februar an einer tobsüchtigen und urplötzlichen Krankheit. Er hinterließ sieben Kinder* und eines davon wurde Äbtissin (= Vorsteherin eines Nonnenklosters) mit 14 Jahren, denn sie war Klosterfrau und (angeblich) eine Adelige vom Haus des Herzogs von Sachsen sei, nämlich Anna*, ein uneheliches Kind. Wenige Tage vor dem Tod (Luthers) hatte sie an die lutherischen Fürsten eine Aufforderung (Aufruf = Appell) geschrieben.“

* Laut Lexikon hatte M. Luther offiziell nur 6 Kinder. Somit ist die besagte Äbtissin Anna das unbekannte 7. Kind von M. Luther. Zum Namen: Anna war zudem die Lieblingsheilige Martin Luthers.
Die Äbtissin Anna von Plauen war zwar die Schwestertochter von Fürst Wolfgang zu Anhalt, ist aber bereits 1458 verstorben (vor der Geburt Luthers 1483), daher handelt es sich höchstwahrscheinlich um: Anna zu Stolberg (1504 ? – 1574), sie war als Anna II. die 28. Äbtissin des Reichsstiftes von Quedlinburg, welche die lutherische Lehre annahm. Den ersten Versuchen, in Quedlinburg die Reformation zu verbreiten, stellte sich der katholische Herzog Georg von Sachsen als Schutzherr des Stiftes energisch entgegen.
Diese Anna war offiziell die Tochter des Grafen Botho zu Stolberg und seiner Gattin Anna von Eppstein-Königstein. Sie wurde - nachdem ihre Vorgängerin Magdalena der Abtei von Quedlinburg entsagt und zu Gandersheim gestorben war - vom 13. Lebensjahr an vom Kapitel (Körperschaft der Geistlichen) gewählt und im Jahr 1515 von Papst Leo X. und 1516 vom Kaiser Maximilian I. bestätigt und am 5. November feierlich eingeführt. Quelle: Wikipedia.
Die Äbtissin Anna von Stolberg sieht der Mutter von Martin Luther - wie aus dem Gesicht geschnitten - sehr ähnlich. Quelle: Google Bilder.

 

Das obige Zitat ist schon mitgeteilt (nach einer Petersburger Kopie) in der (protestantischen) „Zeitschrift für Kirchengeschichte“ IV, Seite 298, und Professor Kawerau benützt es in seinem oben besprochenen Schriftchen, um darzutun (offenzulegen), wie man über Luthers Tod bis nach Spanien „gelogen“ habe.

Ohne Zweifel sind in den angeführten Sätzen mehrfache Ungenauigkeiten enthalten; aber die Hauptsache ist, dass darin gesagt wird, Luther sei verstorben „de una enfermedad furiosa y repentina,(an einer tobsüchtigen und urplötzlichen Krankheit = wegen plötzlicher Besessenheit ),d.h. an plötzlicher Geistesstörung, oder, um ganz wörtlich zu übersetzen, „an einer wahnsinnigen und plötzlichen Krankheit“.

Diese Behauptung ist enthalten in einem Gesandtschaftsbericht vom 10. April 1546, als die „Historia“ schon längst verbreitet worden war. Man sieht daraus, welchen Glauben die Staatsmänner der Arbeit des Jonas und Genossen schenkten. –

Dass die Krankheit des Wahnsinns an und für sich nicht tödlich ist, braucht nicht erst gesagt zu werden1.
1
Als im Jahre 1888 der Landgraf Friedrich Wilhelm von Hessen auf einer Reise um die Welt einen plötzlichen Tod fand, wurde amtlich berichtet, derselbe sei „in einem Anfalle von Geistesstörung über Bord gefallen“. – Von dem plötzlichen Ableben noch berühmterer Persönlichkeiten aus neuerer Zeit berichteten die Offiziösen (halbamtliche Stellen, z.B. Zeitungen) anfänglich, die Entseelten seien „in momentaner Geistesstörung am Herzschlage“ verstorben. – Vom medizinischen Standpunkte hatten Jonas und Genossen den Fehler begangen, dass sie den sterbenden Luther immer längere Bibel-Sprüche hersagen ließen, je kürzer ihm der Atem geworden sein sollte.


 

5.

Joannes Nasus (Johannes Nas), Franziskaner und Weihbischof von Brixen (Tirol / Österreich), ein Zeitgenosse Luthers (1534 – 1590), sagt in seiner „Quinta Centuria, das ist, Das Fünfft Hundert der Evangelischen warheit“ (Das 5. Jahrhundert der evangelischen Wahrheit), Ingolstadt 1570 über die „Historia“ des Jonas und Genossen:

Was die gaucln von seinem (Luthers) gebet vn wünschung alles vnglücks den Catholischn (betrifft), das ist greiflich erdichts ding, will sein derhalbn geschweigen, auff weiteren Bescheid.“
Was die über Luthers Gebet vortäuschen (an Blendwerk betreiben) und was das Wünschen allen Unglücks für die Katholiken betrifft, so ist das eindeutig eine wahrlich erfundene Sache, deshalb will ich erst recht nicht (schon gar nicht) von ihnen reden, bis auf weiteren Bescheid.“

Einen „weiteren Bescheid“ (neue Erkenntnisse) konnte ich nicht finden, vielleicht aber ist er in der nachfolgenden Stelle, welche das Kapitel über Luthers Tod beschließt, enthalten:

In dissem 1546. Jar ist in der Mark (Westfalen oder Brandenburg) ein münchsfisch gefangen worden, mit einem schwartzen kopf, wie ein mor, als wann einer erhemckt wirdt, oder wann einem der teuffel den Halss abbricht.“
In diesem 1546. Jahr ist in der Mark (= Brandenburg oder Westfalen) ein Mönchsfisch (Barsch-Art) gefangen worden, mit einem schwarzen Kopf, wie ein Mohr (Afrikaner), als wenn einer erhängt wird, oder wenn einem der Teufel das Genick bricht.“

Die Übereinstimmung mit den fünf Jahre später zu Paris erschienenen Angaben des Claudius de Sainctes (vergleiche 4. Auflage von „Luthers Lebensende“ Seite 20: Buch 1) ist unverkennbar.


 

6.

Paul Sarpi schreibt in seiner „Geschichte des Tridentinischen Konzils“, Frankfurt 1621, Seite 162:

Magna Patribus Tridentinis et Curiae Romanae accensa spes eius [Lutheri] morte qui in oppugnandae Ecclesiae Romanae doctrina et ritibus, plurimarum palmarum homo fuisset, schismaticorum primipilus et novitatum architectus idque fatum, foelicem (= felicem) Concilio successum portendere hoc magis augurabantur, quod per Italiam secundo rumore, multis prodigiosis fabulosisque circumstantiis comitatum diceretur quas illi miraculo et Numinis vindictae tribuebant: licet ei morienti re vera non aliud acciderat, quam hominibus LXIII aetatis annum agentibus (climacterio enim obierat) usuvenire (= usu venire) solet.“

Große Hoffnung / Besorgnis ist bei den Tridentinischen Vätern (Konzils-Teilnehmern) und unter der Römischen Kurie* entflammt über dessen (Luthers) Tod, welcher – um die Römische Kirche zu bekämpfen – durch die Glaubenslehre und religiöse Bräuche (Riten) ein Mann sehr vieler Siege gewesen wäre, erster Zenturio (Hauptmann) der Legion der Schismatiker (Kirchenspalter) und Anstifter / Baumeister der Erneuerungen und auch ein solch verhängnisvolles Schicksal – dieses vielmehr, um den glücklichen / erfolgreichen Verlauf beim Konzil anzukündigen, wurden geahnt / vorhergesagt, zumal durch ein nachfolgendes Gerücht aus Italien gesagt wurde - von vielen ungeheuerlichen / seltsamen und unglaublichen Umständen begleitet, welche jene durch das Wunder sogar als göttlichen Wink / Willen der Befreiung auslegten:
Mag sein, dass ihm im Sterben in Wahrheit nicht etwas anderes zugestoßen wäre, als es bei den lebhaften / tätigen Menschen des 63. Altersjahres (denn er war dem Klimakterium = dem kritischen Lebensjahr entgegengegangen) vorzukommen pflegt.“
* Römische Kurie (= Curia Romana) bedeutet die Gesamtheit der Dikasterien (Ämter) und Einrichtungen, die dem Papst bei der Ausübung seines obersten Hirtenamtes behilflich sind, das Instrument durch das der Papst die Angelegenheiten der Gesamtkirche behandelt.
Sie nimmt die ihr übertragenen Aufgaben im Namen des Papstes und in seiner Autorität wahr.
(can. 360 CIC, vgl. auch: Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret: Christus Dominus Nr. 9)
Der Begriff „Römische Kurie" bezeichnet sowohl den Papst als auch die Dienststellen.
Bei der Ausübung der höchsten, vollen und unmittelbaren Gewalt über die Gesamtkirche bedient sich der Papst der Behörden der römischen Kurie. Diese versehen folglich ihr Amt in seinem Namen und mit seiner Vollmacht zum Wohle der Kirchen und als Dienst, den sie den geweihten Hirten leisten.

Pallavicini (Kardinal Pietro Sforza Pallavicino,1607-1667) bestätigt in seiner Konzilsgeschichte die Existenz dieser Gerüchte, ohne sie näher zu prüfen.

Er erwähnt, dass „alle guten Katholiken“ über den Tod Luthers erfreut waren. (Pallavicini, Geschichte des Tridentinischen Konzils, deutsch von Theodor Friedrich Klitsche, Augsburg 1835, II. Seite 238.)


 

7.

Matthäus Tympius (Thympe), Rektor des Collegium Dettenianum (Kollegium Dettenianum, Kollegium = Gemeinschaft bzw. Lehrerschaft einer Hochschule / heute: Familien-Stiftung) zu Münster, weist in seinem „Theatrum historicum, continens vindictas divinas et praemia christianarum virtutum,“ Coloniae 1614, S. 108 auf den Tod Luthers nach Bozius hin.
Historisches Theater = Geschichtlicher Lehrgegenstand bzw. historische Veranschaulichung, zusammenhängend mit den göttlichen Strafen und den Belohnungen der christlichen Tugenden,“ Köln 1614.


 

8.

Mathias Faber, S.J. (Societas Jesu = Orden der Jesuiten), schreibt im „Opus tripartitum“ Coloniae 1646, III. pap. 732 („dreiteiliges Werk“ - Köln 1646,. Band 3, Papier 732 / Titel: Concionum opus Tripartitum = dreibändiges Sammelwerk - seiner vielen Predigten, Ingolstadt 1631):

Lutherus mane in lecto ore contorto veluti strangulatus – haud dubie a cacodaemone – latere uno vultuque denigrato, mortuus est repertus.
Quis unquam Sanctorum ita mortuus est ?“ – Bezüglich des Leichenbegängnisses sagt er: „Adfuerunt etiam Lutheri funeri longinqui et peregrini hospites, ingens turba Cacodaemonum. Adfuit enim ingens turma crocitantium corvorum funeri supervolitans, foetido supra modum licet medio frigore et stanneo loculo corpus inclusum esset. Corvi isti ac diaboli potius pro corpore Lutheri litigarunt.“
Luther wurde morgens im Bett mit einem verdrehten Antlitz ebenso wie erdrosselt - ohne Zweifel von einem bösen Dämon – auf einer Seite (liegend) und mit einem völlig geschwärzten Gesicht tot vorgefunden. Wer unter den Heiligen ist jemals so verstorben?“ – Bezüglich des Leichenbegängnisses sagt er: „Beim Begräbnis Luthers sind außerdem auch auswärts lebende und fremdländische Gäste zugegen gewesen, ein ungeheuer großes Getümmel an bösen Geistern. Denn eine sehr zahlreiche / gewaltige Schar an laut krächzenden Raben ist nämlich - über dem Leichenzug hin und her fliegend - anwesend gewesen, mit einem Gestank über das gehörige Maß hinaus, obwohl der Leichnam mitten in der Winterkälte und in einem Sarg aus Zinn eingeschlossen war. Diese Raben und dazu vielmehr die Teufel haben um den Körper Luthers gestritten.“


 

9.

Thomas Malvenda, Ord. Praedic. (= Ordo fratrum Praedicatorum = Orden der lobpreisenden Brüder = Predigerorden = Orden der Dominikaner), sagt in seinem berühmten Werk „De Antichristo“ (Über den Antichristen), Lugduni (= Stadt Leyden) 1647, Lib. XXIII. (Buch 23) Seite 234 unter Bezugnahme auf Bozius über Luthers Tod: „Notissima est huius infamis mors“ (außerordentlich berühmt-berüchtigt ist dessen schmachvoller ehrloser Tod bzw. ziemlich verschrien) – ein Beweis, dass die Mitteilung des Bozius auch noch während des 30-jährigen Krieges als „notissima“ (sehr berühmt-berüchtigt) galt.


 

10.

Martin von Cochem erzählt in seinem 1690 erschienenen „Historienbuch“ den Tod Luthers in freier populärer Darstellung, aber ganz ausführlich, nach Stanislaus Hosius (polnischer Kardinal), Joannes Haren, Thomas Bozius und Heinrich Sedulius, indem er hinzufügt, dass er seine Erzählung „aus bewährten Schriften“ entnommen habe1.
1 Aus Martin von Cochem stammt auch der auf Seite 18 und 19 in der „Historischen Kritik“ enthaltene, der „Duisburger Volkszeitung“ entnommene, und in Terlindens Schrift reproduzierte Bericht. Das alte Buch mit herausgerissenem Titelblatt, von welchem dort berichtet wurde, war das „Historienbuch“ von Martin von Cochem.


 


 

11.

Die von mir auf Seite 103 der „Historischen Kritik“ als „verschwunden“ vermuteten Schriften von Christophorus Walther und Aurifaber existieren noch.

Herrn Kolde ist dies entgangen. Er kann Walthers Flugschrift beziehen aus der Königlichen Bibliothek zu Berlin, die von Aurifaber aus der Breslauer Stadt-Bibliothek.

Beide Schriften ergeben indes weder pro noch contra (weder für noch dagegen) unserem thema probandum (das zu prüfende bzw. zu beweisende Thema) einen Anhaltspunkt2.
2 Aurifaber stritt aus Brotneid mit Chr. Walther. Beide gaben die Schriften Luthers heraus und jeder von ihnen behauptete, die echten Worte des „Heiligen“ der Welt mitzuteilen.
Sicherlich hatten sie beide Recht. Denn Luther änderte mindestens jedes Jahr seine Ansichten.

Nur die Schrift des Aurifaber erlangte dadurch eine gewisse Bedeutung, dass ein Luther-Dichter des vorigen Jahrhunderts: Georg Grosch, (Nothwendige Verthaidigung der evangelischen Kirche wider die Arnoldische Ketzerhistorie, Frankfurt und Leipzig 1745) zum Beweise der „elenden Beschaffenheit derjenigen Gemüther, welche boshaftig ausgestreuet = verbreiteten, Luther habe sich selbst erhencket, oder sey sonst atra morte = durch einen dunklen grauenvollen Tod gestorben,“ außer auf die „Historia“ von Jonas etc. auf folgende Stelle aus „Aurifabers (1565 edierten = herausgegebenen) Antwort auf Christoph Walthers Lästerschrift“ sich berief:

Ich [Aurifaber] bin dem heiligen Manne, Doctori Martino Luthern, also bekannt vnd verwant gewesen, dass ich kurtz vor seinem Absterben zweymal aus Wittenberg mit ihm abgereiset bin vnd auf seinen Leib gewartet hab, als er in den Wigenachten nach Mansfeld vnd das letzte mahl nach Eisleben gefahren, da er denn aus diesem Jamerthal abgeschiede vnd ich jme seine Augen zugedruckt hab vnd seiner christlichen Bekäntnis vnd Abschieds ein Zeuge bin.“

Ich (Aurifaber) bin dem heiligen Manne, Doktor Martin Luther, insofern bekannt und seelen-verwandt (nahestehend) gewesen, als dass ich mit ihm kurz vor seinem Absterben zweimal aus Wittenberg abgereist bin und auf seinen Leib gewartet habe, als er zu den Weihnachtsfeiertagen nach Mansfeld und das letzte Mal nach Eisleben gefahren ist, da er denn aus diesem (irdischen) Jammertal verschieden ist und ich ihm seine Augen zugedrückt habe und von seinem christlichen Bekenntnis und seinem Abschied Zeuge bin.“

Das „Zudrucken“ der Augen ist natürlich weder ein Beweis für das christliche „Bekenntnis“ noch für den christlichen „Abschied“.


 


 

12.

Hinsichtlich der Eingriffe der Zensur in die Diskussion über Luthers Tod verdient erwähnt zu werden, dass das historische Gelehrten-Lexikon von Bayle-Gottsched („Historisch kritisches Wörterbuch“) - bzw. von Pierre Bayle, deutsche Übersetzung von Johann Christoph Gottsched: „Herrn Peter Baylens Historisches und Critisches Wörterbuch“ - schon im Jahre 1742 die Bemerkung machte, dass die „Bücherprüfer“ Stellen, wie sie sich bei Bozius, Cornelius a Lapide (von Stein) etc. über Luthers Tod fanden, „hätten ausstreichen (= wegstreichen) sollen, falls sie nicht vor Gericht erwiesen waren.“

Dass Bozius und Genossen, welche das Lexikon „sehr berühmte Skribenten“ (Schreiber) nennt, eine viel größere Garantie boten, als unbekannte und in Dogma, Moral und Geschichte unerfahrene Richter, braucht nicht erst gesagt zu werden.

Aber es ist merkwürdig, dass von jenem Zeitpunkte, von 1742 an, in der Tat auch in katholischen Ländern die Zensur nach dem oben gegebenen Rate ihres Amtes waltete. Es begann die Periode des 7-jährigen Krieges, ihr folgte die des Josephinismus und Febronianismus und von da an verschwinden selbst objektive Reproduktionen (Wiedergaben) aus Bozius, Sedulius etc. in der deutschen katholischen Literatur. In anderen Ländern hat zum Glück diese Art Bücherprüferei keinen Einfluss finden können; woher es auch kommt, dass, wie selbst Kawerau (siehe oben) bemerkt, der italienische „Landmann“ heute noch jedem Fremden erzählt, wie Luther gestorben sei.

Bei näherer Untersuchung würde Kawerau gefunden haben, dass nicht nur der Landmann in Italien und anderen Ländern von dem Ende Luthers unterrichtet ist.


 

13.

Die Schrift: „Kurzer Beweißthum (kurze Beweisführung / Beweismittel), dass die Lutherische, Zwinglische und Calvinische Religion nichts anderes sei, als ein aus faulen Lappen (minderwertige Stoff-Stücke = Stoff-Fetzen) geflickter Bettelmantel,“ welche u.a. den Satz enthält: „Lutherus a Diabolo suspensus et suffocatus est,“ (Luther ist vom Teufel aufgehängt / beseitigt und erwürgt / erstickt worden), wurde wegen der darin zugleich enthaltenen Angriffe auf Zwingli und Calvin in Zürich im Jahre 1706 öffentlich verbrannt. (Christoph Heinrich Zeibich, Electa Historiae vitae et mortis B. D. Mart. Lutheri = Auserlesenes aus der Geschichte vom Leben und Sterben des Bachelor Doktor Martin Luther, Wittenberg 1746, Seite 26.)


 

14.

In Eisleben schenken die Protestanten noch heutigen Tages der „Historia“ keinen Glauben. Die preußische Regierung resp. = bzw. die Stadt Eisleben lassen noch fortdauernd Luthers Geburts- und Sterbehaus konservieren (durch Pflege erhalten). Das letztere findet der Leser in dieser Schrift neben dem Titelblatte abgebildet. Es steht gegenüber der Andreaskirche, in welcher Jonas und Coelius die Leichenreden hielten. Im oberen Stockwerke finden sich die beiden vier- und zweifenstrigen Gelasse (Räumlichkeiten), welche die „Historia“ „Stüblein“ und „Kammer“ nennt, rechts vom Beschauer (Betrachter) das größere, links das kleinere Zimmer. Die „große Stube“, in welcher die Verhandlungen stattfanden, befand sich entweder im Parterre (Erdgeschoss) oder in einem anderen Hause.

Eine über der Tür angebrachte Tafel enthält die Inschrift:

In diesem Hause starb D. M. Luther am 18. Februar 1546.“ – Beim Besichtigen der Lokalitäten (Örtlichkeiten) wird nun dem Fremden erklärt, Luther habe im „Stüblein“ am Fenster gestanden; dort sei ihm plötzlich unwohl geworden, so dass seine Freunde ihn in die Kammer ins Bett getragen hätten, woselbst (= an welchem eben genannten Ort) er alsbald verschieden sei. – Das widerspricht bekanntlich der „Historia“. Denn nach dieser ist er im „Stüblein“ auf dem ledernen „Ruhebett“ (Sopha) verstorben; auch weiß die „Historia“ nichts davon zu erzählen, dass der plötzlich Erkrankte ins Bett getragen worden sei; sie betont im Gegenteil, dass er „ohne Handleiten“ (bei der Hand führen) hin und her, zuletzt noch aus der „Kammer“ in das „Stüblein“ gegangen sei. Wohl aber hat der Diener Luthers (nach Sedulius) davon gesprochen, dass der bereits tote Luther ins Bett geschafft worden sei – ein Umstand, der – wenn auch in anderem Zusammenhange – von der „Historia“ gleichfalls berichtet wird.

Es ist somit das Schlimmste, was der „Historia“, welcher nach Kolde, Köstlin etc. nicht nur die Protestanten, sondern auch die Katholiken Glauben geschenkt haben sollen, begegnen kann, dass sie in Luthers eigenem Sterbehause bis zur Stunde noch Lügen gestraft (= der Unwahrheit überführt) wird.



 

15.

In der Dresdener Bilder-Galerie findet sich heute noch das Original oder die Kopie des Bildes, welches nach der „Historia“ von Lucas Fortennagel (= Furtenagel) gemalt worden war. (Vergleiche Großer Katalog der Galerie Nr. 1955, Seite 620.)

Das Bild von Lucas Furtenagel ist heute im Luther-Museum, Wittenberg.

Auf der linken Seite des Halses ist ein dunkler Punkt deutlich wahrnehmbar, welcher durch die Schattierung nicht geboten ist. Überhaupt wirkt das ganze Gemälde*, das ja sehr naturgetreu sein mag, äußerst abstoßend und ist es unbegreiflich, wie man dasselbe am genannten Orte ausstellen konnte1.
1
Auch zahlreiche Freunde von mir haben denselben Eindruck empfangen. Einer derselben schreibt mir darüber: „Gleich als ich das Bild zum ersten Male sah, machte es auf mich den Eindruck hominis strangulati (eines erdrosselten Menschen). Der Gesichtsausdruck ist von unbeschreiblicher Hässlichkeit und zeigt eine Verzerrung und Anspannung der Gesichtsmuskeln, die durch einen Schlagfluss (Schlaganfall) nicht erklärlich sind.“
Es gibt keinen größeren Gegensatz, als wenn man in der Dresdener Galerie dieses Lutherbild neben Raffaels Sixtina stellt. Auch das ist bezeichnend, dass letzteres Gemälde zu derselben Zeit entstand, als Luther seine von Geistesstörung respektive (bzw.) Besessenheit diktierten Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg anschlug.
* Lucas Furtenagel musste das erste wahre Portrait verwerfen und ein zweites idealisiertes Bild von Martin Luther anfertigen, weil die anwesenden Gefährten Luthers damit keinesfalls zufrieden waren, doch der dunkle Fleck (= Druckstelle) am linken Hals (rechts im Bild) ist deutlich erkennbar. >


Luther-Portrait von Lucas Furtenagel, Luther-Museum, Wittenberg

 

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Man wagte endlich,

die Aussage von Luthers Diener zu kommentieren.

In den beiden vorausgegangenen Schriften habe ich des Näheren nachgewiesen, dass keiner der Autoren, welche zur Rechtfertigung Luthers, speziell zur Rechtfertigung seines Endes, das Wort ergriffen hatten, es gewagt hatte, seinen Lesern mitzuteilen, dass die Version, welche sie bei Bozius bekämpften, von Luthers eigenem Diener herrührte und dass sie das bei Sedulius gegebene Dokument gänzlich ignorierten.

Erst im Jahre 1726 erschien ein Buch, betitelt: „Ernst Salomon Cyprian, Schutzschrift vor (für) die Reformation, Frankfurt, Weidmann 1726“, in welchem man Seite 874 ff. einen hierauf bezüglichen Passus (Textabschnitt) findet.

Der Verfasser beschäftigt sich mit drei „Apostaten“ (= Abtrünnige, die ihre Religion verlassen), mit Georg Wizel (= Witzel), Agricola (= Bauer) und Friedrich Staphylus.

Bezüglich des letzteren sagt er:

Friderico Staphylo hatte Lutheri Brodt ebenfalls lange gut geschmecket, immassen er denn, nach der Papisten weitläufftigem Bericht sein Schüler und Diener gewesen, den er geraume Zeit also um und neben sich gehabt, dass er als ein Zeuge, der es mit Augen gesehen, erzehlen können, wie jetzt gedachter sein Lehrer aus einem Meißnischen Mägdlein [Scripsit postea, qui tunc interfuit eius discipulus, Fridericus Staphylus. Spondanus an. 1545. n. XI.] den Teufel treiben wollen, aber sehr zu kurtz kommen sey. [Delrio dispu. mag. Lib. III. Part. I. qu. VII. Sect. I. edit an. 1617. Moguntiae p. 429. Narrat historiam oculatus testis, tunc Lutheri servator (servitor) Staphylus].

Dem Friedrich Staphylus hatte das Brot Luthers ebenfalls lange Zeit gut geschmeckt, immassen (= indem / weil) er denn - nach dem weitläufigen (= ausführlichen) Bericht der Papisten - sein Schüler und Diener gewesen war, den er also geraume Zeit um und neben sich gehabt hat, sodass er als ein Zeuge, der es mit eigenen Augen gesehen hat, erzählen kann, erinnerte sich jetzt, wie sein Lehrer einem Meißnischen Mädchen (Friedrich Staphylus hat dies danach aufgeschrieben, welcher damals als dessen Schüler dabei war. Henricus Spondanus = Bischof Henri de Sponde, im Jahr 1545, Nummer 11) den Teufel austreiben hat wollen, aber dabei zu kurz gekommen sei (= dabei Schaden erlitten hat).“

(Martino Delrio, Disputator = Denker und Magister, Buch 3, Teil 1, quotes = Zitate 7, Sektion = Abschnitt 1, Seite 429, im Jahr 1617 in Mainz herausgegeben:

Er berichtet die Geschichte als Augenzeuge, damals Luthers Beobachter / Erhalter (Diener) namens Staphylus).


Kein anderer, als dieser Staphylus ist es wohl, von welchem Cornelius a Lapide schreibet: „In Wahrheit, dass sich Lutherus des Nachts selbst erhencket (erhängte), hat danach sein Famulus (Diener) bejahet (bestätigt), als er Catholisch worden (wurde).“ [Commentar. in epp. canonicas pagina 378. = schriftlicher Bericht aus den kanonischen Briefen Seite 378] Staphylus gedencket jedoch von Lutheri Selbst-Mord nichts in seinen Läster-Schriften, wiewohl (obwohl) er schreibet:

Ich hab zu Wittenberg zehn Jahr um mein Geld gezehret und studirt, Lutherum, Melanchthonem, un etliche andere gehöret. [Im Nachdruck zur Verfechtung des Buchs vom rechten Verstand des göttlichen Worts, f. 28. a.] Aber zu geschweige, dass Staphylus nach Lutheri Tod Professor der Evangelischen Religion zu Königsberg in Preußen worden, und einige Jahr verblieben ist: welches er nicht würde gethan haben, wenn er seine von Luthero und denen Evangelischen nachmahls ausgesprengte Erzehlungen vor wahr gehalten, und dabey ein gewissenhaffter Mann gewesen; so sollten vernünfftige Leute bey diesem einzigen Zeugen wohl an die Billigkeit (das Rechtsempfinden) des erbahren und klugen Heyden Q. Scaevolae, gedencken, welcher zwar vor Gericht sein Zeugniß wider einen Angeschuldigten abgeleget, aber beym Abtritt ausdrücklich bedungen: so dann müsse man ihm erst glauben, wenn auch andere seine Aussage bekräfftigen würden: Weil es eine Sache von dem schlimmsten Exempels sey, eines eintzign Menschn Zeugniß zu glauben.“ [Valerius Mar. Lib. IV. Cap. I. n. XI. Quoniam vnius testimonio aliquem credere pessimi esset exempli.]

In Wahrheit hat danach sein Diener, als er katholisch wurde, bejaht (= bestätigt) dass sich Luther des Nachts selbst erhängte,.“ [Commentar. in epp. canonicas pagina 378. = schriftlicher Bericht aus den kanonischen Briefen Seite 378]

Staphylus gedenkt (erwähnt) jedoch von Luthers Selbst-Mord nichts in seinen Läster-Schriften, obwohl er schreibt:

Ich habe zu Wittenberg zehn Jahre um mein Geld gebettelt (mich für Geld geschunden - oder: mein Geld verbraucht) und studiert, Luther, Melanchthon, und etlichen anderen zugehört. [Im Nachdruck: Zur Verteidigung = Beipflichtung des Buches vom rechten Verstand des göttlichen Wortes, f. 28. a.] Geschweige denn (= erst gar nicht zu erwähnen), dass Staphylus nach Luthers Tod Professor der evangelischen Religion zu Königsberg in Preußen geworden ist, und dort einige Jahre verblieben ist, was er nicht getan hätte, wenn er seine von Luther und den Evangelischen nachmals = später verbreiteten Erzählungen für wahr gehalten hätte, und dabei ein gewissenhafter Mann gewesen wäre; so sollten sich vernünftige Leute bei diesem einzigen Zeugen wohl an den Gerechtigkeitssinn des ehrbaren und klugen Heiden Quintus Mucius Scaevola Augur (römischer Jurist im Rechtsstreit: Causa Curiana) erinnern, welcher zwar vor Gericht sein Zeugnis wider einen Angeklagten abgelegt hatte, aber bei seinem Abtritt ausdrücklich zur Bedingung machte = sich reklamierend vorbehielt: so dann müsse man ihm erst recht glauben, wenn auch dazu noch andere seine Aussage bekräftigen würden: Weil es eine Sache des schlimmsten Beispiels sei, das Zeugnis nur eines einzigen Menschen zu glauben.“ [Valerius Maximus, Buch 4, Kapitel 1, Nummer 11:

Quoniam unius testimonio aliquem credere pessimi esset exempli = Weil der Zeugenaussage eines einzigen - irgendjemanden - zu glauben vom schlechtesten Beispiel / Vorbild sein würde.]


 

Man kann absehen davon, dass der Autor nur von einem „eintzigen“ Zeugen spricht und bewusst oder unbewusst wieder die Tatsache ignoriert, dass schon bald nach Luthers Tod die Prediger nicht nur in Eisleben, sondern auch in Wittenberg, Erfurt etc. sich gegen eine Menge „Verleumder“ zu wahren (schützen) hatten, welche ebenso aussagten, wie dieser „eintzige“ Zeuge.

Man muss schon zufrieden sein, dass endlich einmal ein protestantischer Schriftsteller vom Diener Luthers zu reden wagt.

Aber wie ist seine Argumentation beschaffen ? Er stößt selber um, was er behauptet. Er weist direkt und indirekt nach, dass Staphylus nicht der Urheber jener Aussage gewesen sein kann.


Indes wie kam er zu seiner Behauptung ?

Es ist nur anzunehmen, dass er sich durch nachfolgende Stelle aus Johann Friedrich Meyers „Unsterblichem Lutherus“, Hamburg 1698, (Seite 92) hat verleiten lassen:

Staphylus, der rechte Judas unter denen Schülern des seeligen Lutheri, von deme man nachfolgende Reimen zu unserer Väter Zeiten im Munde führte:

Staphyl vorerst ein Lutherisch Mann.

Hernach nam er das Papstthumb an;

Belog die wahre Religion

Damit er hatte Gnuß und Lohn !

Dieser gottlose Lästerer gab für: Lutherus habe den Strick ergriffen und sich selbst erhencket (ap. Bozium de Signis Ecclesiae Lib. 23. p. m. 1206 cui junge 1181) welche boßhafte Lügen der Jesuit Cornelius a Lapide auffgenommen.“

Staphylus, ein richtiger Judas unter den Schülern des seeligen Luther, von dem man nachfolgende Reime zu den Zeiten unserer Väter oft gebrauchte:

Staphyl war vorerst ein lutherischer Mann.

danach nahm er das Papsttum an;

er belog die wahre Religion -

damit er hatte Genuss und Lohn !

Dieser gottlose Lästerer gab vor: Luther habe den Strick ergriffen und sich selbst erhängt (appendix = Anhang: Thomas Bozius: Über die Zeichen der Kirche, Buch 23, Seite p. m. 1206 verknüpft mit Seite 1181), diese welche boshaften Lügen der Jesuit Cornelius a Lapide in seinen Schriften aufgenommen hat.“


Da Meyer, wie sich aus dem genauen Zitat ergibt, den Bozius selbst eingesehen hat, so scheint er allerdings den Professor Staphylus für den von Bozius erwähnten „familiaris“ (Diener / Freund des Hauses) gehalten zu haben. Aber Staphylus war bei Luthers Tod nicht mit in Eisleben, wenn er auch erst im Jahre 1546 Professor in Königsberg wurde, von wo er zur katholischen Kirche zurückkehrte.

Schlimmer liegt dagegen die Sache, wenn Staphylus mündlich – in seinen Schriften schwieg er darüber, wie Cyprian zugab – den Tod Luthers nach Art des Dieners behauptet hat und dies scheint in der Tat der Grund zu der von Mayer begangenen Verwechslung gewesen zu sein. Dass Staphylus in seinen späteren (in Ingolstadt erschienenen) Schriften aus Rücksicht auf seine früheren persönlichen Beziehungen nichts über das traurige Ende Luthers verlauten ließ, ist erklärlich.

Der Diener, dessen Erklärung später Sedulius im Wortlaut veröffentlichte, ist selbstverständlich eine andere Persönlichkeit, als Staphylus.

Mayer scheint den Bericht bei Sedulius nicht gekannt zu haben.

Der Diener Ambrosius Rudtfeldt war laut Justus Jonas (Brief an den Kurfürsten von Sachsen am 18. Februar 4 Uhr früh) neben dem Hofprediger Michael Coelius, dem Stadtschreiber Hans Albrecht, den beiden Ärzten der Stadt, dem Grafen Albrecht von Mansfeld mit Gemahlin (endlich Graf Heinrich von Schwarzburg), in der gesamten Zeit der Todesnacht Luthers mit dabei.

Bei Johann Aurifaber (Brief an Michael Gutt in Halle) besteht die herbeigerufene Adelsgesellschaft aus mehr als 8 Personen – das mitten in der Nacht.

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Eine Äußerung Döllingers.

Johann Joseph Ignaz von Döllinger sagt bekanntlich in seiner „Skizze“ über Luther:

In solcher Stimmung [in Rat- und Mutlosigkeit] ereilte ihn der Tod am 22. (17. oder 18.) Februar 1546 zu Eisleben, wohin er, um einen Streit der Grafen von Mansfeld zu schlichten, gekommen war.“

Schon diese rein objektive Darstellung hat einen Luther-Dichter in Harnisch gesetzt (in Zorn versetzt). Obgleich man ein großes Buch darüber schreiben kann, dass Luther das ganze letzte Jahrzehnt seines Lebens, sobald er nüchtern1 war, in beständiger Rat- und Mutlosigkeit zubrachte, so muss es protestantisches Geschichts-Dogma bleiben, dass Luther in anderer Gemütsverfassung, als er selbst sie beschrieben hat, verschieden sei.
1
Man liest in „Ambrosii Catharani Politi Senensis Episcopi De consideratione et iudicio praesentium temporum,“ Mainz 1548 lib. I.: „Narrant mihi viri fide dignissimi, de Luthero, quod aliorum nuptias saepenumero sua praesentia honorans, puellarum admiscebatur choreis * et ipse restim forsan ductitans. Certe aiunt illum sic aliquando vino madidum e (= ex) conviviis et enervatum inde recessisse, ut necesse fuerit ebrium hac atque illac collabentem, super hominum ulnas deponi domumque reduci.O Theologum dignum certe qui doceat mundum !“
Man liest in „ Bischof Ambrosius Catharinus Politi von Siena – Über die Betrachtung und die Beurteilung der gegenwärtigen Zeiten,“ Mainz 1548 Buch 1: „Sie erzählen mir im Vertrauen von dem höchst ehrwürdigen Mann, über Luther, dass er - oftmals mit seiner Gegenwart die Hochzeiten anderer (Leute) beehrend - den Reigentänzen * der Mädchen beigesellt wurde, indem sogar er selbst etwa häufig das Seil * führte (vortanzte). In der Tat versichern sie, dass jener bisweilen vom Wein derart angetrunken war - infolge von den Gastmahlen - und sich daher entnervt / entkräftet zurückgezogen hat, sodass es unausweichlich gewesen sein dürfte - weil er voll betrunken * hier und dort (ohnmächtig) zusammengebrochen ist, darauf den Armen der Menschen übergeben zu werden und ihn nach Hause zurückzubringen.
Oh welch ein zweifelsohne ehrwürdiger / verdienter Theologe, welcher die Welt / die Menschheit lehren möge !“

* ausgelassene Tänze des Chores (= Cordax) der alten griechischen Komödie, mit raschen lebhaften Bewegungen und unanständigen Gebärden, bei dem ein Seil durch die Hände der Tanzenden lief.
* Naumburger Bier, Landwein und einen Sextarius (= 5 - 6 Liter)

Frater (Dominikaner-Bruder) Ambrosius Catharinus = Lancelloto de’Politi:1484-1553, er wurde auch Erzbischof von Conza.


 

Dem gegenüber unternahm es der damalige Erlanger „Schriftforscher“ Professor Johann von Hofmann, eine Travestie (Persiflage / Satire) auf Paulus zu schreiben, worin ein korrigiertes Gesamtbild des Apostels gezeichnet werden sollte, entsprechend dem angeblich korrigierten Bilde, welches Döllinger von Luther gemalt hat.

Professor Kolde hat die Pause, welche zwischen der Herausgabe seiner beiden Selbstmord-Broschüren lag, dazu benützt, um einen Neu-Abdruck der Hofmann'schen Arbeit zu veranstalten1. Ich werde deshalb nicht mit ihm streiten.
1
Paulus, eine Döllinger'sche Skizze. Erwiderung auf Döllinger's Lutherskizze von Dr. Hofmann.
In zweiter Auflage von Dr. Kolde. Erlangen 1890.


Eine Travestie in einem wissenschaftlichen Kampfe verurteilt sich in sich selbst.

Viel wichtiger ist mir eine mündliche Äußerung Döllingers über Luthers Ende aus früheren Jahren, die mir soeben ein ehemaliger Freund Döllingers mitteilt.

Derselbe schreibt, dass, als Döllinger einstmals von einer Reise aus Karlsruhe zurückkehrte, wo er in der dortigen Bildergalerie das Gemälde: „Luther im Totenhemde“ gesehen hat, geäußert habe, dasselbe zeige einen „so frappanten (auffallenden) Ausdruck der Verzweiflung, dass man von dem Ende des Mannes Alles glauben könne2.“
2 Das Bild bringt in der Tat einen äußerst abschreckenden Eindruck hervor.
Es führt gegenwärtig die Nummer 121 und ist im Kataloge als zu den Produkten der „Werkstatt des Lucas Cranach“ gehörig verzeichnet.
Werkstatt des Lucas Cranach des Jüngeren, Martin Luther im Tode. Heute zu sehen in der: Gemäldegalerie Alte Meister -- Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Hier wurde der schwarze Fleck am Hals (auf dem ersten offiziellen Bild durch Furtenagel) gänzlich wegretuschiert, aber genauso auch bei allen anderen Bildern dieser Art (Luther im weißen Totenhemd).
Lucas Cranach der Ältere malte dasselbe Motiv, nur viel realistischer und weniger beschönigt, auch deren Schüler kopierten das beliebte Motiv. In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe ist einer der Cranach-Schüler mit demselben Motiv zu sehen: Martin Luther auf dem Totenbett.
Es ist ähnlich dem oben (Seite 45) beschriebenen Dresdener Bilde von Lucas Furtenagel (heute im Luther-Museum Wittenberg); nur ist hier die Physiognomie (Gestalt des menschlichen Körpers / Gesichtsausdruck) noch widerlicher als dort; dagegen ist in Karlsruhe der Hals ganz durch den Kragen des Totenhemdes bedeckt, während auf dem Bilde zu Dresden fast die Hälfte des Halses frei liegt.


Auch aus anderen Äußerungen Döllingers war zu schließen, dass ihm die Berichte über die näheren Umstände, unter denen Luther verschieden ist, bekannt waren, dass er sie aber aus Opportunitäts-Gründen (zweck-orientierten Gründen) nicht veröffentlicht hat3.
3 Vor allem sollte freilich ein Historiker keine Opportunitäts-Rücksichten kennen.
Döllinger hat es allerdings fertig gebracht, in seinem letzten Jahrzehnt ein Lebensbild von Luther zu zeichnen, welches im direkten Gegensatz zu seinen früheren 50-jährigen Arbeiten steht.
Bei dieser Leistung kann es wohl nicht Wunder nehmen, wenn er früher der Frage über Luthers Tod aus dem Wege gegangen war.
 

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Eine Äußerung Janssens.

Von Janssen hieß es vor einigen Jahren, er habe, nachdem er sein „zweites Wort an seine Kritiker“ veröffentlicht hat, erklärt: dass, wenn ihn die Protestanten noch weiter provozieren würden, er kein Bedenken mehr tragen würde, der Mit- und Nachwelt umständlich zu erzählen, wie Luther gestorben sei.

Diese Mitteilung klang aus inneren Gründen wahrscheinlich und da sie von Solchen ausging, welche mit Janssen im persönlichen Verkehr standen, so war sie erst recht glaubhaft.

Trotzdem fragte ich nach Erscheinen meiner Schrift über „Luthers Lebensende“ noch einmal bei Janssen an, ob sich die Sache in der Tat so verhalte und wie er überhaupt zu der aufgeworfenen Frage sich stelle.

Er antwortete respektive ließ antworten, dass er jene ihm zugeschriebene Äußerung nicht getan habe, auch scheine ihm die Behauptung von Luthers gewaltsamen Ende nicht genügend begründet, weil schon im Jahre vor Luthers Tod unrichtige Nachrichten darüber von Italien aus verbreitet worden seien.

Was diese 1545 angeblich von „katholischer“ Seite „aus Italien“ ausgesprengte Nachricht über Luthers Ableben anlangt, so habe ich hinlänglich nachgewiesen (vergleiche noch oben Seite 6 und folgende), dass das Gerücht von protestantischer Seite, falls nicht von Luther selbst1, ausgestreut wurde, um dem Protestantismus zu nutzen und das sich sammelnde Konzil von Trient zu verdächtigen.
1
Eine Darstellung der Intrigen Luthers sowie andererseits der Widersprüche, in welche er sich in lucidis intervallis (in lichten Augenblicken / klaren Momenten) mit seinen in der Raserei gesprochenen oder geschriebenen Sätzen verwickelte, würde Gegenstand einer besonderen Arbeit sein.


Auch habe ich oben noch einmal des Näheren dargetan (offengelegt), dass das betreffende Schriftstück, durch welches man das Gerücht beglaubigen wollte, selbst äußerlich mehr als ein Symptom (Erscheinungsmerkmal) des Falsifikats (der Fälschung) aufweist.

Ein anderes Moment (ausschlaggebender Umstand) gegen die Stichhaltigkeit meiner Argumentation hatte Janssen nicht vorgebracht; im Gegenteil hatte er die Freundlichkeit, mich noch auf eine neue Quelle aufmerksam zu machen.

Ich statte ihm ihm dafür meinen besonderen Dank ab.

 

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Kurzbiographie Paul Majunke

Paul Majunke (* 14. Juli 1842 in Groß-Schmograu bei Wohlau; † 21. Mai 1899 in Hochkirch bei Glogau) war ein deutscher katholischer Priester, Publizist und Politiker der Zentrumspartei.

Majunke studierte von 1861 bis 1866 Theologie und Rechtswissenschaften in Breslau und promovierte zum Dr. theol. in Rom. Anschließend unternahm er Reisen durch Europa. Im Jahr 1867 wurde Majunke zum Priester geweiht. Danach war er als Kaplan in Neusalz an der Oder und in Breslau tätig. Später war er Redakteur der Kölnischen Volkszeitung von Julius Bachem. Im Jahr 1870 wurde er entlassen, weil sein Schreibstil als zu scharf erschien. Anschließend war er vorübergehend Pfarrer in Glogau.

Seit 1871 war er der erste Chefredakteur der neu gegründeten Zeitung Germania. Dieses Blatt stand der Zentrumspartei sehr nah. Unter der Leitung von Majunke wurde die Germania zu einer der führenden katholischen Tageszeitungen. Im Kulturkampf schrieb Majunke zahlreiche scharfe Artikel zur Verteidigung der katholischen Sache gegenüber der preußischen Regierung.

Seit 1874 bis 1884 war Majunke Abgeordneter der Zentrumspartei im Reichstag und von 1878 bis 1884 Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.

 


 

Majunke war Pfarrer in Hochkirch bei Glogau (polnisch Wysoka / Niederschlesien).
Der Ort ist ein besonderer >

 
DIE WALLFAHRTSKIRCHE ZU HOCHKIRCH (bei Glogau) UND IHR MARIENBILD

Hochkirch, drei Viertelmeilen südöstlich von Glogau, ward in früheren Jahrhunderten, wo es zum benachbarten Gräditz gehörte, Hohenkirchen offen Berge genannt. Es hat eine Wallfahrtskirche mit dem 1856 neugebautem Turme und ein wunderbares Marienbild auf dem Hochaltare, zu dem von weit her aus Schlesien und Polen gewallfahrtet wird. Die größten Wallfahrten finden statt am Sonntage Trinitatis (Dreifaltigkeitsfest), wo auch eine Prozession von der Probstei Seitsch aus dem Guhrauschen ankommt, und dann am Feste Maria Geburt.

An die Kirche und das darin befindliche Muttergottesbild knüpft sich folgende Geschichte:

Als die Kirche vor uralten Zeiten erbaut werden sollte, hatte der Gutsherr eine andere Anhöhe in der Nähe derjenigen, auf der heute die Kirche steht, als Platz dazu bestimmt. Fromme Spenden waren zu ihrer Erbauung reichlich eingegangen, und der Gutsherr lieferte das Bauholz. Er ließ dieses auf die von ihm ausersehene Anhöhe schaffen. Die Geistlichen des Sprengeis wünschten sie zwar dort nicht, aber sie fügten sich, als der Gutsherr außer dem Bauholze noch reiche Gaben versprach. Dennoch kam es anders, denn es trat ein seltsames Ereignis ein.

Am andern Morgen nämlich war das Holz von der Anhöhe verschwunden. Erst dachte man an einen Raubfrevel, aber man fand das gesamte Holz in bester Vollständigkeit und Ordnung auf einem benachbarten Hügel. Der Gutsherr hielt dies für einen mutwilligen Streich und ließ das Holz auf den früheren Platz zurückschaffen und noch mehr dazubringen. Am andern Morgen war es wieder fort und lag wieder auf jenem ändern Hügel. Das brachte eine große Bewegung in der Gemeinde hervor, und viele gingen zum Gutsherrn und erklärten, das gehe nicht mit richtigen Dingen zu und sei ein Wunder, das etwas zu bedeuten habe. Aber der Gutsherr ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, er wolle doch sehen, meinte er, ob das Holz zum dritten Male seinen Platz verändern werde. Der Herr ließ von seinen Leuten das Holz wieder zurückschaffen. Für die Nacht stellte er zwei Wächter daneben auf. Doch wieder lag es am nächsten Morgen auf dem ändern Berge. Die Wächter hatten nichts bemerkt und sagten aus, ein unwiderstehlicher Schlaf habe sie befallen. Nun stürmten alle auf den Gutsherrn ein, er möge doch gestatten, daß die Kirche dort gebaut werde, wohin schon in dreien Nächten das Bauholz von unsichtbaren Händen geschafft worden sei; es sei sicher Gottes Wille so. Da sagte der Gutsherr: „Nun in Gottes Namen, baut dorthin die Kirche zu seiner Ehre." Mit Jubel ward diese Entscheidung aufgenommen, und der Bau ward behende in Angriff genommen, schien es doch allen ein heilig Werk. Die Teilnahme für das Gotteshaus wuchs weit über den Sprengel hinaus. Die Kirche war fertig, auch die innere Ausschmückung war fast vollendet. Aber noch fehlte ein würdiges Bild für den Hauptaltar. Da griff wiederum eine wunderbare Macht ein.

In einer Nacht, als alle Einwohner Hochkirchs längst schliefen, rief der Wächter eben die Mitternachtsstunde aus. Zufällig schweifte sein Blick nach der Höhe hinauf, wo die Kirche stand. Wunderbar! Das Innere des Gotteshauses strahlte in hellem Lichterglanz. Es war keine Feuersbrunst, aber dennoch rief er die Bewohner aus ihrem Schlafe. Staunend scharte sich die ganze Gemeinde zusammen und wie zur ersten Wallfahrt geordnet schritt sie dem neuen Gotteshause entgegen. Schon war die Menge bis zum Fuße der Anhöhe gelangt, da ereignete sich ein zweites Wunder. Herrliche Töne erklangen aus der Kirche, bald schmelzend und bald brausend wie im vollen Chor, Posaunen und Orgelton und Priestergesang dazwischen, über dem ganzen schwebend aber ein Klang wie von Engelsharmonien. Wer waren die nächtlichen Musiker dort oben? Die Gemeinde sank am Fuße des Hügels auf ihre Knie und wohnte dem Gottesdienste dort oben in andächtiger Ferne bei. Das war das erste Hochamt, ehe noch das Gotteshaus die kirchliche Weihe erhalten hatte. Plötzlich erloschen Licht und Gesang; stumm und finster lag das Gebäude wieder auf seiner einsamen Höhe. Tief ergriffen aber kehrten die Leute zurück; was sich da oben zugetragen hatte, war ihnen ein unerklärliches Rätsel. Als aber der Morgen anbrach, sendete der Gutsherr den Gemeindevorstand in die Kirche, um den Ursachen des nächtlichen Geschehnisses nachzuspüren. Ganze Scharen von Menschen schlössen sich an, und als die Türe der Kirche geöffnet wurde und die Blicke auf den Hochaltar fielen, da prangte dort ein Bild der Mutter Gottes in schönster Farbenpracht. Das Staunen löste sich in ein stilles Gebet auf, das der wunderbaren Macht den heißen Dank der Gemeinde aussprach für die herrliche Gabe.
Quelle: Sagen aus Schlesien, Herausgegeben von Oskar Kobel, Nr. 23


 

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